Friedrich de la Motte Fouqué Der Zauberring Ein Ritterroman (Erstdruck 1813) An den günstigen Leser! Der Schreiber der nachfolgenden Geschichten begibt sich in dieser Stunde mit banger Freudigkeit an sein Geschäft. Es gibt Leute, welche darüber lachen, daß man zu irgend einem Tun den lieben Gott mit rechter Inbrunst um Hülfe anrufen könne; demungeachtet scheut sich der Schreiber nicht, zu gestehen, daß er solches jetzt eben von ganzem Herzen getan habe. Schon früher hat ihm das bei ähnlichen Unternehmungen geholfen, und er verhoffet zuversichtlich, es soll auch diesmal helfen. Denn wie ein reiches Meer mit wunderlichen Ufergestaltungen, mit Regenbogenfarben auf den Wassern, mit vielfach wechselnder Strömung und gestaltungsreichem Wolkenhimmel drüber hin, schwebt mir diese Geschichte vor. Den großen Weg, den ich zu steuern habe, kenne ich wohl, aber von den Abenteuern, die sich mir einzeln entgegenstellen werden, ahne ich bei weitem mehr, als ich weiß. Ich lade dich dennoch ein, mein günstiger Leser, schiffe nur getrosten Mutes mit mir hinaus. Es wäre denn, daß du den Namen des lieben Gottes, den ich eben angerufen habe, nicht gut leiden könntest, sonst, meine ich, sollst du mit dem, was ich dir geben will, und was mir zukam und noch zukommen wird, wohl zufrieden sein. Nur wisse, daß das, was dir am besten gefällt, nicht mein eigen ist, sondern eine süße Gabe von oben herab, die mir nur dann wird, wenn ich selbsten besser bin, als es in der gewöhnlichen Art meines verderbten Wesens liegt. Ich gebe dir also in den nachfolgenden Blättern das Allerbeste, so mein Selbst erschwingen mag, wie hier die reine Wahrheit, für welche ich dir mein ehrliches Wort verpfände. Und somit sei mir in den Hainen und Wiesen, und Schlachten und Festen, und Trauer- und Hochzeittagen, die sich demnächst erschließen werden, aus ganzer Seele willkommen! Erster Teil Erstes Kapitel In dem gesegneten Schwabenlande, hart an den Ufern des Donaustroms, liegt eine schöne Aue, darauf sich einstmalen im Monat Mai, just als die letzten Sonnenstrahlen von den Blumen Abschied nehmen wollten, ein junger Knappe erging, der Otto von Trautwangen geheißen war. Von seines Vaters, Herrn Hugh von Trautwangens Veste, die unweit auf einem hohen Berge stand, pflegte er oftmals in diese anmutige Gegend zu kommen, bald sich mit der Angel im Strom ergötzend, bald auch mit Bolzen nach Zielen schießend, die er sich von mancherlei wunderlichen Gestalten, als Drachen, Hexen, Kobolden mit grellen Farben ausgemalt hatte, und dann hier auf der grünen Ebne hinstellte, wo er sicher war, niemanden unversehens zu beschädigen. Heute nun lagen Armbrust und Bolzen bei ihm im Grase, und er ließ die Angel ruhig auf dem glatten Wasserspiegel hin und her schwimmen, wohl mehr als ein leichtes Gedankenspiel, als um des Fischefangens willen. Es mochte nicht einmal ein Würmchen am Haken sitzen. Da kam Bertha von Lichtenried gegangen, seines Vaters Nichte, und mit ihm von frühester Kindheit an auf der Burg erzogen. Die setzte sich neben ihn auf dem Rasen, und fragte ihn halb neckend und halb in lieber Besorgnis, wovon er denn so gar anmutig träume? Er wußte es selbst nicht recht zu sagen, und wußte es noch minder, seit ihn des Mühmleins holdes Gesichtchen aus dem Wasser anlächelte. Es sahe gar zu schön aus den Fluten heraus; sie mochte wohl das gleiche bei ihm finden, denn sie lächelte unverwandt auf seinen Widerschein hin, und so besprachen sich die zwei holden Kinder wie im Spiegel miteinander. Nachdem sich Otto eine Weile besonnen hatte, fiel ihm ein, daß er zuerst durch den Anblick eines Pilgers im rotbekreuzten Mantel, der jenseits des Flusses vorübergezogen war, so nachdenklich geworden sei. Er erzählte der Jungfrau davon, und wie es ihm besonders feierlich vorgekommen sei, daß der Wallbruder immer so ganz grade aus auf seinen Weg geblickt habe, nicht zur Rechten, nicht zur Linken, wie von ganz unbezwinglicher Sehnsucht fortgezogen, so daß man nicht einmal wissen könne, ob Alter, ob Demut, ob heißes Sehnen nach dem Ziele sein Haupt so vornüber gebogen halte. Dann fing er an zu sagen, wie es doch so eigen und herrlich sein möge, wenn man fern über Land und Strom und See etwas wisse, das einem unendlich und über alles teuer sei, und wie auf solchen Wanderungen nicht sowohl das Wandern eine Plage sein müsse, als nur das böse Ausruhn ganz allein. – »Du willst doch nicht etwa so wandern?« fragte die Jungfrau mit zuversichtlichem Lächeln. – »Behüt!« entgegnete der Jüngling. »Mir sind die Wiesenmatten hier mein Ziel, oder vielmehr mein Zauberring; es sei dann Sach', daß du sie jemals verließest, mein wunderschönes Mühmlein.« – Bertha errötete so hell, daß es im Wasser aussah, als habe sich ein Sternlein darin entzündet, und sie sagte zu ihrem Vetter: »Weil du denn so ganz gewißlich bleibst, darf man wohl mit dem Abschiede spaßen. Laß uns einmal das Trennungsliedlein singen, das der alte Meister Walther gedichtet hat. Da wird's einem nachher noch heimlicher und wohler, daß man nicht voneinander braucht. « – Und Otto begann folgendergestalt zu singen:             »Du Heimat süße, Du lieber Ort, Ich grüß' dich, grüße Mit bitterm Wort. Mein bittres Wort das heißt: Ade! Das schlimmste von allen Dingen, Denn weil ich dich nicht fürder seh', Macht's Tränenquellen springen.« Bertha antwortete:     »Du böse Ferne, Du glatte Bahn. Dir folgt' ich gerne, Doch geht's nicht an. Denn ach, es heißt Ade! Ade! Jungfrau muß einsam warten, Und gießt mit ihrer Augen Weh Die Blümchen an im Garten.« Sie hörten auf, zu singen, denn es kam ein großer Zug von Pilgerleuten jenseit des Stromes vorbei, und zwar in so mannigfacher Gestaltung, daß die jungen Leute ihr ganzes Aufmerken dorthin kehrten. In der Mitte des Gewimmels ragten schöne Frauen auf prächtigen Maultieren hervor, und zu ihrer Hut gingen dicht neben ihnen Kriegsmänner mit großen Hallebarten. Dann zeichneten sich wieder einige Pilgrime aus, denen man, trotz ihrer grauen Kleider und Muschelhauben, ansah, daß sie vom Hofe kamen, indem eine gewisse vornehm-sittige Zierlichkeit sie verriet und seltsam gegen einen ganzen Haufen bäurischen Volkes abstach, welcher sich um sie her und zwischen sie durch drängte. Doch wurden darunter auch anständige Bürgersleute sichtbar, mit festem, ehrsamem Wesen, und Maler und Sänger in ihrer Zahl, wie es das mitgeführte Kunstgerät anzeigte, womit sie auch jenseit des Meeres, unmittelbar an den heiligen Leidensstätten, Gott und ihrem Heiland zu dienen verhofften. Endlich kamen auch einige Ritter auf schönen Hengsten, im vollen blanken Harnisch, und nur an den rotbekreuzten Schultern als Pilgersleute kennbar. Als eben der Zug der beiden gegenüber war, fingen die Frauen an, folgende Worte zu singen:     »Nach Morgen hin, nach Morgen! Im dunkeln Abend laßt daheim die Sorgen! Der Morgen funkelt hell. Da predigen süße Blumen Von Christi Heiligtumen, Da singt der Kidrons-Quell. Da ist die Herd in Vaters Schoß geborgen, Da wächst nur frommer Mut; Stirbt einer, stirbt er gut; Nach Morgen, Schwestern, Brüder, auf nach Morgen!« Sie sangen so schön und freudig, daß es war, als wolle die Sonne vor dem heiter sehnenden Liede noch einmal im funkelnden Spätrot wieder aufgehn, und ihnen zu Gefallen Morgen aus Abend machen. Als nun die holden Töne langsam und feierlich verhallt waren, fielen die Ritter mit einer lustigen Kriegsweise ein. Die Bewaffneten, welche die Damen geleiteten, sangen mit, und ein Trompeter, hinter den Rittern herreitend, blies abgebrochene gewaltig schmetternde Töne dazu. Die Worte des Gesanges klangen etwa folgendermaßen:     »Sarazene, mußt nicht wetzen Dein gebognes Schwert; Sarazene, magst dich letzen Mit dem eignen Herd. Mußt nun bald von hinnen! Magst dir wohl gewinnen Tief in Asia neues Land; Vom gelobten wirst verbannt.     Löwenherz, ein Königsritter, Tat viel ernsten Schwur, Kommt, befruchtendes Gewitter, Bald zur heil'gen Flur. Dann, wo Christ gelitten, Wird ein Kampf gestritten; Wer da fällt, hat Gloria, Wer da lebt, Victoria!« Der Zug war vorüber, die jungen Leute schwiegen noch immer, bis endlich Otto mit glühenden Wangen sagte: »Es ist wahr, der König Richard von England, den sie seiner Tapferkeit und Großmut wegen Löwenherz nennen, hat einen Kreuzzug angelobt. Der Vater und Meister Walther redeten noch vorgestern abend davon. O Gott, was wird das ein herrlicher Krieg werden!« – Bertha seufzte und sprach: »Wenn du immer so lebhaft von Krieg und Fortreisen anfängst, sobald nur irgend etwas vorbeizieht, hab ich kaum den Mut mehr, das Liedlein vom Abschied weiter zu singen.« – »Ach, sei kein Kind!« sagte der Jüngling lächelnd, »es ist ja noch gar nicht die Rede von irgend dergleichen. Gib nur hübsch auf deine Stimme acht; du weißt, nun singen wir beide zusammen.« Es war aber, als sollten sie das Lied heute durchaus nicht zu Ende bringen, denn eben, als sie das letzte Verslein anfangen wollten, ließ sich hinter ihnen ein Geräusch auf der Aue vernehmen, wie von vielen Rossen, und sie wandten sich eilig darnach hin. Zweites Kapitel Eine Schar von prächtig gekleideten Knappen sprang eben von den Pferden, und fing an, einige bunte und reiche Gezelte auf dem Anger aufzuschlagen, während eine wunderschöne Dame, im Gefolge mehrerer edler Jungfrauen geritten kam, und durch einen bewaffneten Herrn von ihrem weißen Zelter ehrerbietig herabgehoben ward. Es gab einen hübschen Anblick, wie nun die Frau und der Ritter sich lustwandelnd nebeneinander auf dem Rasen ergingen: der Dame Gewand von himmelblauem Sammet, mit großen Bogen von goldner Stickerei am Saume; des Ritters Harnisch in tiefer Schwärze glänzend, und mannigfache Sinnbilder von leuchtendem Silber darauf eingelegt. Seine ganze Gestalt war fast seltsam anzusehn, dieweil die Waffenstücke in wunderlichen Ecken und Ründungen aneinander stießen; dabei nahm er sich vornehm und feierlich aus, auch zeigte sein enthelmtes Haupt, daß er noch ein junger und recht anmutiger Herr sei. Die Lustwandelnden kamen unweit der Stelle vorbei, wo Otto und Bertha standen, und diese grüßten die vornehmen Fremden mit sittiger Demut. Die Dame, den Gruß freundlich erwidernd, verweilte wohlgefälligen Blickes bei den zwei zarten, nach deutscher Weise hochschlank emporgeschossenen, und dennoch kindlich anmutigen Gestalten. Sie winkte sie endlich herbei, und es entspann sich ein zierliches Gespräch, in welchem Ottos und Berthas immer vereintes, nimmer gestörtes und durchaus heimatliches Leben bald gänzlich entfaltet dalag. Ihre Geschichte war kurz, und die einfachen, höchst gewöhnlichen Begebenheiten darin hatten sich in wenigen, eben so einfachen Worten kundgegeben. Da sahe die Fremde mit wehmütigem Lächeln ihren Begleiter an, und sagte: »Graf Archimbald, wenn wir erzählen sollten, würden wir auch so schnell zu Ende sein?« – »Und dennoch«, fuhr sie gegen Otto und Bertha gewendet fort, »ist mir, als sei ich euch das wundersame Märlein meines Reisens schuldig, ihr lieben Kinder. Ihr werdet eure Lust daran haben, und seht mir aus, als hielte nur eure sittige Bescheidenheit euch vom Fragen zurück. Wer gegen mich so treuherzig war, gegen den muß ich es billig wieder sein.« – Damit führte sie die beiden jungen Leute, denen das Herz vor anmutiger Neugier nach den seltsamen Geschichten brannte, in ihr derweilen völlig aufgeschlagenes Zelt, und während Ritter Archimbald hinausging, nach der Ordnung des kleinen Lagers zu sehn, ließ sie sich auf ein zierliches Ruhebettlein nieder, winkte Otto und Bertha an ihre Seite und hub folgendermaßen zu erzählen an: »Ich bin Gabriele geheißen, und aus dem uralt edlen Geschlechte der Portamour entsprossen. Von früher Kindheit an zur Waise geworden, hörte ich oftmals von meinen Erziehern, ich könne eine der reichsten und vornehmsten Frauen in Frankreich sein, nur daß mir ein gewisser Ring fehle, welchen eine Dame aus der normännischen Familie der Montfaucon mit allerhand ungerechten Listen an sich zu bringen gewußt habe, und den jetzt ihre Tochter, gleichen Alters mit mir, als Erbin besitze. Der Ring ward mir immer vor Augen gestellt, wie das Paradies andern Kindern, aber doch mindestens in ähnlicher Wichtigkeit und süßer Hoffnungsfülle. So geschah es denn, daß alle meine Träume, schlafende und wachende, sich um den wundervollen Ring drehten, ohne daß ich eben mehr von ihm gewußt hätte, als wie er ein Recht auf einige große Ländereien erteile, und, was mir noch endlich wichtiger erschien, seine Besitzerin mit vielen magischen Geheimnissen und Ansprüchen auf das Reich der Geister vertraut mache. Wie mußte mir nun zumut werden, als ich eines Abends am Hofe des Königs, den ich nur eben zum erstenmale betrat, einem Fräulein vorgestellt wurde, welches Blancheflour von Montfaucon hieß, und an dessen wunderschöner Hand – wie sie denn überhaupt für einen Spiegel alles Reizes und aller Anmut gelten durfte – ich den magischen Ring, nach der mir gegebenen Beschreibung, unmöglich verkennen konnte. Diesen das erstemal in meine Gewalt zu bringen, ward mir sehr leicht, denn man ließ uns in demselben Zimmer herbergen, und Blancheflour zog ihren Ring so sorglos von der Hand, daß ich mich meines angebornen Eigentums leicht nach ihrem ersten Einschlafen bemächtigte; ja, daß sie am andern Morgen des Verlustes kaum inne ward, und nach einigem vergeblichen Suchen leichtsinnig, und als ob nichts geschehen wäre, zu dem Feste des Ringelrennens hinaushüpfte, welches soeben begann. Es kam aber ein herrlicher Ritter gegen sie herangesprengt, welcher, wie ich auf Befragen erfuhr, Herr Folko von Montfaucon, ihr Bruder, war und mit seinen hellen Falkenaugen schon von weitem sowohl das Verschwinden des Ringes von ihrer Hand, als auch das Erscheinen desselben an der meinigen bemerkt hatte. Nach einigen, mit seiner Schwester gewechselten Worten ritt er höflich, aber sehr ernst, gegen mich heran, neigte seine Lanze, und sagte: ›Dame, wollet Euch einen Kämpfer wählen, auf daß ich ihm den Ring abgewinne, der an Eurem schönen Händlein prangt, und der meiner Schwester gehört.‹ – Ich tat nach seinem Begehr, und einen der berühmtesten Lanzenrenner Frankreichs, den ich mir zu meinem Helfer ausgesucht hatte, warf er so schnell und entschieden in den Sand, daß mir, nach den früher ausgemachten Gesetzen des Kampfes, nichts übrig blieb, als unter Vergießung der bittersten Tränen mein nur kaum wieder errungenes Familienkleinod dem Sieger für seine schöne Schwester Blancheflour zurückzugeben. Ich ging betrübt in mein Gemach, ohne von den Spielen etwas hören zu wollen, für welche mich die andern adeligen Jungfrauen auf diesen Abend einluden, und wies meine Zofe mürrisch zurück, als sie mir eine schöne perlenmuttereingelegte Angelrute mit langem Goldfaden und silbernem Angelhaken daran ins Zimmer brachte: ich hatte Gebrauch davon bei einer bevorstehenden Wasserfahrt des Hofes machen wollen, aber was sollte mir nun das alles, da ich um meinen Ring gekommen war! Mißmutig lehnte die Zofe das zierliche Gerät ans Fenster, und ließ mich mit meinen Tränen allein. Gegen Abend hatte ich mich ausgeweint, und das Lachen meiner Gefährtinnen, die unten auf einem Rasenplatze des Gartens Ball spielten, lockte mich, wenigstens durch die Scheiben zu sehn. Da bemerkte ich, daß Blancheflour eben, um bequemer zu spielen, meinen Ring vom Finger zog, ihn dicht unter meinem Fenster auf eine Moosbank legte, und leichtsinnig wieder zum Spiele zurückrannte. Mit heißer Begier und schlagendem Herzen tat ich das Fenster auf; die Angelrute fiel mir, wie hülfebietend, bei dieser Bewegung in die Arme, und schnell hielt ich sie hinaus, und fand, daß der goldne Faden bequem zum Ringe hinabreichte, welcher gleich beim ersten Versuche auf dem silbernen Angelhaken schwebte, und, von mir emporgezogen, mit tausend Küssen empfangen ward. – Was half mir aber die kurze Freude! – Kaum hatte die kindische Blancheflour ihrem Bruder das neue Leid geklagt, und kaum hatte er den Ring an meinem Finger wahrgenommen – denn ich war zu stolz, um mein rückgewonnenes Eigentum nicht öffentlich zu tragen – so bat er mich schon wieder, mir einen Kämpfer auszusuchen, dem er das Kleinod abgewinnen könne. Und wie mochte der vor Folkos tapferm Arme bestehen! Er lag bald am Boden, Blancheflour aber gab ihrem Bruder meinen Ring aufzuheben, so daß mir nun zu dessen Wiedergewinnen noch viel weniger Hoffnung blieb. Dennoch ließ ich nicht ab, das teure Zeichen im Auge zu halten, und als wir einstmalen beim Ruhen nach der Jagd zu den Wurzeln eines beinahe ganz ästelosen Baumes saßen, und davon gesprochen ward, wie er wohl unersteigbar sei, rief ich Herrn Folko neckend auf, sein Heil zu versuchen. Wie ich es gehofft hatte, rückte ihm Lust und Ehrgeiz für ritterliche Übungen alles andere aus den Augen. Er legte den Ring, den er sonst nicht vom Finger ließ, auf den Rasen, weil er ihn am Klettern hinderte, und begann das gewagte Spiel. Als er, wie ich später erfuhr, nach vielen vergeblichen Anstrengungen den Gipfel endlich erreicht hatte, war ich mit meinem Kleinode schon lange verschwunden, und nach England unterwegens, um am Hofe des Königs Richard Löwenherz einen Ritter aufzufinden, der mein Recht gegen den furchtbar sieghaften Folko behaupten möge. Der große Richard nahm mich auf, wie es diesem Spiegel aller Ritterschaft geziemte, und als ich ihn bat, einen Verteidiger für mich aus seinem Heldengarten zu wählen, führte er seinen liebsten Waffenbruder vor mich hin, hieß ihn niederknien, und um die Gunst und Ehre bitten, mir Leben und Blut weihen zu dürfen. Wie stolz ich nun war, und mit wie gleichgültigen Blicken ich Folko am Hofe erscheinen sah, um den Kampf wegen des Ringes zu erneuen! Ach, mein Hoffen war dennoch vergebens. Ich hätte es ja wissen sollen, daß die fränkischen Ritter den englischen meist in der Gewandtheit des Turnierens überlegen sind. Mein tapfrer Verteidiger, sich dessen bewußt, hatte zwar als Bedingung des Gefechtes ausgemacht, das Lanzenrennen solle nicht alles entscheiden, sondern der Gefällte noch zum Gefecht mit geschliffnen Schwertern Zuflucht nehmen dürfen. Dadurch aber ward Folkos Sieg nur mühsamer, glorwürdiger und nicht minder gewiß. Mit drei tiefen Klingenwunden trug man meinen Kämpfer ohnmächtig aus den Schranken, und Folko kniete vor mir, mit sittigen Gebärden den Ring zurücke begehrend. Der edle Löwenherz redete ihm zu, er solle sich an dem wiedererfochtenen Rechte begnügen, den Ring selbsten aber der Dame lassen, welche sich mit so bittern Tränen von ihm trenne. – ›Mein großer König, und edles Haupt aller Christlichen Ritterschaft‹ entgegnete Folko, ›wär' es für mich, so sollte der Ring dieser wunderholden Frau verbleiben, und obendrein ihr mein Leben verfallen sein, weil ich an den Zähren Schuld bin, die aus so schönen Augen rinnen; so aber steht das Kleinod meiner Schwester Blancheflour von Montfaucon zu, und ein Ritter darf seiner Dame nichts vergeben, wie Euer ritterliche Majestät selber am besten weiß.‹ – Dagegen hatte König Löwenherz nichts einzuwenden, und ich zog mich, abermals meines Ringes verlustig, in tiefer Trauer vom Hofe zurück. Dennoch verweilte ich in der Nähe, hoffend, wie dem Ritter Montfaucon die Waffen immer günstig gewesen waren, solle auch mir Zufall und List fortdauernd günstig sein. Da erfuhr ich, daß Folko gesonnen sei, nach dem Lande Wales zu reisen, um die Stätten und Burgtrümmer mit eignen Augen zu sehn, wo der alte Tafelrundenkönig Artur samt seinen Rittern gefochten habe und gehaust. Entschlossen, das Äußerste zu wagen, eilte ich ihm in die unwegsamen Gebirge voraus, und in einen uralten rostigen Harnisch mit fest geschloßnem Helme gesteckt, wartete ich seiner in einem abgelegnen Tale, durch welches er notwendig reiten mußte. Er kam, und ich forderte ihn mit tiefverstellter, und glücklicherweise durch meinen Eisenkorb noch verdumpfter Stimme zum Kampf auf Leben und Tod. Er wollte die Ursach wissen und meinen Namen; das schlug ich ab, und tat, als glaube ich, daß er nur Ausflucht suche. Da sprang er nun, weil ich zu Fuß war, vom Rosse, so heftig rasselnd und leuchtend in seinen schweren Waffen, daß ich beinahe vor Schrecken zusammengesunken wäre. Aber ich hielt mich noch, und sagte, ich werde nicht eher mit ihm fechten, als bis er seinen Zauberring vom Finger getan hätte; man wisse es wohl, daß nur der ihn unbezwinglich mache, und er sonsten schwach und feige sei, wie ein Kind. Mit einem Ruf des Zornes riß er den Eisenhandschuh von der Faust, und warf den Ring ins Gras. Den hatte ich alsobald erfaßt, und ebenso schnell den Helm gelöst und abgeworfen, worauf ich ihm sagte: ›Hoffentlich erkennt nun Ritter Folko Gabrielen von Portamour, und hat der edlen Sitte zu viel, um einer Dame ohne Verteidiger ihren Ring wegnehmen zu wollen, oder auch nur ihre Reise zu hindern.‹ – Er schwieg, und neigte sich, sprach aber: ›Ich werde die Ehre haben, Euch an bewohnten Orten wieder aufzusuchen, wo es Euch nicht an Kämpfern fehlen kann.‹ – So verschwand ich vor seinen Augen, und gelangte auf bereit gehaltenen Rossen mit Pfeilesschnelle an die Ufer des Meers. Dann aber wehten mich günstige Lüfte nach Deutschland herüber, welches ich aufgesucht habe, weil mir zu Ohren gekommen ist, daß man es einen wahren Ehrensaal von tapfern und biederherzigen Rittersleuten nennen mag. Und wirklich hat sich der edle Graf Archimbald von Walbeck mir auf Tod und Leben verpflichtet, so daß ich keine Sorge mehr kenne, weil er ein so gar ruhmvoller Kriegsheld ist, und noch vor keinem Feind erlegen; in welcher Zuversicht ich auch die Farben der Familie Montfaucon trage, blau und gold, um dadurch die Rechte anzudeuten, welche mir der Ring auf ihre Besitztume gibt. Die will ich ihnen aber gerne lassen, wenn ich nur meinen teuern wundervollen Ring behalte. Vielleicht hat ihn auch der furchtbare Folko nun aufgegeben und längst vergessen, denn seit England hörte ich nicht das mindeste mehr von ihm, so daß ich meine List und mein Glück wohl preisen mag, verhoffend, in ungestörter Ruhe mit den Geheimnissen meines Kleinodes vertraut zu werden, von denen ich bis jetzo nicht viel mehr als ungelöste Rätselsprüche weiß.« Otto und Bertha dankten der schönen Gabriele für ihre Geschichte mit den allerhöflichsten und zierlichsten Worten. Dann aber sagte Bertha leise: »Der Ring muß wohl wunderschön anzusehen sein.« – »Ich will ihn dir gern zeigen, du freundliches Kind«, sagte die lächelnde Gabriele, und zog ihn an einem goldnen Kettchen aus ihrem weißen Busen hervor. Während ihn nun die beiden betrachteten, Bertha die seltsamen Zeichen bewunderte, und die grünen und blutroten Steine, welche sich darauf zeigten, Otto aber unbemerkt und mit hochglühenden Wangen einen Kuß darauf hinhauchte, öffneten sich die Vorhänge des jetzt schon kerzenhellen Zeltes, und herein trat Archimbald, ein anderer Ritter ihm nach. Drittes Kapitel So wie der Fremde sich näherte, riefen Otto und Bertha wie aus einem Munde: »Ei Gott, da ist ja der starke Ritter Folko von Montfaucon selbst!« – Wie es wohl zu geschehen pflegt, hatten sich beide während des Erzählens ein Bild von diesem sieghaften Helden im Gemüte ausgedacht, und nun paßte der Ankömmling auf eine gar wunderbare Weise dazu. Daß sie sich nicht darin geirrt hatten, bewies das Erblassen Gabrielens und des Ritters sittige Anrede, der sich ehrerbietig vor der Dame neigte, und sie fragte, ob sie den Herrn, welcher ihn auf sein Bitten soeben eingeführt habe, für ihren Verteidiger erkenne, von welchem es erlaubt sei, das Ringeskleinod durch die Waffen zurückzufordern? – Gabriele winkte bejahend, und Herr Archimbald sagte: »Mein fremder Degen, so liegt mir noch ob, Euch kund zu tun, daß ich der Graf von Walbeck bin. Ihr werdet von mir gehört haben, und es kommt nun auf Euch an, ob Ihr noch um den Preis mit mir ringen, oder Euch dessen in Frieden begeben wollt.« – Ein hohes Rot flog über Ritter Montfaucons Wangen, und seine dunkeln Augen funkelten, wie ein fernes Wettergewölk, aber dennoch verneigte er sich höflich, und sagte mit sanfter Stimme: »Ich weiß nicht, Herr Graf, ob es Euch der Mühe wert dünkt, den Freiherrn Folko von Montfaucon zu besiegen; soviel aber weiß ich, daß mir die Lust, mit dem berühmten Archimbald von Walbeck zu fechten, Kampfesbegier erwecken würde, fehlte mir es auch sonst an Ursachen dazu.« – »Wollen wir noch heute abend an den Reihen?« fragte Archimbald. »Das wird dieses edle Fräulein entscheiden«, entgegnete Folko, »es ist ihr vielleicht auf die Ermüdung der Reise nicht mehr gelegen, unsern Wettkampf anzusehn.« »Lieber heute als morgen«, sprach Gabriele mit ängstlicher Hast. Da ging Archimbald hinaus, den Kampfplatz zu ordnen, nachdem die Ritter vorher einig geworden waren, daß wer aus dem bezeichneten Runde um irgend einer Ursache halben weiche, für überwunden gelten solle, und nichts mehr fürder mit diesem Abenteuer zu schaffen haben dürfe. Sonst gelte auch nach dem Lanzenrennen der Kampf mit geschliffenen Schwertern wie es im Rittergarten König Löwenherzens ausgefochten worden sei. Derweil nun Archimbald draußen die Vorbereitungen machte zum ernsten Spiel, hatte Folko Gabrielens Laute ergriffen, ließ sich auf eine zierlich leichte Weise zu ihren Füßen nieder, und tändelte anmutig mit den Saiten. Er war hübsch anzusehn in seinem Harnisch vom tiefblauesten Stahle, mit reichen güldnen Zieraten prächtig eingefaßt und überblitzt, mit seinem schwarzbraunen Haar und zierlich gestutztem Knebelbart, unter welchem der frische Mund anmutig hervorlächelte, und zwei Reihen perlenweißer Zähne blicken ließ. Gabriele sah in stummer Ungeduld und Unsicherheit vor sich nieder. Wer die beiden so im gleichen himmelblau und goldnen Schmucke hätte sitzen sehn, wäre wohl nicht auf den Gedanken gekommen, daß sie Feindliches mitsammen zu teilen hätten, sondern eher, daß die Dame dem Ritter die schöne blau und gold gewobene Schärpe geschenkt habe, die von seinen kräftigen Schultern nach den schlanken Hüften hernieder wehte, und daß er ihr nun mit den anmutigen Zitherklängen Dank dafür zuspielen wolle. Es blieb aber nicht lange so friedlich: Archimbald erschien alsbald am Eingange des Gezeltes in furchtbarer Gestalt, denn er hatte den geschlossenen Helm bereits auf, dessen wunderliches Visier das Antlitz eines Adlers mit gewaltigem Silberschnabel nachbildete, und zu den übrigen seltsamen Formen seiner Rüstung so eigentümlich paßte, daß man ihn wohl für einen Bewohner irgend fabelhafter Wunderländer hätte ansehn mögen. – »Es ist fertig!« sagte er, und Folko war federleicht auf den Füßen, legte die Laute mit großer Sorgfalt auf die Teppiche hin, und verließ zierlich grüßend das Gezelt. Dann bot Graf Archimbald der Dame seinen Arm, und führte sie hinaus; Otto und Bertha folgten, mit glühenden, staunenden Blicken, als seien sie träumend in die Märchenwelt ihrer oft gelesenen und gesungenen Sagen entrückt. Draußen schlug ihnen eine glänzende Helle blendend aus der alten Nacht entgegen. Ein weiter Kreis, geräumig genug zum Anlauf und Tummeln zweier Rosse, war ringsum durch festlich lodernde Fackeln umkränzt, die ihre roten Flammenwolken gegen das verdunkelte Firmament hinaufwirbelten, und die Gegend außerhalb in das tiefste, gestaltloseste Schwarz versenkten, während sie jedes Blümchen in der ernsten Rundung mit fast mehr als Mittagsklarheit umleuchteten. Archimbald führte Gabrielen zu einem Sitz, aus Rasen zierlich errichtet, mit den prächtigsten Decken überlegt, und so angebracht, daß sie gerade der Mitte des Kampfplatzes gegenüber saß, wo sich die Ritter bei ihrem Zusammenrennen treffen mußten. Um die Dame her stand ihr und Archimbalds reiches Gefolge, Otto und Bertha zu ihren Seiten, während jenseits zwischen den roten Fackellichtern durch, allerlei fremde, reich geschmückte Gestalten sichtbar wurden, die wohl zu der Dienerschaft des Freiherrn von Montfaucon gehören mußten. Während sich nun Archimbald von der Dame beurlaubte, und rechtshin nach seinem Streithengste ging, ward man zur Linken schon Folkos ansichtig, der auf einem schlankgehälsten, leichtfüßigen Pferde von silbergrauer Farbe, den ganz goldnen, bereits geschlossnen Helm von der allerzierlichsten Form auf seinem Haupte, am Ende der Bahn zum Vorschein kam. Da sein Gegner noch nicht kampffertig war, trabte er in spielender Übung über den Rasen hin, sein artiges Pferd mehr mit Worten, schien es, als mit Zügeln lenkend. So wie es in Gabrielens Nähe kam, beugte es, auf seines Reiters Wink, die Vorderfüße, fuhr dann gewaltigen Sprunges wieder in die Höh, und mit so schlanken Sätzen, daß es fast zu fliegen schien, und die goldnen Schellen an Sattel und Hauptgestell anmutig ertönten, wieder an seinen Platz zurück. Da stand es gehorsam still, ein geschmücktes Bild, und drehte dann den feinen gelenken Kopf unter den reichen Decken, wie schmeichelnd und fragend, ob es alles recht gemacht habe, nach seinem Ritter zurück, der den Stahlhandschuh von seiner Rechten zog, und ihm freundlich den Hals klopfte. Wunderlich stach es dagegen ab, wie Archimbalds Rappe, von weißem Schaume getigert, die silbernen Kettenzügel, an welchen ihn zwei Reisige mit angestrengten Kräften festhielten, steigend und hauend zu sprengen drohte, wie Archimbald mitten im Bäumen dreisten Schwunges auf des unbändigen Tieres Rücken flog, es mit heftig strafenden Spornstößen zu wildern Sprüngen trieb, und, nachdem er sich einigemal ungestüm hin und her getummelt, Zügel und Schenkel mit ungeheurer Kraft und Sicherheit brauchend, der Hengst seinen Meister erkannte, und ganz eingewurzelt nach dessen Willen stehen blieb. Aber die Augen des Rappen flammten so lodernd, daß sie sich wohl mit den Fackelbränden messen konnten, und mit dem rechten Vorderfuße hieb er gewaltig in die Erde, als höhle er dem Feinde seines starken Reiters ein Grab. Da neigten sich beide Ritter, zum Zeichen, sie seien des Kampfes gewärtig, gegen Gabrielen, tief, daß die riesig schwankenden Federbüsche beinahe den Boden berührten, dann saßen sie wieder grade und still, die Lanzen eingelegt. Und Gabrielens weißes Tuch flog in die nächtliche Dunkelheit empor, und helle Trompetenstöße schmetterten, davor die Kämpfer wie Blitze gegeneinander fuhren, daß man fast später ihr Zusammentreffen sah, als man das Krachen der splitternden Lanzen hörte, und das laute Klingen der Waffenstücke von dem ungeheuern Stoß. Aber die Kämpfer waren vorbeigejagt, ohne sich im Sattel zu rühren, warfen nun wieder ihre Rosse an den umgetauschten Enden der Bahn herum, und hielten still, jeglicher, wie es schien, erstaunt, den Gegner noch zu Pferde zu erblicken. – »Neue Stechstangen!« rief Archimbald, und Knappen sprangen herzu, den Herren die Wahl unter mannigfachen gewaltigen Speeren lassend. Als sie nun die neuen Waffen gewählt und gewogen hatten, sprach Archimbald: »Nicht wahr, Ritter Montfaucon, noch zwei Lanzen? Ist es dann nicht fertig, so macht man's mit blanken Schwertesecken aus.« – »Ich bin hier Gast«, sagte Folko, mit höflichem Verneigen, »und was auch mein edler Wirt mir zutrinken mag, ich tue bescheid« – Wieder schmetterten die Trompeten, und wieder flogen die Ritter zusammen; diesmal mit so ungeheurer Gewalt, daß beide Streithengste auf die Kroppen niedersaßen, aber, von ihren Herren heftig gespornt, bald wieder in die Höhe sprangen und aneinander vorbei nach ihren Plätzen rannten. Folkos Lanze war in tausend Trümmer auf seines Gegners Brustharnisch zerstoben, Archimbalds Speer war nur geknickt. Darüber jubelten sowohl Walbecks Knappen und Reisige, als Montfaucons, denn jene sahen es als ein günstiges Vorzeichen an, und diese riefen, ihr Herr müsse fester gestoßen haben, des Grafen Lanze nur abgeglitten sein. Die Herren waren neu bewehrt, der dritte Trompetenruf klang und wie sie mit brennendem Ingrimm zusammenstießen, sahe man Folkos Silbergrauen hoch emporbäumen, schwanken von der Gewalt des Stoßes, aber den Reiter, besonnen gegen den Roßhals gebeugt, die goldnen Sporen brauchen, und das Pferd zum leichten Sprunge nach vorwärts treiben, während Archimbalds Rappe in die Knie stürzte, dann sich brausend wieder aufriß, aber, von des Ritters Faust, der halb ohnmächtig droben schwankte, nicht mehr gebändigt, in toller Wut über den Kampfplatz hinsetzte, daß er und sein wunderlich geharnischter Ritter wie böse Geister anzusehen waren, dann zwischen den lodernden Fackeln aus dem Kreise hinausfuhr, und verschwand. Draußen im mächtigen Dunkel hörte man am Gerassel der fallenden Rüstung, daß Archimbald am Boden lag. Folko hielt eine Zeitlang ruhig an seinem Platze, dann saß er ab, streichelte dem Silbergrauen die Mähne, warf den gebrochnem Lanzenschaft von sich, und trat mit gezücktem Schwerte, das im Fackelschein wie eine Flamme loderte, in die Mitte des Kreises. Niemand schritt ihm entgegen, und draußen im Finstern hörte man der Reisigen und Knappen dumpfes Gemurmel und Hin- und Hergehen bei ihrem gestürzten Herrn. Da rief endlich Folko: »Herr Graf von Walbeck, Euch trug Euer Rappe wider Willen aus dem Rund. Das soll nicht gelten, und Euch gestattet sein, mit geschliffenem Schwert den früheren Unfall zu bessern. Ich stehe hier und warte. « – Es blieb aber lange still; endlich rief ein Knappe zurück: »Mein Herr ist ohnmächtig!« – »Er kann nicht fechten«, sagte eine andere Stimme. »Wir bringen ihn nach dem nächsten Kloster zu den heilkundigen Mönchen«, eine dritte, und gleich darauf hörte man, wie der Zug langsam und trübselig über die Wiese ritt. Da steckte Herr Folko von Montfaucon sein leuchtendes Schwert in die Scheide, ging offnen Helmes hin, wo Gabriele ihren Sitz genommen hatte, und bat sie mit gebognem Knie um den Kampfpreis. Das schöne Fräulein zog mit heißen Tränen an der Goldschnur, und holte den Ring aus dem zarten Busen hervor; viel anders, als da sie ihn vor kurzem den beiden jungen Leuten triumphierend gezeigt hatte. Aber noch war er nicht von der Schnur gelöset, da trat schon Otto vor den Ritter Montfaucon hin, und sagte: »Herr, laßt mir eine Rüstung geben, und Roß und Lanze und Schwert; ich fecht Euch das Kleinod im Namen der edlen Frauen ab, dafern sie mich solcher Ehren nicht unwert hält.« – Ein leichter Strahl der Hoffnung und Freude flog über Gabrielens Antlitz. Sie mußte plötzlich an die vielfachen alten Märchen denken, wie junge Helden, kaum der Knabenzeit entwachsen, über berühmte Kämpfer und ungeheure Riesen zum Schutz bedrängter Jungfrauen gesiegt. Folko hatte sich in die Höhe gerichtet, und maß mit den Augen seinen unversehrten Widersacher. Plötzlich aber wandte er sich lächelnd ab und sagte über die Achsel hin zu Otto:»Junger Knappe, junger Knappe, ei wo hast deine goldnen Sporen? Meinst du, es wäre schon jetzt an der Zeit, daß du könntest mit Rittern fechten? Drei Schwertschläge und eine Waffenwache, dann komm mir wieder, so will ich den Kampf recht gerne bestehn.« – Darauf kniete er abermals vor Gabrielen, und bat sie um den Ring, welchen er kaum in den Händen hielt, als er nach einer höflichen Verneigung schon wieder auf dem silbergrauen Rosse saß, und mit seinen Knappen davonsprengte. Gabriele aber wandte sich in bittern Tränen zu ihrem Gefolge, das gleich nach dem unglücklichen Ausgang des Rennens auf ihren Wink angefangen hatte, die Zelte abzubrechen, alles Gepäcke auf die Saumrosse zu laden, und nun mit diesem Geschäfte zu Ende war. Kein Viertelstündlein länger, sagte das klagende Fräulein, wolle sie an einem so unseligen Orte verharren! Und ohne auf Ottos Reden und Hülfserbietungen nur im geringsten zu achten, kehrte sie sich von ihm ab, wie man sich von einem töricht vorlauten Kinde abkehrt, und ritt in die Schatten hinein. Otto rief ihr nach: »So Gott mir helfe, edle Dame, ich will nicht rasten, bis ich Ritter bin, und Euch Euren Ring zu Euern schönen Füßen lege.« – Aber auch dieses Beteuerns schien sie nicht zu gewahren. Man hörte bald nur noch fernher die leichten Hufe ihrer Zelter über die Aue schreiten. Einsam und verlassen standen Otto und Bertha an der verhängnisvollen Stätte. Es war, als hätten sie geträumt; nur die niederbrennenden Fackeln, die versengten und zerstampften Gräser taten die Wahrheit jener wunderlichen Erscheinungen kund. Es wußte keines von beiden dem andern etwas zu sagen, und so traten sie schweigend in der mächtig tiefen Finsternis den Rückweg nach der Heimat an, um ein großes anders, als sie vor wenigen Stunden von da auf den Anger hernieder geschritten waren. Nur ein paarmal fragte Otto unterwegens: »Weinst du, liebe Bertha?« – Sie antwortete aber immer: »Nein!« und wand ihr Tuch dicht um das Haupt, so daß Otto dachte, er habe sich nur geirrt, und sein eignes unwilliges Seufzen für Berthas Weinen gehalten. Viertes Kapitel Hoch auf seiner alten Veste saß Herr Hugh von Trautwangen in dem gewölbten Saal, darinnen seine eignen Waffenstücke und die der Ahnherrn aufgehangen waren, und wo er sich den größten Teil des Tages hindurch zu befinden pflegte, seitdem er Alters halben nicht mehr auf Jagd, Ringelrennen, Turnier oder Fehde hinausritt. Diesmal waren die beiden Kerzen, welche vor ihm den großen runden Tisch auf schwersilbernen Leuchtern erhellten, schon fast heruntergebrannt, und Sohn und Nichte ließen wider ihre Gewohnheit noch immer vergeblich auf sich warten. So oft jemand die Wendelsteige heraufgeschritten kam, dachte der Alte, es seien die zwei jungen Leute, und blickte freundlich verlangend nach der Tür; wenn aber dann nur ein Knappe hereintrat, der etwa sehn wollte, ob der Herr noch Licht habe, und noch Wein in dem großen, aus silbernen Schaustücken geformten Kruge zu seiner Seite, da tat Herr Hugh, als habe er eben nichts erwartet, und auf irgend eine befremdende Äußerung des Dieners kam keine Antwort zurück; oder höchstens hieß es. »Junges Blut, lust'ger Mut! Was ist da viel zu sorgen. Es wird sich schon finden.« Aber die Uhr im Schloßturme schlug neun, schlug zehn, und weder Sohn noch Nichte trat aus dem tiefen Dunkel draußen in den heimatlichen Saal. Da nahm der Greis sein grünsamtnes Käpplein vom kahlen Haupte, hielt es in den gefaltnen Händen, und betete inbrünstig, der Herr wolle doch die vielfachen Sünden seiner Jugend den unbewußten Kindern nicht zurechnen, und beide nach seiner ewigen Gnade schuldlos und gesund in die Veste zurückführen. Noch betete er, da ging die große eichne Tür ihm gegenüber auf, und die zwei Ersehnten standen verneigend mit ihren jugendlich frischen Gesichtern in der Halle. Diesmal hatte er nichts auf der Steige gehn hören, und die Erfüllung trat nun ganz unerwartet vor ihn, wie es die rechten Erfüllungen denn überhaupt an der Art haben, vorzüglich, wenn eins darum betet. Den jungen Leuten aber ward es gar beweglich und reuevoll zu Sinn, als sie so den großen eisgrauen Alten barhaupt in seinem Lehnsessel sich gegenüber mit gefaltnen Händen sitzen sahen, bleich durch viele Jahre und eben jetzt erlittne Besorgnis, gebleicht noch durch die abgebrannten Kerzen zwischen ihnen und ihm. Sie fühlten wohl, für wen er gebetet habe, und hoben zugleich und in selber Stellung die Hände dankend und Verzeihung flehend in die Höhe. Aber Herr Hugh war wieder in seiner gewohnten Fassung, bedeckte sein Haupt, und fragte, die beiden näherwinkend, mit ernst freundlichem Wesen, was sie so lange draußen getrieben hätten. Da sagte der junge Ott' von Trautwangen: »Herr Vater, wenn wir noch ein ganz klein wenig länger geblieben wären, ständ es nach meinem Bedünken besser und leichtherziger um uns alle, und um die schöne Dame mit dem Ringe auch, denn alsbald wäre der Strauß bereits ausgefochten, und hoffentlich sieghaft für uns; so aber weiß Gott, wie lang ich nach meinem Gelübde durch die Welt nachziehn muß, und das alles kommt davon her, daß Ihr mich nicht früher zum Ritter geschlagen habt.« – Herr Hugh sah mit großer Verwunderung seinem jungen kecken Sohn in das Antlitz, nicht allein wegen der seltsamen Worte, die er sprach, sondern noch mehr wegen seines so gar veränderten Wesens, als sei er in den wenigen Stunden ganz anders geworden. Bertha aber fing unverhohlen und bitterlich zu weinen an, wohl noch viel bitterlicher, als vorhin Gabriele um ihren Ring. Darüber sahe sich Otto ganz verwundernd um, und als er nun bemerkte, daß des Mägdleins Augen schon von vielen früher vergessenen Tränen rot und trübe waren, sprach er: »Ach, liebe Bertha, so hast du ja doch unterwegens geweint! Warum sagtest du denn immer nein, wenn ich dich fragte? Und warum weinst du denn überhaupt?« – Bertha antwortete ihm nur durch ein freundlich schmerzhaftes Lächeln, dann bat sie den alten Herrn, er möge ihr vergönnen, zur Ruhe zu gehen, und somit schritt sie verhüllten Angesichts aus dem Saal. Otto wollte sie aufhalten, aber Herr Hugh bannte ihn mit einem strengen Blick an den Tisch, und sagte, als Bertha hinaus war: »Junger Bursch, du hast entweder geträumt und gefaselt, und dann gibt sich morgen alles von selbst; oder es ist Ernst mit Gelübde und Ritterfahrt, und dann haben ein paar Tränen deines Mühmchens nicht so viel Recht mehr mitzusprechen, als vordem. Setze dich nun mir gegenüber, und erzähle mir ausführlich und besonnen, was sich mit dir zugetragen hat, so wollen wir baldigst mit einander im reinen sein.« Wie nun der Knabe zu erzählen anhub, und immer weiter und weiter sprach, hub auch der Alte an, sehr ernst zu werden, und ward es immer und immer mehr, wobei er vorzüglich gegen das Ende der Geschichte die Augen gar nicht von einem großen Schwerte wegbrachte, das unfern von den beiden an der Wand hing, und halb aus der Scheide hervor sah. Als das Abenteuer vom Anger zu Ende war, sagte Herr Hugh zu dem alten Schwerte: »Du hast doch wahrhaftig beständig etwas gegen die Verborgenheit einzuwenden gehabt, und durchaus nicht gänzlich hinein gewollt, so oft ich's auch versucht habe, dich in Ruh und Frieden zu bringen. Nun seh' ich's wohl, du tatest so gar unrecht nicht daran. Frisch heraus, mein alter Fehdegesell, und Otto, hol mir ihn ungesäumt herunter.« Mit einigem Schauer wendete sich der Jüngling nach dem Gegenstande zurück, zu welchem sein Vater sprach. Es war ihm, als könne es auch wohl ein plötzlich heraufgestiegenes Gespenst, oder irgend etwas dergleichen sein. Aber es leuchtete ihm nichts, als die wohlbekannte Waffe in die Augen, nur daß sie vom Schimmer der einen heruntergebrannten Kerze in ganz ausnehmender Helle funkelte. Da faßte er freudig das große Goldgefäß, und achtlos dessen, daß die schwerbeschlagene Scheide klirrend auf das Pflaster der Halle fiel, trug er das blanke Gewehr zu seinem Vater, sprechend: »Ei fröhlicher Anblick! Nicht lustiger selbst hat Ritter Montfaucons Klinge im Fackelkreise gefunkelt!« – »Von Ritter Montfaucons Klinge wäre vieles zu sprechen«, sagte der Alte, das große Schwert in seinen Händen haltend und wägend, »und noch mehr wäre zu sprechen von übereilten Gelübden und sonst dergleichen; aber davon nachher, aber auch wohl gar nicht, denn Gelübde wollen gehalten sein, und du hast Gabrielen das deine geleistet. Nur wenn du einmal einen Juwelier antriffst, der einen kostbaren Stein auf keine Weise von sich lassen, sondern an dessen Karfunkelschein die Augen bis in den Tod laben und erstärken wollte, und dem eine reisende Fürstin sein Kleinod wider Dank und Willen mit fortnahm, oder einen Gärtner, der ein Blümlein zu seiner stillen Freude im heimlichsten Winkel seines Geheges zog, und es schoß plötzlich eine gaukelnde Taube herab, und raffte es ihm mit Stiel und Wurzel aus, und schwang sich damit über die See, – wenn du einmal das oder etwas Ähnliches siehst, so ermiß ungefähr, wie dem alten Herrn Hugh in dieser Stunde zumute war.« – Dabei drängten sich ihm zwei große, kristallhelle Tropfen in die alterstiefen Augen, während er festen Trittes in die Mitte der Halle vorschritt, und Otto wollte ihn mit Demut und Rührung umfassen, aber der Rittersmann sagte: »Junger Degen, die Stunde ist allzu ernst und feierlich, als daß man sich nur das geringste darin verstatten könnte, was irgend jemand Narrenteidung oder Weichlichkeit nennen dürfte. Kniet nieder, junger Herr von Trautwangen. Es ist an dem, daß man Euch zum Ritter schlägt.« Otto beugte andächtig die Knie und faltete die Hände. Er war fast anzusehen, wie eines von den ernsten Steingebilden, die man auf Grabstätten junger Herren anzutreffen pflegt, fromm, einfältiglich, einer seligen Auferstehung wartend. Herr Hugh aber nahm das große Schwert, berührte mit dessen Klingenfläche dreimal die Schultern des Sohnes, und sagte dazu: »Das leide du jetzt von mir, und von keinem wieder.« – Dann trat er vor den Jüngling hin, und sprach: »Herr von Trautwangen, ich habe Euch nun Kraft meines Rechtes als Ritter und Bannerherr die heilige Ritterwürde übertragen. Übt solches Amt recht ehrbar aus, zum Horte der Frauen, der Witwen, und der Waisen; vor allem aber zur Glorie unsres Allerheiligsten Erlösers Jesu Christi. Für jetzo nun erhebt Euch, kommt in meine Arme und laßt uns gute Waffenbrüder mitsammen sein.« So herzinnig hatten sich Vater und Sohn noch niemalen umfangene als in diesem feierlichen Augenblick, wo sie über alles hinaus, was sie sonsten verknüpfte, auch noch Brüder und Genossen geworden waren. Darauf ging Herr Hugh mit dem alten Schwerte nach einem goldhellen großen Schilde, welches grade über seinem Sessel hing, und schlug dreimal gewaltig und in gemessenen Zeiträumen dagegen, daß die Hallen dröhnten, und alsbald sich der Saal von den bewaffneten Hausleuten füllte. »Das ist der Ritter Otto von Trautwangen«, sagte Herr Hugh zu ihnen, indem er seinen Sohn an der Hand hielt. »Dieser teure junge Degen wird heute nacht seine Waffenwache halten. Tragt ihm deshalben die silberhelle Rüstung – denn sie soll sein gehören – hinunter in die Kapelle, und wer es gut meint mit dem Hause der Trautwangen und dessen jüngster Blüte, halte sich munter zu Nacht, und bete zu Gott, daß diese ernsten Stunden eine erquickliche Saat und Frucht tragen mögen für Zeit und Ewigkeit. Amen!« Und sie schritten hinunter die Wendelsteigen nach der Kapelle, die, wie zum Schutze des Baues, weit hinaus an dem vorspringendsten Gemäuer gegen Morgen stand. Dann legten die Kriegsknechte das glänzende Waffengerät vor dem Altar nieder. Herr Hugh segnete seinen ritterlichen Sohn, ihm das alte Schwert in die Hand drückend, während dieser sich edlen Anstandes und gezückter Wehr, wie ein Paradieseswächter, vor das silberreine Metall hinstellte, betend und schweigend mit seinen Dienstmannen an geheiligter Stätte. Fünftes Kapitel In der Höhe der Kapelle brannte fern oben eine einzige Lampe, das Gewölb mit all seinen reichen Bogen, welche gleich Orgelklängen pfeilernd emporstiegen und einander umfaßten, so wunderbar erleuchtend, daß man meinte, durch Waldesäste in den offnen Himmel hinaufzuschauen, während der untre Teil des Gebäudes in zweifelhafte Dämmerung versenkt blieb, so wie es die Erde mit ihren Gebilden ja auch vor unsern blöden Menschenaugen tut. Die Frommheit des Gedankens erfaßte zu Anfang den jungen Ritter ausschließlich; er kniete nieder, die Hände um seine Schwertklinge faltend, und den goldnen Griff als ein Kreuzesbild in die Höhe hebend, und dabei schaute er immer recht inbrünstig nach der obern Helle des Gewölbes empor, und dachte an seine selige Mutter, von der er sich nur erinnern konnte, daß sie auf der Reise im freien Walde gestorben sei, und ihm, dem weinenden Knaben, immer mit süßem Lächeln nach dem lichtblauen Frühlingshimmel hinauf gedeutet habe, denn sprechen konnte sie schon nicht mehr. An der Mutter Tod knüpften sich andre Erinnerungen fest, und so kam das Gemüt des Jünglings nach und nach wieder vorgeschritten in die gegenwärtige Stunde. Da fiel es Ihm auf, wie bis heute diese Kapelle ein unbekannter, verbotner Raum für ihn gewesen war, und mit einem Gemisch von Neugier und Grauen sprang er in die Höhe. Bild an Bild ward neben ihm an den Wänden sichtbar, einige so weit aus der Mauer vorgeschritten, daß die Dämmerung sie fast mit ihrem wechselnden Dunkel und Licht zu lebendigen Leibern gestaltete; andere wieder nur mit Farben leicht auf die Fläche hingehaucht, selbst Schatten in den Schatten, die von der lodernden Ampel daran hinstreiften. Es war ihm, als müßten alle diese Gestaltungen in das Leben seines Vaters gehören, welches er auch nicht viel anders kennengelernt hatte, als eben jetzt die Wände der Kapelle: einzelne Bilder deutlich, die mehrsten aber kaum geahnt, und der Zusammenhang des Ganzen unbegriffen, und von nebligem Dunkel überhüllt. Soviel sah er wohl, daß hier teils Grabstätten mit ihren ernsten Verzierungen standen, teils auch erbeutete Waffen und ganze Rüstungen von unerhörter Gestalt, denn Herr Hugh war sehr weit umhergekommen, sowohl in die heiligen Morgenlande, als auch durch den blühenden Westen von Europa, und hinauf gen Mitternacht, wo es mehr Winter gibt als Sommer, und die Sonne oft viele Wochen hintereinander unsichtbar bleibt. Aus allen solchen fernen Regionen schienen sich hier Bilder oder sonst Andenken eingefunden zu haben, um in dem engen Raume Kunde zu geben von dem reichen Leben des alten Ritters, welches jetzt einem noch weit engeren Raume schon ganz nahestand. Es wehten im Nachthauche große Banner, und muhammedanische Roßschweife daneben, und krumme Säbel funkelten mit reichen Juwelengefäßen neben uralt rostigen Schwertern und Streitäxten; wie zum Treffen geschart standen Harnische da, und neben ihnen sahen ernste Greisenantlitze, hart gemeißelt, oder milde Frauenangesichter mit bleichen Farben wie Mondschein von den Wänden heraus. Ach, unter diesen war eines, das ihn mit dem allersüßesten Zauber anzog, dessen er sich je bewußt geworden! Er konnte es kaum vor einigen finstern Rüstungen recht gewahr werden, und doch meinte er, es müsse niemand anders als seine selige Mutter sein. Es war ordentlich, als winke es ihm mit der einen in die Höhe gereckten Hand zu sich hin. Er wäre auch gleich gegangen: nur wußte er nicht, ob es seinem Ritterstande gebührlich sei, die Waffen, welche er bewachen sollte, so weit zu verlassen, denn das Bild stand fast am andern Ende der Kapelle. Da erwachte ein wunderliches Kämpfen in seinem Gemüt, und ließ ihm keinen Frieden; die Mutter schien immerfort zu winken, und endlich meinte er gar die süße Stimme zu vernehmen, die aus der frühen Kindheit herauf noch oftmals durch seine Träume gegangen war, und daß sie spreche: »Ach du herzlieber Sohn, ach nur den einen, einen Augenblick! Ich bin ja schon so lange tot und fern von dir. Ach nur den einen Augenblick! Die Waffen liegen ja in Gottes Hut!« – Wohl sagte sich der junge Ritter, daß er das alles nicht von außen höre, aber weil es doch allzurührend in seinem Herzen klang, neigte er sich endlich vor dem Bilde des Gekreuzigten, das lebensgroß in weißem Marmor über dem Altare stand und sagte: »Ach Gottmensch, du hast ja auch deine Mutter so sehr lieb gehabt! Schirme mir meine Gewaffen, derweil ich nachsehe, ob das dort das Bildnis der meinigen ist!« – Und damit schritt er getrost nach der ersehnten Stelle hinab. Wohl war es sein süßes Mütterlein, die in einem dichten Forste abgebildet war, die Arme beide gegen die Wolken ausgestreckt, und weil er vorhin nur den einen davon hatte sehen können, war es ihm vorgekommen, als winke sie ihm damit. Jetzt sahe er wohl, daß sie nach nichts winke, als nach Gott, denn ihre lichtbraunen Augen waren hoch empor nach einem güldnen Dreieck gerichtet, das oben im tiefblauen Gewölke sichtbar ward. Was dem Bilde an Frische und wahrhaftem Leben mangelte, trug des jungen Ritters feuchtes Auge leicht hinein. Ihm ward vollkommen, als sehe er nun wieder den hellen Frühlingshimmel vor sich, nach welchem die Mutter damals hinaufgewinkt habe, und den tiefschattigen saftgrünen Forst, welcher so heimlich umherstand. Selbst daß die Farben auf dem Angesichte der Mutter beinahe gänzlich ausgebleicht waren, rührte ihn unaussprechlich. Er drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf, und sagte: »Hab' schönen Dank, du lieber, treuer Maler, daß du sie mir als Leiche gemalt hast, denn als Leiche wollten ja Vater und die andern nicht, daß ich die Vielholde sähe. Nun ist es dennoch nach meinen Wünschen ergangen.« – Er schwieg nachdenklich, und überlegte, ob dies wohl die Grabstätte seiner Mutter sei. Er hätte es gar zu gern geglaubt, und hier ein stilles Gebet bei den teuern Gebeinen gehalten, aber er konnte sich durchaus nicht entsinnen, daß ein Sarg mit her in die Burg gekommen, oder hier ein feierliches Begräbnis gehalten worden sei. Indem streifte ein Luftzug durch die Halle. Die Türe klirrte im Schloß, ein altes Banner über des Ritters Haupte begann zu rauschen, und er fuhr überrascht aus dem tiefen Sinnen empor, schnell umblickend nach seinen Waffen. Da war es plötzlich, als strecke zwischen diesen und ihm eine riesige Gestalt den langen schwarzen Arm aus, und greife nach seinem anvertrauten Schatze. Ringfertig sprang er auf die finstre Erscheinung los, und wie er sie faßte, rasselte der Helm, den sie trug, auf den Boden und andre Waffenstücke mit, und hinter dem Staubdampfe, der aufstieg aus dem rostigen Gezeug, grinste ihn vom Rumpfe seines Feindes ein entfleischter Totenschädel höhnisch an. In tollem Entsetzen hieb er mit dem Schwerte danach, und Totenschädel und Rüstung und alles fiel klappernd zu seinen Füßen. Da sah er erst, daß ihn nicht ein Kobold äffe, oder ein gottloser Bewohner des Grabes, sondern daß eine der Gestalten an den Mauern ihm feindlich regsam vorgekommen war, und er sie zu Boden gehauen hatte. Es gab nun ein seltsames Geschäft, die alten Waffen wieder in ihre Stellung emporzurichten, vor allem den Totenkopf, der im Helme gesteckt hatte, auf die Schultern der Rüstung zu setzen, und die rostige Eisenhaube darüber zu stülpen. Es kam ihm auch bei der Arbeit vor, als habe er dem Schädel eine tiefe Schramme gehauen, und dieser greine ihn nun deswegen in Schmerzen an. Diese Vorstellung verwirrte ihn ganz, und als schon alles fertig war, riß er noch einmal den Helm ab, um sich besser zu überzeugen. Zwar sah er nun wohl unterschiedliche tiefe Wunden auf dem bleichen Kopfe, und wußte sehr wohl, daß er nur einmal gehauen, aber eine davon, dachte er doch immer, käme von ihm her, und eilte sich, das grause Haupt wieder zu bedecken. Dann trat er an seine Waffen, neigte sich, Vergebung flehend, vor dem Kreuzesbilde, und sagte: »Herr, ich habe gesündigt, daß ich von meiner Stelle ging. Du bist allmächtig, und aller Dinge bester Hort, aber mir war die Wache anvertraut und nicht dir.« – Da kam es ihm vor, als blicke ihn der Herr freundlich an, und er faßte wieder einen frischen Mut. So oft es auch grausend in ihm aufsteigen wollte, daß er seinen ersten Ritterkampf mit einem furchtbar wehrlosen Toten gehalten habe, war es doch immer, als sagte ihm seine Mutter tröstende Reime ins Ohr, die er in einem Liede, das der alte Meister Walther gedichtet, wohl oft vernommen hatte. Sie hießen also:     »Man geht aus Nacht in Sonne, Man geht aus Graus in Wonne, Aus Tod in Leben ein.« So schritt er denn keck und freudig vor den Waffen auf und nieder, und wenn es ihm wieder vorkam, als winke das holde Bild, nickte er nur freundlich mit dem Kopfe dahin, und grüßte adlig mit dem blanken Schwerte, sprechend: »Kann jetzt nicht fort, lieb Mütterlein; bin auf der Ehrenwacht.« Darüber sah endlich das helle Morgenrot frisch und duftig an den hohen Fenstern herauf, der Schlüssel drehte im Schloß, und Herr Hugh trat in die Kapelle. Sechstes Kapitel Der alte und der junge Ritter grüßten einander mit großem Ernste und wehmütiger Innigkeit; dann schritt Herr Hugh gegen den Altar herauf, nahm die Waffen von den Stufen, und fing an, seinen Sohn darin zu kleiden. Dieser konnte es kaum dulden, daß er von so verehrten Händen Dienste empfangen solle, aber er kannte die Gesetze der Ritterschaft, und hielt also still, während ihm der Greis Küris und Halsberge und Schienen anlegte, und ihm den Helm auf das Haupt setzte, ja endlich zu seinen Füßen kniete, und ihm die goldnen Sporen anschnallte. Vater und Sohn waren dabei gleich verwundernd, daß nun das große Schwert, zu welchem der Alte die Scheide mitgebracht hatte, ganz folgsam in diese hineinging, da es doch vorher immer kaum bis über die Hälfte hineingewollt hatte. – »Es ist fast«, sagte Herr Hugh, »als hätte der wunderliche Gesell zu Nacht eine Scharte minder gekriegt, oder eine mehr«. – Otto mußte mit einigem Schaudern des Hiebes gedenken, welchen er auf den Totenkopf geführt hatte, und da sie eben im Hinausgehn an der Rüstung vorüberschritten, welche diesen verbarg, fiel ein scheu unwilliger Blick aus seinen Augen darauf hin. – Herr Hugh stand, und sagte: »Hat dich der verstört? Es sollte mich nicht wundern, denn im Leben war so was oftmalen seine Art.« Otto erwiderte nichts. Er staunte aber im helleren Licht noch mehr über die ungewohnten Formen des Harnisches, vorzüglich jedoch über zwei ungeheuer große Geierflügel, die goldgetrieben vom Helme emporragten, und die er in der Nacht für zwei gewaltige Hörner gehalten hatte. In dieser Gestaltung waren sie fast noch gräßlicher anzusehen, und der junge Ritter mußte an einige wunderlich schauervolle Märchen denken, die ihm sein Vater ehedem von einem entsetzlichen Manne mit solchen Geierflügeln auf dem Helme vorerzählt hatte. Aber wie schnell war Totenschädel und Geierfittiche und alles sonst in der Welt vergessen! Denn nahebei sah der Mutter himmlisch liebes und sehnend bleiches Antlitz aus dem Wandgemälde vor. »Ach trauter Vater«, sagte Otto, »ist wohl hier die Begräbnisstätte der holden Seligen, die mich geboren hat?« – Herr Hugh schüttelte schweigend und ernst sein weißes Haupt. – »Bitt' Euch dann«, sprach Otto weiter, »führt mich an die Stelle, wo der teure Leichnam ruht, auf daß ich noch einmal dort bete, eh' ich hinausziehe in die Welt. Ich hab' es all' diese Jahre her in kindischer Unwissenheit versäumt.« – »Es ist nicht an der Zeit zu Grabgedanken!« rief Herr Hugh, und zog den jungen Rittersmann rasch, fast unwillig, sich nach aus der Kapelle, und sie traten auf den Schloßwall vor, in die frische, rotglühende Morgenluft hinein, und vor ihnen lag Donau und Anger und Forst und fernes Gebirg, alles von gaukelnden Lichtern und hellen Tautropfen überspielt und überkränzt. – »Ihr müßt mir nicht so weichlich sein, junger Ritter von Trautwangen«, sagte Herr Hugh, seines Sohnes Hand derb schüttelnd. »Mit dem Weinen und Sehnen hat es Zeit, bis Ihr so alt werdet, als Euer Vater, und auch dann muß man sich's nicht eben merken lassen. Wartet hier, und badet Aug' und Herz in der kühlen Frische. Wann alles zu Eurer Reise fertig ist, ruf' ich Euch ab.« – So schritt der alte Degenheld vom Wall nach der Burg zu hinunter, und der junge blieb oben, recht freudig durcheinander gerüttelt von den Worten und dem Benehmen des Vaters, und immer lustigeres Hoffen nach der Ferne entzündend an der reichen Gegend, welche von Lerchentrillern und Hirtenliedern durchjubelt vor seinen Blicken lag. Wie er nun rüstig auf und nieder schritt, sich freuend an dem Klirren seiner Silberwaffen, das so hell in die allgemeine Fröhlichkeit hineinklang, stieß sein kecker Fußtritt im hohen Grase an etwas, das auch zu tönen begann, aber recht klagend wehmütig, wie über unverschuldete Verletzung. Sich niederbeugend, sah er Berthas Laute, und die Herrin mußte wohl in sehr tiefen Gedanken von hinnen gegangen sein, weil sie die so geliebte Gespielin hier im feuchten Moose und kältenden Tau hatte liegen lassen. Da beugte er sich nach der armen Zither hinab, faßte sie in die Arme, und zog, während er sich auf das Gras niederließ, seine ehrnen Handschuhe aus, um die Verlassene mit zärtlichem Kosen zu trösten. Sie tönte auch gar anmutig und bald recht freudig unter seinen stimmenden Händen, und er sang mit hellem Tone in die Saiten folgendes Lied:     »Frühlingsblüte, Maienwind, Sind Neu erwacht in hellen Räumen, Und zumal Freier Wasser Spiegelstrahl Und das Lieben und das Hoffen und das Träumen. Frisch hinaus Nach den Kränzen In des Lenzen Haus, Hof und Garten unter Wunderbäumen.     Halt' ein Knab' im leichten Trieb Lieb Andre Kinder seinesgleichen; Das mag sein, Während sie zum Spiel sich reihn, Und bescheiden durch die Heimat schleichen. Doch wo Licht Höhrer Sonnen Kühn von Wonnen Spricht, Muß das arme kleine Lieben weichen.     Dann erst wallt in Maienglut Blut, Herz und Geist und alle Sinne, Wenn die Pracht Hoher Frauenlieb' erwacht, Und zur Heldin wird die blöde Minne, Junge Maid, Magst im Garten Andrer warten; Weit Muß ich suchen, wo ich Huld gewinne.« »Ist denn das recht im vollen Ernste dein Abschied von mir?« fragte Bertha, die sich indes unvermerkt an Ottos Seite geschlichen hatte, und ihn nun, wenn freilich nicht mehr mit so hellen Augen, als gestern, doch mit desto hellern Tränen ansah. – Otto blieb eine Weile nachdenklich und still; dann sagte er endlich: »Liebe Bertha, das Lied hat vieles aus mir herausgesungen, mehr, als ich beinahe selber wußte. Zu Anfang wollte ich nur den Frühling ansingen, und da quoll mir mein ganzer innrer Frühling in wahrhafter Gestaltung mit hervor. Denn hör', lieb' Mühmchen, wir können es uns doch nicht mehr ableugnen, daß es so ist, wie es mein Sang verraten hat. Die fremde Dame mit ihrer Pracht und ihrer Not hat all mein Herz entzündet, und das ist es nun erst, was die edlen Sänger Minne heißen. Wie wir miteinander scherzten, war es doch bloß ein Kinderspiel. Sei nur hübsch lustig; es wird gewiß auch noch ein wunderbarer fremder Ritter kommen, um dessentwillen du des blöden kindischen Otto vergessen mußt.« »Der wird nicht kommen«, sagte Bertha langsam, »und was der Dame Not betrifft, so könnte ja auch mir –«. Sie hielt errötend inne. Otto aber fuhr auf, und rief: »Ha, kämst du je in Not, mein Leben, Gut und Blut wär dein.« – »Ich will aber gar nicht von Euch gerettet sein, Herr von Trautwangen«, entgegnete Bertha stolz und kalt. »Glaubt mir nur, hätten mich die Heiden auf einen Holzstoß gebunden, wie wir wohl sonst in schönen Märlein von edlen Frauen gelesen, und die Fackeln zischten schon lodernd am dürren Reisig umher, und Ihr kämet geritten, plötzlich, in all der Waffenpracht, die Euch jetzt eben so herrlich schmückt, und wolltet für mich fechten, – ich sagte: Danke! Ich nähm' Euch nicht zu meinem Kämpfer an, ich riefe Feuer! Mehr Feuer her! – Weh', und dann löscht' ich es wohl mit meinen eignen Tränen aus. Sie sind aber zu heiß dazu.« Und damit sank sie bitterlich weinend in das Gras. Otto riß im streitenden Gefühl an den Saiten der Zither. Die eine sprang mit lautem Weheschrei. Darüber richtete sich Bertha empor, und sagte: »Seht, wie Ihr es mit allem macht, was mir zugehört. Was habt Ihr denn Eure Eisenhandschuh erst ausgezogen? Mit denen hättet Ihr das arme Ding noch schneller entzweibrechen können. Her meine Zither, Herr von Trautwangen. Die doch wenigstens ist mein.« – Und sie riß ihm das Instrument heftig weg, und schritt von dannen. Er rief ihr nach, aber sie wiegte die Zither tröstend in ihren Armen, wie ein beschädigtes Kind, lockte ihr die lindesten und schmeichelndsten Töne hervor, und verschwand mit ihr, ohne sich nach ihm umzusehn, hinter der Kapelle. Da rief der alte Herr Hugh aus dem Burghofe nach seinem Sohne herauf, und schrie zu vielen Malen: »Es ist fertig! Es ist fertig! junger Herr, zu Roß!« – Und der Jüngling eilte hinab, und sah, wie unten eine Menge von reisigen Leuten bereitstand, und ein lichtbraunes Pferd an goldnen Zügeln, dem er sonst niemals hatte nahen dürfen, an den Händen der Knappen auf ihn wartete. Er trat hervor, und Herr Hugh sagte zu ihm mit einem schmerzlichen Lächeln: »Ach! Scheiden und Meiden tut weh! Nicht wahr, junger Degen? – Nun, macht Euch nur sogleich auf das Roß, und versucht, wie ein so edles Tier sich drein findet, Euer eigen zu sein.« – Und der junge Ritter Otto von Trautwangen sprengte den Hengst mit gewaltiger Übermacht bald hin und bald her, daß die Knappen davor erstaunten, und der Meinung waren, es müsse dieser edle Gaul seinen rechten Reiter wohl anerkennen, und dessen Gewalt über ihn von sonderbarer, ganz unerhörter Bedeutung sein. Der alte Vater aber streckte seine Arme aus, und rief: »Steige wieder ab, mein lieber Sohn, daß ich dich noch einmal so recht aus ganzen Kräften an das Herz drücken kann.« – Und vom Rosse flog der Ritter mit klirrendem Schwunge, und lief in seines Vaters Umarmung. Der Streithengst aber schnob die Knappen wild an, die ihm nach den Zügeln griffen, und hieb auf sie ein, bis er sich Bahn machte und seinem jungen Herrn nachtrabte, bei dem er alsdann stehn blieb, und während dieser seinen alten Vater herzte, den Kopf liebkosend auf seine Schulter legte. »Nun, mein Sohn, reise mit Gott!« sagte Herr Hugh, den geliebten Jüngling sanft von sich drückend. »Dein Gefolge wartet.« –»Herr Vater, wollet mir eine Bitte nicht abschlagen«, sprach Otto darauf, »mag sein, daß es die letzte wird, denn ich ziehe weit hinaus, und habe wohl manch ein derbes Kämpfen zu bestehn.« – »Mein Sohn«, entgegnete Herr Hugh, »man muß jedwedes Wort von übler Vorbedeutung meiden. Das Unglück häkelt sich gern und leicht an, und was unsern Wünschen unersteigbare Klippen sind, werden jenem bequeme Treppen. Darum sage mir nichts von letzten Bitten; aber deine Bitte selbst sage mir, und ich werde sie vermutlich erfüllen.« – »Herzlieber Herr Vater«, sagte Otto, »soviel ich noch von rechten Helden gehört und gelesen habe, sind sie immer allein auf ihre ersten Abenteuer geritten. So tat es der hürnin Seyfried, und so alle die Besten mit. Ihr aber wollt mir von einem Gefolge sprechen, und ich sehe da auch einen ganzen Haufen reisefertig umherstehn. Sendet mich nicht hinaus, wie ein verzognes Kind, sondern wie einen tüchtigen Kerl, der seinen und vieler andern Leute Schutz im freudigen Herzen trägt und in der rechten Faust.« – Da hieß Herr Hugh die Reisigen und Knappen allzumal absatteln und zu Hause bleiben. »Denn«, sagte er, »mein Sohn hat auf eine solche Weise gebeten, daß es eine große Sünde wäre, ihm irgend mit abschlägiger Antwort zu begegnen. Und Ihr, junger Ritter, macht, daß Ihr schnell hinauskommt, sonst wird Euerm alten Vater am Ende noch das Herze weich. Soviel aber sag' ich Euch, verfahrt mir so säuberlich mit dem edlen Freiherrn von Montfaucon, als es Euer Gelübde zuläßt, denn er hat mit dem Ringe so gar unrecht eben nicht.« Da flog der junge Degen aufs Roß und zur Burg hinaus, und der alte Herr Hugh ging bitterlich weinend in die Gemächer zurück. Er sah aber so ehrwürdig aus in seinen Tränen, daß keiner von den Hausleuten den Mut hatte, ihm grade ins Angesicht zu sehn. Wie nun Herr Ott' von Trautwangen über die Wiese trabte, saßen Bertha und der alte Minnesinger Walther auf dem Walle, und sahen betrübt zu, denn die Jungfrau hatte dem Greise, der eben wieder zum Besuch auf die Veste gekommen war, ihren ganzen Jammer anvertraut. Sie wollte auch wieder zu weinen anfangen, da sagte Meister Walther: »Lied bricht Leid. Laßt uns dem Ritter etwas nachsinnen auf die Fahrt.« – Und er hub also an:     »Ich bin ein schwacher Greise, Zieh' nicht mehr weit hinaus; Du suchst auf Jünglings Weise Gar manchen fernen Strauß. Denn Strauß sind Kusses Grüße, Und Strauß auch die vom Speer, Nur sind die einen süße, Die andern bitterschwer.« Bertha sang:     »Du sollst die süßen pflücken, Den bittern ferne sein; Zwar wird mein Herz mich drücken Zu Tod mit herber Pein. Doch schläfst du unter Lauben, So schlaf ich gern im Grab; Drum brich, ich will's erlauben, Brich nur mich Lilie ab.« Walther gedachte noch weiterzusingen, aber Bertha winkte ihm, daß er innehalten sollte, denn sie konnte es doch nicht länger ertragen, und wickelte sich tief in ihre Schleier ein. Da war der leise Klang auf den wehenden Morgenlüften auch zu Otto hinübergedrungen. Er trabte schneller, und zog sein Visier herunter, um nichts mehr zu hören. Weil es nun das erstemal war, daß er einen geschloßnen Helm trug, sah ihn durch die Luken desselben die Welt ganz wunderlich und wie durch ein verschönendes Fernglas an; zudem schwamm alles vor dem frischen Morgenlicht mehr in glühroter, als in irgendeiner andern Farbe, so daß der junge Kriegsmann sich nicht enthalten konnte, laut in das wunderschöne Leben hineinzujauchzen, und aller Wehmut vergessend wie ein maigeborner Vogel über Wiese und Heide und Acker dahinflog. Siebentes Kapitel Da, wo der Mainstrom seinen silberblauen Spiegelstreif nach der alten freien Reichsstadt Frankfurt hinlenkt, und von den ebnen milden Ufern einander Lusthäuser und Fruchtfelder und helle Dörfer hinüber und herüber zuwinken, lebt es sich ein ergötzliches Leben. Vorzüglich wer im beginnenden Frühlinge dort Atem schöpfen darf, und ein junger Kriegsmann ist, seinen ersten Gefechten und Abenteuern voll wunderlicher Hoffnungen entgegenreitend, kostet einen Becher der Freudigkeit und Herzenslust, wie er ihm nachher im Leben nicht leicht so schön wieder vor die Lippen kommen möchte. Etwas Ähnliches hat der, welcher diese Geschichte beschreibt, erfahren, und wünschte, seine Leser hätten es auch; sowohl um ihrer selbst willen, als auch, damit sie sich desto besser in das lustige Gefühl versetzen könnten, welches in jenen schönen Gegenden ein Goldnetz um den jungen Ritter Otto von Trautwangen her, und über alle Gegenstände hin spann, deren er ansichtig ward. Er wußte gar nicht, was er lieber haben sollte: den Frühling, oder seine Reise, oder die blühenden Fruchtbäume und sanften Hügel und Täler; oder die fröhlichen Menschen, welche diese bewohnten. In solchen Gesinnungen kam er vor eine Herberge geritten, die unfern vom Ufer des Stromes lag, und deren Vordach, aus einer Laube von Weinblättern und Jasmin bestehend, den jungen Reisenden freundlich einlud, die Mittagsstunden über hier auszuruhen. Sein edler Streithengst war bald in den Stall geführt, und ihm Futter vorgeschüttet, – der Ritter mußte das alles selbst tun, denn keinen andern ließ das stolzgetreue Roß so nahe an sich heran, – und nun saß Herr Ott' unter dem erquicklichen Laubdach, Flasche und Becher vor sich, und den edlen rheinischen Wein zwiefach goldig blinkend unter der tiefen Umschattung des kühlen, dunkelnden Grüns. Da trat ein Mann aus der Haustür, eben nicht viel älter als Otto, schien es, aber sehr ernsten und sonnegebräunten Antlitzes, der Bewaffnung nach ein Ritter, aber all sein Gezeug rostig und staubig, wie von weiter Fahrt; auch die Waffenstücke ohne alle Zier, die Schnallen und Riemen unversteckt, welche es zusammenhielten und schmucklos angebracht, nachdem es sich eben am bequemsten hatte schicken wollen, so daß er wohl seltsam gegen den jungen silbergeharnischten Trinker abstechen mochte. Der Fremde grüßte mit einer gewissen, derb treuherzigen Höflichkeit, die beinah etwas Mürrisches an sich hatte, setzte sich dann dem jungen Ritter gegenüber, und forderte auch Rheinwein für sich. Otto war anfangs nicht recht zufrieden mit diesem Zechgesellen; er dachte, die anmutigen Bilder, welche sich auf dem Saftgrün der Laube und dem Sonnenblau des Himmels in seine Sinne hereinwiegten, würden vor jenem verschwinden, ohne daß etwas Gutes an ihre Stelle käme. Aber es zeigte sich bald, daß der Fremde zu einer Art von Leuten gehöre, die wir wohl noch in unserm lieben Deutschland anzutreffen pflegen: scharfkantige, unscheinbare Steine von außen, aber auf die leiseste Berührung fliegen ergötzliche und erleuchtende Funken hervor, und wer recht alchimistisch nach dem Innern zu fragen versteht, findet wohl endlich ein über alle Vorstellung köstliches Gold. Der Fremde war sehr weit in der Welt umher gewesen, und dennoch ein getreuer, frommer Deutscher geblieben, oder gar dorten recht eigentlich geworden, weil ihm der Abstich erst klar gezeigt haben mochte, wie teuer das alte Vaterland zu halten sei. Die beiden jungen Ritter gewannen eine rechte Freude aneinander, und fühlten sich noch behaglicher, als sich ein dritter zu ihnen gesellte, ein junger Kaufherr aus Frankfurt, Tebaldo geheißen, und von seinen italienischen Verwandten, wie er berichtete, auf einige Jahre nach Deutschland geschickt, um unter Handel und Wandel mit dem ehrbaren Sinne der Reichsstädte und ihren großen kaufmännischen Ansichten recht vertraut zu werden. Zwischen vielen andern Gesprächen erzählte auch der fremde Ritter folgende Geschichte, welcher Otto und Tebaldo mit großer Achtsamkeit zuhörten: »In den hochnordlichen Landen unsrer deutschen Brüder, die sich Schweden nennen, gibt es noch allerhand Volk in der Umstrickung des Heidentums und der wüsten Hexerei, vorzüglich nach der Grenze des Finnlandes hin, weil die bösen Nachbarn dorten sich nichts Beßres wissen, als Geister und Alraunen herauf zu beschwören, oder mit häßlichen Sprüchen ihren Widersachern allerlei Feindseliges an Leib, Haus, Gut und Gesinde anzuwünschen. Recht auf den finnischen Marken liegt ein ganz runder Berg, von der schwedischen Seite mit dunklem Laubholz, von der andern mit unglaublich dichtverschränkten Kiefern bewachsen, so daß wohl kaum der kleinste Vogel seinen Weg durch die gitterhaft verschlungenen Zweige finden möchte. Unten am Fuße des Laubgehölzes steht eine Kapelle mit dem Bilde des heiligen Georg, der wie zum Grenzhüter gegen heidnische Lindwürmer dort in die Öde hineingepflanzt ist; an der andern Bergseite, zu Fuße des starren Kiefernhaines, sollen die Hütten einiger abscheulichen Zauberer aufgeschlagen sein, auch eine Höhle von dortaus tief, tief in den Berg hinabreichen, und gar mit dem Schlunde der Höllen Gemeinschaft haben. Die wenigen schwedischen Christen, welche so hoch hinauf wohnen, dachten der üblen Nähe noch außer dem Heiligen einen recht mannhaften Wächter entgegenstellen zu müssen, und wählten deshalb zum absonderlichen Diener des heiligen Georg und zum Bewohner der bei der Kapelle aufgerichteten Siedelei einen alten berühmten Kriegshelden, der in seinen Greisenjahren Mönch geworden war. Als dieser dahin zog, wollte sein früher erzeugter, ehelicher Sohn nicht von ihm weichen, vielmehr ward er sein Aufwärter, stand in Büßung und Gebet mit fester Anstrengung ihm zur Seite, und ließ überhaupt ebensowenig von dem Vater, als er früher jemals im Schlachtgetümmel von ihm gelassen hatte. Es soll ein sehr erbauliches Leben mit den beiden frommen Rittersleuten gewesen sein. Einstmalen ging der junge Gottesheld nach Holz aus; er trug eine scharfe Axt auf der Schulter, und war noch überdem mit einem großen Schwert umgürtet, denn weil es dorten so viele grimmige Tiere und boshafte Menschen gibt, hatten die frommen Siedler Lizenz, ritterliches Gewaffen mit sich zu führen. Wie nun der gute junge Mann eben im dichtesten Gehölze umhergeht, und schon die spitzen Kiefern über den Laubforst hinausragen sieht, – so nahe war er an der finnischen Grenzscheide, – da fährt aus dem dichtesten Buschwerk eine große, weiße Wölfin auf ihn los, daß er nur eben noch Zeit behält, zur Seite zu springen, und weil er nicht gleich zum Schwerte kommen kann, die Axt nach seiner Feindin zu schleudern. Der Wurf war so gut geraten, daß die Wölfin mit zerschmettertem Vorderfuß und ängstlichem Geheul in den Wald zurücke floh. Aber der junge Siedlerdegen gedachte: nicht genug, daß ich gerettet bin; es muß auch hinfürder kein andrer Mensch von dem Untiere mehr Schaden leiden, oder auch nur Schreck. – Und gleich ging es in hohen Sprüngen durch die Gebüsche hintendrein, wo er denn auch die Wölfin mit einem Schwertschwunge so tüchtig an den Kopf traf, daß sie winselnd zu Boden stürzte. Da kam ihn mit einemmale ein seltsames Mitleiden gegen das Tier an. Statt es vollends zu töten, hub er es auf, band ihm seine Wunden mit Moos und Reisig zu, und trug es endlich gar in die Hütte, des heißen Wunsches voll, es möge ihm doch vergönnt werden, seine gefällte Feindin zu heilen, und endlich durch die milde Pflege zu zähmen. Er fand seinen Vater nicht daheim, und in der großen Angst legte er den wunderbaren Fang auf sein eignes Moosbett, worüber er das Bild des heiligen Georg an die Wand gezeichnet hatte, und dann wandte er sich wieder nach dem Herde des kleinen Häusleins, um dorten eine heilkräftige Salbe für die Wunden des Tieres zu bereiten. Aber während der Arbeit schien es ihm, als höre er ein menschliches Ächzen, ein vernehmliches Klagen von dem Mooslager herauf. Und wie ward ihm nun vollends, als er sich dorthin wandte, und eine wunderschöne Jungfrau an der Wölfin Statt erblickte, durch ihr goldhelles Haar vorblutend die Wunde, die sein Schwert geschlagen, den rechten Arm in all seiner Zartheit und Weiße regungslos ausgestreckt, durch seinen Axtenwurf zerschmettert. – ›Bitte, bitte‹ sagte sie, indem er sich nach ihr umwandte, ›macht mich nicht gänzlich tot. Das bißchen Leben, so noch in mir ist, tut freilich weh, und mag wohl nicht lange mehr dauern, aber es ist doch gewißlich zehntausendmal besser, als das abscheuliche Sterben.‹ Da kniete der junge Mensch weinend neben ihr, und sie erzählte ihm nun, wie sie die Tochter eines der Zaubermenschen am andern Rande des Berges sei, und wie der sie ausgesendet habe, in der verhexten Wolfsgestalt Kräuter auszuraufen, und sie nur in Angst und Schreck so losgefahren sei. – ›Da schmissest du mir aber gleich den Arm entzwei‹, winselte sie, ›und ich meint' es doch wahrlich nicht so böse!‹ – Wie sie nun plötzlich entwandelt sei, konnte sie gar nicht begreifen, dem jungen Mann aber war es klar, daß die Nähe von Sankt Georgens Bild die arme Betörte wohl habe entzaubern müssen. Wie nun der Sohn noch weinend und besänftigend neben ihr kniete, kam der alte fromme Mann nach Hause, und merkte bald, was hier geschehen sei: daß nämlich wohl das Heidenmädchen von ihrer Wolfshülle entzaubert sei, der Jüngling hingegen um desto bezauberten durch der Jungfrau Schönheit und süße Liebsgewalt. Von nun an ging alle seine Sorge darauf, sie geistlich zu heilen: wie der Sohn sie leiblich zu heilen bestrebt war, und indem beiden ihre Mühe auf das Beste gelang, beschloß man gemeinschaftlich, daß die Liebenden einander heiraten und in die Welt zurücke kehren sollten, denn der Jüngling hatte kein Gelübde abgelegt. Die Schöne war nun wieder ganz gesund, der Tag ihrer feierlichen Taufe und nächstdem ihrer Hochzeit schon bestimmt, da gingen die zwei Verlobten eines schönen Sommerabends miteinander in den Wald spazieren. Die Sonne stand noch hoch, und schien so warm durch die Buchenstämme auf den grünen Boden, daß sie des Lustwandelns gar nicht satt kriegen konnten, und immer tiefer in den Forst hinein gerieten. Dabei erzählte die Braut von ihrem frühern Leben, und sang auch einige alte Lieder, die sie als Kind gelernt hatte, und welche sehr anmutig klangen. Wie abgöttisch und ruchlos nun auch manche derselben dem Bräutigam vorkamen, konnte er doch seiner Liebsten keinen Einhalt mit dem Singen tun; erstlich, weil er sie über alles liebte, und dann auch, weil sie gar zu süß und helle sang, daß der ganze Wald sich daran zu erfreuen schien. Endlich aber ward er der spitzen Föhrenwipfel wieder ansichtig, und wollte umkehren, um der verrufnen finnischen Grenzmark nicht noch näher zu kommen. Aber die Braut sagte: ›Liebes Herz, was wollen wir nicht noch weiter gehn? Ich möchte gern der Stelle ansichtig werden, wo du mir Haupt und Arm verwundetest, und mich einfingest, um mich nachher an Leib und Geist so unendlich lieblich zu heilen. Es muß hier ganz in der Nähe sein.‹ – Sie suchten nun hin und her, und darüber ward es ganz dunkel im Walde; die Sonne ging unter, der Mond ging auf, und mit einemmale standen die Verlobten an der finnischen Grenzmark, oder wohl schon etwas drüber, denn der Bräutigam erschrak sehr, als ihm ein Fichtenast seine Kappe vom Haupte streifte. Da ward es ganz wunderlich lebendig um sie her; eine große Menge von Eulen, Kobolden, Hexenkönigen, Nebelwitwen und Grubenjägern – der Bräutigam erfuhr diese und noch wunderlichere Benennungen, ohne zu wissen woher – tanzten einen abscheulichen Ringelreihen, und nachdem die Braut eine Zeitlang zugesehen hatte, fing sie an, überlaut zu lachen, und endlich ganz rasend mitzutanzen. Der arme Bräutigam mochte rufen und bitten, wie er wollte, sie achtete nicht auf ihn, und verwandelte sich endlich so unerhört, daß er sie aus dem tollen Reihen gar nicht mehr herauskannte. Ja, als er sie mit sich fortreißen wollte, faßte er, statt nach ihr, nach einer Nebelwitwe, und die schlang auch gleich ihre grauen, weiten Trauerschleier um ihn herum, und wollte ihn gar nicht wieder loslassen, während schon einige Grubenjäger an seinen Beinen zogen, und ihn mit sich in die schwarzen Kohlenbergwerke hinunterreißen wollten. Da schlug er noch glücklicherweise ein Kreuz, und nannte des Heilands Namen, daß die häßlichen Blendgestalten jämmerlich aufheulten, und auseinander stoben, während er sich auf die schwedischen Marken unter die Schattendächer der Laubhölzer herüber rettete. Aber die Braut war mit von dannen gestoben, und kein Bemühen konnte sie ihm wiedergewinnen. So oft er auch an die Grenzmarken kam, und bat, und rief, und weinte, kehrte sie dennoch nicht zurück. Manchmal sah er sie wohl durch die Föhrenschatten hinstreifen, wie auf der Jagd, aber immer in vieler häßlicher Kreaturen Geleit, und ganz verwildert und entstellt. Meist bemerkte sie ihn gar nicht; ward sie seiner aber dennoch ansichtig, so lachte sie ihn ganz unmäßig und voll der abscheulichsten Lustigkeit aus, so daß er entsetzt ein Kreuz vor ihr schlug; dann heulte sie und entfloh. Da ward er denn von Tage zu Tage einsilbiger, ging nicht mehr nach der Braut hinaus, und gab zuletzt auf keine Fragen und Sprachen in der Welt mehr andre Antwort, als: ›Sie ist ja um den Berg herumgegangen!‹ So wenig wußte er von irgend einem Gegenstande auf Erden, außer der Verlornen. Endlich grämte er sich gar zu Tod. Der Vater machte ihm, weil er einmal darum gebeten hatte, ein Grab an der Stelle, wo die Braut gefunden und verloren war, und hatte bei der Arbeit viel zu fechten, bald mit dem Kruzifix gegen böse Geister, bald mit seinem alten Schwert gegen wilde Tiere, welche ihm wohl die Zaubermenschen auf den Hals gehetzt haben mochten. Dennoch kam er endlich mit allem zustande, und nun war es, als reue die Braut des Jünglings Verlust, denn oftmalen hört man ein klägliches Geheul am Grabe. Es ist wohl, wie von Wölfen, aber man kann doch sehr deutlich menschliche Laute unterscheiden, und ich selbst habe es in den langen Winternächten gar vielmal dorten vernommen.« Man saß eine Weile im ernsten Sinnen beisammen, bis endlich Tebaldo folgendergestalt zu sprechen anhub: »Die Schmerzen verlornen Minne, die Seufzer nach einstmals lockenden, nun feindlichen Blicken, die Wunden von über alles teurer Hand, – das sind die verderbendsten Zauberzeichen der furchtbaren Alten, die uns allesamt im ehrnen Netze hat, und die wir Natur zu heißen gewohnt sind. Man spricht auch, sie gebe dergleichen meist immer als Nachschmack ihrer erlesensten Süßigkeiten, wie umgekehrt gute Mütter ihren Kindern auf die herbe Arzenei wohlschmeckende Näschereien zu reichen pflegen. Ich weiß eine Geschichte ähnlichen Inhalts, und bin bereit, sie meinen edlen Zechgesellen vorzutragen, falls sie einiges Vergnügen daran fänden.« Die beiden Ritter baten ihn, zu erzählen, und er begann: »Es mögen etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahre her sein, da lebte in meiner edlen Vaterstadt Mailand ein so wunderschönes und wunderholdes Mädchen, als es sich nur je ein Meister in der Malerkunst und in anderm hohen Wissen hätte erdenken mögen. Dabei war sie sittig, klug, sanftmütig, gehorsam, und trotz ihrer strengen Eingezogenheit, – denn ein Karfunkel leuchtet auch aus der verschwiegensten Laube hervor, – in der ganzen Stadt unter dem Namen der schönen Lisberta geehrt. Diese mailichste Blume des lieblichen Mailands, – Ihr Deutschen nennt unser Milano mit viel hübscherem Namen als wir selbst, – war eines Tages ersucht worden, am Fest einer Heiligen in der Prozession geschmückt mitzuwandeln, um durch ihre Schönheit den Schein des Aufzuges verherrlichen zu helfen; und gedenkend, daß ihr Gott so blühende Gabe verliehen habe, hielt sie es auch für einen frommen Dienst, selbige zu Gottes Ehren leuchten zu lassen. Sie schmückte sich daher aufs lieblichste aus, mit Blumen, Edelsteinen, Gewändern, Ringen und Ketten, kurz, mit allem, was nur den Namen der Zier verdienen mag, und weil ihr holdes Geschäft weit früher beendet war, als der Zug seinen Anfang nahm, ward sie durch die sonnenmilde Lenzluft, die vor den Fenstern leuchtete, angelockt, sich einstweilen in dem prächtigen Garten zu ergehen, welchen ihr Vater, der reichste Kaufmann der Stadt, bei seinem Hause angelegt hatte. Hinwandelnd durch die Laubengänge von allerlei würzigen und goldbefruchteten Bäumen, gelangte sie endlich an den klaren Spiegel eines umbüschten Teiches, der aus den grünen Armen des zierlichen Gartengeheges als ein verliebtes und aller Schönheit dienstbares Auge heraufsah. Wie von Magie umstrickt und angezogen, schaute sie auch ihrerseits hinein, und begegnete ihrem eignen Bilde in so überraschender Pracht und Herrlichkeit, daß es ihr beinahe wie dem fabelhaften Narcissus ergangen wäre, der über seine quellenbeleuchtende Schönheit die ganze Welt vergaß. Sie mußte sich ordentlich mit Ängstlichkeit an den Umgebungen festhalten, um des eignen furchtbaren Zaubers in den Gewässern loszuwerden, und so geschah es endlich, daß sie im Grase eines wunderlichen Leuchtens von goldner und silberner Funkelpracht ansichtig ward. Flüchtend vor dem Flutenspiegel, angelockt von der unerhörten Wiesenblume, eilte sie hinzu, und fand, daß es ein glänzendes Schwert war, von goldnem Griff, silberbeschlagner Scheide und höchst zierlicher Form. Sie nahm es wie ein Spielwerk auf, so scheu sie auch sonsten vor dergleichen bedrohlichen Werkzeugen sein mochte; ja, sie zückte es halb aus der Scheide, und wunderte sich, daß ihr Antlitz noch schöner aus dem blanken Stahle widerleuchte, als aus den Fluten vorhin, nur daß sie vor diesem Spiegel ihres Schmuckes und ihrer Schönheit weit mindre Scheue empfand. Ach, arme Lisberta, du hattest doch eben die rechte Gefahr zuhanden, welche dein süßes Blumenleben, wie eine schonungslose Sichel, durchschneiden sollte! Tat es auch nicht die blanke Klinge selbst, so tat es doch der, welcher sie führte! Denn unter den blühenden Zweigen trat eine hohe Rittergestalt hervor, nicht jung mehr, aber auch nicht alt, und von so unbeschreiblicher Heldenherrlichkeit, daß die schöne Lisberta beinahe mit einer unwillkürlichen Verbeugung in die Knie sank. Der Rittersmann aber sagte: ›Verletzet Euch nicht, Jungfräulein, mit diesem scharfen Spiel. Ich sähe lieber mein Herzblut vielfach strömen, als einen Tropfen des zarten Purpurs, der in Euren Adern wallt, aus diesen weißen Blumenfingern tröpfeln.‹ – Damit nahm er ihr sittigen Anstandes die Waffe aus der Hand, sie wieder ins Wehrgehenk an seine Hüfte steckend, und ehe er sonst noch irgend etwas sprechen konnte, waren schon Dienerinnen in der Nähe, die nach Lisberten riefen, dieweil des Festes Zug bereits begonnen sei. Die scheue Jungfrau winkte den edlen Ritter abwärts, und er verschwand, sich ehrerbietig neigend, hinter des Gartens farbig grünen Wänden. Wie so gänzlich die Prozession und das Singen der Chöre und das Zujauchzen der Menge vor den Sinnen der armen Lisberta verschwand, laßt es mich Euch nicht fürder beschreiben, edle Ritter. Mein Herz blutet ohnehin vor des lieblichen Opfers Dahinsterben, und ich habe mich nur allzugerne lang in den frühern seligeren Gewinden ihres Lebens verweilt, wohl wissend, wie traurig es in der Zukunft noch kommen mußte. Vergönnt mir denn von diesem Wendepunkte an ein schnelleres Eilen zum Ziel. Als nach dem halb oder meist gänzlich unvernommenen Feste die schöne Lisberta zu Abend an ihrem Blumenfenster saß, in süßes Geträum versunken, schien ihr die Sonne abschiednehmend so hell ins Gesicht, daß sie es wohl bemerken mußte, wie eines der hohen, schwankblühenden, sich an höhere Bäumchen anrankenden Gewächse ihres Zimmergartens sich von dem Baste losgemacht hatte, und statt hinauf zu dem Stamme, sich hinab gestreckt hatte vom niedern Fenstergesimse zu der nahen Terrasse. Indem sie nun aufstand, die Zweige wieder emporzubinden, sahe sie eine Gestalt unten vorüberwanken, in welcher sie nur allzuwohl den Herrn des glänzenden Schwertes von heute morgen erkannte. Eilig trat sie zurück, eilig zog sie die Ranken empor; ach, an ihrer vorhin gesenkten Spitze zog sie ein Brieflein, vom furchtbar lieblichen Wandrer daran befestigt, mit in das Gemach. Es lösend und lesend erfuhr sie alsbald, im Liebeswerben des ritterlichen Fremden, daß er ein Degenheld aus fernen Landen sei, den man hier in der Stadt Herr Uguccione hieß, und über alles wegen seiner kriegerischen und geselligen Tugenden ehrte, so daß sie auch schon vor mehrern Monden mancherlei Staunenswürdiges und nie bisher Erhörtes von ihm vernommen hatte. Da erlag um so schneller das schon verwundete Herz. Die blühende Ranke ward bald wieder von ihrem Baste gelöst, und senkte sich, holde Botschaft tragend, als eine gründuftende Brieftaube nach der Terrasse hinunter, ward bald darauf im selbigen Amte mit Ugucciones Antwort zu der lieblichen Herrin emporgezogen. Grüße und Gegengrüße schwebten nun auf diesem zierlichen Wege oftmals herauf und hinab, ja endlich schwebte Lisberta oft selbst hinab über die heimlichen Steigen, welche aus ihren Zimmern in den nächtlichen Garten führten, um dorten desto ungestörter mit dem geliebten Uguccione zu kosen. Es geschahe aber endlich, daß Lisbertas Briefe sich wohl an der Ranke hinab senkten, niemand jedoch vorbeiging, sie aus dem grünen Geflechte zu lösen. Wenn sie es nun wieder emporzog, fand sie nur das Siegel ihrer Trostlosigkeit daran: den eignen, unentsiegelten Brief. Sie fing endlich an nach Uguccione zu fragen, und erfuhr, daß er schon seit vielen Tagen auf eine unbegreifliche Weise aus Mailand verschwunden sei. Dennoch ließ die Arme nicht ab, täglich das Rankengewächs vom Baste zu lösen, und auf die Terrasse hinabsinken zu lassen. Zog sie es alsdann ohne Brieffrucht herauf, so weinte sie bitterlich, und trieb dies so lange, bis ihr das Herz am Ende von vielen Tränen brach. Da sorgte eine Freundin, daß die rankende Blüte auf den Grabhügel eingepflanzt ward, und ich habe wohl oft gesehen, wie die Blätter und Blumen noch jetzt die einsame Stätte überschatten und überduften.« Achtes Kapitel Über des jungen Tebaldo heitres Gesicht hatten sich während des Erzählens immer tiefere Trauerschatten gelagert, so daß er am Schlusse seiner Geschichte wie ganz verwandelt erschien, vorhin einem fröhlichen Zechgesellen gleichsehend, jetzt aber einem Leichengaste, der mit seinem Herzen bei dem Begrabenen in der dunkeln Grube ist. Nach einigem Schweigen ermannte er sich, und sagte: »Ihr müßt es mir schon zugute halten, edle Ritter, wenn ich etwas, wie einen schwarzen Flor, über euer heitres Mahl und eure goldnen Weinbecher ausgebreitet habe. Ich bin sonst auch ein frischer Jüngling und gerne froh an Trank und lustiger Gesellschaft, nur daß sich oft die eben erzählte Geschichte zwischen mich und meine Vergnügungen zu drängen pflegt, und eh' ich sie alsdann nicht vom Herzen herunter gesprochen habe, läßt sie mir keine Ruh. Das macht, mich haben Base und Oheim zu vielen Malen an das Grab Lisbertens geführt, und mir vorgesagt von ihrer Lieblichkeit und Treue, und von Ugucciones Verrat; – die Geschichte ist ordentlich mit mir aufgewachsen und in mich herein. Sollte mir auch Herr Uguccione einmal begegnen, so mag er sein Leben hüten. Ich kann mir kaum eine größere Lust denken in meinem Sinn, als ihm sein gold- und silberblankes Schwert in das Herz zu bohren, und ihm dazu in das Ohr zu rufen: Lisberta! Lisberta!« Seine glühenden Augen brannten ihm dazu, wie zwei Mord- und Kriegsfeuer, die über ein empörtes Land in dunkler Nachtzeit hinflammen. Otto aber gab darauf, wie überhaupt auf seine letztern Reden, wenig acht. Sein ganzer Geist war noch bei der Geschichte und bei dem traurigen Gedanken an verlaßne Liebe. Da entsiegelte ihm zuletzt Vertraulichkeit und Wehmut die Lippen; er fing an, seinen Gefährten, – ohne Nennung der Familiennamen zwar, – zu erzählen, wie es ihm selbst ergangen sei, wie er so vergnüglich an den Ufern der Donau gelebt habe, von Kindheit an in schuldloser Minne zu seiner Muhme Bertha, wie er nun endlich von gewaltigeren Sehnen hinausgelockt worden sei und zerrissen habe das frühe, liebliche Band, und wie ihm jetzt mit den Schmerzen verlornen Liebe in den beiden Geschichten auch die Schmerzen des holden Mühmleins aufs Herz gefallen seien; und endlich beschloß er seine halb kindischen, halb männlichen Reden mit der Frage: ob wohl seine beiden Gefährten meinten, auch Bertha könne sterben, wie der Waldbruder und die schöne Mailänderin gestorben sei? Da sahe ihm der fremde Ritter scharf ins Auge, und mit einer Eiskälte, die plötzlich über sein ganzes Gesicht und Wesen, wie in feindseliger Versteinung anzuschießen schien, sagte er: »Da Ihr soviel von Donaustrand und Bertha redet, heißet Ihr wohl gar Herr Ott' von Trautwangen, und Euer schön Mühmlein ist Fräulein Lichtenried?« – Und kaum hatte Otto beides bejaht, so erhub sich der Fremde, setzte den schweren Helm, den er unter dem Arm mit herausgebracht und neben sich hingelegt hatte, auf den Kopf, und sprach: »Es ist sehr gut, daß wir einander hier treffen, denn ich bin Ritter Heerdegen von Lichtenried, Berthas Bruder, der nach langem Umherstreifen sein herangeblühtes Schwesterlein zu besuchen fuhr, und nun eben recht kommt, sie an einem so eingebildeten und törichten Schwätzer zu rächen, als Ihr seid.« – Der Schluß dieser Rede erstickte in Ottos Herzen jeglichen Gedanken an Sühne, wie geneigt er auch anfangs dazu gewesen sein mochte, und rasselnd fuhr er in die Höhe nach Schwert und Helm. Weil nun, indessen dieser seine Wehr zurechtschnallte, der Italiener einige begütigende Worte zu sprechen versuchte, entgegnete Heerdegen: »Gebt Euch keine Mühe. Hat der junge silberhelle Fant dorten wahr gesprochen, so bedarf es der Rache, hat er kindisch gelogen, so ist die Züchtigung an der Reihe.« – Otto stand bereits am Eingange der Laube, und winkte nach einem dichten Gebüsche hinab, welches sich in einiger Entfernung an den Ufern des Stromes dahinzog. Tönend schloß Heerdegen seinen Helm, und schritt an der Seite seines Gegners hinaus, während Tebaldo, – es schien mit großer Lustigkeit, – bald neben, bald vor den beiden Eisenmännern herwandelte. »Verzeiht es mir, edle Herren«, sagte er unterweges, »daß ihr mich bei euerm ernsthaften Geschäfte so voll Vergnügen seht. Ich habe mir mein Lebtag nichts Besseres und Erquicklicheres wünschen können, als ein Gefecht zwischen zwei schwergewaffneten Rittern auf Leben und Tod mitanzusehn. Ja, ich wäre der ernsten Belustigung mit meiner eignen Gefahr gern selbsten in den Weg getreten; aber so hab ich höchstens einmal mit losem, leichtbewehrtem Räubergesindel zu tun finden können. Und wenn die Leute zum Scherze miteinander fechten, sind es die albernsten und höflichsten Possen zugleich, die ich mir irgend vorstellen kann. Preis denn und Segen meinem guten Glücke, weil es mir heute zu einer so furchtbar herrlichen Augenweide verhilft, denn ich weiß gewißlich, ihr werdet einander wie Helden treffen.« Wo die Gebüsche sich mit den verschlungensten und finstersten Zweigen umfaßt hielten, tat sich den zürnenden Rittern ein freier Rasenplatz in der grünen Umhegung auf. Ohne weitre Abrede blieben sie beide zugleich stehen, hatten beide zugleich die Schwerter blank, und fielen einander mit ungeheuerm Ingrimm an; Tebaldo lehnte unfern von ihnen an dem Stamm einer hohen Linde. Schwirrend zischten die Schwertklingen durch die Luft, kein Hieb flach, aber jeglicher aufgefangen von den hallenden Schilden, aber doch rückprallend von der Helme gefiedertem Kamm, und so den frischen Rasen, statt mit Blut, mit buntem Federgestieb übersäend. Dazu schrie Ritter Heerdegen immer aus seinem rostigen Eisenkorb hervor mit zorndumpfer Stimme: »Bertha! Bertha!« und es war, als wanke Otto vor dem furchtbaren Rufe zurück, so wenig es auch der Stahl in Feindeshand vermochte, ihn zum Weichen zu bringen. Lichtenrieds Hiebe wurden häufiger und schmetternder, der junge Trautwangen fing an, bloße Schirmschläge zu tun, ohne mehr, schien es, auf Angriff zu sinnen; der halbe Schild flog ihm zerhauen von der Hand. Da brach er plötzlich los, wie ein verwundeter Leue; es war, als sei ihm ein Blitz entflammend in die Seele gefahren, und des Blitzes Farbe und Gestaltung ward kund, indem der junge Fechter, ungestüm seinen zerhauenen Schild auf den Rücken schleudernd, und das Schwert zu beiden Handen fassend, laut ausrief: »Gabriele! Gabriele!« wie mit Silberstimme aus dem Silberhelm hervor. Hell klangen zugleich seine gewaltigen Hiebe auf des Gegners Helm und Harnisch und Schild; plötzlich sprühte es wie ein roter Springborn aus Heerdegens Visier hervor, und sobald nur der junge Trautwangen sein Schwert zurückhielt, wegen des blutigen Regenstromes, sank auch Lichtenried, von keiner Anstrengung mehr gehalten, taumelnd und mit den Waffen zusammenrasselnd in das hohe Gras. Tebaldo und Otto knieten neben dem Ohnmächtigen. Der Helm, vom grimmen Hiebe schon fast zertrümmert, war bald gelöst, und wie eine Purpurdecke lag das wallende Blut über Heerdegens Antlitz. So wie nun Otto, nach Ritterweise in der Heilkunst geübt, den furchtbaren Strom auf das schmerzloseste gehemmt und abgewaschen hatte, erkannte man, wie die Wunde links auf der Stirn beginne und sich von da zwischen den Augenbraunen durch auf die rechte Wange tief herunterziehe. Der Verband lag alsbald recht fest und gut, aber auch der Ritter lag in seiner Ohnmacht fest und still, ohne Regung, wie ein Toter. So von der Blässe gebleicht, von der Abspannung und leiser Milde übergossen, trat die Ähnlichkeit mit Bertha unverkennbar aus diesen Zügen hervor. Otto neigte sich über den Gefällten, und vergoß bittre Tränen. Ihm kam eine alte Geschichte zurück, die er und Bertha vor langer Zeit aus dem Munde des greisen Herrn Hugh vernommen hatten, von einem Ritter, der unbewußt seine Liebste in feindlicher Rüstung erschlug, und nun kam es ihm vor, als habe er jetzt die arme Bertha vollends erschlagen. »Ja, vollends erschlagen«, sagte er laut zu sich selbst, »das ist das rechte Wort. Denn den ersten Todesstoß gab ich ihr schon mit meinem leichtsinnigen Abschied, und mit dem Bruder mach' ich sie gänzlich tot.« Der junge Kaufherr erinnerte ihn, daß es an der Zeit sei, den Wunden nach der Herberge zurückzuschaffen; der Abend dunkle, und Rasten im Bett und unter Dach sei vor allen Dingen not. – Da luden die beiden Jünglinge ihren kaum noch so lustigen Zechgesellen bleich und starr auf die Schultern, und zwar so, daß Tebaldo dessen Haupt zu unterstützen bekam: »Denn«, sagte Otto traurig, »falls er unterweges erwachen sollte, würde er Euer Gesicht doch immer viel lieber so nahe an dem seinigen sehen, als meines. Zudem könnte ich mir einbilden, es wäre die tote Bertha, und ließe ihn im schreckhaften Wahnsinn fallen.« In der Herberge kam Lichtenried wieder zu sich. Zwei Reisige, die ihm dienstfertig waren, traten zu seiner Pflege herbei, und als der Kranke merkte, daß sich Otto anschickte, noch länger hier zu verweilen, wohl gar bis zu seiner Wiederherstellung, sagte er: »Herr von Trautwangen, wenn Ihr mir irgend etwas zugute tun wollt, so reitet noch heute abend, noch diese Stunde von hier fort. Denn Euer Anblick ist mir so zuwider worden, daß ich ohne Zweifel daran sterben muß, falls Ihr mich zwingt, diese üble Arzenei noch länger zu gebrauchen.« Da setzte sich Otto traurig zu Pferd, und ritt den eben heraufdämmernden Sternen entgegen, auf die lange duftige Landstraße hinaus, Tebaldo ihm zur Seiten. Neuntes Kapitel Zwei ungleiche Reiter waren es, welche unter dem nächtlichen Frühlingshimmel mitsammen dahin trabten; Otto schien allein das ganze Dunkel der Stunde in seine Seele aufgenommen zu haben, Tebaldo hingegen den Duft und die heitre Stille und das blitzende Leuchten des Gestirns. Dieser versuchte, einen Teil der fröhlichen Gabe in seines Gefährten Busen auszuschütten, und da es ihm mißlang, sang er allerhand Liebeslieder in seiner anmutigen Muttersprache durch das kühlige Nachtblau hin. Davon fühlte sich auch Otto nicht gestört. Eben weil er die Worte wenig oder gar nicht verstand, war es ihm, als flattre von den vielen Nachtigallen, welche rings umher aus Anger und Gebüschen die Reisenden anflöteten, eine fortsingend immer neben ihm her, und ihm ward wohl dabei, denn er konnte sich die zierlichen Töne ungehindert in den Sinn übersetzen, welcher seinem Herzen am behaglichsten klang. So kamen sie endlich über eine grasige Anhöhe hinüber, und die große freie Reichsstadt Frankfurt leuchtete mit unzähligen Lichtern von beiden Mainufern herauf. Otto hielt überrascht seinen Gaul an. Eine solche Menge von hellen Fenstern hatte der Rittersohn, auf einsamer Burg erwachsen, noch niemalen beieinander erblickt, und jemehr sich die Häuser in die Finsternis zurückzogen, jemehr kam es ihm vor, als sehe er eine der kunstreichsten und festlichsten Erleuchtungen, welche es nur je auf Erden gegeben habe. Tebaldo weidete sich eine Zeitlang an dem Erstaunen seines edlen Genossen; dann sagte er: »Ja, Herr, dies ist die weltberühmte Stadt Frankfurt, und wenn es Euch gefällt, mit mir hineinzureiten, und mein Haus dadurch zu ehren, daß Ihr Euch als meinen Gast erzeigt, sollt Ihr wohl noch wundervollere und ergötzlichere Dinge zu sehn bekommen.« Sie ritten darauf an zierlichen Gärten und Gartenhäusern diesseits der Tore vorbei. Meist war in den Gebäuden vieles Licht; und Saitenklang und Singen und das Getön zusammengestoßner Becher hallte daraus hervor; auch funkelte es durch zierliche Gitter aus manchen Bogengängen und hohen Lauben von goldnem Kerzenschein zwischen grünen Blättern, und noch anmutiger ließ sich von da herüber das Jubeln fröhlicher Gesellschaften vernehmen. Otto meinte, er seie schon lange in der Stadt. Da taten sich erst vor Tebaldos Ruf die ungeheuern Torflügel langsam voneinander, und man ritt durch das widerhallende, gebogne Torgewölb wie in eine Burg hinein, welches auch Otto zu Anfang glaubte, bis er jenseits in die lange erleuchtete Gasse hineinsah, und nun erst begriff, daß die Stadt selbsten eine riesengroße Burg ausmache, deren Bürger doch wohl mit ihrem Stolz, welchen er bisweilen von Herrn Hugh hatte schelten hören, nicht so gänzlich unrecht haben mochten. Ottos Streithengst scheute soeben vor einigen blendenden Lichtstreifen, welche die hellen Fenster eines prächtigen Gebäudes aus zweien großen Erkern auf die Gasse herabwerfen, da sagte Tebaldo: »Wir sind zur Stelle, edler Gast.« – Und aus dem erleuchteten Hausflur hervor eilten viele glänzende Diener, ihrem Herrn, und auf dessen Wink, dem Ritter sein Roß abzunehmen. Otto sprang adeligen Schwunges leicht aus dem Sattel, und als die Dienerschaft nach den Zügeln seines Pferdes griff, sagte er: »Das geht nicht so leicht, ihr Herren. Den muß ich selbsten in den Stall führen, und absatteln und abstangen und anhalftern, auch ihm Futter vorwerfen, denn von andern Menschen leidet er's nicht.« Des Hengstes loderndes Auge, sein hauender Vorderhuf gab Zeugnis dessen, so sein Herr gesprochen, und man leuchtete dem Ritter nach einem prächtigen Stallgebäude vor, worin viel edle Rosse an schön verzierten Krippen standen. Aber sie fuhren alle scheu zusammen, als Ottos lichtbrauner Hengst an der Hand seines ehrnen Herrn durch die hohen Gewölbe wiehernd und stampfend hinschritt, und nur des Ritters ernster Zuruf ihn hinderte, irgendwo seine Kräfte im Kampf gegen einen der furchtsam schnaubenden Genossen zu versuchen. Die Dienerschaft sahe sich nach Halfterketten um, den hitzigen Gast damit anzulegen, aber Otto sagte. »Das hülfe nichts, liebe Herren. Er sprengt so was leicht. Wenn ich's hingegen ihm sage, bleibt er still.