Emanuel Geibel. Meister Andrea. Lustspiel in zwei Aufzügen.     Personen.         Andrea , Bildschnitzer . Matteo , Musikmeister . Pandolfo , dessen Bruder, Bildhauer . Buffalmaco , Maler . Luigi , Poet . Calandrino , Kupferstecher . Leonetto , Baumeister . Malgherita , Matteos Mündel . Sylvia , deren Zofe . Bruder Cyprianus . Pasquale , Geheimschreiber des Kardinals von Comalunga . Erster , Zweiter und Dritter Musikant . Gerichtsperson . Wache . Ein Page . Das Stück spielt zu Florenz . Erster Aufzug. Eine Straße zu Florenz. Im Hintergrunde stattliche Gebäude, ein Brunnen, Bäume. Links vom Zuschauer breit vorspringend Andreas Haus, an demselben ein Altan, zu welchem von innen eine Glastüre führt; rechts zur Seite der Bogen eines Stadttores mit der Bildsäule Sankt Peters. Erster Auftritt. Es kommen Pandolfo und Matteo , letzterer reisefertig und mit Noten bepackt. Beim Aufgehen des Vorhangs hört man es sechs schlagen. Matteo . Sechs Uhr! Da schlägt es. Wo bleibt nur das Maultier, das ich hieher ans Tor bestellte? Mir ist wie dem Kriegsmann vor der Schlacht; der Boden brennt mir unter den Füßen. Pandolfo . Geduld! Geduld! Was hast du zu versäumen, da das Musenfest in Prato erst morgen in der Frühe beginnt? Du kommst noch immer zeitig genug, um zu siegen. Matteo . Sprich nicht so zuversichtlich! Und doch hoff' ich mit dir. Sie ist in der Tat trefflich gearbeitet, meine Kantate hier. Dazu der prächtige Stoff: König Nebukadnezar! Zuerst der Sturz von Babylon, nichts als Posaunen, Pauken und Kriegsdrommeten; und dann wieder das Grasen des entsetzlichen Tyrannen, das ich mit obligaten Hoboen pastorale behandelt habe. Gewiß, das ist neu, das überrascht, das muß wirken. Pandolfo . Ich zweifle nicht. Aber du nanntest vorhin Calandrino und sprachst von einem Auftrage. Matteo . Richtig! Er hat eine Verschreibung von mir in Händen, die heute fällig wird. Nimm hier die fünfzig Zechinen und bring die Sache sobald als möglich in Ordnung. (Gibt Pandolfo eine Börse.) Pandolfo . Sie soll noch heut' erledigt werden. Ich treffe den Kupferstecher ohnehin diesen Abend bei Andrea, der uns mit andern Freunden auf einen wilden Schweinskopf und ein Dutzend Flaschen Orvieto eingeladen hat. Matteo . Wieder in Saus und Braus! Nun, wohl bekomm's. Wer ist denn der Andrea, der euch solche Gastereien gibt? Pandolfo . Ei, der dicke Bildschnitzer da drüben, der seltsame Hypochonder. Kennst du ihn nicht? Dir wird er freilich geflissentlich aus dem Wege gegangen sein. Denn er verabscheut die Musik, als wäre sie eine Erfindung des Bösen. Aber den Wein liebt er und trinkt er, und zwar allezeit den besten, der zu finden ist. Darum wird ihm auch keiner seiner Gäste ausbleiben, am wenigsten Calandrino, für den die Rundung einer bauchigen Korbflasche mehr Bezauberndes hat als der schlanke Wuchs von hundert Aphroditen. Matteo . Wohl, so mag denn der Wein bei dem Schuldgeschäft Gevatter stehn. – Aber nun noch eins, Pandolfo. Gib mir acht auf Malgheriten. Pandolfo . Was soll's mit ihr? Wir haben sie ja eingeschlossen. Matteo . Als ob's mit dem Einschließen allein getan wäre! Nein, bleib mir wenigstens morgen fein im Hause, damit kein Unheil geschieht. Ich kenne die Weiber. Mögen sie sich noch so taubenfromm gebärden, die Unruhe sitzt ihnen allen im Leibe, und zumal, wenn sie sechzehn Jahre alt sind wie Malgherita. Da ist kein Fenster zu hoch, keine Türspalte zu eng, sie machen eine Heerstraße daraus, um verliebten Handel anzuknüpfen. Und nicht etwa mit irgendeinem würdigen Manne, sondern mit dem ersten besten Hasenfuß, welcher Maulaffen und Empfindungen feil hat und Seufzer in den Kauf gibt. Pandolfo . Das ist der Lauf der Welt. Matteo . So? Dann ist's auch der Lauf der Welt, daß uns die Nägel lang wachsen wie den Chinesen. Aber ein vernünftiger Mann beschneidet sie. Und kurz und gut, ich will das nicht, daß Malgherita sich verheiratet. Pandolfo . Aber – Matteo . Keine Einwendungen! Singt mir das Mädel das dreifach gestrichene G bis in den Himmel hinauf. Alle Sopranstimmen in ganz Florenz sind neben der ihrigen nur Gänsegeschnatter, und ich bin fest überzeugt, daß unser Herrgott in dem Frühling, wo sie geboren ward, hundert Nachtigallen weniger schuf als gewöhnlich, um die ganze übriggebliebene Tonmasse ihr in die Kehle zu gießen. Ich hab' dir's hundertmal gesagt. Was soll ich anfangen, wenn sie mir meine Kompositionen nicht mehr singt! Ich bin ein geschlagener Mann ohne das gestrichene G. Pandolfo . Aber der Tag wird doch kommen, wo – Matteo (heftig) . Der Tag wird nicht kommen, darf nicht kommen. Ich will ihr das Freien und die Freier vertreiben, und wenn ich sie in einen Messingkäfig einsperren müßte wie eine Drossel. Sie ist nicht dazu geschaffen, daß sie heiratet, sondern daß sie G singt. – Und wenn's denn gar nicht ohne Hochzeit abgehen kann, so nehm' ich sie selbst, und damit Punktum! Pandolfo . Ich fürchte nur, wenn du ihr damit kommst, wird sie dir auch: Geh antworten. Matteo . Das sollte sie versuchen. Dafür bin ich Vormund. Trägt sie auch ihr Trotznäschen eine ganze Oktav höher als andre Menschenkinder, ich will sie schon mürbe machen. Was aus dem Moll nicht geht, das geht aus dem Dur, und das kann ich an ihr probieren, alle Tonarten durch. Pandolfo (beschwichtigend) . Nun, nun, für heute versprech' ich dir, sie redlich zu bewachen. Den Abend sitzt sie zu Hause im verschlossenen Zimmer und übt deine neue Kavatine ein; morgen soll auch nichts vorfallen (sich gegen das Tor wendend) . Aber sieh, da kommt dein Maultier mit einem stattlichen Busch auf dem Kopfe. Ich geleite dich noch ein Stück Weges. Matteo . Du wirst tapfer ausschreiten müssen, wenn du mit dem Paß des Tieres Takt halten willst. Pandolfo . Desto besser. Das schärft mir den Appetit auf Andreas Abendessen. (Gehen ab durchs Tor.) Zweiter Auftritt. Andrea (kommt aus seinem Hause. Er verschließt umständlich die Haustüre und hängt den Schlüsselbund an seinen Gürtel) . So! Endlich hätt' ich den heiligen Georg richtig aus dem Birnbaum heraus. Das war ein sauer Stück Arbeit (wischt sich den Schweiß ab) . Ist aber auch ein prächtig Bildwerk geworden, wie er so über den Drachen hersprengt und ihm die Lanze in den Leib stößt. Nur die Vergoldungen fehlen noch. Das wird blitzen. Aber nun will ich mir auch etwas zugute tun. (Tief aufatmend.) Ah! ein herrlicher Abend, eine köstliche Luft, nicht zu warm, nicht zu kühl. Der alte Jacopo am Garten Buondelmonte schenkt einen köstlichen Aleatico. In der Laube am Abhang sitzt sich's gut – Schatten da und kein Zugwind, und besonders keine Musikanten. Ist auch nicht zu weit, daß man sich erhitzen könnte. Abgemacht! Dorthin gehen wir. (Geht ein paar Schritte, bleibt stehen.) Vergessen hab' ich doch nichts? Da stehen drei Kreidestriche auf meinem Ärmel, meine Warnungszeichen, damit endlich unter den Leuten das dumme Geschwätz von meiner Zerstreutheit aufhöre. Wart, was bedeuten sie nur? Richtig! der lange dünne da, das ist der lange Basilio, der Vergolder, zu dem ich morgen in der Frühe schicken will – der kurze Strich hier, das ist Brigitta, das dicke Orangenweib, die ich bei nächster Gelegenheit durchprügeln muß, weil sie mir immer die faulen Früchte vor die Werkstatt wirft – und hier der dritte geschnörkelte – das ist – ja, was will der nur? – Alle elftausend heiligen Jungfrauen! Da hab' ich doch wieder den dritten Strich vergessen! – Und heute früh macht' ich ihn erst – nein, gestern abend – nein, bei Tische war's – nein, doch nicht. – O mir läuft alles durcheinander. (Stampft aufgebracht mit dem Fuße.) Verdammtes Sieb von Gedächtnis! Aber ärgern will ich mich nicht; das ist ungesund, zumal vorm Trinken. Also lustig, Andrea! Im Wein ist Weisheit, sagen sie ja; da sind' ich auch wohl meinen Strich am ersten im Aleatico wieder. (Geht ab durchs Tor.) Dritter Auftritt. Buffalmaco (kommt trällernd; vorne rechts) . Gott Amor sprach zur Psyche: Gefangen mußt du sein – Ah, da ist ja Andreas Haus! (Bleibt stehen.) Hätt' ich mir's doch nicht träumen lassen, daß der Dicke auf seine alten Tage noch den Gastfreien spielen würde, wie ein Apfel, der erst im Spätherbst mürbe wird. Nun, er hat das einsame Trinken wohl satt bekommen, und jedenfalls ist lustige Kumpanei dabei, und sein Bauch eine breite Zielscheibe, nach welcher sich Witz genug abschießen läßt. (Geht an die Türe, will öffnen.) Was? Zugeschlossen? Hält er noch Mittagsruhe? Das heißt die Nacht um ihr Recht betrügen. (Klopft.) Heda! Andrea! Heda! Mach auf, Schlafratze! Meine Beine wollen meinen Durst nicht mehr tragen und möchten ihn gerne vor deinem Orvietofaß abwerfen! – Kein Mäuschen rührt sich. (Klopft stärker und ruft mit etwas gedämpfter Stimme:) Andrea! Ich bringe zwei Flaschen vom besten Montefiascone mit, die wollen wir ausstechen, ehe die andern kommen! – Auch darauf keine Antwort! Dann ist er sicher nicht zu Hause. Ich wette, das ist wieder ein so kostbares Stück Konfusion, wie mir jemals eins von seiner Arbeit unter die Hände kam. Vierter Auftritt. Buffalmaco . Calandrino und Luigi kommen. Calandrino . Ei, sieh da, Buffalmaco. Guten Abend! Du bist auch zum Andrea geladen? Buffalmaco . Freilich, und meine Kehle ist so trocken wie irgendeine in ganz Florenz. Luigi . Dem ist leicht abgeholfen. Laßt uns nur eintreten. Buffalmaco (neckisch) . Wollt ihr nicht vorangehen? Luigi (geht zur Türe und will sie öffnen) . Beim Fegefeuer! die Türe ist verschlossen. Was soll das heißen? Buffalmaco . Daß wir nicht hinein sollen, deucht mir. Calandrino (klopft) . Andrea! Meister Andrea! Macht auf! Eure Gäste sind vor der Türe. He! Macht auf! Buffalmaco . Spar deinen Odem und blas deine Suppe damit. Wenn er drin wäre, ich hätt' ihn längst herausbeschworen; ich kenne die Zauberformel, die ihn bannt. Glaubt mir, der Vogel ist ausgeflogen, er hat die ganze Einladung verschwitzt und läßt sich's in irgendeiner Winkelschenke vor dem Tore wohl sein, während wir hier stehen und gefoppt sind. Luigi . So soll ihn der unterste Styx verschlingen! Erst uns einladen und dann uns die Türe vor der Nase zusperren – das ist schändlich, bei Pluto, das fordert schwere Ahndung. Calandrino . Mir tut's nur leid um meinen vortrefflichen Appetit. Der Mund wässerte mir schon nach seinem vortrefflichen Schweinskopf, der glänzend und gebraten vor meiner Phantasie schwebte, wie ein Dichterhaupt mit Lorbeern gekrönt, eine saure Zitrone statt einer süßen Redensart im Munde. Luigi . Du stichelst, Calandrino. Buffalmaco . Das ist sein Geschäft; er ist Kupferstecher. Luigi . Ich hab' es nicht vergessen. Trägt er doch immerdar die Metallplatte als Aushängeschild im Gesichte. Fünfter Auftritt. Die Vorigen . Pandolfo durch das Tor auftretend. Pandolfo . Guten Abend, Freunde! Das trifft sich ja herrlich. Ich finde die ganze Gesellschaft schon beisammen. Buffalmaco . Ja, wir stehen hier wie die Sieben vor Theben, da sie in die Stadt wollten, und die Pforten wurden ihnen nicht aufgetan. Luigi . Oder wie die Königin Dido am Meere, als ihr der fromme Äneas davongelaufen war. Calandrino . Oder kurz und gut, wie die Ochsen am Berge. Pandolfo . Ihr redet Kauderwelsch, das ich nicht verstehe. Sagt, was bedeutet es? Calandrino . Es bedeutet, daß Meister Andrea uns mit seiner Einladung zum besten gehabt hat; denn das Haus ist verschlossen und kein Andrea drinnen. Luigi . Und ferner, daß wir uns rächen müssen. Ich wenigstens will die Furien nie wieder in meinen Versen heraufbeschwören, wenn ich diesen Schimpf ungestraft auf mir sitzen lasse. Buffalmaco . Luigi hat recht. Wir sind dem Dicken eine Lehre schuldig und müssen ihm einen Streich spielen, den er nicht vergißt, und wenn sein Gedächtnis ebensolches Danaidenfaß wäre wie seine Kehle. Pandolfo . Das ist es in der Tat. Er ist nichts als ein wohlbeleibtes Stück Zerstreutheit, das ziemlich schwerfällig auf zwei Füßen einherwandelt, sehr