Friedrich Gerstäcker Der Erbe 1. Beim Frühstück. »Mama, dieser Lieutenant von Wendelsheim tanzt wirklich entzückend,« sagte Ottilie, als sie Morgens um zehn Uhr in einem allerliebsten Negligé zur Mutter in's Zimmer trat, wo das Kaffeeservice noch auf dem Tische stand. »Ich kann Dir versichern, man fliegt ordentlich mit ihm über den Boden hin und wird gar nicht einmal müde.« »Nun, mein Kind,« erwiderte die Mutter, »ich kann Dir versichern, daß ich wenigstens müde geworden bin.« »Aber Du hast gar nicht getanzt, Mütterchen.« »Das fehlte auch noch,« stöhnte die Frau; »das Herumsitzen ist so schon arg genug – und nun auch noch diese schreckliche Räthin Frühbach neben mir! Ich sage Dir, ich habe meinem Schöpfer gedankt, als es drei Uhr schlug und wir mit Ehren fort konnten.« »Arme Mama – und ich habe mich so gut amüsirt!« »Junges Blut,« nickte die Mutter; aber trink Deinen Kaffee, Kind; er steht schon eine ganze Weile und wird sonst kalt.« Ottilie hatte sich neben sie auf das Sopha gesetzt und trank; aber der kleine Fuß klopfte unter dem Tische noch immer leise den Tact eines der erst vor wenigen Stunden beendeten Tänze – ihre Gedanken waren noch entschieden bei dem Balle! Und wer hätte es ihr verdenken wollen? War sie doch kaum zwanzig Jahre alt, in der Blüthe ihrer Jugend, und der Blick, der unter den langen Wimpern so glücklich hervorleuchtete, sah nur Licht und Freude, denn kein dunkler Tag in ihrem jungen Leben warf seinen Schatten auf der Zukunft Bahn. Ottilie war die Tochter des Staatsanwalts Witte, eines seiner Tüchtigkeit sowohl als Rechtlichkeit wegen allgemein geachteten Mannes, und das einzige, also auch das verzogene Kind im Hause. Von Herzen lieb und gut, hatte ihr Charakter dadurch aber doch etwas Eigenwilliges bekommen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sich der fast übermäßig beschäftigte Vater hätte mehr um ihre Erziehung bekümmern können. Leider konnte er das nicht, und sie wurde einzig und allein der Mutter überlassen, die freilich nicht recht dazu paßte, ein junges Mädchen heranzubilden. Die Frau Staatsanwalt Witte war, wie ihr Niemand absprechen konnte, eine brave und tüchtige Frau, und als sie vor langen Jahren ihren Mann heirathete und Beide sich fast ohne Vermögen kümmerlich durch das Leben arbeiten mußten, da hatte sie bewiesen, daß sie eine tüchtige Hausfrau sei, und mit den bescheidensten Ansprüchen gesorgt und geschafft und immer den Kopf oben behalten. Solchen gedrückten Verhältnissen war sie auch gewachsen gewesen, und Witte hätte sich dafür keine bessere Frau wünschen können. Als er aber in seinem Berufe einen Namen bekam und viel Geld verdiente, ja später sogar Staatsanwalt wurde und sie weit mehr einnahmen, als sie gebrauchten, da fiel sie in einen Fehler, in den nur zu viele Frauen fallen – sie wurde auf ihren Mann stolz und beschränkte das nicht allein, wie es passend gewesen wäre, auf die eigene Familie, sondern suchte es der Stadt zu zeigen. Von da an zog der Luxus in ihr Haus ein, und wenn Witte auch selber viel zu vernünftig war, sie weiter gehen zu lassen, als er für gut fand, behielt sie doch in vielen Dingen – des Hausfriedens wegen – ihren Willen und arbeitete sich mit den Jahren endlich in ein solches Gefühl ihrer Würde hinein, daß Witte selbst oft und bedenklich darüber den Kopf schüttelte. In diesem »Bewußtsein ihrer Stellung« wurde Ottilie erzogen, und leider bekam sie von der eigenen Mutter öfters als gut zu hören, wie hübsch sie sei – und wie vornehm, und daß sie sich mit gutem Gewissen zu den ersten Familien der Stadt, der sogenannten »Creme« der Gesellschaft, zählen dürften. Dadurch wurden viele Verbindungen mit früher befreundet gewesenen, aber ärmeren Familien abgebrochen und an deren Statt eine nähere Bekanntschaft mit dem Adel gesucht, von dem Witte selber gar nichts wissen wollte, aber die Frau Staatsanwalt desto mehr; und wenn sie auch vielleicht nichts Derartiges äußerte, so war sie doch jedenfalls im Herzen fest beschlossen, ihre Ottilie – komme was wolle – dermaleinst als »Frau Baronin« einhergehen zu sehen. Dann, wie sie oft im Stillen seufzte, »wollte sie gern sterben.« Daß Ottilie selber gegen solche Andeutungen nicht gleichgültig blieb, läßt sich denken. Das Samenkorn hatte jedenfalls Wurzel geschlagen, und es war nun jetzt die Frage, wie es gepflegt und genährt werden würde. »Wo ist denn der Vater?« fragte Ottilie endlich. »Hat er schon Kaffee getrunken?« »Oh, schon seit einer vollen Stunde,« sagte die Mutter; »aber er wurde mitten darin abberufen.« »Der arme Papa, nicht einmal seinen Kaffee lassen sie ihn ruhig trinken! Wer ist denn bei ihm?« »Ich weiß es nicht; ich glaube, es war in Sachen einer Scheidungsklage. Es ist erstaunlich, wie das jetzt überhand nimmt. Denke Dir nur, Herr von Löser läßt sich auch von seiner Frau scheiden.« Ottilie war recht nachdenklich geworden und sah eine ganze Weile still vor sich nieder. Endlich sagte sie: »Es ist doch sonderbar und eigentlich recht traurig, daß Leute, die geschworen haben, in Freud' und Leid treu bei einander auszuhalten, auf einmal so andern Sinnes werden und sich so unglücklich mit einander fühlen können. Ich bin gar nicht im Stande, mich da hinein zu denken.« »Gewiß ist es traurig,« sagte die Mutter achselzuckend, »aber auch nur wieder ein Zeichen, wie leichtsinnig und unüberlegt viele Verbindungen für das ganze Leben geschlossen werden. Ein junges Mädchen sollte nie vor dem achtundzwanzigsten Jahr heirathen.« »Aber, Mama,« lachte Ottilie, »dann ist sie ja kein junges Mädchen mehr, sondern eine alte Jungfer, und die bleiben regelmäßig sitzen. Wie alt warst Du denn, als Du den Vater nahmst?« »Was Du davon verstehst, Kind!« sagte die Mutter ausweichend. »Freilich sind die Männer selbst daran schuld, denn sie sollten vernünftiger sein, als solchen jungen Dingern ihre faden Schmeicheleien vorzuschwatzen, wie es der Herr Referendarius Blaufuß etwa macht; Referendarius – er kann ein Greis sein, ehe er Assessor wird. Das ist die erste Giftsaat, und nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf, das dumm und unerfahren genug war, um all' den Unsinn zu glauben, auch gleich nach der Hochzeit all' die schönen Sachen vergessen und eine tüchtige, nüchterne Hausfrau werden soll. Da war Dein Vater anders.« »Wie war denn der, Mama?« fragte Ottilie schelmisch. »Ja, das möchte ich auch wissen,« sagte der Staatsanwalt, welcher in diesem Augenblick in der Thür erschien und die letzten Worte gehört haben mußte. »Von was sprecht Ihr denn eigentlich?« »Guten Morgen, Papa,« rief Ottilie, ihm entgegenspringend. »Wir sprachen gerade von nichts Besonderem, ich und die Mama – nur vom Heirathen.« »Vom Heirathen?« rief der Vater erstaunt aus, indem er seiner Tochter die Backe zum Kuß hinhielt – »Blödsinn! Du solltest doch gescheidter sein, Therese, als solche Morgengespräche mit dem Kind zu führen. Sie kann noch nicht einmal eine Suppe kochen.« »Hör' einmal, Dietrich,« sagte die Mutter gereizt, »ich denke, ich weiß selber gut genug, über was ich mit dem Kind zu sprechen habe, und brauche Deine Ermahnungen und Rathschläge nicht. Ich setzte ihr eben den Ernst der Angelegenheit auseinander, und dagegen wirst Du hoffentlich nichts einzuwenden haben.« »Ja, Papa,« lächelte Ottilie, »und dann wurde der Vorschlag gemacht, daß sich ein junges Mädchen erst mit achtundzwanzig Jahren verheirathen dürfe, und auch darüber abgestimmt aber der Antrag blieb unentschieden, denn die Stimmen waren getheilt.« »Da hörst Du,« sagte der Staatsanwalt, indem er über die Brille weg nach seiner Frau hinüber sah, »wie die Mamsell den Ernst der Angelegenheit aufgefaßt hat – á prospos, ist noch eine Tasse Kaffee für mich da?« »Gewiß, Papa, die Menge.« »Schön – na, und wie hast Du Dich gestern amüsirt, Tilchen? Wie war der Ball?« »Ach, himmlisch, Papa,« rief das junge Mädchen, bei dem Capitel rasch alles Andere vergessend; »es war wundervoll, und ich werde den Abend in meinem ganzen Leben nicht vergessen!« »In der That? Also das heißt, Du hast ununterbrochen getanzt und nicht ein einziges Mal – geschimmelt – nicht wahr, so nennt Ihr das?« »Nicht ein einziges Mal,« bestätigte ernsthaft Ottilie; »ich habe alle Tänze getanzt, die Extratouren noch gar nicht gerechnet und freue mich jetzt nur auf unsern Ball. Nicht wahr, Papa, bei dem bleibt es doch noch?« Der Staatsanwalt stöhnte recht schmerzlich, denn er wußte, was ihm da bevorstand; seine Frau aber sagte würdevoll: »Das ist ja schon Alles abgemacht und versteht sich von selbst. Wo wir die vielen Einladungen erhalten haben, müssen wir uns ja einmal revanchiren.« »Auch dieser Kelch wird vorübergehen,« nickte der Vater. »Ach, Dietrich,« sagte die Frau, »thu nur nicht so; Du amüsierst Dich gewöhnlich dabei am besten von Allen, und gestern hast Du auch den ganzen Abend Whist gespielt.« »Wenn Du das ein Amüsement nennst, mit dem Rath Frühbach Whist zu spielen, so hast Du Recht. Der Mensch hat keine Idee vom Spiel und thut dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.« »Und die Mama hat sich indessen so gut mit der Frau Räthin unterhalten,« lächelte Ottilie schelmisch. »Allerdings nicht so gut, wie Du Dich mit Deinem Lieutnant,« rief die Mutter; »spotte auch noch, daß ich Dir zu Liebe da geblieben bin!« »Nicht böse, Mütterchen, nicht böse, es war ja gar nicht so gemeint!« »Mit was für einem Lieutenant?« fragte der Vater. »Ach, mit Herrn von Wendelsheim, Papa; er tanzt so wundervoll; Du kennst ja doch den Lieutenant von Wendelsheim?« »Sollte es denken,« sagte der Vater und nickte dabei still vor sich hin; »aber das ist so in der Welt: die fadesten Menschen haben es gewöhnlich am besten in den Füßen.« »Aber er ist gewiß nicht fade, Papa; er sprüht so interessant und versteht Alles so aus dem Grunde.« »So?« sagte der Vater und sah dabei seine Tochter scharf an. »In der That? und über was hat er mit Dir gesprochen, wenn ich fragen darf?« »Ja nun,« erwiderte Ottilie und wurde in dein Augenblick wirklich feuerroth, »eigentlich über Alles. Ueber Concert und Theater, über die jetzigen Moden – über ...« »Pferde,« ergänzte der Staatsanwalt trocken. »Er hat mir allerdings von dem wilden prachtvollen Fuchs erzählt, den er jetzt reitet.« »Und was er kostet ...« »Zweihundert Louisd'or.« »Na ja, so ungefähr meine Gedanken.« »Aber es soll ein prachtvolles Pferd sein!« rief das junge Mädchen. »Nein, ich meine nicht das Pferd, ich meine den Reiter,« sagte der Vater; »aber laß gut sein. Er ist eben nicht anders wie die meisten Uebrigen, und zu einem Abend auf dem Ball mag er ausreichen. Doch ging da nicht eben draußen die Thür?« In dem Augenblicke klopfte es an. »Herein!« »Bitte underthänigst um Escuse, wenn ich etwa stören sollte!« sagte eine etwas scharfe Stimme, und ein Kopf mit rothen Haaren erschien – etwa in der Nähe des Schlosses – in der Thür. »Ah, der Schuhmacher!« rief Ottilie, während ein muthwilliges Lächeln über ihre Zuge blitzte. »Kommen Sie herein, Meister Heßberger; Papa ist gerade hier.« »Mich allergehorsamst zu bedanken,« sagte der Höfliche, indem er, wie er schon vor der Thür gestanden hatte, in's Zimmer trat. »Gelobt sei Jesus Christus – wünsche allerseits einen vergnügten Morgen!« Dabei blitzten die kleinen hellgrauen Augen rasch durch das Zimmer, um zu sehen, wer sich hier befand, und auf den Spitzen der Zehen trat er dann weiter in die Stube hinein. Schuhmachermeister Heßberger war in der That ein wunderlicher Bursche und hatte seine Eigenthümlichkeiten. Von kleiner, untersetzter Gestalt, machte er bei seinem ersten Erscheinen fast stets den Eindruck, als ob ihm der Kopf, den er trug, gar nicht gehöre und er ihn nur aus Versehen heute Morgen aufgesetzt habe. Der Körper war dünn und schmächtig, das Gesicht aber, mit einem tüchtigen Unterkinn daran, sah fett und glänzend aus, mit breitem Mund und etwas aufgestülpter Nase. Das Haar trug er glatt angekämmt à la Napoleon I., nur daß es feuerroth war, und in den Ohren kleine goldene Ringe. Die kaum sichtbaren Augenbrauen waren immer in die Höhe gezogen, und kein Mensch hatte ihn außerdem im Leben lachen sehen. Die Mundwinkel gingen ihm stets nach unten, und er machte permanent ein Gesicht, als ob er auf der Erde innig betrübt wäre und nur zum Trost gen Himmel und nach oben blicke. Er stand auch in der That im ›Geruche der Frömmigkeit‹ und würde nie an einem Sonn- oder Feiertage die Kirche versäumt haben, wo er sich dann jedesmal durch seine gellende Stimme auszeichnete. Er arbeitete übrigens schon seit längeren Jahren für Witte's Familie, und der Staatsanwalt war eigentlich nicht besonders mit ihm zufrieden und würde schon lange einen andern Schuhmacher angenommen haben; Ottilie bat aber immer für ihn, denn sie amüsirte sich so vortrefflich über sein komisches Wesen und seine geschraubten Redensarten. »Entschuldigen Sie, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte auch der Mann jetzt, indem er mit der ernsthaftesten Miene und einer Verbeugung einen Schritt vortrat, »daß ich Ihnen im Neklischeh treffe; aber Sie haben mich rufen lassen, und ich wünschte jetzt den Grund meines Daseins zu wissen.« »Ich habe Sie rufen lassen?« »Ich war's, Papa,« lachte Ottilie; »Herr Heßberger sollte mir ein Paar starke Schuhe anmessen, und da er mir die letzten ein wenig zu eng gemacht, wollt ich gern, daß er noch einmal Maß nähme.« »Mit Plesir, mein Fräulein,« sagte Meister Heßberger, indem er in die Tasche griff und seine hölzernes Maß herausholte; »wenn Sie sich nur gefälligst blasiren wollen, werde ich Ihnen das gleich besorgen.« »Aber nicht wieder so eng, 'Meister,« sagte das junge Mädchen, indem es ihm den kleinen Fuß hinhielt: »die letzten Schuhe haben mir wirklich Streifen gedrückt.« »Soll nicht wieder vorfallen, meine Gnädigste, soll gewiß nicht wieder vorfallen,« versicherte Heßberger. »Also dicke Schuhe wollen Sie haben. Vielleicht mit guten Pertsche-Sohlen?« »Wie Sie es machen wollen. Aber ich fürchte, die Guttapercha-Sohlen lösen sich ab.« »Können sie nicht – können sie bosetief nicht; denn sie werden an den Rändern so hermöglichst verschlossen, daß gar keine Luft zudringen darf.« »Dann nehmen Sie aber nur besseres Oberleder,« sagte die Frau Staatsanwalt, »als zu den letzten Stiefeln meines Mannes; denn schon nach den ersten vierzehn Tagen ging das entzwei, und eigentlich sollte es doch länger halten, als die Sohlen.« »Bei mir nicht, Frau Geheime Staatsanwalt, bei mir nicht,« sagte Heßberger; »denn ich arbeite meine Sohlen so, daß sie gar nicht zerreißen können.« »Sie sind unverbesserlich, Heßberger,« lachte Witte. »Danke ergebenst,« sagte der Meister, indem er wieder aufstand und das Maß in die Tasche schob. »Und wünschen Sie vielleicht Frangsemangs oben drum herum?« »Nein, Meister, ganz einfach, und oben um den Knöchel auch nicht zu weit; ich glaube, das haben Sie noch gar nicht gemessen.« »Ist auch nicht nötig, das sagt mir schon der Instinct, mit Respect zu melden; aber was ich noch fragen wollte: die Schnürbänder doch wieder horizonticulär über den Fuß weg?« »Ganz wie die vorigen.« »Sehr schön. Und der Herr Geheime Staatsanwalt haben nichts auf dem Herzen?« »Nichts weiter, Heßberger, als daß Sie den Unsinn mit »Geheimer« lassen. Wenn ich geheimer Staatsanwalt wäre, könnten Sie es doch nicht wissen.« »Bitte um Escüse, Herr Ge–, Herr Staatsanwalt,« sagte Heßberger. »Wie der Herr Rath Blumfeder, der bei mir im Hause unten wohnt, geheimer wurde, ließ er es den Augenblick in die Zeitungen setzen.« Der Staatsanwalt lachte. »Also Sie befehlen nichts weiter?« »Für heute nichts; und vergessen Sie nicht, wieder die quittirte Rechnung beizulegen, wenn Sie die Stiefeln schicken. Sie wissen, daß ich keine Schulden haben will.« »Sollen bedient werden, Herr Geheimer Staatsanwalt, sollen pünktlich bedient werden. Habe indessen die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen!« Und damit drückte er sich wieder mit einem tiefen Bückling zur Thür hinaus. »Das ist ein zu komischer Kauz,« lachte Ottilie, als er die Thür geschlossen hatte; »und er braucht immer so drollige Ausdrücke. Wenn man nur Alles behalten könnte, was er sagt.« »Ein ganz durchtriebener Halunke ist er, darauf möchte ich meinen Hals verwetten,« sagte der Vater; »und faustdick hat er es hinter den Ohren.« »Ich würde ihn eher für dumm, als durchtrieben halten,« meinte Frau Witte. »Den verkaufe nur nicht für dumm,« nickte ihr Mann; »umsonst liegt der nicht jeden Sonntag in der Kirche.« »Aber daraus willst Du ihm doch keinen Vorwurf machen? Es wäre besser für Dich, wenn Du häufiger gingest.« »Ich kann die Heuchler nicht leiden,« sagte der Staatsanwalt, »und daß sich der Schuhmacher nur fromm stellt, davon bin ich fest überzeugt.« »Und was sollte er dabei haben?« »Wer weiß es. Seine Frau betreibt hier ein sehr einträgliches Geschäft mit Kartenlegen, Krankheiten-Besprechen und anderem Unsinn – wer kann sagen, wie er sie dabei unterstützt? Die Polizei hat dem würdigen Paare nur noch nicht beikommen können; aber aus den Augen werden sie nicht gelassen.« »Und Ihr thut ihm gewiß Unrecht. Er ist so komisch, und wenn er sagt: »Herr Geheimer Staatsanwalt ...« »Das ist eine ganz gemeine Schmeichelei,« erwiderte ärgerlich der Vater, »wie es überhaupt eine Menge von Menschen an sich haben, Leuten, mit denen sie verkehren, und besonders solchen, von denen sie etwas erhoffen, einen höheren Titel beizulegen, als sie wirklich besitzen. Und leider giebt es Schwachköpfe, die sich dadurch geehrt fühlen.« »Du bist wirklich zu hart mit dem armen Heßberger, Papa.« »Glaube aber nicht, daß ich ihm Unrecht thue – hol' ihn der Henker! Ich, für meinen Theil, würde dem Burschen nie über den Weg trauen. Aber weshalb ich eigentlich herüberkam: Ihr kennt doch Alle den Schlosser Baumann, unsern frühern Nachbar? Du hast ja als kleines Mädchen auch immer mit den Baumann'schen Kindern gespielt, und sein ältester Sohn kommt manchmal hier in's Haus.« »Ja, gewiß, Vater,« sagte Ottilie; »er ist Werkführer beim Mechanikus Obrich drüben.« »Wie viel Kinder hat der Baumann?« »Ich weiß es nicht, Vater, ich glaube aber vier.« »Keine Tochter?« »Doch, eine Tochter und, wenn ich nicht irre, drei Söhne.« »Und wie alt ist die Tochter?« »Sie kann kaum über fünf oder sechs Jahre alt sein.« »Also keine ältere Tochter?« »Ich weiß es nicht. Weshalb Papa?« »Ach, es war nur so eine Frage; aber schicke doch einmal nachher die Jette hinüber und laß ihn bitten, zu mir zu kommen. Ich möchte mir einen neuen Schlüssel zu meinem Schreibtisch machen lassen, denn den alten muß ich verkramt haben; ich kann ihn nirgends mehr finden.« »Ja, und ein anderes Schloß an unsern Vorsaal auch, Dietrich,« sagte die Frau; »denn seit mir der Schlüssel damals weggekommen ist, fehlt mir alle Augenblicke etwas. Denke Dir nur, zwei von unseren schweren Eßlöffeln sind fort – ich wollte Dir eigentlich gar nichts davon sagen.« »Ach, die werden sich schon wiederfinden; gestohlen können sie doch nicht gut sein.« »Aber ich weiß nicht wo; alle Kisten und Kästen habe ich schon umgedreht, alle Winkel und Ecken durchsucht.« »Nun gut, schicke nur einmal hinüber zu dem Meister und laß ihm sagen, es wäre mir angenehm, wenn er selber kommen könnte; ich hätte etwas für ihn zu thun.« »Aber unser Schlosser ist eigentlich Weller nebenan.« »Baumann soll sehr geschickt sein, und mein Schloß ist etwas complicirt. Wie alt kann sein Sohn, der Mechanikus, etwa sein?« »Ich weiß es nicht, Papa; vielleicht fünf- oder sechsundzwanzig Jahre. Er trägt einen vollen Bart, da kann man es nie so genau sehen.« »Hm,« sagte der Vater und nickte still und nachdenkend vor sich hin, »das ist doch ein recht ordentlicher Mensch und der alte Baumann ein braver und durchaus rechtlicher Mann.« »Ich habe wenigstens noch nie das Gegentheil gehört,« sagte Frau Witte; »aber er ist entsetzlich roh. Doch paßt das wohl zu seinem Geschäft, und so weit wir mit den Leuten in Berührung kommen, läßt man es sich schon gefallen. Höchstens daß sein Sohn einmal eine Arbeit herüberbringt.« »Ich denke, unser Schlosser ist Weller?« »Nein, vom Mechanikus drüben.« »Und was habt Ihr für Arbeiten beim Mechanikus?« »Du lieber Himmel, Papa,« sagte Ottilie ernsthaft, »in einer Wirthschaft fällt immer Allerlei vor. Bald ist einmal eine Lorgnette zerbrochen oder ein Opernglas muß nachgesehen werden; neulich war erst das Thermometer schadhaft geworden. Und der junge Baumann ist darin wirklich außerordentlich aufmerksam und so gefällig; man kann es gar nicht bequemer wünschen.« »So?« sagte der Vater, dem jedenfalls andere Dinge im Kopf herumgingen. »Aber ich habe zu thun, und wenn ich Euch rathen soll, so macht Ihr auch Eure Toilette; denn es ist spät geworden und könnten doch einige Ballbesuche kommen, mit denen ich wenigstens verschont bleiben möchte. Vergiß nur nicht, nach dem Schlosser zu schicken.« Der Vater ging in sein Zimmer hinüber, und die Mutter hatte sich noch behaglich in die Sophaecke gedrückt, um vorher in aller Ruhe das Morgenblatt zu lesen. Ottilie schickte, dem Auftrage des Vaters folgend, das Mädchen fort und schritt dann eben über den Vorplatz hinüber ihrem eigenen Zimmer zu, als es klingelte. Sie öffnete selber, denn ein Besuch konnte es nicht sein. »Ah, Herr Baumann,« sagte sie, halb erröthend, als sie den Außenstehenden erkannte und wußte, daß sie eben erst über ihn gesprochen. »Fräulein Witte,« erwiderte der junge Mann, der in seiner Arbeitstracht an der Treppe stand, »ich habe mir erlaubt, Ihnen das Lorgnon selber herüber zu tragen, da ich glaubte, daß Sie es vielleicht brauchen würden. Ich hoffe, es soll jetzt besser halten, als früher; ich habe es selber reparirt. Das Thermometer werde ich Ihnen auch bald bringen.« »Ich danke Ihnen sehr, Herr Baumann,« sagte Ottilie und wurde noch verlegener, denn der junge Mann sah sie mit einem so eigenthümlichen Blick an. »Und was – was habe im Ihnen dafür zu zahlen?« Wie Purpur zuckte es über das offene Gesicht des jungen Handwerkers und er zögerte mit der Antwort. »Ich hoffe,« sagte er endlich, »Sie werden die Kleinigkeit nicht erwähnen; es war eine Feierabends-Arbeit.« »Aber das kann ich nicht annehmen,« stotterte Ottilie; »bitte, sagen Sie mir, was ich schuldig bin.« »Nun denn, wenn Sie es nicht anders wollen – einen Groschen.« »Einen Groschen? Die ganze Schale war zerbrochen!« »Mein Fräulein, ich muß selber am besten wissen, was meine Arbeit werth ist. Ich habe nicht mehr verdient und kann also auch nicht mehr dafür nehmen.« »Aber ich kann doch nicht wagen, Ihnen einen Groschen ...« »Sie wollten mich ja absolut bezahlen, Fräulein; ich bitte also deshalb um einen Groschen.« Ottilie war jetzt noch viel verlegener geworden, als vorher; aber sie konnte nun auch nicht mehr zurück. Sie wußte wenigstens im Augenblick nicht, wie sie sich helfen sollte, griff deshalb in die Tasche und gab dem jungen Mann den Groschen, den er lächelnd und mit leisem Danke nahm. »Den werde ich mir zum Andenken aufheben, Fräulein Ottilie,« sagte er dabei, drehte sich ab und sprang die Treppe hinunter. 2. Die Bewohner von Schloß Wendelsheim. Draußen vor Alburg, kaum eine halbe Stunde Weges von der Stadt entfernt, lag das Rittergut des Freiherrn von Wendelsheim in einem reizenden, von prachtvollen Buchen und Linden bewachsenen Thale. Das alte Stammschloß der Familie, die sogenannte Wendelsburg, stand allerdings auf dem nächsten Felsenhügel, oder hatte vielmehr dort in früheren Jahrhunderten gestanden, denn ihr Glanz war lange gesunken und nur aus leeren Fensterhöhlen starrte sie jetzt in ihren Trümmern melancholisch und unheimlich auf das freundliche Landschaftsbild zu ihren Füßen nieder. So stand die alte Wendelsburg aber schon lange. Ein Raubritter sollte dort zuletzt gehaust und dermaßen gewirthschaftet haben, daß es der Landesherr zuletzt nicht mehr mit ansehen konnte und durfte und seine Mannen gegen das Diebesnest sandte. Die stürmten es denn auch und räumten gründlich auf. Was aus dem Herrn der Burg wurde, weiß man nicht; vielleicht fiel er in der Vertheidigung des Schlosses, vielleicht zog er mit den Kreuzfahrern in das gelobte Land, Die Burg aber ward zerstört; die einzelnen, von den Mauern niedergeschleuderten Steinbrocken lagen noch jetzt hier und da am Bergeshange in Schlucht und Ravine, und nur die leeren Mauern der Wohngebäude blieben stehen und fast ein Jahrhundert lang unbenutzt. Endlich ließen sich wieder Abkömmlinge jenes alten Geschlechts, die sich mit den Reichsfürsten ausgesöhnt haben mochten, dort nieder; aber nicht in der alten Burg selber, die ihnen doch wohl zu steil und unbequem liegen mochte. Auf dem schmalen Felsenkamm hätte auch nicht einmal ein Garten Platz gefunden, während das Thal selber wie gemacht zu einer herrschaftlichen Wohnung schien. Dort bauten sich denn auch die Herren von Wendelsheim an – großartig, wie sich nicht leugnen läßt, denn einige Zweige der Familie waren enorm reich – mit weiten Gehöften, Stallungen und einem palastartigen Wohngebäude. Auch ein herrlicher Park, gefüllt mit edlem Wild, umschloß das Ganze, und ein Fürst hätte sich dort behaglich fühlen können. Ob nun aber schon der erste Erbauer durch die vielleicht zu großartigen Anlagen in Schulden gerieth, oder ob seine späteren Nachkömmlinge das vorhandene Vermögen etwas scharf in Angriff nahmen, kurz, die Wendelsheim, die von jeher sehr viel Geld verbraucht, gingen in den auf einander folgenden Geschlechtern zurück und schienen genöthigt zu werden, sich mehr und mehr einzuschränken. Wenn noch im vorigen Jahrhundert ein wahrer Troß von Dienern die inneren Räume des großen Schlosses belebt hatte, wenn lustige Cavalcaden von Herren und Damen draußen im Park dem edlen Waidwerk oblagen und manchen braven Hirsch zu Tode hetzten, wonach dann bis spät in die Nacht dauernde Gelage das Siegeswerk feierten, so wurden derlei Dinge jetzt wohl auch noch ausgeführt, aber nur en miniature. Der alle Freiherr setzte sich, von einem einzigen Reitknecht und dem Revierförster zu Fuße begleitet, auf einen alten Klepper, der das Schießen gut vertragen konnte, und ritt pirschen, und Abends trank er dann, wenn auch gerade keinen Humpen, so doch eine halbe Flasche Landwein, und legte sich früh schlafen. Er konnte das lange Aufsitzen nicht mehr vertragen. Auch mit dem Schlosse selber war eine sichtbare Veränderung vorgegangen, und zwar nicht zum Besseren. Die großen Räumlichkeiten wurden nicht mehr gebraucht, zwei Drittel der Stallungen standen schon ohnedies leer, und das eigentliche, drei Etagen umfassende Schloß, das sonst wohl manchmal bis unter den Giebel von Gästen und ihrer Dienerschaft angefüllt gewesen, zeigte nur zu deutliche Spuren des langsamen Verfalles. Es hätte auch in der That viel Geld und eine weit größere Dienerschaft, als sie die jetzigen Besitzer hielten, erfordert, um die Gebäude alle in Stand zu halten – und wozu? Die erste Etage mit den unteren Räumen für Küche und andere häusliche Zwecke genügte vollkommen und stand noch in zwar verblichener, aber doch alter Pracht. Von den übrigen Gemächern wurden aber nur wenige dann und wann zu Fremdenzimmern benutzt, und die beiden Flügel blieben ganz leer; ja, zerbrochene und mit Spinngeweben überzogene Fensterscheiben zeigten sogar, daß sie gar nicht mehr betreten wurden. Nur die oberen Etagen waren zu Kornböden eingerichtet worden, und dazu besaß der Verwalter den Schlüssel. Die Herrschaft kam nie mehr hinüber, den alten Freiherrn ausgenommen, der manchmal dort hinaufstieg, um den Kopf zu schütteln, daß die aufgerichteten Getreidehaufen in ihrer Quantität die Summe nicht repräsentirten, die er nothwendig dafür brauchte. Trotz alledem wurde die äußere Form eines vornehmen Haushalts nach besten Kräften aufrecht erhalten. Der Freiherr von Wendelsheim war zugleich Kammerherr des Königs und als solcher, wenn auch im Sommer selten in Anspruch genommen, doch verpflichtet, den Winter in der Residenz zuzubringen. Dort machte er aber kein eigenes Haus, sondern begnügte sich mit seiner Dienstwohnung im Palais, während daheim auf Schloß Wendelsheim seine unverehelicht gebliebene Schwester Aurelia die Oberleitung der ganzen Wirtschaft mit eisernem Scepter führte. Der Freiherr hatte zwei Söhne, von denen der älteste – jetzt fast vierundzwanzig Jahre alt – Lieutenant war, während der jüngste – ein zarter Knabe von kaum etwas mehr als siebzehn Jahren – seines sehr leidenden Körpers wegen in den letzten Jahren sogar seine Studien hatte unterbrechen müssen und hier auf dem Schlosse, in der milden und freien Luft, nur seiner Gesundheit lebte. Aber es war eigentlich ein trauriges Leben auf Schloß Wendelsheim, und besonders seit die Freifrau einige Jahre nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes gestorben, schien es, als ob der Frohsinn die alten Mauern gründlich verlassen habe und nur noch bei dem Freiherrn und dessen Schwester das Bewußtsein ihres Ranges und Standes mit Stolz und Härte genug zurückgeblieben wäre, um eine dreifache Anzahl von Dienstleuten, als sich jetzt im Schlosse befand, mürrisch zu erhalten und unbehaglich zu machen. Wenn aber auch die Vermögensverhältnisse des Freiherrn jetzt ziemlich gedrückter Art waren und er bedeutende Schulden machen müßte, um nur standesgemäß leben zu können, so bekam er trotzdem überall geborgt und wußte auch, daß sich sogar in allernächster Zeit seine Vermögensverhältnisse, oder die des Hauses wenigstens, glänzend verbessern, ja wie ein Phönix aus der Asche erstehen würden. Mit dem Geburtstage seines ältesten Sohnes, des Lieutenants nämlich, der in kaum zwei Monaten herannahte, wurde eine außerordentlich bedeutende Erbschaft für diesen fällig, die eigens dazu bestimmt worden, den alten Glanz des Hauses Wendelsheim wieder neu zu beleben. Der letzte Abkömmling einer der Hauptlinien hatte diese Erbschaft ausgesetzt, aber mit einer eigentümlichen Nebenbestimmung. Beide Vettern, jener alte General von Wendelsheim und unser alter Freiherr, hatten eigentlich nie in gutem Vernehmen mitsammen gestanden, ja, sich sogar gründlich gehaßt und dieser Gefühle auch nie groß Hehl gehabt. Bruno von Wendelsheim aber, wie der General hieß, war, bei einem enormen Reichthum, unvermählt geblieben, ja sogar ein Weiberhasser, und hing nur mit all' der zähen Liebe und Verehrung, deren er fähig war, an seinem alten Stammbaum, an dem Glänze und Ruhme derer von Wendelsheim, und doch drohte das ganze Geschlecht auszusterben, denn unser Freiherr war damals der Letzte des Namens und, obgleich schon fünf Jahre vermählt, doch ohne Leibeserben. Da bezwang der alte General auf seinem Sterbebette den Haß, den er gegen die Person des Vetters vielleicht gefühlt, und nur noch in ihm den alleinigen Träger des Namens sehend, setzte er wenige Tage vor seinem Tode ein Testament zu dessen Gunsten auf. Er wußte, in welch' zerrütteten Vermögensverhältnissen sich jener Zweig der Familie schon damals befand, und wenn ihm auch nichts daran lag, dem Vetter selber aus der Verlegenheit zu helfen, sollten doch die Erben des Namens wenigstens nicht mit einer solchen Misère zu kämpfen haben. Das Testament lautete aber vorsichtiger Weise nur auf einen männlichen Erben des Hauses Wendelsheim, der aber auch erst, wenn er das vierundzwanzigste Jahr erreicht hätte, die damals für ihn verzinslich angelegte Summe von zweihunderttausend Thalern ausgezahlt erhalten solle. Bekam der Baron von Wendelsheim mehrere Söhne, so blieb dieses Capital trotzdem nur für den ältesten bestimmt und ging erst nach dessen Tode, wenn er ohne Söhne starb, an den zweiten über. Bekam der Baron dagegen keine Kinder, oder nur Mädchen, so sollte er nicht einen Pfennig von der Summe erhalten, denn diese konnten den alten Namen nicht fortpflanzen. Fünfzigtausend Thaler waren in diesem Falle einem sehr weitläufigen Verwandten und damals sehr lockern Officier, einem Herrn von Halsen, ausgesetzt, und mit dem Rest, von dem indessen Zins zu Zins geschlagen wurde, sollte ein Stift für adlige Fräulein gegründet werden. Bekam der Freiherr dagegen Knaben, so sollte er schon insofern früher eine theilweise Nutznießung der Zinsen haben, als er vom zwölften Jahre des Erstgeborenen an jährlich für dessen Erziehung zweitausend Thaler erheben konnte. Freiherr von Wendelsheim wurde nach dem Tode seines Vetters mit dem Inhalt dieses Testaments bekannt gemacht und allerdings sehr freudig überrascht. Mit um so größerer Angst sah er nun aber auch dem Zeitpunkt entgegen, der seine frohesten Hoffnungen verwirklichen sollte und einzutreten versprach: nämlich die Geburt eines Kindes. Aber Alles hing natürlich davon ab, daß es ein Knabe sei, denn bei der Geburt einer Tochter änderte sich in seinen Vermögensumständen nichts; er blieb nach wie vor auf seine eigenen, sehr reducirten Mittel angewiesen und ihm schließlich, wenn kein Sohn nachkam, nichts weiter übrig, als die Tochter in das nämliche Stift zu thun, das sein Vetter mit dem ihm entzogener Gelde gegründet haben wollte. Damals sollte er sich auch in einer furchtbaren Aufregung befunden haben und halbe Nächte nicht vom Pferde gekommen sein. Aber er hatte sich umsonst geängstigt. Die so heiß ersehnte und gefürchtete Stunde brach endlich an, und lauter Jubel weckte plötzlich mitten in der Nacht die Dienerschaft, denn der erwartete Erbe, ein prächtiger, dicker Junge, war erschienen und schrie lustig in die ihm noch fremde Welt hinein. Das war ein Jubel im Hause: der Champagner floß und die Dienerschaft bekränzte am folgenden Morgen das ganze herrschaftliche Schloß mit grünen Guirlanden und Blumen. Ja, der Schulmeister aus dem Dorfe Wendelsheim rückte sogar mit der ganzen Schuljugend hinauf auf's Schloß, ließ die Jungen einen Choral absingen, als ob sie eine Leiche zu Grabe trügen, und zog sich dann wieder, Taschen und Hut voll von noch dampfendem, warmen Kuchen gestopft, in die Stille des Alltagslebens zurück. Der Knabe wuchs und gedieh. Es war anfangs ein bildhübsches Kind gewesen, aber er entwickelte sich später etwas derber und knochiger, wie man das ja wohl häufig bei auffallend hübschen Kindern hat, daß sie nicht immer halten, was sie versprechen. Die Eltern aber hingen mit größerer Liebe an dem Knaben, als sich die Hoffnung, einen zweiten Sohn und Erben zu erhalten, immer weiter hinausschob. Daß dabei im Publikum, mit der eigenthümlichen Erbschaft zusammenhängend, anfangs ganz sonderbare Gerüchte auftauchten, läßt sich denken. Auf die Aussagen verschiedener Leute im Schlosse fußend, wurde behauptet, mit dem Erben sei nicht Alles so recht und richtig zugegangen. Es wäre eigentlich ein Mädchen gewesen, und der alte Baron hätte dafür gesorgt, daß er sich die Erbschaft trotzdem sicherte. Aber es war in all' den Gerüchten keine feste Basis, und das Meiste beschränkte sich nur auf Hörensagen. Der Verdacht war allerdings da; man traute dem Baron etwas Aehnliches zu, aber die Beweise fehlten, und wie sich diese Gerüchte ein paar Monate gehalten und das stehende Thema aller Kaffeegesellschaften gebildet hatten, verschwanden sie, wie sie gekommen. Zuletzt sprach kein Mensch mehr davon, und als sechs und ein halb Jahr später die Baronin noch einem zweiten Knaben das Leben gab, zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen überhaupt in Nichts. Leider kränkelte von da ab die Baronin selber unaufhörlich, und wenn es auch manchmal schien, als ob sie wieder hergestellt werden könne, war das nur immer ein Aufflackern der Lebenskräfte. Benno hatte noch nicht sein viertes Jahr erreicht, als sie ihrer unheilbaren Krankheit erlag. Nun ist es allerdings ein sehr natürlich Ding, daß Eltern nur zu sehr geneigt sind, das jüngste Kind etwas zu verwöhnen und ihm anscheinend ihre ganze Liebe zuzuwenden. Das Kleine ist ja auch immer das Niedlichste und erfordert die meiste Sorge und Pflege, und wir geben uns am liebsten und häufigsten mit ihm ab. Auffallend aber war doch, wie der Vater von dem Augenblick an, wo er seinen jüngsten Sohn auf dem Arm schaukelte, den Erstgeborenen vernachlässigte und sich fast gar nicht um dessen Erziehung kümmerte. Das jüngste und allerdings sehr zarte Kind ließ er fast nicht aus den Augen und wachte mit ordentlich mütterlicher Sorgfalt über ihn. Der Aelteste dagegen mochte thun, was er eben wollte, er ließ ihm ganz seinen eigenen Weg. Bruno wuchs demnach ganz allein, seinen eben nicht glänzenden Anlagen überlassen, ziemlich wild und ungehindert auf. Zur Musik zeigte er entschiedenes Talent, zu weiter nichts, und als die Frage endlich an den Vater herantrat, was einmal aus ihm werden sollte, wurde er in die große Versorgungsanstalt für adelige Kinder, in ein Cadettenhaus gesteckt. Benno, der zweite Sohn, wuchs indessen ebenfalls heran; aber es war in der That nur ein Angstkind und sein kleiner Körper so empfänglich für die geringsten Einflüsse, daß er fast keine gesunde Stunde hatte. Ob man es vielleicht mit allzu großer Pflege versehen, läßt sich nicht sagen; aber während Bruno draußen im Wind und Wetter herumtollte, wenn er einmal nach Hause kam, des Vaters wildestes Pferd ritt, oder Nächte durch draußen im Wald auf dem Anstande lag, mußte Benno wie ein rohes Ei vor jedem rauhen Luftzug gehütet werden. Merkwürdig stach außerdem Benno's zarter, von lichtblauen Adern durchzogener Teint, das bleiche Antlitz mit den großen, dunkeln Augen und den wirklich edlen Zügen gegen das kräftige, sonnverbrannte Gesicht des Bruders ab, der außerdem noch blaue Augen und eine etwas stumpfe Nase hatte. Die beiden Brüder sahen sich überhaupt gar nicht ähnlich, wenn sie sich auch herzlich lieb hatten, und waren auch in ihren Neigungen ganz verschieden. Bruno fand weniger Freude am Soldatenstande als an der Oekonomie, für welche er schon von früher Jugend an eine Vorliebe zeigte. Benno dagegen, vielleicht auch durch seinen kränklichen Körper darauf angewiesen, warf sich mit größter Liebe auf die Wissenschaften, und darunter besonders auf physikalische und mathematische Werke. Er schien darin nur eine Leidenschaft seines Großvaters geerbt zu haben, der sich ebenfalls mit der Mathemathik viel beschäftigt und eine Masse von ihm benutzter Instrumente noch hinterlassen hatte. So wuchsen die Brüder heran, und der Zeitpunkt war schon auf wenige Monate, ja fast auf Wochen nahe gerückt, wo Bruno, als der älteste Sohn oder Erstgeborene, die indessen durch Zins und Zinseszins bedeutend angewachsene Erbschaft erheben sollte. Es schien ja auch allen Bedingungen genügt, und Vater und Sohn wünschten den Tag sehnlichst herbei, denn beide hatten nicht gering auf ihn gesündigt. Du lieber Gott, wie viel Geld braucht denn nicht allein ein adeliger Lieutenant, wenn er auf der Welt nichts weiter zu thun, als einen alten Namen zu repräsentiren hat! Benno's Zustand verschlimmerte sich dagegen mit jedem Tage, und wenn man gehofft hatte, daß er in einem mehr reifen Alter die Kränklichkeitskeime abschütteln würde, so zeigte sich leider nur zu bald das Gegentheil. Der Arzt hatte die Krankheit für einen Herzfehler erklärt, und sie schien, anstatt sich zu heben, einen immer drohenderen Charakter anzunehmen. Sein Vater und selbst die Tante, oder das »gnädige Fräulein«, wie sie im Schlosse genannt wurde, pflegten ihn allerdings nach besten Kräften und thaten, was sie ihm nur an den Augen absehen konnten, aber Benno erwiderte die Liebe kaum, die sie ihm entgegenbrachten. Des Vaters hastiger, unruhiger Charakter sagte dem kranken Knaben nicht zu, und die Tante nun gar, die keinem Menschen auf der Welt, ihn vielleicht ausgenommen, ein freundliches Wort gönnte, vermochte nicht, ihn an sich zu gewöhnen. Die Einzige im ganzen öden Schlosse, bei deren Erscheinen ein Lächeln seine Züge überflog, und der er traurig nachsah, wenn sie ging, war ein junges Mädchen, eine weitläufige Verwandte, die seine Mutter noch als kleines Kind zu sich genommen und der jetzt seine Hauptpflege übergeben worden. Kathinka von Stromsee, in ziemlich gleichem Alter mit Benno, dem jüngsten Sohne, war eigentlich dessen Cousine, wenn auch die Familie Wendelsheim nie etwas von der Verwandtschaft wissen wollte. Ein Neffe des alten Barons, der Sohn seiner älteren, längst verstorbenen Schwester, ein von Stromsee, hatte nämlich den furchtbaren Mißgriff begangen, mit selbst keinem Vermögen, ein blutarmes, bürgerliches Mädchen zu heirathen, welcher Mesalliance dann glücklicher Weise nur diese einzige Tochter entsproß. Die beiden Eltern starben auch bald nachher, und Frau von Wendelsheim setzte es gegen ihre Schwägerin durch, die Waise in ihre Familie aufzunehmen. Fräulein von Wendelsheim war aber vom ersten Augenblick an gegen das Kind gewesen und würde ihren Bruder nach der Baronin Tode sicher bewogen haben, die Kleine wieder fortzuthun, wenn sich nicht Benno so sehr an sie gewöhnt hätte. Er war unglücklich, sobald er die kleine Spielgefährtin nur auf eine Secunde missen sollte, und der Baron selber, der Alles für den Knaben that, duldete deshalb nicht, daß sie aus dem Hause gestoßen wurde. Er blieb auch ziemlich gut mit ihr, aber Kathinka konnte sich dagegen nicht rühmen, je nur einen freundlichen Blick von der Tante gesehen zu haben, die sie von Grund auf zu hassen schien, und doch hatte ihr das Kind nie etwas zu Leide gethan. Es lag das im Charakter des »gnädigen« Fräuleins, und ließ sich eben nicht ändern. So blieb Kathinka allerdings im Schlosse, verlebte dort aber auch eine traurige, trostlose Jugend. Zuerst nahm sie an den Unterrichtsstunden Benno's Theil und war seine Gespielin, dann wurde sie seine Pflegerin, ja, endlich nur die Krankenwärterin des armen, dahinsiechenden Knaben, aber auch zugleich seine treueste Freundin und Vertraute. War kein Mensch im Stande, ihn von seinen anstrengenden Studien und Büchern wegzubringen, selbst nicht sein Vater, so brauchte Kathinka nur ihren Strohhut aufzusetzen und zu sagen: »Nun, wie ist's, Benno, wollen wir einen kleinen Spaziergang machen? Ich muß nach unseren Rosen sehen,« dann warf er den Band, den er gerade in Händen hielt, rasch bei Seite, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe, und schritt mit einem glücklichen Lächeln an ihrer Seite durch die schattigen Laubgänge des Parkes. Nach solchen Spaziergängen fühlte er sich auch immer viel wohler, jedenfalls heiterer, und der darüber befragte Arzt rieth ihm, diese Zerstreuung unter jeder Bedingung zu erhalten. Er wisse nichts, was wohlthätiger auf ihn wirken könne. Benno, so jung er war, beschäftigte sich sehr gern mit physikalischen Arbeiten; er hatte sich auch mit Hülfe eines Technikers aus der Stadt – unseres jungen Bekannten Baumann –, der manchmal herauskam, um ihm Anleitung zu gehen, eine kleine Elektrisirmaschine selber gebaut und war jetzt wieder dabei, einen Luftballon mit Centrifugal-Flugmaschine herzustellen. Freilich konnte er die dazu nöthigen feineren und sehr genau zu arbeitenden Theile nicht allein bewältigen, und Fritz Baumann half ihm da, wo es nur irgend seine Zeit erlaubte, mit wirklich aufopfernder Geduld. Baumann hatte aber auch nicht allein bald den sehr bösartigen und vielleicht drohenden Charakter von Benno's Krankheit erkannt, sondern er fand in der That selber Freude an den oft sogar geistreichen Versuchen des Knaben, und verbrachte manchen ganzen Sonntag uns Schloß Wendelsheim. Die »gnädige« Tante gestattete aber natürlich nie, daß er mit am Herrentische aß – der war nicht für Bürgerliche und noch dazu für Handwerker, sondern er wurde, wie auch Benno dagegen bat, jedesmal auf den Verwalter angewiesen, gewissermaßen an die »Marschallstafel«. Bei solchen Besuchen unterstützte er den kranken Knaben aber nicht allein in seinen Arbeiten und experimentirte mit ihm, sondern er gab ihm auch zugleich manche werthvolle Anleitung, wie er sich Kleinigkeiten mit leichter Mühe herstellen konnte, und Benno fand eine unendliche Freude daran. So war er auch heute wieder herausgekommen, um Benno eine von diesem selber entworfene und angefangene Arbeit zu bringen: einen Mechanismus, der die genaue Bewegung des Mondes um die Erde darstellen sollte. Wie er aber das Schloß betrat, hörte er eine scharfe, keifende Stimme; das konnte nur die des gnädigen Fräuleins sein, und er blieb zögernd stehen. Er wußte nicht, sollte er trotzdem hinausgehen oder lieber einen günstigeren Zeitpunkt abwarten, denn obgleich ihm die »Tante« gerade nichts zu befehlen hatte, theilte er doch unwillkürlich die Furcht oder Scheu vor ihr, die fast das ganze Schloß erfüllte. Wie er noch so dastand, kam Kathinka die Treppe herunter und glitt mit einem schüchternen Gruße hastig an ihm vorüber in die Wirthschaftsräume. Es konnte ihm nicht entgehen, daß sie geweint hatte oder noch weine, wenn sie ihr Gesicht auch von ihm abdrehte. Ein einzelner fallender und in der Sonne blitzender Tropfen verrieth Alles. »Armes Mädchen,« murmelte er leise vor sich hin, »Du hast auch einen schweren Stand in diesem Hause, und ich möchte nicht an Deiner Stelle sein! Daß vornehme Leute nur so selten wissen, wie solch einem armen Wesen unter fremden Menschen zu Muthe sein muß – oder ob sie's wissen und es nur nicht wissen wollen? Die Tante sähe mir etwa gerade darnach aus. Himmel, ist das ein Drache!« Er wollte langsam und ganz in seine Gedanken vertieft die Treppe hinaufsteigen, denn das Keifen oben hatte aufgehört, als einer der Diener unten aus der Küche kam und ihm zurief, der junge gnädige Herr sei im Garten in der Weinlaube. Kathinka mußte den Boten gesandt haben, um ihm die Treppe zu ersparen. Er dankte dem Manne, der sich aber schon nicht weiter um ihn kümmerte, denn was ging ihn der Handwerker an, und schritt dann rasch in den Garten und der bekannten Stelle zu, wo er auch Benno zwischen seinen Büchern und Instrumenten traf. Benno's ganzes Gesicht leuchtete, als er ihn kommen sah, und Fritz Baumann mußte sich jetzt zu ihm setzen, damit er die gebrachte Arbeit genau prüfen konnte. Fritz erklärte ihm dabei eine kleine, nur unwesentliche Aenderung, wie er sagte, die er für nöthig befunden und die nur das Arbeiten des Werkes erleichtere, in Wahrheit es aber nur allein möglich machte, und Benno war glücklich darüber und schien auch heute wohler und lebendiger, als seit langer Zeit. Er plauderte und erzählte dem jungen Manne noch von einer Menge seiner Pläne und merkte gar nicht, daß Kathinka endlich mit seinem gewöhnlichen Getränk selber herausgekommen war, um ihn dann zu seinem vom Arzte vorgeschriebenen Spaziergange abzurufen »Spazierengehen? Ja, liebe Kathinka,« sagte Benno, »recht gern, aber was fange ich indessen mit diesem kleinen Kunstwerk an?« »Kann das nicht so lange hier stehen bleiben?« »Daß mir der Gärtnerbursche wieder, wie neulich einmal, seine dicken Finger dazwischen steckt und etwas verdirbt, nicht wahr?« rief Benno rasch. »Dann will ich es lieber rasch hinauftragen,« erbot sich das junge Mädchen. »Meine liebe Kathinka,« sagte Benno kopfschüttelnd, »das ist mein Steckenpferd, und das vertraue ich nicht einmal Dir an. Wenn Du fielst und es zerbrächst, wäre mir die ganze Freude verdorben. Ich trage es selber hinauf. Warten Sie hier nur einen Augenblick, Baumann; ich bin gleich wieder bei Ihnen und bringe dann auch den Gartenschlüssel mit, daß wir Sie hinten hinauslassen können; Sie ersparen dadurch einen Umweg.« Und ohne eine Einrede zu gestatten, nahm er mit sorglicher Hand das Räderwerk und schritt rasch durch den Garten dem Schlosse zu. Die beiden jungen Leute folgten ihm. Jedes seinen eigenen Gedanken nachhängend, mit den Augen. Endlich sagte Baumann, aber fast mehr zu sich selbst als zu der neben ihm Stehenden redend: »Armer junger Mann, so reich begabt, so gut und so unglücklich!« »Ja, er ist wirklich gut und unglücklich,« seufzte Kathinka, »denn ich fürchte das Schlimmste für ihn!« »Und glauben Sie nicht, Fräulein, daß er geheilt werden könnte, vielleicht durch eine Luftveränderung?« »Ich weiß es nicht; aber der Arzt sieht ihn immer so mitleidig an und hat ihm in der letzten Zeit wieder so Vieles erlaubt, was ihm sonst streng verboten war – das ist kein gutes Zeichen.« »Und Sie sind immer so gut mit ihm und geben sich so viele Mühe ...« »Ich wollte, ich könnte mehr für ihn thun,« sagte Kathinka herzlich, »und wenn er stirbt, werde ich ihn wie meinen Bruder betrauern.« »Und Sie Beide haben keine Mutter!« sagte Baumann fast unwillkürlich, denn er dachte an die rauhen Worte, die er vorhin im Schlosse gehört, bereute aber augenblicklich das Gesprochene, als er sah, welch ein wehmütiger Ausdruck sich über Kathinka's Züge legte. Er setzte auch rasch hinzu: »Ich habe Ihnen nicht weh thun wollen, liebes Fräulein, seien Sie mir nicht böse.« »Gewiß nicht, ich weiß es,« erwiderte Kathinka leise; »aber da kommt der Baron schon wieder zurück,« fuhr sie rasch und augenscheinlich erfreut, das Gespräch abbrechen zu können, fort. »Wie schnell er gegangen sein muß! Er fühlt sich heute doch viel kräftiger! Gott gebe nur, daß es so bleibt!« Benno kehrte zurück. Er sah in der That heute viel wohler aus, als in den letzten Tagen; sein sonst so bleiches, wachsähnliches Gesicht hatte Farbe und das Auge einen viel gesünderen und natürlichen Glanz. Er nahm auch ohne Weiteres, wie stets gewohnt, Kathinka's Arm und sagte fröhlich: »So, und nun gehen wir langsam durch den Park der Hinterpforte zu; von dort aus schneiden Sie den ganzen langen und häßlichen Weg durch das Dorf ab, Baumann, und haben gar nicht mehr so weit in die Stadt. Aber wann kommen Sie wieder heraus?« »Sobald ich irgend kann, Herr Baron, gewiß.« »Aber spätestens am Sonntag. Ich möchte Sie so gern dabei haben, wenn ich meine kleine Maschine arbeiten lasse. Die Kathinka versteht eben gar nichts davon und freut sich nicht halb so viel darüber, als ich gern möchte.« »Ich freue mich, ja gewiß, wenn ich sehe, daß es Dir Freude macht, Benno.« »Ja, nur mir zu Liebe,« sagte Benno mit einem fast noch kindlichen Schmollen, »aber nicht über die Sache selber. Das habe ich wohl gemerkt.« »Aber ich verstehe es ja auch nicht, lieber Benno; ich bin solch ein armes, unwissendes und dummes Ding.« »Glauben Sie es ihr nicht, Baumann, das ist nicht wahr,« sagte Benno schnell. »Sie ist gar nicht so dumm und versieht Manches so gut, daß ich selber oft darüber erstaunt bin. Aber sie zankt immer mit mir, wenn ich einmal ein wenig lange bei meinen Berechnungen gesessen habe, und will mir nicht Recht geben, daß das meine größte Erholung ist.« »Aber der Arzt hat es Ihnen doch auch verboten,« sagte Baumann. »Ach was, der Arzt!« rief Benno heftig. »Der glaubt auch, daß ich krank, ganz gefährlich krank wäre! Aber es ist gar nicht wahr! Ich fühle mich heute so wohl und leicht, daß ich tanzen möchte.« »Gott gebe, daß es immer so bleibt!« »Es wird schon. Sie sollen einmal sehen, Baumann, was wir Beide noch Alles zusammen bauen werden, und wenn Sie erst selbstständig sind, haben Sie auch nachher mehr freie Zeit. Nicht wahr, das geschieht bald?« »In den nächsten Tagen, hoffe ich.« »Das ist herrlich – aber hier ist die Pforte. So, nun machen Sie, daß Sie wieder in Ihr Joch kommen, und tausend Dank noch für Ihre Freundlichkeit.« Er ließ ihn hinaus und schloß die Pforte wieder, und als Baumann zurückschaute, sah er, wie Benno, lebhaft plaudernd, am Arme seiner jungen Führerin durch den Park schritt, und noch wie sie schon hinter dem Gebüsch verschwunden waren, hörte er sein fröhliches Lachen. 3. Ein unbequemer Besuch. Der alte Freiherr von Wendelsheim ging eben in seinem »Studirzimmer«, das er aber kaum je zu dem Zwecke benutze, auf und ab und rauchte dazu aus einer langen Pfeife mit Meerschaumkopf. Es war eine hohe Gestalt, nur mit etwas schwammigem Oberkörper und eben nicht besonders ansprechender Physiognomie, obgleich er einmal ein schöner Mann gewesen sein mußte; aber das Alter rückte früh an ihn heran. Die schon etwas in's Graue spielenden Haare wurden um die fast zu flache Stirn schon dünn und spärlich, und die kleinen dunkeln Augen kniff er, nach einer häßlichen Gewohnheit, nur noch mehr zusammen. Er sah auch nie den, mit dem er gerade sprach, fest an, sondern fuhr mit den Blicken unstät über dessen ganzen Körper oder bald da, bald dort in die Stubenecken hinein, als ob er etwas suche. Uebrigens galt er für einen ächten Cavalier von sogenanntem »alten Schrot und Korn« und war jedenfalls ein ausgeschulter Hofmann, wenn er auch selbst dort manchmal mit einer gewissen Derbheit kokettirte. Allerdings sollte er früher viele gute gesellige Eigenschaften und besonders einen trocknen, wenn auch etwas bittern Humor besessen haben; jetzt war der freilich verschwunden oder doch wenigstens bei Seite gestellt, denn er verließ das Schloß selten oder nie, so lange er seinen Wohnsitz dort hatte, und in dem Schlosse, mit der bissigen Schwester zur täglichen Gesellschafterin, mußte der Humor wohl weichen, und wenn es der vorzüglichste gewesen wäre. Man konnte aber auch nicht sagen, daß er gerade mürrisch oder verdrießlich sei; er ließ die Welt eben an sich kommen und schien nur dem fast unmittelbar bevorstehenden Zeitpunkt entgegen zu harren, wo die Erbschaft ausbezahlt und damit auch zugleich die Schuldenlast getilgt wurde, die ihn jetzt zu Zeiten drückte. Heute zogen sich aber, ganz ungleich anderen Tagen, finstere Wolken über seine Stirn, denn rechts in einem der Fauteuils lehnte sich, mit der Reitpeitsche die Stiefelschäfte klopfend, sein erstgeborener Sohn Bruno; und sonderbarer Weise zeigte er sich gerade gegen den, von dem der ganze neue Wohlstand seines Hauses ausgehen sollte, auf dem er allein basirte, fast immer mürrisch und verschlossen, und Bruno konnte sich kaum erinnern, je ein freundliches Wort von ihm gehört zu haben. Auch heute war er in nicht besserer Laune, und den Sohn, der eben erst eingetreten sein konnte, denn er hatte noch die Mütze in der Hand, mit dem Blick nur streifend, sagte er: »Und was wolltest Du eigentlich heute? Du sagtest doch neulich, Du hättest jetzt strengen Dienst und könntest nicht abkommen.« »Freundlich ist die Frage gerade nicht,« lächelte der Lieutenant, aber doch etwas verlegen, denn er war sich bewußt, daß die Ursache seines Besuches den Vater allerdings nicht besonders ergötzen würde; »aber – ich will Dich auch nicht lange auf die Folter spannen, Vater, und Dir rund heraussagen, was mich hergeführt.« »Geld,« sagte der Alte trocken. »Geld allerdings.« »Das konnte ich mir denken; aber wofür schon wieder?« »Ich muß den Fuchs bezahlen.« »Und was kostet der?« »Zweihundert Louisd'or.« »Bist Du wahnsinnig?« rief der Vater, indem er vor ihm stehen blieb und dabei eine alte, verräucherte Silhouette fixirte, die gerade über ihm hing. »Und wer heißt Dich jetzt ein so theures Pferd kaufen? Konntest Du nicht warten?« »Nein; denn wenn ich nicht rasch zugriff, hätte ihn Graf Bentheim gekauft; er hatte schon darauf geboten. Es ist ein prachtvolles Pferd.« »Dann sieh auch zu, wie Du ihn bezahlst,« knurrte der Vater und setzte seinen Spaziergang fort. »Der Verkäufer mag bis zum Termine warten; ich habe kein Geld.« »Das geht nicht, Vater,« sagte Bruno ernsthaft; »ich muß das Geld bis spätestens morgen Abend sechs Uhr schaffen; denn ich habe mein Ehrenwort gegeben und in der Stadt schon umsonst Himmel und Hölle aufgeboten, um das Capital nur für menschliche Zinsen zu bekommen.« »Weshalb giebst Du Dein Ehrenwort in Geldsachen?« sagte der Vater finster. »Jetzt sieh, wie Du es einlösest; ich kann Dir nicht helfen.« »Und ließe es sich denn gar nicht machen, die paar Wochen vor der Zeit ein Paar Tausend Thaler abschläglich von der Erbschaft zu bekommen?« »Daran ist kein Gedanke; sie thun es nicht.« »Hast Du es schon versucht, Vater?« fragte Bruno nicht ohne Spott. »Sie können es auch nicht,« fuhr der alte Freiherr fort, ohne die Frage zu beantworten; »denn das Testament lautet auf Auszahlung erst nach dem zurückgelegten vierundzwanzigsten Lebensjahre meines Sohnes. Stürbest Du noch vorher, so müßte der Zeitpunkt erst in Benno's Alter abgewartet werden, und stürbe auch er, was Gott verhüten wolle, so wäre die ganze Erbschaft für uns verloren.« Ein schmerzliches und doch bitteres Lächeln zuckte über das Antlitz des jungen Officiers, als er erwiderte: »Du sagtest nur bei Benno, Vater, was Gott verhüten wolle.« »Sei nicht kindisch!« murmelte der Baron. »Wenn ich das Geld hätte, solltest Du es haben; aber das ist nicht der Fall, also kann ich Dir nicht helfen. Sieh, wie Du mit Deinem Gläubiger ein Abkommen triffst. Du mußt doch auch Uebung und Erfahrung darin haben; vielleicht hilft Dir auch die Tante – versuch' es.« »Sie könnte, wenn sie wollte, das weiß ich,« sagte Bruno finster, »und wenn es Benno gebrauchte, würde sie sich keinen Augenblick besinnen; ich selber bin ja aber bei Euch Beiden immer der Ausgestoßene gewesen, der lästig wurde, sobald er sich nur blicken ließ.« »Das hast Du Dir mir gedacht, kein Mensch weiter; geh zur Tante; wenn sie Dir helfen kann, thut sie es.« »Ich will zu ihr gehen, weil ich muß,« sagte Bruno aufstehend, »aber ich weiß vorher, daß es nutzlos ist; ich kenne meine »steinerne Verwandte.« Und langsam schritt er aus dem Zimmer. Der alte Freiherr folgte dem Sohne, als dieser ihm den Rücken drehte, mit den Augen, und sein Blick haftete noch fest an der Thür, als diese sich schon geschlossen. Aber es war ein häßlicher Blick, mit nicht einer Spur von väterlicher Liebe darin, ja die zusammengebissenen Lippen bewegten sich sogar, als ob er eine Verwünschung hinter ihm drein murmele; doch wurde kein Laut hörbar; nur seine buschigen Brauen zogen sich zusammen, und fest auf einander hatte er die Zähne gebissen. Er stand auch eine lange Weile so, bis draußen wieder ein Schritt auf dem Gange laut wurde. Kehrte sein Sohn zurück? Nein, es war nur ein Diener, der in der Thür stehen blieb und meldete, es sei eine alte Frau draußen, die Frau vom Schuhmachermeister Heßberger, die sage, der gnädige Herr hätte sie herausbestellt, um ihm die Hühneraugen auszuschneiden. »Ich?« rief der Freiherr und drehte sich plötzlich auf seinem Absätze herum; »das alte Weib ist wohl – wie hieß sie?« »Die Heßberger, Herr Baron; sie kam früher wohl manchmal heraus, ist aber jetzt die langen Jahre nicht dagewesen.« Der Baron qualmte wieder, daß eine dicke Rauchwolke über ihm emporwirbelte, und ging mit langen Schritten aus und ab, so daß der Diener im Stillen die Beobachtung machte, arg weh thun könnten dem Herrn die Hühneraugen nicht, denn er trat wenigstens ganz herzhaft auf. Es war auch fast, als ob er den auf ihn Wartenden ganz vergessen habe, bis dieser endlich wieder fragte: »Wie befehlen der Herr Baron? Soll ich sie vielleicht wieder fortschicken, daß sie ein andermal ...« »Laß sie hereinkommen, Christoph,« unterbrach ihn sein Herr; »wenn sie einmal da ist, mag sie meinetwegen nachsehen. Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht. Wo ist Benno?« »Er geht unten im Garten mir dem Fräulein spazieren.« »Es ist gut; daß Du mir nachher Niemanden hereinläßt, bis wir fertig sind!« »Sehr wohl, Herr Baron.« Der Diener verschwand und es dauerte nicht lange, so klopfte es leise an die Thür, die sich fast augenblicklich auf das barsche »Herein« des Freiherrn öffnete. »Sie entschuldigen, mein gnädigster Herr Baron, wenn ich vielleicht stören sollte,« sagte die alte Frau, indem sie die Thür wieder vorsichtig in's Schloß drückte; »da Sie aber gewünscht hatten ...« »Ich habe gewünscht?« rief der alte Herr, dessen Laune der Besuch wahrlich nicht gebessert zu haben schien. »Was wollt Ihr von mir, daß Ihr Euch mit einer Lüge hier hereindrängt? Was habe ich noch mit Euch zu schaffen?« Die alte Frau Heßberger war eine hagere, etwas lange Gestalt. Sie hatte schon eisgraue Haare, eine spitze Nase und etwas zusammengezogene Lippen, auch zahllose Falten im Gesicht, aber ein Paar große, kluge, lichtblaue Augen, und ging auch ganz nett und sauber angezogen. So demüthig sie dabei auftrat, lag aber doch in ihrem ganzen Wesen nichts weniger als Schüchternheit, ja fast wie mit einem leichten Anflug von Spott erwiderte sie auf die rauhe Frage: »Ach, gnädigster Herr Baron, Unsereins muß gar oft lügen; aber nicht unserer selbst, sondern zuweilen nur der Herrschaften wegen, die wir bedienen – und was für Dank haben wir nachher davon!« »Was wollt Ihr? macht es kurz!« fuhr der Freiherr sie an; »ich habe keine Zeit, mich lange mit Euch einzulassen.« Die Frau antwortete nicht gleich; sie horchte erst nach der Thür, als ob sie sich vor einer Störung oder vielleicht vor einem Horcher fürchte. Endlich trat sie dem Freiherrn, der sie eben nicht freundlich betrachtete, näher und sagte mit leiser, aber vollkommen deutlicher Stimme: »Eigentlich hatte ich geglaubt, daß der Herr Baron eine arme alte Frau, die seinetwegen viel Ungelegenheit gehabt, nicht ganz vergessen hätte; aber Du lieber Gott, es ist einmal so der Welt Lauf, und ich will Ihrem Gedächtnisse zu Hülfe kommen. Ich bin die Frau Heßberger, die alte Kartenschlägerin aus der Stadt, und war früher, als die gnädigste Frau Baronin von einem so allerliebsten Knäblein entbunden wurden, die Hebamme bei der gnädigen Frau.« »Was soll der Unsinn?« fragte der Freiherr finster. »Eure Person habe ich doch wohl nicht vergessen; ich denke, Ihr sorgtet schon dafür, daß das nicht geschah. Was wollt Ihr jetzt?« »So, der Herr Baron erinnern sich also noch?« lächelte die Frau. »Nun, dann kann ich kurz zur Sache kommen und wir brauchen keine Umschweife weiter zu machen. Sie wissen, Herr Baron – aber Sie erlauben vielleicht, daß ich mich ein bischen auf den Stuhl da setzen darf, der Weg ist weit hier heraus und die alten Knochen wollen doch nicht mehr so recht mit fort – Sie wissen also, Herr Baron, daß letzt die Zeit bald umgelaufen ist, wo Sie die große Erbschaft antreten – lieber Gott, Unsereins kann sich so viel Geld fast nicht einmal denken, – und wenn Sie das erst einmal haben, dann wird wohl das Gedächtniß für die arme Heßbergern ganz weg und verloren sein, und da wollte ich mir nur noch einmal vorher erlauben, ganz gehorsamst nachzufragen, ob Sie uns nicht mit einer Kleinigkeit auf die Füße helfen könnten. Der Verdienst ist jetzt bei den harten Zeiten so schlecht, und, Du lieber Himmel, man thut ja wohl, was man kann, und ist immer bei der Hand, aber der Neid der Menschen macht Alles wieder zunichte. Die Herren Aerzte, wenn sie auch viele Krankheiten gar nicht curiren können, gönnen es doch einer armen Frau nicht, daß sie mit Kräutern, die sie sich mühsam im Walde sucht, und mit frommem Gebet die Bresten der Menschheit lindert. Nichts als Verfolgung und Anfeindung habe ich zu leiden gehabt die langen Jahre, und seit der Zeit sogar, wo einmal das Kind der Frau Baronin Zühfel starb – du lieber Himmel, es war ein Wechselbalg und konnte nicht leben –, da haben sie mir gar das Metier verboten, und ich muß nun sehen, wie ich mich durchschlage durch die Welt.« »Und was habe ich damit zu thun?« fragte der Freiherr. »Nichts, Herr Baron, gar nichts,« erwiderte die Frau seufzend; »es ist nur unser alltägliches Elend, das wir durch's Leben schleppen müssen. Gott behüte, daß Sie damit zu thun bekämen! Wessen aber das Herz voll ist, Sie wissen ja wohl, davon geht der Mund über. Es thut mir auch leid, Ihre werthvolle Zeit damit so lange in Anspruch genommen zu haben, aber – es ging eben nicht anders. Dazu sind wir Menschen ja auch da auf der Welt, daß wir einander helfen und beistehen sollen, und ich habe das Meinige redlich gethan, Herr Baron, das Zeugniß müssen Sie mir geben – wie?« »Ich habe Euch noch nicht das Gegentheil zum Vorwurf gemacht,« sagte der Freiherr finster; »aber ...« »Das ist hübsch von Ihnen,« nickte die Frau, und wieder zuckte das spöttische Lächeln um ihre dünnen Lippen, »und ich werde es Ihnen gedenken, so lange ich lebe; aber – schöne Worte verfliegen im Winde, wie die Spreu, denn nur das Korn fällt auf den Boden und wiegt. Bis jetzt kann Ihnen kein Mensch die Erbschaft streitig machen, Herr Baron, kein Mensch auf der ganzen Welt, und wird es auch nicht, denn eher biß ich mir die Zunge ab, ehe ein Wort von der Geschichte über meine Lippen käme, aber leben wollen wir Alle, und selbst der ärmste Bauer läßt die Kinder, wenn er sein Korn einfährt und den Segen in die Scheune führt, ein paar einzelne Aehren lesen. Sie werden wahrhaftig nicht weniger thun, Herr Baron.« »Aber die Aehrenleser dürfen erst auf das Feld kommen, wenn das Korn eingefahren ist,« sagte der Freiherr, der schon lange verstand, auf was die Frau abzielte; »das meinige steht noch draußen.« »Aber fertig geschnitten, beim schönsten Wetter, und die Wagen zum Einfahren bereit,« nickte die Frau, nicht so leicht abgewiesen; »ich kann auch nicht länger warten. Uebermorgen ist der Erste, und wir müssen Hauszins bezahlen; die Rechnungen sind uns außerdem über den Kopf gewachsen, denn mein Mann war lange krank und konnte das Salz nicht zu seinem Brode verdienen.« »Macht es kurz – was wollt Ihr?« unterbrach der Baron sie ärgerlich. »Ich sehe, das Ganze läuft nur auf eine Gelderpressung hinaus. Ich sage Euch auch, Frau, heute will ich Euch noch einmal zu Willen sein; aber meine Geduld ist jetzt zu Ende – das kann so nicht fortgehen, und kommt Ihr dann noch einmal auf den Hof, so ...« »So? Der Herr Baron haben noch nicht ausgesprochen.« Und ihre blauen Augen hafteten in lauerndem Trotze auf ihm. Er begegnete aber dem Blick nicht. »Macht es kurz – wie viel braucht Ihr? Aber ich schwöre es Euch zu, es ist das letzte Mal; nachher thut Euer Schlimmstes. Was Ihr selber dabei riskirt, wißt Ihr besser, als ich es Euch sagen könnte.« »Es ist nicht nöthig, viel darüber zu reden,« lächelte die Alte. »Wir sind Beide nicht von gestern, Herr Baron, und wissen genau, wie weit wir gehen können; nur das ausgenommen, daß der eine Theil nichts oder doch beinahe nichts dabei zu verlieren hat und der andere eben Alles.« »Das ist nicht wahr,« fuhr der Baron auf; »Gott ist mein Zeuge, wie ich bereue, jemals Euren Worten, Eurem Rathe gefolgt zu sein, und zehn-, ja tausendfach trage ich jetzt an der Last, die ich mir damals ganz unnützer, unnöthiger Weise aufgeladen!« »Unnöthiger Weise, Herr Baron? Sie vergessen die Clausel.« »Und habe ich nicht einen rechtmäßigen Erben für mein Haus – für meinen Namen?« »Sie meinen den Baron Benno, nicht wahr? – Armer Vater, sehen Sie denn nicht, daß das Kind nur ein wurmstichiger Apfel ist? Und sechs Jahre müßte er noch leben, um der Frist zu genügen.« »Ich hoffe, daß er noch sechzig leben soll!« rief der alte Mann; »denn die Gefahr der Krankheit ist beseitigt. Heute noch war er kräftiger und gesünder als je. Seine Wangen bekommen wieder Farbe, sein Geist ist frischer, sein Körper kräftiger geworden, und wenn ...« Der alte Freiherr horchte auf, denn über den Gang kam ein hastiger Schritt; kaum fünf Secunden später wurde die Thür aufgerissen und der alte Christoph stürzte mit einem ganz verstörten Gesicht hinein. »Was giebt's? Was hast Du?« rief ihn der Baron erschreckt an. »Ach, gnädiger Herr Baron,« stammelte der Alte, und schon sein Gesicht kündete ein Unglück – »Sie – Sie möchten doch einmal schnell in den Garten kommen; der junge Herr Baron ...« »Benno?« schrie der Freiherr in Todesangst. »Der junge Baron Benno hat plötzlich einen Blutsturz bekommen, und Fräulein Kathinka ist allein mit ihm.« »Armes junges Blut!« sagte die Frau, während der alte Herr fast starr vor Entsetzen auf einem Stuhl zusammenknickte und einen Moment das Antlitz in den Händen barg. Aber es war auch nur ein Moment. Im nächsten schon fuhr er wieder empor und griff mit wildverstörtem Blick nach seinem Hut. »Ist schon Jemand fort nach einem Arzte?« »Der Karl sattelt eben das eine Wagenpferd; der Schimmel lahmte heute Morgen ein wenig.« »Mein ältester Sohn ist mit seinem Fuchse hier; er soll augenblicklich selber in die Stadt jagen und einen Arzt heraussenden.« Der Diener eilte fort, und der Baron wollte ihm nach, als sein Blick die noch dort stehende Frau trat. »Aber jetzt – jetzt kann ich nicht!« rief er von Angst gepeinigt aus. »Nein, Herr Baron,« sagte die Frau, mit dem Kopf schüttelnd, »jetzt gewiß nicht; ich komme wieder – morgen oder übermorgen oder in acht Tagen vielleicht – wenn die sechzig Jahre vorüber sind,« setzte sie leise murmelnd hinzu und verließ das Gemach und gleich darauf auch das Schloß. Der Diener hatte den Unfall, der den armen jungen Mann getroffen, nicht übertrieben. Als der Vater mit zitternden Gliedern, aber festen Schrittes den Park durcheilte, fand er den Sohn auf dem Rasen liegend, den Kopf an Kathinka's Knie gelehnt, deren lichtes Kleid von seinem Blute geröthet war. Er sah todtenblaß aus, und die Augen hafteten mit einem ganz eigenthümlichen Glanz auf dem Nahenden. »Benno, mein armer Benno, was ist geschehen?« rief der Baron, neben ihm niederkniend und seine Hand ergreifend. »Du bist gewiß zu rasch mit ihm gegangen, Kathinka, ich habe es Dir so oft verboten.« Der Kranke schüttelte leise mit dem Kopf und hob mühsam die eine Hand; dann sagte er leise: »Nein, Kathinka ist nicht schuld daran; es kam so plötzlich – ich – fühlte mich so wohl und leicht – wie lange nicht mehr. Ich war so glücklich – es ist so schön, gesund sein – und ich bin immer krank gewesen. Arme Kathinka, und wie Dein hübsches Kleid aussieht – aber ich konnte nicht dafür.« »Mein lieber, guter Benno,« sagte das junge Mädchen bittend, »das hat ja gar nichts zu sagen!« Sie hielt inne, um die aufsteigenden Thränen zu unterdrücken. Der Vater hatte mit angsterfüllten Blicken den Sohn betrachtet, und seine Worte schnitten ihm in's Herz. Nur erst, als Benno einen Versuch machen wollte aufzustehen, wehrte er ihm. »Bleib noch einen Augenblick, mein Kind,«sagte er mit herzlicher Stimme: »die Leute werden gleich mit einem Stuhle hier sein, um Dich hinauf zu tragen – ich bin ihnen nur vorausgeeilt. Du darf Dich jetzt nicht anstrengen, oder es könnte sich wiederholen.« »Aber Kathinka wird müde mich zu halten, Papa.« »Nein, gewiß nicht, gewiß nicht – ich könnte noch eine Stunde so knieen,« rief diese; »und dort hinten sehe ich auch schon die Leute kommen. Du darfst Dich nicht anstrengen.« »Nun werde ich wieder diese Woche nicht mit meiner Maschine fertig,« seufzte der Knabe – »ich soll auch gar keine Freude haben! Aber da kommt auch Bruno – den habe ich recht lange nicht gesehen.« »Und weshalb bist Du nicht fort nach dem Arzt?« rief diesem der Vater entgegen. »Was thust Du noch hier?« »Was ich hier thue, Vater?« rief Bruno erstaunt. »Soll ich nicht selbst nachsehen dürfen, wie es dem Bruder geht?« »Guten Tag, Bruno!« sagte der Knabe, ihm die Hand entgegenstreckend; »ich bin wieder einmal krank geworden.« »Mein armer Benno – wie blaß Du aussiehst! Soll ich Dich hinauf in Dein Zimmer tragen?« »Du wirst mir weh thun.« »Ah, dort kommen sie ja schon mit einem Sessel,« rief Bruno; »so, das ist recht, Kathinka, laß ihn den Kopf ein wenig anlehnen. Habe nur einen Augenblick Geduld, Benno, Du sollst gleich zur Ruhe und auf Dein Bett kommen.« Der Knabe nickte ihm freundlich zu, und Bruno sprang jetzt selber fort, um den gebrachten Stuhl so herzurichten, daß sie den Kranken gut darauf transportiren konnten. Da hinein setzten sie ihn dann, und während die Dienerschaft herbeigerufen war, um ihn langsam und vorsichtig in's Schloß zu tragen, ging Kathinka an der einen, Bruno an der andern Seite und unterstützten ihn. Indessen war auch Bruno's Fuchs gesattelt worden, und wie er den Bruder nur erst einmal gut untergebracht wußte, eilte er hinab, sprang, ohne weder von Vater oder Tante Abschied zu nehmen, in den Sattel und ritt, seinem feurigen Thier die Sporen eindrückend, in einem scharfen Trabe aus dem Schloßhof hinaus und durch das Dorf. Am letzten Hause des Dorfes stand eine Frau, die dem Reiter, als er vorüber brauste, freundlich und fast vertraulich zunickte. Bruno kannte sie auch, es war die alte Heßberger, die er sonst wohl oft in seines Vaters Hause gesehen; er bemerkte auch vielleicht, daß sie ihn grüßte, sah wenigstens die Bewegung, hatte aber den Kopf so voll der verschiedensten Dinge, daß er gar nicht daran dachte, ihr auch nur zu danken, sondern gleich darauf, ohne ihr nur den Kopf noch einmal zuzuwenden, die breite Fahrstraße verließ und rechts ab in einen Fußweg einbog, der nicht allein die Strecke bis zur Stadt etwas verkürzte, sondern auch zwischen den Getreidefeldern einen weichen und elastischen Rasenboden für sein Thier gewährte. Die Heßberger sah ihm mit demselben lachenden Gesicht, mit dem sie ihn vorhin gegrüßt, nach, selbst wie er schon weit von ihr entfernt durch die Kornfelder dahintrabte, bis er endlich eine kleine Erhöhung überritt und dann dahinter verschwand; und nun erst nickte sie still vor sich hin mit dem Kopf und murmelte dabei: »Merkwürdig, merkwürdig – und man lernt doch nie im Leben aus. Sonst denkt man doch immer, es stäke im Blute und wär' angeboren – aber es läßt sich auch anerziehen, wenn es nur recht begonnen und durchgeführt wird. Ja, ja, Puppe, reite Du nur da so stolz auf Deinem hübschen Gaul, als ob Du ein König oder Kaiser wärest, und gucke die alte Frau nicht an, die den Staub von Deines Rosses Hufen schluckt. Und wenn die alte Frau wollte – doch sie will eben nicht und läßt Dich so lustig hinreiten, als ob Du wirklich alles das wärest, was Du Dir denkst. Nun, vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo sie Dir in den Weg tritt – und wie höflich Du dann werden wirst, mein Bürschchen, wie erstaunlich höflich!« Bruno von Wendelsheim trabte indessen, ohne auf die Alte auch nur einen Gedanken zu wenden, scharf den Rasenpfad entlang, und das Herz war ihm so voll und schwer, der Kopf that ihm so weh vom vielen Grübeln. Benno, sein armer Bruder, er war viel kränker, als er es je für möglich gehalten – und wer blieb ihm von all' seinen Verwandten, wenn der Knabe starb? Sein Vater? Er hatte wohl rauhe und heftige Reden oder Ermahnungen, nie aber ein Wort der Liebe von seinen Lippen gehört. Seine Tante? Er biß die Zähne fest auf einander, wenn er nur an das letzte Begegnen mit ihr dachte, wo sie ihn ordentlich mit Hohn abgewiesen. Hatte sie Liebe zu ihm? Wahrlich nicht! Und vor sich hin schüttelte er still den Kopf, wenn er daran dachte, wie groß der Haß gegen ihn sein müsse, daß sie sich nicht einmal aus Klugheit freundlicher gegen ihn benahm. Seinem Fuchs hatte er dabei die Zügel gelassen; er mußte bald in der Stadt sein, einestheils seiner eigenen Angelegenheit wegen, anderntheils aber auch, um den Arzt so rasch als nur irgend möglich nach Wendelsheim hinaus zu senden. Wie er so auf dem schmalen Weg dahin trabte – und der Fuchs war eigentlich halb mit ihm durchgegangen, denn der Reiter bekümmerte sich gar nicht mehr nm seine Führung –, machte der Weg, gerade an einer niedern Stelle, wo das Korn außerordentlich hoch stand, eine scharfe Biegung, und als Bruno dahinflog, sah er plötzlich einen Fußgänger vor sich, der auf dem weichen Rasen das nahende Pferd gar nicht gehört hatte und jetzt kaum noch Zeit genug behielt, um zur Seite zu springen. So dicht an ihm vorbei aber schoß der Fuchs, daß Bruno den Fremden, in dem er jetzt den jungen Baumann erkannte, noch mit dem Knie streifte. Er versuchte auch sein Pferd einzuzügeln, um sich zu entschuldigen; aber es war nicht möglich. Der Fuchs hatte das Gebiß zwischen die Zähne genommen und setzte in eine ordentliche Carrière ein, daß Kies und Rasenstücke hinter ihm emporstiebten. Bruno mußte ihn eben laufen lassen, und wenige Minuten später erreichte er schon die Thore der Stadt, wo er das wilde Roß erst wieder in seine Gewalt bekam. 4. Die elende Familie. In der Lindenstraße, aber ziemlich weit draußen, so daß der Garten mit seiner Rückseite schon an die dort beginnenden Felder stieß, lag das Grundstück des alten Majors a. D. von Halsen, der da mit einer alten Verwandten, die ihm das Hauswesen führte, einem Gärtner, einer Köchin und einem Stubenmädchen wirtschaftete. Das Haus selber war groß und massiv gebaut und in den oberen Räumen wirklich herrschaftlich eingerichtet, der Garten parkähnlich, mit einem großen Treibhause und dem kostbarsten Obst darin, und der Besitzer galt für reich, aber für einen Sonderling, der sich hier von der Welt vollkommen abzuschließen schien. Er hatte es allerdings sehr gern, wenn ihn Jemand besuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, denn die Langeweile quälte ihn oft fürchterlich; er selber aber machte nie einen Besuch, außer in letzter Zeit häufig bei dem Staatsanwalt Witte, mit dem er besonders viel und heimlich verkehren hatte. Uebrigens fanden sich nur Wenige, die dann und wann das »Lazareth«, welchen Namen das Haus schon in der ganzen Stadt erhalten, betraten, denn es bot sehr wenig Anziehendes, und der Major selber, ohne die geringste gesellschaftliche Tugend, war ein so unliebenswürdiger Gesell, daß man ihm immer lieber aus dem Wege ging, als ihn in seiner Höhle aufsuchte. Es sah auch noch dazu selbst ungemüthlich bei ihm aus. Schon der Garten war wie ein Nonnenkloster mit einer zehn Fuß hohen und sehr dicken Mauer, in die nicht einmal eine Gitterthür einen Einblick gestattete, umschlossen. Ebenso wurden alle nach der Straße führenden Fenster, wenn nicht das Logis einmal gereinigt werden mußte, fest verhangen gehalten, und das Wohnzimmer des Majors selber, wo er auch seine sämmtlichen Besuche empfing, glich eher der Wohnung eines Tagelöhners oder ärmeren Bürgers, als der eines reichen Mannes aus höheren Ständen. Die obere Etage war, wie schon erwähnt, sehr elegant eingerichtet, aber mir wenige Menschen hatten sie einmal zufällig zu sehen bekommen und sie wohl kaum je betreten. Das untere Zimmer dagegen, das, mit der Küche dicht daneben, nach dem Garten zu hinausführte, zeigte nicht die geringste Bequemlichkeit, einen alten, mit abgeschabtem Leder überzogenen Lehnstuhl ausgenommen, noch viel weniger Eleganz. Die Wände waren nicht einmal tapeziert, sondern nur gemalt, die Dielen weiß, mit Sand bestreut. Ein großer Tisch aus Tannenholz stand in der Mitte, und zwei hölzerne Rohrstühle und ein vereinzelter aus Kirschbaumholz zierten die Ecken. Auch das Büffet war nichts weiter als ein lackirter Holzschrank, und das Sopha unter dem kleinen, schwarz umrahmten Spiegel so furchtbar hart und zusammengesessen, daß man sich erst dann ausruhte, wenn man wieder davon aufstand. Als Verzierung befanden sich allerdings drei Lithographien in schwarzen Rahmen im Zimmer, aber sie paßten zu den Bewohnern. Die eine stellte ein Schlachtfeld mit schrecklich Verstümmelten und Todten vor, die andere das Martern und Verbrennen verschiedener Ketzer im Mittelalter, und die dritte jenes bekannte Pferd, an welchem alle nur erdenklichen Pferdekrankheiten mit Nummern angedeutet und darunter auch die Namen genannt werden. Nicht einmal Gardinen zeigten die Fenster, ein paar zerwaschene Lappen ausgenommen, die oben darüber angebracht waren und weit eher aussahen, als ob sie dort zum Trocknen aufgehangen wären. Ueberhaupt das ganze Zimmer machte den Eindruck der Dürftigkeit, und doch schien sich der alte Major wunderlicher Weise nur gerade hier wohl und zufrieden zu fühlen, wenn er das überhaupt je gethan hätte. Er gehörte aber leider zu jenen Menschen, die eigentlich die größte und jede Ursache gehabt hätten, gegen Gott dankbar zu sein, aber sich dabei allein für schlecht und nichtswürdig behandelt hielten, und nun schon darüber, weil sie keine gegründete Ursache zur Klage auffinden konnten, ärgerlich und verdrießlich durch das Leben stöhnten. Eine Verwandte von ihm, die verwittwete Frau von Bleßheim, lebte mit in dem nämlichen Hause, und ein besser zusammenpassendes Paar hätte es auf der Welt nicht geben können. Das mußte sie auch allein bewogen haben, dieses »Lazareth« zu ihrem Aufenthaltsort zu wählen, wo sie angeblich dem Major die Wirthschaft führte, in Wirklichkeit aber nur mit ihm stöhnte und ächzte. Sie war allerdings schon ziemlich hoch in den Jahren und von kränklichem Körper, und würde mit dem Vermögen, das sie besaß, recht gut und bequem haben leben können, aber sie mochte nicht allein sein. Sie fühlte das dringende Bedürfnis nicht allein bedauert zu werden, sondern auch Jemanden zu haben, den sie bedauern konnte, dem es wenigstens nicht besser ging, als ihr selber. Das Lamentiren gehörte mit zu ihrem Leben, ja bildete fast ihre einzige Unterhaltung, und da sie gefunden, daß sie gesunden Leuten damit endlich lästig fiel und unerträglich wurde, so war der alte Major ihre letzte Zuflucht geworden. Bei ihm konnte sie in ihrer Leidenschaft grünen und blühen und fand sogar in der Dienerschaft Mitleidende. Der Major saß auf seinem gewöhnlichen Platz, dem alten Lehn- und Sorgenstuhl, hielt das Morgenblatt, seine einzige Lectüre, in der Hand und stöhnte. Ihm gegenüber, an einem in die Ecke geklebten dreieckigen Schranke, stand Frau von Bleßheim und nahm einiges Geschirr heraus. »Ach Du mein großer Gott,« seufzte sie dabei vor sich hin, »o Du mein lieber Himmel!« »Ah–h!« stöhnte der Major aus seiner Ecke. »Aber was hast Du nur heute, Rosamunde? Was fehlt Dir denn?« »Mir? Ach Du großer Gott, und das fragst Du auch noch!« lautete die Antwort. »Alle Glieder sind mir wie zerschlagen, und mein Herz klopft mir so furchtbar, daß ich es ordentlich an den Rippen fühle!« »Ach, was Du auch immer hast,« ächzte der Major, »ewig winseln und lamentiren! Was soll ich denn da sagen, wie mir zu Muthe ist?« »Ich wollte nur, ich wäre so gesund wie Du!« seufzte die gnädige Frau. »Oh Du meine Güte, versündige Dich nicht,« rief der Major und ließ vor Erstaunen über den entsetzlichen Wunsch die Zeitung sinken. »Sitz' ich denn hier nicht in dem verdammten alten Stuhl mit allen Fehlern und Leiden behaftet, wie das Pferd da drüben an der Wand, und es fehlte weiter nichts, als daß ich numerirt würde über den ganzen Leib, um sie nachher auf einer Tabelle neben einander zu haben! Du so gesund wie ich, wünschest Du Dir – es ist rein zum Todtschießen, wenn man nur so etwas mit anhören muß!« Die alte Dame schwieg und stöhnte nur leise weiter, als die Köchin, mit einem dicken weißen Tuch um die Backen – denn sie hatte ewig Zahnschmerzen – in's Zimmer trat, um die Schüsseln heraus zu holen. Diese faßte sie unter den linken Arm, mit der Rechten hielt sie die Backe. »Ist der Christian noch nicht wieder da, Liese?« fragte der Major, ohne von ihren Schmerzen weitere Notiz zu nehmen. »Der bleibt auch wieder eine Ewigkeit! Kein Mensch kommt hierher, um Einen im Elend zu besuchen; nur amüsiren wollen sich die Leute, tanzen und vergnügt sein, ja wohl, aber an einen armen Mitmenschen denken sie eben so wenig wie an ihr einstiges Seelenheil!« »Der Christian kann auch selber nicht fort,« sagte die Liese mürrisch. »Der Rheumatismus ist ihm in der Nacht wieder in's Kreuz geschlagen, er geht so krumm wie eine Tischbürste.« »Ach, der hat auch immer was!« stöhnte der Major. »Ja wohl,« sagte die Liese; »es soll auch schon gar Niemand weiter krank sein, wie Sie ganz allein. Wenn ich nur den Jammer hier im Hause nicht mehr mit ansehen müßte!« »Na, meinethalben kann Sie gehen,« fuhr da der Major auf, »ich halte Sie nicht, wenn Sie's hier gar so schlecht hat! Ich will Niemanden zwingen, bei einem armen und kranken Manne zu bleiben; ich kann mich auch allein in eine Ecke auf's Stroh legen und verrecken, wen kümmert's – keinem Teufel würde ein Auge darum naß werden! Ach du lieber Gott, ist das ein Elend auf der Welt!« Die Köchin, der schon seit zwanzig Jahren alle Tage wenigstens zweimal der Dienst gekündigt wurde, verließ brummend das Zimmer, und die beiden Verwandten waren wieder eine Zeit lang allein, bis die Thür endlich aufging und der lang erwartete Christian hereintrat. Christian paßte vollkommen in die Gesellschaft. Er lahmte vollständig, trug einen dicken, wollenen und sehr bunt gestopften Strumpf um den Hals und hielt den Oberkörper ganz gebückt oder vielmehr krumm und nach der rechten Seite hinübergezogen. »Na, Christian,« sagte der Major, indem er den Kopf nach ihm hindrehte, »wie seht Ihr wieder aus – wie ein wahres Jammerbild! Geht nachher nur hinaus und stellt Euch in die Erbsen, denn weiter werdet Ihr doch wohl keine Arbeit thun können!« »Ja, Sie spotten noch,« sagte Christian; »wenn Sie das Kreuz hätten ...« »Und ich tausche augenblicklich!« rief der Major, schon von dem Gedanken entrüstet, daß Jemand ein schlimmeres Kreuz haben sollte, als er selber. »Wenn Euch aber nur ein Finger weh thut, dann möchtet Ihr Euch gleich in Baumwolle einwickeln! War der Staatsanwalt zu Hause, und kommt er? Ich kann ja nicht ausgehen!« »Ja, er käme gleich,« knurrte der Mann, »und ich glaubte, er wäre schon da; er ging mit mir zur Thüre hinaus, und ich bin nur den Weg hierher gekrochen, ich konnte nicht mehr fort – da ist er auch schon.« Draußen ging in der That die Saalthür auf, und es pochte gleich darauf an; aber es war nicht der Erwartete, sondern ein alter Freund des Majors, der »Rath Frühbach«, wie er in der Stadt genannt wurde, der mit einem sonoren: »Nun, mein lieber Herr Major, wie geht's heute Morgen?« den Hut schon von draußen in der Hand, in das Eß-, Wohn- und Empfangszimmer eintrat. Rath Frühbach war einer von den Menschen, die der liebe Gott nur auf die Erde gesetzt hat, um sich hier zu amüsiren, aber etwa in der Art, wie eine Stechfliege, die sich von dem Blute ihrer Mitgeschöpfe nährt und sich dabei äußerst wohl befindet. Allerdings war er nicht blutgieriger Art, wenn er auch daheim über seinem Schreibtische einen Cavallerie-Säbel und eine Doppelflinte hängen hatte; aber er benutzte die beiden letzteren so wenig wie den ersteren, und seine einzige sichtbare Beschäftigung auf der Welt war: seinen linken Arm auf dem Rücken spazieren zu tragen und Geschichten oder vielmehr Anekdoten ohne Pointe zu erzählen. Von denen stak er aber bis zum Rande voll, und man brauchte ihn nur anzutupfen, so entlud sich schon das Eine oder Andere über den nächsten, besten Unglücklichen, ja, sie kamen sogar ohne Antupfen, er schwitzte sie ordentlich aus und konnte in dieser Eigenschaft, besonders beschäftigten Leuten, furchtbar werden. Dazu kam, daß er sehr laut, aber sehr langsam sprach – er hatte immer Zeit –, und wo er einmal ein Opfer fand, konnte man sich auch darauf verlassen, daß er es festhielt und zu würdigen verstand. Leicht war er nie im Leben abzuschütteln. »Herr Rath« wurde er in der ganzen Stadt genannt, und seine Frau im natürlichen Weltlauf »Frau Räthin«, was sie den Dienstboten gleich beim Anzuge selber sagte. Was für ein Rath er aber sei, konnte niemand erfahren oder herausbekommen, und da der Mann das Interesse auch wirklich nicht besonders in Anspruch nahm, so bemühte sich Niemand deshalb. »Herr Rath« war außerdem kürzer als »Herr Frühbach.« Wie er nach Alburg kam, hatte er den Major, den er von Schwerin aus kannte, wohl dann und wann gesprochen, aber selten aufgesucht. Dessen Haus bot zu wenig Genüsse, und er war in der Stadt noch nicht bekannt, also auch nicht gefürchtet. Wie er sich aber erst einmal entwickelte, einzelne Spaziergänger überfiel und sich an sie hing, ja Leuten, die ihm vertrauensvoll genaht, sogar auf's Zimmer rückte und ihnen so lange Geschichten erzählte, bis sie verzweiflungsvoll in Rock und Stiefeln fuhren und einen wichtigen Ausgang vorschützten, da fing es ihm an schwerer zu werden, Opfer für seine Anekdoten zu finden, und nun fiel ihm der alte Major als passendes Lamm in die Hände. Damit war denn auch Beiden geholfen, denn der Major wollte nur erzählen hören, was auch immer, blieb sich gleich, ja er wußte oft nicht einmal, von was gesprochen wurde. Frühbach dagegen wünschte sich nur mitzutheilen, und die alte Dame ging dann um Beide herum und seufzte oder machte draußen der Liese Umschläge auf ihren Backen. Ein Topf mit Kamillen kochte wenigstens permanent das ganze Jahr und Winter und Sommer auf dem häuslichen Herde des Majors. »Ah, mein lieber Rath,« sagte der Major, doch einigermaßen enttäuscht, »ja, wie soll's gehen – wie es einem armen kranken Menschen gehen kann, dem der Tod schon im Nacken sitzt. Ich athme eben noch, das ist etwa Alles, was ich von mir rühmen kann.« »Bei Athmen,« sagte der Rath, indem er seinen Stock und Hut, wie gewohnt, in die Ecke stellte, »fällt mir ... – ach, ergebenster Diener, Frau von Bleßheim, freue mich, Sie so wohl zu sehen!« »Wohl? Ach Du lieber Gott, ich kann die Glieder kaum fortschleppen!« »Fällt mir eine komische Geschichte ein,« fuhr der Rath fort, ohne auf den Krankheitszustand der Dame weitere Rücksicht zu nehmen. »Denken Sie, ich sitze eines Abends noch spät an meinem Schreibtische und arbeite, und meine Frau war schon zu Bett gegangen, denn sie ist kein Freund vom langen Aufbleiben. Auf einmal, wie ich horche, um die Uhr draußen schlagen zu hören – wir haben eine Schwarzwälder Uhr, die immer auf dem Gange hängt, weil es für das Mädchen in der Küche bequem ist, wenn sie sehen kann, welche Zeit es ist –, da athmete 'was im Zimmer und zwar lang und schwer. Nun sehen Sie, Herr Major, ich bin wahrhaftig nicht ängstlicher Natur und habe ja auch immer meine Waffen über dem Schreibtisch hängen, wenn ja einmal etwas vorfallen sollte, aber im ersten Augenblicke lief mir's doch ordentlich kalt über den Leib, und mein erster Gedanke war: Da hat sich ein Kerl hereingeschlichen und liegt unter dem Sopha. Ich nicht faul, meinen Säbel von der Wand und mit der Lampe unter das Sopha geleuchtet; aber es lag nichts darunter. Ich sehe mich im ganzen Zimmer um, und es war eigentlich nirgends mehr ein Raum, wo sich ein Mensch hätte verstecken können. Auf einmal höre ich etwas klopfen, und zwar von meinem Schreibtisch her, und wie ich mich jetzt dorthin drehe, was ist da? Mein Hund, der verwünschte Jagdhund, der sich hereingeschlichen haben muß, ohne daß ich ihn bemerkte, und der jetzt ganz vergnügt, weil ich aufstand, mit dem Schwanze wedelte und dabei gegen den Schreibtisch schlug.« »Ja,« sagte der Major, der indessen die ganze Zeit an den Staatsanwalt gedacht und ob der noch nicht käme, »er wird wahrscheinlich noch beschäftigt gewesen sein.« »Gott bewahre,« versicherte der Rath, »er hatte geschlafen und ich das Athmen gehört, und weil er unter dem Schreibtische lag, klang es so curios, als ob es von dem Sopha herkäme.« »Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin?« sagte die gnädige Frau. »Ah, ich danke Ihnen, Frau von Bleßheim, recht gut! Es ist merkwürdig, wie sich die Frau auf den Füßen hält, und immer thätig, immer auf dem Zeuge, und doch den vielen Aerger dabei! Ich versichere Ihnen, mit den Dienstboten ist gar nicht mehr auszukommen, wir haben nun in diesem Jahr schon das fünfte Mädchen ...« »Da kommt er,« sagte der Major, der indessen draußen einen Schritt gehört hatte. Gleich darauf klopfte es auch wieder, und auf ein rasches »Herein!« trat der Staatsanwalt in's Zimmer. »Guten Morgen, Major, guten Morgen, gnädige Frau! Ah, da ist ja auch der Herr Rath Frühbach! Wie geht's, Rath?« »Oh, ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, so ziemlich! Ich erzähle eben der gnädigen Frau ...« »Nun, lieber Major, Sie hatten mich rufen lassen, ich habe eben nicht viel Zeit und noch einen Termin abzuhalten, den ich nicht gern versäumen möchte ...« »Wie es mir beinahe einmal gegangen ist,« sagte der unverbesserliche Rath Frühbach. »Denken Sie, ich hatte in einer wichtigen Angelegenheit – es betraf das Vermögen einer Wittwe in Schwerin, deren Mann nach Konstantinopel gegangen und an der Cholera gestorben war, und die Stadt hatte die Sache zu besorgen – einen Termin angesetzt bekommen, um elf Uhr Morgens, und es verstand sich von selbst, daß ich den einhalten mußte, wenn ich das Ganze auch nur aus Gefälligkeit that. Ich ziehe mich also an, und da es noch ein wenig früh war, schlenderte ich langsam über die Promenade dem Rathhause zu. Unterwegs treffe ich aber den näheren Minister von Bassefeld, einen alten Freund von mir, und ich bleibe natürlich stehen; wir kommen in's Plaudern und erzählen uns so einige interessante Sachen aus früheren Zeiten. Wie ich aber noch so dastehe, schlägt es ja wahrhaftig elf, und ich hatte noch reichlich zehn Minuten zu gehen. Ich sage Ihnen, so rasch bin ich in meinem ganzen Leben nicht ausgeschritten! Der Minister lachte ordentlich, wie er mich fortlaufen sah, aber ich kam doch noch eben zur rechten Zeit auf's Amt.« Witte hatte wie auf Kohlen gestanden und wiegte sich immer von einem Fuß auf den andern. »Könnten wir denn nicht vielleicht hinauf in eins der Zimmer oder in den Garten gehen,« sagte er jetzt, »um unsere Sache abzumachen? Ich habe nicht lange Zeit, Major ...« »Ah, Sie wollen etwas miteinander besprechen,« sagte der Rath, »ja, dann will ich Sie lieber allein lassen. Apropos, Herr Major, haben Sie denn die Apfelwein-Cur begonnen, die ich Ihnen das letzte Mal anrieth? Sie glauben gar nicht, wie segensreich das auf die Eingeweide wirkt. Ich fühle mich immer ungeheuer erleichtert danach und bin auch überzeugt, daß es eine Umwandlung im ganzen Blut hervorbringt ...« »Also was war es, Major?« rief der Staatsanwalt, der ungeduldig wurde und schon nach der Uhr sah. »Ich muß wahrhaftig wieder fort, wenn Sie nicht reden!« »Rechtshändel,« sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging, »müssen unter vier Augen abgemacht Werden, und ein Dritter ist dabei das fünfte Rad am Wagen. Also adieu, lieber Herr Major – leben Sie recht wohl, Frau von Bleßheim! Bald hätt' ich auch noch vergessen, daß ich Sie von meiner Frau grüßen sollte, und wenn ich wiederkomme, bringe ich Ihnen auch das Recept zu den Umschlägen mit; heute habe ich wirklich nicht daran gedacht. Solche Recepte sollte man übrigens immer bei sich führen, denn man weiß nie, wie man Jemandem damit helfen kann. So ging es mir einmal, da fuhr ich von Schwerin nach Wasmuhlen – damals hatten wir noch keine Eisenbahn – (der Staatsanwalt lief, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab und sah nach der Decke hinauf), »und in Wasmuhlen, gleich im ersten Hause, wo ich abstieg, lag eine Frau, die ich recht gut von früher her kannte, und hatte furchtbare Krämpfe, und kein Arzt war aufzutreiben. Aber glücklicher Weise trug ich ein ganz vortreffliches Recept für solche Fälle, das mir der berühmte Schönlein, ein alter Jugendfreund von mir, einmal gegeben, bei mir in der Brieftasche, ging gleich selber in die Apotheke, ließ es zubereiten, und die Krämpfe verloren sich. Aber die Herren haben zu thun – also guten Morgen allerseits! Wenn ich Zeit habe, komme ich vielleicht morgen einmal wieder vor und sehe nach, wie es geht. Fangen Sie nur mit dem Aepfelwein an, Major.« »Herr Du mein Gott,« rief der Staatsanwalt, als der Rath kaum die Thür hinter sich zugedrückt hatte, »ist das ein langweiliger Peter! Der Mensch bringt Einen ja rein zur Verzweiflung! Ich begreife nicht, wie Sie den, zu allen Ihren übrigen Leiden, auch noch ertragen können, Major!« »Du lieber Gott,« sagte dieser, »es ist ein seelenguter Mensch und vertreibt mir manchmal eine Stunde die Zeit.« »Schlägt sie todt, ja,« nickte Witte; »aber nun heraus mit der Sprache, denn ich habe wirklich wenig Zeit.« »Also vor allen Dingen,« sagte der Major, »haben Sie den Schlosser Baumann gesprochen?« »Ja, aber Ihre Nachricht, so weit es die Familie betrifft, war vollkommen unbegründet. Schlosser Baumann, außerdem ein anerkannt rechtlicher Mann, der nie zu einer Schurkerei die Hand bieten würde, wohnt noch in dem nämlichen Hause, das er von seinem Vater ererbte, und hat dort hinein vor etwa sechsundzwanzig Jahren geheiratet. In derselben Kirche, in der er getraut wurde, sind auch seine sämmtlichen Kinder getauft; ich habe selber das Kirchenbuch nachgesehen, und Ihre Nachricht, die Sie mir gaben, ist vollkommen falsch. Seine ältesten Kinder sind lauter Jungen, er hat nur ein einziges Mädchen von noch nicht sieben Jahren. Der älteste Sohn ist Werkführer beim Mechanikus Obrich, der zweite arbeitet mit dem Vater, der dritte ist bei einem Tischler in der Lehre. Seine Kinder sind außerdem alle gesund und am Leben geblieben, daß also auch mit einem Todesfalle keine Schmuggelei vorgefallen sein konnte. Wie kamen Sie überhaupt auf die Familie?« »Weil die Heßberger, die damalige Hebamme der Baronin Wendelsheim, die Schwester von des Schlossers Frau ist,« sagte der Major. »Und wie ich neulich zufällig hörte, daß die Baumann ihr erstes Kind, ein Mädchen, gleich wieder verloren hätte, war doch nichts natürlicher, als nach dieser Richtung hin Verdacht zu fassen.« »Es ist aber, wie ich Ihnen sage, nicht wahr, denn ich habe mich selber überzeugt. Ein blankes altes Weibergeschwätz, mit dem Sie keinen Hund hinter dem Ofen vorlocken. Sie sind nun einmal auf die Ihnen entgangenen fünfzigtausend Thaler verbissen und können die fixe Idee nicht los werden, daß bei der Geburt des Erben irgend eine Täuschung stattgefunden haben müsse. Aber so lange Sie dafür weiter nichts beibringen können, als Ihre eigene Ueberzeugung, hilft Ihnen das gar nichts. Beweise müssen wir haben, kalte, trockene Beweise, keine hitzköpfigen Verdächtigungen, sonst will ich wenigstens mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.« Der Major hatte, beide geballte Hände auf der Lehne seines Stuhles liegend, still und verbissen zugehört, und Witte in der That Recht, denn der Major war eben jener, damals junge und etwas lockere Officier von Halsen, der, im Falle der Baron von Wendelsheim ohne männlichen Erben blieb, fünfzigtausend Thaler von der Erbschaft auf seinen Antheil bekommen haben würde, wobei sich natürlich denken ließ, daß er, mit einem solchen einmal gefaßten Verdacht, Alles aufbieten werde, um sein Ziel zu erreichen. Er war auch in der That die langen, dazwischen liegenden Jahre nicht müßig gewesen und bald auf dieser, bald auf jener Fährte laut geworden, aber immer ohne Resultat, bis er es endlich aufgab. Nur das Heranrücken des entscheidenden Zeitpunktes, der vierundzwanzigste Geburtstag des jungen Erben, rüttelte ihn noch einmal aus seiner Lethargie auf, einen letzten, verzweifelten Versuch zu machen, um dem alten Baron, den er ärger als die Sünde haßte, den fetten Bissen vor dem Munde wegzuschnappen. »Beweise, Beweise,« knurrte er vor sich hin; »wenn ich nur das verdammte Wort gar nicht mehr hören müßte. Aber Sie sollen auch Beweise haben, und deshalb gerade ließ ich Sie heute zu mir rufen.« »Da wär' ich begierig,« sagte Witte. »Wir haben,« berichtete der Major, »vor etwa sechs Monaten ein Hausmädchen angenommen, mit dem wir die ganze Zeit sehr zufrieden waren. Sie that ruhig und unverdrossen ihre Arbeit, und wir bekümmern uns auch gar nicht darum, wo sie früher in Dienst gestanden. Heute Morgen nun wischt sie im Zimmer ab, und da mich die Langeweile plagte ...« »Aber das brauch' ich ja Alles nicht zu wissen!« »Lassen Sie mich doch nur ausreden – knüpfe ich also ein Gespräch mit ihr an und erfahre dabei, daß sie, bald nach der Vermählung des Freiherrn von Wendelsheim, als Kammermädchen in Diensten der gnädigen Frau gestanden und drei Jahre bei ihr gewesen sei, also auch in der Zeit ihrer ersten Niederkunft ...« »Hm, und weiter?« »Nachher wurde sie schlecht behandelt – sie behauptet, die gnädige Frau wäre eifersüchtig auf sie gewesen und habe sie plötzlich fortgeschickt. Es muß jedenfalls etwas vorgefallen sein, denn sie spricht nur in den bittersten Ausdrücken von allen Beiden und behauptet dabei, in jener Nacht sei nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen.« »Aber ich will gar nicht wissen, was sie behauptet. Welche Beweise bringt sie dafür? Das Geschwätz haben wir schon seit vierundzwanzig Jahren gehabt, und es konnte nachher doch Niemand auftreten und sagen: ich weiß etwas; es hieß nur immer: ich vermuthe.« »Ich fragte natürlich weiter,« fuhr der Major fort, »und sie erzählte, daß an dem nämlichen Abend mit der Hebamme Heßberger ein Mann, der etwas unter dem Arm getragen habe, nicht vorn herein, sondern durch den Park gekommen sei und sich dort aufgehalten habe; ja, der Gärtner wollte sogar gehört haben, daß es ein kleines Kind gewesen sei, denn es hätte geschrieen.« »Und kann er das beschwören?« fragte Witte. »Und wenn er es selbst beschwören könnte, was hülfe es? Aber weiter! Was sonst noch?« »Da lief plötzlich der Ruf durch's Schloß, die gnädige Frau habe einen Knaben bekommen; der Freiherr kam selber heraus auf die Treppe und schrie es den Leuten jubelnd zu, und dann wurde Hurrah geschrieen, und Wendelsheim vertheilte Wein unter die Leute ...« »Und ist das Alles?« »Aber die Heßberger soll selber in der Zeit auf der dunklen Treppe gewesen sein, so behauptet die Frau wenigstens.« »Ich will Ihnen etwas sagen, Major,« rief der Staatsanwalt, »ich werde aus Ihrer ganzen Erzählung nicht klug, denn Sie mengen alte Geschichten und neu Erfahrenes bunt durcheinander! Wir können die Sache deshalb vereinfachen. Wo ist die Person?« »Draußen in der Küche.« »Rufen Sie sie herein.« »Sie wird aber nicht in Ihrer Gegenwart reden wollen ...« »Und weshalb nicht? Sie braucht oder soll gar nichts weiter sagen, als was sie selber gehört und gesehen hat; ich will auch nichts weiter wissen und kann nichts Anderes gebrauchen. Lassen Sie die Person nur einmal hereinkommen.« Der Major griff nach der neben seinem Stuhl hängenden Klingel und zog daran, und gleich darauf streckte die bezeichnete Frau den Kopf in die Thür und fragte, was sie solle. »Kommen Sie einmal her, Frau Meier,« sagte der Major. »Aber ich kann ja nicht, ich sehe so schrecklich aus!« »Macht nichts,« lachte der Staatsanwalt, »wir sind alle Zwei ein Paar alte Knaben und haben unsere Herzen schon lange, der Eine verloren, der Andre eingetrocknet. Wir wollen Sie nur bitten, uns ein paar Fragen zu beantworten.« »Fragen beantworten?« wiederholte die Frau mißtrauisch, indem sie, in's Zimmer tretend, sich noch die Hände an ihrer Schürze abtrocknete. »Sie haben früher bei der Frau Baronin Wendelsheim im Dienst gestanden, wie?« »Ja,« nickte die Frau; »das hab' ich ja schon dem Herrn Major erzählt.« »Schön. Sie waren also auch dort, wie der erste Knabe geboren wurde, wie?« »War ich auch. Aber weshalb?« »Liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig, »es handelt sich hier nur darum, von Ihnen die Bestätigung oder Nichtbestätigung eines altgefaßten Verdachts zu bekommen. Sie selber haben natürlich gar nichts damit zu thun, und es ist nur die Frage, ob Sie vielleicht irgend ein Interesse dabei hatten, etwas zu verschweigen, was mit jener Sache in Verbindung steht.« »Ich?« sagte die Frau halb beleidigt, »was sollte ich für ein Interesse dabei haben? Ich bin mir nichts Schlechtes bewußt und kann jedem Menschen frei und offen in die Augen sehen.« »Wollen Sie mir also das genau erzählen, was Sie heute Morgen dem Herrn Major erzählt haben?« Die Frau zögerte. »Was geht's mich an?« sagte sie endlich. »Was Einen nicht juckt, soll man nicht kratzen. Ich will mit der ganzen Gesellschaft nichts weiter zu thun haben.« »Das sollen Sie auch nicht, liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig; »aber wissen Sie, wer ein geschehenes Unrecht verheimlicht, nimmt selber Theil daran, er mag sonst noch so unschuldig sein. »Aber ich weiß von keinem Unrecht,« sagte die Frau; »ich habe nur erzählt, was ich an dem Abend gesehen, und – hätte auch vielleicht mein Maul besser gehalten. Ueber die Geschichte ist Gras gewachsen, und Todte können doch nicht wieder lebendig werden.« »Todte?« fragte der Staatsanwalt, indem er sie scharf dabei ansah. »Nun, ich weiß nicht, wie's damals gewesen ist,« sagte die Frau, vielleicht selber unwillig darüber, daß sie schon so viel gesprochen. »Dem Herrn Major hab' ich's aber einmal erzählt, und wenn Sie's auch wissen wollen, weshalb fragen Sie nicht den darum?« »Da haben Sie Recht,« lenkte der Staatsanwalt ein, »und die Hauptsache weiß ich ja nun doch; es war mir nur nicht glaublich, daß der Freiherr selber in der Nacht sein Kind hätte forttragen können.« »Das hab' ich auch nicht gesagt, Herr Major,« rief die Frau rasch, »keine Silbe davon! Wie das Kind aber geboren war, ließ die Heßberger damals die Wartefrau, eine Verwandte von ihr, mit der sie dicke durchsteckte, oben allein bei der Wöchnerin und der ›Tante‹ und ging in den Hof hinunter, so viel ist sicher, denn das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Sie trug auch etwas unter dem Mantel und kam ebenso zurück, und wir Alle haben viel darüber gesprochen, denn so eine Frau gehört in der Zeit in das Wochenzimmer und nicht in den Hof. Die Leute im Hause meinten auch damals, es sei gar kein Knabe gewesen, sondern ein Mädchen, und der Herr Baron hätten es nur so verkündet; aber nachher stellte es sich doch heraus, daß es ein prächtiger Junge war, der ja auch gut gediehen und groß und stark geworden ist. Das wär' Alles, was ich darüber sagen könnte.« »Und wer war der Mann, der damals mit jener Frau in den Park kam?« »Und woher sollt' ich das wissen?« sagte die Frau. »Ich habe ihn gar nicht einmal gesehen, und das Volk im Hause, oder vielmehr der Gärtner, meinte freilich, es wäre der Schuster Heßberger gewesen; aber wer kann's sagen! Dunkel war's ebenfalls und regnete die ganze Nacht hindurch, und nachher kümmerte sich auch weiter Niemand um ihn, denn in dem Regenguß mochte natürlich Keiner mehr in den Park gehen, da noch dazu unten in der Gesindestube eine Flasche Wein neben der andern stand.« »Das ist erklärlich,« nickte der Staatsanwalt leise vor sich hin, »und kommt auch wohl eigentlich nichts darauf an; aber Sie meinten vorher, Frau Meier, daß Todte nicht wieder lebendig werden könnten. Was wollten Sie eigentlich damit sagen?« »Von Todten habe ich nichts gesprochen,« sagte die Frau zurückhaltend. »Doch, Frau Meier,« nickte der Staatsanwalt; »aber es ist zu leicht denkbar, daß in einer so aufgeregten Zeit Manches von den Leuten nur so obenhin gesprochen und vermuthet wird, ohne daß irgend ein fester Beweis dafür zu Grunde liegt. Wahrscheinlich bezieht sich das, was Sie sagten, auch nur auf derartige Vermuthungen. Erinnern Sie sich vielleicht noch einiger der damals gehenden Gerüchte? Lieber Gott,« setzte er hinzu, als er sah, daß die Frau noch unschlüssig schwieg, »es ist seitdem eine lange Zeit vergangen und viel Wasser den Berg hinabgelaufen; es wäre kein Wunder, wenn Sie es vergessen hätten, und kommt auch eigentlich nichts darauf an, aber einen Grund müssen die Leute doch damals für ihre Behauptung gehabt haben.« »Für welche denn?« sagte die Frau, die dem Gedankengang nicht folgen konnte. »Nun dafür,« meinte Witte ruhig, »daß sie glaubten, der Mann, der das Kind umgetauscht, habe das ihm überlieferte, also wahrscheinlich ein Mädchen, umgebracht.« Die Frau sah ihn bestürzt an. Hatte sie denn das selber schon gesagt, oder war das dem Manne mit der hohen, kahlen Stirn und den weißen Haaren selber so vorgekommen? »Ich weiß es nicht,« sagte sie endlich, durch das viele Fragen ganz verwirrt gemacht, »die Leute reden viel. Gesprochen wurde allerdings davon, die damalige Wirthschafterin hatte ein böses Mundwerk und sagte immer mehr, als sie verantworten konnte.« »Und die meinte es auch?« »Ganz ähnlich so wenigstens,« nickte die Frau; »aber ich habe von Anfang an dagegen gesprochen und glaub's auch nicht bis auf den heutigen Tag, denn dazu kann eine Mutter nicht ihr Kind hergeben und ein anderes annehmen und so lieb haben, wie die gnädige Frau den Jungen gehabt hat. Sie küßte ihn nur immer in einem fort und ließ ihn gar nicht aus den Augen, so lange sie ihn nur eben hüten konnte, und der Baron selber wußte nicht vor lauter Freude, was er angeben sollte. Der freilich hätte sich auch nichts Besseres wünschen können; denn daß er mit dem Knaben eine große Erbschaft machte, war ja schon damals überall bekannt.« Die Frau war in Zug gekommen, und Witte hütete sich wohl, sie darin zu stören. Nur erst als sie schwieg, sagte er, aber auch mehr zum Major gewandt, als zu ihr: »Ganz richtig ist die Sache keineswegs gewesen, davon bin ich ebenfalls überzeugt; aber die Frau Meier hat ganz Recht: es ist Gras darüber gewachsen und Alles, was sie uns da erzählt hat, weiter nichts, als was sich ein paar Monate nach der Entbindung eben die ganze Stadt heimlich erzählte, ohne irgend etwas beweisen zu können. Nur noch Eins, Frau Meier. Sie erwähnten vorhin einer Wartefrau, die allein bei dem Kinde geblieben, als die Frau Heßberger fortging. Lebt die noch und wo ist sie?« »Ja, Du lieber Gott,« sagte die Frau, »wer weiß das! Eine Zeit lang war sie noch in der Gegend, nachher ging sie fort und, wie es allgemein hieß, nach Amerika, und später soll sie sogar dort gestorben sein; die Heßberger erzählte es wenigstens so in der Stadt. Sie hatte einen Vetter in Amerika, und von dem wollte sie einen Brief erhalten haben.« »Genau so, wie ich mir dachte,« nickte der Staatsanwalt. »Alles, was irgend eine positive Aussage machen könnte, fehlt, und was uns bleibt, sind nichts als wilde Gerüchte und Vermuthungen; denn daß die Frau Heßberger selber irgend welche Auskunft geben würde, ist doch wohl nicht denkbar.« »Die?« rief die Frau Meier. »Die schlechte Person, die – eher bisse die sich die Zunge ab, ehe sie aus der Schule schwatzte! Und die weiß auch wohl, warum, denn umsonst trägt sie nicht an Sonn- und Feiertagen seidene Kleider und ächte Spitzen daran und einen Hut mit großen Federn auf, damit sie ja nicht so aussieht wie Unsereins! Die ist mit allen Hunden gehetzt, und ihr Mann auch, der alte Heuchler ...« »Na, Frau Meier,« sagte der Major, der wohl einsah, daß sie jetzt Alles erzählt hatte, was sie wußte, »dann gehen Sie nur wieder an Ihre Arbeit« – und als die Frau sich zurückzog, rief er triumphirend den Staatsanwalt an: »Na, was sagen Sie nun? Sind das keine Beweise?« – Er schien auch seinen sonst so trostlosen Krankheitszustand rein vergessen zu haben, denn während der ganzen Zeit hatte er nicht ein einziges Mal geächzt oder gestöhnt, sondern mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten der Frau gelauscht. Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paar Mal im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt sagte er kopfsschüttelnd: »Beweise? Nicht die blasse Spur. Dem alten Freiherrn traute ich allerdings eine solche Handlung schon zu, und schlimmere Dinge sind wirklich vorgefallen; aber die Frau hat auf der Gotteswelt nichts weiter gethan, als die alten Gerüchte, die damals Jahre lang wiedergekaut wurden, bestätigt. Neues ist nichts daran, als daß die Wartefrau in dem Wochenzimmer, während die Heßberger hinausging, allein zurückgeblieben, und hätten wir die Frau hier und könnten sie zum Reden bringen, so möchten wir allerdings Genaueres erfahren. Wenn sie aber todt oder nur nach Amerika ausgewandert ist, so hilft uns das Alles nichts und wir sind so klug wie vorher.« »Wenn aber nun jener Mensch das kleine, neugeborene Mädchen wirklich umgebracht hätte?« »So wäre das allerdings ein scheußliches Verbrechen,« sagte der Staatsanwalt, »ist aber gar nicht denkbar, denn irgendwo hätte dann in damaliger Zeit ein Kind gefehlt, und man würde davon gesprochen und es in jener Aufregung und dem allgemeinen Verdacht gegen den Baron gewiß mit dieser Sache in Verbindung gebracht haben. Nein; hat jene alte Frau Heßberger wirklich zu einem Verbrechen oder einer Betrügerei die Hand geboten, so ist das Alles so schlau und geschickt angefangen, daß nicht einmal auf frischer That ein Beweis geführt werden konnte, wie viel weniger denn jetzt, nach beinahe vierundzwanzig Jahren.« »Und dann erbt also in den nächsten Wochen der Lieutenant das ganze riesige Vermögen, und wir Anderen sind geleimt.« »Allerdings, wenn er an dem Tage noch lebt, und gesund und kräftig genug sieht er dazu aus. Jetzt bitte ich Sie aber, Major, daß Sie mich mit der Sache ungeschoren lassen, denn Sie haben mich schon drei- oder viermal darin vergebens auf den Trab gebracht.« »Aber es ist doch Sache des Staates, einem solchen Verbrechen nachzuforschen!« rief der Major gereizt. »Ja wohl,« sagte Witte, »wenn wir selber die Möglichkeit einer Beweisführung einsehen oder irgend ein gegründeter Verdacht vorliegt, gewiß; doch auf altes Weibergeklatsch, auf Hörensagen und blinde Gerüchte hin, nachdem beinahe ein Menschenalter verflossen ist, trete ich nicht mit einer solchen Klage vor die Gerichte. Also gute Besserung, Major!« Und mit diesen Worten griff er wieder Hut und Stock auf und verließ das Haus. 5. Beim Schlosser Baumann. Beim Schlosser Baumann wurde das Abendbrod auf den Tisch gestellt: Kartoffeln in der Schale, kräftiges Schwarzbrod, Butter, Käse und ein Krug Bier dazu; denn Baumann arbeitete allerdings ganz tüchtig und war ein geschickter Mann, ließ sich jedoch nichts abgehen und hielt etwas auf seinen innern Menschen. Aber er duldete auch nicht, daß die Leute schlechteres Essen bekamen, als er selber. Er verlangte ordentliche Arbeit von ihnen und wahrhaftig kein Feiern dabei, denn wie er selber zugriff, mußten auch die Anderen mit angreifen. Doch ordentliche Nahrung sollten sie dazu in die Knochen haben und dann hielten sie es auch mit Vergnügen aus und schlugen in der Schmiede nicht zu, als ob sie Nüsse knacken wollten. Nur auf seinen äußern Menschen gab er nichts. Sonntags allerdings, wenn er einmal mit der Frau ausging, zog er seinen langen blauen Rock an und band sich eine etwas unbequeme hohe Cravatte um; in der Woche aber ging er in Hemdsärmeln und mit dem Schurzfell, und dazu ein schwarzes kleines Käppchen auf; ja, selbst wenn er Arbeit in der Stadt hatte und ausgehen mußte, wechselte er das nicht, wie auch die Frau dagegen redete. Es schicke sich nicht für einen Meister, sagte sie, daß er wie ein Gesell umherlaufe, und er solle doch etwas mehr auf seine ›Reputation‹ sehen. Aber Meister Baumann lachte dann nur immer und meinte, er sähe in seinem Schurzfell ein ganz Theil besser und anständiger aus, als sie selber mit ihrer aufgedunsenen Crinoline, mit der sie dem Ambos nicht einmal mehr zu nahe kommen dürfe. Und dabei blieb es, denn Baumann, so seelensgut er sonst sein mochte, hatte einen entsetzlichen Dickkopf in manchen Dingen und auch gerade nicht ganz Unrecht mit der Crinoline, die er seiner Frau vorwarf. Seine Frau war wirklich herzensgut und sorgte für ihren Mann und ihre Kinder, wie nur eine Mutter sorgen kann, und besonders an dem jüngsten, einem Mädchen von sieben Jahren, hing sie mit unsagbarer Liebe; aber sie besaß einen Fehler: sie war ein wenig eitel, und zwar nicht mehr auf ihre Schönheit, so hübsch sie auch vielleicht in früheren Jahren gewesen sein mochte, sondern auf ihr Aeußeres, auf ihre »Stellung« im Leben, und das Gefühl geht freilich durch alle Schichten der Gesellschaft, von hoch herunter bis zur niedrigsten. Meister Baumann versuchte nun allerdings zuweilen, ihr den ›Dünkel‹, wie er es nannte, auszutreiben und argumentirte dann ganz einfach, daß sie nichts als schlichte Handwerker wären, die keinen Anspruch machten und an die kein Anspruch gemacht würde; aber darin gab sie ihm nie Recht. Er, ihr Mann, sei, wie sie behauptete, ein geachteter Bürger der Stadt, wenn auch nur ein Handwerker, der sich sein Brod mit seiner Hände Arbeit verdiene: aber deshalb gerade könne sie nicht wie eine Tagelöhnersfrau in einer »schlampigen Fahne« umherlaufen, und »wenn dem Tischler Behrens seine Frau und dem Bäcker Gluck seine« in großen Crinolinen einherstolzirten, so möchte sie einmal das Gesicht sehen, mit dem die sie angucken würden, wenn sie »nur so« zwischen ihnen herumliefe. Baumann lachte bei solchen Argumenten, und die Sache war abgethan. Nur als sie einmal den Versuch machte, eine Schleppe zuzulegen, curirte er sie gründlich gleich von vornherein. Er sagte nämlich kein Wort darüber; wie aber Abends, nach einem stolz verlebten Sonntag-Nachmittag, das Kleid im Schrank hing, nahm er eine Scheere, ging hin und schnitt heimlich hinten alles Ueberflüssige herunter. Gesprochen wurde auch darüber gar nichts. Die Frau fand das etwas arg zugerichtete Kleid – denn Baumann war nichts weniger als ein Damenschneider –, reparirte es wieder, so gut es gehen wollte, und gab dann jeden weiteren Versuch in dieser Richtung auf. Diese Eitelkeit hatte aber auch ihre guten Seiten, denn sie warf sich auf die Erziehung der Kinder, für die sie Alles anstrengte. Ein paar Jahre nach ihrer Verheirathung hatte sie eine kleine Erbschaft gemacht, und wie der Erstgeborene heranwuchs, wollte sie absolut, daß er studiren und ein gelehrter Mann werden solle. Dagegen aber legte Meister Baumann entschieden Protest ein; denn wenn das Kind auch in den ersten Jahren etwas kränkelte, entwickelte es sich doch später vortrefflich, und der Vater behauptete, daß sein Sohn nichts Anderes werden dürfe, als was der Vater gewesen: ein ehrlicher und tüchtiger Schlosser auch. Das bahne ihm dann den Weg weiter, und habe der Junge Talent und Geschick, könne er es schon noch zu Allerlei bringen, denn das Schlosserhandwerk sei in jetziger Zeit der Anfang zu allen möglichen ehrenvollen Laufbahnen geworden. Fritz, wie der Knabe getauft worden, trat denn auch bei ihm selber in die Lehre, und der Erfolg bewies, daß der Vater Recht gehabt. Er zeigte sich bald so außerordentlich fleißig und geschickt, daß ihn der alte Schlossermeister selber nach drei Jahren dem Mechanikus Obrich überließ, um etwas Tüchtiges aus ihm heran zu bilden. Der zweite Sohn, ein derber, prächtiger Junge, wurde ebenfalls Schlosser, und der dritte, da er mehr Neigung zu Holzarbeiten verrieth, kam zu einem Tischler in die Lehre. Mit dem Studiren, wie es die Frau immer gehofft, war es also nichts, und die Knaben befanden sich auch alle drei bei dem gewählten Beruf vortrefflich. »Sag' einmal, Alte,« begann der Meister, während er mit seiner Frau, den Gesellen und einem Lehrling am Tisch saß und eben eine etwas heiße Kartoffel schälte – Fritz war gleichfalls herüber gekommen, hatte aber schon gegessen und sich nur ein Glas Bier eingeschenkt, was es drüben nicht gab – »kennst Du denn den Staatsanwalt Witte oder seine Familie näher?« »Näher?« sagte die Frau kopfschüttelnd. »Woher soll ich die Leute näher kennen? Die Kinder haben früher oft zusammen gespielt; ich bin aber nie zu ihnen in's Haus gekommen. Weshalb denn?« »Oh, ich meinte nur,« sagte der Meister, während Fritz, ohne jede scheinbare Veranlassung, ordentlich roth wurde und fast wie verlegen aussah. »Aber wie ich heute drüben war, denn er ließ mich wegen eines Schlüssels zu seinem Schreibtisch rufen, fragte er mich so angelegentlich nach Euch Allen, und wie viel Kinder wir hätten, und ob es Jungens oder Mädchen wären, und ob uns keins gestorben sei, und wie lange wir verheirathet seien, kurz, tausenderlei, was ihm doch eigentlich verwünscht gleichgültig sein könnte.« »Ich kenne die Leute, Vater,« sagte jetzt Fritz, indem er zugleich das Bier an die Lippen hob; »ich komme manchmal hinüber, wenn wir etwas für den Staatsanwalt zu thun haben.« »Du kommst hinüber?« sagte der Vater erstaunt. »Wozu?« »Nun, wenn irgend eine gemachte Arbeit abgeliefert wird.« »Na, das hat bei Euch der Werkführer zu thun? Bei uns thut's der Junge.« »Oh,« meinte Fritz, doch jetzt etwas verlegen, »wenn einmal irgend etwas sehr Zerbrechliches vorkommt, was man dem Jungen nicht gut anvertrauen kann. Er ist gar zu zerstreut.« »So?« sagte der Vater und nickte still lächelnd vor sich hin; »ei, wie besorgt der Fritz ist. Das junge hübsche Mädchen drüben hast Du wohl noch gar nicht einmal gesehen?« »Oh doch, Vater,« sagte Fritz rasch, und der Alte lachte. »Ja, kann ich mir denken; aber da laß die Finger davon, mein Junge. Das ist nichts für Unsereinen, und ein ehrlicher Handwerker soll sich auch nicht einmal der Gefahr aussetzen, von dem vornehmen Volk abgewiesen zu werden.« »Aber wie Du nur gleich wieder bist, Vater,« sagte die Frau; »Fritz ist ein ganz schmucker Bursche, und wer weiß denn, ob sich der Herr Staatsanwalt nicht gerade deshalb so genau bei Dir nach uns erkundigt hat. Lieber Gott, er ist doch auch kein Prinz und sie keine Prinzessin.« »Ne, Alte, da hast Du Recht,« sagte der Schlosser; »aber Gleich und Gleich gesellt sich doch immer besser, und ich denke, der Alte hat sich da auch schon sein Part ausgesucht – oder vielmehr das junge Blut selber. Wie ich gerade hinüber ging und anklopfen wollte, kam ein Herr Lieutenant, der junge Baron Wendelsheim, aus der Stube, wo er den Damen jedenfalls einen Besuch gemacht hatte, denn der Staatsanwalt war in seinem Bureau; und wie er Adjes sagte, küßte er der Mamsell nicht allein auf das Zärtlichste die Hand, sondern sie wurde dabei auch über und über roth und dachte gar nicht daran, sie wieder fortzuziehen, bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere und nicht besonders gelegen kam.« »Der junge Herr Baron von Wendelsheim?« sagte die Frau, und ihr Blick flog wie forschend nach Fritz hinüber. »Na, der Alte küßt keinem hübschen jungen Mädchen mehr die Hand,« lachte der Schlossermeister, »oder sie würden sich wenigstens nicht besonders viel daraus machen. Es war der zierige Lieutenant, der immer den – Rücken so dreht, wenn er geht, wie ein kokettes Frauenzimmer – wir haben so ein eigenes Sprüchwort dafür. Ich weiß nicht, mein Geschmack wär's nicht. Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch hat schon manchem sonst vernünftigen Mädel den Kopf verdreht und Unheil angerichtet. Weiß der Himmel, wo's drin steckt; ich kann's nicht begreifen.« »Nun, der Herr von Wendelsheim,« sagte die Mutter, »ist doch gewiß ein ganz sauberer, hübscher Mensch, und so vornehm sieht er immer aus!« »Hübscher Mensch!« lachte der alte Baumann; »er sieht genau so aus, wie unser Karl da, mit derselben aufgestülpten Nase – nur dümmer; und die Haare hat er sich bis hinten in die Halsbinde hinunter gescheitelt – weiter kann man's nicht sehen. Uebrigens wär er eine ganz famose Partie, das ist richtig, denn er muß ja nächstens die große Erbschaft heben; da giebt's nachher Geld wie Heu, und das können alle Menschen gebrauchen, auch die Advocaten.« »Und der machte bei Wittes Besuch?« fragte die Frau. »Nun natürlich, und weshalb sollte er auch nicht? Ein Lieutenant hat ja doch auf der Gotteswelt nichts weiter zu thun, und mit etwas muß der liebe lange Tag todtgeschlagen werden.« »Aber er war doch heute in Wendelsheim draußen,« sagte Fritz. »Nun, das war etwa um zwölf Uhr, vielleicht wie er zurückkam. Aber woher weißt Du das?« »Ich war selber draußen.« »Du, in Wendelsheim?« fragte die Mutter rasch und erstaunt. »Was hattest Du denn da zu thun?« »Oh, ich bin oft draußen,« sagte Fritz, »bei dem kranken jungen Baron. Heute brachte ich ihm eine Maschine hinaus, die wir zusammengestellt hatten. Das ist ein liebenswürdiger junger Herr, aber nur leider immer so krank und schwächlich. Ich fürchte, er macht's nicht lange mehr, was mir recht leid um ihn thun sollte.« »Es ist doch eigentümlich,« sagte die Frau, »daß da weiter gar keine Kinder sind. Wenn der nun auch noch stirbt, so erbt der Aelteste Alles.« »Nun, und was hast Du darüber zu seufzen?« lachte ihr Mann. »Und der Herr Lieutenant wird ebenfalls nicht böse darüber sein und schon wissen, wohin er mit dem Gelde soll. Der bringt's bald unter die Leute, darauf kannst Du Dich verlassen, denn Schulden hat er schon jetzt in der Stadt wie Sand am Meere – beinahe mehr noch, als sein Vater.« »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke eine etwas scharfe Stimme in der Thür. »Hol' Dich der Teufel!« beantwortete Meister Baumann etwas rauh und lästerlich den frommen Gruß. »Aber, Baumann,« sagte die Frau, während der Schuhmacher Heßberger, ein kleines schwarzes Buch unter dem Arm, und nicht im Mindesten zurückgeschreckt, das Zimmer betrat – »schämst Du Dich denn gar nicht? Vor den Kindern und dem Lehrlinge solltest Du Dich wenigstens geniren!« »Ach was,« sagte Baumann ärgerlich, indem er sich das schwarze Käppchen auf's eine Ohr schob. »Dein Schwager soll auch die albernen Faxen lassen, denn er müßte doch nun nachgerade wissen, daß er bei mir damit an den Unrechten kommt!« »Du bist und bleibst ein Heide, Bruder Baumann,« sagte der Schuhmacher, indem er näher zum Tisch trat und in den Bierkrug sah – er war aber geleert. »Ein gutes Wort sollte auch eine gute Statt finden, und ich thue keinem Menschen damit weh.« »Nicht weh?« sagte Baumann mürrisch. »Sand willst Du den Leuten damit in die Augen streuen, Du alter Heuchler Du, weiter nichts, denn im Herzen bist Du ein so durchtriebener Strick, wie's nur einen auf der Welt giebt! Und woher kommst Du jetzt?« »Aus der Kirche,« erwiderte Heßberger ruhig. »Aus der Kirche? Am Werkeltag?« »Aus der Abendstunde, die unser Herr Pastor hielt – es war sehr schön!« »Und weshalb bist Du nicht dort geblieben?« lachte Baumann, der den kleinen Schuster kopfschüttelnd betrachtete. – Er sah auch in der That komisch genug aus, denn er trug schwarze, ganz abgeschabte und an den Knieen ordentlich glänzende Hosen, einen eben solchen, aber etwas zu engen, besonders in den Aermeln zu kurzen Frack, eine weiße Halsbinde und Weste und einen wahrhaft monströsen Seidenhut mit fuchsigem Deckel. »Junge, Junge, wie Du so da stehst, könnte man Dich, bei Gott, für Geld sehen lassen – es wär' der Mühe Werth!« »Bruder Baumann,« sagte der Schuster mit Würde, »Du redest, wie Du es eben verstehst. Wenn ich in ein Gotteshaus gehe, muß ich mich auch anständig constimiren ...« »Und das nennst Du anständig ...?« »Und kann nicht einhergehen, als ob ich zu Bier ginge,« fuhr der Schuhmacher unbekümmert fort. »Und was willst Du?« sagte Baumann trocken. »Nichts von Dir,« entgegnete Heßberger mit scharfem Ton; »nur meiner Schwägerin Guten Abend sagen und dann den Staub wieder von meinen Füßen schütteln.« »Na, dann schüttele,« lachte Baumann; »je eher, desto lieber.« »Aber, Gottfried!« bat die Frau. »Ach was,« rief der Schlosser ärgerlich, »er soll sich betragen wie ein anderer vernünftiger Mensch, nachher wird er auch so behandelt; aber die Firlefanzereien duld' ich nicht in meinem Hause.« Die Meisterin war praktischer Natur. Sie hatte dem Lehrjungen schon ein Zweigroschenstück in die Hand gedrückt und mit dem Auge nach dem Bierkrug hinüber gewinkt, und der fuhr auch, ohne daß der Meister auf ihn Acht hatte, damit zur Thür hinaus. »Na, Onkel Heßberger,« sagte da Karl, dem es selber leid that, den kleinen Mann so rauh behandelt zu sehen, »so legen Sie doch wenigstens ab und nehmen Sie sich einen Stuhl. Wie geht's zu Hause? Ist die Tante wohl?« »Danke, mein Sohn,« sagte der Schuhmacher, indem er der Einladung Folge leistete – denn das Verschwinden des Bierkruges war von ihm nicht unbeachtet geblieben – »leidlich wenigstens; sie hat aber heute wieder über Land gemußt, um ein paar Patienten in Wendelsheim zu besuchen, leider jedoch keine guten Nachrichten von dort mitgebracht.« »Von Wendelsheim?« rief Fritz schnell. »Doch nicht vom Schlosse?« »Ja, allerdings,« nickte der Schuhmacher mit einem wehmüthigen Blick nach oben. »Des Herrn Hand ruht schwer auf dem stolzen Baron; sein zweiter Sohn, der Benno ...« »Es ist ihm doch nichts geschehen?« »Er hat heute Morgen einen furchtbaren Blutsturz bekommen und liegt am Tode.« »Oh Du großer Gott!« rief Fritz erschreckt aus. »Aber das ist gar nicht möglich. Ich bin selber noch heute Morgen bei ihm gewesen, und als ich fortging, hörte ich noch, wie er sich laut unterhielt und fröhlich lachte.« »Ganz richtig,« sagte der Schuhmacher; »nach dem Deschuneh war er in den Garten spazieren gegangen, und da hat's ihm arrivirt. Er ist ja auch elend von seiner Geburt an gewesen; seine ganze Constitution ist corrumführt. Kurz und gut, er bekam plötzlich einen Blutsturz, und als meine Frau, die unten zufällig im Dorfe war und davon hörte, hinauf eilte, waren ihm schon die ganzen Extermitäten kalt.« »Ach, das ist ja schrecklich,« stöhnte Fritz; »der arme junge Herr! Und ich freute mich noch so, als ich fortging, daß er so vergnügt und heiter war.« »Ja, Du lieber Himmel,« sagte der Schuhmacher, »mit dem Menschen geht es oftmals schnell zu Ende, und es weiß Keiner, wann ihm sein Brod gebacken ist. Aber was thut's, der Freiherr hat ja noch immer den einen Sohn und der erbt jetzt die ganze Bescherung. Es soll ein heidenmäßiges Vermögen sein.« »Der arme Vater!« seufzte die Frau. »Ja, das kann nichts helfen,« sagte Baumann; »der Tod sieht nicht auf Rang und Stand und kehrt bei Armen und bei Reichen ein. Wer mag's ändern!« »Wir müssen Alle sterben,« sagte der Schuhmacher und schenkte sich von dem Bier ein, das der Lehrling eben auf den Tisch stellte; »der Gerechte mit dem Ungerechten, und erst dort werden die Schafe und die Böcke gesondert werden.« »Na, Schwager Heßberger,« lachte Baumann wieder, der die Familie Wendelsheim viel zu wenig kannte, um größeren Antheil an ihrem Verlust zu nehmen, wie bei anderen fremden Menschen. »Du kommst zu den Böcken, darauf kannst Du Dich verlassen; denn Du hast schon hier auf Erden so lange bei den Schafen gestanden, daß Dir eine Veränderung ingrimmig Noth thut.« »Du redest, wie Du es verstehst, Bruder Baumann,« sagte Heßberger, indem er sich noch einmal einschenkte. »Was ich aber gleich sagen wollte, Schwägerin, meine Frau läßt Dich bitten, Du möchtest doch heut Abend einmal zu ihr hinüber kommen; sie hätte Dir etwas zu sagen.« »Und weshalb kommt sie da nicht her?« fragte Baumann. »Sie liegt ja doch den aufgeschlagenen Tag auf der Straße.« »Eben deshalb,« erwiderte ruhig der Schuhmacher, »weil sie so viel herum zu laufen und bald da, bald dort eine Besorgniß zu machen hat, muß sie die wenige Zeit im Hause zusammennehmen und uns doch auch etwas zu essen machen. Vom Canditer können wir es uns nicht holen lassen und von Confett leben.« »Na,« lachte Baumann, »dazu seid Ihr Beide nicht hübsch genug.« »Was hat sie denn? Ist was vorgefallen?« fragte die Frau. »Nicht, daß ich wüßte,« sagte Heßberger kopfschüttelnd; »Du bist aber auch so lange nicht bei uns gewesen und wenn sie hierher kommt, kriegt sie ewig mit Deinem Manne Streit.« »Mit mir?« sagte Baumann. »Ich thu' ihr wahrhaftig nichts; aber sie soll mir auch mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien vom Leibe bleiben.« »Na, guten Abend denn miteinander!« sagte der Schuhmacher, indem er wieder aufstand; »ich muß auch heim, sonst machen mir die verflixten Jungen lauter dumme Streiche.« Und nach kurzem Gruß gegen die Verwandtschaft nahm er sein Buch wieder unter den Arm, setzte den riesigen Hut auf und stieg aus der Thür. Baumann hatte ihm kopfschüttelnd zu- und nachgesehen und ließ den Lehrjungen dann das Geschirr hinausräumen. Wir der draußen war, sagte er finster: »Kathrine, Du darfst mir's glauben, der Heßberger, wenn er auch Deine Schwester geheirathet hat und dadurch unser Schwager wurde, ist ein Erzlump, und Deine leibliche Schwester – bestärkt ihn nur darin.« »Aber, Gottfried!« »Nein, nein,« winkte ihr Mann mit der Hand, »das ist der reine Betrug, was die Beiden mitsammen treiben und daß sie nur noch Esel finden, die ihnen glauben und Geld bezahlen, ist das einzige Unglück bei der Sache.« »Aber sie hat schon so viel vorhergesagt, was eingetroffen ist.« »Bah, komm Du mir nicht auch etwa mit dem Unsinn! Wenn der Zufall einmal sein Spiel hat, wird es ausgebeutet und wenn es nicht eintrifft, eben nicht weiter davon gesprochen. Ueberhaupt, Kathrine, es thut mir leid, daß ich es sagen muß, denn es ist nun einmal Deine Schwester, aber der Umgang mit ihr ist mir nicht lieb, und da Du lange Jahre fast gar nicht mit ihr verkehrt hast, thut's mir leid, daß das jetzt wieder von Frischem anfangen soll.« »Sie meint es gewiß gut,« sagte die Frau mit einem recht aus tiefer Brust geholten Seufzer. Aber Baumann schüttelte auch dazu den Kopf. »Mit sich, ja, das geb' ich zu, aber nicht mit anderen Leuten,« sagte er finster; »sie hat kein gutes Herz, das steht ihr schon in den Augen geschrieben, und wenn sie Einen damit ansieht, kommt es mir immer so vor, als ob sie durch und durch bohrte, um Alles zu errathen, was man denkt.« »Du kannst sie nun einmal nicht leiden, Gottfried.« »Ehrlich gesagt, nein, und kein Mensch in der ganzen Stadt. Niemand hält mit ihr Umgang, und wenn sie die vornehmen Weibsleute Nachts heimlich besuchen, um sich von ihr die Karten legen zu lassen, oder wer weiß was sonst für Mittel und Latwergen zu holen, so sitzt der augenverdrehende Lump, der Heßberger, nebenan in der Stube bei seinen Leisten und brüllt geistliche Lieder ab. Es ist rein zum Verrücktwerden, wenn man's nur mit ansehen muß!« »Aber kann ich's ändern, Gottfried? Ich habe auch schon dagegen gesprochen ...« »Und sie hat auch keinen guten Einfluß auf Dich ausgeübt, Kathrine,« fuhr der Mann, finster vor sich hin mit dem Kopfe nickend, fort. »Das erste Jahr nach unserer Verheirathung warst Du ganz anders, bis plötzlich Deine Schwester hierher zog und immer so viel mit Dir zu erzählen und zu schaffen hatte. Nachher war's aus, und wie viel hast Du damals nicht geweint, und wenn ich Dich fragte, was Du hättest, immer nur gesagt, das Herz thäte Dir so weh und Du wüßtest eigentlich selber nicht, weshalb Du weinen müßtest.« »Aber, Gottfried, das ist gewiß nicht so arg gewesen.« »Nicht so arg? Wie Du damals mit Deiner Schwester fort warst, um die Erbschaft zu heben, und wieder zurückkamst, sahst Du mehr todt als lebendig aus, und ich glaubte schon, Du würdest ganz ernstlich krank werden. Der arme Junge, der Fritz, hatte auch darunter zu leiden, denn der kam ganz von Kräften – na, er scheint sich doch wieder aufgefuttert zu haben. Jetzt war auch die langen Jahre Frieden, und ich habe Deine Schwester über Jahr und Tag nicht einmal gesehen – fangt mir deshalb also nicht die alten Geschichten an, denn ich will von der Gesellschaft nichts wissen, und wenn wir zehnmal mit einander verschwägert sind.« »Wer weiß denn, was sie von mir will?« sagte die Frau, die bis dahin mit im Schooße gefalteten Händen vor sich nieder gestarrt hatte. »Vielleicht thut's ihr leid, daß wir so gar nicht zusammenkommen, und hart kann ich doch nicht gegen sie sein; sie hat mir ja noch niemals 'was zu Leide gethan und bleibt doch immer meine Schwester.« Der alte Schlosser rückte wieder an seinem Mützchen. Recht war's ihm nicht, aber er konnte der Frau auch nicht so ganz Unrecht geben und litt eben – was er nicht verhindern mochte. Er war aber doch ärgerlich geworden und mußte sich ein klein wenig zerstreuen; da war denn freilich das Beste, daß er hinüber in den »Goldenen Stern« ging und noch ein Glas gutes Bier trank. Nachher vergaß er all' die unangenehmen Sachen und bekam wieder eine glatte Stirn. 