« – »Ruhig, Bursch!« rief er; und der Hengst stand wie ein Lamm, und schnoberte friedlich in dem Hafer, den ihm der Herr vorschüttete. Darauf ging Otto mit Tebaldo, welcher seines ritterlichen Besuches am Eingange geharrt hatte, hinauf in den Saal. Oben war es zwischen den kerzenhellen Wänden bunt und vielfarbig, und von mannigfacher Pracht erfüllt, denn es wogte eine große Menschenmenge unter den feierlichen Bogen umher, und im Hintergrunde sah es aus, wie eine erhöhte Bühne, auf welcher noch buntere, wunderlichere und glänzender ausgeschmückte Gestalten ihr Spiel trieben. Man konnte alsbald bemerken, daß Tebaldo des Festes König war, denn die minder Geehrten der Gesellschaft wichen ihm mit ehrerbietigen Bücklingen aus, die Vornehmsten, sowohl Frauen als Männer, und unter diesen viele mit güldnen Ratsherrenketten, drängten sich begrüßend um ihn her, und nahmen seine Entschuldigungen, daß er, der Wirt, so spät gekommen sei, als Gunstbezeugungen auf. Das Spiel auf der Bühne im Hintergrunde der Halle schwieg, und schien den Wink des gebietenden Herrn wegen Fortdauer oder Aufhören demütig zu erwarten, bis Tebaldo, nachdem er sich mit seinem Gast auf einer Bank, mit Purpurkissen belegt, ganz vorne niedergelassen hatte, durch ein Kopfnicken ganz freundlich für das Fortspielen entschied. Nun sahe man, daß in der Mitte des Schauplatzes ein reichgeschmückter, prächtiger Mann auf einem erhöhten Lehnsessel saß, mit vielen Goldsäckeln in der Hand, und auf seiner Brust mit goldnen Lettern den Namen Plutus tragend, wie bei den alten römischen Helden der Gott des Reichtums geheißen war. Diesem näherten sich von allen Seiten vielfach verschiedne Gestalten, als da sind: Priester, Hofleute, Gelehrte, Sänger, Pilger, Richter und so weiter, und baten mit den demütigsten Gebärden um seinen Schutz. Dann warf ihnen Plutus nach Belieben wenig oder viel von den Goldsäcken zu, und sie empfahlen sich, wie sie gekommen waren, jedes mit einem deutsamen gereimten Sprüchlein im Munde. Endlich kam auch ein geharnischter Kriegsmann, der beugte sich gar dienstfertig vor Herrn Plutus und sprach: »Für Beulen Silber, Gold für Blut! Herr, gib dein Gut, so schlag' ich gut!« Herr Plutus wollte eben eine sinnreiche Antwort geben, da fuhr Herr Ott' von Trautwangen zürnend in die Höhe, schlug ans Schwert und rief aus: »Der Bursch dort schändet seinen Harnisch, und ich will's ihm auf seinen Kopf beweisen, falls er das Herz hat, mir zu stehn!« Halb lächelnd, halb erschreckt blickte die Gesellschaft auf den jungen Zornigen hin, während Tebaldo mit großem Ingrimm die Gaukler auseinander jagte, ihnen die Niedrigkeit ihrer schändlichen Gesinnungen vorwarf, und den Bestürzten auf immer den Eintritt in sein Haus untersagte. Dann kehrte er wieder schamrot zu Otto zurück, und bat ihn mit den erlesensten und zierlichsten Worten, er sollte es nicht auf ihn schieben, daß jenes Pöbelgezücht den reichen Kaufmannsstand durch eine so empörende Vergleichung mit den Waffen zu ehren sich eingebildet habe. Vor diesen Reden ward Otto mild und froh, und entschuldigte sich, daß er seinerseits so ungebührlich aufgefahren sei, worauf man denn insgesamt mit großer Heiterkeit zu einem Mahle ging, welches in einem andern Saale mit fürstlicher Pracht zubereitet war. Aber wie glänzend auch die Lichter funkelten, wie würzig die Speisen dufteten, wie feurig erlabend die Becher kreisten, – Otto konnte sich des Erinnerns an jene zwei häßlichen Reime nicht entschlagen. Keinesweges zwar, als hätte er einen Unwillen gegen seinen edlen Wirt empfunden, oder gegen die Gesellschaft, aber er mußte sich immer sagen, er werde hier für das Blut, welches er dem edlen Heerdegen von Lichtenried aus der Stirn gehauen habe, so prächtig bewirtet, und empfange doch ohne Zweifel Gold für Blut, denn ob es nun Weingold sei, oder Metallgold, das gelte ja im Grunde einerlei. Zudem schwirrte ein ewiges Reden von Geld und Gut, von Gewinn und Verlust durch die Versammlung hin; ja, als Tebaldo mit edlem Unwillen, schien es, das Gespräch auf den Kreuzzug zu bringen suchte, welchen König Richard Löwenherz bald beginnen werde, ging wieder nur eine Berechnung los, ob die Genueser mehr dabei gewinnen würden, oder die Venetianer. Da ward es in Ottos Gemüt, als sprudle der rote Wein aus christlichen Ritteradern in die Becher, und als trinke man ihn hier mit Lust, zur wohlschmeckenden Arzenei. Ja, ihm selbst, – so glaubte er, – schenke Heerdegen immer die Goldpokale voll, und sage ihm aus seinem zerhauenen Eisenkorbe dumpf ins Ohr: »Hast dir den Weinkeller aus meiner tiefen Wunde geöffnet, hast dir dein schwellendes Lager hier bereitet, indem du mich auf mein Schmerzenslager gebettet hast; mag sein, daß es noch gar ein Totenlager wird.« Da konnte es Otto nicht länger aushalten; es drehte sich alles wie im halben Wahnsinn um ihn her. Und so sprang er auf und bat Tebaldo leise, ihn ziehn zu lassen, er müsse in einer Herberge übernachten, den Grund wolle er ihm morgen sagen. – »Ich brauche ihn nicht zu hören«, antwortete Tebaldo sehr betrübt, »denn ich weiß ihn schon. Aber kommt nur morgen um Gottes willen wieder, sonst muß ich denken, ihr verachtet auch mich.« – »So wahr der Herr lebt, ich komme morgen, und habe Euch sehr lieb!« sagte Otto. – Damit küßten sie einander, und Otto führte, von einem Diener Tebaldos geleitet, seinen scheuenden, vom Schlaf aufgestörten Hengst durch die dunkeln Straßen in eine nahe Herberge hinein. Zehntes Kapitel Der Morgen sah schon hell in die Fenster, da brach das Geräusch der Wagen und Fuhrleute und Ausrufer gewaltsam durch Ottos verworrne Träume; erwacht, fuhr er schnell in die Kleider und an die Scheiben, denn er meinte, es gehe draußen etwas Außerordentliches vor. Aber bald ward er inne, daß dieses bunte Gewirr, welches ihm so ungewöhnlich vorkam, hier eben die rechte Alltäglichkeit ausmache, worüber sich niemand verwundere; vielmehr müsse jedermann im Schrecken auffahren, wenn es plötzlich zur Ruhe käm', wie ein Müller vor dem unvermuteten Stocken seiner Mühle. Auch begriff er wohl, daß so viele große Häuser, – die mehrsten an Größe dem weitgesehenen Burgsitze seines Vaters vergleichbar, – mit einer ungeheuern Menge von Menschen, mit sehr vielem Zank und Frieden, und Zorn und Liebesgruß in den Herzen und auf den Lippen zusammenhängen müßten. War ja dessen in der einsamen Veste Trautwangen seit ihrer Erbauung so vieles umgegangen, und ging gewißlich noch mit diesem Augenblicke drinnen um! Hier in der Stadt mochten wohl viele Berthas weinen, und viele Walthers singen, und viele alte Herrn Hughs nach ihren fernen Söhnen fragen! – In solchen Gedanken ward der junge Rittersmann durch einen Diener Tebaldos unterbrochen, welcher ihm, von dem Kaufherrn dazu angestellt, alle sein reisiges Gezeug wohl geputzt und sonnenblank ins Zimmer trug, auch sich erbot, ihn zu wappnen; er verstehe sich darauf. Indem sich nun Otto wohlgefällig nach dem hellen Gewaffen umsah, sprach der Diener: »Ihr müßt verzeihen, edler Herr, daß auf dem Küris, grade über der Herzgrube, ein kleiner Flecken sitzen geblieben ist. Er mag von erst jüngst darauf gesprühtem Blute sein, zum wenigsten kommt es mir so vor, aber weil man ihn in den ersten Stunden vernachlässigt hat, ist Rost daraus geworden, der sich wohl nicht verlieren wird, solange die prächtige Rüstung selbsten besteht. Aber fürwahr, edler Ritter, es ist nicht meine Schuld.« – »Nein, Gutfreund, es ist nicht deine Schuld«, wiederholte Otto langsam und traurig, und starren Blickes auf den Küris schauend, denn er erkannte wohl Heerdegen von Lichtenrieds Blut, das gegen ihn aufgesprüht sein mußte, als er sich beim Verbande über ihn hingebeugt hatte. Nun kam ihm die ganze Rüstung unheimlich vor, er hatte gar keine Lust, sie überhaupt wieder anzulegen, und schickte den Diener mit einem Gruße an Tebaldo fort. Er habe schon einen, der ihn wappne, und wolle in kurzem nachkommen, sagte er. Aber es war an kein Wappnen zu denken. Als er allein war, ging er erhitzt in der Stube auf und ab, wie ein edelscheues Roß an dem Harnisch vorbei, und wenn er ihm ja einmal nahe kam, geschah es, um mit allen Künsten, deren er sich aus den Lehren der alten Knappen und Reisigen seines Vaters entsinnen konnte, an dem Blutflecken zu reiben und zu putzen, sich immermehr dadurch überzeugend, wie ganz vergeblich sein Bestreben sei. »Es geht nicht aus!« seufzte er dann, und schritt noch unwilliger und herzbetrübter umher. Da vernahm er endlich im Nebengemach ein lautes Sprechen, ein Schelten und Verwünschen, das schnell durch seine Sinne drang, weil von Waffenstücken die Rede war, so dem Eigner mißhagten, und sich nicht recht wollten anlegen lassen. Im Wunsche, den wirren Gedanken seines Hauptes, den schmerzhaften Schlägen seines Herzens zu entfliehen, riß Otto ungestüm die Tür auf, ein halb geharnischter Ritter trat ihm eben so ungestüm entgegen, und fragte, was er wolle? Aber beide blieben einander in Verwunderung gegenüber stehn, weil Otto alsbald sah, daß er den ehemaligen Gegner Folkos von Montfaucon, den Grafen Archimbald von Walbeck, vor sich hatte, und auch dieser den Jüngling, den Zeugen seines Kampfes und seines Unfalls, zu erkennen schien. Man verständigte sich bald, und Archimbald sagte: »Ich bin nicht eitel genug, Euch zu wünschen, daß Ihr mir im Fallen vor den Waffen des fränkischen Freiherrn Gesellschaft leisten möchtet. Vielmehr sähe ich es von Herzen gern, wenn Ihr der schönen Gabriele ihren Ring wiedererkämpftet, und ob auch, die Wahrheit zu sagen, nicht viel Wahrscheinlichkeit dazu vorhanden ist, so weiß doch niemand, was ihm bevorsteht, im Übeln sowohl, als im Guten; Glück also auf die Fahrt! Es kann sich alles nach Euern Hoffnungen fügen. Für jetzt aber gebt acht, wie widerwärtig es mir ergeht. Im Grimm über jenen unglücklichen Abend hatte ich es verschworen, meine schwarz und silberne Adlerrüstung je wieder zu tragen, und überhaupt gelobt, so lange ohne Harnisch zu gehn, bis ich mich in einen kleiden möchte, den ich einem Ritter, selbst ungepanzert, abgewonnen hätte. Das ist mir nun endlich gelungen; aber seht einmal, was mein Widersacher für verfluchte Binsenstengel zu Gliedern gehabt hat! Ich kann nicht in Arm-, nicht in Beinschiene hinein, die kleinen Panzerhandschühlein hab' ich schon aus Ärger durch die Scheiben geschmissen, und auch Brust- und Rückenharnisch will nirgends zusammenschließen.« – Wirklich sprangen in demselben Augenblick vor des Ritters unwilligen Bewegungen wieder einige Schnallen der halb angelegten Rüstung, und wie zwei Knappen herzutreten wollten, den Schaden zu bessern, wies sie Archimbald unwillig zurück, sprechend: »Es wird ja doch nichts draus. Gebt euch keine Mühe. Und das schlechte Gezeug mir vom Leibe zu schaffen, bin ich allein Mannes genug.« – Damit riß er Schnallen und Riemen vollends voneinander, und warf die Waffen so gewaltig auf den Boden, daß Nägel und Hefte klingend heraussprangen. Wehmütig schaute er zugleich nach seinen schwarzsilbernen Waffen hin, die im Winkel lagen, und von Otto leichtlich an dem wunderlichen Adlerhelme wieder erkannt wurden, und sagte: »Als ich Euch führte, da war ich noch ein Kerl! Nun find' ich am Ende nimmermehr ein Gezeug wieder, das recht zu meinen Gliedern paßt.« Otto mußte dabei an die Scheu gedenken, mit welcher er noch vor kurzem seine Silberrüstung betrachtet hatte, und sagte zu Archimbald: »Herr Graf, wir finden uns wohl zur guten Stunde, und können einander leichtlich aus der Not helfen. Wenn Ihr es verschworen habt, Euern Harnisch wieder zu tragen, hab' ich da drinnen einen liegen, den ich nicht wieder tragen mag, aus Gründen, die ich Euch ebensowenig erzählen mag; aber es sind auf Ehre keine, die dem Gewaffen Schande machen.« – »Ihr seht mir auch nicht darnach aus, junger Degen«, entgegnete Archimbald mit freundlichem Lächeln. – »Nun gut denn«, rief Otto, »so laßt uns tauschen.« – »Topp«, sprach Archimbald. »Ich denke, unsre Harnische passen uns einander, denn wir sind alle zwei von altem, hochdeutschem Heldenwuchs.« – Da war die Silberrüstung bald herbeigeschafft. Jedem der beiden Ritter half einer von Archimbalds Knappen, und bald standen sie verwandelt einander gegenüber; aus dem milden Leuchten des Silberhelmes Archimbalds trotzendes Antlitz, und dem dräuenden Adlervisier Ottos blühende, fast jungfräuliche Züge hervorblickend. Dann schritten sie nach entgegengesetzten Richtungen das Gemach starktönend auf und ab, zu prüfen, wie ihnen die neuen Sturmgewande behagten, und beide damit zufrieden, schüttelten sie sich die beerzten Hände, und ließen den Tausch gelten; wobei sich Archimbald recht von Herzen freute, daß nun doch die Adlerrüstung dem zierlichen Folko von Montfaucon noch einmal warm machen werde. »Denn«, sagte er, »warm macht Ihr ihm auf allen Fall, Herr von Trautwangen; dafür bürgt mir Euer Händedruck, und Euer ganzes kriegerisch adliges Wesen.« – So schieden sie nun als sehr gute Freunde: Archimbald, um seine Rosse zur Abfahrt zu rüsten; Otto, um den jungen Kaufherrn mit dem versprochenen Besuche zu erfreuen. In seinem großen, reich angefüllten Handelsgewölbe stand der reiche Tebaldo, viele Schreiber und Diener um sich her, und noch außerdem eine Anzahl von Boten und Käufern, wobei es seltsam anzusehn war, wie er teils dem ganzen Treiben, abfertigend und durch Winke verteilend, als ein gewaltiger Fürst vorstand, teils aber auch nirgends wo es Not tat, Hand anzulegen verschmähte, ja bisweilen selbst die Elle zum Abmessen köstlicher Stücke Tuch erfaßte. Eben war er in diesem Geschäfte begriffen, da ward er plötzlich Ottos gewahr, ohne ihn zwar zu erkennen, denn obgleich der junge Rittersmann schon eine ganze Zeitlang am Eingange zugesehn hatte, nahm er sich doch in der silberschwarzen Adlerrüstung ganz verwandelt aus, und hatte noch obenein den Helmsturz heruntergelassen. Aber Tebaldo schoß demungeachtet liebevoll auf ihn zu, wie es das Eisen auf den Magnetstein zu tun pflegt, weil alles ritterliche Gewaffen ein Magnetstein für das Eisen in des jungen Kaufherrn Gemüte war, und fragte: »Steht Euch irgend was zu Dienste, mein kriegrisch hoher Degen? Ihr sollt vor allen andern bedient werden.« – Da schlug Herr Ott' von Trautwangen das Visier in die Höhe, und Tebaldo rief, einen Schritt im halben Schrecken zurücktretend: »O Gott, wie seid Ihr so viel herrlicher noch, als Ihr gestern wart! Und muß ich nun eben jetzt vor Euch stehn, mit der Elle in der Hand?« – Dabei schlug er das zierliche Kaufmannsgerät gegen einen Pfeiler, daß es in viele Stücke zersprang. Dieweil es nun aus Elfenbein und Gold zusammengesetzt war, meinten alle Diener, das könne nur wider Willen geschehen sein. Die mehrsten liefen herzu, huben die Stücke auf, suchten zusammen, was von der eingelegten Arbeit abgesprungen war, und versicherten ihrem Herrn tröstend und hülfsfertig, man könne das kostbare Werkzeug wohl bald wieder instand setzen. Der aber vernahm von ihren Worten nichts, sondern zog den Rittersmann eilig mit sich die Steigen hinauf. Angelangt mit seinem Gaste in einem zierlichen, abgelegnen Gemach, faßte Tebaldo desselben beide Hände zusammen, beugte sich mit glühendem Antlitze darüber, und sagte leise: »O um Gott, edler Herr von Trautwangen, wollet es mir nicht abschlagen, daß ich als Euer Knapp', oder Reitersmann, oder als was Ihr sonsten mögt, nur auf alle Weise bewaffnet und streitfertig mit Euch in die Welt hinausziehen darf!« – Otto sah ihn ganz verwundert an, und führte ihm freundlich sein Warenlager zu Gemüt, und sein glänzendes Haus, und wie ihn die Sterne auf einen ganz andern Pfad gewiesen hätten, als er jetzt eben einzuschlagen denke. – »Sagt das nicht«, entgegnete der junge Kaufmann heftig, »ich bin ein Milaneser von Geburt, und es haben wohl schon deutsche Schilde, ja selbst kaiserliche Waffen erprobt, daß unsre Bürgerschwerter zu hauen verstehn. Es ist noch so etwas von dem alten Römerwesen in uns, lieber Herr. Ja, auch die Genossen des gestrigen Mahles müßt Ihr nicht gar nach den trocknen Worten ihres Hin- und Hersprechens beurteilen. Ich hatte selbst meinen Ärger daran, sahet Ihr wohl, aber mehr, weil Ihr es mißverstandet, als weil ich es hätte mißverstehen können.« – »Das tat ich eben nicht«, entgegnete Otto, »nur weil so viel von Preis und Ware gesprochen ward, kam es in meinen erhitzten Sinn, als seie Fest und Nachtlager auch bloß Ware, und der Preis sei Heerdegens Blut. Da mußt ich fort. Im übrigen sag' ich Euch das so heraus, weil ich nun klüger worden bin, und wohl weiß, daß Ihr mir den tollen Wahn verzeiht, lieber Tebaldo. Gegen all' die Leute hab' ich nichts.« – »Ihr tätet auch unrecht daran«, antwortete der Kaufherr. »Seht, es kleidet ja Gott die Bäume und Gräser und Blumen all' in verschiednes Gewand, und sind doch all' miteinander zufrieden, und schmücken einmütig den Wald. Und wahrlich, auch jene Leute schmücken den großen Wald der Christenheit recht ehrsam aus. Nicht nur, daß sie erquickenden Schatten ausbreiten über Berg und Tal, sie stehn auch dem Blitze gar standhaft und fest, wenn es die Zeit erheischt. Der ganze Unterschied von ihnen zu Euch ist, daß ihre Worte ein Kaufmanns- oder Schifferröcklein anziehn, die Euern ein blankes Waffenkleid. Aber wer sich drauf verstehet, kennet die trefflichen, eignen Gedanken leicht und vergnüglich aus beiden heraus. Verachtet mir also die Kaufherren nicht, und mich noch viel minder, der ich gar übergehn will von ihnen zu Euch.« – »Lieber Tebaldo«, sagte Otto, »davon laßt doch ab. Ihr seid älter, verständiger auch wohl, als ich. Wie sollt' ich denn Euer Rittersmann und Führer werden, und Euch alles ersetzen in der Welt, was Ihr hier viel Reiches verliert?« – »Nun, wenn ich verständiger bin«, lächelte Tebaldo, »wäre das Überlegen ja meine eigne Sache.« – »Zudem«, sagte Otto, »habe ich Euch sehr lieb, und es sollte mir durchs Herz gehen, dafern Ihr irgend Schaden nähmt; Schaden aber nähmt Ihr gewiß, denn Ihr habt wohl noch kaum viel schneidende Waffen in der Hand gehabt, geschweige daß Ihr sie zu führen wüßtet. – Tebaldo sah ihm mit einem scharfen Lächeln, wie gutmütig spottend, in die Augen, dann drehte er sich, und stieß eine nahe Tür auf, durch welche eine Kammer voll auserlesener Panzerhemden, Pickelhauben, Armbrüste, Tartschen und Streitäxte sichtbar ward. – »Es ist nur Gewaffen von Reisigen, nicht von Rittern«, sagte Tebaldo, »aber gut zu führen weiß ich's.« – Damit nahm er eine schöne Armbrust von der Wand, spannte sie sehr kräftig, legte den Bolzen auf, und zeigte durch das geöffnete Fenster in seinen Garten. »Dem Astloche des alten Eichbaumes dorten gilt es«, sagte er, und nach kaum augenblicklichem Zielen schwirrte die Sehne, und flog der Bolzen in das ferne Ziel hinein, daß nur die bunten Federn, noch von der Gewalt des Schusses zitternd, daraus hervorsahen. Schnell hatte darauf Tebaldo eine Streitaxt zur Hand, und traf ein gutes Panzerhemd so tüchtigen Schwunges, daß die Ringe klirrend und gesprengt auf den Boden niederrasselten. »Wollt Ihr mich mitnehmen?« fragte er darauf mit freundlicher Zuversicht den jungen Ritter. – »Ei von Herzen gern«, sagte der: »ich seh', Ihr seid in Waffen frisch und mit der Zunge freudig. Wo gäb's wohl einen bessern Reisegesellen auf aller Welt? Aber Tebaldo, mein herzlieber Tebaldo, mit den goldnen Sporen wird es ja dennoch nichts, dieweil Ihr nicht ebenbürtig seid. Und wenn Ihr nun nie zum Rittersmann erwachsen mögt, was wollt Ihr dann unnötig mein Knappe sein?« – »So laßt mich nur immer für Euern Reisigen gelten«, sagte Tebaldo etwas finster. »Es ist nicht so, wie Ihr meint. Junkherrn reiten nach goldnen Sporen, Bürgerjünglinge reiten nach Siegs- und Bürgerkränzen aus. Wenn ich mit Euch des Kriegs Erfahrenheiten gesammelt habe, und Mailands Heerbanner mir folgt zu Lust und Gewinn über alle italischen Fürsten und Herzoge hinaus, da läßt sich's der goldnen Sporen schon vergessen.« – »Ich habe Euch nicht beleidigen wollen«, sagte Otto mit einiger Befremdung, und gleich war die finstre Glut in Tebaldos Augen wieder verweht, und ein ganzer Maienhimmel von Scherz und Freundlichkeit lächelte daraus hervor. Nun geleitete er seinen ritterlichen Freund zu einem kostbaren Frühmahle hinab, und überhaupt verging der Tag in Schmaus und Festlichkeit, wobei mitunter der Kaufherr zu wichtigen Geschäften abgerufen ward, und sie mit großem Eifer zu betreiben schien, so daß Otto schon fast zu glauben anfing, es seie mit dem Hinausziehen als Reisiger nur ein lustig keckes Redespiel gewesen. Nur am Abend, als Tebaldo den Ritter in ein köstliches Schlafgemach führte, – diesmal bei ihm zu übernachten, hatte er ihm gleich am Morgen versprechen müssen, – sagte er ihm ins Ohr: »Morgen, ehe die Sonne aufgeht, Herr von Trautwangen! Einen Anwalt meines Vermögens hab' ich schon bestellt.« – Und als Otto in der frühen Dämmerung bei seinem Hengste war, und ihn sattelte und aufstangte, ging ihm ein schmuckes Reisiger flink zur Hand, den er erst draußen, da er sich auf einen goldgelben Polacken schwang, für Tebaldo erkannte. Sie gaben sich beide, vertraulich lachend, die Hand, und trabten miteinander lustig zu den Toren hinaus, während die Sonne frisch und fröhlich, wie die Jugend der beiden Reisenden, über die grüne Erde hervorzuleuchten begann. Eilftes Kapitel Während nun Otto und sein Gefährt immer weiter in die fremde Welt hinein ritten, die Grenzen des deutschen Vaterlandes bereits überflogen hatten, mit den Leuten in französischer Mundart verkehrend, und manches lustige, manches ernsthafte Abenteuer im bunten Wechsel erlebten, sah es auf der alten Burg Trautwangen am Donaustrand gar anders aus. Es war außer Herrn Hugh und Bertha noch ein dritter Inwohner dazu gekommen; aber der machte eben das Leben dorten noch viel trauriger, denn er war Herr Heerdegen von Lichtenried, der sich trotz seiner schweren Wunde geeilt hatte, zu der Schwester zu gelangen, und dessen Leib nun von der zu großen Anspannung in desto tiefere und fieberhaftere Erschöpfung gefallen war. Unweit von der alten Waffenhalle, drinnen Herr Hugh zu hausen pflegte, lag Ritter Heerdegen, damit Bertha nach ihm sehen könne, ohne doch den greisen Ohm gänzlich aus der Acht zu lassen. Herr Hugh und Bertha bedurften es gleichermaßen, sich aneinander zu trösten, denn Heerdegen hatte in seiner trüben Fieberglut alles herausgesagt, von wessen Faust er die Wunde trage, und auch warum. Darüber weinte nun Bertha oftmals recht helle Tränen auf die verschämte Wange, daß es fast anzusehen war, wie ein Mairegenguß im Morgenrot. Herr Hugh dagegen schaute sehr finster vor sich hin, und zog daraus, daß seines Sohnes erster Kampf ein so unheilbringender gewesen sei, allerhand trübe Folgerungen, die er jedoch meistens mit einem heitern, gottvertrauenden Lächeln zu unterbrechen pflegte, wie sie denn überhaupt mehr auf seinen Gesichtszügen lagen, als daß sie sich über seine Zunge herausgemacht hätten. Ein Trostsprüchlein Meister Walthers aber sagte er, wenn das Lächeln aufzog, gewöhnlich ganz laut: »Man geht aus Nacht in Sonne, Man geht aus Graus in Wonne, Aus Tod in Leben ein.« Es war dasselbe, welches Otto vormalen in der Kapelle gebetet hatte. Zu dem Kranken durfte Herr Hugh gar nicht, denn in den Lichtern der Fieberhitze schien er sich vor dessen Augen zu verjüngen, und sich in den Sohn zu verwandeln, indem ihn Heerdegen beständig mit harten Worten ansprach, und schalt, und ihm gebot, sich hinauszumachen, sonst werde er ihm noch die ganze glühende Stirnwunde mit all ihrem lodernden Brand an den Kopf werfen. Wirklich faßte er alsdann ingrimmig nach seinem Verbande, und der alte Herr Hugh ging schwer seufzend und kopfschüttelnd nach der einsamen Halle zurück, durch deren große eichne Tür die beiden holden Kinder, Bertha und Otto, nun nicht mehr hereintreten konnten. Wenn aber an des Wunden Lager die holde Schwester ganz alleine saß, und nur eine milde Lampe fernher aus dem Winkel des Gemaches brannte, ward er still und friedlich, erzählte ihr auch wohl ein Geschichtchen. So unter andern einmal das folgende: »Hoch an den Ufern des Meeres liegt ein Land, welches Ostfriesland geheißen ist. Da gibt es einen unaustilgbaren Streit zwischen Häuptlingen und zwischen Untersassen, denn jene wollen alles durch ihren Willen allein ausrichten, diese vermeinen nicht minder, Bestallung zu haben, daß sie es nach ihren eignen besten Einsichten verordnen könnten. Drum tost es auf und ab im Lande von häßlichen Streitwiderwärtigkeiten, wie es ja auch mir, du holde Schwester, im Kopfe tost. Aber dann gibt es auch einen stillen, mondlichen Lampenschein, wie soeben, wenn du an dem Hauptende meines Lagers sitzest, und ich wie in einer Wiege woge, dort Schatten, hier Licht, und wieder hier Licht, dort Schatten. Das kommt aus einer hohen, stillen, dem Monde frei gelegnen, und heilig von seinen Lichtern bestrahlten Felsenburg. Da wohnt eine Abkömmlingin der alten Druden, welche zu gleicher Zeit unsre Muhme ist, unsre wunderbare, von uralter Zeit gewaltige Muhme, liebe Schwester. Sie heißt Frau Minnetrost, und kocht alle Tage viele Kräuter in einem einzigen Kessel zusammen, der aber aus nichts als aus lauterm Golde getrieben ist. Ich hatte mich eines Abends verirrt, und hielt unversehens vor dem steilen Schloßberge, der weit über das ganze flache Land hinaussieht. Und so müde ich auch war, und so Not mir irgend eine Erquickung tat, war es doch, als lagre sich mir etwas in den Weg, wenn ich die stille, unbekannte Höhe hinaufreiten wollte. Eben weil sie so still war, und mir so gänzlich unbekannt, durfte ich vor mir selber nicht hinan. Indem ich noch so halte, und mit mir zu Rate gehe, trabt etwas schnell und luftig über die tauhelle Wiese. Ein Rittersmann war es, mit einer schlanken Maid im Arm, und die schmiegte sich an ihn, gar scheu und inniglich zu gleicher Zeit. Halb sang sie zu ihm, halb sprach sie zu ihm: ›Sporn, Liebling, sporn dein schnelles Roß! Nah ist der stillen Drude Schloß!‹ Der Ritter entgegnete: ›Was geht die stille Drud uns an? Bist nicht mein Weib? Ich nicht dein Mann?‹ Sie mußten aber von ihren Liebesreimen bald ablassen, denn es sprang ein Haufen von Untersassen aus verschiednen kleinen Gebüschen vor, wo sie gelauert hatten, und während ein hochschlanker Jüngling dem Ritter in die Zügel fiel, rufend: Du! Du! Wo willst mit meiner Schwester hin?, stellten sich die andern mit hochgehobnen Hallebarten im Kreise umher. Der Ritter aber hatte im Augenblick sein leuchtendes Schwert aus der Scheide, und sagte: ›So leicht kriegst du sie nicht. Sie will mich, und ich will sie. Was hast du drein zu reden, wenn dein Häuptling deine Schwester will? Siehst du nicht, daß ich der Ritter Edekon bin?‹ – ›In einer halben Viertelstunde seid Ihr seine Leiche‹, rief der Untersaß, ›oder gebt mir meine Schwester zurück.‹ – Da hieb der Ritter nach ihm, und es ward ein wildes Gefecht. Weil ich nun wohl sahe, das Mädchen wolle gern bei dem Rittersmann bleiben, sprengte ich ihm zu Hülfe, und traf die Bauern nicht schlecht. So mannhaft sie auch standen, wären wir doch wohl bald mit ihnen fertig geworden, aber Gott weiß, wie es kam, daß wir alle zugleich, mitten durch unser ingrimmiges Hauen und Stoßen durch, den leisen Ton eines Fensters vernahmen, welches fern oben auf der steilen Höhe in der Burg ward aufgetan, und daß wir innehalten mußten, und emporschauen, was sich dorten begebe. Siehe, da schimmerte eben der Vollmond ganz hell gegen das Fenster, und drinnen stand Frau Minnetrost, ganz lang, ganz weiß, die hielt drohend den Zeigefinger der rechten Hand starr gegen den klaren Sternenhimmel empor. Das ging uns allen durch Mark und Bein; wir blieben lange still und sie auch. Endlich sagte sie: ›Ihr habt groß unrecht allzumal, so viel ihr seid. Einer unter euch ist ein fremder Mann, heißt Heerdegen von Lichtenried; der ist mein Neffe, und soll das Mägdlein säuberlich vor sich setzen auf sein Roß, und mir sie heraufbringen in die Veste. Die andern gehn im Frieden nach Hause, und Bruder und Bräutigam fragen, sobald drei Tage verflossen sind, weiter nach.‹ – Da geschah es alles, wie sie gesagt hatte, so bitterlich das Mägdlein weinte, so ingrimmig der Ritter und der Bräutigam knirschten, so unheimlich mir die Verwandtschaft mit der Schloßbewohnerin erschien. Es war, als könne es gar nicht anders sein. Im tiefen Schweigen schieden die Kampffertigen auseinander, im tiefen Schweigen brachte ich die Entführte in die Burg. Wie es nun dorten aussahe, mein holdes Schwesterlein, davon weiß ich der Worte nicht viele zu machen, und hülfe das auch wohl nichts, denn vor dem recht Wunderbaren gehen doch von keinem Beschreiben dem Sinne die Tore auf. Aber siehe hier den friedlichen Lampenschimmer an, siehe im Spiegel deine Wehmut tauenden Augen, und dein ganzes liebliches Antlitz und Wesen, und denke, ein Strahl, der zarteste Strahl aus alle dem, war über Frau Minnetrost ergossen und über ihre ganze Burg. Ich durfte nicht hinein, aber unter einem Vorsprung am Tore hieß sie mich warten. ›Es wird Euch leicht werden‹, sagte sie, ›hier halb im Freien auszuharren, denn groß Unwetter gibt es hier nicht. Was etwa fällt von Regen, ist nur ein mild freundliches Sprühen, das die Erde erquickt, und die Halme nicht bricht. – So soll auch noch dein Weinen werden, und noch ein fröhlicher Sonnenaufgang hinterdrein‹ sagte sie, zu dem Mädchen gekehrt, und wirklich hörte die auch fast zu weinen auf, wie sie in das vom Mondenstrahl vergoldete Antlitz der freundlichen Drude schaute. Dann gingen die beiden ins Schloß hinein, und eine liebliche Musika von Flöten und Zithern hub an, aus den Kammern zu erklingen. Ich konnte es recht vernehmen, wie das Mädchen anmutig damit eingeschläfert ward. Darauf kam Frau Minnetrost wieder heraus, und brachte einen großen goldnen Pokal voll Weines mit für mich, und auf silbernen Schüsseln köstliche Speise. Auch satzte sie sich neben mich, und erzählte mir, wie sie mit unsrer seligen Mutter verwandt sei, und wie ein heimliches, doch frommes Wissen seit Menschengedenken ihrem Stamme gehöre, und wie sie nun hier lebe, und denke erkoren zu sein zur Sänftigung des wilden Landes. Die Geschichten waren lang und wunderbar, und dauerten die ganze helle Mondnacht durch. Oft ward mir schauerlich dabei zu Sinn, dann aber auch wieder unendlich süß, als halte unsre liebe Mutter mich im Arm, und erzähle mir schmeichelnde Märchen vor. Gegen Morgendämmerung verließ mich die Drude, und sagte: ›Du wirst wohl hier den Ausgang dieser Dinge gern erwarten wollen, und kannst es auch ohne Gefährde.‹ – Da schlief ich fröhlich ein, wie in sichrer Heimat Schirm. An den folgenden Tagen sahe ich bisweilen, wie Frau Minnetrost mit der Entführten lustwandelte auf der Schloßmauer, hinter hohen, weißen Blumen, die Wohlgeruch duftend wie stille Flammen über die Zinnen heraussahen. Oft weinte das Mädchen bitterlich und schrie nach ihrem Liebsten. Dann aber ließ sich die Drude weder auf Tröstungen noch auf Versprechungen ein, sondern schaute nur die Klagende mit ihren hellen Mondscheinaugen freundlich an, oder brach eine weiße Blume, und wehte ihr damit Kühlung zu, oder sang ihr auch wohl ein altes schlichtes Lied. Und das Mädchen ward still, und lächelte bisweilen in wunderbarer Heiterkeit. Eben so machte sie es auch, wenn, jedesmal nach dreien Tagen, Bruder und Liebster erschienen, um nach der Entführten zu forschen, und ungeduldig wurden, oder gar aussahen wie Drohung und Gewalt. Die Drude brauchte nur zu lächeln, und die Worte schwebten ihnen von den Lippen fort, wie ein Seufzer, oder wurden zu freundlichen Bitten, voll Hoffnung und Trost. Nach dreimal drei Tagen waren alle ganz mild geworden und fromm. Da gab ihnen Frau Minnetrost das lächelnde Mädchen zurück, und die Braut ging zwischen dem Liebsten und Bruder zum Altar, und Häuptling und Untersasse blieben traute Schwäger und Freunde ihr Leben lang. Viel kennt die Gegend von solchen Taten unsrer Muhme, und heißt sie billig Frau Minnetrost; teils weil sie oftmalen kranke Minne tröstet und heilt, teils, weil ihr Trost nur immer der der Minne und Güte ist, niemalen der des Trotzes und der Gewalt.« Zwölftes Kapitel So wie nur Ritter Heerdegens Erzählungen an seine Schwester milder wurden und frömmer, – seit der letztern handelten sie fast alle von Frau Minnetrost, – ward es auch sanfter und stiller in seinem Sinn, und endlich auch in seinem Körper, und in dem ganzen Menschen durchaus. Da fing er an, nach Herrn Hugh zu fragen, und wenn der herein kam, sich ehrerbietig und sittig zu bezeigen gegen den alten Mann, und sich zu entschuldigen, falls die Fieberglut ihm irgend Ungeziemliches habe sagen heißen oder tun. Nun saß Herr Hugh vielmalen an seinem Bette, aber es war nicht lange mehr nötig, denn wie Heerdegen erst einmal im Siegen war gegen das Kranksein, ward er es auch bald vollends über die Grenze fort, zog freudig in die Wälder und Ebnen nach dem Waidwerk hinaus, und saß zu Mittag und Abend mit Herrn Hugh bei den vollen Bechern. Dagegen ward Fräulein Bertha, so wie der Bruder aufblühte und genas, bleicher und trauriger mit jedem Tage. Man sah es ihr wohl an, daß nur die Sorge für seine Heilung und für den Trost des alten Herrn Hugh sie so aufrecht gehalten hatte. Nun die beiden Männer miteinander zechten und sprachen, und oftmals wieder der alte Meister Walther mit seinen fröhlichen Heldenliedern auf die Burg gerufen ward, tat die holde Blume ungestört, wie die Art solcher holden, verlassenen Blumen zu sein pflegt: sie hauchte in wehmütigen Liedern und Seufzern und Träumen den reinen Duft ihres Lebens aus in die stille Natur, und wäre wohl bald verwelkend zusammengesunken, wie der Waldbruder an der finnischen Grenzmark, und wie Lisberta in Mailand. Aber der Bruder wußte die beiden Geschichten auch, und stellte sich neben sein Schwesterlein, wie ein aufrecht erhaltender Gartenstab neben die zarte Blüte. Nun rankte sie sich immer am zuversichtlichsten zu ihm auf, wenn er von Frau Minnetrost erzählte, und es gereichte ihr zu einer ganz absonderlichen Freude, daß diese fromme Drude nicht etwa nur ein mondliches Fiebergebild in den kranken Träumen ihres Bruders gewesen sei, sondern daß es wirklich in dem nördlichen Ostfriesland eine so wunderbare Herrin des Friedens gebe und des Trostes, und die noch obenein ihre freundliche Muhme sei. Aber demungeachtet nahm Berthas Erbleichen und Schweigen zu, und wenn Heerdegen sie deshalben fragte, pflegte sie wohl zu antworten: »Bruder, die eine Frau Minnetrost hienieden bekomm ich wohl nimmer von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Aber jenseits des Grabens, welcher so tief ist, daß man ihn ausschließlich das Grab geheißen hat, wohnt ja nichts, als lauter Minnetrost. Und siehe, wer uns hinüberhebt, tut es im Schlaf, und muß also eine gar leichte Hand haben.« Diese und ähnliche Reden hinterbrachte Heerdegen dem alten Herrn Hugh, mit dem Beifügen, wenn man Bertha nicht baldigst leiblich zu ihrer Muhme Frau Minnetrost geleite, werde sie derengleichen wohl nach wenigen Monden jenseits aufsuchen. Da nahm Herr Hugh seine ganze Kraft zusammen, ließ die Nichte vor sich rufen, und gebot ihr sehr ernstlich, sie solle mit dem Bruder in diesen Tagen nach Ostfriesland abreisen, zu ihrer Muhme, welche dorten Frau Minnetrost geheißen sei. Bertha schaute dem greisen, schon längst vom Sohne verlassenen Oheim zweifelnd ins Gesicht. Da lachte Herr Hugh laut auf, und sagte: »Denkt so ein klein töricht Maienvögelein, ich alter Turm müßte zusammenfallen, flög' es nicht mehr drum herum.« – Und laut lachend ging er in seine Kammer, und schloß die Tür hinter sich zu. Dann rollten zwei große Tränen in seinen Bart. Als er aber wieder hervorkam, machte er schleunige Anstalten zur Abreise der beiden Geschwister, und das zweite Morgenrot, von da an, sahe die Saumrosse und zwei Reisige zur Bedeckung und Heerdegens gerüsteten Streithengst im Hofe. Die große Steige herab kam Herr Hugh mit den Reisenden, und summte ein lustiges Liedchen aus alten Tagen dazu. Er küßte sie beide, und trieb, daß sie zum Schloßhofe hinauskamen. Dann ging er nebst Meister Walther, den er sich hereingeladen hatte, um diesen und die nächsten Tage zu verzechen, auf den Burgwall, setzte sich schweigend ins Gras, und sahe zu, wie Heerdegen und seine Schwester weit und immer weiter über den morgenbeglänzten Anger trabten. Dem Meister Walther kam es dabei in den Sinn, wie er hier mit Bertha gesessen hatte, als der junge Ritter Otto seinen lichtbraunen Hengst denselben Anger entlängst spornte, und ohne etwas Bestimmtes dabei zu denken, fing er wieder an zu singen, wie damals: »Ich bin ein schwacher Greise, Zieh nicht mehr weit hinaus« – Da faßte der alte Herr Hugh im Grimme die Schulter des Meisters. Mit Löwenzorn im Auge, mit Löwenkraft im Arme brüllte er laut: »Ich schleudre dich hier den Burgwall hinab, falls du mein spotten willst! Der alte Greise fühlt noch der Kräfte genug.« – Meister Walther schwankte bereits am glatten Rande, doch sah er dem zornigen Starken getrost ins Antlitz, sprechend: »Wenn Ihr Euch an einem Sänger vergreifen wollt, der noch dazu Euer Gast ist, tut's! Euer ist die Rechnung, nicht mein, und der Abschluß ist nah.« – Darüber ließ ihn der alte Herr Hugh bebend los, und sagte: »Um Gott, verzeiht mir! Ihr wißt, es haben grimmige Geister im Leben Gewalt über mich gehabt, und wie ich nun hier so still empfand, daß meine jetzt beginnende Einsamkeit die Buße dafür sei, drang Euer Singen mir ins Ohr, wie von einem ganz fremden Menschen her, der über mich ohnmächtigen Greisen zu spotten gedächte. Den wollte ich denn über den Burgwall hinabschleudern.« – »Das wär auch eine schöne Buße gewesen!« sagte Walther. Herr Hugh stand eine Weile beschämt, welches man selten an ihm zu schauen gewohnt war; dann fing er an: »Ich weiß nicht mehr, ob Ihr nun noch Lust und Mut habt, mit mir auf einen Becher Weins hereinzukommen?« – »Warum nicht?« entgegnete Walther. »Sänger verstehn sich schon darauf, mit edlen reißenden Kreaturen umzugehn.« – Und damit folgte er seinem ernsthaften Wirte in die Burg. Dreizehntes Kapitel Heerdegen und Bertha reisten viele Tage lang, und je höher sie gegen die nördlichen Küsten hinaufkamen, je still fröhlicher ward die Jungfrau, je unzufriedner der Jüngling. Sie fragte ihn einmal deshalb, und da sagte er: »Es ist ja doch um nichts besser, oder doch um nicht viel, als ob ich dich einem Kloster entgegenführte. Denn hat dich die stille Frau einmal, läßt sie dich gewißlich nicht so bald wieder fort. Und so wie ich dich kenne, mit deinem wehmütigen Blumenherzen, trachtest du aus den Mondscheinmauern auch wohl nimmer wieder heraus.« – »Nun, lieber Bruder,« entgegnete Bertha, »so geschieht mir ja nach meinem Willen, und das siehst du doch ohne Zweifel gern.« – »Es ist schade für die Welt«, murrte Heerdegen. »Zum Altare hätt' ich dich gern geführt.« – »Ei«, sagte Bertha, »Wir finden in der frommen Muhme Haus gewiß, was nur zum Gottesdienste taugt: Kapelle, Betstuhl, Kreuz und Altar.« – »Ich meinte aber was anders mit dem Altar«, entgegnete Heerdegen, und sahe schmollend auf die Hufe seines Rosses hinunter, während Bertha ihre halbgeschlossenen Augen und leiserrötenden Wangen auf der andern Seite nach den Blumen und Gräsern abwärts sinken ließ. Wenn sie nach solchen Gesprächen dachte, den Bruder zu erheitern, ihm zeigend, wie die Gegend mild werde, und friedlich mit sanftgehobnen, weichbegrasten Hügeln und grüner Hecken frischer Umkränzung, antwortete er wohl: »Das macht sich im hohen Sommer ganz hübsch. Laß nur den Winter herankommen mit seinem hohlen Sturmgepfeif zwischen die Hügel hin, mit seinem Schneetreiben, wenn es Hecken und Wege unter die kalte lockere Decke begräbt, und sieh dann, wie die einzeln rauchigen Wohnungen in der pfadlosen Wüste liegen, weit minder Häusern ähnlich, als heidnischen Gräbern, von denen ein trüber Scheiterhaufendampf durch die graue Luft hinqualmt, – da wirst du schon aufhören, des Landes Milde zu preisen.« – »Oben bei der Frau Minnetrost soll es ja nicht schneien und heulen?« fragte dann öfters Bertha, und Heerdegen antwortete verdrießlich: »Ja, ja, man sagt's; ich selbsten bin zu Winterszeit nicht dort gewesen.« – Dann zog er schweigend des Weges weiter, und je mürrischer er aussah, je mehr wuchs Berthas herzinnige Sehnsucht nach der sanften, geheimnisreichen Muhme, die aller liebefrommen Hulden kräftig war. Eines Tages war des Bruders Antlitz noch weit nachdenklicher, als zuvor, und Bertha meinte daraus abnehmen zu können, das Ziel ihrer Reise müsse ganz nahe sein. Ihr schlug das junge Herz vor träumerischem Erwarten, während Heerdegen gegen Abend fast ängstlich nach einer Herberge umherschaute, ohne doch etwas anders entdecken zu können, als einsam gelegne, moosige Bauerhütten. Beide Reisige sandte er hier und dorthin aus, und als sie nach einer ganzen Weile noch immer nicht zurück waren, hieß er die Führer der Saumrosse seiner auf der Stelle, wo man angehalten hatte, warten, und ritt mit Bertha nach einer andern Richtung suchend aus. Aber in den Gewinden von Hecken und kleinen Hügeltälern verlor man sich bald gänzlich, und die Sterne zogen golden am Himmel herauf, ohne daß die Reisenden ein Nachtlager antrafen, ja, ohne daß sie auch nur gewußt hätten, sich nach dem angegebnen Sammelplatze zurückzufinden. Da hielten sie plötzlich vor einer steilen Höhe, und der Bruder sagte: »Mein Gott, irr' ich mich, oder sind wir dennoch früher zur Stelle, als ich wollte? Wie gern, wie gern, o du liebe Bertha, hätt' ich dich erst morgen von der Hand gelassen. Sieh doch einmal recht scharf nach dem dunkeln Berge hinauf, ob denn wirklich eine Veste droben steht.« – Und im selbigen Augenblicke stieg der Mond hinter ihnen voll und goldig über die Hügel herauf, und die Fenster der Burg leuchteten vor seinem Scheine festlich hell in schöner, geordneter Reihe, und blanke Kreuze schimmerten von den Türmen gegen den Himmel empor, und ein süßes Tönen schlich die Gräser und Gebüsche herab, während Bertha sehnend ihre Arme ausbreitete nach der milden Herrlichkeit, ihr Bruder aber mißmutig mit der beerzten Faust gegen den Küris schlug. Da trat hinter einigen Birkenstämmen eine Frauengestalt hervor, weiß und schlank wie die Birkenstämme selbst, und auch eben so einen lichtgrünen Schleier um Haupt und Schultern hergehangen. Bertha dachte gleich, es müsse wohl Frau Minnetrost sein, und als nur der Schleier zurücke flog, und aus einem freundlich ernsten Antlitze gegen den Mond an zwei milde lichtbraune Augen, unschuldig und freundlich, wie die eines Rehes, strahlten, da ward sie ihrer Sache gewiß, und sank von ihrem Zelter herab, freudig weinend, vor der hohen Gestalt in das Gras. Auch Heerdegen vergaß alles Unwillens. Er stieg sittig vom Roß, neigte sich ehrerbietig gegen die Frau, und wollte ihr Berthas Gesuch anbringen. Aber sie sagte: »Ich weiß schon. Gerngesehenen Gästen geht man mit Freuden entgegen, und bis an die Burg, lieber Heerdegen, darfst du mit.« – Damit reichte sie beiden Geschwistern die Hände, und riet ihnen, sie möchten die Pferde nur hier grasen lassen; sie ständen in guter Hut. So schritten sie alle drei Hand in Hand den Schloßberg hinauf, und Frau Minnetrost sang unterweges mit höchst anmutiger Stimme:     »Was hat die gute Muhme? Sie hat, was nur Eu'r Herz begehrt, Hat Spiel und Fest und sichern Herd, Hat auch des Friedens Blume, Die ist den Menschen wert.     Ei, folgt der guten Muhme! Wenn gute Ding' Eu'r Herz begehrt: So blüht Euch Heil auf ihrem Herd, Und auch des Friedens Blume, Die ist dem Himmel wert.« Sie kamen vor der Burg an, und Heerdegen nahm ganz freundlich und ohne alles unmutige Widerstreben von seiner Schwester Abschied. Es war, als hätte er im Leben nichts von schroffem oder heftigem Wesen gewußt. Sie redeten ganz heiter miteinander ab, zu welchen Tagen er vor die Burg kommen solle, um Bertha zu besuchen. Dann wandelte er grüßend die Höhe hinab, und die Jungfrau schritt mit der lächelnden Muhme in die Burg. Ein klarer Weiher tat sich jenseits der wiedergeschloßnen Pforten vor den beiden Frauen auf, und wie sie in eine Barke stiegen, welche sie von selbst an die feierlichen Gebäude jenseits hinüberwogte, stand der Vollmond hell am Himmel, und sahe mit fast noch vermehrter Klarheit aus dem Gewässer herauf, seine goldne Herde von lichten Sternenfunken um ihn her. Und auf den Zinnen rings wehten und flüsterten im Nachtwinde die hohen weißen Blumen, von welchen Bertha ihren Bruder damals auf dem Krankenbett hatte erzählen hören. Sie sahe nun erst eigentlich was alle seine Worte gemeint hatten, auf dem stillblauen Spiegel des Sees schwebend, die Düfte der weißen Blumen wie ein süß verschlungnen Reigen um ihre Schläfe hin. Aus den Gebäuden klang es grüßend wie Cymbelklang und Harfenrauschen, und wie die Frauen ausstiegen, und die vielfach gewölbten Hallen entlängst wandelten, tönte der holde Laut immer vernehmlichen ihnen entgegen. Es war alles hell in der Burg, aber sehr mild, denn die Erleuchtung strömte einzig vom Vollmonde herab, der, in verschiednen Gläsern und Spiegeln kunstreich aufgefangen, die Gegenstände zumal wie mit einem schneeweißen verklärenden Teppich überzog. Eintretend in einen großen, von reichen Schwibbogen durchzogenen Saal, konnte nun Bertha sehen, woher die schöne Musika komme, welche hier mit ungehemmt wogenden Fluten einherdrang. An dem hohen Gewölbe nämlich kreiseten reingoldne Reifen über- und durcheinander, mit herrlichem Getöne sich berührend, und teils silberne Cymbeln klingen lassend, welche daran hingen, teils Harfensaiten streifend, die sich wie ein goldnes Netz zwischen den Pfeilern hinwebten. Da wußte Bertha erst recht, wie der entführten Braut zumute gewesen war, als sie vor diesen Himmelsklängen getröstet in Schlummer sank, und sich auf die weichen Teppiche zurücklehnend schwebte auch sie ins Land anmutiger Träume hinüber; wenn sie noch bisweilen zwischen Schlaf und Wachen aufsah, erblickte sie die goldnen Reifen im Kreistanz über sich, und das holde Mondscheinauge der sie bewachenden Drude. Vierzehntes Kapitel Ein Leben, zwischen kindlichen Spielen und höherer Weisheit schwankend, führte Bertha auf dem Schlosse. Sie stand wie auf einer Schwelle, und konnte sich doch mit süßer Behaglichkeit darauf lagern, von Lüften einer zwiefachen Welt angeweht. Die geheimen Künste der Muhme boten sich der Jungfrau willig zum Spielwerke dar, und deuteten doch immer zugleich auf unerhörte Heimlichkeiten in der Ferne. Wenn ihr Bruder vor die Burg kam, erzählte sie ihm gern über die blumigen Zinnen hinaus, wie wohl es ihr gehe, und was für unerhörte Wunder sie schaue. Er dagegen freute sich, daß ihr holdes Antlitz immer rosiger zwischen den weißen Blüten hervorblickte, und so schieden sie beständig in Zuversicht und Freude voneinander. Vor allem andern Zeitvertreib hatte Bertha einen wunderlichen Spiegel lieb, der zwischen unbekannten Zeichen in die Wand eines abgelegenen Gemaches eingefügt war. Als ihn ihr die Drude zum erstenmal zeigte, und den Vorhang davon zurücke zog, sagte sie: »Da bildre ein bißchen, Kind. Ich habe jetzt Hochwichtiges zu tun.« – Und wie nun Bertha allein vor dem Glase stehn blieb, wußte sie erst gar nicht, wie sie es mit dem Bildern anfangen sollte, aber sie ward dessen bald inne, denn ganz von selbsten fing es in dem Spiegel an zu leben von mannigfachen Gegenden, Tieren, Menschen und Gebäuden. Bald sah man in eine weite Meeresfläche hinaus, und Schiffe zogen drauf hin und her in Handel oder Krieg, unter heiterm Sonnenhimmel oder Nachtsturm. Dann wieder taten sich weite Kirchenhallen auf, und viele betende Menschen drin, oder große Marktplätze mit Schranken und turnierenden Rittern. Die sah aber Bertha weniger gern, denn sie mußte dabei an den Kampf zwischen dem Freiherrn von Montfaucon und dem Grafen von Walbeck denken, und wie viel sie dabei verloren hatte. Wieder wandelte der Spiegel seine Gestaltung in das Innere einer prächtigen Pfalz, und ein großer König saß auf dem Thron, und herrliche Frauen und Ritter um ihn her. So auch ließen sich mohrische Städte schauen, mit ihren seltsamen Einwohnern in langen, reichen Kleidern auf den Gassen. Woran aber Bertha vorzüglich gern ihre Augen weidete, das war eine einsame, es schien hoch nordliche Gegend, voll unerhörter Felsengebilde, und auf einer der höchsten Klippen eine alte, moosige Warte, und durch die Fenster der Warte schimmerte ein Lichtlein heraus, nur ganz dämmrig und verstohlen, aber es kam der Jungfrau vor, als müsse dorten ein wundersam stilles Glück zu finden sein. Sie hatte auch dessen gegen die Muhme kein Hehl; und diese sagte ihr oftmalen: »Was dir so wohl gefällt, liegt weit, weit von hier, hoch in das kalte Schwedenland hinauf. Ich reise auch bald hinüber nach der einsamen Warte; doch kann ich dich leider nicht mitnehmen.« – Diese Reden machten der Jungfrau die nordliche Felsgegend nur noch lieber, und nie lächelte sie anmutiger und zufriedener, als wenn sich ihr beim Bildern im Spiegel der alte Turm offenbarte und das einsame Klippengestein. Eines Abends spät war die freundliche Drude mit ihrem Pflegekinde noch hinaufgegangen auf einen alten Turm der Veste, wo nichts über ihnen war, als der klare Sternenhimmel, und wo die Lüfte der lauen Sommernacht, ungehindert vom Baum oder Gebäu, um sie her zogen, wie ein friedliches Meer. Da richtete die Muhme ihre Augen unverwandt in das golddurchfunkelte Blau, und es war, als sehe sie nicht nur, sondern als höre sie zugleich viel Herrliches von da oben herab. Bertha unterbrach endlich, leise flüsternd, das lange Schweigen, und sagte: »Ach, holde Frau, Ihr horcht ja fast auf, als vernähmet Ihr die Töne der kreisenden Goldreifen in Euren Sälen, und doch ist alles still.« – »Vernehme ich denn nicht die Töne der kreisenden Goldreifen?« entgegnete die Drude mit einem verzückten Lächeln. »Nur dir, mein arm uneingeweihtes Mädchen, nur dir ist alles still. Aber wie die Goldreifen bisweilen unten im Saale sich drehen, so drehen sich hier endlos oben am leuchtenden Himmelssaal die seligen Goldreifen, welche man Sterne nennt, und tönen in so wunderlieblichem Hall, daß jedes andre Getön davor zu Mißlaut wird und verstummen muß, und sei es das lieblichste, so die Erde kennt. Wer ihm recht eigen ist, dem Sternengetön, der hört's. Die andern müssen sich mit dumpfem Erstaunen begnügen, oder wenn es hoch mit ihnen kommt, erbarmt sich ihrer ein seliger Traum, und klingt es ihnen schlafend in das Gemüt.« Die Jungfrau aber sah ihre Muhme mit einem seltsamen Blicke an, denn sie hatte schon seit geraumer Zeit mehr Verlangen nach den geheimen Zauberkünsten empfunden, als Schauder davor, und war nun im Begriffe, die Drude zu bitten, sie solle sie einweihen in all das viele Wunderbare, welches sie hier umgebe. Aber Frau Minnetrost warf einen noch weit seltsamern Blick zurück, davor sich Bertha sehr entsetzte, und ihr mit einem Male alles wieder furchtbar in die Sinne treten mußte, was ihr jemals an den magischen Erscheinungen unheimlich vorgekommen war. Die Muhme indes starrte sie immer ernsthafter und durchbohrender an, und sagte endlich: »Kind, Kind, törichtes Kind, warum wolltest du bitten? Vermeinest du denn, weil du mit jenen wunderlichen Geheimnissen spielen darfst, es seie überhaupt nur ein Spiel damit? Wem es Gott eröffnet hat, der muß die ernste Bürde tragen, weil er nun einmal dazu geordnet ist. Kein andrer aber strecke die Hände darnach aus. Wehe, sehr wehe, tut oftmals diese Last. Ach, Kind, glaubst du denn, ich hätte immer hier gewohnt? Immer so einsam und unverstanden? Nie mit einem Namen wie andre Menschen geheißen? Ach nein, ach nein! Ein glückseliges Leben habe ich geführt, und mein geheimes Wissen hat es zerstört, obzwar ohne meine Schuld. Nun nennen sie mich Minnetrost, und ich habe für die Minne vieler Leute Trost; für meines eignen Lebens Minne hab ich keinen mehr.« – Damit fing sie mildiglich zu weinen an, und legte ihr Haupt, wie tränenmüde, an der Jungfrau Brust. Das ging recht wehmütig süß durch Berthas Herz, denn sie hatte ihre wundersame Muhme bis jetzt nur immerfort in stiller Heiterkeit gesehn, wie einen leuchtenden Mond, und nun ward es ihr erst recht klar, daß auch sie ein menschliches, Leid und Freud empfindendes Wesen sei, und sie konnte gar nicht ablassen, sie auf das liebevollste an sich zu drücken, und mit ihr zu weinen, und zu ihr zu sagen: »Ach liebe, liebe Muhme, wie so gar unaussprechlich habe ich Euch lieb!« – Frau Minnetrost aber richtete sich mit freundlichem Ernst wieder empor, und sprach: »Wenn du mich denn so lieb hast, mußt du es auch hübsch darnach einrichten, daß wir beisammen bleiben können. Siehe, ich reise nun auf eine ganze Zeitlang von hier, hoch nach der nordischen Warte im Schwedenlande hinauf, die du bei deinem Bildern so gerne siehst. Zwar reise ich wohl schneller, als andre Menschenkinder zu tun pflegen, aber weit ist doch immer die Fahrt, hochwichtig das Geschäft, unsre Trennung lang! Da halte dich nun derweile recht still und eingezogen daheim; siehe auch nicht aus den Fenstern, noch minder über die Zinnen hinaus, wenn ich dir raten soll. Auch wird dein Bruder in dieser Zeit nicht vor die Tore kommen; ich hab' es ihm durch einen Boten angesagt. Doch sollst du dich gar wohl ergötzen: der Bilderspiegel wird dir schöne Dinge zeigen, hell dich die Goldreifen umtönen, und Blumen und Weiher und alles wird dir dienen, als wär ich selbsten hier. Doch, liebes Kind, zeuch nicht den Vorhang von dem Spiegel mit deiner Hand zurück, bring nicht mit deiner Hand die Goldreifen in Bewegung, berühre mir die Blumen nicht. Wenn du von irgendwo was begehrst, so sing in deine Laute, oder spiel' auch nur darauf, und es wird kommen. Geduld, mein liebes Kind, und Sanftmut, und Gehorsam! Dann bleiben wir beisammen, und alles wird bald unaussprechlich gut!« Dabei küßte sie die staunende Jungfrau, und begab sich schweigend in ihr Gemach. Am folgenden Morgen suchte Bertha nach der Muhme in der ganzen Burg vergebens. Funfzehntes Kapitel Verschiedene Tage der Einsamkeit waren an Bertha still und friedlich vorüber gegangen. Alle die wunderbaren Töne und Gebilde hatten auf das Anmutigste mit ihr gespielt, und indem sie die Sorge für Garten und Wirtschaft und Küche ganz allein übernahm, ward ihr doch alles vor unsichtbaren Begünstigungen so leicht, daß es minder Geschäfte zu sein schienen, als artige Spiele, mit zu den andern gehörig. Da ließ sie sich eines Nachmittags von der Barke auf dem tiefblauen Weiher umherwogen, und die Sommerlüfte spielten erquickend um Stirn und Wangen der holden Schiffenden. Zugleich hielten sonndurchblitzte Wölklein ordentlich einen Reigentanz am Himmel, und viele Vögel flatterten auf die Zinnen der Burg, sahen zwischen die weißen Blumen herein, und schwangen sich dann wieder jubelnd und tirilierend, wie trunken von Lust und Freiheit, durch die heitre Tagesbläue hin. Es war, als wolle ihr das alles zusammen etwas von draußen erzählen, und sie ermuntern, doch wenigstens einen einzigen Blick in die lustige Weit hinaus zu tun. »Was könnte es denn am Ende auch schaden?« sagte sie zu sich selbst. »Es ist die Frage, ob ich überhaupt die Muhme mit ihren Warnungen recht verstanden habe. Auf die Erde hinauszublicken, für die mich Gott erschaffen hat, kann mir doch unmöglich irgend jemand verbieten wollen.« – Und fast so schnell, als der Gedanke gedacht war, hatte auch Bertha die goldhelle Barke zum Ufer zurücke gewandt, und weil sie ja doch weit minder über die Zinnen als zu den Fenstern hatte hinausschauen sollen, erwies sie sich, wie sie meinte, recht gehorsam, ging vor den lockenden weißen Blumenwarten vorbei, und in ein Gemach, von wo sie wohl sonst, wenn sie mit ihrem Bruder an den Zinnen sprach, die Muhme hatte herausblicken sehen. Das Kämmerlein enthielt auch weiter nichts Heimliches, und Bertha hatte alsbald das buntbemalte Glasfenster geöffnet, und schaute über das weite grüne Land dahin. Eine sehr vergnügliche Aussicht tat sich von hier über fruchtbare Wiesentäler auf in das nahe Meer hinein, auf dessen windstillem Spiegel die Sonnenstrahlen ihr leuchtendes Spiel trieben, ein nahes buschiges Eiland, wie mit goldblauen Gluten umkränzend. Bertha fühlte sich nach dem Eilande von einer tiefen Sehnsucht hinübergezogen; sie dachte, ohne zu wissen warum, Otto müsse darauf wohnen, und sich eine blühende Siedlerhütte unter den Schatten gebaut haben, in gänzlicher Vergessenheit der prächtigen Gabriele, und im stillen Harren und Hoffen nach seiner ersten Minne. Es kam ihr das alles immer wahrhafter und notwendiger vor; sie meinte schon zu wissen, wie der Boden zwischen den Gesträuchen durch Ottos Pflege hell und duftig erblüht sei, und wie zierlich geordnete Pfade sich weißleuchtend durch die Pflanzung hinschlängen. Bald darauf schwebte ein Nachen heran, der zwischen dem Eilande und der Küste hin und her wogte im Sonnenglanze, und die Gestalt ihres Bruders in dem Fahrzeuge ward ihr mit jedem Augenblicke kenntlicher an Wuchs, Bewegung, und Farbe und Schnitt der Kleidung. – »Mein Gott«, dachte sie, »sollte der wohl Otto gefunden haben auf der Insel, und sich mit ihm versöhnt, und mich nun hinüberrudern wollen zu ihm?« – Dabei kam es ihr ganz deutlich vor, als winke Heerdegen mit einem weißen Tuche nach ihr; aber wie sie eben das ihre faßte, den Wink zu erwidern, erschrak sie vor der Versuchung und schlug das Fenster zu. Mit tiefer Wehmut dachte sie an ihre gütige Muhme, und wie sie am Abend vor der Abreise so herzensfromm und betrübt gewesen sei, und sie mußte bitterlich weinen, daß sie deren Rat und Bitten auch nur Augenblicks habe ungetreu werden können. Dennoch, – so schwach in der Versuchung sind wir arme Menschen! – ließ die Lust nach dem Eiland und dem Nachen keinesweges von ihr ab, und um sich selbst vor sich selbsten sicher zu stellen, sagte sie mehrmals laut: »Törichtes Zeug! Ich habe gottlob! ja nicht einmal die Schlüssel zum Burgtor.« – Da ward es plötzlich in ihr ganz klar, daß sie recht gut wisse, wo sie liegen, und ihre Bangigkeit stieg so hoch, daß sie sich auf keine Weise mehr zu raten und zu helfen wußte. Ängstlich nach Zerstreuung suchend, vor ihrem eignen Wollen in übereilter Flucht, rannte sie nach dem Gemach, drinnen der Spiegel mit den Bildern eingefugt war. Sie streifte unterweges an einen Sessel, worauf ihre Laute lag, und die freundlichen Saiten klangen ihr nach, als wollten sie ihr zurufen: »Nimm uns doch mit, du sollst uns ja klingen lassen, wenn du etwas von den schönen Wunderdingen willst!« – Aber Berthas aufgeregter Sinn hatte für solche leise Sprüche jetzo kein Gehör, sie stürzte atemlos in das Gemach, und so ernst und feierlich auch der blutrote Vorhang vor dem Spiegel in schweren Falten herunter hing, faßte sie ihn dennoch in wilder Vergessenheit an, und riß ihn heftig vor dem magischen Glase zurück. Und auf der geheimnisreichen Fläche wogte es, und dunkelte es, wie ein ungeheures Meer, wie ein Schaffen, das noch in den ersten Regungen begriffen sei, und nur unversehens, aller schonenden Hüllen beraubt, hervorgerissen werde an den Tag, davor es sich abscheulich entsetze, und sich ineinanderkräusle zu allerhand Ungestalten des Abgrunds. Bertha wollte es wieder mit dem Vorhang verhüllen, aber so, wie sie nur die zitternde Hand erhub, fing das Drehen und Wirbeln einen zwiefach grimmigen Kreislauf an, und sie blieb entsetzt, und festgebannt, und zweifelnd stehen. Endlich trat eine Menschengestalt in dem Spiegel hervor, aber sie war sehr bleich und sehr verzerrt von wildestem Zorn. Und wie sich es auch Bertha ableugnen wollte, sie mußte dennoch ihren Bruder Heerdegen darin erkennen. Über seinem Kopfe saß etwas mit zwei ungeheuern goldfarbigen Geierflügeln; sie wußte nicht, trug er einen Helm von so wunderlicher Gestaltung, oder war es ein Geier selbst, der ihn vielleicht mit seinem scharfen Schnabel so bleich gehauen hatte. Wie sie noch darüber nachsann, kam ein Frauenbild in dem Spiegelglase zum Vorschein, das war sehr blutig, und recht hinschauend, mußte Bertha mit ungeheuerm Entsetzen aufschreien: »Herr Gott, das bin ich ja selbst!« – Und gejagt von dem Bilde, gejagt von dem Klange ihres eignen Rufes, stürzte sie sträubenden Haares aus dem Gemach, in den Saal hinein, wo die Goldreifen hingen. Starr und regungslos hingen sie da, wie von unsichtbaren Banden gehalten, ohne den leisesten Ton, und Bertha hätte um alles jetzt das lauteste Schallen von ihnen begehrt, denn in dem nahen Gemache regte es sich wunderlich, als seien die Bilder aus dem Spiegel los, und übertäuben, überjubeln sollten die Reifen jenes schauerliche Geräusch, und die drückende Angst in der Jungfrau eignen Brust. Da dachte sie wohl daran, daß sie mit Lautenklängen oder mit Gesang erheischen solle, was sie von diesen Zaubereien verlange. Aber der Gesang war ihr wie eingefroren in Schreck und Bangen, die Laute lag fern jenseit des unheimlichen Spiegelgemachs. Ohne Wahl riß das Entsetzen Berthas Hand zu einem der nächsten Reifen hinan, und zu drehen begannen sich alle, und zu tönen, aber wie mit dem Tone des Sturmes und Donners, ein heisres Brüllen als von wilden Tieren zwischendurch; Schwertergezische klirrte hinein, und ein jämmerliches Wehklagen, wie von qualvoll sterbenden Sündern. Endlich kreisten die Reifen schneller und schneller, gräßlicher heulte der Lärmen, ein wüstes Lachen schmetterte hindurch, Berthas Haupt begann zu schmerzen und zu schwindeln, und da pochte es an die Tür vom Spiegelgemache her. Bertha meinte, sie werde sich nicht enthalten können, Wer da? zu rufen, und dann werde es ihr mit ihrer eignen Stimme antworten: »Ich selbst!« und sie werde dann sich selbsten hereintreten sehn, blutig und sehr verzerrt, durch die furchtbare Tür, und mit offenen Armen grinsend auf sich zu – im halben Wahnsinn stürzte sie aus den Gebäuden, und über den Burgplatz hin nach den Toren zu, pfeilschnell die Ufer des Weihers entlängst. Der zischte wie kochendes Wasser himmelan, und überhaupt sah alles verwildert und seltsamlich aus; unter anderm waren die mehrsten Blumen blutrot geworden, und schwankten wie ungeheure Flammen von den Zinnen herab, und schlugen auf die Flüchtige los. Wie stieg aber ihr Entsetzen, als sie sich dem Ausgange nahte, und ihr einfiel, daß sie die Schlüssel vergessen hatte. Sollte sie nun durch alle die wunderlichen Greuel wieder darnach zurück? Sie fühlte wohl, das ging nicht, denn sie wäre toll davon geworden. Und so rannte sie immer dem Tore zu, ängstlich nach ihrem Bruder rufend, ob sie gleich wußte, der könne ihr in diesen Mauern nicht helfen. Aber die Pforten standen auf, weit auf, obgleich sie sehr schwankten, und mit ungeheurer Schwere in jeglichem Augenblicke zusammenzuklappen drohten, zerschmetternd, was sich zwischen sie hineingewagt hätte. Dennoch faßte die Jungfrau einen Mut, und rannte gestreckten Laufes zwischen durch, und kaum war sie hinaus, da fielen die ehrnen Flügel mit betäubendem Gerassel hinter ihr zusammen, so daß sie im Entsetzen vor einem so nahen, kaum überstandenen Augenblicke des Zermalmens noch pfeilschneller den Hügel hinunterflog, unten aber in völlig ohnmächtiger Erschöpfung zu Boden sank. Sie hörte nur noch, daß von allen Seiten ein wildes Waffengetös sich erhub, und merkte, wenn sie bisweilen wieder zu sich kam, daß ihr Bruder sie in seinen Armen trug, und wie zu sich selber sagte: »Wir müssen machen, daß wir in den Kahn gelangen, und nach dem Eiland hinüber. Das Volk ist hier ganz toll worden vor dem Spuk auf der Burg.« – Dann flüsterte Bertha, ihrer vorigen Ahnungen gedenkend: »O nach dem Eiland; o ja, nach dem lieben Eiland hinüber!« schloß aber alsbald die ermatteten Augen wieder zu. Sechzehntes Kapitel Erwachend fand sie sich auf dem Rasen liegen, ihren Bruder neben sich kniend, und mit ängstlicher Sorgfalt um sie beschäftigt. Noch immer tönte ein verworren wildes Geräusch in ihr Ohr. Sie richtete sich in die Höhe, und sah, daß es staubig und waffenblitzend auf dem festen Lande tose, von welchem sie durch einen Arm des Meeres geschieden war. Der Nachen schaukelte sich angelegt zu ihren Füßen. »Gottlob, daß wir auf der Insel sind!« sagte sie zu ihrem Bruder, und Heerdegen erwiderte: »Ja freilich ist es recht gut. Denn vor dem wilden Donnern und Stürmen von der Mondesburg herab, hat sich das ganze Land in Waffen erhoben, teils um die Drude, welche sie gefährdet glauben, zu retten, teils um den eigenen Grimm, dieweil es ja selbst vom Sitze des Friedens hertoset, desto ungehinderter gegeneinander austosen zu lassen. Das ist nun fürder dort kein Wohnungsplatz für zarte Fräulein mehr, und wir müssen trachten, wie wir weiter von hinnen kommen.« – »Warum denn von hinnen?« fragte Bertha, »Warum denn von diesem Eilande weg? Hier blühet gewißlich Frieden und Liebe und Versöhnung, und alles, was man nur auf Erden wünschen kann. Folge mir nur, ich weiß Bescheid.« Und damit schritt sie in die tiefgrünen Schatten der Gebüsche hinein; überzeugt, sie müsse Otto und seine Siedlerhütte finden, der frühern Gaukelei ihrer Wünsche gemäß, welche sie mit den weissagenden Gebilden des Spiegels verwechselte. Heerdegen mochte wohl glauben, sie habe wirklich ein geheimes, wohltätiges Wissen mit aus der Burg gebracht, und ging ihr staunend nach in die Verschlingungen des unwirtbaren Forstes hinein. Aber da sahen sie nichts von geebneten Gängen, nichts von zierlich gepflegten und geordneten Blumen, nichts überhaupt, was den Sinn und die Hand einsam sehnender Liebe verraten hätte. Eifriger und erhitzter drang Bertha vor; sie stand fast im Begriff, nach Otto zu rufen, nur daß Scham und Furcht vor dem Bruder ihre Zunge band. Während dessen wanden die Gezweige der Bäume sich immer dunkler zusammen, die Wurzeln liefen wilder und kühner über den feuchten Boden hin, Schlangen und andre Untiere raschelten, von den ungewohnten Menschentritten erschreckt, scheu durch das hohe Gras. Da blitzte schon das Meer von der andern Seite wieder herdurch, und seinen Strand ereilend fand Bertha nur eine noch wildere Gegend, wo auf alten Runensteinen und Grabhügeln die Abendsonne ihre Scheidelichter wehmütig spielen ließ, wehmütig die Seelüfte im Moose rauschten, das über den grauen Denkmalen hervorgeschossen war. Weinend sank die getäuschte Bertha auf einen der verwitterten Steine hin, und rief in schmerzlicher Ergebung aus: »So war es denn nichts, als ein Grab?« – Je mehr nun ihr Bruder mit Fragen in sie drang, je bitterlicher mußte sie weinen, die Beschämung über ihr voreiliges Hoffen und dessen Vereitelung mit gleich heftigem Jammer empfindend. Heerdegen fing, in seiner Betrübnis und Ungewißheit über die Tränen der Schwester, auf die Muhme zu schelten an, die gewiß mit ihren tollen Zauberstücken das Gemüt der Jungfrau so wunderlich verwirrt habe. Da tat sich mit dieser Erinnerung eine neue Quelle schmerzhafter Tränen für Bertha auf. Mit all ihrer feierlichen Milde, mit ihrem Weinen am letzten Abende, mit ihren zärtlich warnenden Bitten stieg Frau Minnetrost vor dem Geiste des Mägdleins auf, und die Reue über das verletzte Versprechen, wie auch über das verlorene Glück, welches die Drude als nahe bei ihrer Heimkehr angedeutet hatte, löste die arme Bertha fast ganz in Wehmut auf, und machte ihren Bruder mit jedem Augenblick ungeduldiger. Da hörten sie dicht neben sich ein helle und liebliche Frauenstimme erklingen, welche ungefähr folgende Worte sang: »Beeren glührot, Blätter grün Brauen grimmen Heldentrank.« Und aufblickend gewahrten sie einer hohen, schlanken Gestalt, die am Ufer umherging, bisweilen sich nach dem Grase bückend, oder Laub von den Zweigen streifend, und alles in einen glänzenden Becher einstreuend, den sie unter dem Arme trug, und der wie ein großes goldnes Horn anzusehen war. Reiche blonde Haare wehten über den Nacken und die Schultern der Wandelnden hin, zugleich ihr das Antlitz, weil sie suchend nach der Erde sah, verhüllend. Ein reichgesticktes Gewand, wie nur vornehme Frauen es tragen, aber nachlässig gegürtet und wie zum Reisen aufgeschürzt, schmiegte sich um ihre zarten Glieder, von ihren Hüften hing ein schönes leuchtendes Schwert herab, Köcher und Bogen über ihren Rücken. Sie sang und suchte emsig fort, während die beiden Geschwister ihres eignen Leides und Unwillens vergaßen, um die herrliche Erscheinung zu betrachten, und auf die seltsamen Worte ihres Liedes zu horchen, welches in ganz ungewohnten Weisen klang, und von einem Zaubertranke handelte, der Helden grimm mache zur Schlacht, und ganz unüberwindlich, als nur vor bezauberten Waffen. Jeder Absatz schloß aber mit langsamen milden Klängen, und in einen weichern Ton übergehend. Er hieß etwa also: »Aber zögernd trink, mein Zecher, Zaubermet ist wild. O hüt dich!« Als sie sich eben wieder nach dem Grase gebeugt hatte, rief Heerdegen unwillkürlich aus: »O Gott, wie muß ihr Antlitz schön sein!" – Da sprang sie fieberschnell in die Höhe, wie eine starkgebeugte junge Tanne, die plötzlich ihre Bande zersprengend gegen das Himmelblau wieder emporfährt. Und sonnengleich strahlte die wunderbare Schönheit ihrer Züge durch die finstre Gegend. Aber der Zorn funkelte alsbald aus den großen blauen Augen. Drohend blickte sie nach den Geschwistern herüber, und rief: »Ihr habt mich gestört! Wozu der günstige Abend nun! Wozu der herrlichen Zauberkräuter reiches Blühn!« Und zürnend schüttelte sie das Goldhorn, daß dessen würziger Inhalt zerstreut über die Gräser hinflog. Heerdegen wollte sich ihr entschuldigend nahen. Da blinkte die helle Klinge rasch in ihrer schönen Hand. Sie winkte ihn zurück damit, und schritt feierlich in einen Nachen, der sie vermutlich kaum erst hergetragen hatte, und den sie nun geübten Armes mit Ruderschlag in die weite Meeresfläche hinaustrieb; bald darauf hinter einem nahen Hügelgehölze verschwindend. Die Geschwister sahen ihr staunend nach, und als sie nach einer Weile anfangen wollten, sich über die seltsame Erscheinung zu besprechen, fuhr Bertha überrascht in die Höhe, und rief: »Ach Bruder, was sind das für wunderliche Masten dort im Wald?« – Und hinschauend ward Heerdegen statt der Masten gewaltige Hallebarten gewahr, welche über das minderhohe Gezweig hervorragten. Gleich darauf traten viele der Männer, welche sie trugen, aus dem Schattendunkel des Forstes heraus: riesengroße Gestalten, mit gewaltig klirrenden, schweren Panzerplatten überdeckt, und große, erzbedeckte Schildränder an ihren linken Schultern. Heerdegen sprang empor, und blickte forschend, die Hand am Schwertgriff, nach der andern Seite um, von welcher eine eben so furchtbare Menge gewaffneten Volkes angezogen war. Ein bildschöner junger Mann, im goldfarbnen Harnisch, von seinem sehr hohen Helme zwei ungeheure, goldgetriebne Geierflügel hervorragend, trat aus dem Gewirre der Schar auf den Platz heraus, zeigte mit einem mächtigen Wurfspeer in seiner Rechten auf die Geschwister und sagte: »Bringt sie nach unsern Schiffen.« – »Was wollt Ihr mit freigebornen Leuten?« rief Heerdegen, und das Schwert in seiner Faust leuchtete den Fremden entgegen. »Tritt hinter mich, Bertha! Und wer sich von euch zuerst heranwagt gegen uns, hat sein Leben verspielt.« – Da richteten sich eine Menge von Wurfspeeren in nervigen Händen gegen den Jüngling, aber der Anführer rief – »Laßt ab! ich will sie lebendig.« – Und die Wurfspieße senkten sich, aber die Schilde reiheten sich zusammen, wie zu einem kunstreichen, wandelnden Gebäu, und immer enger und enger schloß sich der eherne Reihen um Heerdegen und Bertha her. – »Pfui des Mißbrauchs der Übermacht!« rief der bedrohte Jüngling. »Hättest du Goldgeharnischter dort ein kühnes Herz, und wärst ein Rittersmann, wie ich, die Fehde nähme bald einen andern Gang.« – »Halt!« rief der junge Führer, und die vordringenden Erzriesen standen wie regunglos. Dann trat er selbsten in den Kreis, stellte sich Heerdegen gegenüber, lehnte sich auf den Griff seines großen Schwertes, und sprach: »Was wolltest du denn da sagen, du wärst ein Rittersmann? Du bist ja ohne allen Harnisch.« – »Zog ich denn aufs Kämpfen aus?« entgegnete Heerdegen. »Ich fuhr mit meiner Schwester zu Abend von der Küste herüber. Wer dachte an Überfall!« – »Ihr hättet doch dran denken sollen«, antwortete der Fremde. »Habt ihr mir meinen Zins vorenthalten, so nehm' ich dafür im Vorübersegeln von eurem Strande, was mir gefällt; ihr beide gefallt mir, obgleich du auch in Wams und Barett nicht prächtig angetan bist, wie eure Häuptlinge doch sonst zu tun pflegen.« – »Zu den Häuptlingen des Landes gehör' ich nicht«, sagte Heerdegen. »Ich bin ein fremder Rittersmann, und halte nichts auf Schmuck und Zier.« – »Das seh ich wohl«, hohnlachte der Führer, »und wer weiß überhaupt, wie es mit deinem Rittertum angetan ist! Fangt ihn ein, Landsleute.« – Die ehrne Mauer engte sich wieder, langsam vorschreitend, zusammen. – »Halt!« rief Heerdegen mit so erschütternder Stimme, daß die eisernen Gestalten abermals standen, wie auf das Gebot ihres Herrn. »Ich erkenne euch für Normänner«, fuhr er fort, »an Sprache, Gestalt und Tracht. Normänner sind tapfre Degen, dem Zweikampf hold und jeglichem ehrbaren Wagstück. Ich rufe dich auf, du Führer dieser Schar, prob' dich mit mir in Waffen. Der Obsieger mag entscheiden, was aus mir und meiner Schwester werden soll!« – »Ja, das ist ein andres«, sagte der Führer. »Hier wird's nun ein ordentlicher Holmgang, wie wir bei uns die ernsten Zweikämpfe nennen, die wir auf Eilanden ausfechten. Gebt Raum, ihr Kriegsleute, denn jetzt sehe ich wohl, daß hier ein echter Rittersmann vor uns steht, und steckt uns den Rund zum Gefechte ab. Du aber, fremder Degen, kannst du die Waffen unsres Volkes führen? Das ist eine Hauptsache, denn ich habe keine andern bei mir.« – »Siehst du mich für ein Knäblein an?« sagte Heerdegen. »Ein Kriegsmann, der so lange im Nordland umhergereist ist, als ich, wird doch wohl vor allen Dingen Nordlands Kampfessitte gelernt haben, und verstehn, eure großen Schilde zu schwingen, und eure gewaltigen Speere zu werfen.« – Da sorgte der Führer alsbald, daß schöne Harnische und Helme und Schilde herbeigeschafft wurden, und auch die besten Wurfspieße, die man im Schiffe fand, und ließ unter allen seinem Gegner die Wahl. – »Schwerter«, sagte er, »heiß ich dir nicht bringen, dieweil ja ein eignes an deiner Hüfte klirrt, und ein solches ist doch immer uns Fechtern der allerbeste und zuverlässigste Freund.« Während sich nun Heerdegen mit der Beihülfe des normännischen Helden waffnete, sprach dieser: »Siehst du nun wohl, daß ich ein ehrlicher Ritter bin? Ich wußte nur anfangs nicht so recht gewiß, ob ich auch an Geburt und Kampfrüstigkeit meinesgleichen vor mir hätte. Sonsten, wenn du viel in den Nordlanden gereiset bist, kann es dir nicht unbekannt geblieben sein, daß wir Seeritter nicht nur zu siegen wissen, sondern zu schonen und den Gegner zu ehren auch.« »Ich weiß wohl«, entgegnete Heerdegen, »und in dieser Zuversicht rief ich dich um den Zweikampf an. Aber nun sage mir vor allen Dingen, Kampfgesell, ob dich die schöne Jungfrau mit dem Goldhorn und dem Ritterschwerte zur Rache gesandt hat, weil ich sie in dem Sammeln ihrer Kräuter und Beeren und Blätter gestört?« »Ich weiß nicht, was du mit deiner schönen Jungfrau willst,« antwortete der Seeritter. »Außer dem holden, zitternden Bilde dort, welches du deine Schwester nennst, weiß ich von keiner schönen Jungfrau weit und breit. Da mußt du mir ordentlich erzählen, was du damit meinst.« – Und kaum daß Heerdegen von der wunderbaren Erscheinung Bericht abgestattet hatte, so kehrte sich der Normann zu einigen Kampfgenossen, die in seiner Nähe standen, und rief aus: »Denkt einmal, Gerda ist hier gewesen, und kaum vor einer halben Stunde, und hat hier Zauberkräuter gesucht! Was mag das wohl bedeuten sollen?« – Die Befragten schüttelten unzufrieden und schweigend die Köpfe, und wurden, als sie eben ihre Meinung kundgeben wollten, daran verhindert, weil ein junger Kämpfer herangesprungen kam und sagte: »Ja, was ist hier zu fragen und zu besinnen! Wer sich noch bei den letzten Sonnenlichtern schlagen will, der mache schnell, und grüble nicht lange. Bleibt er leben, so hat er nachher noch Zeit zum Überlegen genug, fällt er, so steht ihm die Neugier nicht mehr an.« Und weil nun Heerdegen bereits vollkommen gerüstet war, auch einen Spieß und Schild sich ausgesucht hatte aus dem Haufen, schritten die zwei Fechter in das Rundteil hinein, welches die Geübtesten unter den Kriegsleuten indessen nach nordländischer Sitte genau abgemessen, und mit eingesteckten Haselruten bezeichnet hatten. Jeden der beiden Kämpfer führte ein eisgrauer Degenheld an seinen Platz, drückte ihm die Hand, sagte: »Halt dich gut!« und ließ sie dann einander gegenüber allein. Die Speere hoch, die Schilde zur Deckung vor die Brust gehalten, begannen die Fechter langsamen, gemeßnen Schrittes in derselben Entfernung umeinander her zu gehn, immer an den Grenzen des Kreises hin, jeder eine Gelegenheit zum Wurf erspähend. Wohl bemerkte Bertha mit heißem Erbangen, daß ihrem Bruder dies fremde Gewaffen ungewohnt sei, daß er sich unter der Riesenwucht des Schildes unbeholfner als sein Widersacher bewege, und den ungeheuern Wurfspeer nur mühsam und prüfend ins rechte Gleichgewicht zu bringen wisse, dagegen der Seeritter sein Lanzengeschoß leicht, wie ein zieres Stäblein, in der Rechten schwang. Aber Mut und besonnene Freudigkeit am Kampf loderte zu gleichen Parten aus der beiden Streiter Augen. Wären die Lichter der Blicke Pfeile gewesen, die Ritter hätten allzwei durchbohrt auf den Rasen fallen müssen. Bisweilen schwang einer von ihnen den Speer, man mußte denken zum entscheidenden Fortschleudern, – dann aber war es nur ein Versuch gewesen, den Gegner zum übereilten Wurfe, oder zu irgend einer unvorsichtigen Wendung des Schildes zu locken, und fürder harrend und starr schritten sie ihren feierlichen Mordtanz umeinander herum. Da sausete plötzlich Heerdegens Speer durch die Luft, und zugleich drehte der Nordmann sein riesigleuchtendes Schild, wie einen wirbelnden Mond, fing das Geschoß mit der festen Mitte der Schutzwaffe auf, und schleuderte es so im Bogen geschnellt gegen den Werfer zurück. Und zugleich zischte auch seine Lanze fort und fuhr durch Heerdegens Schildrand mit so krachender Gewalt, daß sie den überraschten Fechter, eben da er zum Schwerte fassen wollte, mit sich zur Erde riß, den Schild in den rasigen Boden einpfählend. Noch eh' sich der Gesunkne davon losmachen konnte, war ihm der Seeritter gewaltigen Sprunges, wie ein geflügeltes Raubtier, auf dem Nacken, hielt ihm mit einem geschickten Griff beide Arme gegen den Rücken zusammen, und gewann gleich darauf mit der einen Hand des Schwertes Knauf, das er aus der Scheide riß, und weit über den Kampfesrund hinausschleuderte. Während dieses Ringens sang er mit lauter, fröhlicher Stimme: »Hat den kräftigen Holmgang Heiß gekämpft der Nordmann, Kniet noch kaum sich regend Fremder Kämpfer lautlos!« Bertha aber sahe mit wachsendem Entsetzen, wie ihr Bruder erlag, sahe, wie die goldnen Geierflügel vom Helme des Siegers über das zornbleiche Antlitz Heerdegens hervorragten, und des gräßlich erfüllten Gesichtes im Zauberspiegel gedenkend, schrie sie laut auf: »O Geier, o mächtiger Geier, so schone des edlen Wildes!« – Da lächelte der Seeritter freundlich gegen sie empor, und sagte: »Ich tu' ihm nichts.« – Dann neigte er sich wieder zu Heerdegen, sprechend: »Du bist wehrlos. Willst du dich geben? Dann hast du's mit einem ehrlichen Feind zu tun.« – Heerdegen senkte in Beschämung und Ingrimm sein Haupt. Da ließ ihn der Nordmann los, ging lächelnd zu Bertha, und sprach: »Laßt es euch beide nicht gereuen, daß ihr mich eine Zeitlang begleitet auf meinen Fahrten durch die salzige Flut. Ich hab' Euch rühmlich gewonnen, und es ist für Euch und ihn nichts weiter, als hättet Ihr noch einen Bruder dazu. Der ist aber freilich der älteste, oder gilt doch dafür, und da müßt Ihr hübsch folgen, wie er's gebeut.« Dann kehrte er sich zu seinem Gefolg, und rief: »Boot heran! Segel bereit. Wir müssen heut noch viele Meilen schiffen beim Sternenlicht.« Und noch war die Sonne kaum ganz hinab in die Flut, da fuhren die Geschwister schon mit der Flotte des Seeritters, – drei schnelle, wunderlich gebaute Fahrzeuge waren's, und sie mit ihm in demselben Schiffe, – auf und davon. Bertha aber stand auf dem Verdeck, und mußte bitterlich weinen, wie die Abendnebel am verschwindenden Ufer sich kräuselten, und mit ihren weißen Armen nach ihr zu fassen schienen, wie abgesandt von der verlassenen freundlichen Drude. »Ich käme ja gern, ich käme ja gern«, sagte sie leise unter ihren quellenden Tränen. »Ich kann ja nicht wieder zurück.« Eine weiße Taube flog girrend über sie hin, und die Küste verschwand in den Schleiern der Dunkelheit und des Meeres. Siebzehntes Kapitel Einige Zeit, nachdem sich die letzterzählten Begebenheiten an dem Strande der Nordsee zugetragen, saßen Otto und Tebaldo in der Mitte des schönen Landes Frankreich unter den Schatten eines tiefdunkeln Forstes auf schwellendem Rasen beieinander. Die Sonne stand hoch am wolkenleeren Himmel, und schickte, ohne die Kühlung zu unterbrechen, nur heiter spielende Lichtlein durch das saftgrüne Laubengezweig. Die Rosse der beiden Gefährten graseten friedlich nebeneinander, denn des Ritters lichtbrauner Hengst hatte sowohl den gelben Polacken als dessen Herrn auf der langen Reise kennengelernt, und tat keinem von ihnen mehr etwas zuleide. Während nun Otto in ernsthaften Gedanken rückwärts gelehnt durch das Waldesgrün emporblickte nach dem Himmelblau, ergriff Tebaldo eine zierliche Mandoline, welche er immer mit sich zu führen pflegte, stimmte sie, und sang mit anmutiger Stimme folgende Worte zu seinem Spiel: »Die Lande fliehn, die Reise schwingt die Flügel, Im süßen Schwindel saust man durch die Lüfte, Umkränzung immer neu, und nie Begrenzung! Gehabt euch wohl, entschwundne Seen und Hügel, Seid schön gegrüßt, ihr fern geahnten Düfte, Einfassend ihr der Gegenwart Umglänzung! O Wechsel, gaukelnd Kind der zart'sten Feien, Führt endlos fort den lust'gen Lebensreihen!« »Nein, ich kann dir dein Lied nicht nachsingen!« fuhr Otto aus seinem tiefen Sinnen auf, und Tebaldo entgegnete lächelnd: »Wer verlangt denn das auch von Euch? Singt ein anders. Die wenigsten Menschen können einerlei Lieder singen, kaum einerlei Lieder vertragen, weshalben es eben so viele Sänger und Dichter gibt, und geben muß.« »Ich mag gar nicht singen«, sagte Otto. »Die Sehnsucht in mir überschwillt das holde Maß, in welchem sie ein tönend Meer des Liedes wird. Sag' mir, Tebaldo, ist es nicht unbegreiflich, daß man zwei so leuchtenden Gestalten, als Folko und Gabriele, zweien Namen, denen das ganze Frankreich zum Echo dient, noch immer vergeblich nachziehen kann, wenn man so lange und so eifrig bemüht ist, sie zu suchen, als wir?« »Eben die vielen Spiegel, draus sie widerleuchten«, erwiderte Tebaldo lachend, »eben die zahllosen Echos, die von ihnen widerklingen, machen uns irre, und unsre Bemühungen zunicht. Sind die beiden nicht etwa schon ganz geworden, wie Erscheinungen aus der alten Sagenzeit, von deren wundervollen Taten jedermann erzählt, was ihm am wundervollsten vorkommt, und sich berechtigt glaubt, auf ihre Rechnung zu lügen, was er sich irgend erdenken kann? Sie sind gewissermaßen schon bei ihren Lebzeiten vergöttert, und eben deshalb auf Erden nicht mehr gut ausfindig zu machen.« »Du willst mich zu lachen machen«, sagte Otto, »aber gib mir die Mandoline. Ich will doch lieber ein Lied singen.« »Seht Ihr nun wohl?« sprach Tebaldo, ihm das Instrument hinreichend. »Ach ja, singt, lieber Ritter, singt. Gesang ist wahrlich der reinste Engel, der sich in unsre Welt herein verfliegt. Es müßte denn den Düften einmal einfallen, Paradies spielen zu wollen, die nehmen's wohl mit jenem auf.« Otto rührte die Saiten und sang folgendes Lied:     »Vöglein dort im klaren Blauen, Zeigt mir an Rechte Bahn, Wo sie führt zu meiner Frauen! Ach, ihr fliegt so kreuz und quer Irr umher, Habt sie selbst noch nicht gefunden; Bang' im Leib Unterm bunten Federkleid Tragt auch ihr der Sehnsucht Wunden.« »Es ist seltsam«, sagte der Italiener, als Otto schwieg, »wenn Ihr deutsch redet und vollends etwas ungestüm, scheinen sich diese Bäume und Gräser und Gewässer ordentlich zu verwundern, ja wohl gar ein wenig zu erschrecken; aber so wie Ihr singt, ist alles wieder gut, und sie schauen ganz befreundet drein. Und seht einmal, was sie Euch jetzo gar, wie zur Belohnung, Wundervolles und Schönes bescheren wollen.« Die Augen emporrichtend, sahe Otto, daß auf einem schlanken weißen Pferd ein junger Mann durch die Hainesschatten geritten kam. Er trug ein faltiges grünes Sängerkleid, und eine prächtige Goldkette darüber, an der ihm die blanke Zither vor der Brust herunterhing. Er spielte während des Reitens darauf, denn das Rößlein war so artig und wohlgezogen, daß es ordentlich den tiefer hängenden Zweigen aus dem Wege zu gehen suchte, damit sein Reiter nicht dadurch in seiner anmutigen Beschäftigung gestört wurde. Angekommen bei den Reisenden, fragte der Fremde: »Wart ihr es, die eben so ergötzlich gesungen habt?« Und auf Ottos höflich bejahende Antwort stieg er ab, sprechend: »So erlaubt, daß ich mich ein wenig zu euch setze. Gleich und gleich gesellt sich gern.« – Damit nahm er seinem Pferde das Hauptgestell ab, und ließ es über die frische Waldwiese hinlaufen. Alsbald kam Ottos Streithengst herbei, und stellte sich kampfheischend dem fremden Weidegesellen gegenüber, daß davor das zarte Tier erschrak, und Schirm suchend zu seinem Herrn zurücktrabte. Otto aber rief den zornigen Lichtbraunen mit strengen Worten an, und sogleich begab er sich ruhig zu dem Polacken, worauf denn des Sängers Rößlein wieder dreist ward, und sich in allerlei zierlichen Sprüngen auf dem Anger ergötzte. »Wir ziehen vielleicht eines Weges«, sagte der freundliche Fremde, »ja ich hoffe es sogar stark. Denn wo ich jetzt einen geharnischten Ritter erblicke, kann ich mir immer nichts anders einbilden, als er reise nach Osten in das heilige Land.« – »Leider ist es mit mir nicht so«, entgegnete Otto mit einem flüchtigen Erröten, »aber es ist nicht meine Schuld. Ein gegebnes Wort treibt mich immer weiter gegen Abend fort, so sehr auch mein Herz der erquickenden Sonne des Orients entgegenschlägt.« – »Schade!« sagte der Sänger. »Es hätte hübsch sein müssen, in eurer Gesellschaft zu reisen. Aber so wie die Sache steht, habt ihr vollkommen recht. Gegebnes Wort ist heilig Pfand, und es wär' ein schlechter Gottesdienst, das Heiligste im Stich zu lassen, um dem Heiligen zu dienen. Wollt Ihr aber nicht für jetzt noch etwas singen?« – »Ich weiß nicht«, sagte Otto, »aber Ihr habt mir mit dem Gedanken an das Morgenland das Herz so schwer gemacht. Ich könnte jetzt nichts Ordentliches singen, oder doch wenigstens was Erfreuliches nicht. Viel lieber hörte ich von Euch ein Lied.« – »Ja«, sagte der Fremde, »ich weiß auch eben von nichts anderm zu singen, als vom Morgenland. Wenn Ihr mich aber hören wollt, so hört.« – Darauf schlug er die Saiten, und sang mit wundersüßer Stimme folgende Worte:     »Was bebt durch diese grünen Räume? Was rauscht durch diese blaue Luft? Was sagt ihr zueinander, Bäume? Welch ferne Kunde bringst du, Duft?     Es klingt wie Jammer aus der Ferne, Es hallt wie tiefer Seufzerlaut, Es ist ein Weh, doch hört man's gerne, Und hegt's, wie eine kranke Braut.     Ach Gott, wer hätt' es nicht verstanden, In dem ein christlich Herze schlägt! Seht ihr den Frevel in den Landen, Wo man den Herrn ins Grab gelegt?     Die einen haben ihn erschlagen, Die andern schwelgen um sein Grab; Für jenes haben wir nur Klagen, Für dieses Kling' und Lanzenstab.     Wenn Schmerzenlaut von dorther tönet, Horch, wie von hier Trompete klingt, Schau, wie mit rotem Kreuz verschönet, Der Ritter sich in Bügel schwingt!     Sieh Wellen sich an Wellen schließen, Und allesamt von blankem Stahl, Den Speerwald sieh zusammenschießen, Und jeder Zweig ist Gottes Wahl.     Wir wären lange schon gekommen, Wir meinten's längst im Sinne gut, Doch fehlt' es am Panier den Frommen, Und blöd und einzeln schwieg der Mut.     Jetzt tönt ein freud'ger Sang von allen, Steigt zuversichtlich himmelwärts; Panier, Panier, wir sehn dich wallen, Bist König Richard Löwenherz!« Ottos Wangen brannten, er wäre um alles gern mit dem wunderbaren Sänger dem königlichen Kreuzpaniere nachgezogen in das Morgenland, und er wollte eben seinen Mund auftun, den Fremden zu befragen, ob er nicht etwa vernommen habe, daß der Freiherr Folko von Montfaucon mitziehe an das heilige Grab; dann wäre jede einzelne Fehde zur Ruh' bis nach der Fahrt, und ihr Weg und ihr Kämpfen gemeinschaftlich das Glorwürdigste und Seligste auf der ganzen Welt. Aber noch ehe er fragen konnte, trabten einige Kriegsleute durch den Wald heran, sprachen ehrerbietig mit dem Sänger, zäumten nach seinem Gebote das weiße Rößlein wieder auf, und alsbald ritt er mit ihnen, Otto und Tebaldo freundlich grüßend, durch das frische Gezweig davon. – »Wer war der Herr?« fragte Otto einen Kriegsknecht, der sich etwas verzögert hatte. – »Ei«, entgegnete dieser, »es ist der berühmte Meister Blondel, der beste Minstrel in allen englischen Landen, und König Richard Löwenherzens Busenfreund, deshalben er auch dem heiligen Lande zureiset mit unserm großen Heere. Der hat uns ihn als Begleitung zugeordnet, wenn der Meister unterweges hin und her zieht, in freundlicher Neubegier, wie es der edlen Sänger heitre Weise ist. Gehabt euch wohl, ihr Herren!« Und damit sprengte er dem lustigen Zuge nach, den man noch fernherüber durch den Wald scherzen und singen hörte. »Kommt es dir nicht vor«, sagte Otto nach einem langen Schweigen zu Tebaldo, »als ob uns fast immer die besten Freuden und Kräfte des Lebens nur hohnneckend ins Gesicht sähen, ohne uns jemals den Weg zum rechten Genusse zeigen zu wollen? Oder, weil du so gar verdrießlich zu meinen Worten aussiehst, laß mich lieber die Sprachweise verändern, und statt: uns sagen: mir . Es ist doch ein ordentlich boshaftes Spiel, daß ich nun heute erblicken muß, und ganz nahe bei, was mir das Allerschönste und Höchste dünkt auf der ganzen Welt, und daß mich dennoch ein fremdes Treiben an der Kette meines heiligen Wortes so unaufhaltsam abwärts reißt.« »Ich hätte im Grunde mehr zu klagen, als Ihr«, entgegnete auf eine ziemlich mürrische Weise Tebaldo. »Denn seht nur an, mein edler Herr, wenn Ihr törichte Versprechungen getan habt, habe ich sie meines Wissens nicht mitgetan, und wäre jetzo doch sehr gern nach Jerusalem hinausgezogen.« »Verlasse mich nur immer, Tebaldo,« sagte Otto weichmütig, »ich habe viel verlassen, und muß deshalben schon gut daran gewöhnt sein.« Da sah ihn Tebaldo sehr freundlich an, und sprach gerührt: »Nein, Gott bewahre mich vor dergleichen. Aber laßt die Lamenten sein, und seht wieder hinauf ins Himmelblau. Wie da Wolke und Zweig und Vogelflug durcheinander spielt! Ich dächte, es müßte Heilkraft für alles Weh der Erden aus dem freudigen Gewimmel herunter regnen.« Otto schaute empor, und sprach: »Du hast recht; auch mir vertreibt nichts besser das Grämeln, und alles Nichtsnutzige, als der Hinaufblick in die rege, sonnenblaue Halle über uns.« Und wie nun die Jünglinge schon eine geraume Zeit auf den Rasen hingestreckt lagen, die Augen nach dem klaren Himmelsmantel gerichtet, siehe, da zog ein wunderbar schöner Edelfalk, wie ein Schnellsegler im Wolkenmeer, freudig über sie fort, in solcher Höhe, daß die schon tiefer stehende Sonne ihm Schwingen und Leib von unten mit ihrem leuchtendsten Glührot bestrahlte. Freudig fuhr Otto auf, und rief und lockte nach Jägerweise das ritterliche Tier. Aber der Falk schwebte nicht zu ihm herab. Wohl sahe man, daß er sein Rufen vernahm, und eines edlen Waidmanns Stimme erkannte, denn er zog seine luftigen Bahnen wohlgefällig um den Jüngling her, doch auf ein Locken, fernher aus dem Forste, schlug er seine Schwingen rüstig zusammen, und schoß mit Pfeilesschnelle nach jener Gegend hin. Man sah, er hatte den rechten Meister gehört. – »Ich bin froh, daß er fort ist«, sagte Tebaldo, »mir ist nichts mehr in der Seele zuwider, als so ein räubrischer Kerl mit krummgebognem, hakenartigem Schnabel, mit gräßlich funkelndem Auge, mit den spitzbübischen Krallenfingern an seinen Beinen. Wie könnt Ihr nur irgend Lust an ihm finden?« – »Wie du es sagst«, entgegnete Otto, »könnte man sich jegliches Tier zum Abscheu machen. Ich aber hege alle Tierchen gern; und vollends so ein Falke! So klug und treu!« – »Klug ist der Teufel auch«, sagte Tebaldo, »und wenn Ihr das Treue nennt, sich mit seinen spitzen Krallen überall fest anzuhäkeln, so kann er das eben so gut.« – »Du bist wohl noch nie auf eine Falkenjagd mitgeritten?« fragte Otto. – »Es gehört zu den Vorurteilen des Ritterstandes«, entgegnete Tebaldo, »dergleichen für eine Ergötzlichkeit auszugeben.« – »Nein, sage das nicht«, rief Otto aus, »ein Leben ist's, wie auf Himmel und Erden zugleich: über uns der geflügelte Jäger, unter uns ein windschnell jagendes Roß, durch die grünen Matten dahinwirbelnd, gedreht von der Eil das wolkige Zelt, der Lüfte freudiges Rauschen durch unser Haar, der Gesellen jubelnder Waldruf um uns her – und endlich bannt der zaubrische Falk seinen Feind, und in Kreisen wogt und schwebt und leuchtet er über ihm, und nun, und nun« – Tebaldos Bogen klang, und Otto, aus seiner Rede aufgeschreckt, blickte umher, da schwebte eben der Edelfalke taumelnden Flugs, einen Bolzen in der Schwinge, stark blutend und ganz wie ohnmächtig nach der andern Seite des Waldes davon. – »Wer hieß dich verletzen, was mich freut?« rief der junge Ritter flammenden Blicks. – »War es denn Euer Falke?« fragte Tebaldo. »Und wenn Ihr die Tierlein alle gern hegt, wie Ihr vor kurzem spracht, so solltet Ihr froh sein, daß mein Schuß ein armes, scheues Gefieder errettet hat, welches sich jetzt eben vor dem hochmütigen Räuber in jenen Gebüschen barg.« »Du bist nicht zum Richter gesetzt über des Adlers Reich«, sagte Otto mißmutig, worauf Tebaldo entgegnete: »Doch immer eben so gut, als Ihr oder ein andrer zum Jäger darin.« Die jungen Männer aber wurden in ihrem beginnenden Streit durch die Dazwischenkunft eines Dritten gestört. Achtzehntes Kapitel Auf schlankem silbergrauem Roß, in prächtiger Jagdkleidung, ein helles silbernes Jägerhorn an der Hüfte, hielt ein edler Waidmann von jugendlich schönem Ansehn unvermutet vor den beiden. Im selben Augenblicke, wo Otto den blutenden Falken an des Fremden Brust gelehnt erblickte, ward auch dieser das Geschoß in Tebaldos Hand gewahr, und wandte sich, man konnte wohl sehen mit mühsam gedämpfter Zornesglut, von dem Reisigen weg an den Ritter, sehr höflich sprechend: »Messire, wenn es Euch gefällt, Eure Leute in meinem Forste jagen zu lassen, so mutet Ihr freilich meiner Gastlichkeit nicht minder zu, als sie ganz von selbsten geneigt ist, jeglichem edlen Reisenden angedeihen zu lassen, aber ich muß Euch sehr bitten, in Zukunft ein so ritterliches Tier zu verschonen, als dieses hier.« Dabei streichelte er den wunden Vogel sehr zärtlich, und sagte ihm zwischendurch einige schmeichelnd beruhigende Worte, worüber er auch Ottos Entschuldigungen überhörte, die freilich nicht auf das beste zusammenhingen, weil der junge Ritter sehr verstört war, sowohl durch des schönen Falken Verletzung, als durch das wunderliche Betragen Tebaldos. Diesen aber hatte der Zwiespalt mit seinem Gefährten und der nicht zu Ende gesprochene Streit nur störriger gemacht; er trat keck vor den fremden Jäger hin, und sagte: »Es hat niemand anders den Vogel geschossen, als ich, und niemand anders hat auch darum Rede zu stehn.« – »Zurück, Tebaldo!« rief Otto. »Du scheinst nicht zu wissen, was du getan hast, den Forstbann eines edlen Herrn verletzend, und obendrein an einem so herrlichen Tiere.« – »O ich weiß, ich weiß schon!« erwiderte der erhitzte Italiener. »Die Fürsten und Ritter haben die Erde sich einander in kleine Stückchen abgeteilt, die ihnen ausschließend gehören, und wo jeder andre Mensch der ihm von Gott verliehenen Rechte über die Tiere des Feldes und über noch manches andre heilige Erbgut verlustig gehn soll. Verlustig gehn soll ! sagte ich, ihr stolzen Herrn; versteht mich wohl, nicht eben immer verlustig geht . Denn wo meinesgleichen eintreffen, da hat es mit euern ärmlichen Gesetzlein soviel nicht zu sagen, und was Milano im ganzen tut, vermag jedweder Milaneser im einzelnen auch: die angeborne, rechte Freiheit behaupten, trotz Kaiser und König, trotz Herzog und Graf. Jetzt will ich mir hier noch einige Vögel schießen.« – Und damit machte er seine Armbrust von neuem zurecht. – »Ihr habt da einen sonderbaren Reisigen, Messire«, lächelte der fränkische Herr. Aber Otto, an der Wurzel seines ganzen ritterlichen Lebens verletzt, hatte schon die Armbrust mit unversehrter Stärke aus Tebaldos Hand gerissen, sie im Augenblicke zerbrechend, zertretend und ihre Stücke über die Wiese hin auseinanderstreuend. – »Das heißt ja nun wohl, in lautbare Worte übersetzt, ganz vollkommen: Ade?« fragte Tebaldo erbittert, und als sich der Ritter unwillig von ihm abwandte, ging er finster auf seinen Polacken zu, ihn aufzäumend und sattelnd. Der Streithengst trabte gleichfalls mit lustigem Wiehern heran, aber Tebaldo wehrte ihn ab, sprechend: »Ja, du willst mich wohl noch, aber dein Herr will mich nicht mehr, und so kannst du dich auch deiner Wege scheren.« – Der vielfach beleidigte Otto rief seinem Hengst, rüstete ihn, saß auf, und nahm mit großer Freundlichkeit die Einladung des edlen Jägers an, ihn auf sein naheliegendes Schloß zu begleiten, um dort in zahlreicher Rittergesellschaft alles Ärgers über diesen wunderlichen Vorfall zu vergessen. Tebaldo saß auch schon zu Roß, und ritt langsam und traurig fort, während Otto und der Fremde nach der entgegengesetzten Richtung aufbrachen. Da wieherten der Lichtbraune und der Polack, und wollten nach einander hin, aber ihre Reiter trieben sie den eingeschlagenen Weg entlängst, obgleich sie es selbst nicht lassen konnten, sich mit großer Wehmut nacheinander umzusehen. Schon war Otto eine gute Strecke neben dem Fremden fortgeritten, da trabte es plötzlich hinter ihnen, und umschauend sahen sie, daß es Tebaldo war, der jedoch sein Roß anhielt, so wie nur Ottos Blick auf ihn traf, und mit einer ihm ganz ungewohnten Demut in deutscher Sprache ganz leise sagte: »Herr, ich glaube, ich hatte unrecht, und ich will gerne wieder mit.« – Da streckte Otto beide Arme nach ihm aus, und Tebaldo flog jubelnd heran, und während die Gefährten sich herzten und drückten, wieherten der Lichtbraune und der Goldgelbe lustig darein. Als nun alle dreie mitsammen weiter ritten, gab der edle Jäger seine Freude über diese Versöhnung in recht innigen Worten zu erkennen, und sagte, es lohne wohl der Mühe, daß braver Ritter so bravem Reisigen was zugut halte, denn solch ein Bund halte manch Dutzend andrer Bündnisse, und sei es auch zwischen König und König, aus. Darauf fing er an, von seinem Falken die artigsten Dinge zu erzählen, und von den Falken überhaupt, und wie sie älter würden, als hundert Jahr, und man auf goldnen Halsbändern solch edler Tiere noch bei ihren Lebzeiten gefunden hätte, daß sie schon längst verblichner großer Helden Eigentum gewesen wären, und wie sie nach ihrer Herren Fall oft Land und Meer weitaus umzogen, wild bleibend, bis sie einen neuen Herren fänden, der des alten würdig sei. Tebaldo befreundete sich darüber ganz mit diesen ritterlichen Vögeln, und gab seine Reue, den edlen Flügeljäger eines solchen Herren verletzt zu haben, ganz unverhohlen kund. In den ersten ruhigen Augenblicken aber hatte Otto alsbald bemerkt, daß der fränkische Waidmann der Freiherr Folko von Montfaucon sei, während dieser freilich in dem stattlichen, reichgeharnischten Rittersmann jenen vorlauten Knappen vom Donaustrande mit keinem Gedanken wiedererkennen konnte. Neunzehntes Kapitel In Herrn Folkos Schloß, bei der lustigen Abendtafel, saßen viel edle Ritter von mancherlei Völkerschaften beieinander, und sonst auch andere Männer an Geist und Leben frisch, unter denen Tebaldo seine Stelle geziemend fand. Er sprühte bald in seiner italischen Lustigkeit zum Vergnügen der ganzen Gesellschaft auf, und ward vorzüglich durch einen seiner Landsleute, den man Graf Alessandro Vinciguerra nannte, wohlgefällig bemerkt, während Otto ganz still und schweigsam dasaß, nach dem ersten Erstaunen, welches seine hohe, schöne Gestalt und sein glänzend ritterlicher Aufzug geweckt hatte, von allen übersehn. Als die Becher schneller kreisten, und mit feurigem Weinen gefüllt, fiel man darauf, die gesellige Lust durch das Erzählen allerlei bedeutsamer Geschichten zu erhöhen. An Stoff konnte es unter so weit und rühmlich umhergefahrnen Rittern, unter so edlen Meistern in mancher Kunst, nicht fehlen, und alle baten gemeinsam den Hausherrn, daß er den Anfang machen sollte. – »Es dient dem Wirte nicht zur Entschuldigung«, sagte Folko, »daß er nur schlechte oder mittelmäßige Blumen in seinem Garten hegt; genug, wenn seine edlen Gäste ihrer begehren, und somit nehmt hin, was ich zu spenden vermag.« »So wird mehrern unter euch nicht unbekannt sein, daß mein Haus in den Gebirgen von Norwegen seinen Ursprung hat, und wir dorten noch viel der edlen Verwandten zählen. Von da aus landeten meine Ahnen erobernd auf der fränkischen Küste, drangen erobernd ein in den Bezirk, welcher noch heutzutage Normandie geheißen ist, und brachten unter vielen wunderlichen Sagen auch folgende mit: Ein alter, weitberühmter Held hatte ein holdes Töchterlein, die war Schön-Sigrid geheißen, man sprach in allen nördlichen Landen von ihr, und sie hatte der Werber viel. Außer ihrer Schönheit war sie auch noch glänzend durch ihre seltne Kunde in allen anmutigen Weiberkünsten, und in allem Wissen, dem erfreulich heitern sowohl, als dem geheimen, zaubrischen, welchem sich die Frauen jener Gegenden gern ergeben. So wußte sie vor allem gut einen Trank zu bereiten, welcher, vorsichtig genossen, den Kämpfer mit unerhörter Kraft und Freudigkeit beseelt, ja ihn jeder andern als einer gefeieten Waffe unverletzbar macht. Es soll der Frauen, dieses seltsamen Trankes kundig, noch manche bis auf diese Stunde in den Nordlanden geben, ja, das Geheimnis desselben in einem Zweige unsers Stammes da oben erblich sein. Nun sagte der alte Held einmal zu seiner Tochter: ›Schön-Sigrid mach dich auf, und geh in den Wald hinaus, und pflücke Beeren rot und Blätter grün. Ich brauche morgen deinen Trank, denn ich ziehe fort in eine heiße Schlacht.‹ – ›Mit wem, Vater, habt Ihr's denn?‹ fragte Schön-Sigrid; und der alte Held entgegnete: ›Mit Hakon Swendsohn, dem jungen Recken, der mich wohl einst in allen Nordlanden überfliegt, wenn ich den kühnen Aar nicht niederzwinge, bevor er noch all seine Kräfte hat. Zudem, weißt du wohl, ist er uns aus einem feindlichen Stamme.