Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach Erzählungen und andere Werke Inhalt Nach dem Tode Ihr Traum Wieder die Alte Der Muff Unverbesserlich Jakob Szela Der Kreisphysikus Komtesse Muschi Komtesse Paula Die Poesie des Unbewussten Ob spät, ob früh Der Herr Hofrat Die erste Beichte Ohne Liebe Die Spitzin In letzter Stunde Die Sünderin Erste Trennung Die eine Sekunde Ein Lied Vielleicht Ein Original Der Nebenbuhler Die Totenwacht Das tägliche Leben Bettelbriefe Parabolisches Autobiographische Schriften Meine Kinderjahre Meine Erinnerungen an Grillparzer Nach dem Tode »Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie behaupten, das Schönste, das es auf Erden gibt, dann würde es Ihnen in meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich niemals kennengelernt habe.« Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte er. »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich darauf gefaßt: dieser Tage – morgen vielleicht – kommt er, wirbt um Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.« »Möglich, möglich.« »Und – Sie?« »Und ich fahre nach Wildungen.« »Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief der Fürst triumphierend aus. »Sie werden zum erstenmal die Langeweile, am Ende sogar die Sehnsucht kennenlernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und« – er richtete sich auf – »die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft, angeboten habe. Seien Sie aufrichtig –« setzte er hinzu: »Könnten Sie wohl etwas Vernünftigeres tun?« »Vernünftigeres«, wiederholte die Gräfin langsam »– schwerlich.« »Nun denn!« »Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe, und jetzt sprechen Sie von Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.« »Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen – Sie und ich!« Marianne hob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken; einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.« »Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter. »Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgendeinen undankbaren Phaon, irgendeinen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zumute wäre, wenn Sie mich fänden in Verzweiflung wie Sappho oder – wie Dido, im Begriffe, den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich das vor!« »Das kann ich mir nicht vorstellen«, sprach der Fürst. »Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal lieben. Im Gegenteil, die wahre, die furchtbare Liebe gehört zu den größten Seltenheiten, und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleinen Leute fähig sind zu fühlen, sind wir kleinen Leute, wenn wir nur wollen und beizeiten zum Rechten sehen, auch fähig fertigzuwerden.« Der Fürst streckte mit würdevoll ablehnender Gebärde die Hand aus, als wolle er diese Sophismen von sich weisen, und antwortete: »Wir werden fertig mit ihr, oder sie wird fertig mit uns.« Abermals glitt ihr Blick über sein rundes Gesicht, über seine breiten Schultern, die so rüstig die Last eines halben Säkulums trugen: »Das hat gute Wege, noch bin ich unbesorgt«, sagte sie. Der Fürst beendete den Wortstreit mit der Erklärung: zu überreden verstehe er nicht. Und in der Tat, dazu fehlte ihm das Talent und – die Gewissenlosigkeit. Ach, es ließ sich nicht leugnen, daß er trotz seiner verzehrenden Leidenschaft, besonders seit einiger Zeit, erstaunlich gedieh; ja, er mußte sich's gestehen, sogar in den Tagen, wo diese Leidenschaft am heftigsten gelodert, hatte sie nicht vermocht, ihm die Freude zu verderben an seinen Jagdpferden, an der zunehmenden Anzahl Hochwildes in seinen Tiergärten, an seinem ganzen fürstlichen Junggesellenhausstand auf dem Lande wie in der Stadt. Klemens war nicht im Reichtum, sondern als ein aussichtsloser Sprosse der gänzlich unbegüterten jüngeren Linie Eberstein geboren worden. Von Kindheit an für die militärische Laufbahn bestimmt, brachte er's bis zum Rittmeister, nach siebenundzwanzig meist in elenden Garnisonen verlebten Jahren. Im Verlaufe derselben lernte er alles Mißliche des durch »unfreie Assoziationen« gebildeten Standes aus dem Grunde kennen, setzte dem jedoch den ruhigen Gleichmut eines aufrechten Mannes entgegen und verstand es, die etwas schiefe Stellung des zugleich vornehmsten und ärmsten Offiziers im Regimente mit würdevollem Takte zu behaupten. Der brave Schwadronskommandant stand bereits in reifem Alter, als eine Reihe von unerwarteten Todesfällen, die Verzichtleistung eines näheren Agnaten, die Mißheirat eines anderen ihn zum Eigentümer des zweiten Majorats seines Hauses machten. Sofort verließ der Fürst den Militärdienst und widmete sich mit fast jugendlichem Eifer dem Dienste der großen Welt. Die Begeisterung, mit welcher er dort aufgenommen wurde, berauschte ihn anfangs, doch begann er nur allzubald an dem Werte seiner Erfolge zu zweifeln. Die Frage, die einen geborenen Majoratsherrn, der sich ohne sein Erbgut so wenig denken kann wie seine Seele ohne seinen Leib, nie beunruhigt, die Frage: Was gelte ich? bedrängte ihn und brachte ihn endlich um alle Zuversicht, um all sein unbefangenes Selbstvertrauen. Da zum ersten Male trat ihm in schwüler Ballatmosphäre, umrauscht von den Klängen der Musik, umweht von Blumendüften, umstrahlt von Kerzenschimmer, die glänzende Gräfin Marianne von Neumark entgegen, und er schloß sich sofort der dichtgedrängten Reihe ihrer Bewerber an. Wohl hieß es, Marianne habe kein Herz, ihre Liebenswürdigkeit sei wertlos, denn sie bestehe nur in Worten und werde gleichmäßig an alle, die ihr nahten, verschwendet; aber dennoch vermochte keiner, der einmal von ihrem Zauber berührt worden, sich ganz aus demselben zu lösen. Der Fürst war kaum in den Bereich von Mariannes Anziehungskraft gelangt, als er sich mächtig ergriffen fühlte. Mit geradezu blendender Klarheit leuchtete es ihm ein, er habe das Weib gefunden, das für ihn geschaffen sei, und vierzehn Tage nach ihrer ersten Begegnung stellte er sehr beklommen, sehr bewegt – wenn auch nicht ohne Siegesgewißheit – seinen Heiratsantrag. Er wurde ausgeschlagen, und Eberstein kränkte sich, zürnte, verlangte die Gründe der erlittenen Abweisung zu kennen. Mit sanfter Ruhe setzte Marianne ihm dieselben auseinander, und es waren lauter triftige Gründe: Sie hatte sich an Unabhängigkeit gewöhnt, sie taugte nicht mehr für die Ehe, längst stand bei ihr fest, daß ihr Töchterchen keinen Stiefvater erhalten durfte ... Und so weiter! Klemens reiste nach England, kehrte von dort erst zur Winterszeit zurück und stürzte sich nach seiner Heimkehr mit erneuerter Unerschrockenheit in die große Welt. Man sah es ihm an den Augen an, es verriet sich in jedem seiner Worte, daß er entschlossen war, aus diesem Fasching als Bräutigam hervorzugehen. Aber – wieder erwachten seine Zweifel, wieder stellte die Ernüchterung sich ein. Die Wahl war zu groß, um nicht zu schwer zu sein, ein erster Schritt zu bindend, um nicht reiflichste Überlegung zu fordern. Die Unternehmungslust des Fürsten sank von neuem, als er von neuem innewurde, daß es sich nicht darum handle, zu erobern, sondern erobert zu werden. Marianne traf er oft in Gesellschaft und ging dann mit stummem und feierlichem Gruße an ihr vorüber. Sie gefiel ihm womöglich noch mehr als im verflossenen Jahre. Was waren alle, deren Besitz ihm so leicht erreichbar gewesen wäre, im Vergleiche zu der einen Unerreichbaren? Konnte man einem hübschen Gesichte Aufmerksamkeit schenken, nachdem man diesen klassischen Kopf gesehen, in Haltung und Form, ja in jedem Zuge dem der Venus von Milo so ähnlich? Konnte man dem Geschwätz eines Backfisches das geringste Interesse abgewinnen, nachdem man die Gräfin einmal sprechen gehört? Auf einem Balle, dem Klemens und Marianne als Zuschauer beiwohnten, fügte es der Zufall, daß sie im selben Augenblick aus dem Tanzsaale in den luftigeren Raum eines anstoßenden Salons traten. Klemens verneigte sich wie gewöhnlich schweigend, sie dankte freundlich lächelnd, und doch schien ihm, als sei über ihr Gesicht ein Ausdruck leiser Trauer gebreitet, der ihn ergriff und ihm, halb gegen seinen Willen, die Frage erpreßte: »Wie geht es Ihnen, Frau Gräfin?« Sie antwortete unbefangen, und ein Weilchen später saßen sie nebeneinander auf dem Kanapee, in eifriges Gespräch versunken. Klemens wußte nicht mehr, daß sie ihm schweres Unrecht getan, und als er sich dessen entsann, da hatte sie sich soeben erhoben, reichte ihm die Hand und sagte: »Warum besuchen Sie mich nicht mehr? Ich bin zwischen zwei und drei Uhr nachmittags immer zu Hause.« Von nun an wäre jeder fehlgegangen, der den Fürsten zu jener Stunde anderswo gesucht hätte als im kleinen braunen Salon Mariannens. Er erschien mit einem Lächeln und entfernte sich mit einem Seufzer auf den Lippen, täglich, den ganzen Winter hindurch. So ging es fort durch zwei, durch – zehn Jahre. Im Frühling reiste er nach seinen Gütern, sie nach den ihren; man sah einander erst im Herbste wieder, denn auf dem Lande liebte es Gräfin Neumark, einsam zu leben, und nahm keine anderen als die unentrinnbaren Besuche ihrer Nachbarn an. Von Zeit zu Zeit erneuerte Klemens seine Werbung und machte die Beobachtung, daß jeder ablehnende Bescheid, den er erhielt, ihn weniger schmerzte. Woran sich doch der Mensch gewöhnt! Es kam so weit, daß Marianne, ohne grausam zu sein, fragen durfte: »Wie ist mir denn? Nun sind anderthalb Jahre vergangen, in denen Sie nicht an meine Versorgung dachten. Ich scheine Ihnen reif geworden zur Selbständigkeit ... Oh, wie muß ich aussehen!« Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit an ihr vorübergegangen und hatte ihr kaum einen Vorzug der Jugend geraubt. Ihr ganzes Wesen atmete die Frische, die nur denjenigen Frauen bewahrt bleibt, die niemals große Leidenschaften empfunden, niemals schwere Seelenkämpfe durchgemacht haben und die, einem mehr oder minder unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da nachzudenken aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu tun. Sie ist gut, meinte der Fürst, und doch nicht zu gut, gescheit und doch nicht zu gescheit. – Mit ihr zu verkehren ist eine Wonne. Klemens fühlte das heute wie vor zehn Jahren. Und wenn er auch das Ziel seiner Wünsche nicht erreichte – die besten Stunden seines Lebens hat er hier in diesem kleinen traulichen Gemache, an diesem Kamine zugebracht, an dem er jetzt ihr gegenübersaß und einen Vortrag hielt über seinen Mangel an Beredsamkeit. Marianne, die Hände übereinandergelegt, hörte ihm scheinbar zu. Sie mußte jedoch einen anderen Gedankengang verfolgt haben, denn plötzlich unterbrach sie seine Rede: »Und Sonnberg?« fragte sie. »Haben Sie ihn heute schon gesehen? Kommt er abends auf den Ball?« »Wie sollte er nicht?« antwortete Klemens; »er ist ja sicher, Sie und Thekla dort zu finden.« »Sie gefällt ihm also, meinen Sie?« »Gefällt? ... Er ist entzückt von ihr, hingerissen, über und über verliebt! Verlassen Sie sich auf mich, ich wiederhole es: bevor diese Woche zu Ende geht, ist Thekla seine Braut.« Marianne war nachdenklich geworden; eine Wolke lag auf ihrer Stirn, als sie nach einer Pause erwiderte: »Ich könnte für sie nichts Besseres wünschen.« »Ja, der ist's«, meinte Klemens, »der ist's! Ein Schwiegersohn recht nach Ihrem Herzen.« »Und ein Mann nach Theklas Kopfe«, fügte die Gräfin hinzu. Marianne war bei der Erziehung ihrer Tochter vornehmlich von der Sorge geleitet gewesen, in dem Kinde keine »Sentimentalitäten« und keine »Exaltationen« aufkommen zu lassen. Theklas Verstand sollte ausgebildet und ihre Phantasie gezügelt werden. Wohltätigkeit und Großmut hatte man ihr als Anforderungen ihres Standes hinzustellen. Sie sollte geben lernen, reichlich, mit vollen Händen, niemals jedoch ohne Überlegung, vor allem nie aus einer flüchtigen Wallung des Mitleids. »Wissen Sie warum, liebe Dumesnil?« sagte die Gräfin zu der Gouvernante ihrer Tochter, »weil jede Wohltat mit Undank belohnt wird und weil wir den leichter verschmerzen, wenn unser Gefühl mit der Handlung, die ihn hervorrief, nichts zu tun hatte.« »Ah madame, à qui le dites-vous?« antwortete Madame Zephirine Dumesnil wie bei jeder Gelegenheit, in welcher ihr der Sinn von Mariannens Reden völlig dunkel blieb. Madame Dumesnil war eine trockene, auf ihren Vorteil bedachte Französin, die sich gegen alles in der Welt, sogar gegen ihre Pflegebefohlenen, gleichgültig verhielt. Als aber Thekla heranwuchs, geläufig Englisch und Französisch sprach, ein brillantes Salonstück mit Sicherheit und Bravour auf dem Klavier vorzutragen verstand, wie ein Dämon zu Pferde saß, wie ein Engel tanzte und »un port de reine« bekam, da geriet ihre Erzieherin zuzeiten in Ausbrüche einer seltsam kalten, jedes Wort sorgsam abwägenden Bewunderung für die junge Dame. Plötzlich jedoch wurde sie sparsamer mit ihrem Lobe und dafür verschwenderisch mit leisen Warnungen, die sich samt und sonders auf die Gefahren des Unbestandes bezogen. Die Komtesse, die bisher so manche Stunde des Tages am Klavier zugebracht, hatte nämlich begonnen, ihr musikalisches Talent zu vernachlässigen, und sich mit einer bei ihr ganz unerhörten Leidenschaftlichkeit auf die Malerkunst geworfen. Mit Mühe nur bewog man sie, ihre Staffelei zu verlassen. Freilich bot diese meistens einen interessanten Anblick dar. Da begraste sich eine magere Kuh auf fetter oder eine fette Kuh auf magerer Weide; da schlich eine Ziege tiefsinnig durch die schauerliche Stille der Einöde, da ragte aus dem Abgrund eine schmale Klippe empor, und auf derselben stand eine Gemse, mit Füßen, zusammengeschoben wie die eines in Ruhe gesetzten Feldsessels. Sooft Theklas Zeichenmeister erschien, hatte sie ihm ein eben fertiggewordenes Werk vorzuweisen. Herr Krämer warf sich in einen Fauteuil der Staffelei gegenüber, spreizte die Beine auseinander, stützte die Ellbogen auf seine Schenkel und verschränkte die Hände. »Damit ich sie nicht über dem Kopf zusammenschlagen kann«, sagte er, blickte zuerst zu Thekla und dann zu dem neuentstandenen Kunstwerk empor und fuhr fort, während es gar sonderbar in seinem Gesichte zuckte: »Schau, schau, unser Komtesserl! ... Aber was macht denn die Bank mitten auf der ›Straßen‹? Ja so, ein Pferd ist's ... Aha! – Also nur fort so – das heißt: ganz anders ... ich mein halt nur in der Ausdauer; Geduld überwindet Sauerkraut.« Madame Dumesnil warf ihm einen indignierten Blick zu, Thekla jedoch nahm Palette und Malerstock zur Hand und machte sich mit glühendem Eifer an die Arbeit. Krämer spaßte die ganze Stunde hindurch, ergriff manchmal einen Pinsel, und über die Schulter seiner Jüngerin hinweg verwischte er die Hälfte des Bildes, an dem sie sich mit so großer Emsigkeit abmühte. Sie nahm es nicht übel, erhob keine Einsprache, und Madame Dumesnil, auf solche ihr von Thekla nie erwiesene Unterwürfigkeit eifersüchtig, nahm den Maler »en horreur«. Da ereignete sich eines schönen Wintermorgens etwas Ungeheures, etwas Unerhörtes. Madame Zephirine stürzte in das Schlafzimmer der Gräfin und legte eine Herrn Krämer gehörende Zeichnungsvorlage auf Mariannens Bett. Sie rief: »Madame, madame – voilà!« und deutete mit »schauderndem Finger« auf eine Zeile, die, an den Rand des Blattes hingekritzelt, die Worte enthielt: »Haben Sie mich lieb?« Daneben war von anderer, ach, von schwungvoller, kühner, ach, von Theklas Hand ein deutliches: »Ja!« geschrieben. Marianne starrte die unheilvollen Züge an, und ihr Gesicht wurde weiß wie das Kissen, auf dem sie ruhte. »Dieses Blatt«, keuchte Zephirine, »dieses Blatt war bestimmt, heute dem Unverschämten übergeben zu werden ...« Marianne hemmte den Ausbruch von Madame Dumesnils Zorn, dankte ihr bestens für die bewiesene Wachsamkeit und äußerte den Wunsch, allein gelassen zu werden. Als Krämer, wie gewöhnlich zu spät, zur Unterrichtsstunde kam, wurde er an der Haustür von dem Kammerdiener in Empfang genommen und anstatt nach Theklas Lehrzimmer nach dem Salon geleitet. Schon das machte ihn stutzen, als er aber die Gräfin erblickte, die ihm mit dem Corpus delicti in der Hand entgegentrat, ward ihm recht übel zumute. »Herr Krämer«, begann Marianne mit gepreßter Stimme – »es ist unwürdig von Ihnen ...« Ihre hohe Erregung hinderte sie fortzufahren, und der burschikose junge Mann und die ruhige, weltgewandte Frau standen einander fassungslos gegenüber. Er war's, der seine Geistesgegenwart zuerst wiedergewann. »Frau Gräfin«, sagte er, auf das Blatt deutend, das sie früher vor ihm emporgehalten und das jetzt in ihrer herabgesunkenen Rechten zitterte. – »Nehmen Sie's nicht übel, Frau Gräfin. Das Komtesserl ist immer so schön rot geworden, wenn ich gekommen bin, und so hab ich mir halt einen Spaß gemacht. Einen schlechten Gedanken hab ich dabei nicht gehabt. Nehmen Sie mir's nicht übel«, wiederholte er treuherzig. Marianne sah ihn an, und zum ersten Male fiel es ihr auf, daß Herr Krämer ein hübscher Mensch war, mit gewinnenden Augen und mit offenem Gesichte. Das ihre verfinsterte sich immer mehr, und nach einer neuen peinlichen Pause sprach sie: »Meine Tochter nimmt von heute an keinen Unterricht im Malen mehr ...« Er fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist gescheit! Denn wissen Sie, Frau Gräfin, Talent hat sie gar keins. Es ist schad um die Zeit. Ich hätt Ihnen das eigentlich schon lang sagen sollen, aber ich hab mir halt gedacht, bei Ihresgleichen kommt es ja nicht darauf an.« So großer Unbefangenheit gegenüber erlangte Marianne, wenigstens scheinbar, ihren Gleichmut wieder. Mit einigen kalt verabschiedenden Worten reichte sie Herrn Krämer seine Zeichnungsvorlage, von der Theklas Ja natürlich weggetilgt worden war, und ein wohlgefülltes Kuvert. Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht; er senkte einige Sekunden lang den Blick auf das inhaltreiche Päckchen in seinen Händen und sagte dann: »Schauen Sie, Frau Gräfin, das kann ich nicht annehmen ... Das hab ich nicht verdient.« Resolut legte er das Geld auf den Tisch, bat, »dem Komtesserl« einen Gruß von ihm auszurichten, und ging seiner Wege. Hätte Herr Krämer nicht so große Eile gehabt, den Platz zu räumen, und sich in der Tür umgewandt, ihm würde ein Anblick zuteil geworden sein, dessen sich niemand aus der nächsten Umgebung der Gräfin rühmen konnte. Er hätte die Frau, die man empfindungslos nannte, dastehen gesehen, bebend, gebeugt, das Gesicht von Tränen überströmt. –– Abends hatte Madame Dumesnil wie gewöhnlich die aus dem Theater kommenden Damen mit dem Tee erwartet. Marianne trat vor den Pfeilerspiegel, um ihre Coiffure abzunehmen. Sie stand abgewandt von ihrer Tochter, die sich in einem Fauteuil niedergelassen hatte und auf deren Gesicht das Licht der von einem Schirme halb bedeckten Lampe fiel. Jeden Zug, jede Bewegung desselben konnte Marianne deutlich im Spiegel sehen. Nach einigen Bemerkungen über die heutige Vorstellung sprach die Gräfin in gleichgültigem Tone: »Unter anderem: der Zeichenlehrer hat abgedankt. Er gedenkt nicht länger seine Zeit mit unserer Thekla zu verlieren .... Er meint, du hättest kein Talent, armes Kind.« Theklas Augen sprühten helle Zornesfunken, die Röte des Unwillens flammte auf ihren Wangen; ihre zuckenden Lippen öffneten sich wie zu rascher Antwort, aber – sie schwieg. Sie warf den Kopf mit einer stolzen Bewegung in den Nacken und – schwieg. Nach einer kleinen Weile war Marianne mit ihrer Coiffure zustande gekommen, setzte sich an den Tisch und ließ sich mit Madame Dumesnil in eine lebhafte Erörterung der neuen Kleidermoden ein, an welcher Thekla nicht teilnahm. Das junge Mädchen befand sich zwei Tage lang in empörter Stimmung, dann verfiel sie in Melancholie, die nach abermals zwei Tagen einer unbestimmten Empfindung Platz machte, halb Groll, halb Reue, ganz und gar: Unbehagen. Noch waren nicht vier Wochen ins Land gegangen seit Herrn Krämers improvisierter Liebeswerbung, als die kleine Gräfin sich ihres so rasch erteilten Jawortes nur noch mit Entsetzen erinnerte, und ein halbes Jahr hindurch konnte sie von ihrem oder von einem Zeichenlehrer überhaupt nicht sprechen hören, ohne vor Scham an Selbstmord zu denken. Einen tiefen, ja, wie Madame Dumesnil meinte, unbegreiflich tiefen Eindruck machte diese Episode im Jugendleben Theklas auf ihre Mutter. Das kleine Ereignis, es ist nicht anders möglich, muß die Gräfin zu einem Rückblick in ihre eigene Vergangenheit veranlaßt, muß schmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt haben, dachte die Französin. Sie besann sich jetzt des halb vergessenen Gerüchtes, Marianne habe dereinst einen Menschen geliebt, der ihrer in keiner Weise würdig war; einen Mann von vielem Geiste, scharfem Verstande, aber zweifelhaftem Rufe, der die Phantasie des jungen Mädchens zu fesseln, ihr Herz zu gewinnen wußte und sich plötzlich – sehr zur Beruhigung ihrer Eltern – von ihr abwandte, um ein mit Ostentation zur Schau getragenes Verhältnis mit einer stadtkundigen Schönheit einzugehen. Es gab Leute, die behaupteten – vielleicht ohne es selbst zu glauben –, die Gräfin habe ihre Neigung für Hans von Rothenburg niemals ganz überwunden. Diese schlecht belohnte Liebe habe Zeit und Entfernung, habe Mariannens Ehe mit einem ehrenwerten Manne überdauert und den einzigen Schatten geworfen, der jemals in ihr glückliches Dasein fiel. Was an alledem Wahres sei, erfuhr die neugierige Dumesnil nie und blieb in dieser Sache auf die Gedanken angewiesen, welche sie sich selbst darüber machte. Nahrung gab ihnen allerdings die Unruhe, in die Marianne durch Theklas kindische Herzensverwirrung versetzt wurde. So ängstlich behütet man ein geliebtes Haupt nur vor selbsterfahrenem Übel. Die Gräfin stand nachts auf und wachte stundenlang am Bette ihrer schlafenden Tochter. Sie führte eine strengere Kontrolle denn je über die Bücher, die Thekla las, über die Musikstücke, die sie spielte, einen lebhafteren Kampf denn je gegen Überspanntheit und Schwärmerei. Und sie mußte sich endlich sagen, daß dieser Kampf siegreich gewesen war. Mit achtzehn Jahren trat Thekla in die Welt, gefiel außerordentlich und bewegte sich in der neuen Umgebung wie in ihrem ureigensten Elemente. Nichts blendete, nichts überraschte sie. Ruhig nahm sie die Huldigungen hin, die ihr dargebracht wurden, lächelte über den Neid minder Bevorzugter und hielt mit kühler Majestät jeden fern, der sich aus einer weniger glänzenden Sphäre hervor in die ihre wagte. Einige »sehr annehmbare« Bewerber waren von Thekla bereits ausgeschlagen worden, als Paul Sonnberg zum ersten Male in der Gesellschaft erschien. Ihm ging der Ruf eines Mannes voran, der zu einer großen Laufbahn bestimmt sei. In seinem Leben war alles anders gewesen als in dem der meisten seiner Standesgenossen. Eine Jugend voll Arbeit und Mühen lag hinter ihm. Er hatte als Kind die öffentlichen Schulen besucht und dann eine deutsche Universität bezogen. »Obwohl er Ihr einziger Sohn, der einzige Erbe eines großen Vermögens ist?« sprachen die Leute zu seinem Vater. »Weil er das ist«, lautete die Antwort. »Vermögen ist Unvermögen in der Hand eines Menschen, der nichts vermag. In meiner Hand zum Beispiel, in der Euren!« Schwer lastete auf dem alternden Manne das Bewußtsein, den Anforderungen der neuen Zeit, die für ihn unversehens hereingebrochen war, nicht genügen zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, das ihn niederdrückte, sollte sein Sohn niemals kennenlernen; gerüstet sollte der in das streitbare Leben treten, arbeitsgewohnt in die tätigkeitsfrohe Welt. Der Vater meinte ihn nicht zeitig genug auf eigene Füße stellen, auf eigene Kraft anweisen zu können. »Es mußte sein! es geschah für ihn!« Damit tröstete der Graf sich und seine Frau nach dem Abschied von dem geliebten Kinde, das ihnen – eine spät erfüllte Hoffnung – noch im Alter geschenkt worden war. Paul verstand die Wünsche und Erwartungen der Seinen und übertraf sie alle. Jahr um Jahr kehrte er zurück, reicher an errungenen Ehren. Daheim empfing ihn vergötternde Liebe; die Mutter lebte auf, der Vater vermochte kaum sein Entzücken über den herrlichen Sohn hinter still billigendem Ernste zu verbergen; alle Gesichter verklärten sich, das ganze Haus schimmerte im Freudenglanze. Wie ein verwunschener Prinz in den Tagen der Entzauberung zu seinem Königreiche kommt, so kam auch Paul für kurze Zeit in den Besitz seiner angestammten Rechte. Nach absolvierter Universität ging er nach England, um dort Agronomie zu studieren, und traf endlich, heiß und ungeduldig ersehnt, zu bleibendem Aufenthalte im Elternhause ein. Nun hieß es zeigen, was er gelernt hatte! Es hieß Neuerungen einführen, die wirtschaftlichen Zustände seines Erbgutes verbessern, der ganzen Gegend ein Beispiel geben zu heilsamer Nachahmung. Der stumpfe Widerstand, der seinem Eifer, das Mißtrauen, das seinem guten Willen entgegengebracht wurde, entmutigten ihn nicht – lange nicht! Als er aber nach Jahren rastlosen Fleißes immer wieder an die eingebildete und doch unübersteigliche Scheidewand zwischen Theorie und Praxis anrannte, als jeder seiner Erfolge mit Spott, jeder seiner Mißerfolge mit Schadenfreude begrüßt wurde, da riß ihm die Geduld, und Überdruß stellte sich ein. Dieser wurde noch erhöht durch die Unsicherheit der allgemeinen Lage, durch die trostlosen Verhältnisse des ganzen Landes. Österreich stand damals am Abgrund, an den die Sistierungspolitik es geführt; im Innern war der Hader der Nationalitäten entbrannt, von außen drohten Kämpfe auf Leben und Tod. In der Ehe, die Paul, den heißesten Wunsch seiner Eltern erfüllend, mit ihrer Ziehtochter, einer armen Verwandten, geschlossen hatte, fand er kein Glück. Seine junge Frau war von ihm niemals geliebt worden, und er fühlte sich durch ihre Liebe nur gequält. So war ihm der Aufenthalt in der Heimat in jeder Weise vergällt, und freudig beinahe, als die Kriegsanzeichen sich mehrten, eilte er nach Wien und ließ sich als gemeinen Soldaten in ein Regiment anwerben, das eben nach Italien abmarschierte. Auf dem Wege erreichte ihn die Nachricht, daß ein Töchterchen ihm geboren sei und daß er seine Frau verloren habe. Nach beendetem Feldzuge quittierte Paul die Offizierscharge, zu welcher er auf dem Schlachtfelde von Custozza befördert worden, und nahm im Reichsrate seinen Platz unter den Männern der Opposition ein. Sein Wissen, die Energie, mit welcher er seine Meinungen vertrat, erregten Aufmerksamkeit. Daß er ideale Zwecke verfolgte, setzte man auf Rechnung seiner Jugend; daß er freisinnige Politik trieb, wurde als eine Art Sport angesehen und dem Edelmanne verziehen, der den Augenblick schon finden werde, in die rechte Bahn einzulenken. In der Gesellschaft sicherten ihm seine Geburt und sein Vermögen eine bevorzugte Stellung. Aber sein Fuß war zu schwer für den parkettierten Boden des Salons. Er hätte die große Welt bald geflohen, wäre nicht Thekla darin zu finden gewesen. Wenn je zwei Menschen, so waren die füreinander geboren, urteilte ihre Umgebung. Beide zu gleichen Ansprüchen berechtigt, beide jung, schön, hochbegabt, mit Glücksgütern reich gesegnet; Namen, Rang, Verhältnisse in vollkommenster Übereinstimmung. Mit der Unbefangenheit eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht besorgt, legte Sonnberg seine Bewunderung an den Tag; mit sichtbarem Wohlgefallen wurde sie aufgenommen. Alle anderen Bewerber Theklas traten zurück, und jede leise Hoffnung auf die Gunst der Gefeierten erlosch, als man Paul dem Fürsten Eberstein auf die Frage: »Wie gefällt sie Ihnen?« antworten hörte: »Wie das Schönste, das ich jemals sah!« Der Ball, auf dem Fürst Klemens eine entscheidende Wendung seines Schicksals zu erleben hoffte, ging zu Ende; er war der letzte und zugleich der glänzendste dieser Saison. Marianne erwartete nur den Schluß des Kotillons, um das Fest zu verlassen, und dieselbe Absicht hatte Sonnberg ausgesprochen, der, an ihrer Seite sitzend, dem Tanze zusah. Sie führten ein eifriges Gespräch, das die Gräfin von allgemeinen Gegenständen auf besondere und endlich auf persönliche zu lenken verstand. Paul bemerkte bald, daß er einem kleinen Verhör unterzogen wurde, doch geschah dies in so freundlich teilnehmender Weise, daß es unmöglich war, auf eine Frage die Antwort schuldig zu bleiben. Besonders warm und herzlich lauteten die Erkundigungen Mariannens nach den Eltern Sonnbergs und nach seinem Töchterchen; sie wollte wissen, ob die Kleine ihrer verstorbenen Mutter ähnlich sehe; sie wollte etwas hören von ihrer Gemütsart, ihren Eigentümlichkeiten. Ein überlegenes Lächeln umspielte seinen Mund, und er entgegnete: »Sie lag in Windeln, als ich sie zum letzten Male sah; ich kann Ihnen demnach über das Äußere der jungen Person nichts verraten. Ihre Eigentümlichkeiten aber, ihre Gemütsart werden wohl die der Leute ihres Alters sein.« »Und die ihrer eigenen kleinen Individualität.« »Individualität? Ich denke, daß sie noch keine hat. Zu drei Jahren sind alle Kinder einander gleich.« »Nicht zwei«, sprach die Gräfin bestimmt, »auf der ganzen Erde nicht zwei!« »Wahrhaftig?« versetzte er zerstreut. Sein Auge verfolgte mit dem Ausdruck eifersüchtigen Entzückens die schöne Thekla, die jetzt in den Armen ihres Tänzers an ihm vorüberwirbelte. Marianne verglich die heiße Leidenschaft, die aus seinen Blicken funkelte, mit der Kälte, die sie angefröstelt hatte, als er von seinen Eltern, seinem Kinde sprach, und dachte: – Was für eine Art Mensch bist du eigentlich? Es liegt etwas Unfertiges, Unaufgeschlossenes in dir. – Ah! tröstete sie sich, er hat zuviel in Büchern gesteckt; er kennt das Leben nicht. Die Schule und ein einsames Schloß auf dem Lande, das war bisher seine ganze Welt. Er steht zum ersten Male im Menschengewühl, und mit all seiner Weisheit ist er doch nur ein Neuling darin. Aber – wo hat er Wurzeln geschlagen? Was ist sein eigentliches Element? Die Familie nicht – er scheint sehr gleichgültig gegen alle, die ihm angehören. Wahrlich, ein Mann, der Mariannen auf dem Balle von den Süßigkeiten des Familienlebens vorgesäuselt hätte, wäre ihr lächerlich vorgekommen; aber so trocken, wie dieser Sonnberg es tat, sollte niemand diejenigen abfertigen, die ihn an die Seinen erinnern. Die Gräfin sah ihn von der Seite an: – Verwöhnt wurdest du, das ist's! Zuerst durch das Glück, das dich mit Talent reich ausgestattet hat und mit Mitteln, es geltend zu machen, dann durch übergroße Liebe. Als eine Last empfindest du sie und meinst genug zu tun, wenn du sie nur duldest, nur erträgst. Wieder betrachtete sie ihn, forschend, aufmerksam. Sein Gesicht drückte die höchste, erwartungsvollste Spannung aus. »Wahltour!« hatte der Vortänzer gerufen – Thekla, eben erst an ihren Platz zurückgeführt, erhob sich. Mehrere junge Leute eilten herbei, umringten sie, und jeder flehte: »Wählen Sie mich! – Mich!« Sie schüttelte verneinend den Kopf; der Kreis, der um sie geschlossen worden war, teilte sich, und sie ging, an all den Enttäuschten vorbei, langsam, in gleichmäßigen Schritten die Breite des Saales durchschreitend, auf Sonnberg zu. Und nun, anmutig und stolz in ihrem duftigen Gewande, die Wangen rosig angehaucht, die herabhängenden Hände leicht ineinandergelegt, stand sie vor ihm und grüßte ihn mit einem kaum merkbaren Neigen des Hauptes. Er sprang auf – aus seinem Antlitz war alle Farbe gewichen – er zitterte, ja, er zitterte! wie nach Atem ringend hob sich seine Brust... Im nächsten Augenblicke jedoch hatte er sich gefaßt, umschlang die reizende Gestalt, und sie flogen im raschen Takte der Musik dahin, von allen, die sich in dem leuchtenden Saale lebensdurstig und lebensfreudig im Tanze bewegten, das schönste Paar. An der Seite dieses Mannes nahm sich Mariannens blühende Tochter beinahe schmächtig aus, aber friedliche Ruhe lag auf ihrer Stirn, gleichmütig wie immer glänzten ihre klaren blauen Augen, während die seinen zu glühen schienen und sein ganzes Wesen eine gewaltige, tiefe, selige Verwirrung verriet. Die Gräfin fühlte die bange Sorge schwinden, die ihr Herz beklemmt hatte. – Die wird ihn nicht verwöhnen, sagte sie zu sich selbst, der zweiten Frau wird er sich beugen!... Ein hagerer, hochgewachsener Mann, der sich ihr näherte, unterbrach sie in ihren Betrachtungen. »Er tanzt!« sprach er, auf Sonnberg deutend, »die Statue des Komturs steigt von ihrem Piedestal herab und tanzt!« Marianne wandte sich langsam beim Klange der wohlbekannten Stimme und entgegnete: »Das ist weniger verwunderlich, Herr von Rothenburg, als daß Sie kommen, um ihr zuzusehen.« »Deshalb komme ich auch nicht, sondern um, wie gewöhnlich, meine Betrachtungen zu machen beim Schluß unserer Karnevalsausstellung, unseres Kindermarktes von Bethnal Green.« Die Gräfin zuckte schweigend mit den Achseln; er nahm ohne Umstände Platz neben ihr und fuhr fort: »Immer dasselbe, nicht wahr? Angebot und Nachfrage stimmen niemals überein.« Wie Kurzsichtige pflegen, zog er seine kleinen, tiefliegenden Augen zusammen und fixierte Marianne mit eigentümlich scharfem Blicke. »Was fehlt Ihnen, Frau Gräfin? Sie sind aufgeregt. Sollte das Ereignis, das bevorsteht in Ihrer Familie, sich Ihrer unbedingten Zustimmung nicht erfreuen?« Sie versuchte nicht, Unbefangenheit zu heucheln und zu tun, als verstände sie ihn nicht. Sie antwortete einfach: »Es ist keineswegs ausgemacht, daß überhaupt ein Ereignis bevorsteht.« »Um so besser dann«, sprach er. »Warum?« fragte Marianne befremdet. Er lachte: »Warum? Bin ich der Mann, von dem man Gründe fordert? ... Und wenn ich von meinem ahnungsvollen Gemüte spräche, würden Sie mir glauben?« Eine kleine Pause entstand, dann sagte Marianne wie mit plötzlichem Entschlusse: »Was haben Sie gegen den Grafen Sonnberg?« Rothenburg antwortete spöttisch: »Alles. Daß er jung ist, daß er reich, schön, vornehm ist, daß er ...« »Den Ruf eines gescheiten Mannes besitzt«, ergänzte die Gräfin in demselben Tone. »Den ihm alberne Leute gemacht haben – und der deshalb unerschütterlich ist. Übrigens«, fuhr er ernsthaft fort, »glauben Sie nicht, daß ich ihn unterschätze. Er besitzt ein kostbares und trotz der Behauptung unserer Psychologen äußerst seltenes Gut: eine Seele. Vorläufig ist ihm das noch ein Geheimnis – er weiß es nicht. Aber der Augenblick wird kommen, in welchem er's erfährt, und dieser wird für ihn ein entscheidender sein.« Mit gesenktem Haupte hatte Marianne seinen Worten gelauscht, die beinahe völlig ihre eigenen Gedanken aussprachen. »Sie raten mir also –« fragte sie zögernd. »Zu mißtrauen!« rief er, »dem Schicksal immer dann am ängstlichsten zu mißtrauen, wenn es ein ungetrübtes Glück zu verheißen scheint. Die boshaften Mächte, die über dem Menschendasein walten, geben entweder den Durst oder die Labe, das Schwert oder die Faust, die es führen könnte; sie geben jenem den Wunsch, diesem die Erfüllung, und wo ich äußere Übereinstimmung sehe, weiß ich auch: hier ist innerer Zwiespalt.« »Etwas geb ich zu von alledem«, sprach Marianne, »ohne deshalb an Ihre ›boshaften Mächte‹ zu glauben. Und – vollkommenes Glück! Wer denkt daran?« »Nicht wahr?« rief er, »besonders in unserem tugendreichen Zeitalter, das jedes andere Glück verbietet als das pflichtmäßige.« »Das haben frühere Zeitalter wohl auch getan.« »O nein! Als noch Leidenschaft, Kraft und Mut auf Erden herrschten, da war es anders. Naivetät entschuldigte die Schuld. Munter verübten die alten Götter ihre Frevel, und die Menschen ahmten ihnen unbefangen nach. Wenn Antonius und Kleopatra sündigten, applaudierten zwei Weltteile. Jetzt schleicht die Sünde lichtscheu umher, und feige Reue heftet sich an ihre Fersen. Wir, denkende Schwächlinge, entnervt durch die Reflexion, wir verstehen auch das schönste Verbrechen nicht mehr zu genießen.« »Verbrechen genießen? ... Das sind wieder ganz Sie selbst!« sagte Marianne. Die Gereiztheit, die aus ihrer Stimme klang, schien Rothenburg ein lebhaftes Vergnügen zu machen. »Immer nur ich! Mehr denn je!« scherzte er, »seitdem die einzige Hand, die sich zu meiner Rettung ausstreckte, mich aufgegeben hat – völlig aufgegeben. Nicht wahr?« Marianne begegnete seinem höhnisch herausfordernden Blick; ein Ausdruck unerbittlicher Strenge lag auf ihrem Gesichte; ihre Augen glänzten wie im Bewußtsein eines Sieges, und sie sprach gelassen: »Sie haben sich eben teilnehmend und besorgt um Theklas Wohl gezeigt, was treibt Sie, diesen guten Eindruck zu verwischen?« »Mein böser Dämon vermutlich«, antwortete er in leichtfertigem Tone. »Aber lassen wir das. Frieden also und ewige Freundschaft!« »Frieden«, wiederholte sie nachdrücklich, »so guten, als Sie fähig sind zu halten. – Da kommt Thekla!« Marianne erhob sich und ging ihrer Tochter entgegen, die am Arme des Fürsten Klemens auf sie zugeschritten kam. Einen Augenblick starrte ihr Rothenburg finster nach: »Doch schade!« murmelte er zwischen den Zähnen, dann wandte er sich um mit einer Bewegung, als gälte es, eine unbequeme Last abzuschütteln, und verschwand in der Menge, die den Gemächern zuströmte, in denen das Souper aufgetragen worden. Die kleine Gesellschaft, die sich noch im Ballsaale befand, schickte sich an, ihn zu verlassen. Sie bestand aus der Gräfin und ihrer Tochter und aus Eberstein und seinem Neffen. Dieser, ein junger Mann mit rundem Kindergesichte, treuherzigen braunen Augen, weit auseinanderstehenden Zähnen und einem dünnen lichtblonden Vollbärtchen, bot nun Thekla seinen Arm, während Marianne den des Fürsten annahm. Das junge Paar ging dem älteren voran. Schüchtern und leise, dabei jedoch höchst eifrig sprach der kleine Graf zu seiner schweigenden Gefährtin. »Er macht ihr Vorwürfe«, sagte der Fürst, als sie über die blumengeschmückte Treppe der Halle hinabgestiegen. »Er hat Ursache dazu; sein gutes Recht wäre gewesen, den Kotillon, den er mit ihr tanzte, auch mit ihr zu beschließen. Der arme Junge wartete so ungeduldig, daß sie ihm zurückkehre! Aber als es endlich geschah, da wurde seine Aufforderung zur letzten Walzertour – abgelehnt. Ja, ja – abgelehnt! Majestätisch wie sie sein kann, die junge Hexe, sprach sie: ›Ich danke Ihnen – ich tanze heute nicht mehr ...‹« »Das hat Thekla gesagt?« fragte die Gräfin erschrocken. »Jawohl!« entgegnete Klemens fröhlich, »und mit einem Blick auf den glückstrahlenden Sonnberg, einem ernsten, huldvollen Blick; ich wollte, Sie hätten ihn gesehen! Verraten Sie mich aber nicht!« flüsterte er Mariannen zu. Der Wagen war vorgefahren, die Damen stiegen ein. »Morgen also, um zwei Uhr, kommen wir«, rief ihnen der Fürst noch zu, und die Equipage rollte davon. »Warum sagen Sie wir?« fragte Alfred, »wer begleitet Sie morgen zu der Gräfin?« Klemens zog sein Cachenez bis zu den Ohren hinauf und erwiderte kurz: »Sonnberg begleitet mich.« »Wie, lieber Onkel – Sie machen sich zu seinem Freiwerber?« sprach Alfred vorwurfsvoll – »Sie! ... Und wissen doch ...« »Ich kann in dieser Angelegenheit keine Rücksicht auf dich nehmen. Ich kann in dieser Sache nichts für dich tun. Es war ein Unsinn, daß du dich in Gräfin Thekla verliebtest .... Zum Teufel, ehe man sich verliebt, sieht man zu in wen!« Das Gespräch, das er heute morgen mit Mariannen gehabt, kam dem Fürsten sehr zu Hilfe, und er schloß: »Mit dieser Empfindung mußt du trachten fertigzuwerden. Das kann man. Man muß nur beizeiten zum Rechten sehen.« Unterdessen hatte Paul, der seinen Wagen fortgeschickt, zu Fuß den Heimweg angetreten. Ihn lockte der Gang durch die schneebedeckten Straßen in der stillen Winternacht. Erquickt von der kalten Luft, die ihn anwehte, sog er sie tiefatmend ein und begann gewaltig auszuschreiten. Wie groß und weit war ihm das Herz! Als hätte ein Bann sich gelöst, der auf ihm ruhte, so fühlte er sich; als wären ungeahnte Fähigkeiten in ihm erwacht. – Das ist das Glück! das ist die Liebe! jauchzte es in seiner Brust. Was hatte er bisher für den Inhalt des Lebens gehalten? Einen Ehrgeiz, den Tausende besaßen, das Jagen nach Zielen, die andere so gut wie er erreichen konnten. Von dem alles verklärenden Licht, von der Krone des männlichen Daseins, von der Liebe zu einem Weibe, davon hatte er nichts gewußt. Wohl war er angebetet worden von Kindheit an, hatte schwärmerische Neigungen eingeflößt, erwidert aber hatte er noch keine der liebevollen Empfindungen, die ihm entgegengetragen wurden. Und jetzt – wie aus dürrem Waldesboden die Lohe bricht, wie Feuerfluten emporsteigen aus dem felsenstarrenden Berge, so flammte jetzt in seiner Seele die Leidenschaft plötzlich auf. Sie war erwacht, ein göttliches Wunder; das schöne Geschöpf, das er eben in seinen Armen gehalten, hatte sie geweckt, zu niemals geahnter Wonne... Eine Regung von Mitleid erwachte in ihm – wie ein Schatten zog die Erinnerung an seine verstorbene Frau durch sein Gemüt. Aber selbst dieser leichte Schatten, den eine trübe Vergangenheit über die leicht strömende Gegenwart gleiten ließ, verflog. Was ist eine wehmütige Erinnerung im Augenblick der seligsten Erfüllung?... Vorbei! vorbei! Friede mit den Toten und Glück und Macht mit den Lebendigen! Am folgenden Tage um zwei Uhr ließen Eberstein und Sonnberg sich bei der Gräfin anmelden. Klemens trug eine Zeitlang die Kosten der Unterhaltung, gestand aber plötzlich, daß er heute nur gekommen sei, um zu gehen, da eine Verabredung mit seinem Geschäftsmanne ihn an das andere Ende der Stadt rufe, und verabschiedete sich mit einem freudestrahlenden Blick auf Marianne und einem Blick voll väterlichen Wohlwollens auf Paul. Von ihrem Fenster aus, das in den hellen geräumigen Hof hinabging, hatte Thekla die beiden Herren kommen und den Fürsten sich nun entfernen gesehen. Sonnberg war allein bei ihrer Mutter. Jetzt, ganz gewiß jetzt stellt er seinen Antrag. Er sagt, daß er von Thekla dazu berechtigt sei. Eine Pause! Eine halbe Minute Pause: der Anstand will's, und so gehört es sich. – Das Mädchen sah nach der Uhr auf dem kleinen Schreibtisch. Die halbe Minute war vorbei, und Mama spricht vielleicht in diesem Augenblicke: »Ich vertraue Ihnen die Zukunft meiner einzigen Tochter an...« Die gute Mama! Theklas rosige Lippen, die sich soeben mit einem prächtigen Ausdruck mutwilliger Überlegenheit aufgeworfen hatten, verzogen sich ein klein wenig wie die eines verwöhnten Kindes, dem man ins Gewissen redet und das mit seiner Rührung kämpft. Ihre Pulse begannen rascher zu schlagen, eine nie gefühlte Bangigkeit beengte ihre Brust. Sie erhob sich, trat an das Fenster und blickte hinab in den Hof. Da steht Sonnbergs Equipage. Ein kleines dunkles Kupee, leicht und solid gebaut, vor Neuheit funkelnd. Der Kutscher sitzt steif auf dem Bocke, hält mit der rechten Hand den Stiel der Peitsche auf den Schenkel gestützt und in der linken die Zügel. Man sieht's ihm an, daß er lieber sterben als die Augen von seinen Pferden wenden würde. Ei, sie sind dieser Aufmerksamkeit wohl wert, die zierlichen Rappen mit ihren feinen Köpfen, ihren schlanken Hälsen, mit den geschmeidigen stählernen Fesseln. Ihr seidenes Haar ist schwarz wie die Nacht, und wie Mondlicht schimmert sein Glanz. Sie stampfen mit spielender Grazie den Boden und blasen übermütig die Nüstern auf, als fühlten sie, daß ein Kennerauge auf ihnen ruhte... Thekla hatte ihre Mutter oft ungeduldig gemacht durch die Behauptung: Um zu wissen, was an einem Menschen sei, brauche sie nur – seine Equipage zu sehen. An das erschrockene: »Ich bitte dich!« das Marianne bei dieser Gelegenheit auszustoßen pflegte, dachte Thekla jetzt und hielt in Gedanken eine kleine Rede an ihre Mutter: Sieh dorthin und wage es, mir unrecht zu geben. Sieh diesen Wagen, dieses Gespann, diese Riemen, diese Schnallen! Ist das nicht alles korrekt und tadellos, pünktlich, charaktervoll? Auch Klemens hat englische Kupees und Pferde aus edelstem Blut, aber wie ist das alles zusammengestellt? Ohne rechten Geschmack, ohne die Strenge, die unerbittlich auf Sorgfalt bis ins kleinste dringt. Der Weichling verrät sich überall! Sie wandte sich vom Fenster weg und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. Ihre Phantasie zauberte ihr einen noch viel schöneren Anblick vor als den, welchen sie eben genossen: die Equipage der Gräfin Sonnberg und bald auch das Palais, durch dessen Einfahrt diese Equipage rollte, während die Glocke dreimal anschlug und der dicke Portier sich ehrerbietig verneigte in seinem roten Pelze mit goldgesticktem Bandelier... Rot und Gelb sind die Sonnbergischen Farben, das Wappen ist eine goldene Sonne, aufsteigend am purpurnen Horizont. Dieses Sinnbild prangt über dem Tore des majestätischen Bauwerks, eines Juwels altertümlicher Architektur, des Palais, dessen Gebieterin sie werden sollte, Gebieterin des Gebieters und aller, die dem Gebieter dienten... Thekla war an Reichtum und Behagen gewöhnt, aber im Witwenhause ihrer Mutter hatte sich allmählich ein Domestikenregiment und mit ihm so mancher Mißbrauch eingeschlichen. Es fehlte der kräftige Mann, der die Herrschaft in starken Händen hält. Graf Sonnberg wird das verstehen, er wird für die Ordnung und nach außen für den Glanz seines Hauses sorgen. Den Mittelpunkt dieses Glanzes gedenkt Thekla zu bilden und von ihm umgeben sich der Welt zu zeigen, in der Stadt zur Winterszeit, im Sommer auf ihren Schlössern... Dort will sie leben, wie der Adel im vorigen Jahrhundert auf seinen Schlössern zu leben pflegte, einen zahlreichen Freundeskreis gastfrei um sich versammeln, täglich neue Feste ersinnen, den Hasen jagen auf der Heide, den Hirsch im Walde und sich lächelnd der Zeiten erinnern, in denen sie in Wildungen zwischen ihrer Mutter und Madame Dumesnil saß und Weihnachtsjacken und Neujahrshauben für die armen Dorfkinder häkelte und strickte. Die Uhr auf dem Schreibtische hob aus zum Stundenschlag... drei Uhr... die Unterredung zwischen dem Grafen und ihrer Mutter dauerte lang – was hatten sie einander zu sagen?... Ihr wurde angst – sollten alle ihre schönen Träume in Luft zerrinnen?... Aber da pochte es an der Tür, der Kammerdiener erschien und sprach: »Die Frau Gräfin lassen bitten...« Thekla fand ihre Mutter im kleinen Salon, an ihrem gewöhnlichen Platze, in ihrer gewöhnlichen Haltung, aber mit geröteten Wangen, ja sogar mit leicht geröteten Augen. In hoher Erregung schritt Sonnberg auf das junge Mädchen zu, er war sehr bleich, und seine Lippen bebten. »Ihre Mutter teilt Ihr Vertrauen zu mir nicht, Gräfin Thekla«, sprach er. »Sie verurteilt mich zu einer Probezeit... Ich soll dienen um mein Glück. Sie will es.« Thekla runzelte die Stirn, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und sie entgegnete leise, aber festen Tones: »Und was wollen Sie?« Paul ergriff ungestüm ihre Hand. »Ich will mich bemühen«, rief er, »die Probezeit möglichst abzukürzen...« »Sie fügen sich also«, sagte Thekla und schüttelte mißbilligend das Haupt. »Ich füge mich, da ich die Zustimmung Ihrer Mutter nicht erzwingen und noch viel weniger – Ihnen entsagen kann ... Helfen Sie mir«, flehte er leidenschaftlich, »helfen Sie mir, den hohen Preis, den ich im Sturme erringen wollte, nun wenigstens nicht zu verscherzen! ... Ich will alles lernen, sogar geduldig sein, wenn Sie mir liebevoll zur Seite stehen, ich will alles tun, um mich allmählich Ihrer wert zu zeigen, nicht nur zu zeigen, es zu werden, sosehr mir dies überhaupt möglich ist; denn ganz und völlig Ihrer wert ist kein Mann auf Erden – das weiß ich wohl.« Er sprach abgebrochen, hastig, und Thekla trat einen Schritt zurück, erstaunt, erschrocken über den Sturm heißer Empfindungen, der in ihm zu kämpfen schien. Seine Blicke ruhten auf ihr, beschwörend: Sprich! Antworte mir! ... Aber Thekla verstand ihre glühende Sprache nicht, denn sie schwieg. Sie stand da, um einen Ton blässer als gewöhnlich, sie dachte: Das ist peinlich; und als sie die gesenkten Augen erhob, war es nicht zu ihm, der darauf harrte wie auf die Erlösung, sondern zu ihrer Mutter – war es ratlos und hilfesuchend ... Marianne erhob sich, ging auf Sonnberg zu und legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm. »Sie sind ein Kind, mein lieber Graf«, sagte sie, »trotz Ihrer dreißig Jahre, trotz ihres großen Verstandes.« »Ich liebe zum ersten Male, das macht jung in meinem Alter; es macht aber auch weich, nachgiebig und gehorsam ... Ich kenne mich selbst nicht mehr – Sie haben ein Wunder getan, Thekla!« rief er und breitete die Arme aus. Einen Augenblick ruhte ihr Haupt an seiner Brust, im nächsten schon hatte sie sich losgemacht und war zu ihrer Mutter getreten, verwirrt, in großer Bestürzung. »Thekla!« wiederholte Sonnberg. Marianne beeilte sich, dem Vorwurf zu begegnen, der auf seinen Lippen schwebte: »Vergessen Sie nicht«, sprach sie, »daß Menschen nur unbewußt Wunder tun. Es beängstigt sie, wenn man ihnen dafür dankt«, setzte sie lächelnd hinzu. In der Stadt ließ sich's niemand nehmen, daß Paul und Thekla verlobt seien, daß ihr Brautstand nur noch aus irgendeinem unbekannten Grunde nicht deklariert werde. In der Tat brachte Sonnberg täglich einige Stunden im Hause der Gräfin Neumark zu. Er fühlte bald, daß er Fortschritte machte in der Gunst Mariannens, und das beglückte ihn. Thekla blieb sich immer gleich. Vom Augenblick an, in welchem er in das Zimmer trat, war sie einzig und allein mit ihm beschäftigt, war freundlich und aufmerksam und widersprach ihm nie; sie gewöhnte sich sogar, Urteile zu wiederholen, die er gefällt hatte. Eine Zeitlang begnügte er sich mit diesem für ihn so schmeichelhaften Begegnen, nach und nach aber begann er hinter all dieser Rücksicht und Fügsamkeit große Kälte zu ahnen. Gräßlich durchblitzte ihn, glückvernichtend, ein Zweifel an Theklas Liebe. Sein ganzes Wesen empörte sich dagegen, und wie einen Gedanken an erlittene Schmach wies Paul ihn von sich. Aber einige Bitterkeit blieb doch zurück, ein unwiderstehlicher Wunsch, die Geliebte zu reizen, zur Ungeduld zu bringen, den heiteren Gleichmut zu stören, der ihn anfangs entzückt hatte und der ihm jetzt ein Frevel schien an seinen eignen Gefühlen, an der Sehnsucht, die er um sie litt, an der schwer erkämpften Geduld, zu welcher er sich zwang, er, so gewöhnt an freudiges Entgegenkommen, der Mann des raschen Erfolges, der nie gelernt hatte, zu warten und zu werben, dem man niemals nein gesagt, er, Paul Sonnberg! Als Thekla das nächstemal einer von ihm aufgestellten, sehr unhaltbaren Behauptung nicht widersprach, rief er herausfordernd und herb: »Das ist meine Meinung, sagen Sie jetzt die Ihre!« Sie erhob die großen Augen zu ihm voll bestürzter Verwunderung, senkte dann hocherrötend den Blick und schwieg. Jede Frage, die er noch an sie stellte, beantwortete sie kleinlaut mit ja oder nein, wohl auch – mit ja und nein. Paul blieb während der Dauer seines Besuches unruhig, bitter und ging endlich, von tausend widerstrebenden Empfindungen erfüllt und gequält. Am folgenden Tage kam er früher als gewöhnlich und fand Thekla allein. Sie saß auf dem Platze ihrer Mutter in dem kleinen braunen Salon, ihre Arbeit im Schoße. Sie hatte sich aber weder mit dieser beschäftigt noch mit dem Buche, das aufgeschlagen neben ihr auf dem Tischchen lag. Sie saß unbeweglich da wie eine Statue, Ebenmaß in jeder Form, Schönheit in jeder Linie. Als Paul eintrat, erhob sie sich und ging ihm entgegen, lächelnd und freundlich wie immer, in ihrer anbetungswürdigen Herrlichkeit. Er hatte die Nacht in schwerem Kampfe durchwacht, seine Heftigkeit verwünscht und schmerzlich bereut. Er erwartete, Thekla verstimmt zu finden, gekränkt über sein gestriges kindisches Gebaren; er meinte sie versöhnen zu müssen, und er wollte es! ... Statt dessen begrüßte sie ihn holdselig und unbefangen, als wäre ihr Einvernehmen nicht durch den leisesten Schatten getrübt worden. Sogleich stieg, mit unsäglicher Bitterkeit, die Frage in ihm auf: Hab ich nicht einmal die Macht, ihr weh zu tun? – doch bezwang er sich und sprach ruhig: »Thekla, ich war gestern widerwärtig, unerträglich – können Sie mir verzeihen?« Sie wurde ein wenig rot, ein wenig verlegen und antwortete hastig wie jemand, der einer unangenehmen Erörterung auszuweichen sucht: »Ich bin ja gar nicht böse gewesen.« »Verdanke ich diese Nachsicht Ihrer Barmherzigkeit oder Ihrer Gleichgültigkeit? Antworten Sie mir«, setzte er halb flehend, halb herausfordernd hinzu. »Wie können Sie von Gleichgültigkeit reden«, erwiderte Thekla, »da Sie doch wissen ...« sie hielt inne. »Ich weiß«, rief er, »daß Sie mir Ihr Jawort gaben, als ich Sie fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Jetzt frage ich Sie, Thekla: Lieben Sie mich? ... Sie haben mir Ihre Hand zugesagt, ist Ihr Herz mein? Fühlen Sie, daß kein Mann auf Erden Sie besitzen kann wie ich, das heißt, Sie besitzen mit allen Ihren Gedanken, Regungen und Empfindungen, mit Ihrem ganzen schrankenlosen Vertrauen? ... Ist mein Glück das Ziel Ihrer Wünsche, wie wahrlich das Ihre Ziel und Inbegriff der meinen ist ... lieben Sie mich?« Er hatte die letzten Worte mühsam hervorgestoßen, sie kamen wie ein dumpfer Schrei aus seiner gepreßten Brust. Thekla hielt den Blick nicht aus, der schmerzlich und zornig auf ihr ruhte, bang wandte der ihre sich nach der Tür, durch welche sie hoffte ihre Mutter endlich eintreten zu sehen – niemals hatte sie ihre Mutter so sehnlich herbeigewünscht! ... »Sie kommt«, sagte Paul, ihre stumme Bewegung beantwortend, »beruhigen Sie sich, sie wird gleich hier sein; ihre Anwesenheit wird mich aber nicht hindern, so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es tue ... Weil ich muß, weil ich soll!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie heftig, ohne zu denken, daß er ihr weh tat. Etwas Drohendes klang aus seiner Stimme, wogegen ihr Stolz sich empörte. Sie zog mit Gewalt und Entrüstung ihre Hand aus der seinen und sagte: »Ich weiß nicht, was Sie wollen.« »Ich werde es Ihnen sagen!« rief er ausbrechend. »Die Ehrenhaftigkeit des Weibes besteht darin, dem Manne, der um sie freit aus unaussprechlicher Liebe – nein zu antworten, wenn sie diese Liebe nicht erwidern kann ... Verstehen Sie mich jetzt? ... Wir würden unglücklich sein – beide –, wenn Sie mich nicht liebten. – Weisen Sie mich ab, Thekla, wenn Sie mich nicht lieben! ... Weisen Sie mich ab!« Sie stand vor ihm mit trotzig aufgeworfenen Lippen, bleich und ruhig – noch immer ruhig ... Plötzlich aber zuckte es schmerzlich über ihr Gesicht, ihre Augen wurden feucht, und rasch bedeckte sie dieselben mit ihrer Hand. Ach, auf dieser edlen Hand brannten rote Flecken, die Spuren der schonungslosen Finger, die sie eben umklammert hatten; sie erhob sich wund und weh, um Tränen zu verbergen, die er fließen gemacht, der gequälte Quäler, dessen Herz sich bei diesem Anblick wandte und den tiefe Reue ergriff, nagende Scham ... Er fühlte seinen Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe steigen, steigen wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen und läutern, er fühlte in ihren göttlichen Gluten alles schmelzen, was in ihm an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte ... Er trat auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit innigster Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog. »Sagen Sie noch ja?« fragte er leise. Sie nickte schweigend und sah ihn an. »Sie wissen, daß ich aus Liebe um Sie werbe, und sagen dennoch: ja?« »Ich sage dennoch ja«, erwiderte sie mit ihrem bezauberndsten Lächeln. »So gehörst du mir«, flüsterte er ihr zu, »so bin ich dein – und ich bin es ganz ... Gebiete! Herrsche!« Er beugte sich über sie, sein Mund näherte sich dem ihren ... Sie schloß die Augen, sie hätte fliehen mögen – aber sie wagte es nicht ... Er könnte wieder zürnen, wieder sagen: Weisen Sie mich ab, wenn Sie mich nicht lieben! Ihre Lippen erbleichten, zitterten angstvoll unter der Berührung der seinen ... Da öffnete sich die Tür, und Marianne trat ein. Von dem Tage an erschien Paul verändert; sehr zu seinem Vorteile, meinten die Gräfin und ihre Tochter. War es die Frucht männlich bestandener Kämpfe mit sich selbst, war der Frieden wirklich in seine Seele gekommen? Die Ungleichheit rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und still ... Arme Marie! ... Thekla ahnte nicht, daß in diesem Augenblicke, während er beistimmend sagte: »Ja, jawohl«, eine zarte Gestalt zwischen ihm und ihr dahinglitt, leise wie ein Traum, und ihr schönes Bild verdunkelte. Aber es war ja nur die Gestalt einer Toten, die er niemals geliebt, und in der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der Lebendigen, die er liebte! Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und übte sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des strengsten Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb um so berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen Widerspruch, erhob aber dabei stets einen Blick voll so liebenswürdiger Demut zu ihrem Bewerber, daß dieser wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen, damit ihm ein solcher Blick öfter zuteil würde. Die Zeit verging, wie sie dem Liebenden zu vergehen pflegt, entsetzlich langsam, furchtbar schnell ... Es kamen Tage, deren Ende Paul nicht erleben zu können meinte, andere, die wie Minuten verflogen – und als die Luft eines Morgens lau und lind durch das geöffnete Fenster drang und er, einen Blick auf die Kastanienbäume vor dem Hause werfend, ihre Knospen geschwellt, ihre Zweige mit jungem Grün bedeckt sah, da überraschte es ihn, daß der Winter vorüber und der Frühling gekommen war. Der Frühling seines wichtigsten Lebensjahres, welches auch das schönste werden sollte, das erste eines reichen Glückes, in dessen Sonnenschein sich alle spiegeln und erwärmen werden, die ihn lieben. Er gedachte seiner Eltern und des Kindes, das zwischen dem greisen Ehepaare aufwuchs, [***Text fehlt] je getan. Innig wie nie fühlte er die Sorge für [***Text fehlt] seinem Herzen Raum fassen. Sie sollen alle [***Text fehlt] Frohsinn und Heiterkeit sollen einziehen in ihr [***Text fehlt] wenn er ihnen Thekla bringt, die Frau seiner Wahl, die ihn lieben lehrte, nicht sie allein lieben, auch die Seinen, auch die ganze Welt – und jenen so eigentlich erst den Sohn, seinem Kind den Vater, der Erde einen Menschen geschenkt. Er wird an Theklas Seite ein anderer sein, als er in seiner ersten Ehe gewesen ist. Damals hatte er eine Pein kennengelernt, ärger fast als unglückliche Liebe: die Pein, eine Neigung einzuflößen, die man nicht erwidert und doch erwidern sollte. Es war seine Pflicht, er hatte es gelobt ... Schlimm genug, daß er sich dazu verleiten ließ! – Als Verwandte war Marie ihm seiner Laune störte Theklas heitere Sorglosigkeit niemals wieder. Er vermied alles, was sie unangenehm berühren konnte, er forderte in ernsthaften Dingen kein Urteil mehr von ihr, fragte nicht mehr in hofmeisterndem Tone, ob sie dieses oder jenes Buch gelesen habe. Die Helden der Geschichte, die großen Dichter und Künstler, deren Geister er sonst mit einem Enthusiasmus zu zitieren pflegte, der zur Teilnahme aufforderte, ließ er jetzt ruhen. Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, er gab sich ganz dem Zauber hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes Wesen, den der Wohllaut ihrer Stimme auf ihn ausübten. Er begann Geschmack zu finden an dem heiteren, unbekümmerten Leben im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter und schwelgte in dem anmutigen Behagen, das vollendete Wohlerzogenheit um sich her zu verbreiten weiß. Für die Entschiedenheit, womit Thekla traurige und unangenehme Eindrücke von sich wies, für ihre Scheu vor geistiger Anstrengung fand er tausend Entschuldigungen: Sie ist jung und nimmt das Leben leicht, sie ist glücklich und will es bleiben, sie fühlt unbewußt wie ein Kind, das sich gegen das Aufnehmen schwieriger Erkenntnisse sträubt, den tiefen Sinn der großen Wahrheit: nachdenken bricht das Herz! Eines Tages fand er Thekla, ihn im großen Salon erwartend: »Ich bin Ihnen entgegengekommen«, sagte sie leise und lachend, »um Sie abzuhalten, bei Mama einzutreten. Mama hat Besuch, die alte Baronin Limberg, Sie wissen, die Wohltäterin. Ihr eigenes Hab und Gut hat sie bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht Ihnen Beschreibungen von dem [***Text fehlt]kann's nicht anhören. Gewiß, sie übertreibt.« [***Text fehlt] glich in dem Falle‹, sagte Paul; er wollte noch [***Text fehlt], aber sie fiel ihn ins Wort: »Reden wir nicht [***Text fehlt] Sie! Was nützt es denn? Man kann nicht alle armen Leute reich machen. Wir geben, soviel in unseren Kräften steht, und beruhigen uns damit. Sich grämen über das Elend heißt ja nur, es vermehren.« Seltsam berührt wandte er sich ab ... Es war wohl eigen! Dasselbe hat er einst gesagt – ihm schien, mit denselben Worten – zu seiner jungen Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer Schilderung hungernder und frierender Not, der sie durchaus abhelfen wollte. Die junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die Hand auf die Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen gesehen und war endlich, wert gewesen, aber als seine Frau, da fand er gar vieles an ihr auszusetzen. Zuerst, daß er es fühlte: Sie leidet durch mich! Immer hatte man ihm gesagt, geborgen seien alle, die ihm angehörten, sein Dasein schon sei Glück und seine Nähe Segen. – Warum empfand sie es nicht? Was wollte sie denn? Kurz angebunden war seine Art; schonungslos gegen sich selbst, verstand er sich nicht auf zarte Rücksichten gegen eine empfindsame Frau. Verweichlicht schalt er sie, anspruchsvoll und wollte die leise Stimme in seinem Innern nicht hören, die ihm zuflüsterte, daß er ihr Unrecht tue ... Und wenn es wäre! er kann nicht anders: sie ist ihm ein Rätsel – und er, der alles begreift, was die Weisesten denken und die Edelsten empfinden ... sie begreift er nicht, er steht ratlos vor diesem Kinde. – Bitterkeit bemächtigte sich seiner, er wurde hart und wandte sich grollend ab. – – Wohl ihm, daß sie vorüber, diese schwüle Zeit! Wohl ihm, daß es ihr Widerspiel ist, dem er hoffnungstrunken entgegenlebt! In Theklas Armen werden ihn die Erinnerungen nicht aufsuchen, die jetzt oft schmerzlich und störend herübergleiten aus der Vergangenheit. In der hellen Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, daß er einst ein Herz neben sich darben ließ ... Dieses Mal ist er der Dürstende und Verlangende! Thekla liebt ihn nicht, wie er sie liebt, wenn auch so sehr, als sie zu lieben fähig ist. Hatte sie ihn nicht gewählt aus freiem Entschlusse? Hatte nicht ihr erster Blick ihm gesagt: Du bist's – ihr Jawort es nicht bestätigt? Was wollte er mehr als den Besitz ihres ganzen schönen Selbst? Sie leidenschaftlicher wünschen hieße, sie anders wünschen, und so, ganz so wie sie war, bezauberte und entzückte sie ihn. »Bleib wie du bist!« rief er laut mit überwallender Empfindung ... »Zärtlichkeit und Schwärmerei von dir verlangen hieße, Duft und Blüte des Rosenstrauches von der hochragenden Palme fordern und wärmendes Licht von den leuchtenden Sternen ...« Das Geräusch der sich öffnenden Tür weckte ihn aus seinen Träumereien. Ein Diener meldete: »Herr Baron Kamnitzky«, und schnaubend vor Ungeduld trat ein kleines, schwächlich gebautes Männchen in das Zimmer und sprach: »Lauter neue Gesichter, lauter Leute, die mich nicht kennen ... daß sie nicht nach meinem Passe fragen, das ist alles. Ein nächstes Mal will ich mich damit versehen. Hätte nicht geglaubt, daß es so schwer sei, vorzukommen bei einem liberalen Abgeordneten.« Das Wort »liberal« betonte er ausnehmend giftig und wegwerfend. »Nun, du bist da«, sagte Paul beschwichtigend, »und sehr willkommen.« Er rückte einen Fauteuil zurecht, in dem der Freiherr brummend Platz nahm, nachdem sein im Zimmer umhersuchender Blick ihm die Überzeugung verschafft, daß auch nicht ein ordentlicher Sessel vorhanden sei, auf dem sich »ein altmodischer Landjunker, der gewohnt ist, zu sitzen und nicht zu lümmeln«, mit Annehmlichkeit niederlassen könnte. »Wo ist dein Michel?« fragte er nach einer kleinen Pause in inquisitorischem Tone, fuhr aber sogleich fort, ohne die Antwort abzuwarten: »Nicht residenzfähig natürlich . . . Hier braucht man ganz andere Leute, Gamaschen tragende geschniegelte Theaterbediente...« »Michel ist auf dem Lande, bei seiner Familie«, unterbrach ihn Paul. »Und nun erzähle! Wie sieht es aus bei uns daheim?« Er hatte dem Gaste eine Zigarre angeboten, welche dieser mit einer Art Entrüstung ablehnte. »Du rauchst nicht?« fragte Paul. »Nur meine Zigarren, wie du wissen könntest«, antwortete Kamnitzky unwirsch, zog ein Etui hervor und aus diesem eine schwarze Zigarre von nichts weniger als einladendem Aussehen, die er mit heftiger Anstrengung seiner Atmungswerkzeuge in Brand setzte. Ihr zweifelhafter Duft schien anregend auf ihn zu wirken, er wurde redselig, sprach von den Geschäften, die ihn nach der Stadt geführt, vom Wetter, von den Ernteaussichten, er sprach von allerlei und doch – es war unschwer zu erraten – von dem nicht, was ihm am Herzen lag, was ihm auf den Lippen brannte, die sich nach jedem wie mit Gewalt ausgestoßenen Satze fest zusammenpreßten, um sich bald wieder zu öffnen und – etwas Gleichgültiges zu sagen. Dabei errötete er alle Augenblicke wie ein ängstliches Mädchen und empfand darüber den innigsten Verdruß. Ach, daß er immer noch erröten konnte, das war für den alten Mann eine fortwährende Kränkung! Dieses unwillkürliche Zeichen kindischer Erregbarkeit stand mit seinen Jahren, mit seinem männlichen Wesen in einem lächerlichen Widerspruch. Und Widerspruch, Disharmonie war alles an dem seltsamen Menschen! Die Fülle der gelockten Haare, die der alte Herr lang trug, ließ den Kopf zu groß erscheinen für die schmalschulterige Gestalt, deren Dürftigkeit durch die eng anliegenden Kleider noch hervorgehoben wurde. Der frische und glatte Teint, der siegreich durch ein langes Leben allen Einflüssen der Hitze und der Kälte getrotzt, stand in auffallendem Gegensatz zu den schneeweißen Haaren des jugendlichen Greises. Die kräftige Adlernase, der martialische Schnurr- und Knebelbart, die braunen Augen, die unter ihren etwas geschwollenen Lidern feurig hervorblitzten, dies alles paßte nicht zu dem weichen Munde mit seinem schmerzlich resignierten Ausdruck. Hände und Füße des Mannes waren klein und schmal, seine Bewegungen unruhig, hart, und deutlich sah man ihm das Bemühen an, seine Befangenheit hinter einem mühsam angenommenen ungebundenen Wesen zu verbergen. Paul wiederholte seine unbeantwortet gebliebene Frage, und Kamnitzky sprach, an der Zigarre beißend, die längst nicht mehr brannte: »Wie's deinen Eltern geht, meinst du? ... Nun, nun, wie es eben kann ... Briefe von dir – mehrere nämlich – müssen verlorengegangen sein.« Er sagte das mit solcher Bitterkeit, daß Paul, dadurch ungeduldig gemacht, trocken antwortete: »Ich habe lange nicht geschrieben.« Kamnitzky stieß einen Laut des Unwillens aus, seine dichten Augenbrauen zogen sich zusammen: »So«, sagte er; »freilich, freilich – die vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit, Bildung, Intelligenz! Wie fände man da Zeit, ein paar alte Leute zu beschwichtigen, die so töricht sind, in Sorge um einen zu vergehen ... Ad vocem Intelligenz! – die macht Fortschritte! Wir haben jetzt drei Schullehrer in der Gegend zum Ersatz für den einen, der im vorigen Jahre dort verhungerte! Nun denn! – also lange nicht geschrieben!« Er senkte den Kopf und murmelte unverständliche Worte in den Bart. »Meine Eltern vergehen vor Sorge?« fragte Paul, »davon merkt man ihren Briefen nichts an. Mir schreiben sie, es ginge ihnen gut und auch dem Kinde ...« »Dem Kinde?... das war krank. – Man hat dir's verborgen. Aus Schonung ... Wie überflüssig – gelt? Die alten Leute verstehen eben die jungen nicht mehr. Sie wissen nicht, wie die gepanzert sind, inwendig, auswendig, durch und durch, mit einem trefflichen Harnisch: Gleichgültigkeit! ...« Jeder Nerv in seinem Gesichte zuckte, er sprang auf, rannte ein paar Male im Zimmer auf und nieder und blieb plötzlich dicht vor Paul stehen. Beide Hände in den Taschen, den Oberkörper vor- und rückwärts wiegend, fuhr er in höchster Erregung fort: »Gleichgültig, eine schöne Sache – freilich, man könnt auch sagen: eine erbärmliche! Die Gleichgültigkeit setzt einen überall vor die Tür, sogar vor die des eigenen Hauses ... Besitz ich etwas, das mir gleichgültig ist? Haben kann ich's, besitzen nicht! ... Die Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! geht an der Schönheit vorbei ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am Wunder ohne Andacht ...« Paul legte seine Hand auf den Arm Kamnitzkys und sprach: »Gilt deine Strafpredigt mir? Ich bin nicht gleichgültig. Und war ich's je«, setzte er nach einer Pause hinzu – »so sagen wir denn: ich bin's nicht mehr.« Eine wunderbar rasche Wandlung ging bei diesen Worten in dem alten Manne vor, wie durch einen Zauber schien der Sturm in seiner Seele beschworen. Weich, mit wehmütigem Vorwurf hob er an: »Wie lange warst du nicht mehr bei uns! – Seit deiner Rückkehr aus dem Feldzuge ...« Er schlug dreimal mit seiner kleinen Faust auf den Tisch: »Seit drei Jahren! drei Jahre sind's ...« Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung. Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie nicht teilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte er in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeeilt. – Er konnte ja wiederkommen, später, in besserer Zeit. Aber das Leben zog ihn in seine Wirbel, die Lust an öffentlicher Tätigkeit, der Ehrgeiz, in großem Wirkungskreise Großes zu leisten, erfaßte ihn. Manchmal mahnte es ihn wohl: Du solltest doch nachsehen, wie es steht mit den alten Leuten ... Aber sie rufen ihn nicht, und brauchen sie ihn denn? wozu auch? Er ist kein Weib, das sich über Unabänderliches grämt, er kann ihnen nicht weinen helfen. Und endlich – er wird sie schon besuchen, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. So war eine lange Zeit vergangen seit seiner flüchtigen, peinlichen letzten Einkehr im Vaterhause. Ihrer besann er sich jetzt nur zu deutlich, indem er Kamnitzkys Worte wiederholte: »Drei Jahre, ja – jawohl. Damals war es bei uns fürchterlich!« »Damals war's gut, noch gut«, rief der Freiherr. »Es war kurz nach dem Unglück... ich spreche von dem Tode deiner Frau. Unmittelbar nachdem man den Streich empfing, den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie tief er getroffen, wie viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat ... das zeigt sich erst später.« »Du meinst«, entgegnete Paul, »daß der Schmerz um einen erlittenen Verlust zunimmt, je mehr Zeit darüber hingeflossen ist? Ich, lieber Alter, halte dafür, daß die Zeit alle Wunden heilt.« »Im allgemeinen – könntest du wenigstens hinzusetzen«, fiel ihm Kamnitzky ein. »Für einen Mann wie du gibt es freilich nur das Allgemeine ... ein Mann wie du kümmert sich nicht um das einzelne Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem Universum ...« Er klimperte hastig mit einem Schlüsselbunde in seiner Tasche, seine Stimme, die sich während der letzten Sätze gesenkt hatte, erhob sich wieder: »Wann ist es kälter, he? eine Stunde oder mehrere Stunden nach Sonnenuntergang? ... Nun, Lieber, für deine alten Leute ist die Sonne untergegangen hinter dem Hügel in der Friedhofecke, wo die Zitterpappeln ... Ja so – du weißt nicht – warst nicht einmal dort ... Nicht einmal dort!« Er richtete sich kerzengerade auf, warf die Schultern zurück wie ein Soldat in strammer Haltung und fuhr fort, mit affektierter Nachlässigkeit den Blick, über Pauls Kopf hinweg, nach dem Fenster gerichtet: »Und es ist doch freundlich dort, durchaus freundlich: ein Gitter umschließt die Stelle, an den zierlichen Stäben ranken sich Zwergrosen empor, ein Band aus Efeu bildet, flach und breit, einen – weißt du, einen ...« Seine Hand zeichnete schwungvolle Linien in die Luft: »Einen Kranz, so – verschlungen ... und die Platte aus geschliffenem Granit spiegelt wie blankes Eis im Sonnenschein. Eingemeißelt in den Stein steht ihr Name in großen Buchstaben, sonst nichts als nur das Datum, Geburts- und Todestag natürlich ... darunter zwei Verse von ihrer Lieblingsdichterin, sonst gar nichts.« Peinlich! peinlich! dachte Paul, werd ich den Schwätzer nicht los? – »Was für Verse?« fragte er obenhin, nur um etwas zu sagen. »Ja, was für Verse? Als ob ich mir dergleichen merkte! Aber aufgeschrieben hab ich sie, wenn mir recht ist ...« Er suchte lange in seiner mit Rechnungen, Adressen und Zeitungsabschnitten bis zum Bersten gefüllten Brieftasche und zog endlich einen Papierstreifen hervor, den er Paul reichte. Dieser las halblaut und langsam: »Sehr jung war ich und sehr an Liebe reich, Begeisterung der Hauch, von dem ich lebte.« Kamnitzky bewegte die Lippen, als spräche er im stillen jede Silbe nach. »Ja, ja«, sagte er, »ganz richtig, das ist sie ... Ach Gott, ist sie – gewesen! Na ... Gott hab sie selig! Deine Eltern ... sie haben freilich das Kind, ein Trost, eine Sorge ...« Paul schwieg. Er hatte den Ellbogen auf das Knie gestützt und die Stirn in seine Hand; die gesenkten Augen ruhten unverwandt auf den geschriebenen Zeilen, die er festhielt in der herabgesunkenen Rechten. Er regte sich nicht – was ging in ihm vor? Der Alte konnte sein Gesicht nicht sehen, doch verriet seine Haltung, sein beklommener Atem eine tiefe Erschütterung. Ratlos stand Kamnitzky vor ihm. Er hätte so gern etwas gesagt! etwas Gutes, Gescheites! aber die Zunge war ihm wie gelähmt. Was würde er gegeben haben für das rechte, das erlösende Wort! Kamnitzky fand es nicht, und mit einer Gebärde der Verzweiflung griff er endlich nach seinem Hute: »Leb wohl also«, sagte er. Wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, fuhr Paul empor. »Wann reisest du?« »Morgen früh.« Der bewegte Klang von Pauls Stimme wirkte wohltuend auf seinen kriegerischen Freund. Er war noch zu rühren, der verlorene Sohn, der Abtrünnige! Man konnte ihn schon noch packen, nur bedurfte es dazu einer geschickten und kräftigen Hand. »Morgen früh. Wenn du einen Auftrag hast für deine alten Leute, ich besorge ihn ... Was soll ich ihnen ausrichten? Im Laufe der nächsten Woche komme ich wohl einmal hinüber ...« Paul sah ihn spöttisch lächelnd an und sagte: »Im Laufe der nächsten Woche erst? – Geh mir! So lange wirst du nicht zögern, den Zweck deiner Reise zu erfüllen.« »– Zweck? was meinst du? Ich verstehe dich nicht.« »Du verstehst mich recht gut.« Verwirrt und fassungslos wie ein ertappter Verbrecher wandte sich Kamnitzky ab. Er war durchschaut. Sein prächtig angelegter Plan gescheitert! – Wie hatte er sich alles so schön eingerichtet! Den alten Nachbarn, deren Kümmernissen er ein Ende machen wollte, von den Geschäften erzählt, die ihn nach der Stadt riefen, versprochen, »bei dieser Gelegenheit – vorausgesetzt, daß ihm Zeit dazu übrigbliebe«, den Paul zu besuchen. »Aber ja nicht sagen, daß sein Schweigen uns Sorge macht!« – »Sorge macht es Ihnen? Ist das möglich? Nein! nein! kein Wort, das versteht sich ...« In der Stadt war er mehrere Tage herumgezogen, die Pflastersteine zählen seine beste Unterhaltung, um nur mit gutem Gewissen sagen zu können: Ich bin schon lange da! um nur nicht merken zu lassen, daß er Eile habe, ihn zu sehen, den Renegaten. Und nun ... Was sind Entwürfe? Was ist ein menschlicher Vorsatz? Das ganze Gewebe seiner Intrige lag kläglich nackt am Tage! So schlau angelegt, so diplomatisch ausgeführt – das heißt, wie man's nimmt: bei der Ausführung, da hat es gehapert ... da hat ihm sein »verfluchtes Temperament« einen Streich gespielt ... Stumm grollend empfahl sich Kamnitzky. Von dem überraschten Hausherrn gefolgt, eilte er durch den Salon, das Vorzimmer in das Treppenhaus. Er nahm die Hand nicht, die Paul ihm beim Abschiede bot, drückte seinen Hut fest in die Stirn und eilte stolzen Schrittes die Treppe hinab. An die Rampe gelehnt, blickte Paul ihm nach. Ein Diener, der den Besucher an das Haustor begleitet hatte, kam zurück. »Packe eine leichte Reisetasche«, befahl sein Herr, »ich fahre heute abend für einige Tage auf das Land.« Im Laufe des Nachmittags begab Sonnberg sich zu Gräfin Marianne. »Sind Gäste da?« fragte er an der Tür des ersten Salons den voranschreitenden Kammerdiener. Dieser zog die Hand zurück, die er bereits auf die Klinke gelegt hatte, und in bedauerndem Tone, aus dem es trotz aller schuldigen Ehrfurcht deutlich klang: Dir ist's nicht recht, wir verstehen uns! sprach er: »Frau Gräfin Erlach, Durchlaucht Eberstein und der Herr Graf Neffe. Haben hier gespeist, werden wohl bald aufbrechen; der Wagen der Frau Gräfin Erlach ist schon vor einer halben Stunde gemeldet worden.« Paul nickte dem Alten, für die Auskunft freundlich dankend, zu und trat ein. Die Portieren zwischen dem Saale, in dessen Mitte das Klavier stand, und dem kleinen Salon waren zurückgeschlagen. Marianne saß der Gräfin Erlach gegenüber am Kamine, Thekla etwas abseits frei und aufrecht, die Arme leicht gekreuzt. Der junge Graf Eberstein stand neben ihr, zupfte an seinem kleinen Schnurrbart, spielte mit der Uhrkette, warf von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel und senkte dann mit bescheidener Zufriedenheit die Augen. Der Fürst hatte seinen Sessel in die Nähe des Fauteuils gerückt, in dem Gräfin Erlach ruhte, und stützte den Arm auf die Lehne desselben. Die lächelnden Gesichter aller Anwesenden verrieten, daß die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe, die man der jungen Dame nachrühmte, sich eben wieder bewährte. Paul nahm an ihrer Seite Platz, nachdem er die Damen des Hauses begrüßt hatte, und sagte in jenem leichten Tone, den sich Männer so gern gegen Frauen erlauben, deren Ehrgeiz darin besteht, »amüsant« gefunden zu werden: »Bravo, Gräfin, bravo – ein vortrefflicher Einfall!« »– Was denn?« »Was Sie eben sagten.« »Sie haben ja nichts davon gehört.« »Was tut's? Ich kann dennoch bei dem – wenigen, was Ihnen heilig ist, schwören: es war vortrefflich!« Klemens lachte schallend und sah dabei Thekla mit Blicken an, die deutlich sagten: Lachen Sie doch auch! Ach, dem Fürsten war Thekla zu kühl, Paul zu geduldig, er fand es längst an der Zeit, der Brautwerbung ein Ende zu machen, er konnte nicht oft genug wiederholen: die jungen Leute hätten sattsam Gelegenheit gehabt, einander kennenzulernen. Worauf wartete man noch, um Gottes willen? Wodurch sollte Sonnberg noch beweisen, daß er Theklas würdig sei? Ein Mann, wie man ihn weit suchen könne, charaktervoll, edel, verläßlich ... Klemens wurde so maßlos in dem Lobe seines Schützlings, daß Marianne ihm einmal sagte: »Wenn es ein Mittel gibt, einem Sonnberg zu verleiden, dann sind Sie im Besitze desselben, mein armer Freund ...« Die Gräfin Erlach beantwortete Pauls Kompliment mit einem spöttischen Lächeln. Sie schien immer spöttisch zu lächeln, sogar wenn sich ihr Gesicht in vollkommener Ruhe befand. Dann ging sie zu einem andern Thema über und sagte zu Marianne: »Tonchette kommt morgen aus Paris zurück.« »Haben Sie große Bestellungen bei ihr gemacht?« »Große nein – nur ein paar Toiletten, das Notwendigste.« »Was man ins Haus braucht, um seinen Mann zu bezaubern«, bemerkte Klemens, und Paul fiel ein: »Das heißt, um ihn in der Bezauberung zu erhalten, denn bezaubert ist er ja längst.« »Schreibt der Graf noch immer?« fragte Alfred schüchtern und zugleich dreist wie ein kaum flügge gewordenes Spätzchen, das, kämpfend zwischen anerzogener Bescheidenheit und angeborener Keckheit, nicht ohne Zögern sein Stimmlein im Kreise älterer Gefährten erhebt, »schreibt er noch immer so viele Gedichte an Sie, Gräfin?« »An mich? was fällt Ihnen ein? – Ich weiß nichts davon.« »Wer das glaubte!« sprach Marianne mit einem Anflug von Sarkasmus. »Ihr Mann macht Ihnen gewiß kein Geheimnis aus den poetischen Huldigungen, die er Ihnen darbringt.« »Doch!« entgegnete die Gräfin, »wenn auch sehr unwillkürlich. Er besteht nämlich darauf, mir das alles vorzulesen; und ich, sehen Sie, ich kann nicht zuhören, wenn mir jemand vorliest, ich kann nicht. Meine Gedanken fliegen davon, sobald die Lektüre beginnt, und stellen sich um keinen Preis wieder ein, bevor sie beendet ist. Dann natürlich sage ich auf gut Glück: ›Charmant, charmant, sehr schön geschrieben – besonders das letzte!‹« Man lachte, auch Paul nahm teil an der allgemeinen Heiterkeit, etwas gezwungen allerdings; und er wandte sich plötzlich mit den Worten an Gräfin Erlach: »Eigentlich muß ich Ihnen aber sagen, daß die schriftstellerischen Versuche Ihres Mannes aller Aufmerksamkeit wert sind und die Ihre erwecken sollten.« Die Gräfin sah ihn an mit jenem unbeschreiblichen Erstaunen, das Leute ergreift, die ihr ganzes Leben hindurch nur gespielt haben und entschlossen sind, bis an ihr Ende weiterzuspielen, wenn ihnen plötzlich zugemutet wird, irgendeiner ernsthaften Sache Interesse zu schenken. Jetzt lächelte nicht mehr ihr Mund allein, ihr ganzes nicht regelmäßig schönes, aber äußerst anziehendes Gesicht und ihre großen schalkhaften Augen lächelten mitleidig, spöttisch, übermütig, lächelten auf jede Art. Sie warf den Rest ihrer Zigarette in den Kamin, begann sorgfältig und mit Bedacht ihre Handschuhe anzuziehen und sprach in ihrer langsamen und nachlässigen Weise: »Fremde haben leicht reden.« Sie glättete die Falten ihrer Handschuhe und setzte nach einer Pause hinzu: »Mein Mann ist sehr leicht auswendig zu wissen, und ich weiß ihn auswendig – seit vier Jahren! Trotzdem sagt er sich mir täglich auf, in Versen und in Prosa. Das befriedigt zuletzt auch die brennendste Neugier.« Die Gräfin erhob sich, und die Damen riefen bedauernd wie aus einem Munde: »Sie wollen schon fort?« »Es ist höchste Zeit, ich muß meine Schwiegermutter abholen in die Oper ...« Sie versenkte sich in die Betrachtung ihres Fächers, warf einen langen Blick in den Spiegel: »Meine Schwiegermutter behauptet, eine Oper ohne Ouvertüre sei wie ein Mittagsessen ohne Suppe ... und meine Schwiegermutter hält etwas auf Suppe wie alle alten Leute.« Der Fürst blinzelte nach der Uhr, die eben acht schlug, gab seinem Neffen einen Wink und sprach: »Alfred wird die Ehre haben, Sie an Ihren Wagen zu bringen.« Alfred verneigte sich. Sie wollen mich weg haben, dachte er und murmelte etwas von »besonderem Vergnügen«. Als die beiden sich entfernt hatten, sagte Thekla zu Sonnberg mit einer ihr ungewohnten Lebhaftigkeit: »Wie schade, daß Sie nicht früher kamen! Sie hätten sich unterhalten. Julie war heute so gut aufgelegt, so witzig!« »Witzig nennen Sie das?« entgegnete Paul. »Es ist schale Spaßmacherei; und auf wessen Kosten spaßt die Gräfin? – sie macht ihren Mann lächerlich.« »Oh, das besorgt er wohl selbst.« »Wodurch?« »– Und wenn sie es tut, geschieht es aus Notwehr ...« »Wodurch?« wiederholte er – »wodurch?« Sein Gesicht färbte sich dunkler, die Adern an seinen Schläfen schwollen an: »Lieben – geliebt werden – macht das lächerlich?« Thekla sah mit Erstaunen, daß er zürnte. Was hat er denn? Was liegt ihm an dem armen kleinen Erlach? ... er versetzt sich doch nicht an seine Stelle, vergleicht sich doch nicht mit dem? ... Eine solche Möglichkeit darf von Thekla nicht angenommen werden – oh – nicht einmal geahnt! Mit etwas unsicherer Stimme und mit der unschuldig altklugen Miene eines Kindes, das fremde Weisheit von seinen Lippen strömen läßt, sprach die junge Gräfin: »Ach nein, Liebe zu empfinden ist nicht lächerlich, aber es zur Schau tragen, das ist's!« »Wer sagt Ihnen, daß Erlach seine Liebe absichtlich zur Schau trägt? Vielleicht fehlt ihm nur die Kraft, sie zu verbergen, wie er's sollte, dieser Frau gegenüber. Verspotten Sie ihn nicht – bedauern Sie ihn.« »Ach!« rief Thekla, »ich bedauere niemand, der Gedichte macht.« »So?« Paul schwieg eine Weile, dann fragte er plötzlich: »Was ist's mit den Gedichten, die ich Ihnen neulich brachte? Haben Sie darin gelesen?« »Ja«, antwortete sie zögernd. »Und was sagen Sie dazu? Ich habe das Buch jahrelang besessen und es nicht zu würdigen verstanden. Vor wenig Tagen kam es mir zufällig in die Hand, und mir war, als hätte ich einen Schatz entdeckt. Es ist herrlich ... finden Sie nicht?« »Herrlich – ja, zu herrlich für mich.« »Was heißt das?« »Es heißt ...« »Nun? Vollenden Sie doch!« Thekla warf den Kopf zurück: »Ich bin überhaupt keine Freundin von Gedichten«, sagte sie. Er zuckte die Achseln. »Sache des Geschmacks!« »Jawohl!« »Und es gibt guten und schlechten.« Paul war wieder in den herben Ton verfallen, den er ihr gegenüber nie mehr anschlagen wollte. Dieser kleine Wortwechsel berührte den Fürsten Klemens sehr unangenehm. Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, räusperte sich mißbilligend und warf der Gräfin einen bedauernden Blick nach dem andern zu. Plötzlich rief er aus, in der Weise eines nachsichtigen Vaters, der streitende Kinder zu beschwichtigen sucht: »Jedes von euch hat recht – gewissermaßen jedes! Oh«, wandte er sich ernsthaft zu Marianne, »das kann leicht sein; es trifft sich wohl – ja, wenn man die bezüglichen Standpunkte ins Auge faßt, trifft sich's eigentlich immer. Was meinen Sie?« Er wartete die Antwort nicht ab, sondern erhob sich: »Aber wir müssen ja fort ... Auch Sie haben bereits die Ouvertüre versäumt, was freilich nicht für ein Unglück gilt im Burgtheater ... Es ist doch heut Ihr Logentag?« »Nicht der unsere, der unserer Kammerjungfern, denn man gibt ein Trauerspiel. Wir bleiben zu Hause und wollten Sie beide«, Marianne nickte Paul freundlich zu, »bitten, uns Gesellschaft zu leisten.« »Wir sind bereit! Oh, mit Vergnügen!« rief der Fürst und ließ sich sofort in einen bequemen Fauteuil nieder, der zwischen dem Kamin und dem Arbeitstischchen der Gräfin stand. Sie nahm ihre Tapisserie zur Hand, über welche Klemens viel Schmeichelhaftes zu sagen wußte. Er fand die Zeichnung »wirklich, man muß gestehen! geschmackvoll, und erst die Farben!« – er hatte niemals zwei Farben gesehen, die so gut harmonierten – nicht einmal auf einem englischen Plaid – wie dieses Blau und dieses Grün ... Mit hausfreundlichem Behagen und mit dem Interesse für den Inhalt von Nähtischen und Arbeitskörben, das beinahe alle Männer auszeichnet, die Talent zur Weichlichkeit besitzen, begann er das zierliche Necessaire aus Elfenbein zu öffnen und zu schließen, die goldenen Scherchen und Büchschen ein- und auszuräumen; er zog die bunten Seidensträhnchen, die sich die Gräfin zurechtgelegt hatte, durch seine Finger und spielte so lange mit den kleinen Knäueln und Spulen, bis Marianne endlich ungeduldig ausrief: »Ich beschwöre Sie, Klemens, lassen Sie mein Handwerkszeug in Ruhe.« Er gehorchte resigniert, als ein ritterlicher Mann, der gewöhnt ist, in strenger Zucht gehalten zu werden und gleich wieder den kurzen Zügel zu fühlen, sobald er sich ein wenig gehen lassen möchte. Seine Aufmerksamkeit wandte sich dem »anonymen Brautpaare« zu, wie er Paul und Thekla nannte. Die jungen Leute hatten sich in den Saal begeben. Thekla nahm Platz am Klavier: die ersten Takte einer Bertinischen Etüde erklangen unter ihren Fingern. Sie spielte rein, nett, mit bewunderungswürdiger Geläufigkeit. Goldene Lichter schimmerten auf den reichen Flechten ihrer blonden, natürlich gewellten Haare; ihr Gesicht nahm einen gehaltenen, aufmerksamen Ausdruck an, jenen Ausdruck, den Paul nicht sehen konnte in ihren Zügen, ohne mit innigstem Entzücken zu denken: Du bist mehr, als du selber weißt, mehr als du scheinst; mehr als die Flachheit des Lebens, das du führest, ahnen läßt. Er stand ihr gegenüber, legte die verschränkten Arme auf das Klavier, beugte sich vor und versank in die Wonne ihres Anblicks. O Schönheit! Herzbezwingerin! Herrin, Königin! – Du bist der Frieden, wer kann dir grollen? Du bist der Sieg – wer kann dir widerstehen? Nur kurzsichtige Torheit fragt, ob in der schönen Hülle eine schöne Seele wohne. Die Hülle ist nur darum schön, weil die Seele sie schön belebt. Eins sind Form und Wesen; sie sind es im Kunstwerk, das hervorging aus Menschenhand, und wären es nicht im höchsten Kunstwerke der Schöpfung? ... Unverwandt ruhten seine Augen auf ihrem edlen Angesichte; sie erhob die ihren zu ihm und sah ihn forschend und etwas besorgt an. »Sie hören nicht zu – mißfällt Ihnen, was ich spiele ... oder hätte ich überhaupt nicht spielen sollen? Ich weiß, Sie lieben Musik nicht immer.« Sie schloß ihr Notenheft und schob es unter das Pult, das sie langsam niedergleiten ließ. Die kleine Scheidewand, die sie getrennt hatte, senkte sich. »Thekla«, sprach Sonnberg, »mir gefällt alles, ich liebe alles, was Sie tun. Wissen Sie das noch nicht?« Heller Freudenglanz breitete sich bei diesen Worten über ihr Gesicht, und sie entgegnete schalkhaft, übermütig: »Gefällt Ihnen auch alles, was ich sage?« Paul gab keine Antwort; er blickte schweigend vor sich hin und sagte endlich: »Ich nehme heute für einige Tage Abschied von Ihnen, Gräfin Thekla.« »Sie wollen fort?« fragte sie äußerst erstaunt – »und wohin?« »Auf das Land, zu meinen Eltern.« »Werden Sie erwartet? Haben Sie zu kommen versprochen?« »Nein. Ich will sie überraschen.« »Ah – Sie stehen mit Ihren Eltern auf dem Fuße der Überraschungen ... So ist das!« Sie schlug einige Töne auf dem Klavier an, leise, ohne Zusammenhang. »So ist das –« wiederholte sie gedehnt. »Ihre Eltern können wohl nicht leben ohne Sie?« »Daß sie es können, beweisen sie, denn – sie leben.« »Dann also!« – Sie sah ihn plötzlich an; eine Wolke voll drohenden Ernstes war auf seiner Stirn aufgestiegen; ein Zug bitteren Schmerzes spielte um seine fest zusammengepreßten Lippen, ein Schmerz, dem Zorne gar nah verwandt und gewiß bereit, sich als solcher zu äußern... Thekla ahnte, wußte es, und dennoch! Zum ersten Male war es nicht Furcht, was sich in ihr regte, als sie in sein verfinstertes Gesicht blickte, sondern die halb unbewußt erwachende echt weibliche Lust an einem Kampfe, in dem alle Mittel gelten, an dem Kampfe mit dem Stärkeren – dem Manne. Ei, dachte sie – du willst mich strafen, willst mir zeigen, daß du unabhängig bist und mich verlassen kannst, wann es dir gefällt?... Sie verschränkte ihre Arme über dem Pulte, beugte sich vor und drückte ihre Wange auf ihre Hand, während ihr Auge sich zu ihm erhob, der sie liebte. »Bleiben Sie bei uns«, sprach sie, hielt inne, schien zu überlegen und fügte endlich leise wie ein Hauch, aber mit holder Entschlossenheit hinzu: »Bei mir!« Sein Blick glitt über ihr demütig gesenktes Haupt, über den jungen schlanken Nacken, die königlichen Schultern, über die ganze vor ihn hingegossene Gestalt, und alle süßen Schauer bewunderungstrunkener Liebe durchzitterten ihn. Sein Herz pochte wie ein Hammer in seiner Brust, er richtete sich auf. . . Ein ungeübter Trinker, dem der Wein zu Kopfe steigt, der mit Entsetzen seine Herrschaft über sich selbst schwinden fühlt, ruft sich nicht eindringlicher zu: Nimm dich zusammen, wägt seine Worte nicht sorgfältiger, als Paul es tat und als er sprach: »Ich bin heute hart gemahnt worden an eine versäumte Pflicht.« Hart gemahnt? dachte Thekla – das wagt jemand, das lässest du dir gefallen, und ich lebe in Angst vor dir? – »Sind denn Ihre Eltern so anspruchsvoll?« fragte sie rasch. Auch sie hatte sich aufgerichtet und sah ihm gerade ins Gesicht. »Das sind sie wirklich nicht!« rief er, »sie sind nur sehr bedauernswerte, alte, einsame Leute. – Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß Sie die Tochter dieser alten Leute werden sollen, liebe – liebe Thekla?« fragte er und reichte ihr über das Pult hinweg die Hand, in welche sie ohne Besinnen die ihre legte. »Gewiß«, sprach sie, »ganz gewiß.« Paul begann das Leben zu schildern, das seine Eltern auf dem Lande führten; er schilderte sie selbst mit Wärme und Lebhaftigkeit; er sprach alles aus, was er den Tag hindurch gedacht, und solange er lebte, hatte er wohl nie so innige, herzliche und milde Gedanken gehabt. »Ich will meinen Eltern von Ihnen sprechen«, schloß er bewegt. »Sie ist es, die mich zu euch schickt, will ich sagen, die mich drängte, euch endlich in eurer Verlassenheit aufzusuchen. Sie werden dafür geliebt und gesegnet werden, Thekla, und wie wird mich das beglücken!« Während er sprach, hatte ihre Hand wie tot in der seinen gelegen. Als er nun schwieg, entzog sie ihm dieselbe, spielte mit ihrem Taschentuche, legte es ganz klein zusammen, glättete es auf ihrem Knie, und dieweil er dachte: Oh, nur jetzt den Anklang einer weichen Empfindung, nur einen einzigen leisen Herzenslaut! sagte sie: »Ihre Eltern haben sich so lange ohne Sie beholfen, sie werden es noch länger tun ... Schreiben Sie ihnen, entschuldigen Sie sich – versprechen Sie ihnen zu kommen.« Paul atmete tief auf: »Sie haben mich mißverstanden. Ich brauche mich nicht zu entschuldigen, brauche nichts zu versprechen; meine Eltern denken nicht daran, meine Rückkehr zu fordern. Ich selbst wünsche sie wiederzusehen – ich selbst sehne mich ...« Er brach ab und fragte plötzlich: »Begreifen Sie das nicht?« »Nein! Ich begreife nichts, als daß Sie jetzt nicht abreisen dürfen ... Abreisen – welch ein Einfall! Was treibt Sie denn fort?« »Ich meinte es Ihnen auseinandergesetzt zu haben ... mein Gott, wozu rede ich!« »Und – ich?« fragte sie mit einem langen vorwurfsvollen Blick ... Thekla legte die Verwirrung, die sich in Sonnbergs Zügen malte, zu ihren Gunsten aus. Gibt er schon nach, oder ist es ihm gar nicht ernst gewesen mit seinem Reiseplan? Er will vielleicht nur gebeten werden, ihn aufzugeben, und wäre sehr enttäuscht, wenn Thekla keinen Widerstand leistete. Und zum Widerstand ist sie ja entschlossen! ... Es ist freilich ein wenig mühsam, das alles, und der gute Graf etwas schwerlebig. Aber seine Seltsamkeiten werden sich geben, »wenn ihr nur erst verheiratet seid«, meint Mama. Nun denn! Gräfin Sonnberg wird man eben nicht so leicht, wie man etwa – Gräfin Eberstein würde. Thekla begann eine lebhafte Beredsamkeit zu entfalten. Sie führte ihr ganzes weibliches Rüstzeug von liebenswürdigem Trotz, von anmutiger Würde und wehmütigem Scherze in das Treffen; sie war geistreich und reizend und drohte schließlich auf das unwiderstehlichste mit ihrem Zorne. Paul hörte sie an, aufmerksam, gespannt; er sah ihr in die Augen, auf die lieblich gekräuselten Lippen; er schien auf etwas zu warten, auf etwas, das nicht kam, und seine Miene wurde immer kälter, immer strenger. Warum? warum dieses steinerne Lächeln, dieser mißbilligende Blick? Worin verfehlte es die kluge Rednerin? Was wollte er eigentlich hören, was verlangte er von ihr? Sie erriet es nicht, noch immer nicht! – Und jetzt war sie zu Ende, jetzt wußte sie nichts mehr. Er aber schien sich grausam an ihrer Ratlosigkeit zu weiden und sagte, sie scharf fixierend: »Nehmen Sie sich in acht! Sie machen mich übermütig. Ich muß glauben, daß Sie den Gedanken nicht mehr ertragen können, acht Tage lang von mir getrennt zu sein. Welche Schwäche, Gräfin, welche Sentimentalität!« Beim Himmel! Wenn er jemals gewünscht hatte, sie zu erzürnen, jetzt ward ihm der Wunsch erfüllt! Ihre Wangen flammten, sie erhob sich, eine beleidigte Göttin, und sprach in feuersprühender Entrüstung: »Reisen Sie!« Klemens hatte nicht aufgehört, die jungen Leute zu beobachten und von Minute zu Minute der Gräfin zu berichten: »Er hört ihr mit Entzücken zu – wie sie aber auch spielt! Glockenrein, und immer im Takt, das muß man sagen, diese Thekla ... Jetzt hält sie inne – spricht ... und er, er brennt! er brennt! Er gäbe Funken, glaube ich, wenn man ihn anrühren würde, wie eine Elektrisiermaschine ...« Der Fürst faltete seine großen weichen Hände, sah die Gräfin an wie ein Andächtiger ein Madonnenbild und fragte: »Wenn diese beiden armen Kinder jetzt vor Sie hinträten und sprächen: Gib uns deinen Segen! – was würden Sie tun?« »Ich würde ihn unbedenklich geben«, entgegnete Marianne. »O Himmel! ... O herrliche Frau!« rief der Fürst und hätte sich bei einem Haar auf seine Knie niedergelassen. Da schlug Theklas laut gesprochenes: »Reisen Sie!« an sein Ohr, und mit Schrecken sah Klemens das Paar, mit dem er es so gut meinte, nun erscheinen – ach, in nichts weniger als glückseliger Eintracht! Da kamen sie, die Gottbegnadeten, die Schicksalsgeliebten, die füreinander Geschaffenen, beide in großer Erregung, die Köpfe hoch, mit finsteren Stirnen, eines den Blick des anderen vermeidend, und: »Was gibt es denn?« fragte Klemens in scherzendem Tone, eigentlich aber sehr beunruhigt. »Der Graf verläßt uns; wünschen Sie ihm eine glückliche Reise!« erwiderte Thekla halb abgewandt und machte sich an dem Tische zu tun, auf welchem der Kammerdiener soeben das Teezeug ordnete. »Verläßt uns?« Klemens konnte das nicht glauben, auch dann noch nicht, als Paul es bestätigte. »Papa und Mama besuchen? Lächerlich!« Der Fürst war im Begriffe, so boshaft zu werden, als er nur konnte; aber Marianne fiel ihm ins Wort. Sie sah ihren zukünftigen Schwiegersohn freundlich an und sagte: »Sie haben recht! Gehen Sie. Wir werden Sie zwar schwer vermissen, aber wir sagen doch: Sie haben recht, Ihre guten Eltern nicht zu vergessen. Ich kann mir denken, wie die alten Leute von der Hoffnung auf ein solches Wiedersehen leben und von der Erinnerung daran zehren monatelang. Sehen Sie sich während Ihres Aufenthaltes im Vaterhause auch das Persönchen gut an, von dem wir schon einmal sprachen und das ich liebe, ohne es zu kennen. Wenn Sie, wie ich hoffe, bald zu uns zurückkehren, dann werden Sie mir erzählen, ob das kleine Ding eine Individualität besitzt oder nicht!« Sie drohte lächelnd mit dem Finger: »Sie werden es mir ehrlich erzählen. – Ich wiederhole: es tut uns sehr leid, daß Sie uns verlassen, aber wir billigen es von ganzem Herzen. Nicht wahr, Thekla?« Paul ergriff die Hand Mariannens und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf, der so auffallend lang dauerte, daß Klemens nicht umhin konnte, ein halb verlegenes, halb aggressives Räuspern vernehmen zu lassen und zu denken: Nun – was heißt denn das? Der Rest des Abends verfloß scheinbar auf das angenehmste. Paul wurde heiter und gesprächig. Thekla, anfangs zurückhaltend, stimmte in den fröhlichen Ton ein, den er angeschlagen hatte; sie lachte so gern! und war trotz ihres majestätischen Wesens, dem man viel mehr Neigung zum Ernste als zur Lustigkeit zugetraut hätte, immer aufgelegt, einen guten Einfall zu würdigen, auf einen Scherz einzugehen. Die beiden Herren empfahlen sich zugleich; der Fürst wollte Paul noch bis zu dessen Wohnung begleiten. Er hatte gar viel gegen ihn auf dem Herzen. »Hör einmal!