6. Der alte Salomon. Lieutenant Bruno von Wendelsheim hatte seine Dienstwohnung eigentlich in der Kaserne; da ihm das aber aus mancherlei Gründen nicht recht paßte, so miethete er sich derselben gerade gegenüber ein kleines freundliches Parterre-Logis mit Stallung, und führte dort eine Junggesellen-Wirthschaft, in der es manchmal außerordentlich vergnügt herging. – Er sah aber heute Morgen nicht so vergnügt aus. Es konnte kaum zehn Uhr sein, und er kam schon erhitzt und müde, mit bestaubten Stiefeln, von einem Gang zurück, warf Mütze und Handschuhe auf den Tisch und ging mit untergeschlagenen Armen und finster zusammengezogenen Brauen in seiner Stube auf und ab. Die Sache war aber auch unangenehm, denn daß er, der Erbe eines so ungeheuren Vermögens, ja eigentlich schon der Besitzer, da es sich nur um Wochen handelte, jetzt seit drei Tagen fast vergebens in der Stadt herumgelaufen sein sollte, um lumpige zweihundert Louisd'or zu bekommen, schien fast unglaublich, ließ sich aber nicht ableugnen, denn die Thatsache stand fest. Aber er mußte das Geld haben; er konnte sich nicht so furchtbar blamiren, den Handel rückgängig zu machen – der Verkäufer wäre auch gar nicht darauf eingegangen –, und er zerbrach sich eben den Kopf, wie er es am besten ermöglichen könne, ohne zu riesige Procente zu zahlen, als der Briefträger draußen anpochte. Er kannte ihn schon am Klopfen. Der Herr Lieutenant wußte recht gut, daß ihm von daher keine Hülfe kam; Correspondenz hatte er fast gar keine, und was ihm die Post in's Haus schickte, waren beinahe nur eingesiegelte Rechnungen oder gar directe Mahnbriefe. Er warf auch kaum einen Blick auf die drei oder vier Couverts, die ihm der Bote auf den Tisch legte; aber plötzlich haftete sein Auge auf einem der nicht so kunstgerecht wie die übrigen zusammengelegten Schreiben, und er brach es, wie er sich nur wieder allein sah, rasch auf. Die Adresse trug nur seinen Namen und die Wohnung – die letztere sehr gewissenhaft angegeben – und war mit etwas schwerfälligen Zügen, wie von der Hand eines Quartaners, geschrieben. Inwendig enthielt das Couvert aber keine Silbe weiter, sondern nur einfach einen Fünfthalerschein. »Das ist aber doch merkwürdig,« sagte der Officier, indem er kopfschüttelnd die wunderliche Sendung betrachtete; »wieder eine Fünfthaler-Note und kein Sterbenswort dabei, als die nämliche Handschrift auf der Adresse – und richtig, wieder mit einem Geldstück petschirt! Wer mag denn nur in aller Welt mein sehr großmüthiger, aber leider, wie es scheint, sehr unbemittelter Protector sein, der mir von Zeit zu Zeit so bedeutende Geldsendungen zukommen läßt? Fünf Thaler! Du lieber Gott, nicht einmal fünfhundert könnten mir heute helfen, und das ist höchstens genügend zu einem Frühstück, um mir die Grillen aus dem Kopfe zu jagen!« Noch während seines kurzen Selbstgespräches hatte er das Couvert nach allen Seiten genau betrachtet, ob nicht irgendwo ein Stempel oder ein anderes Zeichen auch nur auf die Spur des Absenders deuten ließe, aber umsonst. Es war noch dazu ziemlich ordinäres Schreibepapier, mit Packsiegellack geschlossen, mit einem Geldstück petschirt, und er steckte kopfschüttelnd den Fünfthalerschein in die Westentasche und warf das Papier in die Ecke. Was wollte er auch anders machen? Was konnte er thun? Irgend Jemand liebte ihn oder schwärmte für ihn und sandte ihm – jetzt schon das zehnte oder zwölfte Mal – durch die Post, ohne irgend einen Werth auf der Adresse anzugeben, einen Fünfthalerschein. Zurückschicken konnte er denselben nicht, er wußte ja nicht an wen, und das Geld auf die Straße werfen? Es wäre schade darum gewesen. Monate lang hatte er sich auch bei früheren Sendungen den Kopf darüber zerbrochen, wer nur möglicher Weise der freundliche Geber sein könne, aber natürlich vergebens; denn der Fall, daß ihm Jemand Geld schickte, war so außerordentlich, daß er jedes Versuches spottete, ihn jemals zu enträthseln. Aber die Zeit verstrich. Er hatte erst die Absicht gehabt, an dem Morgen noch einmal nach Wendelsheim hinaus zu reiten, um zu hören, wie es seinem Bruder ginge; aber er konnte heute unmöglich, und hoffte ja auch, daß es doch nur einer jener Anfälle gewesen, die der stets Kränkliche von je gehabt und der dann wahrscheinlich auch eben so rasch vorüberging. Hier aber drängte ihn die Zeit; er pfiff seinem Burschen, ließ sich noch einmal sorgfältig abbürsten, zog seine Handschuhe an und eilte dann, mit wahrlich schwerem Herzen einen Gang zu thun, den er gern vermieden hätte. Aber es ging eben nicht mehr, er mußte, und wenn er dort auch kein Geld bekam ... – Er biß die Zähne auf einander und schüttelte die trüben, bitteren Gedanken ab. Noch war es ja nicht so schlimm. Vor dem Hause begegnete er einer ältlichen Frau aus den geringeren Ständen, die ihn freundlich, aber achtungsvoll grüßte. Er warf ihr einen Blick über die Achsel zu und hob dann die rechte Hand etwa zehn bis zwölf Zoll, als ob er damit an die Mütze greifen wolle, kam aber noch nicht einmal bis zum ersten Knopfloche der Uniform. Er kannte die Frau, sie war ihm schon begegnet, aber er wußte nicht, wer es sei – möglicher Weise seine Wäscherin, die Geld von ihm haben wollte; er that viel besser, sie vollständig zu ignoriren. Sein Weg führte ihn durch die nämliche Straße, in welcher, Nr. 11 im ersten Stocke, der Staatsanwalt Witte wohnte; aber sein Herz dachte heute Morgen weder an ihn, noch an seine Tochter, und nur zufällig hob er im Vorübergehen den Blick zu den Fenstern. Aber dort saß Ottilie schon am Nähtisch bei ihrer Arbeit, lange jedoch nicht so beschäftigt, um nicht dann und wann das Auge nach der Straße hinabgleiten zu lassen. Es war ja so interessant, zu sehen, wer vorüberging. Sie hatte auch schon mehrfach an dem Morgen Gelegenheit gehabt, zu grüßen, oder vielmehr grüßend zu danken, aber noch nie so freundlich und so tief dabei erröthend, als diesmal, und Wendelsheim selber, ordentlich erschreckt, daß er sie fast übersehen hätte, grüßte auf das Verbindlichste. Dadurch aber, daß er seine Aufmerksamkeit nach dem Fenster oben richtete, lief er einer andern Gefahr in den Rachen, und zwar gerade gegen den unvermeidlichen Rath Frühbach an, der ihn auch ohne weiteres Säumen stellte. »Ah, mein lieber Herr Baron, auch schon auf der Promenade, und wie ich sehe, sehr angenehm beschäftigt? Ja, mein lieber junger Freund – na, ich gehe ein Stück mit Ihnen hier herunter, denn ich habe doch nichts zu versäumen – mein junger Freund, was ich gleich sagen wollte – in meiner Jugend habe ich es auch nicht besser gemacht, und ich war Ihnen ein verfluchter Kerl. Da lebte in Schwerin ein alter reicher Rauchwaarenhändler, ein steinreicher Bursch, sag' ich Ihnen, aber auch ein komischer Kauz, eine Art von Sonderling, der hatte eine wunderhübsche Tochter, Rosine hieß sie – nein, warten Sie einmal, das war eine andere; Rosine war die Nichte vom Ober-Appellationsrath Breitnagel, mit der ich auch einmal verlobt sein sollte – die Tochter von dem Rauchwaarenhändler – Herr Gott, fällt mir jetzt der Name nicht mehr ein – na, wenn sie das wüßte – aber es bleibt sich gleich, ich komme auch vielleicht noch darauf – aber es ist ärgerlich, wenn Einem so ein Name fehlt, und man quält sich manchmal einen Tag damit herum, ja, kann Nachts nicht davor einschlafen. Dieser Tochter also, Fräulein Therese – Jesus ja, Therese, wie ich das auch vergessen konnte! – machte ich damals furchtbar den Hof. Lieber Gott, ich war jung, sie war jung, und wenn sich ein paar junge Leute gern haben – warum nicht? Ja, das war ein wunderhübsches Mädchen, und ich hätte eine ganz gute Speculation mit der Heirath gemacht.« »Und warum heiratheten Sie sie nicht?« fragte Baron Wendelsheim, der nur mit halben Ohr auf die Salbaderei hörte. »Wie ich mir's noch überlegte,« sagte der Rath, »war sie auf einmal mit einem Lieutenant verlobt, und noch dazu mit einem weitläufigen Verwandten von mir, den ich dort selber eingeführt hatte.« »Das war ein Pech,« sagte der Baron; »aber, à propos, mein lieber Rath, Sie sagten mir doch einmal, daß Sie so etwas von einem Finanzmann wären?« »Ei gewiß,« rief Rath Frühbach rasch, »ich könnte Ihnen da Arbeiten zeigen...« »Bitte, ist gar nicht nöthig; aber die Hauptaufgabe eines Finanzmannes wäre meiner Meinung nach die, lieber Rath, Geld in Zeiten der Noth zu schaffen, nicht wahr?« »Und das vorhandene zu verwalten,« ergänzte der Rath. »Während wir von dem letzteren Punkt vor der Hand absehen,« fuhr der Lieutenant fort, »möchte ich Sie dann bitten, mir, gegen gute Interessen natürlich, bis heut Abend zweihundert Louisd'or zu schaffen.« Rath Frühbach sah seinen Begleiter über die Brille an und lächelte. »Da fällt mir eine Geschichte ein,« sagte er. »Mein lieber, bester Rath,« rief der junge Officier, jetzt wahrlich nicht in der Stimmung, lange Geschichten anzuhören, »alle Ihre Erzählungen helfen mir gar nichts, wenn Sie nicht Geld schaffen können!« »Aber sie erläutern den Fall.« »Der Fall ist schon so klar wie Krystall; ich brauche zweihundert Louisd'or, um ein Pferd zu bezahlen. Haben Sie so viel?« »Nöthig, ja, lieber Freund,« erwiderte Frühbach, sich ausnahmsweise einmal kurz und bündig fassend, »aber nicht baar.« »Und können Sie mir dieselben auch nicht verschaffen?« »Ich wüßte nicht, wo.« »Dann leben Sie recht wohl,« nickte ihm der Lieutenant zu, indem er sich dabei ohne weitere Umstände von ihm frei machte und rechts ab in eine der Seitenstraßen bog. Rath Frühbach schien auch einen Moment nicht übel Lust zu haben, ihm zu folgen, denn gewöhnlich ließ er seine Schlachtopfer nicht so rasch wieder frei; aber bei näherer Ueberlegung stand er doch davon ab. Der Lieutenant brauchte Geld, und solchen Leuten geht man eher aus dem Wege, als daß man sie aufsucht. Der junge Baron kümmerte sich indessen nicht weiter um seinen Begleiter, sondern schritt auf ihm allerdings wohlbekannten Pfaden zuerst eine schmale Gasse entlang, tauchte dann rechts in einen Durchgang und gerieth hier in ein Viertel der Stadt, das vorzugsweise Bekenner der mosaischen Religion zu Insassen zu haben schien. Da war Laden neben Laden, jeder einzeln aus einem kleinen, dunkeln Käfterchen bestehend und mit Waaren vollgestopft, die man sich nicht bunter hätte denken können. Da standen alte Bettladen vor der Thür, mit schauerlichen, bunt gemalten Litographien darüber; da hingen verrostete Flinten und zerbrochene Pulverhörner, alte, getragene Kleider und Stiefel; da standen Porzellan und Steingut friedlich neben eisernen Kochtöpfen und Stutzuhren, da lagen Messer und Gabeln, Terzerole, Kämme, Hosenträger und Gott weiß was Alles bei einander, und in den kleinen, wohl kaum je geputzten Fenstern prangten zerknitterte Blumen, die vielleicht einst ein bildhübsches Mädchen zuerst beim Tanze getragen, unächter Schmuck, Halsketten mit Halbmonden und Kreuzen, und dazwischen war gewöhnlich eine Tafel von Pappe angebracht, auf welcher schreckbar aussehende, vergilbte, zerbrochene Cigarren verkünden sollten, daß auch dieser Geschäftszweig – und welcher nicht? – hier vertreten wäre. Der Baron durchschritt auch die enge Gasse mit einiger Vorsicht, besonders wenn sich irgendwo ein Fenster öffnete, denn er wußte aus Erfahrung, daß die Bewohner dieser Spelunken gerade nicht sehr wählerisch in den Gegenständen waren, die sie zuweilen von oben herab auf die Straße schütteten. Er selber aber, obgleich ein Officier in diese Umgebung allerdings nicht paßte, schien hier nicht die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Es war eben nichts so Seltenes, daß sich sehr anständig gekleidete Herren, in Uniform wie in Civil, in dieses Viertel verloren, und wenn sie auch nichts von den da aufgestellten Waaren gebrauchen konnten, wurde doch manches »Geschäft« mit den Eigenthümern derselben abgemacht. Wer konnte diesen verwehren, daß sie auf Uhren oder sonstige Pretiosen Geld verborgten! Und Mancher, der sich scheute, offen in das städtische Leihhaus zu gehen, suchte dringenden Bedürfnissen hier ganz im Geheimen, wenn auch mit etwas größeren Opfern, abzuhelfen. Das aber galt doch nur für kleine, unbedeutende Verlegenheiten, wenigstens für solche, die eine geringe Summe betrafen. Bruno von Wendelsheim brauchte aber mehr und kannte auch genau die Quelle, zu der er gehen mußte. Und trotzdem ging er den Weg mit schwerem Herzen, denn gerade dem Manne gegenüber fühlte er sich unbehaglich, gerade diese Schwelle hätte er nicht mit einem Ansuchen um Geld mehr überschritten, wie er es früher so oft gethan, wenn ihm nur eben eine Wahl geblieben wäre; aber es half ihm nichts, er mußte. Die enge Gasse hatte er jetzt durchschritten, in welcher das Proletariat dieser Bevölkerung zu leben schien. Hier kreuzte sie eine andere Straße, und sie nahm von da ab einen andern Namen an und wurde breiter. Die Namen der Schilder gehörten allerdings noch ganz entschieden israelischer Abkunft an; da gab es einen Oppenheimer und Hirsch, einen Goldmeier und Levy, einen Süß und Rosenstengel, aber die Läden wurden eleganter und die Häuser reinlicher und sahen wohnlicher aus. Der junge Officier schritt immer noch weiter, bis er fast das Ende der Straße erreichte, und dort erst betrat er gleich darauf einen Laden, der wohl auch eine wunderliche Mischung von Dingen zeigte, aber sich nicht mit dem Abwurf des gewöhnlichen Lebens beschäftigte. Es war ein großes Kreuzgewölbe, mit einem dicken steinernen Pfeiler in der Mitte, und sah so aus, als ob es weit eher zu dem Refectorium eines Klosters, als zu seiner jetzigen Bestimmung gepaßt hätte. Der Hintergrund blieb auch düster, obgleich ihm vorn zwei hohe Bogenfenster Licht gaben. Der ganze Raum zeigte sich aber mit Dingen gefüllt, die der Umgebung entsprachen und fast sämmtlich vergangenen Jahrhunderten zugehören mußten. Da waren alte, wunderlich geformte und gemalte Vasen, mit Silber und Elfenbein eingelegte Kästen, riesige, ächt beschlagene Trinkhörner, kostbare, aber ebenfalls altertümliche Waffen, chinesische und japanische Schnitzereien und Lackarbeiten, prachtvolle, aber schon angerauchte alte Meerschaumpfeifenköpfe, Bernsteinspitzen vom größten Umfange; dann Rüstungsstücke, mit Silber eingelegte Panzerhemden, Spazierstöcke mit mächtigen Amethysten oder anderen edlen Steinen als Knopf, Theebretter mit kostbaren Malereien, Tabaksdosen mit in Brillanten eingelegten Namenschiffern und Kronen, Thee-Service in Rococoform, kurz alles nur Erdenkliche, was in dieses Fach schlug und aus allen Theilen der Erde, von allen Völkern hier versammelt schien. Der Baron kannte den Platz, und als er ihn erreicht, war es fast, als ob sein Fuß einen Moment zögerte. Aber was half ihm unschlüssiges Besinnen – da drinnen lag seine letzte Hoffnung, und es nützte ihm wahrlich nichts, den Entscheid nur hinaus zu schieben. Wenn er jetzt auch vorbeigegangen wäre, weiter oben hätte er doch umdrehen und hierher zurückkehren müssen. So denn, die Zähne fest zusammengebissen, schritt er auf die Thür zu, warf noch einen raschen Blick nach rechts und links hinüber, ob er nicht doch vielleicht zufällig jemand Bekanntes sähe, was ihm wahrscheinlich nicht lieb gewesen wäre, und trat dann schnell ein. Der Laden war indessen nicht leer von Besuchern, wie er anfangs geglaubt, denn der alte Mann, der Eigenthümer desselben, stand ziemlich im Hintergrund mit einer kleinen, corpulenten und wunderlich gekleideten Gestalt. Das Geschäft mußte aber beendet oder gar nicht entrirt sein, denn wie er jetzt entschlossen nach hinten schritt, hörte er nur noch, daß der alte Salomon sagte: »Nein, lieber Freund, thut mir leid, mache gern Geschäfte, aber nicht solche und mit unbekannten Leuten.« Der Kleine flüsterte etwas dagegen; der Alte schüttelte aber mit dem Kopf und fuhr fort: »Würde Ihnen auch nichts helfen: derlei Sachen kaufe ich nicht, ist auch nicht mein Geschäft, als ich nur offen und ehrlich handele mit guten, reellen Waaren. Sollte mich aber gar nicht wundern, wenn Sie in der Straße weiter unten einen Käufer finden; ich mag nichts damit zu thun haben.« Dem keinen Mann schien die Gegenwart eines Dritten nicht besonders angenehm. Der Baron merkte auch, daß er etwas in ein rothbaumwollenes Tuch einschlug und dann unter den Arm nahm. Er erwiderte aber nichts weiter, drehte sich ab und glitt dann an dem Lieutenant, an dem er einen halbscheuen Blick hinaufwarf, vorüber, der Thür zu. Dem Baron war es auch fast, als ob er ihn gegrüßt hätte, das konnte aber auch vielleicht Verlegenheit oder allgemeine Höflichkeit gewesen sein, und überdies fühlte er sich gerade nicht in der Stimmung, darauf zu achten oder den Gruß zu erwidern. Er sah sich nach dem Davonschleichenden, der aber von dem alten Händler fest im Auge behalten wurde, bis er die Thür hinter sich in's Schloß drückte, auch gar nicht um, und nun auf Salomon zuschreitend, streckte er ihm die Hand entgegen und sagte freundlicher, als er bis dahin ausgesehen: »Nun, wie geht's, alter Freund – immer noch auf dem Zeug?« »Gott der Gerechte, der Herr Baron!« sagte der Mann mit einem eigenen, fast wehmüthigen Lächeln, die dargebotene Hand aber nehmend und schüttelnd. »Hab' ich doch beinah' geglaubt, daß Sie vergessen hätten, wo der alte Salomon wohnt. Es muß ein Menschenalter sein, daß wir einander nicht gesehen haben.« »Nun so lange doch wohl nicht, Salomon,« sagte der Baron halb verlegen, »ich dächte, es könnten kaum vier Wochen sein.« »Wie Sie Recht haben,« sagte der Alte, sich mit dem dritten Finger der linken Hand vor die Stirn klopfend. »Aber das Gedächtniß wird schwach, Herr Baron, das Gedächtniß wird schwach, 's ist ja wahr, vor vier Wochen etwa, wo Sie mir die Ehre gaben, ein kleines Geschäft mit mir zu machen. Gott der Gerechte, wie schlecht die Zeiten seitdem geworden sind!« »Und wie geht es Ihrer Fräulein Tochter?« »Danke der Nachfrage, Herr Baron – aber wollen Sie nicht ein wenig Platz nehmen bei einem alten Manne? – der liebe Gott sei gepriesen, recht gut geht's ihr! Sie blüht wie ein Röschen im Moos, und der Herr hat mich Freude erleben lassen an dem Kind; nur in der letzten Zeit ist sie leidend gewesen. Hat ihr nichts gefehlt im Körper, ist blos gewesen schwermüthig und betrübt, wie junge Mädchen haben ja manchmal die Laune. Es ist ein gutes, liebes Kind, aber mit viel Gefühl, zu viel Gefühl für Unsereinen – möge sie mir lange erhalten bleiben.« »Sie erlauben mir doch vielleicht, daß ich sie nachher begrüßen darf?« sagte Wendelsheim, immer noch mit einer gewissen Empfindung, das, was ihn eigentlich hierher geführt, so lange als möglich hinaus zu schieben. Der alte Mann zögerte einen Moment mit der Antwort; endlich sagte er, still vor sich hin mit dem Kopf nickend: »Sie hält viel auf den Herrn Baron und hat oft gesagt, er hätte versprochen, einmal wieder zu kommen und mit ihr zu musiciren. Wie haißt? hab' ich gesagt – der Herr Baron hat zu thun, wird er nicht haben so viel Zeit, sich zu Dir herzusetzen und Musik zu machen.« »Es ist wahr,« sagte der junge Mann, »ich hatte ihr versprochen, bald wieder zu kommen und ihr die Schubert'schen Lieder zu accompagniren; ich hatte aber wirklich so viel zu thun ...« »Nu, wer hat nicht zu thun?« sagte der alte Mann. »Ist ein Kunststück. Sie haben zu thun in Ihrer, wir in unserer Art; jeder Mensch hat zu thun und kann nicht immer auf Zeitvertreib denken.« »Ich hoffe aber, jetzt öfter kommen zu können.« »Versprechen Sie nichts, Herr Baron, besonders der Rebecca nichts, denn man weiß nicht immer, ob man's halten kann, und das Warten macht nachher müde. Es giebt kaum was Schlimmeres auf der Welt, als Warten.« »Ja,« sagte der Baron etwas zerstreut; »aber – was ich gleich sagen wollte – ich bin noch weit in Ihrer Schuld, lieber Salomon ...« »Da giebt's ein Mittel, das zu ändern,« lächelte der Alte. »Ein Mittel?« »Nun, Sie zahlen eben.« »Ja so, – gewiß – das ist wahr – aber ...« »Nun, ich habe Sie noch nicht gedrängt,« erwiderte der Händler. »Unser Contract lautet: bei Zurücklegung Ihres vierundzwanzigsten Jahres, wann wird ausgezahlt werden die Erbschaft. Gott Abraham's, es ist viel für mich, aber Ihnen wird es dann nicht weh thun!« »Aber wenn ich heute noch um weitere Vorschüsse käme?« »Heute?« sagte der Alte, etwas verlegen auf seinem Stuhl umherrückend. »Der Herr Baron werden gewiß einem alten Mann nicht mehr aufbürden, als er tragen kann, und es sollte mir leid thun, Ihnen eine abschlägige Antwort zu geben.« »Aber ich muß heute Geld haben, Salomon!« rief Wendelsheim, also gedrängt und in die Enge getrieben. »Ich brauche bis heut Abend sechs Uhr zweihundert Louisd'or ...« »Gott der Gerechte, was ein Geld!« »Die zu der bestimmten Frist zu zahlen ich mein Ehrenwort gegeben habe. Als Officier muß ich das einlösen oder meinen Abschied nehmen.« »Wär' kein Unglück,« sagte Salomon; »Wenn Sie die Hunderttausend erben, was thun Sie mit der Lieutenants-Gage? Sie reicht nicht einmal zu Taschengeld.« »Aber ich bin auch zugleich beschimpft.« »Es ist ein sonderbar Ding,« sagte der alte Jude, langsam dazu mit dem Kopfe nickend, »daß sich die Menschen ein Wort so hoch hinstellen und so verehren, und dann nachher doch so leichtsinnig damit umgehen. Ich versteh's nicht und kann's nicht begreifen. Aber haben Sie vielleicht für einen guten Freund oder Verwandten, der in großer Not und Gefahr war, gutgesagt, Herr Baron, daß Sie das viele Geld brauchen, oder haben Sie – Gott will's verhüten! – gespielt?« »Nein, Salomon,« sagte der Baron, »gespielt habe ich nicht. Ich versprach Euch ja bei dem letzten Anlehen, nicht zu spielen; aber – mein Pferd war schlecht, ich mußte ein anderes Thier haben, und der englische Lord, der hier kürzlich seinen Marstall verkaufte, hatte einen so wundervollen Fuchs ...« »Für zweihundert Lujedor?« rief der alte Mann, seine Hände vor Bewunderung zusammenschlagend. »Es ist ein Spottpreis für das Pferd,« rief der Lieutenant, »und ich konnte es mir nicht entgehen lassen. Die Kaufbedingungen waren aber baar Geld, oder letzter Zahlungstermin heut Abend unter Garantie. Mein Ehrenwort wurde natürlich als solche angenommen, und ich bekam das Pferd.« »Zweihundert Lujedor für ein Pferd,« sagte Salomon noch immer kopfschüttelnd über den Gedanken, »und wenn Sie drauf sitzen und es stolpert und bricht ein Bein, so sind die zweihundert Lujedors mitgebrochen. Man sollt's nicht glauben, wenn man's nicht mit eigenen Ohren hörte.« »Und kann ich das Geld bekommen, Salomon?« Der alte Mann hörte nicht auf den Kopf zu schütteln. »Herr Baron,« sagte er endlich, »Sie wissen, daß ich Ihnen bin gefällig gewesen, wo ich konnte, aber – es hat Alles seine Grenzen – auch mein Geldbeutel. Ich bin kein armer Mann, der Herr hat meine Arbeit und meinen Fleiß gesegnet; aber in den Waaren steckt viel Geld und wenig Leute kommen, die kaufen. Wer soll sorgen für meine alten Tage, wenn ich's nicht thue? Keine Seele. Was kümmert sie der alte Salomon!« »Aber das Geld ist Euch doch sicher, Salomon.« »Weiß ich nicht,« sagte der alte Mann entschlossen, »denn es ist keine Erbschaft wie sonst, sondern noch in den Händen des Gerichts und an Bedingungen geknüpft.« »Die aber in kurzer Zeit gelöst sind.« »Weiß ich wieder nicht,« sagte der Alte. »Der Herr Baron sind Officier und die Herren Officiere haben einen starken Begriff von Ehre. Es darf Einer dem Andern aus Versehen auf den Fuß treten und sich nicht entschuldigen – Gott der Gerechte, was für ein Unglück! – und sie gehen hinaus und schießen mit geladene Pistolen auf einander. Der Herr Baron kann in den paar Wochen auf dem theuren Pferde ausreiten und fallen und den Hals brechen, und geb' ich das Geld, so bricht der Herr Baron den Hals nicht allein, der alte Salomon bricht ihn mit.« »Aber ich werde mich gewiß in der Zeit sehr in Acht nehmen, Solomon. Ich weiß ja doch, was für mich und die Meinen davon abhängt.« »Ist recht schön von Ihnen,« erwiderte der alte Mann, »aber ich stecke schon tief genug in der Geschichte drin, und mehr noch zu riskiren, wäre nicht klug gehandelt, selbst angenommen, daß ich das Geld hätte, was aber, soll mir Gott helfen, nicht der Fall ist. Wenn Sie ein Haus versichern bei einer Gesellschaft, so nimmt es die Gesellschaft nur zu einem bestimmten Werth, nicht mehr. Ich bin schon weiter gegangen. Als ich habe nachgesehen meine Bücher am letzten Ersten, habe ich gefunden große Summen hinter dem Herrn Baron seinen Namen, und alle auf der einen Seite – war doch die andere blank und rein, eine wahre Papierverschwendung. Auf die Seite geht noch viel, auf die andere nichts mehr, oder der Salomon könnt's nicht verantworten vor Weib und Kind und dem Gott seiner Väter, als ich will bleiben gesund – das ist mein letztes Wort.« »Aber Salomon,« rief der Officier in Todesangst, »ich habe keinen Menschen auf der Welt, von dem ich heute noch so viel Geld bekommen könnte, und ich muß es haben oder ich weiß nicht, was ich thue! Ihr treibt mich zur Verzweiflung, und mir bleibt nichts Anderes übrig, als ...« »Drohen Sie nicht mit einer Sache, junger Mann,« sagte der alte Jude ernst, »wo der Gedanke, noch nicht einmal ausgesprochen, schon Sünde ist vor dem Thron des Höchsten. Denken Sie an Ihren Vater, an Ihre todte Mutter, denken Sie an die Leute, die Ihnen vertraut haben, wenn auch ohne gegebenes Ehrenwort, doch mit gedachtem, und die Sie auf die Weise nicht bezahlen können. Sie sind noch jung, und ein Fehler ist in Ihrem Alter leicht wieder gut gemacht – aber das müssen Sie selber thun – ich nicht –, und doch verlangen Sie's von mir.« Der Officier saß vor ihm, die rechte Faust auf seinem Knie geballt, die Augen stier und düster am Boden haftend. Ein Gedanke, wie ein Blitz, schoß ihm durch die Seele. Noch war Hoffnung. Rebekka, des Juden Tochter, hatte ihn lieb, das wußte er, und wenn er oft mit dem wunderbar schönen Mädchen getändelt, traf ihn manchmal ein Blick aus ihren schwarzen Augen, der ihm in die Seele schnitt. Er mied sie auch deshalb, denn er war nicht schlecht und wollte keine Neigung erwecken, die er, wie er glaubte, doch nie erwidern durfte. Aber jetzt galt es, ihn aus einer wirklichen Noth zu erretten, und zwar einer Summe wegen, die er ja in wenigen Monden schon mit reichen Zinsen zurückzahlen konnte und wollte. – Sie mußte ihm helfen, den Vater zu erweichen, und sie that es, denn mit dem Alten war, nach dem letzten Schwure, den er gethan, kein Wort weiter zu reden, das wußte er gut genug. »Ihr seid hart heute, Salomon,« sagte er endlich, »hart und zäh, wie ich Euch nie gefunden ...« »Schade für mich,« sagte der Alte störrisch. »Ich weiß auch im Augenblick nicht, wie ich mir helfen soll, wenn Ihr mich im Stiche laßt. Ich muß Zeit zum Ueberlegen haben, und es ist das Beste, daß ich gehe ...« »Thut mir leid,« sagte der alte Mann, »den Herrn Baron umsonst den weiten Weg haben machen zu lassen; aber soll mir Gott helfen, ich kann nicht anders. Ich habe mehr für Sie gethan, als für einen andern fremden Menschen auf der Welt; aber eine Grenze muß sein, und wir stehen dran.« »Es ist möglich, Salomon,« sagte der junge Mann, »daß wir uns jetzt in längerer Zeit nicht sehen. Erlauben Sie mir, Ihre Tochter noch zu begrüßen?« Der Alte zögerte. »Gehen Sie,« sagte er endlich; »ihre Mutter ist oben, ich kann jetzt noch nicht; es ist vier Uhr gerade, und ein Freund wollte kommen, mit dem ich habe zu reden. Ich folge gleich nach, muß dann erst zuschließen die Ladenthür, denn viel Gesindel treibt sich herum.« »Ich werde vorausgehen.« »Der Herr Baron wissen ja den Weg, die Treppe ist etwas dunkel; erst vier Stufen, dann ein Absatz, und dann drei. Fallen Sie nicht.« »Ich kenne ja die Treppe – also auf Wiedersehen, Salomon!« Und mit schwerem Herzen schritt der junge Mann durch die Hinterthür über den Hof und dort dem schmalen Eingang zu, der zu dem eigentlichen Wohnhaus des alten Mannes hinaufführte. 7. Rebekka. Das Haus war von der Vorderseite, wenn auch massiv gebaut, doch unscheinbar genug, denn den ganzen unteren Theil nahm der gewölbte Laden ein, während die oberen Räume zu Speichern und Waarenläden benutzt wurden und nicht einmal Fenster, sondern braune Läden zeigten. Eben so schmal war der Hof; aber von dem Hintergebäude an erweiterte sich das Grundstück, das hinter diesem einen wohl von Mauern eingeschlossenen, aber doch freundlichen und auch nicht ganz kleinen Garten besaß. Auf der Treppe herrschte allerdings kein Dämmerlicht, und es erforderte einige Geschicklichkeit, sich hinauf zu finden; oben aber verrieth eine sauber angestrichene Glasthür die behäbigere Wohnung, und das Licht fiel hier durch ein Fenster von dickem Glase schräg auf den Vorsaal hinab, in den sich drei Thüren öffneten. Wendelsheim zog die Klingel; drinnen wurde der Vorhang etwas zurückgeschoben, und er hörte die Stimme der Mutter. »Gott der Gerechte, der Herr Baron – Rebekkchen, der Herr Baron kommt!« Zugleich wurde der Schlüssel umgedreht und die Kette zurückgeschlagen, und die alte Frau begrüßte den jungen Officier mit einem tiefen Knix. »Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?« »Mit dem größten Vergnügen, wenn Sie uns die Ehre anthun wollen.« Die Frau war wirklich die Höflichkeit selber, denn erstens wirkte der Name eines Barons doch immer auf sie ein, und dann hatte sie den jungen Mann, der sich früher in ihrem Hause eingeführt und manche Stunde dort in harmloser, geselliger Weise verbracht hatte, in der That lieb gewonnen. Bruno schritt der Thür zu, wo er Rebekka wußte, und als er dort anklopfte und ein leises, kaum hörbares Herein! vernahm, sah er sich plötzlich dem Mädchen gegenüber, das schon seinen Namen draußen gehört hatte und jetzt, ihn erwartend, mitten in der Stube stand. Aber auf der Schwelle blieb er wie gefesselt stehen, denn mehr einer überirdischen Erscheinung als einem menschlichen Wesen glich das schöne Mädchen. Ein langes weißes Gewand, nur in der Mitte durch einen blitzenden Gürtel gehalten, umhüllte ihre schlanke Gestalt. In vollen, üppigen Locken fiel ihr das rabenschwarze Haar auf den Nacken nieder, und aus dem jetzt nur durch die Erregung bleichen Antlitz sahen ihn ein Paar große, seelenvolle Augen an – und diese Augen, dieser Blick, der ihn traf! »Rebekka,« sagte der junge Officier, wirklich überrascht von dem Anblick, denn so schön – so ungewöhnlich schön hatte er das Mädchen noch nie gesehen – »wie freue ich mich, Sie wieder begrüßen zu dürfen!« »Thun Sie das wirklich?« fragte sie mit leiser, zitternder Stimme. »Wenn ich das glauben dürfte!« Er schritt auf sie zu und faßte ihre Hand – sie war kalt und bebte in der seinigen; er hatte sie sonst nur auf diese Weise begrüßt, heute hob er unwillkürlich die feinen Finger an seine Lippen und preßte einen heißen Kuß darauf. »Und wie lange sind Sie ausgeblieben,« flüsterte Rebekka mit einem leisen, aber doch so freundlichen Vorwurf im Tone; »wie hatte ich mich darauf gefreut, daß Sie Ihr Versprechen halten und mit mir die Noten durchgehen würden, die Sie mir geschickt.« »Ich bekenne mich schuldig, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, indem er ihr voll in die klaren Augen schaute, während die ganze duftige Gestalt des Mädchens vom Sonnenlicht wie übergossen schien; »aber ich fürchte fast, daß ich trotzdem noch – zu oft gekommen bin.« »Was Sie für häßliche Wortspiele machen,« lächelte Rebekka, leicht erröthend. »Wie kann man dahin, wo man gern gesehen ist, zu oft kommen? Das verstehe ich nicht.« »Und wenn es nun zu oft für mich wäre?« »Das verstehe ich wieder nicht: wenn Sie gern kommen, und ich – hätte das doch so gern geglaubt –« »Sie sind so lieb und gut, Rebekka,« sagte der junge Mann, »daß Ihnen die Welt nur immer, wohin Sie schauen, Ihr eigenes Spiegelbild zurückwirft. Oh, bleiben Sie so – ich kann Ihnen nichts Weiteres wünschen!« »Sie sprechen heute wirklich in lauter Räthseln,« sagte kopfschüttelnd das junge Mädchen. »Aber wollen Sie nicht ablegen? Sie stehen da so mitten in der Stube – oder – war das nur ein Besuch, den Sie im Vorübergehen abmachen wollen, um vielleicht eine alte Verpflichtung einzulösen?« »Es wäre möglich, daß es – ein Abschiedsbesuch sein sollte,« erwiderte Wendelsheim, aber wie scheu und halb abgewandt. »Ein Abschiedsbesuch?« rief Rebekka erschreckt. »Sie wollen fort?« »Ich – muß vielleicht – doch diese kurze Stunde wollen wir uns nicht verbittern; kommen Sie zum Instrument – wo haben Sie Ihre Lieder? – daß ich noch einmal Ihre liebe Stimme höre!« »Ich werde nicht singen können, Herr Baron.« »Es wird schon gehen; wie Sie Musik hören, können Sie doch nicht widerstehen.« »Ich will es versuchen,« hauchte das Mädchen leise und schritt zum Flügel, den sie öffnete und einen Band mit Liedern vornahm, der obenauf in ihrem Pult lag. Sie hatte sie ja täglich durchgespielt. Bruno war ganz tüchtig auf dem Instrument und begleitete besonders vortrefflich, und das Mädchen sang dazu mit einer so vollen und so glockenreinen Stimme und dabei einem so weichen, schmelzenden Ausdruck in den Tönen, daß es dem jungen Mann wirklich bis in alle Herzensfasern drang und er genau aufpassen mußte, um nicht selber aus dem Tact zu kommen. Die Mutter stand dabei, die Hände gefaltet, und war glücklich. Plötzlich sprang Wendelsheim in die Höhe. »Rebekka,« sagte er, »Ihre Töne dringen durch Mark und Bein, und es ist manchmal, als ob sie Einem das Herz aus der Brust reißen könnten. Mädchen, wo haben Sie die wunderbare Stimme her?« »Ach, ich mußte mich heute so zusammennehmen,« sagte Rebekka schüchtern, »ich hatte solche Angst!« »Angst – und wozu Angst?« sagte die Mutter. »Der Herr Baron weiß, wie Du singst, und Du brauchst Dich vor ihm nicht zu geniren – und vor keinem Menschen. Aber glauben Sie, Herr Baron, daß Sie der Einzige sind, vor dem sie überhaupt den Mund aufthut, ihren Vater und mich ausgenommen? Wenn Besuch da ist und wir bitten sie noch so schön, da macht sie bald die, bald jene Ausrede, und wenn wir sie lange quälen, geht sie ganz weg und kommt nicht wieder.« »Weil ich mich nicht selbst begleiten kann, Mutter,« sagte das junge Mädchen tief erröthend. »Ob Du nicht kannst,« rief aber die Mutter, mit dem Kopf nickend, »ob Du nicht kannst, wenn Du willst! Sie sollten sie nur hören, Herr Baron, wenn sie ganz allein ist, wie sie da spielt und dazu singt, daß mir alten Frau manchmal die Thränen aus den Augen laufen.« »Du lieber Himmel,« sagte Rebekka seufzend, »wir leben hier gar so einsam in unserer kleinen, abgeschlossenen Welt. Die Musik ist da ja das Einzige, das uns Ersatz bieten kann, und wie der Vogel draußen auf den Zweigen sein Lied unbekümmert zwitschert, gut oder schlecht, wie es gerade herauskommt, so singe ich auch – aber nicht besser, Mütterchen, gewiß nicht besser.« Bruno hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so befangen gefühlt. Er war sich bewußt, was ihn heute eigentlich hierher geführt – in welche gedrückte, peinliche Lage ihn sein Leichtsinn gebracht; aber er wäre nicht im Stande gewesen, zu dem Mädchen heute von Geld zu sprechen, und ihr Fürwort bei dem Vater zu erbitten. Alles, was gut und edel in ihm war und vielleicht lange da geschlummert hatte, oder auch durch das schale Garnisonleben, seine Umgebung und tägliche Gesellschaft betäubt und unterdrückt gehalten worden, erwachte heute mit voller und vielleicht nie geahnter Stärke, und gute, ernstgemeinte Vorsätze für sein künftiges Leben keimten in seinem Herzen frisch und gewaltig empor. Er nahm Rebekka's Hand und sagte leise: »Dann muß ich Ihnen um so viel dankbarer sein, Rebekka, daß Sie gerade in meiner Gegenwart die Scheu ablegen. Sie haben mich recht glücklich damit gemacht, und die Erinnerung an diese Zeit wird immer – so lange ich noch lebe – mir die schönste und liebste sein.« »So lange Sie noch leben – Gott der Gerechte!« lächelte die Frau. »Sollte man nicht glauben, wenn man Sie hörte, Sie wären ein Mann von achtundachtzig Jahren, mit grauen Haaren und mit einem Stocke? So lange Sie noch leben – Sie fangen ja erst an, und der liebe Gott wird Ihnen schon ein langes und freudiges Leben schenken. Wir werden uns wieder sprechen.« Die beiden jungen Leute schwiegen, Jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und die Mutter sah Eins nach dem Andern verwundert an. »Nun, wie haißt?« lächelte sie endlich. »Keine Musik? Keine Unterhaltung? Wo bleibt da die Gesellschaft? Was hast Du nur, Bekkchen? Hab' ich doch geglaubt, das Kind wäre nur so still und schweigsam, wenn sie allein war'; jetzt macht sie's in der Gesellschaft gerade so.« »Ich dachte eben, – Mutter – der Herr Baron hat vorhin angedeutet, daß er nur hergekommen wäre, um Abschied von uns zu nehmen.« »Abschied? Gott soll's verhüten, und wozu? Wollen Sie verreisen?« »Wahrscheinlich – auf einige Zeit wenigstens,« sagte der Lieutenant verlegen; »es sind Geschäfte, die mich dazu zwingen.« »Aber Sie kommen hierher zurück?« fragte Rebekka, und ihr Auge hing forschend an den Zügen des jungen Mannes. »Was für a Frag!« sagte die Mutter. »Hat der Herr Baron sein großes, schönes Gut hier, und die Familie; wird er nicht zurückkommen!« Rebekka sah ihn angstvoll an, als ob sie die Bestätigung dieses Ausspruches in seinen Blicken lesen wolle; aber er wandte sich ab, schritt zum Fenster und sah hinaus. Es war eine wunderliche Scenerie, die sich hier dem Blicke zeigte, und so pittoresk wie bunt gemischt. Unten vor dem Fenster lag der kleine freundliche Garten, gegen die Umgebung von der Mauer scharf abgegrenzt und selbst unnahbar; denn daß man der Nachbarschaft nicht besonders traute, bewiesen die auf dem oberen Rand des Steinwalles eingekitteten, spitz und gefährlich hervorragenden Glassplitter, die ein Hinüberklettern ganz unmöglich machten. Unter dem Schutz derselben blühte und grünte aber auch da unten eine kleine, vollkommen für sich abgeschlossene Welt, ein Rosenflor zum Beispiel, wie er nicht weiter in der Stadt vorkam, und die Beete dabei so sorgfältig gepflegt, die schmalen Wege so rein und sauber gehalten, der kleine Springbrunnen in der Mitte, sein Wasser so rein und frisch und ruhig emporplätschernd. Und was für ein lauschiges Plätzchen hatte der alte Salomon da unten seinem Kinde gebaut! Dicht hinter dem Springbrunnen, kühl und zugleich geschützt und versteckt, lag eine kleine Laube, deren Dach ein einziger ausrankender Rosenbusch zu bilden schien; aber blühende Granat- und Orangenbäume, gemischt mit Vanille und hochstämmigen Fuchsien, bildeten die Wände, und mildes Dämmerlicht lag in dem kleinen, zauberisch schönen Raum. Hob sich aber der Blick, dann traf er gleich darüberhin auf einen so schroffen, trostlosen Gegensatz, daß er ordentlich staunend wieder zurück zu jenem kleinen Paradiese flog, um sich zu überzeugen, daß er recht gesehen und wirklich zwei Bilder so unmittelbar neben einander stehen könnten, die das eine dem Himmel, das andere der Hölle glichen. Dort, gleich rechts über der Mauer nämlich und nur durch wenige Gärten oder offene Hofplätze davon getrennt, erhoben sich die Hintergebäude der eigentlichen Judengasse, spitz und phantastisch genug, es ist wahr, mit hohen Giebeln und rauchgeschwärzten Dächern; aber ordentlich Gespenstern glichen die schmalen, fest in einander gedrängten Häuser mit den leeren, düsteren Augen, die überall hinausstarrten. Da war kein einziges fast mit ganzem Rahmen oder Glas, keine Weiße Gardine zeigte auch nur an einem Punkte, daß dort gesittete Menschen hausten – schmutzige Lappen und Tücher, alte, wüst aussehende Kleidungsstücke hingen überall heraus, der Luft, als einziger Reinigung, ausgesetzt, und an jeder Wand zeigten die Spuren niedergegossenen Wassers und Unraths den Zustand, der im Innern herrschen mußte. Der junge Baron von Wendelsheim hatte auch früher wohl oft staunend und kopfschüttelnd zu jenen Höhlen hinübergeschaut, die ja doch ebenfalls das umschlossen, was der Mensch seine Heimath nennt und wo er sich wohl und glücklich fühlen soll, und dann immer nicht begriffen, wie Menschen gerade dort freiwillig existiren konnten. Heute schweifte sein Blick glanzlos, ohne das Paradies, ohne die Hölle dahinter auch nur zu sehen, über die Blumen, über die rauchgeschwärzten Häuser wie über eine Leere hin. Sein Ehrenwort! – er hatte es leichtsinnig, gedankenlos gegeben – es war den Leuten gegenüber, die ihn bei dem Kauf umstanden, mehr eine Prahlerei gewesen und die Folgen der Nichterfüllung konnte er noch nicht übersehen. Aber selbst das lag ihm jetzt weniger auf dem Herzen, als die Trennung von dem Mädchen, das heute, erregt wie er war, einen nie geahnten Einfluß auf ihn ausgeübt. Und was durfte sie ihm je sein? Sie, die Tochter des alten Solomon, eine Jüdin – er, der Sohn eines der adelsstolzesten Häuser im ganzen Reiche! Und konnte ihm das eine Rücksicht auferlegen? Hatte ihn nicht gerade dieser Vater, so lange er denken konnte, rauh und abstoßend behandelt? – Er faßte die fieberheiße Stirn mit den Händen. Die Gedanken, die ihm wild und toll durch das Hirn zuckten, machten ihn fast schwindeln. »Fehlt Ihnen etwas, Herr Baron?« sagte eine weiche stimme an seiner Seite. »Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?« »Ja, Kind, mit ein Paar Tropfen Rum hinein, von dem guten, den der Vater neulich auf der Auction gekauft hat.« »Ich danke Ihnen, Rebekka,« sagte der junge Mann freundlich: »es war nur – ein heftiger Schmerz, der mir durch du Schläfe zuckte – es ist schon vorüber.« »Aber ich hole es doch, damit es nicht wiederkehrt,« lächelte das junge Mädchen – »Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr? Und dann spielen Sie mir noch einige von den, Mendelssohn'schen Liedern; es giebt für mich nichts Schönerem aus der Welt. Das wird Sie auch ein wenig zerstreuen,« setzte sie leiser hinzu und huschte dann aus dem Zimmer. »Armes Kind,« sagte die Mutter, die ihr nachsah und langsam dazu mit dem Kopfe nickte – »jetzt ist sie noch so jung und heiter und kennt keine Sorgen und Schmerzen; und wie bald wird die Zeit kommen, wo sie an die Thür klopfen und dann nicht mehr weggehen, man mag thun und machen, was man will!« »Gott möge sie ewig fern von ihr halten!« sagte Bruno viel weicher, als er sonst wohl dachte und fühlte, denn unwillkürlich traf ihn der Gedanke, daß er selber die Ursache sein könnte, welche die erste Thräne in des Mädchens Augen rief, den ersten wehen Schmerz in ihre Brust einziehen ließ. Rebekka kehrte bald in's Zimmer zurück. »Und nun trinken Sie,« sagte sie, ihm Glas und Flaschen hinschiebend; es wird Ihnen gut thun und der Kopf Ihnen wieder klar werden.« »Aber nur aus so lange, Rebekka, bis ich Ihnen wieder in die Augen sehe.« Das Mädchen wurde ernst, »Das ist nicht recht, Herr Baron,« sagte sie. »Erinnern Sie sich noch, als Sie das erste Mal bei uns waren und mir so viele Schmeicheleien sagten, wie sie wohl draußen bei Ihnen Sitte sind? Damals bat ich Sie so herzlich, das nicht mit mir zu thun, und Sie versprachen es mir und haben Ihr Wort ehrlich gehalten. Wollen Sie es jetzt brechen?« »Nein, Rebekka – nein, wahrlich nicht,« seufzte der junge Mann recht aus tiefster Brust; »es sollte auch bei Gott keine fade Schmeichelei sein, es war ehrlich gemeint! Aber – Sie haben Recht,« brach er kurz ab, »wir wollen wieder musiciren – kommen Sie.« »Und wollen Sie nicht erst trinken? Das Wasser ist so frisch.« Bruno folgte der Einladung; er goß sich reichlich Rum hinzu und stürzte das Glas hinunter. Dann trat er zum Instrument und griff einzelne Accorde. Während Rebekka zu ihm ging und die Mutter sich auf einem der nächsten Stühle niederließ, wurde nebenan leise und geräuschlos die Thür geöffnet, und der alte Salomon trat ein, wie er aber die Musik hörte, warf er erst einen Blick durch den Vorhang, der die beiden Zimmer schied, hinein, glitt dann still zu dem nächsten Kanapee und ließ sich darauf nieder. Er regte sich dabei nicht und sah nur still und unverwandt ein Bild an, das ihm gegenüber hing – das seiner verstorbenen Mutter. Der junge Officier präludirte eine Weile, aber nicht lange: er ging bald in eine etwas schwermüthige Phantasie über, der er sich hingab und darüber seine Zuhörer fast vergaß. »Aber so ernst?« sagte Rebekka endlich leise. »Sie haben Recht, mein Fräulein – ich muß ...« er horchte – die Uhr hob zum Schlagen aus – er zählte: es schlug fünf Uhr – »ich muß Ihnen etwas Heiteres spielen; denn Sie sollen nicht sagen, daß ich mit einem Trauermarsch von Ihnen geschieden bin.« – Und jetzt spielte er einen der wildesten Strauß'schen Walzer von Anfang bis zu Ende durch, »Nun,« sagte er dann, »klang der besser?« »Der klang fast noch trauriger als das erste Stück,« sagte das junge Mädchen ernst und wandte sich dabei halb scheu zur Seite. »Aber ich weiß nicht, was Du willst, Kind,« rief die Mutter – »'was Lustigeres kann es ja doch gar nicht geben, – zuckt es doch sogar mir alten Frau, die das Tanzen lange abgeschworen hat, in den Füßen.« Bruno erwiderte nichts; wieder griff er einige Accorde, die sich aber fast von selber zu einer Melodie gestalteten, und ohne daß er es vielleicht wußte, klangen sie plötzlich zu Mendelssohn's: »Es ist bestimmt in Gottes Rath,« zusammen. Er spielte es durch, beide Verse, die letzten Töne so leise, daß sie kaum hörbar durch das Zimmer klangen; dann stand er langsam auf und griff nach seiner Dienstmütze, die oben auf dem Instrument lag. Rebekka stand ihm stumm und regungslos gegenüber; ihr Gesicht war marmorbleich geworden, daß sich die rabenschwarzen, langen Wimpern der niedergeschlagenen Augen deutlich und scharf in einem dunkeln Bogen auf den Wangen abzeichneten. Jetzt schlug sie den Blick zu ihm auf; er war mit Thränen gefüllt und schwamm darin wie zwei dunkle Diamanten, und – wie zauberschön und lieblich sie war! »Rebekka!« rief der junge Officier, seiner Sinne kaum mehr mächtig – »und Dich, Mädchen, Dich soll ich nie wiedersehen? Aber es muß sein – die Zeit verfliegt, ich kann nicht länger säumen! Leb' wohl, und wenn Du ...« Er vermochte nicht weiter zu reden, Thränen erstickten seine Stimme; und die Jungfrau an sich ziehend, preßte er einen heftigen Kuß auf ihre Lippen. In demselben Augenblick fühlte er sich aber auch von Rebekka's Armen in wilder Leidenschaft umschlungen. »Bruno,« flüsterte sie, indem sie ihn fest an sich preßte, »wenn Du mich verläßt, sterbe ich.« »Gott der Gerechte!« rief die Mutter, die ebenfalls aufgesprungen war und vor Verwunderung die Hände zusammenschlug. »Herr Lieutenant,« sagte da die kalte, ruhige Stimme Salomon's, »es wird Zeit, daß Sie aufbrechen; es ist halb sechs Uhr vorüber, und wir haben noch unten ein kleines Geschäft mit einander abzumachen.« »Salomon,« hauchte der junge Mann, sich verstört, wie aus einem Traum emporrichtend – »zürnen Sie mir nicht ...« »Ich habe gehört,« fuhr der alte Mann ruhig, aber doch mit bewegter Stimme fort, »was die Rebekka gesagt hat, und habe gehört, was Sie gesagt haben. Ich hatte anfangs geglaubt, Sie wollten über 'was Anderes mit dem Mädel sprechen. Es hätt' Ihnen nichts geholfen, Herr Baron; aber – nehmen Sie mir den Verdacht nicht übel – Sie sind ein Ehrenmann, und ich hoffe, Sie werden nicht abreisen und das gegebene Ehrenwort derweil auf mich übertragen.« »Salomon!« »Bitte, kommen Sie herunter, es liegt Alles bereit, und Tinte und Feder steht daneben; wir brauchen keine zwei Minuten damit zu versäumen. Sie wissen doch um sechs Uhr.« »Und er kehrt zurück, Vater?« »Wird er zurückkehren, wenn er sein Wort hält, und ich glaube, er thut's – meinetwegen – und vielleicht auch Deinetwegen.« »Salomon, wie soll ich Euch danken!« »Ein Kunststück,« lachte der alte Mann still vor sich hin, »das wär' leicht genug – aber wir vertrödeln die kostbare Zeit. Er kommt wieder, Rebekka, ich versprech' Dir's, und Du weißt, ich halte mein Wort.« »Und ich auch, Salomon, so wahr sich ein Himmel über uns wölbt!« rief der junge Officier leidenschaftlich, indem er das schöne Mädchen noch einmal an sich preßte und einen leisen Kuß auf ihre Stirn drückte. Der alte Salomon seufzte tief auf, aber er sprach nichts mehr hinein, und den jungen Mann nur bei der Hand nehmend, führte er ihn aus der Stube hinaus, die etwas dunkle Treppe hinab in das Gewölbe. Die Läden waren schon geschlossen; es brannte nur ein Licht auf dem Tisch. Dort blieb der Mann stehen. »Der alte Salomon hat sich zum ersten Mal in seinem Leben verrechnet,« sagte er. »Wie ich Ihnen das Geld verweigerte und Sie mich fragten, ob Sie zu der Rebekka hinaufgehen dürften, glaubte ich, daß Sie das Mädel um das Geld drängen würden – ich hatt' es gehofft, denn leider hab' ich schon lange fühlen müssen, daß sie mehr an Ihnen hing, als ihr und mir gut war. Das aber hätt' sie curirt und es wär' aus und vorbei gewesen mit dem Baron und der Tochter des alten Juden. – Es ist anders gekommen. Die Liebe ist aufgeschlagen wie eine Flamme aus lodernder Scheune – und ob das ein himmlisches oder ein verderbliches Feuer wird – die Zeit muß es lehren.« »Salomon – haltet Ihr mich für einen ehrlichen Mann?« »Lieber Gott,« sagte der Jude, »wie haißt – Sie sind ein Baron und von altem Adel, und wie es einmal werden soll, der Herr da oben weiß es – doch es wird spät. Hier, Herr Baron,« fuhr er fort, indem er mit langsamen Zügen einen Wechsel ausfüllte, »Geld habe ich nicht so viel im Haus – besonders kein Gold – aber das Papier hier, mit dem Namen vom alten Salomon darunter, ist in der ganzen Stadt so gut wie Gold. So, und hier auf den Zettel schreiben Sie: »von Isaak Salomon 200 ;Lujedor – schreibe zweihundert Lujedor mit fünf Procent Zinsen geborgt erhalten zu haben, bescheinigt« – und Ihren Namen darunter.« »Salomon ...« »Es wird gleich sechs Uhr schlagen – wozu das viele Reden – wo ich mein eigenes Kind riskire – was liegt an dem Geld!« »Ich werde Euch das nie vergessen!« »Wär' mir auch nicht lieb,« nickte der Alte, indem er den rasch geschriebenen Schein gegen das Licht hielt und dann wegschloß. »Und jetzt leben Sie wohl! Warten Sie, ich lasse Sie gleich durch den Hof auf die Straße, vorn ist zu.« »Mein lieber, braver Salomon!« »Auf Wiedersehen, Herr Baron, auf Wiedersehen!« Und der alte Mann drängte ihn selber hinaus auf die Straße; dann ging er zurück in den Laden, schloß den Geldschrank und schob den Schlüssel in die Tasche, löschte das Licht aus, kniete neben dem Stuhl, an dem er stand, nieder und betete da im Dunkeln, allein mit seinem Gort, heiß und brünstig. 8. Der Familienball. Am Mittwoch Abend war große Gesellschaft beim Staatsanwalt Witte, allerdings nicht zu dessen eigenem Vergnügen, denn er haßte nichts mehr auf der Welt – einen schlechten Proceß ausgenommen –, als derlei sogenannte Vergnügungen oder Festlichkeiten, die das eigene Haus schon auf drei, vier Tage vorher auf den Kopf stellen und jede eigene Bequemlichkeit aus dem Fenster werfen. Er hatte auch gewünscht, daß sie das Ganze in einem Hotel arrangiren möchten, wo sich nicht allein passendere Räumlichkeiten fanden, sondern auch die Leute darauf eingerichtet waren, und er dann Abends, nach überstandenein Genüsse, augenblicklich wieder in seine alte Ordnung und Ruhe zurückkehren konnte. Es kostete allerdings eine Kleinigkeit mehr – und das vielleicht nicht einmal. Wenn man aber all' die Unruhe und Aufregung und die vielen fremden Leute rechnete, die man gezwungen war, zur Bedienung in das Haus zu nehmen, so konnte das gar nicht in Betracht kommen. Er wurde jedoch im Familienrath überstimmt, denn Frau wie Tochter hatten es sich einmal in den Kopf gesetzt, die kleine Festlichkeit auch in den eigenen Räumen zu geben, selbst wenn diese etwas beschränkt waren Ein Hotel – dort war die Frau Staatsanwalt weiter nichts, als was ihr Titel besagte, aber nicht die Hausfrau, und Ottilie nicht die Tochter vom Hause. Man bewegte sich in fremden Sälen genau so, als ob man wo anders zu Gaste gewesen wäre, und viele der Eingeladenen wurden sich am Ende nicht einmal recht klar, wem sie die Einladung verdanken: dem, der die Karten geschickt, oder vielleicht einem Andern, für den er das nur besorgt hatte; ja es konnte eben so gut eine »Actien-Gesellschaft« sein, wo sich Mehrere zusammengethan, um ihre Freunde und Bekannten einmal »abzufüttern«. Da lieber nicht – die Frau Staatsanwalt erklärte, daß sie ihrem Manne »den Gefallen gethan habe,« die Freunde zu sich zu bitten (sie hatte ihn nämlich bis auf's Blut gequält und immer wieder erinnert und gebohrt, bis sie seine Einwilligung bekam), nun aber wolle sie die Sache auch ordentlich in's Werk setzen, wie sich's gehöre, und nicht halb und stückweise. Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur ein Anwalt, kein Richter, besonders in seinem eigenen Hause und hatte dafür das Vergnügen, daß ihm schon zwei Tage vor dem eigentlichen Festabend sein Studirzimmer selber, aus Mangel an Raum, mit denjenigen Möbeln vollgepfropft und verstellt wurde, die aus dem Salon und anderen Nebenpiècen ausgeräumt werden mußten, um Platz für Seitentische und den Tanzraum zu schaffen. Er protestirte allerdings dagegen und behauptete thörichter Weise, daß er zu seinen Bücher-Regalen freien Zugang haben müsse, weil er nicht wissen könne, welches Buch er gerade brauche; aber was hals es ihm! Seine Frau bewies ihm, daß die Sache nicht anders zu arrangiren sei; er habe den Ball einmal gewollt, und nun müsse er auch die Folgen tragen. Mit einem Seufzer fügte er sich deshalb in das Unvermeidliche. Witte's Unglück war, daß seine Frau für den Adel schwärmte. Sie behauptete, selber im vierten oder fünften Zweig ihres Stammbaumes aus einer edlen Familie abzustammen, aus welcher eine ihrer Vormütter – Gott vergebe es ihr! – einmal eine Mesalliance gemacht. Für sie hatte denn auch nur der Adel Werth, und sie begriff eigentlich manchmal in stillen Stunden selber nicht, weshalb sie einen Bürgerlichen geheirathet hatte. Witte mußte jedenfalls in seiner Jugendzeit zu unwiderstehlich gewesen sein, und an der Sache war auch überhaupt nichts mehr zu ändern. Aber sie suchte sich wenigstens ihre Umgebung am liebsten unter dem Adel aus, und ihr Lieblingsgedanke blieb immer der: ihre Ottilie doch jedenfalls wieder gesetzlich und berechtigt in die Kreise und den Rang einzuführen, aus dem jene besagte Vormutter freiwillig und leichtsinniger Weise ausgetreten, das heißt, sie an einen Baron zu verheirathen. Die eingeladenen Gäste gehörten deshalb auch vorzugsweise diesem Stande an. Es war allerdings nicht zu vermeiden gewesen, einige bürgerliche Appellations-, Gerichts- und Justizräthe wie mehrere Collegen Witte's mit ihren Familien zu laden; aber adlige Namen, mit dem ›von‹ jedesmal deutlich ausgeschrieben, glänzten hauptsächlich auf ihrer Liste, zu der sie sich denn auch vielleicht nur aus diesem Grunde bewogen gefunden, den alten Major von Halsen und Frau von Bleßheim hinzuzufügen. Sie brauchte Tänzer, also nicht den Major, aber der Major spielte vortrefflich l'Hombre, und dazu hatte ihn sich Witte für den Abend ausersehen. Daß Lieutenant von Wendelsheim geladen war, verstand sich von selbst. Witte hatte allerdings gegen ihn protestirt; denn wenn er auch den Verdacht des Majors für zu vage erklärte, um ihm besonders viel Glauben zu schenken, war er doch in etwas mißtrauisch geworden und wollte eine nähere gesellschaftliche Bekanntschaft nicht provociren. Aber, lieber Gott, er hätte eben so gut von seiner Frau verlangen können, an dem Abend des Balles in einem Kattunkleide zu erscheinen! Er wurde mit Entrüstung abgewiesen, ja der Lieutenant erhielt eine der ersten Karten, und das Einzige, was der Rechtsanwalt erlangen konnte, war, noch einen Referendar von seiner Seite einzuschmuggeln. In der Ausschmückung und Arrangirung des Gesellschaftsraumes war wirklich das Aeußerste geleistet, und die Zimmer sahen gar nicht mehr so aus, als ob sie zu einer stets benutzten Familienwohnung gehörten. Da stand aber auch kein Sopha und kein Stuhl mehr auf seiner alten Stelle, und der Secretär mit der Commode friedlich in der Waschküche, während wieder Chiffonnieren und Schränke einen Platz auf dem Trockenboden einnahmen und dort allerdings wunderlich genug aussahen. Selbst das Heiligthum der Schlafzimmer war nicht unangetastet geblieben, und als der Staatsanwalt Abends noch einmal hineinging, um seine etwas derangirte Frisur ein wenig in Ordnung zu bringen, fand er statt des sonst gewohnten Lagers an der nämlichen Stelle einen wahren Berg von Matratzen und Kopfkissen, die fast zu Manneshöhe aufgeschichtet lagen. Aber er sagte kein Wort; nur einen tiefen Seufzer stieß er aus, arbeitete sich dann zwischen den beiden Nähtischen seiner Frau und Tochter, die hier, wie in eifriger Unterhaltung begriffen, zusammenstanden, durch, kam zu seinem Waschtisch, beendete die gewünschte Operation und gelangte nach einiger Mühe wieder in's Freie und hinaus, wo er wenigstens Raum hatte, sich zu bewegen. Aber jetzt bekam er auch keine Zeit mehr, um ein finsteres Gesicht zu ziehen, ja er mußte im Gegentheil lächeln und sehr liebenswürdig sein, denn die ersten Gäste langten eben an, und seine Frau war mit ihrer Toilette, die sie in der Tochter Zimmer beendete, richtig noch nicht fertig geworden – Damen werden das überhaupt selten. Sie hatte aber freilich auch noch bis zum letzten Augenblick so entsetzlich viel zu thun und anzuordnen gehabt, daß ihr nicht ein Moment für sich selber blieb. Sie wollte auch, wie sie meinte, an das Fest und die Unordnung im Hause denken, und so 'was passire ihr nicht wieder, so lange sie ein Wort da hinein zu reden hätte. Aber das war freilich in dem Moment Alles vergessen, wo sie den hellerleuchteten, ja von Lichtern ordentlich strahlenden Saal betrat und nun nichts mehr hörte, als das Rauschen schwerer Kleiderstoffe und süß gelispelte Begrüßungsformeln, zwischen welche sich melodisch manchmal das Klirren von einem Paar Sporen oder einer Säbelscheide mischte. Am Anfang ging das auch vortrefflich. Die ziemlich geräumigen Gemächer, von geputzten, fröhlichen Menschen belebt, sahen vortrefflich aus, und Alles schien sich außerordentlich behaglich zu befinden; aber mehr und mehr trafen ein – es waren doch, wie das ja so oft geschieht, mehr geladen, als man anfangs beabsichtigt hatte, und die Zimmer dabei ebenfalls nicht so groß, wie man gedacht. Aber es half jetzt nichts, es mußte gehen, und ging, und nur die Gruppen standen ein wenig dicht, und es hatte später einige Schwierigkeit, um einen Raum zum Tanzen frei zu bekommen. Dazu herrschte gleich von Anfang an, und durch die zahlreichen Lichter noch vermehrt, eine drückende Schwüle in den Räumen, so daß die Rouleaux beseitigt und die oberen Fenster geöffnet werden mußten, wonach sich wieder einige alte Herren und Damen über Zug beklagten. Allen Menschen kann man es aber doch nicht recht machen, und da sich das junge Volk bedeutend in der Majorität befand, setzte es seinen Willen durch. Der Staatsanwalt hatte aber auch für sich etwas durchgesetzt, und zwar auf sehr schlaue Weise, nämlich ein Spielzimmer, das zugleich zum »Rauch-Coupé« dienen sollte. Dagegen – gegen das Rauchen nämlich – hatte die Frau Staatsanwalt sich mit Händen und Füßen gesträubt, obgleich sich ein vollkommen passendes Stübchen am Ende der Wohnung befand, das aber zu entfernt vom Speisezimmer lag, um zu anderen Zwecken zu dienen, und von ihr nicht in Anspruch genommen werden konnte. Das Stübchen war nur einfach gemalt, und Ottiliens Mutter hatte ihren Mann lange deshalb gequält, es einmal tapezieren zu lassen, damit man es zu einem, wie sie sagte, »anständigen« Fremdenstübchen herrichten konnte. Der Staatsanwalt war aber aus verschiedenen Gründen nie darauf eingegangen, jetzt wurde er weich. Er versprach der Gattin Wunsch zu erfüllen, wenn es ihm an dem Abend zur Disposition gestellt würde, und wie er die Einwilligung erhielt, wurde augenblicklich der Tapezierer beordert, der in unglaublich kurzer Zeit die gemalte Wand mit einer Tapete überklebte; dann kamen drei Spieltische hinein mit den nöthigen Karten und Marken, und – Aschenbecher und Feuerzeuge mit zwei Kisten ausgesuchter Havanna-Cigarren. Jetzt sah er dem Kommenden ruhig entgegen; er wußte einen Platz, wo er untertreten konnte. In der Gesellschaft bewegte sich indessen noch Alles ziemlich wirr und ungeordnet durcheinander, denn die Leute waren noch nicht recht mit einander bekannt geworden. Thee wurde herumgereicht mit Backwerk, aber man stand zu gedrängt, und wenn Jemand der einen Dame eine Verbeugung machen wollte, so gerieth er dabei einer andern auf die Robe und mußte sich wieder entschuldigen. Doch das regulirt sich zuletzt Alles von selber. Das Militär war besonders zahlreich vertreten, vorzüglich der Stand der Lieutenants, denn schon Hauptleute sind meist verheirathet und außerordentlich schwer zum Tanzen zu bringen, während ein Major nur in Ausnahmefällen springt. Lieutenant von Wendelsheim hatte sich denn ebenfalls pflichtschuldigst eingefunden, denn wenn er sich auch nicht gerade in der Stimmung fühlte, eben jetzt einer solchen Gesellschaft beizuwohnen, mochte er auch nicht unhöflich gegen eine Familie erscheinen, die sich ihm immer so freundlich und aufmerksam gezeigt. So leichtherzig, ja man könnte sagen leichtfertig, er sich aber auch sonst bei solchen Gelegenheiten benommen, so still und zurückgezogen hielt er sich heute, mischte sich fast gar nicht unter das rege Getümmel des jungen Volkes, sondern hielt sich fast einzig und allein zu der freundlichen Wirthin selber, die auch über diese Aufmerksamkeit entzückt schien und ihn mit ihrer Liebenswürdigkeit überschüttete. Aber das junge Volk ließ nicht lange Ruhe. Ein kleines Gerüst war für die Musici aufgebaut worden, und einige von diesen hatten sich dort sehen lassen, um ihre Instrumente einzustellen. Ein paar Geigenstriche, der Stimmung wegen, wurden dabei unvermeidlich, und der scharfe Ton derselben wirkte wie ein Zauber aus die Tanznerven der Gesellschaft. Zuerst wurden die jungen Damen unruhig und fingen an zu flüstern und zu zischeln, dann wagte einer oder der andere der jungen Herren den allerdings lauten, aber doch aus sicherem Versteck hervorgestoßenen Ruf: »Musik!« so daß man nicht genau bestimmen konnte, von welcher Ecke er eigentlich zuerst erschallte. Da aber Ottilie selber bei der Sache interessirt war und gewissermaßen als Vice-Hausfrau fungirte, so wußte sie die Musik bald auf die Bühne zu bringen, und erst einmal dort, verstand es sich von selbst, daß sie ihre Instrumente in Thätigkeit setzte. Eigentlich hatte die Frau Staatsanwalt bestimmt gehabt, daß der Tanz erst nach dem Essen beginnen sollte; aber was half ihre kalte Berechnung an einem so heißen Abend. Die Leidenschaft siegte, und während der Staatsanwalt selber sich seine Mannschaft für das Rauch-Coupé zusammensuchte und dadurch ebenfalls dafür sorgte, daß ein wenig mehr Raum wurde, fing das junge Volk schon an, sich im Kreise zu drehen. Wendelsheim hatte schon aus schuldiger Artigkeit die Tochter des Hauses zum ersten Tanze engagirt und keinen Korb bekommen, und Paar an Paar schloß sich dem lustigen Reigen an, während es der Staatsanwalt dagegen lange nicht so leicht fand, die Spieltische zu besetzen. So gern nämlich viele Leute spielen, haben sie auch nur zu häufig den Aberglauben dabei, daß sie sich müssen dazu nöthigen lassen, um nachher zu gewinnen. Aber es gelang trotzdem, und er brachte, während er sich selber für das l'Hombre mit dem Major und dem Justizrath Bertling engagirte, noch eine Whists und eine Skat-Partie zusammen, wobei sich dann noch etwa zehn oder zwölf ältere Herren der Hitze und dem Gewirr der anderen Zimmer entzogen, um hier in aller Gemächlichkeit dem Spiel zuzusehen und dabei ihr Glas Wein zu trinken und eine Cigarre zu rauchen. Sie hätten es sich nicht besser wünschen können. Der alte Major war ein ungemein eifriger l'Hombrespieler und vergaß merkwürdiger Weise von dem Moment an, wo er am Kartentische saß, seine ganze Krankheit und sein sonstiges Elend. Zu anderen Zeiten stöhnte und jammerte er den ganzen Tag bald über dies, bald über das, was ihn im Körper quälte und peinigte. Jetzt stöhnte er allerdings auch – denn das war ihm nun einmal zur andern Natur geworden, und er konnte es eben nicht mehr lassen –, aber keineswegs über irgend ein Krankheits-Symptom, sondern nur einzig und allein über schlechte Karten, die er, wie er äußerte, immer unter der Würde bekam. Außerdem aber verleugnete er auch beim Kartenspiel seine sonstige Unausstehlichkeit nicht und hatte bald da, bald dort etwas auszusetzen; aber er spielte sehr gut, und man ließ es sich deshalb gefallen. So hatten die Herren, während im Saale schon flott getanzt wurde, ein paar Stunden etwa gesessen, als die Frau Staatsanwalt selber einmal hinüberging, um ihrem Gatten anzuzeigen, daß gegessen werden könne und die Herren ihr Spiel auf kurze Zeit unterbrechen möchten. Sie öffnete vollkommen athemlos die Thür, blieb aber wirklich vor Entsetzen wie festgebannt auf der Schwelle stehen, als ihr eine fast undurchsichtige blaue Dampfwolke entgegenquoll, in der sie nur in höchst unbestimmten Umrissen einzelne sitzende und stehende Gestalten erkennen konnte. »Herr Du meine Güte!« rief sie ordentlich erschreckt aus. »Dietrich, wo bist Du denn?« »Hier, mein Kind,« sagte der Verlangte, indem er sich wie ein graues Nebelbild aus dem Qualm emporhob, oder vielmehr damit in die Höhe zu steigen schien. »Aber weshalb, um Gottes willen, öffnen Sie denn kein Fenster? – ich begreife gar nicht, daß Sie noch im Stande sind, die Karten zu sehen!« »Das hätten wir allerdings thun können,« lächelte der Staatsanwalt verlegen, »aber wir waren so in unser Spiel vertieft ...« »Und dürft' ich die Herren bitten, hinüber zum Essen zu kommen – es ist Alles bereit.« »Sehr wohl, gnädige Frau! – Den Augenblick! – Letztes Spiel!« und mehrere andere derartige Ausrufe antworteten ihr, während die Frau Staatsanwalt scheu wieder zurückwich und die Thür hinter sich schloß, denn in der Atmosphäre konnte sie nicht existiren, der Tabaksgeruch hätte sich ihr ja in Kleidern und Locken festgesetzt. Begonnene Partien wurden jetzt beendet und, da der Tabaksqualm einmal erwähnt worden und die Herren darauf aufmerksam gemacht waren, auch die Fenster geöffnet. Dann bereitete man sich vor, um hinüber in den Speisesaal zu gehen. Die l'Hombre-Partie war am ersten aus und das Dreiblatt aufgestanden. Der Justizrath trat noch zu einem andern Tisch, als der Major den Staatsanwalt unter den Arm faßte und etwas mit sich bei Seite führte. »Wissen Sie, Staatsanwalt, daß ich wieder auf einer neuen Spur bin?« sagte er leise. »Spur? Wohin?« sagte Witte, der noch das letzte Spiel im Kopfe hatte, das er mit den brillantesten Karren verloren. »Nun, in der Wendelsheim'schen Sache.« »Mein lieber Major,« erwiderte der Jurist, »ich fürchte, Sie geben sich, mit anerkennenswerther Thätigkeit, da ganz vergebene Mühe; denn Sie werden zuletzt finden, daß Sie auf Ihrer neuen Spur, genau wie auf den alten, nur auf einem Holzweg sind. Die Sache ist eben ungreifbar, sie bietet nirgends einen Halt, denn Alles, was wir bis jetzt davon erfahren haben, sind eben weiter nichts als Verdachtsgründe und vage Vermuthungen, und damit dürfen wir nicht arbeiten. Bringen Sie mir einen haltbaren Beweis, nur einen einzigen, dann überlassen Sie das Andere mir; denn wenn man erst das eine Ende von einem Faden hat, findet man auch das andere. Aber sonst will ich mit der Geschichte nichts weiter zu thun haben, schon des jungen Mannes selber wegen, der sogar in diesem Augenblick mein Gast ist.« »Hol' ihn der Teufel,« knurrte der Major. »Er ist so wenig ein Baron von Wendelsheim, wie Sie und ich ...« »Wollen Sie nicht zum Essen gehen? Die Herren scheinen ihr Spiel beendet zu haben.« »Und ich setz' es doch durch,« sagte der Major, der, störrisch wie viele alte Leute, sich einmal auf den Gedanken verbissen hatte und nun mit menschlichen Mitteln nicht wieder davon abzubringen war. »Ich bin kein Advocat, aber ich wollte, ich wäre einer geworden; denn wenn irgend ein Haken an der Sache zu finden ist, ich finde ihn – soll mich der Teufel holen!« Der Staatsanwalt war froh, daß er Gelegenheit bekam, sich von der ihm lästig werdenden Unterredung zu befreien, und jetzt verschlang auch der Zug der in die Eßzimmer strömenden Menschen jedes weitere Gespräch, denn das wogte nur so herüber und hinüber und erforderte die ganze Aufmerksamkeit und Umsicht der Hausfrau, Allen nicht allein ihren Platz, sondern sogar ihren bestimmten Platz anzuweisen. Frau Staatsanwalt Witte war ihrer Aufgabe aber auch vollkommen gewachsen; sie hatte viel unternommen, aber nicht zu viel, und nach kaum einer Viertelstunde, wobei sich das junge Volk besonders gut amüsirte, wenn es ein wenig herüber und hinüber gestoßen wurde, fand sich die Gesellschaft wirklich untergebracht, und die Lohndiener konnten jetzt ungehindert in den Gängen hin und wieder schießen, um die verschiedenen Speisen herum zu reichen. Ottilie war glücklich heut Abend – Lieutenant von Wendelsheim, den sie aber ausnahmsweise still und schweigsam fand, während er sonst gar nicht genug erzählen und plaudern konnte, hatte sich fast ausschließlich den ganzen Abend durch mit ihr beschäftigt und sie dann natürlich auch zu Tisch geführt. Sie saß jetzt neben ihm und mußte sich gestehen, daß ihm der Ernst viel besser stand, als dies frühere, etwas unruhigere Wesen. Ein wenig galanter freilich hätte er schon sein können, und sie erinnerte sich nicht, daß er ihr an dem ganzen Abend auch nur ein paar aufmerksame Worte über ihre gewiß brillante Toilette gesagt, und beim Tanze selber – das siel ihr eigentlich erst jetzt auf – schien er ganz vergessen zu haben, ihr seine Bemerkungen über den Putz anderer Damen, worüber sie sich sonst so amüsirt, mitzutheilen. Er war wirklich heute wie ausgewechselt. Nicht einmal von seinem Fuchs hatte er gesprochen; Ottilie mußte ihn erst daran erinnern, und dann wußte er so gut als gar nichts über ihn zu sagen. Wenn sie nur im Stande gewesen wäre, heraus zu bekommen, was eine solche Veränderung bei ihm hervorgebracht – es wäre so interessant gewesen! Ottilie war aber wirklich an dem Abend vollkommen zwischen das Militär gerathen, denn an ihrer andern Seite hatte sie noch einen Lieutenant, und dieser wußte in der That, über was er sich unterhalten sollte, denn er ließ das Gespräch mit seinen beiden Nachbarinnen auch nicht einen Augenblick stocken. »Sage Ihnen, mein gnädiges Fräulein,« schnarrte er, »pompös heut Abend, auf Ehre – wüßte nicht, wann mich so trefflich amüsirt hätte – à propos, haben himmelblauen Aufsatz von Frau Professor Nestewitz schon entdeckt? Himmlisch, im wahren Sinne des Worts – genau so, wie Kolibri auf Klatschrose!« und in dieser Art weiter. Ottilie gerieth dadurch ein paar Mal ziemlich in Verlegenheit. Doch der Sohn des Mars schien einmal im Gang und nicht aufzuhalten, und überfluthete seine beiden schönen Nachbarinnen unaufhörlich bald mit solchen ziemlich rücksichtslosen Beobachtungen, bald mit den überschwänglichsten Schmeicheleien. »Sagen Sie, Herr Lieutenant,« wandte sich endlich Ottilie, als sie nur einen Augenblick Luft bekam, an ihren Nachbar zur Linken, denn sie war entschlossen, in der Sache, die sie beschäftigte, etwas klarer zu sehen, »weshalb sind Sie eigentlich heute so einsilbig? Fehlt Ihnen etwas, oder – noch schlimmer – langweilen Sie sich?« »Aber, mein gnädiges Fräulein, das ist ungerecht von Ihnen,« sagte Wendelsheim freundlich, »mir auch nur fragweise einen solchen Vorwurf zu machen; es wäre schlimmer als undankbar, wenn das an Ihrer Seite der Fall sein könnte.« »Also fehlt Ihnen etwas?« sagte Ottilie leicht erröthend, denn das Wort »Ihrer« war mit besonderer Betonung gesprochen worden. »Auch das nicht,« lächelte Mundelsheim ausweichend. »Wie wäre das auch möglich? Wir schwelgen ja hier im Ueberfluß.« »So meinte ich es nicht,« sagte Ottilie, die fest entschlossen schien, ihren Nachbar nicht so leichten Kaufs davon zu lassen. »Fühlen Sie sich vielleicht nicht wohl, oder drückt Sie ein geheimer Kummer?« »Habe ich mich wirklich so ungeschickt benommen, daß ich in den Verdacht kommen konnte?« fragte der Lieutenant. »Ungeschickt? Oh, gewiß nicht, Herr von Wendelsheim!« sagte Ottilie rasch. »Aber ich weiß nicht, der Ausdruck in Ihren Zügen kam mir so – wie soll ich nur sagen – so gedrückt, so wehmüthig vor, und ein paar Mal, wenn Sie sich unbemerkt glaubten, starrten Sie so düster vor sich nieder. Sie haben doch sicher und gewiß keine Ursache, traurig zu sein?« »Und woher wissen Sie das, mein gnädiges Fräulein?« sagte Wendelsheim, indem er ihr so voll in die Augen sah, daß sie die ihrigen verwirrt abwandte. »Wie mancher Mensch hat wirklich einen geheimen Kummer, in dem ihm entweder kein Anderer beistehen kann, oder wo er es wenigstens glaubt, die ganze Sorge auch vielleicht nur eingebildet ist, und er trägt sie nur eine Zeit lang mit sich herum und hegt und pflegt sie, bis er einsieht, daß Alles, was er bis dahin für ein Unglück gehalten, der Vorbote seines Glückes gewesen ...« Ottilie erröthete tief. »Ich will gewiß wünschen,« sagte sie endlich, »daß das auch bei Ihnen der Fall ist; mein anderer Nachbar scheint aber keinen solchen Kummer zu haben, denn er plaudert frisch von der Leber weg.« »Glückliche Menschen,« sagte Wendelsheim, »weil sie ihre eigene Unbedeutendheit nicht fühlen; denn wenn sie einmal zur Selbsterkenntniß kämen, wäre es vorbei – gerade wie bei mir. »Also das wäre Ihr Kummer?« lächelte Ottilie. »Da wäre es doch ein wahres Sprüchwort, wenn man sagt: ›Wer keine Sorgen hat, macht sich welche, oder er ist nicht zufrieden‹.« »Ah, reden Sie von Sorgen?« fiel hier der unverwüstliche Nachbar ein, der das Wort aufgefangen haben mußte. »Famoser Gedanke das, hier bei diesem lucullischen Mahl und bei dem Wein von Sorgen zu reden! Halten wohl meinem Kameraden da drüben eine kleine moralische Vorlesung? Sehr liebenswürdig, meine Gnädige, denn ich fürchte fast, er kann sie notwendig gebrauchen.« »Ich dürfte sie dann vielleicht zwischen den beiden Herren vertheilen?« lächelte Ottilie, die ihn gern bei dem Gedanken lassen wollte. »Bitte unterthänigst, meine Gnädige,« sagte abwehrend der junge Officier – »kriegen Nasen genug auch ohne das – auf Ehre! Wäre auch rein weggeworfene Müh' – gründlich verloren gegangene, Zerknirschung verduftet, vollständig verduftet, und nichts übrig geblieben, als namenlose Seligkeit und Verzückung – auf Ehre! Schwimme in einem wahren Taumel von Wonne, und wäre grausam, daraus zu wecken!« Mit dem jungen Mann war kein ernstes Wort zu reden, noch weniger ein vernünftiges, das fühlte Ottilie recht gut, und da dessen Nachbarin sich, vielleicht ebenfalls des Geschwätzes müde, zur andern Seite gewandt hatte, so blieb ihr als Tochter vom Hause nichts weiter übrig, als ihn artig anzuhören. So verging die kurze, einer leiblichen Stärkung gewidmete Zeit, denn die jungen Damen, die überhaupt bei solchen Gelegenheiten, sehr zum Aerger älterer Herren und Damen, nur sehr wenig essen und fast gar nichts trinken, fingen schon wieder an unruhig zu werden und winkten Ottilien zu – wo das irgend unbemerkt geschehen konnte –, doch so bald als möglich die Tafel aufzuheben. Ottilie zögerte noch, denn sie wußte nicht, ob es ihrem Vater recht wäre, der solche Gelegenheiten selten und nur höchst ungern zu kurz abbrach. Die jungen Dämchen, überhaupt erfinderisch in solchen Dingen, wußten aber ein anderes Mittel, das sich auch als vollkommen probat bewährte. Eine von ihnen flüsterte nämlich dem nächsten Lohndiener, bei dem sie ein Glas Wasser bestellt hatte, zu, die Musici aufzufordern, einen Galopp zu spielen, und kaum erklangen die verführerischen Töne, als auch kein Halten mehr in der Gesellschaft war. Der ältere Theil derselben sträubte sich allerdings noch und wollte Stand halten, aber unter dem Tisch trippelten schon die kleinen Füße den Tact zu der schon so lange ersehnten Melodie, und von da und dort her ertönte das verrätherische und zündende Geräusch eines heimlich gerückten Stuhles. Da glaubte der Staatsanwalt durch ein verzweifeltes Mittel die Tafel noch etwas zu verlängern – er wollte einen Toast ausbringen, räusperte sich und stand auf. Wie er aber nur den Stuhl zurückschob, war es, als ob ein Funke in ein Pulverfaß geflogen. Im Nu folgten zwei Drittheile der Gesellschaft seinem Beispiel; er wollte an ein Glas anschlagen, sah sich aber schon in den Strudel hineingerissen. Noch hielt er das Messer in der Hand, aber von allen Seiten preßten die jungen Damen auf ihn ein und wünschten ihm gesegnete Mahlzeit, und die Herren drückten ihm die Hand. Es war eben nichts zu machen, er mußte es aufgeben und trat mit dem demüthigenden Gefühl zurück, sich an seinem eigenen Tisch nicht einmal satt gegessen zu haben. Jetzt war aber kein Halten mehr. Die jungen Herren, Militär wie Civil, griffen selber mit zu, um die Tische und Stühle bei Seite zu schaffen, das Dienstpersonal konnte kaum schnell genug das Geschirr retten, daß es nicht mit in die Verwirrung hineingeriet, und in unglaublich kurzer Zeit war, wenigstens im Saale selber, die Ordnung wieder so weit hergestellt, daß die Paare zum neuen Tanze antreten konnten. Das war aber auch das Signal für die älteren Herren gewesen, sich zu einer Tasse Kaffee und einer Cigarre in das kleine Hinterstübchen zurückzuziehen und ihr Spiel fortzusetzen, denn daß das junge Volk nicht so bald müde werden würde, ließ sich voraussehen. Dort in dem Stübchen fanden sie aber eine Heidenverwirrung vor, denn die Frau Staatsanwalt hatte befohlen, sobald die Herren den Raum verlassen würden, sämmtliche Fenster ebenso wie die Thür zu öffnen, damit der Qualm einen Abzug finde und die Luft gereinigt würde. Das war auch in der That gründlich geschehen; aber der heftige Zug, der dadurch entstand, hatte sämmtliche Karten von den Tischen hinabgefegt und unter einander geworfen, so daß es einige Mühe kostete, um sie wieder in Ordnung und spielfähig zu bekommen. Als Witte noch einmal zur Küche zurückging, um von dort einen der dienstbaren Geister einzufangen, der unter die Tische kriechen und die Karten auflesen konnte, hörte er von da her ein schallendes Gelächter und fand, als er, neugierig gemacht, hineinsah, den Schuhmacher Heßberger mitten in der Küche, wie er dort, mit einem Glas Wein in der rechten erhobenen Hand, aufrecht stand und eine Rede hielt. »Bitte tausendmal um Escüse, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte der Schuhmacher, wie er nur seiner ansichtig wurde und machte eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, »daß Sie uns hier in einer kleinen Conservation antreffen! Da ich aber gerade ein Paar Schuh' für das unterthänigste Fräulein Tochter gebracht habe, so sagte die Frau Geheime Staatsanwalt, ich möchte so frei sein und ein Glas Wein auf ihr Wohl leeren ...« »Schon gut, Heßberger,« sagte der Staatsanwalt; »haltet mir nur hier die Leute jetzt nicht von der Arbeit ab, denn sie haben gerade viel zu thun. Franz, springen Sie einmal hinüber in's Spielzimmer und suchen Sie die heruntergewehten Karten mit auf!« Damit drehte er sich ab und schritt dem kleinen Zimmer wieder zu. Im Saale wurde indessen flott getanzt, und Wendelsheim hatte natürlich zu dem ersten Galopp wieder seine Tischnachbarin aufgefordert. Ottilie war dann von ein paar anderen Herren zu den nächsten Tänzen engagirt worden, und der junge Officier benutzte die Gelegenheit, sich auf einen der Stühle zurückzuziehen und dem Vergnügen eine Weile ausruhend zuzusehen. Er war nicht in der Stimmung, selber große Freude daran zu finden. Jetzt schwebte Ottilie an ihm vorüber, und ein freundliches Lächeln glitt über ihre Wangen, als ihr Blick den seinen traf. Er tanzte nicht, weil sie nicht mit ihm tanzen konnte – er war wirklich zu liebenswürdig! Und doch, welch' andere Gedanken zuckten ihm durch den Sinn! »Merkwürdig,« dachte er, als sie, noch immer lächelnd, im Tanze ihr Gesicht so drehte, daß er das Profil zu sehen bekam, »ob sie nicht Ähnlichkeit mit Rebekka hat? Ganz die leise gebogene Nase und die schwellenden Lippen; nur der seelenvolle Ausdruck der Augen, nur das reizende Grübchen im Kinn fehlen ihr; auch ihr Teint ist lange nicht so zart und weiß, das Haar nicht so üppig und natürlich gelockt.« Er konnte sich nicht helfen: sein Blick mußte sie immer und immer wieder suchen, und so vertieft war er in den Gedanken, daß er nicht einmal bemerkte, wie er dabei sowohl von Ottilien als ihrer Mutter beobachtet wurde. Er vergaß sich selber, und die Gedanken flogen hinüber zu dem kleinen sonnigen Stübchen in der Judengasse, zu dem Instrument dort und seiner Sängerin, und die Gestalten vor ihm bewegten sich im Tacte der Musik wohl sichtbar, aber ungesehen vor seinen Augen. Wie aus einem wachen Traume fuhr er empor, als er plötzlich seinen Namen genannt hörte und Ottilie vor sich sah, die ihm lächelnd und erröthend eine Verbeugung machte. Es war zum Cotillon angetreten, und die Damen forderten ihre Tänzer selber auf. Was er sprach – er wußte es selber nicht; er fühlte wohl, daß er blutroth dabei wurde, aber ein verlegener Lieutenant ist schon an und für sich interessant, und Ottilie führte ihre Beute im Triumph den Reihen zu. Es war spät geworden, und der Cotillon, der mit seinen mannigfachen Variationen über eine Stunde dauerte, näherte sich seinem Ende. Aeltere Damen, die als Ehrengarde mit ihren Töchtern oder Nichten hergekommen und in irgend einer Ecke ›des langen Harrens müde‹ sanft entschlummert waren, wurden von ihren Nachbarinnen geweckt und rafften sich, wie sie nur erst einmal wieder begriffen, wo sie waren und was man von ihnen wollte, mit einem »Gott sei Dank – beinah' wär' ich eingeschlafen!« zusammen. Einzelne Paare und Gruppen hatten sich schon entfernt; auch die Spielpartie war bei so vorgerückter Zeit aufgebrochen, obgleich sie keine Störung von der Frau Staatsanwalt mehr zu fürchten brauchte. Draußen in der Garderobe suchten junge, decolletirte Damen nach ihren Mantillen, und junge Herren drückten mit Lichtern umherwartenden Dienstmädchen warm getanzte Zehngroschenstücke in die Hände. Jetzt verstummte aber die Musik, und Wendelsheim, bis zuletzt beschäftigt, empfahl sich der freundlichen Wirthin und ihrer Tochter, und war dabei so herzlich und unbefangen, und drückte der Frau Staatsanwalt so »bedeutungsvoll« die Hand, und schüttelte die des Staatsanwalts selber so ausnehmend dankbar, und küßte die Ottiliens so zart und ehrfurchtsvoll – es war ordentlich, als ob er auf zeitlebens Abschied genommen hätte. Wie er aber das Haus verließ, huschte Ottilie, ihrer fast unbewußt, in ihr jetzt dunkles Schlafzimmer, um zu sehen, ob sie nicht noch einmal seinen Schatten unten auf der Straße erkennen könne. Dort kam er – er ging quer über den Weg – ob er wohl noch einmal stehen blieb und hinaufsah? Wahrhaftig, dort hielt er mitten im Fahrwege – er schaute sich gewiß nach den erleuchteten Fenstern um und suchte sie. Jetzt blitzte etwas – es war ein Funken, der stärker zu glimmen anfing. Ottilie ließ enttäuscht die Gardine fallen – er zündete sich eine Cigarre an. – Das abscheuliche Rauchen! 9. Am andern Morgen. Am nächsten Morgen fand sich der Staatsanwalt zu seinem Leidwesen viel früher geweckt, als ihm lieb war; denn die Nachwehen des gestern Abend erduldeten Festes mußten jetzt erst in allen Stadien durchgekostet werden – und es wurde ihm nichts geschenkt oder erspart. Hauptursache des so frühen Alarmirens war natürlich die Nothwendigkeit, das Logis wieder in Ordnung zu bringen, ehe der übliche Besuch an dem Morgen kam, und wenn der müde Hausvater auch meinte: »Der Besuch solle zum Teufel gehen,« so wußte seine Frau doch besser, was sich schicke, und handelte darnach. Dienstleute waren deshalb auch schon auf sieben Uhr früh bestellt worden, um die verschiedenen ausgestreuten Möbel wieder an ihre alten Plätze zu schaffen; zu gleicher Zeit mußten die sämmtlichen Stuben natürlich – ohne Ausnahme – naß aufgewischt und wo nöthig gescheuert werden, zu welchem Zwecke eine Anzahl von alten Weibern schon seit sechs Uhr früh, mit aufgestreiften Aermeln und sackleinene, nasse Schürzen vor, auf den Knieen herumrutschten und dabei die Familienverhältnisse ihrer Bekanntschaft besprachen. Das aber verstand sich, als unausbleibliche Folge eines solchen Genusses, von selbst, und der Staatsanwalt hatte es voraus gewußt, ja es sogar als Schreckbild – freilich vergeblich – seiner Ehehälfte schon früher vorgehalten und gewissermaßen prophezeit. Was er aber nicht gewußt hatte, das waren die »unvorhergesehenen Fälle«, die bei derartigen Gelegenheiten nie ausbleiben und dann im Stande sind, den sonst ruhigsten Menschen zur Verzweiflung zu treiben. Vier silberne Löffel fehlten und der schwere Deckel der silbernen Zuckerdose mit einem massiven Engel darauf, der ein flammendes Herz in der Hand hielt. Außerdem war ein Stück aus einer der guten Porzellanschüsseln, mit blau und goldenen Streifen, ausgebrochen, drei englische Gläser lagen ohne Fuß auf dem Küchentische und die Fruchtschale von Krystall – ein Leibstück der Frau Staatsanwalt, denn sie hatte es erst zur Feier ihres Hochzeitstages im vorigen Jahr bekommen – war rettungslos geborsten und konnte jeden Augenblick auseinander gehen. Außerdem fehlten sechs Flaschen Wein; sie hatte sie selber herausgegeben, gezählt, und wenn sie getrunken worden wären, wie das freche Geschöpf, die Köchin, behauptete, so hätten doch wenigstens die leeren Flaschen oder selbst deren Scherben da sein müssen. Aber Gott bewahre – keine Spur davon, und sie wußte wohl, wer sie fortgetragen, denn umsonst war sie nicht schon ein paar Mal im Dunkeln unten im Hausflur an einen langen Soldaten angestoßen, den sein Hauptmann doch sicher nicht dahin auf Posten gestellt hatte. Und was nun außerdem von eßbaren Dingen fortgeschleppt worden, wollte sie gar nicht einmal rathen, denn das heilige Abendmahl konnte sie darauf nehmen, daß die Nußtorte zum Beispiel noch zur großen Hälfte vom Tisch abgetragen sei und jetzt lagen nur noch zwei dünne Stücke auf dem Porzellanteller – und selbst auf denen fehlte das Eingemachte oben. Aber das Alles verschwand trotzdem in dem einen Gefühl der Entrüstung über den Silberdieb und der gänzlichen Rathlosigkeit, wie man desselben habhaft werden sollte – denn wer unter all' den fremden Dienstleuten war es gewesen? Mit dieser Nachricht wurde der Staatsanwalt auch geweckt. Er lag noch und schlummerte sanft, trotzdem daß die Nebenstube schon unter Wasser gesetzt war und die Thür eben abgescheuert wurde. Sein Morgengruß lautete: »Weißt Du's schon, Dietrich? – vier silberne Eßlöffel und den Deckel zu der Zuckerdose, mit dem Amor, haben sie uns gestohlen, und die große gute Schüssel ist zerbrochen und die Krystallvase sowie vier englische Gläser, und die Teller habe ich noch nicht einmal gezählt; die Maiweinbowle klingt mir ebenfalls verdächtig, wenn die nur nicht auch 'was gekriegt hat!« »Gott sei mir gnädig,« sagte der Staatsanwalt, indem er sich, noch schlaftrunken, im Bett emporrichtete, »der Tag fängt gut an! Aber – scheuern sie denn hier die Schlafstube?« »Nein, das ist nebenan. Denke Dir nur ...« »Ich will Dir etwas sagen, Therese,« unterbrach sie der Staatsanwalt, indem er nach der über seinem Bett hängenden Uhr sah und dazu mit dem Kopf schüttelte,»wenn Du mir nicht den ganzen Morgen verderben willst, so sei so gut und laß mich vorher aufstehen und besorge mir eine Tasse Kaffee; nachher wollen wir dann in Ruhe ...« »Ja, Kaffee,« sagte die Frau; »wir haben noch gar kein Feuer in der Küche – das sieht ja Alles aus wie Sodom und Gomorrha, und muß doch erst gereinigt und aufgewaschen werden; aber vier silberne Eßlöffel fehlen, noch dazu von den schwersten, und der Deckel von der Zuckerdose ist ebenfalls fort. Wenn da die Polizei nicht einschreitet, wozu ist sie denn da?« Der Staatsanwalt erwiderte kein Wort; er seufzte nur aus tiefster Brust und streckte das eine Bein aus dem Bett, wonach seine Frau ihm denn wenigstens gestattete, sich unbelästigt ankleiden zu können. Durch die Thür rief sie ihm aber noch zu: »Zieh Dir nur auch gleich die Stiefel an, Dietrich; Du mußt unverweilt auf die Polizei und die Anzeige machen – so 'was ist ja noch gar nicht erlebt worden!« »Das ist recht,« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin, indem er seine verschiedenen Leiden, aber mit einer gewissen Resignation, aufsummirte: »Morgens vor Tag aufstehen, Stuben scheuern, keinen Kaffee, Silber gestohlen, Geschirr zerbrochen, Waschtisch mit Nähtischen verbarrikadirt, Stiefel anziehen und auf die Polizei laufen – na, an das Vergnügen will ich denken!« Der Ausgang auf die Polizei diente übrigens doch als Rettung aus diesem Heidenwirrwarr der eigenen Wirthschaft. Vor allen Dingen ging er, nachdem er sich angezogen, in das nächste Hotel und trank dort im Speisesaale, bei offenen Thüren und Fenstern, wobei alle Stühle auf den Tischen standen und zwei Stubenmädchen einen furchtbaren Staub mit Auskehren machten, seinen Kaffee. Dann machte er die Anzeige der gestohlenen Sachen in der festen Ueberzeugung, daß die Polizei eben so wenig über den Diebstahl herausbekommen würde, wie er selber, und nachher lief er hinaus auf die Promenade und rauchte seine Cigarre – was sollte er jetzt in seiner Wohnung thun? Dort herrschte indessen die Tätigkeit eines Bienenschwarmes, und die Frau Staatsanwalt, darin besonders tüchtig und erfahren, setzte es auch durch, sie bis elf Uhr Morgens wieder wie ein Puppenstübchen hergestellt zu haben. Es roch allerdings noch ein wenig darin nach Seife, und ein feuchter Dunst lag auf dem Ganzen; aber es war doch Alles wieder rein und stand auf seiner Stelle – die Studirstube ihres Mannes ausgenommen. Aber die hatte noch Zeit, da ja dort Niemand hineinkam, als er selber. Die Schreiber nebenan saßen indessen schon wieder auf ihren Drehstühlen und copirten und excerpirten nach Herzenslust. So war es zwölf Uhr geworden und richtig schon hier und da ein Besuch gekommen, der sich erkundigte, wie man geschlafen hatte und ob der gestrige Ball gut bekommen wäre. Bei den Meisten war dies nur eine leere Höflichkeitsform, aber es füllte doch die Zeit aus, und das ist bei vielen Menschen schon von großem Werth. Die Unterhaltung der Frau Staatsanwalt drehte sich jedoch an diesem Morgen so ausschließlich um das Thema der Schlechtigkeit der jetzigen Menschen im Allgemeinen und silberne Löffel und Zuckerbüchsendeckel insbesondere, daß Ottilie, der die ewige Wiederholung langweilig zu werden anfing, die jüngeren Damenbesuche in ihr eigenes Zimmer nahm – nur die Herren wurden bei Mama empfangen. Gegen ein Uhr trat eine kleine Pause ein; die Frau Professor Nestewitz war allein noch da und zeigte, da sie selber in der vorigen Woche den Verlust dreier Theelöffel zu beklagen gehabt, ein so warmes Interesse an der Sache und so tiefe Entrüstung, daß die Frau Staatsanwalt sie, als sie Abschied nahm, bis an die Treppe begleitete und dort die Angelegenheit noch einmal von vorn und gründlich durchnahm. Ottilie war allein im Zimmer, als sie hörte, wie das Mädchen einen neuen Besuch brachte. Es war ein männlicher Schritt, und ihr Herz klopfte ein wenig – Lieutenant von Wendelsheim hatte auch gar zu lange auf sich warten lassen; als sie sich aber der Thür zuwandte, erschien nicht der Erwartete, sondern Fritz Baumann auf der Schwelle, und zwar hielt er das Thermometer in der Hand, das er schon vor einiger Zeit zur Reparatur erhalten. Uebrigens konnte es ihr nicht entgehen, daß er heute anders aussah als gewöhnlich, denn er war nicht in seinen Arbeitskleidern, sondern in einem dunkeln, saubern Anzug, der ihm vortrefflich stand. Fritz Baumann war überhaupt ein ganz hübscher Bursche – oder Bursche konnte man eigentlich kaum mehr sagen, denn er mußte die Zwanzig schon lange überschritten haben. Sein gutmüthiges, offenes Gesicht mit den klugen dunkeln Augen nahm auf den ersten Blick für ihn ein, und der kleine Schnurrbart, den er trug, gab ihm dabei etwas Männliches. Auch seine Gestalt war schlank und edel, und er bewegte sich damit frei und ungezwungen – wenigstens wenn er draußen und unter seines Gleichen war. Jetzt dagegen schien er etwas befangen, und es war fast, als ob er ganz vergessen habe, daß er eine gefertigte Arbeit trug und abgeben wolle, denn er fand nicht gleich ein Wort zur Einführung. Ottilie half ihm darüber hin. »Ah, Herr Baumann,« sagte sie freundlich, »Sie bringen mir das Thermometer wieder; das ist mir sehr lieb, denn – Vater hat schon ein paar Mal danach gefragt.« »Ja, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, der dadurch wieder Luft bekam, indem er ihr den Gegenstand reichte; »es war gestern schon fertig, da ich aber hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, wollte ich nicht stören.« »Und Sie bemühen sich dabei immer selber.« »Und soll ich das nicht?« sagte Fritz herzlich. »Wie selten wird mir überhaupt Gelegenheit geboten, Sie zu sehen, und ich möchte doch so gern, daß Sie nicht vergäßen, wie wir als Kinder mit einander gespielt haben und immer ungeduldig wurden, wenn Einer auf dem Platze fehlte!« Ottilie war blutroth geworden und stand verlegen, das Thermometer noch immer in der Hand haltend – es zeigte schon auf 30 Grad Réaumur – vor dem jungen Manne. Wohl erinnerte auch sie sich der Zeit – lieber Gott, sie lag ja noch nicht einmal so übermäßig fern – und sie wußte auch recht gut, daß gerade Fritz immer ihr liebster Spielgefährte gewesen und sich ihrer immer am treuesten und mannhaftesten angenommen hatte, wenn irgend Jemand ihr zu nahe treten wollte. Aber ihr Vater hatte damals – sich erst aus ziemlich ärmlichen Verhältnissen emporarbeitend – noch kein so großes Haus gemacht. Die Nachbarskinder standen ihr näher; jetzt war sie in andere Kreise eingeführt und schon seit Jahren nicht mehr mit ihnen, außer einem flüchtigen Gruß, zusammengetroffen. Eigentlich gehörte es sich auch nicht, daß sie der junge Handwerker jetzt daran erinnerte, denn er mußte dies ja ebenfalls wissen, und die Spielzeit ihrer Kinderjahre lag doch längst hinter Beiden. Auch Baumann fand nicht gleich ein Wort wieder, und zwar weniger aus Verlegenheit, als weil ihn die Erinnerung zu jenen fröhlichen, glücklichen Stunden zurückführte, und er im Geist noch das kleine hübsche Mädchen mit dem flatternden Lockenkopf und den vor Lust gerötheten Wangen jetzt in der aufgeblühten Jungfrau wiedersah. »Damals war es doch eine herrliche Zeit,« fuhr er endlich leise fort, »und das einzige Böse nur bei der Sache, daß Kinder eigentlich nie wissen, wie glücklich sie sind; sie könnten es freilich sonst auch gar nicht ertragen.« »Ja, das ist allerdings schon eine lange Zeit her,« sagte Ottilie, die doch wohl fühlte, daß sie darauf etwas erwidern müsse; »ich glaube, ich war damals ein recht wildes Mädchen.« »Ich sehe Sie noch vor mir,« nickte Baumann, »als Sie an jenem Morgen, wie der Strom die ganzen Wiesen und Felder überschwemmt hatte, in den Kahn gestiegen waren und, als dieser losriß, draußen auf dem Wasser mit der Strömung forttrieben.« »Und Sie sprangen damals hinein, um mich an Land zu bringen.« »Gefahr war nicht dabei,« sagte Fritz Baumann und schüttelte mit dem Kopf, »denn Sie hätten doch an den Damm antreiben müssen; aber ich freue mich noch darüber, daß Sie damals gar nicht weinten oder um Hülfe riefen, sondern nur ruhig und trotzig im Boot standen.« »Es war so ungezogen ...« »Wir sind Beide älter geworden,« setzte der junge Mann nach einer Weile hinzu – »unsere Wege liefen auseinander, und wir verbrachten unsere Zeit getrennt. Sie zogen in ein großes, schönes Haus und wuchsen zur Freude Ihrer Eltern heran; ich selber mußte etwas Tüchtiges lernen, um mir einmal mein Brod zu verdienen und einen Hausstand zu gründen. Ich weiß nicht, Fräulein Ottilie, ob es Sie vielleicht interessirt zu erfahren, daß ich jetzt meinen Zweck erreicht. Mein Meisterstück habe ich schon vor einem halben Jahre gemacht und eingeliefert. Es ist nicht allein sehr günstig aufgenommen worden, sondern ich schickte es auch auf die Londoner Ausstellung und bekam dafür die goldene Medaille. Ich bin jetzt im Begriff Meister zu werden, und will mich in der Stadt hier, da ein einziger Mechanikus wirklich nicht mehr all' die einkommende Arbeit bewältigen kann, in nächster Zeit etabliren.« Ottilie schwieg und horchte nach der Thür; es war ihr, als ob sie draußen wieder fremde Stimmen gehört hätte – Lieutenant von Wendelsheim war viel zu aufmerksam, als daß er den schuldigen Morgenbesuch hätte versäumen sollen – wenn ihn wirklich sonst nichts hierher trieb, als eben nur die kalte Artigkeit. »Das freut mich in der That,« sagte sie und erglühte dabei wie eine Rose, denn draußen unterschied sich jetzt deutlich die Stimme des Erwarteten, der sich noch mit ihrer Mutter auf dem Vorsaal unterhielt. »Wie gut Sie sind, Fräulein,« sagte Fritz, der das augenscheinliche Erröthen einer ganz andern Ursache zuschrieb, »noch immer wie früher. Ich bin auch nicht mittellos; meine Mutter hat von einer Erbschaft, die sie früher gemacht ...« Die Stimmen draußen waren dicht vor der Thür. »Sie entschuldigen mich gewiß heute,« sagte Ottilie, »wir werden so mit Besuchen gedrängt ...« »Ja, ich glaube, es kommt sogar in diesem Augenblick Besuch,« sagte Fritz, jetzt selber aufhorchend – in seiner Erregung hatte er gar nicht darauf gehört – »ich darf Sie dem nicht entziehen. Vielleicht findet sich später einmal eine passendere Zeit ...« »Gewiß, gewiß – es wird mich immer freuen...« Die Thür wurde aufgemacht, aber es kam noch Niemand herein, denn die Mutter wollte den Herrn Lieutenant in's Zimmer nöthigen, während er darauf bestand, der Dame den Vortritt zu lassen. Fritz Baumann sah, daß eine weitere Unterhaltung jetzt zu den Unmöglichkeiten gehöre, und machte Ottilien nur eine stumme Verbeugung; aber er traf ihr Auge nicht mehr, das an der Thür haftete, und verließ, Frau Staatsanwalt Witte ebenfalls achtungsvoll grüßend, das Zimmer, um nach Hause zurückzukehren. Er sah auch noch, daß der Besuch der Lieutenant von Wendelsheim war; aber lieber Gott, das gehörte einmal zu den Lasten des höheren Lebens, daß man es sich erst mit großen Gesellschaften schwer machte und dann auch noch die Bürde langweiliger Höflichkeitsbesuche trug. – Wenn er nur hätte ahnen können, wie ›lästig‹ Ottilien gerade dieser Besuch war! Wendelsheim hatte indessen, ohne den Fremden weiter zu beachten, während ihm jedoch die Frau Staatsanwalt erstaunt nachsah, das Zimmer betreten; er ging ohne Weiteres auf Ottilie zu, nahm ihre Hand, führte sie an seine Lippen und sagte – er war in diesem Augenblick wieder ganz Lieutenant: »Mein gnädiges Fräulein, ich schätze mich glücklich, Sie heute Morgen so frisch und blühend begrüßen zu können – brauche also gar nicht zu fragen, wie Ihnen die gestrige Anstrengung bekommen ist – wie ich zu meiner Freude sehe, vortrefflich!« »Sie sind sehr gütig, Herr Baron,« sagte die Mutter, während das junge Mädchen wie mit Purpur übergossen vor ihm stand. »Aber wer war denn der junge Herr eben, Ottilie? Den kannte ich ja gar nicht.« »Der junge Baumann,« sagte die Tochter, »der das Thermometer hier gebracht hat« – es zeigte jetzt fast Siedehitze – »er wollte ihn selber abgeben, damit er nicht wieder zerbrochen würde.« » Das war der Fritz Baumann?« rief die Mutter aus. »Herr Du meine Güte, und er sah so anständig aus, ich habe ihm eine ordentliche Verbeugung gemacht – ich kannte ihn gar nicht!« »Er ist selbständig geworden – aber Ihnen ist der Ball ebenfalls gut bekommen, Herr Baron?« »Ausgezeichnet, mein gnädiges Fräulein; ich habe vortrefflich geschlafen, aber die ganze Nacht von weiter nichts geträumt, als mißglückten Touren und allen möglichen Fatalitäten.« »Ob Einem das aber nicht immer so geht,« sagte die Mutter; »ich habe geträumt – aber wollen der Herr Baron sich denn nicht niederlassen, Sie nehmen uns ja sonst die Ruhe mit – ich habe geträumt, das Mädchen hätte den Rehrücken in die Kohlen fallen lassen und die Eistorten wären ganz auseinander geschmolzen gewesen. Aber wissen Sie schon, daß uns gestern so viel Silberzeug gestohlen worden ist?« »In der That, gnädige Frau? Das bedauere ich ja unendlich!« »Ja, denken Sie nur, wie ich die Löffel heute Morgen nachzähle – gestern Abend war ich so müde, daß ich die Augen nicht mehr aufhalten konnte...« »Aber, liebe Mutter, das interessirt ja doch den Herrn Lieutenant nicht!« »Bitte, mein gnädiges Fräulein, gewiß ...« »Siehst Du wohl, Kind – das wußte ich auch vorher. Wie ich also die Löffel heute Morgen nachzähle, fehlen richtig gerade vier von den allerschwersten und der Deckel von der silbernen Zuckerdose, mit einem Amor, massiv in Silber, oben drauf.« »Aber wie ist das möglich?« »Ja, das sage nun ein Mensch – bei dem Staatsanwalt – und dabei haben wir Polizei im Ort, und reitende Gensdarmen, und einen Stadtrath und Stadtverordnete! Aber ich will keinen Kopf wieder ruhig auf ein Kissen legen, bis ich die Räuberbande herausgefunden habe und die Kerle am Galgen sehe, denn den haben sie im reichsten Maße verdient! Der Deckel ärgert mich nur, und gleich vom ganzen Service weg; aber was macht sich so ein schlechter Mensch daraus, wenn er Einem ein Service verdirbt – die lachen noch darüber!« »Ich will nur hoffen, daß Sie die Gegenstände wiederbekommen!« »Ja, es wäre wirklich zu wünschen – und das waren noch nicht einmal die ersten; schon in voriger Woche sind uns einzelne Löffel abhanden gekommen. Es muß auch ein Hausdieb sein, das lasse ich mir gar nicht ausreden; denn ein anderer Mensch hätte die Frechheit nicht, blos hierher zu kommen, um Löffel zu stehlen und Deckel von Zuckerdosen.« Die Frau konnte das unselige Silberzeug nicht aus dem Kopf bekommen. So oft auch Ottilie versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, es blieb vergebens, während der Lieutenant zu viel Tact besaß, um nicht Alles über sich ergehen zu lassen. Es war eben ja Besuch, der bekanntermaßen nicht unter die Vergnügungen gerechnet werden darf. Endlich kam ein Blitzableiter – die Frau Appellationsgerichtsräthin Nebeldamm, die denn allerdings die nämliche Sache noch einmal erfuhr, nothgedrungen aber auch die Zuckerdose, auf welche der fehlende Deckel gehörte, von Angesicht zu Angesicht sehen mußte. Die Frau Staatsanwalt führte sie hinüber; sie hätte gern den Lieutenant ebenfalls gebeten, mitzugehen – er würde bei der Gelegenheit auch gleich ihr Silberzeug beisammen gesehen haben. Aber der Schrank sah leider noch ein wenig zu unordentlich aus; die Zeit heute Morgen war ja so kurz und sie selber nicht im Stande gewesen, Alles wieder in der gehörigen Ordnung wegzuräumen. »Es war so wunderhübsch gestern Abend,« sagte Ottilie, wie sie nur erst einmal Luft bekam, auch ein Wort zu reden, »und ich habe mich so herrlich amüsirt!« »In der That, mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Bruno – und wieder fiel ihm die Aehnlichkeit zwischen ihr und Rebekka auf – »ich muß Ihnen auch gestehen, daß ich lange nicht so viel getanzt habe.« »Aber zuletzt wurden Sie so still und nachdenkend; Sie müssen drei oder vier Tänze versäumt haben. Sie wurden gewiß müde?« »Nein, das nicht – auf – wirklich nicht, aber – Sie wurden ja engagirt.« »Aber die anderen Damen würden sich ebenfalls sehr gefreut haben, von einem so guten Tänzer engagirt zu werden,« lächelte Ottilie, und Wendelsheim wurde so verlegen, daß er nicht gleich wußte, was er erwidern sollte. »Ihr Herr Vater ist wohl nicht zugegen?« sagte er endlich. »Vater wird sehr bedauern, Sie heute Morgen nicht zu sehen,« fuhr Ottilie fort; »er mußte der unangenehmen Sache wegen in die Stadt und ist noch nicht zurückgekehrt. Aber was sehen Sie mich immer so sonderbar an,« lächelte sie plötzlich. »Trage ich irgend etwas Auffälliges an mir?« »Ich? – Sie? Nein, gewiß nicht!« rief Wendelsheim. »Entschuldigen Sie, aber – Sie können es mir auch nicht verdenken,« setzte er rasch gefaßt und galant hinzu; »es ist etwas Seltenes, nach einer durchtanzten Nacht eine junge Dame wieder so morgenfrisch zu finden, und thut den Augen ordentlich wohl.« »Ah, Sie können auch schmeicheln? Die Eigenschaft hatte ich noch nicht bei Ihnen entdeckt.« »Schmeicheln? Nein, gewiß nicht, liebes Fräulein! Ich hasse die faden Schmeicheleien und glaube, ich darf dabei, um mit der Tochter eines Anwalts zu reden, »nicht schuldig« plaidiren. Ich begreife auch wirklich manchmal nicht, wie junge Damen etwas Derartiges gern anhören mögen.« »Wer weiß denn, ob sie es gern thun?« sagte das junge Mädchen. »Aber was will man machen? Viele junge Herren kennen gar keine andere Unterhaltung, und wenn man ihnen die abschneiden wollte, so ist es sehr die Frage, ob sie nicht gänzlich stumm würden.« »Und wäre das ein Verlust?« »Für sie selber jedenfalls. Aber nehmen Sie auch meine Frage nicht zu ernst; ich hatte Ihnen den Vorwurf gewiß nicht machen wollen. Doch was ich gleich sagen wollte: ich habe Sie ja heute Morgen nicht hier vorbeireiten sehen – und gestern und vorgestern auch nicht, wie mir jetzt einfällt.« »Sie werden mich auslachen,« sagte Wendelsheim, »und mich inconsequent nennen, aber ich besitze in diesem Augenblick nur noch mein altes Pferd, das ich schonen muß, denn ich habe den Fuchs wieder verkauft.« »Das wunderschöne Thier!« »Ich bekam ein gutes Gebot und – er gefiel mir auch nicht besonders – er war sehr unartig und scheute gern.« »Aber Sie reiten sonst immer die wildesten Pferde!« »Vielleicht bin ich vorsichtiger geworden,« lächelte der Officier. »Ach, das wäre recht zu wünschen,« sagte Ottilie mit ordentlich komischem Ernst, indem sie die Hände dabei faltete. »Sie haben sich doch nicht etwa meinetwegen schon gesorgt, mein Fräulein?« sagte der junge Mann freundlich. »Es würde mich sehr glücklich machen, wenn ich das wüßte!« »Ich war einmal Zeuge, wie der Rappe damals mit Ihnen durchging.« »Ah, an jenem Tage!« nickte der Baron, und es war, als ob eine Wolke über seine Stirn flöge; »ja, das war ein böses Thier – aber,« brach er plötzlich ab, »wir unterhalten uns richtig wieder von Pferden, das Ungeschickteste, was ein Herr in Gegenwart einer Dame thun kann.« »Ich glaube, ich habe selber davon angefangen.« »Dann werde ich mich Ihnen dankbar zeigen und das Gespräch auf die gestrigen Toiletten bringen. Wissen Sie daß ich lange nicht so geschmackvolle Toiletten gesehen habe, wie gestern Abend?« »Auch die der Frau Professor Nestewitz?« lächelte Ottilie. »Die war allerdings nicht ganz geschickt gewählt,« sagt? Wendelsheim achselzuckend. »Damen, die über das jugendliche ja nur über das jugendfrische Alter hinaus sind, sollten sehr vorsichtig darin sein, nicht zu modern und in zu auffallenden Farben zu gehen; aber wie oft wird doch das versäumt, und die Trägerinnen sehen dann, anstatt pompös, gewöhnlich nur komisch aus.« »Für einen Lieutenant,« lächelte Ottilie, »entwickeln Sie ganz achtungswerthe Kenntnisse in der Toilette.« »Bitte, mein gnädiges Fräulein, von Kenntnissen kann da keine Rede sein; das Ganze ist ja überhaupt nur Gefühlssache.« »Vielleicht haben Sie sogar Recht.« »Möglich, aber dann ist es nur das Urtheil der Menge, das ich ausspreche. Das gerade gefällt mir auch an Ihnen, daß Sie sich immer so einfach kleiden, Fräulein; Sie glauben gar nicht, wie gut Ihnen so ein hohes, dunkles, eng anschließendes Kleid steht!« »Soll ich Sie wieder denunciren?« drohte Ottilie schelmisch mit dem Finger. »Nein, Fräulein Ottilie,« sagte Wendelsheim treuherzig, indem er ihr die Hand hinreichte, »wahrhaftig nicht! Ich will Ihnen gern zugeben, daß ich früher nicht besser wie mancher der Uebrigen gewesen bin und entsetzlich fades Zeug geschwatzt haben mag; aber ich glaube, ich habe mir das abgewöhnt, gebe mir wenigstens die größte Mühe, und Ihnen gegenüber am allerwenigsten würde ich mich falsch zeigen.« »Ich glaube Ihnen ja so gern, Herr von Wendelsheim,« sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete; »es war auch nur ein Scherz, aber Sie wissen ...« Das Gespräch ward hier abgeschnitten, denn die beiden älteren Damen traten wieder in das Zimmer, und die Frau Appellationsgerichtsräthin, nachdem sie erst die identische deckellose Zuckerdose selbst gesehen, war so entrüstet über den Diebstahl, daß sie kaum Worte genug dafür finden konnte. Eine andere Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, und nachdem Wendelsheim noch ein paar freundliche Worte mit dem jungen Mädchen gewechselt, empfahl er sich und ließ Ottilie mit einem ganzen Herz voll Seligkeit zurück. 10. Neue Spuren. Der alte Major von Halsen war ein wunderlicher Kauz und so obstinat in seinem ganzen Wesen wie unberechenbar in seinen eigenen Ansichten. Jetzt, in diesem Augenblick, behauptete er etwas, und wenn irgend Jemand dem widersprach, so konnte er in der Vertheidigung des Behaupteten fast außer sich gerathen; kam aber nach einiger Zeit das Gespräch zufällig auf denselben Gegenstand und irgend jemand Anderes stellte das als Thatsache auf, was er früher selber Wort für Wort verfochten, dann war er auch im Stande, ganz entschieden auf die andere Seite hinüber zu springen und nun alle die Beweisgründe gegen den aufgestellten Satz hervor zu suchen, die früher gegen ihn selber angewendet worden. Genau so machte er es in seiner ganzen Lebensweise, und während er sich heute einredete, daß er todsterbenskrank sei und vielleicht die nächste Woche, den nächsten Tag nicht mehr erleben würde, vergaß er plötzlich einmal das imaginäre Elend und hinkte so flott und rüstig in der Stadt umher, als ob er ein paar Jahrzehnte von seinem Alter abgeschüttelt hätte und nie in seinem Leben krank gewesen wäre. Eine solche Haupttriebfeder erneuter Thätigkeit war die in Aussicht gestellte Erbschaft jenes alten, längst verstorbenen Freiherrn von Wendelsheim, die aber, nach allen menschlichen Begriffen, schon lange für ihn verloren sein mußte, da sämmtliche an die letzte Linie Wendelsheim gestellten Bedingungen am Vorabend ihrer Erfüllung standen. War das Geld aber erst einmal, und wenn auch nur für eine einzige Stunde, verfallen und ausgezahlt, dann hätten ihm alle Processe der Welt nichts mehr genutzt, und da er das wußte, trieb es ihn ordentlich wie mit einer feindlichen Macht vorwärts, um wenigstens jeden möglichen Augenblick zu benutzen, sein Ziel zu erreichen und die Ansprüche des von ihm gründlich gehaßten alten Freiherrn von Wendelsheim umzustoßen. Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß in der Erbfolge des Hauses faules Spiel getrieben. Wie er dazu gekommen, wer konnte es sagen! Jedenfalls kannte er den Charakter des alten Kammerherrn von früheren Zeiten her genau, um ihm etwas Derartiges zuzutrauen, und das, mit dem damals unter den Leuten verbreiteten Gerücht zusammengebracht, mochte dann wohl bei ihm zur fixen Idee geworden sein, die ihn eben nicht ruhen und nicht rasten ließ. Den Staatsanwalt Witte, einen scharfen und klaren Kopf, hatte er dabei seinen Ansichten zu gewinnen gesucht, und die Möglichkeit eines solchen Falles, mit manchen sogar dafür sprechenden Einzelheiten, machte diesen anfangs selber stutzen und Interesse an der Sache nehmen. Wie sich aber mehr und mehr herausstellte, daß Alles, was der Major wußte oder zu wissen glaubte, nur eben auf leeren, unhaltbaren Gerüchten, ohne irgend einen auch nur annähernden Beweis, beruhte, zog er sich von dem Ganzen zurück und war besonders unter keiner Bedingung dazu zu bringen, eine wirkliche Klage zu erheben. Er wenigstens wollte sich nicht blamiren. Der Major hing aber jetzt sogar für kurze Zeit seine oft von ihm ausgesprochene lebensgefährliche Krankheit an den Nagel und beschloß, selber der Sache auf den Grund zu gehen. Einen neuen Sporn dazu fand er in der Frau Meier, die ihren besonderen Grund haben mußte, jene Familie oder wenigstens den alten Freiherrn zu hassen, und diese gab ihm auch bereitwillig, so weit ihr Gedächtniß ausreichte, eine Liste aller der Dienstboten, die zu jener Zeit auf dem Gute in Dienst gestanden, während der Major nun seinerseits alle Minen springen ließ und keine Kosten scheute, um die namhaft gemachten Personen wieder aufzufinden. Dreiundzwanzig, ja fast vierundzwanzig Jahre sind aber eine lange Zeit, und es gelang ihm nur bei sehr Wenigen. Viele waren gestorben oder verschollen, Manche fortgezogen, Niemand konnte sagen wohin, und den Namen der Hauptperson, der Amme, die damals angenommen worden, kannte sie gar nicht oder konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Einer aber, der vielleicht Auskunft geben konnte, war der damalige Gärtner, ein Mann Namens Tettelberg, der sich schon vor längerer Zeit in der Nachbarschaft von Alburg angekauft haben und später in die Stadt selber übergesiedelt sein sollte. Diesen hatte auch der Major gemeint, da er erst kürzlich seine Wohnung ausgekundschaftet, als er am Ballabend dem Staatsanwalt von einer ›neuen Spur‹ gesprochen. Aber auch das schien auf diesen seine Wirkung verfehlt zu haben, und der Major beschloß deshalb, ihn selber aufzusuchen. Er wollte wenigstens nichts versäumen, was ihn zu dem ersehnten Ziel führen konnte. Eines Morgens um zehn Uhr war er deshalb auch schon unterwegs, denn er kannte den Platz genau, da es das nämliche Grundstück zu sein schien, auf dem sein alter Bekannter Rath Frühbach wohnte. Er hatte auch anfangs nicht übel Lust, den Rath selber mit in das Geheimniß zu ziehen und seine Meinung darüber zu hören; aber der Mann sprach zu viel. Er traute ihm nicht, daß er es bewahren würde, und hielt es deshalb für gerathener, lieber vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht mehr als unumgänglich nothwendig zu Mitwissern zu machen. Wer mochte denn auch sagen, ob im andern Falle der alte Freiherr nicht Wind von den Nachforschungen bekam und seine Maßregeln danach nehmen würde, während er jetzt, in vollständige Sicherheit eingewiegt, keine Ahnung irgend einer ihm etwa drohenden Gefahr haben konnte und deshalb also auch der Sache ruhig ihren Lauf ließ. Der Weg war übrigens ziemlich weit oder kam ihm wenigstens so vor, denn der alte Gärtner wohnte draußen vor der Stadt, eigentlich im letzten Hause, und an seiner Hecke begannen die Felder und Wiesen; aber durch die Anlagen ging es sich auch vortrefflich, und er hatte bald das kleine, in grünen Büschen fast versteckte Haus herausgefunden, in welchem der alte Tettelberg eine allerdings sehr beschränkte Handelsgärtnerei angelegt und dort, ziemlich zurückgezogen von der Welt, aber noch immer wacker arbeitend und selber schaffend, lebte. Dicht neben ihm, auf dem nämlichen Grundstück in einer Parterrewohnung, residirte Rath Frühbach, und der Major sah, als er den Garten betrat, die ganze Familie, Mann, Frau und Kinder, »auf der Weide«, das heißt, alles von Früchten absuchend, was noch irgendwo an Busch oder Baum hing. Da er ihnen aber jetzt nicht gern begegnen wollte, drückte er sich seitab um das Haus herum, wo er Tettelberg's Behausung ebenfalls erreichen konnte, und fand den alten Mann, der überhaupt nie ausging, auch daheim. »Hören Sie einmal, Tettelberg,« fing hier der alte Herr ohne weitere Umschweife an, »ich bin der Major von Halsen, möchte gern ein paar Worte mit Ihnen über eine alte Geschichte reden. Haben Sie einen Augenblick Zeit?« »Zeit, Herr Major?« sagte der Mann. »Wenn man erst einmal so alt ist, hat man eigentlich keine mehr; aber das bischen Graben kann wohl eine Viertelstunde warten; der Buckel thut mir so weh.« »Donnerwetter,« sagte der Major, »graben Sie denn noch selber in Ihrem Garten? Wie alt sind Sie?« »Wird wohl so um die Zweiundsiebzig herum sein,« meinte der Alte; »ganz genau kann ich's nicht sagen, denn ich bin gerade an einem Schalttag geboren und dadurch in der Rechnung etwas confus geworden. Kommt aber auf ein paar Jahre nicht an, so lange man nur noch gesund ist. Aber was war es denn, was Sie mir sagen wollten?« »Können wir nicht einen Augenblick in's Haus gehen?« »Ja, gewiß. Bitte, treten Sie hier gleich ein; wir sind da ganz ungestört.« Und dabei führte ihn der alte Gärtner in eine dicht an ein Treibhaus stoßende Stube oder Kammer vielmehr, denn besonders wohnlich sah es darin nicht aus. Nur ein hölzerner Tisch und ein paar eben solche Stühle standen darin, und auf dem Tisch lagen Bindfaden, Bast, Gartenerde, Blumentopfscherben und alles Mögliche ziemlich bunt durcheinander. Der Alte fand aber eine Entschuldigung dafür nicht nöthig, rückte dem Major den einen Stuhl hin und setzte sich dann auf den andern, wo er, beide Arme auf seine Kniee gestützt, geduldig erwartete, was der Herr von ihm wolle. Der Major ließ ihn nicht lange im Zweifel. Er räusperte sich allerdings erst ein paarmal, denn er wußte nicht gleich, wie er beginnen sollte. Der harte Stuhl, auf dem er saß, genirte ihn ebenfalls; aber der Alte sah ihm genau so aus, als ob er mit ihm von der Leber weg reden könne, und da ihm das ebenfalls am besten paßte, so that er es. Er erzählte ihm geradezu, welchen Verdacht er habe, daß nämlich der alte Freiherr, da die Erbschaft nur auf einen Sohn überging, ein ihm geborenes Mädchen gegen einen Knaben eingetauscht haben könne, und zählte ihm dann auch die ihm wenigstens zu Ohren gekommenen Daten auf, die ihn darin nur immer mehr bestärkten. Der alte Gärtner hörte ihm ruhig und ohne auch nur ein einziges Wort hineinzureden, zu; nur manchmal nickte er leise mit dem Kopf, als ob er das eben Gesagte bestätigen könne. Als aber der alte Herr wärmer wurde und auf die Möglichkeit hinwies, einen etwaigen Betrug zu entlarven, da schüttelte er langsam und zweifelnd den Kopf, und als der Major endlich schwieg, sagte er: »Ja, lieber Herr, Vieles ist wohl so, wie Sie da hergezählt haben: die Frau Meier hat Recht, ich habe in jener Nacht den Mann im Garten gesehen, und daß er ein Kind getragen haben muß, glaube ich ebenfalls. Jedenfalls schrie es genau so, und richtig ist mir und uns Allen die Sache damals gleich nicht vorgekommen. Aber was hilft das? Die allein darüber reden könnten, werden sich hüten, und was wir Anderen davon wissen, ist nichts.« »Sie meinen die alte Heßberger?« Tettelberg schüttelte mit dem Kopf. »Nein, noch eine Andere – aber es ist auch ein häßlich Ding, solche alte Geschichten wieder aufzurühren und sich dann vor Gericht damit umherzutreiben. Ich wenigstens möchte nichts damit zu thun haben, auch nichts darin beschwören, denn es ist damals so viel darüber unter dem Gesinde gesprochen worden, daß man wirklich gar nicht mehr weiß, was man eigentlich selber gesehen oder nur gehört hat.« »Aber von welch einer andern Person reden Sie?« »Von der damaligen Amme des ältesten Sohnes.« »Die ist aber mit ihrem Kinde nach Amerika gegangen.« Der Gärtner schüttelte wieder den Kopf. »Nein,« sagte er, »sie wollte hinüber, ja, und die Köchin, die damals mit ihrer Zunge immer ein wenig flink bei der Hand war, meinte, der alte Baron hätte sie selber fortgeschickt. Aber das Schiff verunglückte an der englischen Küste, die Passagiere wurden jedoch gerettet und an Land gebracht, und jene Person trat in England in Dienst und blieb dort wohl sechzehn oder siebenzehn Jahre. In der Zeit mußte sie sich aber etwas erspart haben, denn noch gar nicht so lange her ist sie mit ihrer Tochter in die hiesige Gegend zurückgezogen, nach Vollmers, von wo sie zu Hause war, und die Tochter soll dort verheirathet sein.« »Und wie alt ist die Tochter?« »Nun, genau so alt, wie der erste Sohn des Herrn Barons. Sie muß jetzt in's vierundzwanzigste Jahr gehen, denn gerade nach der Geburt dieses Kindes trat sie ja als Amme in den Dienst der Herrschaft.« »Und wer hat sie dahin gebracht?« »Ja, wer soll das wissen! Aber sie war mit der Heßbergerin dick befreundet.« »Und haben Sie das Kind einmal gesehen, Freund? Seien Sie mir nicht böse über mein vieles Fragen, aber die Sache ist in der That von der größten Wichtigkeit.« »Als Kind, ja,« nickte der alte Mann. »Sie wohnte damals, oder ihre Mutter vielmehr, dicht neben meinem Bruder in Vollmers, und so lange der noch lebte, kam ich manchmal hin. Nun ist er aber schon die langen Jahre todt.« »Und wie sah es aus?« »Das Kind? Oh, es war ein allerliebstes Ding,« erwiderte der alte Mann, »zart wie Wachs, und die Glieder so fein und zierlich! Ich weiß auch, daß sie damals vielerlei redeten; aber, wie das so immer geht, die Leute wurden's endlich müde, und wie die Mutter mit der Kleinen zu Schiffe ging, sprach kein Mensch mehr davon.« »Und wie heißt das Kind?« »Ja, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht einmal – mit Vornamen Martha, und ihre Mutter war eine verehelichte Müller. Jetzt hat die Tochter aber einen Feldmesser geheirathet, und wenn ich den Namen auch schon gehört habe, kann ich mich doch nicht mehr darauf besinnen. Uebrigens erfährt man das leicht in Vollmers.« »Und ist sie jetzt dort?« »Kann ich auch nicht sagen; sie soll manchmal zum Besuch hinkommen. Sie wohnt mit ihrem Mann eine Stunde weiter, in Rübhausen; aber die Mutter treffen Sie jedenfalls.« »Vollmers liegt etwa anderthalb Stunden entfernt ...« »Knapp; es giebt noch einen näheren Weg über den Wald.« »Tettelberg, wenn ich etwas in der Sache ausrichte, soll es Ihr Schade nicht sein.« Der Alte schüttelte den Kopf. »Wenn die Müllern noch ein solch' resolutes Frauenzimmer ist wie früher,« sagte er. »so werden Sie wohl unverrichteter Sache wieder zurückkommen. Ueberdies ist es auch ein bös Ding, etwas Derartiges, was so lange geschlafen hat, wieder aufzurühren. Wenn ich wie Sie wäre, ging ich verwünscht vorsichtig dran, oder – ließe es am allerliebsten ganz zufrieden. Mit der Müllern ist nicht gut spaßen.« »Wenn die Sache einen Haken hat,« sagte der Major, »so fass' ich sie, darauf können Sie sich verlassen.« »Manchmal bleibt man auch an so 'nem Haken hängen,« meinte der Alte, »und ich könnte Ihnen da, wie mein Nachbar, der Herr Rath Frühbach, sagt, eine Geschichte erzählen. Mit dem Herrn Baron von Wendelsheim ist ebenfalls nicht zu spaßen; ich kenne den Herrn, und wenn er etwas davon erführe, hing er Ihnen den schönsten Prozeß an den Hals.« »Proceß?« rief der Major, denn Processe waren ja gerade sein Steckenpferd. »Damit soll er nur kommen, weiter verlange ich gar nichts! Dem wollen wir heimleuchten, dem alten Cujon und Schuldenmacher! Den Henker auch – kein Ziegel auf den Dächern von ganz Wendelsheim ist ja noch sein eigen, und die ganzen langen Jahre borgt er nun schon auf das Capital los, das sein Sohn einmal erben soll! Hab' ich Recht oder nicht?« Der alte Gärtner zuckte die Achseln. »Das sind Dinge,« sagte er, »von denen ich nichts weiß, und die mich nichts angehen, Herr Major, möchte auch nichts damit zu thun haben. Außerdem muß ich Sie auch bitten, mich nicht als Zeugen aufzurufen, wenn die Sache wirklich vor Gericht kommen sollte.« »Aber Sie können doch aussagen, was Sie gesehen haben?« »Wenn ich etwas gesehen hätte, ja; aber so war's dunkel und Regenwetter noch dazu, und das wissen Sie wohl, im Dunkeln sind alle Katzen grau.« »Ihr habt Alle eine Heidenangst vor den Gerichten!« sagte der Major, eben nicht besonders erfreut, daß ihm der alte Gärtner auch wieder zwischen den Fingern durchschlüpfen wollte; »die beißen Einen doch wahrhaftig nicht, und Recht muß am Ende doch Recht bleiben! Was können Sie Euch thun, wenn Ihr bei der Wahrheit bleibt, heh? Gar nichts!« »Ich kann aber auch nichts nützen,« meinte der Alte, »und habe im günstigsten Falle nur Lauferei und Aerger davon. Ich wollte überhaupt, die Meier hätte das Maul gehalten; da sie es aber in ihren jungen Jahren nicht gethan, so war kaum zu erwarten, daß sie in ihren alten damit anfangen würde.« »Und wie kann ich am besten nach Vollmers hinaus?« fragte der Major. »Eine Post geht wohl nicht hin?« »Post? nein,« sagte Tettelberg; »aber ich glaube, der Herr Rath Frühbach könnte Ihnen da die beste Auskunft geben; der fährt manchmal hinüber und bezieht auch seinen Aepfelwein daher. In Vollmers pressen sie eine Menge Aepfel, und der Wein schmeckt auch gar nicht so schlecht – wer ihn eben vertragen kann. Ich bekomme immer Leibschneiden danach.« »Hm, so?« sagte der Major, noch nicht recht mit sich einig, ob er den Rath Frühbach zum Vertrauten gebrauchen könne. Der Mann hatte jedenfalls viel in seinem Leben gesehen und durchgemacht und war auch vielleicht praktischer Art – er wußte es nicht; aber er fürchtete sich vor seinen endlosen Geschichten, die wie die Bilder eines Kaleidoskops, immer und ewig aus demselben gehackten Material bestehend, einen langweiligen Stern darstellten. Da er übrigens so unmittelbar neben seinem Hause war, beschloß er, einmal hinüber zu gehen. Die Familie traf er ja auch wohl im Garten, und konnte dann, was er zu fragen hatte, im Vorbeigehen abmachen. »Also, Tettelberg,« sagte der Major, indem er dem Gärtner die Hand reichte, »ich danke Ihnen vorläufig für die ertheilte Auskunft, und wenn ich von Vollmers zurückkehre und etwas ausgerichtet habe, komme ich noch einmal heraus, und wir verabreden das Weitere.« »Wird wohl weiter nichts zu verabreden sein, Herr Major,« sagte der Mann in der hartnäckigen Weise alter Leute; »wenn Sie sich denn absolut die Finger verbrennen wollen, ich kann's nicht hindern. Durch Schaden wird der Mensch klug, sagen die Leute; manchmal dauert's aber lange.« »So wollen wir denn sehen, Tettelberg, daß wir den alten Baron klug machen können,« nickte der Major, viel zu verbissen auf sein Steckenpferd, um auch nur eines Haares Breite davon abzuweichen. »Guten Morgen!« Und sich an seinem Stock emporrichtend, denn er war aus dem harten Stuhl ganz steif geworden, humpelte er zur Thür hinaus wieder in's Freie. Draußen hinkte der Major zuerst einmal um das Haus herum, wo der Rath wohnte, weil er ihn vorher da bei der Fruchtlese getroffen; aber der Weg wurde ihm nicht so leicht gemacht, denn quer vor dem schmalen Gang, der dorthin führte, hingen ein paar alte wollene Decken, die so schmutzig aussahen, daß sich der Major ekelte, nur daran zu streifen. Er wollte auch schon umkehren, aber sein Bein that ihm weh. Er scheute den Umweg, und vorsichtig mit dem Stock die eine Decke emporhebend, bückte er sich mit einem leise gemurmelten Fluch darunter durch und fand sich jetzt in dem Garten selber, aus dem aber die Familie verschwunden schien. Er konnte wenigstens Niemanden mehr darin entdecken, als einen Jungen, der eben an einem Birnbaum schüttelte, um die letzten Birnen davon herunter zu bekommen. Den rief er an; der Junge mochte aber wohl unter dem »falschen Baume« gewesen sein und hatte kein gutes Gewissen, denn er sah sich gar nicht einmal um, wer ihn gerufen haben könnte, sondern fuhr gleich zwischen die nächsten Büsche hinein, hinter denen er verschwand und nicht wieder zum Vorschein kam. Dem Major blieb jetzt nichts weiter übrig, als in das Haus selber zu gehen und dort den Rath auszusuchen, und er entschloß sich gerade nicht gern dazu, blieb auch wirklich noch einmal stehen und überlegte sich die Sache, als plötzlich ein Fenster geöffnet wurde und die wohlbekannte Stimme des Raths herausrief: »Ah, bester Major, wie haben Sie sich einmal in diesen entlegenen Winkel verloren? Wollen Sie denn nicht näher treten? Ich ziehe mich gerade an und begleite Sie dann ein Stück.« »Ei, guten Morgen, mein lieber Rath!« sagte der Major, dem jetzt wenigstens die Wahl erspart worden. »Werde so frei sein« – und den Weg dahin einschlagend, betrat er gleich darauf das Haus. Der Rath wohnte parterre und hatte ein ganz bescheidenes Schild an seiner Thür, auf dem nur der Name Frühbach stand. Die Thür war auch nicht verschlossen und der Major gerieth in einen langen schmalen Gang mit einer Unzahl Thüren, aus welchen er nicht gleich die rechte herausfinden konnte. An der rechten Seite war aber eine geöffnet – wie er gleich darauf bemerkte, die Küche, und dort hantirte ein weibliches Wesen in einem sehr schmutzigen Ueberrock von verschossener Barège, aber ohne Schürze, das er natürlich für die Köchin oder das Hausmädchen hielt. »Können Sie mir wohl sagen, liebes Kind,« fragte er, »in welchem Zimmer ich den Herrn Rath finde?« »Gehen Sie nur geradeaus,« lautete die Antwort, »mein Mann ist in der letzten Stube links.« »Bitte,« sagte der Major erschreckt, einen solchen Verstoß gegen die Höflichkeit und die Frau vom Hause zugleich begangen zu haben. »Entschuldigen Sie, es ist hier so dunkel im Vorsaal ...« Und damit wandte er sich, immer still mit dem Kopf schüttelnd, der bezeichneten Thür zu. Er hatte aber die letzten Worte der Frau gar nicht mehr gehört, ging geradeaus und öffnete die dort befindliche Thür, schloß sie aber eben so rasch wieder, denn er war in das Heiligthum eines Schlafzimmers im Urzustand gerathen. »Hier herein, bester Freund! Hier herein!« rief der Rath und stieß seine eigene Thür auf. »Sie wären beinah' in das falsche Zimmer gefahren, heh? Treten Sie nur näher, ich bin den Augenblick fertig – na, wie geht's? Das ist gescheidt, daß Sie sich auch einmal bei mir sehen lassen!« »Es thut mir leid, daß ich Sie störe, bester Freund,« sagte der Major, der den Rath noch in schon seit einiger Zeit getragenen Unterhosen fand, während seine übrigen Kleidungsstücke im Zimmer umhergestreut lagen. »Mich stören? Nein, sicher nicht!« lachte der freundliche alte Herr. »Sie sehen ja, daß ich mich gar nicht stören lasse – aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?« »Danke Ihnen, habe die ganze Zeit gesessen,« sagte der Major, der in der Stickluft des Zimmers, die so unangenehm nach Schweiß roch, kaum zu athmen vermochte. »Wenn Sie erlauben, gehe ich einen Augenblick an das Fenster, indessen ziehen Sie sich fertig an. Famoser Garten, das!« »Ja, recht hübsch,« sagte der Rath, während der Major das Fenster öffnete. »Aber wer wohnt hier über Ihnen?« »Ueber mir? Ist augenblicklich gar nicht vermiethet – zwei Treppen hoch wohnt ein Beamter.« »Hören Sie, lieber Rath,« sagte der Major – denn gerade vor dem Fenster hingen die beiden wollenen Decken – »dem würde ich dann aber nicht erlauben, mir die beiden Schmierlappen da gerade vor die Nase zu hängen – Alles was recht ist, aber ...« »Die beiden Decken?« sagte Frühbach, zum Fenster hinaussehend. »Das sind ja meine eigenen – in denen schlafe ich jede Nacht.« »In den Decken?« sagte der Major, wirklich starr vor Schrecken. »Ja, sehen Sie. lieber Freund,« fuhr der Rath fort, »ich muß jede Nacht tüchtig schwitzen – wenn ich nicht schwitze, leidet meine Verdauung, und da ich genöthigt bin, mit meiner Gesundheit sehr vorsichtig zu sein ...« »Ob Sie noch frühstücken wollen, ehe Sie ausgehen, Herr Rath?« sagte in diesem Augenblick ein ziemlich sauber gekleidetes Dienstmädchen, das, trotz der etwas derangirten Toilette des Hausherrn, den Kopf in's Zimmer steckte. »Frühstücken? Gewiß!« lautete die Antwort. »Aber bringen Sie gleich zwei Gläser mit herein, Henriette, und zwei Teller und Messer und Gabeln dazu!« »Ich danke Ihnen wirklich, lieber Rath,« sagte der Major, dem der ganze Appetit vergangen war – »ist mir noch zu früh.« »Noch zu früh?« lachte der Rath. »So? – Da waren wir einmal in Schwerin »Im Mohren,« fuhr er fort, während er sich die Unaussprechlichen anzog, was mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da ihm die Brille immer dabei herunterrutschte. »und der Geheime Regierungsrath Hesse – er wurde nachher Minister und hat eine bedeutende Rolle gespielt – war auch hereingekommen – um nach einem Fremden zu fragen. Wir saßen und frühstückten – frische Austern und alten Rheinwein dazu – es schmeckt eigentlich Morgens nichts besser als frische Austern und alter Rheinwein –, und wie er hereinkam, riefen wir ihm zu und sagten, er solle sich doch mit hersetzen; aber er meinte auch, es wäre ihm zu früh. Und glauben Sie, daß er gefrühstückt hätte? Gott bewahre!« »Sagen Sie einmal, lieber Rath,« fragte jetzt der Major, der nicht mit Unrecht eine zweite, der ersten rasch folgende Erzählung fürchtete, denn wenn der Mann im Zuge war, ging es Schlag auf Schlag, »weshalb ich eigentlich herkam: können Sie mir nicht sagen, wie ich am besten nach Vollmers hinaus komme?« »Nach Vollmers?« rief Rath Frühbach erstaunt aus, indem er seinen Besuch über die Brille ansah. »Ja, alle Wetter, Major, das wäre ja ein merkwürdiges Zusammentreffen! Aber was haben Sie in Vollmers zu thun? Aha, kommen Sie endlich auch auf meine Sprünge? Ja, Sie können mir's glauben, es geht nichts in der Welt über eine Apfelwein-Diät, und wenn ich den nicht die langen Jahre hindurch gebraucht hätte, wäre ich gar nicht der Mann, der ich bin. Denken Sie sich, da kam vor etwa drei Monaten, gerade als ich von Schwerin fortziehen wollte ...« »Aber Sie wollten mir wegen Vollmers sagen – wie so ist das ein merkwürdiges Zusammentreffen?« Rath Frühbach hatte eine gute Eigenschaft: er war unerschöpflich in nichtssagenden Geschichten; sowie er aber unterbrochen wurde, vergaß er augenblicklich, was er eben erzählen wollte, und wenn er nicht gerade in eine andere hineingerieth, blieb er bei der Sache. »Ja so, Vollmers,« nickte er; »das ist allerdings merkwürdig, denn ich ziehe mich gerade an, um meine gewöhnliche Fuhre dahin zu machen. Um elf Uhr wollte ich fort, und wenn Sie mich begleiten, nehmen wir den Einspänner zusammen.« »Um elf Uhr – das muß es aber gleich sein.« »Es ist auch dicht hierbei. Jetzt frühstücken wir erst, und dann kann die Henriette gleich hinüber springen und den Wagen besorgen. Das wäre ja wundervoll, Major! So eine Stunde lang im Wagen allein zu sitzen und den Mund nicht aufzuthun, ist für mich immer eine Qual, denn mit dem Kutscher läßt sich leider gar nicht reden; er hört so furchtbar schwer, daß man immer laut schreien muß, und das verdirbt jede Unterhaltung. Also fahren wir?« Der Major war in allen seinen Bewegungen, sobald er nur erst einmal den einen Punkt: seine Krankheit, überwunden hatte, ziemlich resolut. Jetzt fand er das Eisen heiß, jetzt mußte es also auch geschmiedet werden. »Na, meinetwegen, Rath,« sagte er dann, »fahren wir zusammen; allein getraue ich mir die Tour ohnedies nicht zu machen, des verdammten Beines wegen, und meinen Gärtner kann ich nicht gut mitnehmen – das ist ein eben so alter, elender Krüppel wie ich selber bin. Also basta – bestellen Sie die Karre. Bis wann können wir wieder zurück sein?« »Wann wir wollen, bester Freund. Wir essen draußen zu Mittag – ich sage Ihnen, ganz delicat. Heute giebt es dort Wildpretsbraten – ich habe mich schon danach erkundigt – und einen ganz magnifiquen Selleriesalat, und nach dem Essen, wenn wir unser Geschäft beendet haben, setzen wir uns wieder ein und kommen in aller Behaglichkeit zurück.« »Also abgemacht.« »Und da bringt die Henriette gerade das Frühstück – so, mein Kind, setzen Sie es nur hierher,« sagte der Rath, indem er auf dem Tisch, auf welchem es wild genug aussah, ein wenig Platz machte und einen dort liegenden Kamm, sein Rasirzeug mit der Seifenbüchse und ein Packet frisch angebrochenen Schnupftabaks ein wenig bei Seite schob. »Da, so, das soll nicht lange dauern. Aber wo haben Sie denn die Flasche?« »Ich bringe sie gleich, Herr Rath.« »Und dann springen Sie einmal zum Kutscher Behrens hinüber, er sollte nur gleich anspannen – und ein bischen Heu in den Sitzkasten legen; wenn wir zurückkommen, packen wir ihn voll. Und nun, lieber Major, seien Sie so gut, setzen Sie sich und langen Sie zu; wir werden sonst flau, ehe wir hinauskommen.« Das Frühstück roch allerdings delicat und bestand aus einem sehr schön braun gebratenen Fleischgericht und Brod. Der Major langte tapfer zu und bediente sich auch mit einem Glase Wein. Aber der zog ihm die Backen zusammen; er war von schnöden Aepfeln gepreßt und herb und bitter. »Nun, wie schmeckt Ihnen der?« »Na, wissen Sie, Rath,« sagte der Major, dessen Höflichkeit doch nicht so weit ging, einen Wein zu loben, der ihm in dem nämlichen Augenblicke die Eingeweide zusammenzog, »ich habe in meinem Leben schon besseren getrunken.