zierlich in Holz schneidet und nebenbei viel Wein konsumiert. Ich glaube, wenn ihn jemand fragt, wie er heißt, so braucht. er eine halbe Stunde, um sich zu besinnen, daß er Andrea der Bildschnitzer ist. Buffalmaco . Da bringst du mich auf einen guten Gedanken! Wie wäre es, wenn wir ihm zur Strafe für seine Vergeßlichkeit einbildeten, er sei nicht Andrea, sondern ein anderer? Calandrino . Aber er wird es nicht glauben. – Buffalmaco . Das kommt nur auf uns an. Wenn wir das Ding richtig anfangen, so wette ich ein Oxhoft gegen einen Tautropfen, wir machen ihn so konfus, daß er zuletzt wirklich nicht mehr weiß, wer er ist. Luigi . Der Spaß ist gut – bei Pinto – aber wie machen wir's? Buffalmaco . Vor allen Dingen, in wen sollen wir ihn umschaffen? In Lucario, seinen Burschen? – Nein, das geht nicht; der könnte uns selbst in die Quere kommen, und alles wäre damit zu Ende. Es müßte jemand sein, der – halt, Pandolfo, ist nicht dein Bruder Matteo heute nach Prato, um sein neues Werk dort aufzuführen? Pandolfo . Vor einer halben Stunde ist er fortgeritten. Buffalmaco . Wohl, so muß der Dicke sich in Matteo verwandeln, und ich werde einstweilen Andrea. Hört meinen Plan! Ich steige auf euern Schultern über den Altan dort ins Haus und verriegle die Türe von innen. Wenn er dann zurückkehrt und herein will, behaupte ich ihm unter die Nase, Andrea sei schon drinnen und wolle nicht öffnen; er wird schelten, fluchen, wüten; dann kommt ihr darüber zu und sorgt für das übrige. Luigi . Herrlich ersonnen, beim Styx! Andrea als Kapellmeister Matteo! Aber habt ihr auch an seinen Haß gegen alle Musik gedacht? Buffalmaco . Schadet nichts, so wird die Verwirrung desto größer. Aber nun frisch ans Werk! Helft mir hinauf. Ich klettere wie ein Eichkätzchen. (Er ersteigt den Altan. Oben.) So, da wär' ich. Und entfernt euch nicht zu weit. Mit Dunkelwerden pflegt der Dicke nach Hause zu kommen. Dann geht unsre Komödie an. (Verschwindet im Hause.) Calandrino . Was treiben wir so lange? Pandolfo . Ich denke, wir schlendern längs den Gärten hin und sehen, ob uns nicht ein paar schöne Augen begegnen. Luigi . Oder wir brechen drüben im Zentauren einer Flasche den Hals. Pandolfo . Ich bleibe lieber auf den Beinen. Calandrino . Nun jeder, wie es ihm gefällt. (Sie gehen zu verschiedenen Seiten ab.) Sechster Auftritt. Malgherita und Silvia treten auf links im Vordergrunde. Malgherita trägt eine schwarze Samtmaske in der Hand. Sylvia . Aber fürchtet Ihr Euch nicht, Fräulein? Malgherita . Wovor sollt' ich mich fürchten? Mein Vormund ist verreist und sein Bruder zu einem Schmause gegangen. Ohnedies, wer kennt mich in diesem Anzuge, den Leonetto mir schenkte? Er steht mir wirklich prächtig; es war doch gar zu hübsch, ihn einmal nicht bloß für den Spiegel anzulegen. Sylvia . Mir klopft das Herz, als ob ich eine Sünde begangen hätte. Ich meine immer, aus jedem Fenster müsse Herrn Pandolfos Gesicht zornig herausblicken. Malgherita . Sei ruhig, Sylvia. Wir haben ihnen nichts versprochen. Sie haben uns im Hause einsperren wollen, aber das Gartenpförtchen zu schließen vergessen. Wer will uns schelten, daß wir auch einmal ein bißchen frische Luft atmen wollen! Sylvia . Und Ihr denkt, Herrn Leonetto zu treffen? Malgherita . Ich hoffe, daß wir ihm begegnen. Er lustwandelt jeden Abend vor diesem Tore. Wenn er nur käme! Ach! – Sylvia . Ihr seufzt! Malgherita . Ich denke, wie mein ganzes Leben ein andres geworden ist seit jenem Abend, da ich zum ersten Male mit ihm aus dem Fenster redete und ihm den dunkelroten Nelkenstrauß hinabwarf. Sonst ging ein Tag ruhig nach dem andern hin, ohne andre Sorge, als daß ich die Aufgaben Meister Matteos richtig vom Blatt singen könnte, aber freilich auch ohne Freude. Wenn er mich einmal über einen falschen Ton, über einen unreinen Ansatz ausschmälte, das war all mein Leid, wenn er mich lobte und mit Zuckerwerk fütterte, das war meine Lust. Aber nun bin ich wie vertauscht. Kein Gedanke mehr gehört meinem Vormunde oder Herrn Pandolfo. Bin ich mit ihnen, so schläft mein bestes Teil; wie durch blasse Dämmerung geh' ich in dumpfer Gelassenheit dahin, und meine Gleichgültigkeit versteckt sich hinter dem bißchen Mutterwitz, das mir die Natur tröstlich zukommen ließ. Aber wenn Leonetto kommt, dann blüht mir die Welt in tausend Farben auf, dann leb' ich, dann möcht' ich lachen und weinen zugleich. Ich bin fröhlich, weil er da ist, ich bin traurig, weil er wieder fort muß, und Scherz und Trübsinn, Mutwill' und Schwermut, Glück und Verlangen wachsen in meinem Herzen so wirr und bunt durcheinander wie Laub und Blüten am Granatbaum in unserm Gärtchen. Sylvia . Aber wie soll das enden, Fräulein? Malgherita . Weiß ich's? Freilich, wenn ich Leonetto wäre, so wüßt' ich's vielleicht. Glaub mir, Liebe ist Mut, und dem rechten Mut ist nichts zu schwer. – Aber was ist das? Dort kommt jemand gegen das Tor heran, der – Sylvia . Um Gotteswillen! Es ist Herr Pandolfo! Kommt, Fräulein! (Sie läuft fort.) Malgherita (nimmt die Maske vor) . Er hat mich schon gewahrt; ich kann doch nicht fortlaufen wie eine Dienstmagd. Gut – wenn's sein muß, bin ich in der rechten Laune, ihn zu empfangen. Siebenter Auftritt. Malgherita . Pandolfo erscheint vorne, rechts vom Zuschauer. Pandolfo (für sich) . Beim Himmel, ein schmuckes Dämchen, und ganz ohne Begleitung! Ist das Glück günstig, so gibt's ein Abenteuer. (Zu Malgherita, die an ihm vorübergehen will.) Wohinaus, schöne Maske? Erlaubt, daß ich Euch ein Stückchen geleite. Malgherita (mit verstellter Stimme kurz abweisend) . Ich kann meinen Weg allein finden. Pandolfo . Aber er wird nicht ohne Gefahr sein. Ihr hättet Eure Augen auch verhüllen müssen. Sie leuchten wie Flammen, und Ihr wißt, die Schmetterlinge flattern nach dem Glanze. Malgherita (wie oben) . Sie werden sich die Flügel versengen. Pandolfo . Ist es denn die notwendige Eigenschaft der Schönheit, daß sie alles verletzt, was in ihre Kreise tritt? Ich bitte Euch, nehmt meine Dienste an. Malgherita (immer noch ausweichend) . Ich kann keine Diener von Eurer Art gebrauchen. Meine Livrei ist das Geheimnis. Pandolfo . Um Euretwillen würde ich auch die gerne tragen. Glaubt mir, ich kann reden und schweigen, wie Ihr befehlt. Malgherita . Ich glaube Euch, daß Ihr reden könnt, weil meine Ohren es mir bestätigen. Aber an Eure Verschwiegenheit glaube ich so wenig wie an brennendes Wasser; denn Eure Gliedmaßen schwatzen alles aus, was Ihr tut oder treibt, selbst wenn Euer Mund stumm ist. Pandolfo . Ich verstehe Euch nicht. Malgherita . Wohl, so will ich es Euch begreiflich machen. Zeigt mir einmal Eure rechte Hand her. Seht, diese kleine Schwiele erzählt mir, daß Ihr den ganzen Tag über mit Meißel und Schlägel den unschuldigen Marmor mißhandelt; Eure Nase behauptet, daß ihr mit dem dicken Gott Bacchus täglich Brüderschaft macht; Euer rechtes Ohrläppchen sagt, daß es in Eurer Wohnung vor Geigen und Orgeln nicht auszuhalten ist; Euer linkes Augenlid verrät, daß Ihr gerne mit schönen Frauen, aber noch gerner mit Eurem Spiegel liebäugelt, und Eure Unterlippe bekennt, daß Ihr, wie Ihr dasteht, in Bausch und Bogen keinen roten Heller wert seid. Pandolfo (betroffen) . Ihr seid herbe – aber ich kann es nicht leugnen, Eure Worte stürzen mich in ein rätselhaftes Labyrinth. Malgherita . Da bleibt Euch nichts übrig, als entweder die Partie des Drachen oder die des Theseus zu übernehmen. Pandolfo . Aber dieser hatte den Faden der Ariadne, welcher ihn führte. Ich bitt' Euch, laßt mich nicht vergeblich um das Endchen Band flehen. Malgherita . Nein, guter Theseus, nicht jetzt, nicht hier. Aber wenn Ihr artig sein wollt und Euch gedulden, so kommt morgen um die elfte Stunde – Ihr kennt den Palast Frescobaldi? Pandolfo . Jenseit des Arno, wo die Gärten anfangen? Malgherita . Den mein' ich. Dorthin kommt morgen; an der dritten Säule links sollt Ihr den Faden der Ariadne finden. Aber jetzt verlaßt mich unverzüglich; schleicht mir auch nicht nach, mein verschwiegener Diener, sonst ist alle Gemeinschaft zwischen uns aus für immer. Pandolfo . Ich gehe, aber die Hoffnung des Wiedersehens geht mit mir. Malgherita . Das versprech' ich Euch feierlich. Ihr sollt mich eher wiedersehen, als Ihr es selber denkt. Lebt wohl, guter Theseus. (Pandolfo geht ab vorne rechts.) Der Sturm wäre glücklich abgeschlagen (sie nimmt die Maske ab) ; es gab mir eine rechte Genugtuung, meinen gestrengen Herrn Kerkermeister einmal weidlich zu necken. – (Betrübt.) Aber die schöne Zeit verstreicht ungenutzt. Schon geht die Sonne unter, und Leonetto kommt nicht. Ach – die Dunkelheit wird mich in mein Gefängnis zurücktreiben, ohne daß ich ihn gesehen habe. \> Achter Auftritt. Malgherita . Leonetto tritt auf durch das Tor. Leonetto (rasch auf Malgherita zu) . Was seh' ich! Bist du's, Malgherita? Bist du's wirklich? Malgherita . Wirklich und wahrhaftig deine Malgherita, und dazu in deinem Schmucke. Ach, daß du so spät kommst, du Böser! Ich habe lange auf dich geharrt. Leonetto . Mein Herz war immer bei dir, gewiß, du zweifelst nicht daran. Heut nacht wollt' ich unter deinem Fenster singen. – Aber wie konnt' ich dich hier vermuten, da ich weiß, daß dein Vormund eifersüchtig jeden deiner Schritte bewacht? Malgherita . Er ist verreist und sein Bruder zu einem Freunde. Leonetto . Glücklicher Zufall! So ist nichts verloren. Malgherita . Ach freilich! Das schöne Heute ist verloren. Der Abend bricht herein. Pandolfo kann jeden Augenblick nach Hause kommen. Ich muß heim. Leonetto . Wär' ich doch Josua, daß ich die Sonne stillstehen heißen könnte! Malgherita . Das wäre schon hübsch, (schelmisch) aber wer weiß, ob ich dich dann so gern hätte! Du würdest einen großen Bart haben und eine krumme Nase wie ein Geier. Nein, Leonetto! Du bist mir lieber als eine ganze Heerschar jüdischer Feldherrn. Leonetto . Wie gerne glaube ich dir! Denn auch dieser Glaube macht selig. Auf deine Treue kann ich Häuser bauen. Malgherita . Dafür bist du auch mein Herzensbaumeister! Aber, da wir heute die Gelegenheit verpaßt haben, laß uns Sorge tragen, daß es uns morgen besser ergehe. Ich habe allerlei ausgedacht. Gib mir deinen Arm und führe mich die wenigen Schritte zu meiner Wohnung. Unterwegs sage ich dir, was nötig ist. Fort und die Maske vors Gesicht! Leonetto . So wird es zwiefach Nacht für mich. (Sie gehen ab, vorne links.) Neunter Auftritt. Andrea tritt auf durch das Tor in heftigem Zanke mit drei Musikanten , welche ihn verfolgen. Es beginnt zu dunkeln. Andrea . Alle elftausend heiligen Jungfrauen! Ich sage euch, laßt mich in Frieden; ich will nichts mit euch zu schaffen haben! Erster Musikant . (Tiefe Baßstimme.) Nein, Herr, wir lassen Euch nicht in Frieden, Herr. Wir haben Euch eine Sonate von dem großen Meister Molldurini aufgespielt, und Ihr habt uns ein schiefes Maul gezogen. Und als wir Euch höflichst erinnert haben, daß drei Musikanten von einem sauren Gesicht auf den Abend nicht satt werden können, da habt Ihr uns Bettlergesindel gescholten, Herr; und das leidet der Baß nicht. Zweiter Musikant . (Hohes kreischendes Organ.) Und die Klarinett auch nicht. Dritter Musikant . Unn die Violin am wenigste. Mer seind kei Lumpegesindel, Herr; mer seind Kinschtler aus Venezia, die scho vor ganz andere Herrschafte, vor Kaisers und Kenigs Majeschtäte ufgespielt habe. Andrea . Hol der Teufel eure Künstlerschaft, die auf der Heerstraße lungert und die Schenken unsicher macht! Den Wein verwandelt ihr mir in Essig, die Gesundheit ruiniert ihr mir, und dann soll ich noch für gnädige Mißhandlung bezahlen. Da wär' es ja besser, sich auf gut Türkisch die Ohren ein für allemal mit wegrasieren zu lassen. Nein, ihr Landstreicher, keinen Pfennig geb' ich für euer Gedudel. Erster Musikant (schwer beleidigt) Was, Herr? Gedudel nennt Ihr unsere Musik, Herr? Euer Geld könnt Ihr behalten, Herr; es