‹ – Und Schön-Sigrid zog hinaus in den abendlich dunkeln Wald, einsam, wie es die zaubrische Weise der Trankesbereitung gebot. Felsen auf und Felsen ab, über die Ufer der Waldströme hin, die leichtgeworfne Fichtenstämme nur kaum verbanden, durch manches finstre Tal, und an manchem schaurigen Abgrund entlängst zog Schön-Sigrid fort, und hatte nun all ihre Kräuter zu dem seltsamen Tranke gefunden, da sah sie im schon hereingebrochenen Nachtdunkel umher, und stand an einer ganz unbekannten Waldesstelle einsam und verloren da. Sie hatte wohl nach den Blumen und Kräutern gesehn, aber nicht nach den Sternen, und so hell daher auch diese am Himmel funkelten, konnte sich dennoch Schön-Sigrid aus ihrem heimlich stummen Wegweisen nicht vernehmen. Wie sie nun noch so zögernd vor sich hinschaute, rasselte es, durch alle Zweige brechend, im nahen Forst, und kaum, daß sie aufschauend eines schwarzen Bären gewahrte, der aufgerichteten Leibes, in gräßlich menschlicher Nachäffung brüllend auf sie losgeschritten kam, so schwirrte auch schon ein Wurfspeer über sie hin, und gleich darauf wälzte sich der Bär in seinem Blute den nahen Felshang hinab. Anmutig lächelnd trat ein junger Kampfheld zwischen dem Gezweig hervor, und erbot sich, das holde Mägdelein, welches sein Lanzenwurf eben errettet, sicher nach Hause zu geleiten. Aber Schön-Sigrid weinte bitterlich, denn all ihre Zauberkräuter und Blumen waren im Schreck ihrem Schleier entfallen, das Pflücken von ähnlichen mußte, den Zaubergesetzen nach, von vorne wieder beginnen, und hoch schon stand der Mond, und fremd und unheimlich war der Jungfrau die Gegend. – ›Suche du und pflücke du nur immer fort‹, sagte der junge Kampfesheld. ›Auch weiß ich wohl, daß man dabei ganz einsam bleiben muß und ungestört. Da zieh ich denn weit um dich her, du schönes Lieb, die sichernde Runde, daß niemand dich hindern soll, und ehe es Morgen wird, geleit' ich dich heim in deines Vaters Felsenburg. Suche nur, schöne Maid, o suche recht emsig nach!‹ – Und zwischen dem Gesträuche verschwand der junge Recke, Schön-Sigrid aber suchte fürder mit großer Lust und Zuversicht, und wenn sie in dem fremden Forst ein ängstlicher Schrecken befallen wollte, fühlte sie sich alsbald wieder ermutigt und erquickt, wie das Klirren der Goldrüstung, welche der junge Ritter trug, fernher durch das Gesäusel der Blätter beschützend herüberklang. Da war sie endlich fertig mit dem Sammeln der Kräuter, und gedachte nun, sie alsbald in einem goldnen Fläschlein zu kochen, das sie bei sich trug, und so den wunderbaren Trank leichter und sicherer nach Hause zu bringen. Ihr erster, leisester Wink rief ihren Beschützer herbei, und kaum, daß er ihr Begehr vernommen hatte, so trug er schon Reisig und Äste zusammen, und im Hui loderte, des Mägdleins Gebote zufolge, die Flamme lustig durch den gründunklen Forst gegen den einsamen Nachthimmel empor. Aber das Kochen des Zaubergebräues währte lang, und als es nun endlich zustande war, fing wieder Schön-Sigrid bitterlich zu weinen an, denn sie fühlte wohl, daß sie den langen Heimweg nicht mehr unverzüglich zu beginnen imstande sei. ›Schlaf sicher, holde Maid‹, sagte darauf der Kriegsheld, ›ich werde dich schon bewachen, und dich auch wecken zur rechten Zeit.‹ Und aus seinem Mantel und vielem zusammengetragenen Moos bereitete er ihr ein weiches, warmes Lager, und als sie mit scheuem Blicke davor stand, wich er alsbald in die finstersten Schatten des Haines hinein. Sie erwachte soeben in den Lichtern des Morgenrots vor dem Geruf einiger Kriegshörner aus der Weite, da stand der junge Held wieder neben ihr, und sagte: ›Du mußt machen, daß du nach Hause kommst, denn was von dorten bläst, sind Hakon Swendsohns Hörner, die rufen deinen Vater zur Schlacht. Nimm deinen Trank schnell auf, und komm.‹ Und da führte er das Mädchen durch wunderliche Schleifwege des Forstes bis dicht vor ihres Vaters Burg. Als sie nun dorten von ihm Abschied nahm, wollte sie gern seinen Namen wissen. – ›Ich bin Hakon Swendsohn‹, sagte er, ›und weiß recht wohl, daß du Schön-Sigrid bist, des alten Helden Tochter, und daß du den Trank im Gebirge gesucht hast und gebraut zu meinem Verderben. Aber ich bin schon gar zu lange in dich entbrannt gewesen, Schön-Sigrid, und die Feindschaft unsrer Geschlechter schlägt mir jedwedes Hoffen zu Tod. Nun will ich recht gerne sterben vor deines Vaters rühmlicher Klinge, und wohl bekomm' ihm der Trank.‹ Obzwar nun Hakon sich mit diesen Worten in das Dickicht hinein machen wollte, zu seinen Scharen zurück, ließ dennoch Schön-Sigrid nicht eher ab, als bis er ihr auf die Burg ihres Vaters nachkam. Da erzählte sie, was ihr widerfahren war, die beiden Feinde nahmen einander ihre Waffen ab, und Hakon Swendsohn und Schön-Sigrid wurden ein glückliches Paar.« Die Gesellschaft hatte ihre Freude an der Geschichte, und ein edler Meister der Malerei sagte: »Die Spiele des Lichtes sind immerdar und überall ein holder Gruß; wo sich aber ein Regenbogen zwischen dräuenden Gewitterwolken gestaltet, geht erst die allerbeste Freude auf. So auch vor tiefen Blicken der Liebe und Mildigkeit, aus den raschesten Gegenden des Nordens erschossen. Das frohe Erstaunen, die Süßigkeit der Überraschung traten mit der Lust an den heitern Gebilden in einen erquicklichen Bund.« – »Ihr habt recht, mein edler Meister«, sprach der Graf Alessandro Vinciguerra, »wenn Ihr den Anblick der Rose wunderbarer nennt in den Nordlanden, als zum Beispiel in unsern blütenüberfüllten italischen Gärten. Aber überraschen können uns die edlen Blumen der Ritterlichkeit und feinen Sitte bei jenen Normännern nicht, ich meine uns, die wir die Normandie gesehn haben, und deren hohe Söhne und holdselige Töchter kennen.« Verschiedne aus der Gesellschaft hatten sich indes an einen Mann von schönem Wuchs und sonnegebräuntem Antlitz gewandt, der ein Spanier war, Don Hernandez geheißen, und ihn gebeten, eine Geschichte aus seinem Vaterlande zu erzählen. Viel Wunderbares müsse dorten geschehen, hieß es von allen Seiten, in einer so reich erblühenden Gegend an Schönheit und Rittermut, und wo die christlichen Schwerter beständig wehrhaft ständen gegen sarazenische Heeresmenge und Schlauigkeit und furchtbare Pracht. Hernandez bat um eine Laute. Er wollte seine Geschichte lieber singen, als erzählen, sagte er. Es geschah nach seinem Begehren, und die Saiten mit großer Lieblichkeit rührend, sang er folgende Worte.     »Don Gayseros, Don Gayseros, Wunderlicher, schöner Ritter, Hast mich aus der Burg beschworen, Lieblicher, mit deinen Bitten.     Don Gayseros, dir im Bündnis, Lockten Wald und Abendlichter. Sieh mich hier nun, sag' nun weiter, Wohin wandeln wir, du Lieber?«     »Donna Clara, Donna Clara, Du bist Herrin, ich der Diener, Du bist Lenk'rin, ich Planet nur, Süße Macht, o wollt gebieten!«     »Gut, so wandeln wir den Berghang Dort am Kruzifixe nieder; Wenden drauf an der Kapelle Heimwärts uns, entlängst die Wiesen.«     »Ach, warum an der Kapelle? Ach, warum beim Kruzifixe?« – »Sprich, was hast du nun zu streiten? Meint ich ja, du wärst mein Diener.«     »Ja, ich schreite, ja ich wandle, Herrin ganz nach deinem Willen.« – Und sie wandelten zusammen, Sprachen viel von süßer Minne.     »Don Gayseros, Don Gayseros, Sieh, wir sind am Kruzifixe, Hast du nicht dein Haupt gebogen Vor dem Herrn, wie andre Christen?"     »Donna Clara, Donna Clara, Konnt' ich auf was anders blicken, Als auf deine zarten Hände, Wie sie mit den Blumen spielten?«     »Don Gayseros, Don Gayseros, Konntest du denn nichts erwidern, Als der fromme Mönch dich grüßte, Sprechend: ›Christus geb' dir Frieden‹?«     »Donna Clara, Donna Clara, Durft' ins Ohr ein Laut mir dringen, Irgend noch ein Laut auf Erden, Da du flüsternd sprachst: ›Ich liebe‹?«     »Don Gayseros, Don Gayseros Sieh vor der Kapelle blinket Des geweihten Wassers Schale! Komm und tu' wie ich, Geliebter!«     »Donna Clara, Donna Clara, Gänzlich muß ich jetzt erblinden, Denn ich schaut' in deine Augen, Kann mich selbst nicht wiederfinden.«     »Don Gayseros, Don Gayseros, Tu mir's nach, bist du mein Diener, Tauch ins Wasser deine Rechte, Zeichn' ein Kreuz auf deine Stirne.«     Don Gayseros schwieg erschrocken, Don Gayseros floh von hinnen; Donna Clara lenkte bebend Zu der Burg die scheuen Tritte. Hernandez ging mit einigen wehmutsvollen Griffen in einen anderen, dunkleren Ton über, und sang darauf folgendermaßen weiter:     Nächtens klang die süße Laute, Wo sie oft zu Nacht geklungen, Nächtens sang der schöne Ritter, Wo er oft zu Nacht gesungen.     Und das Fenster klirrte wieder, Donna Clara schaut' herunter, Aber furchtsam ihre Blicke Schweifend durch das tau'ge Dunkel.     Und statt süßer Minnereden, Statt der Schmeichelworte Kunde Hub sie an ein streng Beschwören: »Sag, wer bist du, finstrer Buhle?«     »Sag, bei dein und meiner Liebe, Sag, bei deiner Seelen Ruhe, Bist ein Christ du? Bist ein Spanier? Stehst du in der Kirche Bunde?«     »Herrin, hoch hast du beschworen, Herrin, ja, du sollst's erkunden. Herrin, ach, ich bin kein Spanier, Nicht in deiner Kirche Bunde.     Herrin, bin ein Mohrenkönig, Glüh'nd in deiner Liebe Gluten, Groß an Macht und reich an Schätzen, Sonder gleich an tapferm Mute.     Rötlich blühn Granadas Gärten, Golden stehn Alhambras Burgen, Mohren harren ihrer Kön'gin, Fleuch mit mir durchs tau'ge Dunkel.«     »Fort, du falscher Seelenräuber, Fort, du Feind!« –Sie wollt' es rufen, Doch bevor sie Feind gesprochen, Losch das Wort ihr aus im Munde.     Ohnmacht hielt in dunklen Netzen, Ihr den schönen Leib umschlungen. Er alsbald trug sie zu Rosse, Rasch dann fort im nächt'gen Fluge. Abermals wechselte Hernandez den Ton, und begleitete mit feierlichen, kirchenmäßigen Gängen die nachfolgenden Worte:     An dem jungen Morgenhimmel Steht die reine Sonne klar, Aber Blut quillt auf der Wiese, Und ein Roß, des Reiters bar, Trabt verschüchtert in der Runde, Starr steht eine reis'ge Schar. Mohrenkönig, bist erschlagen Von dem tapfern Brüderpaar, Das dein kühnes Räuberwagnis Nahm im grünen Forste wahr! Donna Clara kniet beim Leichnam Aufgelöst ihr goldnes Haar, Sonder Scheue nun bekennend, Wie ihr lieb der Tote war. Brüder bitten, Priester lehren, Eins nur bleibt ihr offenbar. Sonne geht, und Sterne kommen, Auf und nieder schwebt der Aar, Alles auf der Welt ist Wandel Sie allein unwandelbar. Endlich bau'n die treuen Brüder Dort Kapell' ihr und Altar, Betend nun verrinnt ihr Leben, Tag für Tag und Jahr für Jahr, Bringt verhauchend sich als Opfer Für des Liebsten Seele dar. Die Klänge der Zither verhallten in langsamen Schwingungen, voll ernster Wehmut starrten die Hörer vor sich hin. Hernandez unterbrach das Schweigen zuerst. Mit einer sehr anmutigen Höflichkeit sagte er: »Ich würde mich anklagen müssen und verdammen zugleich, ihr edlen Ritter und Meister allzumal, daß ich mit meinen ernsten Kunden euer fröhliches Fest so trübsinnig unterbrach, hättet ihr nicht selbsten eine Geschichte aus meinem Vaterlande begehrt. In meinem Vaterlande sieht es aber sehr ernsthaft aus zu dieser Zeit, denn wo Christen und Heiden mit einander aufs Leben kämpfen, sitzt oftmals die Wehmut am Ruder, und nicht minder oft auch der Tod.« »Es bedarf der Entschuldigung nicht«, entgegnete der Freiherr von Montfaucon, »meint Ihr denn nicht, wir flöchten gern auch dunkle Blumen in unsern Kranz? Gottlob, wir Franken sind nicht zu solchen Possenreißern entartet, daß wir den edlen castilischen Ernst verkennen oder gar scheuen müßten, und überhaupt, wer unter den anwesenden Herrn aus manchen europäischen Landen schöpfte nicht gern vom tiefen Born des Dichtens und des Lebens, der in der glühenden Pyrenäenhalbinsel quillt?« »Ihr sprecht gütig von uns«, sagte Hernandez, »und wir hoffen dessen nicht unwert zu sein. Aber dem sei wie ihm wolle, vor allzuvielen dunklen Blumen erbleicht des Kranzes Zier. Eine recht helle Feuerlilie dazwischen täte Not, und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht eine solche fröhliche Blüte auf den Lippen des edlen Grafen Vinciguerra im Aufsprossen wäre.« »Hispanier und Italier bieten einander leicht die Hand«, sagte Graf Alessandro, »und wenn es euch so gefällt, will ich euch meine Geschichte gern erzählen.« »In der prächtigen Stadt Napoli, welche man sowohl ihrer Lage als ihrer Herrlichkeit nach eine rechte Sonnenstadt heißen darf, lebte vor einiger Zeit ein tapfrer, weitberühmter, aber schon ziemlich bejahrter Kriegsmann von großem Stande und Vermögen, mit Namen Dimetri. Weil er sich nun auf sein höchst mühseliges Leben ein höchst erquickliches Alter zu verschaffen wünschte, sammelte er alle mögliche Herrlichkeiten jener reichen Lande um sich her, an Teppichen, Früchten, Weinen, Schildereien, Bildsäulen, und was es nur irgend Ergötzliches geben mochte, und das Schönste von dem allen war ein junges Weib, Madonna Porzia, welches er sich aus einem der edelsten Geschlechter heimgeführt hatte. Damit zog nun freilich zugleich eine große Unruhe in sein Haus, denn wie sittig, mild und gefügsam auch Madonna Porzia sich betrug, so ließ dennoch ein Bewußtsein des eignen greisen Haares und des nicht mehr lieblichen Wesens dem guten alten Mann mit eifersüchtigen Gedanken wenig Frieden.« »Empfand aber der große Unruhe, so empfand sie Messer Donatello, ein junger Edelmann von allgemein beliebten Sitten, ritterlicher Schönheit und zierlichem Wesen, noch größer; denn seit er Madonna Porzia einstmalen in der Messe – anderwärts ließ sie der besorgliche Dimetri niemals ausgehen – erblickt hatte, konnte er an nichts andres mehr gedenken, als an ihre zaubrische Gestalt. Auch nahm er sich vor, auf alle Weise ihrer Minne teilhaftig zu werden, oder sein Leben darum zu lassen. Nicht aber fing er es an, wie manche törichte Jünglinge, welche durch Botschaften aus dem Munde schwatzhafter Gesandtinnen, oder durch ein tägliches Vorbeireiten und Vorbeirennen und Grüßen in vollem Schmuck und Glanz, oder durch aufgedrungne Geschenke und sonst dergleichen Unvorsichtigkeiten ihre Geliebten mit Todesschrecken vor den eifersüchtigen Männern erfüllen, und selbst daran Schuld sind, daß gar kein Raum in den zarten Herzen für die Liebe mehr übrig bleibt; vielmehr betrug er sich dermaßen klug und besonnen, daß die schöne Porzia seiner Liebe zwar ansichtig ward – wie denn ein Blick in einem andern hellen Blicke leichtlich Feuer schlägt – zugleich aber wohl wahrnehmen konnte, Donatello halte der Herrin Sicherheit und Glück unendlich höher, als seine Wünsche. So geschah es denn, daß sie endlich selbst einen Weg ausmittelte, ihm auf sichre Weise für seine Bewerbungen und die Zartheit, mit welcher er sie unternehme, Dank sagen zu lassen, und nach mehrerm Hin- und Hersenden konnte sich endlich Donatello die Gewährung seiner glühendsten Sehnsucht versprechen, wenn es ihm nur gelinge, erst überhaupt Eintritt in das Haus der schönen Herrin zu gewinnen. So viel Gefälligkeiten, als seit dieser Zeit dem alten Kriegsherren Dimetri durch Donatello widerfuhren, waren ihm wohl Zeit seines ganzen erfahrungsreichen Lebens noch im Pausch und Bogen nicht begegnet, und das auf eine so geschickte Weise, daß dennoch nie eine absichtliche Zudringlichkeit dabei sichtbar ward. Was aber dem Jünglinge bei der holden Porzia sehr behilflich gewesen sein mochte, war ihm bei dem alten Dimetri sehr hinderlich; die große Schönheit nämlich, in welcher er vor allen seines Alters hervorleuchtete. Ohne diese hätte wohl Dimetri schon längst einen so behaglichen und ergötzlichen Gesellen in seine Wohnung eingeladen, aber jetzt erschien ihm das Wagestück noch immer zu furchtbar, und so freundlich er auch beständig gegen Donatello blieb, so blieb Donatello doch auch seinerseits immer beständig vor der Tür. – Der junge Verliebte hatte schon einen bedeutenden Teil seines Vermögens in Gefälligkeiten für Dimetri aufgewandt, und war noch immer seinem Ziele um keinen Schritt näher gekommen. Da gedieh endlich bei ihm zum Plan ein Gedanke, welcher bisher nur Träumerei gewesen war, der Wunsch nämlich, Dimetri möge doch bald in eine große Lebensgefahr geraten, und er, ihn errettend, sich seines Zutrauens und seiner Freundschaft unwiderruflich bemächtigen. Er bestellte einige Meuchelmörder, welche den alten Kriegsherrn an einem entlegnen Orte unversehens überfallen mußten. Sobald aber in dessen scheinbar größter Gefahr Donatello herbeieilte, ließen sich die erkauften Bursche von dem Jünglinge nach verstelltem Widerstande in die Flucht jagen. Das Spiel ward täuschend gespielt, Dimetri glaubte sich durch Donatello gerettet, dankte ihm aufs ernstlichste, aber seine Schwelle blieb verschlossen nach wie vor; ja er zeigte sich seitdem mürrischer und unzufriedner, als jemals sonst. Das hing aber also zusammen. Den Glauben, Madonna Porzia könne ihn, einen alten, in allen Künsten des Gefallens unbeholfnen Mann nicht eben lieben, suchte Dimetri vor sich selbsten niederzustreiten, indem er sich alle seine, in Wahrheit berühmten und sehr außerordentlichen Kriegstaten ins Gedächtnis rief, und zu gleicher Zeit auch dasjenige, was große Dichter über die Liebe der schönen Frauen zu Kriegshelden gesagt hatten. Dabei ermangelte er nicht, der jungen Dame alle seine Kämpfe und Begebenheiten recht lebhaft vorzuerzählen, auch ihr Bücher in die Hände zu spielen, worin mancherlei davon geschrieben stand. Aber es kam ihm doch immer vor, als höre und lese sie dergleichen mit keiner andern Bewegung, als sie die Historien vorlängst zu Staub gewordener Helden las, und er hätte schon längst die veralteten Ehren durch irgend einen neuen Kriegszug wieder aufgefrischt, seiner schwächlichen Gesundheit ungeachtet, nur daß ihm die Eifersucht nicht gestattete, sich so lange von Porzias Seite zu entfernen. Wenn er dann bisweilen im Hofe seines Palastes junge Rosse vorführen ließ, oder Armbrüste herbeibringen, um die Geschicklichkeiten seiner vielbewunderten Jugend vor der jungen Schönen zu üben, so fühlte er nur allzuwohl, wie wenig er jetzt in diesen Übungen glänze, und eine gewisse ängstliche Besorgnis dabei in Madonna Porzias Blicken sahe mehr nach der Angst einer Tochter aus für ihren gebrechlichen Vater, als nach der Besorgnis eines Weibes für ihren wagehalsigen Gatten. – Wie mußte nun erst das sieglose Kämpfen mit den Meuchelmördern, und die Rettung aus ihren Händen durch den Arm eines so zierlichen Jünglinges, das Herz des alten Kriegeshelden verwunden! Er machte sich mehr und mehr von Donatello los, und an dessen Einführung in sein Haus war auf keine Weise mehr zu denken. Mit so vielfach verfehlten Hoffnungen konnte zuletzt bei dem Gemüte des jungen Verliebten die Geduld nicht mehr bestehen. Zwar hielt ihn ein Schimmerlicht dereinstigen Gewährens noch immer gegen Dimetri mild und freundlich, aber für alle andre Leute in der Stadt ward er ein wahrer Plageteufel, vermeinend, wenn ihm sein bestes Wünschen mißlinge, dürfe auch niemand sonst zu dem seinigen gelangen. So geschah es denn endlich, daß er, wie ehemals von ganz Napoli geliebt und gepriesen, jetzo von ganz Napoli gehaßt ward und verwünscht, und endlich einige junge Männer, die er allzuoft feindselig verhöhnend auf ihren Wegen gekreuzt hatte, sich kurz entschlossen, ihm aufzulauern, um ihn, wo nicht zu ermorden, doch wenigstens dermaßen zu verwunden, daß er auf immer eine Scheu vor seinen eignen Neckereien bekommen sollte. Er fiel eines Abends in die Schlinge, denn weil er nicht umhin konnte, wenigstens bei Nacht in der Nähe jener geliebten Wohnung umherzustreifen, war es leicht, ihn dorten zu fassen, und so tapfer er sich auch verteidigte, brachten ihm Überraschung und Mehrzahl des Feindes dennoch bald zwei bedeutende Wunden bei. Da hörte der alte Haudegen aus seinem Palaste das Rufen und Waffenklirren der Kämpfer, und in der Begier, vor sich selbsten und seiner schönen Madonna Porzia den Orlando zu spielen, gürtet er sich, und läuft, sein großes Schlachtschwert in beiden Händen, hinaus. Mochte er nun, also zum Kampf vorbereitet, wirklich noch ein furchtbarer Fechter sein, oder tat der Schrecken bei Donatellos Gegnern das beste, – genug sie flohen vor dem alten Hünengebilde, und Donatello war errettet. Da schwand dem triumphierenden Sieger jede mögliche Bedenklichkeit aus den Augen. Als eine Trophäe brachte er den geretteten Freund zu Madonna Porzia herein; ließ nicht eher ab, bis sie die Pflege des Verwundeten selbst übernahm, und weil Donatello seinen Vorteil gut genug verstand, um in Dimetris Gegenwart von nichts anderem gegen Madonna Porzia zu sprechen, als von der Heldentat ihres Gemahls, und alle dessen Fechterkünste, und bedrohliche Stellungen, und unerhörte Wagstücke mit endloser Beredsamkeit auseinandersetzte, blieb er auch nach seiner Genesung der unwandelbare Hausfreund. Dimetri fand ihn oftmals allein mit seiner Frau, aber jeder aufsteigende Verdacht schwand zusammen, weil er immer dabei die Geschichte seiner Heldentat von Donatello erzählen, von Porzia bewundern hörte. Man kann aus dieser Geschichte lernen, daß die Klugheit eines Menschen wenig über das Gemüt eines andern vermag, daß aber, wenn sich der Narr in unsers Gegners Brust einmal für uns erklärt, unser Spiel auch ganz von selber gewonnen ist.« Zwanzigstes Kapitel Es wurden viel Stimmen über die Begebenheit des alten Kriegsherrn Dimetri und des jungen Messer Donatello laut, und man hörte bald den Verliebten wegen seiner klugen Verschwiegenheit und Zurückhaltung preisen, bald Madonna Porzia loben, daß sie ein so feines Werben zu verstehen und zu würdigen gewußt habe, bald wieder alle Personen der Geschichte, selbst den Dimetri miteingeschlossen, glücklich nennen, weil ja doch jedem ein lang gehegter Wunsch erfüllt worden sei; kurz, man wußte des Lachens und der mannigfachen Bemerkungen kein Ziel zu finden. Herr Folko von Montfaucon ließ während dessen die freundlich leuchtenden Augen mit achtsamer Wirtlichkeit um die Tafel kreisen, und weil es ihm vorkam, als sitze Otto in trüben und verdrießlichen Gedanken da, vermeinte er, ihn aufzuheitern, und ihn der Gesellschaft bekannter zu machen, indem er sagte: »Mein edler deutscher Gast, Ihr hört, wie man bald dies bald jenes an der Geschichte des Grafen Alessandro lobt; was dünkt nun Euch das Preisenswürdigste dabei zu sein? Und findet Ihr's am Ritter oder an der Dame?« Mit dunkelglühenden Augen, mit tiefer Stimme und einem strengen Aussehen, das seltsam gegen die witzige Lustigkeit der Gesellschaft abstach, erwiderte Otto: »Ich weiß nicht, ob an solchem Ritter oder an solcher Dame auf irgendeine Art das mindeste zu preisen sein kann. Wenn Ihr mich frügt, bei welchem von beiden das Abscheulichste, Schmachwürdigste und Teufelmäßigste zu finden sei, hätt' ich wohl eher eine Antwort, und auch alsdann würde mir die Wahl schwer fallen! Pfui! Hat über all ihr Verdienst der rühmliche Kriegsheld die glatte Puppe gewählt, hat seine Ehr' in ihre Hand gelegt, ihr vertrauend, daß sie den edlen Friedensabend seines tapfern Lebens mit frommen Lichtern der Lieb und Herzigkeit und Treue bestrahlen werde, und sieht die schlechte Kreatur von ihrer hohen Bestimmung weg nach leckern Buhlen aus! – Pfui! Mag es dem zierlich nichtstuerischen Burschen gelingen, daß ihn der alte Held gern um sich hat – eine Ehre, davor einem rechten Kerl das Herz aufhüpfen müßte vor Lust – und braucht er's nur, ihm seine Fallen desto listiger zu stellen! Gibt sich mit Meuchelmördern ab! Warum nicht lieber gar mit Giftmischern auch! Und endlich rettet ihn der alte Kampfesfürst im Ernst, wie er's mit jenem frevelhaft gespielt, braucht treu und brav für ihn, vielleicht zum letztenmale, das ruhmgekränzte Schwert, und statt vor Scham in die Erde zu sinken – erlaßt mir, liebe Herrn, die Müh, es weiter auseinanderzusetzen. Ich habe schon länger hingeschaut, als es gesunden Augen zuträglich sein mag.« Es war still geworden an der Tafel, auf vielen Wangen brannte eine hohe Schamröte, von der sich auch der Graf Alessandro Vinciguerra übergossen fühlte. Doch gedachte er sich daraus hervorzureißen, sprechend: »Ihr nehmt die Sache zu streng, mein edler alemannischer Ritter. Aus Euerem Gesichtspunkte mögt Ihr recht haben, aber verurteilt und verdammt mir nicht meine glühenden Landsleute von Eurer Seite der Alpen herüber, wir sind anders als ihr, darum muß es auch anders zugehn bei uns, als bei Euch.« – »Gibt's denn Gesichtspunkte, oder wie Ihr's nennen wollt, in solchen Dingen?« fragte Otto, »ich weiß doch gewiß, man will auf jener Seite der Alpen ebenso ungern zur Hölle fahren, als auf unsrer; und zur Hölle führt der Weg, den Eure Geschichte lehrt, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Es lag bei diesen Worten ein Ernst, ein Fernsinn alles Bösen, und zugleich eine stille Kindlichkeit auf Ottos Zügen, wie man es wohl auf Engelköpfen altdeutscher oder altitalischer Meister antrifft; ein leiser Schauer, eine Ahnung der maßlosen Ewigkeit zog durch die Versammlung, der stolze Vinciguerra brachte kein Auge mehr vom Boden. Hernandez hingegen war unbemerkt aufgestanden, und hatte sich hinter Ottos Stuhl gestellt. Er klopfte ihm freundlich auf die Schulter, und sich umwendend, traf der junge Ritter auf einen freudig liebevollen Lichtstrom aus des Castiliers Augen. Nach einem langen Schweigen erhob sich der Freiherr von Montfaucon von seinem Sitze, und sprach zu dem jungen Deutschen: »Herr Ritter, Ihr habt uns allesamt beschämt, aber Ihr habt uns auch allesamt auf den rechten Weg geholfen, denn Ihr klangt es heraus, wie eine reine Kirchenglocke, was Christ und Ritterschaft gebeut. Nehmt meinen inbrünstigen Dank; ich erkenne Euch für das edelste Juwel in dieser Burg.« Und damit neigte er sich ernst vor ihm, und alle die Ritter und Meister standen auf und taten das gleiche. Ottos Wangen leuchteten hell in sittiger Verlegenheit. – »Liebe Herren«, sagte er, »ich denke, ihr neigt euch vor dem lieben Gott und nicht vor mir, und so ist es denn sehr gut. Wär' es anders, ich unbedeutender Ritterjüngling dürft' es ja nimmermehr verstatten.« »Wir bitten um Euern Namen, edler Herr«, sagte der Freiherr, »und um die Geschichte Eueres Lebens.« »Daß mein Leben erst noch eine Geschichte bekommen wird, und welche es bekommt«, erwiderte Otto, »liegt mit auf Euerm Schwertgriff, mein edler Wirt. Gedenkt Ihr noch des Knappen am Donaustrande, zur Stund', als Ihr den starken Grafen Archimbald von Walbeck fälltet? Ich habe nun die goldnen Sporen, und die drei flachen Klingenschläge auch.« »Wohl, Ritter, und Ihr kommt nach Gabrielens Ring?« fragte Montfaucon. – Mit höflich bejahender Verbeugung senkte Otto sein Haupt. – »Zu Euern Diensten«, sagte Folko freundlich, und fuhr dann, zu der Gesellschaft gewendet, fort: »Ihr Herren, der junge deutsche Ritter hat euch keine Geschichte erzählt, aber er wird euch eine sehn lassen, wenn ihr ihm und mir die Ehre erzeigen wollt, uns Morgen auf eine meiner Burgen in der Normandie, wohin ich die wunderschöne Gabriele von Portamour einladen will, zu begleiten, und dorten unsre Kampfeszeugen zu sein.« – Er sagte darauf, wie er mit Otto früher bei der Veste Trautwangen zusammengetroffen sei, und was jetzt zwischen ihnen bevorstehe, zugleich auch, daß die Burg, wo man nun vor Gabrielens Augen fechten wolle, der Hauptsitz jener Herrschaften sei, auf welche der bestrittene Ring ein ausschließliches Recht erteile, so daß die schöne Herrin nicht zögern werde, sich dorten einzufinden. Alle Anwesenden hatten schon die Einladung angenommen, da ging Otto mit bescheidner Anmut im Kreise umher, dankend, daß eine so hohe Versammlung zuschauen wolle, wie seine fast tatenlose Jugend durch einen Kampf mit dem großen Folko von Montfaucon geehrt werde. Jedes Herz schlug dem freundlichen Jüngling entgegen, und Alessandro Vinciguerra küßte ihn herzlich, ausrufend. »Wahrhaftig, wenn das Schicksal meinen Übermut mit einem strengen Hofmeister und Prediger dämpfen wollte, konnte es mir doch in der weiten Welt keinen lieblichern und treuherzigern zusenden, als diesen hier!« Einundzwanzigstes Kapitel Mit den frühesten Strahlen des andern Morgens brach die ganze zahlreich edle Gesellschaft nach der Normandie auf. Es war schön anzusehen, wie sie bald durch blühende Fluren, bald durch schattende Laubgänge oder Holzungen, bald über hellgrasige Wiesen miteinander dahin ritten, Kriegsleute und gelehrte Männer und geputzte Diener in glänzender Mischung, zwischendurch auf Saumrossen viel reiches Gepäcke und leuchtende Decken mit Gold- oder Silberfransen drüber. Zu den herrlichsten Gestalten gehörte Graf Alessandro Vinciguerra, der die vielfach bunten Farben seines Stammschildes von einem seidengewürkten Wappenrock prächtig durch die Luft hinstrahlen ließ; köstliche Perlenschnüre schlangen sich durch das farbige Spiel, und bildeten in mannigfachen Schwingungen bald artige, bald kriegrisch-kühne Sinnsprüche. Was aus den reichen Gewanden und Decken an Schienen und Platten hervorblickte, war vom reinsten, goldeingelegten Stahl, Federn von zahllosen Farben gaben sich auf des Grafen Barette den Winden zum Spiel, oder wallten ihm majestätisch den schlanken Rücken hinunter. Seltsam stach dagegen der edle Spanier Hernandez ab. Er hatte es sich nach Reisemanier bequem gemacht, und zog auf einem wunderschönen, sehr zierlich geschmückten Maultiere einher, keine andre Waffen zur Hand, als ein zierlich geformtes Schwert und eine kleine, glänzende Tartsche, beide an den samtbezogenen Sattel seines Tieres gehängt. Unfern von ihm aber führte ein Knappe den schnaubenden andalusischen Streithengst an goldnen Kettenzügeln, ein andrer auf einem Saumroß so herrlich leuchtendes Rittergewaffen, und so schön geordnetes, als man sich es nur irgend denken mag, den geschloßnem Helm mit seinen gewaltig wogenden Reiherfedern hoch oben darauf gebunden. Der tapfre Freiherr und Otto ritten meist immer nebeneinander in mannigfache Gespräche vertieft, und sich gegenseitig mit jedem Augenblicke lieber gewinnend. So waren auch Folkos Silbergrauer und Trautwangens Lichtbrauner verträglich miteinander, so wenig dieser sonsten Friede mit fremden Rossen hielt. Von dem, was die edlen Feinde zusammen besprachen, sei es vergönnt, folgendes aufzuschreiben. »Ich meinte kaum, Euch mehr in Frankreich zu finden«, sagte Otto einmal. »Am heiligen Grabe, dachte ich, müßten wir zusammentreffen, oder doch mindestens auf dem Wege dahin. Denn schlagen nicht alle großen Herzen Europas dem seligen Magnetsteine zu, welcher in der Grabesnacht, umwogt von heidnischen Gottlosigkeiten, seinen stillen, aber gewaltigen Zug zur Befreiung aussendet durch alle Welt? Und Euer Herz, mein hoher Widersacher, schlägt gewißlich mit den allerbesten in der Christenheit gleichen Takt. Wie ist denn Eure Schulter nicht rot bekreuzt?« »Weil nicht nur der Heiland an seinem Grabe Fechter braucht«, entgegnete Montfaucon, »sondern auch mein König in seinem blühenden Reiche Barone. Eben weil mein edler Herr selbsten mit hinauszieht in die Morgenlande, begehrt er und gebeut, daß meinesgleichen zurückbleiben sollen, ihm den Erdengarten Frankreich zu hüten, während er den Gottesgarten Palästina erobert. Die Mohren in Spanien sind ja nicht so gar fern von hier, auch durch keinen Meeresarm von uns getrennt, und wenn sich tapfre kastilische Degen dawider anstemmen, müssen wir entweder unser edles Bollwerk verstärken helfen, oder uns selbsten vorkommen, wie müßige Feiglinge. Ich denke nächstens dorthin zu ziehen, mit dem tapfern Hernandez in Gesellschaft, und es kann sein auch mit Euch, dafern ich im Kampfe erliegen und ihn dennoch überleben sollte, denn als Sieger werdet ja auch Ihr ein französischer Vasall.« – Otto sah ihn fragend an, und der Freiherr fuhr fort: »Ich dachte, Ihr wüßtet schon, daß die schöne Gabriele von Portamour dem, welcher ihr den wundersamen Ring erstreitet, ihr wunderholdes Selbst als Eigentum verheißen hat. O wie Euch nun die Augen funkeln, Ihr hoffender Kämpfer!« – In der Tat leuchtete Ottos Seele von nie geahnter Freude, und doch mußte er wieder mehr als je an seinem Siege zweifeln, zweifeln, ob er leben werde bis zum Tage des Gefechtes, weil jenes Glück in allzu überraschender Herrlichkeit ihm entgegenstrahlte. Folko schien eine rechte Freude an der Begeisterung des Jünglings zu haben, und sah ihn wieder zugleich mit einer tiefen Wehmut an, vielleicht weil er bedenken mochte, daß den jungen Ritter diese Heldenglut eben jetzt seiner furchtbaren, schon manchem Gegner tödlichen Lanzenspitze entgegentreibe. Da suchten beide in unterschiedlichen Gesprächen zu vergessen, daß sie einander bald auf Tod und Leben zu treffen hatten, und als Otto den Freiherrn befragte, was er denn eigentlich von dem wunderbaren Ringeskleinod wisse, gab ihm dieser in folgenden Worten Kunde: »Der Ring ist ein Erbteil meines Stiefvaters, eines sehr gewaltigen Kriegshelden, welcher Messire Huguenin geheißen war, und am Hofe unsers Königs in einem hohen Ansehn stand. Obgleich er als ein Fremder in das Land gekommen war, einige sagten vom Osten, andere vom hohen Norden her, hatte er sich doch viele große Lehen im Reiche zur Belohnung seiner tapfern Kriegstaten erworben, und zwar mit so uneingeschränktem Besitz, daß er sie hinterlassen durfte, wem er wollte, sei es Fräulein oder Ritter. Bei allen Festen des Hofes glänzend, war er in eine schöne Jungfrau entbrannt, der Tochter eines der ersten Häuser, hatte sich ihr verlobt, und ihr den wunderbaren Ring verheißen, welchen er mit aus den nordischen Wunderlanden gebracht haben soll, geheimen Zaubers stark. Auch sollte dies Kleinod der Besitzerin als Pfand gelten, auf die in Frankreich errungenen Lehen. Man will sogar das Fräulein mit dem köstlichen Goldreife bereits an Festen haben prunken sehn, doch kehrte er noch immer wieder in die Hände Messire Huguenins zurück. Er reiste um diese Zeit in die Normandie, um seine schönen Burgen das erstemal zu sehen, und diese lagen dicht am Stammsitze unsres Hauses, wo meine Mutter einsam lebte, einzig beschäftigt, mich zu einem wackern Ritter, des Namens der Montfaucon nicht unwürdig, zu erziehen, und in ihrem verlaßnen Stande um so bedrängter, da ihre, es schien unverwelklich blühende, Schönheit noch immer die huldreichsten und jüngsten Frauenblumen des Landes überstrahlte, und von vielen, ihr allesamt lästigen Freiern nachgesucht ward. Ich erinnere mich noch wohl, wie der herrliche Messire Huguenin das erstemal auf unser Schloß geritten kam, wie mein ganzes Herz an der fürstlichen Gestaltung hing, und wie er so ritterlich artig, so fern und doch so sittig vertraut mit der Mutter sprach; denn ich war schon ein Knabe von mehr als zehn Jahren, und wohl fähig, den Unterschied zwischen ihm und unsern andern Nachbarn wahrzunehmen. Wenn ich nachher bisweilen so glücklich gewesen bin, edlen Frauen nicht zu mißfallen, mußt' ich mir immer sagen, daß ich die beste Sitte von Messire Huguenin erlernt habe, ohne dies Musterbild adligen Wesens doch je vollkommen erreichen zu können. Auch meiner schönen Mutter war er höchst anmutig und bedeutend gewesen, so wie dagegen ihre himmlische Erscheinung ihm jede andre Verbindung, als die mit ihr, unerträglich machte. Seine erste Sorge war nun, sich von dem frühern Verhältnisse mit jenem Fräulein loszuwinden, und die Scheu vor der Gunst des Königs gegen Huguenin sowohl, als vor des Ritters tapfern Arm zähmte die Verwandten der Dame dergestalt, daß alles im tiefen Frieden abging, der Ritter seinen Ring behielt, und meine Mutter erst lange nachher, als sie schon Huguenins Gattin war, das erste von dieser Verhandlung erfuhr. Willig hatte die schöne Wittib ihr Leben und Glück, und was ihr weit höher am Herzen lag, die ritterliche Erziehung ihres Sohnes, dem ruhmvollen Messire Huguenin anvertraut. Wie die beiden erstgenannten, köstlichen Kleinode bei ihm aufgehoben sein mochten, weiß ich nicht, denn so herrlich die Rosenzeit seiner Liebe blühte, so kurz blühte sie auch. Kaum etwas über zwei Jahr, während welcher meine Stiefschwester Blancheflour, ein Abbild alles Huldreizes der schönen Mutter, geboren ward, lebte der prächtige Ritter Huguenin in unsrer Burg; dann zog er auf die See hinaus, und kam nimmermehr wieder. Zum besten seiner Seele und seiner Ehre laßt uns denken, ihn habe irgendwo ein schneller rühmlicher Tod erreicht. Meine Mutter vernahm nie wieder etwas von ihm, und je mehr er während jener kurzen Verbindung ihr Glück erhöht hatte, je sichrer zog er jetzt ihr schönes Leben in seine Dunkelheit nach. Wenige Jahre zehrte der Gram an ihrer Gesundheit; dann sank sie schmerzlich lächelnd in ihr stilles Grab. Das andre Pfand, mich selbst und meine ritterliche Bildung, hatte er ehrlich bewahrt. Ernst und liebevoll, hoch und freundlich, einer winkenden Feuersäule vergleichbar, schritt er immer vor mir her. Des Tages über sprach er wenig mit mir, aber er zeigte mir in Waffenübung und Jagen und Reiterstücken desto mehr Treffliches und Ermunterndes. Des Abends quollen die Sagen und Geschichten uralter Zeit reichlich von seinen stolzen Lippen zu mir hernieder; wenig oder keine Ermahnungen dazwischen, aber er erzählte so, daß immer der Geist und die Schöpferkraft der Taten in freudiger Lieblichkeit dastand, mir gleichsam die Hand hinhaltend, daß ich einschlagen sollte zum glänzenden Bund. Und das tat ich denn im Herzen um so inniger, da ich wohl wußte, es erzähle mir das alles ein gewaltiger Held, der vielfach nicht mindere Dinge vollbracht habe, als die, von welchen er sprach. Ich war ihm auch, – das darf ich wohl ohne Prahlerei sagen, – in den zwei Jahren gut nachgewachsen, weshalb er mich am Abend vor seiner Abfahrt mit in sein Zimmer nahm, hinter uns abschloß und sagte: ›Folko, ich ziehe hinaus; auf wie lange, weiß Gott; mag sein, auf immer. Deine Augen sagen mir schon die Bitte an, daß ich dich mitnehmen soll in Kampf und Sieg, aber das geht nicht, weil ich dich noch zu was Höherm berufen habe. Du sollst mir hier bleiben, als Schirmvogt deiner Mutter und der kleinen Blancheflour, denn zählest du gleich nur dreizehn Jahr, so bist du doch an Geisteskraft und Waffenfertigkeit um ein halb Dutzend Jahre älter. Dazu hast du mich lieb, und die arme kleine Blancheflour auch. Die sollst du nun schützen bei dem wunderbaren Ringeskleinod, welches ich ihr hinterlasse, und das man ihr – ich sehe es voraus – von mancherlei Seiten her anfechten wird. Aber laß du es ihr nicht nehmen, mein junger Leue von Montfaucon, und sorge auch, wenn ihr beide größer werdet, daß sie dereinst deines Hauses Namen führen möge, denn der des meinen, zwar groß und gewaltig, ist nicht so bekannt hier im Reich, und rauscht fremd und unbehülflich in fränkische Ohren. – Willst du mir nun das alles versprechen?‹ – Ich schlug stolz und freudig ein, und habe mit Gott mein Wort ehrlich gehalten bis auf den heutigen Tag. – Messire Huguenins frühre Verlobte heiratete nachher den Ritter Portamour, und ward Gabrielens Mutter. Darauf hörte die schöne Gabriele, früh zur elternlosen Waise geworden, durch ihre Vormünder viel von ihren Rechten auf den Ring, nach welchem ihre arme Mutter in der Todesstunde gerufen haben soll, als nach einem ihr verlobten, teuern Eigentum, und da nahm das viele Fechten darum seinen Beginn. Wenn es Gottes Wille und Euer gutes Glück so ist, nimmt es heute oder morgen vielleicht sein Ende; denn seht, die Türme der Burg, wohin ich meine schöne Feindin geladen habe, ragen bereits über die Baumwipfel hervor.« Zweiundzwanzigstes Kapitel In einem frischen Buchenwalde, am Fuße des Schloßberges, hatte die Gesellschaft unter den breitschattigen Ästen Halt gemacht, um der anmutigen Herbstluft zu genießen, die abendlich durch die Waldung hinzog, während ein vorausgesandter Knappe nach der Burg hinaufeilte, die Ankunft des Herrn und seiner edlen Gäste zu verkünden. Aber kaum noch, daß man von den Rossen gestiegen war, und die Becher gefüllt hatte, so kam auch der Bote schon wieder eilig zurück, meldend, Fräulein Gabriele von Portamour seie bereits eingetroffen in der Burg, und auf ihr Begehr habe Fräulein Blancheflour, als die Wirtin des Kastells, befohlen, Vesperbrot und Abendessen hier unten im Forste zu bereiten, auch bewege sich der Zug, welcher die edlen Frauen geleite, schon den Hügel herab. Wirklich sah man es durch das Gezweige leuchten von blanken Waffen und silbernen Gerätschaften und reichen Gewanden. Der Freiherr von Montfaucon wandte sich an Don Hernandez und an den Grafen Vinciguerra bittend, daß sie einstweilen an der Spitze der ritterlichen und sangeskundigen Genossenschaft die Damen empfangen möchten. »Denn«, sagte er, »es ziemt sich, daß wir zwei Kämpfer zierlich und geschmückt vor der schönen Gabriele erscheinen, mehr, als es uns Reise und Überraschung jetzt im Augenblick gestatten würden.« – Und so schritt er mit Otto ein kleines Talgesträuch hinab; Tebaldo und ein Knappe des Freiherrn folgten. Die jungen Degen wappneten und schmückten sich mit Eile und Fleiß. Sorgfältig wurden die Platten und Schienen abgerieben und geglättet, die Riemen fester geschnallt und versteckt, die Federn der Helmbüsche geordnet, die Feldbinden ausgestäubt und zierlicher umgelegt. Als beide ihre Helme auf die Häupter setzten, sahe Folko den jungen Ritter staunend an. – »Nun erst mit dem Adlervisier«, sagte er, »wird mir es recht kund, was mir an Eurer schwarzsilbernen Rüstung so wunderlich vorkam und doch so bekannt. Ist das nicht der Harnisch des Grafen Archimbald von Walbeck?« Und auf Ottos bejahende Antwort, fuhr er fort: »Ich werde Euch einmal bitten, mir ausführlicher zu erzählen, wie Ihr junge Ritterblume in dieses strenge Gewaffen hineinkommt, und Euch dagegen berichten, wieviel Seltsames ich vom Kämpfen mit einem silberschwarzen Adler geträumt habe. Der flog immer von Deutschland her den Rhein herüber, und pflückte mir mit bissigem Schnabel in einem Kranze, der auf meinen Scheiteln saß. Wenn ich dann vor meinem eignen Sträuben erwachte, sagte ich zu mir selber: Du müßtest an heiße Kämpfe mit Graf Archimbald von Walbeck glauben, doch den bindet ja sein Wort und schließt ihn vom Ringesabenteuer aus. Aber nun ist der Adler dennoch schlagfertig da. Folgt mir, mein junger Aar, die Damen warten. – Und alsbald schritten die beiden ritterlichen Genossen Hand in Hand den Abhang wieder hinauf. Durch den Kreis, welchen oben holde Frauen und edle Herren und Meister geschlossen hatten, leuchtete Gabrielens Schönheit so wunderbar, daß Otto, seines Entscheidungskampfes und des seligen Preises bewußt, die Augen demütig zur Erde sinken ließ. Folko trat gegen das schöne Fräulein Portamour heran, sprechend: »Nie würd' ich es mir verzeihen, als ein saumseliger Wirt später zu erscheinen, denn ein so holder Gast, wenn es nicht noch unentschieden stände, wer hier Wirt und Gast überhaupt verbleiben soll. Wär' es Euch gefällig, so hielte sich dieser tapfre junge Deutsche, die Streitfrage zu entscheiden, bereit.« Gabriele warf einen seltsamen Blick auf Otto. Es war bald, als zweifle sie an seiner jugendlichen Unerfahrenheit und am Erfolg, bald wieder, als gelte ihr eben diese Jugend und Arglosigkeit für einen helfenden Engel. – »Wart Ihr nicht jener Jüngling am Donaustrand?« – »Das war ich«, entgegnete Otto mit -leiser Stimme, »und stehe nun hier, mein Gelübde von damals zu lösen.« – Gabriele sah wohlgefällig, aber, wie es schien, noch immer zweifelnd auf ihn hin. Da trat Ritter Montfaucon wieder herzu, sprechend: »Dame, wollet diesen edlen Herrn zu Euerm Kämpfer erkiesen. Ich stehe nicht eben in dem Ruf, ohnmächtige Widersacher zu begehren. Diesen in den Schranken mir gegenüber hätt' ich gern.« – Und alsbald zog Fräulein Gabriele den zierlichen Handschuh von der schwanenweißen Hand, knüpfte ihn an Ritter Trautwangens Feldbinde fest, und sagte: »Mein Recht und meine Hoffnung bind' ich an Euer tapfres Schwert.« Dann mit gesenkter Stimme setzte sie hinzu: »Und Gabriele wird des Siegers Dank.« – Er gedachte zu antworten, da girrte es neben ihm, wie zarter Turteltaubenlaut. Und aufblickend sahe er eine wunderholde Gestalt an Ritter Folkos Schulter gelehnt, eine Gestalt, in der er nach der Beschreibung Fräulein Blancheflour erkannte, und nun von Herzen alles glaubte, was ihm der Freiherr von der unverwelklichen Schönheit seiner Mutter gesagt hatte. Blühte ja dieser Huldreiz noch über das Grab her in die Welt herein! Blancheflour aber neigte sich demütig gegen Gabriele, und flüsterte: »O, eine Bitte, edle Maid! Ich habe nur den einen, einen Bruder, und soll er denn bis an sein Lebensende für mein Ringlein fechten? Und nimmer ich des jungen Helden mit Gewißheit froh sein? O, laßt doch den jetzigen Zweikampf für immerdar entscheiden. Erliegt mein lieber Bruder, Herrin, ach, so ist der Ring ja Euer. Drum, wenn Eu'r Kämpfer fällt, so laßt auch Euern Anspruch fallen, ein für allemal. O bitte! Ihr seid der Großmut allzuvoll, um fort und fort so gar ungleiches Spiel zu spielen.« – Man konnte wohl sehn, daß Gabriele ein ernstes Streiten mit sich selbst bestand. Zuletzt aber schaute sie freundlich in die Höhe, und sagte: »Es sei! – Herr Ritter«, fuhr sie fort, gegen Trautwangen mit einer Mischung von Würde und Ängstlichkeit gewandt, »nun liegt mein ganzes Wohl und Weh in Eurer Hand und in Euerm kühnen Herzen.« – »O darf ich denn nicht noch in dieser Stunde fechten?« fuhr der begeisterte Otto auf. – »Nicht also«, sagte Gabriele ernst. »Ich kenne die Rüstung, die Ihr tragt, sehr wohl. Vielleicht ist sie bestimmt, in meinem Dienst mein frühres Unheil wiedergutzumachen, vielleicht, es zu vollenden. Doch wenn ich damals eilig war, zu dem unheilvollen Rennen, so will ich mich heute zügeln. Drum morgen, um die Mittagsstunde, fechtet auf dem Burgplatz. Und bis dahin von all den ernsten Angelegenheiten nichts. Vielmehr, – wenn ich hier irgend um etwas bitten darf – so gehe Fest und Spiel in sorgenfreier Lust vor uns auf.« Folko neigte sich, und alsbald hatte er die Gesellschaft mit anmutiger Leichtigkeit unter den grünen Laubgewölben geordnet. Weine und Speisen wurden in köstlicher Mannigfaltigkeit umher gereicht, und dazu bald von dem, bald von jenem anmutige Lieder gesungen. Da erhob sich vielfach die Bitte, Fräulein Blancheflour möge das Lied von Abælard und Heloise mit irgendeinem der edlen Meister singen. Sie suchte sich dazu einen Jüngling von ihres Bruders Gefolge aus, der Meister Aleard geheißen war, und ihr Wechselgesang begann in folgenden Worten: Blancheflour               »Über Wald und Flur und Wiese Streut der Abend Blumen aus; Eine nennt man Heloise, Doch die welkt allein im Strauß. Klostergarten Hält im harten Zwinger dieses Blümleins Pracht; Kann nicht fliegen, Muß erliegen, Sagt zum Leben: gute Nacht!« Aleard     »Lieber Gott, das Spätrot funkelt, Nachtigall führt süßen Streit, Lüfte kühlen, Abend dunkelt, Ach, das war ja sonst die Zeit. Still, du Locken! Klosterglocken Gehn den mahnend ernsten Gang. Liebeszungen Sind verklungen, Was noch klingt, ist Leichensang.« Blancheflour »Willst hinaus du, Heloise? Sehnst dich nach der blühnden Schar?« Aleard »Willst du über Feld und Wiese, Wieder wandeln, Abælard?« Beide »Nein, der Erde Grambeschwerde Sagen wir fortan Ade! Wer im Sinne Klagt um Minne, Dem tut Einsamkeit nicht weh.« Blancheflour »Über ferne Seen klingt es; Kommt's von dir, mein Abælard?" Aleard »Über ferne Wälder singt es; Heloise, tönst so klar?« Beide »Nachtigallen – Lieder schallen, Sagen schon dem Lenz Ade! Klosterzelle, Schleuß die Schwelle; Mir tut Einsamkeit nicht weh.« Es standen Tränen in manchen schönen Augen, ja, auch wohl an den Wimpern tapfrer Kriegshelden, so beweglich hatten Blancheflour und Aleard gesungen. Otto fühlte die Töne in seines Herzens Tiefen widerhallen; es kam ihm vor, als sei das ganze Lied auf ihn gemacht, so wenig es sich auch für seine gegenwärtige Lage schicken wollte, und er mußte immer heimlich bei sich selbst welche von den Schlußzeilen des Gesanges wiederholen. Herr Folko von Montfaucon sahe indessen finster vor sich nieder, viel anders, als man es sonst wohl von dem freundlichen Ritter gewohnt war. Endlich wandte er einen strengen Blick nach Fräulein Blancheflour hinüber, die soeben sehr angelegentlich mit Meister Aleard sprach, und sie kam eilig zu dem Bruder, und setzte sich neben ihn, und wich den ganzen Abend lang nicht mehr von ihm. Dagegen liebkosete ihr nun Folko auf das artigste und heiterste, tausend anmutige Dinge aussinnend, um sie zu ergötzen. Dennoch war es bisweilen, als perle in Blancheflours milden Augen ein helles Tränlein, und Meister Aleard wich unter die tiefsten Lauben des Forstes zurück. Der Abend zog kühl über die Gegend, feuchte Nebel stiegen aus den gefaltnen Buchenblättern herauf, und man erhob sich, mit einem lustigen Marsche, nach der Burg emporwandelnd. Wunderlich schimmerten die Kerzen und Fackeln, welche der Gesellschaft leuchteten, auf dem vielfach gewundnen Bergpfade durch das hereinbrechende Dunkel. Dreiundzwanzigstes Kapitel Mit den Morgenlichtern des andern Tages regte sich ein vielfaches Treiben auf dem geräumigen, von frischem Rasen begrünten, von hohen Linden beschatteten Burghofe. Pfähle wurden eingerammt, und Balken darin eingefugt, zum Gitter, welches den Kampfplatz vor der zudringenden Menge sichern sollte, reiche Teppiche über die Verzäunung hingehängt. Im Runde selber luden einige Wagen feinen, sehr weißen Sand ab, und eine Menge von Knechten breitete ihn geebnet und sorgfältig aus, damit die Streitrosse festen Tritt fassen könnten, und sich freudig tummeln, ohne auf dem schlüpfrigen Rasen zu gleiten; auch, falls die Herren zum Fußkampf mit geschliffnen Schwertern kämen, die beerzten Fersen sichern Halt gewännen. Auf und ab gingen dabei Don Hernandez und Graf Vinciguerra, welchen man, schon gestern alles verabredend, die Oberaufsicht als Kampfesrichtern anvertraut hatte. Sie maßen den Rund, sie ordneten und bezeichneten die Stellen der Fechter zu gleicher Sonne und gleichem Wind, alles nach sehr reiflichem Erwägen. Für die Frauen ward eine hohe, herrliche Bühne erbaut, recht zwischen das Gezweig der alten Lindenbäume hinein, so daß sie mitten in der Beschattung und dem Schutze der dichten Blätter zu sitzen kamen, dennoch an der freien Aussicht über die Rennbahn ungehemmt, und wie himmlisch belebte Früchte anzusehn, oder vielmehr wie Engel aus Paradieseslauben hervor. Eine Menge von Zuschauern hatte sich bereits umher gesammelt, mit Ungeduld auf die Erscheinung der Helden und Herrinnen des schönen Todesfestes wartend. In abgesonderten Gemächern wappneten sich indessen der Freiherr und Ritter Trautwangen. Um diesen war heute sein Gefährte Tebaldo mit großer Sorgfalt bemüht, und mit einer Weichmütigkeit, die an ihm selten zu finden war. Vom Adlerhelme an bis auf die goldnen Sporen sah er alles und jedes wohl zehnmal durch, und schnallte bald fester, und lüftete wieder bald, und fand es noch immer nicht gut genug für seinen Ritter und Freund. Dieser schaute ihn freundlich an, sprechend: »Ei, Diephold«, – mit diesem verdeutschten Namen pflegte er ihn in recht innigen Stunden am liebsten zu nennen, – »ei, Diephold, du tust ja so wehmütig besorgt, als wappnetest du mich zum letztenmal!« – »Das kann wohl sein, Ihr edler prophetischer Mund!« seufzte Tebaldo, und beugte sich über seines Ritters noch ungepanzerte Hand. Da flogen die Türen auf, und glänzend geharnischt, blau leuchtend und gold, wie die sternige Nacht, vom ganz güldnen, noch ungeschloßnen Helm überstrahlt, trat herein der Freiherr Folko von Montfaucon, ein Knappe mit dem großen, funkelndem Schwerte ihm nach. – »Lieber Kampfgenoß«, sprach er den Ritter an, »wir haben verträglich zusammen gehalten, bis auf den heutigen Tag, und einander oftmalen vertrauend ins Antlitz gesehn. Nun aber trifft es sich wohl alsbald, oder kann sich doch wohl so treffen, daß nach dem Schließen unsrer Visiere nicht einer des andern Auge wieder schaut, zum mindestens lebend und ungebrochen nicht. Da komm' ich denn her, und will Euch noch einmal recht herzlich küssen, und beten wollen wir in der Kapelle vor dem Altar zusammen auch.« – Und weit breitete er seine Arme aus, und Otto stürzte liebevoll hinein, und die beiden ehrnen Männer drückten sich aneinander, als sollte die starre Hülle vor der Glut ihrer brüderlichen Freundschaft schmelzen. Draußen blies eine Trompete, und sie rissen sich schleunig los. – »Der erste Ruf!« sagte Folko. »Gürtet mir nun mein Schwert um, Ihr edler Gegner. Ich tu Euch alsdann den gleichen Dienst.« Es geschah nach des Freiherrn Begehr, und wie sie einander mit den herrlich leuchtenden Waffen umgürteten, erzählten sie sich, wie dem einen sein Stiefvater, dem andern sein Vater die goldgeschmückte Wehr zum erstenmal in die Hand gedrückt habe. Dann schritten sie Arm in Arm nach der Kapelle hinab, und knieten im stillen Gebete zu beiden Seiten des Altares, kampfmutig und liebevoll, bis die Trompete von neuem rief. Aufstehend sahen sie sich noch einmal sehr freundlich an, schlossen darauf die Helme und traten miteinander in den sonnenhellen Burghof hinaus. Die Damen saßen bereits auf dem Balkone, und Folko sprach zu seinem Gefährten: »In den nördlichen Stammlanden meines Hauses haben sie ein Märchen von goldenen Äpfeln der Unsterblichkeit. Siehst du sie da droben, Gesell?« – Er hatte bloß etwas Zierliches und Erheiterndes sagen wollen, aber wie die Stimme dumpf aus dem geschloßnem Helme hervordrang, von keinem Lächeln des Mundes oder des Auges begleitet, starr und regungslos, vor dem Gesichte das kalt metallne Visier, klangen die Worte nicht wie ein artiges Spiel, sondern wie eine ernste Mahnung an den Tod. Die Ritter schüttelten sich die Hand, und gingen auseinander nach ihren Rossen. Indem sich der Freiherr linkshin seinem Silbergrauen nahte, flog sein edler Falke, von jener frühern Wunde Tebaldos fast geheilt, aus einem Fenster des Schlosses auf seines Herrn Goldhelm herab, und wollte von da nicht weichen, bis ihn Folko herunternahm. Dieser streichelte ihn freundlich, und gab ihn dann seinem Leibknappen auf die Faust, welcher die Samtdecke vor des treuen Vogels Augen zog und mit ihm von hinnen ging. Ein wunderliches Gemurmel erhob sich über dieses Begegnis im Kreise; die einen deuteten es für den Freiherrn als einen Siegesgruß aus, die anderen als des frommen Tieres Abschied und des Herren bittern Tod. Da stieß der Herold zum drittenmal in die Trompete, alles Sprechen ward still, die kampffertigen Helden ritten von zwei entgegengesetzten Seiten in die Bahn. Und es erhob sich zu den Füßen des Balkons, wo die Damen saßen, Don Hernandez, prächtig geharnischt, mit offnem Helm, laut ausrufend: »Kund und zu wissen sei den Frauen und Rittern all, und wer noch sonsten hier biderbe Leute sind, daß mein Gefährt als Kampfesrichter hier, der Conte Alessandro Vinciguerra das Kästlein, welches den bestrittnen Ring bewahrt, in seinen Händen hält. Der Kampf mit Lanzen und geschliffnen Klingen, zu Roß und Fuß, steht beiden edlen Fechtern frei, und wer alsdann von ihnen sich dem Grafen Vinciguerra mit sittgem Gruße nahen kann, das Kästlein von ihm nehmen, es seiner Dame auf dem Balkone bringen, und ihr das Kleinod an den zarten Finger stecken, ohn' daß sein Gegner ihn vermag zu hindern, der hat gesiegt, und aller Streit ist ab und tot. Seid ihr's zufrieden so, ihr edle Herrn?« Beide Fechter neigten die federgeschmückten Metallhäupter, zum Zeichen der Bejahung, und Hernandez ließ sich mit ernster Würde neben Alessandro nieder. Da lag eine tiefe Stille über der Versammlung, aber nur augenblicks, denn die Trompeten schmetterten von allen Seiten mit furchtbar hallendem Jubel, und die Zuschauer schreckten ineinander, und die beiden Fechter sprengten ihre schnaubenden, hellwiehernden Rosse an. Mitten auf der Kampfesbahn trafen sie zusammen, mit so entsetzlichem Geprassel, daß es den fortjubelnden Tusch der Trompeten überklang, und wie zwei riesige Bildsäulen fanden sich Silbergrauer und Lichtbrauner gegenüber, auf den Hinterbeinen, hauend mit den Vorderhufen, um sich im Gleichgewicht zu halten, nach dem ungeheuern Stoß, der die Lanzen beider Ritter in tausend Trümmern weit über den Rennplatz hinaus zerstäubt hatte. Fest saßen die Reiter, beide vornübergelegt, beide zum Sprunge nach vorwärts mit den Sporen stachelnd, aber nach kurzem Schwanken schlugen beide Rosse, unfähig, sich wieder in den rechten Schwung zu bringen, mit ihren Herren krachend rücküber in den Sand. Ein Schrei des Entsetzens scholl vom Balkone, scholl von den Zuschauern rings im Kreise umher. Aber noch kaum war er verhallt, noch hatten die gestürzten Hengste sich nicht wieder erhoben, da waren die ringfertigen Kämpfer bereits unter der Wucht ihrer Rosse heraus, von Sattel und Bügel los, und liefen gezückten Schwertes nach der Stelle zu, wo Graf Alessandro Vinciguerra mit dem entscheidenden Kleinode Platz hielt. Bald aber bemerkend, daß keiner dem andern zur Erfüllung der Bedingungen Raum lassen würde, blieben sie sich gegenüber stehn, faßten die Klingen fest, und schritten dann gemessen, jedweder den Gegner im Auge behaltend, nach der Stelle zurück, wo sie gestürzt waren, und wo ihre Schilde noch lagen. Wie auf einem Ruf hatten sie zu gleicher Zeit die leuchtenden Ränder ergriffen, und jedem stand zur Seite sein Roß, denn die edlen Tiere hatten sich auch emporgeholfen, und waren ihren Herren hin und zurück gehorsam und dienstfreudig nachgetrabt. Beweglich aber war es anzusehn, wie des Freiherrn Silbergrauer, vom Zusammenstoßen am Vorderbuge verletzt, auf nur drei Füßen hinter seinem Ritter herhinkte, und nun im Stillstehen das gelähmte Bein weit von sich fort streckte, aber lustig dazu wieherte und mit den Nüstern schnob, die kriegerische Freudigkeit festhaltend, und die Treue, wie sehr die kriegerische Kraft auch schon verloren war. Otto, keinen Vorteil begehrend, und des treuen Rosses sich erbarmend, fragte: »Lassen wir die Streithengste aus der Bahn führen, mein edler Freiherr?« – Und Folko grüßte mit höflichem Dank, sprechend: »Nach Eurem Willen. Ihr tut, wie ich's von Anfang her von Euch gedacht.« – Man zog die Pferde aus den Schranken. Aber kaum, daß die Ritter mit gehobnen Schildern, mit leuchtenden Klingen aufeinander zugeschritten waren, kaum daß ihre ersten Hiebe auf das tönende Erz der Helme und Rüstungen herunterrasselten, siehe, da flog – ungestüm die Knappen, welche ihn hielten, von der Seite schleudernd – Ottos Lichtbrauner über die hohen Schranken, und mit unbändigen Sätzen und freudigem Schlachtgewieher seinem Herrn zur Hülfe, grad' auf dessen Gegner los. Aber Otto rief Halt! und wandte sich gegen das Roß, es am Zügel fassend, und nach dem Ausgange der Schranken zurückführend. Dort übergab er es den Knappen wieder, sagte ihm mit ernstbedräuender Gebärde: »Sei stille, Bursch!« und regungslos stand es fortan, daß man der goldnen Zügel, um es zu halten, nicht mehr bedurfte. Der Freiherr winkte dem zurückkommenden Otto einen freundlichen Gruß zu mit dem Schwerte, dann hob er es zu einem gewaltigen Hiebe, und der furchtbare Kampf begann aufs neue. Bald schmetterten die Streiche hageldicht hernieder, bald trafen die Fechter bloß mit den Schilden zusammen, sich hin und her drängend, und die Klingen ruhen lassend, bis irgend einer seine Gelegenheit zum Hauen ersah, und beide dann wieder mit schwirrenden Schwertern auseinanderflogen. Da fuhr endlich Folkos Klinge blitzschnell an Ottos linker Seite herunter, und des jungen Ritters Schildrand fiel halb zerspalten von seinem Arme. »Halt!« rief der Freiherr. Otto hielt, und fragte: »Seid Ihr wund, mein edler Gegner? Mir fehlt sonst nichts.« – »Euer Schild fehlt Euch«, entgegnete Montfaucon, »und auf dem meinen leuchten der goldne Balken und die goldne Kugel noch unversehrt, weshalben ich es auch weggeben will, denn ehrlicher Kampf heischt gleiche Waffen.« – Und er winkte seinen Leibknappen herbei, und reichte ihm das blau und goldne Schild zurück. Aber Otto wollte es nicht zugeben, da sagte der Freiherr sehr ernst: »Junger Degen, wollet diesmal eine freundliche Belehrung von mir ertragen. Ich bin ein Jahrer zwölfe länger unter den Waffen, als ihr, und weiß so ziemlich, was sich schickt. Hab' ich's von Euch mit Dank und Achtung angenommen, daß Ihr vorhin die Rosse aus den Schranken bringen hießt, weil meines wund geworden war, so denk ich, vergeht Ihr Euch Eurerseits nicht allzuviel, wenn Ihr von den Händen Folkos von Montfaucon eine ähnliche Gefälligkeit empfangt.« – »Ihr habt recht, mein edler Meister in allem Rittertum!« sprach Otto, sich ehrerbietig neigend, und der Leibknappe trug den glänzenden Schild hinaus. Da ging das Fechten mit erneuter freudiger Inbrunst an, aber nicht lange, fuhr ein Hieb Ottos über Montfaucons linken Panzerärmel zwischen Halsberge und Küris hinein, so gewaltigen Schwunges, daß der rückgezogenen Klinge das frische Blut wie ein rosiger Springborn nachsprudelte, und Folko bald nachher zu wanken begann, sich mühsam stützend am Schwerte, und ehe noch Otto ihn auffangen konnte, zu Boden sank. Und mit ihm zugleich kniete auch Otto in den Sand, die Zuschauer meinten, von einer gleich heftigen Wunde schwach, aber bald sahen sie, daß er nur bemüht sei, dem gefällten Widersacher Helm und Halsberge und Küris zu lösen. Zu gleicher Hülfleistung war Blancheflour herbeigeeilt, und kniete von der andern Seite neben dem Freiherrn. Sie weinte schmerzlich, aber Otto sah ihr freundlich in die Augen, sprechend: »Gottlob! Er lebt, und die Brustwunde reicht nicht ans Herz.« – Weil nun auch eben Folko die Augen aufschlug, reichte Blancheflour dem Gegner über den blutenden Bruder hin mit dankbarem Lächeln für seinen Trost die Hand, welche Otto ehrfurchtsvoll küßte, und dann erst aufstand, vom Grafen Vinciguerra das Kästlein zu holen, und es hinaufzutragen auf den laubigen Balkon. Wie er jetzt hintrat unter das grüne Blättergezelt, und Gabriele mit himmlisch süßem Lächeln ihm entgegenschritt, und draußen die Trompeten jubelten, und Ritter und Sänger und alles Volk seinen Namen riefen, da sank er, wie von seligen Träumen umgaukelt, ins Knie, und während er Gabrielen den Wunderring an die schwanenweiße Hand steckte, brannte ein leiser Kuß auf des Überglücklichen Stirn. Vierundzwanzigstes Kapitel In seinem Gemach entwaffnete sich Otto, und schmückte sich zu dem glänzenden Verlobungsmahle, nach welchem Gabriele sich feierlich für seine Braut erklären wollte. Knappen und Edelknechte drängten einander, teils ihm von der ersiegten Jungfrau zur Bedienung gesandt, teils mit Halsketten, Ringen, Barettfedern und andrer Zier für ihn aus ihren schönen Händen begabt. Im süßen Taumel seines Glücks, und dessen Widerscheines aus all den leuchtenden Farben um sich her, befremdete ihn Tebaldos Abwesenheit erst dann, als er einsam in einen Saal trat, wo ihn Gabriele hinbeschieden hatte, um sich von da feierlich an seiner Hand in das prächtige Speisezimmer führen zu lassen. Schwellend sein Herz von alle dem Heile, das über ihn so reichlich hernieder tauete, hätt' er es gern im traulichen Gespräche entlastet, und sann staunend darüber nach, warum sich Tebaldo noch immer nicht blicken lasse. Da trat dieser aus einer Seitentür in die Halle, so ungewöhnlich bunt und wunderlich ausgeziert, daß ihn der Ritter zu Anfang nicht gleich erkannte. Es bemerkend, sagte Tebaldo: »Ja, ja, Ihr habt nicht unrecht, denn ich sehe verwandelt aus. Aber es verwandelt sich ja alles in der Welt. Da schaut einmal selbsten hin, ob hier noch der Rittersmann in dem schwarzsilbernen Adlerharnisch mit einem einzigen Gedanken zu erkennen ist.« – Und leicht gewandt hatte er den Ritter einem großen Wandspiegel gegenüber gestellt, vor dessen leuchtendem Bilde, wie es ihn selbst zurückstrahlte, der adelige Jüngling mit staunendem Erröten stehen blieb. Wie eine Blume aus ihren reichen Blättern funkelte das lichte Antlitz aus der dichten Spitzenhalskrause hervor, wohlgeruchduftend kräuselte sich unter samtgrünem Barett des goldnen Haares Gelock, goldner fast, als die prächtige Agraffe, welche des Hauptschmuckes reichschwankende und wallende Federn zusammenhielt; das weiß samtne Wams, durchkreuzt von grün und goldenen Aufschnitten, über den Hüften zusammengegürtet vom ganz goldenen Schwertkoppel, schmiegte sich zierlich an den kräftigschlanken Leib, drüber hin fiel in geordneten Falten der kurze Mantel, mit Hermelin aufgeschlagen, mit Perlen besäumt. – »Nun?« sagte Tebaldo nach einer Weile mit fast höhnischem Lächeln; »das ist doch wohl nicht das Reisekleid nach Jerusalem?« – »Ebensowenig, als du das deine so nennen kannst«; entgegnete Otto, sich unwillig abwendend. Aber Tebaldo sagte: »Verzeiht, edler Herr; ein Reisekleid ist meines doch, und wenn Ihr einen kleinen Umweg nicht allzuhoch in Anschlag bringt, auch eines nach Jerusalem. Ich trage die Farben des Grafen Vinciguerra – Ihr wißt, die sind auf hell-italischer Weise ein wenig bunt – und ziehe mit ihm noch in diesem Augenblicke nach meiner blühenden Heimat fort, und so über Napoli zu Schiffe in den heiligen Krieg unter Löwenherzens Schar.« – »Was hab' ich dir zuleide getan?« rief Otto schmerzhaft aus. »Was willst du mich verwunden in meinem höchsten Glück?« – »Ihr habt mir nichts zuleide getan«, erwiderte freundlich Tebaldo, »aber Ihr wißt, ich suche der Waffen Spiel und nicht des Hauses Frieden; drum sprachet Ihr ganz recht heute früh; ich waffnete Euch wirklich zum letztenmal. Kriegslust und noch vieles andre reißt mich fort. Ich möchte gern wieder einmal an dem Blumenhügel knien, wo Lisberta schläft. Gott weiß, warum sie mich als Kind so oft haben dort spielen lassen; nun ist es, als wäre darunter meines Lebens bester Schatz begraben, und ich muß bisweilen hin. Was aber das betrifft, mein lieber Ritter, vom Euch Verwunden in Euerm höchsten Glück, so sagt mir freundlich Dank dafür, falls ich es wirklich tue. Wißt Ihr denn nicht, daß man den allzuvollsaftigen Bäumen Wunden ritzt? Und kennt Ihr die Geschichte vom Polykrates, der seinen Ring ins Meer warf, den Neid des Glückes zu versöhnen? Laßt mich der Ring nur sein, und gebe Gott, daß mich kein Hecht in Eure Hand zurückbringe.« – »Was eilst du denn aber so sehr«, sagte Otto. – »Das ist des Grafen Vinciguerra Schuld«, sprach Tebaldo, »ich hab's ihm einmal angelobt, nach seinem Willen mit ihm zu reisen.« – »Und der?« fragte Otto. – Tebaldo entgegnete lachend: »Er hat denn doch einen kleinen Ärger auf Euch, wegen jenes Hofmeisterns aus Euerm jugendlichen Mund. Ihr wißt ja noch, bei der Geschichte des jungen Messer Donatello. Denn im Vertrauen hat er es mir gestanden: der junge Messer Donatello war er. Und da kann er es nun nicht wohl vertragen, Euch im vollen Glanze als die Hauptperson des Festes zu sehn. Er wollte schon vor Ärger umsinken, als er Euch das Ringeskästlein geben mußte. Laßt mich im Lachen darüber scheiden, lieber Ritter, und keine traurige Stimmung komme zu Wort.« – Otto sagte weichmütig: »Du hast es wohl ganz vergessen, wie schwer dir das Scheiden ankam, damals, als wir uns des Falken wegen entzweit hatten?« – »Ja, eben weil wir uns entzweit hatten«, entgegenete Tebaldo. »Jetzt aber scheiden wir in vollem Frieden, und ich laß Euch bei einer himmelschönen Braut in allem Heil und Segen zurück. Bekomm's Euch gut!« Und damit war er freundlich nickend aus der Tür, und als Otto endlich langsam an das Fenster trat, gaukelten die beiden Italiener in ihren regenbogenfarbigen Röcken schon wie zwei bunte Papageien den Schloßberg lustig hinab. Der junge Deutsche sah ihnen mit Verwunderung und Betrübnis nach, da legte etwas die Hand auf seine Schulter, und sich umwendend, blickte er in den vollen, prächtig geschmückten Lichtglanz von Gabrielens Schönheit. War schon die hülfesuchende Jungfrau beim Gefecht unendlich reizend anzuschauen gewesen, so überstrahlte nun die bräutliche Siegerin jenes holde Bild noch weit. Der Juwelenkranz, welcher auf ihren seidnen Locken funkelte, der schwarze, goldbespangte Sammet, der ihren schönen Leib umfloß – es waren nur matte Folien der wunderbaren Schönheit jedes ihrer Züge, jeder ihrer Bewegungen. Und in all dieser Herrlichkeit, neigte sie sich mit edler Demut vor dem jungen Ritter, fragend: »Wie so ernst und mißvergnügt, mein hoher Herr? Kann Gabrielens Hand Euch nicht die Flucht zwei launischer Gesellen vergüten? – Kommt – unsre Gäste warten – kommt, führt mich in den Saal.« – Von all den holden Worten durchblitzte das unser bei Erwähnung der Gäste den Sinn des glücklichen Verlobten mit den freudigsten Flammen. Er küßte des Fräuleins zarte Hand, küßte – ein milder Blick sagte ihm, daß er es dürfe, – ihre blühenden Lippen, und trat voll nie empfundner stolzer Freudigkeit an ihrem Arm in den glänzenden, von zahlreich edlen Gästen wimmelnden Saal. Alles neigte sich glückwünschend und Raum gebend, milde Blasinstrumente spielten einen fröhlichen Marsch, Blumen flogen aus den Händen edler Jungfrauen auf das sittig dankende und errötende schöne Paar, und an der Tafel obres Ende gelangt, zeigte Gabriele ihrem Bräutigam den edlen Folko von Montfaucon, welcher dort auf einem seidnen Ruhebette lag, von seiner Schwester Blancheflour unterstützt und gewartet. – »Ich wußte wohl«, sagte Gabriele zu Otto, »daß ich Euch auf der Welt nichts Freudigeres zeigen könnte, als Euern edlen Widersacher so weit genesen, und mit in unserm Kreise froh.« – Dankend über ihre Hand gebeugt, sprach Otto: »Ich konnte ja wissen, daß nichts für Eure Macht zu schwer sei, holde Fee.« – »Still, still von meiner Feienmacht!« lächelte Gabriele. »Ihre besten Heilungskräfte liegen in dem Ringe, den Ihr mir erfochten habt.« – Folko hatte sich indessen mit Blancheflours Hülfe in die Höhe gerichtet, etwas bleich noch, aber sehr freundlich lächelnd, und streckte dem siegenden Trautwangen seine gesunde Rechte entgegen, welche dieser mit Rührung drückte, und kaum sie, wie eines väterlich sorgenden ältern Bruders Hand, zu küssen sich enthalten konnte. Man ließ sich nun zum Mahle nieder, und jedermann hatte seine Freude an Folkos huldreichem Anblick, wie die schlanke Heldengestalt unter blausamtnen, mit reichen goldnen Fransen gezierten Decken, in so prachtvoller Anmut dalag, seinen gleichfalls noch wunden edlen Falken auf dem Hauptkissen, der sich oftmals schmeichelnd herunterneigte, aus seines Herren goldnem Becher nippend. – »Man behandelt mich hier, wie ein krankes Kind«, sagte Folko deshalb zu der Gesellschaft mit lächelnder Entschuldigungsverneigung. »Man läßt mir mein Spielwerk bei Tische.« – Es gab einige Sangesmeister, die ihn heimlich flüsternd mit dem schönen Adonis, dem wunden Liebling der Heidengöttin Cypris, verglichen, und man fand, daß sie recht hatten. Indem sie nun allesamt recht vergnüglich an der von würzigen Speisen blühenden, von hellen Weinen duftenden Tafel beisammen saßen, ließ sich vor der Burg der schmetternde Ton eines ungeheuern Hornes vernehmen, und gleich darauf trat ein riesengroßer Mensch in voller, schwerklirrender Waffenrüstung, eine gewaltig hohe Hallebarte in der Faust, durch die Türe herein, sahe sich in der ihn anstaunenden Gesellschaft einige Augenblicke forschend um, und ging dann mit höflicher Neigung des Hauptes auf den Ritter Folko von Montfaucon zu. – »Mein edler Herr«, sagte er, »ich bin vom Seekönig Arinbiörn, Euerm Vetter und Freund, hier hereingesandt. Er hält vor Euerm Haus, und hat sich so weit ins Land hereingemacht, einzig und allein, Euch zu besuchen. Da will er nun hören, ob Ihr wohl Lust und Gelegenheit hättet, Ihn bei Euch zu bewirten, samt einigen edlen Jungfrauen und Recken in seinem Gefolg. Die eine von den Jungfrauen ist aber etwas wunderlich.« – »Hätte ich hier noch zu befehlen«, entgegnete Folko, die funkelnden Augen ein wenig gegen den Boden gesenkt, »so würde mich die Wunde, an der ich darnieder liege, nicht abhalten, Euerm edlen Herrn, wo nicht entgegenzugehen, doch mindestens entgegenzuschwanken. So aber« – Gabriele unterbrach ihn mit freundlichem Zürnen, sprechend: »O tapfrer Freiherr, wenn Ihr Euch nicht ganz hier betragt, als des Hauses Wirt, so jagt Ihr mich und meinen Kämpfer hinaus.« – »Da ist es ein anders«, sagte Folko, gegen den Fremden gewandt. »Euer Herr und sein Gefolge sollen höflichst willkommen sein, und entgegenziehn will ich ihm auch.« – Er regte sich auf seinem Lager, aber in Blancheflours ängstlich bittende Augen sehend, sprach der riesige Bote: »Mein Herr, das muß ich in Seekönig Arinbiörns Namen verbitten. Wenn eben ein rüstiger Mann auch an so was nicht stirbt, so hat doch das schöne Jungfräulein dort neben Euch Ängste deshalb. Und die soll biderber Held ja süßem Weibe sparen, wo er nur irgend kann. Drum bitt' Euch, so lieb Euch meines Herren Wünsche sind; dasmal bleibt ruhig auf der Streu. Der Seekönig ist im Augenblick zu Euch herein.« – Damit schüttelte er ihm die rechte Hand mit derber Freundlichkeit, und schritt grüßend wieder aus dem Saal. »Der Seekönig Arinbiörn«, sagte Folko zu der ihn mit den Augen befragenden Gesellschaft, »ist ein tapfrer Normann, mein Anverwandter von den alten Zeiten her, wo unser Stamm sich teilte, und der Zweig, welchem ich zugehöre, aus jenen eisigen Bergen sich in Frankreichs milde Gauen herüberschlang. Wir haben immer seit daher gute Vetterschaft miteinander gehalten; in manchen ernsten Taten auch Waffenbrüderschaft, die mir zu großem Heile gereichte, da Arinbiörn Seekönig ist. Sie geben diese Benennung dort in den hohen Küstenlanden solchen Helden, die auf dem festen Boden nur wenig, oft gar nichts Eignes besitzen, aber auf ihren Barken, in tapfrer, ihnen ganz ergebner Mannen Genossenschaft, die Erde umschiffen, von jenseit des Norderkaps her, ja vom fernen Island herunter, bis an die glänzende Konstaninopolis hinab, sogar bis an die Küsten der blühenden Asia, oder der goldschmelzenden heißen Afrika, wo fast keine Schiffer Bescheid wissen, außer ihnen, und wo sie, vermöge ihrer tönenden Waffen, nach Belieben schalten mit Königesmacht.« Folko hätte noch mehr erzählt, und die Gesellschaft gern noch mehr vernommen, aber die mächtigen Tritte der wundersamen Gäste hallten bereits auf den Steigen, und alles wandte sich nach der Tür. Fünfundzwanzigstes Kapitel Auf flogen die Pforten, und sich wegen seiner Größe in der Wölbung beugend, des vorigen riesigen Boten Fürst auch an hohem Wuchse, trat ein goldgeharnischter Mann herein, zwei goldgetriebene Geierflügel von dem leuchtenden Helme voransteckend. Otto fuhr unwillkürlich zusammen vor den metallnen Fittichen; er mußte an seinen Kampf mit dem Totengerippe in der Kapelle denken. Es kamen noch mancherlei wundersame Gestalten hinter dem Seekönig her, aber einzig auf diesen gerichtet, sahen die Augen der Gesellschaft von den übrigen wenig oder nichts. Arinbiörn schritt, die Frauen alle, so wie er vorbeiging, ehrfurchtsvoll grüßend, grade auf den Freiherrn von Montfaucon zu, faßte ihn freundlich bei der Hand, und sagte: »Ei Folko, was soll denn das? Findet man dich Glückskind doch auch einmal so recht tüchtig wund? Das muß ein rühmlicher Kämpe gewesen sein, der dich so hart getroffen hat, aber er ist wohl schon tot; denn was mir mein Bote erzählen wollte, du hättest ein siegloses Gefecht gehalten, und den oft verfochtnen Ring verloren – da ist ja in der ganzen Welt keine Möglichkeit dazu.« – »Doch, doch!« sagte Folko etwas verwirrt und mit glühenden Wangen. »Ich habe meinen Meister gefunden, und das wunderschöne Fräulein dorten ist gegenwärtig des Ringes und des Schlosses Herrin und dein und meine gütige Wirtin, Arinbiörn.« Der Seekönig neigte sich sittig vor Gabrielen, dann aber bat er, man möge ihm doch den unerhörten Fechter zeigen, der des gewaltigen Folkos Schwert nicht nur ertragen habe, sondern es auch bezwungen noch obendrein; sein Auge ruhte auf Don Hernandez. Als man ihm aber den jugendlich rosigen Otto vorstellte, sah er ihn höchst verwundert an, so daß der Jüngling eine Beleidigung darin zu fühlen anfing, und reden wollte; da neigte der tapfre Arinbiörn sehr ehrerbietig das Haupt vor ihm, sprechend: »Wenn das, wie ich denn nicht daran zweifle, mit rechten Dingen zugegangen ist, – mein Gott und Herr, Ihr junger Degen, was kann und muß nicht alles noch aus Euch werden, in solcher frühen Jugend so groß!« – Und wieder neigte er sich mit ernster Ehrfurcht, und Gabriele, in freudigem Stolz über ihren Kämpfer erglühend, legte die Schwanenhand in Ottos Rechte, senkte das lockige Haupt vor ihm, und sagte: »Ich bin des edlen Ritter Trautwangen verlobte Braut!« – Und die Instrumente jubelten, und die Gäste riefen glückwünschend drein, und die Becher klangen, und Otto, den Mund an Gabrielens Lippen drückend, sah den Himmel in ihren mildleuchtenden Augen. »Glück zu, mein lieber Otto«; sagte eine leise Flötenstimme hinter ihm. »Ach Gott, ich bin so von Herzen froh, daß du in dieser irdischen Seligkeit lebst!« – Und umschauend, erkannte er Mühmchen Berthas holdes Gesicht, aber ganz freundlich, ganz heiter, wenn auch etwas mondenbleich, alles das, wie noch aus Frau Minnetrostens Gemächern her. Weiter zurück drohte gleich einer Gewitterwolke des zürnenden Heerdegens benarbtes Antlitz. – »So war ja doch wohl alles nur ein Traum!« sagte Otto, und wehte sich mit der Hand vor der Stirne hin und her, als wolle er den Schlaf von seinen Wimpern scheuchen; Heerdegen drängte sich vor und schien sprechen zu wollen. Aber Bertha trat zwischen Otto und Gabriele, schlang deren Hände zusammen und ergoß sich in einen Strom so anmutiger und freudenreicher Glückwünsche, daß man glauben mochte, es sei ein leuchtender und tönender Engel vom Himmel heruntergeschwebt, dies herrliche Bündnis zu segnen. Auch von Heerdegens Brauen schwanden die Wolken vor Berthas lieblichen Worten, und Arinbiörn sagte: »Die zweie dort waren einstmalen meine Gefangne; ich hab sie mir an der ostfriesischen Küste im ehrlichen Holmgang erstritten, und hätte sie gern mit zu dem heimischen Herd geführt, als Siegeszeichen, und als meine eignen lieben Geschwister oben ein, denn nicht wahr, Heerdegen und Bertha, so haben wir bisher miteinander gelebt? Aber seid beide nur immerhin meiner Vormundschaft entlassen, zur Feier dieses hohen Festes, und weil ihr dem jungen Heldenbesieger dorten wohl lieb sein müßt!« – Und ein neuer Jubel erhob sich in dem schallenden Saale; Gabriele küßte Bertha, sie nun vom Donaustrande her wiedererkennend, und streichelte ihr die blaßrosigen Wangen, Otto und Heerdegen drückten einander in freudiger Versöhnung die Hände. Man saß schon wieder vertraulich kosend an der Tafel, Bertha bei Gabriele, Heerdegen bei Folko, Arinbiörn neben Otto, da bemerkte dieser, daß hinter des Seeköniges Stuhl ein hohes, goldlockiges Frauenbild stand, mit einem langen Schwert umgürtet, wunderschön, aber streng und regungslos, und indem Otto aufsprang, ihr mit zierlichen Entschuldigungen seinen Platz anbietend, wandte sie sich unwillig von ihm und schritt aus dem Saal. – »Ach, ist es weiter nichts als das?« sprach Arinbiörn, da er auf sein Befragen die Ursache von Ottos und vieler andern Gäste Staunen vernahm. »Ihr holde Fraun und edle Herrn, meine Eltern wollten mich einstmalen mit dieser kriegerischen Jungfrau verloben, die Gerda geheißen ist, und weit berühmt wegen ihrer Zauberkräfte in den nördlichen Landen, auch unserm Stamme nah verwandt. Mich aber hielt ein Traumbild, das ich irgendwo in einem Spiegel gesehn, – ach, so wunderhold, so wunderzart, – und das ich jetzt eben wiedersehe.« – Der Seekönig stockte und geriet in eine seltsame Verwirrung. Es war hübsch anzusehn, wie eine mädchenhafte Schamröte über das kräftige Heldenantlitz flog. Bald aber ermannte er sich wieder, und fuhr folgendermaßen fort: »Genug, ihr Frauen und Männer, es ward aus unsrer Heirat nichts. Gerda sagte: ›Kann ich nicht dein Eheweib sein, so will ich doch deine siegbringende Walküre sein‹; und seit dieser Zeit folgt sie, auch ungebeten, meinen Zügen nach, und bringt mir oft unerwartetes Glück, und kocht mir bisweilen den wunderlichen Heldentrank unsres Norderlandes, davor man auf lange Zeit hinaus unbezwingbar wird, als nur vor bezauberten Waffen; und weil ich es in manchen Fällen unritterlich halte, ihn zu brauchen, bringt sie mir ihn öfters mit unterschiedlichen Listen bei.« »Der Freiherr Montfaucon hat uns jüngsthin eine Sage von solch einem Trank erzählt«, sagte Don Hernandez. »Mit dem Tranke hat es seine Richtigkeit-, fuhr Arinbiörn fort. »Weil er aber, in Unvorsichtigkeit und maßloser Gier genossen, gar abscheuliche und entsetzliche Wirkungen hervorbringen soll, scheuen ihn meine Kriegsleute, und scheuen die Gerda mit. Und sie meint es doch gewiß immer sehr gut; aber was seltsam ist sie, das ist wahr. Dort Heerdegen hat auf eine eigne Weise ihre Bekanntschaft gemacht: an der ostfriesischen Küste, nicht lange bevor er mit mir zum Holmgange kam ...« Und während nun Heerdegen auf Verlangen der Gesellschaft die Geschichte jenes Abends erzählte, war Gerda selbsten wieder ins Zimmer getreten, von den meisten unbemerkt, hatte wieder hinter Arinbiörns Stuhl Platz genommen, und ein großes Goldhorn mit lauterm Tranke bis obenan gefüllt, neben ihn hingestellt, ohne daß der Seekönig darauf acht gab. So wie sich Otto, der sie hatte kommen sehn, nach ihr umdrehte, winkte sie ihm mit unzufriednen Mienen, sitzen zu bleiben, trat wie scheu zurück, und schwankte, gleich einer Träumenden, bald hier, bald dort, in der Halle auf und ab. Darüber verlor sie Otto auch alsbald aus den Augen, und um so mehr, da Heerdegen in seiner Erzählung einiges von Frau Minnetrost hatte fallen lassen, und nun von mehrern Gästen angelegentlich darüber befragt ward; Otto konnte nicht fragen, aber seine ganze Seele war bei jener seligleuchtenden Mondscheingestalt; Berthas Augen standen voll Tränen. Da flüsterte Gabriele mit anmutig neckender Empfindlichkeit in ihres Bräutigams Ohr: »O wie zerstreut schon am Verlobungstage!« – Und wie sich Otto entschuldigen wollte, fuhr sie lächelnd fort: »Nein, nein; es muß Euch etwas ausschließend beschäftigen. Ihr seid ja ein Deutscher, und doch behalten sogar die Becher Ruhe vor Euch. Habt Ihr denn schon ein einzigesmal auf die Gesundheit Eurer Braut getrunken?« – »O mein Leben, mein Heil, meines Sieges Krone!« rief Otto, und in süßbegeisterter Verwirrung leerte er das ihm zunächst stehende Trinkgefäß, erst dann bemerkend, es sei Arinbiörns Goldhorn gewesen, als ihm Gerda auf die Schulter klopfte, und dem sich Umwendenden dräuend ins Ohr sagte: »Du, du! Da hast du Schönes angerichtet! Hab's denn, was du nicht besser haben wolltest.« – Wie ein Feuerstrom brannte ihm derweile das Getränk den Schlund hinab, und gleich darauf sahe er, wie Gerda in einem Winkel der Halle ihm gegenüber stand, eifrig über Arinbiörns Streitaxt hinsprechend, und Zeichen darüber beschreibend, ohne doch ein Auge von Otto zu verwenden. Endlich lehnte sie die Streitaxt an des Seekönigs Sessel, und schritt kopfschüttelnd aus dem Saal. Heller und freudiger kreiste indessen Sang und Gespräch um die Tafel; ein herzinniges Wohlwollen und Wohlbehagen tauschte sich in fröhlichen Strömungen gegeneinander aus, und in den dazwischen geworfnen Liedern oder Sprüchen der weisen Meister erkannte man gern die Blüten der allgemeinen Festeslust. Aber in des armen Otto Gemüt entzündete das jubelnde Tönen um ihn her nur wilder und wilder ein verworrnes, unheimliches Ringen. Ganz feindlich drangen Lieder und Worte gegen ihn an, auf ihn ein, über ihn hin, gestalteten zu fremden Mißgebilden, was ihn umgab, engten des Saales freudige Bogen zusammen zur düster engen Grabeskapelle, verzerrten ihm die Züge Arinbiörns und Heerdegens und Folkos und Berthas und Gabrielens selbst. Es ward ihm zumut, als schwimme er in einem endlosen, betäubend brausenden Meer, und Fische mit Menschengesichtern schnappten höhnisch nach ihm, worunter besonders einer entsetzlich anzusehn war, der sich ein Paar große Geierfittiche auf das Haupt gesetzt hatte, und einen von Schwerthieben zernarbten Totenschädel im Rachen trug. – »Es ist der aus der Burgkapelle!« dachte Otto bei sich, und dann ermannte er sich wieder, sich erinnernd, es sei ja niemand anders, als Arinbiörn, der tapfre, freundliche Seekönig, der neben ihm sitze bei einem herrlichen Mahl. Bald aber meinte er wieder, ein Seekönig möge wohl ebensogut ein schrecklicher Raubfisch sein können, und dann fiel ihm ein, was Heerdegen ehmals von Nebelwitwen und Grubenjägern an der finnischen Grenzscheide erzählt hatte, und allerhand tolles Zeug mehr. Er konnte sich kaum erhalten vor Schwindel, und vor einer ungeheuern Kraft, die in seinen Sehnen glühte, durch seine Adern rann. Plötzlich fuhr er empor, seine Augen funkelten gräßlich, seine Stimme tönte wie ein furchtbarer Donner durch den Saal; rechts und links neben ihm sprang alles unwillkürlich auf, wie scheues Wild, er stand allein in der Mitte der Hallen, sein Schwert, das er raschen Sprunges mit entsetzlicher Behendigkeit aus einer Ecke erfaßt hatte, wirbelnd und leuchtend über den Scheitel schwingend. – »Hallo! Hallo!« rief er, »wo ist der böse Feind? Hallo! Hussa! Ich fodr' ihn aus! Ich steh' ihm riesenstark!« »Weh, weh, er ist besessen? Er ist des bösen Feinds Genoß!« – So ging ein leises Flüstern schon durch Männer und Frauen, die Wände entlängst, an die sich alles gedrängt hatte vor dem Dräuen der furchtbaren Gestalt. »Ich wag's mit ihm auf Tod und Leben zum zweitenmal!« sprach der kühne Freiherr von Montfaucon, die Damen beruhigend, und wollte sich vom Lager erheben, aber vor der schnellen Bewegung sprang die Wunde wieder auf. Ohnmächtig sank er zurück, und ward, von der zitternden Blancheflour begleitet, aus dem Gemach getragen. Alsbald sprangen Hernandez und drei edle fränkische Ritter heran, den furchtbar rasenden Jüngling zu bändigen – im Augenblick aber taumelten sie schwer verwundet vor seiner Faust nach den Wänden zurück. Er lachte, und stellte sich so, daß niemand mehr nach dem Ausgange des Saales gelangen konnte, ohne von ihm bedroht zu sein. – »Werft Speere, werft Messer nach ihm!« schrie es von allen Seiten in Zorn und Bangigkeit, Berthas leises Bitten: »O schont ihn! O schleudert doch nicht!« ungestüm übertönend. Die Messer, die Speere flogen; sie trafen den Ungeharnischten, und prallten wirkungslos ab. Der Rasende lachte. – »Ihr Fische tut's mir noch nicht mit euerm Besprützen!« schrie er gellend auf. Und durch die entsetzte Versammlung ging abermals das Geflüster. »Der Teufel ist mit ihm und macht ihn fest; der Teufel ist sein Herr.« – »Nein, nimmermehr!« sprach Bertha, ein Paradies der Liebe und des Vertrauens in ihren blauen Augen. »Du Otto, mein lieber Otto, gib mir in Gottes Namen die Hand, und folge mir in Frieden nach deinem Gemach.« – Sie schritt auf ihn zu, so beherzt und liebevoll, daß alle mit Zuversicht ihrem Sieg entgegen sahen, wie dem Siege der Jungfrau, die in heiligen Bildern auf dem Monde und über dem Drachen steht, aber der Sturm in Ottos verwirrten Sinnen fuhr noch wütender auf. – »Was will die Hexe«, schrie er, »die bleiche Hexe!« und mit einer Schwertwunde in der freundlich dargebotenen Hand taumelte Bertha zurück. Heerdegen fing die Schwester auf; seine Blicke trafen glühend den wahnsinnigen, umhertanzenden Gegner, aber er konnte von der schneeig zarten Bürde nicht zum Angriffe los. Da trat der Seekönig Arinbiörn mit seiner Streitaxt vor. – »So soll doch der teuflische Kerl das Blut der holden Jungfrau büßen«, rief er aus, »oder ich schütte meines allsamt zu dem ihrigen auf den Estrich!« – Und gehobner Waffe schritt er heran. – »Hu, Geierfittich! Hu, Totenschädel!« schrie der Tolle. »Willst noch 'nen Hieb von mir? Da wart, du Satan, wart!« – »Hei Satan selbst!« rief Arinbiörn zurück, und über die wirbelnde Klinge hin, durch ihre Schwingungen auf das Barett hernieder fuhr die gewaltige Streitaxt. Otto sank ohne Laut und Regung zu Boden. Sechsundzwanzigstes Kapitel Es mochte schon hoch gegen den Mittag des andern Tages gehn, da kam Otto aus der langen Betäubung wieder zu sich selbst; aber er konnte die Augen nicht aufschlagen, und auch kein Glied bewegen. Zu Anfang war es ihm, als läge er schon als Leiche da, und die Seele könne nur aus dem starren Leibe noch nicht heraus, und wie er sich nach und nach auf mancherlei besann, was gestern vorgefallen war, meinte er, der Seekönig Arinbiörn habe ihn mit seinem ungeheuern Hallebartenhiebe erschlagen. Doch fühlte er bald, daß er wohl noch leben müsse, und daß er auf weichen Kissen ruhe, sorgfältig zugedeckt, auch daß die Wunde am Haupte nur schwach sein möge, und ihn wenig schmerze, vorzüglich weil eine leichte Hand immer kühlende Tücher darüber schlang, und die alten Verbände jedesmal so schonend wegzog, daß er gar kein Wehetun dabei empfand. Aber jene Regungslosigkeit lag starr und unabänderlich auf ihm fest. Da hörte er endlich eine Stimme, die er für Gabrielens erkannte, sagen: »Er ist doch also gewiß außer aller Gefahr?« – Und schon wollte er sich der zarten, bräutlichen Sorgfalt erfreuen, als eine männliche Stimme, einem der weisen Meister aus dem gestrigen Kreise gehörig, antwortete: »Ich stehe Euch mit Leib und Leben dafür, Ihr und wir alle können ohne die geringste Besorgnis abreisen, denn Ihr habt alle Eure Pflichten gegen den unglücklichen Jüngling erfüllt. Was ihn jetzo noch in der Ohnmacht festhält, ist nicht die leichte Wunde, denn der Hieb ward von der Schwertesschneide gebrochen und von dem samtenen Barett gestumpft, sondern einzig und allein die Mattigkeit, welche dem armen Besessenen und Teufelsergebnen nach seinem dämonischen Bluttanz in die Glieder gesunken ist.« – So viele Worte, so viele Dolche fuhren mit dieser Rede durch Ottos Ohr bis tief in das Herz hinein. Die Greuel des gestrigen Tages stiegen allesamt vor seinem Geiste auf, und trieben in der stumpfen Bewegungslosigkeit des Körpers ein desto freieres Spiel. Ein leises Schluchzen, das sich dabei am Hauptende des Ruhebettes vernehmen ließ, und zwischen welchem die Worte bedauernd durchdrangen: »Ach armer Otto, ach armer, guter verlorner Otto!« fiel wohl wie mildernder Tau in seines Herzens Wunden; aber es war ihm, als töne es fern aus seiner friedlichen Kindheit von der seligen Mutter Lippen herüber, und hier in der lebendigen Welt kenne und liebe ihn dennoch kein Mensch. Da hörte er wieder, daß Gabriele sagte: »Ich habe auch dem Freiherrn von Montfaucon seiner Schwester Ring bereits wieder zugestellt, bis auf einen andern Kampf, denn durch den verhexten und gebannten Fechter hier mag und darf ich ja nichts gewinnen; ich muß nur Gott danken, daß die Larve vom Teufelsantlitz abfiel, bevor ich dem bösen Magier durch die heiligen Bande der Kirche verbunden war.« – «Ja, wir merkten es gleich«, sagten einige männliche Stimmen, »daß es nicht mit rechten Dingen zuging. Wie hätte denn ein so junger Knab' sonsten den starken Freiherr von Montfaucon bezwingen können!« – »Ach, und doch ist es so schade um die holde Gestalt!« seufzte Gabriele. »Wenn er das treuherzige Blauauge in die Höhe schlug, man hätte sich und die ganze Welt ihm gerne vertraut.« – »Daß Ihr Euch nur nicht auch noch jetzo von ihm umstricken lasset!« warnten einige Weiberstimmen, und zugleich ging die Türe auf, und Edelknechte meldeten, alles seie zur Abreise fertig. Mit einem schweren Seufzer wandte sich Gabriele weg, und schritt hinaus, alle die andern ihr nach; Otto hörte, wie sein Minneglück und sein ehrlicher Ruf von hinnen schied, und vermochte noch immer nicht Zunge, nicht Auge, nicht Hand zu regen. Da lag er in trüber Verlassenheit allein. Aber nicht ganz allein; das spürte er an den kühlenden Tüchern, die ihm noch immer um das Haar geschlungen wurden, und an dem leisen Weinen zu seines Lagers Häupten. Manchmal war es auch, als streichle eine zarte Hand mit scheuer Flüchtigkeit seine kalten Wangen. Da schmetterte ihm plötzlich Heerdegens Stimme vor den Ohren: »Schwester«, rief er, »was hast du noch länger bei dem Teufelsknechte zu tun? Soll er erwachen, und dich noch einmal verwunden? Frisch auf! Die Pferde warten! Die andern sind schon alle fort, selbst Montfaucon und Fräulein Blancheflour, und die alte graue Veste steht nun ganz verödet und verwaist.« – Und als Bertha, etwas wie leise Bitten hervorseufzte, fuhr er heraus: »Mach mich nicht wild! Wie viele edle Ritter würden dem Tode froh entgegenreiten, gält' es dein Herz und deine Hand! Und der hier darf dir Herz und Hand verwunden. Ich bitte dich, reize mich nicht; ich könnt ein unritterliches Stück begehen, und mich an dem Ohnmächtigen vergreifen.« – Da fühlte Otto, wie noch zum letztenmal das kühlende Tuch sich um seine Schläfe wand, und alsdann Bertha schluchzend mit ihrem Bruder aus dem Gemache floh. Bald darauf konnte er ihre Pferde den gepflasterten Burgweg hinunter traben hören. Nun war er ganz allein. – Die Ohnmacht erbarmte sich seiner, und warf abermals ihre dunkelnden Fittiche um ihn her. Spät gegen Abend erwachte er zum zweiten Male. Die starre Bewegungslosigkeit war von seinen Gliedern gewichen, er hob sich stöhnend empor, und vor seinen wieder erschlossenen Augen spielte der Abendstrahl schräg durch die Scheiben auf seinen rings umhergestreuten Waffenstücken. Schmerzlich kehrte er sich ab von diesen Zeugen seiner noch jüngst so helleuchtenden Glorie, und wankte ans Fenster. Er sah über die Burgmauer grad hinab in den Talgrund, und als er es, durstig nach der friedeliebenden Abendluft, aufstieß, hörte er, daß Kriegsleute durch den Forst ritten, und folgende Worte sangen:     »Wir wären lange schon gekommen, Wir meinten's längst im Sinne gut; Doch fehlt es am Panier den Frommen, Und blöd und einzeln schwieg der Mut.« Er erkannte das Lied, welches Blondel an jenem lieblichen Abende ihm und Tebaldo vorgesungen hatte. »Ach«, rief er aus, »wenn das König Richard Löwenherzens Kriegsleute wären, und ich dürfte mit ihnen ziehen in das heilige Land.« – Und wieder hörte er singen:     »Jetzt tönt ein freudiger Sang von allen, Steigt zuversichtlich himmelwärts; Panier, Panier, wir sehn dich wallen, Bist König Richard Löwenherz!« Und zugleich kamen die geharnischten Sänger aus dem Walde hervorgeritten, auf hohen herrlichen Pferden, der Rüstung nach jenen ganz gleich, welche damals den holden Minstrel Blondel geleitet hatten. Otto wollte ihnen schon zurufen, sie möchten warten, er werde mit ihnen ziehen; da hielten sie ganz von selbst, und sprachen mit einigen Knappen und Reisigen, die Otto nun erst unten an der Steinwand des Kastells sitzend wahrnahm. Die fahrenden Krieger erzählten, wie sie zu König Löwenherzens Schar gehörten, und seinen Nachtrab bildeten; er selber seie lange schon voraus. Dann fragten sie, warum es denn hier so still auf der stattlichen Burg aussehe? – »Gestern früh hättet ihr nicht so fragen können«, entgegnete ein alter Reisiger. »Aber jetzunder ist niemanden oben, als ein verhexter Ritter, der sich dem Teufel ergeben hat. Wollte Gott, er wäre erst hinaus.« Und dann erzählte er Ottos ganze Geschichte von gestern mit entsetzlichen Worten, und die um ihn her saßen, stimmten bei den furchtbarsten Stellen beglaubigend und zusammenschaudernd ein. Als es nun an Berthas Verwundung kam, kreuzten sich die englischen Kriegshelden, sprechend: »Gott behüt uns, daß wir das Untier nicht zu Gesichte kriegen!« und trabten schaudernd von dannen. »Mein Urteil ist gesprochen«, sagte Otto leise vor sich hin. »Ich muß nur machen, daß ich aller Menschen Augen mein verrufenes Selbst entziehe. Es wird ja doch irgend eine Berghöhle geben, wo ich meine Waffen begraben, und mich in ewige Dunkelheit verhüllen kann.« Er fing an, die zerstreuten Panzerstücke zusammenzusuchen, und fand unter ihnen sein gutes Schwert von der Streitaxt des Seekönigs Arinbiörn in zwei Stücke zerschlagen. – »Das dachte der alte Herr Hugh auch nicht«, sagte er, »daß du solch ein Ende nehmen solltest!« – Doch hub er die blanken Trümmer sorgfältig auf, und band sie mit dem übrigen Gezeug in einen Bündel zusammen. Wie er nun, auf diese Weise belastet, hinausging, traf er im Vorsaale auf den Spiegel, der ihm gestern früh sein Bild zurückgeworfen hatte. – »Das sieht sehr anders aus«, sagte er kopfschüttelnd, als ihm die bleiche, beladne Gestalt mit blutig verbundnem Haupte, die Festkleider wie zum Spotte unordentlich umherhängend, aus dem Glase entgegen sah. – Im Stalle wieherte ihn der Lichtbraune lustig zu. Da schüttelte er wieder den Kopf, sprechend: »Sei nur still. Es ist keine Zeit mehr zu freudigen Grüßen.« Dann band er das Waffengezeug auf des edlen Hengstes Sattel fest, und führte ihn am Zügel aus dem Tor. Die Burgleute wichen ihm erschreckt zu allen Seiten aus. Bald nachher verlor er sich in die tiefsten Schatten des Waldes. Ach, hüte sich doch ein Mensch; wenn seine erfüllten Wünsche auf ihn herabregnen, und er so über alle Maße fröhlich ist! Zweiter Teil Erstes Kapitel Der Frühling begann soeben nach einem schneidend harten Winter über die Ardennengebirge hereinzusehn; unfreundlich noch im grauen Regenwolkenmantel, im feuchten Lufthauch und in vieler Ströme stürzendem Geleit. Da kam eines Tages gegen die Abendzeit ein prächtiger, goldgeharnischter Ritter auf einem hohen Rosse über die Waldhöhen heruntergeritten in ein schmales, wie von der ganzen Welt vergessenes und verlassenes Tal. Dem Reisenden hing eine mächtige Streitaxt an güldnen Ketten vom vordern Bogen des Sattels herab, zwei hohe güldne Geierfittiche zierten seinen Helm; es war der Seekönig Arinbiörn. Er war noch nicht weit in die verödete Talgegend hineingetrabt, da kam ein wildes braunes Pferd gelaufen, das hub einen ingrimmigen Kampf mit des Seekönigs Rosse an, und riß es zu Boden, noch ehe sich der Reiter davon losmachen konnte, so daß alles über einen Haufen lag, und der wütende Hengst schonungslos darüber hinhieb. Schon blutete Arinbiörns Roß, schon war seine eigne Rüstung an mehrern Stellen zertrümmert, als eine gewaltige Stimme vom nahen Felsen herunterrief: »Ruhig, du Bursch!- – Und der tobende Hengst, das Haupt demütig gegen den Boden senkend, stand wie eine Bildsäule regungslos, während Arinbiörn sich in die Höhe richtete, und seinem wunden Tiere zugleich auf die Beine half. Es zeigte sich ihm jemand hilfreich dabei, und als er recht hinsah, war es ein Mensch in rauhe Felle gekleidet, furchtbar anzuschauen mit seinem verwilderten Haupt- und Barthaar; dennoch klang eine so milde Stimme aus dem krausen Lockengewirre hervor, und zeigte des Fremden ganzes Benehmen von so viel Gastlichkeit und Huld, daß Arinbiörn keinen Anstand nahm, ihm, wie er darum bat, nach seiner Wohnung zu folgen. Sie traten in eine Felshöhle, an die noch aus großen Baumstämmen und Rasenstücken ein schirmendes Vordach gefügt war. Tief im Grunde loderte ein wärmendes Feuer, und wie sie sich diesem näherten, ward Arinbiörn einer vollständigen aufrechtgestellten Ritterrüstung gewahr, welche die Lichter der Flammen genugsam bestrahlten, um bemerklich zu machen, wie sie in wunderlichen Formen aus tiefem Schwarz und leuchtendem Silber zusammengefügt sei. Oben drauf stand ein Helm, vom Visier einen silbernen Schnabel hervorstreckend; ein glänzendes Schwert, aber in zwei Stücke zerbrochen, hing darüber; alles fast, wie man es in Kirchen bei den Grabstätten ehrsamer Rittersleute aufgestellt sieht. Arinbiörn meinte erst, es lehne sich dorten so ein seltsamlicher Kriegsheld an die Wand, und wollte ihn schon grüßen; dann wieder, die Leere des Harnisches erkennend, fuhr ihm ein Gedanke an Nachstellung in den Sinn, und ob nicht vielleicht bald auch seine eigne Goldrüstung so an der Felswand prangen werde; er faßte nach der Streitaxt, die er vom Sattel losgehäkelt und mit hereingebracht hatte. Da sagte der haarige Mann: »Seid unbesorgt, lieber Herr; das ist meine eigne Rüstung, oder sie war es wohl nur, denn ich mag sie nicht mehr führen, seitdem die Leute das Beste an mir totgeschlagen haben. Ich aber – vertraut mir nur – schlage dennoch niemanden tot, und tue niemanden etwas zuleid.« – »Es war auch ein torenhafter Einfall von mir«, sagte der Seekönig, »wenn Ihr gedacht hättet, mir Übels zu tun, warum mich vor Euerm zürnenden Pferd erretten? Warum meinen armen Falben so sorgsam pflegen, und ihm heilende Kräuter auf die Wunden tun, und ihn kosend in ein Geheg voll weichen Mooses bringen? Denn wer fürs Roß dermaßen sorgt, meint's auch wohl mit dem Reiter gut. Verzeiht mir, vielgetreuer Wirt.« – »Schon gut«, sagte der rauhbekleidete Mensch, »ich verzeihe von Herzen gern, wenn auch mir in der Welt gar nicht das mindeste verziehen worden ist.« – Dabei ward seine Stimme sehr weich, und er wandte sich ab, wohl mehr, um seine Augen zu verbergen, als um, wie er sich soeben geschäftig erwies, einige Lebensmittel unter einer Moosdecke hervorzuholen. »Daß Gott!« rief der Seekönig aus, »Ihr seid wohl gar eben der, welchen ich suche. Von einer schwarzsilbernen Rüstung haben sie mir gesagt, und von einem Adlerhelme, recht, wie es dorten im Winkel steht. Ich zwar hab Euch im Harnisch nicht gesehn, sondern in der lustigen Festkleidung mit samtgrünem Barett und perlengesticktem Mantel.« »O ich hab Euch von Anfang an recht gut wiedererkannt«, sagte der haarige Mensch. »Sollte ich der Geierflügel vergessen haben? Oder gar der Streitaxt? Da seht einmal hier die Narbe, welche sie hinterließ.« – Und damit schlug er sein verworrenes Haar auseinander, den verletzten Schädel entblößend. Dann fuhr er wieder fort: »Ich fand es eben nicht nötig, mich Euch zu erkennen zu geben, aber wer mich sucht, soll mich immerdar finden. Was wollt Ihr von mir, Herr Seekönig? Ich bin fertig zu jedweder Antwort.« »Ihr seht mir kühn und schlachtfertig ins Auge, mein junger Held«, sagte Arinbiörn, »aber Ihr habt es nicht nötig. Die Gerda hat mir bereits all das Übel bekannt, so aus ihrem verwünschten Zaubergebräu für Euch entstanden ist. Ich hab sie auch darum für immer verwiesen von mir und meiner Schar.« »Umbringen hättet Ihr sie müssen«, rief der erhitzte Jüngling, »auf daß nicht anderm Christenkind ein gleiches entsetzliches Leid widerfahre, als mir von ihren Handen widerfahren ist! Konnte sie mich denn nicht mindestens deutlich warnen, sobald der fürchterliche Trank durch meine Adern quoll?« »Nein Otto, das konnte sie nicht«, sagte der Seekönig. »Sie hatte, des Übels gewahrend, in ängstlicher Sorge um meine Sicherheit erst meine Streitaxt mit gewaltigen, hochschweren Zauberworten besprochen, damit ich Euch mit der gefeiten Waffe zu widerstehn imstande sei, und wer in einem Tage so viel der unheimlichen Formeln redet, der ist der Geisterwelt wie halb verfallen; es reißt ihn fort, und sagt ihm nicht, wohin. So war es denn auch hinausgestürmt mit ihr in die herbstlichen Wälder, und hatte ihr das Ohr betäubt mit Wolfesgewinsel und Eulengekrächz. Erst als ich, am zweiten Tage nachher, schon fern von dorten war, und fast der Meeresküste nahe, kam sie mir nach, und erzählte mir all die entsetzliche Not und Verkennung.« »Ja, sie erzählte!« sprach Otto, sich unmutig auf den Moossitz zurückwerfend, »was hilft mir das! Mein Ruf und mein Liebesglück liegt in Trümmern, und ihr Erzählen baut es nicht wieder auf.« »Für wen haltet Ihr mich«, rief der Seekönig in edlem Zorn, »Ihr könnt doch wohl von selbst denken, daß ich gleich mein ganzes Gefolge zerstreute, auf alle Bahnen hinaus, wo wer von jener Gesellschaft zog, und den Leuten mich und mein Schwert und meine Ehre verbürgte, Ihr wäret ein biederer Ritter, jedwedes zauberhaften Makels frei. Dabei jagt' ich selbst natürlich nach der Burg zurück, um Euch zu trösten, und weil ich da den Kern jener edlen Versammlung noch zu finden hoffte. Ihr wart aber spurlos verschwunden, und auch Gabriele, samt Blancheflour und Folko, und Heerdegen und Bertha fern; da sprach ich bloß die rechte Kunde den Leuten in der Veste vor, und trabte darauf den fünf Reisenden nach, die vor der Hand desselben Weges gezogen sein sollten. Unterweges ließ ich mein großes Jagdhorn immer ertönen, vergewissert, Heerdegen müßte solch einen Schall wohl alsbald erkennen, denn in Frankreich pflegt man dergleichen eben nicht zu vernehmen. Es kam auch, wie ich mir's dachte; Heerdegen hat sogleich gesprochen: ›Da ruft der Seekönig! Er warnt uns vor was Bösem, oder es muß ihm selbst was zugestoßen sein.‹ – Und so haben sie gehalten, und ich hab sie erreicht, und ihnen alles nach der Wahrheit erzählt.« »Glaubten sie denn daran?« fragte Otto mit einer zweifelnden Bitterkeit. »Wie sollten sie denn anders?