« »Besseren?« rief der unverwüstliche Rath. »Das gebe ich zu, wenigstens solchen, der besser schmeckte, aber keinen gesünderen! Der arbeitet Ihnen das Innere heraus und macht Sie zu einem vollständig neuen Menschen! Aber nun trinken Sie auch und langen Sie zu.« 11. Die beiden Verbündeten. Der alte Major von Halsen war, als er an dem Morgen zum Rath Frühbach kam, wie schon gesagt, gar nicht etwa gewillt gewesen, ihn zum Vertrauten in der Erbschafts-Angelegenheit zu machen; aber Umstände verändern manchmal die Sache, und der Wagen schüttelte ihn nach und nach in eine andere Ansicht hinein. »Der verdammte Kasten hat, glaub' ich, gar keine Federn,« sagte er, als sie eine Weile auf einem Feldweg hingerasselt waren; »er stößt Einem ja die Seele aus dem Leib.« »Aber Sie glauben gar nicht,« erwiderte der Rath, »wie wohlthätig das Schütteln auf die Verdauung wirkt, und ich spüre den segensreichen Einfluß jedesmal. Sie wissen, ich leide daran. Da fuhr ich einmal in Schwerin – –« »Hören Sie einmal, Rath,« sagte der Major, der nicht mit Unrecht fürchtete, auf dem ganzen Wege Erzählungen dulden zu müssen, »ich will Ihnen etwas sagen. Wissen Sie, weshalb ich heute nach Vollmers fahre?« »Sie? Nun, um den Aepfelwein einmal an der Quelle zu trinken. Ich habe Sie ja lange genug darum gebeten, mich einmal zu begleiten.« »Der Teufel soll Ihren Aepfelwein holen,« knurrte der alte Soldat, »er liegt mir noch wie blanker Essig im Magen! Nein, ich habe einen andern Zweck, und da Sie doch einmal ein Rath sind, so sollen Sie mir nun auch einen Rath in einer Sache geben. Aber ich muß ein bischen vorsichtig sprechen, sonst beißt man sich, weiß es Gott, auf dem verfluchten Marterfuhrwerk einmal aus Versehen die Zunge ab.« »Da fällt mir eine Geschichte ein,« sagte der Rath. »Jetzt will ich Ihnen erst einmal eine erzählen,« sagte aber der Major, fest entschlossen, den Rath nicht so schnell wieder zum Wort kommen zu lassen. »Sie haben mir versichert, der Kutscher hört schwer.« »Er ist halb taub. Sie müssen schreien, wenn Sie mit ihm reden wollen, und das greift Einem die Lunge an.« »Desto besser, denn er braucht auch gar nicht zu hören, um was es sich hier handelt. Sie können doch verstehen, was ich sage?« »Jedes Wort. Ich habe ein Ohr wie ein Luchs. Da kam einmal in Schwerin ...« »Bitte, lassen Sie mich erst aussprechen,« fiel ihm der Major in die Rede, »und Sie zu gleicher Zeit ersuchen, das, was ich Ihnen jetzt unter vier Augen sage, vor der Hand noch als Geheimniß zu behandeln.« »Ein Geheimniß, he?« sagte der Rath und zog die Augenbrauen in die Höhe. »Es wird hoffentlich nicht mehr lange ein Geheimniß bleiben,« fuhr der Major fort; »aber vor der Hand und so lange wir nicht fest und entschieden auftreten können, muß es jedenfalls als ein solches betrachtet werden. Sie geben mir auch gewiß Recht, wenn Sie erfahren, um was es sich handelt – aber jetzt hören Sie.« Und nun erzählte er dem allerdings genau aufhorchenden Rath zuerst mit kurzen Umrissen den Stand der Familien-Angelegenheit des Wendelsheim'schen Hauses, den Frühbach aber auch schon ziemlich kannte, und dann den Verdacht, den er selber gefaßt habe und jetzt, ja in diesem Augenblick, bis zur Quelle verfolgte. Frühbach unterbrach ihn dabei mit keinem Wort, so erstaunt war er über eine Erzählung, die wirklich eine Pointe bot und zu dem Interessantesten gehörte, was er in seinem ganzen Leben erlebt hatte. Nur »Hm!« und »Es ist die Möglichkeit!« oder andere kurze Ausrufe ließ er manchmal hören und schüttelte dabei, wie über etwas Unglaubliches, den Kopf. Endlich, wie der Major geendet hatte, warf er selber einige Fragen ein, die sich aber merkwürdiger Weise auf den Gegenstand bezogen, und schien jetzt von der Wahrheit des Gehörten durchdrungen, daß er darüber ordentlich in Ekstase gerieth. »Major,« rief er und drückte das Knie des neben ihm Sitzenden, »einen besseren Gehülfen, als mich, hätten Sie sich zu Ihrer Expedition nicht aussuchen können – das ist gerade mein Fach, und jetzt sollen Sie einmal sehen, wie geschwind wir der Geschichte auf den Grund kommen; der Madame wollen wir auf die Hacken treten!« »Lieber Rath, wir werden ungemein vorsichtig zu Werk gehen müssen, da wir eigentlich noch gar keine wirklichen Beweise in den Händen haben, sondern nur einen, wenn auch sehr stark begründeten Verdacht.« »Eigentlich hätten wir uns gleich einen Polizeidiener mitnehmen sollen,« sagte der Rath, der indessen nur seinen eigenen Gedanken gefolgt war. »Daß der Alles gleich von vornherein verdorben hätte, nicht wahr?« rief der Major. »Wir können doch die Frau nicht arretiren!« »Gott bewahre!« schüttelte Frühbach mit dem Kopf; »denken nicht daran. Aber Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck eine Uniform macht. Ich bin mir doch wahrhaftig nichts Böses bewußt, aber wenn selbst zu mir ein Polizeidiener in's Zimmer tritt, fährt's mir immer gleich in die Kniekehlen. Denken Sie sich, da sitz' ich einmal in Schwerin ...« »Sind Sie denn in Vollmers bekannt und wissen Sie, wo jene Frau Müller wohnt?« »Ja, lieber Major,« sagte der Rath, »ich kenne zwei verschiedene Müller in Vollmers. Erstlich heißt unser Wirth so, von dem ich den Apfelwein beziehe, und dann giebt's auch noch einen Butter- und Käsehändler Müller im Ort, von dem sich meine Frau immer Handkäse bringen läßt.« »Aber der Müller ist lange todt.« »Der Käsehändler? Nein, er war noch vorige Woche bei uns.« »Nein, ich meine den Mann von dieser Müller; sie ist ja Wittwe.« »Ja so, von der – nun, die wird auch aufzutreiben sein; Vollmers ist nicht so groß. Wenn Sie nur wenigstens wüßten, wie der Mann ihrer Tochter heißt; an einem solchen Namen hängt manchmal viel. Da lebte bei uns in Schwerin ...« Rath Frühbach hatte heute mit seinen Erzählungen Unglück. In dem nämlichen Augenblick, wo er wieder begann, that das Pferd einen Ruck, wurde scheu und fing an zu galoppiren. »Na, das fehlte uns auch noch,« rief Frühbach, sich erschreckt festhaltend, »daß der alte, halbblinde Gaul mit uns durchgeht! Auf der einen Seite sieht er nicht einmal die Gräben.« Der Kutscher, der wohl ein wenig eingenickt war, griff aber die Zügel auf, zog dem alten Gaul ein paar mit der Peitsche über und brachte ihn bald wieder zu einem Verständniß seiner Lage, das er auch wohl kaum aus den Augen verloren. Er hatte sich nur einmal in Bewegung setzen wollen, oder auch vielleicht die schon ganz nahen Häuser von Vollmers entdeckt, wo er den Stall und dessen Futter kannte. An eine weitere Unterhaltung war aber schon deshalb für die beiden Passagiere nicht mehr zu denken, weil hier das Pflaster begann und selbst der gegen Derartiges sonst ziemlich unempfindliche Rath beide Hände auf den Sitz stemmte, um sich gegen allzu hartes Stoßen zu sichern. Der Major aber memorirte laut seine sämmtlichen Flüche, die er auswendig konnte – und es waren deren nicht gerade wenig –, bis sie endlich vor dem niedern, mit rothen Ziegeln gedeckten Wirthshause hielten und ein riesiges blaues Schild über sich sahen, auf dem ein feuerrother Engel abgemalt war, der eine rothe Trompete in der rechten und ein rothes Bierkrügel in der linken Hand hielt. Welcher Götterlehre er angehörte, ließ sich nicht bestimmen. Rath Frühbach schien hier übrigens ein alter Stammgast zu sein, wenigstens wurde er so von dem Wirth empfangen, der mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt, sein Käppchen in der Hand, unter der Thür stand und Hausknecht, Kellner und Stubenmädchen augenblicklich herbeirief, um den Herren beim Aussteigen zu helfen und Mäntel oder sonstiges Reisegepäck in das Haus zu tragen. »Nun, Herr Müller, wie gehen die Zeiten?« sagte Rath Frühbach, als er glücklich ausgestiegen war und dem Major, der mit seinem Bein nicht so recht fort konnte, ebenfalls vom Wagen herunter geholfen hatte. »Haben doch 'was Ordentliches zu essen heute?« – Er schien auf eine besondere Beantwortung der ersten Frage zu verzichten. »Nun, danke bestens, Herr Rath,« sagte der gewissenhafte Gastgeber, »es geht ja immer so lala; meine Alte will nicht so recht fort – hat immer mit ihrem Magen zu thun.« »Daran ist der verdammte Aepfelwein schuld!« sagte der Major, eben nicht in bester Laune. »Ein guter Freund von mir,« stellte ihn der Rath vor, »Herr Major von Halsen.« »Sehr angenehm, Herr Major – sollen bestens bedient werden. Wann befehlen die Herren zu speisen?« »Was haben Sie denn? Das versprochene Wildpret fehlt doch nicht etwa?« »Nein, gewiß nicht, Herr Rath; habe es Ihnen ja besonders hineinsagen lassen. Werde Ihnen doch keine Unwahrheit berichten. Aber die Speisekarte liegt drinnen auf dem Tisch.« Der Rath nickte nur, denn eine weitere Unterhaltung war für den Augenblick, wo Wichtigeres ihnen bevorstand, unnöthig geworden, und die beiden Herren begaben sich in das untere Local, wo in einer der Ecken ein Tisch schon gedeckt stand; denn wenn auch Vollmers an keiner Poststraße lag, kamen doch eine Menge von Fuhrleuten vorüber und kehrten da ein, und Niemand lebt besser unterwegs, als ein Frachtfuhrmann. Der Major hätte sich nun gern selber nach der verwittweten Müller im Ort erkundigt; aber bei ihm, als vollkommen Fremdem, würde das gleich von vornherein zu sehr aufgefallen sein, und er bat deshalb den Rath, das für ihn zu besorgen, und dazu war Frühbach auch der rechte Mann. Er fragte überhaupt ununterbrochen, und in seiner cordialen Weise (es hätte eigentlich auch einen anderen Namen dafür gegeben, denn er behandelte die Leute gewöhnlich anscheinend freundlich, aber immer von oben herunter) fand er mit leichter Mühe einen Anknüpfungspunkt. »Hören Sie einmal, Herr Müller,« sagte Frühbach, als der Wirth, mit der Serviette unterm Arm, hinter ihnen am Tisch stand, »ist denn der Müller, der hier in Vollmers Butter und Käse verkauft, mit Ihnen verwandt? Er schreibt sich wenigstens ebenso.« »Bitte um Verzeihung, Herr Rath,« sagte der Wirth mit Würde, »jener Müller stammt gar nicht aus unserer Gegend; er ist aus dem Mecklenburgischen hierher eingewandert.« »Ih, sehen Sie einmal an,« rief Frühbach, »da sind wir ja Landsleute. Waren Sie schon einmal in Mecklenburg, Herr Müller?« »Nein, bedaure sehr,« sagte der Wirth. »Na, da haben Sie gar nichts zu bedauern,« meinte trocken der Major, »wenn Ihnen weiter kein Unglück begegnet ist.« »Hm!« sagte der Rath aber, der, ganz aus seiner sonstigen Sphäre, wo er nur im Allgemeinen wie ein Fisch im Ocean herumschwamm, heute einmal auf ein besonderes Ziel lossteuerte. »Ich dächte aber doch, Sie hätten mir einmal von Verwandten von Ihnen erzählt, die hier noch im Orte leben.« »Wüßte wirklich nicht, wer das sein sollte,« sagte Herr Müller achselzuckend. »Es sind allerdings noch zwei meines Namens hier im Ort: der Bäcker heißt Müller, und dann lebt hier eine verwittwete Müller, die lange in England war; sie wollte einmal nach Amerika, aber das Schiff wollte nicht, wie sie hier sagen – doch ich bin mit allen Beiden nicht im Entferntesten verwandt. Lieber Gott, der Name kommt ja so häufig vor!« »Ja, da haben Sie Recht,« nickte der Rath. »Hören Sie, Herr Müller, der Hirschbraten ist wirklich delicat; ich habe lange nichts Zarteres gegessen.« »Freut mich, wenn es Ihnen schmeckt, Herr Rath.« »Und noch eine Flasche Aepfelwein, bitte. Aber Sie trinken ja gar nicht, Major.« »Danke, habe mir ein Glas Bier bestellt und verzichte auf den Aepfelwein – kann das Zeug nicht vertragen.« »Es ist die reine Muttermilch,« sagte der Rath; »aber was ich gleich fragen wollte: also die Frau war so lange in England?« »Die Müller? Ja wohl – sie spricht auch das Engländische, und wenn sie sich mit ihrer Tochter manchmal unterhält, kann sie kein Mensch verstehen. Das ist eine verflixte Sprache, und so geschwind geht's – aber man muß es auch können.« »Ach ja, ich dächte, davon hätte ich gehört,« fuhr der Rath, heftig dabei kauend, fort. »Ist die Tochter nicht an einen gewissen Becker, einen Telegraphen-Beamten, verheirathet?« »Nein, Herr Rath, doch nicht; an einen sogenannten Geodäten, einen Herrn Melker, der jetzt in Rübhausen stationirt ist, um dort die Zusammenlegung der Felder zu bewerkstelligen.« »Ach ja, das ist recht, Melker hieß er – wie komm' ich denn nur auf Becker? Aber es klingt ähnlich. Da war einmal in Schwe – –« »Ich dächte, einen Geodät Melker hätte ich auch einmal gekannt,« fiel hier der Major ein, denn der Rath ging wieder durch. »Kommt er manchmal hier herüber?« »Ach, habe ihn erst heute Morgen gesehen,« sagte der Wirth – »ich glaube, er kam herüber, um seine Frau abzuholen, die hier ein paar Tage bei ihrer Mutter zu Besuch war.« »In der That?« sagte der Rath, dadurch wieder zur Gegenwart zurückgerufen, da er sonst nur eigentlich in der Vergangenheit lebte. »Da könnten wir ja einmal nach dem Essen hinübergehen, Major, denn einen Verdauungs-Spaziergang müssen wir doch machen. Wohnt sie weit von hier?« »Nein, gleich dort hinter dem Garten, Herr Rath. Wenn Sie um die Ecke vom Zaun herumbiegen, sehen Sie das kleine hübsche Häuschen gleich vor sich. Die Müller hat eigentlich das hübscheste Häuschen im ganzen Ort.« »So? Na, da wollen wir nachher einmal da vorbeischlendern und es uns ansehen – also ein hübsches Häuschen. Sie ist da wohl reich?« Der Wirth zuckte mit den Achseln. »Wer kann's wissen?« sagte er. »Sie zeigt's wenigstens Niemandem und lebt einfach und zurückgezogen genug – hat aber auch, das muß wahr sein, keinen Pfennig Schulden im Ort. Man bekommt sie jedoch wenig zu sehen. Sie sitzt fast immer im Hause und näht, oder liest auch wohl in einem Buche; aber wahrhaftig,« unterbrach er sich rasch, als ein Wagen draußen vorbeirollte, »da kommt gerade die Tochter mit ihrem Manne an. Die fahren jetzt wieder nach Rübhausen zurück. Nun haben Sie ihn verpaßt. Na, ein ander Mal trifft sich's vielleicht besser.« Der Major war aufgesprungen und an's Fenster getreten. Ein leichter, hübscher Korbwagen, vortrefflich in Federn hängend, rasselte vorüber. Ein sehr anständig gekleideter Herr von vielleicht zweiunddreißig Jahren fuhr, und neben ihm saß, ebenfalls städtisch, aber sehr einfach gekleidet, ein junges, allerliebstes Frauchen und lachte und plauderte mit ihm. »Also das ist die Tochter?« nickte der Major, sich wieder abwendend, denn der Wagen bog in dem Augenblick um die Ecke. »Sie sieht ja beinahe aus wie eine Dame.« »Ja,« nickte der Wirth, »ein sehr hübsches Weibsen ist es und eine gute, tüchtige Frau dabei. Die Mutter hat sich's aber auch was kosten lassen, um sie zu erziehen, das muß wahr sein, und der Herr Melker das große Loos dabei gezogen.« Der Rath stieß den Major heimlich an, blinzelte ihm über die Brille zu, flüsterte: »'s ist Alles in Richtigkeit!« und setzte sich dann wieder zu seinem Wildbraten nieder, um noch einmal von vorn zu beginnen. Er rühmte sich nicht mit Unrecht, daß er für drei Mann essen und trinken könne. Dem Major brannte aber jetzt der Boden unter den Füßen, und wenn ihn auch ein eigenes unbehagliches Gefühl beschlich, sobald er daran dachte, daß die Entscheidung seines lange gehegten Zieles – denn dies war seine letzte Hoffnung – so nahe sei und er zu dem Zweck einer vollkommen fremden Person in das Haus rücken solle, so war er doch nicht der Mann, von der einmal begonnenen Sache nun zurückzuschrecken. Je eher sie abgemacht wurde, desto besser. Es dauerte freilich noch eine Weile, bis er den Rath hinter dem Tisch vorbrachte, aber es gelang doch endlich, und die Beiden schritten jetzt langsam erst eine Strecke durch den Ort hinauf, um ihr Ziel nicht gleich zu verrathen, und dann der bezeichneten Richtung zu, wo sie das kleine Haus auch bald in Sicht bekamen. Es war in der That ein freundliches Plätzchen, klein und beschränkt freilich – wenigstens dem äußern Anschein nach – aber außerordentlich sauber gehalten, ordentlich beworfen und licht bemalt, sowie mit grünen Jalousien versehen; auch schien das daranstoßende Gärtchen sorgsam gepflegt, und selbst über die Hecke herüber schauten blühende Rosenbüsche. Das Ganze war in der That wie ein kleines Idyll, und man dachte sich unwillkürlich ein reizendes, zartes Wesen, das jetzt dort hinter den Blumen am Fenster an einer Stickerei arbeiten und vielleicht einmal mit dem Lockenkopf hinausschauen müsse. Hinter den Blumen am Fenster war aber nichts als eine große weiße Haube zu erkennen, die sich auch gar nicht regte, als die beiden Fremden vorübergingen. »Wollen wir hinein?« fragte der Major. »Nun, versteht sich von selbst,« entgegnete der Rath; »wir sind einmal da und müssen nun auch durch. Wie wollen Sie aber anfangen? Wir müssen doch gewissermaßen eine Introduktion haben, nachher macht sich dann Alles von selber. Könnten wir zum Beispiel nicht nach Herrn Melker fragen? Wir wissen jetzt genau, daß er nicht da ist.« »Daran habe ich auch schon gedacht,« meinte der Major; »aber nachher?« »Dann lassen Sie mich nur das Uebrige besorgen; ich knüpfe mit allen Menschen ein Gespräch an, wenn ich sie nur erst einmal fest habe, und eine Einleitung zu unseren Fragen ist ja auch dadurch gegeben, daß Sie mit der Familie Wendelsheim, in der sie selber früher gedient hat, verwandt sind. Fangen Sie zum Beispiel nachher einmal von der in der nächsten Zeit fälligen Erbschaft an, und wir sehen dann gleich, was sie dazu für ein Gesicht macht; ich werde sie indessen beobachten. Donnerwetter, Major, zwei alte Knaben, wie wir sind, und mit allen Hunden gehetzt, sollen es doch wohl in der Intelligenz mit einer alten Frau aufnehmen können!« »Und wenn sie nichts gesteht?« »Sie braucht nicht direct zu gestehen, lieber, bester Freund,« versicherte ihm der Rath, »und wird das auch auf keinen Fall, davon bin ich schon jetzt vollkommen überzeugt, ohne sie nur einmal gesehen zu haben. Ich verlange auch weiter nichts, als daß sie sich nur ein einziges Mal verschnappt, nur mit einer Silbe, daß sie sich nur einmal widerspricht; dann haben wir sie fest, und daß dann die Gerichte das Andere aus ihr herausbekommen, darauf können Sie sich fest verlassen. Sagen Sie mir nur um Gottes willen, weshalb Sie mit dem Allen erst jetzt herausrücken und nicht schon vor zwanzig Jahren, als die Sache noch warm war, ihr zu Leibe gegangen sind?« »Lieber Freund,« entgegnete der Major, »das wäre allerdings besser gewesen; aber gerade in der Zeit, in der das Kind geboren wurde, befand ich mich in Rußland, und als ich nachher zurückkehrte, waren die Leute, die damals in Wendelsheim gedient, so in alle Welt zerstreut, daß meine Bemühungen vergeblich blieben. Erst jetzt, nachdem über dem Ganzen scheinbar Gras gewachsen, haben sie sich wieder eingefunden, und jetzt, ja, ich kann wohl sagen, eigentlich in den letzten Tagen und so recht vor Thorschluß, bin ich erst auf die richtige Fährte gekommen. Aber es ist selbst jetzt noch nichts versäumt.« »Gott bewahre, Gott bewahre,« nickte der Rath; »ein Heidenglück nur, daß Sie wenigstens jetzt noch auf die Spur kamen, denn ein paar Wochen später hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können! Doch wir wollen umkehren – jetzt hilft's nichts. Also die Zähne zusammengebissen, Major, und fest vorwärts. Umbringen kann sie uns nicht, und im schlimmsten Fall sind wir immer unserer Zwei!« Die beiden Verbündeten, die indessen eine Strecke auf der Straße hinausgegangen waren, so daß sie schon die Felder wieder vor sich sahen, drehten jetzt um und schritten direct auf das Haus der Wittwe Müller zu, dessen Pforte, da der Eingang durch den Garten führte, sie bald darauf erreichten. Draußen war auch eine Klingel angebracht; die Glocke hing inwendig am Pfosten, und der Rath streckte schon den Arm nach dem Griff aus, als Frühbach plötzlich sagte: »Hören Sie, Major, wenn wir jetzt hier läuten, steckt sie am Ende den Kopf zum Fenster heraus und fertigt uns gleich auf der Straße ab. Das wäre Pech!« »Vielleicht ist die Thür offen; fassen Sie einmal auf die Klinke.« »Wahrhaftig,« sagte der Rath, indem er die Klinke probirte, »das war ein guter Gedanke. Die Zugbrücke ist nieder, nun laufen wir Sturm, he, Major? Also vorwärts marsch, ich sehe schon, ich muß die Leitung doch wohl übernehmen!« 12. Frau Müller. Die beiden Verbündeten traten in den Garten, den sie auf das Fleißigste gehalten und gepflegt fanden, und Keiner von ihnen dachte wohl daran, daß sie in diesem Augenblick gerade im Begriff standen, ihr Möglichstes zu thun, diesen Frieden zu stören und die glückliche Besitzerin desselben in das Zuchthaus zu liefern. Dem Rath war die Sache auch noch viel zu neu, und er hatte sie sich, mit dem Reiz des Abenteuerlichen, der sie umgab, noch gar nicht ordentlich zurechtlegen können, und der Major, nur das Ziel vor Augen, dem er entgegenarbeitete, schien Alles, was sich ihm in den Weg stellen wollte, gerade wie ein wilder steeple-chaser, als gar kein Hinderniß zu betrachten. Hier galt, wie er sich die langen Jahre hindurch fest eingeredet, nur das Recht, und einzig und allein das Recht, und der alte Baron, den er von Grund seiner Seele aus haßte, mußte für verübtes Unrecht bestraft werden. Daß er damit dann nachher Alle, die ihm dabei geholfen, mit hineinzog, daran dachte der Major gar nicht, oder wenn er daran dachte, war es ihm vollkommen gleichgültig. Vorwärts! Der Rath hatte ganz Recht; das war das einzige Wort, das jetzt für sie galt, und mit festen, entschlossenen Schritten ging er auf die grüngemalte Thür zu, die ihn noch von seiner Beute trennte. Diese fanden die beiden Herren aber nicht offen, doch war ebenfalls ein Klingelzug dort angebracht, und ohne auch nur noch einen Augenblick durch unnützes Zögern zu verlieren, zog der Rath daran. Drinnen im Hause ging gleich darauf eine Thür, und es dauerte nicht lange, so wurde innen ein Riegel zurückgeschoben und die Pforte geöffnet, wobei sie sich einer ziemlich robusten Dame »in den besten Jahren« gegenüber sahen. Die Dame trug ein dunkelrothes Kattunkleid mit engen Aermeln, dazu eine schneeweiße Haube und ebensolchen Halskragen und sah überhaupt recht sauber und adrett aus. Aber ihr Gesicht gefiel dem Major nicht; um den Mund, auf dessen Oberlippe ein kleiner Anlauf zu einem Schnurrbart sichtbar wurde, lag ein Zug, der etwa ausdrückte: »Ich habe etwas durchgesetzt in meinem Leben und kümmere mich den Henker um die Welt!« Die ziemlich starken Augenbrauen waren ihr über der Nasenwurzel zusammengewachsen und ein Paar große blaue Augen sahen mehr forschend als freundlich darunter vor. Aber nicht gerade unfreundlich sagte sie, als sie die Fremden in ihrem Garten sah: »Mit was kann ich den Herren dienen?« »Sie entschuldigen, verehrte Frau,« nahm hier der Rath das Wort, »wie ich gehört habe, befindet sich gerade ein alter Bekannter von mir, Herr Melker, bei Ihnen?« »Das thut mir leid,« sagte die Frau, »mein Schwiegersohn ist eben fortgefahren; meine Tochter war auf Besuch bei mir, und die hat er wieder abgeholt.« »Oh, das bedauere ich doch wirklich sehr,« sagte Rath Frühbach, indem er sich die Stirn mit einem riesigen seidenen Taschentuche abwischte, »ich hätte ihn so gern gesprochen! Können Sie uns nicht vielleicht sagen, wann er zurückkehren wird?« »Thut mir leid, weiß ich aber nicht« entgegnete ruhig die Frau. »Sie sind auch vielleicht nicht im Stande, uns zu sagen, wann er seine Arbeiten dort beendet haben wird?« fuhr Frühbach unverdrossen fort. »Ich habe selber ein Gut – warten Sie, wo ist denn gleich die Liste ...« – Und er nahm dabei sein Taschenbuch heraus. »Wollen denn aber die Herren nicht näher treten?« sagte Frau Müller, die jetzt nichts Anderes vermuthen konnte, als daß es sich um einen neuen Auftrag und Verdienst für ihren Schwiegersohn handle. »Sie stehen hier so draußen auf dem Flur ...« »Wenn wir Sie nicht stören, verehrte Frau ...« »Bitte, ganz und gar nicht. Seien Sie so gut und kommen einen Augenblick mit hier herein; ich bin ganz allein, und wenn ich Ihnen irgend eine Auskunft geben kann ...« Die Herren ließen sich natürlich nicht lange nöthigen. Rath Frühbach ging mit seinem gewinnendsten Lächeln voran und der Major folgte ihm dicht auf dem Fuße. Das Zimmer sah außerordentlich sauber aus; es war allerdings sehr einfach möblirt, aber doch mit Geschmack, und die vielen Blumen besonders, der frisch gestreute Sand und die Sonne, welche auf dem Ganzen lag, gaben ihm etwas unendlich Freundliches. Die Frau selber benahm sich dabei mit vielem Anstand; man sah es ihr an, daß sie sich häufig in gebildeten Kreisen bewegt haben mußte, und die Art, wie sie sich selber wieder auf ihren Stuhl niederließ und den beiden Herren winkte, auf zwei anderen Sesseln Platz zu nehmen, hatte wirklich etwas Vornehmes. An Frühbach, während es dem Major imponirte, ging das aber vollständig verloren; er nahm mit seinem wohlwollendsten Lächeln Platz und begann dann auch eine längere Erzählung (während er noch immer in seiner Brieftasche herumsuchte), die sich einzig und allein um sein Rittergut und die dort vorhandene Nothwendigkeit drehte, die Zusammenlegung der Felder so rasch als irgend möglich in Angriff zu nehmen. Dadurch aber gewann der Major Zeit, um seinen Schlachtplan zu entwerfen, und wie Frühbach einmal, was aber nicht so bald geschah, eine Pause machte, nahm er selber das Gespräch aus und sagte: »Nicht wahr, Madame, Sie waren früher auch einmal – es sind jetzt freilich schon lange Jahre her – in dem Hause meines Vetters, des Freiherrn von Wendelsheim?« »Ei gewiß,« erwiderte Frau Müller, die, wie sich bald herausstellte, trotz ihres etwas absprechenden Wesens eine Unterhaltung liebte; sie mußte nur erst einmal warm werden. »Also das ist ein Herr Vetter von Ihnen? Ein lieber, braver Herr! – Ja wohl, ich war Amme dort im Hause, gleich nachdem mir mein Töchterchen, die Martha, geboren war, und mein Mann wollte es damals eigentlich nicht zugeben, aber lieber Gott, was konnten wir machen – die Frau Baronin war so leidend, auch immer so gut mit uns gewesen, da mußten wir ja zuletzt nachgeben, und meine kleine Martha wurde unterdessen zu Hause mit Milch großgezogen. Das Kind ist auch wohl dadurch ein bischen schwächlich und zart geblieben, aber doch, Gott sei Dank, gesund und kräftig, und ich habe mir später keine Vorwürfe zu machen gebraucht.« »Die beiden Kinder sind also wohl so ziemlich in einem Alter?« fragte der Major. »Ja, gewiß,« sagte Frau Müller, »kaum achtundvierzig Stunden auseinander – ja, und es kam mir damals schwer genug an, den armen kleinen Wurm allein zu lassen, aber der Herr Baron schickte seinen eigenen Wagen, eine große Glaskutsche, und es half nichts, ich mußte hinein.« »Mein Vetter,« sagte der Major, der jetzt glaubte, von einer andern Seite angreifen zu müssen, »war eigentlich bei seinen Leuten nicht besonders beliebt. Seine Frau soll ein Engel gewesen sein und sie hat auch, wie ich Ursache habe zu vermuthen, viel ertragen; aber er selber hatte immer etwas entsetzlich Stolzes und Hartes, und seine Familie kann davon besonders erzählen.« »Wie es mit der Familie gewesen ist, weiß ich nicht,« sagte die Frau; »gegen mich und die Leute war er immer sehr gut, besonders gegen mich und den kleinen Baron – Du lieber Gott, er wußte gar nicht vor Seligkeit, was er mit dem Kind Alles anfangen sollte! Ordentlich mit Gewalt haben wir's ihm manchmal wegnehmen müssen, so sprang und tanzte er damit herum und wollte sich gar nicht zufrieden geben, so daß die gnädige Frau Tante oft mit ihm zankte und böse wurde.« »Die gnädige Frau Tante?« »Nun, dem gnädigen Herrn seine Schwester, ein Fräulein von Wendelsheim, die auch, glaub' ich, jetzt noch immer im Hause ist. Das war aber ein bitterböses Frauenzimmer, wir nannten sie nur immer den Beißzahn, und wenn sie damals schon wie ein Beißzahn auftrat, so gnade Gott jetzt den armen Dienstboten, die unter ihr stehen!« »Das gnädige Fräulein führte wohl den Oberbefehl im Hause?« warf der Rath eine Frage ein. »Ja, und führt ihn wahrscheinlich noch,« nickte Frau Müller; »denn sie sah mir nicht danach aus, als ob sie sich irgend 'was aus den Händen winden ließe. Sie biß eher.« »Aber mit dem Kinde war sie gut?« »Ich weiß es nicht,« sagte achselzuckend die Frau; »manchmal, ja. Dann aber betrachtete sie es auch wieder mit finsteren Blicken und konnte oft Stunden lang kein freundliches Wort – was überdies selten genug aus ihrem Munde kam – mit irgend einer Seele reden.« Der Rath warf dem Major einen bedeutungsvollen Blick zu; dieser aber, ohne ihm zu begegnen, wenn er ihn auch gemerkt hatte, fuhr langsam fort: »Es ist sonderbar, aber es wurde damals viel über das Kind gesprochen; die Leute hörten nicht auf, sich die verschiedensten Sachen zu erzählen ...« »Natürlich,« nickte die Frau, »weil mit dessen Geburt eine große Erbschaft in Aussicht stand. Lieber Himmel, über was reden die Leute nicht, und ich bin damals auch oft gefragt und drangsalirt worden, habe ihnen aber heimgeleuchtet, bis sie mich zufrieden ließen – Pack das!« Die Erinnerung oder vielmehr Erwähnung jener mißglückten Versuche schien gerade nicht ermuthigend auf den Major zu wirken. »Der zweite Sohn ist jetzt recht leidend,« sagte er nach einer kleinen Pause, »man glaubt kaum, daß er noch lange leben wird.« »Na, dem Beißfräulein gönne ich das,« meinte Frau Müller, »denn sie soll den zweiten Sohn fast vor Liebe aufgefressen haben, während sie sich um den ersten wenig oder gar nicht bekümmerte – und was für ein draller, derber Junge war das! Aber um den Vater sollte mir's leid thun. Lieber Gott, die Mutter liegt ja schon so lange in ihrem kalten Grabe!« »Und haben Sie den Aeltesten kürzlich einmal gesehen? Er ist, wie Sie wissen, Officier.« Die Frau schwieg, und wieder sah der Rath den Major an, diesmal aber zog er die Augenbrauen hoch in die Höhe. Endlich erwiderte die Frau, die indessen still vor sich niedersehen: »Lange nicht, seit langer, langer Zeit. Du lieber Himmel, aus Kindern werden Herren, und wenn die vornehm sind, was kümmert sie nachher eine arme alte Frau, die sie früher mit ihren eigenen Säften genährt! Sie denken nicht mehr daran. Wenn der Herr Baron gewollt hätte, wäre er schon lange einmal zu mir herausgekommen, denn daß ich wieder hier wohne, muß er doch wohl wissen; aber er kümmert sich nicht mehr um seine alte Amme, die Mutterstelle an ihm vertrat, und wenn er's aushalten kann – na, ich kann's auch.« »Da scheint Ihr eigenes Kind mehr an Ihnen zu hängen,« sagte der Rath, der auch nach dieser Seite hin anzuklopfen wünschte. »Nun,« fragte die Frau und sah ihn verwundert an, »soll sie denn das auch nicht? Hatte sie denn, bis sie sich vor Kurzem verheirathete, irgend Jemanden sonst in der weiten Welt, der für sie sorgte und mühte, als mich? Alle Ursache für sie, daß sie an mir hängt, und es wäre unnatürlich, wenn sie anders sein wollte.« »Ach, wenn Sie in jener Zeit in Schloß Wendelsheim waren,« bemerkte der Major, »dann kennen Sie auch wohl eine Frau Heßberger, die damals dort aus und ein ging?« Die Frau Müller sah den alten Herrn etwas erstaunt an. Es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal auffallen, daß überhaupt so viele Fragen an sie gerichtet wurden, während Rath Frühbach, der diese Antwort mit der gespanntesten Aufmerksamkeit erwartete, um sich mit keinem Blick zu verrathen, seine Dose hervornahm und der alten Dame eine Prise offerirte. Wenn diese gewußt hätte, daß Rath Frühbach immer Morgens, ehe sein Zimmer gereinigt wurde, den über Tag beim Schnupfen auf die Matte gefallenen Schnupftabak wieder sorgfältig zusammenschob und zurück in die Dose that, so würde sie die Prise wohl verweigert haben. Der Major wußte es wenigstens und schimpfte deshalb nie mit ihm. So aber nahm sie dankend eine Prise an und sagte nach kleiner Weile: »Die Heßberger? Gewiß kenne ich die – die schlechte Person! Aber weshalb fragen Sie mich das? Wie kommen Sie überhaupt jetzt auf die Heßberger?« »Lieber Gott,« sagte der Major, doch halb verlegen, »da wir gerade so von alten Zeiten sprachen, fiel mir die Person wieder ein, weil sie ja damals just so viel im Hause ein und aus ging und die stolze Frau Baronin sie trotzdem nicht leiden konnte; das hab' ich wenigstens oft und oft gehört.« »Das ist auch wahr,« nickte die Frau, »weil sie mit dem gnädigen Fräulein immer durchsteckte, und der alte Baron mußte wohl thun, was die Beiden wollten. An mich durfte sie sich freilich nicht wagen, weil ich das Kind hatte, und mit dem verstand der alte Baron keinen Spaß; aber die Anderen hat sie in der kurzen Zeit genug geschuhriegelt, und sie haben's ihr auch gedacht. Aber was macht die sich daraus!« »Die Heßberger hat sich damals ein schön Stück Geld verdient,« sagte der Major. »Was geht's uns an,« brach jedoch die Frau, jedenfalls mißtrauisch werdend, kurz ab; »ich rede nicht gern über die Zeiten, und mit fremden Leuten gar nicht. Sie suchten ja aber vorhin ein Papier in Ihrer Brieftasche, Herr – ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen ...« »Frühbach, verehrte Frau – Rath Frühbach,« sagte der also Angeredete, der seine Tasche schon lange wieder zurückgeschoben hatte, indem er jetzt rasch und doch etwas verlegen danach griff. »Aber das hat Zeit, bis ich den Herrn Melker einmal selbst sprechen kann. Wir haben uns hier angenehm unterhalten – ich sage Ihnen, die Zeit ist mir nur so dahingeflogen, und Sie wohnen auch hier wie in einem kleinen Paradies.« »Ja, die Wohnung ist allerdings recht hübsch,« nickte die Frau, »nur eigentlich fast ein bischen zu groß für eine alleinstehende Wittwe; aber, lieber Gott, es ist doch ein eigenes Haus, und man kann es sich darin bequem machen.« »Merkwürdig, daß es mir noch nicht aufgefallen ist,« meinte Frühbach, »und ich komme doch so oft nach Vollmers heraus – ich trinke den Aepfelwein so gern, er ist auch für meinen Körper zum Bedürfniß geworden, ich könnte ihn gar nicht mehr entbehren. Leider scheint dieser Jahrgang nicht so ausgefallen zu sein wie der vorige; der Wein säuert ein wenig, ist aber auch dafür, glaube ich, um so viel gesünder als der vorjährige. Das war aber in der That etwas Wunderbares, und ich denke jetzt noch mit Schmerzen daran, daß er vorüber ist.« »Nun,« lächelte die Frau, freundlicher als bisher, »wenn Sie denn so für unsern vorjährigen Aepfelwein schwärmen, dann kann ich Ihnen die Erinnerung daran vielleicht wieder auffrischen. Gästen sollte man doch eigentlich etwas vorsetzen, und das ist gerade das Einzige, was ich im Hause habe. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.« Damit war sie aufgestanden und verließ das Zimmer, während ihr der Major kopfschüttelnd nachsah. »Mein lieber Rath,« sagte er, als sie hinaus war, aber mit etwas unterdrückter Stimme, »ich fürchte, ich fürchte, ich habe heute meine letzte Hoffnung zu Grabe getragen. Aus der Frau bekommen wir auf die Weise heilig nichts heraus.« »Lieber, bester Freund,« rief Frühbach, der nur einen Augenblick gewartet hatte, bis sie von der Thür weg sein konnte, indem er den Arm des Majors ergriff und heftig drückte, »kriegen wir nichts heraus, meinen Sie? Wir haben sie!« »Haben – wen?« »Die Frau! Ist Ihnen denn entgangen, wie sie zusammenfuhr, als wir den Namen der Heßberger nannten? Sie erschrak sichtlich – und jetzt klopfen wir nicht mehr auf den Busch, jetzt schlagen wir drauf!« »Begehen Sie um Gottes willen keine Unvorsichtigkeit! Ich möchte hier nicht in Unannehmlichkeiten gerathen, die, wenn sie nachher bekannt würden, ohne daß wir etwas erreicht hätten ...« »Sehen Sie das Bild dort?« fragte der Rath, mit dem Arm auf ein nicht ganz schlechtes Oelgemälde deutend, das gegenüber an der Wand hing und ein junges, sehr hübsches Mädchen darstellte. »Wollen Sie noch einen Beweis?« fuhr der Rath ganz in Eifer fort. »Ist das nicht ein entschieden vornehm adeliges Gesicht, und hat es auch nur die Spur von der Frau Müller? Nein – aber dem Baron von Wendelsheim sieht es ähnlich, wie aus den Augen geschnitten!« »Aber das Bild ist vielleicht aus der Wendelsheim'schen Familie,« sagte der Major, es jetzt ebenfalls aufmerksam betrachtend. »Aehnlichkeit liegt allerdings darin, aber wir wissen ja gar nicht, ob sie das Bild nicht einmal von der seligen Frau geschenkt bekommen oder auf irgend einer Auction erstanden hat.« »Das wollen wir bald herausbekommen,« sagte Frühbach entschlossen; »jetzt aber lassen Sie mich nur machen. Ich habe Ihnen meine Hülfe zugesagt, und Sie sollen sich mir nicht umsonst anvertraut haben. Die Frau hat kein gutes Gewissen, darauf möchte ich meine Schnupftabaksdose verwetten, und daß sie jetzt den Aepfelwein holt, geschieht nur, um uns mit guter Manier los zu werden. Aber ich will nicht Frühbach heißen, wenn ich sie nicht fasse, und zwar, ehe Sie eine Ahnung davon hat, ganz unvorbereitet, und Sie sollen erleben, wie sie bleich wird und zu Kreuze kriecht!« »Aber wir können ihr ein Verbrechen, für das wir noch gar keine directen Beweise haben, doch nicht auf den Kopf zusagen.« »Auf den Kopf!« erwiderte Rath Frühbach mit der Miene eines Mannes, der zum Aeußersten entschlossen ist. Aber es blieb dem Major keine Zeit zu weiteren Bemerkungen oder irgend einer Widerrede oder Abmahnung, denn in demselben Augenblick wurde die Thürklinke wieder aufgedrückt, und während sie schon das Klirren der Gläser hörten, erschien Frau Müller wieder mit einem irdenen Krug in der Hand und einem kleinen Präsentirteller, auf dem drei Gläser standen. »So, meine Herren,« sagte sie freundlich, indem sie die Sachen auf den Tisch stellte und dann zu einem kleinen Eckschrank trat, aus dem sie Brod und frische Butter nahm. »Langen Sie zu; es ist Alles, was das Haus bietet, aber ein Gericht Gerngesehen, und daran darf man eben keine großen Ansprüche machen. Und nun kosten Sie einmal den Aepfelwein, Herr Rath, und sagen Sie mir, ob Sie schon irgendwo in Ihrem Leben besseren getrunken haben.« Während Frau Müller sprach, schenkte sie die Gläser voll; Frühbach, der sie indessen über die Brille betrachtet hatte, schmunzelte unwillkürlich, als ihm der wohlbekannte und geliebte Duft in die Nase stieg. Er konnte es sich auch nicht versagen, das Glas an die Lippen zu heben und zu kosten; »famos!« sagte er, »unübertroffen!« und leerte es schon im nächsten Augenblick auf einen Zug. Der Major nahm das Glas nur ungern; es war ihm ein eben nicht angenehmes Gefühl, von der Frau, hinter deren Rücken sie eben noch ihren Plan geschmiedet, gastlich behandelt zu werden. Sie durften auch jetzt nicht weiter in sie dringen, und da er die Einladung, doch auch ein Glas zu kosten, nicht gut ablehnen konnte, hob er es an die Lippen und nippte daran. Der Aepfelwein war allerdings süßer als der bei Frühbach getrunkene, immer doch aber nur ein sehr zweifelhaftes Gebräu, dem indeß der Rath mit voller Hingebung zusprach, ja sich sogar, trotzdem daß sie eben vom Mittagessen kamen, noch ein tüchtiges Stück Brod abschnitt und es mit Butter bestrich, um es dazu zu verzehren. Beim Kauen überlegte er sich seinen Feldzugsplan, dessen Ziel in nichts Geringerem bestand, als die Festung, die nicht durch List bezwungen werden konnte, zu überrumpeln und mit Sturm zu nehmen. »Werthe Frau Müller,« sagte er deshalb, wie er nur den letzten Bissen verschluckt und ein Glas Aepfelwein hintennach geschickt hatte, indem er sich den Mund mit dem sehr oft gebrauchten Taschentuch wischte, dieses dann immer kleiner zusammendrückte und zuletzt zurück in die Tasche schob (dabei nahm er wieder die Dose heraus), »allen Respect vor Ihrem Aepfelwein, er ist wirklich vortrefflich, und ich habe in meinem Leben keinen besseren getrunken. Unser voriges Gespräch schien Ihnen vorhin nicht angenehm zu sein, was ich bedauere, aber ich muß doch noch einmal darauf zurückkommen. Sie wissen nämlich nicht, daß, wenn die Erbschaft – durch irgend eine gebrauchte List – in falsche Hände geräth ... – Vielleicht noch eine Prise gefällig?« »Ich danke,« sagte die Frau, ärgerlich mit dem Kopf schüttelnd. »Was geht mich die Erbschaft an? Ich kriege doch nichts davon! Ueberhaupt will ich von der ganzen Wendelsheim'schen Geschichte gar nichts wissen!« »Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte der Rath, »denn als Frau können Sie keine Kenntniß von den in dieser Hinsicht furchtbar strengen Gesetzen haben – daß also dann die, welche mit dazu beigetragen haben, einen Betrug zu unterstützen, den schwersten, jedenfalls Leibes- und vielleicht gar Lebensstrafen ausgesetzt sind.« »Lieber Rath,« sagte der Major, dem nicht ganz wohl bei der Einleitung wurde, »das Gesetz wird ja ...« »Bitte, lieber Major,« entgegnete Frühbach, »erlauben Sie mir, daß ich der Dame, die uns so freundlich aufgenommen hat, den Standpunkt vollkommen klar mache; wir werden dann mit der größten Leichtigkeit zu einem Verständniß kommen.« Die Frau Müller hatte ihn staunend angesehen, denn sie schien entweder gar nicht zu begreifen, worauf hinaus der Rath arbeitete, oder wollte es nicht; der Major, welcher sie mißtrauisch von der Seite beobachtete, wurde wenigstens nicht klug daraus. Frühbach aber, die linke Hand, in der er die Dose hielt, auf den Rücken legend, mit der Rechten, zwischen deren Fingern er noch eine Prise hielt, gesticulirend, fuhr, immer über die Brille weg, fort: »Daß Sie vollkommen gut verstehen, worauf ich hindeute, verehrte Frau, davon bin ich überzeugt. Die Welt hat sich eben nicht täuschen lassen, denn zu Viele wußten um das Geheimniß. Bis jetzt aber, wo es eben nicht darauf ankam, ließ man die Sachen gehen; nun jedoch, da der Termin der Erbschaft abgelaufen ist, wird es unmöglich, die damalige Täuschung länger durchzuführen. Seien Sie also vernünftig und gestehen Sie, was Sie wissen – Sie sind unter Freunden ...« »Ich soll gestehen?« sagte die Frau, die sich von ihrem Erstaunen noch immer nicht erholen konnte, denn Frühbach brachte das Alles mit hoher Salbung an. »Aber was denn um Gottes willen?« »Gut,« rief jetzt der Rath, wie erbittert über so viel Störrigkeit, »wessen Bild ist das, was da an jener Wand hängt? Das dort mein' ich!« »Das dort? das Bild meiner Tochter – und was haben Sie denn?« »Nein,« rief der Rath mit erhobener Stimme, »das ist nicht wahr! Wissen Sie, wessen Bild das ist? Wissen Sie, was die Frau Heßberger in der Stadt schon gestanden und gebeichtet hat?« Die Frau war todtenbleich geworden und trat einen Schritt zurück, und der Major selber erschrak über die plötzliche Veränderung in ihren Zügen – die Augen starrten den Redenden stier und entsetzt an, der Mund war halb geöffnet, die eine Hand vorgestreckt. Rath Frühbach aber, dem das ebenfalls nicht entging, fuhr, seinen Sieg verfolgend, triumphirend fort: »Das ist das Bild der Tochter des Barons von Wendelsheim, dem Sie dafür den Sohn untergeschoben haben, und wenn Sie jetzt, wo Sie noch unter Freunden sind, Alles gestehen, so kann ich Ihnen die Versicherung ...« Weiter kam er nicht. Alles Blut, das zuerst das Antlitz der Frau verlassen hatte, schoß dahin zurück, so daß es jetzt eine fast kupferrothe Färbung annahm, und die Arme in die Seite stemmend, rief sie mit vor Wuth fast erstickter Stimme: »Sie – Sie alter grauhaariger Esel, Sie wollen ein Rath sein?« »Frau Müller!« rief Rath Frühbach entsetzt. »Und deshalb ist das Lumpengesindel in mein Haus gekommen?« schrie die Frau, die jetzt erst ihre Zunge wieder zu finden schien. »Nach meinem Schwiegersohn erkundigen sie sich, weil sie wissen, daß er nicht da ist, und heimlich hinten herum kommen sie und fragen und bohren und thun schön und unschuldig, um eine arme Frau in's Unglück zu stürzen!« »Aber, beste Frau Müller!« fiel auch jetzt der Major ein, der aus all' seinen Himmeln herausstürzte und nur allein den aufkochenden Zorn der Gereizten zu besänftigen wünschte. »Pfui Teufel!« rief aber die Frau Müller, die jetzt das Wort hatte und es sich nicht so leicht wieder nehmen ließ. »Indianer und Türken und Heiden, wenn sie mit einem andern Menschen gegessen und getrunken haben, üben weder Hinterlist noch offene Feindschaft gegen ihn aus, sondern behandeln sich als Brüder – aber das nennt sich Christen und ist ärger als Türken und Heiden!« »Aber, Frau Müller, ich versichere Ihnen ...« sagte der Major. »Sie brauchen mir nichts zu versichern!« schrie die Frau, immer mehr in Zorn gerathend. »Was haben Sie überhaupt hier zu thun? Glauben Sie, daß ich mich in meinen eigenen vier Wänden ungestraft beleidigen lasse? Und die Frau Heßberger – was geht das mich an, was die gestanden hat, oder möchten Sie mir vielleicht damit drohen? Aber das wollen wir doch einmal sehen, ob noch Recht und Gesetz im Lande ist und hülflose, alleinstehende Frauen in ihrem Hause überfallen werden dürfen, das wollen wir doch einmal sehen! Den Augenblick gehe ich auf's Gericht und dann will ich wissen, ob das da das Bild meiner Tochter, meines eigenen Kindes ist oder nicht, und ob jeder hergelaufene Lump, der sich Rath nennt, herkommen und mich beschimpfen darf!« »Aber, Frau Müller,« sagte Rath Frühbach, allerdings etwas bestürzt über die Wendung, die sein fein angelegter Plan, bei dem er sich schon einen Moment am glücklich erreichten Ziel geglaubt, plötzlich genommen, »Sie werden uns doch erlauben ...« »Gar nichts erlaube ich Ihnen,« rief die Frau, »gar nichts auf der Welt! Je eher Sie sich aus meinem Hause scheren, desto besser, und wenn Sie nicht gleich gutwillig gehen, dann rufe ich die Nachbarn zu Hülfe, daß die Ihnen Beine machen!« Der Major hatte sich schon, aufs Aeußerste verlegen, während des letzten Gespräches der Thür zu gedrückt und eigentlich nur auf einen günstigen Moment gewartet, um hinaus zu fahren, denn die ganze Sache war ihm fürchterlich fatal; er mochte nur auch nicht geradezu fortlaufen. Jetzt aber fand er keine Veranlassung mehr, länger zu zögern; die Thür war ihnen deutlich genug, und ohne ein Mißverständniß möglich zu machen, gewiesen worden. »Kommen Sie, Rath, das geht nicht länger,« sagte er, jetzt selber ärgerlich werdend, denn der Mann war nicht von der Stelle zu bringen. Er stand, aber jetzt ebenfalls mit einem dicken rothen Kopf, immer noch die Prise zwischen den Fingern, vor der Wüthenden und schien nur auf einen Moment zu passen, wo er wieder einfallen konnte. – »Nun gut denn, wenn Sie allein dableiben wollen, meinetwegen – ich gehe aber – guten Morgen, Madame!« »Einen schönen guten Morgen, das weiß Gott!« rief die Frau. »An den Morgen will ich denken, aber ich will Sie begutenmorgen mit Ihrer Höflichkeit, oder mein Name ist nicht Barbara Müller! Vor Gericht sehen wir uns wieder, und dort soll sich dann einmal herausstellen, ob ich mich brauche in meinen vier Wänden überfallen und beschimpfen zu lassen, und dort sollen Sie beweisen, was Sie gesagt haben, Sie – Rath Sie, oder wir wollen einmal aufpassen, was geschieht!« Frühbach hatte einen Blick nach dem Major geworfen, bemerkte aber kaum, daß dieser wirklich Ernst machte und schon halb aus der Thür war, als er es auch für gerathen fand, seinem Beispiel zu folgen. Etwas mußte er aber noch sagen, denn lautlos konnte er nicht abziehen. »Schön, verehrte Dame,« nickte er, indem er sich die Brille festschob, wobei er die vergessene Prise fallen ließ und zugleich nach Stock und Hut griff, »wenn Sie es denn nicht anders wollen, mir kann's recht sein – empfehle mich Ihnen!« setzte er aber rasch hinzu, denn der Zorn der gereizten Frau war auf's Höchste gestiegen, und sie fing an gegen ihn vorzurücken; er wollte es nicht zum Aeußersten kommen lassen. »Ihnen kann's recht sein, so? Sie alter Schafskopf, Sie!« schrie die Frau. Frühbach wartete jedoch keine weiteren naturhistorischen Eigennamen ab, er war viel schneller, als er sich sonst gewöhnlich bewegte, aus der Thür hinaus, und gerade noch zur rechten Zeit, denn dieselbe wurde im nächsten Augenblick hinter ihm zugeschleudert, daß die Fenster im ganzen Hause zitterten. Die Stimme der gereizten Frau übertäubte dabei noch den Lärm. Der Major hielt sich auch gar nicht weiter auf, um seinen Freund und Leidensgefährten zu erwarten, sondern humpelte, so rasch es ihm sein obstinates Bein erlaubte, die Straße hinab, so daß der Rath tüchtig ausschreiten mußte, um ihn wieder einzuholen. Aber er that das mit Vergnügen, denn er verlängerte mit jedem Schritte die Entfernung zwischen sich und der schrecklichen Frauensperson, und hatte auch gar nichts dagegen, daß der Major rechts ab in eine Seitenstraße bog und nicht eher einhielt, bis er die dort daranstoßenden Kartoffelfelder erreichte. Da blieb er stehen und sagte, sich zum ersten Mal nach dem Rath umsehend: »So, mein Herr Rath, da haben Sie uns mit Ihrem« – Maul hätte er am liebsten gesagt, aber das litt seine Höflichkeit nicht, darum ersetzte er es mit – »Hitzkopf in eine schöne Sackgasse hineingefahren.« »Ich habe Sie hineingefahren, mein bester Major?« sagte der Mann, indem er stehen blieb und sich den Schweiß über der Brille wegtrocknete. »Das nehmen Sie mir nicht übel; was habe ich denn überhaupt von der ganzen Geschichte, ehe Sie mich hierher brachten, gewußt? Gar nichts – und wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, daß sie auf so schwachen Füßen steht, ich würde den Teufel gethan haben, meine Nase hinein zu stecken!« »Aber wer um Gottes willen hieß Sie auch so mit der Thür in's Haus fallen und die ganze Sache der Frau aus den Kopf zu sagen? Ich bat Sie doch, es nicht zu thun, und da konnten wir uns noch mit guter Manier aus der Schlinge ziehen und einen ehrenvollen Rückzug sichern – jetzt sind wir mit Schimpf und Schande abgezogen und haben uns auf das Lächerlichste blamirt.« »Das weiß Gott,« stöhnte Frühbach, »an die Situation werde ich mein Leben lang denken! Wissen Sie aber, daß es mir früher schon beinah' einmal ähnlich gegangen ist. In Schwerin damals ...« »Und damit ist die Geschichte noch nicht aus,« unterbrach ihn der Major, dem die letzte Drohung der Frau nicht aus dem Kopf ging. »Passen Sie auf, das rabiate Weib geht am Ende noch vor Gericht, und wir können ihr nicht allein öffentlich Abbitte thun, sondern der ganze fatale Handel kommt auch in's Publikum und, das Allerschlimmste, dem alten Wendelsheim zu Ohren, der überhaupt keine Gelegenheit vorbeiläßt, um mir etwas anzuhängen. Heiliges Donnerwetter, wenn ich nicht mit meinem elenden Körper so an die Scholle gebannt wäre, ich setzte mich heut Abend noch auf die Bahn und führe nach Neapel oder Griechenland!« »Hm,« sagte der Rath, der seinen Stock unter den Arm genommen hatte und an dem seidenen Taschentuche eine reine Stelle suchte, an der er seine Brille hätte abwischen können (er fand aber keine und rieb sie dann auf dem Aermel), »sie wäre es allerdings im Stande, aber sie wird sich hüten, Major; denn die Sache ist doch nicht ganz rein, sie hat einen faulen Fleck. Bemerkten Sie, wie blaß sie wurde, als ich nach dem Bilde fragte?« »Ja gewiß, und ich dachte im ersten Augenblick ebenfalls, wir hätten sie; aber ich glaube jetzt, es war vor Wuth.« »Mein lieber Major, lehren Sie mich die Menschen kennen, das war mehr als Wuth, das war ein schlechtes Gewissen, und der nachher ausbrechende Grimm nur ein Mantel, um es zu verdecken. Wir hätten uns nicht davon sollen einschüchtern lassen, es war Maske; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, nichts als Maske, und noch dazu plump durchgeführt. Ich wäre auch nicht sogleich abgegangen, das versichere ich Ihnen, aber Sie waren auf einmal zur Thür hinaus, und allein konnte ich da drinnen auch nichts ausrichten.« »Ich hatte genug,« meinte der Major, »und es fiel mir gar nicht ein, mich länger als unumgänglich nöthig mit jenem alten Weib herum zu zanken.« »Wenn ich nur meiner ersten Eingebung gefolgt wäre und mich ihr als Polizeirath vorgestellt hätte! Ich sage Ihnen, eines Tages in ...« »Weiter hätte nichts gefehlt,« rief der Major, »daß wir dann Beide in Teufels Küche gekommen und am Ende gar noch eingesteckt worden wären! Hören Sie, Rath, Sie haben gar keine Idee davon, welcher Gefahr Sie dadurch entgangen sind, daß Sie es nicht gethan.« »Sie haben keine Courage, Major.« »Allerdings nicht zu so faulem Kram, wo man sich den Rücken nicht gedeckt weiß. Ehrlich drauf, ja.« »Na, ich dächte, weiß es Gott, ich wäre ehrlich draufgegangen,« sagte Rath Frühbach mit Selbstgefühl. »Und was wird nun? Denn hier auf dem Kartoffelacker können wir doch nicht gut stehen bleiben.« »Haben Sie noch etwas im Ort zu besorgen?« »Nichts als einige Flaschen Aepfelwein einzupacken. Hören Sie, Major, der Aepfelwein bei der Alten war wirklich famos! Schade, daß er von einem solchen Cerberus bewacht wird.« »Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,« sagte der Major mürrisch; »darin hatte die Alte Recht, es sah häßlich aus, ich nippte auch nur daran. Aber nun thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns machen, daß wir fortkommen. Ich habe genug von Vollmers, und hoffe, das Nest in meinem ganzen Leben nicht wieder zu sehen.« »Für heute muß ich auch sagen,« bestätigte der Rath, »daß ich kein großes Verlangen trage, länger da zu bleiben, und ich möchte besonders der aufgeregten Dame nicht noch einmal begegnen. Aber kommen Sie, Major, wir brauchen ja nicht wieder an dem Haus vorbei zu gehen, sondern können hier geradeaus die Straße halten. Mit einem ganz unbedeutenden Umweg kommen wir dann zum Wirthshaus zurück.« Der Major ließ sich nicht lange nöthigen, und die beiden Herren kreuzten bald darauf, mit einem scheuen Seitenblick nach links, ohne aber ein Wort weiter darüber zu erwähnen, die Straße, in welcher das Haus der Frau Müller so still und friedlich lag, als ob da nie ein Sturm gewüthet hätte. Aber sie hatten damit, wie sie vielleicht wähnten, noch nicht Alles überstanden; als sie in die breite Chaussee einbogen, die nach dem Wirthshaus hinaufführte, stand vor demselben und unter dem Schild mit dem hellrothen Engel ein anderer, dunkelrother, in einer weißen Haube – der obere trug Locken – und gesticulirte eifrig mit dem achselzuckend vor ihr stehenden Wirth. Beide Freunde blieben unwillkürlich mitten in der Straße stehen, als sie gleichzeitig die Dame erkannten. Das hatte keiner von ihnen erwartet und selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich. Aber ob die Dame sie selber bemerkte und nicht wieder mit ihnen zusammentreffen wollte, oder ob sie beendet hatte, was sie hierher geführt, sie machte noch ein paar entschiedene Bewegungen mit dem rechten Arm – in der Entfernung konnten sie natürlich nicht hören, was sie sagte – und wandte sich dann die Straße hinab, wo sie bald daraus in eine Seitengasse einbog. »Das Frauenzimmer ist zu Allem fähig,« stöhnte der Major, als sie wieder, Beide zugleich, ihren Weg verfolgten, denn das Hinderniß war beseitigt; »jetzt hat sie sich dort nach unseren Namen erkundigt.« »Und der Esel von Wirth wird ihr auch die genaue Adresse gegeben haben,« ergänzte der Rath. »Es sieht ihm ähnlich.« »Nun, versteht sich von selbst, und in den nächsten Tagen steht die Geschichte in der Zeitung. Mein lieber Rath, ich wollte, ich hätte das verdammte Vollmers in meinem ganzen Leben nicht gesehen.« »Jetzt kann's nichts mehr helfen,« bemerkte Frühbach ganz richtig; »der Stein rollt und wir können ihn nicht mehr halten.« »Ja, und Sie haben ihn in's Rollen gebracht.« »Bitte,« sagte der Rath, »Sie haben mich darauf gestoßen, oder es wäre mir nicht eingefallen, diese Madame Müller aufzusuchen. Aber da ist der Hausknecht. Hören Sie, lieber Freund, sagen Sie doch dem Kutscher ... Wo ist der Kutscher denn eigentlich?« »Er sitzt drin in der Stube.« erwiderte der Angeredete. »Es ist ihm nicht recht wohl; er hat Leibschneiden.« »Der verfluchte Aepfelwein!« bemerkte der Major. »Sagen Sie ihm, daß er anspannen soll,« befahl der Rath, der sich über das Leibschneiden völlig hinwegsetzte, »wir wollen augenblicklich nach Alburg zurückfahren. Ah, lieber Herr Wirth, unsere Rechnung, wenn ich bitten darf!« »Zu Befehl, Herr Rath,« erwiderte der höfliche Mann, sein Käppchen ziehend. »Aber sagen Sie mir nur,« setzte er dann mit unterdrückter Stimme hinzu, »was haben Sie denn um Gottes willen mit der Frau Müller gehabt? Die war eben da ...« »Wir? Gar nichts. Was sollen wir mit ihr gehabt haben?« fragte Frühbach mit der unschuldigsten Miene von der Welt. »Na, dann weiß ich nicht, was die Alte wollte,« sagte der Wirth. »Aber sie fragte mich erst um die Namen der beiden Herren und schrieb sie sich auf einen Zettel« (der Major sah den Rath von der Seite an, seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich), »und dann hat sie geschimpft und raisonnirt, daß mir die Leute ordentlich zusammenliefen.« »Aber über was denn?« fragte Frühbach. »Ja. Gott weiß es! Von ihrer Tochter und dem Baron Wendelsheim und den Gerichten, und eine Menge anderes Zeug, ich bin gar nicht klug daraus geworden, und Ihnen gab sie erst Ehrentitel! Ja, die hat ein böses Mundwerk, wenn sie einmal losgelassen wird, und wer nicht muß, soll sich mit der ja nicht im Bösen einlassen. Sonst ist sie gut genug und legt keinem Menschen 'was in den Weg, aber wenn sie erst einmal anfängt und warm wird, dann hört sie auch gar nicht wieder auf.« »Wir möchten gern bezahlen, lieber Freund,« sagte der Major, dem die Sache peinlich wurde; »dürfte ich Sie bitten, uns zu sagen, was wir schuldig sind?« Das half. Der Wirth schob mit einer Verbeugung ab, und während ihm der alte Herr folgte und die Zeche berichtigte (inclusive zwölf Flaschen Aepfelwein, die im Sitzkasten waren, und der Rath ging indessen, seinen linken Arm auf den Rücken gelegt, draußen auf und ab), kam der Kutscher mit den Pferden heraus und schirrte ein. Er sah elend aus, aber Frühbach fühlte sich nicht in der Stimmung, Notiz von ihm zu nehmen, und wenige Minuten später rasselte das kleine Fuhrwerk durch den Ort auf der Straße nach Alburg hinaus. 13. Vater und Sohn. Die Bewohner von Schloß Wendelsheim hatten indessen eine ziemlich traurige Zeit verlebt und verlebten sie eigentlich noch, denn des jungen Baron Benno Zustand war in den letzten Wochen nicht allein nicht besser, sondern eher bedenklicher geworden. Der Blutsturz wiederholte sich allerdings nicht, aber ein solcher Grad von Schwäche trat ein, daß er selten und dann nur auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte. Bruno kam jetzt häufiger heraus als früher, und saß manche Stunde bei seinem Bruder, um ihm die Zeit zu vertreiben – aber über was konnte er mit ihm reden? Musik trieb Benno nicht, seine Nerven hatten es von Kindheit an nicht vertragen, und sonst wußte Bruno eigentlich – Pferde und Dienstsachen ausgenommen – über nichts mit ihm zu sprechen. Benno's liebste Unterhaltung oder vielmehr Gesellschaft blieb deshalb auch jenes junge Mädchen, Kathinka, die, wo es nur immer ihre Zeit erlaubte, bei ihm sitzen und ihm kleine Geschichtchen und Märchen erzählen mußte. Sie behandelte ihn dabei wie ein krankes Kind, strich ihm die Haare aus dem Gesicht oder glättete ihm das Kopfkissen, zankte ihn aus, wenn er nicht ruhig liegen oder die Medicin nicht nehmen wolle, brachte ihm Blumen aus dem Garten und flocht ihm kleine Sträuße oder Kränze daraus, die sie am Tage über sein Bett hing, und pflegte ihn mit einer Sorge und Liebe, daß sie selbst das Herz der »steinernen Tante« erweichte und diese etwas freundlicher oder doch weniger hart gegen sie gestimmt machte. Am glücklichsten aber war Benno, wenn ihn Fritz Baumann einmal besuchen konnte; denn mit diesem lebte und webte er in seinen Arbeiten und Plänen – und was für Pläne hatte er sich nicht schon wieder ausgedacht, seit er so still und ruhig liegen mußte, und wie sehnte er die Zeit herbei, wo er selber wieder mit Hand anlegen konnte, um sie thätig in's Werk zu setzen! Kathinka seufzte freilich wohl heimlich auf, wenn sie ihn so reden hörte, denn ob auch selber noch jung, fühlte und sah sie doch recht gut, daß sein Leiden viel schwerer und ernster sei, als er selbst es glaubte; aber sie sagte nie ein Wort dagegen, und wenn sie manchmal allein mitsammen waren und er ihr wieder von all' den Maschinen erzählte, die er bauen wollte, und nächstens ein Wasserrad in Angriff zu nehmen versprach, das ihnen aus dem großen Teiche das Wasser über alle Blumenbeete führen sollte, dann freute sie sich selber mit ihm und gab ihm die Plätze an, wo sie es vorzugsweise hinleiten wollten, und rief oft ein Lächeln auf seinen bleichen Wangen hervor und machte seine Augen leuchten und blitzen. Der alte Baron kam jetzt oft herüber, setzte sich still in eine Ecke und hörte den Beiden zu; aber die letzte Zeit hatte auch ihn sehr verändert, denn je näher der Termin der Erbschaft rückte, der sich jetzt schon nach Tagen zählen ließ, desto düsterer und in sich gekehrter wurde er, und doch hätte man gerade glauben sollen, daß er die Zeit herbeisehnte, wo er wenigstens von allen Geldsorgen befreit wurde und dann einmal wieder nach langer schwerer Zeit frei aufathmen konnte. War es die Sorge um den zweiten Sohn? Er hätte Ursache dazu gehabt, denn ihm konnte dessen hoffnungsloser Zustand kein Geheimniß sein – war es ein anderer Kummer, der ihm am Herzen nagte? Aber er sprach mit Niemandem darüber, am wenigsten mit seiner Schwester, ja mied diese, wo er nur irgend konnte, und hatte es denn auch geschehen lassen, daß sie jetzt das ganze Hauswesen dermaßen in Händen hielt, um als unumschränkte Herrin darin zu herrschen. Er selber war nichts weiter mehr im Schlosse wie ein gewöhnlicher Kostgänger, und fragte ihn ein Diener um die einfachsten, ja ihn selber betreffenden Anordnungen, so wies er ihn jedesmal an Fräulein von Wendelsheim, die schon das Nöthige darüber bestimmen würde. Im Zimmer des kranken Kindes schien es ihm noch am wohlsten; aber selbst das verließ er manchmal, wenn sein armer Knabe zu freundliche Luftschlösser baute und von dem sprach, was er in kommenden Jahren schaffen wolle. Dann stand er still und schweigend auf, und die großen hellen Thränen liefen dem alten Mann in den Schnurrbart hinein – aber er ging hinaus, daß sie der Sohn nicht sehen sollte. Bruno war nach der Zeit, wo er das Geld von dem Vater erbat und unverrichteter Sache wieder heimreiten mußte, in Wendelsheim gewesen, hatte aber nie mehr, und zwar sehr zum Erstaunen des Vaters, ein Wort von Geld oder neuem Bedarf erwähnt, und der alte Baron hütete sich wohl, selber davon anzufangen. Heute kam er wieder – er ritt seinen alten Schimmel – und ging, wie immer, zuerst in Benno's Zimmer hinauf, um zu sehen, wie es ihm gehe. Er fand ihn kränker aussehend, als das letzte Mal, aber ein freundliches Lächeln glitt über die Züge des Leidenden, als er dem Bruder die Hand reichte. »Wie geht es Dir, Benno?« fragte dieser herzlich. »Du siehst recht blaß aus.« »Oh, gut heute, recht gut,« sagte der Knabe. »Kathinka hat mir eine so wunderschöne Geschichte von einem kranken Königssohn erzählt, den eine gütige Fee geheilt und vollkommen gesund gemacht hat, und der ist dann nachher so glücklich geworden und hat sein Volk noch viele Jahre regiert – ach, wenn es doch auch bei uns noch solche gute Feen gäbe! Aber, Bruno, Du thust mir ja weh, sieh einmal, Du hast mir die Hand ganz roth gedrückt.« »Und kannst Du nicht ein wenig aufstehen und in den Garten oder nur an's offene Fenster treten, Benno? Die Luft ist so wundervoll und mild; es würde Dir gewiß gut thun.« »Es will doch nicht recht gehen, Bruno,« sagte der Knabe; »wenn ich aufstehe, sticht es mich immer so hier, und der Doctor hat es mir heute Morgen streng verboten. Hast Du nichts von dem jungen Baumann gesehen, Bruno? Er wollte mich heute besuchen – er hat es mir fest versprochen – und mir etwas Neues mitbringen.« »Nein, Benno, ich bin nicht den Fußweg geritten; er ist vielleicht schon unterwegs. Aber regt Dich das nicht zu sehr auf, wenn Du über solche Sachen nachgrübelst und Dir den Kopf über Räder, Hebel und Schrauben zerbrichst?« »Ach nein, Bruno,« lächelte der kranke Knabe. »In der Zeit, wo ich mich damit beschäftigen kann, fühle ich gar nicht, daß mir etwas fehlt, und mir wird dann so wohl und leicht zu Muthe. Baumann leidet auch nicht, daß ich selber mit anfasse. Er zeigt mir nur Alles, und wir besprechen dann, wie wir es machen wollen. Er ist so geschickt und so freundlich immer. Ich wollte, er wohnte nicht so weit entfernt von uns.« »Wo ist der Vater, Kathinka?« »Ich glaube, unten im Garten, Herr Baron. Er war vorhin hier oben, und ich sah ihn später dort drüben unter den Linden auf und ab gehen.« »Ich werde ihn aufsuchen; ich komme dann noch einmal zu Dir herauf, Benno, ehe ich wieder fortreite.« »Ja, Bruno, und wenn Du Baumann sehen solltest, sage ihm doch, daß ich so auf ihn warte.« »Ich schicke ihn Dir gewiß gleich, verlaß Dich drauf.« Als Bruno mit schwerem Herzen den Bruder verließ und hinunter und durch den Gartensaal ging, fand er dort seine Tante, die, ihre mageren Arme fest zusammengelegt, auf und ab ging. Fräulein von Wendelsheim war nie, selbst nicht in ihren jungen Jahren, hübsch gewesen; denn eine scharfe Nase, sehr dünne Lippen und schlechte Zähne gaben ihren Zügen etwas Schroffes, Abstoßendes. Mit Bruno, dem ältesten Sohne, stand sie, wie schon erwähnt, auf keinem guten Fuße, obgleich der alte Pommer, der Kutscher, der Einzige, der noch aus jener Zeit seine Stellung behalten hatte, behauptete, als kleines Kind habe sie den Knaben sehr gern gehabt und ihn besonders verzogen. Nach der Geburt des zweiten Sohnes änderte sich das aber, und Bruno selber erinnerte sich nicht, so lange er wenigstens denken konnte, ein freundliches Wort von ihr gehört oder eine Liebkosung von ihr empfangen zu haben. Als Kind fühlte er das natürlich nicht so schwer; als er aber nach dem Tode der Mutter heranwuchs und sich vom Vater vernachlässigt, von der Tante zurückgesetzt, ja oft ungerecht mißhandelt sah, da ging er oft still hinunter in den Park, setzte sich dort auf eine Bank in dichtes Gebüsch hinein und weinte sich recht herzlich aus. Aber er gedieh trotzdem und vielleicht gerade dadurch so viel besser, daß sich Niemand viel um ihn bekümmerte, und als er an Jahren reifte und zu begreifen begann, daß er gerade, der Erbe des ganzen Besitzthums, des ganzen Vermögens der Wendelsheim, eigentlich wie ein Ausgestoßener oder doch nur Geduldeter im Hause behandelt würde, fing er an, rauhe Worte mit gleichen zu vergelten. Er und die Tante hatten da manchen Strauß, bis sich zuletzt ein recht gesunder Haß zwischen Beiden entwickelte, den Keiner vor dem Andern zu verbergen sich große Mühe gab. Sonderbarer Weise hatte dabei der herangewachsene Mann unter all' den unfreundlichen Worten, die er als Kind und Knabe ertragen mußte, eins im Herzen bewahrt und nicht wieder vergessen können – eins, das er als Knabe von etwa elf Jahren gehört, und das ihm wahrscheinlich nur deshalb unter all' den tausend anderen in der Erinnerung blieb, weil er es nicht begriff und damals schon oft und bitter darüber nachgrübelte. Es war gewesen, als er es zum ersten Male wagte, der Tante offen entgegen zu treten. Er hatte irgend eins der zahllosen ihm gestellten Verbote übertreten oder einem Befehl nicht gehorcht – die Ursache war seinem Gedächtniß entschwunden, aber die Folgen blieben um so deutlicher darin, wie es ja oft geschieht, daß uns einzelne, oft unbedeutende Scenen der Kinderzeit, manchmal bis in die ersten Jahre zurück, unvergessen bleiben, während andere, viel wichtigere, gänzlich sich verwischen. Er sah noch den Blick voll Haß und Zorn vor sich, mit welchem ihn die Tante ansah, als er ihr sagte, daß sie von den Leuten im Hause Beißzahn genannt würde, er sich aber nicht mehr von ihr beißen lassen wolle. »Und wer bist Du denn?« hatte sie damals zu ihm gesagt. »Was wärst Du denn, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?« – Er erinnerte sich auch, sie damals um die Erklärung der Worte gefragt zu haben, ohne aber eine Antwort darauf zu erhalten; sie schlug nur nach ihm, und als er ein auf dem Tische liegendes Messer ergriff, schrie sie um Hülfe, und der Vater gab ihm nachher drei Tage strengen Arrest bei Wasser und Brod auf seiner Stube mit so viel lateinischen Strafarbeiten, daß er sie kaum in der Zeit bewältigen konnte. Von da ab war der Bruch mit der Tante vollständig ausgesprochen, hatte aber doch ein Gutes gehabt, denn sie wagte von dem Tag an nie wieder die Hand gegen ihn zu erheben, und nur in dem Hirn des Knaben arbeitete der Gedanke fort: »Weshalb hat mich die Tante zu dem gemacht, was ich bin? Was soll das heißen?« Er hatte aber Niemanden, gegen den er sich darüber aussprechen konnte – seinen Vater wagte er nicht zu fragen, sein Bruder war noch zu klein, sein Hofmeister ein strenger, finsterer Pedant, der, wie leider nur zu viele Pädagogen, nichts auf der Gotteswelt in seinem ganzen Leben gelernt hatte als Griechisch und Lateinisch, und für welchen deshalb auch weiter nichts existirte. Und die Tante selber? Es lag ihm oft in ihrer Gegenwart auf der Zunge, aber er war viel zu stolz und trotzig, um sie ahnen zu lassen, daß er sich etwas zu Herzen genommen, was über ihre Lippen gekommen. Er haßte sie, wie nur ein mißhandeltes Kind ein Wesen hassen kann, dem es keine Rechte über sich zugesteht und von dem es sich ungerecht und schlecht behandelt weiß. Und was hatte er ihr je gethan, das zu verdienen? Nichts, das er sich denken konnte. So blieb denn die Erinnerung an jenen Morgen fest in seinem jungen Herzen verschlossen, und wie viele Jahre auch mit ihren frischeren Eindrücken darüber hingingen, aus allen hervor wuchsen immer wieder die da gehörten Worte: »Wer wärest Du, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?« Jetzt war er ein Mann geworden und man hätte denken sollen, die Tante würde sich, mit der Gewißheit, daß er bald als Herr eines bedeutenden Vermögens dastehen mußte, freundlicher gegen ihn gezeigt und gesucht haben, die alten Erinnerungen aus der Jugendzeit zu verwischen. Es schien auch wirklich, als ob sie sich Mühe dazu gäbe; aber es gelang ihr trotzdem nicht. Selbst manchmal zwischen gleichgültigen Worten traf ihn ein Blick aus ihren kleinen, blitzenden Augen so giftig, so voll Haß und Zorn, daß er sie dann oft staunend ansah. Er wußte sich aber die Sache nicht zu erklären, denn lange schon war kein böses Wort mehr zwischen ihnen gewechselt worden. Sie gingen nur einander aus dem Wege, wo sie konnten – und weshalb dann noch dieser unauslöschliche Haß? Als Bruno unten im Gartensaal die Tante traf und an ihrem ganzen Wesen bemerkte, daß sie nicht in besonderer Laune schien – überdies ein sehr seltener Fall – wollte er auch mit einem kurzen Gruß vorübergehen. »Guten Morgen, Tante!« sagte er nur und schritt der Gartenthür zu. »Und wen suchst Du?« fragte Fräulein von Wendelsheim, ohne selbst den Gruß zu erwidern. »Den Vater. Weshalb?« »Du warst bei Benno oben?« »Ja, Tante; er sieht heute recht krank und elend aus.« »Und Du regst ihn mir immer noch mehr auf.« »Ich rege ihn auf, Tante? Aber womit? Ich habe ihm nur ›guten Tag‹ gesagt und bin dann gleich wieder fortgegangen. Er verlangt nach dem jungen Baumann.« »Wenn der oben ist, kann er reden und erzählen und wenn ich zu ihm komme, legt er sich hin und dreht das Gesicht der Wand zu.« »Er bekommt manchmal plötzliche Schmerzen. Ich fürchte, seine Krankheit ist gefährlicher, als wir ahnen.« »Du fürchtest das?« sagte die Tante, und wieder traf ihn ein böser Blick aus ihren Augen. »Und weshalb sollte ich es weniger fürchten, weniger fühlen, Tante, als Ihr?« sagte Bruno erstaunt. »Glaubst Du, daß ich Benno weniger lieb habe als Ihr – wenn Ihr ihn auch mehr geliebt habt als mich?« »Ich sagte das nicht,« erwiderte finster die Tante und wandte sich von ihm ab; »Du drehst Einem die Worte im Munde herum. Ich glaube gar nicht, daß er so krank ist, sondern nur schwach und angegriffen, das meinte ich – aber da kommt der Vater.« Und damit ließ sie ihn stehen, verließ den Saal und warf die Thür hinter sich in's Schloß. Bruno war stehen geblieben und sah ihr nach und wieder tauchten jene geheimnißvollen Worte in ihm auf, die sie damals gesprochen; aber ein anderer Gegenstand beschäftigte seinen Geist – was kümmerte ihn auch die Taute! Draußen durch die Glasthür sah er seinen Vater kommen, und etwa zwei Schritt hinter ihm folgte der junge Baumann, der eine kleine, wunderlich geformte Maschine in der Hand trug. Der alte Herr hatte sich aber auf keine Unterhaltung mit dem »Handwerker« eingelassen; er wußte allerdings, daß Benno mit großer Liebe an dem jungen Mann hing, und Benno's wegen duldete er den Besuch, aber er sah ihn nicht gern und machte auch nicht viel Umstände mit ihm. »Gehen Sie hinauf,« sagte er, als sie die Thür des Gartensaales erreichten; »Sie wissen den Weg. Benno ist oben und hat mich schon heute Morgen nach Ihnen gefragt, aber bleiben Sie nicht zu lange. Sein Kopf glüht jedesmal, wenn Sie ihn verlassen haben; der Arzt hat jede Aufregung streng untersagt.« »Sehr wohl, Herr Baron,« sagte der junge Mann ruhig; »ich wäre auch gar nicht herausgekommen, wenn ich nicht geglaubt hätte, dem Kranken eine Freude zu machen. Er hat mich gestern selber darum bitten lassen, und ich sagte es deshalb zu.« »Es ist gut,« nickte ihm der Baron vornehm zu, und Baumann wollte mit einem kurzen Gruß an Bruno vorüber der Verbindungsthür zuschreiten, als dieser die Hand gegen ihn ausstreckte. »Herr Baumann,« sagte er dabei, »ich habe Sie noch um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie neulich mit dem Pferd anritt; aber ich konnte wirklich nichts dafür. Der Weg war so eng und der Fuchs so ungezogen, daß ich nicht einmal im Stande war, ihn nachher einzuzügeln; er ging förmlich mit mir durch.« »Herr Lieutenant,« sagte Baumann freundlich, »ich sah, daß das Pferd wild war, und habe später erfahren, wie gegründete Ursache Sie hatten, sich unterwegs nicht aufzuhalten. Ich erschrak allerdings im ersten Augenblick; das aber war auch das ganze Unglück, das Sie angerichtet haben. Reden wir nicht weiter davon.« – Und ihn grüßend, schritt er den wohlbekannten Weg durch den Gartensaal dem Gange zu und die Treppe hinauf nach Benno's Zimmer. »Guten Tag, Vater!« sagte der Officier, als der junge Handwerker das Zimmer verlassen hatte. »Ich wollte Dich eben aufsuchen, um ein paar Worte mit Dir zu reden.« »Und was steht zu Diensten, wenn ich fragen darf?« »Hast Du kein freundlicheres Wort für mich. Vater?« »Du wirst wieder Geld haben wollen,« sagte der Baron mürrisch, »und Du weißt, daß ich nicht mehr im Stande bin, es Dir zu geben. Die Tausende und Tausende, die ich die langen Jahre für Dich ausgelegt, haben meine Mittel erschöpft, und es wird Zeit, daß Du zurückzahlst, was Du mich gekostet, aber nicht mehr verlangst.« »Ich bin nicht um Geld gekommen, Vater,« sagte der junge Officier ruhig, »ich brauche keins und hoffe mich bis zu dem Tage, wo die Erbschaft ausgezahlt wird, selber durchzubringen. Nachher magst Du von mir Ersatz für das »Ausgelegte« verlangen.« »Und wie hast Du Dein Ehrenwort damals eingelöst? Wo hast Du das Geld aufgetrieben? – wahrscheinlich die doppelte Summe dafür gezeichnet?« »Ich habe es zu fünf Procent bekommen.« »Zu fünf Procent?« rief der alte Mann, ihn mit einem ungläubigen Kopfschütteln von der Seite ansehend. Bruno aber, darauf nicht achtend, fuhr langsam fort: »Allerdings bin ich dafür, wenn auch vollkommen freiwillig, eine Verbindlichkeit eingegangen, und um darüber mit Dir zu sprechen, heute hier herausgekommen.« »Thu mir den Gefallen und rede nicht in Räthseln und Bildern,« sagte der alte Herr mürrisch; »ich habe den Kopf schon ohnedies zu voll, um ihn mir noch damit zu zerbrechen.« »Ich werde sehr deutlich sein, Vater,« erwiderte Bruno, indem er sich in einen Stuhl warf und den Kopf auf dessen Lehne in die Hände stützte; »es bedarf auch dabei nicht der Umschweife, denn es betrifft nur eine einfache Mittheilung, keine Frage oder Bitte.« »Und die wäre?« »Ich werde heirathen.« »In der That?« sagte der Vater, doch etwas erstaunt, »so bist Du endlich vernünftig geworden. Aber wen, wenn ich fragen darf, da es, wie Du sagst, doch blos eine Mitteilung sein soll?« »Und trage ich die Schuld, Vater, daß es so weit zwischen uns gekommen? Was habe ich gethan, was verschuldet, daß ich, so lange ich denken kann, nur wie ein Fremder, Ueberlästiger zwischen Euch herumgehe?« »Ich verstehe Dich nicht!« »Du hast mich nie verstanden,« sagte Bruno bitter, »mich nie verstehen wollen!« Der alte Baron warf einen scheuen Blick auf seinen Sohn; denn so wenig er daran gedacht haben würde, etwas Aehnliches gegen ihn einzugestehen, im Herzen fühlte er die Wahrheit des Vorwurfs und war auch deshalb nicht im Stande, ihn gleich und entschieden von sich abzuwälzen. »Du machst eine lange Vorrede,« sagte er endlich; »ich hoffe doch nicht, daß Du eine Wahl getroffen, deren Du – deren ich mich zu schämen brauchte. Aber ich glaube fast, der Verdacht ist unberechtigt,« setzte er rasch hinzu, »denn Du kannst und mußt wissen, daß ich Alles mein langes Leben hindurch gethan habe, um die Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten.« »Die Ehre unseres Hauses,« wiederholte Bruno düster – »das heißt den äußern matten Glanz, den Anstrich – wie aber war es indeß im Innern? Die Ehre des Hauses – und wie stand es indessen mit dem Glück, dem Frieden des Hauses, Vater? Ich höre und lese draußen manchmal von dem Segen der eigenen Familie, dem Glück der Heimath. Was habe ich gethan, daß mir das Alles gestohlen wurde?« »Was hast Du nur heute?« sagte der Vater, unruhig werdend, indem er den Sohn groß ansah. »Wie bist Du so sonderbar und was sollen diese vollkommen unbegründeten Anklagen? Wenn Du Dich nicht wohl in unserem Hause fühltest, wer trug denn die Schuld, wir oder Du, der seine Zeit draußen in wüsten Gelagen verbrachte und sich und mich dadurch in Schulden stürzte?« »Das ist recht, Vater,« lachte Bruno bitter, »mach' Du mir noch Vorwürfe, daß ich die Gesellschaft fremder Menschen suchen mußte, weil ich im eigenen Hause kein freundliches Gesicht zu sehen bekam und sogar auf ewigem Kriegsfuß mit der Tante lebte. Doch genug – übergenug davon! Die Zeit liegt Gott sei Dank hinter mir, und von dem Augenblick an, wo ich die Erbschaft habe, denke ich mir meinen eigenen Herd zu gründen – aber nicht hier in Wendelsheim, denn keine freundliche Erinnerung zieht mich hierher zurück.« »Nicht hier in Wendelsheim?« rief der Vater rasch und erstaunt, ja fast erschreckt. »Und wohin sonst willst Du ziehen?« »Fort von hier, Vater; ich habe meinen Abschied schon eingereicht und die Versicherung erhalten, daß er mir bewilligt wird.« »Und wer ist die Dame, die Du Dir zur künftigen Gattin ausersehen?« sagte der Vater mit fast tonloser Stimme; denn zum ersten Mal fühlte er, daß der Sohn die ihm bisher auferlegten Fesseln wirklich abgestreift habe und entschlossen sei, seine vollständige Unabhängigkeit zu wahren. »Ich bin so fremd in Deinen Bekanntschaften, daß ich nicht einmal auf irgend Jemand rathen kann.« »Und doch hast Du gerade mir den Weg in die Familie gebahnt, Vater,« sagte Bruno, während ein eigenes trotziges, aber doch düsteres Lächeln über seine Züge flog. »Ich liebe die Tochter des alten Solomon.« »Bruno,« schrie der Baron emporfahrend, indem er wirklich bleich vor Schreck wurde, »bist Du wahnsinnig geworden oder treibst Du Deinen Spott mit mir? Die Tochter des alten Juden?« »Die Tochter des alten Juden,« wiederholte Bruno scharf und langsam; »ich bin nicht wahnsinnig, Vater, und treibe auch meinen Spott nicht mit Dir – habe es nie gethan.« »Und meinen Namen willst Du beschimpfen?« »Ist es nicht auch der meine? Ich sehe keinen Schimpf darin, ein braves Mädchen zum Altar zu führen.« »Bruno,« rief der alte Baron außer sich, »Du weißt nicht, was Du thust! Unser Geschlecht ist bis jetzt rein und unbefleckt erhalten – der alte Stamm wenigstens –, und Du hast keine Ahnung, welche Opfer Einzelnen von uns auferlegt wurden, um das durchzuführen. Willst Du gerade der Erste sein, der einen schwarzen Strich durch unser Wappen zieht? Es kann, es darf nicht sein, und ich werde es nie und nimmer dulden!« »Du kannst es nicht hindern, Vater,« sagte Bruno ernst und kalt; »Du hast Dir das Recht vergeben, über mein Thun und Handeln zu bestimmen. Du hast keine Liebe in meinem Herzen gesäet, Du kannst nicht erwarten, dort Liebe zu ernten – kannst mir aber auch nicht verdenken, daß ich sie dort suchte, wo sie mir von ganzer Seele entgegengebracht wurde. Du kennst auch Rebekka nicht,« fuhr er etwas weicher fort, als der alte Mann wie gebrochen in einen Stuhl sank und sein Gesicht mit den Händen deckte; »hättest Du nur ein einziges Mal in ihr liebes, engelschönes Antlitz geschaut, hättest Du gesehen, wie lieb und gut sie mit mir ist, Du würdest begreifen, daß ich das vergaß, was mir noch nie ein Segen, nur ein Zwang gewesen.« »Das kann, das darf nicht sein!« rief der alte Baron, wieder von seinem Stuhl emporspringend; »die Erbschaft war von jenem alten Manne nur deshalb unserem Hause zugewendet, um den Glanz des Namens aufrecht zu erhalten, das Geschlecht nicht aussterben zu lassen.« »Die Erbschaft lautet auf Deinen ältesten Sohn nach Zurücklegung von dessen vierundzwanzigstem Lebensjahre; die Bedingung ist in wenigen Wochen erfüllt,« erwiderte Bruno ruhig. »Oh, daß ich so – daß ich so hart gestraft werden sollte,« rief der Baron die Hände ringend, indem er in dem großen Saal rasch auf und ab schritt – »so hart gestraft!« »Wofür, Vater?« Der alte Mann war zur Glasthür getreten, lehnte seine Stirn an eine der Scheiben und starrte in den Garten hinaus; aber er beantwortete die Frage nicht. Bruno fühlte sich beängstigt: er war auf Vorwürfe und Zornesworte gefaßt und entschlossen gewesen, denen kalt und entschieden zu begegnen – so weich, so gebrochen hatte er den Vater nicht zu finden geglaubt – so hatte er ihn nie gesehen. Langsam ging er auf ihn zu, und die Hand auf seine Schulter legend, sagte er, freundlicher, als er bis jetzt gesprochen: »Und was ist es denn weiter, Vater, daß Du es Dir so arg zu Herzen nehmen solltest? Der alte Salomon ist ein braver, rechtlicher Mann und hat den Ruf in der ganzen Stadt; und was mich betrifft, ich ziehe fort von hier, auf Jahre vielleicht, und wenn ich zurückkehre, ist die Sache längst vergessen und begraben. Hier bei Euch,« fuhr er fort, als der alte Mann ihm nichts darauf erwiderte und regungslos in seiner Stellung blieb, »könnte ich ja auch nicht einmal bleiben, denn ich möchte meine Frau, und wenn sie einem der edelsten Geschlechter angehörte, nicht unter ein Dach mit Tante Aurelia bringen – Du weißt selber recht gut, daß Haß und Unfrieden im Hause die nächsten Folgen davon wären.« »Gottes Strafe – Gottes Gericht!« flüsterte der Baron. »Aber von was redest Du, Vater?« rief Bruno ordentlich erschreckt. »Wofür Gottes Strafe, wenn Du das eine Strafe nennst, daß Dein Kind endlich das Glück findet, das es so lange gesucht und – leider im Vaterhause nicht finden konnte?« »Geh,« sagte der alte Mann, indem er ihn mit der Hand langsam von sich schob, ohne ihm aber sein Auge zuzuwenden, »geh, Du bist mündig und bald Dein eigener Herr. Was kümmert Dich auch der Name unseres Hauses, auf das Du Schmach und Schande häufst? Ich will Dir nicht fluchen – ich darf es nicht; aber – verlange nie meinen Segen zu einer Verbindung mit der Judentochter – er würde Dir auch nichts nützen,« – setzte er heiser hinzu – »er würde selber nur zum Fluche werden!« Die Worte des alten Mannes waren für den Sohn räthselhaft; er begriff nicht, welche mögliche Deutung er ihnen geben konnte. Ehe er aber im Stande war, eine weitere Frage an ihn zu richten, öffnete sich die Thür, und Tante Aurelia, deren scharfer Blick, selber staunend, die Gruppe überflog, stand auf der Schwelle. »Was ist da vorgegangen?« sagte sie finster. »Was hast Du wieder mit dem Vater gehabt, Bruno? Das weiß doch der Himmel, daß Du das Haus nie betrittst, ohne einen Verdruß zu bereiten!« »In der That, Tante?« sagte Bruno, der ihr gegenüber ganz wieder den alten Groll erwachen fühlte und sich auch wenig deshalb sorgte, die ihm verhaßte Verwandte zu schonen. »In der That,« lautete ihre Antwort, »ich erwarte es gar nicht anders.« »Dann möchten heute Ihre Erwartungen vielleicht noch übertroffen werden – guten Morgen, Tante!« Staunend sah sie ihm nach; aber Bruno kümmerte sich nicht weiter um sie. Ohne selbst noch einmal zu dem Zimmer des Bruders hinauf zu gehen, schritt er nach dem Stall hinüber, sattelte sich selber sein Pferd und ritt dann in die Stadt zurück. 14. Am Krankenbett. Ungleich der stürmischen oder doch bewegten Unterhaltung im untern Theil des Schlosses verhandelten die Personen im obern, in Benno's Krankenstube, und Benno selber saß mit hochgerötheten Wangen in seinem Bett und lauschte der Erklärung Baumann's, der vor ihm auf einem kleinen Tische die mitgebrachte Maschine stehen hatte und jetzt ihre Wirksamkeit beschrieb. »Aber woher haben Sie das wunderliche Ding, Baumann?« sagte der Knabe mit blitzenden Augen, denn sein ganzes Interesse war geweckt worden. »Doch nicht selber verfertigt? Das sieht ja gerade so aus, als ob es schon über hundert Jahre alt wäre.« »Das ist es auch vielleicht, lieber Baron,« erwiderte der junge Mechanikus, »und eine nicht ganz werthlose Antiquität, die dem alten reichen Solomon gehört.« »Aber was, um Gottes willen, stellt es vor? Was bezweckt es? All' die vielen Räder, die schwere Kugel dann und die Hebel!« »Es sollte ein altes Problem lösen,« lächelte Baumann, »das perpetuum mobile.« »Um vielleicht durch ein perpetuum immobile zu beweisen, daß es auch das Gegentheil geben müsse,« lachte Benno, der seine Krankheit ganz vergessen hatte. »Wie komisch das ist! Es rührt und regt sich ja gar nicht.« »Weil es noch nicht in Gang gebracht ist,« erwiderte Baumann; »wenn das aber geschieht – und wir wollen das gleich einmal thun –, so kann ich Ihnen versichern, daß es ununterbrochen fortläuft und kein Aufhören mehr zu berechnen ist, die Zeit natürlich ausgenommen, wo sich das Material selber abnutzt und die Räder ausgeleiert werden – ein Nachtheil, der allen Menschenwerken anhängt, ob er sie nun später oder früher ereilt.« »Und wie kommen Sie dazu, Baumann?« »Es war die erste Arbeit, die mir, seit ich mich selbständig etablirt habe, anvertraut wurde,« sagte der junge Mechanikus, »und ich glaube, ich habe meine Aufgabe ehrenvoll gelöst, denn der alte Salomon versicherte mir, er hätte das kleine Werk schon in alle größeren Städte Deutschlands, zu den berühmtesten Arbeitern gesandt, ohne es je reparirt zu bekommen. Die Antwort von Allen habe gelautet, sie wollten lieber etwas Aehnliches neu herstellen, als den Fehler finden, der hier die Räder verhinderte, fortzuarbeiten. Und doch lag das Ganze nur an einer Kleinigkeit, an einem falsch eingesetzten Rädchen, das vielleicht einmal eine ungeschickte Hand beim Reinmachen herausgenommen und, da es Aehnlichkeit mit einem andern hatte, nicht wieder an die rechte Stelle brachte. Das aber störte natürlich die Arbeit des ganzen Werkes, weil seine Zähne etwas weiter auseinander stehen.« »Und Sie fanden den Fehler?« »Ja, und Sie sollen sich jetzt selbst überzeugen, wie günstig und glatt es geht. Drei Tage und drei Nächte habe ich es schon bei mir im Zimmer in Gang gehabt; es arbeitet vortrefflich, und ein Ablaufen des Räderwerkes ist, so lange die Räder selber in Ordnung bleiben, gar nicht denkbar.« Er hatte dabei die Messingkugel auf einen bestimmten Punkt gelegt und ließ sie dort auf einen Hebel fallen; dadurch kam das ganze Räderwerk in Gang, und die Kugel selber wurde langsam, aber in genau abgemessener Weise nach und nach und von Zahn zu Zahn wieder hinauf an ihre alte Stelle gebracht, um ihren Kreislauf dort von Neuem zu beginnen. Jedesmal aber, wenn sie den Punkt erreichte und dann wie vorher ab und auf den Hebel traf, brachte sie das Ganze von Frischem in Gang. Kathinka, die sich noch im Zimmer befand, hatte der kleinen Maschine, an der sich Benno nicht satt sehen konnte, mit vielem Interesse zugeschaut, aber doch dabei manchmal aus dem Fenster gehorcht, denn es war ihr fast, als ob sie unten die scharfe, keifende Stimme des Fräuleins von Wendelsheim hörte. Was war da wieder vorgefallen – und sicher trug wieder der Baron Bruno daran die Schuld, der eben dort zum Thore hinaussprengte, oder hatte wenigstens die Ursache gegeben. Sollte sie selber jetzt hinuntergehen? Es war wohl besser, sie wartete noch eine kurze Zeit, bis der Sturm ein wenig ausgetobt; sie mochte der »Tante« nicht muthwillig in den Weg laufen. Eine Viertelstunde verging noch so, und Benno konnte nicht müde werden, das kleine Kunstwerk zu beobachten, das, freilich immer nur eine Spielerei, doch dem Verfertiger alle Ehre machte, als plötzlich die Thür rasch geöffnet wurde und Tante Aurelia einen Blick in's Zimmer warf. »So,« rief sie dabei, »und Du sitzest noch hier, die Hände im Schooß, und weißt gar nicht, daß unten Alles auf dem Kopfe steht? Und Benno soll seinen Thee wohl ebenfalls kalt trinken. Mamsell, heh? Haben wir Dich deshalb in's Haus genommen und die langen Jahre gefüttert, um nur eine Hofdame aus Dir zu machen, die sich Morgens in Staat wirft und dann den ganzen Tag spazieren geht?« »Ich wußte nicht, daß es schon so spät war,« sagte Kathinka schüchtern und glitt an der Zornigen vorbei aus der Thür, während die Tante ihr nachzankte: »Und wozu hast Du Deine Augen, als Dich selber darum zu bekümmern und nach der Uhr zu sehen; Du nachlässiges Ding Du! Den jungen Leuten nachlaufen, ja, das kann sie, aber zu sonst ist sie auf der Gotteswelt nichts nutz, und ich erlebe doch hoffentlich auch noch die Zeit, wo wir die Bürde hier vom Halse los werden!« Kathinka hatte wahrscheinlich nicht die Hälfte der harten Worte mehr gehört, denn sie war in Schreck und Scham die Treppe hinabgesprungen. Benno aber, als die Tante die Thür wieder schloß, jedenfalls um ihr nachzugehen und ihre Strafpredigt fortzusetzen, seufzte recht tief auf und sagte traurig: »Das arme, arme Mädchen! Sie ist so gut und brav, arbeitet von früh bis spät und pflegt mich, wie es eine Mutter nicht besser könnte, und nie ist die Tante mit ihr zufrieden; immer und ewig zankt sie und macht ihr unser Haus zu einer Hölle. Oh, daß ich nur gesund wäre und ihr beistehen könnte! Aber wenn ich nur laut reden will, sticht es mich hier so in der Brust, und ich muß dann Stunden lang regungslos auf meinem Kissen liegen.« »Ich glaube,« sagte Baumann leise, »das gnädige Fräulein Tante zankt mit Jedermann und braucht täglich einen gesunden Skandal, um sich bei frischen Kräften zu erhalten. Es ist auch so eine Art perpetuum mobile, das ich aber, aufrichtig gesagt, lieber nicht repariren möchte, wenn es einmal aufhören sollte zu arbeiten.« »Sie haben Recht, Baumann,« lächelte Benno, »und ihre Zunge ist die Kugel, die stets auf's Neue das ganze Räderwerk in Bewegung setzt, denn schon nach den ersten Worten arbeitet sie sich selber in die größte Aufregung hinein. Nur mit mir zankt sie nicht, so gern sie es auch manchmal möchte, und daß Sie mich besuchen, scheint ihr auch nicht angenehm zu sein.« »Ich habe wenigstens noch nie einen freundlichen Blick oder Gruß von ihr bekommen.« »Dessen können sich überhaupt nur wenige Menschen rühmen,« seufzte Benno. »Oh, warum sich und Anderen das Leben so schwer machen! Es ist doch so schön und, ach, so kurz!« Kathinka trat herein und brachte den Thee, setzte ihn aber nur auf den Tisch und verließ augenblicklich das Zimmer wieder. Sie hatte rothgeweinte Augen und wollte die wahrscheinlich vor den jungen Leuten nicht sehen lassen. Baumann's Blick haftete mit innigem Mitleiden auf ihr; sie war so jung und so unglücklich schon, stand so ohne Schutz und Freunde da, und ertrug doch Alles mit so stiller Demuth, ohne ein einziges Wort der Widerrede! Er hatte auch wirklich einen bittern Fluch gegen die ›steinerne Tante‹ auf den Lippen, verbiß ihn aber, um Benno nicht wehe zu thun, und setzte nun langsam die Maschine außer Gang und zurück neben seinen Hut. »Sie wollen doch noch nicht fort, Baumann?« fragte Benno rasch. »Du lieber Gott, dann bin ich ja ganz allein, denn Kathinka hat die Tante weggejagt und Bruno ist ja auch wieder fortgeritten, er wäre sonst gewiß noch einmal heraufgekommen.« »Ich kann noch etwas bleiben, lieber Baron, aber ich fürchte, Sie regen sich zu sehr auf. Sie sehen jetzt schon so blaß aus.« »Weil ich mich über die Tante geärgert habe,« sagte der Knabe. »Weshalb zankt sie immer mit der armen Kathinka – ich bin ja auch gar nicht krank mehr, nur noch schwach, wie mir der Doctor selber gesagt hat, und nur ausruhen soll ich mich, recht ordentlich ausruhen, damit ich wieder zu Kräften komme – könnt' ich nur fort von hier!« »Aber wohin?« fragte Baumann. »Bruno hat mir versprochen,« fuhr der Knabe mit leuchtenden Blicken fort, »wenn er jetzt das viele Geld von seiner großen Erbschaft bekommt, was ja nur noch wenige Wochen dauert, dann macht er mit mir eine Reise nach Italien. Dort ist weiche, warme Luft, dort erhol' ich mich gewiß in so viel Tagen, wie hier in Monden, und dann nehmen wir Kathinka als Krankenpflegerin mit – ja, Baumann, gewiß! Ich habe es schon Alles mit meinem Bruder ausgemacht – ich brauche noch Pflege unterwegs, wenigstens in der ersten Zeit – aber die Tante,« setzte er lächelnd hinzu, »die lassen wir hier in dem alten, öden Schlosse, wo es mir immer ist, als ob die Mauern über mir zusammenbrechen müßten, und dann kann sie nicht mehr mit Kathinka zanken, und sie wird wieder heiter und glücklich werden und wieder lachen – ach, Baumann, Sie sollten sie einmal lachen hören, wie herzlich, wie lieb das klingt! – Aber,« setzte er leise hinzu, »es ist schon lange her, daß ich es nicht mehr gehört habe, und es thut mir doch so wohl.« Er lag viele Minuten still und regungslos, und Baumann, das Herz von innigem Mitleiden mit dem Armen erfüllt, wagte selber nicht das Schweigen zu brechen. Welchen Trost hätte er ihm auch geben können? Endlich sagte Benno wieder: »Wo nur der Vater heute sein mag, daß er nicht ein einziges Mal zu mir heraufkommt, und er weiß doch, wie ich mich immer freue, ihn hier zu sehen – aber freilich,« setzte er seufzend hinzu, »bei mir hier oben ist es so langweilig, und er hat so wenig Geduld – da ist die Kathinka besser, und wenn sie dürfte, säße sie halbe Tage lang an meinem Bett und erzählte mir ihre wunderhübschen Geschichten. Ach, sie kann so schön erzählen, Baumann, und wenn sie es thut, seh' ich all' die Personen, die sie beschreibt, all' die Feen und Elfen mit ihren lieben Gestalten um mein Bett stehen, und es wird mir dann so wohl, oh, so wohl ...« Er sank zurück, Todtenblässe deckte seine Züge, er war ohnmächtig geworden, und Baumann zog jetzt die Klingel, um Hülfe herbei zu rufen, aber nur die Magd erschien. Das gnädige Fräulein Tante war unten in den Ställen und zankte sich gerade mit einer der Viehmägde, Fräulein Kathinka war aber in den Garten geschickt, um dort die Blumen zu begießen. Benno erholte sich jedoch, wie ihm nur Baumann ein nasses Tuch um die Stirn legte, rasch von selber wieder; aber er war jetzt so schwach geworden, daß er nach Ruhe verlangte. »Ich will schlafen,« sagte er leise, indem er dem Freund die Hand reichte – »heute bin ich recht elend, aber wenn Sie wieder herauskommen, finden Sie mich von allen Schmerzen frei – dann beginnt eine glückliche Zeit. Leben Sie wohl, mein guter Baumann!« Er drehte sich ab und legte sich auf die Seite. Baumann sah nur noch die eingefallenen Wangen, die hohlen Schläfe und geschlossenen Augen. Es war ihm, als ob er einen Todten verließ, als er, seine Maschine im Arm, die Thür des Zimmers hinter sich zudrückte. Er stieg langsam die Treppe hinunter und betrat durch eine Seitenthür den Garten – es wurde unten im Park an dem einen Theile der Mauer gebaut, und er wußte, daß er dort hinaus ein bedeutendes Stück seines Weges abschneiden konnte –, aber er mußte an dem Gartensaal vorüber, und als er die Thür desselben passirte, bemerkte er den alten Freiherrn, der dort, die Stirn noch immer an die Glasscheibe gelegt, stand und anscheinend hinaus in den Garten sah. Im ersten Moment wollte er ihn auch anreden und ihm sagen, daß Benno wieder eine Ohnmacht gehabt. Der Kranke schlief aber jetzt gerade; wenn der Baron hinaufging, störte er ihn nur wieder. Das vorher gerufene Mädchen würde es schon der Tante sagen; er selber beschloß, nichts davon zu erwähnen. Nur als er vorüberging, zog er seinen Hut ab und grüßte den alten Herrn, dessen stieres Auge auf ihm haftete – aber ob er ihn trotzdem nicht sah? Er dankte wenigstens nicht, noch gab er irgend ein Zeichen der Erkennung. Still und regungslos stand er an der Glasthür und starrte, wie in das Leere, in die grünen Büsche und Sträucher hinein. Dem jungen Mann wurde es auch ganz unheimlich, als er ihn da so stehen sah. Was um Gotteswillen war vorgegangen, das den alten, sonst so strengen und kalten Herrn dermaßen erschüttern und von seiner nächsten Umgebung ablenken konnte? »Soll mich der Himmel vor Macht und Reichthum bewahren,« flüsterte Baumann leise vor sich hin, als er durch die laubigen Gänge des Parkes schritt, »wenn ich sie solcher Art mit meinem Seelenfrieden erkaufen müßte! Wie kummervoll der Mann aussieht! Hat er vielleicht von dem neuen Anfall des jüngsten Kindes gehört und sorgt sich darüber? – armer Vater! – Oder es ist etwas Anderes, das ihn drückt? Wenn so, dann müßte er es auch allein tragen, denn er hat keinen Freund, dem er sich anvertrauen könnte oder wollte.« Er war wohl ein ›vornehmer Herr‹, aber er stand allein, trostlos allein in der weiten Welt, und Niemand half ihm seine Lasten tragen, und doch war der Glanz und Prunk, der ihn umgab, und das Meiste von alledem, nur noch gemacht, wie Baumann recht gut wußte. Ein übertünchtes Elend, um Rang und Stand mit den letzten, fast erschöpften Kräften aufrecht zu erhalten, und das Alles ohne die Spur von häuslichem Glück und Frieden, und nichts in dem großen, öden Schlosse, als Stolz, Haß und Unfriede, und dazwischen den lauernden Tod am Krankenbett des Sohnes! Baumann war, in seine trüben Gedanken vertieft, rasch durch den Park jener Stelle zugeschritten, an welcher, wie er wußte, die Mauer niedergeworfen worden und eben neu aufgebaut werden sollte. Er hatte auf seine Umgebung wenig oder gar nicht geachtet, als er plötzlich ein lichtes Kleid durch die Büsche schimmern sah und gleich darauf Kathinka erkannte. Sie kam gerade, eine große, aber jetzt leere Gießkanne in der Hand, von den ihr anvertrauten Beeten her und wollte nach dem Schloß zurück. Als sie Baumann bemerkte, war es fast, als ob ihr Fuß einen Moment zögerte; sie wäre ihm in der That am liebsten ausgewichen, denn ihre Augen zeigten noch Spuren von vergossenen Thränen, und sie scheute sich, die den Fremden sehen zu lassen; aber es ging nicht mehr, er war schon zu nahe herangekommen, und Baumann selber ging auf sie zu, um ihr den Unfall mitzutheilen, der Benno während ihrer Abwesenheit betroffen. »Du lieber Gott,« rief sie erschreckt aus, »der arme junge Mensch! Oh, nicht einen Augenblick sollte er allein gelassen werden – sie wissen ja gar nicht, wie krank er ist, sie können es nicht wissen, oder sie würden anders handeln. Ich will gleich zu ihm.« »Lassen Sie ihn jetzt,« sagte Baumann freundlich; »er ist eingeschlafen, und die Ruhe wird ihm gut thun; er bedarf ihrer.« »Er wird bald von allen seinen Leiden ausruhen,« sagte Kathinka traurig – »bald und für immer.« »Halten Sie seinen Zustand wirklich für so gefährlich?« »Ich fürchte, ja. Er hat die letzten Tage an Kräften in erschreckender Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz bekommen.« »Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und so jung schon sterben – sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein besseres Dasein für ihn beginnen könnte! Glauben Sie nicht?« fuhr er fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schüttelte. »Bruno würde gewiß freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.« »Ja,« sagte Kathinka, »Bruno schon, aber die Tante ist der böse Geist im Hause, der kein Glück und keinen Frieden aufkommen läßt, und ich selber halte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen bliebe. Aber er hat sich so an mich gewöhnt, daß er ganz unglücklich sein würde, wenn ich ginge – sonst lieber trocken Brod unter Fremden essen,« setzte sie leise hinzu. »Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Fräulein,« sagte Baumann mitleidsvoll, »und ich begreife da wirklich die Tante nicht, denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch kränkt sie ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, daß ihn das Zanken wieder krank gemacht.« »Ich muß zum Hause zurück,« erwiderte Kathinka ausweichend. »Benno könnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann!« Und mit leichten Schritten eilte sie den Gang hinab dem Schlosse zu. Fritz Baumann verließ den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte den kranken Knaben wirklich lieb gewonnen, und wie lange konnte es noch dauern, bis er in der kühlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr in den Schatten dieser Bäume zurück, dann war auch ihm der Weg hierher abgeschnitten, denn er fühlte recht gut, daß ihn der Baron wie die Tante hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber würde sie auch nie aufgesucht haben. Er stand noch und sah zu dem Schloß nachdenkend zurück, das gerade hier, bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde, als er plötzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes und scharfe Peitschenschläge auf dessen Rücken hörte. Es war der Revierförster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem Grunde jämmerlich abprügelte. »Du großer Gott,« sagte Baumann fast unwillkürlich vor sich hin, »ist das ein trostloser Platz hier – nicht einmal ein Hund kann sich da wohl fühlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten brauche!« Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die Parkbrücke und gleich dahinter die freie Straße, wo er ordentlich aufathmete, als ob er einem Gefängniß entwichen sei. 15. Zwei Glückliche. Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten, aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl das väterliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen, peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschnitt unseres Lebens zu einem bestimmten und festen Entschlüsse gekommen sind. Liebe – wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie! Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese abschüttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewußtsein, daß er dem Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei – aber nur Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglück, seine ganze Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine Härte und Gleichgültigkeit schon des Rechtes verlustig gegangen war. Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur darauf gefaßt gewesen, nach seiner Erklärung einem Sturm von Vorwürfen und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabhängig seinem Vater entgegen zu treten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum, zu verletzen. Daß er gänzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wüthend, nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, läßt sich denken; er würde es nie im Leben für möglich gehalten haben, und so überrascht, so erschüttert selbst fühlte er sich davon, daß er sogar für einen Moment schwankend in seinem Entschluß wurde, um von dem alten Mann den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, höhnischen Blick in's Zimmer trat und mit ihrem Anblick Alles, Alles zurückrief, was er in seinem Leben hier erduldet. Jetzt war es geschehen, der Würfel gefallen and ihm blieb nichts weiter übrig, als nach seinem Gefühl zu handeln. Damit trabte er auf seinem Weg dahin und noch nie war ihm der Himmel so blau, die Erde so frisch und maiengrün, die Luft so mild, der Vögel Sang so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfüllen durfte, die ihn lange gedrückt. Daß ihn Rebekka liebte – wie konnte es ihm Geheimniß bleiben, da des Mädchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt nur immer in das Haus, in das trauliche Stübchen des alten Salomon zog, so verließ er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwürfen gegen sich selbst, daß er eine Leidenschaft nähre und unterhalte, der er, wie er damals dachte, nie gerecht werden dürfte. Und doch war er nicht im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn ausübte, und der alte Salomon schüttelte wohl oft, von ihm ungesehen, den Kopf, wenn er mit dem Mädchen am Instrument saß und die Tochter dann, glücklich in der Nähe des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre Lieder sang. Und was sollte aus der Liebe werden, die er im Herzen der Tochter sich entwickeln sah? Er fürchtete das Hoffnungslose einer solchen Leidenschaft, aber wagte, aus Liebe zu dem einzigen Kinde, nicht einmal einen Einspruch zu thun, ja, ihr nicht einmal die Gefahr zu nennen, in der sie schwebe, aus Furcht nur, die Gefahr gerade dadurch erst herauf zu beschwören. Er mochte den jungen Officier wohl leiden: er war anders, als die Uebrigen seines Standes und hatte sich seit der Zeit, wo er zufällig einmal Rebekka im Laden ihres Vaters gesehen und kennen gelernt, stets so achtungsvoll und dabei so einfach und herzlich betragen, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, ihn abzuweisen – und doch wäre es vielleicht besser, viel besser gewesen. Damals nun, als er zu ihm um das Anlehen kam und er es ihm verweigerte, glaubte er den Zeitpunkt gekommen, wo er ein Verhältniß abbrechen konnte, das anfing ihm Sorge zu machen. War einmal das Capitel »Geld« zwischen ihm und Rebekka besprochen und verhandelt worden, dann wußte er recht gut, daß der Zauber schwinden mußte, der bis jetzt auf der seltenen Erscheinung des Geliebten gelegen – aber er hatte sich geirrt. Bruno fühlte das selber; er wagte das Wort nicht auszusprechen, und wenn er auch fast verzweifelnd das Haus verlassen mußte, das einzige Wesen auf der weiten Welt, das ihn wirklich liebte, sollte nie einen Schatten auf seiner Ehre sehen. Damit war der ganze Plan des alten Salomon in Trümmer gegangen und das gerade beschleunigt, was er vermieden haben wollte – eine Erklärung der Beiden, ein Erkennen und Selbstbewußtwerden des Gefühls, das nun natürlich nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Was nun kam – er mußte der Sache ihren Lauf lassen, sah aber die Zukunft, trotzdem daß seine Frau und Rebekka darin schwelgten, in einem trüben, traurigen Licht – und er war ein Mann, der viel, viel erlebt hatte und sich nicht so leicht in etwas täuschen ließ. – Aber wo blieb indessen der Baron? Seit jenem Tage, an welchem er den Wechsel erhalten, waren acht, waren vierzehn Tage verflossen, ohne daß er sich im Hause Salomon's wieder hätte sehen lassen. Rebekka erwartete seine Rückkunft mit heißem Sehnen, der Vater zählte ebenfalls die Tage, aber aus einem andern Grunde; denn jeder schwindende Tag bestätigte nur mehr und mehr seine Ueberzeugung, daß Baron von Wendelsheim doch endlich selber eingesehen habe – leider, leider nur zu spät für sein armes Kind –, der reiche Baron passe nicht in die Familie des Juden. Bruno von Wendelsheim ritt indessen fröhlich seine Bahn entlang. Er war mit sich im Reinen, und wenn er auch Wochen lang gekämpft und das Für und Wider erwogen hatte, jetzt kannte er nur ein einziges Ziel: das Haus der Geliebten, und dem eilte er entgegen, so rasch ihn sein altes Pferd nur tragen konnte. An seiner Wohnung hielt er an, um vorher sein Thier einzustellen und dann den Weg zu der Judengasse zu Fuß zurückzulegen; der alte Salomon hatte ja keine Stallung und ein Officierspferd dort wäre nur aufgefallen. Dann reinigte er sich erst von dem Staub der Straße, überraschte auch seinen Burschen etwas durch den Vorwurf, daß er die Knöpfe der neuen Uniform lange nicht blank genug geputzt und den Rock selber nicht sauber ausgebürstet habe – denn sonst achtete er nie so viel auf sein Aeußeres, um deshalb je mit ihm zu zanken. »Haben Sie Ihre Mappe schon nachgesehen? Es sind auch heute Morgen wieder ein paar Briefe gekommen, Herr Lieutenant,« sagte der Bursche, als Wendelsheim gerade das Zimmer verlassen wollte. Bruno trat noch einmal zum Tisch zurück und öffnete die Mappe; es waren drei Briefe – zwei Rechnungen – er konnte das liniirte Formular schon durch das Couvert unterscheiden und kannte derartige Zuschriften nur zu gut; der dritte – kopfschüttelnd und rasch brach er ihn auf – wahrhaftig, er enthielt wieder den geheimnißvollen Fünfthalerschein, ohne weitere Andeutung, woher er kam und auch das nämliche Siegel wieder, mit einem Fünfgroschenstück zugedrückt. Auch die Handschrift der Adresse war die nämliche wie früher. Wer, um Gottes willen, konnte nur der Geber dieser sich regelmäßig folgenden Geschenke sein, und durfte er sie länger annehmen, ohne sich vielleicht für spätere Zeiten eine lästige Verbindlichkeit aufzuladen? Aber es schien jetzt eben so unmöglich, sie zurück zu senden, als früher – denn wohin? Der Brief war hier in der Stadt jedenfalls, ohne Angabe des Inhalts oder Namens des Absenders, in einen Briefkasten geworfen und von der Post befördert worden. Oft und oft hatte er auch schon daran gedacht, sich durch die Zeitung gegen derartige Zusendungen, die ihm jedesmal ein unangenehmes Gefühl hervorriefen, zu verwahren, sich aber immer gescheut, das öffentlich zu thun. Brauchte er denn aber seinen Namen zu nennen? So viel Leute gab es sicherlich nicht in der Stadt, die anonym fünf Thaler verschickten. Wenn er nur den Anfangsbuchstaben seines Namens darunter setzte, genügte das. Nicht einmal die Zeitungsexpedition brauchte zu wissen, wer die Annonce einrückte – sein Bursche sollte sie hintragen und nur abgeben – das Geld für die Insertionsgebühren konnte er hineinwickeln – das war das Beste – weshalb hatte er es nicht schon lange gethan? Ohne sich auch weiter zu besinnen, setzte er sich an seinen Tisch und schrieb auf einen Zettel: »Der Unterzeichnete verbittet sich jede weitere Zusendung von Fünfthalerscheinen; das überschickte Geld ist wieder bei ihm abzuholen. Wo? wird der Absender wohl wissen. W.« »So,« sagte er, als er den ungefähren Betrag für den Abdruck hineinwickelte, »das hier trägst Du gleich auf die Expedition des Tageblatts und giebst es nur ab – verstanden?« »Sehr wohl, Herr Lieutenant.« »Und wenn Dich Jemand dort fragt, von wem die Anonce kommt, so kennst Du keinen Namen – Du weißt es nicht.« »Sehr wohl, Herr Lieutenant.« »Und wenn ich um acht Uhr noch nicht da sein sollte, brauchst Du nicht länger auf mich zu warten.« »Sehr wohl, Herr Lieutenant.« Lieutenant von Wendelsheim verließ seine Wohnung und schritt, alle anderen Gedanken von sich abschüttelnd, als nur die lieben, glücklichen an sein schönes Ziel, die Straße hinab. Am Seitenwege, von seinem Hause gar nicht weit entfernt, grüßte ihn wieder eine ältliche Frau, und er sah sie, gedankenlos den Gruß erwidernd, von der Seite an. Er kannte sie auch, hatte sie wenigstens oft auf der Straße gesehen; sie mußte jedenfalls hier in der Nähe wohnen – was kümmerte ihn die Frau! Die Frau blieb aber noch lange, als er schon die Straße hinab und um die Ecke verschwunden war, stehen und sah ihm nach, und ein Paar große, helle Thränen glänzten dabei in ihren Augen. Doch sagte sie nicht ein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, und nur still und schweigend wandte sie sich ab, drückte die zusammengefalteten Hände auf die Brust und verfolgte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung, als die war, welche der Lieutenant eingeschlagen hatte. Lieutenant von Wendelsheim beschleunigte indessen seine Schritte, um aus dem Menschengewühl der Hauptstraße zu kommen, und erst als er in die nur zu gut gekannte Seitengasse einbog, ging er langsamer, denn übergroße Eile wäre hier zu sehr aufgefallen. – Jetzt betrat er endlich das Judenviertel wieder, mit seinem ekelhaften Schmutz und fatalen süß-säuerlichen Geruch, der ihn jedesmal zwang, das Taschentuch an die Nase zu nehmen, und mußte hier wirklich Acht geben, um nicht an die überall umher spielenden, schauerlich schmutzigen Kinder anzustreifen, die allerdings nicht solche Rücksicht auf ihre Kleider nahmen. Scheue Blicke voll Ekel und Abscheu warf er nach rechts und links in die düsteren Spelunken hinein, die von Unrath strotzten und ihre faulen Dünste aushauchten. – Und diesem Volk entstammte Rebekka! – wie ein eisiges Gefühl zuckte es ihm durch's Herz – aber kaum eine Secunde lang. Das hier war nur der Abschaum der Masse, der Auswurf des ganzen zurückgesetzten und durch Jahrhunderte hindurch mißhandelten und unterdrückten Stammes, und welche edle Blüthen er treiben konnte, oh, sein Mädchen, seine Rebekka war ihm ja der schönste, der herrlichste Beweis! Ohne weiter nach links oder rechts zu sehen, eilte er seine Bahn vorwärts die Straße entlang und athmete erst wieder auf, als er die Erweiterung und damit den besseren Theil derselben erreichte. Von da ab hatte er auch nicht mehr weit zu dem Haus des alten Salomon, und wenige Minuten später stand er auf der Schwelle. Als er die Thür öffnete, sah er den alten Mann, der in seinem Laden, den Kopf in die Hand gestützt, vor einem dicken Buche saß und darin las. Als er das Oeffnen der Thür hörte, hob er den Kopf, fuhr aber im nächsten Augenblick schon erschreckt von seinem Sitz empor. Er hatte den Lieutenant erkannt, und so unerwartet mußte er ihm gekommen sein, daß er es ordentlich in den Gliedern fühlte und sich wieder hinsetzen mußte – er hatte für den Augenblick die Kraft verloren, aufrecht zu stehen. »Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um mein Versprechen einzulösen?« rief Bruno und ging, ihm die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu. Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: »Der Herr Baron hat nur versprochen, wieder zu kommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel einzulösen; ich weiß von nichts Anderem.« »Von nichts Anderem, Salomon? – und Rebekka?« Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder; er sah heute bleich und eingefallen aus – oder machte das nur das halbe Dämmerlicht des düstern, gewölbeartigen Ladens? Endlich stand er langsam auf. »Setzen Sie sich, Herr Baron,« sagte er ernst, aber nicht unfreundlich, »ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu Sohn – ich bin alt genug dazu, Gott weiß es, und Sie wissen, daß ich es immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernünftigen Rath gegeben die letzten Jahre – wollte der Herr, daß er gefallen wäre auf guten Boden!« »Aber, bester alter Freund ...!« »Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, daß wir allein sind,« unterbrach ihn der alte Mann; »wir können auch keine Störung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schließen, Herr Baron – wie haißt Geschäft, wir Beide haben auch ein Geschäft miteinander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch oder einen Pfeifenkopf verkaufe.« Salomon ließ keine Einrede gelten, zündete die Lampe an, ging vor die Thür, schloß selber die eisenbeschlagenen Läden, verriegelte die ebenso verwahrte Thür oben und unten, drehte den Schlüssel um und kam dann langsam zu dem jungen Officier zurück, der ihn nach all' diesen feierlichen und mit der größten Ruhe ausgeführten Vorbereitungen doch nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenüber, setzte sich und begann ohne weitere Umschweife: »So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und ich, weiter Niemand – braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen – und nun will ich Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus – nicht meinen Laden, mein' ich, wo ich mache Geschäfte und verkehre mit aller Welt, nein, das eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses – auch nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind, meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die Tochter hat Sie gern gehabt – nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom Vater – und als Freund von sich. Sie haben mit ihr gemusicirt und gesungen – schöne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein böser Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu spät. Jetzt ist er aufgewacht, und er muß mit Ihnen reden, damit kein Unglück geschieht, nicht im Laden oder Geschäft, sondern im eigenen Hause.« »Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hierher gekommen!« sagte Bruno. »Sind Sie?« wiederholte der alte Mann und sah ihn scharf und forschend an. »Nun, desto besser dann, um so leichter und schneller werden wir damit zu Stande kommen. Aber lassen Sie mich ausreden – ich muß reden, denn ich habe es die ganzen langen Wochen auf der Seele gehabt und es hat mir das Herz beinahe abgedrückt – ich muß reden, meinet-, Ihret- und Rebekka's wegen.« »Und kann ich Euch nicht vielleicht vorher durch eine ganz einfache und bestimmte Erklärung beruhigen?« sagte Bruno. Der alte Mann sah ihn rasch und forschend an. »Durch welche?« fragte er. »Ich bin heute hierher gekommen, um bei Euch um die Hand Rebekka's anzuhalten.« Salomon schwieg; er war augenscheinlich im ersten Moment überrascht und wußte nicht gleich, was er erwidern sollte. Aber der kalte Verstand des alten Juden ließ sich nicht so rasch durch ein erwachendes Gefühl bewältigen; er hatte diesen Fall vorhergesehen, wenn auch vielleicht nicht in so bestimmter Weise ausgesprochen, und mit ruhigen, fast klanglosen Worten entgegnete er endlich: »Da haben wir's – gerade wie ich vermuthet habe: heißes Blut und kleiner Verstand wirft den Wagen in den Sand. So hören Sie, Herr Baron, was ein alter Mann zu Ihnen sagt: die Erklärung macht Ihrem Herzen Ehre, und sie thut mir gut, weil sie mir beweist, daß ich mich nicht ganz in Ihnen geirrt. Sie glauben, Sie haben Ihr Wort gegeben, und Sie wollen es halten. Als Cavalier wollen Sie es halten und als gewöhnlicher Mensch – aber es geht nicht. Sie werden wohnen auf dem Schlosse Wendelsheim – wir werden wohnen in der Judengasse, und damit hab' ich gesagt Alles, was zu sagen ist. Sie werden haben wollen die Rebekka zur Frau, aber Ihr Herr Vater ist ein vornehmer, ist ein strenger Herr – er wird lachen, wenn Sie es ihm erzählen zum ersten Mal – er wird weinen, wenn Sie es ihm erzählen zum zweiten Mal, und er wird Ihnen seinen Fluch geben, wenn Sie es erzählen zum dritten Mal. Aber die Tochter des alten Salomon soll einziehen in ihre neue Heimath nicht mit des Vaters Fluch, nein mit des Vaters Segen. Noch ist es Zeit, noch ist die Wunde nicht so tief geschlagen, daß nicht Jahre im Stande wären, sie zu heilen, und deshalb habe ich heute mit Ihnen gesprochen. Sie sind jetzt – lassen Sie mich ausreden, Herr Baron, ich bitte Sie – Sie sind jetzt nichts als ein armer Lieutenant, der Schulden gemacht hat und glaubt, er wäre dem alten Salomon eine Verbindlichkeit schuldig, weil er sie für ihn bezahlt. Es spricht das für Ihr gutes Herz, aber nicht für Ihren Verstand. Sie werden sein in kurzer Zeit ein reicher Mann selber, ein Baron von altem Adel und Stammbaum – aber wenn Sie wirklich heiratheten des alten Juden Tochter, würden Sie sich fühlen geschlagen und unglücklich Ihr ganzes Leben lang. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind zu mir und um die Hand meiner Rebekka angehalten haben – wenn sie es auch nie erfahren wird – ich bin stolz darauf, aber damit lassen Sie die Sache zu Ende sein. Ich liebe Sie, Herr Baron, ich glaube, Sie sind ein guter Mensch – aber ich liebe mein Kind mehr und, Gott der Gerechte, wer kann's mir übel deuten? Sie würde sich unglücklich fühlen und elend sein, wenn sie in das alte Schloß einzöge und der alte Baron sagte: »Ich will nichts von ihr wissen – es ist des Juden Tochter!« Und Sie würden sich unglücklich fühlen, denn Sie sind der Sohn vom Vater, vom alten Herrn Baron; und die Diener und Mägde im Schlosse würden die Achseln zucken und die Pferdejungen im Stalle von der Mißheirath sprechen, und der alte Salomon würde sich am unglücklichsten von Allen fühlen, denn er hält sein Kind lieb und werth, und wenn er einen Stolz hat auf der Welt, so ist es Rebekka – und sein ehrlicher, unbescholtener Name.« »Und darf auch ich jetzt reden, Salomon?« »Reden Sie,« sagte der alte Mann resignirt; »ich habe gesprochen, und es ist nicht mehr als recht, daß ich auch die Entgegnung höre.« »Ihr wißt, Salomon,« erwiderte Bruno, ohne sich aus eine Widerlegung des eben Gesagten einzulassen, ja, ohne sie nur zu versuchen, »wie ich in meines Vaters Hause erzogen, wie von dem Vater selber, wie von der Tante besonders behandelt bin; ich habe Euch das schon manchmal, wenn wir hier unten plaudernd saßen, erzählt – erzählt, weil Ihr der Einzige waret, zu dem ich Vertrauen fassen konnte.« »Ich weiß es, ich weiß es,« nickte der alte Mann – »ich weiß es auch von anderen Leuten, denn es konnte kein Geheimniß bleiben und ist viel gesprochen darüber in der Stadt. Das Fräulein Tante – die gnädige muß sein eine liebe Frau – Gott der Gerechte soll mich behüten – aber das ändert an der Sache nichts.« »Doch Solomon, doch,« rief Bruno; »mein Vater hat nie etwas gethan, um sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen – ich bin aufgezogen in meines Vaters Hause nicht wie der älteste Sohn vom Hause, nein, wie ein lästiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann. Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit gekommen, wo ich selbstständig in das Leben trete, und beim Himmel, ich will selbstständig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer, treuer Liebe an mir hängt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund, und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen, alberner Vorurtheile und eines alten Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die Ausfertigung desselben in den nächsten Tagen erhalten. Dann bindet mich nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Geschäfte, die ich mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bewährten Freund, überlassen kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte, öde Schloß bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die düsteren Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg von hier ziehe ich, in ein fernes Land – nach Italien – aber nicht allein. Meine Gattin führe ich dorthin mit mir – meine Rebekka. Gebt mir Euer Kind, Salomon – ich will es auf Händen tragen mein ganzes Leben lang – gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir vertraut zu haben!« Der alte Mann saß schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf seinem Stuhle. Er antwortete nicht – er nickte nur still und traurig vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise: »Ich hab' es mir gedacht – ich hab' es mir gedacht – junges Blut, junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere vornehme, junge Damen sehen, die Sie hätten heirathen können und mit denen Sie auch glücklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen wären, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fühlt das dann mit und härmt und grämt sich und sorgt sich ab – und der Vater, der das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und verwünscht, daß er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.« »Gebt mir Euer Kind, Vater!« drängte Bruno. »Wollt Ihr es gewiß unglücklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, daß es später einmal unglücklich werden könnte? Rebekka liebt mich – sie hängt mit ganzer Seele an mir, und ihr Herz müßte brechen, wenn Ihr diese Liebe aus ihrer Brust reißen wolltet – gebt mir Eure Rebekka, Vater.« Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der düstere Schein der Lampe nur warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten Züge. Endlich flüsterte er leise: »Er hat Recht – ihr Herz würde brechen – es soll sein – es soll sein, der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter führen. Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer Väter – Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet – er hat's selber gewollt – hat's selber gewollt.« »Salomon ...« Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurück, daß deren Licht jetzt voll auf Bruno's Züge fiel, und sah dann lange und ernst in die bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt erst – jetzt zum ersten Mal flog ein leichter Schimmer über sein eigenes Antlitz. Bruno hielt den Blick fest aus, und während jetzt sogar ein Lächeln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes zuckte, sagte er: »Und der Baron will des Juden Tochter freien?« »Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glücklich werden und sie glücklich machen!« »Jehovah hat's gewollt – ich kann's nicht hindern,« nickte der alte Mann – »dann kommen Sie zu Rebekka und fragen das Mädchen selber. Sagt sie Ja – der alte Salomon wird nicht sagen Nein – er hat es leider nie gekonnt, wo es vielleicht besser gewesen wäre. Kommen Sie, daß wir der Sache ein Ende machen.« Und die Lampe aufgreifend, trug er sie zur Hinterthür, öffnete dort, löschte die Lampe aus, schloß die Thür wieder hinter sich, riegelte sie, hing noch ein Schloß daran und schritt dann mit dem jungen Mann der wohlbekannten Treppe zu. Und wie klopfte Bruno das Herz, als er die Stufen hinanstieg und wie langsam ging ihm der Vater – wie gern wäre er ihm vorausgeeilt! Aber Salomon, der sich das wohl denken konnte, hatte die Hand auf seinen Arm gelegt und ließ ihn nicht rascher vorwärts, als er selber ging. »Geduld,« sagte er dabei, »Geduld, junger Mann; es ist ein ernster Schritt, den Sie thun, und da ziemt keine Hast – der ernsteste Schritt, den ein Mann thun kann – Gott der Gerechte weiß es, und kein Rückschritt möglich – außer durch ein Thor des Jammers und Herzeleids für zwei verfehlte Leben. Gehen Sie ihn langsam und mit Bedacht. Und jetzt noch,« fuhr er plötzlich fort, »ist eine Umkehr möglich – noch weiß Rebekka nicht, daß wir kommen – noch läßt sich vielleicht ...« »Vater,« bat Bruno, »Gott will es, daß sich zwei Herzen, die sich auf ewig angehören sollen, finden – wollen Sie da eingreifen?« »Nein,« sagte der alte Mann feierlich, »es ist auch jetzt zu spät; sie hat uns – sie hat Ihre Stimme schon gehört – also wie er will, vorwärts denn!« Und oben öffnete sich die Thür. »Vater,« rief Rebekka's Stimme, »bist Du das?« »Ich bin es, mein Kind,« sagte der alte Mann. »Und kommst Du allein? Mit wem sprichst Du?« »Ich komme nicht allein, Rebekka, ich bringe Dir Jemanden.« Wieder wollte Bruno voraus, aber der alte Mann ließ ihn nicht; er hielt ihn fest am Arme, und oben wurde die Thür wieder zugeschlagen. Gleich darauf hatten sie die obere Etage erreicht. »Und darf ich jetzt hinein?« »Gehen Sie,« sagte der Alte, »es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick könnt' ich es noch hinauszögern, nicht länger – was liegt an dem Augenblick – 's ist ein Tropfen im Meere – gehen Sie.« Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thür geöffnet und den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie sie gewöhnlich ging, in einem blüthenweißen Kleid, die rabenschwarzen Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica durch einen jener zierlichen russischen Platina-Gürtel zusammengehalten. So stand sie da – ein Bild jungfräulicher Scham und Liebe – die Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den elastischen Körper wie scheu zurückgebeugt, als ob sie ihm entfliehen, ihn meiden wolle. »Rebekka,« rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, »Rebekka – süßes, herziges Lieb – willst Du mein sein – willst Du mir angehören für Dein ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz – willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben?« »Mein Herz?« sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in Bruno's Ohren klang. »Mein Herz – hab' ich es denn noch? Ist es nicht längst schon Dein?« Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme, an seine Brust drückte, da lehnte sie ihr Haupt wie müde an ihn und flüsterte: »Bruno – mein lieber, lieber Bruno – oh, wie danke ich Dir, daß Du gekommen bist – wie werd' ich es Dir ewig danken!« Und die Mutter saß in der Ecke, und die hellen Thränen liefen ihr über die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten Händen vor ihnen und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glückliche, so überselige Paar. Dann nahm er langsam ihre Hände, legte sie ineinander und sagte freundlich: »So geht denn zusammen den Weg durch dieses Leben! Ihr werdet ihn nicht glatt finden: Haß, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten und Euer Glück bedrohen. Laßt sie – seid Euch selbst genug und sucht in der Familie, wie unsere Vorväter es schon gethan, allein den Frieden, den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen möchte. Er, der die Bitten eines alten Mannes gehört, welcher stets, wo es seine schwachen Kräfte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat – – segne Euch!« Und jetzt kam auch die Mutter herbei und küßte die Kinder und setzte sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor lauter Freude und Seligkeit. Freude und Seligkeit glänzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen saßen und von ihrer Zukunft, von ihrem Glück sprachen. Vergessen war für Bruno, was da draußen lag – vergessen das finstere Schloß mit all' seinen trüben Erinnerungen und überstandenen Schmerzen – vergessen alles ertragene Leid nur in der Wonne dieses Augenblicks. – Und Vater und Mutter saßen dabei, hörten dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre eigene Liebe. So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das Instrument, und in jubelnden Tönen machte sich seine Seele Luft, bis Rebekka zurückkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und glücklich, überglücklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber saßen die beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefaßt und hörten zu, bis die Zeit kam, daß die Mutter das Abendbrot bestellen mußte, denn Bruno sollte heute zum ersten Mal mit ihnen essen. Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losreißen von dem Glück dieser ersten Stunden und geizte förmlich mit den Secunden und als er endlich gehen mußte, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten, als ob sie sich für's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur trennen müßten. Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof. »Und wann darf ich wiederkommen, Vater?« »Hab' ich jetzt ein Recht, darüber zu bestimmen?« sagte der alte Mann. »Lieber Himmel, was für eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und die Rebekka – werden Sie kommen morgen früh um neun Uhr, wird es ihr sein nicht zu früh. Gute Nacht, Herr Baron – gute Nacht!« Bruno trat hinaus auf die Straße und von dem Licht noch geblendet, das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die Dunkelheit gewöhnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster fortgleiten sah und diese hielte, als ob unschlüssig, wohin sie sich wenden solle, an der andern Seite der Straße. Der junge Mann wäre auch gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es zu früh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher nächsten Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter nach der Persönlichkeit umzusehen, die Straße hinab, bis er den ersten Nachtwächter traf und schickte diesen dann zurück mit der Weisung, auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verdächtiger Bursche herumtreibe. Der Nachtwächter folgte auch der Weisung und suchte den ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er hatte sich nicht länger dort aufgehalten und war verschwunden. 16. Frau Heßberger. Oben in der dritten Etage eines der Häuser in der Bergstraße von Alburg saß der Schuhmacher Heßberger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen bei der Arbeit und war emsig beschäftigt, ein Paar sehr elegante Damenschuhe, die einen außerordentlich kleinen Fuß verriethen, frisch zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerückt, denn schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner verrieth ein nahes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er fleißig fort und schien sich um das Wetter draußen wenig zu kümmern, bis plötzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, daß der kleine Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er aber plötzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, daß sich die Lehrjungen untereinander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz heimlich, denn es wäre ihnen bös ergangen, wenn es der Meister gemerkt oder nur Verdacht geschöpft hätte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle (denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied beschäftigt, schrie mehr, als er sang, während der Regen an die Fenster peitschte: »Oh Mensch, gedenk' an's Ende, Willst Du nicht Uebles thun – Der Tod bringt oft behende Das allerletzte Nun. Am Lebens-Augenblicke hängt ewig Wohl und Weh', Drum denke wohl zurücke, Wohin Dein Ende geh'!« Und wieder ein Blitz – wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander bersten wollte und die Fensterscheiben zitterten und klapperten ordentlich dazu. Der Schuhmacher ließ sich aber nicht stören und ohne eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden zweiten Vers ein: »Oh Mensch, gedenk' an's Ende –« als es heftig an die Thür pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters Befehl abzuwarten, laut »Herein« schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde dieselbe auch geöffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut etwas zerdrückt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht geröthet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher. Der Schuhmacher schien keine besondere Lust zu haben, sich in seiner Andacht stören zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf nach der Thür umzudrehen, unverdrossen fort: »Wer weiß, ob nicht noch heut' Der Tod Dich treffen könnte, Drum mache Dich bereit –« Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie dazwischen: »Na, bei mir könnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister Heßberger! Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, daß ich in dem Hundewetter den Weg umsonst gemacht hätte!« Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: »Ach, Madame Müller – ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Persönlichkeit wieder einmal nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.« »Reden Sie keinen Unsinn,« erwiderte Madame Müller, gar nicht, wie es schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. »Was Ihnen angenehm ist oder nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob Ihre Frau zu Hause ist.« »Bitte, Madame Müller,« sagte Heßberger, »ich rede nur ganz höflich, und eine Höflichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber – oh Du Herr Jesus, der Donner! – nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau ganz besonders darüber scharmiren, paßt ihr gerade – sie ist drinne – bitte, treten Sie näher, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan nicht!« Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine Antwort zu geben, über Leisten, Handwerksgeräth und andere derartige Dinge hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wußte, das Wohn- und Schlafzimmer der Heßberger'schen Gatten von der Werkstätte abschloß. Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal den gewöhnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer, als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich darauf, aber doch etwas später als bisher, grollender, dumpfer Donner hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen und nur der Regen goß noch in Strömen nieder. Mit dem Donnerschlag – selber ein kleines Gewitter in sich – stand aber Madame Müller auf der Schwelle und der barsche Gruß schon, den sie der Herrin vom Hause entgegenrief: »Guten Tag, Frau Heßberger, ich habe 'was mit Ihnen zu reden!« deutete nicht auf viel Gutes. Heßberger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie seit Jahren nicht verkehrt, hierher im Zorne geführt haben könne, fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz sattelfest und da er wußte, daß seine Frau bei irgend einer passenden Gelegenheit sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er sich bei Zeiten, wenigstens einen lästigen Zeugen zu entfernen – kein Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde. »Backhof,« brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt, »Sie können Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.« »Aber ich möchte so gern noch den Schuh fertig machen,« sagte der Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter und er wünschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit anzuhören, der sicherlich der Mühe werth sein mußte. Seine Meisterin kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft. Sein Meister mochte aber Verdacht geschöpft haben, daß ein anderer Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen lauere. Zeit war auch nicht zu versäumen, denn Madame Müller schien nicht viel zu verlieren und er sagte deshalb hastig: »Machen Sie ein bischen zu – die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen Obergerichtsrath sein.« »Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist doch nicht meine Sache ...« »Das weiß ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben,« sagte Heßberger, der sich augenscheinlich die größte Mühe geben mußte, höflich zu bleiben. »Hier sind fünf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine Gesundheit – aber machen Sie ein bischen – alleh, Backhof – und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die quintirte Rechnung mit.« Backhof, der Gesell, merkte wohl, daß ihn der Meister unter jeder Bedingung los sein wollte, und es wäre doch jetzt hier so hübsch gewesen – gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen Vorwand, da zu bleiben; die fünf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel hängenden Rock an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch in der Hoffnung, auch dort etwas zu hören. Darin sah er sich jedoch getäuscht, denn die dazwischen liegende Küche war wie gewöhnlich abgeschlossen. Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so viel, als es der Gesell gethan hätte, denn die waren eine etwas lebhafte Unterhaltung im Hause schon gewohnt und – konnten nicht die Condition wechseln, sie mußten im Hause bleiben, durften also nichts daraus schwatzen, oder – der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurück, aber es war keine Andacht dabei. Die großen, schweren Tropfen schlugen draußen gegen die Scheiben, daß sie das Zimmer fast dunkel machten und da drinnen wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr, er mußte da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, daß er die Stimme seiner Frau gar nicht so scharf hervorhörte; Madame Müller schien ziemlich allein das Wort zu führen, und das konnte unmöglich ein gutes Zeichen sein. Wenn die Frau Heßberger eine gute oder doch wenigstens haltbare Sache hatte, sprach sie auch gewöhnlich mit – und wie! Er fühlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf, band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon wieder untereinander anstießen, fuhr in den schwarzen, abgeschabten Frack hinein und dann sein fettglänzendes Mützchen abnehmend und die Haare vorn in die Stirn streichend – es war dies die einzige Art, wie er seine Frisur arrangirte –, drehte er sich noch einmal gegen die Jungen um und sagte: »Daß mir keiner von Euch von seinem Schämbel aufsteht, oder – Ihr wißt wohl ...« Und damit stieg er nach der Thür hinüber. Als er sie öffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung. Frau Heßberger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres Gemahls ausgebessert. Sie beschäftigte sich allerdings in geeigneten Stunden vortheilhafter mit der höheren Magie, mit Kartenlegen und Prophezeien, wofür sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr gläubiges Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten mußten doch auch erledigt werden und Frau Heßberger war die richtige Frau dazu, um das zu besorgen. Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine nur von metallenen Rädern abhängige Maschine saß sie dazwischen und rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte – sie hatte überhaupt keine Nerven, die das möglich machen konnten. Drinnen in der Werkstatt hörte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht darauf. Der Besuch, der zu ihr kam – verschleierte Damen gewöhnlich, manchmal in Begleitung von jungen Herren – traf erst in viel späterer Stunde und bei vollständig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam, wollte nur Stiefel oder Schuhe haben. Da klopfte es plötzlich, und wie sie ein halb erstauntes »Herein!« rief, stand auch schon, mit passendem Donner, eine fremde Frau auf der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im Kopfe, gleich zurück in's Gedächtniß rief. Der Frau selbst schien aber gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen, denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend: »Guten Tag, Frau Heßberger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.« »Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe;« rief Frau Heßberger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie dieselbe nicht gesehen. »Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!« »Wollen wir erst abwarten,« sagte Madame Müller, noch immer den triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in der Stube zu bilden. »Thut mir leid, daß ich das Zimmer naß mache, aber ich weiß nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den Blumenuntersetzern her – das Wetter ist schuld.« Frau Heßberger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der Aufforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie hätten Zeugen sein können, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr »Regendach« aber untergebracht sah, drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um. »So – und jetzt haben wir ein Paar Worte mit einander zu wechseln, Madame Heßberger, wenn es Ihnen recht ist,« sagte Madame Müller, aber gleich in einem so entschiedenen Ton, daß man ihm wohl anhörte, sie würde eben reden, ob es recht wäre oder nicht. »Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie stehen ja da an der Thür ...« »Sagen Sie einmal, Frau Heßberger,« fuhr die Frau fort, ohne die Einladung weiter zu beachten, »was haben Sie denn von mir in der Stadt erzählt, wenn ich fragen darf?« »Ich? Von Ihnen?« sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht reinen Gewissen, denn sie sprach gewöhnlich sehr viel über andere Leute und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher, daß irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mußte sie erst einmal hören, um was es sich eigentlich handle. »Und was sollte ich von Ihnen gesprochen haben? Was hätte ich denn eigentlich sprechen oder erzählen können? Ich weiß ja doch gar nichts von Ihnen!« »Desto schlimmer, Frau Heßberger, desto schlimmer,« rief Madame Müller, keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu lassen; auf anfängliches Leugnen war sie überdies gefaßt. »Aber aus der Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht möglich, und Ihre Zunge kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!« »Hören Sie, Madame Müller,« sagte Frau Heßberger, doch jetzt auch ein bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn sie mußte erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, »beleidigen brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn ich in der Stadt bekannt bin ...« »So? Aber zu mir schicken Sie die Leute in das eigene Haus!« fuhr die Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort, »Ich soll mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr? Dagegen haben Sie nichts, oh Gott bewahre, das ist ja nur die Frau Müller, eine alleinstehende Frau und Wittwe – ja wohl, die muß sich Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge gegeben, mit der ich mich wenigstens verteidigen kann, und die will ich denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft läßt.« »Daß Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand abgestritten,« sagte die Frau Heßberger, jetzt ebenfalls gereizt. »Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau Heßberger, Sie am allerwenigsten!« rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als es die Umgebung eigentlich nöthig machte. »Aber wär's Ihnen denn nicht gefällig, Madame Müller, jetzt einmal zu sagen, was Sie von mir wollen?« sagte die Frau Heßberger mit einem ironischen Knix. »Ja wohl, Frau Heßberger,« erwiderte die Dame, gerade in der Stimmung, ihr den Knix mit Zinsen zurück zu geben, »wie Sie befehlen – oder möchten Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, alleinstehende Frau schützen!« »So, Madame Müller, und wissen Sie, daß ich jetzt gleich hingehen und Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen?« »Ja, gehen Sie nur, Frau Heßberger, gehen Sie nur,« rief die Frau Müller in Eifer, »wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn Rath Frühdach, von mir und meinem Kinde erzählt haben, daß ich es umgetauscht hätte und daß mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind vom Baron von Wendelsheim wäre – Sie schlechte Person Sie ...« »Was?« sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand ganz die ›schlechte Person‹ überhörend (sie bemerkte auch in dem Augenblicke kaum, daß ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). »Ich hätte dem Rath Frühbach erzählt, Sie hätten ein Kind umgetauscht, und Ihre Tochter wäre die Tochter vom Baron?« »Wenn die Damen so freundlich sein wollten,« sagte Heßberger zwischen den Fingern hindurch, »nur ein klein wenig leiser zu schreien – die Lehrjungen drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht zu wissen, über was wir hier conserviren.« »Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen,« sagte Frau Müller mit Würde; »ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr Heßberger, lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie wären nicht der Mann danach!« Heßberger warf ihr, als sie vornehm über ihn wegsah – und sie war auch wenigstens einen halben Kopf größer als er – einen tückischen Blick zu, hütete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit seiner freundlichsten Stimme: »Würde ich mir auch gar nicht unterstehen, verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze Sache scheint mir übrigens, so viel ich bis jetzt davon gehört habe, auf einem Mißverständniß zu beruhen, denn meine Frau kann doch unmöglich etwas derartiges obschönes Gerede mit dem Herrn Rath Früh ...« »Ich habe überhaupt mit dem Herrn Rath Frühbach noch in meinem Leben kein Wort gesprochen!« rief hier die Frau Heßberger dazwischen. »Seine Frau kommt manchmal zu mir – eine liebe, gute Seele, die sich die Karte legen läßt und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der Name der Madame Müller in ihrer Gegenwart über meine Zunge gekommen!« »Und der Rath Frühbach soll aus freien Stücken zu mir hinaus nach Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort wäre? Das machen Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau Heßberger! Ich will gar nicht behaupten, daß ich zu den Gescheitesten gehöre, aber so dumm bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!« »Was denn für ein Major?« sagte die Frau Heßberger, aufmerksam werdend. »Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter Herr, der ehrwürdig genug aussah, um gescheidt zu sein – und von solchen Leuten muß man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist die Sache nicht abgethan, Frau Heßberger, damit ist sie wahrhaftig noch nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder hergelaufenen Person abschneiden!« »So, Madame Müller,« rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld ebenfalls scharf auf die Neige ging, »jetzt möcht' ich nur wissen, ob Sie mich etwa mit der »hergelaufenen Person« meinen, denn wenn Eine von uns eine hergelaufene Person ist...« »Entschuldigen Sie, meine Damen,« fuhr hier Heßberger dazwischen, der alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, »wenn jener Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie geäußert hat, Madame Müller, so sind Sie vollständig berechtigt, böse darüber zu werden, jede anständige Frau würde das. Aber dann seien Sie auch so gut und theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann können wir uns verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon kriegen.« Madame Müller zögerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, daß sie ein wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die Heßbergers mußten erst erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Gleis, nach einem Stuhl um, den ihr Heßberger bereitwillig hinschob, und sagte dann: »Gut, ich will Ihnen die Sache erzählen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei überläuft; ach, daß ich mir so 'was muß auf meine alten Tage gefallen lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte! Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schwätzer die Wahrheit gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum König gehen müßte.« Und nun erzählte sie mit ziemlich kurzgedrängten Worten, aber natürlich noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuhörenden Heßberger'schen Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und Heßberger unterbrach oder störte sie darin nur ein einziges Mal, indem er leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann plötzlich aufriß, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen ertappte. Die aber kannten schon sein Manöver und hüteten sich wohl, etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt saßen sie auf ihren Schemeln, und darüber beruhigt, schloß der Schuhmacher die Thür wieder. Die Frau Heßberger schüttelte aber, während ihr Besuch erzählte, immer nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage, dem Rath Frühbach etwas Ähnliches erzählt zu haben, vollkommen rein wußte, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er sie auf solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major – den kannte sie gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen. Ihr Mann mußte ähnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen Augenblick schwieg, mehr um Athem zu schöpfen, als weil es ihr an Stoff gefehlt hätte – sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben –, sagte er artig: »Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major etwas Aehnliches?« »Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,« sagte Madame Müller, »weiß ich nicht – eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für einen Major gehört, sondern einen alten grauen Rock und einen runden Hut – aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder der ... Aber nun, Frau Heßberger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erzählen? Habe ich je in meinem ganzen Leben ...« »Ereifern Sie sich nicht unnöthiger Weise, Madame Müllern,« sagte die Heßberger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles genau zu überlegen. »Ich kann es auf die Hostie beschwören, daß Ihnen jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erzählt hat, und wenn Sie mir ihn hierherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch viel weniger über Sie. Außerdem,« fuhr sie fort, als sie sah, daß Madame Müller etwas darauf erwidern wollte, »steht hier die Frau, die von der Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war und doch wohl wissen müßte, ob es vertauscht wäre oder nicht denn mir kann in der Hinsicht Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen – und ein prächtiger junger Herr ist es geworden – zuerst auf den Armen gehabt, und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den Einer hätte verwechseln wollen, der hätte es klug anlegen müssen. Aber ich weiß, woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe, der das Geld gekriegt hätte, oder doch einen Theil davon, wenn die Wendelsheim'sche Familie ohne männlichen Erben geblieben wäre. Jetzt hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, daß er nichts kriegt und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen Haken daran zu finden.« »Aber, Heßbergern,« sagte die Madame Müller, »das ist ja doch gar nicht möglich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...« »Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!« sagte die Heßberger, während der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte – er schien sie ebenfalls zu kennen. »Mir sind schlimmere Dinge passirt, viel schlimmere, und die ersten Jahre – Sie waren wohl damals schon in die weite Welt gegangen und über die See – da hatten sie bald dies, bald das Gerede, und Alles über die arme Heßberger, die konnte herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber zuletzt mußten sie's doch aufgeben – Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden, daß sie mir nichts anhaben konnten, ließen sie mich zufrieden.« »Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?« rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen Besuch kehrte. »Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin nicht zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, Heßbergern, und wenn mich neulich nicht der Aerger und der Zorn so krank gemacht hätte, daß ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mußte, ich wäre augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor acht Tagen!« »Aber beste Madame Müller,« sagte Heßberger sehr artig, »da treten Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so viel kann ich Ihnen versichern.« »Na, das fehlte mir auch noch, daß die wiederkämen,« sagte die Frau, ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend, den sie wie eine Waffe packte; »ich wollte ihnen zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!« »Da müssen Sie schmähliches Geld blechen,« sagte Heßberger, »und es hilft Ihnen gar nichts.« »Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!« rief Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die linke Hand. »Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe mit derlei Leuten nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat; der wird mir schon einen ordentlichen Menschen nennen können, der Einen nicht blos zum Vergnügen über's Ohr haut.« »Liebe Madame Müller,« sagte da die Frau Heßberger rasch, »thun Sie das nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was weiß der von den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der Herr ...« »Lassen Sie mich nur machen, Frau Heßberger,« sagte Madame Müller, die eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien. »Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und weiß selber, was ich zu thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren, den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie sich verlassen!« »Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,« sagte Heßberger, der sie jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile dabehalten hätte. »Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr Heßberger,« versicherte Madame Müller, »ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen allerseits – wünsche gesegnete Mahlzeit!« und damit öffnete sie die Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile und dunkle Treppe hinab. Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann, ohne Regenschirm die Straße heruntergekommen und, da er sich besonders vor Erkältung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, daß es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch vorüberziehen würde, denn »gestrenge Herren regieren nicht lange«. Aber der Donner folgte immer langsamer und in größeren Zwischenräumen dem Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen hörbar wurde, und immer wollte der eigentliche Guß nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu werden. Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam auch eine leere Droschke vorüber, die er dann anrufen konnte. Wer aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmefällen einen von ihnen auf der Straße. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle Viertelstunde und nahm sich schon ein paar Mal vor, lieber mitten im Regen hinaus zu springen und scharf an den Häusern wegzulaufen. Jedesmal aber, wenn er zu solch' einem halben Entschlusse gekommen war, schien es, als ob es mit frischen Kräften zu gießen anfing; es dachte gar nicht daran, aufzuhören, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf. Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem großen hellblauen seidenen Regenschirm an der Thür vorüber; gerade aber als er vor dem Thorweg war, kam ein plötzlicher Windstoß die Straße herunter, faßte unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinstäbe nach oben, während eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windstoß eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt über den unglücklichen und nun vollständig wehrlosen Eigentümer des Schirmes ausschüttete. »Herr Du meine Güte!« sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so rasch in das Haus hinein, daß ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte. Dort bog er sich vor, um wenigstens erst einmal das Gröbste von Hut und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar zu wischen, denn er war vollständig überschüttet worden, und Witte erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frühbach. »Ei, ei, mein lieber Herr Rath,« sagte er, »Sie sind ja in ein ganz gehöriges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.« Rath Frühbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an der Stimme. Während er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf herunter, als ob er sie auf der Nase hätte und darüber hinwegsehen wollte, und rief plötzlich aus: »Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt, das ist mir ja ein ganz besonderes Vergnügen, Sie hier so zufällig zu treffen! Das nehme mir aber kein Mensch übel, so ein Wetter ist ja noch gar nicht dagewesen – dreht Einem den Schirm ordentlich um.« »Wenn wir nur eine Droschke bekommen könnten,« sagte der Staatsanwalt, der ungeduldig auf die Straße hinaus sah; »ich habe gar nicht einmal so lange Zeit, ich muß nach Hause, und nun das Wetter – mit meinen dünnen Stiefeln – wenn ich nur wenigstens Gummischuhe mitgenommen hätte!« »Die helfen auch nicht viel,« sagte der Rath. »Da kam ich einmal Abends in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen und ich hatte meine Gummischuhe mitgenommen. Während der Vorstellung mußte sich aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fühle ich schon, daß ich an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fuß, und immer ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.« Der Staatsanwalt überlegte sich eben, ob er lieber dem Regen und einen jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, oder den endlosen Erzählungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die Treppe herunterkam, auf welche Rath Frühbach, da er gerade wieder seinen Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete. Es regnete noch mit derselben Hartnäckigkeit weiter, und die Frau spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekümmern, ihren Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Guß treten, als ihr Auge zufällig auf Rath Frühbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise Platz machte. »Ne, so 'was lebt nicht!« rief sie plötzlich im größten Erstaunen aus. »Da ist er ja – wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein vortreffliches Plätzchen hier, um andere ehrliche Leute schlecht zu machen und zu bereden, nicht wahr? Ja wohl, kann ich mir denken! Aber jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch Recht und Billigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf können Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir noch dazu!« »Liebe, beste Frau,« sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau Müller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht übel Lust zu haben schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren. Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende Anrede reizte sie ganz besonders. »Der Teufel ist Ihre ›liebe, beste Frau‹!« rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon geöffneten Schirm wieder zu schließen. »Sie sollen mir aber vor's Messer, darauf können Sie sich verlassen, und wenn ich ...« »Heh, Droschke! Droschke!« rief der Staatsanwalt auf die Straße hinaus. Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt haben konnte, hatte aber auch keine große Lust, einem etwaigen Streit zuzuhören, und der Wagen, der gerade zufällig gegenüber eine »Fuhre« abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher hörte auch den Ruf und lenkte um, und mit einem kurzen Gruß gegen den Rath sprang der Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus. Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier im Thorweg, und außerdem noch durchaus naß, das Unwetter abwarten? Nein – hier drinnen wüthete es ärger als draußen, und einen herzhaften Entschluß fassend, spannte er mit einem plötzlichen Ruck seinen Schirm, sagte »Guten Morgen, Madame!« und war mit drei Schritten wieder unter der Traufe. Er hörte noch hinter sich her etwas von »Gerichten« und »Hausschleichern«, aber der auf den Schirm schlagende Regen ertödtete die Worte, und dem Sturm in die Zähne arbeitete er sich, Madame Müller ihren eigenem Schicksal überlassend, die Straße hinaus. 17. Neben der Werkstätte. Neben der Werkstätte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa behaglich durch elegante Möbel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so daß Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem rußgeschwärzten Gesicht und eben solchen bloßen Armen zum Frühstück oder sonst einmal hereinkam und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und müsse immer vorher an der Thür »abgetreten« werden. Er paßte aber und gehörte trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermüdlichen Fleiß sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig thätiges Schaffen und Sorgen zu erhöhen und zu erhalten wußte. Baumann hätte sich auch in der That keine bessere Frau wünschen und sie auf der weiten Welt finden können; eine sorgsamere für ihn und seine Bequemlichkeit gewiß nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem »Stückchen Hochmuthsteufel«, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei jammerschade, daß sie keine Gräfin geworden wäre und in Sammet und Seide und mit langen Schleppkleidern hätte umhergehen können, das würde ihr außerordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz und wurde so gesagt und aufgenommen. Heute saß sie allein in der Stube an ihrem Nähtisch und arbeitete ein Kleid für ihr kleines Töchterchen, das seit acht Tagen zum ersten Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um anständig zwischen den übrigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos Kattunröckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders, konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie überhaupt in allen Dingen, besaß sie eine besonders geschickte Hand. Draußen wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an zu fallen. Die Leute auf der Straße liefen, was sie laufen konnten, um irgend ein schützendes Obdach zu erreichen, und ein Paar vorüberfahrende Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde ein. Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Straße und nach dem Himmel hinauf – aber ihre Else saß jetzt schon lange sicher in der Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewiß wieder verzogen. Nur die Schmiede ängstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen, und sie fürchtete immer, daß der Blitz einmal da einschlagen könnte, hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange mit Arbeiten aufzuhören, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, könne ihn überall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der Werkstätte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit dürfte aber nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag käme, verspräche er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er überhaupt nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen. Baumann hämmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem anderen Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker drauf los, daß die Funken nach allen Seiten hinausstoben, und warf nur einen schmunzelnden Blick nach der Thür, als der Regen Plötzlich mit voller Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen draußen sprangen, um unter Dach zu kommen – aber er stand ganz trocken, und lustig schlug er wieder auf das rothglühende Eisen ein. Da fuhr plötzlich ein Schirm in die weitgeöffnete Thür, und als er den Kopf dorthin wandte, tauchte sein ältester Sohn Fritz darunter auf und rief ihm lachend einen Guten Morgen zu. »Na nu?« sagte der Alte, indem er den Hammer ruhen ließ und ihn erstaunt betrachtete. »Wo kommst Du bei dem Wetter her, und noch dazu in Sonntagskleidern? Du – trägst wohl wieder ausgebesserte Arbeiten aus, mein Junge, he?« »Nein, Vater,« rief Fritz, aber doch ein wenig verlegen, denn er wußte recht gut, auf was der alte Mann anspielte, »wegzutragen habe ich heute nichts; aber ich wollte nur einmal zu Dir und Mutter kommen, um etwas mit Euch zu reden.« »In Sonntagskleidern?« »Ich habe überhaupt noch einen Besuch zu machen – Professor Anders, der Astronom, hat mich gebeten, wegen einer größeren Arbeit zu ihm zu kommen, und da – mochte ich doch nicht in meinen Arbeitskleidern gehen. Uebrigens erwischte mich das Wetter, und ich bin nur eben noch glücklich vor Thorschluß hier eingefahren. Ist die Mutter zu Hause?« »Ja, sie sitzt drinnen – geh nur hinein; wenn ich hier mit dem Schlüssel fertig bin, komme ich gleich nach, denn in dem Aufzug kannst Du mir doch nichts helfen – Donnerwetter, Glacéhandschuh' – na, und das Alles, um einem Professor einen Besuch zu machen. Ich gehe bei solchen Wegen allerdings auch in Leder, aber mit meinem Schurzfell. Junge, Junge, Du wirst mir verdammt fein und geschniegelt, und ich habe es bis jetzt gar nicht geglaubt, daß zwischen einem Schlosser und einem Mechanikus solch ein Unterschied wäre. Du, Karl, mach' einmal Deinem Herrn Bruder die Thür auf, daß er sich die Glacehandschuh nicht an der vielleicht rußigen Klinke schmutzig reibt.« »Danke, Vater, danke,« lachte Flitz, indem er der Thür zusprang, »so gefährlich ist's denn doch noch nicht, das kann ich allein besorgen.« Der Vater sah ihm, das Eisen in der Hand und den Hammer noch auf dem Ambos ruhend, in einer etwas gebückten Stellung nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte, und ein leises, aber nicht unfreundliches Lächeln flog über seine ehrlichen Züge. Dann schüttelte er still vor sich hin den Kopf, und wieder hob sich der schwere Hammer, als ob es eine Feder gewesen wäre, und kam wuchtig auf das sprühende Eisen nieder. Fritz, der seinen Schirm in der Werkstätte abgestellt hatte, denn auf dem Boden dort mochte er triefen, wie er wollte, trat zur Mutter in's Zimmer und setzte sich zu ihr, und die Beiden sprachen lange und angelegentlich mit einander – ja, eine so wichtige Sache mußten sie wohl verhandeln, daß die Mutter sogar ihre Arbeit ruhen ließ und die Hände im Schooß faltete, bis der Vater zu ihnen hereinkam. »Na,« sagte er, als er sie da so sitzen sah, »eine Hand kann ich Dir heute nicht geben, mein Junge; Du bist mir zu fein, und zum Waschen hab' ich keine Zeit, denn ich muß gleich wieder hinaus. Also was hast Du zu sagen, und was ist denn überhaupt mich Euch Beiden? Ihr seht mir ja alle Zwei so feierlich aus! Hör' einmal, Junge, ich glaube, Du willst doch wieder eine fertige Arbeit austragen, he?« »Eine Arbeit gerade nicht, Vater,« lächelte Fritz, doch etwas verlegen; »aber weit vom Ziel hast Du allerdings nicht vorbeigeschossen.« »Auf den Knopf getroffen,« lachte der Alte, »he? Dem Jungen steckt ein Frauenzimmer im Kopfe!« »Er will heirathen, Gottfried,« nickte die Mutter, während ein freundliches Lächeln über ihre Züge flog. »Ob ich's mir nicht gedacht habe!« »Und so ein sauberes Mädchen hat er sich ausgesucht!« »Na, er wird keine Schmiergans nehmen,« lachte der Alte. »Und wie heißt sie? Alles natürlich schon fix und fertig gemacht, und jetzt nur noch eine nachträgliche Anmeldung bei den Eltern, die weiter nichts nöthig haben, als den üblichen Segen dazu zu geben. Ist mir auch recht; habe doch schon genug zu thun und könnte mich mit derlei nicht mehr auf meine alten Tage befassen.« »Nein, Vater,« sagte Fritz, »fertig gemacht ist noch gar nichts, ich bin im Gegentheil eben im Begriff, den allerersten Schritt dazu zu thun.« »So–o?« sagte der Vater, etwas erstaunt; »das ist ja merkwürdig. Na, hat die Sache etwa einen Haken?« »Nein, Gottfried,« sagte die Frau, »ganz und gar nicht; es ist Alles glatt und recht und wie sich's gehört, und der Fritz ist ein braver Junge, der uns nur bei einer so wichtigen Sache vorher um Rath fragen wollte.« »Bah, Alte, laß Dir nichts weis machen,« lachte der Schlossermeister – »um Rath fragen. Sieht der aus, als ob er erst noch um Rath fragen wollte, und steckt schon bis über die Ohren in seinen Sonntagskleidern drin? Nur hören will er, daß wir sagen: Ei, mein lieber Sohn, das hast Du brav gemacht – geh doch geschwind hin und hol' Deinen Schatz! Und dann läuft er von selber.« »Aber, Gottfried ...« »Na, mach' keine langen Geschichten. Also wie heißt sie und wer ist's? daß ich wieder hinaus an meine Arbeit komme.« »Ich bin vielleicht in meinen Ansprüchen etwas keck gewesen, Vater,« sagte Fritz, aber jetzt schon lange nicht mehr so zuversichtlich, als vorher; »aber ich – ich glaube glücklich zu werden.« »Hm, das glauben wir gewöhnlich Alle,« lächelte der Schlossermeister gutmüthig; »na, aber nun schlag' einmal los, das Eisen wird sonst kalt – wer ist's denn?« »Ottilie Witte, Vater.« »Die Tochter des Staatsanwalts?« »Ja, Vater.« Der alte Mann war stehen geblieben und sah ihn ernst und forschend an. Aber er erwiderte lange kein Wort, gab auch kein Zeichen des Beifalls oder Mißfallens; endlich fragte er langsam: »Und will sie Dich haben?« »Ich weiß es nicht, Vater, aber ich glaube es,« sagte Fritz herzlich; »sie war immer so gut und lieb mit mir, und wir haben ja schon als Kinder Braut und Bräutigam mitsammen gespielt.« »Ich will Dir 'was sagen, mein Junge,« nickte der Alte, »die Sache gefällt mir nicht.« »Gefällt Dir nicht, Gottfried?« rief die Frau. »Und hätte er sich ein netteres, hübscheres Mädchen in der ganzen Stadt aussuchen können?« »Nein – sie ist mir zu nett,« erwiderte der Schlossermeister. »Wärst Du zu mir gekommen und hättest gesagt: Vater, ich habe mir die Tochter vom Schneidermeister So und So oder vom Schuster So und So zur Frau ausersehen und will sie heirathen, so würde ich geantwortet haben: Bravo, mein Sohn, thu das, und Gott gebe seinen Segen dazu – meinen hast Du. Aber die vornehme Tochter des Staatsanwalts, die große Gesellschaften mit lauter Adeligen geben – das thut kein gut.« »Aber, Vater, Ottilie ist so einfach erzogen – so wirthschaftlich!« »Und bist Du wirklich überzeugt, daß sie Dich gern hat – nein, nicht so,« fuhr er rasch fort, als Fritz darauf erwidern wollte – »und was wir so gewöhnlich darunter verstehen – ich meine, ob Du überzeugt bist, daß sie Dich so gern hat, um Dich wirklich zu heirathen und dem Handwerker vor allen übrigen, vornehmen Bewerbern die Hand zu reichen?« »Wenn ich es nicht fest glaubte, würde ich sie nicht darum fragen, Vater!« »Ja,« nickte dieser, »denn ein richtiger Korb muß eine verflucht unangenehme Geschichte sein – möchte mir gerade keinen holen. Aber mir ist die Sache doch nicht recht – werde freilich nicht viel darum gefragt werden. Aber Du paßt in die Familie nicht hinein, und wir gar nicht, und ich glaube selbst nicht einmal, daß sich die Eltern – die Mutter wenigstens – besonders erfreut darüber zeigen würden.« »Aber, Gottfried, ich weiß gar nicht, was Du immer für Bedenken hast!« »Keine andern als solche, für die ich auch einen Grund hätte. Wenn sie wirklich an so etwas dächten, weshalb haben sie denn da den Fritz neulich nicht zu ihrem Ball geladen, wie? Wenn er ihnen gut genug zum Schwiegersohn wäre, müßte er es doch ganz gewiß erst recht als Gast sein. Es hat aber Niemand von ihnen daran gedacht, während es von adeligen Lieutenants nur so geschwärmt haben soll.« »Aber was Du auch nicht Alles heraussuchst!« »Ich suche gar nichts heraus, Alte, als was einmal drin liegt, und so viel ist sicher« – er mußte einen Augenblick mit Reden aufhören, denn so furchtbar dröhnte der Donner, daß die Worte lautlos verhallten – »so viel ist sicher,« fuhr er dann fort, ohne sich weiter irre machen zu lassen, »daß die Familie, meiner Meinung nach, mit ihrer Tochter weiter oder höher hinaus will, als sie einem Handwerker zu geben!« »Aber ein Mechanikus ist doch kein Handwerker, Gottfried!« »Nenne es, wie Du willst, es bleibt immer dasselbe,« beharrte störrisch der Alte. »Und haben wir nicht neulich schon einmal davon gesprochen, wo ich dazu kam, wie ihr einer von den Lieutenants – ich glaube, es war der Wendelsheim – so zärtlich die Hand küßte? Und wie freute sie sich darüber! Das gäb' nicht einmal eine Frau für Dich, wenn sie Dich selber wollte.« »Aber, Vater, Ottilie ist gewiß nicht koquett.« »Gerade ist sie's, und recht sehr,« sagte der Alte; »Du siehst es nur nicht, weil die Liebe, wie gewöhnlich, blind ist. Richtig koquett ist sie, und ihre Mutter hat sie dazu angelernt. Allen Respect vor dem Vater. Der alte Witte gilt in der ganzen Stadt für einen schlichten und dazu braven und rechtlichen Mann; aber der Frau steckt der Hochmuthsteufel noch viel ärger im Kopfe als Dir, Alte, – die möchte mit der Nase die Decke abreiben, und über Unsereinen guckt sie nur immer so hoch hinweg, als ob man seinen Kopf auf einer Stange trüge. Geh mir mit der; ich hab' früher ein paar Mal mit ihr zu thun gehabt und sie auch einmal bei einer Gelegenheit recht tüchtig ablaufen lassen. Nachher ist sie etwas artiger oder herablassender geworden.« »Aber der Fritz ist auch von guter Familie,« sagte die Frau, »und dazu ein stattlicher Bursche.« »Nicht was derartige Leute eine »gute Familie« nennen, Mutter,« sagte der Schlossermeister; »das Wort ›gut‹ heißt bei denen nur immer sehr vornehm oder sehr reich, und wo möglich beides zusammen – das sind die besten – ein ehrlicher Handwerker wird nicht mit dazu gezählt.« »Aber wenn sich die Herzen nun zusammenfinden, Vater?« sagte Fritz. »Das sind Bücherideen,« rief der Alte; »denn wenn die Familien nachher nicht zusammenpassen, so giebt's Streit und Unfrieden, Haß und Eifersucht. Ich wollte, Du hättest Dir eine Schneiderstochter ausgesucht, Fritz, und noch viel tausendmal lieber eine von unserem Gewerke; nachher solltest Du einmal sehen, wie lustig und vergnügt ich noch auf Deiner Hochzeit tanzen würde; so aber ist's nichts, und wenn uns die Madame Witte wirklich einlüde, so müßten wir's uns noch zur Ehre schätzen und uns fein anständig und ehrbar betragen.« Fritz Baumann's Mutter hatte still und schweigend vor sich nieder gesehen, aber kein Wort mehr gesagt, und Fritz wunderte sich eigentlich, daß sie nicht seine Partei stärker nahm; aber der Alte hatte auch Recht, denn sein Entschuß stand zu fest, um sich noch von seiner Liebe abwenden zu lassen. Ottilie war schon seit langen Jahren sein Ideal aller Weiblichkeit gewesen, und nur um sie zu gewinnen, hatte er sich mit beispiellosem Fleiße abgemüht, sein Ziel so bald zu erreichen. Jetzt stand er unabhängig da, nicht mit der Hoffnung, nein, mit der Gewißheit, sich sein Brod gut und reichlich verdienen zu können und eine Frau und Familie dabei zu ernähren. Er wollte keine Mitgift, er verlangte keine; was sie brauchten, konnte er selber beschaffen, und die Mutter hatte ihm schon versprochen, in der ersten Zeit, wenn sich die Ausgaben vielleicht unerwartet zu sehr häufen sollten, beizuspringen. Was brauchte er mehr? Er trat ja nicht als Bittender in Witte's Haus – wie er bat, wollte er auch bringen, der Tochter einen treuen Gatten, den Eltern einen wackern Sohn. »Vater,« sagte er deshalb, »Du siehst die Sache zu schwarz. Ich gebe zu, daß es Ottiliens Mutter vielleicht lieber sähe, wenn ihre Tochter eine vornehmere Partie machte; es ist das ja natürlich. Aber sie wird auch nicht der Liebe derselben entgegentreten wollen, und ist mir Ottilie wirklich gut ...« »Was Du noch nicht einmal zu wissen scheinst.« »Was ich aber von Herzen hoffe, – dann, glaub' ich, wird sie sich auch nicht sträuben, ihre Einwilligung zu geben. In unserer Stadt besteht noch die alte Achtung vor dem Bürgerstande, und dem gehören wir so gut an, wie der Staatsanwalt Witte. Er ist ebenso wenig adelig oder Baron, als wir, und wenn seine Frau wirklich daran dächte, ihr Kind Einem aus jenem Stande zu geben, so wäre der Sprung weit größer, als von uns zu ihr.« »Ja,« sagte der Vater, »das klingt ganz vernünftig, ist aber nur einfach nicht wahr, weil Sitten und Gewohnheiten die ganze Geschichte gewöhnlich herumdrehen. Aber was kann's helfen – Du, als mein ächter Sohn, hast natürlich gerade einen solchen Dickschädel wie ich, und der muß erst ein paar Mal irgendwo gegenrennen, ehe er gescheidt wird – also lauf! Mit Vernunftgründen ist bei Dir doch nichts auszurichten, Du mußt durch Schaden klug werden.« »Vater ...« »Es ist nicht anders – aber das Wetter warte erst ab, sonst kommst Du wie eine gebadete Maus als Brautwerber, und naß sieht ein Fisch recht hübsch aus, aber kein Mensch – der Guß kann ja doch nicht ewig dauern. Jesus, wie das noch regnet; wie dicke Seile kommt's von oben herunter, und auf der Straße könnte man beinahe mit einem Boote fahren – Herein!« Der Ausruf galt einem starken und ganz entschiedenen Klopfen an der Thür, die sich auch gleich darauf öffnete und das uns wohlbekannte Gesicht der Madame Müller zeigte. »Guten Tag Alle mitsammen!« sagte sie, ihren Regenschirm vorsichtiger Weise draußen lassend. »Jemine, meine Güte, ist das ein Wetter, und bei dem wird man herausgejagt, wo man so ruhig zwischen seinen vier Pfählen sitzen könnte! Ich werde mir wohl den Tod an einem Schnupfen holen, denn aus den Schuhen hebt mich das Wasser heraus – bis an die Knöchel geht's Einem ja da draußen!« »Madame Müller,« lachte Baumann, »so wahr ich lebe – na, Sie haben sich eine schöne Witterung zum Spazierengehen ausgesucht – aber kommen Sie doch nur herein! Sie wollen doch nicht in der Thür stehen bleiben?« »Nein,« sagte Madame Müller mit einem Blick auf das reinliche Zimmer; »aber ich triefe nur so, und mein verwünschter blauer Kittel färbt ab – ich werde Ihnen einen blauen Streifen in's Zimmer bringen. So einen Regen hab' ich noch gar nicht erlebt; das ist ja ein wahrer Wolkenbruch!« »Aber Sie sind doch nicht von Vollmers herein zu Fuß gegangen?« rief Frau Baumann, indem sie ihr behülflich war, das Tuch abzunehmen und aufzuhängen. »Na, weiter fehlte mir nichts,« sagte die Dame; »aber ich hatte vorher noch einen Besuch zu machen, und jetzt bin ich hierher gekommen, Herr Baumann, um Sie in einer Sache um Rath zu fragen.« »Mich?« lachte der Schlossermeister. »Da wären Sie wohl an der falschen Thür; ich bin doch kein Advocat!« »Ja, eben einen guten, anständigen Advocaten will ich bei Ihnen erfragen,« sagte die Frau; »es giebt derlei Volk genug in der Stadt, alle drei Thüren weit klebt ein Schild, aber wer sich da nicht auskennt, ist auch gleich verrathen und verkauft.« »Hm,« sagte Baumann, »und was haben Sie mit einem Advocaten zu thun? Wer die nicht sehr nothwendig hat, soll die Finger um Gottes willen davon lassen; mit denen ist nicht gut Kirschen essen.« »Das weiß ich,« nickte Madame Müller entschieden mit dem Kopf, indem sie sich auf den ihr hingeschobenen Stuhl niederließ. »Ah, da ist ja auch der Fritz – alle Wetter, ist der groß und ein hübscher Junge geworden, Baumann! Der ist ja einen halben Kopf größer als Sie, und Sie gehören auch nicht zu den Kleinsten.« »Ja, und jetzt Meister und selbstständig geworden,« nickte der Vater mit einem beifälligen Lächeln auf den Sohn; »er hat 'was gelernt, der Junge, das muß man ihm lassen, und wird sich schon durchhelfen in der Welt.« »Dafür kann man Gott nicht genug danken,« nickte die Frau, »wenn man Freude an seinen Kindern erlebt, – aber was ich gleich sagen wollte, Meister, wissen Sie hier in der Nähe einen ordentlichen Advocaten, der weiß, was Rechtens ist?« »Das sollten sie eigentlich alle wissen,« lächelte der Meister, »aber es kommt darauf an, zu was Sie ihn haben wollen. Brauchen Sie einen recht verschmitzten und durchtriebenen, so ...« »Nein, den brauch' ich nicht,« rief Madame Müller; »ich will einen ehrlichen haben, der geradeweg ist, denn ich habe auch eine ehrliche Sache!« »Ja, liebe Madame Müller,« sagte Baumann, sich den Kopf kratzend, »mit den Advocaten hier in der Stadt bin ich, Gott sei Dank, nicht besonders bekannt; aber wenn Sie in der Sache einen guten Rath hören wollen, dann gehen Sie zum Staatsanwalt Witte. Ob er sich selber damit einläßt, weiß ich nicht, aber was der Ihnen sagt, können Sie getrost thun, denn das ist ein ehrlicher Mann.« »Gut, danke schön, weiter verlang' ich nichts; das Uebrige besorg' ich mir dann schon selber, denn auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht, und in meinem eigenen Hause brauch' ich mich nicht beschimpfen und beleidigen zu lassen.« »Nein, das allerdings nicht,« sagte Meister Baumann; »und hat das wirklich Jemand gethan?« »Ih, denken Sie nur,« rief die Frau, »kommen da neulich – ich habe zehn Tage von dem Aerger krank im Bette gelegen – so ein paar ganz anständig gekleidete Herren – der eine war ein Rath und der andere ein Major – zu mir in's Haus hinein und reden so zuckersüß und gehen immer wie die Katze um den heißen Brei herum, thun auch, als ob sie gar nicht zu mir, sondern nur zu meinem Schwiegersohne gewollt hätten, der gerade wieder mit meiner Tochter fortgefahren war. Wie ich aber nicht anbiß, denn wer denkt denn in seiner Gutmüthigkeit an so 'was, fingen sie an vom Baron Wendelsheim und seinem ältesten Sohne zu reden.« »Vom Baron Wendelsheim?« rief Frau Baumann. »Ja wohl,« nickte Madame Müller; »und auf einmal sagte der eine von ihnen, der Rath – und ein Mundwerk hatte er, daß Einem angst und bange wurde – sagte mir der Rath – man sollte es gar nicht für möglich halten – das Bild von meiner Tochter, das über meinem Sopha hängt und das der Maler Schröter hier gemalt hat, wie sie neunzehn Jahre alt war, wäre gar nicht meine Tochter, sondern das Kind vom Baron, und ich hätte das Kind vertauscht, und die Heßberger hätte es ihnen erzählt.« »Aber das ist doch ganz unmöglich!« rief Frau Baumann, von ihrem Stuhl emporfahrend. »Na, ich hab' ihnen aber heimgeleuchtet,« lachte Madame Müller ingrimmig vor sich hin, »die kommen so bald nicht wieder! Was ich ihnen eigentlich gesagt habe, weiß ich gar nicht mehr, aber Excellenz habe ich sie nicht genannt, darauf können Sie sich verlassen. Ich wollte auch gleich nachher auf's Gericht und das Lumpengesindel auf frischer That verklagen; aber der Aerger war mir so in die Glieder geschlagen, daß ich mich wahrhaftig zu Bett legen mußte, und da kriegte ich meinen alten Rheumatismus in das linke Knie, daß ich mich die ganze Zeit nicht rühren konnte. Aber jetzt geht's wieder, und mein erster Gang war heute Morgen zur Heßbergern, Ihrer Schwester, Baumannen, um der einmal ordentlich die Leviten zu lesen, daß sie von einer ehrlichen Frau solche Schandgeschichten erzählt. Die leugnet aber Stein und Bein; kein Wort will sie, weder mit dem Rath noch mit dem Major, gesprochen haben. Aber ich trau' ihr nicht, Baumannen, wenn's auch Ihre Schwester ist; sie hat immer ihre Hinterkniffe gehabt, so lange ich sie kenne, und da wollen wir denn kurzen Proceß machen. Ich muß der Sache auf den Grund gehen, und wenn die Heßberger Recht hat, dann sollen mir die beiden Patrone, der Rath und der Major, vor's Messer.« »Aber, liebe Madame Müller,« sagte Baumann kopfschüttelnd, während seine Frau aufstand und in die Küche ging, »wegen eines solchen Klatsches wollen Sie vor Gericht? Wenn Sie meinem Rathe folgen, so lassen Sie die Hände davon, denn dabei kommt nichts heraus, als höchstens Lauferei und Geldkosten. Kennen Sie denn den Rath Frühbach?« »Ich? In meinem ganzen Leben hab' ich den Menschen nicht gesehen.« »Nun ja, der ist aber in der ganzen Stadt dafür bekannt, daß er die Leute auf der Straße anfällt und todtschwatzt.« »Aber dann soll er mir nicht in's Haus kommen, und Ihnen kann es auch nicht recht sein, Baumann, daß er von Ihrer Schwägerin solche Sachen erzählt.« »Liebe Madame Müller,« sagte Baumann und sah sich vorher im Zimmer um, ob seine Frau nicht da wäre, »von meiner Schwägerin wollen wir nicht weiter reden; die schwatzt auch mehr, als sie verantworten kann, wenn ich auch nicht gerade glaube, daß sie das gesagt hat, und noch weniger zum Rath Frühbach. Die Heßberger hat ein böses Mundwerk, und je weniger ich von ihr zu sehen bekomme, desto lieber ist es mir – wenn ich's auch meine Alte nicht gern merken lasse, da es ihr weh thut.« »Nun ja, es sind Schwestern,« sagte Madame Müller; »so ungleich habe ich aber noch gar keine Schwestern gesehen – im ganzen Leben nicht. Ihre Frau ist eine brave, ordentliche Hausfrau, und die Heßberger – na, ich will mir das Maul nicht verbrennen. Hat sie mich aber wirklich auf eine solche gemeine Weise hinter meinem Rücken schlecht gemacht, dann soll sie auch dafür bezahlen, und hat sie's nicht, gut, dann kriegen wir den Rath, denn Einer von Beiden hat gelogen, und bei der Müllern sind sie nun unglücklicher Weise gerade an die Unrechte gerathen. A propos, wo wohnt der Herr Witte?« Der alte Baumann sah Fritz an, der wie auf Kohlen saß und nur das Aufhören des Regens erwartete. Was interessirte ihn der Alteweiberklatsch! Der wollte jetzt hinüber, und wenn ihm die Frau Müller in die Quere kam, war nichts zu machen – die mußte er deshalb noch eine Weile zurückhalten. »Oh, gar nicht weit von hier,« sagte er nach einer kleinen Pause; »aber jetzt können Sie ihn nicht sprechen, Madame Müller. Der Mann hat so viel zu thun, daß er nur in bestimmten Stunden Fremde annimmt. Weißt Du, in welcher Zeit das ist, Fritz?« »Ich weiß es nicht, Vater,« sagte Fritz, dem selber nichts daran lag, daß ihm die Frau jetzt zuvorkam. »Vor halb Eins ist er, glaub' ich, nicht zu sprechen.« »Gut, dann geh' ich um halb Eins hin,« nickte die Frau, die sich nun einmal von ihrem Vorsatz nicht abbringen ließ. »Dann bleiben Sie aber so lange bei uns, Madame Müller,« sagte Baumann, »und essen mit uns, was da ist – viel wird's so nicht geben, und ich glaube, meine Frau ist auch deshalb schon hinaus in die Küche gegangen.« »Schön, Herr Baumann, von Ihnen nehm' ich das an, denn ich weiß, Sie meinen's genau so, wie Sie's sagen.« »Ich glaube nicht, daß mich schon Jemand anders gefunden hat.« »Nein, gewiß nicht – also es bleibt dabei, und indessen trocknet mir auch die Fahne ein bischen ab, daß ich nicht gar so schlumpig aussehe, wenn man zu fremden Leuten kommt.« »Na, Fritz, dann könntest Du wohl indessen Deinen Weg abmachen,« wandte sich der Alte jetzt an diesen, »und vielleicht bist Du zum Essen wieder hier – Du müßtest denn gleich eingeladen werden,« setzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu. »Wo will denn der Fritz hin, er ist ja in seinem Sonntagsstaat?« »Oh, nur zu einem Professor wegen Instrumenten,« meinte der Vater; »der Regen hat ja auch jetzt aufgehört und da oben guckt schon wieder der blaue Himmel durch. Das war aber ein Wetter!« Ein eigenes, schelmisches Lächeln flog über die Züge des jungen Mannes, als er eben an seinen Professor dachte. Aber der Vater hatte Recht, denn wenn er gehen wollte, war es besser, er ging gleich, und ließ sich nicht von der alten Frau Müller zuvorkommen, da er doch den alten Staatsanwalt selber gern einmal vorher gesprochen hätte. Wo war nur die Mutter hingerathen? Er suchte sie draußen in der Küche, konnte sie aber auch dort nicht finden; er hätte gern Abschied von ihr genommen, da er einen so wichtigen Schritt seines Lebens thun wollte – aber er sah sie ja auch gleich nachher. »Also, Vater, ich gehe jetzt,« sagte er, auf diesen zugehend und ihm die Hand reichend – der alte Baumann wischte aber die seinige erst an einem dort liegenden Tuche ab – »und wenn ich etwas Genaueres erfahre, komme ich her und theile es Euch mit.« »Schön, mein Junge,« schmunzelte der Alte, »und – grüß' mir Deinen Professor,« setzte er hinzu, »und sag' ihm – wenn Ihr Euch über die Arbeit einigt, natürlich –, er möchte doch auch einmal zu mir herüber in die Werkstätte kommen – verstanden?« »Gewiß, Vater,« sagte Fritz, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »und hoffentlich einigen wir uns ja. Grüß' die Mutter noch einmal – Adieu – Adieu, Madame Müller!« Und rasch wandte er sich und schritt zur Thür hinaus. 18. Die Werbung. Es war doch ein ganz eigenes, beklemmendes Gefühl, mit dem Fritz die Werkstätte durchschritt; denn wenn er sich die Sache bis dahin auch in den rosigsten Farben ausgemalt hatte, so fing ihm das Herz jetzt, da er sich der Entscheidung gegenüber sah, merkwürdig an zu schlagen und zu klopfen, und er war eigentlich ganz zufrieden damit, daß er an der auf die Straße hinausführenden Thür noch einen Augenblick halten mußte, um das Regenwasser erst ein wenig ablaufen zu lassen, denn wie ein Sturzbach kam es noch die Straße nieder. Das ging aber doch verhältnißmäßig rasch, denn da kein neuer Zufluß mehr kam, hatten sich die Dächer bald geleert, und die Schleusen sogen genug davon ein, um wenigstens die Trottoirs frei zu machen. Der Weg war auch nicht so weit; gleich in der andern Straße wohnte der Staatsanwalt, und mit einem unwillkürlich aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer schritt jetzt Fritz Baumann seinen Weg entlang. Allerdings war er noch immer unschlüssig, wie er es machen, ob er zuerst Ottilie selber oder lieber ihren Vater aufsuchen solle. Der alte Witte, das wußte er, hatte ihn gern und sich oft mit ihm über seine künftigen Pläne und Aussichten unterhalten. Aber nützte ihm das bei der Tochter? Wenn ihn Ottilie wirklich liebte, brauchte es da der Zureden des Vaters? Und doch beschlich ihn wieder ein recht fatales Gefühl, wenn er an das dachte, was sein eigener Vater vor wenigen Minuten zu ihm gesagt. Es war nur zu wahr, daß eine Menge adeliger Herren in dem Hause verkehrte, und als er am Abend jenes Balles unter den erleuchteten Fenstern vorüberging, gab es ihm selber einen Stich durch's Herz. Aber damals konnte sie ihn eigentlich noch gar nicht einladen, und wie lieb hatte sich Ottilie gegen ihn gezeigt, ja wie deutlich bewiesen, welchen Antheil sie an ihm nehme, als er ihr an jenem Tage mittheilte, daß er selbstständig geworden. War ihr in jenem Augenblick das Blut nicht in einem wahren Strom in die Schläfe gestiegen, und wie gut, wie herzig hatte sie dabei ausgesehen! Daß auch gerade damals der alberne Ballbesuch kam – er war so auf dem besten Wege gewesen und hätte vielleicht damals schon die Gewißheit seines Glückes bekommen. Aber es war selbst jetzt noch nicht zu spät, und heute, besonders unmittelbar nach dem schlechten Wetter, kaum eine Störung zu befürchten. Er wollte es auch ganz dem Zufall überlassen, mit wem er zuerst sprach, mit dem Vater oder der Tochter, wen er zuerst traf – nur nicht mit der Mutter, denn zu der hatte er selber kein rechtes Vertrauen und in ihrer Gegenwart nie recht warm werden können. Jetzt war er da. Er stieg mit festen Schritten die wenigen Stufen hinan, die ihn noch von dem Vorsaal trennten, und wollte sich eben entschlossen nach links wenden, wo er Ottiliens Zimmer wußte, als der Staatsanwalt selber von dort herauskam und auf seine eigene Stube zuging. Als er den jungen Mann bemerkte, rief er freundlich aus: »Ah, lieber Baumann, wollen Sie zu mir? Kommen Sie hier herein!« Und damit, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt er in sein Bureau, dessen Thür er hinter sich offen ließ. Vorn im Bureau saßen und standen fünf verschiedene Schreiber in einem nicht überhellen Gemach; die Leute kritzelten mit ihren Federn und warfen kaum einen Blick darüber hin nach dem Eingetretenen. Ihr Chef war gerade wiedergekommen, und der mußte sie thätig bei der Arbeit finden. Gleich dahinter hatte der Staatsanwalt sein Privatzimmer, und als Fritz Baumann das hinter demselben her betrat, drückte er die Thür in's Schloß, denn die Schreiber brauchten gerade nicht zu wissen, um was es sich hier handle. »Nun, mein lieber Baumann,« sagte der Staatsanwalt in seiner cordialen Welse, »was führt Sie zu mir? Setzen Sie sich – Sie rauchen doch?« »Ich danke freundlichst – heute nicht,« lehnte der junge Mann ab. »Heute nicht?« lachte Witte, indem er sich die eigene Cigarre anzündete. »Es ist doch nicht etwa Ihr Geburtstag oder sonst eine feierliche Gelegenheit?« »Lieber Herr Witte,« sagte Fritz, dem es jetzt fast die Kehle zusammenschnürte, »ich – bin allerdings aus einer ganz eigenthümlichen Ursache zu Ihnen gekommen.« »So? Na, da lassen Sie einmal hören. Wie mir Ottilie neulich sagte, sind Sie ja jetzt Ihr eigener Herr geworden, wie?« »Allerdings, und das – ist auch eigentlich die Ursache, weshalb ich zu Ihnen komme ...« »So? Doch keine Schwierigkeiten in der Stadt? Die wollten wir bald klar bekommen.« »Nein, Herr Witte – eine – Familienangelegenheit...« »Eine Familienangelegenheit?« sagte der Staatsanwalt etwas gedehnt, und zum ersten Mal flog sein Blick über des jungen Mannes sonntägliche Kleidung; auch die Glacehandschuhe war er nicht an ihm gewohnt. »Und die betrifft, wenn ich fragen darf?« »Sie selbst.« – Fritz war in Gang gekommen und jetzt half ja doch kein längeres hinter dem Berge Halten. »Mich selbst?« lachte Witte. »Sie wollen mich doch nicht bei mir selber verklagen?« »Nein, Herr Witte,« sagte Fritz ernst, aber freundlich; »aber Ihre Meinung wollte ich in einer Sache hören, die mich sowohl als Sie betrifft.« »Und die wäre?« fragte Witte, und sein erster Verdacht wurde durch die Aeußerung nur bestärkt – er hatte einen Freiwerber vor sich. »Ich wollte Sie um die Hand Ihrer Tochter bitten,« platzte denn auch der junge Baumann ohne Weiteres heraus. »Alle Wetter!« rief Witte erstaunt. »Und haben Sie mit Ottilien schon darüber gesprochen?« »Nein, Herr Witte; ich bin allerdings deshalb heute herübergekommen, aber da ich Sie zuerst traf, hielt ich es für besser, vorher Ihre Meinung darüber zu hören. Ich brauche Ihnen auch nicht zu sagen, daß ich den Schritt genügend vorbereitet thue. Ich kann Ottilien eine zwar nur bescheidene, aber vollkommen ausreichende Existenz bieten und alle Nahrungssorgen von ihr fern halten, ja ihr aus eigenen Mitteln, ohne irgend eine Mitgift zu beanspruchen, auch noch manche Bequemlichkeit bieten. Mit nur einigermaßen bescheidenen Ansprüchen reichen wir dann sicher aus, denn ich habe jetzt schon, besonders von auswärts, so viele ehrenvolle Aufträge und Arbeiten bekommen, daß ich, wenn sich dieselben nicht einmal steigern, schon jetzt genöthigt bin, einige Gehülfen anzunehmen.« »Lieber Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der bei den letzten Worten still und nachdenkend vor sich niedergesehen hatte, »ich weiß, daß Sie ein braver, tüchtiger Mann sind, kenne Sie auch die langen Jahre und habe Sie von Herzen gern. Ihr Vater ist ebenfalls ein braver, geachteter Bürger in der Stadt ...« »Aber?« sagte Fritz und sah erwartungsvoll zu ihm auf. »Erwarten Sie kein Aber von meiner Seite,« fuhr jedoch der Staatsanwalt mit dem Kopf schüttelnd fort. »Hätten Sie mit Ottilien schon gesprochen und ihr Jawort erhalten, so würde ich selber gegen ihre Wahl nichts einzuwenden haben, ja, aufrichtig gesagt, wären Sie mir, mit Ihrem einfachen, anspruchslosen Wesen, lieber als vielleicht mancher andere Schwiegersohn. Das Aber liegt allein bei meiner Tochter, und mit der müssen Sie vorher darüber in's Klare kommen; denn das werden Sie keinenfalls von mir erwarten oder wünschen, daß ich meinem Kind in einer so wichtigen Sache zureden oder sie gar bereden solle.« »Lieber Herr Witte, Sie glauben mir wohl, daß ich an etwas Aehnliches nicht gedacht habe.« »Gut, dann gehen Sie hinüber zu meiner Tochter und fragen sie selber. Sie treffen es günstig, denn sie ist gerade ganz allein. Aber Eins beantworten Sie mir erst: Haben Sie irgend eine – wie soll ich gleich sagen – eine gegründete Ursache, zu glauben, daß Ottilie Sie wirklich liebt?« »Bester Herr Witte ...« »Ich will es nicht meinetwegen wissen, lieber Baumann, denn das ist Ihre Sache; aber ich sage Ihnen ganz aufrichtig, daß meine Idee, wenn ich überhaupt einmal an etwas Derartiges dachte, nach einer andern Richtung hin lag. Ich glaubte, Ottilie hätte eine Neigung nach einer andern Seite gefaßt. Aber, lieber Gott, wer kennt ein Mädchenherz aus, und noch dazu ich, der ich mir die Stunden abstehlen muß, die ich in meiner Familie zubringe!« »Nach anderer Richtung hin?« »Ich sage Ihnen, es ist das nur eine Vermuthung und nichts, gar nichts, worüber ich selber mit mir in's Klare gekommen wäre. Sie waren Spielgefährten zusammen ...« »Ja, und immer, seit der Zeit, habe ich Ottilie im Herzen getragen.« »Also wirklich eine erste Liebe? Aber haben Sie noch nie eine Andeutung davon gegen sie fallen lassen?« »Neulich, als ich sie zum letzten Male sprach.« »Und was sagte sie da?« »Wir wurden gestört – es kam Besuch – es war unmittelbar nach dem Ball, den Sie damals gaben. Aber wenn ich nach ihrem Erröthen und dem Ausdruck ihrer lieben Züge schließen darf, so ist sie mir gut.« »Na, dann versuchen Sie Ihr Glück in Gottes Namen,« nickte der Staatsanwalt; »der Henker soll aus dem Mädchen klug werden! Von mir haben Sie auch keinen Widerspruch zu fürchten, wobei ich jedoch nicht eben so sicher für die Mutter einstehen möchte. Aber das läßt sich am Ende auch überwinden, und wenn sich ihr Kind glücklich darin fühlt, wird sie auch nichts dagegen haben dürfen.« »Mein lieber Herr Witte, wie herzlich danke ich Ihnen ...« »Noch haben Sie für gar nichts zu danken, lieber Baumann,« sagte der alte Herr; »denn hoffentlich halten Sie mich doch für einen vernünftigen Mann, der sein Kind eben so gern oder noch ein groß Theil lieber einem braven Techniker, als irgend einem vornehmen Flieg in die Luft giebt. Reden Sie mit dem Mädel, und wenn Ottilie damit einverstanden ist und Sie so lieb hat, wie – ich es eigentlich wünsche, dann in Gottes Namen!« Damit drückte er dem jungen Manne herzlich die Hand und öffnete ihm selbst die Thür, und Fritz flog mehr als er ging – sehr zum Erstaunen der Schreiber – durch die Stube und über den Vorsaal hin. Fritz klopfte herzhaft an – jetzt war der Bann gebrochen, und als er nach einem rasch folgenden »Herein!« die Thür öffnete, kam ihm Ottilie schon auf halbem Weg entgegen und es war fast, als ob sie die Hand nach ihm ausstreckte. Aber wie verlegen wurde sie, als sie den jungen Baumann erkannte und stotterte: »Entschuldigen Sie, Herr Baumann, ich dachte – es ging gerade Jemand – eine Freundin von mir – unten vorüber, und ich – glaubte, sie wäre zu mir heraufgekommen.« »Und bekomme ich keine Hand, Fräulein Ottilie?« »Gewiß, warum nicht?« sagte das junge Mädchen, aber immer noch befangen, indem sie ihm die Hand reichte. Sie wußte auch dabei gar nicht, wie sonderbar ihr der junge Mann heute vorkam, ganz anders als sonst – und was wollte er nur? Eine Arbeit war doch nicht bestellt worden. Fritz aber, dem ihre Verlegenheit nicht entgehen konnte, fuhr rasch fort: »Es thut mir leid, Fräulein Ottilie, daß Sie durch mein Erscheinen vielleicht enttäuscht wurden. Soll ich aber aufrichtig sein, so bin ich froh, daß Sie jetzt keinen Besuch bekommen haben, denn ich möchte ein paar Worte mit Ihnen reden – Sie um etwas fragen.« »Mich?« »Ja.« »Nun, wenn ich Ihnen in irgend etwas Auskunft geben kann, von Herzen gern.« »Erinnern Sie sich noch der Zeit, Fräulein Ottilie, wo wir zusammen spielten und als Kinder so fröhlich mit einander waren?« »Sie holen weit aus; aber ich dächte, Sie hätten mich neulich schon darum gefragt. Gewiß, und weshalb nicht?« »Wissen Sie noch, was wir damals spielten, Ottilie?« Ottilie erschrak. Bei ihrem bloßen Vornamen hatte sie Baumann seit jener Zeit nie wieder genannt und sie erinnerte sich auch, was sie hauptsächlich zusammen gespielt hatten: Braut und Bräutigam. Jetzt wurde ihr klar, was ihr früherer Spielgefährte von ihr wollte, weshalb er so feierlich auftrat. Wieder erblaßte sie auch und wurde dann feuerroth, fühlte aber zu gleicher Zeit, daß sie jeder Erklärung, so lange es noch Zeit war, zuvorkommen müsse und sagte rasch: »Lieber Himmel, Herr Baumann, was spielen Kinder nicht oft mit einander! Aber die Zeiten sind jetzt vorüber, Sie ein gereifter Mann geworden, ich bin ebenfalls den Kinderschuhen gewachsen; lassen wir also die alten Sachen ruhen. Was wollen Sie mich denn fragen? Sie entschuldigen, ich muß zum Vater hinüber.« »Ihr Vater schickt mich gerade zu Ihnen.« »Mein Vater? Aber weshalb?« »Ich kann nicht lange Worte machen, Ottilie,« brach jetzt Baumann durch alle Hindernisse. »Schon neulich sagte ich Ihnen, daß ich selbständig geworden sei und jetzt beabsichtige, einen Hausstand zu gründen. Wollen Sie mir darin helfen? Wollen Sie mein Weib werden? Seit meiner frühesten Jugend trage ich Sie im Herzen, nie hat der Gedanke an ein anderes Wesen meine Brust erfüllt. Sehen Sie den Groschen hier, den Sie mir vor einiger Zeit gaben? Wie ein Heiligthum trage ich ihn seitdem auf meinem Herzen. Ich weiß,« fuhr er bewegt fort, als Ottilie erbleichend schwieg, »ich bin nicht aus vornehmem Stand, und Glanz und Rang kann ich Ihnen nicht bieten, aber ein treues Herz. Ottilie, und einen geachteten, ehrlichen Namen. Mein Auskommen habe ich auch; Sie sollen wahrlich an meiner Hand weder Noth noch Sorge kennen lernen, und wenn Ihr Herz nur ein klein wenig ...« »Halten Sie ein, Herr Baumann,« unterbrach ihn Ottilie mir fast tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme. »Gehen Sie nicht weiter und hören Sie mich erst an.« Baumann erschrak wirklich über die Blässe, die plötzlich alle Farbe aus ihren Wangen trieb, nur ihre Augen hatten einen ganz merkwürdigen Glanz angenommen, aber ihr Ausdruck war nicht mehr so freundlich, als vorher. Das Mädchen jedoch, während sie sich mit der Hand an dem nächsten Tisch stützte, fuhr mit immer fester werdender Stimme fort: »Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich zu setzen scheinen. Man sagt ja, daß ein jeder solcher Antrag ein junges Mädchen ehrt, und ich darf mich deshalb nicht gekränkt dadurch fühlen. Was aber Ihre Liebe betrifft, so thut es mir leid – ich kann sie nicht erwidern.« »Ottilie!« »Es ist nothwendig, daß wir offen gegen einander sind,« fuhr sie fort, und ihr Auge blickte dabei wie in verhaltenem Zorn, »schon deshalb nothwendig, um jedes Mißverständniß für die Zukunft zu vermeiden; nehmen Sie daher die Versicherung, daß ich niemals Ihre Gattin werden kann und will.« »Und weshalb nicht, Ottilie?« »Sie haben kein Recht zu dieser Frage,« erwiderte das junge Mädchen mit eisiger Kälte. »Wenn ich als Kind nicht den Unterschied kannte, der uns von einander trennt, so darf man das dem Kinde wohl verzeihen. Sie werden mir gestalten, daß ich mich jetzt in die Schranken, die mir von der Gesellschaft geboten sind, zurückziehe.« Baumann sah das junge, wirklich selbst in ihrem Zorn bildschöne Mädchen groß und fast erstaunt an. Das war kein liebes, sanftes Herz, wie er es sich in dieser Brust gedacht; das war nichts als eitler Stolz und Hochmuth, der diese Worte sprach, und die Jungfrau, wenn sie auch ihre Worte milderte, stand ihm in der That genau so gegenüber, als ob er sie auf das Tödtlichste beleidigt hätte. Ihm selber stieg jetzt das Blut in die Stirn, denn er schämte sich der Rolle, die er hier spielte, obgleich er in der ehrlichsten Absicht hergekommen. Das war nicht die Tochter ihres Vaters, das war die Tochter ihrer Mutter, und wie er nur fühlte, daß hier jedes weitere Wort vergeblich sei, ja seine Lage nur unangenehmer machen konnte, sagte er artig, aber jetzt ebenfalls nur kalt und höflich: »Fräulein Ottilie, ich muß Sie um Verzeihung bitten, ich wußte nicht, daß Ihr Verstand schon so vollständig Ihrem Herzen über den Kopf gewachsen war. Ich bin mir jetzt unserer beiderseitigen Stellung bewußt, und seien Sie versichert, ich werde Ihnen nie wieder lästig fallen.« Ottilie wurde blutroth. Das klang wie ein Vorwurf, und während sie vielleicht fühlte, daß sie ihn verdient hatte, empörte sich doch auch wieder ihre Eitelkeit dagegen, auch nur Aehnliches von dem Handwerker zu ertragen. Fritz Baumann ließ ihr aber keine Zeit, zu irgend einem Entschluß zu kommen. Er verbeugte sich kalt – sein Hut stand neben ihm auf dem Tisch –, und wenige Secunden später schloß sich die Thür hinter ihm. Fritz Baumann dachte nicht daran, den Staatsanwalt wieder aufzusuchen. Er konnte ihn jetzt nicht sprechen, denn die Thränen standen ihm in den Augen, und Hals und Kehle waren ihm wie zugeschnürt. Aber nicht der Schmerz um eine verlorene Geliebte trieb ihm das Wasser zwischen die Wimpern, sondern weit mehr verletztes Ehrgefühl. Ottilie verachtete in ihm den Handwerker, der es gewagt hatte, zu ihr, der vornehmen Dame, die Augen zu erheben, und was war sie? Eines Advocaten Tochter, eines Bürgers der Stadt, wie sein alter, braver, von Allen geachteter Vater ebenfalls Bürger war. Er biß die Zähne zusammen und stieg langsam die Treppe hinab. »Ein Korb,« murmelte er dabei, »ein Korb in aller Form, und wie ertheilt – so höhnisch, so kalt, so herzlos! Was war ihr der Jugendgespiele, was die Liebe, die er für sie im Herzen trug!« So schritt er über die Straße hinüber, so die Bahn entlang nach seines Vaters Hause, und erst als er dort auf der Schwelle stand, zögerte er wieder, denn er schämte sich, dem alten Mann unter die Augen zu treten. Hatte der es ihm nicht vorausgesagt? Aber das konnte er nicht wissen; kein Mensch konnte hinter so lieben, treuen Augen solche Eitelkeit, eine so herzlose Brust vermuthen. Und wie würde jetzt das überstolze Mädchen auf ihn herabsehen, wenn sie ihm je wieder begegnete! Und konnte er sie denn hassen? Er schüttelte traurig vor sich hin den Kopf. Ach, zu lange hatte er jenes selige Gefühl der Liebe mit sich herumgetragen, um es jetzt so rasch und plötzlich gegen Haß umzutauschen! Aber da war er an der Schwelle, ja er stand in der Werkstatt, ehe er es selber recht wußte. Und sollte er hinein gehen? Die Stube öffnete sich, und Madame Müller, die indessen die ganze Zeit hier gesessen hatte, kam heraus. Sein Vater begleitete sie bis au die Thür. »Sie können gar nicht fehlen, Madame«, sagte er; »links gehen Sie hinunter, und dann biegen Sie rechts hinein in die erste Straße. Es muß etwa das sechste oder siebente Haus sein; Sie sehen schon das kleine Porzellanschild an der Thür unten: »Staatsanwalt Witte.« Wenn Sie es denn nun einmal nicht anders haben wollen; aber ich an Ihrer Stelle ... Holla, Fritz, schon wieder da? Junge, das ist schnell gegangen, fast ein bischen zu schnell,« setzte er langsamer hinzu. »Na, komm nur herein; es ist beinahe, als ob ich heute meinen Amboß gar nicht wieder warm kriegen sollte.« Madame Müller grüßte, griff ihren, indeß vollständig abgelaufenen Regenschirm wieder auf und verließ das Haus, während Fritz langsam dem Vater in die Stube folgte. »Wo ist die Mutter, Vater?« »Weiß der liebe Gott, was sie vorhin angewandelt,« sagte der Alte; »sie wurde auf einmal unwohl und hat sich auf ihr Bett gelegt. Ach, das geht rasch vorüber! Wenn man in die Jahre kommt, packt Einen manchmal so 'was ganz plötzlich, dauert aber gewöhnlich nicht lange. Mir wurde auch neulich einmal sehr schlecht, wie ich den drei Centner schweren Krahn auf den Wagen gehoben hatte; aber es ging gleich wieder vorüber. Altersschwäche, mein Junge, weiter nichts. Aber was ist mit Dir? Du schneidest gerade so ein Gesicht, als ob Dir der Hafer verhagelt wäre. Abgeblitzt, heh?« »Ja, Vater,« sagte Fritz mit fester und entschlossener Stimme, denn er hätte dem Vater gegenüber nicht einmal Ausflüchte suchen mögen. »Du hattest Recht – wär' ich Deinem Rath gefolgt!« »Hm, und was sagte sie?« fragte der Vater, indem er beide Hände vorn in sein Schurzfell schob. Fritz sah eine Zeit lang schweigend vor sich nieder. Endlich flüsterte er: »Sie sagte, Vater, daß sie sich jetzt, wenn wir auch früher als Kinder mit einander gespielt hätten, in den Schranken halten müsse, welche die Gesellschaft für sie gezogen.« »Unsinn,« brummte der Schlossermeister; »das versteh' ich nicht. Was hat die Gesellschaft mit Eurer Heirath zu thun?« »Sie meinte damit,« fuhr Fritz finster fort, »daß sie zu vornehm wäre, um einen Handwerker zu heirathen, wenn Dir das deutlicher ist.« »Das ist allerdings deutlich genug,« lachte der alte Schlosser ingrimmig vor sich hin: »aber nicht anders, als ich's mir gedacht hatte. Und die Mutter war natürlich ganz damit einverstanden!« »Die Mutter war gar nicht zu Hause.« »Und der Vater?« »Ist ein Ehrenmann. Ich sprach mit ihm vorher darüber, und er war freundlich und gut und sagte mir, daß er mit Freuden seine Einwilligung geben würde, wenn die Tochter es wünsche.« »Also ich hatte wieder einmal Recht?« »Ja, Vater.« »Armer Junge,« nickte der Vater nach längerer Pause, in der Beide ihren Gedanken folgten. »Das war freilich ein böser Gang, und ein mäßiger Amboß ist manchmal leichter zu tragen, als so ein Korb. Aber laß Dir's nicht leid sein, Fritz. Mir ist dabei, ich gebe Dir mein Wort, eine Last vom Herzen, denn das Mädel hätte nicht zu Dir gepaßt, und Ihr wäret Beide für Euer ganzes Leben unglücklich geworden. Gleich und Gleich gesellt sich gern; aber mit der Familie, den alten Staatsanwalt ausgenommen, würden wir nie zusammen gegangen sein. Es ist gegen die Natur; und was wär' das nachher für ein Leben, wenn man nicht einmal den Sohn in seinem eigenen Hause besuchen dürfte und die Schwiegereltern wie Hund und Katze zusammen lebten! Und paßt Du etwa zu Bällen oder großen Mittagessen, wo eine Menge vornehmes Pack zusammenkommt und die Handwerker über die Achsel ansieht? Daß sich das Volk selber nicht ernähren kann und mit seinem Adelstolz vom Staate gefüttert werden muß, sehen sie nicht ein! Das gehört sich, das war in der Weltgeschichte nie anders; aber der Plebs darf ihnen nicht in die Quere kommen!« »Witte's sind ja aber gar nicht adelig, Vater ...« »Um so viel schlimmer, mein Junge. Mit einem wirklich vornehmen Manne ist immer leicht verkehren, aber das unausstehlichste Gesindel sind derlei Bürgerliche, wenn sie sich in den Adel hineindrängen, und die alte Frau Witte mitsammt ihrer Tochter gehören zu der Race, von der Frisur oben bis zur Fußspitze hinunter.« Fritz hatte sich auf einen Stuhl geworfen und stützte den Kopf in die Hand. »Und Alles umsonst,« sagte er leise; »wie habe ich gearbeitet und geschafft, wie gedarbt und gespart, nur immer mit der einen Hoffnung im Herzen, und jetzt Alles vergebens!« »Wenn ich nur so 'was nicht hören müßte!« rief der alte Schlossermeister. »Du redest gerade, als ob Du ein Greis von einigen achtzig Jahren wärst und Dich nun ganz behaglich in die Grube legen könntest. Du hast gearbeitet und geschafft, ja, aber nicht für die stolze Liese, die sich zu gut dünkt, eines braven Mannes Frau zu werden, sondern für Dich selbst, und was Du gethan und geleistet hast, kommt Dir jetzt selber zu Gute. Erste Liebe – ja, Prosit die Mahlzeit! Wie wenig Menschen giebt es auf der Welt, die ihre erste Liebe bekommen! Das ist die Blüthe am Baume, die Frucht kommt später, und junges Volk glaubt gewöhnlich, wenn es sich in das erste glatte Gesicht vergafft hat, daß es sterben und verderben würde und müsse, wenn sie das nicht als Eigenthum bekämen, 's ist aber nicht wahr, und sie leben ruhig fort und finden auch bald eine Andere, die sie eines Besseren belehrt. Glaubst Du, daß Deine Mutter meine erste Liebe gewesen wäre, oder ich ihre? Gott bewahre! Ich hatte ein Mädel gern, das mit einer Familie von England gekommen war, ein blitzsauberes Ding, und ich hätte mich damals mit Vergnügen für sie todtschlagen lassen. Nachher hat sie den dicken Wirth in Eichenbach geheirathet und jetzt zehn oder zwölf Kinder, lauter Jungen, und ich danke meinem Schöpfer noch heute, daß ich Deine Mutter und nicht sie bekommen habe, denn sie ist ein Drache, und der Skandal im Hause hört nicht auf, während Deine Mutter und ich in Frieden und Liebe die langen, langen Jahre verlebt und nie den Tag bereut haben, an dem wir unsere Hände in einander legten und Ja sagten. Willst Du fort?« Fritz war aufgestanden und hatte seinen Hut genommen, »Ja, Vater,« sagte er, »ich will nach Hause und wieder mein Arbeitszeug anziehen, ich werde die Gedanken sonst nicht los.« »Da hast Du Recht,« nickte der Vater, »das Gescheiteste, was Du thun kannst, und wenn Du meinem Rathe folgen willst, mein Junge, so freie das nächste Mal, wie ich um Deine Mutter gefreit habe, nicht in einem feinen Rock und mit nichtsnutzigen Handschuhen an den Händen, sondern im Schurzfell. Die Ehen halten nachher, und wenn Ihr Euch Beide lieb habt in der Arbeit, so habt Ihr Euch lieb im Glück und Ueberfluß – umgekehrt stimmt's nicht.« »Adieu, Vater!« »Hast Du denn schon gegessen?« »Mir ist heute der Appetit vergangen,« sagte der junge Mann, indem er ohne weiteren Gruß zur Thür hinausschritt. Der alte Schlossermeister blieb noch eine Weile am Tisch stehen und sah ihm nach. So lieb es ihm auch sein mochte, daß aus der Verbindung, der er nie etwas Gutes zugetraut, nichts geworden war, so ärgerte es ihn doch, daß jenes stolze Ding seinen Fritz so hatte ablaufen lassen. Aber das dauerte nicht lange; Meister Baumann war kein Charakter, der Stunden lang über geschehene Dinge nachgegrübelt hätte. »Wetterhexe!« brummte er nur leise in den Bart, dann schob er sich das Käppchen auf's linke Ohr, und zehn Minuten später schallten die Schläge seines Hammers wieder so lustig durch die Werkstatt, wie nur je. 19. Staatsanwalt Witte zu Hause. Der Staatsanwalt Witte war indessen durch den Antrag des jungen Technikers ebenso überrascht worden, wie seine Tochter selber, ohne aber auch nur für einen Moment seinen praktischen Standpunkt zu verlieren. Er hatte allerdings keine Ahnung gehabt, daß nach dieser Richtung hin bei Ottilien eine Neigung im Aufkeimen wäre – weit eher nach anderer, und das mußte doch der Fall sein, sonst würde der junge, sonst so schüchterne Mann nicht gleich mit einem directen Antrage vorgetreten sein. Aber er wäre nicht böse darüber gewesen, denn er kannte Fritz Baumann als einen strebsamen, ordentlichen und fleißigen jungen Techniker, und gegen die Eltern war ebenfalls nichts einzuwenden. Ein etwas »vornehmer« Schwiegersohn wäre vielleicht auch ihm recht gewesen, aber er dachte doch zu vernünftig, um das ein Hinderniß sein zu lassen, wenn Ottilie selber ihr Glück darin sah – that sie das aber wirklich? Er ging in seinem Zimmer auf und ab und dachte gar nicht an Arbeiten, denn wichtigere Dinge kreuzten ihm jetzt das Hirn – die Zukunft seines einzigen Kindes. Allerdings wollte die Mutter – das wußte er gut genug – hoch mir ihr hinaus, und ihr wäre eine derartige Verbindung ein bedeutender Strich durch die Rechnung gewesen, bei ihr fanden sie deshalb gewiß noch hartnäckigen Widerstand – aber neigte sich denn nicht Ottilie selber ganz den Ansichten der Mutter zu, und sollte sie die so auf einmal und so plötzlich gewechselt haben? Der Staatsanwalt blieb plötzlich in der Stube stehen. Wenn er nun selber einmal zu seiner Tochter hinüberging – aber das verdarb am Ende mehr, als es gut machte. Er hätte auch nicht einmal zureden können und mögen, denn – eine brillante Partie war es immer nicht; aber er würde auch nicht abgeredet haben. Es war besser, er ließ der Sache eben ihren natürlichen Lauf. Draußen auf dem Gang wurde eine Thür geöffnet und hastig wieder geschlossen; er hörte es deutlich, denn seine eigene, in das Schreibzimmer führende Thür stand offen – das konnte doch nicht schon der Brautwerber gewesen sein – vielleicht seine Frau. Er schritt hinaus über den Vorsaal in seiner Frau Wohnstube, um dort aus dem Fenster auf die Straße zu sehen. Wahrhaftig, dort ging der junge Baumann mit raschen Schritten über den Weg! »Abgelehnt,« nickte er leise vor sich hin – »ob ich es mir denn nicht gedacht habe – armer Junge – aber es ist, wie ich gefürchtet! das Mädel hat, wie man so sagt, große Rosinen im Topfe, und ihre Mama quellt sie noch auf.« – Er zuckte mit den Achseln. – »Ich kann's nicht ändern, und das Gescheidteste wird sein, ich thue, als ob ich gar nichts von der Geschichte wüßte.« Damit drehte er sich nun und glitt wieder – dieses Mal mit geräuschlosen Schritten – in sein Bureau hinüber, wo er sich an sein Pult setzte und arbeitete. Er wollte das Ganze ruhig an sich kommen lassen. Eine gute Viertelstunde, vielleicht etwas länger, mochte er so ungestört geblieben sein, als einer seiner Schreiber den Kopf in die Thür steckte und sagte: »Herr Staatsanwalt, es ist eine Frau hier, die Sie selber zu sprechen wünscht.« »Wer ist es?« »Frau Müller aus Vollmers.« »Soll herein kommen,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; er hatte den Kopf voll und die Störung war ihm nicht gelegen. »Guten Tag, Herr Advocat,« sagte Madame Müller, indem sie sich in der Stube nach einem Platz umsah, wo sie ihren Schirm abstellen konnte, denn sie brauchte ihre Hände für den Strickbeutel. »Guten Tag, liebe Frau! Was wünschen Sie?« »Sehen Sie, Herr Advocat,« sagte Madame Müller, indem sie den Schirm glücklich hinter dem Sopha anbrachte, »ich bin die Frau Müller aus Vollmers, und daß mir kein Mensch was Böses oder Schlechtes nachsagen kann, das will ich Ihnen beweisen. Da hier,« fuhr sie fort, indem sie ein ganzes Packet Schriftstücke aus ihrem Arbeitsbeutel nahm, »ist mein Tauf- und Impfschein, mein Confirmations-Zeugniß, mein altes Dienstbuch, denn ich ...« »Meine gute Madame,« sagte Wille ruhig, »Sie sind hier mir Ihrer Beschwerde am unrechten Platz. Daß Sie eine brave, rechtliche Frau sind, glaube ich Ihnen auf Ihr Wort, aber ich habe mit der Sache ...« »Na, aber dann brauchen auch so ein paar alte Schleicher nicht zu mir in's Haus zu kommen,« rief die Frau entrüstet, »und mir alle möglichen Grobheiten und Injurien zu sagen!« »Liebe Madame Müller,« sagte Witte, ungeduldig werdend, »Sie sind hier an den vollkommen unrechten Ort gerathen; denn wenn Sie, wie ich nach Ihren Reden vermuthen muß, in Ihrem eigenen Hause beleidigt wurden, so gehen Sie einfach auf die Polizei und beschweren sich dort. Einen Advocaten haben Sie dazu überhaupt nicht nöthig.« »Aber ich will einen haben,« sagte die Frau ganz entschieden, »denn wenn ich gegen ein paar so vornehme Herren auf die Polizei gehe, so steckt die mit ihnen durch, und Unsereiner kann mit langer Nase wieder abziehen.« Witte lachte. »Sie haben gute Ansichten von der Polizei, aber Sie sind im Irrthum; ob Sie ein Baron oder ein Graf oder wer sonst beleidigt hat, bleibt dasselbe – die Gesetze sind für Alle gleich. Aber jetzt, liebe Madame, bitte ich Sie, mich zu entschuldigen; ich bin sehr beschäftigt und habe auch mit der Sache gar nichts zu thun. Gehen Sie nur auf die Polizei.« »Nein,« sagte die Frau – »Gott bewahre Einen vor der Polizei. Einen Advocaten will ich haben, und wenn's auch kein Baron oder Graf war, so war's doch ein Major und ein Rath, und den Rath besonders, den Herrn Frühbach, den soll mir der Advocat drangsaliren, daß er schwarz wird!« »Rath Frühbach – und ein Major?« sagte Witte, plötzlich aufmerksam werdend, denn er mußte an den verbissenen Major von Halsen denken. »Wie hieß der Major?« »Halsen,« sagte die Frau, »Major von Halsen.« »Und der soll Sie in Ihrem eigenen Hause beleidigt haben?« sagte der Staatsanwalt kopfschüttelnd. »Das ist wohl nur ein Irrthum, liebe Frau, denn der alte Herr kränkelt fortwährend und wäre kaum zu Ihnen nach Vollmers gekommen.« »Irrthum? Ja, schöner Irrthum!« rief die Frau. »Kränklich sieht er aus, denn er humpelte an einem Stock herum. Aber wo soll da ein Irrthum herkommen, wenn er mir in meinem eigenen Hause sagt – das heißt, der Rath, nicht der Major – das Bild, das über meinem Sopha hängt, wäre nicht meine Tochter, sondern die Tochter vom Baron von Wendelsheim, und daß ich die Kinder vertauscht hätte, wo ich den jungen Baron selber auf meinen eigenen Armen zehn volle Monate herumgetragen und genährt habe!« »Von Wendelsheim?« sagte Witte, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl herumgerückt war, jetzt plötzlich aufmerksam werdend. Dahinter stak wieder der unglückliche Major, so viel war sicher, und hatte jetzt, wie es schien, seinen tollen Verdacht so weit getrieben, um einen Eclat herbei zu führen. Witte selber fing aber an, sich nach den Vorgängen von heute Morgen mehr und näher für den Namen Wendelsheim zu interessiren. Seine Tochter mußte eine andere Neigung haben, oder sie hätte den Freier nicht so rasch und entschieden abgewiesen, und er wünschte nun wenigstens der Klagesache auf den Grund zu kommen, um wo möglich ein Oeffentlichwerden der fatalen Rederei zu verhindern. Anstatt die Frau deshalb abzuweisen, legte er die Feder hin, drehte sich auf seinem Stuhl herum und sagte: »Dann lassen Sie wenigstens einmal hören, was die Herren von Ihnen gewollt haben; bitte, nehmen Sie Platz und reden Sie ein wenig leiser.« Madame Müller verlangte nichts weiter, als einen Platz zum Sitzen und eine Aufforderung zum Reden, und begann nun auch ohne Säumen mit ihrer gewöhnlichen Weitschweifigkeit nach allen Himmelsrichtungen hin auszuholen. Witte war aber nicht der Mann, der ihr das hingehen ließ. Wie er nur erst einmal herausbekam, worauf es abzielte, hielt er sie auch in dem Gleise, und wenn sie nach links oder rechts ausbrechen wollte, schnitt er ihr augenblicklich den Faden ab und brachte sie wieder in die richtige Bahn. So hatte er denn auch nach einer kleinen halben Stunde, denn die Zeit gebrauchte Madame Müller doch, um sich gehörig zu entwickeln, nicht allein den größten Theil ihrer Lebensgeschichte – so weit sich dieselbe nämlich auf das Wendelsheim'sche Haus und die spätere Zeit bezog – sondern auch die genauen Vorgänge jenes Morgens erfahren, wo der Major und der Rath Frühbach so schmählich abgefahren waren. Wiederholt producirte dabei Madame Müller jenen ganzen Stoß von Papieren, der ihre Unschuld bekräftigen sollte, wenn der Staatsanwalt überhaupt noch an derselben gezweifelt hätte. Witte wies sie jetzt auch nicht ganz zurück, sondern blätterte sie durch, um den Tag zu erfahren, an welchem sie damals zuerst in Wendelsheim'sche Dienste, und zwar als Amme, eingetreten war; das Datum notirte er sich und schnürte das Packet dann wieder zusammen. Uebrigens stimmte dasselbe genau mit ihrer Angabe, und das wußte er schon selber aus früheren Nachforschungen, daß die Frau wirklich erst in der Nacht, und zwar mehrere Stunden nach der Geburt des Kindes, durch den herrschaftlichen Kutscher in einem verschlossenen Wagen aus ihrem Heimathsort abgeholt worden sei und die Wartung des Säuglings dann übernommen habe. Die Madame Müller machte den Eindruck einer zwar etwas derben und überschwatzhaften, aber doch grundehrlichen Frau, und der Staatsanwalt mußte nur im Stillen für sich lachen, wenn er sich die Scene dachte, wo Frühbach und der Major einen Angriff auf sie versucht hatten, es natürlich so ungeschickt als möglich anfingen und mit einem Donnerwetter und völlig geschlagen wieder abziehen mußten. So gern er aber dem Major sowohl wie dem Rath eine kleine Lection gegönnt hätte, die nicht ausblieb, wenn die Sache vor Gericht kam, so durfte er es doch nicht so weit gehen lassen, schon des unausbleiblichen Geredes wegen, das darüber entstanden wäre. Er freute sich jetzt ordentlich, die Frau nicht gleich abgewiesen zu haben, und es galt jetzt nur, sie von ihrer Klage abzubringen. Uebrigens zeigte sich das gar nicht so leicht, denn Madame Müller hatte einen ganz entschiedenen Charakter wie ihren eigenen Kopf, und Witte wurde deshalb höflich. »Liebe Madame,« sagte er, als sie ihren letzten Satz damit schloß, daß er jetzt eine ordentliche und tüchtige Klage gegen die »beiden Subjecte« aufsetzen solle – »die Anklage oder Verdächtigung der beiden Herren ist viel zu ungeschickt und leer, als daß Sie darauf das geringste Gewicht legen könnten – kein vernünftiger Mensch wird deshalb etwas Derartiges von Ihnen glauben.« »Und deshalb sollen sie mir gerade an's Messer,« sagte Madame Müller, indem sie auf ihren Strickbeutel klopfte: »da drinnen steht's, daß ich mir von solcher – Bagage meinen ehrlichen Namen nicht brauche verschimpfiren zu lassen!« »Davon rede ich nicht,« sagte der Staatsanwalt, »das ist eine Sache, die sich von selbst versteht; aber Sie sehen mir gerade so aus, als ob Sie auch praktischer Natur wären – hab' ich nicht Recht?« »Na, ich sollte denken,« sagte die Frau, »wenn man sich einmal so lange in der Welt herumgetrieben hat …« »Nun gut, dann müssen Sie sich doch auch von einer solchen Klage einen praktischen Nutzen versprechen, nicht wahr?« »Ich will nichts für mich davon haben,« sagte die Frau, die ihn falsch verstand; »nur die Beiden sollen abgestraft werden, wie sich's gehört und wie sie's verdient haben.« »Das meine ich nicht,« sagte kopfschüttelnd Witte; »Sie selber haben natürlich nichts davon, als Lauferei und Unannehmlichkeiten, und das wäre das Wenigste, denn denen muß sich Jeder unterziehen, der vor Gericht geht. Aber um ganz reine Sache zu haben und die Schuld allein auf Ihre Gegner zu wälzen, fürchte ich, sind Sie schon gleich von Haus aus zu weit gegangen.« »Ich – wie so denn?« »Sie scheinen mir etwas heftiger Natur, und wie ich vorhin aus Ihrer ganzen Erzählung vernommen, haben Sie den Herren nicht allein tüchtig die Wahrheit gesagt – dagegen ließe sich nichts einwenden – sondern Sie haben auch Schimpfworte wie Schafskopf und dergleichen gebraucht, und dadurch eine Beleidigung nicht allein erlitten, sondern auch gleich erwidert.« »Aber der Henker soll da ruhig bleiben, wenn Einem in seinem eigenen Hause …« »Ich gebe Ihnen ganz Recht, verehrte Frau – in meinen Augen sind Sie vollkommen entschuldigt und wir Alle hätten unter ähnlichen Verhältnissen vielleicht das Nämliche gethan; aber die Gesetze sind darin außerordentlich streng, und bedenken Sie selber, wie das aussehen würde, wenn Sie Jemanden gerade eines Vergehens wegen anklagen wollten, das Sie ebenso gegen ihn verübt.« »Ach bah – was ist denn das, wenn ich einen Menschen einen Schafskopf nenne?« »Bitte um Verzeihung, Madame, einen gewöhnlichen Menschen vielleicht nicht, aber bedenken Sie, einen Rath! Sie beleidigen dadurch nicht allein den Mann, sondern den Staat, ja, den König selbst, der ihn zum Rath gemacht hat, denn Sie sagen damit, daß er einen Schafskopf zum Rath ernannt habe.« »Na, und das kommt wohl nicht vor?« Witte zuckte die Achseln. »Wir dürfen es aber nicht aussprechen,« sagte er, »und Sie könnten in den Fall kommen – und kommen sicher hinein – daß Sie den Herren noch öffentlich Abbitte thun müßten.« »Und das nennen Sie Gerechtigkeit?« rief Madame Müller, den Arm entrüstet in die Seite stemmend. »Der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird, und eine arme, alleinstehende Frau, die nichts hat als ihre Zunge, soll noch nicht einmal Schafskopf damit sagen dürfen?« »Und auf was wollen Sie eigentlich klagen, Madame Müller? Der Herr Rath hat behauptet, daß das Bild in Ihrer Stube nicht das Ihrer Tochter, sondern einer Tochter des Baron von Wendelsheim wäre. Gut, das ist aber noch immer keine Beleidigung, sondern nur ein Irrthum.« »Aber der Baron hat ja gar keine Tochter, und er meinte damit ...« »Was er damit meinte, können wir Beide nicht wissen, und noch weniger das Gericht. Wir vermuthen allerdings, was er damit meinen konnte; aber darauf läßt sich keine Klage basiren.« »Aber er sagte mir auch direct aus den Kopf zu, ich hätte die Kinder umgetauscht.« »Das wäre allerdings eher ein Grund, um klagbar aufzutreten; aber erinnern Sie sich noch ganz genau der Worte? Bedenken Sie wohl, so genau, daß Sie dieselben auch beschwören können; denn es wäre ja wohl sehr leicht möglich, daß er eine Vertauschung behauptet und Sie dabei genannt habe, ohne gerade zu sagen, daß Sie die eigentliche Person wären, welche die Vertauschung bewirkt hätte. Auf das Setzen der Worte kommt hier Alles an. Können Sie sich genau darauf besinnen?« »Ja, Du lieber Gott,« sagte Madame Müller, doch jetzt stutzig gemacht, »es sind nun zehn oder zwölf Tage darüber hingegangen – den Sinn weiß ich noch genau und der war so ...« »Wie Sie ihn nämlich verstanden haben.« »Nun natürlich – aber die einzelnen Worte, wer kann die so lange und so genau im Kopfe behalten!« »Und doch kommt gerade auf die Worte Alles an,« sagte Witte; »wenn Sie die nicht genau vor Gericht beschwören können, so fällt Ihre ganze Klage zusammen und Sie werden abgewiesen. Rath Frühbach aber, der weit eher im Stande ist, seinen Schafskopf eidlich zu erhärten, dreht den Spieß nachher um, und Sie haben außer Ihren Laufereien auch noch Kosten und Unannehmlichkeiten.« »Das nehme mir aber kein Mensch übel,« rief Madame Müller entrüstet aus, »da hört doch die Gerechtigkeit auf, wenn sich eine arme, alleinstehende Frau sollte ungestraft beleidigen lassen, blos weil sie nicht mehr genau weiß, was das Lumpenvolk gesagt hat! Denken Sie denn, daß man in einem solchen Augenblick, wo Einem die Galle überläuft, auch aus jede Silbe so genau passen und sie gleich aufschreiben kann? Und das glaub' ich auch nicht,« setzte sie bestimmt hinzu, indem sie von ihrem Stuhl aufstand und einen Blick nach ihrem Schirm warf; »das wollen wir doch erst noch einmal sehen.« »Wollen Sie mir die Sache überlassen, Madame Müller?« »Dazu war ich von Anfang an hergekommen; aber wenn Sie mir gleich von vornherein sagen, daß ich ...« »Erlauben Sie mir einmal, verehrte Madame – Sie wollen doch nur Genugthuung für die angethane Beleidigung, nicht wahr?« »Weiter nichts auf der Gotteswelt.« »Also ist es Ihnen doch auch einerlei, ob Sie die vor Gericht oder privatim bekommen?« »Das weiß ich nicht,« sagte Madame Müller. »Die Sache bleibt doch immer dieselbe, nur mit dem Unterschiede, daß Sie auf privatem Wege Ihren Zweck gewiß erreichen, aber auf gerichtlichem Wege nicht; und außerdem haben Sie auf ersterem gar keine Kosten.« »Hm – und was wollen Sie thun?« »Ich werde den Herrn Rath Frühbach und den Major von Halsen veranlassen, daß Sie Ihnen schriftlich eine Ehrenerklärung geben, nicht gewillt gewesen zu sein, Sie zu beleidigen.« »Und daß Alles, was sie gesagt haben, lauter Lügen sind!« »Das läßt sich Alles auf eine feine Art darin anbringen, und daß die beiden Herren ferner bedauern, Sie durch irgend ein Wort und eine Andeutung gekränkt zu haben.« »Und von dem Schafskopf sagen wir nichts weiter?« »Der bleibt unberührt.« »Und wenn sie's nicht thun?« »Dann bleibt Ihnen immer noch die Klage offen, so gut als heute. Aber lassen Sie mich den Versuch machen und ich glaube, Sie werden davon befriedigt sein. Lieber Gott, ich habe ja doch wahrhaftig nichts dabei! Sie hören, daß ich nicht einen Pfennig für meine Mühe verlange; aber ich sehe, daß Sie eine brave, rechtschaffene Frau sind und möchte Sie nicht in Ungelegenheiten bringen.« »Gut denn, Herr Advocat,« sagte die Frau, indem sie ihm treuherzig die Hand entgegenstreckte; »ich sehe, Sie meinen es wirklich ehrlich, und ich will Ihrem Rathe folgen.« »Aber eine Bedingung habe ich noch dabei,« sagte Witte, »daß Sie nämlich den Brief der beiden Herren nicht öffentlich herumzeigen. Die Ehrenerklärung ist nur für Sie bestimmt. Und was hätten Sie auch davon? Andere Menschen würden sich nur darüber lustig machen, denn die Welt liebt nichts so sehr als Skandal und Klatschereien.« »Nun, soll mir auch nicht darauf ankommen,« sagte Madame Müller nach einigem Bedenken. »Also es bleibt dabei?« »Wenn ich einmal das Wort gesagt habe, können Sie ein Haus darauf bauen,« versicherte Madame Müller mit Würde. »Dann können Sie sich auch darauf verlassen, daß ich Ihnen die verlangte Genugthuung schaffe. Ich schicke Ihnen den Brief oder bringe ihn vielleicht selber. Ich muß so nächstens einmal nach Vollmers hinauskommen.« »Soll mir sehr angenehm sein,« sagte Madame Müller. »Und nun leben Sie so lange wohl, Herr Advocat, und machen Sie's gut – ich verlasse mich ganz auf Sie!« Und sehr befriedigt nahm sie ihren Schirm wieder und schritt, die sämmtlichen Schreiber, die ihr nachschauten, freundlich grüßend, zur Thür hinaus. Witte war an seinem Pult stehen geblieben und dachte eben über das Fatale der ganzen Angelegenheit nach, als Einer der Leute wieder in's Zimmer sah und sagte: »Herr Staatsanwalt, Frau Gemahlin hat schon ein paar Mal nach Ihnen gefragt: möchten gefälligst einmal hinüber kommen.« »Ja – gleich,« sagte Witte und kratzte sich am Hinterkopf. Er wußte, was ihm dort bevorstand; die Sache ließ sich aber nicht ändern. Wenn Frau Gemahlin etwas Derartiges vorhatte, wurde sie gewöhnlich sehr bald ungeduldig, und je eher er es abmachte, desto besser. Als er aber den Vorsaal betrat, hörte er weder bei seiner Tochter, noch bei seiner Frau im Zimmer Stimmen, wonach er ganz richtig schloß, daß Beide nicht mehr zusammen sein könnten, sonst hätten sie sich jedenfalls »ausgesprochen.« Er ging also zu seiner Frau hinüber und fand dieselbe auch richtig, wie er vermuthet, allein in ihrem Gemach, in dem sie wie eine gereizte Löwin auf und ab schritt. Das Barometer deutete auf Sturm. »Du hattest mich rufen lassen, Therese?« »Ist es wahr, daß Du den Sohn vom Schlosser Baumann zu Ottilien hinüber geschickt hast?« fragte die Dame mit zorngerötheten Wangen. »Allerdings, mein Schatz; er wollte mit ihr sprechen.« »Und wußtest Du, was er mit ihr sprechen wollte?« »Auch das wußte ich. Er wollte ihr einen Heirathsantrag machen.« Die Frau blieb mit nach unten gefalteten Händen vor ihm stehen und machte dabei ein so erstauntes Gesicht, als ob er ihr eben erzählt hätte, daß er am nächsten Sonntag zum Besten irgend einer armen Familie auf dem Seile tanzen würde. »Ist es denn möglich?« rief sie endlich aus. »Du, der Vater, schickst den Schlossergesellen zu Deinem eigenem Kinde, um ihr einen Heirathsantrag zu machen? Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Ohren gehört hätte, ich würde es gar nicht glauben!« »Nun,« sagte Witte, immer noch in der Hoffnung, ein drohendes Ungewitter von sich abzuwenden, denn er vermied am liebsten jede häusliche Aufregung – »und was ist da weiter? Jedem anständigen jungen Mann steht es frei, sich um ein Mädchen, das ihm gefällt, zu bewerben. Ob sie ihn nehmen will, ist dann ihre Sache.« »Und wenn sie ihn nun genommen hätte, Dietrich, wenn sie nicht vernünftiger gewesen wäre, als Du, der Staatsanwalt Witte?« »Bitte,« sagte ihr Mann »Du redest einmal wieder in den Tag hinein. Wenn sie ihn wirklich genommen hätte, wäre es auch noch kein Unglück gewesen, denn der junge Baumann ist ein braver, anständiger Mensch, der gewiß einmal eine recht gute Carrière macht und eine Frau ernähren kann.« »So?« rief die Frau, die eigentlich hatte heftig werden wollen, aber vor lauter Erstaunen über das Unerhörte gar nicht dazu kommen konnte. »Und in unsere Gesellschaft wolltest Du den alten Schlosser, der im Schurzfell in der ganzen Stadt herumläuft, bringen?« »Der alte Baumann ist ein so braver, tüchtiger Mann, wie er in der ganzen Stadt zu finden ist,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; »ob er in einem Schurzfell oder im Frack herumläuft, ist mir ganz einerlei.« »In der That, Herr Staatsanwalt,« sagte seine Frau, die jetzt auf den ironischen Ton umsprang, »und der Schuhmacher Heßberger als Schwäher mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus« wäre Ihnen auch wohl einerlei, wie? Noch dazu, wenn die alte Kartenlegerin, die Heßberger, uns ihren Besuch als nächste Verwandte machte?« »An das Lumpengesindel habe ich wirklich gar nicht gedacht,« sagte der Staatsanwalt doch etwas verlegen. »Nun, dann ist es nur ein Glück,« rief seine Frau, »daß andere Menschen mehr Ueberlegung haben. Das sag' ich Dir aber, Dietrich, wenn sich meine Tochter so weggeworfen hätte, nicht einen Schritt wäre ich ihr über die Schwelle gekommen oder hätte geduldet, daß Einer ihrer Sippschaft die meine überschritte.« Der Staatsanwalt warf den Kopf ungeduldig herüber und hinüber, denn er besaß zu viel gesunden Menschenverstand, um nicht das Haltlose einer solchen Behauptung einzusehen. Aber die Sache war einmal erledigt, wozu also noch einen häuslichen Zwist deshalb heraufbeschwören, was er durch Widersprechen jedenfalls gethan haben würde. Er setzte sich auf einen Stuhl und sah aus dem Fenster. »Und diese Unverschämtheit von dem Menschen,« fuhr aber Frau Witte fort, die noch lange nicht alle ihre Trümpfe ausgespielt hatte, »so etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen; daß er nur die Stirn haben konnte, dem Mädchen gegenüber zu treten!« »Na, das nimm mir aber doch nicht übel, liebes Kind,« sagte jetzt der Staatsanwalt, dem das ein wenig zu stark wurde, »so groß ist denn doch die »Unverschämtheit« nicht, wie Du Dich ausdrückst; er ist aus einer bürgerlichen Familie und wir sind nichts Besseres.« »Nichts Besseres?« rief Madame Witte, die heute aus ihrem Erstaunen gar nicht herauskam. »Witte, ich begreife Dich nicht. Du, einer der ersten Staatsbeamten, der geachtetste Rechtsgelehrte in der ganzen Stadt, zu dessen Gesellschaften sich der Adel drängt, und Herr Fritz Baumann, der Neffe vom Schuster Heßberger, den man seines ekelhaften Tabaksgeruches wegen nicht einmal in's Zimmer läßt, wenn er ein Paar geflickte Schuhe zurückbringt!« »Ach was,« sagte der Staatsanwalt, »Baumann ist nicht der Sohn von dem Schuster, sondern nur der Neffe, und überdies die ganze Sache abgemacht. Ottilie hat ihm einen Korb gegeben, und er wird sich jetzt nach einer andern Frau umsehen.« »Das hoffe ich auch,« sagte die Frau Staatsanwalt und warf den Kopf so weit zurück, daß sie auf ihren Gatten herabsehen mußte; »und er wird jetzt doch auch aller Wahrscheinlichkeit nach so klug geworden sein, um nicht wieder eine Familie wie die unsere mit seiner Zudringlichkeit zu belästigen. Was aber der Mensch für ein Glück hatte, daß ich nicht zu Hause war!« Jetzt wurde es aber dem alten Witte doch zu bunt; er hatte schon die ganze Zeit den Kopf geschüttelt, nun hielt er es für nöthig, einzuschreiten, und auf seinem Sitz herumfahrend, rief er aus: »Und was ist denn die unsere für eine so großbrodige Familie, daß ein braver Techniker sie entehren würde, wenn er hinein heirathete? Dein Vater war ein Subaltern-Beamter mit vierhundert Thalern Gehalt, und der meinige ein ehrlicher Schneider, der sich das Brod vom Munde abdarbte, um seinen Sohn studiren zu lassen. Und was hatten wir denn etwa, als wir uns verheiratheten, Therese? Hunger und Kummer in allen Ecken, und oft nicht das Geld im Hause, um einen Laib Brod baar zu bezahlen. Daß ich fleißig war und nachher dabei Glück hatte, das ist mein ganzes Verdienst, und daß Du das Wenige zusammennahmst und wirtschaftlich sorgtest, das Deine, und das thun ehrliche Handwerker auch.« »Aber jetzt, Dietrich!« rief die Frau, ordentlich erschreckt über die ganz ungewohnte Heftigkeit des Mannes. »Aber jetzt,« fuhr der Staatsanwalt, der einmal im Zuge war, fort, »geht es uns besser; ich verdiene mehr, als wir brauchen, und wir haben uns größere Lebensbequemlichkeiten angeschafft und in Kreise Zutritt gewonnen, die uns sonst ebenso über die Achsel anschauten, wie Du jetzt die Handwerker. Aber das ist falsch, das ist unrecht, und wenn Du nur nicht einmal Deine Strafe dafür bekommst!« »Das ist blos Deine grenzenlose Bescheidenheit, die aus Dir spricht,« lenkte die Frau in etwas ein, denn auf diese Wendung war sie nicht gefaßt gewesen; »jeder Mensch strebt nach etwas Höherem.« »Und weshalb wirfst Du das also dem jungen Baumann vor?« »Aber es muß erreichbar sein, Dietrich,« sagte seine Frau; »und Ottilie, mit der Erziehung, die sie genossen hat, scheint denn auch schon ihre Wahl nach einer andern Seite hin getroffen zu haben.« »So–o,« sagte der Staatsanwalt gedehnt, »in der That? Und nach welcher, wenn ich fragen darf?« »Du weißt doch, daß der junge Baron von Wendelsheim sie entschieden ausgezeichnet hat?« »Davon weiß ich gar nichts,« sagte der Vater, »und habe nichts davon bemerkt – war auch nicht böse darüber.« »Du hast nichts gemerkt,« sagte seine Frau, »weil Du immer Deine Acten und Processe im Kopfe hast; ich habe es aber gemerkt, und als Mutter mußte ich es merken.« »Er hat sich, so viel ich weiß, seit einer Ewigkeit gar nicht bei uns sehen lassen.« »Er war vor acht Tagen bei uns zum Thee.« »Weil er von mir etwas wegen der Erbschaftsangelegenheit erfragen wollte und Du ihn so nöthigtest, da zu bleiben, daß er hätte grob werden müssen, um es auszuschlagen.« »Er blieb sehr gern, kann ich Dir sagen.« »Und hat nachher mit mir und dem Justizrath den halben Abend Whist gespielt.« »Aber er setzte sich immer so, daß er Ottilien im Auge hatte.« »Weil ihn der Justizrath bat, den Platz mit ihm zu wechseln, denn das Licht blendete ihn.« »Du könntest eine Heilige ärgerlich machen, Dietrich.« »Weil ich nicht sehe, was nicht da ist?« »Du hast immer etwas auf den armen Lieutenant gehabt.« »Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich ihn früher nicht besonders leiden konnte,« sagte der Staatsanwalt; »er hatte so etwas Rüdes, oder – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – Junkerhaftes in seinem ganzen Wesen. Seit einigen Wochen aber hat er sich sehr zu seinem Vortheil geändert und das letzte Mal sogar merkwürdiger Weise nicht eine einzige Silbe von Pferden erwähnt.« »Und wenn der nun um Ottiliens Hand anhalten sollte, würde der Dir nicht lieber sein, als Dein ›Techniker«?‹ Der Staatsanwalt sah eine Weile still und schweigend vor sich nieder. Allerlei wunderliche Gedanken gingen ihm im Kopf herum. »Ich weiß es nicht,« sagte er endlich; »aber es ist auch nicht der Mühe werth, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen, denn er hat noch nicht angefragt. Der alte Schlosser Baumann ist mir übrigens lieber als der alte Baron Wendelsheim. Hat sich Ottilie etwa gegen Dich ausgesprochen?« Seine Frau zögerte mit der Antwort; endlich sagte sie: »Nein – nicht direct; aber ich habe so meine Vermuthungen und glaube nicht, daß ich weit am Ziel vorbeischieße.« Der Staatsanwalt war aufgestanden und ging mit auf den Rücken gelegten Händen im Zimmer auf und ab. »Soll ich Dir einen Rath geben, Mutter?« sagte er endlich, indem er vor seiner Frau stehen blieb und sie wohl freundlich, aber doch sehr ernst ansah. »Nun,« meinte diese, »wenn es etwas Gescheidtes wäre: ein guter Rath ist Goldes werth, wie das Sprüchwort sagt.« »Aber die Leute glauben gewöhnlich nie, daß es ein guter ist, und thun doch, was sie wollen; leider Gottes erleb' ich das fast alle Tage! Aber es schadet nichts – es ist einmal mein Amt. Wenn Du also meinem Rath folgen willst, Mutter, so unterstützest Du Ottilien nicht in solchen Ideen. Dir ist ein Handwerker nicht recht – bei mir wäre dasselbe der Fall mit einem Adeligen, dessen Sippschaft uns vielleicht über die Achsel ansähe.« »Aber, Vater …« »Ich werde mein Kind nicht zwingen,« fuhr Witte fort; »hat sie ihr Herz wirklich vergeben, und ist es nicht allein Rang und Reichthum, den sie erlangen will – in Gottes Namen; ob der Mann ein Wappenschild oder ein Schurzfell trägt, wenn er nur brav und rechtschaffen ist, mir soll er willkommen sein; aber ich habe mir nachher auch keine Vorwürfe zu machen, wenn die Wahl nicht zum Glück meines Kindes ausschlug.« »Aber, Dietrich, Du wirst doch nicht glauben ...« »Meinen Rath hast Du gehört,« sagte ihr Gatte; »jetzt thu, was Du nicht lassen kannst – ich habe einen Weg zu gehen. Wo ist denn Ottilie?« »Drüben in ihrem Zimmer; sie war ganz außer sich über den Antrag.« Der alte Witte seufzte tief auf; aber er sagte kein Wort mehr, steckte seine Brille in die Tasche und verließ das Zimmer. 20. Bei der Leiche. Fritz Baumann, als er seines Vaters Haus verließ, schritt, seinen trüben und bitteren Gedanken folgend, der eigenen Wohnung zu. Abgewiesen und verachtet! Das war das Wort, das ihn am schmerzlichsten verwundete – verachtet gerade von ihr, an der er seine ganze Jugendzeit mit so treuer Liebe gehangen, so daß nur immer, wenn er sich ein Glück der Zukunft dachte, ihr Name in seinem Herzen freudig wiederklang! Und jetzt sollte er das Alles, was er die langen Jahre gehegt und gepflegt, herausreißen und zerstören. Mit welcher Lust war er früher an seine Arbeit gegangen, wie hatte er freudig ganze Nächte geopfert, um sich auszubilden und recht Tüchtiges zu leisten, nur immer in dem einen Gedanken, ihrer werth zu werden und sie sich zu erringen! Das schwand jetzt Alles vor den kalten, hochmüthigen Worten des jungen Mädchens, und leer und ausgestorben lag die Welt vor ihm. So in diese quälenden Erinnerungen vertieft war er auch, daß er gar nicht darauf achtete, als ein Reiter auf dem Straßenpflaster dicht an ihm vorübertrabte und den Kopf nach ihm wandte. Erst als er sein Pferd einzügelte und an ihn heranritt, sah er auf und erkannte den Lieutenant von Wendelsheim. »Herr Baumann,« rief dieser, »ich hatte Sie im ersten Augenblick gar nicht erkannt ...« »Herr Baron!« sagte Fritz erstaunt, denn es war das erste Mal, daß ihn der Officier auf der Straße anredete. »Lieber Baumann,« sagte der junge Wendelsheim bewegt, »ich weiß, daß Sie meinen Bruder immer gern gehabt, und er hat auch viel von Ihnen gehalten; seine Arbeiten waren die einzigen Lichtblicke seines Lebens – er ist todt.« »Großer Gott!« rief Baumann erschreckt aus. »Soeben habe ich durch einen Boten die Nachricht erhalten,« fuhr Wendelsheim fort, »und reite jetzt selber hinaus. Wollen Sie ihn noch einmal sehen, so kommen Sie nach.« Und sein Pferd herumwerfend, setzte er seinen Weg rasch wieder fort. »Armer Benno!« seufzte Fritz, der in der Kunde fast sein eignes Leid vergaß. »So ein reiches Leben so früh, so furchtbar dahingerafft! Und wie wenig Freude hat er genossen, wie seine schöne Jugendzeit verbringen müssen! Hätte ich so viel Ursache, dem Schicksal zu grollen, wie er?« Er war an seiner Wohnung angelangt und blieb stehen. Aber wie hätte er jetzt wieder mit Lust und Liebe an seine Arbeit gehen können, wo ihn der Kopf vom vielen Denken schmerzte! Der Lieutenant hatte Recht – er wollte hinaus und den armen jungen Freund noch einmal sehen. Jetzt war das auch möglich, im ersten Schmerz ein Besuch gerechtfertigt; später und bei der Beerdigung, wenn all' die adelige Verwandtschaft mit ihrem Todtengepränge zusammenkam, konnte und wollte er sich nicht eindrängen. »Sie sollen Dich nicht zum zweiten Mal verachten,« murmelte er finster vor sich hin, »und ich werde von jetzt ab Ottiliens Wort beherzigen und in den Kreisen bleiben, in denen Niemand wagen darf, mich über die Achsel anzusehen. Ihnen gönne ich dann ihre vornehme Welt, es ist ja doch nur Alles Schein, und sie mögen sich glücklich darin fühlen, wenn sie können.« Er hatte indessen seinen Weg dem Wendelsheim'schen Schlosse zu rasch verfolgt, und erst vor der Stadt draußen wurde ihm wohler, freier zu Muthe, denn er fühlte sich allein, während es ihm in den engen Straßen immer so vorkam, als ob die Leute nach ihm aus den Fenstern sähen und zugleich wissen müßten, welche Schmach ihm heute angethan. Er ging auch von da an langsamer, und als er endlich in der Ferne das alte Schloß mit den düsteren Baumgruppen seines Parkes vor sich liegen sah, da schwand der bittere Groll in seinem Herzen in der Wehmuth über den Verlust des jungen Freundes, und die Scene dieses Morgens war fast vergessen. Auf dem Hof traf er den Gärtner. »Gehen Sie hinauf, Herr Baumann,« sagte der zu ihm, als er ihn erkannte; »oben liegt das arme junge Blut, aber jetzt freut er sich nicht mehr, wenn Sie kommen, oder wenn ich ihm Blumen bringe – ich habe sie ihm eben wieder hinaufgetragen. Mir ist jetzt gerade so zu Muthe, als ob es Winter geworden wäre und der Schnee auf den Beeten läge. Nun wird's hübsch hier im Hause werden.« Und damit wandte er sich ab und schritt wieder in den Park hinaus. Fritz Baumann stieg die Treppe hinauf. Er begegnete Niemandem im ganzen Hause; es schien Alles wie ausgestorben, und an des jungen Benno Zimmer angekommen, scheute er sich ordentlich, zu klopfen, aus Furcht, der Todte könne allein darin liegen. Er drückte auch erst nach einigem Zögern die Klinke auf, und als er die Thür öffnete, sah er sich dem todten jungen Freund gegenüber. Dort lag er, so still und friedlich wie ein schlummernd Kind, so bleich und weiß fast wie das Kissen selber, auf dem er ruhte, und nur die dunkeln vollen Locken beschatteten seine edlen Züge. Die Hände hatte man ihm auf der Brust gefaltet, aber eine freundliche Hand Blumen über ihn ausgestreut – Rosen und Reseda, Astern und Camelien –, und Fritz stand vor ihm, den Blick fest auf das liebe Antlitz geheftet, und schaute ihn so lange ernst und sinnend an, bis ihm selber vorquellende Thränen die Augen füllten und das Bild des Todes in den blitzenden Zähren verschwamm. »Mein armer, armer Benno,« flüsterte er dabei, »so bist auch Du hingegangen, und ich soll Dein gutes, treues Auge, Dein freundliches Lächeln nimmer wiedersehen und nie mehr den Druck Deiner Hand fühlen! So leb' denn wohl – ich selber bin ein Fremder in diesen Räumen und werde sie und Dich nicht wiedersehen – leb' wohl!« – Und dabei beugte er sich über die Leiche und drückte einen Kuß auf die bleichen Lippen. »Gott lasse Dir die Erde leicht sein!« »Amen!« sagte eine leise Stimme, und als er überrascht aufsah, denn er hatte geglaubt, daß er allein mit dem Todten im Zimmer wäre, bemerkte er Kathinka, die, halb von der einen Gardine verdeckt, am Fenster stand. Ihr bleiches liebes Antlitz war aber von Thränen überströmt, und ihr Auge hing mit tiefer Trauer an den Zügen der Leiche. »Fräulein Kathinka,« sagte Fritz bewegt, »ich hatte Sie nicht gesehen – oh, wie weh mir der Verlust unseres armen Benno thut!« »Ihm ist wohl,« sagte das junge Mädchen mit leisem, traurigem Kopfnicken; »er hat Alles überstanden, und sein Tod war leicht und schmerzlos.« »Sie waren bei ihm?« »Ja – er starb heute Morgen in meinen Armen, gerade wie ich ihn unterstützen wollte, um sich etwas höher zu legen, denn er klagte, daß es ihm an Luft fehle. Noch sterbend hat er mir einen Gruß für Sie aufgetragen.« »Mein armer Benno! Und sein Vater war nicht bei ihm?« »Nein. Der Herr Baron hat in der letzten Zeit sein Zimmer fast nicht mehr verlassen.« »Und Fräulein von Wendelsheim?« »Sie kam auf meinen Hülferuf, und zum ersten Mal habe ich sie bewegt gesehen; aber sie fürchtet sich vor Leichen: sie stand dort an der Thür und winkte mir nur zu, bei dem Todten zu bleiben.« »Und sein Bruder?« »Er war lange bei ihm und hat heiße Thränen vergossen; jetzt ist er bei dem Vater. Woher erfuhren Sie es so rasch?« »Der junge Baron traf mich in der Stadt, und ich konnte dem Wunsche nicht widerstehen, dem armen Todten Lebewohl zu sagen. Du großer Gott,« fuhr er dann fort, während er an das Fenster trat und hinaussah, »wie öde wird das jetzt hier im Schlosse werden! Wie wird auch Ihnen der Knabe fehlen, Fräulein, der so mit ganzer Seele an Ihnen hing!« »Ich habe hier im Schlosse Alles an ihm verloren,« sagte das junge Mädchen leise, »denn er war nicht allein mein einziger Trost in der Einsamkeit, sondern auch mein Schutz.« »Ihr Schutz, Fräulein?« »Die Tante wird mich jetzt entbehren können,« sagte Kathinka leise, »und ich selber wäre auch nicht im Stande, allen ihren Anforderungen zu genügen. Ich werde am Ersten nächsten Monats Wendelsheim verlassen.« »Sie wollen auch fort?« »Ja, und da wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen, so leben Sie wohl, Herr Baumann – ich muß fort und dem Herrn Baron das Frühstück bringen, und – die Tante würde auch sonst böse. Nicht wahr, Sie bleiben nicht länger hier allein? Ich bekomme sonst gezankt.« »Nein, liebes Fräulein,« sagte Fritz bitter, »haben Sie keine Furcht, daß ich dem Fräulein von Wendelsheim je Grund zur Unzufriedenheit geben sollte. Ich werde ihr auch wohl schwerlich wieder in den Weg kommen, so wenig wie sie mich suchen wird. So leben Sie wohl, und schütze Sie Gott auf Ihrer einsamen Bahn!« Damit reichte er ihr die Hand und verließ dann mit einem letzten Abschiedsblick auf die Leiche das Zimmer. Drüben im Gang hörte er heftiges Reden – das war die Tante – und es klang wie ein Mißton in dem Hause des Todes; was es aber war, mochte er nicht untersuchen. Ihn selber trieb es fort, um ihr aus dem Weg zu kommen, denn er fürchtete heute für sich, daß er ihren gewöhnlichen Hochmuth nicht so leicht und geduldig ertragen hätte, als sonst. Er gewann die Treppe und eilte hinab. Unten stand einer der Diener und horchte nach dem Zank hinauf. »Gott soll uns bewahren, nicht einmal an einem solchen Tage hält die Ruhe! Sind Sie ihr in den Weg gelaufen, Herr Baumann?« »Nein,« sagte Fritz; »sie hat mich gar nicht gesehen.« »Gar nicht gesehen? Na, dann haben Sie heute Ihren Glückstag, das muß wahr sein!« »Ja, meinen Glückstag in der That,« nickte Fritz finster vor sich hin – »ich werde ihn mir merken. Adieu, Freund!« Und ohne sich weiter aufzuhalten, verließ er das Schloß und schritt in die Stadt zurück. Still vor sich hinträumend, ging er auch ziemlich rasch seinen Weg und bemerkte gar nicht dabei, daß er unterwegs einen Herrn überholte, der, seine linke Hand auf dem Rücken, den Kopf etwas zurückgebeugt und außerordentlich gerade, aber auch ein wenig steif, derselben Richtung folgend wie er, nach der Stadt zuspazierte. Ohne zu grüßen oder ihn anzusehen, passirte er ihn auch, als er sich plötzlich angerufen hörte und natürlich schon unwillkürlich den Kopf dorthin wandte. »Ah, mein lieber Baumann,« rief der Spaziergänger, »wohin so eilig? Warten Sie ein wenig, ich begleite Sie, und zu Zweien macht sich ein langweiliger Weg immer besser!« »Herr Rath Frühbach!« sagte Baumann, halb überrascht, von dem Herrn angeredet zu werden, der sich sonst in der Stadt gar nicht um ihn bekümmerte. Er kannte aber den Rath zu wenig, dem vor der Stadt und in einsamer Gegend jedes menschliche Wesen, und wäre es eine alte Bauersfrau gewesen, nur als gute Beute galt, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen und seiner Suada freien Lauf zu lassen. Baumann würde auch viel lieber allein gegangen sein, aber er konnte jetzt nicht mehr gut ausweichen und schritt, etwas langsamer als vorher, neben dem Rath her. »Aber nur ein mäßigeres Tempo, mein junger Freund,« sagte der Rath, indem er ihm mit seinem Stockknopf in den Arm hakte. »Das glaub' ich, wie ich noch in Ihrem Alter war, da konnte ich auch laufen, und es kamen nur Wenige mit mir fort. Da bin ich einmal in Schwerin – kennen Sie Schwerin?« »Nein, Herr Rath.« »Ach wie schade! – wunderschöne Stadt, und ungemein gemüthlich – da bin ich einmal in Schwerin, wie ich Ihnen erzählen wollte, eines Morgens früh aufgestanden, um einen Spaziergang zu machen, denn ich muß regelmäßig jeden Tag mein Quantum gehen, um ordentlich in Schweiß zu kommen, da meine Verdauung nie in Ordnung ist. Unterwegs traf ich denn auch einen intimen Freund von mir, den Grafen Kotopshien, der in einer geheimen Mission an unserem Hofe war – ein liebenswürdiger Mensch, sage ich Ihnen, so einfach und human – wir haben kostbare Abende mit einander verlebt. Das war ein famoser Fußgänger, und der Arzt hatte ihm auch das Gehen verordnet. Wir marschirten also zusammen los, und zwar in keinem Paradeschritt, das versichere ich Ihnen – ich führte sogar noch dabei die Unterhaltung. Der Graf hielt es aber nicht lange aus. »Nein, lieber Rath,« sagte er, wie wir eine Strecke zusammen gegangen waren, »Sie laufen mir zu rasch« – und so bog er richtig in die nächste Straße ein.« Frühbach hätte sich keinen besseren Gesellschafter auf der weiten Welt wünschen können, als Fritz Baumann heute war; denn mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt, schritt er nur schweigend neben ihm her, und er hörte wohl Worte, verstand aber deren Sinn nicht, und mühte sich noch viel weniger, ihn aufzufassen. Aber auch dem Rath, so sehr er in seinen interessanten Erinnerungen schwelgen mochte, konnte die niedergedrückte Stimmung seines Begleiters nicht entgehen. »Nun,« sagte er nach einer kleinen Weile, indem er ihn von der Seite ansah, »was fehlt Ihnen denn eigentlich heute? Sie schneiden ja ein ordentliches Trauergesicht.« »Ich komme auch aus einem Trauerhause, Herr Rath.« »So? Woher denn?« »Aus Schloß Wendelsheim.« »Alle Wetter,« rief Rath Frühbach und drehte sich rascher nach ihm um, als er sich sonst zu bewegen pflegte, »der alte Baron gestorben?« Und unwillkürlich überkam ihn ein behagliches Gefühl, denn nach den letzten Vorgängen in Vollmers und mit dem Bewußtsein, was er dort angerichtet und die entsetzliche Frau Müller gedroht hatte, würde er auf gar keine angenehmere Kunde haben denken können. Er sollte sich aber darin getäuscht sehen. »Nein,« sagte Fritz, »der alte Baron nicht, aber der jüngste, der zweite Sohn, Benno, ist heute Morgen verschieden. Ich komme eben von seiner Leiche.« »Hm – so?« sagte der Rath, indem er den Stockknopf im Gehen an seine Lippen hielt. »Also der junge Baron – schade!« »Ja, es war so ein lieber Knabe,« seufzte Baumann, der ihn ganz falsch verstand. »Armes Kindl« »Hm,« fuhr der Rath fort, dessen Gedanken unter der Zeit mit ihm durchgegangen waren, »der Baron von Wendelsheim hatte nur die zwei Söhne?« »Er hat jetzt nur noch einen.« »Ja, der in den nächsten Tagen die große Erbschaft macht. Sie wissen wohl nichts Näheres über die Sache?« »Ueber welche Sache?« »Nun, über die Erbschaft, mein' ich – oder über den Erben. Es wurde einmal eine Zeit lang so vielerlei erzählt ...« »Ich habe nichts gehört,« sagte Fritz, »kümmere mich auch in der That nur wenig um den Stadtklatsch.« »Ja, da haben Sie ganz Recht, junger Freund;« lenkte der Rath ein, der wohl merkte, daß er von seinem Begleiter nichts Neues über diese Angelegenheit erfahren würde. »Das ist auch genau dasselbe, was ich immer meiner Frau sage. Was hat denn aber dem jungen Baron eigentlich gefehlt?« »Ach, ein böses, innerliches Leiden!« seufzte Fritz. »Rettung war wohl nicht gut möglich, denn er kränkelte von frühester Jugend an. Es soll ein Herzfehler gewesen sein.« »Das ist schlimm,« sagte Rath Frühbach, bedenklich mit dem Kopf schüttelnd, »das ist sehr schlimm. Da wohnte in Schwerin ein sehr guter Freund von mir – er war früher Präsident der Ersten Kammer, aber ein bischen hypochondrisch und, wie er glaubte, mit einem Leberleiden behaftet. Er behauptet nämlich stets, seine Leber sei zu groß; es war aber nicht wahr, sondern sein Herz. Oft und oft haben wir zusammen auf dem Sopha gesessen, und er hat mir von seiner Krankheit erzählt und ich ihm von ähnlichen Fällen, die mir zu Ohren gekommen waren. Lieber Gott, wenn man älter wird, bekommt man auch nach verschiedenen Richtungen hin Erfahrung, und ich rieth im damals – ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre – wieder und wieder, er solle eine Apfelwein-Cur gebrauchen. Aber bewahre – er blieb hartnäckig auf seinem Kopf, und nach vierzehn Tagen war er todt. Durch den Apfelwein wäre er vielleicht zu retten gewesen; der hätte ihm das Herz zusammengezogen.« Sie erreichten jetzt die Stadt, wenigstens die ersten Häuserreihen der Vorstadt, wo noch ziemlich viel Scheunen und Ställe zwischen Wohngebäuden standen; der Rath erzählte aber immer fort. Jeder Gegenstand, ob es ein Paar Ochsen im Zuge, ein von einem Dache gefallener Ziegel, ein ohne Maulkorb herumlaufender Hund, ein vor der Thür stehen gebliebenes Faß, kurz, was auch immer war, er knüpfte eine Erinnerung an Schwerin daran, und Baumann wurde die Gesellschaft endlich lästig. Er hatte sich auch schon vorgenommen, unter irgend einer Entschuldigung an der nächsten Seitenstraße einzubiegen, als gerade, wie er sich von dem Rath verabschieden wollte, der Staatsanwalt Witte um die Ecke bog und auf Frühbach einlenkte. Er hatte im ersten Augenblick auch jedenfalls nur ihn erkannt. »Ah, mein lieber Rath, sehr erfreut, daß ich Sie treffe – habe Sie schon in der ganzen Stadt wie eine Stecknadel gesucht!« »Mich?« sagte der Rath verwundert, denn sonst war er gewöhnlich auf der Suche. Fritz Baumann war blutroth geworden, als er den Staatsanwalt bemerkte und wollte sich mit einer Verbeugung entfernen. Aber jetzt erkannte Witte auch ihn und sagte, indem er ihm die Hand entgegenstreckte: »Herr Baumann, entschuldigen Sie, ich hatte hier unsern Rath so fest auf dem Korn, daß ich gar nicht auf seinen Begleiter achtete!« Sein Blick traf dabei den des jungen Mannes und der herzliche, derbe Druck der Hand bewies diesem wenigstens, daß der Vater andere Gefühle hege als die Tochter – und wie dankbar war er ihm dafür! Frühbach merkte aber natürlich von diesem Zwischenspiel gar nichts. Dem glücklichen Sterblichen, der nur an der Oberfläche herumschwamm und Blasen fischte, war die Begrüßung der beiden Männer eine gewöhnliche Höflichkeitsform, und er sagte deshalb auch, darüber hinwegsehend: »Aber was um des Himmels willen wollten Sie von mir? – Ah, Adieu, lieber Baumann – Adieu, auf Wiedersehen! – Sehr netter junger Mann, der Baumann, wie?« Der Staatsanwalt nickte und sah sinnend dem Davongehenden nach; aber die Frage des Raths war doch zu direct gewesen, und sich wieder an diesen wendend, indem er ihn unter den Arm nahm und die Straße hinabführte, erwiderte er: »Ja so, was ich gleich sagen wollte, den Major habe ich heute vergeblich gesucht; ich war zweimal bei ihm draußen.« »Den Major?« wiederholte Frühbach, und Frau Müller stand in all' ihrer Entsetzlichkeit leibhaftig vor ihm. »Ja wohl, Eurer fatalen Geschichte wegen,« bestätigte der Staatsanwalt; »er war aber nirgends anzutreffen, und wie ich zu Ihnen kam, hieß es ebenfalls, Sie wären über Land.« »Ja. Sie wissen wohl, bester Staatsanwalt, meiner Verdauung wegen ...« »Na, das ist jetzt einerlei, und die Hauptsache bleibt, daß ich Sie erwischt habe.« »Aber ich begreife gar nicht ...« »Ich werde Sie nicht lange zappeln lassen. Sie waren neulich mit dem Baron in Vollmers, wie?« »Ich? – Ach, ja doch – ich erinnere mich jetzt.« Der Staatsanwalt lachte: »Ach so, Sie sind wohl der Mann mit dem schwachen Gedächtniß? Nun, Scherz bei Seite, die Sache ist ernsthaft genug. Sie haben da draußen einen dummen Streich gemacht ...« »Aber, lieber Herr Staatsanwalt ...« »Bitte, lassen Sie mich ausreden, denn ich habe nicht viel Zeit und außerdem meine besonderen Gründe, die ganze Geschichte ohne Eclat beigelegt zu sehen. Also hören Sie mir einfach zu, was ich Ihnen sagen werde.« »Ich bin wirklich neugierig,« log der Rath. »Die Frau Müller war bei mir und wollte Sie verklagen.« »Mich?« »Sie und den Major – ich habe es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur unter einer Bedingung.« »Aber die Frau muß wahnsinnig sein!« »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie ihre Sinne vollkommen bei einander hat, und das Gericht würde sich der Meinung anschließen. Sie haben einen dummen Streich gemacht, lieber Rath – Sie oder der Major, oder Beide zusammen.« »Wenn sich der Major in Thatsachen irrte, ist das meine Schuld?« »Das bleibt sich jetzt vollkommen gleich. Sie haben sich verleiten lassen, da draußen Sachen zu behaupten, die Sie nicht beweisen können, und die Madame Müller scheint nicht die Frau zu sein, etwas Derartiges ruhig über sich ergehen zu lassen.« »Aber was verlangt sie nur?« »Zuerst bestand sie darauf, eine Klage gegen Sie Beide anhängig zu machen, und was das für ein Gerede in der Stadt gegeben hätte, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Sie will sich aber zufrieden stellen, wenn Sie ihr eine schriftliche Ehrenerklärung geben.« »Ich?« »Sie alle Beide – Sie sowohl als der Major. Ich habe das Ding jetzt aufgesetzt und das müssen Sie unterschreiben.« »Aber ich bitte Sie um Gottes willen,« rief Frühbach erschreckt, denn er hatte einen heiligen Respect vor allen Unterschriften – »ich weiß ja von der Frau gar nichts, weder ob sie irgend eines Vergehens schuldig oder unschuldig wie ein Lamm ist, und nur dem Major zu Liebe...« »Desto schlimmer für Sie,« unterbrach ihn der Staatsanwalt, »daß Sie dann, wenn Sie gar nichts wissen, zu einer fremden Frau in's Haus gehen und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Aber machen Sie, was Sie wollen und glauben Sie um des Himmels willen nicht, daß ich Sie zu etwas überreden werde! Ich meine es gut mit Ihnen und habe in der Sache weiter nichts zu thun. Es ist jetzt vier Uhr; um fünf Uhr bin ich draußen bei dem Major und lege Ihnen das Schriftstück vor, das Sie dann unterschreiben können oder nicht – wie Sie wollen.« »Und wenn wir es nicht unterschreiben?« »Gut, dann macht die Frau ihre Klage anhängig und Sie können nachher meinetwegen die Sache abschwören.« »Aber, bester Staatsanwalt ...« »Sie haben eine volle Stunde Zeit, um sich Alles reiflich zu überlegen. Ich werde mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen.« »Aber, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, »mir fällt da ein ganz ähnlicher Fall ein. In Schwerin waren wir eines Tages ...« »Mein lieber Rath, es thut mir leid, Sie zu unterbrechen, denn ich muß hier abbiegen. Vergleichen Sie im Geist indessen jenen analogen Fall aus Schwerin mit der gegenwärtigen Situation und richten Sie es sich so ein, daß Sie bis um fünf Uhr zu einem Entschluß gekommen sind. Haben Sie mich verstanden?« »Vollkommen, Herr Staatsanwalt, aber ...« »Na, dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag!« Und ohne dem verblüfft in der Straße stehen bleibenden Rath einen weiteren Einwand zu gestatten, nickte er ihm nur freundlich zu und bog in eine Quergasse ein. Er war nicht in der Stimmung, längere Auseinandersetzungen der Schweriner Chronik mit anzuhören. 21. Der Raubmord. Fritz Baumann hielt sich in seiner eigenen Wohnung. Das Herz war ihm so schwer, daß er sich scheute, anderen Menschen zu begegnen. Er hatte auch viel an einem Tag verloren – den jungen Freund und die Geliebte – fast zu viel für einen Tag; aber wenn in unserem wunderlichen Leben einmal ein Gewitter über ein Menschenherz hereinbricht, so folgt auch nicht selten Schlag auf Schlag, bis das Schicksal müde wird und seine Sonne wieder über den verödeten Platz scheinen läßt. Fritz Baumann war aber keine Natur, die sich zu lange solch' trübem und nutzlosem Grübeln hingegeben hätte. Eine Stunde brauchte er, um Alles abzuschütteln, was ihn im Anfange fast zu Boden drückte; wie er sich aber erst einmal auf seinem eigenen kleinen Zimmer ordentlich ausgeweint, da kehrte sein elastischer Geist auch wieder die trotzige Seite heraus. Im ersten Moment, ja, und bei der Zusammenkunft mit dem Vater meinte er, daß jetzt all' sein Mühen und Ringen, da er das Ziel verfehlt, nach dem er gestrebt, auch vergebens gewesen sei, und das Leben, seine Zukunft lag schwarz und öde vor ihm da – aber wahrlich nicht lange. Nein, jetzt erst recht mit frischen Kräften wollte er seine Arbeit wieder aufnehmen – jetzt erst recht Ottilien beweisen, daß er, wenn er auch nicht ihre Liebe erringen konnte, doch wahrlich nicht ihre Verachtung verdient habe. Mit dem Gedanken, dem Entschluß durchströmte ihn auch wieder ein neues, frisches Leben, und trotzig vor sich hin lachend, warf er seine Sonntagskleider ab und fuhr wieder in sein gewöhnliches Wochenzeug. Zum Arbeiten war es freilich zu spät geworden – er fühlte sich dazu auch nicht besonders aufgelegt –, aber andere Sachen blieben noch zu erledigen, und morgen dann begann er wieder mit frischen Kräften. In seiner Stube stand, noch immer in rastloser Thätigkeit, das perpetuum mobile, welches er damals Benno bei seinem letztem Besuch gezeigt und noch immer nicht an den Eigentümer abgeliefert hatte, obgleich dieser schon ein paar Mal danach geschickt. Das konnte er heute selber hintragen, denn einem Andern mochte er es nicht anvertrauen. Aber er mußte vorher damit bei den Eltern vorgehen, denen er davon erzählt. Die Mutter wollte es so gern einmal selber sehen; auch der Vater hatte mit ihm die Sache eifrig besprochen, wie es möglich sei, etwas herzustellen, das sich selber in Bewegung halte und nicht auslaufe. Ueberdies schämte er sich jetzt der Schwäche, die er heute Mittag dem alten Schlossermeister gegenüber gezeigt; der Vater sollte wenigstens sehen, daß er nicht lange Zeit gebraucht, um darüber Herr zu werden, und das würde ihn, wie er recht gut wußte, freuen. So nahm er denn das kleine Kunstwerk auf und ging damit zu den Eltern hinüber, fand auch den Vater, obgleich es schon stark auf den Abend zuhielt, noch scharf bei seiner Arbeit. »Holla, Fritz, was bringst Du da?« »Das perpetuum mobile, Vater. Ihr wolltet es ja gern einmal sehen, und ich muß es jetzt wieder dem Eigenthümer hintragen.« »Hm« sagte der Alte, der nur einen flüchtigen Blick auf das Kunstwerk warf, während die Uebrigen darum herdrängten. Sein Auge flog forschend über die Züge des Sohnes, und wie damit befriedigt, fuhr er fort: »Bravo, mein Junge, Du hast den schwarzen Rock und damit eine ganze Menge anderer Dinge wieder ausgezogen, und das freut mich, freut mich von Herzen! Geh nur damit in die Stube – laß die Pfoten davon, Karl, Du mußt doch gleich Alles betasten. Setz' es nur drinnen hin, Fritz, ich komme gleich nach.