würd' uns so keinen Segen nicht bringen. Aber wenn Ihr auf unsere Kunst räsoniert, so könnt' ich meinen Weißdorn einmal für den Bogen ansehen und Euern Rücken für mein Instrument, und eine freie Phantasie aus dem ff darauf streichen, daß Euch Hören und Sehen vergehen sollte. Zweiter Musikant . (Hier wie in der ganzen Szene mit dem ersten Musikanten sich deckend und hinter ihm hervordrohend.) Ja, daß Euch Hören und Sehen vergehen sollte! Andrea . Ihr wagt mir zu drohen! Alle elftausend heiligen Jungfrauen – Dritter Musikant (tritt dicht auf ihn heran) . Ja, Herr, mer wage des. Ihr kennt de Musikante net. E Kinschtler is fromm nun sanftmütig von Natur wie 'n Lamm, aber e beleidigter Kinschtler is schrecklich wie e reißends Tier, des Blut geroche hat. Andrea . Bleib mir zehn Schritt vom Leibe, du Beingerippe. O so wollt' ich doch – Erster Musikant . Was wolltet Ihr, Herr? Kontrapunkt und Fugensatz! Was wollt Ihr? Der Baß fragt Euch, was Ihr wolltet? Zweiter Musikant . Und die Klarinett auch. Andrea . Meint ihr, daß ich mich vor eurem Gezeter fürchte? Unter die Nase will ich's euch sagen, was ich wollte. Daß ihr säßet, wo der Pfeffer wächst, und alle Musikanten der Welt, und die heilige Cäcilie obendrein! Dritter Musikant . O entsetzliche Läschterung eines vermaledeiten Mundes! Erster Musikant (Andrea am Überwurf zerrend) . Wir wollen Euch Respekt einpfeffern vor unserer heiligen Schutzpatronin; ich hab' nicht umsonst zwei Jahr lang die Pauken geschlagen. Frisch, Klarinett! Faß mit an! Wir wollen eine Symphonie im klassischen Stil aufführen. Andrea . Laßt mich los, ihr Lumpenhunde, laßt mich los! Dritter Musikant (dringt auf ihn ein) . Nix vor ungut, Herr! Die Violin is auch mit derbei, keine Introduktion ohne Violin! Zehnter Auftritt. Die Vorigen . Leonetto kommt zurück, vorne links. Leonetto . Was gibt's da für Lärm? Andrea . Mörder! Banditen! Leonetto (zieht das Schwert) . Laßt den Mann los, ihr Strauchdiebe! Zurück von ihm, sag' ich. Dem ersten, der ihn wieder anrührt, hau' ich die Hand vom Arme. Erster Musikant . Aber er hat uns geschimpft, Herr. Er hat uns Landstreicher genannt und Lumpenhunde – Zweiter Musikant . Ja, das hat er getan. Leonetto . Und nun wollt ihr's ihm auf seinem Rücken verbriefen, daß er recht hat? Schämt euch! Wenn ich recht sehe, seid ihr Musikanten. Dritter Musikant . Musikalische Kinschtler von Venezia, Herr. Aber ebbe darom habe mer ang'fange, ihm sei unmusikalisch Seel mit Prigle zu versohle. Denn er hat unser Kunscht Gedudel geheiße, unn erschrecklich uf de heilig Cäcilia blasphemiere geta. Unn des leidt kein braver Musikante net! Leonetto . Einerlei! Mußtet ihr darum über ihn herfallen wie Räuber! Es ist noch kein Gesetz da, das bei körperlicher Züchtigung anbefiehlt, musikalisch zu sein. Andrea . Sehr vernünftig gesprochen! Ich dank' Euch, guter junger Mann. – Und wenn ich Euch in etwas wieder dienen könnte – Leonetto . Laßt das gut sein. Ich tat nur, was vernünftig war. – Aber ihr, Gesellen, geht jetzt eures Weges! – Oder nein, da kommt mir ein Gedanke. Ich will eure Kunst auf die Probe stellen, könnt ihr eine hübsche Serenade spielen? Erster Musikant . Ja, Herr, das können wir; eine sanfte Schlafmelodie zu angenehmem Erwachen. Aber Herr (mit hohler Hand herantretend) , Wasser braucht die Mühle, wenn sie gehen soll. Leonetto . Hier ist eine halbe Zechine. Erster Musikant (zu den andern Musikanten) . Der versteht's. (Zu Leonetto.) Exzellenza, der Baß ist Euer mit Leib und Seele und allen zehn Fingern zum Greifen und Streichen. Zweiter Musikant . Und die Klarinett auch. Dritter Musikant . Unn die Violin desgleiche mit dem allerunnertänigschte Kratzfuß. Leonetto . Wohl, so macht euch bereit. Gute Nacht, Herr! (Leonetto und die Musikanten gehen im Hintergrunde links vom Zuschauer ab.) Elfter Auftritt. Andrea allein. Es ist indessen fast ganz finster geworden. Andrea (den Musikanten nachdrohend) . Wartet, ihr Halunken! Das soll euch nicht vergessen sein! (Zieht ein Stück Kreide hervor und macht sich Striche auf den Ärmel.) Eins! – Zwei! – Drei! Da steht ihr, und eure Grobheit steht mir, glaub' ich, in blauen Flecken auf dem Rücken wie ein Veilchenbeet. – So, und dieser Strich ist für meinen Retter. Das Hasenschwänzchen dran, das ist die dankbare Erinnerung. Ist das ein Unglücksabend! Just, als wenn alle Fatalitäten sich verabredet hätten, mir heut der Reihe nach über den Hals zu kommen. Sitz' ich kaum da draußen in meiner Lauben, und will eben meinen kostbaren Aleatico langsam ausschlürfen, da kommt ein Hammel gesprungen und ein Windhund kläffend hinterdrein – und husch über meinen Tisch, daß die Flasch' in Scherben liegt. Und gerade hab' ich nach der zweiten gerufen, und mir das erste Glas draus eingeschenkt, so muß der Teufel die mörderische Musik daherführen, daß ich vor Ohrenreißen nicht schmecken kann, ob ich Wein oder Baumöl auf der Zunge habe. (Im Ärger sich steigernd.) Und dann die Erhitzung, der Ärger, die Schlägerei! Ruiniert bin ich; die Gall' ist mir in den Magen gelaufen. Ich will meine braunen Tropfen nehmen und mich ins Bett legen, zu schwitzen. – Nun kann ich wieder den Schlüssel nicht finden. (Stampft mit dem Fuße.) Kühl wird es auch schon. Wenn ich hier im Zugwinde kampieren sollte! – Ah, da sitzt er. – Nun hinein, und rasch ins Bett, um all das Elend zu verschlafen. – (Er will öffnen und arbeitet am Schlosse.) Was ist denn das? Die Türe geht nicht auf; das fehlte noch. So sollen doch alle elftausend Jungfrauen den nichtswürdigen Schlüssel! – Warte! Strich für den Schlosser. (Er macht ihn schnell.) Ich muß die Türe sprengen. (Versucht es.) Himmelsakrament, willst du? Buffalmaco (von innen) . Wer lärmt da an meiner Türe! (Die Glastüre hinter dem Altan erleuchtet sich.) Andrea . Was! Jemand im Hause? Wart, Spitzbube! Ich will dich lehren, in fremde Nester dich schleichen! Holla! Holla! Buffalmaco (erscheint in einem Schlafrocke Andreas auf dem Altan) . Alle elftausend heiligen Jungfrauen! Schämt Euch, bei dunkler Nachtzeit betrunken auf den Straßen zu rumoren und redliche Bürger aus der Ruhe zu stören. Schert Euch nach Hause und schlaft Euern Rausch aus. Andrea . Wie! Was! Wie ist mir denn? Ist denn das nicht mein Haus? Bin ich denn nicht Andrea? Ja, wahrhaftig, so ist's. Und hinein muß ich, und wenn ich die Türe mit dem Kopfe einrennen sollte! (Er versucht wiederum die Türe zu sprengen.) Buffalmaco . Nun? Ist des Unfugs bald genug? Geht zum Henker! Oder ich komme mit der Peitsche. Andrea . Mit der Peitsche? Mir? He, wer seid Ihr denn, daß Ihr mir mit der Peitsche kommen wollt? Buffalmaco . Fragt nicht so dumm. Das weiß jedes Kind in Florenz, daß dies Haus Andrea, dem Bildschnitzer, gehört! Andrea . Alle elftausend heiligen Jungfrauen, und der bin ich! Buffalmaco . Ein schöner Andrea mögt Ihr sein! Ein unverschämter Weinschlauch seid Ihr, den die Häscher längst wegen Straßenlärmens hätten aufgreifen sollen. Ich selbst bin Andrea und werde mein Hausrecht zu brauchen wissen! (Tritt zurück.) Andrea . Hat sich denn die Welt auf den Kopf gestellt? Ich will mich noch einmal besinnen. (Sieht seine Striche an.) Nein! Nein! Ich bin es ganz gewiß. (Wütend gegen das Haus.) Komm heraus, du verhexter Doppelgänger, du Namendieb, du Ehrabschneider, komm heraus, daß ich dir die lügnerische Zunge ausreiße! Ganz Florenz soll mir bezeugen, daß ich Andrea bin! Gott sei Dank, da kommt ein Mensch! Heda! Holla! Zwölfter Auftritt. Andrea . Buffalmaco drinnen. Luigi kommt vorne rechts. Andrea (dem Auftretenden lebhaft entgegen) . Gut, daß Ihr kommt, Messer Luigi, Ihr sollt mir bezeugen – Luigi . Aber um des Himmels willen, bester Matteo , was ist Euch? Ihr seid außer Euch. Was lärmt Ihr hier vor des Dicken Türe, daß man es drei Straßen weit hört? Ihr habt zu lange irgendwo in der Schenke gesessen. Geht nach Hause, guter Matteo! Andrea . Guter Matteo? – Alle elftausend Jungfrauen! Sperrt Eure Augen auf! Für wen haltet Ihr mich denn? Luigi . Nun, beim Styx, für wen soll ich Euch sonst halten als für Matteo, den Kapellmeister! Andrea (beleidigt) . Für den Notenkleckser, den elenden Ohrenquäler? Reißt Euch die Augen aus, Freund, und laßt sie als Schellen an Eure Mütze nähen; denn zum Sehen taugen sie nicht mehr. Sonst würdet Ihr mich für Andrea erkennen. Luigi . Ein artiger Spaß, bei Pluto! Der Wein erfindet gut. Aber Ihr dürft das Spiel nicht zu weit treiben, Matteo. Andrea (immer mehr außer sich geratend) . Spiel? Des Teufels Spiel ist hier. Ich will mein Leben lang Seewasser trinken, wenn ich nicht im bittersten Ernst rede. Luigi . Heut abend habt Ihr gewiß kein Seewasser getrunken, als es Euch einfiel, aus einem Nachfolger Amphions ein armseliger Holzschneider zu werden. Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen . Calandrino aus dem Hintergrunde kommend. Calandrino (rasch auf Luigi zu) . Guten Abend, Luigi! Ihr habt mehr Glück als ich. Ich suche den ganzen Tag vergebens nach Matteo, und Ihr findet ihn, ohne ihn zu suchen. Andrea (seitwärts weichend) . Matteo? Schon wieder Matteo? Ich will mich in die Nase kneipen, ob ich träume. – Nein, und betrunken bin ich doch auch nicht, ich stehe ja ganz fest auf meinen Füßen. Es ist zum Rasendwerden! Calandrino . Was kommt Euch an, Herr Matteo? Ihr fechtet mit den Armen und redet mit der Luft. Luigi . Ich glaube, die bleiche Hekate hat ihm Tollkraut in den Becher geworfen. Seit zehn Minuten leugnet er, Matteo zu sein. Andrea . Ich bin aber nicht Matteo, ich bin Andrea, Meister Andrea, der Bildschnitzer! Calandrino . Geht mir doch mit den Torheiten! Andrea ist längst zur Ruhe. Wir waren ja noch heute abend bei ihm. Luigi . Jawohl. Er traktierte uns mit einem wilden Schweinskopf und Orvieto. Andrea (stutzig) . Orvieto – wilder Schweinskopf – richtig! Das war der dritte Strich. (Triumphierend.) Seht ihr? Seht ihr hier? Das ist mein Schweinskopf. (Hält ihnen den Ärmel unter die Nase.) Calandrino . Wir sehen, daß Ihr den Strich habt, Herr Matteo. Nehmt Euch zusammen. Ich habe von Geschäftssachen mit Euch zu reden. Andrea . Aber ich habe ja keine Geschäfte mit Euch, habe niemals welche gehabt. Calandrino . Wie? Ihr leugnet? Das ist freilich die bequemste Weise, seiner Verbindlichkeiten quitt zu werden. Aber ich habe Eure Handschrift. Wollt Ihr gütigst diesen Wechsel betrachten, der heute fällig ist? (Zeigt das Blatt vor.) Andrea . Geht zum Henker mit Eurem Wechsel! Das wäre schön, wenn ich fremder Leute Schulden bezahlen sollte. Calandrino . Ihr werdet mich nicht zwingen wollen, scharf zu sein. Andrea . Scharf? Seht mir den Herrn! Ja, eine Zwiebel seid Ihr. Aber ich will Euch hier in den Kot pflanzen und so lange mit meiner Klinge begießen, bis die schönsten roten Hyazinthen herauswachsen. (Er zieht sein Schwert.) Luigi (fällt ihm in den Arm) . Haltet ein, Matteo, bei den Furien, kein Blut vergießen! Andrea . Laßt mir den Arm frei. Ich will ihm sein Kupfergesicht zu Brei schlagen. Buffalmaco (erscheint wieder auf dem Altan) . Alle elftausend heiligen Jungfrauen. Wollt ihr Frieden halten vor meiner Türe! Calandrino . Ah, Signor Andrea! Helft mir hier den tollen Matteo festnehmen, der mich um mein Geld prellen will. Andrea . Nun wird's zu arg, Matteo – Andrea – Es dreht sich alles mit mir. Bin ich verrückt, oder seid ihr's samt und sonders? Ja, ihr seid es, die ganze Welt ist toll geworden. (Er schlägt wütend um sich.) Platz da! Platz da! Ich haue euch alle in Kreuzgranatenstücke. Calandrino (von Andrea im Kreise herumgetrieben, schon zwischen Andreas Rede) . Hilfe! Hilfe! Vierzehnter Auftritt. Die Vorigen . Eine Gerichtsperson , von Häschern mit Fackeln begleitet, tritt auf im Hintergrunde rechts. Gerichtsperson (zu Andrea) . Im Namen heiliger Justitia! Wir verhaften Euch als nächtlichen Ruhestörer und Turbanten. Was war Ursach und Anlaß des von uns allhier