« rief er in heller Mißbilligung, als sie auf der Straße angelangt waren. »Ich begreife dich nicht! Ein solcher Zauderer! ... Wenn schon abgereist werden muß, warum nicht die Gelegenheit benützen und sagen: Sie kennen mich jetzt – mein Herz – meinen Charakter – und so weiter! Darf ich meinen Eltern die Nachricht bringen ... et cetera? Die Gräfin hätte ihre Zustimmung gegeben; alle Not eines provisorischen Brautstandes wäre zu Ende, und ihr wäret im reinen.« »Wir sind im reinen; es ist alles ausgemacht: wir heiraten uns«, sagte Paul. Die Gasflamme, an der sie vorüberkamen, beleuchtete sein Gesicht, das dem Fürsten ungewöhnlich bleich und von einem wilden Ausdruck beseelt erschien. »Wir heiraten uns«, wiederholte er, »weil sie Gräfin Sonnberg werden will und weil ich verliebt in sie bin ... ja, verliebt. – Obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla.« Er hörte nicht einmal die Einwendungen, die Klemens machte, und begann plötzlich mitten in dessen Rede: »Die Torheit hat einmal behauptet, daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es nachgeplappert. Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den kleinsten Fehler des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde sie nicht beirren. Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, sich zu bewähren, der Hölle zum Trotz! ›Ich sehe dich, wie du bist‹, spricht sie zu ihrem Gegenstande. ›Ich weiß, ich habe zu bestehen keinen Grund, kein Recht; es ist eine Tollheit, daß ich bestehe – aber ich bestehe doch! Ich leide, ich blute, ich verzweifle, aber ich bestehe doch!‹« »Nun, nun«, sagte Klemens, »es wird so arg nicht sein ... Was Statue! – die Mutter ist auch ein wenig Statue, nicht so sehr allerdings, aber ein bißchen doch auch. Mein lieber Sohn, das sind die besten Weiber! Und dann: die Ehe ist für den Mann das Grab, für die Frau die Wiege der Leidenschaft. Übers Jahr vielleicht klagen unsere Frauen über unsere Kälte, oder es hat sich bis dahin das schönste Gleichgewicht hergestellt.« Der Fürst gab seinen Betrachtungen diesen notdürftigen Schluß, da sie am Haustore Pauls angelangt waren und es zu scheiden galt. Sonnberg eilte, sich reisefertig zu machen, und Klemens schlug wie allabendlich den Weg nach dem Klub ein. In den Abendstunden des zweitfolgenden Tages bewegte sich auf schlechten Wegen ein elender Postkarren, mit mageren, hochbeinigen Mähren bespannt, langsam weiter durch die unwirtbarste Gegend des nordwestlichen Böhmens. Ein öder Winkel in dem schönen Lande! – Rauh wehte der niemals rastende Sturm über den schweren Lehmboden, in dem weder Bäume noch Feldfrüchte recht gedeihen, ein Boden, der emsige Pflege brauchen würde und dem seine spärliche Bevölkerung nur die notdürftigste zuteil werden läßt. Ganze Strecken wie übersät mit Kieseln, Quarzen, Eisensteinen, zwischen denen strauchhohe Disteln ihr ephemeres, aber üppiges Dasein führen. Der Grund durchfurcht von breiten Wasserrissen, von Jahr zu Jahr tiefer ausgeschwemmt durch getaute Schneemassen, die im Frühling als Wildströme von den Höhen herabstürzten. Kümmerliche Kiefernbestände, auf der Ebene und auf den Abhängen zerstreut, Bäume, dreißig Jahre alt und nicht dicker als der Arm eines Mannes, verkrümmt, fahl, vom Markkäfer zernagt – keine Wiese, soweit das Auge reicht, kein freundliches Bächlein, das seine Umgebung erfrischte. Die Ortschaften, durch welche die Straße führt, gleichen eine der andern aufs Haar. Ihre kleinen, aus Tonschiefer erbauten und mit Stroh gedeckten Häuser drängen sich aneinander, als bedürften sie, um nicht umzukippen, der gegenseitigen Stütze. In der Mitte dieser Ansiedlungen liegt der Teich, von knorrigen Weiden mit gekappten Zweigen umgeben, die sich, so gut es geht, in seinem nur selten klaren Gewässer spiegeln. Ob trüb oder hell jedoch, er ist das Juwel des Dorfes, der Vergnügungsplatz der bäuerlichen Jugend und des schwimmkundigen Federviehs. Der Reisende in der Postkarrete blies ruhig die Wolken seiner Zigarre von sich und tauschte von Zeit zu Zeit ein Wort mit dem Kutscher, der über die grundlosen Wege fluchte und auf seine müden Gäule einhieb. Das Gefährt war jetzt an der letzten Anhöhe angelangt, die es noch zu überwinden galt. Beide Männer sprangen vom Wagen, und während der Postillon neben seinen Pferden herschritt, hatte der Fahrgast mit einigen gewaltigen Sätzen den Rand des Hohlweges erreicht und im Sturmschritte bald darauf auch den Hügelkamm. Oben blieb er stehen, den Blick in die Ferne gerichtet. Ein großartiges und zugleich freundlicheres Landschaftsbild bot sich ihm dar. Hier wogten die Saaten dichter auf besser bestellten Feldern, Raine und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt, wilde Rosen, blühende Schlehdornhecken schmückten den Saum des Tals, das eine dreifache Reihe bewaldeter Berge von der Hochebene trennte. Diese stieg gegen Westen noch einmal empor, um dann sachte abwärts zu gleiten, ohne andere Grenze als den Horizont. Dort aber, wo Erde und Himmel einander zu berühren schienen, stand eine schwarzblaue Wolke, von dem Glanz der untergehenden Sonne wie mit einem glühenden Ringe feurig und prächtig eingefaßt. Von ihrem dunklen Hintergrunde hob sich ein stattliches Gebäude in verschwimmenden Konturen ab und schimmerte weißlich herüber im Dufte der zitternden Luft. Das ist Sonnberg mit seinen Giebeln und Türmen, es ist das Vaterhaus, das sein Kind, seinen Herrn aus der Ferne grüßt. Paul steht auf seiner eigenen Scholle; der verwitterte Markstein, an den sein Fuß stößt, trägt ein wohlbekanntes Zeichen. Wie hatte ihm das Herz gepocht als Knabe und als Jüngling, wenn er, an dieser Stelle angelangt, sein altes Heim alljährlich wiedersah und nun nach Monaten voll Arbeit und Mühe fröhliche Ruhetage vor ihm lagen, ein jubelnder Empfang ihn erwartete, offene Arme sich ihm entgegenstreckten, offene Herzen ihm entgegenschlugen. Auch jetzt überkam es ihn mit der Empfindung seiner Jugend. Von einer plötzlichen heißen Ungeduld erfaßt, hieß er den Kutscher langsam auf der Straße weiterfahren, während er selbst querfeldein über die Schlucht und den Steinbruch in gerader Linie auf das Ziel seiner Wanderung zueilte. Es hieß oft mühsam auf- und abwärts klimmen, und trotz der Raschheit, mit welcher er allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schritt, war eine Stunde verflossen, bevor er die Mauer des Parkes erreichte. Außerhalb derselben stand einst ein prächtiger alter Nußbaum; Paul pflegte ihn zu ersteigen und sich an seinen die Mauer überhangenden Zweigen in den Park herabzuschwingen. Den Baum suchte er nun vergebens, er war gefällt worden, ein kurzer Stumpf nur blieb von ihm übrig; einige Schritte jedoch von diesem entfernt befand sich eine regelrechte Bresche, durch welche auch fleißig ein und aus gegangen wurde von zwei- und vierbeinigen Geschöpfen, wie die Spuren im zertretenen Grase und im Schutte deutlich verrieten. Auf diesem unerlaubten Wege drang Paul in das Schloßgebiet. Die vor ihm Angekommenen waren zwei Kühe und ihre Hüterin, ein kaum siebenjähriges Mädchen. Das Kind trat unbefangen auf den Fremdling zu, reichte ihm die kleine schmutzige Hand und sagte in singendem Tone: »Gelobt sei Jesus Christus!« »Und die Gemeindepolizei!« antwortete Paul. Sofort wandte die Hirtin sich ab, und ihre entrüstete Miene sagte: Den frevelhaften Spaß versteh ich nicht. Paul betrat das Fichtenwäldchen, durch welches man zum oberen Teil des Parks gelangte. Es war sehr gelichtet. Die schönsten Bäume, ihrer Zweige beraubt, schwankten traurig im Winde; andere hatten sich über kleinere Nachbarn gebogen und erdrückten sie mit ihrer Wucht; noch andere lagen schon umgestürzt auf dem Boden; überall zeigten sich Spuren der Verwahrlosung und der kecken Eingriffe, zu welchen sie herausfordert. Am Ausgange des Wäldchens, auf einem Wiesenplan, erhob sich, von Jasmin und Fliederbüschen im Halbkreise umgeben, ein schlanker, großblätteriger Ahorn. Er breitete die zierlichen Äste über eine zersprungene und halb in den Boden eingesunkene Bank zu seinen Füßen. Paul hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gar gut. Das war die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben. Hier hatte er sie gefunden, als er – einmal schwach in seinem Leben! – den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: »Willst du's mit mir wagen, Marie?« Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Tränen, Angst und Bitten erhoben und geantwortet: »Nein! nein!« Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht, und heftig rief er: »Warum? sage – warum?« Das Haupt gebeugt, die schmalen Hände im Schoße gefaltet, lehnte sie sich an den Stamm des Baumes. Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen zitterten, doch sprach sie in festem Tone: »Weil du mich nicht liebst und – weil ich dich liebe. Es wäre ein Unglück.« Was half ihr Sträuben? Er wollte es. Jetzt, nachdem er den ungeahntesten Widerstand gefunden, jetzt wollte er's! Sie behielt recht ... es war ein Unglück gewesen. – Paul fuhr mit der Hand über sein Angesicht und flüsterte im Weiterschreiten: »Arme Marie!« Allmählich hatte der Wind sich gelegt; wie aufatmend nach schwerem Kampfe hoben die Bäume ihre Wipfel und streckten ihr Gezweige im Abendtau. Schläfrig zwitscherten Grasmücken im Gesträuch, ein paar Schwalben schossen pfeilschnell dem nahen Schlosse zu. Der Duft von Millionen Blüten schwamm in der kräftigen Luft; immer lautloser wurde die schummertrunkene Natur; ringsumher überzog sich alles wie mit durchsichtigen grauen Schleiern. Paul war aus dem letzten Laubgange getreten, der ihn noch trennte von dem Blumenparterre vor dem Schlosse. Eine breite Steintreppe mit schwerem Geländer führte von dem Saale im ersten Geschoß in den Garten hinab. Die Tür des Saales stand geöffnet; oben auf der Schwelle schimmerte etwas Weißes, ein winziges Wesen, das zu hüpfen, zu winken schien, und langsam ihm entgegen bewegten sich auf den Stufen zwei dunkle Gestalten ... »Vater! Mutter!« rief Paul und war im nächsten Augenblicke bei ihnen. – Sie wandten sich um, der Greis stammelte den Namen seines Sohnes, über das Gesicht der Mutter flog ein Ausdruck der Verzückung, sprachlos streckte sie die Arme aus, ihre Knie wankten. Paul erfaßte die alte Frau und drückte sie an sich. Der Vater stand neben den beiden, klopfte Pauls Schulter mit schüchterner Zärtlichkeit und ermahnte die Mutter: »So, so – laß ihn – er liebt das nicht – es ist genug –« Er selbst erwiderte kurz die Umarmung seines Sohnes: »Da ist noch jemand«, sagte er und deutete auf ein blasses Kindchen, das der eben stattgefundenen Begrüßung mit bangem Erstaunen zugesehen hatte und das sich nun vor dem fremden Manne hinter dem Türflügel verkroch und die Augen scheu mit seinen blutlosen Händchen bedeckte. In Jahren waren den Dienern des Hauses nicht so viele Befehle und Aufträge erteilt worden als in der ersten Stunde nach Pauls Ankunft. Die Gräfin hatte ihr Leben damit zugebracht, in seinen Zimmern, von den Kissen des Lagers bis zu den Federn auf dem Schreibtische, alles zu seinem Empfange, zu augenblicklicher Benutzung bereit zu halten; aber jetzt, wo er da war, in Wirklichkeit, er selbst und nicht nur ein Traum von ihm, jetzt schien es ihr, als sei nichts geschehen, als fehle es überall. Sie ging aus und ein, kaum zurückgekehrt besann sie sich, daß sie noch mit dem Haushofmeister, mit dem Koch zu sprechen habe, und abermals verließ sie das Gemach. Ihr Mann folgte ihr besorgt mit den Augen; eine sichtliche Unruhe ergriff ihn, sooft sie von seiner Seite wich: »Sie wird sich ermüden, sich krank machen, aber ja, das sind die Mütter – du mußt Geduld haben.« Seine Hände zitterten, etwas greisenhaft Ängstliches sprach sich in seinem Wesen aus; er hielt inne inmitten eines Satzes, der Faden des Gesprächs entglitt ihm – wie alt war er geworden! Als man sich endlich, um eine Stunde später als gewöhnlich, im großen Speisesaale zu Tische setzte, mußte noch eine Zeitlang auf das Abendessen gewartet werden. Der gebrechliche Büchsenspanner, der magere Kammerdiener und der asthmatische Bediente schlichen mit den gekränkten Mienen umher, die alte Domestiken annehmen, wenn man sie in ihrer gewohnten Ordnung stört. Der Graf war seit seinem Eintritt in den Saal noch stiller geworden, hielt die Augen gesenkt und erhob sie nur flüchtig, um seiner Frau einen raschen fragenden Blick zuzuwerfen, den sie mit verständnisvollem Nicken beantwortete. Bei einer besonders auffallenden Ungeschicklichkeit des Hofstaats sagte die Gräfin entschuldigend zu Paul: »Hab Nachsicht, die Leute sind nicht gewöhnt – – für den Vater und mich ist Platz genug im kleinen Lesezimmer; wir haben hier nicht mehr gespeist seit dem – seit dem Tode ...« Die Stimme versagte ihr. »Ja, ja«, murmelte der Greis, und die Tränen, die an seinen Wimpern gezittert hatten, fielen auf seinen Teller herab. Er machte eine unwillige Bewegung mit dem Kopfe, und ein freudeloses, beschämtes Lächeln glitt wie ein verirrter Funke über seine Züge. Ist es denn möglich? So neu noch dieser Schmerz, so unvergessen noch dieser Verlust? «Wieder trat eine lange Pause ein, auch Paul war still geworden. Die Lampen, die lange außer Gebrauch gestanden, verbreiteten ein schwaches Licht in dem großen Raume; ihr trüber Schimmer beleuchtete die Gesichter der beiden Alten mit fahlem Scheine. Müdigkeit sprach aus ihren verwitterten Zügen – Lebensmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach der Ruhe, die auf Erden nicht zu finden ist. Die langersehnte Freude des Wiedersehens mit dem einziggeliebten Sohne, nun war sie erlebt und hatte die glückentwöhnten Menschen tödlich erschöpft. Da haben sie ihn nun, der ihr Abgott, ihr ein und alles ist; nichts fehlt zu ihrer Seligkeit als – die Kraft, sie zu genießen. Eine traurige Veränderung ist mit ihnen vorgegangen. Sie so gebrochen zu finden, hatte er nicht erwartet. Pauls Gedanken wanderten nach dem traulichen, duftenden, hellerleuchteten Salon der Gräfin Marianne. Der Tee dampfte in chinesischen Tassen, das englische Silbergeschirr blinkte, französische Konfitüren standen in zierlichen Schalen auf dem geschmackvoll gedeckten Tische. Lautlos schritten die Lakaien ab und zu, der Kammerdiener glitt servierend umher, unhörbar und emsig, lächelnde Dienstfertigkeit in jeder Miene. Die Damen plauderten, Fürst Klemens hörte ihnen zu, stimmte bei, bewunderte, betete an, Gräfin Erlach kicherte und scherzte ... Ja, dort konnte Paul sich Thekla denken, hier – nimmermehr! Sie mit ihrer Prachtliebe, ihrer Lebenslust, was soll sie in diesem altmodischen Wesen, in dieser Greisenatmosphäre? Ein unbesiegbares Mißbehagen wird sie ergreifen bei dem ersten Schritt über diese Schwelle, niemals wird sie sich hier heimisch fühlen ... Paul möchte das kühle Mitleid nicht sehen, mit dem ihr Blick über die Häupter seiner Eltern hingleiten würde. Die bloße Vorstellung davon ... Das Blut schoß ihm heiß in die Stirn, und er biß die Zähne zusammen. Sein Vater und seine Mutter tauschten leise einige gleichgültige Worte, sahen dabei ängstlich in sein verfinstertes Angesicht und sagten zu sich selber: Es wird ihm nicht wohl bei uns, es kann ihm bei uns nicht wohl werden! Die Turmuhr schlug zehn. Immer lauter wurde am Kredenztische das Aufziehen und Zuklappen der Laden und Türen, ein unmotiviertes Hin- und Hergehen, immer verständlicher die Mahnung der Dienerschaft: Was zögert ihr solange? Geht schlafen, es ist Zeit! – Geht schlafen! ... Diese Mahnung mag wohl oft wortlos zu den Alten dringen. Niemand verhindert es, niemand steht neben ihnen, der ein Recht hätte zu befehlen: Achtung vor denen, die mir heilig sind! Die eine, die es getan, ist dahin; die eine, die sie nicht verschmerzen können, die ihre Stütze und ihre Freude war. Paul erhob den Blick zu dem leeren Platz ihm gegenüber. Zum erstenmal vermißte er die freundlichen Augen, denen er dort immer zu begegnen gewohnt war, die stets so innig gefragt hatten: Bist du zufrieden? Worin haben wir's verfehlt? Was willst du? Was geht in dir vor? ... Augen, die aufleuchteten, wenn er heiter, sich trübten, wenn er mißmutig war. Die liebevolle Ausdauer, mit der sie auf ihm ruhten, hatte ihn oft ungeduldig gemacht, und jetzt – wie wohl hätte es ihm getan, nur einmal hineinschauen zu können in diese klaren, tiefen, treuen Augen! Als der Sohn des Hauses am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer wie in Licht gebadet. Durch die hohen Fenster fluteten die Strahlen der herrlich aufgehenden Sonne. Es hatte in der Nacht geregnet, große Wassertropfen glitzerten im Grase, auf den Blättern der Bäume, im Kelche der duftenden Blüten. Frisch wehte die Morgenluft, nicht ein Wölkchen stand am Himmel. Paul kleidete sich rasch an und verließ das noch im Schlaf liegende Haus. Im Hofe kamen ihm seine Jagdhunde entgegen und taten sehr verwundert, als sie ihren Herrn erkannten. »Da seid ihr ja!« rief er und streichelte ihnen die Köpfe. »Gestern haben sich die Herrschaften nicht blicken lassen. Vorwärts jetzt: allons! allons!« Sie beantworteten diese Aufforderung mit einem entschuldigenden Wedeln ihrer fleischigen Schwänze und mit einem Gähnen, das gar kein Ende nehmen wollte. Ihre matten Augen sprachen: Bist du gescheit? Wir sind zu dick geworden zu derlei Späßen. Und als Paul seine Einladung wiederholte, krochen die Tiere so rasch, als ihr Körperumfang es gestattete, in ihre Hütte zurück. Erst als er hinweggegangen war, schlüpften sie wieder heraus, setzten sich jedes an einen Pfeiler des Tores und sahen ihm mit liebevollen Blicken nach. Im Dorfe hatten die Leute bereits ihr Tagewerk begonnen. Der Gemeindehirt trieb die Herde der Weide zu, Weiber füllten ihre Wassereimer am Brunnen, Arbeiter waren auf dem Wege nach dem Felde; alle, denen Paul begegnete, grüßten ihn, hießen ihn willkommen. Die Weiber sahen ihn mit neugieriger Teilnahme an, eine von ihnen rief ihm von weitem zu: »Jetzt sind Sie halt allein!« In nächster Nähe der Pfarrei und viel ansehnlicher als diese erhob sich ein großes blankes Bauernhaus. Ein gewölbter Bogen trennte es von den Scheunen und Ställen, und durch denselben blickte man in einen weitläufigen Obstgarten mit reihenweis gepflanzten rot und weiß blühenden Bäumen. Vor dem Hause ein schmaler Streifen kurzen, grünen Grases, mit Malven und Levkojen bepflanzt und mit einem netten Holzstakete umgeben. Die Fenster blank gescheuert, der Sockel grau getüncht und über dem ganzen Gehöfte ein Anstrich von ruhigem Behagen und solider Wohlhabenheit, wie sie immer seltener werden »bei uns zulande auf dem Lande«. Aus dem Hause trat ein alter, untersetzter Mann in blauem, bis an die Fersen reichendem Rocke, der, bei jedem Schritte auseinanderflatternd, die schwarze Kniehose und die hohen, glänzend gewichsten Stiefel sehen ließ. Auf dem Kopfe trug der Alte einen niedrigen Hut mit aufgerollter Krempe, an der Weste Silberknöpfe, kurz: es kleidete sich keiner im ganzen Dorfe am Kirchweihfeste so stattlich wie er am Werkeltag. Dafür war er aber auch Balthasar der Große, Balthasar Schießl, der Reiche, Gescheite: ein Mann, der's mit jedem »Herrn« aufnimmt, eine Handschrift schreibt, die manche Leute sogar lesen können, bei Gott! nebstbei zwölf Melkerinnen im Stalle hat und jahraus, jahrein seine vier Paar Ochsen einspannen lassen kann. Ein Mann, der einmal, als er nach der Stadt fuhr, um dort Steuern zu zahlen, im Gasthofe zum Adler auf einen Sitz zweihundert Gulden verloren, bar auf den Tisch ausbezahlt, von dem Tage an aber nie mehr eine Karte angerührt hat. Balthasar eilte in raschen Schritten auf Paul zu und reichte ihm die Hand: »Das ist ja schön, daß Sie einmal wieder zu uns kommen«, rief er. Sofort entspann sich ein Gespräch, und sie wanderten zusammen weiter. Paul fragte nach dem und jenem und erhielt auf die Frage: »Wie geht es ihm?« regelmäßig die Antwort: »Gut.« Nachträglich kam dann: »Dem ersten haben die Schuldner das Haus über dem Kopf verkauft, der zweite, ja, der hat sich versoffen, zieht als Vagabund herum, Weib und Kinder gehen in den Tagelohn. Der dritte ... das is halt eine Gschicht – dem sein Sohn, der sitzt.« »Warum nicht gar! Was hat er denn angestellt?« »Es heißt, wissen S', daß er den Heger erschossen hat.« »Es heißt! Es wird wohl nicht nur heißen.« Der Alte schwieg eine Weile, dann sah er Paul von der Seite an, zeigte lachend zwei Reihen Zähne, gelblich wie Elfenbein und fest wie eine Mauer: »Ja sehen S', ich sag ...« Er spreizte die Finger auseinander und setzte seine Hand in eine langsam wiegende Bewegung: »Es kann sein – und es kann auch nit sein.« »Ich kenn euch!« sprach Paul. »So?« fragte der Bauer, und in dem einen Worte und dem Blicke, womit er es begleitete, lag eine ganze Reihe spöttischer Zweifel. Paul fuhr eifrig fort: »Ihr seid immer dieselben! Von der Wilddieberei könnt ihr nicht lassen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird nur so hineingehauen in unsere Wälder, werden unsere Wiesen abgegrast. . .« »Die meinen auch«, sprach Balthasar. »Und wo bleibt der Respekt vor fremdem Eigentum? Wann werden die Leute endlich lernen, daß ein Unterschied ist zwischen Mein und Dein?« Der Alte zog seine Pfeife aus der Tasche und begann ruhig sie zu stopfen. Sie waren jetzt in die Nähe der Schule gekommen. Vor der Tür stand ein junger Mensch, schäbig, aber stutzerhaft gekleidet, und schäkerte mit einer frech aussehenden Dirne. »Das ist der neue Schullehrer«, sagte Balthasar in nachlässigem Tone. – »Der? Der junge Bursch? Der kann ja selbst die Schule nicht absolviert haben.« »Hat's auch nit.« »Wieso? Ist er relegiert worden?« »Es heißt, daß er, wissen S', drinnen in der Stadt aus dem Schulzimmer oder von wo Maschinen mitgenommen hat, um dran zu studieren. Aber – vergessen muß er haben, daß sie ihm nit gehören, denn sonst –« sprach Balthasar mit einer pfiffigen Harmlosigkeit, die des größten Schauspielers würdig gewesen wäre –, »denn sonst hält er sie ja nit verkaufen können.« »Das wißt ihr?« rief Paul, »und den macht ihr zum Schullehrer? Den duldet ihr?« »Wir haben ihn nit grad ausgesucht, aber er hat halt ›Prodektion‹, und wenn er einmal dasitzt, bringt ihn selbst unser lieber Herrgott nit weg, das müssen Sie auch wissen, Herr Graf«, setzte Balthasar hinzu, zufrieden mit dem Eindruck, den das Streiflicht hervorbrachte, welches er auf die Ortszustände geworfen. »Eure Schuld, wenn er dasitzt ... Jetzt habt ihr ihn, könnt eure Kinder zu ihm in die Schule schicken!« »Ich schick die meinen nit.« »Ihr schickt sie nicht? Existiert vielleicht kein Schulzwang in Sonnberg?« »Ich zahl halt Straf«, antwortete der Bauer mit ruhigem Lächeln. »Ich kann's ja tun.« Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander, beide in Gedanken nicht angenehmer Art versunken. »Wenn die Frau Gräfin«, sagte der Alte auf einmal und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Hute, »wenn die Frau Gräfin noch am Leben wäre, so was wär nie geschehen ... Und hier –« setzte er in plötzlich verändertem Tone hinzu – »tät es auch anders aussehen!« Er deutete auf den großen, mit verschwenderischem Luxus erbauten Meierhof, dem sie sich allmählich genähert hatten. Paul meinte, das könne man doch nicht wissen, aber daß es hier nicht aussehe, wie sich's gehöre, sei allerdings ausgemacht. In der Tat, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das Vieh in schlechtem Stande, die Gebäude vernachlässigt, die kostbaren Maschinen, die Paul aus England geschickt hatte, zwar noch nicht benützt, aber schon beschädigt, im Freien, jedem Unwetter ausgesetzt, während der Schuppen daneben mit elendem Gerumpel angefüllt war. Alles schmutzig, unordentlich durcheinandergeworfen, alles verwahrlost und weder Knecht noch Magd sichtbar, kein Mensch in der Nähe, den man hätte fragen können: Wie geht das zu? Balthasar steckte die Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, zwischen die Zähne, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte: »Die Frau Gräfin ist tot, die alten Herrschaften sehen nix mehr – und Sie ...« Sein Mund verzog sich ironisch: »Sie haben halt gar zuviel zu tun!« Im Amtshause, das von dem Meierhofe nur durch die Straße getrennt war und das mit seinen zwei Geschossen, seiner verzierten Fassade und seinem französischen Dache einem Schlößchen glich, wurde es plötzlich lebendig. Ein Fenster im ersten Stocke war eröffnet und so rasch wieder zugeschlagen worden, daß die Trümmer zerbrochener Scheiben klirrend zu Boden fielen. Darauf entstand in dem Hause eine Bewegung wie in einer überrumpelten Festung, und endlich erschien auf der Schwelle ein großer, breitschultriger, sehr dicker Mann. Sein Gesicht hatte die Form und den Umfang eines Tellers und die Farbe einer Feuernelke. Als Balthasar den Herrn Verwalter kommen sah, machte er sich eilig von dannen. Die langen Schöße seines Rockes flogen hinter ihm her und waren anzusehen wie die Flügel eines Nachtfalters. Er rückte vor dem Verwalter kaum den Hut, und dieser erwiderte den kurzen Gruß mit auffallender Freundlichkeit. Hingegen vergab er seiner Würde dem Herrn Grafen junior gegenüber nicht ein Jota. »Der Herr Graf sind da«, sprach er bitter und vorwurfsvoll, »begeben sich stante pede in die Ökonomie, ohne mich haben avisieren zu lassen. Ich darf die Gnade nicht haben, teilzunehmen an der Inspektion.« »Nur eine Morgenpromenade, lieber Vogel. Allerdings bin ich nicht erbaut von dem, was ich bisher sah und hörte«, erwiderte Paul, teils ergötzt, teils geärgert durch die gewundenen Reden des feierlichen Herrn, den dessen feinfühlende Gemahlin »mein opulenter Mann« zu nennen pflegte. »Ah – – Insinuationen! ...« »Davon ist nicht die Rede, aber werfen Sie doch nur einen Blick um sich!« »Das tue ich täglich«, entgegnete der Herr Verwalter mit einem Selbstbewußtsein, als ob es auf Erden nichts Ruhmvolleres geben könne, als Blicke um sich zu werfen. »Jeden vom Dache gefallenen Ziegel, jede gestohlene Latte, Herr Graf, Sie finden sie wieder – im Wirtschaftsjournal. Aber jedoch adaptiert, restauriert darf nichts werden. Wir haben strikten Enthaltungsbefehl. »Tun Sie nichts ohne meinen Sohn!« ist des Herrn Grafen stets von neuem wiederholt erteilte Weisung, der sich fügsam zu erweisen nicht immer ganz leicht fällt.« »Weniger wörtlich befolgt wäre der Befehl besser befolgt«, versetzte Paul. Er hatte den Rückweg angetreten und eilte rasch vorwärts, belästigt durch die Begleitung des Herrn Verwalters, dem es, wie sein schnaubender Atem verriet, schwer wurde, mit ihm Schritt zu halten. Am Ausgange des Dorfes befanden sich einige elende Baracken: die sogenannten »herrschaftlichen« Arbeiterwohnungen. Der Wind blies durch ihre zerklüfteten Mauern, die Scheiben ihrer kleinen Fensterchen waren zerbrochen oder erblindet, die Löcher in ihren halb abgedeckten Dächern gemahnten an aufgerissene hungrige Mäuler. Den Vordergrund des Jammerbildes bildete eine Pfütze, in der eine zahlreiche Kinderschar mit einem Vergnügen herumpatschte, das gewisser Geschöpfe würdig gewesen wäre, die mit mehr Beinen und mit weniger Gottähnlichkeit ausgestattet wurden als das menschliche Geschlecht. »Unsere Arbeiterwohnungen!« rief Paul entrüstet – »durfte auch hier nichts hergestellt werden? ... Es war schon der Wunsch meiner verstorbenen Frau, daß sie niedergerissen und an ihrer Stelle neue, geräumigere errichtet würden.« Der Verwalter lächelte: »Hauptsächlich aus Moralitätsgründen. Die Frau Gräfin nahmen Anstoß daran, mehrere Personen unterschiedlichen Geschlechtes in nicht unterschiedlichen Lokalitäten unterbringen zu lassen. Die hochgeborene Frau vergaßen, daß derlei hier überall vorkommt. Wir haben Wohnungsnot in Sonnberg. Die Leute sind es gewöhnt, und warum sollte es der Arbeiter besser haben als der Bauer? Es würde schlechtes Blut machen, zu befürchten geben... Auch kann niemand der Gutsverwaltung zumuten, sich zur Tugendwächterin der Bevölkerung aufzuwerfen, und haben die Leute ihren eigenen Standpunkt – wie der Herr Graf dereinst selbst der hochseligen Frau Gräfin zu bedenken zu geben geruhten.« So war's. Mehr aus Widerspruchsgeist als aus Überzeugung hatte Paul damals die Forderung abgewiesen, die seine Frau an ihn gestellt, eindringlich im Namen der Menschlichkeit. Einen Augenblick war er nahe daran gewesen, einzuwilligen, denn im stillen gab er ihr recht. Aber war er der Mann, der gemahnt zu werden brauchte an die Erfüllung einer Pflicht? – Würde er sie als solche anerkennen, ihr wäre längst Genüge geschehen. Demnach hatte Paul ein rasches Ende gemacht, erklärt, er wolle von der Sache nichts mehr hören, und über die Subjektivität der Weiber gespottet, die immer sich, immer nur sich in die Lage der ändern versetzen können und unfähig sind, irgendein Verhältnis anders als persönlich zu beurteilen. »Mitleid ist Schwäche!« hatte er ausgerufen, plötzlich aber innegehalten, weil ihm ein Zweifel an der Unbestreitbarkeit dieses Satzes aufgestiegen war, weil ihn beim Anblick des Schmerzes, den sein Starrsinn verursachte, eine Regung überkommen hatte, derjenigen beinahe ähnlich, die er soeben verdammt... Die junge Frau jedoch, wie hatte sie in seiner Seele zu lesen gewußt! Das leise, kaum eingestandene Gefühl, das zu ihren Gunsten sprach, wie war es sogleich von ihr erraten, wie dankbar sein Erwachen begrüßt worden! Wie hatte sie, mit neubelebter Hoffnung auf den Sieg ihrer guten Sache, die Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen, den Kopf an seine Brust gedrückt, voll zärtlicher Begeisterung zu ihm emporgesehen und ihm zugeflüstert: »O du Schwächling!« Ja, ja, sie war anmutig gewesen und hold.–– Paul fuhr auf aus seinem Sinnen. »Nehmen Sie an«, sprach er zu seinem Begleiter, »daß ich heute anders denke als zu jener Zeit, daß ich einsehe – kurz, suchen Sie die Pläne zu den Arbeitshäusern hervor, die meine Frau damals zeichnen ließ. Der Bau soll sogleich in Angriff genommen werden.« Der Beamte steckte mit Würde die Hand in seine Weste. »Herr Graf scheinen einen Systemwechsel vorzunehmen zu beabsichtigen. Vielleicht intensive Wirtschaft, was hier nicht geht!... Wovon Herr Graf sich selbst genugsam überzeugten und was ich mehrmals die Gnade hatte zu bemerken, dereinst bei unvergeßlichen Gelegenheiten, in denen mir das Unglück widerfuhr, mir das Mißfallen der hochseligen Frau Gräfin zuziehen zu müssen.« Ein hämischer Zug verunstaltete seine feisten Lippen, sooft er von der Verstorbenen sprach. Dieser hoffärtige Mensch hat sie gehaßt und grollt ihr noch nach dem Tode. Er verzeiht es ihr nie, daß sie so manchen Kampf gegen ihn siegreich geführt. Siegreich, denn sie war stark, mutig und verständig, dachte Paul, und entließ den Herrn Verwalter mit einigen trockenen Worten. Der Graf und die Gräfin erwarteten ihren Sohn zum Frühstück im Saale, beide nach altem Brauche sorgfältig gekleidet vom frühen Morgen an. Sie im grünen, glatten Seidenkleide, das nur wenig über die Knöchel reichte und die ausgeschnittenen, kreuzweise gebundenen Schuhe sehen ließ. Die lichten Locken, zu beiden Seiten der Stirn aufgesteckt, das feine Gesicht mit den milden Augen, von einer weißen Haube umgeben, die ganze Gestalt wie aus einem Rahmen eines edlen, aber verblaßten Bildes getreten, das vor dreißig Jahren gemalt worden war. Ihr Mann, der sie einst um Kopfeslänge überragte, sah jetzt nicht größer aus als sie. Seine breite Brust war eingesunken, seine Schultern hatten sich gewölbt. Aber schön geblieben waren die herrlichen Züge seines Gesichtes. Den kahlen Scheitel des wie aus Erz geformten Hauptes umgab ein Kranz von schneeigen Haaren, und wie weiße Seide schimmerte der Bart, der auf die Brust des Greises niederwallte. Der Graf stand am Fenster, auf seinen Stock gelehnt, und sprach: »Er ist schon draußen, schon seit sechs Uhr, sieht sich um, wird Befehle geben, Einrichtungen treffen, alles nach der neuen Art, alles anders als zu unserer Zeit und tausendmal besser. Ja, der versteht's! Der Vogel wird sich freuen, daß er einmal wieder etwas lernen kann.« Die Gräfin meinte, dies sei ohne Zweifel der Fall und könne nicht schaden; es gäbe so manches zu tun in Sonnberg, und gewiß, ein gewöhnlicher Mensch fände hier ein überreiches Feld für seine Tätigkeit, aber für Paul ist das alles zu kleinlich, zu gering, der bescheidene Beruf eines Landwirts, der füllt einen solchen Mann nicht aus. »Wie lange er wohl bei uns bleibt?« schloß sie ihre Betrachtungen. »Danach darf man ihn nicht fragen!« rief der Greis. »Du weißt, das kann er nicht leiden. Nur keinen Zwang, nur keine Liebestyrannei!« Paul war während dieser letzten Worte eingetreten, und man setzte sich an den Frühstückstisch. Er freute sich im stillen über das frischere Aussehen der beiden alten Leute. Die Nachtruhe, die ihnen der Gedanke gar süß gemacht, daß ihr Sohn einmal wieder unter demselben Dache mit ihnen schlafe, hatte sie unsäglich erquickt. »Bist du zufrieden mit unserer Wirtschaft?« fragte der Graf. »Vogel hält strenge Ordnung, ein braver Mann, das muß man ihm lassen... auch fehlt uns nichts als bares Geld. Das Erträgnis, sagt Vogel, das Erträgnis! – ja, leider. Es wird ihm oft schwer, die großen Regiekosten zu bestreiten.« – Die Regiekosten? dachte Paul, o lieber Vogel! o lieber – Schurke! Du hast dich sonderbar ausgewachsen. Meine Abwesenheit bekommt dir schlecht. – Er antwortete ausweichend, vorläufig könne er noch keine Meinung abgeben, in einigen Tagen aber, nächste Woche vielleicht... »Nächste – Woche?!« wiederholten seine beiden Eltern zugleich. So lange bleibt er? O Glück! Sie dachten nicht mehr, ein solches zu erleben. Die Mutter vergaß in ihrer Freude einen Augenblick die stets geübte Zurückhaltung, die sich jede Äußerung der Zärtlichkeit versagte. Sie glitt schmeichelnd mit den Fingern über den auf dem Tische ruhenden Arm ihres Sohnes. Es lag in dieser schüchternen Berührung so viel unterdrückte Liebe, ein so unaussprechlicher Dank, daß Paul innig sprach: »Gute Mutter!« ihre Hand ergriff und an seine Lippen drückte. Die Gräfin warf einen Blick voll seliger Überraschung auf ihren Gatten, dessen Angesicht dieselbe Empfindung aussprach. Sie schienen sich zu fragen: Was ist das? – was ist geschehen? Ist er's denn noch? »Je länger du bleibst, um so besser für uns«, sagte der Graf. »Du bist immer willkommen, lieber Sohn.« Den alten Leuten war seltsam zumute – ungefähr wie frommen verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knien, sich plötzlich niederbeugen und Worte des Segens über ihre Häupter sprechen würde. Die Unterhaltung geriet ins Stocken, das Frühstück war beendet; Paul ging auf sein Zimmer mit der Absicht – an Thekla zu schreiben. Nur eine Spanne Zeit trennte ihn von dem Augenblick, in dem er Abschied von ihr genommen, es hatte sich darin so gut wie nichts begeben, nicht ein Ereignis, das der Mühe lohnte erzählt zu werden, und doch: ihm schien sie lang und inhaltsreich, diese kurze, stille Zeit; er meinte fast in ihr mehr erlebt zu haben als in seinem ganzen übrigen Dasein. Womit soll er seinen Brief beginnen, den ersten, den er an Thekla schreibt? Meine Gedanken haben Sie nicht verlassen ... Eine Lüge! – Ich habe meine Eltern wohlauf gefunden ... Was kümmern sie seine Eltern? Diese schlichten Leute werden ihr immer fremd bleiben und sie auch ihnen. Aber das Kind, dessen Mutter sie werden und das sie lieben lernen soll, von dem will er ihr sprechen. Nur muß man kennen, was man beschreiben will, und er hat die Kleine noch kaum gesehen; wie absichtlich schafft man sie ihm aus dem Wege, erwähnt ihrer nicht, gedenkt es ihm wohl noch, daß er dereinst zu behaupten pflegte, kleine Kinder seien ihm ein Greuel. Das war damals nur halb und ist jetzt gar nicht mehr wahr, Eltern jedoch glauben nichts schwerer, als daß mit ihren Kindern eine Veränderung vorgehen könne. Paul erhob sich, um zu schellen, und in diesem Augenblicke wurde nach leisem Pochen die Tür geöffnet, und sein Töchterchen trat ein. Es klammerte sich dabei mit einer Hand an den Rock seiner Wärterin, in der anderen trug es einen Veilchenstrauß. Einen solchen, ganz so gebunden, legte Marie dereinst täglich auf seinen Schreibtisch: dort hatte er ihn soeben halb unbewußt vermißt. »Das bringen wir dem Papa«, sprach die Wärterin. Sie beugte sich zu der Kleinen nieder und suchte sich von ihr loszumachen. »Es ist ein guter Papa, geh zu ihm, mein Engel, geh!« Es entstand ein langer, in flüsterndem Tone geführter Wortwechsel zwischen Mariechen und ihrer Pflegerin, dem Paul damit ein Ende machte, daß er der letzteren befahl, sich zu entfernen. »Und das Kind?« »Das bleibt bei mir.« »Ganz allein? Es ist so scheu – Sie sind ihm so fremd –« Unwillig wiederholte Paul seinen Befehl, die Frau erlaubte sich keine Einwendung mehr, sie ging bestürzt von dannen, und ihr Zögling, noch viel erschrockener als sie, hatte nicht einmal den Mut, sich nach ihr umzuwenden. Wie eine kleine Bildsäule blieb Mariechen regungslos an ihrem Platze und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust. Arme, verkümmerte Pflanze! dachte Paul. Wachsest auf zwischen einem geschlossenen und einem schon geöffneten Grabe ... Du brauchtest frischere Lebensluft! Eine Regung mitleidiger Liebe schlich sich in seine Seele; er sah die Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner Bewegungen beobachtete, und wagte nicht, sich ihr zu nähern. Sie voll Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst – so standen Vater und Tochter einander gegenüber. Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: »Mariechen, komm zu mir!« Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in unaufhaltsames Weinen aus. Paul ging an seinen Schreibtisch zurück. Sie mag sich ausweinen! Hat ohne Ursache angefangen, wird ohne Ursache aufhören! Aber die Ausdauer eines schluchzenden Kindes ist ein länger Ding als eines Mannes Geduld. Er wollte die seine nicht verlieren, er hielt sich die Ohren zu, versuchte seine Aufmerksamkeit auf zwei Goldamseln zu lenken, die im Grün der Linde vor seinen Fenstern wie Lichtstrahlen von Ast zu Ast huschten, bemeisterte sich lange, zuletzt aber wandte er sich doch um, sprang auf und herrschte dem Kinde zu: »Schweige!« Es gehorchte augenblicklich, hielt inne mitten im Schluchzen und sah aus großen, in Tränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz. So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen, damals, als sie zum ersten und letzten Male nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich über ihr Leben entschied ... Da war die Erinnerung wieder, deren er sich mit dem Aufgebote seiner ganzen Willenskraft nicht zu erwehren vermochte, die ihn wie mit einem Zauberbanne umwob, seitdem er den heimischen Boden betreten hatte. Kann das Weib, das im Leben hilflos zu seinen Füßen lag, ihn nach dem Tode besiegen? Fleht sie aus dem Jenseits zu ihm? sieht ihn mit unvergeßlichem Blicke aus dem Auge ihres Kindes an – ihres kleinen Abbildes ... nein, kein Abbild, sie selbst, in jedem Zuge des Gesichtes – in jeder Bewegung sie, so ganz und gar sie selbst, als gäbe es eine rückwärts schreitende Zeit, ein umgekehrtes Leben, das wieder zur Kindheit führt ... Im Innersten erschüttert, hob Paul das Kind in seinen Armen empor und drückte es an sich. Allein der Ausbruch seiner Zärtlichkeit erweckte Entsetzen und dieses seinen Grimm. »Fürchte dich nicht!« rief er in törichtem Zorne, »fürchte dich nicht!« während er sie tödlich erschreckte. Alle Glieder des zarten Körperchens begannen zu zittern, die Augen wurden starr, und in großer Bestürzung setzte Paul das Kind auf den Boden hin. Da blieb es still, mit herabhängenden Armen, das Köpfchen tief gebeugt – auf das Allerschlimmste gefaßt, recht wie ein junges Vöglein im verlassenen Neste, über dem ein Gewitter schwebt ... Schon hat der Blitz gezuckt – wann trifft sein Strahl? O du allmächtige Hilflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens! »Sprich«, flüsterte Paul, »sprich nur ein Wort – oder weine, Kindchen! weine – ich bitte dich ...« Sie bleibt still, stumm, leblos... Atmet sie denn? In namenloser Spannung hält er seinen Atem an, um dem ihren besser zu lauschen – – da läßt sich im Nebenzimmer das Trippeln kleiner emsiger Schritte vernehmen, das Gebimmel einer winzigen Schelle... Mariechen horcht plötzlich auf, an der Tür wird ein Kratzen laut, gebieterisch einlaßheischend – und das Kind erhebt den Kopf, ein schwaches Rot tritt auf seine Wangen, es schlägt freudig die Händchen zusammen und – »Kitty!« ruft es aufjauchzend. Paul öffnete die Tür, und an ihm vorbei schoß ein zottiges Hündchen und sprang mit lautem Gebelle auf das kleine Mädchen zu. Es umhüpfte sie, leckte ihr die Hände und das Gesicht, sprang wieder davon, streckte die Vorderbeine von sich, soweit es konnte, bog das Kreuz ein, bellte, sah sie an und keuchte mit herabhängender Zunge. Und sie – wie sie es lockte! wie sie es rief mit liebkosenden Namen, wie sie es mit ihren beiden Ärmchen umschlang, seinen Kopf an ihre Brust drückte und wiegte mit ernsthafter Zärtlichkeit. Ja, dem kann sie schöntun! der steht in ihrer Gunst ... Man könnte ihn beneiden ... Paul lächelte über seine kindischen Gedanken – es ist weit mit ihm gekommen: er ist eifersüchtig auf einen Hund. Unmutig schellte er der Wärterin und befahl ihr, die Kleine hinwegzuführen. Er wandte sich ab, als es geschah; was brauchte er zu sehen, wie gern sie von ihm ging? Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal – und nicht wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt – jetzt heißt es um sie werben, um sie dienen... Der Veilchenstrauß war auf den Boden gefallen, Paul hob ihn auf und legte ihn neben sich auf den Schreibtisch. Er begann einen neuen Brief an Thekla, aber es stand in den Sternen geschrieben, daß auch dieser nicht beendet werden sollte. Von der Straße herüber drang ein sonderbares Geräusch. Als ob zehntausend Wespen schnarrten, als ob zehntausend Hornissen brummten und dazwischen ein Dudelsack pfiffe, war es anzuhören. Ein Geräusch, in seiner Art nicht minder berühmt als die Luftmusik auf Ceylon, nur besser erklärt von Gelehrten und selbst von Ungelehrten, denn sobald es sich vernehmen ließ, wußte jedermann auf eine Viertelmeile in der Runde: der Freiherr von Kamnitzky fährt über Land! Und was da rasselt, quiekt und stöhnt, es ist seine historische Kalesche. Ein edles Vehikel, ein ehrwürdiges Denkmal aus der Vergangenheit. Wann es erbaut wurde – »die jetzigen Kinder denken's nicht!« In Form und Farbe glich es der Hälfte eines Tiroler Apfels und war mit dunkelbraunem Tuche – das aber aus neuerer Zeit stammte, denn es zählte keine fünfundzwanzig Jahre – gefüttert. Es schwebte in wolkennaher Höhe auf Schneckenfedern, ein mächtiger Radschutz hing an schwerer Kette unter dem Kasten. Vorgespannt waren ein paar dicke, kurzhalsige Schimmel mit Beinen wie Säulen; ansehnliche Gäule, die, nach dem Zeugnis ihres Herrn, »einmal ins Kugeln gekommen, einige Meilen auf oder ab nicht weiter regardierten«. Der Freiherr von Kamnitzky hatte immer einen Spaß auf den Lippen und ein paar Silbergulden in der Tasche, war deshalb sehr beliebt bei der Dienerschaft in Schloß Sonnberg, die sich um die Ehre riß, den Schlag seiner Kalesche zu öffnen und das aus mehreren Stufen bestehende Trittbrett herunterzuschlagen. Kamnitzky war eben im Begriffe, diese fliegende Treppe zu betreten, als Paul aus dem Schlosse geeilt kam, um ihn zu begrüßen. »Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen. Paul half ihm herab: »Ich werde dich doch nicht umsonst nach Wien reisen lassen«, sagte er. »Umsonst nach Wien? mich? – sei so gut und sag das deinen Eltern – umsonst ... O das ist wieder – o freilich ... verzeih, aber so albern reden doch nur gescheite Leute«, rief Kamnitzky voll Entrüstung und versäumte auch diese Gelegenheit nicht, den »gescheiten Leuten« eins anzuhängen. Er fragte einen Diener – nicht Paul, mit dem sprach er vorläufig kein Wort mehr –, wo der Herr Graf sich befinde, und wünschte angemeldet zu werden. Eine Höflichkeit, die er nie außer acht setzte, ebensowenig als der Graf jemals versäumte, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Aber es geht eben nichts über eine gute, altgewohnte Art, das Gespräch anzuknüpfen, und so wurde denn auch heute wie immer der Gastfreund mit den Worten empfangen: »Sich anmelden lassen? Alter Mensch, was fällt dir ein?« Bei Tische war Kamnitzky lustig bis zur Ausgelassenheit, aß und trank ansehnlich, machte die schlechtesten Witze, ohne ein einziges Mal darüber zu erröten. Seine gute Laune und sein guter Appetit erweckten das innigste Wohlgefallen der alten Leute. In Bestürzung jedoch gerieten sie, als er nach dem Speisen begann, über die Regierung zu schimpfen; sie besorgten sehr, Paul könne das übelnehmen. »Er meint nicht dich«, sagte der Greis beruhigend zu seinem Sohne. »Bitte um Verzeihung! Wohl mein ich ihn und sein ganzes, ihm nachbetendes Gelichter«, rief der erregte Freiherr. Er stellte sich mit dem Rücken an den kalten Kamin, versenkte beide Hände in die Hosentaschen und setzte seinen Oberkörper in regelmäßige Schwingungen. Die Schöße seines Rockes, die er unter den Armen hielt, bewegten sich dabei wie zwei schwarze Ruder in der Luft. Er hatte den Kopf zurückgeworfen und eine lange Virginia zwischen die Zähne geklemmt, die wie gewöhnlich nicht ins Glühen kommen wollte. Sein kühnes Gesicht drückte die höchste Kampflust aus. »Euch alle mein ich, politische Doktoren, Verjüngerer, Verbesserer des Staates, Baumeister ... ja, saubere Baumeister!. . . Flicken einen Riß in der Mauer, reparieren am Dache und merken nicht oder tun, als ob sie nicht merkten, daß die Fundamente wanken ... Wißt ihr, wie das Fundament heißt, auf dem ganz allein ein festes Staatsgebäude sich errichten läßt? Rechtsgefühl. An dem fehlt's bei uns ... Gesetze macht ihr? Zeitvergeuder! Gesetze haben wir genug, aber die Leute, die sie befolgen, die sollen noch geboren werden. – Was Gesetze! sagen wir. Gesetze kommen vom Staat, der unser Feind ist, der den einzelnen auffrißt, wie Ugolino seine Kinder auffraß – um ihnen den Vater zu erhalten. Vorteil, dauernden für den Wohlhabenden, augenblicklichen für den armen Teufel, auf den gehen wir aus. Wie's dem Allgemeinen, dem großen Ganzen tut, das – hol's der Kuckuck! Was kümmert's uns?« Er hielt inne, dunkelrot und keuchend, und fuhr sogleich wieder heftig fort: »Bevor dieses Kampf-ums-Dasein-Evangelium ausgerottet ist, heißt all eure Tätigkeit salva venia nichts!.. . Aber freilich – wer steigt gern vom First in den Keller ... und daß der First von selbst zum Keller kommt, dazu hat's ja für euch noch keine Gefahr ... Wäre auch eine verfluchte Arbeit da unten. Getan müßte sie werden, und verschüttet, und wieder getan, und wieder verschüttet; und hundertmal das scheinbar Vergebliche zu tun, müssen ein paar hundert Männer den Heldenmut haben, die Heldenkraft! ... Ein stilles Wirken – unscheinbar, unbewundert. Ein Leben voll Müh und Selbstverleugnung ginge drauf, und wenn's zu Ende wäre, spräche keiner: Seht hin, was der geleistet hat! – Viel später erst, ein Enkel deiner Enkel freute sich vielleicht: – Sieh da, die Luft wird rein – das Volk wird brav; es gibt Handwerker, die Wort halten, ehrliche Krämer, einsichtige Bauern. Wer hat die Saat zu diesen bescheidenen Tugenden ausgesät unter uns? ... Das haben – von langer Hand her – schlichte Männer getan, die sich geplagt haben, redlich, im Dunkel der Niedrigkeit, wohin kein Strahl des Ruhmes dringt; ihre Namen weiß man nicht ... Wen reizt ein solcher Lohn?! Es ist zum Lachen – der lockt keinen Hund vom Ofen, geschweige denn einen glänzenden Redner von der beifallumrauschten Bühne herunter!« Die alten Leute horchten verblüfft und hielten die Augen auf ihren Sohn gerichtet. – Er läßt den kindischen Menschen faseln, dachten sie, plötzlich wird er sprechen und ihn schlagen, mit einem Wort. Aber Paul schwieg und sagte endlich nur: »Man könnte dir zwar manches einwenden, allein im ganzen hast du so unrecht nicht.« Seine Eltern sahen einander lächelnd an: – O dieser Paul! – Welche Güte, welche Nachsicht mit dem armen streitsüchtigen Toren, der aus seinem Mausloch die Welt reformieren will. Kamnitzky jedoch wurde nun völlig wild. »So unrecht nicht?« rief er. – »Wahrhaftig? ... Da meint man immer: Wenn man nur einmal einen von ihnen erwischen könnte und zur Rechenschaft ziehen, gleich hieße es: Das alles wissen wir besser als du! Wollen helfen, werden's schon ... Wir kennen unser Ziel – den Weg dahin, den zu wählen überlasse uns – davon verstehst du nichts. Das war ein Wort, das sich hören ließe! Aber: Du hast recht ... Schämt euch ... das ist ein schöner Trost!« »Geh – geh«, sagte Paul, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und hielt Kamnitzky ein brennendes Zündhölzchen hin, an dem dieser mit unsäglicher Mühe seine Zigarre wieder für einige Augenblicke zum Glimmen brachte. »Na«, sprach er nach einer Weile, »nichts für ungut.« Er wurde plötzlich sehr rot und sehr gerührt, reichte Paul die Hand und beteuerte, daß sie »deswegen doch« die Alten bleiben würden. Bald darauf nahm er Abschied, und Paul mußte ihn ein Stück Weges in seinem Wagen begleiten. Hier fühlte der Freiherr sich als Wirt und entfaltete eine hinreißende Liebenswürdigkeit. Nachdem sie sich getrennt hatten, erhob sich Kamnitzky in seiner historischen Kalesche und winkte seinem Freunde, solange er ihn noch sehen konnte, mit seinem bunten großen Taschentuche die freundlichsten Grüße zu. Zurückkehrend durch die hallenden Gänge, kam Paul an den Gemächern vorüber, die seine Frau bewohnt hatte. Er blieb stehen, legte die Hand auf die Türklinke, sie gab seinem Drucke nach – ein kurzes Zögern, ein kurzer Kampf mit sich selbst, und er setzte seinen Fuß auf die Schwelle, die er nicht mehr betreten hatte, seitdem der Tod sie überschritten. – So vergessen sind diese Räume, daß man nicht einmal daran denkt, sie abzuschließen; der Zerstörung anheimgefallen, dem unablässigen ruhelosen Kampf der Natur gegen jedes Werk der Menschenhand. Paul war auf einen traurigen Anblick gefaßt, aber er hatte geirrt. In den stillen Gemächern zeigte sich nicht eine Spur des Unbewohntseins. Sie lagen freundlich da, von den Strahlen der untergehenden Sonne erleuchtet. Der Abendhauch schwebte durch die geöffneten Fenster über die reichgefüllten Blumenkörbe, durchwürzte die Luft mit zarten Düften, bewegte die weißen Vorhänge. Spiegelblank glänzten die Dielen, Teppiche waren allenthalben ausgebreitet, jede Kleinigkeit befand sich an ihrem gewohnten Platze; alles war so sorgsam geordnet, so liebevoll gepflegt, als wenn auch hier täglich, stündlich eine Wiederkehr erwartet würde. Langsamen und leisen Schrittes ging Paul durch das Vorzimmer, den Salon und betrat das Schlafgemach. Bei seinem Erscheinen erhoben zwei Personen sich rasch von dem Kanapee in der Tiefe des Zimmers, und Entschuldigungen flüsternd glitten sie hinaus wie Schatten. Seine Eltern! ... Sie feiern hier ihre Feste der Erinnerung, finden einen Widerschein entschwundenen Glückes in der Betrachtung von Gegenständen, die der Verstorbenen gedient, ihren teuersten Besitz ausgemacht haben. Sie lebt ihnen in dieser Umgebung, lebt in ihrem liebsten Gedanken, in dem Gedanken an ihn, von dem hier alles Zeugnis gibt. Er war der Gott dieses stillen Heiligtums, aus dem die Priesterin geschieden ist. Wohin er blickt, tritt ihm sein Bild entgegen – als rosiges Kind, als Knabe mit Peitsche und Ball, als Jüngling im Studentenrocke mit leuchtenden Augen und kühn zurückgeworfenem Haar, als Mann in der Ruhe der Kraft, im Vollbewußtsein ungemessenen Selbstvertrauens ... Das war er als Bräutigam, und ein verwelkter Myrtenkranz hängt an dem Rahmen des Bildes. Das altertümliche Glaskästchen in der Ecke enthält Erinnerungen an ihn, Geschenke von ihm. Sie hat alles mit gleicher Sorgfalt bewahrt. Die Wiesenblume, auf einem Spaziergange gepflückt, und das Diamantenkreuz, das er ihr am Hochzeitstage gab, hatten für sie denselben Wert. Ja, über dieses Herz hat er geherrscht ... da war er Gebieter – Schicksal ... Ein ungütiger Gebieter, ein hartes Schicksal! Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin. Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie verkehrt, die bescheidene Frau. Paul schlug einen oder den andern Band auf; ein Wort an den Rand geschrieben, eine flüchtige Bemerkung, an und für sich nichts, aber bedeutungsvoll durch die Stelle, an welcher sie stand, bewies, daß ein sehendes Auge auf diesen Blättern geruht. Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst angewiesen, hatte sich mit mutigem, wahrheitsuchendem Verstand an ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den erratenden Blick besessen, der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge richtet. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses ... Zu spät – zu spät erkannt! Ich war allein in deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an deiner Brust, tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Atem ihrer Liebe ihn umwehte. Oh, daß sie lebte! eine Stunde nur, nur einen Augenblick! so lange nur, daß er ihr sagen könnte: Ich weiß jetzt, was du littest – ich erfuhr es auch! Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr stört, nicht einmal ein Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt hätte, nicht einmal ein Schrei flammender Reue – nicht einmal das Schmerzenswort, das Erlösungswort: Verzeih! Paul warf sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische und stützte den Kopf in seine Hand. Da blitzte ein leuchtender Punkt ihm entgegen, ein letzter Sonnenstrahl fiel herein und streifte den vergoldeten Schlüssel, der an der Schreibtischlade stak. Langsam zog er ihn heraus. Der feine Staub, der gleichmäßig verteilt auf allen Gegenständen lag, die sie enthielt, bewies, daß sie nicht geöffnet worden war – lange nicht. Vielleicht nicht mehr, seitdem die Verstorbene den Brief hineingelegt, der ihm zuerst in die Augen fiel: sein letzter, eiliger Abschiedsgruß. – »Ich kann nicht mehr kommen, wir marschieren morgen«, hieß es darin. Das Papier war zerknittert, einzelne Buchstaben waren verwischt ... Wie viele Küsse mußten darauf gebrannt haben, wie viele Tränen daraufgefallen sein! – Die Hand zitterte, mit der Paul den Brief beiseite legte und, mechanisch eine Mappe öffnend, in derselben zu blättern begann. Zwischen anderen Papieren fand er ein zur Hälfte beschriebenes Blatt – Mariens wohlbekannte Schriftzüge, das Datum: drei Tage vor ihrem Tode, die Aufschrift: »Lieber Paul!« »Du hast fort müssen ohne Abschied. Ich dachte wohl, daß es so kommen würde, und das hat mich neulich feige gemacht. Jetzt bin ich stark und mutig, wie du es warst und leicht sein konntest, weil du dachtest, ich seh sie alle in wenigen Tagen wieder.« Nein – er hatte es nicht gedacht, er hatte sie betrogen. Er war mit dem Entschlusse gegangen, vor der langen Trennung nicht wiederzukehren, er wollte sich nur den Ärger und die Pein eines tränenreichen Abschieds ersparen. Sie kämpfte heldenmütig mit sich selbst, aber daß sie kämpfen mußte, schon das verdroß ihn. Unwillig wandte er sich ab, mit harter Stimme wiederholend: »Weine nicht!« Ach, sie gehorchte ja. Sie blickte ihm mit starren, trockenen Augen nach, kein Laut des Schmerzes drang aus ihren festgeschlossenen Lippen. Nur die Arme streckte sie unwillkürlich nach ihm aus, beugte sich vor – inbrünstig flehte ihre stumme Gebärde: O komm zurück! Er hatte sich an der Tür flüchtig umgesehen, und flüchtig hatte ihr Anblick ihn gerührt ... fast wäre er umgekehrt, hätte ihr einen Abschiedskuß gegönnt, fast wäre er schwach geworden. Aber er unterdrückte die unmännliche Regung, er blieb stark, er ging – der Unglückselige! ... Er las weiter. »Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht. O wüßtest du, wie gut ich weiß: Du wirst mich lieben! Um des Kindes willen, mein Paul, das ich dir bei deiner Rückkehr in die Arme legen werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg, erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein alles, mein Herr, mein Freund, ich erlebe die Stunde, in welcher dein erwachtes Herz mir entgegenschlägt, deine ganze Seele mir zuruft: Komm!« »So komme denn!« rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf, er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend, Unmögliches erflehend erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn, schrecklich, hoffnungslos – eine Erkenntnis, nie wieder auszurotten, eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: Du hast Unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schweratmende Brust ... Draußen in den Bäumen begann es leise zu rauschen und sich zu bewegen, eine frische Luftwelle strich durch das Gemach. Vom Garten herauf ertönte das fröhliche Lachen des Kindes. Paul raffte sich zusammen, ging festen Schrittes auf das Lager zu und schlug die Vorhänge auseinander.– – ... Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, zwei Stunden waren vergangen. »Neun Uhr«, sagte der Vater. Die Gräfin legte ihre Arbeit weg, ergriff sie wieder, rang angstvoll die Hände in ihrem Schoße. »Wo bleibt er?« nahm der Greis wieder das Wort – »noch immer bei ihr?« Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer. Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück. »Was ist geschehen?« fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung entgegenkam. »O Karl! er liegt auf den Knien vor ihrem Bette und weint.« Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen Brief; er erging sich darin nicht in Selbstanklagen, er sprach nicht von einem heißersehnten Glück, das er der Pflicht zum Opfer bringen müsse. Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die Heimkehr ins Vaterhaus auf ihn hervorgebracht, und gestand, daß er Thekla nicht zumuten könne, das Leben zu teilen, welches er von nun an zu führen entschlossen sei. Die Antwort blieb aus. Acht Tage später jedoch stellte Fürst Klemens sich in Sonnberg ein. »Sie versteht dich, sie, die alles versteht, nur nicht – mich zu lieben«, sprach er zu Paul. »Und Thekla, nun wir wissen ja – Statue! Gleichgültig übrigens ist es ihr nicht. Ich aber, so leid mir's tut, ich meine: besser spät als zu spät.« Sein Aufenthalt war von kurzer Dauer. Gräfin Neumark hatte sich bereits nach Wildungen begeben, und er brannte vor Ungeduld, ihr dahin zu folgen, wozu ihm zum erstenmal die Erlaubnis erteilt worden. »Ich nehme Alfred mit«, sagte er ... »Weißt du, daß meine Absicht ist, dem Burschen jetzt schon das Majorat abzutreten? – Warum soll ich ihn warten lassen auf meinen Tod? Und dann – eine Gräfin Neumark möchte ich Fürstin Eberstein werden sehen. Die Mutter will nichts davon wissen, vielleicht daß die Tochter ... Darüber indessen ist jetzt nicht an der Zeit ... Und du wirst ja hören –« Der Fürst empfahl sich bei den alten Leuten, die ganz entzückt waren von seiner Liebenswürdigkeit, und küßte die kleine Marie, die sich's gefallen ließ, denn das scheue Vögelchen war in den letzten Tagen fast zutraulich geworden. Am Ausgange des Parks, wohin der Wagen bestellt worden war, nahmen die Freunde Abschied. Als die Equipage in die Biegung der Straße einlenkte, wandte Klemens den Kopf zurück, um Paul noch einmal zu grüßen; aber dieser war bereits umgekehrt und ging seinem Töchterchen entgegen, das mit offenen Armen auf ihn zugelaufen kam. Ihr Traum Erlebnis eines Malers Im Sommer 79 hatte ich von einem hohen Kunstfreunde den Auftrag erhalten, Land und Leute des Kronlands Mähren in einer Reihe von Bildern zu charakterisieren. Da ich meine Zeit gehörig ausnützen und auch ganz unabhängig bleiben wollte, vermied ich, von der Gastfreundschaft der Schloßbewohner Gebrauch zu machen, und nahm trotz der Liebenswürdigkeit, mit der sie mir überall angeboten wurde, mein jeweiliges Standquartier wohl oder übel – meistens übel – im Dorfwirtshaus. Rasch ging die Arbeit mir von der Hand. Ende September hatte ich alle meine Skizzen und sogar einige Bilder fertig. Mit gutem Gewissen und sehr heiterem Mut durfte ich wieder heimwärts fliegen nach Wien, wohin für den ersten Oktober eine Verabredung mich rief – mächtig rief ... Ich verrate nichts, ich sage nur: mein Herz, das heute noch von Winterfrost nichts weiß, befand sich damals im Drang der Herbstäquinoktialstürme. Am Morgen des letzten September erwachte ich zugleich mit dem Haushahn im Gasthof des Dorfes Willowic. Ein ganzer Tag war noch zu überwinden, bevor sie aufging, die Sonne des ersten Oktobers. Wenn ich heute meine Heimreise antrat, lagen noch ein paar Abendstunden, lag eine sicherlich schlaflose Nacht zwischen der Stunde meiner Ankunft und der meines Glückes. Ich entschloß mich, meine Ungeduld tagsüber zu verrennen und die Nacht lieber im Waggon als im Bett zu durchwachen. Einen Lokalzug verschmähend, der mich zur nächsten Nordbahnstation gebracht hätte, hing ich meinen Tornister um, steckte einigen Mundvorrat zu mir und trat die Wanderung an. Sonderliche Genüsse bot sie mir nicht. Die Gegend dort ist ebenso fruchtbar wie unmalerisch; sie erinnert mich immer an ein nichtssagendes, aber von Gesundheit strotzendes Gesicht. Der Menschenschlag aber ist nicht übel, und hie und da hatte ich doch Gelegenheit, mein Skizzenbuch herauszuziehen und während meiner kurzen Rast eine Kindergruppe und die schlanke Gestalt eines hübschen Mädchens oder eines jungen Burschen zu konturieren. Die Sonne neigte sich schon zum Untergang, und ich schritt gemütlich weiter, überzeugt, daß ich die Richtung nach meinem Ziele innehielt. Um mich dessen jedoch zu vergewissern, holte ich von Zeit zu Zeit Erkundigungen bei Vorübergehenden ein. »Jen rovno«, hieß es anfangs, dann einmal: »Na levo«, einmal: »Na pravo«, und je weiter ich kam, desto bedenklicher schüttelte der Angesprochene den Kopf und sagte: »Daleko! daleko!« Also erst geradeaus, dann links, dann rechts, und endlich weit, weit! Es begann zu dunkeln. Seit einer Weile schon rieselte ein dichter, kühler Regen mit großer Emsigkeit nieder. Die Abspannung, nach der ich mich so herzlich gesehnt hatte, war allmählich eingetreten, und meine Phantasie fing an, mir einen wenn auch noch so langweiligen Aufenthalt im Wartezimmer der Bahnstation als etwas Wünschenswertes vorzuspiegeln. Mein Weg, eine gut gehaltene Vizinalstraße, führte längs einer bewaldeten Anhöhe dahin, und plötzlich drang zwischen den vom Sturm gerüttelten Baumwipfeln ein funkelnder Glanz mir ins Auge. Etwas tiefer unten glaubte ich hellen Lichtschein durch das Dickicht schimmern zu sehen. Er verschwand, nachdem ich ein paar hundert Schritte weitergegangen war; dafür aber stieß ich am Ende des Wäldchens auf einen breiten Hohlweg, an dessen beiden Seiten sich zwei Reihen, soviel mir in der Dunkelheit wahrzunehmen möglich war, ziemlich ansehnlicher Bauernhäuser erhoben. Das Wirtshaus war unschwer zu finden, und bald trat ich pudelnaß und mit triefendem Regenschirm in die von Tabaksqualm und Petroleumdünsten erfüllte Gaststube. An einem schmalen Tische saßen einige Bauern, tranken, rauchten und spielten Karten. Der Wirt und ein junger Livreebedienter standen, dem Spiele zusehend, daneben. Ich lüftete den Hut vor der Gesellschaft, wandte mich an den Wirt, verlangte zu essen und zu trinken und forderte ihn auf, mir eine Fahrgelegenheit nach N., das nicht mehr weit sein könne, zu verschaffen. Obwohl der Mann jedes meiner Worte verstand – ich sah es ihm an dem stumpfen Kegel seiner Nase an –, erwiderte er verächtlich: »Ne rozumim!« (ich verstehe nicht) und wandte mir den Rücken. Die Bauern blinzelten einander verstohlen und schmunzelnd zu, der Bediente jedoch, der mich seit meinem Eintreten aufmerksam betrachtet hatte, sprang jetzt mit einem Schrei des Jubels auf mich los. Er rief: »Herr Professor!« und ich rief: »Christel Mayerchen, vulgo Varus!« »Jawohl, Varus, ich bin's, ich bin's! Eine Ehre für mich, daß Sie mich wiedererkennen!« »Und auch ein Wunder«, sagte ich, denn mein Farbenreiber von einst, der gutmütige Knirps, den wir – niemand wußte aus welchem Grunde – Varus nannten, hatte sich gewaltig herausgemacht. Als ein prächtiger Bursche stand er vor mir, in all und jedem verändert, nur nicht in seiner großen Dienstbeflissenheit. »Herr Professor«, sagte er, »Sie wollen zum Nachtzug zurechtkommen? Das geht nicht mehr, mit Bauernpferden schon gar nicht. Ja, wenn Sie nur um eine Viertelstunde früher gekommen wären, die unseren hätten Sie mit dem größten Vergnügen hingeführt.« »Die unseren?« »Die gräflichen mein ich, die aus dem Schlosse, aber auch die bringen Sie jetzt nicht mehr hin.« »Nicht mehr?« – ich hätte den Menschen prügeln mögen für diese Nachricht und schnaubte ihn an: »Wann kommt der nächste Zug nach N.?« »Morgen acht Uhr früh. Um fünf steht der Wagen, der Sie hinführt, vor dem Schloß ... Aber kommen, Herr Professor, ins Schloß kommen müssen Sie.« Ich schickte ihn zum Teufel samt allen Einladungen, die er in fremdem Namen machte. Da brach er in ein freudiges Gelächter aus: »Wenn sich's nur darum handelt – eine Einladung von der Frau Gräfin, noch dazu eine sehr dringende, will ich gleich bringen.« Sprach's – und war draußen mit einem Satze. Ich hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als mein ganzes, auf meiner Künstlerfahrt erbeutetes Tschechisch zusammenzuraffen, um einige Fragen an die Anwesenden zu stellen: Wie die Frau Gräfin heiße, ob sie alt oder jung, verheiratet oder verwitwet, ob sie eine gute Dame und beliebt im Dorfe sei. Den Namen erfuhr ich. Es war der eines alten Landadelsgeschlechtes, und ich besann mich einer in Paris lebenden russischen Fürstin – einer berühmt und berückend schönen Frau, die aus demselben Hause stammte. Meine weiteren Erkundigungen blieben fruchtlos. Der Wirt und seine Gäste schnitten geheimnisvolle Gesichter und antworteten ausweichend. Ich erhielt von alledem den Eindruck, die Schloßherrin gelte für eine brave, aber etwas absonderliche Frau, der man in Anbetracht vieler edler Eigenschaften ihre Schrullen verzieh. Nach einiger Zeit war mein Christel wieder da und verkündete mit wichtiger Miene, die Frau Gräfin heiße mich sehr willkommen und erwarte mich in einer halben Stunde zum Diner. Diner? – Diner auf dem Lande um sieben Uhr abends? – ganz englisch, aber viel zu nobel für mich in meinen beschmutzten Reisekleidern. Ich deprezierte auf das eifrigste – es war umsonst. Der Tyrann aus Dienstbeflissenheit hatte sich schon meines Tornisters bemächtigt und lief voran, und ich – nun, ich lief ihm, das heißt meinen Skizzen nach. Draußen heulte der Sturm, lehnte sich gegen uns wie eine unsichtbare Wand, machte das Vorwärtskommen zum atemraubenden Kampfe. Wir waren, nachdem wir die Straße überschritten hatten, in einem, soviel ich sehen konnte, sehr ausgedehnten und sehr verwilderten Park angelangt und gingen vorwärts, immer bergan. Plötzlich, bei einer jähen Krümmung des Weges, erblickte ich ein Schlößchen, ein Stockwerk hoch, mit dreizehn Fenstern Front, und alle erleuchtet, sowohl die des ersten Geschosses wie des Hochparterres. Daher war der helle Glanz gekommen, den ich vorhin durch das Geäste hatte schimmern sehen. Hinter dem Schlosse zog eine bewaldete Höhenkette sich hin und war gekrönt von einem weißen tempelartigen Bau, aus dem das einsame Licht, das mich zuerst begrüßt hatte, mir wieder entgegenblinkte. »Ist das die Kirche dort oben?« fragte ich meinen Führer. »Die Gruft«, erwiderte er kurz und wurde immer einsilbiger, je näher wir dem Herrenhause kamen; ich hingegen immer neugieriger. Zuletzt gestaltete sich unser Gespräch folgendermaßen: »Sind viele Gäste da?« »O nein.« »Wird das Schloß von einer großen Familie bewohnt?« »O nein.« »Wem zu Ehren also diese Beleuchtung?« »Das ist immer so.« Wir traten in den Hof, der vom Hauptgebäude und von zwei Seitenflügeln gebildet wurde. Tiefe Ruhe herrschte. Kein Laut außer dem Geplätscher des Springbrunnens, der aus einem kleinen Bassin emporstieg, ließ sich vernehmen. Im Innern des Hauses dieselbe Stille. Unter der Einfahrt lagen zwei Doggen auf einem Kissen. Uralte Hunde. Sie erhoben die Köpfe – ihre halb erloschenen Augen richteten sich auf mich. Die eine kam sogar heran, beschnupperte meine Hand und – schlich enttäuscht davon. Sie streckte sich, daß ihr Bauch den Boden berührte, öffnete den zahnlosen Rachen zu einem Jammergeheul und kehrte erschöpft zu ihrer Lagerstätte zurück. Ich habe ein ähnliches Gebaren an einem Hunde beobachtet, der seinen Herrn verloren hatte und nach Jahren noch nicht vergessen konnte. Christel führte mich in ein Zimmer des Hochparterres und half mir meinen Anzug in den bestmöglichen Stand setzen. Dabei begann er wieder zu sprechen oder vielmehr zu flüstern: »Ja, Herr Professor, den Dienst hier im Hause verdank ich Ihnen. Wie die Frau Gräfin das Zeugnis gesehen hat, das Sie mir ausgestellt haben, war ich gleich aufgenommen. Ich bin zwar dem Doktor zugeteilt, dem aufgeblasenen Gelehrten, aber es ist doch ein guter Dienst, und was die Bezahlung betrifft ... Gott erhalte die Frau Gräfin! ... Aber jetzt«, unterbrach er sich, »wird's gleich Zeit sein, und ich muß mich noch umkleiden ... Bitte, Herr Professor, gehen Sie allein hinauf, oben wenden Sie sich rechts; im Gang die vierte Tür, die ist's. Bitte nur einzutreten, Sie werden empfangen werden wie die Heiligen Drei Könige.« Mit dieser Versicherung verließ er das Zimmer, und ich dachte dabei: Möge mir der zu erhoffende Empfang an einer gut besetzten Tafel zuteil werden. Mein Magen knurrte gewaltig, und meine ganze Neugier war jetzt darauf gerichtet, ob man in diesem stillen Hause eine dem Menschen ersprießliche Küche führe. So ging ich denn erwartungsvoll die Treppe empor, kam in einen breiten, hübsch dekorierten Gang und befand mich bald vor der Tür, die Christel mir bezeichnet hatte. Eine Doppeltür, ein Meisterwerk der Kunsttischlerei, reich geschmückt mit anbetungswürdiger Marketerie – meine Liebhaberei. Oh, wie gerne hätte ich dieses Prachtstück ausheben und nach Wien in mein Atelier spedieren lassen. Das ging aber nicht an – ewig schade! So sagt ich denn zu mir selbst: Vorbei, vorbei, du wünschereicher Sterblicher, und trat alsbald in den Speisesaal oder vielmehr in ein Paradies – ein Paradies im Zopfstil. Die anmutigen Stukkaturen an der Decke, die schwungvollen Draperien an Fenstern und Türen, die reiche Einrichtung, alles zusammen machte im Glanz der Lichter, die vom kristallenen Kronleuchter niederstrahlten, einen ungemein harmonischen und heiteren Eindruck. Vortrefflich erhaltene Fresken bedeckten die Wände und brachten die ländlichen Vergnügungen der ehemaligen Schloßbewohner zur Darstellung. Herren und Damen in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts fuhren im Schlitten dahin, hielten eine Obstlese ab, tanzten im Grünen, jagten auf ramsnasigen Pferden dem Hirsche nach. Es waren brav gemalte zierliche Bilder, die meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, nicht genug aber, um mich den Hunger vergessen zu machen, der mich quälte und durch einen klassisch gedeckten kleinen Speisetisch mit zwei Kuverts noch gereizt wurde. Ich begann mit wachsender Ungeduld im Saale auf und ab zu pendeln und bemerkte erst jetzt, daß ich nicht allein war. Am Kredenzschrank in der Ecke stand regungslos ein weißhaariger schwarzbefrackter Kammerdiener, den Blick unverwandt auf eine der Seitentüren gerichtet. Nun öffneten sich beide Flügel, der Alte machte eine tiefe, ehrerbietige Reverenz, und gefolgt von zwei Dienern erschien die Herrin des Hauses und kam mit leisen raschen Schritten auf mich zu. Ich sah sie an, und mein Herz erbebte – mein Künstlerherz. Was ich so oft gesucht und nie gefunden, nicht im Leben und nicht in der Kunst, da stand es glorreich in der größten Vollkommenheit vor mir – das Urbild einer schönen Greisin. Beschreiben kann ich sie nicht – wie ich denn jetzt auch weiß, daß mein vielgepriesenes Bild, das ich mit solcher Liebe, mit so begeistertem Vertrauen zu meiner Kunst gemalt, nur einen schwachen Abglanz der sanften Hoheit ihres wunderbaren Wesens wiedergibt ... Und wenn ich auch sage: Die Züge ihres blassen Gesichts waren fein und edel, aus ihren dunklen Augen leuchteten Verstand und Güte, ihre schlanke Gestalt erhob sich über die Mittelgröße – was wißt ihr dann? Die Gräfin trug ein eng anliegendes graues Kleid mit breitem weißem Spitzenkragen und eine ebenfalls weiße Spitzenhaube über den schneeweißen glattgescheitelten Haaren. Ich hatte nicht einen Schritt ihr entgegengemacht, war plump wie ein Tölpel stehengeblieben und muß sehr albern und verblüfft dreingesehen haben, als sie mir die Hand reichte, ihre merkwürdigen Augen voll Wohlwollen auf mir ruhen ließ und sprach: »Welche Freude, Sie bei uns zu sehen, Herr Professor, wie glücklich werden meine Kinder sein!« Ohne Ahnung, wen sie meinte, murmelte ich etwas Unverständliches. »Allerdings hat der Zufall Sie hierherführen müssen«, sagte sie mit leichtem Vorwurf, »den Einladungen meines Iwan haben Sie kein Gehör geschenkt.« Auch darauf wußte ich nichts zu antworten und entschuldigte mich ins Blaue hinein. Sie lächelte – ihre Erwiderung war stumm, mir jedoch höchst angenehm, denn sie bestand in einem freundlich auffordernden Wink, ihr gegenüber am Tisch Platz zu nehmen. Der Kammerdiener hatte den Sessel der Gräfin gerückt, Christel, der in ihrem Gefolge gekommen war, den meinen. Wir setzten uns, und die Schloßfrau fuhr fort, mich zu behandeln wie einen alten Freund, der sich nach kurzer Abwesenheit am wohlbekannten Herde wieder eingefunden hat. Die Gräfin las mir mein Erstaunen vom Gesichte ab und sagte: »Sie sind nicht in einem fremden Hause, Herr Professor, Sie sind bei Ihren treuesten und wärmsten Bewunderern. Mein Iwan hat die Ehre, Sie persönlich zu kennen. – Iwan T.«, beantwortete sie meinen fragenden Blick. Dieser Name brachte mir nach kurzem Besinnen einen jungen Mann in Erinnerung, der mich vor mehreren Jahren aufgesucht. Er hatte Skizzen mitgebracht, die viel Talent verrieten, meine Ratschläge erbeten und mir die Abyssinier abgekauft, die von so vielen reichen Leuten für unerschwinglich erklärt worden waren. »Fürst Iwan T.? Was ist aus ihm geworden? Pflegt er sein Talent?« »Getreulich und immer unter Ihrem Einfluß. Ihre freundliche Aufnahme hat ihn völlig berauscht, und kürzlich ist er nach London gereist, einzig und allein um die Ausstellung Ihrer Orientbilder zu sehen.« Ei, dacht ich, dieser Dame muß die Zeit schnell vergehen! »Vor kurzem? – Wie man's nimmt; ich habe seit sechs Jahren in London nicht mehr ausgestellt«, erwiderte ich – und die Augen erhebend, begegnete ich denen des Kammerdieners, der hinter seiner Gebieterin stand. Drohend zugleich und flehend glotzte der alte Bursche mich an. Um was er flehte, wovor er mich warnte, konnte ich allerdings nicht erraten. »Seit sechs Jahren?« wiederholte die Gräfin ungläubig, »das ist nicht möglich...« Sie senkte den Kopf und schaute ernst und sinnend vor sich hin. – An wen mahnte sie mich in dieser Haltung, mit diesem Schauen, ohne zu sehen? Diesem wehmütigen, träumerischen Schauen – – an wen mahnte sie mich doch? Langsam richtete die Gräfin sich empor und machte mit der Hand eine Bewegung in der Luft, dieselbe, die der Zeichner macht, der eine licht gebliebene Stelle auf seinem Bilde verschummert. »Ja, lieber Professor, das Rechnen habe ich verlernt, zehn Jahre sind mir wie zwei und zwei wie zehn. Das aber ist gewiß, Sie sind meines Iwan leuchtendes Vorbild. Die Sehnsucht, Ihnen nachzustreben, trieb ihn fort. – Er wollte malen wie Sie... Ein hohes Ziel, das er sich da gesteckt – ein hohes Ziel... Meinen Sie nicht?« Was sollte ich darauf antworten? – Ja wäre gar zu aufrichtig gewesen und nein gar zu falsch. So half ich mir, indem ich das Gespräch von neuem auf den jungen Fürsten brachte und fragte: »Wo ist er jetzt?« »Wieder verreist – – aber er wird bald wiederkommen, nicht wahr, Leonhard?« wandte sie sich an den Kammerdiener. Der, mit tiefer Verbeugung, antwortete: »Zu dienen, hochgräfliche Gnaden.« Dazu machte er Zeichen, die mir galten und die ich dieses Mal verstand. Sie hießen: – Hörst du, man sagt ja, so ist's Brauch bei uns, halte dich daran! »Matja, ein großer Jäger vor dem Herrn«, fuhr die Gräfin fort, »Matja hätte ihn gar zu gern begleitet nach Afrika –« »Wer?« fiel ich zagend ein, ungewiß, ob in diesem Hause die Frage nicht ebenso verpönt sei als der Zweifel. Die Gräfin jedoch versetzte gelassen: »Sein älterer Bruder. Aus dieser Reise ist aber nichts geworden – die Kinder haben eine andere angetreten.« Sie griff sich an die Stirn, ein schmerzlicher Ausdruck flog über ihr Angesicht. »Matja mußte zu seinem Vater nach Wolhynien«, nahm sie wieder das Wort. »Iwan blieb allein in Marseille. Er hat mir von dort Bilder geschickt, die sogar mich – die ihm doch viel zutraut – überraschten.« Sie beschrieb diese Bilder mit großer Anschaulichkeit und legte dabei ein tüchtiges und selbständiges Kunsturteil an den Tag. Trotzdem hörte ich ihr nicht mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu, ich vergaß die weise und liebenswürdige Rede über den Mund, aus dem sie floß. Unter anderem sprach die Gräfin von einer meiner älteren Arbeiten, lobte dieselbe fein und klug und begründete das gespendete Lob. Sie tat es mit innigem Wohlwollen, mit echter Freude am Erfreuen und dem Gewürdigten gegenüber mit einer Bescheidenheit, die an Demut grenzte. Da durchblitzte mich's: – An die alte Frau mahnt sie, die meine Mutter war – an die arme Bewohnerin einer Hütte in unseren Tiroler Bergen ... Im nächsten Augenblick freilich sagte ich mir schon: Ach nein! mit der Ähnlichkeit ist's nichts. Aber daß sie, wenn auch im Fluge, vor mir aufgetaucht, daß ich nur meinte sie zu finden, hatte mir gutgetan, mir das Herz erwärmt. Die Befremdung, die mich im Bann gehalten, seitdem ich das Schloß betreten, war verschwunden, auch ich wurde gesprächig. Auf die schweren Weine, die mir zu Anfang der Tafel serviert worden, hatte ich bereits eine Flasche Veuve Cliquot gesetzt. Die Gräfin ermunterte mich, den Anfang mit einer zweiten zu machen: »Es ist der Lieblingswein meiner Kinder und wird deshalb immer im Keller gehalten.« Auf meine Bitte gestattete sie, die bisher nicht einen Tropfen Wein genommen hatte, daß auch ihr Champagnerglas gefüllt werde. Schon hatte sie es an die Lippen geführt, als ich ausrief: »Auf die Gesundheit der Fürsten Matja und Iwan!« Merkwürdigerweise mußte, was ich da getan, dem Alten mir gegenüber nicht recht sein, denn ich fühlte, ja fühlte, ohne aufzublicken, obwohl ich wahrlich kein Sensitiver bin, daß seine Augen mich zornig angrollten. Doch machte ich mir um so weniger Sorgen darüber, als die Gräfin sowohl diesen ersten Toast wie einen zweiten, den ich auf sie ausbrachte, sehr gnädig aufnahm. Meine Stimmung wurde immer heiterer. Die Atmosphäre der Schönheit und der Pracht, die mich umgab, die vorzüglichen Weine, die ich getrunken hatte, die Freundlichkeit, mit der meine edle Wirtin mich behandelte, versetzten mich in einen köstlichen Rausch. Ich empfand ein himmlisches Behagen, eine große Dankbarkeit und Vertrauensseligkeit und erzählte der Gräfin meine Lebensgeschichte von A bis Z. Sie hörte teilnehmend zu, unterbrach mich nur manchmal mit dem Ausspruch: »Das hätten meine Kinder auch –« oder: »Das hätten sie nicht getan.« Und während ich sprach und aß und trank, hörte ich nicht auf, ihre Züge, den wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes zu studieren. Ja, wer dich malen könnte! hatte ich anfangs gedacht, jetzt dacht ich schon – du wirst gemalt, und wenn es gelingt, dann gibt's ein Bild ohnegleichen. Rembrandt hat ein unvergeßlich liebes Mütterchen auf die Leinwand gezaubert, andere haben wohlerhaltene alte Frauen verewigt; den Adel des Alters, eine Greisin als Greisin schön, hatte, soviel ich wußte, noch niemand gemalt. Ich hoffte der erste zu sein. Die Mahlzeit war zu Ende, der schwarze Kaffee wurde gebracht, mein Christel, der seinen Dienst als dritter Aufwärter feierlich wie ein Theaterkönig, unhörbar und lautlos wie ein Schatten versehen hatte, erhielt von der Gräfin den Befehl, Zigarren und Zigaretten aus dem Zimmer des Fürsten Matja zu bringen. Nachdem dieser Auftrag besorgt war, verließ die Dienerschaft das Zimmer. O wie ungern ging der alte Leonhard! An der Tür wandte er sich noch, und hinter dem Rücken seiner Gebieterin streckte er die Hände gegen mich aus, faltete sie und preßte dann mit vielsagender Gebärde die Rechte an seine Lippen. Die Gräfin schob mir die Zigarrenkiste zu, deren Inhalt fast unwiderstehlich lockend duftete. »Bitte, nehmen Sie – nichts da, es muß sein«, sprach sie gebieterisch, als ich aus Höflichkeit eine heuchlerische Ablehnung vorbrachte. »Matja wäre gekränkt, wenn er erführe, daß Sie seine Imperiales verschmäht haben... Wie? – noch immer Komplimente? Da bleibt mir nichts übrig, als Ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen.« Sie nahm eine winzige Zigarette und zündete sie an. »Sehen Sie, wozu meine unartigen Kinder mich verleitet haben?« sagte sie lächelnd und – rauchte aus Gastfreundschaft, aber ohne Übung, denn sie blies in ihr Zigarettchen hinein, bis es ausging. Ich sekundierte diskret. Ein famoses Kraut, das ich zwischen den Zähnen hielt, aber doch gar zu trocken für meinen Geschmack. Eine kurze Pause, und die Gräfin begann: »Wenn sie jetzt kämen, die Kinder, und Sie hier träfen, Herr Professor, und mich in Ihrer Gesellschaft rauchend wie ein Student, das wäre ein Jubel – das wäre...« Sie legte die längst erloschene Zigarette weg und sah in die Luft, wieder wie vorhin, so träumerisch, so verloren... Und ich – immer mein Bild im Kopfe – betrachtete sie mit heißer Aufmerksamkeit, bewunderte den milden silbernen Glanz ihrer weichen Haare – die Stirn um einige Linien höher, als Praxiteles mit seinem Schönheitsideal vereinbar gefunden hätte, aber edel geformt und geistvoll, eine Stirn, die nie andere als reine Gedanken geborgen. Die Augen ... Gott steh mir bei! wie konnt ich doch nur zweifeln, an wen sie mich erinnerten. Hatte ich nicht hundertmal versucht, ihnen sehr ähnliche aus dem Gedächtnis nachzupinseln, ohne daß es mir gelang ... denn sie waren unergründlich und seicht, sie konnten in einer und derselben Minute ein tödliches Ermatten widerspiegeln und vor Lebenslust sprühen. In einer lustigen Männergesellschaft, deren feurige Beherrscher diese Augen waren, habe ich sie, eines Momentes Dauer, gesehen wehmütig ins Leere schauen mit dem Blick, mit dem Ausdruck der Augen meiner verehrungswürdigen Gastfreundin... Und da, in der Freude über meine Entdeckung, erhitzt vom Wein, glühend von Schöpferwonne – schon tauchte es vor mir empor, das Bild, das mein bestes werden sollte – vergaß ich, daß ich im Begriffe stand, einen Namen zu nennen, der in diesem Hause nicht hätte ausgesprochen werden dürfen, und rief: »Fürstin T. in Paris – stammt sie nicht aus Ihrer Familie?« Die Gräfin senkte die Augen, ein Schauer lief durch ihre Glieder, sie richtete sich noch gerader auf und sprach mit eisiger Miene und Stimme: »Fürstin T. war meine Tochter. Sie ist tot.« – Ihre Tochter!... Teufel, Teufel! was hatte ich da getan? ... Die schmerzlichste Fiber im Herzen der edlen Frau berührt in meiner verfluchten Gedankenlosigkeit. Ich ward sogleich nüchtern vor Leid und Reue und stammelte bestürzt: »Tot? – die Fürstin tot? ... Seit wann?« »Seit vielen Jahren«, erwiderte sie mit einer Bestimmtheit, die den Widerspruch ausschloß. Mir aber hatte man vor drei Tagen den Brief eines Freundes nachgeschickt, in welchem von der Fürstin als von einer sehr Lebendigen die Rede war. Und dennoch: – »Sie ist tot!« Erschütternd hallte der Klang dieser Worte in mir nach. »Sie ist tot«, das hieß: tot für mich, ihre Mutter, ausgestrichen aus den Reihen derer, die noch fähig sind, mir weh zu tun. – Diese alte Frau, deren ganze Erscheinung eine Verkörperung der Lauterkeit war, mußte einen Trost darin finden, das verlorene Kind als ein totes zu betrauern. Mit Recht... Ich hatte vor Jahren die Fürstin in Pariser Künstlerkreisen kennengelernt, in welchen sie lebte, seitdem die Kreise, denen sie der Geburt nach angehörte, sich ihr verschlossen hatten. Sie sehen und mich leidenschaftlich in sie verlieben, das war – nicht wie es in veralteten Romanen heißt: das Werk eines Augenblicks, aber das Werk eines Abends. Es war eine heftige Leidenschaft, denn sie raubte mir den Schlaf – den Appetit hat mir eine Leidenschaft nie geraubt. Ich mißfiel der Fürstin nicht und wiegte mich bereits in süßen Hoffnungen, als ich erfuhr, daß die Gunst der entzückenden Frau zur Zeit vergeben sei. Ein junger Maler befand sich in ihrem Besitz, der die Berühmtheit des Tages war, weil er ein freches Gemälde in seinem Atelier ausgestellt hatte, mit freiem Eintritt für das Publikum. Ich habe es auch gesehen, und sofort hat mir gegraut vor der Schmiererei, vor dem Schmierer und vor des letzteren Geliebten. Nicht lange nachher begegnete einem meiner Freunde das Unglück, bei der Fürstin Glück zu haben und in ernsthafter Liebe für sie zu entbrennen. Sie wurde schlecht belohnt. Trotz alledem und alledem konnte der altmodische Schwärmer seine Ungetreue nicht vergessen und war auf die außerordentlich gut erhaltene, aber nicht mehr junge Frau eifersüchtig wie ein Türk. Er hatte mir neulich jenen Brief geschrieben. Die Gräfin, die lange in tiefem Schweigen verharrt hatte, erhob jetzt die Stimme: »Sie haben die Fürstin gekannt, Herr Professor?« »Nur vom Sehen«, antwortete ich überstürzt. Sie faßte mich schärfer ins Auge, mit so angstvoller Spannung und zugleich mit so gebieterischer Frage, daß mir altem Sünder das Blut in die Wangen stieg und ich fast kleinlaut erwiderte: »Nur vom Sehen. Völlig genügend aber, um einen unvergeßlichen Eindruck zu empfangen...« »Welchen?« »Den einer wunderbar schönen Frau.« »Ja, schön ist sie gewesen ... Schon als Kind – und schon als Kind...« Sie brach ab, eine peinliche Erinnerung schien in ihr aufzuleben. – »O Herr Professor! Sie war ihres Vaters Glück und Stolz und seine nagende Sorge. Wohl ihm, daß er ruhte im ewigen Frieden, als seine furchtbarsten Vorahnungen sich erfüllten... Wohl ihm, daß er die höllische Marter nicht geteilt, die ich erduldet habe, als sie heranwuchs, als sie blühte und prangte im Glanze ihrer sechzehn Jahre – entzückend für alle, die ihr nahten – nur für eine nicht...« Die Gräfin war unheimlich blaß geworden, und unheimlich auch war der Blick, mit dem sie mich ansah, und der Ton, in dem sie sprach: »Unvergeßlich der Eindruck, den sie in Ihnen hervorrief, dem Maler der Seelen. – Sagten Sie nicht so vorhin? In welcher Weise unvergeßlich? Aufrichtig, aufrichtig! – Ich bin gefeit.« »Nun, Frau Gräfin«, versetzte ich – und war damals sehr zufrieden mit dem Einfall, der mir später ziemlich roh erschien –, »kennen Sie die Nachbildung des Porträts, das Furino von Maria Stuart malte, als sie noch Dauphine von Frankreich war? Die englischen Verse, die darunter stehen, die kamen mir in den Sinn, als ich das Glück hatte...« »Sie lauten«, fiel die Gräfin ein: »If to her lot some human errors fall Look to her face and you'll forget them all. Hat sie irdische Schwächen besessen, Blick in ihr Antlitz, sie sind alle vergessen. Ein sehr angreifbarer Ausspruch. Das Entzücken, das die Schönheit erweckt, kann sich in Abscheu verwandeln, wenn wir das Lügnerische der Hülle erkennen, in welcher eine makelvolle Seele sich birgt.« Sie verwirrte sich, schwieg, begann von gleichgültigen Dingen zu reden, kam aber immer und immer wieder auf ihre Tochter zurück. »Wer trägt die Schuld?« sagte sie plötzlich. »Ihre Eltern, ihre Vorfahren waren brave Leute... Woher in ihr dieser angeborene, unüberwindliche Hang zum Schlechten? Welche gräßliche Erbschaft hatte sie angetreten?« Die Stimme der Gräfin wurde leiser und beklommen, sie sprach in abgebrochenen Sätzen und wie aus schwerem Traume: »Der Mann, der sie liebte und heimführte, war gewarnt, ich, ihre Mutter, warnte ihn. Aber sein Glaube stand felsenfest... Unselig ist, die ihn erschüttert hat. Unselig ...« Sie hielt inne – der laute Wehruf, der ihrer Brust entstieg, verriet die Qual einer tiefen, grausam aufgerissenen Herzenswunde. – Aber größer noch als ihr Schmerz war die Stärke dieser Frau... Eine gewaltige Selbstüberwindung, abermals die verschummernde Bewegung mit der Hand, und sie zwang sich eine heitere Miene ab und sagte: »Noch ein Gläschen Chartreuse, Herr Professor. Meine Kinder behaupten, ein Diner ohne Chartreuse sei die höchste Unvollkommenheit in der kulinarischen Welt.« Ihr Angesicht hatte sich wieder freudig verklärt, ein holder, anbetungswürdiger Zug umspielte ihren welken Mund. »Lauter schlechte Späße, aber sie beglücken die alte Großmutter, und deshalb wird mit ihnen nicht gespart. Ach, diese Kinder waren immer gut und liebevoll, wahrhaftig und treu. Was ich für sie tat und tue, ist nichts, ihre Dankbarkeit ist unendlich. So stehe ich denn immer in ihrer Schuld.« Forderten diese Worte nicht einen Widerspruch heraus? – Ich meinte ja, und ich brachte ihn vor, so schön und fein, als ich nur immer konnte. Aber meine aufrichtige Huldigung wurde nicht zur Kenntnis genommen. Die Gräfin nickte zerstreut und begann ohne direkten Zusammenhang mit dem Vorhergegangenen: »Niemand kann sich vorstellen, was ich empfand in der Stunde, in welcher ihr Vater mit ihnen zu mir kam. Nach der Scheidung war's: ›Nimm sie, sie sind dein‹, sprach der um sein höchstes Gut betrogene Mann – und sie waren mein. Paul, mein Sohn, blieb bei uns, überwachte die Erziehung seiner Söhne, sagte manchmal zu mir: ›Seien Sie nicht zu nachsichtig, liebe Mutter.‹ Ich war es nicht. Mit stiller Angst beobachtete ich die Kinder, lauerte auf Fehler – auf Keime von Fehlern in diesen Anfängen von Menschen und entdeckte nichts, das mich beunruhigen konnte. Sie sind beide reinen Herzens, und wenn auch voneinander ganz verschieden, doch beide edlen Sinnes wie ihr Vater, und ihr Streben ist wie das seine nach hohen Zielen gerichtet. Eine Stimme, die nicht trügt, sagt mir, sie sind zu Großem bestimmt.« Sie teilte mir viele herzgewinnende Züge aus der Kindheit und Jugend ihrer Enkel mit. Nebenbei erfuhr ich, daß Fürst Paul alljährlich den Sommer auf seinen Gütern in Wolhynien zubrachte. Sein Erstgeborener, Matja, hatte ihn vor einigen Monaten dahin begleitet. Wo Fürst Iwan sich gegenwärtig aufhalte, davon machte die Gräfin keine Erwähnung. »Sie werden bald heimkommen«, sprach sie, »aber ich darf noch nichts davon wissen, sie werden mich überraschen wollen, wie sie es schon einmal getan – morgen – heute vielleicht...« Ihre Augen öffneten sich weit und erglänzten in rührender Hoffnungsseligkeit. Vom Gange herüber schallte durchdringenden Klanges der Schlag einer Uhr. Die Gräfin horchte. »Halb zehn – in zwei Stunden könnten sie da sein... Iwan und Matja und ihr Vater, der mir geschrieben hat – ich weiß nicht genau wann – – die Zahlen – ja die Zahlen, mein lieber Professor! – Doch habe ich den Brief bei mir, Sie können sich selbst überzeugen...« Sie entnahm ihrer Gürteltasche eine kleine Mappe, in der eine Anzahl wohlgeordneter, aber schon etwas vergilbter Briefe lag. Eine geweihte Hostie hätte sie nicht mit mehr Andacht berühren können als diese Blätter. Wie auf einem Heiligtume ließ sie ihre schmale, feingeäderte Hand auf dem Päckchen ruhen. Dann reichte sie mir den zuoberst liegenden Bogen und sagte: »Lesen Sie, Herr Professor! Laut, wenn ich bitten darf.« Nun, ich nahm den durch zahlloses Falten und Entfalten ganz zerschlissenen Brief und sah, daß er vor drei Jahren auf der Besitzung des Fürsten geschrieben worden war. So gut ich konnte, das heißt: nicht sehr gut, weil ich von Natur ein gerader Kerl bin, verbarg ich mein Staunen und fragte einfach: »Ist dieser Brief wirklich der letzte, den Sie, gnädigste Gräfin, von einem der Ihren erhalten haben?« »Der letzte«, bestätigte sie rasch und sichtlich unangenehm berührt. »Bitte, lesen Sie.« Ich las denn, und sie hörte mir mit höchster Spannung zu. »Teure Mutter! Ich komme bald. Ich habe Ihnen eine Botschaft zu bestellen, einen letzten Dank, teure Mutter, ein Abschiedswort. Gott stärke Sie und mich. – Ich komme bald ... Wir wollen ein großes Leid mit vereinten Kräften zu tragen suchen ...« Die Gräfin flüsterte nach: »Ein großes Leid? ... was er so nennt mit seiner Kunst, jede Widerwärtigkeit als Unglück zu empfinden. Er ist nicht immer so gewesen«, seufzte sie und verwahrte ihre Briefe mit ehrfürchtiger Liebe. Abermals entstand eine Pause, und abermals fiel die seltsame Stille mir auf, die über dem Hause lag und eines verwunschenen Schlosses würdig gewesen wäre. Ich erlaubte mir eine Bemerkung darüber zu machen, und die Gräfin erklärte: »Ja, mein lieber Professor, ich will es so. Wer in meinem Dienste zu bleiben wünscht, muß ein Schweiger und Sachtetreter sein. Jeder Mensch hat seine Marotte; die meine ist: Ruhe, ungestörte Ruhe schaffen um mich her. In diesen Räumen wohnen die Stimmen meiner Kinder – ich höre manchmal ihren leisen Gruß. Das Geschwätz und Getrippel der Leute, das Geräusch der Arbeit soll sie mir nicht übertönen ... Still! –« sprach sie plötzlich, stand auf und wandte sich der Tür zu, durch welche ich vorhin eingetreten war. Ich hatte mich gleichfalls erhoben, und ihrem Winke gehorchend, folgte ich ihr. Mitten im Saale hemmte sie ihren Schritt, neigte den Kopf vor und lauschte. Ihr schöner, leuchtender Blick flammte – ihre Lippen öffneten sich wie zu einem Ausruf des Entzückens – doch entstieg er ihnen nicht. »Was fällt mir ein«, sagte sie mit wehmütigem Scherze, »ich träume wieder, es ist noch viel zu früh. Aber dafür, daß sie es nicht machen wie neulich, dafür wollen wir sorgen ... Denken Sie, Herr Professor, als sie zurückkamen von ihrer ersten Reise, ganz unerwartet, da war es Nacht, ich schlief bereits, und sie, die Kinder, erlaubten nicht, daß man mich wecke. Am Morgen trete ich nun ins Frühstückszimmer und sehe und traue meinen Augen nicht: drei Tassen auf dem Tisch...›Warum drei Tassen, Leonhard?... Was soll dies heißen?‹ – ›Daß wir da sind, Großmutter‹, und sie stürzen auf mich zu, und ich halte sie in meinen Armen, und ich sehe wieder in ihre guten, fröhlichen, blauen Augen... Es war eine schöne Überraschung, und dennoch, eine Wiederholung verbitt ich mir, deshalb komme ich ihr allabendlich zuvor. Begleiten Sie mich, Herr Professor!« Wir gingen durch den taghell erleuchteten Gang, an der Treppe vorbei und betraten, um die Ecke biegend, einen Seitenflügel des Schlosses. Auch hier ein breiter Gang, den viele tüchtige Bilder und Trophäen aus Waffen des Orients und Okzidents schmückten. »Ich führe Sie jetzt in die Arbeitsstube Iwans; die Wohnungen der Kinder liegen gegenüber«, sprach die Gräfin und trat durch eine gewölbte Halle mir voran ins Atelier. Respekt! – Das war eine Arbeitsstube, die man sich gefallen lassen konnte. Etwas gar zu prunkvoll vielleicht – vielleicht eine zu große Vorliebe für Rot und Gold verratend in der Wahl der Teppiche, Gewebe, Draperien – aber wohl befand man sich inmitten dieser Reichtümer, weil sich ein eigentümlicher und echt künstlerischer Geschmack in der Anordnung derselben kundgab. Über den ganzen Raum ergoß eine vielarmige Hängelampe ein reines, ruhiges Licht und brachte dessen schönsten Schmuck, die Skizzen und Bilder, zur vollen Geltung. Sämtlich Arbeiten des jungen Fürsten und sämtlich Talentproben. Man lügt mir nach, daß ich ungern lobe, ich aber tu's um so lieber, als mir so verteufelt selten Gelegenheit dazu gegeben wird. Hier fand ich sie und beutete sie gehörig aus. Die Gräfin schwamm in Glückseligkeit und fragte ganz besonders nach meinem Urteil über einige Gemälde, die auf den Staffeleien in der Nähe des Fensters standen. Ich entdeckte sogleich unter ihnen einen alten Bekannten, eine prächtige Hafenszene, und rief: »Das ist das beste!« »Sein bestes, nicht wahr? und auch sein letztes. Von diesen Bildern habe ich Ihnen gesprochen; es sind diejenigen, die er mir kürzlich aus Marseille geschickt hat.« Kürzlich? da hatte die Gräfin wieder einen Irrtum in der Zeitrechnung begangen. Das Bild war ja schon vor mehreren Jahren in der Pariser Exposition, als unverkäuflich und einfach mit Iwan signiert, ausgestellt gewesen. Damals hatte es mir einen außerordentlichen Eindruck gemacht und machte ihn mir jetzt von neuem. »Das ist das beste«, wiederholte ich, »das steht mir höher als manches vielgerühmte Werk der neuen Schule ... Möchte wissen; in welche Kategorie die Alleskenner und Nichtskönner den einreihen, der das gemalt hat? ... Ein Idealist? Ihr Herren! seht nur die Wahl des Stoffes: eine Balgerei zwischen einem Soldaten und einem Matrosen, um welche ein neugieriges Publikum sich schart ... Und nun die Ausführung! wessen ist die? – Eines Realisten? Nein, eines Künstlers, dem das Häßliche und Rohe widerstrebt und der dennoch die Wahrheit darstellt, die höchste, in den Gluten seiner Feuerseele geläuterte Wahrheit. Der macht aus einer Prügelei, die wir in der Wirklichkeit schwerlich mit ansehen möchten, ein unvergeßliches Kunstwerk. Alles gut dran, jede einzelne Figur sowohl wie der Schauplatz, der Himmel, die Luft, wie das Ganze. Ich bewundere alles, sogar manche Kühnheit, die ich mir nicht mehr erlauben würde – wir wollen sichergehen, wir Alten.« Die Gräfin unterbrach mich: »Kühnheit, Herr Professor? die hätte der Schüler dem Meister abgelauscht.« »Was Schüler«, versetzte ich, »den Schüler könnt ich beneiden.« »Sie haben keine Ursache«, erwiderte sie und zog den Vorhang von einem auf der Staffelei nebenan stehenden Bilde, und ich sah meine Abyssinier nach sieben Jahren wieder. – Nicht übel, gar nicht übel waren sie und sehr freudig meine ersten Empfindungen bei ihrem Anblick. Aber gleich kam der hinkende Bote nach: Soviel hast du damals schon gekonnt ... Um wieviel mehr kannst du denn heute? ... Wo bleibt der Fortschritt? ... Höhe ist Wende – bist du nicht auf der deinen angelangt? – Eine Ahnung unausbleiblichen Versiegens der sprudelnden Quellen in meinem Innern durchfröstelte mich ... Was dann? ... dann trag's oder stirb – nur sinke nicht. Und ich schwor mir's zu: Du wirst dich hüten vor Selbsttäuschung, wirst nicht für Schaffenskraft halten, was nichts mehr ist als Schaffenslust ... Wieder trat ich vor die Hafenszene hin und versenkte mich in ihren Anblick ... O wie tüchtig, wie genial und – wie jung! ... »Herr Professor«, sagte die Gräfin, »es ist spät geworden, glaube ich – wollen wir nicht hinübergehen zu den Kindern?