« »Ist die Mutter drin?« »Ja, ich glaube; sie war vorhin ausgegangen, ist aber wieder zurück. Weiß der Henker, was sie hat! Vorhin wurde sie doch auf einmal unwohl, aber es muß wohl wieder vorüber sein.« Fritz ging in die Stube und fand zu seinem Erstaunen die Mutter, die er sonst nie ohne irgend eine Arbeit traf, wie in tiefen Gedanken auf und abgehen. Wie sie ihn erkannte, blieb sie stehen, und während sie ihn ansah, traten ihr die Thränen in die Augen. »Guten Abend, Mutter!« sagte Fritz, indem er das Mitgebrachte auf den Tisch stellte. »Ich wollte Dir einmal die kleine Maschine zeigen, von der ich Euch neulich erzählt habe. Es ist wirklich eine Art von Kunstwerk.« »Fritz, mein armer, armer Fritz!« sagte die Frau, ohne einen Blick darauf zu werfen, indem sie auf ihn zuging, seine beiden Hände ergriff und ihm voll und traurig in die Augen schaute. »Hat Dir der Vater erzählt?« fragte der junge Mann scheu und leise. »Alles, Alles,« nickte die Frau; »oh das stolze, hochmütige Ding – und wenn sie wüßte, was sie an Dir hätte!« »Liebe Mutter,« lächelte Fritz verlegen, denn er hätte sich dieses neue Aufreißen der kaum geschlossenen Wunde lieber erspart, »ich glaube, sie hat, wenn nicht liebevoll, doch sehr vernünftig gehandelt. Ich war ein wenig zu hastig – ich bin noch nichts – ich muß mir selber erst einen Namen, einen Wirkungskreis schaffen, – und wenn die Jahre auch für den Mann nicht so rasch dahinfliegen – ein junges Mädchen kann darauf nicht warten.« »Und Du vertheidigst sie noch?« sagte die Mutter. »Oh, Fritz, daß ich das Herzeleid erleben mußte!« Und ihr Gesicht in die Schürze bergend, sank sie auf einen Stuhl und schluchzte laut. »Mutter,« bat Fritz und schlang seinen Arm um sie, »so beruhige Dich doch; Du siehst ja, daß ich gefaßt und wieder ruhig bin! Was ist es denn auch weiter? Ich habe eben einen Korb bekommen, was sich schon bessere Männer gefallen lassen mußten. Sieh, der Vater kommt jetzt herein – Du weißt, daß er die Thränen nicht leiden kann.« Die Frau stand auf, warf plötzlich ihre Arme um den Nacken des Sohnes, drückte einen Kuß auf seinen Mund und verließ dann durch die Küchenthür das Zimmer in demselben Augenblick, als es der alte Baumann von der Werkstätte aus betrat. Fritz sah ihr erstaunt nach und konnte sich gar nicht denken, weshalb sich die Mutter gerade seine Abweisung so furchtbar zu Herzen nahm. War es vielleicht deshalb, weil sie gerade ihm zugeredet und ihn in seiner Liebe und der Hoffnung, die er darauf baute, bestärkt hatte? »Was hat nur die Mutter, Vater?« fragte er diesen. »Sie weint, als ob ihr Herz brechen müsse, daß mich Ottilie verschmäht hat.« »Weiß der liebe Gott,« erwiderte kopfschüttelnd der Schlossermeister, »was ihr in die Krone gefahren ist! Aber sie war schon den ganzen Mittag so aufgeregt und unruhig, wie ich sie noch nie gesehen habe – eigentlich seit die Müller zu uns kam. die allerdings genug schwatzt, um Einem den Kopf wirbelig zu machen. Aber laß sie nur: sie wird sich schon wieder zufrieden geben, ist ja sonst eine vernünftige, resolute Frau, Und nun laß einmal sehen, was Du mitgebracht hast – ei, Du kleiner Schelm, willst Du Deine naseweisen Finger davon lassen!« – Der Ausruf galt der kleinen Else, die sich, neugierig wie Kinder sind, an die Maschine gemacht hatte und mit ihren Fingerchen die Räder in Gang zu bringen suchte. – »Du wirst dem Fritz die ganze Arbeit verderben; komm, Schatz, setz' Dich mit dem Vater her, und nun wollen wir uns die Sache einmal betrachten.« Damit nahm er die Kleine auf den Schooß und ließ sich neben dem Tische nieder, wo ihm Fritz, der die Maschine in Bewegung setzte, den Mechanismus erklärte. Der alte Mann begriff das auch leicht genug, schüttelte aber doch dazu mit dem Kopf und sagte: »Hübsch ist das Ding, das läßt sich nicht leugnen, auch sinnreich erfunden und einfach ausgeführt; aber mir thut's immer leid, wenn ich solche Arbeiten sehe und an die Zeit und Mühe denke, die darauf verschwendet wurde. Die Bewegung ist da, aber die Kraft fehlt, um die Bewegung nutzbringend zu machen und Wasser und Feuer bei unseren Gewerken ersetzen zu können; und so lange wir die Kraft nicht hinein zu legen vermögen, bleibt die ganze Geschichte doch immer weiter nichts als eine hübsche Spielerei.« »Aber auf Weiteres macht sie ja auch keinen Anspruch, Vater.« »Und wo willst Du jetzt damit hin?« »Zum alten Salomon, dem das Werk gehört, oder gehörte, denn er hat es, wie er mir sagte, schon an einen Engländer, aber nur unter der Bedingung verkauft, daß es wieder vollkommen in Stand gesetzt würde. Das ist jetzt geschehen, und er möchte es gern so bald als möglich abliefern.« »Wo warst Du heute den ganzen Nachmittag?« »Draußen im Schloß Wendelsheim. Der junge Baron Benno ist heute Morgen gestorben; ich wollte ihn gern noch einmal sehen.« »Wer ist gestorben?« fragte die Mutter, die in diesem Augenblick wieder in's Zimmer trat und die letzten Worte gehört hatte. »Der junge Benno von Wendelsheim, Mutter.« »Und Du warst draußen bei ihm? Was hattest Du dort zu thun?« fragte die Frau rasch. »Ich bin oft bei ihm gewesen, Mutter, besonders in der letzten Zeit, weil er selber große Freude an mechanischen Arbeiten fand und ich ihm da oft aushelfen und ihn unterstützen mußte. Er war ein herzensguter junger Bursche, auch voll Geist und Leben, und ich hatte ihn recht lieb gewonnen. Jetzt ist er todt,« setzte er leise hinzu, »und ich kann Euch gar nicht sagen, wie weh mir sein Tod gethan hat. Aber willst Du Dir nicht einmal die Maschine betrachten, Mutter? Du wolltest sie ja gern sehen, ehe ich sie fortbrächte, und ich bin gerade damit unterwegs.« Die Frau nickte still und schweigend vor sich hin und trat mit zum Tische; aber ihre Augen flogen über das Kunstwerk hin und starrten wie in's Leere. »Siehst Du, wie hübsch sie arbeitet?« sagte Fritz. »Und so geht sie, ohne je aufgezogen zu werden, ununterbrochen fort, Jahr aus, Jahr ein. Jedesmal, wenn die Kugel diesen Punkt erreicht hat – aber Du achtest ja gar nicht darauf, Mutter – fehlt Dir denn etwas?« »Nein, mein Kind,« versetzte die Frau; »nur im Kopf summt es mir so sonderbar, und – im Herzen thut mir etwas weh. Aber nimm es nur fort, ich verstehe ja doch nichts davon und sehe nur, daß es hin und her geht.« Fritz mochte nicht weiter in sie dringen; er glaubte sicher, daß der heutige Vorfall bei Wittes sie so tief verletzt habe, und hütete sich deshalb wohl, noch einmal darauf zurück zu kommen. Es wurde auch spät; im Zimmer fing es schon an zu dämmern und der alte Salomon schloß immer, wie er recht gut wußte, sehr zeitig seinen Laden. »Du willst fort, Fritz?« »Ja, Vater, ich treffe den alten Mann sonst nicht mehr unten, und in seinem Hause weiß ich keinen Bescheid; auch sind die Wohnungen in der Judengasse immer Abends fest verschlossen.« »Dann komm aber auf dem Rückweg wieder vor und bleib den Abend bei uns – ich lasse nachher Bier holen. Was sitzest Du so allein zu Hause?« »Ja, Vater, ich werde kommen,« sagte der junge Mann, indem er die kleine Maschine wieder sorgfältig aufnahm – »also auf Wiedersehen, Mutter – Adieu, Else!« Und seine Mütze nehmend, verließ er die Stube und schritt auf die Straße hinaus. Die Sonne mußte längst untergegangen sein, denn hier und da wurden schon die Lichter in den Läden angezündet. Fritz schritt deshalb auch wacker aus, um nicht zu spät zu kommen und den ganzen Weg umsonst zu machen, schnitt durch ein paar kleine Seitenstraßen und erreichte endlich die Judengasse, durch welche er jetzt so rasch als irgend möglich vorwärts eilte. Ueber die kleine Maschine hatte er sein Tuch gedeckt, damit nichts daran geschehen konnte. In der Erweiterung der Straße, die er jetzt betrat, sah er sich einen Officier entgegenkommen, der in seinem ganzen Gang und Wesen dem Lieutenant von Wendelsheim ähnelte; um sein Gesicht zu erkennen, war es aber noch zu weit und zu dunkel, und ehe er an ihn herankommen konnte, bog derselbe plötzlich nach links ein und verschwand in dem Hofe, der zu dem Hause des alten Salomon gehörte. »Was, um Gottes willen, hat denn der Lieutenant noch so spät bei dem alten Mann zu thun,« dachte Fritz, »und warum geht er nicht in den Laden – oder sollte der schon geschlossen sein? Dann seh' ich, daß ich den Eingang dort ebenfalls finde, mitnehmen möchte ich das schwere Ding doch nicht noch einmal.« Er hatte indessen das Haus fast erreicht und sah, daß der Laden wirklich schon geschlossen sein mußte. Die Läden waren zu, ebenso die Thür; aber jedenfalls befand sich der alte Salomon noch im Innern, denn der Officier kam nicht wieder heraus. War denn das wirklich Baron Wendelsheim gewesen, und schon so rasch vom Schloß zurückgekehrt – und ging gleich zu dem Juden, wo er doch nichts Anderes suchen konnte, als Geld zu borgen? Fritz schüttelte vor sich hin mit dem Kopf und überlegte sich eben, daß der Lieutenant gerade nicht besonders erfreut sein würde, wenn er ihn bei seinem Geldgeschäft überraschte; aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Hätte er nicht das Werk bei sich gehabt, wäre er vielleicht wieder umgekehrt. Das Hofthor war noch offen und gleich links hinein mußte auch die Thür zum Laden führen; er erinnerte sich, daß Salomon einmal dort hinausgegangen war, als er sich im Laden befand, um irgend etwas aus seiner Wohnung herunter zu holen. Im Hofe war es fast noch dunkler als auf der Straße, denn das hohe Nachbargebäude schloß selbst den matten Wiederschein des westlichen Himmels ab; aber die Thür in dem helleren Gebäude ließ sich noch deutlich erkennen und als Fritz näher darauf zutrat, bemerkte er, daß sie nicht nur halb angelehnt, sondern daß auch noch Licht im Innern war. Salomon war noch drinnen und ohne sich lange zu besinnen, griff der junge Baumann nach der Thür und wollte sie eben öffnen, als plötzlich eine dunkle Gestalt ihm dieselbe aus der Hand riß, ihn bei Seite warf, daß er fast gestürzt wäre, und dann, ehe Fritz nur recht zur Besinnung kommen konnte, mit wenigen Sätzen aus dem Hof verschwand. War das Salomon selber gewesen – oder vielleicht ein Dieb? Wie ihn nur der Gedanke durchzuckte, sprang er der Gestalt nach an das Hofthor und schrie in die menschenleere Straße hinaus: Hülfe! Diebe! Haltet ihn! Er wäre auch selber nachgesprungen, aber er sah jetzt nicht einmal, ob sich der Flüchtige nach links oder rechts gewandt hatte – und war es wirklich ein Dieb gewesen? Er mußte sich selber überzeugen und lief deshalb in den Laden zurück. Dort stellte er sein Werk rasch auf einen Tisch und wollte die Lampe aufgreifen, um selber nachzusehen, als er vor sich auf dem Boden einen leblosen Körper lang ausgestreckt erkannte. Er hob ihn auf und hielt sein Gesicht gegen das Licht der Lampe – großer Gott, es war der alte Mann selber, mit Blut bedeckt – ermordet vielleicht von Räuberhänden! Aber hier konnte er nicht bleiben – er mußte Hülfe herbeirufen, nicht allein für den Überfallenen, sondern auch um dem Mörder so rasch als möglich nachzusetzen. Er legte den unglücklichen alten Mann so sanft als möglich wieder auf den Boden zurück und eilte dann auf das Haus zu, das er aber verschlossen fand. Salomon trug den Drücker dazu immer in seiner Tasche. Aber dort hielt er sich nicht lange auf, klopfte nur heftig an, um die Bewohner aufmerksam zu machen und sprang dann der Straße zu, um dort die Nachbarn zu alamiren und Polizei herbei zu rufen. Er war von Schreck und Entsetzen so verwirrt, daß er kaum selber wußte, was er that. Mit flüchtigen Sätzen erreichte er auch das Hofthor und wollte eben hinaus auf die Straße springen, als er sich plötzlich von vier nervigen Fäusten gefaßt und gehalten fühlte. »Um Gottes willen,« rief er, »der Mörder ist entflohen – ruft Leute, die ihm nachsetzen!« »Heda, mein Bursche, ich glaube nicht, daß er so weit fort ist,« schrie ihn da ein derber Bursche an. – »Haltet ihn fest – gebt ihm Eins auf den Kopf, wenn er nicht still ist! Was ist hier vorgefallen?« riefen die Anderen. Fritz Baumann rang aus Leibeskräften, um sich frei zu machen, denn durch den Irrthum entkam der wirkliche Thäter. »Setzt nur nach!« rief er, als er sah, daß das nicht möglich war, denn immer mehr Leute kamen herbeigestürmt und warfen sich auf ihn. »Schickt Leute nach rechts und links die Straße hinunter – ein Mann ist dort hinaus geflohen – er kann nicht groß sein!« »Na, Du wirst ihn schon später noch genauer beschreiben können!« rief ein corpulenter Bursche, ein Bierbrauer, der in der Nähe wohnte und mit herbeigesprungen war, als er den Lärm hörte. In dem Hause selber wurden unruhig hin und her fahrende Lichter sichtbar. Baumann war in Verzweiflung. »Aber Ihr könnt mich ja meinetwegen hier festhalten, seht nur, daß Ihr den weggelaufenen Mörder fangt!« »Mörder?« schrie eine Frau aus dem Fenster in Todesangst. »Mörder?« wiederholten auch die Leute unten im Hof erschreckt, und Einer schrie: »Mit der Laterne hierher – kommt einmal her, Freund, leuchtet einmal hier!« Der Zuruf galt einem der schüchternen Nachbarn, der mit einer Laterne herausgekommen war, um zu sehen, was vorgehe und eben damit in dem Hofthor erschien. Der Mann kam auch, wenngleich ein wenig scheu, in demselben Augenblick mit der Laterne heran, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Officier heraussprang. »Was geht hier vor?« rief er, und Fritz erkannte zu seinem Erstaunen den Lieutenant Wendelsheim, den er indessen ganz vergessen hatte. Ehe er ihn aber anreden konnte, rief Einer von denen, die ihn noch immer wie in einem Schraubstock hielten, indem er die Laterne ergriff und gegen Fritz Baumann anleuchtete: »Mord! Bei Gott, seht, wie blutig der Kerl aussieht!« »Herr Baumann!« rief auch jetzt der Lieutenant erschreckt. »Was ist vorgefallen? Wie kommen Sie hierher?« »Der alte Salomon liegt da drinnen ermordet,« rief Fritz, »und mich haben die Menschen gefaßt, während sie den wirklichen Mörder entkommen ließen!« »Salomon ermordet? Um Gottes willen, ein Licht!« Oben an dem einem Fenster wurde der Aufschrei einer weiblichen Stimme gehört, und gleich darauf stürzte des alten Mannes Frau, an allen Gliedern zitternd, aus der Thür und dem Laden zu, aus dem ihr gellender Hülferuf gleich darauf ertönte. Der Hof hatte sich indessen mehr und mehr mit Menschen gefüllt, und Alles drängte nach dem Laden. Wendelsheim aber fühlte, daß er hier, so lange noch keine Polizei eingetroffen war, die Leitung des Ganzen übernehmen müsse, und der Thür zuspringend, wies er die Masse zurück. »Nur drei oder vier von Euch mögen eintreten,« sagte er, »Ihr Anderen wartet hier draußen. Ist schon Jemand auf die Polizei gelaufen? Noch nicht? Schickt augenblicklich einen Boten dorthin ab; ich werde so lange hier bleiben. Sie, Freund,« wandte er sich dann an einen ordentlich aussehenden Mann, der auch mit von der Straße hereingekommen war, »seien Sie so gut und fassen Sie an der Thür Posto, daß Niemand weiter eindrängt. Den jungen Mann da könnt Ihr ruhig loslassen; ich glaube nicht, daß er den Mord begangen hat.« »Abwarten,« sagte der Bierbrauer, der nicht die geringste Lust hatte, sich die eingefangene Beute entgehen zu lassen. »Wovon ist denn der Bursche so blutig geworden? Wenn wir ihn jetzt loslassen, ist er in einer Viertelstunde über alle Berge, Gebt einmal einen Strick her, daß wir ihm die Hände ein bischen zusammenschnüren können.« Wendelsheim hörte schon nicht mehr, was er sprach, denn er war jetzt ebenfalls in den Laden gesprungen, um dort zu sehen, was geschehen sei, und die alte Frau zu unterstützen. – – * Den Nachmittag um fünf Uhr war der Staatsanwalt Witte, pünktlich wie in allen Dingen, draußen bei dem Major erschienen, um mit diesem und dem Rath die Sache der Frau Müller in Ordnung zu bringen. Er that das auch nicht etwa, wie Madame Müller selber vielleicht glauben mochte, allein in ihrem Interesse, auch nicht, um dem Major und dem langweiligen Rath Frühbach eine Unannehmlichkeit zu sparen, sondern einzig und allein seiner selbst wegen! Was er nämlich schon seit einiger Zeit, eben nicht zu seiner Freude, vermuthet hatte, hatte er in einer Unterredung mit seiner Frau nur zu sehr bestätigt gefunden, es konnte ihm daran kein Zweifel bleiben, und hing die Frau Müller ihre Klage an die große Glocke, dann war des Geredes über die Familie Wendelsheim nachher auch kein Ende mehr. Außerdem fühlte er sich davon fest überzeugt, daß die Frau an dem ihr von dem Major, nach Gott weiß welchen Combinationen, untergeschobenen Verbrechen vollkommen unschuldig sei. Es war bei dem alten Herrn nun einmal zur fixen Idee geworden, jenem früher aufgetauchten Gerücht, das er fest und bestimmt für eine Thatsache hielt, auf die Spur zu kommen, und je näher der Zeitpunkt rückte, wo er alle seine Hoffnungen sollte in nichts zerfließen sehen, desto eifriger wurde er darauf. Er haßte den alten Baron von Wendelsheim – der ihm vielleicht nie etwas Anderes zu Leide gethan, als daß er einen Erben bekommen – von Grund seiner Seele, und immer in dem Wahn, daß er die Hand bei einem Betrug im Spiel gehabt, hielt er sich natürlich nur für schlecht und nichtswürdig behandelt. Daß er dabei kein Mittel unversucht ließ und scheute, um sein vorgestecktes Ziel zu erreichen, hatte er schon wieder in diesem Falle gründlich bewiesen, und es wurde deshalb wirklich Zeit, ihm seinen Standpunkt klar zu machen. Konnte er doch auf solche Weise für sich gar nichts erreichen, wohl aber die Familie Wendelsheim dermaßen in das Gerede der Leute bringen, daß lange Jahre dazu gehört hätten, um den Eindruck zu verwischen oder nur abzuschwächen, und das war dem Staatsanwalt natürlich, wenn er sich die Möglichkeit einer näheren Verbindung mit der Familie dachte, schon persönlich nicht angenehm. Besonders ärgerte sich Witte aber darüber, daß der Major auch den Rath Frühbach in die Angelegenheit gezogen hatte; denn dessen Rednertalent kannte er aus dem Grunde und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Rath schon in der ganzen verflossenen Woche von Haus zu Haus gegangen sei, um das merkwürdige Erlebniß zu erzählen. Darin aber that er dem Rath unrecht, denn Frühbach dachte gar nicht daran, mit den Erlebnissen jenes Morgens Staat zu machen. Er hatte mit keiner menschlichen Seele darüber gesprochen, und selbst als er den Major einmal wieder in der Zwischenzeit aufsuchte, kein Wort von der fatalen Angelegenheit erwähnt. Die Rolle, welche er selber dabei gespielt, gefiel ihm erstens nicht, und dann eignete sich der Gegenstand auch nicht zu seiner gewöhnlichen Unterhaltung, indem dort in Vollmers wirklich etwas geschehen war, er aber nur solche Scenen schilderte, in denen gar nichts passirte. Der Staatsanwalt aber ärgerte sich trotzdem darüber und betrat dieses Mal die Wohnung des Majors eben nicht in der besten Laune. Er hätte aber trotzdem beinahe gelacht, als er das Zimmer öffnete und das Bild des Jammers sah, das sich hier entwickelte. Der Major saß in seinem Lehnstuhl, den Kopf verbunden und an dem einen Bein das Beinkleid aufgestreift, und vor ihm auf der Erde saß der Christian, ebenfalls eingewickelt und mit dem kläglichsten Gesicht von der Welt und rieb ihm Knie und Wade mit Kampherspiritus ein, der einen penetranten Geruch im Zimmer verbreitete. Auf dem Sopha aber lag ausgestreckt, mit Kopfkissen und Decke, Frau von Bleßheim, und die alte Liese, einen riesigen warmen Umschlag auf der linken, fest eingebundenen Backe, brachte ihr eben eine Tasse des unvermeidlichen Kamillenthees. Zwischen den Allen aber saß Rath Frühbach auf einem Stuhl mitten in der Stube, einen dicken grauen Rock an und die Brille auf, die Schnupftabaksdose in der linken Hand und in Gedanken eine Prise nach der andern nehmend, so daß er schon auf dem, vorher mit weißem Sand bestreuten Fußboden der Stube – der alten Liese ewiger Aerger – einen braunen Fleck niedergefallenen Tabaks gebildet hatte. »Alle Wetter,« rief der Staatsanwalt, als er in der Thür stehen blieb und sich die Gruppe betrachtete, »das sieht ja hier recht heiter und vergnügt aus, und der Jammer ist wieder in allen Ecken los! Nun, Major, ich dächte, vor einigen Tagen wären Sie gut genug auf den Beinen gewesen! Wo fehlt's jetzt wieder?« »Machen Sie um Gottes willen die Thür zu, Staatsanwalt,« rief der Major, ohne die Frage gleich zu beantworten, denn bei dem Capitel nahm eine Erwiederung zu lange Zeit in Anspruch; »es zieht hier herein, und ich kann den Tod davon haben!« »Zieht? Wir haben sechzehn Grad Wärme draußen,« sagte Witte, indem er gleichwohl dem Wunsch Folge leistete; »außerdem sind alle Fenster dicht geschlossen, und das ganze Zimmer riecht wie ein Schmetterlingskasten. Es scheinen mir aber freilich lauter »Trauerfalter« darin zu stecken – complicirte Sammlung, das muß wahr sein! Herr Gott, da liegt ja auch die gnädige Frau, und die Liese hat wieder Zahnschmerzen! Der Christian scheint heute der einzige Gesunde.« »Ich? Ach, daß Gott erbarm'!« stöhnte der Mann. »Hingesetzt hab' ich mich hier, um dem Herrn Major das Bein einzureiben; aber wie ich wieder in die Höhe kommen will, weiß der Himmel! Ich muß mir das Kreuz verrenkt haben, denn das wird mit jedem Tag ärger.« »Und was fehlt Ihnen, Herr Rath?« fragte der Staatsanwalt, »denn ganz gesund können Sie doch unmöglich in diesem Lazareth sein.« »Geistige Ruhe, verehrter Freund,« erwiderte Frühbach; »sonst, Dank dem Aepfelwein, den ich täglich trinke, und meiner steten Transpiration, nichts. Aber Sie sehen, ich habe mich pünktlich eingefunden.« »Sehr wacker von Ihnen. Und Sie, Major, liegen wieder auf der Kante?« In der neulichen Aufregung schien der alte Herr, dessen Leiden überhaupt zum großen Theil nur eingebildet waren, seine ganze Krankheit vergessen oder wenigstens für den Augenblick beurlaubt zu haben. Jetzt aber, nach dem letzten verzweifelten Versuch, den er auch in der That als den letzten betrachten mußte, hatte er es aufgegeben, sein Ziel weiter zu verfolgen. Seine letzte Hoffnung war verschwunden, und mit dem Aufhören der Erregung trat, wie nach allen solchen Fällen, die gewöhnliche Abmattung ein, so daß er sich jetzt auf einmal kränker als je zu fühlen glaubte. »Ja,« stöhnte er, »und das wird auch wohl der letzte Ruck sein, den die Krankheit thut; ich fühl's schon in den alten Knochen, lange kann das Elend nicht mehr dauern – oh Gott! Christian, Esel – Er drückt mir ja den ganzen Knochen ein! Der Mensch arbeitet gerade so auf meinem Fleisch herum, als ob er ein Pferd striegelte. Setzen Sie sich, Staatsanwalt – wenn ich Jemanden lange stehen sehe, werde ich ganz nervös, denn ich fühle das Ziehen und Ausdehnen in meinen eigenen Gliedern.« »Und Sie wissen, weshalb ich komme?« sagte der Staatsanwalt, indem er seinen Hut auf den Tisch stellte und der Einladung Folge leistete. »Ja,« knurrte der Major, »der Rath da hat mir die ganze Geschichte erzählt, und ich wollte, daß der Teufel die Madame Müller und den – hm, verdammt, wenn ich so einen Brief unterschreibe!« »Na, dann lassen Sie's bleiben,« sagte der Staatsanwalt, wieder von seinem Stuhl emporfahrend; »mir kann's recht sein, und nur Ihretwegen bin ich herausgekommen. Also Gott befohlen, Major, möchte nicht länger stören!« »So bleiben Sie nur in's drei Teufels Namen sitzen!« schrie der Major. »Herr Gott, ärgern Sie mir nicht auch noch die Galle an den Hals – man muß doch erst über die Sache reden! Da, Christian, das ist genug, die Haut muß ja schon herunter sein, und das brennt wie Gift – macht, daß Ihr hinaus kommt, wir haben mit einander zu reden!« »Ja, macht, daß Ihr 'naus kommt,« stöhnte der alte Gärtner, indem er sich mit beiden Armen auf den Boden stützte; »mich reibt Niemand ein, ich bin immer eingerieben, und jetzt soll man sich noch allein aufrichten, wo Einem das ganze Kreuz aus dem Geschick ist. Uff!« stöhnte er dabei und machte einen Versuch, aufzustehen, der aber mißglückte. »Gott soll Einen bewahren!« sagte Witte, indem er auf den Mann zutrat und ihm unter den rechten Arm griff. »So, Freund, nun hebt Euch einmal – ohoi! Geht's?« »Danke schönstens, Herr Staatsanwalt,« keuchte der Gärtner, der sich jetzt mit Mühe auf die Füße brachte, »der Herr vergelt's Ihnen! Wenn ich erst einmal in die Höhe bin und wieder in Gang komme, bring' ich mich wenigstens von der Stelle – wenn's nur nicht da hinten so stäche!« Dann hinkte er, das linke Bein hinter sich drein schleppend, aus dem Zimmer, und Witte sah ihm nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Nur erst, als er die Thür wieder hinter sich zugedrückt hatte, sagte er: »Aber um des Himmels willen, Major, weshalb schicken Sie den Mann nicht in ein wirkliches Lazareth und nehmen sich einen gesunden, kräftigen Menschen, der Ihre Haus- und Gartenarbeit auch verrichten kann?« »Geht nicht,« knurrte der Major und schüttelte dabei mit dem Kopf; »halt' ich nicht aus – kann keinen gesunden Menschen um mich herum haben – geht mir wider die Natur. Ja, wenn ich nicht selbst so elend wäre!« Der Staatsanwalt, der kein weiteres Interesse bei der Sache hatte, sah sich im Zimmer um. Die Liese war auch mit ihrer Theekanne hinausgegangen, die Frau von Bleßheim lag nur noch auf dem Sopha und war krank, und es deshalb das Beste, zur Sache zu kommen. »Eigentlich,« begann er, »haben wir gar nichts mehr mit einander zu reden; denn wenn Sie mir gleich von vornherein sagen, daß Sie den Brief nicht unterschreiben wollen, so läßt sich vor der Hand nichts in der Sache thun, bis die Klage erst einmal anhängig gemacht ist.« »Aber auf was, zum Teufel, will denn die alte Hexe klagen?« rief der Major ärgerlich; »wir haben ihr ja nichts zu Leide gethan.« »Sie haben ihr weiter nichts gethan, als sie beschuldigt, ein Verbrechen begangen zu haben,« sagte der Staatsanwalt trocken, »und da sie eine solche Verdächtigung nicht auf sich sitzen lassen will, so werden Sie einfach aufgefordert werden, Ihre Beweise zu bringen.« »Aber wir haben keine,« rief der Major, »als die moralische Ueberzeugung, daß ich im Recht bin und ihre ganze Geschichte faul ist.« »Eine moralische Ueberzeugung hat nur leider vor dem Richter keinen Werth, Major, und Sie fallen damit gründlich ab. Aber vielleicht kann Ihnen der Rath Beweise bringen, da er, wie mir die Madame Müller erzählt hat, so entschieden in der Sache vorgegangen ist.« Rath Frühbach hatte wunderbarer Weise und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit bis jetzt kein Wort gesprochen und nur, in seine Gedanken vertieft, Tabak um sich her gestreut. Jetzt sagte er: »Da fällt mir eine Geschichte ein ...« »Lieber Rath,« rief Witte, ihn rücksichtslos unterbrechend, »ich bin nicht hierher gekommen, um Ihre Geschichten mit anzuhören, sondern die Angelegenheit zum Abschluß zu bringen. Hier ist der Brief – und dabei nahm er das Papier aus der Tasche –, ich habe ihn kurz und bündig gehalten, und es steht nichts darin, was Sie nicht mit gutem Gewissen unterschreiben können. Der Frau habe ich auch das Versprechen abgenommen, das Document als vollkommen privatim zu betrachten; sie wird es keinem andern Menschen zeigen. Nun lesen Sie es durch und sagen mir dann kurz und bündig, ob Sie damit die fatale Sache erledigen wollen oder nicht. Weiteres Reden ist vollkommen unnütz, und ich habe auch keine Zeit dazu.« »Sie lassen Einen auch wirklich gar nicht zu Worte kommen, lieber Staatsanwalt,« meinte der Rath und nahm eine Doppelprise. »Wie kann man denn in einer so wichtigen Sache einen Beschluß fassen, wenn man sich nicht erst gehörig darüber ausgesprochen hat?« »Ich dächte, Sie hätten da draußen gerade genug gesprochen,« nickte der Staatsanwalt, »und ich begreife Sie wirklich nicht, Major, wie ein sonst so ruhiger, vernünftiger Mann so seine Leidenschaft kann mit sich durchgehen lassen und in's Blaue hineinrasen.« »Ich habe ja gar kein Wort gesagt!« rief der Major; »der Rath war aber gar nicht zu halten und behauptete nur immer, wenn man es ihr auf den Kopf zusage, würde sie augenblicklich gestehen.« »In Schwerin hatten wir einen ganz ähnlichen Fall, und gerade durch meine Geistesgegenwart ...« »Haben Sie sich hier so in die Patsche geritten,« sagte der Staatsanwalt, der fest entschlossen schien, dem unglücklichen Manne jedesmal die Rede abzuschneiden, »daß Sie Vorspann brauchen, um wieder heraus zu kommen. Den bringe ich Ihnen jetzt; da, lesen Sie den Brief und seien Sie froh, wenn Sie so durchschlüpfen; denn wenn die etwas cholerische Frau wirklich klagt, so dürfen Sie sich auf eine Scene vor den Geschworenen gefaßt machen, an die Sie nachher Ihr ganzes Leben zurück zu denken haben. Ueberfüllte Tribünen garantire ich Ihnen jedenfalls.« Der Rath nahm den Brief und las ihn. Er war in der That in der mildesten Form abgefaßt und führte die ganze Sache auf ein Mißverständniß oder einen Irrthum zurück. Die beiden Herren erklärten nur zum Schlusse ihr Bedauern, die Frau unverdienter Weise vielleicht durch irgend ein Wort gekränkt zu haben, und baten sie, ihrer in Zukunft wieder freundlich zu gedenken, wie sie sich selber mit aufrichtiger Hochachtung zeichneten etc. Der Rath kratzte sich hinter dem Ohr, reichte aber den Brief dem Major hinüber und sagte dabei: »Du lieber Himmel, das kannte man allenfalls einer Frau gegenüber unterzeichnen, nur um aus der unangenehmen Sache heraus zu kommen!« Der Major hatte sich indessen das Bild mit dem Geschworenengericht, das ihm der Staatsanwalt entrollte, ausgemalt, und er würde lieber tausend Thaler gezahlt haben, als sich einer solchen Blamage aussetzen. Er, Major von Halsen, als Verklagter auf der Armensünderbank, und die Madame Müller vor den Schranken, gegen ihn auftretend! Es war gut, daß der Rath in dem Augenblick nicht hören konnte, was er über ihn dachte, denn ihm allein verdankte er doch nur das Alles. Aber er las den Brief erst einmal flüchtig durch, dann noch einmal langsam und bedächtig, und der Staatsanwalt betrachtete ihn dabei mit triumphirenden Blicken. Er wußte jetzt, daß er ihn fest hatte und die Sache erledigen konnte. »Na, denn meinetwegen,« sagte auch der alte Soldat endlich, indem er das Papier neben sich auf den Tisch warf; »geben Sie einmal Tinte und Feder von da drüben her, Rath – die Tinte wird wohl eingetrocknet sein, dort auf dem Ofen steht noch eine kleine Flasche. Wenn sich der alte Drache damit beruhigen will, mir kann's recht sein; aber meinen Hals möcht' ich zum Pfand einsetzen, daß sie die Lumperei doch begangen hat. Sie sollten nur das Bild von ihrer Tochter sehen, Staatsanwalt, das über ihrem Sopha in Vollmers hängt, ob das nicht das leibhafte Conterfei der Wendelsheim'schen Familie ist – jeder Zug, während der Lieutenant von Wendelsheim auch nicht die Spur von Ähnlichkeit mit dem alten Baron hat – nicht die Spur, sage ich Ihnen.« »Aber das sind Alles keine Hauptbeweise, lieber Freund, und könnten nur vielleicht als Nebenbeweise in's Gewicht fallen. Eine solche Aehnlichkeit täuscht und ist oft nur zufällig, denn sie hängt von uns unbekannten Ursachen ab. Damit kommen Sie also nicht vom Fleck und seien Sie so gut und machen Sie die Sache kurz, denn es wird schon dunkel und ich muß nach Hause.« Der Major sah noch einen Augenblick still und verbissen vor sich nieder; endlich sagte er: »Na, mein lieber Rath, Sie nehme ich einmal wieder auf eine Entdeckungsreise mit!« ergriff dann die Feder, tunkte sie ein und schrieb seinen Namen unter das Document; dann schob er es dem Rath hin und dieser, ohne sich länger zu sträuben, unterzeichnete ebenfalls. »So,« sagte der Staatsanwalt, der die beiden Herren indessen schweigend beobachtet hatte, »das war jedenfalls das Gescheidteste, was Sie thun konnten, und ich hoffe die ganze Geschichte damit beizulegen. Wenn Sie aber meinem Rath noch folgen wollen, Major, so geben Sie jetzt Ihre Jagd auf und werden vernünftig, denn Sie müssen das Nutzlose derselben doch nachgerade eingesehen haben. Wäre wirklich in jener Zeit etwas dem Aehnliches in der Familie Wendelsheim vorgegangen, wie Sie vermuthen, so haben es die Jahre jetzt verwischt. Aber Alles, auf das Sie nur Ihren bösen Verdacht gründen, ist leere Vermuthung, oder, noch schlimmer, ekelhaftes Weibergeschwätz vergangener Jahre, und Sie können Ihrem Gott danken, daß diese Sache hier nicht dem alten Baron zu Ohren gekommen ist; er hätte Sie wahrhaftig nicht so leicht durchgelassen! Doch nun Gott befohlen, meine Herren! Ich habe mich hier länger aufgehalten, als ich wollte. Was fehlt denn eigentlich der Frau von Bleßheim auf dem Sopha?« »Ach, nichts,« sagte der Major mürrisch; »sie bildet sich immer ein, daß sie krank ist.« »Und Du wohl nicht?« rief die Dame, sich plötzlich sehr lebhaft aus ihrer liegenden Stellung aufrichtend. »Man muß ja allein schon davon krank werden, wenn man das ewige Gejammer mit anhört!« »Na, wünsche allerseits einen recht angenehmen Abend!« sagte der Staatsanwalt, vergnügt, aus der Gesellschaft fortzukommen, und seinen Hut schwenkend, schritt er in die schon dämmernde Straße hinaus. Es war in der That später geworden, als er gedacht, und er ging rasch den Weg hinab, der nach der Stadt zu führte; dabei zuckten ihm aber doch die letzten Reden des Majors durch den Kopf, besonders was derselbe von der Ähnlichkeit gesagt. Darin hatte der alte Major Recht: der Lieutenant von Wendelsheim glich seinem Vater, was das Aeußere betraf, auch mit keiner Miene; er war erstlich kleiner als der alte Baron, und seine Züge, seine ganzen Bewegungen trugen einen entschieden andern Charakter. Aber was wollte das sagen? Wie oft kam das in der Welt vor und konnte nicht einmal gegründete Ursache zu einem Verdacht, viel weniger denn zu einer Klage geben! Merkwürdig blieb es freilich immer, und der Staatsanwalt grübelte auf dem ganzen Weg darüber nach, daß wieder der zweite Sohn so entschieden die Züge der Eltern trug und dadurch auch seinem Bruder nicht im Geringsten ähnelte. Aber mit all' solchem Nachgrübeln gelangt man natürlich zu keinem Resultat. Ob das Bild in der Stube der Frau Müller der Wendelsheim'schen Familie mehr glich als der Lieutenant, war ziemlich einerlei: deshalb blieb der Letztere doch der Sohn und Erbe und mit dieser Schlußfolgerung betrat der Staatsanwalt wieder die eigentlichen Straßen der Stadt und schritt unwillkürlich etwas nach links hinüber, um seinen Weg nach Hause so viel als möglich abzukürzen. Es dunkelte allerdings schon stark, aber wenn er die Seitenstraßen benutzte, kam er doch wohl noch bei Zeiten nach Hause, um einige nothwendige Briefe zu unterzeichnen und vor Postschluß zu befördern. Den kürzesten Weg hatte er durch die Judengasse, und wenn das auch gerade kein Platz war, den man Abends gern passirte, weil das Ausschütten von Gefäßen aus den Fenstern dort nur allzu häufig geschah, schien er dieser Gefahr doch heut Abend trotzen zu wollen oder dachte auch vielleicht nicht einmal daran. Er bog ohne Weiteres in die Straße ein, hatte aber erst wenige Schritte darin gethan, als er einzelne Menschen rasch an sich vorüberspringen und einem bestimmten Hause zueilen sah, vor dessen Thür sie sich sammelten oder in den Hof eindrängten. »Was ist denn hier geschehen oder was giebt's zu sehen?« fragte er Einen der Leute, der eben dort wieder herauskam und über die Straße wollte. »Sie haben den alten Salomon todtgeschlagen,« sagte der Mann und sprang in das nächste Haus, um noch eine Laterne zu holen. »Du lieber Gott,« seufzte Witte, denn er kannte den alten Mann recht gut und hatte schon oft selber mit ihm zu thun gehabt »das ist ja schrecklich!« Und rasch trat er mit in den Hof hinein, wo er zu der Stelle kam, an welcher die Nachbarn den jungen Baumann hielten und eben dabei waren, ihm die Hände auf den Rücken zu schnüren. »Wen habt Ihr denn da, Ihr Leute?« fragte der Staatsanwalt, indem er zu ihnen trat, aber in der Dunkelheit nicht gleich die Züge der Einzelnen erkennen konnte. »Den Halunken, der den alten Mann todtgeschlagen hat und eben auskneifen wollte, als er mir in die Finger lief.« Unwillkürlich nahm der Staatsanwalt dem Nächsten die Laterne ab und leuchtete damit dem vermutheten Verbrecher in's Gesicht. »Herr Baumann!« rief er aber auch schon im nächsten Augenblick ordentlich entsetzt aus. »Das ist doch nicht möglich!« »Sind Sie von der Polizei?« fragte ihn einer der Umstehenden. »Nein, aber ich gehöre mit zu dem Fach – ich bin der Staatsanwalt.« »Na, dann gehen Sie lieber mit in den Laden hinein, wo der alte Salomon liegt, bis ein Actuar oder sonst wer kommt,« sagte der Mann wieder. »Aber, um Gottes willen, Herr Baumann, wie kommen Sie in diese Lage?« »Ich hoffe doch nicht,« sagte Fritz, der todtenbleich geworden war, »daß Sie mich eines solchen Verbrechens fähig halten?« »Nein, gewiß nicht!« rief Witte schnell. »So, und weshalb wollte er denn da ausreißen und ist über und über blutig, heh? – Ruhe, mein Bursche, das bitte ich mir aus; ob Du schuldig oder unschuldig bist, wird dann schon die Polizei aus Dir herausdrücken, darauf verlaß Dich! Und jetzt machen Sie, daß Sie hineinkommen, damit Alles ordentlich zugeht! Es ist Niemand drin, wie ein Officier, und die wissen sich bei solchen Geschichten gewöhnlich nicht zu helfen.« Das war allerdings richtig. Witte konnte auch hier im Augenblick, mit den näheren Umständen gar nicht bekannt, nichts helfen und mußte den jungen Mann vor der Hand seinem Schicksal überlassen. Die Untersuchung stellte ja doch bald heraus, ob er schuldig wäre oder nicht. 22. Die Untersuchung. Als der Staatsanwalt Witte den düstern, unheimlichen Raum betrat, bemerkte er nur eine Anzahl dunkler Gestalten, die um einen auf dem Boden liegenden Gegenstand geschaart waren und von dem ungewissen Licht der Lampe mehr sichtbar gemacht als beleuchtet wurden. Mit dem Fuße stieß er dabei an einen klirrenden Körper, der am Boden lag, und als er ihn aufhob, fand er, daß es ein Sack mit Geld sei, den der Mörder hier jedenfalls auf der Flucht zurückgelassen. Die erste Person, die er, allerdings zu seinem Erstaunen, erkannte, war der Baron von Wendelsheim; denn er begriff nicht recht, wie dieser Abends noch so spät in die Judengasse kam, wenn ihn nicht auch vielleicht, wie ihn selber, der Zufall hier vorbeigeführt. Aber es war jetzt wahrlich keine Zeit dazu, um solche Betrachtungen anzustellen, und der Staatsanwalt, den gefundenen Beutel auf den Ladentisch stellend, trat näher zu der Gruppe, nm vor allen Dingen den Zustand des gefallenen Opfers zu untersuchen. »Ah, Herr Staatsanwalt,« rief Wendelsheim, als er ihn erkannte, »ein Glück, daß Sie kommen – hier ist ein schändliches Verbrechen verübt worden!« Auf dem ausgestreckten Körper des alten Mannes lag, anscheinend leblos, eine weibliche Gestalt. »Was ist das?« sagte Witte. »Sind Beide ermordet worden?« »Es ist des alten Salomon Frau; sie muß ohnmächtig geworden sein – Ursache genug, wahrhaftig, bei solchem Anblick!« »Ist der alte Mann todt?« »Jedenfalls. Er hat zwei furchtbare Wunden am Kopf.« »Hätten wir nicht besser die Frau fort und in ihre Wohnung geschafft, wo sie die nöthige Pflege finden kann? Nach Polizei ist doch geschickt?« »Gewiß – faßt an, Ihr Leute, aber vorsichtig, und tragt die arme Frau drüben die Treppe hinauf; ich werde Euch den Weg zeigen – oh, da kommt noch eine Laterne! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Herr Staatsanwalt.« Es fiel Witte wohl ein, daß der Lieutenant so bekannt in dem Hause schien; aber er achtete doch nicht weiter darauf. In diesem Augenblick, und gerade als die Leute die in der That ohnmächtig gewordene alte Frau nach oben trugen, langte die Polizei an: ein Actuar, zwei Polizisten und zwei Gensdarmen. Der Actuar schien auch die Sache richtig zu behandeln. Der Gefangene, da er doch gebunden war und nicht entwischen konnte, wurde einem der Gensdarmen übergeben und der andere an das Hofthor postirt, um die Neugierigen abzuhalten, denn die Straße war schon mit Menschen angefüllt. Hatte sich doch das Gerücht, daß der alte Salomon ermordet sei, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judengasse und den benachbarten Stadttheil verbreitet! Dann wurde der Hof von allen nicht hinein gehörenden Personen gesäubert und nur ein paar noch zur Aufsicht des Gefangenen zurückbehalten, wenn dieser ja einen verzweifelten Fluchtversuch machen sollte. Jetzt verhielt er sich freilich vollkommen ruhig, aber man weiß nicht – solche Leute passen manchmal ihre Zeit ab. Ebenso bedeutete der Actuar auch alle Solche, welche Näheres über die That anzugeben wüßten oder vermutheten, draußen auf der Straße und in der Nähe zu bleiben, um nachher ihr Zeugniß abzulegen. Dann gingen sie – es waren jetzt nur noch der Actuar, die beiden Polizeidiener, der Staatsanwalt und Lieutenant von Wendelsheim – in den Laden zurück, um die Wunden des alten Mannes selber zu untersuchen. Der Actuar hatte übrigens auch schon nach dem Polizei-Arzt geschickt, der jeden Augenblick eintreffen konnte. Der einzige Mensch, der wirklich Näheres über den Ueberfall wußte, stand draußen gebunden unter Gensdarmerie-Bewachung. Salomon lag auf dem Rücken, den rechten Arm noch wie zum Schutz gegen die wahrscheinlich nach ihm geführten Schläge vorgestreckt. Er war aber mit Blut ordentlich überdeckt, und sein Kopf zeigte, als der Actuar mit der Lampe hinabreichte, zwei klaffende Wunden, aber schon mit geronnenem Blute überklebt, so daß man ihre Tiefe nicht gut erkennen konnte. Die Untersuchung derselben mußte aufgespart werden, bis der Arzt kam. Wendelsheim fühlte indessen seinen Puls, aber dort war kein Leben erkennbar, und die Hand selbst kalt und krampfhaft geballt; auch ein Heben der allerdings noch warmen Brust ließ sich nicht unterscheiden. »Armer Salomon,« sagte der Actuar, indem er sich kopfschüttelnd aufrichtete – »schade um ihn, es war ein braver, rechtschaffener Mensch, und verwünscht viel besser als tausend Andere, die sich Christen nennen! Aber wir können jetzt nichts thun, meine Herren, als ihn liegen lassen, bis der Arzt kommt, indessen aber den Laden untersuchen – möglich ja doch, daß wir etwas finden, was der oder die Mörder zurückgelassen haben, um dadurch auf seine Spur zu kommen. Möchte einer von den Herren wohl so freundlich sein und die Lampe nehmen?« Der Staatsanwalt machte den Actuar jetzt auf den Geldsack aufmerksam, den er an der Thür gefunden; es waren noch Blutspuren daran, und jedenfalls mußte der Mörder gestört sein, daß er den im Stiche gelassen. Der eiserne Geldschrank stand offen; was daraus geraubt worden, konnte man natürlich nicht wissen. Der Actuar stellte den Beutel wieder in den Schrank und verschloß diesen. Sie untersuchten jetzt den Boden und fanden dicht vor dem Schrank die ersten Blutspuren. Der Angriff hat dort jedenfalls begonnen und der alte Mann sich wohl gewehrt. Dort machte der Ladentisch eine kleine Biegung, um die herum das Opfer wahrscheinlich nach der Thür flüchten wollte, als es den zweiten Schlag erhielt und zu Boden taumelte. Eine Waffe oder irgend ein Instrument, mit welchem die Streiche versetzt sein konnten, fand sich nirgends, eben so wenig irgend ein anderer Gegenstand, der einem Fremden gehört haben konnte. Nur ein Taschentuch lag vorn im Laden am Boden, das in der Ecke die mit Roth gezeichneten Buchstaben F. B. trug. Der Actuar steckte es in die Tasche. Beim Herumleuchten bemerkten sie noch eine geöffnete Schublade, an der aber von außen der Schlüssel steckte; sie enthielt mehrere Gold- und Silbersachen. Es war möglich, daß der oder die Diebe gewußt hatten, wo sich werthvolle Gegenstände befanden, und auch daraus geraubt haben konnten. Das ließ sich vielleicht durch Salomon's Frau constatiren, wenn sie sich von ihrer Ohnmacht wieder erholen würde; heute Abend wohl kaum mehr. In diesem Augenblick trat der erwartete Polizei-Arzt ein und untersuchte den Körper des Erschlagenen; aber es war hier unten nicht viel zu machen. Er glaubte noch Leben zu erkennen, aber so schwach, daß es jeden Moment schwinden konnte, und wünschte deshalb, denselben hinauf in seine Wohnung geschafft und auf ein Bett gelegt zu haben. Dort sollte dann auch das erste Verhör der Leute stattfinden. Der Actuar ging jetzt hinaus an das Hofthor, vor dem die Menschen noch immer dichtgedrängt standen, und forderte Einzelne, die Näheres über das Verbrechen anzugeben wüßten, auf, herein zu kommen. Es meldeten sich aber nur zwei oder drei, die »etwas gesehen haben wollten«. Sie wurden herein beordert und dann gleich mit dazu verwandt, um den leblosen Körper des alten Mannes nach oben zu tragen. Der Lieutenant, der zurückgekehrt war, übernahm wieder die Leitung, und während er langsam mit der Lampe voranging, verschloß der Actuar zuerst die Ladenthür und ließ dann noch einen Augenblick den Zug halten, um zuerst einen Streifen Papier über das Schloß zu siegeln, damit Niemand den Platz betrete, bevor morgen, mit Tageslicht, eine genaue Untersuchung desselben stattgefunden hätte. Wie still und friedlich, wie wohnlich, ja fast patriarchalisch hatte sonst die Behausung des alten Salomon ausgesehen, und wie traurig verändert lag sie heute! Fremde, rauhe Gestalten drängten die Treppe hinauf, und Tod und blutige Verwüstung schienen ihre Fährten in das Heiligthum eingedrückt zu haben. Es war auch fast, als ob die alte Dienerin des Hauses, die oben an der Treppe mit verweinten Augen stand, den vielen Fremden den Eintritt wehren wollte – aber brachten sie nicht ihren armen Herrn? Und dann sah sie auch die gefürchteten rothen Kragen der Polizei, gegen die sie am wenigsten gewagt haben würde, einen Widerstand zu leisten. Jetzt hatten die Träger den obern Rand der Treppe erreicht, und Witte, der dicht hinter ihnen folgte, sah staunend auf, als ein bildschönes Mädchen, die schwarzen Locken gelöst, das Antlitz marmorbleich, auf die Träger zustürzte und im ersten Moment sich auf den alten Mann werfen wollte. Aber fast gewaltsam hielt sie sich zurück, ihre großen dunklen Augen hingen an dem Gräßlichen, ihre kleine weiße Hand war fest auf dem Herzen geballt; aber sie sagte kein Wort, durch keine Bewegung hinderte sie den Fortgang der Leute, und das Licht aus der Hand der Magd nehmend, winkte sie ihnen nur, ihr zu folgen. »Alle Wetter, wer ist das?« flüsterte der Actuar dem neben ihm stehenden Staatsanwalt zu. »Das war ja ein bildschönes Mädchen, und der Lieutenant scheint hier sehr bekannt im Hause zu sein!« »Wahrscheinlich die Tochter des alten Salomon,« nickte der Staatsanwalt, der die letzte Bemerkung ebenfalls gemacht hatte; »ich weiß, daß er eine Tochter hat, habe sie aber noch nie vorher gesehen.« »Mir ist nie etwas Schöneres vorgekommen ...« »Es muß in der That außergewöhnlich sein, wenn sich selbst die Polizei davon ergriffen fühlt,« bemerkte der Staatsanwalt trocken – »aber da sind wir. Wie elegant das hier aussieht! Ich hätte wahrlich nicht gedacht, im Judenviertel solch ein Haus zu finden, besonders wenn man die alten, rauchgeschwärzten Gebäude von außen ansieht!« Die Träger folgten ihrer bleichen Führerin in ein Seitenzimmer, wie es schien, das eigentliche Schlafgemach des alten Mannes, neben dem der Arzt noch immer herging und seinen Kopf unterstützte. Dort winkte sie, ihn auf das Bett zu legen. »Möchten Sie nicht vielleicht eine Decke unterlegen,« bemerkte der Arzt, als er das schneeweiße Linnen sah, »wir werden Alles mit Blut beflecken.« »Nein,« hauchte die Tochter. – Es war das erste Wort, das sie sprach. – »Oh, sagen Sie mir um Gottes willen, ob er todt ist?« »Ich glaube nicht, mein Fräulein,« erwiderte der Arzt, teilnehmend dem ungeheuern Schmerz gegenüber, der in den Worten lag. »Ich kann Ihnen freilich für nichts stehen, denn ich habe die Wunden noch nicht untersucht, aber noch scheint Leben in ihm zu sein, wenn auch vielleicht nur ein Funken. Es soll gewiß Alles geschehen, was in menschlichen Kräften steht, um ihn, wenn irgend möglich, zu retten. Machen Sie sich aber auf das Schlimmste gefaßt; das Resultat kann kein Mensch vorher bestimmen.« »Hat sich Ihre Frau Mutter wieder erholt?« fragte der Staatsanwalt jetzt, der ihr unwillkürlich näher getreten war. »Der plötzliche Schreck machte eine Ohnmacht ja natürlich.« »Ich danke Ihnen,« sagte Rebekka leise, »sie ist wieder erwacht – oh, dieser entsetzliche Abend!« »Und haben Sie keine Vermuthung, wer der Thäter sein könne?« fragte der Actuar wieder. »Keine,« hauchte das junge Mädchen, traurig mit dem Kopf schüttelnd; »mein Vater war ja so gut und brav, er hat keinem Menschen je ein Leid gethan – sie haben ihn nur berauben wollen.« »Und wissen Sie nicht, ob in letzter Zeit vielleicht irgend Jemand häufiger als sonst in den Laden gekommen wäre?« »Ich betrete den Laden nie oder doch nur so selten, daß ich es nicht weiß. Selbst die Mutter kommt nicht hinunter.« »Hm – nun, wie steht es, Doctor?« »Dürfte ich um etwas lauwarmes Wasser und einen Schwamm bitten?« Es wurde rasch gebracht, und der Arzt ging jetzt daran, die Wunde sorgsam auszuwaschen und zu untersuchen. Wendelsheim hatte indessen leise mit Rebekka gesprochen und sie gebeten, das Zimmer zu verlassen. Er selber glaubte fest, daß der alte Mann todt sei, und wollte ihr wenigstens den Schmerz der unmittelbaren Entdeckung ersparen. Rebekka weigerte sich aber; sie wollte das Entsetzliche selber hören – sie war gefaßt, wie sie sagte, und fürchtete keine Schwäche. Staatsanwalt Witte beobachtete beide scharf, während sie mit einander sprachen, und es hätte auch wahrlich nicht des Auges eines Juristen bedurft, um zu sehen, mit wie liebevoller Theilnahme des Barons Blick an den Zügen des Mädchens hing, wie vertrauend, wie gut sie zu ihm aufsah. Der Actuar glaubte aber seine Zeit indessen nicht unnütz versäumen zu dürfen, und sich im Zimmer umschauend, bemerkte er bald einen Tisch, auf welchem ein Schreibzeug stand – Papier wie alles Nöthige führte er überdies bei sich –, und er befahl jetzt, den Gefangenen herauf zu führen, und ließ die Leute, die sich als Zeugen gemeldet hatten, ebenfalls an die Thür treten. Um das Verhör kümmerte sich der Arzt nicht, der sich nur immer mit dem Verwundeten beschäftigte, während ihm Rebekka hülfreiche Hand dabei leistete. Wohl schnürte es ihr das Herz zusammen, und sie mußte sich ordentlich Gewalt anthun, um nicht in Klagen auszubrechen, als sie die furchtbaren Wunden sah, die des Mörders Waffe dem Vater geschlagen; aber kein Laut kam über die Lippen, und mit sorgsamer, nicht einmal zitternder Hand wusch sie das Blut von dem theuern Haupt und küßte dann die bleiche, kalte Stirn. Fritz Baumann wurde jetzt hereingeführt, und mit Entsetzen hingen des Mädchens Blicke an dem edeln, aber jetzt bleichen Antlitz des jungen Mannes. Das war der Mörder? Oh, um Gott, was hatte er ihm gethan, daß er die blutige Faust gegen den armen schwachen, alten Mann erheben sollte? »Wer sind Sie und wie heißen Sie?« fragte der Actuar, der sich an einem Tisch festgesetzt hatte und die Sache amtsmäßig zu betreiben begann. »Mein Name ist Friedrich Baumann,« lautete die eben nicht sehr freundlich gegebene Antwort; »ich bin Mechanikus in hiesiger Stadt.« »Schon einmal vor Gericht gestanden?« »Nein.« »Was hatten Sie heut Abend noch nach Dunkelwerden hier im Gehöft und im Laden des alten Salomon zu thun?« »Ich habe ein Werk zurückgebracht, das ich für ihn reparirt hatte, fand aber den Laden schon verschlossen und sah nur eben noch in der Dämmerung, daß ein Officier vor mir den Hof betrat. Da ich demnach vermuthete, den alten Salomon noch im Laden zu finden, folgte ich ihm und fand auch die Ladenthür nur angelehnt und Licht im Innern. Wie ich aber den Platz eben betreten wollte, sprang eine dunkle Gestalt gegen mich an und flog zum Hofe hinaus. Ich hielt das Werk, das jetzt unten auf dem Tisch steht, noch in der Hand und war auch in dem Moment zu überrascht, um dem Flüchtling gleich zu folgen, that aber dann, was ich für den Augenblick thun konnte. Im Laden sah ich den unglücklichen alten Mann am Boden liegen, und das Schlimmste fürchtend, sprang ich hinaus, fand die Hausthür verschlossen, klopfte dort scharf an und sprang dann vor das Thor, um Hülfe herbei zu holen, als ich von diesen Männern gefaßt und gehalten und selber des Mordes beschuldigt wurde.« »Und wie kommt das Blut an Ihre Hände und Kleider?« »Ich wollte den Erschlagenen aufrichten, fand aber bald, daß das unmöglich sei.« »Ist dies Ihr Tuch? Es trägt die Buchstaben F. B. « »Ja; ich hatte es über das Werk gedeckt, und es mag im Hof heruntergefallen sein.« »Es lag im Laden.« »Auch das ist möglich.« »Was für ein Werk war das, welches Sie brachten?« »Ein mechanisches Kunstwerk, das ich reparirt hatte.« »An der Thür lag ein Sack mit Geld; wie ist er dahin gekommen?« »Das weiß ich nicht; ich habe ihn nicht gesehen.« »Haben Sie etwas fallen hören, als jene dunkle Gestalt, wie Sie sagen, aus der Thür sprang?« »Nein – ich erinnere mich wenigstens nicht; ich war zu sehr überrascht.« Der Actuar ließ ihn bei Seite treten und fragte jetzt die verschiedenen Leute aus, was sie über den Fall wüßten. Das war allerdings sehr wenig. Einige wollten einen Hülferuf gehört haben und waren herbeigelaufen; Andere, die sie laufen sahen, schlossen sich ihnen an. »Wer hatte um Hülfe gerufen?« fragte der Actuar. »Ich selber,« erwiderte Baumann, »wie ich jene dunkle Gestalt davonspringen sah. Ich hoffte, dadurch ihm Begegnende aufmerksam zu machen.« »Und weshalb liefen Sie nicht gleich selber hinter ihm drein? Ich dächte, Sie wären jung und stark genug dazu.« »Ich hatte das Werk unter dem Arm – es kam Alles so schnell – ich wußte ja auch damals noch nicht, ob wirklich ein Verbrechen verübt sei, ja im ersten Augenblick war es mir sogar, als ob der Laufende der alte Salomon selber sei.« »Sehr wahrscheinlich,« lächelte der Actuar verächtlich. »Und weshalb liefen Sie da selber davon?« »Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht gelaufen bin,« erwiderte Baumann finster; »ich wollte auf die Straße springen, um Leute herbei zu rufen, als diese mich faßten und natürlich den Verbrecher entwischen ließen.« »Also Sie leugnen, weiter etwas von der That zu wissen?« »Ich habe Ihnen Alles gesagt, was ich weiß, und bedauere, wenn Ihnen das nicht genügt.« »Schön. Gensdarmen, führen Sie den Gefangenen in das Polizeigebäude in Untersuchungshaft – er soll eingeschlossen werden – ich komme gleich selber nach! Lassen Sie ihn unterwegs nicht entspringen, und daß er mit Niemandem verkehrt oder sich unterhält! Er wird auch vorher genau untersucht, ob er keine Waffen oder sonst etwas Verdächtiges bei sich trägt! Sind ihm die Hände noch fest auf dem Rücken gebunden?« »Die kriegt er nicht los, Herr Actuar.« »Gut – fort mit ihm; wir brauchen ihn heute nicht weiter.« »Aber Sie können mich doch wahrhaftig nicht auf einen so wahnsinnigen Verdacht hin einkerkern wollen!« rief Baumann, bei dem der Zorn auch jetzt die Oberhand gewann »Stehen denn hier nicht Männer, die mich kennen? Herr Staatsanwalt Witte, Herr Lieutenant von Wendelsheim, können Sie glauben, daß ich eines solchen Verbrechens auch nur fähig wäre?« »Nein, das glaube ich nicht,« sagte Witte. »Ich ebenfalls nicht,« fiel Wendelsheim ein. »Meine Herren,« sagte der Actuar, »es thut mir leid, in dieser Sache auf Ihren Glauben keine Rücksicht nehmen zu können. Die Person hier ist unter verdächtigen Umständen angetroffen, und wir müssen uns ihrer jedenfalls so lange versichert halten, bis wir vollgültige Beweise ihrer Unschuld finden.« »Aber ich habe den Hof nicht drei Minuten nach dem Lieutenant von Wendelsheim betreten – kaum zwei, wenn so viel – ich sah ihn in den Hof gehen.« »Haben Sie etwas von dem Herrn bemerkt, Herr Baron?« »Ich muß gestehen, daß ich mich gar nicht umgesehen,« sagte der Lieutenant. »Ich erinnere mich, Jemanden in der Straße bemerkt zu haben, als ich in den Hof einbog, aber es war schon dunkel und ich achtete nicht darauf.« »Und wie lange vor der Entdeckung des Mordes waren Sie im Hause?« »Allerdings nur wenige Momente; als ich den Hülferuf hörte, hatte ich eben erst das Zimmer betreten.« »So? Na, das wird Alles die spätere Untersuchung ergeben. Also paßt mir gut auf ihn auf! Schultze mag lieber noch mitgehen, falls etwas vorfallen sollte oder vielleicht einige seiner Spießgesellen Miene machten, ihn zu befreien.« »Mein lieber Herr Baumann,« sagte der Staatsanwalt jetzt zu dem Gefangenen, »fügen Sie sich vor der Hand in das Unvermeidliche, denn Ihre vorläufige Haft muß allerdings stattfinden; aber ich hoffe und bin fest davon überzeugt, daß Sie genügende Beweise Ihrer Unschuld beibringen werden. Ihre Haft wird in dem Fall nicht lange dauern, und ich ersuche Sie, Herr Actuar, dem Gefangenen jede Bequemlichkeit zu gestatten, welche die Gefängnißordnung erlaubt – auf meine Verantwortung und Garantie. Sorgen Sie dafür, Freund,« wandte er sich dann an den Gensdarmen, »daß das richtig bestellt und ausgeführt wird.« Während die Leute den jungen Mann abführten, beugte sich Witte zu dem Actuar über und flüsterte ihm etwas zu, womit dieser nicht recht einverstanden schien, denn er wiegte ein paar Mal den Kopf hin und her, schrieb auch noch erst Einiges nieder. Dann wandte er sich plötzlich an den Lieutenant und sagte: »Und dürfte ich mir wohl erlauben, Herr Baron, Sie zu fragen, was Sie so spät, oder vielmehr so früh in's Haus geführt hat, da Sie doch schon hier waren, ehe der Lärm entstand, und eigentlich an dem Laden müssen vorübergegangen sein, während der Mord im Innern verübt wurde? Haben Sie nichts gehört?« »Keinen Laut,« sagte Wendelsheim, von der Frage eben nicht erbaut, die Gegenwart des Staatsanwalts genirte ihn. »Als ich vorüberging, war Alles dunkel. Ob die Ladenthür angelehnt oder geschlossen war, weiß ich nicht einmal; ich habe mich nicht danach umgesehen, auch nicht das geringste Geräusch darin gehört, und glaubte deshalb, der alte Salomon befände sich oben in seiner Stube.« »Und wie Sie oben in's Zimmer traten, hörten Sie den Hülferuf?« »Ja.« »War Jemand in dem Zimmer?« »Allerdings, die Frau des alten Mannes und das Fräulein da.« »Sie wollten den alten Mann sprechen?« »Ich wollte der Familie, mit der ich befreundet bin,« sagte Wendelsheim ernst, aber entschieden, »eine Trauernachricht mittheilen, die mich heute betroffen hat – den Tod meines Bruders.« »Der junge Baron Benno ist gestorben?« rief Witte rasch. »Ach, das thut mir wirklich recht leid um Sie Alle!« »Ja,« sagte Wendelsheim leise, »es war ein schwerer Verlust, obgleich wir Alle schon lange darauf vorbereitet sein mußten.« »In so jugendlichem Alter! Wie alt war Ihr Herr Bruder?« »Noch nicht achtzehn Jahre.« »Er lebt! Er lebt!« jubelte da plötzlich Rebekka, die neben dem Bett des Vaters gekniet und ihr Ohr an sein Herz gelegt hatte – was kümmerten sie die Fragen des Beamten! »Es ist allerdings noch Leben vorhanden,« nickte der Arzt, »und die Wunden – wenn nicht im Innern der Hirnschale mehr Unheil angerichtet ist, als man von außen beurtheilen kann – sehen auch nicht gerade zu bösartig aus, wenigstens nicht so, um Ihnen jede Hoffnung zu rauben.« »Er lebt, Doctor?« rief aber auch jetzt der Actuar. »Das allerdings würde die Untersuchung sehr erleichtern, wenn wir erst seine Aussage bekommen könnten!« »Aber doch nicht heut Abend, Herr Actuar,« sagte der Arzt ruhig. »Ich muß überhaupt die Herren bitten, dieses Zimmer jetzt zu verlassen, damit der Verwundete kein Geräusch mehr hört und, wenn er ja schneller, als ich vermuthe, seine Besinnung wieder erhält, nicht erschrickt – ich stehe sonst für nichts.« »Oh, er lebt! er lebt!« jauchzte Rebekka leise vor sich hin, und wie ihrer selbst unbewußt, lehnte sie ihre Hand auf den Arm des jungen Officiers und schaute mit strahlendem Antlitz zu ihm auf. Der alte Staatsanwalt nickte still vor sich mit dem Kopf, aber der Arzt drang jetzt entschieden auf Räumung des Zimmers. Der Kranke mußte Ruhe bekommen, und nur die Tochter sollte bei ihm bleiben. Er selber versprach aber, vor Mitternacht noch einmal nachzusehen, wie es ginge – er hatte noch einige Krankenbesuche zu machen und durfte die nicht vernachlässigen. Der Lieutenant von Wendelsheim zögerte, mitzugehen. Der Staatsanwalt faßte ihn aber am Arm und sagte: »Kommen Sie einen Moment mit uns in ein anderes Zimmer oder auf den Hof, Herr Lieutenant. Ich habe den Herren einen Vorschlag zu machen, bei dem ich Sie ebenfalls betheiligt wünsche; Sie können ja nachher immer wieder zurückgehen.« »Einen Vorschlag? Welchen?« fragte der Actuar. »Bitte – unten; hier nichts weiter. Mein liebes Fräulein,« wandte er sich dann an Rebekka, »fassen Sie guten Muth; vielleicht und hoffentlich wird das Schwerste noch von Ihnen abgewandt. Seien Sie aber versichert, daß wir den innigsten Antheil an Ihrem Schicksal nehmen, und was geschehen kann, jene verruchten Buben, welche die That verübt, zur Strafe zu bringen, soll gewiß geschehen.« »Aber jener junge Mensch hat meinen Vater doch gewiß nicht geschlagen,« sagte Rebekka mit tiefer Wehmuth im Ton. »Ich bin fest davon überzeugt, daß er es nicht gethan hat,« bestätigte der Staatsanwalt; »doch wird das die Untersuchung bald ergeben.« »Und bedenken Sie, daß Sie heute den Laden nicht mehr betreten dürfen,« sagte der Actuar, »er ist versiegelt.« »Gott soll mich behüten, daß ich den Schreckensort in der Nacht betrete!« sagte das Mädchen zurückschaudernd. »Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie,« drängte der Arzt. »Der Kranke regt sich – ich mache Sie sonst für die Folgen verantwortlich.« – und die drei Männer vor sich her schiebend, verließ er mit ihnen das Gemach. »Und was wollten Sie uns sagen, Herr Staatsanwalt?« fragte der Gerichtsbeamte, als sie unten im Hof zusammenstanden, während der eine Polizeidiener noch draußen am Hofthor Wache hielt. Die alte Magd war mitgegangen, um hinter ihnen das Thor zuzuschließen. »Ich habe,« sagte der Staatsanwalt, »schon oben meine Ueberzeugung ausgesprochen, daß der junge Baumann unschuldig ist; ich wiederhole das jetzt, und die Untersuchung wird es bestätigen. Wir wissen aber noch gar nicht, ob der alte Salomon den oder die Menschen, die ihn überfallen haben, erkannt hat, wenn er wirklich wieder zum Bewußtsein kommt, denn derartige Schufte schwärzen gewöhnlich ihre Gesichter oder brauchen andere Kunstgriffe. Wir müssen sie also in den ersten Tagen sicher machen, daß sie nichts zu fürchten haben, und das geschieht am besten durch das Gerücht von des alten Salomon's Tode. Die Stadt braucht's vor der Hand nicht anders zu wissen, als daß der alte Mann wirklich erschlagen oder seinen Wunden erlegen sei, und meinetwegen auch, daß man den Mörder gefangen und eingezogen habe; ein falscher Verdacht schadet dem Namen des jungen Baumann, wenn er denn doch einmal abgeführt ist und gefangen gehalten wird, auch nicht mehr, und bekommen wir nachher die wirklichen Thäter heraus, so wollen wir ihn schon wieder weiß waschen.« »Ich begreife nicht, was Sie damit bezwecken wollen,« sagte der Actuar. »Ich halte es auch für das Beste,« meinte der Arzt. »Die Verbrecher lassen sich dadurch möglicher Weise verleiten, mit ihrem Gelde groß zu thun oder mehr zu verzehren, als ihre Bekannten an ihnen gewohnt sind – wie viele Diebstähle und Raubmorde sind schon dadurch an's Tageslicht gekommen!« »Gut, ich habe nichts dagegen,« nickte der Actuar. »Wir können jedenfalls den Versuch machen, werden aber nichts dadurch erreichen, denn wenn nach drei Tagen die Beerdigung des alten Mannes nicht erfolgt, so wird man doch augenblicklich wissen, daß er nicht gestorben ist.« »Drei Tage sind eine lange Zeit,« sagte der Staatsanwalt; »wir wollen wenigstens die uns gegebene Frist nach besten Kräften benutzen, und Sie, Herr Lieutenant, bitte ich, im eigenen Interesse der Familie, wenn Sie dieselbe wiedersehen sollten, sie zu bitten, Alles zu thun, um das Gerücht aufrecht zu erhalten. Aber jetzt guten Abend, meine Herren! Es ist spät geworden, und ich muß nach Hause, oder gehen wir einen Weg?« »Jedenfalls anfangs,« sagte der Arzt; »aber das Volk muß dort von dem Thor fort, daß sie keinen Lärm machen.« »Ueberlassen Sie das mir, ich werde sie wegbringen,« sagte Witte. Sie hatten jetzt den Thorweg erreicht und traten hinaus. »Nun, wie steht's oben?« fragten zahlreiche Stimmen. »Wie geht's dem alten Manne?« »Geht nach Hause, Leute,« sagte der Staatsanwalt, »und stört die arme Familie nicht in ihrer Trauer – der alte Salomon ist todt.« »Gott der Gerechte, und so ein Mann – waih geschrieen!« tönte es von allen Seiten. »Und die Mörder?« »Werden ihrer Strafe nicht entgehen, verlaßt Euch darauf; »eine so nichtswürdige That soll nicht ungeahndet hingehen.« »Was ist da mehr,« sagte ein alter Israelit, der daneben stand; »werden sie ihm auch nicht viel thun – war es doch blos ein Jud', der alte Salomon!« »Er war ein Mensch, und wer Menschenblut vergießt, deß Blut soll wieder vergossen werden. Aber jetzt geht nach Hause – Ihr seht, das Thor ist geschlossen, und Ihr könnt durch unnöthigen Lärm nur noch die Familie beunruhigen, die so schon Schmerz und Sorge genug hat.« Das half. »Ja wohl, ja wohl!« riefen die Meisten, und wenige Minuten später war die Straße menschenleer. 23. Verschiedene Eindrücke. In Baumann's Hause, im Stübchen neben der Werkstatt saß die Familie beim Abendbrod; aber der sonstige fröhliche Ton herrschte heute nicht in dem kleinen Kreise. Der Alte selber war ernst oder doch wenigstens nachdenkend und sprach nicht viel, und an wen er eigentlich die Zeit über gedacht hatte, verriethen die wenigen Worte, denen er endlich Laut gab. »Jetzt kommt er nicht mehr,« sagte er, während er sein leergetrunkenes Glas wieder mit Bier füllte; »es muß schon lange neun Uhr vorbei sein. Er ist jedenfalls nach Hause gegangen und hat sich zu Bett gelegt.« »Zu Hause ist er nicht, Vater,« meinte Karl; »ich war vorhin drüben bei ihm und wollte mir ein Stück Werkzeug borgen, aber der Schlüssel lag, wie gewöhnlich, wenn er ausgegangen ist, unter der Strohdecke.« »Er sollte auch etwas Gescheidteres thun, als ihn dahin legen,« sagte die Mutter; »den Platz kennen die Diebe auch, und es ist schrecklich, was in letzter Zeit wieder in Alburg gestohlen wird.« »Das macht unsere gute Polizei, Mutter,« lachte der Schlosser; »denn wenn sich ein Dieb von der fangen läßt, so verdient er schon seiner Dummheit wegen Strafe.« Die Frau seufzte, sagte aber nichts weiter, stand dann auf, nahm sich ein Gesangbuch von dem kleinen Bücherbrett und fing an darin still vor sich hinzulesen. Der alte Schlossermeister war aufgestanden und ging eine Weile im Zimmer auf und ab. Er sah dabei manchmal die Frau an, als ob er sich mit ihr beschäftige – schwieg aber noch immer. Er hatte beide Hände vorn in seinen Hosengurt geschoben und pfiff leise vor sich hin, wie er gewöhnlich that, wenn er in recht tiefen Gedanken war. Die Frau achtete nicht auf ihn – sie las immer weiter, und endlich sah er, als er einmal hinter ihr vorüberging, daß ein im Lampenlichte blitzender Thränentropfen in das aufgeschlagene Buch fiel, ohne daß sie ihn wieder fortgewischt hätte. »Höre, Karl,« sagte er, indem er vor dem Sohn stehen blieb, »geh jetzt zu Bett, ich habe mit Deiner Mutter noch was zu reden.« »Ja, Vater,« sagte Karl, »mir ist's auch recht; ich bin müde, und bei Euch scheints heute Abend langweilig zu sein. Die Mutter liest und Du pfeifst, da will ich lieber unter die Decke kriechen; morgen müssen wir doch wieder früh heraus – Gute Nacht mitsammen!« Karl hatte schon lange das Zimmer verlassen, aber der alte Baumann schwieg noch immer. Er war nur stehen geblieben, pfiff nicht mehr und sah seine Frau an, die noch über das Buch gebeugt saß. Aber sie las auch jetzt nicht; ihr Auge flog darüber hin, und es war fast, als ob sie die Anrede des Mannes mit Zagen erwarte. »Sag' einmal, Alte, was Dir eigentlich ist,« begann der Schlossermeister, indem er sich mit beiden Händen auf ihre Stuhllehne stützte; »Du kommst mir ordentlich wie verwandelt vor. Du sitzest in Dich gekehrt, Du seufzest, liest in einem Gesangbuch, weinst sogar dabei. Hast Du 'was auf der Seele, wem besser könntest Du es wohl anvertrauen, als mir? Sorgt Dich aber 'was, ei, alle Wetter, dann bin ich auch gerade der Mann, um es Dir abzunehmen! Bist Du krank, Mutter? »Nein, Gottfried,« sagte die Frau leise, »ich bin nicht eigentlich krank; aber – ich weiß nicht – es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen wie eine Ahnung – als ob uns etwas recht Schlimmes passiren müsse, und ich weiß doch eigentlich nicht, was.« »Du lieber Gott, ja,« nickte Baumann, indem er sich jetzt neben sie niedersetzte und ihre Hand nahm, »man hat ja wohl solche Stunden und die Doctoren sagen, es läge im Blut – aber ist's das auch wirklich, Alte? Sieh, wir sind jetzt die langen, langen Jahre mit einander verheirathet – unsere silberne Hochzeit liegt sogar hinter uns – und so glücklich mit einander gewesen, haben so zufrieden mitsammen gelebt und nie, nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen. Wenn Du 'was hattest, das Dich drückte, sagtest Du's mir – wenn ich 'was hatte, that ich ein Gleiches und sagte es Dir – soll das jetzt anders werden?« »Nein, Gottfried, nein – es wäre ja furchtbar!« seufzte die Frau und lehnte ihr Haupt an seine Brust; aber ihre Thränen fielen stärker. »Na, also dann heraus mit der Sprache, Mutter,« sagte Baumann; »es drückt Dich 'was – ich seh's Dir an und wenn ich der Sache nur erst einmal auf den Grund komme, wollen wir auch schon Rath schaffen.« »Ja, aber was soll ich Dir denn sagen?« klagte die Frau; »ich weiß es ja selber nicht. Nur so ein dumpfes Gefühl liegt mir auf dem Herzen.« »Hm,« brummte der Schlossermeister, »das ist genau so wie damals, als wir noch nicht lange verheirathet waren und bald nach der Geburt des einen Jungen – war's der Fritz oder Karl? – da machtest Du dieselben Geschichten, und wie lange dauerte das, und wie hab' ich mich damals gesorgt, und nachher war's doch nichts. Nach und nach wurde es besser und alle Deine Ahnungen, wie Du's damals auch nanntest, fielen in den Sand.« Die Frau nickte leise mit dem Kopf und Baumann fuhr nach einer Weile fort: »Aber ich weiß schon, wo das herkommt. Deine Schwester, die Heßberger, hat die ganze Zeit den Kopf voll solcher Schrullen, und mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien bildet sie sich am Ende selber ein, daß sie 'was wüßte; und ein Wunder wär's nicht, wenn sie so viele Gänse findet, die's ihr glauben – und die hat Dich angesteckt. Mit all' ihren überirdischen Ideen und Einbildungen macht sie die Leute rein verrückt und wenn man die ganze Geschichte bei Lichte besieht, so ist's nichts als Schwindel und blauer Dunst. Mir ist die Verwandtschaft auch schon lange leid und ich war froh, daß Ihr nicht mehr zusammenkamt; heute Nachmittag war sie aber wieder ein paar Stunden da und von der hast Du Dich auch nur beschwatzen lassen.« »Ach, Gottfried, Du magst einmal die Schwester nicht leiden und sie hat's doch so gut mit mir gemeint!« »Das ist möglich,« sagte der Schlossermeister kopfschüttelnd, aber, wenn's wirklich so ist, jedenfalls verkehrt angefangen. Mit ihren verdammten Schrullen sollte sie zu Hause bleiben, und der – na, ich will Dir nicht weh thun, Alte, aber unser Schwager – wenn ich den verfluchten Kerl mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus« nur sehe, wird mir schon steinübel.« »Es ist ein seelensguter Mensch,« sagte die Frau, »und er thut meiner Schwester, was er ihr an den Augen absehen kann; er hat freilich seine Eigenheiten und mir wär's auch lieber, wenn er nicht so viel in die Kirche ginge und den lieben Gott immer im Munde hätte. Aber es ist einmal seine schwache Seite und wenn er sonst brav und fleißig ist, so haben wir doch gewiß keine Ursache, uns über ihn zu beklagen. »Meinetwegen,« brummte der Schlossermeister, »ich habe nichts dagegen; wenn Deine Schwester mit ihm auskommt, mir kann's ja recht sein. Aber mein Mann wär's nicht, und ich weiß auch, daß er mich nicht leiden kann – was ich ihm eben nicht besonders verdenke, denn viel freundliche Worte hat er von mir noch nicht gehört. »Du thust ihm gewiß Unrecht, Gottfried.« »Ich will's ihm wünschen,« brummte der Mann – »aber wir sind ganz von dem abgekommen, was ich Dich vorhin fragte. Also Du kannst mir nicht sagen, was Dir auf dem Herzen liegt, Mutter? Du hast zu mir kein Vertrauen?« »Kein Vertrauen zu Dir, Gottfried?« sagte die Frau herzlich. »Weiß ich denn nicht in den langen, langen Jahren, wie gut und treu und ehrlich Du es mit mir meinst, und hab' ich je Ursache zu einer Klage gegen Dich gehabt? Ach, Gottfried, Du bist der beste Mann, den es auf der Welt nur geben kann, und Alles, was mich niederdrückt und manchmal so weh und traurig stimmt, ist nur das Gefühl – nie solch ein Glück verdient zu haben.« »Unsinn,« sagte der Schlossermeister halb verlegen; »Du redest gerade, Alte, als ob Du in mich verliebt wärst und mich zum Mann haben wolltest. Ein Glück, daß Niemand da ist, der uns hört; er müßte sonst Wunder glauben, was Du an mir hättest. Aber das weiß ich denn doch besser...« Er horchte auf, denn draußen am Laden wurde gepocht. Die Werkstätte war schon verschlossen, und durch die in die Fensterläden eingeschnittenen herzförmigen Löcher konnte man von außen sehen, daß noch Licht im Zimmer war. »Holla,« sagte der alte Baumann, »kommt da noch Besuch? Wer ist da?« »Ich bin's, Meisterchen,« antwortete eine feine Stimme; »machen Sie nur einmal auf.« »Ja, ich bin's, das kann ein Jeder sagen,« brummte der Schlosser. »Das muß die Volkert, des Schneiders Frau, sein – unsere Nachbarin,« sagte die Mutter. »Sind Sie das, Frau Volkert?« »Ja, Meister; ich habe Ihnen eine wichtige Neuigkeit zu bringen.« »Das wird 'was Gescheidtes sein, was die alte Schwatzliese noch zu nachtschlafender Zeit herüber jagt,« brummte Baumann leise vor sich hin und setzte dann lauter hinzu: »Na, gehen Sie nur herum an die Werkstätte; ich mache auf.« Damit verließ er kopfschüttelnd das Zimmer und hob die Barre zurück, die als einziger Verschluß vor der Werkstätte lag. Kaum aber war die Thür weit genug geöffnet, um einem menschlichen Wesen Zutritt zu gestatten, als ein kleines, schmächtiges Frauchen, ohne Crinoline, ohne Hut oder Haube auf, ohne Ueberrock, ohne Schuhe und Strümpfe, nur einfach im Unterrocke, als ob sie eben aus dem Bett aufgesprungen wäre, und ein altes, grün und roth carrirtes Tuch umgebunden, in die Thür hineinschlüpfte und sagte: »Ach, Meister ist denn der Fritz wohl zu Hause?« »Und deshalb klopften Sie uns heraus, um das zu erfragen?« sagte Baumann eben nicht besonders freundlich. »Warum gehen Sie nicht hinüber, wo er wohnt?« »Ach, Meister,« sagte die kleine Frau, »ich bin ja nur so von Hause fortgelaufen! Eben wollten wir uns in's Bett legen, denken Sie, da kommt das Fränzchen von Homeiers an's Fenster und klopft und ruft: He, Meister, wißt Ihr's schon, daß sie den alten Salomon in der Judengasse todtgeschlagen und den ganzen Laden ausgeräumt und die eiserne Geldliste weggeschleppt haben?« »Den alten Salomon?« rief Baumann, stutzig gemacht. »Den Henker auch, Fritz hat ihm ja noch heut Abend vor oder mit Dunkelwerden eine Arbeit hingetragen!« »Na ja, Meister, der Fritz soll ihn ja auch todtgeschlagen haben, und zwei Polizeidiener haben ihn fortgebracht. Ach, das Unglück!« schrie die kleine Frau und fing bitterlich an zu weinen. »Was ist das?« rief Frau Baumann, erschreckt aus der Stube herausstürzend. »Was ist mit dem Fritz?« »Ich weiß nicht,« sagte der alte Baumann, indem er sich mit der Hand an den Kopf faßte, »bin ich verrückt, oder ist die Meisterin verrückt – der Fritz soll den alten Salomon erschlagen – aber Unsinn – es ist zu dumm, wie man auch nur einen Augenblick so 'was denken kann – hahaha, und da kommt die Meisterin im Unterrock und mit bloßen Füßen mitten in der Nacht herübergestürzt! Sie haben jedenfalls geträumt, Frau Volkert!« »Ach Du lieber Gott,« winselte die Frau, »ich wollte, es wäre so! Aber das Fränzchen hat selber gesehen, daß sie Fritz, mit den Händchen auf den Rücken gebunden, in die Polizei gebracht haben und ein Polizeidiener sagte, er hätte Salomon umgebracht.« »Wo willst Du hin, Gottfried?« rief seine Frau erschreckt, als er in die Stube ging und dort seinen Rock vom Nagel nahm. »Zum Fritz hinüber, Alte, und sehen, ob er zu Hause ist, und wenn er nicht da ist, auf die Polizei; ich werde sonst verrückt, wenn ich mich mit dem Unsinn im Kopf die Nacht schlafen legen soll.« Die Frau erwiderte nichts; stumm und schweigend stand sie mit gefalteten Händen und starrte vor sich aus den Boden nieder. Baumann aber, der nicht mit Unrecht fürchtete, daß des Schneiders Frau, wenn sie allein hier blieb, noch ein Unheil mit ihrer Zunge anrichten könne, sagte, gegen diese gewandt; »Und Sie kommen mit, Meisterin; Sie können sich ja auch auf den Tod in Ihren dünnen Kleidern erkälten, denn die Nächte werden schon frisch. Das ist jedenfalls ein leeres Geschwätz von dem Franz, und wir wollen der Sache bald auf den Grund kommen.« »Ach Gott, ja,« sagte die Frau, »Sie haben Recht; mein alter Rheumatismus plagt mich so immer. Na, gute Nacht, Frau Baumann! Machen Sie sich nur keine Sorge – ach, Du lieber Himmel, mir ist der Schreck ordentlich in die Glieder gefahren!« Und damit schlüpfte sie wieder wie ein Aal und auch nicht viel breiter, zu der Thür hinaus, die der Meister für sie offen hielt. Baumann verließ sie aber nicht, bis er sich erst fest überzeugt hatte, daß sie wirklich wieder nach Hause zurückgekehrt sei; dann erst wandte er sich und schritt nach der nicht fernen Wohnung seines Sohnes hinüber. Fritz war aber in der That noch nicht zu Hause und jetzt wirklich beunruhigt, ging er direct auf die Polizei. Es fiel ihm allerdings nicht im Traum ein, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was das alte Weib geschwatzt, denn daß sein Fritz keinen Menschen – noch dazu einen alten, schwachen Mann – umbringen würde, wußte er gut genug; aber er wollte sich wenigstens die Gewißheit holen, daß es eine Lüge gewesen und dann der Schneidersfrau morgen früh schon seine Meinung sagen. Das hatte auch noch gefehlt, daß sie der Kathrine heut Abend solch einen Schreck in die Glieder jagte! Auf der Polizei fand er nur die gerade die Wache habenden Diener der Gerechtigkeit und er erschrak allerdings, als diese ihm bestätigten, daß der alte Jude Salomon heut Abend mit einbrechender Dunkelheit – eigentlich noch in der Dämmerung – überfallen und erschlagen sei; auch ein des Mordes verdächtiger Mann sei verhaftet worden; wie der aber hieß, konnten sie nicht sagen. Sie hatten seinen Namen nicht gehört und waren nicht da gewesen, als er eingebracht wurde. Baumann verlangte jetzt, ihn zu sehen; aber das ging natürlich nicht an. Erstlich durfte überhaupt Niemand zu ihm, bis es der Untersuchungsrichter erlaubte, und dann wäre es auch jetzt zu spät gewesen. Um zehn Uhr Nachts konnte man keinen Besuch mehr zu einem Gefangenen lassen. Aber wenn sie sich nur wenigstens erkundigen wollten, wie er hieß und wer er sei. Das ginge auch nicht – sie dürften hier nicht von ihrem Posten, um gleich bei der Hand zu sein, wenn etwas vorfiele, und der Gefängnißwärter schliefe schon lange. Der revidire seine Zellen regelmäßig jeden Abend um neun Uhr und läge mit dem Schlage halb zehn Uhr im Bett. Er solle Morgen früh wieder vorkommen, dann könne er den Namen erfahren. Der arme Baumann ging wie in einem Traum nach Hause. Der alte Salomon war in der Dämmerung ermordet worden, wie die Leute bestätigten und das genau um die Zeit, in welcher Fritz bei ihm gewesen sein mußte. Daß er die That nicht verübt, verstand sich von selbst – aber welch unglückseliger Zufall hatte hier gewirkt! Er ging noch einmal bei Fritzens Wohnung vor; doch das Haus war jetzt verschlossen, oben bei ihm aber auch kein Licht – er konnte noch nicht zurück sein – und jetzt daheim – welche Sorge würde sich wieder die Frau machen, und war das am Ende die Ahnung, die sie den ganzen Tag gequält hatte? Jedenfalls würde sie es sich einreden. Das verdammte alte Weib, daß die auch noch in der Nacht mit ihrer Hiobspost herüberkommen mußte! Er bekam auch in der That einen schweren Stand mit seiner Frau, denn diese war so außer sich, daß sie sich selber nur immer anklagte, als ob sie an dem Allen schuld sei. Sie war furchtbar aufgeregt und Baumann dankte seinem Gott, als er sie endlich dazu brachte, zu Bett zu gehen. Der nächste Morgen fand sie dann ruhiger und mußte ihnen ja überdies auch Gewißheit des Geschehenen bringen. Das Uebrige fand sich Alles von selber. Der Staatsanwalt Witte war, als er Salomon's Haus verließ, noch ein Stück Weges mit seinen beiden Begleitern zusammen gegangen; dann bog er ab, seiner eigenen Wohnung zu, und schritt sehr nachdenkend und in eben nicht besonders freudiger Stimmung weiter. Es war auch in der That Manches, was ihm durch den Kopf ging, und er überlegte sich dabei hauptsächlich, ob es wohl der Mühe verlohnt hätte, daß er sich mit solchem Eifer der Sache der Frau Müller angenommen. Was gingen ihn der Major oder der Rath Frühbach an und die Familie Wendelsheim? Er nickte, während er ging, immer nachdenkend vor sich hin; aber nicht etwa als Bestätigung eines früher gefaßten Verdachtes, sondern nur im Geist die verschiedenen übereinstimmenden Punkte der neugemachten Entdeckung constatirend. So erreichte er sein Haus, wo ihn die Familie zum Thee erwartete, denn mit der heutigen Expedition von Briefen war es zu spät geworden und die Schreiber hatten auch schon lange das Bureau geschlossen und den Schlüssel drüben bei der Frau Staatsanwalt abgeliefert. Er legte draußen Hut und Stock ab und betrat das Zimmer; aber die Frau Staatsanwalt konnte ihr Erstaunen über sein spätes Kommen nicht unterdrücken, denn es gab eigentlich kaum einen pünktlicheren Mann auf der ganzen Welt, als ihren Gatten. »Liebes Herz,« sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, »ich wäre pünktlich gekommen, wenn mich nicht ein ganz außergewöhnlicher Fall abgehalten hätte. Ich passirte ein Haus, in dem unmittelbar vorher ein Raubmord verübt worden, und mußte der Untersuchung beiwohnen.« »Ein Raubmord – bei wem?« riefen beide Damen zugleich aus. »Ihr kennt die Leute nicht, Kinder; in der Judengasse beim alten Salomen. Der Mann ist erschlagen und jedenfalls beraubt worden.« »Das ist ja entsetzlich! Und hat man die Mörder gefaßt?« »Man hat allerdings Jemanden gefaßt und abgeführt, aber vor der Hand nur auf einen Verdacht hin – einen Bekannten von uns, den jungen Fritz Baumann.« »Den Fritz Baumann? Das habe ich mir gedacht,« rief die Frau Staatsanwalt, mit der rechten Hand in die linke schlagend, »daß der noch einmal zu solch einem Ende kommen würde. Das war vorauszusehen, denn die Unverschämtheit, die der Mensch hat...« »Oh Du großer Gott,« sagte Ottilie, »das wäre ja schrecklich – die armen Eltern!« »Hm,« brummte der Staatsanwalt, »ich hatte mir vorgenommen, bei dem alten Baumann einzusprechen, habe es aber unterwegs schändlich vergessen. Nun, eine unangenehme Nachricht erfährt man nie zu spät.« »Also der hat ihn todtgeschlagen?« fragte die Frau weiter, die eine grimme Genugthuung darin fühlte, den Menschen gedemüthigt und bestraft zu sehen, der es gewagt hatte, zu ihrer Tochter den Blick zu erheben. »Liebe Therese, Du urtheilst viel zu rasch,« entgegnete Witte: »ich habe Dir gesagt, daß er nur auf einen Verdacht hin eingezogen ist, weil er dort betroffen wurde und Blut an den Kleidern hatte. Das Alles erklärt sich aber vielleicht sehr natürlich und ich persönlich glaube auch nicht einmal an seine Schuld.« »Der hat's gethan,« rief die Frau Staatsanwalt pathetisch, »der hat es heilig gethan, denn nun er bei uns abgefallen ist – und das wär' ihm gerade ein warmes Nest gewesen, wo er sich hätte hineinsetzen können – trieb ihn der Ehrgeiz rasch ein reicher Mann zu werden, um uns zu zeigen, was er könnte, und dazu war ihm kein Mittel zu schlecht; lehr' Du mich, Menschen kennen!« Ottilie schwieg. Was die Mutter sagte, hatte eine Wahrscheinlichkeit für sich, aber widerstrebte doch ihren Gefühlen, es zu glauben. Sie konnte sich nicht die Möglichkeit denken, daß der immer so schüchterne Mensch ein solches Verbrechen begehen mochte; aber im Herzen war sie jetzt doppelt froh, seine Bewerbung zurückgewiesen zu haben, und schon der Gedanke daran ihr entsetzlich. »Höre, Therese,« sagte der Staatsanwalt mit großer Ruhe, indem er sich am Tisch niederließ und den für ihn eingeschenkten Thee nahm, »auf Deine Menschenkenntniß möchte ich doch nicht zu viel bauen. Was hältst Du zum Beispiel vom Lieutenant von Wendelsheim?« »Das ist ein durchaus braver, solider Mensch,« sagte die Frau mit Würde, »ehrlich und rechtschaffen, und wenn der einmal käme, statt des hergelaufenen Vagabonden, und um Ottiliens Hand anhielte, mit Freuden gäbe ich meinen Segen – ein solches Vertrauen setze ich in ihn.« »Hm – so?« sagte der Staatsanwalt, seinen Thee langsam umrührend und in die Tasse sehend. Aber Ottilie war aufmerksam geworden: der Vater hatte noch etwas auf dem Herzen, das sah sie ihm an – hing es mit Bruno von Wendelsheim zusammen? Er ließ sie indeß nicht lange in Zweifel. »Der Herr Lieutenant von Wendelsheim,« sagte er, »war heut Abend ebenfalls zugegen und befand sich merkwürdiger Weise, gerade während der Raubmord im Hause des alten Solomon verübt wurde, oben bei den Damen.« »Bei welchen Damen?« sagte die Frau Staatsanwalt, hoch aufhorchend. »Nun, bei den Damen vom Hause, der Frau und Tochter des alten Juden, und ich muß gestehen, daß ich in meinem ganzen Leben kein wirklich schöneres Mädchen gesehen habe, als diese moderne Rebekka ist.« »Das ist nicht wahr,« sagte die Frau Staatsanwalt mit großer Bestimmtheit, »und nur wieder eine von Deinen Erfindungen, um mich zu ärgern.« »Wenn Du das so bestimmt weißt,« erwiderte Witte, »so brauchen wir auch nichts weiter darüber zu reden. Bitte, Ottilie, reiche mir doch einmal das Brod herüber.« Der Staatsanwalt machte eine Kunstpause, denn er wußte recht gut, daß es seine Ehehälfte jetzt nicht dabei bewenden ließ; aber das so sehr bestimmt ausgesprochene »Das ist nicht wahr« hatte ihn geärgert, und er wollte sie dafür wenigstens dem Zwang einer neuen Anrede unterwerfen. Die Frau Staatsanwalt ließ es aber ebenfalls an sich kommen, und da Ottilie natürlich keine Frage in dieser delicaten Angelegenheit wagte, so wurde eine ganze Weile nichts gehört, als das Klappern der Messer und Gabeln und das Klirren der Löffel in den Tassen. Endlich aber hielt es die Frau nicht länger aus – ihr Mann war mit seiner Schweigsamkeit in einer so wichtigen Angelegenheit geradezu zum Verzweifeln. Mußte sie denn als Mutter nicht darum wissen? »Was hatte denn aber der Herr Baron von Wendelsheim in dem Hause des Juden zu thun?« brach sie endlich das Schweigen. »Das ist doch nicht Sache des Militärs, sondern nur der Polizei.« »Ich glaube auch nicht, daß er in militärischen Angelegenheiten dort vorgesprochen hat,« sagte Witte trocken. »Und was wollte er sonst da? Witte, Du bist heute in einer Laune, um eine Heilige die Geduld verlieren zu machen!« »Dann sei so gut und unterbrich mich künftig nicht, wenn ich Dir etwas erzähle, mit Deinem kategorischen »Das ist nicht wahr.« Wenn ich einmal eine Behauptung aufstelle, so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen, daß sie wahr ist, und so sage ich Dir denn noch einmal: der Lieutenant von Wendelsheim war während der Katastrophe oben bei den Damen vom Hause, bei der Frau und Tochter des alten Salomon.« »Aber was, um Gottes willen, hatte er dort zu thun? War er vielleicht aus Versehen in ein falsches Haus gekommen?« »In der Judengasse? Sehr wahrscheinlich,« nickte ihr Gatte. »Uebrigens kann das nicht das erste Mal gewesen sein, daß er dort »aus Versehen« hinaufgerathen ist, denn er wußte außerordentlich gut Bescheid im Hause und leuchtete den Leuten, die sich dort nicht zurecht zu finden wußten, voran.« »Der Baron von Wendelsheim?« »Ist sehr intim in der Familie, die Versicherung kann ich Dir geben, Therese,« sagte der Staatsanwalt ernst, indem er ihr einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, »und Deine Menschenkenntniß hat Dich dieses Mal, was etwa andere Voraussetzungen betreffen sollte, wie mir scheint, im Stich gelassen.« »Und ist die Tochter wirklich so schön?« fragte Ottilie, die einen recht wehen Stich im Herzen fühlte, obgleich sie sich die größte Mühe gab, gleichgültig bei der Frage auszusehen. »Ich habe nicht übertrieben,« versetzte der Vater. »Sie war allerdings in der Angst und Aufregung des Moments todtenblaß, aber dennoch nehme ich mein Wort nicht zurück ich habe noch nie in meinem Leben ein so vollkommen schönes und dabei in jeder Bewegung edles Wesen gesehen, als jenes Mädchen.« »Und das wird es auch gewesen sein, was ihn dort hingeführt hat,« sagte die Mutter, aber doch unruhig auf ihrem Stuhl herumrückend; »das hübsche Gesicht hat ihn angelockt. Aber ein Baron kann doch wahrhaftig im Leben nicht daran denken, ein Judenmädchen zu heirathen.« Witte warf ihr einen strengen Blick zu. »Liebe Frau,« sagte er mit scharfer Betonung, »sobald Du vermuthest, daß er überhaupt bewogen werden könnte, sein Ahnenschild zu vergessen, so wäre das immer nur ein Schritt weiter. Nach den Verpflichtungen aber, die er, allem Anschein nach, in jener Familie eingegangen ist, hoffe ich, daß er unser Haus nicht mehr betreten wird. Du hast mich doch verstanden, Mutter?« »Du gehst zu weit, Dietrich,« sagte die Frau unruhig; »man muß doch Jemanden hören, ehe man ihn verurtheilen darf, und Dir brauch' ich das wohl nicht einmal zu sagen.« »Nein, aber in manchen Dingen genügt es auch, wenn man Jemanden sieht, anstatt ihn zu hören,« sagte der Staatsanwalt, »und ich kann Dir versichern, daß ich nach dem, was ich heut Abend gesehen habe, vollkommen befriedigt bin. Uebrigens ist das Thema kein so angenehmes, um zu lange dabei zu verweilen; ich habe auch noch zu arbeiten. Gute Nacht, Kinder, schlaft wohl! Ihr könnt mir wohl noch eine Flasche frisches Wasser in meine Stube schicken.« Damit ging er zur Thür hinaus und ließ seine Frau wenigstens in einem unsagbaren Zustand von Bestürzung zurück, da ihr in diesem Augenblick eine ganze Colonie von Luftschlössern und Phantasiebauten durch und über einander gepoltert waren. Der Lieutenant von Wendelsheim – ihr Lieutenant, den sie sich selber, wie sie glaubte, sorgfältig herangezogen, den sie für ihre Tochter ausgesucht und bestimmt, und kein erlaubtes Mittel unversucht gelassen hatte, um ihn heranzuziehen, in der Judenfamilie! Und die Schmach und Schande, wenn sie an die Frau Appellationsgerichtsräthin dachte, die sie zu ihrer Vertrauten in allen Herzensangelegenheiten gemacht, und die Frau konnte nicht schweigen, das wußte sie aus Erfahrung! Ottilie war aufgestanden und zum Fenster getreten; das Herz schien ihr zum Zerspringen voll, aber sie wagte nicht, ein Wort zu äußern, und an dem Fenster klopfte sie in Gedanken eine Melodie und schlug dann leise mit der rechten Fußspitze den Tact, erschrak aber ordentlich und hörte auf, als ihr einfiel, daß das gerade die letzte Française sei, die sie mit dem Verräther getanzt hatte. Aber war denn die Sache wirklich so schlimm? Die Frau Staatsanwalt konnte es sich noch nicht denken, aber darüber auch freilich mit der Tochter keine Rücksprache halten. Wer wußte denn, ob er nicht nur ganz flüchtig durch die Schönheit jenes Mädchens geblendet gewesen und gar nicht daran dachte, eine ernste Neigung für sie zu fühlen! Er hatte in der letzten Zeit viel Geld gebraucht – die Erbschaft wurde erst in den nächsten Wochen ausgezahlt; der alte Salomon lieh aber Geld auf Zinsen, und was war natürlicher, als daß er sich, um den guten Willen des Vaters zu erwerben, ein klein wenig hatte um die Tochter bemühen müssen. Wenn sie nur Jemanden gewußt hätte, der ihr darüber nähere Auskunft geben konnte! Und der Lieutenant sollte das Haus nicht wieder betreten? Lächerlich! Wer hätte es ihm denn verbieten wollen? Sie gewiß nicht – und ihr Mann? Ja, er gab manchmal, wenn ihn der »Hausherrndünkel« überlief, wie es die Frau Staatsanwalt nannte, solche Befehle; aber ob sie jedesmal ausgeführt wurden, war eine andere Sache. Sie selber erinnerte sich wenigstens zahlreicher Beispiele, wo ganz entschieden befohlene Anordnungen in das genaue Gegentheil umgeschlagen waren. Möglich, daß es auch diesmal der Fall sein konnte. Anders traf Ottilie die Nachricht; sie war wirklich nicht allein im innersten Herzen, sondern auch in ihrem Stolz und Ehrgeiz verwundet, und selbst die Rückerinnerung an Vergangenes bot ihr keinen Trost. Sie hatte geglaubt, daß Bruno sie liebe; aber sie mußte sich jetzt selber gestehen, daß er ihr nie Gelegenheit geboten habe, es bestimmt zu wissen. Er war immer freundlich und artig gegen sie gewesen – aber nie mehr. Er hatte ihr Schmeicheleien gesagt, ja – aber nicht anders als all' die gewöhnlichen schalen Redensarten lauten, mit denen junge Herren nur zu häufig eine Unterhaltung führen. Wenn sie denen aber eine andere Auslegung gegeben, war das nicht ihre Schuld gewesen? Und sie hätte jetzt weinen, bitterlich weinen mögen, wenn sie daran dachte, daß sie nur einen Augenblick den »Falschen« für werth gehalten, ihm mehr zu sein als eine flüchtige Ballbekanntschaft. Das Thema eignete sich aber heut Abend für beide Theile nicht zur Unterhaltung, und wenn auch Ottilie mit ihrem Urtheil über den Baron von Wendelsheim viel mehr im Klaren war als ihre Mutter, die noch immer nach verschiedenen Seiten hin einen Anhalt suchte, so fühlte sich doch weder Mutter noch Tochter dazu aufgelegt, die Sache augenblicklich weiter zu erörtern. Ottilie ging noch zum Flügel, phantasirte anfangs etwas schwermüthig, und ging dann wie zum Trotz in Strauß'sche Walzer über. Die Mutter dagegen saß still brütend in einer Ecke, hörte gar nicht auf das Spiel und fing langsam an, die eingestürzten Schlösser wieder aufzubauen. 24. Rath Frühbach. Am nächsten Morgen war der alte Schlossermeister schon vor Tagesanbruch auf den Füßen; er hatte keine Ruhe, und die Minuten wuchsen ihm zu Stunden, bis er hinaus und den Sohn aufsuchen konnte. Mit fabelhafter Schnelle hatte sich aber indessen das Gerücht über den Raubanfall auf den alten Salomon und den vermeintlichen Mörder in der Stadt verbreitet und schon als Baumann vorher noch einmal nach eines Sohnes Wohnung ging, in der kaum gewagten Hoffnung, ihn dort anzutreffen, begegnete er Leuten in der Straße, die ihn zu trösten versuchten und meinten, der alte Jude habe sich gewiß ungebührlich gegen den jungen, heißblütigen Mann gezeigt und dieser ihn nur im Jähzorn verwundet. Er durfte nicht mehr an der Wahrheit des furchtbaren Gerüchts zweifeln, noch dazu, da er auch in dem Hause die Gewißheit bekam, daß Fritz gestern Abend nicht heimgekehrt sei und auswärts geschlafen haben müsse; dort wußten sie nämlich noch nichts von dem verübten Mord und dessen Folgen. Mit flüchtigen Schritten eilte er jetzt zum Polizeigebäude, wo die in Untersuchungshaft befindlichen Verbrecher saßen. Er hörte hier allerdings die Bestätigung, daß Friedrich Baumann, Mechanikus aus Alburg, gestern Abend gefänglich eingebracht sei, wurde aber ganz kurz und bündig abgewiesen, als er nur die Bitte aussprach, den Sohn zu sehen und zu sprechen. Darüber hatte der Untersuchungsrichter zu bestimmen, der keinesfalls vor zehn Uhr kam; aber selbst dann, wie der Gefängnißwärter meinte, solle er sich keine Hoffnung machen, eine derartige Erlaubniß zu bekommen, bis nicht wenigstens der Angeklagte bekannt hätte. Nachher, ja wohl, würde es keine weiteren Schwierigkeiten haben, und er möge sich dann wieder melden. Der Schlossermeister lief jetzt in seiner Verzweiflung zu des alten Salomon Haus, um dort vielleicht etwas Näheres zu erfahren; aber auch dort wurde er nicht einmal eingelassen, denn die Thür war mit Polizei besetzt, da gerade eine besonders dazu gewählte Commission den gestern versiegelten Laden untersuchte, um vielleicht noch weitere Spuren aufzufinden. Ja, als er selbst seinen Namen nannte und sagte, er sei der Vater des jungen Mannes, gegen den ein so furchtbarer Verdacht vorliege, meinte der eine Polizeidiener, dann solle er nur ein klein wenig Geduld haben, denn in dem Falle könne er sich fest darauf verlassen, daß er schon selber vorgeladen würde, um über das frühere Leben des Verhafteten Aufklärung zu geben. Ein letzter Versuch, den er machte, war beim Staatsanwalt Witte, denn er hatte zufällig gehört, daß dieser gestern Abend mit in der Wohnung des Ermordeten gewesen sei; aber er traf ihn nicht mehr zu Hause, er war selber früh aus- und seinen Geschäften nachgegangen. Ganz gebrochen kehrte der alte Mann in seine eigene Heimath zurück, und wenig genug Trost fand er dort. Seine Frau fiel ihm, als er nur die Werkstätte betrat, um den Hals und schluchzte laut; die kleine Else weinte, weil sie die Mutter weinen sah, und Karl, sein zweiter Sohn, stand verdrossen bei der Arbeit. Drei, vier verschiedene Leute waren aber auch schon wieder dagewesen und hatten alle von der Schreckensgeschichte gesprochen und Näheres darüber natürlich in Baumann's eigenem Haus erfahren wollen, und wie das die Mutter aufregen mußte, ließ sich denken. So verging der ganze Tag und die Nacht und der nächste Tag. Der Gefangene hatte indessen zwei Verhöre zu bestehen, war aber auf das Bestimmteste bei seiner ersten Aussage, von welcher er durch keine Kreuzfragen abgebracht werden konnte, geblieben. Dann wurde auch sein Vater vorgefordert, aber nicht mit dem Sohn confrontirt. Man wollte nur hören, ob, was er über des jungen Mannes Weg zum alten Salomon aussagte, mit dem übereinstimme, was der Gefangene angegeben, und das war allerdings genau der Fall. Zeit wie Angabe trafen mit der Aussage überein, und daß mehrere Bewohner der Judengasse erklärten, ihn in der Dämmerung gesehen zu haben, wie er mehr gelaufen als gegangen sei und etwas unter dem Arm getragen habe, sprach eben so wenig gegen ihn, denn er leugnete das gar nicht ab und erklärte es einfach dadurch, daß er gefürchtet habe, den Laden des alten Mannes schon verschlossen zu finden. Auch das Alarmiren der Hausbewohner durch Anklopfen und Hülferufen konnte auf keinen Andern zurückgeführt werden, als auf ihn selber, und hatte er das wirklich gethan, so war es natürlich nicht wahrscheinlich, daß er nach eben verübtem Verbrechen selber Lärm machen und die Verfolger auf seine Fährte hetzen würde. Nichtsdestoweniger zögerte man noch immer, ihn zu entlassen. Jedenfalls beschloß der die Untersuchung führende Assessor, den Angeklagten so lange in Haft zu halten, bis sich Salomon wieder so weit erholt habe, um selber eine Aussage zu machen – möglich ja doch, daß er den kannte, der ihn angegriffen, und der alte Mann schien sich wirklich zu erholen, wenn man auch in der Stadt nichts davon erfuhr. Witte's Rath war nämlich streng befolgt und das Gerücht absichtlich verbreitet und unterhalten worden, der Ueberfallene, der allerdings noch immer in Lebensgefahr schwebte und selbst noch in den ersten vierundzwanzig Stunden ohne Besinnung blieb, sei seinen Wunden erlegen. In seiner eigenen Wohnung aber wurde er indessen mit der größten Liebe und Sorgfalt gepflegt; Rebekka besonders wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Die Polizei hielt allerdings die strengsten und sorgfältigsten Nachforschungen nach allen Richtungen hin, um nur irgendwo eine andere Spur zu finden, der sie folgen könne – aber ohne das geringste Resultat. Wenn der Gefangene die That wirklich nicht vollbracht hatte – und der Untersuchungsrichter zweifelte jetzt selber daran – so schien sich der wirkliche Thäter dem strafenden Arm der Gerechtigkeit so schlau entzogen zu haben, daß sein Auffinden von Tag zu Tag schwerer und unwahrscheinlicher wurde; denn wie rasch konnte er bei der Leichtigkeit der Verbindungen Stadt und Land verlassen und hatte das möglicher Weise auch vielleicht schon lange gethan. Was half es, daß fortwährend zwei Polizeibeamte am Bahnhofe stationirt blieben und alle Reisenden scharf musterten – jeden ausgehenden Koffer konnte man doch nicht visitiren und am Gesichte auch nicht so leicht einem Menschen ansehen, ob er ein Verbrechen begangen habe oder nicht – es liefen sonst nicht so viele Missethäter frei umher! Auch Rath Frühbach entwickelte in dieser Zeit eine ganz besondere, wenn auch negative Art von Thätigkeit. Er lief nämlich von Morgens früh bis Abends spät auf der Straße herum und hielt Unglückliche, denen er begegnete, von ihren Geschäften ab, indem er ihnen Criminalgeschichten aus Schwerin erzählte, die mit der jetzigen insofern Aehnlichkeit hatten, als sie sämmtlich ohne Resultat blieben. Leider aber kam er nur selten über die Einleitung hinaus, denn er war schon in der Stadt bekannt geworden, und wer irgend konnte, wich ihm aus. Ja, unter den Händen brachen sie ihm manchmal aus und ließen ihn mitten in einer Erzählung stehen, deren Pointe er gewöhnlich selbst nicht wußte, und deren Anfang er vergessen hatte. Dadurch wurde seine Laune aber nicht gebessert; er fing an, die Menschen in seinem Herzen des Undanks zu beschuldigen und sich ähnlicher Fälle aus Schwerin zu erinnern, und war froh, als es endlich Mittag wurde, daß er nun doch nach Hause gehen, essen und sich darauf wie gewöhnlich schlafen legen konnte. Er versäumte nichts, wenn er schlief, und andere Menschen gewannen Zeit, also war es ein doppelter Vortheil, den er erzielte. Leider sollte er aber selbst in seiner Behausung heute keine Ruhe finden. »Männi,« sagte die Frau Räthin, als er in's Zinnner trat und sich, wie immer in Transspiration, die Stirn abwischte, »der Schneider war wieder da, um das Zeug abzuholen, wovon Du Dir die neuen Beinkleider machen lassen wolltest – ich habe es aber nicht finden können; gieb es doch heraus.« »Das Zeug?« sagte der Rath, indem er verwundert mitten in der Stube stehen blieb. »Aber, mein liebes Herz, das habe ich Dir ja schon vorgestern Morgen draußen in den Vorsaal gelegt und Dich dringend gebeten, es augenblicklich fortzuschaffen, da ich so abgerissen bin, daß ich mich kaum noch auf der Straße sehen lassen kann! Die Leute weichen nur überall aus.« »Ja, ich erinnere mich wohl, Männi,« sagte seine Frau zärtlich, »daß Du mir das gesagt hast; aber wie Du fort warst, konnt' ich es nirgends finden, und nachher kam die schreckliche Geschichte mit dem alten Salomon dazwischen, und ich habe gar nicht wieder daran gedacht.« »Dann liegt es am Ende jetzt noch draußen?« »Nein, gewiß nicht; die Henriette und ich sind überall herumgekrochen, aber es ist nirgends zu finden. Du hast es gewiß wieder in Gedanken eingeschlossen, Männi – Du bist manchmal so zerstreut.« »Ja, lieber Schatz,« sagte der Rath, der sich doch nicht ganz sicher fühlte, »möglich wäre es allerdings, denn ich habe so viel zu denken, daß ich oft selber nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Die Leute hier in Alburg sind furchtbar weit in der Cultur zurück: es ist merkwürdig, sie wissen sich gar nicht zu helfen, und alle Augenblicke werde ich bald von der, bald von jener Seite um Rath gefragt.« »So, sieh nur einmal nach, Männi, und nachher kann es die Henriette gleich hinübertragen, daß er es schnell macht.« »Ja wohl, mein Täubchen,« erwiderte Frühbach, indem er den Schlüssel aus einer seiner Taschen herausarbeitete und erst die oberste, dann die zweite und dritte und vierte Schublade aufschloß, um das gesuchte Stück Zeug zu finden – aber es war nicht da. Er war niedergekniet und hatte jetzt einige Mühe, sich wieder aufzurichten, schüttelte aber dabei ununterbrochen mit dem Kopf und ging, aber nicht mit besserem Erfolg, an seinen Kleiderschrank, an den Schreibtisch, an eine andere Commode, kurz überall hin, wo sich ein solches Stück Tuch möglicher Weise hätte aufbewahren lassen – aber immer umsonst. Die Henriette meldete, daß das Essen aufgetragen wäre und kalt und der unvermeidliche Aepfelwein warm würde – umsonst. Der Rath Frühbach suchte an den unmöglichsten Plätzen, die man gar nicht einmal alle nennen kann, nach seinem Stück Hosenzeug und kam zuletzt, aber auch erst ganz zuletzt, zu der Schlußfolgerung, daß es entweder verschwunden oder gestohlen sein müsse. Mit der Ueberzeugung setzte er sich zu Tische, und daß ihm dabei kein Bissen und kein Trunk schmeckte, läßt sich denken. Auch von dem Nachmittagsschlaf sah er ab, denn das Hosenzeug, groß carrirt, mit rothen, blauen und grünen Streifen, hatte drei Thaler zwanzig Groschen gekostet und war nicht so leicht aufzugeben. Jedenfalls mußte augenblicklich die Anzeige auf der Polizei gemacht werden, um dem Dieb wo möglich auf die Spur zu kommen. Bei Tisch stellte der Rath aber noch eine genaue Untersuchung an, um zu erfahren, wer in den letzten Tagen bei ihnen gewesen wäre, und ob vielleicht auf eine oder die andere Person ein Verdacht fallen konnte – aber, Du lieber Gott, wie war es möglich, sich noch auf all' die Leute zu erinnern, die in solch einer Wirthschaft ein- und ausgingen! Der Schneider war dagewesen und der Schuster, Leute, die Rechnungen brachten, der Briefträger, Bettler, die noch nicht wußten, daß in der ersten Etage nichts gegeben wurde, die Chorknaben, die Apfelsinen- und Bücklingsfrau und eine wahre Unzahl von Obst- und Gemüseweibern – es wäre ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen, zwischen denen nach einer Spur zu suchen. Aber das war auch, wie er mit Bestimmtheit erklärte, gar nicht seine Sache, sondern die der Polizei und ihm blieb deshalb nichts übrig, als eben nur die einfache Anzeige zu machen. Sein Hosenzeug mußte ihm die Sicherheitsbehörde wiederschaffen, denn dafür zahlte er sein Schutzgeld und seine Steuern. Frühbach war wirklich in einer verzweifelten Stimmung; noch während des Essens tanzten ihm fortwährend die rothblauen und grünen Carrés seines Hosenstoffes vor den Augen umher, und er konnte die Zeit kaum erwarten, wo er dem Actuar oben auf der Polizei erzählen durfte, daß er sich auf einen ganz ähnlichen Fall in Schwerin besinne, wo ihm ebenfalls noch ganz neues Leder zu einem Paar Stiefel, das er sich besonders zu diesem Zweck aus Rußland hatte kommenlassen, gestohlen worden sei. Er machte denn auch augenblicklich die Anzeige, und es wurden vier oder fünf Menschen, die nichts davon wußten, darüber vernommen. Nachher war er abgereist, aber sein Stiefelleder sollte er noch heute wieder bekommen. Das Alles schadete aber nichts, die Anzeige mußte gemacht werden, das war er sich und seinen Mitmenschen schuldig. Die Unsicherheit in der Stadt nahm ja auch wirklich einen so bedenklichen Charakter an, daß man seines eigenen Lebens nicht mehr sicher war: Einbruch mit Todtschlag, Raub, Diebstahl in der eigenen, durch eine Vorsaalthür verschlossenen und mit einer Klingel versehenen Wohnung – das streifte schon an die Grenze des Unerhörten, und er nahm sich deshalb auch wirklich kaum Zeit, nach dem Essen eine Tasse Kaffee zu trinken, als er schon wieder seufzend nach Hut und Stock griff und hinaus auf die Straße eilte. Daß Einen auch die Menschen nicht in Ruhe ließen! Legte er wohl je irgend Jemandem etwas in den Weg? War er nicht freundlich und gutmüthig mit Allen, ja, opferte er ihnen nicht oft aus reiner Gefälligkeit seine Zeit? Und das war sein Dank – Hosenzeug stehlen, was er noch nicht einmal bezahlt hatte! In der Entrüstung dieses Bewußtseins beschleunigte er seine Schritte und schlug den geraden Weg nach dem Polizeigebäude ein, als er plötzlich einen kleinen, etwas corpulenten Mann vor sich hergehen sah, der – er nahm schnell die Brille ab und wischte sie aus, denn er glaubte, daß er sich geirrt haben müsse; das Muster des Hosenzeuges war ihm die ganze Zeit so vor den Augen herumgeschwebt, daß er es jetzt wahrscheinlich an allen ihm begegnenden Menschen entdeckte – aber nein, beim Himmel, der Mann da vor ihm trug, so wahr er lebte, seine Hosen, und Glück oder Zufall – es war ihm jetzt ganz gleichgültig – hatten ihn auf die rechte Spur geführt, oder ihm vielmehr den Uebelthäter gleich in die Hände geliefert. Einige Schwierigkeiten hatte es allerdings noch, bis er den »Räuber seines Eigenthums« einholen konnte, denn er schritt genau so rasch aus, wie er selber – sollte er ihn vielleicht schon erkannt haben und jetzt absichtlich ihm aus dem Wege zu schlüpfen suchen? Aber das gelang ihm nicht! Frühbach war entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren; und wenn er noch mehr schwitzte, als er jetzt schon that, der kam ihm nicht mehr aus. So waren sie etwa zwei Straßen in einem gelinden Sturmschritt hinabgelaufen, Frühbach immer etwa zwanzig Schritt hinter seiner Beute, ohne im Stande zu sein, etwas an ihm zu gewinnen, als der vor ihm Gehende plötzlich vor einem Schuhladen stehen blieb und das ausgestellte Schuhwerk im Fenster betrachtete. In wenigen Secunden war der Rath an seiner Seite und erkannte jetzt ebenfalls zu seinem unbegrenzten Erstaunen in dem Träger seiner Hosen, wie er meinte, den Schuhmacher Heßberger, der auch für ihn arbeitete und gerade in der letzten Zeit öfter in seinem Hause gewesen war. »Hallo, Meister,« sagte der Rath, wirklich auf's Aeußerste überrascht, indem er neben ihm stehen blieb und ihn betrachtete, als ob er eben aus dem Mond heruntergestiegen wäre, »wo kommen Sie denn her?« »Ich? – Ach, schönsten guten Morgen, Herr Geheimer Rath! Hätte Sie beinah' nicht erkannt! Herr Du meine Güte, schwitzen Sie – tragen aber auch noch so einen dicken, warmen Sirtut bis obenhin zugeknöpft – wo ich herkomme? Von zu Haus. Ich bin ja nicht verreist gewesen. Hatte ja noch gestern die Ehre, Frau Geheime Räthin ein Paar Negluschehschuhe zu bringen – passen doch hoffentlich, wenn ich fragen darf?« Der Rath wußte nicht gleich, wie er die Sache anfangen solle, um den nichtswürdigen Schuhmacher zu einem Geständniß zu bringen. Er hatte allerdings im ersten Moment Lust, es ihm auf dem Kopf zuzusagen; aber die bittere Erfahrung, die er damit in Vollmers gemacht, schien ihn doch ein wenig eingeschüchtert zu haben. Er getraute sich nicht damit heraus und begann nun hintenherum die Sache auf eine schlaue Weise anzufangen, was allerdings seine schwache Seite war. »Ja wohl, Herr Heßberger,« sagte er deshalb vor der Hand auf die Frage, die er nicht einmal recht verstanden hatte, »von Herzen gern – aber – wenn Sie mir erlauben, Sie tragen da ein Paar famose Beinkleider, prächtiges Muster – so ein Paar habe ich mir eigentlich längst gewünscht. Sind die hier gekauft?« »Sehr schmeichelbar, Herr Geheimer Rath, wenn sie Ihnen gefallen,« sagte Heßberger mit selbstgefälliger Miene – »eigener Guh – selber ausgesucht. Wissen Sie, Unsereiner, der nun für die Mode arbeitet, muß doch auch ein bischen passé darin bleiben.« »Ja wohl, Herr Heßberger, gewiß,« sagte Frühbach, der aber geglaubt hatte, den Schuhmacher durch diese Frage in Verlegenheit zu bringen, und sich darin vollkommen getäuscht sah. Heßberger war unbefangen wie ein neugeborenes Kind, der Rath aber nicht der Mann, sich so leicht abschütteln zu lassen, und er inquirirte deshalb unverdrossen weiter, wenn auch wieder auf einem Umweg. »Möchte mir wohl auch so ein Paar Hosen kaufen – ganz famoser Stoff – erlauben Sie, wohl Wolle, wie?« »Halb und halb, denk' ich,« sagte Heßberger, durch das seinem Kleidungsstück gespendete Lob ordentlich geschmeichelt – »etwas Baumwolle mank. Eigentlich trage ich nicht so theure Kleider, aber man kann doch nicht gut wie Preti und Kleti herumlaufen.« »Und wo haben Sie dieselben gekauft, wenn ich fragen darf?« sagte Frühbach, denn er merkte wohl, daß er auf Umwegen nicht in einer Stunde zum Ziel gekommen wäre. »Das Zeug? Hier gleich um die Ecke, Herr Geheimer Rath, beim Kaufmann Magnus – hat immer die besten Stoffe, und ich kaufe Alles dort, was ich für Damenschuhe brauche.« Das war wieder ein Strich durch Frühbach's Rechnung, denn er hatte erwartet, daß Heßberger jetzt einen ganz entfernten Ort, vielleicht sogar eine andere Stadt als Kaufplatz angeben würde, wonach er dann sicher gewesen wäre, seinen einmal gefaßten Verdacht bestätigt zu finden. Statt dessen gab er einen Ort an, der kaum fünfzig Schritt von ihnen entfernt lag, eine Entdeckung irgend eines Betrugs also in wenigen Minuten herbeigeführt werden konnte. Aber selbst das hielt den außerordentlich zähen Rath nicht ab, der Sache weiter nachzuforschen. »Hören Sie, lieber Herr Heßberger,« sagte er, »hätten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit in den Laden zu gehen, nur damit ich den Leuten dort das Muster zeigen kann? Ich werde Sie nicht lange aufhalten, ich möchte mir nur gern ein ebensolches Paar bestellen.« Der Rath erwartete jetzt selbstverständlich, daß der Schuhmacher irgend eine Ausflucht suchen würde, um diesem Dilemma zu entgehen. Er konnte ja Geschäfte oder sonst etwas Derartiges vorschützen. Aber Gott bewahre – nichts dem Aehnliches geschah, sondern der kleine höfliche Mann sagte in der unbefangensten Weise: »Mit dem größten Plesirvergnügen, Herr Geheimer Rath, wenn Sie sich nur gefälligst hier mit herbemühen wollen. Sehen Sie, dort drüben können Sie schon das Schild von Magnussen absolviren – werden gleich dort sein – kann Ihnen auch das Geschäft wirklich ehcommodiren, sehr curlante Leute. Gleich da drüben ist noch ein Laden von Peters und Emmermann, kaufe da aber nie etwas; der Peters hat immer die schlechtesten Waaren und die höchsten Preise und dabei ein ganz constipirter Mensch, ein ordentlicher Fantist, der glaubt, man könne nur bei ihm kaufen. Sehen Sie, da sind wir schon – bitte, seien Sie so frei und treten Sie näher – sollen gleich bedient werden.« Rath Frühbach war ganz wie ausgewechselt. Sonst, wenn er mit Jemand ging, führte er immer allein das Wort; heute sprach er fast keine Silbe, und Heßberger mußte ihn unterhalten. Etwas Aehnliches war noch gar nicht dagewesen. Das hatte freilich auch seinen Grund: früher zeigte die Magnetnadel seines Geistes und Erinnerungsvermögens nur immer ununterbrochen nach Schwerin, und er steuerte dabei unbesorgt seinen Cours; jetzt aber hatten sich die großcarrirten Hosen dazwischen geworfen, sein Pol war ihm für einen Moment vollkommen entschwunden; denn etwas Aehnliches hatte selbst er noch nicht erlebt, und seine Nadel zeigte keinen Cours mehr. Heßberger dagegen benahm sich so unbefangen als möglich. »Der Herr Geheime Rath,« sagte er, »wünschen gern von dem Zeug zu ein Paar Bandellongs, wo ich vorige Woche von gekauft habe – bitte, dieses Muster – sehr geschmackvoller Stoff, so hammonische Farben. Bitte, Herr Geheimer Rath, werden gleich bekommen.« Dem Rath Frühbach war es nicht ganz recht, für sich in einen Laden, wo er noch dazu Geheimer Rath genannt wurde, ein Paar Beinkleider nach demselben Muster auszusuchen, wie es der Schuhmacher Heßberger trug, und was auch früher sein Geschmack gewesen sein mochte, er verleugnete ihn jetzt und wählte, da ihm verschiedene Stücke vorgelegt wurden, etwas Anderes. Er gab auch die Ordre, den Stoff, den er gleich bezahlte, in sein Haus zu schicken, ließ sich aber doch eine Probe von dem Stoff geben, den Heßberger trug, und steckte sie in die Tasche. – Er war noch nicht recht mit sich im Klaren, was er thun solle. Heßberger wich ihm auch dabei nicht von der Seite, und da sich Frühbach nicht einmal von Schwerin her eines Beispiels erinnerte, daß er von einem Menschen loszukommen gesucht hätte, so war er dadurch vollkommen aus seinem Fahrwasser gebracht, ja ertrug die Begleitung des kleinen geschwätzigen Burschen noch wenigstens drei oder vier Straßen lang, wo dann Heßberger selber glücklicher Weise Geschäfte hatte und in eine Nebengasse einbiegen mußte. Der Rath blieb mitten in der Straße stehen und sah ihm nach. Dort ging der Bursche mit seinen Hosen so unverschämt wie möglich hin, und er hatte sich ein Paar andere kaufen müssen. Und waren es auch wirklich seine? In dem Laden benahm er sich genau so, als ob er sie dort gekauft hätte, und die Leute da drinnen widersprachen ihm auch nicht. Frühbach war ganz irre geworden, und doch hätte er darauf schwören mögen, daß der kleine verschmitzte Schuster, der sich gerade in der letzten Zeit häufig bei ihm zu thun gemacht das Zeug aus seinem Vorsaal mitgenommen. Jedenfalls beschloß er, auf die Polizei zu gehen und die Anzeige zu machen; das war überhaupt seine Pflicht, denn wenn die Polizei gar nicht erfuhr, daß gestohlen wurde, so konnte sie auch nicht nachforschen, und hätte dann – ein undenklicher Zustand – nichts zu thun gehabt. Mit dem Entschlusse bog er deshalb direct in die nächste Straße ein, um seinen Vorsatz augenblicklich zur Ausführung zu bringen. 25. Die Nachbarin. Dies war der dritte Tag nach dem Ueberfall, und auf dem Judenkirchhof hatte der Todtengräber, obgleich ihm merkwürdiger Weise kein Auftrag dafür geworden, schon ein Grab für den alten Salomon ausgeworfen; denn selbst in der Judengasse wußte man nicht anders, als daß er dort drüben in seiner Stube, wo auch die Fenster den ganzen Tag über geöffnet standen, ausgestreckt als Leiche auf dem Bett liege. Am ersten Tagen waren einige seiner nächsten Bekannten hinauf gelassen worden, um ihn noch einmal zu sehen, und damals lag er auch in der That wie ein Todter da und rührte und regte sich nicht, und die Leute waren an der Thür, ihre Gebete murmelnd, stehen geblieben. Später aber ließ man Niemanden mehr ein; es hieß, die alte Frau sei selber so krank geworden und bedürfe der Ruhe, und etwas Natürlicheres gab es ja nicht. Daß sie es überhaupt so lange ertragen, war ein Wunder. Der Arzt ging denn auch noch häufig aus und ein, und wenn er herauskam, fragten ihn die Leute nur immer, wie es der alten Frau ginge – nach Salomon erkundigte sich Niemand mehr. Uebrigens schien die Vorsichtsmaßregel mit seinem fingirten Tode ganz unnöthiger Weise gebraucht zu sein, da Tag nach Tag verstrich, ohne daß die Polizei auch nur irgendwo den geringsten Anhaltspunkt für die That gefunden hätte, und selbst Salomon, als er wieder zur Besinnung kam, konnte ihr keine weitere Auskunft geben. Am zweiten Tag schon schlug er die Augen auf und erkannte seine Frau und Tochter, und der stille Jubel im Hause läßt sich denken, als ihnen der Arzt erklärte, er hoffe ihn jetzt, wenn nicht etwas ganz Besonderes vorfiele, durchzubringen. Aber in den ersten Stunden durfte man ihn natürlich nicht mit Fragen quälen, ja selbst die Erinnerung an das Erlebte mußte, soviel als irgend möglich, ferngehalten werden. Der Actuar war allerdings noch an dem Abend da und wünschte ihn zu sprechen; aber der Doctor ließ ihn nicht hinein. Morgen vielleicht oder übermorgen, wenn er eine recht ruhige Nacht gehabt, möchte er wieder vorfragen, aber bis dahin nicht. Diese Vorsicht erwies sich als ganz vortrefflich, denn der überhaupt zähe Körper des alten Mannes kräftigte sich durch die notwendige Ruhe so rasch, daß er schon am andern Morgen wieder in seinem Bett aufsaß und jetzt selber von dem Ueberfall jenes Abends zu sprechen begann. Rebekka selbst schrieb jetzt ein paar Zeilen an den Actuar, der ihnen schon zu dem Zweck seine Adresse dagelassen hatte, und dieser kam ungesäumt, um einen so günstigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Aber wenig genug war es, was ihm Salomon über die Person des Räubers sagen konnte, denn so genau er ihn im Gesicht kannte und erklärte, ihn unter Tausenden herausfinden zu wollen, so wußte er doch seinen Namen nicht und konnte auch nicht sagen, ob er in Alburg selber oder in der Nachbarschaft wohne. Drei- oder viermal war er allerdings schon bei ihm gewesen; das erste Mal, um ihm eine Partie silberner Löffel zum Kauf anzubieten, den er aber verweigert habe, weil er die Sachen für gestohlen hielt und keine Unannehmlichkeiten haben wollte. Das zweite Mal war er unter dem Vorwand gekommen, selber ein silbernes Besteck zu kaufen, und hatte sich dann verschiedene Sachen zeigen lassen – natürlich nur in der Absicht, wie sich jetzt herausstellte, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er kaufte auch damals nichts, versprach aber wiederzukommen, und erhandelte das dritte Mal wirklich einen silbernen Serviettenring, wofür er eine Zehnthaler-Note auf den Tisch legte. Das war an jenem Abend, kurz vor der Dämmerung. Wie aber Salomon leichtsinniger Weise an seinen Geldschrank ging und ihn öffnete, um die Note zu wechseln, sprang der Fremde plötzlich mit einem Satz über den Ladentisch und hatte ihn an der Gurgel. Er wollte schreien, aber er konnte nicht, der Schreck und die eiserne Faust des Räubers hinderten ihn daran, und ehe er im Stande war, sich dem Griff zu entwinden, fühlte er einen schweren, dumpfen Schlag auf seinem Kopf, und was dann weiter mit ihm geschehen, vermochte er nicht mehr anzugeben. Und wie sah der Mann aus? Ja, genau konnte er das auch nicht sagen; er war die drei verschiedenen Male – wenigstens die beiden letzten, denn das erste Mal erinnerte er sich nicht mehr deutlich – nur in der Dämmerung zu ihm gekommen. Es sollte eine nicht große, aber ziemlich kräftige Gestalt sein, mit einem breiten Gesicht und kleinen verschmitzten Augen. Er trug – ja, genau konnte er das auch nicht angeben – er glaubte, einen grauen oder schwarzen kurzen Rock; er wußte nicht einmal, ob er einen Hut oder eine Mütze aufgehabt, denn er versicherte, daß er ihm immer hätte in die kleinen tückischen Augen sehen müssen. Und sonst war er ihm nie hier in der Stadt begegnet? Lieber Himmel, der alte Mann kam ja fast nicht vor seine Thür! Seit nun zehn Jahren, wo er nach Alburg gezogen war und das Haus da kaufte, war er kaum irgendwo anders hin, als zur bestimmten Zeit auf die Börse und vielleicht einmal mit seiner Familie an einem schönen Tag hinaus in den Wald gekommen. Wirthshäuser besuchte er gar nicht. Geschäftswege hatte er ebenfalls nicht; wer Geschäfte mit ihm machen wollte, kam zu ihm, und bis dahin erinnerte er sich nicht, den Menschen je gesehen zu haben. Und war der junge Baumann jemals mit dem Menschen zusammen bei ihm gewesen? »Der junge Baumann – der Mechanikus? Nie.« Und er glaube also nicht, daß jener Baumann bei dem Ueberfall betheiligt gewesen? »Der junge Baumann? Gott der Gerechte,« rief der alte Mann aus, »würd' ich ihm anvertrauen meinen ganzen Laden mit Schlüssel und Schränken, als ich hab' die Beweise, daß er ist ein ehrlicher, braver Mensch, der junge Baumann!« Der Actuar erzählte dem Alten jetzt, daß man gerade diesen in Verdacht gehabt habe, der Mörder zu sein, da er im Hofe unmittelbar nach der That und mit Blut bedeckt angetroffen worden sei; aber Salomon gerieth fast außer sich, als er hörte, daß man ihn noch auf den Verdacht hin gefangen halte. »Der junge Baumann,« rief er, »wär' er dabei gewesen, der böse Mensch hätte nie wagen dürfen, Hand an einen alten Mann zu legen! Er kam immer allein, und wenn ich es hätte für möglich gehalten, daß etwas Derartiges könnte passiren mitten in einer großen Stadt und wo die Straßen sind noch belebt und die Häuser offen, ich würde gewesen sein vorsichtiger – aber der junge Baumann – Gott soll mich behüten – wegen meiner im Gefängniß! Lassen Sie den Mann los, Herr Actuar, denn wer weiß, wenn er nicht wär' dazugekommen und den Räuber verjagt hätte, ob ich noch lebte und erzählen könnte!« Das war nun Alles schon recht, aber dem Actuar nicht im Mindesten damit gedient, denn wenn er den Baumann losließ, hatte er keinen Andern dafür und mußte zugleich dabei eingestehen, daß er sich geirrt. Und war der alte Mann überdies auch wirklich ein genügender Zeuge, um den Gefangenen von jeder Schuld loszusprechen? War es überhaupt denkbar, daß irgend Jemand allein einen solchen Ueberfall unternommen hätte, wo er jeden Augenblick von außen gestört werden konnte und jeden Weg zur Flucht dann abgeschlossen sah? Zwei wenigstens durfte man bei einer solchen, jedenfalls vorher reiflich überlegten That annehmen, und während der Eine den Ueberfall ausführte, stand der Andere natürlich indessen Wache und half nur vielleicht im entscheidenden Augenblick. Daß Salomon dann den Zweiten, der anfangs vor der Thür stand, nicht gesehen hatte, ließ sich leicht erklären. Unter jeder Bedingung mußte aber der Versuch gemacht werden, den Gehülfen zu einem Geständniß zu bringen und dadurch den wirklichen Mörder heraus zu bekommen. So leicht ließ die Polizei Niemanden wieder frei. Morgens um zehn Uhr, an dem nämlichen Tag, wurde der Schlossermeister noch einmal vorgeladen. Man hatte vergessen, ihm das Tuch zu zeigen, welches im Laden gefunden worden; er sollte bestätigen, daß es seinem Sohn gehöre, und sagen, ob er es schon in seiner Werkstätte, als er an dem Abend von ihm fortging, über die kleine Maschine, die sich allerdings im Laden gefunden, gedeckt hätte. Schlossermeister Baumann mußte außerdem, ehe er vorkam, eine volle Stunde draußen auf der Gallerie warten und konnte nachher auch nichts Bestimmtes aussagen. Seiner schlichten Meinung nach blieb sich ja das auch vollkommen gleich, ob das Tuch in der Werkstätte oder auf der Straße übergedeckt gewesen wäre; er begriff sogar nicht, wie man ihn nur einer solchen Bagatelle wegen wieder vorfordern und noch dazu so lange warten lassen konnte. Aber auf den Gerichten hat das Alles seine bestimmte Zeit, und die jungen Actuare, während sie selber nur für die gesetzlichen Stunden an das Bureau gebannt sind, verfügen gewöhnlich auf das Willkürlichste über ihre vorgeladenen Zeugen. Dürfen sich diese doch nicht einmal darüber beschweren, ohne sich gleich einer Mißachtung des ganzen Instituts schuldig zu machen. Auf das Dringendste erneuerte er aber dabei seine Bitte, den gefangenen Sohn sprechen zu dürfen – es ging nicht an; der Gefangene hatte noch nichts gestanden, und es war da sehr leicht möglich, daß er von außen her Warnungen oder Nachrichten bekam, die auf den Lauf der Untersuchung störend hätten einwirken können. Die Gefühle eines Vaters durften dabei nicht in Betracht kommen. Indessen wurde in ganz Alburg fast von nichts als dem Raubmord und hauptsächlich von dem Raubmörder Fritz Baumann gesprochen, denn als solcher galt er den Leuten, wie sich das von selbst versteht. Den alten Salomon persönlich kannten auch fast nur solche, die ihn in seiner eigenen Wohnung aufgesucht, denn in der eigentlichen Stadt ließ er sich nie blicken. Alles, was man von ihm wußte, war, daß er ein sehr reicher Jude sei, der aus Geiz ganz entsetzlich ärmlich lebe – zu welchem Gerücht vielleicht das unscheinbare Aeußere seines Hauses den Grund gegeben – und mehr aus Liebhaberei, als irgend eines besondern Vortheils wegen den Antiquitäten-Laden gehalten und fortgeführt habe. Der war jetzt todt, und man interessirte sich nicht mehr viel für ihn, desto mehr aber für den jungen Baumann; denn die Frau Appellationsgerichtsräthin, der es die Frau Staatsanwalt, natürlich unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, anvertraut, daß der junge Baumann gerade die Frechheit gehabt habe, um die Hand ihrer Ottilie anzuhalten, schien sich verpflichtet gefühlt zu haben, der Frau Präsident Beckhaus die wichtige Nachricht mitzutheilen, und da sich dort zufällig an dem nämlichen Nachmittag ein kleiner, aber gewählter Cirkel von Damen »aus den höheren Ständen« zusammenfand, so konnte die Folge davon nicht gut ausbleiben. An dem nämlichen Abend wußte die ganze Stadt, daß der junge Mechanikus Baumann von der Tochter des Staatsanwalts Witte einen Korb bekommen habe, da Fräulein Ottilie nächstens Baronin von Wendelsheim werden würde, und die Comtesse unterhielt sich über dieses höchst interessante Thema nicht eifriger beim Auskleiden mit ihrer Zofe, als die Mägde am Brunnen oder die Nachbarsfrauen an den verschiedenen Parterrefenstern das nämliche Thema besprachen. Der kleinen Schneidersfrau neben Baumanns hatte es ebenfalls fast das Herz abgedrückt, sich nicht mit der Mutter des Gefangenen über die Haupt- und Staatsangelegenheit unterhalten zu können; der Schlossermeister schnitt ihr aber die Möglichkeit dazu ab. Wie er ihrer nur ansichtig wurde, fuhr er schon auf sie ein und fragte sie, ob sie nicht wieder ein Unglück mit ihrem »Maul« anrichten wolle, und sie fürchtete ihn wie den Gottseibeiuns. Heute gegen Mittag sah sie ihn aber wieder in seinem guten Rock am Fenster vorbeigehen; er mußte sicher auf's Gericht, wo er nicht so bald mehr herunterkam, und die Zeit durfte sie nicht unbenutzt verstreichen lassen. Hatte sie doch auch in den letzten Tagen so viel Stoff in der Stadt angesammelt, daß sie eine volle Stunde davon erzählen konnte. Das mußte sie von sich abwälzen und wenn ihr »Meisterchen« auch ein wenig länger auf das Essen warten sollte. Kaum sah sie also die Luft rein, als sie wie ein Schatten hinaus aus ihrem Haus und hinüber in die Werkstätte huschte, wo sie erst die Gesellen fragte, ob sie es auch schon gehört hätten, daß das »Fritzchen« Alles eingestanden hätte und am Freitag geköpft werden sollte; und als ihr dort Karl drohte, er würde ihr den Hammer von etwa drei Pfund Schwere an den Kopf werfen, wenn sie den Mund noch einmal aufthäte, fuhr sie in die Stube selber hinein, wo die Meisterin an ihrem Spinnrad saß. Es ist eine traurige Thatsache in der Welt, daß eine einzige Zunge oft so viel Unheil anrichten kann. Wenn wir armen, kurzsichtigen Menschenkinder nur überhaupt immer wüßten, was uns zum Unheil oder zum Heil gereicht! Manches halten wir für ein Glück, was sich in späterer Zeit als unser größter Fluch herausstellt, und dann sehen wir den Himmel nur mit schwarzen, drohenden Wolken umzogen, wenn dahinter schon die helle, freundliche Sonne lacht und nur auf den Moment wartet, wo sie das düstere Gewölk durchbrechen und unsern Pfad mit ihren lieben Strahlen erhellen soll. Nur der Augenblick liegt uns erschlossen, alles Uebrige aber in Gottes Hand. »Ach, liebe Frau Meisterin,« sagte die kleine, förmlich eingetrocknete Frau, indem sie wie ein Wiesel zur Thür hereinschlüpfte, das Schloß eindrückte und sich dann gleich auf eine dort stehende Fußbank niederkauerte, »erschrecken Sie nur nicht; aber erfahren müssen Sie es ja doch einmal, und das Unglück, ach Du lieber Gott, das Unglück!« Und die Schneidersfrau zog ihre Schürze über's Gesicht und schluchzte laut. »Hören Sie einmal, Frau Volkert,« sagte die Frau Baumann, »wenn Sie mir etwas bestimmtes mitzutheilen haben, so thun Sie es; aber schneiden Sie mir das Herz nicht nacheinander in kleinen Stücken ab. Mir ist so angst und weh genug zu Sinn, machen Sie's nicht noch ärger, und was ich erfahren muß, je eher, desto besser, denn die Ungewißheit nimmt Einem sonst noch das bischen Verstand ganz mit fort.« »Ach, das Fritzchen, das Fritzchen,« klagte die kleine Frau, »nein, daß er auch so 'was nur thun konnte, daß er auch so 'was nur thun konnte – und so braver Leute Kind, so braver Leute Kind!« »Aber Sie glauben doch nicht etwa, daß mein Fritz die furchtbare That begangen haben kann, Meisterin?« rief die Frau Baumann wirklich halb außer sich. »Aber es hat's ja schon gestanden,« klagte die kleine Frau wieder, »es hat's ja schon gestanden; die ganze Stadt weiß es ja, und das Fränzchen kam vorhin noch ganz besonders zu uns herüber, um uns die schreckliche Geschichte zu erzählen. Ach Du lieber Gott, Du lieber Gott, und übermorgen, noch dazu an einem Freitag, soll ihm der Kopf heruntergeschlagen werden.« »Volkert,« stöhnte die Meisterin, indem sie von ihrem Stuhl aufsprang und ihr Herz mit beiden Händen faßte, »treibt Ihr auch noch Euren Spott mit mir?« Aber der Verdacht war gewiß unbegründet, denn die kleine Frau weinte selber so bitterlich, als ob ihr das eigene Herz darüber brechen sollte. Des Schlossers Frau stand starr und unbeweglich neben ihr; das Antlitz war ihr todtenfahl geworden, ihre Glieder zitterten, ihr Auge haftete stier und gläsern an der Unglücksbotin. Endlich sagte sie mit leiser, heiserer Stimme: »Aber es kann ja gar nicht sein, Volkert; wenn der Fritz wirklich die schreckliche That verübt hat – und es müßte das in der Verzweiflung geschehen sein, denn an dem Tage war er seiner Sinne kaum mächtig –, wenn er den Juden wirklich geschlagen hat, so ist es im Zorn, der furchtbaren Aufregung geschehen. Wer weiß auch, wie ihn der Mann gereizt, ob er ihn nicht gar vielleicht seines Unglücks wegen verspottet hat, daß der Fritz gegen ihn die Hand gehoben, und dann – dann können und dürfen sie ihn doch nicht am Leben strafen. Es ist nicht möglich! Denken Sie nur, Volkert, wie vor noch gar nicht so langer Zeit jener Officier den Mann erstochen hatte, und der war nur vom Wein aufgeregt gewesen, da bekam er zwei Jahre Festungsstrafe, wurde aber nach dem ersten Jahre schon begnadigt und kam wieder frei. Sie können und werden doch meinen Fritz nicht ärger strafen als Jemanden, der eine solche That im Trunk verübt?« »Ja, aber liebe, beste Frau Baumann,« winselte die kleine Frau hinter ihrer naßgeweinten Schürze vor, »das war doch auch ganz 'was Anderes; das war ja doch auch ein Graf, der den armen Menschen erstochen hatte, ein ganz vornehmer Graf, und sein Vater war Minister oder sonst so 'was. Ja, wenn das Fritzchen ein vornehmer Graf oder ein Baron wäre und sein Vater kein Schlosser, dann könnten Sie Recht haben, und er käme vielleicht ein Jährchen oder so in die Festung, und nachher wäre die Geschichte aus und würde kein Wörtchen mehr darum gesprochen.« Die Frau Baumann hörte gar nicht mehr, was sie zuletzt sagte, und wie von einem neuen und plötzlichen Gedanken ergriffen, starrte sie die Schneidersfrau mit einem Blick an, daß diese jedenfalls darüber zu Tode erschrocken wäre, wenn sie nur hätte vor lauter Schluchzen aus den Augen sehen können. »Und Ihr glaubt, Volkert, daß er frei käme, wenn es ein Baron oder Graf wäre?« sagte sie mit heiserer, fast tonloser Stimme. »Ach, gewiß glaub' ich's,« wimmerte die kleine Frau; »und die Homeier war auch heute Morgen bei mir und wir haben darüber gesprochen, und der ihr Mann hatte dasselbe gesagt, und der versteht es, denn er ist Bote bei dem Gericht und hat immer die Aktenstücke von einem der Herren zum andern zu tragen. Aber ein Handwerker, ach Du lieber Gott, das ist ja gar nichts! Deren giebt's die Hülle und die Fülle und so ein armer Schlosser oder Schneider, oder was er auch sonst ist, mit dem machen sie keine Umstände und lassen dem Gesetz seinen Lauf.« »Ja, ja,« nickte die Schlossersfrau, »es ist wahr; wir sollen Alle vor den Gesetzen gleich sein, so steht's in den Büchern und so sagen's die Leute. Aber es ist nicht so: den Vornehmen lassen sie eine Hinterthür offen, und die schlüpfen durch, und mit den Armen und Gedrückten füllen sie ihre Zuchthäuser und Gefängnisse – und wer verdient mehr Strafe, wenn er ein Verbrechen begeht, der Reiche und Vornehme, der Alles, was er braucht, im Ueberfluß hat und im Uebermuth braucht, oder der Arme und Gedrückte, den oft Noth und Verzweiflung dazu treiben?« »Aber wir machen's nicht besser, Frau Baumann,« klagte die Kleine; »wir ändern die Welt nicht und dürfen noch nicht einmal einen Mucks thun, sonst werden wir ebenfalls eingesteckt.« »Ja, wenn es ein Graf oder Baron wäre,« sagte die Schlossersfrau, noch immer vor sich hinstierend. Dann fuhr sie fort: »Und wer hat Euch gesagt, Nachbarin, daß der Fritz am Freitag schon gerichtet werden soll?