betroffenen Skandali? Calandrino . Der Mann ist mir fünfzig Zechinen schuldig und will nicht zahlen. Ja, um der Forderung zu entgehen, gibt er sich fälschlich für einen andern aus. Andrea . Aber ich bin ein anderer. Ich bin Meister Andrea, der hier wohnt. Buffalmaco (von oben) . Abgeschmackte Ausflucht! Der bin ich. Gerichtsperson (zu Luigi) . Und Euch ist in Frage stehende persona gleichermaßen bekannt? Luigi . Ja, beim Merkurius Mentitius; sie ist mir bekannt, es ist Matteo, der Kapellmeister. Andrea . Ich tue Einspruch, feierlichen Einspruch! Sie lügen alle. Gerichtsperson . Ein seltsamer Kasus. Calandrino . Da kommt sein eigener Bruder, der gewiß der beste Zeuge ist. Fragt den! Fünfzehnter Auftritt. Die Vorigen . Pandolfo erscheint vorne rechts. Pandolfo (rasch auf Andrea zueilend) . Finde ich dich endlich, lieber Bruder Matteo? Sag nur um des Himmels willen, was treibst du hier? Das ist keine Zeit, auf den Gassen herumzustreichen. Komm mit nach Hause und schlaf aus! Luigi (zur Gerichtsperson) . Da seht Ihr's. Calandrino . Verzeiht, Signor Pandolfo, wenn ich Euch noch aufhalte. Euer Bruder soll mir heute fünfzig Zechinen auszahlen und weigert sich dessen. Hier ist mein Wechsel, seht her! Pandolfo . Ist's weiter nichts? Er hat so seine Launen; doch ich stehe für ihn ein. Oder noch besser. Nehmt diesen Beutel, Calandrino, er enthält gerade die Summe in blankem Gold, und nun laßt uns gehen. (Gibt ihm den Beutel, den er in der ersten Szene von Matteo empfangen hat.) Calandrino . Mit Vergnügen. Ich reiße die Schrift durch. Andrea (der sich wiederum seitwärts gezogen hat) . Fünfzig Zechinen zahlt er für mich? Fünfzig Zechinen? Die wirft man doch für keinen Fremden weg? (Mit einem Anflug von Schauder.) Wenn sie am Ende doch recht hätten – o mir wird schwindlig. Pandolfo . Komm, Matteo! Gerichtsperson . Nicht von der Stelle! Denn – Pandolfo . Laßt das gut sein, Herr. Der Wein hat wohl einige zu starke Blüten in seinem Kopfe getrieben. Nehmt dies für Eure Bemühung. Gerichtsperson . Ihr scheint mir ein braver Mann zu sein, und so will sich um Euretwillen Justitia diesmal mit nachdrücklicher Verwarnung in futurum begnügt haben. Kommt, ihr Bursche. (Geht ab mit den Häschern.) Pandolfo . Unser Weg geht dorthin, lieber Matteo. Laß uns eilen. Ich habe noch ein warmes Süppchen für dich anrichten lassen, das dir wohltun wird. Andrea (verwirrt und erschöpft) . Warmes Süppchen – fünfzig Zechinen – Trinkgeld an die Scharwache – das sieht wahrhaftig aus wie brüderliche Liebe. Der Kopf dröhnt mir wie ein Brummkreisel; ich muß ausschlafen. Und dort eine verschlossene Türe, hier ein zärtlicher Bruder; was ist da lange zu wählen? – Ich gehe mit. Pandolfo . Endlich sprichst du vernünftig. Gib mir deinen Arm – So! – Gute Nacht, Freunde, gute Nacht, Meister Andrea! Buffalmaco (sich vom Altan aus verbeugend) . Wünsche allerseits wohl zu ruhen, ihr Herrn! Andrea (resigniert) . Gleichfalls! Gleichfalls! (Im Abgehen.) Wenn mir nur einer für ganz gewiß sagen wollte, ob das wirklich meine eigenen zwei Beine sind, und ob die Hühneraugen, die mir so wehe tun, nicht am Ende auch einem andern gehören. Calandrino und Luigi gehen rechts im Hintergrunde, Andrea, von Pandolfo geführt, vorne links vom Zuschauer ab.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Aufzug. Zimmer in Pandolfos und Matteos gemeinschaftlicher Wohnung, ein getäfeltes Gemach, das den Eindruck der Behaglichkeit hervorbringt. In der Mitte des Hintergrundes der Haupteingang, zu beiden Seiten ziemlich weit nach hinten ebenfalls Türen; eine vierte Türe, welche zu dem von Andrea bewohnten Zimmer führt, vorne links vom Zuschauer. Dieser gegenüber zur Rechten ein breites Fenster. Der Hausrat trägt ein gewisses künstlerisches Gepräge. An der Hinterwand links ein hoher offener Schrank mit Krügen, Humpen, Gläsern; zwischen den beiden Seitentüren zur Linken ein Stehspiegel; an der rechten Seite der Hinterwand eine Orgel oder sonst musikalische Instrumente, weiter vorn ein Notenpult. Tische und Armsessel sind geschnitzt. Erster Auftritt. Malgherita am Tische sitzend. Silvia steht vor ihr, eine Mandoline in der Hand. Sylvia . Wollt Ihr nicht singen, Fräulein? Ich habe Euch die Mandoline gestimmt. Malgherita . Ich mag nicht. Es ist eine ahnungsvolle Müdigkeit in meiner Seele, eine bange Erwartung, als ob mir etwas Großes widerfahren müßte. Sylvia . Ihr habt wohl unruhig geschlafen? Malgherita . Unruhig geschlafen, freilich. Aber schön geträumt. Sylvia . O laßt hören, was war es? Ich habe die schönen Träume gar zu gerne. Malgherita . Sieh, ich war mit Leonetto in einem großen blühenden Garten. Und der dicke Mann, den Herr Pandolfo gestern abend zum Nachtessen mitbrachte, und mit dem sie ihren dummen Spaß treiben, war auch da. Erst erschreckte er uns recht. Aber dann hatte er mit einem Male Herrn Matteos Geige in Händen und fing an, wunderlich darauf zu musizieren. Und wie er weiter und weiter spielte, da ward alles umher wie verzaubert, die Sonnenstrahlen blitzten noch einmal so golden, im Laub die Früchte leuchteten wie Edelgestein, und endlich tat der Himmel weit sich auf und schneite rote Rosen über uns herab. Sylvia . Wie war das, Fräulein? Davon müßt Ihr mir noch mehr sagen. Malgherita . Ein andermal, liebe Sylvia. Ich höre Herrn Pandolfo kommen, und das Reich der Wunder schließt sich zu. Seit unserm gestrigen Zusammentreffen am Tor ist er mir doppelt zuwider. Leonetto hat eine hübsche Schelmerei ausgedacht, seine Zudringlichkeit zu bestrafen. Sylvia . Still, Fräulein, still! Zweiter Auftritt. Malgherita . Sylvia . Pandolfo kommt durch die Mitteltür. Pandolfo . Nun, Mädchen, was sitzt ihr hier und legt die Hände in den Schoß? Ich habe meinem Bruder versprechen müssen, darauf zu achten, daß ihr eure Schuldigkeit tut. Malgherita . Wenn er uns nur einmal dasselbe in bezug auf Euch auftragen wollte! Die Seidenhändler und Gastwirte sollten schon damit zufrieden sein. Pandolfo . Laß den Mutwillen. Und nun ernsthaft gesprochen, sieh dich vor, daß du uns nicht um den Spaß bringst. Malgherita . Ernsthaft gesprochen, ich will Euern Spaß nicht umbringen, wiewohl das eigentlich kein Totschlag wäre, sondern nur die Hinrichtung eines armen Sünders. Aber ich will Euer falsches Geld als vollwichtig annehmen. Pandolfo . Du wirst den Dicken in allen Stücken behandeln, als ob er dein Vormund wäre. Malgherita . Mit Vergnügen. Meine Vormundschaft kann ebensogut auf die Bildschnitzerei wie auf die Musik gepfropft sein. Mir gilt es gleich, ob Herr Matteo mich nach Noten ausschilt oder mir hölzerne Gesichter schneidet. Pandolfo . Aber jetzt mach' fort! Sing' deine Tonleitern durch, und du, Sylvia, sorge für ein Frühstück; ich erwarte Besuch. (Malgherita und Sylvia gehen ab durch die Mitteltür.) Horch, da kommt auch der Dicke schon herangestapft. Sehen wir, was er treibt! (Tritt hinter die Seitentür rechts vom Zuschauer.) Dritter Auftritt. Andrea (kommt durch die Seitentür links vorne) . Was man nicht alles erlebt! Hätte ich doch darauf schwören mögen, ich sei Andrea, den sie den Dicken nennen, und nun fängt es allmählich an, mir einzuleuchten daß ich mich geirrt habe. Sie sagen, ich habe das Fieber gehabt, und davon sei mir der Kopf noch angegriffen. Muß wohl wahr sein. Eigentlich kommt es mir vor, als sei während meiner Krankheit so ein Stück Seelenwanderung vorgegangen. Und nun will der alte Körper sich noch nicht recht an die neue Seele gewöhnen; denn – ehrlich gesagt, ich ertappe mich alle Augenblicke doch noch auf dem Gedanken, daß ich Andrea wäre. Da wird denn vor allen Dingen nötig sein, mir eine Notiz über die Sache zu machen. (Zieht die Kreide hervor.) Nun fort mit all dem andern Plunder! (Wischt den Ärmel rein.) Ein dicker Strich bedeute, daß ich Matteo bin. (Macht den Strich.) Matteo? – (Hält inne.) Was ist am Ende dagegen einzuwenden? Matteo ißt gut, Matteo trinkt gut, Matteo schläft auf einem weichen Bette, Matteo hat einen sorgsamen Bruder und ein ganz allerliebstes Mündelchen – jawohl, ich bin Matteo. Warum soll ich nicht? Freilich ist Matteo auch ein Musiker – nun, man muß nicht unbillig sein, und das bißchen Elend bei so viel Vorteilen geduldig mit in den Kauf nehmen. – Ein berühmter Komponiste! Bei den elftausend heiligen Jungfrauen, ich weiß nicht, wie ich dazu gekommen bin; ich hätte ebensogut Generalfeldmarschall oder gar Papst werden können. Aber das Grübeln ist vom Übel, und Pandolfo hat recht, wenn er sagt, man könnte darüber verrückt werden. Vierter Auftritt. Andrea . Pandolfo tritt rechts vom Zuschauer wieder hervor. Pandolfo . Nun, lieber Matteo, wie geht's? Hat das Fieber ganz nachgelassen? Andrea . Danke für gütige Nachfrage, lieber Bruder. Ich fühle mich so leidlich; leichter Atem, reine Zunge, sehr guter Appetit. Nur der Kopf will noch nicht recht. Immer noch einige Konfusion. Nun, du weißt schon. Pandolfo . Das wird sich auch geben. Nach Tische wollen wir einen kleinen Spaziergang machen. Die frische Luft soll dir wohltun. Andrea . Ganz wie du meinst. Aber weißt du was, lieber Bruder? Dann laß uns doch zum Peterstor hinausgehen. Dort hat der dicke Andrea seine Werkstatt; vielleicht steht er vor der Türe oder sieht aus dem Fenster. Ich begreife nicht, wie's kommt; aber es treibt mich ordentlich mit Gewalt, ihn mir einmal vom Kopf bis zu den Füßen recht anzusehen. Pandolfo . Kommst du schon wieder mit deinen Grillen? Du wirst deinen Zustand nochmals verschlimmern. Andrea (begütigend) . Mißversteh' mich nur nicht! Ich meine ja gar nicht – als ob der Dicke nicht Andrea wäre – als ob er mich überhaupt etwas anginge. Ei Gott bewahre! Ich bin Matteo (sieht seinen Strich an) , ich versichere es dir. (Kurze Pause.) Aber sehen könnt' ich ihn doch einmal. Pandolfo . Was hast du nur von diesen Einbildungen und Gelüsten! Viel vernünftiger wär' es, wenn du einmal den Versuch machtest, ob's mit der Arbeit noch nicht wieder gehen will. Deine Notenhefte habe ich alle in den großen Eichenschrank in deinem Schlafzimmer gelegt. Andrea (bestürzt) . Notenhefte? (Hält einen Augenblick inne, dann das nächste sehr rasch.) Nein, lieber Bruder, das geht heute noch nicht, das würde mich noch zu sehr angreifen. – Aber sag' einmal, hat denn der große Schrank da drinnen schon immer meinem Bette gegenüber gestanden? Pandolfo . Freilich, solange du das Zimmer bewohnst. Andrea . Nun, dann hab' ich ihn mir heute zum erstenmal genauer angesehen. Das Schnitzwerk dran ist ja ganz abscheuliche Arbeit. Das hat ein rechter Stümper gemacht, der Schnitt unsauber, der Zierat ganz geschmacklos. So etwas immer vor Augen zu haben, ist wahrhaftig fatal; ich will mich daran machen und ein bißchen nachbessern, so gut es sich tun läßt. Gib mir nur ein ordentliches Messer. Pandolfo . Hier, nimm! Aber wie kommst du zu der Fertigkeit, Matteo? Andrea (herausfahrend) Nun, das muß ich doch – (Besinnt sich, da Pandolfo ihn scharf anblickt.) Naturanlage, lieber Bruder, Naturanlage! Wo der Trieb ist, entwickelt sich das Talent von selbst. Laß mich's nur versuchen. (Geht vorne links in sein Zimmer.) Fünfter Auftritt. Pandolfo (allein) . Die Sache geht besser, als ich dachte. Er getraut sich wahrhaftig kaum an seiner Matteoschaft zu zweifeln. Nur daß er den neuen Namen noch etwas unbehilflich trägt, etwa wie ein frischgebackner Doktor den schwarzen Mantel, wenn er zum ersten Male darin ausgeht. – Wo nur Buffalmaco bleibt? Er ließ mir sagen, er würde den Morgen noch vorsprechen. Ich hoffe, er kommt bald. Denn gegen elf Uhr muß ich zu meiner Ariadne von gestern, und er soll mich begleiten, um nötigenfalls Schildwache zu stehen. Das ist ein allerliebstes Abenteuer. Wenn ich nur herausbringen könnte, welche Schöne eigentlich hinter der Samtmaske steckt. Zum Palast Frescobaldi beschied sie mich – sie hätte mir keinen längeren Weg aussuchen können; aber dort