« rief Arinbiörn. »Ich sagte es ihnen ja. Zudem haben Folko und Blancheflour nie anders als Gutes von Euch gedacht, und wäre der Freiherr nicht wundenmatt gewesen, und die holde Rose Blancheflour nicht schreckensmatt, die beiden wären nimmer von Euch gegangen, und von der Burg. Wie es mit Bertha ist, wißt Ihr wohl selbst. Aber Gabriele und Heerdegen haben sich sehr geschämt, und weil Heerdegen wirklich ein ehrlicher Rittersmann ist, ließ er seine Schwester in Gabrielens Schutz, und tat ein lautes feierliches Gelübde, er wollte nicht eher rasten noch ruhen, als bis er Euch aufgefunden habe und Euch getröstet, und Euch in all Euer verlornes Glück wieder eingeführt. Folko hatte nicht übel Lust, mitzugeloben, denn der hat Euch unaussprechlich lieb, aber sobald er und Hernandez von ihren Wunden heil sind, müssen sie nach Spanien, und sich mit den Mohren schlagen. Sie haben das schon sich selbsten früher verheißen. Ich sollte auch ein Gelübde für Euch tun, und die schönen Frauen alle drei sprachen mich recht beweglich darauf an. Weil ich's mir aber von Anfang her fest vorgenommen hatte, Euch mit allen Kräften zu suchen, antwortete ich ihnen, es sei weiter nichts dergleichen nötig. Und so bin ich nun, so lange der Winter dauert, Land auf Land ab herumgezogen, und hab Euch doch mit Gottes Hülfe endlich gefunden, und ich denke, Ihr schert Euch nun morgen den Bart ab, ordnet Euch das Haupthaar, und reitet zu Eurer Braut, die auf einem Lustschloß im Gascognerlande, in einem der allerblühendsten Täler Frankreichs, mit den zwei andern Engelsbildern von Fräulein wohnt; ich aber gebe mich wieder auf meine alte Heimat das Meer, wonach es mir schon seit längsther bange tut, und somit ist die ganze Geschichte vorbei.« »Wie ist es denn mit dem Ringe geworden?« fragte Otto, »Gabriele hat ihn ja an Folko zurückgegeben, weil sie ihn nicht von meinen Handen wollte.« »Ei, mit anderen Nebeln ist auch dies ängstliche Zögern und Weigern verschwunden«, entgegnete Arinbiörn, »Gabriele hat ihn wieder, glaub' ich, und auf alle Fälle haben sie sich darum vertragen, denn sie leben in der besten Freundschaft. Ich hab Euch ja schon gesagt, daß Blancheflour während des Freiherrn Mohrenfeldzügen mit auf Gabrielens lieblichem Schlosse wohnt, in dem hellen Südfrankreich, wo sie noch obendrein recht nahe Kunde von des tapfern Bruders Fechten und Siegen vernehmen kann. Gabriele wird Euch das nächstens selber erzählen.« – »Nein«, sprach Otto nachdenklich und langsam vor sich hin, »Gabriele wird mir das nicht so bald selber erzählen. Ihr sollt wissen, Seekönig, daß mir nichts unausstehlicher ist, als bedauert zu werden, und bedauern würden sie mich über alles Erlittene, käm' ich jetzt. Da sollen sie mich denn nicht eher wiedersehen, als bis ich mit so glänzenden Siegeskronen um den Helm angeritten komme, daß sie mich nicht bloß rechtfertigen müssen, sondern an mir hinaufstaunen noch dazu.« »Es ist ein Stolz«, sagte Arinbiörn, »aber ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, er gefiele mir schlecht. Laßt Euch einen Vorschlag tun, Ritter Trautwangen. Die Leute in den finnischen Grenzmarken, und auch viele Nordschweden, sind noch blinde und hartnäckige Helden. Ich habe meine Hülfe zu ihrer Bezwingung verheißen, und da gibt es Abenteuer, an unzähligen Gefahren und Ruhmeskränzen reich. Auch wollte Heerdegen, falls er Euch den Winter durch nicht fände, gegen den Sommer dorten mit mir zusammentreffen. Da tun wir wackre Taten zu Gottes Ehre und unsrer Klingen Preis. Zieht mit mir hinauf.« Otto saß eine ganze Weile schweigend da; endlich bemerkte er, daß Arinbiörn ihn verwundernd anstaune, und rief mit glühendem Erröten aus: »Ihr denkt wohl gar, Herr Seekönig, es ist mir mit meinen Feldzügen kein Ernst, und ich gehöre zu den leichtherzigen Burschen, die vor ihr Leben gern von großen Taten sprechen, und von ihrer Lust dazu, aber in Ohnmacht zusammenfallen, wenn jemand die ersehnten Dinge so nahe rückt, daß man sie erreichen kann! Denkt Ihr so was von mir?« »Herr Ott' von Trautwangen«, entgegnete Arinbiörn, »ich bin Euch den ganzen Winter lang nachgereist. So was tät' ich für keinen Kerl, wie Ihr ihn eben mit Worten abgemalt habt. Denn glaubt nur, es ward mir sauer. War es doch nicht viel besser, als ob ein Seelöwe so viele Monden durch ohne See bleiben sollte! Aber daß Ihr Anstand nehmt, auf einen so ruhmvollen und gottgefälligen Zug einzuschlagen, befremdet mich; ich leugn' es nicht. Und die Ursache wüßt' ich gern.« »Sie soll Euch unverhalten sein, auf die Gefahr hin, daß ich Euch etwas kindisch vorkomme«, sprach Otto. »Die goldnen Geierflügel an Euerm Helme tragen die Schuld, und grade jetzt, wie sie so riesig über die Herdesflamme zu mir herüberstarren, bricht mein früher Schauder davor mit vermehrter Gewalt aus der Zeit heraus, wo mir mein Vater viele Märchen erzählte von einem entsetzlichen Mann, riesengroß wie ihr, und der auch solch einen seltsamen Kopfschmuck trug. Seht, mein Vater ist ein freisamlicher Held, und es gibt wenig Dinge, die in seinem ernsten Gesichte die Züge verrücken und verstellen, aber wenn er von dem Mann mit den Geierfittichen erzählte, wurden immer seine großen dunkeln Augen alles Grauens voll, und er starrte in irgend eine Ecke des Saales hin, als steige von dorten der verrufne Gegner herauf.« »Was hat er Euch denn von ihm erzählt?« fragte der Seekönig mit einem trüben Lächeln. »Viel, sehr viel!« entgegnete Otto. »Unter anderm, wie er auf eine seltsame Weise durch das Unglück angezogen worden sei. Meilenweit, über Seen, über Gebirge hinüber, durch Täler und Höhlen fort habe er hin gemußt, wo etwas Entsetzliches im Werke gewesen sei. Dann zeigte er sich hilfreich der hereinbrechenden Not, aber weil er immer ihr Vorläufer war, schreckte doch alles im ungeheuern Erbangen zusammen, wo irgend der riesige Held mit den Geierfittichen erschien. Und wer nur irgend eine Schuld auf seinem Herzen trug, dem starrte vollends alles Blut in den Adern vor der mächtigen Gestalt. Denn die Rache war des Helmbeflügelten furchtbar eignes Geschäft, und schlug ihm nun und nimmer fehl, als nur ein einziges Mal, und davon hat mir mein Vater nie erzählen wollen. Es sei doch allzu gräßlich, sagte er, und allzu blutig für ein junges Gemüt.« »Euer Vater hat Euch keine Märchen erzählt«, sagte der Seekönig seufzend. »Es gab wirklich einmal solch einen schrecklich herrlichen Menschen in unserm Stamm, aber nun ist er schon lange tot.« »Ich glaub', ich habe einmal mit seinem Schädel in unsrer Burgkapelle gefochten«, sagte Otto mit leisem Zittern, ohne daß ihn Arinbiörn verstand. Dann fuhr er lauter fort: »Das ist die Scheu, Herr Seekönig, die mich von Eurer Seite treibt. Wer weiß, es liegen wohl recht furchtbare Gestalten lauernd in der alten Finsternis Eures und meines Stammes.« »Die lauern in jedweder uralten Finsternis«, entgegnete Arinbiörn freundlich, »und so gehört es sich auch, wenn ein kräftiges Licht aus der Nacht erblühen soll. Kein Graus, keine Lust!« »Ja«, rief Otto begeistert aus, »da habt Ihr recht, und der alte Meister Walther auch, wenn er sang:     ›Man geht aus Nacht in Sonne, Man geht aus Graus in Wonne, Aus Tod in Leben ein.‹« »Nun seht Ihr wohl?« sagte Arinbiörn, »hat in unsern Häusern der Graus vorgearbeitet und der Tod, so ist es vielleicht an uns, Wonne und Leben aus der finstern Saat zu erwecken. Frisch an das Werk, mein tapfrer Gefährt, und schlag deine Hand in die meine auf glückliche Fahrt zu Morgen über Ostfriesland und die See nach Norweg, und von da nach den finnischen Grenzmarken hin!« »In Gottes Namen!« rief Otto. Die zwei tapfern Jünglinge schüttelten sich die Hände, und atmeten bald hernach, der wackern, unwandelbaren Entschließung froh, auf den Moosdecken der Felshöhle die Erquickung eines frischduftigen Schlafs. Zweites Kapitel Die beginnende Morgenröte von den östlichen Bergen gegenüber warf eben ihre ersten Lichter in die Höhle, da fuhr Arinbiörn aus buntverworrenen Träumen erwachend auf. Weil er jedoch in dem rötlichen Schimmer einen engelschönen Jüngling neben sich sitzen sah, frühlingshell und mild, und gleichsam ihm zum freundlichen Wächter bestellt, so dachte er, es sei wohl nur wieder ein Traum, und schloß die Augen von neuem. Nicht lange aber, so rührte ihn die Hand des Jünglings leise an, und von seinen blühenden Lippen quollen die Worte: »Wollten wir denn nicht mit dem frühesten Morgen auf unsre Fahrt, mein edler Gesell?« Und Arinbiörn ermunterte sich vollends, und erkannte den jungen Ritter Trautwangen, mit zierlich geschornem und geordnetem Haupt- und Barthaar, zum Teil wieder in die Gewande jenes seltsamen Verlobungsfestes gekleidet, die zwar etwas verschossen und veraltet waren, sich aber mit unverminderter Anmut dem schlanken Leibe des Jünglings anschmiegten. – »Ei Gott, wie schön und herrlich Ihr geschaffen seid!« sprach der Seekönig mit freundlichem Lächeln, und die Hände zusammenschlagend. »Der Herr ist groß in seiner Kreatur, und Ihr habt sehr wohl getan, die rauhen Tierfelle, welche Gottes Ebenbild verstellten, wegzuschmeißen, und auch Euer Haar nicht mehr wuchern zu lassen, wie die Ranken eines wilden Forstes, sondern es zu ordnen und zu bezähmen, einem sonnigleuchtenden Garten gleich.« – »Wenn man wieder zu Menschen will«, sagte Otto, »muß man ja doch auch machen, daß man aussieht, wie ein Mensch. Ist es Euch jetzt gefällig, Euch von mir wappnen zu lassen? Nachher leistet Ihr mir wohl denselben Dienst.« Es geschah nach Ottos Worten, und beide junge Helden standen einander alsbald, der eine goldleuchtend, der andre in ernster Silberschwärze funkelnd, als eherne Schlachtmänner gegenüber. Dann wurden die Rosse gesattelt und gezäumt. Arinbiörns Tier war bereits vor Ottos guter Pflege und seinen Heilkräutern fast gänzlich wieder genesen; und wie der Lichtbraune auf seines Herrn Rufen herangetrabt kam, schreckte es in Bangigkeit vor dem wilden Gegner zusammen. Aber Ritter Trautwangen bedräute seinen kühnen Schlachtgaul ernst, und er stand abermals wie eine Bildsäule still, ließ sich auch geduldig satteln und aufzäumen, obgleich man ihm wohl anmerken konnte, daß er dessen viele Monde durch ungewohnt worden war, und sich jetzt sehr darüber verwunderte. »Ei, wie herrlich muß das Tier aussehen«, rief der Seekönig, »wenn es in rechter Wartung und Pflege steht! Schon jetzt mit seinem langen, rauhen Haar, mit seinen struppig wilden Mähnen leuchtet es so trefflich hervor. Ist es in seiner rechten Pracht, so darf es sich wohl ungescheut einem Stamme von Rossen zugesehen, die in meiner Heimat gezogen werden, und sonst nirgend ihresgleichen finden. Ja, ja! dieses muß wahrhaftig dazu gehören, denn lichtbraun sind sie auch, und zornig, wie dieser, und leiden keine andre, als sehr gewaltige Helden zu ihren Reitern.« »Daß dieser Gaul so lichtbraun aussieht«, sagte Otto, »macht mir ihn ganz besonders lieb. Lichtbraun ist für mich eine recht englisch holde Farbe; meine selige Mutter hatte so große lichtbraune Augen, und weil der Himmel da herausblickte, kommt mir die ganze Farbe wie ein leuchtender Gruß des Himmels vor.« Als nun alles fertig war, gürtete Otto seine beschlagne Schwertscheide um, ließ das eine Stück der zerbrochnen Klinge hineinfallen, und stieß alsdann das andre, welches den goldnen Heft noch an sich führte, darauf. »Nein«, sagte Arinbiörn, »so waffenlos dürft Ihr mir nicht reisen. Da, nehmt meine Streitaxt, und kettet sie Euch an dem Sattel fest.« »Waffenlos?« entgegnete Otto, »das bin ich mitnichten. Schneidet doch mein gebrochnes Schwert wohl immer noch besser, als manch ein unverletztes tut.« »Ich bitt' Euch, nehmt dennoch die Streitaxt«, sagte der Seekönig, »haut Ihr noch Scharten in die Klinge, oder stoßt sie wohl gar am gebrochnem Ende rauh, so schmiedet sie sich nachher weit schwieriger vor den Zauberworten und Meisterkünsten eines Mannes zusammen, den ich Euch in Norwegen zeigen will, und der sie Euch wieder zurechtbringen soll.« »Das ist ein andres«, sprach Otto, »und auf diese Weise nehm' ich Eure Streitaxt für geliehen an, bis mir der weise Meister Schmied wieder zu meiner eignen Waffe verholfen haben wird.« Damit stiegen die beiden jungen Helden zu Pferde, und ritten mitsammen nordöstlich nach den aufblühenden Ebnen vom Ardennengebirge hinunter. Drittes Kapitel Möchtest du nicht einmal nach dem alten verlassenen Herrn Hugh einen Blick zurücke wenden, mein günstiger Leser? Der greise Mann sitzt so freudenlos auf seiner Burg, sein ganzes reiches Leben ist erblichen, und leichenartig hinter ihm abgefallen, denn von dem einzigen Sohne vernimmt er keine Kunde, nicht auch von Bertha, nicht von Heerdegen, und nur daß ihn der alte Heldensänger Walther bisweilen besucht, sonst wäre der einst so regsame Kriegsmann schon ganz und gar zum Rittereremiten worden, und seine graue Stammveste zur ritterlichen Einsiedelei. Bisweilen, wenn er so ganz allein in dem großen Saale sitzt, vergißt er sich wohl, und ruft: »Otto! Bertha!« – Und: »Otto! Bertha!« hallt's von den öden weitläufigen Bogengängen draußen zurück, und der alte Herr schüttelt den Kopf, und lächelt schmerzlich über sich selbst. Eines Abends saß er mit Walther an dem runden Tisch, die silbernen Becher voll edlen rheinischen Weines zwischen ihnen; draußen rauschte ein Frühlingsregenguß in Strömen herab, als wollte er nimmer wieder aufhören. – »Rausch nur zu, rausch nur zu!« sagte der alte Herr Hugh, freundlich nach dem Fenster nickend. »So hältst du mir doch den wackern Meister Walther hier in der Burg, und ich trinke dir einen fröhlichen Gruß entgegen, du Himmelsgabe.« – Walther stieß klingend mit seinem Wirte an, erquickt durch den Strahl der Heiterkeit, welcher aus dem edel trüben Geiste hervorbrach, fast so, wie wenn man über eine neblige Wiese geht, meinend, sich verirrt zu haben, und die Sonne wirft plötzlich einen freudigen Schein dazwischen, und zeigt uns unter unsern Füßen die wohlbekannte, richtige Bahn. – »Fürwahr«, sprach der alte Herr Hugh weiter, »lieber Walther, Ihr seid mir recht nötig. Wir tragen wohl beide weißes Haar, aber auf eine ganz verschiedene Weise. Mir lastet es auf dem Kopfe, wie ein Busch bereiften Mooses, der zur Winterszeit auf einer verwitterten alten Bildsäule in die Höhe starrt; Euch läßt es wie eine zierliche Silberkappe, die Euch, zum Lohn für das lange Singen, von anmutigen Frauen mit weißen Händen aufgesetzt worden sei. O kommt doch nur öfter herein, Ihr lächelnder Gottesbote mit Eurer Liedergabe, und sänftigt mir den störrigen Sinn.« Die beiden alten Leute schüttelten einander sehr gerührt die Hände, und wollten eben die Lippen auftun: der Sänger zu vertraulichen, längst zurückgehaltenen Fragen, der alte Herr Hugh zu eben solchen Erzählungen; da trat ein Reisiger in den Saal, und meldete, daß ein Pilger draußen in der Vorhalle sei, der in dem großen Regenwetter nicht tiefer in den Abend hineingehn könne, und um Obdach und Bewirtung anhalte. – »Der kommt recht ungelegen!« murmelte Herr Hugh, und sprach dann laut zu dem Reisigen: »Nun führ ihn herein, das versteht sich von selbsten, und absonderlich in diesem greulichen Unwetter. Schieb auch noch einen weichen Sessel an den Tisch, laß etwas zum Imbiß bringen, und mehr Wein, und einen silbernen Becher für den Fremden.« – Als der Reisige schon an der Saaltüre war, rief ihm der alte Ritter noch nach: »Hat der Pilger etwa gesagt, was er für ein Landsmann ist?« – »Ein Franzose«, antwortete der Reisige, und schritt hinaus. – »Nun seht«, sprach Walther begütigend, »wenn wir gestört werden sollten, war es doch gut, daß es durch einen Franzmann geschah. Der kann uns vielleicht was gutes Neues vom jungen Herrn Ott' von Trautwangen erzählen.« – »Neuigkeiten«, sagte der alte Herr Hugh sehr ernst, »taugen gewöhnlich auf dieser Erden nicht viel. Ich habe eine rechte Scheu vor Neuigkeiten, und vollends wenn's so einer gar nicht erwarten kann, und ängstlich auf der Jagd mit Fragen hintendrein ist. Deswegen laßt uns wenigstens dieses Torenspiel nicht treiben, und gebt mir Euer Wort drauf, ohne Forschen abzuwarten, was der Fremde kundgeben wird, und was nicht.« – »Recht gern«, sagte Walther, »wenn Euch ein Gefallen damit geschieht. Zudem mögt Ihr wohl mit dieser Abneigung überhaupt auf dem richtigen Wege sein. Für Freunde wenigstens, die Freunde besuchen wollen, gibt es wohl keinen unausstehlichern Gruß, als wenn der Wirt gleich nach dem ersten Händeschütteln anfängt: ›Und was gibt es denn Neues, lieber Herr?‹ – Und der Gast ist ja immer ein Freund, vorzüglich wenn er in Nacht und Regen kommt.« – Der Pilger trat zu der eichnen Tür herein. Er war ein Mann, nicht alt, nicht jung, nicht ernst, nicht lustig, der nach Frankenart viel und geläufig sprach, und in zwar nicht wenigen, aber doch schnell herausgebrachten Worten zu verstehen gab, daß er ein wohlhabender Edelmann sei, und daß ein Gelübde, welches schon von seinem Vater geleistet worden, ihn zu der Pilgerfahrt zwinge, die er jetzt am besten im Schutze von König Löwenherzens Kreuzheer abzumachen hoffe, sonst, meinte er selbst, wäre er freiwillig wohl nicht aufs Pilgern gekommen. Der alte Herr Hugh hatte sich alsbald mit seinen Gedanken von diesem seichten Strome abgewandt; er saß ganz still vor sich hin, und trank Erinnerungen vergangner Tage aus dem Wein, mit stillfunkelnden Augen, wie er es zu tun pflegte, wenn er allein war, und Walther hatte seine Zither auf den Schoß genommen, sie zu einzelnen beweglichen, fast träumerischen Akkorden anregend, während der Fremde ganz ungehindert weiter sprach, und aß und trank, und die gastliche Wohlhabenheit seines Wirtes mit höflichen Worten pries. Da geschah es endlich, daß der Pilger einen Namen nannte, der wie ein blitzähnliches Aufrütteln in die Gemüter der beiden alten Männer fuhr. Er sprach von dem großen Freiherrn von Montfaucon, und Herr Hugh sowohl, als auch der Heldensänger, wußten recht gut, wie nahe das mit Herrn Otto von Trautwangen zusammengeknüpft sei. Der starke Folko, erzählte der Fremde, habe im vorigen Herbst einen Zweikampf gehalten, um eines weltberühmten Ringes willen, mit einem jungen deutschen Helden, und sei darinnen ganz unerhörterweise erlegen; der Ruf von diesem Gefecht laufe wie ein zündender Feuerfunke das ganze Frankreich durch; alle Welt spreche von dem jugendlichen Deutschen, dessen Vornamen Otto heißen solle, aber dessen Zunamen er, der Erzähler, nicht gut auszusprechen wisse, weil dergleichen schwierig für französische Zungen sei. Dann berichtete er ausführlich den ganzen Hergang des Gefechtes zwischen Otto und Montfaucon, und Walther schlug die Saiten der Zither freudig und gewaltiglich dazu in der Melodie eines kriegerischen Marsches. Der alte Herr Hugh dagegen sahe nachdenklich aus, und es schien, als passe er recht sorgfältig am Ende jedes glücklichen Wortes auf dessen trübseligen Nachhall, welcher ja doch nun und nimmermehr ausbleiben dürfe. Da sagte denn auch endlich der Fremde: »Sie wollen freilich behaupten, der junge Deutsche habe das alles nur mit Hexenkraft errungen.« – Und Walthers Zither schwieg, und Herr Hugh faltete die Stirn noch dunkler, und nickte nach seinem Freunde hinüber, wie wenn einer sagen will: »Hab' ich's doch gedacht!« »Aber es glaubt kein Mensch mehr daran«, fuhr der Pilger fort, die Gemütsbewegungen seiner Hörer weiter nicht betrachtend. »Die größten und herrlichsten Ritter Frankreichs werfen jetzt auf Folkos und noch eines andern Helden Wort ihre Handschuhe wider jeden aus, der etwas Unheimliches von dem jungen deutschen Sieger behaupten will.« Mit diesen erfreulichen Worten schloß der Fremde das reiche Maß seiner Erzählungen, wünschte den zwei greisen Männern eine ruhige Nacht, und schritt unter vielen Entschuldigungen, daß ihn die Müdigkeit so frühzeitig übermanne, einem vorleuchtenden Reisigen nach, aus der Tür. Kaum war er fort, als Walther die Saiten seiner Zither schon wieder in freudigen Klängen schlug, und dazu sang:     »Der junge Ott', der Reiche An jedem Ritterwert, Stand nicht auf Feindes Leiche, Doch zwang des Feindes Schwert. Laß nun den Neidhart sprechen Von Zauberei hinfort! Des Neidharts Lügen brechen Vor edlen Feindes Wort!« Der alte Herr Hugh winkte mit der Hand, und sagte: »Stimme keine Siegeslieder an, du getreuer Walther. Es weiß freilich niemand besser, als ich, daß Otto dem Montfaucon weit überlegen ist, denn so was läßt sich gleich in der ersten Jugend zweier Knaben beurteilen, und ich kenne sie beide gut, aber es sieht ein langer dunkler Schatten in Ottos Leben hinein, und den wirft meine feindlich riesige Bildung auf den verfinsterten Boden. Mußte doch gleich des armen Knaben frühester Ernstkampf den trüben Sieg über Heerdegen erringen. Ach Gott! Ach Gott! Ich bin sehr betrübt. – Frage mich nicht, Walther, wie das kommt, und laß uns schweigend zu Bette zu gehn.« Viertes Kapitel Der finstern Ahnungen unbewußt, welche sich um seinetwillen über des alten Herrn Hugh Sinne legten, ritt Otto an der Seite seines edlen Gefährten dem Frühling in jungfreudiger Hoffnung entgegen. Es war wohl nicht mehr so, wie als er das erstemal zu gleicher Jahreszeit in die Welt hineinzog, und an den blühenden Mainesufern hinter jeden Hügel einen Palast voll wundersamer Abenteuer und süßen Minneglücks zu finden dachte, in jedem Reitersmann einem bedeutsamen Freund, oder einem rühmlichen Feind entgegensah. Bisweilen kann ein Jahr den Menschen um sehr viel mehr, als um dreihundertfünfundsechzig Tage älter machen; und es war dem Ritter Otto also ergangen. Dennoch blieb er immer jung genug, um unter dem abgefallnen Laube seiner verwelkten Hoffnungen das Keimen neuer, ganz wunderschöner Blütenstauden zu ahnen, nicht nur, wie es ein jedweder treuer und verständiger Geist tut, für die Morgenröte, die niemals Nacht wird, sondern auch für den schwülen Mittag, den wir mit einer törichten Ausschließlichkeit Leben zu nennen gewohnt sind. Die beiden jugendlichen Helden befanden sich bereits in den ostfriesischen Grenzmarken, und als sie einstmalen einen sanftbegrasten Hügel hinangeritten waren, dehnte sich plötzlich unfern von ihnen das Meer, in leuchtender Herrlichkeit, von tausendfachen Sonnenlichtern überblitzt, gleich einem endlosen Blumengarten, in immer wechselnder Gestaltung aus. Otto hatte das noch in seinem ganzen Leben nicht gesehn. Er breitete die Arme in schweigender Überraschung weit auseinander, als wolle er Meer und Erde mit gottähnlicher Liebe umfassen; dann stürmte er ein lautjubelndes Rufen in die herrliche Welt hinaus; dann stieg er still und bedächtig vom Pferde, und kniete zu einem schweigenden Gebet in das Gras. Wer schon des Meeres ansichtig geworden ist, und ungefähr ermessen kann, wie etwa so einem Ritterjüngling zumute sein mochte, wird sich über das alles nicht gar zu sehr verwundern. Arinbiörn jubelte auch, während sein Falber die ihm wohlbekannte Seeluft anwieherte, aber das war kein staunendes Bewundern, sondern ein vertrauliches Grüßen, wie das eines Hirten, der zu seinem vieldurchweideten heimatlichen Anger aus fremden Landen wiederkehrt. Er sprang alsbald vom Rosse, sammelte Reisig und trockne Zweige aus einem nahen Gebüsch, und zündete auf dem Gipfel des Hügels ein lustiges Feuer an, das kaum mit seinem glutfarbigen Rauch in die Wolken emporgewirbelt war, als sich auch schon ein stattliches Schiff hinter einem umbüschten Eiland hervorsegelnd wahrnehmen ließ. – »Sieh da«, sagte der Seekönig, »meine Gefährten sind doch richtig bereits zur Stelle, und haben gut aufgepaßt.« – Und dann fuhr er gegen Otto, der sich vom Beten erhoben hatte, fort: »Das dorten, lieber Reisegesell, ist die buschige Insel, wo ich mit Heerdegen den Holmgang hielt, und hier auf einem der nächsten Hügel muß auch Frau Minnetrostens wunderliche Veste zu erblicken sein, davon Heerdegen und Bertha soviel schaurig Anmutiges zu sagen wußten.« Mit sehnsüchtiger Rührung blickte Otto nach der Burg umher, welche er seit den Erzählungen jenes furchtbaren Siegs- und Verlobungsmahles so lieb gewonnen hatte; alle Worte, die ihm davon erklungen waren, lebten in seinem Herzen und riefen ihm oft in mächtigen Träumen das Bild der geheimnisreichen Pfalz mit ihren Lilienzinnen und der frommen Drude herauf. Er gedachte nun, an die magischen Pforten mit bescheidner Sitte anzuklopfen, hoffend, das selige Tönen aus den Hallen werde ihm hellgrüßend entgegenklingen, und wenn die weise Burgfrau über die blumigen Mauern herausblicke, möge sie ihn wohl freundlich grüßen, und ihm die Bahnen seines Lebens zu Tauglichkeit und Ehre vorzeichnen, da sie ja erkennen müsse, wie geweiht und wie teuer ihr ernstes Bild in seinem Herzen wohne. Er ward auch bald eines Gemäuers in der Nähe ansichtig, aber das sah viel anders aus, als er sich Frau Minnetrostens Veste dachte. Moosigverfallne Steinwände nickten baufällig nach dem Burggraben herunter, statt der Lilien wehten Nesseln und andres verwildertes Unkraut auf den Zinnen, und zwischendurch sah häßliches Geflügel mit den mißgestalten Schnäbeln frech hervor, und flog wieder ängstlich kreischend in die Höhe, als ein großer Fuchs oben auf der Mauer geschritten kam, und mit lauernden aber dreisten Tritten die Zinnen entlängst zog, als sei er der Burgvogt, und mache die Runde durch den menschenleeren Bau. – »Herr Gott, welch ein wüster, grauenvoller Anblick!« seufzte Otto, »das kann doch nimmermehr –?« Ihm erstarb das Wort im Munde, und der Seekönig antwortete auf die ungesprochene Frage: »Ich kann es mir freilich auch nicht denken, daß sie jemals da gewohnt haben sollte. Und doch, nach der Lage kommt es so heraus.« Wie noch die beiden Ritter in staunender Betrachtung standen, war unvermerkt ein Bauer an ihre Seite getreten, der grüßte höflich, und sagte: »Ja, ja, ihr edlen Herrn, ihr seid wohl zwei Reisende aus fernen Gegenden, und habt in bessern Zeiten auf dieser selben Stelle gestanden? Ich kann's mir wohl so vorstellen. Frau Minnetrostens Burg, die ist es immer noch, aber Frau Minnetrost selbst ist weit von hier weg, und weiß kein Mensch wohin. Aus den Blumen sind böse Kräuter geworden, aus dem hellen See drinnen ein schnöder Sumpf, Bestien wohnen in den Sälen, und man will gar sagen, zur Nachtzeit auch böse Geister. Das kommt davon her, wenn der Mensch sein Machwerk mit dem Rücken ansieht, und das arme Ding nun allein bestehen soll. Dann ist nichts besser, als Einreißen, denn was wir vergängliche Würmer schaffen, ist auch vergängliches Ding, und hält man nicht immer Hand und Auge drob feste, so bricht's vor eignet Zwietracht in Stücken, wär's auch ein so herrlicher Bau, als der unsrer lieben Frau Minnetrost. Auch des Landes Friede bricht hinter ihr ein, denn seit dem Jahre, daß sie verschwunden ist, sind der Häuptlinge und der Untersassen Klingen nicht viel trocken geworden von gegenseitigem Blut. Ja, sie wollen gar behaupten, der tolle Seekönig Arinbiörn zeige sich wieder an den Küsten.« »Daran haben sie gewissermaßen recht«, sagte der Seekönig lächelnd, »aber er tut Euch diesmalen nichts zuleid.« »Nun, da danken wir's gewißlich dennoch der holden Frau Minnetrost!« rief der Bauer, und drückte die Mütze zwischen den gefaltnen Händen. »Denn ihr müßt nur wissen, daß sie uns so ganz und gar noch nicht verlassen hat. Zwei bis dreimal haben sie in den ersten Zeiten die Schiffer zu Nacht dorten an der Küste stehn sehn in weißen, wallenden Gewändern, und grüne Schleier drüber, wie es ihre gewohnte Tracht war, und ihre hellen Augen haben mondengleich geleuchtet, aber sie weinte mildiglich, und wand die Hände. Man glaubt, sie habe das Jungfräulein gesucht, das ehmals in der Burg hier bei ihr war. Denn mit den Schleiern winkte sie aufs weite Meer hinaus, und als dann niemand kam, ging sie verhüllten Hauptes fort, doch sah man deutlich, daß sie die Burg vermied. – Daß Gott! da ist schon wieder ein Fechten unten im Tale los; ich muß nur machen, daß ich meine Hämmel auf die Seite treibe, sonst reiten und treten sie mir das arme Vieh zu Mus.« Er sprang in eiligen Sätzen den Hügel hinunter, und die beiden Ritter schwangen sich in den Sattel. Wirklich ließ sich unten ein Waffengeklirr und Streitesrufen vernehmen, und bald darauf staubten einige Scharen zu Roß und Fuß im Handgemenge vorbei. »Es war mir vorhin, Reisegesell«, sprach Arinbiörn, »als hättest du Lust, Frau Minnetrostens Burg zu besuchen. Laß dich durch die Kerls hier nicht abhalten. Die wollen wir in einer halben Stunde so zur Ruhe bringen, daß sie Gott danken, wenn sie das Leben behalten, denn sieh, da segelt mein zweites Schiff auch schon heran, und die andern sind gewißlich allsamt nicht weit.« »Nein, laß nur, Arinbiörn«, antwortete Otto. »Was sollt' ich in den Sälen, wo mir vielleicht eine Wölfin mit ihren Jungen entgegen heulte, und tät', als ob sie die Wirtin wär'? Oder wozu das garstige Geflügel aus den Kammern treiben? Und Frau Minnetrostens und Berthas Augen haben dorten geleuchtet, und ihre holden Reden geklungen. Es müßte ein greulicher Anblick sein, und man könnte drüber toll werden, so daß man die gräßlichen Bestien grüßte, als ob man die Frauen vor sich sähe, – wir wollen lieber nicht weiter daran denken, sondern eilig zu Schiff!« »Du hast auch im Grunde sehr recht«, sagte der Seekönig, und somit trabten sie den Hügel hinunter an den Strand. Schlachtfertig geordnet standen dorten Arinbiörns riesige Seehelden in ihren verwunderlichen Waffen. Die Erlesensten aus der Schar, ehemals in der Normandie ihres Heerführers Begleiter, erkannten den Ritter von Trautwangen alsbald. Ein Flüstern ging durch die Glieder, das sich schnell zum lauten Jubelgeschrei verstärkte, und endlich in folgenden Sang ausbrach:     »Flinker Fechter, Folkos Bänd'ger, Schallend mit Schilden grüßt dich die Nordlandsschar! Rangst den Ring ab Rasch 'nem Normann; Siege mit uns mal! 's macht sich leichter noch.     Schau, wie schäumig Schwillt die Nordsee! Lockt es dich nicht die lichte Ebn' entlängst? Fahr', mein Fechter, Frisch ins Meer aus! Runter vom Roß! Aufs hölzerne Seeroß steig!« Sie schlugen dazu gewaltig mit den Wurfspeeren auf die ungeheuern erzbeschlagenen Schilder, und Arinbiörn sagte freudig lächelnd zu seinem Gesellen: »Das ist die Nordlandsweise so. Kaum daß irgend Neues und Schönes geschieht, so tönen sie's gleich in einem Sange aus, der oft auf Kind und Kindeskinder erbt, und viel weiter fort, mit der Sage, weshalb er entstand, wie einfältig er auch verwöhnten Ohren klingen mag.« Otto aber sprang erglühend vom Pferd, ging die Reihen durch, und schüttelte den künftigen Schlachtgenossen die kräftigen Fäuste. Wie sie ihn so anmutig sahen, und so voll ritterlicher Freundlichkeit, fielen ihm manche ungestüm um den Hals, und preßten ihn an sich, daß ihm der Küris hart auf die Schultern eindrang. Man machte eiligst Anstalt zum Einschiffen der Rosse des Seekönigs und des jungen Ritters. Willig ging der Falbe auf das ihm wohlvertraute Element; aber Ottos Lichtbrauner stieg und hieb wie ein Ungetüm, und wäre sein Herr nicht immer beiher gegangen, rufend: »Gib dich ruhig, du Bursch!« es hätten einige Normänner ihr Leben drum lassen müssen, ehe man das gewaltige Roß an Bord gebracht hätte. Fünftes Kapitel Hoch auf der Nordsee fuhren die Schiffe Arinbiörns, geschart miteinander, vor den milden Hauchen eines günstigen Windes dahin; nichts als Himmel und Flut war zu schauen, und die Abendsonne sandte abschiednehmend ihre Strahlen, wie glühende Pfeile, über die leise bewegte Fläche. Otto saß auf dem Verdeck und sang, während der Seekönig, neben ihm stehend, sich in tiefen Gedanken an einen Mastbaum lehnte, zu der Zither folgendes Lied:     »Ich gleit' auf glasigen Hügeln, Auf grünem Spiegelschein, Und mit den lauen Flügeln Weht Südwind hintendrein. Die weißen Segel alle Dehnt er mit lindem Schwalle Zu schöner Wölbung aus, Und ihre luft'ge Halle Wird blanker Krieger Haus.     Mein Lieb, in Tales Schoße, Am frischen Quellenrand, Flicht Nelke, Lilg' und Rose Zum bunten Blumenband. O Lieb, wen willst du binden? O Lieb, wen willst umwinden? Dein Band reicht nicht zu mir; Doch alle Bänder finden Mich schon gebunden dir.     Ich wollt', es träf' sich immer, Daß du gedächtest mein, Wenn deiner Hulden Schimmer Mir all mein Herz nimmt ein. Mit ahnendstillem Sinnen Vernähmst du jetzt das Rinnen Der Wellen kühl im Meer. Mein Seufzen und mein Minnen Flög' hin und deines her.« Der Seekönig hatte sich während des Singens neben Otto niedergesetzt, und das Haupt war ihm in die vorgehaltne Hand gesunken. Endlich ließ er sich, wie von den kindlich weichen Tönen des Liedes umspült, nach und nach auf die Planken niedergleiten, und als die letzten Klänge verhallten, lag er lang ausgestreckt auf dem Verdeck, die Augen gegen den Himmel tränenfeucht emporgerichtet. – »Ich will dir einmal etwas erzählen, lieber Otto«, sagte er, »das vor deinem Singen in mir aufgewacht ist. Aber laß mich's so vollenden, wie ich jetzt liege, die Augen tief in das blaue Gezelt da droben hineingekehrt, denn da wird es dem Menschen so mild und tröstlich zu Sinne, und so vertrauend.« – »Es ist mir auch wohl früher oftmalen so zumute gewesen«, entgegnete Otto. »Desto besser«, sagte Arinbiörn, »und auf den Wogen gleitend ist es vorzüglich anmutig. Da hat man Himmel über sich, und Himmel unter sich, als schwebte man in einer unendlichen Kristallkugel mitten. Höre mir denn recht achtsam zu, und tue dein Herz auf, daß meine Worte drin wiederklingen. Es war auf meinem ersten Feldzuge, da jagt' ich einen Bergfinn, der hatte vielmal vergebens auf mich die Armbrust abgedrückt, und wie er mich nun so ernstlich hinter sich drein sah, mocht' er denken, von Schonung sei doch wohl bei mir die Rede nicht. (Er hatte aber unrecht; ich war gar nicht erbittert, und wollte nur gern einen Gefangnen mit heimbringen.) Kurz, er stürzte sich in ein schroffes Klippental wie verzweifelt hinab. Ich weiß nicht, ob er den Hals gebrochen hat, oder nicht, denn ich konnte ihn weder lebend noch tot finden, suchte aber so lang in den Schluften umher, daß darüber die Nacht hereinbrach, und ich nicht mehr wußte, welchen Pfades ich zu meinen Gefährten zurück sollte. Der Schnee lag schon hoch im Gebirge, so daß ich mich nach einem Obdach umsehn mußte. Ich fand auch eine alte, ziemlich verfallne Warte, mitten im wildesten Gestein; es antwortete mir auf mein Rufen niemand von drinnen, müde war ich zum Umsinken, und so half ich mir denn im Dunkeln eine Wendeltreppe hinauf, öffnete eine Tür, an die ich oben im Herumtappen stieß, und nachdem ich mit meinem Schwert den Fußboden drinnen untersucht, und ihn sicher und haltbar gefunden hatte, legte ich mich ruhig zum Schlafen nieder. – Gegen Mitternacht wachte ich wieder auf; der Mond war durch die Wolken gebrochen, und sah lichthell zu einem Fenster herein, mir gegenüber etwas beleuchtend, das ich auch für ein Fenster hielt. Dahinter nahm ich ein prächtig geschmücktes Gemach wahr, und wie ich mich aufrichtete, funkelte ein Engelsbild von Fräulein darinnen. Ich will es dir nicht weiter beschreiben, Otto, wie es mit dem lichtbraunen, schlichtanliegenden Haar, mit den klaren, freundlichen Augen, mit dem feinlächelnden Munde, mit der unendlichen Anmut in jeglicher Bewegung des schlanken Leibes erschien, denn du wirst bald erfahren, daß du es auch schon mit Augen gesehn hast, und man kann so was überhaupt nicht beschreiben. Wie ich mich nun eilig erhebe, und sie begrüße, und mich bei ihr entschuldigen will, bemerkt sie mein Dasein gar nicht, aber nimmt eine Laute und fängt darauf zu spielen an, und doch höre ich in dieser Nähe, sechs Schritte von ihr, auch nicht einen einzigen Ton, sehe nur die länglichrunden Marmorfinger auf und nieder gleiten über das goldbesaitete Spiel. Und wie ich staunend näher und näher hinschaue, merke ich endlich, daß sie in gar keinem Gemache sitzt, sondern in einem blühenden Laubengarten, der eine weiße Rose neben ihr so wunderschlank und zart emportrieb, daß es mir vorkam, als versuche er es, auf seine blumige Weise ihr Bild zu entwerfen. Und zugleich kam ein Jüngling aus den Hecken hervor, der brachte ein Notenblatt, und hielt es ihr kniend entgegen, und sie sang daraus, wie man wohl an der lieblichen Bewegung des Mundes wahrnehmen konnte, und warf einen Blick auf ihn – ach Otto, wenn ich je einen solchen Blick von ihr gewinnen kann, bin ich der seligste Mensch auf Erden; kann ich es nicht, so gräm' ich mich zu Tode. – Nun trete ich näher, in Eifersucht und Sehnsucht über alles andre in der Welt weg, und wie ich hinkomme, stoß' ich an einen Spiegel; merkend, daß die Gestalten nur auf dessen Fläche leben, und ein wildes Gewirr und Gebrause beginnt sich drin zu empören, daß ich in fieberhafter Wallung zu taumeln anfange, und so, von einem seltsamen Entsetzen getrieben, hinunterschwanke die Treppe, hinaus in die Nacht, über Berge und Klippen fort, und mich des Morgens erst wieder besinne, als ich schon ganz nahe bei meinen Scharen bin. Hundertfach hab ich seitdem das Gebirg durchspäht, allein und auch mit Genossen, aber nie ist es mir gelungen, eine Spur des Turmes wieder zu entdecken.« »Du hast wohl geträumt, Arinbiörn?« fragte Otto. »Da hättest du was Klügeres sprechen können, Waffenbruder«, entgegnete der Seekönig mit einigem Unwillen, »bin ich denn so ein Bursch, der Traum und Wachen nicht mehr voneinander unterscheiden kann? Und vollends erst, wenn du vernehmen wirst, wie mir von Stund an ward. Das Fräuleinsbild kam nicht aus meinen Sinnen mehr; den Bund mit der Gerda verwarf ich, kaum sah ich überhaupt ein Weibsbild an, als um zu spähen, ob ich unter den Schönsten meine süße Herrin finden möchte, und ich fand sie nicht, und die andern galten mir allzusammen für nichts. Weil man aber doch gern benennen will, was man über alles liebt, und ich den rechten Namen der Holden nicht wußte, nannte ich sie nach der weißen Rose, die sich neben ihr aufgetankt hatte, Roselinde, und Roselinde ward mein Feldgeschrei zu mancher herrlichen Schlacht. Die Blumenschrift hatte mir auch nicht gelogen, vielmehr recht ordentlich des Bildes süßen Namen auf den Rand geschrieben, denn als ich an deinem verhängnisvollen Brautmahle den Saal betrat, sah ich zum ersten Male Folkos Schwesterlein, und sah in ihr mein seliges Spiegelbild; und ist nicht eine weiße Rose Blancheflour, und heißt das nicht auch zugleich Roselinde?« »Da bist du nun wohl ein glücklicher Bräutigam?« fragte Otto. »Nein«, sagte der Seekönig seufzend, »denn der Jüngling aus dem Spiegel saß auch mit an der Tafel und sie nannten ihn Meister Aleard; er sang auch einige hübsche Lieder, und es kam mir bisweilen vor, als strahle Blancheflour den holden Spiegelblick nach ihm hinüber, allein ganz flüchtig nur und ganz verschämt. Da hab' ich denn noch immer in bangen Zweifeln geschwiegen. O Gott, wenn's auf die Lieder ankäme, und Blancheflour sich lieber wollte ersingen lassen, als erfechten, ich reiste gern bis an der Welt Ende nach schönen Gesängen, und würd' ein milder Zitherschläger, aller zarten Wehmut voll – Was schrein sie denn da von dem dritten Schiff?« rief er, und fuhr rasselnd in die Höhe. Ein Hauptmann trat heran, sprechend: »Ich soll Euch melden, Herr, daß dorten ein Fahrzeug segelt, und hat bewaffnet Volk an Bord. Dem ha'n wir zugerufen, es möge halten, und sich uns stellen, und sagen, ob da Feind sei oder Freund. Aber sie tun, als ging es sie nichts an, und setzen alle Segel bei, und arbeiten mit den Rudern gewaltig. Sie haben auch schon einen guten Vorsprung.« – »Habt ihr noch griechisch Feuer, von Konstantinopolis her?« fragte Arinbiörn, und sprach auf die bejahende Erwiderung fort: »So wickelt ein Paar Bolzen in Flachs und Werg, und tut solch Feuer dran, und schießt es den frechen Gesellen in ihren Bau. Wer nicht hören will, muß fühlen!« Und gleich darauf flogen durch das tiefre Abenddunkel hin die Pfeilboten, wie kleine glühende Vögel nach dem verfemten Schiffe zu. Man konnte deutlich sehn, wie einige am Borde, einige an den Segeln hafteten, und alsbald fingen sie an zu flackern, und sich zu drehen, gleich wachsenden Sternen; dann schwamm bald hier, bald dort ein Sternenpaar in eins zusammen, und endlich, wie in lodernden Kranzgewinden, begann es von den Masten nach dem Borde herniederzuleuchten, vom Bord nach den Masten hinauf. Zusammen zischten plötzlich die Streifen und die Punkte allzumal, und das ganze Schiff war eine Glut. – »Nun rasch mit den Nachen zu Hülfe«, sagte Arinbiörn, »und fischt mir die Leute aus dem Meere heraus. Daß ja niemand Schaden nimmt: ich bind' es euch auf die Seele.« Nicht lange nachher brachte man die Gefangnen an des Hauptschiffes Bord. Glücklicherweise waren sie alle gerettet, und man freute sich um so mehr darüber, da man alsbald an Tracht und Gestalt, und an den wenigen Waffen, welche die See nicht verschlungen hatte, wahrnahm, sie seien gleichfalls Normänner. Ein bildschöner, sehr jugendlicher Mensch ward als ihr Anführer vor den Seekönig geführt. – »Ei«, rief dieser bemitleidend aus, »Vetter Kolbein, warst du's? Das ist ja recht schade.« – »Ja freilich ist es recht schade um mein schönes Fahrzeug«, erwiderte der Jüngling trotzig, »und nie hätt' ich geglaubt, daß eben du, Arinbiörn, es mir verbrennen würdest.« Sehr ernst sagte der Seekönig: »Wer hieß dir's auch, dich auf das Meer hinauszumachen, bevor du recht mit dessen Sitten bekannt warst? Wenn größere Schiffe ein kleines anrufen, so hält es, und gibt Bescheid, sonst macht es sich auch Freunde zu Feinden. Du hast nun heut erfahren, wie wenig solche Keckheit dem Recht verwandt ist.« – »Davon sollten mich eure Flammenbolzen nicht eben überzeugt haben«, sprach Kolbein. »Aber weil du es sagst, ein so tapfrer, weltberühmter Seeheld, bin ich schon überzeugt, und bitte dich sehr um Vergebung, daß ich mich ungebührlich aufgeführt habe.« – »Hat nichts zu sagen«, entgegnete Arinbiörn. »Nun hast du dies Stück der Kriegskunst recht aus dem Grunde gelernt.« Sie schüttelten einander die Hände, und alle zusammen hielten ein höchst vergnügliches Mahl. Sechstes Kapitel Zu Anfang einer lauen Frühlingsnacht war Otto auf dem Verdeck eingeschlafen; es mochte schon fast gegen Morgen gehn, da weckten ihn einige kühle Seelüfte, über sein Gesicht hinstreifend, auf. Er richtete sich in die Höhe, vom hellsten Mondlicht umgossen, und eine Reihe schroffer, hoher Felsen starrte unfern des Schiffes gegen den tiefblauen Nachthimmel empor. Mächtige Buchenwälder rauschten auf der Steinberge Gipfeln, die Zinnen einzelner Warten und starke Bergtürme ragten hin und her zwischen den Bäumen und zwischen dem wilden Geklüft heraus. Adler, in den Klippen horstend, flogen rufend herunter, und über die Schiffe hin. Sehr schaurig war dem jungen Ritter zumut und doch so wohl. Er sang folgende Worte:     »Wie ernste Sagen wehen Von Sangesmund, so gehen Mir Schauer aus und ein. Uralte Wälder rauschen, Mondlicht und Seeflut lauschen, Das muß hier Norweg sein.« Und hinter ihm erhub sich Arinbiörns Stimme:     »Hier ist Norweg, hier wohnt Normann, Hier ist wach die Luft der Waffen, Skalde hier läßt Lieder hallen, Die gelungnen Schwunges tönen, Tönen von der Schönen Treumut, Von der tapfern Fechter Taten; Met glänzt lichthell, Herd glimmt traulich. Grüß dich, grüß dich, liebes Norweg!« Der Seeheld stand am Steuer, das Hauptschiff selbst dem geliebten Strand entgegenführend. Und schon waren sie einer kleinen Ebne am Fuß der Klippenberge nah, die Anker fielen, Arinbiörn sprang in voller Rüstung über Bord, und schwamm voll freudiger Ungeduld vollends hinan, und als die andern auf den Kähnen nachkamen, blies er schon gewaltige Töne aus seinem Waidhorn zu Gruß und Ankündigung gegen die Berge hinauf. Oben in dem dichten Buchenforste ward es licht, wie von einzelnen Sternenfunken, und man konnte bald wahrnehmen, daß sich viele Fenster einer weitläufig herrlichen Burg mit Kerzenschein erhellten, das vorhin nur geahnte Gebäu in voller Pracht offenbarend. Zu gleicher Zeit hallte ein freudiges Hörnergetön zur Antwort herab, Rosse hörte man die Steinwege herunterkommen, und Waffen der Reitenden klingen; Arinbiörn zeigte fröhlich hinauf, und sagte zu Otto: »Das ist mein und meiner Väter uralter Wohnsitz. Du sollst viel Tüchtiges droben kennen lernen, lieber Waffengesell.« Man hatte indes auch die Rosse aus den Fahrzeugen gebracht, und führte sie nun nach guter echter Reitersitte am Strande auf und ab, um ihre Glieder nach dem langen Stehn und der ungewohnten Reise wieder zu schmeidigen und zu kräftigen. Ottos Lichtbrauner taumelte, wie berauscht, und konnte den alten, unbändigen Mut noch gar nicht wiederfinden, während sich Arinbiörns Falber nach wenigen Augenblicken gänzlich erholt hatte, mit Seefahrten vielfach vertraut, und nun voll dreister Lustigkeit um den sonst gefürchteten Lichtbraunen hersprang und herwieherte, als wolle er seine jetzige Obermacht geltend machen. Des Seekönigs Burgmannen waren die Höhe heruntergekommen, ihren Herrn und dessen Gast, wie auch den jungen Kolbein ehrerbietig, die eignen Waffengenossen mit lustiger Vertraulichkeit grüßend. Sie hatten Rosse für die Ritter mitgebracht, man sprengte jubelnd den Schloßweg empor, und trabte nach einer Viertelstunde durch das finster gewölbte, vielfach widerhallende Tor der Veste in den fackelhellen Burghof hinein. Da trat aus einer dunkeln Seitenhalle, in welcher man tiefrote Kohlen glimmen sah, ein schwarzrußiger, großer Mensch von ritterlichem Anstande hervor, und bot dem Seekönig seine rechte Hand zum Gruße. Arinbiörn schlug freundlich ein, sprechend: »Guten Morgen, Asmundur, du gewaltiger Waffenschmied! Und hast du viel deiner herrlichen Arbeiten zustande gebracht, seit ich abwesend war?« – »Ich denke, ich habe manchem Feind seinen Tod geschmiedet«, entgegnete Asmundur, zuversichtlich mit dem Kopfe nickend. – »Ich bringe dir einen Freund hier, welcher deiner Kunst bedarf«, sagte Arinbiörn, indem er auf Otto zeigte. »Das köstliche Schwert an seiner Seite hab' ich ihm mit meiner Streitaxt zertrümmert, und ich meine, du sollst es ihm nun wieder zusammenschmieden, besser, als es jemals gewesen ist.« – »Ja, ob's auch der Mühe lohnt!« sprach Asmundur, »denn ebensoleicht könnt' ich ihm ein neues fertigen. Laßt mal sehn das Schwert.« – Otto zog die eine Hälfte aus der Scheide, und ließ die andre, nachschüttelnd, ihr folgen; der Kunstmann faßte beides in die Hände, und betrachtete es genau, dann rief er aus: »Ist der Mann, wie das Schwert, so haben alle zwei ihresgleichen kaum! Freilich, wen der Seekönig Arinbiörn mit sich bringt, und ihm die von mir gefertigte Streitaxt anvertraut, und ordentlich für ihn das Wort führt – der muß wohl ein tüchtiger Recke sein. Aber weil ich nur überhaupt für sehr wenige Leute schmiede, und einzig und allein für die Besten, möcht' ich doch lieber vorher noch ein oder die andre Waffenübung von ihm sehn.« – »Das sollst du gern, Asmundur«, entgegnete der Seekönig. »Er wird dir vollkommen G'nüge leisten. Aber du begreifst doch, daß er vor allem ein wenig ausruhen muß von seiner ersten Reise auf hohem Meer.« – Der tapfre Schmied neigte sein Haupt bejahend, und wollte in die Kohlenhalle zurücktreten, aber Otto rief aus: »Wozu erst ruhen? Das wär' ein jämmerlicher Kämpfer, dem ein bißchen ungewohntes Reisen so viel von seinen Kräften nähm'. Frisch auf! der Morgen funkelt schon so hell, daß er die Fackeln überflüssig macht. Weiß einer irgend eine hübsche Fechterübung, ich tu' ihm gern Bescheid.« – »Es ist nur«, sagte Arinbiörn, »daß du, als ein Ausländer, unsre Art und Weise noch nicht kennst.« – »Warum denn nicht?" rief Otto. »Mein Vater ist nicht also gar umsonst durch viele fremde Länder umhergereist. Er hat all ihre Kampfessitte wohl begriffen, und sie mir sorglich wieder beigebracht. Was sollt ich doch von euch nicht wissen? Meint ihr etwa euer Werfen mit den langen Speeren, von denen dort ein Haufen liegt?« – Und wie ein Ball flog er vom Roß, erfaßte einen Wurfspieß, und schleuderte ihn mit gewaltiger Schwingung sausend durch die Luft, daß er über den ganzen Burghof hin, tief in eine alte Rüster am fernsten Ende hineinfuhr. Das Staunen der Normänner nicht beachtend, sagte Otto: »Ihr müßt es nicht allzugenau nehmen mit diesem ersten Wurf. Ich bin ein wenig aus der Übung, und es ist nur, um euch zu zeigen, daß mir eure Kampfessitte nicht fremd ist.« – Da sahen sie alle den jungen Fremden für einen erkornen Heldensohn an, und einer um den andern wetteiferte, sich in der oder jener Übung mit ihm zu messen. So stieg der hohe Mittag herauf, und Otto ward nicht müde, zu ringen, oder Speere zu schleudern, oder mit zweihändigen stumpfen Schwertern zu fechten, und ebensowenig ermüdete Asmundur, dem jungen Siegesrecken zuzuschaun. Ja, endlich trat er ihm selbst gegenüber, sprechend: »Ich weiß wohl, daß du mich zwingen wirst, aber es muß eine Lust sein, so tapfre Schwertesschläge zu proben, als du sie austeilst, und dann auch möcht' ich dir gern zeigen, daß ich zwar vor allen Dingen ein Waffenschmied bin; aber ein nicht zu verachtender Waffenschwinger doch auch.« – Und es kam, wie Asmundur gesagt hatte. Viele Schwertschläge empfing er von Ottos gewaltigen Handen, und nach tapferm Widerstande flog die Wehr des rüstigen Schmieds neun Ellen weit über den Hof, und wie er sich nachher im Ringen auch tüchtig und kunstreich stemmte, taumelte er dennoch in den Sand; Otto, über ihm liegend, hielt ihm Arm und Beine regungslos fest. – »Laß los«, ächzte Asmundur, und während ihm Otto emporhalf, sagte er: »Noch heute zu Nacht schmied ich dir dein Heldenschwert, du Held, und zu Mittag, bei den Bechern, wollen wir nebeneinander sitzen, denn ich denke immer, du erliegst so wenig vor Met und Wein, als vor irgend einem Kriegsmann in der Welt.« Siebentes Kapitel Die Becher waren geleert, die Nacht hereingebrochen, und Otto, von allen mit Gruß und Liebe entlassen, schlief auf den Decken seines Lagers, rastend von der Ermüdung des vorigen Übungstages und der Seefahrt. Aber schon um Mitternacht drang ein dumpfes Klopfen und Singen durch seinen Schlummer, das sich anfangs in seine Träume verwob, endlich aber ihn vollkommen ermunterte. Achtsam um sich herschauend, halb in Grauen, halb in Lust von den wunderlichen Klängen befangen, merkte er endlich, daß er über Asmundurs Schmiedehalle wohne, und der ernste Künstler unten an seinem zertrümmerten Schwerte schmiede, ein Lied dazu singend von dem Schwerte des großen Siegmund Wolsung, wie es in der Schlacht vor Odins Speere brach, und wie es der zauberkräftige Reigen dem Siegmundssohne, Sigurd dem Schlangentöter, wieder zusammenlötete. Sein Vater hatte ihm schon von Jugend auf von dieser Heldensage viel begeisternde Dinge erzählt, und er konnte jetzt der Begier, sie aus eines Normanns Munde zu vernehmen, nicht widerstehn; zumal, da abwechselnd mit dieser die Mär von einem starken Recken, Hugur, dazwischenklang, die Otto noch nicht wußte, und nach welcher ihm auch das ganze Herz brannte. Leise stieg er vom Lager, ergriff Mantel und Streitaxt, half sich vorsichtig die Stiegen hinunter, und, dem Klange von Lied und Schmiedezeug nachtappend, trat er plötzlich in Asmundurs Halle ein. Der Künstler stand zürnend von seiner Arbeit auf, und schritt mit geschwungnem, glührotem Hammer dem Störer entgegen; kaum aber, daß er Otto erkannte, so kehrte er sich begütigt ab, und legte nur sehr ernst den Finger auf den Mund. Dann begab er sich wieder an sein Geschäft, und Otto, dem bedeutsamen Wink Folge leistend, nahm schweigsam gegen ihm über auf einem halb eingesunknen Amboß Platz. Da begann mit der Arbeit der Waffenschmied auch wieder seinen feierlichen Sang, daß die Wölbung nicht minder von den Hammerschlägen, als von den Taten Sigurds widerhallte. Nach jedem Absatz aber verwandelte er den Ton, und sang folgende Worte:     »Doch so wie der starke Hugur huldlos Hat gebraucht die rauchende Klinge, – – Sehr weinte das süße Weib, im Todkampf! So brauch man dich nimmer, mein schimmernder Schwertblitz, Weh, starker Hugur, nicht gut hast getan! O weh, nie mach's ihm ein Heldenkind nach!« Dann kam es wieder an die Taten Sigurds, dann wieder an die wehmütigen Worte vom starken Hugur, und nimmer rastete dabei der Hammer, und immer funkelte dabei die Glut, die Bildung des gewaltigen Schmieds mit furchtbarer Feierlichkeit bestrahlend. Endlich war das Schwert vollendet; mit einer Zange nahm es der Künstler aus den Kohlen, und legte es, noch in Gestalt einer Feuerwaffe, an einen kühlenden Ort. Dann tat er seinen Mund auf, und sprach zu Otto: »Hast du mir nun etwas zu sagen, so fang' an. Du kannst es jetzt tun, ohne die mindeste Gefahr für dich und für das Schwert.« – »Ich kam nicht, um zu sprechen«, erwiderte Otto, »sondern um zu hören, denn alte Sagen sind meines Lebens Erquickung. Mit den Sigurdstaten scheinst du zu Ende zu sein; ich kenne sie auch schon meist. Wolltest du mir aber nun noch erzählen, was das für eine Geschichte mit dem starken Hugur war, so tätest du mir recht etwas zuliebe.« – »Das kann wohl geschehn«, sagte der Schmied, »ich will mir aber erst ein Horn voll Met zur Erfrischung holen, und dir ein Goldhorn voll Wein.« – Und nachdem er beides auf den halbversunknen Amboß gestellt hatte, brachte er zwei Kürisse herbei, auf welche sich die beiden Recken einander gegenüber an den eisernen Tisch setzten, worauf Asmundur folgendermaßen zu erzählen anhub: »Vor beinah vierzig Jahren lebte hier ein Ritter im Lande, der war Hugur geheißen. Hugur war aller Menschen schönster und stärkster, und weil er aus fremden Gegenden gekommen war, bildeten sich viele Leute ein, er seie von dem uralten Odin zauberhafterweise aus dem schönen Lande Gottheim, welches so viele Sterbliche vergebens aufgesucht haben, hier hereingeschickt worden. Wie es damit sei, ich weiß es nicht. Ich habe mich taufen lassen, und bin ein guter Christ geworden; aber wenn einer von Odin und Gottheim spricht, geht mir doch immer das ganze Herz auf. Bloße Lügen, mein junger Held, können die alten Göttersagen nicht gewesen sein. – Nun, der Hugur zeigte sich bald als der sieghafteste Recke in ganz Norweg, einen einzigen ausgenommen. So lieb aber die Leute den Hugur hatten, so unlieb hatten sie jenen, weil dessen Anwesenheit immer Unheil vorbedeutete; er konnte auch mit aller mannhaften Hülfe, und mit einer strengen Rache, damit er für unüberwindlich galt, nie wiedergutmachen, was der Schreck über seine Erscheinung oftmals dem Leben der Menschen an Freudigkeit, ja an Gesundheit und Dauer benahm.« »War das nicht der Rächer mit den Geierfittichen auf dem Helm?« fragte Otto schaudernd. »Seht einmal, Ihr wißt schon gut Bescheid bei uns«, entgegnete Asmundur. »Nun, Arinbiörn hat Euch wohl davon erzählt; denn der ist aus jenes Helden Stamm.« – Otto sah stieren Auges in eine Ecke, als werde der Störer mit den Geierfittichen von dorten aufsteigen, und Asmundur fuhr folgendermaßen fort: »Nun gab es damals einen Jarl in Norweg mit fast königlicher Gewalt und Goldesfülle, der hatte zwei wunderschöne Töchter, und die einander sehr ähnlich sahen; die älteste hieß Astrid, die jüngste Hilldiridur. Astrid war ein Mädchen, wie sie oftmalen sind: züchtig, gutherzig, und gern im Umgange mit ihren Gespielen froh. Hilldiridur aber, ebenso gut, und nicht minder sittig, hatte von den Sternen Sehnsucht und Kraft zu der geheimen zaubrischen Weisheit empfangen, die hier in den Nordländern zu Hause ist, und war deshalb in früher Kindheit von einer Muhme, jenes ernsten Wissens mächtig, an Tochterstelle angenommen, und mit nach der eben so flammenden als schneereichen Insel Island hinübergeführt worden. Nun warben fast alle Helden in Norwegen um schön Astrid, der Rächer mit den Geierfittichen auch; weil sich aber die Jungfrau vor der ernsten Gabe fürchtete, die der Himmel auf dessen Scheitel gelegt hatte, gewann der starke Hugur desto leichter den Preis, und der Tag zu seiner Hochzeit ward angesetzt. Der Rächer schied ohne Zorn, wie er denn überhaupt eines guten Gemütes war, und nur andrer Menschen Leid, niemalen sein eignes rächte; aber am Vermählungsfeste streckte er dennoch die goldnen Geierfittiche seines Helms zu der Halle herein, von nahendem Unglück, der Gewalt gemäß, die ihn trieb, angezogen. Er entschuldigte sich, daß er komme, er könne nicht anders. Die Braut ward bleich, der Bräutigam empfing ihn mit trüber Höflichkeit als einen edlen Gast. – Zur Nachtzeit stand die Burg von einem herabgeschmetterten Donnerkeil in Flammen; der mit den Geierfittichen rettete im kühnsten Wagemut das Brautpaar, welches von plötzlich emporwirbelndem Rauche im ersten Schlaf ohnmächtig hingesunken war. Aber der starke Hugur gewann einen Ingrimm wider den Rächer, und hieß ihn wegbleiben hinfort aus seiner Nähe. – ›Recht gern‹, sagte der geierbeflügelte Held, ›wenn mich nur nicht dein Unglück zu dir hinzwingt!‹ – Und wie er gesprochen hatte, geschah es; Hugur war mannigfachen Unfällen ausgesetzt, und mochte es nun ihm selbst, oder seinem schönen Weibe, oder ihrem im ersten Jahr erzeugten Knaben gelten, oder auch nur ein edles Streitroß bedroht sein, oder eine Ernte; so streckte sich immer der Geierhelm vorher unter das Vordach der Burg. Da hatten, seines Rettens ungeachtet, Astrid und Hugur den Rächer in Verdacht, er bringe das Unglück, dem er nachher widerstrebe, als ein verschmähter Werber zuvor geflissentlich herein. Es kam endlich dahin, daß Hugur dem Helmbeflügelten ins Angesicht schwur, ihn unverwarnt niederzuhauen, wenn er sich ja wieder von ihm in seinem Burgbanne treffen lasse. Der Rächer zuckte die Achseln, und ging sehr betrübt davon. Es geschah nicht lange nachher, daß schön Astrid einmal, wie sie wohl zu tun pflegte, ganz allein, in die nahe Holzung hinausging. Sie hatte einen leichten Wurfspieß in der Hand, nicht sowohl, um etwas damit zu treffen, denn sie war keine Jägerin, als vielmehr, um ein artiges, blankes Spielzeug mit sich zu führen. Da fand sie an einer Stelle, wo sich das Buschwerk sehr dicht ineinander rankte, den Rächer schlafend liegen, seinen geierbeflügelten Goldhelm neben sich im Grase. Sie erschrak sehr, und konnte sich doch nicht erwehren, stehn zu bleiben, und näher hinzusehn. Es geht uns wohl öfters mit furchtbaren Gegenständen also. Endlich fiel ihr ein, ob nicht vielleicht in dem Helm eine Bezauberung steckte, welche man lösen könne, wenn man die furchtbare Schutzwaffe von ihres Herren Scheitel entfremde. Gedacht, getan; denn sie traute ja dem Rächer nichts Gutes zu, und wollte ihn daher so ohnmächtig machen als möglich. Und durch das finstre Gezweig zurückwandelnd, kam ihr der Helm in ihrer Hand so grauenvoll vor; um ihn weiter von sich zu halten, steckte sie ihn auf ihren Jagdspieß, und trug ihn so vor sich hin. Da kam aber eben der starke Hugur durch den Forst geritten; die goldnen Geierflügel sahen urplötzlich neben ihm aus dem Laube hervor, und weil er nichts anders denken konnte, als der Rächer laure dort im Versteck, fluchte er fürchterlich, und führte mit all seiner Kraft einen Hieb nach dem vermeinten Gegner hinunter. Die Klinge glitt vom Helme ab, und traf seines herzlieben Weibes Brust, und das war schön Astrids Tod. Bevor sie aber starb, hat sie noch innig geweint, denn sie hatte das Leben sehr lieb. Und Hugur, als er seinen Fehlhieb entdeckte, wollte auch in Jammer und Reumut vergehn. Sie sagen, in Kraft des Liederschwunges, der in unsrer Sprache liegt, und dessen Hugur auch sehr gewaltig war, hätten beide noch vor dem Scheiden also gesungen. Hugur sang:   »O hab' ich geschlagen mein Rehlein lieb? O hab' ich's getroffen zum starren Tod? O weh, o weh! Was soll ich nun auf der Welt?« Astrid sang:     »Sollst denken an Rehlein immerdar, Sollst bau'n ihm ein dichtes Rasengrab, Und Leide singen; denn Rehlein hatte dich lieb.« Hugur sang:     »Ich hab' ihm gelohnt für Gaben süß Mit grauser Gabe des Sterbens grimm! Hier fängt mein Weh an, aber wo endet's? wo?« Astrid sang:           »Manch Taumeltrank auf der Erden wächst, Und träufelt dir wieder Lust ins Herz; Mich aber umschwirrt so kalter Schlaf – gut' Nacht!« Damit machte schön Astrid für immer die leuchtenden Rehaugen zu, und eben kam der Rächer durch den Wald, und wollte seinen Geierhelm suchen. Den fiel der starke Hugur mit ungeheuerm Ingrimm an, und es war, als hätte des Rächers Amt hier ein Ende. Unüberwindlichkeit verließ ihn; nach einem kurzen Gefecht lag er mit zerhaunem Schädel tot vor Hugurs Füßen. Der starke Hugur lud ihn auf seinen Rücken, nahm schön Astrids Leichnam in die Arme, und trat so in die Burghalle des Schwiegervaters. Da klagte er sich selbsten an, und wollte sein Leben für das Leben der Gattin zur Sühne bringen. Der Jarl aber, vernehmend, wie sich alles zugetragen, sprach den Hugur los und ledig aller Schuld; nur forderte er von ihm, daß er, ein so gewaltiger Kämpfer, ihm jedesmal zur Hülfe ziehn müsse, wenn er es begehre. Der starke Hugur beugte sich nieder, und tauchte ein Speereisen in schön Astrids Blut. Dann reichte er es dem Jarl hin, sprechend: ›Sende mir das, und ob ich an der Welt Ende wär, ich eilte zu deiner Hülfe nach Norweg.‹ – Und das ward die Sühne für schön Astrids Tod. Hugurs Knabe jedoch war dabei, als der Vater das Speereisen in der Mutter Blut tauchte, und gewann daher solch ein abscheuliches Entsetzen vor ihm, daß ihn Hugur durchaus nicht wieder an sich locken konnte, und ihn daher bei dem Großvater zurücklassen mußte. Nachher – der starke Hugur soll grade in Welschland gewesen sein, – schickte ihm der Jarl wirklich das Speereisen, begehrend, daß er sogleich nach dem Lande Frankreich ziehn, und dort einigen normännischen Abkömmlingen und Stammverwandten zu Hülfe komme. Das hat der Hugur auch ehrlich geleistet. Und wieder von dorten beschied ihn Jarl weiter auf eine Seefahrt. Nachdem nun der starke Hugur auch diese rühmlich vollbracht, traf er im Heimsegeln auf ein Schiff, mit Isländern bemannt, welches die schöne Hilldiridur nach Norweg heimführen sollte. Sie begegneten sich in einer Bucht, er sah die Huldin, die Astrids Reize noch zwiefach blühender in sein geblendet Auge strahlte, und hörend, wer sie sei, nahm er sie mit Gewalt, wohl wissend, er möge des Vaters Einwilligung nie erlangen. Schön Hilldiridur wußte nichts von seinen furchtbaren Taten, die Isländer, ihre Begleiter, auch nicht, und halb geschreckt durch seine zornige Macht, und halb gewonnen durch seine ritterliche Herrlichkeit, ergab sie sich ihm, nachdem ein christlicher Priester den Segen über beide als Eheleute gesprochen hatte. Zugleich mußte sie dem Hugur geloben, solange sie mit ihm verbunden sei, ihre zauberischen Künste nie wieder zu gebrauchen; mochte es sein, daß er einen natürlichen Abscheu davor hatte, oder daß er nur fürchtete, sie könne auf diese Weise erfahren, welch ein Blut an seinen Händen hafte. Die Isländer, welche er mit Geschenken ihres Weges ziehen ließ, erzählten das alles in Norweg; aber sie fanden den alten Jarl schon gestorben, und man hat nicht erfahren können, was seitdem aus dem starken Hugur und aus schön Hilldiridur geworden sei.« Achtes Kapitel Otto sah eine Weile in stiller, tiefer Bewegung vor sich hin. Schön Astrids und Hugurs Todesgesang war ihm durch die Seele gedrungen. Und als er sich eben wieder emporriß, aus seiner feuchten Wehmut, und fragen wollte, wie denn Arinbiörn eigentlich dem Rächer verwandt sei, und noch andres mehr, hörte er auf dem Hofe das Stampfen vieler Rosse, und zugleich, daß man ihn von mehrern Seiten her bei Namen rief. – »Sie haben Euch nicht in Euerm Gemache gefunden«, sagte der Schmied, »und suchen Euch nun. Da, nehmt Euer Schwert hin, und laßt uns hinaustreten.« Die Waffe glänzte spiegelblank und makellos in des jungen Herrn von Trautwangen Hand, noch heller erglänzte der junge Ritter selbst, wie er mit dem rußigen Schmied aus der finstern Kohlenhalle auf den Burghof hinaustrat, welchen bereits die Lichter des Morgens klar überleuchteten. Arinbiörn kam ihm freudig entgegen, und wünschte ihm Glück zu einer Waffe von Asmundurs Hand. Otto gab ihm dankend die Streitaxt zurück, und der Seekönig ließ alsbald die Adlerrüstung herbeibringen, und sagte, während er selbst beschäftigt war, den jungen Deutschen wappnen zu helfen: »Siehst du dorten die lustige Reiterschar, Otto?« Er zeigte auf ein zahlreiches Geschwader im Hofe, dessen meist lichtbraune Hengste ungeduldig den Boden stampften. – »Die sollst du, wenn es nach mir geht, in das Schwedenland führen, zum Krieg wider die finnischen Heiden, während ich mit meinen Schiffen wieder in See steche, und die Küste umsegle, bis ich unsern Feinden auf ihrem eignen Grund und Boden in Seite und Rücken falle. Bist du damit zufrieden?« – »Was sollt' ich nicht?« entgegnete Otto. »Rücken wir gleich heute morgen aus?« – »Im Augenblick«, sagte der Seekönig, »es kommt nur noch auf eins dabei an. Deine Reiter möchten eine Probe von ihrem Hauptmann sehn, ob Roß und Mann es mit dem besten von ihnen aufnehmen können. Willst du Wettlauf halten mit dem dort auf dem lichtbraunen Hengste?« – »Ich wünsche mir's nicht besser!« rief Otto, und fertig gerüstet, sprang er klirrend zum nahen Stalle, sattelte und zäumte sein wieder von der Seefahrt genesenes Roß, saß auf, und ritt zu dem hochgewölbten Tore auf den Burghof hinaus. Lustig wieherte sein Pferd, und schnaubte aus weiten dampfenden Nüstern die fremden Genossen an. Die Reiterschar jubelte dem herrlichen Anblick ihres Führers entgegen. Mit ehrerbietiger Verbeugung näherte sich der Wettkämpfer, fragend, ob es dem Ritter gefalle, ihren Lauf zu beginnen. – »Führt mich zur Rennbahn«, sagte Otto, und der Normann, einige Schritte seitwärts reitend, entgegnete: »Sie liegt hier gerade vor uns, edler Herr.« – Er hielt an einem steilen Hange des Berges, von einzelnen Felsstücken unterbrochen, die teils schroff in die Höhe starrten, teils schräg in furchtbarer Glätte über den Rasen hingestreckt lagen. – »Da hinunter geht's«, sagte der Normann freundlich, »es kommt in unsern Gebirgen minder darauf an, ob ein Roß schnell über eine Ebne wegfliegen könne, als ob es vermöge, rasch und besonnen dergleichen halsbrechende Stellen hinunterzusetzen.« – »Schon gut«, sagte Otto lächelnd, ob ihm gleich vor der entsetzlichen Tiefe ein Schwindel ankam. Doch faßte er um so frischern Mut, da sein Lichtbrauner nicht weniger freudig, als der seines Mitkämpfers, der steilen Bahn entgegen schäumte, und mit gleicher Ungeduld am Gebisse knirschte. – »Laß das Zeichen mit den Hörnern geben, Arinbiörn«, sagte Otto, nach dem Halbkreise rückgewandt, welchen die Schar, den Seekönig und den Schmied an ihrer Spitze, um ihn schloß. »Ich bin fertig.« – Die Hörner schmetterten, die Reiter ließen den Rossen den Zügel, trieben sie mit den Sporen zu gewagtern Sprüngen, und lehnten sich besonnen rücküber, um das Gleichgewicht den sturmschnell fliegenden Tieren zu erleichtern. Vor Ottos Augen flimmerte es, vor seinen Ohren sauste es, die Federn auf seinem Helme pfiffen schneidend durch die Luft; es ward ihm bisweilen, als werde der Flug zum Sturze, und er müsse die Zügel hemmend anziehn; aber der Möglichkeit gedenkend, sein Gegner könne ihm darüber Vorsprung abgewinnen, brauchte er statt des Zaumes die Sporen, und wilder flog der Lichtbraune hoch über die starrenden, weit über die schrägglatten Felsenstücke hin. – Unten hielten Roß und Reiter im grünen Tal, und das siegende Tier wieherte lustig in die Morgenluft hinaus, während der Mitkämpfer noch die nächsten Klippen herunter rasselte. Aber kaum war auch der auf der Talwiese, da fiel sein Pferd ingrimmig, ohne daß es der Reiter hindern konnte, Ottos Schlachthengst an, und die beiden Lichtbraunen standen einander beißend und hauend gegenüber; nicht lange aber, da lag der fremde Gaul blutig am Boden, der Reiter gleichfalls verwundet dabei. Otto riß sein zürnendes Tier zurück, der Wettkämpfer erhub sich, und weil er am Fuße verletzt war, sagte Otto: »Steigt auf mein Pferd, lieber Freund, und reitet so die Burg hinauf.« – »Ritter«, sprach der Normann zurückweichend, »was mutet Ihr mir an? Ich weiß nun wohl, daß Euer Roß von der alleredelsten, aber auch von der allerfurchtbarsten Gattung der lichtbraunen Hengste ist, die wir hier zu Lande ziehen. Der risse mich ja in Stücken, käm' ich ihm nahe, denn nach dem Streite kann solch einen Gaul auch der eigne Herr nicht zähmen.« – »Darnach der Herr ist«, sagte Otto. »Verlaßt Euch auf mein Wort.« – »Ruhig, du Bursch!« rief er absitzend den Hengst an, und der stand nach seiner gehorsamen Art still; Otto hob den wunden Reiter hinauf, und wie ein Saumroß klomm der Lichtbraune seinem Ritter nach, sanft und vorsichtig den steilen Felshang hinauf. Da neigten alle Reiter tief die Speere vor Ritter und Roß. – »Das ist ein Hauptmann«, sagten die ältesten unter ihnen, »wie er uns noch im Leben nicht so gut geworden ist.« Darauf tranken sie, im Bügel bleibend, alle einander einen Frühtrunk zu, und bald nachher trabte Ottos Schar durch die Täler, und leuchteten Arinbiörns schwellende Segel über die blaue Seeflut hinaus. Neuntes Kapitel Durch viele Wälder und Gebirge, und über manche öde Heide fort war Otto mit seiner Schar gezogen; man stand bereits auf schwedischem Gebiet, und vernahm, das Heer, welches sich wider die finnischen Götzendiener und deren Bundsgenossen versammelt habe, seie schon gegen die Grenzberge vorgerückt, und erwarte nächster Tage eine entscheidende Schlacht. Ottos ungeduldig fortrückendes Geschwader ward mehrmalen gewarnt, sich vor feindlichen Parten zu hüten, die in des Heeres Rücken streiften, aber der Ritter und seine Normänner lachten, und sprachen: »'s ist an ihnen, sich zu hüten vor uns. Wenn sie klug sind, kommen sie nicht in unsern Weg.« Eines Tages meldeten die zur Sicherung des Weges vorausgesandten Reiter, es ziehe ein starker Haufen zu Pferd ihnen entgegen, weit stärker, als der ihre, nach Rüstung und Gestalt seien es keine Finnländer, sondern edle Schweden; ob man vielleicht, setzten sie hinzu, unglücklich geschlagen habe, und dies sei ein Teil des rückziehenden Heeres? – Die Stirnen der Reiter falteten sich; Otto aber ließ den Jüngling, der von Arinbiörns Veste mit ihm zur Wette geritten war, als Anführer des Geschwaders zurück, und spornte seinen Lichtbraunen vorwärts, gebietend, man solle halten, und erst auf den Ruf eines güldnen Schlachthorns, das er als ein Geschenk des Seekönigs immer an der Seite trug, ihm rasch zur Hülfe nachsprengen. Einige riefen ihm zu, warum er, des ganzen Haufens Führer, sich gleich so zum ersten Anfange wage? Da sprach er freundlich zurück: »Der Sigurd, von dem ihr als von einem großen Feldherrn singt, ritt auch immer selber auf die Warte gegen den Feind aus. Laßt mich's ihm nachtun.« – Und damit trabte er munter durch ein kleines buschiges Tal, einen Hügel, von wo man gut um sich sehn konnte, hinauf. Oben haltend, erblickte er nicht nur eine, sondern drei starke Reiterscharen, die von verschiednen Wegen herangezogen kamen, alle untereinander durch einzelne Reisige, die jeder den Nebenmann im Auge behielten, verbunden. Daß es tüchtige Kriegsleute waren, merkte er aus allen ihren Anstalten leicht, wie auch aus der ritterlich glänzenden und schweren Bewaffnung, aus dem geschloßnem Zusammenhalten der Geschwader, daß er keine Finnländer vor sich habe, sondern echte Schweden. Indem er noch darüber sann, kam ein mächtiges Rotroß, durch die Gesträuche vor ihm, den Abhang herauf gearbeitet, einen schwer geharnischten, hochschlanken Reiter tragend, von dessen Helm ein gewaltiger, schwarzer Roßhaarbusch wild im Winde zog. – »Wer da?« rief der Reiter, aus dessen auf geschlagnem Visier ein hellblondes Jünglingsantlitz hervorleuchtete. – »Normann!« erwiderte Otto. »Schwedischen Bruders Freund!« – »Kommt drauf an«, sagte der Jüngling, »zeuchst du für Odin oder für Christus, mit deiner Schar dort unten im Tal?« – »Ei pfui der sündlichen Frage!« rief Otto aus, »ist doch Normannaland bekehrt, und denkst du, daß wir Abtrünnige vom Kreuze sind?« – Da schwang der Schwedenritter seinen Wurfspeer in der Faust, rufend: »So wahr' dich denn vor mir! Ich und die Meinen, wir halten am Odin fest, und an der Väter Sitte, und nicht du und nicht ein Mann aus deinem Geschwader soll zum Christenheere gelangen.« – »Ja, nun ist's an mir zu sagen, es kommt drauf an!« rief Otto zurück. »Halt dich nur fertig, du Heidenkämpfer.« Und beide junge Helden schlossen klirrend die Helmgitter, und tummelten mit geschwungnen Wurfspießen ihre feurigen Rosse umeinander her. Nicht lange währte es, da sahe Otto des Gegners Hand zum Wurfe zucken, und im selben Augenblick auch donnerte ihm die schwere Lanze gegen das Haupt, daß er betäubt hin und her schwankte, und sich mühsam bei den gewaltigen Sätzen des Lichtbraunen im Sattel erhielt. Aber der Adlerhelm hatte die dräuende Spitze abgewehrt, und des Hengstes wilde Sprünge ließen den Schweden, der gezückten Schwertes auf den Betäubten eindringen wollte, nicht heran, bis Otto vollkommen wieder fest und kräftig die Lanze schwang, und sie dem Widersacher schmetternd durch das Helmgitter schleuderte. Gleich nach dem Speerwurf hatte Otto die Klinge zur Hand, aber der Schwedenritter lag schon langgestreckt im Grase, das Rotroß brach wild scheuend durch Baumäste und Sträucher seine Bahn ins Tal zurück. Langsam ritt der Sieger nach dem Toten hin, und sah mit tiefer Wehmut, wie das bleiche Jünglingsantlitz aus dem zerbrochnen Helmstutze heraufstarrte, die Lanze in der Stirn. Aber plötzlich rasselte es von mehrern Seiten aus dem Gezweige hervor. Fünf bis sechs Waffengenossen des Gefallnen brachen auf schäumenden Rossen mit wutentflammtem Geschrei über den Ritter Trautwangen herein, und er hatte scharfe Gelegenheit, Asmundurs Klinge zu prüfen. Aber die bewährte sich auch gut; rechts und links taumelte es aus den Sätteln ins Gras, und so wie nur Otto Raum gewann, ins güldne Schlachthorn zu stoßen, brauste ihm auch bald sein Normannengeschwader zur Hülfe aus dem Tale herauf. Es ging ingrimmig über die Feinde her, die sich zwar mehr und mehr auf der Bergfläche vermehrten, aber weil ihre Edelsten gleich zu Anfang gefallen waren, und bloß ein einziger Hohlweg von ihrer Seite die Höhe hinaufführte, fochten sie nur scheu und unbeholfen, und als sich erst der Haufen droben zur Flucht wandte, riß er in unaufhaltsamer Verwirrung mit sich fort, was ihm zur Hülfe nachgetrabt kam. Viele Schwedenleichen lagen auf dem Walplatz, mit erbeuteten Pferden und Waffen rückte Otto samt seinen Normannen noch am selbigen Abend ins Lager des christlichen Heeres ein. Der Jubel, welcher ihn empfing, als man der Rüstung des erschlagnen Schwedenritters ansichtig ward, zeigte dem Sieger erst, welch einen entscheidenden Speerwurf seine Faust getan hatte. Der Gefällte war ein Schrecken aller Christenkrieger gewesen, und so, wie sein blutiger Harnisch, sein zertrümmerter Helm, durch die Lagergassen hinleuchtete, flammte Kampfbegier und Vertrauen für die nahe Schlacht in aller Herzen auf. Des Heeres Feldherr, ein Fürst aus schwedischem Königsblute, schon bejahrt, ernst und vielerfahren, trat dem jungen Normannsführer vor sein Zelt heraus entgegen, dankte ihm mit freundlicher Würde, und führte ihn an der Hand mit sich hinein. Dort fragte er ihn um seinen Zug, und was er von Arinbiörn wisse. Nachdem nun Otto alles berichtet hatte, und vorzüglich die Art und Weise von des Seekönigs Umseglung der finnischen Grenzen auseinander gesetzt, sahe ihn der fürstliche Heerführer sehr freundlich an, sprechend: »Da schickt mir ja der liebe Gott ein recht tüchtiges Werkzeug zu. Euern Arm und Mut hat des starken Heidenritters Tod bewährt, Euern Kriegesgeist und Kriegesblick tun mir Eure klaren Worte kund. Lieber junger Held, ich will Euch nicht verhehlen, daß ich morgen die Schlacht mit des Feindes Horden zu halten gedenke. Da soll nun Eure Reiterschar auf dem linken Flügel des Heeres ziehn, Ihr selbst aber verbleibt bei mir in der Mitte, bis ich Euch deutlich die Stelle werde gezeigt haben, wo Ihr links abtraben sollt, um den rechten Flügel des Feindes herum, und so ihm in Seite und Rücken hinein. Einen Euresgleichen hab' ich mir recht dazu gewünscht. Gott mit Euch, und schlaft gesund, und daß Ihr mir zu morgen recht helle Augen bringt, und recht frische Faust.« Indem Otto voll stillglühender Begeisterung durch die Finsternisse zu seiner Schar ging, hörte er einen alten Schwedenreiter sagen: »Morgen haben wir Schlacht.« – »Warum?« fragte sein Gesell. – »Ei«, sagte der Alte, »siehst du nicht die Geier und Raben, wie sie nach der Ebne vor uns hinunter ziehn? Solch Volk versteht sich darauf. Und es sind auch Adler dabei; da wittern sie ein königliches Mahl, tiefrot auf der grünen Heide.« Otto schritt in ernsten Festgedanken fürder, und hätte lieber die hereinbrechende Nacht hindurch gewacht; aber des Fürsten Mahnungswort von hellen Augen und frischer Faust machte, daß er sich fest in seinen Mantel hüllte, und trotz der Bilder, die ihn umleuchteten, dennoch endlich einem erquickenden Schlafe Raum gab. Nach einigen Stunden blitzte ein funkelnder Morgenstrahl über das Gras, und zugleich drang in die Ohren der Kriegsmänner ein Hörnerruf, der die Reiter zum Satteln, die Fußknechte zum Ordnen ihrer Bogen und ihrer Pfeilköcher rief. Otto sprang auf den Lichtbraunen, richtete seine Schar, und trabte dann mit ihr nach der angewiesnen Stelle, auf den linken Flügel des Heers. Da setzte er den wettreitenden Jüngling wieder zum Anführer ein, und sagte: »Ihr braven Normannakrieger, haltet euch ruhig, bis ich wieder zu euch komme, und euch einen eignen Weg führe zu Taten des Todes und des Sieges. Bis dahin immer auf der Seite des Heeres mit fortgezogen! Euer Wort drauf, daß ich euch hier finde?« – »Gut und Ehre und Glauben zum Pfand!« riefen die normännischen Reiter, und Otto jagte der Mitte des Treffens zu, wo der fürstliche Feldherr bereits im Kreise der Hauptleute hielt, viele der Kriegsmänner, die das Schlachthorn gut zu blasen wußten, zu Roß um sich her. – »Bleib mir zu Seiten, junger Degenheld«, sagte der Fürst, freundlich grüßend, zu Otto. »Ich werde dich sehr bald weiter senden. Siehst du uns da gegenüber die Haufen, die gleich Waldströmen aus den Felsengen auf die Ebne vorbrechen? Hörst du ihr wildes Heulen? Wer ihnen sich grade entgegendämmt, hat schweren Stand, und richtet oftmals nur wenig aus, denn wie Staub zerteilen sie sich, und dringen vereinzelt durch, unser geschlossenes Kämpfen verhöhnend. Wer ihnen die Rippen und den Rückgrat ihrer Schlachtordnung bricht, bricht ihnen das Herz. Dazu hab' ich dich erkoren. Wenn wir etwas weiter hinauf kommen, werd' ich's dir deutlicher machen. Jetzt in unser Herrgotts Namen drauf.« – Er warf den Speer in die Höhe, und fing ihn mit gewandter Faust wieder; da schmetterten die Hörner rings umher, wie ein gewaltiger Donner; da tönte es von allen Scharen widerhallend zurück, und in gleicher Bewegung rückten Fußvolk und Reitergeschwader von allen Seiten die Ebne entlängst. Gegenüber drängten im dumpfen Geheul die finnischen Haufen heran, und vor ihnen aus dehnte es sich, wie eherne Mücken und Fliegen, von Roß- und Fußknechten, die ihre Geschosse den anrückenden Schweden entgegensandten. Aber auch von diesen sprengten und liefen freudige Kriegsleute vor mit Armbrust und Speer, und hielten, im lustigen Vorspiele der Schlacht, durch kühne Gegenwirkung das feindliche Wurfgeschütz von den christlichen Scharen ab. Immer näher rückten einander die beiden Treffen; immer jubelnder, kriegslustiger, und doch auch zugleich wie ernsten Abschied nehmend, klangen die Märsche der Schweden. Ottos Busen schwoll hoch von nie gekannter Begeisterung. Was wollte alles Erhebende des Zweikampfes vor diesem Verein zum Siege, und zur Rettung der guten Sache, vor dieser heiligen Todesbrüderschaft, die sich, gleichwie mit feuersprühenden Zungen, in den hellen Klängen zu erkennen gab, und von Flügel zu Flügel dem Heere zurief: »Mit hinein! Mit hinein! Wir leben und sterben allsamt eins! Weiber und Kinder und Bräute, gute Nacht! Lebt in Frieden! Wir sterben und siegen hier!« – Schon verschwanden mehr und mehr die einzelnen Kämpfer zwischen den Heeren, schon waren hier und dort Scharen zu Roß und Fuß gegeneinander angeprellt mit unentschiednem Erfolg. Die Finnländer begannen sich auszubreiten, wie eine Wolke, die zu Nebel wird, sich zu lösen, durchzustäuben hier und da zwischen den christlichen Geschwadern, recht nach der Art, welche der alte Fürst vorhin angedeutet hatte. Dieser sah plötzlich mit einem flammenden Blick in Ottos Gesicht. – »Siehst du dorten links den breiten Graben?« sagte er. »Sie haben ihren rechten Flügel dran gelehnt, denn sie denken, es kann nicht Roß, nicht Mann darüber weg. Aber du und deine Normannakrieger, ihr überfliegt ihn wohl?« – »Wir haben wohl dreistere Stückchen im Gebirge versucht«, entgegnete Otto lächelnd. – »Du«, sagte der Fürst, und hob ernst warnend den Finger, »stell dir's auch nicht zu leichte vor. Bedenk', ihr müßt zweimal hinüber: erst hier links weg, um den Feind zu umgehn, dann wieder rechts gewandt in seinen Flügel hinein.« – »Desto besser«, sagte Otto, »da übt man sich gleich etwas, und die Rosse verlieren auch den allzu wilden Mut. Tüchtig ausgetrabt und ausgebraust; dann ist ein Reitergeschwader erst ordentlich, was es soll.« – »Nun das ist recht«, sagte der Heerführer. »Du hast den guten Schlachtenglauben. Dort hinterm Hügel reitest du fort; da wird der Finne dein nicht gewahr, wenn du über den Graben setzest. Und dann, wo du wieder hinüber fährst, und ihm in Flügel und Rücken fällst – ja, lieber junger Held, da mußt du selbsten die Augen aufhalten. Nur soviel sag' ich dir: nicht allzu früh, sonst faßt du nicht mehr, als die nächsten paar Haufen; nicht allzuspät, sonst mußt du ihnen weit nachreiten, eh' du zum Einhauen kommst, und sie sammeln ihre Geschwader rückwärts gegen dich, und haben nichts davon, als den Schreck.« – »Habt Ihr sonst noch was zu befehlen?« fragte Otto, die Zuversicht des Sieges auf seiner Stirn. Der Fürst neigte freundlich entlassend die Hand gegen ihn, und windschnell über die Heide flog der junge kampflustige Fechter nach seinem Geschwader hin. Die Normannen grüßten ihn jubelnd; nun, dachten sie, gehe es grade vorwärts auf den Feind. Aber als der Ritter mit ihnen links abtrabte, und hinter dem Hügel fort, gab es finstre Gesichter in der Schar; einige Jünglinge wollten sogar anfangen zu sprechen, und ihren Führer zu befragen, wohin es gehe. Da schalten zwei, drei alte Reiter wacker auf sie ein. »Habt ihr nicht Sitte, nicht Zucht?« sagten sie. »Da mögt ihr mir lockere Kriegsleute sein. Der Hauptmann hat gerufen, und wir reiten ihm nach. Wißt ihr was Bessers? So werdet selbst Hauptleute, aber packt euch aus unsern Rotten weg.« – Und somit war alles still, und des freudigen Gehorsams voll. Sie flogen über den Graben weg; kein Roß stutzte, keines fiel, und jenseits trabten sie auf den Flügel des Feindes los, immer von einer sanften Hügelreihe verdeckt, die zwischen ihnen und dem Graben hinlief; Otto ritt nahe genug daran fort, um hinüberzusehn, ohne gesehn zu werden. Der Staub der Schlacht erhob sich dichter, wilder tönte das Geschrei der kämpfenden Scharen, die finnischen Haufen drangen vor; da glaubte Otto, die Zeit zum Übersetzen und Einhauen sei da. Vor Ungeduld schlug ihm das Herz, aber auch vor Zweifel, bei diesem seinen ersten Hauptmannsstück. – »Nicht zu früh, und nicht zu spät!« sagte er ein paarmal zu sich selbst, die Worte des Heerführers wiederholend, und scharfen Auges die Schlachtordnung der Feinde überblickend. – »Wär' es wohl noch zu früh?« murmelte er vor sich hin. – Gleich darauf aber sagte er laut: »Ja, weiß es Gott, ich denke, jetzt ist der einzige Augenblick, und ein Schelm macht's besser, als er kann.« – Zugleich drehte er die Klinge leuchtend über sein Haupt; mit einer blitzschnellen Rechtsschwenkung flog seine Schar heran, und so ging es im stürmischen Jubel über den Graben hin, in des Feindes Rücken und Seite. Des alten Herrn Hughs Zögling hatte die Zeit gut abgepaßt, Reiter und Fußknechte der Heiden stäubten mit entsetztem Geheul vom Graben weg, und das normännische Reitergeschwader, ohne sich mit einzelnen aufzuhalten, sprengte immer im Fluge dahin, wo sich gesammelte Haufen zeigten. – »Haut! Haut! Drauf! Normannasöhne! Drauf! Haut!« rief Otto, und rief ihm alles nach, und schwang sich jubelnd in den Bügeln hoch, und bald mit Sturmesschnelle auseinander fliegend, um das Sammeln der Zersprengten zu hindern, bald wieder mit Feuerskraft zusammengeflammt, wo es von neuem geschloßnem Angriff galt, rasselten sie wie richtende Rachegötter, auf dem Wahlplatz umher. Mit tönendem Siegesgeschrei drangen die Schweden vor, die Heiden ergossen sich in wilder Flucht über das Feld, viele von ihnen lagen erschlagen, viele knirschten in Banden. Aber der alte Heerführer kam über die rotgefärbte Ebne herangeritten, und küßte den jungen Ritter von Trautwangen, und rief laut durch die Scharen: »Ihr lieben schwedischen Christen, seht da einen jungen Baum, unter dessen Schatten dereinst noch das ganze Land rasten mag und sich freuen!« Zehntes Kapitel Zu eben dieser Zeit ritten durch einen blühenden Wald in der schönen französischen Landschaft Gascogne drei junge Damen mit einem Geleite von Knappen und Zofen. Man konnte es dem ganzen fröhlichen Aufzuge wohl ansehen, daß es auf keine Reise gemeint war, sondern nur auf eine Lustfahrt in dem sonnendurchblitzten, von der nahen Meeresluft angenehm abgekühlten Laubforste. Hin und her stieg ein zierliches Liedlein aus den Kehlen der Frauen und der Edelknaben gegen den blauen Sommerhimmel auf, und die Kehlen der Vögel wetteiferten damit. Da sagte die Dame, welche von den dreien in der Mitten ritt, zu ihrer Nachbarin rechter Hand: »O wie anders ist es doch jetzt, und wie besser, Blancheflour, als da uns noch immer der Ring in unselige Streitigkeiten verwickelte!« – »Ich habe ihn immer« entgegnete die andre, »ohne Neid, wie auch in diesem Augenblick am goldnen Kettlein auf deinem weißen Busen spielen sehn, Gabriele. Wäre es auf mich angekommen, du hättest ihn schon vorlängst behalten, und meines Bruders schönes silbergraues Streitroß, das dich eben trägt, wäre nicht erst deshalb in den Schranken lahm geritten worden.« – »Bedauerst du den Silbergrauen?« lächelte Gabriele. »Mich dünkt, du hättest eben nicht Ursache dazu. Wie er jetzt mit mir auf unsern leichten Ritten durch Anger und Wald hinschreitet, bis ihn etwa der verletzte Schenkel schmerzt, und ich durch sein Zucken ermahnt werde, abzusteigen, und des edlen Tieres mit verdoppelter Sorgfalt pflegen zu lassen – ist das ihm nicht besser, als wenn es dein Bruder in die Scharen der spanischen Mohrenritter hineinspornte, und falls es wund würde, höchstens die Fäuste eines alten derben Reitersmannes seine Wartung übernähmen?« – »Du hast wohl recht«, entgegnete Blancheflour, und sagte, die Mähne des Silbergrauen streichelnd: »Ich wünsche dir Glück zu jener Verletzung, du artiges, gutes Pferd.« – »Es kommt darauf an«, sprach die Dame zur Linken sehr ernst, »ob der Silbergraue mit deinem Glückwunsche zufrieden ist. Er sieht mir aus, wie ein echt ritterliches Tier, und da ersetzt ihm keine holde Pflege die rühmliche Bahn, der er entrissen ist.« – »Was du auch strenge zu sprechen weißt, Bertha!« entgegnete Gabriele. »Wärest du nicht zugleich oftmals so wundermild, und sähest du nicht so gar mädchenhaft, zart und lieblich aus, es könnte mich bisweilen versuchen, daß ich dich für einen verkleideten Ritter hielt, und mich in acht nähme vor dir.« – »Tue das nicht, edle Wirtin«, sagte Bertha mit freundlich leiser Stimme. »Du hast kein ergebeneres Wesen auf der Welt, als mich, die du so gastlich aufnimmst und beschützest. Zudem bist du ja meines Vetters Otto verlobte Braut, und wen könnte ich mit größern Treuen in Ehren halten, als die.« Gabriele seufzte schmerzlich auf, und drückte im tiefen Sinnen Berthas Hand. Da kam aus dem Gebüsch ein zierlicher Knappe hervorgesprengt; blau mit goldner Stickerei leuchtete sein samtnes Kleid, goldne Schellen klangen hell um Sattel und Hauptgestell seines Rösseleins. Wie er die Frauen erblickte, hielt er, sprang ab, und sagte, ein Knie vor Gabrielen gebeugt: »Dame, mein Gebieter, der Freiherr Folko von Montfaucon bittet um Vergunst, sich Euch vorstellen zu dürfen, und noch einen edlen Gast, den er mit sich führt.« – Ein liebliches Rot glühte über die Wangen des schönen Fräuleins hin, sie winkte grüßend mit der zarten Hand, und sprach: »Guter Knappe, heiße deinen edlen Freiherrn und seinen Gast in meinem Namen willkommen. Ich sage dem hellen Sommertage Dank, daß er mich hinausgelockt hat, ihnen früher zu begegnen.« – Und der Knappe, leicht wieder auf sein Roß geschwungen, neigte sich tief, und jagte in die grünen Schatten zurück. »Wer mag der Gast sein, welchen dein Bruder mit sich bringt?« fragte Gabriele, gegen Blancheflour gewandt. – »Wenn es ein Sänger wäre!« erwiderte diese – »aber nein, der ist es gewißlich nicht.« Und sie verstummte, ihr errötendes Antlitz in seltsamer Verwirrung nach den Vergißmeinnichten des frischen Rasens hinuntergebeugt. Alsbald leuchtete Herrn Folkos blaugoldner Harnisch durch die Zweige, der Goldgelbe mit schwarzen Mähnen, den er seit des Silbergrauen Verletzung ritt, sprengte funkelnd aus den Schatten hervor. Tief neigte der Ritter seine Lanze, sprang alsdann leicht aus dem Sattel, warf die Waffe einem Knappen zu, und trat mit anmutig höfischem Anstande, seinen schönen Edelfalken auf der Faust, den Damen entgegen. Wer ihn aber begleitete, mit ihm zugleich von dem Rücken seines schlanken arabischen Rosses sprang, und artig grüßend zu den Damen heranschritt, war freilich kein Sänger, wohl aber eines höchst edlen, jugendlich schlanken Kriegers Gestalt, in reichwallende Gewande von unerhörter Pracht an Stoff und Stickerei auf mohrische Art gekleidet, vom weitesten, feinsten Schleierzeuge den Turban um sein Haupt gewunden, den eine reiche Demantagraffe zusammenhielt, und ein Busch der königlichsten Reiherfedern schmückte. »Dann«, sagte Folko, gegen Gabrielen geneigt, »erlaubt mir, daß ich Euch den Fürsten Muza vorstelle, den tapfersten von all den Mohrenrittern, die auf Granadas Ebne mit uns fochten.« Muza beugte vor Gabrielen und den andern Frauen mit adliger Zierlichkeit das Haupt, dann aber sagte er etwas finster: »Wär' ich ein so ausgezeichneter Mohrenritter, als es der Freiherr von mir zu rühmen beliebt, so würde er sich des Sieges über mich nicht in diesem Maße schämen. Er vergißt ja, vor den Augen der schönsten Frauen, die ich in meinem ganzen Leben sah, zu verkünden, daß ich sein Gefangner bin, welches also wohl gar nicht der Mühe wert sein muß. Wisset denn, ihr holden Sterne, daß sich zwar eben jetzt der Fürst Muza vor Euern Strahlen neigt, daß er aber nur für einen der mindern Ritter seines Vaterlandes gilt, wenigstens seitdem er ein Gefangner ist, als welcher er Euch, o schönstes Frauenbild auf der Erden, bittet, ihm die Waffe abzunehmen, die ihm des Siegers Großmut allzu lange ließ.« Bei diesen Worten hatte er seinen goldnen, demantbesetzten Säbel von den silbernen Ketten, die ihn um seine Hüften gürteten, losgehäkelt, und hielt ihn Gabrielen in ehrerbietiger Stellung hin. Das schöne Fräulein nahm ihn, machte aber im selbigen Augenblick eine Bewegung, von dem Silbergrauen zu steigen, worauf Muza, schnell in die Höhe gerichtet, sie linden Schwunges herunterhob. Da sagte sie zu ihm: »Ihr habt Euch selbst zu meinem Diener gemacht, fürstlicher Herr. Edlen Frauen aber ziemt es, bewaffnete Diener zu haben.« Und somit hing sie den Säbel an seine Seite, ließ sich von ihm wieder auf das Roß heben, und zog in seiner und Folkos Begleitung, der indes seine Schwester und Bertha begrüßt hatte, nach dem Schlosse zurück. Auf einem hohen Altane, von den letzten Gluten des Abends aus der weiten Meeresfläche angestrahlt, von den aufsteigenden Düften aus den Blumenbeeten und Laubengängen des Gartens umhaucht, saßen die drei Damen mit den zwei Rittern, und ergötzten sich an Gesang und Saitenspiel, und an Erzählung anmutiger Geschichten. Folko und Muza wetteiferten miteinander, wie früher auf der blutigen Kampfesbahn an Rittermut und Kraft, so in diesem artigen Kreise an edler Zier und feiner Sitte, und war der Sieg dorten lange unentschieden geblieben, so wollte er sich hier noch minder entscheiden. Gabriele, von den glühenden Blicken Muzas verfolgt, wußte in tausendfachen Wendungen der Augen und des Geistes den leuchtenden Geschossen zu entgehen, und sich, ohne den Mohrenfürsten zu beleidigen, dennoch mit bezaubernder Huld dem Freiherrn von Montfaucon entgegenzuneigen. Blancheflour hob das sonst oftmals gesenkte Köpfchen in der Nähe des hochverehrten und über alles lieben Bruders freudig empor, und leuchtete in so anmutigem Schimmer, daß man kaum ihr weißes Rosen-Sinnbild mehr für so reiche Strahlen genügend finden konnte. Nur Bertha saß voll stillen, tiefen, man möchte sagen, strengen Nachdenkens da, und keine Schmeichelei Folkos oder Muzas, keine freundliche Neckerei Gabrielens, kein liebliches Bitten und Zuwinken Blancheflours, konnte ihr an diesem Abende Märchen oder Lied entlocken. Sie ward darüber endlich in der heitern Umgebung beinahe vergessen, oder doch nur ohne Anrede freundlich betrachtet, so daß sie fast wie eine schöne Bildsäule anzusehn war, um die sich vier lebendige Gestalten herbewegten, ohne sie recht zu verstehen, oder von ihr verstanden zu sein. Im Laufe des heitern Redespiels nahm der Araber eine Guitarre, und sang folgende Worte:     »Düster über düstre Berge Zog gefangen der Alarbe, Düstrer noch auf blüh'nden Ebnen Ward sein Antlitz nachtumfangen; – (Denn beim Zornigen ist Gifthauch Froher Menschen Spiel und Lachen!) – Aber was in Zaubergärten Seid Ihr ihm so göttlich strahlend, Sel'ge Sterne, süße Sterne Holder Augen aufgegangen? Zwar nun blüht in seinem Herzen Euch ein Beet von Blumenflammen, Zwar nun haucht durch seine Sinne Euch ein Strom von süßen Klagen, Doch wenn ihn zu Morgen fürder Treibt des finstern Weges Wandel, Ach, da müssen wild entlodern Seines Herzens Blumenflammen, Und zu Asche drin verstoben Treibt ihn fort die Flut der Klagen.« Folko nahm eine Guitarre von Blancheflours Schoße und sang dem Fürsten entgegen.     »Des Morgens freudiger Schimmer, O käm' er doch zu morgen nimmer, nimmer! Die Sterne, jetzt erblühend, O blieben sie durch alle Zeiten glühend! Daß sich im heitern Zielen Des Witzes ohne Wandel stets gefielen In luft'ger Worte Lichtern Drei edle Fraun mit ihren Ritterdichtern! – Doch ach, zu unsern Stunden Ist Merlins starker Zauberbann entschwunden. Dürft' ich denn nur den Frauen Mein Carthagenisch Fürstenwild vertrauen, Bis, wenn ich wieder käme Von meiner Fahrt, hier gastlich auf mich nähme Nochmals des Schlosses Pforte, Nochmals mir blühten holde Blick' und Worte! Doch wird uns von sich treiben Derselbe Blick, der uns so lockt zum Bleiben, Und gilt's, sich zu vergleichen Den größten Helden aus den alten Reichen, Ziehn, einig miteinander, Darius klagend fort und Alexander.« »Ich behielte den Darius recht gerne hier, bis Alexander wieder käme«, lächelte Gabriele, »wenn der Sieger es sich dagegen gefallen ließe, mindestens eine Woche in Gesellschaft seiner anmutigen Schwester im Schlosse auszuruhen, und vor allen Dingen, wenn seine Worte nicht bloß eine zierliche Liedesweise waren, sondern eine ehrliche Herzensmeinung.« »O Gott«, rief Folko, sich anmutig gegen Gabrielen verneigend, »welch eine Woche habt Ihr mir geschenkt! Und dem Fürsten welch einen Monat! Denn so lange dauert es mindestens, bis ich aus der Normandie zurückkomme, wohin mich meine Pflichten als Bannerherr und Baron des Reichs rufen. – Muza, Ihr seid dieser Dame Gefangner, und betreibt von hier aus Eure Auswechselung gegen den edlen Castilier auf die Weise, die Ihr schon früher beschlossen hattet.« Muza setzte sich zu Gabrielens Füßen, sprechend: »Das ist eines Gefangnen Platz. Aber ich sage Euch eins, Montfaucon: Ihr habt mich in Feenbande gelegt, und das ist wider die Abrede. Wißt Ihr auch, daß Ihr mir auf diese Weise mein Ehrenwort zurückgebt? Und daß es mir nun vergönnt ist, sobald zu entwischen, als ich entwischen kann?« »Dafür mögen die Feenbande sorgen«, entgegnete Folko, »aber, Gefangner, wenn das Euer Platz ist, so mag man einen andern hinfort einen Freien heißen, als mich.« – Und damit ließ er sein Schwert mit Schärpe und Wehrgehäng auf die Erde niedergleiten, und setzte sich neben Muza zu Gabrielens Füßen nieder. Blancheflour sang in die Saiten der Guitarre, welche ihr Folko zurückgelassen hatte:     »Ein Rätsel künd' ich, löst die Fessel Dem tiefen Sinn! Es thront auf einem luft'gen Sessel Die Königin. Von Namen gleicht sie einem Engel Wie von Gestalt, Und übt ohn' alle Sorg' und Mängel Der Feen Gewalt. Denn zu den zarten Füßlein schmiegen Zwei Bilder sich, In heißen, bluterfüllten Kriegen Sonst fürchterlich. Das ein', als goldner Löwe, dräute Von Tigris Strand, Wenn sich das andr', ein Adler, freute Im Norderland. Nun schaun allzwei mit sitt'gem Wenden Zur Königin, Und sie erwählt – wer mag beenden Des Rätsels Sinn?« Blancheflour hatte nur spielen wollen, aber die drei Herzen, in welche sie unbewußt glühende Funken geschleudert hatte, loderten hell auf. Adler und Löwe schauten unverwandt, begierig, ihr Urteil zu empfangen, die ganze Seele in ihren Augen, nach der Königin empor, welche mit niedergeschlagenen Blicken, hocherrötend, zwischen ihnen saß, und einen grünen Zweig, den sie eben zufällig in der Hand hielt, wie von magnetischer Kraft bezwungen, nach des Freiherrn Haupte mit fast unmerklicher Neigung zu senken schien, – da hatte Bertha die Guitarre ergriffen, und mit einigen tiefen, schauerlich wehmütigen Gängen schreckte sie die andern aus ihren Träumen auf. Alles wandte sich staunend nach ihr hin, als fange ein Gemälde zu musizieren an, während sie folgende Worte sang:     »Wo sind die schwarzen Waffen Mit ihrer Silberzier? Wo der lichtbraune Schlachthengst. Das adlig frohe Tier?     Die Waffen sind verschwunden, Verlaufen ist das Pferd, Man hat es laufen sehen Um ein zerbrochnes Schwert.     Der Herr, der ist verloren, Dem all das eigen war, Und kommt er einstens wieder, So schmückt die Braut ihr Haar.     Bis dahin Leide, Leide Singt, wer es hält mit mir, Singt: »Weh ihr Heldenwaffen, Und weh du adlig Tier!« Folko sprang in die Höhe, daß seine Harnischringe zusammenrasselten, gürtete Schwert und Feldbinde eilig um, und sagte Gabrielen Lebewohl. Wenn er wiederkomme, fügte er hinzu, wolle er den Muza mit Hörnerklang auf die nahe Waldwiese hinausbescheiden. Gabriele wagte nichts einzuwenden; es mochte wohl von ihren und Folkos Wangen in dem verhüllenden Abenddunkel ein warmer Tau rieseln. Seine Schwester küßte der Freiherr wehmütig, und sagte im Vorüberstreifen leise zu Bertha: »Danke, mein edel strenges Fräulein, danke!« – Er hörte es nicht, daß ihn der erstaunte Araber wegen seines schnellen Aufbruchs befragte, und ihm nochmals, zwar lachend, aber nicht ohne Feierlichkeit, wiederholte, daß er sich von nun an durch kein Ehrenwort mehr gebunden erachte. Eilig war der edle Montfaucon die Stufen vom Altane hinunter ins Schloß, und bald sahen die droben stehenden Frauen, wie er mit seinem Gefolge aus den Pforten trabte, den leuchtenden Goldhelm im Sternenschimmer zum ehrerbietigen Gruße neigte, und dann mit verhängten Zügeln in die nächtige Waldung hineinflog. Eilftes Kapitel Die drei Frauen gingen einige Wochen darnach am Strande lustwandeln, sich der Kühle des Abends und des Meeres erfreuend, und einander mit Gesprächen ergötzend, wie das ungezwungenste Vertrauen und die anmutigste Einsamkeit sie über die blühenden Lippen hervorlockte. – »Dein Bruder hat doch nicht gut getan, Blancheflour«, sagte Bertha unter anderm, »uns den Mohrenfürsten so allein in der Burg zu lassen, und vollends, da der wunderliche Fremdling immer versichert, sein Ehrenwort binde ihn von nun an durchaus nicht mehr. Ich weiß, es soll Scherz sein, aber mir graut es gewaltig vor ihm.« – »Da haben wir schon wieder die ernsthafte Deutsche«, lächelte Gabriele. »So streng und so scheu! Es gibt wenig Männer, das mußt du doch gestehn, die den edlen Muza überwiegen an feiner Sitte, fürstlichem Anstand und höflich witzigem Gespräch. Zudem habe ich selten einen so schönen Menschen gesehn, und ein leuchtendes Bild in unsern Hallen mehr, ist keine verwerfliche Zier des Schlosses.« – »Schön?« wiederholte Bertha langsam und nachsinnend. – »Findet ihr das beide? Wenn ich mir's recht überlege, kann ich euch nicht ganz unrecht geben; aber es wäre mir von selber wohl nicht eingefallen. Seht, er ist freilich groß, schlank, von schönen Augen, gewölbter Stirn, königlichem Gange; wenn er die Toca mit flatterndem, losgewundnem Turban tanzt, ist es zierlich anzuschauen, und fast wie ein sichtbar gewordenes Märchen; aber wenn er den Mund voll weißer, langer, schneidender Zähne auftut, wird mir zumut, als hätt' ich einen gezähmten Tiger neben mir, der in jedem Augenblick, der alten Wildheit wieder heimfallend, verderblich losbrechen könne. Der Tiger soll freilich auch ein schönes Geschöpf sein, behaupten die Leute, aber ich wüßte nun einmal keine Lust dran zu finden.« »Und was sagt meine holde Blancheflour dazu?« fragte Gabriele. Die zarte Gestalt fuhr aus einem träumerischen Sinnen in die Höhe, sprechend: »Ich weiß fürwahr nicht, wer es ist; aber das anmutige Klingen hör' ich eben jetzt wieder von der Seeklippe herüber.« – Die beiden andern Frauen lächelten über Blancheflours Zerstreuung, wurden aber am Sprechen durch ein leises, liebliches Getön verhindert, welches in der Tat von der angezeigten Gegend über die Wellen herangeschlichen kam, und ungefähr in folgenden Worten vernehmlich ward:     »O Flügel mir, um zu ihr hinzuschweben Im Abendschein, Ringsher ein Netz aus Traumesgold zu weben, Mein Bildnis drein!     Weh, armes Bild, du darfst es nimmer wagen; Verdämmre nur, Und höchstens leb' in leisen Liedesklagen Auf dieser Flur!« Der Gesang verhallte, und Blancheflour sagte, die hellen Tränen in den Augen: »So hör' ich ihn oftmals singen; selbst noch, wenn das Mondlicht vom Himmel sieht, schwingt er seine süßen Töne durch meines Fensters Blumengitter herein. Glaubt ihr denn auch, Schwestern, daß es Meister Aleard ist?« Sie hatten keine Zeit, zu antworten, denn zwischen einigen Bäumen vor ihnen wurden unterschiedliche seltsam gestaltete, starkbärtige Männer sichtbar, die plötzlich stehn blieben, heftig aufeinander einredeten, und mit Blick und Gebärde nach den schönen Frauen herüber wiesen. Diese wollten erschreckt umwenden, da zeigten sich hinter ihnen über den Rand eines Hügels hervor eben so furchtbare Gestalten, während einige davon im pfeilschnellen Lauf um beide Seiten heruntergeschossen kamen, und so in Verbindung mit denen unter den Bäumen einen Kreis um die drei überraschten Fräulein herzogen. Dann neigten sie sich alle zusammen mit auf die Brust gekreuzten Händen ehrerbietig, fast mit den Häuptern bis gegen die Erde, wodurch sie aber ein noch greulicheres Ansehen gewannen. Aus ihren Reihen heraus trat Muza vor die erstaunten Jungfrauen hin, prächtiger geschmückt, als je, ganz von Gold und Farben und Juwelen leuchtend; zwei fast ebenso glänzende Jünglinge in arabischer Tracht hinter ihm. – »Scheltet nicht«, sagte er, sich anmutig vor Gabrielen neigend, »wenn ich Euch sage, daß ich von hinnen ziehe, und erzittert nicht, wenn Ihr vernehmt, daß Ihr mit mir müßt. Ich führe Euch in ein Leben voll Freude und Herrlichkeit ein, und habe zu meiner Hülfe diese zwei jungen Ritter herbeschieden, nicht minder fürstlichen Stammes, als ich, ihnen verheißend, daß sie hier schönere Frauenblumen fänden, als in Mahomas Paradies. – Und habe ich Wort gehalten?« fragte er seine Gefährten, und einer kniete vor der an Gabrielens Arme halb ohnmächtig schwankenden Blancheflour, der andre vor Bertha, die ihm verachtend den Rücken kehrte, und ein kleines Gemäuer hinaufschritt, drauf ein steinernes uraltes Kruzifix stand. Dessen Stamm umfaßte sie mit dem linken Arm, winkte mit dem rechten den jungen Araber abwärts, und sah gedankenvoll in den blauen Himmel hinauf. Indessen hatte Gabriele Besinnung und Odem wieder gefunden, und schalt mit dreisten Worten Muzas Verletzung des Gastrechts und seines eignen Ehrenwortes. – »Von meinem Worte hab' ich mich offen zu zweien Malen gegen den Montfaucon los und ledig erklärt«, rief Muza aus, »und wenn Eure himmlische Schönheit wie die blendende Sonne durch meine Sinne leuchtet, alles zu bunten Regenbogenfarben verwirrend, wer darf nach Gründen und Rechenschaft fragen, um alles, was ich armer Geblendeter beginne!