« »Wer? das Fränzchen; expreß ist es zu uns herübergelaufen gekommen. Und der Herr Staatsanwalt Witte hat sich die größte Mühe gegeben, um ihn frei zu bekommen und gleich von Anfang an versprochen, daß er seine Partei nehmen wollte; aber wenn das Fritzchen nun gestanden hat, da ist freilich Alles vorbei.« »Der Staatsanwalt Witte hat seine Partei genommen?« »Ja, gewiß; das Fränzchen war ja an dem Abend dabei in der Judengasse, wo sie Salomon im Laden fanden, und hat's mit seinen eigenen Ohren gehört.« »Der Staatsanwalt Witte?« wiederholte die Frau kopfschüttelnd. »Das ist ein braver, rechtlicher Mann,« bestätigte die Schneidersfrau, »und wenn ein armer Teufel zu ihm kommt, dem Jemand unrecht thun will, da springt er mit beiden Füßen in die Sache hinein und ruht nicht, bis er ihn frei gemacht, und nimmt nachher auch noch nicht einmal einen Groschen Geld dafür.« »Der Staatsanwalt Witte?« murmelte die Schlossersfrau noch einmal. »Jawohl, der – doch da kommt der Schlossermeister wieder und wenn der mich hier findet, drückt er mich armes Weib todt. Er kann mich so nicht leiden und hat mir verboten, daß ich wieder herüberkomme.« »Ja,« nickte die Frau still vor sich hin, »sie werden die Beweise bringen – aber zu spät, zu spät! Heute ist Mittwoch – übermorgen, oh mein Gott, mein Gott!« »Nachbarin, ich rutsche durch die Küche auf den Hof,« sagte die Frau, die in dem Augenblick noch um sechs Zoll kleiner und schmächtiger schien; »wenn er mich findet, giebt's ein Unglück!« Und ohne eine weitere Erlaubniß abzuwarten, fuhr sie durch die Hinterthür in die Küche hinein und verschwand dort in demselben Augenblick, als Baumann, seinen Hut noch auf dem Kopf und mit finster zusammengezogenen Brauen, in's Zimmer trat. Sie hatte in der That Recht gehabt, ihm in dieser Stimmung aus dem Weg zu gehen; freundlich wäre sie keinesfalls von ihm empfangen worden. »Wieder nichts!« sagte er, als er selbst ohne Gruß an seiner Frau vorüberging und an's Fenster trat. »Es ist rein, um verrückt zu werden, daß sie einem nicht einmal erlauben wollen, ihn nur zu sehen oder zu sprechen, und dabei erzählt sich das wahnsinnige Volk in der Stadt schon die tollsten und albernsten Geschichten!« Seine Frau war im Zimmer; er hatte sie gesehen, als er an ihr vorüberging. Aber sie erwiderte kein Wort, richtete keine Frage an ihn, und mehr erstaunt als beunruhigt über dieses Schweigen, drehte er sich nach ihr um. Seine Frau stand mitten im Zimmer; aber ihr Blick begegnete dem seinigen und hing mit unendlicher Liebe, aber auch einem unsagbaren Schmerz an ihm, so daß er sie ganz verwundert deshalb anstarrte. »Nun,« sagte er endlich erstaunt, »was hast Du denn, Alte? Du siehst mich ja so merkwürdig an. Ist etwas vorgefallen?« »Gottfried,« flüsterte die Frau mehr als sie sprach, ging auf ihn zu und lehnte langsam ihr Haupt an seine Brust, »Gottfried, mein braver, braver Gottfried, ich danke Dir für alles Liebe und Gute, das Du mir gethan, seit ich so glücklich war, Dein Weib zu werden; ich danke Dir dafür viel tausend– und tausendmal und möge Dich der Himmel dafür segnen!« »Aber was hast Du nur?« sagte der Schlossermeister fast wie verlegen. »Was soll denn all' die Feierlichkeit? Und mit Bedanken? Ei, da glaub' ich, hat Einer von uns gerade so viel Ursache als der Andere.« »Nein, Gottfried,« flüsterte die Frau wieder, »nein; Du weißt es nicht und ich kann's Dir auch jetzt nicht sagen. Aber Du wirst's bald erfahren – bald – vielleicht heute noch und dann – dann sei mir nicht böse – denk' nicht, daß ich schlecht war, Gottfried, denk es nicht – ich bin's nie gewesen! Nur übergroße, thörichte Liebe hat mich dazu getrieben. Wenn es mich aber auch die langen, langen Jahre gepeinigt und gequält, und ich größere Strafe dadurch erlitten habe, als wenn sie mir die Glieder mit Ketten zusammengeschnürt hätten, an Dir hab' ich doch gesündigt, an Dir und an ihm, und Alles, was jetzt in meinen Kräften steht, ist, das zu sühnen.« »Aber, Mutter,« rief Baumann erschreckt, denn er glaubte im ersten Augenblick nicht anders, als daß sie über die Angst um den Sohn den Verstand verloren habe, »so schlimm ist's ja noch gar nicht, es kann noch Alles besser werden; habe nur guten Muth.« »Den hab' ich, Gottfried, recht aus vollem Herzen,« nickte die Frau, und ihr Auge glänzte dabei von einem unheimlichen Feuer; »recht guten Muth hab' ich, denn ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, und wollte Gott, oh wollte Gott, ich wäre ihn früher gegangen, viel Unheil wäre dadurch Allen von uns erspart worden!« »Komm, Alte, sei gut, mach' Dir deshalb keine Sorgen,« sagte Baumann freundlich, denn er gedachte sie jetzt nur zu beruhigen, damit sie die quälenden Gedanken fahren ließe. »Ist denn die Else noch nicht aus der Schule zurück? Es muß doch schon lange zwölf Uhr vorbei sein. Du hast auch noch nicht einmal den Tisch gedeckt?« »Es muß sein, Gottfried,« nickte die Frau, die auf die letzten Worte gar nicht gehört oder geachtet hatte; »aber ich allein werde die Strafe erleiden, weil ich sie verdient habe – nicht Ihr – nicht er – es muß sein! Leb' denn wohl, Gottfried – Gott segne Dich viel tausendmal, und wenn Du ...« Die Aufregung war zu viel für sie. Sie wurde todtenbleich, und Baumann konnte sie noch eben mit seinem Arm auffangen, sonst wäre sie zu Boden gesunken. Jetzt wurde der alte Schlossermeister aber wirklich besorgt um den Zustand der Frau. Ihr tiefsinniges, zerstreutes Wesen, das entschieden nicht in ihrer Art lag, war ihm schon die letzten Tage aufgefallen, und die Ursache dafür suchte er natürlich nur in der Verhaftung des Sohnes. Aber er hatte nie geglaubt, daß es bei der nervenstarken Frau so gefährlich überhand nehmen könne. Er selber wußte auch in dem Augenblick gar nichts mit ihr anzufangen, als sie eben auf das Sopha zu legen; aber ein Arzt mußte her, vielleicht half ein Aderlaß oder irgend etwas Anderes, das er verordnen würde. Rasch entschlossen drückte er sich den Hut in die Stirn, rief dem in der Werkstätte arbeitenden Karl nur zu, einmal nach seiner Mutter zu sehen, es sei ihr unwohl geworden, er selber käme gleich wieder, und eilte dann, was er konnte, auf die Straße hinaus, um nach dem Arzt zu laufen und diesem gleich selber unterwegs die Krankheits-Symptome anzugeben. Den nächsten Arzt fand er nicht zu Hause; aber der Medicinalrath Bennigs wohnte nur ein paar Straßen weiter, und den traf er glücklich gerade beim Frühstück an. Er mußte auch hereinkommen und dem alten Herrn, während er aß, den Fall genau erzählen, und der Arzt beruhigte ihn dabei. Es sei, wie er sagte, eine Nervenüberreizung, die sich wohl bald wieder geben würde; er wolle aber gleich selber mit ihm hinübergehen und die Kranke untersuchen – Sorge brauche er sich deshalb nicht zu machen. Die beiden Männer waren bald wieder unterwegs, und Baumann beruhigte sich schon, als er, in der Nähe seiner Werkstätte angekommen, die Hämmer so lustig gehen hörte. Die Frau war jedenfalls wieder zu sich gekommen. Er hielt sich auch gar nicht da drinnen auf, sondern wollte gleich mit dem Medicinalrath durch die Werkstätte in die Stube gehen, als ihn Karl anrief. »Vater, die Mutter ist nicht drin.« »Nicht drin?« sagte Baumann erstaunt und sah sich nach ihm um. »Ach,« meinte Karl, »es war ihr vorhin ein bischen schlecht geworden, und als sie wieder zu sich kam, meinte sie, sie wolle ein wenig an die frische Luft gehen, sie käme bald wieder.« »Was,« rief Baumann erschreckt, »allein ist sie fort?« »Ja,« sagte Karl, »natürlich; aber sie war so sonderbar. Die Else, die gerade aus der Schule kam, hat sie geherzt und geküßt, als ob sie auf ewig von ihr Abschied nehmen wolle, und auf mich ist sie auch zugegangen und hat mich an sich gedrückt und mir einen Kuß gegeben trotz meinem schwarzen Gesicht.« »Großer Gott,« rief Baumann, jetzt zu Tod erschreckt, »was ist da vorgegangen und wo hinaus ist sie?« »Ja, sie bog links um und ging die Straße hinunter.« »Dort hinzu liegt der Fluß!« stöhnte Baumann, während Leichenblässe seine Züge deckte. Aber er war kein Mann, der sich lange einer Schwäche hingegeben hätte. »Fort, Karl,« rief er rasch, »setz' Deine Mütze auf und lauf', was Du kannst, da hinaus zu und suche die Mutter, und wenn Du sie findest, gehst Du ihr nicht von der Seite!« »Aber, Vater ...« »Lauf', sag' ich, was Du laufen kannst – und Ihr Uebrigen alle auch – die Meisterin ist krank – sie war vorhin ohnmächtig geworden – es kann ihr ein Unglück geschehen, wenn Niemand bei ihr ist! Wo ist die Else?« »Drinnen in der Stube, Vater. Sie weint, weil die Mutter weinte, als sie fortging.« »Ich werde Sorge für das Kind tragen, Meister, und es in der Nachbarschaft unterbringen,« sagte der Medicinalrath; »sorgen Sie sich nicht deshalb und eilen Sie, selber Ihre Frau aufzusuchen, denn in einem solchen exaltirten Zustand kann man allerdings für nichts einstehen.« »Ich danke Ihnen, Herr Doctor,« rief der Mann; »aber wir dürfen auch keinen Augenblick Zeit verlieren!« Und ohne weiter den Blick zu wenden, sprang er zur Thür hinaus und eilte, von Karl und den Uebrigen gefolgt, die sich bald nach verschiedenen Richtungen hin vertheilten, die Straße hinab und jetzt vor allen Dingen dem Ufer des Flusses zu, denn er fürchtete das Entsetzlichste. 26. Das Geständniß. Die Frau des Schlossermeisters Baumann hatte, wie Karl auch gesehen, das Haus verlassen und sich die Straße hinabgewandt; aber Baumann's Furcht, daß sie in Angst und Aufregung beabsichtigen könne, sich ein Leid anzuthun, war unbegründet. Sie folgte allerdings eine kurze Strecke der Straße, die sich dem Fluß und einer darüber führenden Brücke zuzog, drehte dann aber rechts ab in einen Seitenweg hinein, bis sie das Haus des Staatsanwalts Witte erreichte. Aber schon unterwegs zog sie die Blicke der Vorübergehenden auf sich, denn sie schien Niemanden zu sehen, sprach dabei mit sich selber und nickte dazu, während sie sich mit beiden Händen die Ellbogen hielt, als ob sie fröstelte, ununterbrochen mit dem Kopfe. Erst in dem Hause angelangt, kam sie ordentlich wieder zur Besinnung, denn bis dahin war sie wie in einem Traum fortgeschritten. Sie blieb auf dem Hausflur stehen, strich sich die Haare aus der Stirn, ordnete ihr Tuch etwas besser und sah nach ihrem Kleid, als ob sie irgendwo einen Besuch machen wolle, und stieg dann langsam, aber ohne irgend ein Zögern die Treppe hinauf. Oben blieb sie stehen. Die eine Thür zeigte allerdings deutlich genug durch ein Schild das Bureau des Staatsanwalts an; aber sie wußte auch, daß dort viele Schreiber saßen, und sie wollte ihn allein sprechen. Ging sie lieber hinüber zu einer der in die Wohnung führenden Thüren? Aber nein, dort mußte sie fürchten, jenem Mädchen zu begegnen, das ihrem Fritz so weh gethan und ihn vielleicht gar zu der schwarzen That getrieben. Lieber zu den fremden Männern in die Stube – dort wurde sie doch nicht verachtet und zurückgestoßen, und ohne sich länger zu besinnen, schritt sie auf die bezeichnete Thür zu und klopfte an. »Herein!« rief die monotone Stimme des einen der Schreiber, und die Frau stand auf der Schwelle und warf den Blick scheu in dem engen Raum umher. »Ist der Herr Staatsanwalt zu Hause?« Der Schreiber deutete, ohne eine weitere Antwort für nöthig zu halten, mit der Feder nach der Stube desselben. »Ist er allein?« »Ja, aber er wird nicht viel Zeit haben, er muß bald fort.« »Ich muß ihn sprechen.« »Gut, versuchen Sie es – da drinnen ist er« – und wieder kritzelten die Federn über das Papier. »Frau Baumann?« sagte Witte, als er sie erkannte und sich wohl denken konnte, weshalb sie kam – des gefangenen Sohnes wegen. »Ja, es thut mir leid, aber so schnell geht die Sache nun einmal nicht mit unseren Gerichten. Uebrigens ...« »Kann ich ein Paar Worte allein, ganz allein mit Ihnen sprechen, Herr Staatsanwalt?« unterbrach ihn die Frau, indem sie ihn mit ihren großen Augen scharf und doch bittend ansah. »Ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen, aber es darf mich Niemand weiter hören als Sie – und Gott,« setzte sie leise und kaum hörbar hinzu. »Etwas sehr Wichtiges?« sagte Witte erstaunt. »Etwas sehr Wichtiges,« wiederholte die Frau, »und Sie werden die Zeit nicht bereuen, die Sie darauf verwenden.« »Hm!« – Witte sah nach der Uhr; er hatte allerdings nicht viel Zeit, weil er zu einer wichtigen Besprechung auf das Criminalamt mußte. Wäre es aber wirklich etwas Wichtiges gewesen, so konnte er auch einen seiner Schreiber hinaufschicken und die Sache um eine halbe Stunde aufschieben lassen. Frauen hielten nur gewöhnlich eine Menge von Dingen für wichtig, die an sich unbedeutend genug waren – nun, er konnte wenigstens hören, was sie wollte. Für solche Fälle, die auch gar nicht etwa so selten vorkamen, benutzte er gewöhnlich eine kleine, hinter seinem Arbeitszimmer befindliche Stube, in welcher nur eine Anzahl von Bücher-Regalen mit wenig gebrauchten Büchern und alten Acten und ein Tisch wie ein paar Stühle standen. Das Zimmer sah auf den Hof hinaus und lag so abgeschieden, daß kein darin gesprochenes Wort durch die Wände drang. Witte stand auf und öffnete die Thür der Schreibstube. »Ich will jetzt nicht gestört werden,« sagte er hinaus; »wenn Jemand in der Zwischenzeit kommen und nach mir fragen sollte, so lassen Sie ihn nicht in mein Zimmer, sondern behalten ihn hier, bis ich selber herauskomme.« »Sehr wohl, Herr Staatsanwalt.« »So, Frau Baumann,« sagte dann Witte, indem er die Thür wieder schloß, »haben Sie jetzt die Güte und kommen sie hier mit herein. Da drinnen hört Niemand, was Sie mir zu sagen haben; aber seien Sie so gut und machen Sie es so kurz als möglich, denn meine Zeit ist gemessen, und wenn die Sache nicht wirklich sehr wichtig ist, thäten Sie mir sogar einen Gefallen, wenn Sie lieber heute Nachmittag wieder vorkämen.« »Es hängt Leben und Tod daran,« sagte die Frau ernst. »Leben und Tod? Dann freilich geht das allem Andern vor – bitte, treten Sie näher und nun setzen Sie sich und sagen mir, was Sie zu sagen haben. Sie zittern ja an allen Gliedern – ist etwas vorgefallen?« »Lassen Sie mir nur einen Moment Zeit, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau, indem sie auf den nächsten Stuhl niedersank – »nur um meine Gedanken zusammen zu bringen – es geht dann auch um so viel schneller. Mir wirbelt der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.« Der Staatsanwalt sah nach der Uhr; es fehlte kaum noch eine Viertelstunde an der bestimmten Zeit, in der er fort mußte. Er wollte aber doch wenigstens erst wissen, um was es sich hier handle und beobachtete deshalb ruhig die Frau, die aber seinem Blick noch auswich und nur einen Anfang zu suchen schien, mit dem sie beginnen könne. Endlich sagte sie: »Es hilft doch nichts – es ist doch Alles vorbei und ich kann's nicht mehr ändern, also brauche ich auch keine Vorrede mehr zu machen. Erfahren müssen Sie's doch und der liebe Gott mag's mir vergeben.« »Aber was, liebe Frau?« sagte der Staatsanwalt, der aus den unzusammenhängenden Sätzen nicht klug wurde. »Sie wissen eigentlich schon Alles,« flüsterte die Frau, »aber nur noch nicht recht – die Müller war schon bei Ihnen und es ist jetzt vor den Gerichten.« »Die Müller? Welche Müller?« »Die Müller von Vollmers ...« »Aber was hat das mit Ihrem Sohn zu thun?« »Es ist nicht mein Sohn!« stöhnte die Frau, indem sie sich krampfhaft an der Lehne ihres Stuhles festhielt. »Es ist – der Sohn – des – Baron von Wendelsheim!« »Alle Teufel!« rief Witte, fast unwillkürlich von seinem Stuhl emporspringend. »Die Sache ist allerdings wichtig – aber warten Sie einen Augenblick. Fassen Sie Muth, liebe Frau Baumann, gestehen Sie nur Alles aufrichtig, und was ich dann für Sie thun kann, das seien Sie versichert, daß ich es thun werde – ich bin gleich wieder bei Ihnen –« und rasch schritt er durch sein Arbeitszimmer der Schreibstube zu. »Gerber,« sagte er hier, »Sie mögen einmal hinauf auf das Stadtgericht gehen und dort in Nr. II den Justizrath Bertling bitten, mich auf eine halbe Stunde zu entschuldigen – ich kann jetzt nicht fort. Ist frisches Wasser in der Flasche?« »Ja wohl, Herr Staatsanwalt – eben geholt.« »Geben Sie mir einmal die Flasche – ich danke Ihnen – ein Glas habe ich selber drüben – ich bin für Niemanden zu sprechen.« Der Staatsanwalt eilte mit der Flasche und einem Glase zu der Frau Baumann zurück, die sich aber in der Zwischenzeit vollständig erholt und jede Schwäche niedergekämpft hatte. Sie trank allerdings ein Glas Wasser, aber sie schien jetzt vollkommen ruhig und gefaßt. Das Schlimmste war auch eigentlich überstanden, das Geständniß selber abgelegt, das Geheimniß gebrochen und jetzt blieb ihr nur noch übrig, die nöthige Aufklärung über das Einzelne zu geben und das mußte ihr leicht werden, denn sie sprach ja nur die reine, lautere Wahrheit. »Sie haben mir da vorher, meine liebe Frau Baumann,« begann der Staatsanwalt jetzt – denn er wollte vor allen Dingen die Thatsache constatirt haben – »eine wunderbare Eröffnung gemacht, in der ich Sie noch einmal fragen muß, ob ich Sie auch richtig verstanden habe. Sie sagten nämlich, daß Ihr Sohn – Sie meinten damit den Friedrich Baumann, nicht wahr?« »Ja, Herr Staatsanwalt.« »Nicht Ihr Sohn, sondern der des Barons von Wendelsheim wäre. Ist das richtig?« »Ja, Herr Staatsanwalt.« »Merkwürdig – und weiß der Baron von Wendelsheim davon?« »Nein, Herr Staatsanwalt.« »Er weiß es nicht?« rief der Mann erstaunt. »Nein, Herr Staatsanwalt.« »Aber wie ist das um des Himmels willen möglich? Wußte es denn seine verstorbene Frau?« »Eben so wenig; sie würde sich eher das Herz aus dem Leibe, als ihr eigenes Kind haben nehmen lassen.« »Dann muß ich Ihnen aber gestehen, daß ich Ihre ganze Angabe nicht begreife, beste Frau, denn wenn beide Eltern nichts davon wissen, sagen Sie mir, wie es dann irgend möglich ist, einen derartigen Tausch – denn darauf hin läuft doch das Ganze hinaus – vorzunehmen?« »Und doch ist es wahr,« nickte ruhig die Frau. »Wenn Sie mich aber anhören wollen, so werde ich Ihnen Alles erklären – Alles – und dann – möchte ich sterben, um die Schande nicht zu erleben, die mich treffen muß.« »Ich bin wirklich begierig,« sagte Witte, »denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht begreife.« »Sie wissen, welche Clausel das Testament hat, das in den nächsten Tagen fällig sein muß,« sagte die Frau. »Darüber beruhigen Sie sich; ich habe mich mit der verwünschten Geschichte so viel und bis jetzt so nutzlos beschäftigt, daß ich den Gegenstand durch und durch und bis in seine kleinsten Einzelheiten kenne.« »Der Baron von Wendelsheim, wie mir meine Schwester, des Schuhmachers Heßberger Frau, sagte, hatte Angst, daß ihm kein Knabe, sondern ein Mädchen geboren würde, wonach die Erbschaft für ihn verloren gewesen wäre, und meine Schwester ist eine kluge, aber – Gott vergebe es ihr! – eine böse Frau. Der alte Baron zog sie zu Rathe, und sie wußte Rath. Mir sollte damals das erste Kind geboren werden, und sie war täglich um mich. Es ging uns noch knapp – wir mußten uns mühsam durchhelfen, um nur das tägliche Brod zu gewinnen. Baumann war ein junger Mensch, der damals erst anfing selbstständig zu werden; es reichte hier und da nicht aus, und ich sah für das Kind, das ich erwartete, nur bittere Noth und Sorge. Und doch war ich ehrgeizig. Ich wußte, was Baumann für ein geschickter, braver Mann sei, wie er getrost den Ersten an die Seite treten konnte, und wie doch Andere immer wieder durch Protection oder andere Vergünstigung die Arbeit bekamen, die er hätte eben so billig und viel, viel besser und tüchtiger liefern können. Das fraß mir in's Herz – aber das nicht allein, auch eine Sünde, die sich meiner bemächtigt hatte: ich war eitel – ich ärgerte mich, wenn andere Handwerkerfrauen besser und vornehmer gekleidet gingen, als ich, und der böse Feind gewann seine Macht über mich.« Witte hatte ihr aufmerksam zugehört, und hütete sich wohl, sie auch nur mit einem Wort zu unterbrechen. Die Frau, wie sie da vor ihm saß, sprach jetzt die Wahrheit, und wenn er der Sache je auf den Grund kommen wollte, so konnte er nichts Besseres thun, als sie eben ausreden lassen. »Meine Schwester,« fuhr die Frau nach einer Pause fort, in der sie still vor sich niedergestarrt hatte, »kannte alle meine schwachen Seiten, Sie versicherte mir, daß ich einen Knaben bekommen würde, und der Knabe würde in Lumpen und Jammer groß und sein ganzes Leben geknechtet und herumgestoßen werden; denn was haben die Armen für Rechte auf der Welt! Aber in meinen Händen läge es, den Knaben, das Kind, für das ich mich schon sorgte und ängstigte, ehe es nur athmete, groß und vornehm zu machen und ihm Alles zuzuwenden, nach dem die Menschen hier auf Erden mit allen Kräften streben und es zu erreichen suchen: Rang und Reichthum. Kurz, sie schlug mir vor, den Knaben, wenn es ein Knabe würde, dem Baron von Wendelsheim zu überlassen, der ihn zu seinem Sohn und Erben heranziehen wollte, während ich dagegen sein eigenes Kind, wenn es ein Mädchen wäre, wie mein eigenes pflegen und warten, aber nie im Leben verrathen sollte, wer seine wirklichen Eltern wären.« »Lange sträubte ich mich dagegen,« sagte die Frau mit einem tiefen Seufzer. »Der Gedanke war mir zu furchtbar, mein Kind, mein eigenes Kind herzugeben, um es von fremden Eltern erziehen und pflegen zu lassen. Aber der Hochmuthsteufel, der seinen Sitz in meinem Herzen aufgeschlagen, arbeitete auch in mir und ließ nicht Ruhe. Er malte mir vor, welch ein vornehmer, von allen Leuten geachteter Herr mein Knabe werden könnte, für den ich jetzt nur Noth und Armuth vor Augen sah, und – von dem Teufel geblendet, willigte ich endlich ein. Das Geld, was mir die Heßberger noch außerdem versprach, hatte keinen Werth für mich, reizte mich wenigstens nicht, oder machte mir die Sache leichter; nur mein Kind wollte ich groß und vornehm wissen, und stolz auf es sein können, und mich an ihm freuen, und das andere dafür pflegen und groß ziehen mit meinen besten Kräften – Du großer Gott, ich war selber noch jung und leichtsinnig, und hatte ja keine Ahnung, welche furchtbaren Folgen das in der Zukunft haben könnte!« »Und dann?« fragte Witte, denn das Alles betraf nur Verabredungen, und Vorsätze und hatte nicht den geringsten Werth für ihn. »Dann,« fuhr die Frau fort, »dann schenkte mir Gott einen Knaben, ein liebes, herziges, gesundes Kind, und ich herzte und küßte ihn, und hatte alle meine Pläne und Hoffnungen vergessen, denn ich dachte es mir nicht mehr möglich, daß ich ihn je wieder freiwillig hergeben und aus meinen Armen lassen könnte. Unglücklicher Weise traf es sich aber gerade damals, daß mein Mann verreisen mußte. Er hatte auf dem Gut in Vollmers ein eisernes Gitter aufzustellen.« »In Vollmers?« »Ja – wozu er drei oder vier Tage brauchte und auch dort natürlich übernachtete, um am nächsten Morgen gleich wieder mit Tagesgrauen anfangen zu können.« »Und Ihr Mann wußte von der ganzen Verabredung nichts? Sie hatten nie mit ihm darüber gesprochen, ihn nie um seinen Rath gefragt?« »Nie. Ich hätte es nicht gewagt, denn er wäre schon bei dem bloßen Gedanken außer sich gerathen, und kannte auch die Menschen besser als ich. Er mochte meinen Schwager nicht leiden, den er für einen Heuchler hielt, und verdachte mir sogar den Umgang mit der Schwester, obgleich er zu gut war, ihn mir ganz zu verbieten – oh, wäre ich ihm gefolgt!« »Und wie wurde es weiter?« fragte der Staatsanwalt, um sie von dieser Abschweifung zurück zu bringen. »An demselben Abend,« erzählte die Frau – »es wurde eben Dämmerung und ich war mit meinem Kinde allein – kam plötzlich meine Schwester zu mir. Sie trug einen weiten, dunkeln Mantel und war in großer Eile. Sie sagte mir, daß die Baronin von Wendelsheim draußen ein Mädchen geboren habe und daß sie hinausgerufen wäre, um ihr beizustehen, und jetzt sei der Moment, um das Glück zu ergreifen und festzuhalten. Ich bat und beschwor sie, von ihrem Plan abzustehen; ich sagte ihr, daß ich mich von dem herzigen Knaben nicht trennen könne, daß ich sterben würde. Sie lachte darüber und meinte, mein Knabe solle ein großer und vornehmer Herr werden, und um das zu erreichen, brauche ich nichts zu thun, als viel Geld zu nehmen und still zu sein. Eine Entdeckung war auch nicht zu fürchten; sie allein hatte mir in meinen Nöthen beigestanden und Niemanden weiter dazu gerufen, mein Mann wußte noch nicht einmal, daß uns ein Kind geschenkt sei, und sollte es erst bei seiner Rückkehr erfahren. Sie ließ mir auch gar keine Zeit zum Ueberlegen, und schwach und erschöpft, wie ich mich fühlte, konnte ich ihr nicht einmal Widerstand leisten. Ich weinte und bat nur; aber sie fragte mich, ob ich nicht glaube, daß sie, als meine Schwester, es gut mit mir und dem Kinde meine und mir zu etwas rathen würde, was nicht zu unserem Besten wäre. Dann nahm sie das Kind, schloß die Thür von außen, daß Niemand zu mir konnte, und kam nicht wieder.« »Welch' furchtbare Zeit habe ich an dem Abend erlebt!« fuhr sie endlich nach einer Pause fort, während ihr der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand und der Staatsanwalt noch immer mit dem Kopfe schüttelte, denn er sah keinen Faden durch das Ganze. Wo war das Mädchen geblieben, das die Baronin geboren haben sollte? – »Welche furchtbare, entsetzliche Zeit!« fuhr die Frau fort. »Ich könnte keine Worte finden, und wenn ich Jahre danach suchte. Stunde nach Stunde verging, und ich weinte nach meinem Kind, während draußen der Sturm die großen Tropfen gegen das Fenster peitschte und der Wind durch den Schornstein heulte. Wie lange ich so gelegen, weiß ich auch nicht: ich muß ohnmächtig geworden und wieder zu mir gekommen sein, ohne daß mir Jemand beistand. Da hörte ich plötzlich einen Schlüssel im Schloß herumdrehen, und nicht meine Schwester, aber mein Schwager trat zu mir herein. Sein Mantel troff von Wasser, aber zitternd, vor Freude zitternd, streckte ich die Arme nach ihm aus, denn ich hörte ein Kind darunter wimmern. »Mein Kind, mein Kind!« rief ich ihm entgegen. »Oh Schwager, bringt Ihr mir mein Kind zurück!« »Da habt Ihr's,« sagte der Mann mit einem lästerlichen Fluch. »Ist das ein Wetter, um einen Menschen darin hinaus zu jagen? Es war nichts – die Frau Baronin hat selber einen Knaben geboren – da habt Ihr das Eurige wieder, wir können's nicht gebrauchen.« »Mit Jubel ergriff ich es und drückte es in meine Arme; aber ich wollte es auch sehen. Es war dunkel im Zimmer, dunkle Nacht. Neben meinem Bett stand ein Feuerzeug; ich machte Licht und entzündete die Lampe. Heßberger blieb neben meinem Bett stehen und hob mein liebes, schon verloren gegebenes Kind gegen das Licht; aber ein furchtbarer Schmerz zuckte mir durch die Brust. »Das ist es ja nicht!« schrie ich, von Angst und Schrecken erfüllt. »Das ist es ja nicht! Oh, glaubt Ihr, daß ich mein Kind nicht wiederkennen würde?« »Da wurde er ängstlich und bat mich, nicht so zu schreien, die Wände waren dünn, und die Nachbaren könnten am Ende die Worte verstehen. Seine Frau würde am nächsten Morgen selber herüberkommen und mir Alles erklären; nur bis dahin solle ich ruhig sein und das arme Würmchen pflegen, das ohndies schon halb erstarrt vor Kälte wäre. Und Gott sei es geklagt, er hatte Recht! Der Mantel war in dem furchtbaren Wetter naß geworden; das arme, neugeborene Kind hatte kaum noch Leben in sich, als er es zu mir in's Bett legte, und ich konnte ihm ja nicht böse sein. Ich küßt' es und herzt' es, als ob es mein eigenes wäre, und nie die langen, langen Jahre hindurch durfte es sich beklagen, daß ihm eine Mutter gefehlt hätte.« »Aber, beste Frau Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der sie ruhig hatte ausreden lassen, jedoch die Hauptsache noch immer vermißte, obschon ein dunkler Verdacht über das Geschehene in ihm aufstieg – »ich verstehe das noch immer nicht; denn wenn die Frau Baronin wirklich einen Knaben und kein Mädchen ...« »Hören Sie nur weiter,« sagte die Frau, »ich bin gleich zu Ende. Am nächsten Morgen kam meine Schwester zu mir und wollte mir ebenfalls einreden, das sei mein Kind, was ich in den Armen halte; aber sie konnte das Mutterherz nicht täuschen, und wie sie denn endlich einsah, daß all' ihr Reden nichts half, da lenkte sie ein und meinte, sie habe mich das nur glauben machen wollen, damit ich mich um so leichter beruhigen solle. Aber jetzt mußte sie mir die ganze Geschichte erzählen, oder ich drohte ihr, Alles meinem Mann zu sagen, und den fürchtete sie; so erfuhr ich denn Alles. Der Baron hatte mit ihr vorher heimlich abgemacht, das Kind, wenn es ein Mädchen sein sollte, gleich nach der Geburt gegen einen Knaben einzutauschen, und ihr dafür nicht allein reichen Lohn für sich, sondern auch für die Mutter des andern Kindes versprochen. Alle Vorbereitungen waren dazu auch getroffen gewesen, und meine Schwester hatte es so einzurichten gewußt, daß sie oben in der Wohnstube nur eine Person um sich hatte, auf die sie sich fest und sicher verlassen konnte.« »Wer war das?« fragte Witte, mit einer Idee an die Madame Müller. »Sie ist lange todt,« sagte die Frau; »eine arme Verwandte von uns, die bei Heßberger im Hause wohnte oder dort vielmehr diente. Sie zog aber fort von hier nach Amerika, und wie meine Schwester mir später erzählte, ist sie dort am gelben Fieber gestorben.« »Und die war mit oben im Schlosse?« »Ja; meine Schwester hatte auch im Schlosse, wie sie mir gestand, sehr leichte Arbeit, denn weniger der Baron als des Barons Schwester, das gnädige Fräulein von Wendelsheim selber, schien die Verabredung mit ihr getroffen zu haben und unterstützte sie so vollständig in der Ausführung, daß sie völlig freie Hand behielt. Mein Schwager Heßberger wartete mit meinem Knaben in einem kleinen Gartenhäuschen, in dem ein Ofen stand und das ordentlich erwärmt war, weil man ja doch die Zeit nicht genau bestimmen konnte, und die Frau Baronin bekam ihr eigenes Kind gar nicht zu sehen. Meine Schwester erschrak wohl, als sie sah, daß es auch ein Knabe sei; aber der Gewinn, den sie durch den Tausch erwartete, blendete sie – kein Mensch im Schlosse, weder der Baron, noch das gnädige Fräulein erfuhren je, daß ihnen ein Erbe geschenkt worden. Meine Schwester trug das Neugeborene gleich fort, und als sie mit meinem Kind zurückkam, legten sie den Knaben der Frau Baronin in's Bett, die ihn dann herzte und küßte und Freudenthränen über ihr Glück vergoß. »Am nächsten Morgen erst kam die Amme, die jetzige Müller aus Vollmers, die aber natürlich nichts von dem Tausch wissen konnte. Aber andere Menschen mußten doch Verdacht geschöpft haben, denn es wurde in der nächsten Zeit viel davon gesprochen, und manche Leute haben sich wohl Mühe gegeben, um hinter die Wahrheit zu kommen. Aber die Heßberger, obgleich damals noch ein junges Weibsen, war ihnen Allen zu schlau, und an mich dachte Niemand; denn wer hätte sich auch denken können, daß der Baron den eigenen Knaben weggegeben, um einen anderen dafür einzutauschen? Im Anfang weinte ich auch viel und der Betrug schnitt mir in die Seele; aber die Schwester wußte mir Alles so golden hinzustellen, und wie ich jetzt viel Geld kriegen und reich und mein Sohn ein vornehmer Herr werden würde, und als mein Mann nach Hause kam, mit keiner Ahnung des Geschehenen, und mit dem Knaben auf dem Arm jubelnd in der Stube umhersprang, da wußte ich, daß er ihn eben so lieb haben würde, als ob es sein eigenes Kind gewesen wäre, und schwieg.« »Also versteh' ich daraus,« sagte der Staatsanwalt, dessen klares und durchdringendes Auge fest, aber nicht unfreundlich auf der Frau haftete, »daß der Baron von Wendelsheim, oder mehr noch seine Schwester, ohne Vorwissen der Mutter einen Tausch des Kindes beabsichtigten, falls es ein Mädchen sei, und daß Ihre Schwester, trotzdem daß dem Baron ein Knabe geboren wurde, den Tausch ausführte und den Baron wie dessen Schwester glauben ließ, es sei eben ein Mädchen gewesen, nur um sich die ausgestellte Belohnung zu sichern.« »So war es,« nickte die Frau still vor sich hin – »so war es.« »Und hat sich der Baron selber später nie um sein wirkliches Kind bekümmert, nie es sehen wollen?« »Doch,« nickte die Frau. »Da ich immer Angst hatte, daß das Verbrechen trotzdem an den Tag kommen könnte, beruhigte mich meine Schwester, indem sie mir alle getroffenen Vorsichtsmaßregeln erzählte. Auf einem Dorfe in der Nachbarschaft war wenige Tage nachher ein acht Tage altes Mädchen gestorben – dessen Todtenschein verschaffte sich meine Schwester und brachte ihn dem Baron, der von da an glaubte, sein eigenes Kind sei todt, und auch nie wieder seit der ganzen Zeit danach gefragt hat.« »Das ist eine durchtriebene Person,« nickte der alte Anwalt vor sich hin. »Und welchen Lohn erhielten Sie dafür?« »Ach, viel, viel Geld!« seufzte die Frau. »Mein Theil betrug, wie mir die Schwester sagte, dreitausend Thaler, und sie wußte das ebenfalls so einzurichten, daß mein Mann – ein gutes, ehrliches Herz außerdem – glauben mußte, es sei eine Erbschaft, die ich erhoben. Aber insofern habe ich wenigstens gut gemacht, was ich konnte, und Alles, was in unseren Kräften stand und was wir besonders mit Hülfe jener Summe ersparen konnten, auf die Erziehung des Pflegekindes verwandt. Fritz hat gewiß seine Mutter nie so vermißt, wie ich nach meinem eigenen Kind gejammert habe. Aber jetzt kann es nichts mehr helfen. Die Sache ist allerdings schon vor den Gerichten, und wenn sie den alten Baron und das gnädige Fräulein vorfordern, so müssen die wohl bekennen, doch sie können den Fritz damit nicht mehr retten, denn das dauert zu lange und die Zeit verfliegt – er soll den Mord schon bekannt haben und ist zum Tode verurtheilt; aber er darf nicht sterben. Mit dem Sohn des Schlossermeisters Baumann machen sie wenig Umstände, das weiß ich. Die Volkert hat ganz Recht: was liegt an solch' einem armen Menschen und daran, was ihn dazu getrieben! Anders wird es aber, wenn sie erfahren, daß es ein Baron von Wendelsheim, der Erbe von so vielem Geld ist, den sie im Gefängnis halten, und den werden, den dürfen sie nicht tödten.« »So,« sagte die Frau, indem sie mühsam nach Athem rang, »jetzt haben Sie Alles gehört, was ich verbrochen, was mich hierhergetrieben. Ich weiß, daß ich damit Schmach und Schande auf mein eigenes Haupt lade; ich weiß, daß mein eigener Sohn, den ich reich und vornehm machen wollte, arm und niedrig wird, wie wir selber sind; ich weiß, daß ich Unglück über uns bringe, aber Blut – Blut soll nicht vergossen werden, nicht meinethalben – nicht meinethalben. Ich habe Sünde genug auf dem Gewissen, aber ich will kein Blut darauf haben – um des Himmels willen kein Blut!« Die Frau war erschöpft in ihrem Stuhl zusammengebrochen und Witte sprang empor, denn er fürchtete, daß sie zu Boden fallen könnte; aber es war nicht körperliche Schwäche, sondern allein vollständige geistige Ermattung gewesen, die sie erfaßte, und dagegen glaubte er ein Mittel zu wissen. Er hatte in seiner Stube eine Flasche mit gutem Rum stehen; den holte er vor, goß ihr einen Theil davon unter das noch übrig gebliebene Wasser und hieß sie das trinken. Die Frau nahm es auch und that einen Schluck; aber sie war geistige Getränke nicht gewohnt und setzte es, innerlich schaudernd, wieder ab. Der Staatsanwalt dagegen schenkte sich ebenfalls ein Glas ein; er fühlte sich so aufgeregt, daß er etwas Derartiges bedurfte; erst in der Stube ein paar Mal auf und ab gehend, blieb er endlich wieder vor der Frau Baumann stehen. »Und Ihr Sohn,« sagte er, »oder der Baron Friedrich von Wendelsheim, der er eigentlich ist, hat noch keine Ahnung von seinem Stande?« Die Frau schüttelte mit dem Kopf. »Und der Lieutenant eben so wenig?« »Kein Mensch weiß etwas davon, als Heßbergers und ich – und jetzt Sie.« »Hm,« sagte der Staatsanwalt, »das ist bei Gott eine wunderbare Geschichte und wird ...« Er brach kurz ab, rieb sich mit der flachen Hand den Kopf und setzte seinen unterbrochenen Spaziergang fort. »Wissen Sie, liebe Frau,« sagte er endlich, als er nochmals stehen blieb; »daß wir mit der Sache in ein wahres Wespennest hineingerathen, denn wenn die Heßberger'schen Eheleute leugnen – und daß thun sie jedenfalls –, so glaubt uns nachher kein Mensch ein Wort von der ganzen Bescheerung. Es sind vierundzwanzig Jahre darüber hingegangen und der alte Baron – und sein Satan von einer Schwester erst recht – werden sich hüten, auch nur eine einzige der angeführten Thatsachen zuzugeben. Sie werden es für blanke Lüge und Verleumdung erklären.« »Ich habe die Wahrheit gesprochen,« sagte die Frau feierlich, »so mir Gott in meiner letzten Stunde beistehen soll!« »Ich glaube es Ihnen, liebe Frau, ich glaube es Ihnen, jede Silbe, und ich durchschaue auch jetzt das Ganze gut genug, aber Beweise – wo kriegen wir Beweise her? Die müssen wir schaffen, ehe wir nur damit herauskommen können, oder wir verderben Alles.« »Und indessen tödten sie mir den Sohn, den ich genährt und erzogen und so lieb habe wie den eigenen!« rief die Frau in Angst und Aufregung. »Wen? Den Fritz Baumann?« »Hat er denn nicht gestanden und soll er nicht schon übermorgen hingerichtet werden?« »Unsinn,« sagte der Staatsanwalt mürrisch, »altes Weibergeschwätz in der Stadt. So schnell geht die Sache nicht, und wenn er den alten Mann wirklich überfallen hätte, was ich aber nicht einmal glaube. Nein,« setzte er hinzu, als ihn die Frau zweifelnd anstarrte, »machen Sie sich deshalb keine Sorgen; Sie haben deren schon außerdem genug. Er sitzt allerdings noch im Gefängniß, und möglich, daß er auch noch ein paar Wochen dort bleiben muß, denn die Herren Richter haben darüber ihre eigenen Ansichten, aber weiter wird ihm nichts geschehen – verlassen Sie sich auf mich.« »Aber die Volkert hat mir doch gesagt,« stammelte die Unglückliche ganz verstört – denn jetzt erst kam ihr der Gedanke, daß vielleicht das ganze Geständniß unnöthig gewesen wäre – »daß er bekannt hätte und am Freitag hingerichtet werden solle.« Der Staatsanwalt mochte vielleicht ahnen, was in ihrer Seele vorging, und es lag ihm selber daran, das Gefühl jetzt nicht in ihr aufkommen zu lassen. »Ich weiß nicht, woher die Frau Volkert ihre Nachrichten schöpft,« sagte er deshalb, »kenne die Dame auch nicht und glaube nicht, daß der junge Mann sich zu dem Verbrechen bekannt hat. Wäre es aber auch wirklich der Fall, so beruhigen Sie sich vollständig über eine so rasche Ausführung der Strafe. Das geschieht nicht und kann nach unseren Gesetzen gar nicht geschehen, da selbst einem jeden Verbrecher, und sei er der schwerste, der Weg zur Gnade des Königs noch immer offen steht. In diesem Fall aber und im Besitz des Geheimnisses, das Sie mir eben mitgetheilt, würde ich selber die nöthigen Schritte thun, um eine über ihn verhängte Strafe hinaus zu schieben, und deshalb brauchen Sie sich keine Sorge zu machen – Ihr Fritz soll nicht sterben.« Die Frau faltete die Hände. »Dann mag nachher mit mir geschehen, was da will,« sagte sie leise. »Und wenn ich das Furchtbare nun erst noch meinem braven Mann gestanden und seine Verzeihung erfleht habe, dann glaube ich auch, daß mir der liebe Gott die Sünde vergeben wird. Die Menschen mögen mich dann strafen – ich habe es verdient und will es gern ertragen.« »Ihrem Mann wollen Sie es gestehen?« sagte der Staatsanwalt. »Hm – ja ...« »Und muß ich denn nicht?« fragte die Frau erstaunt. »Oh, wenn ich es vor langen, langen Jahren gethan hätte, es wäre vieles Elend abgewandt!« »Die Sache ist nur die,« meinte Witte verlegen, »daß wir damit eigentlich nicht unter die Leute treten dürfen, bis wir nähere Beweise dafür bringen können. Haben Sie kein Zeichen, an dem Sie Ihr eigenes Kind fest bestimmen können, kein Maal oder sonst etwas?« Die Frau schüttelte mit dem Kopf. »Nein,« sagte sie, »kein anderes Zeichen als das Herz der Mutter. Er kennt mich ja auch selber nicht,« setzte sie traurig hinzu; »wie oft habe ich mich ihm in den Weg gestellt, um ihm in die guten, treuen Augen – ganz wie sie sein Vater hat – zu schauen! Er kannte mich nicht einmal, sah mich kaum, dankte nur manchmal vornehm oder auch gar nicht und ging vorüber, und mir hätte das Herz dann in der Brust zerspringen mögen, daß ich's mit beiden Händen halten mußte.« »Arme Frau...« »Ja wohl, arme Frau – oh, was ich geduldet und getragen habe die ewige lange Zeit, und immer allein, immer allein, mit keiner Seele, der ich mich anvertrauen durfte – ich könnt's nicht sagen. Jetzt zum ersten Mal fühl' ich mich leichter, jetzt zum ersten Mal ist mir, als ob ich wieder Frieden finden könnte. Aber mein armer Bruno,« setzte sie seufzend hinzu, »wie wird er es tragen? Muß er nicht seiner eigenen Mutter fluchen, daß sie ihm allen Glanz der Erde zeigte, nur um ihn dann wieder heraus zu reißen und zu einem der Niedrigsten zu machen?« »Das ist wirklich eine verzweifelte Geschichte,« murmelte der Staatsanwalt, dem indessen eine ganze Menge von Dingen durch den Kopf fuhren. Nicht allein Herr Bruno von Wendelsheim würde nämlich erstaunt über den Wechsel der Verhältnisse sein, sondern auch seine eigene Frau. Aber was half ihm das Alles? Beweise brauchte er, weiter nichts als Beweise; denn daß das Zeugniß einer einzigen alten Frau nicht ausreichen würde, um besonders in einer so wichtigen und bedeutenden Erbschaftssache die ganze Erbfolge umzustoßen, konnte er sich nicht verhehlen. War es ja doch, wie das Gericht einwenden würde, ihr eigener Sohn, dem sie durch ein solches Geständniß das riesige Erbe zuwenden wollte, und daß man das nicht so ruhig hinnahm, ließ sich denken. Und was der Major dazu sagen würde? Recht hatte er freilich gehabt, daß damals nicht Alles redlich zugegangen, wenn es bei ihm auch blos Verdacht, nie Gewißheit gewesen; aber ihm half es trotzdem nichts, wie die Sachen standen. Und seine eigene Frau? Er kratzte sich mit der rechten Hand hinten am Kopf und lief noch immer mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab. Außerdem konnte er der Frau nicht verdenken, jetzt, da sie ihm das schwere Geheimniß eröffnet, auch ihr Herz gegen ihren Mann auszuschütten, und daß sie da einen harten Stand bekam, ließ sich denken. Aber ihm setzte sie damit ebenfalls das Messer an die Kehle, denn wenn jetzt etwas in der Sache geschehen sollte, mußte es rasch geschehen; er wußte nur nicht, wie. Mitten im Herumlaufen fiel ihm sein Justizrath ein. Hilf Himmel, wie rasch die halbe Stunde vorüber war! Er mußte jetzt fort, denn es betraf einen wichtigen Fall, der nothwendig eine vorherige Besprechung erforderte, und die Zeit war jetzt schon beinahe abgelaufen. »Liebe Frau Baumann,« sagte er deshalb, »ich muß fort, ich kann nicht länger ausbleiben. Gehen Sie indessen nach Hause und überlegen Sie sich die Sache noch einmal ordentlich unterwegs. Treibt Sie Ihr Herz, mit Ihrem Mann offen darüber zu sprechen – ich kann's Ihnen nicht verdenken –, so thun Sie es, aber bitten Sie ihn, mit keinem Menschen weiter darüber zu reden, bis ich ihn selber gesehen habe. Ich komme dann, wenn die Sitzung vorüber ist, bei Ihnen vor. Wollen Sie mir das versprechen?« »Ja, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau leise, »denn ich glaube, daß Sie es gut mit uns meinen.« »Sie können sich darauf verlassen, liebe Frau.« »Und der Fritz? – Es geschieht ihm gewiß nichts Böses, wenn wir nicht gleich erzählen, daß er vornehmer Leute Kind ist?« »Es geschieht ihm nichts, die Versicherung kann ich Ihnen geben. Ich werde dafür sorgen, daß er in keine Gefahr kommt, und wenn irgend eine Aenderung in der Untersuchung eintreten sollte, so komme ich augenblicklich zu Ihnen oder schicke nach Ihnen und lasse es Sie wissen.« »Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, ich danke Ihnen recht von Herzen – auch für die freundlichen Worte, die Sie zu mir gesprochen. Ich hatte schon geglaubt und gefürchtet, alle Menschen, die mein Vergehen erführen, müßten mich von jetzt an nur hassen und verabscheuen, und ich trage doch nicht die größte Schuld – oh, ich allein hätte es nie, nie gethan!« »Seien Sie ohne Sorge, Frau Baumann,« sagte der alte Herr, der aber jetzt etwas ungeduldig wurde. »Ich habe Sie nun kennen gelernt, und ich glaube, ich durchschaue das Ganze. Wir wollen sehen, wie sich Alles zum Besten wenden läßt, und in spätestens zwei oder drei Stunden bin ich bei Ihnen.« Damit ging er nach der Thür zu und nahm drin in seinem Zimmer Hut und Stock. Frau Baumann folgte ihm, und mit gesenktem Haupte schritt sie zwischen den Schreibern hin, die sich indeß die Köpfe zerbrochen hatten, was die Frau so Wichtiges mit ihrem Chef zu sprechen hatte, daß er einen besondern Boten auf das Amt hinaufschickte, um eine Verhandlung aufzuschieben, und diese jetzt beinahe sogar versäumte. Aber sie erfuhren nichts. Der Staatsanwalt lief, ohne selbst seiner Frau Adieu zu sagen, die Treppe hinunter, um noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein, und langsam – oh, wie waren ihr die Füße so schwer geworden, als sie diesmal ihrer Heimath entgegenschritt – folgte ihm die Frau. 27. Neue Fäden. Staatsanwalt Witte ging in einem wahren Sturmschritt auf das Amt hinauf, denn er hatte keinen Moment Zeit mehr zu versäumen. Er kam dort auch wirklich im letzten Augenblick an, war aber heute – und zwar ganz gegen seine sonstige Gewohnheit – so zerstreut, daß er sich ordentlich vor sich selber schämte und nur gewaltsam alle anderen Gedanken abschüttelte, bis er sein Geschäft beendet hatte. Es war freilich nicht zu verwundern, denn die eben gemachte Entdeckung mit ihren nach allen Seiten hin auszweigenden Folgen wollte ihm nicht aus dem Kopf, und je mehr er darüber nachdachte, desto größere Schwierigkeiten schienen sich dem rechtmäßigen Erben in den Weg zu stellen. Wer wußte um die Sache? Niemand als das schlaue Weib, die Heßberger, und jedenfalls ihr Mann, und von denen war kein Geständniß zu erwarten, während sich der alte Baron und besonders seine Schwester erst recht nicht so weit compromittiren würden, einen beabsichtigten Kindertausch der Erbschaft wegen zuzugeben. Die Frau Baumann stand mit ihrer Erzählung ganz allein, und wenn er auch jedes Wort davon glaubte, so würde Herr Bruno von Wendelsheim doch sicher sein Recht fest behauptet und die Erbschafts-Commission ihn dabei nur unterstützt haben. Es wäre, beim Himmel, am Ende gar ein zweiter Fall geworden, wie der mit dem Major und der Madame Müller aus Vollmers, und er konnte sich dabei als Staatsanwalt unsterblich blamiren. Und der eigentliche Erbe von fast einer halben Million, zu welcher Summe das Capital durch die langjährigen Zinsen aufgelaufen war, saß indeß fest hinter Schloß und Riegel, auf Verdacht eines Mordes oder Raubanfalles hin, den er nie verübt hatte. Witte mußte wenigstens wissen, wie es mit dieser Sache stand, und ging deshalb, sobald er seine eigenen Geschäfte erledigt sah, zum Actuar Bessel, der die Leitung der Angelegenheit übernommen hatte. Als er zu diesem in das kleine Zimmer trat, fand er ihn nicht allein, sondern den Rath Frühbach bei ihm, und dieser mußte ihm wahrscheinlich schon eine Anzahl merkwürdiger Geschichten aus Schwerin erzählt haben, denn Witte hörte gerade noch, als er die Thür öffnete, wie der Actuar sagte: »Aber ich bitte Sie, mein lieber Herr Rath, daß Sie zur Sache kommen, denn ich bin wirklich beschäftigt.« »Ja wohl, Herr Actuar, mit Vergnügen – ah, unser Staatsanwalt, der kann mir gleich seinen guten Rath in der Sache geben.« »In welcher, wenn ich fragen darf?« sagte Witte, eben nicht besonders erbaut von dem Begegnen, denn er wußte aus Erfahrung, wie schwer es manchmal hielt, von dem gefährlichen Menschen wieder abzukommen, während Alles, was er vorbrachte, selten oder nie das geringste Interesse für irgend Jemanden haben konnte. »Denken Sie nur,« fing der Rath an, »da kaufe ich mir neulich ein Stück Hosenzeug, und meine Frau soll es zum Schneider geben, zu welchem Zweck ich es hinaus in unsern Vorsaal lege; wie es aber die Henriette fortbringen will, ist es nicht mehr da – fort und gestohlen!« »Und haben Sie Verdacht auf jemand Bestimmtes?« »Ja, hören Sie nur – es waren uns in der letzten Zeit schon verschiedene Sachen weggekommen: ein silberner Löffel, noch von meiner ersten Aussteuer her, dann ein neusilberner Serviettenring, den aber der Dieb wohl ebenfalls für Silber gehalten hatte, und verschiedene andere Kleinigkeiten; aber es gehen so viele Menschen bei uns aus und ein, daß ich eigentlich keinen bestimmten Verdacht fassen konnte.« »Also wollen Sie hier blos die Anzeige machen, daß Ihnen ein Stück Hosenzeug gestohlen oder abhanden gekommen ist,« sagte der Actuar, der anfing ungeduldig zu werden. »Bitte, hören Sie nur weiter,« fuhr Frühbach mit der größten Ruhe fort. »Das Hosenzeug hatte ein sehr leicht kennbares Muster, blau, grün und roth carrirt – meine Frau liebt die Farben besonders –, und ich mache mich also auf, um hierher auf die Polizei zu gehen und den Thatbestand anzuzeigen. Wie ich nun so die Kreuzstraße heruntergehe und immer noch an das gestohlene Hosenzeug denke, denn die Sache war mir sehr ärgerlich, sehe ich plötzlich einen Menschen vor mir hergehen, der genau dasselbe Zeug trägt.« »Unter dem Arme?« »Bitte um Verzeihung, an den Beinen; er hatte sich schon ein Paar Hosen – wie ich vermuthen mußte – davon machen lassen, und ich eilte nun, wie Sie wohl denken können, so rasch als möglich hinter ihm her.« »Erkannten Sie den Mann? Wer ist es?« »Ja, hören Sie nur weiter. Ich bin doch gewiß gut auf den Füßen, und ich erinnere mich, daß wir einmal in Schwerin ...« »Aber ich muß Sie wirklich bitten, bei der Sache zu bleiben; ich habe mit dem Herrn Staatsanwalt noch etwas Nothwendiges zu besprechen.« »Nun, es fiel mir nur gerade ein. Also, wo war ich denn stehen geblieben? Ja, ganz recht, wie ich hinter dem Manne herlief, und als ob er's gewußt hätte – er hatte sich aber noch nicht ein einzigesmal nach mir umgedreht –, hob er die kurzen Beine und eilte, was er konnte, die Straße hinunter, ich immer hinter ihm her; ich sage Ihnen, ich habe transspirirt, der Rock klebt mir noch auf dem Leibe. Plötzlich bleibt er vor einem Schuhmacherladen stehen, und wie ich herankomme, wer ist es? – der Schuhmacher Heßberger.« Der Staatsanwalt Witte, in aller Verzweiflung über die bodenlos langweilige Erzählung, war an das Fenster getreten, sah durch die Gitterstäbe nach dem düstern Hof hinunter und trommelte ungeduldig mit den Fingern an den Scheiben. Erst wie der Name Heßberger genannt wurde, drehte er sich wieder um; denn sonderbarer Weise hatte auch er gegen den nämlichen Menschen, denn er seiner bigotten Heuchelei wegen nicht leiden konnte, einen Verdacht gefaßt. Jedesmal wenigstens, wenn er gerade im Hause gewesen war, fehlte irgend etwas, und wenn es auch nur eine Kleinigkeit sein sollte, und daß der Schuster eine stille Leidenschaft für silberne Löffel hege, war ihm mehr als einmal in den Sinn gekommen. »Und hat der Heßberger überhaupt Ihr Haus betreten?« fragte der Actuar. »Oft; jede Woche fast einmal,« rief der Rath, »und kurz vorher, ehe das Zeug abhanden kam, war er bei uns gewesen.« »Und haben Sie ihn zur Rede gestellt?« »Ich werde mich hüten,« entgegnete Rath Frühbach mit einem Blick auf den Staatsanwalt; »daß er nachher wieder hingeht und mich verklagt, nicht wahr, und ich in die unangenehmsten Situationen komme? Alles schon da gewesen, und in Schwerin einmal ...« »Aber machten Sie denn nicht wenigstens den Versuch, etwas von ihm zu erfahren? Redeten Sie ihn nicht an?« »Nun, das können Sie sich doch wohl denken; aber ich versuchte, der Sache von der andern Seite beizukommen. Ich bewunderte seine Hose und fragte, wo er das Zeug dazu gekauft habe.« »Und da? – wurde er verlegen?« »Gott bewahre! Er nannte mir einen Kaufmann, ganz in der Nähe, und erbot sich, mich hinzuführen.« »Sie gingen doch?« »Gewiß ging ich mit ihm in den Laden. Dort berief sich der freche Mensch aber ganz keck auf das Zeug, das er da gekauft hätte, zeigte das Muster und verlangte von demselben für mich, und die Verkäufer im Laden schienen ihn zu kennen und brachten mir richtig den nämlichen Stoff.« »Nun,« sagte der Actuar, »dann ist die Sache sehr einfach und er hat Ihnen das Hosenzeug nicht gestohlen, sondern es wirklich in dem Laden gekauft.« »Bitte um Verzeihung,« sagte in diesem Augenblick der Staatsanwalt, der aber hinter Frühbachs Rücken dem Actuar zublinzelte, daß er ihn solle gewähren lassen – »die Sache kann sich denn doch anders verhalten, und aufrichtig gesagt, glaube ich, daß Rath Frühbach dieses Mal auf der richtigen Fährte ist.« »Aber es schien wirklich, als ob er das Zeug dort gekauft hatte,« meinte der Rath. »Wie hieß der Kaufmann?« »Tuchladen Magnus und Compagnie am untern Markt.« »Hm – das sind die nämlichen Leute, die noch gar nicht so lange einen sehr bedenklichen Concurs anzeigten.« »Und Sie glauben wirklich ...« »Daß Sie durch einen höchst merkwürdigen Zufall den richtigen Mann getroffen haben, allerdings, und das macht Ihrem Scharfblick Ehre, lieber Rath.« »Mein bester Herr Staatsanwalt ...« »Ueberlassen Sie mir die Sache, um sie nach besten Kräften zu verfolgen, und ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie Ihr Hosenzeug wiederbekommen sollen.« »Aber er hat sie ja schon an ...« »Nun gut, dann wenigstens den Werth des Stoffes ersetzt erhalten. Ich glaube selber, daß dieser Heßberger ein nichtsnutziger Bursche ist, und hat er den Diebstahl wirklich verübt, so wollen wir ihm dieses Mal schon beikommen.« »Und was habe ich dabei zu thun?« »Gar nichts; sollte ich Sie noch brauchen, so schicke ich heut Abend zu Ihnen hinaus. Sind Sie zu Hause?« »Gewiß; gegen Abend gehen wir ein wenig im Garten spazieren und um halb neun Uhr legen wir uns in's Bett.« »Das ist früh; aber so spät schicke ich keinenfalls.« »Und Sie meinen wirklich, Herr Staatsanwalt ...« »Daß Sie Ihr Hosenzeug ersetzt bekommen? ich habe es Ihnen garantirt.« »Dann bin ich mit Allem einverstanden,« sagte Frühbach und streckte ihm die Hand entgegen. »Und jetzt will ich gleich nach Hause gehen und es meinem Frauchen sagen, daß ich den Dieb selber entdeckt habe – die wird sich freuen. Angenehmen Nachmittag, meine Herren!« Und vergnügt vor sich hin schmunzelnd, verließ der Rath das Zimmer. Der Actuar hatte, seit ihm Witte zugewinkt, kein Wort mehr in die Sache hineingesprochen, denn er konnte ja gar nicht wissen, welchen Zweck der Staatsanwalt dabei verfolge. Er schüttelte aber vor sich hin mit dem Kopf, denn wenn jener Heßberger wirklich einfach bewies, daß er das Zeug in jenem Laden gekauft habe – und das schien schon geschehen zu sein –, so war es doch gar nicht denkbar, in dieser Sache gegen ihn vorzugehen. Kaum hatte der Rath die Thür hinter sich ins Schloß gezogen, als er sich deshalb auch an Witte wandte und ihn fragte, was er in der unklaren Geschichte zu thun gedächte. »Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Actuar,« erwiderte der Staatsanwalt; »daß der Heßberger das Hosenzeug gestohlen hat, glaube ich, nach der Bereitwilligkeit, mit welcher er den Rath in den Laden führte, selber nicht; aber meiner moralischen Ueberzeugung nach ist der Schuhmacher ein vollkommen nichtsnutziges Subject, bei dem ich schon lange auf eine Gelegenheit gewartet habe, um ihm einmal beizukommen, und die bietet sich jetzt in vortrefflicher Weise durch unsern Rath Frühbach; der soll mir die Kastanien aus dem Feuer holen.« Der Actuar lachte. »Aber was wollen Sie thun?« »Haussuchung bei Heßbergers halten, und zwar einfach auf Anklage Frühbachs hin. Findet sich dann nichts, so mag er den Rath immerhin wegen Ehrenbeleidigung oder sonst 'was verklagen.« »Aber Sie können den armen Rath dadurch in schmähliche Verlegenheit bringen, und er wird es Ihnen wenig Dank wissen.« »Bah,« sagte Witte, »ich habe ihm erst neulich aus einer ganz ähnlichen herausgeholfen, und da mag er denn Eins gegen das Andere abrechnen. Uebrigens muß ich Ihnen gestehen, Actuar, daß gegen diesen Heßberger in mir ein ganz eigener und schwerer Verdacht aufgestiegen ist. Ich habe nämlich heute Morgen das Protokoll durchgeblättert, das Sie beim alten Salomon aufgenommen haben und mir zuschickten. Seine Aussagen sind allerdings vollständig unbestimmt, seine Personalbeschreibung des Mörders würde auf tausend Menschen in der Stadt passen; aber etwas habe ich darin gefunden, das mich stutzig machte. Er erwähnt, daß der Mann, der schon ein paar Mal bei ihm im Laden gewesen, sonderbare Ausdrücke beim Reden gebraucht. Das thun nun allerdings ebenfalls viele Leute, aber bei diesem Heßberger ist es mir besonders aufgefallen, und es wäre doch merkwürdig wenn wir dadurch auf die richtige Spur kämen.« »Aber Sie glauben doch nicht, daß der kleine Heßberger ...« »Man kann keinem Menschen in's Herz sehen; übrigens weil ich eben nichts Bestimmtes weiß, kam mir der Rath mit seiner Klage gerade recht.« »Und Sie haben ihm den Erfolg schon garantirt ...« »Nichts weiter, als den Ersatz seines Hosenzeugs,« sagte Witte, »das sich nicht so hoch belaufen wird, wenn der Schuhmacher Heßberger den nämlichen Stoff trägt. Das Schlimmste, das mir also passiren kann, ist, daß ich dem Rath seine Hosen bezahle. Aber was ich Sie fragen wollte, wie steht es mit dem jungen Baumann?« Der Actuar zuckte mit den Achseln. »Der alte Salomon,« sage er, »will allerdings nichts von ihm gesehen haben und behauptet, daß er vollkommen unschuldig wäre; aber ich kann mich noch nicht überzeugen, daß dessen Aussage allein maßgebend sein sollte, da es doch nicht wahrscheinlich ist, daß ein Mensch allein wagen sollte, etwas Derartiges zu unternehmen. Baumann kann möglicher Weise draußen an der Thür Wache gestanden haben.« »Aber dann wird er doch wahrhaftig nicht selber an die Thür pochen und um Hülfe rufen!« »Es ist noch immer nicht ganz sicher festgestellt, daß er das auch wirklich gethan hat, denn wir haben dafür nur seine eigene Aussage.« »Und die Leute aus der Nachbarschaft? Sind sie denn nicht allein auf den Hülferuf herbeigekommen?« »Allerdings; aber es kann auch jemand Anders gerufen haben.« »Sie sind unverbesserlich, Actuar, und indessen erzählen sich die Leute in der Stadt, daß der junge Baumann am Freitag geköpft werden solle.« »Sie überschätzen die Eile unseres Gerichtsverfahrens,« sagte der Actuar trocken; »wenn er wirklich verurtheilt wäre, könnte das noch immer sechs Monate Zeit haben.« »Und seine Familie – was muß die dabei empfinden?« »Mein lieber Staatsanwalt,« sagte der Actuar erstaunt, »Sie wissen doch am besten, daß wir hier auf der Polizei keine Gefühlspolitik treiben, sondern unsern ruhigen Geschäftsgang gehen.« »Nein, Actuar, Sie haben Recht,« sagte Witte; »entschuldigen Sie, daß ich Ihnen Uebermenschliches zutraute!« »Und wann wollen Sie die Haussuchung vornehmen?« »Gleich heut' Abend. Sie haben vielleicht die Güte, mir die Leute zu besorgen; bis wann sind Sie Abends hier?« »Jedenfalls bis sieben Uhr; später ist es ungewiß, obgleich ich heute wahrscheinlich etwas länger aufgehalten werde.« »Also auf Wiedersehen, Actuar!« sagte der Staatsanwalt und stieg, über seinen neuen Plan brütend, die Treppe hinunter. Daß er den Rath Frühbach, wenn sie wirklich nichts Gravirendes beim Schuhmacher Heßberger fanden, in die Gefahr brachte, von dem Schuster wegen Ehrenkränkung verklagt und nachher auch vom Gericht verurtheilt zu werden, wußte er recht gut; aber das machte ihm nicht die geringste Sorge. Frühbach selber hatte das mehr als reichlich durch sein Benehmen bei der Wittwe Müller verdient, und wie die Sachen gegenwärtig standen, ärgerte er sich, daß er damals auf so albern gutmüthige Weise den Vermittler gespielt. Wie aber das Alles wunderbar zusammenhing! Der Major, welcher schon seit Jahrzehnten an der Erbschaftssache bohrte und die lange Zeit daneben getappt hatte, schien jetzt doch die, wenn auch indirecte, Ursache zu sein, daß die Frau Baumann das Geständniß abgelegt; denn die Angst hatte sie geplagt, daß die so lange verheimlichte Sache nun doch vor Gericht käme. Wenn der jetzt wüßte, wie Alles stände, in welche Aufregung würde er gerathen! Es war aber besser so, denn möglicher Weise hätte er mehr verdorben, als gut gemacht. Was konnte er auch in der Sache thun und welches Interesse hatte er dabei, da es seine Ansprüche nicht im Geringsten unterstützte? Ein Erbe war jedenfalls da, ob der nun Bruno oder Friedrich hieß, und nur gegen die Nachfolge einer Tochter würde er seine vermeintlichen Rechte haben geltend machen können. Mit den Gedanken schlenderte Witte die Straße hinab und bog fast unwillkürlich in die Seitenstraße ein, an welcher das Baumann'sche Haus lag. Er hatte der Frau versprochen, dort vorzukommen, und wollte sein Wort halten. Welch' traurige Veränderung war aber heute in dem sonst so thätigen Hause vorgegangen! Als Baumann seine Frau vermißte, lief er, mit der Todesangst im Herzen, sie könne sich in der Aufregung ein Leid anthun, so rasch ihn seine Füße trugen, nach dem Fluß hinunter und fragte dort hin und her, ob Niemand ihr begegnet sei oder sie gesehen habe. Umsonst – dorthin konnte sie auch nicht gewandert sein, denn an der Brücke wurde gerade gearbeitet; eine Menge Menschen ging dort ab und zu, und unbemerkt wäre sie keinesfalls vorüber gekommen. Aber wo war sie sonst? Karl mit den Uebrigen sollte die Stadt absuchen, vielleicht begegnete er ihr, und Baumann machte sich indessen fortwährend die bittersten Vorwürfe, daß er sie in dem Zustand allein gelassen habe. Was wußte der derbe Schlossermeister auch von den Ohnmächten und deren Folgen! Die waren in seiner Familie nie heimisch gewesen, und er kannte sie kaum dem Namen nach. Als er aber wieder nach Hause kam und Niemand dort etwas von ihr wußte, als selbst Karl endlich heimkehrte, ohne auch nur eine Spur von ihr gefunden zu haben, überlief es ihn ordentlich siedendheiß, und er wollte eben wieder fort, und jetzt zwar direct auf die Polizei, um dort die Anzeige zu machen und um Hülfe zu bitten, als seine Kathrine plötzlich in die Thür der Werkstätte trat und erstaunt die Verwirrung betrachtete, die in dem Raum herrschte. »Kathrine, um Gottes willen, wo bist Du gewesen, Frau?« rief der alte Meister in Jubel und Angst zugleich entgegen. »Wie haben wir uns um Dich gesorgt und in der ganzen Stadt nach Dir gesucht!« »Nach mir?« »Nun versteht sich; Du warst ja auf einmal wie von der Erde verschwunden und kein Mensch wollte Dich gesehen haben. Wo warst Du denn?« »Meine Elise, mein kleines, liebes Herz!« rief die Mutter, als das Kind, welches ihre Stimme gehört hatte, jauchzend aus dem Zimmer heraus und auf sie zu flog. Sie kauerte sich neben ihm am Boden nieder und küßte ihm wieder und wieder das lockige Haupt. – »Wo ich war, Vater?« »Ja, Mutter, Du hast uns große Sorge gemacht. Als ich mit dem Arzt kam, warst Du fort.« »Mit dem Arzt?« »Nun natürlich – Du lagst ja wie todt, und ich wußte mir nicht zu helfen.« »Guter Gottfried,« sagte die Frau weich, »so viel Angst hast Du meinetwegen ausgestanden, und ich ...« »Aber wo bist Du nur gewesen, daß Dir Niemand von uns begegnet ist?« »Komm mit hinein in die Stube, Gottfried, Du sollst Alles wissen, ich habe Dir viel, sehr viel zu sagen; aber Niemand weiter darf es hören, als Du ...« »Ich begreife Dich gar nicht,« sagte der Mann kopfschüttelnd, »seit ein paar Tagen bist Du ganz wie verwandelt.« Die Frau antwortete ihm nicht darauf. »Weshalb ist die Else nicht in der Schule?« »Aber wir haben ja heute Mittwoch, Mama,« lachte das Kind, das sich rasch wieder beruhigt hatte; »weißt Du denn das nicht?« »Ja so, Du hast Recht; nun gut, Else, dann geh einen Augenblick in das Gärtchen, Kind, und sieh zu, ob Du für Mutter noch ein Veilchen finden kannst. Du darfst auch in dem Sande spielen, den der Mann gestern gebracht hat, und baue Dir wieder solch' einen kleinen Hof darin, wie gestern Abend.« »Ei, das ist prächtig!« rief die Kleine aus und sprang hinaus, um von der willkommenen Erlaubniß Gebrauch zu machen. Baumann aber betrachtete indessen kopfschüttelnd seine Frau, denn so ernst und feierlich war sie ihm noch nie in seinem Leben vorgekommen. Es mußte etwas ganz Ungewöhnliches sein, das sie so ergriffen hatte. Aber die Frau ließ ihn auch nicht lange mehr auf die Erklärung ihres sonderbaren Wesens warten. Sie folgte dem Kinde mit den Augen, so lange sie es sehen konnte; kaum aber war es durch die in den Hof führende Thür verschwunden, als sie den Mann an der Hand ergriff und mit sich in das kleine Zimmer neben der Werkstatt führte. Dort schüttete sie ihm ihr ganzes Herz aus; dort sagte sie ihm Alles, Alles, was sie dem Staatsanwalt gebeichtet, nur noch ausführlicher, noch klarer, noch mehr auf ihre eigenen Gefühle eingehend, aber nichts verschweigend oder mildernd, voll so, wie sie das Gewicht ihres Vergehens die langen Jahre niedergedrückt. Dort hing sie schluchzend an seinem Halse, dort lag sie vor ihm auf den Knien und preßte ihr Haupt an seine Brust. Und Baumann saß vor ihr, bleich und starr, als ob er aus Stein gehauen wäre, beide Hände fest geballt auf die Lehne des Stuhles, und nur das Zucken in seinem Antlitz, die kalten Schweißtropfen auf seiner Stirn zeugten davon, daß er lebe. Er erwiderte ihr kein Wort, keine Liebkosung; er richtete keine Frage an sie, beantwortete keine. Wie in einem Starrkrampf hielt ihn das Furchtbare, das er eben vernommen, gefangen, und als die Frau endlich still weinend aus dem Zimmer schlich, folgte er ihr nicht einmal mit dem Blick, sondern hielt das Auge fest und unbeweglich, wie er die ganze Zeit gesessen, auf die Stubenecke geheftet. So fand ihn Witte, als er fast zwei Stunden später das Haus betrat, nach dem Meister fragte und in die Stube gewiesen wurde; und er allein konnte sich denken, was vorgefallen war, was den sonst so starken, energischen Mann so vollständig gebrochen, so vernichtet haben mochte. »Baumann,« sagte deshalb der Staatsanwalt freundlich, indem er die Thür wieder hinter sich zudrückte, dann auf ihn zuging und ihm die Hand auf die Schulter legte, »Ihre Frau war heute bei mir und hat mir Alles gestanden; ich begreife, daß Sie die Nachricht erschüttern mußte – es ist schlimm, aber doch nicht so schlimm, um gleich zu verzweifeln. Es kann noch Alles gut werden – die Sache ist in redlichen Händen; was ich für Sie thun kann, soll geschehen. Sie dürfen sich darauf verlassen.« Der Mann antwortete ihm nicht, regte sich nicht oder gab auch nur das geringste Zeichen, daß er gehört hätte, es habe Jemand mit ihm gesprochen oder sei Jemand bei ihm. Witte betrachtete ihn kopfschüttelnd. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß der rauhe Handwerker so furchtbar von der Entdeckung ergriffen werden konnte, und doch saß er jetzt vor ihm wie ein Bild des starren, unbeweglichen Schmerzes, regungslos, nur mit schwer athmender Brust und zuckenden Lippen. »Baumann,« begann Witte von Neuem mit freundlicher Stimme, »nehmen Sie sich die Sache nicht so zu Herzen, Ihre Frau hat gefehlt, ja, aber sie hat es aus freilich verkehrter Liebe zu ihrem Kind, und dann auch noch mehr überredet, als aus freiem Willen gethan. Jenes nichtsnutzige Geschöpf, die Heßberger, hat sie dazu getrieben. Und bedenken Sie, was sie die langen Jahre dafür an Angst und Reue über das Geschehene ausgestanden! Es liegt ja auch vielleicht den Gesetzen gegenüber noch nicht einmal ein Verbrechen vor, da sie es selber eingestanden, ehe ihr eigener Sohn den Nutzen der Täuschung ernten konnte. Wer weiß, ob ihr nur irgend eine Strafe auferlegt wird, wenn wir den Beweis führen können, daß sie in ihrem damaligen Zustande wohl mehr gezwungen, als aus freiem, selbstständigem Willen die Hand zu der Täuschung geboten hat. Wenn wir der Sache auf den Grund sehen, finden wir vielleicht noch Manches, das die That nicht so schwarz erscheinen läßt, als sie Ihnen vielleicht im ersten Augenblicke vorkam.« Baumann rührte sich nicht. Wie er bisher gesessen, saß er noch, und eben so starr hing sein Blick an der Stubenecke, als vorher. Der Staatsanwalt kam wirklich in Verlegenheit, denn er war nicht einmal fest überzeugt, daß der Schlossermeister nur gehört, was er zu ihm gesagt. »Lieber Baumann,« bat er endlich, »hören Sie mich nicht? Ich bin hierher gekommen, um Sie zu beruhigen; Sie sollen wissen, daß Sie noch einen Freund in der Stadt haben.« Dem alten Schlossermeister tropften die großen, schweren Thränen aus den Augen, und als Witte jetzt seine Hand faßte, fühlte er den kräftigen Druck des Mannes. »Was muß die Welt von mir denken,« hauchte er endlich mit vollkommen lautloser Stimme, »was muß die Welt von mir denken! Und wenn sie mich in's Zuchthaus stecken, hab' ich es nicht verdient?« »Aber lieber, bester Baumann,« rief der Staatsanwalt, froh, nur erst einmal ein Lebenszeichen von ihm zu hören, denn das frühere starre Schweigen hatte ihn wirklich geängstigt – »was machen Sie sich für tolle, nutzlos tolle Gedanken! Glauben Sie, daß irgend ein Mensch in der Stadt Ihnen auch nur einen Gran von Schuld beimessen wird?« »Und meine Frau, mit der ich die langen, langen Jahre glücklich gelebt – die ich auf den Händen getragen und geliebt und verehrt – Alles, Alles vorbei – Alles vorbei! Was hab' ich denn gethan, daß ich so hart gestraft werden mußte?« »Es ist noch nicht vorbei, Baumann,« suchte ihn der Staatsanwalt zu trösten, »es ist noch lange nicht vorbei, und danken Sie Gott, daß Ihre Frau sich noch in der letzten Stunde ein Herz gefaßt hat, um ihr Vergehen zu bekennen und es dadurch wieder, so weit es wenigstens in ihren Kräften stand, gut zu machen. Wer kann sagen, wie sich noch Alles zum Besten gestaltet? Ihr ganzes bisheriges Leben muß auch für sie sprechen und sie entschuldigen oder dem Richter doch wenigstens beweisen, daß er es, so weit es nämlich Ihre Frau betrifft, mit keinem Verbrechen zu thun hat. Hoffen Sie das Beste, und meine Hülfe, mein Beistand sind Ihnen dabei gewiß.« »Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, indem er sich mit der breiten, hornigen Hand über die Stirn fuhr – es war die erste Bewegung, die er machte – »ich danke Ihnen von Herzen! Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen – aber es hilft Ihnen nichts. Vor den Gerichten könnten Sie die Frau vielleicht frei bringen, vor meinem eigenen Gewissen nicht. Sie hat es gethan, und wenn sie es nicht gethan, sie hat geduldet, daß es geschah, und mir, ihrem Manne, dem sie gelobt, kein Geheimniß vor ihm zu haben, die langen, endlosen Jahre das Furchtbare verschwiegen, daß sie ihm sein eigenes Kind verkauft!« »Aber, Meister Baumann!« »Verkauft – ich habe kein anderes Wort dafür,« sagte der Mann tonlos; »sie hat es verkauft, weil sie den Stand verachtete, in dem sie lebte und großgezogen war, weil sie etwas Besonderes, etwas Vornehmes aus ihrem Kinde machen wollte, und deshalb nur, deshalb allein wurde dem Vater die falsche Brut untergeschoben und dessen Herz von dem eigenen Sohne abgewandt!« Der Staatsanwalt war selber in Verlegenheit, was er dem Mann darauf erwidern sollte. Er hatte nur zu sehr Recht, und er fühlte auch, daß ein Trost jetzt nach dem ersten Schmerz am unrechten Platz sein und vielleicht mehr schaden als nützen würde. Eine lange Weile schwiegen Beide; endlich sagte Witte wieder: »Ueberdenken Sie sich die Sache diese Nacht; wir haben Zeit genug dazu, denn vor der Hand darf doch Niemand weiter darum wissen.« »Was?« rief Baumann, ordentlich erschreckt emporfahrend, »und mir muthen Sie zu, das selber als Geheimniß zu bewahren, was ...« »Verstehen Sie mich nicht falsch,« unterbrach ihn der Staatsanwalt rasch; »nur auf vernünftige Weise müssen wir vorgehen, um das wieder gut zu machen, was gefehlt ist, und das kann nicht in der ersten Hitze und Aufregung geschehen, oder wir verderben, was wir bessern wollten. Kommen Sie morgen früh zu mir, so früh Sie wollen; ich stehe schon um sechs Uhr auf und arbeite. Dann besprechen wir Alles mit kaltem Blut; vorher aber geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie mit keinem Menschen darüber reden wollen.« »Mit keinem Menschen weiter?« »Nein. Glauben Sie mir, ich rathe Ihnen zum Besten und bin selber ein alter Mann; ich werde von Ihnen nichts verlangen, was ich nicht mit gutem Gewissen verantworten kann. Morgen früh kommen Sie zu mir, und ich glaube bestimmt, daß wir einen Weg finden, um ehrlich und rechtschaffen das von Ihrer Seele zu nehmen, was Sie jetzt zu Boden drückt. Sind Sie damit einverstanden?« Der Schlossermeister zögerte einen Augenblick mit der Antwort; endlich sagte er leise: »Gut, ich will Ihnen folgen, Herr Staatsanwalt; ich weiß, Sie meinen es ehrlich und werden dafür sorgen, daß dem rechtmäßigen Erben nicht ein Groschen seines Rechts verkümmert wird. So weit ich selber mit meinem kleinen Vermögen ausreiche, etwa geschehenen Schaden zu decken, stelle ich mich Ihnen zur Verfügung – bis zu dem letzten Ziegel meines Daches. So weit bin ich erbötig, Alles gut zu machen, was fremde Leute betrifft. In meinem eigenen Hause werde ich selber Rechnung halten.« »Sie werden nicht zu hart mit Ihrer armen Frau sein, Baumann.« »Ich werde thun, was ich vor Gott und meinem Gewissen verantworten kann,« sagte der Mann ernst; »sorgen Sie sich deshalb nicht – und damit haben die Gerichte auch nichts zu thun – oder doch nur wenig,« setzte er leise und kaum hörbar hinzu. »Also auf morgen früh!« »Ich werde kommen – verlassen Sie sich darauf!« Und still und brütend sank er wieder in seinen Stuhl zurück. Witte aber, der jetzt wohl einsah, daß heute mit dem Mann doch nichts mehr zu reden und es das Beste sei, ihn sich selber zu überlassen, verließ langsam das Haus und schritt seiner eigenen Wohnung wieder zu. 28. Die Haussuchung. Zu Hause angekommen, überholte Witte auf der Treppe die Frau Räthin Frühbach, die im Begriff stand, seiner Frau einen Besuch zu machen. Sie war im höchsten Staat und strotzte von Seide, Sammetmanchester und unächten Spitzen. »Ach, Frau Räthin,« sagte der Staatsanwalt nach der ersten Begrüßung, indem er eben in sein Zimmer abbiegen wollte, »kommen Sie von Hause und können Sie mir sagen, ob Ihr Herr Gemahl dort ist?« »Ach nein, Herr Staatsanwalt, das weiß ich wirklich nicht,« erwiderte die Dame; »ich habe noch einige Wege in der Stadt besorgt und bin dann gleich hierher gegangen. Aber mein Männi kommt in dieser Zeit immer nach Hause – Sie finden ihn sicher!« Männi nannte sie den Fleischklumpen, und der Staatsanwalt schüttelte den Kopf, erwiderte aber nichts, machte ihr eine halbe Verbeugung und trat in sein Schreibzimmer, um inzwischen eingelaufene Geschäfte zu erledigen. Er wunderte sich allerdings im Stillen, die Frau Räthin hier zu sehen, denn sie kam nur selten zu ihnen, und da er dem Dienstmädchen unterwegs begegnet war, das eine Düte mit Backwerk, das stete Zeichen einer Kaffee-Visite, trug, so mußte seine Frau auch auf den Besuch vorbereitet sein. Aber andere, wichtigere Dinge zogen ihm durch den Kopf, um sich lange mit solchen Nebensachen zu beschäftigen, und er hatte sie auch bald vergessen. Sonderbarer Weise war aber von der Frau Staatsanwalt wirklich die Frau Räthin heute, und zwar ganz allein, zum Kaffee geladen worden und das noch dazu einer wichtigen Besprechung und Unterredung wegen. Man wußte nämlich ziemlich genau in der Stadt, daß die Frau Räthin, vielleicht aus Mangel einer bessern oder andern Beschäftigung, sehr geschickt im Kartenlegen sei, und die Frau Staatsanwalt war zu dem Entschluß gekommen (von dem aber ihr Mann natürlich keine Silbe erfahren durfte), die geheimnißvollen Blätter mit Hülfe einer »Wissenden« zu befragen, da ihr die Polizei das gestohlene Silbergeschirr doch nicht wiederschaffen konnte. Auch andere Dinge lagen ihr auf dem Herzen, über welche sie gern Auskunft gehabt hätte: aber das Silbergeschirr ging unter allen Umständen vor. Die Damen konnten ganz ungestört ihren geheimnißvollen Versuchen obliegen und gingen denn auch mit gutem Willen an die Arbeit. Ottilie betheiligte sich übrigens nicht daran. Sie hatte Anfangs ganz still und lautlos am Fenster gesessen und sich mit einer Stickerei beschäftigt; endlich stand sie auf und ging in ihr eigenes Zimmer, wo sie den übrigen Theil des Abends blieb. Sie glaubte merkwürdiger Weise nicht an Kartenlegen und die Frau Räthin war ihr außerdem keine angenehme Persönlichkeit, weil sie das ewige Schimpfen und Klagen über Dienstboten und die Nachbarsleute, in dem sich jene Dame am liebsten erging, nicht leiden konnte. Solche Zu- oder Abneigungen sind aber gewöhnlich gegenseitig, und so mochte denn auch die Frau Räthin das »schnippische Ding« nicht leiden, wie sie es gewöhnlich in anderen Kaffeegesellschaften nannte. Sie fragte allerdings die Frau Staatsanwalt, als Ottilie das Zimmer verließ, ob »das liebe Kind« vielleicht nicht wohl sei, aber erwähnte sie nachher nicht weiter, und die Kartenprocedur hatte ihren ungestörten Fortgang. Merkwürdiger Weise wollte es aber heut Abend gar nicht so besonders damit gehen. Die Karten fielen, wie die Frau Räthin bemerkte, so ungünstig und verkehrt, und es war ihr immer bald einmal eine Treff-Sieben, bald eine Caro-Zwei im Wege, daß sie sich selber nicht hindurchfand und endlich erklärte, so gänzlich mißglückt sei es ihr noch nie und es müsse irgend ein Hinderniß in der »Umgebung« liegen, das man vielleicht beseitigen könnte, wenn man eben wüßte, was es wäre. So erzählte sie der Frau Staatsanwalt, sie habe einmal bei sich zu Hause die Karten legen wollen und ebenso wie heute nichts zuwege gebracht; alle Versuche, obgleich immer und immer wiederholt, seien mißglückt und sie wäre schon im Begriff gewesen, die Sache aufzugeben, als das Mädchen zufällig einen auf dem Tisch stehenden Blumentopf in das andere Zimmer getragen hätte, und von dem Augenblick an war es, als ob ein Bann von den Karten genommen sei. Sie fielen ordentlich wie ein Buch, in dem man ganz bequem lesen konnte. Alle möglichen Versuche wurden deshalb jetzt auch hier gemacht: die Blumen sämmtlich entfernt, die Stühle herumgedreht, der Tisch selbst ward anders gestellt; aber es half nichts: die Kartenblätter wollten keine Vernunft annehmen, als die Frau Räthin endlich der Sache müde wurde und zu einem verzweifelten Entschluß kam. »Hören Sie, Frau Staatsanwalt« sagte sie – es war indessen auch dunkel geworden und das Mädchen hatte eben die Lampe hereingebracht – »ich wollte Ihnen schon lange einen Vorschlag machen, aber ich habe mich immer nicht getraut. Ich wüßte Jemanden, der uns aus der Noth helfen könnte.« »Und wer ist das?« fragte die Frau Staatsanwalt. »Die Heßberger, des Schusters Frau – die versteht das aus dem Grunde, und mir – das versichere ich Ihnen – hat sie schon merkwürdige Dinge prophezeit.« »Und ist es eingetroffen?« »Auf's Haar, sage ich Ihnen, auf's Tittelchen. Nein, einmal – das war zu merkwürdig – da fehlte mir ein silberner Theelöffel und ich ging zu ihr, und blos aus den Karten sagte sie mir, daß ich morgen früh mit Tagesanbruch in meinen Holzstall unten im Hof gehen sollte, dort würde ich ihn finden – und wahrhaftig, wie ich am andern Morgen hinuntergehe, liegt er mitten drin und wie er dahin gekommen ist, weiß ich bis auf den heutigen Tag noch nicht!« »Das ist in der That sonderbar ...« »Und ehe mein Männi neulich krank wurde, wo er sich so heftig übergeben mußte, hat sie mir fast die Stunde vorher gesagt und mir auch gleich eine Medicin mitgegeben, die ich ihm vorher heimlich in den Wein schütten mußte, damit es ihm nichts weiter schade, und ich sage Ihnen, nach zwei oder drei Stunden war er wieder gesund wie ein Fisch und eben so naß, denn ich hatte ihn tüchtig schwitzen lassen.« »Ja, wenn wir die Frau nur einmal auf eine halbe Stunde hier hätten!« sagte Frau Witte. »Aber ich darf es nicht wagen, denn wenn es nachher durch einen Zufall mein Mann erführe, so könnte ich sicher sein, daß er ein volles Jahr darüber zankte und raisonnirte.« »Sie geht auch nicht zu den Leuten in's Haus,« bemerkte die Frau Räthin, »eben der häufigen Störungen wegen, denen sie dort durch irgend einen fremdartigen Gegenstand ausgesetzt ist. Wenn wir aber nun einmal zu ihr gingen – bei ihr ist Alles darauf eingerichtet und kein Mensch brauchte ein Wort davon zu erfahren.« »Um Gottes willen,« rief die Frau Staatsanwalt, schon von dem Gedanken erschreckt, »nachher möchte ich meinen Mann sehen!« »Und was braucht der davon zu wissen?« sagte Madame Frühbach. »Ich bin oft und oft schon dort gewesen, es ist ein ganz anständiges Haus und in einer Stunde wäre die ganze Sache abgemacht.« »Und wenn sie nachher darüber spricht und es weiter erzählt?« »Da kennen Sie die Heßberger schlecht,« sagte die Frau Räthin; »eher ließe sie sich todtschlagen. Die ist berühmt wegen ihrer Verschwiegenheit und das ja auch nur zu ihrem eigenen Vortheil; denn sie weiß recht gut, daß sie ihre ganze Kundschaft verlieren würde, wenn sie nur ein einziges Mal plauderte.« »Aber, liebe Frau Räthin, ich kann doch nicht meiner Schustersfrau einen Besuch abstatten?« »Aber das ist ja doch kein Besuch, Frau Staatsanwalt; der Schuhmacher Heßberger arbeitet ja auch für uns, und ich bin ebenfalls hingegangen. Und dann braucht sie noch gar nicht einmal zu wissen, wer Sie sind – Sie nehmen einen dichten Schleier vor und setzen Ihre Kapuze auf. Sehr viele Damen kommen dort tief verschleiert hin – Damen aus den allerhöchsten Ständen, das kann ich Ihnen versichern. Ich habe selber schon einmal die Frau Präsidentin dort getroffen, aber das ganz unter uns, denn ich that natürlich gar nicht, als ob ich sie erkannte; aber Sie wissen wohl, sie hinkt ein bischen, hat wenigstens so einen krummen Gang, und dann müßte ich auch blind sein, denn wir haben ja eine und dieselbe Putzmacherin, und ich erfahre immer Alles, was sie sich machen läßt.« Das Mädchen kam herein, um das Kaffeegeschirr hinaus zu tragen. »Ist mein Mann zu Hause?« »Nein, Frau Staatsanwalt; er ist vor etwa einer halben Stunde fortgegangen und hat gesagt, Sie möchten heut Abend nicht auf ihn mit dem Thee warten, da er etwas Wichtiges zu thun habe.« Die Frau Räthin warf ihrer Freundin einen triumphirenden Blick zu, denn das hätte gar nicht besser passen können. Die Frau Staatsanwalt war aber noch lange nicht mit sich einig, denn der Schritt schien ihr zu gewagt, wenn sie auch selber nur zu gern gegangen wäre. Wie viel und wie oft hatte sie schon von der Schustersfrau gehört, die unter den Damen der Stadt allerdings einen Ruf besaß; wie oft gewünscht, sie einmal selber auf die Probe zu stellen, aber es trotzdem immer unterlassen – und jetzt auf einmal bot sich die Gelegenheit und schien auch in der That Alles zusammen zu treffen, um ihr den Versuch zu erleichtern! Sie zögerte freilich noch immer, aber die Frau Räthin hatte einmal, wie sie sagte, »ihr Herz daran gesetzt«, und sie ließ nicht nach mit Bitten und Zureden, bis sich die Frau Staatsanwalt endlich entschloß, ihr zu willfahren und sie zu begleiten. Die Frau Räthin versprach ihr auch, die Sache einzuleiten, indem sie zuerst für sich selber nach dem abhanden gekommenen Hosenstoff fragte – da sie ihren Mann noch nicht wieder gesprochen hatte, konnte sie natürlich keine Ahnung haben, welche Entdeckung er indeß gemacht und welchen Verdacht er hege. So denn, während der Staatsanwalt oben auf dem Gericht war und eine unmittelbare Haussuchung bei dem Schuhmacher Heßberger, auf die Anklage eines Diebstahls hin, betrieb, rüsteten sich die beiden Damen, um der Frau des nämlichen Mannes einen geheimen Besuch abzustatten, und verließen auch, ohne selbst Ottilien ein Wort davon zu sagen, bald darauf das Haus. Nur das hinterließ die Frau Staatsanwalt bei dem Dienstmädchen, daß es ihrem Mann, wenn er nach Hause kommen und nach ihr fragen sollte, nur ausrichten möchte, sie wäre »einen Sprung« mit der Frau Räthin gegangen und würde bald wiederkommen. Abzuholen brauche er sie nicht.– – Im Heßberger'schen Hause ging es an dem Abend und genau in der nämlichen Zeit, in welcher die beiden Damen das Witte'sche Haus verließen, etwas unruhig zu, denn Heßberger hatte seinen einen Lehrjungen auf frischer That ertappt, wie er ihm an die Privatflasche gegangen war, um so heimlich als unverschämt daraus zu kosten. Er machte nicht viel Umstände mit ihm: in übler Laune war er außerdem, und seinen Knieriemen nehmend, griff er dem armen Jungen mit der linken Hand in das struppige Haar und bearbeitete ihm mit dem schweren Riemen den Rücken nach Herzenslust. Er hörte auch wirklich erst auf, als er den rechten Arm nicht mehr rühren konnte, schickte den Jungen dann mit einem lästerlichen Fluch an seine Arbeit und setzte sich selber auf seinen Schemel hinter die Glaskugel, wo er, wie um seine ruhige Fassung wieder zu erlangen, fast unmittelbar danach in eins seiner gellenden geistlichen Lieder ausbrach und, mit dem Buche neben sich, um manchmal nach dem Text zu sehen, einen Vers nach dem andern abschrie. Er mochte etwa bei dem sechsten angekommen sein, und der Junge saß noch immer still weinend bei seiner Arbeit und wischte sich nur manchmal die dicken Thränen mit dem Aermel von Augen und Nase ab, als es draußen anpochte. Der eine Junge öffnete, um zu sehen, wer da sei. Es waren zwei Damen – die eine dicht verschleiert –, die nach der Frau Heßberger fragten, und da das zu häufig vorkam, um nur die geringste Aufmerksamkeit zu erregen, so wies sie der Bursche, indem er einfach mit der Hand nach der Thür der Wohnstube deutete, dort hinüber zu gehen, und setzte sich augenblicklich wieder auf seinen Schemel nieder. Die Jungen hatten strenge Ordre, nicht einmal den Kopf nach einem solchen Besuch zu wenden, und Heßberger selber that gar nicht, als ob er existire. Er unterbrach seinen Vers nicht einmal und schrie so ruhig fort, als ob er draußen auf einer Haide und meilenweit von irgend einer menschlichen Wohnung gesessen hätte. Desto förmlicher wurde der Besuch dagegen drinnen bei der Frau Heßberger selber empfangen, die, als die Damen das Zimmer betraten, bei einer sehr hübschen Lampe an ihrem Tisch saß und in einer aufgeschlagenen Bibel las. »Frau Räthin,« sagte sie mit einer nicht ungeschickten Verneigung, »es ist mir eine große Ehre, Sie bei mir zu sehen. Wollen Sie nicht ablegen, und dürfte ich die fremde Dame nicht vielleicht ebenfalls bitten, Platz zu nehmen? Es geht bei mir freilich ein wenig eng zu – lieber Gott, wir haben in unserer beschränkten Wohnung nicht viel Raum, und die Miethen sind in den letzten Jahren so gesteigert, daß man gar nicht daran denken kann, eine größere zu nehmen!« Frau Staatsanwalt Witte fühlte sich anfangs unter ihrem Schleier etwas unbehaglich; da aber die Schustersfrau nicht die geringste Notiz von ihr zu nehmen schien, ja sie wohl absichtlich kaum flüchtig ansah, so faßte sie nach und nach mehr Muth, nahm den angebotenen Stuhl an und beschloß nun, fest vermummt wie sie außerdem war, nur den stillen Beobachter zu machen. Die Zwischenzeit aber, in der sich die Räthin noch mit der Frau unterhielt, benutzte sie, um sich das Zimmer selber ein wenig genauer anzusehen – neugierig war sie lange genug darauf gewesen. Hatte sie übrigens irgend etwas Absonderliches darin erwartet, so fand sie sich getäuscht. Das Zimmer glich tausend anderen Wohnungen des Handwerkerstandes auf ein Haar und war, wenn auch sehr sauber und nett gehalten, doch einfach mit Erlenholz-Möbeln ausgestattet. Nur ein paar hochlehnige und ledergepolsterte Stühle aus geschnitztem dunkelbraunen Wallnußholz schienen nicht hinein zu gehören und auch wirklich nur für »vornehmen Besuch« bestimmt zu sein. An der Wand hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar schreckliche Oelgemälde, jedenfalls Familienbilder, die aber nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit irgend einem bekannten Gesicht zeigten, dann noch ein paar Silhouetten, und auf der Commode standen einige Tassen mit Goldrand, die wohl kaum je im Gebrauch gewesen, ein paar blaue Glasvasen mit Schilfblüthen und einige kleine, buntbemalte Gypsfiguren, aber schneeweiße Gardinen hingen vor den Fenstern, und die beiden ebenfalls im Zimmer stehenden Betten des Ehepaares waren mit reinlichen Ueberhängseln von buntem Kattun verhüllt. Frau Heßberger brauchte keine lange Zeit zu ihren Vorbereitungen. Sie wußte genau, was Damen, die sie zu dieser Zeit besuchten, von ihr wollten, und versäumte nie, ihnen zu Willen zu sein. Fand sie ja doch auch ihren reichlichen Nutzen dabei, da sie für ihre Bemühungen nie unter einem Thaler bekam, sich aber auch wohl einzelner Fälle erinnerte, wo ihr beim Abschied deren fünf in die Hand gedrückt wurden, und wahrlich mit leichter Mühe, wenn auch nicht ganz ohne Scharfsinn, war das Geld verdient! Sie ging jetzt zu einem kleinen Seitenschrank, um von dort ihre Karten vorzuholen. Hatte sie aber vorher, als sie sich beobachtet wußte, die verschleierte Dame kaum angesehen, so haftete ihr Blick jetzt, hinter dem Rücken des Besuches, um so viel forschender auf der Verhüllten, und nichts an deren Anzug, nicht das kleinste, unbedeutendste Band entging ihr. Ein spöttisches Lächeln zuckte auch um ihre Lippen, als sie den Schrank endlich öffnete; hatte sie die Fremde etwa doch erkannt? Aber es war nichts davon zu bemerken, als sie wieder zum Tisch trat und jetzt vor allen Dingen die Bibel und dann auch ebenso die Lampe entfernte. Sie legte die Karten nur bei dem Schein von Lichtern, von denen sie zwei entzündete und auf den Tisch stellte. Dann nahm sie selber auf einem hohen Rohrsessel ohne Lehne Platz, und das Spiel geschäftsmäßig mischend, sagte sie freundlich: »Nun, Frau Räthin – bitte, heben Sie erst einmal ab – so – nun sagen Sie mir gefälligst, mit was ich Ihnen dienen kann und was Sie zu wissen wünschen.« Die Frau Räthin überlegte sich die Sache erst einen Augenblick; dann erzählte sie der Frau von dem abhanden gekommenen Stück Hosenzeug, beschrieb genau, wo es gelegen hatte und wie es ausgesehen habe, und bat sie dann, die Karten einmal zu fragen, wer es mitgenommen, und ob und wie man es wohl wiederbekommen könne. Die Frau hatte bei der Erzählung wieder langsam gemischt und ließ noch einmal abheben. Dann legte sie die Karten aus und betrachtete sich nun, den gebogenen Zeigefinger an den Lippen, die bunten Blätter wie in tiefem Nachdenken. Endlich sagte sie sinnend: »Ja, meine liebe Frau Räthin, das Zeug ist wirklich gestohlen, so viel ist richtig, und nicht etwa verlegt oder in eine falsche Schublade gekommen – da läuft der Bursche noch, der es mitgenommen hat – der Caro-Bube zwischen zwei Dreien – ein hagerer, aufgeschossener junger Mensch. Er hat es auch nicht aus Armuth genommen, denn die über ihm liegende zehn bedeutet Geld; aber wo er jetzt ist, wird schwer heraus zu bekommen zu sein. Warten Sie einmal, da geht Ihr Mann hinter dem Treff-Buben – er hat auf irgend Jemanden einen falschen Verdacht – der ist es nicht, der hat's nicht genommen, der ist ehrlich – sehen Sie, wie das Aß neben ihm steht – aber die Caro zieht sich hier herüber, und hier ist die Treff-Sieben und Fünf. Wenn sich Ihr Mann morgen Abend an die katholische Kirche stellt – um fünf Uhr, aber mit dem Glockenschlag –, dann wird der Dieb dort vorüberkommen.« »Das wäre in der That merkwürdig!« sagte die Frau Räthin. »Also morgen Nachmittag um fünf Uhr?« »Aber mit dem Glockenschlag, nicht früher, noch später, sonst verpaßt er ihn; er muß genau aufmerken.« »Nun, da bin ich doch wirklich neugierig,« sagte die Frau Räthin kopfschüttelnd, »und da hätte sich mein Mann auch die Anzeige auf der Polizei ersparen können.« »Die hilft ihm nichts, die hilft ihm nichts,« erwiderte die Frau, immer noch in die Karten sehend. »Die Polizei ist da ganz oben, weit von dem Caro-Buben entfernt, und kommt ihm gar nicht in den Weg. Die findet ihn nicht – aber Ihr Mann wird ihn finden; doch er muß auch das Herz haben, ihn anzufassen.« »Das wird er schon,« nickte die Frau Räthin; »der fürchtet sich vor Niemandem, und wenn er erst einmal heftig wird, kennt er sich selber nicht mehr.« »Und was war es noch, was Sie fragen wollten?« »Ach, liebe Madame Heßberger,« sagte die Frau Räthin »zuerst möchte ich Sie bitten, meiner Freundin eine Frage zu beantworten.« »Von Herzen gern.« »Sie ist nicht von hier,« fuhr die Dame fort, »sondern erst heute aus der Residenz angekommen, und hat dort so viel von Ihrer Kunst reden hören, daß sie vor Neugierde brennt, Sie kennen zu lernen.« »In der That?« lächelte die Frau, ohne den Blick aber von der Sprechenden zu wenden. »Und ist ihr auch etwas gestohlen worden?« »Ja – über das möchte sie ebenfalls nachher Ihren Rath hören; vorher wünscht sie aber Ihre Kunst recht auf die Probe zu stellen und den Namen ihres künftigen Schwiegersohnes zu erfahren.« »Das ist freilich viel verlangt,« sagte die Kartenschlägerin kopfschüttelnd, »denn wirkliche Namen nennen die Karten nicht; sie deuten nur Personen an, daß man sich danach ihre Beschreibung oder vielmehr ihr Aussehen zusammenstellen kann. Außerdem wird es sehr schwer sein, einem ganz Fremden solch eine Sache vorherzusagen. Die Dame muß mir jedenfalls vorher erlauben, einmal die Linien ihrer linken Hand zu betrachten; ein kleines Hülfsmittel muß ich haben, ich kann sonst nicht für den Erfolg einstehen.« Die verschleierte Frau Staatsanwalt zog schweigend ihren linken Handschuh ab und reichte der Frau Heßberger die Hand, und diese schienen aufmerksam mehrere Minuten lang die Linien derselben zu betrachten. Aber sie sagte kein Wort dabei, sondern nickte nur langsam mit dem Kopf, und die Karten wieder aufgreifend, ersuchte sie die verschleierte Dame, abzuheben – aber mit der rechten, und zwar der vollen Hand, nicht nur mit zwei oder drei Fingern, und ohne Handschuhe, Das geschah auch, und auf das Sorgfältigste und Genaueste legte sie dann die Blätter aus. Aber sie kam nicht so rasch damit zu Stande, als bei der vorigen Antwort. Bedeutend und wie in tiefem Nachsinnen schüttelte sie den Kopf; endlich sagte sie: »Die Dame muß aus einer sehr vornehmen Familie sein, denn Alles deutet darauf hinaus. Hier steht ein armer Werber – er hat rechts und links nichts als Zweier und Dreier –, aber die Coeur-Dame geht weiter. Da endlich laufen die Pfade von dem Coeur-König mit ihr zusammen – das trifft sich selten, daß Jemand seine erste Liebe bekommt – der ist reich und vornehm, und hier...« Sie horchte hoch auf, denn draußen entstand ein ungewöhnlicher Lärm. Ihr Mann halte auch aufgehört zu singen; aber sie hörte eine tiefe Stimme, die sie nicht kannte und die wie befehlend sprach. »Um Gottes willen,« flüsterte die Frau Staatsanwalt der Räthin zu, »ich glaube, da kommt noch mehr Besuch, und ich möchte hier nicht gern gesehen werden – daß sie nur Niemanden hereinläßt!« Die Frau Heßberger war aufgestanden und horchte nach der Thür der Werkstätte hinüber, nach der zu ihr einziger Ausgang lag. Was in aller Welt ging da drinnen vor? – Sie sollte nicht lange in Zweifel bleiben. »Du, Thomas, stellst Dich an die Treppe,« sagte die Baßstimme wieder, »und läßt Niemanden hinunter oder herauf. Ist Ihre Frau zu Hause, Heßberger?« Sie hörte die Antwort ihres Mannes nicht, aber sie mußte bejahend ausgefallen sein. »Nun gut,« fuhr der Baß fort, als noch eine andere Männerstimme zu ihm gesprochen, »Niemand hinunter oder herauf ohne meine Erlaubniß. Einer von Euch bleibt bei dem Schuhmacher und läßt ihn nicht aus den Augen. Gehören die Leute hier alle in's Haus?« »Nein, Herr Geheimer Commissar,« hörte sie jetzt Heßberger sagen. »Nur zwei von den Jungen schlafen hier, die beiden anderen sind auf der Arbeit.« »Gut, die mögen sich anziehen und ihrer Wege gehen; wir haben nichts weiter mit ihnen zu thun. Die zwei Jungen bleiben da.« Die Frau Heßberger schritt nach der Thür. »Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Frau Heßberger,« sagte die Frau Räthin rasch, »und schließen Sie die Thür zu, bis die Leute wieder fort sind, oder wenn das nicht geht, lassen Sie uns hinten hinaus; wir kommen lieber morgen Abend wieder.« »Ich habe nur den einen Ausgang,« sagte die Frau; »aber geduldigen Sie sich einen Augenblick – ich will nur sehen, was da vorgeht – die ganze Sache scheint ein Mißverständniß zu sein, und mein Holzkopf von Mann weiß sich nie zu helfen.« Damit verließ sie die Stube und trat in die Werkstätte; die Frau Staatsanwalt aber, die aufgestanden war, sank in ihren Stuhl zurück und stöhnte: »Oh Du barmherziger Gott, das war die Stimme meines Mannes! Er ist mit Polizei gekommen, um mich abzuholen!« »Aber, beste Frau Staatsanwalt,« bat die Frau Räthin, die viel ruhiger bei der Sache blieb, »das ist ja gar nicht möglich! Der Zufall kann ihn hierhergeführt hoben, wenn ich auch nicht begreife, wie; aber er wird auch wieder fortgehen, und wir warten es hier ruhig ab.« »Horchen Sie nur – sie kommen hierher!« – Sie hatte Recht. »Thut mir leid, Frau Heßberger, Sie stören zu müssen, kann Ihnen aber nicht helfen muß meine Pflicht thun,« sagte der Baß wieder. »Ich ersuche Sie vor allen Dingen, Ihre sämmtlichen Zimmer und Kammern aufzuschließen.« »Aber auf wessen Befehl?« rief jetzt die Frau Heßberger, empört über eine derartige Behandlung. »Wer darf friedlichen Bürgern bei Nacht und Nebel in das Haus fallen und ihre Wohnung durchsuchen?« »Die Polizei darf Alles, Frau Heßberger,« sagte der Mann ruhig, »und wenn Ihnen nachher Unrecht geschehen ist, so steht es Ihnen frei, Ihre Klage anzubringen. Für jetzt haben Sie weiter nichts zu thun, als Folge zu leisten.« »Aber wessen sind wir denn angeklagt? Das darf man doch erfahren, um sich vertheidigen zu können.« »Ja wohl, gewiß,« sagte der Commissar wieder; »der Herr Rath Frühbach hat eine Klage gegen Sie anhängig gemacht und eine Haussuchung beantragt, weil er behauptet, daß ihm von dem Schuhmacher Heßberger Zeug zu einem Beinkleide und verschiedene Silbersachen gestohlen seien.« »Was, der Herr Rath Frühbach hat das behauptet?« schrie die Frau, während die Frau Räthin hinter der Thür vor Schreck fast in die Kniee zu brechen drohte. »Der schlechte, nichtsnutzige Mensch will ehrliche Leute zu Dieben machen, und indessen kommt seine Frau hier zu mir und thut scheinheilig und freundlich, als ob sie von Gott und der Welt nichts wüßte?« »So? Die Frau Räthin Frühbach ist bei Ihnen?« sagte Staatsanwalt Witte, der in diesem Augenblick vortrat. »Da bedauere ich allerdings, daß wir so zur unrechten Zeit gestört haben – aber jetzt kann's nichts mehr helfen. Herr Commissar, bitte, thun Sie Ihre Schuldigkeit!« »Ja wohl, Herr Staatsanwalt,« rief die Frau mit einem tiefen, spöttischen Knix, indem sie die Thür zu ihrem Zimmer aufriß, »dann seien Sie nur so gut und heben Sie das ganze Nest aus und können dann Ihre Frau Gemahlin auch gleich mitnehmen! Weiter werden Sie aber wohl nichts finden – bedaure sehr, daß sich die Herren umsonst bemüht haben!« »Alle Teufel!« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin. »Aber das ist ja gar nicht möglich!« »Belieben Sie vielleicht gefälligst näher zu treten?« sagte die Frau höhnisch. »Eine verschleierte Dame aus der Residenz, die zu wissen wünscht, wer ihr Schwiegersohn wird! Bitte, Herr Commissar, geniren Sie sich nicht, thun Sie, als ob Sie zu Hause wären! Aber da will ich doch die ganze Welt fragen,« setzte sie boshaft hinzu, »ob das ein Betragen von anständigen, ehrbaren Frauen ist, hier in der Nacht zu mir zu kommen und sich an meinen Tisch zu setzen, während ihre beiden Männer gegen mich ein Complot anstiften und mit Polizei in's Haus rücken!« »Meine Damen,« sagte der Commissar, aber jetzt wirklich selber in Verlegenheit, »es thut mir leid, so zur unrechten Zeit gekommen zu sein. Uebrigens habe ich nicht den geringsten Auftrag, Sie hier zurück zu halten, und stelle Ihnen deshalb frei, den Platz zu verlassen, wann es Ihnen beliebt.« »Herr Commissar,« sagte die Frau Räthin, »wir werden von Ihrer Güte Gebrauch machen.« Und ohne den Blick rechts oder links zu wenden, erfaßte sie den Arm ihrer Begleiterin und eilte mit dieser, so rasch sie über das in der Werkstätte umhergestreute Leisten- und Lederwerk hinwegkommen konnten, der Treppe zu. Dorthin aber begleitete sie noch der Commissar, gab dem dort stationirten Polizeidiener, der schon vortreten wollte, Befehl, die Damen durchzulassen, und kehrte dann in die Stube zurück, um seine vorgeschriebene Haussuchung zu beginnen. Heßberger selber zeigte sich dabei außerordentlich demüthig, aber doch auch störrisch; er meinte, es solle dem Herrn Rath Frühbach theuer zu stehen kommen, ihn auf solche Weise verdächtigt zu haben, und noch dazu, da er ihn heute Mittag selber in den Laden geführt hätte, wo das Hosenzeug zu verkaufen wäre, auf das sich, wie er jetzt vermuthen müsse, seine Nachfragen bezogen hätten. Dort aber könne ihm Jeder bezeugen, daß er den Stoff da gekauft und gleich bezahlt habe, und er wolle doch einmal sehen, ob er sich auf diese Weise als ehrlicher Mann brauche beschimpfen zu lassen. Die Frau Heßberger selber, die ihren ersten Zorn hinuntergekämpft, benahm sich jetzt vollkommen vornehm gegen den Commissar und dachte gar nicht daran, ihn im Geringsten zu unterstützen. Da wären die Schlüssel, sagte sie, zu allen ihren Schränken und Laden; nun möge er selber, wenn es ihm Freude mache, nachsehen, ob er dort irgend etwas von des Herrn Frühbach Sachen fände. Sie selber aber rühre keine Hand und sei auch nicht dazu verpflichtet, bitte sich aber aus, daß Alles wieder so ordentlich gelegt würde, wie man es gefunden. Dem Commissar gefiel das nicht; die Leute betrugen sich nicht wie ertappte Verbrecher, sondern handelten genau so, als ob sie in ihrem guten Recht wären, und der Staatsanwalt besonders befand sich nichts weniger als behaglich. Er wußte recht gut, welche Verantwortung er übernommen, und zum ersten Mal stieg der Wunsch in ihm auf, die ganze fatale Angelegenheit gar nicht berührt zu haben. Aber was half es! Die Haussuchung hatte durch das polizeiliche Besetzen der Wohnung factisch begonnen und mußte nun auch durchgesetzt werden. Und wer konnte denn überhaupt wissen, ob sie nicht doch etwas fanden, was sie in der Ausführung entschuldigte und rechtfertigte! Zuerst wurde die Werkstätte untersucht, aber nur leichthin, denn hier war auch kein möglicher Platz, wo etwas hätte versteckt werden können, den Ofen vielleicht ausgenommen; dann kam das Zimmer der Frau, was schon mehr Schwierigkeiten bot. Aber trotz genauer Durchsuchung der sämmtlichen Schränke und Commoden fand sich auch nicht das geringste Verdächtige, oben so wenig in der Küche. Der kleine Holzverschlag war fast leer und konnte mit einer Laterne leicht abgeleuchtet werden; er enthielt nichts, als einst weiß gewesene schmutzige Kalkwände mit vielleicht einem Korb Holz darin. Einen Keller hatten die Heßbergers gar nicht, eben so wenig Bodenraum; nur noch ein dunkles Käfterchen, in dem vielleicht zwei Scheffel Steinkohlen lagen. Auch das wurde durchsucht und der Bestand zum großen Theil bei Seite geschaufelt; aber auch dort fand sich nichts, und der Kommissar sah den Staatsanwalt an und zuckte die Achseln. Staatsanwalt Witte befand sich in Verlegenheit. Die Sache war ihm entsetzlich fatal, und noch fataler, daß sich die Frau Heßberger auf einen ihrer Lehnstühle gesetzt und ihn mit höhnischen Blicken betrachtete. Aber was ließ sich thun! Daß Heßbergers jetzt den Rath Frühbach wegen falscher Anklage vor Gericht belangen würden, verstand sich von selbst, und er hatte eine heftige Scene mit dem Rath zu gewärtigen; aber das ließ sich eben nicht ändern. Keinesfalls wollte er sich dem Hohn der Schustersfrau hier länger aussetzen; der Commissar mochte sehen, wie er mit der allein fertig wurde. »Schön,« sagte er, »wenn nichts zu finden ist, brechen Sie die Verhandlung ab!« Und ohne sich länger aufzuhalten oder das also gekränkte Ehepaar weiter zu grüßen, schritt er durch die Werkstätte der Treppe zu. Dort an der Thür saß der Lehrjunge, den der Meister vorher so geprügelt hatte; er schien sich die ganze Untersuchung schadenfroh betrachtet zu haben und eben so wenig zufrieden zu sein, daß man nichts gefunden, wie der Staatsanwalt selbst. Als Witte aber an ihm vorüberging, zupfte er ihn plötzlich am Rock und flüsterte: »Kohlenkammer – Meister geht immer hinein!« und drehte sich dann scharf ab in die Werkstätte, wo er sich in einem Winkel niederkauerte. Witte hatte die letzten Worte kaum oder vielleicht gar nicht verstanden, aber das Wort »Kohlenkammer« war ihm nicht entgangen, und mit einer letzten Hoffnung, seine Ehre als Ankläger noch zu retten, drehte er sich rasch auf dem Absatz herum, ging auf den Polizeimann zu und sagte: »Herr Commissar, ich wünsche die nochmalige Durchsuchung der Kohlenkammer, ehe wir das Haus verlassen.« »Aber, lieber Herr Staatsanwalt,« sagte der Mann, »wir haben fast die ganzen Kohlen bei Seite geschaufelt.« »Wir werden es mit dem Rest ebenso machen,« sagte Witte, der sich an diese letzte Hoffnung klammerte. »Meinetwegen – wie Sie es wünschen; ich bin Ihnen gern gefällig,« erwiderte der Mann. »Aber ich fürchte, wir versäumen nur unsere schöne Zeit – wo ist die Laterne?« »Hier, Herr Commissar.« »Gut – schaufelt noch einmal den letzten Kohlenrest bei Seite; es könnte doch möglich sein, daß noch etwas darunter wäre.« Die Leute gingen willig an die Arbeit, denn es war ihnen selber nicht recht, daß sie unverrichteter Sache wieder abziehen sollten – ist doch das ganze Polizeileben auch nur eine Art von Jagd, und ohne Beute scheut sich ein jeder Jäger heimzukehren. Aber selbst diese letzte Mühe schien vergeblich; denn mit jeder Schaufel voll Kohlen, die bei Seite geworfen wurde, stellt sich mehr und mehr heran; daß der kleine Vorrath nichts heimlich Verborgenes mehr verdecken könne; ihre ganze Mühe war vergebens gewesen. Aber der Staatsanwalt beruhigte sich noch immer nicht. Er nahm selber die Laterne und leuchtete an den Wänden herum, und als er dort keine Möglichkeit eines Verstecks sah, auf der kohlengeschwärzten Diele. Heßberger stand an der Thür und sah ihm zu. »Aber, Verehrtester Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte er, »glauben Sie denn wirklich, was der böse Herr Geheime Rath über uns gesagt hat? Habe ich Sie nicht immer bedient, wie sich's gehört und gebührt, und halten Sie mich wirklich für einen so corrumführten Menschen, um den Zorn Gottes auf mich zu laden?« »Herr Commissar,« sagte Witte, der in der Diele, aber von Kohlenstaub fast verdeckt, ein kleines Stück blanken Eisens bemerkt hatte. Es war kaum sichtbar; nur dadurch, daß das Licht der Laterne einmal darauf fiel, blitzte es ein wenig, und Witte's Auge haftete daran. Was der Schuhmacher sagte, hörte er gar nicht. – »Bitte, kommen Sie einmal hierher.« »Ja wohl, Herr Staatsanwalt; was wünschen Sie?« »Sie haben mehr Praxis in derlei Dingen – was ist das da auf dem Boden?« »Das hier?« sagte der Commissar, indem er sich dazu niederbog. »Hm, das sieht beinahe aus wie der Riegel an einer Thür, und ich weiß eigentlich nicht, was das hier auf dem Boden bezweckt.« »Haben Sie kein Instrument bei sich, um es einmal zu versuchen?« »Vielleicht finden wir etwas in der Werkstätte. Heh, Heßberger, was ist das hier für ein Eisen?« »Kann ich nicht sagen, Herr Geheimer Commissar,« erwiderte der Schuster; aber dem Staatsanwalt entging nicht die Verlegenheit des Mannes – »Hat vielleicht früher hier einmal ein Schrank gestanden. So lange ich hier wohne, habe ich die Kammer immer nur zu Kohlen benutzt. Wahrscheinlich sind die Dielen damit zusammengefügt. Das Haus ist sehr schlecht gebaut, es trocknet Alles zusammen, wenn es nicht genagelt und geschraubt wird.« »Geben Sie mir einmal irgend ein Instrument her,« sagte der Staatsanwalt, der indeß den Kohlenstaub mit den Händen von der Stelle weggewischt hatte – »und wenn es ein krummgebogener Nagel ist. Ich gehe nicht fort, bis ich den Platz untersucht habe.« »Wenn Sie erlauben,« sagte der Schuhmacher, »werde ich Ihnen gleich etwas holen; ich habe da unten noch etwas Werkzeug stehen.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er nach der Treppe. »Halt,« sagte der dort stationirte Polizeidiener, »kein Mensch durch!« »Aber ich will gerade für den Herrn Geheimen Staatsanwalt ...« »Laßt ihn nicht durch!« rief Witte. »Er soll herkommen – Wir kriegen das Ding schon auf – nur irgend etwas her, um damit zu heben!« Der eine Polizeidiener hatte sich die Stelle jetzt ebenfalls angesehen und brachte rasch einen der Haken herbei, mit denen die Leisten aus den Stiefeln gezogen werden. »Können Sie das vielleicht gebrauchen, Herr Staatsanwalt?« »Wie dazu gemacht!« rief Witte vergnügt, indem er den Haken in die Oeffnung brachte und daran hob. Er brauchte aber gar nicht etwa stark zu ziehen, denn das von den Kohlen befreite Brett gab außerordentlich leicht nach und zeigte jetzt an seinem untern Ende sogar ein Charnier, mit dessen Hülfe sich eine ordentliche Klappe bildete. Wie er aber den Deckel hob, entstand draußen an der Treppe ein Lärm – der Schuster hatte mit Gewalt hinunterbrechen wollen, und der Polizeidiener wäre beinahe von ihm die Treppe hinabgeworfen worden. Auf seinen Hülferuf sprang aber einer der Kameraden hinzu, und wenige Minuten später hatten sie den wüthend um sich schlagenden Schuhmacher überwältigt und fest gepackt, und der Commissar, der nun allerdings vermuthen mußte, daß der Bursche ein böses Gewissen habe, befahl, ihm die Hände auf dem Rücken zusammen zu schnüren. »Hallo, Commissar,« rief Witte jubelnd aus, »kommen Sie einmal hierher und sehen Sie, was wir da haben! Hol's der Teufel, das ist ein ganzes Nest von Sachen, und Sie werden ein paar Stunden Arbeit bekommen, um die alle zu protokolliren!« Die Frau Heßberger hatte in ihrer Stube auf dem Lehnstuhl gesessen und wollte jetzt aufstehen – aber sie konnte nicht, wie in einander gebrochen sank sie zurück und war so weiß geworden wie ihre Gardinen. Witte indessen, den Kohlenstaub und die Arbeit nicht achtend, sprang fast jubelnd in die kleine Höhlung hinein, und die Gegenstände von dort herauf gegen das Licht hebend, rief er: »Da, sehen Sie – Heiland der Welt, was sich der Schuft hier für eine ordentliche Schatzkammer von Waaren angelegt hat – silberne Löffel in Masse – bei Gott, da ist der Deckel zu meiner Zuckerdose und hier die Schalen – Seidenzeug, Meerschaumköpfe, alte, kostbare Goldsachen – sehen Sie nur den Reichthum!« »Herr Staatsanwalt,« schrie da der Commissar erschreckt, »dabei sind Sachen, die dem alten Salomon gehört haben!« Der Staatsanwalt richtete sich empor; er war in dem Moment der Aufregung todtenbleich geworden. »Dem alten Salomon! – Also wirklich?« »Ich habe sie selber in seinem Laden gesehen.« »Verwahren Sie den Menschen gut!« rief Witte, aus dem Loch herausspringend. »Lassen Sie ihn um Gottes willen nicht fort!« »Der ist gut genug verwahrt,« sagte der Commissar, »und keine Gefahr, daß er uns entspringt.« »Und die Frau?« »Auf die werden wir noch besonders Acht geben. Haben Sie keine Angst; das Pärchen ist sicher.« »Schön,« sagte Witte; »dann haben Sie die Güte und schicken die beiden Leute vor allen Dingen in Gewahrsam, damit sie Ihnen hier nicht mehr im Wege sind, und packen dann den Waarenvorrath zusammen und lassen ihn auf das Criminalamt schaffen, damit er dort geordnet und registrirt wird. Haben Sie Leute genug?« »Ich denke, wir werden mit der Gesellschaft fertig werden,« sagte der Commissar. »Herr Staatsanwalt, ich glaube, wir haben heut Abend einen guten Fang gemacht.« »Ich denke es auch, Herr Commissar; aber kommt da nicht Jemand?« Es fiel, allem Anschein nach, irgend wer die etwas dunkle Treppe herauf, denn es polterte furchtbar, und man hörte ein paar halbverbissene Flüche; dann wurden wieder Schritte hörbar, und zuletzt zeigte sich in dem Lichte der von dem einen Polizeidiener emporgehaltenen Laterne eine menschliche Gestalt. »Halt! Werda?« rief sie der Mann militärisch an. »Gut Freund – ich bin's,« antwortete eine fremde Stimme. »Ist Herr Staatsanwalt Witte hier?« »Hier bin ich. Wer ist da?« »Mein lieber Staatsanwalt,« sagte Rath Frühbach – denn als solcher stellte sich der späte Besuch heraus –, indem er die letzten Stufen emporklomm, »nehmen Sie mir das nicht übel: ich habe Ihnen die Betreibung der Angelegenheit überlassen, aber doch nicht zu dem Zweck, um mich in Teufels Küche zu bringen. Ich protestire gegen jedes weitere Verfahren, insofern es die brave Heßberger'sche Familie betrifft, und überlasse Ihnen alle und jede Verantwortung für das Geschehene.« »Aber, bester Herr Rath!« lachte Witte. »Bitte,« sagte Rath Frühbach, »das ist kein Spaß: ich lag schon im Bett und im ersten Schweiß, als meine Frau nach Hause kam und mir mittheilte, daß Sie hier im Heßberger'schen Familienkreise auf meine Veranlassung mit Polizei wirtschafteten und Haussuchung hielten. Ich sage Ihnen, wie ich war, fuhr ich aus dem Bette und in meine Kleider, und ich kann den Ted davon haben, denn nichts auf der Welt ist schlimmer als eine unterbrochene Transspiration ...« »Und Sie protestiren wirklich, Herr Rath?« »Allerdings, soweit es den Ihnen gegebenen Auftrag betrifft. Ich ziehe meine Klage vollständig zurück!« »Dann bedauere ich, daß Sie zu spät kommen,« lachte Witte, »denn wir haben das ganze Nest schon ausgehoben und einen wahren Schatz von gestohlenen Sachen gefunden.« »Von gestohlenen Sachen?« rief Frühbach erstaunt. »Ueberzeugen Sie sich selber – genug Silber, um eine fürstliche Tafel auszustatten.« »Nun, sehen Sie wohl, daß ich Recht hatte?« bemerkte Rath Frühbach, in dem er auf die oberste Stufe trat und das Terrain mit seinen Blicken überflog (der gebundene Heßberger stand dicht neben ihm). »Habe ich es Ihnen nicht immer gesagt, daß der Heßberger ein ganz durchtriebener Bursche ist? Aber Sie wollten es mir nie glauben! Und was wird jetzt?« »Jetzt schaffen wir die Gefangenen auf die Polizei,« sagte der Commissar, »und morgen früh ersuche ich Sie, mit Ihrer Frau Gemahlin auf das Amt zu kommen, um die aufgefundenen Gegenstände in Augenschein zu nehmen und zu erklären, ob etwas darunter Ihr Eigenthum ist. Auf Ihre Veranlassung wurde die Haussuchung vorgenommen, und es versteht sich von selbst, daß Sie zuerst über die Gegenstände, die wir Ihnen vorlegen müssen, vernommen werden.« »Und haben Sie das Hosenzeug gefunden?« »Das allerdings noch nicht, aber es kann noch Manches in dem untern und sehr geschickt angebrachten Versteck liegen. Also versäumen Sie Ihre Zeit nicht – morgen etwa zwischen zehn und elf Uhr, wenn ich bitten darf.« 29. Das Verhör. Das Versteck der gestohlenen Sachen war wirklich außerordentlich schlau angelegt und die Klappe so genau gearbeitet, daß sie, noch dazu mit dem Kohlenstaub überzogen, nur bei einer vollkommen gründlichen Untersuchung entdeckt werden konnte. Selbst das Blitzen des Eisens im Lichte schien Heßberger vorgesehen und abgewendet zu haben, denn dasselbe war mit schwarzer Farbe überstrichen, diese aber durch den mehrfachen Gebrauch des zum Heben benutzten Hakens an einigen Stellen abgescheuert worden, was denn einzig und allein zur Entdeckung führte. Heßberger, der zuerst einen verzweifelten Versuch gemacht hatte, zu entkommen, saß jetzt wie völlig ineinander gebrochen am Boden; er hatte nicht mehr Kraft genug in den Knieen, um aufrecht zu stehen. Seine Frau dagegen behauptete nach wie vor ihre starre Ruhe und Unschuld. Finster blickte sie auf die vor ihr ausgebreiteten Waaren und Kostbarkeiten, die nach und nach aus dem Gefach herausgearbeitet wurden und von denen einzelne Stücke schon sehr lange dort unten gelegen haben mußten, denn sie waren wie mit einer Staubkruste überzogen; aber sie leugnete, auch nur das Geringste davon zu wissen. Sie sei, wie sie behauptete, eine ehrliche Frau, die sich mit ihrer »Kunst«, mit ihrer Arbeit nähre, aber noch nie daran gedacht habe, zu einem unehrlichen Erwerb zu greifen. Sei das wirklich von ihrem Mann geschehen, so wisse sie nichts davon, oder sie hätte es nie geduldet; er müsse es heimlich gethan haben, wie er die Gegenstände ja auch, ihr selbst verborgen, heimlich versteckt und weggebracht habe. Dem Polizei-Commissar lag übrigens gar nichts daran, hier ein langes Verhör anzustellen, und wie sie das Fach ordentlich ausgeräumt und Alles, selbst das Letzte, heraufbefördert hatten, ertheilte er Befehl, das gestohlene Gut fortzuschaffen und die beiden Eheleute ebenfalls in sichern Gewahrsam zu bringen. Er schärfte aber den Polizeidienern ganz besonders ein, sie getrennt zu halten und unter keiner Bedingung zu gestatten, daß sie auch nur ein Wort mit einander wechselten. Unten im Hause war es indessen auch unruhig geworden, denn es konnte den tiefer wohnenden Miethsleuten kein Geheimniß bleiben, daß in der obern Etage etwas Außerordentliches vorgehe. Schon der Kampf des Schuhmachers an der Treppe, als er seinen Durchgang erzwingen wollte, hatte sie alarmirt und auf den Flur gelockt; allerdings staunten sie wenig, als sie den kleinen »frommen« Schuhmacher in solcher Begleitung die Treppe herabsteigen sahen. Heßberger selber beeilte sich aber, ihnen aus dem Weg zu kommen, und wenige Stunden später lag das Quartier da oben, da man die beiden Lehrjungen ebenfalls für die Nacht wo anders unterbrachte und die Thüren versiegelte, dunkel und verlassen. Witte indessen, mit dem gehabten Erfolg, der allerdings über Erwarten reich und wichtig ausgefallen war, sehr zufrieden, schritt seiner eigenen Wohnung zu. Dabei überkam ihn aber doch ein etwas unbehagliches Gefühl, denn es war ihm entsetzlich fatal, seine eigene Frau in der Gesellschaft überrascht zu haben. Und was die Frau Staatsanwalt nun wohl dazu sagen würde? – Sie sagte aber heut Abend gar nichts, denn sie ließ sich vor ihrem Mann nicht mehr blicken, und er selber unterstützte sie darin. Morgen, bei kaltem Blute, besprach sich die Sache weit besser, oder sie wurde auch vielleicht total ignorirt; er wenigstens war fest entschlossen, nicht wieder davon anzufangen. Uebrigens sah er sich auch an dem Tag so beschäftigt – oder wachte sich vielleicht absichtlich so viel zu thun –, daß er selbst zum Mittagessen nicht nach Hause kam und absagen ließ, und während seiner Geschäftsstunden störte ihn die Frau schon überdies nicht, oder suchte ihn auf. Am Morgen, zur bestimmten Zeit, kam aber der alte Baumann zu ihm, und mit diesem hatte er eine lange und ernste Unterredung. Baumann nämlich wollte gleich hinauf auf's Gericht und selber Anzeige von dem Betrug seiner Frau machen. Den Vorfall bei Heßbergers wußte er auch schon, und er erklärte bestimmt, mit der ganzen Familie fortan zu brechen. Witte hatte die größte Mühe, ihm das auszureden, und es gelang ihm wirklich nur dadurch, daß er den Schlossermeister darauf aufmerksam machte, die Verhaftung seiner Frau würde durch den Stadtklatsch nicht etwa mit einer andern Angelegenheit, sondern augenblicklich mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht werden, und das mußten sie jetzt zu vermeiden suchen. »Also wollen Sie mich zum Hehler einer solchen Sünde machen?« »Nein, lieber Baumann,« erwiderte Witte, »ich weiß, daß Sie ein rechtlicher Mann sind, und Sie trauen mir hoffentlich das Nämliche zu. Ich würde Ihnen also zu nichts rathen, was nicht Sie, was nicht ich vor meinem Gewissen verantworten könnte; Sie sind vor jeder Verantwortung frei. Ihre Frau sowohl als Sie jetzt haben mir, dem Staatsanwalt, die Erklärung abgegeben und mich aufgefordert, die Rechte des wirklichen Erben vor Gericht zu vertreten; überlassen Sie mir also auch, den Zeitpunkt zu wählen, den ich dazu für den richtigen halte. Außerdem haben wir jetzt die beiden Leute, deren Zeugniß allein den Ausschlag geben kann, ganz unerwarteter Weise hinter Schloß und Riegel bekommen, und die Sache ist uns dadurch um ein Wesentliches erleichtert worden. Aber beantworten Sie mir eine Frage: hat Ihr Fritz je mit seinem vermeintlichen Onkel, dem Schuhmacher Heßberger, einen näheren Verkehr gehalten?« »Nie,« sagte der alte Mann; »sie konnten sich gegenseitig nicht leiden, und ich glaube sogar nicht, daß sie seit Jahren ein Wort mit einander gesprochen haben.« »Das dachte ich mir. Aber wissen Sie, daß unter den gestern bei Heßberger gefundenen Sachen werthvolle Gegenstände aus Salomon's Laden sind?« »Großer Gott, sollte denn der schuftige Schuhmacher auch das auf dem Gewissen haben?« »Aller Wahrscheinlichkeit nach; aber das wollen wir bald herausbekommen, denn Solomon, obgleich er den Namen des Diebes nicht weiß, kennt ihn von Angesicht gut genug, und wenn er ...« »Aber der alte Solomon ist ja todt!« »Denkt gar nicht daran,« lachte Witte – »wieder frisch und gesund, nur noch ein bischen schwach aus den Füßen. Wir glaubten durch das Gerücht seines Todes den Mörder sicher zu machen; aber Heßberger, wenn er es wirklich gewesen, war uns zu schlau, und hätte ihn nicht der wunderlichste Zufall dem Gericht in die Hände gespielt, so würde kein Mensch geahnt haben, daß er mit dem Verbrechen in Verbindung stände.« »Aber werden sie jetzt nicht erst recht glauben, daß der Fritz mit seinem Onkel unter einer Decke gesteckt habe, und müssen wir deshalb nicht gerade beweisen, daß er gar nicht sein Onkel ist?« »Das Erste habe ich auch gefürchtet, das Zweite wäre aber kein Beweis für ihn, denn er konnte bis jetzt nichts davon wissen. Nein, überlassen Sie mir getrost die Sache, Baumann, und Sie können sich versichert halten, daß Sie nicht allein kein Vorwurf trifft und treffen kann, sondern daß ich auch so rasch als irgend möglich damit vorschreite.« Baumann war aufgestanden; aber er zögerte, er hatte allem Anschein nach noch etwas auf dem Herzen. »Drückt Sie noch etwas, Baumann?« »Ja, Herr Staatsanwalt; eine Bitte...« »Und was ist es?« »Ich wollte Sie ersuchen,« sagte der Mann, »die – Scheidungsklage mit meiner Frau einzuleiten. Ich glaube, daß Sie das zu besorgen haben.« »Baumann!« »Wir haben sechsundzwanzig Jahre glücklich mit einander gelebt,« fuhr der Schlossermeister fort, »so glücklich,« setzte er leise hinzu, »daß ich bis jetzt glaubte, nur der Tod könne und werde uns voneinander nehmen. Das ist vorbei. Nach dem, was sie mir angethan, daß sie mein, daß sie ihr eigenes Kind verkaufte, kann ich nicht länger mit ihr leben – es muß sein!« »Ueberlegen Sie sich die Sache noch, Baumann,« sagte Witte herzlich; »das hat Zeit – übereilen Sie nichts. Sie sind jetzt im ersten Schmerz und Zorn.« »Es ist nichts mehr zu überlegen, Herr Staatsanwalt,« beharrte der alte Mann; »was ich gesagt habe, hab ich gesagt, und dabei bleibt es. Kein Mensch in der Welt wird mich davon abbringen können, wenn ich mit mir selber erst einmal im Reinen bin, daß es geschehen muß!« »Aber Ihre Frau ist sonst so brav und gut – Sie haben nie eine Klage wider sie gehabt!« »Nie,« sagte der Mann feierlich, »nie ist selbst nur ein böses Wort zwischen uns gefallen, und Gott mag ihr, das bitte ich recht von Herzen, den Fehltritt vergeben – ich kann es nicht! Grund genug ist doch zu einer Scheidungsklage?« Witte sah, daß er mit dem alten, störrischen Manne jetzt doch nichts ausrichten konnte. »Ich glaube, ja,« sagte er endlich nach einigem Zögern, »und wenn Sie es nicht anders wollen, so läßt es sich wohl durchsetzen.« »Und wann darf ich wieder vorfragen?« »Ich komme selber zu Ihnen, Baumann. Ich will jetzt auf das Criminalamt, um bei der Untersuchung der gestohlenen Gegenstände gegenwärtig zu sein. Heute nimmt uns das vollständig in Anspruch, und wir müssen vor allen Dingen sehen, daß wir den armen Teufel, den Fritz, aus seiner unbequemen Lage befreien.« »Der arme Junge,« sagte Baumann seufzend, »wie ist dem seine ganze Jugend gestohlen worden!« »Darüber möchten Sie ihn doch erst einmal selber fragen,« meinte der Staatsanwalt, »und ich zweifle sehr, ob er – nach Allem, was ich wenigstens über das Leben auf Schloß Wendelsheim gehört habe – mit dem Lieutenant tauschen würde.« Der alte Baumann seufzte tief auf. Er war bis dahin schlicht und ehrlich, immer geradeaus durch das Leben gegangen und hatte in der That gar keinen andern Weg für möglich gehalten. Jetzt fand er sich plötzlich in lauter krummen und fremdartigen Gängen – mit eigentlich zwei Söhnen und keinem –, verwickelt und verworren, in Lug und Trug hineingebracht, und sah dabei keinen Ausweg, wieder heraus und auf freien Boden zu kommen. Aber er mußte eben stillhalten, es ließ sich mit seinen arbeitsharten Fäusten, mit seinem schlichten Menschenverstand nichts in der Sache thun; das erforderte feine Hände und einen spitzen Kopf, und schon von dem Bewußtsein niedergedrückt, reichte er dem Staatsanwalt nur noch die Hand und kehrte nach Hause zurück. Witte eilte auf das Criminalamt, und dort erwartete ihn allerdings heute eine so interessante als lohnende Beschäftigung, nämlich die Besichtigung der gestohlenen Waaren, zu der man aber auch den alten Solomon brauchte. Jetzt lag auch nichts mehr daran, das Gerücht seines Todes im Publikum verbreitet zu halten, da man den wirklichen Dieb schon in den Händen zu haben glaubte, und als auch der Polizeiarzt versicherte, Solomon könne ohne die geringste Gefahr für sich selber auf's Amt kommen, und sich sogar erbot ihn abzuholen, so wurde eine Droschke beordert, und der mitfahrende Doctor dirigirte sie der Judengasse zu. Solomon hätte übrigens kaum mehr der Droschke bedurft, so rasch hatte er sich, wie nur die erste Betäubung von ihm gewichen, wieder erholt. Die beiden Wunden verlangten allerdings noch Pflege, aber es stellte sich auch bald heraus, daß die Schläge, obgleich mit voller Kraft und jedenfalls in der Absicht, zu tödten, geführt, doch beide mehr seitwärts abgeglitten waren und den Schädel nicht zersprengt hatten, und danach konnte die Heilung bald erfolgen. Dem Alten ließ es auch selber keine Ruhe, und schon am zweiten Tage drängte er, in seinem Laden nachzusehen, wie weit er an seinem Eigenthum geschädigt worden. Aber Rebekka erlaubte es nicht. Er sollte sich noch nicht aufregen, wenn er den Verlust vielleicht größer fand, als er erwartet hatte. Am dritten Abend aber mußte sie ihm willfahren, und nach Dunkelwerden, damit ihn nicht etwa Jemand aus den Hinterfenstern der Nachbarhäuser bemerke, stieg er in Begleitung der Tochter hinunter und nahm eine genaue Revision vor. Der erlittene Diebstahl stellte sich aber als gar nicht so beträchtlich heraus, denn mit Ausnahme eines Packets von Kassenscheinen, das mehrere hundert Thaler betrug, fehlten ihm nur noch einige, allerdings ziemlich werthvolle Silbersachen und eine goldene, mit Diamanten besetzte Schnupftabaksdose. Der Dieb war, wie man ja wußte, mitten in seiner Arbeit gestört worden, und hatte so eilig fliehen müssen, um selbst den Sack mit Silberthalern, der sich noch an der Thür gefunden, im Stich zu lassen. Am vierten Morgen nach der That saß der alte Mann oben beim Frühstück, als er draußen laute Stimmen hörte. In der Nachbarschaft herrschte nämlich nicht geringe Aufregung unter seinen Glaubensgenossen, daß die Beerdigung des lange Todtgeglaubten noch nicht stattfand und auch keiner der sonst üblichen Gebräuche befolgt wurde. Die abenteuerlichsten Gerüchte durchliefen dabei das Viertel, und eins der am stärksten verbreiteten war, der Solomon wäre vor seinem Tode heimlich mit der ganzen Familie zum Christenthum übergetreten und deshalb eben so heimlich in der letzten Nacht auf einem christlichen Gottesacker beerdigt worden. Indessen war aber auch ein naher Verwandter von ihm, der in Berlin wohnte und von dem Raubmord dort in den Zeitungen gelesen hatte, eingetroffen und an dem nämlichen Morgen, trotzdem er seinen Namen angab, nicht eingelassen worden. Die alte Magd hatte ihn abgewiesen, weil sie natürlich nicht wagte, einem von der Polizei gegebenen Befehl zuwider zu handeln. Der alte Solomon wurde aber böse, als er es erfuhr. Gott der Gerechte, der Simon Levy abgewiesen von seiner Thür, seiner einzigen Schwester einziges Kind, der die lange Reise gemacht hatte nur seinetwegen! Aber der Herr Actuar hatte so streng befohlen. »Der Herr Actuar soll befehlen, wo er will,« sagte der alte Mann, »aber nicht im eigenen Hause vom Salomon und in seiner Familie, so lange der Salomon lebt und gesund ist; und wenn er todt wäre, hätte er erst recht nichts zu befehlen, denn dann ist die Frau vom Salomon da, wo das Alles besorgt, was zu befehlen ist.« Der Simon Levy hatte sich aber ohne dies nicht so rasch abweisen lassen, denn noch war er kaum zweihundert Schritt vom Hause entfernt und immer mit sich selber im Zorn sprechend und vor sich hin gesticulirend fortgegangen, als er auch plötzlich, auf dem Absatz herumfahrend, Kehrt machte und jetzt fest entschlossen schien, das Haus von seiner Mutter Bruder nicht eher zu verlassen, bis er wenigstens seine Tante gesehen und gesprochen und von ihr die Bestätigung dessen gehört hatte, was die Leute in der Judengasse erzählten. Nachher wollte er den Staub von seinen Füßen schütteln und nach Berlin zurückfahren auf der Eisenbahn. Wie er zum zweiten Mal in den Hof kam, begegnete er wieder der alten Magd, die gerade ausgeschickt worden, um ihn auszusuchen. Sie hatte aber strengen Befehl bekommen, dem Simon Levy nicht zu sagen, daß der Salomon noch lebe und gesund sei, sondern sie sollte ihn nur zu der Frau bestellen und ihn dann in das Zimmer führen, wo Salomon noch immer bei seinem Frühstück saß. Die Alte kam auch der Ordre genau nach. »Herr Levy,« sagte sie, »ist mir lieb, daß ich Sie treffe; sparen Sie mir doch einen langen Weg für meine kurzen Beine.« »Ist die Madame Salomon zu Hause?« »Ist sie,« nickte die alte Magd, »und sitzt oben in der Stube und wartet auf den Herrn Levy, und die Fräulein Rebekka auch.« »Und wozu hast Du mir vorgeschmust, ich dürfe nicht hinauf!« sagte der kleine Mann ärgerlich. »Bin ich ein Landstreicher, daß ich werde fortgewiesen von der Thür von meine nächsten Verwandten?« »Als Sie wollen näher treten, wird Ihnen die Madame Solomon erklären; in der großen Betrübniß darf man's verzeihen und man soll keinen Zorn bringen in ein Haus der Trauer.« »Soll ich leben und gesund bleiben,« sagte Levy, »ob's nicht eine schreckliche Geschichte ist! Aber, Rachel,« setzte er leise und scheu hinzu, »bist Du auch geworden eine christliche Dienstmagd?« Die Alte schmunzelte still vor sich hin, denn sie wußte gut genug, was sich die Leute in der Nachbarschaft erzählten; aber sie beantwortete die Frage nicht, sondern seufzte nur tief auf und eilte dann rasch die Treppe hinan, um den Besuch zu melden. Der Simon Levy folgte ihr langsamer. Er war auf die Tante böse gewesen; jetzt beschlich ihn ein Gefühl der Trauer und Bekümmerniß, und mit gebücktem Haupt klopfte er an und öffnete auf den feierlich gegebenen Anruf langsam die Thür. »Gott der Gerechte, Simon, was schneidet Du für ein Gesicht!« sagte schmunzelnd der alte Solomon, der, mit einem Glase alten Portweins in der Hand, noch am Tisch bei seinem Frühstück saß. »Als Du kommst zu sein bei der Leichenfeierlichkeit, wirst Du erst essen einen Bissen Brod und trinken ein Glas Wein.« »Will ich nicht gesund auf meine Füß stehen!« rief Levy, fast sprachlos vor Staunen und Ueberraschung; »ist das Sitte bei die Christen, daß der, wo begraben werden soll, erst mit frühstückt?« Der alte Solomon lachte, daß ihm die Thränen an den Backen herunterliefen, und jetzt kamen auch seine Frau und Rebekka hinzu, und im Anfang konnte wirklich Niemand sein eigenes Wort verstehen, so rief Alles durcheinander und wollte fragen oder erzählen, bis denn der Neffe endlich erfuhr, wie Alles gegangen und weshalb der alte Salomen beinahe vier Tage lang den Todten gespielt hatte. Noch während sie aber mit einander plauderten und der Simon Levy eine ganze Menge Portwein trank, nur um den Schreck hinunter zu spülen, den er, wie er sagte, von der »Erscheinung« seines alten Onkels gehabt, fuhr der Wagen des Arztes vor; und der Doctor, der gleich selber heraufkam und in großer Eile zu sein schien, sich aber augenblicklich mit an den Tisch setzte und alten Portwein trank, berichtete indessen von dem Fange, den die Polizei gestern Abend gemacht und wie man die Gewißheit habe, daß der Schuhmacher Heßberger, wenn nicht der Hauptthäter, doch jedenfalls ein Genosse jenes Menschen sei, der an dem Abend den Mordanfall auf Salomon gemacht. Jetzt sei es deshalb auch nicht mehr nöthig, der Nachbarschaft die Wahrheit vorzuenthalten, und Salomon möge deshalb mit ihm in die Droschke steigen und auf die Polizei fahren, um die aufgebrachten Sachen selber zu besichtigen. Nachher solle ihm der Gefangene vorgeführt werden, damit er bestimmen möge, ob er in ihm den Räuber wiedererkenne. Salomon war mit Allem einverstanden und mußte sich nur vorher ankleiden, und jetzt ließ sich auch Simon Levy nicht mehr halten, um zuerst die Neuigkeit von Salomon's Auferstehung in die Nachbarschaft zu tragen. Und das gab einen Lärm im Viertel! Aus allen Häusern kamen sie herausgestürzt, um die Wundermähr zu besprechen; die schmutzigsten Spelunken spieen ihre Bewohner aus, und Toiletten kamen zum Vorschein, wie sie bisher nur von »Nacht und Grauen« bedeckt gewesen, und auch nur wirklich durch ein solches Ereigniß in das Sonnenlicht getrieben werden konnten. Vor Salomon's Hofthor sammelte sich aber der Schwarm von Israels Nachkommenschaft: Männer, Weiber und Kinder, Alles bunt durcheinander; denn dort mußte er in den Wagen steigen und also auch herauskommen. Salomon war unter seinen Glaubensgenossen, besonders bei den ärmeren Klassen, allgemein beliebt, und kein Haus gab es da, wo er nicht, sowie Frau und Tochter, schon Wohlthaten und Trost gespendet und manche Thräne getrocknet hatte. Die Freude, den guten alten Mann nicht todt, sondern lebend und gesund zu wissen, war deshalb allgemein. Endlich nahte der entscheidende Moment; das Hofthor wurde geöffnet, und Salomon, in seinem gewöhnlichen braunen Rock, das Käppchen auf, wie er immer ging, trat heraus. In demselben Augenblick aber entstand auch ein Lärm, ein Geheul und Geschrei, Jubeln und Hurrahrufen, daß aus den benachbarten Straßen die Menschen herbeigestürzt kamen, weil sie glaubten, im Judenviertel sei eine Revolution ausgebrochen. Die Jungen warfen dazu ihre schmierigen Mützen in die Höhe, die Frauen schwenkten in Ermangelung von Taschentüchern ihre Halstücher, die Kinder schrieen, die Hunde bellten, es war in der That eine nicht zu beschreibende Scene, Solomon wurde auch wirklich ganz gerührt davon; die Thränen standen dem alten Mann in den Augen, und er winkte nur immer, während sich der Arzt die Ohren zuhielt, nach rechts und links mit der Hand hinüber, und eilte dabei, was er konnte, in den Wagen, nur um fortzukommen. Aber das half ihm nicht einmal, denn der jugendliche Schwärm folgte ihm, so weit seine Grenze reichte, mit Jubeln und Hurrahschreien, und zog sich nur erst zurück, als die Droschke in eine der Hauptstraßen der Stadt einbog, wohin sich die kleine Bande nicht getraute. Auf der Polizei erwartete ihn schon der Polizei-Director, der sich selber von dem Thatbestand überzeugen wollte, da der Fall wirklich Aufsehen im Lande gemacht hatte. War doch seit langer Zeit kein so frecher Raubanfall in ganz Alburg vorgekommen und gerade dieser Ort von schlechtem Gesindel bis jetzt verhältnißmäßig sehr wenig heimgesucht worden! Die Sachen hatte man alle oben im Criminalamt auf einer langen Tafel ordentlich ausgelegt, und es fiel dem alten Mann nicht schwer, das darunter zu bezeichnen, was ihm gehört hatte und ihm an jenem Abend geraubt worden, denn seit der Zeit war ja sein Laden fest verschlossen gewesen. Auch die Summe der Banknoten gab er an, die ihm gestohlen worden, und man hatte allerdings in einer silbernen Zuckerdose eine Partie Banknoten, einen Theil derselben aber auch an Heßberger's Körper gefunden, bei dem sich, als er visitirt wurde, ergab, daß er einen breiten Gurt von wasserdichtem Zeug um den Leib trug. Die Hauptsache blieb noch übrig, und zwar eine Confrontation mit dem Verbrecher, der jetzt herbeordert wurde, während Solomon so lange in ein Nebenzimmer treten mußte. Das erste Verhör sollte in Gegenwart des gestohlenen Gutes stattfinden, und man wollte versuchen, ob man vielleicht ein offenes Geständniß von dem Verbrecher erhalten könne. Darin hatte man sich aber in Heßberger geirrt; denn mit einer ganzen Nacht Zeit, um über Alles gehörig nachzudenken, schien er zu dem Entschluß gekommen zu sein, Alles zu leugnen; es war das letzte verzweifelte Mittel, um einen Urteilsspruch von sich abzuwenden – er wußte wenigstens kein anderes. – Actuar Bessel führte heute das Protokoll, während einer der Justizräthe das Verhör leiten sollte. Der Polizei-Direktor war nur als stummer Zeuge im Zimmer geblieben. Heßberger wurde vorgeführt; er sah ziemlich blaß aus, und die Hausjacke, die er angehabt, als man ihn gefangen fortführte, war ihm bei dem gestrigen Kampf an der Treppe zerrissen, so daß das eine Schulterblatt herunterhing. Schmutzig und scheu, aber doch mit einer Art von kriechender Höflichkeit trat er in den Saal, und die kleinen grauen Augen flogen blitzschnell durch den innern Raum und streiften nur flüchtig über die ausgestellten Gegenstände, die er jedenfalls genau genug kannte, aber doch nicht zu beachten schien. Die gewöhnlichen Fragen wurden ihm jetzt vorgelegt: nach Namen und Alter, wie lange er schon in Alburg wohne, lauter Dinge, welche die Polizei genau so gut wußte, wie er selber – und ob er schon jemals vor Gericht gestanden. Letzteres verneinte er auf das Entschiedenste, und wollte noch eben hinzusetzen, daß er ein ganz unbescholtener Bürger wäre, als ihm der Untersuchungsrichter das Wort abschnitt und ihn fragte, wie er zu den Sachen gekommen wäre, die dort auf dem Tische ausgebreitet lägen. »Herr Geheimer Justizrath,« sagte der Mann, indem er jetzt zu dem Tisch trat und die Gegenstände dem Anschein nach aufmerksam betrachtete, »es thut mir leid, darüber keine Wissenschaft zu besitzen; ich habe das Logis jetzt lange Jahre, aber nie geglaubt, daß in meinem Kohlenkeller ein solcher Schatz begraben läge, oder ich würde gewiß nicht versäumt haben, dem Herrn Geheimen Polizei-Director davon die gebührende Anzeige zu machen.