« Sie näherte sich bereits der Halle, als ihr aus derselben ein junger Mann, groß, breitschultrig, bärtig, mit dunkelblonder zurückgeworfener Mähne, entgegentrat. »Noch auf, Frau Gräfin?« fragte er. »Es ist elf Uhr.« »Elf Uhr«, stieß sie erschrocken hervor – »wirklich? ... Dann«, eine grausame Enttäuschung drückte sich in ihrem Tone aus, »dann werden sie heute nicht mehr kommen.« »O nein«, bestätigte er, und die Gräfin legte die Arme übereinander, richtete den Blick fest auf ihn und sprach mit gelassener Würde: »Woher des Weges, Doktor?« »Ich war – Ihrem Befehl gehorchend – beim Amtmann in Reiß. Er ist ganz wohl.« »Um so besser.« Sie wandte sich zu mir: »Herr Professor M., ich bitte Sie, Ihnen meinen Hausarzt Doktor Schmitt vorstellen zu dürfen.« »Professor M.? Durch welchen Zufall? Ah! das freut mich ...« Er eilte auf mich zu und reichte mir die Hand. Die Gräfin hatte Platz genommen, wir folgten ihrem Beispiel. Der Doktor entfaltete eine lebhafte Beredsamkeit und teilte mir seine Ansichten über Maler und Malerei sehr unbefangen mit. Ich hätte wahrscheinlich viel lernen können aus seinem Vortrag, wenn er nicht mitten in demselben unterbrochen worden wäre. Aber dies geschah, und zwar durch Freund Christel, der mit verstörtem Gesichte herbeigeschlichen kam und dem Doktor einige Worte ins Ohr sagte. »Tut mir leid«, erwiderte dieser mit einer entlassenden Handbewegung. »Was gibt es?« fragte die Gräfin, und Schmitt antwortete: »Etwas Unangenehmes, Frau Gräfin. Im Meierhof scheint sich ein Pferd losgerissen und einen der Knechte verletzt zu haben.« »Verletzt?« »Es hat ihn geschlagen, hierher«, wagte Christel vorzubringen und griff an die Hüfte. »Der Chirurg ist gerufen worden; er waltet bereits seines Amtes. Ich bitte, der Sache keine zu große Wichtigkeit beizulegen, es ist hoffentlich überflüssig«, suchte der Doktor zu beruhigen – erfolglos jedoch. »Davon will ich mich selbst überzeugen«, sprach die Gräfin und erhob sich. Auf ihren Befehl lief Christel voran, um Hut und Mantel bringen zu lassen. – Ich bot meine Begleitung an, die Gräfin dankte mit der Versicherung, daß sich immer Begleiter genug bei ihren Dorfgängen einfänden. In der Tat trafen wir beim Hinaustreten auf den Gang einige Diener und Dienerinnen bereits dort versammelt, an ihrer Spitze Leonhards schattenhafte Gestalt. Aus dem Hintergrunde stürzte, so schnell sie konnte, eine tonnenrunde Kammerfrau mit den verlangten Kleidungsstücken herbei. Im Begriff fortzueilen, richtete die Gräfin noch die Frage an ihren Arzt: »Sie kommen also nicht?« »Ich bitte, mich gnädigst zu entschuldigen«, erwiderte er, und sie ging. Beim Doktor hatte ein rascher Übergang von guter in schlechte Laune stattgefunden. Trotzdem lud er mich ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen, und ich nahm an, weil meine Absicht war, die Rückkehr der Hausfrau zu erwarten, um mich bei ihr zu empfehlen. Unterwegs beobachtete Doktor Schmitt ein verdrießliches Schweigen und ließ seinem Unmut erst freien Lauf, als wir in seiner Gelehrtenstube saßen und dampften. »Es ist unglaublich«, brummte er, »wie oft die gute Gräfin mich in Kollision mit dem Dorfbader brächte, wenn ich mich nicht zur Wehre setzen würde.« Er hatte sich in einem ungeheuren Lehnstuhl so schlangenmäßig zusammengerollt, daß man nicht wußte, wo der Mensch anfing und wo er aufhörte, und sprach und sprach! – Allerdings recht gescheit und witzig, aber alles, was er sagte, war mehr oder minder – Selbstverherrlichung. So eitel, dachte ich im stillen, kann ein verständiger Mensch nur auf dem Lande werden, wo er vermutlich der einzige in seiner Art ist. Und als er eine seiner Auseinandersetzungen mit dem grollenden Ausruf schloß: »Ich bin hier nicht an meinem Platze«, entgegnete ich: »Warum bleiben Sie?« »Das ist es ja – ich kann nicht anders, ich bin angeschmiedet auf Lebensdauer – nämlich der Gräfin. Ihre Verwandten haben mich engagiert.« »Unter guten Bedingungen natürlich?« »Unter vortrefflichen. Und dennoch – ich hätte nicht annehmen sollen. Das Leben hier ist doch gar zu ärmlich. Indessen – was ist zu tun? Vor geistigem Verkommen bewahre ich mich nach Kräften durch häufig erbetenen und immer gern erteilten Urlaub. Ich bedarf seiner zu wissenschaftlichen Reisen, zur Aufrechterhaltung meiner zahlreichen Verbindungen. Die Gräfin sieht das ein, kleinlich ist sie nicht.« »Das glaube ich Ihnen gern, daß diese Frau nicht kleinlich ist.« »Sie sind begeistert von ihr; kein Wunder. Mit welcher Liebenswürdigkeit wird sie das ›leuchtende Vorbild‹ ihres Iwan aufgenommen, Ihnen ihr ganzes Vertrauen geschenkt haben ... Aber, Herr Professor, die Geschichten, die Ihnen neu waren, wachsen mir bereits zum Halse heraus.« »Die Gräfin hat mir keine Geschichten erzählt.« »Keine einzige aus der Kindheit ihres Matja und ihres Iwan? Das setzt mich in Erstaunen.« »Wie mich, aufrichtig gestanden, die Art und Weise, in welcher Sie, Herr Doktor, von der Gräfin reden.« »Ich? – ich habe die höchste Achtung vor ihr, ich sage jedem, der's hören will, daß ich, ein Psychiater, in diesem Hause überflüssig und im Besitz einer Sinekure bin.« »Als Psychiater sicherlich.« »Jawohl, und trotzdem ... Ist Ihnen gar nichts Seltsames an ihr aufgefallen?« Ich antwortete ausweichend, und er begann gelehrt zu werden und berief sich auf Tod und Teufel, unter andern auch auf Schopenhauer. »Diese Frau«, sagte er, »führt ein Traumleben, in dem es jedoch an wachen Momenten nicht fehlt. Schopenhauer sagt in seinem Versuch über Geistersehen : Bei der Tätigkeit aller Geisteskräfte scheint im Traume das Gedächtnis allein nicht disponibel. Längst Verstorbene figurieren darin noch immer als Lebende ...« Mich überlief's. – »Was heißt das? ... was wollen Sie damit sagen?« Ich ahnte wohl, was jetzt kommen würde, und war doch voll Angst, es aussprechen zu hören. – »Wo ist Fürst Iwan?« stieß ich plötzlich hervor. Der Doktor schlug auf den Tisch. »Herr Professor! so sind Sie ihr wirklich aufgesessen? Haben nicht bemerkt ...« Er hielt inne und rief, einem Geräusch von Stimmen und Schritten, das sich vernehmen ließ, lauschend: »Der Tausend, da kommt sie schon zurück von ihrem Krankenbesuch.« »Hat sie den auch im Traum gemacht?« fragte ich. »Nein«, erwiderte er, »und ich will Ihnen erklären ...« Aber ich hörte ihn nicht zu Ende; ich war schon aufgestanden und verließ mit einer Entschuldigung das Zimmer, um der Frau des Hauses entgegenzugehen. Sie kam an der Spitze ihres Gefolges langsam dahergeschritten. Meine Stimme schien mir einen aufdringlichen Klang in diesen stillen Räumen zu wecken, als ich mich an die Gräfin wandte mit einer Erkundigung nach ihrem Kranken. »Es geht schlecht«, sprach sie, tief erregt und noch ganz im Banne der eben erhaltenen peinlichen Eindrücke. An der Schwelle ihrer Gemächer verabschiedete ich mich und lehnte dankend ihre Aufforderung zu längerem Bleiben ab. So befahl sie denn, mit dem frühesten alles für meine Abreise bereit zu halten, und entließ mich mit den Worten: »Vielleicht besinnen Sie sich doch anders und schenken mir noch einen Tag.« Meiner Treu! ich tät's gern, dacht ich bei mir und wollte mich wieder zum Doktor zurückbegeben, der mir die Beendigung des Satzes, in dem er unterbrochen worden, schuldig geblieben war. Ich tät's, ich bliebe, wenn nicht die Hexe wäre, die Julietta, und meine Sehnsucht – und die Furcht vor ihrem Zorn. Während ich meinen Weg fortsetzte, ging ein Diener hinter mir her, der eine Lampe nach der andern abdrehte. Er hielt in seinem finsternisverbreitenden Geschäft erst inne, als Christel herbeikam, ihm abwinkte und zugleich mir die Meldung brachte, der Doktor habe sich zur Ruhe begeben und lasse mir gute Nacht wünschen. Für diese gute Nacht wünschte ich ihn zum Teufel und ging mit Christel auf mein Zimmer, dasselbe, in das er mich nach meiner Ankunft geführt hatte. Ich muß wieder ein beschämendes Geständnis ablegen. Als der Bursche sich mir beim Auskleiden mit solcher vom Herzen kommender Dienstwilligkeit behilflich, oder sagen wir: überflüssig machte und mir so recht wie ein guter, dienender Geist erschien, dem man wohl Vertrauen schenken könne, kam mich die Versuchung an, ihn auszufragen, um zu erfahren, was er und seinesgleichen von der Gebieterin dächten. – Sogleich jedoch überwand ich diese ganz ordinäre Regung und schickte Christel schlafen, nachdem ich ihm dringend aufgetragen, mich morgen Schlag fünf zu wecken. Und nun war ich allein mit meiner Neugier und mit meinem ungelösten Rätsel. Eine große Ungeduld ergriff mich. Um sie zu täuschen, nahm ich mein Skizzenbuch und begann, erst lässig, allmählich immer mehr ins Feuer geratend, ein paar Entwürfe zu machen ... Maria im Alter. Sie lehrt ein Kindlein die Liebesgebote ihres Sohnes und Herrn ... Sie steht am Sterbebett eines Pharisäerknechts – beide ausführbar – keiner das Rechte. Das Rechte mußte ich noch finden, es kam mir nicht, wie schon so oft, als Offenbarung. In meinem Kopf entstand ein wildes Ringen, und wer vollführt's? – lauter stumpfe elende Gedanken. Gebt Ruh, ihr seid nichts, und es ist erbärmlich, wenn die Ohnmacht schaffen will ... Unsinn und Qual! – und doch keine Qual, denn nicht einen Augenblick verließ mich in meiner Pein und Not die feste, die erlösende Hoffnung: Die Erfüllung kommt, sie muß. Was sich dir jetzt verhüllt, du wirst es sehen. Was dir heute unerreichbar ist, fällt dir morgen von selbst in den Schoß. So vertröstete ich mich, stand auf, tauchte meinen Kopf in das mit frischem Wasser gefüllte Waschbecken, öffnete alle Fenster und legte mich, zunächst um auszuruhen, an Schlaf dachte ich nicht, in das weit ins Zimmer hineinragende Himmelbett. Ein köstliches Lager, das mir da bereitet worden. Mit Hochgenuß streckte ich mich aus, freute mich des Hereinströmens der kühlen Luft und horchte dem Rauschen der windbewegten Bäume, das von Zeit zu Zeit der Schrei eines beutegierigen Nachtvogels durchdrang. Wohlige Ruhe umfing mich, ein Reflex alles dessen, was mich heute bewegte, sammelte sich wie in einem Brennpunkt und umwob mich mit dunkelhellen, geheimnisvollen Strahlen ... Ich weiß noch, daß ich ein Frauenbild von erhebender Schönheit vor mir sah und daß es meine edle Gastfreundin vorstellte und ein Werk war, das den Namen dessen, der es schuf, durch die Jahrhunderte trägt ... Plötzlich wacht ich auf – grelles Sonnenlicht, das mir in die Augen fiel, hatte mich aufgeweckt ... Schon Tag? Mir war, als hätte ich kaum eine Stunde geschlafen. – Am Fuße meines Bettes stand Christel, hatte den Vorhang zurückgeschoben und blinzelte mich halb mutwillig, halb verlegen an. »Schon fünf?« rief ich, und er kratzte sich hinter dem Ohr. »Sehen Sie doch, wie hoch die Sonne steht, es hat just zehn geschlagen.« Wie mir wurde, wie ich ihn anfuhr – darüber mag ich mich nicht ausbreiten. Aber bekennen muß ich, daß Christel wohl versucht hatte, mich zu wecken, daß es ihm aber nicht gelang, weil ich in meinem Waterlooschlaf gelegen hatte. So nämlich nennen meine Freunde den eisernen Schlaf, der mich zum erstenmal befiel, nachdem ich als junger Künstler einen furchtbaren Mißerfolg erlitten. Später stellte er sich seltener, meist nur nach einer großen Ermüdung bei mir ein. Und auch dann nicht immer – zu meinem Bedauern, denn aus einem solchen Schlaf erwache ich als ein glücklicher Mensch und fühle mich fähig, alle Kräfte, die in mir liegen, zu verwerten und jede Niederlage von einst wettzumachen durch Sieg um Sieg. Auch an diesem Morgen überkam mich eine herrliche Stimmung, leider jedoch erst, als meine Flüche gegen Christel bereits ausgestoßen waren. Um so sanfter und freundschaftlicher fragte ich ihn jetzt, wann der nächste Zug in der Station eintreffe. »In fünf Stunden dreißig Minuten. Sie haben noch zwei Stunden Zeit zum Frühstück und zu einem kleinen Spaziergang, wenn's gefällig ist.« »Und zu einem Besuch bei der Frau Gräfin?« »Das nicht.« – Christel geriet in Bestürzung. »Vormittags darf unter Dienstesentlassung kein Mensch angemeldet werden. Auch ist die Frau Gräfin nie zu Hause.« »Wieso nie? – das heißt wohl für Besucher?« »Nein, wirklich – aber ich bitte, fragen Sie lieber den Doktor –« setzte er mit demütigem Flehen hinzu. »Er hat ohnehin fragen lassen, ob er Ihnen Gesellschaft leisten darf beim Frühstück.« »Ohne weiteres«, erwiderte ich und hatte mich kaum gewaschen und angekleidet, als der junge Mann auch schon ins Zimmer trat. Er schüttelte mir die Hand und erkundigte sich, ob ich viel versäume durch meine verspätete Ankunft in Wien? – »Hm!« antwortete ich, »hm, hm – eine Sitzung der Akademie.« »Eine Sitzung? O Herr Professor« – und der Ausruf kam ihm vom Herzen –, »das muß Ihnen schrecklich sein!« »Passiert, und ich will's verschmerzen, vorausgesetzt, daß Sie mir eine Abschiedsaudienz bei der Frau Gräfin verschaffen.« Nachdem er sich dazu bereit erklärt hatte, bestätigte er Christels Behauptung, daß die Gräfin vormittags nie zu Hause sei. »Und wo ist sie?« »Bei den Ihren. – Wir müssen sie dort aufsuchen.« Ich beeilte mich, meine Mahlzeit zu beenden, und folgte ihm, sehr bemüht, meine Spannung zu verbergen. Mich verdroß die Überlegenheit, mit welcher er neben mir herschritt, ganz wie ein Hofmeister, der seinen Zögling zu einem interessanten Schauspiel geleitet und Betrachtungen über die Art anstellt, in welcher der Junge sich wohl dabei benehmen wird. Wir wanderten durch dichtverwachsene Laubgänge die Lehne hinan, die hinter dem Schloß emporstieg. Es war ein wunderschöner Tag und in der Luft ein Frühlingsatem, mit dem einzelne vertrocknete Zweige am Geäste und die dürren Blätter, welche der Wind raschelnd vor uns hertrieb, in seltsamem Widerspruch standen. Der Doktor sprach, absichtlich wie mir schien – vielleicht tat ich ihm unrecht –, durchaus nur von gleichgültigen Dingen. Eine gute Weile nahm ich mich zusammen, endlich aber riß mir die Geduld, und ich brach aus: »Ich bin kein Freund von Überraschungen, Herr Doktor!... Wohin führen Sie mich?« Er erwiderte mit verwünschter Gelassenheit: »Zur Gruft, wo die Gräfin ihre Vormittage zubringt und aus der sie oft ganz traurig heimkehrt, weil diejenigen, die dort in den Sarkophagen liegen, nicht gekommen sind, um mit ihr zu beten.« »Zu beten? sie weiß nicht...« »Sie weiß nicht mehr, sie hat vergessen – vergessen wollen. Das Maß ihrer Leidensfähigkeit war erschöpft durch den Tod ihres Mannes und durch das Leben ihrer Tochter. Den Verlust ihrer Enkel – beide, denken Sie, sind gewaltsam aus dem Dasein gefördert worden – und den ihres Schwiegersohnes hätte sie nicht ertragen können. Da hat »die Natur« sich ihrer erbarmt und ihr die Fähigkeit geschenkt, Träume zu weben, in denen die Begrabenen auferstehen. Übrigens entreißt sie sich manchmal diesen Wahnvorstellungen. Sie findet dazu die Kraft, wenn es gilt, erfüllen, was sie für Pflicht gegen ihre Toten hält. Zum Beispiel in der Kapelle dort oben eine Messe hören an jedem Erinnerungstage. Ein solcher ist heute, und wir finden sie möglicherweise so klar, als jemand sein kann, der im Nebel der Frömmigkeit wandelt. – Den zu zerstreuen, war ich zuerst bemüht, denn ich halte ihn für den anonymen Urheber ...« »Bleiben wir bei den Tatsachen!« unterbrach ich ihn. »Wie sagten Sie vorhin: beide Enkel eines gewaltsamen Todes gestorben?« »Beide, und zwar rasch nacheinander – und der Fürst gleich darauf. An gebrochenem Herzen, heißt es, ich meine an einem Lungenleiden, das er seit langem in sich getragen haben soll. Jedenfalls war sein Ende nicht tragisch wie das seiner Söhne.« Der Doktor hielt inne, erwartend, daß ich ihn bitten werde fortzufahren. Ich tat es nicht, und so erzählte er denn aus eigenem Antrieb weiter: »Iwan, der jüngere, der Maler, hat in Marseille, kurz bevor er sich nach Afrika einschiffen wollte, einen französischen Offizier herausgefordert. Warum? Weil jener, der eben aus Paris kam, etwas respektlos von der Fürstin-Mutter gesprochen hatte. Das Duell fand statt, und der ritterliche Verteidiger einer verlorenen Ehre blieb auf dem Flecke.« »Ein Unglück, nicht nur für die Seinen, auch für die Kunst. Schade um den Mann.« »Gewiß ein Unglück und zugleich eine Lächerlichkeit.« »Herr«, sagte ich, »mögen solche Lächerlichkeiten nie aussterben in unserer ernsten Welt.« »Das ist Geschmacksache, sehen Sie. – Meinetwegen brauchte ein reiches und hoffnungsvolles Leben nicht hingeworfen zu werden, um eine schadhafte Reputation zu verteidigen, weil es zufällig die eigene Mutter ist, welche sich diese Reputation gemacht hat.« Gar zu gern hätte ich ihm darauf eine tüchtige Antwort gegeben, aber nichts dergleichen fiel mir ein. Ich hasse die kalte Vernunft – gegen sie aufkommen kann ich nicht. Er fuhr fort: »Der Majoratsherr, der Matja, war aus derberem und gesunderem Stoffe gebaut als sein Bruder und ein leidenschaftlicher Jäger. Er ging in Wolhynien zugrunde auf einer Bärenjagd ... Aber sehen Sie, wir sind am Ziel.« Wir waren aus dem Dickicht herausgetreten, vor uns lag zwischen uralten Bäumen eine dicht bewachsene, kurz geschorene Wiese. Sie zog sich den Berg hinan, auf dem ein wahrer Prachtbau emporragte. Es war ein Tempel aus poliertem grauem Marmor, dessen Gebälk von weißen korinthischen Säulen getragen wurde. Eiben und Zypressen umgaben ihn im Halbkreis und bildeten eine dunkle Sichel inmitten der Laubwaldungen, die schon herbstlich entfärbt weithin die Höhen bedeckten. Die Pforte des Tempels stand offen, und der innere Raum, von Sonnenlicht durchflutet, das durch die hohen Fenster brach, blinkte uns goldig entgegen. »Ein merkwürdiger Bau«, sagte ich. »Ein Mausoleum«, erwiderte der Doktor. »Die Gräfin hat es nach dem Tode ihres Mannes errichten lassen. Die anderen sind viel später dort beigesetzt worden ... Aber Sie haben nicht mehr allzuviel Zeit, wenn Ihnen daran liegt, sie noch einmal zu sehen; kommen Sie.« »Wohin?« rief ich aus und blieb stehen. »An die Ruhestätte ihrer Lieben? – Sie vielleicht im Gebete stören – was denken Sie?« »Die Gebetstunde ist längst vorbei, kommen Sie, es wird sie freuen... Sie wollen nicht? – Nun, so muß ich Sie denn anmelden.« Mit großen Schritten ging er vorwärts, und ich, durch seine Zuversicht ermutigt, folgte ihm nach. Schon konnte ich das goldene Kreuz auf dem Altare sehen, der frei inmitten des Tempels stand. Über ihm hing die Lampe mit dem Ewigen Licht... Dieses – ja dieses war's, das mir gestern so freundlich durch die Bäume hindurchgeschimmert hatte. In der Dunkelheit ein klarer, verheißender Stern, in der Tageshelle ein schwach glimmender Schein. Oben am Eingang ließ der Doktor sich wieder blicken. »Nicht mehr da, Sie haben Unglück!« schrie er mir zu. »Bemühen Sie sich trotzdem herauf, es ist ganz hübsch hier.« Mich aber widerte es an, das Heiligtum meiner Gastfreundin an der Seite dieses pietätlosen Gesellen zu betreten. Statt aller Antwort wandte ich mich ab und sah – im selben Augenblick sah ich gerade mir gegenüber die Gräfin aus dem Walde herausschreiten. – Sie trug einen Laubkranz in ihrer Hand und durchschritt langsamen Ganges, unbewußt und mechanisch, die Wiese auf dem kürzesten Wege dem Grabdenkmal zu. Nach kurzem Zaudern wagte ich's, eilte ihr nach, und mich tief verneigend, pochenden Herzens, sprach ich sie an. Sie tat erschrocken einen Schritt zurück, Bestürzung und Verlegenheit malten sich in ihren Zügen. Rasch jedoch nahm sie sich zusammen. »Ah – Herr Professor...« sprach sie und reichte mir die Hand, »so haben Sie sich's doch überlegt und sind geblieben... Iwans wegen? Sagte ich Ihnen denn, daß heute sein Geburtstag ist? Nein, nicht wahr? Eine schöne Fügung also, daß Sie es sind, der ihm heute diesen Kranz bringen kann.« Sie reichte ihn mir, wir stiegen die Stufen hinan und standen in einem hochgewölbten Raum, dessen reich kassettierte Kuppel von schlanken Säulen getragen wurde. Zwischen diesen, an der Evangelienseite des Altars, standen fünf Marmorsärge. Einer derselben war offen und leer. Auf den Deckeln der übrigen las ich die Namen derer, von welchen die Gräfin gestern so oft, mit soviel Liebe und wie von Lebenden gesprochen hatte. Die alte Frau breitete ihre Arme mit einer unsagbar ergreifenden Gebärde aus. »Alle tot –« sprach sie, »alle tot!« Sie war aus ihrem Traum erwacht. Wir gingen von Sarg zu Sarg, und im Innersten ergriffen, schmückte ich denjenigen meines gottbegnadeten Jüngers, der auf dem besten Wege gewesen, mein Meister zu werden. Die Gräfin stand dabei, hoch aufgerichtet, regungslos. Als mein Blick dem ihren begegnete, schüttelte sie das Haupt: »Bedauern Sie mich nicht. Ich habe die Meinen nicht begraben. Nur ihren Staub. Die Seelen, die ihn belebten, wohnen weit... Aber sie kommen – aus lichten Bereichen kommen, kraft ihrer unsterblichen Liebe, meine Kinder zu mir. Ich fühle – wie oft! – ihre beglückende Nähe. Und wenn ich durchs Haus gehe, durch den Garten, durchs Dorf, scheinbar allein, ich bin es nicht – meine Toten gehen mit...« Der Doktor, der die Zeit über schweigend an der Pforte gelehnt hatte, räusperte sich laut. Die Gräfin nahm seine Mahnung zur Kenntnis, ein bleiches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Mein Hausarzt zwar behauptet, das sei ein Wahn, und will mich davon kurieren, ich aber hoffe unheilbar zu sein.« Der Doktor murmelte: »Das heißt hoffen, sich immer der Wahrheit verschließen zu können.« »Wahrheit!« fuhr ich ihn an, »wie sieht die aus, die bei Ihnen zu haben ist?... War jemals in dergleichen Fragen die Wahrheit von gestern noch die von heute?« »Sie werden den Zug versäumen, Herr Professor«, erwiderte er. Ich küßte der Gräfin die Hände und rief: »Heil Ihnen, edle Frau, Heil Ihrem Traum, Ihrem Wahn, Heil Ihrem schönen Glauben. Halten Sie so lange an ihm fest, als Ihnen niemand eine Wahrheit bringt, die schöner ist als er.« Ich ging. Der Doktor gab mir das Geleite und ließ unaufhörlich die Quellen reichlicher Belehrung springen. Aber dieser ganze Segen rieselte über einen Unwürdigen nieder. Alle meine Gedanken waren gefangengenommen von dem Eindruck, den ich empfing, als ich mich zum letztenmal nach der Gruftkapelle zurückwandte. Die Gräfin stand auf der Schwelle, und ich glaubte, den Freudenglanz auf ihrem Angesicht noch schimmern zu sehen, den meine Worte hervorgerufen hatten. Und ich versäumte den Zug, und ich kam erst am nächsten Tage in Wien an, und ich fand Juliettas Abschiedsbrief angenagelt an der Tür meines Ateliers. Und das alles war mir gleichgültig, weil ich malte – malte und von der Welt nichts wußte und von unserer Erde nichts verlangte, als daß sie ihre eigene Bahn verfolge und sich's nicht einfallen lasse, in die Sonne oder irgendwohin anders zu stürzen, bevor mein Werk geschaffen war. Sie erfüllte mir den Wunsch, und ins Leben trat meine Mater resurrecti , die ihr alle kennt: Maria am Grabe, in dem ihr Sohn gelegen – aus dem er auferstand. Das Urbild meiner besten Arbeit habe ich nicht wiedergesehen. Am selben Tage, an welchem diese mit dem großen Preise gekrönt wurde, erhielt ich die Nachricht vom Tode der Gräfin. Sie war plötzlich und schmerzlos aus dem Leben geschieden. Wieder die Alte In der Hauptstraße einer freundlichen Vorstadt Wiens erhebt sich ein schmuckes Palais, Eigentum des Grafen Meiberg, welcher es mit seiner Familie bewohnt. Diese besteht aus der stattlichen Gräfin und aus sechs Kindern, von denen das jüngste, ein Sohn, fünf Jahre, das älteste, eine Tochter, zwanzig Jahre alt ist. Die Kinder werden sorgfältig erzogen, und den ganzen Tag über lösen die Leute sich ab, die ihnen Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit in das Haus tragen. So trafen einander regelmäßig zwischen zwölf und ein Uhr ein junger Mann und ein hübsches Fräulein im Vorzimmer oder auf der Treppe. Er kam von der Klavierstunde der großen Komtesse, sie ging zur französischen Lektion des kleinen Grafen; er sah gewöhnlich finster drein, sie schien immer munter und vergnügt. Sie war es auch, die zuerst lächelte, als er und sie einmal genau im selben Augenblick den mittleren Absatz der breiten, spiegelhellen Treppe betraten. Am Tage nach diesem Lächeln grüßte er und war entzückt von der anmutig zurückhaltenden Weise, in der sein Gruß erwidert wurde. Die beiden Leutchen ließen es bald nicht mehr bei einer stummen Verbeugung bewenden, sondern illustrierten dieselbe durch ein freundliches Wort: »Guten Tag, Fräulein!« – »Guten Tag!« – und schon das nächste Mal: »Guten Tag, Fräulein Dübois!« – »Guten Tag, Herr Bretfeld!« Fräulein Dübois? dachte sie; er hat sich nach meinem Namen erkundigt. – Herr Bretfeld? dachte er; sie weiß, wie ich heiße. Eine Woche später waren sie schon so vertraut, daß er einen scherzenden Ton anschlug und sagte: »Sie sind die Pünktlichkeit selbst, Fräulein«, worauf sie ebenso erwiderte: »Ja, meine Uhr richtet sich immer nach mir.« – »Das sollten alle Leute tun«, sprach er und erschrak derart über die Albernheit, die ihm da entwischt war, daß er sich ganz verlegen aus dem Staube machte. Mangel an Hochachtung vor sich selbst gehörte sonst nicht zu seinen Schwächen; selten mißfiel ihm etwas so recht aus dem Grunde, das Arnold Bretfeld getan oder gesagt hatte; an dem Tage jedoch konnte er ein unangenehmes Gefühl nicht loswerden, und wenn er sich fragte: Was hab ich denn? kam die Antwort: Das Bewußtsein der Dummheit, die du gesagt hast. Seine Nachtruhe war gestört, und am folgenden Morgen wünschte er allen Ernstes, dem lieblichen Fräulein, vor dem er sich so schrecklich blamiert hatte, gar nie mehr unter die Augen kommen zu müssen. Diesen Wunsch vergaß er plötzlich, als er, nach der Klavierstunde aus dem Salon ins Vorzimmer tretend, die Gefürchtete dastehen sah. Er half ihr, da sich zufällig kein Diener in der Nähe befand, ihr Mäntelchen ablegen, das sehr elegant, aber merkwürdig leicht und dünn war, ein schlechter Schutz gegen die Kälte und den fallenden Schnee. »Fräulein kommen von Hause?« »O nein, ich habe heute schon drei Lektionen gegeben.« Drei Lektionen! – Sie war früh aufgestanden, war schon gewandert durch Wind und Wetter, Straßen und Stiegen, auf und ab, und sah dennoch so nett aus, als ob sie unter einer Glasglocke gestanden hätte, seitdem die letzte Hand an ihre Toilette gelegt worden. Er wollte ihr sein Erstaunen und seine Bewunderung ausdrücken, aber sie ließ ihm dazu nicht Zeit; sie grüßte und trat in den Gang, der zu den Zimmern ihrer Schüler führte. Das Kompliment, das Herrn Bretfeld damals auf den Lippen geschwebt hatte, brachte er einige Tage später an und beeilte sich, einmal im Zuge, gleich ein zweites hinzuzufügen über die ganz besonders feine und schmucke Art, in der das Fräulein sich kleide. »Je nun«, erhielt er zur Antwort, »ein gewisser scheinbarer Luxus gehört mit zu unseren Obliegenheiten. Wir würden bald das Notwendige entbehren, wenn wir das Überflüssige nicht mehr anzuschaffen vermöchten.« »Ganz richtig!« bestätigte er und hätte sie gern gebeten, noch etwas zu sagen: es war so angenehm, sie sprechen zu hören und – zu sehen. Sie trug, um den Hut geknüpft, einen kleinen schwarzen Schleier, der bis zum Munde reichte, dessen Atem ihn ganz leise bewegte. Wenn er sich hob, da kamen leicht aufgeworfene, rosige Lippen zum Vorschein, und schön gereihte Zähne schimmerten wie Apfelblüten im Tau. Eine Viertelstunde später saß Arnold am Klavier neben der Fürstin L. und blieb bei den Schnitzern seiner durchlauchtigen Schülerin, die ihn sonst an den Wänden hätten hinaufjagen mögen, so gelassen wie ein geharnischter Mann vor der Mündung einer Erbsenschleuder. Und abends, während des Vortrags, den er im Konservatorium hielt, und nachts vor dem Einschlafen sah er den lieblichen Mund Fräulein Cläre Dübois' vor sich und sah, weniger deutlich, aber nicht weniger bezaubernd, ein Paar dunkle Augen und eine kluge Stirn, und er schrak aus dem Halbschlummer, in den er endlich gesunken war, plötzlich auf, weil er laut und unwillkürlich ausgerufen hatte: »Allerliebste Person!« Der erste Tag der folgenden Woche war auch der erste des Monats. Bretfeld begegnete der Lehrerin nicht im Hause, er wurde sie erst gewahr, als er in den Torweg trat. Da stand sie und konferierte mit dem Portier. »Keine Lektion, nein«, sagte dieser eben zu ihr, »die jungen Grafen haben heute frei.« »Heute frei«, wiederholte Claire mechanisch. »Weil der Geburtstag des Grafen Baby ist, lassen die Frau Gräfin sagen.« Claire hielt ein Päckchen in ihrer Hand, auf das sie mit dem Ausdruck der Enttäuschung niederblickte. Es enthielt offenbar die mit Siegel versehenen Visitenkarten, Stück für Stück erworben im Laufe eines Monats, die Repräsentanten vieler mühseliger Stunden. »Die Frau Gräfin haben Ihnen sonst keinen Auftrag für mich gegeben?« fragte das Mädchen nach einigem Zögern. »Keinen, Fräulein«, antwortete der Portier und trat in seine Loge. Das Päckchen wanderte langsam in den Muff zurück und Claire noch viel langsamer dem Ausgange des Hauses entgegen. Auf der Schwelle blieb sie stehen und schien unentschlossen, wohin sich wenden. Von den Bergen herüber pfiff ein steifer Nordwest, der Himmel schillerte in grauen, die Erde in braunen Farben, und große Schneeflocken, schon im Fallen schmelzend, wirbelten in der naßkalten Luft. »Schlimmes Wetter«, sprach Bretfeld, der plötzlich an Claires Seite stand, »schlimmes Wetter, um eine Erholungsstunde im Freien zuzubringen. – Ich melde, daß ich gelauscht habe«, fügte er hinzu, den fragenden Blick beantwortend, den sie auf ihn richtete. Sie schwieg. Eine Weile wandten die jungen Leute ihre ganze Aufmerksamkeit dem Unwetter zu, das draußen tobte. »Was fangen Sie jetzt an?« rief Bretfeld endlich, »Sie haben nicht einmal ein Parapluie!« »Das ist ja mein Unglück«, entgegnete sie mit einem Lachen, das ein wenig erzwungen klang, »ich habe es zu Hause gelassen. Der Morgen war so schön! Wer hätte dem Februar diese Aprillaune zugetraut?« »Ich!« gab Bretfeld zur Antwort, spannte einen prächtigen Regenschirm auf und erbat sich die Gunst, das Fräulein unter dessen Schutz zur Wagenstation auf dem Ring führen zu dürfen. Claire lehnte diesen Vorschlag ab, gestattete aber ihrem Herrn Kollegen, sie bis zu einer Bekannten zu geleiten, bei der sie die Zeit, sich zu ihrer nächsten Unterrichtsstunde zu begeben, abwarten wollte. Die Wanderung kam den beiden sehr kurz vor und hatte ihnen doch Muße genug gewährt, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Bretfeld erfuhr, daß Claire die Tochter eines in Wien dereinst in den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft wohlbekannten Paares war: Monsieur et Madame Dubois, Professor und Professorin der Tanzkunst. Er und sie Pariser vom reinsten Blute, solide Leute, die in schon ziemlich vorgeschrittenen Jahren nach Österreich gewandert waren, um da ihr Glück zu suchen und für das spätgeborene Töchterlein ein kleines Vermögen zu erwerben. Es war ihnen gelungen. Ihre Ersparnisse – dem Bruder Dubois' nach Frankreich zugesendet und von ihm verwaltet – waren allmählich zu einem Kapital angewachsen, von dessen Renten sich's leben ließ. Claire wurde aus dem Kloster genommen, in dem sie ihre Kindheit zugebracht und ihre Erziehung erhalten hatte, und man schickte sich zur Rückkehr in die Heimat an. Die Wohnung war gekündigt, das Mobiliar verkauft; die kleine Familie stand im Begriff abzureisen – da kam die Schreckensnachricht: Bleibt, wo ihr seid; ihr seid ärmer, als ihr je gewesen, denn der Name, den ihr tragt, ist verunehrt. Euer Hab und Gut ist dahin mit demjenigen, dem ihr es anvertraut hattet. Er hat seinem Leben ein Ende gemacht; nicht ihr allein seid betrogen, noch viele andere sind es mit euch. Ihr würdet hier nur Klagen, vielleicht Vorwürfe hören; bleibt, wo ihr seid, und versucht womöglich von vorn anzufangen. Der Rat war leider unausführbar, so gern der alte Tanzmeister und seine Frau sich ihn auch zunutze gemacht hätten. Die große Enttäuschung, die ihnen an dem Ziele zuteil wurde, zu dem sie sich so unverdrossen hingerungen, hatte sie zu schwer getroffen. Was sie bisher aufrecht erhalten, war ja längst nicht mehr das physische, es war das geistige Vermögen, der feste Wille, den die Hoffnung auf den nahen Erfolg beseelte. Wohl suchten sie eines vor dem anderen und beide vor dem Kinde ihre Mutlosigkeit zu verbergen, aber es gelang nur halb. Der Augenblick, das treulos gewordene Glück von neuem heranzulocken, war auch gar zu ungünstig. Man befand sich im Beginn des Sommers; die Schüler der alten Leute hatten ihren Landaufenthalt angetreten, an Erwerb durfte man vorläufig nicht denken. Die Barschaft, die als Reisegeld zurückbehalten worden, ging zu Ende, Madame Dübois erkrankte, die ersten Schulden wurden gemacht. Es stand schlimm um die kleine Familie, als ihre früheren Gönner im Spätherbst wieder nach der Stadt zogen, scharenweise, wie sie davongeflogen waren. Monsieur Dübois holte seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte und ging in würdiger Haltung von Haus zu Haus, um seine Dienste neuerdings anzubieten. Man empfing ihn allenthalben etwas kühl, etwas verwundert. Man war froh gewesen, den guten Dübois mit seinem Cäsarenprofil und seinen steifen Beinen auf angenehme Art losgeworden zu sein. Die Kinder lachten ja längst über ihn! Wie fatal, daß er nun wieder auftaucht, und – in traurigen Verhältnissen, wie es heißt. Unfaßbar eigentlich, die Leute haben soviel verdient. Die Frau soll sterbenskrank sein. – So möge der Mann doch daheimbleiben und sie pflegen. »Er dauert mich im Grunde«, sagte die Gräfin Mimi zu der Fürstin Lili; »nimmst du ihn wieder?« – »Ich nicht, ich danke, ich habe Monsieur Pombal engagiert.« Nun, wenn Fürstin Lili Monsieur Pombal engagiert, dann versteht es sich von selbst, daß Gräfin Mimi und deren Freundin Loulou dasselbe tun und daß alle Gräfinnen und Fürstinnen der Stadt diesem Beispiel folgen. So ward dem alten Tanzmeister sein Wirkungskreis verschlossen, und es wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich an die Straßenecke zu stellen und den Vorübergehenden mit möglichst zierlicher Gebärde seinen Hut entgegenzuhalten, wenn die Gunst, die man ihm entzog, sich nicht seiner Tochter zugewendet hätte. Aber fast alle Damen, die sich gegen Monsieur Dübois so unbarmherzig erwiesen, waren für seine Tochter die Güte selbst. Man kannte sie vom Kloster aus, in dem Claire zugleich mit einigen jungen Mädchen aus der großen Welt erzogen worden war. Mutter Niceta, die Oberin, ließ ihr ihren mächtigen Schutz angedeihen, empfahl sie, verschaffte ihr Lektionen. »Man nahm mich auf ihre Fürbitte«, schloß das Mädchen, »man behielt mich, nicht etwa um meiner Verdienste willen – ach nein, ich war und, aufrichtig gesagt, ich bin eine schlechte Lehrerin –, sondern weil ich immer heiter und zufrieden aussah. Worauf die Vornehmen den meisten Wert legen, ist, daß man ihnen freudig diene oder zu dienen scheine; meine Lustigkeit, die gab uns Brot.« Claire hielt inne; der gleichmütige Ausdruck, mit dem sie bisher gesprochen hatte, veränderte sich, und sie brach plötzlich mit den Worten ab: »Meine Lustigkeit mußte ich mir denn um jeden Preis zu erhalten suchen. Das habe ich auch getan.« »Leben Ihre Eltern noch, Fräulein Dübois?« »Nein, nein!« erwiderte sie rasch und gepreßt und wandte das Gesicht von ihrem Begleiter ab. Er wagte keine neue Frage. Erst nach einer Weile richtete ihr Blick sich wieder auf ihn. »Sie wissen nun«, sprach sie, »wie ich eine Lehrerin geworden bin; lassen Sie mich hören, wie Sie ein Lehrer wurden.« Er antwortete zögernd; er bemühte sich sehr, eine Art zu finden, in welcher er ihr den Unterschied zwischen seiner und ihrer Berufsausübung klarmachen könnte, ohne dabei ihr Selbstgefühl zu verletzen. Lektionen geben war eigentlich nicht seine Sache, er tat es nur ausnahmsweise, wenn irgendeine gesellige Rücksicht ihn dazu zwang, eine Fürbitte, die nicht abgewiesen werden konnte. Er brauchte nicht um seinen Lebensunterhalt zu ringen, er war der Sohn wohlhabender Kaufleute und hatte Musik von Kindheit an aus Liebhaberei getrieben. In Jünglingsjahren kam der Ehrgeiz über ihn, und er meinte das Zeug zum ausübenden Künstler in sich zu verspüren. »Aber der Traum verflog, und ich rief ihm nicht zu: Verweile!« sprach Arnold. »Ich bin zu meinem Glück nicht besessen von dem heißen und dämonischen Strebedrang, der sich so oft dem unzureichenden Talent zugesellt. So ward ich denn ein Musikgelehrter, wenn Sie es so nennen wollen, ein Genießender im allertiefsten Sinne. Jede Schönheit, die in meiner Welt geboren wird, gehört mir, denn ich verstehe sie. Ich bin ein glücklicher Mensch, denn ich vermag Begeisterung zu empfinden und vermag meine Begeisterung zu rechtfertigen.« »Ein glücklicher Mensch!« wiederholte Claire, und eine edle Freude leuchtete aus ihren Augen. »Ein solches Wort zu hören, wie wohl tut das! Ich fühle mich gleich mit glücklich, wenn mir ein anderer sagt: Ich bin's!« Sie wurde plötzlich neugierig. Wie lebte er? wie waren seine Familienverhältnisse beschaffen? Hatte er noch seine Eltern? – Nein, die waren tot. – Geschwister? – Ja, zwei Brüder; beide verheiratet, Geschäftsleute durch und durch. »Wissen Sie, was das heißt: Geschäftsleute?« fragte er. Eigentlich wußte sie es nicht, aber sie meinte sich's beiläufig denken zu können. »Ihre Brüder sind die Stützen und Sie der Schmuck des ehrenwerten Hauses Bretfeld.« Er lachte. »Viel eher das ungeratene Kind, das man in Gottes Namen seinen eigenen Weg gehen läßt, nach vielen gescheiterten Versuchen, es davon abzubringen.« Claire blickte forschend zu ihm empor. »So haben Sie doch auch Ihre Kämpfe gehabt?« »Sehr zahme«, versetzte er. »Die Meinen lassen mich gewähren, seitdem es bei ihnen feststeht, daß ich nun einmal ein Sonderling bin.« Er suchte das Gespräch wieder auf sie zu lenken, und sie erzählte munter, wie freundlich das Schicksal sich gegen sie erwiesen hatte, indem es ihr zum Heil gereichen ließ, was dem natürlichen Lauf der Dinge nach ihr Unheil hätte sein müssen, nämlich – ihre Unwissenheit. »Die Kinder lernen nichts bei mir, und das ist es, was ihre Mamas so freut, denn die meisten dieser Damen sind im geheimen überzeugt – daß Lernen dumm macht.« Da unterbrach sie sich ganz bestürzt, wurde über und über rot und mußte das Geständnis ablegen, daß sie in unbegreiflicher Zerstreutheit an dem Hause vorübergegangen sei, in dem sie ein Obdach hatte suchen wollen. Ihr Begleiter war herzlos genug, sich dessen, was sie so tief beschämte, zu freuen, und sie kehrten um; sie rasch, er zögernd. Unter dem Tor gab es dann einen edlen Wettstreit. Er wollte ihr seinen Regenschirm aufnötigen, sie lehnte ihn mit Entschiedenheit ab und eilte nach wiederholtem Dank die Stiege hinan. Und er stand im Treppenhause und blickte ihr nach, lange nachdem sie nicht mehr zu erblicken war. Doch mußte er sie trotzdem sehen und in ihr den Inbegriff des Anmutigen und Schönen, sonst hätten seine Augen wohl nimmer mit dem Ausdruck eines so innigen Entzückens in das scheinbar Leere geschaut. Drei Generationen im Hause Meiberg waren Claire in einer Neigung zugetan, die sich bei den Jüngeren oft stürmisch, bei den Älteren immer huldvoll äußerte. Die Damen fanden sie »so herzig und so amüsant!« – »Und noch immer bildhübsch!« ergänzten die Herren. Man lud sie zu den kleinen Komtessensoireen, die Gräfin bat sie zu sich, wenn sie »nur einige Damen« hatte, und zu ihren Eltern, wenn ein Partner zum Boston fehlte. Solange Claire im Salon verweilte, wurde sie von allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas höflicher, etwas zuvorkommender höchstens. Über die Schwelle des Salons jedoch reichte die Gastfreundschaft, die ihr erwiesen wurde, nicht. Niemand fragte, wenn der Abend zu Ende war: Wie kommt Claire nach Hause? Es gehörte mit zu den Vorzügen, die man ihr am höchsten anrechnete, daß sie keine Prätensionen machte, daß es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines Dieners oder gar auf die Benutzung der Equipage Anspruch zu erheben. Die Eltern, die ihren eigenen Töchtern nicht erlaubt hätten, am hellen Tage die Straße allein zu überschreiten, fanden es ganz natürlich, daß Claire Dübois ohne anderen Schutz als ihren Mut bei Nacht den weiten Weg nach ihrer Vorstadt antrat. Sie pflegte wie Aschenbrödel sich aus der Gesellschaft davonzumachen, kurze Zeit vor den anderen Gästen. Ohne Abschied war sie mit einmal verschwunden, hatte im Vorzimmer den Mantel angelegt, das Hütchen auf den Kopf gestülpt und eilte, so rasch sie konnte, bis zur Stadt und durch die Stadt und durch den Park dem Hause zu, in dem sie wohnte. Näherte sich ihr einmal irgendein Zudringlicher, verstand sie es, ihn gehörig abzuweisen. Im schlimmsten Falle verließ sie sich auf ihre gelenken Beine. Furcht und Bangen hatte sie noch nicht gekannt – und nun plötzlich lernte sie beide kennen. Eines Abends – es war kurz nach der Promenade unter dem seidenen Dach ihres Kollegen Bretfeld – bemerkte sie, daß ihr vom Ausgang des Palais Meiberg bis in die Nähe ihrer Wohnung ein Mann in teils größerer, teils geringerer Entfernung folgte. In den belebten Straßen blieb er ziemlich weit hinter ihr zurück, beim Durchschreiten des Parks war er mehrmals dicht an ihren Fersen. Seine großen regelmäßigen Schritte hallten auf dem gefrorenen Boden. Sie sah sich nicht um; sie rannte vorwärts, und himmelangst wurde ihr, als sie, vor ihrem Hause angelangt, das Tor schon verschlossen fand und wußte: Nun gilt es warten, und nun kommt der hartnäckige Verfolger heran. Sie stürmte an der Glocke, und zitternd am ganzen Leibe legte sie sich die kühnen Worte zurecht, mit denen sie ihn abzufertigen gedachte, wenn er sie anspräche. Aber der Gefürchtete näherte sich ihr nicht; auch er schien stehengeblieben zu sein – und zu warten wie sie... Vielleicht auf das Öffnen des Tors? Vielleicht war derjenige, vor dem sie geflohen, ein harmloser Hausgenosse, am Ende gar der brave Meister Dietl, »der zahlreiche Familienvater« und Inhaber der Schusterwerkstätte im vierten Stock? Claire staunte nur, daß der Meister so stumm blieb und so regungslos an der andern Seite der Straße. Jetzt war der Hausbesorger da, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, und Claire sah sich, während sie ins Haus schlüpfte, nach ihrem stillen Begleiter um. Er stand im Schatten des gegenüberliegenden Hauses und schien eher bemüht, seine Anwesenheit zu verbergen als bemerkbar zu machen. Derselbe Vorgang wiederholte sich von nun an in derselben Weise, sooft Claire einen Abend bei Meiberg zubrachte, und ihre Furcht vor dem geheimnisvollen Beschützer hatte sich allmählich verloren; hingegen war der Entschluß in ihr gereift, sich seine Begleitung nicht länger gefallen zu lassen. Einmal wieder langten die schweigenden Wanderer im Parke an. Es war zu Ende des Monats März; der Mond leuchtete wie eine weiße Sonne. Die Bäume und Gesträuche trugen Knospen, frischer Erdgeruch entstieg den feuchten Wiesen, wie Sehnsucht und Verheißung lag es in der lauwarmen Frühlingsnacht. Claire hatte ihre Schritte verlangsamt; jetzt blieb sie stehen, wandte sich um und sprach: »Herr Bretfeld – was soll's? – Das muß ein Ende haben.« Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hute, grüßte, und so, entblößten Hauptes vor ihr stehend, erwiderte er: »Mein Fräulein – nein!« »Wieso nein? Was heißt das?« »Daß ich fortfahren werde, Ihnen aufzulauern und, wenn Sie des Abends Ihren Heimweg antreten, Ihnen zu folgen – in ehrerbietiger Entfernung wie bisher.« »Und wenn ich es Ihnen verbiete?« »Werde ich es mir nicht verbieten lassen. – Habe ich mich Ihnen lästig gemacht?... Habe ich durch ein Wort, durch einen Gruß Ihnen zu bedeuten gesucht: Ich bin da? – Sie hatten bisher die Gnade, mich nicht zu sehen – fahren Sie so fort, mein Fräulein.« »Das ist nicht mehr möglich, Herr Bretfeld.« »Und warum nicht? O Fräulein, ich bitte Sie –!« Wie unterdrückter Trotz hatte es bisher aus seiner Stimme geklungen, jetzt wurde sie weich und flehend. »Tun Sie es um meinetwillen – um meiner Ruhe willen, die gestört ist durch den Gedanken an Ihre weiten, einsamen Wanderungen bei sinkender Nacht... Ich bin ein Sybarit, ich bekenne es, das Unangenehme ist mir das Verhaßte, und gestörte Ruhe ist sehr unangenehm.« »Ein Sybarit sind Sie und ein Kasuist obendrein«, sprach Claire. »Indessen gleichviel, man muß etwas für Sie tun.« »Und was?« rief er freudig. »Sie von Ihrer Unruhe befreien, einen Vorsatz ausführen, der nicht von heute stammt; keine Einladung für den Abend mehr annehmen.« Claire setzte ihren Weg fort, und Arnold ging neben ihr her. »Aber es ist doch schade«, hob er bedenklich an; »Sie unterhalten sich gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei Ihren Freunden.« »Meinen Freunden? – meinen Gönnern, wollen Sie sagen. Und dann: ich unterhalte mich? kommt das in Betracht? Bin ich auf der Welt, um mich zu unterhalten? – die anderen höchstens. Nun, das wird tagsüber besorgt – am Abend darf ich wohl auf meinen Lorbeeren ruhen. Es soll fortan geschehen.« »Und ich um mein bestes Glück gebracht werden?« rief er aus. »Welches Glück denn, Herr Bretfeld, ich bitte Sie?« »Um das Glück, auf Sie zu warten, allabendlich, in Hoffnung und Ungeduld, und – ob Sie kamen, ob Sie nicht kamen – zufrieden heimzugehen. Dann sage ich mir entweder: Sie ist zu Hause, ruht aus, schläft wohl schon sanft und süß, oder – ich folge Ihnen, ein getreuer Eckart, dessen Nähe Sie beschützt!« »Weit gefehlt!« entgegnete sie lebhaft, »dessen Nähe mich gefährdet. Sie verfehlen Ihren Zweck gänzlich. Kein Bekannter, wenn er mich auf meinen einsamen Wanderungen trifft, denkt etwas Übles dabei. Ich bin eine arme Lehrerin, kann mir keine Magd halten, die mich abholt, kann mir den Luxus eines Wagens nicht gestatten. Wenn man Sie aber auf mich warten, Sie mir folgen sähe, was dächte man dann? Also: Dank für Ihre gute Meinung, und: es bleibt dabei. – Warten Sie nicht mehr an der Straßenecke wie ein Kommissionär – ich komme nicht!« Sie beschleunigte ihre Schritte. Er sah mit Schrecken, wie rasch die Strecke zwischen ihnen und ihrem Ziele sich verkürzte. »Wann sehe ich Sie wieder?« sprach er hastig. »Nicht später als morgen.« »Aber nur einen Augenblick. Sie gönnen mir in neuester Zeit kaum einen Gruß, kaum ein Wort, und ich habe Ihnen soviel zu sagen und soviel von Ihnen zu hören. Sie sind mir noch die Fortsetzung Ihrer Geschichte schuldig... Sie wissen auch noch kaum etwas von mir – wollen Sie auch nichts wissen?« Die Frage klang halb wehmütig, halb komisch; Claire blickte zu dem, der sie gestellt, lächelnd empor und sprach: »Was war das nun? Scherz oder Ernst?« Er aber antwortete mit einem plötzlichen Grimm, der ihr rätselhaft schien: »Wählen Sie!« Das Mädchen schwieg. Man näherte sich dem Ausgang des Parkes. Der einmal erreicht, und die günstige Gelegenheit, Fräulein Claire zu sprechen, ist versäumt, Gott weiß auf wie lange! »Fräulein«, begann Arnold wieder, so ruhig wie im Anfang des Gesprächs und auch ein wenig mit überlegenem Ernst, »wir sollten nicht leichtsinnig aneinander vorübergehen... Es ist nicht gescheit... Wir gehen vielleicht beide an unserem Lebensglück vorbei... Rauben Sie uns nicht die Möglichkeit, einander kennenzulernen.« »Wozu?« erwiderte sie. »Was soll dabei herauskommen?« »Daß wir einander gefallen, das heißt ich Ihnen, denn Sie gefallen mir schon sehr.« »Nein, nein!« Sie rief es, ohne sich zu besinnen, und suchte seine Augen zu vermeiden, die bittend auf ihr ruhten. »Ich will nicht – ich kann das nicht brauchen, daß mir jemand gefällt – ich habe andere Sorgen.« »Und welche? Blicken Sie mich nicht so strafend an – ich habe ein Recht zu fragen, meine große Teilnahme für Sie gibt es mir ... Welche Sorgen, Fräulein?« Sie war wieder stehengeblieben, sie schien mit sich selbst zu kämpfen und sagte endlich: »Ich habe Verpflichtungen zu erfüllen, die alle meine Gedanken, meine ganze Kraft in Anspruch nehmen. Ich darf mich durch nichts von ihnen abziehen lassen... Sie wollen das Ende meiner Geschichte hören, Herr Bretfeld? Hören Sie denn, da Sie sich nun einmal in mein Vertrauen gedrängt haben.« »Gedrängt?« fragte er vorwurfsvoll. »Rechten Sie nicht mit meinen Worten. Wenn jemand, der immer heucheln muß, einmal aufrichtig sein will, wird er auch gleich derb ... Heucheln, natürlich!« bekräftigte Claire, die ihr Zuhörer durch einen Ausruf ungläubigen Erstaunens unterbrochen hatte. »Sie glauben doch nicht, daß meine Lustigkeit mir vom Herzen kommt? Meine Lustigkeit ist mein Metier, und ich bin eigentlich eine Spaßmacherin höheren Ranges. Jetzt fällt es mir ja leicht, aber früher, zum Beispiel in der Zeit, in der ich meine Mutter sterbend zu Hause wußte, damals war es schwer ... heiter scheinen – ich mußte es können, aber ich verachtete mich, daß ich's konnte. – Wollen Sie das Traurigste wissen, das ich erlebt habe? – Als ich eines Tages von meinen Lektionen heimkam, bei denen mit verwöhnten, glücklichen Kindern gescherzt und gelacht worden, da lag meine Mutter tot auf ihrem Bette. Mein alter Vater war allein bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde – das verschmerze ich nie.« Ihre Stimme war immer leiser, ihr Gesicht ganz weiß geworden. »Mein Vater lebte noch einige Jahre«, fuhr sie in gepreßtem Tone fort, »ich fristete ihm sein Dasein; elend natürlich, denn ich hatte wohl viel zu tun, aber ich verdiente wenig. Ihm aber habe ich die Augen geschlossen, und er starb ruhig, denn ich hatte in seine Hand geschworen, daß die Ehrenschulden, die er hinterließ – wir mußten sie machen während der langen Krankheit der Mutter, und man hatte uns geborgt, weil man uns vertraute –, von mir getilgt werden sollten. Daran arbeite ich nun.« »Daran?« rief Arnold. »Und wenn Sie damit zustande gekommen sein werden, stehen Sie vor nichts?« »Vor einer gelösten Aufgabe; und das ist etwas! Und wenn ich nur gesund und guter Laune bleibe, habe ich nicht mehr weit dahin. Darum – der mir wohlwill, störe meine Kreise nicht. Nicht zuviel Teilnahme, Herr Bretfeld, und gar kein Erbarmen. Es macht feige.« Er starrte sie voll Bewunderung an und voll des Mitleids, das sie sich eben verbeten hatte. »Wie schäm ich mich vor Ihnen!« rief er plötzlich aus. »Wie schäm ich mich meines nutzlosen, müßigen Wohllebens!« »Schämen? ei was! Das Unglück mag sich schämen, das erweckt Mißtrauen, das wirkt abstoßend. Das Glück zieht an, dem öffnen sich die Herzen. Es gibt ja nichts Besseres als den Anblick eines guten Menschen, dem es wohl auf Erden wird.« Sie suchte ihre Hand zu befreien, die er ergriffen hatte und festhielt. »Wir wollen jetzt Abschied nehmen.« »Noch nicht! ... Entlassen Sie mich nicht so völlig hoffnungslos ... sonst haben Sie keinen Grund mehr, sich zu freuen, daß es mir wohl auf Erden wird ... Sonst ist es damit vorbei, und für immer, glaube ich.« »Sie sind kindisch, Herr Bretfeld«, sagte Claire. »Habe ich Ihnen denn umsonst gesagt, warum ich ganz frei, ganz unabhängig bleiben muß?« »Sie bleiben beides, Fräulein!« rief er und führte ihre Hand stürmisch an seine Lippen; »frei und unabhängig bleiben Sie, aber schutzlos sind Sie fortan nicht mehr...« Schutzlos! – Das Wort geriet ihm zum Unheil. Sie sprach es mit Entrüstung nach und fügte hinzu: »Sie sind der letzte, dem ich zugetraut hätte, daß er sich diese Schutzlosigkeit zunutze machen wolle.« Im selben Augenblick hatte er ihre Hand sinken lassen und war zurückgetreten – aber mit welchem Ausdruck bitterster Gekränktheit in seinem Gesicht! Er tat ihr leid, wie er so dastand, am Schnurrbart nagte, schwieg und sich elend zu fühlen schien. »Herr Bretfeld –« begann sie. Da schlug die Uhr vom nächsten Turm zehn und dann ein Viertel nach zehn, du guter Gott! – »Herr Bretfeld, leben Sie wohl!« Und Claire eilte davon, so rasch man eilen kann mit einem schweren, pochenden Herzen. Eine Woche lang gingen sie bei ihren täglichen Begegnungen stumm aneinander vorbei. Sie hielt die Augen hartnäckig gesenkt, er machte Riesenanstrengungen, eine souveräne Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, und grüßte das Fräulein ehrfurchtsvoll und kalt. Trotz ihrer gesenkten Augen wußte indessen Claire, daß Arnold schmerzlich litt, und Arnold hätte lieber den Sonnenschein entbehrt als das Lächeln auf Claires Gesicht. Demungeachtet wurde sein Gruß immer eisiger, ihre Miene immer strenger, und sie hatten sich gegenseitig bereits so rechtschaffen gequält wie nur jemals ein Paar aufrichtig Liebende, als sie eines Tages beide, demselben übermächtigen Impuls gehorchend, voreinander stehenblieben und wie aus einem Munde sprachen: »Fräulein Dübois!« – »Herr Bretfeld!« – »Können Sie mir verzeihen?« Da war der Bann gelöst, und für zwei bedrückte Menschenseelen gab es plötzlich keinen Mißklang mehr in der Welt, kein Dunkel, kein Weh, und die Erde war schön und das Leben leicht. »Herr Bretfeld«, sagte Claire, »was ich so gern verhütet hätte, das habe ich durch meine Rauheit erst recht heraufbeschworen. Statt an nichts anderes zu denken als an meine Schulden, habe ich fortwährend an mein Unrecht gegen Sie denken müssen. Machen wir Frieden, Herr Kollege!« »O wie gern!« rief Arnold, »die Verhandlungen sind eröffnet, wann soll er geschlossen werden? ... Daß ich Bedingungen stellen muß, versteht sich von selbst.« Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Bedingungen? ... Und wie sehen die aus?« »Ich habe mich erkundigt, Fräulein; ich weiß, daß Sie seit dem Tode Ihres Vaters bei einer Freundin wohnen, Baronin Reich, Rittmeistersgattin, und bitte, mich dieser Dame vorstellen und Sie, Fräulein, in deren Hause sehen und sprechen zu dürfen.« »Diese Dame«, erwiderte Claire bedenklich, »wird Ihnen mißfallen, Herr Bretfeld, das sage ich Ihnen voraus.« »Und ich sage Ihnen voraus, daß mich dieser Umstand sehr wenig kümmern wird.« »Vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Indessen – auf Ihre Gefahr! ... Kommen Sie denn Sonntag um zwölf Uhr.« So sprach Claire am Mittwoch. Arnold begann sogleich die Stunden zu zählen, die ihn noch von der ersehnten trennten, und verwünschte alle zusammen und jede einzeln. Gern hätte er sich überredet, daß er eine ähnliche Ungeduld noch nie empfunden habe. Doch kamen unbequeme Erinnerungen und sprachen: Narr! Als wir Erlebnisse waren statt Schatten, da stand es nicht um ein Härchen anders mit dir. Du hast immer heiß und heftig gewünscht, was du später oft so leichten Herzens aufgeben konntest. Es war mühsam, die Schwätzerinnen zum Schweigen zu bringen, gelang aber endlich doch. Und als der Sonntag herankam und Arnold an der Wohnung Claires schellte, da meinte er wirklich, es sei ihm so bang und glückselig zumute wie nie zuvor in seinem Leben. Er hörte wohlbekannte leichte Schritte nahen, die Tür wurde aufgeklinkt, und die Geliebte stand vor ihm. Sie war sehr bleich und so bewegt, daß der Willkommgruß, den sie ihm bieten wollte, auf ihren Lippen erstarb. Auch Arnold schwieg und betrachtete sie mit leiser Überraschung. Er hatte sie nie ohne Hut und Schleier gesehen und fand sie älter, als er gedacht. Ihr zartes Gesicht war nicht eben verblüht, aber doch schon des Schmelzes der ersten Jugend beraubt, und mit wehmütiger Beredsamkeit sprachen sich darin die Spuren überstandener Leiden aus. Ein feuriges Mitleid ergriff ihn und täuschte ihn über seine Enttäuschung. »Kommen Sie«, sagte Claire, »ich bitte von vornherein um Entschuldigung, wenn der Empfang, der Ihnen zuteil wird, an Enthusiasmus einiges zu wünschen übrigläßt.« Er folgte ihr in ein geräumiges Zimmer, vor dessen mittlerem Fenster eine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem kleinen Tische saß. Sie hatte einige fertiggemachte Herrenkrawatten vor sich liegen, faltete eben den Stoff zu einer neuen und nahm von dem Besuche auch dann noch keine Notiz, als er herantretend sich vor ihr verbeugte. »Das ist der Herr Kollege, den ich dir angekündigt habe, Karoline«, nahm Claire das Wort, und als keine Erwiderung erfolgte, ließ sie sich dadurch nicht beirren, sondern setzte, gegen Arnold gewendet, hinzu: »Meine Freundin und zweite Mutter.« Erst jetzt erhob die Dame den Kopf und richtete auf Arnold ein Paar hellgraue Augen, deren forschender Blick ihn maß vom Wirbel bis zur Sohle. Dieser Blick fragte unverhohlen: Was ist an dir? Was bist du wert? Du bist wohl nichts wert. »Ich sollte nun sagen, daß ich mich freue, Sie kennenzulernen«, nahm Frau Karoline das Wort – und Arnold dachte: Deine Stimme paßt zu deinen Augen –, »verzeihen Sie, wenn ich es nicht tue; Phrasen machen habe ich verlernt. So sage ich denn nur: Ich wünsche, mich dereinst freuen zu können, daß ich Sie kennenlernte.« Sie nahm ihre Beschäftigung wieder auf und knotete einen fein gemusterten Atlasstreifen mit schlanken und raschen Fingern, deren jeder einen Verstand für sich zu haben schien. »Möge der Wunsch sich erfüllen, gnädige Frau«, antwortete Arnold. »Es wird nicht meine Schuld sein, wenn das Gegenteil geschehen sollte.« »Einen Fall, den wir gar nicht für möglich halten«, sprach Claire, die für ihren Gast einen Sessel an den Tisch gerückt hatte. »Liebenswürdigkeit!« fiel die Baronin geringschätzig ein; »lassen wir die aus dem Spiel – du weißt, was ich von ihr halte.« »Ich weiß es; dieser Herr muß es erst erfahren«, erwiderte Claire. »Liebenswürdigkeit gilt bei uns für Falschheit, Feigheit und Gefallsucht.« Arnold verstand die ernst gemeinte Warnung, die sich hinter diesen scherzhaft gesprochenen Worten verbarg, und erwiderte munter: »Ich werde mich bemühen, aber – aus Gehorsam, nicht aus Überzeugung. Denn, gnädige Frau, wenn ich zugebe, daß ich Ihre Meinung von der Liebenswürdigkeit teile, würde ich mich all der Greuel schuldig machen, die Ihnen dieses Wort bedeutet.« Die Baronin richtete sich so gerade auf, als sie konnte mit ihren von der Last der Jahre und der Arbeit gebeugten Schultern, und sah ihn von neuem scharf an. Er fühlte, daß er einem strengen Richter gegenübersaß, und die Empfindung, mit welcher er den ungütigen Blick der alten Frau ertrug, war die der Abneigung und zugleich der widerstrebenden Ehrfurcht vor einer ungern zugestandenen Überlegenheit. – Arnold war Menschenkenner genug, um sich zu sagen: Die tiefen Furchen auf dieser Weiberstirn wurden durch unerbittliche Gedanken gegraben – Gedanken, die sich keine Rast gönnen, die nach den letzten Zielen streben, nach den letzten Gründen fragen. Der herbe Zug um den schmalen Mund deutet auf eine Kraft hin, die unbeugsam, auf einen Mut, der grenzenlos ist, und wenn die Fähigkeit, zu denken und zu wollen, unseren Rang unter den Menschen bestimmt, so ist der deinige ein so hoher, wie er wenigen zukommt. Den inquisitorischen Blicken, mit denen Arnold geprüft worden, folgte ein förmliches Verhör: »Sie sind ein Sohn des reichen Hauses Bretfeld?« »Ja.« »Diesem Geschlecht entsprossen und kein Kaufmann?« »Nein.« »Und sind doch zum Kaufmann erzogen worden. Ich setze das voraus, denn ich habe Ihre Eltern und Ihre Großeltern gekannt.« »Ich hatte aber weder Vorliebe noch Talent für diesen Stand.« »So zogen Sie es vor, ein Musiker zu werden. – Kompositeur sind Sie nicht?« »Leider nein.« »Warum leider? Es sind heutzutage nur zuviel Leute produktiv oder glauben wenigstens, es zu sein. Ich danke jedem, der es sich versagt zu erfinden, in diesem Jahrhundert der Mittelmäßigkeit. Besonders musikalisch zu erfinden – nichts verweichlicht und erschlafft so sehr und macht gefühlsselig und denkfaul wie talentlos betriebene Musik.« Ein Ausdruck leidenschaftlicher Verachtung verzog ihre Lippen, sie brach ab. »Und was sagen die Ihren zu Ihrer Abtrünnigkeit vom hundertjährigen Familienbrauch?« »Jetzt nichts mehr.« »Sie verlieren ihre Worte so ungern als ihr Geld. Nichts umsonst! ist die Devise des Hauses. – Auf welchem Fuß stehen Sie mit Ihren Verwandten?« »Auf ganz freundschaftlichem.« »Ohne die ersten Bedingungen der Freundschaft – Sympathie, die gleichen Interessen?« »In der Familie bleiben noch viele Interessen gemeinsam, wenn es auch die des Berufes nicht sind.« »Das leugne ich. Unser Beruf sind wir selbst. ›Er geht auf in seinem Beruf‹, sagt die immer bewunderungswürdige Weisheit der Sprache. Wir verstehen nichts vom Wohl und Weh derjenigen, deren Gedankenkreis uns fremd ist.« »Nicht völlig fremd! Die Anhänglichkeit an Jugendgenossen, die Erinnerung an die Jugendzeit bilden Vereinigungspunkte, in denen wir zusammentreffen.« »Um einander anzustarren und im stillen zu denken: So verschieden sind wir geartet, wir Zweige desselben Stammes? – Nein, Herr. Die Kluft zwischen Brüdern, die feindlichen Mächten dienen wie Kunst und Erwerb, ist unüberbrückbar. Sie können es höchstens zu einem faulen Frieden bringen, und dem würde ich den Krieg vorziehen.« Claire hatte nicht versucht, dieses Gespräch zu unterbrechen, aber Arnold sah deutlich, wie übel ihr zumute war, und wußte, was in ihr vorging, so gut, als wenn sie gesagt hätte: Siehst du nun, so wird man bei uns aufgenommen. Tat ich recht, dich zu warnen? Während der Pause, die entstanden war, hatte sich im Nebenzimmer ein leises, ungeduldiges Pochen vernehmen lassen. Nun wurde die Tür ein wenig geöffnet, und durch den schmalen Spalt schlüpfte schüchtern und ängstlich ein alter Mann herein – eine Erscheinung von auffallender Schönheit. Das feine längliche Gesicht war glatt rasiert, und die rosige Farbe desselben hob sich zart ab von dem silberweißen Haar, das auf der Stirn in zwei hochgewölbten Bogen emporstrebte und, bis zum Halse niederhängend, das edle Oval der Wangen in weichen Wellenlinien umfloß. Er näherte sich langsam und blickte dabei aus weit geöffneten blauen Augen scheu vor sich hin, ganz wie ein Kind, das trotz der Furcht, die es dabei empfindet, in Gegenwart seines Lehrers ein Unrecht begeht. Seine Kleidung bestand aus einem sehr eleganten Salonanzug, dem nur noch der Frack fehlte; statt desselben trug er einen bunten seidenen Schlafrock, auch war die Halsbinde nicht geknüpft; der Alte hielt deren beide Enden zwischen seinen Fingern und rief einmal ums andre mit klagender Stimme: »Karolinchen! Karolinchen!« Arnold hatte sich bei dem Eintritt des Greises erhoben, und sobald jener das gewahrte, geriet er in Bestürzung und begann zu winken: »Sitzenbleiben! sitzenbleiben! – Was fällt Ihm ein? Karolinchen, sieh doch ... Karolinchen, sag ihm doch ...« Die Baronin war ihm ruhig entgegengetreten, faßte ihn an der Hand und sprach mit großer Sanftmut: »Wer hat dir erlaubt, dein Zimmer zu verlassen, Wilhelm? Komm, wir gehen wieder hin. Komm, sei gehorsam.« »Ich habe dich ja nur rufen wollen, Karolinchen, ich gehe schon«, entgegnete der Alte, blieb aber stehen, wiederholte die beiden letzten Worte mehrmals rasch nacheinander und richtete die Augen unverwandt auf Arnold. »Setzen!« rief er diesen plötzlich an. »Setzen! so – so ist's recht. Wer ist Er denn, hübscher junger Mann!« Jetzt bemerkte er die Krawatten auf dem Tische, und sein ganzes Gesicht strahlte vor Vergnügen. Er schnalzte mit der Zunge und glitt mit den äußersten Fingerspitzen schmeichelnd über die blanken Seidengewebe. »Für mich!« flüsterte er, »alle für mich!« »Die nicht, Wilhelm, diese nicht. Laß sie. Du hast ja viel schönere in deinem Schrank!« sagte die Baronin mit einem Ausdruck gütiger Überredung, dessen man sie kaum fähig gehalten hätte; »die braune, denk nur, und die blaue. Komm, wir wollen sie ansehen!« »Ansehen, die anderen, die schöneren, die braune, die blaue«, sagte er, schob die Gegenstände seines flüchtigen Wohlgefallens mit einer geringschätzenden Gebärde fort und ließ sich widerstandslos hinwegführen. »Das ist der Mann dieser armen Frau«, sprach Claire, als sie mit Arnold allein geblieben war. »Irrsinnig?« »Schwachsinnig. Er hat eine Gehirnkrankheit, er wird nicht mehr lange leben.« »Gott geb's unter solchen Umständen!« »Nein, nein!« fiel Claire lebhaft ein. »Gott erhalte ihn; gleichviel wie, er vegetiert so gern, und sie wäre elend, wenn sie nicht mehr für ihn arbeiten, sich nicht mehr mit ihm zu plagen brauchte.« »Sie hat meine Eltern gekannt, sagt sie«, versetzte Arnold, »und ich besinne mich jetzt, daß ich vor Jahren von ihr sprechen hörte. Stammt sie nicht aus uraltem vornehmem Geschlecht? Hat sie diesen Mann nicht gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet?« »Ja, ja, das hat sie getan.« »Er aber war von niederem Adel, ein junger Offizier, der nichts besaß als seine große Schönheit und ein kleines musikalisches Talent, das er selbst freilich für ein außerordentliches hielt. – Stimmt das?« »Es stimmt.« »Dann kenne ich auch den ganzen Roman!« rief Arnold. »Kaum vermählt, hing der Baron den Militärdienst an den Nagel, um nur seiner vermeinten Kunst zu leben, veranstaltete kostspielige Aufführungen seiner Kompositionen. Ich habe selbst einmal ein solches Monstrum zu Gesicht bekommen.« Er lachte, und in der Art seines Lachens lag etwas, wodurch sich Claire befremdet fühlte. »Allerdings«, fuhr Arnold fort, »fand der martialische Komponist ein Publikum, das ihn bewunderte in dem Troß gescheiterter ›Künstler und Künstlerinnen‹, mit dem er sich umgab und den er herrlich und in Freuden leben ließ. Zuletzt geriet er in die Schlingen einer Opernsoubrette, wurde von ihr ausgeplündert, betrogen, verlassen. – So war es doch?« »Ich glaube.« »Sie wissen es nicht?« »Nein. Karoline erwähnt der Vergangenheit nie; so vermeide ich es denn, mich durch andere darüber unterrichten zu lassen. Mir ist nicht mehr bekannt, als daß sie ihren Mann nach Jahren der Trennung in Elend und Krankheit wiedergefunden hat; und daß sie nun für dieses arme Wesen wie eine Mutter sorgt, das sehe ich.« Eine Pause entstand, nach derselben rief Arnold plötzlich aus: »Welches Leben, welcher Anblick für Sie, wenn Sie nach vollbrachtem Tagwerk erschöpft heimkehren!« »Was denn – warum denn?« Arnold hatte ein Buch zur Hand genommen, das auf dem Tische lag, und blätterte darin. Es war ein neues englisches Werk über den esoterischen Buddhismus. »Wer liest das?« fragte er. »Ich lese es meiner Freundin vor«, erwiderte Claire. Da fuhr er fast entrüstet auf: »Ist das eine gesunde Kost für Sie, ist das eine Erholung?« »Ja – jawohl! Der Ernst ist Sonntagserholung für mich, die spielen muß die ganze Woche hindurch.« Er zuckte die Achseln, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sah sie lange und liebevoll an. Sie hatte unter seinem Blick die Augen gesenkt, und eine süße und holde Verwirrung malte sich auf ihren Zügen. Er hätte aufspringen, sie in seine Arme schließen und ausrufen mögen: Du bist mein! Ich liebe deine Anmut, deinen Geist, ich liebe deine Seele und will sie fortan schützen und bewahren vor jeder rauhen Berührung. Dein Leiden ist zu Ende, es kommen goldene Tage, in denen ein glücklicher Mensch dich lehren wird, glücklich zu sein. Doch sagte er von alledem nichts, sondern nur: »Sind Sie der Meinung, daß man mir vertrauen darf?« »Ich bin der Meinung.« »Gut; und wissen Sie auch, daß ich mit sehr deutlichen, sehr bestimmten Absichten und Ansprüchen hierhergekommen bin?« Sie errötete bis an die Schläfen und schwieg. »Diese Ansprüche beziehen sich alle auf Sie, auf Ihr liebes Selbst, das ich zu meinem Eigentum machen will, wenn es mir nämlich gelingt, Ihre Neigung zu gewinnen – Claire, teure Claire!« Er hatte seinen Sessel dicht an den Tisch gerückt und reichte ihr über denselben die Hand; und langsam, aber ohne Zögern, legte sie die ihre hinein. Und diese kleine Hand verschwand beinahe in seiner großen, und gleich darauf verschwand sie ganz, denn eine zweite große war erschienen und hatte sie völlig umschlossen mit einer Zärtlichkeit und Vorsicht, als handle es sich darum, über einem zitternden Vögelchen ein bergendes Obdach zu errichten. »Sie sind gut und großmütig«, sagte Claire, »Sie haben tiefes Erbarmen mit mir, und Ihr edles Herz treibt Sie, es zu betätigen.« »Erbarmen? Sprechen Sie nicht von Erbarmen! Ich liebe Sie!« brach er stürmisch aus; »und Sie, lieben Sie mich denn gar nicht, bin ich Ihnen denn ganz gleichgültig?« »Nein, nein«, entgegnete sie hastig, »das sind Sie mir nicht, und eben darum muß ich besser für Sie sorgen, als Sie selbst es verstehen. – Aufrichtig, Herr Bretfeld, finden Sie mich nicht schon verblüht?« »Wären Sie's nur recht«, rief Arnold, »daß ich mich freuen könnte, wenn ich Sie wieder aufleben sehe unter meiner Obhut, in dem Dasein, das ich Ihnen so schön gestalten will!« »Aufleben – für wie lange? Sorgen und Kummer haben ihr Werk an mir getan; ich weiß, was leiden heißt. Noch schlimmer als das – ich weiß, was es heißt, sein Leiden zu verbergen. Das taugt nichts, es macht nicht besser. Sie sollen ein Mädchen zu Ihrer Gefährtin wählen, das keine trüben Erfahrungen hinter sich hat, nichts ahnt vom Gemeinen und Schlechten – das ist ja die wahre Lauterkeit. Sie sollen ein Mädchen aus Ihren Kreisen wählen«, fuhr sie dringender fort, als er sie unterbrechen wollte, »eine Blume, nicht eine Nutzpflanze, nicht eine Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin. Mein Gott, wie lange muß ich mich noch plagen, bis ich endlich werde sagen dürfen: Ich habe nichts!« »O Claire!« versetzte Arnold, »ich habe mehr, als wir brauchen.« »Still, still«, gebot sie ihm, »meine Schulden bezahle ich allein.« »Und was erreichen Sie damit? Sie verschwenden damit mein teuerstes Gut, das unwiederbringliche, das köstlichste: Ihre Gesundheit, Ihr Leben – um meine Pfennige zu sparen. Haben Sie Mitleid mit sich selbst, mit mir, und opfern Sie Ihren Stolz. Nehmen Sie meinen Überfluß und schenken Sie mir das Unentbehrliche: Ihre Liebe.« Er preßte seine Lippen auf ihre Hand, und ihm war, als ob die Geliebte sich über ihn beuge, als ob eine zarte Wange sein Haar streife. Da machte er eine rasche Bewegung – von einer Seite des Tisches fiel polternd das schwere Nähkissen zu Boden, von der anderen das Buch über den esoterischen Buddhismus. Zu gleicher Zeit ertönte im Nebenzimmer ein Laut des Schreckens, dem schmerzliches Ächzen und Stöhnen folgte. Claire und Arnold sprangen auf. »Gehen Sie, um Gottes willen, gehen Sie!« flüsterte sie ihm flehend zu. »Wir sehen uns wieder, morgen. Jetzt muß ich fort, Karoline bedarf meiner bei ihrem Kranken ... Warten Sie nicht auf mich«, bat sie, entschlüpfte ihm und verschwand in der Tür. Einen Augenblick zögerte Arnold, unwillkürlich hatte seine Hand nach der Klinke gegriffen; bevor er dieselbe jedoch niederdrückte, war das Schloß von innen versperrt worden. Er stand und lauschte; das Ächzen und Stöhnen dauerte fort, dazwischen vernahm man eine sanfte, beschwichtigende Stimme, die Trostworte murmelte, und ein Hin- und Hergleiten leichter und vorsichtiger Schritte. In peinlicher Spannung wartete Arnold lange umsonst auf Claires Rückkehr und verließ endlich das Haus, die Seele voll der widersprechendsten Empfindungen: Grimm über die Behandlung, die er von der Baronin erfahren, und der heiße Wunsch, sich Genugtuung dafür zu verschaffen. Erbarmen mit Claire – ja, ja, sie hatte recht gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte –, Erbarmen war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, einem armen, schwachen, kämpfenden Wesen sein Leben zu weihen, ihm Schutz und Schirm und fürsorgliche Vorsehung zu werden. Und das Bewußtsein, etwas so Edles zu wollen, das Gefühl der Kraft, es vollbringen zu können, siegte zuletzt über den Unmut, der noch in ihm gärte, und erfüllte ihn mit stolzer, mächtiger Freude. Daß diese Freude nicht frei war von Selbstbewunderung, gestand und – verzieh er sich. Am folgenden Nachmittag, zu einer Stunde, in welcher er Claire abwesend wußte, erschien Arnold wieder bei deren Freundin und bat sie, ihm eine Unterredung zu gewähren. Die Baronin, die durch den unerwarteten Besuch in ihrer Arbeit unterbrochen worden war, nahm dieselbe wieder zur Hand und lud Arnold durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. Die einleitenden Redensarten, mit denen er das Gespräch eröffnet, blieben von ihr unberücksichtigt. Sie schnitt eine derselben mitten durch und sprach: »Sie sind also ein wohlhabender und unabhängiger Mensch, der sich in eine arme Lehrerin verliebt hat.« »Und sie zu heiraten beabsichtigt«, fügte Arnold hinzu, »wenn sie ihn nämlich nimmt, was er von ganzem Herzen hofft.« »Oh, mit bestem Recht! Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Er wird es ja doch verstehen, dem unerfahrenen Ding Neigung einzuflößen, Schwärmerei, alles, was er will. Da ist aber eine alte Freundin, unter deren Schutz sich das Mädchen befindet. Die hat in der Sache auch ein Wort mitzureden.« Arnold verbeugte sich beistimmend. »Und dieses wird nicht nach Ihrem Sinne sein, denn es warnt.« »Darf ich um Gründe bitten?« Die Baronin strich einen Büschel ihrer grauen Haare, das sich nicht glätten ließ, unter die häßliche, den ganzen Kopf einschließende Haube aus schwarzem Sammet zurück und sprach: »Heiraten ist überhaupt ein Unsinn, in Ihrem Fall aber ein ganz besonderer. Sie taugen nicht für Claire, und Claire taugt nicht für Sie.« »Wenn Sie das behaupten würden in einiger Zeit, nachdem Sie es der Mühe wert gehalten hätten, mich ein wenig kennenzulernen, würde es mich sehr erschrecken«, entgegnete Arnold gereizt. »Und wenn ich Sie zehn Jahre kennte, mein Urteil bliebe unverändert. Bevor ich Sie sah, hatte ich ein Bild von Ihnen – Sie erraten, wer es entworfen in lauter Lob und Bewunderung. Nun stehen Sie da – jeder Strich paßt – nur der Gesamteindruck, den das Ganze auf andere und auf mich hervorbringt, ist grundverschieden. ›Der edelste und höchste aller Menschen‹, sagt ein gewisser Jemand. – Ein Glückskind, sage ich, das sein guter Stern von Kindheit an den geradesten Weg zum jeweiligen Ziel geführt. Ein Glückskind, in drei Gesellschaftskreisen, in bürgerlichen, in künstlerischen, in aristokratischen, heimisch oder mit Heimatsrechten aufgenommen. Überall wird ihm gehuldigt, überall ist er in entsprechender Weise maßgebend.« »Oh, oh!« wandte Arnold halb geschmeichelt, halb spöttisch ein, »Sie erweisen mir zuviel Ehre!« »Ehre? Ich rede von Glück, von dem Glück, das Sie Ihrer gewinnenden Persönlichkeit verdanken, den sympathischen und originellen Manieren, die Sie sich angeeignet haben; die Manieren des Künstlers, der zugleich ein Weltmann ist... Fremdes Gut im Grunde, denn Sie sind keines von beiden... Aber wer fragt danach? Herr Bretfeld gilt einmal für unwiderstehlich, weiß es und – bildet sich nichts darauf ein. Die Gewohnheit des Erfolges steht ihm mit sieghafter und dennoch unbefangener Heiterkeit auf dem Gesichte geschrieben! Das ist entzückend, besonders wenn dieses Gesicht schön und jung ist wie das seine. Und so braucht er sich nur zu zeigen, und wäre es mit zwanzig anderen – nur er wird gesehen, man hört nur ihn –« »Meint Fräulein Claire, von welcher Sie diese Nachrichten haben«, wandte Arnold ein. »Fräulein Claire irrt, übertreibt, es ist nicht so... Wenn es aber so wäre – ganz oder wenigstens ein bißchen, mit welchem Rechte, gnädige Frau, würden Sie mir einen Vorwurf daraus machen?« »Keinen Vorwurf; ich gebe es Ihnen zu bedenken und frage: Glauben Sie eine Verminderung der Erfolge, auf denen Ihre Existenz recht eigentlich gebaut ist, ertragen zu können?« »Wie kommt das hierher?« »Es ist doch unmöglich, daß Sie sich darüber täuschen, wie sehr eine Verbindung mit Claire Ihre Stellung in drei, Welten' erschüttern würde«, versetzte die Baronin mit geringschätzigem Lächeln, und Arnold rief: »Gewiß, darüber täusche ich mich; das heißt, ich nehme es durchaus nicht an.« Die alte Frau erhob den Kopf, offenbar verwundert über diese Zuversicht, und entgegnete: »Abgesehen von allem anderen, glauben Sie, daß die Familie Bretfeld die arme, kaum noch junge, kaum noch hübsche Tanzmeisterstochter Claire Dübois ohne weiteres in ihren Kreis aufnehmen wird?« »Ohne weiteres – nein«, lautete Arnolds zögernde Erwiderung, »aber meine Familie ist gewöhnt, mich meine eigenen Wege gehen zu sehen. Ich habe mich vor kurzem einem Heiratsplan, den die Meinen für mich geschmiedet hatten, widersetzt... Eine Weile grollten sie, dann fügten sie sich ... Sie fügen sich mir immer, sie würden es nie übers Herz bringen, es ganz mit mir zu verderben ... Keine Einwendungen mehr, verehrte Frau!« fiel er der Baronin, die reden wollte, ins Wort. »Beiläufig dasselbe, was Sie mir heute sagen, hat mir Fräulein Claire gestern gesagt. Und ich kann darauf nur entgegnen: Ich liebe Claire, ich verehre sie, und was ich auch bis jetzt für die Aufgabe meines Lebens angesehen haben möge, von nun an habe ich keine wichtigere als die, das Dasein der Geliebten schön und glücklich zu gestalten... Ich will gern auf alles, was Sie meine Erfolge nennen, verzichten, ich will an der Seite Claires im Frieden meiner Hausgötter leben und meine Kinder, wenn mir solche zuteil werden, zu braven Menschen erziehen.« Mit einer Entrüstung, die etwas Komisches gehabt hätte, wenn sie nicht aus so tiefer Überzeugung hervorgegangen wäre, fuhr die Baronin empor: »Kinder, Kinder! ... Sprechen Sie mir von Kindern! Heilige Einfalt! Sehen Sie sich doch um! Geben Sie sich doch Rechenschaft davon, daß Leben erwecken das Elend auf Erden vermehren heißt. – Herr, Herr! Heiraten Sie nicht, ich warne Sie!« »Sie warnen mich, meine menschliche Bestimmung zu erfüllen, dem Gesetze der Natur zu folgen?« »Die Natur! Berufen Sie sich auf die!« zürnte die Baronin und warf ihre Arbeit auf den Tisch. »Die Natur, die uns betrügt, die jeden einzelnen von uns an den glühenden Ketten der Leidenschaften hinschleift zu ihren Zielen, um uns dort elend verkommen zu lassen ... Die Natur, ein schlafender Dämon, der die Welten zusammenträumt – ein rätselhaftes Ungeheuer, unergründlich schlau, grenzenlos grausam – manchmal unsäglich blöd ... Ja, die Natur – der Natur muß man folgen!« Sie ließ ihre Hände, die sie an die Schläfen gepreßt hatte, längs des Gesichtes herabgleiten und drückte sie nun fest verschränkt an die Brust. »Man muß nicht«, sprach sie nach einer Weile ruhig und eindringlich, »wenigstens nicht, ohne sich zur Wehr gesetzt zu haben. Man muß niemals tun, was alle tun.« Höchst unangenehm berührt durch den Ausfall der Baronin, die ihm als törichte Auflehnung gegen das Unabänderliche, als frevelhafte Versündigung an einer ewigen und unergründlichen Weisheit erschien, sprach Arnold zum erstenmal zu dieser Frau im Tone ironischer Überlegenheit. Er erklärte ihr, daß er nichts voraushaben wolle vor seinen Menschenbrüdern, kein anderes Schicksal verdiene und anspreche als das des nächsten besten. Die Baronin widersprach nicht mehr, sie hatte ihre Arbeit langsam wieder aufgenommen und schien in dieselbe ganz versunken. In der Stube herrschte nun solche Stille, daß man durch die nur angelehnte Tür des Nebenzimmers das tiefe und regelmäßige Atmen eines Schlafenden vernahm. Arnold sah sich um in dem trostlos kahlen Räume, in dem er sich befand: ein geräumiges, zweifensteriges Gelaß, nackte, vom Rauch des eisernen Ofens geschwärzte Wände; links vom Eingang ein eichenfarbig angestrichenes Tafelbett, über welchem ein kleiner Weihbrunnkessel und ein Zweiglein der Palmweide an der Wand befestigt waren; ein Schrank, ein leeres Vogelbauer, der Arbeitstisch der Baronin, ein paar Sessel; daraus bestand die ganze Einrichtung. Die Frau des Hauses schien nicht gewillt, die entstandene Pause zu unterbrechen; so begann denn ihr Gast: »Darf ich fragen, ob wir uns im Zimmer Fräulein Claires befinden?« »Wenn sie heimkommt, wird es das ihre sein; bis dahin ist es mein Atelier, und dreimal im Tag betrachten wir es als unseren gemeinsamen Speisesalon«, entgegnete die Baronin mit einem bitteren Lächeln. Arnold dachte an seine auf dem Burgring herrlich gelegene, mit erfinderischem Schönheitssinn geschmückte Wohnung, die viel zu groß war für einen Junggesellen, und er malte sich im Geiste aus, wie er mit der Geliebten dort eintreten und ihr sagen würde: Schalte und walte in deinem Eigentum; ich habe nichts, das nicht dein ist. Und im voraus genoß er ihr Entzücken. Die Baronin weckte ihn aus seinen Zukunftsträumen, indem sie nichts weniger als einladend sprach: »Beabsichtigen Sie, meine Pflegetochter hier zu erwarten?« »Wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben – ja.« Ein unwirsches Achselzucken war die Antwort, die er erhielt, und nun hätte er für sein Leben gern einen Gesprächsstoff gefunden, der imstande gewesen wäre, das Interesse dieser sonderbaren Frau zu erwecken. Redlich bemühte er sich danach. Er vergaß, daß es ihm sonst schon als hohes Verdienst angerechnet wurde, wenn er, Arnold Bretfeld, sich überhaupt herbeiließ, mit einer alten Frau, die weder eine Fürstin noch eine große Künstlerin war, mehr als zehn Worte zu sprechen. Er schlug einen scherzhaften Ton an, und als dieser nicht verfing, ging er in einen ernsten über; er besann sich kluger Dinge, die er gelesen hatte, und brachte sie vor, er gab einige seiner viel angestaunten Lieblingsparadoxe zum besten – alles vergebens. Die unerbittlich ablehnende Zuhörerin war gefeit gegen den Zauber des Geistreichtums wie gegen den der Liebenswürdigkeit. Mehrmals schon hatte Arnolds Blick sich während dieses vergeblichen Ringens auf ein Bildchen gerichtet, das am Fensterpfeiler hing. Eine verblaßte Aquarellmalerei, offenbar von Dilettantenhand, aber doch nicht ohne Reiz; die Liebe, mit der es ausgeführt worden, mußte der mangelnden Kunstfertigkeit nachgeholfen haben. Es stellte zwei Kinder dar, einen Knaben und ein Mädchen, und die lebensfreudigen, jugendlich holden Züge beider, ganz besonders aber die des Mädchens, hatten eine sprechende Ähnlichkeit mit denen des alten Mannes, dessen Anblick am Tage zuvor einen so ergreifenden Eindruck auf Arnold gemacht hatte. »Bezaubernde Köpfchen«, sagte er, auf das Bild deutend, und die Baronin erwiderte: »Schlecht gemalt – von mir gemalt. Meine Kinder.« »Ich dachte es wohl, gnädige Frau, daß es Ihre Kinder sind ...« »Waren –« fiel sie ein, »es waren meine Kinder – ja. Beide tot. Der Sohn gestorben, die Tochter verdorben ... also für mich soviel wie tot.« In der Brust Arnolds regte sich's wie Haß, als er diese mit herber Kälte ausgesprochenen Worte vernahm. Fast hätte er laut ausgerufen: Der Himmel wird ihm gnädig sein, dem unglücklichen Geschöpf, dem er eine solche Mutter gab. In den Augen des Allbarmherzigen ist dem Kind verziehen, das sich von dir abgewandt, und wär's zur Schmach und zur Sünde ... Mit neuer Gewalt erfaßte ihn zugleich seine heiße Teilnahme für Claire, und nun war es nicht mehr Liebe allein, die ihn trieb, nach ihrem Besitze zu streben, es war auch Trotz gegen ihre Hüterin. Der erklärte er in diesem Augenblick einen unversöhnlichen Krieg, der wollte er Claire entreißen, der beweisen, wer in dem Kampf um ihre Schutzbefohlene der Stärkere sei. Und während er, glühend vor innerer Bewegung, sich zuschwor, diesen Vorsatz auszuführen, durcheilten leichte, wohlbekannte Schritte das Vorgemach. Die Tür öffnete sich, und in derselben stand Claire und blieb wie festgebannt vor Überraschung, als sie den unerwarteten Besucher erblickte. »Sie sind da?« sprach sie ihn an, als sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte. »Hat vielleicht zwischen euch beiden eine Konferenz stattgefunden?« setzte sie, rasch erratend, hinzu. »Ganz recht«, antwortete die Baronin, »wir haben eine Konferenz gehabt. Sie ist zu Ende, mit dem Resultat aller Konferenzen: jeder bleibt bei seiner Meinung.« »Die der Frau Baronin ist, daß ich nicht zum Manne für Sie tauge. Ich bin vom Gegenteil überzeugt«, sprach Arnold. Claire betrachtete abwechselnd ihren aufgeregt aussehenden Bewerber und ihre starrsinnige Freundin und ließ sich dann vor dieser langsam auf die Knie gleiten. Sie umfaßte die knochige Gestalt der alten Frau mit ihren Armen. »Karoline«, sprach sie, »gestern habe ich ihm Vernunft gepredigt; aber was ist mit einem Menschen anzufangen, der keine annimmt? Wir sind die Gescheiteren, tun wir, was uns als solchen zukommt, geben wir nach.« Sie wurde durch einen Freudenschrei Arnolds unterbrochen, unterbrach aber ihrerseits seine feurigen Dankesworte, indem sie sanft und bittend fortfuhr: »Aber nicht unbedingt, nicht über Hals und Kopf. Er kommt als Bewerber, sagt er; sagen wir ihm: Kommen Sie einstweilen als Bekannter, der noch besser bekannt werden und auch noch besser kennenlernen will. Wenn wir ihm das Haus verbieten, wird er sich einbilden, ihm sei der Himmel verboten worden. Lassen wir ihn jedoch ruhig gewähren und geben ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie es in Wirklichkeit bei uns aussieht, dann bleibt er wohl von selbst aus – wer weiß wie bald!« Nach neuen Einwendungen, neuen Bedenken von seiten der Baronin, neuen Bitten und Vorschlägen von seiten Arnolds einigte man sich endlich. Er erhielt die Erlaubnis, das Haus wöchentlich zweimal für eine Stunde zu besuchen, gab aber sein Wort, daß er nach einer Unterredung mit Claire außerhalb des Hauses nicht trachten und seine täglichen Begegnungen mit ihr nicht dazu benutzen werde, sie zu einer Entscheidung zu drängen. So selige Tage wie diejenigen, die nun folgten, hatte Claire nie erlebt. Es war unmöglich, aufmerksamer, gütiger, in zarterer Weise liebevoll zu sein, als Arnold es war, auch unmöglich, ein Versprechen, Geduld zu üben, zu schweigen, gewissenhafter einzuhalten, ohne zugleich deutlicher durchblicken zu lassen, wie schwer einem das wurde. Freilich hörte Claire keinen Augenblick auf, das Wunder anzustaunen, durch welches so unerwartet, so unverdient, wie sie meinte, in ihr stilles Dasein ein Glück ohnegleichen getreten war. Freilich fragte sie sich: Paßt das zum übrigen? Kann es von Dauer sein? ... Aber indem sie diese Zweifel hegte, machte sie sich auch schon einen Vorwurf aus ihnen, schalt sich selbst feig und kleinmütig und arm an schönem Vertrauen. »Wisse«, sagte sie zu ihrer Freundin, »seinetwegen, um ihn vor einem Schritt, den er später bereuen könnte, zu bewahren, seinetwegen ganz allein spiele ich ihm diese Rolle der Dame Klugheit vor. Was mich betrifft, mein Wohl und Wehe würfe ich hin, um einer Laune von ihm genugzutun. Das wäre töricht, närrisch, sündhaft, aber wenigstens aufrichtig und beseligend – es wäre wenigstens nicht Komödie, wie ich sie ihm jetzt aufführe, dem unbefangensten und wahrhaftigsten aller Menschen.« »Großer Irrtum«, entgegnete die Baronin um so gelassener, als sie Claires Leidenschaftlichkeit sich steigern sah. »Er spielt auch eine Rolle, nur besser als du. Er hat es dahin gebracht, sich für das zu halten, wofür er sich gibt, und das gewährt ihm ein außerordentliches Vergnügen. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mir, der alten Skeptikerin, die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der Edelmut, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erden, sie haben Zelte aufgeschlagen in der Brust Herrn Arnold Bretfelds und ...« »Nicht Zelte«, fiel Claire ihr eifrig ins Wort, »sie sind dort heimisch, du wirst es endlich glauben müssen.« »Vorderhand glaube ich noch, daß wir ihren Auszug erleben werden«, versetzte Karoline, und Claire schwieg, wie sie zuletzt immer tat der überlegenen Freundin gegenüber. Aber schreiender von Tag zu Tag fand sie deren Ungerechtigkeit gegen Arnold, und jeder gegen ihn ausgesprochene Tadel und Zweifel diente nur dazu, ihre Zuversicht zu nähren. Er sah es wohl; es war kein Kunststück zu erraten, daß sie sich selbst die bitterste Entbehrung auferlegt hatte mit dem Gebot, ihren Verkehr als gute Bekannte fortzusetzen, die miteinander so geistreich als möglich von gleichgültigen Dingen sprechen. Er durchschaute sie völlig, und ihr Kampf erleichterte ihm den seinen; er schwelgte im Gefühl seiner Macht über die Geliebte und versagte sich das Genügen nicht, sie dieselbe empfinden zu lassen – etwas mehr vielleicht, als eben nötig gewesen wäre. Sie machte ihm keinen Vorwurf darüber, und hätte sie es getan, ein einziger bittender Blick würde alles gutgemacht haben. Kaum bemerkt, und wenn bemerkt, wie bald vergessen wurden von ihr diese kleinen Trübungen! Sie verflüchtigten sich wie Wölkchen an dem Himmel, den der Glaube an seine Liebe ihr erschlossen. Das Glück, das sie in tiefster Seele trug, spiegelte sich in ihrem ganzen Wesen wider; eine stille Verklärung lag über ihr. Nie hatte ihre Heiterkeit sich in so gewinnender und anmutiger Weise gezeigt, ihr niemals mehr Sympathien erweckt. In allen Häusern, in denen sie Unterricht erteilte, steigerte sich das Wohlwollen, das man von jeher für sie gehegt, am ausgesprochensten jedoch geschah das im Hause Meiberg. Dort wußte man der »guten kleinen Claire« nicht Dank genug dafür zu sagen, daß sie immer »charmanter und amüsanter« wurde. Der Graf munterte seine Töchter auf, sich ein Beispiel an ihr zu nehmen. »Laßt euch auch einmal etwas einfallen, über das ich lachen kann«, sagte er ihnen. »Lernt was von der Claire, sitzt nicht immer da wie die Bilder ohne Gnad, zerstreut mich und die Mama.« Im Herzen der Gräfin stiegen bei solchen Äußerungen ihres Gatten Gefühle wahrer Empörung auf; aber sie widersprach ihm nie, sie hätte das für unvereinbar gehalten mit den Pflichten einer christlichen Ehefrau. Ihrer Schwester jedoch, der Stiftsdame Gräfin Eveline, machte sie das Geständnis: Eine Fremde loben hören auf Kosten der eigenen Kinder, von dem eigenen Vater, sei traurig. »Nu, nu«, lautete die tröstende Entgegnung, »wie man's nimmt.« »Man kann es nur so nehmen«, versetzte Gräfin Meiberg. »Mir darf wahrlich niemand vorwerfen, daß ich dem Familienegoismus huldige, aber die ewige Aufstellung Claires als Musterbild für meine Töchter stimmt mich – ich finde keinen bessern Ausdruck – traurig.« Gräfin Eveline hatte einen so guten Verstand, daß er sie immer Gründe finden ließ, selbst für die seltsamsten Erscheinungen, und auch jetzt sagte sie denn: »Das kommt daher, daß unsre Kinder langweilig sind und daß Claire unterhaltend ist.« Nun rollten die Tränen, die seit dem Anfang dieses Gesprächs in den wassergrünen Augen der Gräfin gezittert hatten, wie zwei Glaskügelchen über ihre Wangen. »Ich hoffe, du weißt, wie sehr ich dafür bin, daß meine Töchter mehr lernen, als ich gelernt habe, und meine Söhne mehr, als ihr Vater gelernt hat«, sprach sie sanft und leise. »Ich hoffe, du lässest mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich die Ansicht so vieler von uns nicht teile, auf der Jagd nach Gelehrsamkeit gehe der gesunde Menschenverstand verloren.« »Weil –« wollte Eveline erklären, aber ihre Schwester ließ sich nicht unterbrechen. »Das liegt mir ferne«, setzte sie abwinkend hinzu, »meine Kinder sollen sich bilden, ich wünsche es. Wenn ich es aber wünsche, darf ich ihnen die ernste Richtung, die ich selbst ihnen gab, nicht vorwerfen.« Eveline sagte, dagegen sei nichts einzuwenden, andererseits jedoch müsse man zugestehen, daß aus all dem Ernst ein Mangel an heiteren Elementen im Hause entspringe und daß es klug und politisch wäre, diesem Mangel abzuhelfen. Eine lange Beratung zwischen den beiden Damen entspann sich und brachte einen Entschluß hervor, dessen Ausführung bereits auf den nächsten Tag bestimmt wurde. Als Claire an demselben zur gewöhnlichen Stunde erschien, wurde sie sogleich zur Gräfin berufen, von ihr mit außerordentlicher Huld empfangen und eingeladen, auf einem Sessel neben dem Schreibtisch, an dem die Gräfin selbst saß, Platz zu nehmen. »Ich habe mit Ihnen zu reden, ich habe eine Frage an Sie zu stellen, eine Bitte – ich falle gleich mit der Tür ins Haus«, begann sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Sie wissen, wie lieb Sie uns sind«, vermochte sie nur noch tiefbewegt zu sagen, dann kippte ihre Stimme um. »Noch besser weiß ich, verehrte Gräfin«, erwiderte Claire, »daß ich von Ihnen und den Ihren nur Güte und Freundlichkeit erfahren habe.« »Und das wird immer so bleiben! Sie tun uns so wohl mit Ihrer Heiterkeit, Sie zerstreuen uns, und wir brauchen das so notwendig bei unseren vielen Sorgen. Ach, wie schwer ist das Leben!« »Es ist mitunter schwer«, lautete Claires nicht ohne Vorbehalt bestätigende Antwort. Die Gräfin streckte ihren Hals etwas vor und sah das Mädchen an, wie man ein Kind ansieht, das mitreden will in den Angelegenheiten erwachsener Leute. »Mögen Sie es nie erfahren«, sprach sie, »und Ihre Munterkeit nie einbüßen, deren Anblick ein solches Labsal ist, besonders uns – ein solches Labsal, daß wir wünschen würden, es länger zu genießen. Deshalb, meine liebe Claire, stelle ich die Frage an Sie und hoffe, Sie mißverstehen mich nicht: Kann das sein?« Claire bat um Entschuldigung und um eine deutlichere Erklärung, und die Gräfin erwiderte: »Wir bleiben bis Mitte Juli in der Stadt, unserem Emil zuliebe, der seine Maturitätsprüfung macht – noch einmal. Im vorigen Jahre ließen wir ihn hier allein zurück mit dem Hofmeister. Das war nicht gut, die Trennung von uns drückte sein Gemüt – und so ehrenvoll er schließlich auch bestand, erhielt er doch das Zeugnis der Reife nicht. Heuer will er sich aber eines geben lassen, und wir harren denn aus an der Seite unseres Sohnes in der Stadt, die im Sommer so traurig ist, so einsam und auch so ungesund ... Wir tun's, wie gesagt, wir harren aus, wenn auch unter solchen Umständen den Mangel an einem heiteren Element im Hause besonders beklagend.« »Oh, Frau Gräfin«, rief Claire, »und Chouchou und Baby, meine kleinen Schüler, zählen die für nichts?« »Doch – ganz gewiß, sie zählen, aber sie gehen so früh schlafen, und dann dauert der Abend noch drei Stunden, und dann lassen Papa und Mama ihre Enkelinnen von den Aufgaben wegrufen und äußern sich mißbilligend, wenn die armen Studienmüden nicht belebend in die Konversation eingreifen oder der Whistpartie ihrer Großeltern nicht mit der Spannung folgen, die verlangt wird und verlangt werden darf, und das ist –« Die Gräfin hielt inne, erschrocken über die Voreiligkeit, mit der sie sich hatte hinreißen lassen, einen so tiefen Einblick in ihre Familienverhältnisse zu eröffnen vor dem Auge einer doch Fremden. »Ich hoffe, Claire«, sagte sie erregt, »daß mir niemand Geschwätzigkeit in den Angelegenheiten der Meinen vorwerfen kann, ich rede zu Ihnen wie zu einer Vertrauten; aber nun bitte ich, lassen Sie mich nicht weitergehen, erleichtern Sie mir meine Aufgabe, verstehen Sie mich.« Claire versicherte, daß ihr nichts erwünschter wäre, als das zu können, worauf die Gräfin in lebhafte Dankbezeigungen ausbrach und so glücklich war, so sehr glücklich, daß ihr Antrag angenommen und daß alles abgemacht sei und Claire bereit, außer der Stunde, die sie täglich der jüngsten Generation widmete, den älteren Generationen regelmäßig den Nachmittag zu widmen. »Den ganzen Nachmittag, Frau Gräfin?« sprach Claire betroffen, »verzeihen Sie – um das handelt es sich?« Unbegreiflicherweise schien die Gräfin verletzt. »Handeln? welch ein Wort! – Oh, liebe Claire, wir zwei werden miteinander doch nicht handeln, oh, nicht einmal rechnen!« Das Mädchen senkte verwirrt die Augen und stammelte: »Ich habe jeden Nachmittag drei Lektionen zu geben.« »Drei Lektionen! Warum plagen Sie sich so sehr? Ist denn das notwendig?« »Ich habe mich dazu verpflichtet, meine Schüler zählen auf mich.« »Verlegen Sie die Stunden auf den Vormittag oder sagen Sie ganz ab; arrangieren Sie das.« Wunderbar rasch hatte die zerschmelzende Weichheit der Gräfin sich in Strenge verwandelt und ihre Sentimentalität in eine trockene Schlagfertigkeit, die alle Bedenken und Einwendungen Claires kurz widerlegte und rücksichtslos zurückwies. Die Lehrerin, verblüfft, überrascht, suchte noch vergeblich nach dem rechten Mittel, sich dem Netze zu entziehen, in das sie sich unversehens verwickelt fand, als die Gräfin schellte und dem eintretenden Diener befahl, Chouchou und Baby zu holen. Die kleinen dicken Jungen erschienen, stürzten auf Claire los und überhäuften sie mit Vorwürfen. Sie hatten beide geschwollene Augen. »Warum kommst du nicht?« fragte Chouchou, der ältere. »Mir weinen schon so lang, mir haben sich gefürcht, daß du nicht mehr kommst.« Er stellte sich vor sie hin und brach in ein lautes Geheul aus. Baby aber hing sich an ihren Hals, küßte sie und rief: »Wenn ich werd groß sein, und du wirst klein sein, werd ich dich anbinden bei uns im Zimmer, daß du nit mehr fort kannst.« »Sehen Sie, wie Sie geliebt werden«, sagte die Gräfin, rief ihre Kinder zu sich und teilte ihnen mit, daß Claire von nun an den ganzen Tag bei ihnen bleiben werde. Die Kleinen erhoben ein Jubelgeschrei, und ein letzter Versuch, den Claire machte, sich der über sie getroffenen Verfügung zu widersetzen, scheiterte. Ihre Gönnerin beschwor sie, nicht neue Schwierigkeiten zu erheben, ihr Wort nicht mehr zurückzunehmen. »Ich verlange ja kein Opfer; müssen Opfer gebracht werden, versteht es sich von selbst, daß ich sie bringen werde«, erklärte sie mit einer Hoheit der Gesinnung, an der sie nicht umhin konnte selbst ihre Freude zu haben. »Es gibt Gelegenheiten, in denen Opfer keine Konsideration sind und man an sich nicht denken darf, vielmehr suchen muß zu vergessen, wie oft man sich schon etwas abgeschlagen hat. Aber das soll man können... Nicht nur entsagen – so im großen« – sie schwenkte, indem sie also sprach, ihre lange schlanke Hand –, »auch im kleinen muß man sich etwas versagen können. Was mich betrifft, ich kann's. Für mein persönliches Vergnügen bleibt nie etwas übrig. Wie habe ich eine Erweiterung meines armen Glashäuschens nebenan gewünscht! Der Kassier tut Einsprache, und ich – verzichte.« Claire schwieg, geblendet durch den Glanz einer so großen Tugend, und brachte es über sich, ohne Lächeln in den mächtigen, mit kostbaren Pflanzen reich gefüllten Wintergarten hinauszublicken, den eine geschmackvoll dekorierte Glastür von dem Schreibzimmer, in dem man sich befand, trennte. Chouchou und Baby hatten der Rede ihrer Mutter die gebührende Aufmerksamkeit durchaus verweigert und während derselben Claire fortwährend am Kleide gezupft und ihr zugeflüstert: »Komm zu uns, komm, mir unterhalten sich hier nicht.