« – Und damit faßte er Gabrielen in seine Arme, und trug die Hülferufende liebkosend und beruhigend in ein leichtes Fahrzeug, welches während dem an das Ufer gerudert war. Blancheflour sank darüber vollends in die Schleier der Ohnmacht zurück, der junge Araber fing sie auf, und trug sie seinem Führer nach, aber als der andere Mohrenritter näher und dreister gegen Bertha heranschritt, rief diese mit lauter, begeisterter Stimme: »Ich nehme Gott und Menschen und Himmel und Erde zu Zeugen, daß hier eine bodenlos verruchte Gewalttat geschieht. Ob ein Wunder beginnen wird, sie zu rächen und zu hindern, weiß ich nicht, aber hütet euch, ihr Buben, es kann wahrlich geschehn. Und das sag' ich euch, denn ich fühl' es klar und sicher, wie mein eigenstes Leben, wer mich mit fortreißt auf das Raubschiff, reißt sich den Tod auf den Scheitel herab.« – Der Mohrenritter prallte entsetzt vor der zürnenden Jungfrau zurück, wie sie in allen Glorien der Abendlichter vom Kreuzesstamme zu ihm hinunterschalt. Seine Kriegsleute zogen sich in stiller Scheu nach dem Strande abwärts, und als Bertha dem Zweifelnden noch einmal mit der Hand ernst bedräuend fortwinkte, schrie er auf: »Es ist ein Gespenst in ihr!« und flüchtete sich taumelnd in das Boot, welches gleich darauf vom Lande stieß. Noch hatte die Jungfrau ihren ernsten Stand nicht wieder verlassen, als schon ein bleicher Jüngling im Sängermantel, wie auf Flügeln, das Ufer entlängst nach ihr hingelaufen kam. – »Um Gott!« rief er, »haben die Mohren Blancheflour geraubt?« – Und kaum war das Ja! über Berthas Lippen, so sprach er mit windschnellen Worten: »Sendet ihrem Bruder alsbald einen Boten. Ich muß ihr auf irgend eine Weise nach.« Und von neuem begann er den Strand mehr hinunterzufliegen, als zu laufen; erst, als er schon ihren Augen entschwunden war, besann sich Bertha, daß Meister Aleard zu ihr gesprochen hatte. Zwölftes Kapitel Zu dieser Zeit heulten über die nördlichen Berge hin schon die Stürme des Herbstes, und am selben Abende, wo seine Braut entführt ward, stand Otto auf einer heißen und dunkeln Stelle in der Feldschlacht. Vom Lichtbraunen war er abgesessen und einen engsteilen Felsweg hinangeklommen, um den von dort hereinbrechenden Heiden Widerstand zu tun; denn sie überflügelten von allen Seiten das christliche Heer, und es war schon sehr im Wanken. Der fürstliche Heerführer rief dem jungen Helden nach, was er doch nur beginne? Er sei ja fast allein! – Aber Otto rief zurück: »Dafür ist auch der Paß gar schmal. Sie können beinah nur einzeln an mich heran, und da soll einer nach dem andern seinen Mann an mir finden.« – Wirklich auch stand er, wie ein wachthaltender Cherub, an der Bergespforte, der schöne, blonde Jüngling, vor dem schwarzen Gewimmel von kleinen, häßlichen Heiden, die auf ihn losstrudelten, und in rastlos flimmernden Kreisen flog seine Klinge schwirrend umher, und jedesmal, daß sie niedertauchte, schwang sie sich, von Blut gerötet, und Blutestropfen von sich sprühend, wieder in die Höh'. Schon lag es vor ihm wie ein Bollwerk, von mißgestalteten blutigen Leichen, und es war, als stäube an diesem Damme die Flut allmählich zurück. Da blitzte es lichthell zwischen dem Gewimmel durch, wehte ein hochflatternder Roßhaarbusch drüber hin. Ein heidnischer Schwedenheld in glänzenden Waffen, schlank und herrlich, rasselte im Laufe gegen Otto heran. Pfeifend flog sein Speer an des Ritters Haupte vorüber, und gleich darauf schmetterten seine Schwerthiebe schloßendicht über den Adlerhelm hin. – »Bist meines Bruders Töter, du Silberschwarzer!« schrie der entbrannte Fechter dazu. »Kenne dich wohl! Weißt du noch, wie du ihn trafst auf dem Waldhügel? Ihn schleudertest mit dem Wurfspeer vom Rotroß hinab? Nun gilt es Blut um Blut! Nun faßt dich die Rache! Hei! Hei! Wehrst dich umsonst! Hier Odin! Hier Odin und Swerkers Schwert!« – Aber Ottos Klinge traf wohl noch besser. Von einem ihrer ungeheuern Schläge, grad' über den Kamm des Helmes hin, begann der Heidenritter zu schwanken, der Sieger ergriff den taumelnden Jüngling beim Roßhaarbusch, zog ihn über die Leichen zu sich herüber, und schleuderte ihn seinen wenigen Gefährten zu, rufend: »Bringt den in Sicherheit, und pflegt ihn gut! Ich fordr' ihn von euern Händen!« Da wichen die Finnländer um viele Schritte zurück, und murmelten untereinander; man konnte nicht verstehen, wovon der böse Rat handelte, nur einzelne, mißlautende Klänge drangen bis in Ottos Ohr. Der faßte den Speer, welchen der Heidenritter nach ihm geworfen hatte, und schleuderte ihn zwischen den dichten Haufen hinein. Zwei sanken schwer blutend zu Boden, die andern stäubten mit wildem Geheul auseinander, und einzeln hinter Klippen und Büsche versteckt, ließen sie einen Bolzenregen auf Ottos Rüstung hinrasseln. Seiner festen Bewaffnung vertrauend, stand der Ritter ohne Bewegung da. Nur seinen blanken Schildrand streckte er links hin, um den engen Paß völlig zu sperren, und so die leichter geharnischten Kriegsmänner hinter ihm vor jeder Gefahr zu sichern. Das Schießen dauerte fort und fort, tat aber keinen Schaden. »Schlechtes Fechten«, sagte Otto in sich hinein. »Hilft ihnen nichts, und langweilt uns.« Und zugleich fing er zum Zeitvertreibe an, die Bolzen zu zählen, welche von seiner schwarzsilbernen Rüstung abprallten. Da raschelte etwas dicht hinter seinen Füßen; er sah sich um, ein grinsendes Heidenantlitz brach aus einer ihm noch unbemerkten engen Höhle zwischen verschlungenen Gebüschen hervor. Das traf nun zwar alsbald seine Asmundurklinge gut, es in zwei blutige Hälften spaltend, aber eine Anzahl von finnischen Kriegern wimmelte dem Gefällten mit gräßlichem Geheule nach; fast, als wären die Kobolde mit den Heiden in Bund getreten, und drängen nun zu deren Hülfe vor, oder hätten ihnen doch wenigstens die weltalten Schlupfwinkel und Gänge der Berge verraten. Otto und seine paar Schweden – die Normänner fochten in der Ebne zu Roß – hielten fest gegen die Höhle und den Fußweg zugleich. Aber ihre Zahl war noch vermindert durch die, welche auf ihres Führers Befehl den gefangnen Heidenritter weggebracht hatten, und man spürte wohl an der wachsenden Menge und Kampflust des Feindes, an den eignen siegmüden Armen, daß der Augenblick der Überwältigung nahe war. Da streckte noch einer aus dem Höhlengrunde ein häßlich Banner vor, mit einem drachenartigen Götzenbilde drauf, und schrie: »Nun ist auch eure Gottheit hier; nun vorwärts, kühne Finnlandskrieger, vorwärts!« – Der Feind drang jubelnd vor; aber Otto das Schild auf den Rücken geschleudert, faßte sein Schwert zu beiden Händen, und machte sich im verzweifelten Ingrimm eine Gasse nach dem scheußlichen Banner. Wohin er hieb, war eine Todeswunde, bald faßte er die furchtbare Standarte, riß sie mit Riesenkraft aus ihres Trägers Händen, und warf sie gewaltigen Schwunges über die Klippen hinab, rufend: »Eure Gottheit ist im Abgrund, wo sie hin gehört! Probt, was ihr ohne sie könnt, ihr rasend Volk!« – Einen Augenblick stutzten die Heidenscharen in Überraschung und Schreck; bald jedoch ward ihr Zornesgeheul nur wilder, ihr Vordringen wütiger. Da erhub Otto, mit letzten Kräften fechtend, eine ernste Liederweise, wie er deren nach nordischer Art wohl hatte dichten und singen lernen. Sie hieß also:     »Baut Steine, Heldensteine auf, Ins Sterbetal zum Denkmal her! Hier haben die Schweden frisch gehaun, Hier sind die Schweden gefallen kühn. – Und seine Genossen sangen ihm nach: »Hier haben die Schweden frisch gehaun, Hier sind die Schweden gefallen kühn.« Dazu hieben sie, den Liedesworten gemäß, aus allen Kräften links und rechts um sich, obzwar die mehrsten schon Blutes rot waren, alle von der großen Erschöpfung totenbleich. Plötzlich rasselte etwas, wie ein ehrner Donner, in der finnischen Krieger Rücken, hoch auf den Bergen. Viele frische Krieger sangen von dorther:     »Aber aus den Schiffen schwang sich risch Hochschlanken Schwunges der Arinbiörn, Hat Feindes Rücken gefaßt gar scharf Mit bissigem Fangzahn. Flüchte nun, Feind!« Zugleich sahe der aufblickende Otto die goldnen Geierflügel über die Berghöhe hervordringen, Arinbiörns goldnen Schild, groß und hell nach Mondesweise, und die ganze erzbewaffnete Heldenschar, und wie ein Hagelschauer prasselten die geworfnen Nordmannslanzen in die finnischen Haufen herab. Die stoben nun heulend auseinander. – »Sie fliehn, sie fliehn!« rief es von der Ebne herauf. »Schweden, haut nach!« – Und: »Schweden, haut nach!« rief Otto samt seiner Schar. Alle vergaßen der Müdigkeit und Wunden, und stürzten Klippen hinauf, Klippen hinunter, mit leuchtenden Racheschwertern den zersprengten Widersachern nach. Dreizehntes Kapitel Der Abend lag schon über den Tälern, der Sturm rauschte wilder, die Wolken zogen tiefer; Otto stand allein in einem verwachsenen Gebüsch. Bis dahin hatte ihn die Schlachtlust fortgelockt; nun war nicht Freund nicht Feind mehr um ihn her, und der siegesmatte Kämpfer sank in die herbstlichen Blätter auf den Boden nieder. Durch eine kurze Rast ermuntert, blickte er um sich her, ohne doch irgend eines bekannten Gegenstandes, an dem er sich zurecht helfen könne, zu gewahren. Eine laubige Höhe vor ihm klomm er hinan, gedenkend, von ihrem Gipfel weiter um sich zu schauen. Aber das Gehölz ward oben nur immer dichter, und statt zwischen dem Gezweig den nächtlich dunkelnden Himmel zu erspähen, ward Otto vielmehr über die Eichen- und Buchenwipfel hinaus eines spitzigen Föhrenwaldes ansichtig, der dem Näherkommenden schon durch die frischen Laubgitter seine nadligen Arme entgegenstreckte. Wie eine grüne Mauer schlangen sich hinter den Buchen die Föhren ineinander. »Da kann ja kaum ein Vogel durchfliegen«, sagte Otto zu sich selbst; und im selben Augenblick fiel es ihm ein, daß er irgendwo schon ähnliche Worte vernommen haben müsse. Er wollte sich darauf besinnen, aber ein nahes Wolfsgeheul unterbrach ihn; es lautete mehr jämmerlich, als wild, und indem er näher hinzuschritt, ward er eines Grabhügels gewahr, recht an der Föhren- und Buchengrenzscheide, und drauf lag eine weiße Wölfin, die das klägliche Gewinsel erhub; aber, so wie Otto näher kam, sich streitfertig in die Höhe richtete, und ihm zwei scharfe Reihen entsetzlicher Zähne aus einem blutroten Rachen entgegenhielt. Otto schwang seinen Speer gegen sie, da kam von einer andern Seite ein alter Mann, in einem langen Kleide, den Berg herangeschlichen, ein großes Kreuz an Stabesstatt in seiner Hand, und die Wölfin nahm ängstlich die Flucht in das Föhrenholz hinein. Durch Ottos Sinn aber fuhr plötzlich wieder die Einsiedler- und Wolfsgeschichte, welche Heerdegen ehemals ihm und Tebaldo an den Mainesufern erzählt hatte. Er sagte nachdenklich vor sich hin: »Wäre das hier nun wirklich – an der finnischen Grenzmark sind wir ja – wäre das hier nun wirklich des ritterlichen Siedlers Grab?« »Ja«, entgegnete der alte Einsiedel, »es ist wirklich meines armen Sohnes Grab, und weil ich jetzt eben darauf beten will, sähe ich es gerne, wenn Ihr mich ungestört ließet, edler Ritter. Macht Euch aber nicht in den finnischen Forst hinein. Die Stunde ist schwer.« – Otto wandte sich, in seltsam wechselnden Gedanken zusammenwerfend, was er zweifelnd hatte erzählen hören, und doch nun selber erlebte, und schritt den laubigen Abhang wieder hinunter, eiliger, weil er ein Tönen aus dieser Gegend her vernahm, fast wie Trompeten- und Hörnerklang, das ihm die Nähe fechtender Feinde und Freunde verhieß. Aber unten im Tale war es still und regungslos, ebenso, wie er es vorhin verlassen hatte. Die Nacht legte sich immer dunkelnder darüber hin, Otto mußte sich fragen, ob er nicht im eignen Sinne betört gewesen sei, Schlachtenlärm in dieser grabähnlich schweigenden Gegend zu erwarten. Da schwebte es von Mitternacht herüber schon wieder mit dem Getöne kriegerischer Instrumente. Mehr und mehr sich besinnend, mehr und mehr umherspähend, nahm Otto endlich wahr, daß er das Haupt rücküber beugen müsse, um der tönenden Scharen ansichtig zu werden, die hoch über ihn dahinruderten durch das nachtblaue Luftmeer, weiß und dichtgedrängt, wie eine Herde geflügelter Lämmer, mit schwerem Fittichschlag ihre unsichtbare Bahn durchmessend. Die Sagen vom wütenden Heer, welche er aus Deutschland mitgenommen hatte, drangen durch sein Gemüt; er dachte, ob dies wohl etwas Ähnliches sei, und doch war es wieder so anders: sehr feierlich und schauernd zwar, aber lieblichen Getönes, und gar nicht wild. Plötzlich rasselte ein schwergewaffneter Krieger zwischen den Klippen heraus. Otto, ungewiß, ob er Freund oder Feind vor Augen habe, stellte sich kampffertig zurecht, während der Fremde, ohne ihn zu bemerken, eilig vorüberstrich. Aber ein einziger Blick in dessen Antlitz lähmte Ottos Kraft, goß die schneidende Eiskälte des Entsetzens durch sein Gebein. Es war sein eignes Gesicht, sein, des jungen Herrn Ott' von Trautwangen selbeignes Gesicht, das ihm unter dem fremden Helme hervor im eben aufgehenden Vollmondslichte wie aus einem Spiegel sichtbar ward. – »Es ist nicht wahr, es ist nicht möglich!« sagte Otto nach einem langen Schweigen des grausenvollen Erstaunens laut zu sich selbst. »Hier steh' ich, fest und gottvertrauend, und stark; wie könnt' ich denn zu gleicher Zeit in gräßlicher Verdopplung je wüsten Klippen entlängst gleiten? – Oder bin ich wahnwitzig? – Oder ist es ein finnischer Kobold, der mich so frech zu erschrecken wagt? – Ich hätte nur dreist in des unsinnigen Gauklers Antlitz, meinen Helmsturz aufschlagend, hineinblicken sollen. Nur mein verhüllender Eisenkorb gab ihm Mut. Aug' im Auge hätte er sich's wohl nimmermehr unterstanden, mit meiner Gestaltung Spott zu treiben.« – Da war es, als rief eine milde Frauenstimme von der Höhe: »Otto, Otto, wilder Otto! Gleite doch nicht so ungestüm den Felshang hinab!« Das Grausen drang bis an Ottos Herz, er stand einen Augenblick wie gelähmt; dann aber schüttelte er sich gewaltsam auf, schaute empor, und rief nach einer moosigen Warte hin, von wo der Ruf herabgeklungen war: »Otto bin ich, und stehe fest, und gleite nicht im tollen Spiel auf den Felsen herum. Wer der ist, der das tut, mag Gott wissen. Sagt aber der Bursch, er sei Otto von Trautwangen, so lügt er. Das bin ich ganz allein.« – Von den mondbeflimmerten Bogenfenstern der Warte schien eine weiße Gestalt zurückzuwanken vor Ottos Worten; aber sein seltsames Ebenbild hub sich von der andern Seite hinter einer Felsenkante mit halbem Leibe in die Höh, mit der vollen furchtbar bestätigten Ähnlichkeit gegen den Mond gestellt, und sprach über das Tal hin: »Was schreit denn der da drunten? Er kann sich nur in acht nehmen, daß ich ihm nicht über den Hals komme. Ich bin so nicht eben gut aufgeräumt. Heiß er meinetwegen Otto, so lang er will; ich heiße Ottur, und die wahnsinnige Frau vom Turme ruft nach mir. Hör' doch erst einer recht, bevor er mitspricht. Ottur ist gerufen worden, nicht Otto. Und tut der Fasler da unten noch einmal seinen unberufnen Mund auf, so spalt' ich ihm den Kopf in tausend Stücke.« – »Komm herunter, wenn du Herz hast!« rief Otto, und schlug den Helmsturz auf. Da ward sein Ebenbild vor Entsetzen totenbleich, und fiel zusammenrasselnd hinter die Felswand zurück. Arinbiörns Stimme tönte das Tal entlang, die Geierflügel wurden über das Tal her sichtbar, der goldne Schild leuchtete durch die Zweige. Otto klirrte zur Antwort mit dem Schwertgriff gegen die Rüstung, und lautjubelnd flog der Seekönig an des Gefundenen Hals. – »Der Heerführer fragt nach dir, wie nach einem einzigen Sohn«, rief er aus, »an hundert der edelsten Krieger sind im Gebirge, dich zu suchen, und mit welchem Herzen ich dich gesucht habe, weiß Gott. Dafür mußte es auch mir vorbehalten sein, dich zu finden. O sei mir zu tausendmalen willkommen, du junges Reis, das Siege trägt, wie ein andres Blüten im Lenz! Wir haben sie gejagt mein Jüngling, wie Hirsche und Rehe; das Schwedenrevier soll ihnen für lange Jahre zuwider geworden sein, und auch im eigenen Tann wollen wir sie aufsuchen, sobald nur Herbst und Winter vorüber sind. Weißt du denn schon? Das Götzenbanner, das du erobert hast und in den Abgrund geschleudert, hat einer deiner Kampfgenossen wieder heraufgeholt. Die finnischen Gefangnen heulten, als sie es sahn, und schrien, ihr Gott habe sie verlassen. Und hat's dir wer gesagt, daß der Schwedenjüngling, welchen du fingest, der tapfre Swerker war, die Hoffnung des ganzen heidnischen Heeres? – O ich rede verworren, in Siegeslust und in der Freude, dich wiederzuhaben. – Aber du, wie stehst du ganz träumend und eingewurzelt da? Was ist dir begegnet, junger Sieger? Bist du wund?« – »Nein«, entgegnete Otto, »aber verstört bin ich von allerhand graunvollen Dingen in diesem Tal.« – »Ja freilich«, sprach Arinbiörn, »unsre Nordlande hegen manch wunderliche Erscheinung in ihrem Schoße. Sie liegen wie seltsame, ungeheure Rätsel in Meeresflut und Nordlicht hineingeworfen, so daß es wohl kein Wunder ist, wenn selbst ein Heldenherz, das aus der Fremde kommt, ein wenig stärker davor zu klopfen anfängt.« – »Horch einmal da zum Beispiel«, sagte Otto, in den dunkeln Nachthimmel hinaufzeigend, wo die mächtigen Töne wieder eben kriegerisch herunterschallten, die weißen, gedrängten Scharen mit ihrem dröhnenden Flügelschlage überhinzogen. – »Ist es nichts, als das?« erwiderte der Seekönig. »Das sind keine bösliche Zaubergestalten, sondern klingende Schwäne, wie sie im Herbst aus unsern Gegenden weiter nach Mittag hinunterziehn. Da kannst du deine Freude ohne alles Grauen dran haben. Horch nur, wie freudig sie tönen! Schau, wie so groß und hellweiß sie glänzen!« – Aber indem er ihren Zug durch die blauen Höhen hin in den Augen verfolgte, prallten seine Blicke, auf den alten Wartturm treffend, plötzlich wie verwundet zurück. – »Ja«, rief er schaudernd aus, »nun glaub' ich es, Otto, daß dir Grausenvolles in diesem Tale begegnet ist. Da steht der Turm, von dem ich dir früher sagte. Dort oben hab' ich Blancheflours Bildnis im Zauberspiegel geschaut.« – »Wollen wir hinan?« fragte Otto. »Wollen wir mit eins den Geheimnissen, die uns locken und schrecken, ihre Schleier abreißen? Wahrhaftig, ich denke, die Schleier sind furchtbarer, als alles, was sich hinter ihnen verstecken kann.« – Arinbiörn sann einen Augenblick; dann entgegnete er: »Die Nacht ist ein gewaltiger Bundsgenoß solcher Feinde, mein tapfrer Gesell. Laß uns jetzt nicht in das unheimliche Gebäu. Aber freilich, wenn es einmal dein fester Wille ist« – sie schwiegen beide. In Ottos Gemüt stiegen allerhand entsetzliche Gestaltungen auf, vorzüglich eine, wie sein Ebenbild vielleicht totenbleich hinter einem langen Tisch säße, wenn sie hineinkämen, und läse in einem Buche voll teuflischer Figuren. Der Seekönig mochte seines Freundes Schauder bemerken, und sagte: »Wir haben ohnehin noch weit zum Lager.« – Darauf schritten beide Ritter eilig den Gebirgsrücken hinunter, und Arinbiörn stieß oftmalen lustig ins Horn. Er sagte, es sei, um den andern Suchenden ein Zeichen von seinem glücklichen Funde zu geben; es konnte aber auch ebensowohl geschehen, um sich und seinem Freunde die grausigen Ahnungen der Nacht vom Herzen wegzublasen. Der Morgenstern funkelte bereits am Himmel, als sie der zahlreichen Lagerfeuer in einer weiten Ebne am Fuße der Grenzberge gewahrten. Arinbiörns Hörnerruf machte die normännischen Reiter, die am weitesten vorwärts lagen, mit wohlgekanntem Gruße munter. Sie sprangen auf die Rosse und jagten ihrem teuern Führer Otto jubelnd entgegen, der Lichtbraune, ohne sich bändigen zu lassen, ihnen mit weiten Sätzen voraus; bei seinem Herrn stillstehend, und während er ihm den Kopf schmeichelnd auf die Schulter legte, mit seinem fröhlichen Gewieher den Zuruf der Reisigen und das Gerassel ihrer zusammengeschlagenen Schilde übertönend. Vierzehntes Kapitel Ein heller, frischduftiger Herbstmorgen sahe das ganze Heer im leuchtenden Panzerschmucke auf der weiten Ebne, zierlich geordnet, stehn. Die Führer ritten die Reihen auf und ab, dankend für die Taten der gestrigen Schlacht, die Hörner bliesen lustige Stücke darein. Da war doch einer unter den Scharen, dem konnte die Freudigkeit nicht das ganze Herz durchdringen, und der war Herr Ott' von Trautwangen geheißen. Wie ein finsterer Schatten sah ihm die Erscheinung seines Ebenbildes aus der vergangenen Nacht zwischen den vielen erfreulichen Bildern des Morgens vor. Und wenn das Grausen auch stumm ward und verblich, vor der Tageshelle und den Tagesgrüßen, mußte er es sich doch oftmalen selbst wieder herauf rufen; so wie man es nicht wohl lassen kann, nach einem Gegenstande, der uns stört und verwirrt, mit angestrengtester Kraft der Augen hinzuspähen. Selbst mit den Geistesaugen ist es auch dir wohl schon oftmalen so ergangen, lieber Leser. Mache es in solchen Fällen nur getrost dem Otto nach. Der konnte zwar nicht verhindern, daß ihm der lästige Gast auf und ab durch die Seele toste, aber er stand ihm mit rüstiger Heldenkraft entgegen, tat auch endlich, als sei der unruhige Fremde gar nicht da, und blieb auf die Weise ein tüchtiger, freudiger Mensch nach wie vor. Der fürstliche Heerführer kam die Scharen entlängst geritten. Er grüßte sehr freundlich, und als er auf einer kleinen Anhöhe vor der Mitte hielt, schwang er den im Morgenrote blitzenden Speer, und schlug dreimal damit gegen den Schild, daß es von den Bergen mit einem gewaltigen Widerhall zurückscholl. Und alle Hörner des Heeres jubelten, und alle Scharen trabten mit lustiger Schwenkung zu Roß und Fuß gegen die Anhöhe heran, so daß sie bald einen Kreis um den Feldherrn her schlossen. Die Hauptleute sprengten zu ihm, den Hügel hinauf. Indem sie sich ordneten, streifte der junge Kolbein an Otto vorüber, sich tief neigend, und sprechend: »Ihr hoher Krieger, ich habe gestern auch in Arinbiörns Geschwader mitgeholfen. Seht mich nur immerhin ein wenig freundlich an.« – Otto faßte mit herzlichem Drucke seine Hand, ward aber am Antworten verhindert, denn der alte Fürst erhob seine Stimme. Die tönte hell und vernehmlich und stark, wie Waldhornklang aus der kräftigen Brust hervor, daß jeglicher Kriegsmann es vernehmen konnte, wie der greise Held allen dankte, im Namen des Vaterlandes und der Religion. Dann sah er im Kreise der Hauptleute um, und sein Auge verweilte zuerst auf Arinbiörn. – »Seekönig«, sprach er, »Ihr habt die Schlacht entschieden. Euer Umseglungsstück, zusamt dem schnellen Landen am rechten Ort, und dem Dreinhauen zu rechten Zeit, das ist ein Ding, wie nur große Feldherrn es tun. Aber der Adler, der so lange den Paß am linken Flügel mit siegendem Fittichschlag hielt, daß Ihr mit Eurer Geierschnelligkeit uns noch erretten konntet, den Adler kennen wir. Hab' Dank, mein lieber Sohn!« – Er reichte dem Ritter Trautwangen seine Rechte hin – »du kamst mir gleich bei unsrer ersten Bekanntschaft als der vor, der du bist.« – Und dann wandte er sich um, nahm das Heidenbanner, welches Otto ersiegt hatte, aus eines Reisigen Hand, und übergab es ihm, sprechend: »Das ist schon dein durch deinen eignen Arm. Aber zum Andenken der Liebe, die alle echte Schweden zu dir tragen, haben wir dir was drauf schreiben lassen, und so bewahr' es dir und deinen Kindern und Enkeln in deiner Väter Hallen.« – Otto las um den Stab herumgewunden folgende Schrift, mit hellglänzenden Runenbuchstaben aufgezeichnet: »Der an der Finnengrenze focht, Riß frisch dies Banner aus Heidenfaust; Da schlug er drein zum Schwedensieg, Drob Schwedenvolk den Sieger preist; Herr Otto ist sein Name, Von Trautwangen sein Geschlecht.« »Danke, großer Fürstenheld, danke!« sagte Otto gesenkten Hauptes, und der alte Heerführer sprach, ihn freundlich anlächelnd, folgendergestalt weiter: »Ihr lieben Herrn und Ritter, nun liegt uns noch eine Hauptfrage auf der Seele. Der Feind ist in seine Grenzen zurückgesprengt, unsre Bauern haben ihre Saat in der Erde, und warten auf deren Gedeihen im künftigen Jahr mit fröhlichem zuversichtlichem Herzen. Daß ihr in Gott begründetes Hoffen sie nicht trüge, daß ihnen der Winter still und friedlich vorüberziehe, das hat Gott auf unsre Schultern gelegt. Dazu gehört's nun, daß eine oder zwei Scharen sich die kalten Monde hindurch in den Pässen vor uns zu behelfen und zu behaupten wissen. Es wohnen zwar Kobolde und Elfen dort, wie die Leute sagen wollen, und die Jahrszeit wird auch da sehr strenge. Aber ich denke immer, ein echter Nordlandssohn treibt recht gerne einmal mit dergleichen sein Spiel. Wer aus euch hätte wohl Lust dazu?« Die Hauptleute hielten nachsinnend und still umher. Man sah es ihnen an, es wollte mancher gern die ernste Aufgabe lösen, aber er ging erst über Unterschiedliches dabei mit sich selbst zu Rate. Derweil hatten Ottos und Arinbiörns Augen einander begegnet, und wie auf einen Wink ritten beide zugleich gegen den Feldherrn vor. – »Wir möchten uns wohl gerne in den Bergen versuchen«, sprachen sie, »läuft es aber anders ab, als Ihr wünscht, so denkt nur sicherlich, daß die Schuld nicht an unserm guten Willen gelegen hat.« – Da schlug der alte Fürst mit großen Freuden ein, und lud die Hauptleute alle zum Mahle. Noch ward beschlossen, daß die zwei Waffenbrüder, der Seekönig und der Ritter, gleich diesen Nachmittag in die Gebirge hineinrücken sollten, als warum sie selbsten sehr baten, denn sie waren verständige Kriegsleute, und wußten wohl, wie viel in solchen Stellungen auf die Besetzung eines oder des andern beherrschenden Hügels ankommt. Während die jubelnden Scharen wieder in das Lager einrückten, sagte Otto zu Arinbiörn: »Ich danke meinem lieben Herrgott, daß er mich wieder in die Gegend hineinschickt, wo meine furchtbaren Rätsel wohnen. Sie hätten mir sonsten ja immerdar im Hintergrunde des Herzens gelauert; nun wird es mit einem einzigen tücht'gen, wenn auch vielleicht etwas schreckhaften Dreinschauen abgemacht.« – »Mir ist es ebenso zumut«, entgegnete der Seekönig. »Nun will ich wissen, was es mit dem Spiegel heißt, und dahinter sehn, oder meinen eignen Lebensspiegel drum zerschlagen, und so überhaupt erfahren, was hinter den wunderlichen Gläsern steckt, die wir unsre Sinne zu heißen gewohnt sind.« Vor seinem Zelte fand Otto den tapfern Swerker stehn, seinen Gefangnen aus der gestrigen Schlacht. Der Jüngling starrte in großer Betrübnis gegen den Boden, als er aber Ottos Lichtbraunen herantraben hörte, schlug er die Augen in die Höhe, und besah sich seinen Sieger, wie es schien, nicht ohne Wohlgefallen und Zuversicht. – »Höre, Swerker«, sagte Otto, »wir wollen einen Vertrag miteinander schließen.« – »Kommt drauf an«, entgegnete Swerker, »wie der Vertrag beschaffen ist.« – »Fürs erste«, sagte Otto, »nimmst du die christliche Lehre an.« – »Lehrt nur auf mich los«, sprach Swerker zurück, »wenn die Lehre was taugt, nehm' ich sie wohl gerne an. Taugt sie aber nichts, so ist all Euer Lehren ein Wind.« – »Versteht sich«, sagte Otto. »Glaubst du, daß ich fechte, um einen nichtigen Lufthauch zu fördern?« – »Darnach sehn deine Streiche keineswegs aus«, sagte Swerker. – »Wohl gut«, sprach Otto. »So schick' ich dich auf dein Ehrenwort nach Deutschland. Da suchst du im Schwabenlande, am Ufer der Donau, nach einer ritterlichen Burg, die ist Trautwangen geheißen, und wohnt mein edler Vater drauf, der ist der alte Herr Hugh genannt. Den grüßest du von seinem Sohn, und bringst ihm mein erobert Banner, und gibst ihm Bescheid von allem, was hier vorgefallen ist. Dann kehrst du wieder her zu mir, erzählst mir deiner Botschaft ganzen Verlauf, und hörst christliche Lehre an, daß sie in dir fruchte, dafür ist mir der Herr Christus gut. Willst du nun alle Bedingungen halten, wie ich sie dir vorgesprochen habe?« – »So Odin mir helfe!" antwortete Swerker. »Du sollst wohl bessern Schwur lernen«, sagte Otto. »Für jetzt nimm das Banner und begib dich auf die Fahrt. Du kannst dir von den Beutpferden meiner Schar eins aussuchen, und einige Pfund Silbers aus meinem Reisesäckel nimm dir auch.« – Damit schüttelten sie sich die Hände und schieden voneinander. Die Becher des Mahles beim alten Heeresfürsten waren noch lange nicht geleert; noch manch nordländischer schöner Sang war zurück, da beurlaubten sich Arinbiörn und Otto schon von ihm, und er entließ sie ohne Zögern, wie gern er sie auch um sich hatte, denn er kannte den unwiderbringlichen Wert der Zeit gar wohl, vorzüglich im Kriege. Seinen Segen legte er noch mit gerührter Stimme, mit funkelnden Augen, mit ausgebreiteten Händen auf die Häupter der Jünglinge; dann zogen sie mit ihren Scharen zu Roß und Fuß hellfreudig und Siegslieder singend gegen die Berge hinan. Die besten Stellungen auf Tal und Höhe waren bald mit Kühnheit und Besonnenheit ausgemittelt, die Wachen zur Hut des Ganzen und zur Verbindung der einzelnen Haufen untereinander ausgesetzt, und während nun die Fußkämpfer für sich, die Reiter vor allem erst für ihre Rosse Bedachungen zu errichten anfingen, wohl wissend, daß man in diesen öden Gegenden überwintern werde, sah Otto den Seekönig an, sprechend: »Ich denke, unsre Pflicht ist vorderhand getan, und die Sonne geht noch sobald nicht unter; wir könnten ja gleich jetzt auf unsre Abenteuer hinausreiten, da sie uns eh'r nach vorwärts, als nach rückwärts führen.« – »Das dächt' ich auch«, entgegnete Arinbiörn. »Dort links vornhin muß der alte Rätselturm zu treffen sein; ordentliche Ruhe findet der Mensch doch nicht eh'r, bis er ins klare gebracht hat, was ihm so wild im Sinne auf- und abrauscht, – und also« – fuhr er mit erhobner Stimme, und zu Kolbein gewandt, fort, – »Vetter, nimm einstweilen hier den Oberbefehl an, und verwalt' ihn tüchtig. Otto und ich haben noch was im Gebirge zu suchen.« – Kolbein neigte sich gehorsam mit ritterlichem Anstand, und die beiden Freunde trabten rasch in die schattigen Täler hinein. Nicht lange währte es, da kamen sie an einen Bergpfad, zwischen den einzelnen Laubgesträuchen, unter den weitgestreckten Baumzweigen in die Höhe führend, und über die Wipfel sahen die Zinnen der alten Warte hervor. Sie ritten langsam und schweigend hinan. Indem sie nun schon des Baues, zwischen den Blättern hindurch, mehr und mehr gewahrten, sahen sie nun dessen klare Glasfenster hellglänzend vom Abendrote befunkelt. – »Es ist recht seltsam«, sprach Otto zu seinem Freunde, »nun die Spätsonne so auf den Scheiben spielt, kommt mir der ganze Turm gar nicht mehr wüst und unheimlich vor; mir wird, als ritt' ich in meine Heimat ein, ja, ich habe nach dieser niemalen eine so herzinnige und zugleich hoffende Sehnsucht empfunden, als eben jetzt in diesem Augenblick.« – »Ist dir's auch so?« entgegnete Arinbiörn. »Ich habe so gut wie keine Heimat, denn was will meine vater- und mutter- und freudenleere Burg sagen! Aber jetzt weht es mich an, als könne Blancheflour hier wohnen, und ich käme dann als ihr Eheherr aus der Heidenfehde zu ihr zurück. Ach Gott, das sollte mir einmal ein rechter Abend sein. – Und du, Otto, du müßtest auch hier mit zu Hause gehören, du müßtest etwa Blancheflours Bruder sein. Gäbst du mir wohl deine Schwester, wenn sie es wäre?« – »Das versteht sich«, sagte Otto, und schlug in Arinbiörns unwillkürlich dargebotne Rechte ein. »Hätt' ich je eine Schwester, und gefiele sie dir, so wäre sie dir mit diesem Handdrucke verlobt. Ich kann aber jetzt an Braut und Hochzeit wenig denken, kaum einmal recht an meine eigne, so sehr ist mir zumut, als käm' ich, ein heitres Kind, nach einem fernen Lustwandeln wieder in die Heimat, und als wehte mir der Rauch des väterlichen Herdes mit wohlgekanntem Dufte wieder entgegen. Ich könnte ans Tor klopfen und nach meinem Vater fragen, wenn ich mich gehn ließe.« Sie wurden eines geharnischten Ritters ansichtig, der stand vor der Warte, und schien zu jemand drinnen hinaufzusprechen. Um erst zu erfahren, was hier vorgehe, hielten sie ihre Rosse an, und blieben still, von dem Fremden, der den Rücken nach ihnen gewandt hatte, unbemerkt. Aus einem Turmfenster hervor sagte eine sehr anmutige Frauenstimme: »Du wilder Jüngling, und bist du mir bös? Sorg' ich zu mütterlich um dich, was ist die Muttersorge anders, als ein Strahl Gottes, der Wohnung macht, wo er ein reines Frauenherz gewahrt, und es mit so reiner Himmelsgüte füllt, daß dem irdischen Wesen oft wird, als sei es ein Schmerz?« »Bin ich doch Euer Sohn nicht«, entgegnete der Ritter trotzig. »Was habt Ihr Euch um mich zu grämen? Was habt Ihr mir Eure Tauben und Schwäne und Träume nachzusenden mit endlosen Warnungen? Lasset ab von mir, oder helft mir in meiner Liebe zu der schönen Zauberjungfrau dort überm Tal.« »Nein, wilder Kampfheld«, sagte die Stimme zurück. »Das ist dir nicht von Gott beschieden, die schöne Zauberjungfrau zu gewinnen. Das ist, als freite die Flamme um die Flut; beide kräftig, rasch und grimm, aber unvereinbar für alle Zeit.« »Was sprichst du mir da!« rief der Jüngling zornig aus. »Ich werde doch selber wissen, was ich will. Und ach, ich will nichts anders, als nur die holde, wunderbare Jungfrau ganz allein. Gewinn' ich sie nicht, da will ich erst recht eine Flamme werden, die all Euer Christenland verzehrt. Das schwör' ich Euch bei Odin und der Götterdämmerung! Drum helft mir! Zwar freilich, 's hilft Euch nicht. Denn wird sie mein, da strömen wir noch besser im zornig freudigen Bunde über Eure Schützlinge hin. Und mein wird sie doch, dafür ist mir mein rühmlich Kämpfen, mein treues Dienen und Wachen an der Felsenpforte ihrer Wohnung gut.« Die Stimme sagte zurück: »Ihr Herz ist selbst eine Felsenpforte für dich, die du nimmer bewältigen kannst. Gib dich, armer Jüngling, gib dich. Und von deinem törigen Dräuen laß ab. Der Heiland lenkt vom Himmel her die Seinen zu Sieg und Heil. Hast du's nicht gestern noch erfahren, du armer, irrender Wildling?« Der Ritter stieß ein höhnisches Lachen aus, und wandte sich, es schien, um den Felsen nach der andern Seite hinabzugehn, da ritt Otto aus dem Gebüsche hervor, sprechend: »Ergebt Euch, Herr! Ihr seid übermannt. Euch wird mit der Tat bewiesen, daß die Stimme im Turme recht hat.« Der Ritter schwang, nach Otto zurückgewendet, ingrimmig den Speer, da riefen beide, sich ins Antlitz schauend: »Ha, bist du es schon wieder, du Furchtbarer?« und kehrten sich totenbleich voneinander ab; Arinbiörn aber vorsprengend rief: »Und soll uns der Frevler entwischen?« – Doch wie er an den Felsrand kam, und der hinabklimmende Ritter nach ihm zurückschaute, ward auch er vor Schrecken blaß, und warf seinen Falben ungestüm herum, zu Otto mit zitternden Lippen sprechend: »Bist du denn doppelt? Und bist du nun der Rechte, oder jener Flüchtige?« – »Arinbiörn«, sagte Otto, »der Flüchtige hat gefrevelt wider Gott und den Erlöser. Was fragst du noch viel, ob ich es sein kann oder nicht?« – Da faßte der Seekönig seine Hand, sprechend: »Du hast mir den rechten Trost ins Herz gegeben. So hab' ich dich, so halt' ich dich, und keine Höllengaukelei soll mir einen andern unterschieben, du herzensguter und herzenssichrer Freund.« Währenddem tönte die holde Stimme, wie gestern abend, vom Turme: »Ach Ottur, wilder Ottur, stürme doch nicht so rasch die Klippen hinab!« Funfzehntes Kapitel Wo diese Stimme klingt, da kann ich nicht wegbleiben«, sagte Otto, saß ab, entzäumte den Lichtbraunen, und bedräuete ihn, ruhig und sittig zu sein; dann ging er gegen die Pforte des Turmes vor. Arinbiörn schien einen tiefen Schauder vor dem Gebäu zu empfinden; doch wollte er nimmermehr zurückebleiben, wo sein lieber Waffenbruder voranschritt. Er tat also, wie der Ritter von Trautwangen tat; doch fragte er ihn: »Kennst du denn diese Stimme, daß sie dich mit so zaubrischer Gewalt an sich zieht?« – »Nein, ich kenne sie nicht, ich weiß nicht, wem sie angehört« entgegnete Otto, »aber mir geht das Herz davor in Wehmut und Vertrauen auf.« – Am Eingange der Warte erschien eine hohe, edle Frauengestalt in schneeweißen Kleidern, einen grünen Schleier über Haupt und Angesicht; doch leuchteten zwei freundliche, lichtbraune Rehaugen durch das zarte Gewebe herdurch, wie die Sonne durch ein dichtverflochtenes Blättergezweig. Sie blieb staunend vor den Rittern stehn, und sagte. »Ei, wie bist du denn so schnell zurückgekommen, Ottur, und wie gerätst du in die fremde, schwarzsilberne Rüstung hinein? Aber du siehst ja um ein so Großes milder und freundlicher aus; du hast dich wohl besonnen, daß du mir unrecht tust, und bist nun stiller geworden und frömmer, nicht wahr?« – »Frau«, entgegnete der Ritter, mit adligem Verneigen, »ich heiße nicht Ottur, sondern Otto, mit dem Zunamen von Trautwangen, aber besser und sittiger will ich mich aufführen, als der, welchen Ihr Ottur nennt, wenn Ihr mich würdig achtet, mir einen Teil der mütterlichen Huld zu gewähren, die Ihr an jenen Wilden verschwendet.« Die Frau stand eine Weile ganz regunglos und stumm; dann sprach sie endlich mit leiser Stimme: »So war es denn doch kein Traum, als ich Euern Ruf gestern aus dem Felsentale herauf vernahm.« – Darauf senkte sie das Haupt, und sagte freundlich: »Tretet in die Tür, Herr Otto von Trautwangen, und führt auch Euern Gefährten mit ein, wenn Ihr es für gut haltet. Dieser Bau nimmt Euch fortan zu jeder Stunde mit Frieden auf, und jeden, den Ihr mit Euch bringt.« Freudig leistete Otto der Einladung Folge, der Seekönig schritt ihm zögernd nach. Sie gingen seltsam gewundene Wendeltreppen hinauf, über lange, hallende Gänge, durch Gemächer mit allerlei verwunderlichem Gerät. In einem derselben stieß Arinbiörn den Ritter an, und sagte, nach einem verhangnen Rahmen hinwinkend, mit leiser Stimme: »Das muß der Spiegel sein, oder ich bin gänzlich irr.« – »Edle Frau«, sprach Otto zu ihrer Führerin, »Eure Huld macht mich dreist zu einer Bitte. Wollet mir es vergönnen, hinter den Vorhang zu sehn, welcher von jenem guldigen Rahmen herunterhängt.« – »Wenn Ihr es begehrt, Herr von Trautwangen«, antwortete sie, »so mag es geschehen. Aber soviel sag' ich Euch, es ist ein Spiegel dahinter, in dessen gläsernen See schon einmal das ganze Glück meines Lebens versunken ist, und späterhin mein Hoffen, es wieder zu gewinnen, auch. Ich halte ihn immer seitdem verhangen, und lasse ihn nur zu gewissen Zeiten des Jahres offen, wo sein zaubrisches Wesen keine Umhüllung duldet, und wo ich meist selbsten abwesend bin. Wollt Ihr es aber, so ist auch das zu Euerm Dienste.« – Sie trat neben den purpurnen Vorhang, und faßte dessen güldne Schnur, auf Ottos Entscheidung wartend. »Da sei Gott vor«, sagte der Ritter, »daß ich etwas begehre, das Euerm Willen entgegen wär!« – Und nach Arinbiörn umschauend, fuhr er fort: »Es müßte denn sein, daß deines ganzen Lebens Heil daran hinge, Waffenbruder. Und ehrlich gesagt, ich glaube nicht, daß es dir dieser Spiegel beschert!« – Der Seekönig schüttelte, trüb verneinend, das Haupt, und neigte sich ehrerbietig gegen die Wirtin des Baues, als bitte er sie, von dem Vorhange wegzutreten, wie sie es denn auch tat, und ihren beiden Gästen in ein andres Gemach voranging. Es war überhaupt, als seie Arinbiörn hier wider seine Gewohnheit ganz untergeordnet und scheu und fremd, während Otto mit kindlicher Offenheit alle seine Gedanken vor der feierlichen Fremden laut werden ließ. Sie bezeigte ihr mildes Wohlgefallen daran durch freundliche Worte und heitre Redespiele, die durch ihren ernsten Geist hinzogen, wie Glühwürmchen durch eine feierliche Mondnacht. »Es ist mir so wohl, so innig aus ganzem Herzen wohl!« rief Otto aus, indem sich alle drei um einen runden Tisch in einer kleinen, dämmernd beleuchteten Kammer niedergelassen hatten. »Nur eines drückt mich noch auf dem Herzen, und nagt an meiner Freudigkeit. Ist denn der, welchen Ihr Ottur nennt, ein wirklicher Mensch? Oder ist es ein entsetzlicher Widerschein meiner selbst, ein Zauberkobold, der Gewalt genug über mich hat, um mir meine eigne Bildung zu stehlen, und mich in der unauflöslichen Schlinge mit verwirrendem Gaukeln zu zerreißen?« »Beruhige dich, anmutiger Jüngling«, sagte die feierliche Wirtin. »Der arme Ottur ist wirklich ein Mensch, ein liebender, herzinniger Mensch, der sein ganzes Leben daran setzt, die Gunst eines heidnischen Zaubermädchens zu gewinnen, das mir gegenüber auf den finnischen Bergen in einer weltalten Felsenkluft wohnt, und von da alle bösen Geister, deren sie Meisterin ist, herübersenden würde auf euer christliches Land, stände nicht glücklicherweise mein Turm als eine Wetterscheide dazwischen. Sie und ich, wir halten ein stilles, unsichtbares, aber höchst gewaltiges Ringen miteinander. Dort fern, im eben aufgehenden Vollmondslichte, könnt ihr ihre Klippenveste sehn.« – Die Ritter traten ans Fenster, und schauten in die wilde, herbstlich wehmütige Gegend. Über die feuchten Nebel hinaus ragte eine wunderliche Gestaltung von Felsen, zusammengewölbt am Eingange, wie ein Tor, man sahe tief in mannigfache Bogengänge ungeheuern moosigen Gesteines hinein; fern im Hintergrunde brannte es, wie ein trübes Licht. – »Das ist eines furchtbaren Kessels Glut«, sagte die Wirtin. »Da beschwört das Zauberfräulein Gestalten herauf, so entsetzlich, als sie selbst anmutig ist und schön.« – »Wer ist aber der schwergewappnete Kriegsheld?« fragte Otto. »Er schreitet im bleichen Mondlicht so ernst und langsam vor dem Eingange, wachthaltend, auf und ab. Wie ihm der Roßhaarbusch im Herbstwinde weht! Wie lang und gewaltig seine Hallebarte in die Höhe starrt!« – »Das ist eben der arme Ottur«, sagte die Frau. »So denkt er nun ihr strenges Herz für sich zu erweichen; aber das gelingt ihm nun und nimmermehr. Was hat er nicht schon erlitten, was erfochten und ersiegt für die furchtbare Maid! Er will mich nicht hören, er läuft in sein Verderben.« – Sie sah einen Augenblick wehmütig vor sich hin; dann schaute sie lächelnd zu Otto empor, sprechend: »Aber Otto ist nicht Ottur, kein wilder Normann der milde Deutsche. Nicht wahr, du holder Jüngling, du läßt dich zügeln, du läufst mir nicht in dein Verderben?« – »Gott wird mich ja wohl davor behüten«, sagte Otto freundlich und mit gefalteten Händen. »Nächst Gott ist mir, als würd' auch Euer gütiges Lenken mich oftmals schirmen in der Welt.« Die Frau faltete ihre Hände auch, und sahe mit großer Freudigkeit in die Nacht hinaus. Man konnte merken, daß sie aus preisendem Herzen zu Gott sprach. Eine Weile nachher wandte sie sich in das Zimmer zurück und sagte zu den Rittern: »Nun kommt, ihr jungen tapfern Kriegsleute, und erquickt euch mit einem Mahl.« – Der eben noch leere runde Tisch von Stein in der Kammer Mitten war mit einigen Flaschen edlen Weines und mit köstlichen Speisen besetzt. – »Staunet nicht«, sagte die Wirtin, »vor allem aber scheuet euch nicht.« – Und das Zeichen des heiligen Kreuzes über Speise und Trank machend, sprach sie fürder: »Ihr seht, es hält die Prüfung aus.« – »Wer könnte auch daran zweifeln«, sagte Otto, »wenn Ihr es darbietet, holde Frau Minnetrost?« – »Frau Minnetrost, Frau Minnetrost!« wiederholte die Wirtin einigemal, das Haupt sanft hin und her wiegend, »Wie kommst du Jüngling denn auf diesen verschollnen Namen?« – »Ihr könnt wahrhaftig keine andre sein!« rief Otto freudeglühend. »Gottlob, daß ich Euch gefunden habe. Von Euerm Leben an der ostfriesischen Küste haben mir Heerdegen und Muhme Bertha erzählt.« – »Du!« sagte die Frau, und hob den Finger lang und drohend in die Höhe, »du solltest demütiger aussehen und ernster, wenn du von Muhme Bertha sprichst.« – Otto blickte beschämt zur Erde, aber die Wirtin sprach mit wiederkehrender Freundlichkeit süßlächelnd weiter: »Ich bin wirklich die Frau Minnetrost, von welcher du redest. Du bist mir ein lieber Gast in meinen Hallen, und dein Geleitsmann auch. Ich weiß wohl, daß er der Seekönig Arinbiörn ist, und schon früher einmal hier war, obgleich ziemlich unberufener Weise.« – Da traf auch auf Arinbiörn ein strenger Blick, vor dem er die Augen nicht zu erheben vermochte; aber dann nötigte Frau Minnetrost die beiden Jünglinge mit einer recht engelmilden Gütigkeit zum Mahle, und sie fühlten sich heiter und sicher, wie noch kaum bisher in ihrem ganzen Leben, so freudigfrisch sie es auch zu führen gewohnt waren. Als sie Abschied nahmen, sagte Frau Minnetrost: »Ihr könnt alle Woche zweimal wiederkommen, und daß in eurer Abwesenheit den Scharen eures Heerbannes nichts Widriges begegne, sei meine Sorge.« Sechzehntes Kapitel Der Herbst schüttelte die Blätter in der nördlichen Gebirgsluft bald vollends von den Zweigen, der Winter streckte seine starrglänzenden Decken über Tal und Höhe, nur die finnischen Föhrenwälder strebten mit ihrem traurigen Grün keck und schauerlich aus den verödeten Schluften herauf, aber unsern Freunden war wohl in ihrem einsamen Winterlager. Mochten sie den bereiften Forst hintraben auf der Jagd nach den Tieren des Waldes, oder auf der ernstern gegen heidnische Räuberhaufen, die sich bisweilen durch die besetzten Pässe zu kämpfen und zu schleichen versuchten; mochten sie, müde von sieghaften Anstrengungen, in der warmen Blockhütte an dem niedrigen Herde einander gegenübersitzen, und sich aus vollen Hörnern Met zutrinken, über künftige Taten besprechend, und sich an vergangnen erlabend, – es war ihnen immer sehr freudig und hell zumut. Wohl fühlten sie, daß sie rechte Schilder seien für das edle Schwedenland, und für Arinbiörns heimisch liebes Norweg zugleich. Und zwischen den ernsten, oftmals den Schnee mit Blut besprützenden Tagen, zwischen den Abenden in stillbrüderlicher Traulichkeit verlebt, leuchteten die Stunden in Frau Minnetrostens Wohnung hell und farbig herauf, wie Blumen, die es verstünden, mitten unter Eis und Sturm in unversehrter Schönheit fortzulächeln. Auch Arinbiörn war zutraulich geworden, und wie zu Haus in der seltsamen Warte. Wundersame Geschichten, Lieder und Rätsel spielten mehrenteils auf den Lippen der frommen Drude, oder wenn sie auch bisweilen sehr still und nachdenklich war, so fiel es doch nie davon wie eine drückende Mittagshitze auf das Gemüt, sondern wiegte es vielmehr wie ein linde tauender, schweigender Abend ein. Nur das noch wünschten die Jünglinge: das Antlitz ihrer gütigen Pflegerin und Helferin ohne den verhüllenden grünen Schleier zu sehn. Denn so anmutig das Lächeln der großen braunen Augen daraus hervorleuchtete, und jede Regung des mütterlich ernsten und milden Gemütes verkündete, so blieben doch die übrigen Züge in einen undurchdringlichen Nebel gehüllt. Otto sprach einstmalen zu der gütigen Drude davon, aber sie sagte bloß auf eine sehr ruhige Weise: »O nein, daran ist noch gar nicht zu denken!« und ihr Liebling wagte es nicht fürder, den Mund deshalb gegen sie aufzutun. Eines Abends spät saßen die beiden jungen Helden im freundlich ernsten Gespräch am runden Steintische bei Frau Minnetrost, als sie plötzlich still ward, mit auf den Mund gelegtem Finger auch die Ritter schweigen hieß, und wie auf einen geheimnisreichen Laut horchend, starr, hellfunkelnden Auges in die Höhe sah. Dann trat sie ans Fenster, schaute achtsam in die nächtliche Sternensaat hinaus, und rief plötzlich: »Zu Roß, ihr jungen Degen, zu Roß! Mit Sturmesschnelle nach euern Scharen hin. Die Heidenwaffen sind blank! Der Heidenzauber ist los! Haltet euch gut. Heut' ist die entscheidende Nacht!« – Die rüstigen Fechter hatten ihre Helme schon festgeschnallt, die Schwerter umgegürtet, die Wurfspeere gefaßt, und neigten sich, freudig abschiednehmend vor der Drude, die das heilige Zeichen des Kreuzes über sie hin beschrieb, und dann abermals sprach: »Zu Roß! Mit Sturmesschnelle zur Schar!« – Sie flogen in die Sättel, die Rosse flogen mit ihnen den steilen Bergpfad hinab. Ein dumpfes, verworrenes Getöse rasselte auf ihrem Wege in den nächsten Bergschluchten neben ihnen fort; Feuerzeichen flammten hin und wieder von den schneeigen Gipfeln herab, über die finnischen Föhrenwälder heraus. Vor all diesen ungewöhnlichen Mahnungen fanden sie ihre Schar bereits munter, und bei den Rossen und Waffen. Als nun die beiden Führer sich zeigten, war alles voller Vertrauen und Kampflust. – »Aufgesessen!« rief Otto, und: »Leichtes Fußvolk vor!« rief Arinbiörn, und bald geordnet, trabte und rannte man durch die engen Täler vor sich hin, unter dem Schutze der jenseits aufgestellten Wachen, die, von dem jungen Kolbein befehligt, schon im heftigen Wechsel der Pfeil- und Lanzenwürfe mit den heulend anstürmenden Finnländern begriffen waren. Im Vorrücken flog es bisweilen, wie feurige Sternbilder, über die Häupter der antrabenden Normannakrieger hin. »Der Feind schießt mit flammenden Speeren!« sagten welche, andere aber entgegneten: »Es ist Hexenwerk. Gespenstische Luftschlangen jagen sie auf uns her.« – »Laß sein, was es wolle!« riefen Arinbiörn und Otto durch die Geschwader. »Wir sind auf gutem Weg. Hier Christus! Hier Vaterland!« – Der begeisternde Zuruf, der einzige, unter welchem Christenkrieger mit rechter Zuversicht und Freudigkeit siegen können, hallte im vielfachen Donner von vielen Lippen durch die Scharen nach, und plötzlich brach man aus mehrern Schluften gegen die gräßlichen Widersacher vor. Auf einer kleinen, düsterumschatteten Ebne ward gefochten; die Scharen drängten sich, man konnte Feind und Freund im mächtigen Wolkendunkel kaum unterscheiden. Aber jenes flammende Leuchten flog wieder bisweilen über die Geschwader hin, und ließ die Christen im ungewissen Schimmer wahrnehmen, daß zwischen den vordersten Heidenrotten entsetzliche Gestalten mitfochten, nicht so wohl durch Schwerthieb oder Lanzenstoß gefährlich dem Leib, als durch abscheuliches Aussehen verwirrend die Seele. Und fern aus den Tälern ragten noch häßlichere Bilder hoch über die Rotten hervor; man wußte nicht, waren es Zauberstandarten, oder waren es riesige Teufel. Dem ohngeachtet drangen die Christen mit freudigem Kampfmut vor, schrien zu ihrem lieben Herrn im Himmel hinauf, und jagten das wilde Gesindel, mochten Hexen und Kobolde, mochten fratzenhafte Untiere drunter sein, geschwungnen Schwertes in die Täler zurück. Arinbiörn und Otto gedachten vor dem Verfolgen die Reihen wieder zu ordnen, Haufen von Reitern und Fußknechten auf der kleinen Ebne zum Nachhalte stehn zu lassen, und was der verständigen Führergedanken mehr waren; aber davon kam in diesem wilden Taumel nichts mehr zur Sprache. Seitdem die Finnländer flohen, schlug die schwarze Nacht ihren Mantel ganz lichtleer über das Gebirge hin, kein Luftmeteor schoß fürder seine Strahlen herunter. Ottos Adlerhelm, Arinbiörns Goldwaffen, alles verschwand im wüsten Gedränge, ja selbst ihr mächtiger Heerruf, ihr gewaltiges Hörnergetön ward überstimmt vom Geheule des flüchtenden Feinds, vom Geheul des wachsenden Sturms, von der Normannakrieger zaumlosem Jubeln. Wollten die beiden Hauptleute nicht unter die Hufen ihrer eignen Geschwader geworfen sein, so mußten sie mit verhängten Zügeln blind in die spurlose Nacht voran. Es dauerte nicht lange, so trieb sie ihr stürmisches Jagen in einen tiefen weiten Bergkessel, wie sie es abnehmen konnten aus dem verhallend zurückbrausenden Widerhall, aus dem Zusammenströmen der verfolgenden Scharen, von vielen verschiedenen Seiten her sich einander kundgebend, im Feldgeschrei und Rossegewieher. Sie dachten, hier soll noch ein weit besseres Fechten für sie beginnen, aber da flogen die Luftgeschosse wieder flammend durch die Nacht, da nickten kauernd und grinsend bei derem Lichte Greuelgestalten aus allen Ritzen der Felsen, es war, als seie die ganze Gegend ein ungeheures heidnisches Götzenhaus geworden, mit gräßlichen Sprüchen gefeit, so daß für die fremden Opfer an ein Fechten gar nicht mehr zu denken sei, an das Verbluten ganz allein. Die edelscheuen Rosse, wie kühn sie auch ihre Brust den schönern Gefahren entgegenzuwerfen gewohnt waren, schnaubten hier wild vor häßlichen Klängen und Gestalten, warfen sich, selbst Ottos Lichtbrauner nicht ausgenommen, ohne Zaum und Schenkel zu achten, herum, und rissen ihre tapfern, zürnenden Reiter mit sich fort in ungezähmte, ungeordnete Flucht. Da heulten die Finnlandskrieger höhnend hintendrein, da schwirrten deren blitzesschnelle Geschosse nach, manch edlen Reitermann in Todesnacht aus dem Sattel reißend, da erlagen viel wackre normännische Fußknechte, vom Beistand ihrer Roßgeschwader verlassen, dem Grimme des siegenden Heidenvolks. Erst spät, in einem engen Tale, gelang es den beiden Hauptleuten, ihre eignen rasenden Rosse zu bändigen, und eine Schar ihrer Getreuen um sich her zum Stehen zu bringen. Da blitzte es auf einem Schneeberge vor ihnen auf, wie ein drehendes Feuerrad, und mitten drinne ward die Zauberjungfrau sichtbar, in furchtbarer Schöne, fliegend ihre langen, goldnen Locken, dräuend in der gehobnen Rechten ein blitzendes Schwert, aus der Linken emporwehend ein grünender Zweig, der eiskalten Jahreszeit zum Hohn. – »Kennt ihr mich nun?« rief sie zu den Rittern hinunter. »Gerda bin ich, die verschmähte, vertriebene Gerda. Nun ist euer Leben in meiner Hand. Wenn ihr noch zögert, euch zu versöhnen mit mir, da laß ich meine Feuerschlangen auf euch los, und ihr und eure Rosse zerstört euch einander voll entsetzlicher Tollheit in diesem engen Tal. Morgen geht alsdann die Sonne über euch auf, wie über einen Scheiterhaufen von Blut und Gebein, und spiegelt sich in dem gefrornen Rote, das aus euern Herzadern quoll. Oder möchtet ihr fliehen vor mir? Da seht, linkshin ist ein Ausweg.« Sie wandten unwillkürlich die Augen dahin, und erblickten eine unermeßliche Eisfläche über einen Landsee hingestreckt, davon die Lichter des Feuerrades in langen, glatten Strahlen zurücke flammten. Gerda lachte. »Wollt ihr da drüber sprengen?« fragte sie höhnisch. »Wenn ihr samt euern Rossen erst toll sein werdet, sollt ihr mir gut drauf umhergleiten, und in gräßlicher Zerschmetterung auf die starre Kälte des Eises niederschlagen.« – Arinbiörn und Otto setzten wie auf Verabredung ihre Hörner an die Lippen, und wollten zum Angriff blasen, entschlossen, so lange ehrlich zu fechten, als sie der Sinne, der Faust und des Rosses mächtig blieben. Da sagte Gerda: »Noch halt! Ich laß euch andere Wahl. Sieg und Freude und Ehre sei mit euch, aber verbindet euch mir. Erschrecket nicht. Ihr sollt euerm Christus nicht entsagen dürfen, es soll ein guter Friede mit dem Lande geschlossen werden, für das ihr kämpft, und wir durchziehn alsdann, hochfröhliche Abenteurer, miteinander den Erdenrund. Wollt ihr?« – Sie sahe höchst anmutig dazu in das Tal herab, und plötzlich war der junge Kolbein vom Rosse, klomm den schneeigen Hang empor, und rief immerfort: »O deine Drohungen schrecken mich nicht, aber deine Verheißungen umstricken mich fest, du herrliches Bild. Ich will dein Abenteurer sein; dein Abenteurer will ich sein bis an der Welt Ende.« – Der Seekönig und Otto schalten ihm nach und streckten brüderlich bittend die Arme nach ihm aus, aber Gerda hielt ihm die wunderschöne Linke mit dem magisch grünenden Zweige entgegen, und wie durch Magnetenkraft angezogen, stand der Jüngling plötzlich helleuchtend oben neben der Jungfrau im funkelnden Kreise, und winkte seine Gefährten, vergnüglich lächelnd, zu sich herauf. Arinbiörn und Otto sahen sich eine Weile ernsthaft, beinah wehmütig, ins Auge. – »Es geht früher mit uns zu Ende, als ich gedacht hätte«, fing endlich der Seekönig an. – »Ja wohl«, entgegnete Otto, »und ich leugne dir's nicht, ich hätte gern noch ein wenig länger auf dieser Erden gefochten und gesiegt.« – »Das hätt' ich auch von Herzen gern«; erwiderte der Seekönig. – »Da es doch aber nun an dem ist«, sagte der Ritter von Trautwangen, »und die Hexe vermutlich bald unsre Sinne verstören wird, so laß uns brüderlich Abschied nehmen, und einander im voraus alles verzeihen, was wir uns etwa wahnsinnigerweise zuleid tun könnten.« – Darauf küßten sie einander herzlich, und nachdem sie zu ihrer Schar gesagt hatten: »Kinder, sterbt ehrlich, und haltet Christum im Herzen!« riefen sie gegen Gerda hinauf: »Fangt nur an, wenn es Euch so gefällt. Wir blasen unser ehrliches Heerhorn.« Und mit der Hörner ersten Tönen goß sich ein mildes Leuchten von rückwärts über sie her. Sie blickten staunend um; da war es nur der Vollmond gewesen, der eben hell und freundlich über die Berge hervorzuwandeln begann. Aber in seinen Strahlen stand auf einer nahen Höhe betend und dankend Frau Minnetrostens holde Gestalt; die rief zu den Rittern herab: »Ihr habt die Versuchung mit Gottes Hülfe bestanden. In seinem heiligen Namen drauf!« Gerdas schwindliges Feuerrad war versprüht. Im Mondeslichte, das klar und ernst auf den hellweißen Bergwarten lag, brachen die Normannakrieger siegreich in ihren Feind. Zügellos flüchtend strömten die schwarzen finnischen Horden über die blinkenden Schneegegenden hinaus. Siebenzehntes Kapitel Im Morgenrote hatte Ritter Trautwangen seinen Hengst bei der Schar zurückgelassen, und war einen beschneiten Felshügel hinangeklommen, um von da aus zu übersehen, wie sich das Verfolgen lenke, und ob man noch weiter in die Täler hineindringen dürfe, oder ob man nachgrade den Rückweg antreten solle. Der Stein war oben durch einen breiten und sehr tiefen Spalt in zwei Hälften gesondert; hart am Rande desselben stand Otto, und freute sich, zu bemerken, daß sie recht weit in die finnischen Grenzmarken hineingekommen waren; auch daß man wohl imstande sei, auf Finnlandsgebiet einen starken Vorposten stehen zu lassen, und dadurch die christlichen Lande noch weit besser zu sichern. Indem er noch so bei sich darüber nachsann, kam durch die Morgennebel eine sehr große Rittergestalt von der andern Seite des Klippenspaltes heran, stellte sich aufgeschlagnen Helmgitters, umschauend wie er, an den Rand ihm gegenüber, und plötzlich bebten die beiden Helden zusammen, denn schon wieder sahen Otto und Ottur einander in die täuschend ähnlichen Gesichter. »Ich kann und will das nicht fürder so ertragen«, sagte Ottur endlich. »Du machst mich mit deinem Aussehen noch toll; es darf nur einer leben, der dies Antlitz trägt. Zudem hast du uns heute Nacht geschlagen, und wenn du von der Welt bist, kann unser Odinsheer vielleicht eher auf Rache hoffen. Deshalb schwing' deinen Speer; der Klippenspalt wehrt es uns, daß wir einander mit Schwertern reichen, aber unsre Lanzen fliegen ja frisch. Mach' fort. Eh' noch die Sonne vollends heraufkommt, muß es entschieden sein, wer so aussehn darf, du oder ich.« – Er schwang den Wurfspeer gewaltig über das Haupt. »Warte noch«, sagte Otto. »Ich meine, wir finden auf diese Weise keine Ruhe. Wie soll denn nun der künftig leben, der sein Ebenbild erschlagen hat. Das wird ja sein, als hätt' er sich selbsten totgeschlagen.« »Freilich wohl«, entgegnete Ottur. »Aber wir wollen die Helmgitter zumachen; da sieht man's nicht, wie die Züge des eignen Antlitzes einem gegenüber im Tod erstarren und in Blut verschwimmen.« Und damit ließ er den Helmsturz fallen, und schwang abermals seinen Speer. »Wir könnten ja aber auch Waffenbrüder und Freunde werden«, sagte Otto freundlich, »und das im innigern Verein, als sonst zwei Helden auf der ganzen Welt.« »Wirst du der Gerda folgen? Werd' ich die Gerda lassen?« rief Ottur dumpf aus dem geschloßnem Helme vor. »Und drum nur frisch ans blut'ge Werk. Wirfst du nicht her, so werf ich hin; und feldflüchtig werden kann mein Ebenbild ja doch nun und nimmermehr.« »Da sei Gott vor!« entgegnete Ritter Trautwangen, und bereitete sich, geschloßnem Visiers wie Ottur, zum Kampfe. Indem nun die Recken, zielend und von den großen Schildrändern gedeckt, einander noch harrend gegenüberstanden, brach es hinter Ottur schnaubend aus dem Föhrengebüsch hervor. Ein ungeheurer Stier, vermutlich durch das Schlachtgetümmel aufgejagt und erzürnt, rannte gesenkten Horns und funkelnden Auges auf den Heidenritter los, der seiner in der Begier des begonnenen Zweikampfes nicht gewahrte. Augenblicks flog Ottos Speer im gewaltigen Schwung hoch über das Haupt des Gegners hin, mit sichrer Kraft in den Nacken des zornigen Tieres, und warf es auf den Schnee. – »Was machst du, Otto?« sagte der Heide, und senkte seinen Speer. »So schlecht hast du aus Ungeschick nicht geschleudert. Gedenkst du mein zu spotten?« – »Sieh dich doch um«, entgegnete der junge Deutsche, und rückwärts blickend, sahe Ottur, wie der gefällte Stier eben seine letzten Kräfte in riesigen Zuckungen verhauchte. Da schlug er, nach Otto blickend, sein Visier in die Höhe, und dieser tat desgleichen. Die eben aufgehende Morgensonne strahlte verklärend in die Gesichter beider junger Helden. Sie sahen einander mit leuchtender Freundlichkeit an; endlich sprach Ottur: »Wollen wir die Schwerter miteinander tauschen?« – »Ich darf meins nicht weggeben«, sagte Otto. »Es ist ein heiliges Andenken aus meines Vaters Hand. Sonst tät ich es gern. Aber weißt du was? Nenne dein Schwert hinfürder Otto, wenn du mich lieb gewonnen hast, und ich will meines Ottur nennen.« – »Von Herzen gern«, entgegnete Ottur. »Es kommt mir überhaupt vor, als wüßtest du alles besser und verständiger anzufangen, wie ich, wenn du gleich wohl um mehrere Jahre magst jünger sein.« – »Ja, ein wenig älter, als ich, kommst du mir vor«, erwiderte Ritter Trautwangen. »Sonst sähen wir einander auch allzuähnlich.« – »Also der heißt nun Otto?« rief Ottur, und schlug klirrend an sein Schwert. – »Und der heißt Ottur«, sprach Otto zurück, gleichfalls mit der beerzten Rechten am goldnen Griffe rasselnd. Damit nickten die versöhnten Helden einander abschiednehmend und lächelnd zu, und schritten den Felshügel hinunter, jeglicher nach seinen Geschwaden zurück. Von diesem Tage an gab es einen stillen, ernstfriedlichen Winter im Gebirg. Die geschlagnen Heiden wagten sich zu keiner Neckerei mehr gegen die Normannakrieger vor, und deren beide Hauptleute verlebten wieder viel heiter feierliche Stunden in Frau Minnetrostens einsamer Warte. Die fromme Drude war immer still vergnügt und lächelnd um diese Zeit, ein geistiger Vollmond; nur einmal, als Otto am runden Steintische das Abschiedslied schön Astrids und des starken Hugurs sang, fing sie recht mildiglich zu weinen an und bat den Jüngling, er solle ihr das nicht wieder singen. Der hielt ihre Bitte, wie ein kaiserlich Gebot, und das Leben strömte anmutig und störungslos fürder, so daß sich die beiden Ritter über die Kürze des langen Nordwinters wundern mußten. Denn ehe sie noch an eine Veränderung dachten, wehten bereits Frühlingslüfte durch die Täler hin, rieselten die Quellen, vom Eis befreit, in ihren Betten, und sahen einzelne Gräslein und Blumenknospen aus der Erde hervor. Achtzehntes Kapitel Während Otto in den fernen Nordlanden ein so rühmliches und erquickliches Leben führte, war auch an dem alten Herrn Hugh der Winter still und mild, ja man kann wohl sagen recht heiter, vorübergegangen. Der alte Heldensänger, Meister Walther, hielt sich zu vielen Tagen hintereinander in der Burg Trautwangen auf, und wenn er auch dazwischen einmal fortzog, war es doch immer nur für kurze Zeit, den greisen Rittersiedler bald wieder mit seinem Umgang und seinen Liedern erfreuend. Was man aber ganz vorzüglich als einen Gottessegen für den alten Herrn Hugh preisen konnte, das waren die schönen Träume, die sich in diesen Monden um ihn her zu stellen pflegten, sei es nun, daß er zu Nacht in seinem uralten verhangnen Bette lag, sei es, daß er nachmittags oder gegen Abend auf seinem großen Lehnstuhle, in der Halle, wo er den jungen Herrn Ott' zum Ritter geschlagen hatte, einschlummerte. Daher kam es denn auch, daß er sich ordentlich zu freuen begann, wenn die Müdigkeit mit anmutig betäubendem Dunkel über seine Brauen heranzog, und ihr viel öfter und williger nachgab, als vordem. Dann tat sie ihm meist immer die Gärten seiner reichhaltigen Jugend auf, nur daß statt der Nesseln, die es doch wohl mitunter gegeben hatte, lauter Rosen darinnen blühten, statt der giftigen Pflanzen heilsame Kräuter, und die ganze Erscheinung gleich einer ungeheuern Sonnenblume sich immer dem vollesten Sonnenlichte entgegenbog. Und mitten unter den blühendsten Beeten saß kindlich lächelnd des jungen Ritters Otto Gestalt, und pflückte von den herrlichsten Blüten und Früchten nach üppiger Wahl. Da war denn auch eines Nachmittages der alte Herr Hugh eingeschlafen, noch im Entschlummern sich freuend auf die vielfach schönen und verheißenden Dinge, die er geistigen Auges zu schauen bekommen möchte. Aber es ward ganz anders, als er gehofft hatte. Ihm deuchte, als stapfe ein schwerer, geharnischter Tritt die Stiegen herauf, daß die Fenster davor klirrten, und gleich darauf klopfe eine gepanzerte Faust eben so gewaltig dreimal an die eichenen Türen des Saals. Dem Träumenden wollte sich das Herein! nicht aus der Brust losmachen. Endlich meinte er doch, es gerufen zu haben, und da war es, als knarrten die eichnen Türflügel mit ängstlichem Mißlaute voneinander, und plötzlich sähe herein mit blutigem, abscheulich verzerrtem Angesichte, drohe herein mit bluttriefender Faust der Rächer mit den Geierfittichen in aller entsetzlichen Leichenpracht. Schaudernd fuhr der erwachende Herr Hugh in die Höhe, und kaum besann er sich darauf, er habe nur geträumt, da hörte er wirklich mit völligen, wachenden Sinnen den schweren geharnischten Tritt die Stiegen herauf, daß die Fenster davor erklirrten, hörte das dreimalige gewaltige Pochen der gepanzerten Faust an die eichene Türe des Saals. Ihn rettend vor dem Wahnsinn des grauenvollsten Entsetzens schlang eine tiefe Ohnmacht ihre Nebelgewölke um ihn her. Die Reisigen und Diener, welche der alte Herr Hugh auf der friedlichen Veste noch um sich hatte, waren allzumal nicht daheim; jene auf der Jagd, diese zum Teil nach dem Heldensänger Walther fortgeschickt, zum Teil in das nahe Städtlein, um allerlei zur Bewirtung des ersehntes Gastes herbeizuholen. Wenn sie bei solchen Aussendungen manchmal etwas dawider einzuwenden wagten, daß doch auf die Art in dem alten, weitläuftigen Baue der Burgherr ganz allein zurückbleibe, pflegte dieser gemeiniglich zu antworten: »Der alte Herr Hugh hat seinen Platz in der Waffenhalle, zwischen vielfachen Rüstungen und Schwertern, und tät es Not, so erwischte seine Hand wohl noch leichtlich irgendein altes Klingengefäß, das die Väter geführt.« – Diesmal aber merkte der erste, welcher von der Dienerschaft wieder in den Saal trat, hier müsse fürwahr ein ganz andrer Feind eingebrochen sein, als der, auf welchen Herr Hugh gerechnet hatte, und weil der Greis so ganz regungslos und totenbleich im Stuhle saß, schien es, als sei der Tod selbsten jener Feind gewesen, weshalb der Diener ein lautes Wehklagen begann, und um sich her versammelte, was irgend wieder von seinen Genossen in die Veste zurückgekehrt war. Meister Walther kam eben über die Zugbrücken geritten, und den lauten Jammer vernehmend, sprach er seufzend vor sich hin: »Ei, und konntest du denn nicht einmal so lange mehr leben, bis dein Sohn von seinen rühmlichen Fahrten heimgekehrt war, du alter Held?« – Hinauf gelangt aber in den Saal, und die bleiche, riesige Gestalt im Lehnstuhle betrachtend, war es ihm, als könne der alte Herr Hugh durchaus noch nicht gestorben sein. Die Natur hat die Sangeskinder lieb, und wenn sie auch nicht wissen, sich ihr auf den ordentlichen Leitersprossen der mühseligen Gelehrsamkeit zu nahen, wirft ihnen die freundliche Pflegerin doch oftmalen unverdient, ja wohl gar ungebeten, ein Lichtlein oder ein Sträußlein zu, daß sie damit wunderviel ausrichten, zum Erstaunen aller nicht liederlustigen Leute. So kam es denn auch, daß Meister Walther im Besitz einer köstlich duftenden Salbe war. Die hielt er dem ohnmächtigen Greise vor, und mit einem Male richtete sich der alte Herr Hugh in die Höhe, schlug die Augen auf, und sagte: »Ich habe ein entsetzliches Gesicht im Traume gesehn. Wo ist denn nun der, der es im Wachen nachmachen wollte? Wo ist er geblieben, der heranschritt die Stiege mit den langsamen Eisentritten, der dreimal an die Türe pochte mit der beerzten Faust?« – Sie wollten alle nichts davon wissen, da sprach der alte Mann endlich: »Hier gewesen muß doch einer sein, recht leiblich hier gewesen. Denn seht ihr nicht das wunderliche Ding, was da neben mir steht?« – Hinschauend erblickten sie ein seltsames Banner, das in die Ecke gelehnt war. Ein häßliches Drachenbildnis sah von der Stange herunter, aber um die Stange her glänzten schöne goldne Buchstaben, die der vielerfahrne Meister Walther sehr wohl kannte, und folgendergestalt ablas: »Der an der Finnengrenze focht, Riß frisch dies Banner aus Heidenfaust; Da schlug er drein zum Schwedensieg, Drob Schwedenvolk den Sieger preist; Herr Otto ist sein Name, Von Trautwangen sein Geschlecht.« Da jubelten alle die Reisigen und Diener hoch auf, und wünschten ihrem Herrn Glück. Der alte Herr Hugh aber nahm sein grün samtnes Käpplein vom Haupte, betete still, und sagte endlich: »Wenn die Kobolde solche Siegeszeichen bringen, kann man sich ihre bösen Träume schon gefallen lassen.« Neunzehntes Kapitel Am Stamm eines Oleanderbaumes, inmitten eines der zaubrischen Gärten, die von der spanischen Stadt Cartagena aus an das Meer stoßen, saß Gabriele, die schönen Augen hoch in das leuchtende Himmelsblau gerichtet, neben ihr Blancheflour, einen Kranz flechtend aus den wundersamen Blümchen, welche dieser würzige Boden trägt. Eine schwarze Sklavin rührte unfern die Saiten ihrer Zither, und befremdet, daß die Herrinnen gar nicht darauf zu achten schienen, fragte sie endlich: »Soll ich etwa dazu singen: Ihr schönen, launischen Doncellas?« – Und wie beide, ohne recht zu wissen, was sie taten, bejahend mit den Häuptern nickten, hub die Sklavin in sehr anmutiger Weise folgendes Lied an:     »›Montjoye, Heil'ger Dionys!‹ Ruft der starke Christenstreiter, Ritter Folko Montfaucon, Und die Mohrenbräute weinen. Kam Guadalquivir geflossen, Purpurfarb in blut'gem Scheine, Sagt' es an zu Cordova, Sagt' es in Sevilla weiter, Sagt' es bis ans Meer hinaus, Wie er stritt der kühne Freiherr. Funfzehn sind hinausgezogen Unsrer allerbesten Reiter, Haben sich, ihn einzufangen, Hoch verschworen, teuern Eides. Funfzehn sind hinausgezogen, Doch zurücke kam nicht einer; Nur ihr Blut ist heimgeflossen, Stummer Bote tiefen Leides. ›Montjoye, Heil'ger Dionys!‹ Ruft der starke Christenstreiter, Ritter Folko Montfaucon, Und die Mohrenbräute weinen.« »Es weinen wohl noch viele andre Bräute als Mohrenbräute«, sagte Gabriele, und verhüllte ihr glühendes Antlitz in das feine, indische Taschentuch. Die Sklavin aber sprach erschreckt: »Weiß Allah, ich dachte euch recht froh zu machen mit dem Liede, das die Siegestaten eures Landesgenossen preist. Was weint ihr mir denn nun?« – Ohne sie weiter zu beachten, redete Gabriele gegen Blancheflour fort: »O was hast du für einen herrlichen Bruder! Und werden wir ihn wohl je in diesem Leben wiedersehn?« – Da fing auch Blancheflour herzinniglich zu weinen an, und die beiden schönen Frauen umfaßten sich in ihren Tränen, und drückten einander liebkosend ans Herz. Der Fürst Muza trat adligen Anstandes und in ritterlich mohrischer Pracht glänzend in den Garten. Wie er die Damen weinen sah, schritt er ehrfurchtsvoll wieder abwärts, winkte aber die Sklavin sich nach, und sagte leise zu ihr: »Sind das die Dienste, die ich von deiner Geschicklichkeit hoffte? Ich hörte deine Laute klingen, aber du hast mir die holden Frauen zu weinen gemacht. Welch einen Torensang du begannest, weiß ich nicht, soviel weiß ich gewiß: Du sollst mir von dem anmutigen Geschäft, Gabrielen aufzuwarten, künftig ausgeschlossen sein.« – Das schöne Fräulein Portamour aber bemerkte Muzas Unzufriedenheit mit der Sklavin, und sagte: »Scheltet mir das Mädchen nicht, Muza. Sie hat an unsern Tränen keine Schuld, oder wenn ihr Singen welche in meine Augen gelockt hat, sind sie süßer, als alles, was Ihr mir Anmutiges in Euerm üppigen Schlosse bieten könnt.« – Da führte der Fürst die schwarze Sklavin, ihr zum Lohn einen leuchtenden Demant in die dunkle Hand legend, seiner Herrin wieder zu. – »Allah sei gepreist«, sprach er mit anmutiger Verneigung, »daß Ihr mich einmal würdigt, mir etwas zu befehlen oder zu untersagen. Wenn Ihr mir doch nur recht viel gebieten wolltet!« – »Ich gebiete Euch«, entgegnete Gabriele, »mich mit meiner Freundin an die gasconische Küste zurück zu geleiten.« – »Ach, nur das eine«, seufzte Muza, »nur das eine, liebe Herrin, fordert nicht.« – Gabriele wandte sich unwillig von ihm ab. An den Terrassen des Gartens, dicht vor dem Goldgegitter, welches ihn umschloß, ritt ein Herr in prächtiger Mohrentracht vorbei, hoch und schlank seine Gestalt, ernsthaft sein Gesicht, das, bereits von einem fast mehr als reifen Mannesalter gebräunt und geschärft, dennoch der Anmut nicht ermangelte, tiefschwarz der in reichen Wellen von Kinn und Oberlippe herabfließende Bart, königlich seine ganze Haltung und Gebärde. Eines der alleredelsten arabischen Rosse von nachtschwarzer Farbe wieherte unter ihm, etliche Männer, durch Tracht und Anstand als vornehm ausgezeichnet, ritten gleich Dienern hinter ihm her. Gabriele und Blancheflour erhoben sich, ohne genau zu wissen, warum, von ihren Sitzen, und grüßten die leuchtende Erscheinung mit ehrerbietigem Verneigen. Der Fürst dankte voll höflicher Würde, dann hielt er und winkte den Muza nach dem Gegitter zu sich heran, und der sonst so stolze Jüngling eilte dem Winke demütig entgegen, worauf der Herr den einen Schenkel über den Hals seines schlanken, gehorsamen Rosses weg zum bequemem Sitz nach diesseits mit herüberlegte, und dann ein Gespräch anhub, welches Gabriele und Blancheflour, der arabischen Sprache nicht mehr unkundig, meist gänzlich verstanden. Es lautete etwa folgendermaßen. »Sind sie das, die schönen Frauenbilder«, hub der glänzende Reiter an, »die du aus dem Frankenlande mit herüber geführt hast?« – Und auf Muzas bejahende Antwort fuhr er fort: »Sonnenhelle Perlen sind es von der reinsten Gestalt. Aber ich will dir sagen, junger Fürst, daß es mir dennoch vorkommt, als habest du das herrlichste und allerunwiederbringlichste Kleinod dahinten gelassen. Oder ist es etwa nicht wahr, was sie mir erzählen wollen von der ernsten Jungfrau, welche deinen Vetter von sich abgedräuet hat, indem sie so furchtbar und hoch an dem steinernen Kreuzesbilde in den feierlichen Lichtern des Abendrotes stand?« »Das ist alles so«, entgegnete Muza, »Wie man es Euch erzählt hat, mein hoher Herr. Und diese wundersame Maid ist in den Frankenlanden Fräulein Bertha von Lichtenried geheißen.« »Nun so sag' ich«, rief der königliche Reiter aus, »daß wer mir die brächte, nach Cartagena hierher, unversehrt und ungekränkt, als eine reine Magd, dem gäb' ich all' meiner Schätze ein Dritteil zum ewigen Eigentum für sich und sein ganzes Haus!« Da kam ein kleiner, schwärzlicher, aber reich geschmückter Mann aus dem Gefolge vorgeritten, und fragte: »Ist das Eu'r voller Ernst, mein hoher Herr? Das Fräulein Bertha von Lichtenried muß denn doch in der Christenheit wohl noch zu finden und zu fangen sein.« – »Du siehst mir nicht danach aus, als ob du das tätest!« entgegnete der stolze Araber mit einem leichten, verächtlichen Lächeln. – »Ich frage nur, ob's Euer Ernst ist mit dem Dritteil, hoher Herr?« sprach der unliebliche Mohrenritter weiter. – »Du kannst wohl wissen, Alhafiz«, kam die Antwort zurück, »daß ich eben mit meinen Verheißungen nicht spaße.« – »So wollen wir drauf denken«, erwiderte der Ritter, »wie Euch die wundersame Bertha, und mir das Dritteil Eurer Schätze zuteil werden möge. Weil aber Zeit gewonnen alles gewonnen ist, beurlaube ich mich für jetzt unverzüglich von Euch.« – Damit ritt er, sich tief verneigend, von dannen, der prächtige Herr sah ihm kopfschüttelnd und lächelnd nach, und zuckte mehrere Male, wie bemitleidend, die Achseln, dann grüßte er Muza freundlich, die Damen ehrerbietig, warf sich wieder in die rechte Reiterstellung, und trabte leichten Fluges mit seinem Gefolge in die hell südliche Gegend hinaus. »Wie nennt Ihr diese seltsam herrliche Erscheinung?« fragte Gabriele den Fürsten Muza, als er wieder zu den Damen auf die Terrasse trat. – »Es ist der große Emir Nureddin«, war die Antwort, »der gewaltigste und heldenmäßigste Araber, den die Welt vielleicht bis heute noch sah. Nachdem er in dem flammenden Osten an Taten des Mutes und der feinen Sitte einen ganzen Sternenhimmel ausgestreuet hat, ist er zu uns in den Westen herübergezogen, um nicht nur mit den Palmen Asiens, sondern auch mit den Lorbeern Spaniens und Italiens seine königliche Siegerstirn umschlungen zu sehn. Unsre Weisen halten ihn für den Weisesten in ihren Schulen, wie unsre Feldherrn ihn für des Feldes höchsten Herrn, und daß in Eurer Gegenwart, o wunderholdes Fräulein, Strahlen seiner Huld und Freundlichkeit auf mich gefallen sind, macht mich nicht minder stolz und froh, als wär es mir gelungen, vor Euern Himmelsaugen ein siegreich Treffen zu bestehn.« – »Wir haben verstanden, was Ihr mit ihm spracht«, entgegnete Gabriele Portamour stolz und abgewandt; »auch hoffen wir, der alleinig wahre Gott solle Fräulein Lichtenried vor dem Mißgeschick behüten, in die Hände dieses glänzenden Tigers zu fallen, den Ihr wohl als Euern Meister bewundern mögt, da er so schnell seine Gedanken auf Frauenraub zu richten weiß.« – Und ein kalt gebietender Wink entfernte den niedergeschlagenen und verlegnen Muza aus dem Garten, ein zweiter sandte die staunende Sklavin ihm nach. – Wieder am Fuße des Oleanderbaumes, in das blumige Gras gesunken, sahe Blancheflour die noch vor ihr stehende Freundin mit solchen Blicken des heimlichsüßen Hoffens und Erfreuens an, daß diese in Erstaunen geriet, und sich nicht enthalten konnte, zu fragen, »welche Sonne dieses Morgenrot über das anmutige Antlitz heraufgehen heiße?« – »Gottlob, daß wir einmal ganz allein sind«, sprach die selig lächelnde Blancheflour, »und daß ich mein Herz ohne Rückhalt gegen dich eröffnen kann! Setze dich aber zu mir in das Gras, denn wenn gleich kein Horcher hier in der Nähe sein kann, so möchte ich doch überhaupt von solchen Dingen lieber flüstern, als reden.« – Und wie nun Gabriele nach ihrem Begehr getan hatte, senkte die errötende Jungfrau ihr Lockenköpfchen, und sagte ganz leise: »Er ist hier, Meister Aleard ist hier. Ich habe ihn die letztern Tage hier vielfach um Palast und Garten herumstreichen sehn.« – Gabriele wollte ihre Freude über die hoffnungserweckende Botschaft kund tun, da stand urplötzlich vor den beiden Frauen – sie wußten nicht, wo er herkommen war – ein fremder Mann in Sklaventracht, von jugendlichem Ansehn, blitzenden, schwarzen Auges, und höchst anmutigen Lächelns; der neigte sich vor ihnen demütig, aber nicht nach arabischer, sondern nach europäischer Sitte. – »Wer seid Ihr? Hat Euch ein Zauber hereingeführt? Wißt Ihr auch, daß Ihr verloren geht, wenn man Euch sieht?« – Diese Worte riefen Blancheflour und Gabriele dem Fremden entgegen, welcher mit ruhiger Freundlichkeit erwiderte: »Vergönnt, ihr ebenso hohen als holden Bilder, daß ich euch eure Fragen in umgekehrter Ordnung beantworte, euch zuerst beteuernd, daß ich weder so unwissend bin, die Gefahr nicht zu kennen, der ich mich aussetze, noch auch so ungeschickt oder so tollkühn, ihr in den Rachen zu rennen, wenn ich mich nicht ziemlich gesichert wüßte vor ihr. Dann wollt ihr wissen, ob mich ein Zauber hereingeführt? Und ich entgegne darauf: Nein; sondern bloß einige goldne Gitterstäbe, welche seit drei, vier Nächten künstlich von mir durchgefeilt, und zum Schein in ihre Fugen wieder eingepaßt sind. Auf die Frage aber, wer ich sei? Obgleich ihr sie den übrigen voranschicktet, habe ich nur ganz etwas Unbedeutendes zu antworten: daß ich nämlich Tebaldo heiße, ein italischer Kaufherr bin, und im Gefolge des Ritter Otto von Trautwangen jenem schönen Abendfeste beiwohnte im herbstlichen Buchenhain, wo Fräulein Blancheflour das schöne Lied von Abälard und Heloise mit Meister Aleard sang: daß ich Tages drauf mit dem Grafen Alessandro Vinciguerra davonzog, um über Italien an das heilige Grab zu König Löwenherzens Schar zu stoßen; daß wir unweit Neapolis von zwei arabischen Galeeren gefangen wurden, um hier in Cartagena sklavenweis zu dienen; vor allem aber, daß ich mich noch weit berufner erachte, euch zwei holden Frauen zu dienen, als meinem graubärtigen Herrn, und daß ich zu eben diesem Ende hier in den Garten hereingeschlichen bin.« Die beiden Fräulein sahen ihn staunend an, die Züge des früher wenig beachteten Jünglings nach und nach in ihrem Gedächtnisse heraufrufend, während Tebaldo in freundlicher Besonnenheit ihnen klar machte, daß er sich mit Meister Aleard verbunden habe, die holde Beute zwei so himmlischer Bilder zu retten, und sich und dem Grafen Vinciguerra zu gleicher Zeit frei mit davon zu helfen. Zum Schluß seiner Rede aber brachte er folgende seltsame Worte vor, »Ich habe euch gesagt, ihr edlen Jungfrauen, daß ich ein Kaufmann bin, und ein solcher hat immer noch viel lieber tausendfachen, als hundertfachen Gewinst. Nun trägt Fräulein Gabriele einen wundersamen Ring bei sich, auf den ich ein Recht zu haben vermeine, seit ich einen gewissen Grabhügel in Italien von neuem besucht habe. Die Sache ist mir selbsten noch nicht ganz klar, aber wer mir den Ring gäbe, hätte mich erst recht zum unwiderruflichen Bundesgenossen, und ich kann euch für gewiß sagen, daß ich ein sehr tüchtiger und zuverlässiger bin; ja vielleicht ein ganz notwendiger, in dieser Abgeschiedenheit von andern Christenleuten, und bei dem fahrvollen Unternehmen, so wir im Sinne tragen.« Es lag dabei auf seinem Antlitze eine so seltsame Mischung von Ernst, kraftvoller Freundlichkeit und Dräuung, daß Blancheflour Gabrielen angelegentlich ins Ohr flüsterte: »Gib ihn, o gib ihn doch hin, den unseligen Ring! Hat er uns beiden denn jemals wohl Glück und Freude gebracht?« – Gabriele sann lange, lange nach. Dann zog sie endlich das ihr selbst noch ganz fremde und rätselhafte Kleinod aus dem schneeigen Busen an einer goldnen Kette hervor, häkelte es los, und sprach, es dem italischen Kaufherrn einhändigend: »Da habt Ihr die begehrte Gabe. Aber nehmt Euch in acht damit. Es ist ein gefährliches Spielwerk.« – Tebaldo sah funkelnden Blickes auf die funkelnden Steine hin. Eins schien sich an dem andern immer heller zu entzünden. Endlich rief er aus: »Willkommen mir in meiner Hand, du geweihter, du mir noch tief verhülleter Schatz! Aber wir wollen uns bald miteinander verständigen. Geht's mir nicht schon in den ersten Augenblicken ganz klar und erleuchtend auf?« – Dann zu den Damen gewandt, sprach er weiter: »Ihr seid gerettet, holde Frauen. Und Ihr, Fräulein Portamour, habt wohl nur wenig verloren, indem Ihr mir unermeßlich viel gabt. Eure Mildigkeit aber soll dieser Mund preisen, dieweil die heitre Luft des Lebens noch aus und ein durch ihn strömt.« – Und anmutig grüßend, schritt er in die Gebüsche zurück. »Das war ein verwunderlicher Mensch«, sagte Blancheflour nach einigem Schweigen. »Und kam er dir nicht am Ende des Gespräches ganz anders vor, als zu Anfang? Ordentlich wie gewachsen.« – »Ja wohl«, erwiderte Gabriele, »bedeutsamer, feierlicher, gewaltiger sah er aus. Man hätte ihn, trotz seiner Sklaventracht, für einen Freiherrn halten können, aber doch für einen so herrlichen nicht, als deinen tapfern Bruder Folko, um den die Mohrenbräute weinen.« Da schwirrte es mit leichtem Fittichschlag um die beiden Fräulein her, daß sie erstaunt in die Höhe blickten. Ein wunderschöner Edelfalke, mit güldnem Halsbande geziert, kreiste dicht um ihre Häupter hin, und senkte sich endlich freudeflatternd und schmeichelnd in Fräulein Blancheflours Schoß. – »Mein Gott«, rief diese schreckenbleich aus, »was soll mir das bedeuten! Es ist der Falke meines Herrn und Bruders, und man sagt, solche edle Tiere lassen nur von ihrem edlen Meister, wenn er begraben ist, und fliegen dann weit umher, sich einen gleich edlen und würdigen zu suchen!« – »Rede uns nicht solche entsetzliche Dinge ein«, sprach die gefaßtere Gabriele, auf deren Wangen zwar auch eine furchtsam Blässe lag. »Wie, wenn er nun als Bote zu dir käme? Für einen trauernden Flüchtling sieht er viel zu hell und freudig aus.« Und damit untersuchten sie das güldne Halsband des königlichen Vogels, ein rosenrotes Pergamentblättlein darin antreffend, worauf mit einem Silberstift folgende Reime in zierlichen Schriftzügen gezeichnet standen:     »Ich Falke will ein Bote sein, Ein Bote treuen Sinnes; Der Folko schickt den Falken 'nein; Ich, traute Schwester, bin es. Der Falke senkt den Fittich nur In treue, zarte Hände, Drum kommt's, daß sonder Fährt und Spur Ich durch die Luft ihn sende. Das Fechten ging nicht schnell genug, Da komm' ich in Verhüllung Als Kaufherr an im reichen Zug, So hoffend auf Erfüllung: Und sagten mir zwei Fraun es an, Daß sie mich gern sehn reiten, Da zög' ich morgen früh die Bahn Am Schlosse hin von weiten. O schreib es mir, mein Schwesterlein; Der Falke wird nicht fehlen. Und willst du mir recht huldig sein, So grüß auch Gabrielen.« Nun küßten die beiden Jungfrauen einander so freudeweinend, als sie vorhin einander kummerweinend geküßt hatten. – »Alles ist da!« lächelte die freudige Blancheflour. »Mein Bruder, Meister Aleard und der Falke! Mir ist, als wären wir schon wieder daheim.« – Dann zeichnete sie, nachdem sie sich mit ihrer Freundin beraten hatte, mit einer Goldnadel folgende Worte auf das Rosenpergament:     »Gabriele grüßt und ich; Morgen komm vorsichtiglich, Wenn der Sonne Gluten sich Tun den Menschen offen. Edle Sonne, treuer Strahl, Zeuch verhüllt noch durch das Tal, Bald dann flimmre kühn auf Stahl; Ach, wir Mädchen hoffen!« Damit ward dem Falken das Blättlein wieder in sein Goldband eingesteckt, freudig schwung er sich durch die sonnigblauen Höhen davon; freudig wandelten die Jungfrauen über das angestrahlte Rasengrün nach dem Palaste heim. Zwanzigstes Kapitel Die Morgenröte stand noch kaum über den östlichen Strandhügeln, da blickten schon durch die von blumigen Laubzweigen vergitterten Fenster Gabriele und Blancheflour nach der Erscheinung des fränkischen Helden aus. Es war ihnen desto mehr um seinen Anblick zu tun, da des Traumgottes gaukelnde Bilder die ganze Nacht hindurch Wahrheit und Ahnung und Märchen in ein so wunderliches Gewebe verflochten hatten, daß beide Jungfrauen sich kaum mehr getrauten, mit Gewißheit anzunehmen, es sei gestern wirklich ein so hülfreicher Edelfalke mit so lieblich kühner Botschaft erschienen. Aber nicht lange, da scholl ein anmutiges Getöne von hellen Cymbeln und Hörnern und Flöten den weißgeebneten Weg heran, der sich zwischen blühenden Wiesen in einiger Entfernung vor dem Palaste vorüberzog. Ein Geschwader mohrischer Reiter kam als Bedeckung voran, dann folgten viele Kamele und andre Saumtiere mit hohen Ladungen von Kaufmannsgütern, himmelblau samtne Decken mit goldnen Fransen darüber gebreitet. Blancheflour und Gabriele erkannten freudig die edlen Farben des Montfauconschen Wappenschildes, und lächelten einander mit wachsender Zuversicht an. Darauf kamen die Spielleute, musizierend auf mannigfachen Instrumenten, deren Metall aus nichts, als dem reinsten Gold oder Silber bestand. Edelsteine funkelten an Handhaben und Stegen und wo sich sonsten nur ihresgleichen anbringen ließ. Endlich kam der Herr des Zuges selbst. Sein edles Maultier war von blau und goldgestickten Sammetdecken so verhangen, daß man nur eben die schlanken Füße mit zierlicher Feierlichkeit darunter hinschreiten sah, während die großen rollenden Augen, wie aus goldnen Fenstern, hervorblickten, aus den leuchtenden Rändern der Goldstickerei um die Augenlöcher her. Der edle Freiherr selbst, in blau und goldne Seidengewänder so seltsam herrlich gekleidet, daß man nicht wußte, ob er sich nach christlicher, ob nach mohrischer Sitte trug, saß auf einem Saumsattel nach Frauenart, eine Guitarre zur Hand, auf der man ihn mehr spielen sah, als hörte, denn vor dem immer fortjubelnden Marsche seiner Dienerschaft kamen die zarten Klänge, die er als das köstlichste für sich allein aufzuheben schien, niemanden anders zu Ohren. Das aber sah man ihm dennoch an den leuchtenden Augen an, daß er plötzlich das alleranmutigste Lied spielte; es war in dem Augenblick, als er Gabrielen hinter den laubumgitterten Fenstern ahnte. Die Frauen erkannten ihn auf den ersten Blick. Mochte ein nachgeahmter schwarzer Bart weit über seine Lippen herabhängen, ein andrer von seinem Kinne herabwallen, und eine Art von türkischem himmelblauen Bunde sein weiches lockiges Haar verbergen – Gabriele und Blancheflour hätten ihn wohl noch unter entstellendern Verkleidungen wiedererkannt. Zudem gaukelte der Falke unausgesetzt mit jubelnden Flügeln über seines edlen Meisters Haupt, wie um ihn den beiden einzigen, die ihn jetzt kennen sollten und durften, mit noch größerer Sicherheit und Klarheit zu bezeichnen. – Muza jedoch ahnete hier seinen edlen, von ihm so bitter getäuschten Überwinder nicht. Vielmehr ritt er ganz unbefangen aus seinem Palaste dem Zuge entgegen, fragte nach köstlichen Waren, handelte dergleichen ein, und bat endlich den seltnen Kaufherrn, mit ihm in seinem Schlosse zu speisen. Aber Folko schlug dies letztre aus. Er wollte die Fassung der Frauen auf keine gefährliche Probe stellen, und hatte er ja doch an seinem Falken, ohne jetzt andrer Näherung zu bedürfen, den schnellsten und zuverlässigsten Boten. Der treue, geflügelte Gesandte flog auch die nächsten Wochen oftmalen aus, das rosenfarbne Pergament mit vielfach verschiednen Sprüchen hin und her tragend, dadurch dann der Freiherr von Montfaucon mit Meister Aleard, Tebaldo und dem Grafen Vinciguerra in Verbindung trat. Don Hernandez mit einigen Galeeren, die er, nach einer Verabredung mit dem Freiherrn, vor dem Hafen von Cartagena führen sollte, ward nur noch erwartet, um den kühnen und verständig erdachten Plan der Entführung ins Werk zu richten. Eines Abends – die verhängnisvolle Zeit nahte heran – ruhten die beiden Frauen wieder einsam unter dem Oleanderbaum. Der Falke hatte neue Botschaft gebracht, und saß lauernd, die Abfertigung erwartend, auf Blancheflours weißer Hand, sich sehr in acht nehmend, daß er den zarten Schnee mit seinen Krallen nicht ritze. Aber Gabriele hielt das rosenfarbne Pergament noch immer zweifelnd in der einen, den Goldgriffel, mit dem sie zu schreiben pflegte, in der andern Hand, ohne daß sie vermocht hätte, ein einziges Wort auf die Fläche zu zeichnen. Blancheflour redete ihr zu, sie solle eilen; man könne sie überraschen – »Und«, sprach sie mit etwas leiserer Stimme weiter, »wenn es angeht, so schreibe dem armen Bruder deiner Gespielin etwas recht Mildes und Tröstendes.« – Gabriele schüttelte das wunderschöne Haupt sehr ernst, und seufzte aus beklommenem Herzen; dann überlief sie die Worte noch einmal, die Folko auf das Pergament geschrieben hatte, und welche etwa folgendergestalt lauteten: » An Gabriele             Der Freiheit Stunde schlägt. Der Freiheit Stunde Bringt manchem Kämpfer wohl den heil'gen Tod. Trifft sie auf meine Brust mit sel'ger Wunde, Die mich für dich umströmt im letzten Rot, Dann sterbe nicht mit mir die süße Kunde Von deiner Liebsgewalt und meiner Not. O segne mild dann Folkos fliehnde Seele, Die einzig dich geliebt, dich Gabriele!     Zum Kampf mit dir trieb mich durchs stürm'ge Leben Der Schwester Recht, und strengen Worts Gewalt. Dann, als versöhnt, der Lippe wollt' entbeben Ein süßres Sprechen, rief die Freundschaft: Halt! Weil jetzt mir's ahnt: für dich darf hin ich geben Das Blut, so mir zunächst am Herzen wallt; Da strömt vorweg mein Wort in süßen Schulden, Und fleht: antworte mild, Herrin der Hulden!« Gabriele fing heftig zu weinen an, und Blancheflour weinte mit, immerdar sprechend: »Und willst du ihm denn nichts, gar nichts erwidern? Dem teuern, armen Kämpfer? Soll er für dich so ohne Trost in den Tod gehen?« – Es klirrte an den Pforten des Gartens, man hörte Muzas Stimme, der Falke regte die Flügel, und blickte mit ängstlicher Ungeduld scharf umher. – »O nun schnell, nun recht schnell!« flüsterte die zitternde Blancheflour. »Du tötest ihn, wenn du den Boten ohne Antwort heim sendest.« Da schrieb Gabriele, von zwiefacher Bangigkeit beflügelt, folgende Zeilen auf die rosige Fläche:     »O, lebe Held, o lebe Für mich, die ich, ganz Liebe, dir mich gebe!« Blancheflour steckte, ihre Freundin mit dankbaren Küssen überdeckend, das Blatt in das Halsband des Edelfalken, und der schwang sich, schnell wie ein Strahl, mit der köstlichen Beute durch die Lüfte davon. Einundzwanzigstes Kapitel Zur selben Stunde war Tebaldo vor der Herberge des Freiherrn von Montfaucon eingetroffen, wo dieser soeben viele prächtige Waffen auf ein Maultier geladen hatte, um damit vor dem großen Emir Nureddin, dessen Verlangen gemäß, in seinem angenommnen Kaufmannsstande zu erscheinen. Weil aber Tebaldo die Ankunft der Galeeren, mit welchen Don Hernandez vor dem Hafen erwartet wurde, seit etwa einer Stunde erspäht hatte, auch sich bereits mit dem edlen Castilier durch verabredete Signale verständigt, ließ Folko den Emir warten, und verabredete mit dem gewandten Italiener Entführung und Flucht auf die See hinaus noch für diese Nacht. Inmitten des wichtigsten Gespräches aber war es, als hefte sich des Freiherrn Blick starr auf eine goldne Kette, die aus Tebaldos Sklavenkittel hervor sichtbar ward, und endlich vor der südlichen Lebhaftigkeit, mit welcher der Kaufherr sprach, gänzlich heraus schwankte, und Gabrielens daran befestigten Ring unverhohlen wies. – »Woher das?« fragte der Freiherr streng, und die Röte des aufsteigenden Zornes im Gesicht. »Dergleichen Kleinigkeiten«, entgegnete Tebaldo mit einer Art von ruhigem Trotze, welcher ihn allemal überkam, wo jemand ihn heftig oder gebieterisch anredete, – »dergleichen Kleinigkeiten hätten wohl Zeit, dächte ich, bis wir auf den Schiffen sind. Weil Euch aber so unendlich viel daran liegt, es zu wissen, kann ich Euch wohl sagen: ich habe das Kleinod von der Dame selbst, und zwar gab sie es mir, weil ich es als ein Handgeld auf meine Bundesgenossenschaft begehrte.« – »Der Handel ist null und nichtig«, sagte Montfaucon mit kaum zurückgehaltenem Grimme. »Es ist zu edles Blut um diesen Ring geflossen, als daß Ihr Euch sein bemächtigen dürftet, weil ein zagendes Fräulein in Scheu und Hülfsbedürftigkeit ihn Euerm frechen Fordern nicht zu versagen verstand. Her damit! vor aller weitern Unterhandlung her!« – »Ihr könntet ebensogut mein Herzblut fordern«, entgegnete Tebaldo, »und ich stehe Euch dafür, daß Ihr eins oder das andre nicht mit ein paar despotischen Freiherrnworten von mir herauskriegt. Aber mäßigt Euern Zorn. Ich entsage allen Ansprüchen, die der Ring auf Burgen oder Ländereien geben mag. Einzig und allein um sein selbst willen, begehre ich ihn, und kann Euch versichern, daß ich nicht ohne Rechte darauf bin.« – »Daß ich mit dem Kaufmann weiter handelte und unterhandelte um so ein Gut über allen Preis hinaus!« rief der Freiherr. »Ich will Euch zeigen, was es mit den Freiherrnworten auf sich hat!« Und indem faßte er zugleich Kette und Ring und Halskragen des überraschten Italieners, so schnell und kräftig, daß dieser, trotz seiner Gewandtheit, wie fest gebannt stehenblieb, und im Augenblick seines Kleinods verlustig gegangen wäre, nur daß der Graf Alessandro Vinciguerra hinzutrat, und mit einer vornehmen Herrlichkeit, die auch durch seine Sklavengewänder herdurchleuchtete, fragte: »Was habt Ihr mit meinem Reisigen, Herr Baron?« – »Messire«, sagte Folko, von Tebaldo ablassend, »macht, daß er diesen Ring, den ich Namens der Fräulein Portamour von ihm zurückheische, in meine Hände liefre, und ich habe nichts auf der Welt mehr mit ihm.« – »Ich hätte es ihm vielleicht geboten«, entgegnete Vinciguerra, »hätte es Euch beliebt, auf eine andre Weise darum einzukommen.« – »Ihr hättet es mir vielleicht geboten«, sprach Tebaldo drein, indem er mit ungewöhnlicher Hoheit wie auf die beiden Ritter herablächelte, »aber es wäre deshalben doch ebenso wenig daraus geworden.« – Vinciguerra warf einen mißvergnügten Blick auf den kecken Gefährten, aber Montfaucon, nur die Reden des Grafen beachtend, nahm dessen letzte Worte auf, sprechend: »Einkommen hätt' ich darum sollen? Ich komme bei niemandem, als bei meinem Könige, um etwas ein. Von andern Leuten fordr' ich mein Recht. Geliebt's Euch, mir das zu gewähren, oder nicht?« – »Ihr wärt um ein gutes Teil artiger und sanfter gegen mich«, erwiderte Vinciguerra mit zürnendem Hohn, »stände ich nicht als ein wehrloser Gefangner vor Euch da.« Das fiel wie ein Gift in des Freiherrn von Montfaucon adlig reinen Sinn. Gärend, das feindlich fremde Gemisch wieder auszuwerfen, empörte sich das tapfre Gemüt, nicht achtend der Zeit, der Umgebung, noch der ihn und den Gegner gemeinschaftlich bedräuenden Gefahr. Blitzschnell hatte er zwei persische Schwerter vom reinsten Stahl mit einwärts gebognen, sichelartigen Klingen, vom Maultiere herabgerissen, hielt sie dem Vinciguerra, über das Kreuz gelegt, vor, und sagte: »Wählet, Herr Graf. Sie sind beide von gleicher Länge, und schneiden beide haarscharf. Europäische Ritterwaffen habe ich leider nicht zu Hand.« Während nun Vinciguerra, zwar etwas betroffen, aber doch mit fester Entschlossenheit, unter den zwei wunderlichen Klingen seine Auswahl traf, versuchte Tebaldo, den Fechtern bemerklich zu machen, wie wenig ein entzweites Reich auf den Sieg hoffen dürfe, und welch ein gefährlicher Feind ihnen allesamt gegenüberstehe. Ein verachtender Blick des Freiherrn war die Antwort, und leicht abfertigend schollen die Worte hintendrein: »Es gilt um meine Ehre. Haltet Euch bei Eurer Elle, mein Kaufherr.« – Achselzuckend, und mit stolzer Unverletzbarkeit des Sinnes, wandte sich Tebaldo ab, sprechend: »Ihr werdet mich wohl dennoch brauchen!« Dann ging er ans Gestade des Meeres lustwandelnd hinunter, während die zwei Ritter einander voll ingrimmiger Heftigkeit anfielen. Vergebens schwebte der Falke mit der himmlischen Botschaft Gabrielens über seines Herrn Haupt, den Augenblick erlauernd, wo er sich werde herabsenken dürfen. Der Ritter ließ den Falken unbeachtet, in diesem Augenblick für weit ein andres Tun, als das der süßen Liebeskunde, entbrannt. Beide Streiter hatten wohl noch nie ein so seltsames Gewaffen zum Ernstkampf in den Händen gehabt, aber des weitgereisten Messire Huguenins Zögling war in keiner Art des Fechtens ungeübt. Bald schwirrte ihm das Sichelschwert so leicht und stark und sicher in der Faust, als seine Ritterklinge sonst, und während sein Gegner oftmalen in der Verwirrung die stumpfe, auswärts gebogne Seite statt der Schneide gebrauchte, schnitt Folko immer besonnen mit der innern Sichelschärfe grad ein, bis Alessandro Vinciguerra mit drei tiefen Wunden in Brust und Arm ohnmächtig zu Boden taumelte. – »Da habt Ihr was Herrliches angerichtet«, sagte Tebaldo, der in diesem Augenblick wieder neben den beiden stand. »Macht Euch nur jetzt hier fort; es ist nicht gut sein. Den Wunden will ich schon aus dem Wege schaffen.« – Damit hatte er sanften, aber gewaltigen Schwunges den ohnmächtigen Grafen auf seine Schultern geladen, und war mit ihm zwischen einigen nahestehenden Gartenhäusern verschwunden. Noch stand der Freiherr sinnend, die Kampfeswut verhauchend und Tebaldos letzte Worte kaum halb verstehend; da wurden sie ihm plötzlich nur allzuklar. »Sehe ich recht? Ist solch eine Frechheit erhört?« rief eine bekannte Stimme dicht neben ihm. Es war der Fürst Muza, der staunend auf der Straße, ein reiches Gefolge um sich her, seinen schlanken arabischen Hengst anhielt, und starr in des Freiherrn Antlitz schaute. Dieser wollte in seine Kaufmannsweise wieder zurück, aber nun erst ward er inne, was er im Eifer des Zweikampfes aus der acht gelassen hatte; Vinciguerra hatte ihm durch einen jener Streiche, mit der stumpfen Seite des Perserschwertes geführt, den Bund vom Kopfe gehauen, die falschen Bärte waren mit zu Boden gestürzt; von seinen reichen braunen Locken umwallt, den ritterlich schönen Knebelbart an Lippen und Kinn, stand der Freiherr Folko von Montfaucon unverkennbar in voller fränkischer Heldenherrlichkeit da, die blutige Sichelklinge in der tapfern Faust. Er schüttelte aber die Bestürzung viel früher, als Muza es vermochte, von sich ab, riß einen Panzerhandschuh aus dem Waffenzeuge, das auf des Maultieres Rücken lag, und ihn in des Fürsten Antlitz schleudernd, rief er aus: »Ich fordr' Euch zum Zweikampf, Herr, auf Leben und Tod! in Waffen, wie Ihr selbsten sie wählen mögt, und damit tu' ich Euch viel zu viel Ehre an. Denn nicht nur seid Ihr wie ein wortbrüchiger Knecht aus einem ritterlichen Gewahrsam entronnen, sondern habt noch dazu, wie ein gemeiner Räuber, zwei edle Jungfrauen entführt, deren eine Eure Wirtin war.« – Eine Totenblässe schoß über Muzas Angesicht. War es nur die des Zornes, war ein schlechteres Beiwerk darunter? Es ließ sich schwer entscheiden, weil ein jeder Tritt vom Pfade der offnen Rechtlichkeit weg auch den besten von uns in die Macht abscheulicher Gewalten gibt, deren Dasein er vorher nimmermehr geahnet hatte. Soviel zeigte sich alsbald, daß Muza tief genug gesunken war, seinem Gefolge zuzurufen: »Fangt ihn! Bildet sich der meuchelmörderische Kaufmann ein, daß ich mit ihm fechten soll?« Da fielen die Kriegsmänner und Dienstleute in des Fürsten Gefolge, von ihren Rossen springend, den Freiherrn mit zornig drängender Übermacht an. Aber der, nachdem er mit dem Perserschwerte zweien bis dreien das allzukühne Vordringen auf immer verleidet hatte, riß während des Zögerns der übrigen von des Maultieres Ladung mit unerhörter Gewandtheit Dolche, Pfeile, Wurfspeere und Äxte herab, und schleuderte sie in den Haufen der Angreifenden mächtig hinein. Geheul und Ächzen scholl alsbald rings um ihn her, und er rief im furchtbar lodernden Zorn beständig dazwischen: »Probt den Kaufmann! Probt! das sind seine heiß verderblichen Waren!« Schon wichen Muzas Getreue von allen Seiten zurück, niemand mehr hatte Lust, den Kampf zu erneuen, da rief der von Scham und Ingrimm lodernde Fürst: »So muß denn ich es noch endlich mit ihm versuchen, wenn Ihr allsamt so jammernswürdige Memmen seid.« – Er machte Anstalt, vom Hengste zu steigen, auf dem er bisher als Zuschauer ruhig gehalten, aber Folko rief aus: »Jammernswürdigste Memme du selbst, von allen, die hier umherstehen, du bist keines Zweikampfes mehr wert.« Und zugleich schleuderte er eine Streitaxt auf seinen Gegner hin, so sichern, so gewaltigen Schwunges, daß die Schneide tief in Muzas hohe Stirne fuhr, und der junge frevle Degen leblos in die Gräser hernieder taumelte. War es nun aber im Todeskampf geschehen, oder in letzter Zornanstrengung, der Sterbende schleuderte seinen Damaszenersäbel gegen des fränkischen Helden Brust, und da glitt die Klinge tief hinein, so daß Folko zugleich mit seinem Gegner, der Sinne beraubt, am Boden lag. Wütig drang das Gesinde zur Rache seines Herrn und der selbst erlittenen Schmach über den gefallenen Ritter her, und vor drei Wunden in die Brust, vor mehrern über Haupt und Schulter und Arm, strömte sein edles Leben in reichen Purpurquellen fort. Ängstlich schwebte der treue Falke über dem grausen Gewimmel. Zwei weißen Lichtstrahlen vergleichbar, leuchteten zwei schöne Frauen zwischen den streitwilden Gestalten, die ihnen ehrerbietig Raum gaben, heran. Es waren Blancheflour und Gabriele, im allgemeinen Tumult, der um des Fürsten Muzas Tod den Palast erfüllte, aus den Umhegungen desselben gedrungen. Über des Freiherrn von Montfaucon starren, blutgeronnenen Leib sanken sie weinend hin, und küßten bald einander, bald den erblichenen Helden, und baten Gott mit klagenden Stimmen um den Tod. Eine Zeitlang standen Volk und Sklaven umher, staunend wie vor einem ernsten Gruß aus höhern Welten. Aber nach und nach entbrannten die schlechten Gemüter wieder zu den gewöhnlichen rohen Flammen, und erst in einzelnen Lauten, dann in vernehmlichen Worten, dann endlich im wilden, widerhallenden Zuruf brauste die gräßliche Rachgier los, zum Opfer begehrend die zauberischen Christinnen, durch deren böslich verlockenden Reiz der herrliche Muza seinen Tod gefunden habe. Die beiden Fräulein waren hinter dem Silberschleier ihrer Tränen vor all dem unheiligen Treiben verborgen, aber sie hätten in eben dieser Verborgenheit ungeahnet ihren plötzlich gewaltsamen Tod gefunden, wäre nicht ein Mensch in die Mitte des Getümmels getreten, mehr einem Halbgott als einem Menschen an Herrlichkeit und Kraft vergleichbar, und der Menge durch seine Heldentugend, wie auch durch viele glänzende Äußerlichkeiten gebietend; es war der Emir Nureddin. »Die Frauen sind in meinem Schutze!