« »Ihr leugnet also, daß Ihr etwas von dem Erwerb dieser sämmtlichen Gegenstände wißt und die Eigenthümer, denen sie früher gehört haben, kennt?« »Aber, mein bester Herr Geheimer Justizrath ...« »Ja oder Nein?« »Bitte mich zu paddoniren, ich habe die Frage nicht verstanden,« sagte der Mann ruhig. Der Justizrath biß sich auf die Lippe. »Ich frage Euch, ob Ihr wißt, woher die Sachen stammen, oder ob Ihr es nicht wißt.« Staatsanwalt Witte trat in diesem Augenblick in's Zimmer und ging auf den Justizrath zu, dem er etwas in's Ohr flüsterte. Heßberger warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte dann entschieden: »Nein!« »Herr Staatsanwalt,« fragte der Justizrath, »ist Ihnen nicht auch in der letzten Zeit Silberzeug weggekommen? Ich dächte, Sie hätten die Anzeige gemacht. Wollen Sie einmal gefälligst dort auf dem Tisch nachsehen, ob Sie da vielleicht einige der Ihnen gehörenden Sachen finden?« »Sie haben da eine ganze Collection,« lachte Witte, indem er der Aufforderung Folge leistete; »aber ich fand schon gestern Abend an Ort und Stelle einige alte Bekannte unter den Silbersachen – da hier die Löffel gehören mir, ebenso dieser Deckel, und diese Zuckerzange kommt mir ebenfalls so vor, als ob ich sie früher schon in der Hand gehabt: aber zu der möchte ich nicht schwören – meine Frau wird sie jedenfalls besser kennen.« »Und wann waren Sie noch im Besitz dieser Sachen?« »Vor einigen Wochen.« »Und wer glaubt Ihr wohl, Heßberger, daß Euch da die Sachen in dieser Zeit in die Kohlenkammer getragen hat, wenn Ihr selbst nichts davon wißt?« »Thut mir leid, Herr Geheimer Justizrath, Ihnen darüber keine genügende Auskunft geben zu können,« sagte Heßberger verstockt; »vielleicht einer von meinen Lehrjungen – es ist eine nichtsnutzige Bande und der eine besonders ein ganz concaver Mensch.« »Dann leugnet Ihr auch vielleicht, daß Ihr vor drei Abenden, oder vielmehr an jenem Abend, an welchem der alte Solomon überfallen und erschlagen wurde, in der Judengasse waret?« »So viel ich mich erinnere,« sagte Heßberger, »bin ich an jenem Abend gar nicht ausgewesen; es wäre aber möglich, daß ich eine oder die andere Besorgniß irgendwo gehabt hätte.« »So? Ihr seid aber bestimmt dort gesehen worden und ich kann Euch einen Zeugen stellen, der sogar mit Euch gesprochen und Euch gemahnt hat, ihm seine Stiefel bald zu schicken – den Kürschnermeister Peters.« »Ach Gott, ja, Herr Geheimer Justizrath,« sagte Heßberger, »es könnte doch am Ende sein – wer denkt aber an solche Kleinigkeiten! In der Nähe der Judengasse ist allerdings eine Apotheke, wohin ich manchmal gehe und mir etwas gegen meine Beschwer hole. Ich habe immer solche Concessionen nach dem Unterleib.« »Und Ihr habt des alten Salomon Haus an dem Abend nicht betreten? Besinnt Euch wohl!« »Da brauche ich mich nicht zu besinnen,« sagte der Schuhmacher mit einem frommen Blick nach oben. »Ich sehe wohl, daß Sie mich in einem schrecklichen Verdacht haben; aber wollte Gott, der alte Salomon lebte noch, so würde er selber auftreten und bezeugen, daß er mich nie und nimmer in seinen! Laden, ja nicht einmal in seinem ganzen Leben gesehen hat!« Der Justizrath hatte dem Staatsanwalt, der wieder neben ihm stand, leise etwas gesagt und dieser ging jetzt nach der nahen Thür, die er öffnete. Im nächsten Augenblick stand der alte Salomon selber in der Thür. Die Wirkung aber, die der Anblick des Todtgeglaubten auf den Verbrecher ausübte, war so zauberschnell als furchtbar. Ob er nun dachte, daß er eine Erscheinung vor sich sähe, oder ob ihn das Bewußtsein zu Boden warf, mit diesem Zeugen gegen sich doch rettungslos verloren zu sein, mit einem jähen Aufschrei brach er in die Kniee, die Arme gegen das Furchtbare ausstreckend, winselte er: »Gnade, Gnade!« und stürzte dann mit dem Gesicht auf den Boden nieder. »Bei dem Gott meiner Väter,« sagte der alte Salomon feierlich, »das ist der Mann, der mich an jenem Abend überfallen und geschlagen hat; das ist der Mann, der schon vorher in meinem Laden war und mich verleiten wollte, Silberzeug von ihm zu kaufen!« Als er schwieg, herrschte lautlose Stille in dem weiten Raum, so ergreifend, so tief erschütternd war der Moment, und Aller Augen hafteten schweigend und erwartungsvoll an dem Elenden, der gebrochen, zerknirscht am Boden lag. Witte ging endlich zu ihm, um ihn aufzuheben; aber er rührte sich nicht. Er war keineswegs ohnmächtig geworden, denn seine ganze Stellung verrieth das; aber er scheute sich, das Auge wieder zu erheben, um nicht noch einmal den entsetzlichen Anblick zu haben. Der Justizrath klingelte, und als einer der Sicherheitsdiener in das Zimmer trat, sagte er ruhig: »Schaffen Sie den Mann in seine Zelle; aber daß Niemand zu ihm gelassen wird, ausgenommen er verlangt den Geistlichen.« »Heßberger,« sagte der Mann, indem er ihn an der Schulter rüttelte, »Heßberger, steht auf, Ihr sollt mitkommen; hört Ihr nicht?« Der Schuhmacher hob sich langsam auf die Kniee, aber er nahm den Blick nicht vom Boden. Er stand auf, schien aber völlig gebrochen, und als er sich der Thür zuwandte, mußte ihn der Polizeidiener unterstützen, daß er nicht wieder zusammenknickte und zu Boden fiel. 30. Das gnädige Fräulein. Draußen im Schlosse Wendelsheim war es ein trostloses, ödes Leben, denn mit dem Hinscheiden des jungen Baron Benno schien es fast, als ob dem alten Platz auch der letzte freundliche Lichtblick genommen sei, der ihn bis dahin doch wenigstens auf Momente erhellte. Benno mochte wohl immer krank, recht krank gewesen sein; aber sein mildes, liebreiches Wesen, das er auch dem niedrigsten Tagelöhner gegenüber bewahrte, hatte doch allen wohlgethan, die mit ihm in Berührung kamen, und flackerte sein junges Leben zu Zeiten – wo die Krankheit auf Tage, ja auf Wochen oft gänzlich zu weichen schien – wieder einmal auf, dann belebte er durch seine kindliche Heiterkeit den ganzen Platz und glättete selbst – was sonst unmöglich schien – für kurze Zeit die Stirn der harten, stolzen und herzlosen Tante. Jetzt war auch er dahingegangen und hinten im Park, neben der kleinen Kapelle, wo das Erbbegräbniß derer von Wendelsheim stand, beigesetzt worden. Aber mit ihm schied der letzte freundliche Stern des alten, öden Herrenhauses. Die Tante zeigte sich unnahbarer als je, und der alte Baron ging die nächsten Tage nach der Beerdigung wie in einem wilden, wüsten Traum umher. Wenn ihn der Verwalter nach irgend einem die Wirthschaft betreffenden Gegenstand fragte, winkte er ihm rasch und hastig mit der Hand fort, und Stunden lang konnte er allein draußen im Park auf und ab gehen, mit den Händen in der Luft herumfechten und laut und heftig dazu mit sich selber sprechen. Aber Niemand durfte dann in seine Nähe kommen, selbst nicht Kathinka, gegen die er sich noch am freundlichsten oder wenigstens am stillsten zeigte; denn er duldete, daß sie ihm das Essen auf sein Zimmer brachte, ihm den Stuhl nachher zum Fenster rückte und den Kaffee auf den kleinen Tisch daneben stellte. Aber er sprach auch nicht mit ihr. Nur manchmal war es, als ob er sich zu ihr wenden, sie um etwas fragen wolle; aber er seufzte dann immer tief auf, schüttelte den Kopf und versank wieder in sein altes Brüten. – Die Tante durfte sein Zimmer gar nicht betreten und kam auch von selber nicht, schien aber jede Gelegenheit abzulauern, wo sie über das arme Mädchen herfallen und sie auszanken konnte, und sagte ihr dabei oft die härtesten, grausamsten Sachen. Bruno war bis jetzt jeden Tag herausgekommen, um nach dem Vater zu sehen, dessen Zustand ihn in der That besorgt machte; aber der alte Baron verkehrte auch nicht mit ihm. Er nickte ihm wohl zu, wenn er in's Zimmer trat, und duldete es, daß der Sohn seine Hand nahm und drückte; aber dann war es auch jedesmal, als ob er danach zusammenschaudere, und das Gesicht in den Händen bergend, stöhnte er wohl: »Mein Sohn, mein Sohn!« und sank bleich und vor sich niederstarrend in den Lehnstuhl zurück. Bruno suchte ihn zu trösten; er hatte nie geglaubt, daß der Verlust des Knaben den Vater so furchtbar ergreifen würde. So natürlich es auch dabei schien, daß er in dem andern Sohn Ersatz für den verlorenen suchen solle, so wenig wandte er sich dem zu, und wenn er ihn auch nicht von sich stieß, so duldete er doch nur gewissermaßen seine Gegenwart, und schien befriedigt, wenn er ihn wieder verließ. Mit der Tante verkehrte Bruno gar nicht: er grüßte sie, wenn er sie im Hause traf, aber er suchte sie nie auf, und doch schien gerade sie seit Benno's Tode freundlicher gegen ihn geworden zu sein, als sie es je gewesen. Sie sorgte sogar, woran sie früher nie gedacht, Morgens, wenn er kam, für sein Frühstück und schickte die Knechte von der Arbeit fort, um nach seinem Pferd zu sehen. Die Leute im Schlosse lachten darüber, denn die Ursache lag auf der Hand. Der alte Baron war so auffallend geistesschwach geworden, daß er der Leitung des ganzen Anwesens nicht einmal mehr vorstehen konnte, und der junge Baron bekam jetzt in wenigen Wochen die große Erbschaft ausgezahlt, wo er denn doch von selber Herr des Ganzen wurde. Ihre Macht hatte dann aufgehört, wenn sie sich nicht selber gut mit ihm stellte, und sie wunderten sich nur, daß sie nicht schon lange gegen ihn eingelenkt und ihn sich zum Freund gewonnen hatte. Sie kannten den Charakter ihres verbissenen, keiner Zuneigung fähigen Wesens noch viel zu wenig, sie wußten nicht, welche furchtbare Gewalt sie sich selbst diesem Wenigen gegenüber, zu dem sie sich zwang, anthun mußte. Bruno nahm aber selbst das Wenige dankbar an; sie hatten ihn im Schlosse wahrlich nicht verwöhnt, und durch den Tod des Bruders ohnedies weich gestimmt, sehnte sich sein Herz nach einem freundlichen Wort und Blick. Allerdings hatte er heute noch Manches mit dem Vater besprechen und ihm zugleich mittheilen wollen, daß er den gesuchten Abschied, und zwar als Hauptmann, erhalten habe; aber es war mit dem alten Mann nicht zu sprechen, und sowie er nur davon beginnen wollte, winkte er nur mit der Hand; er wollte nicht gestört sein und malte nur in einem fort mit einem Bleistift wunderliche Zeichen auf ein Stück Papier. Bruno hoffte allerdings, daß sich diese geistige Schwäche, wenn nur der erste Schmerz überwunden wäre, geben würde, sah aber auch, daß er vor der Hand auf jede ernste Besprechung mit ihm verzichten müsse. Er ließ also sein Pferd satteln und wollte eben zurück zur Stadt reiten, als Kathinka zu ihm trat und mit leiser, zitternder Stimme sagte: »Ach, Herr Baron, erlauben Sie mir eine Frage...« »Ja, Kathinka,« sagte der Officier freundlich; »was ist es?« »Es gehen hier so böse Gerüchte im Schloß,« fuhr das junge Mädchen fort – »und die Tante hat es nur bestätigt – daß nämlich der junge Herr Baumann, der immer so gut mit Ihrem seligen Bruder war und ihn so lieb hatte, einen Mord begangen habe und jetzt im Gefängniß sein Urtheil erwarte – ist das wahr? – Die Tante,« fuhr sie scheu fort, als Bruno noch schwieg und sie nur aufmerksam betrachtete, »meint sogar, er sei ein recht böser, heuchlerischer Mensch, der jetzt seine verdiente Strafe erleiden würde.« Bruno hatte sie wirklich staunend angesehen, denn das junge, scheue, gedrückte Wesen des Mädchens hatte ihn, wenn er wirklich einmal herauskam, sie eigentlich nie beachten lassen. Sie war fast immer auswärts beschäftigt gewesen, und traf er sie einmal, als sein Bruder noch lebte, in dessen Krankenzimmer, so verließ sie dasselbe gewöhnlich immer, sobald er es betrat. Jetzt stand sie vor ihm, die großen, bittenden Augen in Angst und Mitleid fragend zu ihm erhoben, die Wangen leicht geröthet, als sie dem überraschten Blick des jungen Mannes begegnete. Wie schön sie war – und welche trübe Jugend verbrachte sie hier in den öden Mauern des alten Schlosses! »Ist das wahr, Herr Baron?« fragte das junge Mädchen noch einmal und schlug den Blick jetzt scheu zu Boden. »Nein, Kathinka,« sagte Bruno herzlich, »das ist nicht wahr. Fritz Baumann ist allerdings durch zufällige Umstände in den Verdacht gekommen, bei jener dunkeln That betheiligt gewesen zu sein, aber der wirkliche Mörder jetzt entdeckt, und wie ich heute Morgen hörte, hat er bereits ein volles Geständniß über seine That abgelegt, nach dem Baumann entweder schon freigelassen ist oder jedenfalls in der allernächsten Zeit freigelassen wird. Er hat mit der Sache nicht allein nichts zu thun gehabt, sondern sogar, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch sein plötzliches Erscheinen den Dieb verjagt und verhindert, den alten Mann völlig umzubringen.« »Gott sei Dank!« flüsterte Kathinka leise. »Es würde mir recht weh gethan haben, so Böses von ihm zu glauben – auch Ihnen dank' ich für das gute Wort!« Bruno wollte noch etwas erwidern, aber der Tante keifende Stimme rief sie fort, und wie ein gescheuchtes Reh floh sie über den Hof hinüber nach dem Schlosse zu. Bruno stieg seufzend in den Sattel und ritt langsam zum Thor hinaus. Wozu nur das ewige Schelten und Keifen – wozu der ewige, unausgesetzte Unfriede daheim, der Jedem das Haus zu einer Hölle machte? Dicht vor dem Thor, und noch mit seinen trüben Gedanken beschäftigt, begegnete er dem Staatsanwalt Witte, der eben in das Schloß wollte. Der Staatsanwalt fuhr in einem Einspänner und ließ halten, so daß Bruno sah, er wünsche ihn zu sprechen. Er zügelte deshalb sein Pferd ein und ritt an das kleine Fuhrwerk heran. »Ach, lieber Baron,« sagte Witte nach der ersten Begrüßung, und es kam Bruno fast vor, als ob der sonst so ruhige und seiner Sache stets sichere Mann in einer Art von Verlegenheit sei – »ist Ihr Herr Vater wohl zu Hause und könnte ich ihn sprechen?« »Mein Vater ist allerdings zu Hause,« seufzte Bruno, dessen Gedanken rasch wieder abgeleitet wurden, »aber ich glaube kaum, daß Sie ihn sprechen, wenigstens keinesfalls etwas mit ihm besprechen können, wenn Sie zu dem Zweck herausgekommen sind.« »Ist er krank?« »Nein; er befindet sich körperlich wohl, aber geistig so niedergedrückt, daß er an nichts Antheil nimmt und besonders auf keine Frage antwortet. Ich fürchte, der Tod meines Bruders hat ihn so angegriffen, und er wird einer langen Zeit der Ruhe bedürfen, bis er sich wieder vollständig erholt. Ich würde Sie jedenfalls dringend bitten, nicht über Geschäfte mit ihm zu reden.« »Hm, das thut mir herzlich leid – Gemüthsbewegung also,« sagte Witte sinnend – »aber Ihre Fräulein Tante ist zu sprechen?« »Wenn sie erledigen kann, was Sie abzumachen haben – gewiß. Sie ist daheim; sie verläßt das Schloß selten oder nie.« »Doch nicht auch etwa von Gemüthsbewegung assicirt?« fragte Witte, denn der Charakter der Dame war in Alburg gut genug bekannt. Bruno lächelte. »Von keiner wenigstens, die sie untauglich zu Geschäften machte. Sehen Sie, wie Sie mit ihr fertig werden – à propos! haben Sie etwas Näheres über Fritz Baumann's Freilassung gehört?« »Ich komme gerade daher: sie ist eben erfolgt. Der alte Solomon hat selber so dringend für ihn gebeten und so entschieden verneint, daß auch nur die Möglichkeit eines Einverständnisses mit seinem Onkel sei, daß, nach Heßberger's vollem Geständniß, das Gericht ihn wohl freigeben mußte.« »Das freut mich – dann bitte, sagen Sie es doch Kathinka, dem jungen Mädchen, das Sie im Hause finden – meines verstorbenen Bruders Krankenpflegerin. Sie kennen sie ja wohl – es wird sie freuen.« »Allerdings; ich werde es ausrichten.« Und dem jungen Mann freundlich zunickend, gab er seinem Pferd die Peitsche und fuhr in das Schloß hinein, wo er aber eine Zeit lang warten und knallen mußte, bis Jemand kam, der ihn der Sorge für das Thier enthob. »Zieht das Pferd einen Augenblick in den Stall, lieber Freund,« sagte er zu dem Mann, »ich habe etwas mit dem gnädigen Fräulein zu reden. Was ist denn das für ein furchtbarer Skandal da oben?« »Was wird's sein,« sagte der Mann mürrisch, »das tägliche Elend – sie hat's wieder mit dem armen Ding, der Mamsell. Vorhin war sie um den Finger zu wickeln, sie fraß ordentlich aus der Hand – jetzt, nun der Baron fort ist, scheint der Teufel wieder loszugehen!« »Mit wem hat sie's?« »Mit der Fräulein Kathinka, die ihr thut, was sie ihr an den Augen absehen kann – nun wird's aber bald ein Ende haben, sie hat ihr eben angekündigt, daß sie heute über acht Tage das Schloß verlassen soll – das arme junge Blut! Nun muß sie zu fremden Menschen dienen gehen, denn sie hat nichts, als was sie auf dem Leibe trägt – aber immer noch lieber bei fremden Menschen als bei dem Drachen!« Der Staatsanwalt hatte den geschwätzigen Mann ruhig reden lassen und nur dabei nach dem Schloß hinüber gehorcht, von dem noch immer die keifende Stimme der Alten herübertönte. »Und sollte es denn gar nicht möglich sein, den Drachen zahm zu machen?« sagte er nach einer Weile, indeß der Mann das Pferd noch ausschirrte. »Was meint Ihr?« »Den?« rief der Mann und sah den Staatsanwalt verwundert an. »Und wenn der Teufel selber aus der Hölle käme und eine ganze Compagnie kleiner Teufel mitbrächte, von der müßt' er die Finger lassen und machen, daß er wieder in seinen Pfuhl käme! Die zeigt's ihm!« »Na, versuchen kann man's ja immer,« lachte Witte, »den Hals wird sie Einem doch nicht gleich umdrehen.« »Hören Sie,« sagte der Mann ernsthaft, »wenn Sie auf so einen Versuch aus sind, dann möchte ich das Pferd lieber gleich wieder einschirren und den Wagen umdrehen und vor's Thor fahren, damit Sie nachher gleich hineinspringen und auskneifen können. Sie ist heute gerade in der Laune.« »Nun, es muß nicht gleich sein,« lächelte Witte; »aber wunderlichere Dinge sind schon in der Welt passirt. Gebt nur indessen dem Pferd ein Maul voll Heu, sonst beißt es Euch die Krippe zu Schanden; es hat sich das so angewöhnt.« Und damit legte er seine Peitsche in den Wagen und ging langsam dem Portal des Schlosses zu, wo er noch immer die zankende Stimme des gnädigen, oder vielmehr sehr ungnädigen Fräuleins hörte. Er ließ sich aber nicht dadurch abschrecken, und während ihm der Knecht ganz verwundert nachschaute – denn von ihnen kam ihr bei solcher Gelegenheit Niemand freiwillig in die Nähe –, betrat er das Schloß selber und stieg die Treppe hinauf. Auf der halben Treppe kam aber Kathinka schon dem Staatsanwalt bleich und mit rothgeweinten Augen entgegen und erschrak sichtlich, als sie einen Fremden erblickte. Sie schämte sich jedenfalls, so von ihm gesehen zu werden, und stand einen Moment unschlüssig, als wenn sie nicht wisse, ob sie an ihm vorbeieilen oder die Treppe wieder hinausflüchten solle. Witte ließ ihr aber keine Zeit, weder das eine noch das andere auszuführen. »Mein liebes Fräulein,« sagte er, »laufen Sie nicht vor mir davon – ich bin ein alter Mann und kenne die Verhältnisse hier im Hause gut genug – wo kann ich denn wohl Fräulein von Wendelsheim antreffen, denn ich höre merkwürdiger Weise ihre Stimme nicht mehr oben?« »Sie wird in ihrer Stube sein,« sagte Kathinka, sich scheu und hastig die Thränen trocknend. »Sie entschuldigen mich wohl...« »Den Augenblick – nur noch einen Auftrag habe ich an Sie auszurichten.« »An mich?« »Der junge Baron gab ihn mir draußen; er erfuhr von mir, daß der Mechanikus Baumann freigesprochen und seiner Haft entlassen ist, und bat mich, Ihnen das zu sagen.« »Ich danke Ihnen,« flüsterte Kathinka, ließ sich aber jetzt nicht länger halten, sondern eilte, so rasch sie konnte, die Treppe hinab. Witte sah ihr kopfschüttelnd nach; aber andere Dinge gingen ihm im Kopf herum, und die Treppe hinansteigend, traf er oben ein Dienstmädchen, das Fenster putzte. »Können Sie mir sagen, liebes Kind, wo ich das gnädige Fräulein von Wendelsheim treffe?« fragte er dieses. »Jawoll,« sagte das Mädchen, »gleich da drin ist sie.« »Schön,« erwiderte Witte, indem er seine Brieftasche vorholte und eine Karte herausnahm, die er dem Mädchen hinhielt. »Möchten Sie dann wohl so gut sein und diese Karte zu dem gnädigen Fräulein hineintragen und ihr sagen, der Herr, dessen Name darauf stehe, sei hier draußen und wünsche mit ihr zu sprechen?« »Jawoll,« entgegnete das Mädchen wieder, aber ohne die Hand nach der Karte auszustrecken, »das möchten Sie woll, nicht wahr? Ne, einmal gemacht und nicht wieder. Wenn Sie mit ihr sprechen wollen, gehn Sie selber hinein – ich aber nich.« Witte lachte. »Das gnädige Fräulein,« sagte er, »scheint sich hier sehr in Respect gesetzt zu haben – beißt sie?« »Ne, aber sie kratzt,« sagte die Magd. »In der That? Nun, dann werd' ich mein Glück auf eigene Hand versuchen!« Und damit schob er Karte und Brieftasche wieder zurück, ging dann auf die bezeichnete Thür zu und klopfte herzhaft an. Ein scharfes, zorniges »Herein!« wurde fast augenblicklich gerufen, und der Staatsanwalt, der nur noch sah, daß das Mädchen ihr Fensterputzen unterbrochen hatte und neugierig hinübersah, um wahrscheinlich Zeuge des Empfanges zu sein, trat aus die Schwelle und sagte: »Mein gnädiges Fräulein, ich konnte Niemanden finden, der mich anmelden wollte – Sie entschuldigen, daß ich Sie störe ...« »Was wollen Sie?« lautete die kurze, barsche Gegenfrage. »Nur Sie sprechen – ich bin der Staatsanwalt Witte,« sagte dieser, indem er die Thür wieder hinter sich zuzog. »Und was wollen Sie von mir ?« »Um Ihnen das zu sagen, bin ich ganz besonders von Alburg herausgekommen,« erwiderte der Staatsanwalt, stellte seinen Hut auf die nächste Commode und zog sich die Handschuhe aus, die er hineinwarf. »Aber woher wissen Sie,« fragte Fräulein von Wendelstein, empört über die Freiheit, die sich der Fremde nahm, »daß ich überhaupt jetzt Zeit und Lust habe, Sie anzuhören?« »Mein gnädiges Fräulein,« sagte aber Witte trocken, »die Sache ist viel zu wichtig, um lange vorher mit Worten um eine Form zu streiten. Ihres eigenen Selbst wegen müssen Sie mich anhören, um sich einen Weg vor das Gericht zu ersparen.« »Mir?« rief die Dame empört. »Habe ich etwas mit den Gerichten zu thun?« »Bitte, nehmen Sie Platz,« erwiderte Witte, der fest entschlossen schien, sich nicht einschüchtern zu lassen, indem er sich selber einen Stuhl zum Tisch rückte. »Wir werden nicht sogleich fertig sein; ich komme in der Erbschafts-Angelegenheit – oder vielmehr in der Sache der Erbfolge.« »Und weshalb gehen Sie da nicht zu meinem Bruder?« »Ihr Herr Bruder ist, wie mir der junge Baron vorhin sagte, geistig so abgespannt, daß er mir augenblicklich nichts helfen kann, denn was ich jetzt mit Ihnen zu reden habe, erfordert einen klaren und ungetrübten Verstand. Wir können doch nicht behorcht werden?« Fräulein von Wendelsheim sah ihn staunend an; der Mann trat aber so entschieden und bestimmt auf und machte so entsetzlich wenig Umstände mit ihr – er mußte einen wichtigen Grund dafür haben, oder er war einer der unverschämtesten Menschen, die ihr im ganzen Leben vorgekommen. »Nein,« sagte sie, ihn staunend betrachtend, »rechts und links sind unbewohnte Zimmer.« »Das Mädchen auf dem Vorsaal wird horchen.« »Das wagt Keine von meinen Dienstboten – aber ich wüßte auch nicht, welches Geheimniß wir Beide mit einander zu besprechen hätten.« »Haben Sie gar kein Geheimniß, mein gnädiges Fräulein?« sagte der Staatsanwalt und sah sie dabei starr an. »Bitte, besinnen Sie sich.« »Und wenn ich es hätte,« sagte finster die Dame, »wer gäbe Ihnen ein Recht, danach zu fragen?« »Gut,« fuhr Witte ruhig fort, »dann setzen Sie einmal den Fall, daß ich Mitwisser desselben geworden wäre.« Fräulein von Wendelsheim faßte fast krampfhaft die Lehne des Stuhls, neben dem sie stand, und Witte täuschte sich wohl nicht, wenn er zu bemerken glaubte, daß sie erbleichte, als ihr Blick dem fest auf sie gehefteten Auge des Juristen begegnete. Aber Fräulein von Wendelsheim hatte keine schwachen Nerven, und während schon im nächsten Moment ein trotziges, verächtliches Lächeln um ihre Lippen spielte, sagte sie scharf: »Sie haben eine merkwürdige Art und Weise, sich bei einer Dame einzuführen; da Sie aber einmal da sind und mein Bruder in der That nicht wohl ist, so reden Sie. Doch muß ich Sie bitten, sich kurz zu fassen, denn ich habe weder Lust noch Zeit zu einer langen Unterredung. Also was ist es?« Witte machte eine leise Verbeugung, und während sie sich selbst auf das ihm gegenüber stehende Sopha setzte, sagte er: »Ich werde mich sehr kurz fassen. Die Sache bedarf auch keiner weiteren Vorrede. Sie wissen, daß heute über vierzehn Tage die Erbschaft für den männlichen Leibeserben der Familie Wendelsheim fällig ist und an dem Tage mit den zu dem Capital geschlagenen Zinsen, einige unbedeutende Verwaltungskosten abgerechnet, ausgezahlt werden wird.« »Sind Sie deshalb gekommen, um mir das zu sagen?« fragte das gnädige Fräulein kalt. »Ich sage, Sie wissen das,« fuhr Witte ruhig fort; »aber der eigenthümliche Fall besteht dabei, daß Sie nicht wissen, wer der wirkliche Erbe des Wendelsheim'schen Vermögens ist.« »Mein Herr!« fuhr die Dame von ihrem Sitz empor. »Bitte, behalten Sie Platz, mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte trocken; »ich bin noch lange nicht fertig, und Sie mögen Ihr Erstaunen für einen späteren Punkt meiner Auseinandersetzung aufsparen.« »Wenn ich erstaunt bin,« sagte Fräulein von Wendelsheim mit einer Stimme, die genau so klang wie der grollende Donner vor Ausbruch eines Sturmes, »so war es nur über Ihre Unverschämtheit!« »Bitte, mein Fräulein,« entgegnete Witte, »soll ich Sie vielleicht daran erinnern, daß das Kind der Baronin von Wendelsheim unmittelbar nach der Geburt mit einem andern vertauscht wurde?« Die Dame stand dem Staatsanwalt gegenüber; ihre ganze Gestalt zitterte, ob vor Aufregung und Schreck, oder verhaltener Wuth, ließ sich freilich kaum bestimmen; aber gewaltsam faßte sie sich – sie mußte erst hören, was der Mann noch zu sagen hatte – und nur mit vor Zorn bebender Stimme zischte sie: »Das faule Märchen, das damals im Mund des Volks war, aber als erbärmliche Lüge verstummen mußte!« »Man hatte keine Beweise,« sagte Witte, »und die Sache schlief die langen Jahre. Das Wunderbare aber dabei ist, daß selbst Sie den wahren Thatbestand nicht kannten. Ja, mein gnädiges Fräulein, wenn Sie auch noch so höhnisch lächeln, ich bestehe doch auf meiner Behauptung. Sie glaubten nämlich damals, daß die Baronin von Wendelsheim eine Tochter geboren habe, die wenige Tage oder Wochen später gestorben sei; die Thatsache aber ist, daß sie einen Sohn geboren hat, der bis zu dieser Stunde noch lebt und wohl und gesund ist, und jenes nichtswürdige Weib, die Heßberger, nur den Tausch vollbrachte und Ihnen einen andern Knaben unterschob, um sich den reichen, in Aussicht gestellten Gewinn nicht entgehen zu lassen.« Die Wirkung, welche diese Worte auf das Fräulein von Wendelsheim machten, war merkwürdig. Ihr Gesicht nahm eine fast erdfahle Färbung an, die Augen traten ihr aus den Höhlen, ihre Lippen öffneten sich, und den magern rechten Arm, der wie in Fieberfrost hin und wieder flog, vorstreckend, stand sie so für einen Augenblick dem Staatsanwalt gegenüber. Endlich stammelte sie: »Eine Lüge – eine schändliche – teuflisch erfundene Lüge!« »Mein gnädiges Fräulein,« sagte Witte, »ich bin nicht besonders empfindlich und verzeihe Ihnen in der jetzigen Aufregung gern ein hartes Wort, aber Sie werden auch einsehen, daß Sie dadurch Ihre Sache nur verschlechtern, nie verbessern können. Erlauben Sie mir deshalb, Ihnen einfach zu sagen, weshalb ich hergekommen bin, und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nichts mittheile, was ich nicht durch lebende Zeugen beweisen kann. Ich verlange von Ihnen vor der Hand kein Eingeständniß des Geschehenen, und bitte Sie nur, die Thatsache im Gedächtnisse zu behalten, daß der Familie Wendelsheim ein wirklicher, leiblicher Erbe lebt und der bisherige Baron, Bruno von Wendelsheim genannt, ein untergeschobenes Kind ist. Ich kenne Sie als Frau von klarem, ruhigem und sehr scharfem Verstand, und bin einzig und allein deshalb hier herausgefahren, um mit dem Baron und Ihnen – oder unter den jetzigen Umständen mit Ihnen allein – zu überlegen, wie und auf welche Art der wirkliche Elbe am besten wieder in seine Rechte einzusetzen und der vermeintliche auf irgend eine zu arrangirende Art zu entschädigen sei, ohne dabei Ihren Namen zu compromittiren. Ich muß Ihnen dabei gestehen, daß ich selber um einen Ausweg verlegen bin; aber ich möchte, wenn es irgend möglicher Weise anginge, den Eclat von Ihrem Hause abwenden. Sie sehen daraus, daß ich nicht als Feind, sondern als Freund zu Ihnen komme.« Witte hatte sich in der Frau vollständig verrechnet. Er war ihr mit der festen Ueberzeugung gegenübergetreten, daß er sie mit den nach einander aufgehäuften Thatsachen jedenfalls zerschmettern und augenblicklich zu einem Bekenntniß ihrer Schuld bringen würde, wenn er sie eben um gar nichts frage, sondern ihr im Gegentheil zeige, daß er schon Alles wisse. An wen Anders konnte sie sich dann nachher um Hülfe anklammern, wenn er selber ihr die Hand dazu bot? Aber er hatte in seiner Berechnung einen Factor zur Geltung gebracht, der in dem Nervensystem des gnädigen Fräuleins gar nicht existirte: das Gewissen – und darum stimmte das Facit nicht. In den Zügen des Fräuleins war schon, während er noch sprach, eine auffallende Veränderung vorgegangen; das erst vor Schreck und Ueberraschung weitgeöffnete Auge hatte sich wieder zusammengezogen, der Mund geschlossen; aber die rechte Hand blieb noch wie krampfhaft geballt, und erst als er geendet, sagte sie, aber jetzt mit ruhiger, wie spöttischer Stimme: »Und war das Alles, was mir der Herr Staatsanwalt mitzutheilen hatte?« Witte erschrak; er glaubte schon Grund gefaßt zu haben, und fühlte jetzt, daß ihm der Boden wieder unter den Füßen wegging. »Nein, mein gnädiges Fräulein,« sagte er rasch, »denn Sie scheinen noch immer an meinen Worten zu zweifeln; aber Sie wissen vielleicht nicht, daß das Heßberger'sche Ehepaar hinter Schloß und Riegel sitzt und ...« »Wollen Sie etwa behaupten,« fuhr die Dame auf, »daß jenes Weib etwas gegen mich aussagt? Aber,« setzte sie plötzlich kalt und höhnisch hinzu, »wie ich eben so gut weiß, daß das unmöglich ist, so sehe ich auch an Ihrem Gesicht, daß es nicht geschehen ist! Sie selber spielen dabei jedoch eine klägliche Rolle, Herr Staatsanwalt, wie Sie wohl einsehen werden, und fallen mit Ihrem Versuche, einer Familie ein Geheimniß aufdrängen zu wollen, in der gar keins besteht, sehr traurig ab – ich glaube, Ihr Geschäft ist jetzt hier erledigt.« »Und verlangen Sie nicht einmal den Namen des rechtmäßigen Erben, Ihres eigenen Neffen, zu wissen?« sagte Witte, wirklich ganz durch diese starre Ruhe außer Fassung gebracht. »Es wird sich gleich bleiben,« erwiderte Fräulein von Wendelsheim, selbst nicht einmal die Schwäche der Neugierde verrathend, »ob Sie beabsichtigten, uns einen Schuster oder Schneider unterzuschieben. Ich will nichts weiter von der Sache hören und ersuche Sie jetzt ganz ernstlich, mich zu verlassen.« »Auch noch hinausgeworfen für meinen guten Willen – versteht sich!« lachte Witte bitter vor sich hin, indem er von seinem Stuhl aufstand und seinen Hut nahm. »Aber, mein gnädiges Fräulein, Sie haben sich jetzt auch die Folgen selber zuzuschreiben – ich hatte gehofft, die Sache ...« »Da mich Ihre Hoffnungen nicht im Mindesten interessiren, Herr Staatsanwalt,« sagte die Dame, »so ersuche ich Sie, das Gespräch draußen fortzusetzen – ich habe Ihr Geschwätz jetzt satt.« »Sehr schön, mein Fräulein!« rief Witte, dem das denn doch zu arg wurde, indem er sich aber vorsichtiger Weise nach der Thür zurückzog, denn der in diesem weiblichen Unhold schlummernde Drache schien sich zu regen. »Von meinem Geschwätz sollen Sie nicht länger belästigt werden, aber vielleicht gefällt Ihnen dann eine Vorladung vor Gericht besser, die ...« Die Dame fuhr mit so zornsprühenden Augen auf ihn ein, daß er es für das Beste hielt, das Zimmer zu verlassen; denn er hielt sie in ihrem jetzigen Zustand, gereizt und zum Aeußersten getrieben, auch zu Allem fähig. Er mochte aber dabei die Thür wohl etwas rascher auf- und wieder zugemacht haben, als das in der gewöhnlichen gesellschaftlichen Form die Sitte erheischt, und als er draußen ausblickte, sah er durch den einen Fensterflügel durch, den sie in der Hand hielt und gerade abputzte, in das vergnügt grinsende Gesicht der Magd, die etwas Anderes gar nicht erwartet zu haben schien. »Na, war's hübsch!« flüsterte das boshafte Geschöpf auch noch, als er, ohne sie weiter zu beachten, an ihr vorüberschreiten wollte; aber er hielt es natürlich nicht der Mühe Werth, ihr eine Antwort zu geben, und eilte, so rasch er konnte, die Treppe hinunter und auf den Stall zu, wo er sich augenblicklich sein Pferd einschirren ließ. Der Knecht schien sich gern in ein Gespräch mit ihm einlassen zu wollen, um zu erfahren, wie es oben abgelaufen. Witte fühlte sich aber nicht in der Stimmung, drückte ihm ein gutes Trinkgeld in die Hand, setzte sich auf und fuhr in einem scharfen Trab zum Thor hinaus. Er war dabei sehr unzufrieden mit sich selber, denn er hatte bei dem ganzen verunglückten Versuch, die Sache durch einen entscheidenden Schritt zu erledigen, nicht allein nichts erreicht, sondern vielleicht eher Schaden angerichtet, und gar nicht zu seiner besonderen Erbauung fiel ihm in dem nächsten Augenblick der Major und Rath Frühbach ein, die etwa in ähnlicher Weise von Vollmers abgezogen waren. Jene handelten freilich nur auf einen Verdacht, er selber aber auf die Gewißheit der Thatsachen hin; doch was halfen ihm die, so lange es ihm an Beweisen dafür fehlte, und mit denen sah er sich vollständig auf den Sand gesetzt. Heßberger, total gebrochen und eingeschüchtert, hatte allerdings Alles, was man von ihm wollte, gestanden, die Heßberger selber aber, bei welcher er dann, aber auch noch ganz privatim, den Versuch gemacht, um eine Zustimmung von ihr zu erhalten, kalt und höhnisch erwidert, sie wisse von nichts, und als er ihr endlich das Zeugniß ihres Mannes vorhielt, geantwortet, dann erledige sich die Sache von selber. Möglich, daß die verstorbene Frau Baronin die Absicht gehabt habe, einen solchen Tausch zu machen, falls ihr eine Tochter geboren würde – sie könne es nicht sagen und die Frau ich nicht mehr fragen, denn sie wäre todt; dann hätte sich das aber auch natürlich durch die Geburt eines Sohnes unnöthig gezeigt und jede Mutter ihr eigenes Kind erzogen. Dabei blieb sie, und dagegen würde selbst Heßberger's Zeugniß nichts geholfen haben. Durch diesen konnte allerdings der Versuch eines Betrugs constatirt werden, aber nie die Ausführung desselben und der wirkliche Tausch. Die Kinder waren ihm im Dunkeln überliefert worden, und er selber hätte nie im Leben beschwören können, ob er dasselbe Kind oder ein anderes dafür zurückgetragen. Aber jetzt half es nichts mehr; er war schon zu weit gegangen, um noch zurück zu können. Auf der einen Seite drängte ihn der alte Baumann selber, die Sache zum Abschluß zu bringen, auf der andern war er jetzt der Gefahr ausgesetzt, daß dieses entsetzliche Fräulein von Wendelsheim sogar eine ähnliche Klage gegen ihn richtete, wie die Frau Müller gegen den Major. Bis zu diesem Augenblick hatte er Alles allein auf eigene Faust und im Stillen betrieben, nun ging das nicht länger; er mußte selber die Anzeige beim Gericht machen. Ueberdies war auch der Termin der Erbschafts-Auszahlung so nahe herangerückt, daß er sich hätte die größte Verantwortung zuziehen können, wenn er eine derartige ihm gemachte Anzeige über denselben hinaus verheimlichte. Er durfte eben nicht länger zögern und das Ganze auf die eigenen Schultern nehmen, und mit dem Entschluß wurde er auch wieder ruhiger und zufriedener. Sein Pferd fühlte die Peitsche, und der leichte Wagen rollte rasch der Stadt entgegen. 31. Rathlos und Rath Frühbach. In den letzten Tagen hatte ein so wunderliches Verhältniß im Baumann'schen Hause geherrscht, daß selbst der Gesell und die Lehrlinge darauf aufmerksam geworden waren und den Kopf darüber schüttelten. Sonst war nichts als Friede und Freundlichkeit in der Familie, und wenn der alte Schlossermeister mit seinem jüngsten Kind, seinem kleinen Liebling, manchmal nach Feierabend spielte, lachte er so herzlich über dessen kindlichen Frohsinn, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und unwillkürlich mitlachen mußten, wenn sie auch keine Ahnung hatten, was da drinnen so Lustiges vorging. Jetzt war das anders, viel anders geworden. Der alte Baumann stand den ganzen Tag bis Abends spät am Amboß und hämmerte auf das Eisen ein oder feilte an seiner Arbeit; wenn er sich aber noch vor wenigen Tagen ein lustig Lied dazu gepfiffen oder gesungen, so verrichtete er jetzt sein Tagewerk stumm und mit düster zusammengezogenen Brauen, und kein Wort wurde in der Werkstätte gesprochen, das sich nicht auf die Arbeit bezog und nothwendig gesprochen werden mußte. Und welche Veränderung konnte erst mit der Meisterin vorgegangen sein? Sie war nicht krank, denn sie schaffte den ganzen Tag in der Küche und verrichtete alle ihre Besorgungen pünktlich, wie zuvor; aber sie kam gar nicht mehr vorn in die Stube, außer wenn sie Morgens rein machte und Mittags zum Essen, und selbst dann hatte sie einen andern Platz am Tische, als früher, nicht mehr neben dem Meister, sondern zwischen ihrer kleinen Else und dem Gesellen; und keine Frage that der Meister an sie, keine Silbe wurde überhaupt bei Tische gesprochen. Den Leuten war das natürlich unheimlich, aber Keiner von ihnen, selbst Karl nicht, der Sohn vom Hause, wagte nach der Ursache zu fragen. Meister und Meisterin mußten sich mitsammen gezankt haben, wenn das auch eigentlich nie vorfiel und Keiner von Allen etwas gehört haben wollte; das aber blieb die einzige Erklärung, die sie darüber wußten, und war das der Fall, dann versöhnten sie sich auch wieder und das alte Verhältniß wurde hergestellt – daß es nur so viele Tage dauerte! Das Essen war vorüber; der Meister stand wieder draußen bei seiner Arbeit, und die Frau wusch das Geschirr auf, als ein Polizeidiener in die Werkstätte kam und nach der Frau Baumann fragte. »Was soll sie?« sagte der Schlossermeister, der todtenbleich geworden war, indem er den Hammer auf dem Amboß ruhen ließ. »Ich habe hier eine Vorladung für sie auf heute Nachmittag vier Uhr.« »Schön; legen Sie das Papier nur dahin, es soll ausgerichtet werden.« »Nein; ich muß es ihr selber geben.« »Dann gehen Sie in die Küche,« sagte der alte Mann düster, drehte sich ab und schob das Eisen in den Feuerherd, dessen Gluth, durch den Blasebalg angefacht, emporloderte. Die Leute in der Werkstätte sahen ihm verwundert nach. Sie begriffen nicht, was die Meisterin mit der Polizei zu thun haben könne. Der Meister wußte es, aber er sagte kein Wort; er sah nicht auf, als der Polizeibeamte seine Pflicht erfüllt hatte und die Werkstätte wieder verließ; er ging nicht zu seiner Frau, um mit der zu sprechen. Er hätte sich nicht weniger darum bekümmern können, wenn die Bestellung im Nachbarhause abgegeben worden wäre. Da warf Karl plötzlich seine Feile hin, rief: »Der Fritz!« und sprang der Thür zu, durch deren kleines, angelaufenes Glasfenster er den Bruder erkannt hatte. Und die kleine Else hatte im Zimmer den Ruf gehört und kam herausgesprungen, und wie er die Thür öffnete, klammerte sie sich an ihn, ließ sich von ihm emporheben und herzte und küßte ihn. Und das war jetzt ein Fragen und Jauchzen zwischen den jungen Leuten, daß der Fritz wieder frei war und kein Verdacht der nichtswürdigen That mehr auf ihm lastete; und die Kleine hatte nur immer ihre Aermchen um seinen Nacken geschlungen und weinte und lachte: die bösen Männer dürften ihren Fritz nun nicht wieder in's Gefängniß stecken, und er solle bei ihr bleiben und nie wieder von ihr fortgehen. Auch der Vater hatte seine Arbeit bei Seite gelassen und ihm die Hand entgegengestreckt, die er derb schüttelte und drückte. »Aber wo ist die Mutter?« rief Fritz. »Weshalb kommt sie nicht? Geh hin, Elschen, und ruf sie; sag' ihr, der Fritz sei wiedergekommen.« »Bleib, Else,« sagte der Vater; »sie ist in der Küche – geh dann zu ihr.« Fritz sah den Vater verwundert an und dann den Bruder. Karl machte ihm aber hinter dessen Rücken ein Zeichen, das er zwar nicht verstand, aber doch daraus ersah, es müsse etwas vorgefallen sein, und er thäte besser, für den Augenblick nicht weiter nachzuforschen. Wie er aber nur in der Werkstätte dem Vater und den Uebrigen flüchtig erzählt hatte, wie es da oben gewesen und er heute Morgen freigelassen sei, ja, eigentlich schon vor drei Stunden hätte hier sein müssen und nur durch ein Versehen des albernen Schließers noch zurückgehalten wäre, da griff er sein Schwesterchen wieder auf und sprang hinüber in die Küche zur Mutter, um diese zu begrüßen. Es dauerte lange, bis er wieder zurückkam, und jetzt ohne die kleine Else, und als er in die Werkstatt kam, ging er auf den Vater zu und sagte: »Vater, was ist denn eigentlich hier im Hause vorgegangen? Ihr seht mir Alle so sonderbar aus, so fremd. Mir ist, als ob ich Jahre lang entfernt gewesen wäre und nicht nur kaum eine Woche oder etwas mehr. Was habt Ihr nur? Wie ich in die Küche kam, fiel mir die Mutter um den Hals und weinte, als ob ihr das Herz brechen müßte, wollte sich auch gar nicht mehr beruhigen, und jetzt hat sie die kleine Else auf dem Schooß und küßt das Kind in einem fort und drückt es an sich.« »Komm einmal mit herein, Fritz,« sagte der Vater ernst; »ich habe ein Wort mit Dir zu reden.« »Mit mir, Vater? Ist etwas vorgefallen?« »Ja, und etwas, das Dir nicht länger ein Geheimniß bleiben darf, eigentlich hätte nie ein Geheimniß bleiben sollen.« »Aber willst Du nicht erst einmal zur Mutter gehen?« »Nachher, mein Junge; zuerst komm einmal mit in's Zimmer hinüber, denn mir – hat's beinahe das Herz abgedrückt die letzten Tage, und es ist Zeit, daß ich's los werde – ich halt's nicht länger aus.« »Ich begreife Dich nicht, Vater.« »Du wirst's bald begreifen lernen,« nickte der Alte still vor sich hin; »komm nur mit, daß wir die Sache abmachen, denn ich muß wieder an die Arbeit. Und Du, Karl, geh einmal zur alten Bertram hinüber und frage sie, ob sie Zeit hätte, ein paar Tage hier zu uns herüber zu kommen und uns in der Wirtschaft zu helfen.« »Ist die Mutter krank geworden, Vater?« rief Karl rasch. »Nein,« sagte der Schlossermeister; »aber laß es auch lieber sein, ich will nachher selber zu ihr gehen – komm, Fritz!« Und ihm voranschreitend, ging er in die Stube hinein, setzte sich dort in den alten Lehnstuhl und winkte dem Sohn, auf einem andern Sessel Platz zu nehmen. Karl schüttelte mit dem Kopf; er konnte sich gar nicht denken, was »der Alte« heute hatte und wie tief und langsam er da drinnen sprach, und dann sein Bruder – wie heftig. Die Worte freilich ließen sich hier draußen nicht verstehen; aber etwas Besonderes mußte es sein. Und weshalb erfuhr er nichts davon? Gehörte er nicht zur Familie? Die Mutter wußte , was die beiden Männer mitsammen sprachen. Draußen in der Küche saß sie niedergekauert an der Thür, die in die Stube führte und deren Schwelle sie nicht mehr zu überschreiten wagte, das Gesicht in den Händen geborgen, und zwischen den dünnen Fingern quollen die heißen, brennenden Thränen vor. So saß sie, bis die Zeit kam, in der sie auf das Amt gefordert war; sie wußte, daß sie von dort nicht wiederkehren würde. Sie war aufgestanden und hatte ein kleines Bündel Wäsche zusammengeschnürt, das Notwendigste nur, das sie brauchte, und das unter dem Arm, trat sie endlich in die Werkstätte – sie vermied die Stube –, um ihren schweren Weg anzutreten. Aber Fritz hatte sie durch das kleine Fenster in der Wohnstube gesehen, und mit wenigen Sätzen war er draußen bei ihr. »Mutter!« rief er und schlang seine Arme um ihren Nacken. »Und Du nennst mich Mutter?« sagte die Frau erstaunt und sah ihn mit den großen, thränengefüllten Augen an. »Meine liebe, liebe Mutter!« Und fest und innig drückte er sie an sich; sie aber, während sie ihr Haupt einen Moment an seine Schulter lehnte, sagte leise: »Ich danke Dir, Fritz, ich danke Dir aus tiefstem Herzen; jetzt werd' ich hingehen und für Dich sprechen – verlaß Dich darauf, Dir soll Dein Recht werden!« »Und Du, Mutter ...?« »Sorge Dich nicht um mich, ich habe es nicht verdient. Leb' wohl!« Und ihn noch einmal auf die Stirn küssend, machte sie sich von ihm los. Fast unwillkürlich wandte sie sich dabei dem Mann zu, um auch Abschied von ihm zu nehmen; aber der Schlossermeister hatte die Arme auf die Brust gekreuzt und schaute finster zur Seite – es war keine Spur von Versöhnung in seinen harten Zügen zu erkennen. »Leb' wohl, Gottfried,« sagte sie leise und streckte ihm die Hand entgegen. »Leb' wohl!« sagte Baumann ohne sie anzusehen, drehte sich ab und schritt wieder in die Stube zurück. Seine Frau wagte nicht, ihm dahin zu folgen. Karl war vorgesprungen und wollte jetzt wissen, was sie habe, weshalb sie Abschied nähme. Sie küßte ihm das rußige, ehrliche Gesicht, hob noch einmal die kleine Else auf, die sich an sie hing und nicht von ihr lassen wollte, riß sich los und eilte mit raschen Schritten auf die Straße hinaus und dem Polizeigebäude zu, in dessen düsterem Thor sie verschwand. – – Der Staatsanwalt Witte befand sich an dem Tag in einer sehr unbehaglichen Stimmung, denn er hatte etwas unternommen, von dem er noch nicht recht klar sah, wie er es ausführen sollte. Wenn er sich auch bewußt war, nur seine Pflicht dabei zu thun, und ihn gesetzlich – der Fall mochte entschieden werden, wie er wollte – nicht die geringste Verantwortlichkeit treffen konnte, so täuschte er sich auch nicht einen Moment über das Aufsehen, das derselbe, besonders in den höheren Schichten der Gesellschaft, erwecken würde, und er wußte dabei recht gut, daß Alles für ihn nur von dem Erfolg dabei abhänge, denn nach dem Erfolg allein urtheilt die Welt. Fiel er mit seiner Klage durch, so konnte er sich erstlich darauf verlassen, daß Fräulein von Wendelsheim Himmel und Erde in Bewegung setzen würde, um sich an denen zu rächen, die es gewagt hatten, ihr entgegen zu treten. Aber das nicht allein: es mußte ihm auch wesentlich in seinem Rufe als Staatsanwalt schaden, zu einer dann als Schwindelei hingestellten Geschichte die Hand geboten zu haben, und dagegen half ihm nicht einmal der gute Name, den er bis jetzt als redlicher Mann in der Stadt hatte. Er kannte die Welt dafür viel zu genau. Aber es ließ sich nicht mehr ändern; der Stein rollte, und durch seinen heutigen Besuch bei Fräulein von Wendelsheim hatte er überdies dem Faß den Boden ausgestoßen. Jetzt kämpfte er so gut für sich selber, als für die Rechte des wirklichen und leiblichen Wendelsheim'schen Erben, und wußte überdies die gute Sache auf seiner Seite – freilich noch immer nicht genug gegen zwei böse Weiber, so lange diese einig waren. Wenn man sie nur hätte entzweien können – aber wie? Einer seiner Schreiber steckte den Kopf in die Thür und meldete einen Besuch. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich für Niemanden zu sprechen bin?« fragte Witte scharf. »Es ist der junge Baumann; er behauptet, er müßte Sie sprechen, und zwar in einer wichtigen Angelegenheit.« »Der junge Baumann, hm – lassen Sie ihn hereinkommen. Der kann mir nachdenken helfen,« brummte er halblaut vor sich hin. Fritz trat ein; er sah erschöpft und bleich aus. »Herr Staatsanwalt,« sagte er, »nach meinem letzten Hiersein hatte ich geglaubt, Ihre Schwelle nicht wieder betreten zu dürfen; aber die Verhältnisse zwingen mich dazu.« »Lieber junger Freund,« sagte Witte, »Sie sind mir stets angenehm gewesen und werden es bleiben, wie sich auch immer die späteren Verhältnisse gestalten; Frauen haben allerdings ihren eigenen Kopf, aber – reden wir nicht davon. Was führt Sie zu mir?« »Mein Vater hat mir Alles gesagt ...« »Ich dachte es mir, und es ist vielleicht besser so, einmal mußten Sie es doch erfahren.« »Aber die Mutter ist auf's Amt gefordert und nicht wieder zurückgekehrt; sie werden doch um Gottes willen die arme Frau nicht gefangen halten?« »Mein lieber Herr Baumann – erlauben Sie, daß ich Sie jetzt noch bei Ihrem alten Namen nenne –, das läßt sich nicht ändern,« sagte Witte achselzuckend; »die Gerechtigkeit muß ihren Lauf und in dem Laufe ihre Form haben. Aber seien Sie versichert, daß sie sich nicht in unfreundlichen Händen befindet. Ich war selber oben, als sie ankam und verhört wurde; sie legte ein offenes, reumüthiges Geständniß ihres ganzen Vergehens ab, aber so ohne jede Beschönigung für sich selbst, so nur von dem einen Gedanken durchdrungen, Alles wieder gut zu machen, daß sie sich den Polizei-Director selber schon ganz gewonnen hat. Ich habe auch mit diesem gesprochen; jede Erleichterung, die ihr die Hausordnung des Gefängnisses verstattet, wird ihr werden. Aber in Freiheit kann sie nicht wieder gesetzt werden, bis Alles auf die eine oder die andere Art erledigt ist.« »Meine arme Mutter ...!« »Sie nennen sie Ihre Mutter?« »Und ist sie es mir nicht gewesen die vielen, vielen Jahre lang? Hat sie nicht mit treuer Liebe für mich gesorgt und nie nie, so lange ich denken kann, ein rauhes oder hartes Wort für mich gehabt?« »Ich hoffe, es wird noch Alles gut gehen,« sagte Witte. »Und glauben Sie wirklich, daß sie wahr gesprochen?« fuhr Fritz bewegt fort, »daß nicht irgend eine fixe Idee sie erfaßt hat, in der sie jetzt Sachen behauptet, die gar nicht existiren?« »Ich glaube jedes Wort, das sie gesprochen hat,« sagte Witte ruhig und bestimmt. »Aber das Alles klingt so fabelhaft, so wild, so unmöglich; ich bin gar nicht im Stande, mich hinein zu denken.« »Das wäre gerade kein Wunder,« nickte Witte, »denn ähnliche Dinge kommen sonst auch eigentlich nur in Feenmärchen vor, wo arme Hirten Plötzlich Prinzen werden und dann die übliche Königstochter heirathen. Uebrigens gebe ich Ihnen mein Wort, junger Freund, daß kein Mensch in der Welt so tolle, wahnsinnige Dinge erfinden kann, als wirklich existiren und zu Tage kommen. Besonders jeder Rechtsanwalt wird Ihnen das bestätigen, denn was der Welt sonst häufig verborgen bleibt, müssen sie mit allen Verwickelungen und Einzelheiten stets erfahren.« »Und wenn es wirklich so wäre, wer, glauben Sie, daß die größte Schuld an jener Täuschung trägt? Doch nicht die Mutter?« »Nein, sicher nicht; jedenfalls jenes bösartige Weibsstück, die Schustersfrau, und Ihr Fräulein Tante.« »Meine Tante?« sagte Fritz, tief aufseufzend. »Die Natur scheint wirklich nicht glücklich mit der Wahl meiner Tanten zu sein, denn wenn ich mir zwischen beiden, der bisherigen und der zukünftigen, eine auszusuchen hätte, ich wüßte nicht, welche ich nehmen sollte.« »Ich würde für Beide danken,« sagte Witte trocken; »aber Eine ist Ihnen sicher. Doch wir vergeuden unsere Zeit. Was führt Sie zu mir?« »Weiter nichts, als die Bestätigung aus Ihrem Munde zu hören, daß nicht vielleicht nur ein irrer Wahn, eine Einbildung meine Mutter zu dem Geständniß getrieben hat, und wenn das nicht der Fall wäre, mit Ihnen zu berathen, wie wir ihr helfen, wie sie retten können.« »Da ist vor der Hand gar nichts zu thun,« sagte der Staatsanwalt, »als dem Gesetz eben seinen Lauf zu lassen; von ihrer Untersuchungshaft kann sie kein Mensch, und wenn es der Justizminister wäre, befreien.« »Doch was soll jetzt geschehen?« »Ja, das ist eben die Frage,« nickte Witte still vor sich hin, »und ich gäbe selber viel darum, wenn ich sie richtig beantworten könnte. Geschehen kann sehr viel; aber daß das Richtige zuerst geschieht, das ist der Hauptpunkt, und der Teufel weiß, was das Richtige ist – ich nicht.« »Sie glauben nicht, daß meiner Mutter Zeugniß allein genügt?« »Gott bewahre – kein Gedanke daran! Die Erbschafts-Commission würde sich nie davon bestimmen lassen, denn eine solche Behauptung könnte am Ende jede Mutter aufstellen, um ihrem Kind eine Erbschaft von nahezu einer halben Million zuzuwenden.« »Und der arme Bruno von Wendelsheim? ...« »Der arme Bruno von Wendelsheim?« meinte Witte. »Sagen Sie lieber: die armen Leute, die dem armen Bruno von Wendelsheim auf seine Erbschaft hin die vielen Tausende geborgt haben!« »Er wird sie bezahlen.« »Er denkt gar nicht daran, denn seinen »guten Willen« kann er nicht wechseln lassen. Ich bin fest überzeugt, daß er über dreißigtausend Thaler Schulden hat – wenn das reicht.« »Das wäre allerdings viel, aber er wird sie doch bezahlen,« sagte Baumann bestimmt – »er oder ich, wer nun die Erbschaft antritt.« »Wollten Sie das wirklich?« »Würden Sie nicht das Nämliche an meiner Stelle thun? Denn war er mehr schuldig an dem Tausch, als ich selber? Aber welchen nächsten Schritt beabsichtigen Sie – darf ich ihn wissen?« Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paar Mal in seiner kleinen Stube auf und ab gegangen. »Ich war heute in Wendelsheim,« sagte er, »und kam gerade zur rechten Zeit, um einem heftigen Auftritt Ihrer Fräulein Tante mit dem jungen Mädchen da draußen – wie heißt sie doch gleich?« »Mit Kathinka?« »Ja, mit Kathinka – beizuwohnen. Dann hatte ich eine Unterredung mit der Dame selbst; ich wollte sie zu einem Geständniß bringen, aber es mißlang gründlich.« »Die Baronin von Wendelsheim hat also nie um den Tausch gewußt?« »Es scheint nicht so; aller Vermuthung nach hat Fräulein von Wendelsheim die Kleinigkeit, jedenfalls unter Mitwissen Ihres Vaters, besorgt.« »Sie leugnete?« »Sie ließ sich nicht einmal herbei, zu leugnen, denn damit hätte sie sich auf der Defensive halten müssen, sondern sie ging augenblicklich, wie ein tapferer Feldherr, zur Offensive über, und ich gebe Ihnen mein Wort, sie leistete darin Außerordentliches. Von der Dame ist auch nie ein Geständniß zu gewärtigen; eher verräth der Stuhl da, wo der Baum gestanden hat, aus dem er einst geschnitten wurde.« »Und wäre es denn nicht möglich, die ganze Sache zurückzuziehen? Oh, Gott ist mein Zeuge, ich verlange den Reichthum nicht, und ehe so großes Elend über so viele Menschen kommt ...« »Das ist zu spät, mein junger Freund,« sagte Witte, »und zwar nicht allein der Gerichte, sondern vorzüglich Ihres eigenen Vaters – des Schlossermeisters wegen, wollte ich sagen; denn dessen Schädel ist härter als das Eisen, das er schmiedet. Aber es ginge auch überhaupt nicht, die Sache ist schon zu weit gediehen; wir könnten nicht mehr zurück, selbst wenn wir wollten. Aber wir wollen auch nicht,« setzte er hartnäckig hinzu, »und es ist eine Art von Zweikampf daraus geworden, den ich schon ehrenhalber mit Ihrer Fräulein Tante auszufechten habe.« »Und meine arme Mutter?« »Sorgen Sie sich nicht um sie. Ihre Pflegemutter hat allerdings gefehlt und wird dafür gestraft werden müssen; aber stellt sich die Untersuchung so heraus, wie ich vermuthe, so wird die Strafe nicht überhart ausfallen. Nicht so günstig möchte freilich das Urtheil für den Baron lauten, der mit voller, ruhiger Ueberlegung dabei gehandelt haben muß und nur von der noch schlaueren Schustersfrau überlistet wurde.« »So wäre Benno mein Bruder gewesen!« seufzte Fritz. »Und oh, wie lieb hab' ich den Knaben gehabt, ohne es zu wissen, wie manche lange Stunde an seinem Bett gesessen und ihm in die guten, klugen Augen gesehen! Jenes arme Mädchen aber, das jetzt von dem gnädigen Fräulein so hart behandelt wird, war seine treue Pflegerin, und Benno hing mit solcher Liebe an ihr!« Witte stand am Fenster und trommelte an den Scheiben, »Es ist eine ganz verfluchte Geschichte,« sagte er endlich, »und es wird uns nichts übrig bleiben, als den Stier bei den Hörnern zu fassen, wie man zu sagen pflegt, und der Stier ist dieses Mal kein Anderer, als die gnädige Tante.« »Ich habe kein Mitleiden mit ihr,« sagte Fritz. »Ja, es ist nur das Schlimme, daß sie das auch gar nicht verlangt. Sie zeigt die Zähne, und wenn wir die Sache, wie sie jetzt steht, vor die Geschworenen bringen, deren Sitzungen in nächster Zeit beginnen, so ist es undenkbar, daß sie sich hindurchfinden.« »Aber wäre es nicht möglich, weitere Zeugen aufzutreiben?« »Nein; das Frauenzimmer, das damals der Frau Heßberger hülfreiche Hand geleistet hat, und dessen Aussage jetzt allerdings von der größten Wichtigkeit wäre, ist, wie ich von Ihrer Mutter, der Frau Baumann, gehört habe, leider in der Zeit gestorben. Lieber Gott, es sind vierundzwanzig Jahre her, und die erst später hinzugerufene Amme des jungen Barons – die Geschichte kenn' ich genau – weiß von nichts und kann von nichts wissen, denn als sie eintraf, war die ganze Sache abgemacht.« »Kennt der Lieutenant von Wendelsheim schon die Gefahr, die seinen Ansprüchen droht – seine wirklichen Eltern?« »Nein – wird ihm auch eine angenehme Ueberraschung sein; aber wie bis jetzt Alles liegt, schwebt er noch nicht einmal in übergroßer Gefahr, sie zu verlieren, denn ich fürchte fast, wir fallen durch.« »Und dann wird die Mutter wieder freigegeben?« »Ich glaube nicht, daß dann eine Veranlassung sein kann, sie länger festzuhalten; denn daß eine Täuschung beabsichtigt wurde, sind wir im Stande zu beweisen, und wenn die übrigen Theilnehmer derselben frei ausgehen, kann die Frau Baumann allein nicht dafür gestraft werden.« »So mag es denn gehen, wie Gott will,« sagte Fritz Baumann; »läge es in meiner Hand, durch Verzichtleisten auf die Erbschaft die Mutter zu befreien, mit Freuden thät' ich es den Augenblick und gäbe Ihnen dazu jede Vollmacht; ist es aber nicht möglich, dann freilich muß ich dem Schicksal seinen Lauf lassen, und hoffe nur, mit Allem nichts zu thun zu haben, bis es vorüber ist.« »Auch selbst das kann ich Ihnen nicht versprechen,« sagte Witte; »der einzige, wenn auch schwache Beweis, den wir vielleicht haben, liegt in der Familienähnlichkeit der verschiedenen betheiligten Personen, und vor den Geschworenen kann der allerdings wichtig werden. Dann müssen Sie aber sowohl als Lieutenant von Wendelsheim vor den Schranken erscheinen.« Fritz Baumann seufzte tief auf. »Ich kann's nicht ändern!« und dem Staatsanwalt die Hand reichend, verließ er langsam das Zimmer. Wie er die Thür hinter sich zudrückte, kam die Frau Staatsanwalt in einem schwerseidenen Kleide über den Vorsaal gerauscht, gerade auf die Thür des Arbeitszimmers zu. »Ist mein Mann zu Hause?« wollte sie den Fremden fragen, als sie ihn plötzlich erkannte und, bei den ersten Worten kurz abbrechend, ihn mit einem so hochmüthigen, verächtlichen Blick über die eine Schulter ansah, daß Fritz kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Es hat immer etwas Komisches, wenn eine Dame künstlich vornehm aussehen will, denn die wirklich vornehme Dame ist in ihren ganzen Bewegungen stets einfach und natürlich und denkt gar nicht daran, den Kopf so weit zurück zu werfen. Frau Staatsanwalt Witte rauschte aber stolz, wie ein Schwan auf stiller Fluth, und majestätisch an dem jungen Mann vorüber und tauchte in das Bureauzimmer ein, wo die sitzenden Schreiber von ihren Stühlen emporfuhren und die stehenden sich bückten. »Mein Mann in seinem Zimmer?« fragte sie. Der Eine deutete mit seiner Feder in achtungsvoll bejahender Antwort nach der nächsten Thür, und die Dame, Sand, Papierschnitzeln, gebrauchte Stahlfedern und was sonst noch auf der Erde lag, hinter sich drein kehrend, verschwand in ihres Gatten Zimmer. »Was wollte der Mensch wieder bei Dir?« war hier die erste Frage, die sie that. »Welcher Mensch, mein Kind?« »Der Herr Baumann, wenn Dir das besser klingt.« »Ah, der junge Baumann; er hatte Einiges mit mir zu besprechen.« »Und wagt der noch, nach dem, was vorgefallen, unser Haus zu betreten?« »Liebes Kind,« sagte der Staatsanwalt, der seit der letzten Ueberraschung bei Heßberger angefangen hatte sich zu emancipiren, und dem das hochmüthige Wesen der Gattin, dem eigenen schlichten Charakter gegenüber, höchst fatal war – »wenn Du bei seiner Tante einen Besuch machst, wird er mir den doch erwidern dürfen!« »Witte,« rief die Frau mehr empört als erschreckt, »Du weißt, daß ich dazu nur durch die Räthin Frühbach verleitet wurde; es ist niedrig und unwürdig von Dir, mir das vorzuwerfen!« »Was wünschest Du, mein Schatz? Ich bin gerade im Begriff, auszugehen.« »Ich wollte Dich in etwas um Rath fragen,« sagte die Frau, rasch abbrechend, denn ihre Gedanken liefen allerdings in dem Augenblick auch auf Anderes hinaus. »Der junge Baron von Weldern – Du kennst ja den alten Baron von Weldern mit dem reizenden Rittergut am Vorberge – hat uns heute Morgen seinen Besuch gemacht, und ich wollte Dich fragen, ob Du es nicht vielleicht für passend hieltest, wenn wir ihn für morgen Abend zu einer Tasse Thee bäten? Ich hatte mir gedacht ...« »Ich will Dir etwas sagen, mein liebes Kind,« unterbrach sie der Staatsanwalt, »und ich bitte, Dich für die Zukunft danach zu richten: ich verbiete Dir also hiermit auf das Strengste, von heute ab weder zu Thee, noch Kaffee, Mittag- oder Abendessen je wieder einen Adeligen, einen Baron oder Grafen, oder welchen Titel die Herren sonst führen mögen, einzuladen!« »Aber Witte!« rief die Frau und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. »Du hast mich doch verstanden?« »Du bist wohl wahnsinnig geworden?« rief seine zärtliche Gattin. »Ich war noch nie so voll bei Verstande, als in diesem Augenblick,« entgegnete der Staatsanwalt und griff nach seinem Hut, denn er wünschte diese Scene doch soviel als möglich abzukürzen. »Aber unsere Stellung im Leben ...« »Ist eine höchst ehrenvolle,« erwiderte Witte, »so lange wir uns auf dem Boden derselben bewegen, und – es werden uns nachher solche Demüthigungen erspart werden, wie wir sie jetzt erfahren müssen.« »Welche Demüthigung?« fragte die Frau erstaunt. »Das ist eine kleine Ueberraschung, liebes Herz,« sagte Witte, »die Dir noch vorbehalten bleibt; Du magst Dich aber immer darauf gefaßt machen. Du nimmst es mir nicht übel, daß ich Dich verlasse, ich habe dringende Geschäfte.« »Aber ich werde doch als Frau vom Hause einladen dürfen, wen es mir beliebt?« rief die Frau, empört über diese rücksichtslose und ganz ungewohnte Behandlung. »Doch nicht, mein Schatz,« sagte Witte, der heute gerade in der Stimmung war, seinen einmal geäußerten Willen durchzusetzen, »oder Du könntest in die unangenehme Lage kommen, daß weder ich noch Ottilie bei Deiner Festlichkeit erschienen; und ich weiß, daß Du zu verständig bist, Dir eine solche Blamage öffentlich aufzuladen!« Und damit griff er seinen Stock aus der Ecke auf und schritt mit den Worten: »Ich gehe auf die Polizei!« durch seine Schreibstube hin und die Treppe hinunter, seine auf's Aeußerste empörte Frau heute sich selber überlassend. Unten auf der Straße sah er nach der Uhr – es war noch zu früh; er hatte noch über eine halbe Stunde Zeit, ehe er den Polizei-Director sprechen konnte, denn die auf heute anberaumte Sitzung war, wie er recht gut wußte, noch nicht aus. Aber er zog es doch vor, seine Zeit lieber auf der Straße abzuwarten, als nach der letzten Erklärung die Scene mit seiner Frau zu verlängern. Er konnte ja indessen eine kleine Promenade durch die Anlagen der Stadt machen; in jetziger Tageszeit fand er wenig oder gar keine Menschen dort, und vielleicht kam er dabei auf einen guten Gedanken, die Sache, die ihm jetzt vor allen anderen am Herzen lag, in der richtigen Weise anzugreifen und zu beenden. Aber es fiel ihm nichts ein; welche Mittel er auch ersann, überall traten ihm mit eiserner Stirn die beiden Frauen – die Heßberger und das gnädige Fräulein – entgegen, und er sah keinen Ausweg aus diesem Labyrinth. »Ah, mein lieber Staatsanwalt!« hörte er da eine Stimme, fühlte, wie sich zu gleicher Zeit ein Arm in den seinigen schob, und als er sich etwas überrascht danach umdrehte, erkannte er das dicke, gutmüthige Gesicht des Raths Frühbach, der ihm freundlich über seine Brille zunickte. »Ah, mein lieber Rath!« »Auch auf einem Spaziergang, lieber Freund? Ja, das ist auch meine einzige Arznei, schon meiner Verdauung wegen. Ich sage Ihnen, wenn ich mich Nachmittags recht in eine gesunde Transspiration gelaufen habe, befinde ich mich Abends noch einmal so wohl. Aber was ich gleich sagen wollte, wissen Sie nichts davon, was ist denn das für eine Geschichte? Als ich vorhin an der Polizei vorüber ging, sagte mir der eine Polizeidiener, dessen Frau einen kleinen Obstgarten hat und uns immer Obst und etwas Gemüse bringt – ich bin dadurch mit dem Mann bekannt geworden, und Sie wissen, die Polizei muß man sich immer zu Freunden halten – daß sie eben die Baumann, die Schlossersfrau und die Schwester der Heßberger, eingesperrt und auf Numero Sicher gebracht hätten.« »Der Polizeidiener hätte auch etwas Gescheiteres thun können, als aus der Schule zu schwatzen,« sagte Witte. »Aber mir, bester Freund,« sagte Frühbach, »mir kann er es doch sagen; er weiß ja recht gut, daß ich mit keinem Menschen darüber rede. Jedenfalls steht das mit der Diebesgeschichte in Verbindung und die beiden Schwestern haben gemeinschaftlich gearbeitet. Das war doch ein Glück, Staatsanwalt, wie? daß ich damals gleich auf einer Haussuchung bestand und Ihnen die Vollmacht ausstellte? Wir wären der Bande sonst im Leben nicht auf die Spur gekommen.« »Allerdings nicht, lieber Rath, allerdings nicht,« sagte Witte, der sich indessen nur auf einen Ausweg besann, um von seinem lästigen Begleiter loszukommen, denn er schwatzte nicht allein jede Unterhaltung, sondern auch die Gedanken selber todt. »Da fällt mir dabei eine ganz ähnliche Geschichte aus Schwerin ein,« fuhr der Rath fort, der jetzt mit geblähten Segeln in seinem Elemente schwamm und noch einmal so breit und aufgedunsen zu werden schien. »Da hatten wir auch ein Dienstmädchen, eine ganz brave, ordentliche Person, wie wir glaubten, und deren Schwester kam manchmal auf Besuch zu ihr; aber es fehlte uns immer etwas, bald ein Löffel, bald eine Serviette, bald auch einmal etwas schmutzige Wäsche – meine Seele dachte aber nicht an das Mädchen oder ihre Schwester, denn es waren gar so ordentliche Personen. Mein Frauchen aber, das darin außerordentlich scharf ist – ich sage Ihnen, Staatsanwalt, die Frau würde zu einem Untersuchungsrichter passen, so genau kommt sie der Sache immer auf den Grund, und die Heßbergers hat sie schon lange in Verdacht gehabt – was wollte ich denn gleich sagen – ja, meine Frau sagte eines Tages zu mir: Du, Männi, sagt sie, der Pauline trau' ich nicht, mit der ist's nicht richtig! Nun denke ich schon 'was Anderes und sage: Ih bewahre, liebes Kind, die Pauline muß ja schon wenigstens sechsundvierzig Jahre alt sein! Aber meine Frau sagt: Ih, Gott bewahre, das mein' ich gar nicht, ich meine wegen der silbernen Löffel! Ja so! sag' ich, und nun fällt mir auch so Manches ein, das mir verdächtig vorkommen konnte. Zuerst wollte die Pauline eine kleine Erbschaft gemacht haben, und ich traute der Sache nicht, aber wir konnten ihr auch nicht beweisen, daß es nicht wahr wäre.« »Hm,« sagte Witte und sah den Rath an. »Und dann,« fuhr dieser fort, »steckte sie immer mit ihrer Schwester so durch. Nun hatte die Pauline eine böse Eigenschaft, das wußte ich: sie horchte. Wenn ich mich manchmal mit meiner Frau vertraulich unterhielt und von Dem und Jenem sprach, dann hatte sie immer das Ohr am Schlüsselloch. Damit dachte ich sie denn auch zu fangen, daß sie sich einmal selber verrathen sollte; und wie ihre Schwester wiederkam, rief ich sie herein, ich hätte ihr 'was zu sagen, und fragte sie dann nach einer Pauline Weber, die gar nicht existirte, und sagte ihr, daß uns die Pauline früher so bestohlen hätte, und fing nun an, etwas lauter auf die Pauline zu schimpfen, was das für ein schlechtes Frauenzimmer wäre und uns silberne Löffel und Servietten und Wäsche und was sonst noch weggenommen hätte. Auf einmal geht die Thür auf, und die Pauline stürzt herein, und ich denke, sie soll mich und meine Frau in Stücke reißen, so wüthend war sie. Wir konnten sie auch wirklich kaum beruhigen, daß wir gar nicht sie, sondern eine ganz andere Pauline gemeint hätten, denn sie drohte in einem fort mit der Polizei. Aber es war auch ein Glück, daß ich nichts weiter gesagt hatte, denn wie sich später herausstellte, war sie's auch gar nicht gewesen, sondern eine Aufwärterin, die wir manchmal im Hause hatten und die bei einer andern Dieberei erwischt wurde und Alles eingestand.« »Sonderbar, sonderbar,« sagte Witte und schüttelte in einem fort mit dem Kopf, »man sollte es nicht für möglich halten ...« »Nicht wahr?« sagte Rath Frühbach, nicht wenig durch die Anerkennung geschmeichelt. »Ja, es passiren wirklich wunderbare Sachen auf der Welt; aber man muß nur einen Blick dafür haben. Ich sage Ihnen, da begegnete ich eines Tages dem Regierungs-Präsidenten Hesse, einem alten Freunde von mir, auf dem Markte ...« »Sie entschuldigen mich gewiß, lieber Rath, ich muß hier abbiegen,« unterbrach ihn Witte, dem eine Fluth von Gedanken durch den Kopf schoß. »Das macht nichts,« sagte Rath Frühbach freundlich, »ich habe gar nichts zu versäumen; ich begleite Sie. Also der Präsident ...« »Aber ich biege hier gleich in das nächste Haus ab; ich habe dort Jemanden in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Sie erzählen mir die Geschichte ein ander Mal, wie?« »Gewiß, mit dem größten Vergnügen,« sagte Frühbach; »sie ist übrigens gar nicht lang, und wenn Sie ...« »Hier ist das Haus – ich danke Ihnen, lieber Rath. Auf Wiedersehen!« Und damit ging Witte in ein vollkommen fremdes Haus, in dem er keine Menschenseele kannte, und stieg dort, nur in dem Gefühl, den sonst nicht abzuschüttelnden Rath los zu werden, und ganz in Gedanken eine Treppe nach der andern hinauf, bis er sich plötzlich unter dem Dache vor einer schmalen, mit einem Vorhängeschloß versehenen Bodenthür fand und nun nicht weiter konnte. »Herr Du mein Gott,« sagte er hier, ordentlich erstaunt, »wo bin ich hingerathen? Die verdammten Treppen! Aber hierher ist er mir doch nicht gefolgt – jetzt kann ich nur machen, daß ich wieder hinunter komme.« Ganz unbemerkt sollte das aber nicht geschehen; denn die Treppe war steil und unbequem zu gehen, er hatte dabei etwas Geräusch nicht vermeiden können. Wie er in der dritten Etage wieder ankam, öffnete sich eine Thür, und eine Frau fragte, den Kopf herausstreckend: »Zu wem wollen Sie?« Witte mochte nicht sagen, daß er nur auf gut Glück hier hinaufgelaufen sei, und nach dem ersten, besten Namen, der ihm einfiel, fragte er: »Können Sie mir nicht sagen, liebe Frau, ob hier der Schneider Müller wohnt?« »Ja wohl, der wohnt hier,« nickte die Frau, die Thür jetzt aufmachend; »bitte, wollen Sie nicht näher treten?« »Das ist Pech!« brummte Witte leise vor sich hin und las jetzt wirklich zu seiner Ueberraschung auf einem an der Thür angehefteten Schild die zierlich geschriebenen Worte: »Karl Müller, Schneidermeister.« Es half aber nichts, nach der Frage mußte er hineingehen und wußte auch in der ersten Verlegenheit wirklich nicht, was er anders thun sollte. Er hätte aber kein Advocat sein müssen, wenn er um irgend einen Ausweg verlegen gewesen wäre, und kaum betrat er deshalb auch die kleine, entsetzlich dumpfige Werkstätte, wo ein bleich genug aussehender junger Mann mit zwei Lehrjungen arbeitete, als er auf diesen zuging und sagte: »Ach, mein lieber Herr Müller, ich bin der Staatsanwalt Witte und suche einen Schneider Müller mit dem Vornamen Chrysostomus, kann ihn aber im ganzen Adreßkalender nicht finden. Wären Sie vielleicht im Stande, mir Aufklärung zu geben und zu sagen, wo ich ihn treffen kann?« Der arme Schneider, dessen Gesicht sich ordentlich aufgeklärt hatte, als er, wie er glaubte, einen neuen Kunden eintreten sah, schien etwas niedergeschlagen, erwiderte aber doch, er bedauere, nicht dienen zu können. Er selber sei noch nicht so sehr lange hier ansässig und kenne keinen Chrysostomus Müller. Witte sah sich in der Stube um; sie war unendlich sauber gehalten, aber auch unendlich ärmlich und enthielt kaum das Nothdürftigste von Möbeln. Neben dem Meister lag sein Vesperbrod, und in der That nicht mehr, als um was er wahrscheinlich täglich bat, sein »täglich Brod«, eine harte Kruste, ohne Butter oder andere Zuthat. Witte war schon im Begriff zu gehen, als er noch auf der Schwelle stehen blieb und sagte: »Ich bin mit dem Meister, der meine Kleider macht, nicht recht zufrieden und möchte gern einmal wechseln; haben Sie Zeit, so kommen Sie morgen früh um acht Uhr zu mir, aber nicht später, um mir Maß zu nehmen. Wenn Sie ordentlich arbeiten, bekommen Sie nicht allein einen guten Kunden, sondern ich werde Sie auch noch weiter empfehlen – hier haben Sie meine Karte.« – Und mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, stieg er die Treppe wieder hinab. Er hatte den Schneider aber schon vergessen, ehe er nur das Haus verließ, denn andere Dinge gingen ihm jetzt im Kopf herum: die Erbschaft der Frau Heßberger! Daß er daran auch noch gar nicht gedacht! Da war ein Anhaltspunkt, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß die Heßberger darüber, wo sie das Geld damals erhoben, keine genügende Auskunft würde geben können, und dann – nun, wenn er ein Mittel fand, die Heßberger zum Reden zu bringen – des Raths Erzählung, wenn sie auch, wie alle seine Geschichten, einfach im Sande verlief, hatte eine wahre Fülle von Ideen in ihm wach gerufen, und er brauchte Zeit, um die zu verarbeiten. Vor allen Dingen mußte er noch eine Besprechung mit der Frau Baumann haben, und raschen Schrittes eilte er jetzt auf das Polizeigebäude zu. 32. Auf dem Criminalamt. Witte hatte an dem Abend eine lange Besprechung mit dem die Untersuchung führenden Justizrath und erfuhr darin Manches, was er zur Ausführung seines immer erst flüchtig und noch unklar entworfenen Planes gebrauchen konnte. So hatte sich bei einer genaueren Nachforschung über die gestohlenen und bei Heßberger gefundenen Gegenstände ergeben, daß viele Sachen von Stellen herrührten, in welche Heßberger selber nie einen Fuß gesetzt, wo aber seine Frau desto häufiger ein- und ausgegangen war, und es stellte sich dadurch als ganz bestimmt heraus, daß sie ebenfalls nicht allein die Hehlerin gemacht, sondern auch einen Theil der Kostbarkeiten selber entwendet haben mußte. Vieles war allerdings schon verkauft worden, und da der Schuhmacher ein umfangreiches Geständniß abgelegt, so kam man auch dadurch hinter einige gewerbsmäßige Hehler-Spelunken, die aufgehoben wurden. Alles hatte er aber doch nicht untergebracht und jedenfalls auf eine spätere, gelegene Zeit aufgespart. So fand sich auch unter dem gestohlenen Gut noch verschiedenes Silberzeug welches das Wendelsheim'sche Wappen trug und ebenfalls nur gestohlen sein konnte, und auf dieses basirte Witte einige Hoffnung, um das gnädige und allerdings nicht leicht irritirbare Fräulein gegen die Frau aufzubringen; aber stärkere Mittel mußten freilich noch mitwirken. Der Untersuchungsrichter gab übrigens seine Zustimmung zu Allem, drängte aber, rasch vorwärts zu gehen und keiner der Parteien lange Zeit zur Ueberlegung zu gestatten, denn dadurch wurde oft, wie er behauptete, ein nie wieder einzubringender Vortheil aus der Hand gegeben. Witte sträubte sich allerdings dagegen; er war seiner Sache viel zu wenig sicher, um nicht fürchten zu müssen, durch zu große Eile das Ganze zu überstürzen, und ging der erste Anlauf verloren, so konnten sie sich nur als geschlagen betrachten. Der Untersuchungsrichter, ein alter, sehr tüchtiger Criminalist, bestand aber auf seinem Willen, und das gnädige Fräulein von Wendelsheim wurde deshalb zu dem Zweck durch einen expressen Boten auf morgen früh um zehn Uhr auf das Criminalamt beschieden – ein weiterer Grund der Vorladung war natürlich nicht dabei bemerkt, der Gensdarm aber, der die Vorladung zu befördern hatte, angewiesen worden, sich zugleich eine Liste von ihr über auf Wendelsheim vermißte Silbersachen oder sonstige Gegenstände zu erbitten Von der Frau Baumann, die der Staatsanwalt sehr still und niedergedrückt antraf, wollte er jetzt erfragen, welchen Platz ihre Schwester damals angegeben hatte, um die vermeintliche Erbschaft zu erheben. Daß beide Schwestern die Zeit ihrer Abwesenheit nur in einer nicht sehr entfernten kleinen Stadt zugebracht, hatte sie ihm schon erzählt. Die Frau Baumann erinnerte sich, daß Berlin genannt gewesen, was der Schlossermeister ebenfalls bestätigte, denn er hatte in jener Zeit fest geglaubt, die beiden Schwestern wären dorthin gereist, aber, mit nicht dem geringsten Verdacht einer Täuschung, nicht weiter darnach gefragt. Am nächsten Morgen um acht Uhr kam der von ihm bestellte Schneider Müller, um ihm Maß zu nehmen. Er hatte schon gar nicht mehr an den Mann gedacht, der sich aber mit dem Glockenschlag einstellte. Witte schickte dann in den nächsten Laden hinüber, um sich einige Stücke Tuch herüber bringen zu lassen, und bis die eintrafen, unterhielt er sich mit dem Manne. Müller war ein geborener Mecklenburger, seine Mutter stammte aus Alburg, und nach des Vaters Tode hatte sie das Heimweh bekommen und sich hierher zurückgezogen, wo er sich dann mit der neuen Gewerbefreiheit eine Werkstatt gründete. Aber das Geschäft ging noch schlecht – er hätte gern geheirathet, um seiner alten Mutter die Sorge für die Wirthschaft abzunehmen – aber es ging nicht, er mußte es auf spätere Zeit verschieben und sich erst etwas verdienen, ehe er daran denken konnte, denn ein »reiches« Mädchen – das heißt Eine, die an zwei bis dreihundert Thaler im Vermögen hatte – nahm ihn ja doch nicht. Es war die alte Geschichte, das Ankämpfen eines fleißigen, braven Mannes gegen den täglichen Bedarf. Indessen kam das Tuch, wurde bestimmt und überliefert, und der junge Schneidermeister versprach die Kleider auf den angegebenen Tag pünktlich abzuliefern. Witte wußte, daß er Wort halten würde, und wenn er hätte Tag und Nacht arbeiten sollen. So rückte die Zeit heran, wo er auf das Criminalamt mußte. Das Verhör der Heßberger war auf zehn Uhr festgesetzt, und etwa eine Viertelstunde vor dem bestimmten Termin fand er sich oben ein. Bald darauf wurde die Frau vorgeführt, aber auf ihr ganzes Wesen schien die bisherige Haft nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. Sie sah finster und verschlossen aus wie immer, und mit zusammengekniffenen Augen blickte sie die drei Männer, den Untersuchungsrichter, den Protokollanten und Witte, der seitwärts an einem Fenster stand, tückisch, aber auch verächtlich an, als ob sie sich bewußt sei, daß diese, trotz aller Kreuzfragen, nichts aus ihr herausbringen sollten, als was sie selber Willens sei, ihnen zu sagen. Wer hätte sie zwingen können! Der Untersuchungsrichter überraschte sie da einigermaßen, indem er begann: »Heßberger, Ihr seid heute eigentlich zu keinem richtigen Verhör herbeschieden, sondern nur um Auskunft über verschiedene, minder wichtige Dinge in Hinsicht auf den verübten Diebstahl zu geben.« Die Frau schwieg und schaute störrisch vor sich nieder; sie erwartete das Weitere. »Was die verschiedenen, bei Euch aufgefundenen Silbersachen betrifft,« fuhr der Untersuchungsrichter fort, »so wißt Ihr, daß bei sehr vielen der Beweis Eurer eigenen Thätigkeit geliefert ist. Alles hat sich aber nicht gefunden, besonders einige Stücke, bei denen den früheren Eigenthümern viel daran liegt, sie wieder zu bekommen. Euer Mann versichert, daß nichts von Euch selber eingeschmolzen sei, und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln; jedenfalls ist aber, wie der Beweis vorliegt, ein Theil des gestohlenen Gutes von Euch verkauft worden und Einiges davon auch wirklich wieder gefunden, Anderes natürlich verschwunden. Nun hat sich bei den Gegenständen auch ein Theil derselben als Eigenthum der Familie Wendelsheim herausgestellt. Das scheint aber nur der kleinste Theil dessen zu sein, was Ihr dort bei Seite gebracht habt, und es ist uns von derselben die Weisung zugegangen, auch nach einem sehr schweren silbernen Teller mit dem Familienwappen zu forschen, den Ihr bei Eurem letzten Besuche dort mitgenommen haben müßt, denn er ist seit der Zeit verschwunden.« »Und wer sagt das?« fragte die Frau finster. »Das kann Euch einerlei sein,« fuhr der Untersuchungsrichter fort; »ich sage es, und das ist genug.« »Stellt mir den Baron gegenüber,« sagte die Alte trotzig, »und laßt ihn mich nach einem gestohlenen Stück fragen, und ich werde ihm Antwort geben – Niemandem weiter.« »Der Baron,« sagte der Untersuchungsrichter, »ist schwer krank, körperlich sowohl als geistig; er bekümmert sich um gar nichts mehr, und das gnädige Fräulein von Wendelsheim hat jetzt im Schlosse die alleinige Leitung der Geschäfte.« »Das gnädige Fräulein von Wendelsheim hat mich nach einem gestohlenen Teller fragen lassen?« rief die Frau, wild und zornig emporfahrend. »Ich habe Euch schon einmal gesagt, daß Euch das einerlei sein kann, wer danach fragen läßt,« entgegnete der Inquirent; »ich frage Euch jetzt danach, und mir habt Ihr zu antworten.« »Ich weiß von keinem Teller,« sagte die Frau störrisch, »habe nie einen in dem gottvergessenen Hause, das ich wollte, ich hätte es nie im Leben betreten, gesehen.« »Ihr seid eine hartgesottene Person,« sagte der Inquirent; »die Herrschaft da draußen ist so freundlich uns liebevoll gewesen, und aus Dankbarkeit dafür stehlt Ihr derselben das Silber und die Wäsche selbst aus dem Kasten heraus.« »Wer hat behauptet, daß ich ihnen Wäsche aus dem Kasten genommen habe?« rief die Frau mit blitzenden Augen. »Und liebevoll behandelt? – Wenn ich wüßte, daß das böse Geschöpf ...« – Sie biß sich auf die Lippen und schwieg. »Was wolltet Ihr sagen?« »Nichts – ich weiß von nichts.« »Gut, dann hat hier der Herr Staatsanwalt Witte nur noch eine Frage an Euch zu richten, die Ihr ihm hoffentlich besser beantworten werdet, als mir die meinigen.« »Der Staatsanwalt Witte?« sagte die Frau spöttisch. »Ich denke, der weiß Alles! Was hat denn der da noch zu fragen ?« »Ich will Euch 'was sagen, Heßberger,« erwiderte Witte, »ich weiß auch mehr, als Euch vielleicht lieb und zuträglich ist, und was ich Euch fragen will, hat, wie Ihr gleich hören werdet, mit nichts etwas zu thun, was ich nicht wüßte – es ist nur wegen einer von Euren Lügen. Ich möchte deshalb hören, wie der Platz heißt, wo Ihr damals die Erbschaft für Euch und Eure Schwester erhoben habt – Ihr wißt doch, welche ich meine – und wo die Papiere sind, die Euch darüber ausgestellt wurden.« »Ich habe keine Papiere,« knurrte die Frau; »es sind drei- oder vierundzwanzig Jahre darüber hingegangen.« »Das wäre möglich, daß die in der Zeit verloren gegangen wären,« nickte Witte; »aber den Namen der Stadt werdet Ihr doch wohl noch wissen, wo Ihr das Geld bekommen habt?« Die Frau schwieg und sah finster vor sich nieder. »Es hilft Euch nichts, Heßberger,« sagte Witte kopfschüttelnd. »Woher Ihr das Geld wirklich bekommen habt, wollt Ihr nicht gestehen – es ist auch nicht nöthig, wir haben es schon erfahren; aber die Frau ist jetzt todt, der Mann geistesschwach geworden und also von dem Arm des Gesetzes nicht zu erreichen. Von der Familie Wendelsheim hat Niemand weiter mit der schmutzigen Geschichte zu thun gehabt, denn das gnädige Fräulein ist dazu eine viel zu achtbare Dame; also seid Ihr die, an die wir uns allein halten können. Gebt mir nur blos einen Platz an, wo Ihr die Erbschaft wollt erhoben haben, ich schreibe dann gleich hin, und Ihr wißt selber recht gut, daß in acht oder vierzehn Tagen die Antwort eintrifft: es wäre kein Wort von der ganzen Geschichte wahr. Aber Ihr habt damit Euren Zweck erreicht und das Urtheil noch ein paar Wochen hinausgeschoben. Uebrigens hilft Euch das nicht einmal etwas; denn für die von Euch verübten Diebstähle und die Hehlerschaft des Uebrigen kommt Ihr schon vorher in's Zuchthaus. Also wo war Eure Erbschaft her?« Die Frau hatte den Sprechenden mit ihren großen, lichtblauen Augen starr angesehen und war anscheinend dem, was er sagte, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt. Sie beantwortete aber die Frage nicht gleich, sondern fragte im Gegentheil zurück: »Der Baron von Wendelsheim ist geisteskrank?« »Die Wendelsheim'sche Familie, habe ich Euch schon gesagt, hat mit der Sache, den rechtmäßigen Erben ausgenommen, weiter gar nichts zu thun – laßt die nur,« sagte Witte; »sie soll auch gar nicht belästigt werden – Eure Schwester hat uns Alles ausführlich eingestanden – beantwortet mir also meine Frage ...« »Und was weiß meine Schwester davon?« knurrte die Frau. »Wo also wollt Ihr die Erbschaft erhoben haben?« »Sie glauben es mir doch nicht ...« »Nein, darauf kommt auch nichts an; es ist nur, daß der Form genügt wird, und die muß beachtet werden.« »Ich kann mich jetzt nicht darauf besinnen.« »Gut, ich will Euch nicht drängen,« sagte Witte, nach seiner Uhr sehend; »es sind jetzt gerade zehn Minuten über zehn Uhr – ich gebe Euch eine halbe Stunde Zeit. Ueberlegt Euch indessen, was Ihr mir sagen wollt; bis dahin aber muß ich eine Antwort haben, oder das Gericht nimmt an, daß Ihr dieselbe verweigert, und das ist dann, wie Ihr recht wohl wißt, eben so gut wie ein stummes Eingeständniß, daß Ihr den Ort nicht nennen könnt , weil er nicht existirt. – Sie erlauben wohl, daß die Frau die kurze Zeit in dem Nebenzimmer bleibt, damit wir sie nachher gleich wieder bei der Hand haben?« »Ja wohl,« nickte der Untersuchungsrichter; »die anstoßende Stube ist leer, sie kann dort warten.« – Er klingelte, und als Einer der Leute eintrat, gab er Ordre, daß die Frau da nebenan einen Augenblick eintreten solle, bis sie wieder in ihre Zelle geführt würde. Noch ehe sie aber das Zimmer verlassen hatte, fragte er den Polizeidiener: »Ist das gnädige Fräulein von Wendelsheim erschienen, um ihr Silberzeug wieder in Empfang zu nehmen?« »Ja wohl, Herr Justizrath,« erwiderte der Mann, »sie ist eben vorgefahren.« »Schön. So ersuchen Sie die Dame, einen Augenblick zu warten – oder es ist auch nicht nöthig,« setzte er hinzu. »Führen Sie nur die Frau ab; ich werde selber gehen.« Die Heßberger war stehen geblieben, als sie den Namen hörte; jetzt biß sie die Zähne fest zusammen und folgte dem Manne. »So,« sagte sie, als sie in's andere Zimmer trat, »und ist das etwa Gerechtigkeit? Das Frauenzimmer, weil sie hochadelig und vornehm ist, wird ersucht einzutreten und fährt in ihrem Wagen vor, und mich behandelt man wie einen Hund, der aus einem Kasten in den andern geführt wird!« »Wenn die gestohlen oder sonst ein Verbrechen begangen hätte, wie Ihr,« brummte der Mann, »so würde sie gerade so behandelt, und jetzt haltet's Maul und setzt Euch da auf den Stuhl hin, bis Ihr wieder gerufen werdet!« Und damit ging er wieder hinaus, schloß von außen die Thür, welche auf den Vorsaal führte, und ließ die Gefangene, mit Gift und bitterer Galle im Herzen, allein zurück. Und hatte dieser Staatsanwalt, den sie haßte – haßte wie nur ein Weib hassen kann, nicht Recht, wenn er sagte, daß sie doch für das Zuchthaus reif sei, mochte geschehen, was da wolle? Daß sie sich an den Diebstählen betheiligt, war nicht mehr abzuleugnen – die gefundenen Gegenstände zeugten klar genug gegen sie –, und was dann? Sie wurde eingesperrt und mußte Wolle spinnen, und wenn sie endlich wieder frei kam, wiesen die Kinder mit Fingern auf sie und schrieen: »Die – die kommt aus dem Zuchthaus, die hat gestohlen!« Und das Fräulein von Wendelsheim indessen fuhr in ihrer Kutsche vornehm an die Polizei heran, und die Leute, welche sie mit Verachtung behandelten, machten ihr eine Verbeugung. – Und für wen hatte sie Alles gethan? Für sich allein, für die lumpigen paar Tausend Thaler etwa? Und zeigte sich ihr jetzt auch nur Einer von Allen als Freund? Ihre eigene Schwester verrieth sie – der Schlosserssohn, den Sie zum Baron gemacht, kannte er sie etwa nur, wenn er ihr auf der Straße begegnete – und das gnädige Fräulein ...? – Sie versank in dumpfes, grimmiges Brüten und hielt dabei die dünne Unterlippe fest und unerbittlich zwischen ihren Zähnen eingeklemmt. Draußen war Alles ruhig, sie hörte keinen Ton eine lange Zeit. Jetzt wurde eine Thür geöffnet und gleich darauf eine Stimme laut, deren scharfen Ausdruck sie nur zu gut kannte – es war die des Fräuleins von Wendelsheim – und war die besser, als sie? Ja, abgewälzt hatte sie Alles von sich und auf die arme selige Baronin geschoben, die eher ihr eigenes Leben als ihr Kind geopfert hätte – und der Baron verrückt geworden? – Sie schauderte zusammen, wenn sie sich die Möglichkeit dachte, denn das sah aus wie Gottes Strafgericht. – Und hier der öde Raum, die vergitterten Fenster, die Verachtung, mit der sie von allen Menschen behandelt wurde! Die Brust wurde ihr so eng, sie konnte kaum Athem holen und sprang wieder von dem Stuhl empor. Jetzt plötzlich horchte sie hoch auf – draußen hörte sie ihren Namen nennen, und wie ein Schatten glitt sie nach der Thür, an die sie ihr Ohr preßte. Das gnädige Fräulein war außerordentlich pünktlich und eigentlich noch acht Minuten vor ihrer Zeit, aber auch mit schlecht verbissenem Ingrimm eingetroffen, weil man gewagt hatte, ihr die Einladung auf das Criminalamt auf einem der gewöhnlichen gedruckten Bogen, wie für gemeine Verbrecher, zu senden. Der mußte denn natürlich den Leuten auf dem Hofe in die Hände fallen, und schon darüber erbost, konnte sich ihre Laune durch das lange Warten natürlich nicht verbessern. »Was will man von mir?« fragte sie einen alten Polizeidiener, der auf seinem hohen Sessel an einem Stehpult saß und eine Liste vor sich hatte. Der Mann zuckte nur die Achseln, deutete auf die eine Thür und meinte, sie würde es da drin schon erfahren. »Und weshalb werde ich nicht vorgelassen?« »'s ist noch Jemand drin,« sagte der Polizeibeamte, ohne sie anzusehen. »Hier geht Alles nach der Reihe. Wenn Sie dran kommen sollen, wird geklingelt.« Jetzt wurde die Thür aufgemacht und der Actuar rief heraus: Fräulein von Wendelsheim in Nr. 17! »Was?« schrie das gnädige Fräulein, in jähem Schreck emporfahrend, und wurde in dem Moment todtenbleich. »Man will mich doch nicht einkerkern?« »Ne,« lachte der alte Polizeidiener gutmüthig, »noch nicht – die Nummer 17 ist nicht gemeint, die Thür da gerade vor, da sollen Sie hineingehen.« Und er deutete dabei mit der Hand auf die bezeichnete Nummer. Das gnädige Fräulein holte tief Athem – die ganze Umgebung hatte doch einen unheimlichen Eindruck auf sie gemacht; sie war dadurch so ganz aus ihrer früheren Sphäre herausgerissen – es fürchtete sie hier Niemand, und selbst die untersten Diener behandelten sie mit einer Gleichgültigkeit, die sie empörte, ihr aber auch imponirte. Sie schritt auf das ihr angegebene Zimmer zu und öffnete die Thür – es war ein großer, geräumiger, öder Saal mit einem grün beschlagenen, langen Tisch in der Mitte von vielen Stühlen. Er diente jedenfalls zu gewissen Zeiten als Sitzungszimmer. Auf dem Tisch aber lagen die von dem Heßberger'schen Ehepaare gestohlenen Gegenstände ausgebreitet, und durch die andere Thür trat jetzt der Untersuchungsrichter mit dem ihn begleitenden Witte herein. »Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath, ohne es der Mühe Werth zu halten, sich zu entschuldigen, daß er sie so lange im Vorzimmer hatte warten lassen, »es hat sich herausgestellt, daß Sie durch die Ihnen sehr wohl bekannte Heßberger ebenfalls nicht unbeträchtlich bestohlen sind. Es haben sich da besonders verschiedene Silbersachen gefunden, die noch das Wappen Ihrer Familie tragen. Wollen Sie einmal gefälligst nachsehen, ob Sie das Alles als das Eigenthum Ihres Herrn Bruders erkennen?« Fräulein von Wendelsheim, deren Miene sich sehr verfinstert hatte, als sie den Staatsanwalt erkannte, wollte schon fragen, weshalb man ihr nicht eben so gut die Sachen hätte hinausschicken können, anstatt sie selber hierher zu bemühen; der alte Justizrath sah aber so ernst und würdig aus und schien sich hier so in seinem vollen Recht zu fühlen, daß sie die Frage wieder verbiß und der Aufforderung Folge leistete. Sie erkannte und bestätigte auch bald die nach Schloß Wendelsheim gehörenden Sachen und äußerte dabei, sie hätte der Person, der Heßberger, wohl zugetraut, solche schlechte Handlungen begehen zu können. »Und doch haben Sie sich mit der Person so nahe einlassen können, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath kalt. »Bitte, treten Sie hier in das andere Zimmer; die Sachen sollen Ihnen später, wenn die Untersuchung geschlossen ist, verabfolgt werden.« Damit ging er ihr voran zur andern Thür, wo Witte schon, die Hand auf der Klinke, stand. »Mit der Person nahe eingelassen?« sagte Fräulein von Wendelsheim und maß den alten Herrn mit ihrem Blick von oben bis unten. »Was wollen Sie damit sagen?« »Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte der Justizrath, »die Sache ist kein Geheimniß mehr. Jene Frau Baumann, die ihren Sohn damals hergegeben, hat Alles bekannt und ein reumüthiges Geständniß abgelegt ...« »Die Frau Baumann?« rief das gnädige Fräulein und wechselte in jähem Schreck die Farbe. »Welche Baumann?« »Die Schlossersfrau – und das ist sonst eine vollkommen unbescholtene Person ...« »Aber das nicht allein, mein gnädiges Fräulein,« sagte jetzt Witte, der einen letzten, verzweifelten Versuch machte, die Dame zum Reden zu bringen, »auch die gefangene Heßberger hat Alles eingestanden und erklärt, daß sie nur mit Ihnen und Ihrer Hülfe den Tausch bewerkstelligt hätte. Sie werden sich dagegen zu verantworten haben.« »Die Heßberger?« rief Fräulein von Wendelsheim in ausbrechender Wuth, und Witte öffnete rasch die Thür, während sie der Justizrath durch ein Zeichen bat, dort hinein zu treten. »Und so eine schlechte Person, so eine ganz gemeine Diebin durfte sich das unterstehen, und das Gericht legt auf das Gewicht, was so ein Geschöpf sagt? Hören Sie, was die Leute draußen auf dem Land über das Weib sprechen: da ist auch keine Schlechtigkeit auf der Erde, die der nicht zur Last gelegt wird, und mir, der Schwester des Barons von Wendelsheim, wollen Sie ...« Sie kam nicht weiter; in dem Moment wurde die gegenüberliegende Thür aufgerissen und wie eine Furie stürzte die Heßberger heraus. »Was?« schrie sie, »das adelige Weibsbild will hier über mich herziehen und meine Sünden aufzählen? Und ich soll schweigen und das Maul halten und mich einsperren und schlecht behandeln lassen, nur daß sie großbrodig in ihrer Kutsche fahren und die Schandgosche über andere Leute aufreißen kann? Ei, zum Henker, dann kann ich auch reden, und nun ist's doch einerlei und die Geschichte hier aus.« Fräulein von Wendelsheim erschrak. Sie war schlau genug, im Augenblick die ihr gelegte Falle zu sehen, und wie sie sich einen Moment unbemerkt glaubte – denn die Blicke der Beamten hingen an dem gereizten Weibe –, blinzelte sie ihr rasch mit den Augen zu. Aber das war gefehlt; sie machte das Uebel dadurch nur wo möglich noch schlimmer, denn die Heßberger, der das nicht entging, tobte nun erst recht heraus: »Ja, jetzt haben Sie gut blinzeln, nicht wahr – nun die Heßberger da ist und auf einmal Alles gehört hat? Mir brauchen Sie aber nicht mehr zuzuwinken und heimliche Zeichen zu geben – mir nicht, das ist vorbei, und jetzt hören Sie hier auch die ganze Geschichte: der Fritz Baumann ist der Sohn vom Baron und der Bruno der Junge vom Schlosser – die da hat sie vertauscht und die ganze Sache abgekartet, weil sie glaubte, daß es ein Mädchen wäre. Der alte Baron wollte erst nicht – die Frau, die selige Baronin, hat nie ein Wort davon erfahren. Alles, was die Baumann gesagt hat, ist wahr, und wenn Ihr mir nicht glaubt, dann lebt hier in der Stadt noch Jemand, der es bezeugen kann – die Frau, die damals als Wartefrau bei der Baronin diente ...« »Aber die ist ja todt, denk' ich?« rief Witte rasch. »Weil ich's der Baumann gesagt habe, hat die's geglaubt. Nein, sie lebt hier in der Stadt; damals zog sie nach Mecklenburg und heirathete einen Schneider, jetzt ist der Mann gestorben und sie mit ihrem Sohne zurückgekommen. Wo sie gerade wohnen, weiß ich nicht, aber sie werden zu finden sein. Und nun steckt die da auch ein, am liebsten zu mir in das nämliche Loch, daß ich doch wenigstens die paar Tage, die ich noch auf der Welt bin, eine Freude habe.« Witte triumphirte im Stillen über die gelungene List, aber ihn schauderte auch zugleich, wenn er die Megäre ansah, die mit den fliegenden, grauen Haaren und den weit aufgerissenen, ordentlich unheimlich lichten Augen eher einer von Macbeth's Hexen als einem menschlichen Wesen glich. Starr vor Grimm und Entsetzen aber stand ihr das gnädige Fräulein gegenüber – vor Grimm über ihre eigene Machtlosigkeit, vor Entsetzen über die ihr in die Zähne geschleuderte Anklage, der zu begegnen sie im ersten Augenblick weder Worte noch Gedanken fand. Der Einzige in der That im ganzen Zimmer, der sein kaltes Blut bewahrt zu haben schien, war der Actuar, der an seinem Tische mit ordentlich fliegender Feder stenographisch die Worte nachschrieb, welche über die Lippen des rasenden Weibes sprudelten. Der Anblick gab aber auch das Fräulein von Wendelsheim sich selbst wieder, und mit einem höhnischen Blick auf den Schreibenden sagte sie: »Nun, Frau Heßberger, Sie haben wenigstens den Herren hier den Gefallen gethan und Alles gesagt, was Sie wußten oder zu wissen glaubten, und demnach hat allerdings, wie es scheint, auf dem Schlosse ein Betrug stattgefunden oder finden sollen – ich weiß es nicht: nur daß ich damit nicht in Verbindung stand, hoffe ich zu beweisen. Für jetzt ersuche ich die Herren, mir zu sagen, ob ich zu einem Verhör oder nur dazu vorgefordert gewesen bin, um die Frau da zum Reden zu bringen.« »Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Justizrath trocken, »da noch keine wirkliche Anklage gegen Sie formulirt ist, glaube ich, daß wir Sie heute entlassen können. Die eine Frage beantworten Sie mir nur: Sie haben gehört, was jene, allerdings wenig glaubwürdige Frau über Sie gesagt hat – inwieweit ist das begründet?« »So weit es mich betrifft, eine faule, erbärmliche Lüge,« sagte die Dame stolz. »So leugnen Sie jedes Mitwissen an dem Vergehen ab?« »Jedes.« »Aber Sie bezweifeln das Vergehen selber nicht?« »Ich bezweifle es allerdings, weil ich es nicht für möglich halte.« »Sehr schön. Sie werden Ihre Vorladung erhalten, wenn Sie hier wieder zu erscheinen haben.« »Und die darf gehen und ich werde eingesperrt?« rief die Heßberger. »Und wissen Sie, was die ihrem Bruder gestohlen hat, seit sie ihm draußen die Wirtschaft führt – jedes Jahr mehr, als ich und mein Mann unser ganzes Leben zusammengebracht haben!« »Schaffen Sie die Frau wieder in ihre Zelle, Schultze,« sagte der Justizrath zu dem Polizeidiener, der schon in die Thür getreten war, als die Heßberger in ihr erstes Toben ausbrach. »Und das ist Gerechtigkeit!« hohnlachte das Weib. »Verdreht und gewendet, wie man's gerade braucht, gelogen und betrogen, nur nicht für das vornehme Pack, dem man nicht zu nahe treten darf!« »Schaffen Sie das Weib hinaus!« »Kommt, Heßberger!« rief der Polizeidiener, sie am Arm ergreifend. »Faßt mich nicht an!« schrie sie aber auf, indem sie sich wieder von ihm losriß. »Ich gehe schon von selber, mag den Spektakel auch gar nicht länger mit ansehen – pfui!« rief sie, vor dem Justizrath und Witte ausspukend, und schritt dann mit raschen, zornigen Schritten aus der Thür. Fräulein von Wendelsheim wartete noch einen Augenblick. Sie horchte nach außen zu, um wahrscheinlich erst die Schustersfrau aus dem Vorsaal zu lassen, ehe sie ihr selber dahin folgte. Wie draußen alles ruhig war, sagte sie: »Dann werde ich mich jetzt entfernen und das Weitere ruhig abwarten.« »Verziehen Sie noch einen Augenblick,« sagte der Justizrath, der indessen mit Witte heimlich geflüstert hatte. »Ihr Bruder scheint geisteskrank zu sein, nicht wahr?« »Er hat wenigstens die letzten Tage viel phantasirt und ist völlig theilnahmlos; aber ich hoffe, daß sich das in der nächsten Zeit geben wird.« »Dann werden Sie mir erlauben,« sagte der Justizrath, Sie durch einen von unseren Beamten begleiten zu lassen, dem Sie auf Schloß Wendelsheim, bis die Untersuchung geschlossen ist und die Geschworenen ihren Entscheid abgegeben haben, sämmtliche Schlüssel überliefern, wie er auch die Verwaltung des Gutes bis zu der Zeit unter sich behält.« »Herr Justizrath!« rief Fräulein von Wendelsheim emporfahrend. »Mein Fräulein,« sagte dieser kalt, »Sie selber stehen unter einer schweren Anklage, und ich wäre vielleicht berechtigt, Sie gar nicht wieder fortzulassen. In der Voraussetzung aber, daß Sie zu jeder Ihnen bestimmten Zeit vor Gericht erscheinen, will ich davon absehen. Die Verwaltung des Schlosses dagegen wird, entweder bis der alte Baron wieder hergestellt oder der wirkliche Erbe unzweifelhaft festgestellt ist, der von mir mitgegebene Beamte übernehmen. Assessor Schuster wird das besorgen und Actuar Bessel mag ihn begleiten, um gemeinschaftlich Alles, die Wohnungsräume ausgenommen, unter Siegel zu legen.« »Sie verlangen doch nicht, daß ich unter Polizeibedeckung nach Hause fahren soll?« »Nein, die beiden Herren werden vor Ihnen her fahren und Sie mit Ihrem Kutscher ihnen folgen. Es versteht sich, daß indessen auf dem Schlosse Alles unverändert im Status quo bleibt, Niemand entlassen, niemand Fremdes zugemiethet und nichts verkauft oder verborgt wird, Herr Staatsanwalt Witte, Sie thäten mir einen besonderen Gefallen, wenn Sie, als Vertreter der Regierung, die Herren heut Abend begleiteten und der Ausführung selber beiwohnten.« Fräulein von Wendelsheim war todtenblaß geworden: sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht. Es wurde hier auch Alles so geschäftsmäßig betrieben – was hätte es ihr geholfen! War es dabei das Bewußtsein ihrer Schuld, das sie mit niederdrückte? Sie wagte aber kein Wort der Widerrede, und nur die Lippen so zusammengepreßt, daß sie weiß aussahen, wankte sie aus dem Zimmer und auf den Vorsaal hinaus. »Wissen Sie, Justizrath, was das Merkwürdigste bei der Geschichte ist,« sagte Witte, der die letzten Minuten im Zimmer auf und ab gegangen war und sich vor innerlichem Vergnügen die Hände gerieben hatte, indem er vor dem Angeredeten stehen blieb – »daß ich eben jenen Schneider Müller und seine Mutter, von der die Heßberger vorhin sprach, gestern Abend zufällig aufgefunden habe, ohne Ahnung natürlich, daß sie dieser Angelegenheit so nahe standen.« »Aber wie?« »Rath Frühbach, der langweiligste Mensch seines Jahrhunderts, hat mich aus Verzweiflung in ein fremdes Haus hinaufgejagt – doch die Geschichte erzähle ich Ihnen ein andermal – kurz, der Müller arbeitet jetzt für mich.« »Und wissen Sie bestimmt, daß es der rechte ist? Der Name Müller –« »Gar kein Zweifel, und jetzt wollen wir der Sache schon aus den Grund kommen, verlassen Sie sich auf mich – aber nun bitte, eilen Sie auch unsere Abfahrt, denn dem gnädigen Fräulein wird sonst die Zeit zu lang.« Der Justizrath war ein Mann von wenig Worten, aber ziemlich rasch im Handeln. In sehr kurzer Zeit war Alles geordnet, und hinter dem gemietheten Fiaker fuhr, sehr zum Erstaunen des herrschaftlichen Kutschers, die Carrosse des Fräuleins von Wendelsheim her, das sich, wie sie nur das Schloß erreichten, augenblicklich auf ihr Zimmer verfügte und sich dort einriegeln wollte. Die Erlaubniß wurde ihr aber nicht gleich. Vor allen Dingen versiegelte Assessor Schuster, der nichts halb that, sämmtliche Papiere der Gnädigen selber, so wüthend und aufgebracht sie sich darüber auch zeigte. Er hatte dazu allerdings keinen besondern Auftrag, that es aber auf Witte's Rath, weil sie nicht wissen konnten, wie sie vielleicht einmal später gebraucht werden und von Werth sein könnten. Dann mußte sie ihm sämmtliche Schlüssel übergeben. Silber und Wäsche wie alles Derartige, so weit es nicht zum täglichen Bedarf diente, wurde versiegelt, über das Andere ein flüchtiges Inventar aufgenommen, und Nachts um zwölf Uhr erst verließ Witte das Schloß wieder, um nach Hause zurückzukehren. Der alte Baron wurde gar nicht belästigt: er erfuhr auch nichts oder sah nichts von der Veränderung im Schlosse. Oben im Zimmer saß er an seinem Tisch, auf den ihm der Diener, als es dunkel wurde, die Lampe stellte; er hatte sich aus seiner Bibliothek ein paar Bücher genommen und beschäftigte sich jetzt damit, einzelne Seiten aus den Bänden zu reißen und die Blätter zu verschiedenen komischen Figuren mit einer Scheere auszuschneiden. Er besaß darin einige Gewandtheit, und es war auch in der That das Einzige, was er in seinem ganzen Leben gelernt hatte. 33. Nach allen Seiten. Am nächsten Morgen war Witte in voller Thätigkeit, denn jetzt wußte er sich der Erreichung seines Zieles gewiß, und es galt nur noch, die verschiedenen Fäden fest in die Hand zu nehmen. Vor allen Dingen ging er zum Untersuchungsrichter, um diesem mitzutheilen, daß er für jene frühere Wartefrau völlige Straflosigkeit vom Justiz-Ministerium erbitten wolle, vorausgesetzt nämlich, daß sie Alles, was sie über die verwickelte Sache wußte, aufrichtig gestand. Er glaubte, er würde den Herrn noch im Bette finden und herausklopfen müssen; der war aber schon auf und fertig angezogen und kam ihm gleich mit den Worten entgegen: »Wissen Sie das Neueste, Staatsanwalt? Eben bekomme ich die Meldung, daß sich die Heßberger diese Nacht in ihrem Gefängnisse erdrosselt hat – eine verfluchte Geschichte!« »Bah,« sagte Witte, den die Todesnachricht ungemein ruhig ließ, »die kann jetzt abkommen, denn was wir brauchen, haben wir von ihr; ja, im Gegentheil bekommt das von ihr abgelegte Geständniß durch ihren freiwilligen Tod nur um so größeres Gewicht.« »Und was führt Sie so früh zu mir?« Witte theilte ihm seine Absicht mit, und der Justizrath erklärte ebenfalls, daß er keinen Augenblick zweifle, die Bitte werde zugestanden, noch dazu, da jene Person, während sie im Stande war, ein wichtiges Zeugniß abzulegen, jedenfalls eine sehr untergeordnete Rolle bei dem Betrug gespielt hatte. Noch während sie zusammen sprachen, kam ein reitender Bote von Schloß Wendelsheim mit einer Anfrage an den Justizrath. Fräulein von Wendelsheim bestand nämlich darauf, einen Besuch in der Stadt zu machen, und fragte an, ob der Justizrath ihr die Erlaubniß dazu geben wolle. Der Justizrath schrieb einfach unter den Brief selber: »Fräulein von Wendelsheim hat Hausarrest!« und sandte den Boten wieder damit zum Schlosse. Witte kehrte langsam nach Hause zurück; in der Sache war allerdings nichts zu thun, bis die Rückantwort vom Justiz-Ministerium eintraf; es schien aber kaum möglich, daß die wirkliche Thatsache, von der schon so viele Leute unterrichtet waren, länger ein Geheimniß bleiben konnte. Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn dabei, wenn er an den bisherigen Baron, den Lieutenant von Wendelsheim, dachte, der, als eigentliche Hauptperson des Ganzen, noch wahrscheinlich keine Ahnung von dem über ihn hereinbrechenden Unheil hatte. Einmal faßte er wohl den Entschluß, ihn rufen zu lassen und ihm Alles mitzutheilen! aber wer von uns macht sich gern mutwillig zum Träger einer bösen oder schmerzlichen Nachricht? Und Witte besaß zu viel Zartgefühl, noch aus manchem andern Grunde, um eine solche Enthüllung freiwillig auf sich zu nehmen. Er that deshalb, was man gewöhnlich in einem solchen Fall thut: er verschob die Ausführung seines Vorhabens auf den Nachmittag oder vielleicht auf morgen früh, wie es sich gerade passen würde, denn zu versäumen war ja doch nichts dabei. Zu Hause fand er auch so viel zu thun, daß er kaum zur Besinnung kam, und sein Mittagessen beseitigte er rasch, denn seine Frau sprach bei Tische kein Wort; sie spielte noch die Beleidigte des neulich erlassenen Verbots der Adeligen wegen, und selbst Ottilie war kleinlaut und hatte rothe Ränder um die Augen. Witte aber that, als merke er das gar nicht, verzehrte seine Mahlzeit, trank, wie gewöhnlich, seine Flasche Wein dazu und ging dann wieder in sein Arbeitszimmer hinüber. Die Schreiber waren noch nicht von ihrer Eßstunde zurückgekehrt, als es plötzlich anklopfte und auf sein »Herein!« Lieutenant von Wendelsheim, aber in Civil – denn er hatte seinen Abschied schon erhalten – zu ihm in's Zimmer trat. »Stör' ich Sie, Herr Staatsanwalt?« »Mich? Gewiß nicht,« sagte der alte Herr, aber fast erschrocken, denn Bruno von Wendelsheim sah so bleich aus wie die Wand. »Bitte, treten Sie näher, lieber Baron – hier herein, wenn Sie so gut sein wollen; meine Leute kommen bald zurück und haben da ihre Plätze. Mit was kann ich Ihnen dienen?« »Herr Staatsanwalt,« sagte Bruno, der der Einladung Folge leistete, »ich kenne Sie als einen Ehrenmann...« »Lieber Herr Baron, aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen?« Wendelsheim wehrte mit einer dankenden Bewegung der Hand ab und fuhr fort: »Ich komme deshalb, um eine Frage an Sie zu richten, Mann zu Mann.« »Wenn ich im Stande bin, sie Ihnen zu beantworten,« sagte Witte und wünschte sich in dem Augenblick zehn oder zwanzig Meilen fort von da. »Niemand weiter in der ganzen Stadt so gut als Sie,« sagte der junge Mann, »denn wie mir versichert ist, haben Sie die Leitung der ganzen Affaire in der Hand. So sagen Sie mir denn: inwieweit ist das Gerücht begründet, daß bei meiner Geburt ein Kindertausch mit der Frau eines hiesigen Handwerkers stattgefunden hat und ich demnach nicht der leibliche Sohn des alten Baron von Wendelsheim, sondern der des Schlossers Baumann wäre?« »Alle Teufel,« rief Witte überrascht, »und wo haben Sie das schon gehört?« »Beantworten Sie mir erst die Frage, Herr Staatsanwalt.« »Wenn Sie mich drängen,« sagte Witte achselzuckend, »so muß ich Ihnen allerdings, was Sie mich eben gefragt haben, bestätigen. Aber woher Sie ...« »Und ich bin nicht das, als was ich erzogen worden, der Erbe des Hauses von Wendelsheim, sondern eines Schlossers Sohn?« »Mein lieber junger Freund,« sagte Witte verlegen, denn es that ihm weh, das dem armen jungen Manne so mit nackten, dürren Worten zu bestätigen, »vor allen Dingen ist ja noch kein Urteilsspruch in der Sache gefällt, und nur der allerdings gegründete Verdacht...« »Aber ich frage Sie ja nicht nach einem Urteilsspruch,« sagte Bruno bewegt; »Ihre Meinung, nach eigener, fester Ueberzeugung, will ich nur wissen, und glauben Sie um Gottes willen nicht,« setzte er rasch hinzu, »daß Sie mich dadurch etwa schlimmer kränken, als wenn Sie mir die Wahrheit vorenthalten. Muß ich es denn nicht wissen, wenn etwas Derartiges im Werke ist, und denken Sie etwa, daß fremde Menschen zartfühlender in ihrer Enthüllung sein werden – oder gewesen sind?« »Sie haben Recht,« sagte Witte entschlossen, »und nun bitte, erzählen Sie mir, was Sie gehört haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie dann die reine Wahrheit von mir hören sollen.« Bruno erzählte jetzt, aber alles so ausführlich, daß Witte eigentlich gar nichts mehr hinzuzusetzen fand. Er wußte in der That Alles, und der Staatsanwalt konnte ihm nur bestätigen, daß die Sache allerdings bis jetzt so stehe, ein wirklicher Entscheid aber erst durch das Geschworenengericht gefällt werden müsse, dessen nächste Sitzung in etwa acht oder neun Tagen stattfinde. »Aber nun,« fuhr er fort, »bitte ich Sie auch dringend, mir zu sagen, durch wen Sie das Alles erfahren haben, denn ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich es nicht begreife.« »Ich begreife nur nicht, daß ich es nicht schon früher gehört habe,« sagte Bruno, »denn meine Quelle ist wahrlich nicht geheimnißvoller Art. Ich erfuhr es heute Morgen durch Rath Frühbach.« »Durch Rath Frühbach?« rief Witte, den Kopf schüttelnd. »Dann brauchen wir allerdings auch kein Geheimniß mehr daraus zu machen, denn wenn der Herr es weiß, ist es schlimmer, als ob es in der Zeitung gestanden hätte. Aber, lieber junger Freund,« fuhr er fort, als er sah, daß Bruno zum Fenster getreten war und die glühend heiße Stirn gegen die Scheibe preßte, »nehmen Sie sich um Gottes willen die Sache nicht so zu Herzen. Erstlich ist das Ganze noch gar nicht entschieden. Eine feste Behauptung, es sei so oder so, steht noch Keinem von uns zu, und im allerschlimmsten Falle – ei, zum Wetter auch, im Unglück bewährt sich erst der Mann, im Glück können wir alle oben schwimmen, und Sie sind jung und kräftig und haben die Welt noch vor sich – sehen mir auch wahrhaftig nicht aus, als ob Sie so leicht verzagen würden.« Bruno schwieg; er stand am Fenster und sah über die Gärten und Hintergebäude der Nachbarhäuser hinaus, aber in alledem kein festes, bestimmtes Bild. Das Ganze flimmerte und flatterte ihm vor den Augen. All' die Luftschlösser, die er sich seit seiner Jugend gebaut und in bunten Farben aufgethürmt, stürzten polternd zusammen, und Alles, was ihm im dunklen Hintergrund blieb und sich zu fester Form gestaltete, war – eine Schlosserwerkstatt und das von den Bälgen ausgewühlte Feuer. Er hörte auch nicht, was der Staatsanwalt sprach – wenigstens nur mit halbem Ohr – in seinem Innern trug er eine vergeudete Jugend zu Grabe, und schwarz und düster lag nun die Zukunft vor ihm da. Rebekka – sein schöner Traum – er war stolz darauf gewesen, ihretwegen allen Vorurtheilen Trotz zu bieten und sie zu sich empor zu heben – und wie anders stand jetzt der arme Schlosserssohn dem reichen Juden, dem er noch dazu ohne Aussicht auf Hülfe bös verschuldet war, gegenüber! Es war doch ein schwerer Schlag, so mit einem Male Alles zu verlieren, was man bis dahin fest und sicher sein geglaubt – Familie, Namen, Eltern, Vermögen, Braut, Heimath, und dafür nichts zu bekommen, nichts, als die Berechtigung, in eine Familie einzutreten, die ihn als Säugling vor die Thür gesetzt. Witte war in peinlicher Verlegenheit. Der arme junge Mann, der so unverschuldet das Alles mußte über sich ergehen lassen, that ihm wirklich leid, aber er fühlte auch, daß er ihn gerade dadurch, wenn er ihm Mitleid zeige, am tiefsten verwunden könne. Und Trost einsprechen? Da fiel ihm selber nichts ein, was er ihm hätte sagen können. Draußen kamen die Schreiber vom Essen zurück und nahmen ihre Plätze wieder ein. Das Geräusch weckte Bruno aus seinen Träumen; er sah sich scheu um und sagte endlich: »Entschuldigen Sie mein wunderliches Wesen, Herr Staatsanwalt, ich fühle, ich werde Ihnen lästig; aber es ist noch Alles so neu, so fremd für mich, ich muß mich erst hinein gewöhnen, wie in diese neuen Kleider, die ich trage.« »Lästig? Aber lieber, bester junger Freund, glauben Sie das um Gottes willen nicht!« »Und was rathen Sie mir, jetzt zu thun? Was kann ich thun?« »Vor der Hand nichts auf der Welt, als die Entscheidung ruhig abwarten. Weiß übrigens Rath Frühbach um die Sache, so wird sie auch heute Nachmittag in allen Kaffeegesellschaften besprochen, und wenn Sie dann meinem Rath folgen wollen, so machen Sie indessen eine kleine Reise nach der Residenz oder in die Berge, oder wohin Sie wollen. Lassen Sie mich nur wissen, wo Sie sind, damit ich Ihnen rechtzeitig schreiben kann, wann Sie hier eintreffen müssen, um vielleicht auch Ihre eigenen Rechte zu wahren. Niemand kann vorher sagen, wie sich Alles gestaltet.« »Ich glaube, es ist das Beste, was ich thun kann,« sagte Bruno nach kurzem Zögern; »ich wäre jetzt auch nicht im Stande, Jemanden zu sehen oder zu sprechen. Ich muß erst selber Zeit haben, mich zu sammeln und das Weitere zu überlegen.« »Aber Sie vergessen nicht, mir zu schreiben?« »Sie sollen augenblicklich Nachricht erhallen, sobald ich nur erst selber weiß, wo ich mich die Zeit über aufhalten werde. Wahrscheinlich auf dem Wald; ich kenne dort oben einen alten Förster und gehe vielleicht mit ihm auf die Jagd. Auch die Einsamkeit wird mir wohl thun, ich bedarf jetzt derselben.« Witte drückte ihm herzlich die Hand. »Und nun leben Sie wohl bis dahin. Wenn Sie mich wiedersehen, hoffe ich, daß ich gefaßter und vernünftiger sein werde, als heute. Es ist mir nur noch Alles zu fremd, zu neu.« – Er erwiderte den Druck der Hand und verließ das Zimmer, wollte auch augenblicklich die Treppe hinabeilen, als er der Frau Staatsanwalt in den Weg lief, die gerade aus der Küche kam. »Ach, mein lieber Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie kommen wohl gerade von meinem Manne? Geschäftssachen – immer Geschäftssachen. Ja, wenn man bald ein so großes Vermögen übernimmt, giebt es allerdings viel zu thun. Aber wollen Sie nicht einen Augenblick näher treten?« »Sie sind unendlich gütig, gnädige Frau,« stammelte Bruno verlegen; »aber – ich bin gerade in großer Eile – die Post...« »Ja, dann freilich will ich Sie nicht aufhalten.« »Bitte, empfehlen Sie mich Ihrem Fräulein Tochter!« Die Frau neigte huldreich das Haupt, und Bruno war froh, als er sich gleich darauf wieder auf offener Straße und in frischer Luft fand. Witte hatte selber keine Ruhe; es gab noch so Manches für ihn zu besorgen, daß es ihn nicht in seinen vier Wänden litt. Durch die rasche Verbreitung des Gerüchts, deren Ursprung er sich immer noch nicht zu erklären wußte, war er auch in seinen Schritten mit der Schneiderswittwe gedrängt, damit sie nicht erst von anderer Seite aufmerksam gemacht und eingeschüchtert wurde. Er beschloß deshalb, augenblicklich zu ihr zu gehen und ihr Alles zu sagen; denn daß das Justiz-Ministerium eine zustimmende Antwort geben würde, verstand sich eigentlich von selbst. Im Anfang fand er die Frau allerdings scheu und zurückhaltend. Sie schützte Gedächtnißschwäche vor; die Sache sei so lange her und sie habe in der Zeit so viel durchgemacht, daß sie sich auf Einzelheiten aus jenen Jahren gar nicht mehr erinnern könne. Witte sagte ihr darauf, es würde auch kein Mensch in sie dringen, aber sie möge sich in der Zeit besinnen. Komme das Schreiben zurück, daß sie jeder Strafe oder Verantwortung über Vergangenes entbinde, dann versprach er ihr nur, falls sie getreu und wahr Alles berichten wolle, was sie noch wisse, eine namhafte Summe, mit der ihr Sohn hier, oder wo er wolle, ein Geschäft eröffnen könne. Außerdem dürfe sie sich versichert halten, daß er zu ihr stehen werde und sie seiner Protection gewiß sei. Komme ihre Freisprechung von jeder Verantwortung aber nicht, dann brauche sie ja kein Wort zu sagen und nur dabei zu bleiben, daß sie sich auf nichts mehr besinne, und es könne ihr eben so wenig etwas geschehen. Nachdem er die Frau solcher Art, so gut es gehen wollte, beruhigt und auch ihren Sohn überzeugt hatte, daß er wirklich keinen Hinterhalt habe, sondern es ehrlich meine, schlenderte er, in Gedanken die Vorfälle der letzten Tage noch einmal recapitulirend, langsam um die Promenade herum; er hatte für den Moment kein bestimmtes Ziel und wollte nur allein mit sich selber sein. »Ah, mein lieber Staatsanwalt,« sagte da plötzlich die bekannte Stimme des überall und nirgends herumfahrenden Frühbach, »so pensif? Wissen Sie schon die Neuigkeit?« »Ah, Rath!« sagte Witte, ordentlich emporfahrend, denn er hatte sich eben in Gedanken ganz allein mit dieser nämlichen Persönlichkeit beschäftigt. »Wo kommen Sie auf einmal her?« »Lieber Gott,« sagte der Rath, »ich bin ja das geplagteste Menschenkind auf der Welt, denn ich muß lediglich meiner Verdauung wegen den halben Tag auf den Füßen sein und spazieren laufen! Ihr gesunden Menschen wißt gar nicht, wie gut Ihr daran seid – aber haben Sie schon die Neuigkeit gehört?« »Welche Neuigkeit, lieber Rath?« »Nun, daß der Baron von Wendelsheim gar nicht der Baron von Wendelsheim ist, sondern der Sohn vom Schlosser Baumann; die ganze Stadt ist ja voll davon.« »Die ganze Stadt?« rief Witte wirklich in Erstaunen. »Aber durch wen, um des Himmels willen, kann nur die ganze Stadt das erfahren haben?« »Durch mich, Freundchen,« lächelte der Rath, indem er den Staatsanwalt scherzhaft mit dem einen Finger auf die Rippen stieß, »durch mich; ich bringe alles heraus, sage ich Ihnen, Alles, die Polizei mag es geheim halten wie sie will – ich hab's.« »Das ist in der That merkwürdig,« sagte Witte; »aber ich begreife nur nicht, wie? denn so viel ich davon gehört habe, ist die Sache noch nicht einmal bei den Gerichten genau bekannt.« »Sehen Sie wohl, und ich weiß sie doch,« schmunzelte Frühbach. »Und können Sie mir Ihre Quelle nicht mittheilen?« fragte Witte. »Ich versichere Ihnen, ich gäbe manchmal etwas darum, so rasch berichtet zu sein, und auf ein kleines Opfer sollte es mir dabei nicht ankommen.« »Ich werde Ihnen den Mann recommandiren,« sagte Rath Frühbach gutmüthig – »ein paar Cigarren manchmal, ein Glas Bier oder Wein, wie es trifft, und ein bischen Freundlichkeit, das ist die Hauptsache. Man muß mit den Leuten thun, als wenn man ihres Gleichen wäre: das schmeichelt ihnen, und ich sage Ihnen, sie sind dann um den Finger zu wickeln.« »Und wer ist der Biedermann, der Ihnen so vortreffliche Dienste leistet?« »Mein alter Polizeidiener,« lachte Frühbach, »ich habe Ihnen ja schon von ihm erzählt, der Schultze; Christian heißt er mit Vornamen – ein famoser Kerl, und so gefällig. Die Polizei muß man sich überdies zu Freunden halten.« »Also Christian Schultze? Danke Ihnen,« sagte Witte, »den Namen werde ich mir merken. Es ist allerdings sehr angenehm, Jemanden auf der Polizei zu haben, der an den Thüren horcht und die Sachen dann weiter erzählt.« »Und wie sollte man's anders erfahren?« lächelte Frühbach. »Die Herren vom Gericht selber erzählen nichts, denn die haben – ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« unterbrach er sich selber, denn in dem Augenblick klang es gerade, als ob ein Stück Baumwollenzeug von einander gerissen würde, und Rath Frühbach fand sich mit seinem breiten linken Fuße voll und schwer auf der Schleppe einer fremden Dame, die würdig vorüberrauschen wollte. Jetzt ging es nicht mehr – der ganze Hintere Theil des Kleides hing herunter, und Frühbach, in aller Verlegenheit, rief: »Ach Gott, das thut mir doch unendlich leid! Aber bitte, warten Sie einen Augenblick, meine Frau steckt mir doch immer Stecknadeln in den Rock – wenn – einmal – unterwegs – wo sind sie denn nur ...« Die Dame schleuderte ihm einen Blick zu, der ihn rettungslos zu Boden geschmettert haben müßte, wenn er die Gewalt besessen hätte, die sie hineinlegte; dann wandte sie sich kurz ab und drehte um, wahrscheinlich um irgend ein bekanntes Haus aufzusuchen und den Schaden wieder auszubessern. »Das ist eine verzweifelte Geschichte mit den jetzigen Damenmoden, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, als er, noch einen verlegenen Blick hinter seinem Opfer her werfend, neben Witte hin und jetzt in die Stadt hinein schritt; »ich sage Ihnen, man weiß gar nicht mehr, wo man hintreten soll, und eine Treppe hinter einer Dame hinunter zu gehen, ist, wenn man in Rufsnähe bleiben und sie nicht aus dem Gesicht verlieren will, rein unmöglich.« »Ja,« lachte Witte, der sich über den kleinen Zwischenfall sehr amüsirt hatte, »aber machen Sie einmal etwas dagegen; da hilft alles Reden nicht. Die Mode sieht sehr elegant in den Stellen aus, worauf sie berechnet ist: im Salon oder in der eigenen Equipage; auf der Straße aber fegen die feinsten Damen eben so wohl allen Staub wie jeden Schmutz und Unrath zusammen, der in ihrem Wege liegt. Und nicht einmal die feinsten,« fuhr er fort; »sehen Sie die Dame da vor uns. Mit einer schweren, spitzenbesetzten Sammetmantille trägt sie, wie es scheint, einen Marktkorb unter derselben, und wie sieht sie dabei um die Füße herum aus – wie schlumpig.« »Alle Teufel,« sagte der Rath, der sich seine Brille etwas in die Höhe geschoben hatte, um die bezeichnete Dame besser betrachten zu können, »das ist ja meine Frau!« Der Staatsanwalt biß sich auf die Lippe; aber das Unglück war geschehen, und wenn man etwas Derartiges verbessern will, macht man es eher noch schlimmer. Er opferte deshalb lieber seine eigene Gattin und sagte: »Sie machen es alle so, die meinige ebenfalls.« – Es war ein großes Glück für den Staatsanwalt, daß sich seine Frau nicht in Hörweite befand. »Aber, Frauchen, wo kommst Du denn her?« sagte der Rath zärtlich, als sie die Dame überholten, und Witte hielt den Moment für günstig, sich seitab zu drücken. Frühbach ließ aber seinen Arm nicht los. »Vom Markt, Männi,« erwiderte die Dame in der Sammetmantille. »Und wohin willst Du? Kommst Du nicht mit nach Hause?« »Ich wollte nur einmal zum Major hinausgehen und mit ihm über die bewußte Sache sprechen.« »Ah, Herr Staatsanwalt,« sagte die Dame, eine Verbeugung nach einer ganz verkehrten Seite hin machend, »sehr angenehm!« Sie suchte dabei den Marktkorb zu verheimlichen, aber es ging nicht. »Hat Ihnen Männi schon erzählt?« »Ja,« nickte Witte; »ich war auf's Aeußerste erstaunt.« »Und Sie wußten von gar nichts? Merkwürdig! Weiß es denn Ihre Frau Gemahlin schon? Ich werde gleich nach Tische einmal zu ihr gehen. Aber mit dem Essen könnte es heute spät werden, Männi – lieber Gott, man trifft unterwegs so viele Bekannte; aber ich biege hier ab.« Und sich wieder wenigstens drei Strich aus der Linie verbeugend, nickte sie ihrem Manne zärtlich zu und – fegte weiter. Witte hatte sich erst von dem Rath losmachen wollen; da er aber den Major als sein Ziel nannte, besann er sich eines Besseren. Er hatte doch für den Augenblick nichts Wichtiges vor und wollte sich das Vergnügen nicht entgehen lassen, Zeuge von der Ueberraschung des Majors zu sein. Frühbach sollte wenigstens den Genuß nicht allein haben. Mit der Voraussicht ließ er sich selbst unterwegs Mittheilungen aus der Schweriner Chronik machen. Im Hause des Majors sah es übrigens, als sie dasselbe erreichten, wahrhaft trostlos aus. Der alte Major selber saß in seinem Lehnstuhl, das eine Bein lang ausgestreckt und dick mit Tüchern verbunden und in eine wollene Decke eingeschnürt – Frau von Bleßheim lag, ihren Kopf unter Kreuzband, mit geschlossenen Augen auf dem Sopha und tastete nur manchmal nach einer riesigen Schale mit Kamillenthee, die vor ihr auf einem zum Sopha gerückten Stuhl stand und mit ihrem unangenehmen Duft das ganze Zimmer erfüllte. Aber auch die Liese hatte wieder Zahnschmerzen und winselte und erklärte, sie hielt's nun nimmer aus, und der Christian kam gerade mit einer großen Flasche Medizin, die er aus der Apotheke geholt, in's Zimmer gekrochen und kündete dem Major an, er müsse sich in's Bett legen, denn er hätte hinten am Kreuz eine Beule, und die würde jetzt wohl aufgehen oder der ganze Knochen mit herauskommen. »Gott soll mich bewahren, Major,« rief der Staatsanwalt, als er einen Blick in der Krankenstube umher geworfen hatte, »in Ihrem Lazareth sieht's ja schlimmer aus, als je! Wie um des Himmels willen halten Sie's nur aus?« »Ich halt's auch nicht mehr aus,« stöhnte der Major, »jetzt ist's vorbei und am Ende. Hier am Bein kommt's mir immer weiter herauf, und so wie's in den Leib tritt, dann thut der Mensch noch ein paar Schnapper, und nachher ist Schicht – dann geht der lange Urlaub an.« »Aber Sie sehen wohl aus – nicht wahr, Rath?« »Vortrefflich,« bestätigte dieser – »ordentlich rothe Backen.« »Oh Du mein Jesus,« stöhnte der Kranke, »das auch noch – ich kann kein Glied mehr rühren! Der Lump, der Christian, jammert in einem fort über sein Kreuz mit einer Beule dran – wollte Gott, ich hätte nur eine Beule, damit das Elend da einmal an die Luft käme; aber so sitzt's innerlich und frißt sich immer weiter hinein.« »Versündigen Sie sich nicht,« sagte Christian feierlich, »so 'ne Beule, wie ich habe, soll sich wahrhaftig kein Christenmensch wünschen – ich wünschte sie wenigstens meinem ärgsten Feinde nicht – und das Stechen, oh Du mein blutiger Heiland, ich wollte, ich wäre todt!« »Von mir red't Keiner 'was,« winselte die Liese, »und wenn's mir auch die Kinnbacken auseinander reißt. Ja wohl, das ist ja nur die alte Liese, und so lange die nur herumkriecht und ihre Arbeit thut, mag's sie in den Zähnen reißen, so viel wie's will – wer schiert sich drum?« – Und damit ging sie hinaus und schlug die Thür hinter sich zu, daß die Fenster klirrten. Aber den Rath Frühbach litt's nicht länger; das Geheimniß drückte ihm fast die Seele ab. »Haben Sie's schon gehört, Major?« rief er, »die Wendelsheim'sche Geschichte ist zum Ausbruch gekommen!« »Was für eine Wendelsheim'sche Geschichte?« stöhnte dieser. »Ich weiß von nichts. Was soll ich hier hören? Mir erzählt kein Deubel 'was.« »Aber deshalb sind wir Beide ja gerade zu Ihnen herausgekommen!« rief der Rath. »Wegen der Wendelsheim'sche Geschichte? Hat sich das alte – oh mein Bein! – hat sich das alte Frauenzimmer noch nicht beruhigt? Daß sie der Henker hole! Und auf der Fahrt damals, Rath, habe ich mir meinen letzten Rest geholt. Die Erkältung ist mir in dasselbe Bein geschlagen, mit dem ich damals an dem offnen Leder saß – und Ihr verfluchter Aepfelwein!« Er biß die Zähne zusammen und schlug mit der Faust auf die eine Lehne seines Stuhles. »Ob sich die noch nicht beruhigt hat?« lachte der Rath. »Na, ich danke, die wird beruhigt werden. Hatte ich denn nicht etwa Recht und ist es jetzt anders gekommen, als ich es mir die ganze Zeit gedacht?« »Hol' Sie der Teufel, Rath!« rief der Major, vor innerlichem Schmerz die Zähne zusammenbeißend und ein jämmerliches Gesicht ziehend. »Ich liege hier so schon auf der Folter, und Sie kommen nun auch noch, um mich zu langweilen. Ich verstehe kein Wort von Allem, was Sie sagen.« »Sie verstehen nicht, was ich sage? Die Wendelsheim'sche Geschichte ist zum Ausbruch gekommen, sag' ich, der Kindertausch constatirt und festgestellt. Das Fräulein von Wendelsheim steckt mit drin und war gestern schon deshalb im Verhör, und die Frau Müller ebenfalls. Polizei auf dem Schlosse draußen, bis der richtige Erbe ermittelt ist – der Lieutenant von Wendelsheim abgesetzt – die ganze Stadt in Aufruhr ...« »Hurrah!« schrie plötzlich der Major, von seinem Stuhl emporspringend und Gicht, Umschläge, Beine, Rücken, Kreuz und wie die Schlachtfelder seiner verschiedenen Krankheiten alle hießen, ganz vergessend, »hurrah, hurrah, hurrah hoch!« »Und der Baron von Wendelsheim ist verrückt geworden,« sagte der Rath. »Und noch einmal hurrah!« schrie der Major, daß Frau von Bleßheim von ihrem Sopha emporfuhr und die Liese den verbundenen Kopf erschreckt wieder in die Thür hereinsteckte und rief: »Na um des Erlösers willen, was ist denn nu los?« »Liese,« rief der Major, der einen allerdings nicht recht glückenden Versuch machte, auf dem einen Bein zu stehen und das andere, kranke, emporzuheben, »kommen Sie 'mal herein.« »Was soll ich denn?« »Was hab' ich Ihr versprochen, wenn die Wendelsheim'sche Lumperei an den Tag kommt und die ihr Recht kriegen, denen es gebührt?« »Fünf Thaler, Herr Major; aber die stehen im Schornstein,« knurrte die alte Magd. »Wenn ich das Alles kriegen sollte, was Sie mir schon versprochen haben!« »Hier sind sie, Liese,« rief der Major und schleppte sein linkes Bein dem Tische zu, in dessen Schieblade er seine Brieftasche liegen hatte; »da – da sind die fünf Thaler, und noch einmal hurrah!« »Und ich kriege wieder gar nichts!« ächzte Christian. »Ihr sollt auch einen haben, alter Schwede – damit geht in die Apotheke und laßt Euch Euer erbärmliches Kreuz einreiben. Und hier, reißt mir einmal den alten wollenen Fetzen herunter und gebt mir die Tuchstiefeln her, und meinen Rock, Liese, und die Mütze.« »Aber wohin willst Du denn nur, um alle Heiligen,« wimmerte Frau von Bleßheim. »Was hast Du nur vor?« »Auf's Amt, natürlich,« rief der Major, »die Erbschaft augenblicklich mit Beschlag belegen! Witte ist ja deshalb nur herausgekommen. Nicht wahr, Staatsanwalt, Sie gehen mit?« »Wenn Sie wünschen, warum nicht?« erwiderte dieser, der sich im Stillen nicht wenig über den sehr nutzlosen Jubel des Majors gefreut hatte. »Aber ich glaube, Sie können sich den Weg ersparen.« »Nein,« sagte der Major entschieden, indem er sich wieder auf seinen Stuhl setzte und die Decke abzuschälen anfing – »muß selber dabei sein – halte ich für meine Pflicht, so lange ich nur noch kriechen kann.« »Aber was wollen Sie oben?« »Sie haben es ja eben gehört. Protest einlegen, daß die Erbschaft nicht an die Wendelsheim'sche Familie ausgezahlt wird, nicht einen Groschen sollen sie jetzt kriegen, nicht einen rothen Heller!« »Aber, bester Major, wie wollen Sie das hindern?« »Wie ich das hindern will? Lautet die Erbschafts-Clausel nicht, daß nur in dem Fall männlicher Nachkommenschaft – ehelicher, versteht sich – das Vermögen an diese Familie ausgezahlt werden soll? Wenn aber jetzt bewiesen wird, daß der Sohn gar nicht der Sohn des Barons ist – und habe ich es Ihnen nicht immer und immer gesagt, Staatsanwalt? – wenn ein Kindertausch stattgefunden hat, an und für sich schon ein Verbrechen, so ist die Gesellschaft futsch! Meine Stiefel, Christian!