« Endlich entlassen, stürmten sie geradeswegs nach ihren Zimmern und verkündeten jedem, der ihnen begegnete, daß die »gute« Claire von jetzt an immer bei ihnen bleiben würde. Chouchous französische und Babys englische Bonne zogen bei der Kunde die erste ein schiefes und die zweite ein langes Gesicht, und Claire hatte Mühe, die beiden, die sich schon an die Luft gesetzt sahen, zu beruhigen. Spät erst konnte die Lektion begonnen werden und erfuhr dann fortwährende Unterbrechungen. Die Tante war die erste, die sich einfand, um Claire mitzuteilen, daß die Idee, sie dem Hause »dauernder zu gewinnen«, mindestens zur Hälfte von ihr ausgegangen sei. Bald darauf erschienen die Eltern des Grafen Meiberg. Schon war in das von ihnen bewohnte zweite Stockwerk des Hauses die Kunde von dem Engagement Claires gedrungen und machte ihnen eine Freude, welche die der Kinder fast beschämte. Die munteren alten Leute hatten die Schachpartie, welche die Reihe von Spielen eröffnete, mit denen sie den Tag auszufüllen pflegten, unterbrochen und waren, so eilig sie nur irgend vermochten, die Treppe herabgehumpelt gekommen. Ein herzgewinnendes Paar! Ehrwürdig und freundlich, voll Wohlwollen und Höflichkeit. Mann und Frau von ganz gleicher Größe, beide hager und lebhaft, beide altmodisch, aber fein und sorgfältig angetan. Sie rühmten sich, in ihrer fünfzigjährigen Ehe nie länger als einige Stunden getrennt gewesen zu sein, und waren einander ähnlich geworden nicht nur im Benehmen und in der Sprechweise, sondern auch im kindlichen Ausdruck ihrer fein geschnittenen Gesichter. Als Chouchou und Baby auf sie zugingen, um ihnen die Hände zu küssen, zog die Großmama, bevor sie diese Ehrfurchtsbezeigung gestattete, ihr Battisttuch aus der Tasche und wischte damit die rosigen Lippen der Knaben ab. »Nur aus übler Gewohnheit«, sagte sie entschuldigend, »nicht etwa, weil ich glaube, daß es notwendig ist.« Der Greis lüftete das Käppchen und verneigte sich mit liebenswürdiger Höflichkeit vor Claire. »Ah, Mademoiselle, Mademoiselle Gesellschafterin«, rief er, »demoiselle de compagnie! Wir wollen uns gleich unseren Anteil versichern an der Gesellschaft der Gesellschafterin.« Ebenso munter wie er kündigte seine Gemahlin Claire an, daß sie täglich zum Tee und zur Whistpartie mit dem Strohmann geladen sei. Die schüchternen Entschuldigungen, die Claire vorbringen wollte, wurden mit der Aufforderung zurückgewiesen, keine Geschichten zu machen. »Nur keine Geschichten mit uns!« beschworen beide zugleich, und der alte Herr setzte lustig hinzu: »Sonst folgt die Strafe auf dem Fuß, und Sie müssen nach dem Whist noch mit jedem von uns eine Stunde lang Wolf und Lamm spielen. – Aber, Christine, wir verplaudern uns«, wandte er sich an die Gräfin; »die Pflicht ruft – die unterbrochene Schachpartie will beendet werden.« Mit gutmütiger Ironie blickte er auf den Tisch, der mit den verlockendsten Rechenspielen bedeckt war, und sprach fröhlich lachend: »Lernt fleißig, Kinder, lernt was!... Wenn man in der Jugend nicht zählen lernt, kann man im Alter nicht spielen.« Er reichte seiner Gattin den Arm und verließ mit ihr das Zimmer. Der letzte Besuch, den Claire bei der sogenannten Unterrichtsstunde empfing, war der des Grafen Meiberg. Er kam, stattlich und verdrießlich wie immer, dankte ihr, daß sie den Antrag seiner Frau angenommen habe, und bat sie, sich vornehmlich seinen erwachsenen Töchtern zu widmen. »Gewöhnen Sie ihnen das totschlächtige Wesen ab, machen Sie sich's zur Aufgabe, ihnen Heiterkeit beizubringen«, empfahl er ihr, steckte die Hände in die Hosentaschen, sah eine Weile zum Fenster hinaus und fragte dann, ob etwas über »Bedingungen« vereinbart worden sei. Claire verneinte es, und er fuhr ungeduldig auf: »Hätt mir's denken können! Ich brauch von meiner Frau nur zu hören: Alles in Ordnung, dann weiß ich schon, daß die Hauptsache fehlt... Keine Bedingungen? Sie könnten aber auch praktischer sein, erlauben Sie mir. Oder sind Sie vielleicht überrumpelt worden? ... Leugnen Sie nicht, überrumpelt – und jetzt gehen Sie nach Haus, und morgen kommt ein Brief von Ihnen, in dem steht: Ich entschuldige mich, kann nicht annehmen, bin überrumpelt worden. Aber hören Sie, tun Sie das nicht, warten Sie auf einen Brief von mir. Von Nebeln und Schwebein wird nichts drinstehen, aber wie Sie dran sind, das werden Sie wissen.« Noch am selben Abend kam eine Zuschrift, mittels welcher Graf Meiberg Fräulein Dübois in die glänzend besoldete Stellung einer »Gesellschafterin für den Nachmittag« in seinem Hause einsetzte. Der Antrag war so vorteilhaft, Claires Überraschung so freudig, daß ihre Freundin nicht vermochte, sich absprechend über die neue Vereinbarung zu äußern. Claire vertiefte sich in die Gedanken an ihr Glück und hatte nur zu bedauern, daß es sich nicht etwas früher eingestellt. Gar leicht ließ sich ausrechnen: wenn das Anerbieten des Grafen ihr statt heute vor zwei Jahren gemacht worden wäre, stünde sie jetzt schuldenfrei da und könnte über sich verfügen. »Oh, wenn meine Schulden nicht wären!« rief sie unwillkürlich laut aus, und die Baronin mit ihrem Seherblick für die geheimsten Vorgänge in der Seele ihrer Schutzbefohlenen verstand sie wohl und murmelte vor sich hin: »Gepriesen seien deine Schulden.« In dieser Woche gab es Mühen und Verdrießlichkeiten die Menge. Claire brauchte viel Takt, viel Geschmeidigkeit und viel festen Willen, um die Eltern der Schüler, die sie beibehalten konnte, zu einer Verlegung der Stunden zu bewegen und um es möglich zu machen, aus den Häusern, die aufzugeben sie gezwungen war, in guter Freundschaft zu scheiden. Indessen – schwer oder leicht – alles das gelang; was Claire aber nicht gelingen konnte, das war, den Groll, ja die Entrüstung Arnolds zu versöhnen, als sie ihm von der Übereinkunft, die sie mit Meibergs getroffen hatte, sprach. Er begriff nicht, wie sie ohne seine Zustimmung einen solchen Entschluß hatte fassen können, er machte ihr den größten Vorwurf aus der Sklaverei, in die sie sich begab, sie, die ihm gegenüber soviel Unabhängigkeitssinn bewies. An dem Sonntag schied er von ihr, ohne Herr seines Unmuts geworden zu sein. Seine Verstimmung überdauerte die Nacht, und es lag ihm sehr daran, dies zur Kenntnis derjenigen zu bringen, die er liebte und die ihn kränkte. Am nächsten Morgen, bei der täglichen Begegnung auf der Treppe im Palais Meiberg, grüßte er Claire wieder so kühl wie damals, als er ihr gezürnt, und wollte stumm vorübergehen. Sie aber blieb stehen und sprach: »Herr Bretfeld, was heißt das? – Verderben Sie mir die Laune nicht, Sie bringen mich sonst um mein Brot. Sie wissen ja, ich habe mich hier als heiteres Element verdungen.« Die kleine Hand, mit der sie ihm dabei scherzend drohte, zitterte, ihre Wangen brannten, und gar schmerzlich zuckte es um ihren Mund, der sich zu lächeln zwang. Einige Wochen lang versah Claire bereits ihr Vertrauensamt bei Meibergs und gestand kaum sich, am wenigsten aber den ändern, wie schwer die übernommene Aufgabe ihr wurde und welche Anstrengung es sie kostete, ihr nun in zwei so ungleiche Hälften geteiltes Tagewerk zu vollbringen. Die zweite, die ungewohnte, war auch die mühevollere. Claire hatte sich die fragliche Kunst angeeignet, spielend zu lehren; sie besaß auch die – und das war einer der Hauptgründe der Beliebtheit, deren sie sich erfreute –, den Eltern ihrer Zöglinge, wenn sie ihr von neuen Unterrichtsmethoden zu sprechen oder Winke zu geben kamen über die Art, in welcher man ihre Kinder »nehmen« solle, schlagfertig und witzig entgegenzutreten, ohne jemals die schuldige Ehrfurcht zu verletzen. Höchst unbehaglich jedoch fühlte sie sich in der ihr neuen Stellung einer mit den Pflichten und Rechten der Hausgenossin ausgerüsteten Fremden mitten in einer großen Familie. Die jungen Gräfinnen Martha und Marie machten kein Hehl daraus, daß sie es von Papa »sehr komisch« fänden, ihnen Claires Gesellschaft zu oktroyieren. Die zweite, auf welche der Vater sein Talent zur Verdrießlichkeit vererbt hatte, ein unschönes Mädchen von achtzehn Jahren, sprach zu Claire: »Ich habe Charakter, ich! ... Ich sage, was ich denke! . . . Bei Chouchou und Baby habe ich Sie gern gehabt, bei uns mag ich Sie nicht.« Claire dankte ihr für ihren Freimut. »Sie sind im Besitze des angenehmen Vorrechts, unbeschadet aufrichtig sein zu dürfen«, meinte sie, »und machen davon Gebrauch.« Die Komtesse verstand, stutzte und fragte: »Sind Sie vielleicht nicht aufrichtig?« »Ich bin es gewiß«, entgegnete Claire, »wenn ich Ihnen versichere, daß ich trachten werde, Ihre eingebüßte Sympathie wiederzugewinnen.« Halb und halb entwaffnet durch diese Antwort, brauchte Marie einige Selbstüberwindung, um ihrem »Charakter«, auf den sie sich soviel zugute tat, zu Ehren standhaft zu bleiben und die trockene Antwort zu geben: »Bin neugierig, wie Sie das anfangen wollen.« Vorerst nun hatte Claire gar nicht angefangen, sogar den Schein einer Einflußnahme auf die jungen Damen gemieden und sich glücklich gepriesen, wenn ihre geistige Spannkraft und ihre vielgerühmte Unterhaltungsgabe ausreichten, um den Grafen und der Gräfin die langen Nachmittagsstunden zu verkürzen. Man speiste der »Kleinen« wegen schon um vier Uhr und lud niemals Gäste zu Tische. Im Leben des Kindes ist alles Lektion; das Diner muß Lektion sein in der Kunst, anständig zu essen, die man nicht früh genug lernen kann, weil sie der Anfang allen Anstandes überhaupt ist. In dieser Meinung stimmten beide Eltern überein, und Tante Eveline gab ihren Segen dazu. So opferte sich denn der Graf, kam pünktlich um vier Uhr zur Tafel und befahl jedesmal, langsam zu servieren. Trotzdem mußte das Diner einmal zu Ende gehen, und sie brachen herein, die schrecklichen zwei, und die eine hieß: von fünf bis sechs, und die andre hieß: von sechs bis sieben. Fest wie eine Mauer stand die Zeit da und machte doch den Anspruch, vertrieben zu werden. Chouchou und Baby hatten, der Hausordnung gemäß, schon vom Tafelzimmer aus mit ihren Bonnen zu verschwinden; die übrige Familie, begleitet von Erzieher und Erzieherin, betrat den Salon. Der Graf nahm Platz vor einer Fensternische unter den Zweigen einer Palme, die beinahe bis zur Decke reichte, kreuzte die Arme – er gehörte zu den seltenen Männern, die nicht rauchen – und überließ sich seiner üblen Laune mit dem Trotz eines Kindes und mit der Ausdauer eines Mannes. Unweit von ihm in einem bewunderungswürdig geschnitzten altdeutschen Lehnsessel ruhte die Gräfin als Zentrum des »blühenden Halbkreises«, den ihre Kinder um sie bildeten, während Gräfin Eveline sich leutselig der Gouvernante und des Hofmeisters annahm und ihre beiden aufmerksamen Zuhörer über die Ursachen der Dinge belehrte. Am ersten Tage, an welchem Claire ihr neues Amt ausüben sollte, war sie zu ihrem Entsetzen nach dem Eintritt in den großen, heißen, durch schwere Vorhänge an den Fenstern verdüsterten Salon von einem unendlichen Ruhebedürfnis ergriffen worden. Sie hatte ihre Lider schwer werden gefühlt; ihr hatte geschienen, daß sich um die Menschen und die Gegenstände vor ihr eine Dunstatmosphäre bilde, in der sie sanft geschaukelt hin und her wiegten .... Lieber Gott, wer jetzt schlummern dürfte! ... Du darfst nicht, dachte Claire, deine Aufgabe heißt unterhalten, dafür bezahlt man dich, bezahlt reichlich. Plötzlich unterbrach eine Kinderstimme das lastende Schweigen. Thekla, die jüngste der Töchter, die zwölfjährige, stellte die Frage: »Mama, sagt man Mohammed oder Mahomet?« Auf den Zügen Mamas malte sich Ratlosigkeit, und sie erwiderte ausweichend und vorwurfsvoll: »Aber, mein Kind!« »Man sagt Muhammed«, rief die Tante, »weil Muhammed ein Muselmann war!« Der Hofmeister räusperte sich, errötete, nahm das Wort und bemerkte bescheiden, Mu- und Mohammed seien ihm neu. »Mais pas du tout«, entgegnete die Gouvernante, so gereizt, als ob sie eine persönliche Beleidigung erfahren hätte. »N'avez- vous pas lu, monsieur, l'oeuvre admirable de monsieur de Voltaire?« Der Graf ersparte ihm die Antwort; er stand auf, kam auf Claire, die sich aufgerafft hatte, zu, den Kopf vorgebeugt, die Hände, wie er pflegte, in den Hosentaschen. »Nun«, sagte er, »da hören Sie nun, das ist ein Muster von der Unterhaltung, die ich in meinem Familienkreise genieße. Mohammed oder Mahomet! ... Ist Ihnen etwas so Langweiliges schon vorgekommen? ... Ich laß mir ja die Langeweil gefallen in einer Verdünnung, daß man dabei einschlafen kann, aber unsere Langeweil, das ist ein Extrakt, das ist eine Langeweil wie ein Löw; die macht einen wild.« Die Echtheit seiner Verzweiflung stand in so drolligem Verhältnis zu ihrer Ursache, daß Claire unwillkürlich lachen mußte. Die große Gestalt ihrer Freundin, deren Lippen sich auch den schwersten Schicksalsschlägen gegenüber nie zu einer Klage geöffnet hatten, tauchte vor ihr auf, und wie neu gestählt durch den Gedanken an die Starke, wies sie die Beschwerden des Grafen scherzend zurück. Sie machte die Taktlosigkeit, mit welcher er sie zum Schiedsrichter zwischen sich und den Seinen aufgerufen hatte, wieder gut, indem sie sagte: »Oh, wie ungerecht sind Sie, Herr Graf; die Frage Gräfin Theklas ist ja interessant und besitzt überdies die schöne Eigenschaft, lösbar zu sein, und zwar zugunsten sowohl der Mo- wie der Ma- und der Mu-Partei.« »Wieso? wie meinen Sie das?« riefen einige. Die Stiftsdame versicherte, es sei ganz natürlich, und sie könne sich's erklären. Thekla umarmte ihre Beschützerin stürmisch aus Dankbarkeit dafür, daß sie sich ihrer angenommen hatte; Marie warf noch einige kühne Behauptungen hin, die Widerspruch erregten. Sogar Gräfin Martha und Graf Emil, die ältesten und zugleich die stillsten unter den Geschwistern, von denen selbst ihre Mutter gestand, daß man sie immer nur »schweigen höre«, nahmen teil an der Debatte. Nach einer Viertelstunde war Leben in die Gesellschaft gekommen. Vortreffliches leistete die Gräfin an Ausdrechselung zierlicher Phrasen. Sie suchte den Eindruck zu verwischen, welchen vorhin der heftige Ausfall ihres Gemahls hervorgerufen haben mochte. Sie tat es in ebenso zarter als indirekter Weise; sie verteilte gleichmäßig Balsam an alle die Ihrigen, sprach von der grazienhaften Unschuld ihrer Kinder und von der Süße einer Familieneinigkeit, die wie eine Öloase auf dem Ozean des Lebens schwimme. Nicht umhin konnte sie, sich selbst das Zeugnis auszustellen, daß sie doch sehr gut spreche, und das gab ihr ein Hochgefühl, wie sie es lange nicht empfunden. Aber nicht sie allein, auch die übrigen waren mit sich zufriedener als sonst und waren es demnach auch mit den anderen gewesen. Vergnügt hatte man sich getrennt. Diesem ersten Erfolge Claires schloß eine ganze Reihe von Erfolgen sich an, und wenn auch niemand im Hause Meiberg ahnte, wie schwer sie errungen wurden, so fiel es doch keinem ein, dieselben der wacker Ringenden zu verkümmern. Jeder erwies sich dankbar in seiner Weise. Der Graf in grämlicher, die Gräfin in schwülstiger, die Tante in kluger, Martha in melancholischer, Emil in schläfriger und so weiter. Nur Marie verhielt sich ablehnend und wurde manchmal sogar aggressiv. »Ich durchschaue Ihren Kniff«, sprach sie einmal. »Er besteht darin, jedem von uns Gelegenheit zu geben, sein Licht leuchten zu lassen – ich will nicht unhöflich sein, sonst würde ich sagen: sein Nachtlicht, denn über mehr haben wir nicht zu verfügen.« Und nun erging sie sich in beißenden Spottreden, zu denen Claire jedoch ein sehr ernstes Gesicht machte. »Sie sind witzig, Gräfin«, sprach sie, »aber in einer Art, für welche der Sinn mir fehlt. Ein Witz, der sich nur auf fremde Kosten äußern kann, ist von geringer Qualität. Was mich betrifft, ich wäre zu stolz, um meinen Aufwand an sogenanntem Geist durch andere bestreiten zu lassen.« Marie wandte ihr den Rücken. Drei Tage lang grollte sie ihr. Am vierten stürzte sie während der Unterrichtsstunde in das Zimmer der kleinen Brüder, war hochrot im Gesicht, ergriff die Hand Claires und stieß hervor: »Ich habe noch nie einen Menschen so liebgehabt wie Sie; zählen Sie von nun an auf mich.« Seit diesem Augenblick war Claire die Vertraute ihrer heiligsten Geheimnisse geworden und hatte erfahren, daß die junge Gräfin innerlich eine Revolutionärin sei, mehrere Kopien eines Bildes von Danton angefertigt und eine große Ähnlichkeit zwischen ihren eigenen Zügen und denen des Urhebers der Septembermorde entdeckt habe. Was alles in ihr gärte, niemand ahnte es; aber Claire, ihre Freundin, sollte es wissen. Ja, sie dachte sehr oft daran, wie notwendig ein Umsturz der Gesellschaft geworden sei, besonders in Österreich, und wenn sie dreinzureden hätte – Kammerherrnschlüssel und Sternkreuzorden würden abgeschafft werden. Und noch etwas: In ihrer Kindheit hatte sie »Klavier gelernt«, es später aufgegeben, um sich leidenschaftlich der Zither zu widmen, kürzlich aber eingesehen, daß ihr Talent nach einer genialeren Ausdrucksform begehre. Einige Tage schon trug sie sich mit dem Entschluß, ihren Eltern zu erklären, daß sie sich entweder zur Violoncellvirtuosin ausbilden oder die Musik ganz aufgeben wolle, damit aber auch ihr höchstes Lebensglück. Alles oder nichts! So war sie, das war ihr Charakter. In der Freundschaft jedoch, da gibt es keinen Charakter, da gibt es nur Vertrauen. Zum Beweis desselben verfügte sie auch etwas eigenmächtig über das Geheimnis ihrer älteren Schwester und teilte Claire mit, Martha habe im vorigen Jahre ein Handschuhknöpfchen, das Herr Bretfeld bei der Stunde verlor, im Medaillon getragen. Mit der Schwärmerei sei es jedoch vorbei, und zum größten Glück habe Herr Bretfeld gar nichts davon bemerkt, sich vielmehr immer kostbarer gemacht, die Stunden immer mehr abgekürzt, dadurch nämlich, daß er stets zu spät komme, den Augenblick fortzugehen aber pünktlich einhalte. Die Aufmerksamkeit, mit welcher Claire dieser Mitteilung lauschte, schmeichelte der kleinen Schwätzerin. Sie fuhr eifrig fort, von der Exaltation vieler ihrer Freundinnen für Herrn Bretfeld zu sprechen, und bedauerte, daß er so furchtbar verwöhnt werde. »Es ist schrecklich dumm«, meinte sie altklug und zog dabei ihre mageren Backfischschultern in die Höhe, »denn heiraten kann ihn ja doch keine von uns, und ich glaube, daß er sich's auch gar nicht verlangt .... Er soll eine stille Liebe haben. Für eine deutsche Prinzessin, an deren Hof er jeden Sommer einige Monate verlebt, sagen die einen; für ein armes Mädchen, sagen die anderen, das aber nie seine Frau werden darf, weil seine Familie, die stolz und reich ist, es nicht erlaubt.« Dieses Gespräch hinterließ einen Stachel im Herzen Claires. An die Hindernisse, welche die Angehörigen Arnolds gegen seine Verbindung mit ihr erheben könnten, hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun tat sie's, tat's in Sorgen, die sie dem Vielgeliebten verschwieg. Nicht vorsätzlich, nicht weil sie Scheu trug, die kurze Stunde, die er bei ihr zubrachte, zu trüben, sondern weil sie von keiner selbstsüchtigen Sorge mehr wußte, sobald er ihre Schwelle überschritten und seine Stimme sie begrüßt hatte. Geschah es in freundlicher Weise, sprach Ruhe und Zufriedenheit aus seinem schönen Gesicht, dann gab es in ihrer Seele keinen Raum mehr für eine andere Empfindung als die der Wonne. Lag ein Schatten auf seiner Stirn, klang leiser Unmut aus seinem Tone, gleich faßte es sie mit peinigendem Gewissensvorwurf: Du bist schuld – und sie wünschte nichts, als gutzumachen, was sie unbewußt gefehlt haben mochte. Er ließ ihrer freudigen und geduldigen Liebe nicht Gerechtigkeit widerfahren. Wie konnte sie noch freudig und geduldig sein, während er litt und sich sehnte? Vier Wochen waren seit seinem ersten Besuche verflossen, lange genug, um ihm das Glück, Claire in Gegenwart ihrer Freundin sprechen zu dürfen, als ein sehr zweifelhaftes erscheinen zu lassen. Abstoßend wirkten die Verhältnisse im Hause der Baronin, abstoßend sie selbst auf ihn. Er gab es auf, nach ihrem Wohlwollen zu ringen; er ließ sich in Wortwechsel mit ihr ein, bei denen er zu oft den kürzeren zog, um der Siegerin nicht zu grollen. Plötzlich erklärte er, sich nicht länger hinhalten lassen zu wollen, und drang auf Entscheidung. Es war ihm Folterqual, mit anzusehen, wie Claire alle ihre Kräfte anspannte, um Verpflichtungen abzutragen, deren sie zu entheben er brannte. Und nichts hätte es dazu bedurft, nichts als den Entschluß, ihren strafbaren Hochmut aufzugeben und als ihr Eigentum zu betrachten, was ihr ohnedies gehörte – das Seine. Er wiederholte es so oft, er war so gekränkt über die Weigerung, die sie ihm entgegensetzte, daß Claire endlich zu schwanken begann. Freilich mahnte die Baronin: »Laß dich nicht überreden, um keinen Preis!« aber Claire gab im Herzen Arnold recht, wenn er sagte, daß ihm Schmach angetan werde durch diese ihre Scheu, von ihm eine kleine materielle Hilfe anzunehmen, von ihm, der ja sein Höchstes gegeben: seine Liebe, und das Höchste errungen zu haben hoffe: ihre Gegenliebe. Ungewöhnlich früh kündigte in diesem Jahre der Sommer sich an; Maitage brachten drückende Hitze, die Luft lag schwül über der großen Stadt. Eine schlimme Zeit für die Leutchen, die, um ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, wandern müssen von Haus zu Haus, jetzt durch schmale Gassen, in welche nie ein Strahl der Sonne dringt, dann über breite Plätze, auf die sie niederbrennt, daß die Pflastersteine zu rauchen und die Statuen und Brunnenfiguren zu glühen scheinen. Claire sah ermüdet aus, wollte aber nicht zugeben, daß sie es war, und scherzte über Arnolds Besorgnisse. Die Tage, an welchen sie mehr Ruhe haben würde, rückten ohnedies mit demjenigen heran, an welchem Emil Meiberg seine Maturitätsprüfung ablegen sollte. Dann zog die Familie fort und entschädigte sich für ihr ungewöhnlich langes Verweilen in der Stadt durch einen bis über den Spätherbst hinausgedehnten Aufenthalt auf dem Lande. »Und was gedenken Sie indessen zu tun?« fragte Arnold. Dasselbe, was sie immer tat in der toten Saison, erhielt er zur Antwort. Ein paar Lektionen geben – zwei bis drei, nicht der Rede wert. Auf ihren Gängen durch die Stadt die Modemagazine studieren und sich durch den Anblick des dort Geschauten begeistern lassen. Hilf Gott, man braucht Ideen! Die Zeit ist da, einen Staat herzustellen, zu welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der jenem jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt für eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie verkehrt, es verlangen. Und wenn das zu Ende gebracht sein wird, dann sehr oft mit rechtem Behagen die Hände in den Schoß legen. Am Abend das Fenster öffnen und sich der Sternguckerei ergeben, die lauter Wonne und Erhebung ist. »Schöne Ferien, die Sie sich da gönnen!« rief Arnold. »Wirklich, Sie verlassen die Stadt nie? Unternehmen nie eine kleine Reise? Sie haben niemals bei Sonnenuntergang auf einem Berg gestanden? Sind noch nie in das Geheimnis eines Waldes gedrungen? Sie haben den klaren Spiegel eines Sees nie erblickt?« »Niemals«, fiel die Baronin ein, »wie sollte sie? .... Im Kloster, in dem sie erzogen wurde, herrschte Klausur. Aus dem Kloster trat sie in Verhältnisse, die sie teils am Lehrtisch, teils am Siechbett festhielten. Ohne Erholungspausen dazwischen. Das tägliche Brot wollte täglich erworben, die Kranken wollten täglich gepflegt werden. Man kann dem Hunger nicht sagen: Warte, und dem Leiden nicht: Setz ein wenig aus .... Das ging so fort bis zum Tod der Eltern, und wie es seitdem geht, wissen Sie.« Wohl wußte er's, und er wußte auch, daß es nicht länger so fortgehen durfte. In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen eben aus Deutschland eingetroffenen Brief: die gewöhnliche Einladung nach dem kunstsinnigen Hof, an welchen er alljährlich berufen wurde, nur dieses Mal früher als sonst abgesandt und dringender und schmeichelhafter denn je. Man bereitete große musikalische Aufführungen vor und verlangte dabei nach dem Rate und der Gegenwart des ausgezeichneten Kenners. Die erste Regung Arnolds war: annehmen, sich losreißen, Claire ihrem Eigensinn überlassen. Bald jedoch erschien ihm das zu grausam gegen sie und unwürdig seiner selbst. Er wollte einen letzten, einen entscheidenden Versuch machen, sie zum Nachgeben zu bewegen. Widerstand sie – ihre Sache; dann hatte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben und mochte sehen, wie sie die monatelange Trennung von ihm trug. Am nächsten Tag, zur Stunde, die Claire daheim zubrachte, bevor sie sich zu Meibergs begab, schellte er an der Wohnung der Baronin. Diese selbst öffnete. Er ließ ihr nicht Zeit, ihn zur Rede zu stellen über sein unbefugtes Erscheinen, entschuldigte mit kalter Höflichkeit, daß er durch Umstände gezwungen sei, die Konsigne zu brechen, und trat an ihr vorbei in das Zimmer. Ein Aufschrei freudiger Überraschung begrüßte ihn; Claire erhob sich vom Arbeitstisch, an dem sie gesessen, auf das emsigste mit einer feinen Arbeit beschäftigt. Sie hatte an einem durch einen argen Riß beschädigten Spitzenschleier genäht, der Karoline zur raschen Heilung anvertraut worden und heute noch abgeliefert werden mußte. Die Baronin vermochte nicht, die kunstvolle Arbeit zu beendigen, da sie zu sehr in Anspruch genommen war von der Pflege ihres Kranken, und so leistete denn Claire hilfreiche Hand. Bestürzt über den ernsten und inquisitorischen Blick, den Arnold auf sie und ihre Arbeit geworfen hatte, brachte sie diese Erklärung hastig und errötend vor. Er bat sie, sich nicht unterbrechen zu lassen; Claire nahm ihren Platz wieder ein; er setzte sich ihr gegenüber, wartete, schwieg und dachte: Du bist das Ärmste, das lebt. Nun breitete Claire den Spitzenschleier auf dem Tische vor Arnold aus. »Sehen Sie hierher! Das nennt man flicken. Wer entdeckt da die Spur eines Makels?« Er ergriff ihre Hand. »Wunderschön haben Sie es gemacht, Geliebteste, und in edler Selbstverleugnung habe ich Ihnen Zeit dazu gelassen. Jetzt ist's geschehen, und es gibt nichts mehr zu tun, als mich anzuhören.« Claire blickte mit offenbarer Bangigkeit zu ihm empor. »Was ist Ihnen? Sie sind so feierlich, ich bemerkte es schon früher. Habe ich etwas getan, das Ihnen mißfiel?... Sprechen Sie, sprechen Sie doch!« »Mir ist auch feierlich zumute, liebe Claire. Ich habe einen unwiderruflichen Entschluß gefaßt und bin da, ihn zu verkünden. Unsere Probezeit muß abgekürzt werden. Sie haben Ihre letzte Unterrichtsstunde gegeben. Ich kann und will nicht mehr zusehen, wie Sie sich im Dienst einer Pflicht aufreiben, deren Erfüllung ich Ihnen so leicht abzunehmen vermag. – Geben Sie mir ein Recht dazu – ich fordere es.« »Mein Gott, mein Gott!« sagte sie leise und gepreßt. »Was ficht Sie so plötzlich an? – Ich bin ja nicht frei – ich kann ja nicht über mich verfügen ...« Die Stimme versagte ihr, sie rang nach Atem. Arnold sprang auf, umschlang sie und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Sie ließ es geschehen. Einen kurzen Augenblick versank für sie die Welt mit all ihrem Leid, mit all ihren Anforderungen... Ihm aber war, als hätte er sie nie heißer, nie besser geliebt. »In vier Wochen sind wir verheiratet«, sprach er, »und ich entführe Sie in unsere Alpen. Wir werden wandern, wohin es Ihnen gefällt, und wohnen, wo Sie wollen – am Saume des Waldes, am Ufer des Sees, im grünen Tal oder auf dem Gipfel des Berges... Haben Sie sich noch nie in die herrliche Welt hinausgesehnt? Doch – nicht wahr? ... Sie werden diese Welt jetzt sehen, diese fremde, niegekannte, und Ihnen wird sein, als kämen Sie in die Heimat zurück.« Mit immer wärmeren Worten, hingerissen von seiner eigenen Beredsamkeit, malte er ihr die nächste Zukunft als eine Reihe von freudenhellen Tagen aus, und sie hörte ihn lächelnd an und sagte nur manchmal: »Träume! Träume!« »Wirklichkeit!« rief er. »Nein, nein – bevor ich ein neues Leben beginnen darf, muß ich mit dem alten abgeschlossen haben. Ich muß abgeschlossen haben«, setzte sie zagend hinzu, da er sich unwillig abwendete. »Alles kann ich von Ihnen annehmen, nur das nicht, daß Sie meine Schuld gegen meine Toten abtragen.« Arnold trat einige Schritte zurück, kaum unterdrückte er den Ausdruck seines Zornes. So verletzt fühlte er sich, so geringgeschätzt, daß er sogar verschmähte, ihr Vorwürfe zu machen, und nur leise und heftig sprach: »Wenn Sie mich heute mit einem Nein entlassen, so haben Sie etwas getan, das kein später gesprochenes Ja wiedergutmachen kann.« Auch Claire war aufgestanden. Ihre gesenkten Lider bebten, sie stützte sich mit den Fingern der rechten Hand leicht auf den Tisch, indes die linke an ihrer zarten Gestalt niederhing. Ein stiller Seelenkampf vollzog sich in ihr, der keinen Ausdruck mehr fand, vielleicht keinen mehr suchte, den nur das Zittern der fest aufeinandergepreßten Lippen verriet. Und von neuem faßte es ihn mit unsäglichem Erbarmen. »Sie quälen sich und mich mutwillig«, sagte er. »Wäre ich noch der, der ich war, bevor meine Liebe zu Ihnen mich zum Schwächling machte, würde ich Ihnen sagen: Geben Sie jetzt nach, oder lassen Sie uns jetzt scheiden... Aber ich spreche das Wort nicht aus, weil ich fürchte, es nicht halten zu können.« Die ganze Verwerfung seiner selbst, mit der diese Erkenntnis ihn zu erfüllen schien, klang aus seinem Tone, und trotziger setzte er hinzu: »Sie werden mich abermals vertrösten, und ich werde mich abermals vertrösten lassen... Wenn es aber geschieht, wenn ich, heute abgewiesen, wiederkomme, dann mögen Sie mich mit dem Bewußtsein empfangen, einen unversöhnlichen Zwiespalt in mir erregt zu haben.« »Herr Bretfeld«, stammelte Claire beschwörend, »Herr Bretfeld...« Sie war totenblaß geworden; starr und unverwandt ruhten ihre Augen auf ihm. Und er sah, daß er nun endlich das Rechte getroffen hatte, daß es ihm gelungen war, ihre Kraft und ihren Stolz zu beugen... Er sah es triumphierend und gerührt und verschloß sein Inneres der Stimme, die ihm zuflüsterte: Der Zwiespalt, von dem du sprachst, besteht nicht – du könntest dich losreißen, du könntest! Zärtlich umfing er die Geliebte, indes sie sagte: »Das soll nicht sein, um Ihre Selbstachtung darf ich Sie nicht bringen. Lieber mich um die meine«, schaltete sie fast unhörbar ein. »Ich sage ja zu allem; nehmen Sie mich denn, wie ich bin – ärmer als arm.« »Ärmer als arm, aber dennoch wird Verlobung gefeiert«, wiederholte eine scharfe Stimme. Die Baronin war eingetreten. »So ist es«, erklärte Arnold, »heute Verlobung, in vier Wochen Vermählung.« Claire ergriff und küßte die Hände der alten Frau. »Verzeihe«, bat sie, »ich bin undankbar gegen dich; ich folge ihm, ich verlasse dich, du bleibst allein.« »Was läge daran«, versetzte ihre Freundin; »aber du handelst unvernünftig und infolgedessen unrecht, und das ist schlimm. – In vier Wochen?« wandte sie sich an Bretfeld. »Da muß also von Ihnen aus alles in Ordnung gebracht worden sein. Da haben Sie aus eigener Machtvollkommenheit das Verhältnis zum Hause Meiberg, das Claires Zukunft gesichert hätte, gelöst. Da haben Sie auch schon für eine Ihrer Braut gebührende Aufnahme in der Familie Bretfeld gesorgt.« »Das alles wird geschehen, verlassen Sie sich darauf.« »Wird?« fragte die Baronin mit spöttischem Erstaunen, »ist noch nicht?« »Nehmen Sie an, daß heute morgen sei«, entgegnete Arnold rasch und gereizt, »dann wird es geschehen sein... Übrigens bin ich kein Kind, das um Erlaubnis zu bitten braucht; ich bin gewohnt, den Meinen mit fertigen Tatsachen entgegenzutreten; und was Claire betrifft, so ist sie keine Sklavin.« »Doch! entschuldigen Sie; sie ist, da sie redlich ist, Sklavin ihres Wortes«, entgegnete die Baronin und setzte nach kurzer Pause hinzu: »Von der Stunde an, in welcher Sie mit Ihren Verwandten gesprochen haben werden und mit oder ohne deren Zustimmung auf Ihrer Heirat mit Claire beharren. Bis dahin bleibt alles beim alten, das fordere ich – einen Schatten von Mutterrecht wird mein Pflegekind mir zugestehen... Ich weiß, ich weiß –« wehrte sie die Beteuerungen Claires ab und richtete wieder das Wort an Arnold: »Fügen Sie sich.« »Worein?« rief er. »In das Bewußtsein, daß Sie mir mißtraut haben vom ersten Tage und mir mißtrauen werden bis zum letzten?« Er wartete auf einen Widerspruch, der nicht erfolgte. »Und Sie –« brach er aus, »und Sie, Claire?« »Und ich«, lautete ihre Entgegnung, »vertraue Ihnen blindlings, grenzenlos; ich sage, was Sie tun, das ist das Rechte... Aber aus Liebe zu mir überzeugen Sie auch diese Ungläubige, die – gleichfalls aus Liebe zu mir – gegen Sie fehlt. Erfüllen Sie ihren Wunsch.« Er ließ sich bewegen, er gab nach. Von ihm geleitet, trat Claire, viel zu spät – wie sie bald mit einem Schrecken, der ihn lachen machte, entdeckte –, ihren Gang zu Meibergs an. In der Stadt nahm er von ihr Abschied und schlug einen Weg ein, den er noch nie freudig gegangen war, den Weg zur Wohnung seines Onkels Johann Bretfeld. Das war der alte und kinderlose Chef des reichen Hauses, das Orakel, vor dessen Sprüchen und Beschlüssen die sonst so steifen Nacken der Kaufherren Bretfeld, seiner Neffen, Geschäftsteilhaber und einstigen Erben, sich unbedingt beugten. Claire jedoch schritt weiter, von Träumen umwoben, die sich immer lieblicher gestalteten. In vier Wochen seine Frau ... War's denn wirklich möglich? Geschehen solche Wunder? Verwandelt diese gütige Vorsehung, an welcher sie nie gezweifelt hat, für manchen über alle Maßen Begnadeten den dornenvollen Weg zum Himmel in eine Wanderung so schön und wonnehell, daß Engel das Menschenkind darum beneiden könnten? .. . Seligkeit ohnegleichen – seine Frau sein, seine Genossin . .. Und durch dieses höchste Glück, das zu erkaufen kein Opfer groß genug gewesen wäre, zugleich auch befreit werden von aller Sorge und Mühsal, den bitteren Kampf nicht mehr kämpfen müssen, den jeder Morgen erneute und zu dem nicht mehr jeder Morgen die alte Freudigkeit brachte... Als Claire an ihrem Ziel anlangte und die Treppe betrat, auf welcher sie dem Geliebten zum erstenmal begegnet war, atmete sie tief und blieb einen Augenblick in stilles Sinnen versunken stehen. »Fräuln!« wurde sie plötzlich angerufen. Der Portier war aus seiner Loge getreten und winkte ihr, den Hut im Genick, mit dem silberbeschlagenen Stock vertraulich zu. »Was ist's denn mit Ihnen? Die Herrschaften schicken schon in einem fort fragen, ob Sie nicht haben absagen lassen, die Herrschaften sind schon bei Tisch.« Eilends begab Claire sich nach dem Speisesaal und fand dort in der Tat die Familie bereits versammelt. Feierliches Schweigen empfing sie, nur unterbrochen durch ein Freudengeschrei Chouchous, in das Baby einstimmte. Sie wurden sofort zur Ruhe verwiesen. Die Gräfin heftete auf Claire, als diese, sie begrüßend, an der Tafel Platz nahm, einen langen vorwurfsvollen Blick, senkte ihn dann auf ihren wohlbesetzten Teller und führte mit verächtlicher Leidensmiene einen Bissen nach dem anderen langsam zum Munde. Die Komtessen und Gräflein guckten voll mehr oder minder unschuldiger Schadenfreude abwechselnd Mama und Claire an, und Chouchou und Baby, die seit dem Eintreten der letzteren in einen Kampf mit ihren Bonnen geraten waren, machten sich plötzlich von ihren Bändigerinnen los und stürzten jubelnd auf Claire zu. Mit Donnerstimme befahl der Graf die kecken kleinen Gesellen auf ihre Sessel zurück, und als die unversehens Angewetterten vor Schrecken in Geheul ausbrachen, wurden sie in ihre Zimmer geschickt. Nach dieser Katastrophe trat eine wahre Kirchhofsstille ein. Unhörbar für jeden außer für den, an den es gerichtet war, machte die Stiftsdame dem Hofmeister das Geständnis, daß »in ihr alles koche«. Die Gräfin aber salzte den Spargel, den sie eben aß, mit einer Träne. Nach kurzer Weile erlaubte sich Claire, beim Grafen Fürsprache für ihre Zöglinge einzulegen; er aber reagierte nicht darauf, sondern sprach: »Sie unpünktlich, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr lang... Ei, ei, Fräulein Dübois, unpünktlich zum erstenmal im Leben!« »Lassen Sie mir das als Entschuldigung gelten, Herr Graf«, entgegnete Claire mit wunderbarer Gelassenheit. »Was haben Sie denn für ein Gewissen?« flüsterte Marie, ihre Nachbarin, ihr neckend zu. »Sie versündigen sich gegen die Hausordnung, richten ein Familienunglück an und geraten darüber nicht einmal ein bißchen in Verzweiflung.« Nun erhob die Gräfin ihr betrübtes Angesicht. »Es ist doch außerordentlich merkwürdig, daß...« Der Satz blieb unvollendet, dank der stets geübten Selbstüberwindung der edlen Frau und ihrer Rücksicht gegen Untergebene. Erst zwei Stunden später, als sie mit ihrer Schwester ins Theater fuhr, begann sie von neuem: »Es ist doch außerordentlich merkwürdig, daß Fräulein Claire es nicht der Mühe wert gefunden hat, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.« »Das kommt daher«, erwiderte die Stiftsdame, »daß ihr sie verwöhnt habt. Ich sage immer, man darf die Leute nicht verwöhnen.« »Onkel und Tante zu Hause?« fragte Arnold, in das große kahle Vorzimmer der Wohnung Johann Bretfelds tretend. »Jawohl«, antwortete die Zofe, an welche er seine Worte gerichtet hatte. »Die Herren August und Vincenz haben da gespeist und die Damen auch, und –« setzte sie hinzu und zupfte schmunzelnd an ihrer weißen Schürze, »das Fräulein Josephine Bretfeld ist auch da.« Josephine Bretfeld... die einzige Tochter des Konsuls Bretfeld, die ihm von den Seinen bestimmte Braut, das junge Mädchen, mit dem zusammenzutreffen er sich bis jetzt so standhaft geweigert – sie hier? »Ist heute aus Paris angekommen mit dem Herrn Papa und bei uns abgestiegen«, fuhr die Zofe fort, nicht ohne Ergötzen an der Bestürzung, die ihre Nachricht hervorgebracht hatte. Arnold griff rasch in die Westentasche, zog ein paar zerknitterte Guldenscheine heraus und drückte sie der Dienerin in die Hand. »Sagen Sie niemand, daß ich hier gewesen bin«, sprach er, indem er sich hastig dem Ausgang zuwandte. – Da wurde die Tür des Speisezimmers aufgerissen, und August erschien. »Nun, Musikus, bist einmal da?« rief er dem Bruder zu und wiegte dabei behaglich seine hohe schmächtige Gestalt mit der eingedrückten Brust und den vorgebogenen Schultern. »Wir haben dich vom Fenster aus kommen sehen und alle gelacht über den Zufall, der dich gerade heute herführt. Nur herein also, nur herein.« Er schwankte voraus wie ein Boot im Winde, die Türen hinter sich offen lassend, und Arnold blieb nichts übrig, als ihm durch eine Reihe steif und unwohnlich eingerichteter Gemächer bis in den Salon zu folgen. Da saß der wohlbekannte Kreis in der wohlbekannten Weise. Auf dem altmodischen, mit rotem Brokat überzogenen Kanapee die alte Tante Johanna in silbergrauem Taffet mit einer gewaltigen weißen Haube auf dem noch stramm gehaltenen Kopfe. Rechts und links von ihr auf geradlehnigen Fauteuils ihre Nichten, die Zwillingsschwestern Elise und Berta, zwei strenge Schönheiten, mittelgroß, wohlproportioniert, mit länglichen ebenmäßigen Gesichtern, die bereits zur Üppigkeit neigenden Körperformen in eng anliegenden Küraßtaillen von gelbbraunem Atlas eingedämmt. Den Damen gegenüber verschwand beinahe in einem großen tiefen Lehnstuhl der greise und winzige Chef des Hauses Bretfeld. Seine Füße, die nicht bis zum Fußboden gereicht hätten, ruhten auf einem Schemel. Er horchte, den Mund halb geöffnet, mit der Neugier der Tauben nach allen Seiten hin und schien kein Wort des geführten Gespräches verlieren zu wollen. »Arnold ist da!« rief August ihm nun zu und beugte sich zu ihm nieder. »Wer?« fragte der Greis. »Arnold«, wiederholte, ihm ins andere, ins bessere Ohr schreiend, sein Neffe Vincenz. Das war der »elegante« Vincenz, das leibhaftige Widerspiel Augusts. Kurz und gedrungen, schwarzäugig, schwarzbärtig, zu sorgfältig gekleidet, zu gut frisiert, den kleinen Finger jeder Hand mit einem Ring geschmückt, dessen Brillant fixsternmäßig funkelte. Der Anblick dieser Ringe genügte sonst, um Arnolds Spott zu reizen und in ihm die Lust zu erwecken, den kargen Vorrat von abgedroschenen Spaßen, aus dem das Unterhaltungsbedürfnis der Seinen gedeckt wurde, mit einigen lustigen Witzen aufzufrischen. Heute fertigte er die Familie mit einer kurzen Begrüßung ab. Seine ganze, seine staunende Aufmerksamkeit wurde von der neuen Erscheinung in Anspruch genommen, die er bei seinen Angehörigen traf, von dem Mädchen, das er sich eben angeschickt hatte zu fliehen ... Himmel und Erde! wie schön war dieses schlanke Geschöpf mit den herrlichen aschblonden Haaren, das ihn aus großen Augen ansah und seine tiefe Verbeugung so unbefangen erwiderte, daß kein Zweifel walten konnte über ihre Unkenntnis der Absichten, welche ihr Vater mit dem Besuch der Verwandten in Wien verband – im vorigen Jahre wenigstens verbunden hatte, als Arnold, der Wahl, die seine Brüder für ihn getroffen, mißtrauend, einer Begegnung mit dem Gegenstand derselben schnöde ausgewichen war. Wer konnte aber auch den schwerfälligen Kaufleuten, den Männern ihrer Frauen, einen so ausgezeichneten Geschmack zutrauen? Sie waren aus Paris gekommen, entzückt von ihrer Nichte Josephine und deren Lob in allen Tonarten singend. Arnold jedoch hatte aus ihren Hymnen nichts herausgehört als den Schrei der Sympathie der Millionen des Hauses Bretfeld senior für die Millionen des Hauses Bretfeld junior. Welch ein Irrtum, welch ein Unrecht, an dem anmutigen Wesen begangen, das jetzt vor ihm stand, so natürlich, so einfach, so ernst – und so jung!... so jung! – Welcher Kontrast zwischen der liebenswürdig ungezwungenen Art und Weise dieses weltgewandten Kindes und den hölzernen Manieren seiner Schwägerinnen, die immer verfangen in einem Netz von Ansprüchen und doch immer verlegen waren und zweierlei Benehmen hatten, eines für die Gesellschaft und eines für das Haus. Arnold mußte bekennen: die Absicht, die seine Brüder mit ihm gehabt, war eine gute gewesen. – Unglaublich nur, unverzeihlich fast erschien ihm, daß er, der Bräutigam von drei Stunden, ein Auge haben konnte, ein waches und scharfsichtiges Auge für die Vorzüge eines anderen Wesens als desjenigen, das er erkoren und errungen. Indessen war ja sein Schicksal besiegelt und das Wohlgefallen, welches das schöne Mädchen ihm einflößte, ein rein künstlerisches. Immer behaglicher gab er sich dem Vergnügen, mit ihr zu plaudern, hin und fand die Störung höchst unangenehm, die der Vater Josephinens verursachte, als er erschien, um sie zur Oper abzuholen. Konsul Bretfeld kam vom Diner beim Handelsminister und war gar freundlich anzuschauen, wie er daherschnellte, federnden Ganges, im Schmucke seiner vielen Orden. Sein rundes, rötliches, von Selbstzufriedenheit strahlendes Gesicht verdüsterte sich, als er Arnold gewahrte, und ziemlich trocken erwiderte er auf dessen Anrede: »Noch nicht zu Hofe gefahren, Herr Vetter? Hat es damit in diesem Jahre weniger Eile als im verflossenen? Oder ist noch keine Einladung erfolgt?« »Doch«, antwortete Arnold, »ich habe sie bereits erhalten.« »Und ihr noch nicht entsprochen?« »Noch nicht; es ist sogar wahrscheinlich, daß ich sie ablehnen werde.« »Hahaha!« platzte August heraus und rieb sich geräuschvoll die knochigen Hände. »Johanna, was hat er gesagt?« rief der Chef des Hauses seiner Frau über den Tisch zu. Vincenz kicherte, Elise und Berta sahen ihre Männer mit zur Ordnung verweisenden Blicken an. Der Konsul aber näherte sich der Tante, küßte ihr zierlich die Hand, versprach, nach dem Theater seine Tochter persönlich in das gastfreie Verwandtenhaus zurückzugeleiten, winkte dem Mädchen voranzugehen und empfahl sich, von August und Vincenz geleitet. Gern wäre Arnold dem Beispiel der beiden gefolgt, doch widerstand er dieser Versuchung und setzte sich auf den von Vincenz verlassenen Sessel an die Seite seines Oheims. Der Greis hob den Kopf. »Nun, was sagst du?« fragte er gespannt. »Sprich aber laut, daß ich's hören kann.« »Hören Sie denn, lieber Onkel«, nahm Arnold nach einer Pause, während welcher seine Brüder wieder in den Salon getreten waren, das Wort. »Ich bin gekommen, um Ihnen, meiner verehrten Tante und meinen Geschwistern mitzuteilen ...« Die Ruhe, mit der er begonnen hatte, drohte ihn zu verlassen, und mit erzwungener Festigkeit schloß er: »Daß ich mich heute verlobt habe.« »Verlobt!« Alle Lippen wiederholten das Wort, teils erschrocken, teils ungläubig, nur August lachte: »Dummer Spaß!« Den Onkel überkam plötzlich eine große Lustigkeit. »Ei der Tausend – da schau einer den Burschen an!« Er schlug mit dem geballten Fäustchen, so stark er konnte, auf Arnolds Knie. »Er macht Spaße über seine Verlobung ... dürfte bald Ernst werden, was? Nun, wie sieht sie aus, die Braut? ... Ist sie reich? ist sie schön? wie heißt sie?« »Sie ist nicht reich und heißt Claire Dübois.« »Wie?« fragte der Alte, der schlecht verstanden zu haben glaubte, und Arnold rief ihm den Namen noch einmal laut ins Ohr. Es entstand eine allgemeine Stille. Elise unterbrach dieselbe zuerst, indem sie mit schneidendem Spotte sprach: »Ich entsinne mich eines Tanzmeisters Dübois.« »Ganz recht«, entgegnete Arnold, und seine Wimpern zuckten, »dessen Tochter ist meine Braut.« Der kleine Onkel wand sich vor Lachen in seinem großen Fauteuil, und Tante Johanna lachte mit, sehr erfreut, ihren alten Herrn so munter zu sehen. Die beiden Schwestern blieben stumm; August sagte noch einmal: »Dummer Spaß«, und Vincenz brummte: »Willst du uns zum besten haben? ... Du – und eine Tanzmeisterin!« »Das ist sie nicht... lernt sie doch kennen... erlaubt mir, euch meine Braut vorzustellen.« Ein ablehnender Ausruf der drei Damen beantwortete diese Zumutung. August und Vincenz traten dem jüngeren Bruder entgegen, der sich seinerseits erhob. Niemals, erklärten sie, werde Fräulein Dübois ihre Schwelle überschreiten; den Vorschlag, Erkundigungen nach ihr einzuziehen, wiesen sie entschieden von sich. Nicht einmal einen Tag lang sollte es heißen, die Familie erwäge, fasse das Undenkbare als eine Möglichkeit ins Auge. »Du irrst, Arnold«, mischte Elise sich in den Streit, »wenn du glaubst, daß ich deine Erkorene niemals gesehen habe. Ich besinne mich jetzt, ihr in einem Hause begegnet zu sein, in dem sie Lektionen gab. Eine verblühte Person, mein Lieber, die sich auf die Jugendliche spielt.« »Verblüht auch?« polterte Vincenz, »dafür aber natürlich um so erfahrener. Oh, du Musikus! – sich so fangen zu lassen von einer Intrigantin, einer Tänzerin, einer Französin.« »Kein Wort über sie!« rief Arnold; aber er wurde überstimmt. Was wußte er von der Welt, er, ein Bewohner von Wolkenkuckucksheim, von Natur dazu verurteilt, hinters Licht geführt, betrogen und ausgebeutet zu werden. Ein häßlicher Kampf entspann sich. Jeder Ausdruck von Gutmütigkeit war aus dem fahlen Gesicht Augusts verschwunden, der elegante Vincenz hatte sich in einen plumpen, Verleumdungen hervorstoßenden Gesellen verwandelt. Arnold öffnete den Mund nicht mehr. Wie fern stehen mir diese Menschen, dachte der Freund des Schönen. Mit regstem Interesse horchte der greise Oheim dem laut geführten Streit seiner Neffen. »Bleibst du trotzdem dabei?« ließ August seinen Bruder an. »Ich bleibe dabei«, erhielt er zur Antwort. »Johanna, was hat er gesagt?« kreischte der Chef. Seine Frau gab ihm einen Wink; sie standen auf und schritten Arm in Arm in das Nebenzimmer, wo man sie trotz der verschlossenen Tür sprechen hörte. Ihre Unterredung war bald zu einem Schlusse gelangt, und feierlich traten sie wieder ein und auf den Helden dieser Familienszene zu. »Du heiratest also wirklich die Tänzerin?« fragte der Greis. »Ich heirate Claire Dübois.« »Nun denn, Arnold, mein Junge« – die kleine Gestalt des Alten schien noch mehr in sich zusammenzuschrumpfen, und sein kahler, eckiger Kopf zitterte heftig –, »nun denn, so muß ich dich enterben. Es tut mir leid, mein Junge, aber Bretfeldsches Geld darf nicht auf Tanzmeisterkinder übergehen.« »Es ist kein Geld wie ein anderes«, sprach die Tante, »es ist in ehrenwerter Arbeit erworbenes Geld, das wir nur ehrenwerten Händen anvertrauen wollen.« »Vincenz«, befahl der Onkel, »geh hinüber ins Kontor und bringe mir Arnolds conto corrente .« Wenige Minuten später legte Vincenz ein großes Buch auf den Tisch, vor das der Chef sich stellte und dessen lange Zifferreihen er musterte wie ein Feldherr seine Truppen. Jetzt sollte mit dem Musikus abgerechnet werden. Bisher hatte man es nicht getan, sondern ihm die Summen gegeben, die er verlangte. Wenn er viel Geld ausgab für seine Musikinstrumente oder seine Bildersammlung, sagte August höchstens: »Bist ein Klavier- und Geigen-Don-Juan«, oder: »Schon wieder ein Bild gekauft? Mußt immer Bilderln anschauen wie ein kleines Kind.« Und immer war vom alten Herrn entschieden worden: »Zahlt, aber nicht von dem Seinen, ich streck ihm vor. Solang er's nicht ärger treibt, streck ich vor. Laßt ihm das Seine nur beisammen.« Der alte Herr hatte ihn ein für allemal akzeptiert als den Unmündigen in der Familie, für dessen Wohl gesorgt werden muß, weil er nicht selbst dafür zu sorgen versteht. Eine andere Gestalt jedoch nehmen die Dinge an, wenn der liebe Junge sich loslöst aus dem Verband des Hauses, wenn man nicht mehr den zukünftigen Erben in ihm zu schonen hat. »Soll und Haben«, murmelte der Greis. August und Vincenz zogen Bleistifte und Blocks aus den Taschen und schrieben mit fast komischer Geschwindigkeit Zahlen auf; der Chef rechnete im Kopfe. »39651 Gulden und 40 Kreuzer«, sprach er nach kurzer Zeit, und zugleich legten August und Vincenz ihre Blocks vor ihn hin und wiederholten: »39651 Gulden und 40 Kreuzer.« »Wenn ich mich bezahlt mache – und ich werde mich bezahlt machen –, heute dein ganzes Vermögen, mein lieber Junge«, sagte Onkel Johann. »Wie?« rief Arnold in Bestürzung aus. »Ja, ja, lieber Junge, du hättest das längst wissen können, wenn du dich um deine Sache gekümmert hättest. Deine Eltern haben Vincenz und dich auf den Pflichtteil gesetzt, damit August das Geschäft in der alten glänzenden Weise fortführen könne. Der hier« – er wies auf Vincenz – »ist ein Mehrer, hat auch vernünftig geheiratet; das Seine ist gewachsen. Du bist ein Zehrer, willst nicht vernünftig heiraten; das Deine ist zusammengeschmolzen und wird bald nichts mehr sein. Die arme Tänzerin, ich muß sie bedauern. Sie hat sich verrechnet. Du wirst als Ehemann nicht so großmütig gegen sie sein können, wie du es gewiß als Courmacher gewesen bist.« »Onkel!« schrie Arnold gepeinigt; und der Alte hob sogleich wieder an mit seiner schrillen und zitternden Stimme: »Ich bitte dich, überleg's! Sie besitzt keinen der äußeren Vorzüge, die uns Männer blenden und hinreißen, aus eigenem Antrieb Dummheiten zu machen; ihre Reize haben dich nicht verführt, du kannst nur gefangen worden sein... Sei doch kein Narr und sieh es ein: eine solche Verblendung ist kein Unglück mehr, ist eine Schande.« Die Zustimmung der übrigen begrüßte diesen Ausruf des Chefs, und Arnold wußte, daß er sich sechs Menschen und einer Meinung gegenüberbefand, einer unerschütterlichen Meinung, in welcher Claire ungesehen gerichtet und ungehört verdammt war. Jede gute Regung in ihm bäumte sich auf gegen diese engherzige grausame Ungerechtigkeit, und stolz aufgerichtet im Gefühl seines höheren Wertes sprach er: »Ich bin nicht verblendet, ihr seid es, und zwar in der Weise, die eurer Phantasie entspricht. Ich hätte nichts anderes erwarten sollen. Nun bleibt mir die ewige Reue, den Namen Claires vor euch genannt zu haben.« »Johanna, was sagt er?« rief der Greis, und Arnold, der sich schon zum Gehen gewendet hatte, sah, noch einen letzten Blick zurückwerfend, daß die Augen des Alten mit einem Ausdruck schmerzlicher Bangigkeit auf ihn gerichtet waren. Am nächsten Tage beklagten sich die Eltern der Gräfin Meiberg darüber, daß Claire gestern bei der Partie sehr zerstreut und gar nicht wie sonst gewesen, auch ungewöhnlich früh fortgegangen sei. Was mag sie gehabt haben? Vielleicht Migräne? Die meisten Lehrerinnen haben Migräne. Bisher war Claire von diesem Übel verschont geblieben; wie fatal, wenn es sich gerade jetzt, da man ein dauerndes Engagement mit ihr abgeschlossen, einstellte. Von dieser Besorgnis erfüllt, begab sich die Gräfin nach der Kinderstube, in welcher Claire, wenn sie heute pünktlich gewesen, vor fünf Minuten eingetroffen sein mußte. Sie war da. Sie saß am Tische zwischen Chouchou und Baby und erzählte ihnen eine Geschichte, eine durchaus nicht traurige, sondern eine lustige Geschichte, über welche die kleinen Jungen schon oft herzlich gelacht hatten. Heute aber lachten sie nicht. Sie sahen vielmehr ganz verdutzt drein und starrten regungslos und unverwandt auf den Mund der Erzählerin. Diesen hübschen und edlen Mund umspielte, während er von heiteren Dingen sprach, ein unstet flatternder Leidenszug, und sooft Claire auch versuchte, ihre kleinen Zöglinge freundlich und heiter anzublicken, immer wieder senkten sich ihre Lider rasch und unwillkürlich. Die Gräfin war an den Tisch getreten, nachdem sie Claire durch einige Worte aufgefordert hatte, sich nicht unterbrechen zu lassen. In der Art, in welcher Mama das tat, mußte etwas liegen, das Chouchou nicht gefiel und das er gutzumachen wünschte. Plötzlich sprang er auf und klopfte mit seiner kleinen Hand derb und zärtlich die Wange seiner Freundin. Sie wollte es ihm verweisen, vermochte aber weder zu sprechen noch die Tränen, die ihr in die Augen traten, zurückzudrängen. Das sehen, sich Claire an den Hals werfen und mit ihr weinen, war eins für Chouchou und für seinen getreuen Nachahmer Baby. Mit größter Mühe hätte die Gräfin eine bessere Gelegenheit gerührt zu werden nicht finden können. Seltsamerweise machte sie von derselben keinen Gebrauch. Ihre Ergriffenheit bildete nicht wie gewöhnlich einen feuchten Niederschlag, sondern kristallisierte zu Eis. Es wurde ordentlich kühl im Zimmer, als sie den Blick ihrer lichten Augen über Claire hinweggleiten ließ, ihn auf eine sinnbildliche Darstellung der Caritas heftete, die an der Wand hing, und sprach: »Gestern sind Sie zu spät zu uns gekommen und sind zu früh fortgegangen, heute machen Sie meinen Kindern eine Szene. Das geht nicht; es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß das nicht geht. Besonders nicht diesen Kindern gegenüber, denen ihr Vater vorwirft – und ihr Vater wirft immer nur mit Recht vor –, daß sie den ganzen Tag nichts tun als weinen.« »Sie werden nicht mehr weinen, es ist schon vorbei; nicht wahr, Chouchou und Baby?« sagte Claire, die wieder Herrin ihrer selbst geworden war, sich erhoben und die Standrede der Gräfin schweigend angehört hatte. Die letztere öffnete ihre schmalen, immer trockenen Lippen nur noch zu den Worten: »Wir wollen sehen«, und schritt mit unnachahmlicher Hoheit aus dem Zimmer. Noch eine Unterrichtsstunde gab Claire an dem Vormittage, dann eilte sie heim wie gejagt. »Keine Nachricht?« war ihre erste hastig hervorgestoßene Frage an die Baronin, und diese schüttelte, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, verneinend den Kopf. Claire setzte sich ihr gegenüber. »Er wird selbst kommen wollen«, sagte sie, »er weiß, daß ich bis drei Uhr zu Hause bin.« »Möglich«, erwiderte Karoline, und lange Zeit wurde kein Wort mehr gesprochen. »Weißt du, was ich meine?« unterbrach Claire endlich das Schweigen. »Es ist so: er hat gestern seiner Familie seine Verlobung mit mir angezeigt, und seine Familie hat die Kunde« – sie machte einen mißlungenen Versuch, einen leichten und scherzenden Ton anzuschlagen – »mit geringer Begeisterung aufgenommen.« »Wahrscheinlich.« »Und jetzt kämpft er für mich, um mich.« »Er kämpft?... Sagte er nicht, daß er gewohnt sei, seiner Familie mit fertigen Tatsachen entgegenzutreten?« »Er sagte es; aber er kennt mich, er täuscht sich nicht über die Qual, die der Gedanke mir verursachen würde, schuld zu sein an einer Entfremdung zwischen ihm und den Seinen. Darum bemüht er sich, mir die Pfade zu ebnen... Offene Arme sollen mich empfangen, das will er; und wie dank ich ihm!... Ich könnte es ja nicht verwinden, seine Frau –« Claire wiederholte die letzten Worte mit dem Ausdruck des höchsten Stolzes, »seine Frau zu sein und nicht aufgenommen, wie es ihm gebührt, von denen, die ihm die Nächsten sind.« An der Haustür wurde geschellt – Claire stieß einen leisen bebenden Schrei des Jubels aus und eilte ins Vorgemach. Nach wenigen Minuten kehrte sie zurück – allein. »Ein Diener der Gräfin Küstin«, sprach sie, »hat das Geld für die Ausbesserung des Spitzenschleiers gebracht. Ich habe den Empfang in deinem Namen quittiert. Die Gräfin läßt sagen, die Rechnung sei sehr hoch gestellt gewesen.« »Wenn Leute, die von Arbeit keinen Begriff haben, sich doch nicht unterfangen wollten, Arbeit zu taxieren«, entgegnete Karoline und stickte weiter. Claire schloß die Augen; ihre Hände ruhten müßig in ihrem Schoße. Das Bewußtsein der Zeit, die verstrich, ergriff sie beklemmend wie etwas physisch Fühlbares. Entsetzlich langsam für die sehnsüchtige Erwartung, fürchterlich rasch für die getäuschte Hoffnung rannen die Stunden dahin. Manchmal stand die Baronin auf, ging, nach ihrem Kranken zu sehen, und kam dann wieder an den Stickrahmen zurück. Claire wandte den Blick nicht zu ihrer Freundin; sie war gewiß, wenn sie es täte, würde sie einem strengen Antlitz begegnen, auf dem sich Unzufriedenheit mit ihr malte. »Halb drei Uhr«, sprach Frau Karoline plötzlich, »du mußt nun fort.« Die Angeredete fuhr zusammen. »Und wenn ich nicht ginge?« fragte sie zögernd. »Tätest du eben unrecht«, lautete die Antwort. Eine Viertelstunde später befand sich Claire auf der Wanderung zu Meibergs. Sie ahnte nicht, als sie, die Brücke zum Stadtpark überschreitend, am Kastanienwäldchen vorüberging, daß sich von einer Bank in demselben ein junger schlanker Mann erhoben hatte, der nun auf den Weg trat, den sie eingeschlagen, und ihr nachsah, solange er sie irgend erblicken konnte. Ihm war nicht wohl zumute, sein Mund bebte schmerzlich, seine Brauen zogen sich zusammen. Er stieß den Fuß heftig gegen den Boden, er dachte: Arme Claire! Mitleid mit ihr schwellte sein Herz und Groll und Haß gegen diejenigen, die nicht zulassen wollten, daß sie glücklich werde. Auch er hatte schwere Stunden gehabt und zum erstenmal in seinem Leben eine Nacht in heißem Seelenkampfe durchwacht. Von der Unterredung mit seinen Angehörigen war er in seine Wohnung heimgekehrt und rastlos auf und ab geschritten in den hellen, mit künstlerischem Schönheitssinn ausgeschmückten Räumen. Der Augenblick, in welchem er Claire hierherführen und ihr sagen würde: Tritt ein, schalte und walte, du bist in deinem Eigentum, der köstliche Augenblick, den er sich so freudig ausgemalt, sollte niemals kommen. Was Arnold der Erwählten jetzt zu bieten hatte, war nicht mehr Wohlstand; diese Wohnung paßte nicht mehr zu den Verhältnissen, in welche er von heute an getreten war; sie mußte aufgegeben und ihre besten Zierden, um die Reichere, als er gewesen, ihn gar oft beneidet hatten, mußten verkauft werden. Es hieß Geld schaffen. Der neue Haushalt, wenn auch noch so bescheiden, mußte errichtet werden. Und dann sollte man leben, und daß man es von den schmalen Renten könne, die sein zusammengeschmolzenes Vermögen abwerfen werde, fiel Arnold nicht ein. Verdienen galt's, beträchtlich verdienen! In welcher Weise, lag auf der Hand. Aber ein wahrer Greuel war ihm diese Weise – schon damals, als er sie spielend, mit der hochmütigen Gleichgültigkeit des vielumworbenen »finishing master's«, betrieb. Er pflegte über die Preise zu spotten, mit denen man den Vorzug erkaufte, sich des Unterrichts Herrn Bretfelds rühmen zu dürfen, und ließ das aufgedrungene Geld, das ihn für die Langeweile des »Stundengebens« doch nicht entschädigte, achtlos durch die Finger gleiten. Daß er auf Erwerb keinen Wert legte, das bewies die Lässigkeit, mit welcher er sein so überaus einträgliches Lehramt versah. Als er sich eine Zeitlang, den Begegnungen mit Claire zuliebe, regelmäßig bei Meibergs eingefunden hatte, erregte diese Pünktlichkeit den Neid aller seiner übrigen Schülerinnen. Gewesen, diese Zeiten! eine neue Ära beginnt. Der interessante, der schöne, der reiche Herr Bretfeld versäumt keine Lektion mehr... Wie merkwürdig! – Ja, er hat eine »dumme Heirat« gemacht und braucht jetzt sein Honorar. Steht es so? – Nun, wenn das Honorar gebraucht wird, dann wird es zugleich billiger, das ist ganz natürlich; und mit seiner »dummen Heirat« und mit seinen billigen Honoraren sinkt Herr Bretfeld von seiner Höhe, sinkt herab zum Lehrer, den man aus Höflichkeit »Herr Professor« nennt und – ausschließt. Die Zeit wird bald dahin sein, in welcher Arnolds Name sein Titel war und ihm die exklusivsten Kreise zugänglich gemacht hatte. Er sah ganz genau, was ihm bevorstand, er kannte die Menschen und das Leben besser, als seine Angehörigen sich's träumen ließen, die meinten, daß einer, der vom Weltmarkt nichts versteht, von der Welt überhaupt nichts weiß. Er gab keiner Täuschung Raum, gestand sich, daß alles verfehlt sei, auch der Geliebten gegenüber, alles. Eine glänzende Zukunft hatte er ihr zu bereiten versprochen, und was er ihr in Wirklichkeit zu bieten vermochte, war nichts anderes als eine Fortsetzung ihrer jetzigen Existenz. Der Gedanke an Claire war ihm der bitterste; die lange Nacht hindurch quälte er sich damit, eine Hilfe, einen Ausweg zu suchen, entwarf die abenteuerlichsten Pläne, zog die unmöglichsten Wenn ins Bereich seiner Erwägungen, nur das eine nicht: Wenn die Meinen nachgeben würden!. .. Die gaben nicht nach; die hatten gesprochen, und wie sie es heute getan, würden sie es in zehn Jahren wieder tun. Am Morgen verließ er seine Wohnung und wanderte ziellos in den Straßen umher. Er nahm sich vor, Claire nicht zu schonen, ihr die ganze Wahrheit zu sagen. Und wenn sie dann, wie es ihr so ähnlich sah, werde zurücktreten wollen, dann werde er es nicht zugeben – um keinen Preis... Was wäre ich, wenn ich das vermöchte, was wäre ich! wiederholte er zahllose Male leise vor sich hin. In den Stunden, in welchen sie so bang auf ihn gewartet, war er zum Entschluß gekommen, die schlimme Kunde, die er ihr mitzuteilen hatte, nicht selbst zu bringen. Zu grausam für sie, zu peinlich für ihn erschien ihm das, und so hatte er des Augenblickes geharrt, in dem Claire die zweite Hälfte ihres Tagewerks begann, und schlug nun den Weg, den sie eben gegangen war, in entgegengesetzter Richtung ein. Unweit von dem Hause, dem er zuschritt, wurde er von einem Mietwagen überholt, der vor dem Tore desselben anhielt. Langsam öffnete sich der Schlag, eine kleine Greisengestalt entstieg ihm, schwankte, unsicher auf einen Stock gestützt, über das Trottoir und verschwand im Eingang. Arnold blieb, starr vor Überraschung, stehen. Nach einer Weile bog er dann in die nächste Seitenstraße ein und spähte von dort nach dem Tor hinüber. Kaum eine Viertelstunde verging, und der Greis kehrte zurück, gab dem seiner wartenden Kutscher ein Zeichen und kauerte sich hastig, als fürchte er gesehen zu werden, in eine Ecke des Gefährts, das mit ihm davonrollte. Arnold aber eilte ins Haus, rannte die Treppe empor, und von der Baronin auf sein Schellen eingelassen, stürmte er ihr nach in das Zimmer. »Mein Onkel war bei Ihnen. Was hat er hier gewollt?« fragte er, ergriff beide Hände der alten Frau und schüttelte sie heftig, kaum wissend, was er tat. Freundlicher, als es jemals geschehen, blickte ihm Karoline in das glühende Gesicht. »Er hat Ihnen eine unangenehme Erörterung erspart«, sagte sie. »Sie brauchen mir nichts mehr zu erzählen. Hingegen habe ich Ihnen eine Botschaft zu verkündigen, die Sie in Staunen setzen wird. Ihr Onkel – ja, das Alter zerbröckelt sogar den Stein und erweicht einen Bretfeld –, Ihr Onkel meldet Ihnen durch mich, daß er Ihnen acht Tage Bedenkzeit läßt.« »Was soll das?« rief Arnold. »In acht Tagen werde ich wollen, was ich heute will!« »Und in acht Monaten, und vielleicht früher schon, blutig bereuen, so gewollt zu haben. Warum gewollt? Nicht weil eine allmächtige Liebe und Leidenschaft Sie treibt, nein, aus Eitelkeit, aus Trotz, weil Ihnen der Mut fehlt zu sagen: Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich geirrt.« »Der Mut? ... das heißt die Schamlosigkeit!« Die Baronin beantwortete diesen Ausruf mit einer Gebärde unsagbarer Geringschätzung. »Lauter falsche Empfindungen«, sprach sie, »lauter Hohlheit, lauter Schein. Ein bißchen ehrlicher Zynismus wäre mir lieber. Seien Sie doch einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld! Sie haben nachgedacht, ich sehe es Ihnen an; Sie wissen, welche Zukunft mit Ihnen zu teilen Sie Claire einladen. Eine Zukunft voll Mühen, denen Sie nicht gewachsen sind.« Sie hielt ihm die eindringlichste von allen Reden, eine Rede, die aussprach, was er sich selbst im stillen schon gesagt, nur klarer, nur schneidiger. Kalt und unerbittlich schilderte sie ihn, wie er war, entkleidete ihn Stück für Stück seiner erborgten Herrlichkeiten und ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrigblieb. Er suchte sich zu verteidigen; da hob die alte Frau ihren mächtigen Kopf hoch empor und fragte: »Wenn Sie alles ungeschehen machen könnten, was sich zwischen dem Tage Ihrer ersten Begegnung mit Claire und dem heutigen begeben hat, würden Sie es tun?« Arnold errötete und wandte sich ab. »Ich kann es aber nicht ungeschehen machen.« Die Baronin lachte triumphierend auf. »Etwas Vergessenes ist so gut wie nie Gewesenes! Vergessen Sie!« »Vergessen? Ein Unrecht, eine Schuld?« »Pah! Niemand weiß besser als Sie, daß es eine Torheit wäre, Ihr angenehmes Leben, Ihre schöne Zukunft einer Heirat mit Claire aufzuopfern. Wer sollte Ihnen eine Schuld beimessen, weil Sie eine Torheit nicht begehen? – ein Tor höchstens. Nun, Herr, ich kenne wenig Menschen, die darauf bestehen, sich selbst einer Schuld zu zeihen, wo kein Kluger eine Schuld findet. Sie gehören nicht zu diesen wenigen, Sie werden mit Ihrem Gewissen so ins reine kommen. Ferner Sohn des Reichtums, kehren Sie zurück unter das väterliche Dach! Tun Sie es rasch, nicht mit grausamer Langsamkeit. Je plötzlicher Sie sich von Claire losreißen, desto leichter machen Sie es ihr, ihrem Glückstraum zu entsagen. Ich bitte um Schonung für diejenige, die Ihnen eine vergängliche Liebe, aber – nicht wahr? und mich wundert nur, daß Sie es nicht schon ausgesprochen – eine ewige Freundschaft eingeflößt hat ... Opfern Sie sich; erscheinen Sie roh, um eine Wohltat zu erweisen! Seien Sie einmal großmütig – die letzte Gelegenheit zur Großmut, Herr – greifen Sie zu!« Arnold knirschte und hätte im Zorne über die erfahrene Beleidigung sich fast von neuem verschworen, sich abermals in das Netz verwickelt, nur um dem bitteren Hohn des Weibes, das er haßte, zu entgehen. Aber er besann sich, er dachte: Durch! diese große Demütigung ist der Weg zur Freiheit! »Verleumden Sie mein Herz, soviel Sie wollen«, sprach er, »sagen Sie Claire, was Sie wollen. Ich liebe Claire, und was auch geschehen möge, ich werde nie aufhören, sie zu lieben ... Und auf dem Recht, das sie selbst mir eingeräumt, werde ich bestehen ... auf dem Recht, sie für immer zu befreien von jeder materiellen Sorge!« »Herr!« schrie die Baronin, »Herr!« Sie erhob sich, ihre lange schmale Gestalt in dem ärmlichen schwarzen Kleide nahm eine unendliche Würde an. Wie eine Königin gegen einen frech gewordenen Untertan streckte sie die Hand aus und wies dann nach der Tür. Einen finsteren Blick warf Arnold auf sie und empfand, in welchem Maße er sich selbst in ihren Augen erniedrigt hatte. Sein Hochmut rang und suchte nach Waffen gegen den Stolz dieser Frau, nach einem Partherpfeil wenigstens, den er ihr zuschnellen könnte, bevor er schied. Umsonst! Nichts gab der Augenblick ihm ein, und stumm leistete er ihrer stummen Aufforderung Folge. Daheim warf er sich auf den Diwan, vergrub den Kopf in die Kissen, ließ den Sturm in seinem Innern austoben und kam allmählich mit einem gewissen Behagen zum Gefühl physischer Müdigkeit, Hungers und Durstes; er aß, trank und schlief. Um zehn Uhr brachte ihm sein Diener ein Telegramm aus Deutschland: »Hoheit lassen Ihr Schweigen als Annahme der an Sie ergangenen Einladung gelten. Sie werden stündlich erwartet.« Allein in einem Kupee erster Klasse des Schnellzuges der Westbahn befand sich am nächsten Morgen Arnold Bretfeld. Er stand am Fenster und blickte in den jungen Tag hinein. Taufrisch, üppig und grün wellten die Höhen dem goldschimmernden Horizont zu, in wolkenloser Reinheit blaute der Himmel. Die graue Dunstatmosphäre über der großen Stadt im Osten bildete in all dem Glanze den einzigen Fleck. Auch der versank in immer weitere Ferne. Da atmete Arnold auf wie ein Erlöster. Da war der eiserne Ring, den selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten, entzweigesprungen. Heil mir! jauchzte er laut im Gefühl der seligsten Genesung. Abgetan der schnöde Drang, ein anderer sein zu wollen, als er war; abgetan das kränkliche Mitleid, das ihn irregemacht an seiner eigenen Empfindung und ihn Liebe hatte nennen lassen, was Erbarmen war. Abgetan Selbsttäuschung und Lüge. Ohne falsche Bescheidenheit nehme jeder den Platz ein, der ihm zukommt am Mahle des Lebens. Ist's ein bevorzugter, um so besser! Was nützt es den Armen, für die der Abhub bestimmt ist, wenn man sich zu ihnen gesellt? Jedem das Seine – Mühsal und Arbeit denen, die dazu berufen sind; Freude, Genuß, göttliches Odium den Erwählten! ... Mir! sagte sich Arnold, und jeder seiner Pulsschläge war Lebenslust, und jeder Herzschlag Verheißung. Weit öffnete die Welt sich wieder vor ihm, die schöne Welt, die ihm gehört und seinesgleichen. Alles Glück dem Glücklichen. Sogar die leise Wehmut, die sich bei dem Gedanken an Claire durch seine Seele schlich, war nichts als ein leichter Schatten, der das Licht, das ihn allzu grell überfluten wollte, mild abdämpfte. Am Abend zuvor war Claire nach Hause gekommen, hatte das erste Zimmer leer und Karoline im zweiten am Bette ihres Kranken gefunden, der in tiefem Schlafe lag. Das Mädchen näherte sich mit unhörbaren Schritten und fragte sie: »Ist er dagewesen?« »Ja.« »Und –?« Karoline zuckte die Achseln. »Die Seinen verwerfen mich ... Ich kann mir's denken ... Rede!« Aber als die Baronin zu sprechen begann, fiel Claire ihr ins Wort: »Nicht in diesem Tone! ... Ich ertrag es nicht... weiß auch genug.« Ihr ganzer Körper zitterte und bebte. »Was ich erfahren muß, will ich von ihm erfahren, durch niemand anders.« Und dabei blieb sie. »Er soll mir sagen, wie es steht, das zu tun kommt ihm zu, das zu fordern mir. Du«, erklärte sie der Baronin mit einer Festigkeit, die den Widerspruch ausschloß, »hast für ihn kein Verständnis und keine Güte.« Die Zeit verging. »Hoffst du noch?« fragte Karoline. »Ich bin so töricht! – Durch die Dämmerung um mich her dringt ein Sonnenstrahl, nicht stärker als der dünnste Faden«, erwiderte Cläre, »an den klammere ich mich und – gegen alle Voraussicht der Vernunft, gegen alle Gesetze der Physik – hält er mich – hält er mich aufrecht ... Was ich«, fügte sie herb hinzu, »jedenfalls so lange bleiben muß, bis Meibergs abreisen.« Unverdrossen ging sie den Anforderungen des Tages nach. In der Nacht aber lag sie schlaflos und bemühte sich, Gründe für Arnolds Ausbleiben zu ersinnen. Sie hatte ihn auf die Probe gestellt; vielleicht verlangte er Genugtuung dafür und stellte nun sie auf die Probe. Und wenn ihre Freundin behauptete, er sei verreist und werde nicht zu ihr zurückkehren, fragte Claire: »Hat er es dir gesagt?« »Das nicht.« »Siehst du! Ich setze meinen Glauben gegen deinen Unglauben und baue auf sein Wiederkommen.« Still, tapfer und treu kämpfte sie ihren Kampf ums Dasein fort. Sie meinte, es ganz genauso zu tun wie je und immer. Dennoch mußte sich irgendeine Veränderung an ihr wahrnehmbar machen; zu viele Leute fragten, ob sie leidend sei, und was ihr fehle. Daß sie versicherte, sich ganz wohlzufühlen, überzeugte niemand. Sie dürfe es nicht gelten lassen, daß sie zu kränkeln beginne, meinte man; wer würde denn eine kränkliche Lehrerin behalten? Wie es aber auch mit ihr stand, der Gräfin Meiberg hatte sie jedenfalls eine Enttäuschung bereitet. Es war doch zu fatal, daß Claires vielgerühmte gute Laune minder gut geworden, seitdem das Haus Meiberg sich dieselbe hatte nutzbar machen wollen. »Meibergsches Unglück!« seufzte die Gräfin. »Uns mißrät alles. Wir engagieren eine heitere Gesellschafterin – sogleich wird eine melancholische aus ihr.« »Dann sind wir Ursache, an uns liegt die Schuld!« entgegnete Marie. »Und ich finde sie auch so zerstreut«, sagte die Gräfin, welche nur ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte. Ihre Tochter jedoch versetzte: »Was liegt daran, Mama, zerstreut bist auch du.« Ihr Vater schmunzelte, bemerkte aber mit obligater Mißbilligung, das sei »ganz etwas anderes«, und so kühn die junge Dame auch war, den Mut zu fragen: Warum? hatte sie nicht. Eines Abends kam Claire, von Gräfin Meiberg ungewöhnlich früh entlassen, bei einbrechendem Zwielicht nach Hause. Das erste, worauf ihr Blick fiel, als sie das Zimmer betrat, war ein Brief mit der Postmarke des Deutschen Reiches. – Seine Botschaft! Leben oder Tod! Da hielt sie ihr verkörpertes Schicksal in den Händen. Ein kleines, lebloses Ding – wie ihm ähnliche zu Tausenden in der Stunde die Welt durchfliegen – und birgt das Heil oder Unheil eines Menschenlebens. Die Knie Claires versagten; sie ließ sich auf einen Sessel am geöffneten Fenster sinken und las beim letzten Lichtschein des langen Sommertages. Die schönen sympathischen Schriftzüge, die sie so oft bewundert hatte, wurden immer undeutlicher, immer mächtiger brach die Dunkelheit herein – nun war es Nacht. Die Bogen lagen auf Claires Schoß, unter ihren gefalteten Händen; sie konnte sie nicht mehr sehen, fühlte sie nur noch, hob sie empor und – riß sie langsam entzwei. Die Baronin trat ein, stellte die Lampe auf den Tisch, sah rasch auf denselben nieder und dann forschend hinüber nach Claire. Die Freundinnen tauschten einige Worte, und Karoline wandte sich wieder der Krankenstube zu. »Es gibt heute eine böse Nacht«, sprach sie im Fortgehen; »wirst du mich ein paar Stunden beim Wachen ablösen können?« Claire bejahte es, erhob sich und trat zur Lampe, über welche sie den Brief hielt. Die feinen Blätter krümmten sich, qualmten, flammten plötzlich auf und waren bald nichts mehr als schwarze Flocken, die Claire sammelte und hinausflattern ließ in die heiße, schwere Luft; die trug sie davon, in der zerstäubten sie, und mit ihnen zerstob, was das sichtbare Zeichen gewesen einer heftigen Selbstanklage, das Geständnis eines großen Irrtums – der Ausbruch eines nagenden Schuldbewußtseins. Getreulich half Claire der Freundin in der Ausübung ihres Samariteramtes. Es ging abwärts mit ihrem alten Hausgenossen, und wie sein unbedeutendes Leben kampflos verflossen war, so nahte ihm der Tod ohne Kampf, als ein sanftes langsames Aufhören. Und Claire beneidete ihn. Nie hat ein Kranker sich heißer nach Genesung gesehnt, als sie sich sehnte zu erkranken, recht schwer, am liebsten rettungslos. Es wäre so gut gewesen, zusammenzubrechen und sich nicht mehr aufraffen zu müssen jeden Morgen zum neuen Gang nach der alten Tretmühle des »Kreises der Pflichten«. Aber ihr Körper widerstand – sie blieb gesund. Der Schluß des Schuljahres kam; der junge Graf Meiberg legte seine Prüfung mit noch mehr Ehren ab als im vorigen Jahr, denn dieses Mal bekam er sogar ein Zeugnis, und die Familie reiste auf das Land. Beim Abschied gab die Gräfin Claire zu verstehen, daß sich manches ändern müsse, wenn die »neu eingegangenen Beziehungen« zu ihr in der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten. Die Gräfin konnte nicht umhin, das Bekenntnis abzulegen, daß ihr dünke, das Naturell der Lehrerin weise sie entschiedener auf den Umgang mit Kindern als auf den mit Erwachsenen an. Einmal wieder nach langer Zeit verirrte sich ein Lächeln auf die Lippen Claires, als sie der Freundin den Ausspruch der Gräfin mitteilte. Karoline nahm die Sache ernst. »Es wäre bös«, sagte sie, »wenn du dir die Stelle verscherzt hättest, um deretwillen du deine besten Stunden aufgeben mußtest.« »Was liegt daran?« lautete Claires Entgegnung, die von der Baronin mit Schweigen aufgenommen wurde. Sie sprachen überhaupt wenig, die beiden. Ruhig pflegte Karoline den Sterbenden und fand immer noch Zeit, die ihr anvertrauten Arbeiten richtig abzuliefern. Ihre Kraft wuchs mit den Anforderungen, die an sie gestellt wurden. Die starke Frau hatte ihr Haupt niemals höher getragen als jetzt im Leid um ihr armes altes Kind, gegen das die Herbe, Unbeugsame immer so mild und liebreich gewesen war und das sich nun anschickte, sie zu verlassen. Einmal war Claire später noch als gewöhnlich zur Ruhe gekommen und hatte dann fest und tief geschlafen bis gegen die Mittagszeit. Plötzlich fuhr sie auf und horchte; ihr schien, als sei ihr Name gerufen worden. Doch war es wohl nur Täuschung gewesen – nebenan herrschte lautlose Stille. Sie kühlte das brennende Gesicht, die heißen Glieder in frischem Wasser, warf ein leichtes Tuch über die Schultern und trat, um ihr Haar zu ordnen, an den kleinen Spiegel, der auf dem Kasten stand. Seit Wochen hatte sie nur mechanisch hineingeblickt – geblickt, ohne zu sehen; heute versenkte sie sich in die Betrachtung des traurigen Bildes, das er ihr in dem grellen Sonnenlicht, von dem die Stube erfüllt war, widerstrahlte. Oh, wie fahl ihre Wangen geworden waren, wie tief die Falten auf der Stirn, wie krankhaft gespannt die Züge! So war's doch möglich? so sollte ihr stiller sehnlicher Wunsch vielleicht doch in Erfüllung gehen? früher vielleicht, als sie zu hoffen gewagt hatte? »Der Kummer tötet den Mann und ernährt das Weib.« Dieses Sprichwort hatte ihre gute Mutter oft im Munde geführt und war doch selbst aus Kummer gestorben. Die Tochter ging denselben Weg. Gewiß, der Gram, der solche Verheerungen anzurichten vermag, der kann auch töten, der hat die Macht. Ein Gefühl von düsterer Freude erfüllte sie bei dem Gedanken und zuckte mit unheimlichem Aufleuchten aus ihren Augen. Nun tauchte hinter ihrem Spiegelbilde ein zweites, ein ruhiges, ernstes empor. Die Baronin war eingetreten. Claire begrüßte sie und sagte: »Ich habe mich nach langer Zeit einmal wieder in dem Spiegel gesehen und bin erstaunt... Meine Schülerinnen scheinen recht zu haben – ich bin wohl wirklich krank.« »Du bist es«, sprach die Baronin, »und tödlich, denn du willst dich sterben lassen. Das kann man ja. Du hast keine Freude mehr am Leben – du gehst. Und was treibt dich aus der Welt? – Ein Glück, das in deinem Fall allerdings ein ganz unerhörtes gewesen wäre, ist dir nicht zuteil geworden. Aber du hattest auf das Unerhörte gebaut, es angesehen als ein dir zukommendes; du fühlst dich in deinem Recht gekränkt und gehst aus dieser ungerechten Welt.« »Karoline!« beschwor Claire, doch jene fuhr fort: »Sieh dich um bei deinen Berufsgenossinnen – wie viele von ihnen haben ein dem deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal nicht gehabt? Wie viele haben ein schlimmeres erfahren? – Nun, sie leben, sie leisten, sie tragen die eigene Last, und wenn es sein muß, wohl auch die anderer, die minder beladen, aber schwächer sind als sie ... Du wandelst gleichgültig an ihnen vorüber – ich sage dir, beuge dich vor jeder, jede von ihnen ist mehr als du! ... Du lässest die Hände sinken, eh die Zeit zur Rüste gekommen; du hättest hier noch manches zu tun, deine Aufgabe ist noch nicht erfüllt, ein heiliges Versprechen noch nicht eingelöst; aber gleichviel – du gehst... und – kannst gehen.« »Karoline«, rief das Mädchen noch einmal mit inbrünstigem Flehen um Schonung. »Und kannst gehen!« wiederholte die alte Frau unerschütterlich. »Ich bin da. Ich habe noch Kraft übrig für deine Aufgabe, die meine ist getan. Komm, überzeuge dich.« Sie schritt voran und ließ die Tür des Krankenzimmers weit offenstehen. Auf dem Bette lag, mit schneeigem Linnen bedeckt, eine regungslose Gestalt, eine Leiche. Karoline näherte sich ihr, zog das Tuch hinweg und enthüllte ein Antlitz voll Schönheit. Ihr eigenes Gesicht erhellte sich im Widerschein des Friedens auf dem des Entschlafenen. Sie streichelte liebkosend seine langen weißen Haare, die sich weich unter ihre Finger schmiegten, und sprach zu Claire: »Ich hätte dich eigentlich nicht hierherführen sollen, der Anblick ist nicht angetan, vom Tode abzuschrecken. Aber glaube mir, so kommt er denen nicht, die sich ihn erzwungen haben. Claire« – sie legte den Arm um ihre Schutzbefohlene und zog sie an ihre Brust –, »nicht zu hastig, liebes Kind, warten wir in Geduld, bis sie kommt, die große Stunde, vielleicht tritt sie auch uns so freundlich an wie den!« »Was meinst du?« begann sie von neuem, als Claire gesenkten Hauptes und tränenlos in Schweigen verharrte. – »Was meinst du? Willst du zu warten nicht wenigstens versuchen?« Das Mädchen richtete sich an ihrer Freundin empor, und es war etwas von dem heiligen Mut der Märtyrer in dem Tone, in welchem sie sprach: »Ich will's versuchen.« Dem heißen Sommer folgte ein früher Herbst; die Villenbewohner kehrten aus der Umgegend, die Schloßbewohner aus den Provinzen nach der Stadt zurück. Claire nahm ihre Tätigkeit wieder auf, im Anfang mit einer gewissen Zaghaftigkeit, später mit neu erwachtem Selbstvertrauen und endlich mit gewohnter Lust und Liebe. Karoline findet heute an ihr eine feste Stütze, viele junge Herzen glühen für sie, und viele sehr alte weihen ihr die letzte Freundschaft. Sie zieht den Verkehr mit Kindern und Greisen jedem anderen vor. Die einzige Ausnahme darin macht sie für Komtesse Marie-Danton, die sich denn auch berühmt, zwischen ihr und Fräulein Dübois sei es auf Tod und Leben. Was Gräfin Meiberg betrifft, so versäumt sie es nie, wenn in ihrer Gegenwart von der Lehrerin gesprochen wird, mit tiefer Durchdrungenheit zu sagen: »Unsre gute Claire hat sich eine Zeitlang etwas vernachlässigt, jetzt aber ist sie wieder die alte.« Der Muff Die Generalin kam aus der Nachmittagsgesellschaft, an welcher mehrere ausgezeichnete Persönlichkeiten teilgenommen hatten. Sie befand sich in gehobener Stimmung. Man war sehr freundlich gegen sie gewesen, sehr, hatte sie dringend aufgefordert, eine ihrer kleinen Novellen, wenn auch nur die kleinste, vorzulesen. Für ihr Leben gern wäre sie der Einladung gefolgt, trug jedoch gerade an dem Nachmittag nicht das geringste Manuskriptlein bei sich, und so hatten die Gäste mit liebenswürdiger Resignation auf den Genuß verzichtet. Aber schon die Berücksichtigung, die dem bisher wenig aufgemunterten Talent der Generalin geschenkt worden, tat ihr unendlich wohl. Man lasse mich mit frühen Triumphen ungeschoren, sie sind nicht selten die Vorboten späterer Niederlagen, dachte sie. Wer vermag sich von der im raschen, glücklichen Schwung der Jugend erreichten Höhe noch höher emporzuschnellen? Meistens bleibt es bei dem glorreichen Anfang, und was nachkommt, ist ein Sinken, wenn's nicht gar ein Stürzen ist. Da lob ich mir mein bescheidenes Streben, das mich allerdings nicht auf die Höhe, aber doch auf eine Anhöhe geführt hat. Von den heitersten Vorstellungen umgaukelt, schreitet die große, schmächtige Dame rasch und rüstig dahin; das Gehen wird ihr heute so leicht, als ob die Trottoirs mit Kautschuk gepflastert wären. Herrliches Wetter! ein kernig kalter Märztag. Merklich früher steht schon die Sonne auf und geht merklich später schlafen. O wie gern sieht der die Tage wachsen, dessen eigener Lebenstag sich bereits zur Neige gewendet hat! Die Generalin verschränkt behaglich die Hände in ihrem großen Muff – ein wenn auch nicht mehr modernes, doch sehr kostbares und gediegenes Garderobestück – und wandert wohlgemut dahin. Sie hat noch eine gute Strecke Weges vor sich, eilt aber nicht, schlendert vielmehr gemächlich weiter, sieht sich die Vorübergehenden an, möchte jedem bis auf den Grund der Seele schauen, und den Armen, besonders solchen, die nicht betteln, schenkt sie etwas. Sie tut es trotz der Gewissensbisse, die sie dabei empfindet. Geld verschenken auf der Straße ist ein Unsinn und nationalökonomisch ein Verbrechen. Das ist der Generalin hundertmal und unwiderleglich bewiesen worden, sie hat das Bewußtsein ihres Unrechts und – begeht es dennoch. Das Mitleid, diese, wie in neuester Zeit festgestellt worden, verwerflichste Form des Egoismus, ist zu mächtig in ihr; es überwältigt sie immer wieder von neuem. Mit dem unvernünftigen Almosenspenden ist es aber auch eine so eigene Sache! Unendlich schwer wird diese üble Gewohnheit ablegen, der einmal ihre ganze Süßigkeit gekostet hat. Du gehst durch die Straßen der großen Stadt, und wenn deine Augen nur offen sind, siehst du in kurzer Zeit das Elend in jeder denkbaren Gestalt; von dem geistigen und moralischen Elend an, das hinter äußerem Glanz verborgen vorbeistolziert, bis herab zu dem Elend des hungernden, vom Tode schon gezeichneten Lasters. Und wenn es dich nun da plötzlich mitten heraus aus der rettungslosen Verkommenheit ansieht mit Augen, die von einer noch unschuldigen Seele erzählen oder von einer im schwersten Kampf geläuterten oder von einer noch hoffenden, noch ringenden, und du antwortest ihrer scheuen Bitte und greifst in deinen Säckel, greifst ziemlich tief und reichst eine Gabe dar, welche den Armen auf das äußerste überrascht – o des wunderbaren Eindrucks! o der stummen seligen Frage: Das schenkst du mir? Du ganz fremder Mensch schenkst mir soviel? Und ein unvergeßlicher Blick trifft den Wundertäter, der dem Kinde der Not für ganze Tage die Sorge aus dem Leben nimmt. Nun, dieses Staunen mit anzusehen, die Freude aufblitzen zu sehen auf dem Antlitz des Kummers, das ist Glück; und wer es einigemal genossen hat und auf den Geschmack gekommen ist und sich's trotzdem aus Überzeugung und aus Tugend versagt, den nenn ich – so schloß die Generalin ihre Betrachtungen – einen Cato vom Standpunkt der Nationalökonomie! Sie selbst hat nicht das Zeug zu solcher Größe, überhaupt nicht, am wenigsten aber dann, wenn sie sich durch und durch zufrieden fühlt und im Grunde jeden anderen bemitleidet, weil er schwerlich so gut dran sein kann wie sie, der arme andere! Widerstandslos läßt sie ihrer Torheit den Zügel schießen, bis derselben eine natürliche Grenze gesetzt wird und das Portemonnaie nichts mehr enthält als eine Visitenkarte. Nachgerade ist es auch Zeit geworden, einen rascheren Schritt einzuschlagen; denn plötzlich hat der Wind sich scharf erhoben und jagt große Schneeflocken durch die Luft. Die gelblichen Flämmchen, die man in den Straßenlaternen wahrzunehmen beginnt, machen darauf aufmerksam, daß die Dunkelheit demnächst einbrechen wird und daß es ihnen nicht einfällt, sie daran zu hindern. Unter solchen Umständen hat die Nebenstraße des Wiener Grabens, in welche die Generalin eben einlenkt, etwas entschieden Unheimliches; und die Dame wäre gar nicht böse gewesen, wieder draußen zu sein. So eilte sie denn, ohne sich aufzuhalten, an einer Bettlerin vorüber, die auf der steinernen Stufe vor einem geschlossenen Kaufladen saß und sich frierend in den Winkel der Mauer drückte. Der Schnee umwirbelte sie und zerrann auf ihrem tiefgebeugten Haupt, das von einem durchlöcherten Tuch bedeckt war. Ihre Knie hatte sie bis zur Brust heraufgezogen, der dünne Rock reichte kaum bis zu den Knöcheln, die Füße waren mit Fetzen umwickelt und ruhten fest aneinandergepreßt auf einem bißchen Stroh. Ein Ding, das früher ein Muff aus Hasenfell gewesen, jetzt aber nur noch eine zerfetzte Röhre aus Hasenhaut war, sollte den Händen zum Schütze dienen, versah sein Amt aber schlecht; denn diese alten Hände kamen an manchen Stellen vor Kälte zitternd zum Vorschein, und man sah es ihnen wohl an, wie hart sie gearbeitet, bevor sie zu unerwünschter und unerquicklicher Ruhe in den Schoß gelegt worden. Die Generalin war schon ein Stück Weges weitergegangen, als ihr die ganze Kläglichkeit des im raschen Vorüberschreiten empfangenen Eindrucks vor die Seele trat. Sie kehrte zu der Alten zurück, blieb eine Weile vor ihr stehen, verfolgte mit immer trauriger werdenden Blicken die seltsam zuckenden Bewegungen des zusammengekrümmten Körpers und sagte endlich: »Es ist spät, liebe Frau, gehen Sie doch nach Hause.« Das Weib blickte empor und erwiderte, sie müsse auf ihre Tochter warten, die erst in einer Stunde von der Arbeit kommen und sie abholen werde. In einer Stunde! dachte die Generalin – und die Alte macht jetzt schon so verdächtig schläfrige Augen; die ist imstande und erfriert bei drei Grad Wärme. Was anfangen? was anfangen, du lieber Gott! Ein Wachmann, den man rufen und bitten könnte, auf die Arme achtzugeben, ist nicht in der Nähe, und wäre er's, die Generalin würde sich genieren, ihn darum anzusprechen. Die Leute schauen einen bei derartigen Zumutungen meistens so kurios an. Und noch länger dastehen und die Bettlerin betrachten hat auch keinen Sinn. Überdies beginnt die Alte beunruhigt zu werden und fragt sich mit Angst, was denn diese Person will, die sich da vor ihr aufgepflanzt hat und ihr nichts schenkt. »Gehn S' weg!« sagt sie, »gehn S' weiter!« und die Bangigkeit, das Mißtrauen, die sich dabei in ihren Mienen kundgeben, versetzen die Generalin in eine große Verwirrung. Es kommt ihr auch vor, als ob die Vorübergehenden in sonderbarer Weise nach ihr schielten. Die Situation wird immer peinlicher, und in der Verlegenheit, in der Ratlosigkeit, in dem dringenden Wunsch, sich einen anständigen Rückzug zu sichern, legt die Dame plötzlich ihren Muff der Alten auf die Knie. »Ich hab kein Geld, aber nehmen Sie das und wärmen Sie sich«, sagt sie. »O Jesus! Jesus!...« Das Weib bringt anfangs nur diese Worte heraus; aber als sie aus der ersten Verzückung zu sich kommt, läßt sie auch eine Beredsamkeit los, die mit lautem Geschrei einen Platzregen von Segnungen und Wonnen vom Himmel herunter auf das Haupt der edeln Spenderin beschwört. Die Generalin entflieht, so schnell sie kann, dem Wortschwall und den Lobpreisungen, die ihr noch von weitem nachgerufen werden, und langt kurze Zeit später glücklich daheim an. So ganz wohl zumute ist ihr nicht; sie besinnt sich, daß sie ihr Portemonnaie in dem verschenkten Muff vergessen hat, und ärgert sich auch im voraus über das Verhör, dem sie der beiden Dinge wegen von der Kammerfrau unterzogen werden wird. Die Kammerfrau ist es auch, die auf ihr Schellen öffnet und sie mit der Nachricht begrüßt: »Der Herr General sind schon lange zu Hause.« »Da geh ich gleich zu ihm hinüber«, antwortete die Gebieterin, gibt rasch Hut und Mantel ab und tritt in das Zimmer ihres Mannes. Der alte Herr erhebt sich beim Erscheinen der alten Frau. Er ist um ein weniges kleiner als sie, hat aber etwas ungemein Energisches; Gang und Haltung verraten den ehmaligen Kavalleristen. »Kommst du endlich!« ruft er der Eintretenden entgegen, »hat heute wieder schön lange gedauert, die Urschlerei.« Mit diesem Namen pflegt der General die Gesellschaften zu bezeichnen, die lediglich aus Damen bestehen. »Es waren auch Herren da«, entgegnet die Generalin. »Beneide sie nicht«, murmelt der Gatte und zieht den Tisch, auf dem eine Patience aufgelegt ist, zurück, damit seine Frau auf dem Sofa Platz nehmen könne. Er setzt sich ihr gegenüber, stemmt die linke Faust auf den Schenkel und die rechte auf den Tisch und betrachtet die Karten mit scharfen Feldherrnblicken. »Ist wieder boshaft!« brummt er, »ist ein rechter Bosnickel, nein, was das für ein Bosnickel ist!« Auch die Generalin vertieft sich in die Betrachtung der Karten und sagt nach längerem Nachsinnen: »Der Sechser geht.« »Wo ist der Sechser?« fragt der General. »Rechts, in der zweiten Reihe.« »Der? ja der! ja den – den leg ich nicht aus.« »Warum denn nicht?« »Will nicht.« »Schöner Grund!« »Warte auf einen schwarzen Fünfer.« »Deine schreckliche Methode! Auf die Art kann die Patience nie ausgehen, nie!« »Liebes Kind«, entgegnet der General mit männlichem Ernst, »nimm mir's nicht übel, du hast unrecht. Hier handelt es sich nicht um das einzelne, sondern um das Ganze.« »Wenn aber das einzelne den Knotenpunkt des Ganzen bildet?« »Knotenpunkt! Wie du doch bist! wie du doch kindisch bist! Liebe, ich habe allen Respekt vor deiner Schriftstellerei, aber von Knotenpunkten verstehst du nichts.« »Wer weiß, vielleicht doch... warum sollt ich nicht im Grunde...?« Die Generalin sprach unsicher und zerstreut, ihre Wangen röteten sich leicht. Zu ihrem Schrecken war die Kammerfrau hereingetreten, durchforschte das Zimmer mit spähenden Blicken und nahm von dem eifrigen Abwinken ihrer Herrin keine Notiz. »Laß es gut sein, Adele, laß es nur gut sein«, sagte diese endlich in einem Tone, in welchem die dringende Bitte wie ein kühler Befehl klingen sollte. Und der General, welcher noch der längst überlebten Mode huldigte, in Gegenwart der Dienstleute ein ihm nicht ganz geläufiges Idiom zu gebrauchen, fragte: »Qu'est-ce que veut-elle donc?« »Ich suche den Muff«, sprach Adele, »die gnädige Frau haben den Muff nicht mitgebracht, und hier ist er auch nicht.« »Nun, wenn ich ihn nicht mitgebracht habe, kann er auch nicht hier sein«, versetzte die Generalin. »Gehen Sie nur, Adele.« Der treuen Dienerin war diese wiederholte Abweisung ein Stich ins Herz, und ihre tiefe Verletztheit äußerte sich in der Miene, mit der sie hervorstieß: »Aber der Muff ist weg!« Der General wandte rasch den Kopf und fragte kurz: »Was Muff? wer ist Muff?« »Der große, der schwarze, der schöne Muff«, entgegnete Adele, und die Generalin bemerkte krampfhaft lächelnd: »Groß und schwarz allerdings, aber schön ... daß er schön war, hat ihm wirklich schon lange niemand mehr nachsagen können.« »Mag er nun sein, wie er will«, erklärte der Mann, »da muß er sein!« »Man muß ihn halt wieder abholen«, sprach Adele, »die gnädige Frau haben ihn halt liegen lassen in der Gesellschaft, wo Sie gewesen sind.« »Ich habe ihn dort nicht liegen lassen.« »Euer Gnaden haben das neulich auch gesagt, wie Euer Gnaden aus dem Theater gekommen sind und wie ich gesagt habe, das Taschentuch ist nicht da. Und am andern Tage hat's der Logenmeister gebracht.« »So? hat er's gebracht? . .. Aber, Adele, warum verschweigen Sie mir das?« »Dergleichen haben Sie sogleich zu melden«, rief der General, und Adele jammerte: »Wie soll ich's denn melden? Wann denn? Man darf ja nichts reden, weil ja die gnädige Frau immer dichtet beim Ankleiden.« Die Generalin biß sich auf die Lippen; es war ihr stets beschämend, wenn ihre Dienerin ihr die Schriftstellerei vorwarf. Der General runzelte die Stirn, richtete sich steif auf und sagte zu seiner Frau: »Voyez-vous?« zur Kammerfrau jedoch: »Besorgen Sie jetzt den Tee.« Adele entfernte sich mit dem Schritt einer gefangenen Königin vor dem Wagen eines römischen Triumphators. Der General kreuzte die Arme, beugte sich vor, blickte seiner Frau in die Augen und fragte: »Klotilde, was ist's mit dem Muff?« Sie senkte den Kopf und, nach einem um Vergebung bittenden Blick, auch die Augen und sprach: »Fritz – ich habe ihn verschenkt.« Er fuhr heftig zusammen, sein Gesicht drückte Gram aus. »Verschenkt! ... Hast du vergessen, daß er von meiner verstorbenen Tante herstammt?« »Fritz – ja! in dem Augenblick, in dem ich ihn verschenkte, habe ich das vergessen.« »Dann«, versetzte der General wehmütig, »wäre es zwecklos, dich jetzt daran zu erinnern. Aber sagen will ich dir doch, Klotilde: ich habe im stillen seit langer Zeit auf den Muff spekuliert. Ich hätte mir gern einen Fußsack für meinen Jagdschlitten daraus machen lassen; ich habe es dir aber verschwiegen aus Delikatesse ... Das habe ich getan, du aber ...« Die Generalin fiel ihm ins Wort: »Mach mir keine Vorwürfe, Bester; ich bin genug gestraft.« Sie war's; er sah es deutlich ausgesprochen auf ihrem Antlitz, in dem er seit vierzig Jahren zu lesen gewohnt war, und so erfüllte er denn großmütig ihre Bitte und fragte nur mild: »Ich möchte aber wissen, an wen du ihn verschenkt hast.« »An eine Greisin, lieber Fritz, eine unglückliche, hilflose, die vielleicht erfroren wäre ohne ihn ...« »Papperlapapp!« »... und für die der alte Muff eine Wohltat ist, die vorhalten wird bis ans Ende ihrer Tage, ein wahres Lebensgut. So verzeih denn, bester Mann, und wenn du mir noch etwas zuliebe tun willst...« Klotilde ging aus ihrer elegischen Weise in eine muntere über, griff nach der Hand ihres Mannes, zog sie rasch an sich und drückte, bevor er's wehren konnte, einen Kuß darauf: »So lege den Sechser aus.« Seufzend fügte sich der General dem Wunsche seiner Frau; aber es geschah zum Unheil, denn wie die scharfsinnigen Kombinationen, die er später anstellte, erwiesen, konnte die Patience vom Moment an, in dem die verhängnisvolle Karte ausgelegt worden war, nicht mehr gelingen. Den Mann verstimmte das ein wenig, für die Frau gab es an dem Tage nichts, das imstande gewesen wäre, ihre Heiterkeit zu stören. Und als sie zur Ruhe gegangen war und die Augen schloß, da schwebte das Bild eines welken Greisenangesichts, von heller Freude verklärt, vor ihr empor, und sie schlief ein, gewiegt von Empfindungen, um welche die Landgräfin Elisabeth von Thüringen Ursache gehabt hätte sie zu beneiden. Am nächsten Morgen würde die Generalin ihres gestrigen kleinen Abenteuers nicht mehr gedacht haben ohne die schroffe Einsilbigkeit, die Adele der Herrin gegenüber beobachtete. – Das wird nicht gut, dachte diese, wird nicht gut, bevor ein umfassendes Geständnis abgelegt ist. Und ich bin es ihr ja schuldig; habe ich doch eigenmächtig über einen Gegenstand verfügt, auf den sie sich durch die treue Hut, in welcher sie ihn mehr als ein Menschenalter hindurch gehalten, unbestrittene Rechte erworben hat. Die Generalin war eben im Begriff, ihre Beichte zu beginnen, als die Hausglocke, mit unerhörter Heftigkeit in Bewegung gesetzt, ertönte. Man hörte die Tür öffnen und zuschlagen, und aus dem Vorzimmer herüber gellte Weibergeschrei, kreischend, durchdringend; der Generalin war die Stimme, wie ihr schien, nicht ganz fremd. Dazwischen donnerte ein ihr unbekannter kräftiger Baß. Einige bange Sekunden, dann sagte die Gebieterin: »Sehen Sie doch nach, was es gibt, Adele.« Aber bevor Adele, bei welcher sich zugleich mit akuter Stummheit auch immer Schwerhörigkeit einstellte, dem Wunsche nachgekommen war, trat der General ein, in aller Gottesfrühe schon sorgfältig gekleidet, stramm, militärisch. Seine Brauen waren zusammengezogen, sein Adlergesicht hatte einen drohenden Ausdruck. »Voyez dans l'antichambre!« sprach er zu seiner Frau, und sie, mit versagendem Atem, von unbestimmten, aber schrecklichen Ahnungen erfüllt, ging ins Vorzimmer. Da stand das Unheil in zweifacher Gestalt: in lärmender – derjenigen der Bettlerin von gestern; in würdevoll stummer – derjenigen eines ungeheuer langen, pfahlgeraden Wachmannes, der den Muff und das Portemonnaie der Generalin in seinen Händen hielt. Der Diener, die Dienerin, das Stubenmädchen waren auch zur Stelle, ohne Zweifel einem unbewußten künstlerischen Triebe gehorchend, um das Tableau durch Ausfüllung des Hintergrundes zu vervollständigen. Sobald die Generalin sich zeigte, wurde sie von dem alten Weibe mit ohrenzerreißendem Siegesgeschrei begrüßt. »Da is sie! da is sie ja – jetzt können Sie s' selber fragen!