« sagte der; und kaum nur, daß die einfachen Worte, ohne Kraftanstrengung, ohne Zorn oder Drohung, von seinen Lippen klangen, so trat der Haufe im ehrerbietigen Staunen zurück, nicht ein Wort dawider zu flüstern wagend, daß der Emir die Frauen mit sittiger Milde, mit einer ganz väterlich holden Vorsorglichkeit von dem Freiherrn zu entfernen wußte, und sie aufs ehrerbietigste in einen glänzenden Tragesessel hub, befehlend, sie nach den erlesensten Zimmern seines Palastes zu führen. Dann begab er sich wieder zu den beiden Gefallnen. Dem Fürsten Muza saß der Tod auf den verzerrten Zügen in den gebrochnem Augen; seine Verwandten holten ihn wehklagend ab. Aber auch den Freiherrn von Montfaucon erklärten die weisesten herbeigerufnen Ärzte, mit allen Balsamen und Künsten Arabiens vertraut, für gestorben, an den vielen heißen Wunden, die seinen Leib bedeckten; worauf der Emir gebot, ihn einstweilen in einer nahen Halle aufzubewahren, wo man sonst nur Fürstenleichen zu erblicken gewohnt war. Es geschahe nach des mächtigen Fürsten Nureddins Gebot. Der Falke schwebte langsamen, schweren Flügelschlages dem traurigen Zuge nach. Als sich die tönenden Eisentüren des Begräbnisses schlossen, hackte er noch einigemal mit dem Schnabel, krallte mit den Fängen daran; dann schwang er sich plötzlich, wie in wilder Verzweiflung, rasch über die Wogen des Meeres in die ungemeßne Ferne hinaus. Zweiundzwanzigstes Kapitel     Auf Nordlands Bergen hoch und hehr, Im Abendschimmer, Da sitzt ein Knab, von Lieb umwallt, Und denkt an eine Magdgestalt, Die macht ihm immer Gefahren leicht, doch Trennung schwer.     Dich, edlen deutschen Minnesang Läßt er hell klingen Durch Schwedens grün' Gebirg' und Tal. Ei wie vertraut sich allzumal Die Vögel schwingen, Die Wiesen blühn vor solchem Klang!     Sie wissen's wohl, die Wälder dicht, Und Burgeshalden, Und Wart' und Fels und Runenstein: Der deutsche Sänger meint's so rein, Wie alte Skalden, Ausstreuend ernster Sagen Licht.     Ein selig Lichtlein streu' ich aus, Durch euch, ihr Grenzen! Dieweil der zartsten Huldin Bild Mir von den trunknen Lippen quillt, Dürft ihr erglänzen Als hoher Schönheit Tempelhaus.     Ich sing' euch all mein Bestes gern, Euch meine Seele! Da müßt ihr frisch auch im Verein Als Chorus mir verbunden sein, Müßt: Gabriele! Mir widerklingen nah und fern.« Es war ein schöner Sommerabend, an welchem Herr Ott' von Trautwangen dieses Lied auf einer der schwedischen Grenzhöhen gegen Finnland hin, zu seiner Zither sang. Er befand sich unweit von Frau Minnetrostens Warte, denn bis tief in die schöne Jahreszeit hinein war der Angriff der Christen auf die Heidenmarken verzögert geblieben, der Unterhandlungen halber, welche die Ungetauften wegen ihrer Unterwerfung und Bekehrung angeknüpft hatten; Otto und Arinbiörn also standen noch immer auf der gewohnten Stelle mit ihrer Schar. Jetzt eben wollte der junge Ritter aufbrechen, um nach dem Wohnplatze der frommen Drude heimzukehren, da schwebte es wie ein scheues Gefieder um seine Locken her. An Fledermäuse oder andre Luftbewohner von häßlicher Art gedenkend, die mit der Nacht frei werden, schlug Otto, sie zu verscheuchen, in die Hände, und hub einen kühn hallenden Jagdruf an; das schien aber die Schwingen des ihn umgaukelnden Vogels erst recht einzuladen, und plötzlich schmiegte sich ein wunderschöner Edelfalke wie vertraulich bittend an seine Brust. Der geübte Jäger mußte alsbald Montfaucons treuen Waidgenossen erkennen, um so sichrer, da sich das goldne, oft geschaute Halsband, mit den freiherrlichen Farben und Zeichen ausgeschmückt, um die leuchtenden Federn hinwand. »Mein Gott!« seufzte Otto, »ist denn der heldenmütige Folko so frühe gefallen?« – Denn er wußte wohl aus Montfaucons ehemaligen Erzählungen, daß solch ein edles Tier nur im Tode lasse von seinem Herrn, und dann über Land und Meer weit umherkreise; sich einen gleichwürdigen Meister und Genossen zu erwählen. »Wollte Gott«, sprach Otto, in des Vogels kluge Augen hineinschauend, »du könntest mir nur vier oder fünf Worte erwidern. Es drängt sich ein Heer von Fragen darnach in meiner Brust.« – Und wie uns denn oftmalen gewährt wird, warum wir törichterweise bitten, und was uns vielmehr zu Schmerzen, als zum Heile gereicht, so geschah es auch hier. Ein rosenfarbnes Pergamentblättlein sah aus des Falken goldnem Halsbande heraus, und als Otto es hervorzog, las er des herrlichen Freiherrn glühende Liebesbitte, las Gabrielens Gewährung, welche den, der ein seliges Erlaben daraus schöpfen sollte, nimmer erreicht hatte, den Armen hingegen, dem ein Todespfeil daraus entgegensprang, in diesem Augenblicke scharf und bitter traf. Ihr, die ihr irgend ein Wesen in der Welt über alles liebt, von ihm mit schmeichelnden, euer Hoffen noch überflügelnden Aussichten angelockt worden seid, und nun, weil es sich plötzlich abgewandt hat, dasteht, wie ein Wandrer in der Wüste, dem der Mond unvermutet untergegangen ist, – ihr werdet des armen Otto tiefe Schmerzen verstehen. Fiele dies Buch in eine Hand, die mehr gewohnt wäre, dergleichen Wunden auszuteilen, als sie durch einen festen Druck auf die eigne Brust zu verdecken, so möchte wohl ein höhnisches Lächeln darüber hinziehn. Aber Gott wird euch, meine lieben, ehrlich gemeinten Zeilen, schon vor solchen Lesern bewahren, und so darf ich hoffen, daß wer euch liest, den seelenwunden Otto bedauert, und sich doch zugleich an ihm erfreut, weil der Jüngling noch Kraft genug hat, seinen tiefen Schmerz für sich ganz allein zu behalten, und, die Zither im Arm, den Edelfalken auf der Faust, nach Frau Minnetrostens Warte mit gefaßtem Mute und äußerlich ruhig hinaufzuwandeln. Dreiundzwanzigstes Kapitel Es trabte, als er schon auf der Höhe des buschigen Steinpfades klomm, etwas mit beerzten Hufen, wie ein Schlachtroß, neben ihm im Tal. Unwillkürlich hinunterblickend, gewahrte er eines grauen Pferdes, und eines Reiters darauf, der ihm zusamt dem Tiere bekannt vorkam. Indem er noch darüber sann, schaute der Reisende in die Höhe, und, Ottos Gesicht zwischen den laubigen Ranken hervor bemerkend, hielt er sein Roß plötzlich an, neigte sich sehr tief, und sagte: »Willkommen mein hochedler Sieger und Herr. Ich melde mich, daß ich von der mir gebotenen Fahrt zurück bin, und Euer erobertes Banner richtig auf die Veste Trautwangen am Donaustrande gebracht habe.« – Da erkannte Otto den wackern Schwedenjüngling Swerker, seinen Gefangenen und Boten, und voll Sehnsucht nach Vater und Vaterland, durch das Scheitern seines Liebesglückes noch erhöht, ließ er sich am Rande des Felsenpfades nieder, sprechend: »Erzähle mir nur gleich hier herauf, Swerker, und recht ausführlich, wie du es gefunden hast.« Swerker schaute besorgten, etwas bleichen Angesichtes zu ihm empor, und sagte endlich: »Herr, weiß es Odin, Ihr habt Euch gegen mich betragen, wie der herrlichen Asgardsfürsten einer, und ich soll Euch nun zum Danke gar unwillkommene Botschaft zurücke bringen, weit anders wohl, als Ihr sie wünscht – aber Ihr habt zu gebieten, und ich gebe Euch, was ich in meiner Botentasche habe, Schlimmes und Gutes, frei und ehrlich heraus. – Burg Trautwangen am Donaustrande steht noch stark und fest; ich sahe die prächtigen Giebel schon fern über die fruchtreiche Ebne hervor. Die Leute neigten sich ordentlich, wenn ich nach dem alten Herrn Hugh fragte, und bestätigten es mir, daß er da droben hause, einsam und feierlich. Der Mann, bei dem ich meinem Gaul, eine viertel Tagereise vor der Burg, das letzte Futter gab, hatte früher einmal auf der Veste gedient, und erzählte mir recht ausführlich von des greisen Helden ehrwürdigem Aussehen, und wie er immer so grade und ernst auf seinem hohen Sessel in der Waffenhalle sitze, das grün samtene Käpplein auf seinem Haupt, vor sich den runden Tisch, mit dem Silberbecher, aus Schaustücken zusammengefügt, und dem uralt edlen Weine darin. Recht auch wie ein Schauer der Lieb' und Ehrfurcht wehte mir es entgegen, als ich in des Schlosses Umhegung trat. Im sichern Frieden durch ihres alten Burgherrn Ansehn und ernste Würde standen die Torflügel weit auf, lagen die Zugbrücken ruhig über die Gräben hingestreckt. Es kam mir nicht Diener, nicht Knappe entgegen; ich saß deshalben ohne weitres ab, knüpfte mein Roß an der Rügesäule inmitten des Hofraumes fest, und schritt die große Steige hinauf, von welcher ich vermeinte, daß sie mich nach der Waffenhalle führen müsse. Ich ging aber langsam, und klirrte geflissentlich mit Rüstung und Sporen, ob sich nicht etwa jemand finden wolle, mich zu begrüßen oder anzumelden. Kein Mensch erschien; nicht Wort, nicht Tritt bewegte sich in dem weitläuftigen Bau. Da stand ich endlich vor der großen, eichenen Flügeltüre, und ahnend, dies müsse der Eingang zur Waffenhalle sein, klopfte ich dreimal laut und langsam und abgemessen mit meiner geharnischten Rechten an. Kein Laut von innen! Ich klirrte und klinkte am Schloß. Drinnen alles still! – Da dachte ich endlich so: ›Ich habe nun genug getan, mich als Gast zu melden, und wer taub ist, oder so gar harte schläft, kann es mir nicht verdenken, wenn ich unangemeldet eintrete. Bin ich doch ein Bote, und habe Wichtiges drinnen abzuliefern!‹ – So machte ich denn die Türe bescheiden auf, und trat mit dem Banner hinein. Da war ich nun freilich in der Waffenhalle, aber sie sah mir mit all ihren Harnischen und Gewehren wie die leer gewordne Rüstung eines toten Helden aus. Denn obgleich im Hintergrunde lang und ernst und grade der alte Herr Hugh mit seinem grünen Käpplein auf dem Haupte hinter dem runden Tische saß, auch der Silberbecher mit dem Weine noch vor ihm stand, so waren des Rittergreisen Augen doch fest zugeschlossen, seine Farbe totenbleich, totkalt seine Stirne, krampfhaft seine starken Hände gefalten. Da merkte ich denn wohl, daß der Held eben jetzt gestorben sein müsse. Ich stellte Euer ersiegtes Banner neben ihn, und gedachte Wache bei der edlen Leiche zu halten, bis jemand käme. Aber weiß Odin, wie es zuging! Mich wandelte ein ungeheures Entsetzen in dem unbekannten, menschenleeren Raume an, mir ward, als müsse der Tote sich plötzlich regen, die Augen auftun, und sich eben so gräßlich vor mir entsetzen, als ich vor ihm; dann würde sein Schreckengeheul mir auf die Seele fallen, und ich im unheilbaren Wahnsinne hinausrennen in die weite Welt. Herr, ich verhoffe, Ihr habt es erprobt, daß ich keine Memme bin, aber auf dieser Stelle ward es mir zu heiß. – Überdas, dachte ich bei mir, hast du ja deine Botschaft ausgerichtet. Du hast dem alten Helden das Banner gebracht, und sie können es ihm mit in seinen Hügel legen. Auch kannst du dem Sohne melden, daß sein Vater in Odins Kammern sitzt und zecht, oder wie das die Christenleute sonst nennen mögen. – Somit eilte ich die Stiegen hinunter, sprengte hinaus, und hörte noch unfern vom Tore der Knappen Geheul bei dem Leichnam ihres Herrn. Und hier nun halt' ich, und ich hab Euch die Kunde gebracht.« »Hast sie gebracht!« seufzte Otto gebrochnem Herzens, während die nun völlig hereingedunkelte Nacht sein verstörtes Antlitz vor Swerkers Augen verbarg. Er gebot diesem mit kurzen, freundlichen Worten, nach dem Lager zu reiten, und ihn dort zu erwarten; dann wandte er sich selbst nach Frau Minnetrostens Warte hinauf, ohne es verhindern zu können, daß bisweilen unter den umhüllenden mächtigen Schatten schwere, glühheiße Tropfen aus seinen Augen herabrollten. Oben in der heimlich hellen Stube, an dem runden Tisch, hätten sie alsbald des jungen Ritters schmerzenbleiches Gesicht, sein wildfliegendes Gelock, sein rollendes Auge, als eben so viele Zeichen des innersten Leidens erkannt; nur daß außer Frau Minnetrost selbst und dem Seekönig noch ein Dritter zur Stelle war, dem beide mit angestrengtester Aufmerksamkeit zuhörten, und der auch, sobald Otto ins Zimmer trat, freudig vom Sessel auffuhr, und ihm in die Arme flog. »Ei Gott, Heerdegen, bist du es!« sagte Otto staunend und wie halb ungewiß, obgleich ihm die breite und tiefe Narbe, welche durch sein eignes Schwert über Ritter Lichtenrieds Antlitz gezeichnet war, jeden Zweifel hätte benehmen können. Die beiden, schon öfter entzweiten, aufs neue versöhnten Freunde, drückten einander mit großer, tiefglühender Innigkeit an das Herz. Es hatte jeder dem andern etwas zu vergeben, und vielleicht schließt kein Gefühl so lebendig, als dieses, die Gemüter zwei guter Menschen gegeneinander auf. Sich mit Worten zu erklären, wär' an und für sich selbst schon unnötig gewesen, vielleicht gar störend, und hier wurden sie jeder Versuchung dazu überhoben, weil Frau Minnetrostens und Arinbiörns Augen mit so begehrendem Sehnen an den Lippen Heerdegens hafteten, daß man wohl sah, welche wichtige Dinge diesen eben entquollen waren, und wohl noch zu entquillen im Begriff standen. »Es ist eine wilde Zeit, in der wir leben«, sagte Ritter Lichtenried, als, einer solchen Stimmung zufolge, sich alle wieder, achtsam auf seine Worte, um den runden Tisch hergesetzt hatten. »Was ich euch beiden früher gesagt habe, und was nur Otto noch nicht weiß, wiederhole ich jetzt in der Kürze: daß König Richard Löwenherz bei der Belagerung von Ptolemais mit dem Herzoge von Österreich in Streit geriet, und daß der Herzog darüber ihm, der im kecken Rittermut auf der Heimfahrt als Pilger durch das österreichische Land zog, auflauern ließ, und ihn gefangennahm.« »Herr Jesus!« schrie Otto auf, »da ist ja das Rittertum selbsten gefangen, wenn der König Richard Löwenherz gefangen ist.« »Eben darum müssen auch alle Ritter dafür ins Zeug«, entgegnete Heerdegen. »Es kommt nur darauf an, auszuforschen, in welcher Berg- oder Wasser- oder Talveste der große König Richard verborgen ist. Der Herzog will leugnen, und erzählt heute, er habe den Löwenherz gar nicht eingefangen, morgen, er sei dem Kaiser überliefert, tags darauf, er sei entsprungen. Was soll denn nun ein ehrlicher Rittersmann in solchem Wirrwarr beginnen? Der Kopf schwindelt einem, das Herz tut einem weh, und mit der größten Kraftanstrengung von innen kommt keine einzige Tat zustande, die sich äußerlich auch nur halbwege könnte sehn lassen.« »Es ist überhaupt kein sonderliches Leben auf der Welt«, sagte Otto. »Von ferne her, für Engel oder Teufel, mag sich's besser ausnehmen, oder doch spaßhafter, aber für den, der mitten drinne ist, ist die Freude dabei nur schlecht.« Die feindselige Bitterkeit, mit welcher diese Worte aus einem Munde drangen, dem sonst nur Huld und Anmut entströmten, richtete aller Augen auf Ottos Gesicht. Und wie wenn man plötzlich eine freudig bewohnte Gegend als einen Trümmerhaufen erblickt hätte, ohne noch ahnen zu können, woher die grause Zerstörung entstehe, blieben alle starr und schweigend dahin gewandt, bis Frau Minnetrost mühesam die Worte hervorbrachte: »Um Gott, was ist dir widerfahren, junger Held?« »Ach, es will eben nichts bedeuten«, antwortete Otto auf dieselbe furchtbare Weise. »Nur meine Braut ist mir untreu geworden, und mein Vater ist mir gestorben, so daß ich fortan allein stehe, ganz allein auf der Welt. Weiter ist es nichts.« – Und weil Arinbiörn und Heerdegen sich zu ihm drängten, und ihn liebkosend in ihre Arme faßten, sagte er plötzlich mit unerwarteter Weichheit der Stimme und des Sinnes: »Grämt euch nicht darüber, Gesellen; es ist nun einmal nicht anders. Ihr habt recht treu und ehrlich bei mir ausgehalten, sofern es nur irgend menschliche Gebrechlichkeit vermag; weiß Gott! – Aber ich stehe dennoch ganz allein. Denn im innersten, heiligsten Funken des Daseins muß das Band angeknüpft werden, an Vater und Mutter und Geschwister, oder an ein liebendes Weib, oder an ein blühendes Kind; sonsten ist es mit all anderm Lieben und Leben nichts Rechts. Ein Schatten, der über die Wiesen fährt! Gut' Nacht.« Und damit machte er sich voll sanfter, aber gewaltiger Kraft aus den Armen der Waffenfreunde los, nach der Türe schreitend, im tiefen, herznagenden Gram. Da trat Frau Minnetrost hinter dem runden Tische hervor. Rückwärts, wie von der Mondscheinglut ihrer Blicke getrieben, wallte der grüne Schleier von ihrem Gesichte fort, und ohne irgendeine heftige Bewegung stand sie doch unvermutet schnell an Ottos Seite, umschlang ihn unter heißen Tränen, und sagte: »Nein, du bist kein Schatten, der über die Wiese fährt! Nein, du stehst nicht allein! Denn ich bin Hilldiridur, deine Mutter, des starken Hugurs treues Weib!« Vierundzwanzigstes Kapitel Fragt euch, die ihr eine geliebte Mutter unter den Gestorbnen zählt, wie es euch sein würde, wenn die so lang verloren Geglaubte noch in dieser Welt unvermutet, und wo euer Gemüt ihrer am mehrsten bedürfte, wieder vor euch da stünde, und euch all den Frieden eurer Kindheit, all die süße, schuldlose Lust von damals her wieder mit ihren holden Tröstungen in die Seele lächelte! Ihr aber, die ihr noch des unaussprechlichen Heiles genießt, unter Mutteraugen zu wandeln, euch will ich den furchtbaren Gedanken nicht zumuten, auch nur auf Augenblicke als verloren zu betrachten, was eures Lebens mildeste Freudigkeit und reinste Zier ist. Ihr werdet ja auch wohl ohnedem die heilende Wonne zu ahnen wissen, die sich so urplötzlich in rechter Himmelsfülle durch des armen Otto blutende Brust ergoß. Vor Hilldiridurs sanften Mondscheinaugen ging ein ganzes Blumenbeet der kindlichen Zuversicht und Hoffnung in seinem Herzen auf. Das nun entschleierte Mutterantlitz leuchtete ihn in aller wohlgekannten Milde und Tröstlichkeit an, nur nicht mehr so tiefbetrübt, als damals im Walde, nicht auch so bleich und regungslos, als von der Kapellenwand in der Nacht der Waffenwache. Es dauerte lange, ehe man irgend zu Erklärungen miteinander kam. Otto kniete nur immer vor Hilldiridur, sprechend: »O süßes, süßes Mütterlein! O hab' ich dich wieder! O Gott, wie bist du denn so lange fort gewesen? Dein armes Kind hat sehr um dich geweint.« – Und Hilldiridur übergoß sein Angesicht mit süßbittern Tränenströmen, und trocknete sie zugleich immer wieder mit streichelnden Fingern ab. Arinbiörn und Heerdegen standen mit gefaltenen Händen still zu beiden Seiten, wie man wohl noch auf altdeutschen Bildern ähnliche Gestalten neben heiligen Männern oder Frauen anzutreffen pflegt. Endlich entließ Hilldiridur die drei jungen Helden, den Sohn auf morgen abend allein wieder herbescheidend, daß er das Schicksal seiner Eltern aus der Mutter Munde vernehme. Halb jubelnd, halb weinend, ritt Otto durch die helle Mondnacht zurück, die Gefährten fast in gleicher Stimmung, neben ihm her. Im Lager kam Swerker gesprungen, und wollte des Ritters Trautwangen Stegreif halten. »Nicht so«, sprach abwehrend dieser,«du bist mein Knappe nicht, du bist mein lieber, ebenbürtiger Waffenbruder.« – »Mitnichten, Herr«, entgegenete Swerker. »Noch bin ich ja kein Christ, und wer weiß, komm' ich im Leben dazu.« – »Das kommst du gewiß«, sagte Otto. »Hätten wir nur einen ordentlichen Priester hier in der Schar. Der sollte dir unsre Lehre in ihrer Göttlichkeit zeigen, und fürwahr, du nähmest sie ohne Zögern an.« – »Wißt Ihr was, Herr?« sagte Swerker. »Ich dächt', Ihr machtet Euch selbst an die Arbeit. Ritter und Ritter bespricht sich immer am besten zusammen, und so aus ganzem, treuen Herzen werden wir gewißlich miteinander eins. Habt Ihr recht, so geh' ich Euch nach zu dem Christ; hab' ich es, so kommt Ihr mit mir zu dem Altvater Odin herüber.« »Es sei gewagt«, sprach Otto, »und noch morgen, mit Aufgang der Sonnen. Hat mir Gott mein Herz doch eben erst so wunderbarlich zerknirschet und erfreut; ich denke, da soll es mir gut gelingen.« Wie gesagt, so getan. Den ganzen, folgenden Tag hindurch rangen die zwei jungen Helden mit feurigen Worten gegeneinander. Otto fühlte den Geist, der ihm die seinigen eingab, und durch ihn seinen nahen Sieg. Als der Abend dunkelte, ritt er freudigen Mutes zu der lieben Mutter nach dem Drudenturm. Die trat ihm schon an der Pforte entgegen, und führte ihn liebkosend die Steigen hinauf, in das Gemach mit dem runden Tische, das heute vorzüglich hell und anmutig erleuchtet war. Auf dem runden Tisch selbst aber lagen viele glänzende Dinge: ein prächtiger Helmbusch, von edlem Gestein zusammengehalten, ein großes Goldkreuz, an reicher Kette hangend, eine grün samtene Feldbinde, von goldner Stickerei blendend hell durchfunkelt, und was der edlen Rittergaben mehr waren. – »Das soll dein sein, lieber Sohn!« sagte Hilldiridur, ihren wiedergewonnenen Liebling vor das lichte Rund hinstellend, und während er noch staunend bald auf den Reichtum der Geschenke, bald auf die Mutter blickte, sagte diese mit zwei hellen Tränen in ihren lichtbraunen Mondscheinaugen: »Ich habe dir ja durch so viele Jahre nichts zu Weihnachten oder zum Geburtstage bescheren können, du armer, verlassener Knabe. Da soll es denn nun mit einem Male geschehen.« – Und zugleich fing sie an, ihr liebes Kind mit den funkelnden Herrlichkeiten auf das leuchtendste auszuschmücken, so daß bald der junge Held wie ein Feenkönig in Zier und Schimmer strahlend vor ihr stand. Nachdem sie ihn nun noch einmal mit der ganzen Seligkeit des mütterlichen Wohlgefallens angestaunt hatte, ließ sie ihn sich gegenüber an den runden Tisch sitzen, und hub, ihm unverwandt in die Augen blickend, folgendergestalt zu sprechen an: »Dein Vater, mein lieblicher, milder Sohn, war lieblich wie du, aber nicht so mild: ein furchtbarer, dräuender Kriegsheld, vor dem alles, was ihn liebte, zugleich erzittern mußte, wie vor einem herrlichen Sommertage, an dessen Saume schwefelblaue Gewitter stehn. So war auch ich denn, nachdem er in einer Bucht des Nordmeers, halb verheißend, halb schreckend, mich auf meiner Heimreise von Island zum Eheweibe gewonnen, ihm nicht minder in Scheu als Treuen ergeben. Noch dröhnt das Bangen durch mein Gebein, das mich ergriff, als er einstmalen – wir kamen eben von einem fröhlichen Feste, das ihm zu Ehren in einer holländischen Seestadt, wo wir einige Monden lebten, gehalten worden war, – in meinem Gemache ein Runenstäblein fand, von wunderbaren, gewaltigen Zeichen umwunden, und mit plötzlich aus süßer Liebeshuld in grimmiges Zürnen übergehenden Zügen zu mir sagte: ›Ich habe schon vernommen, daß du eine gewaltige Zauberin seist, aber hüte dich, daß ich von diesen Kunststücklein nicht fürder etwas bei dir gewahre. Der Augenblick wär deines Lebens letzter.‹ – In unvorsichtiger Furcht, des Runenstäbleins Kraft nicht beachtend, warf ich es in die Flamme des Kamins, die alsbald, wild auflodernd vor dem unheimlichen Gaste, den Schornstein emporflog, das Gemäuer sprengte, und so schnell um sich griff, daß Hugur kaum noch Zeit gewann, mich zum Tod' Erschreckte aus dem Flammengewirbel zu tragen. O hätt' es doch nur all mein Zaubergeräte mit verzehrt, und vor allem den furchtbaren Spiegel, der draußen in der Wand eingefugt ist, und den ich damals, sorgsam verpackt, überallhin mit mir führte! Aber die geheime Kraft darin hatte die Flammen zurückgetrieben, und so sehr ich auch Hugurs Zürnen scheute, fand ich dennoch nicht Macht in mir, mich von allen erlernten Geheimnissen und ihren Werkzeugen loszumachen. Ach Sohn, wohin ein angebornes Sehnen den Menschen treibt, da muß er hin, und risse sich ihm unterwegens im Ringen sein ganzes Erdenheil von den Schultern! – Doch verhieß ich mir selbsten, die gewaltigen Geräte nur ganz ungenutzt bei mir zu behalten, vorzüglich da Hugurs Ingrimm gegen alledem ähnliche durch die Feuersbrunst wohl noch gestiegen sein mußte. Er entschädigte den Besitzer des Hauses, wie es ihm seine königliche Freigebigkeit gebot, und zog alsdann mit mir nach der gesegneten Stadt Koblenz, die am Zusammenflusse des Rheinstromes und der Mosel gelegen ist, und vielleicht an Anmut ihrer blühenden Gegenden mit jeglichem Orte in der Welt, leuchte er auch aus den Gefilden der herrlichen Asia auf, Wettstreit zu halten vermag. Dort, in einem Ritterschlosse unfern der Stadt zwischen blühenden Obstbäumen, auf einem der lieblich anschwellenden Rasenhügel gelegen, überschauend die von beiden herrlichen Flüssen umarmte Fruchtebne voll reifender Saaten und duftender Wiesen, – dort wurdest du geboren, mein liebliches Kind. In süßer Unbewußtheit lächeltest du aus deiner Wiege vom Altane der Burg her durch die helle, dich grüßende Welt hinaus, und so wenig du auch damals dich selbst und sie zu begreifen vermochtest, so könnte ich doch darauf schwören, daß die in jenen Träumen empfangenen Lichter und Düfte noch jetzt bisweilen durch dein Wachen und deinen Schlummer ziehn.« »Mutter, mir ist auch so zumut«, sagte Otto. »Eure Worte rufen mir Bilder herauf, die tief, tief, wie ungelöste, anmutig verflochtene Rätsel in meinen Gedanken liegen. Und reisten wir nicht, als ich mich besser besinnen lernte, weiter? Ging es nicht über hohe Berge hin, die voller schönen Weintrauben hingen, und standen wir nicht einmal dicht über einer schäumenden und donnernden Wasserflut? Oder war es vielleicht ein zürnendes Gewitter unter uns in weißlich bläulichen Wolken?« »Das war der herrliche Rheinfall, mein lieber Sohn«, entgegnete Hilldiridur. »Ich weiß noch wohl, wie du freudig in die Händchen klopftest, und dein Jauchzen, das in dem Gedonner des Wogensturzes verschwamm, hellfunkelnd aus deinen glühenden Wangen und Augen strahlte, so heftig die Bretter auch erbebten, auf denen wir standen. Da küßte der starke Hugur inbrünstig dich und mich, und rief jubelnd mit seiner Löwenstimme durch das Tosen der Flut: ›Das ist mein echter, tapfrer Sohn! Hab' Dank für die Bewährung, du Heldenprüfer, gewaltiger Rhein!‹« Otto sah freudeglühend in seiner Mutter Augen, und sie sagte lächelnd: »Du hast dich eben nicht viel mehr verändert seit damals, als notwendig war, um aus einem Knaben zum Ritter zu erwachsen. Ich habe dich auch gleich nach dem ersten Anblick wiedererkannt.« »Und verbargt Euch so lange vor mir?« fragte Otto wehmütig. »Und hieltet uns beide so lang' von den seligen Freuden, die uns jetzo umgeben, fern?« »Mein Sohn«, sprach Hilldiridur tief aufseufzend, »es ist oft eine drückende Last, allzuscharf in die Wunder der Natur und Geisterwelt hineinzuschauen. Ich habe darüber schon einmal mit Bertha gesprochen. Wo ihr in kindlicher Unbefangenheit eures Weges hoffend und wünschend fürder eilt, da hält es uns an tausend heimlichen Zeichen und Mahnungen fest, denen wir folgen müssen, wenn wir uns nicht versündigen wollen an der ernsten Gabe, die nach des Himmels Ratschluß auf unsern Scheiteln liegt. Es war die rechte Stunde noch nicht gekommen.« »Habt Ihr wohl früher«, sagte Otto, »mein seltsames Ebenbild, den Ottur, nach welchem jetzo mein Schwert geheißen ist, für Euern Sohn gehalten?« »Das hab' ich wohl auf Augenblicke«, entgegnete Hilldiridur, »aber ich merkte nur allzubald, wer er ist. Du wirst es auch erfahren, denn meine Geschichte nähert sich der unheilbringenden Stunde, wo es klar vor mir aufstieg, wie furchtbar innig sein seltsames Geschick sich dem deinen und dem meinen verzweigt.« – Und nach einem ernsten Schweigen fuhr sie folgendermaßen zu sprechen fort: »An drei Jahre lang waren wir umhergezogen durch viele blühende Gauen des deutschen Landes, da erwachte die Sehnsucht nach der Heimat in deines Vaters Herzen. Er hieß in diesen Gegenden nicht mehr, wie ihn unsre nordliche Mundart genannt hatte, der starke Hugur, sondern Herr Hugh von Trautwangen, und auch ich gewöhnte mich, ihn so zu nennen, zugleich die anmutigsten Bilder von der Veste Trautwangen in meinem Geiste erweckend, wohl deswegen, weil ich ihren Namen immer verbunden hörte mit dem einzig liebsten Namen, den ich in der ganzen Welt kannte. Ich sehnte mich recht innig und in hoffender Freudigkeit nach der Burg, und habe sie dennoch nun und nimmermehr anders zu Gesicht bekommen, als lange nachher, in dem furchtbaren Spiegel. Und grade der furchtbare Spiegel hat mich doch um ihren wirklichen Anblick gebracht. Denn wie wir uns mehr und mehr der Veste naheten, stiegen auch immer seltsamere Träume allnächtlich vor mir auf, mich sämtlich auf eine unbegreifliche Weise anreizend, ich solle in den magischen Spiegel schauen, und Herrn Hughs nächste Vergangenheit darin erforschen. Beim Erwachen empfand ich, – ohne mich deutlich besinnen zu können, von was für Gestalten ich eigentlich geträumt hatte, – immer eine gewaltige Begier, jenes Gebot zu erfüllen; doch machte mich Liebe zu Herrn Hugh, und zugleich eine entsetzliche Scheu vor ihm, beständig stark genug, der seltsamen Versuchung zu widerstehen, bis mir einst in einer Nacht, die wir unter Zelten im tiefen Walde verlebten, mein Traum aufs deutlichste, aber auch aufs furchtbarste klar ward, und es auch nach dem Erwachen blieb. Es war mir nämlich immer, als ginge Schön-Astrid, meine Schwester, von deren Tode ich noch nichts wußte, emsig nach Blumen suchend, unter den Bäumen umher, als streife bisweilen ein Mondesstrahl ihr Gesicht, und müsse ich dann immer zu mir selbsten sagen: ›Es ist doch wunderlich, wie die Nachtlichter bleich machen! Sieht sie nicht aus, wie eine Leiche?‹ – Dabei ward mir sehr schauerlich und betrübt zumut. Schön-Astrid suchte indes immerfort, aber wenn sie einen recht hellen Kranz gebunden hatte, und nur noch die letzte Blume fehlte, brachte sie diese kaum an das Geflecht, so zerstäubte auch schon die bunte Blütenpracht in graue Asche, die ihr feindselig in die Augen flog, daß ihr die zu bittern Tränen übergingen, und sie nun erst recht leichenartig mit dem Staub auf ihrem Antlitze aussah. Dann rang sie kläglich die Hände, fing wieder an zu suchen, und wieder kam ihr Suchen zu demselben traurigen Ziel. Ich wollte aufstehen, ihr zu helfen, aber das Blei des Traumes lag festgewaltig über mir; ich konnte mich nicht regen, und als Schön-Astrid meine vergeblichen Anstrengungen gewahrte, sagte sie: ›Laß nur, es sind ja Erdenblumen, und die kann mir niemand geben. Es ist dumm von mir, daß ich mich noch darnach abmühe, denn ich bin ja schon längst gestorben.‹ – Darauf kam sie, und setzte sich dicht zu meinen Häupten, sprechend: ›Du sollst durchaus in den Spiegel sehen, und nach dem starken Hugur fragen. Wozu hast du denn den Spiegel? Ich lasse dir doch keine Ruhe, bis du hineingesehen hast. Willst du dann noch, da magst du dann gerne nach Burg Trautwangen ziehen. Aber eh'r keine Ruhe, sag' ich dir; keine Ruhe eh'r!‹ – Sie brachte das alles mit einem seltsam eiligen Geschwirre und Geschrille vor, welches mir bei seiner leisen Heftigkeit so weh im Kopfe tat, daß ich schreiend aus dem Schlafe emporfuhr. Diesmal wußte ich meinen Traum noch recht gut, die Eulen schrien draußen im wilden Forst, meine Dienerinnen schliefen fest, vor dem Gezelte schnarchten die Wachen. Voll des entsetzlichen Grausens suchte ich wieder in die schirmenden Wogen des Schlafes unterzutauchen, aber so wie ich die Augen schloß, neigte sich abermals Astrids bleiches, grabbestäubtes Antlitz über das meine, schrillte ihr schmerzend eiliges Geflüster in mein Ohr. So aus Schlafen in Wachen, aus Wachen in Schlafen gescheucht, sprang ich endlich in wilder Angst nach dem Gepäck hinaus, wo ich wußte, daß der Spiegel lag. Alles schlief um mich her, die Feuer waren erloschen, untergegangen der Mond, tiefdunkel und schweigend die Nacht. Vor meinen Händen, den ihnen wohlbekannten Herrscherinnen, löseten sich schnell die Schlösser und Siegel, darunter des Glases furchtbarer Hort verborgen lag. Aufleuchtete er mit eigentümlichem Lichte durch die schwarze Finsternis, leuchtete noch furchtbarer und blendender aus seinem Rahmen hervor, da ich ihn gegen den Stamm einer uralten Eiche lehnte, ihn befragend, des Traumes Gebot gemäß, um Herrn Hughs Vergangenheit. Was es mir zeigte – mein Wort braucht es nicht fürder zu enthüllen. Du kennst es wohl schon aus der ernsten Erzählung Asmundurs, des Waffenschmieds, wie auch aus des starken Hugurs und Schön-Astrids Sterbegesang.« Hilldiridur und Otto vergossen heiße Tränen, und blieben so eine ganze Zeitlang einander stillschweigend gegenüber sitzen. Dann hub die Mutter wieder folgendergestalt zu sprechen an: »Ich sah auch in dem Spiegel den bildschönen Knaben, aus dem hernach der arme Ottur geworden ist; denn der war Schön-Astrids und des starken Hugurs Sohn. Daß dir der Halbbruder so gleich sieht, ist wohl nicht zu verwundern. Konnte man doch eure Mütter kaum voneinander unterscheiden! Astrid und Hilldiridur wurden als zwei Rehe von gleichem Wuchs und gleicher Farbe in allem Nordland besungen. – Noch weinte ich darüber, daß Ottur sich im Spiegel voll scheuen Zornes von seinem Vater abwandte, der ein Speereisen, als Zeichen der Sühne zwischen ihm und Astrids Vater, in meiner Schwester Blut tauchte, – da stand Herr Hugh von Trautwangen dräuend hinter mir. Des eben aufglühenden Morgens blutrote Lichter funkelten grimmig um seine Züge. ›Du hast dich wieder mit der Hexerei abgegeben', sagte er; 'Du mußt nun sterben.‹ – Und zugleich schwang er sein breites Schwert, wie ein Feuerrad, wirbelnd in der Hand. Es ist dieses dieselbe Klinge, lieber Sohn, welche dir jetzo leuchtend von der Hüfte hängt, und die, wie du vor wenigen Augenblicken sagtest, Ottur geheißen ist.« Otto sahe mit einer widerwärtigen Scheu nach der ihm vormals so teuern Waffe, und es war, als rücke er sich von ihr ab, da sagte Hilldiridur begütigend: »Das gute Schwert hat mir ja nichts getan, obgleich mein Leben ihm durch meinen Ungehorsam verfemt war. Denn während ich niederkniete, mein Halstuch in stiller Demut als eine überwiesne Schuldige sittig zurückschlagend, um den richtenden Streich zu empfangen, sprach Herr Hugh plötzlich mit unversehenen Weichmütigkeit: ›Nein, Gott sei vor, daß ich dich jemalen verwunden sollte. Aber trennen muß ich mich von dir, denn dir ist ja nun mein ganzes Verbrechen gegen Schön-Astrid bekannt, und zum Vergebungbitten bin ich bei weitem nicht weiblich genug, oder nicht stark genug, wie du es nennen willst. Zudem graut es mir vor einer so eifrigen Zauberin. Darum mache, daß du von mir kommst. Unsern Knaben muß ich behalten, und will ihm sagen, du seiest gestorben.‹ – Aber ich ließ nicht nach mit Bitten, bis ich Abschied nehmen durfte von dir, mein holdes Kind. Sie sagten dir, der Tod breche soeben über mich herein, und ich mag auch wohl ganz ausgesehen haben, wie eine Sterbende, denn das Leid über unsre Trennung, und die Reue über mein Übertreten warf mich sprachlos in die Gräser und Blumen zurück.« Abermals küßten sich Mutter und Sohn inbrünstig, und die Freude, sich wiedergefunden zu haben, war doch unendlich größer, als der Schmerz, einander so lange verloren gewesen zu sein. Fünfundzwanzigstes Kapitel Von dieser Zeit an kamen alle drei Ritter fast jeden Abend auf Hilldiridurs Warte. Die Heiden hielten sich still. Otto konnte nichts von seinem Halbbruder Ottur, nach welchem er sich nun mit unendlicher Innigkeit sehnte, Arinbiörn nichts von seinem Vetter Kolbein vernehmen. Sie hätten oft beinahe gewünscht, Gerdas Zauber möge zu neuen Entscheidungskämpfen erwachen, bloß, um dabei die teuern, verirrten Helden zu Gesichte zu bekommen; aber es schien, alle Glut des Hasses wie der Liebe sei auf der finnischen Grenzmark erloschen. Dagegen flammte das Licht der christlichen Lehre in Swerkers Gemüt hell auf. Er hing mit inniger Achtsamkeit an seines ritterlichen Meisters Lippen, und nach dem ernsten Ringen weniger Tage bekannte er sich feierlich zu dem Glauben, der als der einzig klare Weg zu Leben und Seligkeit, diesseits und jenseits, in seine treue Seele leuchtete. Die Ritter trösteten einander damit über Otturs und Kolbeins Verlust, erfreut, doch mindestens einen, und zwar ein recht heldenkräftiges Herz, für des Herren Lehre gewonnen zu haben. Aber vor der äußern Ruhe schossen in Ottos Sinne die Schmerzen der verlornen Liebe wieder heiß und heißer empor. In diesem tiefen Weh, das er seinen Genossen, ja selbsten seiner Mutter, zu verbergen strebte, zündete sich ein wehmütiger Ingrimm über das wechselseitige Mißgeschick seiner Eltern an, über die lange Entbehrung der Mutterliebe, die gleich einer Sonnenverfinsterung ob seinem ganzen frühern Leben kalt ausgestreckt lag, über alle das Leid, das er seither erlitten, und von dem er wohl nicht ganz mit Unrecht glaubte, unter einer holden Mutter Leitung sei er davor gesichert geblieben. Er ritt jetzt oftmalen weit in die wilde Waldung hinein, bis über die finnische Grenzscheide fort; teils um seinen Halbbruder auf jegliche Gefahr hin aufzusuchen, teils die grilligen Schmerzen, die ihn bedrängten, von sich abzuschütteln, so daß er bisweilen erst spät in Hilldiridurs mondighelles Gemach trat, wenn Arinbiörn und Heerdegen schon längst ihre Plätze an dem runden Steintische eingenommen hatten. Eines Abends traf es sich auf eben diese Weise. Der rasche Ritt hatte die Funken des Unmutes in Ottos Gemüte nur lodernder angefacht, und während er die Wendeltreppe einsam hinanstieg, einsam durch die gewölbten Gänge hinschritt, und endlich in das Gemach kam, wo der Spiegel, vom blutroten Tuche verhangen, in die Wand eingefugt war, kam es ihm ganz notwendig vor, er müsse das verzauberte Glas, den Ursacher alle des vielen Elendes und Kummers, mit rüstiger Faust noch diesen Abend zerstören. – »Heraus, Gesell!« sprach er zu seinem Schwerte. »Du hast noch gut zu machen, aus dem Forste her, wo du mein holdes Mütterlein bedrohen durftest. Reinige dich nun in der Rache an diesem verderblichen Gerät.« – Und im Augenblicke auch funkelte das gute Schwert, Ottur geheißen, in des Jünglings Rechter, flog klirrend gegen den umhüllenden Purpurvorhang, und nach einigen schmetternden Hieben blitzte der Boden rings umher von des magischen Spiegels Trümmern. Wie ein heftiger Donnerschlag rollte es über die Warte hin; ihre Grundvesten schwankten, dumpfes Geheul stieg aus den unterirdischen Kellern herauf, ängstliches Gewinsel von den Gewölben des Daches hernieder. Hilldiridur, Arinbiörn und Heerdegen traten bleich und verstört in das Gemach. Da stand Otto starr in dessen Mitte, sein Haar sträubte sich, mit einem seltsamen Lächeln sah er auf die Trümmer des Spiegels umher. – »Daß ich den zerschlagen habe«, sagte er zu seiner Mutter, auf die Stelle deutend, wo nun der zerfetzte Vorhang vor der leeren Mauerblende im Zugwinde schwankte, »das ist fürwahr nur das wenigste. Er hat es nicht besser verdient. Aber daß wahrscheinlich Berthas Bild soeben auf seiner verhüllten Oberfläche spielte, daß es mich jetzt aus allen diesen Scherben, so viel ihrer sind, in hundertfacher Vervielfältigung wehmütig klagend anlacht, – das ist das Schlimme bei der Sache. Um Gott, Mutter, es ist mir doch nicht etwa wie dem starken Hugur ergangen? Ich habe doch nicht erschlagen mein treues Lieb? Mit diesem selben Schwerte hat er ohnehin Schön-Astrid getötet. Mutter, Mutter, nicht wahr?« Die Stimmen heulten wilder, unsichtbare Fittiche strichen durch das Gemach, Hilldiridur barg ihr Antlitz in das grüne Schleiergewand. »Reißt euern Freund aus diesen verstörten Hallen«, rief sie dem Seekönig und Heerdegen zu. »Faßt ihr ihn nicht schnell, so faßt ihn der Wahnsinn fest.« – Die Ritter taten, wie ihnen geboten war. Sie führten, rissen, trugen den taumelnden Otto die Hallen hindurch, die Steigen hinab, die Felshöhe hinunter; Hilldiridur war immer mit. Vom Turme donnerte und heulte es entsetzlich, die Rosse der drei Kriegsleute setzten schnaubend neben den Flüchtenden her. Ein kleines Wiesental, von dunkeln Erlen und Haselgesträuchen umbüscht, friedlich schlafend im Scheine des Mondes und Taues, nahm sie in seine stille Umhegung auf. Sie hielten an, und sammelten ihre verstörten Sinne, die Rosse begannen zu weiden im hohen, duftigen Gras und Klee, fernher nur, und vom feuchten Nachthauche verweht, rollte das Getos von der Warte zu ihnen herüber. In voller, ungehemmter Mondesschönheit schlug Hilldiridur sanft ihre grünen Schleier vom Antlitze wieder zurück, und sprach, die Ritter selig anlächelnd: »Wir sind einer großen Gefahr entronnen. Preist im stillen Gebete Gott den Herrn dafür.« – Da ließen sich alle auf den grünen Rasenteppich kniend nieder – auch Otto, der ganz still und besonnen geworden war, – und beteten in tiefer Inbrunst schweigend vor sich hin. Als sie sich wieder in die Höhe gerichtet hatten, wandte sich Hilldiridur gegen Otto mit ernster Freundlichkeit, und sagte: »Soll ich dir danken, soll ich dich schelten, daß du alle meine Zauber zerstört hast, und mich mit den furchtbaren Mächten entzweit, die bisher noch als grimme, nur kaum gebändigte Helfer in mein Leben hereinsahen? – Ich danke dir, holder Otto«, fuhr sie nach einigem Stillschweigen fort, sich an ihres Lieblings Brust schmiegend, und die Arme um seinen Nacken schlingend. »Du hast es gut gemacht, und hast du nun auch eine minder mächtige Mutter, so darf sie dafür desto ausschließlicher deine Mutter sein. Mit dem Zaubern ist es für mich vorbei; ich müßte denn mit einer unendlichen Anstrengung wieder da hinaufklimmen, wo ich vor etwa noch einer halben Stunde ganz herrschend und ruhig stand; und dazu fühl' ich in mir weder die Lust noch die Kraft.« – Otto küßte seiner Mutter mit erhöhtem, zuversichtlicherem Vertrauen Stirn und Hand, Heerdegen nannte sie seine holde Muhme, und trat in ungestörter Herrlichkeit dicht neben sie, aber Arinbiörn stand tief sinnend da, und sagte endlich: »Wer soll denn nun die Zauberwaffen gegen Gerda führen und gegen ihr Gelichter? Mit den Klingen ihrer Freunde fechten wir's leichtlich aus, aber auch mit den sinnverwirrenden Gaukeleien ihrer Gespenster?« – »Seid unbesorgt«, entgegnete Hilldiridur, sich aus ihres Sohnes Armen emporrichtend. »So viel noch des Wissens habe ich aus dem Zauberturme mit fortgenommen, daß ich euch verkünden kann, wie Finnland sich friedlich unterworfen hat, und Gerda samt Ottur und Kolbein im wilden Grimme darüber zur See gegangen sind, willens, als Christenfeinde durch alle Christenlande zu ziehen. Ihr werdet die Friedensbotschaft bereits in euerm Lager finden, und dann steht es euch frei, entweder mit meinem Sohne und mir nach Burg Trautwangen zu reisen, wohin ich eine unaussprechliche Sehnsucht empfinde, oder sonsten andre Ritterfahrten durch die Welt zu tun. Für jetzt aber laßt uns machen, daß wir weiter von der Warte fortkommen. Ihre erzürnten Gespenster strecken schon glührote Zungen aus allen Maueröffnungen hervor.« – Otto nahm seine Mutter hinter sich auf das Pferd, und der Lichtbraune wieherte freudig unter der holden Last, und trabte sanfter und sorgsamer durch die Täler hin, als man es sonst von ihm gewohnt war. Schon fast eine Stunde von der Warte entfernt, verkündete ihnen ein furchtbarer Donnerschlag und ein schwefelgelb aufsteigender Dampf die gänzliche Zerstörung des Zaubergebäus. Nahe am Lager kam ihnen Swerker mit der Friedensnachricht entgegen, und nach einer kurzen Ruhe zog die gesamte jubelnde Schar, Liebes- und Heldenlieder singend, das Gebirgsland im Strahl der aufgehenden Morgensonne nach den Ebnen hinab. Otto, einen schönen Zelter, den er seiner Mutter ausgesucht, sorglich am Zügel führend, ritt mit ihr voran, Montfaucons Edelfalken auf der Faust, Arinbiörn und Heerdegen zu beiden Seiten neben ihnen. – »Vorderhand bleiben wir ja noch eine ganze Weile zusammen!« sagte der Seekönig, als sich ein Gespräch über die künftigen Bahnen der Genossenschaft erhub, und Heerdegen setzte hinzu: »Jawohl! Ich mindestens gedenke durch Deutschland und Frankreich zu ziehn, um meine Schwester von dorten abzuholen.« – Ein helles Rot flog über Ottos Angesicht, und er sagte leise: »Ich möchte dich bitten, sie von mir zu grüßen, aber ich bin es nicht wert.« – Da gab ihm Heerdegen schweigend, doch freundlich die Hand, und Hilldiridur streichelte ihres Sohnes erglühende Wange. Der Morgenstrahl aber leuchtete so frisch und duftig darein, daß es durch aller Herzen flog, wie die Ahnung einer eben auftauchenden, freudigen Zukunft. Dritter Teil Erstes Kapitel Bertha von Lichtenried saß eines Abends auf Gabrielens Burg in der Gascogne vor einem großen Buche, und las. Es enthielt die Geschichten frommer Heiligen und Märtyrer, und sie konnte sich um so ungestörteren Mutes darin vertiefen, da sie in dem prächtigen Baue, das wenige Schloßgesinde ausgenommen, ganz allein war, seit vielen Tagen immer noch vergeblich auf die Rückkehr Folkos und der beiden Jungfrauen wartend. Heute rollte draußen des abschiednehmenden Sommers letzter Gruß: ein ernstes Gewitter, mit seinen roten Blitzen die Meeresfläche, über den nahen dunkeln Bäumen hervor, als einen feierlichen Spiegel kundgebend. Ein linder Regen rauschte dazu auf des Gartens Terrassen herab, und drein hallte das Getöne der silberreinen Glocke, welche der Burgwart zu Abwendung alles Schadens auf dem Kapellentürmchen des Schlosses läutete. In den vielen nahegelegnen Dörfern des fruchtbaren Landes läutete man auch, und so war es, als rolle der mächtige Donnerwagen auf Schwingen des frommen Wohlklanges einher. Bertha fühlte sich dreifach erbaut: durch die ernsten Gottesworte, die hoch über den Wolken hinrasselten, durch das harmonisch aufschwebende Betgetön der Menschen, und durch die frommen Geschichten, die aus dem alten Buche vor ihrem Geiste emporstiegen. Da trat in das Gemach eine ältliche mohrische Dienerin, schwarzen Antlitzes, denn sie war tief im sengenden Afrika geboren, aber ganz nach europäischer Sitte umgewandelt, seitdem sie sich zum christlichen Glauben bekehrt hatte. Man hätte sie für eine gewöhnliche Schaffnerin nach Tracht und Wesen gehalten; nur daß zwischen den vielgefalteten, weißen Kopftüchern das dunkle Antlitz befremdend hervorschaute. »Was bringst du, Zulma?« fragte das Fräulein, und die Alte entgegnete: »Eine ängstliche Bitte, die gradezu an Euch gerichtet ist. Draußen auf dem Felde liegt ein todwunder mohrischer Mann; ich weiß nicht, ist er von Räubern überfallen, oder in einem Zweikampf erschlagen; der will die christliche Einsegnung noch empfangen vor seinem nahen Ende, aber von niemand anders, als von Euch, die Ihr durch alles Mohrenland berühmt geworden seid, von dem Tage her, wo Ihr des Muza tapfern Gesellen, Euch an das Steinkreuz lehnend, so gewaltig herrschend in die Flucht triebt. Unfern von jenem Steinkreuz auch eben liegt der verwundete Mohr. Ich fand ihn, als ich von der Meierei zurücke kam.« »Berufe den Kapellan, daß er mit mir geht«, sagte Bertha, Mantel und Schleier zusammensuchend, »und bestelle auch einige Knechte zu unsrer Sicherheit und zu des Wunden Hülfe.« »Der Kapellan«, entgegnete Zulma, »ist schon zu Bett, die Knechte schnarchen in den Ställen. Eh' wir die alle wecken und rüsten, muß der Todwunde schon längst verschieden sein. Und wo er dann hinscheidet, wenn er ohne Trost und Einsegnung erstirbt, das müßt Ihr noch viel besser verstehen, als ich.« »Ei Zulma«, rief Fräulein Lichtenried aus, »wie billig und wahrhaft du mein saumseliges Gemüt zu schelten weißt! Nein, allerdings, auf Gottes Wegen soll sich ein Menschenkind nicht erst viel umsehn nach Gefährten und Beschützern. Laß uns nur gleich zu dem wunden Manne hinaus. Gott, wie viel Großes haben die heiligen Menschen getan, von denen ich eben las, und ich zögre vor so unbedeutender Fahrt! Und wie bange dem Sterbenden nach mir sein mag!« Eingehüllt vor dem Unwetter draußen, schritt sie mit Zulma die Steige zu einem heimlichen Pförtlein des Schlosses eilig hinab, und nachdem sie eine dort einsam brennende Lampe zur Leuchte mitgenommen hatte, traten die beiden Frauen in die gewitternde und regnende Nacht hinaus. Zulma wußte die Wege zum Steinkreuze besser, als es Bertha der neuen Bekennerin zugetraut hatte. Sie schritt eilig durch die Finsternis hin, so daß ihr das Fräulein nur mit Anstrengung zu folgen vermochte, sie um den Eifer, den sie für die Seelenrettung des Verwundeten bezeigte, liebgewinnend. Über wildverzweigte Hügel hin, durch unwegsame Täler fort, ging der Pfad der mächtigen Wandlerinnen, und wenn Bertha zweifelnd fragte, weshalb sie so vom Wege abwichen, entgegnete Zulma: »Es ist die geradeste Richtung. Vertraut doch einer Afrikanerin bei solchen Dingen. Auf unsern öden Sandwüsten, wo der Sturm alsbald jedweden Fußtritt verweht, lernen wir das Zurechtfinden wohl.« – Und wirklich zeigte sich, so oft ein leuchtender Blitz Hügel oder Gebäu oder Baum oder andre Gegenstände kundgab, daß die Mohrin allerdings den nächsten Weg nach dem Steinkreuze fürder schritt. Bald aber ward Bertha gewahr, Zulma lasse sich noch von ganz eigentümlichen Zeichen leiten, denn oftmalen pfiff sie auf eine widerwärtig durchdringende Weise laut durch die Nacht, und ein ähnlicher gehender Schall kam ihr entgegen, die Richtung ihres Ganges bestimmend. Bertha fuhr einigemale unwillkürlich davor zusammen, und Zulma, die es bemerkte, sagte zu ihr: »Es hört sich unlieblich an, Fräulein, aber es hilft uns durch die Finsternis zu dem kranken Manne. Ein Glück, daß er in dieser Mohrenkunst erfahren ist, ob er gleich nicht zu uns schwarzen Afrikanern, sondern zu unsern weißen arabischen Glaubensgenossen gehört.« Während sie noch so redete, machte ein Blitz das nun schon ganz nahe steinerne Kreuz sichtbar, und zugleich einen Mann in mohrischer Tracht, der sich halb liegend, halb sitzend gegen das gemauerte Fußgestell desselben gelehnt hatte. – »Gottlob, daß Ihr noch am Leben seid!« rief Bertha, zu ihm hineilend, und sich über ihn niederbeugend. »Ich bin Bertha von Lichtenried, nach der Ihr verlangtet, und bringe Euch Gottes und der heiligen Kirche Trost.« Aber wie ward ihr, als der vermeinte Todwunde plötzlich in die Höhe fuhr, sie wild in seine Arme faßte, und während das gellende Pfeifen dicht an ihrem Ohr vorüber aus seinem Munde sprang, ringsum zwischen Hügeln und Hecken hervor alles lebendig ward, und plötzlich ein dichter Kreis von mohrischen Männern um das Kreuz herangedrungen kam. Zulma lachte laut und frech darein, und schrie in einem fort: »Haben wir dich, du rares, scheues Vögelchen! Haben wir dich!« – Bertha indessen rang sich mit kräftiger Gewandtheit, die ihren Entführer bei der Zartheit ihrer Gestalt überraschte und erschreckte, von ihm los, und floh, wie ehemals bei ähnlicher Gelegenheit, das Mäuerlein an des Kreuzes Fuße hinauf, mit vertrauender Inbrunst den Stamm des geheiligten Zeichens umschlingend. Es mochte beweglich anzuschauen sein, wie die holde, magdlich reine Gestalt, von der Leuchte in ihrer Hand mit hellem Licht übergossen, sich an dem göttlichen Lebensbaume festhielt, einzelne Strahlen von da hinunter sendend in das Gewimmel der häßlichbedräuenden Gestalten um sie her. Zulma hatte bereits ihre Schleier zu einem Turban über das schwarze Haupt zusammengeflochten, und sagte mit frechem Grinsen: »Bin nun wieder eine Mohrin nach wie vor. Meint Ihr wirklich, das nüchterne Leben bei Euch hätte mir je gefallen? Du mußt nun mit nach Cartagena, und wirst dort auch schon Beßres kennen lernen, als dir je in deinem ganzen, blöden Leben geträumt hat.« – Verachtend wandte sich Bertha von ihr ab, und rief den Anführer der Schar an, er möge seiner Rittertreue und Ritterehre gedenken, und nicht im Bunde mit einem so verworfenen Weibe ein reines, edelbürtiges Fräulein gewaltsam entführen. Aber der schändliche Bursche brach gleichfalls in ein Hohngelächter aus, und rief: »Für dasmal hilft Euch Euer Kreuz und Eure vornehm strenge Schönheit zu nichts. Ihr habt keinen seufzenden Liebhaber vor Euch, wie ehemals, sondern den klugen Alhafiz, den Gesandten des mächtigen Emir Nureddin, der Euch unfehlbar in dessen Arme nach Cartagena bringt.« – »Rühre mich keiner an, dem sein Leben lieb ist!« sprach Bertha zurück. »Ich weiß es nicht, wer es in meinen Sinn gelegt hat, aber daß es wahr ist, weiß ich gewiß, und hab' es auch schon früher dem Genossen Muzas verkündet: wer mich gewaltsam hier wegreißt, der muß es büßen mit bitterm Tod. Nehmt Euch in acht!« – Alhafiz lachte, und schritt gegen das Kreuz vor. Da fiel eben ein gewaltiger Donnerschlag vom Himmel, daß der Räuber und seine Rotte geblendet und betäubt in die Kniee sanken, die frevle Zulma mit. – »Gott hat gesprochen«, sagte Bertha, »und das ist die letzte Gnade, die er Euch erzeugt, dafern Ihr in Euerm Treiben beharrt. Seid weise; kehrt in Frieden zurück zu Euern Schiffen.« – Es war, als wolle sich der Kreis, dem Gebote der verherrlichten Bertha zufolge, lösen; sogar Alhafiz war stumm geworden, und wandte sich abwärts vor den Strahlen der Leuchte in der Jungfrau Hand. Doch plötzlich schrie die widerwärtige Zulma auf: »Gedenk, Alhafiz, an das Dritteil von Nureddins Schätzen! Das soll dir nicht entgehen, und mir das Achtel nicht, so du mir davon verheißen hast.« – Und mit Katzenschnelligkeit flog sie das Gemäuer hinan, riß die Leuchte zerschmetternd aus Berthas Hand, und rief: »Nun blendet Euch das Ansehen der Hexe nicht mehr. Nun nehmt sie mit!« – Und zugleich auch hatte Alhafiz das Fräulein erfaßt, und trug sie der Barke zu, sein Gefolge, jubelnd, wie über einen Sieg, ihm nach. Kein Blitz mehr erleuchtete den Himmel; im tiefen Dunkel gelangten sie ans Gestad, im tiefen Dunkel segelten sie auf das öde Meer hinaus. Zweites Kapitel Noch ehe sich die eben erzählte Begebenheit zutrug, waren seltsame Dinge in Cartagena vorgefallen. In der Nacht nämlich, wo man Herrn Folko von Montfaucon als Leiche, den Befehlen des Emir Nureddin gemäß, in eine alte Fürstengruft hingestellt, und diese verschlossen hatte, war ein tiefverhüllter Mensch an das Gegitter der Höhlung gekommen, und hatte so, daß es die unweit davon stehende Mohrenwache sehen und hören konnte, mit etwas Metallnem, das er in der Hand verborgen trug, dreimal gegen die ehrnen Stäbe tönend angeschlagen. Und so wie der Klang erscholl, kam mit ihm eine unwiderstehliche Müdigkeit über die Augen der mohrischen Kriegsknechte, daß sie, im Begriffe, vorzuspringen, und den Verhüllten nach seinem Beginnen zu fragen, taumelnd übereinander hinsanken, und im tiefen Schlafe, ja fast wie von einer Ohnmacht getroffen, regungslos festlagen. Der Verhüllte klirrte indes mit seltsam schauerlichen Klängen immer fürder gegen das Erz, und davor begann es sich drinnen in dem Gewölbe zu regen und zu heben, wie in erwachender, lebendiger Kraft. Das war Herr Folko von Montfaucon, der sich aus den blutigen Tüchern, mit welchen man ihn überdeckt hatte, emporrichtete, und mit einer träumerisch heisern Stimme sagte: »Du Gott, wie kalt und dunkel ist dieses Bett!« – Und nach einigem schweigenden Besinnen fing er wieder an: »Oder wenn ich gestorben bin an meinen heißen Wunden, warum brennen sie denn noch so sehr? Und warum flieg' ich denn nicht entkörpert aus der Grabstätte in das selige Himmelblau hinauf?« – »Herr, Ihr lebet wirklich«, sagte der Verhüllte draußen. »Es ist nur mit der Heilung noch nicht ganz zustande. Haltet Euch nur frisch, daß Ihr nicht zu träumen anfangt. Ich bin gleich bei Euch, und heil' Euch vollends aus.« – Und wie der wunderbare Mensch mehr und mehr gegen die Gitterpforte tönte, gaukelten auch immer seltsamere Gestaltungen vor Montfaucons Augen und Stirn. Es war fast so, wie wenn man im noch halbbesonnenen Entschlummern liegt; und der aus tödlicher Starrheit heraufgeklungene Freiherr wäre vor denselben Klängen in einen anmutig umschleiernden Schlaf zurückegesunken, hätte der Fremde nicht immer dazwischen gerufen: »Wehrt Euch die Träume ab! Haltet Euch die Träume vom Leib!« Endlich klirrten die metallnen Gittertüren mächtig in ihren Angeln, taten sich feierlich langsam voneinander, und der Verhüllte trat in die Totenhalle ein. – »Meine Wunden sind kalt geworden«, sagte der Freiherr, ein fieberhaftes Frösteln kaum im Tone der Stimme bezwingend. »Sie schmerzen mich sehr.« – »Wir wollen gleich helfen«, entgegnete der Fremde, zog eine Leuchte unter seinen Gewändern hervor, und begann einen lindernden Balsam in die roten Narben zu träufeln; dann strich er mit einem glänzenden Ringe drob hin, und während sich jegliches Wehe daraus verlor, und neue, belebende Kraft und Munterkeit durch alle Glieder strömte, erkannte Montfaucon voll zweifelnden Erstaunens den Ring für Gabrielens vielbestrittnes Eigentum, den mächtig zaubrischen Arzt für den italischen Kaufherrn und Reisigen Tebaldo. »Nun merkt Ihr doch«, sagte dieser freundlich, »um wie viel besser es war, daß der Ring in meinen Händen verblieb. Ihr sahet ihn als ein Stück Eurer ritterlichen Ehrenrüstung an; wie mit einem artigen Spielwerk tändelte damit Gabriele. Es mußte ein Kaufmann darüber kommen, um ihm die rechten Geheimnisse abzufragen, und Rittern und schönen Frauen damit zu helfen. Fühlt Ihr Euch wieder kräftig und frisch genug? Da kommt mit mir in des Emir Nureddins Schloß. Er hat den Schutz der beiden holden Fräulein übernommen, und dieses Bemühens wollen wir ihn, sie entführend, überheben. Hernandez wartet mit den Schiffen vor dem Hafen; ein Boot von ihm liegt ruderfertig am Strande.« – Auf sprang der Freiherr, die letzten Reste der Mattigkeit von sich abschüttelnd, und ergriff sein sichelförmiges Perserschwert. Indem er auf dessen breiter Klinge die Blutflecken wahrnahm, seufzte er, und fragte: »Vinciguerra lebt doch auch?« – »Ja«, entgegnete Tebaldo, »den hab' ich schon früher geheilt. Er ist aber so übler Laune über sein Unglück bei dem ganzen Vorfall, daß er im Ärger schon an den Strand hinabgegangen ist, und sich vor Euch und den Frauen gar nicht ohne Not sehen lassen will.« – Dabei lachte der Kaufherr von ganzem Herzen, und machte auf lustige italische Weise den mißmutigen Grafen mit einigen kecken Fratzen nach, wozu er die Leuchte vor das Gesicht hielt, damit es Folko besser sehen könne. Dieser aber sagte mit etwas strengem Ernste: »Bedenkt doch, daß wir in einer Totengruft stehen, Ihr unerhörter Mensch. – Aber den Muza, den wortbrüchigen Entführer, den habt Ihr doch nicht wieder erweckt?« – »Der Himmel bewahre mich vor solchem gottlosen Torenwerk!« rief Tebaldo aus. »Zudem, ob es auch mein Wille gewesen wäre, das hätte die Ringeskraft nicht mehr vermocht. Euer Axtwurf hat ihn viel zu sicher und tief getroffen. Das Entführtwerden ist nun an ihn gekommen, aber es ist wohl von sehr schwarzen Gesellen geschehn.« – »Richtet nicht«, sagte Montfaucon, feierlich aus der Gruft vorschreitend, »und führet mich schnell, daß wir die Frauen erretten.« Tebaldo ging mit einem seltsamen Kopfschütteln neben dem Freiherrn her, das fast aussahe, wie Hohn, dennoch aber sich in Worte zu kleiden nicht wagte oder nicht vermochte. Dunkel auf einer einsamen Höhe lag unweit der Stadt das Schloß des mächtigen Emir Nureddin. Ein grauses Tiergebrüll, wie es Montfaucon noch niemals vernommen, drang vom Eingange der großen Mauer hervor, welche den Fuß des Hügels umgürtete. – »Es ist ein Tiger aus dem Lande Asia, von ungeheurer Größe«, sagte Tebaldo. »Der Emir führt ihn allwärts mit sich herum, und läßt von dem Tiere, das bei Nachtzeit angekettet grad auf der Schwelle liegt, seine Wohnung bewachen.« – Der Freiherr schwang sein persisches Schwert ein paarmal zur Übung, daß es scharf durch die Luft hinpfiff, und berührte dann dessen Schneide und Spitze prüfend mit den Fingern. – »Ihr werdet es bei der grimmen Bestie nicht brauchen«, sprach Tebaldo, »spart es Euch nur auf. Man kann nicht wissen, es möchten doch noch unvorhergesehene Fälle kommen, ob ich gleich nicht daran glaube.« – Zugleich begann er mit dem Ringe gegen die silberhell leuchtende Spitze eines Pfeiles, den er aus seinem Gürtel zog, anzuklingen, davon ein leiser, aber unendlich anmutiger, und so kräftiger Ton entstand, daß man zu vernehmen glaubte, wie er durch die Ebne in süßen Schwingungen fern, fern hinausbebte, und erst in der entlegensten Weite verhallte. Noch kaum hatte Tebaldo das seltsame Klingen einigemal wiederholt, da ward das Brüllen des Tigers leiser, unterbrochner, und endlich schwieg es gar. – »Das Untier schläft«, sagte Tebaldo, »aber ich muß den Ring fürder tönen lassen, damit es nicht erwacht, damit auch noch viel andre Augen im Schlosse zufallen. Kommt es Euch selbsten, Herr, wie eine Schläfrigkeit darüber an, so macht nur das Zeichen des heiligen Kreuzes vor Eurer Stirn; das nimmt dem Zauber seine Macht.« – Folko tat, wie Tebaldo geraten hatte, und beide schritten den hohen Bau hinan. Das riesenhafte Tigertier hatte sich in seiner ganzen Länge tiefschlafend auf die Schwelle hingestreckt, so daß, als die Tore dahinter vor der Berührung des Ringes aufgingen, die beiden Wandler über den grimmigen Wächter hinschreiten mußten. Dabei fielen einige Schimmer aus Tebaldos Leuchte irrend über das heimtückisch wilde Antlitz; es sah fast aus, als schlafe ein so mißgeschaffner Mensch unter den Füßen der Gefährten, und sie beeilten sich schaudernd, von dem häßlichen Bilde wegzukommen. Bergan führte ein prächtig gepflasterter Weg, zwischen duftenden, hellblühenden Rosenhecken hin, aber auch durch zwei bis drei, gold- und erzvergitterte, von zahlreichen Wachen besetzte Tore. Die Kriegsleute sanken in Schlummer vor dem leisen Tönen des Ringes, die Riegel gingen vor dessen Berührung folgsam und sonder Gerassel auf. So gelangten die beiden Genossen auch unbemerkt in den Bau des Palastes selbst, aber wie viel auch der güldnen und silbernen Lampen hier auf den Gängen und Treppen brannten, blieb Tebaldo doch ungewiß und kopfschüttelnd stehen, zweifelnd, was man zu tun habe, um des rechten Weges nach den Zimmern der zwei Fräulein in diesem prächtigen Labyrinthe nicht zu verfehlen. Folko aber schaute mit seinem scharfen Feldherrnauge, klug und sicher wie ein Adler umher, und sich bald zurechtfindend, von welcher Seite ihm draußen der Kaufherr die Fenster der Jungfrauen bezeichnet hatte, sprach er: »Nur immer diese Jaspistreppe hinauf, Tebaldo; sie muß uns unfehlbar nach unsern Signatsternen hinführen.« – Es geschah, wie Montfaucon riet und gebot, und so wußte er sich auch auf den Gängen droben zurechte zu finden, bis sie vor einer mit goldnem und glänzend grünleuchtendem Zierrat geschmückten Türe standen, und er sagte: »Hier müssen der Fräulein Wohngemächer sein.« – Er klinkte leise dazu an dem silbernen Drücker der Tür, und, als sich noch immer nichts regte, flüsterte er endlich durch das Schlüsselloch hinein: »Blancheflour, Blancheflour, tu auf. Dein Bruder Folko steht hier draußen, und ist gekommen, dich und Gabrielen zu erretten.« – »Sprecht etwas lauter«, sagte Tebaldo, »das Tönen des Ringes hat ohne Zweifel auch die schönen Augen der zwei Herrinnen in tiefen Schlaf gewiegt.« – Folko wiederholte mit erhöhtem Laute seine vorigen Worte, die er noch kaum geendet hatte, als zwei weibliche Stimmen ein ängstliches Geschrei im Zimmer ausstießen, und es gleich darauf wieder ganz totenstille drinnen ward. – »Was wir auch für Torenstreiche angefangen haben!« sagte Tebaldo ärgerlich. »Wir dachten nicht daran, daß sie Euch tot glauben, und also, was Ihr eben sprachet, für Gespensterspruch halten müssen. Was sollen wir denn nun anfangen? Lassen wir die Türe durch die Ringeskraft aufgehen, so sehen sie uns erst gänzlich für Spukgestalten an, und schreien in wahnsinniger Angst die ganze Emirsburg, allem Zauber zum Trotze, wach. Und lägen sie in Ohnmacht, – was eigentlich das bequemste für unser Entführen wäre, – wie bringen wir sie an das Ufer hinab, da wir doch immer für einen möglichen Angriff bereit bleiben müssen?« – Sie standen noch in zweifelnder Überlegung; da klirrte die Tür in Schloß und Angeln leise, leise, und zeigte aufgehend die Gestalten Blancheflours und Gabrielens, welche, mit langen Kerzen in den Händen, in weite, weiße Nachtgewänder gehüllt, vor den beiden staunenden Gefährten standen, wie eine holde Schwestererscheinung aus dem Geisterreiche. – »Wir wissen es wohl, Bruder«, sagte Blancheflour, »daß du gestern an deinen heißen Wunden gestorben bist. Du wärest auch nicht bloß wiedergekommen, um uns das anzusagen; aber deine Stimme sprach von Errettung. Droht uns irgend Entweihen oder Schmach, so sind wir bereit, dir zu folgen; wenn es sein muß, bis in dein Grab.« Ihre zarten Glieder flogen dabei in magdlicher Bangigkeit zusammen, die Stimme zitterte, aber eine treue, unwiderrufliche Festigkeit des Sinnes drang durch die scheu ausgesprochenen Worte hin. Noch ehe Folko in Rührung und Überraschung Zeit zum Erwidern gewann, sagte Gabriele: »Du hoher Schatte, man soll ja von jenseits alles mit klarern Augen sehn; da weißt du nun auch schon, wie sehr ich dich liebe, wie sehr ich dein eigen bin, und es auch war, als du noch hier auf Erden walltest; obwohl es nimmer von meiner Lippe kam. Gebeut deiner Magd, o Held! sie ist willig, dir zu folgen in den Tod.« Da kniete Ritter Folko von Montfaucon ehrerbietig und freudeglühend nieder, und sprach: »Ich lebe noch, himmlische Gabriele; ich trage noch diesen sterblichen Erdenleib um meine unsterbliche Seele her, aber Eure Engelsworte haben mich schon diesseits zu einem Seligen gemacht. – Errötend trat Gabriele einen Schritt zurück, scheu vor ihrem eigenen Minnebekenntnis, und vor der Gegenwart Tebaldos, den sie als unberufenen Zeugen erst eben jetzt wahrnahm, aber unaussprechlich entzückt von der Wiederbelebung ihres ritterlichen Lieblings. Blancheflour lag freudeweinend in des hohen Bruders Armen. »Es ist die höchste Zeit!« sagte da Tebaldo, wie mit einem Glockenrufe zwischen die Wonnen und Grüße so reicher Liebe tretend. Folko sprang in die Höhe, und bot Gabrielen den rechten, der Schwester den linken Arm; die Jungfrauen folgten ihrem edlen und herrlichen Geleiter, ohne weiter zu fragen, wohin es gehe. Tebaldo schritt eilig voran. Den Ring durfte er nicht fürder tönen lassen, damit die zarten Fräulein vor seinen Klängen nicht abermals in den Schlaf sänken. Deshalb war er in großer Hast, aus dem Schlosse und in das Boot zu gelangen, fürchtend, die Kriegsknechte könnten durch irgendeinen Zufall aus ihrem magischen Schlaf erweckt werden, oder gar der grimmige Tiger verderblich am Ausgange emporfahren. Aber der schlief noch fest und tief; dennoch bebten die Frauen scheu vor ihm zurück, und konnten sich nicht entschließen, über die Greuelgestalt hinzuschreiten. »Bohrt ihm Euer Schwert in den Nacken«, sagte Tebaldo zu dem Ritter. »Dann wagen es die ängstlichen Huldinnen wohl eh'r, in die Freiheit zu treten.« Montfaucon stand zögernd. – »Ich weiß nicht«, sprach er endlich, »die Bestie im Schlaf so abzufangen.« – »Nun wahrhaftig«, entgegnete Tebaldo mit unwilligem Lachen, »ich glaube am Ende, Ihr dehnt Eure ritterliche Gewissenhaftigkeit auch auf den Tiger aus.« – »Spottet, wie Ihr wollt«, sagte Montfaucon, »ich geb' es Euch frei. Aber es steht mir was im Wege, wenn ich die Klinge gegen das schnarchende Untier zücken will. Und es geht ja auch so.« – Damit hob er Gabrielen leicht empor und trug sie über den grimmen Wächter hinaus; dann tat er mit Blancheflour dasselbe, während auch Tebaldo mit einem seltsamen Achselzucken und Kopfschütteln aus der Pforte trat. Aber noch hatte der edle Freiherr seine Schwester kaum zur Erde gesetzt, da fuhr das Tigertier brüllend aus dem Schlaf in die Höhe, und schlug den bissigen Zahn in Folkos lange Gewänder ein. – »Hei«, sagte der, seine Perserklinge schnell in der Hand, »wenn du nicht anders willst, mir kann es schon recht sein. Nach dem Strande mit den Frauen, Tebaldo! Ich bin hier gleich fertig.« – Und wirklich hatte der Kaufherr nur wenige Schritte mit den zagenden Fräulein getan, als Folko schon nachkam, und ihm sein Führeramt abnahm, das rauchende Sichelschwert in die Scheide werfend. Unangefochten gelangten sie zum Ufer, schifften sich ein, und segelten aus dem Hafen; Vinciguerra mit, aber unwillig von allen abgewandt; weshalben Folko zu ihm sagte: »Das tut mir recht leid um Euch, Alessandro, daß Ihr einen ausgefochtnen Ritterkampf nachtragen wollt. Aber wenn Ihr Euch nicht selbst dabei helfen könnt, kann es freilich kein Mensch.« – Mit desto größerer Freude und Herzlichkeit wandte er sich dagegen zu dem wackern Hernandez, der als Hauptmann der Galeere die Damen mit feierlicher Höflichkeit empfing. Als der Emir Nureddin am folgenden Morgen die Flucht der Fräulein und die übrigen Wunderbarkeiten der Nacht erfuhr, sagte er: »Weil der Tiger gefällt ist, zweifle ich nicht, daß der tapfre Freiherr selbsten von seinem Scheintode erstand, und die schöne Beute mit fortführte. In Heldenhänden sind die Jungfrauen gut aufgehoben. Daß sich ja niemand unterstehe, ihnen nachzusetzen! Wäre das Kleinod Bertha mit dabei gewesen, so möchte mir freilich anders zumute sein.« Drittes Kapitel Der mächtige Emir zeigte sich nach wie vorher in einer geheimnisreichen, ununterbrochnen Tätigkeit, die seine ganze Seele zu füllen schien. Schiffe wurden ausgerüstet, Kriegsleute geworben, Vorräte an Waffen und Lebensmitteln aufgehäuft, und niemand vermochte auch nur entfernt zu erraten, wohin Nureddins Geist die furchtbaren Fittiche auszubreiten willens sei. Daß es für ein großes entscheidendes Ziel gelte, dafür bürgte das Wesen des fürstlichen Helden selbst, der nie mit Geringen oder um Geringes willen in die Schranken getreten war. Eines Abends spät, nach arbeitsam vollbrachtem Tagwerk, saß Nureddin auf purpurnen Polsterkissen in seiner Halle, eine Laute im Arm, der er seltsame, bald feindlich, bald süß tönende Klänge entlockte, oder vielmehr entriß, denn das Instrument schien unter seines Meisters gewaltiger Hand zu ächzen. Seine Sklaven meinten, er ruhe von der Arbeit aus, aber wer die glühend rollenden Augen, die streitenden Lautentöne, die zuckenden Lippen verstand, der konnte bald wissen, daß in dieser Ruhe das rechte Ringen erst seinen Anfang nehme, und zwar mit dem mächtigsten Feinde, welchen Emir Nureddin bisher noch bestanden hatte, und welcher er selbst war. Vor diesem einzig und allein pflegte ihn auch bisweilen ein Zittern anzuwandeln. Ein Heerführer seiner Scharen trat mit einer Meldung in das Gemach, ein hoher, feierlicher Kriegsmann greisen Bartes und leuchtenden Blickes, Abdallah geheißen. Indem er sprach und berichtete, sah ihm der Emir unverwandt ins Auge, immer noch an den Saiten der Zither reißend. Die sprangen endlich mit einem Weheschrei auseinander, und Nureddin warf das Instrument zertrümmernd gegen eine Säule, mit den Worten: »Das kommt davon, Laute, daß du mich gar nicht verstehst. Es ist deine eigne Schuld.« – Dann winkte er die aufwertenden Sklaven hinaus, gebot dem Heerführer, sich neben ihn zu setzen, und hub folgendermaßen zu sprechen an: »Abdallah, das Herz schlägt mir noch die Brust entzwei, dafern ich nicht frei heraussprechen kann, was drinnen wohnt, nach meiner Art, und vor einem Ohre, das ordentlich zu hören versteht, und wieder ans Herz zu bringen, was vom Herzen kam. Ich weiß wohl, man gibt dergleichen am allerbesten mit Taten kund, aber die brauchen der Zeit so viel, ehe sie ans Licht herausbrechen, und könnte man ein rechtes Wort dazwischen vernehmen und reden, man bildete noch ganz andre Herrlichkeiten heraus, und auf die man sonsten vielleicht nimmer mit einem einzigen Gedanken verfällt.« »Das Wort ist der mächtigste Pfeil von allen Geschossen«, sagte Abdallah. »Es ist zugleich ein Baum, der nicht nur aufwärts Früchte treibt, sondern auch Früchte sendet in den eignen mütterlichen Schoß zurück in die Brust, die ihn gebar.« »Recht, Abdallah!« rief Nureddin aus. »Ich glaube, wir verstehen einander. Viel habe ich bei der Jugend umher gesucht, meinend, in deren flammenden Lustwäldern müsse doch irgend ein Heldenbaum wachsen, der mir die ersehnten Früchte biete. Vergeblich hab' ich gesucht. Sie zischten wohl allsamt lustig in die Höh', so wie ich nur einen Funken dran brachte, aber der rechte innre Kern, versteh' mich, so das rechte, eigentümliche Dasein, das einen Kerl erst zu dem Kerl macht, der er ist, – das war bei ihnen entweder noch gar nicht da, oder bei weitem nicht reif, oder doch in seinen ersten Ahnungen von meinem Treiben himmelweit verschieden. Sie freuten sich meist immer, mit dem großen Emir Nureddin zu tun zu kriegen, und den Leuten sagen zu können: ›Heut hab' ich ihn anderthalb Stunden gesprochen; saht ihr, wie er mit mir spazieren ging?‹ und was der Ärmlichkeiten mehr sind. Alles andre aber nahmen sie sich nicht eben sonderlich zu Herzen.« »Verzeih, mein großer Herr«, entgegnete Abdallah, »wenn du sie erst einmal in deine Höhe hinaufgenommen hattest, so war es an dir, sie fliegen zu lehren. Dafür ist der ältere Adler da.« »Es ist ja nicht das, o gar nicht das!« rief der Emir mit einiger Ungeduld aus. »Fühlen sollten sie mit mir, was sich gar nicht lehren läßt; sich erkennen, und eben dadurch sich legitimieren als geheiligte Mord- und Brandfackeln in der Hand des Herrn der Heerscharen. Nicht wahr, Abdallah?« Der sah ihn schweigend und mit leisem Kopfschütteln an. Steigend an Heftigkeit und Ungeduld fuhr Nureddin folgendermaßen fort: »Abdallah, du hast wohl an ein zwanzig Jahr länger in der Welt gelebt, als ich. Was mir als vollreifem Manne, als werdendem Greise kund worden ist, muß dir als gewordnem Greise vorlängst schon sein. Merkst du denn nicht an den wachsenden Kriegen, an dem Schwerterzusammenschlagen der Muselmannen, Christen und Heiden, daß der Zorn Gottes und des Propheten das Himmelsgewölbe zu einem ungeheuern Ofen angeglüht hat, drinnen die Völker sollen geschmolzen werden? Sie haben noch alle meist Leben in sich und Kraft, aber eben, weil das Edelste nicht verrauchen soll, müssen wir auch das Schmelzen fördern, sonsten bleibt vielleicht dem großen Alchimisten nach ein paar hundert Jahren nur eine tote, geistlose Masse zurück. Die Besten von uns sind zu Lichtern angestellt, das heißt, zu Fackeln; drum risch gesprüht, nur risch gesprüht! Und sollten wir auch als Schürstangen die russigen Schwarzen aus Afrika hinantreiben müssen! Nur gemacht, daß die Masse in vollen Fluß kommt! Denn bis jetzt geht die Arbeit noch verteufelt langsam.« »Herr«, sagte Abdallah ganz erstaunt, »wie es mir vorkommt, wollt Ihr allen Frieden und alles Völkerrecht umstoßen, und was bleibt uns dann?« »Menschenrecht, Ritterrecht, Frauenrecht!« rief der glühende Emir. »Der einzelne soll vom einzelnen in Ehren gehalten werden, die Massen ineinander gerührt, bis sie nach vollendetem Gusse von selbsten zu schönern Formen erkalten.« »Aber Herr«, entgegnete Abdallah immer staunender, »wer hat Euch denn das gesagt? Und wer Euch zu solchem Amte eingesetzt?« »Brennt's denn hier nicht«, rief der Emir, auf seine Brust schlagend, »daß ich eine Fackel bin?« – Plötzlich aber still geworden, sah er den Heerführer mit einem langen, durchdringenden Blicke an, und sagte endlich: »Du freilich bist keine Fackel; drum hebe dich nur getrost hinaus.« Abdallah stand vom Sopha auf, und neigte sich ziemlich bestürzt; da reichte ihm Nureddin freundlich die Hand, sprechend: »Nun, wenn du auch keine Fackel bist, so bist du doch ein tüchtiger Kriegsmann. Ich werde es nicht mit dir machen, wie mit der zerbrochnen Laute dort, und hätte es auch mit der nicht getan, wäre sie als etwas andres zu brauchen gewesen; etwa als Schild. Aber so eine bloße Laute muß einen verstehn, oder muß zerbrechen. Im übrigen, alter Herr, vergeßt, was ich gesagt habe. Denkt, ich hätte Opium genossen, oder gar einmal das Gesetz des Propheten übertreten und Wein getrunken. Gute Nacht.« – Damit winkte er gütig nach der Tür, und warf sich dann, allein geblieben, seufzend und knirschend auf die Polsterkissen hin. Er hatte noch nicht lange so gelegen, da erhub sich ein gellender Klang von Cymbeln und Pfeifen und anderm festlichen Getöne durch das ganze Schloß. Ergrimmt fuhr der Emir in die Höhe, und rief nach seinen Sklaven. Die traten herein, noch immer jubelnd und freudig, aber ohne dessen zu achten, sprach der zornige Fürst sie dräuend an: »Wer schellt und jauchzt und klingt hier ohne mein Gebot? Das soll euch schwer zu tragen werden, daß ihr meinen Unmut noch reizt mit euerm ungehorsamen, unsinnigen Jubeln.« – Da fielen die Sklaven auf ihre Stirnen nieder, und sagten: »Lasse unser hoher Herr nicht seinen Zorn auf uns herunterblitzen, wenn hier ein Irrtum vorgefallen ist. Niemand, als der Alhafiz trägt die Schuld. Der kam jetzt eben mit seiner Galeere, und führte ein verschleiert Weibsbild in den Palast, und sprach, das sei die lang ersehnte Perle unsers Herrn, und jubeln möchten wir und tanzen zu ihrem Empfang; er stehe mit seinem Kopfe für alles ein. Laß denn auch keinen büßen, gerechter Herr, als den, der des Übels Ursacher ist.« »In Goldstück und Purpur will ich den Alhafiz kleiden«, rief Nureddin aus, »noch obendrein auf das Dritteil meiner Schätze, das er sich gewonnen hat, zu meiner Linken soll er sitzen beim Mahl, und reiten in der Schlacht, dafern er Wahrheit spricht. Lügt er aber, und bringt die Perle nicht, da soll es auch nicht an grimmigen Hengsten fehlen, die den elenden Prahler nach allen vier Winden hin zerreißen, wie er in meine Ruhe hereingerissen hat.« Noch war des Emirs Rede nicht zu Ende, da wallten schon die grünsamtnen, goldgefransten Vorhänge von der zederngetäfelten Türe zurück, die sich in ihren silbernen Angeln auseinander tat, und eine hohe, verschleierte Frauengestalt in einfachen Gewändern wahrnehmen ließ; zu ihrer linken Seite eine häßliche Schwarze, zu ihrer rechten den widrig lächelnden Alhafiz. – »Ich bringe dir, Herr«, begann dieser seinen Spruch, »was ich dir verhieß, und hier die schwarze Frau war meine beste Helferin. Ich empfehle sie deiner besondern Huld, und hoffe, du tust nun auch mir, wie du mir verheißen hast.« – Der Emir winkte ihm zu schweigen, und sagte: »Du hast eine unliebliche Stimme, Alhafiz, und dein unsittiges Mahnen soeben beweist mir dein bäurisches Wesen auf's neue. Störe mir diese feierliche Stunde nicht; ich bekenne ja gern, daß du unendlich mehr vollbrachtest, als ich je geglaubt, ja, als ich noch bis auf diese Stunde begreifen kann, und du sollst wahrhaftig nicht der erste werden, dem der Emir Nureddin irgend etwas schuldig geblieben ist.« – Alhafiz und die Schwarze winkten einander mit unangenehmer Fröhlichkeit zu, während der fürstliche Araber von seinen Kissen aufstand, sich ehrerbietig der Jungfrau näherte, und zu ihr sprach: »Ich fühle es durch all mein Leben, Herrin, Ihr seid es, nach welcher meine Sehnsucht rang. Nun rufe ich Eure Huld an, laßt mich nicht länger vom Anblicke des reinsten, lieblichsten Antlitzes geschieden sein, was sicherlich die Erde trägt.« – »Eure Schmeicheleien«, klang der Jungfrau Erwiderung zurück, »sollten mir den Schleier nicht weghauchen. Aber weil es Gott zugelassen hat, daß ich in Eure Macht gefallen bin, und weil es einer christlichen, edlen Magd nicht ungeziemend ist, ihr Antlitz vor fremden Männern zu entschleiern, so tue ich nach meines, obgleich sehr unrechtmäßigen Herrn Gebot.« Der Schleier wallte zurück; in der stillen Majestät ihrer ernsten, mit unbeschreiblicher Lieblichkeit übergossenen Züge sahe Bertha den erstaunten Emir klar aus den blauen, von schwarzen Wimpern überschatteten Augen an. Ihr lichtbraunes Haar scheitelte sich glatt, nur vorn von einzelnen Löckchen umwallt, über der engelreinen Stirn; ruhig und züchtig, in demütiger Hoheit leuchtete die holde Gestalt, minder beim ersten Anschaun blendend, als bei jedem wiederholten das Gemüt erlabend, und mit seligen Banden der keuschen Liebe umstrickend. Lange schwiegen sie beide: die Jungfrau in gottbewußter Kraft; in bezwungner, zu Demut umgewandelter Heldenstärke der Emir, bis endlich dieser in folgenden Worten zu reden anhub: »O Gott, meine edle Dame, was sprachet Ihr doch vorhin von einem Herrn, und von Gebot, und von Gewalt? Ich will nicht hoffen, daß irgend wer sich je erfrecht habe, Euern freien Willen zu beschränken, am mindesten in meinem Namen. Der dorten an der Tür vernahm es einstmalen, wie ich das Dritteil meiner Schätze dem kunstreichen Manne bot, welcher es vermochte, Euch zu mir herzubringen, ohne die mindeste Kränkung Eurer Würde. Denn bei Gott, die liegt mir am Herzen, wie meine eigne Ehre, und ich denke, es versteht sich von selbst, er habe Euch nur mit zierlichen Bitten über das Meer gelockt, oder mit dem holden Zauber des Reimes und der Lieder.« »Ich weiß nicht, was Ihr zierlich nennt; nicht, was Ihr holden Zauber heißt«, entgegnete Bertha, und ein seltsames Lächeln, nicht minder anmutig, als streng, flog über ihr Gesicht. »Euer Gesandte dorten mit seiner Schar hat mich gewaltsam fortgetragen von einem Steingebild unsers heiligen Kreuzes, das ich umfaßt hielt zu meinem Schirm. Die Schwarze neben ihm war meine Dienerin, und verriet mich an ihn.« »So?« sagte der Emir mit einem grimmigen Zucken durch all sein Gebein, und schritt nach einem Tischlein in der Ecke des Zimmers hin, während Alhafiz ängstlich ausrief: »Herr, hab' ich Euch doch die Maid gebracht, und zwar ganz ungekränkt und unversehrt.« »Nennst du das ungekränkt?« donnerte der Emir auf ihn ein. »Und konntest du, dies Paradiesesbild erblickend, an Gewalt denken? – Überhaupt, schweigt still, ihr beiden Hunde, wo diese spricht; und schweigt auch nur auf ewig still.« Zugleich hatte er zwei scharfe Messerlein, die auf dem Tische lagen, ergriffen, und sie, mit einer für Bertha fast unmerklichen Bewegung beider Hände gegen Alhafiz und die Schwarze hingeschleudert, so furchtbar sicher, daß alsbald die todglänzenden Stifte in den beiden sündhaften Herzen steckten, und die Schuldigen fast ohne Laut zu Boden sanken. »Hinaus damit!« winkte der Emir. »Es soll ein Gesetzkundiger kommen, und all meine Schätze in drei ganz gleiche Parten teilen. Wenn's fertig ist, so ruft Alhafiz nächsten Erben, damit er das Dritteil wähle, welches ihm behagt. Gedeutelt werden soll an meiner Verheißung weiter nicht.« – Die Sklaven verhüllten die Leichen und trugen sie fort; Bertha sahe ihnen seufzend und kopfschüttelnd nach, sprechend: »Ich wußte es ja wohl, ihr Armen, daß es euch schlimm vergolten werden müßte, ich sagte es euch ja auch! Was ließet ihr nicht ab von der bösen Tat? Trage nun Gott Erbarmen mit euern armen Seelen!« – Dann wieder zu Nureddin gewandt, sagte sie: »Was ich aus Euch machen soll, strenger Bluträcher, weiß ich noch nicht. Waret Ihr denn wirklich hier zum Richter bestellt?« – »Ich sollte denken ja, mein edles Fräulein«, gab er zur Antwort. »Für jetzt, bitt ich Euch, wollet es Euch gefallen lassen, zu ruhen von Eurer Fahrt. Ich würde Euch ermuntern, alles Bangens frei zu sein, aber Ihr kennt das blöde Bangen wohl nicht. Schwebt es ja doch wie mit heiligen Fittichen, leuchtet wie mit heiligen Lichtern beschirmend um Euch her, auch Gedanken von Euch abwehrend, die aus der Menschen Geistern aufsteigen, und Eurer nicht würdig sind. Aber haltet nichts Schlechtes von mir, um meines schlechten Gesandten willen. Ich sehnte mich nicht nach Euch, als nach einer Liebschaft, sondern als nach einer herrlichen jüngern Schwester, die zugleich meine höhere, himmlische Freundin würde.« – »Gottes Wille geschehe«, entgegnete Bertha. »Hat er mich Jungfrau bestimmt, Euch furchtbarem Löwen zu ihm zu verhelfen, so wird es zweifelsohn also ergehn.« – Einige ehrbare Frauen waren indes auf des Emirs Wink erschienen. Er übergab ihnen seinen holden Gast zur ehrerbietigsten, zartesten Pflege, und nahm mit einer ernsten Verbeugung Abschied. Viertes Kapitel Tages darauf zeigte sich ein Mohrenritter in den Vorgemächern des Fräuleins von Lichtenried, fragend, ob es dem Emir vergönnt sei, vor der edlen Herrin zu erscheinen. Bertha erteilte die gebetene Erlaubnis; ja, sie empfand eine Art von Freude über Nureddins Kommen, teils durch den Wunsch angereizt, zu wissen, in welche Hand sie denn eigentlich ihr seltsames Geschick geleitet habe, teils auch nicht ungünstig gegen den Araber gestimmt, durch sein ganzes Benehmen, und durch eine dunkle Ähnlichkeit, die sie in seinen Zügen mit einer anmutigen Erscheinung fand, welche sie irgendwo erblickt haben mußte, ohne sich das Wie und Wann deutlich angeben zu können. Als der eingetretne Emir sich ehrerbietig verneigt, und nach morgenländischer Sitte dem Fräulein gegenüber auf einigen Polsterkissen Platz genommen hatte, sagte Bertha: »Ihr habt gestern ein strenges Gericht gehalten, Herr, nicht nur als Rächer der Schuld, sondern auch als Bewahrer Eures fürstlichen Wortes, dem Erben Alhafiz einhändigend, was ihm des Verfemten Raubtat gewann. Wie kommt es denn nun, daß Ihr nur gegen mich dies strenge Recht aus den Augen laßt? War der Alhafiz ein todwürdiger Räuber, so bin auch ich all Eurer Ansprüche ledig und frei, wie ein Vogel in der Luft.« – »Das seid Ihr, Herrin«, entgegnete der Emir, »und es kommt einzig auf Euch an, welche Weltgegend Ihr mit Euerm Glanze durchleuchten, mit dem holden Klang Eurer Stimme in Frieden singen wollt. Nur kann ich Euch jetzt nicht geleiten, darf es nicht, weil ein Tun, das Gott und sein Prophet in meine Seele gelegt haben, magnetisch über meine Wege gebeut. Harret nur noch wenige Tage, begleitet mich auf einer kurzen Seefahrt, und Ihr reiset unter Nureddins Schutz, wohin Euer Herz begehrt. Vielleicht aber ist dann Euer Herz gewandelt, und begehrt nichts andres, als immerdar unter Nureddins Schutze zu verweilen.« – »Das denk' ich nicht, Herr«, entgegnete Bertha ernst, »und um es Euch zu beweisen, verlang' ich, daß Ihr sogleich ein schickliches Geleit anordnet, welches mich an die gasconische Küste führt.« – »Wenn Ihr darauf besteht«, sagte der Emir nach einigem Schweigen, »gut, so sei es denn also.« – Aber wieder schwieg er still, und schaute sie lange funkelnden Blickes an, bis er endlich in die Worte ausbrach: »Dich sollt' ich lassen? Dich, herrliche Bildung, himmlischer Geist, hinziehen lassen mit fremdem Geleit in ein fernes Land? Wenn sie dich nun nicht ehren, wie sie sollen, wenn sie dich nun beleidigen mit Wink oder Wort, oder mit rohem Klang ihrer Stimme, – muß ich nicht im Zorn aufrasen bei dem bloßen Gedanken? O vertraue dich nur mir, mir ganz allein nur an. In Vaterarmen hast du nicht sichrer geschlafen.« – Wirklich lag etwas Väterliches, Reines in des Emirs Glut, so daß Bertha sie nicht scheuen konnte, und sich, außer auf ihren Bruder, auf niemanden zu besinnen wußte, in dessen Schutze sie sich so ruhig und sicher hätte fühlen mögen. Sie drang nicht weiter auf ihre schnelle Fortsendung, und nahm nur des Emirs Wort, sie ihrem Willen nach zu geleiten, sobald es irgend sein könne. Er gab es mit großer Treuherzigkeit, und mit sittiger Freude über der Jungfrau Vertrauen, welche nun in den Tagen bis zur Einschiffung sich mit dem Palast und seinen reichen Wundern an mannigfachem Prachtgeräte, seltsamen Büchern und herrlichen Kunstbildungen bekannt zu machen strebte. Reich sind die asiatischen Lande, und vor allen übrigen Teilen der Erde gesegnet, gleich als habe die Natur noch immer die heilige Sagengegend lieb, in welcher zuerst ihr herrlichstes Kleinod, der Mensch, aus ihrem paradiesischen Schoße entsprang, und wo späterhin ihr und dem Menschen noch unendlich größeres Heil widerfuhr. Was dort des Edelsten und Glänzendsten erwächst, sei es im Geiste der Bewohner, sei es in Wald und Wasser und Feld und Flur, das hatte der Emir, soviel es die zarte Natur so holder Blüten vergönnte, in seinem Schlosse auf mannigfache, erfreuliche Weise aufgestellt und geordnet. Er selbst ging wie ein mächtiger Zauberer durch die vielen anmutigen Rätsel hin, deren jedes er im rechten Sinne zu lösen wußte, und an das Herz desjenigen zu legen, den er des Hörens würdig fand. Und zu wem hätte er lieber von all dem Höchsten und Besten, was seine Seele kannte, sprechen wollen, als zu Bertha, daher sich denn beide oft mit gleichem Vergnügen in den wundersamen, kühn durchschlungenen Bogengängen des Palastes antrafen, oder in den schattigen Laubgewölben, auf den hellgrünen Wiesenplätzen, an den klaren Wasserspiegeln und silberregnenden Springbronnen des Gartens. Mit vorzüglicher Lust horchte Bertha auf die Sagen und Märchen, die Nureddin teils von künstlich beschriebnen Palmenblättern ablas, teils als feierliche Überlieferung halb in Rede, halb in Gesang, frei von den Lippen tönen ließ. Sie gewann eine solche Freude daran, daß sie begehrte, die arabischen Worte und Schriftzeichen kennen zu lernen, in welchen die anmutigen Schätze enthalten waren, und wie sie nun versuchte, die fremden Laute nachzusprechen, gewannen diese einen dem Emir ganz neuen Reiz in dem holden Sprachtone Berthas, an welchem sie vielleicht alle andre Frauen des Erdrundes übertreffen mochte. Eines Tages ging sie mit Nureddin in einem Laubgange von hohen Lorbeerbäumen auf und ab, wo er ihr folgende Geschichte erzählte. Fünftes Kapitel             Weit in dem Meer, Archipelagos genannt, da liegt eine Insel, schöne, groß, weit bekannt, Frisch, hell und golden von Ähren, Obst und Wein. Da soll's in der Heidenzeit geschehen sein, Daß drauf ist geboren worden der Zauberer, Den für 'nen Gott sie gehalten alle nachher. Die Insel heißt Kreta, und Zeus der magische Held, Der hat es mit Sprüchen also gut bestellt, Daß sein Geburtsland stets in sel'ger Pracht Von tausend guldigen, lockenden, lustigen Gaben lacht. Dort war gepflanzt vor nicht allzulanger Zeit Ein Röslein helle, unmaßen an Zierlichkeit, So daß man's über das ganze blühende Land Als der Blüten zarteste Blüte hat erkannt. Das Röslein kam von der Stadt Damaskus herein, Und ward gepfleget von einer Magedein, Die man auch aus Damaskus, der fernen prächtigen Stadt, Auf dieses Eiland mit Raub geführet hat. Sie wollte pflanzen das Rosenzweiglein just, Da hat sie der Räuber gestört in der Blumenlust, Doch trug sie das Zweiglein mit in ihrem Kleid Von da bis Kreta über das Meer so weit. Hier war es bekommen gut am Inselstrand, Gepflegt von Mädchenblicken und Mädchenhand; Die Rose von Damaskus vor andern glüh'nd, Das Mädchen von Damaskus vor andern blüh'nd. Da hat sie gesprochen zur Ros' oft heimlicherweis: »Wir sind hier beide fremd, du armes Reis. Woll'n zusammenhalten an diesem Inselstrand, Uns aneinander knüpfen mit festem Band. Von uns soll keine scheiden zur Heimat fort, Die andre käme denn mit zum frohen Port; Und eine soll welken, wenn man die andre knickt.« – Da war's, als hätte die Rose dazu genickt. – Nicht lange darnach, so schaute das Mägdlein aus Durchs Fenster ins Meer, da war viel Wogenbraus, Und kommt ein kleines Boot gerudert herbei, Drauf ein herrlicher Mann, so frank und frei, Schlägt rechts und links mit den Rudern das wilde Meer, Als ob's ein Knecht, ein empörter Knecht ihm wär', Den er tät züchtigen nach gestrengem Recht, Und beugte sich vor ihm der bezwungene Knecht. Der Schiffer mit Adleraugen gewahrt von fern Am hohen Fenster den leuchtenden Mädchenstern, Rudert herbei, legt an bei dem goldnen Zaun, Fragt: »Wer bist du da oben, du Preis der Fraun?« Sie drauf: »Ein Königskind, von Räuberhand Fern aus Damaskus gewaltsam her entwandt.« Und er: »Da kommt es dir wohl hier einsam vor?« Drauf sie: »Mich labet des holden Rösleins Flor; Das siehst du blühende, lachende dorten stehn, Mit mir mußt' her es von Damaskus gehn.« »Ei«, rief da der Schiffer, »ich hab gewonnen ein Schwert, Das hielt man in Damaskus vor allen wert; Maid, Ros' und Schwert aus Damaskus, das sind drei, Das Schwert mach Ros' und Maid so leichtlichen frei. Vertraue dich mir. Ich rette dich, wenn du's wagst.« »Wer bist du, Schiffer, daß du so Kühnes sagst?« – »Ich bin kein Schiffer, ich bin ein Rittersmann, Streife durch Feld und Wiese, durch Meer und Tann, Jage nach Beut' und Lust, in Freud' entbrannt, Und Hygies heißen sie mich in diesem Land.« »Bist Hygies du, der gewalt'ge, fremde Held, Von dem die Rede singend und preisend schwellt, Der schon so viel gewonnen mit seiner Hand, Auf Inseln und Küsten, im Griechen- und Perserland, Ei Herr, da werd' ich von dir bald heimgebracht.« »Das, glaub' ich, Maid. Ich hol' dich noch diese Nacht.« »Und hast du, Herr, ein Schiff auch, oder ein paar?« »Wohl, Maid, doch kommen die erst im künftigen Jahr!« »Um Gott, wo willst du mich bergen bis dahin?« »Zu Hygies Ziel find't Wege der Hygiessinn.« Da nickte sie mild ihm zu, er fuhr vorbei. Nachts legt' er die Leiter an; da ward sie frei. – Tief in den Bergen mit grünbewachsnem Kranz Liegt eine Höhle, geräumig, heimlich, verborgen ganz, Davon das Schrecken die Menschlein hält gar weit. Dort soll geboren sein vor uralter Zeit Der Donnerer Zeus, das zaubrisch Kindelein. Keiner geht ohne Not hinzu, hinein. Da drinnen verbarg im allertiefsten Platz Der Hygies seinen leuchtenden, lächelnden Schatz, Und kam, zu kosen mit ihm, oftmals bei Nacht, Hat Wein und Speis und Teppiche mitgebracht. Aber die Maid sprach immer mit Seufzen ihn an: »Du wirst mein Retter, ach bist schon mein lieber Mann; Sorge mir denn, ach sorge mit treuem Sinn, Daß mir mein Rosenstöcklein nicht welke hin. Hast du aus Damaskus gewonnen dir Maid und Schwert, O halt' aus Damaskus dir auch die Rose wert.« – Und er pflegte der Maid, und hegte die Rose gut. – Weitum im Lande mit strebendem, staunendem Mut Suchten sie um und um durch das ganze Jahr, Und wußten's nicht, wo die Maid geblieben war. Der Hygies aber, der wußt' es mit Freuden wohl. Und weil ihm nicht ganz gefiel das tiefe Hohl, Um zu herbergen sein damaszenisch Lieb, Tat er mit damaszenischem Schwerte manchen Hieb, Hinein in die felsigen Hallen, tief ins Gestein, Daß alles mußt' eine räumige Wohnung sein. Man sagt, nicht Fürstin hätte je Haus gekannt, So schön als dies in des Donnrers Felsenwand. – Liebe bringt Leide. Heimliches Kosen bringt Frucht. Heldenminne schafft künftiger Helden Zucht. Eh' noch zu Ende gegangen das Liebesjahr, Geschah' es, daß die Fürstin ein Kind gebar, Ein herrlich Kind, ein Knäbelein kühner Art, Dem Donnrer Zeus schon durch die Wiege geschart. Das drückte der Hygies froh ans Vaterherz; Da ward zu lichter Freude der Mutter Schmerz. – Und nicht mehr lange, so leuchtet' es her und schwoll Übers Meer von weißen Segeln, günstigen Windes voll, Die gehörten den reichen Hygiesschiffen zu; Da ward am Abend geankert in stolzer Ruh, Und kamen Boten zum ritterlichen Herrn. Der hörte so frohe Kunde von Herzen gern, Ging zu der Damaszenerin nachts hinein, Führte sie aus dem Berg in den Sternen- und Mondenschein, Und wie sie wandeln mitsammen in stiller Lust, Schlafend das Kind an der lieben Mutterbrust, Da seufzt die schöne Frau so bang, und spricht: »Ach Gott, wie mir's durch alle Freuden bricht! Soll ich das Röslein lassen hier am Strand? Haben einander doch so wohl gekannt, Einander so lieb gehalten in unserm Leid, Es uns verheißend, würde die eine befreit, Die sollte die andre mit sich führen hinaus. Dort steht das Röselein. Lieber, grabe mir's aus.« – Das will der Ritter nicht, treibt zur Eile fort; Tief seufzet die Frau, geht schweigend vorüber am lieben Ort. Da wirrt sich in ihr faltiges Gewand Der Rosenstrauch fest ein, wie mit dorniger Hand, Reißt zurück die Eilende zu sich hin, Daß sie aufschreit sinkend, weiß nicht vom eignen Sinn. Kaum fängt der Hygies noch den Knaben auf, Sie selber liegt still und starr. Da kommt's im Lauf, Kommt aus jedem Pförtlein und jedem Tor, Vom Schrei geweckt, in rüstiger Meng' hervor, Kretische Männer, mit Waffen und Fackeln hell. Die erkennen die schöne Maid aus Damaskus schnell, Wie sie da liegt am blühenden Rosenstrauch, Wollen sie haben, wolln fangen den Hygies auch. Doch mit dem Hygies ward es ein andres Spiel, Der hieb umher, daß, wer sich ihm nahte, fiel, Und troff die Damaszenerklinge von Blut. Verschüchtert standen sie mit gebrochnem Mut. Dann grimm mit Pfeilen und Lanzen schossen sie drein; Wohl deckte der Hygies sich und die Lieben sein, Bis unterm goldnen Schildrand ein Pfeil hin drang, Der recht ins Herz der lieblichen Herrin sprang. Da ging sie aus Ohnmacht in den sanften Tod, Von Rosenblättern und eigenem Blute rot. Den Knaben führte der Ritter unterm Schild Mit sich ins Schiff, von Trauer und Rache wild, Mußte lassen die Ros' und die Frau am Strand, Trug von Damaskus nur Schwert von seiner Hand, Und auch den Knaben, der ward nachher ein Schwert, Das war viel hunderttausend leuchtender Klingen wert. Sechstes Kapitel Bertha hatte dieser Erzählung mit großer Bewegung zugehört, und noch an mehrern Tagen mußte sie Nureddin ihr wiederholen, welches er auch mit sichtlichem Wohlgefallen und mit einer nur halb verhehlten Rührung tat. Dann fragte sie ihn auch wohl bisweilen, wer denn der Ritter Hygies eigentlich gewesen sei? Und ob er nicht mehr von ihm wisse, als die Sage enthalte? – »Nicht viel mehr«, pflegte der Emir zu erwidern. »Aus fremden Reichen ist er in die Griechenlande gekommen, als ein allwärts bewunderter und gefürchteter Jüngling, und ich habe nie ergründen können, ob sein wirklicher Name Hygies gewesen sei, oder ob er ihn nur als Beinamen erhalten hat, denn in hellenischer Sprache bedeutet Hygies einen muntern, frischen Menschen.« – Nach solchen Worten brach er gewöhnlich kurz ab, und eine Wolke des finstern Unmutes zog über seine Heldenstirn. Eines Abends saßen Bertha und der Emir auf einem luftigen Altane, der über die Orangenbäume des blühenden Gartens hinaus die Aussicht auf des Meeres ungemessene Spiegelfläche freigab, die Seele zu Gedanken in die sehnsüchtige Ferne anregend. Ein kühlender Ostwind spielte auf den Wassern, und führte Blätter aus den Orangenwipfeln empor, sie wie zum Kranze gegen die Schläfe der Jungfrau hinhauchend. – »Weht er wohl aus Kreta herüber?« fragte sie lächelnd ihren Begleiter. »Und will er mir Nachricht bringen, was aus dem Ritter Hygies geworden ist, und aus seinem Knaben?« »Ihr habt ja noch nie nach dem armen Knaben gefragt?« sagte der Emir. »Ich weiß nicht, wie es gekommen ist«, entgegnete Bertha. »Mir war es immer im Herzen, wie eine große Lust, mehr von ihm zu vernehmen, und wenn ich davon sprechen wollte, warf es sich als ein Siegel vor meine Lippen, und machte mich stumm.« »Das ist recht wunderlich«, sagte der Emir. »Denn mich hat es auch immer getrieben, daß ich zu Euch von dem Knaben des Hygies sprechen sollte, und dann hielt mich wieder die Besorgnis zurück, daß Ihr den Sohn des abenteuernden Ritters, den in der kretischen Zauberhöhle Gebornen, meiden würdet und fliehn. Eben dieser Sohn des kühnen Hygies bin ich aber selbst.« Bertha schaute ihn etwas verwundert an. Endlich sagte sie: »Was sollte ich mich denn darum vor Euch fürchten, daß Ihr ein Sprosse des Hygies und der schönen Jungfrau von Damaskus seid? Ihr müßt mir ja lieber werden dadurch. Aus solch einem Bunde von Heldenkraft und Rosenlieblichkeit muß der Welt ein Stern der Ehre und Galanterie aufgegangen sein.« »Ein Komet, wollt Ihr sagen!« rief Nureddin aus. »Ein Komet ist der Welt in mir aufgegangen, ein rächerischer, verderblicher, aber heilbringend den künftigen Geschlechtern.« »Die müssen sehr schlecht sein«, sprach Bertha ernst, »wenn sie von einem einzelnen Rettung erwarten wollen, und nicht von sich selbst.« »Eben darum, daß sie nicht so schlecht werden«, sagte Nureddin, »bin ich auf die Erde vorausgesandt. Ich soll Feuer anschüren, Reinigungs-, Prüfungsfeuer, davor manch ein Dach, und manch ein Land zusammenfällt, um nachher desto herrlicher wieder zu erstehn. Glaubt mir nur, edle Jungfrau, das Menschengeschlecht hat mit dem Phönix eine und dieselbe Natur. Es muß von Zeit zu Zeit verbrannt werden, und neu aus der eignen Asche aufblühen, wenn es unsterblich bleiben soll und jung in ewiger Kraft.« »Ich glaube, Ihr seid in einem furchtbaren Irrtum«, entgegnete Bertha, das schöne Haupt langsam hin und her wiegend. »Aber Gott wird Euch schon davon los zu helfen wissen, und alle frommen und treuen Menschen vor Euern Irrflammen zu beschützen weiß er sicherlich auch.« »Wir werden nun bald sehen, ob er das will«, sagte der Emir. »Zu Morgen schiffen wir mit meinen Galeeren auf Ostia zu; das ist die längst beschlossene Fahrt, auf welcher Ihr mich vorerst begleiten müßt, bis ich imstande bin, Euch hinzufahren, wohin Ihr es begehrt. Im Hafen von Ostia laufen wir ein. Rom ist nur schwach bemannt, und wenn ich den dreigekrönten Priester unter den Trümmern all seiner Kirchen begrabe, fällt wohl der ganze morsche Bau der sogenannten Christenheit mit seinem Schlußsteine zugleich in Schutt und Graus. Vorzüglich mit, weil Eures Rittertumes Licht, der große Richard Löwenherz, von seinen eignen Glaubensgenossen im Dunkeln gehalten wird.« Da zog über Berthas Antlitz ein anmutiges Lächeln, recht in so kindlicher Lust und Sorglosigkeit, daß man es fast hätte Lachen heißen mögen; der Emir hub sich erstaunt von seinem Sitze auf, sprechend: »O wehe, du schöne Erscheinung, wie kannst du doch scherzen mit so ernsten Dingen? Das war ja eben mein erneutes Leben und Blühen in deiner Nähe, daß ich meinte, du verständest jeden Gedanken meiner Seelen, und wenn du auch bisweilen nach Weiberart etwas davor zusammenschräkest, empfändest du dessen Größe dennoch durch und durch, und fühltest dich auch unter dem schwindlichsten Zittern beflügelt und entzückt! jetzt aber, da ich gegen dich ausspreche, was ich bisher nur im heimlichsten, begeistertsten Gebete vor Gott und dem Propheten ausgesprochen habe, jetzt hast du nur ein kindisches Lachen für meinen Heldenentwurf! Du bebst ja nicht einmal bei dem Gedanken an die Todesgefahr, die dem Glauben bevorsteht, zu welchem du dich bekennst.« »Wäre es denn ein Glaube«, sagte Bertha, noch immer mit demselben unbefangenen Lächeln, »wenn ich an seine Todesgefahr glauben könnte? Der rechte Glaube stirbt nicht. Gott wird sein Rom schon erhalten, und ich danke Euch herzlich, daß Ihr mich nach Ostia mitnehmt, wo ich bewundernd schauen werde, durch welchen Boten der Herr Euch mächtig zürnenden Kriegsmann zurückweist, ob durch einen zürnenden Cherub, oder durch einen friedelächelnden Seraph. O lieber Himmel, ich wünschte um Euretwillen so recht aus ganzem Herzen das letztere.« Der Emir neigte sich tief vor der lächelnden Huldin, und sagte: »Verzeiht, wenn ich Euch mißverstanden. Ist es denn meine Schuld, daß Ihr immer so unendlich mehr gebt, als selbst ein Heldensinn erwarten kann?« Bertha reichte ihm gütig die Hand, sprechend: »Gute Nacht, Ihr wunderlicher Hygiessohn! Wir werden morgen doch früh auf sein müssen zur Reise.« – »Jawohl«, antwortete Nureddin; »aber bitt' Euch, nennt mich nicht den Hygiessohn. Ich ehre meinen tapfern Vater, aber daß er mich weder nach Damaskus brachte zu den königlichen Eltern meiner Mutter, noch auch mich mit sich nahm in seine mir unbekannte Heimat, sondern mich streifenden Arabern auf Geratewohl zur Erziehung überließ, – Herrin, es nagt mir grimmig am Herzen, und ich bin versucht, zu denken, er seie wohl des Damaszenerschwertes würdig gewesen, nicht aber der zarten Mädchenrose aus Damaskus.« – Damit neigte er sich ehrerbietig, und verließ den Altan. Am nächsten Morgen funkelte das Leuchten der Sonne auf den goldfarbigen Zieraten von Nureddins Schiffen und ihren erzbeschlagnen Schnäbeln, gaukelte die Frühluft um die farbigen Seidenflaggen, und schwellte die schneeweißen Segel mit ungeduldigem Hauchen an. Durch einen buschigen Gang des anmutigen Gartenhügels wandelte Bertha an der Seite ihres seltsamen Beschützers vom Palaste nach dem Meeresstrande hinab. Indem sie sich den glänzenden Gitterpforten naheten, drang von außen ein leises Singen in Berthas Ohr, und bald die wohlbekannte Mundart des Frankenreiches erkennend, horchte sie mit der Sehnsucht auf, die uns allemal beim Wiederbegegnen irgend einer bekannten Erscheinung aus vergangnen glücklichen Tagen ergreift. Sie vernahm ungefähr folgende Worte:     »Meeresstrand, Mit den dunkelgrünen Büschen, Mit der frischen Nahen, laub'gen Gartenwand! Sonn'ge Fluten Kühl im hellen Morgenschein! Ach ich möcht Eu'r Sänger sein, Wenn mir ruhten Einmal in des Busens Schrein Diese Klagen, Die umsonst, umsonst nach ihr, Nach der weißen Blume fragen, Ehmals dieser Gärten Zier.     