« »Ja, lieber Major,« sagte der Staatsanwalt, »da das vertauschte Kind aber ebenfalls ein Sohn ist, so geht doch sicherlich die Erbschaft auf diesen über.« »Ein Sohn?« schrie der Major und blieb vor Schrecken halb in seinem Stiefel stecken. »Aber das ist ja gar nicht möglich,« rief Frühbach, »die Frau Müller hat ja nur eine Tochter!« »Die Frau Müller,« sagte der Staatsanwalt, »hat mit der Sache gar nichts zu thun; sie ist vollkommen unbetheiligt dabei und jene Frau Müller eine ganz andere. Ihr Polizeidiener hat da nicht richtig aufgepaßt. Die Heßberger hat die beiden Söhne, den der Schlossersfrau Baumann und den der Baronin, ausgetauscht und den Baron glauben machen, es sei ein Mädchen gewesen, um den Lohn zu bekommen. Das ist die ganze Geschichte.« »Aber ein Schlosserssohn,« sagte Rath Frühbach ganz verwirrt, »kann unmöglich Baron werden und eine halbe Million erben!« »Und warum nicht? Eben so gut, wie schon mancher Baron Schlosser geworden ist; gehen Sie nur einmal hinüber nach Amerika.« »Oh Gott, mein Bein!« stöhnte der Major und sank mit dem halb angezogenen Stiefel wieder in seinen Stuhl zurück. »Christian, Esel, so zieht mir doch den verdammten Stiefel ab; Ihr seht ja, daß ich es vor Schmerzen kaum aushalten kann – ah, wie das brennt!« »Aber ich begreife gar nicht,« bemerkte Rath Frühbach, der Witte verwundert ansah – »ich glaubte, Sie wüßten noch gar nichts von der ganzen Sache, und jetzt ...« »Weiß ich mehr davon, als Ihr Christian Schultze, wie?« lachte Witte. »Ja, lieber Major, beruhigen Sie sich. Allerdings hatten Sie mit Ihrem Verdacht, daß in der Familie Wendelsheim falsches Spiel getrieben wäre, vollkommen Recht; der einzige Fehler war nur, daß dieser Verdacht – und sehr natürlicher Weise – nach einem ausgetauschten Mädchen suchte. Sie wissen ja, wie wir damals selbst bei Baumanns nachgeforscht haben, aber wer dachte an so etwas?« »Oh, mein Bein!« stöhnte der Major; »Christian, das zieht hier – wickelt mir doch die Decke um. Liese, die fünf Thaler hat Sie auf der Straße gefunden – oh Gott, die Schmerzen!« Frau von Bleßheim lag schon wieder ausgestreckt auf dem Sopha, und nur die Liese schien ihre Zahnschmerzen vergessen oder wenigstens für den Augenblick bei Seite geschoben zu haben, denn sie betrachtete sich immer verstohlen die fünf Thaler, die wahrscheinlich nicht so häufig in diesem Hause des Jammers abfallen mochten. Witte hatte aber jetzt seinen Zweck erreicht, und der Rath Frühbach saß ebenfalls wie auf Kohlen, da er sich von seiner Neuigkeit einen ganz andern Erfolg versprochen. Ehe er sich aber nur so weit entschließen konnte, ob er gehen oder bleiben sollte, hatte Witte nach seinem Hut gegriffen, dem Major – der ihm aber gar nicht antwortete – einen kurzen Gruß zugerufen und war auch gleich darauf im Freien draußen, wo er tüchtig ausschritt. Frühbach mußte es doch ebenfalls für das Beste gehalten haben, sich zu entfernen; als er aber auf die Straße trat, sah er den Staatsanwalt schon in weiter Ferne und mußte den Versuch aufgeben, ihn einzuholen und sich noch weiter mit ihm auszusprechen, denn auf sein Rufen drehte sich der Davoneilende gar nicht um. 34. Vor den Geschworenen. Am nächsten Morgen überraschte der Polizeidiener Christian Schultze den Rath Frühbach noch im Bett und jammerte und klagte, daß er aus dem Dienst gejagt wäre, und zwar nur seinetwegen. Er verlangte auch Schadenersatz, bekam aber natürlich nichts, brachte jedoch den Rath in eine unbeschreibliche Aufregung und verdarb ihm das ganze Frühstück. Witte war indessen ungemein thätig, und als nach zwei Tagen ein Rescript des Justiz-Ministeriums eintraf, wonach der Frau Müller, als keiner Hauptschuldigen bei dem Betruge, völlige Straflosigkeit zugesichert wurde, falls sie frei und wahr Alles bekennen wolle, was sie über den Fall wisse, so stand auch nach dieser Seite nichts mehr im Wege. Eine Scene hatte er allerdings noch im eigenen Hause, als seine Frau den wahren Thatbestand erfuhr: Ottilie wurde ohnmächtig, und die Frau Staatsanwalt würde ebenfalls Krämpfe bekommen haben, wenn das Mädchen nicht gleich bei der Hand gewesen wäre. Witte selber bekam aber dadurch Oberwasser. Seine Frau war nie so kleinlaut gewesen, als nach der Zeit; er konnte sie jetzt um den Finger wickeln und fühlte sich überzeugt, daß es eine heilsame Lehre für sie sein würde. Indessen rückte der Tag heran, an welchem der Fall vor die Geschworenen gebracht werden sollte, denn Witte hatte sein Möglichstes gethan, um jede Schwierigkeit zu beseitigen, damit der Termin der Erbschafts-Auszahlung nicht versäumt wurde, was nachher nur noch wieder Umstände gemacht hätte. Von Bruno erhielt er ebenfalls einen Brief und schrieb ihm umgehend Tag und Stunde, in welcher er hier eintreffen müsse, und wie der Morgen endlich herannahte, läßt es sich denken, daß die Bevölkerung von Alburg einen lebhaften Antheil an der Sache nahm. Schon Stunden lang vorher drängte sich das Publikum vor der Thür des Sitzungssaales, und die Polizei hatte nicht geringe Schwierigkeit, um nur einigermaßen Ordnung in die Masse zu bringen und Unglücksfälle zu verhüten. Die Tribünen waren natürlich überfüllt; was an Menschen in den Saal hineinging, preßte hinzu, und selbst hochstehende Damen wurden trotz ihrer Crinolinen zu einem Minimum zusammengedrückt. Es war aber auch ein Fall, der in alle Schichten der Bevölkerung eingriff, und der ärmste Handwerker nahm nicht minder Theil daran als die »Crême« der Gesellschaft, denn er war eben so viel bei dem Erfolge betheiligt und freute sich dazu schon im Voraus auf den Entscheid der Richter, während die haute volée, dadurch daß solche »Schwächen« der höheren Stände vor die Oeffentlichkeit gebracht wurden, einen noch größeren Widerwillen gegen das überhaupt zu liberale Institut den Geschworenengerichte faßte. Aber hingehen mußten sie trotzdem; sie hätten nicht um die Welt die Untersuchung versäumen mögen! Und wie lange dauerten ihnen die Vorbereitungen, bis die Geschworenen gewählt waren und ihre Plätze eingenommen hatten und der Richter die Verhandlung mit einer kurzen Einleitung eröffnete! Dann erst trat Staatsanwalt Witte als Kläger auf und beschuldigte in kurzer, aber kerniger Rede den Baron von Wendelsheim und dessen Schwester, Fräulein Aurelia von Wendelsheim, mit Hülfe der damaligen Hebamme, der bekannten Frau Heßberger, zwischen der Frau des Schlossers Baumann und der Frau Baronin die Kinder vertauscht zu haben. Er legte dabei klar das Motiv der ersten Anregung dazu vor: die Furcht des Barons, keinen männlichen Erben zu bekommen und dadurch der Erbschaft verlustig zu gehen, während er sich, da er wußte, daß seine Gemahlin nie ihre Einwilligung dazu geben würde, der Hülfe seiner Schwester versicherte, ja möglicher Weise von dieser erst dazu getrieben wurde. Daß die Heßberger nachher, als sie sich durch die unerwartete Geburt eines Sohnes der Gefahr ausgesetzt sah, den versprochenen bedeutenden Lohn zu verlieren, nicht allein die Mutter des Kindes, sondern nun auch den Vater und dessen Schwester betrog, indem sie die Thatsache, daß es ein Sohn sei, verheimlichte und sie in dem Glauben bestärkte, es sei wirklich ein Mädchen gewesen, war leicht zu erklären. Die Heßberger täuschte auch später nochmals den Baron, indem sie ihn durch irgend einen gleichgültigen Todtenschein eines weiblichen Kindes glauben machte, seine Tochter sei gestorben. Dadurch vermied sie jede, sonst doch mögliche Nachforschung des Vaters. Der Todtenschein hatte sich unter den Papieren des Fräuleins von Wendelsheim gefunden und Witte nach genauer Untersuchung herausbekommen, daß jenes Kind auf einem entfernten Dorfe von völlig unbescholtenen Eltern geboren und auch dort kurze Zeit danach gestorben sei. Bei dessen Geburt waren der Schwiegervater und zwei Verwandte zugegen gewesen, und das Kind, vom ersten Moment an kränkelnd, von dem dortigen Wundarzt behandelt und die ganze Zeit, bis zu seinem Tode, nicht aus den Augen gelassen worden. Ruchbar sei die That durch die Frau Baumann selber geworden, die, von Gewissensbissen gepeinigt und in der Angst, den damals auf falschen Verdacht hin gefänglich eingezogenen Erben an seinem Leben geschädigt zu sehen, ein offenes Bekenntniß abgelegt habe. Es gehe daraus hervor, daß sie selber nur höchst ungern und halb von ihrer Schwester gezwungen, fast unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes, jedenfalls innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, ihren Sohn in der Hoffnung hergegeben habe, ihn und die Familie, in die er eingeführt wurde, glücklich zu machen. Als ihr ein Sohn, aber nicht der ihrige, dafür zurückgebracht wurde, gerieth sie außer sich; es war jedoch zu spät. Die Heßberger drängte in sie, und sie schwieg – schwieg bis jetzt. Daß die Heßberger die Hauptschuldige sei, habe sie nicht allein auf dem Criminalamt, nach dem dort aufgenommenen Protokoll, was nachher verlesen werden solle, selber erklärt, sondern auch durch ihren Selbstmord, weil sie die Strafe fürchtete, erhärtet. Gleich schuldig mit ihr sei wohl der Vater des Kindes, der Baron von Wendelsheim, aber von Gott selber außer den Bereich menschlicher Strafe gebracht, da sein Geist wandere und völlige Besinnung ihm, nach dem Ausspruche der Aerzte, kaum je wieder zurückkehren würde. Daß die Frau Baronin selber nichts von dem Tausche der Kinder gewußt, stehe fest; desto stärkerer Verdacht, ja fast die Gewißheit der That ruhe aber dagegen auf jenem Fräulein von Wendelsheim, die, in der Furcht, den alten Glanz des Hauses erlöschen zu sehen und selber ohne hinreichende Mittel, das Zusammenbrechen desselben zu verhindern, zu diesem Verbrechen ihre Zuflucht genommen habe, um es abzuwenden. Sie allein sei auch strafbar, da sich die Hauptschuldige der Strafe entzogen, denn sie, als hochstehende, gebildete Frau wußte genau, was sie that, und handelte dabei mit vollem Vorbedacht. Die Geschworenen ersuche er daher, die Rechte des wirklichen Erben, des bisher von dem Schlosser Baumann unter dem Namen Friedrich erzogenen Sohnes, zu prüfen, und er hoffe, der Gerichtshof werde dann jener Dame die härteste Strafe zuerkennen, die das Gesetz überhaupt in diesem Falle gestatte. Witte hatte außerordentlich ruhig gesprochen, und die einzelnen Thatsachen, die übrigens schon seit den letzten Tagen im Publikum ziemlich genau bekannt waren, nun so klar und deutlich als möglich vorgelegt. Er wollte jedenfalls erst den Advocaten des Gegenparts veranlassen, dagegen aufzutreten. Das Publikum selber achtete aber nur wenig auf seine Rede, denn Aller Blicke hingen an den beiden Angeklagten, der Schustersfrau und dem gnädigen Fräulein, die ihren Platz auf der Seite der Verklagten hatten, und ein größerer Unterschied wäre zwischen zwei weiblichen Wesen kaum denkbar gewesen, als die Beiden zeigten. Die Frau Baumann, in einem blauen einfachen Kattunkleid, eine schneeweiße Haube auf, das milde, gute Gesicht bleich und eingefallen, die Augen niedergeschlagen in Scham und Angst, saß auf der Bank, während neben ihr, hoch aufgerichtet und stolz, aber bis in's Innerste über den Schimpf empört, der hier ihr angethan, in Putz und Schmuck von Sammet und Seide strotzend und aus den bös blickenden Augen giftige Blitze nach allen Seiten, besonders aber auf den Staatsanwalt Witte schleudernd, das gnädige Fräulein stand. In dem Zuschauerraume, wo besonders eine Gruppe von Handwerkern beisammen stand, flüsterten die Leute auch schon mit einander, und manche Bemerkung wurde laut: »Das ist die Rechte, das ist ein böser Drache; seht nur, wie hoch sie die Nase trägt; sie schämt sich gar nicht – und wie sie die Leute daheim behandelt – ein Hund hat's besser, als ihre Dienstboten!« »Bst! Bst!« flüsterten indessen wieder Andere, denn jetzt begann der von dem gnädigen Fräulein angenommene Advocat nicht allein seine Clienten zu vertheidigen, sondern die ganze Klage als einen aus der Luft gegriffenen Verdacht anzufechten. Das gnädige Fräulein schilderte er dabei wie eine Heilige, die, während sie noch nie einem Menschen Ursache zur Klage gegeben, hier auf eine unwürdige Weise angegriffen und verdächtigt würde. Aus der Selbstanklage der Frau Baumann gehe allerdings hervor, daß eine Täuschung in der Familie beabsichtigt gewesen sein könne, obgleich auch selbst darüber jetzt, nach dem Tode jener Heßberger, der Beweis fehle. Es sei die Unwahrscheinlichkeit aber auf das Höchste gesteigert, wenn man annehmen wolle, daß zwei Knaben gegen einander ausgewechselt wären. Ein Resultat würde die Sache nicht weiter gehabt haben, als daß sie zwei Mütter von ihren Kindern trennten, und die Anklage mache der Phantasie seines geehrten Vorredners allerdings viel Ehre, aber an dem gesunden Verstand der Geschworenen würde sie machtlos abprallen. Als er das gnädige Fräulein so außerordentlich lobte, wurden von mehreren Seiten höhnische Rufe laut, als: »Hoho! Ja wohl, so sieht sie auch aus!« – Die Beamten stellten aber augenblicklich die Ruhe wieder her, und als er endlich damit schloß, indem er nur noch in einer längeren Phrase das Motiv der Frau Baumann hervorhob, jetzt, durch eine solche Erklärung, ihrem eigenen Sohn die reiche Erbschaft zuzuwenden, bat er die Geschworenen, den Fall ruhig zu überlegen, und sie würden dann selber zu der Ueberzeugung gelangen, daß die ganze Klage – als zu absurd zur Verhandlung – zurückgewiesen werden müsse. Staatsanwalt Witte ließ jetzt den gefangenen Heßberger als Zeugen vorrufen, und ein traurigeres Bild menschlicher Erniedrigung konnte es kaum geben, als der Verbrecher zeigte. Die kurze Zeit seiner Haft hatte ihn bleich und hohlwangig gemacht; die Augen starrten wild und fast blödsinnig umher, und eingeschüchtert durch die vielen Menschen, kroch er ordentlich zusammen unter der Last seiner Sünde, seines Jammers. Er machte auch als Zeuge keinen besonders günstigen Eindruck auf die Geschworenen; trotzdem mußte er gehört werden, und von dem Vorsitzenden befragt, legte er denn auch ein unumwundenes Geständniß ab. Er verheimlichte oder beschönigte nichts. Er erzählte, daß er den neugeborenen Sohn der Baumann, warm in wollene Tücher eingeschlagen, in das zu dem Zweck geheizte Gartenzimmer des Parks getragen, bis seine Frau ihm durch ein in ein bestimmtes Fenster gestelltes Licht ein Zeichen gegeben habe. Dann sei er nach dem Schlosse gegangen, wo er sein Weib mit dem fremden Kinde getroffen hatte. Sie nahm ihm das, was er gebracht, dort ab, gab ihm das andere und flüsterte ihm dabei zu, er solle nur ihrer Schwester sagen, er brächte ihr Kind wieder mit, der Tausch sei nicht nöthig gewesen. Aber seine Schwägerin habe gleich gesehen, daß es ein fremdes Kind sei, und geweint und geschrieen, und er hätte sie kaum beruhigen können. Der Advocat des Gegenparts fragte jetzt den Schuhmacher, ob er schwören könne, daß er nicht wieder dasselbe Kind zurückgetragen, das er mitgenommen, und woher er wissen wolle, daß es ein anderes gewesen sei, noch dazu, da ihm seine Frau selber gesagt hätte, es wäre das nämliche. Heßberger, der jetzt im Reden etwas mehr Muth faßte, erwiderte, wenn seine Frau nicht die Kinder austauschen wollte, so würde sie das dem Baron gehörige nicht aus dem Wochenzimmer auf die kalte Treppe hinuntergetragen haben. Ueberdies hätte er deutlich genug gefühlt, wie ihm das getragene weggenommen und ein anderes dafür gegeben sei; das zweite sei auch leichter gewesen, als das erste. Der Advocat des gnädigen Fräuleins, dem der ungünstige Eindruck nicht entgehen konnte, welchen Heßberger's ganze Erscheinung auf die Geschworenen gemacht, benutzte den augenblicklich, um die Aussage des Zeugen zu verdächtigen. Er war außerdem, wie alle Welt wußte, ein Dieb und Einbrecher, und sein Zeugniß verlor dadurch jedenfalls an Werth. Die dagegen von seiner Seite aufgerufene Zeugin Frau Barbara Müller aus Vollmers, als Amme des Kindes, trat desto respectabler auf, denn sie machte gleich von vornherein den Eindruck einer achtbaren, durchaus rechtlichen Frau, und Alles, was sie über die Wendelsheim'sche Familie sagte, zu der sie fast unmittelbar nach der Geburt des Kindes als Amme gerufen, klang außerordentlich lobenswerth. Auch über die »Tante« äußerte sie sich; sie sei wohl ein bischen »scharf und knapp« gewesen, aber sonst ganz gut, und was das alberne Gewäsch von einem Umtausch der Kinder betreffe, so wisse sie wohl, woher das komme, und die Gesellschaft sei auch schon bei ihr gewesen; aber sie sollten nur wiederkommen, sie wolle ihnen heimleuchten. »Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte Witte, »die Frau zu fragen, zu welcher Stunde sie auf Schloß Wendelsheim eingetroffen ist.« Die Antwort lautete: »Morgens halb sieben Uhr.« »Gut,« sagte Witte, »dann habe ich nur zu bemerken, daß die von Heßberger angegebene Zeit des Tausches zwischen zwölf und ein Uhr in der Nacht fällt.« Andere Zeugen wurden jetzt noch herbeigerufen. Einer, der Gärtner, hatte, wie er aussagte, Heßberger im Garten gesehen und wollte das Schreien eines Kindes gehört haben; aber ganz sicher fühle er sich darin nicht. Andere hatten nur darüber reden und die Vermuthung aussprechen hören, daß nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Weitere, schlagende Beweise wurden aber nicht vorgebracht. Der Advocat für das gnädige Fräulein schien sich schon auf die Schlußrede vorzubereiten, indem er den frevelhaften Uebermuth des Gegenparts hervorhob, auf solch' nichtige Beweisgründe hin ein altes, edles Haus mit Koth zu besudeln, und dazu auch noch den Zeitpunkt zu benutzen, wo der Träger desselben, der alte Baron, durch den Tod seines zweiten Sohnes unnatürlich aufgeregt, gerade augenblicklich von einem Kopfleiden befallen sei und nicht selber hier erscheinen könne, um seine Rechte zu vertheidigen. Das gnädige Fräulein triumphirte. Recht wie höhnisch flog ihr Blick auf die Versammlung, als Witt ganz ruhig bat, ihm zu gestatten, noch eine Zeugin vorzuführen. Die kleine Frau Müller, die Mutter des Schneiders Müller, kam herein; sie sah sehr nett und sauber, aber auch sehr ärmlich aus und schien im Anfang schüchtern; aber das gab sich bald, denn für sie war dieser Proceß zum wahren Heil geworden. Bis jetzt hatten die früheren Vorgänge in der Wendelsheim'schen Familie noch immer mit drückender Schwere auf ihr gelastet und ihr manche unruhige Stunde bereitet. Von heute an sollte das aufhören; sie brauchte kein Geheimnis mehr vor den Menschen zu haben und dann auch keine Strafe dafür zu fürchten, wenn sie nur Alles wahr und offen ausgesagt, was sie wußte. Von dieser Zeugin schien der gegnerische Rechtsanwalt aber gar nichts erfahren zu haben, denn Witte hatte ihr Erscheinen sehr geheim gehalten. Auch Fräulein von Wendelsheim sah die kleine Frau überrascht an, denn sie kannte sie nicht wieder und konnte sich nicht besinnen, sie je gesehen zu haben – was wußte die von der Sache? Die Frage richtete jetzt der Vorsitzende an sie, und anfangs mit leiser, kaum hörbarer Stimme, so daß sie aufgefordert werden mußte, lauter zu sprechen, sagte sie jetzt: »Ach, ich war ja zu jener Zeit schon ein paar Tage vorher von der Heßberger der gnädigen Frau Baronin als Wartefrau recommandirt! Kennen Sie mich denn nicht mehr, gnädiges Fräulein? Ich bin ja die Lisbeth, und Sie waren immer gut und freundlich gegen mich!« Jetzt erkannte sie das gnädige Fräulein wirklich; aber die Ueberraschung war keine freudige, denn sie wechselte die Farbe und winkte dann ihren Advocaten heran, dem sie einige Worte zuflüsterte. Noch mächtiger wirkte aber ihr Erscheinen auf die Schlossersfrau, die erst nur ziemlich theilnahmlos zu ihr aufgesehen hatte, bei Nennung des Namens aber emporzuckte und mit gefalteten Händen flüsterte: »Oh mein Gott, die Todten stehen auf!« »Und Sie müssen mich ja auch noch kennen, Frau Baumann,« nickte ihr die kleine Frau zu, »wenn wir uns auch die langen, langen Jahre hindurch nicht gesehen haben, denn die Heßberger wollte nicht, als ich hierher zurückkam, daß ich zu Ihnen ging. Es schien ihr selber nicht recht; sie hatte geglaubt, ich wäre nach Amerika gezogen.« »Und was wissen Sie von der Sache, in welcher die Familie Wendelsheim angeklagt ist, das erstgeborene Kind mit einem andern vertauscht zu haben? Können Sie etwas Näheres darüber angeben?« »Ach, es wird schon so sein,« seufzte die kleine Frau, »und manchmal und manchmal hab' ich gewünscht, ich wäre gar nicht dabei gewesen, denn recht war's nicht ...« »Ich möchte den Gerichtshof ersuchen,« sagte der Rechtsanwalt des gnädigen Fräuleins, »die Identität dieser auf einmal herzugerufenen Frau erst untersuchen zu lassen, ehe sie die Geschworenen durch irgend eine Erzählung beeinflußt. Es scheint sie kein Mensch hier zu kennen, und da ich ...« »Ja wohl, ja wohl,« rief es von mehreren Seiten, »das ist die Frau Müller, die in Mecklenburg war!« – Die Ruhe mußte erst wieder hergestellt werden, und dann wurde Fräulein von Wendelsheim gefragt, ob sie die Person kenne. Sie verneinte es. Die Frau Baumann dagegen bestätigte, daß sie eine entfernte Verwandte von ihnen sei und zu jener Zeit als Wartefrau auf dem Schloß Wendelsheim gedient habe. Der Gärtner vom Schloß befand sich ebenfalls als Zeuge im Saal und erkannte sie jetzt auch wieder; auch eine Frau unter den Zuschauern, die sie selber bezeichnete. Außerdem brachte sie aber auch jetzt ihr altes Dienstbuch zum Vorschein, aus dem sich deutlich genug ergab, daß sie nicht allein die richtige Person sei, sondern auch gerade in jener Zeit im Schlosse thätig gewesen wäre. Ihr Zeugniß war schlagend. Die Heßberger hatte das Kind ganz unmittelbar nach der Geburt gewaschen, eingewickelt und aus dem Zimmer getragen, während sie selber an der Waschbütte stehen bleiben und in dem Wasser plätschern mußte, als ob das Kind noch darin sei. Die Frau Baronin hatte mit geschlossenen Augen im Bett gelegen, und nur das gnädige Fräulein war noch in der Stube und stand fast immer neben dem Bette. Ob sie glaube, daß das gnädige Fräulein das Wegtragen des Kindes gesehen habe? Sie wüßte nicht gut, wie es anders möglich sei; das gnädige Fräulein wäre allerdings nicht zu ihr an die Waschbütte gekommen und habe nicht nachgesehen, es sei auch etwas dunkel in der Ecke gewesen; aber sie habe doch das Weggehen der Heßberger bemerkt, und in der Zeit dürfe eine Hebamme nicht aus dem Zimmer. Der Advocat des gnädigen Fräuleins wollte jetzt die Frage an die Schneiderswittwe gestellt haben, ob sie beschwören könne, daß Fräulein von Wendelsheim gewußt, was die Heßberger beabsichtigt. Schwören konnte sie nicht; man könne keinem Menschen ins Herz sehen. Sie hätte allerdings viel mit der Heßberger gesprochen und sei oft nach der Thür gelaufen, und sie hätte indessen in dem Wasser geplätschert, als ob das Kind gewaschen würde. Endlich sei die Heßberger wieder hereingekommen. Ob das gnädige Fräulein mit ihr geflüstert habe, als sie in die Thür getreten sei? Das könne sie doch nicht so genau sagen; so viele Jahre wären darüber verflossen, und sie möchte Niemandem unrecht thun, denn das gnädige Fräulein sei immer gut mit ihr gewesen. Und brachte die Heßberger das Kind zurück? »Das nicht, was sie mitgenommen hatte,« sagte die Frau kopfschüttelnd: ein viel stärkeres mit einem weit größeren Kopfe, und halb erfroren sei's gewesen vor Kälte und Nässe; aber sie hätten es gleich in das warme Wasser gesteckt, und da habe es sich bald erholt. Dann erst sei es zu der Frau Baronin in's Bett gekommen, die es geherzt und geküßt hätte, und der Baron wäre dann gerufen worden, und ein ungeheures Gejubel im Hause über die Geburt eines Knaben losgegangen. Die Leute hätten Wein bekommen, mitten in der Nacht, und sie und die Heßberger auch. In der Nacht habe der Baron denn auch noch einen Wagen geschickt, um die Amme abzuholen, welche gegen Mittag eintraf und das Kind überliefert bekam, und sie selber sei nachher noch vier Wochen als Wartefrau der Baronin im Schlosse geblieben. Ob sie gewußt habe, daß der, wie sie meinte, untergeschobene Knabe das Kind der Frau Baumann sei? Ganz bestimmt gewußt eigentlich nicht, aber vermuthet hatte sie es, nach Aeußerungen, welche die Heßberger darüber getan, aber auch nie danach fragen mögen, weil sie Angst gehabt, daß es herauskommen und sie auch straffällig werden könne. Der gegnerische Advokat suchte sie ein paar Mal durch Kreuzfragen irre zu machen; aber sie blieb fest bei ihrer einfachen Erzählung und widersprach sich nicht ein einziges Mal. Witte bat jetzt, das Protokoll zu verlesen, das der Actuar niedergeschrieben und dem noch ein Nachtrag beigefügt war. In ihrer Zelle war die Heßberger nämlich noch einmal gefragt worden, den Ort anzugeben, wo sie die Erbschaft erhoben haben wollte, und hatte dann erklärt, sie sollten sie kein solches dummes Zeug fragen, sie wüßten nun die ganze Geschichte. Das Geld habe sie von dem Baron für sich und ihre Schwester bekommen. »Jetzt aber,« fuhr Witte unter dem Eindruck dieser Enthüllung fort, »muß ich um die Erlaubniß bitten, die betreffende Familie den Geschworenen vorzuführen. Leider war der alte Baron von Wendelsheim selber nicht im Stande, hier zu erscheinen: sein trauriges Leiden verhindert ihn daran, und Krankheit wie Gewissensbisse haben den sonst so kräftigen Mann gebrochen; aber ich glaube, es ist wenigstens nöthig, daß Sie mit eigenen Augen bestätigt sehen, was Sie hier eben gehört haben.« Er erhielt die Erlaubniß, und wenige Minuten später, während jetzt eine so lautlose Stille im Saal herrschte, daß man das Athmen der Einzelnen hören konnte, öffnete sich die Thür, und der alte Schlosser Baumann, begleitet von seinen zwei Söhnen, mit ihnen aber der bisherige Baron Bruno von Wendelsheim, traten in den Saal und nahmen den Platz vor den Geschworenen ein. Der alte Baumann war blaß, hatte aber die Zähne fest zusammengebissen, und zu seiner Rechten und Linken standen Bruno und Fritz, während Witte Karl, den zweiten Sohn, neben Bruno stellte – der Letztere natürlich jetzt in Civil und in einen dunklen, einfachen Rock geknöpft. Bruno hatte keinen Blutstropfen in den Wangen, aber er ertrug den für ihn furchtbaren Moment wie ein Mann; er war fest und ruhig, und sein Auge haftete ernst, aber nicht herausfordernd auf den Geschworenen. Bemerkbar war aber der Eindruck, den sein Erscheinen neben der Familie auf die Mutter selber machte. Mit weitgeöffneten Augen und getrennten Lippen, beide Hände wie krampfhaft auf dem eigenen Herzen gefaltet, saß sie da, und ihr Blick hing fast mit Stolz, aber doch auch mit furchtbarem Schmerz an dem Antlitz des Sohnes. Bei dem Erscheinen der Familie herrschte anfangs, wie schon gesagt, eine wahrhaft unheimliche Stille in dem großen Saal; aber das dauerte nicht lange, denn bald erhob sich ein scheues, kaum hörbares Flüstern, das aber stärker und stärker wurde, und selbst der Vorsitzende bog sich zu dem neben ihm sitzenden Justizrath nieder und sagte ihm einige leise Worte, wobei dieser mit dem Kopf nickte. Die Bewegung hatte aber ihren Grund in der fast auffallenden Ähnlichkeit Bruno's mit dem nur um zwei Jahre jüngeren Karl, und die Beiden standen da, unverkennbar als zwei Brüder, als zwei Schößlinge, von demselben Stock, neben einander. Bruno mochte um eine Kleinigkeit größer sein, und sein Gesicht zeigte etwas mehr Intelligenz, aber die Züge waren bis in das Kleinste hinab unverkennbar die nämlichen, während das Antlitz von Fritz einen ganz entschieden andern Charakter trug. Fritz war braun von Haar, ja fast zu Schwarz hinneigend, mit dunklen Augen, Bruno, wie alle Kinder des Schlossermeisters, blond, mit blauen Augen, und dabei etwas, wenn auch nur wenig abgestumpfter Nase, während Fritz' Profil viel mehr Aehnlichkeit mit dem des Fräuleins von Wendelsheim verrieth. Da erhob sich die Mutter von ihrem Sitz – ihre Kniee zitterten, und sie mußte sich fast gewaltsam aufrecht halten. Ehe aber nur weiter ein Wort gesprochen werden könnte, trat sie vor und begann erst leise, dann aber mit immer festerer Stimmen »Ich weiß nicht, ob ich hier reden darf, aber ich kann jetzt nicht länger schweigen. Jener böse Mann hat gesagt, ich habe die Lüge nur ersonnen, um meinem Kinde, meinem Sohn, eine große Erbschaft zuzuwenden – oh, wenn er in mein Herz sehen könnte! Jahr nach Jahr habe ich gejammert um das Kind und mich gegrämt und abgehärmt, aber immer im Stillen, immer allein, denn es war keine Seele, der ich mich anvertrauen durfte. Ich hätte ihm auch ferner entsagt, denn die Sünde war einmal geschehen, und ich fürchtete mich, mit dem Geständniß dessen, was ich gethan, vor meinen braven Mann hinzutreten; bis endlich die Angst dazu kam, daß der Knabe, durch meine Schuld seinen Eltern entführt war, zu Unglück oder Tod kommen könnte, weil man seinen wahren Stand nicht kannte. Da litt mich's nicht länger – die Sehnsucht nach dem eigenen Kinde preßte mir dabei fast das Herz ab – ich begegnete ihm auf der Straße, und er kannte mich nicht und ging kalt vorüber, wo ich ihm hätte an die Brust fallen und weinen mögen – oh, nur einmal weinen! Wie ich es je wieder gut machen soll, welches Herzeleid ich ihm in dieser Stunde angethan, ich weiß es nicht – ich verstehe auch Vieles von dem nicht, was andere Leute hier gesagt haben, aber das – das ist mein Kind – das hier!« stammelte sie und näherte sich Bruno, der ihr in unbeschreiblicher Aufregung gegenüber stand – »das ist mein Sohn, den ich nicht an mein Herz drücken durfte, seit ihn mir die Schwester an jenem entsetzlichen Abend aus den Armen riß – das hier – das ...« Sie vermochte nicht mehr, sie konnte sich nicht länger halten, und Alles vergessend, was sie hier umgab, Richter, Geschworene, Kläger, Zuschauer, umfaßte sie krampfhaft den Sohn, sank an ihm nieder, umklammerte seine Kniee und schluchzte laut. Da aber konnte sich auch Bruno nicht länger halten. Er erkannte in der Frau dieselbe, die ihn so oft und schüchtern auf der Straße gegrüßt, während er gleichgültig an ihr vorbeigeeilt; er vermuthete in ihr dieselbe, die ihm oft mit rührender Sorge kleine Geldsummen gesandt, welche sie sich am Munde abgedarbt, und die Frau fassend und emporhebend, drückte er sie mit den Worten! »Mutter – meine Mutter!« an sein Herz. Kaum ein Auge in der ganzen Versammlung blieb bei dieser Scene thränenleer – das gnädige Fräulein von Wendelsheim, ihr Sachwalter und der alte Schlosser Baumann ausgenommen. Stumm und starr stand er neben der Gruppe, mit keinem andern Bewußtsein, als dem der Schande und Scham, sich an diesem Ort zu finden. De Verhandlung war durch diesen Zwischenfall fast gestört worden, und der Sachwalter des Fräuleins protestirte dagegen; er fühlte und sah, welchen Todesstoß es all' seinen Aussichten auf Erfolg versetzte. Witte verzichtete übrigens von jetzt ab auf das Wort; er wußte recht gut, daß er die Wirkung dieses Moments selbst durch das Beste, was er sagen mochte, nur hätte abschwächen können, und der Advocat des Gegenparts versuchte nun die undankbare Arbeit, in einer längeren Rede nicht allein die vorgebrachten Zeugen zu verdächtigen, sondern auch die Aehnlichkeit zwischen den Geschwistern abzustreiten. Schon dadurch, daß er sie leugnete, bekannte er indirect, daß er sie ebenfalls bemerkt. Der Präsident des Gerichtshofes gab jetzt einen kurzen Ueberblick über die Verhandlung und richtete seine Mahnung besonders an die Geschworenen, auf ihren geleisteten Eid hin sorgfältig zu prüfen, welche Ansprüche sie für die allein geltenden hielten, wer nach ihrer wirklichen und festen Ueberzeugung der Erbe von Wendelsheim, und wer in Folge der Verhandlung, sobald ein Betrug festgestellt worden, als strafbar dabei betrachtet werden müsse. Er führte dabei die einzelnen Angeklagten auf und formulirte das ihnen zur Last gelegte Vergehen, auf das sie nun allein ihr Schuldig oder Nichtschuldig zu antworten hätten. Die Geschworenen zogen sich zurück, und wieder lief das flüstern durch den Saal, denn Alles wollte nun dem Nachbar seine eigene Meinung mittheilen oder dessen Ansicht hören, und mit ihrem Urtheil waren die Leute auch rasch genug fertig. Das gnädige Fräulein, welches noch dort so stolz und hochmüthig als je stand, mußte in's Zuchthaus, denn sie hatte die ganze Geschichte angezettelt und betrieben, und die Frau des Schlossers Baumann wurde freigesprochen, weil sie Alles ehrlich bekannt und den Betrug aufgedeckt habe. Der Fritz Baumann wurde dann ein vornehmer Herr und der Lieutenant ein Schlosser ... Die Geschworenen! tönte es plötzlich durch den Saal. Sie waren nur ausnahmsweise kurze Zeit weggeblieben, und es schien deshalb, daß fast gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen geherrscht habe (die einzige in der That über Fräulein von Wendelsheim). Der Vormann theilte das von ihnen gefällte Verdict mir; es lautete etwa: Daß zwischen ihnen kein Zweifel bestehe; es habe allerdings ein Betrug durch den heimlichen Umtausch der Kinder stattgefunden, und zwar so, daß der von dem Schlosser Baumann erzogene Sohn Friedrich der Erbe des Wendelsheim'schen Namens und zugleich aller damit verbundenen Vortheile und Nachtheile sei, während der bis dahin unter dem Namen Bruno von Wendelsheim gekannte Herr unfehlbar der wirkliche Sohn des Schlossers Baumann wäre. Die genannte Frau desselben, Katharina, sei ferner schuldig der Wissenschaft und Beihülfe des Betrugs in der nämlichen Angelegenheit; aber die Geschworenen empföhlen sie warm der milden Beurtheilung des hohen Gerichtshofes. Der Schuhmacher Heßberger schuldig, in jeder Hinsicht das Verbrechen gefördert zu haben. Die Frau Lisbeth Müller schuldig, jene, eines gewaltsamen Todes verstorbene Frau Heßberger wissentlich, wenn auch nur als untergeordnete Dienerin, unterstützt zu haben. Fräulein Aurelia von Wendelsheim nichtschuldig, da die Beweise über ihre wirkliche Betheiligung oder Mitwissenschaft an dem Betrug unzureichend seien. Wieder erhob sich das Flüstern, aber diesmal drohend und unwirsch, denn die allgemeine Stimme war gegen das gnädige Fräulein, und man hatte einen entschieden andern Ausspruch erwartet. Aber die Ruhe stellte sich augenblicklich von selber wieder her, als sich der Vorsitzende erhob, um nach dem von den Geschworenen gesprochenen Verdicte den eigentlichen Urteilsspruch zu verkünden. Derselbe trug den Gefühlen der Menge Rechnung. Frau Baumann wurde des Betrugs, ihr Kind gegen das einer andern Frau heimlich, ohne Wissen der Mutter und um dem eigenen Sohne eine große Erbschaft zu sichern, vertauscht zu haben, als überführt erklärt, aber unter mildernden Umständen, da sie erstens ihr Verbrechen reumüthig selbst gestanden, und dann auch, aus übergroßer Liebe für ihr erstes Kind, und zwar innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, so gehandelt habe, wo das Gesetz selber das Verbrechen des Kindesmordes gelinder beurtheilt und richtet, als wenn es später verübt wäre. Die über sie verhängte Strafe erkenne das Gericht, nach den betreffenden Paragraphen, in mildester Form zu sechsmonatlicher Gefängnißhaft. Der Schuhmacher Heßberger, als überführt erklärt, den Betrug seiner Frau, mit Aussicht auf Gewinn, wissentlich und böswillig gefördert und unterstütze zu haben, zu drei Jahren Arbeitshaus, ohne indessen einer andern gegen ihn eingeleiteten criminellen Untersuchung dadurch vorgreifen zu wollen. Frau Lisbeth Müller sei zwar auch für schuldig erklärt; das hohe Justiz-Ministerium habe ihr aber schon im Voraus, unter der Bedingung, daß sie Alles reumüthig und der Wahrheit gemäß bekenne, im Falle ihrer Verurtheilung die Strafe gnädig erlassen. Fräulein Aurelia von Wendelsheim könne eben so wohl den Gerichtshof straflos verlassen; die polizeiliche Aufsicht auf Schloß Wendelsheim werde aber so lange fortbestehen, bis der rechtmäßige Erbe, Herr Friedrich von Wendelsheim, die Besitzung – was ihm von jetzt an jeden Augenblick freistehe übernehme. – Fräulein von Wendelsheim schien nur auf den Moment gewartet zu haben. Mit Sammet und Seide rauschte sie aus der Umfriedigung hinaus, denn nicht mit Unrecht wünschte sie den Saal früher als die übrigen Zuschauer zu verlassen, weil ihr die Stimmung derselben gegen ihre Person wohl kein Geheimniß geblieben sein konnte. Aber so ganz unbemerkt und unbegrüßt sollte sie sich doch nicht entfernen, denn Aller Augen hafteten in diesem Augenblick auf ihr, und kaum nährte sie sich der Thür, an der ein paar Polizeidiener Wache hielten, als auch wie auf gemeinsame Verabredung ein allgemeines Zischen, Pfeifen und Stöhnen losbrach – ja, ein paar der rohesten Burschen, mit zufällig einem Apfel in der Tasche, um vielleicht den Hunger in einer zu langen Sitzung zu stillen, opferten ihr Frühstück, und ein Glück für sie, daß sie nicht mehr weit zu gehen hatte, denn kleine Dreierbrödchen, Endchen Wurst und jene Früchte fingen schon an, um sie hernieder zu hageln. Kreidebleich vor Wuth, gewann sie endlich die Thür und rauschte hinaus, um sich unten in den ihrer harrenden Wagen zu werfen und, fast außer sich vor Gift und Galle, nach Schloß Wendelsheim zurück zu fahren. Aber die Verhandlung war noch nicht ganz geschlossen, denn die Verurtheilte mußte erst erklären, ob sie sich der Strafe unterwerfen wolle, und es hatte einige Mühe, die Ruhe wieder herzustellen. Katharina Baumann aber, die jetzt wieder auf ihre Bank zurückgewankt war und dort still weinend saß, dankte dem Richter für sein mildes Urtheil; sie hätte ein weit strengeres erwartet – und vielleicht verdient. Da trat Fritz Baumann, der jetzige Friedrich von Wendelsheim, vor. Er hatte bis dahin, die Brust von widerstreitenden Gefühlen bewegt, still und fast regungslos an seinem Platze gestanden. Jetzt schilderte er mit glühenden Worten die Liebe und Sorgfalt, mit der jene Frau, die er bis dahin für seine Mutter gehalten, seine Jugend überwacht und für ihn gesorgt und ihn geliebt habe wie ihr eigenes Kind. – »Hier steht ihr wirklicher Sohn,« fuhr er dabei bewegt fort – »laßt ihn frei bekennen, ob er in seiner Heimath, in seiner Familie solche Liebe fand, ob Alles an ihn gewandt wurde, um ihn zu einem braven, tüchtigen Mann heranzureifen! Ich hatte eine Jugend so froh und glücklich, wie sie ein Mensch nur haben kann – ich lernte arbeiten, um mir frei und unabhängig von irgend wem meinen Lebensweg zu bahnen, und das dank' ich nur diesem wackern Mann da – dieser braven Frau – dem besten Vater, der besten Mutter, die es geben kann! Und wenn deshalb meine Bitten etwas über Sie vermögen. – oh, so erwirken Sie Gnade für die arme Frau!« Ein beifälliges Gemurmel lief durch den noch immer dicht gedrängten Raum, und selbst der Vorsitzende nickte ihm freundlich zu. Vor der Hand war aber natürlich in der Sache weiter nichts zu thun, denn die Gnadenbewilligung lag allein in einer höheren Hand. Fritz wollte sich jetzt noch einmal an seinen Vater wenden; als er sich aber nach ihm umdrehte, konnte er ihn nirgends mehr bemerken. Er hatte mit seinem Sohne, ohne Abschiedswort an ihn oder die Frau selber, den Saal verlassen und war still und düster nach Hause zurückgekehrt, Bruno ihm aber nicht gefolgt. Das Entsetzliche hatte ihn ja zu rasch erreicht, um sich sogleich und plötzlich hinein zu finden – er stand und zögerte und schien seine Umgebung fast vergessen zu haben. Fritz ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie; aber dann sich abwendend, flüsterte er: »Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht – ich kann nicht reden, nicht denken!« und eilte rasch aus dem Saal. 35. Der Erbe. Welche Sensation das Resultat dieses Geschworenengerichts in Alburg machte, läßt sich denken; es wurde fast von nichts weiter gesprochen, und Fräulein von Wendelsheim mußte über sich das Schwerste ergehen lassen, was Bierbänke oder Kaffeetische überhaupt zu leisten im Stande sind. Es wäre für sie nicht gerathen gewesen, sich in der nächsten Zeit wieder in Alburg zu zeigen, denn keine Polizei oder Gensdarmerie hätte sie vor Beleidigungen, ja vielleicht persönlichen Angriffen schützen können. Allerdings brach sich bei der gebildeten Klasse bald die Ueberzeugung Bahn, daß die Geschworenen ihr Verdict kaum anders abgeben konnten, als sie es gethan; denn allerdings war durch keine einzige Aussage, als die der damals zur Wuth getriebenen Heßberger, die Schuld der Dame entschieden festgestellt. Aber Niemand zweifelte trotzdem daran, während der Handwerkerstand auf das Bestimmteste behauptete, der »adelige Drache« sei nur deshalb ungerupft davongekommen, weil sie ein »von« vor ihrem Namen hätte und in einem großen Schlosse wohne. Wer sich am allerwenigsten um das Ganze kümmerte und doch eigentlich das größte Interesse daran hatte, war der Erbe selber. An demselben Nachmittage verbrachte er allerdings noch wohl zwei Stunden mit dem Staatsanwalt in eifriger Unterhaltung und bei verschlossenen Thüren, erhielt auch von diesem noch an demselben Abend ein Packet Papiere ausgehändigt, mit denen er dann, den Nachtzug benutzend, in die Residenz fuhr. Er hatte aber Niemanden weiter gesprochen, keinen Besuch gemacht oder empfangen, und überhaupt mit keinem Menschen sonst verkehrt. Indessen war der Tag der Erbschaftszahlung herangerückt, und es schien fast, als ob die Herren der Commission nicht übel Lust hätten, die Auszahlung zu verzögern und den Urtheilsspruch der Geschworenen anzufechten; der Sachwalter des gnädigen Fräuleins hatte sich wenigstens die größte Mühe gegeben, um dahin zu wirken. Aber sie mochten doch wohl am Ende einsehen, daß sie nicht durchdringen würden; die Beweise waren zu klar geliefert worden, und nur auf die Vollmacht hin, die Witte in Händen hielt, weigerten sie sich, die Summe auszuzahlen. Eine Clausel des Testaments lautete, daß es der Erbe selber in Empfang nehmen müsse, was sie als »persönlich« interpretirten. Das verzögerte die Auszahlung aber nur um einen Tag, denn am nächsten Morgen kehrte Fritz schon zurück, und zwar selig über den Erfolg seiner Reise. Auch in der Residenz war seine Sache eifrig besprochen worden, und es hatte dadurch – da sich selbst die königliche Familie dafür interessirte – wenig Schwierigkeit für ihn, eine Audienz beim König zu erlangen, um dort persönlich das Gnadengesuch für seine Pflegemutter zu befürworten. Der Königin selber, die zugegen war, standen dabei die Thränen in den Augen, und als er sich endlich verabschiedete, wurde ihm die freundliche Versicherung, er solle nur ruhig zurück auf seine Besitzung reisen, seine Bitte werde Erhörung finden. Der Telegraph beförderte auch schon vor seinem Wiedereintreffen in Alburg den Gnadenerlaß Sr. Majestät an das Criminalgericht daselbst. Seine Pflegemutter wurde an demselben Tage freigelassen, an welchem er die Stadt betrat. Jetzt hatte er freilich genug mit sich selber und seinen Geschäften zu thun, um an etwas Anderes denken zu können. Das Capital mußte erhoben werden, und zugleich erschien eine Ankündigung des Staatsanwalts Witte, daß Alle, welche eine Forderung an die Familie Wendelsheim hätten oder zu haben glaubten, sich bei ihm in seiner Wohnung melden und die Rechnungen einreichen sollten – und wahrlich, er bekam dadurch Arbeit. An dem Tage wurde ihm bald das Haus gestürmt, weil die meisten Gläubiger schon gefürchtet oder vielmehr gar nicht erwartet hatten, daß der neue Erbe die Schulden für den Eingeschobenen bezahlen werde. Fritz selber befaßte sich nicht damit; er bat Witte, der die Annahme und das Eintragen der Rechnungen einem seiner Schreiber übertrug, mit ihm nach Wendelsheim hinaus zu fahren, denn er fürchtete sich ordentlich davor, das alte Schloß, das von jetzt ab sein Eigenthum sein sollte, allein zu betreten. Witte war ein praktischer Mann, der ihm den besten und vernünftigsten Rath über die künftige Verwaltung geben konnte. Er hatte geglaubt, seinen Einzug ganz still und unbeachtet halten zu können, und sich vorgenommen, einfach in einem Miethwagen hinaus zu fahren und beim Verwalter abzusteigen, mit dem er das Meiste ja bereden mußte. Witte war indessen anderer Ansicht gewesen, und ohne ihm etwas davon zu sagen, schickte er Morgens in aller Frühe einen reitenden Boten nach Wendelsheim, der den Leuten im Schlosse das Eintreffen ihres neuen jungen Herrn melden mußte; denn er hielt es für nicht in der Ordnung, daß derselbe unbemerkt und unbeachtet wie ein Handlungsreisender das Schloß seiner Väter, aus dem er so lange unschuldig verbannt gewesen, betrete. Der Bote brachte einen wahren Aufruhr im alten Schloß hervor, denn der Zustand dort war auf die Länge der Zeit unerträglich geworden, und Alles jubelte ja dem neuen Gebieter, den sie bei seinen seltenen Besuchen und seiner freundlichen Theilnahme für den verstorbenen jungen Herrn immer lieb gehabt, aus vollem Herzen ein Willkommen entgegen. Das ganze Dorf wurde augenblicklich aufgeboten, um Blumen und Büsche zu pflücken und Kränze zu winden; die Leute legten alle ihren Sonntagsstaat an, und selbst der Schulmeister ließ die ganze Dorfschule noch einmal frisch überwaschen und den letzten Choral repetiren, den sie neulich mitsammen durchgegangen, denn etwas Neues in der Geschwindigkeit zu lernen, wäre unmöglich gewesen. Vorposten wurden dazu mit Stangen und Tüchern daran auf die nächste Höhe beordert, um die erste nahende Extrapost, deren Postillon einen weißen Federbusch – nach Anordnung Witte's als Gala – trug, gleich durch Schwenken der Tücher anzumelden. Der Verwalter machte außerdem den kühnen Vorschlag, ein paar alte Böller, die noch im Wagenschuppen standen, vorzuholen, zu laden und abzuschießen, wenn die Extrapost in das Thor einfahren würde. Es stellte sich nur die einzige Schwierigkeit heraus, daß kein Pulver da und die Zeit zu kurz war, um deshalb noch einmal in die Stadt zu schicken. Der alte Baron hatte allerdings, wie man recht gut wußte, Pulver oben in seinem Gewehrschrank; aber den konnte man natürlich nicht darum ersuchen, denn er ließ Niemanden vor und gab auch auf keine Frage oder Bitte Antwort. Der Böllergruß mußte deshalb unterbleiben. Und jetzt war Alles fertig; weißgekleidete Jungfrauen konnten allerdings nur zwei im Dorfe aufgetrieben werden. Es fehlte nämlich an reingewaschenen weißen Kleidern, zwei ausgenommen, die rasch geplättet werden konnten, und mit den Zweien mußte man sich denn auch begnügen, um sie zum Blumenstreuen zu verwenden. Es sieht immer besser aus, wenn das eine weißgekleidete Jungfrau verrichtet, und der Schulmeister besonders hielt es für unerläßlich. Die Leute standen in größter Spannung auf dem Hof. Die Extrapost hatte um elf Uhr eintreffen sollen, und jetzt war es schon halb zwölf und noch keine Spur davon zu sehen, selbst nicht von der Höhe aus. Halt! dort hob sich eine Fahnenstange, das verabredete Zeichen, daß ein Wagen in Sicht kam, wenn man ihn auch noch nicht genau unterscheiden konnte. Alles drängte gespannt dem Thore zu – jetzt ging die zweite in die Höhe – Hurrah, das sind sie! Und nun ging es an ein wahres Durcheinander, um jeden in der Geschwindigkeit auf seinen richtigen Platz zu bringen. Sogar ein paar Instrumente hatte man im Dorf aufgetrieben, Leute, die manchmal, um Musik zu machen, auf die Jahrmärkte zogen: eine Trompete, eine Posaune, eine Clarinette und eine Geige, und mit denen war schon unten vor dem Wirthshaus ein Tusch einexercirt worden. Unglücklicher Weise hatte der Trompeter beim Heraufkommen sein Mundstück verloren – die alte Schraube hielt nicht fest – und die ganze Zeit in Todesangst danach gesucht. Er fand es nicht wieder, es mußte irgendwo in das Gras gefallen sein, und Posaune und Clarinette mit der Violine sollten jetzt den Tusch allein spielen. Jetzt kam der Wagen in Sicht, voraus, was sie laufen konnten, die beiden Jungen mit den Fahnenstangen, und wie der Wagen jetzt auf ein Zeichen des Verwalters im Schritt in das Thor einfuhr, scheuten die Pferde, denn die Posaune platzte, da ihr die Trompete fehlte, zu früh los und die Clarinette setzte falsch ein, während die Violine mit ihrem Tusch und ihrer feinen, piependen Stimme ordentlich durchging und schon fix und fertig damit war, ehe die Posaune nur wieder ihr altes Messing eingeholt hatte. Aber mit donnerndem Jubel brach jetzt das Hurrahgeschrei der Dorf- und Schloßbewohner aus, ein Hurrah, das aus voller Kehle und volleren Herzen laut und jubelnd herausgestoßen wurde; und die Mädchen warfen ihre Blumen den Pferden vor die Hufe, die Frauen schwenkten ihre Tücher, die Männer ihre Mützen und Hüte, und die Luft bebte ordentlich von den Jubelrufen. Fritz saß im Wagen, die Thränen liefen ihm an den Wangen nieder – er konnte kaum danken und winken vor innerer Bewegung; aber Witte besorgte das für ihn. Er schwenkte seinen Hut nach allen Seiten, sein ganzes Gesicht strahlte vor Freude, denn nicht mit Unrecht betrachtete er dies Alles als sein eigentliches Werk; und als der Choral jetzt begann und die Schuljungen vor Angst und Rührung nicht singen konnten und der Schulmeister, aus Furcht, daß sie sich blamiren würden, allein hinausbrüllte, und dann der Trompeter plötzlich jubelnd mit dem endlich gefundenen Mundstück zurückkam und nun den Tusch, freilich etwas verspätet, mitten in den Choral hineinschmetterte, wollte er sich rein ausschütten vor Lachen. Der Verwalter hatte sich vorgenommen gehabt, dem jungen Herrn, wenn er aus dem Wagen stieg, eine Rede zu halten; aber es war ihm gegangen, wie dem Trompeter mit seinem Instrument, er hatte das Hauptende davon: den Anfang, verloren und blieb stecken, ehe er nur begann. So war denn wohl alles Einstudirte vergessen, aber was ihm im Herzen und auf der Zunge lag, doch nicht, und wie der junge Mann aus dem Wagen sprang, streckte er ihm die breite Hand entgegen und sagte: »Gott sei Dank, daß Sie da sind, daß Sie's sind, Gott segne Sie und Ihren Eingang!« Und das war die beste Rede, die er hätte halten können. Fritz war froh, als er sich dem Lärm und Jubel da draußen in dem stillen Stübchen des Verwalters entziehen konnte. Er wollte noch nicht in's Schloß hinaufgehen, er mochte seiner Tante nicht begegnen, bis Alles geordnet und besprochen war. Der Beamte, der bis jetzt die Controle im Schlosse gehabt, kam hierher und übergab ihm die Schlüssel, und bald hatte er sich mit dem alten Verwalter über die nächst zu nehmenden Schritte in der Bewirthschaftung des Gutes vereinigt oder vielmehr Alles gutgeheißen, was der Alte, mit der Führung überhaupt betraut, bis dahin unternommen. Ueberall nöthige Verbesserungen konnten natürlich erst in ruhigerer Zeit vorgenommen werden; der Verwalter bekam aber unbeschränkte Vollmacht, Alles anzuordnen und vorzubereiten, was er für dringend nöthig halte, damit nicht so viel Zeit versäumt würde, denn in den letzten Jahren war ja fast das Ganze in Verfall gerathen. Gern hätte Fritz seinen Vater gesehen; aber der Verwalter rieth ihm dringend ab, auch nur den Versuch zu machen, da sich der Zustand des alten Barons in den letzten Tagen sehr verschlimmert haben sollte. Kathinka und der Arzt waren die Einzigen, die zu ihm durften; das Mädchen, dem das Reinmachen der Zimmer oblag, mußte sich Morgens nur hineinstehlen und mehrmals selbst flüchten, wenn er es nur gewahrte. Fremde Menschen duldete er gar nicht um sich. Der Arzt hatte eines Tages, da er selbst verhindert war zu kommen, seinen Famulus zu ihm gesandt; auf den aber stürzte er augenblicklich los, so daß er sich gar nicht schnell genug aus dem Zimmer retten konnte. Seit der Zeit war es ernstlich besprochen worden, ob man ihn nicht einer Anstalt übergeben müsse, um bei einmal plötzlich ausbrechenden Wuthanfall Unglück zu vermeiden. Und wo war Kathinka, daß er sie noch nicht gesehen, denn im Hofe konnte sie nicht gewesen sein? Der Verwalter wußte es nicht; sie hatte vorhin, als die Extrapost einfuhr, oben an einem der Fenster gestanden, wahrscheinlich befand sie sich noch oben. Indessen kam die Meldung, daß für den jungen neuen Herrn das Frühstück oben aufgetragen sei; aber Fritz hatte vorher noch eine andere Pflicht zu erfüllen: er mußte das Grab seines armen Benno, seines Bruders, besuchen, und bat deshalb den Staatsanwalt, alles noch Nöthige unter der Zeit mit dem Verwalter zu besprechen. Er wollte dort draußen ungestört und allein sein. Er kannte ja auch den Weg dahin gut genug! Oft und oft war er in früheren Zeiten, manchmal mit seinem kranken Bruder, manchmal allein, durch den Park gewandert, mit keiner Ahnung damals freilich, daß er auf seinem eigenen Besitzthum stehe. Eigentümliche Gefühle durchzogen ihm deshalb auch heute die Brust, als er das Laub der alten Bäume wieder über sich rauschen hörte und die grotesk verschnittenen Taxushecken sah, die den Gemüsegarten auf der einen Seite einfriedigten. Wie wunderbar war das Alles gekommen, wie unbegreiflich, ungeahnt, und so rasch dabei, daß er noch immer wie in einem Traum dahinschritt und in dem Traum doch wieder das jubelnde Willkommen hörte, das ihm seine künftigen Untergebenen zugerufen, doch wieder die glücklichen, freundlichen Gesichter sah, die ihm von allen Seiten entgegen lachten. Die Augen auf den Boden geheftet, nur mit den Bildern beschäftigt, durchwanderte er den langen, etwas gewundenen Gang, der zu dem Erbbegräbniß derer von Wendelsheim führte, bis er den offenen Platz erreichte, der die stille, freundliche Ruhestätte umgab. Die kleine Kapelle, in der das Todtenamt gehalten wurde, stand rechts, und dicht daran geschmiegt lagen die Gräber, nicht in dumpfer Gruft, sondern in der Mutter Erde, unter grünem Rasen und schattigen Trauer-Eschen und Weiden – und dort drüben? Sein Fuß zögerte – an dem letzten, noch mit Blumen reich geschmückten Grabe kniete eine weibliche Gestalt und betete; es war Kathinka, er erkannte sie im Augenblick. Sie konnte ihn nicht gehört haben, denn sie veränderte ihre Stellung nicht im Geringsten, und er blieb stehen, um sie nicht zu stören. Aber sein Auge haftete fest auf ihr, und unwillkürlich faltete er die Hände und schämte sich dabei der Thränen nicht, die ihm die Wangen netzten; aber es waren nicht allein Thränen der Trauer um den so früh geschiedenen Bruder – es waren auch Thränen des Glücks. Jetzt erhob sie sich; sie hatte ihre Andacht wohl beendet und wollte nach dem Schlosse zurückkehren, als sie den Fremden auf dem freien Platze bemerkte und erschreckt zusammenzuckte. Aber sie mußte ihn erkannt haben, denn scheu wich sie ihm aus, grüßte ehrfurchtsvoll und wollte den anderen Weg einschlagen, der an dem Gitter des Parks hinlief. »Kathinka,« sagte Fritz herzlich, »bin ich Ihnen so fremd geworden, daß Sie mir nicht einmal mehr, wie sonst, die Hand zum Gruß bieten?« »Ich weiß nicht, Herr Baron,« sagte das junge Mädchen ängstlich und wurde dabei purpurroth; »ich wußte nicht, daß Sie so bald hierher kommen würden, und war nur hier, um – Abschied zu nehmen.« »Abschied, Kathinka?« »Ja; das gnädige Fräulein hatte mir schon vor einiger Zeit befohlen, das Schloß zu verlassen; aber ich durfte nicht fort. Der fremde Herr, der in den letzten Tagen den Befehl hier führte, litt es nicht; Niemand durfte den Platz verlassen, wie er sagte, bis der rechtmäßige Besitzer eingetroffen sei, der dann selber zu bestimmen haben würde.« »Und Sie haben noch einmal an meines armen Benno Grab gebetet?« »Er war der einzige Freund, den ich auf der Welt hatte,« sagte das junge Mädchen weich; »ich durfte den Platz nicht verlassen, ohne wenigstens von ihm Abschied zu nehmen.« »Und gehen Sie gern, Kathinka?« Das junge Mädchen schwieg; ein eigenes, wehes Gefühl preßte ihr das Herz zusammen, und sie brauchte Minuten, um sich zu sammeln. Endlich sagte sie leise: »So lange der – so lange Ihr Bruder lebte, würde ich mich schwer vom Schlosse Wendelsheim getrennt haben; jetzt bedarf man meiner nicht mehr, und – das gnädige Fräulein sieht auch meine Gegenwart nicht gern.« »Aber wohin wollen Sie sich wenden?« »Ich – weiß es noch nicht; ich – habe Aussicht, als Lehrerin in ein Institut zu treten.« »Unter fremde Menschen?« »Unter fremde Menschen?« wiederholte Kathinka wehmüthig. »Ich war die Fremdeste im Schlosse von Allen. Aber Sie entschuldigen mich wohl, Herr Baron; ich möchte meine Sachen packen, und glaube doch nicht, daß meiner Abreise noch etwas im Wege steht.« »Herr Baron?« wiederholte Fritz unwillkürlich leise; »wie sonderbar, wie unnatürlich das klingt!« »Aber es ist doch Ihr Titel!« »Und glauben Sie, Kathinka, daß mich der Titel freuen würde, wenn ich dadurch alte Freunde verlieren sollte?« »Sie werden keine alten Freunde dadurch verlieren, Herr Baron, aber viele neue wohl dadurch gewinnen.« »Aber Sie habe ich doch dadurch verloren, Kathinka,« sagte Fritz herzlich; »Sie waren sonst so einfach unbefangen, so gut mit mir, und sind jetzt auf einmal so entsetzlich kalt und höflich geworden.« »Waren Sie nicht Benno's treuester Freund?« »Also nur Benno's wegen?« »Herr Baron!« sagte das arme Mädchen, und wieder schoß ihr das Blut in Strömen in Wangen und Schläfe. »Ich hatte mich so darauf gefreut, Sie wieder hier zu finden,« fuhr Fritz herzlich fort, »mit Ihnen mich der Zeiten zu erinnern, wo Benno noch lebte; jetzt, da ich komme, wollen Sie das Schloß verlassen.« »Ich muß, Herr Baron.« »Aber selbst wenn mein gnädiges Fräulein Tante gar nicht mehr den Oberbefehl hier hätte – ein Zustand, der sehr wahrscheinlich ist –, würden Sie dann immer noch fort wollen?« »Ja, Herr Baron – ich würde doch gehen.« »Dann haben Sie einen andern Grund.« Kathinka schwieg; sie war jetzt eben so bleich geworden, als sie vorher roth gewesen. »Und darf ich ihn nicht wissen?« Noch immer stand das junge Mädchen und sah still und lautlos zur Erde nieder. Da trat Fritz ihr näher, nahm ihre Hand und sagte leise: »Kathinka, ich kenne Ihr ganzes Leben, ich weiß, was Sie hier in dem alten Schloß ausgehalten, weiß, mit wie himmlischer Geduld Sie Alles ertragen haben nur des Bruders wegen, und lebte Benno noch, nie, nie hätte er gestattet, daß Sie Schloß Wendelsheim verlassen dürften. Ich bin sein Erbe, nicht allein der Erbe seines Gutes, nein, auch seiner Liebe – gehen Sie nicht fort. Sie haben Schloß Wendelsheim als eine Hölle gesehen, machen Sie es selber zu einem Himmel.« »Herr Baron!« rief Kathinka, bestürzt zu ihm aufsehend. »Erschrecken Sie nicht darüber, Kathinka,« rief Fritz, sie mit seinem linken Arm umfassend – »werden Sie mein Weib – ich war Ihnen gut vom ersten Augenblick an, wo ich Sie gesehen, und suchte doch das Glück an anderer Stätte, wo ich es wahrscheinlich nie gefunden hätte. Jetzt bin ich zurückgekehrt ...« »Um Gottes willen,« rief Kathinka beinahe außer sich, »Ihren Scherz können Sie ja doch an Benno's Grabe nicht mit einer armen Waise treiben – und Ernst? Es ist ja nicht möglich, nicht denkbar!« »Werden Sie mein Weib, Kathinka,« bat Fritz noch einmal und sah ihr so treu, so liebend in die Augen, daß ihr schwindelte. »Einen heiligeren Platz für Ihr Jawort, als des Bruders Grab, finden wir nicht auf der weiten Welt, und daß sein Geist mit Jubel unsern Bund segnet – glauben Sie es nicht?« »Aber es ist – es ist ja doch nicht möglich!« »Bist Du mir gut, Kathinka?« drängte Fritz, indem er sie fester an sich preßte; »oh, sage nur das eine Wörtchen: Ja!« »Gut?« rief das junge Mädchen, und während sie ihr Haupt an seiner Brust barg, machte ein Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft. Fritz aber, ohne sie los zu lassen, in Glück und Seligkeit, führte sie zu dem Grabe des Bruders, und dort, sich fest umschlingend, beteten Beide still und heiß. »Und nun komm,« sagte Fritz endlich, sie mit sich vom Boden hebend; »mir bleibt noch viel daheim im Schloß zu thun, denn von heute ab hab' ich es übernommen. Du wirst so lange, bis unser Bund gesegnet werden kann, zu der alten Verwalterin hinüberziehen, und daß Dich die Tante nicht mehr kränkt, dafür laß mich sorgen. Aber eine Frage beantworte mir noch, Kathinka, ehe wir den Park verlassen: weshalb wolltest Du doch das Schloß meiden, auch wenn die Tante da nicht mehr zu befehlen hätte?« Kathinka war wieder blutroth geworden; sie richtete sich von der Brust des Geliebten, der sie noch immer umschlungen hielt, auf und sah ihm in die Augen. »Und darf ich es wissen?« Und wieder barg sie ihr Haupt an seiner Schulter und flüsterte: »Weil ich elend geworden wäre, wenn ich Dich in den Armen einer andern Gattin gesehen hätte!« »Mein Lieb, mein süßes, herziges Lieb! Und so warst Du mir schon lange gut?« »Oh, von ganzem Herzen!« rief die Jungfrau und umschlang zum ersten Mal den Geliebten mit beiden Armen. Es waren selige Augenblicke des Glückes, in denen die beiden Liebenden langsam durch den schattigen Park zurück dem alten Schlosse zuwanderten, und erst als sie in Sicht des unmittelbar daran stoßenden offenen Platzes kamen, wand sich Kathinka von ihm los, warf noch einmal die Arme um seinen Nacken, begegnete seinem heißen Kuß, und floh dann scheu seitab durch die Büsche, um den Hof von einer andern Seite zu erreichen. Als Fritz ihn betrat, kam ihm Witte entgegen und sagte ihm, das gnädige Fräulein habe schon zum dritten Mal nach ihm geschickt und erwarte ihn beim Frühstück. »Welches gnädige Fräulein?« sagte Fritz zerstreut. »Welches?« lachte der Staatsanwalt; »nun, Ihre Fräulein Tante. Wenn die aber die Honneurs macht, will ich lieber nicht mit hinüber gehen, um ihr den Appetit nicht zu verderben.« »Ich fürchte, lieber Staatsanwalt,« nickte Fritz, »ich werde ihn ihr selber verderben müssen; aber kommen Sie, denn ich habe nachher noch etwas sehr Wichtiges vor, bei dem ich gern wünschte, daß Sie Zeuge wären.« Beide Männer schritten jetzt dem Portal des Schlosses zu, wo sie oben den alten Verwalter trafen, der, mit ein paar Flaschen Wein beladen, aus dem Keller stieg. »Haben Sie keinen Champagner unten, Wunting?« »Ja gewiß, Herr Baron.« »Schön, der darf heute nicht fehlen; aber bringen Sie ihn selber in's Zimmer und frühstücken Sie mit uns. A propos, wo steckt denn Fräulein Kathinka?« »Wie ich in den Keller ging, stieg sie die Treppe hinauf; ich glaube, sie wird in ihrem Zimmer sein.« »Dann schicken Sie Jemanden hinauf, ich ließe sie bitten, in das Frühstückszimmer zu kommen. Es sind doch Gedecke genug aufgelegt?« »Ja, mein bester Herr Baron,« sagte der Verwalter etwas verlegen, »das ließe sich wohl gleich besorgen, aber – die Sache hat einen Haken. Sie – kennen die Hausordnung auf Schloß Wendelsheim noch nicht. Das gnädige Fräulein ißt weder mit mir noch mit der Kathinka an einem Tisch, und als das der alte Herr Baron einmal einführen wollte, hat es einen Hauptspectakel gegeben. Ich möchte doch nicht die Ursache sein, daß es gleich am ersten Tage zu Zank und Unfrieden käme – der wird so nicht ausbleiben,« setzte er leise hinzu. »Haben Sie keine Furcht, Wunting,« nickte ihm Fritz zu, »mein gnädiges Fräulein Tante soll, was das Frühstück betrifft, nicht in ihren Gefühlen verletzt und auch kein Zank und Unfrieden hervorgerufen werden. Erfüllen Sie nur meine Bitte und besorgen mir Alles nach der angegebenen Art; das Andere überlassen Sie mir.« Damit stieg er langsam, Witte unter den Arm fassend, die Treppe hinauf, betrat aber das ihm bezeichnete Frühstückszimmer noch nicht, sondern zuerst den großen Saal, von dessen Balkon aus er den ganzen Hof und einen großen Theil des Parkes übersehen konnte. Und das Alles war jetzt sein – sein Eigenthum, sein Erbe von Eltern her, die er nie gekannt, oder, wenn gekannt, nur scheu und fremd betrachtet, an deren Herzen er nie gelegen, nie ein freundliches Wort nur von ihnen vernommen hatte. Es war ihm recht weich und weh zu Sinn – und doch auch wieder so wohl, so glücklich, daß er hätte weinen mögen, aber zugleich aufjubeln vor Lust und Seligkeit. Witte betrachtete sich indeß die Bilder an den Wänden und das ganze alte, außerordentlich reiche, aber verwitterte und verblichene Ameublement, das genau so aussah, als ob es einer Ritterfamilie gehört und ein paar Jahrhunderte unbenutzt hinter verschlossenen Thüren und verhangenen Fenstern gestanden habe, bis der Verwalter sie hier aufsuchte und meldete, es sei Alles bereit, Fräulein Kathinka fürchte sich aber, in das Zimmer zu gehen, bis der Herr Baron mitkäme. Ein leichtes Lächeln flog über das Antlitz des jungen Mannes und er sagte freundlich: »So kommen Sie, Staatsanwalt, kommen Sie, lieber Wunting, denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich hungrig geworden bin, und der Champagner darf ebenfalls nicht warm werden.« Und damit eilte er leichten Schrittes hinaus über den Gang, auf dem Kathinka harrend am Fenster stand. Aber er redete sie nicht an, nur einen lächelnden Wink gab er ihr, und betrat jetzt, von den Uebrigen gefolgt, das Frühstückszimmer, in dem ihn seine Tante, in eine schwerseidene, violettblaue Robe gekleidet, stehend erwartete. Wie sie ihn sah, ging sie auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Erlaube mir, Fritz, Dich auf Schloß Wendelsheim willkommen zu heißen! Ein wunderliches Geschick hat Dich so lange davon fern gehalten, und jetzt – nun, nimmst Du meine Hand nicht?« rief sie, ihn erstaunt ansehend. »Ist das Dein erster Gruß auf unserem alten Stammsitz?« »Mein gnädiges Fräulein,« sagte Fritz kalt und fest, »was Sie thun konnten , um sich diesen »ersten Gruß« zu ersparen, haben Sie redlich gethan. Gott hat es anders gewollt, und ich bin in die Mauern, aus denen ich heimlich und in einen Mantel gewickelt in stürmischer Nacht nicht verbannt, nein, verstoßen wurde, bei hellem Sonnenschein zurückgekehrt; aber nicht mehr als Kind, sondern als Mann und Herr – von jetzt ab keine Gemeinschaft mehr zwischen Ihnen und mir!« »Fritz,« rief das gnädige Fräulein erschreckt, denn bis zu diesem Augenblick hatte sie noch gehofft, ihre Autorität im Schlosse nicht ganz zu verlieren, »und glaubst auch Du jenen faulen Zungen, die mich verdächtigten?« »Die Stimme des Volkes gegen Sie ist Ihnen bekannt,« sagte Fritz ruhig, »Sie haben sie wenigstens bei Ihrem Austritt aus dem Saal der Geschworenen erfahren. Ich theile dessen Glauben, daß Sie gerade die Hauptschuldige des Verbrechens waren. Aber wie dem auch sei, ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Dieses Schloß, das Sie die langen Jahre zu einem Fegefeuer Ihrer Untergebenen machten ...« »Herr Baron,« rief das gnädige Fräulein, emporfahrend. »Soll Ihnen nicht verschlossen werden. Bleiben Sie, wenn Sie es wünschen, hier wohnen, und ich werde Ihnen in dem neuen Flügel Ihre Zimmer herrichten lassen. Im Schlosse selber wirthschafte ich aber von diesem Augenblick an mit meiner Hausfrau als unumschränkter Herr, und meine Hausfrau,« fuhr er fort, sich nach dem schüchtern zur Seite stehenden Mädchen umdrehend und ihre Hand ergreifend, »wird Kathinka werden.« »Kathinka?« rief Fräulein von Wendelsheim entsetzt, während der alte Verwalter mit einem dankbaren Blick nach oben seine Hände faltete und Staatsanwalt Witte leise vor sich hin mit dem Kopf nickte. »Ich weiß, daß Sie ein nicht unbedeutendes Vermögen haben,« setzte Fritz hinzu, »hinlänglich wenigstens, um bequem davon leben zu können; sollten Sie deshalb vorziehen, Schloß Wendelsheim zu verlassen, so steht Ihnen nichts im Wege, ja, ich erlaube mir sogar, Ihnen noch einen jährlichen Zuschuß von tausend Thalern anzubieten. Bleiben Sie aber hier, so verbiete ich Ihnen hiermit auf das Strengste, unsern Theil des Schlosses je zu betreten, oder ...« »Genug, genug, Herr Baron von Wendelsheim,« unterbrach ihn die Dame, in zornigem Grimm emporfahrend, »übergenug, um mir zu beweisen, daß Sie Ihrer Erziehung Ehre machen! Schloß Wendelsheim hat bis jetzt seinen alten Namen in Schmuck und Stolz bewahrt; ich will nicht Zeuge sein, wie er in den Staub getreten wird.« Und sich rasch abwendend, eilte sie nach der Thür, durch die sie in Hast verschwand. »Ich hätte nie geglaubt,« sagte Witte trocken, »daß ich noch in meinen alten Jahren ein solches Vergnügen empfinden würde, einen Drachen fliegen zu sehen; Fräulein von Wendelsheim's beste Seite ist aber entschieden ihr Rücktheil. – Und das ist Ihre Braut, Baron?« »Meine liebe, süße Braut!« rief Fritz, das tief erröthende Mädchen an sich ziehend. »Es ist rascher gekommen, als ich eigentlich glaubte; aber sie wollte uns hier entfliehen, und da wußte ich kein besseres Mittel, um sie zu halten, als sie zu bitten, mein braves Weib zu werden.« »Und tausend Gottes Segen über Sie Beide,« rief der alte Verwalter jubelnd, »denn jetzt geht eine neue Sonne über Wendelsheim auf!« 36. Bruno. Staatsanwalt Witte hatte auf den nächsten Morgen Bruno Baumann bitten lassen, zu ihm zu kommen und einiges Geschäftliche mit ihm zu regeln. Es war nöthig, daß er die verschiedenen eingelaufenen Rechnungen wenigstens durchsah, um soviel als möglich eine Uebervortheilung von Seiten der Gläubiger zu vermeiden. Bruno kam zur bestimmten Zeit und sah in Witte's Hinterstübchen die eingelaufenen Papiere durch, die sich allerdings auf eine ziemlich bedeutende Summe beliefen, aber dennoch die Ziffer noch lange nicht erreichten, die der Staatsanwalt erwartet oder vielmehr gefürchtet hatte. Bruno war natürlich in einer sehr gedrückten Stimmung, aber doch ernst und gefaßt, und Witte wirklich von der Resignation gerührt, mit der er Alles über sich ergehen ließ. »Mein lieber junger Freund,« sagte er endlich, als sich jener mit einem kaum unterdrückten Seufzer von seinem Stuhl erhob und die Papiere zurückschob, »lassen Sie den Kopf nicht sinken. Es hat Sie allerdings in der Täuschung aller Ihrer Erwartungen ein harter Schlag getroffen, aber er ist doch nicht so schlimm, als Sie vielleicht jetzt glauben mögen. Daß Friedrich von Wendelsheim alle die Schulden bezahlt, welche sein Vater oder Sie auf den Namen gemacht haben, ist eine Sache, die sich von selbst versteht; denn wäre er an Ihrer Stelle gewesen, so hätte er ebenfalls Schulden machen müssen und – mit einer andern Erziehung – möglicher Weise noch ganz anders gewirthschaftet. Er fühlt aber auch, daß Sie, und noch dazu ganz unverschuldeter Weise, in einem Alter in das Leben hinausgeworfen werden, wo man nicht mehr anfangen kann zu lernen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und hat mich deshalb gestern beauftragt, Ihnen ein Capital von dreißigtausend Thalern auszahlen zu lassen, das Sie also jeder Sorge für Ihre künftige Existenz überhebt und Sie vollkommen frei und unabhängig in die Welt stellt. Sie können jeden Augenblick darüber verfügen.« Bruno war feuerroth bei dem Anerbieten geworden, und er bedurfte einiger Zeit, ehe er etwas erwidern konnte. Endlich sagte er leise: »Herr Staatsanwalt, der Erbe von Wendelsheim ist ein Ehrenmann, und sagen Sie ihm für sein großmüthiges Anerbieten meinen herzlichsten Dank – wie ich auch Ihnen für die freundliche und zarte Weise danke, mit der Sie es mir mitgetheilt – aber ich kann es nicht annehmen.« »Den Henker auch,« rief Witte ordentlich erschreckt, »dreißigtausend Thaler wirft man doch bei Gott nicht mit einer Handbewegung aus dem Fenster!« »Hören Sie mich ruhig an,« sagte Bruno. »Dafür schon, daß er die Schulden bezahlt, die ich, ohne es zu wissen, auf einen fremden Namen gemacht, bin ich ihm dankbar, und nehme das mit Freuden an, weil ich weiß, daß ich an seiner Stelle ebenso gehandelt hätte. Ich muß es auch – nicht meinetwegen, sondern der armen Leute wegen, die ihr Vertrauen auf den alten Namen nicht so theuer bezahlen dürfen. Dadurch zahlt er es theilweise für sich selber ab – weiter darf es nicht gehen. Ich kann kein Almosen von einem Fremden nehmen.« »Das sind die unglückseligen überspannten Vorurtheile von Ehre, die Ihnen noch aus Ihrem frühern Stande ankleben!« rief der Staatsanwalt. »Wollte Gott,« sagte Bruno, »jener Stand hätten keine schlimmeren Vorurtheile, wie Sie es nennen, als das innige Gefühl für seine Ehre – es wäre dann Manches besser.« »Aber Sie sagen, Sie hätten, was die Rechnungen betrifft, das Nämliche an seiner Stelle gethan – hätten Sie nicht ebenso in Betreff einer Summe gehandelt, die dem unschuldig Ausgestoßenen wenigstens den Schmerz der Abhängigkeit erspart?« »Ich glaube, ja,« sagte Bruno nach einigem Zögern. »Ich glaube, ich würde ihm ein ähnliches Anerbieten gemacht haben; aber ich bin eben so fest überzeugt, daß er es aus den nämlichen Gründen zurückgewiesen hätte, als die sind, welche mich jetzt dazu bestimmen.« »Aber lieber, bester Herr ...« »Lassen Sie uns enden. Ich trage das drückende Gefühl, ihm zu Dank verpflichtet zu sein, schon jetzt mit mir fort, wenn er es auch selber gesucht hat auf freundliche Art zu mildern, indem er Sie zum Vermittler machte. Ich werde morgen die Stadt verlassen, um nie mehr hierher zurückzukehren, und nur noch zwei schwere Wege stehen mir bevor.« »Haben Sie Ihre Eltern noch nicht besucht?« »Nein, ich bin jetzt im Begriff dorthin zu gehen – erlauben Sie vielleicht, daß ich mich vorher bei Ihrer Familie verabschiede, die mir immer so viel Freundlichkeit bewiesen?« »Hm – ja – gewiß!« rief Witte rasch, und dann die Thür öffnend, rief er hinaus: »Gehe einmal einer von Ihnen hinüber zu meiner Frau und sage ihr, der Herr Lieutenant Bau –, der Herr Lieutenant von Wendelsheim wünsche ihr seine Aufwartung – seinen Abschiedsbesuch zu machen!« »Es paßt Alles nicht mehr, lieber Staatsanwalt,« lächelte Bruno wehmüthig, als er die Thür wieder schloß, »weder der Lieutenant, noch der Name. Ich bin der schlichte Bruno Baumann geworden, und wenn mir der Name auch noch eben so unbequem ist, wie mir die ungewohnten Civilkleider sitzen, so werde ich mich doch mit der Zeit hineinfinden müssen.« »Ich kann mir's denken,« nickte der Staatsanwalt, horchte aber doch dabei unruhig nach der Thür – er hatte so eine Ahnung. Jetzt hörte er Jemanden kommen, und der junge Schreiber steckte gleich darauf den Kopf in's Zimmer und sagte: »Frau Staatsanwalt läßt unendlich bedauern: sie hat Kopfschmerzen, und Fräulein Ottilie sind noch nicht angekleidet.« Der Staatsanwalt nickte still vor sich hin – genau so, wie er erwartet. Bruno sah ihn an und seufzte: »Die Damen haben Recht,« sagte er; »ich hätte mir die Abweisung ersparen können. Aber Sie dürfen es mir nicht so übel nehmen, lieber Herr – man findet sich ja nicht so rasch in die neuen Verhältnisse.« Witte war aufgestanden und lief einmal durch's Zimmer; jetzt blieb er vor Bruno stehen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte herzlich: »Wir bleiben Freunde – was auch kommen möge, und wenn Sie je im Leben Rath oder Hülfe brauchen, Baumann, so kommen Sie zu mir, und – Sie sollen Ihren Mann an mir finden ...« »Staatsanwalt Witte zu Hause?« hörten sie draußen eine Stimme – es war Fritz, der im nächsten Augenblick in der Thür stand. Als er Bruno bemerkte, strecke er ihm herzlich die Hand entgegen: »Ich habe mich lange danach gesehnt, Sie zu treffen, Bruno.« »Auch ich freue mich,« sagte Bruno zurückhaltend, »um Ihnen meinen Dank für das – Geschehene auszusprechen, Herr Baron ...« »Herr Baron,« rief Fritz unwillig – »und das von Ihnen? Eben so gut wie es mir unmöglich ist, Sie mit dem Namen zu nennen, den ich so lange getragen habe, so wenig dürfen Sie sich dabei Gewalt anthun! Wir sind Leidensgefährten, alte, langjährige Leidensgefährten, die sich zum ersten Mal im Leben in jener stürmischen Nacht im Park von Wendelsheim begegneten und, selber willenlos, in fremde Bahnen geworfen wurden. Wie feindlich auch damals die Welt gegen uns auftrat – wir selber müssen Freunde bleiben, und dazu biete ich Ihnen die Hand. Aber dann auch kein Baron mehr, sondern Fritz und Bruno und ein herzliches Du, wie es solchen Unglücksbrüdern ziemt.« Bruno preßte die ihm dargereichte Hand herzlich, und der Staatsanwalt rief: »Aber er will das Geld nicht nehmen ...« »Kein Wort mehr darüber,« bat aber Bruno – »alles Andere nehme ich an, vor Allem am liebsten Deinen Brudergruß, Fritz, und damit Du siehst, daß ich auf Deine Liebe zähle, trete ich gleich vor Dich mit einer Bitte ... »Oh wie gern, wenn ich sie erfüllen kann!« »Begleite mich zu den Eltern – ich war noch nicht dort und fürchte den ersten Schritt in meines Vaters Haus.« »Armer Bruno,« sagte Fritz mit tiefem Gefühl – »so komm; wir wollen gehen, und unterwegs erzählst Du mir Deine Pläne für Dein künftiges Leben – ich Dir die meinigen.« Die Straße hinab gingen die beiden jungen Leute Arm in Arm, und wer ihnen unterwegs begegnete und sie erkannte, blieb stehen und sah ihnen nach; und Bruno erzählte dem neugewonnenen Freund, daß er beabsichtige, morgen nach Hamburg und von da nach Amerika zu gehen, um dort ein neues Leben zu beginnen, Fritz dagegen sagte ihm von der Veränderung auf Schloß Wendelsheim, dem trostlosen Zustand des Vaters, der Bestrafung der Tante und seiner glücklichen Liebe, bis sie die alte Werkstätte Baumann's erreichten und unwillkürlich an der Schwelle stehen blieben. »Wie manche glückliche Stunde habe ich hier verlebt,« sagte Fritz weich, »und darin, Bruno, bist Du weit glücklicher als ich, denn Du findest brave, wackere Eltern, deren Liebe ich Dir die langen Jahre gestohlen – oh, wenn Du mir nur verstatten wolltest, das im kleinsten Theile wieder gut zu machen!« »Laß es sein, Fritz,« sagte Bruno trübe; »es war uns Beiden nicht verstattet, am Herzen der eigenen Mutter zu ruhen – aber es ist vorbei. Dir war es zum Heil – mir, dem es zum Glück gereichen sollte, wurde es zum Verderben. Also vorwärts – es hilft nichts mehr, zurück zu schauen.« In der Schlosserwerkstatt gingen die Hämmer fleißig, wie in alter Zeit; aber es wurde nicht dabei gepfiffen und gesungen wie in alter Zeit. Ein trüber Geist lag auf dem alten Hause. Nicht das Unglück – das würde diese Herzen einander nicht entfremdet haben –, nein, die Sünde war hindurch geschritten und hatte ihre dunkeln Spuren hinterlassen. Ein böser Geist war eingezogen – das Mißtrauen, und das Unglück hatte sich an einer Stätte unter Thränen und Seufzern behaglich eingerichtet, wo sonst nur das Glück, wenn auch mit harter Arbeit, seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Der alte Baumann stand am Amboß wie gewöhnlich und formte mit kundiger und geschickter Hand seine Arbeit; neben ihm arbeitete Karl mit den Lehrlingen, und als Fritz zuerst in der Thür erschien, warf Karl seinen Hammer hin, sprang auf ihn zu und reichte ihm treuherzig die rußige Hand. Auch dem Vater zuckte es einmal im Arme, als ob er ein Gleiches thun wolle. Da bemerkte er den eigenen Sohn, der hinter dem Pflegesohn die Schwelle betrat, und er schlug in dem Augenblick auf die dünne, rothglühende Stange, die er in der Zange hielt, mit solcher Gewalt ein, daß er sie zu Fasern breit auseinander schmetterte. Fritz ging auf ihn zu: »Vater, hast Du keinen Gruß für Deine Söhne?« »Meine Söhne, Herr Baron?« sagte der alte Mann. »Ich hatte einen, aber, ...« Er kam nicht weiter. Fritz hing an seinem Halse und küßte ihn. »Hab' ich das verdient,« rief er dabei, »daß Du mich Baron nennst?« »Nein, zum Teufel, nein!« rief der alte Mann, den Hammer zu Boden schleudernd und den Pflegesohn umarmend. »Sei mir nicht böse, Fritz, es – fuhr mir nur so heraus, und ich – meinte den – Andern,« setzte er scheu hinzu. »Und hat er es verdient, Vater?« sagte Fritz vorwurfsvoll »Haben sie ihm da draußen in dem öden Schloß nicht seine ganze Jugend gestohlen? Und wo er Alles verloren, willst Du ihm selbst das vorenthalten, was ihm allein noch gehört – das Herz des Vaters und der Mutter?« »Und der Mutter,« sagte der Alte düster – »die ihn verkauft hat – wohl bekomm' die Liebe ...« »Vater, reich' ihm Deine Hand; er ist gut und brav geblieben trotz alledem, und wir Beide sind Brüder geworden. Wolltest Du Dich von ihm lossagen? – Hast Du selbst ein Recht dazu?« »Vater,« sagte Bruno leise und streckte ihm die Hand entgegen. »Du hast Recht, Fritz,« sagte der alte Mann, sich zornig mit dem obern, aufgekrämpten Theile des Aermels die Stirn wischend; »Scham, Schande und Zorn haben mich ungerecht gegen Dich – gegen ihn gemacht. Komm, Unglückssohn,« fuhr er fort, ihm die Arme entgegenstreckend – »komm, sei mir nicht böse und vergiß den Empfang – Du bist ja unschuldig, und Gott mag es denen verzeihen, die so sündhaft, so schmählich sündhaft an Dir gehandelt haben!« »Mein Vater!« rief Bruno, und beide Männer hielten sich in heißer Umarmung fest umschlossen. »Und das ist Karl?« sagte Bruno, als er sich endlich wieder aus seinen Armen wand und dem derben Burschen die Hand entgegenstreckte. »Ja, Bruno,« sagte dieser treuherzig, »und will auch einen Kuß haben – schwarz bist Du nun doch einmal aus der einen Seite, 's ist auch hübsch von Dir, daß Dich der Titel nicht stolz gemacht hat, und wir wollen schon gute Brüderschaft halten.« »Und wo ist die Mutter?« Die Brauen des Schlossermeisters zogen sich wieder finster zusammen, und nur mit dem Daumen über die Schulter deutend, sagte er: »Dort hinten – in der Küche.« »Und darf ich zu ihr?« »Ich führe Dich hin, Bruno!« rief Fritz, seine Hand ergreifend und ihn mit sich fortziehend. Und dort draußen saß sie verlassen und allein, verbannt aus den Räumen, in denen sie sonst mit sorgender Hand gewirthschaftet, und nun, als ihr Sohn, um den sie das Alles verschuldet und geduldet, zu ihr trat und sie mit dem süßen, kaum gekannten Namen Mutter! rief, da flog sie empor, da schlang sie die Arme um seinen Nacken und preßte ihn an sich, als ob sie ihn nie im Leben wieder lassen wolle. Fritz hatte sich zurückgezogen, um dieses erste Begegnen nicht zu stören, und schritt zurück zum Vater. – »Vater, zürnst Du der Mutter noch?« »Nein,« sagte der Mann finster; »weshalb auch – ich habe nichts mehr mit ihr zu thun.« »Nichts mit ihr zu thun?« »Nein – nicht mehr – in nächster Woche werden wir geschieden.« »Vater!« rief Fritz erschreckt, »um Gottes willen nein – das darf ja nicht sein! Hat denn die arme Mutter nicht schon so viel ertragen?« »Viel ertragen?« sagte der Mann finster. »Sie hat erst angefangen, und mir indeß mein ganzes Leben vergiftet – Du weißt, wie glücklich wir zusammen gelebt haben,« fuhr er bewegt fort, »wie nie ein böses Wort unter uns gefallen. Ich habe die Frau auf Händen getragen, immer und immer, und nie glauben wollen, daß es eine bessere Ehe auf Erden geben könne, als die unsere. Das ist jetzt Alles vorbei; denn nicht allein, daß sie mich einmal betrogen hat – das hätte ich ihr vielleicht verziehen –, aber sie hat den Betrug beinahe ein Menschenalter durch fortgeführt. Jedes freundliche Lächeln, das ich von ihr in der langen Zeit gesehen, war gelogen – jeder Kuß, jeder Händedruck ein Betrug, und wie das mein Herz mit Gift und Galle erfüllt hat, da es endlich einmal zu einem Ausbruch kam und kommen mußte, kann ich Dir nicht sagen. Ich habe mir selber über das Gefühl Vorwürfe gemacht,« fuhr er rasch fort, als er sah, daß Fritz etwas entgegnen wollte; »ich weiß, daß es nicht christlich ist; ich habe mir selber gesagt, sie ist Dir die langen Jahre eine treue Gattin, Deinen Kindern eine gute Mutter gewesen, und der eine Fehltritt war schlimm, aber der liebe Gott wird ihr schließlich verzeihen, so thu Du es auch – es ging nicht. Ich weiß, daß ich mich selber damit unglücklich mache, mein ganzes Leben lang, aber ich kann's nicht ändern. Ich habe es nicht verdient, aber ich muß es tragen und – werd's auch mit der Zeit tragen lernen.« »Und der Mutter willst Du die Kinder, den Kindern die Mutter nehmen?« »Sie hat das Nämliche gethan,« sagte der alte Mann finster; »sie mag jetzt büßen, was sie damals verbrach. Rede mir nichts weiter davon, Fritz – Du kennst mich zur Genüge und weißt, daß Widerspruch mich nur eher in meinen Vorsätzen befestigt, aber nie im Leben davon abbringen kann. Da sieh,« fuhr er fort, indem er die Thür des kleinen Wohnzimmers neben der Werkstätte aufstieß – »da haus' ich jetzt, das ist meine Heimath, wenn ich des Abends von der Arbeit so müde bin, daß ich die Knochen nicht mehr rühren kann – da steht jetzt mein Bett, und dort schlaf' ich allein – wie ein alter Junggeselle, der ich wieder geworden bin.« »Und die Mutter?« »Hat das Schlafzimmer neben der Küche, wo sie mit der Else ist, bis – die Scheidung einmal geregelt ist. Es dauert immer so lange, ehe man's fertig bringt, und der Staatsanwalt Witte wollte erst gar nicht dran. Jetzt hat er mir versprochen, es zu beeilen. Er weiß auch am besten mit allen Wegen und Formen, die man bei solchen Sachen zu beobachten hat, Bescheid und hat mir zugestehen müssen, daß dieser Fall hinreichenden Grund zur Scheidung gäbe.« »Und was werden die Leute in Alburg sagen?« »Gerade damit die nichts sagen können , laß ich mich scheiden,« trotzte der Alte. »Glaubst Du denn, daß auch nur ein Dienstmädchen durch die Stadt liefe, das nicht stehen bliebe und uns nachsähe, wenn ich wieder mit Deiner – Pflegemutter ausginge? Nein, wahrhaftig nicht – wir wären das Gespött und der Klatsch der ganzen Stadt, und so lange ich das noch vermeiden kann, werde ich mich ihm gewiß nicht muthwillig aussetzen. – Aber, was ich Dich fragen wollte, Fritz: was gedenkt der – Herr Lieutenant jetzt zu thun?« »Vater!« »Gut – der Bruno also, wenn Dir das besser klingt. Was hat er gelernt, womit er sich hier sein Brod verdienen würde? Denn daß er bei mir als Lehrling in die Werkstatt eintreten möchte – was das Natürlichste wäre – kann ich mir doch nicht denken.« »Er will nach Amerika, Vater.« »Nach Amerika!« sagte der Alte still vor sich hin, mit dem Kopf nickend. »Der Gedanke ist nicht so unrecht, und ich – ich wollte, ich wäre auch drüben, denn hier in Deutschland werde ich doch nicht mehr froh. Hol's der Teufel,« setzte er hinzu, indem er seinen Hammer wieder aufgriff und eine neue Eisenstange in's Feuer schob, »ich wollte, ich wäre todt und läg' draußen unter dem kühlen Rasen, um nur einmal eine Weile ausschlafen zu können von all' dem Grübeln und Denken, das einem die Stirn bald auseinander reißt! Aber da kommt der Bruno wieder – nimm ihn mit fort, Fritz – mir ist jetzt so wunderlich zu Muthe – ich muß meinen Ingrimm erst eine Weile an dem Eisen auslassen, nachher wird's besser – nimm ihn mit fort.« Fritz kannte den Vater zu gut, um nicht zu wissen, daß er Recht hatte. In solcher Zeit war es am besten, ihn allein zu lassen; sein ruhiger Verstand und sein gutes Herz arbeiteten sich dann vielleicht wieder an die Oberfläche; wurde er aber von außen gestört, so loderte der heimlich genährte Aerger auch oft lichterloh empor, und man verdarb jedenfalls weit mehr, als man nützte. Sobald Bruno deshalb die Werkstatt wieder betrat, nahm er ihn unter den Arm und führte ihn der Thür zu. »Wir kommen wieder, Vater,« rief er dem Alten zu, »Bruno hat noch Einiges zu besorgen, und ich auch – auf Wiedersehen – Adieu, Karl!« Ein Wink für Bruno, und dieser folgte ihm vor die Thür, wo ihm Fritz die Ursache ihres raschen Abschieds mit wenigen Worten erklärte. »Und wo willst Du jetzt hin?« »Den schwersten Gang von allen thun,« sagte Bruno leise. »Aber frage mich nicht, wenigstens nicht jetzt – morgen sollst Du Alles wissen, morgen seh' ich Dich auch noch, um Abschied von Dir zu nehmen. Du kommst doch in die Stadt? Ich möchte Wendelsheim nicht wieder betreten ...« »Gewiß – und Du willst wirklich fort?« »Ich muß. Glaubst Du, daß ich es hier ertragen könnte zu leben, wo ich jede Stunde einem früheren Kameraden begegnen und dann die kalten oder gar höhnischen Blicke ansehen müßte? Nein – nur über dem Meer drüben giebt es noch eine Heilung für mich. Und jetzt lebe wohl, denn den Weg, den ich heute zu gehen habe, muß ich allein gehen.« Er hatte sich von dem Arm des jungen Mannes losgemacht und schritt langsam und schweren Herzens die Straße nieder. Aber es mußte sein und er sich jetzt, wie er von Stand und Reichthum losgerissen worden, auch noch von dem Letzten losreißen, was ihm geblieben – von seiner Liebe. Seine Bahn war schnurstracks dem Hause Salomon's zu, das er jetzt seit Wochen, seit er das Furchtbare erfahren, nicht mehr betreten. Er mußte noch einmal dorthin, um Abschied zu nehmen und Rebekka ihr Wort zurück zu geben. Ja, einmal hatte er mit Stolz geglaubt, die Geliebte zu sich emporheben, sie mit Rang und Glanz umgeben zu können und keck dabei den Vorurtheilen seines Standes zu trotzen – das war vorbei. Er, der arme, pfenniglose Wanderer, der Sohn eines armen Handwerkers, konnte nicht mehr um die Tochter des reichen Juden freien, ja, Salomen selber würde sich geweigert haben, sie ihm zu geben und dem Kind mit ihm in die Fremde hinausziehen zu lassen. Also vorwärts! Mit seinem Entschluß war er im Reinen, und jetzt galt es nur, dem Schweren noch das Schwerste beizufügen; dann war Alles überstanden. Wie in einem Traum schritt er heute durch die Judengasse, wie in einem wüsten, bösen Traum; er hob die Augen nicht vom Boden, und nur das Summen, Schreien und Toben, das Lachen und Kreischen der Kinder hörte er, als er hindurchschritt, wie aus weiter Ferne. Jetzt hatte er Salomon's Laden erreicht und sah zu seinem Erstaunen den Alten emsig beschäftigt, einen Theil seiner Sachen zu ordnen, einen andern einzupacken, und viele Kisten standen schon theils zugenagelt, theils noch offen in dem Raum umher. Der alte Mann war auch nicht allein; seit jenem Mordanfall hatte er den dunkeln Laden nie wieder allein betreten und immer zwei Leute bei sich, damit, wenn er Einen fortschicken mußte, wenigstens Einer bei ihm blieb. Diese halfen ihm jetzt beim Packen. Kaum aber hörte er einen fremden Schritt und erkannte, sich danach umdrehend, Bruno, als er, erschreckt emporfahrend, ausrief: »Gott der Gerechte, der Herr Baron! Ist er doch endlich gekommen, und wie ist mir geworden die Zeit so lang in der langen Weile!« »Lieber Solomon ...« »Warten Sie einen Augenblick, Herr Baron – Ihr Beiden,« wandte er sich dann an die Arbeiter, »hört für heute auf; werden wir doch nicht fertig in einem Tag oder in einer Woche. Macht mir den Laden zu vorn und zieht mir den Schlüssel hübsch ab – und das Hofthor auch; wir werden gleich hinaufgehen, Herr Baron, kann Ihnen dann auch Ihre Quittung geben über Alles. Vor einer Stunde war der Mann hier, hat mir das ganze Geld gebracht, Capital und Zinsen, bei Heller und Pfennig. Ein nobler Herr, ein sehr nobler Herr, der Herr Staatsanwalt Witte – hätte aber wahrhaftig eine solche Eile nicht gehabt. Ich konnte warten, und würde auch mit Geduld gewartet haben – noch so lang.« »Ihr wißt Alles, was vorgegangen ist, Solomon?« »Soll ich nicht wissen, was die ganze Stadt weiß,« sagte der alte Mann; »die Kinder sprechen davon auf der Straße und die Mädchen am Brunnen. Es war ein trauriger Fall für die Frau Mutter. Soll ich leben – ich begreif's nicht – sind jetzt auf einmal in die Verwandtschaft gekommen – Ihr Herr Onkel hat mir den Hieb über den Kopf gegeben ...« »Lassen wir das, Solomon,« sagte Bruno mit einem schweren Seufzer, denn es war ihm furchtbar, das Entsetzliche gerade in diesem Augenblick noch einmal durchzuleben. »Ich freue mich, daß das Geld von dem jetzigen Erben so gewissenhaft ausgezahlt ist – ich selber wäre es nicht im Stande gewesen.« »Ein Kunststück,« sagte der alte Mann, »wenn man eine halbe Million so mit einem Schlag verliert – vor dem Mund weg.« »Das also drückt mich wenigstens nicht mehr,« fuhr Bruno fort, »und nur noch Eins bleibt mir zu thun übrig, Salomon – Euch erstlich für alles Liebe und Gute zu danken, was Ihr mir gethan, und dann – Abschied zu nehmen von Euch und Eurer Familie – von Rebekka.« »Abschied – wie haißt?« sagte der alte Mann, der aber in vortrefflicher Stimmung zu sein schien. »Sie wollen doch nicht fort von Alburg, Herr Baron?« »Und weshalb nennt Ihr mich noch immer Baron?« »Gott der Gerechte, wenn ich Ihnen jetzt auf einmal sagte, ich heiße nicht Salomon, ich heiße Isaak – würden Sie nicht immer zu mir sagen: Wie geht's, Salomon? und nicht: Wie geht's, Isaak? – Es liegt einmal auf der Zunge, und wenn man spricht, fährt's heraus.« »Aber ich bin kein Baron mehr und – bin es nie gewesen.« »Wenn das das größte Unglück wäre, was Sie betroffen hat, man könnt's ertragen. Aber wo wollen Sie hin, daß Sie kommen, um Abschied zu nehmen?« »Nach Amerika, Salomon,« sagte Bruno entschlossen. »Ich bin jetzt arm, habe nichts mehr, und muß mir nun selber eine Existenz zu gründen suchen. Früher wäre ich stolz darauf gewesen, Rebekka die Meine nennen zu können – jetzt bin ich hergekommen, um ihr das mir gegebene Wort zurück zu bringen; ich darf ihr Schicksal nicht an das eines Heimathlosen binden. So laßt mich noch einmal zu ihr hinaufgehen – es ist das letzte Mal –, noch einmal ihr in das gute Auge schauen und ihre Hand drücken, dann bin ich frei und werde Euch nicht mehr lästig fallen.« »Was das für a Red' ist,« sagte der alte Mann, »lästig fallen! Der Herr Baron – wollt' ich sagen: Herr Baumann – wissen recht gut, daß Sie uns nicht lästig gefallen sind. Aber wir wollen hinaufgehen; der Laden ist zu – muß nur einmal nachsehen, ob das nichtsnutzige Volk seine Schuldigkeit gethan. So, Alles in Ordnung; jetzt werd' ich hier zuschließen, und nun kommen Sie, Herr Baron – wollt' ich sagen: Herr Baumann –, daß wir noch einmal zur Rebekka gehen, ehe Sie reisen nach Amerika – und das viele salzige Wasser dazwischen – das wird eine Reise werden!« Bruno erinnerte sich gar nicht, den alten Mann je so gesprächig gesehen zu haben, wie heute; aber das eigene Herz war ihm zu schwer, um viel darauf zu achten. Wie schwer wurden ihm die Füße, als er jetzt die Treppe hinaufstieg, die er sonst so oft mit wenigen Sätzen überflogen – fast so schwer als damals, da er Rebekka bitten wollte, sein Ehrenwort einzulösen, und doch die Bitte dann nicht über die Lippen brachte. Heute mußte er reden, hier half kein Zögern mehr, denn die Würfel waren gefallen, und Salomon schien ja auch seine Reise nach Amerika ganz in der Ordnung zu finden. Was blieb einem armen, aus seiner Carrière gerissenen Menschen überhaupt anders übrig, als das Vaterland zu meiden und in einer neuen Welt ein neues Leben zu beginnen! Jetzt waren sie oben. Salomon öffnete mit seinem kleinen Schlüssel die äußere Saalthür, schloß sie dann wieder und hing die Kette vor. Dann aber lachte er und rief: »Rebekkche, Rebekkche! Wir haben ihn gefangen – hier ist er!« Drinnen in der Stube ertönte ein Freudenschrei, die Thür flog auf und Rebekka weinend, jauchzend in Bruno's Arme. »So,« rief der alte Mann, »das wird ein ordentlicher Abschied, fangen gleich damit an! Soll ich leben und gesund sein, wenn ich's mir nicht gedacht habe!« Und jubelnd zog das junge, blühende Mädchen den Geliebten in die Stube hinein, und an seinem Halse weinte und lachte sie, daß er so lange, so ewig lange fortgeblieben, und dankte ihm, daß er jetzt wiedergekehrt wäre und die Sorge von ihrer Seele genommen hätte. Bruno wollte sprechen, aber er kam gar nicht zu Worte. Mit ihren Küssen erstickte sie das Schwere, das er zu sagen hatte, und doch nur schwerer wurde es ja gerade durch dieses Zögern, durch diese Liebkosungen, die ihm das Glück, das er im Begriff war, von sich zu stoßen, nur wieder mit all' seinem unwiderstehlichen Zauber um die Seele flochten. Der Vater und die Mutter standen dabei. Da streckte Bruno endlich die Hand nach ihm aus und bat den alten Mann: »Sprecht Ihr mit ihr, Solomon – ich kann es ja nicht, Ihr wißt Alles – oh, bitte, sagt ihr, was mich hergeführt!« »Gut,« nickte Salomon vergnügt, »werd' ich sprechen, und nun, Rebekkche, wirst Du zuhören, was Dir der Herr Baron – wollt' ich sagen: der Herr Baumann – mitzutheilen hat. Als er aber ist gekommen, um Abschied zu nehmen, weil er nach Amerika will, muß er gerathen sein in ein falsches Haus, denn da wir auch nach Amerika gehen und die Reise also zusammen machen, braucht man nicht zu nehmen Abschied – es ist kein Verstand darin ...« »Aber, Salomon ...« »Außerdem will er zurückgeben dem Rebekkche ihr Wort, was sie ihm hat gegeben als Baron – wie heißt? Hat sie ihn dabei genannt Baron oder Bruno, bei seinem Vornamen? Nun, den Bruno hat er doch behalten, muß er nicht auch behalten das Wort?« »Aber, Salomon ...« »Und als er ist nicht mehr Erbe von eine halbe Million – mit Abzug der Kosten –, ist er auch nicht mehr Baron, und die Sache wird sich heben. Dem Baron hatte ich mein Jawort gegeben –, ja, aber mit wie schwerem Herzen – der Himmel weiß es, denn ich sah nichts als Unglück darin für mein Kind – Demüthigung und Thränen und Zank in der Familie, wo soll sein einig und Ein Herz und Eine Seele! Jetzt hat er abgeschüttelt den Baron, und nun ist er der einfache Bruno Baumann, der Sohn von'm braven Mann, dem Schlosser Baumann, und als das Rebekkche an ihm hängt mit ihrem ganzen Herzen und sich zu Tode härmen würde, wenn sie ihn sollt' verlieren, und als er bewiesen hat, daß er ist ein braver Mann wie sein Vater, der alte Schlosser Baumann, und kein Baron – soll ich leben, mir geht der Odem aus – so wollen wir machen kurzen Proceß und sagen: der Gott unserer Väter segne den Bund Eurer Herzen – seid glücklich und macht uns alte Leute auch glücklich in Eurem Glück!« »Aber, Salomon,« rief Bruno, betäubt von der auf ihn einstürmenden Seligkeit, »ich bin arm, blutarm, und nicht im Stande, eine Frau zu ernähren!« »Wie haißt?« sagte Salomon. »Sie sind jung und geschickt und ein Meister auf dem Instrument – Amerika ist ein freies Land – glauben Sie, daß sich in einem freien Land ein junger, geschickter Mensch nicht durchbringen kann mit seiner Frau? Und sollt es wo fehlen, hat der alte Salomon nicht Geld genug und nur ein einziges Kind, was er will glücklich machen, wenn's in seinen Kräften steht?« »Und Ihr wollt Alle fort?« »Alle,« sagte der alte Mann jetzt plötzlich ernst; »es ist kein Boden hier für uns, und seit dem letzten Raubanfall hab' ich das Vertrauen zu der Stadt verloren, in der ich heimisch war. Ich kann den Laden nicht mehr betreten ohne Furcht und Grauen, ich sehe immer den kleinen Mann hereinkommen, und seine häßlichen, stechenden Augen. Wir gehen mit dem nächsten Schiff. Viel von meinen Sachen hab' ich schon hier verkauft – Manches billig, Manches theuer – viel nehm' ich mit. Als es ist ein neues Land, brauchen sie Antiquitäten; der alte Salomon kommt nicht zu kurz. Sie aber, Herr Baron – wollt' ich sagen: Herr Baumann –, Sie meinen jetzt, Sie wollen dem Rebekkche ihr Wort zurückgeben, und ich soll mein Kind mit nach Amerika nehmen und soll sehen, wie es sich abhärmt und grämt und weint, blos weil Sie nicht mehr sind Baron – hat sie das um Sie verdient?« »Rebekka,« rief Bruno in jauchzender Seligkeit, »ist es wahr, Mädchen? Du stößt den armen, schlichten Sohn eines Handwerkers nicht zurück? Du willst Dein Geschick an das seine ketten?« »Dein bin ich, Bruno!« rief das schöne Mädchen, in Glück und Liebe erglühend und ihn fest umschlingend. »Dein für immer, Dein in Freud' und Leid – bis in den Tod!« »Rebekka – meine Rebekka!« »Gott der Gerechte, was ein Abschied!« sagte Salomon. 37. Eine Scheidung. Drei Tage waren nach den oben beschriebenen Vorgängen verflossen, als der Schlossermeister Baumann Morgens zu dem Staatsanwalt Witte kam und ihn dringend bat, die Scheidung mit seiner Frau zu betreiben, da er willens sei, Alburg zu verlassen, und nicht mit dem Gefühl fortgehen möge, noch eine Frau da zu haben. Er hätte mit seiner Frau, wie er sagte, gesprochen, und sie füge sich in Alles; nur an Einem Punkt hänge es, an dem jüngsten Kind, das noch nicht ganz sieben Jahre alt sei und das die Mutter nicht hergeben wolle. Mit dem siebenten Jahre, das wisse er wohl, gehöre es ihm; aber er könne und wolle nicht so lange warten, und bäte deshalb den Staatsanwalt, das zu vermitteln. »Sie sind ein alter Starrkopf, Baumann,« sagte Witte ernst. »Hat die arme Frau nicht schon genug ertragen und ausgestanden, und wollen Sie ihr auch noch den letzten Schmerz hinzufügen?« »Ich kann das Kind nicht zurücklassen, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister, »es ist meine ganze Seele; und die Mutter – es wird nicht so schlimm sein, als sie jetzt es denkt. Hat sie sich von dem ersten Kind, an dem jede Mutter mit ihrem ganzen, vollen Herzen hängt und lieber den letzten Blutstropfen hergäbe, ehe sie es missen möchte, trennen können, so wird es ihr bei dem letzten auch nicht schwer werden. Sie soll auch keine Noth leiden; ich lasse ihr das Haus und Alles, was ich an Vermögen habe, nur die Reisekosten abgerechnet. Ich will mit meinen Jungen nach Amerika; der Bruno geht auch mit und heirathet des alten Salomon Tochter. Mir ist's auch recht, denn ich kenne den alten Salomon als eine treue, ehrliche Seele, die mehr christliches Gefühl für ihre Mitmenschen hat, als mancher Christ. Von dem, was ihr bleibt, kann sie also recht gut leben, wenn sie das Kind nicht mit zu versorgen hat, und deshalb wär' es nur vernünftig, daß sie sich fügte.« »Also sie weigert sich, das Kind herauszugeben?« »Sie weigert sich gerade nicht,« sagte der Mann finster, »aber sie weint und jammert den ganzen Tag, daß ich ihr doch nur das Eine lassen möchte, wenn ich ihr alles Andere wegnehme, und zwingen möcht' ich sie gerade nicht, kann aber auch das Kind nicht missen.« »Und was soll ich dabei thun?« »Ihr zureden, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister. »Ich kann nicht reden – entweder werde ich zornig oder weichmäulig, und das paßt Beides nicht. Sie verstehen das aber besser, es ist ja auch Ihr Amt und Geschäft. Sie können ihr die Sache auseinander setzen und ihr klar machen, daß die Kinder zum Vater gehören; mir glaubt sie's nicht, und bringt dann so hochstylige Redensarten hinein, daß ich gar nicht weiß, was ich ihr darauf erwidern soll – und das paßt mir nicht.« »Gut,« sagte Witte, »dann bringen Sie Ihre Frau mit her. Sie wollen doch nur, was recht ist, nicht wahr?« »Gott soll mich behüten, daß ich je was Anderes wollte!« »Schön, dann hoffe ich Alles in Ordnung zu bringen. Ihre Frau ist ja auch vernünftig und sonst gut und brav.« »Das ist sie,« nickte der Schlosser, »und war es mir die langen Jahre hindurch bis auf den Einen Tag, die Eine Stunde, die unser Aller Glück zerstört und zum Fenster hinausgeworfen hat.« »Und doch wollen Sie sich von ihr scheiden lassen?« »Ich habe es einmal gesagt, und jetzt muß es sein – es geht nicht anders!« »Gut. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und meine Pflicht wohl, Ihnen abzurathen, aber zwingen kann ich Sie nicht; also bringen Sie mir die Frau. Aber noch Eins, auch das kleine Mädchen muß dabei sein, damit gleich Alles abgemacht wird.« »Das Kind – die Else?« »Gewiß.« »Lieber wär's mir, sie hörte gerade nicht, was wir mitsammen verhandeln.« »Schämen Sie sich vor dem Kind?« »Schämen? Zum Teufel, nein; ich brauche mich vor keinem Menschen zu schämen, am wenigsten vor meinem eigenen Kind!« »Nun gut, dann bleibt es dabei. Wann wollen Sie kommen?« »Je eher die Geschichte abgemacht ist, desto besser,« sagte der Mann, »denn ich halt's so nicht mehr lange aus, und selbst der Karl fängt mir an zu flennen – da muß ein Ende dran. Ich hol' sie auf dem Fleck, wenn's Ihnen recht ist.« »Mir ist's recht, Baumann, ich werde zu Hause sein. Also sonst haben Sie sich über Alles mit ihr geeinigt?« »Ueber Alles; es war auch nicht schwer. Sie hat kein Wort dazu gesagt und war mit Allem einverstanden. Es liegt auch nicht in ihrer Natur, zu widersprechen.« »Schön, dann holen Sie Ihre Frau und das Kind; ich hoffe, daß wir rasch damit in Ordnung kommen.« »Gott gebe es!« flüsterte der Mann und schritt starr und eisern aus der Thür hinaus und seiner eigenen Wohnung zu. Witte ging indessen in seine eigene Wohnung hinüber, um dort ein wenig zu frühstücken. Als er das Zimmer seiner Frau betrat, stand diese am Fenster und sah aus die Straße hinaus. »War nicht eben der alte Baumann bei Dir?« »Ja, mein Schatz.« »Was wollte er denn?« »Sich scheiden lassen von seiner Frau,« lautete die kurze Antwort. »Von seiner Frau – wegen der Geschichte?« »Allerdings.« »Da hat er Recht,« sagte die Frau Staatsanwalt mit Emphase, »das verdient sie nicht besser!« »So?« sagte Witte und blickte Ottilie, die mit einer Arbeit beschäftigt am Fenster saß, scharf an. Das Mädchen sah abgehärmt und niedergeschlagen aus; aber desto mehr blühte dafür die Mutter und hatte sich mit Bändern, Schleifen und Locken ordentlich herausgeputzt. »So?« wiederholte Witte noch einmal. »Und was hat die Frau denn eigentlich gethan, wenn ich fragen darf?« »Was sie gethan hat?« rief im höchsten Erstaunen und sich rasch nach ihm umwendend die Frau Staatsanwalt. »Nun, das nehme mir aber kein Mensch übel – und das fragst Du mich? Weiß nicht die ganze Stadt, daß sie ihr eigenes Kind hergegeben hat, um es vornehm und adelig zu machen, und hätte sie für eine solche Unnatürlichkeit nicht eigentlich das Zuchthaus verdient?« »Und was hast Du gethan, Therese?« sagte Witte, indem er ihr recht ernst und fast wehmüthig in's Auge sah. »Hast Du Dein Kind nicht auch hergeben wollen, um es recht vornehm und adelig zu machen?« »Aber, Witte!« »Hast Du ihr nicht schon seit Jahren mit Deinen albernen Reden, wie vornehm sie sei und was weiß ich Alles, und was für eine gute Partie sie einmal machen müßte, das Ohr und Herz vergiftet, daß ich, wenn ich beschwichtigen und dämpfen wollte, nur immer hinter dem Rücken ausgelacht und verspottet wurde? Dein Vergehen war allerdings nicht criminalrechtlicher Art; Du thatest nur, was tausend andere unvernünftige Mütter ebenfalls thun – Du pflanztest einen Span von dem Sparren, den Du selber im Kopfe trägst, in Deiner Tochter Herz, und jetzt hast Du die erste Strafe dafür – und sie auch; aber ich fürchte fast, die Lection wird noch nicht scharf genug gewesen sein.« »Du phantasirst wohl heute Morgen?« sagte seine Frau, den Kopf verächtlich zurückwerfend. »Die Phantasie ist dann ziemlich realistisch. Fritz Baumann, ein braver, tüchtiger und anständiger Mann, der Ottilie liebte, wurde mit Hohn und Verachtung abgewiesen, weil sich die Frau Mutter einbildete, der Erbe von Wendelsheim bewerbe sich um sie. Die Sache hat sich jetzt gewandt; aus dem Fritz Baumann ist der Erbe von Wendelsheim geworden und ...« »Wenn sie den haben wollte,« sagte die Frau Staatsanwalt, »könnte sie ihn noch alle Tage kriegen.« »Und hat sich neulich,« fuhr Witte ruhig fort, »mit jener armen Waise auf dem Schlosse, Kathinka von Stromsee, verlobt.« »Verlobt?« »Allerdings, während der frühere Lieutenant von Wendelsheim, jetzt Bruno Baumann, die wunderschöne Tochter des alten Salomon heirathet und mit ihm und den Seinigen nach Amerika geht.« »Nun, und was interessirt das uns ?« fragte die Mutter. »Sieh Deine Tochter an und frage sie, ob es sie interessirt,« sagte Witte finster. »Mit bescheidenen Ansprüchen ist es vielleicht möglich, daß sie noch ein treues Herz, wie es ihr Fritz Baumann brachte, findet, um ihr Schicksal zu theilen, aber mit Deinem jetzigen Wahnsinn nicht; und wer die Schuld daran trägt, wenn sie einmal allein und freudlos durch's Leben gehen muß, das warst Du mit genau demselben Hochmuth, der jene arme Frau zum Kindertausch trieb.« »Du bist unausstehlich heute, Witte!« Der Staatsanwalt seufzte recht aus tiefster Brust und sagte kein Wort weiter. Eher hätte sich seine Frau, das wußte er gut genug, die Zunge abgebissen, ehe sie eingestand, daß sie Unrecht gehabt; aber möglich ja doch, daß die Warnung Wurzel in dem Herzen der Tochter schlug. Er konnte nichts weiter dabei thun und ging wieder in sein Arbeitszimmer hinüber, um dort die Familie Baumann zu erwarten. Baumann war auch schon unterwegs. Er selber ging voran, die Frau hinter ihm her und hatte fast krampfhaft das Handgelenk der Kleinen mit ihren dünnen Fingern umschlossen. Sie trug ein einfach dunkelblaues Kattunkleid ohne Crinoline, ein weißes Tuch um den Hals und eine weiße Haube auf, und ging mit niedergeschlagenen Augen den ganzen Weg. Sie wußte ja recht gut, daß sie von allen Menschen angesehen wurde, wußte auch, weshalb, und Scham und Schmerz drückten sie fast zu Boden nieder. Jetzt hatten sie das Haus des Staatsanwalts erreicht, ohne unterwegs auch nur eine Silbe mit einander zu sprechen. Der Mann ging vorauf, langsam und finster, die Frau folgte ihm mit dem Kinde; aber sie hatte es auf und in den Arm genommen und bedeckte es hinter dem Rücken des Gatten mit ihren Küssen – es waren vielleicht die letzten, die sie ihm ja im Leben gab. An der Thür klopfte er an und trat ein; die Frau schritt hinter ihm her, als ob sie zur Richtbank geführt würde. »So, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, als sie durch die Schreiberstube hindurch das hintere Zimmer betreten hatten, »hier ist die Frau, und die Else haben wir auch mitgebracht; und nun seien Sie so gut und reden Sie mit ihr, daß wir mit der Geschichte zu Stande kommen – ich habe das ewige Hin- und Herzerren satt.« Der Mann sah mürrisch aus, die Frau still und ergeben in Alles, was man über sie verfügen würde. »Nun, liebe Frau,« begann Witte – »bitte, nehmen Sie sich den Stuhl, denn Sie scheinen müde zu sein und wir werden vielleicht nicht sogleich fertig –, die Hauptsache ist, ob Sie in die Trennung von Ihrem Mann gewilligt haben, denn ich glaube, daß in diesem Fall das Gericht das von Ihnen verübte Vergehen als hinlänglichen Scheidungsgrund ansehen würde.« »Ja,« sagte die Frau leise, ohne die Augen vom Boden zu nehmen, »mein Mann hat seit dem Unglückstag einen Haß auf mich geworfen, und er würde nie wieder glücklich mit mir leben können. Ich will nicht an seinem Unglück schuld sein; er ist gut und brav und muß für die Kinder sorgen.« »Sie sind also auch mit dem zufrieden, was er Ihnen, wenn er fort geht, zu Ihrem Lebensunterhalt läßt?« »Ich brauche es nicht Alles – ich werde sehr eingeschränkt leben – ich brauche für mich nur sehr wenig und gehe auch jedenfalls, wenn mich Jemand aufnehmen will, wieder in Dienst – vielleicht als Warte- oder Krankenfrau.« Witte sah Baumann an; der Mann stand aufgerichtet, die Brauen fest zusammengezogen, die Zähne aufeinander gebissen, und starrte finster vor sich nieder. »Also scheint ja so weit Alles geregelt,« meinte der Staatsanwalt, »und die Sache wird keine großen Schwierigkeiten haben. Nur sagt mir Ihr Mann, daß Sie ihm das jüngste Kind – die Kleine da ist's, nicht wahr?« »Ja, Herr Staatsanwalt,« flüsterte die Frau, aber so leise, daß er die Worte kaum verstand. »Daß Sie ihm also das Kind nicht überlassen wollen, und das Gesetz spricht dem Vater dasselbe allerdings erst im siebenten Jahre zu. Glauben Sie aber nicht, daß es für das Kind selber besser ist, wenn es unter der starken Leitung des Mannes erzogen wird?« »Oh Du lieber Gott,« seufzte die Frau, »es ist noch so jung; es bedarf noch so der Pflege der Mutter und hängt so mit ganzer Seele an mir ...!« »Und an mir auch,« sagte Baumann düster; »nicht wahr, Else, Du hast Deinen Vater lieb?« »Oh, so lieb!« flüsterte die Kleine, die bis jetzt scheu den Worten gelauscht hatte und wohl gar noch nicht recht verstand, um was es sich hier eigentlich handle. »Wäre es denn da nicht besser, Baumann,« sagte Witte, »daß Sie wenigstens das halbe Jahr noch hier in Deutschland blieben? Das Kind ist dann so viel älter, und es könnte nachher gar keine weitere Uneinigkeit stattfinden.« »Es geht nicht, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister, »es geht wahrhaftig nicht! Mir brennt der Boden hier unten den Füßen, denn kein Mensch hat mir je im Leben etwas nachsagen können; ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit gethan wie ein Mann, und keine Seele übervortheilt und geschädigt, und trotzdem jetzt, wo ich mich irgendwo sehen lasse, bleiben die Leute stehen, deuten mit Fingern auf mich und sagen: Da, das ist der Schlosser, dessen Frau die Kinder vertauscht hat, und sein Sohn ist der Baron von Wendelsheim! – Das ertrag' ich nicht länger; es frißt mir das Herz ab, und ich komme mir immer so vor, als ob ich am Pranger stände.« Die Frau hatte ihr Gesicht in den Händen geborgen und weinte still, und Else schmiegte sich furchtsam an sie. »Aber Ihre Frau hat auch viel, recht viel ausgestanden die langen Jahre hindurch,« sagte Witte, »und eigentlich Strafe genug für ihr Vergehen erlitten. Wenn sie nun auch das letzte Kind hergeben soll ...« »Und wollen Sie, daß ich die Strafe dafür erleide?« beharrte der Mann. »Das Kind ist mein ganzes Leben; wenn ich den ganzen Tag schwer und hart gearbeitet habe, ist es meine einzige Erholung, daß ich die Kleine auf den Schooß nehme und mir von ihr vorplaudern lasse. Wenn ich das entbehren müßte, würd' ich verrückt – und die Else selbst, sie freut sich den ganzen Tag auf die Zeit.« »Ja, liebe Frau,« sagte Witte, »wenn das Kind so an dem Vater hängt, würde ich Ihnen selber rathen, es ihm zu überlassen. Sie sind ja dann auch jeder Sorge für dasselbe überhoben, und ich weiß außerdem gar nicht, wie Sie es sich hier einrichten wollten, wenn Sie wieder in Dienst gehen, denn Sie müßten doch die Kleine in der Zeit sich selber überlassen.« »Sie braucht nicht in Dienst zu gehen,« sagte finster der Mann, »sie hat so viel, daß sie davon, mit ein bischen Arbeit nebenbei, leben kann; und ich möchte auch nicht, daß sie wieder in Dienst ginge. Es paßt nicht, und sie – würde sich auch nicht glücklich darin fühlen.« »Glücklich,« seufzte die Frau leise. »Ja, Leutchen, damit kommen wir nicht zum Ziel,« sagte der Staatsanwalt, dem die arme Frau von Herzen leid that, der aber auch den Schlossermeister viel zu genau kannte, um ihm direct zu widersprechen; er hätte dadurch jedenfalls viel mehr verdorben, als gut gemacht. »Auf die Weise können wir noch eine Stunde hin und her reden und bleiben auf demselben Fleck. Ich will Euch deshalb einen Vorschlag machen. Das Kind, so jung es ist, hat doch auch eine Stimme; Sie, Baumann, behaupten, daß es mit voller Liebe an Ihnen hängt, ebenso die Mutter. Die Mutter hätte das Recht, die Kleine noch etwa ein halbes Jahr bei sich zu behalten, dann müßte sie es doch dem Vater übergeben, und wie schnell vergeht ein halbes Jahr. Wenn Ihr also meinem Rathe folgen wollt, so laßt das Kind selber entscheiden, bei wem es bleiben will, bei dem Vater oder der Mutter, und der andere Theil fügt sich dann geduldig in das nicht zu Aendernde. Sind Sie damit einverstanden, Frau Baumann?« »Ich habe kein Recht mehr, mitzusprechen,« sagte die Frau leise und mit von Thränen fast erstickter Stimme; »ich darf auch vielleicht diese letzte Hoffnung nicht einmal annehmen. Ich habe meinem Mann ein so großes und schweres Herzeleid angethan, daß ich ihm kein weiteres zufügen darf. Wenn sein Herz so an dem Kinde hängt, daß er glaubt, er wird unglücklich, wenn er es missen soll – so mag er es nehmen – jetzt nehmen – heute noch. Ich habe jede Strafe verdient und will mich geduldig fügen.« »Nein,« rief der Mann barsch, aber mit fest aufeinander gebissenen Zähnen – die Worte kamen ihm sehr schwer aus der Kehle – »der Staatsanwalt hat Recht – so will ich das Kind nicht. Die Else soll selber entscheiden, mit wem sie gehen will – mit mir oder mit der Mutter, und wenn sie dann...« Er schluckte ein paar Mal heftig und schwieg; endlich fuhr er fort: »So machen Sie's fertig, Staatsanwalt, ich halt's nicht mehr länger aus!« »Gut; also komm einmal her, mein liebes Kind. Siehst Du, Dein Vater und Deine Mutter, die jetzt so lange zusammen gelebt und Dich beide so lieb haben, wollen sich nun trennen. Der Vater wird fort von hier ziehen und die Mutter dableiben. Sie möchten Dich beide gern haben, aber das geht doch nicht; also sollst Du jetzt sagen, ob Du, wenn beide von einander gehen, mit dem Vater ziehen oder bei der Mutter bleiben willst. Verstehst Du, was ich sage?« »Ja,« flüsterte die Kleine, die halb erschreckt, aber die großen, klugen Augen weit geöffnet, zugehört und dabei bald den Vater, bald die Mutter angesehen hatte, als ob sie zwischen beiden wähle. »Also bei wem willst Du bleiben, mein Herz?« »Bei Beiden,« sagte die Kleine, während ihr volle Thränen in die Augen traten, indem sie zum Vater sprang und seine Hand ergriff; »Du darfst nicht fortgehen, Vater, oder Du mußt die Mutter mitnehmen. Ich will bei Euch Beiden bleiben und Euch immer recht, recht lieb haben und recht gut und brav sein, und dann wirst Du auch wieder lachen und die Mutter nicht mehr so viel weinen.« »Baumann,« sagte Witte, dem selber die Thränen in die Augen traten, »hört Ihr das Kind? Hört Ihr, was es sagt? Eure Frau ist Euch sechsundzwanzig lange Jahre eine gute, treue Gattin gewesen; sie hat den einen Fehltritt begangen, ja, aber auch furchtbar dafür gebüßt. Der Gerichtshof hat ihr Vergehen nicht für so entsetzlich strafbar gefunden, der König selbst, in Betracht dessen, was sie sonst gelitten und welche Reue sie gezeigt, ihr die ganze Strafe geschenkt, und denen allen war sie nur eine fremde Frau! Wollt Ihr härter und unerbittlicher sein, als selbst der Richter und der König? Seht die Frau an – dreht Eure Augen nicht ab, denn Euer Herz zieht Euch doch hin –, seht sie an, wie der Gram und Kummer sie gebrochen hat, und für ihr ganzes Leben wollt Ihr die Frau dem Jammer, der Reue überlassen?« »Geh nicht von der Mutter, Vater,« bat Else und hing sich an seinen Arm; »Du würdest nie wieder lachen und froh sein können und die arme Mutter immer, immer weinen!« Der Mann drehte den Kopf noch nicht; er sah nur starr und wie mit gläsernen Augen auf sein Kind nieder, auf seine kleine Else. »Geh nicht von der Mutter, Vater!« bat sie – und jetzt drehte er das Antlitz ihr zu – die er die langen, langen Jahre geliebt und im Herzen getragen und die ihn so glücklich gemacht hatte, daß er sich gar kein Leben ohne sie denken konnte. Und als sein Auge sie traf, als er die in Demuth und Schmerz gebeugte Frau vor sich sah, mit keinem Wort des Widerspruchs, keinem Gedanken, als sich nur seinem ausgesprochenen Willen zu fügen, da brach plötzlich das Eis. »Katharina,« sagte er, und das Wort rang sich ihm ordentlich von seiner Brust los – »wollen wir – bei einander aushalten?« »Gottfried!« rief die Frau, ihrem Glück kaum trauend und die gefalteten Hände zu ihm erhebend. »Die Else hat Recht,« fuhr Baumann fort, »es geht nicht; wir haben Beide schwer getragen, aber jetzt – Alles vergessen und vergeben!« »Gottfried,« schrie die Frau, emporspringend, »Du wolltest ... »Bei Dir aushalten in Freud' und Leid, wie ich es Dir einst zugeschworen. Nach Amerika geh' ich, das ist bestimmt – aber Du gehst mit, und die Kinder alle mit einander, und der alte Gott – wird dort weiter helfen!« Die Frau hing an seinem Halse, sie schluchzte und jauchzte, und die Schreiber drin in der Nebenstube unterbrachen ihre Arbeit und horchten nach den fremdartigen Tönen in der sonst so stillen und geschäftsmäßigen Stube hinüber; und als nachher die Schlossersleute heraus kamen, Arm in Arm, und der Mann das Kind trug, und der alte Staatsanwalt hinter ihnen die Augen selber voller Thränen hatte, da wußten sie erst recht nicht, was sie aus der Sache machen sollten. 38. Schluß. Draußen im Schlosse Wendelsheim waren dem jungen Herrn der Besitzung die wenigen Tage wie in einem glücklichen Traum verflossen, und während eine Unzahl von Handwerkern in den alten Räumen wirthschaftete, um sie neu und wohnlich wieder herzurichten, damit Fritz sein liebes Bräutchen bald heimführen könne als züchtige Hausfrau, schien auch ein ganz anderes Leben mit den Arbeitern eingekehrt. Das summte und brummte nur so den ganzen Tag von lustigen Liedern und Lachen und Scherzen, wo früher einer dem Andern scheu ausgewichen war und seine Arbeit gethan hatte, nicht als eine freudige Beschäftigung, sondern wie nur, um sie los zu sein. Aber Grund genug dazu war auch vorhanden, denn das gnädige Fräulein, die steinerne Tante, hatte den Platz geräumt und war, wüthend über die erlittene Beschimpfung, wüthend über den Neffen, über Kathinka, über die ganze Welt, schon am nächsten Tage abgefahren mit Sack und Pack, und das allerdings konnte ihre Laune dabei nicht verbessern, daß die Leute und Arbeiter vom Hofe, als sie endlich in den Wagen stieg, in lauten Jubel und ein nicht enden wollendes Hurrah ausbrachen, mit dem sie aus dem Schlosse begleitet wurde. Aber sie hatte es sich auch freilich selber zuzuschreiben, denn sie ließ keinen Freund zurück, da Keiner im ganzen Schlosse war – von ihrem eigenen Neffen bis zu dem letzten Kuhjungen herunter –, der nicht die Stunde gesegnet hätte, wo sie dem Platz den Rücken kehrte. Wohin sie ging? Niemand kümmerte sich darum, da man wußte, daß sie hier nie wieder einziehen würde. Aber eine andere Sorge lag den Leuten und besonders dem jungen Herrn auf dem Herzen, und das war die Sorge um den Baron selber, dessen Zustand sich mit jedem Tag verschlimmerte und in völlige Wuthausbrüche überzugehen schien. Seit zwei Tagen hatte er schon Niemanden mehr in sein Zimmer gelassen; das Essen war ihm, mit Lebensgefahr für den Bringenden, in die Stube hineingeschoben worden, und die Voraussicht, daß noch Alles ein übles Ende nehmen könne, steigerte sich so, um Fritz zu veranlassen, selber in die Stadt zu fahren und einen Arzt mit ein Paar Wärtern der dortigen Irrenanstalt, die mit solchen Kranken umzugehen wissen, herauszuholen; aber er kam trotzdem zu spät. Als er in den Hof einfuhr, hörten sie plötzlich eine dumpfe Explosion und sahen gleich darauf aus den zertrümmerten Fenstern der Stube des alten Herrn dichte weiße Rauchwolken hervorquellen. Alles stürzte natürlich hinaus, die Spritze wurde augenblicklich in Gang gesetzt und Wasser von allen Seiten herbeigeschleppt, um einem möglichen Brand zu begegnen. Als sie seine von innen verriegelte Thür einschlugen, bedurfte es einer geraumen Zeit, ehe sie nur in das Gemach selber vordringen konnten, denn Pulverdampf drang in dicken, gelblich-weißen Schwaden so dicht wie eine Mauer heraus, und nicht das Geringste war in dem ganzen Raum zu erkennen. Durch das Oeffnen der Thür aber mit den zersplitterten Fenstern bildete sich ein Zug, der nach einiger Zeit Luft gab, und wie sich der Rauch endlich verzog, fanden sie unter brennenden Trümmern und unter einem Theil der eingestürzten Zimmerdecke den Leichnam des alten, unglücklichen Mannes, der hier und auf solche Weise den Tod gefunden. Erklärt war die Sache leicht. Der Baron hatte, wie man recht gut wußte, in seinem Gewehrschrank Pulver liegen, aus dem er sich, wenn er früher manchmal auf die Jagd ging, selber seine Patronen machte. Wie viel es gewesen, ließ sich nicht bestimmen, daß er absichtlich Feuer dazu gebracht, war kaum anzunehmen. Wahrscheinlich hatte er in einem von seinen Anfällen die Idee gefaßt, frische Patronen zu machen – Wie sich dann das Pulver entzündet, wer konnte es sagen! Aber der ganze Gewehrschrank war auseinander gesprengt und ein Theil der Waffen durch den Luftdruck an die entgegengesetzte Wand des Zimmers geschleudert, wo sie verbogen oder zertrümmert lagen. Einzelne Möbel brannten auch, aber des Feuers wurde man bald Herr, und der Leichnam dann in einen andern Theil des Schlosses getragen und dort auf sein letztes Bett gelegt. Schloß Wendelsheim war jetzt zu einem Hause der Trauer geworden, wenn auch Fritz selber keinen so tiefen Schmerz über den Tod eines Vaters fühlen konnte, den er eigentlich kaum gekannt und der ihn nie geliebt, nie Liebe von ihm verlangt hatte. Aber Freude und Jubel war zugleich in die ärmliche Wohnung des Schlossers Baumann eingezogen – Glück und Seligkeit in die Herzen und ein heiteres Lachen und ein frohes Singen durch alle Räume. Selbst dem alten starren Schlossermeister schien eine wahre Last von der Seele genommen zu sein, die er sich freilich selber aufgebürdet und mit seinem Trotzkopf auch vielleicht das lange Leben durchgeschleppt hätte bis zum Grabe. Jetzt war das vorbei, und was ihn dabei heiter und froh machte: daß nicht er das Glück wieder hatte einkehren lassen in sein Haus, oder seine Frau – das Alles wäre ihm fort und fort ein drückendes Gefühl geblieben – nein, daß es sein Kind gewesen, seine kleine Else, und er ließ die Kleine fast nicht mehr aus den Armen. Indessen wurden jetzt aber alle Vorbereitungen zur baldigen Abreise scharf betrieben. Der Entschluß, nach Amerika auszuwandern, stand felsenfest bei ihm, und hier in Alburg hätte ja auch Alles die Erinnerung an das Ueberstandene fast stündlich wieder wach gerufen. Ueber den Verkauf seines Hauses trat er augenblicklich mit einem Nachbar, der ihm schon lange darauf ein Gebot gethan, in Unterhandlung. Das beste Werkzeug wurde eingepackt, um es mitzunehmen – denn drüben wollten sie genau wieder so beginnen, wie sie hier aufgehört –, Amboße und alles zu Schwere natürlich hier verkauft, und in kaum acht Tagen konnte schon mit der Fortschaffung der Effecten begonnen werden. Auch Solomon hatte nicht gesäumt, seine Abreise zu betreiben, und die beiden Familien waren entschlossen, nicht allein die Reise zusammen zu machen, sondern sich auch in Amerika gemeinschaftlich einen passenden Platz auszusuchen und dort eine Niederlassung zu gründen. In diese selbe Zeit fiel die Bestätigung von Heßberger's Urtheil. Er hatte sich an die Gnade des Königs gewandt, aber ohne Erfolg. Er war zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt und wurde an dem nämlichen Tag in die Strafanstalt abgeliefert, als unsere Auswanderer du Stadt verließen. Fritz kam jetzt fast alle Tage in die Stadt, um seine Pflegeeltern, über deren neugewonnenes Glück er selige Freude fühlte, noch recht oft zu sehen, und hatte auch den Vater dringend gebeten, eine nicht unbedeutende Summe von ihm anzunehmen, um damit sein Fortkommen in dem fremden Welttheil zu sichern; aber der alte, starrköpfige Mann wollte nicht. So lange er seine Fäuste und seine Jungen hätte, meinte er, so lange sei er auch selber Manns genug, sich durch die Welt zu bringen; würde er einmal alt und schwach – was aber wohl noch eine Weile dauern könne – und sollte er es nothwendig brauchen, na, dann wolle er an Fritz schreiben und es ihn wissen lassen, eher nicht. Es war nichts mit ihm anzufangen. Die Hochzeit des jungen Erben von Wendelsheim mußte, durch den Todesfall des alten Barons aufgehalten, natürlich noch eine Weile hinausgeschoben werden, sonst hätte Fritz die Eltern auch gar nicht früher fortgelassen. So aber beschloß er, sie wenigstens bis Hamburg, als den Ort der Einschiffung, zu begleiten. Morgens war das sämmtliche Passagiergut, da man die Frachtgüter lange vorausgeschickt, aufgegeben worden, und die Reisenden hatten schon ihre Plätze im Coupé genommen. Witte, der sie bis dahin begleitet, um noch einen letzten Abschied von ihnen zu nehmen, stand draußen auf den Perron am Wagenfenster, als Rath Frühbach, den linken Arm wie gewöhnlich auf dem Rücken, langsam angeschlendert kam und, durch den davorstehenden Staatsanwalt aufmerksam gemacht, zu seinem Erstaunen die ganze Gesellschaft erkannte. »Alle Wetter,« rief er überrascht aus, »ich habe es schon in der Stadt an verschiedenen Orten gehört, aber immer nicht glauben wollen! Also soll es wirklich nach Amerika gehen?« »Nach Amerika, lieber Rath!« rief Bruno, der selig neben seiner Braut im Wagen saß, da der alte Salomon bestimmt hatte, der vielen Schwierigkeiten wegen, die ihnen hier in Deutschland bei einer solchen Trauung gemacht würden, dieselbe aufzuschieben, bis sie New-York erreichten. – »Nach Amerika – und wenn Sie etwas dahin zu bestellen hätten ...« »Hm,« sagte der Rath, »da fällt mir eine Geschichte ein. In Schwerin ...« In dem Moment pfiff die Locomotive. »Wagen frei, meine Herren!« rief der Schaffner. »Es geht fort!« Die Wagen thaten einen Ruck, setzten sich in Bewegung, und fort brauste der kleine Schnellzug, seinem Ziel, der fernen Hansestadt entgegen. In Hamburg angekommen, sahen sie sich, wie das gewöhnlich geht, noch genöthigt, einige Tage auf die Abfahrt des als »segelfertig« angekündigten Schiffes zu warten, und das konnte Baumann doch nicht verhindern, daß ihnen Fritz statt der genommenen Zwischendeck-Billets bequeme Kajütenplätze ausmachte. Aber er hatte dabei auch außerordentlich viel und geheimnißvoll mit dem alten Salomon, den er selber schon von früher als einen braven und rechtlichen Mann kannte, zu verhandeln und zu besprechen und war oft Stunden lang mit ihm abwesend. Was es aber gewesen, erfuhr Niemand, selbst nicht, als das Schiff endlich seine Abfahrt signalisirte und die Passagiere an Bord mußten. Der Abschied war herzlich. Fritz hatte noch nicht vergessen, die alten Baumanns als seine wirklichen Eltern zu betrachten, und die kleine Else trug er selber in's Boot und von dort in seinem Arm an Bord hinauf. Jetzt noch ein Händedruck, noch ein Kuß – dann blähten die Segel auf – Tücher winkten noch, und fort mit einer günstigen Brise glitt das Schiff, das glückliche Menschen einer neuen Heimath entgegenführte. – * Ein volles Jahr war vergangen, aber Fritz, längst mit der Geliebten vereinigt und im Besitz alles dessen, was einen Menschen wirklich glücklich machen kann, hatte noch immer nichts von seinen Lieben in Amerika gehört und sehnte sich doch nach einem Brief. Von Solomon erhielt er allerdings einmal, nach kaum sechs Monaten, ein paar geschäftliche Zeilen, die ihm anzeigten, daß sie glücklich da drüben gelandet wären und ihre neue Heimath bezogen hätten, daß es auch Allen gut ging, er aber weiter nichts schreiben wolle, da es ihm der alte Baumann verboten. Der nämlich habe selber die Absicht, ihm einen langen Brief zu schicken, und dem möge er deshalb nicht vorgreifen. Aber der versprochene Brief kam nicht, und Monat nach Monat verging, so daß Fritz schon anfing sich zu sorgen. Da brachte der Postbote eines Tages das Ersehnte, und das war wirklich ein Brief . Auf großes Schreibpapier geschrieben, reichlich vier Bogen davon zusammengefaltet und mit einer Anzahl von Siegeln beklebt, wog er in das Unglaubliche und kostete ein Heidenporto. Fritz aber jubelte laut auf, als er ihn erhielt. Das waren die starren, ehrlichen Züge seines alten Pflegevaters, und mit wenigen Sätzen sprang er hinauf in das Zimmer seiner kleinen Frau, um mit dieser das Schriftstück gemeinschaftlich zu genießen. Beide lachten auch hell auf, als sie den Brief öffneten und die Buchstaben sahen, die wie durcheinander geworfenes Werkzeug auf dem Papier umher lagen; aber Fritz traten doch die Thränen in die Augen, denn in den rauhen Zügen sah er das Bild des braven, wackern Mannes wieder, so klar und deutlich, als ob er vor ihm stünde. Kathinka würde freilich lange gebraucht haben, bis sie die wunderlich zusammengestellten Zeichen entziffert hätte; Fritz aber, der seines Vaters Handschrift schon von früher kannte, fand sich leicht hinein, und wie er nur einmal die ersten Zeilen bewältigt, las er die Hieroglyphen frisch vom Blatte weg. Der Brief lautete: »Mein lieber Fritz! Eigentlich habe ich mir schon seit sechs Monaten jeden Tag vorgenommen, an Dich zu schreiben, aber es kam immer 'was dazwischen, und dann geht es mit Schreiben hier in Amerika gar nicht so leicht wie daheim, denn die Tinte trocknet Einem immer ein, und wenn man nachher Wasser dazu gießt, ist nichts drin. Aber ich muß Dir vor allen Dingen danken für Deine Liebe und Güte! Böser Junge, hatte ich Dir nicht gesagt, daß wir uns hier unser Fortkommen selber gründen wollten? Und was machst Du nun für Streiche? Wie wir herkommen, reise ich mit dem alten Salomon, der ein ganz tüchtiger Kerl ist, und mit Bruno in's Land hinein, um uns etwas auszusuchen. In Indiana fanden wir eine prachtvolle Farm mit einem herrlichen, großen Backsteinhause, fünfzig Äcker urbar gemachtem und ich weiß gar nicht wie viel Holzland und Prairie, mit Vieh und Pferden und Allem; was dazu gehört, aber wir übernachteten da blos, um einen Nachbarplatz anzusehen, denn ich konnte natürlich nicht daran denken, eine solche Farm zu kaufen; mein Capital hätte nicht einmal für das Haus allein ausgereicht, das groß genug ist für drei Familien, und noch dazu eine kleine Stadt ganz dicht dabei, als ob sie dazu gehörte. Daran grenzte aber ein kleines Häuschen mit ein paar Acker Feld, das noch beinahe mit zur Stadt gehörte, und der alte Salomon beredet mich richtig, das kleine Nest zu kaufen; er wolle dann dicht daneben in die Stadt ziehen, damit wir hübsch bei einander wohnten. Das thu' ich denn endlich, obgleich mir das kleine Nest nicht besonders gefiel; aber es war doch ein Obdach, und wir verzehrten doch nicht so viel Geld, als in der Stadt, und ich bekam vielleicht auch aus der Stadt heraus, wo gar kein Schlosser war, Arbeit. Wir reisen also zurück und holen die Frauen und Kinder ab, und nur Salomon blieb selber dort, um Alles herzurichten. Aber denke Dir, wie wir zurückkommen und in das kleine Haus ziehen wollen, will sich der alte Jude vor lauter Vergnügen todtlachen und behauptet, daß das große Haus mit allem Feld und Vieh und weiß Gott, was sonst noch mein gehöre! Ich wollt's erst gar nicht glauben, und wie er mir sagte, daß er es in Deinem Auftrage für mich gekauft hätte, wollt' ich fuchsteufelwild werden – aber es war gar so hübsch und herrlich da, und die Frauen und Kinder so glücklich und selig in dem Gedanken, und geheult haben sie vor Rührung und Dir tausend und tausendmal für Deine treue Liebe gedankt! Da überlegte ich mir denn endlich die Sache. Es ist ja doch Dein Junge, wenn er's auch nicht wirklich ist – Du hast ihn auf den Armen großgezogen und die Mutter hat sich um ihn gesorgt und geängstigt – er hat's auch, es thut ihm nicht weh, und von ihm kann ich's nehmen. Und da sitzen wir jetzt – die glücklichsten Menschen, die es auf der Welt geben kann – und das größte Glück, daß ich die Mutter mitgenommen habe, sonst hätt' ich's hier im Lande nicht ausgehalten, und Du solltest nur sehen, wie sie wirthschaftet und schafft, und wie heiter und glücklich sie geworden ist! Ich habe mir jetzt eine kleine Werkstatt eine Strecke vom Hause ab gebaut, damit sie drinnen das arge Klopfen nicht hören, denn Arbeit giebt's heidenmäßig viel, und ich werde manchmal mit dem Karl gar nicht fertig. Der Franz ist noch als Gesell in New-York geblieben; er soll erst 'was Tüchtiges lernen und dann auch zu uns herkommen, und Bruno, der mit seiner jungen Frau und dem alten Salomon'schen Paare bei uns im Hause wohnt, bis sein eigenes fertig ist, was er für sich baut, führt uns die ganze Feldwirtschaft und hat sich tüchtig hineingefunden. Wenn wir Dich nur noch hier hätten, so wäre Alles gut; aber wenn es irgend angeht, so mußt Du uns einmal besuchen. Und jetzt lebe wohl! Wir sind Alle gesund und wohl, und Bruno ist ganz selig mit seiner jungen, hübschen Frau, die ein ganz braves, fleißiges Weibchen ist – und der alte Salomon reist im Lande umher und handelt; das können die Art Leute nun einmal nicht lassen. Karl will auch nächstens heirathen – eine Nachbarstochter – meinetwegen – wir haben's Alle nicht besser gemacht. Aber nun leb' noch einmal wohl – hab' nochmals tausend Dank, mein braver Fritz, für Deine Liebe! Grüße Deine liebe Frau und den Herrn Witte schön von mir und sage ihm, auch ihm wären wir Alle recht von Herzen dankbar. Und nun habe ich noch zahllose Grüße und Küsse von Allen zu bestellen; sie wollten selber noch etwas mit in den Brief schreiben, aber ich habe Niemanden hineingucken lassen, denn er sieht ein bischen wild aus und es sind viele Klexe drin – die Feder ist mir immer zu dünn und zu leicht zum Halten. Gott segne Dich, mein guter Fritz, und Dein braves Weib! Dein treuer Vater Gottfried Baumann .«       Gedruckt bei Hermann Costenoble in Berlin und Jena.