« rief die Bettlerin dem Wachmann zu, stürzte der Generalin entgegen und faßte sie beim Arm: »Und Sie, Sie sagen ihm's jetzt gleich auf der Stell: bin i a Diebin? Hab i gestohln? Habn Sie mir die verdammte Grenadiermützen gschenkt oder nit?« »Geschenkt«, sagte die Generalin, »jawohl, ganz gewiß. Ich habe der armen Frau diesen Muff geschenkt.« »Haben Euer Exzellenz ihr auch dieses Portemonnaie geschenkt?« fragte der Wachmann und hob das vermeinte Corpus delicti in die Höhe. »Eigentlich – nein.. . eigentlich habe ich vergessen, es aus dem Muff zu nehmen«, lautete die Antwort, die der Diener der Gerechtigkeit mit dem frohlockenden Ausruf begrüßte: »Und sie – hat's ausgeleert!« Die Alte stieß ein Hohngelächter hervor, und die Generalin rief: »Nein, nein! es war schon leer.« »Leer? das Portemonnaie Eurer Exzellenz leer?« versetzte der Wachmann mit leisem und ehrerbietigem Zweifel. »Bis auf eine Visitenkarte – ja.« Der Wachmann ist betroffen, und die Bettlerin bricht in eine leidenschaftlich wilde Anklage gegen ihn aus. Aber auch die Generalin bleibt nicht verschont: »I hab nix gstohln«, wettert die Alte ihr zu, »aber mir kann was gstohln wern – Ihnere Wohltaten! Auf d' Polizei haben mi Ihnere Wohltaten gführt: fünfundsechzig bin i alt, aber dös is mir noch nit gschegn, daß i a ganze Nacht auf der Polizei hätt übernachten missen mit allerhand Gsindel, und wenn der Herr Kommissar mi nit kennt hätt, weil i amol Kohlen bei ihm trogen hob, i sitzet no und könnt sitzen, bis die gnädige Frau ihre Vorladung kriegt.« »Meine Vorladung?« stammelte die Generalin mit trockenen Lippen. »Ganz natirli, zur Konfrottierung. Nur weil er mi kennt und der gnädigen Frau ihren Herrn a, hat er mi herglassen mitn Wachmann. Aber was nutzt dös alls? Gsessen bin i doch. Und was mei Tochter wird gsagt habn, wie s' kommen is gestern und mi nit gfunden hat auf meinm Platzl – was die sich wird denkt habn, dös z' hören steht mir noch aus.« Sie wurde weich, ein Tränenstrom rann über ihre Wangen. »Ach ja, Ihre Tochter!« sagte die Generalin. »Ihre Tochter müssen Sie mir jedenfalls bringen, damit ich mich bei ihr entschuldigen kann.« »Entschuldingen war schon recht«, sagte die Alte schluchzend, wenn auch bereits etwas besänftigt, »aber mitn Entschuldingen alleinich wird s' es nit tun. Da wer mer um a bissel an Nachguß bitten, um a bissel a Schmerzensgeld für die ausgstandenen Wohltaten, mei Tochter und i.« Die Generalin freute sich, die Bekanntschaft der Tochter zu machen, und entließ unter Assistenz des Generals, der sich von dem Stand der Verhandlungen zu überzeugen kam, den Wachmann und die Bettlerin – nicht unbeschenkt, wie sich von selbst versteht. Das Weib nahm dankbar alle gespendeten Gaben an, nur den Muff wollte sie sich nicht aufnötigen lassen. »Den schwarzen Bären«, erklärte sie, »können S' wem andern anhängen – ich hab genug von ihm.« »Nun, Liebe?« sagte eine Stunde darauf der General zu seiner Frau, die er in ihrem Zimmer aufsuchte und recht traurig fand. Sie nickte ihm zu. »Was, lieber Fritz?« »Ich werde von nun an ein schärferes Auge auf dich haben, Gattin, sonst kommst du mir einmal noch mit einem entzweigeschnittenen Mantel nach Hause wie der heilige Martin.« »Martin? Sei ruhig, den nehm ich mir nicht zum Muster.« »Gott sei Lob und Dank. Ich brauche also nicht zu fürchten, daß du ihm die Mantelteilung nachmachst?« »Gewiß nicht.« Die Generalin schüttelte ernst und mißbilligend den Kopf: »Diese Tat war mir immer rätselhaft. Ich hoffe nur, der Heilige hatte vorher schon sein Wams verschenkt, sonst schiene es mir unbegreiflich, daß er einem armen Unglücklichen nicht einmal einen ganzen Mantel gegönnt haben sollte.« »Du bist unverbesserlich, Gattin«, rief der General, streckte ihr aber plötzlich die Hand entgegen und setzte freundlich hinzu: »Gottlob!« Unverbesserlich Sie waren Zwillingsgeschwister, Fräulein Monika und Pfarrer Emanuel, hatten jüngst ihr sechzigstes Jahr erreicht und gehörten zur kleinen Gemeinde der einsamen Menschen. Was verliebt sein heißt, hatte Monika nie erfahren, obwohl sie einstens sehr nahe daran war, sich zu verheiraten. Aber nur aus Hochachtung. Was in ihrem Bruder vorgegangen, ob er Kämpfe zu bestehen gehabt hatte, ob die Entsagung ihm so leicht geworden wie ihr, davon wußte sie nichts. Nur einmal, als sie etwas gedankenlos sich und ihn als Muster einer lautersten Lebensführung hinstellte, sprach er lächelnd: »Vielleicht die Folge einer Mangelhaftigkeit unserer Naturen. Es kommt vor. Cicero soll nie geliebt haben.« Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war eine sogar bei Zwillingen auffallende. Sie waren groß und hager, hatten feine Gesichter von durchsichtiger Blässe mit Adlernasen und schmalen, geraden Lippen, die nie geküßt und nie ein gemeines Wort gesprochen hatten. Ihre Haare blieben noch im Alter reich und bewahrten ihr mattes, altgoldfarbiges Blond so wie die Augen ihr helles Himmelblau. Aus denen Monikas blitzten oft schon bei geringem Anlaß Zornesfunken hervor, oder es sprach aus ihnen aus bloßer Freude am Dasein in Gottes schöner Welt eine Heiterkeit, die äußerst erquickend wirkte. Emanuel hingegen war immer im Gleichgewicht, war des Zornes unfähig, sogar des – und darüber machte er sich Vorwürfe –, sogar des heiligen Zornes. Er liebte seinen Beruf, seine Gemeinde, seine gelehrten theologischen Studien und die Klassiker, besonders die alten, und haßte, so gut er hassen konnte, die Politik. »Denn«, meinte er, »in der Politik können die Leute das Niederträchtige tun, ohne sich für niederträchtig zu halten und ohne dafür zu gelten.« Nach dem kleinen Pfarrsprengel im östlichen Mähren, in dem er nun seit vielen Jahren lebte, war er strafweise versetzt worden, weil er den Wunsch seiner obersten Behörde, in seinen Predigten scharfe Töne gegen gewisse Parteiungen anzuschlagen, unbeachtet gelassen hatte. Seine Schwester geriet damals außer Rand und Band. Sie sah die Welt in zwei Teile gespalten, in ein Heer von Übeltätern und einen Märtyrer, und beschloß, diesem von nun an ihr ganzes Dasein zu weihen. Rasch und unwiderruflich machte sie ihre Verlobung rückgängig, nahm aber mit großer Zartheit dieser Tat den Stachel. Es gelang ihr, den Bräutigam zu überzeugen, daß jede der vielen, unter denen er jetzt die Wahl hatte, besser zu ihm passen würde als sie und geeigneter sei, ihn zu beglücken. Die Geschwister begaben sich an den neuen Wohnort und erfuhren bei ihrer Ankunft manche angenehme Überraschung. Sie fanden eine ehrwürdige, gut gehaltene Kirche, ein kleines Pfarrhaus, das an freilich argen, aber nicht unheilbaren Schäden litt. Klaglos und ohne Überstürzung ging man daran, sie zu beheben. Der Regen mußte sich's abgewöhnen, durch das Dach und durch die Fenster hereinzusickern; die ausgebrochenen steinernen Stufen, die zur Eingangstür führten, wurden durch neue ersetzt und bekamen ein hübsches eisernes Geländer. Dem verwilderten Gärtchen vor dem Hause widmete Monika von allem Anfang an ihre liebevollste Pflege. Eingerichtet war man bald, und die Einteilung der Zimmer ergab sich von selbst. Rechts die des Bruders, links, ihnen gegenüber, die der Schwester; doch betrachtete sie nur das zweite, kleinere Gelaß als ihr ausschließliches Eigentum. Das erste, größere diente auch als Lese- und Musikzimmer. Durch den Gang, der nicht sehr breit war und die Gemächer voneinander trennte, gelangte man, an der Küche und den Wirtschaftsräumen vorbei, in den Obstgarten. Aus ihm führte ein gepflasterter Weg zur Pforte der Sakristei, und bei dieser Pflasterung war auf die Wahl flacher Steine kein Wert gelegt worden. – Man geht dahin wie auf einem Reibeisen, dachte Monika, aber er wird es nicht merken. Er würde es kaum merken, wenn er barfuß zum Gottesdienst ginge. Er bemerkt überhaupt so schwer etwas Unangenehmes; wie rasch und freudig jedoch das kleinste Gute! Der neue Aufenthalt hatte aber wirklich gegen den früheren manchen Vorzug. Monika lächelte beinahe zustimmend, als der Pfarrer einmal sagte: »Sollte meine Versetzung eine als Strafe verkleidete Belohnung gewesen sein?« Die Geschwister fühlten sich wie in die Heimat zurückgekehrt. Sie hatten auf einem benachbarten Gute, dessen Verwalter ihr Vater gewesen, ihre frühe Kindheit zugebracht. Längst abgebrochene Beziehungen wurden wieder angeknüpft; alte Leute kamen und erzählten: »Wir haben Ihren Herrn Vater, Ihre Frau Mutter gekannt«, und die Mitteilung eines kernigen Ausspruches, den er, einer guten Tat, die sie getan, folgte. Das Verhältnis der Gemeinde zu ihrem milden Hirten und zu seiner Schwester, die so leicht böse, aber auch so leicht wieder gut gemacht werden konnte, war im ganzen vortrefflich. Daß der Herr Pfarrer alle Ausgaben für sein Haus und auch manche für die Kirche aus eigenen bescheidenen Mitteln bestritt, wurde mit Befriedigung hingenommen. Mit Befriedigung, nicht mit Dankbarkeit – wo hat es je eine dankbare Dorfgemeinde gegeben? »Wenn er's nicht hätte, würde er's nicht tun«, hieß es. Aber es war doch angenehm, daß er's hatte. Fünfundzwanzig Jahre lebten die Geschwister nun in dem stillen Dorfe, und sie waren ihnen vergangen wie ebenso viele Monate. Kam ihnen einmal ein Tag lang vor, so war es einer, an dem gar zu dauerhafte Besuche aus der nahen oder fernen Nachbarschaft sich eingefunden hatten. Trotzdem wurden die Gäste immer freundlich willkommen geheißen, und manche waren es auch wirklich. Am glücklichsten fühlten sich die Geschwister aber doch, wenn man sie den Feierabend in selbstgewählter Gesellschaft zubringen ließ; das war die denkbar beste, da wurde ein Buch aus dem Schrank genommen, in dem die Blüten klassischer Ehrwürdigkeiten ihr ewiges Leben führten, und der Bruder las vor. Oder vier alte Hände bewegten sich mit noch ziemlich elastischen Fingern auf den Tasten des guten, alten Klaviers, und die Geister Bachs, Beethovens, Haydns schwebten durch den Raum und riefen in den zwei Einsamen Ahnungen eines durchdringenden Allwissens, Allverstehens und Miterlebens wach. Alle Lieblichkeit und alles Grauen des Lebens tat sich vor ihnen auf, sie erschöpften seine schmerzvollsten Wonnen und seligsten Leiden und sahen im Tod den Vollender eines reichen Daseins. Und beim Gute-Nacht-Wünschen dachten sie: Wir sind glückliche Menschen. Ungetrübt floß das Leben freilich nicht hin; es kamen auch trübe Zeiten, besonders seitdem die Schule anfing Politik zu treiben und viele bisher Zufriedene hörten, daß sie eigentlich Unzufriedene zu sein hätten. Das schwerste Leid aber verursachten dem geistlichen Herrn seine unverbesserlichen Beichtkinder, die alten Sünder, über die er schon so oft das Kreuz – das Kreuz der Vergebung – gemacht hatte, die jungen, die schwerer belastet wiederkamen, als sie vor der letzten Lossprechung gewesen waren. Ach, die Jungen! Bei denen es nicht nur um die arge Gegenwart, sondern um die arge Zukunft ging. Menschenkinder, Sorgenkinder! Die Seele eines jeden einzelnen ist ein ihm anvertrautes Gut, er hat die Verantwortung dafür zu tragen bis zum letzten Atemzug. Und deshalb, so hoffnungslos er auch manchmal war: wie einer, der die Hoffnung aufgegeben hat, handelte er nie, ließ sich lieber seine Langmut vorwerfen und alle Übel prophezeien, die ihm aus ihr erwachsen würden. War's nicht ein Mißgeschick, daß an der Spitze der Nichtsnutzigen im Dorfe gerade Monikas ehemaliger Ziehsohn, der Edinek, stehen mußte? »Nein«, versicherte sie dem Bruder, der sie ungläubig anlächelte, »nein, sag ich dir, nicht eingefallen wäre mir's, mich seiner anzunehmen, wenn ich geahnt hätte, was für ein Unband aus ihm werden sollte.« Vor achtzehn Jahren war seine Mutter, die in der Stadt einen anstößigen Lebenswandel geführt, plötzlich in ihren Heimatsort gekommen, hatte sich bei Verwandten einquartiert und Geld ausgestreut wie Heu. Die schiefen Blicke, die man ihr zuwarf, die spöttischen Begrüßungen, die man ihr zurief, schienen ihr Spaß zu machen. Sie lachte vor sich hin, wenn die jungen Frauen und Mädchen das Wippen der Federn auf ihrem Hute, das Rauschen ihres seidenen Unterrockes mit mißgünstiger Bewunderung anstaunten. Das Wickelkind, das sie mitgebracht hatte, war das schönste, das man sehen konnte. Es hatte rabenschwarze große Augen, eine Gesichts- und Hautfarbe wie hellbrauner Samt und – unglaublich! den Kopf schon ganz bewachsen mit dunklen Löckchen. Es befand sich auch im Besitz einer reichen Ausstattung an Wäsche und Decken, an Bändern und Spitzen sogar. Daß es auf den Namen Eduard getauft worden, hatte man gleich gehört. Neugierige wollten aber noch mehr erfahren und fragten: »Na, und wer ist denn der Vater?« »Was weiß ich?« erhielten sie zur Antwort. »Vielleicht der Teufel«, sprach eine Alte. »Vielleicht«, kam's lachend zurück, und die Übermütige küßte und herzte ihr Kind. Als sie aber eines Morgens so plötzlich verschwand, wie sie erschienen war, vergaß sie es mitzunehmen. Man hörte nie mehr etwas von ihr. Der fremd klingende Name, den sie ihrem Söhnchen gegeben, verwandelte sich im Munde der Leute in ein kosendes »Edinek«. Aber ein anderer Name, mit dem er später verhöhnt oder gegeißelt werden sollte, lautete »Teufelsbrut« und blieb sein einziges mütterliches Erbe. Um dem Gesetz Genüge zu tun, ließ sich ein Bäuerlein zum Vormund des Verlassenen ernennen. Die Rechte und Pflichten auszuüben, die er damit übernahm, lag ihm aber ferne. Sie waren, als wenn es gar nicht anders sein könne, vom ersten Augenblick an in die stets offenen und hilfsbereiten Hände Monikas geglitten. Das Fräulein hatte den Schützling bei einem kinderlosen Ehepaare untergebracht, braven Leuten, deren letzte ruhige Stunde schlug, als der Knabe heranwuchs und ein phänomenaler Leichtsinn ihn zum Gegenstand ihrer beständigen Qual und Entrüstung machte. Monika versäumte nie, ihm auch in erziehlicher Hinsicht ihre Sorgfalt zu widmen; sie ermahnte, bestrafte, ja sie züchtigte ihn mit eigener jungfräulicher Hand, brachte aber nichts anderes zuwege, als ihm große Scheu einzuflößen, eine ganz besondere vor ihren Ermahnungen. Die machten auf ihn den Eindruck eines peinlich unangenehmen Geräusches, dem er um jeden Preis zu entrinnen suchte. Er verkroch sich, wenn er seine Wohltäterin dräuend nahen sah, lief oft vor ihr hilfesuchend geradeaus zum Herrn Pfarrer, rief ihn an, war voll ehrlicher Reue, gelobte Besserung und faßte die besten Vorsätze. Dann hielt er sich eine Weile ordentlich, und in ungetrübtem Lichte erschienen seine guten Eigenschaften, seine Gutmütigkeit, seine Ehrlichkeit, seine Aufrichtigkeit. Sie blieben ihm auch im Jünglingsalter getreu. Monika ließ sie aber nur partiell gelten und fragte sich mit Recht: Wo bleiben sie den Frauen gegenüber? Zögert er je, die Hand nach einer auszustrecken, die ihm gefällt? Und was kümmert ihn dann das Unglück und die Schmach der armen Betörten? Eine Entschuldigung hätte er vorbringen dürfen. Die Dorffräulein kannten ihn, warum liefen sie ihm nach! Warum? Vermutlich wußten sie selbst es nicht. Weil er so schön ist, so ganz eigentümlich schön, weil er besser als der Lehrer, der ihm nur ein paar Stunden gegeben hat, auf der Geige spielen kann? Weil ihm alleweil etwas Lustiges einfällt und man sich halb totlacht, wenn er es erzählt? Nein, aus diesen Gründen nicht: viel eher, weil er, achselzuckend sagten sie's, »halt so« war; weil er etwas Eigenes hatte, etwas Unbeschreibliches, das die einen unwiderstehlich anzog, andere wieder mächtig abstieß und dem Glauben an seinen teuflischen Ursprung Nahrung gab. Ebenso verderblich wie für die weibliche Jugend war sein Einfluß auf die männliche. Das Beispiel der Auflehnung gegen Autoritäten, die ihm mißliebig waren, wurde von seinen Nachahmern gegen jegliche Autorität angewandt. Und die Streiche der Jünger fielen ärger aus als die des Meisters, weil den Jüngern die angeborene Gutmütigkeit fehlte, die ihm Zügel anlegte. Aber als der geistige Urheber all des Schlimmen, das sie taten, wurde doch er angesehen, und die Eltern erzählten einander, was für hoffnungsvolle Geschöpfe ihre Söhne gewesen, bevor sie in Grund und Boden verdorben wurden durch den Umgang mit dem Teufelsbraten. Jetzt hatte er sie in den Krallen; wie die Schafe ließen sie sich von ihm leiten, wurden in seiner Gefolgschaft zu Säufern, Spielern, Schürzenjägern. Ein Unheil fürs Dorf war er, wenn er auch zur Kirche und zur Beichte lief und im nüchternen Zustand aussah, als ob er nicht fünf zählen könne. Im Rausche, bei den Prügeleien im Wirtshaus, die dem Pietienak, dem Gendarm, soviel zu schaffen gaben, da mußte man ihn sehen! Da kam der wilde Satan, der in ihm steckte, zum Vorschein. So zusammengesetzt aus Widersprüchen er aber auch war, in einem blieb er immer gleich, in seiner Anhänglichkeit an den Herrn Pfarrer. Sie kam bei jeder Gelegenheit zutage, und schon als kleiner Junge hatte er sie bewährt. In der Volksschule nie durch etwas anderes ausgezeichnet als durch seine Faulheit und seine Frechheit, hielt er sich beim Religionsunterricht aus Liebe zum Herrn Pfarrer, und um ihm eine Freude zu machen, stets unter den Besten. – Einen Ministranten, wie er als Knabe war, konnte der geistliche Herr sich nie wieder erziehen, und ein gewissenhafter Besucher der Kirche blieb er bis heute. Er trat auch alljährlich mit solcher Andacht in den Beichtstuhl und an den Tisch des Herrn, daß Pater Emanuel ihn immer wieder hervorholte aus der Reihe der Unverbesserlichen, in die er ihn notgedrungen so oft gestellt hatte. Ergötzlich und beinahe rührend – Monika selbst mußte das zugeben – war die Obsorge, die der nichtsnutzige Bursch allem widmete, was zum Eigentum der Pfarrei gehörte. Wenn sich jemand an ihm vergriff im Garten oder auf dem Felde, gab es für Edinek keine ruhige Stunde, bevor er den Täter erwischt und durchgeprügelt hatte. Eine widerrechtliche Handlung, für die aber Monika nicht ganz ohne sympathisches Verständnis war, denn in diesem Unrecht bekundete sich ein entschiedener Sinn für das Recht. Eine Gelegenheit aber gab es, bei der der makelvolle Jüngling nie versäumte, sich im reinsten Lichte zu zeigen. Um die Erntezeit, wenn der große Mangel an Arbeitern eintrat, wenn man um keinen Preis Leute auftreiben konnte, die das Heu, die Feldfrucht hereingebracht hätten, kam er daher und stellte seine Dienste zur Verfügung. Und war es auch nach einigen im Wirtshaus durchtollten Nächten, und war auch sein hübsches Gesicht rot und gedunsen, waren auch seine Augen verglast, er kam, holte das Arbeitszeug herbei und verrichtete freudig und unverdrossen sein Tagewerk. Es war ein ästhetisches Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, und die Geschwister gönnten sich's, standen in einiger Entfernung und bewunderten ihn im stillen. Er fühlte recht gut, daß sie es taten; ein beglückender Stolz erhöhte seinen Eifer, er warf den Kopf zurück und übersah das Gebiet seiner Tätigkeit mit einem Feldherrnblick. Seine schlanke Gestalt reckte sich; mit weit ausholender gleichmäßiger Gebärde schwang er die Sense und legte das goldene Getreide in mächtigen Schwaden vor sich hin. »Sieht er nicht aus wie ein junger Perseus mit dem Sichelschwert, der Schlingel?« fragte Emanuel. »Soweit Perseus wie ein Schlingel aussehen kann«, erwiderte Monika und ging nach Hause, um dem Perseus-Schlingel eine tüchtige Mahlzeit bereiten und aufs Feld schicken zu lassen. Am nächsten Tage spendete sie ihm etwas weniger Willkommenes – eine Ermahnung. Sie stellte ihm vor, wie schön und in jeder Hinsicht ersprießlich es wäre, wenn er immer brav und arbeitsam sein wollte. Alles war vortrefflich gesagt und die guten, klugen Worte mit Herzlichkeit vorgebracht. Im Kopfe Edineks jedoch stellte sich ein Zusammenhang her zwischen diesen Ermahnungen und dem Zustande immerwährenden Bravseins, und sie verbanden sich zu der Vorstellung einer unermeßlichen Langweile. Das Fräulein hatte kaum den Rücken gekehrt, als er auch schon dem Genuß eines so unmäßigen Gähnens frönte, daß er in Gefahr geriet, sich die Kinnlade zu verrenken. Fräulein Monika war auf der Suche nach einer neuen Dienerin. Ihre, wie sie sagte, »langjährige Kathi« stand im Begriff, sie zu verlassen. Es hatte sich ein Liebhaber ihres wohlkonditionierten Sparkassenbuches gefunden, den sie für einen Liebhaber ihrer dürftigen Reize hielt: ein vagierender Schreiber von anrüchigem Charakter und um neun Jahre jünger als sie. Mit ebensoviel Scharfsinn als Delikatesse stellte ihr das Fräulein die Gefährlichkeit des Schrittes vor, den sie unternehmen wollte. »Ich habe einmal gelesen«, sprach sie, »sterben ist nichts, heiraten – das ist etwas.« »So?« Kathi, deren Gesicht viel Ähnlichkeit mit dem eines Meerschweinchens hatte, lächelte ernsthaft. »Sie sollten nicht lächeln, liebe Kathi. Der Tod, sehen Sie, ist das Ende eines jeden Kampfes, während mit dem Eingehen einer Ehe der Kampf beginnt.« »So?« Kathis Lächeln wurde ironisch. »Es handelt sich oft um Angriff und Verteidigung.« Monika ging vom allgemeinen zum konkreten Fall über. »Sie zum Beispiel werden Ihr Sparkassenbuch zu verteidigen haben.« Das Meerschweinchengesicht nahm einen bösartigen Ausdruck an. Kathi mußte sehr bitten. Wenn das Fräuln glaubte, er, der Schreiber, beabsichtige eine Geldheirat zu machen, irrte die Fräuln. Und sie entwarf in knappen, abgebrochenen Sätzen ein derart geschmeicheltes Bild von ihrem Verlobten, daß Monika nicht umhin konnte, in scharfem Tone auszurufen: »Sie sind verliebt!« Das war in ihren Augen ein so harter Tadel, daß sie meinte, ihrer Köchin damit den Dolch ins Herz gestoßen zu haben, und über die eigenen Worte sehr erschrak. Aber Kathi zuckte nur die mageren Achseln und antwortete schnippisch: »Warum soll ich nicht verliebt sein?« Auszusprechen, was sie dachte: Sie haben nicht mehr das Recht dazu, sehen Sie doch in den Spiegel! war Monika nicht grausam genug, und so hatte das Gespräch ein Ende. Monika freute sich, daß sie ihren Ärger überwunden und die harten Worte, die er ihr eingab, nicht ausgesprochen hatte. Ihr Gewissen war gut und leicht, aber im Magen spürte sie einen leichten Druck. Als sie zu ihrem Bruder ging, um ihm ihr jüngstes Erlebnis mitzuteilen, fand sie ihn nicht allein. Ein junger, hübscher Mensch in Dragoneruniform stand in militärischer Haltung vor ihm und salutierte nun das Fräulein bei seinem Eintreten auf das ehrerbietigste. »Um Gottes willen«, rief Monika, »was ist Euch, Sylvin, Ihr weint ja!« Sylvin bestätigte mit einem Schluchzen, daß er weine, und der Druck im Magen Monikas verstärkte sich. Der Anblick eines weinenden Soldaten war ihr alles eher als angenehm. »Er rückt morgen nach seinem Urlaub wieder ein«, sagte der Pfarrer, »und bekommt keinen Urlaub mehr, bevor er ausgedient hat. Die Trennung von seiner Braut, der Anna – du weißt, der Tochter des Zimmermanns –, wird ihm sauer.« »Wohl und gut; aber ein Mann weint doch nicht, weil ihm etwas sauer wird.« Sylvin widerlegte diese Behauptung tatsächlich; der kräftige Mann, der aussah wie das blühende Leben, vergoß Ströme von Tränen. »Ein Jahr, ein ganzes Jahr ... gnädiges Fräulein ... und die Anna, meine Anna ...« »Wird sich schon noch gedulden, lieber Sylvin, wird auf Ihn warten.« »Sie möcht wohl, sie meint wohl – und was sie is – o da ... da bin ich sicher... aber die Bursche, gnädiges Fräulein – und eine so schöne Person, eine so schöne, schöne Person!...« Weiter konnte er vorläufig nicht, ein leidenschaftliches Schluchzen erstickte seine Stimme. »Wenn Er seiner Anna sicher ist«, sprach Monika trocken, »was kümmern Ihn da die Bursche?« »Die sind so keck! Die geraten jetzt alle der Teufelsbrut nach, dem Edinek. Wie soll ein armes Mädel sich erwehren, wenn die Mutter tot ist und der Vater oft die ganze Woche fort, in der Arbeit... O gnädiges Fräulein! O wenn sich ihrer annehmen wollten! Die Leut sagen, daß die Kathi heiratet – o wenn das gnädige Fräulein die Anna nehmen möchte statt der Kathi, die Anna möcht ihr alles absehen an den Augen ...« Das Wort »Augen« mußte eine besonders rührende Wirkung auf ihn ausüben, es war kaum ausgesprochen, als seine Stimme abermals brach. Monika fühlte sich äußerst abgestoßen und äußerst gedrängt, ihre Empfindungen auszusprechen. So viele gute, kräftige Ermahnungen fielen ihr ein – wahre Schlager. Sie litt die Qualen eines Demosthenes, der nicht zu Worte kommen darf, aber sie schluckte, schluckte! Und es war, als ob in ihrem Innern kleine Hände kämpfend rängen, als ob es lautlos schrie: Wenn's nur nicht auf einmal übergeht! Aber – unglückseliges Naturell! – es ging über. Als Sylvin in seiner Pein sehr unschön aufschrie, war's mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei. Sie sprach. Leider keines der vortrefflichen Worte, die ihr früher in den Sinn geraten waren, sondern unüberlegte, unwillkürlich hervorgebrachte: »Flenn Er nicht! Hör Er auf. Ihn stößt ja schon der Bock. Wenn ich die Anna wäre, ich nähme lieber den Edinek als einen Mann, der flennt!« Nun war ihr Magen frei, aber in welchem Zustand befand sich ihr Gewissen! Sie stand auf und verließ das Zimmer. Sylvin fühlte sich eisig angeweht. Wie eingefroren versiegte der Quell seiner Tränen. Bei dem Aus- und Aufbruch seiner Schwester hatte Pater Emanuel die Augenbrauen hoch emporgezogen. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten, alle voll reinsten Wohlwollens, heiterer Freundlichkeit, und seinen Mund umkräuselte das bekannte, ein wenig überlegene und sehr gütevolle Lächeln. Er näherte sich dem rührseligen Kriegsmann, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Sei ruhig, Sylvin, sei du ganz ruhig. Glaub mir, Sylvin, bevor die Woche um ist, steht deine Braut unter dem Schütze des Pfarrhofes.« Nun war der Pfarrherr allein und geriet alsbald in eine der wundervoll rosigen Stimmungen, die sein Alter so jung und so schön machten. Durch keinen äußeren Grund veranlaßt, konnte auch kein äußerer Grund ihnen so leicht etwas anhaben. In herrlicher Unabhängigkeit, von jeder Erdenschwere frei kamen sie und erfüllten ihn mit ihrem stillen, sanften, unsagbar warmen Lichte. In jungen Jahren hatte er diese Stimmungen nicht gekannt, sie waren Früchte des späten Alters, und um kein Jugendglück hätte er sie getauscht. Heute freute ihn einmal wieder alles. An ihm erfüllte sich die Verheißung: »Wer seine Zelle liebt, wird in ihr den Frieden finden.« Er liebte seine niedrige, aber geräumige »Zelle« und jeden Gegenstand, den sie enthielt: die Einrichtung – Urväterhausrat, aber gediegen und erprobt. Jeder Schrank, jede Truhe, jeder Sessel sah ihn mit treuen Augen an und fragte: Bin ich dir nicht ein braver Diener gewesen? Habe ich je auch nur mit einem Fuße gewankt? Kannst du mir einen übermütigen Sprung nachweisen? Fest wie Stein ist mein edles Holzwerk mit der Zeit geworden und metallisch sein milder Glanz. Wir haben deine Eltern überlebt, wir werden auch dich überleben. Was dann? Was dann? Ja, Erben, die sie ihm zuliebe in Ehren halten würden, hatte er nicht, aber die neue Zeit weiß das Alter zu schätzen, besonders an Möbeln, und er prophezeite den seinen den glorreichsten Aufenthalt in einer berühmten Sammlung. »Ihr sollt es gut haben«, sprach er munter und strich leicht mit der Hand an der Konsole hin, über der die Bilder seiner Eltern hingen, Werke einer altmodischen, schlichten, aber sehr echten Kunst. – Einen Gruß zu ihnen empor; dann trat er ans Fenster, öffnete beide Flügel und ließ die Herbstabendluft hereinfluten. Sie kam in breitem Strome, kühl und sehr erquickend, und trug den Duft der späten Rosen herein, die noch im Vorgarten blühten. Edinek pflegte sie; er hatte eine gute Hand für Blumen, dieser Mensch. Am Himmel verglomm ein blasser Purpurstreifen, die lange Reihe der fernen Berge begann sich im Dämmer zu verlieren. Bald sachte ansteigend, bald sich leise senkend, wellte die Landschaft zu ihnen hin. Etwas Großartiges hatte sie nicht, diese gute mährische Landschaft, aber für den alten Mann am Fenster einen liebkosenden Heimatszauber. Vom jetzt wasserreichen Flusse herbeigesandt, begannen graue Nebel sich in die Niederungen zu breiten und mählich jede Linie und jede Form zu verwischen, jede Farbe auszulöschen. Mildes, leises, vom geheimnisvollen Hauch des Sterbens umwehtes Hingleiten in die Nacht... Und sie wieder nur ein Übergang zum lichten Morgen, und der Schlaf, auch der tiefste, der letzte, nur ein Übergang zu neuem Tage. Traumloses oder vielleicht traumumsponnenes Einschlafen, dem seligen Erwachen in Gottes himmlischer Nähe entgegen... Pater Emanuel hatte manche Anzeichen dafür, daß er vor seiner Schwester sterben sollte, und überzeugt hielt er sich, daß sie ihn nicht lange überleben werde. So stark sie war, das ginge über ihre Kraft. Aber an seinem offenen Grabe sah er sie aufrecht stehen und angesichts des Trauergeleites wahrscheinlich tränenlos. Seine starke, seine schwache, seine liebe alte Schwester! Als sie ihn zum Abendessen rufen ließ, fand er sie genauso, wie er erwartet hatte. Mit etwas geröteten Wangen und unruhigen Augen. Auch ungewöhnlich gesprächig und lebhaft von Dingen redend, die ihr recht gleichgültig waren. Nach der Mahlzeit ging sie zum Klavier, blieb eine Weile unentschlossen, ob es heute eine Beethoven- oder eine Haydnfeier geben sollte, durchstöberte die Noten und sagte, über sie gebeugt, leichthin: »Unter anderm! Ich war recht grob mit dem sentimentalen Myrmidonen.« »Das warst du, liebe Schwester.« »Ich will meine Heftigkeit durchaus nicht entschuldigen, aber du weißt, daß Sentimentalität und alles, was ihr gleichsieht, mich anwidert, mich aufwühlt. Eine gewisse Art Männlichkeit fordere ich sogar von den weiblichsten Frauen. Übrigens läßt sich die Sache mit der Anna, die ja ein braves Mädchen ist, erwägen...« Sie neigte den Kopf tiefer – sie machte einen strengen Unterschied zwischen dem Bruder, ihrem vertrauten Freunde, und dem geweihten Priester, ihrem Seelsorger: »Morgen komme ich zur heiligen Beichte, Hochwürden.« Er jubilierte im stillen, ihm lachte das Herz. – Schlaf ruhig, kummervoller Sylvin, deine Anna ist geborgen, dachte er. Das hast du der Reue über einen unbezähmten Ausbruch der Ungeduld zu danken. Ja, ja, gar manches große Gute entsprang schon der Reue über ein kleines Unrecht – und da leugnen sie, da mißkennt sogar Goethe ihren Wert. Die Hochzeit Kathis wurde prunkvoll gefeiert. In Seide starrend stand die Braut vor dem Altare und trug mit Stolz und mit Recht den Myrtenkranz. Aber wieviel besser hatte ihr doch das immer blütenweiß garnierte Diensthäubchen gestanden! Trotz Schleier und Kranz nahm sie sich neben dem jugendlichen Bräutigam aus wie eine wohlhabende Großtante an der Seite ihres lachenden Erben. Der Herr Pfarrer und Monika nahmen als Ehrengäste am Hochzeitsschmause teil. Für die Tafelmusik sorgte Edinek, gab auf seiner Geige Volkslieder und Tanzweisen zum besten und brachte dazwischen die tollsten Witze und Spaße vor. Einen großen Teil der männlichen Jugend riß er zu schallendem Gelächter hin, die Mädchen kicherten, und viele von ihnen sahen ihn mit blitzenden, andere mit vorwurfsvollen Augen an. Der Neuvermählte trank ihm zu und schmunzelte verständnisvoll bei jeder Anspielung auf das Glück, eine schöne, reiche Frau heimzuführen. Aber die Alten und Mittelalterlichen stellten sich taub, kehrten ihm den Rücken zu. Zu schlecht angeschrieben war er bei ihnen, um mit seiner Unterhaltungsgabe und mit seiner Musik etwas anderes als ihren Ärger und ihr Mißfallen zu erregen. Neulich erst hatte der Vorsteher selbst erklärt, es würde im Dorfe solide Bursche und brave Mädchen erst wieder geben, wenn der Teufel seinen zur Hölle längst reifen Sohn geholt hätte. Auf dem Heimwege erging Monika sich in Betrachtungen. Erziehung! – einmal ist sie alles, einmal ist sie nichts. Dieser Edinek – wäre etwas anderes aus ihm geworden, wenn ihn Pestalozzi selbst in die Hand genommen hätte? Ihr Bruder wußte es nicht, gestand auch, daß er sich keine Gedanken darüber mache. Es sei allerdings fruchtlos, meinte sie, aber interessant. Und schad ist es um den Buben, sehr, sehr schad. Er hat künstlerische Anlagen, der Bub, könnte Musiker werden, Sänger, Schauspieler. Das weibliche Publikum hätte er für sich. Wie sie ihn alle anstaunten, die Dorf Prinzessinnen! Sogar die ernste Anna, die doch keinen Augenblick vergessen sollte, dem tränenreichen Bräutigam nachzutrauern, hatte mehr als einmal laut mitgelacht. Das Fräulein beschloß, ihr bei nächster Gelegenheit eine Bemerkung darüber zu machen. Anna nahm seit einiger Zeit die Stelle Kathis im Pfarrhause ein. Sie hatte sich, durch ihre Vorgängerin in den Dienst eingeführt, deren Unterweisungen zunutze gemacht. Geschickt, still und freudig verrichtete sie ihre Arbeit, gab nie Grund zum Tadel und nahm jedes Lob wie ein Gnadengeschenk hin. An Respekt für ihre Gebieter leistete sie das Äußerste. Sie betrat das Zimmer des Fräuleins so ehrfürchtig, als ob sie eine Kapelle beträte, besorgte das Waschen und Plätten der Kirchenwäsche ernst und hingebend wie eine heilige Handlung. Wenn sie dem Herrn Pfarrer begegnete, blieb sie stehen, machte Front, knickste und rührte sich noch eine ganze Weile nicht, nachdem er schon vorüber war. Einmal sagte Monika: »Du hast Respekt vor dem Herrn Pfarrer, das ist recht. Was denkst du denn, wenn du ihn siehst?« Ein großer Schreck bemächtigte sich Annas bei dieser Frage. Sie zerknüllte den Zipfel ihrer weißen Küchenschürze, führte ihn tief geneigten Hauptes an die blühenden, zuckenden Lippen und blickte das Fräulein von unten herauf bestürzt und ratlos an. »Antworte. Du mußt immer antworten, wenn ich dich frage.« »Herr Jesus, gnädiges Fräuln, was ich denk? – Wenn ich ihn seh, denk ich, wie mir sein möcht, wenn er vor uns stehen möcht, vor mir und dem Sylvin, und uns trauen möcht. .. gnädiges Fräuln. Und wenn ich das denk, steigt mir's immer so rot in den Kopf, und ich möcht mich vor ihm niederknien.« Nun, dachte Monika, vorläufig hat der plärrende Othello noch keinen Grund, ihr ans Leben zu gehen. Zu wachen hörte sie trotzdem nicht auf. Es war geboten, denn man sah den unternehmenden Edinek das Haus jetzt besonders oft umstreichen. Freilich, die Zeit der Kartoffelernte war da; er schickte sich an, sie hereinzubringen, und hatte im Keller zu tun. Ins Haus selbst durfte er nicht, seitdem es ein so schönes Vögelchen beherbergte. Am Tage nach dem Rosenkranzfeste wurde dieses Verbot von ihm gebrochen. Da kam er einhergestürmt, nahm in zwei Sprüngen die Stufen zur Eingangstür und rannte schreiend auf Monika zu, die eben am Ende des Ganges aus der Küche trat. »Fräuln, Fräuln, denken sich, die Pagasch, die niederträchtige...« Monika trat ihm mit gebieterisch erhobener Hand einen Schritt entgegen: »Beherrsche Er sich. Solche Ausdrücke sind . ..« Sie mußte innehalten, Edinek war nicht zu bändigen. »Drei Sack!« schrie er noch lauter als vorhin, »just die neuen, die die Fräuln erst gekauft hat, fort – gestohlen!« »Was? Kartoffelsäcke?« »Ich hab noch oben auf dem Feld zu tun, leg sie hin auf den Rain, wo der Weg ins Dorf geht, meinen Rock dazu... komm nach einer Viertelstund wieder, und da liegt auch noch der Rock . . . den haben s' liegen lassen, der hätt sie verraten können. Aber meine Säck! Meine neuen Säck, die hat mir das Gesindel...« Monika unterbrach ihn: »Ich habe Ihm schon gesagt, daß Er nicht zu schimpfen braucht. Aber recht schön, recht schön, daß es ihm nah geht. Übrigens hätte Er auch besser achtgeben und die Säcke nicht an den Rain legen sollen, wie hergerichtet zum Forttragen . . . Das Diebshandwerk ist eben wieder recht in Aufschwung gekommen im Dorfe...« Ihre Stimme wurde immer milder, die Empörung des Nichtsnutz über eine widerrechtliche Handlung berührte verwandte Saiten in ihr, und sie schloß beinahe vertraulich: »Mir fehlen ja auch seit einigen Tagen zwei meiner schwarzen Hühner.« Edinek stieß von neuem sein Lieblingsschimpfwort aus: »Pagasch, niederträchtige! Gleich drei Säck und zwei Hendeln und Gott weiß was alles noch! Aber. . . ich kenn die Pagasch, und wenn ich sie erwisch – und ich ...« Er schwor darauf, daß er sie erwischen und »treschaken« werde, fluchte und wetterte, überstürzte sich und warf in seinen Reden alles derart durcheinander, daß man nicht mehr wußte, ob er von den Säcken, der Pagasch, dem Fräulein oder von den Hendeln sprach. Plötzlich aber, wie auf den Mund geschlagen, schwieg er, riß die Augen auf, starrte. – Anna war aus der Küche getreten, rosig und blond, im Glanz ihrer lieblichen Schönheit. Der Anblick wirkte auf den Jüngling, wie wenn er zum erstenmal in ihm schwelgte, berückend und entzückend. Es gab keine Erdäpfelsäcke und keine Hendeln mehr, das Fräulein war in einen Abgrund versunken, auf der ganzen Welt lebte nur die Anna. Der Gedanke: Du mußt mein werden! durchblitzte ihn, und er murmelte zu früh triumphierend: »Sackerlot!« Monika riß ihn aus seiner Berauschung, indem sie ihm die Tür wies. Dann wandte sie sich mit strenger Miene ihrer Dienerin zu. Das junge Mädchen bog sich wie eine Gerte, steckte den Kopf zwischen die emporgezogenen Schultern, rang die Hände über den Knien, pustete, schluckte und brach endlich in ein unaufhaltsames Gelächter aus. »Worüber lacht Sie?« fragte Monika. »Sie sollte nicht lachen, Sie sollte lieber gut überlegen, wie sehr Sie sich vor dem Nichtsnutz, dem Eduard, in acht zu nehmen hat.« »Verzeihn, gnädiges Fräuln, verzeihn«, sprach Anna zwischen neuen Lachanfällen, »der ist ja ein Narr, und er« – das hieß bei ihr immer: der Sylvin – »ist auch ein Narr, daß er sich vor dem fürchtet.« Einige Tage später saß Monika in ihrem Zimmer am Tische vor der hellbrennenden Lampe und erwartete Anna, die im nächsten Augenblick kommen sollte, um den Kaffee zu servieren. Ihr leichter und rascher Schritt wurde eben vom Gange her vernehmbar, als ein Schrei ergellte, der dem Fräulein durch Mark und Bein ging. Ihre Magd hatte ihn ausgestoßen, und zugleich klang und klirrte das Getöse zu Boden gestürzten, zerschmetterten Geschirres. Monika eilte zur Tür, riß sie auf und stand ihrem Bruder gegenüber, der auf die Schwelle seines Zimmers getreten war. Aus dem seinen wie aus dem ihren fiel ein heller Lichtschein auf den halb dunkeln Gang. Das Fräulein stieß einen Schreckensruf hervor, der Pfarrer fragte gelassen: »Was gibt es denn?« Erstens also für heute keinen Kaffee. Das gute Getränk duftete ihm zwar entgegen, aber von den Fliesen herauf, wo es sich ausbreitete, aromatisch und dunkelhell. In seiner Nähe bildete die Sahne einen kleinen See und streckte nach ihm schmale Kanäle gleich sehnenden Ärmchen aus. Und drinnen und daneben lag in Trümmern das großelterliche Erbstück, das Altwiener Porzellanservice. Die Kanne mit dem gutmütigen Bäuchlein und der schlanken Taille, mit der Birne auf dem kuppelförmigen Hütlein und die Zuckerdose und die Tassen, alles in Scherben. Und an dieser Stätte des Unheils zwei Bilder menschlichen Elends. Dem Fräulein gegenüber preßte sich Edinek in Zerknirschung so dicht mit dem Rücken an die Wand, daß er plattgedrückt aussah wie eine Blume in einem Herbarium. Wieder starrte er zur Anna hin, jetzt aber in Todesangst. Und sie befand sich in sinnloser Verzweiflung. Aus diesem jungen Geschöpfe kam eine Wildheit zutage, deren man es nie für fähig gehalten hätte. Fluchend hob sie die geballten Fäuste, ihre Augen glühten wie Feuerbrände, und wie das Herz ihr klopfte, sah man am Auf- und Niederwogen ihres Busentuches. Den Kopf zurückwerfend, stieß sie in schrillen Tönen abgebrochen hervor: »Teufel – vermaledeiter! ... In die Hölle mit Ihm!.. . Nicht hier herumlaufen – nicht Menschen unglücklich machen, Teufel!« »Was hat er Ihnen getan?« fragte der Pfarrer. »Ge–ge–geküßt«, kam die Antwort unter Schluchzen und Stöhnen heraus. »Er hat mich ge–geküßt!« »Abscheulich!« rief das Fräulein. »Abscheulich! Miserabilität! Er weiß doch, der Mensch, daß sie eine Braut ist.« »Und ›er‹ hat gesagt, wenn ich mich ein einziges Mal von einem andern küssen laß...« Ein neuer Zornes- und Schmerzensausbruch mußte sich Luft machen, ehe sie schließen konnte: »... mag er mich nicht mehr ... und jetzt... und jetzt... wird er mich nicht mehr mögen ...« »Na, na«, suchte das Fräulein zu beruhigen, hätte aber selbst nötig gehabt, beruhigt zu werden, und der Pfarrer sprach: »Sie haben sich ja nicht küssen lassen; Sie wurden überrascht, und wie Sie darüber erschraken und wie Sie sich wehrten, bezeugen dieser verschüttete Kaffee und dieses zerbrochene Porzellan.« Die Geschwister sahen einander wehmütig an, dann durchmaß Monika den Edinek mit einem Richterblick vom Wirbel bis zur Sohle. »Dich«, wandte sie sich zu ihrer Dienerin, »wird niemand zur Rechenschaft ziehen für die Untat eines ...« Während sie einen Ausdruck suchte, der ihrer nicht unwürdig und für den Verbrecher bezeichnend gewesen wäre, fiel Emanuel sanft ein: »Nimm sie mit auf dein Zimmer, und Sie, Eduard« – wenn er Sie und Eduard sagte, war er sehr böse –, »räumen hier auf und kommen dann zu mir.« Einen besonders schweren Stand hatte der geistliche Herr dieses Mal mit dem immer rückfälligen Sünder. Daß er die Anna mit Gewalt geküßt hatte, gab er zu, aber als einen Willensakt konnte er diese Tat nicht gelten lassen. Er ahnte selbst nicht, wie es geschehen konnte. Es hatte ihn, als er am Pfarrhof vorbeikam, mit Gewalt hinein und in den halbdunklen Gang gezogen, und im Gang war ihm die Anna entgegengekommen, und da hatte es ihn zu ihr und seinen Mund auf den ihren gestoßen. »Was soll das heißen? ›Es‹ hat dich gezogen, ›es‹ hat dich gestoßen? Es gibt kein ›Es‹, das zieht und stößt. Der Mensch hat einen freien Willen, Eduard.« »Ja, hochwürdiger Herr Pfarrer, den hab ich, o den hab ich! Ich tu immer wollen, und immer das Beste, aber was nachher herauskommt, dafür kann ich nichts.« »Schäm dich, einen solchen Unsinn zu reden«, zürnte Emanuel. »Aber du bist gar nicht mehr fähig, dich zu schämen, du bist unverbesserlich, und den Unverbesserlichen geb ich auf.« Edinek erschrak. In dieser Weise hatte der geistliche Herr noch nie zu ihm gesprochen. Schlecht stand es mit ihm, wenn der Übergütige also zu ihm sprach. Immer bereit, ins Äußerste zu stürzen, als wär's das Nächste, erwiderte er stockend, schluckend und in naiver, ehrlicher Verzweiflung: »Wird schon so sein, werden schon recht haben, die Leut, die mich Teufelsbrut schimpfen... Wird schon so sein, das Verfluchte, das mich zwingt, wird schon der Teufel sein.« »Laß dich nicht zwingen, laß dich nicht unterkriegen, widersteh der Versuchung!« »Wenn ich nur nicht eine so teuflische Natur hätt, hochwürdiger Herr.« »Natur! Verschone mich mit deiner Natur. Weißt du, wozu sie da ist, deine Natur? – um überwunden zu werden – dazu!« »Wenn man nur könnt...« »Man kann! Nicht nur der Mensch, sogar das Tier kann seine Natur überwinden. Hast du nie einen braven Jagdhund gesehen? Wozu treibt ihn seine Natur und was tut er, weil sein Wille stärker geworden ist als seine Natur? ... Ja, sogar von einem Wolf weiß ich, der seine Natur bezähmte, einem wilden Wolf.« Edinek schien sehr ungläubig. »Haben ihn gesehen, den Wolf?« »Das nicht. Er lebte vor ein paar hundert Jahren.« »Ein paar hundert Jahren – ja so.« Pater Emanuel hatte in einem Lehnstuhl Platz genommen; Edinek stand vor ihm, seine Haltung, die anfangs geknickt gewesen, war schon sicherer geworden: »Hier war er? Hier bei uns?« »Nein, in der Nähe einer italienischen Stadt, die Gubbio hieß, und der Schrecken der ganzen Gegend.« »Ein einziger Wolf? Oh, den hätt ich ...« »Nichts hättest du. Er war so stark, daß er alle, die gegen ihn auszogen, und wenn ihrer noch so viele waren und wenn sie sich noch so gut bewaffnet hatten, überwand und auffraß. Zuletzt traute sich niemand mehr aus der Stadt, die Menschen waren hinter ihren Mauern eingeschlossen wie die Belagerten. Sie wären verhungert, wenn ein großer Heiliger sich ihrer nicht erbarmt hätte. Dieser Heilige war Franziskus von Assisi ... Du weißt von ihm.« Edinek bejahte. »Der beschloß, sie mit Gottes Hilfe von dem Feinde zu befreien, machte sich auf und ging ihm entgegen.« »Das war schön! Er allein, ganz allein!« »Zuletzt ja; anfangs hatte eine ganze Schar Leute ihn begleitet, als sie aber den Wolf erblickten, der heulend mit aufgerissenem Rachen auf sie zustürzte, wichen alle zurück.« »Nur der Heilige nicht!« fiel Edinek begeistert ein. »Nur der Heilige nicht. Allein stand er da und erwartete den bösen Feind, der in wilden Sprüngen auf ihn zukam ...« »Und hat nichts gehabt, kein Gewehr, keinen Säbel? ...« »Eine mächtigere Waffe hat er gehabt als Säbel und Gewehr. Die geweihte Hand hat er erhoben und das heilige Zeichen des Kreuzes gemacht.« »Über den Wolf?« »Du sagst es. Und das böse, ingrimmige Tier stand still, schloß den Rachen, senkte den Kopf und rührte sich nicht. Der Heilige aber sprach: ›Komm näher, Bruder Wolf.‹« »Bruder?« »So ist es uns überliefert. Und weiter sprach der Heilige: ›Höre, Bruder Wolf, ich verbiete dir, einem Menschen, einem Geschöpfe Gottes, weh zu tun. Versteht mich mein Bruder?‹ Da konnte man sehen, daß ihn der Wolf verstanden hatte, denn er nickte mit seinem Kopfe, kam ganz nahe heran und legte sich demütig dem Heiligen zu Füßen. ›Wolf‹, sagte nun Franziskus von Assisi, ›du hast schon viel Schaden angerichtet, viel Unglück in die Welt gebracht; der ganze Ort ist dir feindlich gesinnt.‹« Bei diesen Worten sah der Priester den schuldbeladenen Edinek fest und bedeutungsvoll an, und dieser blickte, vor Verlegenheit schielend, zur Seite und murmelte: »Nur die Männer.« »›Aber ich will Frieden stiften zwischen ihnen und dir. Sie sollen dir alles Üble, das du ihnen zufügtest, verzeihen, und du sollst ihnen nichts Übles mehr zufügen.‹ Wieder nickte der Wolf, so zustimmend er nur konnte, und der Heilige hielt ihm die Rechte hin: ›Wenn du's zufrieden bist, Bruder, dann versprich mir's in die Hand.‹ Und der Wolf hob die Pfote und legte sie in die Rechte des Heiligen, zutraulich und fromm und mit einem Nachdruck, wie ein solches Tier es nur irgend tun kann. So hat der Wolf sein Wort gegeben, und als der Heilige in die Stadt zurückging, folgte ihm der Wolf wie ein guter Hund. Und hat sein Wort gehalten, hat seine wilde Natur bezwungen und hat sein Wort gehalten. Er ist ein Freund der Bewohner von Gubbio geworden, aus und ein gegangen in ihren Häusern, nirgends mehr gefürchtet und überall willkommen.« Edinek war immer röter und verlegener geworden. »Wohl, jawohl«, versetzte er zagend. »Es war halt ein Wunder.« »Es ist eine Legende, und ich denke mir die Stadt wie das Himmelreich und den Wolf wie den reuigen Sünder, den der Heilige dahin zurückführt.« »Es war halt doch ein Wunder«, wiederholte Edinek; »ein Heiliger hat ein Wunder getan.« Aber es sprachen nur seine Lippen, ganz anders sprach sein Herz. Das schwoll und klopfte in starken Schlägen: Ist der Mann, vor dem du stehst, nicht auch ein Heiliger? Lebt er nicht wie in einem gläsernen Hause? Wissen die Bewohner des Dorfes nicht alles von ihm? Hat er je etwas getan, das eines Heiligen unwürdig gewesen wäre? Nie, niemals! ... Er ist ein Heiliger, und wie zu einem Heiligen kann man zu ihm beten! Überzeugt und ergriffen trat er näher an den Geistlichen heran, kniete nieder, hob die Augen tränenfeucht zu ihm empor und fragte: »Möchten mir nicht die Hand reichen, damit ich meine Pfote hineinlegen kann?« »Und mir Besserung versprechen?« Den Mund Emanuels umspielte das gewohnte, mild überlegene Lächeln. »Ja! ja! ja! Oh, nicht nur versprechen, Wort halten, wahr und gewiß, wenn nur Hochwürden die Gnade hätte, die große unendliche Gnade – ein Wunder zu tun!« »Hoffnungslos!« murmelte Pater Emanuel und befahl ihm aufzustehen. »Das Wunder kannst nur du selbst an dir vollbringen«, sagte er, »und sollst damit gleich anfangen, indem du dich einer Strafe unterwirfst. Ohne die kommst du mir dieses Mal nicht durch.« »N-icht?« Edinek fand, daß er in dem Fall schlimmer dran sei als der Wolf, machte aber keine Einwendung, sondern verbeugte sich still und ergeben. »Ich befehle dir, von morgen an bis zu Allerheiligen statt des Mesners, der krank war und dem es noch schwer wird, seinen ganzen Dienst zu tun, die Kirche täglich am Morgen aufzusperren und zu säubern. Um vier Uhr an Werktagen, um fünf Uhr an Sonn- und Feiertagen. Morgen, Sonntag, also um fünf. Um acht Uhr ist Hochamt; vorher werde ich die Beichte hören.« Abermals verbeugte sich Edinek und versprach, daß der hochwürdige Herr alles in bester Ordnung finden werde. Ja, im Versprechen und im Fassen von Vorsätzen ist der Mensch ein Meister. Pater Emanuel musterte die dürftige Kleidung, die er trug, der Mensch, und mochte nicht fragen, wohin der neue Anzug gekommen sei, den Monika ihm erst kürzlich hatte machen lassen. Er wußte ja: verspielt im Wirtshaus, beim Handelsmann eingetauscht gegen ein Kopftuch, ein Ringlein für die Geliebte, die eben an der Reihe war. Aber gleichviel, so kläglich ausgestattet konnte man ihn den Kirchendienst in der vorgeschrittenen Jahreszeit unmöglich versehen lassen. Was tun? Ein Blick in die Brieftasche hatte den Geistlichen überzeugt, daß da nichts zu holen sei. So begab er sich denn zum Kleiderschrank und entnahm ihm eine warme Soutane, die er dem eben zur Strafe und Buße Verurteilten reichte. »Der Schneider soll dir daraus einen Winterrock machen und mir die Rechnung schicken.« Nein, das war zuviel der Gnade, und so tief ergriffen und gerührt hatte sich Edinek noch nie gefühlt. Seine Beredsamkeit ließ ihn im Stiche, sogar sein Atem war beklommen. Er zog die Hand Emanuels an die Lippen und bedeckte sie mit Küssen, von denen jeder einen feurigen guten Vorsatz bedeutete. Seine Wohnung befand sich am Ende des Dorfes in dem halb verfallenen Häuschen einer alten Witwe. Auf dem Wege dahin traf er einige Bekannte. Sie luden ihn ins Wirtshaus zum Kartenspiel und wollten ihn, als er ablehnte, mit Gewalt fortreißen. Es setzte eine regelrechte Prügelei, die erfrischend auf ihn wirkte. Als Sieger über die Versucher und die Versuchung betrat er seine kleine Stube. Da war es schon recht finster; er entfachte das Petroleumlämpchen, entfaltete und betrachtete die Soutane. Wirklich, sie sah dem hochwürdigen Herrn ähnlich, sie war so gediegen, ernst und weich wie er selbst; kein andrer als er konnte sie getragen haben. Edinek legte sie, als er in seine mit Stroh gefüllte Bettlade zur Ruhe ging, dicht neben sich und atmete wohlig den leisen Weihrauchduft ein, den sie ausströmte. Den Kirchenschlüssel hatte er, damit alles Heilige beisammenblieb, in ihre Tasche gesteckt. Er betete andachtsvoll, schlief gut, erwachte rechtzeitig. Als er beim Schein seiner Laterne ins Freie trat, heulte der Sturmwind ihm eisig entgegen; einzelne große Schneeflocken wirbelten in der Luft herum, zerschmolzen ihm auf dem Gesichte. Den Herbstmorgen durchschauerte eine Anwandlung von winterlichem Froste; es war der richtige Moment, einen Bußgang anzutreten. Zehn Schritt vom Hause blieb der reuige Sünder plötzlich stehen und schlug sich vor den Kopf. Er hatte den Kirchenschlüssel liegen lassen... Eiligst umkehren denn, ihn hervorholen aus der Tasche der Soutane... Und nun hielt er sie in Händen, bewunderte sie und gedachte der gütigen Absicht, in der der Pfarrer sie ihm geschenkt hatte. Ihr jetzt schon Ehre zu machen, konnte das eine Sünde sein? Er überlegte, beantwortete die Frage verneinend und – zog den Priesterrock über seine Kleider. So angetan begab er sich wieder auf den Weg. Oh, wie war ihm jetzt! Wie breiteten die langen Ärmel sich schützend über seine Hände! Wie angenehm wärmend umschlenkerte das lange Gewand ihm die Beine! Und wie man sich in so einer Soutane fühlt, als ein ganz anderer, ein Vornehmer, als ein Kirchendiener und mehr – beinah als ein Kaplan. Die Turmuhr schlug fünf, als er anfing, mit Besen und Wischtuch in der Kirche zu hantieren. Es geschah beim Schein einiger Lichtstümpfchen, die er da und dort aufsteckte. Aber bald herrschte eine große Sauberkeit. So nett hatte es in der Kirche schon lange nicht mehr ausgesehen. Freilich, der Mesner ist alt; es wäre Zeit, daß er sich zur Ruhe setzte. Edinek könnte seine Stelle erhalten und dann auch einen Dienst im Pfarrhofe, als Wirtschafter, als Gärtner; das Fräulein sagte erst neulich wieder: »Eine gute Hand für Blumen, die hat der Nichtsnutz!« Ja, wenn er in die Pfarrei kommen könnte – später, wenn die Anna verheiratet sein wird, denn früher nehmen sie ihn nicht ... leider! Sie geht ihm nicht aus dem Sinn, die Anna, er muß sehr oft an sie denken und an den ihr geraubten Kuß, aber auch an den Wolf, an dem er sich ein Beispiel nehmen soll – und wird! Er war mit der Arbeit fertig, hatte zuletzt noch den Beichtstuhl abgestaubt und ließ sich nun darin nieder, um seinen Gedanken bequemer nachzuhängen. Doch vergingen sie ihm im leichten Schlummer, in den er verfiel. Das Geräusch schlürfender Schritte weckte ihn; mehrere Personen waren durch die geöffnete Kirchentür eingetreten. Die Beichtkinder, die der Herr Pfarrer erwartete ... Wäre eine schöne Geschichte, wenn ihn die sähen im Priesterkleide. Jetzt heißt es, sich davonmachen im Schutz der Dunkelheit, längs der Wand, am Altar vorüber, in die Sakristei... Er steht auf – aber Himmel! da kniet schon jemand im Beichtstuhl vor dem Gitter ... Edinek, ganz erschrocken, hält die Hand vors Gesicht und murmelt mit leiser, verstellter Stimme: »Mach Sie oder Er, wer's ist, daß Er oder Sie fortkommt, jetzt wird noch nicht Beicht gehört.« Seine Worte blieben unverstanden und wurden gänzlich mißdeutet. Er hatte sie kaum ausgesprochen, als das Beichtkind sein Bekenntnis abzulegen begann. Und nun spitzte er die Ohren. Wer da vor ihm kniete, war niemand anders als die Cibulka, die alte Diebin, die sich schon so oft an pfarrherrlichem Eigentum vergriffen, die er nie hatte »stellen« können und die sich ihm nun selbst in die Hände lieferte. Sie hat sich im Beginn, gleichsam einleitend, allerlei kleiner Vergehen ohne Stocken angeklagt, aber jetzt kommt es zögernd und stotternd heraus, daß sie gestohlen hat. Edinek konnte ein »Aha!« nicht unterdrücken, dämpfte aber dessen triumphierenden Ton durch ein kräftiges Räuspern. »Also gestohlen – und was denn?« »Dem Schullehrer aus dem Garten zwei Gurken.« »Nur zwei?« »Nur zwei große.« »Die kleinen hat Sie nicht gezählt, waren ihrer zu viele. Was weiter?« »Dem Herrn Vorsteher ein Bündel Reisig aus der Holzlage.« »Für die Scheite könnt Ihr nichts, die sind von selbst mitgegangen. Was weiter?« »Dem Kaufmann aus dem Laden eine Handvoll Reis.« »Wird eine tüchtige Hand gewesen sein, die Ihr Euch an dem Tag habt wachsen lassen. Was weiter?« Jetzt kam's! Jetzt endlich war es da: »Vom Feld des hochwürdigen Herrn Pfarrers drei Sack.« Gibt es einen jubelvollen Grimm? Ja, denn Edinek empfand ihn. »Pagasch!« sprach er, aber so leise, daß die Cibulka es unmöglich gehört haben konnte, und er setzte befehlend hinzu: »Zurücktragen die Sack, gleich zurücktragen! Verstanden?« »Herr Jesus! Allerheiligste Muttergottes, ich hab sie nicht mehr.« »So, so! Was angefangen damit?« »Dem Juden verkauft.« »Und das Geld vertan, verpraßt! ...« »Gott im Himmel, verpraßt – ich arme Witwe mit drei Kindern.« »Saubere Kinder! geraten alle Ihr nach. Lassen keine Kirsche rot werden am Baum, fressen alle schon grün auf. Diebsgesindel!« »Herr Jesus!« Die Cibulka war in sich zusammengesunken zu einem Häufchen, aus dem heraus es wimmerte: »So streng sind der hochwürdige Herr nie mit mir gewesen!« Die Mahnung kam sehr zurecht, bei einem Haar hätte der Pseudo-Beichtvater sich verraten. Er nahm sich zusammen und moderierte die Ausdrücke seiner Entrüstung. An Salbung fehlte es ihnen aber durchaus, und die Anzahl der Bußgebete, die er der armen Sünderin aufgab, war außerordentlich. Dann murmelte er etwas, das einer Lossprechung gleichen sollte, und befahl: »Fort! zurück zum Seitenaltar dort. Ihre Buß abbeten!« Sie schlich unter tiefen Verbeugungen davon, und zum Entsetzen Edineks schlug die Uhr drei Viertel auf sechs. Auch begann es heller zu werden. Hohe Zeit zum Rückzug, er erhob sich. Aber Himmel! da kniete schon eine zweite im Beichtstuhl, und die erkannte er sogleich. Es war die Rusalkova, deretwegen ihm das Fräulein eine scharfe Zurechtweisung erteilt hatte. Über die mußte er ins reine kommen, die Versuchung war zu groß. Seinen Platz wieder einnehmend, begann er rasch und leise: »Dominus sit in corde tuo...« und bebte dabei vor Aufregung und schwerer Besorgnis. Die Rusalkova bekannte redlich ihre unredlichen Taten, und er zählte die Minuten, fieberte vor Ungeduld, fiel ihr alle Augenblicke ins Wort: »Weiß schon! Geklatscht, verleumdet, den Mann ausgeschimpft, weiß schon... Und sich an fremdem Eigentum vergriffen – was? Nicht auch gestohlen – nein? Ein paar Hendeln zum Beispiel?« Die Rusalkova stutzte; so offenbar zornig waren Hochwürden nie gewesen, und sie, verwöhnt durch seine Güte und frech von Natur, bäumte sich auf und sagte trotzig: »Ein paar armselige Hendeln.« »Armselig? Hendeln aus der Pfarrei – geistliche Hendeln armselig? Zurücktragen! Hört Ihr? Um Verzeihung bitten – zurücktragen – augenblicklich!« »Wüßt nicht wie«, erwiderte das Weib, in Tränen, aber mehr des Grolles als der Reue, ausbrechend, »wir waren hungrig, wir haben sie gegessen.« »Pag...« die zweite Silbe blieb ihm in der Kehle stecken... Drei Viertel vorbei! schlug's in seinem Kopfe, klopfte wie mit Hämmern. Drei Viertel vorbei! ... Ihm war, als sträubten sich seine Haare vor Angst und Bangigkeit. Jeden Augenblick konnte der Herr Pfarrer da sein, ihn antreffen bei Ausübung eines frevelhaft angemaßten Amtes... Kalten Schweiß auf der Stirn, mit soviel Atem wie ein Gewürgter, brummte er in Hast einige Worte, die mehr einer Beschimpfung als einer Ermahnung glichen, und entließ die Diebin mit der Weisung, ihre Bußgebete: fünfzehn Vaterunser, fünfzehn Ave Maria, den Rosenkranz am selben Altar abzubeten wie die Cibulka. »Die richtige Buße kommt nach, du Diebin, die erteil ich dir eigenhändig«, setzte er unverständlich murmelnd hinzu, und die Rusalkova, die sich für absolviert hielt, verließ den Beichtstuhl. Eine dritte Bußfertige nahm sogleich ihre Stelle ein. Aber Edinek war schon aufgestanden. »Warten!« flüsterte er, ohne auch nur einen Blick durchs Gitter zu tun. Zur Seite gedreht, den Anwesenden – es waren ihrer noch wenige – den Rücken zukehrend, schleifte er quer durch die halbe Kirche, umging nach tiefer Kniebeugung den Altar und befand sich in der Sakristei. Es war gerade noch Zeit, hinter den großen Schrank mit den Meßgewändern zu schlüpfen, den man der Feuchtigkeit wegen etwas weggeschoben hatte von der Mauer. Die Turmuhr hob aus zum sechsten Schlag, der geistliche Herr trat ein und ging geradenweges in die Kirche. Nun entledigte Edinek sich der Soutane und verbarg sie, sorgsam zusammengelegt, hinter dem Schranke. Dann ging er ins Freie. Die Luft war feucht und schwer, der Himmel trostlos grau. Der alte Mesner hatte sich schon eingefunden und die Glocke, die zur Kirche rief, in Bewegung gesetzt. Von verschiedenen Seiten kamen Leute herbei, nicht lange, und das Gotteshaus wird gefüllt sein. Dem Edinek ist ganz kurios zumute. Eigentlich ist ihm, als ob er davonlaufen sollte. Aber statt dessen kehrt er zurück in die Kirche, bleibt unfern vom Eingange stehen und späht nach seinen Beichtkindern aus. Sie knien, noch eifrig betend, vor dem Seitenaltare. Er lächelt boshaft und denkt: Kanaillen! Der Herr Pfarrer hat den Beichtstuhl verlassen; bald kommt er wieder, und die Predigt beginnt. Neben Edinek entstand eine kleine Bewegung, die Leute rückten zusammen, machten Platz; die imposante Gestalt des Fräuleins schritt durch die Menge, der Bank ganz vorne neben dem Altare zu. Mit geneigtem Kopf, mit gesenkten Augen folgte ihr Anna. Die jungen Burschen stießen und zwinkerten einander an, sahen dem schönen Mädchen nach. Gar zu gern hätte ihnen Edinek zugeraunt: Zwinkert nur – ich, ich habe sie geküßt! ... Das war, das war, ihr Tröpfe, als wenn ich meinen glücklichen Mund auf eine rote, volle, frische Rosenknospe gedrückt hätte! Wenige Minuten nur, und der hochwürdige Herr stand auf der Kanzel, begann seine Predigt mit der Auslegung der Epistel und des Evangeliums am einundzwanzigsten Sonntag nach Pfingsten, erklärte, was gemeint sei mit den Worten der Schrift: »Denn wir haben nicht nur zu kämpfen wider Fleisch und Blut, sondern wider die Oberherrschaft und Mächte, wider die Geister der Bosheit in der Luft ...« Den Worten vermochte Edinek nicht zu folgen, er erwog sie kaum; was ihn tief und mächtig ergriff, war der Anblick des Heiligen dort oben auf der Kanzel, der war's! Er! Er! In seinem priesterlichen Ernst, durchleuchtet vom Geist seiner gütevollen Weisheit und einer Liebe, die, einem unerschöpflichen Borne entquollen, niedertaute über das mühsal- und schuldbeladene Menschenvolk zu seinen Füßen. Göttlich erschien er ihm und verdammenswert das Verbrechen, in eines seiner Rechte einzugreifen. Und von ihm war es begangen worden in frevelhaftem Übermut – von ihm, dem Sünder, dem Wolf! Das Bewußtsein seiner Schuld fiel ihm klar und fürchterlich aufs Herz. Und mit einem Male kamen auch die Gedanken an ihre Folgen angestürmt. Maßlos vergrößert durch Angst und Gewissensbisse, erhoben sie sich dräuend vor ihm, jagten ihn fort, fort! trieben ihn zur Flucht. Scheu und hastig stahl er sich hinweg, schritt längs der Kirche, längs des Pfarrhofgartens dem Dorfe zu... Aber nun fiel ihm ein, daß er die Soutane in der Sakristei liegengelassen hatte, in einem feuchten Winkel, wo sie verschimmeln würde. Ihn jammerte des letzten Geschenkes, das er vom hochwürdigen Herrn empfangen hatte, des schönen, lieben!... Weit und breit war niemand zu sehen; er durfte wagen, zurückzueilen und die Soutane hervorzuholen aus ihrem Versteck. Fest an seine Brust gepreßt, trug er sie durch den immer unverschlossenen Garten der Pfarrei, durch den Gang, dessen Halbdunkel ihm so verhängnisvoll geworden war, und legte sie auf die Schwelle der Zimmertür Seiner Hochwürden. Hochwürden sollte sicher sein können, daß kein Mißbrauch mehr mit ihr getrieben werde. Und nun eiligen Schrittes durchs Dorf, verfolgt von quälenden Vorstellungen ... Eine Viertelstunde noch, und der Herr Pfarrer tritt an den Altar, eine halbe Stunde, und die Wandlung kommt und die heilige Kommunion, und vor dem Geistlichen knien fünf Kommunikantinnen, und nur dreien hat er die Absolution erteilt. Es wird gefragt, geantwortet – da ist's geschehen. Die Sünderinnen sind fortgewiesen vom Tische des Herrn, ungespeist, zu Tode beschämt... Sie werden ihm fluchen, die Weiber, der ganze Ort wird ihn bitterer hassen, als die Bewohner der Stadt, deren Namen er vergessen hat, den Wolf gehaßt haben .. . Seine Phantasie, sonst eine eingefleischte Schönfärberin, führt ihm heute nur düstere Bilder vor. Verklagen werden sie ihn. Religionsstörung wird es heißen – und darauf steht der Kerker ... Im Dorfe ist es still und leer. Nur hie und da guckt aus einem Fensterchen ein altes, runzeliges Gesicht. Müde, Gebrechliche, die sich nicht mehr zur Kirche schleppen können. Aus einer Haustür kommt eine geballte Faust zum Vorschein, und eine zittrige Stimme kreischt: »Is die heilige Meß schon vorbei? Oder haben s' den Teufel ausgetrieben?« Es folgt keine der kecken und lustigen Antworten, die man gewohnt ist von Edinek zu hören. Er hastet stumm seiner Wohnung entgegen, langt bei der Hütte an, die ihn heute zum letzten Male beherbergt und die ihn zum ersten Male zutraulich anmutet. Seine wenigen Habseligkeiten waren bald zu einem Bündel zusammengeschnürt. Obenauf schnallte er die Violine und wanderte fort mit seiner leichten Bürde auf dem Rücken. Sein Zukunftsplan reifte, während er ihn auszuführen begann. Über die Grenze ging es nach Ungarn. Der Weg war ihm bekannt, er hatte in manchen der umliegenden Ortschaften Abenteuer der verschiedensten Art erlebt. In Ungarn fanden die Verfolger, die sie ihm gewiß nachschicken würden, ihn nicht so leicht. Da mochte er ihm nachlaufen, der Gendarm Pietienak, der den großen Haß auf ihn hat wegen seines Lümmels von Sohn, über den sich keiner traute und den Edinek neulich so arg verprügelte. Der Sturm gab sich Ruhe, der Himmel war reingefegt, sah beinahe freundlich aus und schien geneigt, der Mutter Sonne einen Blick auf ihr geliebtes Kind Erde zu gönnen. Nach einigen Stunden rüstigen Vorwärtsschreitens war Edinek auf eine Anhöhe gelangt, von der aus man fern ins Land sehen konnte. Adje, stolzer Javornik! Adje, blaue Berge, die in weitem Halbkreis die Heimat umsäumen. In Ungarn, sagen die Leute, gibt's keine Berge, nur Steppen, Felder, unabsehbar groß, und reiche, reiche Magnaten. Bei so einem – das ist sein Plan – will er in Dienst treten, als Gartengehilfe oder als Knecht, oder vielleicht kommt er in den Stall als Pferdewärter. Und bald werden sie staunen, was für ein Arbeiter er sein kann, wenn er will. Und wenn er sich recht ausgezeichnet haben wird, dann geht er zurück zum Herrn Pfarrer und sagt: »Sehen Hochwürden, es ist doch etwas aus mir geworden, und jetzt bitt ich um Verzeihung und bitt um meine Soutane.« Seine guten Gedanken erfrischten ihn, gaben ihm Kräfte zu fröhlichem Weiterwandern trotz des quälenden Hungers, der sich schon vor einer Weile eingestellt hatte. Am Nachmittag kam er in ein großes Dorf. Mitten drin auf dem Platze erhob sich sehr stattlich das Wirtshaus. In reifer Schönheit prangend, stand die Wirtin vor der Tür, das Schlüsselbund am Gürtel, einen Zipfel der schneeweißen Schürze aufgerafft. Edinek trat auf sie zu, grüßte höflich und behielt den Hut in der Hand. »Frau Wirtin, ich habe großen Hunger und nicht das kleinste Geld.« Sie maß den Wanderjüngling im dünnen, rostfarbigen Röcklein: »Man sieht Ihm beides an, und daß Er ein Falott ist, obendrein.« »Da irrt sich die Frau Wirtin, das bin ich nicht.« Er funkelte sie strafend an mit seinen Feueraugen; seine Lippen verzogen sich wie die eines schmollenden Kindes, und er wollte fort ohne Gruß. Die Wirtin hielt ihn zurück: »Mach Er keine Geschichten. Ein Stück Brot werde ich für Ihn noch übrighaben.« Sogleich kam sein Groll zu Falle, und der Übermut stieg auf: »Trockenes? Da drin«, er deutete auf seine Kehle, »ist's auch nicht sehr feucht.« Sie lachte und trat ins Haus. Edinek folgte ihr und saß bald darauf in der geräumigen Wirtsstube vor einer Schüssel mit Suppe, in der zwei gewaltige Knödel schwammen. In dem Raume, der ihm angewiesen worden, zeigten sich Vorbereitungen zu einem Feste. Der Boden war frisch gescheuert, an den Wänden und über den Türen waren Girlanden aus Reisig und Papierblumen angebracht. Der ungebetene Gast war mit seiner Mahlzeit noch nicht fertig, als die Frau Wirtin erschien mit einem Pack Leinenzeug unter dem Arme. Edinek sprang auf: »Kann ich helfen?« »Bleib Er sitzen, schau Er, daß Er fertig wird, und dann troll Er sich. Wir haben viel zu tun.« »So, was gibt's denn?« »Einen Hochzeitsschmaus. Zwei Reiche heiraten.« »Na ja! Wo Tauben sind ... Ich krieg keine Reiche, Frau Wirtin.« Wenn sich nicht eine in deine hübschen Augen vergafft, du Spitzbub, dachte sie, und er mit seiner unfehlbaren Kunst, Weibergedanken zu lesen, wurde schleunigst galant. »Das kann ich nicht sehen, daß sich die Gnädige so abschleppt!« rief er und nahm ihr trotz ihres Sträubens das Tischzeug ab. »Wohin damit?« »Erst müssen die Tische zusammengerückt werden. Warte Er, mach sich nicht wichtig und esse weiter.« Er setzte sich wieder vor seine Suppe hin, und die Frau verließ das Zimmer, um einen Stoß Teller zu holen, den sie bald darauf hereinbrachte. Edinek hatte eben den letzten Bissen mit demselben Vergnügen wie den ersten verzehrt. »Das war gut!« rief er, »und ich danke auch schön!« und eh die Wirtin sich's versah, war er auf sie zugelaufen und hatte ihr einen derben Kuß auf den Mund versetzt. Sie tat sehr entrüstet; von den vielen Tellern, die sie trug, fiel aber keiner auf den Boden. Mit sicheren Händen hielt sie alle fest, stellte sie auf die Anrichte und sprach: »Er ist ein unverschämter Kerl. Ich möchte nur wissen, woher Er kommt; muß eine kuriose Gegend sein, wo's in der Mod is, den Leuten nur so um den Hals zu fallen.« »Es ist eine schöne Mod und eine schöne Gegend, Frau Wirtin, und ein Heiliger lebt dort.« Den letzten Satz sprach er ganz wehmütig. »Der Heilige wird sich wohl nicht viel mit Ihm abgegeben haben?« »Doch, doch ...! Aber jetzt an die Arbeit. Wie soll ich die Tische stellen?« Sie gab an, half mit; alles ging rasch vonstatten. Eine große Tafel in Hufeisenform war bald sauber gedeckt. Die Mägde hatten Glas und Eßzeug gebracht, die Wirtin und Edinek legten alles an den rechten Platz; er sprach und scherzte in einem fort, fragte auch: »Unter anderm: Gibt's denn hier keinen Wirt?« »'s gibt ihn schon, nur daß er jetzt in Ungarn is und Vieh einkauft.« »In Ungarn? So, so, dahin bin ich grad auf dem Weg. Vielleicht treff ich ihn und kann ihm einen Gruß ausrichten von der Frau Wirtin.« »Richtig, Er is der Bote, auf den ich gewartet hab! Also mach Er, daß Er fortkommt.« »Noch nicht; mir gefällt's da bei Ihr; und meinen Dank muß ich auch noch abtragen für das gute Frühstück.« »Den schenk ich Ihm, den kann Er für sich behalten, seinen Dank. Hört Er?« »Warum will die Frau Wirtin mir die Kränkung antun?« fragte er mit so kläglicher Miene und in so jämmerlichem Tone, daß sie laut auflachen mußte. Nun hatte er gewonnenes Spiel, ließ seinem Übermut die Zügel schießen und brachte Späße der verschiedensten Qualität in Hülle und Fülle vor. Es sprühte nicht nur, es qualmte auch. Die Wirtin, keineswegs zimperlich, lachte um so herzhafter, je derber seine Witze wurden, und er, geschmeichelt durch diesen Erfolg, schenkte ihr bald sein ganzes Vertrauen. Sie erfuhr, daß er auf dem Wege nach Ungarn sei, wo er Gärtner bei einem Magnaten werden wolle oder – eben überlegte er sich's – oder vielleicht Primas einer Zigeunerbande. Auch daß er sein Dorf vorsichtshalber verlassen habe, teilte er ihr mit und gab die Szene im Beichtstuhl zum besten. Er dramatisierte sie sogar. Er stellte in komischer Abwechslung sich sitzend, die Diebinnen kniend, die eine zerknirscht, die andere frech, dar, er stöhnte, winselte, widerbellte mit ihren alten Stimmen, machte die Gesichter, die sie schnitten, und ihre Gebärden nach. Die Wirtin war ein dankbares Publikum, hielt sich die Seiten, wand sich vor Lachen und stieß unter Schreien und Kreischen hervor: »Hör Er auf! – Hör Er gleich auf – ich platze!« Aber je mehr sie kreischte, je toller trieb er's, und zuletzt gab es solchen Lärm, daß ein Knecht und zwei Mägde kamen, um zu fragen, was denn los sei bei der Frau Wirtin. Sie versicherte, daß ihr nichts fehle, sie habe nur unbändig lachen müssen über den Narren da; und sie versetzte ihm unter neuen Kontorsionen einen fast zärtlichen Backenstreich. Edineks Eitelkeit war geschmeichelt, er brannte darauf, neue Lorbeeren einzuheimsen. Ja, die Leute zum Lachen zu bringen verstehe er, habe seine Kunst erst neulich bei einem Hochzeits- schmause ausgeübt, er würde sie auch hier gern zeigen, wenn es der Frau Wirtin recht wäre. Es war ihr recht, und er flüsterte ihr zu: »Mesner und Beichtvater in der Früh, am Abend Lustigmacher, das ist ein Leben! Das paßt mir!« Eine Wandertruppe, die vor längerer Zeit im Dorfhotel Station gemacht, hatte an Zahlungs Statt einige alte Anzüge dagelassen. Er durfte darunter wählen, was ihm für die Gelegenheit passend schien, und entschied sich für einen blauen Frack mit Messingknöpfen, eine weiße Hose und eine hohe Krawatte mit Vatermördern. Sein bloßer Anblick erweckte Heiterkeit. Die Kleider waren zu weit für ihn und umschlotterten seine schlanke Jünglingsgestalt, die langen Frackschöße flogen wie Fahnen hinter ihm her, und wie zwischen zwei Lanzen blühte sein feines, rosiges Gesicht zwischen den spitzigen Vatermördern hervor, seine Geige hielt er unbeholfen im Arme und schien ratlos, was mit einem solchen Ding anzufangen sei. Die Gesellschaft hatte den hergelaufenen Possenreißer mißtrauisch und verächtlich begrüßt, aber die bärbeißigen Gesichter verwandelten sich in heitere, als er damit begann einen desparaten Musikanten darzustellen, der einen Hochzeitsmarsch aufspielen soll, und, eingeschüchtert durch den Anblick der imponierenden Gesellschaft, seinem Instrumente schrille Gickser und katzenjämmerliches Miauen entlockte. Plötzlich aber setzte er die Fiedel fester an, schwang den Bogen und strich mit wilder Sicherheit über die Saiten. Der Musikant hatte seine Kunst wiedergefunden und ließ eine jauchzende, hinreißend fröhliche Weise erklingen. Als Gegenwirkung der Angst und Pein, die er am Morgen ausgestanden hatte, überkam ihn eine elementare, eine tolle Lustigkeit und weckte bald lauten Widerhall. Die nie versagende Dankbarkeit für den Komiker stellte sich ein, er durfte am Tische Platz nehmen, mitessen und mittrinken. Als der Tanz anging, erlitt er den Genuß, die Frau Wirtin einige Male durch das Lokal zu rollen, und erholte sich von der Auszeichnung bei der Polka mit jungen hübschen Mädchen. Der Tag graute, das Fest war noch nicht zu Ende, aber die Hausherrin mahnte ihn fürsorglich: »Jetzt mach Er sich aus dem Staub, Er hat noch gute zwei Stunden zu laufen bis zur Grenze.« Sie steckte ihm einige Nahrungsmittel zu, gab ihm etwas Geld und hätte ihm auch den Raub eines zweiten Kusses verziehen, wenn ihm darum zu tun gewesen wäre. Er aber war kein Freund von Wiederholungen und stattete seinen Dank platonisch ab. Nachdem er sich am Brunnen gewaschen und nachdem er seine eigenen Kleider wieder angezogen hatte, trat er die Wanderung ins Ausland Ungarn an. Eine herrliche Zuversicht erfüllte ihn, ein köstlicher Glaube an sein gutes Glück, seinen guten Stern. Wie war es ihm jetzt wieder ergangen! Konnte er sich's besser wünschen? Als hungriger Habenichts zu wildfremden Menschen kommen, ihnen etwas vorfiedeln, ein bißchen lustig sein und nach ein paar Stunden satt, belobt und beschenkt weiterziehen – versuch ein anderer, ob ihm das gelingt! Juchhe! Also vorwärts, hinaus in die Welt! Ihm kann's nicht fehlen, er musiziert sich durch bis zu dem Magnaten, auf den er fahndet. Der wird sich wundern, was für einen tüchtigen Arbeiter er an ihm gewonnen hat, und ihn auch reich belohnen; sie sind großmütig, so heißt es, die Magnaten. Nur daß ihm der Teufel das Spiel nicht verderbe .... Hüte dich, Teufel! Edinek faßte von neuem die besten Vorsätze und wehrte sich eine Zeitlang tapfer gegen den Schlaf, der ihn bei dieser Beschäftigung überfiel. Der Weg führte ihn an einem Kruzifix vorbei, das am Rain zwischen vier Pappeln auf steinerner Stufe stand. Dort kniete er nieder zum Morgengebet. Aber bald verschwammen seine Gedanken, und an das Holz des Kreuzes gelehnt, unter den ausgebreiteten Armen einer göttlichen Liebe, schlief er ein. Das war wonnig; es kamen alsbald auch Träume in holden Scharen, fein wie feinste Düfte, durchsichtig wie dünnste Schleier. Er stand mitten unter Blumenbeeten; unabsehbar breiteten sie sich, und alle hatte er bepflanzt, gepflegt, gezogen. Er war stolz auf sein Werk, und der Magnat war so entzückt, daß er ihn bat, sein Schwiegersohn zu werden .... Der gute Magnat .... Jetzt faßte er ihn an der Hand – und rüttelte ihn ... oh! oh! warum so derb? Das geht über den Traum und verjagt ihn. Edinek erwacht. Das bärtige Gesicht, das sich über das seine beugt, ist nicht das des guten Magnaten, sondern das seines gefürchteten grimmigen Verfolgers, des Gendarmen Pietienak. Edinek glotzte ihn an mit den erschrockenen Augen eines plötzlich aus dem Schlafe geweckten Kindes. Bei einem Haar wäre er in heiße Tränen ausgebrochen. So aus dem schönsten Traum gerissen zu werden! Aus den Armen einer Magnatentochter durch die rauhen Fäuste eines Stöckelknechtes! ... Wie schadenfroh der grinste, wie er die Gelegenheit begrüßte, Rache zu nehmen für den zerdroschenen Sohn! Edineks Rührung verwandelte sich in Wut, er sprang auf, führte einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht des Gendarmen und wandte sich zur Flucht. Doch war er eingeholt, ehe er sich's versah, und trotz der wildesten Gegenwehr von dem viel stärkeren Manne niedergerungen. Aus dem beiderseits mit Grimm und Haß geführten Kampfe ging die obrigkeitliche Person mit geschwollener Nase und zerrissener Uniform hervor, Edinek zwar unverletzt, aber als ein Gefangener. Die letzte Untat der Teufelsbrut brachte im Dorf eine unerhörte Aufregung hervor. Nun lag's am Tage: Hexerei trieb der Sohn des Satans. Manche Mutter hatte längst behauptet: Ohne Teufelskünste hätte er meine unschuldige Tochter nicht verführt; manche Väter schwiegen schon dazu, wenn ihre Frauen behaupteten, ohne Hilfe übernatürlicher böser Mächte hätte der Verführer nimmer vermocht, ihre braven, soliden Söhne in Taugenichtse zu verwandeln. – Und jetzt erklärten sich die Cibulka und die Rusalkova bereit, vor Gericht aufs Kruzifix zu schwören, daß die Teufelsbrut ihnen in Gestalt des hochwürdigen Herrn Pfarrers erschienen sei und auch seine Stimme angenommen habe. Freilich, was er mit dieser Stimme gesprochen, war nicht im Einklang mit der apostolischen Milde des gütigen Priesters, sondern viel eher eine Eingebung des Teufels. Ein Schrei nach Rache mehr noch als nach Strafe übertönte die Beschwichtigungen der Gemäßigten, das leise Lachen der Humoristen. Dem Herrn Pfarrer wurde es übel vermerkt, daß er einigen allzu sinnlosen Verleumdungen voll Entrüstung entgegentrat. Er büßte damit sogar einen Teil seiner Popularität in der Gemeinde ein. Mit leidenschaftlicher Spannung wurde der Urteilsspruch über den Verbrecher erwartet. Er befand sich in Untersuchungshaft in der Kreishauptstadt. Wer sich dahin begab in Prozeßangelegenheiten zu einem Rechtsfreund, suchte ihn auszuholen und wenigstens einen Zipfel des Schleiers zu heben, der Edineks Zukunft noch verhüllte. Die Übelwollenden meinten, das Schlechteste hoffen zu dürfen. Für den üblen Leumund des Sträflings hatten die Zeugenaussagen gesorgt, und seine Vergehungen gehörten, Gott sei Dank, zu denen, die von der weltlichen Gerechtigkeit als schwere angesehen und bestraft werden. An den Fingern zählten sie nach. Er hatte, als Priester verkleidet, zweien Weibern die Beichte abgenommen und ihnen die Absolution erteilt, somit das Verbrechen der Religionsstörung begangen. Er hatte sich mit gewaltsamen Handlungen seiner Arretierung durch den Gendarm widersetzt, also auch das Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit auf sich geladen. Er war überdies – und das sollte ihm besonders eingetränkt werden – schon vorbestraft, hatte einige Tage »gesessen« nach der großen Rauferei mit dem Sohne Pietienak. »Fünf Jahre kriegt er!« meinten die Gescheiten. »Zehn!« hofften die Phantasievollen, und einige alte Weiber erzählten einander von den leider entschwundenen heiligen Zeiten, in denen alles Hexerei treibende Gesindel auf den Scheiterhaufen kam und verbrannt wurde. Als endlich das Urteil bekannt wurde: »Zwei Jahre schweren Kerkers, verschärft durch einen Fasttag in jedem Monat«, gab es allgemeine Enttäuschung. Nur zwei Jahre für soviel Untaten und Delikte! Das war ja, als ob man dem schlechten Kerl ein Patent auf Nichtsnutzigkeiten ausstellen wollte. Aber die Richter von heutzutage! Den Namen führen sie noch, sind keine mehr, lassen jeden laufen. Das hat man grad jetzt wieder erlebt. »Was wollt ihr erlebt haben?« fragte Monika, wenn solche Reden in ihrer Gegenwart geführt wurden. »Wenn man einem zwei Jahre schweren Kerkers zuerkannt, nennt man das ihn laufen lassen?« Der unbestraft heimkehrende Edinek würde sie unerbittlich streng gefunden haben. Den Verurteilten nahm sie in Schutz und billigte das Verfahren des Gerichtshofes. Sein Urteil war milde, weil der Angeklagte reuig und bußfertig war. Er verlangte keinen Verteidiger, legte ein offenes Geständnis ab, verhüllte und beschönigte nichts. Er war auch damit einverstanden, daß der Vormund auf Rechtsmittel gegen das Urteil verzichte, fand seine Strafe gerecht und trat sie gutwillig an. Am Schlusse dieser trockenen Ausführungen, die Monika mehr als einmal einem kleinen Auditorium vortrug, wurde sie immer sehr gegen ihren Willen bewegt, und ihre Lider röteten sich. Da teilte sie den Bericht eines Augenzeugen bei den Verhandlungen mit. Nie, sagte der, werde er den Eindruck vergessen, den der Angeklagte auf ihn hervorbrachte, als er unter den Zeugen den Herrn Pfarrer erblickte. Bis jetzt hatte er eine große Sorglosigkeit an den Tag gelegt, die gravierendsten Aussagen mit etwas spöttischem Gleichmut über sich ergehen lassen und das Aussehen eines kecken, wenn auch durchaus nicht unsympathischen Wildlings gehabt. Das wurde anders mit einem Schlage, als sein Seelenhirt erschien und sich seiner annahm, ihm auch ein bißchen Gutes nachzusagen wußte. Er nannte seinen bisher leider unverbesserlichen Leichtsinn die Quelle aller seiner Vergehungen und auch seiner letzten, allerdings sehr strafbaren Handlung. Daß ihr eine böswillige und gotteslästerliche Absicht nicht zugrunde lag, dafür wollte der priesterliche Zeuge, der ihn von Kind auf kenne, einstehen. Der Schuldige horchte diesen Worten, als ob Engelszungen sie sprächen, und nicht nur Milde schien ihm aus ihnen entgegenzuklingen, er zuckte auch unter ihnen zusammen, als streuten sie auf sein Haupt die glühenden Kohlen, von denen das Evangelium redet. Der ganze Mensch zitterte und bebte; er blickte wie zu einer überwältigenden himmlischen Vision zu dem Priester empor. Das Auditorium, die Richter, der Staatsanwalt, alle waren ergriffen, als er mit gefalteten Händen, wortlos und schluchzend vor ihm auf die Knie stürzte. Ein Jahr und drei Monate später; ein Februarmorgen. In den Bäumen regt sich's leise und geheimnisvoll. Ein kundiges Auge sieht es den scheinbar unveränderten Stämmen an, daß sie ein Erwachendes bergen. Die starren Säfte in ihrem Innern erweichen, bald wird ein Lebensstrom durch das Geäste und Gezweige quellen. Die umschleierte Sonne zweifelt herab auf den grau gewordenen Schnee: Beliebt dir's hinwegzuschmelzen? ja oder nein? Die Antwort wird nicht lang auf sich warten lassen; schon wird stellenweise die braune Erde sichtbar, das matte Grün der Wintersaat wagt sich ans Licht; die Straße, die vom Dorfe her sachte ansteigt zum Pfarrhaus, ist schon ganz schneefrei, in dem Graben neben ihr rieselt munter ein schmales, schmutziges Bächlein. Durch die winterliche, leicht bewegte Luft kommen einzelne laue Wellen gezogen, wonnig einzuatmen, voll köstlicher Verheißung. Der Pfarrer und seine Schwester waren eben aus dem Hause getreten, Monika im Mantel und Capuchon, Pater Emanuel im weiten Winterrock, einen weichen, breitkrempigen Hut auf dem Kopfe. Er hatte sehr gealtert in der letzten Zeit, sein Gesicht war noch schmaler, die Haare waren ganz weiß geworden, die Augen schienen größer und leuchtender. Etwas seltsam Fremdartiges und Rührendes schwebte über seiner ehrwürdigen Erscheinung, unsichtbar und unausgesprochen wie ein Hauch und doch deutlich und ebenfalls eine Verheißung. Nur eine andere, eine höhere, als sie sich aussprach in der aufatmenden Natur, kein Beginnen, ein leise auf sanft schwingenden Flügeln nahendes Vollenden. In dem Augenblick, in dem sich die Geschwister dem Eingang zum Vorgärtchen näherten, drang ein Jauchzen ihnen entgegen. »Hochwürden! Fräulein!« und Edinek stürzte auf sie zu und bot einen heiteren, einen überraschenden Anblick; fast elegant sah er aus. Ganz prächtig stand ihm sein funkelnagelneuer Winteranzug: kurzer Rock mit kleinem Pelzkragen, braune Sammethose, hohe, schmucke Stiefel. In der linken Hand trug er ein Felleisen, auf dem seine Geige aufgeschnallt war; mit der Rechten schwenkte er die Mütze jubelnd empor: »Entlassen, Hochwürden, gnädiges Fräulein, ich bin entlassen, bin da!« Er faßte ihre Hände, küßte und küßte sie, sie konnten es ihm nicht wehren. Der Pfarrer klopfte ihm auf die Schulter: »Schau Er! schau Er – aus dem Kerker entlassen?« »Weil ich mich so gut gehalten habe, Hochwürden«, verkündigte er triumphierend. »Wissen ja, Hochwürden, haben sich nach mir erkundigen lassen, ich hab's gehört. Und lauter Gutes über mich erfahren.« »Wohl, wohl, es ist wahr, viel Gutes, beinahe nur Gutes.« »Sehen Hochwürden! und so habe ich das Glück gehabt, daß sie mich vorgeschlagen haben zum Strafnachlaß, und da hat mir der Kaiser ein ganzes Dreivierteljahr geschenkt.« »Wenn diese Nachsicht Ihm nur auch so heilsam ist, wie die strenge Zucht es war«, sagte Monika, »die hat Ihm prächtig angeschlagen. Er sieht so ordentlich aus wie noch nie. Eine Erbschaft muß er im Kerker auch gemacht haben, wo kämen sonst die schönen Kleider her?« »Gekauft, gnädiges Fräulein, gestern in der Stadt. Geld genug gehabt, mir Geld verdient« – das sprach er stolz – »mit meiner Arbeit.« »Und alles gleich auf einmal ausgegeben? Alles in fünfviertel Jahren Verdiente auf einmal für einen Anzug?« Nicht alles, Gott behüt! Es war noch genug da, um sich und andern Begnadigten, die nicht so reich waren wie er, einen guten Tag zu machen – was für einen! Famos, nur sehr kurz, denn das Geld, das liebe, hat Füße und Flügel bekommen, war gleich weg ... Aber laufe du! fliege du! Er braucht keines mehr, ist ja da, ist zu Hause, ist geborgen! Die Geschwister hatten kein Wort gewechselt, keinen Blick, doch wußte jedes, was in der Seele des anderen vorging. »Hast die Rechnung ohne den Wirt gemacht, armer Junge«, sagte Monika ungewöhnlich weich und traurig und ging in die Küche, um eine Mahlzeit für den Ankömmling zusammenzustellen. Edinek durfte den geistlichen Herrn in seine Stube begleiten. O Himmel, wie ihm da zumute war! Er lief von einem Fenster zum andern, sah umher mit freudestrahlenden Blicken. »Da, Hochwürden, da sind gesessen und haben mir vom Wolf erzählt.« »Mit wenig Nutzen, Edinek.« »Mit vielem, vielem! ... Nur, daß er nicht gleich gekommen ist, erst später ... Als Hochwürden sich meiner angenommen haben vor Gericht, da hat's in mich eingeschlagen wie der Blitz, und ich hab mir vorgenommen: Ich will's den Leuten zeigen, wer recht hat, der Hochwürden oder sie ... Und hab's ihnen gezeigt, da steht's. Hab mir Wort für Wort aufgeschrieben, wie's geheißen hat.« Er hatte einen Zettel aus seiner Tasche gezogen und las langsam und nachdrücklich: »Hat sich die Sympathie der Funktionäre der Strafanstalt gewonnen durch Fleiß, Disziplin und Reue.« Das letzte Wort betonte er besonders stark, und der Pfarrer dachte: O ihr Reuekünstler! Edinek aber begann freudig und rasch die Zukunftspläne darzulegen, die er sich in der Strafanstalt bis ins kleinste so schön ausgemalt. Dem Wohle des Pfarrhauses würde er sein ganzes Können widmen, die kleine Wirtschaft gut führen, auch dem armen Fräulein, das der Arbeit nicht mehr recht gewachsen sei, die Plage mit dem Obst, dem Gemüse, den Blumen abnehmen... »Es wird dem gnädigen Fräulein doch recht sein?« unterbrach er sich, ganz erstaunt, daß Emanuel ihm kein Zeichen der Zustimmung gab. »Ihr und mir wäre es recht, wenn es sein könnte«, erwiderte der Priester, »doch kann es eben nicht sein.« »Wieso? – warum? Warum soll es nicht sein können, Hochwürden?« Die Tür öffnete sich, Kathi trat ein und setzte eine Platte mit Speisen und Wein auf den Tisch. »Die Kathi!« begrüßte Edinek sie voll Erstaunen. »Wie kommt denn die Kathi her? Wo hat Sie den Ehemann gelassen? – Na also: Grüß Gott, grüß Gott tausendmal!« Er war mit ausgestreckten Händen auf sie zugeeilt – sie schlug die ihren auf dem Rücken zusammen. Haß und Scheu verzerrten ihr Gesicht: »Untersteh dich, Zuchthäusler!« zischte sie ihn an und schoß mit fluchtartiger Geschwindigkeit davon. »Was fehlt ihr? Was hab ich ihr getan?« fragte Edinek betroffen. »Und was hat sie hier zu suchen? Wird ihr schlecht gegangen sein in der Ehe, kann mir's denken.« »Es ist ihr nicht gut gegangen.« »Ganz natürlich.« »Sie hat wieder einen Dienst suchen müssen, und meine Schwester hat sie gern aufgenommen.« »Und – die Anna? ...« Edinek wandte die Augen dem Fenster zu und strich mit den Fingern über den schwarzen Flaum, der ihm im Gefängnis auf der Oberlippe gewachsen war. »Die Anna ist verheiratet, ist fort mit ihrem Mann nach seinem Dorf, wo sie dem Vater die Wirtschaft führen.« »Und der, der Anna, geht's gut?« »Sehr gut, ja, ja.« »Sehr gut, und ihm erst! – Kann mir's denken. Der Dumme hats Glück, da kann man nichts machen«, seufzte Edinek. »Sie ist halt dort, und ich bin hier in meinem Dorf, meinem Zuhaus, und ich wieder, ich führe dem Herrn Pfarrer die Wirtschaft. Werden zufrieden sein. Also Hochwürden, also«, drängte und ermunterte er: »Behalten mich!« »Unmöglich, leider; du kannst hier nicht bleiben.« Edinek staunte den geistlichen Herrn unaussprechlich bestürzt an: »Nicht bleiben? ... Warum denn nicht?« »Du hast zu großes Ärgernis erregt; sie würden dich hier nicht dulden.« »Wer?« »Wie du nur fragen kannst! – die Leute doch.« »Was haben die zu sagen, wenn mir der Kaiser verziehen hat? Was können die Leute mir tun? Können sie mich wieder einsperren lassen?« »Das nicht, aber dich ausstoßen, ausschließen, dir das Leben verbittern, dich in jeder Weise mißhandeln können sie.« »Sie sollen nur – was liegt mir dran? Ich prügle mich schon durch.« »Das wäre das Rechte! Der Wirtschafter des Pfarrers prügelt sich durch die Gemeinde.« »Wenn sie mich zwingen ... Warum wollen sie mich zwingen? Sie sollen gut mit mir sein. Befehlen ihnen Hochwürden, daß sie gut mit mir sind.« »Befehlen läßt sich das nicht. Hast du gesehen, wie sich die Kathi vor meinen Augen gegen dich benommen hat?« »Oh, die Kathi!« Er lachte hell auf mit seinem alten, tollen Übermut, »in zwei Tagen wickel ich die um den Finger.« Du kommst als der wieder, als der du gegangen bist, dachte Emanuel und sprach: »Niemand wickelst du um den Finger, sie sind alle deine Feinde.« »Da ist es ja dem Wolf besser gegangen als mir! In seiner Stadt waren bessere Leute!« rief Edinek voll schmerzlichen Trotzes aus. »Auch die unseren werden verzeihen, aber Zeit mußt du ihnen lassen. Geh, mein Kind, und komm nicht zurück, bevor die Haare, die jetzt noch braun sind, weiß geworden sind.« »Nein, nein, nein! Da wären ja Hochwürden schon tot, sind ja schon so alt!« Jetzt erst fiel ihm auf, wie alt der Hochwürden aussah. – So alt und heiliger denn je. Und hilflos stand dieser Heilige in der Welt, vermochte nichts über die bösen Leute, vermochte nicht einmal sein Eigentum vor ihnen zu hüten. Er brauchte die Stütze einer jungen, hingebungsvollen Kraft, brauchte ihn und durfte ihn nicht von sich weisen. Mit wilder Entschlossenheit wiederholte er sein dreimaliges »Nein!« und schrie beinah: »Dürfen mich nicht wegschicken, müssen mich behalten.« Aber er begegnete einem ruhigen, sanften, unerschütterlichen Widerstand: »Es ist gesagt. Du kannst hier nicht bleiben, überhaupt nicht, am wenigsten bei mir, du hast die Heimat für lange Zeit verwirkt. – Du gehst und suchst dir einen Platz an einem fremden Orte, wo sie dich nicht kennen, nichts von dir wissen. Von dort aus schreibst du mir, und ein Dienstbuch wird dir nachgeschickt. Und jetzt: setz dich, iß und trink!« Edinek würgte mühsam an den guten Bissen, die Monika ihm hatte vorsetzen lassen, legte das Eßzeug fort und stand wieder auf: »Ich kann nicht, Hochwürden, ich bring's nicht hinunter ... Erst wieder herkommen, wenn Hochwürden tot sind und die hübschen braunen Mädeln alte Weiber ... und dort sitzen in der Fremde ...« »Deine Militärzeit mußt du auch noch abdienen.« »Militärzeit? Ja, das wäre noch das Beste. Da geh ich zur Kavallerie, möcht bald Wachtmeister werden und käm dann her in der Uniform. Da möchten Hochwürden schauen ... Ja so« – unterbrach er sich, und der freudige Schein, der sein Gesicht überflogen hatte, erlosch –, »ja so, ich darf ja nicht kommen.« Der Pfarrer entnahm der unversperrten Tischlade ein Beutelchen, prüfte seinen Inhalt und legte es dem Edinek in die Hand: »Es ist nicht viel, aber es reicht für die erste Zeit, wenn du nicht schon im nächsten Wirtshaus alles vertust.« Edinek wollte danken, aber wie früher die Bissen, so quollen ihm jetzt die Worte im Munde. Er verneigte sich stumm und schritt zur Tür, blieb dort stehen und wandte sich um. »Geh mit Gott, mein Sohn«, sprach Emanuel. Der Bursche konnte sich nicht entschließen. Von einem trockenen Schluchzen erschüttert, arbeitete seine Brust heftig. Er streckte dem Geistlichen die Arme, die verschränkten Hände entgegen, und wie ein Kind, das um etwas Unmögliches bittet und bettelt, ahnt, daß es nicht erhört werden wird, und dennoch bittet und bettelt, stieß er heraus: »Hochwürden! Hochwürden! sagen mir nicht Kind, nicht Sohn, sagen mir Bruder Wolf und behalten mich!« Emanuel vermied es, ihn anzusehen, ging zur Tür, öffnete sie und sagte: »Komm!« Draußen auf der Schwelle wiederholte er sein: »Geh mit Gott«, und segnete ihn. Nun erschien auch Monika. Sie gab dem ehemaligen Schützling die Hand ohne Ermahnung, und als sie ihm Lebewohl sagte, kam in ihr imposantes Sibyllenangesicht ein milder, mütterlicher Zug. Die Geschwister geleiteten ihn bis zur Gittertür, blieben dort stehen und sahen ihm nach. Monika warf verstohlen einen Blick auf ihren Bruder, senkte aber alsbald die Augen; sie hätte nicht bemerken sollen, daß in den seinen Tränen glänzten. Jakob Szela 1 Die einen nennen den Jakob Szela einen Volksführer, die andern einen Volksverführer; die ersten sehen in ihm ein Muster »schönster Loyalität«, die zweiten einen Räuber und Mordbrenner. Jene verehren ihn als einen Gesetzeskundigen und Weisen, während ihn diese für einen Winkelschreiber und Rabulisten erklären. Kaum ist jemals über eine geschichtliche Persönlichkeit so verschieden geurteilt worden wie über den galizischen Bauer Jakob Szela, Grundwirt zu Smarzowa im Tarnower Kreise. Nicht einmal das Alter, in welchem er sich anno 1846 – dem für Galizien so wichtigen und unglücklichen Jahre – befand, ist festgestellt. – Er war damals sechzig Jahre alt und im Vollbesitze seiner Kraft, sagen seine Ankläger. Er war ein siebenzigjähriger gebrochener Greis, sagen seine Bewunderer. Nur in einem Punkte stimmen alle überein, alle bestätigen, daß große Macht in den Händen dieses Mannes lag, dem Tausende seiner Standesgenossen unbedingtes Vertrauen schenkten und blind gehorchten. Gleich nach seiner Erwählung zum Gemeindedeputierten hatte er einen Prozeß gegen die Gutsherrschaft beim Kreisamt anhängig gemacht. Er bewies, daß die Gutsherrschaft sich im Verlaufe von sechsundfünfzig Jahren von der Gemeinde Smarzowa wöchentlich um achtzig, in summa einmalhundertzweiunddreißigtausendneunhundertundsechzig Robottage mehr hatte leisten lassen, als jene zu leisten schuldig gewesen war, und verlangte Schadenersatz. Das Kreisamt nahm die Klage an, suchte aber Szelas Forderung herabzumindern. Der wollte jedoch kein Jota von seinem Rechte ablassen, respektive von dem Recht derjenigen, die er zu vertreten hatte, wollte auch auf keinen noch so gut gemeinten Vorschlag zu einem Ausgleich eingehen und legte eine solche Halsstarrigkeit an den Tag, daß der Kreishauptmann, Ritter von Breinl, sich endlich entschloß, den Vorstellungen der Gutsherren von Smarzowa nachzugeben und in die Entsetzung Szelas als Gemeindedeputierten und Bevollmächtigten zu willigen. Gegen den Ausspruch rekurrierte Szela sogleich beim Gubernium, wurde dort jedoch abgewiesen und vermahnt, sich an die kreisamtliche Entscheidung zu halten. Szela überlegte eine Weile und wandte sich dann mit einer klaren Darlegung des Sachverhalts an die Hofkanzlei nach Wien. Binnen kurzem erfloß von dort die Kassierung der Entscheidungen des Kreisamts sowohl wie des Guberniums. Die beiden Stellen erhielten den Befehl, Szela, gegen den als Gemeindevertreter nichts einzuwenden sei, auch sonst Ungünstiges nicht vorliege, nach wie vor als Deputierten seiner Ortschaft anzuerkennen. Dieser Beschluß erweckte in der Landbevölkerung eine grenzenlose Begeisterung und Dankbarkeit gegen die kaiserliche Regierung und steigerte Szelas Ansehen auf das höchste. Der Prozeß nahm seinen Fortgang und war nahe daran, zugunsten des Klägers entschieden zu werden, als die Revolution ausbrach, die einzige, in welcher das Volk den Ausschlag gab, indem es gegen seine vorgeblichen Befreier Partei ergriff. Kein Wunder, daß Szela bei dem merkwürdigen Ereignisse eine große Rolle spielte – spielen mußte; die Konsequenzen seiner langjährigen Wirksamkeit traten zwingend an ihn heran, und den schlichten Bauer hat es wohl selbst befremdet, als er, eines Morgens erwachend, die Sense in seiner Hand in ein Richtschwert verwandelt sah. Ob er es zum Heile oder Unheile geführt, ob er das rings auflodernde Feuer anzufachen oder zu dämpfen gesucht hat, darüber steht den Vorurteilsvollen kein endgültiges Urteil zu. Maßgebender für eine Charakterstudie des Bauernhäuptlings dürften die Berichte eines kürzlich in Zabno verstorbenen Mannes sein, der den Szela persönlich gekannt, ihm aber ferngestanden hat und sine ira et studio von ihm zu sprechen pflegte. Der Mann war der alte Sikorski, ehemaliger Kastellan im Schlosse des Grafen O., eines Grenznachbars der Herren von Bogusz, Eigentümer von Smarzowa. Sikorski hatte in seiner Jugend beim Militär gedient, seines Fahneneides nicht vergessen und kümmerte sich um Politik nicht im geringsten. Er folgte darin dem Beispiele seines Herrn, der auch viele Jahre Soldat gewesen war und diese Zeit als die fröhlichste seines Lebens bezeichnete. Die glücklichste für den Grafen, die seiner Ehe, hatte nur wenige Jahre gedauert. Nach dem Tode seiner Gattin, die ihm drei schöne und kräftige Söhne hinterlassen, gab er sich anfangs einer unmäßigen Trauer hin, suchte aber dann Zerstreuungen, kutschierte in der Nachbarschaft herum, hielt sich monatelang in Lemberg auf, verbrauchte mehr Geld, als er einnahm, drückte seine Pächter und wurde seinen Bauern ein harter Herr. So schlecht es denen jedoch erging, von ihren Großeltern konnten sie hören, daß die jetzige Zeit Gold war im Vergleich zur früheren, welche die Metapher von dem an den Pflug gespannten Bauer zur buchstäblichen Wahrheit gemacht hatte und in welcher es den Edelmann keinen Kreuzer kostete, wenn er einen seiner Untertanen – und nur fünfzehn polnische Gulden, wenn er den seines Nachbars erschlug. Der Graf fühlte für Szela immer eine gewisse Vorliebe, hielt ihn an, wenn er ihm begegnete, sprach und scherzte mit ihm, demütigte ihn übrigens mitunter auch recht grausam. Er haßte Szelas Gutsherren von Herzen wegen ihrer österreichfeindlichen Gesinnung, er hätte ihnen alles Schlimme gegönnt, aber daß ihnen Schlimmes durch einen ihrer eigenen Bauern zugefügt wurde, das war ihm doch nicht recht. Die Entschließung des Kreisamts in bezug auf Szela hatte er als eine Ungerechtigkeit getadelt, die Entschließung der Hofkanzlei entrüstete ihn als eine Unklugheit. – »Das übersteigt die erlaubten Grenzen«, sagte er; »das ist zu arg. Das heißt jede unmittelbare Autorität dem Landvolke gegenüber untergraben.