Bittres Leid, Nah dem Ort, wo jüngst noch weilte, Die mir heilte Jeden Schmerz! Nun ist sie weit. Ach, wie klag' ich Fern verflogner Vogel, bang! Seufzer dringen in den Sang, Schluchzend sag' ich: ›Weh' das Leben ist so lang! Und so flüchtig, Was ihm einzig Kränze lieh. Liebeshoffnung ist so nichtig, Liebeszagen ist es nie.‹« Es war, als wolle der Sänger, dessen Töne aus einem Gebüsche, dicht an dem äußern Gartengegitter, hervordrangen, seine Liebesklage noch weiter fortklingen lassen, aber als hemme sein leises Weinen die Stimme; nur die Zither, mit welcher er sich begleitet hatte, schwirrte noch in einzelnen wehmütigen Akkorden weiter. Bertha war in ihrem Aufmerken unwillkürlich stehen geblieben; der Emir, achtsam, jeglichen ihrer Wünsche zu erfüllen, stand gleichfalls still, und winkte einigen Dienerinnen und Sklaven, die mit Sonnenschirmen, Polstern und andern Bequemlichkeiten, der schönen Herrin folgten, sich nicht zu regen. Als das Lied verklang, und Berthas Augen nach dem Sänger umherspähten, eilte Nureddin schnellen Trittes aus der Gartentür, und mit den leuchtenden Kriegeraugen durch das Gebüsch blickend, entdeckte er bald darin den weinenden Jüngling mit der Zither, welchen er zu sich hinwinkte, und vor die Herrin führte. Ohne Scheu, voll sanften Ernstes, nahte sich der Sänger, in welchem Bertha mit froher Überraschung den Meister Aleard erkannte. Sie fragte ihn freundlich teilnehmend, was ihn an diese Küsten führe, und ob sie vermöge, ihm sein, wie es schiene, feindseliges Schicksal zu mildern. – »Redet nur frei heraus«, fügte sie hinzu, da der Jüngling, mit einem forschenden Seitenblick auf Nureddin, zögernd schwieg. »Was Ihr, mein edler Sänger, zu sagen haben könnt, kann dieser edle Held auch sonder allen Zweifel hören.« – Nun erzählte Aleard ohne Hehl, wie er hierher gekommen sei, Blancheflour zu retten, wie er nach der Verwundung ihres heldenmütigen Bruders, im Unwillen auf Tebaldo und Vinciguerra, mit diesen keinen Verkehr mehr habe halten wollen, die Nacht über darauf sinnend, was er nun für Wege einsam betreten müsse, um das Fräulein nach der Heimat zu führen. Da habe er dann erst am Morgen aus aller Munde das Wunder von des Freiherrn Wiederbelebung und von der Damen Rettung gehört. – »Nun leb' ich hier verlassen«, schloß er seine Rede, »wandle zwischen Gesichtern und Worten, dem Innersten meiner Seele gleichermaßen fremd; nur Freundin Zither ist mir geblieben. Die sorgt den Tag über in den Häusern einiger reichen Mohrenritter dafür, daß ich keiner niedrigen und erschöpfenden Arbeit bedarf, um mein Leben in der Fremde hinzuhalten, und am Abend und Morgen singt sie mir in süßer Vertraulichkeit die Freuden vergangner Tage zurück. Ich war schon recht darauf gefaßt, hier ganz vergessen und unbekannt zu verklingen. Wie aber Eure holde, so oft an Blancheflours Seite erblickte Gestalt in mein Leben hereinschaut, da wacht die Sehnsucht nach der trauten Heimat wieder lieblich schmerzend in mir auf. Ich sehe, Ihr seid reisefertig. Könntet Ihr mich mit Euch führen in ein christliches Land, so gäbt Ihr meinem Dasein ein frisches Morgenlicht; wo nicht, so wird doch wohl mindestens ein Abendlicht daraus, und die stille Nacht breitet über den heißer Sehnenden ihre linden Schleier um manche Stunde früher aus.« – »Nein, ich will Euer glückbedeutend Frührot werden, so Gott es vergönnt«, entgegnete Bertha. »Mein hoher Gefährt hier wendet gewiß nichts dawider ein.« – Freundlich faßte der Emir des Sängers Rechte, und sagte: »Was Fräulein Bertha wünscht, ist schon getan, dafern es Nureddins Macht erreichen kann, und Eure edle Kunst ist mir auch an sich selbsten lieb. Wir Araber sind ein sang- und märchenlustiges Volk, ja bisweilen, wenn mir Laute und Lied so recht günstig zusammenklingen, hege ich wohl den stolzen Gedanken, als gehörte ich zu den Dichtern mit.« – Sich in ein erquickendes Künstlergespräch verflechtend, schritten die dreie den morgenrötlichen Strand hinab, und bestiegen das Schiff. Siebentes Kapitel Das Gejauchze, welches vom cartagenischen Ufer die absegelnden Galeeren des großen Emirs begleitet hatte, war lange schon verhallt, entschwunden die spanischen Küsten aus den Augen der Seefahrer; über das tiefblaue Meer, unter dem tiefblauen Himmel glitten die Fahrzeuge vor günstigem Westwinde schnell und eben dahin. Auf dem Verdecke des Hauptschiffes saßen Nureddin und Bertha, unter einem Baldachine von olivengrüner Seide, bald in arabischer, bald in einer der europäischen Sprachen emsig miteinander redend; die Scheu vor des Emirs feierlicher Miene hielt jeden Hörer fern. Selbst Meister Aleard, der edle Troubadour, ward zu der ernsthaften Verhandlung nicht mit berufen. Zwar mochte das Gespräch mit Sang und Scherz angefangen haben, denn Berthas Zither lag noch immer auf ihrem Schoße, jedoch bald hatte es eine andre, höhere Wendung genommen, wie es denn wohl mit allen Gesprächen zu gehen pflegt, welche zwei kräftige, redliche Seelen, des Strebens nach dem Höchsten voll, über irgend einen Gegenstand erheben. Man sagt ja, der Flug des Adlers richte sich ganz von Natur nach dem Sonnenblick, und komme meist allemal in diese Bahn, sei er auch anfangs nur mit einer Jagd auf Rehe und andres Gewilde des Forstes begonnen. Was nun die beiden hohen Gestalten, einander gegenüber sitzend, besprachen – die Erzählerin der Rittergeschichten, von unsern Voreltern Frau Abenteure, von unsern romanischen Stammverwandten Dame Avantüre genannt, vermag es nicht von Wort zu Wort wieder zu berichten. Sie spielt, wenn auch im Grunde der Sachen ein ernstes, doch oft von erfundenen Schatten durchgaukeltes Spiel, und eben, weil sie es sehr fromm und innig meint, wagt sie es nicht, die klar ausgesprochnen höchsten Wahrheiten der heiligen Religion in ein und dieselbe Reihe mit ihren bunten Gebilden zu stellen. Von jenen höchsten Wahrheiten aber hielten Bertha und Nureddin ihr Gespräch. Mit aller blühenden Weisheit Arabiens, Persiens und Indiens stritt der Emir; mit einfachen Worten, in kurze, fast kindlich hergesagte Sätze zusammengedrängt, die Jungfrau. Meister Aleards Zithertöne klangen von einer nahe segelnden Barke mit wehmütiger Rührung halbvernommen herein. Darüber stieg der Abend aus dem Meer, darüber endlich die Nacht mit ihren feierlichen Sternenaugen, und der Emir, das Fräulein ihren Dienerinnen übergebend, zog sich mit tiefsinnigem Ernste in sein Gemach zurück; Bertha tändelte heitrer als je, mit ihren Frauen, und mit dem Schlafe zugleich legte sich ein seliges Lächeln über das himmlische Gesicht. Der nächste Tag sahe den stillen, und dennoch so gewaltigen Streit zweier edlen Geister aufs neue begonnen. Einige Rollen von beschriebnen Palmenblättern hatte der Emir mit heraufgebracht unter das olivengrüne Zelt, und las zwischen seinen Reden bisweilen tiefersonnene Sprüche daraus ab, bisweilen anmutige Reime aus Helden-, Lehr- und Liebesgedichten. Bertha führte kein Buch zu ihrer Hülfe mit. Wohl besaß sie eine Abschrift des Buches der Bücher, in schwarzen Sammet mit silbernen Schlössern und Beschlägen eingebunden, durch fromme, zarte Bilder verziert, aber die war auf Burg Trautwangen zurückgeblieben, und die schönen Heiligengeschichten lagen auf Gabrielens gasconischer Veste. Dennoch hatte das fromme Kind so treu und achtsam in den geweiheten Zeilen gelesen, daß deren Beistand ihr nimmer entging. Sie sann wohl bisweilen Minuten lang nach, daß man hätte meinen sollen, sie werde verlegen, und scheu vor den glänzenden Blumen und Früchten, die aus Nureddins königlichem Dichtergeiste, den Alkoran beschattend und verherrlichend, emporstiegen; aber bald darauf trat ein schlichter, Liebe, Glauben und Hoffnung atmender Spruch hervor, dessen Taubeneinfalt die farbenspielende Schlangenklugheit in Mahomas Lehre mit leichter Mühe bezwang. Es dauerte mehrere Tage so. Ganz anders zeigte sich das Leben während der Seefahrt, als man gedacht. Die Stelle der Kriegslieder und herrlichen Gelage, darauf alle Teilhaber gerechnet hatten, nahm ein feierliches Schweigen ein, dessen Macht sich sogar auf Firmament und Meer zu erstrecken schien. Bloß eben so viel Wind hauchte in die Segel, als nötig war, die Flotte ohne angestrengte Arbeit des Schiffsvolkes gegen Ostia hinzutreiben, spiegelglatt lag die blanke Meeresdecke ausgedehnt, nur von sanftem Wellenspiele gekräuselt, von den durchschneidenden Bahnen der Schiffe gefurcht. Achtes Kapitel Am Strande von Ostia war eines Tages mit dem frühesten Morgen ein wildes, unruhiges Leben erwacht. Weiber und Greise und Kinder flüchteten mit vielem Gepäck auf der Landstraße nach Rom zu, oder in Barken die Tiber hinauf, oder rafften ängstlich noch erst ihre Habseligkeiten zusammen, während andre, an ihnen vorbeistreifend, schrien: »Macht fort, macht fort! Ihre Wimpel zeigen sich schon am Horizont!« Männer und Jünglinge sammelten sich bewaffnet in Scharen, aber man sahe viele bleiche Gesichter unter ihnen, und ein Gemurmel ging durch die Glieder: »Nureddin ist es; der furchtbare Alarbe ist es selbst!« – Von Rom her kamen einige Hauptleute, die führten Hülfstruppen heran, aber nur in schwacher Anzahl, und in ihren Mienen kein fröhlicheres Vertrauen, als die, zu deren Unterstützung sie herbeigesandt waren. Wer sich noch den frischesten Mut erhalten hatte, rief hier und da, es sei der große Emir Nureddin gar nicht, der sie bedrohe; es sei weiter nichts, als afrikanisches Seeräubergesindel. Aber gegen eine solche Stimme erhuben sich immer ihrer zehn bis zwanzig, die teils von den Leuchttürmen selbst in der Ferne gesehn, teils durch die Mannschaft der ausgeschickten Barken vernommen hatten, die Flotte des gefürchteten Emirs nahe selbsten heran, sein Hauptschiff mitten darunter, alles kennbar an Zieraten und Flaggen, und Segeln und Bauart der Fahrzeuge. Den Hauptleuten, indem sie den Unheilkündigern Stille gebieten wollten, erstarb vor ahnungsvollen Schauern das Wort im Munde, und einer sprach wohl in des andern Ohr: »Es ist nur allzugewiß; er ist es selbst, und ein ehrlicher Tod unser bester Gewinn.« Die Segel leuchteten hell im Morgenrote zwischen Meerflut und Himmel herauf, zahlreich, in schön geordneter Reihe mit günstigem Winde heranwogend. Vor dieser Menge wagten die Hauptleute den Strand nicht zu verteidigen; sie zogen landaufwärts, um etwa von dort ein Versehen der Araber beim Landen zu benutzen, oder sie während der Plünderung der verlassenen Stadt zu überfallen, oder wenn das dräuende Heer vorsichtig aus den Schiffen steige, und geordnet gegen sie herankomme, den Rückzug nach Rom um so gesicherter und eiliger fortsetzen zu können. Im Augenblicke gaben die eben erst gesammelten Scharen den Befehlsworten zum Abzuge Gehör, alle Rücken wandten sich gegen die See, alle Schritte strebten eilig die Gegend nach Rom hinan. Aber nicht gleichen Gehorsam fanden die Führer, als sie das Volk in der neuen Stellung halten, und das Antlitz wieder gegen den Feind kehren hießen. Den kriegsfremden, durch betäubende Gerüchte eingeschüchterten Bürgersleuten lag der Weg nach dem volkreichen Rom allzu lockend und hülfeverheißend vor Augen. Je mehr man nun Halt rief, je eiliger ward der Scharen Tritt, und als die Hauptleute schalten und droheten, einige mit Gewalt festhaltend und umwendend, ward aus den Schritten Lauf, aus dem Laufe wilde, ungeregelte Flucht. Nur wenige versuchte Kriegsleute hielten bei den verlassenen Führern aus. Das kleine Häuflein sahe sich mit traurigem Stolze an. Sie fühlten wohl alle, daß sie die echten Körner seien aus diesem Haufen Spreu; aber betrübt war es doch, nur so wenig des echten Kornes anzutreffen, und mit dem Ruhme lag auch zugleich der unvermeidliche Tod vor ihren Augen, denn schon ankerten Nureddins Schiffe, und bildete sich die zahlreich glänzende Kriegerwolke schnell geordnet am Strand, fast ebenso viele leuchtende Paniere in die Luft streckend, als hier einzelne Fechter zum trüben Widerstande versammelt waren. Es fiel jedoch keinem ein, noch an der Flüchtlinge Schmach Anteil nehmen zu wollen. Wer bis über einen gewissen Punkt hinaus noch festen Entschlusses bleibt, mit dem haben Zweifel und Bangigkeit nichts mehr zu schaffen. Wie die todfertigen Helden noch so still vor sich hin standen, auf ihre Schwerter, Lanzen, Morgensterne und Hallebarten gestützt, ging vor ihnen entlängst eine glänzende Erscheinung, so daß sie erst vermeinten, es komme irgend ein Himmelsbote, sie zu stärken und zu erfreuen, in der letzten und bittersten Stunde des Lebens. Etwas Ähnliches hatte es auch zu bedeuten. Der heilige Vater Papst, in aller Glorie und Pracht seines Amtes, schritt die wenigen Rotten hinab und hinauf. Alle Knie beugten sich vor dem ehrwürdigsten Herrscher des Erdrundes, alle Hände streckten sich verlangend nach ihm aus. – »Kinder«, sagte er, »wenn hier die Sarazenen siegen, so werden die Flüchtlinge Rom und seine Heiligtümer nicht retten. Darum bin ich herausgegangen zu Euch, mit Euch zu leben und zu sterben, denn Gott verhüte, daß ein Papst an eine Rettung denke, wo die heiligsten Häuser, drinnen auf europäischem Boden der Herr angebetet wird, untergehn. Nach menschlicher Weise zu urteilen, muß es wohl diesmal dahin kommen, und wir haben unser Blut auf diesem grünen Anger zu vergießen für seinen Namen und zu unsrer Seligkeit; aber nach göttlicher Weise kann es auch noch weit anders ergehn. Laßt uns denn gefaßt sein auf alles, auf Leid und auf Freude, wie er es senden mag, und empfangt mit männlichen und demütigen Herzen seinen Segen.« – Weit breitete der heilige Vater seine Arme aus, und segnete die edle Schar, die sich sodann auf sein Geheiß erhub, und getrosten Sinnes den Dingen, die da kommen sollten, entgegensah. Vor ihrer Mitte, gleich einem Feldhauptmanne, stand der Papst, mit den geheiligten Zeichen seiner Würde bewehrt. Die Scharen Nureddins rückten im blendenden Glanze, mit lustiger Feldmusik, welche Trommeln und Tamburins durchwirbelten, gegen die Höhe herauf. Plötzlich hielt alles; die kriegerischen Klänge verstummten, wie auf einen Wink; zwei hohe Gestalten, ein Mann und eine Frau, kamen miteinander vorgeschritten, und näherten sich dem christlichen Heerhaufen getrosten Mutes, ohne erst Unterhändler oder Friedensboten von irgendeiner Art voranzusenden. So wie man sie besser ins Auge fassen konnte, mußte man erstaunen über die Herrlichkeit dieser Erscheinungen: über die Würde und Pracht des Mannes, die demütige Hoheit der wunderschönen Frau. Niemand dachte wohl daran, die Waffen gegen solche Gestalten zu erheben; um aber doch jedweden möglichen Ausbruch der Verzweiflung oder des Ingrimmes zu verhüten, winkte der Papst den Hauptmännern und Kriegsleuten, daß sie ruhig bleiben sollten, und ging alsdann, feierlich grüßend, einige Schritte gegen die wunderbaren Gäste vor. Die sanken alsbald in die Knie, und die Jungfrau hub folgendergestalt zu sprechen an: »Euch von fern erkennend, heiliger Vater, sowohl an der Pracht Eurer feierlichen Gewande, als auch an der Würde, die Euer gesegnetes Greisenalter schmückt, hielt ich es für unnötig, irgend noch auf eine Vorbereitung zu denken, um zu tun, was wir gegenwärtig tun. Hier knien wir, heiliger Vater, und ich, die ich ein Christenfräulein deutschen Stammes bin, Bertha von Lichtenried geheißen, führe Euch den edlen Emir Nureddin zu, welcher in Demut bittet, von Eurer Hand das Sakrament der heiligen Taufe zu empfahen.« – Eine große feierliche Stille folgte diesen überraschenden Worten; der Papst wandte seinen staunenden und dankenden Blick wie in Verzückung nach dem Himmel hinauf. – Nach einigem Schweigen fuhr Bertha fort: »Die Kriegsleute, welche dort auf der Ebne halten, sind gewillet, dem Beispiele ihres großen Heerführers zu folgen. Die wenigen, die von ihm abfallen, um bei Mahoma zu bleiben, schiffen sich soeben wieder ein, und werden es nicht wagen, auch nur einen Grashalm der Küste geflissentlich zu beschädigen, die nächst Gottes von jetzt an unter des starken Nureddin Schutze steht.« – »So der echte Gott mir helfe, und sein heiliger Sohn!« fügte der Emir beteuernd hinzu. »Beide, und den, der von ihnen ausgeht, hat mich dieser jungfräuliche Seraph erkennen lehren.« – Da kniete auch der heilige Vater nieder, und mit ihm die christlichen Kriegsleute, und alles betete still und gerührt zu dem wunderbar schützenden Gott. Dann sich erhebend, gebot der Papst dem Emir und dem Fräulein, aufzustehn, und ihm zum heiligen Tauffeste nach Rom zu folgen, aber Nureddin, noch immer kniend, sagte: »Heiliger Vater, mich dürstet nach dem Wasser des Lebens. Wollet mir nicht länger vorenthalten, was ja auch die ersten Jünger Eures Heilandes oftmalen auf freiem Felde zu erteilen pflegten, sonder Umständlichkeit, noch Pracht.« – »Dir geschehe, mein lieber Sohn, wie du gebeten hast«, entgegnete der Papst, und im Umschauen ein Brünnlein gewahrend, das nahebei aus einem Hügel quoll, schöpfte er daraus, erkor Bertha und nächst ihr alle die getreu zur Stelle verbliebnen Christenkrieger zu Taufzeugen des Emirs, und gab ihm in der heiligen Handlung den Namen Christophorus, des so frommen, als mächtigen Giganten gedenkend, welcher vor vielen Jahrhunderten mit seiner Heldenkraft eine Stütze der Kirche geworden war. Dann küßte er den neugewonnenen Jünger der Wahrheit aus väterlichem Herzen, aber sich gegen Bertha wendend, neigte er fast sein Haupt vor ihr, und sprach: »Du bist zu einem herrlichen Werkzeuge erkoren, hohe Jungfrau; was in dir wohnt, zwingt auch Geweihten Ehrfurcht ab. Ich bitte dich im Namen der erhabnen Roma, ehre sie dadurch, daß du den jetzt herannahenden Winter in ihren Mauern verlebst, und ihr so die Gelegenheit schenkst, ihrer gottgesandten Retterin zu danken. Dein herrlicher Täufling bleibt dann auch zu deiner Ehrenwacht allhier, wie der edle Leue nicht von dem Heiligen ließ, der ihn gezähmt hatte.« – Bertha neigte in errötender Demut einwilligend ihr Haupt; der edle Araber Christophorus bezeugte zu tun, was Gott und seine Herrin von ihm begehre. Derweile waren viele Menschen aus Rom, alles Geschlechtes und Alters, von der heilbringenden unerhörten Botschaft angelockt, nach Ostia herausgeströmt, Wein und Speise mit sich bringend, zur Verherrlichung des Festes der Errettung. Dieses begann damit, daß der heilige Vater alle Geistlichen um sich her versammelte, und durch die arabischen Scharen hinwandelnd, beim stillen Gebete der zuschauenden Römer, die Taufe den sich zudrängenden Kriegsmännern austeilte, welche ihrem Emir, wie sonst in Gefahr und Tod, so auch hier zur Pforte des Lebens mit freudigem Eifer folgten. Dann erhub sich auf dem grünen Plan, die Ufer der Tiber entlängst, zum Teil in geschmückten Barken auf deren gelblichen Wogen, ein heitres Gelag, und als Bertha dem Emir einen Becher Falernerweines kredenzte, und er zum erstenmale den edlen Saft der Traube in sich trank, strömte neben der himmlischen auch irdische Begeisterung aus, durch alle Adern des aus der kretischen Höhle zum Lichte vorgedrungenen Helden. Neuntes Kapitel Nicht so günstig, als die Schiffahrt des Emirs und der Jungfrau, war die weit früher begonnene Folkos und der geretteten Damen gewesen. Wild empörte sich wider sie das Meer, sobald sie aus dem Gesichte Cartagenas gekommen waren, und ließ ihnen nur unter feindseligen Kämpfen zu, die Straße zwischen Afrika und Spanien zu durchmessen; ja, als sie sich an deren hohem Felsenpfeiler Gibraltar endlich rechts wenden wollten, um gegen Gascogne hinaufzusteuern, erhub sich ein so grimmiger Wirbelwind, daß Hernandez die Barke nicht mehr in seiner Gewalt behielt. Weit hinaus ward sie getrieben in das schäumende Meer, und man sahe sich endlich gezwungen, teils aus Mangel an Holz und Wasser, vorzüglich aber zu Erquickung der Frauen, an einer durchaus unbewohnten und der ganzen Reisegesellschaft unbekannten Insel zu landen. Während nun Folko und Hernandez, ja selbst Vinciguerra bemüht waren, eine bequeme Hütte für die Damen zu erbauen, Moos und Decken zusammenzutragen für ihr Lager, und kurz, alles zu tun, was höfliche Ritterlichkeit in solchen Fällen begehrt, hatte Tebaldo tagelang sein Vergnügen daran, mit dem Ringe zu spielen, und durch allerlei seltsame Versuche, die er damit anstellte, die Tiere der Wüste und des Meeres herbeizulocken, sie zu wunderlichen Tänzen und Stellungen zwingend, und oftmals laut darüber auflachend. – Folko und Hernandez empfanden den lebhaftesten Unwillen darüber, daß der Kaufherr die Sorge für die edlen Frauen seinen tollen Spielen so gänzlich nachsetzte; als er nun aber vollends die gaukelnden Bestien mit ihrem widerwärtigen Geheul oftmalen absichtlich in die Nähe Blancheflours und Gabrielens brachte, und diese darüber ängstlich bebend aufschrien, beschlossen die beiden Ritter, das Unwesen auf keine Weise länger zu dulden, möge auch davon herkommen, was da wolle. – Nach einem Auftritte der erwähnten Art stellte sich Montfaucon einstmalen dicht vor Tebaldo, und schaute ihn eine Zeitlang schweigend mit einem durchdringenden Funkeln der Augen an. Der Freiherr hatte im Schiffe die ritterliche Kleidung wieder angelegt, und sahe so heldenkräftig darin aus, daß der Kaufherr mit schlecht versteckter Verlegenheit zur Erde sehn mußte, und endlich sagte: »Nun was soll denn das? Wollt Ihr zu einer Rolandssäule werden, und steht deshalben so regungslos und strenge vor mir da?« – »Das ist nun eben die Ursach nicht«, entgegnete Montfaucon. »Wohl aber besinne ich mich, was ich mit Euch anfangen soll, wenn Ihr nicht bald ein bescheidneres Betragen annehmt, als bisher.« – »Mit mir anfangen?« rief der trotzende Tebaldo. »Fragt doch lieber erst, was ich mit Euch anfangen will, und mit Eurer ganzen Gesellschaft in den Kauf!« – »Herr«, entgegnete Montfaucon mit kalter Festigkeit, »Ihr habt mir das Leben gerettet, habt viel auch zur Rettung der Damen beigetragen, und seid durch den Ring in den Besitz gewaltiger Zauberkräfte gekommen. Deshalb müßt Ihr Euch aber nicht einbilden, daß Ihr Euern Spaß mit einem fränkischen Baron und Bannerherrn treiben könnt, noch minder mit den Frauen, die sich in seinen Schutz begeben. Ängstigt ihr die Fräuleins noch ein einzigesmal mit Euerm tollen Bestienspiel, so geht es Euch auf alle Weise an das Leben; es müßte denn sein, Eure Hexereien hielten besser, als mein Schwert. Aber zum Versuchen kommt es, darauf könnt Ihr Euch verlassen.« – »Ihr seht mir vollkommen aus, wie ein Worthalter«, sagte Tebaldo ernsthaft, »und es ist uns wohl beiden besser, wenn wir es auf keine Probe stellen, wer die Oberhand gewinnt. Begebt Euch zufrieden, und verzeiht mir; es soll nicht wieder geschehn.« – Darauf gab ihm Folko versöhnt die Hand, und die Damen wurden hinfürder nie wieder erschreckt. Bald darauf heiterte sich der Himmel auf, und man lichtete die Anker zur fernern Fahrt. Die ging auch ganz glücklich, bis man wieder den Felsen von Gibraltar erreichte, aber kaum, daß man an diesem vorbei nach Frankreich hinauf zu segeln gedachte, so erhub sich aufs neue ein entsetzliches Ungewitter, und warf das Fahrzeug in die Meerenge hinein, trieb es wütend an Malaga, an Cartagena vorbei, und beruhigte sich erst, als man die genuesische Küste bereits vor Augen hatte. Des Schiffes Zustand, der Frauen Ermattung ließ keine Wahl, man beschloß, zu Lande den noch übrigen Weg zurückzulegen, und lief in den Hafen von Genua ein. Kaum waren die Damen in einem edlen Hause mit allen Bequemlichkeiten versorgt, kaum das Unentbehrlichste an Waffen, Kleidern und Gerät aus der Barke geladen, so zog ein Wink Ritter Montfaucons den Kaufherrn sich nach in eine entlegne Straße der Stadt. – »Gesteht es nur frei heraus«, fing der Ritter an, »Ihr habt Euer Narrenspiel mit uns getrieben, die neckenden Stürme, die uns allemal bei Gibraltar erfaßten, vermöge Eurer zaubrischen Kräfte mutwillig heraufbeschwörend.« – »Warum fragtet Ihr mich das nicht auf dem Schiffe?« sagte Tebaldo. »Da wär' es vielleicht noch Zeit gewesen, meinen Fehl zu bessern.« – »Ich weiß nicht, ob Hohn, ob Ernst aus Euch spricht«, entgegnete der Freiherr, »und man kann das bei Euresgleichen wohl niemalen recht eigentlich wissen. Es liegt aber auch nur wenig daran. Was mich betrifft, ich antwort' Euch ernsthaft. Seht, auf dem Schiffe hätte Eure Hexerei irgend einen noch schlimmern Spuk anstellen können, und der wäre den Frauen mit zu Schaden gekommen. Hier kann es nur mich allein treffen, und ich stell' Euch ehrlich und ritterlich zur Rede: Habt Ihr Euch den Spaß mit uns erlaubt?« – »Ehrlich und kaufmännisch entgegn' ich Euch«, sagte Tebaldo, »daß ich allerdings die Wetterwolken heraufbeschworen habe, die unser Schiff trieben; nicht aber, um mir einen Spaß mit Euch zu machen, sondern weil ich mir's einmal in den Kopf gesetzt hatte, nicht in Frankreich zu landen, sondern in Genua.« – »Genua möcht' Euch doch vielleicht nur wenig Glück bringen, dafern Ihr Ehre und Mut habt«, sagte der Freiherr, und blickte nach seinem breiten Ritterschwerte hin. – »Was Ihr ausschließlich Ehre zu nennen beliebt«, sprach Tebaldo, »weiß ich nicht; kümmre mich auch nicht eben sonderlich viel darum. Meinen Mut aber hab' ich schon früher bewiesen, und denk' es auch bei wichtigem Gelegenheiten zu tun, als die ist, worauf Ihr wohl eben hindeuten wollt.« – »Jämmerliche Ausflucht!« rief Folko. »Die ist allen Memmen und Feldflüchtigen zugänglich. Habt nur die Güte, Euch ohne Unschweif und Redensarten zu erklären, ob Ihr mit mir in einem der vor uns liegenden Gärten zu kommen gedenkt, und dort Eu'r Schwert so lang' mit dem meinen zu messen, bis des einen Herr mit seinem toten Leichnam die Länge mißt, die er zu seinem Grabe braucht.« – »Recht gern, Herr«, lachte Tebaldo zurück. »Wir wollen schon einen Platz ausfindig machen. Nur immer mir nach!« Rüstig schritt der Kaufherr voran, nicht minder rasch folgte ihm der Ritter. Da ward es diesem plötzlich, als rufe Tebaldo auch hinter ihm her, und als er umschaute, nahm er ihn wirklich dorten wahr, zugleich aber mehrere Tebaldos, die ihn bald aus den Fenstern der benachbarten Hütten, bald über die niedern Gartenmauern hervor, angrinsten und anschrien, und allzumal mit ihm fechten wollten. Verwirrt drehte sich Folko im Kreise hin und her; als aber einer aus der Schar lachend sagte: »Nun sind wir Euch doch zu viel geworden, und mit Eurer Kampflust ist es am End'« – da übermannte ein ritterlicher Zorn den Freiherrn, und er schlug mit gezückter Klinge gegen den hohnsprechenden Burschen. – »Meine Töpfe! Meine Töpfe!« wehklagte ein altes Weib, und plötzlich waren alle die Tebaldos verschwunden, und der Freiherr stand ganz allein einer Hökerin gegenüber, in deren irdnes Warenlager seine Klinge gefahren war. Mißmutig über die frechen Neckereien des zauberischen Kaufmannes, warf er der Alten einige Goldstücke zur Entschädigung hin, und eilte, indem sie ihm dankend und staunend nachrief, zu der Wohnung der Damen zurück. Zehntes Kapitel Vor der Tür begegnete ihm Alessandro Vinciguerra, der ihn mißmutig, doch höflich grüßte, und sagte, er habe soeben von den Fräuleins Abschied genommen, und ergreife nun diese Gelegenheit, sich auch ihm zu empfehlen. Folko sah ihn einen Augenblick schweigend an, dann sprach er freundlich: »Wir scheiden doch in Frieden und Freundschaft, Herr Graf?« – Mit edler, aber kaltfremder Zierlichkeit schlug Vinciguerra ein, und erwiderte: »Zu Euerm Befehl, Herr Baron. Ich hege wahrhafte Achtung vor Euerer ritterlichen Kraft und Sitte, welche Versicherung wohl übrigens unnötig sein möchte, denn ständ' es anders, so würde es mir so wenig, als irgend einem meines Stammes an Mut gefehlt haben, die Sache grade herauszusagen.« – »Das versteht sich«, sprach Folko, seine Hand anständigen Ernstes zurückziehend, »und so versteht es sich auch, daß niemand anders von mir denken kann und darf, als Ihr es eben geäußert habt. Aber ich meinte, Euch auf eine freundlichere Weise Lebewohl zu sagen.« – »Verzeiht«, entgegnete Vinciguerra mit einem fast höhnischen Lächeln, »es würde mir auch viel Ehre und Freude gewesen sein, aber es kommt mir vor, als hättet Ihr einige Ähnlichkeit mit dem jungen deutschen Rittersmann, der mir einmal bei Euch eine Vorlesung über die Geschichte des jungen Messer Donatello und des alten Dimetri zu halten beliebte. Ich meine, Ihr gebt beide etwas auf das Predigen und Bekehren, wie Ihr mir denn auch im Schiff einige Beweise davon gegeben habt. Und damit das beim Abschiednehmen nicht von neuem beginne, will ich mich auf diese Weise beurlauben.« – »Ach, des armen verstörten Herzens«, sagte Folko aus recht inniger Brust, »das ein jedes verletzendes Wort, wie eine Wucherpflanze bewahrt. Ich hätte Euch das Unkraut gern mit freundlichen Worten herausgerissen.« – »Eben drum«, sagte Vinciguerra, sich zum Abschiednehmen verneigend. – »Weiß Gott! Ihr tut mir sehr leid«, sprach Montfaucon, und das so ohne alle Äußerung des Unwillens, so ganz voll inniger Teilnahme, daß just darüber der Italiener in sichtliche Verwirrung geriet, und statt, wie er gehofft hatte, mit seinem Witz und seiner schroffen Härte über den gutmütigen Franken zu triumphieren, verlegen und errötend mit eiligen Schritten nach dem Hafen hinabging. Oben bei den Damen traf Montfaucon den Hernandez an, der sich gleichfalls feierlich beurlaubte, da er gedenke, noch heute ein Schiff, das er in segelfertigem Stande gefunden, und gegen seine Barke eingetauscht habe, zu besteigen, um damit nach Barcelona zu segeln, und wieder in die Reihen seiner tapfern Landsleute gegen das Mohrenvolk einzutreten. – »Ist denn heute der Tag alles Scheidens und Zertrennens?« fragte Montfaucon mit einem halb unwilligen, halb wehmütigen Seufzer. – »Des Scheidens und Trennens wohl«, entgegnete Don Hernandez freundlich ernst, »nicht aber des Zertrennens; wenigstens was uns beide betrifft, mein edler Frankenritter. Ich habe Euch aus ganzer Seelen lieb, und weiß, daß wenn wir Castilier je eines Rückhaltes bedürfen sollten, es keinen bessern für uns geben kann, als den starken Ritter Folko Montfaucon, um den die Mohrenbräute weinen. Wenn wir jedoch einander nicht wiedersehen, so müssen wir doch unausbleiblich voneinander hören, so lange wir beide leben. Jeden rufen Pflicht und Gestirn an seinen eignen Platz, und das goldne Band der Ehre und Minne, welches die Ritterschaft umflicht, hält unsern und unsrer Genossen Reigen in unzerstörbarer Liebe zusammen.« – Die Helden umarmten sich, und schieden. – Folko vernahm es nicht ungern, daß die Damen Lust bezeugten, das schöne Mailand zu sehen, und Genua, welches eben jetzt von herbstlichen Seestürmen unfreundlich durchweht war, gleich morgen zu verlassen. Nicht bloß aus ritterlicher Pflicht gegen die Wünsche der Frauen, sondern auch im eignen, frohen Gefühl, einen Ort zu meiden, der ihn durch die erlebten Begebenheiten halb widrig, halb wehmütig ansprach, ordnete er die Reise eifrig an, und ritt bald darauf mit seinen holden Gefährtinnen durch die Bocchetta in die schönen lombardischen Ebnen hinein. Eilftes Kapitel Ein früher Schnee hatte sich über die Gebirge gelegt, und die Pfade darin unwegsam oder doch gefährlich gemacht; die Damen fanden sich genötigt, den Winter hindurch in Mailand zu verweilen, ein Zwang, welcher aufhörte, Zwang für sie zu sein, da die Natur noch immer in diesen glücklichen Gegenden ein freundliches Angesicht behielt, und es außerdem in der glänzenden Stadt nicht an Vergnügungen fehlte, würdig, daß zwei so edle Frauen ihre Blicke daran weideten. Folko und Gabriele lebten dabei erquickliche, und dennoch wieder auch beängstigende Tage. Hatte Gabrielens Mund in jener Befreiungsnacht das Geständnis der Liebe in süßer und schauerlicher Überraschung verkündigt, so waren die holden Lippen auf der Seefahrt um so versiegelter geblieben, teils vor der Beschämung über den unwillkürlichen Verrat, teils vor der Besorgnis, fremde, spottende Hörer, vorzüglich Tebaldo und Vinciguerra, anzutreffen. Darüber waren sich Folko und Gabriele äußerlich fast wie fremd geworden, innerlich aber desto tiefer und unauflöslicher verbunden, so daß sich Montfaucon in seinem adlig zarten Sinne sehr beglückt gefühlt hätte, nur daß der entsetzliche Gedanke zermalmend auf seiner Seele lag, er verrate seinen Freund, den frommen Ritter Otto von Trautwangen. Davor konnte keine rechte Freude in des edlen Franken Gemüte zum Knospen, minder noch zum Aufblühen gelangen, und es begegnete ihm öfters, daß er von Gabrielens leuchtenden Augen weg seine Tritte zu den steinern strengen Augen wandte, die von des nahen Kirchhofs Grabessteinen gegen den irren Wandler hinaufblickten. Dort ward ihm wohl zumut, denn er fühlte, wie das Sterben bloß versöhne, und wie auch selbst der beleidigte Otto nicht mehr auf ihn werde zürnen können, wenn über dem eingesunknen Gerippe ein Marmelstein liege, mit der Inschrift: Cy git Messire le très haut et très puissant Chevalier de Montfaucon. – Als er eines Tages auch so über die Hügel des Gottesackers hinging, fand er auf einem derselben, über welchen ein Geflecht von vielfachen Ranken hinwucherte, einen steinalten Mann sitzen, die Augenbraunen wie bereift, die Augen fast erloschen, den Bart lang und grau, und bis auf den Gürtel hinunterfallend. Im übrigen sah der Fremde sehr nachdenklich und mißmutig aus, und hatte dadurch etwas Furchtbares an sich genommen, nur daß ein milder Schatten von herzlicher Wehmut über all seinen Zügen lag. Während ihm Folko achtsam und recht ehrerbietig gegenüber stand, faßte der Greis in seinen Busen, holte etwas Blitzendes heraus, das sich nicht genau erkennen ließ, und beschrieb damit einige wunderliche Bewegungen durch die schon trüber werdende Abendluft hin. Folko sann noch darüber nach, was wohl damit gemeint sein könne, und es wandelte ihn auch schaurig an, ob der Alte vielleicht in Wahnsinn verfalle, da schritt eine hohe Gestalt, in Ritterwaffen prächtig gekleidet, zur nördlichen Türe des Kirchhofes herein. Sie kam dem Freiherrn sehr bekannt vor, und er war im Begriff, sich dem Eintretenden zu nähern, aber dieser sahe ganz wunderlich streng und betrübt aus, dazu fast eben so alt, als der Greis auf dem Grabe, an welchem er einigemal hin und her vorüberschritt, und sich dann zwischen einigen nahe stehenden Denkmalen verlor. – »Schon recht«, sagte der Alte, »nun weiß ich doch, wie du aussiehst, und will dich nicht leichtlich verfehlen. Du aber«, fuhr er, gegen den Grabhügel gebeugt fort, »schlafe ruhig, dein Rachopfer soll dir nicht entgehen, und müßt' ich meine eigne Seligkeit zum Pfande setzen.« – Es war fast, als lasse sich ein leises Weinen aus dem Grabe herauf vernehmen, und der Greis sagte: »Ich weiß wohl, Mutter, was du willst. Du bist allzu weichmütig, und seine herannahende Strafe jammert dich, aber Rache muß sein. Und wozu hätt' ich sonst den Ring?« – Ein heftiges Entsetzen, welches den Freiherrn durchbebte, riß ihn, wie es wohl öfters ehrliebenden und mutigen Männern zu ergehen pflegt, ungestüm nach vorwärts. Er fuhr auf den Greis zu, und fragte ihn harten Tones: »Was tust du hier, zaubrischer Mensch? Was verstörst du die Ruhe der Grüfte?« – »Die hier schläft«, entgegnete der Alte, die Augen in tiefer Wehmut emporschlagend, »ist zu früh in das dunkle Bette gedrängt worden, und solche vor der Reife abgeschüttelte Menschenfrüchte haben selten Ruhe in der Gruft. Es ist da nicht viel zu verstören. Ihr aber, Herr, habt, bitt' ich Euch, die Güte, nicht mich zu verstören. Mit den Toten will ich schon zurechte kommen.« – Montfaucon blieb unschlüssig stehen. Er wußte nicht, sollte er der seltsamen Mahnung ehrerbietig gehorchen, oder war er vielleicht bestimmt, hier irgend ein zaubrisches Bubenstück zu vernichten. – »Kennt Ihr denn die so genau, welche hier schläft?« fragte er den Alten. – »Wie sollt' ich nicht?« entgegnete dieser. »Es war ja meine leibliche Mutter.« – »Und die wollt Ihr noch jetzo rächen, greiser Mann?« fragte der Ritter weiter. »Oder hätt' ich Euch vorhin unrecht verstanden? Denn wer an ihr gefrevelt hat, muß schon lange tot und begraben sein, und auf die Nachkommen Rache zu übertragen, das steht einzig und allein bei der höchsten Gerechtigkeit, deren Sternenaugen dort oben über uns hervorzuleuchten beginnen.« – »Es ist noch gar nicht so lange her mit jener Untat, als Ihr denkt«, entgegnete der Greis. – »Der Frevler lebt noch, und wird auch wohl leben, bis ich ihn erreiche. Mir kann es nicht minder schlecht bekommen, als ihm, aber war ja doch, wie man behauptet, Brutus des tyrannischen Cäsars einiger Sohn, ohne daß es seinen Dolch weiter irre gemacht hätte. Manch einer erzeugt sich seine Strafe selbst. Was Euch betrifft, so seid Ihr mir für heute sehr überlästig, und somit, da Ihr doch wohl nicht den Anfang machen werdet, fortzugehn, will ich es lieber tun.« Darauf schritt er mit unerwarteter Lebhaftigkeit nach der Kirchhoftür, und es kam dem Ritter Folko plötzlich in den Sinn, das müsse Tebaldo in magischer Verhüllung sein; ja er glaubte an der Hand, mit welcher ihm dieser abschiednehmend etwas höhnisch zuwinkte, Gabrielens wunderlichen Ring deutlich zu erkennen. Zwölftes Kapitel Über das Harzgebirge kamen um diese Zeit einige schwergewaffnete Herren geritten, eine edle Frau, welche sie ehrerbietig geleiteten, in ihrer Mitte. Die Nacht war schon hereingebrochen, und stach mit ihrem tiefblauen Dunkel seltsam gegen die weißen Schneegipfel und die überreiften Forsten ab. Hell stand der Vollmond am Himmel, aber es strichen schwarze Wolken, wie mit Rabenfittichen, im eiligen Zuge darüber hin. Man sahe wohl, die Reisenden mußten von ihrem Wege abgekommen sein, denn bald sonderte sich hier, bald dort, einer von der Gesellschaft, trabte suchend hin und her, stieß in das Heerhorn, und scheu prallte sein Roß vor den Abhängen zurück, oder vor den riesigen Schatten, welche die entblätterten Eichenstämme mit langen Armen über den Schnee hinwarfen. Nur eines von den Pferden, dessen schlanke und kräftige Gestalt sich mit lichtbraunen Farbe sowohl gegen den Nachthimmel, als gegen die weiße Fläche, bestimmt und anmutig abzeichnete, trug seinen dunkelgeharnischten Reiter, so oft er mit ihm vorsprengte, dreist und leicht nach allen Seiten hin, klomm in freudiger Zuversichtlichkeit Berghänge hinunter und Steinwände hinauf, und durch dessen Beistand geschah es denn auch endlich, daß man ohne Schaden das Tal, und drinnen einen betretnen Weg erreichte, auf welchem nun der hülfreiche Lichtbraune lustig wiehernd der Genossenschaft vorantrabte. Manche meiner Leser haben wohl in dem edlen Pferde das Streitroß Herrn Ott' von Trautwangens schon wiedererkannt, und wissen, daß, außer diesem jungen Ritter, Frau Hilldiridur, der Seekönig Arinbiörn und Heerdegen von Lichtenried dieses Weges von den Nordlanden heruntergezogen kamen. Die Geleise und Hufschläge auf dem Schnee leiteten sie gegen eine Hütte heran, die an einem fast ängstlich schroffen Abhange gegen eine Wendung des Tales gekehrt, unter hohen, schneebeladenen Tannen sichtbar ward. Jemand leuchtete vor dem Geräusche der Nahenden aus einem kleinen Fenster hervor, und der Strahl des Lichtes fiel über den Pfad hin bergab auf den gefrornen Spiegel des Baches im Tale, so daß die Rosse, davor scheu, beinahe hinunter geglitten wären, nur daß die Ritter sie gewaltsam bändigten, und Otto, dem getreuen Mute des Lichtbraunen auch ohne Zaum und Sporen vertrauend, seiner Mutter Zelter kräftig in die Zügel fiel. »Schön willkommen, ihr edlen Herrschaften!« sagte eine rußige Köhlergestalt, während dem in die Türe tretend. »Ihr werdet wohl tun, bei mir auf eine Nacht fürlieb zu nehmen, denn die Pfade werden von hier aus immer glätter und unsicherer, auch ereignet sich mancherlei verwunderlicher Spuk im Gebirg, und wie ich sehe, führt ihr ein edles, gewißlich zartgewöhntes Frauenbild in eurer Mitten.« Sie nahmen das Erbieten des gastlichen Mannes gern an. Otto hub seine Mutter vom Zelter, und führte sie in das Gemach, während die übrigen, so gut es sich tun ließ, für die reisemüden Rosse sorgten, denn der Lichtbraune duldete nur vom Seekönig allenfalls Entzäumung und Wartung, da er sich auf den langen Fahrten ziemlich an ihn gewöhnt hatte, wie er denn auch dessen einst so feindlich bestrittenen Falben jetzt gern um sich sah, und ihn gegen alles Bedräuende in tapfern Schutz zu nehmen pflegte. Als nun die Reisegenossen in dem Köhlergemach alle beisammen waren, sahen die hohen, prächtig geharnischten Rittergestalten wunderlich aus in den schmucklos engen Wänden, unter der niedern Decke des Zimmers. Ihre Helme, die sie auf einen kleinen Tisch in der Ecke zusammengehäuft hatten, drohten, das schwache Gerät zu zerbrechen, und rührten mit den ungeheuern Büschen fast an die Simse hinauf; gegenüber funkelten die aneinander gelehnten Schwerter, auf deren gewaltigen Goldgriffen und erzbeschlagnen Scheiden der Flammenschein des Herdes sein gaukelhaftes Spiel trieb. Unfern von diesem, neben des Köhlers alter Mutter, die taub und blind, aber mit ernst ehrwürdigen Zügen, in ihrer dunkeln Abgeschlossenheit dasaß, hatte Hilldiridur ihren Platz genommen. Die reine Mondscheinhuld und lieblich ernste Schönheit stach seltsam ab gegen die wie eingeschneite und versunkene Alte, welcher doch durch ihre Einsamkeit ein ahnender Strahl von dem zu leuchten schien, was Anmutiges neben ihr erschienen war, denn ein Lächeln, wie Abendlicht im Winter, hatte sich über die erstorbnen Züge gelegt. Der Köhler ging als ein muntrer, freundlicher Wirt ab und zu. Er hatte guten Wein vorrätig, womit er die Ritter bewirtete, und auf deren Einladung auch lustig und zutraulich davon mittrank. – »Ihr solltet uns ein hübsches, schauriges Märlein erzählen«, sagte Heerdegen zu ihm. »Köhler, Bergleute und dergleichen Gesellen pflegen an solcher guten und sehr lobenswerten Ware keinen Mangel zu leiden.« – »Ach, wir brauchen hier keine Märchen«, sagte der Köhler, »wir erleben der wunderlichen Dinge im Walde jetzt selbsten genug. Es ist nur keine günstige Zeit und Stunde, um davon zu sprechen.« – »Warum denn nicht«, fragte Heerdegen. »Der Wind fängt eben an, recht hohl gegen die Fenster zu pfeifen, ordentlich wie mit Menschenstimmen; die starren Baumäste knarren über die Hütte hin, als klopften Riesen von oben an, und würden nächstens das Dach abdecken, um mit grauenvollen Gesichtern hereinzusehn, – ich weiß nicht, ob es irgend eine beßre Stunde zu dergleichen Geschichten geben kann, als eben diese.« – »Ja«, entgegnete der Köhler, »wo man es als einen Spaß treibt, von den Dingen erzählt, die tausend Meilen weit von einem passiert sind, da ließ' ich mir auch die Stunde gefallen. Hier aber ist es ganz ein andres. Die gespenstischen Dinge sitzen uns gar zu dicht auf dem Nacken, und reiten uns endlich im ewigen Ängsten und Schrecken noch gar zu Tod.« – »Schnarrt was draußen? Läßt sich was Greuliches hinne schauen?« ächzte die Alte mit heiserm Ton. »Kinder, Kinder, mir wird schon wieder so kalt und bange.« – »Seht, ihr Herren«, sagte der Köhler, seine Mutter liebkosend und mit einem Becher Wein erquickend, »auch in die blinde Taubheit dieser armen Frau dringt das ungeheure Entsetzen hinein. Sie hört kein einziges Wort von mir, hört nicht einmal den Donner, aber die gespenstischen Wesen dürfen nur durch den Wald rauschen, oder ich auch nur anfangen, von diesen Dingen zu sprechen, da merkt sie das Unheimliche gleich, und zittert an allen Gebeinen.« – »Bringt Eure Mutter zu Bett«, sagte Heerdegen, »und dann erzählt uns die Sache ausführlich. Es ist nun nicht mehr um der Ergötzung willen. Als biderben Rittersleuten geziemt uns, nach jeglicher Not zu forschen, um ermessen zu können, ob das Helfen da in unsrer Hand steht, oder nicht.« – Die zwei andern Herren stimmten ihm bei, und der Köhler fügte sich ihrem Willen. Nachdem die Alte zur Ruhe war, hub er folgendergestalt zu erzählen an: »Auf einer der Höhen unsres Bergwaldes steht ein riesig großer, altheidnischer Opferaltar. Die Holzschläger verirren sich selten da hinauf, dieweil entsetzliche Sagen gehen von dem ehmals wohl oft mit Menschenblute getränktem Rund. Ich habe immer so gedacht: Hat es mit dem ganzen Heidentum hier zu Land ein erwünschtes Ende genommen, was sollen denn dir noch die alten, verwitterten Steine schaden? Und so bin ich vertrauend und freudig zu aller Tages- und Nachtzeit den Berg hinaufgeklommen, und habe mir die besten Eichen, Buchen und Tannen, wie sie dorten, von allen andern Talbewohnern geschont, in Üppigkeit wachsen, zu Bau- und Brennholz ausgesucht. Nun ist es freilich nicht ohne, daß der Zug des wütenden Heeres öfter über diese Stelle hinbrauset, als über irgend eine im Harz; auch haben mir angebrannte Knochen und Kienhölzer, die ich noch oben auf dem Altare liegen sah, ein tüchtiges Grauen erweckt, aber ich enthielt mich aller vorwitzigen Gedanken, und kam immer glücklich und ohne Schrecken durch. Vor einigen Wochen endlich klettre ich auch einmal abends den steinigen Hang hinauf, und weil der Schnee im Dunkeln so wunderlich aus den Felsenritzen hervorleuchtete, ward es mir, als ständen hin und her weiße Männer oder Riesenfrauen lauernd in den Klüften. Aber ich faßte mich dennoch bald, sahe scharfen Auges auf alles, was mir vorkam, hin, und höhnte mich endlich selbsten aus über meine Besorgnis. Wie ich nun oben hinaufgelange, sitzt es auf dem Opferherde, wie ein großer Schneehaufen. Ich denke: wie hat nur das der Sturm so wunderlich zusammengeweht? Kehre mich aber nicht weiter daran, und fange an, auf eine große, schlanke Eiche loszuschlagen, die ich mir schon seit geraumer Zeit zum Fällen erkoren hatte. – Da ruft's mich vom Altare herunter an: ›Köhler, Köhler, laß die Bäume stehn im Rund. Ist Freias Rund. Ist wiedergekommen Freia in Eure Haine. Nehmt Euch in acht vor Freias Bann.‹ – Und wie ich mich umwende, da hebt sich's vom Opferherde lang und feierlich in die Höhe, und reckt den Arm gebietend nach mir aus, und da ist ein schlankes, verschleiertes Weibsbild geworden, was mir als ein Schneehaufen zu Anfang ins Auge gefallen war. Ohne recht zu wissen, was ich tue, nehm' ich meine Mütze ab, und lasse die Axt sinken, und neige mich tief. Während dem ist es, als täte sich der Opferherd zu beiden Seiten auf, und kommen aus der Tiefe zwei schwergeharnischte Ritter, ganz klirrend und flimmernd von Stahl, mit geschloßnem Helmen hervor. Die bringen viel Wurfgeschütz und Schußwaffen, und legen es auf den Altar vor die Füße der Verschleierten hin. Dann bleiben sie selbst wie zwei erzne Bildsäulen regungslos vor ihr stehn, an die baumhohen Hallebarten gestützt. – ›Seid Ihr fertig und rüstig‹, fragt sie, ›zu Freias Jagd?‹ – Die Helden neigen ihre behelmten Köpfe, und rasseln mit den ehrnen Fäusten in den Pfeilgeschossen. – ›Da ist ein schwaches Menschenkind hier aus dem Walde‹, fährt sie fort, und streckt abermals die Hand gegen mich aus, ›der soll ein Zeuge davon sein, wie ich, die wiedererschienene Freia, hier mächtig bin über alles Gewild, auch über das gespenstische selbst; dann mag er es in den Tälern erzählen, damit seinesgleichen es vernehme, und mir opfre, hier an meiner uralten, heiligen Stätte.‹ – Ein Ritter schritt darauf gegen mich heran, mich erfassend mit gewaltiger Faust, daß des Panzerhandschuhs Eisenkälte durch all mein Gebeine drang, und stellte mich dicht vor die weiße Herrin an den Fuß des Altars, und gebot mir zu bleiben, was auch vorgehn möge, auf oder über der Erde. Eine Weile hielt ich mich noch aufrecht, dann sank ich zitternd zu Boden, die Ritter und die Frau standen unbeweglich still. Da kam es über die Berge heran, aus den Wolken herunter, das entsetzliche, sinnebetäubende Tosen des wütenden Heeres. Von je her gewöhnt, mich davor zu verbergen, drängte ich auch diesmal mein Antlitz noch tiefer in das schwellend hohe, seit vielen Jahren fast unbetretne Gras hinein. Einer der beiden Ritter riß mich empor. – ›Sieh zu!‹ sagte er. ›Du mußt es, und du kannst es auch für diesmal ohne alle Gefahr.‹ – In der Angst vor denen, die mich hielten, vergaß ich der Angst vor denen, die über mich hinrauschten, und tat, wie der Ritter mir geboten hatte. Da wogte es, wie rotumsäumte Gewitterwolken, von allerhand wunderlichen Gestalten über uns hin: Tier und Roß und Jäger und Hund. – ›Hakaleberg! Hakaleberg!‹ schrien die Ritter und auch die Frau auf dem Opferherde höhnend hinauf, und weil ich wußte, daß der wilde Jäger also bei seinem rechten Namen geheißen sei, ward mir sehr bange, er werde nun mit seinen Nebelrossen zürnend herunter reiten, und uns allesamt verderben. Statt dessen aber begann der Angriff von unsrer Seite her. Mit Wurfspeer und Bolzen und Pfeil, alles flammend an den Spitzen, erhuben die drei seltsamlichen Gestalten ein Wettschießen nach den gespenstischen Gebilden hinauf; und die Hunde heulten, die Rosse bäumten und bockten, die Reiter wehklagten. Viele wälzten sich in schwerer Verwundung ob den Wolken hin, ein reicher Blutregen quoll auf uns herab. – Da mich gegen Morgen die Ritter endlich gehn ließen, und die wilde Jagd, früher manchmal wie zum erneuten Kampfe rückwärts kommend, gänzlich vertobt war, ging ich in meine Hütte zurück, unterwegens von einzelnen Roßschenkeln, oder Mannesknochen, die auf meinen Weg bisweilen aus den flüchtig verwundeten Scharen niederschlugen, vielfach erschreckt. Hier in meiner Wohnung fand ich mancherlei häßliche Blutflecken auf den Kleidern, und habe diese lieber verbrennen wollen, als mich weiter abgeben mit dem häßlichen und auch wohl gefährlichen Geschäft der Reinigung. Seitdem aber hat das Spuken in allen Gegenden unsres Talgeklüftes furchtbarlich zugenommen. Die neue Göttin Freia samt ihren beiden Rittern sprengt bisweilen auf wunderlichen Rossen durch die Gegend hin, und sucht die Leute abwendig zu machen vom Christenleben zu ihrem gottlosen Heidendienst. Alle Menschen zittern und beben vor ihr. Bisweilen steht sie oder wer von ihren Genossen plötzlich, nachdem man gemeint, es sei der freundlichen Hausbewohner einer, mitten in der Stube mit verzerrenden Grinsen, und wer es anschaut, verfällt in eine wilde Tollheit. Gibt es sich nicht in kurzer Zeit anders, so muß man fürchten, daß der wahre Glaube dem knechtischen Bangen vor jenen Gaukeleien an manchen Orten in unsern Bergtälern Raum geben wird.« – »Da seie Gott vor!« riefen die drei Ritter, wie aus einem Munde. »Lieber wollen wir Gut und Blut daran setzen, bis auf das letzte, und wenn es sein muß, auch das alles verlieren sonder Wank.« – Wie sie noch so sprachen, erhub sich ein emsiges Klopfen, als von vielen Fingern zugleich, gegen die Fenster des kleinen Hauses. Zugleich begann die taubblinde Frau im Nebengemach ängstlich zu schreien; der Sohn eilte zu ihrem Beistande dorthin. Während dem klopfte es immer gegen die Scheiben fort, und ging ein ängstlich eiliges Geflüster draußen durch die Nacht, wie man es wohl bisweilen in Fieberträumen dicht vor seinen Ohren zu vernehmen glaubt. Heerdegen trat in die Tür, und rief ein lautes: »Wer da?« hinaus. Dann kam er wieder herein, sprechend: »Ich sehe nichts, aber abscheulich viele Fledermäuse gibt es in diesem Wald.« – Es kam auch den im Gemache Sitzenden vor, als habe sich eine solche in Heerdegens dichte Locken verwirrt, denn häßlichen Antlitzes schaute etwas über seine Stirne herunter. Als Otto und der Seekönig auf ihn zusprangen, machte es sich los, und flog, nachdem es sie mit blitzenden Augen angestarrt hatte, eine Scheibe zertrümmernd, heiser pfeifend in die Nacht hinaus. Sie meinten, es sei eine Eule gewesen, Heerdegen aber wußte nichts von dem schaurigen Gast auf seinem Haupte, und blickte unbefangen umher, weshalb Hilldiridur in banger Ahnung tief aufzuseufzen begann. Der Köhler trat in die Stube zurück, und sagte: »Das Unwesen ist schon wieder gewaltig im Forste los. Ihr hört es wohl selbst, und fühlt es auch durch euern ganzen Sinn. Blitzt es doch gar der armen Blinden mit entsetzlichen Gaukeleien in die Nacht ihrer erstorbnen Augen hinein.« – Plötzlich aber, ungewissen Blickes auf Otto hinstarrend, hielt er inne, und rief dann endlich aus: »Gott behüt' uns! Da steht einer von den Rittern aus dem Opferaltar.« – Der Seekönig und Heerdegen konnten vor all den seltsamen Dingen sich nicht erwehren, einen zweifelnd scheuen Blick auf ihren Gefährten zu werfen, ob er es wohl noch wirklich sei. Hilldiridur aber ließ die schönen Augen, die sie überhaupt selten von ihrem lieben Sohne abwandte, mit zuversichtlicher Heiterkeit auf ihm ruhen, während Otto dem Köhler einen Schritt freundlich entgegen trat, und zu ihm sagte: »Wie Euch die Hexereien und Eure Angst davor die Sinne verblenden, weiß ich nicht. Daß ich aber ein ehrlicher deutscher Rittersmann bin, könnt Ihr aus meinem Gruße abnehmen: Gott und sein Wort Sind unser Hort! Stammelt etwa meine Zunge, wenn ich unsers lieben Herrngotts Namen anrufe, und irrt mein Auge dazu?« – »Nein, wahrhaftig nicht, lieber Rittersmann«, entgegnete der Köhler, »und kann ich's durchaus nicht begreifen, wie ich ein so himmlisch lächelndes Sankt Georgenbild, als Ihr eines seid, für einen unheimlichen Spuk habe halten können. Es flimmerte mir von den Worten meiner armen Mutter, und von dem rasenden Getöne da draußen, so angstvoll und verrückt vor den Augen. Jetzt seh' ich es klar ein, und hoffe fest darauf: Ihr seid zu unsrer Rettung und Beruhigung samt Euern edlen Waffengenossen in diese Täler gesandt.« – »So Gott will, habt Ihr Euch nicht geirrt«, sprach Otto zurück. »Ich vertraue dem Herrn, bin der Waffen mächtig, und spüre das Treiben des Berufs in meinem Herzen. Da will ich denn gleich hinaus, während die frechen Heidengeister eben wach sind; und, liebe Waffenbrüder, nehmt ihr derweile mein Mütterlein in Pfleg' und Schutz.« – »Meinst du, wir würden dich allein gehn lassen auf solcher Fahrt?« sagten Heerdegen und Arinbiörn, gürteten ihre Schwerter um, setzten die Helme auf, und schnallten sie fest. – »Wer soll bei meiner Mutter bleiben?« fragte Otto. – »Nun«, entgegnete Heerdegen, »am besten du selbst.« – »Auch wird sich ja Swerker mit den Reisigen und Knappen«, fügte Arinbiörn hinzu, »doch unsrer Bahn endlich nachfinden.« – »Waffengenossen«, sagte Otto, und schaute sie flammenden Blickes an, »was ihr da vorbringt, taugt nichts. Ihr fühlt es wohl selbst. Zu diesem Abenteuer haben mich des Köhlers Worte recht ganz und eigentlich berufen. Selbst ist der Mann. Auf das Nachkommen Swerkers mit unsern Reisigen aber kann sich in dieser Hexen- und Gespensternacht niemand verlassen, und eben in solcher Nacht wird doch wohl Otto von Trautwangen die Beschützung seiner Mutter keinem vielleicht überlassen sollen. Einer von euch mindestens bleibt bei ihr zurücke.« – Die beiden Ritter sahen einander schweigend und zaudernd an, jedweder hoffend, der andre solle sich erklären, daß er bei der edlen Frau die Wacht halten wolle. Da tat Hilldiridur ihren holden Mund auf, und sprach: »Geht immer in Gottes Namen alle drei, ihr jungen Helden. Eine Weissagerin und Drude bin ich zwar nicht mehr. Des Sohnes Hand hat die furchtbare Gabe von meinem Haupte genommen. Aber die ehemals vertrauten Ahnungskräfte haben ihre einstige milde Herrscherin noch immer lieb, und ziehen winkend und mahnend bei mir vorüber, so nahe die streng scheidenden Grenzen es irgend verstatten. Da haben sie mir es auch zugeweht, daß euer Gang ein sehr ernster ist, vielleicht ein Todesgang für einen von euch, aber daß ihr alle dreie notwendig dabei sein müßt. Macht euch denn auf, mit Gott. Und siehe mich nicht so fragend wegen meiner Beschützung an, lieber Sohn. Ich habe hier einen gefunden, der noch niemanden verlassen hat, welcher auf ihn traut.« – Damit wandte sie sich nach einem Bilde des gekreuzigten Erlösers hin, das mit Kohle unbeholfen, aber kräftig, von des Wirtes Hand über den Herd gezeichnet war, und winkte den Rittern, das Zeichen des heiligen Kreuzes über sie hin beschreibend, nach der Tür. Die fanden keine Gewalt zu irgend einer Gegenrede in sich, und schritten in die dunkle Nacht hinaus. Dreizehntes Kapitel Die drei Waffengefährten waren einig geworden, ihre Rosse zurückzulassen, weil sie ihnen auf den schlüpfrigen und engen Pfaden, die, wie es der Köhler beschrieb, zum Opferherde hinaufführten, mehr hinderlich werden mußten, als hülfreich. Aber Montfaucons Falke, der von dem Ritter Trautwangen, seit jenem Abende in den norwegischen Bergen, auf keine Stunde wich, nahm auch jetzt seinen Flug über die Häupter der Wandelnden hin, bisweilen auf seines Meisters Helmkamme rastend. Es war ihnen allen wohl dabei zumut; das edle Tier schwebte wie ein glücklicher Stern über ihnen, und das unheimliche Nachtgevögel raschelte scheu vor ihm auseinander. Durch üppig verzweigtes Gebüsch, über unwegsames Gestein hinauf, klommen die Ritter, während der Sturm heulend den waldigen Abhang hinunterzog, und in grausiger Tiefe mit den Wellen eines ungestümen Bergwassers brüllend rang. Endlich zeigte sich durch die bereiften Äste der Buchen, durch der Tannen schneebelastetes Dunkelgrün, ein freier Platz, welchen sie alsbald im Betreten für den vom Köhler angegebnen erkannten. Denn hoch in dessen Mitte, fast wie ein Felsengeklipp, ragte der heidnische Opferherd gegen den Himmel an, und der Mond, plötzlich aus einer Wolke vorbrechend, warf seinen bleichen Totenschimmer auf schwarze Holzbrände und verwittertes Gebein, über der furchtbaren Oberfläche des Baues zusammengehäuft. Noch standen die Ritter zweifelnd vor dem gewaltigen Herde, ungewiß, ob sie hier die Erscheinungen der freveln Abgötterei erwarten, oder lieber angreifend die Eingänge aufsuchen sollten, aus welchen früher der Köhler die beiden Geharnischten hatte hervorkommen sehen. Da merkten sie mit einigem Schaudern unversehens, daß sie zu vieren waren: ein riesengroßer, aber ganz schattenartig aussehender Mann stand neben ihnen. Der sagte mit hohler, unartikulierter Stimme: »Ihr meint es gut, und ich möchte euch doch lieber raten, abzustehen. Die drunten sind verzweifelt stark. Wollt ihr aber durchaus nicht ablassen, da müßt ihr an die Nordseite des Herdes, wo die beste Einfahrt ist, dreimal mit den Klingen anklopfen, und dazu sagen:     Gib uns guten Gang du, Gries, Gestein und Graswuchs. Haußen harren Starke, Haben Lust zum Abgrund. Angriff ist immer das beste. Bei meinen Lebzeiten hab' ich grimmige Tiere auch lieber angefallen, als mich von ihnen anfallen lassen.« – Da ihn die Ritter mit forschender Verwundrung anblickten, sagte er noch: »Ich möchte euch gern ein Stückchen auf dem Jägerhorn vorblasen, damit ihr desto kampflustiger würdet, aber ich darf mich jetzt hier nicht sehr laut machen. Glück auf, ihr wackern Bergleute!« – Damit schwand der wunderliche Waidmannsschatten in den Wald hinein, und die Herren beschlossen, seinem Rate zu folgen, weil er ja doch etwas recht Ritterliches und Tapfres enthalte. Sie schlugen mit den Klingen gegen die Nordseite des Opferherdes, und Heerdegen, welcher die Beschwörungsworte am besten behalten hatte, sagte sie dazu her. Da fing es sich an zu regen und zu rollen in dem Gestein, und auseinander tat sich die moosige Wand, daß man tief hinein sehn konnte in einen langen, steilabschüssigen, sehr engen Gang. Lichtlein gaukelten, bald wie mutwillig, bald wie scheu, die Mauern entlängst, über die verfallenen Stufen hinab. – »Da kann wohl Eurer Mutter Ahnung erfüllt werden«, sagte Arinbiörn zu Otto, »und sich ein Grab auftun für einen unter uns. Das ganze Wesen hier sieht recht aus, wie ein Grab.« – »Nun«, rief Heerdegen, »die ganze Welt sieht nicht viel anders aus, für einen, der den Blick aufs Ziel zu richten versteht. Wenn man auf ehrlichen Wegen hineingelangt, kann man sich nichts Beßres wünschen, und auf ehrlichen Wegen sind wir ja. Was ist da noch zu bedenken und zu zögern?« – »Wer sagt, daß ich mich bedenke oder zögre?« sprach der Seekönig mit edelstolzem Unwillen, und schritt rasch in die Wölbung hinein, Otto ihm nach, einen Blick noch auf die lichte Mondscheibe zurückwerfend, die jetzt eben wieder aus den Wolken heraustrat, und ihm vorkam, wie sein liebes Mütterlein; dann folgte Heerdegen, ein altes Lied von Berggeistern vor sich hin summend. Der Falke schmiegte sich scheu an Ottos Brust, wohl fühlend, daß er zwischen diesen engen Wänden seinen kühnen Flug nicht entfalten dürfe. Bald aber ward es etwas geräumiger. Der edle Wunsch, keiner Gefahr später, als der Waffenbruder, zu begegnen, trieb Otto und Heerdegen an des Seekönigs Seite vor, und nebeneinander gereiht, schritten die drei Genossen mitsammen fürder, ihre langen, blitzenden Schwerter wie Fühlhörner in die Dunkelheit vorausstreckend. Sie trafen auf nichts Feindseliges. Vielmehr, je tiefer sie stiegen, je mehr erweiterte sich das Gewölbe, je milder senkten sich die Stufen; plötzlich standen sie auf ganz ebnem Boden; eine Zugluft hauchte sie an, wie aus freier Gegend, und sie meinten um so mehr, in eine solche gelangt zu sein, da es hoch über ihnen, als von der Himmelswölbung, herabfunkelte mit einzelnem Sternenlicht. Wie sie in dieser ungeheuern Tiefe zum Anschauen des Firmaments gelangt sein möchten, darüber sannen sie noch zweifelnd nach, da schon der Falke von Ottos Brust in die Höhe stieg, freudigen Schwunges den ungehemmteren Raum begrüßend. Bald aber kam das mutige Tier verstört und taumelnd zurückgeflattert; sie sahen wohl, es hatte seine Jagd beginnen wollen, und war auf entsetzliche Gestaltungen gestoßen, die nun dicht über den Häuptern der Ritter hinwallten; man wußte nicht, war es riesiges Geflügel von unerhörter Art, waren es Höhlendämpfe, die in dieser unterirdischen Gegend in so zahlreichen Scharen und bedräuenden Bildern umherzogen. Denn daß man in einer unterirdischen Wölbung war, nur von gewaltiger Art und Höhe, welche fast einem Firmamente zu vergleichen stand, und von der unermeßlichen, schwindligen Kuppel herab viele Lampen wie Gestirne leuchten ließ, davon hatten sich nun schon die in der Dunkelheit nach und nach gestärkten Augen der Wandrer überzeugt. Ein großer See lag zu ihren Füßen, das schwarze Gewölb und die Lampensterne recht freudlos rückspiegelnd. Die Ritter fühlten mit ihren Schwertern hinein, Arinbiörn endlich mit seiner langen Hallebarte; es war auch ganz dicht am Ufer an keinen Boden zu denken. Das kam ihnen ganz schauerlich vor: so ein Wasserabgrund tief noch unter den Bergen, wo sie standen. Sie nahmen sich aber vor, ihr Abenteuer frisch zu Ende zu bringen, und schritten das Ufer des mächtigen Weihers entlängst. Der Falke ruhte auf Ottos Helm. Mehr als eine Meile lang waren sie schon am Borde hingewandert, da tat es sich vor ihnen auf, wie ein steiler Hügel, auf dem eine getürmte Veste stand. Während sie sich ihr nähern wollten, bemerkten sie, daß der See hier einen wildrauschenden Fluß aufnehme, der sich grade zwischen sie und das nächste Ziel ihrer Reise hinzog. An Durchwaten oder Durchschwimmen war bei diesen entsetzlich schäumenden Wirbeln nicht zu denken; man hielt sich also stromaufwärts, um vielleicht irgendwo einen Übergang zu entdecken. Bald auch erreichten sie eine hohe, von lauterm Erz gewölbte Brücke, die unter den geharnischten Fußtritten der Wandelnden wie in Melodien eines grausen Marsches zu tönen anhub. Jenseits angelangt, sahen sie ein weites, ebnes Feld vor sich; man hätte es eine blühende Aue nennen mögen, denn es leuchtete wie von vielen Blumen darauf hervor, aber diese gaben sich allzumal im Näherkommen als bleiche, wunderlich geformte, und Schwefelduft aushauchende Flämmlein kund. Doch war es, als ob viele seltsame, über die Ebne bald einzeln, bald in Scharen hintrabende Tiere, halb wie Rosse, halb wie Stiere gebildet, ihre Nahrung daraus zögen, denn sie rupften oft solche Flämmlein ab und sprangen dann lustiger fürder. »Sollen wir uns doch solch ein Roß fangen, und darauf einreiten in die Burg?« fragte Heerdegen mit einem dreisten Lachen, verhoffend, dadurch das Grauen in sein und seiner Gefährten Brust zu ersticken. Aber der vom Entsetzen geborne Scherz weckte auch wieder zum Entsetzen auf. Sie schauderten alle drei zusammen, daß die Harnische rasselten. Zudem kam ein kleiner häßlicher Zwerg auf einem Beine gesprungen; der sagte: »Nein, lasset euch nach diesen Tieren nicht gelüsten. Es sind der Göttin Freia Zauberrosse. Damit reitet sie durch den Wald, und jagt den wütenden Jäger, und die Menschen, die ihr nicht opfern wollen, auch. Ich aber bin der edlen Rosse Hirt.« – Nach diesen Worten stieß er in ein ungeheures Horn, so gellenden und zugleich donnernden Tones, daß die Ritter sich des Zurückwankens kaum erwehren konnten. – »Erschreckt euch das?« lachte der Zwerg. »Ich spiele ja nur ein bißchen auf der Schallmaie, wie es der Hirten Art und Weise ist. Hier unten klingt ein eigner Schall und blüht ein eigner Mai, da macht es denn die Schallmaie den beiden nach. Wenn ihr wollt, kann ich euch auch unsre Hirtentänze sehn lassen. Ich habe noch viel Genossen hier nahe bei.« – Die Ritter winkten ihn mit den beerzten Händen fort, und gingen schweigend auf die Burg zu. Gellend lachte der zwergische Hirt ihnen nach, und die Zauberrosse sprangen wildwiehernd auf der Flammenwiese umher. Über zerspaltnes, abhängiges Gestein hinauf ging es nach der unterirdischen Burg. Heerdegen und Arinbiörn, die weit in den südlichen Landen umher gewesen waren, meinten, dergleichen gäbe es dorten auch, und es entstehe durch das Aufsprudeln feuriger Quellen, tief aus dem Centro des ganzen Erdbodens her, welche das Gebirg so wunderlich bald glätten, bald zersprengen. Die drei Herrn gingen über Zugbrücken, durch Tore hin, wie in eine ordentliche Ritterburg; einige erzgeharnischte Männer, schien es, hielten an den Eingängen Wacht. Sie neigten sich auch vor den Eintretenden mit strengem Waffengruß, ohne daß man doch eigentlich recht wissen konnte, ob es nicht bloß künstliche Bildsäulen wären, die so wunderlich zusammenrasselten, und sich bückten, und dann wieder grade ständen in regungsloser Härte fest. Durch leere Gemächer und Säle hin führte der Gang; die Tritte hallten schauerlich wider in dem, es schien ganz erstorbnen Gebäu. Flackernde Lampen hingen hin und her an Wänden, den Weg der Wandernden wie mit Grabkerzen beleuchtend. Endlich kamen sie in ein reichgeschmücktes, aber mit Verzierungen von Geiergestalten und Totenköpfen sehr wunderlich aussehendes Zimmer; da saß ein Ritter drin, hinter einem großen, runden Tisch, und las in einem aufgeschlagnen Buche, auf dessen Blättern sich graunvolle Bilder, in flüchtigen Zügen hingeworfen, und mit Runenschrift untermischt, wahrnehmen ließen. Dem Otto ward es zumute, als habe er etwas Ähnliches irgend einmal schon wo im Traume gesehn. Indem er sich noch darüber besann, schlug der Ritter sein Buch zu, richtete sich in die Höhe, und sagte hinausgehend: »Ihr hättet klüger getan, wegzubleiben; da ihr nun aber einmal hier seid, will ich euch melden.« – Und so wie er fortschritt, warf er einen mitleidsvollen Blick auf Otto, welcher in eben diesem Augenblick seinen Halbbruder Ottur in dem Fremden zu erkennen vermeinte. Er mochte wohl recht haben, denn seine beiden Waffenbrüder sagten zu gleicher Zeit: »Wenn wir dich hier nicht so gewiß und leibhaftig neben uns stehen sähen, Otto, so sollte man denken, du wärest eben dorten zur Tür hinausgegangen.« Sie sprachen noch so miteinander, da trat ihnen gegenüber ein wunderschönes Frauenbild ins Gemach, in welchem alle drei auf den ersten Blick die norwegische Zauberjungfrau Gerda erkannten. – Sich zwar mit höflicher Rittersitte vor ihr neigend, blieben sie dennoch in staunenden Zweifeln ganz verstummt, und wußten nicht, auf welche Weise sie das Gespräch mit ihr beginnen sollten. Gerda sah sie der Reihe nach lächelnd an. Endlich sagte sie: »Was seid ihr denn so verstört, meine edlen Herrn? Geschah es nur auf einem Irrwege, daß ihr in meine Burg gelangtet? Und wenn auch, was tut denn das zur Sache?« – »Was einiges zur Sache tut«, entgegnete Heerdegen mit finsterm Blick, »ist, daß wir tief unter der Oberfläche der Erde sind.« – »Und«, fügte Otto hinzu, »das wilde Tanzen Eurer Zauberrosse draußen, und der Zwerg, der sie hütet, – soll sich denn davor ein menschlich Gemüt nicht verwirren?« – »Vor allem«, sagte Arinbiörn ernst, »verkündet uns, ob Ihr diejenige seid, welche sich hier in den Gebirgen als Göttin Freia anbeten läßt?« – »Ihr scheint Euch einzubilden, Herr Seekönig«, entgegnete Gerda, »als dürfe es Euch geziemen, einen gebietenden Ton gegen mich anzunehmen. Aber Ihr irrt. Ich bin nicht mehr in Euerm Gefolge, und wenn ich Euch ehemals lieber gehabt habe, als Ihr es verdient, so ist das vorlängst vergangen. Ich habe jetzt weit andre und beßre Dinge in Kopf und Herzen. – Was jedoch euch alle betrifft«, fuhr sie fort, und sahe sich im Kreise halblachend um, »so muß ich fürwahr glauben, ihr seid ohne weiters verrückt geworden. Ihr besucht mich auf meiner morgenhellen Burg, und sprecht von unterirdischen Gegenden, von Zauberrossen, von allerhand verwirrtem Zeug. Laßt vor allem erst durch den Sonnenstrahl eure Sinne in Ordnung bringen.« – Sie schlug einen purpurroten Vorhang zurück, und zeigte durch ein großes, klares Fenster in eine blühende Gegend hinaus. Blau, und von der eben aufgehenden Morgensonne durchrötet, wölbte sich der Himmel; ein Tal, mit zierlichen Gebäuden prangend, bereits in den ersten Spuren des Frühlings lächelnd, tat sich vor den Blicken der staunenden Ritter auf. Schäfer, bunt geputzt, Schallmaien in den Händen, trieben ihre Herden schon wieder ins Freie, Mädchen suchten Schneeglöcklein und Veilchen auf den Wiesen. – »Du lieber Himmel, das ist ja, als wäre man in Welschland!« rief Heerdegen aus. – »Wer sagt euch«, entgegnete Gerda mit einem recht anmutigen Lachen, »wer sagt euch denn; daß ihr woanders, als dorten, seid? Haltet ihr euer jetziges Schauen für Traum und Täuschung, warum denn nicht ebensogut euer früheres Umherfahren durch das beschneiete Harzgebirg? Oder wenn das auch Wahrheit sein möchte, könnt ihr wohl Zeit und Raum ermessen, seitdem ihr euch der Gewalt des Opferherdes hingegeben habt, und den wunderlichen Pfaden, die durch ihn hereinführen?« – Die Ritter wußten gar nicht, was sie davon denken sollten, und schauten angestrengten Auges durch das große, klare Glasfenster hinaus. Da sahen sie, während sich Anger und Feld immer mehr belebte, drei edle Gestalten von einer schönen Wohnung, auf sanftanschwellendem Hügel gelegen, im freundlichen Gespräch herabwandeln. Es war ein Ritter mit zwei edlen Frauen. Achtsamer hinstarrend wandte sich Otto endlich gegen Heerdegen, und seufzte: »Ach, ich sehe Folko wohl und Gabrielen und Blancheflour, aber deine Schwester ist nicht mit dabei. Um Gott, wo mag sie hingeraten sein?« – »Wir wollen die dreie fragen!« rief Heerdegen ungestüm, und sprang gegen das Glas vor, um den Fensterrahmen zu öffnen, aber Gerda vertrat ihm drohend den Weg. Da sagte Otto: »Brüder! Brüder! Ein ungeheurer Betrug tut sich mir auf. Das ist gar kein Fenster; das ist ein Spiegel, ein Zauberspiegel, wie ihn meine Mutter ehemals in der schwedischen Warte besaß, und wer weiß, auf welchen fernen Auen Folko mit den beiden Damen jetzt eben lustwandeln geht? Ich aber will das magische Gerät zerschlagen, wie es mir schon früher mit seinesgleichen gelungen ist.« – Das gute Schwert, Ottur geheißen, blitzte in des jungen Herrn von Trautwangen Hand, aber ehe er es noch zum Hiebe recht geschwungen hatte, riß Gerda aus einem nahe stehenden Topfe eine Mispel, drehte sie über ihr Haupt, und sprach unvernehmliche Worte dazu; da taumelten die Ritter alle drei in lähmender Ohnmacht zu Boden. Vierzehntes Kapitel Es soll, behauptet die alte Sage, verzauberten Menschen zumute sein, als lägen sie in einem Fieberschlummer, welcher die Kraft der Sinne nur eben genugsam frei läßt, um ihnen zu offenbaren, daß sie gebunden sind. Die Bezauberung der Krankheit hat viele von uns wohl mit einem ähnlichen Zustande bekannt gemacht, und diese werden die wunderliche, halb besonnene Betäubung der drei Ritter desto besser verstehen. Sie lagen am Boden nebeneinander in dem seltsamlichen Gemach, eine lange, lange Zeit, regten sich bisweilen, als wollten sie aufstehn, aber sanken immer mit einem halb lächelnden, halb mißvergnügten Murmeln wieder zurück. – Wer sich am besten von ihnen besinnen konnte, und bisweilen so hell, daß er alles um sich her wahrnahm, und fast auf die Füße zu stehn gekommen wäre, das war Otto, denn dieser hatte im Niedersinken ein Gebetlein gemurmelt, welches er einmal von Bertha erlernt hatte, als sie beide noch Kinder waren. Das hielt er auch immer während der Bezauberung im Sinne fest, und wenn es ihm gelang, es einmal mit rechter Kraft zu sprechen, oder auch nur zu denken, wurden seine Augen alsbald wacker und hell. In solchen Zwischenräumen sahe er bisweilen, wie sein Halbbruder Ottur an Gerdas Seite vor ihm stand. Die beiden pflegten dann immer eifrig und heimlich miteinander zu sprechen, oft auch vernahm Otto einige von ihren Reden. Dann sagte Ottur wohl: »Ich kann mich nun ein für allemal an keinem Ohnmächtigen und Bezauberten vergreifen. Zudem seht Ihr ja selbsten wohl, wie der Mittelste die Züge meines eignen Antlitzes trägt. Wir sind einen Bund miteinander eingegangen; sein Schwert heißt nach mir und meines nach ihm. Laßt mich in Frieden mit Euerm Einreden. Und blühten auch Idunens Goldäpfel aus dem Blute der Schlafenden für mich auf, dennoch ritzte ich keinem von ihnen in diesem Zustande die Haut.« – Dann stampfte Gerda mit dem Fuß, und wandte sich, den armen betörten Ritter mit fortwinkend, welchem vergebens Otto nachzurufen bemüht war, daß er sein Halbbruder sei. Lippe und Zunge waren ihm gebunden, wie von eines ängstlichen Traumes Gewalt, und nach dergleichen vergeblichen Anstrengungen breitete sich eine desto tiefere Betäubung über seine müden Augen. Ebenso umsonst auch war er öfter bemüht, seine beiden Gefährten zu ermuntern. Die lagen meist immer ganz starr und leblos neben ihm, und ihr totenartiges Ansehn erfüllte ihm die Seele mit kaltem Grauen. Er meinte wohl manchmal, sie seien schon alle dreie gestorben, und lägen in einem Grabgewölbe, nur in ihm allein noch ringe das Leben sieglos mit dem Tod. Dennoch, wenn er die halbverschlossenen Augen auf Heerdegen wendete, der zu seiner Linken lag, ward es ihm, als gehe es wie Frühling und wehmütige Sehnsucht in seinem Herzen auf. Die Ähnlichkeit mit Bertha, die er schon früher am Maingestade in der Stille der Ohnmacht auf des Jünglings Zügen bemerkt hatte, lag jetzt wieder in sänftigender Milde darüber ausgegossen. Otto meinte, bloß deshalb vor der Betäubung nicht ganz erlegen zu sein, damit er Berthas Bruder bewachen könne. – »Wenn ich nur das Opfer werden könnte an seiner Statt«, murmelte er dann wohl vor sich hin. »Um Berthas willen müßte es sehr schön sein, zum Opfer zu werden.« – Denn daß einer aus dieser Dreizahl dazu erkoren sei, glaubte er sicher zu wissen; so auch, daß freilich alsdann die andern beiden gänzlich bezwungen wären, weil man nur zu dreien dies Abenteuer siegreich vollenden könne; aber dennoch war es, als liege wieder am Tode des einen die Rettung des andern. Woher das alles in ihm aufstieg, wußte er nicht; manchmal kam es ihm vor, als habe er es aus verworrenen Liedern der Bergkobolde, tief durch die Schachten herauftönend, vernommen. – »Die Männer im feurigen Ofen«, dachte er bisweilen, »wurden alle gerettet. Aber wir sind auch keine Heiligen. Da muß wohl einer von den dreien in den Tod. Wenn es nur nicht Berthas Bruder ist!« – Und abermals begann er, nach allen Kräften, die ihm der Zauber übrig ließ, sein Wächteramt neben dem Antlitze, das in der reinen, geliebten Züge Erinnerung leuchtete, zu verwalten. Da kam einstmalen die Zauberjungfrau wieder gegangen, aber eine andre Stimme, als Otturs, sprach mit ihr. Indem Otto recht mit Anstrengung hinhorchten bemerkte er, daß es der junge Kolbein war. Dieser sagte: »Fordert lieber nicht von mir, daß ich meinen Vetter, den Seekönig, erschlage. Auch den jungen deutschen Rittersmann träf' ich nur ungern. Doch wenn Ihr es gebietet, ach wunderschöne Herrin, ich bin auch dazu bereit.« – »Triff, wen du willst«, entgegnete Gerda. »Es ist genug, wenn nur die Dreizahl der Kämpfer zerbrochen ist; dann hab' ich die andern beiden gewiß. Odin sei gepriesen, daß nur du endlich von deinem Zuge wieder heim bist. Der Ottur ward alle Tage träumeriger und toller.« – »O gebt acht«, rief Kolbein, »ich dränge noch endlich all andres Menschenkind aus Euerm Herzen, und wohne darin, als ein seliger Gott.« – »Bilde dir nicht so hohe Dinge ein«, sagte Gerda, »nicht du bist es, den mir meine Träume, den mir mein ganzes Sinnen und Sehnen als den künftigen Bergkönig des Harzes zeigt, von dessen Armen umschlungen ich erst mich und ihn recht zu Göttern erheben darf.« – »Ist es Arinbiörn?« murmelte Kolbein. »Da soll ihn mein Beilhieb dennoch treffen. Und wär' er zehnmal mein Vetter, und einstens ach! mein so lieber Heerführer.« – »Nein, Arinbiörn ist es nicht«, lächelte Gerda kalt. »Die Torheit, mit der ich an ihm hing, ist vor dem herrlichen Silbergebilde des Spiegels versunken. Aber triff ihn, wenn du willst. Genug, wenn hier die gefährlichen Widersacher erliegen.« – »Dann lieber den Fremden«, sagte Kolbein, und schwang die Streitaxt über Heerdegens Haupt. In unbeschreiblicher Beängstigung, diesen Schluß schon lange vorhersehend, hatte Otto der ganzen Verhandlung zugehört. Nun brach die Inbrunst seiner Treue und seines Gebetes so weit durch den Zauberbann, daß er sich am Schilde emporrichten konnte, um den Bruder seiner holden Freundin mit dem eignen Leibe zu decken. Aber ehe er sich noch über ihn hinzuwerfen vermochte, rasselte Kolbeins Streitaxt herunter. Heerdegen stöhnte tief, und ein reicher Blutstrom quoll aus seinem Helm. Dennoch, ihn zu retten hoffend, stützte Otto über ihn hin den Schildrand gegen den Boden, ließ mit gelähmten Kräften das gute Schwert, Ottur geheißen, umherschwirren, und bot seine geharnischte Brust den Streichen des Beiles dar. Die folgten, des ohnmächtigen Widerstandes spottend, einander hageldicht, zertrümmerten Ottos Halsberge, und lockten sein Blut im heftigen Sprudeln hervor, das im Verein mit dem, welches Heerdegen vergossen hatte, eine Purpurdecke um die beiden Jünglinge hin auf den Boden breitete. Funfzehntes Kapitel Die Türe des Gemaches flog klirrend auf, ein Ritter in leuchtender Silberrüstung schritt herein. – »Triff den, Kolbein, töte den!« rief das Zauberfräulein. »Heerdegen ist wohl beinahe tot, aber mit dem Fremden sind ihrer ja schon wieder drei.« – Geschwungnen Beiles schritt Kolbein nach der Tür, der Fremde hob den Schildrand zum Schutz über das Haupt, und hielt die Klinge etwas gesenkt, zum entscheidenden Schlage von unten auf bereit, sobald sein Gegner sich verhauen habe. – Indem sie noch so einander gegenüberstanden, sahe Gerda zitternd auf des Fremden Silberrüstung, zitternd in sein Antlitz, das mutig aus dem aufgeschlagnen Helmsturz hervorflammte, und rief, plötzlich in die Mitte der beiden Kämpfer tretend: »Halt!« – An unbedingtes Gehorchen vor seiner Herrin gewöhnt, senkte Kolbein die furchtbare Waffe, der Silberritter stand noch zögernd und etwas mißtrauend still, da neigte Gerda ihr Knie vor ihm, sprechend.- »O bist du es selbst, du mächtiger Held? Du Erkorner zum König des Harzgebirges, und zum göttlichen Herrscher an meiner Seite! Denn wenn ich Freia bin, so bist du gewißlich der mutige Götterjüngling Tyr. Oder was wir noch nicht sind, werden wir doch zweifelsohn in kurzem sein.« – »Frau«, sagte der Fremde, indem er sie mit höflich ritterlichem Anstande emporrichtete, »ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt. Bleibt mir mit Euern heidnischen Götternamen fort, davon ich nichts wissen will, dieweil ich ein guter Christ bin. Auch mag und kann ich nimmer ein König des Harzgebirges werden, denn ich erkenne den Kaiser des heiligen deutschen Reiches für meinen Lehnsherrn, und mich für seinen Vasallen. Das haben meine Ahnen beständig getan, und ich, der ich den Namen Graf Archimbald von Walbeck führe, will diese ehrliche Benennung weit lieber festhalten, als mich durch zaubrisches Gaukeln zu einem solchen Herrscher und Götzen machen lassen.« – »O du kennst die rechte Herrlichkeit eines Harzköniges noch gar nicht«, rief Gerda aus. »Hoch oben auf dem Gipfel des Brockens wollen wir thronen, eine Burg erbauend, die mit ihren ungeheuern Schwibbögen, ihren kühnen Warten, ihren feierlichen Toren und hallenden Gemächern ihresgleichen in der ganzen bewohnten Welt nicht findet. Da schauen wir aus den luftigen Fenstern, über die schwindligen Zinnen, weit in die Gauen des deutschen Landes hinein, und so weit wir schauen, ist alles uns pflichtig auf Zins und Dienst. Was sie des Besten und Schönsten haben, sollen sie hier herein bringen in das Harzgebirg, ihre edelsten Söhne und Töchter uns senden als dienstbare Ritter und Frauen, oder wir suchen sie mit unsern Stürmen und Hagelwettern heim, werfen ihre Schlößlein zu Boden, und reiten mit feurigen Rossen über deren Trümmer hin. Unten am Fuße des Berglandes sollen grimmige Riesen und Drachen unsre Leibwache halten, zwar nur aus giftigen Nebeln geformt, aber doch ertötend, und alsbald in unergründliche Schlüfte versenkend, wo einer andringen will ohne unsern Vergunst. Wen wir aber hereinrufen und aufnehmen, der soll es gut haben, und leben, wie die Götter auf Asgards heitern Höhen. Kampf und Minne gehen alsdann im seligen Wechselspiel durch unsre Täler, Sonne, Stern und Gewölk müssen uns dienen, unsre Feste zu feiern, und vorzüglich, wenn alljährlich um die Lenzeszeit unser großer Hofhalt auf dem Brocken beginnt, wenn die Völker nach uns heraufziehen, reiche Opfergaben in den Händen, und die Flamme unsrer Anbetung auflodert in den Hallen der Burg, zu gleicher Zeit von allen Höhen und Wohnungen des Gebirgs.« »Um Gott, haltet ein!« unterbrach sie Archimbald. »Wie kann ein Weib doch nur so engelschön aussehn, und so diabolische Worte vorbringen! Ach leider erkenn' ich's an Euern eignen Reden, Ihr seid die, um welche die ganze Gegend klagt, daß Ihr das liebe, milde Christentum unterdrücken wollt, um Euch als hoffärtige Freia göttlich verehren zu lassen. Es tut mir recht leid um Euch, denn auf die Art werdet Ihr noch vollkommen zur gottlosen Hexe, und man muß Euch nach Recht und Billigkeit auf den Scheiterhaufen bringen.« Kolbein schritt zähneknirschend gegen den Grafen vor, aber Gerda sagte zu ihm: »O bleib still, ich gebiet es dir. Was dieser spricht, und sind es auch zürnende Donner, tönt meinem Ohre süßer, als Eure Liebesbitten allzumal.« – Da stand Kolbein betrübt still, und Archimbald, ohne auf ihn und auf der Jungfrau Reden sonderlich zu achten, sprach folgendermaßen weiter: »Ich berg' es Euch nicht, daß ich Euch fehdebringend aufgesucht habe in diesen entsetzlichen Tiefen, und daß ich komme, all Euerm Unwesen ein Ende zu machen, zugleich aber auch zu retten, oder doch zu rächen die drei Ritter, welche vor geraumer Zeit hier verschollen sind. Nun wollet mir es aber eben so wenig bergen, wie Ihr darauf kommt, mich für den anzusehn, welcher zum Harzkönig bestimmt sei, und zum beherrschenden Abgott dieser feierlichen Lande. Denn ich und mein ganzer Stamm, wir haben doch fürwahr nimmermehr Verkehr gehabt mit dem Heidentum und der Hexerei.« »Wer sagt dir das, kühner Held?« entgegnete das Zauberfräulein mit süßem Lächeln. »Deine uralten Ahnen haben auch den herrlichen Göttervater Odin angebetet, und wenn Ihr nachmals von ihm abgefallen seid, so bleibt er Euch dennoch hold, und die goldne Verheißung ruht für und für auf deiner Scheitel goldnem Gelock. In jenem Zauberspiegel hab' ich mir heraufbeschworen die Gestalt des blühendsten Zweiges aus der Wurzel des edlen Heldenbaumes, und so wie du mir dorten erschienst in deiner Silberrüstung in Schlacht und Wettlauf und Turnier, hat sich mein Herz dir ganz entgegen geneigt, und du gebeut nur, stolzer Held, über deine Magd.« – Kolbein stieß mit der Streitaxt gegen den Boden, und rief, heiße Tränen in den Augen: »O Allvater, und das soll ein Mensch anhören, und ruhig bleiben dazu!« – Dann stand er wieder auf Gerdas unwilliges Winken ganz still, als wie versteint. »Das kommt hier viel anders, als man es hätte denken sollen«, sagte Archimbald. »Weil es denn nun so ist, will ich Euch und Euern Knechten weiter nichts zuleide tun, aber zeigt Euch nicht minder folgsam, als Ihr es verheißen habt.« »Sie nannten mich wohl sonst die wilde Gerda«, sprach das Zauberfräulein weichmütig. »Dir, hoher Sachsenheld, bin ich ein zahmes Reh. Ach wenn du, ach wenn du noch annehmen wolltest die funkelnde Bergkrone des Harzes aus meiner Hand.« »Damit gebt Euch keine Mühe«, entgegnete der Graf. »Wäret Ihr kein so zaubrisches Bild, und wäret Ihr eine Christin, so möchte es wohl Kronen geben, um die ich Euch bäte; jetzt aber ist auch das nichts, und ich habe nur mit Euch zu reden um strenges Recht. Wo sind die drei edlen Ritter, von denen ich vorhin zu Euch sprach?« – Und im selben Augenblick durch das Gemach umschauend, bemerkte er auch schon am Boden die drei geharnischten Männer. »Habt Ihr sie ermordet?« sprach er mit ingrimmigem Blicke. »Dann soll mir die ganze unterirdische Raubwelt hier darum büßen, und vornehmlich um den in der schwarzsilbernen Adlerrüstung. Denn Ritter und Rüstung kenn' ich beide gar wohl, und habe sie sehr lieb.« »Mein Herr und Gebieter«, entgegnete das Zauberfräulein zitternd, »der, welchen Ihr meint, lebt noch, und ist leichtlich zu heilen. Um den unter ihm Liegenden hat freilich der Tod schon seine lähmenden Schwingen gebreitet.« »Belebt die schnell, die noch zu beleben sind!« rief Archimbald, und Gerda nahm gehorsam die Mispel wieder zur Hand, schwang sie über die hingestreckten Ritter, und murmelte ihre unverständlichen Worte dazu. Da schlugen Arinbiörn und Otto die Augen auf, zugleich auch regte sich der Falke, der bisher, die Verzauberung mit seinem Herrn teilend, als ein toter Zierat auf dessen Helme geruhte. Staunend blickte der Seekönig umher, faßte die ihm entsunknen Waffen, und erstand, seine Glieder in mannigfachen kühnen Schwingungen prüfend. Otto dagegen schien seine volle Kraft nur wieder erhalten zu haben, um den Schmerz über Heerdegens Tod in seiner ganzen Tiefe zu empfinden. Über das bleiche Antlitz des Freundes gebeugt, weinte er stille, aber heiße Tränen darauf hin, und zu gleicher Zeit strömte sein Blut aus der zerschmetterten Halsberge reichlich herab. So wie es aber des Toten Antlitz berührte, wischte es Otto mit seiner Feldbinde sorgsam und leise weg, und seufzte bisweilen dazu. »O Bertha, du reines Engelbild! O wie er in diesem schweigenden Schlummer dir gleicht!« – Arinbiörn und Archimbald, die sich indessen verständigt hatten, traten hinzu, ihren Freund zu trösten. Da antwortete er: »Laßt nur. Ich weiß, daß es nicht Bertha ist, und daß ich nicht so unglücklich war, als der starke Hugur, welcher sein schuldlos Lieb erschlug. Vielmehr hab' ich den armen Jüngling verfochten mit meinen besten Kräften. Aber seht, er ist dennoch tot, und er war so treu und gut, und nun muß er jeglichen Menschen an Bertha erinnern, wie er hier so recht friedlich liegt. Nicht wahr, Arinbiörn?« – Da drangen auch diesem die Tränen aus den Heldenaugen vor, und Otto weinte reichlicher, aber auch um vieles milder. Der Seekönig und der Graf schnallten ihm die Halsberge los, und sahen nach seiner Wunde. Gerda wollte auch mit hülfreichen Kräutern herzu. Aber Otto schwang die Klinge drohend empor, und rief: »Bleib von mir, du Höllengesindel allzumal, wenn ich nicht gleich hier neben dem Leichnam des Freundes zum Totenrächer werden soll.« – Gerda trat demütig zurück, ein Wink von ihr entfernte Kolbein aus dem Gemach, und die zwei edlen Waffengenossen verbanden mit ihren Feldbinden des Ritters Trautwangen Brust. Als sie damit fertig waren, erhuben sie Heerdegens Leiche. Otto ließ es sich nicht nehmen, daran tragen zu helfen, und zwar am Hauptende. – »Ich darf dir jetzt schon ins Gesicht sehen«, sagte er, während des Toten Antlitz sich zu ihm herübersenkte, und streichelte freundlich die kalten Wangen. – »Heute verstehn wir uns besser, als damals am Mainesufer.« – Gerda hatte auf Archimbalds Befehl eine hohe Kienfackel angezündet, und leuchtete damit dem ernsten Zuge vor. So schritt man aus der Burg, über Flammenwiese und Erzbrücke fort, am Weiher entlängst, die Pfade nach der Oberwelt wieder hinauf. Sechzehntes Kapitel Sie traten aus dem Opferherde hervor, und das linde Schimmern des Mondes legte sich kühl und erquickend auf ihre Angesichter. Zugleich säuselten, worüber Arinbiörn und Otto erstaunen mußten, schlanke, beblätterte Maienzweige, in der Nähe des Altares aufgeschossen, ihnen um Brust und Stirn. – »Was ist nur das?« sagte der Seekönig. »Als wir gestern nacht hier hereingingen, starrte noch alles von Schnee und Eis, und nun spielen die Mondlichter auf frischem Grün an Boden und Ästen?« – »Ach ihr Freunde«, entgegnete Archimbald, »da sind schon Wochen vergangen, seit ihr dort unten verzaubert gelegen habt. Nun steht der Frühling mit seinen hellen Augen wieder frisch über den Landen.« – Aber Otto, der in die Mondesscheibe blickte, wie in seines Mütterleins Antlitz, fuhr zusammen, und rief: »Um Gott, und ist sie denn so lange in der Köhlerhütte geblieben, den Spukereien all dieser gespenstischen Gaukler ausgesetzt?« – »Er fragt nach seiner Mutter«, sagte der Seekönig zum Grafen. »Ich weiß wohl«, entgegnete dieser. »Sie ist auf meiner Burg. Eben in der Köhlerhütte, als ich von einem Zuge heimkehrte, fand ich sie, wenige Tage, nachdem Ihr verschwunden waret, und führte sie mit mir, um ihrer würdiger zu pflegen. Herr Gott, die ist ein rechtes Abbild der seligen Himmelsmutter, die uns alle am Herzen trägt. Ihre stillen Tränen und Seufzer haben mich auch hinausgetrieben, dieses Abenteuer zu bestehn. Swerker und Eure Reisigen, die sich zu uns gefunden haben, sind noch außer meinen Burgmannen als Hilldiridurs Leibwache zurückgeblieben, denn wahrlich einen so himmlisch leuchtenden Edelstein kann man nicht sorgsam genug bewahren.« – Otto drückte ihm froh und freundlich die Hand, aber weil die Wundenmattigkeit jetzt Herrschaft über ihn zu gewinnen anfing, schwankte er neben dem erblichnen Heerdegen, welchen sie in das frische Moos niedergelegt hatten, zu Boden. Archimbald stieß ins Horn, und einige Reisigen eilten mit seinem Rosse herbei, worin Otto alsbald den schäumenden Rappen mit den silbernen Kettenzügeln, von der Wiese vor Burg Trautwangen her, wiedererkannte, so daß ihm in halber Ohnmacht ganz wunderlich zumute ward, als träume er längstvergangne Gesichter abermals herauf. Archimbald gebot indes den Reisigen, zwei Tragbahren zu flechten, eine für den Toten, eine für den Wunden; zugleich auch fertigte er einen Boten nach Burg Walbeck ab, um der sorgenden Mutter Bescheid von der Errettung ihres Sohnes zu bringen. Während alle dem hatte Gerda scheu zur Seiten gestanden, ganz in die Gebüsche zurückgeschmiegt. Jetzt erhob sie wehmütig ihre Stimme, fragend: »Ach darf ich nicht mit?« – »Ei von Herzen gern«, sprach Archimbald, und ging freundlich gerührt auf sie zu, »aber ich habe dir drei notwendige Bedingungen zu machen, und die wirst du mir nicht erfüllen wollen, oder nicht können.« – »O sage nur an«, rief Gerda aus. »Ich vermag gar vieles dir zu Liebe.« – »Nun«, sagte der Graf, »da sollst du mir vor allen Dingen erst geloben, nimmermehr in unserm guten Sachsenlande mit Worten oder mit Taten Zauber zu begehn.« – »Das gelob' ich dir recht gern«, entgegnete das Fräulein, und legte ihre wunderschöne Hand zutraulich in Archimbalds gepanzerte Rechte. – »Ach«, sagte dieser, »du versprichst gar anmutig, aber wer weiß auch, ob man dir trauen darf?« – Da lösete Gerda ihre reichen blonden Locken, daß sie wie ein Goldkleid um sie herflossen, und Otto den Seekönig beinahe gefragt hätte, ob das nicht die wundervolle Sigurdstocher Aslauga seie? Denn diese Nordersage, welche der Schmied Asmundur ehemals in seinen Sigurdssang eingeflochten hatte, klang täuschend durch seine fieberschaudernden Sinne, als die Jungfrau in dem blendenden Lockenmantel vor ihm stand. Doch blieb zum Fragen keine Zeit, weil das Zauberfräulein sich mit seltsam feierlichen Stellungen im Kreise drehte, ihre Mispelrute zerbrechend, und laut ausrufend:     »Frei in Kluft, Frei in Luft, Frei in Wellen, Frei in helln Wirbelflammen, Allzusammen Fliegt ihr Geister! Sucht euch einen andern Meister!« Und wie die Mispel zerrissen in alle vier Winde flog, erhub sich ein seltsames Gemurmel in der Tiefe und in den Lüften, wie von auseinander ziehenden Heerscharen. Als es verklungen war, sagte Gerda freundlich zu Archimbald: »Ich darf nun sobald nicht wieder an das Zaubern denken. Meine Freigelaßnen würden mir den Hals umdrehen, käm' ich ihnen mit neuen Banden zu nahe. Du hast jetzt ein so ohnmächtiges Weibsbild vor dir stehen, als eines auf der ganzen Welt.« – »Da bist du etwas allzurasch gewesen«, sprach Archimbald. »Nun kannst du mir meine zweite Bedingung nicht ins Werk richten. Die war die Zerstörung dieses heidnischen Opferherdes, und die Verschüttung des ganzen Zauberschachtes, welcher drunter hineingeht.« – »O sei zufrieden«, entgegnete Gerda. »Das wird sich schon von selbsten machen. Mein Zauber hielt ja nur das Ganze gestützt, denn es ist morsch in seinen Grundpfeilern, und wenn nur erst Kolbein den Ausgang am Bache gefunden hat, Ottur ist auf einem Zuge fern, da bricht das Gebäu zusammen, mit dem letzten Menschenatem, der es verläßt! – Seht Ihr? Es fängt schon an.« Und wirklich vernahm man drunten ein Krachen und Zusammenbrechen, wie von riesigen, weltalten Pfeilern, daß die Ritter einander zweifelnd ansahen, und Otto sich aus seinem Wundfieber scheu in die Höhe richtete. – »Seid ohne Sorgen«, sprach Gerda. »Die Oberfläche der Berge hier ist Herthas holdeste, beste Kraft, und hält sich fest, während meine herrlichen Wölbungen drunten in den alten Urgraus zurücke prasseln. Das eine fällt, das andre steigt auf; das Fundament im Ganzen bleibt dasselbe. Nur dem Altare mache sich keiner zu nahe. Der steht nicht auf allzufestem Boden.« Es dauerte auch nicht lange, da fingen die Steine des Opferherdes an, übereinander hinzurollen, als wäre ein ängstliches Leben in sie gekommen. Endlich polterten sie allzumal in einen tiefen Schlund hinab, der sich unter ihnen wahrnehmen ließ. Blaue Flämmchen hüpften zitternd und wie seufzend drüber hin, und verschwanden endlich auch in der Tiefe. – »Es sind die Seelen derer«, sagte das Fräulein, »die hier geopfert worden sind, ohne daß sie vermocht hätten, den Tod mit tapfrer Ergebung zu empfangen.« Gleich darauf aber setzte sie demütig und entschuldigend hinzu: »Ich kann doch wahrlich nicht dafür. Ich habe nimmermehr einen Menschen geopfert. Das ist schon viele hundert Jahre her, daß dieser armen Dinger Blut geflossen ist.« – »Nun, ich schelte dich ja auch nicht«, sagte Archimbald freundlich. »Wer könnte denn glauben, daß du holde Gestalt so abscheuliche Taten begangen hättest? Du sollst auch mit mir. Tue nur noch das Eine, und ich bin fertig mit meinen Bedingungen allzumal. Da siehe!« Er zückte sein breites Schwert, und stieß es dicht vor ihr in die Erde – »das ist die heilige Kreuzgestalt. Knie nieder davor und bete sie an.« Gerda schauderte entsetzt zurück, und verschwand lautlos in das nahe Gebüsch. »Das ist recht sehr schade!« seufzte Archimbald aus ganzem Herzen, während er das Schwert wieder emporzog, und es in seine Scheide warf. Dann hieß er die Reisigen die Tragbahren anfassen, bettete den Ritter Trautwangen, ihm seinen Mantel sorgsamlich überdeckend, auf eine derselben, ließ dem Seekönig ein Roß vorführen, und so begann der Zug langsam nach den Ebnen, wo Burg Walbeck lag, hinunter zu klimmen. Siebzehntes Kapitel Sie waren soeben von einem schroffen Hange mit kurzer, unvermuteter Wendung auf eine Lichtung im Walde gelangt, und Archimbald sagte, nach einem Kreuzweg zeigend, den sie in der Mitte des Platzes wahrnahmen: »Da seht, Ihr Herren, nun kommen wir schon wieder auf bewohnter Orte Spuren. Von hier ist es noch etwa eine kleine Stunde nach einem Dorfe mit einer guten Herberge, und da wollen wir Rast machen, und dem Wunden einen Tag zur Erholung gönnen, denn wir haben noch mehr als eine Tagereise, bis wir nach meiner Veste gelangen.« – Indem sie nun aber gegen den Kreuzweg herankamen, bezeugten sich ihre Pferde unruhig, und man ward beim unsichern Mondenlichte – denn es begannen viel Nebel durch den Forst zu ziehen, und aus den Wiesentälern herauf zu dampfen – eines Trupps von Menschen und Rossen ansichtig, welcher sich dorten zu sammeln schien, und sich durch einzelne Reiter, die aus der Waldung hervorgetrabt kamen, immer mehr vergrößerte. Daß auch Hunde dabei waren, verriet deren halb ängstliches, halb ungeduldiges Geheul. – »Das sind wohl Waidmänner«, sagte Archimbald, »aber man muß sie doch fragen, woher und wohinaus. Es halten ihrer ein wenig gar zu viel beisammen, um so grade achtlos durch sie hin zu reiten.« Damit ließ er die Tragbahren halten, zog seine Reisigen vor ihnen zusammen, und setzte sich mit Arinbiörn an die Spitze, worauf er einen Reiter mit höflich ernster Frage nach den Unbekannten hinüber sandte. Der Reiter ritt und ritt, und es war, als verlängre sich die Waldeslichtung unter seines Rosses Hufen, denn ob man gleich sah, daß er recht munter vorwärts trabte, sahe man doch eben sowohl, daß er zu den fremden Reisigen noch immer nicht hinan kam. Doch behielt man diese regungslos und in geringer Entfernung vor sich, und vernahm deutlich das Hundegeheul in ihrem Haufen, ja auch sogar ein unverständliches Murmeln, welches unaufhörlich durch ihre Reihen ging. Da hielt unvermutet ein riesengroßer Reitersmann auf eben so ungeheuerm Rosse zwischen Archimbald und Arinbiörn. – »Euer Knecht kann nicht reiten«, sagte er mit hohler, vom Nachtsturm halb verwehter Stimme, die fast wie ein Lachen klang. »Der ließe den Morgen herauf, und käme wohl noch immer nicht von der Stelle. Da bin ich lieber zu euch gekommen, und will euch danken, daß ihr mir den Gerdaspuk aus diesen Harzwäldern fortgeschafft habt. Nehmt hübsch zu Danke das Wild, so ich euch Morgen senden will von meiner Erstlingsjagd im wieder frei gewordnen Revier. Der Hakelnberg ist euer guter Freund.« – Und somit erhub er sich, schrie: »Hetz! Hetz!« und fuhr in die Luft empor, wo es den nachschauenden Rittern vorkam, als sähen sie ganze Herden flüchtigen Wildes vorüber ziehn. Die Schar auf dem Kreuzwege stäubte gleichfalls in die Höh, lustig bellten die Hunde, wild riefen die Jäger, aber bald aus so unermeßlicher Ferne herab, daß alles zusammen nur wie ein hohler Sturm über die Wälder hinzog. Darüber ward das Gewild in seinen Schlupfwinkeln scheu, und setzte in so ungestümer Angst durch die Büsche, daß Hirsch und Reh bisweilen zwischen dem Zug der Ritter und Reisigen hinrannte, aus denen keiner es wagte, über diese seltsame Begebenheit laut zu werden. Sie zogen schweigsam den engen Waldweg entlängst, das rätselhafte Windesgebraus noch immer über ihren Häuptern. Der Morgen dämmerte, und mit dem letzten, verhallenden Gesause des lustigen Jagdlärmes rückte der Zug in das zur Rast und Pflege des Verwundeten bestimmte Walddorf ein. Man fand in der Herberge schon alles munter, und Graf Archimbald fragte den Wirt, indem dieser, emsig für die Bequemlichkeit seiner hohen Gäste sorgend, hin und her lief, ob ihn etwa der Waidmannslärmen des wilden Jägers Hakelnberg so früh samt seinem Hausgesinde aus den Betten geschreckt habe? – »Herr«, entgegnete der Wirt, dem Grafen und dem Seekönig einen Frühtrunk vorsetzend, »der Jagdzug in den Wolken hat uns allerdings vom Lager gerufen, aber aufgeschreckt? – Nein, das könnt' ich nicht sagen. Vielmehr haben wir Gott gedankt, ich darf es wohl gestehen, mit Gebeten und Liedern, daß der alte, auch unsern Vätern schon vorlängst erschienene Hakelnberg nun wieder mit Hornesruf und Hundegebell über die Forsten des Harzgebirges hinzieht, und über die blühenden Ebnen an deren Fuß. Herr, was so mit uns aus der Lebenswurzel heraufgewachsen ist – sei es auch an und für sich von schauerlicher, fast unheimlicher Art-, es wird einem so lieb, als gehörte es notwendig mit in das ganze Leben herein, und als risse ein Faden desselben, wo die gewohnte Erscheinung wegbleibt. Zudem, was hat denn je der Hakelnberg einem Christenmenschen zuleide getan? Höchstens ist einmal ein Schrecken von ihm in eines Vorwitzigen Sinn herabgefallen. Aber das Zauberfräulein, mit ihren zwei grimmigen Helfern, wenn die umsprengten auf ihren häßlichen, ungeheuern Rossen, was wollten nicht die? Und was dräuten nicht die? Derweile mußte unser alter Hakelnberg verstummen, und in seiner luftigen Burg einsamlich und grämelnd wohnen. Gottlob, daß er nun wieder angefangen hat, über die Waldungen hinzureiten. Nun ist es gewißlich mit den andern Spukereien aus.« – »Das ist es«, sagte Archimbald. »Ihr könnt mein Wort darauf nehmen.« Der Wirt schlug in seine dargebotene Rechte ein, mit treuherziger Lustigkeit ausrufend: »Vivat Graf Walbeck, und vivat Hakelnberg!« – Da machte eben ein Geräusch auf der Straße die Sprechenden aufmerksam. Sie traten an das Fenster, und sahen, wie ein prächtiger Hirsch in wilder Hast aus dem Walde hervorgesetzt kam, als seien ihm Hunde und Jäger auf der Ferse, ohne daß man doch irgend jemanden wahrnahm, der ihn verfolgte. Die frühwachen Hirten und Ackersleute suchten ihn mit Geschrei und Vorlaufen einzufangen, aber er fuhr gewaltsam durch sie hin, und stürmte grade auf die Herberge zu, wo er in die gegen den Zaun gelehnte Lanze des Grafen rannte, und alsbald an dieser ritterlichen Wunde verendete. »Was gilt's«, sagte Arinbiörn, »das ist das Gewild, welches Hakelnberg uns zum Danke verheißen hat?« Der Graf war auch dieser Meinung. Sie zerlegten alsbald nach Waidmannsbrauch den herrlichen Vierzehnender, und zu Mittag genossen sie, zusamt dem Hausgesinde des Wirtes und ihrer eignen Reisigen das edle Mahl, auf Hakelnbergs fröhliches Jagen trinkend. Otto hatte auch von der wundersamen Beute gegessen, und es war, als stärke sie ihn mit magischer Kraft, so daß am Abende seine schwarzsilberne Halsberge, von Kolbeins Axthieb gespalten, der Heilung weit mehr bedurfte, als er; denn man sahe ihm an Gesichtsfarbe, Gang und Wesen die bedrohliche Verletzung wenig mehr an. Die Sonne blickte mit abschiednehmenden, glühroten Strahlen soeben ins Gemach, da erhub sich Otto von einem Ruhebette, auf dem er sich kaum erst niedergelassen hatte. Ernst vor seine Gefährten hintretend, sagte er: »Uns bleibt eine heilige Pflicht zu erfüllen. So lange der Tote noch auf dieser unruhigen Oberfläche der Erden ist, kommt es mir vor, als dürften wir alle nicht ruhen, und dieses Dörflein mit seinen Linden und Quellbronnen sieht mir recht aus, wie eine friedliche Grabesheimat für unsern gestorbnen Freund. Es kommt nur darauf an, ob hier eine geweihte Kirchhofserde zu finden ist.