wohnt der Adel. Sicherlich ist sie eine ausnehmend vornehme Person. Ja, ja, ich bin ein Glücksvogel, nur die Flügel brauch' ich auszubreiten, so trägt mich der Wind gleich ins höchste Nest. Aber freilich gibt's auch keinen in Florenz, dem seine Sechsunddreißig so schmuck zu Gesichte stehen. Und dazu mein grünes Wams von gerissenem Samt und die knappen Beinkleider von Scharlach und die gestickte Krause. Ich habe mir auch einen neuen Busch Pfauenfedern an meine Kappe geheftet. (Setzt sie auf, vor dem Spiegel.) Wahrhaftig, das macht sich! Und den Degen trag' ich so, und dann blick' ich sie an – so – nein, nicht zu schmachtend, das macht die Weiber leicht übermütig, lieber die Augenbrauen etwas tyrannisch in die Höhe gezogen – so – nun seh' ich doch ganz aus wie ein Gegenstand für hochgeborne Passionen. Sechster Auftritt. Buffalmaco ist schon während der letzten Reden Pandolfos in der Mitteltür erschienen. Er tritt jetzt rasch ein, mit ihm Cyprianus , der einen flachen Folianten und einen schwarz und weiß gestreiften Stab trägt. Buffalmaco . Guten Morgen, lieber Gegenstand! Aber jetzt laßt Eure Passionen einen Augenblick beiseite. Hier bring' ich Euch den würdigen Bruder Cyprianus, den Amphion aller gläubigen Seelen, denn er erbaut sie; den Schrecken aller bösen Weiber, denn er ist ein gewaltiger Teufelsbanner. Pandolfo . Seid uns willkommen, frommer Mann. Wollt Ihr Euch nicht setzen? Cyprianus . Ich danke Euch. Die Dringlichkeit meiner Geschäfte gestattet mir nirgends längeren Verzug. Bis Sonnenuntergang habe ich noch sieben Spitzbuben zu vermahnen, vierzehn Brautpaare zusammenzugeben und zwei Herren zu inquirieren. Außerdem soll ich der großen Speiseverteilung im Klosterhof anwohnen; es gibt heute Makkaroni mit Liebesäpfeln. Das will alles abgetan sein; drum, wenn ich bitten darf, ohne Umschweife zur Sache! Buffalmaco . Ich habe unsern verehrten Freund im allgemeinen bereits von dem eigentümlichen Seelenzustande Eures Bruders unterrichtet. Pandolfo . So wird für mich wenig hinzuzufügen sein. Mein Bruder Matteo – Cyprianus (fällt ihm in die Rede) . Ohne Zweifel der Vormund der ehrbaren Jungfrau Malgherita, deren herrliches Stimmorgan uns beim Vortrage des Sanctus so oft in Entzückung versetzte? Pandolfo . Ebenderselbe. Bei diesem also hat sich leider seit einigen Tagen die fixe Idee festgesetzt, er sei nicht der Kapellmeister Matteo, sondern vielmehr ein gewisser Andrea, der, ich glaube, Bildschnitzer ist. Cyprianus . Seltsam allerdings, aber nicht unerhört. Ich wurde einst zu einem angesehenen Kaufmann gerufen, der sich für den schiefen Turm von Pisa hielt, und darum den Kopf immer auf die linke Schulter geneigt trug. (Macht die Pantomime.) Im übrigen war er ganz vernünftig und führte seine Bücher mit musterhafter Genauigkeit. So ist auch vielleicht der Herr Bruder sonst, was man so nennt, bei völligem Verstande? Er raset nicht, verspürt auch keine sonderlichen Gelüste, als etwa Spiegel zu zertrümmern, Feuer anzulegen oder mit Fliegen und Spinnen zu frühstücken? Pandolfo . Nichts von der Art. Nur wenn man den einen Punkt berührt, beginnt das Faseln. Cyprianus . So wird denn die Vermutung, die Herr Buffalmaco unterwegs gegen mich aussprach, doch wohl richtig sein. Ja gewiß, es ist irgendein unsauberer Geist in Herrn Matteo gefahren. Aber da seid Ihr bei mir vor die rechte Schmiede gekommen. Glaubt mir, meine Freunde, ich habe schon stärkere Teufel gebändigt. Wo ist der Besessene, daß ich den Dämon von ihm ausfahren heiße? Pandolfo . Ich hör' ihn kommen. Geht mit Vorsicht zu Werke. Cyprianus (wichtig) . Laßt mich nur machen. Ich verstehe das. Siebenter Auftritt. Die Vorigen . Andrea kommt, vorne links. Andrea . Du hast mir da vorhin ein schlechtes Messer gegeben, Pandolfo. Als ich kaum ein paar Schnitte getan hatte, zersprang die Klinge. – Ah, sieh da, Signor Buffalmaco! Und seid willkommen, würdiger Bruder. Wollt Ihr nicht mit uns frühstücken? Ich denke, es ist Zeit; mein Magen wenigstens hat bereits zehn Uhr geschlagen. Cyprianus . Ich dank' Euch, lieber Herr Matteo. Ich sprach nur vor, um mich nach dem allerseitigen Befinden zu erkundigen, und freue mich, Euch wohl zu sehen. (Für sich.) Man merkt ihm nichts an. (Laut.) Was haltet Ihr denn von dem Wetter, lieber Herr Matteo? Andrea . Je nun, ein prächtiger Sonnenschein, etwas heiß und so viel Stechfliegen, daß es einen ordentlich auf absonderliche Gedanken bringen könnte. Cyprianus (ausforschend) . Ei, ei, absonderliche Gedanken? Was meint Ihr damit zum Exempel? Andrea . Nun, etwa im Zimmer am Sims eine Blaumeisenhecke anzulegen gegen die Fliegen, wie man gegen die Mäuse einen Hauskater hält. Cyprianus (leise zu Pandolfo) . Alles ganz vernünftig! Der Teufel hat sich in einen einzigen Winkel seiner Seele zusammengekauert. Aber wir wollen ihm ins Antlitz leuchten. (Laut.) Sagt mir doch, ihr Herrn, habt ihr denn schon von dem neuen Schnitzwerke gehört, welches die Dominikaner für ihre Kirche bestellt haben? Andrea (rasch) . Ist das nicht ein heiliger Georg? Cyprianus . Jawohl, ein heiliger Georg mit dem Drachen. (Für sich.) Aha, nun faßt es. (Wieder laut.) Es soll von einem gewissen Andrea verfertigt sein. Andrea . Allerdings, ich – (Pandolfo tritt drohend auf ihn zu, er erschrickt, blickt auf seinen Strich und spricht dann tonlos und abgebrochen.) Allerdings – es soll – von einem gewissen – Andrea verfertigt sein. Cyprianus (für sich) . Jetzt sind wir auf der richtigen Fährte. (Laut.) Heute morgen sprach ich verschiedene, welche die Arbeit in der Werkstatt des Künstlers in Augenschein genommen hatten, und diese sagten mir – Andrea (ungeduldig) . Was, was sagten sie? Cyprianus . Daß es ganz und gar nichts tauge; der heilige Georg säße zu Pferde wie ein Mehlsack, und der Lindwurm sähe aus wie eine Eidechse, welche die natürlichen Blattern hat. Andrea (heftig losbrechend) . Dummköpfe sind das gewesen, Herr Frater, die das gesagt haben, zweibeinige Mülleresel, von denen hundertundzwanzig auf ein Schock gehen. Alle elftausend heiligen Jungfrauen! Der heilige Georg wie ein Mehlsack! Hab' ich darum nächtelang gesonnen, wie ich jeden Zug ausführen wollte? Bin ich darum neulich unmittelbar nach Tische zwei ganzer Stunden weit nach dem Ringelstechen hinausgelaufen, um zu sehen, wie einer beim Stoßen im Sattel sitzt! – Wie ein Mehlsack! Es ist zu arg, es ist unerträglich, es ist himmelschreiend! Cyprianus (hat sein Buch aufgeschlagen und beschreibt Zeichen mit dem Stabe, mit erhobener Stimme) . Exorciso te! Exorciso te! Apage Satana! Andrea (ohne auf den Cyprianus zu achten) . Aber laßt mir die Herren nur kommen! In die Zähne will ich's ihnen sagen, was ich von ihnen denke. Den Text will ich ihnen lesen, den nichtswürdigen Kritikastern! Cyprianus (näher auf Andrea zutretend) . Exorciso te! Apage Satana! Andrea . Bleibt mir vom Leibe mit Eurem Gefuchtel und mit Eurem Latein! Mein Drach ist ein schöner Drach, ein ganzer Drach, ein echter Drach und mehr wert als zwanzig Fratres, die auf ihn zu lästern wagen. Cyprianus . Exorciso te! Esruch, Sesruch, Balguch, Sanct Cassius, Elsazon! Andrea (ihm auf das Buch schlagend, mit steigender Heftigkeit) . Ihr sollt nicht Latein sprechen oder Ebräisch oder Ägyptisch! Ihr sollt bekennen, daß mein Drach ein guter Drach ist, oder es soll kein Knöchelchen an Euch ganz bleiben. Cyprianus (sich retirierend, aber nur lauter beschwörend) . Mentue, Semson, Sasion, Sangariel, Abiodenon, Faxan! Andrea (wütend) . Wartet, ich will Euch befaxen. (Er will auf ihn zuspringen; die andern halten ihn.) Pandolfo . Halt, halt, Matteo, bist du rasend? Cyprianus . Apage! Tetragrammaton, max, nax, pax Sesserod. Andrea (dazwischen schreiend) . Ha, so soll doch – (Er reißt sich los, um auf Cyprianus zu stürzen, verwickelt sich aber im Teppich und fällt, indem er Tisch und Stuhl unter großem Gepolter mit umreißt.) Cyprianus (schlägt sein Buch zu) . So! Jetzunder scheint der unsaubere Geist aus ihm gefahren. Er hat noch im Zorne den Tisch umgeworfen. Buffalmaco . Jawohl, mir deucht, ich sah den Schatten seines Schwanzes über den Spiegel gleiten. Andrea (am Boden) . Helft mir nur auf die Beine! Helft mir nur auf die Beine! Pandolfo . Aber liebster Matteo! Welch ein schrecklicher Rückfall! Buffalmaco (Andrea mit Pandolfos Hilfe aufrichtend und in einen Armsessel führend) . So! Ruht Euch aus. Der Anfall hätte durch den Fall leichtlich ein Unfall werden können. Ihr müßt Euern treuen Bruder nicht so betrüben. Andrea (kleinmütig) . Nein! Gewiß nicht wieder! Ach, ich bin so erschöpft, so erschöpft. – Wie war mir doch! Ich weiß nicht, wie es zuging, aber ich meinte ganz gewiß, ich wäre Andrea und hätte den heiligen Georg geschnitzt. Cyprianus . Freilich, mein Sohn, Beelzebub hatte dein Gemüte verblendet; aber ich habe ihn von dir getrieben; er ist ausgefahren wie der Stöpsel von einer Flasche gärenden Weines, und du wirst hinfort Ruhe haben. – (Rüstet sich zum Aufbruch.) Guten Morgen, ihr Herrn. Ich verlasse euch; mein Geschäft ist glücklich beendet, und die Uhr geht auf elf. Pandolfo . Auf elf! (Für sich.) Ariadne ruft. – (Wieder laut.) So geben wir Euch das Geleite. Lieber Matteo, ich habe einen notwendigen Gang in die Stadt, und Buffalmaco will mich begleiten. Du mußt heute schon mit den Mädchen allein frühstücken. Andrea (der sich allmählich wieder erholt hat) . Wohl, und ich werde für dich mitessen. Ich glaube beinahe, der Dämon hat mir im Magen gesessen. Denn drinnen spür' ich plötzlich eine Leere – der Walfisch des Jonas kann sie nicht ärger empfunden haben, als er den Propheten ausgespien hatte. Buffalmaco . Gesegnete Mahlzeit denn! Cyprianus . Und gute Besserung. (Pandolfo, Buffalmaco und Cyprianus gehen ab durch die Mitteltüre; der letzte läßt seinen Folianten auf dem Tische liegen.) Achter Auftritt. Andrea (allein) . Seltsam! Seltsam! Wie kam mir denn nur wieder der kuriose Einfall? Ja, richtig, bei dem Schnitzwerk. – Und der heilige Georg – hab' ich ihn denn nicht wirklich? – Apage Satana! Trägst du schon wieder Gelüste nach meiner armen Seele? Ich muß mich nur auf andere Gedanken bringen. (Er ergreift einen großen altmodischen Fliegenwedel, klatscht Fliegen und summt): Es war eine Dirne hold zu schaun – Hatt' ein Aug' blau, das andre braun, Die sprach zum Junker Sausewind: Mein Schatz – Ah, da hör' ich Teller klappern! Das ist noch Musik. Bringt einen doch nichts so rasch in die liebe Wirklichkeit zurück als ein tüchtiges Frühstück. Neunter Auftritt. Andrea . Malgherita und Sylvia mit dem Frühstück. Malgherita . Guten Morgen, Herr Vormund! Andrea . Guten Tag, ihr hübschen Kinder, guten Tag. Ihr bringt in dem Schinken da einen so dringenden Empfehlungsbrief an meinen Appetit, daß ich euch willkommen heißen würde, selbst wenn ihr bucklicht wäret und schieltet. Malgherita (während sie sich zum Frühstücke setzen) . Seht Euch vor, Herr Matteo, daß Euer Witz nicht bucklicht wird und Eure Gleichnisse nicht schielen. Das ist wenig Ehre für uns, wenn wir bei Euch einer geräucherten Empfehlung bedürfen. Andrea . Immer schlagfertig, kleine Nachtigall? Malgherita . Wozu gäb' es Nachtigallen, wenn sie nicht schlagen sollten? Die Gimpel freilich pfeifen bloß, es fehlt ihnen an gutem Ton. – Aber gelt, ich will Euch nicht böse machen. Kommt, reicht Euern Teller her, hier leg' ich Euch dies vortreffliche Schnittchen vor, nehmt es als Friedensopfer an. Sylvia . Und ich schenk' Euch ein. Guter Wein findet gute Statt wie gutes Wort. Andrea . Fürwahr, Kinder, man kann euch nicht gram sein. (Ißt.) Und der König Sardanapalus hat keinen besseren Schinken gekostet, wenn er seinen Namenstag feierte. – Aber du issest ja nicht, Malgheritchen. Tu mir's doch nach! Ich gehe dir mit gutem Beispiele voran. Malgherita . Dafür seid Ihr auch mein Vor-Mund . Andrea . Silbenstecherei und kein Ende! Nur bringst du