« Von dem Tage an grollte der Graf dem Szela und wurde gar eifrig in seiner Mißstimmung bestärkt durch einen jungen Mann, dem er viel rascher, als sonst in seiner Art lag, sein Vertrauen geschenkt hatte, durch den Mandatar Jaslo. Der Mandatar war überhaupt eine wichtige Persönlichkeit in der Umgebung des Grafen, ein bildhübscher Bursch von äußerst einnehmendem Wesen. Mittelgroß, mager wie ein Windhund, geschmeidig wie eine Katze und klug wie eine Schlange. Der Graf stand unter seinem Einfluß, die jungen Grafen waren von ihm bezaubert. Joseph, der Erstgeborene, betete ihn förmlich an und wich nicht von seiner Seite. Im Herbste 1845 kam eines Tages Szela zu dem Kastellan Sikorski und bat, ihn beim Grafen zu melden. Eine solche Freiheit hatte Szela sich nie herausgenommen, und Sikorski sagte erstaunt zu ihm: »Ich dich melden? Was fällt dir ein? Nicht einmal, wenn der Herr Graf gut aufgelegt wäre, täte ich's; wie denn heute, da er sich in seiner übelsten Laune befindet, weil der Verwalter ihm nicht soviel Geld gebracht hat, als er auf die morgige Reise mitnehmen wollte.« Szela entgegnete, wenn der Herr Graf morgen schon wieder verreise, liege desto mehr daran, daß er ihn heute noch sprechen könne. Und er wußte dem Kastellan die Sache so dringend zu machen, ihm die Verantwortung, die er auf sich lade, wenn er ihm nicht eine Audienz verschaffe, als eine so schwere vorzustellen, daß Sikorski sich zum Grafen begab und ihm die gehorsamste Bitte des Szela vortrug. Der Graf sprang vom Schreibtisch auf, an dem er vor unordentlich durcheinandergeworfenen Rechenbüchern und Schriften gesessen hatte, und rief: »Herein mit ihm!« Der Kastellan stutzte; ihm wurde heiß. Diesen rauhen Klang in der Stimme seines Herrn kannte er und wußte im voraus, was Szela zu erwarten hatte. Er ging nach seinem Zimmer zurück und riet dem dort Harrenden: »Glaub mir, lauf noch jetzt davon. Ich will sagen, daß du im letzten Augenblick den Mut verloren hast, vor den Herrn zu treten. Das wird ihm in den Kram passen und ihn besänftigen.« »Kann nicht sein«, murmelte Szela, »geh du voran, Pan Kastellan, ich folge.« So begaben sie sich auf den Weg. »Was willst du?« schrie der Graf dem Szela entgegen. Als der jedoch sich tief verneigte und voll Respekt an der Tür stehenblieb, da war's, als ob sein Anblick den Grafen umstimmte. Und in der Tat besaß der alte Grundwirt, obgleich er ungewöhnlich klein und schmächtig war, ein gar ehrwürdiges Aussehen. Zufällig hatte er sich gerade unter das Bild des Teuerdank gestellt, das an der Wand hing, und jedem Menschen mußte die Ähnlichkeit zwischen den beiden Köpfen auffallen, dem des großen Kaisers im samtenen, pelzverbrämten Jagdkleide und dem des armen Bauers im weißen Leinwandkittel. »Was willst du?« wiederholte der Graf. »Ich möchte untertänigst bitten, unter vier Augen mit dir sprechen zu dürfen, hochgeborener Herr.« »Unter vier Augen? ... Du bist keck ... Ich habe keine Geheimnisse mit dir. Sprich vor dem Kastellan oder pack dich.« »Du hast zu befehlen, gnädigster Herr«, antwortete Szela, ohne eine Miene zu verziehen – er hatte wohl keinen andern Empfang erwartet. »Ich bin gekommen, um dich zu warnen; du befindest dich in einer großen Gefahr.« »So? ...« Der Graf zwirbelte an seinem Schnurrbart und trat näher auf Szela zu: »Mich zu warnen, kommst du, und vor wem?« »Vor einem deiner Diener, der dich bestiehlt.« »Bestiehlt?« »Ja, hochgeborener Herr Graf. Er stiehlt dir das Liebste, das du hast – deine Kinder.« »Was soll das heißen? Welchen Unsinn schwatzest du?« »Laß dich herab, mich anzuhören«, flehte Szela. »Du hast einen Mann im Hause, der zu den Polen hält und ein Feind des Kaisers ist.« »Wohl auch dein Feind?« fragte der Graf höhnisch, und Szela, ohne die Ironie dieser Worte zu verstehen, gab mit ruhiger Stimme zur Antwort: »Freilich, Herr. Der Feind des Kaisers ist auch mein Feind.« »Aha! ... Wie heißt der Mann, von dem du redest?« »Jaslo, Pan Jaslo, der Mandatar.« Jetzt brach das Gewitter los: »Hund, niederträchtiger, verleumderischer Hund! Meinen besten Diener wagt die Bestie zu begeifern, weil sie weiß, daß er ihr nicht gewogen ist? ... Weil er wie jeder Vernünftige sagt: Unrecht getan hat die Hofkanzlei, indem sie auf den Rekurs des frechen Gesellen anders geantwortet hat als mit einer Anweisung auf fünfzig Stockstreiche?« »Es ist mir zu Ohren gekommen, gnädiger Herr, daß Pan Jaslo so ungebührliche Reden führt.« »Und deshalb also? ... Dem soll ich den Mund stopfen, meinst du? Ein Mensch, der bei der Hofkanzlei Gehör gefunden hat, wird auch bei einer Herrschaft Gehör finden? Aber da hast du dich verrechnet ... Die Herrschaft holt nach, was die Hofkanzlei versäumte ...« Dem Grafen quollen die Augen aus dem Gesicht, seine Lippen waren weiß; er ballte die Hand um einen Reitstock, den er vom Wandgestell gerissen hatte, und ein Hagel von Schlägen fiel auf den Kopf und die Schultern des Bauers. Dieser stand unbeweglich, zuckte nicht einmal; nur eine grenzenlose, verzweiflungsvolle Traurigkeit sprach sich in seinem faltigen Antlitz aus. Plötzlich war's, als ob den Grafen Scham ergriffe über das Büttelknechtsamt, das er ausübte. Statt ihn zu besänftigen jedoch, reizte ihn der Gedanke nur zu größerer Wut gegen den, der ihn dahin gebracht hatte, sich so zu entwürdigen. Szela tat nicht das geringste, um seinen Grimm zu mildern. »Ich brauche mir im Grunde deine Schläge nicht gefallen zu lassen, gnädiger Herr«, sagte er, als der Graf seinem Stocke Ruhe gönnte. »Dessenungeachtet bitte ich dich: schlag zu! aber nimm dir meine Warnung zu Herzen.« Natürlich tobte darauf der Graf noch ärger als früher. Kein Schimpfwort, das er dem Szela nicht zugeschrien hätte. Zum Schlusse schwor er einen so törichten Eid, wie ihn nur der rasendste Zorn aussprechen kann: Lieber wollte er untergehen, lieber seine Kinder vor seinen Augen sterben sehen, als seine oder ihre Rettung einem elenden Kerl von Bauern danken zu müssen. »Hinaus! Hinaus mit dir, du lügnerischer Schurke! Und wenn du dich je wieder blicken lassen solltest, dann hüte dich vor den Hofhunden.« Das war der Reisesegen, den Szela mitbekam. Der Kastellan nahm den Alten mit auf seine Stube und brachte ihm Wasser, um sein blutrünstiges Gesicht zu waschen. Ihn jammerte des schwer Mißhandelten, er konnte sich aber doch nicht enthalten, ihm zu sagen: »Recht ist dir geschehen. Warum hast du durchaus zu ihm gehen müssen!« Szela rieb sich die zerbleuten Schultern mit dem Rücken der Hand: »Armer Herr Graf – für so verblendet hätte ich ihn nicht gehalten. Armer Herr! Ganz betört hat ihn der polnische Schwätzer ... Bete zu Gott, Herr Kastellan, daß er das große Unglück abwende, welches dieser Mensch über den armen Herrn Grafen und sein ganzes Haus bringen kann.« Am Nachmittage ließ der Graf den Mandatar rufen und hatte eine lange Unterredung mit ihm. Verstört und bleich war Jaslo in das Zimmer seines Herrn getreten, wohlgemut und friedlich kam er wieder heraus. Das leibhaftige gute Gewissen könnte nicht in liebenswürdigerer Gestalt einhergehen. Der Kastellan begegnete ihm im Gange und ärgerte sich später darüber, daß er dem jungen Manne für seinen Gruß gar so freundlich gedankt hatte. Aber das war es ja, daß er einen immer wieder gewann. Jeder, der ihn sah, konnte nichts Schlechtes von ihm denken. Vielleicht weil er selbst in dem Glauben handelte, recht zu tun, indem er alle, die einer anderen Partei angehörten als er, zu betören und zu verführen oder zu – verraten suchte. Nach der Abreise des Grafen begann er übrigens sein Spiel ziemlich offen zu treiben. Er schien sich das Vorgehen des Herrn Longchamps, Güterkommissärs beim Fürsten Sanguszko, zum Muster zu nehmen, der, sobald der Fürst seine Residenz verlassen hatte, um sich zum Winteraufenthalt nach Paris zu begeben, Schloß Gumnisk zu einem Vereinigungspunkte für Anhänger, Agenten und Emissäre der Propaganda aus allen Ecken und Enden Westgaliziens machte. Mit diesen Leuten verkehrten Jaslo und Graf Joseph beständig; und auch die jüngeren Grafen, deren Hofmeister der Beredsamkeit Jaslos lange widerstanden hatte, jetzt aber anfing schwankend zu werden, sangen: »Jeszcze Polska« und freuten sich in ihrer kindischen Weise auf den baldigen Ausbruch der Revolution. Seltsam war die Stimmung im Dorfe. Am Sonntag Sexagesimä fanden sich bedruckte fliegende Blätter auf den Bänken in der Kirche vor und wurden von den meisten Andächtigen – aus gutem Grunde ungelesen – ins Gebetbuch gelegt. Die wenigen jedoch, die gelehrt genug waren, um sich mit deren Inhalt vertraut zu machen, erfuhren daraus, der Bischof in Jerusalem habe, während er das heilige Meßopfer darbrachte, eine Stimme vom Himmel vernommen, die ein Gebet gesprochen, das er hiermit der Christenheit in Polen zu ihrem Nutzen und Frommen mitteile. Jeder, der es nachgebetet, sei verpflichtet, es siebenmal abzuschreiben und an andere zu verteilen. Er werde dann als ein Gefeiter durch die drohenden Gefahren wandeln. Bald müsse das Blut stromweise fließen; nachher aber stehe eine gesegnete Zeit in Aussicht, in welcher die Früchte der Erde in unerhörter Fülle gedeihen und die Ländereien blühen würden gleich einem Paradiese. Ströme Blutes! – Oft schon hatten die Bauern gehört, Ströme Blutes werden fließen; jetzt hieß es: sie müssen fließen; durch den Mund des Heiligen wurde es verkündet. Wenn aber Blut strömen soll, muß es vergossen werden, und wer soll es vergießen und durch wen soll es geschehen? ... Durch wen anders als durch diejenigen, deren Sache es ist, auf den Feldern, die es düngen wird, zu säen und zu ernten? ... So schlossen die meisten; nur einige ängstliche Seelen waren der Meinung: »Weit gefehlt! Die polnisch gesinnten Herren werden uns umbringen, uns Austriaci!« Ein dumpfer Druck lag auf allen Gemütern, den nur da und dort das Aufblitzen eines wilden Entschlusses, eine Verheißung der Rache für mehr als sechshundertjährige Bedrückung unterbrach. Auf dem Kreisamte herrschte rege Tätigkeit; täglich wurden neue Verschwörungen entdeckt und neue Verhaftungen vorgenommen. Jeder Freund des Friedens fing schon an zu hoffen, es werde den Ruhestörern das Handwerk bald gelegt sein, als grausige Gerüchte aus der Nachbarschaft in das Dorf drangen. Die Edelleute, erzählte man sich, wollen ihre Bauern zum Kampf gegen die Regierung aufstacheln und werden von den Bauern erschlagen, und ihre Häuser, ihre Kastelle werden ausgeplündert und in Brand gesteckt. In der Nacht des 18. Februar ging Sikorski, von namenloser Bangigkeit gepeinigt, von Zimmer zu Zimmer. An dem der kleinen Grafen lauschte er; da war alles still, sie schliefen. Im großen Saal mit den sechs hohen Fenstern traf er den Grafen Joseph, der aufmerksam in die Ferne hinausspähte. Der Mond war noch nicht aufgegangen, die Nacht aber schnee- und sternenhell. An zwei Punkten des bleigrauen Horizonts wallten von feurigen Funken durchsprühte weißliche Rauchsäulen empor. »Um Christi willen!« seufzte Sikorski, »zwei Dörfer brennen!« »Das dritte noch nicht, und das ist schlimm«, sprach Joseph, »viel schlimmer als du denkst, alter Sikorski.« Der Kastellan entsetzte sich über diese Worte und fragte den jungen Herrn, wie er, der doch ein gutes Herz habe, solche Reden zu führen imstande sei. Joseph lächelte und erwiderte mit einer altklugen und kalten Miene, die ihm ein ganz verändertes Aussehen gab: »Was willst du? Einen Pfannkuchen bereitet man nicht, ohne Eier zu zerbrechen.« Es wurde Mitternacht. Joseph blickte unverwandt nach einem dunklen Fleck am Horizonte aus, den endlich das sanfte Licht des Mondes, aber nicht das eines Schadenfeuers erhellte. Am nächsten Morgen in aller Gottesfrühe sandte Pan Jaslo den Sikorski mit Briefen auf die Post nach dem Städtchen, das im Schlitten mit guten Pferden in einer Stunde zu erreichen war. Dort wurde dem Kastellan eine große Anzahl Neuigkeiten mitgeteilt, die ihm die Haare zu Berge trieben. Er erfuhr, in welcher Gefahr sich die Edelleute überhaupt, insbesondere aber jene befanden, die sich der Revolution angeschlossen hatten. »Wenn Euer Graf in Lemberg ist«, sagte der Posthalter, »kommt er gewiß heute oder morgen zurück. Es sind reitende Boten mit Alarmnachrichten nach der Stadt geschickt worden.« Fast närrisch vor Angst stieg Sikorski wieder in den Schlitten und hieß den Kutscher nach Hause jagen, so rasch die Pferde laufen konnten. Als er ins Dorf kam, sah er schon die Bauern scharenweise auf dem Wege nach dem Schlosse begriffen. Jeder von ihnen trug eine Sense oder einen Dreschflegel auf der Schulter. »Wohin?« fragte Sikorski. »Wie du siehst, ins Schloß. Der Herr Mandatar hat uns befohlen, die Sensen geradezunageln und uns auf der Wiese vor dem Haustore aufzustellen.« »Gott verdamm ihn, Gott verdamm ihn«, rief Sikorski, sprang aus dem Schlitten und rannte ins Amtshaus, zum Mandatar. Der Vogel war schon ausgeflogen und wahrlich in prächtigem Gefieder. Der alte Diener sah ihn, gekleidet wie zu einer Hochzeit, eben aus der Halle treten, als er selbst ganz atemlos dort anlangte. Noch prächtiger nahm Joseph sich aus in der reichen polnischen Tracht, den Säbel umgeschnallt, zwei Pistolen im Gürtel. Er stand zwischen seinen jüngeren Brüdern, und auch diese Kinder, die sich freilich Jünglinge dünkten, waren gekleidet und bewaffnet wie die Erwachsenen. Einige Dominikalbeamte und ein halbes Dutzend Herren, die Sikorski bisher niemals zu Gesicht bekommen hatte, bildeten ihr Gefolge. Der Ortsgeistliche hielt sich neben ihnen. Eine Menge Schlachtschitzen, kleine Edelleute aus der Umgebung, waren angefahren und geritten gekommen und tänzelten um Jaslo herum. Wenn er feierlich dastand wie ein Hochzeitsgast, so gebärdeten sie sich, als ging's zu einem Balle. »Da bin ich!« rief der Kastellan schon von weitem, »hört meine Nachrichten!« Aber den Herren war es keineswegs um seine Nachrichten zu tun. Sie winkten ihm zu schweigen und schoben ihn hinweg oder verhöhnten die Feigheit und Leichtgläubigkeit, der sie die Warnungen zuschrieben, die er dem und jenem zuflüsterte. Daß er sie vor den Bauern nicht laut ausschreien durfte, das versteht sich von selbst. Und diese Bauern! Ihr Zuströmen wollte kein Ende nehmen. Ein Schwarm nach dem andern marschierte herein. Das Gedränge wurde immer ärger, der Raum immer beengter ... Links vom Schlosse begrenzte ihn das Gitter zwischen Garten und Straße, rechts eine steile Böschung. Wie auf Verabredung hatten sich die Leute um drei Männer, die alle anderen hoch überragten, in Treffen geschart. In der Mitte des Planes um den Urlauber Sabata, der in Lemberg, in der zweiten Kompanie des Grenadierbataillons, als Flügelmann stand. Nächst der Böschung um den Geschworenen Iwan, den stärksten Branntweintrinker im Orte, einen harmlosen Riesen, wenn er sein Räuschlein hatte, einen zornwütigen Krakeeler, wenn er nüchtern war. An der Seite des Gitters um Wisniak, den trockenen Spaßmacher, der nie lachte und den eine Prügelstrafe noch nie zum Jammern gebracht, einen sechs Schuh langen Kumpan mit einer hohen Schulter und mit einem Gesicht, wie aus gebräuntem Eichenholz geschnitten. Die Edelleute, es mochten ihrer dreißig bis vierzig sein, standen in der Halle, ließen sich durch die Dienerschaft Likör servieren und tranken auf das Wohl des wiedererwachten Polens. Jaslo und die Gräflein aber schritten ganz militärisch die Front der Bauern ab, und diese schmunzelten so freundlich hinter ihnen her, daß Sikorski schon dachte: Der Himmel sei gepriesen, sie lachen! Die ganze Geschichte läuft bei uns auf einen Scherz hinaus und endet mit einer tüchtigen Beschämung des Herrn Mandatars. Nun stand dieser still und hielt den Leuten eine Ansprache. Er begrüßte sie als die Bürger eines neuen Reiches, in dem es keine Robot, kein Salz- und Tabaksmonopol geben werde, und forderte sie auf, unter der Führung der jungen Grafen nach Tarnow zu ziehen, um dort die österreichische Obrigkeit abzutun und eine polnische einzusetzen. Seine Rede, welche die Schlachtschitzen zu dem stets erneuten Rufe: »Vivat Polonia!« begeisterte, war mit vielen schönen Worten von Freiheit und Vaterlandsliebe verziert, und er trug sie mit Feuer vor. Aber sie zündete doch nur bei denen, die ohnehin schon brannten; auf die Bauern machte sie keinen andern Eindruck als den der Überraschung. Und auch dieser geringe Erfolg wurde zunichte und verwandelte sich in höhnische Heiterkeit, als Wisniak, über die Köpfe seiner Umgebung weg, dem Mandatar die flache Hand hinstreckte und ihn ernsthaft bat, ihm auf die eben eröffneten schönen und sicheren Aussichten – zwei Gulden zu leihen. Zornig brauste Jaslo auf; doch der Priester legte ihm beschwichtigend die Hand auf den bereits zum Schlag ausholenden Arm und begann seine Gemeinde selbst anzureden. Der sanfte und gütige Herr bebte vor Aufregung; seine sonst so fahlen Wangen färbten sich, ein Widerschein längst erloschener Jugend schimmerte auf ihnen, aus den rötlich umränderten Augen leuchtete schwärmerische Begeisterung. Er rief sein Volk in den Streit für die heilige Sache; er verhieß ihren siegreichen Vorkämpfern den Besitz eines irdischen und ihren Märtyrern den eines himmlischen Paradieses. Die übermächtige Empfindung raubte ihm zuletzt die Stimme; er konnte nur segnend die Hände erheben, indes die Bauern sich bekreuzten, die Edelleute einander in die Arme fielen, dann die Säbel zogen und schwangen und dem Grafen Joseph zuriefen, Befehl zum Aufbruch zu geben. Der junge Herr tat es, ließ sich eine Fahne reichen, die einer der Schloßdiener bereit gehalten hatte, und entfaltete sie ... Der Kastellan meinte, der Schlag müsse ihn treffen – es war die weißrote Fahne, die Joseph emporhob und der seine Brüder zujauchzten. Ein schrecklicher und zugleich rührender Anblick, diese drei irregeleiteten Kinder! Guter Gott, wer hätte die Macht ihrer lieblichen Schönheit nicht empfunden, wer nicht Erbarmen mit ihrer unschuldigen Schuld? ... Die dort! durchschauerte es den alten Diener mit tödlichem Schreck, die gewiß nicht, die jetzt noch dastehen wie eine Herde ängstlicher Schafe und sich jeden Augenblick in ein Rudel Wölfe verwandeln können ... Beginnt es nicht schon unter ihnen zu gären? Was stecken sie die Köpfe zusammen und gestikulieren und scheinen einer den andern in einem gefaßten Entschluß befestigen zu wollen? Der Kastellan vernimmt deutlich in ihren halblauten Reden den Namen Szela. »Vorwärts!« ruft nun Jaslo, der sich nicht mehr kennt vor Unwillen und Zorn, und die aus seinem Anhang rufen drein: »Wenn euch die jungen Herren führen, habt ihr zu folgen!« »Indessen ihr hier zögert und euch besinnt, ziehen die anderen Bauern mit ihren Herren nach den Kreisstädten und lassen sich's dort wohlergehen.« »Unser Herr ist nicht da«, versetzte Iwan und blickte mit einer offenbar gespielten Stumpfsinnigkeit um sich. Der Priester seufzte und wollte wieder das Wort ergreifen, doch wurde es ihm durch einen Schreiber abgeschnitten, der schon die ganze Zeit hindurch seine Beredsamkeit auf eigene Faust an den Bauern geübt hatte. Er trug einen schäbigen Pelz, die Konfederatka baumelte unsicher auf seinem spitzen Kopfe, und ein alter Hirschfänger hing an fettigem Riemen an seiner Seite. »Euer Herr ist gar kein Herr mehr!« kreischte er in gebrochenem Polnisch. »Euer Herr ist kaiserlich – es gibt nur noch polnische Herren!« »Sehen sie alle so aus wie du, die neuen Herren?« entgegnete Wisniak laut und langsam und setzte den Hut auf, den er bisher in der Hand gehalten hatte. Ach – der Beifall, den diese Äußerung und Gebärde weckte, klang nicht harmlos mehr! In der trägen Masse des Volkes war ein unheimliches Leben und Regen erwacht. Haß, Hohn, eine finstere Entschlossenheit zum Widerstand kündete sich plötzlich und allgemein an in der Haltung der armen Froner. Aber daß ihnen durch die Bauern Gefahr kommen könne, fiel den Edelleuten nicht ein. Sie drohten, sie schrien, sie schickten sich an, die vier- und fünffache Überzahl der Landleute zum Gehorsam zu zwingen. Mit der flachen Klinge schlugen sie drein, einige feuerten ihre Pistolen in die Luft. »Nehmt euch in acht!« rief Iwan ihnen zu, und im selben Augenblick rann ihm das Blut über die Wangen. Ein Schlachtschitz hatte ihm sein eben leer getrunkenes Glas an die Stirn geworfen. Der Iwan mußte heute nüchtern sein, denn dieser Scherz, der ihn im angeheiterten Zustand höchstens, wie man zu sagen pflegt, »einen Lacher gekostet« hätte, versetzte ihn in Wut. Mit Geheul brach er aus seiner Schar wie ein Raubtier aus dem Dickicht und schwang den Dreschflegel ... Der geistliche Herr trat ihm entgegen mit erhobenem Kruzifix, parierte den Schlag und – sank lautlos zu Boden, das erste Opfer des wilden Kampfes, der jetzt entbrannte. Durch das Getümmel drängte sich der Kastellan zu Joseph heran: »Du bist betrogen! Überall unterliegen die Polen, nicht die Kaiserlichen ... Rette dich, rette deine Brüder. Die anderen überlaß ihrem verdienten Schicksal ...« Er hatte ihn am Kleide gefaßt: »Komm! Hinein ins Schloß!« Joseph entriß sich ihm. »Die Polen unterliegen?« stammelte er tonlos und schrie dann laut auf: »Den Polen zu Hilfe! Jaslo! Jaslo!« Der Mandatar hörte ihn nicht, er befand sich im Handgemenge mit dem rechten Flügel der Bauern; von seinen Getreuen, die ihm Beistand leisteten, wälzte sich schon einer – der Schreiber –, von einem Sensenhieb getroffen, im Schnee. Joseph wollte auf seinen Freund zustürzen, die beiden Kleinen folgten ihm auf den Fersen wie ein paar Hündlein ... Als sie an Sabata vorüberkamen, stellte dieser sich ihnen in den Weg. Mit einem raschen Griffe entriß er dem jungen Grafen die Fahne: »Fort mit dem Fetzen! Ich bin kaiserlicher Soldat und will den Fetzen nicht sehen!« »Wir sind auch kaiserlich!« tönte es ihm zurück, und ein lauter Jubel erscholl, als Sabata die Fahne mit Füßen trat, ihre Stange brach und die Stücke derselben in die Schloßfenster schleuderte ... Wütend zog Joseph den Säbel und stürmte auf die Bauern ein und – Sikorski hätte lachen müssen, wenn das Weinen ihn nicht erstickt hätte – die beiden Brüder ihm nach. Die Bauern wehrten ab mit den Stielen der Sensen, wichen etwas zurück ... Es bildete sich eine Bucht in der gestauten Menschenmasse. Plötzlich schloß sie sich hinter den jungen Herren, und sie waren den Augen Sikorskis entschwunden. »Ihr Leute! Ihr Leute!« rief er, »um Gottes willen ... Was tut ihr ... Auseinander! Platz, ihr Leute, ihr Hunde!« Er und einige Schloßdiener, die der ganzen Begebenheit bisher stumm und neugierig zugesehen hatten, warfen sich den Bauern entgegen. Sie prallten an wie an eine Mauer. Sie schrien: »Gebt uns die jungen Herren heraus!« schrien, was sie konnten, und hörten ihre eigenen Stimmen nicht in dem herrschenden Tumult. Die Panowies schossen, die Bauern gebrauchten ihre Sensen und Dreschflegel mit furchtbarem Erfolg. Das alles sah Sikorski noch ... auf einmal wurde ihm grau vor den Augen, und ihm war, als sei ein schwerer Stein auf seinen Kopf gefallen ... Er wankte, sank aber nicht, ein starker Arm empfing ihn, hielt ihn, und als er sich mit Gewalt zusammennahm und emporblickte, sah er in das Angesicht desjenigen, dessen Gegenwart er ebenso heiß ersehnt wie tödlich gefürchtet hatte – in das seines Herrn. Ein wahres Totenangesicht, und ein grausiges Wunder schien's, daß diese Lippen sich öffneten und sprachen: »Die Kinder ...« Er deutete mit ausgestreckter Hand auf die Wirbel, die da und dort im Gedränge entstanden, wie sie sich im Wasser an den Stellen bilden, an welchen ein schwerer Gegenstand untertaucht. Nie hat ein Mensch einen qualvolleren Kampf gekämpft als damals dieser Mann, dieser Vater. Im Begriff vorzudringen, besann er sich, die zu reizen, die seine Kinder in ihrer Gewalt hatten ... Und so erhob er eine unvergeßlich schreckliche, keuchende, gepreßte Stimme, deren flehendem Ausdruck die wutsprühenden Augen, die krampfhaft geschlossenen Fäuste, die Haltung des wie zum Sprung vorgebeugten Oberkörpers widersprachen: »Lieber Sabata! Mein alter Blonski! und du, Safka – ich bitte euch, gebt mir meine Kinder heraus ... Ich werde euch ewig dankbar sein.« Die Angerufenen blickten einander stumm an und rührten sich nicht. Erst nach einer tödlichen Pause begann einer von ihnen: »Deine Kinder sind Polen, wir sind keine Polen. Deine Kinder haben uns zum Hochverrat verleiten wollen, wir aber ...« Die Fortsetzung seiner Rede wurde durch ein ohrenzerreißendes Geschrei übertäubt. Der Kampf zwischen Jaslo und dessen Anhängern nahte seiner Entscheidung zugunsten der Sensenmänner, und der Anblick ihrer überwundenen, blutenden Gegner wirkte berauschend auf die Sieger: »Die Prophezeiung! Die Prophezeiung! Das Blut, das in Strömen fließen muß, ist das Blut der Herren! ... Hurra! schlagt die Herren tot!« brüllten sie mit kannibalischem Entzücken und gebrauchten ihre mörderische Waffe. Sikorski sah den Grafen die unbewehrten Hände gegen den Himmel erheben und dann vorstürzen in den sichern Tod ... Möge ein Mensch versuchen zu schildern, wie dem Kastellan zumute war, als jetzt der Ruf: »Szela kommt! Szela kommt!« wild jauchzend in die Lüfte stieg. Auf der Straße vor dem offenen Gittertor hielt ein Zug von Bauernschlitten, beladen mit einer gräßlichen Fracht. Landleute aus der Nachbarschaft führten die Leichen der von ihnen ermordeten Gutsherren auf das Kreisamt nach Tarnow ... Und dieser haarsträubende Anblick erweckte in der Menge ein Triumphgefühl, das den höchsten Grad erreichte, als Szela raschen Schrittes den Garten betrat. Finster schaute er drein, wies alle, die ihm huldigend nahen wollten, rauh hinweg und fragte: »Was tut ihr?« »Was du getan hast, Väterchen! Wir erschlagen die Panowies, die gegen den Kaiser sind.« Er richtete seine gebeugte Gestalt empor und griff sich nach dem Kopf: »Ist euer Graf gegen den Kaiser?« »Er nicht, nein, er nicht ...« »Nun denn, ihr Dummköpfe! Ihr Gottverlassenen! ... Wie oft habe ich euch schon gesagt: von keinem haben wir etwas Gutes zu erwarten außer vom Kaiser und den Beamten und Herren, die ihm treu sind ...« »Wir wissen es, Väterchen, wir wissen es.« »Weh euch, wenn ihr es wißt und nicht danach handelt ...« Bestürzt schwiegen die Bauern, scharrten mit den Füßen, neigten sich demütig. Nur der Urlauber Sabata faßte Herz genug, um – den Hut ehrerbietig in der Hand – zu sprechen: »Der Graf ist ein strenger Herr.« »Hol dich der Teufel – streng! ... Wenn noch so streng ...« Er unterbrach sich, machte eine kurze Pause und fuhr fort: »Wenn er dich zweimal schlägt, so denk: Ein polnischer Herr hätte mich viermal geschlagen.« »So denken wir ohnehin, Väterchen.« »Um so besser! Dabei bleibt und krümmt mir kein Haar auf dem Haupt eures Herrn! Heilig – versteht ihr mich? –, heilig soll jeder Österreichischgesinnte euch sein!« »Er ist es ja«, meinte Sabata in einiger Verlegenheit. »Aber seine Beamten, Väterchen, seine Kinder ...« »Wo sind die Kinder?« fuhr Szela ihn an und wiederholte heftig, als die Antwort auf sich warten ließ: »Wo sind die Kinder eures Herrn?« – »Ja, wo sind sie? ... Wer hat sie zuletzt gesehen? – Der Iwan? – Nein, der Wisniak, der balgte sich mit ihnen. Dort, rechts, wo der Bauernrichter steht ...« Der Bauernrichter will sie nicht gesehen haben. »Sie werden in den Schwarm geraten sein, der mit den Panowies kämpfte«, sagte er. »Und wenn ihnen etwas geschehen ist, Väterchen, je nun – sind Lechi , Väterchen, und verdienen Strafe.« »Nicht durch euch! Ihr Vater wird sie strafen, dem kommt es zu, nicht euch!« rief Szela in schmerzlichem Zorn. Alle verstummten, und durch die lautlose Stille drang nun ein zitternder Hilferuf, ein Schluchzen und Weinen an sein Ohr. Er lauschte, erhob gebieterisch die Hand – die Menge teilte sich und gab Raum ... Im Augenblick, in dem Szela an der Spitze der fremden Bauern erschienen war, hatte der Graf Abrechnung gehalten mit seinem Gott und ein stummes Gebet gesprochen: Mach's gnädig, Allbarmherziger! Mach's den Kindern gnädig. Was es jetzt zu erdulden gibt, lasse mich es allein erdulden ... Schenk den Kindern ein sanftes Ende ... Ein sanftes Ende unter den Händen wilder Bestien, empörungstoller Sklaven? Welch ein Gebet! Muß man nicht selbst toll sein, um auf seine Erhörung zu hoffen? Verzweifelnd hatte sich der Unglückliche der berauschten und blutdürstigen Horde entgegengeworfen und dem ersten, auf den er traf, die Sense entrissen, nicht um sein Leben teuer zu verkaufen, sondern um im Sterben noch seinen Kindern ein furchtbares Totenopfer zu bringen. Er meinte, der Boden unter seinen Füßen schwände, meinte das Bewußtsein der Wirklichkeit zu verlieren, als das Gedränge, in dem er sich eben erst befunden hatte, nachließ, die Leute auseinanderstoben und er allein stand, zu seinen Füßen die Leichen Jaslos und des Priesters und, in Schmerzen ringend, die Verwundeten beider Parteien. Auf dem breiten Wege aber, der sich im Gewühl gebildet hatte, kam Szela langsam herangeschritten. An jeder Hand führte er einen der Knaben. Der ältere hinkte kläglich, schmiegte sich an seinen Erretter und preßte das Gesicht in die Falten von dessen Gewand. Der jüngere blickte trotzig drein; er war sehr bemüht, seinen zerrissenen Mantel festzuhalten, um zu verbergen, daß ihm die Czemerka in Fetzen von der nackten Schulter hing. Joseph folgte entwaffnet, den Kopf tief auf die Brust gesenkt. Zweifelnd, ungläubig, allmählich auflebend, wie verzückt starrte der Graf den Nahenden entgegen. Er wollte auf sie zueilen, aber seine Knie brachen, und nur mit bebender Stimme vermochte er auszurufen: »Du bringst sie mir? ... Du, Szela!« Er riß seine Kinder an sich, er bedeckte sie mit Küssen, er streckte versöhnend und vergebend seine Hand nach Joseph aus. Sein Erstgeborener jedoch hatte sich auf die Erde geworfen neben den toten Freund und war in seinem maßlosen Schmerz taub und blind für alles, was um ihn vorging. Als der Graf, sich fassend, die Augen erhob und die Karawane erblickte, die vor seinem Hause haltgemacht hatte, schauderte er und sprach, unfähig, seinen Abscheu zu bemeistern: »Szela! Entsetzlicher! ... Dein Werk?« »Ich habe es nicht getan«, lautete die Antwort. Fester drückte der Graf die Köpfe seiner Kinder an seine Brust, um ihnen den schreckensvollen Anblick zu entziehen, von dem er selbst die Augen nicht zu verwenden vermochte, und murmelte leise: »Aber auch nicht verhindert!« Szela zog die Achseln in die Höhe; eine harte und unerschütterliche Ruhe lag auf seinem gefurchten Antlitz: »Ich habe auch die Kinder meines Herren gerettet«, sagte er, wandte sich ab und ging von einer Gruppe der Bauern zur andern. Eindringlich und kurz erteilte er ihnen seine Befehle. Dicht hinter ihm, wie sein Schatten ihn geleitend, schritt ein düsterer Gesell, bösartigen Aussehens, der einzige, der sich unterfing, gegen eine Anordnung des Alten hie und da Einwand zu erheben. Es war dessen Sohn, Stanislaus Szela, der ausgediente Soldat. Sein Vater drohte ihm mit dem Stocke und verwies ihn in die Nachhut des Zuges, der sich jetzt wieder in Marsch setzte und den man noch lange sehen konnte, sich weiterbewegend zwischen den Pappeln der Kaiserstraße. – Tagsüber gab es im Schlosse Arbeit genug mit dem Aufbahren der Toten und der Pflege der Verwundeten. Die Bauern kampierten auf der Wiese und im Hofe. Am Abend ließ der Graf ihnen sagen, sie möchten nach Hause gehen. Aber sie antworteten, das dürften sie nicht; es sei Revolution, und Szela habe ihnen geboten dazubleiben, um das Schloß und den Herrn vor den herumstreichenden Insurgenten und Räuberbanden zu beschützen. Sein Befehl wurde pünktlich ausgeführt. Die Bauern haben durch volle drei Wochen – ganz so wie die des benachbarten alten Grafen Wiesioloski – einen ruhigen und treuen Wachtpostendienst geleistet, während sich ringsum Greuelszenen ohnegleichen abspielten. Erst nachdem die Ordnung im Lande völlig hergestellt war, begaben sie sich wieder zurück in ihre Hütten und an ihre Arbeit. Der Graf war von dem Benehmen seiner Untertanen gewaltig gerührt und machte ihnen viele großmütige Versprechungen, die ihm sein von Dankbarkeit überquellendes Herz eingab. In besseren Tagen wurden auch einige davon erfüllt. – 2 Die zweite Begegnung mit Szela, deren sich Sikorski bis an sein Ende lebhaft erinnerte, fand fünf Monate später statt. Seit dem Beginn des März herrschte Ruhe im Tarnower Kreise. Einige Züge Kavallerie als Streifkommandos hatten die Ordnung ohne Anwendung von Gewalt hergestellt. Die Bauern, die unter den Befehlen Szelas gestanden, waren die ersten, welche die Waffen niederlegten und sich, auf die Aufforderung des Kreisamts hin, zur Leistung der Robot wieder bereit finden ließen. In der Nachbarschaft hatte es immer geheißen, daß er ganz gute Mannszucht gehalten, eine Insurgentenschar im offenen Kampfe angegriffen und geschlagen, Plünderungen verhütet oder, wo ihm dies nicht möglich gewesen war, doch jederzeit die Auslieferung der geraubten, oft sehr wertvollen Güter an das Kreisamt erzwungen habe. So mancher gefangene Aufrührer verdankte ihm die Erhaltung seines Lebens. Er schützte ihn vor der Wut der Bauern, indem er ihn den Eid künftiger Treue gegen den Kaiser leisten ließ und ihn dann in seine Schar aufnahm. So gab es denn großes Erstaunen, als bald nach dem Erlöschen der letzten Flammen der Empörung Gerüchte der schlimmsten Art über Szela auftauchten. Sie bezeichneten ihn als einen Mörderhäuptling, der sengend und brennend, raubend und plündernd von Edelhof zu Edelhof gezogen war. Sie schilderten bis ins kleinste die bestialische Grausamkeit, mit welcher er dabei verfuhr, und behaupteten endlich, er habe seine langgenährten Rachegelüste gegen die Edelleute um so ungehemmter befriedigen können, als er im geheimen Einverständnis mit der Regierung gehandelt und sogar – in ihrem Solde gestanden. Der empörende und peinliche Eindruck, den diese Verleumdung hervorrief, war so groß, der Haß und die Feindseligkeit, die sie erweckte, äußerten sich so unumwunden, daß endlich zu ihrer Widerlegung geschritten und die strengste Untersuchung angeordnet werden mußte. Szela blieb auf freiem Fuße in Tarnow, verantwortete sich in seiner gewohnten schlagfertigen Weise und benützte die freie Zeit zwischen den Verhören, um einen Brief an den Kaiser aufzusetzen, in welchem er um Verminderung der Untertanenlasten bat. Inzwischen hatte der Kreishauptmann Ritter von Breinl die von ihm angesuchte Versetzung nach Brünn erlangt, und unter seinem Nachfolger im Amte, Czecz von Przemysl, kam der Prozeß Szelas zum Abschluß. Das Ergebnis lautete, daß Szela zum Kriminalverfahren nicht qualifiziert, seine Entfernung aus dem Lande jedoch dringend zu befürworten sei. Worauf Jakob Szela, der Grundwirt und ehemalige Gemeindedeputierte, den Befehl bekam, nach der Bukowina auszuwandern, wo er auf der Kameralherrschaft Glitt ein Bauerngut als Eigentum und Wohnort angewiesen erhielt. Am Tage, an welchem Szela seine Reise antreten sollte, dachte der Kastellan Sikorski: Wäre doch neugierig, ihn noch einmal zu sehen – wenn auch nur von weitem, denn davon, sich bis zu ihm durchzudrängen, wird keine Rede sein. Hilf Gott, was werden die Leute treiben beim Abschied von ihrem Väterchen Szela. Von Glück kann man sagen, wenn es nicht zu Exzessen kommt. Der Kastellan malte sich die Sache in seinem Kopfe aus, und immer gefährlicher erschien sie ihm, je länger er darüber nachdachte und je kürzer der Weg wurde, den er nach dem Ziel seiner Wanderung noch zurückzulegen hatte. Zu seiner Überraschung fand er im Dorfe alles still. Es sah dort aus wie an jedem Werktagsmorgen. Männer und Weiber waren zur Feldarbeit ausgezogen. Nur in der Wirtshausstube, in welche Sikorski beim Vorübergehen hineinblickte, lungerten einige Tagediebe. Der Jude führte seinen Klepper aus dem Stall, um ihn an die Budka zu spannen. »Wen führst du?« fragte Sikorski. »Ich niemanden. Der Bub führt den Szela nach Sanok.« »So, so, und bald?« »Sehr bald.« Sikorski beeilte seine Schritte und hatte in kurzer Zeit die Hütte Szelas erreicht. Sie war reinlicher und größer als alle übrigen; neben der Tür befand sich ein Bänklein, und der Raum davor mußte heute noch sorgfältig gekehrt worden sein. Dort stand Szela, mit herabhängenden Armen und gekreuzten Händen, und sah unverwandten Auges sein Haus an. »Oho, Pan Sikorski!« begrüßte er den Nahenden; »das ist ja schön, daß du mich noch heimsuchst.« »Ich habe dir Lebewohl sagen wollen, Szela.« »Dank dafür, Pan Kastellan. Leb auch du recht wohl.« »Führe mich ein wenig in dein Haus«, sagte Sikorski, ohne von dieser Verabschiedung Notiz zu nehmen. »Das Haus ist leer, meine Habseligkeiten habe ich durch den Sohn schon alle nach Glitt geschickt.« »So will ich auf diesem Bänklein ausruhen, wenn du nichts dagegen hast; der Weg ist weit, und meine Füße sind alt.« »Mach dir's bequem. Wohl dir, wenn du ruhen kannst.« Er konnte nicht ruhen, so erschöpft er schien. Mit offenbarer Mühsal schleppte er die schweren Wasserstiefel an seinen mageren Beinen, wandelte aber dennoch unstet herum. »Es tut mir leid, daß ich nichts habe, womit ich dir aufwarten könnte«, begann Szela nach einer Weile. »Außer« – er zog ein Stück Brot aus seiner Tasche – »wenn du meine Wegzehrung mit mir teilen willst.« Sikorski lehnte ab; er beabsichtigte, sich bei der Heimkehr im Wirtshaus zu stärken. Der Appetit, den er bereits zu verspüren begonnen, war vergangen. Alles, was er von dem alten Manne, der sich jetzt zum ewigen Abschied von der Heimat rüstete, gehört hatte, flog ihm durch den Sinn. Er würde gern zehn bare Gulden gegeben haben, um zu erfahren, was denn Wahres daran sei. Hatte Szela nur den kleinsten Teil des Unheils verübt, das man ihm zuschrieb, so sollte einen füglich kein Mitleid mit ihm beschleichen. Und doch – was war das Mitleid, das Sikorski vor einigen Monaten mit ihm gehabt hatte, als er schwer gezüchtigt aus den Händen des Grafen gekommen war, im Vergleich zu demjenigen, das der gebrochene Greis ihm in diesem Augenblick einflößte! »Szela«, fragte er, »was denkst du? Was ist denn so Merkwürdiges an deiner Haustür, daß du sie immerfort ansiehst?« Der Alte hatte den Hut vom Kopfe genommen und strich seine langen Haare in den Nacken zurück. »Je nun, die Mühe dauert mich, die ich im vorigen Frühjahr an sie gewendet habe. Siehst du nicht, wie schön breit sie ist? Das habe ich so eingerichtet, damit die Leute mit dem Sarg nicht anzustoßen brauchen, wenn sie mich einmal hinaustragen.« Er überließ sich wieder der aufmerksamen Betrachtung seines Hauses: »Einen Schornstein hat es auch«, hub er dann von neuem an. »Es hat ihnen im Dorf viel Verdruß gemacht, daß ich mir einen Schornstein gebaut habe. ›Der wird so lange bauen, bis er unter der Erde liegt‹, haben sie mir mit Kreide auf die Tür geschrieben. Und der Geschworene Budnik hat gesagt: ›Bau du dir einen Schornstein, aber bilde dir nur nicht ein, daß wir es dir nachtun werden. Wir wollen unsere Häuser so lassen, wie sie sind.‹ Ja, freilich!« Er verzog den Mund zu einem schmerzlichen Lächeln und deutete auf die elenden Hütten längs der Dorfstraße: »Das muß alles so bleiben, wie es ist. Je nun! was werd ich mich drum kümmern, dort unten in der Bukowina ... Es soll dort viel schöner sein als bei uns.« Sein Gesicht verdüsterte sich, und er fügte halblaut und mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Trotzdem wäre ich lieber hiergeblieben. Aber – was ist zu tun? Der Kaiser will's! – Gehab dich wohl, Pan Sikorski, da kommt schon meine Gelegenheit.« In der Tat fuhr die Budka bereits heran, von einem munter nebenher schreitenden Jüngelchen kutschiert. Zu gleicher Zeit ließ der Trab eines Pferdes sich vernehmen, das kleine Gefährt wurde von einem Reiter eingeholt, überholt. Es war der Graf, der sich von seinem Tiere schwang, dem herbeieilenden Sikorski die Zügel reichte und auf Szela zuschritt. »Szela!« sprach er bewegten Tones, »du hast meinen Kindern das Leben gerettet, und ich habe dir noch nicht einmal gedankt.« Er streckte ihm die Hand entgegen, die der Alte küßte ... Der Alte und – nicht mehr der Alte. Er, den seine Standhaftigkeit in Gegenwart des Grafen nie verlassen hatte, nicht unter dessen Stocke, nicht bei dessen Aufjauchzen, als er ihm die totgeglaubten Kinder wiederbrachte – ihn versetzten die einfachen Worte, die der Graf jetzt zu ihm sprach, ganz außer sich. Seine Lippen zitterten, seine Augen schwammen in Tränen, er beugte sich, als ob er in die Knie sinken wollte. »Was fällt dir ein? Was tust du?« rief der Graf, sprang auf ihn zu und faßte ihn an beiden Schultern. »Herr! Herr!« stammelte Szela und sah ihm mit leidenschaftlicher Ergebenheit ins Angesicht, »ich habe nicht geglaubt, daß mir vor meinem Ende noch ein Mensch sagen wird: Dank dir, Szela! und jetzt kommst du und sagst es.« Ergriffen von dem Ausbruch einer Weichherzigkeit, die niemand dem Bauernhäuptling zugetraut hätte, entgegnete der Graf: »Es hat auch keiner soviel Grund, dir zu danken, wie ich.« »Doch, gnädiger Herr! – Dir habe ich drei Kinder gerettet; es gibt einen Herrn, dem ich mehr als dreitausend gerettet habe, und der hat mich dafür vor Gericht stellen lassen und schickt mich jetzt in die Fremde.« »Weil er nicht anders kann. Die Ermordung deiner Gutsherren fordert eine Sühne.« »Du weißt, daß ich sie nicht ermordet habe.« »Aber die Bauern haben es getan, die unter deinen Befehlen standen.« »Geruhe zu erwägen, daß ich kein General bin und daß die Bauern keine abgerichteten Soldaten sind.« Der Graf faßte ihn scharf ins Auge: »Sag aufrichtig, Szela, wenn du deine Gutsherren wieder lebendig machen könntest, würdest du es tun?« »Nein, Herr, um des Kaisers willen nicht.« »Und um deinetwillen noch weniger?« Szela besann sich ziemlich lange, bevor er berichtigend versetzte: »Um meinetwillen ebensowenig.« »Siehst du!« »Was soll ich sehen, gnädigster Graf? Die Herren haben uns Böses getan, solange wir denken. Der Kaiser hat uns nur Gutes getan. Als die Herren gegen den Kaiser gegangen sind und die Bauern zwingen wollten, mit ihnen zu gehen, sind die Bauern rebellisch geworden, und es ist viel Unglück geschehen.« »Es geht die Sage, du hättest so manches davon verhüten können und hast es nicht verhütet.« Abermals erwiderte Szela erst nach reiflicher Überlegung: »Kann sein, kann auch nicht sein. Dergleichen ist nachträglich schwer zu bestimmen. Die Bauern haben gewußt, daß alles auf sie ankommt; sie haben ja gehört, was der Herr Kreishauptmann mir hat sagen lassen, als ich den Matthias Drewniak zu ihm geschickt habe um Militärassistenz: ›Unmöglich, Szela, bevor sie mir in Tarnow die Garnison verstärken. Hilf dir selbst, halte Ordnung und sieh zu, daß keine Gewalttätigkeiten verübt werden.‹ Das war viel auf einmal verlangt.« »Ist auch nicht geleistet worden.« »Wie hat es denn geleistet werden sollen, von solchen Leuten, die auf einmal merken: Jetzt sind wir die Herren? Gnädiger Graf, ich habe froh sein müssen, wenn sie mir die Edelleute geschont haben, die dem Kaiser treu waren.« »Auch das ist nicht durchwegs geschehen.« »Überall habe ich die Augen nicht haben können. Ich habe oft meinen Sohn schicken müssen, und der hat anders gehaust ...« Er brach ab und schloß mit gelassener Zuversicht: »Der gerechte Gott wird es ihm aufs Kerbholz schreiben; die Menschen schreiben es auf das meine.« »Natürlich. So viele Hunderte gehorchten deinem Augenwink, wer wird dir glauben, daß du es nicht verstanden hast, deinen Sohn zu Paaren zu treiben?« Schmerzlich beistimmend neigte Szela den Kopf. »Das wird niemand glauben. Aber wahr ist es ... Und am Ende, Herr, mein Sohn hat es wenigstens seinen Gesellen recht gemacht, ich – habe es keinem recht gemacht. Sieh dich um ... Wie sind sie mir sonst von weitem zugelaufen, wo sie mich erblicken konnten – und heute? ... Bursche, die man kaum mit zwei Pferden zur Arbeit schleppt, sind freiwillig hinausgegangen, damit sie mir nicht zu sagen brauchen: Glück auf den Weg!« Er hatte, während er sprach, nach dem seiner harrenden Gefährt hingesehen, fast schien's, mit einer gewissen Ungeduld, so daß der Graf fragte, ob er es denn nicht erwarten könne fortzukommen? Szela entschuldigte sich: »Verzeih. Auf die Fürsprache des Herrn Ritters von Breinl hat der Herr Kreishauptmann zugegeben, daß ich nicht wie ein Arrestant über die Grenze gebracht werde. Er hat mir das Vertrauen geschenkt, daß ich zur rechten Zeit von selbst gehen werde. Verzeih, gnädiger Herr, es ist jetzt die rechte Zeit.« Der Graf zog eine wohlgefüllte Brieftasche hervor und wollte sie durchaus, mit Zürnen und Bitten, dem Szela aufdringen. Aber der meinte: »Tue dir keinen Schaden. Du weißt mit dem Gelde Besseres anzufangen als ich. Hebe es auf für deine Kinder ... Aber, gnädiger Herr«, unterbrach er sich mit plötzlicher Lebhaftigkeit, »ich habe gehört, daß du den Grafen Joseph als Gemeinen hast assentieren lassen.« »Jawohl. Er braucht eine strenge Zucht.« »Wenn sie nur nützt.« »Eine strenge Zucht nützt immer.« »Weiß nicht.« Er tat einen tiefen Seufzer. »Mein Sohn war vierzehn Jahre Soldat.« Sie traten an die Budka heran, um welche sich allmählich eine kleine Versammlung gebildet hatte: Kinder, die den mageren Klepper streichelten oder neckten, ein paar alte Weiblein, von denen eines eben im Begriff war, einen Laib Brot im Stroh des Wagens zu bergen. Dem Szela traurig zunickend, sprach sie: »Du sollst dich in der Fremde erinnern, wie das Brot der Heimat schmeckt.« Drei alte Zechbrüder waren auch angerückt und hatten ein Branntweinfäßchen von der Größe einer Melone mitgebracht. Sie weinten bitterlich und wiederholten fortwährend: »Leb wohl, Väterchen! Gott behüte dich! Vergiß uns nicht!« und dabei ging das Fäßchen von einem zum andern, und sie tranken abwechselnd aus dem Spundloch. Szela war im Begriff, in die Budka zu steigen, als aus einer der nächsten Hütten ein großer und breitschulteriger Mensch in zerlumpten Kleidern hervorkam, auf den Alten zustürzte und ihn am Arme packte. Einige Kerle, die ebenso verkommen aussahen wie er, waren ihm gefolgt, hielten sich aber, aus Angst vor dem Grafen und dem Kastellan, in scheuer Entfernung. Nur der erste kannte keine Scheu, den machte die Wut zum vernunftlosen Tier. Er schüttelte Szelas Arm und schrie: »Bis zum letzten Augenblick habe ich gewartet, um dich zu fragen. – So willst du also wirklich fort, ohne deine Schulden bezahlt zu haben, du Schurke?« »Was wäre ich dir schuldig, Drewniak?« sprach Szela, sich von ihm losmachend. »Frage du nur, was du mir schuldig bist«, rief jener und hielt dem Alten die geballte Faust dicht vors Gesicht. »Nachdem du mich herumgejagt hast wie einen Hund in Schnee und Wetter, als Bote und Späher und auf dem Marsch, und mir dafür nichts gegeben ...« Seine Gefährten schrien drein: »Und die Branntweinfässer, wohin wir gekommen sind, versiegeln lassen ...« »Daß man sich nicht einmal hat warm trinken können –« »Und uns die ehrliche Kriegsbeute abgenommen ...« Anklagen häuften sich auf Anklagen, Szelas Gegner wagten sich näher heran; den Weibern wurde angst, die Betrunkenen heulten. »Die andern Bauern«, zeterte Drewniak, »haben Geld und Gut erworben in der Revolution. Wir haben nichts gekriegt ... ich sage dir, Herr«, wandte er sich an den Grafen, »nichts von dem Eigentum der Rebellen. Er hat den herrschaftlichen Wald bewacht, der Alte, als ob er selbst ein Schuft von einem Heger wäre. Keinem armen Teufel hat er auch nur ein Scheit Holz gegönnt. Deshalb, Herr, glauben wir und wissen wir – er hat uns alle zu Narren gehabt. Nimm ihn nicht in Schutz – uns alle zu Narren hat er gehabt und hat es im geheimen mit den Polen gehalten ...« Er konnte nicht weiter, er keuchte nur – und wollte sich auf Szela stürzen. Der Graf stieß ihn so heftig zurück, daß er wankte, und befahl gebieterisch Ruhe, die denn auch, freilich nur scheinbar, eintrat. Szela lächelte mit schwermütigem Triumphe, und sein auf den Grafen gerichteter Blick fragte: Was sagst du nun? »Die Toren! die vermaledeiten Toren!« fuhr dieser auf, und eingeschüchtert stimmte Drewniak einen andern Ton an. Er ließ den Blick mit großer Betrübnis längs seiner Hünengestalt hinabgleiten, streckte einen Fuß von sich, dessen nackte Zehen aus dem geplatzten Stiefel hervorsahen, und sagte: »Die Stiefel waren neu vor der Revolution. Wenn er mir wenigstens die Stiefel ersetzt hätte!« Seine guten Freunde und die alten Weiblein erhoben ein schadenfrohes Gelächter; Szela jedoch näherte sich dem Grafen und sagte: »Du hast etwas für mich tun wollen, Herr. Sei so gnädig und bezahle ihm die Stiefel, die er in meinem Dienst vertreten hat.« Nachdem seiner Bitte willfahrt worden war, empfahl er sich beim Grafen, schüttelte Sikorskis Hand und grüßte die Frauen und Kinder. »Ihr aber hört!« rief er seinen Widersachern zu, und wie er sich fest zusammennahm und in die Brust warf, da war jede Spur von Gebrechlichkeit aus seiner Gestalt verschwunden, ehrwürdig, gebieterisch erschien er jedem, und man sah dem greisen kleinen Bauer wahrlich etwas von einem Feldherrn an. Die rohen Kerle, die sich murrend hatten davonschleichen wollen, blieben stehen und horchten der letzten Ermahnung ihres ehemaligen Führers. »Ihr werdet schon noch drauf kommen, wer es ehrlich mit euch gemeint hat. Seht nur zu, wie den andern ihr unrecht Gut gedeiht, und dankt dann Gott und mir für eure leeren Taschen. Und somit lebt auch ihr wohl, ihr dummen Teufel.« Szela warf noch einen langen, traurigen Blick nach seinem Hause und stieg in die Budka. Das Leinwanddach derselben war ungewöhnlich niedrig, dennoch konnte er aufrecht darunter sitzen. Einmal im Wagen, erhob er die Augen nicht mehr, es kam auch kein Wort mehr über seine Lippen. Der Graf geleitete ihn zu Pferde noch ein gutes Stück Weges; aber Szela, ganz versunken in seine Gedanken, blieb unempfindlich für diese Gunst. Lange Zeit hörte man im Schlosse nichts von ihm, als daß er glücklich in Glitt angelangt war. Erst zwei Jahre später, nach der Aufhebung der Robot, schrieb Szela an den Grafen einen merkwürdigen Brief, den auch der Kastellan Sikorski gelesen hat. Es hieß unter anderem darin: »Auf mein letztes Schreiben hat mir der Kaiser nicht antworten lassen; aber er hat alles so getan, wie ich es ihm angeraten habe. Gott segne ihn!« Der Kreisphysikus 1 Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen weiterhungern zu können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der Erschöpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter, die sich entschuldigte, daß sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit zu erringen, selbst zu lernen – so ging es jahrein, jahraus. Erwerben, der Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse, Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren – Nathanael studierte Medizin an der Universität in Krakau –, erwerben um jeden Preis, den der Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige Regung kennen, keine hemmende Rücksicht. Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die Welt aus, und wie denn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe. Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten, wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit lähmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fühlte er sich als Kapitalist und tröstete die Großmutter bei ihrer allmorgendlichen Klage mit den Worten: »Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas geschehen.« Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte. Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit, die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein Auftreten war so sicher, sein Blick so ruhig und klar, seine Rede so bestimmt, daß schon seine ersten Patienten – gar kleine Leute! – meinten: »Das ist ein gescheiter Herr Doktor!« Seine große Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und unterwarf – daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht verhindern. Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines guten, und dem verdankte er es auch, daß er zu dreißig Jahren schon von Amts wegen als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt wurde. Ein sicheres Brot von nun an! ein reichliches sogar nach Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht, aber er fürchtete übermütig zu werden wie die meisten Armen, wenn sie plötzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen. Immer des Wortes eingedenk: »Die Axt im Haus erspart den Zimmermann«, schaffte er allerlei Werkzeug an und ließ sich's nicht verdrießen, den Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor beirrte das nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder nicht ausgebildet. Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem Anblick einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr Doktor ein Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie die eines Treibhauses. Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige Schwachherzigkeit; doch äußerte sich diese jetzt verschieden. »Wenn ich nur nicht zu früh sterbe«, sagte die Neunzigjährige. »Ein Begräbnis ist gar so kostspielig!« Nathanael tröstete sie liebreich: »Stirb ja nicht, Großmutter, du würdest mich um den Lohn aller Mühen betrügen, die ich um deinetwillen gehabt habe.« Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner Jugend als bare Unmöglichkeit erschienen wäre, erwog er nun mit der Zuversicht bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war ausgedehnt und einträglich. Nach allen Schlössern der Umgebung berief man ihn. Der trockene, wortkarge Doktor Rosenzweig, der keinen Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei über die Lippen brachte, wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war, das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der Freund ihrer Kinder. »Der Kleine ist schwer krank, aber – Rosenzweig behandelt ihn.« – »Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht – aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.« Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus, dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe. Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte niemand gewagt. – Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen Baugrund gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf demselben ein viereckiger, einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tüchtigen Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der Glocke an der Tür das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft. Aus den Fenstern der vorderen Front – sie liegt gegen Osten, und ihr erstes Geschoß wird von dem Doktor und seiner Großmutter bewohnt – hat man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der Blick ins Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne durch und durch getränkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es Schatten, so ist es ein solcher, der nicht kühlt, nicht ruht, der nicht einem Hähnchen die Wärme entzieht, deren es zu seinem wunderbar geheimnisvollen Reifen bedarf – der Schatten der fliehenden Wolken. Wie oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten über den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum Herbste einheimsen und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Rußland bringen und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen könnte an diesem großartigen Erwerb! ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem Gewinn, den er abwirft, in die eigene Tasche fließen sähe! Der Doktor fängt an, auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt und märchenhaft schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut, lächelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes Vätererbe – morgenländische Phantasie? Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen Strich gezogen haben zwischen dem und seinem bescheidenen Eigentum. Das Doktorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein kleiner Garten werden; die Einteilung in Blumen- und Gemüsebeete ist bald getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadriert sein. »Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst du Rosen und Reseden unter deinen Fenstern blühen sehen«, versprach Nathanael der Greisin, und sie erwiderte: »Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich fünfundneunzig.« »Weit über hundert mußt du werden!« rief er eifrig. »Das bist du mir schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir erhöhen, wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als auf hundert Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele , sie schreiben meiner Kunst zu, was deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur frohen Mutes, nimm dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben. Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du munter weiterleben.« Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war nicht mehr die Rede. »Mir ist jetzt so oft«, sagte sie, »als ob dein Großvater vor mich träte und zu mir spräche wie in seiner Todesstunde: ›Komm bald! Wir wohnen so friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden. Komm bald nach, Rebekka! ...‹ Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe meines Geliebten, weil du mich hast zurückgehalten, du armes Würmchen, du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über sein Volk im Kazimirz, und nicht gewußt hätte ich, wem sagen: Sei barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zum Sterben. So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den Wunsch meines Geliebten. Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn nicht länger warten lassen.« Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die zurückhaltende, schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas tun, das außerhalb ihrer Gewohnheiten liegt! Der kleinen Veränderung folgt oft nur gar zu bald die unwiderrufliche – die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den Doktor beunruhigte: die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. Sooft Nathanael sich bei ihr verabschiedete, sprach sie: »Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goi , daß er mir Gesellschaft leiste und ich doch blicken könne in ein menschliches Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.« Der »Goi« war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus, sein Diener, sein Hund. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an dem der »Wohltäter« ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes Kleidungsstück geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs unbrauchbar wurden, erhielt der große Junge sie zur Benützung und die Vermahnung dazu, ihnen diejenige Rücksicht zu erweisen, die man fremdem Eigentum schuldig ist. Der Doktor ging immer mehr in die Breite, und fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein Famulus »verdünnte« sich, wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß spargelmäßig in die Höhe. Wie ihm die Gewänder des Wohltäters saßen, das kam diesem selbst entweder erbärmlich oder lächerlich vor – beides mit einem Zusatze von Verachtung. Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war unüberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, daß der Findling seines Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse. Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer eiskalten herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in der er sich so behaglich fühlte, und ihm immer wieder gedankt und immer von neuem Worte gesucht für das Unsagbare – die Glückseligkeit des Liebenden, dem sein Teuerstes, das er schon verloren gab, wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom beinahe sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge, kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen konnte: »Wir haben gewonnen, sie wird leben!« Er hatte so viele Nächte durchwacht und sich auf den guten Schlaf gefreut während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine Müdigkeit mußte zu groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung, statt sie herbeizurufen. Sooft Nathanael die Augen schloß, unwillkürlich öffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des sternenbesäten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die in wunderbarer Blankheit erglänzte gleich einer ungeheuren, neugeprägten Silbermünze ... Wieviel Gold ließe sich erwerben um solche Münze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses hätten nicht Raum, sie zu fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was läßt sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das weiß der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt. Der Doktor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief: »Herr Doktor! Herr Doktor!...« »Was gibt es, mein Sohn?« »Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.« »Steig ab und prügle sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.« Indes der Kutscher vom Bocke stieg und die Zügel an demselben verknotete, hatte Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom Mondlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich! sondern eines, das Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an die Grenze der menschlichen Kraft. Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den Schnee zurück. Jener sprach: »Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!« Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Wagen und überzeugte sich bald, daß die Behauptung seines Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte, der nicht durchaus durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte – der Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute umsonst gewinnt, dem sie dumm und töricht zuteil wird, ohne triftigen Grund. »Sehen wir nach dem andern«, sagte der Doktor zwischen den Zähnen. Der andere schlief auch, aber weniger tief. Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn. Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor Wiederbelebungsversuche anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein schwacher Erfolg. Ein kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der Doktor voll Siegesgewißheit: »Jetzt hab ich ihn!« Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang zwei! Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich seines mächtigen Vermögens. Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung: »Steh auf und geh.« »Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?« antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit ihm beginnen? Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnis hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn, infolge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern – arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg – zu sich genommen, nur gar wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er genau angab und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten vorgefunden hatten. Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam zu. »Horch, Nathanael, mein Kind«, sagte sie. »Es ist nicht recht gewesen von dem Bürger Goi in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.« »Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt«, erwiderte Rosenzweig und befahl seinem Geretteten: »Sprich weiter.« Dieser fuhr fort: »Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt wie die unsere und daß sie uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: ›Komm, Joseph, wir wandern‹, hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen, beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weitergekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.« »Und du hast das zugegeben?« schrie der Doktor ihn an. »Weißt du nicht, was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee legt?« Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Tränen flossen, und schwieg. »Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer ?« fragte Rosenzweig die Großmutter. Die Greisin entgegnete: »Laß ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist eine Waise wie du.« Am nächsten Tage lautete ihr Rat: »Behalte ihn. Unsere Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird es verargen einem großen Mann wie du, wenn er tut sich halten einen Famulus?« So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses, und zwar ein ungemein nützlicher, obwohl Rosenzweig das letztere nicht gelten ließ. In seinen Augen blieb Joseph ein »Chamer«, der aus Büchern nichts lernte, nicht zu lernen vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu zwingen, hatte der Doktor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil er nur mit Schlägen dahin zu bringen war und sein Wohltäter nicht immer Muße hatte, ihm dieselben zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten hingegen waren groß, und groß der Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg als dereinst der Doktor. In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des Doktors ebensosehr zugute kam wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem Hause. Immer nur mit Verdruß hörte der Doktor ihn loben, »den Tagdieb, der nichts kann und nie etwas anderes können wird als spielen«. Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete Joseph: »Wenn du dich entschließen könntest, deine Felder in deine eigene Verwaltung zu nehmen, würde ich dir beweisen, daß ich kein Tagdieb bin.« Der Doktor fuhr auf: »Was sprichst du von meinen Feldern? Weißt du nicht, daß ich ein Jude bin und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weißt du nicht, daß sogar mein Haus auf fremdem Boden steht?« Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll und offen ins Gesicht und erwiderte: »Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft, aber sie sind doch dein.« »Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht?« fragte Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit welcher er dabei sein spanisches Rohr zu schwenken begann. Gelassen antwortete Joseph: »Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gönnen dir die Felder.« Während dieses Gespräches standen die beiden mitten auf dem Wege, der schnurgerade von der Haustür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken, die Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten Früchte. Was man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an Rüben mit kühnen Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten Blättern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und – dulce cum utile –, als Begrenzung jeglichen Gemüsekarrees, an duftendem Lavendel, dessen kleine Knospen zu schwellen anfingen, das war alles so kraftstrotzend und kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem Wohlgefallen betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte: »Weil du ein leidlicher Gärtner bist, bildest du dir ein, auch ein Landwirt sein zu können.« Damit wollte er abbrechen, besann sich aber und fügte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit großer Hartnäckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar höchst aufmerksam verfolgte: »Ich hätte die Felder nicht – eigentlich mit einem gewissen Unrecht – in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu Recht besitzen zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der Landesgesetze bevorsteht und daß an den größeren Freiheiten, die sie dem Volke Galiziens gewähren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.« Joseph wußte das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie einmal vor Gott und der Welt sein Eigentum sein würden, nicht mehr in Pacht geben, sondern selbst bewirtschaften. »Dann wirst du Ställe und Scheuern bauen müssen«, schloß der Jüngling. »Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne schon fertig.« »Bist ein Narr«, sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen doch, die Pläne zu sehen. Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen Kindes war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maßen richtig einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen, die tanzen können, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche Käuze. Sie setzen einen allerdings manchmal in Erstaunen. Gewöhnlich wird aber nichts aus ihnen. Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie lange verfolgte, ohne die Großmutter zu dessen Vertrauten zu machen, fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner Gründe sagen würde. Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen der Greisin und dem Findling schon gründlich erörtert worden war. »Du wirst reich werden wie Laban«, prophezeite die alte Frau. »Über dir ist des Herrn sichtbarlicher Segen.« In diesem Frühjahr hatte es sich ihr erwiesen; in diesem für Tausende unseligen Frühjahre 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in einen schlammigen See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll grünende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die Fluten hereingebrochen und hatten die ernährende Scholle hinweggespült und mit ihr Hab und Gut und Hoffnung derer, die sie bebauten. Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die Verheerung – vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser hinweggefahren und hatten sich auseinandergeteilt wie einstens die Wasser des Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand reckte auf Gottes Gebot. Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verließen mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als Taglöhner, Brot und Arbeit suchend, aus. Die Großmutter aber fragte täglich: »Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen Wert. Wann kommen die Schnitter?« Nathanael erwiderte lächelnd: »Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!« Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel selbst als überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor ihr Enkel zu ihr hatte sprechen können: »Die Schnitter kommen!« Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen. Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt, und weinend und staunend fragte Joseph: »So groß war sie?« Er fragte aber auch: »So schön war sie?« Erlöst von allen Gebrechen, befreit von der Hilflosigkeit des Alters, wie majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung, welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in der Sterbestunde erhellt hatte. Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grausamer Gewalt ergriff ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes. Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Toten bleiben. Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten Anlitz der Großmutter das lang bekannte, teure und – fand es nicht. Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann – allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der Brust deines Weibes um sie weinen und dir Trost schöpfen aus dem Anblick deiner Kinder. Der rastlos Strebende, der nie zurück, der nur vorwärts geschaut, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das geringste ohne einen Gedanken an dich – Großmutter. Wie ihr Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, jetzt klaffte um so schmerzlicher der Riß, den ihr Scheiden verursachte. Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das Schwinden der Zeit – eines Begriffes, der dem hohen Alter verlorengeht – getäuscht hatte. »Weiche ab von dem Brauche unseres Volkes«, hatte die Greisin so oft gesprochen. »Heirate nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du kannst warten, mein Kind, du bist jung.« Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr, die ihn nicht mehr hören konnte: »Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt geworden bin.« Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab nachgerufen, als einen Frevel; und er trat zu ihr, beugte sich über sie, und was nie geschehen war, solange sie gelebt hatte, er küßte ihre Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, den einzigen auf Erden, von dem er sich »mein Kind« hatte nennen hören. 2 Joseph beteiligte sich als Freiwilliger an den Erntearbeiten, und eines Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die Sache ihn nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe völlig beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete er die Garben, und dem Doktor fiel es auf, daß der Bursche in der drollig weiten Jacke, die seinem Wohltäter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen doch ein bildschönes Menschenkind sei. Groß, schlank und stark, weiß und rot im Gesicht, den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem blondem Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit atmend an der Arbeit, an der Mühe, nahm er sich auf seiner stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus. Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand sich auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des Pan Theophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes Ding, die echte Mazurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen, funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar oft begegneten, und wenn sich dann die braunen halb verlegen senkten, wurden sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn, daß sie sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen. Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt durch diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit verurteilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befaßt sich damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem eines Knaben, in demjenigen, in welchem der Sohn des Doktors stände, wenn der Doktor zur rechten Zeit geheiratet hätte. Was er in heroischer Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis er die Hoffnung, es zu erringen, versäumte, das Glück der Liebe, danach haschte in gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer Habenichts! Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles und ungemütliches Gelaß, daß jeden, der es betrat, fröstelte – sogar in den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wände gereihten Sesseln, aus einem riesigen, mit weißer Ölfarbe angestrichenen Schreibtisch und aus einer gleichfalls weiß angestrichenen, langen und niederen Bücherstelle, die, einer Gewölbbudel ähnlich, das Gemach in zwei Hälften teilte. In der kleineren, zunächst den Fenstern, hielt sich der Doktor auf, in der größeren, nächst der Türe, hatten die Patienten, die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen Raum, der zwischen der Wand und dem Büchergestell frei geblieben war. Auf dem obersten Brett desselben lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben. Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen und fest verschlossene Gläser, gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, in welcher der galizische Instinkt sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk verdorben durch höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen. Über all diesen Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden Joseph zu: »Sag einmal, was hast du mit der kleinen Lubienka des Pächters?« Wie gewöhnlich, wenn sein Wohltäter ihn scharf anredete, wurde der Bursche feuerrot, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem Rosenzweig seine Frage wiederholte, nahm Joseph sich zusammen und entgegnete halblaut, aber bestimmt: »Ich hab sie lieb.« »Und – sie?« »Sie hat mich auch lieb.« Der Doktor lachte bitter und höhnisch: »Das bildest du dir ein?« »Das weiß ich, gnädiger Herr –« »Wohin soll dieses Liebhaben führen?« Nun meinte Joseph, der Doktor habe ihn zum besten, wolle ihn nur ein wenig aufziehen, und erwiderte ganz munter: »Zu einer Heirat, Herr.« »Einer Heirat! Du denkst ans Heiraten?« »Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.« »Sie auch! ... Was sagt denn ihr Vater dazu?« »Dem ist es recht, Panje Kochanku !« rief Joseph mit einem Ausbruch überwallender Empfindung und machte Miene, auf dem jedem andern als dem Doktor verbotenen Weg in den Bereich seines Wohltäters zu stürzen ... Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den Jüngling mit einem strengen: »Bleib, wo du bist!« an seinen Platz. In grausamen Worten hielt er dem Burschen seine Armut und seine Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch vielleicht auf ihn gerechnet habe, respektive auf seinen Geldbeutel, und er faßte den Entschluß, dem interessierten Schlingel nach beendeter Erntearbeit die Tür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer und legte sich mit dem Vorsatz zu Bette, den Pächter am folgenden Tage ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph ein Ende zu machen. Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich etwas, das ihn von jedem unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog. Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über den Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich wieder nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen Frühstück teilnehmen, das im Salon aufgetragen war, in welchem sich eine große Anzahl Schloßgäste versammelt hatte, eine Gesellschaft, dem Doktor wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam Czartoryskis, Konspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer für die Wiedereinführung der alten polnischen Wirtschaft. Die Frau des Hauses, noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht hatte, war die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie unterhielt eine lebhafte Korrespondenz mit der Nationalregierung in Paris, empfing und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich große Summen für Revolutionszwecke. Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doktor und entstellte ihm das Bild der in jeder anderen Hinsicht, als gute Mutter, als kluge Verwalterin ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Untertanen, verehrungswürdigen Frau. Mit verdrießlicher Miene nahm er am Teetisch Platz, aß und trank und sprach kein Wort, indessen Herren und Damen eifrig politisierten. Ihm war, als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur Abwechselung einmal Verschwörer spielten. Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels. »Warum so verstimmt angesichts des schönsten Wunders, mein lieber Doktor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter. Rosenzweig erhob und verneigte sich: »Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?« »Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die reizende Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf. Der Doktor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen in schmerzlicher Enttäuschung: »Sie zweifeln? O Doktor – ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!« »Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?« »Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotiviert ist, da wir Ernst machen«, sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon. »Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind! Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten Balle des Erzherzogs gegeben werden!« Allgemeines Schweigen folgte dieser freimütigen Erklärung. Die Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit welcher Aniela über das gemeinsame Eigentum – den Plan der Partei – verfügte. Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus, als daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit einer Kaskade aus gesinnungstüchtigen rot und weißen Bändern. Den köstlichen Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten Missionsreise nach Rußland aus Nischnij-Nowgorod mitgebracht – unter welchen Gefahren! Ach, es war eine ganze Geschichte... Heute wurde sie aber nicht erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor allem galt, den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung hervorgebracht hatte. »Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt ihr an der Treue und Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten hat?« Einige junge Herren beeilten sich zu protestieren, und ein alter Schlachtschitz mit langem herabhängendem Schnurrbart erhob sein Madeiragläschen, leerte es auf einen Zug und sprach: »Vivat Doktor Rosenzweig!« Die Frau vom Hause wiederholte: »Vivat Doktor Rosenzweig, dem so viele von uns ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kinder verdanken!« Sie stürzte nach diesem Toaste den Rest ihrer sechsten Tasse Tee hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt: »Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht soviel Tee zu trinken. Sie ruinieren sich die Nerven.« Die schöne Festgeberin lächelte überlegen: »Guter Gott, meine Nerven! An diese werden bald ganz andere Zumutungen gestellt werden!« »Ich verstehe – auf jenem Revolutionsballe!« »Ja, Doktor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen, »dem Balle, auf dem wir ein welthistorisches Ereignis inaugurieren!« »Bei der Mazurka oder bei der Française?« »Beim Kotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die Offiziere legen zum Tanze ihre Säbel ab. Die Säbel werden fortgeschafft. Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen Feinde und machen sie nieder!« »Vivat!« rief der Schlachtschitz, »Pardon wird nicht gegeben!« Einige Damen widersprachen und schlugen vor, denjenigen Offizieren Pardon zu gewähren, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurück, als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus erregte. »Meine Herrschaften«, sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.« »Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?« »Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen und edle Herren wie Sie können hassen, können befehden, aber sie verraten nicht, und sie morden nicht.« »Monsieur!« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war, »Ihr Argument würde im Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Konspiration.« »Ganz richtig – weil ja ...« Dem alten Schlachtschitz war plötzlich eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte; er sprang auf, schlug die Fersen aneinander und rief nach langer Überlegung: »Vivat Polonia! Vivat König Adam!« Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme. Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von Seiden- und Schalstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei welcher die hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot genoß. »Olga, Duschenka moja «, sprach sie, »denke vor allem an dein ewiges Heil!« Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse Tee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß mit ihrer Ermahnung Öl ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor in dem lauten, feierlichen Ausrufe: »Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!« Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu dürfen. Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen Ernst dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und intonierte ein melancholisches Nationallied. Alle schwiegen, alle horchten gerührt, in manches Auge traten Tränen. Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar einen, der bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht teilgenommen hatte. Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen geneigt gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen der verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Ärzten so gern auf neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine Konsultation abzuhalten, für welche sie später das Honorar schuldig bleiben. Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt. Der Fremde machte keinen Versuch, in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr vermochte, seine Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart; mit blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die Blässe erhöht, die den Doktor anfangs verleitet hatte, ihn für einen Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen. Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupteten, sie zeichnet vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft. In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden und der Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe. Die Geringschätzung, mit welcher das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfüllen schien, wurde allmählich besiegt. Die Klänge des schönen Volksliedes ergriffen und bewegten auch ihn. Eine Empfindung verband ihn mit seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße Sehnsucht nach dem verlorenen Vaterland. An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken wie dasjenige, aus dessen Herzen solch ein Lied geströmt. Es singt von dem verirrten Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender Liebe. Zagend steht er an der verschlossenen Tür und hört die Stimme seines Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ... Vater! Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen in Banden ... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hände, zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich. Nie wird diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. – Er wird auf der Schwelle verschmachten. Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst nach einer Weile durch die Wirtin unterbrochen, die sich erhob, auf den Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentieren begann. Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gaste, jede ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung. Sie faltete die Hände und flehte: »Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!« Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung. »Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. – »Es würde uns beseligen.« – »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten.« – »Aus Bescheidenheit.« Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit – keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela war befangen, und ihre anmutigen Lippen zitterten ein wenig, als sie sprach: »Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredsamkeit, von der wir schon soviel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu rühren und moralisch Tote zu den größten Taten zu wecken vermögen!« Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch wie das eines Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige Seele. »Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau. Sie errötete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter Unbefangenheit zur Antwort: »Es ist mein Kusin Roswadowski aus dem Königreich.« Niemals hatte der Doktor von einem berühmten Redner Roswadowski auch nur das geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden zu wachsen. Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ, mit einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend, sagte er: »Bitten Sie doch Herrn Doktor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen sagen, was er von der Revolution erwartet.« »Das wissen wir im voraus«, entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole die Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!« »Olga, Duschenka moja«, ließ wieder die Großtante sich vernehmen, »sage deiner Freundin, daß keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter Katholik ist.« Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort: »Das allgemeine Wohl soll jedes besondere in sich begreifen, also auch dasjenige dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich keinen von euch, die ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß ihr die Schuld abzutragen gedenkt, in der wir alle ihm gegenüber stehen und seinem Volke?« »Ce cher Edouard!« rief Graf W. und fügte, sich in den Hüften wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für den neben ihr stehenden Rosenzweig, hinzu: »Er wird immer verrückter.« Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres Kusins und erklärte sehr scharf, in einer Schuld der Dankbarkeit und Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doktor gegenüber nicht. »Und was die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Königreiche Polen betrifft«, sagte Aniela, »so ist sie bereits im Prinzip festgestellt. Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man aber noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.« »Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden ist mir nicht mehr bang.« »Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen«, nahm Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Übung im Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns – nichts.« »Herr, wenn ich meine Pflicht nicht täte, käme ich um mein Amt«, fiel der Doktor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Erörterung ein Ende machen will. Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete: »Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge als diejenige, die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tüchtiger Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.« »Samariter! ... Ich?« »Jawohl, Sie! Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der Heerstraße und übergab ihn dann fremder Hut. Sie haben den Sterbenden, den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.« Der Doktor deprezierte: »Wie man's nimmt«, und dachte im stillen ganz grimmig: Du bist gut unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen Chamer! Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft erwogen hatte, die Frage: Ob man wohl zwei Gedanken auf einmal haben könne, denn wahrhaftig, er hatte zugleich auch den: Ich will dem Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen. »So hat ein Jude getan«, wandte der Redner sich an die Gesellschaft, »aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir Andersgläubigen jemals aus freiem Willen für einen seines Volkes getan? Lest eure Geschichte und fragt euch selbst, ob ein Jude die Tage herbeiwünschen kann, in denen in Polen wieder Polen herrschen!« Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige Schlachtschitz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen aus, und der erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals andere als glorreiche Dinge gelesen. Jetzt wurde die Tür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete: »Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.« Die mutigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus: »Um Gottes willen, der Kreishauptmann!« Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort! fort! verbergen Sie sich!« »Ich denke nicht daran«, erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe, ich freue mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu machen.« »Sie bleiben nicht! Sie gehen – weil Ihre Gegenwart uns kompromittiert«, rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon zurückgekehrt war. Ein Wortwechsel entspann sich ... »Doktor! Ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen, suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten«, flehte die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Tür. »Ich werde tun, was ich kann, ich empfehle mich, meine Herrschaften!« antwortete er und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich ergötzt über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen hatte. Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel seines Zylinders glänzte in der Vogelperspektive, in welcher er sich zuerst dem Doktor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte der Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe der niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte. »Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der Doktor, seinen Hut feierlich schwenkend. »Wie, mein lieber Doktor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?« »Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vögelein! – Wie befinden sich Euer Gnaden?« »Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.« »Und der Pünktlichkeit, mit welcher Euer Gnaden sie erfüllen. Sie sind ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu sein.« »Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie – da habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der Kreishauptmann dem Doktor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht erließ: »Aber, mein lieber Doktor, wann werden Sie sich denn endlich taufen lassen?« Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort: »Ich weiß es noch nicht genau.« »Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.« »Ich würde vermutlich auch nur ein halber Christ sein.« »Oho! das ist etwas anderes!« entgegnete der Beamte streng. »Wir sprechen noch davon; jetzt sagen Sie mir« – seine Miene blieb unverändert, aber seine kleinen, klugen Augen blickten den Doktor durchdringend an: »Ist er oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?« »Welchen Sendboten?« »Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.« Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen, daß der Beamte ausrief: »Sie sind nicht eingeweiht! – Nun, ich will Ihnen Ihre politische Unschuld nicht rauben ... Ganz charmant, diese Konspiranten! besonders die Damen. Übrigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen als sie sich selbst vor – anderen. Es ballt sich ein Gewitter über ihren Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind selbst von ganz anders Unzufriedenen in ganz anders gefährlicher Weise bedroht.« Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen Schritten eiligst entgegen. 3 Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und ihm auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in der Nähe eines steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort wollte er seinen Wagen erwarten. Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu atmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen Schollen emporstieg. Nur wundernahm es ihn, daß er die Wonne und Wohltat, der parfümierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein, nicht so recht zu empfinden vermochte. Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn, ein unbestimmtes Etwas ging ihm nach, von dem er sich keine andere Rechenschaft zu geben wußte, als daß es sehr quälend sei. Plötzlich rief er mehrmals nacheinander laut aus: »Narr! Narr!« Die Apostrophe galt demjenigen, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten genannt hatte, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch ihm gespendet, die war's, die dem Doktor die Laune verdarb. Jedes Wort, das der »Narr« gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten Apostelgesichts, der Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit welchem seine tiefblauen Augen auf ihm geruht – alles hörte, alles sah er wieder, und eine zornige Beschämung erfüllte ihn. Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig – ein Menschenfreund und Samariter? – So einsam er da wandelte auf dem Felde, ihm schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte all der Hände, die sich im Verlaufe seines langen Lebens flehend zu ihm ausgestreckt, und sagte sich: Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und was wir dem zuliebe tun, tun wir uns selbst zuliebe. Seine Schuldigkeit hatte er erfüllt in ihrem ganzen Umfang; aber Schuldigkeit – es liegt schon im Worte – ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie. Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der Menschen. So hatte er es bisher gehalten, und – Nathanael warf den Kopf zurück in seinen breiten Nacken – so wollte er es auch ferner halten. Möge erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden sie zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem Goldenen Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher – nicht! Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rüstig und sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe. Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. Am Fuße desselben kauerte eine klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans Kinn, eine hohe Schafpelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die Reste eines blauen Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen schlummernden Nationalgefühls der verewigte Gutsherr getragen. Die mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Körper, in einer unaufhörlich zitternden Bewegung. Als der Doktor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam, mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus halb erloschenen, rot umränderten Augen mit dem demütigen Leidensausdruck eines alten Jagdhundes zu ihm empor. »Was tust du hier?« fragte Rosenzweig. »Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte«, antwortete der Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein vielgebrauchter Rosenkranz hing, »ich warte immer auf einen Brief von unserem lieben Herrgott.« »Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?« »Daß ich zu ihm kommen darf, es ist ja hohe, hohe Zeit.« »Wie alt bist du?« »Siebenzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wüßten, wie mir ist. Da« – er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust –, »kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich erreiche das Kreuz nicht mehr.« »Warum bleibst du nicht zu Hause?« Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebärde: »Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder. Nun ja – sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.« »Wem gehört die Schaluppe?« »Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer geschenkt.« »Ein Schürzenvermögen also!