« – Der Wirt erbot sich, ihnen den Weg nach einem Kapellchen zu zeigen, in dessen Nähe schon viele fromme Christenmenschen begraben seien, und der ganze Kreis umher eingesegnet von Priesterhand. Sie machten sich also auf den Weg, die Tragbahre des gefallnen Freundes in Ermanglung eines Sarges mit köstlichen Tüchern und Waffengerät überdeckend. Wie sie den Hügel hinangingen, leuchtete ihnen das ewige Lämplein in der Kapelle mild entgegen durch das Blättergrün, und durch das schon tiefer dunkelnde Abendgrau. Otto, der es sich nicht hatte nehmen lassen, wieder unter den Trägern seines scheidenden Freundes zu sein, weinte still. Oben um die Kapelle her war ein feierlicher, grüner Rund, gleichsam wieder eine zweite, höhere Kapelle, durch die zusammengeneigten Äste der Ulmen- und Buchenstämme gebildet. Von der Himmelswölbung dieses Domes sahen die eben aufgegangnen Sterne herein. Die Ritter griffen selbst zu den Schaufeln, und gruben in ernster Dreizahl Herrn Heerdegen von Lichtenrieds Grab, senkten ihn hinein, und belegten ihm seinen Hügel mit Rasen. Dann blieben sie eine Welle im stillen Gebete dabei knien, Otto zu den Häupten, die andern zu beiden Seiten, und gingen darauf schweigend und in sehr ernsthaften Gedanken wieder nach dem Dorfe hinab. Am folgenden Morgen brachen sie auf, Otto schon insoweit genesen, daß er den Hengst eines Reisigen besteigen, und die Fahrt an seiner Freunde Seite fortsetzen konnte. Eines Abends schon ziemlich spät sagte ihnen Archimbald, sie seien nun in der Nähe von Burg Walbeck, und würden noch heute neben Frau Hilldiridur an der großen Tafel in seiner heimischen Heldenhalle bei den Bechern sitzen. Da brach urplötzlich aus einem nahen Gebüsch etwas hervor, daß Zweig und Reisig davor zerknickten, richtete sich hoch in die Höhe, wie ein Riese, und kam so in aufrechter Stellung zürnend herangeschritten. Alle wußten nicht recht, was sie daraus machen sollten, aber Otto erkannte alsbald seinen Lichtbraunen, und so wie er ihm nur zurief: »Ruhig, du Bursch!« ließ sich das kaum noch schlachtfertige Tier freudig wiehernd herunter, trabte leichten Ganges heran, und neigte, demütig bei seinem Herrn stehnbleibend, das stolze Haupt tief unter des fremden Rosses Sattelbogen. Da sprang Otto ab, küßte sein treues Pferd, und schwang sich auf dessen umgesattelten Rücken, worauf es sittig, aber freudigwiehernd, und die weiten, dampfenden Nüstern wie kampfdurstig in die Abendluft hinausstreckend, mit ihm fürder schritt. Wie Trompetenklang schmetterte des edlen Lichtbraunen Freudengruß nach Burg Walbeck hinauf. Swerker warf sich in den Sattel, und jagte den Freunden entgegen. Da gab es rechte Rittergrüße, aller Bruderliebe und Herzinnigkeit voll. Wie man nun nach den ersten Mitteilungen und Berichten ruhiger nebeneinander hinritt, fragte Otto, wie doch der Lichtbraune so zaum- und sattellos hier in das Freie herausgekommen sei? »Herr«, entgegnete Swerker, »das Heldenroß ließ sich durch gar nichts zähmen, so lang' Ihr ferne wart. In keinen Stall ist es gekommen, aus keiner Krippe hat es der Speise genossen. Wo Frau Hilldiridur war – sei es früher in der Köhlerhütte, sei es jetzt in der Burg –, da hat der treue Bursch immer die Runde streitfertig umher gemacht, als seie er der edlen Dame zur Wache bestellt.« – Freundlicher noch klopfte Ritter Trautwangen seines Lichtbraunen Hals, und das edle Tier wandte schmeichelnd seinen Kopf nach ihm zurück. Jetzt ritten sie in Burg Walbeck ein. Hilldiridur stand mit den leuchtenden Mondscheinaugen freudigweinend in der Pforte, in ihre Arme flog Otto, und die Klagen um seinen toten Waffenbruder wurden ihm zu linden Tröstungen, nun es ihm vergönnt war, sie auszuströmen an der holden Mutter Brust. Achtzehntes Kapitel Einige Wochen verweilte man in Graf Archimbalds Veste, bevor man den Zug nach Burg Trautwangen antrat, welchen alle in waffenbrüderlicher Freundschaft mitsammen zu vollenden beschlossen hatten. Sie freuten sich recht darauf, Ottos Gäste zu sein, und nur dessen völlige Genesung, wie auch das Zurechtschmieden seiner schwarzsilbernen Halsberge verzögerte noch der Reise Beginn. Währenddessen vertrieb man sich die Zeit mit dem Erzählen mannigfacher Geschichten, deren teils Hilldiridur aus alten geheimen Büchern viele vorzutragen wußte, teils die Ritter unterschiedliche auf ihren Zügen erlebt hatten. Da konnte es denn auch nicht fehlen, daß Folkos und Gabrielens Kämpfen um den Ring, und Ottos Entscheidungsgefecht darüber ausführlich zum Vorschein kam. Hilldiridur hatte mit sehr ernster Achtsamkeit zugehört; am Ende der Geschichte fragte sie ihren Sohn genau nach dem Ringe, was er für Verzierungen gehabt, und was für Steine darin eingelegt gewesen seien. Otto beschrieb alles deutlich, und da erseufzte die edle Frau tief, sprechend: »Es bleibt kein Zweifel mehr. Der große Messire Huguenin in Frankreich war mit dem starken Hugur in Nordland ein und derselbe, so wie auch zugleich mit deinem Vater, Herrn Hugh von Trautwangen. Den Zauberring aber hat meine Schwester, Schön-Astrid, von unsrer magischen Muhme aus Island empfangen, und das ging also zu. Wie mich die erkoren hatte zur Mitwirkerin und Erbin ihres wundersamen Wissens, lenkte sie einen mitleidigen Blick auf Schön-Astrid, die so lebenslustig, demütig und kindlich zur Seite stand. – ›Du siehst doch gar zu anmutig aus‹ sagte die Drude, ›als daß man dir nicht auch etwas recht Herrliches verehren sollte, du artiges Kind. Da nimm.‹ – und sie legte den Zauberring in Schön-Astrids schöne Hand, – ›ich vertraue ihn der unschuldigen Einfalt an, aber nimm dich in acht mit ihm, er ist ungeheurer Gaben stark. Weggeben darfst du ihn nimmer, als an den Mann, dem du dich selbsten weggeben willst.‹ – So ist er denn nun in des starken Hugurs Hände gekommen, und Gott gebe, daß er jetzt in keinen schlimmern sei. Denn ich weiß wohl, daß man damit ganz unerhörte Taten beginnen kann.« »Seid ohne Sorgen, Mutter«, erwiderte Otto. »Entweder hat ihn Blancheflour oder Gabriele, und beide sind aller Huld und edlen Sitten voll, wenn auch« – setzte er sinkenden Tones hinzu – »Gabriele das Treuwort viel zu schnell ausspricht, und viel zu langsam in ihren Sinn zurückeruft.« »Du weißt nicht, wer den Ring hat«, sagte Hilldiridur. »Einmal aus den Händen gegeben, ist er so wenig mehr in deiner Gewalt und Berechnung, als die Lerche, welche dort eben frühlingstrunken über das Burgdach hinsteigt. So ist es mit dem armen, und dennoch so reichen Menschen. Alles liegt bei ihm, derweile die Tat noch in ihm ruft; nichts liegt bei ihm, sobald die Tat auch nur durch einen Fingerzeig herausgetreten ist in die maßlose Welt.« Als man am Abende auseinanderging, schritt der Seekönig mit nach Ottos Gemach. – »Hast du es denn empfunden, seliger Mensch«, rief er, sobald sie allein waren, sich auf sein Bette setzend, aus »hast du es denn empfunden, das unerhörte Glück, daß Blancheflour deine Schwester ist?« – Otto nickte freundlich. – »Nun denn«, sagte der Seekönig, »so wirst du auch gewißlich an den Handschlag denken, den du mir in den schwedischen Grenzbergen gabst, als wir zum erstenmale nach deiner Mutter Warte hinaufritten. Weißt du wohl noch? Blancheflour sollte meine Braut sein, wenn sie deine Schwester wär'.« – »Rittersmann, Ritterswort!« sprach Otto, und faßte kräftig Arinbiörns Hand. »Zudem so wüßte ich ja wahrhaftig nicht, welchem Helden in der ganzen Welt ich meine Schwester lieber verloben sollte, als dir. Vorausgesetzt, daß sie nicht schon etwa eines Ebenbürtigen Braut ist.« – »Versteht sich!- sagte der Seekönig. »Aber ich kann kaum denken, daß der liebe Gott ein so großes Leid über mich verhängt haben sollte.« – Damit sagten die Waffenbrüder einander in herzinniger Freude und in noch erhöhter Zutraulichkeit gute Nacht. Neunzehntes Kapitel Die Saaten wallten im fröhlichen Wachstum, die Obstbäume standen mit Blüten, zum Teil schon mit ansetzenden Früchten überhangen, lustig zogen die Herden zum Anger, und sprang das Wild waldaus, waldein, als die Reisenden ihre Fahrt nach Burg Trautwangen am Donaustrande begannen. Wie ihnen alles so verheißend entgegen sah, meinte jeglicher unter ihnen, er müsse auch das antreffen, was ihm als heimlichster und liebster Wunsch im Herzen wohnte. Laut aber besprachen sie sich über nichts öfter, als über die gemeinsame Angelegenheit der ganzen Ritterschaft in Europa: König Löwenherzens Gefangenschaft, und das gänzliche, so niederschlagende Verschwinden dieses begeisternden Sternes der Ehre und der echten Minne. – »Gott wird schon einmal geben, daß man von ihm vernimmt«, pflegte Arinbiörn alsdann zu sagen. »Führt er ja doch auch die mondenlang verschwindende Sonne wieder mit erneutem Glanze über unsre eisigten Nordlande herauf, und dann gibt es nachher einen desto längern und wundersamern Tag.« – »Könnte man ihn nur mit heraufbeschwören helfen!« sagte Otto, »ich wollte, daß meine ganze Rüstung von Streichen, in einem solchen Kampfe empfangen, erst so aussähe, als meine Halsberge jetzt.« – Denn dieser merkte man es nur allzudeutlich an, daß nicht Asmundurs zauberische Meisterhände, sondern einer gewöhnlichen Schmiede Hammerschläge den Schaden wohl zur Not hatten bessern, aber nicht dessen tiefe Entstellung verwischen können. – Hilldiridur sagte nach solchen Gesprächen öfters: »Wessen Arm Gott will, den wird Gott rufen, und Schmach dem Feigen, der dann zurückebleibt. Aber mutwillig sich zwischen die Mühlräder der Zeit eindrängen, ist ungeduldiges Torenwerk, und nutzlos zerstückelte Leichname sind der Erfolg.« – So im kühnen Rittermut und in eignen lieblichen Hoffnungen schwellend, so auch gesänftigt zugleich von Hilldiridurs ahnender Weisheit, ward den Rittern die südlichere, sich ihnen mit jedem Schritte mehr erschließende Herrlichkeit unsres Deutschlandes abermals kund in ihrer ganzen, entzückenden Kraft. Freudigen Schwunges sahe man Montfaucons Falken über dem Zuge schweben. Der lustige Reisesinn, welcher uns wohl bei so glücklich hellen Tagen zu beleben pflegt, übte auch einstmalen über Graf Archimbald seine Macht, indem er einen Benediktinermönch unfern vom Wege sitzen sah, ganz tief in seine faltigen, schwarzen Gewande verhüllt. – »Frisch, Bruder!« sprach er ihn an. »Die nackten Füße schmerzen Euch nachgrade wohl. Versucht's einmal zu Roß, und kommt mit uns. Wir kehren noch heute abend in eine sehr gute Herberge ein.« – »Zu Roß, zu Fuß; zu Fuß, zu Roß«, murmelte der Benediktiner dumpf zurück, »mit Panzerschuh, mit bloßem Fuß, wir kommen all in unsrer Herberg an. Wißt Ihr, was ob der Tür geschrieben ist? Das Schildlein hat der Seiten zwei; die reimen sich, doch etwas wunderlich. Auf einer steht: die ew'ge Freud! auf der andern steht: das ew'ge Leid!« – Die ernsthaften Worte fielen schauerlich in der Reisenden heitres Gemüt; sie hielten allzumal unwillkürlich an, und betrachteten die finstre Gestalt. Da erhub sich der Mönch, noch immer verhüllt, von seinem Steinsitze, kam gegen sie herangeschritten, und sagte: »Ich soll euch kennen. Den Weg, den ich gehe, erkennt auch ihr für den besten und sichersten an, habt wenigstens oft genug so gesprochen. Was treibt ihr euch denn so toll und waglich in der verlockenden Welt umher? Ab die Panzerschuhe und die goldnen Sporen! Die ärmliche Sandale an deren Platz! Oder wollt ihr nicht? Ich begreife euch nicht. Was ich tue, tue ich ganz.« Damit wandte er sich, und ging in einen nahegelegnen finstern Wald hinein, über dessen Wipfel es hervorsahe, wie eines einsamlichen Klosters Getürm. In den Herzen der Reisenden zuckte ein furchtbarer Schauder, zumal da es einigen von ihnen vorkam, als habe ihnen die Stimme des Mönches, trotz der dämpfenden Umhüllung der Gewänder, sehr wohl bekannt geklungen. Als sie am andern Morgen, unweit von dorten, aus einer Herberge fürder zogen, erwies sich ein Edelknabe von hohem, doch äußerst zartem Wuchse sehr geschäftig beim Auspacken. Man ließ ihn ungefragt machen, vermeinend, er gehöre vielleicht zu einer andern Gesellschaft, und zeige sich aus ritterlicher Artigkeit hier so behülflich. Ihm dankend zog man alsdann in das dämmernde, tauig nebelnde Feld hinaus, erst eine geraume Strecke von der Herberge bemerkend, daß der Jüngling noch immer neben den letzten herging, sehr achtsam bemüht, zu helfen und zu ordnen, wo irgend etwas an Gepäck oder Zäumung der Rosse beim frühen Aufbruche noch nicht in den rechten Stand gekommen war. Der Fremde trug etwas Feierliches, als gehöre er zur Geisterwelt, in seinem ganzen Wesen, davor die Knappen und Reisigen, indem die edle Gestalt so schweigsam in der schaurigen Morgenkühle beiher schritt, ihren Mund wie versiegelt fanden. Einige dachten bei sich, es seie ein neckender Spuk, der sich alsbald in seiner eigentümlichen, schadebringenden Gestalt offenbaren werde, noch andere hielten ihn für einen guten Elfen, sie unter so anmutiger Bildung hülfreich geleitend; aber alle diese, und noch andre Vermutungen offenbarten sich kaum in einem leisen Flüstern, das sich endlich durch den ganzen Zug verbreitete, und bis zu den Ohren Archimbalds und seiner ritterlichen Genossen drang. Der Graf, nach eingezogner Erkundigung, was es gebe, ließ anhalten, und gebot, daß der rätselhafte Jüngling vor ihm unverzüglich erscheine, welcher auch mit anmutigem Gehorsam eilte, den Willen des Herrn auszuführen, und alsbald in dem Kreise stand, den Hilldiridur und die Ritter um Archimbald her geschlossen hatten. Der erste Morgenstrahl fiel soeben scharf durch ein Föhrengebüsch auf des vermeinten Jünglings Lockenhaupt, und offenbarte Gerdas schönes, in seiner jetzigen Demut unbeschreiblich liebliches Gesicht. – »Staunet nicht so«, sagte sie zu den sie Umgebenden, »es hat nur einer hier ein Recht, mit mir zu schelten; aber der ist so gut und kindlich mild bei all seiner strengen Tapferkeit, daß er gewiß großes Mitleid mit mir trägt, anstatt sich über mich zu erzürnen. Nicht wahr, Otto?« – Der junge Herr von Trautwangen neigte sich freundlich gegen sie, sprechend: »Ich bin kein Haar anders, als Ihr von mir denkt. Meines lieben Heerdegens Tod vergebe Euch Gott; was Ihr mir selbsten hin und her zuleide getan habt, soll in den Wind geschlagen sein, und gar nichts mehr gelten.« – »Nun, Archimbald«, fuhr das Fräulein, gegen den Grafen gekehrt, fort, »du hast doch wohl nicht über mich zu klagen. Ich zwinge dich ja nicht, Harzkönig zu werden, wenn du durchaus nicht willst. Ach, laß mich denn mit dir ziehn. Ich mein' es von Herzen gut.« – »Du bist ein wunderliebliches Bild«, sagte Archimbald, »und ich müßte nicht Sonnenglanz, nicht Blütenanmut, nicht Nachtigallensang mehr leiden können, wenn ich mich weigern wollte, dich um mich zu haben. Aber das Kreuz, siehe, das Kreuz! Du weißt wohl, darauf kommt alles einzig und allein an.« – »Archimbald«, entgegnete das Fräulein, »ich habe auch das für dich tun wollen, dieweil ich dir so ganz ergeben bin. Aber es geht nicht, fürwahr, es geht durchaus nicht an. Laß dein Schelten noch Augenblickes zurück, und deines verbannenden Ausspruchs Donner, der dir schon wieder auf der dunkelbärtigen Lippe schwebt. Höre nur, wie es gekommen ist, und wenn du klug bist, gibst du mir recht. Da unten im dunklen Walde liegt ein großes Gebäu, mit starken Mauern, engen Fenstern und einer klagenden Glocke vom höchsten Turme herab. Sie nennen es ein Münster, und versichern, da wohne so recht darinnen, was ihr euern seligmachenden Glauben heißt. Lieber Archimbald, mein Fuß hat nicht gescheut vor dem dumpf widerhallenden, feuchten Steingrund auf Gängen und Hof, mein Auge vor den finstern, vielverschlungnen Gewölbesbogen nicht. Hinein bin ich getreten, und habe lernen wollen, wie man zu ihrem Gott gelangen möchte, und dadurch zu dir. Aber sie verstanden mich nicht, und ihre wunderlichen Drohungen und Fragen verstand ich auch nicht. Da sind sie mir endlich entgegen geschritten – alle ganz schwarzverhüllte und bleiche Männer zumal – mit Wasserbesprengungen und seltsamen feierlichen Zeichen, und weil ich wohl weiß, daß durch dergleichen Dinge der Mensch leichtlich verhext werden kann, floh ich in großer Angst über die Schwelle wieder zurück. Draußen blieb ich stehn, und fing bitterlich zu weinen an, weil ich nun gar keinen Weg mehr wußte, wie ich mich mit dir vereinigen sollte. Da erbarmte sich einer der schwarzen Männer mein, und rief mir über die Mauer nach, ich solle nur nach Bruder Zelotes fragen. Der sei auch noch vor kurzem ein Heide gewesen, habe sich fast gewaltsam bei ihnen eingedrängt, aber durch die ganz heldenmäßige Strenge seines Wollens alle Hindernisse in unerhört kurzer Zeit besiegt, so daß er nicht nur in wenigen Monden ihresgleichen geworden, sondern jetzt auch ausgesendet sei, als ein ganz besondres Siegswerkzeug des Christengottes auf eine Fahrt, um die nur der Oberste des Klosters wisse, und Zelotes selbst. Der könne mir nur helfen oder keiner. – Auf machte ich mich, und fragte nach Bruder Zelotes um, wie ein von giftigem Pfeil Getroffner nach dem, welcher ihm die Wunde aussaugen soll. Sie wiesen mich auf seine Spur, und unfern von hier habe ich ihn angetroffen. Ach hört, ach hört nur, wie es mir erging. Hoch und gewaltig, von seinen schwarzen, wallenden Gewändern umflossen, kam er mir wie ein vermönchter Riese entgegen, in einem engen Tale, über dessen krauses Gebüsch eben die blutige Vollmondsscheibe heraufzuwandeln begann. ›Bist du Zelotes?‹ – ›Ja.‹ – ›Hilf mir zum Christ.‹ – ›Gar gern. Folg nach.‹ – ›Wohin?‹ – ›Das fragt der nicht, der recht zum Christ hin will. Der weiß das Ziel, und über was für Örter der Weg ihn führt, das gilt ihm gleich.‹ –Ein ängstliches Schaudern ergriff mich; ängstlicher, als ich es vormals erfahren, wenn ich im dreimal gefeiten, gefährlichen Zauberringe stand, die häßlichsten Gestalten der Grabbewohner und mächtigen Herrscher um mich her. Dazu kam mir die Stimme des seltsamen Sprechers so furchtbarlich bekannt vor. – ›Ja, ja,‹ fuhr er fort, ›ich kenne dich wohl auch, und bin ehemals ein berühmter Held gewesen. Aber eben das Grausen deiner furchtbaren Zaubereien, und dein Dringen in mich, daß ich die schlafenden Ritter ermorden solle, das hat mir das Entsetzen der Höllen offenbart, und mich aufgetrieben zu dem christlichen Heil. Aus deinen Hexenbergwerken im Harze riß ich mich los, als sei es auf einen Zug, aber in ein frommes Münster ging mein Pfad, und da habe ich die Gottesgabe gewonnen in wenigen Monden mit derselben Kraft, die mir sonsten zu weltlichen Siegen verhalf.‹ – Er schlug die schwarze Kappe vom bleichen Antlitze zurück, und wie entstellt er auch war, wie streng und geisterähnlich seine Gesichtszüge geworden, konnte ich doch nicht länger zweifeln, daß in der Tat der zum Zelotes gewordne Ottur vor mir stehe. Dann mußt ich ihm alles erzählen, was seit seinem Verschwinden aus dem Berge mit mir und mit euch Rittern vorgefallen war. Er hörte in betrübter Achtsamkeit zu, und schüttelte, lange schweigend, das furchtbar verwandelte Haupt. – ›Folg du mir nur nach‹, hub er endlich seinen Spruch wieder an, ›du weißt, ich habe dich in meinem Erdenleben sehr verliebt im Herzen getragen, und da kannst du wohl denken, daß ich dir auch den Himmelsweg zeigen werde, so gut ich es immer vermag.‹ – ›Wo führst du mich hin?‹ fragte ich noch einmal, von entsetzlichen Schauern durchbebt. Und eine Geschichte hub Zelotes an, davor mir die Haare auf dem Haupte starrten; wie er mich in ein Frauenmünster führen wolle, zu endloser, immer wachsender Buße; wie er mir von den Schläfen schneiden wolle mein goldnes Haar; wie ich nimmer dich, Archimbald, wieder schauen solle – verstört wankte ich zurück, wie schon am Rande schwankend des lebend gräßlichen Grabes; da griff er nach mir, es ward mir, als klirre die Schere, meine Locken bedrohend, schon unter seinen mächtigen Gewanden, und flüchtiger, denn ein gejagtes Reh, klomm ich die steile Bergwand hinauf. – Willst du mich denn um dich dulden, Archimbald, so wolle mich ohne Kreuz, denn das ist ja der Tod.« Hilldiridur wollte ihre sanften Lippen auftun, zu irgend einem mildernden Wort, aber Archimbald hatte schon halb strengen, halb scheuen Wesens gerufen: »Hebe dich von hinnen, verlockender Geist, oder bete das heilige Kreuz an im Augenblick!« – Und im ganzen vormaligen Zorn aufglühend, bedräute Gerda den verschmähenden Geliebten, bedräute all seine Genossen, und flog, wie von ihren im Ungestüm sich lösenden, und wildflatternden Goldlocken getragen, pfeilschnell in das nahe Föhrengebüsch hinein. Nachdenklich, jeder auf seine Weise, Archimbald vor allen am meisten, zogen die Reisenden ihres Weges fort. Zwanzigstes Kapitel Sie ruhten eines Tages unter schattigen Ulmen, am Fuße eines Hügels, dessen Gipfel eine reich und herrlich gebaute Kirche trug, die hier ganz einsam lag, als das Ziel der Andacht von vielen reichen Dörfern in der Runde. Nur das stille Häuslein eines Kapellans stand dabei, damit jemand zur Hand seie, der den Bau offen für alle Gläubigen, und zugleich in seiner Zier und Ordnung erhalte. Es mochte hübsch anzusehen sein, wie die edlen Reisenden unter den Bäumen saßen, Rosse und Saumtiere weidend umher, blanke Schilde von den Ästen herniederfunkelnd. Die Becher gingen kühlend und erstärkend in der heißen Mittagsstunde durch die Schar, Knappen und Reisige huben manch ein schönes Liedlein an. Aber der sonst so gesellige und freundliche Otto blieb diesmal ganz still, und in tiefe Gedanken verloren. Seines Halbbruders strenges Mönchsleben lastete ihm auf dem Herzen, bald wie eine schmerzlich drückende Bürde, bald auch wie ein ungeheurer, über alles Erwarten gewonnener Schatz; so wenig konnte er mit sich darüber einig werden, ob Otturs Lossagen von der Welt trübseliger, oder seine schnelle und heldenmäßige Bekehrung erfreulicher sei. Dabei zogen ihn die herrlichen Wölbungen und hochschlanken Pfeiler der Hügelkirche wie mit magnetischer Kraft an sich. Er konnte seine Blicke gar nicht von dorten wegbringen, und Hilldiridur, dies bemerkend, sagte: »Gehe nur in Gottesnamen hinauf, lieber Sohn. Ich denke, du fühlst dich getrieben, einsam an heiliger Stelle zu beten, und dein höchster Lehnsherr wird dich gern in dieser seiner Vesten empfangen. Wir warten deiner derweil hier unter dem kühligen Gezweig.« – Otto neigte sich schweigend und dankend, und ging nach dem herrlichen Gebäu empor. Eintretend in die feierlichen Hallen überschattete es ihn, wie mit Flügeln der Ahnung und Freude. Was ihn störte und bedrückte, schien draußen geblieben zu sein, und nur verheißendes Sommerlicht durch die glühfarbigen Fensterscheiben und die nach allen vier Weltgegenden gastlich aufgetanen Kirchtüren herein zu leuchten. Lange ging er unter den Heiltumen und Bildern einher, im fortgesetzten kindlich freudigen Gebete beharrend. Ihm war in seinem ganzen Leben nie besser zumut gewesen, ohne daß er sich doch eigentlich besinnen konnte, was ihm nur neuerdings Erfreuliches zugestoßen sei. Aber woran er irgend denken mochte: Otturs Bekehrung und Umwandlung in Bruder Zelotes, die Reise, die Nähe der Heimat, alles lag wie von einem himmlischen Rosenlicht umgossen vor ihm da. In diesen großen, unbegreiflichen Freuden richtete er sein Haupt nach einer Gegend der Kirche hinauf, wo er unter andern Herrlichkeiten in der Höhe des Gebäudes einen reichverzierten, goldgegitterten, mit hellen Glasscheiben verschlossenen Betstuhl wahrnahm. Dafür hielt er es anfänglich, ward aber bald inne, daß es wohl ein wundersam verzierter Schrein seie, den man zur Aufbewahrung eines köstlichen Heiligenbildes gebrauche. Denn durch die klaren Gläser leuchtete eine so himmlische Frauengestalt, als er sich nie erinnern konnte, bisher erschaut zu haben. Es sprach ein mildes Erquicken aus diesen Zügen, und dennoch ein feierlicher, Ehrfurcht gebietender Engelsgruß, eine Kindlichkeit und Hoheit zugleich, recht in dem Sinne, wie die ersten Frühlingstage, von paradiesischem Leben Ahnungen in das Gemüt wehend, auf unsre Welt hernieder zu steigen pflegen. Die holden Augen des Bildes waren nur halb geöffnet, denn es schaute in magdlich stiller Andacht auf ein großes Buch nieder, über dem sich die reingeformten Hände falteten, aber auch unter den gesenkten Wimpern hervor blieb die Anmut der blauen Himmel kenntlich, wie es ja auch der Himmel über uns bleibt, wenn Morgengewölke und Laubschatten seine feiernde Wölbung verhüllen. Reiche Perlenschnüre wanden sich durch das lichtbraune Haar, ein hoher Spitzenkragen ragte um den schönen, schlanken Hals, von reichen, goldenen Spangen und Perlen und blitzenden Edelsteinen erglänzte das schwarzsamtene Kleid. – Wie noch Otto in immer wachsender Liebe und Freude zu dem hohen Bilde hinaufblickte, und alle seine fromme Pracht sich aufzufassen bemühte, nahm er plötzlich, was er vorher wohl übersehen haben mußte, hinter der Jungfrau eines ältlichen, aber herrlichen Mannes wahr. Der sahe ganz fremd und ernsthaft aus, mit königlich hohen Augenbrauen, mit Augen, welche funkelten wie Sterne, achtsamlich auf die schöne Magd gerichtet, so daß er sich recht als deren Wächter und Beschirmer zu erkennen gab. »Er soll vielleicht den heiligen Joseph vorstellen«, dachte Otto, und ohne weiter in Betrachtung der köstlichen, und hier zu Lande wohl nie gesehenen Tracht des Mannes zu verweilen, wandte er seine Blicke wieder auf das wunderholde Fräuleinsbild. Da traf es ihn plötzlich wie ein Blitz, daß er hier keine andre Züge sehe, als die seiner holden Muhme Bertha, nur in solcher Anmut verherrlicht und verklärt, als er es wohl die letzte Zeit über in Träumen geahnt, nie aber wachend zu erblicken hatte glauben können. Er schloß die geblendeten Augen, und blieb so eine Zeitlang in nur halb bewußten Sinnen. Wieder um sich schauend, fand er den Raum hinter den Gläsern leer; nicht die Jungfrau, nicht ihr Beschützer waren zu erspähen, und Otto ging ebenso traurig aus der Kirche, als er noch vor kurzem freudig darin umhergewandelt war; denn er konnte nichts andres denken, als Bertha seie zu dieser Stunde gestorben, und habe sich ihm angezeigt, von der Gloriengestalt umleuchtet, darin sie zu einem herrlichen Engel geworden sei. Als er zu seinen Genossen zurückgelangte, fand er diese in staunender Bewegung und Erwartung, selbst Hilldiridur spähte mit verlangenden Blicken einen Fahrweg entlängst, auf dem, von der andern Seite des Hügels her, ein anmutiges, immer mehr sich näherndes Klingen, als von vielen Instrumenten, hörbar ward. Bald darauf erschienen Reiter in bunten, fremdartig geschnittenen Kleidern, türkische Bunde mit hohen Reiherbüschen auf den Häupten, allerhand Musikwerkzeuge zur Hand, als da sind Flöten, Schallmaien, Trompeten und Hoboen. Einige schlugen goldne Becken dazu, andre prachtvolle, mit reichen Purpurfransen umhängte Silberpauken. Das Getöne war überaus lieblich und Freude erweckend; gar nicht kriegerisch, aber wie unbezwinglich hinauslockend auf weite vergnügliche Reisen durch lauter herrliche Gegenden fort. Um die Musizierenden her ritten viele glänzend Bewaffnete, die in ihren goldfarbigen Panzerhemden, mit den leichten, aus Rohr gefertigten Wurflanzen, und den breiten, kühngekrümmten Säbeln, anzusehn waren, wie Leute aus einer andern Welt. Aber das Auge konnte nicht lange bei ihnen verweilen, denn auf einem Rosse von prächtig leuchtender Schwärze, von leichter und dennoch stahlkräftiger Bewegung, erschien ein Ritter ältlichen, heldenmäßigen Ansehens, und gleich den anderen, aber mit unerhörter Pracht, nach den Sitten des Morgenlandes gekleidet. Dabei hing ihm ein großes goldnes, mit Edelsteinen besetztes Kreuz über die purpurnen Gewande auf die Brust herab. Zu seiner Seite ritt auf einem ebenso schneeweißen Zelter, als des Ritters Streithengst nächtlich schwarz anzusehen war, ein Frauenbild in perlengestickter, schwarzer Sammetkleidung, vor welchem die Ritter mit einem leisen Laute des frohen Erstaunens wie versteint blieben, und von dem wir weiter nichts zu sagen brauchen, als daß Otto darin seine Himmelsjungfrau aus der Kirche wiedererkannte, so wie in ihrem Begleiter den, der ihm dort wie der heilige Joseph vorgekommen war. Die schöne Herrin richtete einen bedeutsamen Blick auf die Silberrüstung, welche Graf Archimbald von Walbeck trug, plötzlich aber wandte sich ihr Auge wie staunend nach Ottos dunklerm Gewaffen herüber, und in dessen Antlitz schauend, flog ein leiser, morgenrötlicher Schimmer unendlich reizend über ihre Züge. Dann wandte sie sich schnell ab, sprach emsig mit ihrem Geleiter, und der Zug verlor sich talab in eine blühende Schluft. »Wir müssen ihnen nach!« rief Otto, als erwache er aus einem weissagenden Schlummer, und Archimbald und der Seekönig zeigten sich, wie immer, bereit, den Wunsch ihres Waffenbruders zu erfüllen, diesmal auch noch wohl von eigner freudiger Neubegier getrieben. Zudem schien der wunderbare Zug dieselbe Richtung genommen zu haben, in welcher man nach Burg Trautwangen fortzureisen gedachte. Um dessen Wege vorläufig zu erspähen, erstieg Archimbald ein Felsstück, welches wie ein hingeschleuderter Würfel mitten im Tale lag. Derweile betrieben Arinbiörn, Otto und Swerker eilig das Satteln der Rosse und Aufpacken der Saumtiere. Hilldiridur sagte wohl einigemal warnend, allzuheftiges Eilen bringe kein Glück; aber es war, als übertäube die kühne Ungeduld in aller Herzen einen so leisen, sittigen Ruf. Einundzwanzigstes Kapitel Ein lautes Waffenklingen vom Stein herunter, auf welchem Archimbald von Walbeck stand, drang durch des Aufbruches Geräusch. Emporblickend sahen alle den Grafen im unversehenen Kampfe mit einem hochschlanken Fechter, sahen ihn fast im selben Augenblick vor der überraschenden Gewalt, mit welcher der Fremde ihm seinen ungeheuern Schildrand gegen Brust und Stirn drängte, niedertaumeln, und nun des Siegenden Streitaxt über den Gefällten hin hoch und erbarmungslos durch die Luft wirbeln. Kaum noch wußte man, ob es nicht ein Blendwerk seie, viel minder, wie man den hohen Stein zur Rettung des Grafen schnell genug hinanklimmen solle. Da war schon Swerker mit echt nordländischer Gewandtheit die Klippe hinauf, hielt mit seiner Klinge, schnell sie dazwischen schwenkend, den Streich des Siegers ab, daß Klinge und Streitaxt im selben Augenblicke zerstückt auseinanderflogen, und faßte alsdann im kräftigen Ringen des Fremden Leib. Noch ehe sich der Graf emporrichten konnte, waren die beiden Kämpfer ausgeglitten in ihrem Ungestüm, und rollten nun, sich unauflöslich umfaßt haltend, vom Steine herab. Unten – war es überwiegende Gewandtheit, war es nach dem raschen Falle bloßes Glück – kam der Fremde über Swerker zu liegen, und zuckte, in einem löwenartigen Ingrimm, sich von seiner Beute gerissen zu sehen, den Dolch, seines Gegners Harnischfugen zwischen Halsberge und Küris suchend. Aber auch Swerker hatte alsbald die gleiche verderbliche Wehr von seiner Seite gerissen, und nun blitzten die kleinen, leuchtenden Messer wie dräuende Schlangen in den nervigen Fäusten umeinander her. Plötzlich stöhnte der Fremde tief auf, seine Arme erschlafften, und während sich Swerker unter ihm kräftig in die Höhe riß, taumelte jener heißblutend, sich auf die Hände stützend, hin und her, bis er endlich langgestreckt in den rotgefärbten Gräsern liegen blieb. Die Ritter umstanden ihn, seinen geschloßnem Helm aufschnallend, und die neben ihm kniende Hilldiridur sagte, so wie vor der gelöseten Halsberge die gräßliche Wunde offenbar ward, mit einem mitleidigen Seufzer: »Er ist zum Tode getroffen. Kein Heilkraut und kein Spruch mehr kann ihn retten.« – »Das glaub' ich gern, wahrhaftig recht gern«, röchelte der Blutende, indem ein mildes Lächeln auf seinen schon blau werdenden Lippen zuckte, und Otto und Arinbiörn in ihm den einst so frisch blühenden Kolbein erkannten. Eine allgemeine Trauer legte sich über den Kreis, welcher den gefallnen Heldenjüngling umschloß, und Archimbald sagte, die Hand an den Wimpern: »Das ist ein rechter Jammer, du schönes, junges Ritterblut, daß du um meinetwillen so früh in den Tod gehen mußt. Aber was hätt' ich dir auch getan, daß du mich so mordlustig und so unverwarnter Sachen auf dem Steine anfielst?« – »Du hattest mir fast mehr genommen, als mein ganzes Lebensglück«, sagte Kolbein schmerzlich lächelnd, »und ich wollte dir weiter nichts nehmen, als das Leben allein. Ohne Gerda konnte ich nun einmal nicht leben. Weißt du noch, Vetter« – fuhr er, gegen den Seekönig gewandt fort – »wie du mir einmal mein Schifflein mit den griechischen Flammenbolzen anzündetest? So hat es Gerdas Schönheit mit meinem ganzen Leben gemacht. O ihr glaubt es gar nicht, wie dergleichen einem armen Schifflein wehe tut.« – Arinbiörn konnte es nicht lassen, über die so früh welkende Blume seines Heldenstammes bittre Tränen zu vergießen. Hilldiridur, noch immer neben dem Sterbenden kniend, sagte ihm, wie mit Nachtigallentönen, ins Ohr: »Denk' an Gott, denk' an den liebenden Gott. Auch den, der spät kommt, nimmt er in frommen Hulden auf.« – »Das fühl ich wohl«, sagte Kolbein mit immer seligerm Lächeln. »Wer viel geliebt hat, dem soll viel verziehen werden, und Gott ist die Liebessonne, und wird befreiend klar, durch alle abgöttischen Nebelwolken herdurch.« – »Ach Vetter«, seufzte Arinbiörn, »wie warest du nur im Leben so verstockt, und nun wacht dir ein solches Himmelslicht auf? Kannst du denn nicht den Tod noch von dir halten, und eine Zeitlang also leuchtend bei uns bleiben.« – »Ei nicht doch«, lächelte der Jüngling. »Leuchtete denn das Schifflein nicht am schönsten, ebenda es im Verbrennen war?« – Und mit den Worten zuckte es wie ein flüchtiger Strahl aus seinen Augen, die sich gleich darauf schlossen. Er lag, eine schöne, friedliche Leiche, auf dem blühenden Wiesengrund. Als man sich eine Weile darauf, wie nach mitgeweinten Tränen und nach anderm Troste fragend, untereinander ansahe, stand noch ein Mann in weißen Kleidern unter ihnen. Das war der Kapellan der Hügelkirche. Sie empfahlen ihm den Toten zum christlichen Begräbnis, und erzählten von seinen letzten, erbaulichen Äußerungen. »Ich glaube euch sehr gern«, sagte der Geistliche. »Der himmlische Frieden auf diesem erblichenen Angesicht ist eures Wortes ein unverwerflicher Zeuge für den, der sich auf die Sache versteht. Reiset ihr in Gottes Namen fürder. Der Tote bleibt in Gottes und in seines Dieners Behütung zurück, und ihr kommt nimmer so weit von ihm ab, als es euch wohl künftig, wenn ihr wieder recht in die Welt hinein seid, erscheinen mag. Denkt mir hübsch daran.« Er segnete sie ernstlächelnd mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, und sie gingen still nach den Rossen. Da konnte es dennoch Otto nicht lassen, sich wieder nach ihm zurückzuwenden, und zu sprechen: »Frommer Mann, denkt nicht Arges von mir, wenn ich Euch in dieser ernsten Stunde eine Frage vorlege, die fast wie Neugierde klingt. Aber es ist was Besseres als Neugier, und viel was Ernsteres. Meines Erdenlebens Glück und meiner Seelen Ruhe hält daran fest. War das eine Erscheinung, was vorhin um den Hügel so wunderbar leuchtend herumzog? Oder waren es wirkliche Menschen? Und hat die himmlische Frau, die neben dem fremden Herren des Zuges ritt, wirklich vorher in Eurer Kirche gebetet, oben in dem hohen, goldgegitterten Stuhle?« – Der gute alte Kapellan wiegte einigemale sein schneeiges Haupt mit lindem Lächeln hin und her. Dann sagte er: »Es kommt unsereinem seltsam vor, wenn so plötzlich das längst vergessene Weltleben fragend in unsre Abgeschiedenheit hereinblickt. Aber ich geb' Euch von Herzen gern Bescheid. Tragen doch die Vöglein, die viel auf der Erde umherzufliegen bestimmt sind, eine schuldlose Neubegier mit sich; warum nicht in gleichem Beruf auch der Mensch! Vernehmt denn, lieber Herr, daß die gottesfürchtige Dame, nach welcher Ihr fragt, wirklich soeben in unsrer Kirche gebetet hat, und zwar oben in dem prachtvollsten Gestühle des Baues, denn solches hatte ihr Geleiter für sie bestellt. Auf jener Seite der Anhöhe, unter prächtigen Gezelten, haben sie Rast gehalten, und kein gespenstischer, sondern ein wahrhafter königlicher Reisezug ist es gewesen, der vor Euern Augen hier die Landstraße entlang gewandelt ist.« – »Und wer ist die edle Frau? Wer der fürstliche Geleiter?« – »Davon vermag ich Euch keine Nachricht zu geben. Sie überschütten alle Klöster, Wallfahrtsörter und Armen mit Gaben, wie sie nie ein Kaiser seit Menschengedenken ausgeteilt hat, aller Herzen erfreuen sich an ihren weisen Sprüchen und milden Tröstungen; wohin sie kommen, da schweigt die Zwietracht und lächelt der Frieden auf, aber wie man sie mit Namen zu nennen hat, weiß weder ich, noch irgend ein andrer in diesen Gegenden, wie weit und wie verherrlichend auch der Ruf ihnen voranfleugt. Viele glauben, der Zug komme aus India, und sein Führer seie der große Priester Johann, von dessen Christentum und Herrlichkeit einige bis dahin gedrungene Reisende zu erzählen wissen. Die engelschöne Dame hält man für seine Tochter oder Nichte, und meint, ihre Hand gehöre einem der größesten Fürsten unsrer europäischen Lande wohl bereits durch feierliche Verlobung zu. Minderes wenigstens, das kann ich Euch versichern, denken Herren, Geistliche und Volk von dem erhabenen Paare nicht.« Otto legte dankend eine Goldmünze in das Kästlein, welches der Kapellan zum Einsammeln für die Armen des Kirchspiels in Händen trug, bemerkte aber bei Eröffnung des Deckels mit Beschämung, welch ein reicher Schatz von Gold und Perlen, durch die rätselhaften Reisenden verehrt, bereits darinnen lag. Indem er nun aufsaß, kam Swerker an ihn herangeritten und sagte ihm ins Ohr: »Leb' wohl, du mein tapfrer Sieger und Bekehrer. Der Schwedenadler fleugt wieder nach seinen heimischen Horstungen hinauf.« – Otto sah ihn mit fragendem Staunen an, und er fuhr fort: »Sieh', der Arinbiörn kann mich doch nimmer mit frohem Mute betrachten, seit ich ihm seinen blühenden Vetter erschlagen habe. Blutrache, weiß ich wohl, übt ein Christenmensch an seinesgleichen nicht, aber das weiß ich auch, daß der Gedanke daran in uns Nordländern sehr tief eingewachsen ist, und zum Feinde des eignen Lebens wird, wo ihm die Befriedigung fehlt. Der Seekönig, glaube mir nur, müßte vergehn, hätt' er mich länger vor Augen. Zudem, was soll daraus werden, wenn wir, die wir uns als mutige Christen und freudige Kampfleute fühlen, allzumal in deinen Hallen schmausen und freien wollen, ohne daß einmal wieder ein Funken der edlen, vereinten Glut in die Nacht hinausfliegt, wo es noch Not tut, daß erleuchtet werde und erwärmt? Fahr' wohl; ich will dem edlen Swerkerstamm erzählen, wie lieb ich dich habe, und vor allem, wie lieb den Christ.« Und nach einem herzinnigen Küssen und Drücken an seines Freundes Halse, sprengte er sein Roß an, und verschwand mit Windesschnelle hinter dem Hügel. Bevor noch Otto der Mutter und den Genossen recht verkündet hatte, wovon sich der edle Schwede getrieben fühle, war dieser schon weit und für immer von ihnen entfernt. Zweiundzwanzigstes Kapitel Es haben sich gar ernstliche Schlagbäume vor euer ungestümes Eilen geworfen«, sagte Hilldiridur im Weiterreiten zu den Rittern. »Todeswunde und Trennung ist ihr Name. Meint ihr nun nicht, daß ich gut tat, euch vor der gewaltsamen Heftigkeit zu warnen? Und wollt ihr dem wunderlichen Zuge noch immer mit so unaufhaltsamer Schnelle nach?« – Sie blieben eine Zeitlang nachdenklich still, bis Otto endlich erglühenden Antlitzes begann: »Aber Mutter, liebe Mutter, wenn es nun Bertha wäre? Die Ähnlichkeit, die Gleichheit, möcht' ich sagen, nur daß eine so feierliche Herrlichkeit diese Jungfrau umleuchtet, ist Euch doch gewißlich so gut aufs Herz gefallen, als mir.« – »Glaubst du denn nicht, daß mir die ganze Seele nach meinem lieben Pflegekinde brennt?« lächelte Hilldiridur. »Wer kann aber wissen, ob diese königliche Erscheinung auch wirklich Bertha ist! Und wenn sie es ist, ob sie aus den Strahlen einer solchen Verherrlichung hervor, noch dich zu kennen den Willen trägt!« – »Dann ist ihr Geleiter ein Zaubermeister und Verführer«, sprach Otto mit zurückgedrängtem, wehmütigem Zorn, »und ich will auf eine Art mit ihm sprechen, die ihm fast ebenso schlecht gefallen soll, als mir Berthas Entfremdung.« – Die Mutter sah ihren Sohn schweigend und kopfschüttelnd an. Dann sagte sie: »Wer gibt dir, Otto, wer eben dir das Recht, über Berthas Betragen so entscheidend abzusprechen? Wer dir das Recht, einem edlen Herrn zu drohen, den sich die fromme Verlaßne zum Beschützer erkoren hat? – Zudem, junger Herr von Trautwangen, Ihr reiset Euern Vasallen, den durch Eures Vaters Tod Verwaisten zu, und dürft Euch in kein fremdes Abenteuer einlassen, bevor Ihr diese getröstet haben werdet und erquickt.« Eine heiße Schamröte lösete die des ungeduldigen Verlangens auf Ottos Wangen ab; er beugte sich ehrerbietig, und sagte: »Tut nach Eurer höheren und bessern Einsicht, Mutter; ich ergebe mich in alles. Auch sehe ich es nur allzuklar ein: wäre es Bertha gewesen, und hätte sie mich des Wiedererkennens zu würdigen geachtet, warum vorbeiziehen vor unserer Schar ohne Wort und Gruß? Sei es! Ich trage der eignen Torheit Schuld, und bin vielleicht nicht mehr wert, meine Augen nach der Himmelsbotin zu erheben.« – Hilldiridur klopfte ihm freundlich lächelnd die Schulter, und sprach: »O das Jünglingsherz! Das Jünglingsherz! Wie es auch bei einem versuchten Helden noch so sehr der Meereswoge gleicht! Im schäumenden Übermut nach den Sternen hinauf, Augenblicks nachher verschwimmend in die namenlosen Seetale hinunter. Nein, lieber Sohn, du mußt es auch nicht so gar ohne Stolz mit dir halten. Du bist ein herrlicher und recht frommer Ritter, der wohl jegliches Fräulein in der Welt mit holden Augen anschauen mag.« Dabei überleuchtete die Mutter selbst mit holden Augen wohlgefällig lächelnd die sittige Heldengestalt. Während dieser Reden hatte sich in einem Erlengehölze zur Seite des Weges bisweilen etwas Leuchtendes wahrnehmen lassen, das beinahe wie Abendfunkeln durch die grünen Zweige anzusehen war, und auch von einigen dafür gehalten ward. Wie man aber recht hinsah, erkannte man wohl, daß es sich immerfort bewegte, und emsig mit der Reisegesellschaft Schritt hielt; ja eine offene Wiesenstelle des Gebüsches gab die Erscheinung als Fräulein Gerda kund, welche, von all ihrem goldnen Gelock umflossen, und wieder in weiblicher Tracht, auf einem Fußsteige eilig vor sich hinschritt. Sie war in diesem Augenblicke ganz nah an der großen Straße, und Archimbald, sein Roß gegen sie wendend, rief ihr zu: »Mache dich von hinnen, du lockendes Bild, oder bete das Kreuz an! Ich sag' es dir nun im guten zum letztenmal.« – Gerda stand, und ihre im schnellen, vornübergebeugten Gehen über die Stirn zusammengefallnen Locken wegstreichend, sahe sie den Grafen aus den großen, tiefblauen Augen halb trotzig, halb weinerlich an. – »Hier, auf dem Fußsteige werd' ich doch gehn können?« sagte sie im Tone eines unartigen Kindes, dessen schon innerlich erweichtes Herz doch alle Augenblicke bereit ist, in Tränen hervorzubrechen. »Was geht Euch denn mein Reisen an? Die Straßen sind breit, und nicht Euer Eigentum. Wollt Ihr mich aber erschlagen, weil ich Euch allzu widerwärtig bin, so macht nur fort, in aller Götter Namen! Denn das sag' ich Euch: begegnen werd' ich Euch noch oft auf Euern Wegen, und nichts soll mich daran verhindern, als der Tod.« – Damit zog sie ihre reichen Goldlocken wieder über das Gesicht zusammen, und hub bitterlich zu weinen an. – »Gott weiß«, sagte Archimbald tiefseufzend, »was noch daraus werden soll!« Er warf sein Roß wieder ungestüm herum, und ließ den Helmsturz klirrend vor sein Antlitz herunterfallen. Hilldiridur aber wandte ihres Zelters leichte Tritte nach dem Mägdlein hin, und strich ihr den dichten Lockenschleier mit schmeichelnden Händen aus der Stirn. Aufleuchtete das holde Angesicht, wie ein Blumenbeet im Morgentaue, nach der tröstenden Erscheinung empor. – »Weine doch nicht, weine doch nicht so sehr, liebliches Mädchen«, sagte Hilldiridur. »Es gibt noch andre Wege zum Christ, als die der strenge Zelotes dich führen wollte, durch Grabgewölbe und über die Leichen aller gestorbnen Erdenfreuden hin. Siehe, ich bin es, die dir an den schwedischen Grenzmarken so hartnäckig Streit erbot im Namen des Christs, und deine Gaukeleien vereitelte. Weißt du wohl noch? Meine Warte und dein vielverschlungenes Höhlengewölbe? Wie das einander gegenüberstand, und Zauber wider Zauber von beiden Seiten feindlich rang?« – Das Fräulein sahe ganz verstört, und dennoch mit einem Hoffnungsschimmer auf dem verweinten Angesicht, in Hilldiridurs Augen. – »Nun weißt du doch«, fuhr diese fort, »daß ich es mit dem Christ redlich meine; dennoch gedenke ich einen mildern Pfad für dich ausfindig zu machen, als es der rauhe Kriegsmann Zelotes verstand. Der Christ läßt sich von jeglichem auf eigne Weise finden. Willst du mit uns reiten, und Hilldiridurs Schülerin sein?« – »O Himmel, aus wie frohem Herzen!« rief Gerda. »Jedoch der dort im silberblanken Harnisch, mit dem verhelmten Antlitze, leidet es ja nicht.« – In großer Eile hatte Graf Walbeck einen schönen Zelter aus denen, welche die Knechte an den Zäumen hielten, vorgesucht, führte ihn dem Fräulein entgegen, und bat um die Gunst, sie hinaufheben zu dürfen, welches sie mit anmutig lächelndem Kopfneigen geschehen ließ. Darauf schlug Archimbald sein Visier wieder in die Höhe, küßte ehrerbietig Hilldiridurs Hand, und sagte: »Ihr strahlet recht wie ein rettender Engel in unsrer Mitte, edle Frau.« – »Ach«, seufzte Hilldiridur demütig und wie von ernster Ahnung umfangene »es bedarf gewiß noch eines andern, reinern Engels, um unser aller Glück zu gründen.« – Otto glaubte, den rettenden Engel bereits erblickt zu haben, und fragte allerwärts in Stadt und Dorf nach dem Zuge des vermeintlichen Priesters Johann. Eine Zeitlang traf er immer in die Spuren der ersehnten Herrin, aber bald erfuhr er, wie sie sich zusamt ihrer Gesellschaft von der Straße, die nach Burg Trautwangen führte, ab, und einem berühmten, ziemlich fern gelegnen Wallfahrtsorte zugewandt habe. Um vieles trauriger und in sich gekehrter ritt er von da an seines Weges. Dreiundzwanzigstes Kapitel Über die Berge, welche Italien und unser Deutschland trennen, waren derweile in frischem Sommerglanze Folko, Gabriele und Blancheflour, gleich heitern, mit der glücklichen Jahreszeit kehrenden Singvögeln, in die germanischen Gauen herabgezogen. Zu mancherlei Fahrten, talauf, talnieder, über Seen und Bäche fort, und wieder zurück, dem Laufe der Ströme bald folgend, bald entgegen, fanden sich die drei fröhlichen Reisenden in den anmutigen, reich angebauten Gefilden unsrer Heimat verlockt. Denn wo auch die Fremden immer herkommen mögen, so erscheint ihnen doch allzumal unser Land als ein Garten der Freude und der zuverlässigen Treuherzigkeit, und die mehrsten europäischen Wandrer haben es schon deshalben sehr lieb, weil es ihre gemeinschaftliche Mutter ist. Folko und Gabriele mochten überhaupt nur ungern an das Ende ihres Reisens denken, weil ihnen alsdann eine ernste Trennung bevorstand, welcher der edle fränkische Ritter, der Ansprüche seines Freundes auf Gabrielen kundig, nimmer durch einen unauflöslichen Bund vorzubeugen gewagt hätte. So aber führte das Reiseleben, sie wie durch Tanzeswindungen aneinander knüpfend, von einem Tage zum andern ihre Lebensbäche nebeneinander hin, und die milde, freundliche Blancheflour, seit lange her an sittiges Schweigen und Rücksichtslosigkeit auf ihre eignen Herzenswünsche gewöhnt, konnte sich kaum ein ergötzlicheres Spiel gedenken, als an des Bruders und der Freundin Seite durch Wald und Aue so leisen Ganges hinzuziehen. Es begab sich eines Tages, daß sie zwischen Wiesen, Äckern und Gärten eines schön herauf funkelnden Stromes gewahr wurden, und auf Befragen erfuhren, sie seien an die Ufer der Donau gelangt. Froh des edlen weitgenannten Flusses, und des gesegneten Schwabenlandes, welches er durchfleußt, ließen sie sich gegen Mittag, unfern vom Ufer, im Schatten einiger hochlaubigen Ulmen nieder, und hielten von dem mitgeführten Vorrat ein freudiges Mahl. Da stellte sich unversehens ein bräunlicher Mensch in Zigeunertracht vor sie hin. Folko warf ihm Geld zu, und hieß ihn, sich fortmachen, damit seine etwas wunderliche Erscheinung die Damen nicht störe. Der Zigeuner aber hatte während dessen schon einen Kasten vom Rücken gehoben, und ihn schnell geöffnet. Da strahlten so funkelnde, und zierlich gefaßte und geordnete Kleinodien hervor, daß die Frauen ihre schönen Augen gar nicht mehr davon wegwenden konnten. Nun fing der Freiherr ganz anders mit dem Zigeuner zu sprechen an. Worüber nur irgend die Frauen ihr Wohlgefallen bezeugten, das hieß er ihn beiseite legen, fragte endlich um den Preis aller der zierlichen Dinge, welche ihnen vorzüglich lieb geworden waren, zugleich. Der Zigeuner sprach eine unmäßige Summe aus, aber der Freiherr, wenig gewohnt, zu handeln, und gegen jedermann ritterlicher Freigebigkeit voll, gebot alsbald einem Knappen, die verlangten Goldstücke herbeizubringen. Da lächelte der braungelbe Krämer auf eine höhnische Weise, gab vor, sich verrechnet zu haben, überschlug, wie tief nachsinnend, noch einmal das Ganze, und begehrte alsdann den doppelten Preis für seine Ware. Auch den hieß der Freiherr ihm reichen, aber der Zigeuner sagte plötzlich mit ruhiger Unverschämtheit:»Die Sachen sind mir überhaupt gar nicht feil, und ich will sie Euch auf keine Bedingung verkaufen.« – »Ich aber will sie auf jede Bedingung haben«, rief der zürnende Freiherr zurück. »Dir geschähe schon Recht, du frevler, edle Damen neckender Bursch, wenn ich dir dein ganzes Warenlager mit Gewalt zur billigen Buße abnähme, und dessen Preis, statt ihn dir zu geben, einem Kloster oder Hospitale zu eigen schenkte.« – »O ja«, lachte der Krämer mit einem seltsamen Grinsen, »es hat schon viele Raubritter gegeben, auch solche, die nachher das gestohlne Leder den Armen schenkten. Es kommt einzig und allein auf Euch an, ob Ihr deren Zahl vollmachen wollt, oder nicht.« – Errötend wandte der edle Montfaucon sich ab, und sprach: »Du sollst machen, Bursch, daß du von hinnen kommst, und, wenn du christlichen Glauben hast, Gott danken, daß du in milden und verzeihenden Rittersmannes Hände geraten bist mit deinen frechen Taten und Worten.« – Der Zigeuner ging fort, seinen Kasten auf den Rücken schwingend, nach einer Weile jedoch blieb er stehn, sahe sich um, und sagte, zu einer hochgelegnen Veste hinaufzeigend: »Findet Euch nach ein paar Stunden dort oben ein, Herr Ritter, und ich will an Euch verhandeln, was Ihr wollt, ja manch ein wunderliches und höchst unerhörtes Schauspiel mit in den Kauf. Sehr wohl getan wäre es, wenn die Damen mitkämen, denn meine Kunststücke gehn Euch zum Teil alle an, jeglichen auf seine Manier.« – Und damit war er unversehens in ein dichtes Gebüsch verschwunden. Die drei Reisenden blickten schweigend nach der angewiesnen Höhe hinauf. Ernstfeierlich und sichern Frieden verheißend blickte das uralte Burggemäuer unter dem Schatten tausendjähriger Eichen hervor, die Warten streckten ihre moosigen Gipfel festiglich in das blaue Firmament, von dem Hauptturme des Schlosses leuchtete ein riesiges, vergoldetes Kreuz, sich in den Sonnenstrahlen verklärend. »Wir müssen da hinauf«, sagte Gabriele, mit leiser, aber gesetzter Stimme. »Wie auch der Bote sein mag, der uns geladen hat, mir ahnet es, unser aller Schicksal muß sich dort entscheiden.« – Blancheflour neigte ernst bejahend das zarte Lockenhaupt, und Montfaucon, tiefsinnigen Erwartens voll, gebot den Knechten, sich zum Aufbruch zu rüsten. Indem ging ein Bauer vorbei, und der Freiherr fragte ihn nach dem Namen der Veste. »Es ist Burg Trautwangen«, sagte der. Folko und Gabriele sahen einander erbebend an, aber wie mit einer Stimme wiederholten sie leise: »Wir müssen da hinauf, wir müssen da hinauf. Dort oben muß unser aller Schicksal entschieden werden.« Vierundzwanzigstes Kapitel In der feierlichen Waffenhalle saß wieder einmal ganz einsam der alte Herr Hugh, den großen Weinbecher, aus silbernen Schaustücken geformt, vor sich gestellt auf dem runden Tisch. Er sahe verlangend der Ankunft des Heldensängers, Meister Walther, entgegen, und dachte bei sich selbst: »Er tut mir ordentlich Not mit seinen uralten Wundersagen, denn mein eignes Leben, vormals in Nordland, Frankreich, wie auch in den welschen und griechischen Gegenden so reich an Freud und Leid, und lauter unerhörten Dingen, zieht sich nun in die ganz gewöhnliche Abgestorbenheit eines kinderlosen Greises zurück, und schrumpft zusammen, wie andre erfrorne Blätter auch. Ich werde nichts Großes mehr erleben, keinen Schrecken und keine Lust. Da wär' es denn schön, wenn die Heldentaten der deutschen Urväter unaufhörlich hereinklängen in mein entschlummerndes Sein. Walther, ei saumseliger Walther, wo bleibst du doch?« – Bleichen Antlitzes trat ein Reisiger in die Halle, und sagte: »Euer einiger Sohn ist zurückgekommen, mein edler Herr.« »Und mußt du denn aussehen, wie der Tod, wenn du eine Botschaft des erwachenden Lebens bringst?« rief der alte Herr Hugh im freudigen Zorn. »Führ ihn doch herein, meinen jungen, segenleuchtenden Stern.« – Der Reisige murmelte einige unverständliche Worte, und tat die großen eichenen Türflügel auf. Herr Hugh hatte sich schon, der besten Freude seines Herzens entgegenzuschreiten, aus dem großen Lehnstuhl in die Höhe gerichtet. Lange, schleppende Gewande rauschten heran, ein großer Mensch, in tiefschwarzer Umhüllung, schritt festen, gewaltigen Trittes über die Schwelle, die nervige Rechte wie bedräuend über das Haupt empor geschwungen. Hinter ihm fielen die Türflügel wieder zu; man hörte, wie der entsetzte Reisige die Steigen hinunter rannte. – »Wo ist mein Sohn? Wo ist mein Sohn?« fragte der alte Herr Hugh, und taumelte schwindelnd in seinen großen Sessel zurück. – »Dein Sohn steht vor dir«, sagte die gespenstische Erscheinung, und nur allzudeutlich schnitten sich Ottos Züge aus dem bleichen Angesichte in des Alten halb erstarrende Sehkraft ein. – »Bist du denn ein Mönch geworden?« murmelte dieser, »ein schwarzer Benediktinermönch?« – Und gleich darauf sich wieder fassend, rief er mit strenger Richtermiene, und dem alten, überkräftigen Heldensinn: »Wer hat dir Vergunst dazu gegeben? Ich werde noch ernsthaftiglich sprechen mit dem Kloster, das sich erfrecht hat, ohne des Vaters Beistimmung den jungen Herrn Ott' von Trautwangen zu vermönchen.« – »Ich bin der junge Herr Ott' von Trautwangen gar nicht«, sagte der Mönch mit einem durchdringenden Tone. »Ich war in der Welt geheißen Ottur, Schön-Astrids und des starken Hugurs Sohn, und jetzo bin ich Bruder Zelotes.« Regungslos saß der Greis in seinem Lehnstuhl. Die wiedereroberte Kraft war ihm wohl nicht so leicht zu brechen, aber wie in eisiger Erstarrung blickte er in das Auge des furchtbaren, so unerwartet aufgestiegnen Sohns. »Ihr seid ein teures Reis des Herrn«, sprach dieser fürder, »aber ein halb verlornes. Da hab' ich denn von meinem Abt erworben, daß ich hinausziehen durfte, Euch zu bekehren, ehe der Tod seine schwarzen Schatten über Euch hinwirft, und die holt er für sterbende, unbußfertige Sünder aus der Hölle herauf.« Dann setzte er sich dem alten Herrn Hugh gegenüber, und hub eine Bußpredigt an, davor diesem das Mark in den Gebeinen erbebte, und es wie verzehrende Flammen vor seinen Augen dahinfuhr. Er redete fort und fort; seine Heldenstimme, und die gewaltigen Worte, welche sie hervorglühete, übertäubten ein fröhliches Getümmel, welches sich auf dem Burgplatze und in den untern Hallen erhob. Otto, von des alten Herrn Hughs Wiederbelebung unterrichtet, und der Mutter und den Gefährten vorausgeeilt, um erst dem Vater alles anzumelden, war in die Veste getreten, und flog nun, da man ihm von der schauderhaften Erscheinung seines mönchischen Ebenbildes erzählte, das Rechte ahnend, die Steigen herauf. – »Ottur! Ottur! Was machst du hier?« rief er, in den Saal stürzend. »Du bist mein Halbbruder, der alte Herr Hugh ist unser beider Vater.« Damit schwang er die beerzten Arme um des Greisen Hals, welcher vor Ottos tönendem Harnischklange ganz ein neues Leben gewonnen zu haben schien, und dem Mönch ein bedräuendes Angesicht entgegen wandte, zugleich des ritterlichen Sohnes Wange streichelnd. Der priesterliche Held aber sagte zu seinem Bruder: »Ich habe das alles schon vorlängst im Kloster und unterweges erfahren, wo wir einander ja auch begegnet sind. Auch Träume haben mich bisweilen auf die rechten Wege gebracht. Ottur heiß' ich jedoch nicht mehr. Ottur ist so gut, als tot und begraben. Diesen Menschen hier soll man Zelotes nennen.« – Und wieder hub er, seinen strengen Namen, der im Griechischen einen Eifrer ausdrückt, bewährend, die graunvolle Strafpredigt an, so daß Otto die gepanzerte Hand, wie abwehrend, gegen ihn ausstreckte, und rief: »Was schiltst du den Vater, entsetzlicher Mensch, wenn du ja doch weißt, daß er dein Vater ist?« – »Eben darum«, sprach Zelotes zurück. »Der starke Hugur soll nun einmal durchaus nicht zur Hölle fahren, so lange sich noch ein Hauch in meinem Busen regt.« – »Höre«, sagte Otto, »er wird sich auch ohne dein furchtbarliches Rufen schon zu bewahren wissen vor der Hölle. Schweig mir still, und störe sein geheiligtes Greisenalter nicht, und nicht die feierlich frohe Stunde des Wiedersehens. Zudem habe ich ihm holde Dinge zu berichten, und die sichrer gen Himmel führen, als aller Mönche Bedräuen in der ganzen Welt.« – »Wie du es verstehst«, sagte Zelotes gelassen, fuhr aber in seiner schauervollen Rede fort. Dagegen rief Otto von der andern Seite die Freudenbotschaft dem Greise zu, wie die Mutter noch lebe, und in Frieden und Liebe heranziehe nach der so lange ersehnten Veste Trautwangen. Tiefsinnig saß der alte Herr Hugh zwischen den beiden jungen Männern, die, als Gesandten so verschiedener Art, auf ihn einredeten; er war dem Turm einer versunknen Burg, unter hin- und herflutenden Wassern vorragend, zu vergleichen. Durch alle die miteinander streitenden Worte scholl plötzlich vom Burghofe herauf ein gewaltiges Rufen: »Uguccione! Uguccione! Du Mörder Lisbertas, komm herab! Uguccione! Uguccione! Der Rächer Lisbertas ruft!« – Der alte Herr Hugh sahe sich einigemal staunend in der Waffenhalle um. Die Jünglinge schwiegen beide still. Endlich sagte er: »Es steht ja noch alles fest; das allgemeine Gericht muß wohl noch nicht da sein, aber meines ist sicherlich gekommen. Folgt mir Kinder, und betet für mich.« – Da hub er sich langsam in die Höhe, stützte sich auf Ottos Schulter, und schritt nach der Tür. Die Jünglinge wagten es nicht, den riesig feierlichen Greis zu befragen, was eigentlich vorgehe, aber er antwortete ihren staunenden Blicken, und sagte: »Ich weiß es auch nicht, welch eine furchtbare Macht mich in den Hof ruft, aber sie ruft mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich höre Namen, die schon in ihrem Klange allein mein Herzblut nach sich hinreißen, daß es vorsprudle zur Sühne des begangnen lästerlichen Tuns. Aber eine Memme soll dennoch niemand finden in dem alten Herrn Hugh von Trautwangen all sein Leben lang. Vorwärts, Kinder, und entgegen dem entsetzlichen Gericht.« – Auf Otto gelehnt schritt er die Steigen hinab; Zelotes, ein Totenlied summend, ihnen nach. Es war fast, als werde der alte Herr Hugh schon begraben. Sie fanden im Hofe viele Menschen zusammengedrängt. Nicht nur hatte sich das ganze Burggesinde, sondern auch das Landvolk der umliegenden Dörfer, leicht in die immer offne Veste Eintritt gewinnend, hier um einen Mann versammelt, der in morgenländischer Tracht auf des Platzes Mitte stand, und ohne Aufhören jene furchtbaren Töne ausrief, die so gewaltig durch alle andere Worte in die Waffenhalle hinein gedrungen waren. Dabei drehte er unaufhörliche einen blitzenden Ring in der rechten Hand umher, und der alte Herr Hugh, das Kleinod erkennend, setzte sich gefaßten Mutes auf einen Stein inmitten des Hofes unter einer hohen Linde nieder, und sagte: »Der Mensch dorten hat Schön-Astrids Ring, den gewaltigen Zauberring, und damit zugleich hat ihm auch der Himmel die Gewalt über mein Leben erteilt. Er ist aber ohne Zweifel gekommen, mich hinzurichten.« – »Merkst du was, du überreife Ähre der Sünden?« rief der Fremde zurück, in welchem, selbigen Augenblicks, Otto seinen ehemaligen Reisigen und Freund Tebaldo erkannte. »Diephold«, rief er ihm mit der deutschen, sie einst so innig verknüpfenden Benennung entgegen, »Diephold! Es ist mein Vater, zu dem du sprichst.« – »Ja? Ist es dein Vater?« rief Tebaldo verwildert zurück. »Da sind wir Brüder, denn ich bin der armen Lisberta und Ugucciones Sohn. Uguccione aber und dieser alte Herr Hugh sind ein und dieselbe Gestalt. Das tut nun weiter nichts. Hinunter muß mein Vater ins Grab, denn ich habe meiner Mutter an ihrem Grabe Rache geschworen.« – »Nimmermehr!« rief Otto, sich gezückten Schwertes vor den Vater stellend. »Hier halt' ich aus, auf Sieg und Tod.« – Und: »Nimmermehr!« rief auch Zelotes, den Alten mit seinen schwarzen Gewanden umschlingend. »Mein Vater soll leben, und Buße tun. Wer an ihn will, muß erst durch diese geweihete Kleidung durch.« – »Du sollst ihn mir nicht so tief verhüllen«, hohnlachte Tebaldo, »daß meine Geister ihm nicht vor das innre Augen träten, und ihn zur Beichte zwängen.« – Damit setzte er sich auf den Boden und schrieb mit dem Ringe Zeichen in das Gras. Und ein leises Wehen und Rauschen hub sich aus den tief unterirdischen Burggewölben auf, und zog sich wie mit unsichtbaren, erkältenden Armen durch die ganze Menschenmenge hin, daß mancher meinte, auch äußerlich neben sich ein verzerrtes Grabesbild zu erblicken; und dann ging es hoch in der Linden und Ulmen uralte Wipfel hinein, unvernommene Gespräche führend, und aneinander schlagend, als mit geheimnisvollen Fittichen. – Alles zitterte und schwieg. Nur der alte Herr Hugh erhub seine gewaltige Stimme, die noch furchtbarer aus den dämpfenden Gewändern, womit Zelotes ihn schirmend umhüllen wollte, hervordrang, und rief laut, wie ihm Schön-Astrid heißblutend in den Augenstern dringe, sein von ihm selbst erschlagnes Lieb, und wie die welkende Lisberta sein Herz zu ihrem kalten Grabe mache, und was der Frauen und Jungfrauen mehr waren, denen er Treue gelobt hatte, in der weiten Welt, und sie nachmals verlassen, so daß ihm in dieser entsetzlichen Zauberstunde deren richtende Bilder unaufhaltsam durch die beängstete Seele hinschritten. Dennoch sprach der alte Herr Hugh in kräftigen Heldenworten als einer, der unaussprechlich und nach Verschulden leidet, aber nichtsdestoweniger kühn über sich selbst und seinem Schmerze steht. Da sprang Tebaldo von der Erde auf, und rief den Umstehenden zu: »Richtet ihr diesen verderblichen Sünder, der noch immer mit seinem unbändigen Hochmute die Rache des Himmels herabruft. Ich mag nicht zum Vatermörder an ihm werden, so höchst abscheulich er auch die Mutter und mich verlassen hat. Aber ist euch die Sicherheit eurer Städte und Dörfer lieb, lieb die Sicherheit des Bodens selbsten, auf dem ihr steht, so vertilgt ihn aus der lebendigen Welt. Firmament und Erde wollen ihn nicht länger dulden! Horcht auf. Schaut auf!« – Er warf seinen Zauberring in die Höhe, und ein plötzliches Donnergerassel fuhr aus heiterm Himmel herab, der sich im Augenblicke mit dräuenden Schwefelwolken überzog. Zugleich wankte der Grund, bläuliche Flammen leckten daraus hervor, und im wilden Schreckenswahnsinne rannte alles, Reisige und Untersassen, gegen den alten Herrn Hugh mordlichen Sinnes heran. Mutig beschützte Otto den verhüllten Vater, und Zelotes rief ihm beständig wie in neuerwachender nordischer Liedesweise zu: »Schlage gut, mein starker Bruder! Schon' sie nicht, die feigen Rotten! Hätt' ich hier zur Hand die Klinge, Otto nach dir selbst geheißen, schlüg' ich mit dir in den Schwarm ein! Schlag' nun selbst; dein Schwert heißt Ottur!« Fünfundzwanzigstes Kapitel Viele der unverschämt Andringenden bluteten vor Ottos Klingenhieben; andere durchschüttelte schon der furchtbare Schlachtruf des dräuenden Zelotes mit ängstlichem Erbeben; die Schar wäre längst auseinander gestäubt, nur daß die entsetzlichen Zaubereien Tebaldos ihr die Sinne verwirrten, und sie eine Ahnung noch gräulicherer Gefahren in ihrem Rücken immer wieder nach vorwärts trieb. Donnerschläge schmetterten fort und fort über den Himmel hin, die Erdflammen zischten hoch auf, und gewannen fast die Gestaltung feuriger Kobolde, rings um die Veste her rauschte es, ein gewaltiger Regen- und Schloßenguß, aber kein Tröpflein verlor sich auf des Burghofes Revier, gleich als seie hier ein verwünschtes, den milden Fluten des Himmels unzugangbares Rund. Durch alle dies Donnern und Rauschen und Heulen und Rufen hindurch hörte man bisweilen Tebaldos gellende Lache, und sein Besprechen der Firmamente in unverständlichen Formeln. Hilldiridur und all ihre Reisegenossen waren indes vor der Veste angelangt, und die Besorgnis, welche sie, bei dem so seltsam unwetternden Himmel und dem wilden Menschengetos, für alle empfanden, die sie in der Burg wußten, trieb sie rasch hinein, und unter dem Schutze des Seekönigs, Archimbalds und ihrer Reisigen, bis an die Linde vor, an welcher der alte Herr Hugh unter Ottos nun fast ermattender Verteidigung saß. Hilldiridur schmiegte sich mit versöhnenden Worten an ihn. Gerda, schon in allem ihrer edlen Meisterin gehorsam, stellte sich in demütiger Achtsamkeit neben diese, um ihr etwa, wo sie es irgend bedürfte, zur Hand zu gehen, während Archimbald und Arinbiörn sich fechtend ihrem Waffengenossen gesellten, und ihren Reisigen zuriefen, alle das Gesindel zu Boden zu schlagen, und die Burg vor den freveln Empörern zu reinigen. Derweile war auch Folko mit den beiden Damen, von einigen Knappen geleitet, im Burgraume angelangt. Sein Weg hatte ihn zu einer Pforte hereingeführt, von wo er fast ungehindert zu dem alten Lindenbaume gelangte, um den sich das Getümmel hergewirrt hatte. Auch er, teils um die Frauen desto kräftiger zu schirmen, teils, weil er Ritter im Kampfe gegen Unebenbürtige sah, sprang den Herren gezückten Schwertes zur Seite, und hieß seine Knappen das gleiche tun. Da rief eben der alte Herr Hugh in der Bedrängnis seiner innern Erscheinungen aus: »Wehe! Nun schreitet auch Folkos Mutter herauf, des Freiherrn von Montfaucon Wittib, und schilt mich, daß ich sie verlassen, verlassen Blancheflour, unser armes Kind; und sie hat wahrhaftig recht, denn ich bin ja auch der große Messire Huguenin gewesen, und bei Ritterehre und Ritterwort! Ich war es nicht unrühmlicherweise!« – So wie nur Blancheflour diese Worte vernahm, kniete sie liebkosend vor dem verhüllten Greise nieder, und rief durch die umwölkenden Gewande zu ihm hinein: »Ich bin deine Tochter, du feierlicher, mir noch verborgener Held!« – Und wieder gegen Folko umgewendet, rief sie diesem zu: »Ficht freudig, mein Bruder! Ficht siegreich! Es gilt meines Vaters, des großen Messire Huguenins, Errettung!« Und freudig auch focht der edle Freiherr von Montfaucon, freudig ihm zur Hülfe Arinbiörn und Walbeck und deren Genossen. Aber die gewitterschwüle Dunkelheit umwebte ihre Häupter wie mit zaubrischen Flören, betäubend rasselte Donner und Regengeräusch und das Rufen Tebaldos durch ihren Sinn. Die Reisigen mißkannten einander, und lagen bald, verderblichen Wahnsinnes voll, im Streit mit den Gefährten, ja, wandten endlich in gänzlicher Betörung die Waffen gegen ihre eigenen Herrn. Diese auch selbsten konnten nicht immer sich der betörenden Verblendung erwehren, so daß bisweilen Arinbiörn, wenn er einen recht entscheidenden Schlag zu führen vermeinte, plötzlich mit Schrecken bemerkte, er habe seines edlen Vetter Montfaucons Goldhelm getroffen, oder Folko den Seekönig und den Grafen mit einem kühnen Schildschwunge auseinander warf, wo sie sich eben am festesten gegen das rasende Gesindel aneinander gestemmt hielten. Dann hieb wohl Archimbald grimmig gegen die beiden an, und erst, wenn auch sie zurücke taumelten, erkannten alle drei ihren furchtbaren Irrtum, und schlossen sich wieder eng und mit Kampfgeschrei zusammen, aber nur, um in erneutem Verblinden ihren Waffenbruder Otto anzufallen. Dieser allein hielt sich ganz frisch und frei von den Umnebelungen der böslichen Magie. Er sagte immerfort leise, das in den Kinderjahren von Bertha erlernte, und ihm auch in den Harzbergen hülfreiche Gebetlein her, und stand, ein leuchtender, Strahlen und Blitze versendender Cherub, vor dem bedräueten Vater. Doch hätte er sich kaum in alle dem Gewirre noch zu erhalten vermocht, nur daß sein Lichtbrauner, sich von den Reisigen, die ihn draußen vor dem Tore hüten sollten, losreißend, durch das tosende Menschengeflut hauend und wiehernd herangesetzt kam, sich seinem Herrn zur Seite stellte, und, als könne ihm keine Magie der Erde seinen getreuen Tieressinn verstören, kräftiglich die beerzten Vorderhufen auf der Gegner Scheitel herunterdonnern ließ, wütig sie mit den starken Zähnen an Brust und Schultern faßte, und in Betäubung übereinander hinschleuderte. Indessen hatte sich auch der alte Heldensänger, Meister Walther, unerschrockenen Mutes durch das Getümmel zu seinem verhüllten Freunde Bahn gemacht. – »Es gehn da draußen wilde Dinge vor«, sagte der alte Herr Hugh, seines Freundes inne werdend. »Aber auch Weibes- und Kindesstimme schmeicheln erquickend meinem Ohre. Blieben nur die langen, langsamen Reihen weg, die vor meinem innern Geistesauge vorüberziehn. Ich hoffe noch immer das beste, denn wie sagt doch dein Reim, du vielgetreuer Walther? Dein Reim von Nacht und Sonne?« – Walther sang, und rührte die Saiten: »Man geht aus Nacht in Sonne, Man geht aus Graus in Wonne, Aus Tod in Leben ein!« »Ich kann es nicht recht hören«, sagte der alte Herr Hugh, »vor dem wilden Lärmen umher, und vor den schwarzen Gewändern, die mich beschützen. Singe lauter, alter Singer, singe lauter!« – Und wieder hub Walther verstärkter Stimme seinen Liedeston an, aber der alte Herr hörte nicht auf, zu rufen: »Lauter! Noch immer lauter! Noch viel lauter!« – Da griff endlich Walther in liebevoller Angst um seinen greisen Genossen die Zither mit solcher zwingenden Heftigkeit an, daß nicht nur die Saiten, sondern auch der Boden des zarten Instrumentes weheschreiend voneinander sprang. Da schrie auch der alte Herr Hugh: »Wehe! Wehe! die Töne sind zersprungen vor meiner entsetzlichen Schuld. Nun ist's verloren!« – Und er sank halbohnmächtig, gebrochnem Sinnes zusammen. Zelotes betete über ihm: Noch einmal riß sich da die trotzende Kraft des alten, weit berühmten Helden in die Höhe, daß er mit schmetternder Trompetenstimme rief: »Wer wagt es, und liest Messe über mich, den Verhüllten, wie über einen des Rittertumes Entsetzten? Herr Jesus, bin ich denn des Rittertums entsetzt?« – Und nun lag er regungslos und starr in des Sohnes Armen. – »Ach Herrin, ach Meisterin«, ächzte Gerda in Hilldiridurs Ohr, »warum doch haben wir dem Zauber entsagt? Nun könnten wir ja schützen, nun könnten wir ja retten. Sollen wir –?« »Entschlage dich all solcher eitlen Gedanken«, entgegnete die weinende Hilldiridur. »Fühlst du denn nicht dieses gräßlichen Magiers Stärke? Fühlst nicht, daß es mehr ist, als wir in unsern gewaltigsten Zeiten vermocht? Von uns kommt keine Rettung mehr.« – Otto aber hatte des zusammensinkenden Vaters graunvolle Klage vernommen, und fühlte auch seine Kraft zusammensinken vor ihr. Ein wildrer Taumel hielt seine Waffengefährten bestrickt, Tebaldo jubelte grimmig, vor drang das Gesindel, der gräßliche Zauber schwebte siegend über dem Burghof, und begann ihn umzuwandeln zur schauerlichen Stätte des Gerichts. Sechsundzwanzigstes Kapitel Eine Stimme, wie von seligen Paradieseshöhen herüber, rief: »Halt!« – Und urplötzlich hielt das grause Getümmel; der linde, und doch so hochgewaltige Ton war fast in jedwede Brust gedrungen, daß man ihm unbedingt Folge leisten mußte, und einander regungslos gegenüber stehen blieb, nicht von den starrenden Kräften der Versteinung, sondern von den himmlisch lösenden der versöhnenden Liebe bezwungen. Wo sich in wildern Sinnen noch irgend ein ungedämpfter Zornesausbruch zu regen versuchte, da sprengten glänzende Kriegsleute in fremder Tracht vor die Widerspenstigen hin, und brachten mit dem Dräuen ihrer zweigespitzten Wurflanzen, ihrer leuchtenden Säbel, die noch halb verzauberten Gemüter zu Ruhe und Ordnung zurück. Tebaldo schwieg, und sahe, die Hand über die Augen, wie nach einer ihn blendenden Sonne empor. Und eine Sonne auch in der Tat, aber nur schuldigen Augen eine blendende, sonst alles balsamisch erquickend um sich her, war das still leuchtende Frauenbild zu nennen, welches, mit einem Lächeln der Hoheit und der Kindlichkeit gleich nahe verwandt, auf einem schneeweißen Zelter in der Mitte des Burghofes hielt, und früher das beruhigende Halt! über die Kämpfer ausgerufen hatte. Ihr prächtig ausländisches Gefolge reihete sich achtsam um sie her; ihr zur Seite zeigte sich ein herrlicher, Ehrfurcht gebietender Mann, von Purpurkleidern umwallt, ein großes goldnes Kreuz herabhängend über seine Brust. Im leisen Donnern rollte das Gewitter nach Westen hinunter, das Rauschen des Regen- und Hagelschauers schwieg. Da war es, als wolle Tebaldo sich noch einmal zum verderblichen Kampf ermannen; er schwang ingrimmig den Zauberring über sein Haupt; aber das Frauenbild sagte abermals mit der engelreinen Stimme: »Halt! – Für solche Gegner hat mir der heilige Vater dies geheimnisreiche Weihwasser anvertraut.« – Und aus goldner Phiole sprengte sie gegen Tebaldo einen in der Abendsonne leuchtenden Sprühregen hin, davor der noch eben erst so mächtige Zaubrer bebend in die Knie sank. – »Das ist nicht genug«, sagte das Frauenbild, mit einer Strenge, die seltsam schreckend über den lieblichen Zügen lag. »Den Ring hierher, in meine Hand.« – Und da Tebaldo noch unwillig zögerte, fragte sie ihn, die Phiole hebend: »Oder soll ich abermal des zauberstörenden Regens auf dich sprengen? Dann jedoch stehe ich dir für nichts.« – Tebaldo kam zitternd heran, und legte, niedergesenktem Blickes, den Zauberring in der mächtigen Herrin schöne Hände. Da bat sie ihren Geleiter, daß er sie vom Rosse hebe, und führte diesen alsdann gegen die Linde zu, wo der alte Herr Hugh sich eben, wie neu belebt vor der Nähe der holden Erscheinung, aus Zelotes dunklem Gewande loswickelte, und wieder in das tröstende Himmelblau emporschaute. Freilich überzog ihn, da sein erster Blick auf Arinbiörns Helm traf, ein ahnender Schauder, und er sagte: »Herr Gott, da ist der Rächer mit den Geierfittichen ja auch! Aber er muß ja wohl zur Versühnung hergekommen sein, denn es geht eben ein weiblicher Engel an ihm vorüber, dessen selige Züge mir gar wohl bekannt sind.« – »Ja wohl Versöhnung! Alles ist heute Versöhnung!« so tönten Himmelslaute von des reinen Frauenbildes Lippen. Dann führte sie ihm ihren wundersam geschmückten, halb arabisch, halb christlich aussehenden Gefährten in die Arme, und sagte: »So wahr Ihr ehmals auf Kreta Herr Hygies gewesen seid, so wahr ist das Euer und der damaszenischen Jungfrau in des Donnerers Zeus Höhlenwölbung geborner Sohn, vormals der große Emir Nureddin, jetzt aber größeren Namens, Christophorus genannt.« – Vater und Sohn blickten einander lange mit schweigender Rührung in die Augen. Sie hatten sich durch ein ganzes langes Leben so gut wie nimmer gesehen, und nun saß der eine als ein schneeweißer Alter am Lindenbaume, der andre stand vor ihm, als ein bereits greisender Mann. Da überschauerte es den Sohn plötzlich mit einer tiefen Ehrfurcht, und alle frühern Klagen vergessend, wollte er in demütiger Liebe niederknien, aber der Vater fing ihn in seinen Armen auf, und rief aus: »O du herrliches Damaszenerschwert, wie bist du so leuchtend aus der Rose von Damaskus entsprossen!« – Und beide lagen heißweinend aneinander, während Blancheflour mit anmutigem Lächeln zu dem alten Herrn Hugh emporblickte, sprechend: »O lieber Gott, was hast du mir für einen milden und ehrwürdigen Vater beschert!« – Der Greis senkte seine Hand segnend auf ihr liebliches Lockenhaupt, und Montfaucon trat herzu, dem ehemaligen Waffenmeister verkündend, wie er ihm die holde Tochter bisher gepflegt habe, und es nicht seine, sondern die Schuld des Waffenglückes sei, daß sie den Zauberring nicht mehr am Finger trage. »Aber«, setzte er hinzu, »es hätte mir ihn auch wohl so leicht niemand abgerungen, nur daß Euer eigner, tapfrer Sohn in die Schranken trat, und da mußte der Zögling wohl vor dem Erzeugten zurückestehn.« – Otto umarmte über Herrn Hughs Haupte den ritterlichen Freiherrn, auf dessen Helmgefieder der Falke sich wieder niedergelassen hatte, und freudig, den neubelebten Herrn erkennend, mit den Fittichen schlug. – »Das hat mir der Falke gebracht, aber nur aus Irrtum«, sagte Otto, und drückte das rosenfarbne Pergament, worauf Gabriele in Cartagena dem Freiherrn ihre Liebe bekannt hatte, in dessen Hand. Ein helles Erröten flog über Folkos Wangen; Gabriele verhüllte das leuchtende Gesicht. »Von jenem frühern Kampfe her«, sagte Otto, Gabrielens Hand fassend, »bleiben mir wohl noch einige Rechte auf diesen zarten Schnee. Darf ich sie ausüben?« – Und er legte Montfaucons und Gabrielens Hände ineinander, welche fast vor ihrem Freunde niedergekniet wären, nun aber, da er schnell zurücktrat, und sich in das Getümmel verlor, einander in die Arme sanken. – Archimbald nahte sich Gerda, und blickte fragenden Auges auf Hilldiridur. – »Sie hat sich als Christin bewährt«, sagte diese, »und ich stehe für sie ein.« – Da neigte sich Archimbald über des Norderfräuleins schöne Hand, und sprach das feierliche Verlobungswort aus. Gerda glühete hell, wie eine schlanke, festliche Kerze. – Derweile hatte das hohe Frauenbild sehr ernst mit Zelotes gescholten, linden Wortes, aber tief eindringenden Sinnes, daß er den Vater so habe erschrecken und in strenge Buße hineintreiben wollen. Ob er denn nicht wisse, daß der Christ mit freundlichen Gebärden die Verirrten zu sich locke? – »Wo es aber der Schreckensglut zur völligen Reinigung bedarf«, fuhr sie fort, »ach lieber Freund, da sorgt unser Vater schon selbsten, auch oft durch unbewußte Helfer dafür.« Und Zelotes stand demütig vor dem hohen Weibe still, und erkannte ihre göttliche Obergewalt im neigenden Verstummen an. Der arme Otto aber blickte unverwandten, sehnenden Auges nach der Herrin. Er wußte nicht, war es Bertha, war sie es nicht; das aber wußte er wohl, daß in dem oder jenem Falle bloß eine ganz überschwengliche Huld und Nachsicht von ihrer Seite ihn berechtigen konnte, nur den leisesten und mindesten seiner Wünsche nach ihr zu erheben. Da traf ihn ein freundlicher Strahl aus den zwei blauen Augenhimmeln. – »Ritter Trautwangen«, sagte sie mit einem lächelnden Erröten, »warum so in die schwarze Rüstung verstellt? Ich dächte, Ihr tätet besser, das silberne Gewaffen wieder anzulegen, welches jetzt der Graf Archimbald von Walbeck führt. Wohl weiß ich, daß euch beide etwas bindet, wie ein Gelübd. Aber Ihr, Herr Graf, habt das Eure gelöset, als Ihr in den Harzbergen Ritter und Rüstung zugleich aus einem Grabe, dem Centro der Erden nahe, wieder heraufgewannet an das Licht. Euch aber, Ritter Otto, soll der Blutflecken auf jener Rüstung nicht mehr ängstigen, seitdem Ihr ihn gelöscht habt mit der tiefen Narbe, welche Eure dunkle Halsberge zur Rettung des armen Heerdegen empfing. Zelotes, auf den ich unterweges stieß, hat mir alles erzählt. O der arme, vielgetreue Heerdegen!« – Es funkelten helle Tränen aus ihren schattenden Wimpern hervor. Plötzlich aber neigte sie sich, rührte mit ihren schönen Lippen die Narbe auf der schwarzsilbernen Halsberge an, und sagte: »So entbindet eine reine Jungfrau jeden von euch, ihr beiden Ritter, des Gelübdes und aller Schuld. Eilt, und wechselt eure Harnische um.« – Gehorsam neigten sich die zwei Herrn, und schritten, von einigen Knappen begleitet, in die Burg. Derweile bat die wundersame Jungfrau die Reisigen, ein frischloderndes Feuer anzuzünden auf dem Herde des Hauses, welchen man durch die offene Tür in der gewölbten Halle wahrnahm, und bald auch strahlte die helle Flamme gastlich mild unter dem Grün der Bäume, welche die Schwelle überschatteten, herauf. Da waren auch schon die beiden Ritter in umgewandelter Harnischtracht zurückgekommen: Archimbald wieder prangend in den wunderlichen Formen der dunkeln Waffenstücke, Otto leuchtend im milden Silberglanze der Rüstung, welche seine Jünglingsgestalt geschmückt hatte, als er von Mühmchen Bertha Abschied nahm. Die hohe Herrin trat derweilen an den Herd, ihn rings mit Weihwasser aus der goldnen Phiole besprengend, dann stellte sie sich, die schönen Hände faltend, hinter die Flamme, und sagte mit ebenso lieblichem als strengem Ernste zu der Versammlung herüber: »Haltet böse Gedanken fern!« Und wer auch hätte dergleichen noch hegen mögen oder können, vor dem Anblicke des reinen, flammenbeleuchteten Bildes, demütige Verklärung auf allen Zügen! Sie betete still, dann warf sie den Zauberring mitten in die Flamme, das Zeichen des Kreuzes darüber beschreibend, und während sie wieder ihr inbrünstig stilles Rufen zu Gott erhob, sahe man das schmelzende Gold hier und dort über die Steine hinfließen, hörte, wie die magisch eingefugten Edelsteine in der Glut zersprangen. Das feierliche Werk war getan; leichten, fast hüpfenden Ganges kam die holde Frauengestalt wieder hinter dem Herde hervor, und Otto konnte sich nicht erwehren, sie in diesem Augenblicke mit voller Gewißheit für Mühmchen Bertha zu halten. Doch leuchtete es auch um dieses lächelnde Kind wie eine verherrlichende Morgenwolke her, und da sie vor dem alten Herrn Hugh mit dem freundlichen Gruße stehen blieb, neigte dieser unwillkürlich vor ihr tief das greise, von so vielen Siegeskränzen sonst wohl stolze Haupt. »O verzeiht mir«, sagte sie, »lieber Oheim, daß ich Euch nicht eher mit rechter Ehrfurcht entgegen getreten bin, daß ich zu Euch gesprochen, als eine ganz fremde Herrin, und nicht als Euer demütiges Mündel, Bertha von Lichtenried. Aber bis auf diesen Augenblicke war ich es auch nicht, sondern vielmehr die Gesandtin des heiligen Vaters zu Rom. Dem sind, – denn er würdigte mich, meinethalben die Himmelsfürstin anzurufen, – erschienen in einem nächtlichen Gesichte alle die Unbilde, welche Euch und Euer Haus von dem Zauberringe her bedroheten. Da bin ich denn hergeeilt, gradesweges mit Christophorus, nur daß ich unterweges, meines lieben Bruder Heerdegens Tod erfahrend, einen kleinen Umweg nahm zu einem Wallfahrtsorte, um kräftiger da für die Ruhe der ritterlich getreuen Seele zu beten. Nicht eher aber, bis der Zauberring vernichtet sei, – das hieß der heilige Vater mir – solle ich mich zu erkennen geben mit Worten oder Zeichen denen, die mir am liebsten seien auf der Welt, damit nicht aus der Gesandtin eine liebend demütige Jungfrau werde. Darum zog ich auch damals so schweigend an der Kapelle vorüber, wo Ihr gelagert ward – ich meine Euch, Mutter Hilldiridur!« Und in die Arme der holden ehemaligen Pflegerin sinkend, verbarg sie unter deren grünen Schleiern das Angesicht voll Morgenrot, denn bei den letztern Worten hatte sie sich unwillkürlich nach Otto umgewendet. Zu diesem trat Christophorus, und sagte, seine Hand fassend: »Willkommen, Bruder. Ich freue mich, einen Jüngling, dessen tapfre Taten vom Nordpol bis in den Südenpol herunter geleuchtet sind, mit diesem Namen grüßen zu können. Aber weil man mir immer, als ich noch der große Emir Nureddin war, nachgesagt hat, ich vermöge Geschenke zu spenden, wie kein andrer Fürst auf Erden, so sollst du, mein tapfrer deutscher Bruder, auch dessen alsbald beim ersten Gruße inne werden. Du darfst werben, lieber Otto, um diese himmlische Erscheinung; ihr Engelsherz schlägt für dich.« – Damit führte er ihn der noch immer in Hilldiridurs Schleiern verhüllt liegenden Bertha entgegen, und Otto, vor seiner angebeteten Herrin auf ein Knie niedersinkend, sagte nur ganz leise: »O Mutter, Mutter redet Ihr mir das Wort. Ich bin der beseligenden Verzeihung nicht wert.« – Da fügte Hilldiridur die willig folgende Hand der Jungfrau in Ottos Rechte, und Bertha, neben dem Jünglinge niederkniend, sagte: »Wenn dein Vater uns segnen will, lieber Otto.« – Freudeweinend legte der alte Herr Hugh seine Hände auf die Häupter der beiden im vollen Frühling des Lebens und der Liebe blühenden Gestalten. Siebenundzwanzigstes Kapitel Dunkel und trübselig trat jemand in den Kreis der Segnenden und Gesegneten ein. Das war Tebaldo. Er neigte sich sehr tief vor der friedebringenden Herrin Bertha, und sagte: »Für mich ist es nun wohl mit aller möglicher Lust auf Erden vorbei. Meinen Zauber, an den ich dies ganze vergängliche Dasein gesetzt hatte, habt Ihr verstört, und was man so Glück in Vater- und Bruder- und Schwesterarmen nennt, dafür hab' ich mich selbsten ertötet ganz und gar. Was ich denn nun noch will? – Wahrhaftig, ich weiß es nicht. Abschied nehmen will ich, und eine Höhle suchen, die mir gerecht ist. Find' ich die nicht, so find' ich einen zerschmetternden Absturz doch desto gewisser auf.« – »Das mein' ich ja gar nicht so«, entgegnete Bertha mit freundlichem Ernst, »und ich kann Euch auch versichern, daß es der liebe Gott nicht im mindesten so meint. Buße tun sollt Ihr, und gewonnen werden; vom Verlorengehen ist ja gar die Rede nicht. Ihr werdet, denk ich, gut tun, wenn Ihr einen Pilgerzug nach Jerusalem unternehmt, unterweges in stiller Abgeschiedenheit recht stark und hoffend mit guten Gedanken gegen den Bösen ringt, Eure Sünden an der heiligen Stätte beichtet, und versöhnt wieder heimkehrt in unsern Kreis. Frisch auf, mein Pilger! Der Hirte ruft liebevoll nach seinem verirrten Lamm.« – Zugleich auch streckten alle, Geschwister und Stiefgeschwister, Vater und Stiefmutter ihre liebenden Arme nach ihm aus, als ob er wirklich bereits heimkehre gereinigt in die angestammten Hallen. – »O wahrhaftig, Bertha«, rief Tebaldo aus, »du hast nicht aufgehört, eine Gesandtin des heiligen Vaters zu sein, obschon du eine beglückte, liebelächelnde Braut geworden bist. Ja, nach Jerusalem! Nach Jerusalem! Dahin trieb es mich von Anfang an, als habe ich vorgewußt, welche Sünden mir obliegen werde zu büßen an geweihter Stelle. Vorher aber wirket mir dieses ehrwürdigen Greises Verzeihung aus, den ich wohl nicht mehr Vater zu nennen würdig bin, und schafft mir auch Hilldiridurs milde Huld, und macht, daß Otto und Christophorus und Blancheflour und selbst der strenge Zelotes mich herzen, wie Geschwister, und nicht nur so verzeihend, wie man auch goldne Äpfel wohl im letzten Erbarmen einem armen Sünder gewährt, mit dem es zum Richtplatze geht.« – Die zuversichtlich lächelnde Bertha sagte: »Hier bedarf es meiner als Gesandtin nicht; hier macht die freundliche Jungfrau alles gut.« – Und nur leise zog sie den Bereuenden gegen den Vater heran, als auch dieser ihn schon fest umschlungen hielt, und Hilldiridur das gleiche tat, und die Arme der Geschwister sich über ihm, wie zu einer Laube, ineinander rankten, wobei vorzüglich Otto mit wehmütiger Liebesinnigkeit ausrief: »Ach Diephold, du armer Diephold, darum habe ich dich auch immer von Anfang her so unaussprechlich lieb gehabt!« Tebaldo machte sich endlich mit sanfter Gewalt los. »Ihr habt mir nun Erquickung gegeben«, sagte er, »nicht nur für eine Reise, sondern auch für ein ganzes Leben zugleich. Lebt wohl! Ich scheide sanft und friedlich und hoffnungsvoll; der Stern eurer Liebe geht leuchtend vor mir her, und wenn übers Jahr ein Pilger mit Muschelhut und Stab hier anklopft vor eurer Burg, so gibt es ein neues Fest in den väterlichen Hallen.« – Langsam und grüßend schritt er hinaus. Alle blieben eine ganze Zeitlang still, und sahen ihm mit feuchten Augen nach. Das war für diesmal der bittre Tropfen, welcher uns alle in den Freudenbechern der Erde immer an ihre und unsre arme Vergänglichkeit mahnt. – Endlich sagte der alte Herr Hugh: »Mein Sohn wird wiederkommen, und mir wird von Gott die große Gnade widerfahren, daß ich ihn noch in diesem Leben an meine Brust drücken kann. Es ist, als striche ein seliger Flügelbote mit dieser Kunde an mir vorüber, und wenn Lisberta zum Engel verklärt ist, so mag sie wohl selber der holde, beruhigende Bote sein.« – Die Geschwister umfaßten einander noch inniger über dem, wie in kühler Zweigumschattung ruhig lächelnden Vater, welcher aus tiefer, freigewordner Brust aufatmete, und sprach: »Du hast recht, Bertha. Es ist alles Versöhnung und Frieden. Ich will nun auch am längsten dieser Veste regungsloser Hüter gewesen sein. Kommt mit mir hinaus auf die Donauwiese, ihr Lieben alle. Ich fühl' es, an Hilldiridurs Hand, in meiner Kinder segnendem Reihen darf ich wieder, wie in frühen schönen Tagen, die freie, lustige Schöpfung zu meiner Heimat gewinnen.« – Als sei der Zauberring in einen lebendig blühenden Kranz umgewandelt, schritt der noch vor kurzem so einsame alte Herr Hugh mit Weib und Kindern und Freunden aus dem Burgtore in die abendgerötete Landschaft hinein. Ein herrlich funkelnder Regenbogen ward zwischen den Bäumen sichtbar, und alle die Glücklichen begrüßten das selige, ihnen zu dieser Stunde so deutsame Zeichen des himmlischen Friedens mit gefalteten Händen und im stillen Gebet. Letztes Kapitel Während sie langsam, den freudig sinnenden Greis wie ein Panier in ihrer Mitten, den Schloßweg hinabgeschritten waren, hatte die Sonne ihre letzten Abschiedslichter über den grünhellen Spiegel der Donau hingesendet, und der Mond stand nun in voller Herrlichkeit seiner tauigen Kühle am wolkenleeren Himmel. Der alte Heldensänger, Meister Walther, hatte sich derweilen geschäftig erzeigt, auf der Wiese ein reiches Abendgelag zu veranstalten, und um den Kreis her, welchen die Flaschen und Schüsseln und Becher durchblinkten, loderten fröhliche Fackelstäbe, das grüne Rund mit ihren Lichtern aussondernd von der dunkleren Nacht umher. Als die Gesellschaft sich nun darinnen niederließ, sagte der alte Herr Hugh: »Ei, wie labt es sich an diesem blühend grünen Tische um so vieles vergnüglicher, als droben auf meiner noch jüngst so einsamen Veste an dem steinernen Rund!« – Und Hilldiridur kredenzte ihm den großen, aus silbernen Schaustücken geformten Becher, und zwei glühende Tränen der wehmütigen Freude fielen aus des alten Helden Augen in den Wein. Bertha jedoch und Otto, so wie auch Folko und Gabriele, gedachten des Abends, wo ähnliche Fackellichter aus diesem Anger einen Kampfesrund bezeichnet hatten, und empfanden ihr jetziges Glück in erhöheter Süßigkeit. Dem Grafen Archimbald von Walbeck wollte zwar etwas, wie Mißmut, durch den Sinn streifen, weil eben wieder an dieser Stätte das Sprühen der Fackeln über seine schwarzsilberne Rüstung hinfuhr, aber Gerda streichelte ihm mit der schwanenweichen Hand das finsterwerdende Antlitz, und vergessen war jene sieglose Stunde vor dem beseligenden Schimmer seines nordischen Liebesgestirns. Da klopfte jemand leise auf Ottos Schulter, und sich umwendend, sahe er in des Seekönigs flammende Augen, welcher zugleich in sein Ohr flüsterte: »Wie war es, als wir zu Hilldiridurs Warte miteinander hinaufritten? Blancheflour hat dich als ihren Bruder anerkannt, und die Fackelscheine treiben unfern von uns auf ihren Zügen ein bezauberndes Spiel.« – Otto drückte in zuversichtlicher Freudigkeit des Seekönigs Hand, und erhob sich, um einen Platz neben seiner lieblichen Schwester einzunehmen, die, in tiefes Sinnen verloren, wie ein einsames Blümlein dieses Angers anzusehen war. Arinbiörn hielt sich voll glühenden Hoffens und Zweifelns unfern von den beiden. Im zierlich vertraulichen Gespräche hatte der Bruder sich bald seiner neugewonnenen Schwester genugsam genahet, um sie fragen zu dürfen, ob sie schon eines ebenbürtigen Ritters verlobte Braut sei. – »Ich getraue mir, nein für sie zu antworten«, entgegnete Folko, auf ihrer andern Seite sitzend, mit einiger Lebhaftigkeit. Und wie ein blödes Echo hallte das: »Nein!« von Blancheflours feinen Lippen gehorsam nach. Da klang ein wehmütiger Zitherakkord aus dem Gedränge der Umstehenden, Blancheflour sahe sich erschrocken darnach um, wiederholte aber alsdann mit desto lauterer, obgleich etwas weinerlicher Stimme: »Gott weiß es, daß ich keines Menschen auf Erden verlobte Braut bin.« – Da winkte Otto den Seekönig herbei, und warb für ihn bei der Schwester, und Folko drang freudig in sie, durch diesen Bund sich seinem Hause näher zu verschwägern, während Arinbiörn mit errötenden Wangen, in frommer Heldendemut vor dem Ziel all seiner Wünsche schweigend stehen blieb. Wie ein weißes Blumengewinde im Abendhauche schien Blancheflour hin und her zu schwanken; endlich neigte sie in stiller Ergebung das zarte Haupt zu einem Ja. Sie und Arinbiörn bei den Händen fassend führte Otto die zweie vor seinen Vater, und der alte Herr Hugh, den Knienden seinen Segen erteilend, sagte: »Du verjüngtes Bild des Rächers mit den Geierfittichen, nun nimm meine weiße Blume hin, und alle Rache ist ab und tot.« – »Alle Rache ist ab und tot!« wiederholte der Seekönig, noch viel tiefer sein Haupt vor dem Vater neigend. Blancheflour weinte still. Noch kaum aber hatten sich die Verlobten wieder erhoben, da klangen die Zitherakkorde vernehmlicher, und mitten in den hellen Kreis trat Meister Aleard, blühend wie der Lenz, von einem himmelblauen Sängermantel umwallt, sein blankes Saitenspiel im Arm, zu dessen Klängen er folgendes Lied sang:     »Zur Sommerszeit, Da schlagen weit Die liebbegehr'nden Herzen, Im Morgengrau, Am Mittagsblau, Bei lichten Sternenkerzen; Und blickt der liebe Mond darein, Da wird's ein himmlisch Sehnen, Ein Freudenquell aus Tränen, Aus Scheidegruß ein Hoffnungsschein.     Wenn's einen trifft, Daß er umschifft Der Liebe grüne Inseln, Und ihm zerschellt Am Eis der Welt Sein Schiff, – wozu das Winseln? Der Mond beglänzt den Wellenlauf, Der Schiffer ist verschollen, Wo seine Tränen quollen, Blühn hell am Strande Rosen auf.     O Rosen blüht, O Blicke glüht, Schlingt euch in süße Bande. Wer Klippen mied, Stimm' an ein Lied, Geh' froh gesellt am Strande. Manch Lieben ist so hoch und klar, Daß auch aus Wellenringen Versunkne Schiffer singen: »Glück auf, Glück auf dem sel'gen Paar!« Blancheflour hielt beide Hände vor die Augen, und ihre Tränen flossen unter dieser Alabasterdecke so milde, daß nur Arinbiörn, dicht neben ihr stehend, und kein Auge von ihr verwendend, einige Tropfen des heißen Regens, die zwischen den zarten Fingern silbern hervorrieselten, wahrnehmen konnte. Otto, alsbald in Aleard den Sänger erkennend, welcher im Buchenwalde vor Gabrielens Veste in der Normandie das Lied von Abælard und Heloise mit Blancheflour gesungen hatte, und von Bertha vernehmend, daß er zu ihrem und Christophorus' Gefolge gehöre, eilte hinzu, ihn zu begrüßen, und ihm zu danken, daß er ihrer aller Verlobungsfeier mit seinen edlen Sangesweisen verherrliche. Aber Aleard hatte sich alsbald wieder unter der Menge verloren, und im Suchen und Fragen nach ihm, ward Otto plötzlich durch eine Erscheinung gestört, welche seine und aller Anwesenden Blicke fast gewaltsam an sich riß. Jenseit der Fackeln hörte man den Tritt gepanzerter Schlachtrosse, das Harnischklirren ihrer Reiter. Und wie man sich dahin wandte, ward auf einem hohen, schneeweißen Pferde ein großer Ritter sichtbar im purpurnen, hermelinbesetzten Waffenrock, einen ungeheuern, ganz goldnen Schild, auf dem die Fackellichter wie Blitze spielten, am Arme, zur andern Hand eine sehr große Lanze, die er auf den geharnischten Schenkel gestützt hielt, und sie, indem er gegen die Damen herankam, mit eben so kräftiger als zierlicher Gewandtheit senkte. Während er nun auch dabei das behelmte, reichglänzende, federnumwallte Haupt verneigend tief herunterbog, und damit in den Lichtkreis der Fackeln kam, wollten einige bemerkt haben, eine juwelenstrahlende Krone winde sich rings um den prächtigen Sturmhut her. Noch ehe man darüber Worte wechseln konnte, war der königliche Held mit seinem Gefolge vorübergezogen, und man hörte bald darauf, wie er seine Rosse im Galopp ansprengte, und mit verhallendem Gewieher und Hufesdonner über die Wiese dahinflog, »War das nicht –?« fragte Gabriele staunend, in Folkos Auge blickend. – »Ich glaube nicht, daß es noch einen Ritter seinesgleichen auf Erden gibt«; entgegnete der edle Montfaucon. »Der Löwe war es, und kein andrer Bewohner des Forstes sonst.« – Aller Augen hingen fragend an den seinen, und er wollte eben den Mund zum Reden öffnen, da ließ sich von derselben Seite her, wo der Heldenritter zuerst erschienen war, ein so anmutiges Zitherklingen vernehmen, daß sich davon eine rechte Bezauberung über alle die Frauen, Ritter, Knappen und Reisigen ergoß. Niemand regte sich, alles trank wie in durstig wonniglichen Zügen den süßen Laut, welcher immer näher und näher durch die Sommernacht heranschwebte, und endlich die Worte der begleitenden Engelsstimme etwa in folgendem Sinne hören ließ:     »Und nach den Schlosses Mauern, So hoch, so fern, Da klang in Sehnsuchtstrauern, In öder Nächte Schauern, Von der entschwundnen Tage Stern Das Lied so gern.     Hoch oben lag gefangen Der Löwenheld. So wie die Töne klangen, War hell ihm aufgegangen, Sein einst so rühmlich Waffenzelt, Sein Siegesfeld.     ›So kann nur einer singen!‹ Sang er herab. ›Frisch auf ihr Sangesschwingen! Dem Meister wird's gelingen, Der löst mit seinem Zauberstab Das Königsgrab.‹     Es ist, mir ist's gelungen! Das Grab zersprang. Der Blondel hat gesungen, Den Blondel hält umschlungen, Sein Löwenherz so frei und frank, Im Lieb'sumfang.« Dies Lied singend hatte sich eine Sängergestalt genähert, auf einem zierlich weißen Rösselein, welches der jüngere, zartere Bruder jenes hohen schneefarbenen Heldenrosses zu sein schien. Ein grüner Sammetmantel umfloß die Bildung des holden Jünglings, dessen Anlitz in unbeschreiblicher Lieblichkeit aus dem dichten Spitzenkragen heraufblühete, fast weiblich, nur daß ein schönes, blondes Bärtchen über der Lippe lag; er hatte sein artiges Tierlein angehalten, sah vergnüglich in den hellen Fackelkreis hinein, und schlug noch immer dabei die Zither, welche ihm an einer reichen goldnen Kette vor der Brust hing. Otto erkannte die liebliche Erscheinung Meister Blondels, ihm früher in den französischen Blütenwäldern zuteil geworden, und die letzten Zeilen des Liedes hatten auch alsbald der ganzen Gesellschaft kundgegeben, welch ein edles Gestirn der Minne und der Sangeskunst vor ihnen aufgegangen sei. »O Ihr viel edler Meister Blondel«, riefen ihm Damen und Ritter entgegen, »so ist denn wirklich der große König Löwenherz gerettet? Und war er wohl selbst der herrliche Ritter, welcher eben unserm Kreise vorüberzog?« Blondel bejahte das alles freundlich, und ließ sich nach Sängerweise von schönen Frauen und edlen Rittern leicht bewegen, bei ihrem Feste zu verweilen, und ihnen zu erzählen, wie er seinen lieben König und Helden und Freund, mit Saitenspiel und Lied das Echo vor allen Burgen versuchend, gefunden und errettet habe, eine Begebenheit, deren treuherzige Anmut dir, mein günstiger Leser, schon in mannigfachen Dichtungen und Sagen durch das Herz gedrungen ist. Die Ritter alle erhuben laut ihre Stimme, und priesen den Sänger herrlich und selig, und seinen ganzen Stand, durch den errungen worden sei, was so viele starke Helden durch ihre rühmlichen Klingen vergeblich gesucht. Aus den Händen der Frauen regneten Blumen über den siegreichen Troubadour hin. Da trat Arinbiörn dicht vor Otto, an der einen Hand Blancheflour, an der andern den Meister Aleard führend, welchen er scharfen und schnellen Blickes aus der zuströmenden Menge herausgefunden hatte. – »Lieber Bruder«, sprach der Seekönig, »der hier ist der Jüngling, von dem ich dir früher gesagt habe, daß ich ihn im Zauberspiegel zu Blancheflours Füßen sitzen sah, als ich den jungfräulichen Stern meines Lebens nur mit dem Namen Roselinde nannte.« –Die Farben wechselten auf Ottos Gesicht, er schoß funkensprühende Blicke gegen den Sänger, und so tat auch der sich herzudrängende Folko. Arinbiörn aber fuhr fort: »Was soll der Zorn, ihr herrlichen Ritter? Habt ihr nicht jetzt eben empfunden, daß der Sänger wohl oft über uns waffenhelle Eisenmänner hinausschreitet auf seinen lustigen Bahnen? Meister Aleard ist von edlem Hause; Franken, Spanier, Engländer und Germanen preisen seine Lieder. Otto, was zögerst du? Oder sollen wir eben jetzt die Zither mit unsern beerzten Fersen zertreten, wo sie uns in Blondels Siegestat ihre Herrlichkeit und Obergewalt kundgegeben hat?« Otto und Montfaucon erröteten heiß. Jener nahm den Sänger, dieser die holde Blancheflour an den Arm, und so näherten sie sich dem alten Herrn Hugh; Arinbiörn schritt als ankündigender Herold voraus. Der greise Held willigte sehr freudig ein; es war, als gebe ihm ein begeisternder Strahl des nahen Jenseits kund, wie viel schöner seine weiße Blume sich an dem Rosenbaum des Gesanges emporranken werde, als an dem blutigen Speere der Schlacht. Oder verklärte ihn Hilldiridurs himmlisch beruhigender Mondscheinblick? – Er segnete die holden Liebenden, deren zartes Erröten beim ersten Kusse sich gegenseitig an den ersehnten Wangen in höherm Morgenlichte zu entzünden schien. – »Und du, Arinbiörn?« fragte Otto, wehmütig seines Waffenbruders Rechte fassend. – »Gott hat es gnädig mit mir gemacht«, entgegnete dieser. »Wäre Blancheflour nach strengem Recht eines andern Mannes Verlobte gewesen, ich hätte meinen zürnenden Jammer wohl kaum getragen. Nun aber ist es mir so gut geworden, meinen Anspruch wegschenken zu dürfen, und Wegschenken macht jedwedes königliche Herz freudig und stark. Wohlauf! Es ruft die See mit all ihren grünen, gewaltigen Wogen; Hoffnung rauschet aus ihr herauf, wenn nicht auf Minne, doch auf Ruhm, und Roselinde bleibt sieg- und segenbringend mein Feldgeschrei!« – »Es ist alles so schön und recht«, sagte Bertha friedelächelnd, »wie kann noch irgend jemand zweifeln?« – Und wo es noch in einem Herzen gestockt hatte, oder gebraust, legte es sich zu seliger Meeresstille vor der reinen Jungfrau Gebärden und Worten. Der greise Held sah in Zelotes und Christophorus' Angesichter, sprechend: »Zwei Söhne also des alten Herrn Hugh sollen durch das Leben ohne Brautkranz gehn?« – »Ich flechte für andre«, entgegnete Zelotes. »Alle diese Paare will ich zusammengeben, meiner heiligen Priesterweihe froh, und fühlend im nicht unwürdigen Stolze, daß auch von dieser Seite das Haus des alten Herrn Hugh sich selbständig und in eigner allseitiger Kraft erbauet und zusammenrankt.« – Ich aber«, sprach Christophorus, »gedenke desselben edlen Hauses Glanz noch fürder auszubreiten durch die Welt mit Siegespreis und edler Wissenschaft. Für mein Liebessehnen ist wohl kein einzeln Weiberherz geschaffen. Die Erde sei meine Braut, so weit sie in ihren vielfach blühenden Reizen prangt.« – Beider Söhne Hände drückte der alte Herr Hugh mit voller, gewaltiger Manneskraft, und sandte Blicke voll glühender Heiterkeit dahinüber, wo Otto, um Berthas hohe Engelsgestalt den Arm in seligem Stolze schlingend, ihm gegenüberstand. Da nahete sich Meister Blondel, der von seinem Sangesgenossen erkundet hatte, welche Wunder sich hier ereigneten, neigte sich demütig vor Bertha, und sagte, ein zierlich gearbeitetes güldnes Kränzlein, von roten und grünen Edelsteinen durchleuchtet, aus seinem Mantel hervorziehend: »Ach, wenn sich doch nur diesmal die hohe Schönheit nicht weigern wollte, von der Dichtkunst eine Krone zu empfangen. Sie hat dergleichen sonst wohl öfters verstattet.« – Und Bertha neigte süß errötend, und doch im edlen Selbstbewußtsein, das himmlische Haupt, auf dessen schlichtbraunem Haar alsbald die leuchtende Umkränzung prangte, die Herrin auch ungeweihteren Augen bezeichnend, als dieses ganzen Festes und all der vollbrachten Taten anmutige, begeisternde Königin. Blondel aber hatte sich wieder auf sein weißes Rösselein geschwungen, und sang, durch die Mondscheinnacht dahintrabend, zum Abschiede folgende Worte:     »Gute Nacht! Lieben, Sehnen, Liebesschwingen, Meeresfahrten, blut'ges Ringen, Alles, alles ist vollbracht; Unter goldnen Kronenlichtern, Steht die Herrin da in Pracht, Zwischen Rittern, Fraun und Dichtern; Hat ein Leben angefacht, Wie sich's Heldenzeit erdacht. Gute Nacht! Gute Nacht!« Und sein Singen verklang unter den Zweigen des tauigen Waldes, wie jetzt auch diese ganze Geschichte vor euern Ohren verklungen ist. Gute Nacht!