deine Einfälle mit so betrübter Miene vor, als ob dir's mit dem Spaße kein rechter Ernst wäre. Fehlt dir denn etwas? Malgherita . Ach, Herr Matteo, wenn ich Euch alles aufzählen sollte, was mir fehlt, ich würde vor Sonnenuntergang nicht fertig. Das Register meiner Klagen ist so lang wie die Arnobrücke und klingt jämmerlich wie eine zersprungene Vesperglocke. Andrea (allmählich auftauend) . Nun, nun – jeder hat am Ende sein Bündelchen zu tragen, es geht keinem ganz nach Wunsch. Sieh mich an. Ich habe eigentlich mein Lebtage die Musik nicht leiden können und bin nun doch Kapellmeister geworden, und berühmter Komponiste dazu. Und was andere Kleinigkeiten betrifft, da muß man sich etwas versagen lernen. Ich hätte zum Exempel für mein Leben gerne meinen Bruder oder sonst einen guten Kumpan hier, daß er mir beim Weine Bescheid täte. Indessen, es geht nicht an, und du siehst, ich maule nicht und laß es mir nichtsdestoweniger schmecken. – Aber sag' einmal, Malgherita, was hast du denn vor? Statt in die Schüssel zu sehen, schickst du deine Blicke zum Fenster hinaus und führst sie draußen auf dem Platze spazieren. Malgherita . Ich sehe nur nach der Uhr am Glockenturme gegenüber. Andrea (ist aufgestanden) . Oder nach dem jungen Manne, der unten am Turme steht und eben heraufgrüßt. Sylvia (für sich) . O weh! Malgherita . Er wird Euch gegrüßt haben. Andrea . Auch möglich. Ich habe sein Gesicht schon irgendwo gesehen und kann dir versichern, daß es ein gutes Gesicht ist. Wenn ich mich nur besinnen könnte! (Blickt wieder hinaus.) Er bleibt noch immer stehen und blickt herauf. Vielleicht erwartet er jemanden. (Mitleidig.) Aber da unten im grellen Sonnenschein! Dauert mich, dauert mich in der Tat, der hübsche junge Mann. Wenn ich nur wüßte, wie er hieße, so könnte ich ihn heraufrufen! Hier im Schatten, bei einem Glase Wein, ist's doch immer besser, als draußen auf der brennenden Gasse. Malgherita (ist von hinten an Andrea herangetreten, ihm die Hand auf die Schulter legend) . Lieber Vormund, ich glaube, er heißt Herr Leonetto. Andrea (unbefangen) . Ei, das ist mir lieb zu hören. Ja, und ich erinnere mich ganz deutlich, er hat mir irgendeinen Dienst erwiesen, nur die Umstände (mit einem Blick auf den Ärmel) sind aus meinem Gedächtnisse verwischt. (Ruft aus dem Fenster.) Herr Leonetto! Lieber Herr Leonetto! Wollt Ihr nicht heraufkommen? (Pause.) Nein, gewiß nicht, gewiß nicht! Ich mache keinen Spaß; es wird mir eine Ehre sein, wenn Ihr mit mir frühstücken wollt. Nur hier unten herein und geradeaus die Treppe herauf. Sylvia (leise zu Malgherita) . Ach, Fräulein, ich zittere an allen Gliedern. Ich mache mich fort. Malgherita . Den Kopf nicht verloren! Furchtlos und treu ist der Wahlspruch der Liebe. (Sylvia geht ab durch die hintere Seitentüre links.) Zehnter Auftritt. Die Vorigen ohne Sylvia . Leonetto . Andrea . Seid mir willkommen, lieber junger Herr. Nehmt Platz! Hier ist's kühler wie draußen vor den Häusern. Ich darf Euch doch einen Becher Wein anbieten? Leonetto . Ich weiß nicht, wie ich Eure Güte und Freundlichkeit verdient habe, aber ich nehme sie fröhlich an als ein schönes Geschenk des Himmels. Andrea . Macht keine Umstände. Es war ein gut Stück Selbstsucht dabei. Ich dachte eben: Zu zweien trinkt sich's doch besser. Da sah ich Euch dort unten in der Hitze stehen und rief Euch herauf. Leonetto . So will ich der Mutter Natur ewig dankbar sein, daß sie den Geist der Geselligkeit in den Saft des Rebstockes bannte, da er mir wie mit goldenem Schlüssel Euer Haus öffnet. Andrea . Sehr gut gesagt, junger Freund. Und rasch, Malgherita, schenke dem Herrn ein. Ei, du glühst ja über und über wie eine Rose. Wer wird so befangen sein! – Das ist meine Mündel, lieber Herr. Ihr müßt es dem hübschen Kinde nicht verargen, wenn sie sich ein wenig ziert. Leonetto . Ihr lebt hier wahrlich wie im Olymp; Hebe selbst kredenzt den Nektar. Dreimal glücklich, wer an Eurem Tische sitzen darf. Erlaubt mir, daß ich diesen Becher auf Euer Wohlsein leere, und mögt Ihr mir immerdar so freundlich gesinnt bleiben. Andrea . Warum sollt' ich nicht! Ihr gefallt mir. Ihr habt ein freies Auge und eine hohe Stirne, wie sie unser Herrgott seinen Schoßkindern zu geben pflegt. Ich könnte Euch für einen Künstler halten. Leonetto . Ihr habt's erraten. Ich bin Baumeister. Andrea . Baumeister, ei – ein herrlich Geschäft – so den ungeschlachten Stoff durch Maß und Verhältnis Sitte lehren, und die Wohnstatt richten für Gerechte und Ungerechte. Ich meinesteils, ich bin – ja – ich bin mit Eurer Erlaubnis ein Musiker . Aber reden wir von Euch. Was baut Ihr denn? Leonetto . Nun, was eben vorkommt. Häuser und Brücken, Türme und Kapellen. Ich habe vollauf zu tun und fühle mich reich und glücklich dabei. Aber noch glücklicher würd' ich freilich sein, wenn ich mir erst den eigenen Herd bauen dürfte. Andrea . Wer hindert Euch daran? Tut doch, wozu das Herz Euch treibt. Leonetto . Ihr vergeßt, daß zum Herde auch die Hand gehört, welche das heilige Feuer schürt, und daß diese Hand oft schwer zu gewinnen ist. Aber Euer edles Wohlwollen könnte mir Mut machen, Euch die geheimsten Wünsche meines Herzens anzuvertrauen – Malgherita (rasch, leise) . Sachte, sachte, um Gottes willen – Andrea (gutmütig) . Ei, ei, vertraut mir immerhin, was Ihr wollt. Es soll gut aufgehoben sein. Und wenn ich Euch helfen kann – (Es klopft stark.) Heda, wer klopft denn so? Herein! Herein! (Die Mitteltür öffnet sich weit, Pasquale erscheint in derselben.) Ein vornehmer Herr! Elfter Auftritt. Die Vorigen . Pasquale tritt verbindlich grüßend ein, ihm folgt ein Page , welcher einen Korb mit Wein trägt. Pasquale . Der werten Gesellschaft freundlichsten Gruß! Habe ich die Ehre, dem großen Musiker und weltberühmten Komponisten Signor Matteo gegenüberzustehen? Andrea (sieht auf seinen Strich) . Zu viel Ehre, aber mein Name ist Matteo. Pasquale . So habe ich im Auftrage Seiner Eminenz des Kardinals von Comalunga, des großmütigen Beschützers aller Künste – Andrea . Verzeiht einen Augenblick – (Zu Leonetto, der nach seinem Barette gegriffen hat.) Lieber Herr Leonetto, ich bitte Euch, brecht nicht auf. Meine Geschäfte sind für niemanden ein Geheimnis. (Er ergreift Leonetto bei der Hand und führt ihn zu Pasquale in den Vordergrund, so daß er gewissermaßen genötigt wird, als dritter an der Unterhaltung teilzunehmen, und von Malgheriten getrennt bleibt, welche sich indessen an dem Schranke im Hintergrunde zu schaffen macht. Sobald die Personen gruppiert sind, wendet sich Andrea wieder zu Pasquale.) Bitte nochmals um Entschuldigung. Also Seine Eminenz, der Kardinal – Pasquale . Von Comalunga sendet mich zu Euch, vorerst um Euch zu bitten, den beifolgenden Korb mit Syrakuser als eine kleine Ermunterung zu Eurer großen Arbeit annehmen zu wollen. (Auf einen Wink Pasquales setzt der Page den Korb nieder und entfernt sich.) Andrea . Sehr verbunden, lieber Herr, sehr verbunden – Syrakuser – ei ja, ich hab' ihn immer für ein ausnehmend vortreffliches Getränke gehalten. Auch Montefiascone schmeckt gut, und Lacrimä vom Vesuv, aber ich ziehe den Syrakuser dennoch vor. – Nicht wahr, Herr Leonetto, Seine Eminenz verstehen sich auf die Natur der Künstler? Andere Leute sind hungrig, aber ein Künstlergemüt ist ewig durstig. Es ist falsch, wenn man sagt: Kunst geht nach Brot . Handwerk geht nach Brot, aber Kunst geht nach Wein . Pasquale . Ferner trugen Seine Eminenz mir auf, bei Euch anzufragen, wie es mit der Messe stände? Andrea (mißverstehend, ganz unbefangen) . Ei nun – wie soll es damit stehn? Ich denke, ganz wie Seine Eminenz es wünschen können. Die Messe wird diesmal wohl besonders reich und glänzend ausfallen, da das Wetter sehr schön zu bleiben verspricht. Pasquale (Andreas Rede nach seinem Sinne deutend) . Also Ihr seid in Euern Schöpfungen auch von den Einwirkungen der Euch umgebenden Natur abhängig? Ein echt künstlerischer Zug, den ich sonst namentlich an Poeten bemerkt habe. Leonetto . Ihr habt recht, Signor. Ich selbst kannte einen, der im Herbste regelmäßig Elegien und Betrachtungen über die Hinfälligkeit alles Irdischen schrieb; im Winter gefroren seine Empfindungen zu steifen Sonetten, aber mit dem ersten Frühlingshauch kam das Tauwetter in seine Gedichte, und war nichts zu sehen als eitel Wasser. Pasquale . Doch um wieder auf Euer Werk für die Kapelle des Kardinals zu kommen, so wünscht derselbe, daß besonders der Chor mit recht kunstreichen Figuren verziert sein möge, wie sie Euch so trefflich gelingen. Andrea (warm) . Nun, das freut mich doch, daß Ihr meine Figuren schön findet. Da war erst einer, der sprach von Mehlsäcken, der dumme Mensch – aber – (Starrt plötzlich wieder auf seinen Ärmel, völlig den Faden verlierend.) Wie ist mir denn? – Verzeiht, Herr – ich habe das Fieber gehabt und bin mitunter etwas geistesabwesend – aber jetzt besinn' ich mich – ganz recht – sagt mir doch, lieber Herr, wovon redet Ihr denn eigentlich? Pasquale (für sich) . Ein wunderlicher Kauz, aber einen Sparren haben sie alle. (Laut.) Ich sprach von dem Musikwerke, von der großen Messe, welche Seine Eminenz bei Euch bestellt haben, und wollte Euch den Wunsch meines Herrn ausdrücken, daß Ihr – Andrea . Ja so – ganz richtig – der Kardinal hat eine Messe bei mir, bei dem Kapellmeister Matteo bestellt. Jetzt begreif' ich es ganz. O, seid versichert, sie ist in den besten Händen, sie wird ebenso vorzüglich werden wie meine andern musikalischen Werke. Sobald ich hergestellt bin, werde ich gleich wieder daran gehen. Malgherita . Lieber Vormund, wollt Ihr dem Herrn nicht Eure Arbeit vorlegen, soweit sie vollendet ist? Sagt man doch: Aus der Klaue den Löwen. Andrea . Recht gerne, mein Kind, recht gerne. Wenn ich nur wüßte, wo sie diesen Augenblick liegt. Malgherita . Im großen Eichenschranke, Herr Matteo. Ich weiß sie zu finden und hole sie her. (Geht ab durch die vordere Türe links.) Andrea . Weiß das Blitzmädel am Ende besser unter meinen Skripturen Bescheid als ich selber! Ein wahres Glück für mich, solch Mündelchen zu haben. Denn offen gestanden, Herr, meine Gemütsart neigt einigermaßen zur Konfusion. Leonetto . Künstlerwirtschaft! Künstlerwirtschaft! Malgherita (kommt zurück mit Noten) . Hier ist die Partitur. Werft einen Blick hinein, werter Herr, und wenn Ihr ein Kenner seid, werdet Ihr in diesem Wald von Noten die Vögel schon singen hören. Pasquale (die Blätter durchsehend) . In der Tat – eine großartige Introduktion. – Und hier dies Solo (mit dem Ausdruck eines Kunstenthusiasten) himmlisch, sage ich Euch – himmlisch! Wie reizend moduliert Ihr hier von einer Tonart in die andere. Und welche Instrumentation! Hier, wo die Hörner kommen, wo die Geigen staccato und pizzicato einsetzen – das wird eine Gesamtwirkung geben! Nehmt den Zoll meiner Bewunderung, verehrter Meister. Wenn Ihr das Werk so zu Ende führt, wie Ihr begonnen, so reicht es hin, Euch die Unsterblichkeit zu sichern. Andrea (zuversichtlich) . O, ich werde es schon zustande bringen, mir ist gar nicht bange. Ganz, wie Ihr sagt: Harmonie und Melodie zusammen in Ton modelliert – und die Nashörner und die Herrn Pack-Cato und Spizzi-Cato will ich auch schon wieder anbringen, und meinetwegen den Portius Cato obendrein. Pasquale . Ihr scherzt, würdiger Mann, aber es freut mich, Euch bei so guter Laune zu finden. Mir ist immer gesagt, eine gründlich heitere Stimmung sei die Mutter der vorzüglichsten Kunstwerke. (Aufbrechend.) Ich kann also dem Kardinal Hoffnung machen, daß er die Arbeit bald vollendet sehen dürfte? Andrea . Gewiß, gewiß. Und vergeßt ja nicht, Seiner Eminenz meinen aufrichtigsten Dank für den vortrefflichen Syrakuser abzustatten. Pasquale . Werde nicht verfehlen. – Und somit Euer gehorsamster Diener. (Andrea komplimentiert ihn hinaus.) Zwölfter Auftritt. Andrea . Malgherita . Leonetto . Andrea (zurückblickend, mit Behagen) . Es hat doch auch seine angenehmen Seiten, ein Komponiste zu sein! Wenn's einem so mir nichts, dir nichts Syrakuser ins Haus regnet, das laß ich mir noch gefallen. (Zieht eine Flasche hervor und hält sie prüfend gegen das Licht.) Wie das blinkt! Eitel Rubin! Müssen's doch gleich versuchen. Rückt heran, junger Freund, und gib frische Gläser, Malgherita! Leonetto . Ich habe vieler Menschen Städte gesehen, Herr Matteo; doch Ihr seid der freundlichste Wirt, der mir jemals begegnet. Andrea . Meint Ihr? Nun, das ist mir lieb. (Trinkt.) Bei den elftausend heiligen Jungfrauen! Exquisit die Sorte da! Feurige Süßigkeit, süßes Feuer. Schenk' noch einmal ein, meine reizende Hebe, wir wollen auf dein Wohl trinken. Stoßt an, Herr Leonetto! Leonetto . O, von ganzem Herzen. (Beim Anstoßen haben sich die jungen Leute erhoben. Während Andrea ganz in sein Glas vertieft langsam und mit sichtbarem Wohlbehagen den Wein schlürft, ergreift Leonetto leise hinter dem Rücken oder vielmehr über dem Haupte des Trinkenden Malgheritas Hand und küßt sie. In demselben Augenblicke sieht Andrea auf.) Andrea . Sagt einmal, Kinder, es will mir fast vorkommen, als wäre eure Bekanntschaft nicht von heute. Ihr habt euch wohl schon öfter gesehen? Leonetto (etwas betroffen) . Ich hatte das Glück, der Signora Malgherita häufig zu begegnen, wenn sie aus der Messe kam – Malgherita (eifrig) . Und da war Herr Leonetto immer so freundlich, mir Platz im Gedränge zu schaffen. Dafür, denk' ich, hat er doch die gerechtesten Ansprüche auf meine Dankbarkeit. – Andrea (gutmütig) . Nun, nun, Dankbarkeit ist eine schöne Tugend und selten genug in der Welt. Dagegen läßt sich nicht viel einwenden. Und glaubt mir nur, Kinder, ich bin auch jung gewesen und weiß, wie es tut, wenn einem das Feuer vom Herzen auf die Lippen steigt. (Mit immer stärker durchbrechendem Gemütston.) O die Jugend. die Jugend! Die schöne goldene Zeit, wo Kopf und Herz und Sinne noch einträchtig miteinander gehn! Mich überfällt es wie ein Heimweh, wenn ich daran denke, wie das nun alles so weit hinter mir liegt. Leonetto . Ihr tut Euch selber unrecht, Herr Matteo. Ein echter Künstler altert nicht. Und ob Euch auch schon ein wenig Reif auf die Schläfe fiel, der Brunnen da drinnen (auf Andreas Herz deutend) gefriert nimmermehr. Andrea . Ich glaube wahrhaftig, du hast recht, mein Junge. Ja, du hast recht. Nur verschüttet war er, der Brunnen, verdammt verschüttet, mit Trümmern und Unkraut, Sorg' und Ärger. – Aber Wein und Freundschaft räumen gut auf. Ich spür' es ordentlich, wie sich's drinnen rührt, wie's durch all das Geniste warm und sprudelnd hindurchbricht. Das Herz geht mir auf, als wollt' es noch einmal Frühling werden. (Warm und tief von innen heraus.) Ach, Kinder, mir ist wohl, von ganzer Seele wohl . (Kleine Pause.) Was seufzest du nur, Malgherita? Malgherita . Ich kann's nicht helfen, aber ich muß immer daran denken, daß alle Freude so kurz ist. Der Augenblick ist schön, doch wer steht uns dafür, daß das nicht alles ein Traum ist! Die nächste Stunde kann uns erwecken, damit wir uns dann zwiefach betrübt fühlen. Andrea . Wie kommst du nur auf solche Gedanken, Kind! Nein, nein! Schlag dir die Grillen aus dem Kopfe! Warum sollt' es nicht so bleiben! Warum sollten wenigstens sich solche Stunden nicht wiederholen lassen! Malgherita . Das Glück hat schnelle Füße, und wenn es einmal davongelaufen ist, so ist es schwer wiederzuholen . Andrea . Darum soll man es festhalten, wenn es da ist. – Hört, Kinder, nicht wahr, wir dreie taugen füreinander? Leonetto . Gewiß. Wem sollte bei Euch nicht froh und heimlich werden? Andrea . Wohl, so laßt uns unser Leben doch so einrichten, daß wir oft, recht oft beieinander sind – Leonetto . Ich weiß nicht, ob ich Eure Worte nach meinen Wünschen auslegen darf. Aber der glücklichste Mensch unter der Sonne wäre ich, wenn ich Malgherita mein Weib, wenn ich Euch – (Es klopft.) Malgherita (betrübt) . Ach, da kommt jemand, und nun wird es mit dem Traume vorbei sein, wie ich sagte. \> Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen . Cyprianus hastig durch den Haupteingang. Cyprianus (mit der Eile eines Vielbeschäftigten) . Verzeiht, verzeiht, wenn ich störe! Ich muß vorhin mein Spruchbuch hier zurückgelassen haben. Andrea . Hier liegt es noch auf dem Tische. Keine profane Hand hat seine Blätter berührt. Cyprianus . Danke Euch! Nun, wie geht's, wie steht's, Herr Matteo? Andrea (herzlich) . Sehr wohl, würdiger Bruder, sehr wohl. Ihr habt mir wahrlich einen großen Dienst erwiesen, da Ihr den bösen Dämon von mir triebet. Ich kann Euch nicht sagen, wie froh und heiter mir seitdem zumute ist; ich möchte die ganze Welt umarmen. Cyprianus (welcher ein ihm von Malgherita gebotenes Glas rasch geleert hat) . Herrliche Anzeichen vollständiger Wiederherstellung! Aber ich muß weiter. Meine Geschäfte drängen. Die Spitzbuben sind vermahnt, die Herren sind inquiriert; jetzt geht es an die vierzehn Trauungen – Andrea . Trauungen? – Da kommt mir ein Gedanke. Sagte nicht erst jemand, das Glück habe schnelle Füße, und darum müsse man es festhalten? Malgherita (dringend) . Ja, und zwar so fest, daß es nicht wieder entwischen könne. Andrea . So verzeiht, frommer Mann, wenn ich Euch doch noch einen Augenblick zu verziehen bitte. Wir bedürfen hier Eures Amtes. Cyprianus . Wohl, wohl. Aber bringt die Sache rasch vor! Andrea . Seht, dies ist Herr Leonetto – Cyprianus . Ei, ei, ich kenne den Herrn Baumeister. Er hat noch im Frühjahr schwere Summen von uns verdient, da er die neue Kuppel über unserer Kirche wölbte. Andrea . Desto besser. Also ganz kurz. Herr Leonetto wirbt um die Hand meiner Mündel Malgherita; ich, ich gebe meine Einwilligung, und Ihr sollt den Segen sprechen, und zwar auf der Stelle. Cyprianus . Mit Vergnügen. – Macht also fünfzehn Trauungen für heute. – Das Nötige für die Zeremonie wird in der Nähe sein? Malgherita . Jawohl, hier nebenan, die Nische meines Zimmers ist wie ein Kapellchen eingerichtet. Leonetto . Ich weiß nicht, wach' ich? träum' ich? Ist's möglich, Malgherita? Malgherita . Es ist kein Traum. Nun schneit es rote Rosen. Cyprianus (drängend) . Aber ich muß bitten, – es warten noch vierzehn andere Paare – (Malgherita, Leonetto und Cyprianus eilen ab durch die hintere Seitentüre links vom Zuschauer, Andrea bleibt einen Augenblick zurück.) Andrea . Seltsam! Es klingt mir da was so lustig im Herzen – das singt und spielt und jubelt – ich glaube wahrhaftig, die Musik kommt mir wieder . (Er folgt den andern.) Vierzehnter Auftritt. Die Szene bleibt einen Augenblick leer. Dann erscheinen Pandolfo und Buffalmaco , durch den Haupteingang auftretend, der erstere mit allen Zeichen heftiger Verstimmung. Buffalmaco . Seid vernünftig, Pandolfo, und laßt den übel angebrachten Zorn! Wer Spaß ausübt, muß auch Spaß ertragen können. Pandolfo . Aber dies ist zu arg. Muß ich da bei der brennenden Mittagshitze im engen Galaanzug den endlosen Weg zum Palast Frescobaldi hinauslaufen, und denke doch wenigstens ein paar holde Worte als Lohn zu gewinnen. Und als ich ankomme, staubig und schweißtriefend, stehen dort drei zerlumpte Musikanten und geigen und singen ein Spottlied. Und an der dritten Säule hängt ein abgerissenes Endchen Strick mit der Umschrift, das sei der Faden der Ariadne. Nein, nein, das ist herzlos, das ist abscheulich! Buffalmaco . Ich sehe das nicht ein. Ihr habt mit uns den ehrlichen Andrea aufgezogen, Eure Schöne hat Euch aufgezogen: das ist ein Lustspiel in zwei Aufzügen, aber kein Grund zum Ärger. Pandolfo . Hol' der Henker Euren Gleichmut! Ich mag und will nicht der Narr in der Komödie sein. Buffalmaco . Warum denn nicht? Etwa weil Ihr ein geschlitztes Wams tragt und eine Krause wie ein Ritter? Lieber Freund, ich kenne manchen, der den Helden oder den ersten Liebhaber fürtrefflich zu tragieren meint, und es doch nicht über den Narren hinausbringt. Die Schelle klingelt uns allen an der Mütze, und offen gesagt – das ganze Spiel, das wir Leben heißen, würde unerträglich langweilig werden, wenn sie einmal aufhörte zu läuten. – Darum tröstet Euch! Pandolfo (abbrechend) . Von etwas anderem! Mein Bruder könnte unsern Schwank mit Andrea stören, wenn er zurückkehrt. Ich gehe darum, ihn schriftlich von dem Stand der Dinge zu unterrichten; wir können ihm dann einen Boten mit dem Briefe entgegenschicken. Buffalmaco . Tut, was Ihr nicht lassen könnt, Pandolfo. Ich erwarte Euch hier. (Pandolfo geht ab, rechts vom Zuschauer.) Fünfzehnter Auftritt. Buffalmaco (allein) . Daß so wenig Leute echten Spaß verstehen! Und wenn sie sich einmal auf einen Schwank einlassen, so müssen sie ihn regelrecht ausbauen, wie der Biber sein Haus. Wenn's nach mir ginge, ich überließe bei solcher Gelegenheit die Entwicklung dem Meister Zufall, der allezeit der beste Humorist auf der Welt ist. Der Scherz will frei in die Luft hineinranken, wenn er bunte Blüten treiben soll; wer ihn ängstlich an Latten und Pfähle bindet, dem verkümmert er unter den Händen. (Am Fenster.) Aber was seh' ich! Matteo selbst, der eben vom Maultier steigt! Ah, das gibt neuen Wirrwarr. Mein Humorist läßt sich sein Recht nicht nehmen. Sechzehnter Auftritt. Buffalmaco . Matteo durch die Mitteltüre. Buffalmaco . Guten Tag, Herr Matteo. Schon zurück von Prato? Und mit freudestrahlendem Angesicht! Ihr kommt von einem Triumphe. Matteo (geschäftig seine Noten auspackend) . Ich darf wohl sagen: Ja! Mein Nebukadnezar hat einen unerhörten Beifallssturm erregt. In der Wut der Begeisterung hätte man mich fast zerrissen wie meinen Ahnherrn, den thrakischen Orpheus. Ich bin so mit Lorbeeren überschüttet worden, daß ich genug hätte, und wenn ich alle Gänse, die in unsern Ringmauern schnattern, sauer einkochen wollte. Buffalmaco . Ein ansehnlich Stück Arbeit, besonders wenn Ihr die unbefiederten mitzählt. Matteo . Und das ist noch nicht alles. Der Herzog von Mantua war dort, der hohe Gönner aller schönen Künste. Er versicherte mich in den huldvollsten Ausdrücken seines Wohlwollens. Und die Rosina, seine Kammersängerin, hatte die erste Sopranpartie übernommen – ein wahrer Engel – singt den Triller, den ich in G geschrieben hatte, im dreifach gestrichenen H! Ha! Wenn ich die immer zur Disposition hätte, ich wollte noch ganz andere Werke schreiben. Buffalmaco . Einstweilen müßt Ihr Euch mit Malgheriten begnügen. Matteo . Freilich. Doch auch die ist immer so viel wert als hundert andere Sängerinnen. Das G ist auch schon etwas. Aber wo steckt sie, wo ist Pandolfo, daß ich ihnen von meinem Siege erzählen kann? (Er wendet sich gegen die hintere Türe links vom Zuschauer, in diesem Augenblicke tritt ihm Andrea aus derselben entgegen.) Siebzehnter Auftritt. Die Vorigen . Andrea . Andrea . Nochmals willkommen, Signor Buffalmaco! (Zu Matteo.) Euer Diener, Herr. Habt Ihr schon jemanden gesprochen? Matteo (mißt ihn mit verwunderten Blicken) . Bis jetzt noch nicht. Ich suche meinen Bruder, dem ich die erfreulichsten Nachrichten mitzuteilen habe. Andrea (zutulich) . Da geht es Euch gerade wie mir, bester Herr. Auch ich suche meinen Bruder. Und Nachrichten hab' ich für ihn, die den Eurigen gewiß nicht nachstehen. Buffalmaco (für sich) . Nun hebt der Spaß an. Matteo (für sich) . Wer ist der Mensch? Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen . Luigi kommt durch den Haupteingang. Luigi (von der Türe aus zu Matteo) . Heil, Heil Euch, würdiger Meister Matteo! Euer Ruhm fliegt auf den Schwingen der Fama durch die Gassen von Florenz. Die Aufführung Eurer neuen Kantate zu Prato war ein vollständiger Sieg. Amphion rührte Steine, aber Ihr habt es vermocht, ein übersättigtes Publikum zu rühren. Andrea (Luigis Rede auf sich beziehend) . Ich dank' Euch, Messer Luigi, ich dank' Euch für Eure freundschaftliche Teilnahme. Also mein Werk ist zu Prato aufgeführt worden und hat Glück gemacht? Nun, das freut mich von Herzen – Matteo . Aber um des Himmels willen, was bedeutet das? Luigi . Ja so, Matteo weiß nicht – Andrea (wie oben) . Was weiß ich nicht? Von der Aufführung hab' ich freilich nichts gewußt. Aber desto angenehmer ist mir die Überraschung. Was kann für den Künstler süßer sein, als wenn es über Nacht Kränze auf seine träumende Scheitel regnet! Matteo (dringend) . Ich bitt' Euch, Buffalmaco, sagt mir, was soll das heißen? Buffalmaco . Faschingstollheit und endlose Konfusion! Wartet nur, es wird noch besser kommen. Andrea (geht stolz auf und nieder) . Wer von euch hätte gedacht, daß es so enden würde! Und ich kann nicht leugnen, ich habe selbst mitunter an mir gezweifelt. Aber nun erkennt mich die Welt, nun fühl' ich mich. Ich spür' es, wie die Blitze des Genius auf mich herniederzucken, wie meine Gedanken Melodie werden. (Singt.) Türülü, Türülü sangen die Hoboen an, rumdidum, rumdidum fallen die Pauken ein. Und dann geht es weiter durch generalpunktische Sonaten und kontrabassistische Evolutionen in einen ungeheuren Zentrifugalsatz hinein. Ja, Meister Matteo wird Euch zeigen, daß er ein Musiker ist! Matteo (mit steigender Ungeduld) . Bin ich denn im Tollhause? Wo steckt Pandolfo? Wer seid Ihr, Herr, mit Euren wahnsinnigen Musikphrasen? Andrea (vornehm mitleidig) . Wahnsinnigen Musikphrasen? – Herr, lernt Achtung vor Dingen, die für Euch zu hoch sind. Denn ich, ich selbst bin ja eben der glückliche Sieger, der frischgekrönte Musiker; ich bin der Kapellmeister Matteo. (Hält ihm den Strich vor die Nase.) Matteo (losbrechend) . Ihr? Ihr Matteo? Ein ausgemachter Narr seid Ihr, so wahr ich selbst Matteo bin. Andrea (wie oben) . Ich kann Euch nur bedauern, armer Mann. (Mit verändertem Tone, als wenn ihm plötzlich ein Licht aufginge.) Oder nein, Freunde! Ihr habt alles abgeredet, Ihr wollt mich prüfen, ob ich mich wieder vom Dämon bestricken lasse. Gesteht es nur und laßt es gut sein. Ich denke, ich habe die Probe bestanden, daß ich völlig wiederhergestellt bin. Matteo (immer drohender) . Ich weiß von keiner Probe, Herr. Aber das weiß ich, daß ich Euch von Eurem angemaßten Platze vertreiben und nötigenfalls die Treppe hinunterwerfen werde. Ich bin Matteo. Andrea . Ich bin Matteo! Freunde, helft mir gegen den Menschen! Buffalmaco (lachend) . Eine kritische Frage: Welcher ist der Rechte? Matteo (im äußersten Zorn) . Hinaus, sage ich, oder – Andrea . Wie hieß es doch nur! (Ergreift den Fliegenwedel als Beschwörungsstab, indem er schreit:) Exorciso te! Exorciso te! Neunzehnter Auftritt. Die Vorigen . Pandolfo mit einem Briefe in der Hand aus der Seitentüre rechts. Matteo und Andrea (von beiden Seiten auf Pandolfo losstürzend, zugleich) . Lieber Bruder! Pandolfo (zu Matteo) . Du bist schon von Prato zurück? Das gibt eine schöne Verwirrung! Matteo . Das merk' ich. (Ihn nach rechts hinüberziehend.) Aber vor allem sprich, wer ist der Mensch dort? Andrea (ihn nach der entgegengesetzten Seite ziehend) . Ja, sprich, wer ist der unverschämte Mensch dort? Buffalmaco (tritt in die Mitte, mit parodierender Rhetorik) . Meine hochzuverehrenden Herren Matteo! Es steht allerdings nicht zu leugnen, daß seit einiger Zeit im Reiche der Musen eine fabelhafte Konfusion herrscht. Die Musik hat den Wohllaut aus ihren Diensten gejagt und treibt Philosophie, die Malerei schreibt Welthistorie, und die Poesie hat sich auf den Gewerbfleiß verlegt. Aber daß die Skulptur allen Ernstes musizieren wollte, das ist wenigstens bis heute unerhört gewesen; und ich armer Land- und Farbenstreicher kann es unmöglich geschehen lassen, daß dem Drachen der Verwirrung hier unter meinen Augen dies neue Haupt wächst. (Er nimmt Pandolfo den Brief aus der Hand.) Meine hochzuverehrenden Herren Matteo! Ich ersuche euch deshalb, euch friedlich nebeneinander zu stellen und diesen Brief zu lesen, den Herr Pandolfo soeben nach Prato absenden wollte. So wird nicht nur der gordische Knoten eurer künstlerischen Ansprüche in Wohlgefallen sich schlichten, sondern es wird euch auch alsbald klar einleuchten, was ihr von euch selbst, was ihr gegenseitig voneinander zu halten habet. (Matteo und Andrea treten zusammen und lesen.) Luigi . Nun bin ich doch begierig, bei Pluto. – Aber sie bleiben ganz stille. Pandolfo . Die Stille vor dem Gewitter. Es wird bald genug losbrechen. (Bis dahin haben Andrea und Matteo, in den Brief vertieft, das Lesen nur mit leisem Mienenspiel begleitet; jetzt fahren sie plötzlich in demselben Moment auf und schauen mit gleichzeitiger Wendung des Kopfes einander ingrimmig ins Gesicht; dann blicken sie, gleichsam um sich völlig zu überzeugen, noch einmal in das Schreiben, und während Matteo triumphierend gestikuliert, bricht Andrea los.) Andrea . Aber das ist schändlich! Das ist unerhört! Ein wahrer Abgrund von Abscheulichkeit! Also bin ich doch Andrea? Ja, ich hab' es immer gesagt, es war mir auch ganz klar. Aber ihr habt mich verwirrt und geäfft und an der Nase herumgeführt und Spott und Hohn mit mir getrieben. Zum Esel habt ihr mich gemacht, um euern schlechten Spaß mir aufzupacken. – Fort, du verdammter Matteo, fort von meinem harmlosen Ärmel! Buffalmaco . Lieber Herr Andrea, vergeßt nicht, daß Ihr uns zuerst geäfft habt. Gäste laden und sie dann vor verschlossenen Türen stehen lassen, ist auch nicht fein, und man muß es solchen Gästen schon nachsehen, wenn sie einen Schwank ersinnen, um sich an dem unhöflichen Wirte zu rächen. Andrea (grimmig abweisend) . Geht, geht! Ihr seid alle Taugenichtse! Und wenn man euch in einem Mörser zerstieße, die Schelmerei wär' euch nicht auszutreiben. Aber ich habe hinfort nichts mehr mit euch zu schaffen. Aus dem Hause will ich, aus der Stadt, aus dem Lande. (Er ist aufgestanden wie zum Aufbruch und hat instinktmäßig den Korb mit Wein über den Arm gehängt, dann wie durch eine plötzliche Erinnerung weicher.) Nur um das liebe Kind, um Malgherita tut mir's leid, daß ich von ihr muß – Matteo . Richtig! Die hatt' ich über dem Lärmen vergessen. Sprich, Pandolfo, wo ist sie? Wohin hast du sie getan? Pandolfo . Sie wird auf ihrem Zimmer sein oder im Garten. Matteo (ruft) . He, Malgherita! Malgherita! Zwanzigster Auftritt. Die Vorigen . Malgherita , Leonetto an der Hand führend. Sylvia aus der hinteren Seitentüre links. Malgherita . Eure Dienerin, mein Vormund. Matteo . Was seh' ich! Welche Frechheit! Ein junger Mann bei meiner Mündel! Herr, wie könnt Ihr Euch unterstehen, Euch in das Zimmer des Mädchens da zu schleichen! Oh – ich kenne Euch, Herr. Ich hab' Euch hier schon früher um das Hans streichen sehen wie den Fuchs um den Hühnerstall. Aber wartet! Ich will schon dafür Sorge tragen, daß Euch das Wiederkommen vergeht! Leonetto (ganz ruhig) . Es ist durchaus nicht meine Absicht, wiederzukommen. Matteo (immer heftiger) . Nun, das freut mich, freut mich von Herzen. Aber auch jetzt sollt Ihr keine Minute länger bleiben, Herr. Nehmt Eure Beine in die Hand und macht Euch fort! Leonetto . Ganz wie Ihr befehlt, gestrenger Hausherr. Komm, liebe Frau, laß uns gehen! Malgherita . Gleich, lieber Leonetto. – Ich empfehle mich euch, ihr Herren, ich gehe mit meinem Manne. (Alle rasch ineinander:) Matteo . Was! Pandolfo . Wie! Luigi . Beim Styx! Das ist seltsam! Buffalmaco (reibt sich die Hände) . Bravo! Mein Freund, der Zufall, macht sein Meisterstück. Andrea (im Gefühle der Genugtuung) . So! Das ist hübsch. Nun ist das Lachen an mir . Matteo . Ich bin der Torheiten satt! Sagt, was soll das heißen? Malgherita (mit schalkhaftem Knicks) . Daß Leonetto und ich seit einer Viertelstunde verheiratet sind. Sylvia . Und ich und der dicke Meister waren die Trauzeugen. Und Frau Leonetto hat mich gleich wieder in ihre Dienste genommen. Pandolfo . Unmöglich. Leonetto . Aber dennoch wahr. Hier ist der Trauschein. Pandolfo (sieht hinein) . Unterzeichnet: Cyprianus! Der Schein ist richtig. (Zu Malgheriten.) Aber wie konntest du – Matteo . Ja, wie durftest du dich trauen lassen ohne meine Einwilligung, Verräterin! Malgherita . Herr Pandolfo hatte mir noch diesen Morgen anbefohlen, den lieben Herrn dort in allen Stücken als meinen Vormund zu betrachten. Nun gab dieser seine Erlaubnis; in seiner Gegenwart wurde die Trauung vollzogen. Matteo (aufbrausend) . Himmel und Hölle! Das kommt von euern dummen Späßen. Aber du, Pandolfo, sprich, rede, unbrüderlicher Bruder, wie konnte das in deinem Hause, vor deinen Augen geschehen? Pandolfo (verlegen) . Ich – ja – lieber Bruder – ein wichtiges Geschäft zwang mich diesen Morgen, eine Stunde auszugehen, und währenddessen ist das Schändliche ausgeführt worden. Ich versichere dir, ein hochwichtiges Geschäft – Malgherita (neckisch, den verstellten Ton annehmend, mit dem sie ihn im ersten Aufzuge getäuscht) . Jawohl, guter Theseus, das kann ich Euch bezeugen. Habt Ihr den Faden der Ariadne gefunden? Es ist ein Endchen von dem Seil an der Wendeltreppe, die zu Eurer eignen Wohnung führt. Pandolfo . Also – du stecktest hinter der Maske? Malgherita . Niemand anders. Und ich versprach Euch gestern ein Wiedersehen. Nun halt' ich Wort. Pandolfo (die Hand vors Gesicht schlagend) . Oh! Matteo (außer sich) . Unsinn über Unsinn! Aber glaubt nicht, daß ich ruhig zuschauen werde, wenn man mich betrügt! Noch gibt es Gerechtigkeit in Florenz. Ich werde Einspruch tun gegen alles, was geschehen ist. Kardinäle und Papst werde ich in Bewegung setzen, um dieses hinterlistig angestiftete Ehebündnis zu zerreißen, das mich unglücklich macht, das mich ruiniert! Denn wer soll mir nun G singen! Wer soll mir G singen! (Er geht, die Hände ringend, heftig auf und ab.) Einundzwanzigster Auftritt. Die Vorigen . Calandrino mit einem großen Briefe rasch durch den Haupteingang. Calandrino . Seid mir gegrüßt, ihr Herren! Ich glaube, ich bringe fröhliche Botschaft. Soeben gibt ein Kurier von Prato diesen Brief ab – Buffalmaco (nimmt das Schreiben und liest die Aufschrift) . An den Hofkapellmeister Matteo . Andrea (rasch) . Gebt her! – (Besinnt sich.) Ach, ja so – nun ist der wieder Matteo. Matteo (hart) . Das wollt' ich mir ausgebeten haben. (Er hat Buffalmaco den Brief entrissen und erbricht ihn.) Vom Herzog von Mantua! – Nebukadnezar – allgemeines Furore – in Erwägung Eurer ausgezeichneten Verdienste – erledigte Hofkapellmeisterstelle – Rosina – (Der Ausdruck seiner Züge hat sich während des Lesens völlig erheitert; jetzt wendet er sich strahlend zu den Umstehenden.) Freunde, freut euch mit mir! Und ihr , Kinder, heiratet euch in Gottes Namen, soviel ihr wollt. Ich gehe nach Mantua, ich bin zum Hofkapellmeister ernannt, ich habe die Rosina zu meiner Verfügung, und die singt bis H! Leonetto . Nehmt unsern Dank, Herr Matteo! Buffalmaco . Glückauf denn, junges Paar! Und Eure Hand, Meister Andrea. Ihr könnt nicht grollen, wo alles so gut endigt. Andrea (reicht ihm die Hand) . Spitzbuben seid ihr – Leonetto . Und Ihr sollt bei uns bleiben, lieber Meister. Ihr sagtet ja, wir dreie taugen füreinander. Ich habe neulich ein stattliches Haus am Arno gebaut. Das beziehen wir zusammen. Im großen Gartensaale richt' ich Euch die Werkstatt ein. Andrea (bewegt) . Ich nehm' es an, Kinder, ich nehm' es an. Und ich will euch im Vertrauen etwas sagen. Ich glaube wahrhaftig, der Pater hat einen unsaubern Geist von mir getrieben. War ich doch bis diesen Morgen ein schwerblütiger, sauertöpfischer Gesell, ein ganzer Grillenfänger, der keine rechte Freude mehr hatte, und dem niemand etwas zu Danke machte. Aber nun bin ich wie ausgetauscht. Mein altes Herz ist wieder frisch geworden, und ich könnte lachen und weinen aus Herzensgrund. Ja, ich ziehe mit an den Arno. – Gott segne euch, Kinder. Buffalmaco . Und nun Wein her und Blumen und den vergessenen Schweinskopf von gestern! Er soll heut abend auf der Hochzeitstafel prangen. (Der Vorhang fällt.)