« spöttelte der Doktor. »Und jetzt jagt sie dich aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?« »Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin, weil ich so lang lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: ›Kinder, betet, daß der Großvater bald stirbt.‹ – Ja!« »Du hast da einen saubern Schwiegersohn.« »Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren wie du wissen nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel Ärgere im Dorf. Besonders jetzt in dieser Zeit.« Er senkte die keuchende Stimme. »Weh allen Panowies und Panies, die das nächste Jahr erleben!« »Warum denn? Was meinst du damit?« »Oh, die armen Herrschaften! Die armen, armen!« wimmerte der Greis und begann bitterlich zu weinen. »Alles wird man ihnen wegnehmen, und erschlagen wird man sie auch.« Der Doktor fuhr auf: »Du bist nicht bei Trost!« Nun begann der andere die Hände zu ringen: »Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein Unglück! ... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der Beichte ausgesagt habe, was ich weiß, so hat der Herr Mandatar mir geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen unsicher suchenden Blick auf den Doktor: »Bist auch du mit ihnen einverstanden?« »Einverstanden – ich? Mit wem? ... Sag alles!« befahl Rosenzweig. »Was wird ums neue Jahr geschehen?« »Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen Besitzungen unter die Bauern verteilen.« Auch die des Pan Teophil Kamatzki? – Wartet, Kanaillen! dachte der Doktor und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?« »Die Regierung? Ach Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer wissen, wie geteilt werden soll.« Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus: »O dieses Volk! ... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk, aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter! die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will, wie groß sein Galizien ist und wieviel Steuern es ihm zahlen kann.« Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe: »Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann wird es gut sein, glauben die meisten ... Ich glaube, daß es schlecht sein wird. Jeder Tag wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am Sonntag als raufen und sich betrinken? ... Oh, mein gnädiger Herr, könnt man's doch verhüten!« »Sei du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden«, entgegnete Rosenzweig und lachte wieder. Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht: »Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wärest und den Kommissär hättest predigen gehört, du würdest nicht lachen.« »Den Kommissär? Den Emissär, willst du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie jetzt zu Dutzenden herumziehen.« »Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden ist, und hat alles verschenkt.« Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm zur Überzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der Kreishauptmann den Sendboten genannt und vor dem er selbst eben erst Aug in Auge gestanden hatte. Derselbe! Er war es – er gewiß, der Rätselhafte, dessen Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten, die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war – Eduard Dembowski. Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgeht, dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht; nun gestand er sich, daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre. Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja! sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen. Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße. Eine bequeme Britschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder Falbenstuten in zierlichen Krakauergeschirren mit glockenbehangenen Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um die so mancher Edelmann den Doktor beneidete. Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriffe, in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des Kreuzes zurück: »Du! Wie heißest du?« »Semen Plachta, Herr.« »Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß Doktor Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde, werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch – dann reichte er sie dem Greise hin. »Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich verwendet worden ist.« Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; zu sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinahe die Zügel fallen. Was sollte das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte fünf Gulden an einen Straßenbettler?! »Herr«, sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, »du hast ihm fünf Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?« »Schweig und fahr zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und die Falben griffen aus. Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrunde, und eine wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut ausgefallen, das mußte man gelten lassen. Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines Schlachtschitz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines Magnaten – sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen Freude. Den anderen das Ihre, das Meine mir! – Aufrichtig gesagt, getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte ja nie ein lebendes Wesen – seine Großmutter ausgenommen – so geliebt, wie er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen würde, ihm seinen Besitz anzutasten. Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für Wort sein Gespräch mit Semen Plachta. Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen Umtriebe im Lande ein, die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch, das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt wußte er nicht zu erklären, so genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß. Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte, ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben. Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flössen in die Bettelsäcke der Güterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog umher und warb Jünger für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn und in Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiele zu folgen. Boten des Sendboten tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in Galizien. Die Worte ihres Abgotts auf den Lippen, riefen sie dem Adel zu: Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von dir! Vorrecht ist Unrecht. – Und dem Volke: Kommt, ihr Armen! Nehmt euren Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß und, wie oft! auch euer Blut gedüngt hat. – Zu allen aber sprachen sie: Erhebt euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen, darin es weder Überfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft gibt, das Reich – das Christus gepredigt hat. Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt. Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner allzu heißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der Revolutionäre« steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die Beherrscher der Teilungsmächte oder die Inhaber der polnischen Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs, das sie wiederherstellen wollten. Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach der Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten diejenigen, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben sie sich anmaßten? – Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für denjenigen empfindet, der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf man zusammen und drückte einander die Hand. »Und sehen Sie«, schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch in mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen Patriotismus willen nicht lieben und zugleich – beneiden müßte.« »Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort: »Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: Ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt. – »Ich begreife nicht, warum man so lange untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert, gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödliches Gift auszustreuen.« Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit welcher Rosenzweig sprach, entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit: »Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens – unter uns! –, wir haben Weisung, auf ihn zu fahnden – in unauffälliger Weise.« »Oh – dann!« rief Nathanael übereifrig, »dann beschwöre ich Euer Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts, als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr `Sendbote' krank ist – hier«, er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!« Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter, er richtete plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes Surtout pas trop de zèle! zitierte. Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors einmal entfesselter Eifer für die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den anderen mitteilen mögen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit. Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze zusammenfassen lassen: »Unsere Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.« Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda und riet immer dringender, man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu ergreifen. Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche ein und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig sei. Wie einfältig, das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge löste und es nur weniger geschickt gestellter Fragen brauchte, um sich zu überzeugen, daß ihm sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen Mein und Dein fehlte. Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den Zustand der Landbevölkerung. »Ja«, schloß er denselben, »der Bauer ist dumm, aber wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken wie den der Sparsamkeit gar nicht zu fassen.« Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch. »Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der ›Sendbote‹«, sagte sie; »man glaubt, ihn zu hören.« Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief. Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen, nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner kleinen Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit gelblich glänzender Schale. Zu jeder anderen Zeit hätte der Doktor an dem Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein Mißmut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter, und wollte den Wohltäter noch zu anderen Bäumchen führen, die ein ebenso kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten wie dasjenige, das er staunend betrachtete. Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und plötzlich sprach er: »Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so einer Art Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält und den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigen soll?« Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg. »Gesteh! Gesteh!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes Gesicht näherte sich dem des Jünglings. »Ich weiß nicht, Herr«, stammelte dieser, »ob du denjenigen meinst, den sie den Sendboten nennen.« »Den eben meine ich!« »Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.« »Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen – was?« höhnte der Doktor. Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht außer Fassung bringen. Noch mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch: »Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.« Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph fuhr fort: »Ich habe lange mit ihm gesprochen.« »Wo? und wann? und was?« »Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.« »Von mir?« Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der Doktor. – Nun, sie sind danach! »Ich habe ihn nie predigen gehört«, nahm Joseph wieder das Wort. »Möchtest aber wohl?« »O ja! – Ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es. Es heißt auch, daß er heute nacht zum letzten Male in unserer Gegend sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von hier, auf der Straße nach Dolego.« Eine lange Pause entstand, welcher der Doktor ein Ende machte, indem er Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum Kreishauptmann, meldete, was er soeben in Bezug auf den Emissär in Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangennehmen zu lassen. »Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der Beamte. »Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich? Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.« Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete. »Was hast du dazustehen? Geh schlafen!« herrschte er ihm zu. Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht wie in den vorhergehenden Nächten. Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit und die Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine... Übrigens – wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar ein Pferd aus dem Stall... Nun, der Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm er den Leuchter vom Tische und eilte über die Treppe, den Gang nach der von Joseph bewohnten Stube. In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzig schlechte im Hause und ärgerte ihn, sooft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum, einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit. Er sagte sich das, als er eintretend denjenigen, den er auf dem Wege nach Dolego vermutete, der Länge nach ausgestreckt fand auf seiner mehr als bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend. Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete, zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinanderruhenden Lippen ungestört weiterzuatmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen, schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat. Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und an fast beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgends fand sich die Spur verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem Doktor auf, und – fast rührte es ihn. Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker Arabesken zeichnete sich bereits, gar künstlich verschlungen, der Namenszug Rosenzweigs. Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine zum ersten Male wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter stand in ungefügiger Schrift: »Von meiner Lubienka.« Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt? Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit und Treue, nichts – keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst – unfreiwillig eingegangenen Schuld. Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle? ... Ist sie es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben. – Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest... Du hast es aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst und am Ausgang deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden hast... Wessen Schuld? – Warum denkst du nicht? ... Warum sprichst du nicht?... Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend? ... Aber es geschieht, und ich verbrauche sie – und so wie ich tun Tausende und so wie du Hunderttausende... Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er ... Doch werden sie erwachen – schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte? Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus. »Noch nicht!« rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden. Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst du, Herr?« Das Bewußtsein kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen trat. »Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!« 4 Die Nacht war dunkel, ein feiner, dichter Regen strömte unablässig, emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der Kaiserstraße dahinrollte. Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld verzehrte ihn. »Wir kommen zu spät«, sagte er endlich. »Treib die Falben an.« »Sie laufen ja, was sie können«, antwortete Joseph. »Wir sind schon weit.« Er deutete nach einem großen weißlichen Fleck im Nordwesten des bleigrauen Horizonts: »Die Weichsel und der Dujanec stecken schon ihre Fahnen aus.« Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges, weitläufiges Gebäude. Vor demselben standen allerlei Fuhrwerke und hinderten Joseph, sich mit dem seinen zu nähern. Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das Gewirre der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte. Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand. »Schaff mir Platz, Abraham«, sprach der Doktor, »ich bin's, ich, Doktor Rosenzweig.« »Gott der Gerechte!« stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu seinem Gasthofe bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand: »Der Herr Doktor Rosenzweig! – Is wer krank? Wohin belieben zu reisen der Herr Doktor?« Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr: »Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.« Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den Flur. »Ein Gibor ! Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!« raunte Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel, geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm aufgetaucht war. Es wiegte den unförmigen Kopf, seine nachtschwarzen Augen funkelten klug und feurig. »Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück«, flüsterte der Kleine. »Elend über Elend! Wie haißt ihm kommen zuvor?« »Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die rebellischen Gojim und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.« Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe: »Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans Ziel. Reit«, wiederholte er, und er setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Tu dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine geraden Glieder.« Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich vielmehr hineingezwängt. Es herrschte darin eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von mehr als hundert dicht aneinandergepferchten Menschen in nassen Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Räume zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die anderer bis zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen anderen Platz mehr gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen, und zwischen die Mauern und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jeder Bewegung derselben den Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden. In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr in kostbarer Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten Fürsten des Landes. Auch du, Starosta princeps nobilitatis? dachte Rosenzweig. Aber eine noch größere Überraschung erwartete ihn. Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des Fanatismus gehütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem Schlachtschitz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Frieden über alles ging. Nie hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig vor demselben einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher. Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophyten sanft berührend, sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch – und er wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn mit unendlichem Jubel empfing. Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen weißen Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben Stoffe. Ein lederner Riemen, an welchem ein kleines Kruzifix aus schwarzem Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war kurz geschoren, es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog einen schönen gewölbten Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen. Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend schon im voraus auf das Sehen verzichten. »Freunde, Brüder«, begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich wurde es still bis zur Lautlosigkeit, »ich grüße euch zum letzten Male vor dem Kampf, vielleicht zum letzten Male vor dem Tode.« »Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan von martialischem Aussehen, »im Kampf, im Tod, im Sieg!« »Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht. »Sieg?« wiederholte der Redner, »ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß auf seine Feinde stellt, ob er, zertreten von ihren Rossen, auf dem verlorenen Schlachtfeld liegt. Meine Brüder! Was immer uns beschieden sein mag, der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird fortleben, sogar auf den Lippen derjenigen, die uns um seinetwillen verfolgen und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir um ihretwillen erlitten haben.« Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet: »Vielleicht ist die Erinnerung an unseren Tod das einzige, was wir denen hinterlassen können, für welche wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei .... Es wird kein glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserem Bunde geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.« Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches Antlitz drückte Enttäuschung aus. »Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich den Feuereifer, ihr zu dienen, in euren Seelen zu erwecken, den er in der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu lehren, mit der ich zurückblicke auf meine einst genossenen Erdenfreuden. Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel schrak ich auf bei seinem Rufe. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und der Zweifel die Erkenntnis.« Verklärung breitete sich über seine Züge, das Licht der schönsten Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn. »Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel beschert hatte, kannt ich kein Genügen, in meiner heißen Hand zerschmolz das Gold. Da war einer unter meinen Dienern – Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der, aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich auszusprechen, und stand seitdem in Ungnade bei mir. An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine glückliche Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählte sich die Erinnerung an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich meinen Gefährten zu: ›Wie heute, so morgen und immer!‹ Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder, und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus, und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu. Ich aber verhielt mein ungeduldiges Roß. Ich hatte längs des Waldessaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. – ›Woher und wohin?‹ rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn der Intendant mit einem Auftrag geschickt. – ›Fand sich dazu kein Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?‹ Auf diese meine Frage gab er zur Antwort: ›Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit allerlei Ämtern.‹ Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte. Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin bewegte und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise, ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt – meine Bauern! ... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir vorüberschlichen, unlustig wie eine Herde, die nach fremdem Pferch getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit, weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt. Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende des Zuges mühsam nachhumpelte. ›Damit du nicht darbst unterweges, Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.‹ Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Heiduck, der die Schar geleitete, stieß ihn vorwärts. In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut. ›Warum sagtest du‹, fragte ich ihn, ›dein Vater müsse um deinetwillen fort?‹ ›Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.‹ Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und erbärmlich schlug. ›Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten kann‹, sagte ich, und er erwiderte: ›So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem einen besser gehen als dem andern?‹ Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte ich: ›Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal klagst?‹ ›O mein gnädigster Herr!‹ entgegnete er, ›was würde das Klagen mir nützen?‹ Und auch darauf mußte ich schweigen ... Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt, und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um meiner Herzenskönigin zu huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden Dienstfertigkeit meines Anhangs – Grauen, meine Brüder! Grauen erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde – sie hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde .... Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig, wie durch schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linie der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen nur flüchtig gestreift hatte .... Ergebung auf allen! Nicht schöne, männliche – nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des Stumpfsinns .... Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen: Was würden Klagen uns nützen? Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück gerichtet .... Meine Macht war zum Unheil anderer ausgeübt worden, mein Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich parasitisch von kostbaren Lebenssäften.« Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem Gepeinigten gleich zog er den Atem ein: »Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen .... Die Schmerzen jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in meine Brust! ... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das die begangen hatten, die mir dienten, als meine Schuld empfand ich sie und vernahm schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg .... Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, und – fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen, soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang, mir war, als lebt ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren Er mich gewürdigt. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft zur Buße und Sühne und bot mich ihm dar zum Werkzeug Seines Willens, zum Verkünder Seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um Erleuchtung auf meinem Wege an. Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war, von Jugend an – ein Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, desto klarer ward es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für uns Menschen – die Nächstenliebe!« Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit welcher der Sendbote empfangen worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung: »Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung des Vaterlandes!« »Eines, die beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung ohne die Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!« Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger werdender Stimme fuhr der Redner fort: »Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über seine Brüder, säet und erntet Unheil, die Seele des Knechtenden wie die des Geknechteten verdirbt.« Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu: »Rette deine Seele, demütige dich! Gedenk der Sünden deiner Väter, gedenk der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? – Befreiung von fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem bejammernswerten Volke als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat. Niemals ist in Polen ein anderer Stand zu Wort gekommen als der eure, und wohin habt ihr das Land gebracht? ... Euer Eigennutz hat es ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat hat es den Feinden ausgeliefert!« »Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!« tönte es ihm zurück. Ein rasender Tumult erhob sich. »Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten, der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte und dem die Seinen mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgange zu bahnen suchten. Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge war wie eingekeilt unter der Tür; aber sein eiserner Arm teilte sie, um den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab es, als der Fürst und seine Schar das Freie gewonnen hatten. Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke setzten sich in Bewegung. Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen seiner Jünger. »Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir keine anderen Gegner hätten als sie«, sprach er ruhig. »Der Bedrücker sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen – er regt sich nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden ... Diejenigen aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben – und dessen gedenken sie nicht! –, sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.« Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen. Der Doktor jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck, auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten. Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels ansichtig wurde. »Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser vermögen als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahesteht wie eurem Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis ausgestattet wie ihr – und unfähig, die einfachste Gedankenreihe zu bilden? ... Ihr sucht nach Zielen in euren Wissenschaften und werdet immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter euren Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuren Heersäule, die nachts aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des Menschengeschlechts über die Erde. Diejenigen, denen Kraft gegeben ward, die andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im Dunkel tappt und sich verirrt und keinen Steg mehr findet, der zu den Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...« Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht«, flüsterte ein Advokatenschreiber den gelehrten Herrn zu. »Das ist ja gar nichts.« Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort. Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon. Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in Tätlichkeiten auszuarten. Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm. »Laßt jeden unbehelligt ziehen«, befahl er. »Wer von euch kann sagen, ob das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt verlassen, noch dereinst in unsere Reihen ein .... Mir aber, meine Brüder, mir ist es ein Segen zu fühlen: Was mich in dieser Abschiedsstunde umgibt, ist Treue, was mich vernimmt – Verständnis. Den tiefsten Inhalt meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche Schalen, die ihn rein und lauter bewahren und ihn anderen Herzen also mitteilen werden. Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsere Kräfte einrosten und unsere Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. Indessen der Haß der Urheber der bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast, täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. Das Leiden und die Leidenschaft sind ihre Namen. Sie nur einmal ins Auge gefaßt, und ihr werdet an eure Stirnen greifen und euch fragen: Ist es möglich, daß wir jemals einen anderen Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die Leiden der anderen und den gegen die Leidenschaft in unserer eigenen Brust? Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den Vampir an unserem Marke zehren lassen und unsere Streitlust nicht an ihm gebüßt, nein, an unseren Brüdern, unseren mitleidenden Brüdern! Wir haben Beladenen neue Lasten aufgelegt, wir haben Verwundete verletzt ... O des Wahnsinns! Oder des Verbrechens – oder vielmehr der beiden! Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.« Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen, erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen – die Wonne, aus den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos, die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte die reine Seligkeit dieses Augenblicks – er galt dem Apostel des Mitleids und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. – Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsere Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung. Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er: »Zweck und Ziel unseres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserem Bunde!« Da riefen alle, da tönte es mit der Stimme einer Begeisterung aus der Brust von jung und alt, von Erfahrenen und Unerfahrenen, von Besonnenen und Schwärmern: »Wir schwören!« Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine Füße. »Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie einer aus der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab: »Nicht mir Gehorsam – der Sache. Schwört, die Armen und Bedrückten zu lieben wie euch selbst, und das Vaterland mehr als euch selbst.« Die Beteuerungen wiederholten sich. »So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die Eidesformel und den Katechismus«, sprach der Agitator, und Stille trat während der Verteilung der Schriften ein. Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein, schreckensbleich, mit aufgelösten Locken: »Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow, hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein Sohnleben is geritten ihnen voraus.« Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug, scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an. Er aber wies seine Getreuen hinweg: »Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!« Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote, knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf seinen Vorderfuß zurück und zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe. Eilends sprang Rosenzweig herbei. »Ihr Pferd lahmt«, sagte er, »auf dem Pferd kommen Sie nicht weit.« Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht: »Wart, Kerl, wenn du das getan hast!« Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte. Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße. Sie ritten mit dem scharf herüberpfeifenden Wind. Gelblichgrau begann der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die Kehle zu. Das war Furcht, deren Symptome er so oft an andern beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte. »Verbergen Sie sich im Haus«, sprach er zum Emissär. »Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist – und er ist es«, antwortete jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. Soviel Klugheit wie das gehetzte Wild habe ich auch. Irgendwo findet sich ein Hohlweg, ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.« Er wandte sich zur Flucht. Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem Wagen hin: »Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie du nach Hause kommst. Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!« Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort im Eilschritt den Heimweg an. »Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, »du sollst mich kennenlernen, wenn du den Verräter weiterspielst!« Einige Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer wurde es ihm hinzuzusetzen: »Wenn du aber dein Maul hältst – dann kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine Angeberei dir eingetragen hätte.« Er machte eine rasche Wendung den immer näher kommenden Reitern entgegen. »Holla ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu spät! zu spät!« Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam hergaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen: »Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?« »Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie – warum just Sie? Ein heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne, eine Halsentzündung.« »Gottes Donner! scherzen Sie nicht! Komm ich wirklich zu spät? Ist das Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte der Jüngling in überstürzter Hast. »Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.« »Unschädlich? Dann war er's nicht.« »Er war's!« »Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Kadett können noch sehn stehen hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht kann reiten davon.« »Was ihn zwang«, bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde davonfahren!« Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen und befahl einem Soldaten, es am Zügel mitzuführen. »Ich nehm es mit als Pfand«, sagte er. »Und nun – in welcher Richtung ist er davongefahren, Doktor?« »Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.« »In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann, wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute nachmittag. – In welcher Richtung, Doktor? ... Gottes Donner! sprechen Sie!« Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich habe keine Katzenaugen. Wahrscheinlich sind Sie ihm selbst begegnet auf der Straße.« »Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens« – er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja verdächtig ... Rechts um!« kommandierte er seinen Leuten, und die Husaren machten kehrt. »Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier erwischt.« Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig. »Was gibt's?« rief der Husar. »Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbeigeflogen sind«, entgegnete Rosenzweig. Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Pikett rasselte davon. Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern, zurückgekrümmten wie in einer Schlinge in der Hand. »Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen ... Aber Sie sollen gehen drein, ich verlang kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!« Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm nur, Halunke. Was ich verspreche, halte ich – auch einem Halunken.« Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem Fahrgast: »Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie in Sicherheit.« Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine Hand: »Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde überall.« Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten; er entwand sich ihm und war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht entschwunden. 5 Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt – wie es den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Demjenigen, der über ein an sich selbst erlebtes Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind. Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen – hatte er das wirklich getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen Feind gehalten? ... Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen – die Reue war nicht unter ihnen. Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld. Finster gab der Doktor es hin. Dann begab er sich auf das Kreisamt. Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher Aufregung, daß er vorzog zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen ging es nicht besser. Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den Schein seines heiteren Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen, mit welcher er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise spannen. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche. Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte geschrieben standen: »Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.« Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich hin auf den Tisch. »Joseph«, rief er. »Was befiehlst du?« »Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?« »Viel Geld, mein ich.« »Geld! Geld! nun ja – aber noch etwas anderes.« »Was denn, Herr?« »Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn – ihren redlich verdienten Ertrag.« Joseph sah den Gebieter fragend an. »Dahin sieh, auf die Bilder, nicht auf mich«, rief dieser. »Sie stellen noch ein drittes vor.« »Was denn, Herr?« wiederholte Joseph. »Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts anderes sein kann als – dein Heiratsgut.« Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne: »Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!« und wollte sich vor ihm niederwerfen. »Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu einem Gotte. »Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.« »Ich? – Was sagst du, Herr? – Warest du nicht immer wie ein Vater gegen mich?« »Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer wie ein Sohn gewesen«, antwortete der Doktor und setzte die für Joseph unverständlichen Worte hinzu: »Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre der himmlische Sendbote kein Tor.« – Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer, wurde von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen ihnen einen gewaltigen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem, hartnäckigem Eifer ging er seinem Berufe nach. Als die Revolution ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der Revolution ist nichts zu fürchten. Anderer Ansicht war der Kreishauptmann. Alle Mutigen wandten sich bereits der Überzeugung zu, der Aufstand müsse in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrektion« zu bekämpfen. Er meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als ihm dieser eines Tages erwiderte: »Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll Liebe und mit Worten der Erlösung auf den Lippen ... So kommt es zu uns. Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir wollen mit niemandem Erbarmen haben als mit uns selbst, wir wollen bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das Kind zerfleischen und fressen und uns zufrieden schlafenlegen nach dieser Heldentat.« »Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll Bestürzung aus ... »Was ist mit Ihnen vorgegangen? Welcher Teufel hat Ihre gesunden Sinne verwirrt? Wissen Sie«, nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in welcher der gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit habe Sie zum Schwärmer gemacht?« Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen. »Ein Schwärmer wäre ich«, entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung der Utopien glaubte, für welche dieser ›Kommunistenführer‹, wie Sie ihn nennen, lebt und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß? vielleicht doch! ... Vielleicht vermag ein Beispiel wie das deine uns Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber gedacht habe ich mir: Du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr geheißen und – vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß überschritten, das sich in unserer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre Größe macht sie zum Irrtum und dich zum Irrenden. So dachte ich – und ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu meinem Gott: Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn ungeheilt sterben, o Herr!« Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört. Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert, das Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, durch dreihundert Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung bei Gdow geschlagen worden. Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau entstellte Kunde. Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen, sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden. Ein Schrei der Rache erhob sich und – verstummte vor der Beredsamkeit eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden. Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah. Vertrauend auf die Gewalt des Glaubens und seiner Beredsamkeit, verließ er Krakau, von Priestern im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet. Eine große Menschenmasse folgte, dreißig Scharfschützen deckten den Zug. Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt Podgorze auf die Straße nach Wieliczka. Sie lag still und öde – soweit das Auge reichte, keine Spur von herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus jedoch eine Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen. Sie durchlief den Zug wie ein Blitz: österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze. Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an, in der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen zu erreichen und die Brücke noch gewinnen zu können. Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen überblicken. Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt, die polnischen Schützen, aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu. Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs. »Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch die Brücke. Mut!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf geweihte Priester!« Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in der anbrechenden Dämmerung, in der Hand hielt er ein kleines schwarzes Kreuz. Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den Weg zur Brücke versperrte. Der Emissär machte halt. »Seht eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die Scharen, die ihm folgten. »Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder – gebt Raum!« Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu beschwören – da ertönte das Kommando: »Fällt das Bajonett!« Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um. Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch und die Schützen drängten sich um ihn. »Kein Ausweg ... Schießt – und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein. Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff. Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf getroffen. Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.« Die Prophezeiung Nathanaels traf ein, der idealste Vertreter der Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien, sein Andenken verlöschte auch bald im Volke. Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht aufgefunden worden, und eine Zeitlang erhielt sich das Gerücht, er sei nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer Freiheitskämpfe auf deren Schauplatz erscheinen. Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf seine Wiederkehr. Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine gedeckte Britschka, der ein Paar tüchtige Braune vorgespannt waren. Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte Neugier noch zu spannen. »Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie. »Weiter, als du denken kannst«, erwiderte er. »Vielleicht gar ins Ungarn hinein?« »Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!« Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte: »Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!« »Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie sehen.« »Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer Zuhaus?« »Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da – und da, und dort.« »Geh weg, du spaßest.« »Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.« »Ja, just«, spottete sie, »fragen – so einen Herrn!« »Fürcht'st dich?« Er zwinkerte sie verschmitzt an. – »Hast es schon weg, daß er ein Hexenmeister ist?« Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz: »So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.« »Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die Toten lebendig.« »Die Toten? ...« Das Mädchen schauerte. »Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir grad auf dem Weg.« »Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lange zu fahren habt.« »Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! – und der Tod wartet.« »So? – Hat dein Herr auch eine Frau?« »Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.« »Was du sagst!« und wieder lachte sie hellaut auf. Derjenige, der den Gegenstand dieses Gespräches bildete, war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten Rock. Den unteren Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte der Bart, weiß und dicht wie die Haare, und wallte, in zwei mächtige Strähne geteilt, fast bis zum Gürtel herab. Der Alte, die Hände auf dem Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein langgestrecktes Oval bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schiefgewachsene Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das andere sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte. Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und von weitem schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen. Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten, quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen, ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an. In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges hübsches Weib mit einem Kind auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben zu: »Jasiu, der Vater kommt.« Da machte das Bübchen einen Luftsprung, ließ seine Spielgefährten und rannte dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen, beugte sich und lachte, als sein Junge in vollem Laufe an ihn anprallte. Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt mit ihm weiter. Es war ergötzlich, sie daherkommen zu sehen, den Bauern und das Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das verkleinerte Ebenbild des ersten. Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauers die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen. Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein märchenhaft wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauer, starrte ihn an und rief: »Ist es möglich?!« Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick auf ihn zuzustürzen. »Sie! O Gott, Sie – Doktor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme, deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte. Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um –« fügte er mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu – »Ihren Diener Hawryl zu besuchen.« »Hawryl –« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?« »Überzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.« Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau stehengeblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen, das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte, festzuhalten. »Mein liebes Weib, Herr Doktor«, sprach Hawryl, und zu ihr gewandt: »Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel nicht schicken.« Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte, rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr«, sagte sie und lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an. Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann er sich von seinem Staunen zu erholen: »Sie leben! – Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da –« »Gleichgültig?« rief Hawryl. »So reichen Sie mir doch die Hand!« Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen – eine andere als damals, eine derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauer nicht nur spielte. Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand, und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und doch so einfache Geschichte seiner Rettung erzählen konnte. Zunächst schrieb er diese der Kleidung zu, die er trug, als er bei der Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegenblieb. Er war, da sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wiedererlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn behandelte, ihn keineswegs für einen Bauer hielt. Später verrieten ihm einige wie absichtslos hingeworfene Worte desselben, daß er von ihm als der erkannt worden, der er war. Am Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein Pole – man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt –, in die Rekonvaleszentenstube. Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten und letzten Mal in seinem Leben. »Du heißest Hawryl Koska«, sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreiche zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in deinem Passe. Ist das richtig?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften stehen. – – »In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund«, rief Hawryl, »in der ein Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter erschossen zu werden, und mich auf den Tod vorbereitet wie ein gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. – Mein erstes Gefühl war das der Enttäuschung, mein erster Gedanke schon ein Gedanke des Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch vollenden ... Von dem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein Genosse; scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, eitlen Augen – ein verkleideter Prophet ... O Freund! ein einziges Jahr dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mann geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die des bescheidenen Taglöhners. Das erkannte ich. Und nun – wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu beteiligen? ... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten – nicht bloß im bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe schritt – da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte, edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen aufzurufen zu Kampf und Streit?« Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten Friedens, und mit einem heitern Lächeln fuhr er fort: »So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe – und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, oder den Martin, in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahinzubringen, seinen alten Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu fahren.« »Ihr Geheimnis aber«, fragte Nathanael, den Gang des Gespräches unterbrechend, »war das nie in Gefahr, verraten zu werden?« »Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger bin ich ein Bauer wie ein anderer.« »– Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr Ende?« »Bis an mein Ende und nicht glauben, damit etwas Großes getan, vielleicht kaum denen, mit welchen ich verkehre, mehr gegeben zu haben, als ich von ihnen empfing. Ich bin keineswegs immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. In ihre Freuden mich zu teilen, vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz habe ich sie oft gefunden. Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber Hunderte unzählige Male beklagenswert.« In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten Wangen erbleichten vor innerer Bewegung: »Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt, streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht Geringe zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. – Der Sendbote ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.« »Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer eifrigsten Gegner geholt. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer Natur gewesen, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen und den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.« Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und hielten sich fest umschlungen. Komtesse Muschi 1 Schloß Sebenberg, 3. November 1882 Die Treibjagden sind vorbei, alle Gäste abgereist. Wir langweilen uns wie die Möpse, und ich habe Zeit, Dir zu schreiben, liebe Nesti. Der arme Fred ist auch fort. Er war wieder furchtbar herzig und amüsant, obwohl er ganz unglücklich ist. Mir ist leid um ihn, aber ich kann ihm nicht helfen. Sein Rahn im Gebirge trägt gar nichts, und man lebt nicht von der Luft, die freilich dort sehr gut sein soll. Aber ich habe Dir etwas viel Interessanteres zu erzählen und will Dich gleich in milias res versetzen. Lateinisch, meine Liebe! kommt von milieu. Wo ich das aufgeschnappt habe? – Gott weiß es. Ich bin halt schrecklich bildungsfähig, wie meine Gouvernante, die arme Nagel, die ich erzogen habe, heute noch behauptet. Also: spitz die Ohren! Wie ich gestern die Briefmarken einsammle (für eine Million bekommt man wirklich ein chinesisches Kind, es ist kein Aufsitzer, Du kannst Dich drauf verlassen und mir ein paar tausend schicken, wenn Du sie beisammen hast), seh ich darunter eine württembergische. »Wer schreibt uns denn aus Württemberg, Mama?« – »Das ist ein Geheimnis«, sagt die Mama, und ich sehe ihr an, daß sie drauf brennt, es auszuschwatzen. Paar Minuten später weiß ich alles. In seiner Jugend hat Papa in einem Regiment mit dem Grafen Aich-Kronburg gedient. Beide haben sich um dieselbe reiche Erbin beworben, und der Schwabe hat sie erobert, und Papa war der erste, der ihm dazu gratuliert hat. So sind sie Freunde geblieben. Und jetzt schickt der Dynast aus Schwabenland seinen Erbgrafen auf Reisen, und der soll sich in Sebenberg aufhalten und sich bemühen, dem Papa und der Mama zu gefallen und am allermeisten... Wem? hat sie mich erraten lassen und hat mich umarmt, wie die Mütter uns umarmen, wenn sie hoffen, uns bald loszuwerden. Einen Schwaben also, denk Dir! – Wenn ich nur wüßte, wie er ausschaut, ob er nicht gar zu große Füße hat, auf denen er am Nachmittag »zum Bier« geht mit seinen Beamten. Nach dem Souper aber, mein Kind, da war es bei uns so, daß ich mir gedacht habe: Und wenn er Elefantenfüße hat, ich nehm ihn doch! Ein Abend ohne Gäste, wie er jetzt manchmal vorkommt in Sebenberg, ist rein zum Auswachsen! Papa redet sich ein, daß er die Sportzeitung liest, schläft aber. Mama strickt ein weißes Umhängetuch mit Dessins, gebildet durch die herabfallende Asche der Esceptionales, die sie immer im Munde führt. Der Onkel spielt Festung mit der Singlehrerin, und die Tante löst Silbenrätsel auf mit Fräulein Nagel. – »Das siebenundfünfzigste Wort, Fräulein?« – »Ein Dorf in Serbien.« – »Mein Gott, in Serbien!« – »Es fängt mit einem K an und endet mit einem E.« – »Bitte um den Meyer.« – »Ich habe schon nachgesehen, da steht es nicht.« – »Ich bitte also um den Ritter.« – Und jetzt fallen sie über den Ritter her. Das ist Tisch Nummer eins. Am Tisch Nummer zwei, am andern Ende des Saales, spielen »die Kleinen« mit dem Erziehungsdepartement Pocherl, und ich sitz auf dem Puff allein, zwischen dem Alter und der Kindheit wie Dido auf Naxos. Da war ich wieder gelehrt, Du mußt verzeihn – die Langweile macht einen dumm. Meine Dogge streckt sich und gähnt mich an: – Venez! sag ich ihr, gehn wir auf den Balkon, wir zwei. Vielleicht fliegt zu unserer Unterhaltung eine Fledermaus vorüber. Kaum lehn ich am Geländer, wer kommt nachgestiefelt? – Papa. Er lehnt sich auch ans Geländer und sagt erst gar nichts. Auf einmal fängt er an: »Du, Katz!« – »Was, Papa?« – »Was machst denn?« – »Ich verhöre Fledermäuse, Papa.« – Er lacht. »Ich sag dir was, aber plausch nicht, hörst?« – »Nein, Papa.« – »Wirst nicht plauschen?« – »Nein, Papa.« – Er droht mir mit den Augen: »Auch nicht mit der Mama, verstehst?...« Daraufhin erzählt er mir die Geschichte vom Erbgrafen. Ich habe mich nur erkundigt, ob die Kronburgs Rennpferde halten. Papa weiß es nicht, glaubt aber eher nein als ja. O weh! Deine Muschi 2 Schloß Sebenberg, 10. November 1882 Liebe Nesti! Sei nicht so ungeduldig; ich kann nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und Dir »berichten«, was bei uns vorgeht. Wir sind nicht so weit, wie Du glaubst, von Gratulationen annehmen keine Rede, ich verbitte mir überhaupt alle Sentimentalitäten. Der »Bräutigam« – Du bist lächerlich, meine Liebe! – heißt Karl wie unser Kammerdiener, der seit seiner Anwesenheit immer beim Familiennamen gerufen wird. Er ist nicht so groß wie Papa, aber doch eher groß als klein, und hätte ganz hübsche Füße, wenn er nur besser chaussiert wäre. Aber er trägt Stiefel, an der Spitze so breit wie über den Ballen. Angekommen ist er in so einer Art Waffenrock aus Tuch, den er sich vermutlich eigens zur Reise hat machen lassen, der Arme! Bei welchem Schneider, muß ich erfahren, um alle meine Bekannten vor ihm zu warnen. Ein Unglück ist, daß er Handschuhe trägt wie ein Weinreisender oder wie die Elegants in deutschen Romanen... Du begreifst, liebes Kind, daß ich noch total unentschlossen bin. Was köstlich ist, das ist die Liebenswürdigkeit Papas und Mamas. Die machen Geschichten mit ihm – ich sag Dir, zum Platzen. Papa war sogar am Abend ganz aufgekratzt, und er, den sonst an den Leuten nichts interessiert als ihre Pferde und Hunde, hat eine große Fragerei angefangen und sich nach der Forstwirtschaft erkundigt, und ob sie in Schwaben verpachten und ob sie viel am Lande leben, und wie es mit der Jagd ist, et.z.r.a. Das heißt: und so weiter. Aufrichtig gestanden, habe ich mir nie merken können, wie man's schreibt. Der Graf hat recht nett geantwortet, nur geniert er sich noch und glaubt, daß er immer im Imparfait sprechen muß, was highly affektiert herauskommt. Gegen neun Uhr hat es angefangen, recht fad zu werden, da ist aber zu meiner allerangenehmsten Überraschung Fred gekommen, mit seinem Bruder und mit die zwei Hochhaus. Sie waren auf dem Wege nach Raigern zum Offiziersrennen und haben um ein Nachtquartier gebeten. Ich habe gleich eine Zirkusproduktion arrangiert, mir eine Viererpeitschen kommen lassen und zuerst den Fred vorgeführt als den in Freiheit dressierten Vollbluthengst Arabi. Es war zum Totlachen, wie er über die Sesseln gesprungen ist und traversiert und gewechselt und zuletzt mein Sacktuch mit den Zähnen vom Boden aufgehoben hat. Dann hat die Nagel ans Klavier gemußt, und die vier Herren haben die Heroldsquadrille zum besten gegeben. Köstlich waren sie! So liebe Buben! Der kleinere Hochhaus, der herzige Kerl, hat wirklich ein Gesicht wie ein Pferd. Zuletzt ist Fred seinem Bruder auf den Buckel gesprungen und hat sich präsentiert als Mlle. Pimpernelle auf dem großartigen Schulpferd Rob-Roy. Ach, wenn Du das gesehen hättest!... Die koketten Augen, die er gemacht hat, und le petit air pincè und das ruckweise Grüßen mit dem schiefen Kopferl – man kann sich nichts Spaßigeres denken. Wir haben uns königlich unterhalten, auch Papa und Mama. Nur der Graf ist so bocksteif gewesen, daß ich mir gedacht habe: Du kannst mir gestohlen werden, ich laß Dich nicht austrommeln. Das Schönste an unserer Renzproduktion war, wie der Pips auf einmal genug bekommen hat von der Reitgerte der Pimpernelle und zu Fleiß gestolpert und hingeschlagen ist mitsamt seiner Reiterin, daß alles gescheppert hat. Wir waren ganz echauffiert vor lauter Lachen, und ich habe zur Abkühlung ein jeu d'esprit von meiner Erfindung proponiert. Die ganze Gesellschaft hat sich um den Tisch setzen müssen, es ist eine Schale voll gestoßenen Zucker gebracht worden, und einer nach dem andern hat seine Nase hineingesteckt. Wie das fertig war, hab ich kommandiert: Eins, zwei, drei! und jetzt hat jeder sich eine Riesenmühe gegeben, den Zucker mit der Zunge von seinem Nasenspitzl abzulecken... Wer's zuerst getroffen hat, der hat gewonnen... Nein, mein Kind, was für Grimassen wir da geschnitten haben und wie die gute Nagel indigniert war und doch hat mitlecken müssen – das kann sich niemand vorstellen, der nicht dabeigewesen ist. Im Anfang war der Papa Sieger, dann Kuni Hochhaus, dann ich – und nur Fred ist bis zuletzt durchgefallen mit seinem hübschen aufgestülpten Naserl. Er war schon ganz fuchtig, der Arme! Er ist so ein guter kleiner Kerl! Deine Muschi 3 Schloß Sebenberg, 19. November 1882 Sauf votre respect, meine Beste, Du bist pedantisch wie ein alter Blaustrumpf. Mach nur so fort, und Du wirst total schofel und fangst noch an, Romane zu komponieren in die Zeitungen. Ich habe Dir keine Personsbeschreibung von ihm gegeben? Na wart, ich will ihn um seinen Paß bitten. Da wirst Du lesen: Blaue Augen, blonde Haare, rötlichen Schnurrbart, Wangen und Kinn rasiert, Mund, Stirn, Nase regelmäßig. Weißt Du jetzt was? Du weißt geradesoviel wie früher. Plump? – Nein, plump ist er nicht. Seine größte Schönheit sind seine Ohren, die sind klein, fein eingesäumt, dicht angewachsen. Und die Gemütsart? Über die soll ich auch etwas sagen? Je nun, eine gute Gemütsart, ein bisserl still, mit einem Stich ins Altväterische. Aber ich will ihn schon modernisieren, den Armen. Ich hab ihm neulich gesagt, daß sich die Herren bei uns alle Jahr wenigstens ein paar Anzüge aus England kommen lassen und auch ihre seidenen Strümpfe und daß ein schlecht angezogener Mann in der Welt unmöglich ist. »Wieso?« hat er gefragt, »erklären Sie mir das.« Diese Naivetät hat mich geärgert, und ich habe geantwortet: »Das braucht man nicht zu erklären, es versteht sich schon von selbst.« – »Himmel«, ruft er, »wenn es Kleider sind, die uns in der Welt möglich machen, wie hoch müssen wir den halten, der sie verfertigt! Man sollte eigentlich nie anders erscheinen als Arm in Arm mit einem berühmten Schneider.« – Hast Du schon einmal etwas so Dummes gehört? Sag's aufrichtig. Gestern haben wir Hasen gehetzt. Ich auf meinem Harras war weit voraus, hab mich übrigens um die ganze Jagd nicht geschoren, bin nur so weitergaloppiert, dem Sturm gerad entgegen, was ich so gern tu, da kommt ein kleiner Graben, und mein Esel von einem Pferde, hang it! macht einen Satz, als ob's über eine Hürde ging, und ich – ich, Nesti – ich – flieg herunter. Da lieg ich, und der Harras steht und schnauft mich bös und wildfremd an. Er kennt mich nicht, er glaubt nicht, daß ich's bin, er will schon ausreißen, und ich kann nach Haus zotteln zu Fuß... Nesti, mir hat das Herz geklopft... Langsam bin ich aufgestanden, daß er nicht erschreckt, und habe immer mit ihm gesprochen: Harrasserl, bleib da, es war ja nur ein Spaß, Harrasserl, und wie er mich wieder anschnauft, erwisch ich glücklich den Zügel und schau mich um und seh keinen Menschen. Gott sei Dank! denk ich mir, führe den Harras in den Graben und will schon aufsitzen – da bricht er aus und ist nicht zum Stehen zu bringen, denn warum? Er hört den Galopp von einem Pferd, und richtig, muß der Kuckuck den Grafen daherschmettern. – »Was ist geschehen, Gräfin?« fragt er. – »Nichts«, antworte ich und wende mich ab, damit er nicht sieht, wie ich rot werd. – »Ich habe mir nur etwas am Sattel gerichtet.« – »All right?« – »All right.« Er springt vom Pferd, und ohne ein Wort zu sagen, streckt er die Hand aus, und ich stelle den Fuß hinein und lasse mich in den Sattel heben, lasse mir auch die Falten vom Reitkleid richten und habe immer noch keine Idee, ob er weiß, was mir passiert ist. Endlich zieht er sein Sacktuch aus der Tasche und fangt an mich abzustauben, und jetzt erst bemerke ich, daß ich voll Erde bin, von der Schulter bis zum Rocksaum. Du kannst Dir denken, wie mir war. Gut also! – Der Graf steckt sein Sacktuch wieder ein und sitzt auf, und ich geb dem Harras eins hinauf und spring ihn fünfmal nacheinander hin und her über den Graben. Aber nicht da, wo er schmal und trocken ist, sondern weiter, wo er breit ist und mit Wasser gefüllt. Dann reiten wir zusammen ganz ruhig dem Papa entgegen. Lange hat's gebraucht, bis ich mich habe entschließen können zu reden; doch hat's ja sein müssen, sonst wäre ich den ganzen Tag nicht aus der Unruhe herausgekommen. So habe ich denn gesagt: »Ich bitte Sie, sagen Sie niemandem, daß ich vom Pferd gefallen bin.« Er hat geschmunzelt: »Mein Wort darauf, ich verrate Sie nicht.« Da waren wir einen Moment ganz gute Freunde, und ich habe mir wirklich schon überlegt – ob ich ihn nicht vielleicht doch nehmen soll. Es hat aber nicht lang gedauert, und jetzt ist mir der ganze Mensch zuwider... Liebes Kind, er ist ein alter pedantischer deutscher Schulmeister... Höre nur zu... Wir kommen zur Remise, da raschelt's drin, knistert, und unten durch die Sträucher seh ich ein paar kleine bloße Füße. Ein Holzdieb!... Hei! das ist etwas für mich – den erwisch ich!... Ich gebe dem Grafen einen Wink stehenzubleiben und spreng hinüber zu dem Durchschlupf, den das Gesindel sich im Holz gemacht hat... Dort paß ich auf... Richtig – nicht lang, und mein lieber Spitzbub kriecht heraus und zieht einen ganzen Pack Reisig hinter sich her... Er guckt, sieht mich, schreit wie ein Has und rennt, was er kann, dem Dorf zu. – Ich ihm nach, hab ihn natürlich gleich, bück mich, reiß ihm sein Mützel herunter und sag ihm, er soll ins Schloß kommen, sich's holen. Jetzt hat er die Geschichten gemacht, die man kennt, geflennt, gebettelt, sich niedergekniet, bis mich's gelangweilt hat und ich ihm endlich sein Mützel ins Gesicht geworfen hab... Und was hat er dann getan? Eine lange Nase hat er mir gemacht, war auch noch so frech, sein Bündel aufzuheben und damit Reißaus zu nehmen. Ich hab ihm wirklich nachsetzen und ihn durchwichsen wollen, aber da ist der Graf dahergeritten mit einem ellenlangen Gesicht und hat die Impertinenz gehabt, mir zu sagen: »Sie sind ja ein vortrefflicher Waldhüter.« – »Wird bei Ihnen der Wald vielleicht nicht vor Diebstahl behütet?« habe ich ihn gefragt. – »O ja«, hat er geantwortet, »nur überlassen wir diese doch eigentlich untergeordnete Beschäftigung unseren Hegern.« Wenn ich jetzt darüber nachdenke, finde ich die Antwort nicht einmal gar so grob, aber wie er mich dabei angeschaut hat, und daß ich mir so dumm vorgekommen bin– – – Deine Muschi 4 Schloß Sebenberg, 28. November 1882 Wir sind wieder gut zusammen. Wir sind gut worden durch meine jungen Rattler und durch das chinesische Kind. Du mußt wissen, meine Liebe, daß Papa seit der Ankunft des Grafen ganz kurios ist. Er, der mir schon, wie ich sechs Jahr alt war, ein Pony geschenkt und mir erlaubt hat, Hunde zu haben, so viele ich will, rumpelt mich jetzt alle Augenblicke an: »Weißt denn von nix zu reden als von die Pferd?... Wenn ich nur wüßt – wo die die Passion für die Hund her hat?...« Und die Mama sagt: »Die Muschi muß halt alles übertreiben«, und steckt sich eine Zigarre ins Gesicht, die neunte seit dem Frühstück. Ich zähl sie manchmal per Spaß. Das End vom Lied war, daß Papa, wie meine Pinkerl jetzt ins Wochenbett gekommen ist, gedroht hat, er wirft die Jungen beim Fenster hinaus, wenn er sie im Schloß sieht. Da ist mir also nichts übriggeblieben, als die ganze Wirtschaft in der Bibliothek zu etablieren. Dorthin kommt nie eine Seele, und die Hunderln bleiben doch in meiner Nähe. Sie sind zum Fressen herzig und wohnen exzellent in ihrem Korb unter dem Tisch, der vor dem Kamin steht und über den der Teppich bis auf den Boden herunterhängt. Dreimal im Tage besuche ich die Alte und bring ihr eine Milch. Heute früh große Freude. Zwei Hunderln machen schon die Augen auf. Ich gratuliere ihrer Mama und sage: Ist's nicht gefällig, Bewegung zu machen, Sie Faulpelz, Sie! Auf, auf! – Aber die Pinkerl reckt steife Haxeln und fangt an zu bellen... Und ich, in Todesangst, pack ihre Schnauze und halte sie ihr fest zu und drohe ihr: Sei still, sonst sind deine Jungen hin! Im selben Moment lacht jemand und wünscht mir einen guten Morgen... Du weißt den Fauteuil im Fenster, der seine große Lehne dem Kamin zukehrt. Auf dem kniet der Graf, stützt die Arme auf die Lehne und schaut heraus wie aus einer Loge. Hol dich dieser und jener, du Polizeispitzl! habe ich mir gedacht, und die folgende Konversation hat sich entsponnen: Ich: »Wie sind denn Sie hereingekommen?« Er: »Oh, ich war lange vor Ihnen da.« Ich: »So? und was haben Sie da gemacht?« Er: »Ich habe gelesen.« Ich: »– Gelesen?... Wenn Sie glauben, daß ich mir solche Bären aufbinden lasse, irren Sie sich.« Er: »Mich wundert Ihr Zweifel. Warum sollte ich nicht gelesen haben?« Ich: »An so einem Tag? Wenn man auf die Jagd reiten könnt? – da müßt man doch Tinte gesoffen haben.« Er (springt vom Fauteuil herab und kommt auf mich zu mit einem zuwidern Gesicht): »Ihre Meinung von dem Vergnügen, das man aus Büchern schöpft, scheint sehr gering zu sein.« Ich: »Darauf können Sie Gift nehmen.« Er (sein Gesicht wird immer zuwiderer): »Um keinen Preis! Dazu ist mir mein Leben viel zu lieb.« Ich: »Mein Ehrenwort – Sie riskieren nichts.« Er (wie ein alter Professor, der examiniert): »Sie befassen sich wohl nur wenig mit Lesen?« Ich: »Just soviel als nötig zur Abbüßung meiner Sünden und zur Übung im Englischen.« Er (mit einer Art väterlicher Fürsorge, die mir lächerlich vorkommt, und mit einer Strenge, die mich ärgert): »Und im Französischen üben Sie sich doch auch?« Ich: »Auch.« Liebes Kind, ich bin rot geworden, weil mir das gewisse Buch eingefallen ist, das mir Fred im vorigen Winter verschafft hat und aus dem ich nicht einmal Dir hab erzählen wollen, so schön Du auch gebeten hast. Er: »Sie kennen die neuen Pariser Sittenschilderungen?« Ich (schon recht ungeduldig): »Ich könnt sagen nein, und Sie würden mir glauben, aber mich langweilt's zu lügen, und ich sage ja, weil ich ein ehrlicher Kerl bin.« Er (schaut mich an, eine ganze Weile; gar nicht mehr bös, aber ordentlich traurig, und brummt): »Schade!... Ehrlicher Kerl ist übrigens prächtig... Sagen Sie mir, lieber Freund... verzeihen Sie! ich wollte sagen: verehrte Gräfin, lesen Sie nie ein deutsches Buch? Es gibt deren wunderschöne.« Ich: »Von Goethe und Schiller – oh, ich weiß...« Nesti, eine ungeheure Langweile hat mich angegähnt – ich hab uns schon sitzen gesehn wie das junge Ehepaar auf den Vignetten der illustrierten Zeitungen. Er – vorlesend, natürlich aus dem Schiller, ich, »sinnig lauschend«, schmiege mich an seine Schulter, und das Bèbè auf dem Arm eines »Mädchen für alles«, das blättert schon in einem Family-Goethe... Wenn er sich unsere Häuslichkeit vielleicht so vorstellt, habe ich mir gedacht, das will ich ihm gleich austreiben, und wie er sehr empressiert fragt: »Sie kennen Goethe und Schiller?« antworte ich resolut: »Peuh! mit dem Klassischen lassen Sie mich aus, ich habe immer gehört, daß der Goethe unmoralisch ist, und der Schiller, der ist mir doch gar zu geschwollen.« Enfoncè! ein für allemal! Wir haben dann von anderen Sachen gesprochen, hauptsächlich von den Rattlern, die er »reizend« findet und geschworen hat nicht zu verraten. Auch war er recht nett, wie ich ihn gebeten habe, Briefmarken für mich zu sammeln. Es hat freilich eine Weile gedauert, bis er begriffen hat, was ich damit will, und daß man sie nach China schickt, wenn man eine Million beisammen hat, und dafür ein Kind kaufen kann. »Und was wollen Sie mit dem Kinde anfangen?« hat er gefragt. Ich habe ihm erzählt, daß ich es taufen lassen werde und erziehen zu einem kleinen Bedienten, der bei Tisch hinter meinem Sessel steht, in einem gelben Kleid und mit einem langen Zopf, und mir die Teller wechselt. Der Graf hat sehr gelacht (man muß ihn gern haben, wenn er lacht) und mir die Hand tüchtig geschüttelt und gesagt: »Gut denn! dabei will ich mithelfen, das ist wenigstens eine ideale Bestrebung.« Addio. Deine Muschi 5 Schloß Sebenberg, 6. Dezember 1882 Du kannst mir's hoch anrechnen, daß ich Dir heute noch schreibe, es ist zwei Uhr, und ich bin hundsmüd. Ach, meine Liebe, was gibt's bei uns für eine Hetz! Der Fred und die andern Herren sind von Raigern zurückgekommen und haben einige Offiziere mitgebracht. Die alte Aarheim mit ihren vier Töchtern ist auch da, und der Teich ist dick gefroren, und der Schnee liegt klafterhoch. In der Früh sind wir im Stall und auf der Reitschul, nach dem luncheon kutschieren wir im Schlitten herum und laufen auf dem Eis, am Abend spielen wir kleine Spiele oder tanzen oder ruhen uns auch nur aus. Coclo kokettiert, was Zeugs hält, mit dem Grafen (ich lache mir im stillen den Buckel voll). Mitzi hat noch immer ihre unglückliche Liebe für Fred, und die Kitzi und der Pips, die setzen's durch, die kriegen sich. Was sollen die Eltern anfangen, wenn die Kinder nicht nachgeben? Ein Unsinn freilich, so eine Rittmeistersmenage. Mein Gusto wäre das nicht, aber die zwei Narren antworten auf jede vernünftige Vorstellung, daß sie sich lieben. Als ob es einen dümmeren Grund geben könnte, einander unglücklich zu machen. Der Graf sticht von den anderen Herren kaum mehr ab. Er macht alles mit, seine Faxen und tiefen Komplimente hat er aufgegeben, er wird noch ganz tschink werden – und Du mußt wissen, meine Liebe, ich habe mich entschlossen – ich nehm ihn. Fred, der natürlich gleich weggehabt hat, was der Besuch des Grafen heißen soll, benimmt sich so gescheit, daß man ihn gar nicht genug loben kann. Er ist halt ein braver Mensch. Du erinnerst Dich, wie er im vorigen Fasching für mich montiert war, und doch – damals kein Wort, das mir hätte das Herz schwer machen können, und jetzt auch nicht. Heute früh longiere ich ein Fohlen, Fred führt die Peitsche und sagt: – »Wie gefällt Ihnen der Graf? mir gefällt er. Er hat eine Million Mark alle Jahre.« – »Und nicht einmal einen Rennstall«, sag ich. Drauf hat er mich angeblinzelt mit seinen pfiffigsten Augen und geantwortet: »Das wird bald anders werden. Wenn Sie dann einen Master first rate brauchen, denken Sie an Ihren Freund in Rahn im Gebirge ...« Ich glaub's, daß ich an ihn denken werde! Er soll der erste sein, den ich nach Schwaben einlade, daß er mir die Leut dort tüchtig aufmischt. Good night, Nesterl, ich schlaf schon... den Moment war ich noch munter, aber jetzt hab ich an die vortreffliche Clara Aarheim gedacht, und der Gähnkrampf ist da... »Meine unelegante Tochter«, wie die Alte sie nennt, weil sie sich nicht mehr geniert und schon die Hoffnung aufgegeben hat, sie anzubringen, »meine unelegante Tochter« ist fader denn je. Die könnt einen Major heiraten, meinetwegen einen von der Infanterie, die lebt von der Gage!... Sie will heuer nicht mehr in die Welt gehen, sie findet dort kein Vergnügen. Das wird wohl heißen – keine Tänzer. Sie ennuyiert ja alle Leute mit ihrer Maulsperre und ihrem ewigen Rotwerden. Sie ennuyiert auch den Grafen, der mit ihr gar nicht so lustig ist wie mit uns... Übrigens behauptet er, daß sie schön ist. Ja, ein Bild ohne Gnaden; ich mag diesen Genre nicht, er erinnert an die Statuen, bei denen wir mit niedergeschlagenem Blick vorbeizugehen haben in Gegenwart der Mamas... die armen Mamas! wenn die wüßten, was wir wissen!... Stell Dir vor, daß der Graf auch boshaft sein kann, er hat die Clara steigen lassen vor uns allen und sie unbändig gelobt über ihre Reiterei. Wir haben uns gewunden vor Lachen, und sie hat sich geschämt, ach geschämt!... Und ich bin aufgesprungen, hab ein Buch in die Hand genommen und ernsthaft gesagt: »Ich werde die Ehre haben, vorzutragen ein Couplet«, und habe gesungen: »Nur langsam voran, nur hübsch langsam voran, daß sie uns nur ja nicht herabplumpsen kann...« Gute Nacht, ich fall um, mein Abendgebet werd ich erst morgen früh machen... Und, denk Dir, der Graf hat gesagt: »Sie haben eine charmante Stimme, wie schade, daß Sie nicht singen lernten...« Über dem »lernten« bin ich gestern eingeschlafen, die Feder ist mir aufs Papier gefallen, und Du bekommst einen Brief mit Schweinderln garniert. Ich hab Dir noch etwas Köstliches zu erzählen von der edlen Clara. Sie schwärmt für den Grafen und hat mir gestern eine Predigt gemacht. – »Mit diesem« – ach, ein Schwung war in dem »diesem«, und ihre Augen sind in bengalischem Feuer gestanden–, »mit diesem Mann solltest Du doch anders umgehen, liebstes Herz! Du solltest doch mit ihm nicht dieselben Gespräche führen wie mit Deinen Snobs. Du gefällst ihm, das sieht man, und wie sollte es auch anders sein? Aber man sieht doch auch wieder, daß er manchmal förmlich erschrickt über Deine Reden und Manieren...« Und jetzt ist sie losgegangen gegen die Stallpassion, die Jockei-Ausdrücke und gegen die Frivolität und die Lesescheu und die Denkscheu, und was weiß ich!... Ich bin, by Jove! keine Stubenmädelnatur, alles, was der Übelnehmerei gleichsieht, ist mir ekelhaft. Wie sie mir aber die Sachen so heruntergeputzt hat, die mir lieb und teuer sind, da ist meine Geduld – sie war von jeher fadenscheinig – wurzab gerissen. Ich hab ihr zuerst eine Grobheit gesagt und dann, sie soll sich heimgeigen lassen. Da hat sie genug gehabt und ist abgezogen wie ein begossener Pudel. – Und ich habe mich gleich in der ersten Furie hingesetzt und habe sie gezeichnet, wie sie thront in ihrer Näh- und Strickschule, die sie sich zu Haus eingerichtet hat. Unter jedem Arm hat sie ein Buch und in einer Hand eine Rute und in der andern einen Strumpf – ohne Zwickel. Und auf der Nase, die aussieht wie ein Trampolin, tanzt ihr ein kleinwinziges Schulkind herum. Im Salon habe ich die Karikatur kursieren lassen, und jeder hat, verstohlen natürlich, gekichert, und die Nagel hat das neue Malheur deploriert, war aber bei einem Haar herausgeplatzt. Der Clara selbst, der hat das Bild den größten Spaß gemacht, was gar nicht meine Absicht war, und der Graf war ganz erstaunt über mein Talent und hat mich versichert, daß es sehr zu beklagen ist, daß ich nicht zeichnen gelernt habe. Den Rest des Abends hat er sich der Clara gewidmet – und mit ihr gesprochen – vermutlich über ihre Nähschule, der Arme! Deine Muschi Ich mache meinen Brief wieder auf, um Dir anzukündigen, daß mich der Graf um eine »Unterredung« gebeten hat. Jetzt wird's ernst. Die Eltern sind selig. Ich telegraphiere Dir, wann die Verlobung deklariert werden darf. 6 Schloß Sebenberg, 28. Dezember 1882 Ja, meine Beste, wir kommen bald nach Wien, und ich freue mich damisch, Dich wiederzusehen. Ich freue mich auch auf den Fasching – schad, daß er heuer so kurz ist, man wird sich nicht einmal austanzen können, und ich habe rechte Lust, mich wahnsinnig zu unterhalten. Leider wird Fred nicht dasein; er bringt den Winter in Old-England zu, hat dem Papa neulich von dort geschrieben und sich entschuldigt, daß er keinen Abschiedsbesuch gemacht hat. Papa ist bös, weil ihn Fred beim letzten Pferdshandel übers Ohr gebaut hat – als ob das ... Gerade kommt Dein Brief, der dritte, in dem Du mich mit Fragen bombardierst. Begreif doch endlich, daß ich Dich hab anlaufen lassen! Wie kannst Du nur denken, daß ich mich nach Schwaben setzen werde, wo die Herren Hausväter sind aus Beruf und die Frauen Socken flicken aus Überzeugung ... Eine Unterredung haben wir freilich gehabt, der Graf Karl und ich, aber ganz anders war sie, als Du Dir einbildest. Er hat damit angefangen, daß ihm der Aufenthalt bei uns unvergeßlich sein wird, daß er ganz neue Eindrücke empfangen, eine ganz neue Welt kennengelernt hat. »Dafür, daß sie Ihnen ganz neu war, haben Sie sich recht prompt hineingeschickt«, habe ich ihm geantwortet. »Kein Wunder, wenn man einen solchen Führer hat wie Sie, ein solches Vorbild in allen ritterlichen Künsten und Übungen.« »Soll das vielleicht ein Witz sein?« »Durchaus nicht, ich kehre reicher, als ich kam, zu meinen Penaten zurück.« »Wohin?« »Zu meinen Hausgöttern.« »Aha!« Darauf ist die »Unterredung« in eine Stockung geraten, ich habe sie aber wieder in Gang gebracht mit der Frage, worin der Gewinn besteht, den er bei uns gemacht hat. »– In einem Freunde!« hat er ausgerufen, »einem jungen, lieben, verläßlichen Freunde, der sich Gräfin Muschi nennt.« »Pardi!« sage ich, und er, nicht faul, ergreift meine Hand, wird feuerrot, und seine Stimme wackelt. »Einen Freund, auf dessen Hilfe und Unterstützung ich zähle in der wichtigsten Stunde meines Lebens.« »Was ist das für eine Stunde?« »Diejenige, die über das Wohl oder Weh aller, die für mich noch kommen sollen, entscheidet diejenige, in der Sie die Gnade haben wollten, anzufragen bei –« und jetzt ist ihm die wackelige Stimme ganz umgekippt. »Bei wem soll ich anfragen? Bei mir selbst vielleicht?« rutscht es mir heraus – aber zum größten Glück hat er in seiner Agitation von dieser bévue nichts gemerkt, sondern geantwortet: »Bei Gräfin Clara Aarheim.« Da muß ich riesig verdutzt dreingeschaut haben, weil er gerufen hat: »Sie sind nicht einverstanden? – Es ist zu spät? Gräfin Clara ist nicht mehr frei?« Nesti, jetzt ist mir ein Seifensieder aufgegangen, und ich habe gesagt: »What a sell!« worüber der arme Graf Karl in neue Bestürzung geraten ist und mich beschworen hat, aufrichtig zu sein und ihm nur zu gestehen, daß er sich die Sache aus dem Kopf schlagen muß – Es wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn ein Kleinod, wie die Clara, nicht schon längst einen Bewerber gefunden hätte, und daß er ein Tor gewesen ist, auf ein solches Wunder zu hoffen. Chineser! denk ich und sage: »Gar kein Tor! Ich kenn die Clara auswendig. Der hat noch nie jemand die Cour gemacht.« »Ist's wahr? Ist's wahr? –« Er küßt mir stürmisch die Hand. »Und sie? Interessiert sie sich nicht etwa für jemand –« »Keine Spur! So unpraktisch wird man doch nicht sein, sich für Leute zu interessieren, die sich nicht um einen kümmern. Das gibt's nicht.« Er hat tiefmächtig aufgeseufzt: »Sie ahnen nicht, wessen ein Mädchen fähig ist, das, zu Ihren Kreisen gehörend, den Mut hat, unelegant zu sein.« »Mit dem Mut lassen Sie mich aus, er sieht dem wirklichen so ähnlich wie der Galgenhumor der guten ehrlichen Lustigkeit.« – »Ich weiß doch nicht, es kann ja einen höheren Standpunkt geben als den Ihrer Welt.« »Das ist der Trost für alle, die aus ihr ausgeschlossen sind.« »Gönnen Sie ihn den Armen, die müßten sonst verzweifeln«, sagt er, lacht mich gutmütig an, und auf einmal ist er wieder dasig worden und hat mir nicht genug rekommandieren können, unvermerkt aus der Clara herauszuquetschen, ob er ihr nicht unsympathisch ist. Ich habe ihm geantwortet, daß ich mir die Müh ersparen kann und daß keine Rede ist von unsympathisch sein. »Und Sie glauben, ich dürfte hoffen, mit der Zeit...« »Mit der Zeit? Heute, wenn Sie heute anfragen.« »Gräfin!« »Was wundert Sie denn so? Es wird der Clara nicht einfallen, Ihnen einen Korb zu geben. Wann hätte die sich's träumen lassen, daß sie eine Partie machen wird, wie Sie eine sind?« »Ach – Partie?« wiederholt er ganz breitgeschlagen – »wenn nur darum – Tiefer konnten Sie mich nicht entmutigen, als Sie es mit dem einen Worte taten.« Aus lauter Entmutigung hat er dann eine Masse geredet von Liebe, Verständnis, Übereinstimmung der Charaktere, und daß in der Ehe gar nichts so wichtig ist wie diese Sachen. – Ein armer Teufel, der nichts Gutes kennt und der vom Wert des Geldes keine Idee hat, hätte nicht anders sprechen können. Schrecklich sonderbar! Es ist mir nicht wie ein Unsinn vorgekommen, wenigstens nicht die ganze Zeit; es waren Momente, in denen ich gedacht habe, vielleicht hat er wirklich nicht so unrecht, vielleicht kommt es wirklich mehr darauf an, daß die Menschen, als daß die Verhältnisse zueinander passen. (Freilich färben halt die Verhältnisse gar so ab auf die Menschen, die in ihnen stecken!) Und weiter habe ich mir gedacht: Du bist gut und gescheit, und ich bin nicht bös und nicht dumm, warum sollten wir zwei nicht zueinander passen? ... Wer weiß, ob ich recht habe, dir da den Freiwerber bei der Clara zu machen. Aber diese Anwandlung ist gleich vergangen – ich habe mir die Glückseligkeit der Clara vorgestellt, und was für ein Jux es sein wird, sie zu fragen, ob sie den Grafen will. Habe mich auch an alle die Streiche erinnert, die ich ihr schon gespielt habe, und an ihre schlecht belohnte Freundschaft für mich, und habe meine biedere Rechte ausgestreckt und gesagt: »Topp! Schlagen Sie ein. Ich hol Ihnen die Erlaubnis, sich das Jawort zu holen. Alles in allem genommen, die Clara paßt zu Ihnen, sie hat immer gesagt, daß man beim Heiraten mehr auf den Bräutigam schauen soll als auf den unnumerierten Fiaker.« Meine roten Sportshände sind schon oft geküßt worden, aber so brennheiß wie damals vom Grafen doch noch nie. Genug, Nesti: alles war köstlich. Die Perplexität der Clara ungeheuer, und wie sie zuerst nein gesagt hat aus Demut und Diskretion; und wie der Graf dann erst recht ins Zeug gegangen ist und geschworen hat, man könne überhaupt nur eine heiraten, die einen nicht nimmt. Die Wonne der Casa Aarheim mal Du Dir nur selber aus. Weniger heiter waren meine Alten. Die Mama hat an dem Tag ihrer neunzehn gedampft. Und der Papa hat midi angeschnauzt: »Du, Katz!« »Was, Papa?« »Du bist eine Gans.« »Familiengeheimnis, Papa! Wenn du's verratest – dein eigener Schaden.« Vor drei Tagen ist der Graf nach Hause gereist, um alles zum Empfang der jungen Frau herrichten zu lassen, die er sich im Fasching abholen kommt. Bald nach ihm sind die Aarheims abgefahren... Beim Abschied des Brautpaares war, Gott sei Dank, keine Flennerei. Sie sind lang gestanden, Hand in Hand, und er hat sie angeschaut, als ob er sagen möcht: Verlaß dich nur auf mich, und sie hat in demselben Dialekt geantwortet: Unbedingt. Es war ein hübscher, comme-il-faut-er Abschied, und ich habe mir gedacht... aber wozu soll ich Dir alles auf die Nase binden, was ich denke. Lebe wohl, mein liebes Wesen, und merke Dir: es ist nicht immer so angenehm, als man glaubt, eine Sportskomteß zu sein. Deine Muschi Komtesse Paula Gestern nach dem Theater kamen eine Menge Leute. Er war da, stiller und schweigsamer denn je. Er bekommt schon sehr bald einen anderen Posten und muß fort – wahrscheinlich nach Sarajewo. Meine Freundinnen meinen, das sei für ihn gerade die rechte Station. Sie haben kein Herz – für einen Menschen, den sie unelegant finden, haben sie kein Herz. Gräfin Albertine sprach lange mit dem französischen Sekretär, neben dem er stand. Ich hörte den Sekretär sagen, unsere deutsche Literatur, die sonst so reich ist, leide empfindlichen Mangel an Memoiren. Der Gräfin war das alles eins; sie erwiderte nur: »Ah!« und lächelte so freundlich, als ob man ihr die größte Schmeichelei gesagt hätte. Er aber, der mir so gut gefällt und den ich so hoch stelle, er, der so gescheit und patriotisch ist, sprach: »Das ist leider wahr.« Also wahr! dachte ich, der Franzose hat recht – in mir reifte ein Entschluß. Wenn ich nicht heirate – und ich heirate nicht, nie! –, sitz ich da und habe keinen Beruf. Wäre das nicht einer und ein ganz schöner, sich nach bescheidenen Kräften zu bemühen, einem empfindlichen Mangel abzuhelfen? Ich will's versuchen. Mir ist ordentlich feierlich zumute. Mit Gott! Meine Memoiren Am 15. Mai 1865 bin ich zur Welt und meinen Eltern recht ungelegen gekommen. Meine Schwester war schon Braut; mein Bruder bereitete sich auf die Maturitätsprüfung vor. Das ganze erste Jahr soll mich mein guter Papa nicht angeschaut haben. Ich machte mir aber nichts daraus und wurde groß und dick. Groß bin ich auch jetzt, aber dick, Gott sei Lob und Dank, nicht mehr. Und mein guter alter Papa, wenn er mich wirklich einstmals nicht gemocht hat, jetzt verspürt man davon nichts mehr. Alles tut er mir zuliebe, und ihn erst um Erlaubnis zu bitten, habe ich mir nachgerade abgewöhnt; ich bekomme ja doch keine andre Antwort als: »Do whatever you like.« In meiner Kindheit war ich fast immer allein, erst mit einer Kinderfrau, dann mit meiner Gouvernante, die ein Engel war und auch von irdischen Dingen nicht viel mehr gewußt hat als ein Engel. Von der Botanik, unter anderem, wußte sie eigentlich nichts. Fragte man sie, wie der Rittersporn auf französisch heißt, gab sie zur Antwort: »C'est le coucou bleu«, und die Butterblume war bei ihr »le coucou jaune«, und das Blümchen Augentrost war »le coucou blanc«. Sie hielt alle Blumen, namentlich die Feld- und Wiesenblumen, für »coucous« von verschiedenen Farben. Übrigens hatte sie ein Recht, bei meinem Unterricht nicht allzu gründlich vorzugehen, und berief sich oft darauf, daß mein lieber, teurer Papa sie mit der ausdrücklichen Bedingung engagiert habe, er wünsche für seine Tochter eine gute »oberflächliche« Erziehung. Die ist mir denn auch zuteil geworden. So habe ich lange Zeit geglaubt, die Weltgeschichte zu kennen, von einem Ende zum ändern. Da bemerke ich auf einmal, daß mir Madame Duphot auf Wunsch Mamas ein ganzes Zeitalter eskamotiert hat – das der Reformation. Sie wollten vor mir den Luther geheimhalten! Ich habe ihn aber entdeckt – im elften Bande von Schlossers Weltgeschichte, der zufällig vergessen wurde und liegenblieb, als man sich entschloß, mit den alten Büchern meines Bruders aufzuräumen, und alle zum Antiquar spedierte. Verzeih mir's Gott, wenn ich eine schlechte Katholikin bin, aber ein solches Scheusal scheint mir der Doktor Luther nicht zu sein, daß man von ihm nichts wissen dürfte. Eine so freigeistige Ansicht sprach ich natürlich vor meiner frommen Duphot nicht aus; um ihre Ruhe wäre es geschehen gewesen, und sie hätte alle ihre armen Moneten hingegeben, um Messen lesen zu lassen für mein bedrohtes Seelenheil. Dem Herrn Kaplan jedoch, dem hab ich's gestanden in meiner nächsten Beichte. Er hat mir ein Bußgebet mehr aufgegeben als sonst – das war alles. An seiner gewohnten Ermahnung änderte er nichts, auch nicht den Satz, mit dem er immer schloß: »Und dann sagen Sie: Lieber Gott, ich danke dir für alle Gnaden, die du mir erweisest und meiner hohen Familie.« Ich habe das von jeher sonderbar gefunden und eigentlich nicht passend zu dem Tone, in welchem wir zu Gott sprechen sollen, der von »hohen« Familien nichts weiß, vor dem wir alle gleich sind. Dieser Punkt war nicht der einzige, in dem der Herr Kaplan mir Gelegenheit gegeben hat, mich über ihn zu wundern. Er hatte in wissenschaftlichen Dingen Ansichten, die niemand mit ihm teilte, außer höchstens Madame Duphot und ich, und selbst wir nur eine Zeitlang. Ein Beispiel! Meinen Unterricht in der Geographie erhielt ich von ihm, und wir fingen gleich bei der mathematischen an, weil das die schwerste ist und, wenn man sie einmal im Kopfe hat, alles übrige einem ganz leicht vorkommt. Da teilte unter anderem der Herr Kaplan uns mit: »Am Nordpol ist es kalt, und am Süd-« – freilich sprach er »Sied« –, »am Südpol, meinetwegen, heiß.« Im Augenblick leuchtete uns das ein. Nachträglich aber stiegen in mir Zweifel auf, denn ich ersah aus meiner Sprachlehre, daß »Süd« und »Sieden« miteinander gar nichts zu tun haben. Nun habe ich genug von meinen Studien gesprochen und gehe über zu meinem Familienleben. Es war das glücklichste. Wenn's Frühjahr ward, zog ich mit meiner Duphot nach Trostburg auf das Land, und zur Jagdzeit kamen meine Eltern auf mehrere Wochen dahin. Lange bevor die Sonne aufgeht, wird es schon licht, und lange bevor ich meine Angebeteten da hatte, war mir die Seele hell vor freudiger Erwartung. Nach ihrer Ankunft konnte es natürlich nicht genauso zugehen, wie ich es mir eingebildet hatte. Die vielen Gäste, die fast zugleich mit ihnen einzogen, nahmen sie sehr in Anspruch, und gingen die Gäste, dann gingen auch sie. Wir begleiteten sie zum Wagen, Madame Duphot und ich. Papa umarmte mich mit innigster Zärtlichkeit, und Mama erlaubte mir, ihr das kleinwinzige Hündchen nachzutragen, von dem sie sich niemals trennte. Unter dem Vorwande, es ihr auf den Schoß legen zu müssen, stieg ich in den Wagen, nahm sie um den Hals und küßte sie nach Herzenslust. Man kann sich denken, ob das wenig war!... Sie fuhren fort, und Mama winkte mir eine Weile noch zurück mit ihrer lieben Hand. Wenn ich sie vom Hofe aus nicht mehr sehen konnte, lief ich ins Turmzimmer und wartete am Fenster, bis die Equipage, nur noch so groß wie ein Würmchen, im Hohlwege erschien, durch den sie fahren mußte, um zur Eisenbahnstation zu gelangen. Und noch eine halbe Stunde, und eine dicke weiße Wolke glitt am Horizont vorbei und löste sich langsam in Flocken und Streifen auf. Und jetzt wußte ich: Sie sind fort; diese Wolke hat der heiße Atem der Lokomotive, mit dem mein Liebstes auf Erden davonsaust, in die Luft geblasen. Nach einem solchen Abschied habe ich immer noch bis zehn Uhr – tief in die Nacht hinein, wie ich damals meinte – in meinem Bette geweint, am nächsten Morgen aber schon angefangen, mich zu freuen auf das Wiedersehen in Wien. Dort ging es mir noch viel besser. Papa kam sehr oft auf mein Zimmer, mich zu besuchen; Mama ließ mich in den Salon rufen, wenn fremde Leute da waren, die mich zu sehen wünschten; fast täglich begegneten wir uns im Prater, und – Gott weiß es! – etwas Angenehmeres konnte mir nicht begegnen. Auch Mama freute sich immer; um so mehr, je hübscher ich angezogen war. Ich bemerkte, daß sie mich am liebsten hatte, wenn ich mein graues mit Pelz verbrämtes Sammetkleidchen trug. Fiel es meiner guten Duphot einmal ein, mir ein anderes herrichten zu lassen, machte ich ihr Verzweiflungsszenen. An einem Frühlingstage, einem sehr warmen – nie vergeß ich ihn, denn es war just an meinem zehnten Geburtstage –, hatte ich denn wieder, ganz gegen Madame Duphots bessere Überzeugung, das Pelzgewändlein durchgesetzt. Ich glühte nur so darin und meinte vor Hitze zu vergehen, aber – mit Entzücken! Im Wäldchen neben der Allee spielte ich mit anderen Kindern und lugte dabei beständig nach Mama aus, an die ich in einem fort dachte ... Endlich kam sie mit einigen Damen und Herren, und ich zeigte sie meinen Freundinnen und rief mit ungeheurem Hochmut: »Seht – das ist meine Mama, die größte, die schönste von allen Mamas!« Die Kinder guckten und staunten; nur ein naseweises Ding, mit dem ich überhaupt schon oft Zank gehabt hatte, sprach: »Ja, wenn sie nicht so alt wäre! Meine Mama sagt, daß die deine alt ist und schon eine Menge Falten hat, bei den Augen.« Das hören und mich auf sie stürzen und ihr einen Puff versetzen, das war bei mir eins. Sie natürlich schlug zurück, und das Duell war fertig. Unsere Gouvernanten trachteten umsonst, uns zu trennen; sie richteten nichts aus, sondern erwischten nur hier und da einen Faustschlag, den eine von uns zweien der andern zugedacht. Plötzlich ruft mich meine Mama, und ich vergesse alles, Zorn, Duell und Gegnerin, und renne in die Allee, wo sie steht, mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Sie weist mich zurück, mit einem Blicke, der mich förmlich festbohrt an meine Stelle, und sagt: »Comme vous voilà faite!« Da habe ich meine gute Mama zum ersten Male böse gesehen. Sie stellte Madame Duphot, die im Hintergrund knickste, zur Rede, warum ich meine neue Frühlingstoilette nicht benütze, schritt vorbei, und wir vernahmen die Worte: »Sie sind unglaublich, diese Gouvernanten!« Und ich, und ich! ich hätte weinen mögen aus Mitleid mit meiner Duphot und aus Beschämung für mich selbst – weinen, aber Feuerfunken wie jene Königin Shakespeares, von der ich damals freilich noch nichts wußte. Drei Tage lang wagten wir uns nicht in den Prater. So wuchs ich auf. Von Jahr zu Jahr verlängerten meine Eltern ihren Aufenthalt in Trostburg, und jetzt verlassen sie es den ganzen Sommer nicht mehr. Das Leben meiner geliebten Mutter ist nur noch eine Reihe von guten Werken. Sie behandelt die Kranken im Dorfe homöopathisch und hat schon wunderbare Kuren gemacht. Sie hat eine Krippe errichtet und auch ein Korrektionshaus, in dem die Arbeitsscheuen Beschäftigung und die Nichtsnutzigen strenge Zucht finden. Alles sehr praktisch – schade nur, daß man die Leute nicht zwingen kann einzutreten, und von selbst gehen sie nicht. Meine Duphot ist nun in ihrem Elemente. Sie begleitet die Mama täglich zweimal zur Kirche, liest ihr aus frommen Büchern vor und besorgt die homöopathischen Verdünnungen. Und ich leiste derweilen dem Papa Gesellschaft. Dieser gute Papa – er ist so gut! Wir unternehmen weite Ritte zusammen; in früherer Zeit gingen wir auch zusammen auf die Jagd, und es machte ihm Vergnügen, wenn ich einen Hasen niederknallte – mehr als mir. Was mich betrifft, so könnten alle Hasen am Leben bleiben, auf Kosten der jungen Anpflanzungen und des Kohls. Im vorigen Herbst hat sich jedoch etwas zugetragen, das mir die Jagd für ewige Zeiten verleidete. Im Tiergarten wurde der Wildstand vermindert, und es sollten denn auch einige Geißen abgeschossen werden. Papa, der für kurze Zeit verreisen mußte, betraute mich mit der Kommission. Er glaubte mir eine große Freude zu machen, und ich hatte nicht das Herz, ihm zu gestehen, daß es mir gar keine war. So wanderte ich denn eines Nachmittags mit dem Förster und mit meinem Stutzen in den Tiergarten hinaus, das heißt, eigentlich hinein in seine zahme Wildnis, seine grüne Dämmerung. Auf dem moosbewachsenen Pfade, von dem aus ich so oft das Wild belauscht hatte, wenn es zum Wasser kam, erreichten wir den Weiher, umgingen ihn und sahen durch die Lichtung am anderen Ufer eine Geiß aus dem Gehölz auf die Halde treten. Sie streckte den schlanken Hals, hob schnuppernd das Haupt und schritt dann langsam vor. »Das ist die rechte, die Schmalgeiß«, raunte mir der Förster zu. »Schießen, gut hinhalten, nicht fehlen!« Die Wangen zitterten ihm vor Aufregung; seine alten grauen Augen waren voll Mißtrauen gegen mich. Und mich ergriff's mit heißer Hast und überrieselte mich zugleich eiskalt; mein Finger bebte am Stecher; ich wußte nur, daß ich zielte. Plötzlich fiel der Schuß ... »Getroffen!« jauchzte der Förster und rannte mir voraus. Ich ging langsam nach; mein Herz pochte so stark, daß ich nicht laufen konnte. »Mitten ins Blatt!« rief mir der alte Waidmann von weitem zu. »Ein kapitaler Schuß! Ich gratuliere!« Er war völlig trunken von meinem Ruhme, schwang seinen Hut und bat sich den meinen aus, um ein Fichtenreis daranzustecken. Während er damit beschäftigt ist und ich still dastehe und die weitgeöffneten Augen des schönen jungen Tieres betrachte und sein sanftes kleines Haupt, erscheint am Rande des Gehölzes – ein Kitzlein ... »Bayer«, sag ich, »um Gottes willen!« Und der Förster stiert hin: »Sapperment, hat die schon ein Kitz gehabt! Hätt ich das gewußt!« Das Kitzlein aber nähert sich uns vertrauensvoll und furchtlos. Die Menschen, vor denen eine Mutter so ruhig im Grase liegenbleibt, die werden ihm nichts tun, meint es und kommt und stößt mit seiner feuchten, glänzenden Nase die Mutter an und geht dann ruhig hin und trinkt und saugt die letzte Nahrung aus dem gewohnten Quell, und wie er nicht mehr fließen will, durchaus nicht, läßt es endlich ab, wendet sich und schaut fragend und erstaunt die Mutter an und uns . . . Schaut so unschuldig, wie nur ein Tier schauen kann ... Der Förster hat es in seine Arme genommen und nach Hause getragen. Der schönste Platz im Fichtenhain ist für das Kitzlein eingehegt worden; es hat eine Hütte gehabt und darin ein weiches Lager aus Moos und Heu. Ich habe meine Tage bei ihm zugebracht; ich hatte im Leben noch nichts so sehnlich gewünscht, als daß es sich an mich gewöhne, sich nicht mehr vor mir fürchte. Aber in der Freiheit arglos, scheu und voll Mißtrauen in der Gefangenschaft – hat es sich nicht gewöhnt; es hat sich immer gefürchtet, es ist gestorben. Als mein guter Papa nach Hause kam, sagte ich ihm, daß ich nie mehr auf die Jagd gehen werde. Er lachte mich aus; ich geriet in Eifer und rief: »Du solltest es gar nicht von mir verlangen! Wenn ich heirate und bekomme eine Tochter, und sie fände Freude daran, auf etwas Lebendiges zu schießen, untröstlich würd ich sein!« »Red nicht solchen Unsinn! Ich glaube, du bist närrisch!« erwiderte Papa und setzte in bittendem Tone hinzu: »Und überhaupt: speak english!« Jetzt werde ich von meinem geliebten Papa sprechen. Ihn so recht deutlich zu beschreiben, daß jeder, der diese Memoiren liest, ihn vor sich zu sehen und zu kennen meint, vermag ich nicht; nur anzudeuten will ich suchen, wie er ist und wie sein Verhältnis zu mir ist. Er hat im Grunde recht viel an mir auszusetzen, findet mich zu laut und zu lustig und findet doch auch wieder, daß ich zuviel im Zimmer hocke und lese. Eine gelehrte Frau, sagt er, das ist die größte von allen Kalamitäten. Er hält die Gelehrsamkeit für ein zudringliches Wesen, das einem gleich an den Hals springt, wenn man ihm nur die geringsten Avancen macht. Ich muß ihn immer trösten und versichern, daß ich meine Bibliothek von einem Ende zum andern auswendig wissen könnte und doch keine Gelehrte wäre. »Geb's Gott!« pflegt er zu antworten. »Der Kopf der Frau soll in ihrem Herzen sitzen; aus dem Herzen, aus dem Gemüt muß bei der Frau alles kommen.« Weil er das gar zu oft wiederholt, habe ich ihm gestern eingewendet: »Es muß kommen, sagst du, es kommt aber nicht. Es gibt Dinge, die auch eine Frau nicht aus den Tiefen ihres Gemütes schöpfen kann. So hat neulich Baron Schwarzburg von Livland gesprochen, und ich habe nicht gewußt, wo das liegt, und mein Herz hat es mir nicht gesagt.« Aber ich greife den Ereignissen vor. In meiner Bibliothek gibt es kein einziges schönes Buch, das mir nicht derselbe Papa geschenkt hätte, der stets gegen die »Bücherpassion« eifert. »Schön« meine ich hier noch mehr in bezug auf das Äußere als auf das Innere. Heil mir, daß es prachtvolle Einbände gibt und unwiderstehliche Illustrationen! Heil mir, daß du gelebt und gezeichnet hast, Gustave Doré! Dir verdanke ich eine der Perlen meines Schreins, dir auch allein, daß mein geliebter Vater beinahe ein Bücherwurm geworden ist – in der Art nämlich, in der ich eine Gelehrte bin. Der edle Junger von der Mancha war's, der es ihm zuerst angetan. Im Anfange hatten die Bilder ihn bestrickt, und ihnen zu Ehren erhielt ich das Buch. Das bißchen Text, obwohl nicht einmal englisch, ging so mit in den Kauf. Die größte Überraschung dabei erlebte ich. Ich hatte mich nur für ein Bilderbuch bedankt, und welcher Schatz war in meinen Besitz gekommen! Ich vermochte meine Wonne darüber nicht für mich allein zu behalten, sondern erzählte Tag für Tag dem Papa, was ich gelesen hatte, und Tag für Tag wuchs sein Interesse an dem Ritter Dulcineas. »Was hat er heute wieder getan, der Esel?« fragte er, und eine Weile ließ ich den »Esel« gelten. Nicht allzu lange. Bald lachte ich nicht mehr, sondern zerschmolz vor Mitleid, brannte vor Bewunderung; ich liebte den immer Getäuschten und nie Enttäuschten, den stets Überwundenen und nie Besiegten und erklärte meinem Vater, daß ich mir kein besseres Glück wünsche, als dereinst einem Don Quijote im Leben zu begegnen und seine Frau zu werden. Gleich verlangte Papa nach einem andern Buche, weil mich dieses zu sehr exaltiere. Und von nun an legte er sich's auf, über meine Lektüre zu wachen, und tut zu dem Ende, was er sonst nie getan – er liest; und etwas Liebenswürdigeres als die Hingebung und Versunkenheit, die sich dabei in den großen Zügen seines edlen Wallensteingesichts, in jeder Falte seiner Stirn ausspricht, kann man nicht sehen. Manchmal seufzt er und wickelt den Zwickelbart mit förmlicher Wut um den Zeigefinger; der Zwicker sitzt nach und nach ganz schief, die Augen beginnen zu schielen und werden rot von der ungewohnten Anstrengung. Ich halte es nicht mehr aus; ich stehe auf, nähere mich, küsse ihn so leise auf die Schulter, daß er leicht tun kann, als ob er nichts bemerkt hätte, und sage: »Gehen wir ein wenig spazieren, Papa; man wird ganz steif vor lauter Dasitzen.« »Auf Ehre, ich spür's auch«, sagt er, und mir tut's wohl, wie er sich emporrichtet und völlig befreit aufatmet. Doch folgt er nicht ohne weiteres meiner Einladung; erst wird das Merkzeichen bedächtig eingelegt. »So, bis hierher.« Er nimmt die durchlesenen Blätter zwischen seine flachen Hände: »Wird es dir nicht zuwenig sein?« Und ich, indiskret, undankbar wie ich sein kann, habe mich schon öfters so weit vergessen, zu antworten: »Oh, viel zu wenig; das ist ja beinahe nichts. Du mußt mir erlauben weiterzulesen, Papa.« Er schließt das Buch und schüttelt langsam den Kopf, sieht mich an, geht mit sich zu Rate, sieht mich wieder an, und nun ist's entschieden: »Do whatever you like!« Da flieg ich ihm in die Arme, daß er sich meiner nicht erwehren kann. »Nein, nein, nur was du likest, nicht was ich like, wird geschehen, heute und immer!« »Du hättest mir das ebensogut ganz auf englisch sagen können«, erwidert er. O mein geliebter Papa! Im vorigen Jahre brachte meine Schwester, zum ersten Male seit ihrer Verheiratung, den Winter in Wien zu. Wie die Sage ging, hatte ihr Mann schon auf der Hochzeitsreise erklärt, sie dürfe nicht hierher zurückkommen, bevor er ihr die »Komtessenmanieren« ausgetrieben haben würde. Er ist ein langer, kalter, stolzer Mensch, der kaum zwanzig Worte spricht an seinen geschwätzigen Tagen. Woran er wirklich Freude hat, das möcht ich wissen. Zu zeigen vermag er nur einiges Interesse für sein Palais, seine Equipagen, die Livreen seiner Leute und die Toiletten seiner Frau. Sie macht Witze darüber, recht gute; aber mir scheint, sie sollte das lieber in seiner Gegenwart tun als hinter seinem Rücken. Kinder haben sie leider nicht, was für mich sehr traurig ist; denn ich wäre so gern eine gute Tante geworden. Zu den Bällen, die meine Schwester und mein Schwager geben, sollte ich erst nach meinem Eintritt in die große Welt geführt werden; zu den Soireen in der Fastenzeit nahm Papa mich schon im vorigen Jahre öfter mit. Ich lernte viele Menschen kennen, und was mir am meisten auffiel, war bei der Quantität die Gleichartigkeit der Qualität. Mit siebzehn Jahren fängt man doch schon an zu denken, und so dachte ich mir: Wenn man die Seelen aller dieser Damen und Herren – besonders der Herren – ihrer Körper entkleiden und frei herumlaufen lassen könnte, so wäre es mir nicht möglich, eine von der ändern zu unterscheiden. Ordentlich komisch waren mir die Konversationen. Ich konnte mir's an den Fingern abzählen; sooft die alten Fragen: »Werden Sie im nächsten Fasching in die Welt gehen?« – »Tanzen Sie gern?« an mich gestellt wurden, so viele Herren hatten sich mir vorstellen lassen; keiner war mir auch nur im geringsten anders als die andern vorgekommen. Da ließen mich eines Vormittags Papa und Mama in den Salon rufen, den kleinen, style Empire, weiß mit gold. Meine Mama saß auf dem Kanapee und strickte Pulswärmer für die Sträflinge. Sie trug ein schlohweißes Häubchen und ein Morgenkleid aus weißem Schalstoff und sah aus wie eine Königin und wie eine Heilige. Papa saß neben ihr in einem Fauteuil, kerzengerade und in großer Gemütsbewegung, die man ihm leicht anmerkt, weil er da immer so stark blinzelt. Meine Duphot hatte sich in ihrer unverwüstlichen Bescheidenheit wieder das kleinste Taburett mit den allerdünnsten Beinen ausgesucht, und der Anblick der korpulenten alten Frau auf dem filigranen Untersatz war geradezu atemraubend. »Ist's gefällig, sich zu placieren?« sprach Papa mich an, in gezwungen scherzhaftem Tone, und ich placierte mich denn möglichst nahe zu meiner Duphot, um ihr gleich beispringen zu können im Falle einer Katastrophe. Die Mienen meiner Eltern wurden immer feierlicher; mich ergriff eine große Bangigkeit, und in aller Eile erforschte ich mein Gewissen ... Es war rein, gottlob, sonst wäre mir übel zumute gewesen. Mein Vater blickte meine Mutter erwartungsvoll an: »Nun, Caroline, willst du so gut sein?« »Ich dachte, du wolltest. . .« erwiderte meine Mutter. »Nicht doch, ich bitte dich«, sagt er – und sie faßt einen Entschluß, läßt die Hände mit dem Pulswärmer in den Schoß sinken und spricht zu mir: »Paula, du bist nun ein erwachsenes Mädchen – fast achtzehn Jahre ...« »Und siehst aus wie zwanzig«, ergänzt Papa, und meine Duphot flicht eine Bejahung ein, ist scharlachrot und wankt auf ihren Zahnstochern. Meine Mutter fährt fort: »Im nächsten Jahre, liebes Kind, sollst du in die große Welt eingeführt werden.« »Ich freue mich darauf, liebe Mama.« »Freust dich, weil du nicht weißt, wie karg und nichtig im Grunde die Vergnügungen sind, die dich dort erwarten, und wie teuer man sie erkauft.« »Ja, ja«, bestätigte Papa, »und man muß sich fragen wozu, was ist denn der Zweck?« Mama fiel ihm ins Wort: »Schließlich kein anderer als der, sich zu erproben und zu dem Bewußtsein zu gelangen, que le jeu ne vaut pas la chandelle . Man macht das Spiel mit, liebe Paula, weil es so üblich ist.« »Und sehr amüsant, Mama, und weil man jung ist und gern tanzt!« Sie nickte: »Aber die Erkenntnis der Schalheit bleibt bei denkenden Menschen nicht aus, und dann wenden sie sich dem Ernst des Lebens zu und bereuen oft bitter die verlorene Zeit. Ich frage dich nun: Wäre es nicht besser, sich das Spiel ganz zu ersparen und gleich mit dem Ernst zu beginnen?« »Es ist nur eine Frage«, sprach Papa mit unendlicher Güte, und ich las in seinen Worten den stummen Nachsatz: Do whatever you like! »Jawohl, nur eine Frage«, bestätigte Mama. Meine Duphot erläuterte: »Une question«, und die Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn. Ihre Aufregung, ihre Bangigkeit bemächtigten sich auch meiner; ich dachte: Gott im Himmel, was haben sie mit mir vor? Und plötzlich geriet ich in Todesangst und rief: »Soll ich vielleicht ins Kloster?« Mama lächelte, Papa lachte, und Madame Duphot platzte heraus: »Au contraire!« Ich wurde noch bestürzter, und es durchzuckte mich wie ein Blitz: Da soll ich also heiraten! Papa klopfte mir freundlich auf die Schulter: »Du mußt wohl bemerkt haben, daß einer der Herren, welche du bei deiner Schwester kennenlerntest, dir besondere Aufmerksamkeit erwiesen hat.« »Nein, Papa, ich versichere dir, ich habe gar nichts bemerkt.« »Er hat doch jeden Abend mit dir gesprochen, das letztemal eine halbe Stunde lang.« »Wer?« »Der junge Graf T.« »Ein großer, brauner Herr?« »Nicht doch, ein mittelgroßer, hellblonder.« Endlich besann ich mich. Ja, ein mittelgroßer, hellblonder Herr hatte allerdings öfters mit mir gesprochen. Was? Die Folter würde es nicht aus mir herausgebracht haben, so völlig war es mir entschwunden. Mama und Papa teilten mir nun mit, daß er ein ausgezeichneter Mensch sei, der Augapfel seiner Mutter, die sich nie von ihm getrennt, die ihn in den strengsten Grundsätzen erzogen habe. Meine Eltern überboten sich in Lobeserhebungen des Grafen, und Madame Duphot vergoß Tränen der Rührung und sagte begeistert: »Quel bonheur, mon enfant!« Die Glocke des Portiers schlug zweimal an. »Sie kommen«, sprach Mama, und mein Vater warf mir einen Blick zu – einen fürchterlich lieben! Ich kann ihn nicht anders bezeichnen, denn mochte er auch eingehüllt sein in ein tyrannisches: Du sollst, du wirst! ich entdeckte in ihm doch wieder das alte, milde, beschämend gütige: Do whatever you like! Und mein gepreßtes Herz klopfte von neuem frank und frei, mein gesunkener Mut hob sich, es überkam mich sogar eine unüberwindliche Lust zu lachen, weil Madame Duphot, die eilig Anstalt getroffen hatte, von ihrem Taburett – es stammte in Wahrheit aus dem Salon Josephinens – aufzustehen, schwer auf dasselbe zurückfiel, und ich sagte ihr: »Nehmen Sie sich in acht! Sie werden noch zusammenbrechen wie das Kaiserreich.« »Kind! Kind!« warnte Mama, und: »Nur keine Blaustrümpfeleien!« setzte Papa noch eilig hinzu, denn schon hatte die Tür sich geöffnet, und die Gräfin T. und ihr Sohn traten ein. Und von dem Tage an traten sie regelmäßig zweimal die Woche um drei Uhr nachmittags bei uns ein, und überdies sah ich den Grafen jeden Sonnabend in den Soireen bei meiner Schwester. Meine Eltern behandelten ihn mit der größten Auszeichnung; Madame Duphot nannte ihn »un jeune homme accompli«; mein Schwager, den ich noch nie zuvorkommend gesehen hatte, war es gegen ihn. Des Grafen Mutter wiederholte mir, sooft sie mit mir sprach, daß ihr Sohn ihr im Leben nie eine trübe Stunde bereitet habe und daß sie glücklich zu schätzen sei vor allen ändern Müttern. Ich wäre in Widerspruch mit meinen geliebtesten Menschen und mit solchen, die ich schätzte, getreten, wenn ich an dem Grafen auch nur das geringste auszusetzen gefunden hätte. Dazu aber verspürte ich merkwürdig viel Lust, ohne mir Rechenschaft geben zu können warum. Eine förmliche Bewerbung hatte nicht stattgefunden; mir war nur mitgeteilt worden, daß sich der Graf für mich interessiere und daß er durch seine Mutter um Gelegenheit habe bitten lassen, mich kennenlernen zu dürfen. Es muß ihm jedoch weniger darum zu tun gewesen sein, kennenzulernen als kennengelernt zu werden; denn er sprach immer von sich, seiner Lebensweise, seinen Gewohnheiten, seinen Liebhabereien. Besonders gern erzählte er von seiner Ordnungsliebe und von der Pünktlichkeit, die er von seiner Umgebung forderte. Er beschrieb uns ausführlich seinen alten Stammsitz, die Einrichtung der Zimmer, die Ausschmückung der Hallen und der Gänge. Weniger erfuhren wir von der Gegend, in der seine Güter lagen; und von den Menschen, die dort lebten, eigentlich nichts. »Wie ist es denn mit der Nachbarschaft?« fragte einmal meine Schwester, und Bernhard, mein Bruder, der bei uns auf Urlaub war, rief: »In Ihrer Nähe muß ja der Benno Schwarzburg gehaust haben in seinen guten Tagen.« Da habe ich den Namen, der mir später so teuer geworden ist, zum ersten Male nennen hören. Am 13. April 1882. Sie begannen von ihm zu sprechen wie von einem halben Narren und machten sich beide lustig über ihn, Bernhard in gutmütiger Art und stets wiederholend: »Ein Genie ist er aber doch!« »Ja, ein verrücktes«, meinte der Graf. »Er wird nie auf einen grünen Zweig kommen. Ich habe ihm das selbst gesagt, schon damals, als er seinen dümmsten Streich beging und gegen sich selbst Prozeß führte.« »Wie war denn das?« fragte ich. »Wie kann man gegen sich selbst Prozeß führen?« »Ja, wie kann man!« antwortete der Graf. »Ich begreife es nicht, kein vernünftiger Mensch wird es begreifen. Sein Vater, der eine Menge Schulden hinterlassen hatte, ist doch noch so gescheit gewesen, kurz vor seinem Tode eine Schenkung aufsetzen zu lassen, die dem Sohne den unantastbaren Besitz eines kleinen Kapitals gesichert hätte. Der Vater stirbt, die Gläubiger fallen über alles her. Waren meistens elende Wucherer, die sich mehr als bezahlt gemacht hatten. Nur eine Witwe, natürlich mit fünf Kindern ...« »Pardon«, unterbrach ihn Bernhard, »sie hat eine Tochter gehabt, eine blinde.« Der Graf liebt es nicht, daß man ihm widerspricht, und entgegnete ungeduldig: »Ich bitte Sie, das bleibt sich ja gleich! ... Diese Witwe also ist leer ausgegangen«, wandte er sich wieder an mich. »Es ist nichts mehr da, hieß es, als sie auftrat mit ihrer Forderung. Wieso nichts mehr da? Mein Kapital ist noch da! sagte Benno. Auf das haben die Gläubiger keinen Anspruch, erklärte der Advokat, der zugleich der Kurator Bennos war. Einen Kurator hat man ihm nämlich gesetzt, weil er schon früh Anlage gezeigt hat, im Punkte der Verschwendung dem Vater nachzugeraten. Er beweist es auch jetzt, will durchaus zahlen; der Kurator gibt's nicht zu, und das Ende ist dann der Prozeß gewesen, in dem Benno gegen sich selbst plädiert, den er gewonnen und dabei sein kleines Vermögen verloren hat.« Sie lachten und erzählten noch manches Stücklein von dem sonderbaren Kauz. Ich aber dachte mir: Alle dummen Streiche, die er begangen hat – es gibt deren viele der verschiedensten Art –, stimmen in zwei Punkten überein: samt und sonders liegt ein edles Motiv ihnen zugrunde, samt und sonders sind sie am denkbar schlechtesten für ihn selbst ausgefallen. So sagte ich denn: »Dieser Baron tut lächerliche Dinge; er hat aber auch viel Unglück.« »Das sehe ich nicht ein«, entgegnete der Graf; und damals hatte ich es schon weg, daß diese Worte in seinem Munde soviel bedeuteten wie: Es ist nicht einzusehen. »Wenn ich lauter verkehrte Wege einschlage, darf ich es doch nicht Unglück nennen, daß ich ganz woanders ankomme als am Ziele. Überhaupt, was man so Unglück nennt – meistens ist es Folge von Unvernunft. Ein vernünftiger Mensch hat selten Unglück.« Mein Bruder murmelte halblaut: »Krankheit, Tod, Hagelschlag.« Wieder war an dem Grafen die Ungeduld bemerkbar, die er sogar bei dem bescheidensten Einwurf, der ihm gemacht wurde, nicht zu unterdrücken vermochte, und er sprach trocken: »Gegen Hagelschlag bin ich versichert.« Ein Groll stieg in mir auf gegen dieses Kind des Glückes, das soviel Neigung zeigte, sich als Verdienst anzurechnen, was das Geschenk unseres lieben Herrgotts war, und ich versetzte: »Wenn Sie einen Vater gehabt hätten, ebenso verschwenderisch wie der des Baron Schwarzburg, würden Sie diese vernünftige Vorsicht nicht ausüben können, weil Sie nichts besäßen, das zu versichern der Mühe wert wäre.« Seine Mutter wurde feuerrot, meine Eltern wechselten einen bestürzten Blick, und ich erschrak nachträglich. Die größten Helden dürfen nachträglich erschrecken, heißt es; in mir war aber nichts Heldenhaftes vorhanden, sondern nur Beschämung und Verlegenheit und Angst; und diese grauen Gefühle – wenn man so sagen darf – hoben sich ab wie Rauch von einem noch dunkleren Hintergrunde: Mißfallen an dem Grafen! Er sprach einige unzusammenhängende Sätze, die scharf und schlagend sein sollten, aber nur gereizt und verdrießlich klangen. Nicht zum ersten Male machte ich die Bemerkung, daß die hohe und noble Bescheidenheit, die meine Eltern an ihm rühmten, in engster Verbindung mit den ihm gezollten Lobsprüchen stand. Sie verwandelte sich in Anmaßung dem leisesten Tadel gegenüber. Diesen trachtete er nicht etwa zu widerlegen; er wies ihn entrüstet zurück, als etwas Albernes und Verächtliches, mit dem man nichts zu tun haben will. Nachdem er uns verlassen hatte, machten meine Eltern mir bittere Vorwürfe. »Du benimmst dich höchst ungeschickt; du hast keinen Begriff von der Ehre, die dir widerfährt, indem der Graf um dich wirbt, ein solcher Mann, ein solcher Sohn!« Ich bestätigte kleinlaut: »Der seiner Mutter nie eine trübe Stunde bereitet hat!« »Das weißt du, und es flößt dir nicht die höchste Achtung ein?« »Doch, was zu achten ist, achte ich ja an ihm.« »So betätige es denn auch in deiner Art und Weise. Du respektierst den Grafen und hast allen Grund dazu, warum es verbergen?« sagte Mama. »Ich bitte dich, liebes Kind, zeige ihm, daß du ihn respektierst.« Sie blickte Papa auffordernd an, und nun begann er mich zu bitten, meinen Respekt für den Grafen deutlicher an den Tag zu legen, und wollte durchaus wissen, warum ich, so wohlwollend und freundlich gegen alle Menschen – nur zu wohlwollend und freundlich –, gegen diesen ausgezeichneten Mann so zurückhaltend und gleichgültig sei. Mein Gott, ich wußte keine Antwort darauf. Ich hatte mich selbst schon oft umsonst gefragt. Die kleinen Fehler, die mir an dem Grafen auffielen, waren ja nichts im Vergleich zu den großen Vorzügen, die er in den Augen meiner Eltern besaß. Und so versprach ich ihnen denn, von nun an viel höflicher und aufmerksamer gegen ihn zu sein als bisher. Aber auch das war meinen Vielgeliebten nicht ganz recht. »Sieh, Paula«, sprach Papa in ernstem und gerührtem Tone, »sieh, Kind, deine Schwester lebt zufrieden und in glänzender Stellung an der Seite Eduards, der so gut gegen sie ist und überhaupt so brav und ein echter Grandseigneur. Dein Bruder, nachdem er uns durch seinen Leichtsinn viele Sorgen gemacht hat, ist endlich auf den rechten Weg gekommen. Über die Zukunft deiner Geschwister können wir beruhigt sein ... Wir haben nichts mehr zu wünschen, als auch über die deine beruhigt sein zu können.« »Wir wären es«, begann Mama von neuem, »wenn du dich, liebes Kind, der Bewerbung des Grafen günstig zeigen wolltest.« »Ja«, setzte Papa hinzu, »wir wären ruhig und glücklich.« Er reichte mir die Hand; ich ergriff und küßte sie und empfand plötzlich einen stechenden Schmerz in den Augen und sah das geliebte Gesicht meines Vaters wie durch einen zitternden Schleier immer weicher werden, immer sanfter – und nun sagte der beste Papa: »Übrigens ...« Aber der Nachsatz, der diesem Worte zu folgen pflegte, blieb aus. Ich wartete sehnlich, vergeblich – er wurde nicht gesprochen. An diesem Abend habe ich vor dem Schlafengehen andächtiger gebetet denn je. Und doch war mein Gebet das eines dummen Kindes. Ich flehte um Kraft zu freudigem Gehorsam gegen meine Eltern; ich hätte um etwas ganz anderes beten sollen – das lehrte mich schon die allernächste Zukunft. Am 24. April 1882, einem der schönsten Tage, deren ich mich entsinnen kann, fuhren wir im offenen Wagen in den Prater, Papa und ich. Viele Kastanienbäume begannen schon zu blühen, alles prangte in dem hellen Grün des Frühlings, das so lieblich ist und etwas so unsagbar Freudiges hat. Eben erst an das goldene Licht hervorgebrochen, weiß es noch nichts vom Wüten des Sturmes und vom Sonnenbrand. Ganz langsam rollte unser Wagen an der Reiterallee dahin; Bekannte und Freunde trabten und galoppierten vorbei, und bald kamen uns auch drei Reiter im Schritt entgegen. Der mittlere war der Graf. Er ritt einen breiten majestätischen Braunen. Mann und Roß machten den Eindruck behäbiger Selbstzufriedenheit. Alles in Ordnung in der Welt, uns geht es gut, dachten sie – wenn sie etwas dachten. Links vom Grafen ritt mein Bruder, schmuck und stattlich in seiner Ulanenmajorsuniform, und rechts ein magerer Herr auf magerem Gaule. Er saß sehr gerade auf seinem Roß, und dieses war wie verzehrt von innerem Feuer, das ihm förmlich aus den wunderbar schönen und wilden Augen herausschlug. Im übrigen eine hochbeinige, knochige Mähre, geradezu häßlich. Und auch der Reiter konnte auf den ersten Blick nicht gefallen. Zum Glück für ihn wird es wohl niemand bei einem Blick in dieses merkwürdige Antlitz bewenden lassen. Es ist länglich und schmal, und eine ganz ungewöhnliche Energie spricht sich darin aus. Die dunklen Brauen, die gebogene Nase, der große, in eine scharfe Spitze auslaufende Knebelbart, der Schnurrbart, dessen Enden kühn geschwungen in die Höhe standen und den Mund frei ließen, mahnten mich an die Porträts der spanischen Edelleute aus dem 17. Jahrhundert. Was aber an nichts mahnte und mit nichts verglichen werden konnte als mit ihm selbst, das war der lebhafte und sympathische Geist, der aus den Augen funkelte. Er grüßte feierlich und hielt den Hut noch in der Hand, als der Graf den seinen längst wieder aufgesetzt hatte. Eine edle, freie Stirn kam da zum Vorschein, in deren Mitte die leicht gekräuselten, dichten Haare ein schwarzes Flämmchen bildeten. Das Gehirn, habe ich einmal gelesen, baut sich selbst sein Haus, und das seine hatte sich eine Kuppel gewölbt. Ich weiß so manches, das sich unter einer Plattform bequemt. Der fremde Herr sah mich mit außerordentlicher Aufmerksamkeit an; ich fühlte, wie rot ich wurde unter seinem Blicke, und berührte Papa, der mit Bekannten in der Fahrallee Grüße gewechselt hatte, leise am Arm. Er wandte sich zu mir, und meinem Augenwink folgend, gewahrte er eben noch die Reiter. »Hast du ihn erkannt?« fragte ich. »Wen?« »Den von der Mancha«, entgegnete ich mit einem sehr unpassenden Scherz, hinter dem die Verlegenheit, die mich ergriffen hatte, sich verbergen sollte. Papa bemerkte es nicht und sprach obenhin: »Das ist ja der Narr, der Schwarzburg.« Meine Courage war gleich wieder da; ich wagte zu bitten: »Erzähle mir von seinen Narrheiten.« »Ich weiß nichts«, antwortete Papa. »O doch! Bernhard spricht so oft von ihm.« »Um sich lustig über ihn zu machen.« »Nicht immer! Im Grunde liebt und bewundert er ihn und sagt, daß er eine große Zukunft hat.« »Da müßte sich vieles ändern.« »Nicht gar so vieles, lieber Papa. Ein wenig Glück müßte er haben; bis jetzt hat er nur Unglück gehabt, von Kindheit an. Erinnere dich, was Bernhard erst neulich wieder von ihm sagte: Seine Eltern geschieden, die Mutter wiederverheiratet und ausgewandert, und der Vater ein Verschwender, der sich um den Knaben nicht kümmert, und der ist schlimmer daran als eine Waise. Im Institut mißhandeln sie ihn, weil nicht einmal sein Unterhalt regelmäßig bezahlt wird. Er wächst heran, er ringt sich durch, er wird in Jünglingsjahren schon ein Mann und verdient sich sein Brot ...« »Ja, ja, aber dann die Don-Quijoterien mit seinem kleinen Erbe und seine lächerliche Liebesgeschichte.« »Liebesgeschichte? ... Das ist aber sonderbar –« Eine unangenehme Empfindung ergriff mich, und ich fand es sehr kurios, daß mir Bernhard von dieser Liebesgeschichte nicht gesprochen hatte. Nach einer Weile fragte ich: »Wen liebt er denn, der Baron?« Papa dachte nicht mehr an unsere frühere Konversation und wußte nicht gleich, wen ich meinte; dann sprach er kurzweg: »Jetzt kann er nur noch ihr Andenken lieben; sie ist gestorben.« »Wann?« »Vor einigen Jahren, als die Frau eines anderen, den sie ihm vorgezogen hatte – zum Danke für eine Treue, die ihn im Mittelalter berühmt gemacht hätte und durch die man sich in unserer Zeit lächerlich macht.« »Das begreife ich nicht! Wie kann der Besitz einer Tugend lächerlich machen? Und Treue ist doch eine Tugend!« Papa räusperte sich: »Wenn die Tugend zu weit getrieben wird, dann ist sie keine Tugend mehr, sondern Unvernunft.« Vernunft, Unvernunft – ich hatte einen Haß gegen diese Worte, die der Graf so oft aussprach. »Ach geh, Papa«, sagte ich, »mir scheint, die Tugend braucht nicht erst hineinzuwachsen in die Unvernunft, sie ist Unvernunft von allem Anfang. Deshalb habe ich auch vor der Vernunft so wenig Hochachtung.« »Das merkt man«, versetzte Papa. »Und deshalb schwärme ich auch für eine Treue, die keinen Lohn findet und dennoch besteht.« »So? Und wie albern das ist von einem Manne, sich geliebt zu wähnen, wenn er nicht geliebt wird? Sich in der Kühlwanne halten zu lassen? Niemandem glauben, der ihm sagt: Sie macht sich nichts aus dir? Wie albern das ist, das siehst du nicht ein? Oder vielmehr, es gefällt dir ja wohl, weil es gar so albern ist!« »Hat sie ihn denn wirklich nicht geliebt?« »In der Kühlwanne hat sie ihn gehalten, sag ich dir. Und er ist schmachtend herumgegangen unter ihren Fenstern, hat jeden, der ihn auslachte, kurz abgetrumpft und sich wegen der Dummheit mehr als einmal schlagen müssen.« Ich jubelte: »Das war recht! Das entzückt mich! Ich seh's von hier, und ich höre, wie er nach dem Kampfe, ob siegend oder besiegt, ausruft: Dulcinea von Toboso ist das edelste Weib der Welt, und ich bin der treueste Ritter auf Erden! Herrlich, bester Papa!« »Zum Kuckuck, wenn du nicht überschnappst ... Aber solche Narrheiten kommen von den vermaledeiten Büchern, und ich werde ... Übrigens, enough of it!« Nun war's Zeit für mich zu schweigen; wenn mein lieber, guter Papa englisch kam – allerhöchste Zeit! Seit einigen Wochen hatte Mama wieder angefangen, täglich nach dem Theater Leute bei sich zu sehen. Sie wollte dem Grafen Gelegenheit geben, öfter zu uns zu kommen, ohne daß es auffiele. Half aber alles nichts! Obwohl seine Bewerbung so still war, daß selbst ich, Gott sei Lob und Dank, kaum etwas von ihr merkte, neckten meine Freundinnen mich mit ihm. Die meisten – es ist unglaublich! – sagten mir, daß ich ein Glückspilzchen sei, und eine von ihnen – ich will sie Dora nennen – verfehlte nie hinzuzusetzen: »Ein dummes, ein schrecklich dummes Glückspilzchen!« Sie ist älter als ich und gilt für sehr gescheit und unterrichtet. Als kleines Mädchen hat sie von einer alten Tante, die eine Gelehrte war, eine Bibliothek geerbt und in ihrem Zimmer aufstellen dürfen, weil ihre Eltern alles tun, was sie will. Da studierte sie mit dreizehn Jahren schon den Kosmos von Humboldt und das Leben Jesu von Strauß. Sie hat mir aus diesem Buche manches expliziert, aber nicht recht deutlich; ich habe es nicht begriffen. Dora drohte mir oft: »Du, wenn du den Grafen nicht zu schätzen weißt, so fische ich dir ihn weg, das merk dir!« Und ich munterte sie jedesmal auf: »Fische du nur, du kannst mir keinen größeren Gefallen tun.« Sie nahm das die längste Zeit für Spaß. »Weißt du denn«, fragte sie, »sie haben die Fürstenkrone, die T.?« »Wie soll ich's wissen?« »Und denkst nicht, wie sich das machen würde, das Monogramm mit der Fürstenkrone im Taschentuch?« Ich lachte sie aus. »Was hast du davon, daß du mit dreizehn Jahren den Humboldt und den Strauß gelesen hast, wenn du mit zwanzig noch so kindisch bist?« »Oh, das ist eine ganz andere Sache! Ich habe einen Weltblick. Ich verstehe das. Die größten Gelehrten legen Wert auf solche Dinge und wären über die Maßen froh, Aufnahme zu finden im Salon und mit Fürstinnen zu tanzen. Aber weil sie zu langweilig und pedantisch sind ...« Ich war empört über ihr Geschwätz und rief: »Genier dich, so etwas vorzubringen! Was weißt du von Gelehrten? Du hast noch nie einen lebendigen Gelehrten gesehen.« »Du ebensowenig.« »Wir alle zusammen nicht, weil sie in unsere Salons gar nicht kommen, sich's gar nicht verlangen. Aber so etwas kannst du dir nicht vorstellen. Du willst immer einen Weltblick haben und hast einen kleinwinzigen Blick, der nicht über den Salon hinausreicht. Auf den kommt bei dir alles an!« Sie war pikiert; sie ist es so gewohnt, bewundert zu werden, wie der Graf, und verträgt so wenig wie er einen Widerspruch. Wir hatten unsere Unterhaltung laut geführt zum Ergötzen eines Auditoriums von jungen Herren und Damen. Dora stand bei den letzteren nicht in Gunst, und sie kicherten schadenfroh über meinen Ausfall. »Unterschätze mich nur!« sagte Dora ärgerlich, aber so leise, daß nur ich es hören konnte. »Du wirst sehen, was geschieht, wenn ich nicht mehr deine Freundin bin.« Dabei blinzelte sie bedeutungsvoll nach der Tür, durch welche der Graf eben eintrat. Ich verstand sie und entgegnete ebenfalls leise: »Wenn dir das gelingt, was du meinst, dann wirst du erst recht meine Freundin sein.« »Angenommen, die Herausforderung!« erwiderte sie und ahnte nicht, wie ich im stillen ihren Entschluß segnete und ihm allen möglichen Erfolg wünschte. Der Graf stand da, und mir war, als ob die Luft schwerer und alles um mich her dunkler geworden wäre. Dora räumte ihm ihren Platz mir gegenüber ein und setzte sich auf die Armlehne meines Fauteuils. Sie sah in ihrem weißen Gazekleide und mit ihrer hübschen Frisur so allerliebst aus wie ein allerliebstes Meißener Porzellanfigürchen, und der Kontrast zwischen ihrer anmutig zierlichen Erscheinung und den Reden, die sie führte, war köstlich. »Ich wette«, sagte der Graf, »daß hier wenigstens achtundzwanzig Grade sind.« »Und wenn ihrer achtunddreißig wären«, entgegnete sie, »ich spür's nicht, ich habe nie warm, ich bin der steinerne Gast.« Der Graf sah sie gleichgültig an und sagte: »So?« »Ich habe aber auch nie kalt.« »Aha, Sie wollen originell sein. Ich bin gar nicht originell, ich bin ein prosaischer Mensch.« »Oh – ich bin auch sehr prosaisch. Denken Sie nur – ich schnupfe.« »So?« »Ich habe meine Dose immer bei mir.« »Es ist aber nichts darin.« Sie zog ein goldenes Döschen aus der Tasche, nicht größer als ein Guldenstück: »Es ist immer etwas darin, nur gerade heute nicht. Sehen Sie, ich habe mir einen Totenkopf auf den Deckel gravieren lassen. Ich habe auch Totenkopfbriefpapier. Ich denke immer an den Tod; ich glaube, daß ich durch Selbstmord sterben werde ...« Der Graf erhob die Augen zum Himmel. »Ich trage auch immer einen Dolch bei mir.« »Ah«, sagte der Graf. »Damit ich mich gleich erstechen kann, wenn mir einmal der Tabak, meine einzige Freude, nicht mehr schmeckt.« Er lächelte, er begann sie ergötzlich zu finden, und als sie jetzt von einem alten eingelegten Kasten erzählte, der in einer Dachkammer ihres Schlosses gefunden worden war, interessierte ihn das wirklich. Ich benützte den Augenblick, in dem ihr Gespräch lebhaft wurde, um aufzustehen und mich auf gute Art von ihnen wegzustehlen. Wie ich mich wende, sehe ich Bernhard vor mir. »Ich suche dich schon die längste Zeit«, sagte er. »Man kommt ja nicht vorwärts in dem Gedränge.« Und er sieht sich um und ruft: »Schwarzburg!« Und ich, ganz überrascht und so freudig, als ob es sich um einen lieben, ungeduldig erwarteten Bekannten handelte, fragte: »Ist er da?« Sogar Bernhard hat mich nachträglich wegen dieses: »Ist er da?« recht ernstlich ausgezankt. Ich habe es nie bereuen können. Ich blickte, nachdem es ausgesprochen war, in ein Paar Augen, aus denen eine Glückseligkeit flammte, zu groß, als daß ich je bereuen könnte, sie erweckt zu haben. Schwarzburg verneigte sich tief vor mir, und mir war die Ehrfurcht, die sich in seinem Gruße ausdrückte, fast beschämend. Wie komme ich dazu, Ehrfurcht zu erwecken? ... Wir redeten lange zusammen – viel zu lange, wurde mir vorgeworfen. Ich kann darüber keine Auskunft geben; ich dachte nicht daran, daß die Zeit verfloß, und auch nicht, daß noch andere Leute anwesend waren. Schwarzburg sprach mit mir, und was er sagte und wie er es sagte, war mir wichtig und angenehm, und es kam mir weiser und besser vor als alles, was ich je gehört, und klang mir zugleich lieb und vertraut. Wenn ich jetzt die Erinnerung an jenen Abend zurückrufe und mich frage: Haben wir uns damals kennengelernt? muß ich antworten: Nein. Dessen bedurfte es nicht. Wir begrüßten einander wie Freunde, die ihren Bund längst geschlossen haben, und unser erstes Begegnen war ein Wiedersehen. Unserem Gespräche wurde ein Ende gemacht durch Papa. Er wollte in einer ihm sehr am Herzen liegenden Angelegenheit unserer Gemeinde auf dem Lande den Rat Schwarzburgs einholen und berief sich auf Bernhard, dessen Meinung sei, der Baron könne die Erledigung der Sache betreiben. Die beiden Herren vertieften sich in eine eifrige Konversation; ich sah, daß sie einander am Schlusse derselben die Hände schüttelten, und fühlte mich sehr geschmeichelt. So konnte man doch ein vernünftiges Wort mit ihm sprechen, mit dem Narren, dem Schwarzburg – er konnte einem sogar nützlich sein! – Die Soiree war aus, die meisten Gäste waren fort. Unter den letzten, die gingen, befanden sich Dora und ihre Eltern, der Graf und seine Mutter. Die comtesse douairière, wie meine Duphot sie nennt, bewies sich mir beim Abschiede besonders freundlich. »Sie sind so gut, liebes Kind; ich habe Sie bewundert. Wie gut waren Sie heute gegen diesen Beamten, diesen armen Baron! Es ist nur die Frage, ob Ihre Güte nicht mißverstanden wird. Diese Gattung von Menschen ist manchmal übelnehmerisch und fühlt sich unangenehm berührt durch unsere zu deutliche Bemühung, sie à leur aise zu setzen...« Ich wußte nicht recht, was ich aus dieser Bemerkung machen sollte, ob sie ein Lob enthielt oder eigentlich ein Tadel war. Es ist mir nicht möglich, meine bescheidene Herzensgeschichte ausführlich zu erzählen. Daß meine Eltern mich dem kleinen Beamten, Baron Schwarzburg, zur Frau geben würden, glaubte ich nie; das Bewußtsein meiner Liebe und das ihrer Hoffnungslosigkeit erwachten zugleich in mir, und es wäre ein schweres Unrecht gewesen, mich der ersteren hinzugeben. Ich habe mich ihr aber nicht hingegeben; sie hatte mich ergriffen, ehe ich mich dessen versah, und sie war damals so mächtig und innig wie heute. Ihm wird es auch nicht anders ergangen sein; seine Neigung zu mir kam wohl ebenso plötzlich wie meine große Liebe zu ihm. Nur weil er nicht eitel ist, hat er es lange Zeit für unmöglich gehalten, daß er mir ein wärmeres Gefühl als das der Freundschaft einflößen könnte. Aber schon dadurch schien er aufs tiefste beglückt, und was mich betrifft – mir ist ja ein neues Leben aufgegangen, seitdem er mich zur Vertrauten des seinen gemacht hat und seitdem ich sein edles und selbstloses Herz ganz kenne. Er hat fast nur Unrecht erfahren, und doch sagt er immer: Das Recht muß siegen; er hat zahllose Bitternisse durchgekostet und ist doch unverbittert geblieben. Freilich, mit einem solchen Schatz von Menschenliebe und Kraft in der Brust, wie sollte man da am Guten verzweifeln! Merkwürdig kommt es mir vor, daß er sich für ganz anders hält, als er ist. Er sagt, das Motiv der meisten seiner Handlungen und der Quell aller seiner Stärke sei – der Eigensinn. Als er neulich wieder diese Behauptung tat, fragte ich ihn: »Haben Sie auch damals schon, als junger Jurist, den Prozeß gegen sich selbst aus Eigensinn geführt?« Er zog die Augenbrauen zusammen: »Ist die alte Geschichte noch nicht vergessen?« »Noch nicht.« »Da muß ich sie berichtigen. Ich habe nicht in lächerlichem Opfermut gehandelt; ich habe meine Rechtschaffenheit gegen mein Geld verteidigt, etwas Unschätzbares gegen etwas Schätzbares. Meine Klientin war die Witwe eines braven Mannes und alten Dieners, und die Summe, um die es sich handelte, dessen redlich Erworbenes und Erspartes. Vor wie vielen Jahren es dem gnädigen Herrn in devoter Vertrauensseligkeit zur Verfügung gestellt worden war, wußte die Frau nicht mehr. Sie wußte nur, daß der gnädige Herr ihr gar oft versichert, die beste Hypothek, die er geben könne, solle sie haben. Was für eine Hypothek das war – er selbst hatte keine Ahnung davon, und der Witwe seines treuesten und ergebensten Dieners wird es doch nicht einfallen zu fragen: Bin ich auch wirklich sichergestellt, und in welcher Weise? ... ›Ja‹, sprach nachträglich der Advokat, ›warum war sie so dumm? Hat sie denn nicht gesehen, was vorging und wie gewirtschaftet wurde?‹ Sie hatte alles gesehen, aber dem Worte ihres Herrn mehr getraut als dem Augenschein. Und dafür sollte sie bestraft werden, und der Sohn dieses Herrn sollte es zugeben? Konnte er's? Was meinen Sie, Gräfin, und was hätten Sie an seiner Stelle getan?« Ich antwortete: »Was Sie getan haben.« »Und damit etwas Außerordentliches?« »Nur einfach das Rechte.« »Gott sei Dank!« erwiderte er, und eine stille, mächtige Freude erhellte sein Gesicht; »einfach das Rechte, so ist es.« Er sah ganz glücklich aus. »Warum denn Gott sei Dank?« fragte ich. »Dafür, daß ich mich vor Ihnen entschuldigen durfte.« »Entschuldigen? Aber ich bitte Sie!« rief ich, wirklich in Verlegenheit. »Und dafür, daß Sie es mir so leicht gemacht haben und daß Ihr Blick so hell und Ihr Sinn so gerade ist; dafür vor allem, daß Sie zugeben, wir tun nicht mehr als das einfach Rechte, wenn wir das Recht auch auf Kosten des eigenen Vorteils verteidigen.« »Ist denn das nicht natürlich?« »Nein, natürlich ist der Egoismus. Und er wird jetzt sehr geschätzt. Sie können in jedem Zeitungsblatte kleine Exkurse zu seinen Gunsten und zu denen seines Verwandten, des ›gesunden Realismus‹, lesen. Das Zeitalter der Humanität bekämpft – was unglaublich ergötzlich ist – den Idealismus und nennt jede etwas weit getriebene Selbstverleugnung, diese Basis und Bedingung der Humanität, krankhaft und sentimental ...« Da wurden wir unterbrochen, und der Graf, Dora und meine Schwester traten zu uns. »Aha, hier wird doziert«, sagte der Graf, und Schwarzburg wandte sich förmlich betroffen zu mir: »Ist es wahr, habe ich doziert?« »Es geschieht Ihnen manchmal«, meinte der Graf, der sogleich die hochmütig kühle Weise annahm, in welcher die eleganten Leute die nicht eleganten zu behandeln pflegen und die mir immer so engherzig vorgekommen ist, so blöde, so gemein! »Sie haben gar nicht doziert«, rief ich, »Sie haben mir etwas Interessantes erzählt.« »Ein Geheimnis?« fiel Dora kichernd ein. »Durchaus nicht.« »Dann möchten wir sie auch hören, die interessante Geschichte, besonders wenn sie nicht lang ist. Aber sie ist lang, ebenso lang als interessant. Ich habe euch beobachtet aus der Ferne – ihr seid immer so köstlich, ihr zwei.« Mir schoß das Blut in die Wangen, und Schwarzburg warf Dora einen Blick zu, der ihr die Lust verdarb, ihren taktlosen Scherz fortzusetzen. Doch hatte er seine Wirkung getan und trug schlimme Früchte für mich. Graf T. wich den ganzen Abend nicht von meiner Seite, und wir führten ein trostloses Gespräch über Waffenhallen und antike Einrichtungen – eine »Moder- und Schimmelkonversation«, wie Elisabeth sagt, wenn ihr Mann, der ja überhaupt soviel Ähnlichkeit mit T. hat, anfängt über dasselbe Thema unerschöpflich zu werden. Sie sah manchmal von ihrem Platz aus mit unverhohlenem Mitleid zu mir herüber. Am nächsten Tage kam sie zu mir, um mich zur Rechenschaft zu ziehen. Es war noch früh und ich eben erst vom luncheon in mein Zimmer zurückgekehrt. Da trat sie ein. Sie nahm ihren Hut vor dem Spiegel ab und richtete die Stirnlöckchen zurecht, die der Wind in Unordnung gebracht hatte. Scheinbar geschah's mit großer Aufmerksamkeit; allein ich merkte wohl, daß ihre Gedanken keineswegs mit dem edlen und schönen Bilde beschäftigt waren, das der Spiegel ihr widerstrahlte. Plötzlich sagte sie: »Hör einmal, Kind, was willst du eigentlich mit deinem Schwarzburg-Kultus?« Die unerwartete Frage brachte mich in Bestürzung, und ich entgegnete leise: »Was soll ich wollen?« »Ich möchte es wissen; ich möchte wissen, was du denkst, was du dir einbildest! Du bist ganz verändert seit einiger Zeit – weißt du das?« Mir wurde immer beklommener zumute. »Worin denn verändert, Elisabeth?« »Ach«, sagte sie, »reden wir nicht so unnötigerweise herum! Die Auszeichnung, mit der du Schwarzburg behandelst, fällt jedem auf. Du trägst für ihn eine Art Verehrung zur Schau.« »Ich trage sie nicht zur Schau; ich verberge sie nur nicht.« »Und was soll dabei herauskommen?« »Es wird nichts dabei herauskommen«, antwortete ich kleinlaut; »in ein paar Wochen geht er nach Bosnien, und ich gehe nach Trostburg.« Sie zuckte die Achseln, machte ein paar Schritte und nahm Platz auf dem Sessel vor meinem Schreibtisch. Das Heft, auf dem mit großen Lettern geschrieben stand »Meine Memoiren«, fiel ihr in die Augen; ihr ganzer Ernst war verschwunden, sie lachte auf. »Da sind sie ja, die Vertrauten! Es schreibt Memoiren, das Kind. Da steht wohl alles drin, man braucht nur aufzuschlagen ... Mach kein so erschrockenes Gesicht! Ich bin wohl sehr neugierig, aber nicht indiskret.« Indes ihre Lippen spotteten, sahen ihre großen blauen Augen so treuherzig, so voll Mitleid und Liebe zu mir empor, daß ich Mut faßte, näher zu ihr trat und sprach: »Du hast mich gefragt, was ich will ... Ich gestehe dir, was ich nicht will: ich will den Grafen T. nicht heiraten.« Sie entgegnete phlegmatisch: »Bravo, das ist gelungen. Und der Graf, der heute oder morgen förmlich um dich anhalten wird?« Ich rief tödlich erschrocken: »Woher weißt du das?« Sie antwortete: »Von ihm selbst.« »Merkt er denn nicht, wie gleichgültig er mir ist?« »Nein, er merkt nicht so leicht etwas.« »Und wie sehr, wie unaussprechlich ich ihm einen andern vorziehe?« »Das am wenigsten. Ein Graf T. hält es für unmöglich, daß ein Baron Schwarzburg ihm vorgezogen werden könnte.« »Und Dora, die tausendmal besser für ihn paßt, die mir versprochen hat, ihn wegzufischen, auf die ich gehofft habe – warum hält mir Dora nicht Wort?« »Weil sie nicht kann; was an ihr lag, hat sie getan. Alles umsonst. Sie mißfällt dem Grafen. Ein Verwöhnter wittert eine Verwöhnte und weicht ihr aus.« »Was tun, Elisabeth, was tun? Wenn ich den Grafen heiraten muß – ich verzweifle!« Sie legte die Arme um mich und zog mich zu sich heran; ich lehnte die Wange an ihren Scheitel. »Glaubst du es wirklich?« fragte sie. »Ich meine, es ließe sich vielleicht doch friedlich mit ihm hausen. Nur ein bißchen klug müßte man sein. Man dürfte ihm nur nicht widersprechen in kleinen Dingen, dann hätte man in großen freie Hand. Man müßte sich sehr hüten, seine Eitelkeit zu verletzen, und es so oft wie möglich zu einem Lobliedlein bringen.« »Schmeichelei!« rief ich, »loben, was ich nicht billige! Schmeichelei, o pfui, Schmach und Schande!« »Keine großen Worte«, sprach sie. »Eine schlechte Ehe führen, das allein ist Schmach und Schande. Dagegen wiegen die Demütigungen leicht, die du mit dir selbst abmachen kannst. Und auf das Abwägen eines Übels gegen das andere, auf ein Paktieren mit dem Feinde, dem Elend des Lebens, darauf kommt es ja überhaupt an. Das volle Glück, das wolkenlose, wem wird das zuteil? Wer bringt's auch nur zu einem rechten Traum von ihm?« »Ach, wenn man nur zu träumen brauchte, da hätt ich's gleich.« »Wahrhaftig? So fasse Vertrauen und träume laut.« »Darf ich? Soll ich?« »Du sollst.« »Vergiß aber nicht, daß ich träume.« »Nun, wird's?« »Ich träume, ich wäre sein – du weißt schon, wen ich meine – und hätte keinen heißeren Wunsch, als ihm das Leben, das immer so hart gegen ihn gewesen ist, schön und süß zu machen. Und an seiner Seite würde ich gescheit, tüchtig und besser von Tag zu Tag. Jeder meiner Atemzüge wäre ein Loblied auf ihn. Geschäh aber einmal ein Wunder, und täte er etwas, das mir unrecht schiene, so würde ich es ihm sagen, frank und frei. Und dem Leiden ginge ich nicht aus dem Wege; trüg er's doch mit mir, und zusammen würden wir damit fertig. Was ist denn das Leiden, was kann mich treffen, solang ich sein bin und er mich liebhat?« »Jawohl«, sagte Elisabeth dumpf und lautlos, »jawohl.« »So sieht mein Traum aus, lautere Seligkeit! Aber die Wirklichkeit ist Entsetzen – Entsetzen, Elisabeth! Du hast mich völlig vernichtet. Dieses Paktieren, dieses heuchlerische Kleinbeigeben, um den Schein der Einigkeit zu wahren, um den inneren Zwiespalt zu verstecken – ich könnt es nicht. Und du? ...« Ein schrecklicher Gedanke hatte mich durchblitzt. Ich beugte mich vor; ich sah sie an: ihr Gesicht war tränenüberströmt. »Kannst denn du's?« fragte ich, ließ mich auf die Knie gleiten und umschlang sie. Sie drückte meinen Kopf heftig an sich, und qualerpreßtes Schluchzen hob ihre Brust: »Ich habe es gelernt!« Eine Weile verharrten wir in tiefem Schweigen. Als ich endlich den Blick zu ihr erhob, lag wieder die gewohnte Ruhe auf ihren Zügen. Sie stand auf. »Komm mit mir zu den Eltern, Kind«, sprach sie. »Zur Verwirklichung deines Traumes werde ich dir nicht verhelfen können, aber geopfert sollst du nicht werden.« Mama saß in der Kanapee-Ecke und häkelte; Madame Duphot las ihr vor aus Ozanams Poètes Franciscains . »Dürfen wir eintreten, Mama? Wir hätten mit dir zu sprechen«, sagte Elisabeth. Ohne aufzublicken, antwortete Mama: »Erlaubt nur, daß wir unser Kapitel schließen. Setzt euch.« Wir setzten uns, und Madame Duphot brachte die hübsche Legende vom heiligen Franziskus und vom Wolf von Gubbio zu Ende. Dann legte sie ihr Buch, über das hinweg sie mich mehrmals flüchtig angesehen hatte, auf den Tisch und erhob sich. Ich ergriff ihre Hand: »Bleiben Sie!« flüsterte ich ihr zu, und Elisabeth fiel lebhaft ein: »Bleiben Sie, liebe Duphot, wir rechnen auf Ihre Unterstützung. Wir möchten auch mit Papa sprechen. Darf ich ihn herüberbitten lassen, Mama?« »Laß ihn bitten.« Meine gute Mama, die so ahnungslos und friedlich ihre Arbeit fortsetzte und den liebenswürdigen Lehren des heiligen Franziskus nachsann, tat mir schmerzlich leid. Wie gern hätte ich ihr den Kummer erspart, den ich im Begriff war ihr zu verursachen, aber – konnte ich denn? Die Tür öffnete sich; Papa erschien, aber nicht allein; mein Bruder begleitete ihn. Die Blicke beider richteten sich sogleich auf mich. »Da ist sie ja«, sagte Papa streng und drohend. Ich wollte mich erheben; aber meine Knie zitterten zu sehr, und so streckte ich nur die Hand aus, um die seine zu fassen, als er an mir vorüberging. Er zog sie rasch zurück und nahm Platz auf dem Kanapee neben Mama. Mein Bruder ließ sich an seiner Seite auf einen Sessel nieder, und Madame Duphot, an der Seite Mamas, schob, bescheiden wie immer, ihr Taburett ein wenig zurück. Meine Schwester und ich saßen ihnen in einer kleinen Entfernung gegenüber, wie der Schuldige und sein Advokat vor den Richtern. »Lieber Papa, liebe Mama«, begann Elisabeth, »ich möchte euch im Namen Paulas bitten, dem Grafen zu sagen, er möge seine Bewerbung nicht fortsetzen. Paula kann keine Neigung für ihn fassen und ist entschlossen, ihn nicht zu heiraten.« Ich staunte und erschrak über die schroffe Art, in welcher sie das hervorstieß. Madame Duphot seufzte; Bernhard murmelte: »Oho!« Vater und Mutter schwiegen. »Paula hofft innigst«, nahm Elisabeth wieder das Wort, »daß ihr, liebe Eltern, ihren Entschluß genehmigen werdet.« »Tut es«, sprach nun ich, »habt die Gnade, ich werde euch ewig dankbar dafür sein. Ich kann den Grafen T. nicht heiraten; ich habe für ihn nicht die geringste Neigung, eher das Gegenteil.« »Soll das heißen, daß du eine Abneigung gegen ihn hast?« rief Papa sehr heftig. »Wer setzt dir solchen Unsinn in den Kopf? Am Ende gar deine ältere Schwester?« »Um alles in der Welt, das denke nicht! Ich habe sie gebeten, meine Fürsprecherin bei euch zu sein.« »Erstens«, sprach Mama, »brauchst du keine Fürsprecherin bei deinen Eltern; sondern solltest dich vertrauensvoll direkt an sie wenden; zweitens hätte deine Schwester dieses Amt nicht übernehmen, sondern dich darauf aufmerksam machen sollen, wie töricht es ist, eine Abneigung in sich aufkeimen zu lassen und ohne weiteres auszusprechen, für welche nicht der geringste Grund vorhanden ist.« »Sie besteht, das ist ihr Grund!« entgegnete Elisabeth. Ihre Stimme, die eben noch etwas verschleiert geklungen, war wieder so scharf und hart wie im Anfang unserer Unterredung. Ich rückte näher zu ihr und legte den Arm um sie; ihr ganzer Körper bebte. »Unsinn! Unsinn!« wiederholte Papa. »Auf solchen Unsinn nehmen wir keine Rücksicht.« »Der Graf ist ein rechtschaffener, ehrenhafter Mann, wohlerzogen, von angenehmem Äußern und guten Manieren, an dessen Seite du glücklich werden mußt, Paula«, fiel Mama streng und unerbittlich ein. »Du liebst ihn jetzt noch nicht; du wirst ihn aber gewiß lieben lernen, wenn es erst deine Pflicht sein wird.« Mich überlief ein Schauer, und ich stammelte: »Nein, Mama, nein! Ich werde ihn nie liebgewinnen, weil ich ...« Das Geständnis, das ich hatte tun wollen, erstarb mir auf den Lippen. Hilfeflehend sah ich meine Schwester an. Ihr schönes Gesicht glühte, sie hatte die Arme über die Brust gekreuzt und hielt unverwandt einen Blick voll Groll und Vorwurf auf Mama gerichtet. »Erinnere dich«, sagte sie, »daß du mir vor siebzehn Jahren dieselbe Verheißung machtest, und genau mit demselben Rechte. Auch der Mann, der um mich freite, war rechtschaffen, wohlerzogen und von angenehmem Äußern. Nun, liebe Mutter, weil du es nicht gesehen, nicht erraten hast, so hör es denn endlich einmal: deine Verheißung ist nicht in Erfüllung gegangen ...« »Elisabeth!« riefen beide Eltern zugleich. Bernhard, der zuerst ungläubig lächelnd aufgehorcht, senkte plötzlich den Kopf. Madame Duphot hatte sich erhoben und war aus dem Zimmer geglitten, wie ein Schatten. Mit einer Ruhe, die auf mich einen entsetzlichen Eindruck machte, fuhr Elisabeth fort: »Die Liebe, die in der Ehe von selbst hätte kommen und mich hätte einhüllen sollen in selige Blindheit, in glücklichen Trug, sie kam nicht. Mein Herz blieb kalt, meine Augen blieben hell, und mit diesen hellen Augen sah ich meinen rechtschaffenen, wohlerzogenen Mann durch und durch ...« Sie lachte kurz und herb: »Es war kein begeisternder Anblick!« Ich war über die Reden Elisabeths und besonders über die Bestimmtheit, mit welcher sie dieselben vorbrachte, so betroffen, daß ich nicht wagte, meine Eltern anzusehen. Verstohlen nur warf ich einen Blick auf die Stelle, die Bernhard früher eingenommen hatte; sie war leer; mein Bruder war aufgestanden und ans Fenster getreten, in dessen Nähe Elisabeth saß. Er sah ernst zu ihr nieder, aber, wie ich dankbar fühlte, ohne Entrüstung. »Was soll das heißen?« fragte Papa. »Was hast du deinem Manne vorzuwerfen? Er hat nie etwas getan, das nicht anständig gewesen wäre, sich nie ein Unrecht zuschulden kommen lassen.« »Nie! Er hat nie einen Menschen geschädigt an Ehre oder Gut«, sagte Elisabeth, »er hat aber auch nie freudig und aus eigenem Antrieb geholfen, nie ein Opfer gebracht, nie sich selbst vergessen um eines andern willen. Er hat keinen Sinn für die Großmut und keinen für das Schöne, außer« – wie ein Blitz schoß ein schalkhaft heiterer Ausdruck über ihr Gesicht –, »außer wenn es ihm etwa in Gestalt eines alten Schrankes begegnet oder eines Sporns, den ein Ritter, vielleicht bei der Plünderung eines reisenden Kaufmanns, vor vierhundert Jahren verloren.« »Aber Elisabeth!« sprach Bernhard, der nun hinter ihr stand und seine Hand auf die Lehne ihres Sessels gelegt hatte. »Ich weiß, ich sollte so nicht sprechen«, entgegnete sie, »doch geschieht es ja heute zum ersten Male, und es wäre auch heute nicht geschehen, wenn es sich nicht darum handelte, dieses Kind vor dem Schicksal zu bewahren, das mir bereitet worden ist.« Die gute Mama war in höchster Bestürzung und völlig verwirrt. »Du treibst alles auf die Spitze«, klagte sie; »du beschuldigst deine Eltern, du sprichst ungehörig von deinem Manne!« Elisabeth nickte zustimmend: »So tu ich! Aber ich habe meiner Schwester versprochen, ihr beizustehen in ihrem schweren Kampfe zwischen dem kindlichen Gehorsam, den sie euch gern beweisen möchte, und ihrem Widerwillen gegen den Grafen.« »Widerwillen«, murmelte Papa, »lächerlich!« »Ich halte Wort, ich sage ihr vor euch: Gib nicht nach! Du bist meine rechte Schwester, du würdest, in dieselben Verhältnisse versetzt wie ich, ebenso elend werden wie ich«, sprach Elisabeth, immer mit ihrer furchtbaren Ruhe, und Papa rief ihr zu: »Elend – was das für ein Ausdruck ist!« Sie darauf: »Wüßt ich doch einen stärkeren, daß ich ihn gebrauchen könnte! Keiner ist stark genug für die Erniedrigung, in einer Nullität seine höchste Instanz anzuerkennen – anerkennen zu sollen, versteht sich –, und was für eine Heuchelei das ist, sich scheinbar zu beugen vor einem Kleineren, als man sich selber fühlt...« »Hochmut! Hochmut!« seufzte Mama. Sie hatte die Arbeit sinken lassen, war schrecklich blaß, und in meiner Seele empfand ich es, wie sehr sie litt, als Elisabeth diesen Ausruf nur mit einem leisen Aufwerfen der Lippen beantwortete und eiskalt fortfuhr: »Und wie man dabei innerlich verkommt, wie man sich verachtet, aber nur, um gleich wieder in schuldiger Demut unterzukriechen unter das ›geheiligte‹ Joch! Das versteht sich immer von selbst! – Wer macht denn einen Skandal? Wer läuft davon? Wer wirft sich ins Wasser? So etwas tun ja nur die ordinären Leute, die keine Religion haben, oder die weichlichen Abkömmlinge von Gevatter Schneider und Handschuhmacher, die keine Courage haben und nichts aushalten können. Unsereins ist fromm, ist stark, hat Heldenblut in den Adern, unsereins desertiert nicht von seinem Posten! Darum, Paula, überleg's, eh du dich hinstellen lässest; es ist ein verteufelt heikler Posten...« Sie wandte sich zu unseren Eltern: »Lieber Vater, liebe Mutter – wenn ihr dem Kinde sagt: Tu's, weil du eine schöne Stellung in der Welt haben, weil du in schönen Schlössern wohnen, ein großes Haus führen und herrliche Equipagen haben wirst, so mögt ihr nach eurer Ansicht wohl recht haben; aber sagt ihm nicht: Tu's, weil du glücklich werden wirst. Das dürft ihr dem Kinde nicht sagen – das, glaubt mir, wäre eine Vermessenheit Wer diese Worte nicht gehört, kann sich nicht vorstellen, welchen Eindruck sie machten, als Elisabeth sie sprach, ohne die Stimme zu erheben, ohne sie mit der geringsten Gebärde zu begleiten. Langsam und leise quollen sie hervor, wie Blutstropfen aus einer tiefen Wunde, und indem ich zuhörte, wuchs in mir der Wunsch empor, es möge doch etwas auf Erden geben, etwas ganz Ungeheures und fast Unmögliches, das ich vollbringen könnte für meine Schwester. Mama war wie versteinert, und Papa hatte die Arme auf seine Knie gelegt und sah auf seine verschränkten Finger herab. Seine Stirn war voll Falten, und zum ersten Male kam mir der Gedanke, daß er doch schon ein alter Mann sei. Bernhard unterbrach die Stille: »Liebe Eltern, ich bitte euch, wenn die Sachen so sind, wäre ich dafür ... ihr versteht mich schon ...« Ach, eine wahre Wohltat für uns alle, die herzliche Art, in welcher er das vorbrachte! Papa erhob den Kopf und dankte dem guten Bernhard mit einem Nicken der Zustimmung. Dann blickte er Mama fragend an: »Was meinst du?« Sie wollte antworten und konnte nicht; sie seufzte nur: »Mein Gott, mein Gott!« »Was meinst du?« wiederholte Papa. »Meinst du nicht auch ...« »Ich weiß es nicht«, brachte sie mühsam heraus. »Es ist sehr schwer ...« »Nichts ist schwer, alles ganz einfach«, versetzte Bernhard. »Ihr sagt dem Grafen: Unsere Tochter fühlt sich geschmeichelt und so weiter, aber sie kann sich noch nicht entschließen zu heiraten; sie wünscht noch bei uns zu bleiben. Punktum!« Es folgte eine lange, peinliche Pause. Papa machte ihr ein Ende, indem er sprach: »Ja, wenn sie durchaus bei uns bleiben will ...« Zögernd fügte Mama hinzu: »Paula ist freilich noch sehr jung!« »Viel zu jung!« rief ich; dieses Auskunftsmittel war mir noch gar nicht eingefallen. »Oh, meine geliebtesten Eltern! ...« Ich wollte auf sie zustürzen; aber Mama winkte Elisabeth zu sich heran, und meine Schwester stand auf und trat vor sie hin. »Du hast uns heute weh getan, Elisabeth«, sagte Papa, aber er reichte ihr die Hand. Sie küßte sie nicht. Wie muß es in ihr ausgesehen haben in diesem Augenblick! Der beste Papa hatte ihr voll Versöhnung die Hand gereicht, und Elisabeth hatte sie ihm nicht geküßt. In dem Moment ließ der Graf sich anmelden, und auf dem Fuße folgte ihm mein Schwager, der seine Frau zu einer Spazierfahrt abzuholen kam. Beide Herren befanden sich in übler Laune, weil allerlei Reitzeug, das sie, ich weiß nicht woher, bestellt hatten, nicht nach ihrem Geschmack ausgefallen war. Bernhard bedauerte sie recht ironisch, aber sie nahmen es für puren Ernst. Als Elisabeth und ihr Mann das Zimmer verließen, lief ich ihnen nach, und draußen, im Salon, warf ich mich an die Brust meiner Schwester und dankte ihr und kümmerte mich nicht um die Mißbilligung, mit welcher mein Schwager uns betrachtete. »Was sind das wieder für Exaltationen und Geschichten?« fragte er. Bernhard, der meinem Beispiel gefolgt war und sich auch davongemacht hatte, gab ihm zur Antwort: »Ja, mein Lieber, wenn du erst hören wirst, was diese Person« – er zwinkerte mir zu – »für Mucken hat! Denke dir, diese Person will den Grafen T. nicht. Ein so amüsanter Mann, ein so nobler Mann, ein so hübscher Mann, und – sie will ihn nicht!« Mein Schwager hielt das gewiß nur für einen schlechten Spaß, entgegnete aber doch: »Da seid ja ihr da, um ihr den Kopf zurechtzusetzen.« Er wandte sich zum Gehen und Elisabeth mit ihm. Wir sahen ihr nach, wie sie so gleichmütig an seiner Seite dahinschritt – die arme Frau. »Mir hat schon lange vor dem gegruselt, was herauskommen wird, wenn die uns einmal reinen Wein einschenkt über ihr häusliches Glück«, sprach Bernhard. »Auch mir hat schon lange gebangt«, erwiderte ich und konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. »Ich habe mich nur gewundert, daß sie niemals klagt.« »Darüber hast du dich nicht zu wundern!« rief er. »So etwas ist kein Konversationsstoff; von so etwas spricht eine anständige Frau, wenn's sein muß, einmal und nicht wieder. Merk dir das zur Beachtung ihr gegenüber.« Freundlich klopfte er mir auf die Wange: »Der da drinnen kriegt jetzt seinen Abschied. Bist zufrieden, Kleine?« Ich wollte ihm danken für seine große Güte gegen mich; er erlaubte es nicht, sondern sagte ungeduldig: »Ich bitte dich um Gottes willen, sei nur nicht fad!« Meine Eltern sprachen nicht wieder vom Grafen mit mir, und daß ich von ihm nicht sprach, ist natürlich. Vor einigen Tagen, in der Soiree, nach welcher ich den Entschluß gefaßt habe, meine Memoiren zu schreiben, war auch seine Mutter erschienen und behandelte mich mit großer Freundlichkeit. Dieser Edelmut ergriff und beschämte mich, und ich brauchte viel Selbstüberwindung, um die Gräfin nicht inständigst zu bitten, mir zu verzeihen und mir wohlwollend gesinnt zu bleiben. Doch wäre das vielleicht taktlos gewesen. Als sie sich abwandte, kicherte Pierre Coucy, der so boshaft ist, hinter ihr her und sagte: »Sie ist heute mehr Creme denn je – aber saure.« »Kein Wunder«, meinte sein Bruder und sah mich verstohlen an, indes er Elisabeth fragte: »Wissen Sie schon? Der Lord ist zu Schiff nach – Böhmen.« »Nein«, versetzte Pierre, »zu Luftballon, in einem Korb.« Ich war betroffen über diesen schlechten Witz; Elisabeth jedoch sprach mit ihrer herrlichen Gelassenheit: »Sie dichten – nun ist's heraus! Im Verdacht, daß Sie insgeheim fabulieren, habe ich Sie längst gehabt.« »Mit Unrecht! Ich bin mehr als ein Fabulist, ich bin ein Seher.« »Was man auch sein muß, um eine Sphinx wie den guten T. zu durchschauen.« Sie fuhren fort, abgedroschene Späße zu machen, und da hat mir der Graf leid getan, der diese Coucys für seine Freunde hält. Sie müssen auch gegen andere Leute geschwatzt haben, denn als Baron Schwarzburg sich bei mir empfahl – es geschah mittelst einer stummen Verbeugung –, stand es ihm auf der Stirn geschrieben und lachte es ihm aus den Augen, wie er so von ganzem Herzen dem Grafen eine glückliche Reise wünschte. Bei uns ist es jetzt merkwürdig und nicht gerade sehr angenehm. Meine Duphot grollt zum ersten Male im Leben mit mir – in ihrer sanften Weise, versteht sich, und ebensosehr zu ihrer eigenen Pönitenz als zu der meinen. Mein vielgeliebter Papa ist verstimmt und sagt überaus oft zu mir: »Do whatever you like.« Und die Worte, über welche ich sonst gejubelt habe, machen mich jetzt traurig. Ich fürchte immer, aus ihnen herauszuhören: An unseren Wünschen liegt dir ja nichts. Mama scheint auch verstimmt; sie bringt noch mehr Zeit in der Kirche zu als sonst. Gewiß betet sie dort für Elisabeth, und sie hat auch mir aufgetragen, Gott täglich zu bitten, er möge das Herz meiner armen Schwester wandeln und in ihr die gebührende und pflichtgemäße Liebe zu ihrem Manne erwecken. So bete ich denn, muß aber aufrichtig gestehen – ich weiß nicht, ob der Allmächtige sich gerade in dem Punkte etwas dreinreden läßt. Die Liebe, die wahre, die einen solchen Feuereifer für alles Gute in uns entflammt und sich nur mit heißer Andacht vergleichen läßt, die schickt unser Herrgott, wenn er sie überhaupt schicken will, von allem Anfang an. Eine armselige, nachträglich zusammengebettelte Liebe, wen soll die beglücken? Am 25. Mai Gestern habe ich diese Blätter überlesen und mich gefragt, ob ich da auch wirklich Memoiren schreibe? Memoiren handeln von interessanten Menschen, und ich spreche immer nur von mir; sie handeln von interessanten Zeiten, und ich spreche von unserer Zeit gar nicht, die ja sehr interessant ist. »Eine eminent politische Zeit!« hörte ich neulich einen alten Herrn sagen. Nun beschränkt sich aber meine ganze Meinung in der Politik auf eine entschiedene Vorliebe für die Statthalterei; die Gelegenheit, von ihr zu sprechen, ist mir stets willkommen, bietet sich auch oft, weil Papa dort seine Angelegenheit betreibt. Er will eine seiner Gemeinden hindern, gegen bessere Einsicht und eigenen Nutzen den Wald auszuroden. Bisher klagte er oft über die Energielosigkeit der Behörde; auf einmal haben seine Klagen aufgehört. Ich hätte schon längst gern gewußt warum, habe mich aber nicht getraut, mich zu erkundigen, eben wegen des Zusammenhangs unserer ländlichen Übelstände mit der Statthalterei. Heute bei Tische endlich fasse ich Mut und frage: »Was ist's denn mit dem Gemeindewald, Papa? Wird er ausgerodet?« »Wird nicht ausgerodet.« »So hast du es glücklich durchgesetzt? Das ist gescheit!« »Papa hat es durchgesetzt, weil er sich endlich an den rechten Mann gewendet hat«, fiel Bernhard ein und ließ sich nicht hindern fortzufahren, obwohl Papa abwinkte, »an den Mann des Rechtes, der doch einmal nicht Unrecht gehabt hat zu behaupten: Das Recht muß siegen.« Mama und Madame Duphot haben immerfort versucht, den Übergang zu einem andern Thema zu finden, und immerfort ist Bernhard auf das seine zurückgekommen und hat nicht nachgelassen, bis es ihm gelungen ist, dem guten Papa das Geständnis abzuzwingen, daß Baron Schwarzburg ein Mann von Talent ist und von sehr bravem Charakter. – Nachmittags wurde beschlossen, daß wir in acht Tagen auf das Land fahren. Elisabeth kommt zu langem Aufenthalt zu uns – ohne ihren Mann. Der hat eine neue Besitzung in der Marmaros gekauft und baut dort ein Jagdschloß. Meine Schwester ist eine andere Person seit der Abreise ihres Mannes, viel lebhafter, viel lustiger, ordentlich übermütig und den Eltern gegenüber zärtlich und voll Aufmerksamkeiten. Mit mir treibt sie es oft wie mit einem Baby. »Wenn du doch ein wirkliches Baby hättest!« sagte ich zu ihr. Da rief sie: »Schweig! Es ist mein größtes Glück, daß mir der Himmel keines schenkt! Ich könnte es ebensowenig liebhaben wie ...« Sie ließ das weitere unausgesprochen; ich aber verstand sie gar wohl und hatte mit ihr ein unendlich tiefes Mitleid. Wenn ich sie so aufatmen sehe in ihrer Freiheit, erinnere ich mich immer jener schönen Esche bei uns daheim im Walde. Ein furchtbarer Sturm hatte gerast und den jungen Baum derart niedergedrückt, daß sein Wipfel sich im Geäst einer zausigen, krummen Kiefer verfing, die viel kleiner war als er. Und nun konnte die Esche nicht mehr loskommen. Ihr junger Stamm war gekrümmt wie ein Bogen; ihre zarten Zweige, die gewohnt gewesen waren, nur den Himmel über sich zu haben und sich zu regen und zu strecken, wie es ihnen gefiel, hingen welk und freudlos und zur Erde gezerrt in den dünnen Krallen des Bedrängers. Zum Glücke kamen wir vorbei, mein Vater und ich. Er ließ die Kiefer, an der nichts lag, abhauen: die Esche war befreit, welche Seligkeit! Der elastische Baum richtete sich sogleich wieder auf, wonnig bebten seine Zweige, jedes einzelne Blatt begann ein Freudengeflatter zu erheben, und der schlanke Wipfel grüßte seinen Nachbarn und Gefährten, grüßte den Himmel, der ihm, wie zur Erwiderung, einen mild leuchtenden Sonnenstrahl zusandte. Die Esche ist für immer gerettet; meine arme Schwester muß zurück in die Gefangenschaft, wenn der Sommer vorbei sein wird. Sie läßt sich durch diesen Gedanken die Freude nicht stören, die tapfere! Sie sagt: Man genießt das Gute, solange man's hat. Das sind die vom Schicksal Verzärtelten, die für ein Glück nicht danken, weil es nur ein vorübergehendes ist. Krösus hat keine ruhige Stunde, wenn er nicht darauf zählen kann, daß er bis an sein Ende in Reichtum schwelgen wird; der Bettler läßt sich den Appetit an dem Brot, das du ihm schenkst, nicht verderben durch die Furcht vor dem morgigen Hunger. Ich muß sie immer mehr bewundern und bedauern und mein Los im Vergleich zu dem ihren immer mehr preisen. Wie gnädig ist Gott gegen mich! Die selige Freiheit, die meiner Schwester nur für kurze Zeit gegönnt ist, ich werde sie beständig genießen und außerdem noch die große, stille Wonne, recht von Herzen an ihn denken zu dürfen, der mir so unaussprechlich teuer ist. Obwohl von ihm getrennt, werde ich wandeln wie unter seinen Augen und bei all meinem Tun und Lassen mich fragen: Wäre ihm das recht, dem »rechten Mann«, dem »Mann des Rechts«? Merkwürdige Dinge müssen im Werke sein. Es finden geheimnisvolle Zusammenkünfte im kleinen Salon, lange Besprechungen im Schreibzimmer Papas statt. Konfusion herrscht in allen Ecken. Mama hatte die letzten Soireen, die bei uns noch stattfinden sollten, absagen lassen; dennoch erschien vor einigen Tagen Baron Schwarzburg und war sehr verwundert, uns allein zu finden; er hatte keine Absage erhalten. Ich bemerkte, wie Papa und Bernhard, als er eintrat, einen raschen Blick wechselten und dann nicht ganz ohne Besorgnis zu Mama hinüberguckten. Sie verhielt sich kühl, bei weitem aber nicht so kühl wie meine Duphot. Die hat gegen Schwarzburg eine unbegreifliche Antipathie und vertraute mir schon mehrmals unter allen Symptomen des Abscheus, daß sie ihn für einen »esprit fort« hält. Er blieb eine Stunde, und mir war das Glück, ihn zu sehen und sprechen zu hören, sehr getrübt durch die Furcht, die ich immer hatte: Jetzt wird er aufstehen und sich empfehlen, und ich werde ihn nicht mehr sehen, nicht mehr hören, jahrelang vielleicht – wer weiß? –, vielleicht nie mehr! ... Eine namenlose Überraschung war es für mich, als ihm Papa beim Abschiede die Hand schüttelte und sagte: »Auf Wiedersehen also, noch einmal vor Ihrer Abreise.« Da konnte ich mir nicht helfen – ich stürzte auf Papa zu und küßte ihm die Hand. Er sah mich streng an und brummte: »Was hast du? Ich glaube, du bist wieder einmal närrisch.« Am 30. Mai Ich will aufschreiben, was ich erlebt habe – wenn ich kann, wenn meine Hand nicht zu sehr zittert, wenn mir die Gedanken nicht zu arg durcheinanderschwirren. Ich war schon ruhig den ganzen Abend, habe unbefangen von gleichgültigen Dingen gesprochen – warum jetzt wieder diese peinliche Bangigkeit? Es ist mir freilich vorgekommen, als ob meine Eltern und meine Geschwister die verkehrten Antworten, die ich ihnen anfangs gab, absichtlich unbemerkt gelassen hätten ... Täuschte ich mich? Sie machten alle so wichtige Mienen, und mir flogen die wunderlichsten Vermutungen durch den Kopf. Aber das war nachträglich und, was sich vorher begeben hatte, folgendes: Heute nachmittag befand ich mich allein im großen Salon und wartete auf die Rückkehr Mamas und Madame Duphots aus der Kirche. Da geht die Tür auf, und ohne daß er gemeldet worden, tritt Baron Schwarzburg ins Zimmer und sagt: »Ich komme, mich zu verabschieden, Gräfin, ich reise morgen.« Und ich, in meiner Überraschung, bringe nichts anderes heraus als: »Die Mama ist nicht zu Hause.« »Ich weiß es«, antwortete er. »Sie wird wohl gleich kommen«, sagte ich. Darauf verneigte er sich schweigend. Bei seinem Erscheinen war ich aufgestanden und wußte nicht, ob ich ihn bitten dürfte, Platz zu nehmen, und ihn dastehen zu lassen war doch zu unhöflich. Das gab ein unangenehmes Dilemma, und der schöne Moment unseres ersten Alleinseins war recht peinlich. Er ging ans Fenster und sah eine Weile aufmerksam auf die Straße hinunter. Dann wandte er sich wieder zu mir. Er hielt seinen Hut in einer Hand und seine Handschuhe in der andern und klopfte mit den Handschuhen auf den Rand des Hutes. Um nur etwas zu sagen, bemerkte ich: »Es ist heute recht staubig draußen.« Ein sehr liebes Lächeln spielte um seinen Mund. »Ach nein«, sprach er, »es hat ja geregnet.« Nun entstand abermals eine Pause, und es dauerte lange, bis der Baron ihr ein Ende machte und begann: »Sie wissen, daß ich sehr gern nach Bosnien gehe.« Ich erwiderte: »Ich weiß es und weiß auch warum – weil Sie dort eine große Aufgabe zu erfüllen haben.« »In dem kleinen Bereich meiner Stellung«, beeilte er sich zu berichtigen. »Und eben die Kleinheit dieses Bereichs läßt die Aufgabe groß erscheinen. Jedenfalls wird es lange dauern, ehe sie bewältigt werden kann, und früher will ich an die Heimkehr nicht einmal denken.« »Aber einen Urlaub werden Sie doch hie und da nehmen?« »Das gewiß!« »Und uns besuchen?« »Oh – natürlich!« »Das wird viele Menschen freuen, besonders mich.« Diese so selbstverständlichen Worte machten auf ihn einen unglaublich starken Eindruck. Er wiederholte gerührt und warm: »Besonders Sie? Besonders Sie?« schien noch etwas hinzufügen zu wollen, tat einen Schritt auf mich zu, besann sich aber, hielt inne und warf nur plötzlich und heftig seine Handschuhe in seinen Hut, den er auf das Fensterbrett gestellt hatte. Nun faßte ich mir ein Herz und sagte: »Setzen Sie sich doch, Baron Schwarzburg.« Er folgte meiner Einladung, und wir setzten uns einander gegenüber auf die zwei kleinen Fauteuils vor dem Blumentisch, in der Nähe der offenstehenden Balkontür. »Wie schwer und schwül ist diese Stadtluft!« rief er, und ich meinte, auf dem Lande würde es jetzt wohl bei weitem angenehmer sein, und in Bosnien auch. »Oh – bei weitem! Und Sie gehen sicherlich ebensogern auf das Land, wie ich nach Bosnien gehe.« Ich bejahte es, und er verlangte eine Beschreibung meines Lebens in Trostburg, und ich gab ihm genaue Rechenschaft meiner Tageseinteilung. Er dankte mir herzlich dafür; es sei prächtig zu wissen, wo seine Gedanken mich zu jeder Stunde zu suchen hätten, im Wald, im Garten, in meinem Zimmer oder in der Bibliothek, in die Lektüre eines schönen Buches vertieft... »Und meine Gedanken werden Sie oft suchen«, schloß er. »Darauf zähl ich«, war meine Antwort. »Werden auch Sie an mich denken?« fragte er und sah mir fest in die Augen. Ebenso fest sah ich ihn an und sagte: »Immer.« Da ergriff er meine Hand und hielt sie in der seinen, ängstlich, fast wie ein Kleinod: »Das sollen Sie ja nicht tun! Auch an seinen besten Freund, und ich bin der Ihre, denkt man nicht immer. Er muß sich glücklich preisen, wenn Sie sich seiner manchmal wohlwollend erinnern.« Diese Genügsamkeit befremdete mich, mißfiel mir, und ich hatte den Mut, es auszusprechen. Wie von ganzem Herzen lieb er mir ist – sagte ich mir –, muß er ja wissen, und wenn ich so kühn bin, an seine Neigung für mich zu glauben, kann doch er von der meinen für ihn überzeugt sein. So blieb ich denn dabei: Was mich beträfe, so würde ich immer an ihn denken und darin mein höchstes Glück finden. Daß ich mich verheiraten solle, verlangten meine guten Eltern von mir nicht mehr; mit der Gefahr sei es vorbei, ein- für allemal. Ich bliebe bei ihnen, würde sie lieben und pflegen, solange sie leben, und dereinst, wenn ich sie nicht mehr habe, ihr Andenken ehren, ihre guten Werke fortsetzen und das Dasein einer alten Jungfer führen, einer ehrsamen und glücklichen, vielleicht sogar einer hilfreichen und nützlichen. Geduldig hatte er mir zugehört und entgegnete: »Gut, gut. Sie haben mich von allem unterrichtet, von Ihrer Tagesordnung zuerst und jetzt von Ihren Zukunftsplänen. Gut, gut – so wollen wir es halten. Sie eine freiwillige und zufriedene alte Jungfer, ich« – er zuckte die Achseln –, »durch die Notwendigkeit gezwungen, ein alter Junggeselle.« »Durch die Notwendigkeit?« »Ja!« rief er. »Wo fände ich eine Frau, die sich herbeiließe, die harte Existenz zu teilen, welche ich ihr, wenigstens vorläufig, anzubieten habe?« »Ach deswegen! Die harte Existenz, das ist doch kein Hindernis.« »Und was sonst?« »Der Wunsch der Eltern.« »Da stehen wir auf dem alten Fleck. Dieser Wunsch entspringt aus der Erkenntnis: die Töchter, die wir erzogen haben, dürfen eine schlechte Partie nicht machen; sie würden durch eine schlechte Partie höchst unglücklich und elend; sie kämen sich gesunken vor und gar nicht mehr anständig.« Er ereiferte sich immer mehr und sagte in der Heftigkeit Dinge, die nicht ganz logisch waren. Er spottete über die Vorurteile der großen Welt und zwang sich doch mit peinlicher Selbstüberwindung zu versichern, der Brauch habe diese Vorurteile geheiligt, und derjenige, der dem Kreise angehört, in welchem sie gelten, tue gut, sie zu ehren. »Dann tun also Sie nicht gut«, wandte ich ihm ein. »Ich, ach Gott, ich! Sprechen wir nicht von mir! Ich bin ja, wie Sie von jedem hören können – ein Narr. Ich tue nicht gut, freilich nicht, und tue nicht gut aus Überzeugung, und deswegen bin ich ja eben ein Narr ... Aber doch nicht Narr genug, Gräfin, nicht Narr genug, um einem Wesen, das ich liebe, zuzumuten« – er preßte meine Hand, daß ich Mühe hatte, nicht aufzuschreien –, »meinem Beispiele zu folgen und mich zu begleiten auf meinem einsamen Wege.« Er biß die Zähne zusammen, seine Augen rollten, seine gewohnte Selbstbeherrschung verließ ihn, er sah entsetzlich aufgeregt aus, und ich würde mich gefürchtet haben, wenn ich ihn nicht so liebgehabt hätte; aber weil ich ihn so liebhatte, tat er mir nur ungeheuer leid, und ich sagte: »Ich weiß eine, der Sie gar nicht nötig hätten das zuzumuten; die es gerne von selbst täte, wenn sie nur dürfte!« Statt ihn zu beschwichtigen, brachten meine Worte ihn nur noch mehr auf. »Heil dieser Törin, daß sie nicht darf! Es ist ihr Glück; sie ahnt nicht, was sie unternähme, wie auch ich es unbewußt unternahm und den Namen nicht kannte, der mir zukommt und den ich erst erfuhr, als der Hohn der anderen mich taufte: Idealist. Sei du es nur! Ringe gegen das mächtige Element, vergeude deine Kraft im erfolglosesten Kampfe! ... Ringe dich los von allen, die seinem frischen, frohen Laufe folgen, die deinesgleichen, deine Genossen, deine Brüder waren und deren Widersacher du geworden bist, deren Interessen du bestreitest, deren Überzeugungen du verleugnest und – an denen du doch mit allen Fibern deines Herzens hängst!« Er schwieg nun. Auch ich vermochte nicht zu sprechen. Desto lauter jedoch, desto deutlicher rief es in mir: Törin? Ja! weil du meintest, es sei genug, ihm aus der Ferne zu folgen. Bei ihm mußt du stehen, da ist dein Platz! Alle meine anderen Pflichten erschienen mir plötzlich als die geringeren, meine Angst vor meinem geliebten Vater kindisch... Ich glaube, daß ich dann, wenn auch leise, doch nachdrücklich gesagt habe: »Wäre es nicht besser, wenn man in einem solchen Kampfe einen Gefährten an seiner Seite hätte?« »Einen Gefährten?« »Der ebenso gesinnt ist wie man selbst, es aber nur nicht ebenso geradezu eingesteht oder bisher eingestanden hat, weil er sich nicht getraute, sich noch nicht selbst ganz klargewesen ist...« Ich stockte, ich wagte nicht, ihn anzusehen; aber ich wußte, daß seine Augen auf mir ruhten, und er fragte sehr sanft und sehr liebevoll: »Ist er sich denn jetzt auch wirklich völlig klargeworden?« »Ja, er weiß jetzt, daß er dasselbe ist wie Sie – ein Idealist.« »Zeichen und Wunder!« sagte er mit, ach, so gütigem Scherz und vergeblich unterdrücktem Jubel. »Soll mir der wirklich begegnen, ein Idealist, in Ihrem Kreise? Heutzutage!... Es ist unmöglich!« »Nehmen Sie's doch an.« »Soll ich? Darf ich?... Würde der Idealist, den Sie meinen, es aushalten bei mir unbekanntem und obskurem Manne?« »Natürlich, und ich wünsche es sogar von Herzen, daß Sie unbekannt bleiben und obskur, damit ich Ihnen um so mehr beweisen kann ...« Ich kam nicht weiter, denn jauchzend unterbrach er mich: »Sie! Sie!... Sie sind also der treue, hingebende Gefährte? Sie wollen es sein, und mir wäre beschieden, was fast unerhört ist, was das höchste Glück ist – in dem Weibe seiner Seele den Gesinnungsgenossen zu finden, den Vertrauten aller, auch der kühnsten Gedanken, den Berater im Zweifel, im Schmerz den süßesten Tröster und im Gelingen den innigsten Teilnehmer? Das alles wollen Sie mir sein? Alles – trotz allen?« »Es wird wohl nicht trotz allen sein müssen«, antwortete ich, verwirrt durch das leidenschaftliche Entzücken, mit dem er mich an sich zog – »ich werde meinen guten Vater bitten ...« Da schrie er auf: »Ihr Vater!« und sprang empor und griff sich an die Stirn wie ein Verzweifelter. Und ich, zu meiner größten Überraschung, sah, daß Papa und Bernhard dastanden. »Nun«, sagte Papa, »Wort gehalten?« »Fragen Sie mich nicht! Fragen Sie mich nicht!« rief Schwarzburg ganz außer sich. Bernhard lachte laut und rief: »Hast du ihr den Baron Schwarzburg nicht ausgeredet? Das freut mich!« »Mich nicht«, versetzte Papa, »aber ich habe es so erwartet; ich bin kein Idealist, ich kenne die Menschen.« Bernhard platzte wieder heraus: »Wenn er wirklich ein solcher Don Quijote gewesen wäre, daß er ...« »Gib Ruh!« befahl Papa, doch Bernhard rief: »Ich hätte meine Hand von ihm abgezogen.« Ein Diener kam und meldete, daß Mama die Herren erwartete. Diese folgten sogleich dem Rufe, und mich schickte Papa auf mein Zimmer. Da bin ich noch. Sie haben mich ganz vergessen oder wollen von mir nichts mehr wissen. Niemand kümmert sich um mich ... Ach, wenn ich dich nicht hätte, mein liebes Tagebuch, dem ich alles anvertraue, ich wäre sehr, gar sehr zu bedauern ... Epilog Teurer Leser, wenn du mir bis hierher gefolgt bist, hab Dank für deine Treue. Wir nehmen nun Abschied. Die Memoiren, die zu schreiben ich mich vermaß, sind ohnehin in ein Tagebuch ausgeartet, und jetzt wird das Tagebuch sich in eine Korrespondenz verwandeln, deren Inhalt das ewige Geheimnis zweier Menschen bleiben muß. Willst du wissen, wie das gekommen ist, so höre mich noch einmal freundlich an. Schrecklich lange haben sie mich neulich allein gelassen. Es war dunkel geworden, und eine Stille herrschte wie im Grabe. Sogar der unermüdlichste Sänger unter meinen Vögeln war verstummt und schlief zusammengeduckt auf seinem Sprößlein. Beneidenswert fand ich den Frieden des winzigen Geschöpfes ... Endlich näherten Schritte sich der Tür, die kleinen Schritte meiner Duphot. Sie trat ein, sagte traurig und vorwurfsvoll: »Ah, ma chère!« und hieß mich ihr zu meinen Eltern folgen. Ein Herzklopfen wie das, mit welchem ich gehorchte, sollte es nicht geben in der guten und schönen Welt – es ist zu schlimm, zu arg ... Bei meinen Eltern befanden sich meine Geschwister und Schwarzburg. Er stand auf, als ich kam, und auch ich blieb stehen. Papa nahm augenblicklich das Wort: »Paula, deine Mutter und ich wollen uns nicht zum zweiten Male vorwerfen lassen, daß uns das Glück eines Kindes ...« Mama warf ein: »Oder das, was es dafür hält.« »... nicht so wichtig ist«, fuhr Papa fort, »wie es guten Eltern sein soll. Darum haben wir dem Baron Schwarzburg erlaubt, vor seiner Abreise mit dir zu sprechen. Es ist geschehen...« »Anders, als wir erwartet hatten«, bemerkte Mama. »Und wie ich höre, habt ihr euch geeinigt in der Idee ...« »Oder der Einbildung«, meinte Mama. »... daß ihr füreinander geschaffen seid«, sprach Papa, und ich sagte: »Ja.« »Ja«, wiederholte Schwarzburg tief bewegt. »Also – wenn also zwei Menschen wirklich füreinander geschaffen sind – kommt übrigens selten vor –, da ist nichts zu machen. Aber beweisen muß es sich, und der Beweis braucht Zeit – die Dauer ist der Beweis, also wartet.« »Wir werden warten«, sagte Schwarzburg, und Papa sagte: »Drei Jahre.« Mir schwindelte; ich konnte mein Glück nicht fassen. So hieß es denn nicht, wie ich zitternd und bebend mit Bestimmtheit erwartet hatte: Tu's, aber auf unsere Einwilligung verzichte! »Nur drei Jahre?« fragte ich. »Keinen Tag weniger«, versetzte Mama. Und ich: »Das ist gar nichts! Zehn Jahre warten wir mit Freuden, wenn ihr es befehlt, beste Eltern ... Wir sind selig und wünschen nichts mehr, als nur hoffen zu dürfen ...« »Sprich für dich!« fiel mir Bernhard ins Wort. Schwarzburg machte auf einmal ein sehr erschrockenes Gesicht, und ich fragte ihn: »Finden Sie nicht auch, warten, aufeinander warten – ist das nicht himmlisch?« »Je kürzer, um so himmlischer«, entgegnete er. Elisabeth war auf mich zugekommen und hatte mich in ihre Arme geschlossen: »Seht, wie klug, wie vorsichtig! Drei Jahre der Prüfung sind ihr zu wenig, sie will zehn. Oh, die weiß es: Sterben ist nichts, aber heiraten, das ist gewagt!« »Scherzen Sie nicht, Gräfin, ich bitte Sie«, sprach Schwarzburg; »drei Jahre, keinen Tag weniger, aber auch keinen mehr.« Seine Stimme schwankte, aus seinen Augen jedoch blitzte eine kühne und unerschütterliche Entschlossenheit. »Es ist ausgemacht und muß dabei bleiben. Vor wenig Stunden noch«, wandte er sich zu mir, »hätte ich das Glück, das ich jetzt erfahre, unerreichbar genannt – aber ich habe es erfahren, es ist mein, und ich halte daran fest, wie ich gewohnt bin, festzuhalten an meinen hohen Gütern, und Sie, Paula, Sie sind mir das höchste und zugleich, ich weiß es, das sicherste.« Er reichte mir die Hand: »In drei Jahren – aber dann fürs Leben!« »Jetzt schon fürs Leben ...« Mehr vermochte ich nicht zu sagen. Er nahm Abschied von allen. Wie herzlich war dabei Elisabeth mit ihm ... Oh, meine Schwester, dir kann ich nicht genug danken! Nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, da erst fiel das Bewußtsein der Trennung mir bleischwer aufs Herz ... So war er fort, und wir hatten uns kaum, eigentlich gar nicht Lebewohl gesagt. Eine namenlose Sehnsucht ergriff mich, ich kämpfte mit den Tränen, die mich ersticken wollten. Niemand sprach. Plötzlich lachte Bernhard: »Da geht er jetzt, der Mensch, und hat nicht einmal einen Hut.« Sogleich fiel mir ein, wo der stehengeblieben war, und ich lief in den Salon, um ihn zu holen. Und in den Salon kamen sie mir nach – Schwarzburg und Papa –, und wie es geschah, weiß ich nicht, aber im nächsten Augenblicke lag ich an der Brust meines Verlobten, und er küßte mich innig und zärtlich. Papa stand neben uns, nicht mehr der strenge Papa von vorhin, der milde, nachsichtsvolle von je und immer. Ich brauchte nur in seine lieben Züge zu sehen, um mein ganzes grenzenloses Vertrauen wiederzugewinnen und mit dem Mut dieses Vertrauens auszurufen: »Papa, darf ich ihm schreiben?« »Und ich ihr?« fragte Schwarzburg. Papa zögerte. »Warum? Zu was? ... Schaut –« Er seufzte, hielt inne, sah uns gerührt an und sagte dann mit dem vollen Tone seiner unendlichen Güte das alte, hochgepriesene: »Well, do whatever you like.« Die Poesie des Unbewussten Novellchen in Korrespondenzkarten 1 Liebe Mama! 7. Juli Das Schloß liegt auf einem Berge, der für unsere Gegend ein Montblanc wäre, hier aber, neben diesen Riesen, nur ein Kind von einem Berge ist. Gegen Osten hin öffnet sich ein grünes Tal; ein Bächlein durchrennt es, weiß wie gepeitschter Seifenschaum. Wenn ich auf den Balkon trete, rauscht ein Meer von grünen Wipfeln zu meinen Füßen. – »Hör ihnen zu, sie begrüßen dich«, sagte Albrecht. War das nicht nett? Mein Mann ist überhaupt so gut! Ich mache jetzt erst seine Bekanntschaft. Eigentlich hast Du mich mit einem fremden Herrn in die weite Welt reisen lassen. Ich küsse Deine Hände, ich möchte Dir tausend zärtliche Dinge sagen, aber Du liebst das nicht, so sage ich denn nur: Lebe wohl! Deine Tochter 2 10. Juli Dank für Deinen teuren Brief; es ist doch grausam, daß ich, um ihn zu beantworten, nur eines der schönen Kärtchen benützen darf, die Du mir mitgegeben hast. Viel zu tun habe ich allerdings. Ich will auch eine Schloßfrau werden wie meine Mutter, eine Stütze und ein Hort für meine ganze Umgebung. Freilich, Du bist schon lange die Gebieterin Deines Hauses, und ich muß mich erst an die Herrschaft gewöhnen. Albrecht mahnt mich oft: »Laß doch das Bitten weg! Der Oberst sagt zu seinen Soldaten: Vorwärts! Wenn er sagen würde: Ich bitte vorwärts zu marschieren, bliebe wohl mancher zurück.« – Aber das ist doch nicht ganz dasselbe, nicht wahr, meine geliebte Mama? – Ich umarme Dich, ich lege mein ganzes Herz in – oder soll ich sagen: auf diese Karte? 3 13. Juli Mein teures Kind, lasse es nur bei den Kartellen bewenden, murre nicht gegen meine Anordnungen. Daß ich im ersten Jahre Deiner Ehe durchaus keine langen Briefe von Dir erhalten will, das hat seine guten Gründe, die Dein Mann, der »fremde Herr«, der mir ein so gut bekannter ist, sicherlich würdigen wird, Du brauchst ihn nur danach zu fragen. Mit treuer Liebe Deine Mutter. 4 17. Juli Ich habe Albrecht Deine Karte gezeigt und ihn gefragt: »Weißt du sie zu würdigen, diese Gründe?« – Nun, Mama, er hat mich so ernsthaft angesehen, daß ich ganz bestürzt wurde. – »Natürlich«, war seine Antwort. O Mutter, ich fürchte, mein Mann versteht Dich besser als ich! Ich wagte nicht, ihn um eine Erklärung zu bitten, ich bin ihm gegenüber noch sehr befangen. Er spricht so wenig, er ist ein verschlossener Mensch: das Kennenlernen geht nicht so rasch, als ich anfangs dachte. Es ist doch etwas außerordentlich Imposantes um solch einen großen, schweigsamen Mann. Haben wir es denn genug erwogen, ob ich nicht zu gering für ihn bin, ich armes Ding, das in der Welt und von der Welt nichts weiß? 5 22. Juli Ich soll trachten, ihn zu unterhalten! Ach, er hat sich mit mir noch nie so gelangweilt, als seitdem ich ihn zu unterhalten trachte. Tagsüber sehe ich ihn nicht, da ist er im Wald oder in der Fabrik. Er kommt erst zu Tische um sieben Uhr. Nach Tische raucht er und liest Zeitungen, und sodann beginnt das große Schweigen. Ein paarmal befolgte ich Deinen Rat und brachte allerlei vor – von Büchern und solchen Sachen. Er hört mir geduldig zu, aber auf mein Geschwätz zu antworten ist ihm nicht der Mühe wert. Kein Wunder auch. Ein Mann wie er! Ein Kind wie ich! 6 26. Juli Vor drei Tagen dachte ich: Willst doch suchen, ihn ins Gespräch zu ziehen, und fragte ganz direkt: »Wallenstein oder Götz, welchen stellst du höher?« – »Schwer zu bestimmen«, sagte er, machte sein strenges Gesicht und sah aus wie einer, der sich mit Gewalt auf etwas besinnen will. Endlich sprach er: »Ein Buch, das ich sehr gern habe, ist der Siebenjährige Krieg von Schiller. Kennst du's?« – »Ich nicht, und niemand kennt es.« – »Warum?« – »Weil es nicht existiert.« – »So? ...« Seine braunen Wangen wurden noch dunkler; das ist seine Art zu erröten. Hat es ihn verdrossen, daß ich auf seinen Scherz nicht einging? Habe ich eine andere Albernheit begangen? Genug, er stand auf, machte eine Bemerkung über das Wetter und ging sogleich fort. Und seitdem geht er alle Abende fort, und ich sehe ihn fast gar nicht mehr. O hätte ich geschwiegen! 7 Liebe Schwester! 26. Juli Es geht nicht, wie es gehen sollte. Meine Frau ist eine Vollkommenheit an Güte, an Verstand, an Gelehrsamkeit, in allem und jedem – viel zu hoch für mich, und ihre Meinung von mir auch viel zu hoch! ... Die Augen werden ihr aufgehen, und dann werde ich alles verloren haben; ihre Liebe nämlich ist mir alles, die sie mir auf Treu und Glauben geschenkt hat. Es ist jeder zu bedauern, der es mit seiner Frau schlecht getroffen hat; ich habe es zu gut getroffen und bin am allermeisten zu bedauern. Albrecht 8 28. Juli Gestern machten Albrecht und ich einen Ritt durch das Tal. Es zieht sich lange schmal hin, breitet sich dann plötzlich aus und umfängt sammetne Wiesen und einen kleinen See, den unser Waldbach tränkt, am Ufer des Sees liegt ein Garten und in diesem ein allerliebstes Schlößchen. – »Wem gehört das? Wer wohnt da?« fragte ich. – »Ein Graf Wiesenburg hat es bewohnt.« – »Hat?« – »Ja. Er starb vor kurzem in Ems.« – »Unverheiratet?« – »Nein.« – »Und seine Witwe?« – »Nimmt ihren Aufenthalt im Auslande.« – »Und dieser reizende Besitz?« – »Steht leer; soll verkauft werden.« – »Steht nicht leer! Die Fahne weht vom Dache, die Gräfin wird angekommen sein ...« Da sah ich es, wie sehr man sich in acht nehmen muß, ihm zu widersprechen, besonders – – Verzeih, ich lasse mir's heute wohlsein und nehme eine zweite Karte. 9 (Fortsetzung) Besonders wenn er unrecht behält wie gestern, denn gar bald bestätigte ein Bäuerlein, das des Weges kam, meine Vermutung: die Gräfin Blanka von Wiesenburg ist zurückgekehrt. – »Siehst du?« rief ich. Albrecht schwieg, biß seinen Schnurrbart und peinigte sein Pferd. Ich konnte es endlich nicht mehr mit ansehen und sagte: »Aber, Albrecht, der arme Fuchs!... Wäre diese Gräfin doch dort, wo das bekannteste aller Gewürze wächst.« Er warf mir einen Blick zu – Mama, hört eine Frau jemals ganz auf, sich vor ihrem Mann zu fürchten? 10 Teure Mutter! 29. Juli Ich habe erfahren, daß mein Vetter Hans wieder in M. ist und nach wie vor in den Fesseln der Frau von F. liegt. Willst Du ihn nicht zu Dir kommen lassen und ihm ins Gewissen reden? Du verstehst das. Du kannst ihm auch sagen, daß wir uns seiner schämen, Albrecht und ich. Albrecht begreift es nicht, wie ein Mann so ehrlos sein kann, der Frau eines ändern den Hof zu machen. Du hättest die Entrüstung sehen sollen, mit welcher er auf meine Frage: »Begreifst du's?« entgegnete: »Was würdest du zu einem Manne sagen, der das getan hätte?« Ich konnte mich nicht genug beeilen, ihn zu beruhigen: »Verachten würd ich ihn! Er ist ja ein Dieb und Betrüger und in allen Stunden ein Lügner!« »So ist es! So ist es!« sprach Albrecht mit einem Ausdruck, den ich Dir nicht schildern kann. O Gott, wie edel muß man sein, um solchen Schmerz zu empfinden über die Schlechtigkeit der anderen. Ich stand auf, trat zu ihm und drückte einen Kuß auf seine ehrliche Stirn. Er kann aber Zärtlichkeitsausbrüche so wenig leiden wie Du, und auch das gefällt mir im Grunde. – »Laß, laß«, sagte er und wandte sich ab. 11 Liebe Schwester! 29. Juli Ich kann nicht fort, sonst hätte ich Dir schon meine Frau gebracht, es würde mich sehr freuen, wenn Du sie kennenlernen würdest, aber ich bin jetzt mein eigener Fabriksdirektor, und dabei wird es noch eine Weile bleiben müssen. Schrecklich ist gewirtschaftet worden in den letzten verwünschten Jahren, das wäre aber alles nichts, damit werde ich allein fertig, es ist etwas anderes. Daß Blanka im Schlößchen eingetroffen ist!!! So hält die ihr Wort, und so ist alles aus, wenn meine Frau das erfährt, alles aus, und damit werde ich allein nicht fertig. Liebe Schwester, laß den Reisewagen einspannen, setz Dich hinein und komme. Albrecht 12 1. August Liebe Mama! Die Schwester Albrechts hat uns mit ihrem Besuche überrascht. Sie ist um zehn Jahre älter als er und ein Fräulein und wird wohl auch nichts anderes mehr werden. Sie ist groß und mager, sehr liebenswürdig, außerordentlich gescheit. Vor Zeiten muß sie wunderschön gewesen sein. Ihre Augen sind es noch, die sehen einen durch und durch. Sie macht gar nichts aus sich, ihre Haltung hat gewöhnlich etwas Nachlässiges; aber manchmal, plötzlich, scheint sie zum Bewußtsein ihres Selbst zu kommen, und da richtet sie sich auf ... In solchen Augenblicken fühle ich mich neben ihr – eine Mücke. Meinem Albrecht ist wohl in ihrer Nähe. Nun ja, ein Mann wie er kann leicht aufrecht stehen neben jeder Superiorität. 13 3. August Mein Mann spricht jetzt mehr als früher, und Emilie weiß immer, was er gemeint hat, wenn er auch etwas ganz anderes sagt. (Denn er ist sehr zerstreut.) Er hat zum Beispiel in eigentümlichem Zusammenhang den Orinoco genannt oder Karl den Großen. Sie läßt sich dadurch nicht irremachen – wie ich mich neulich durch den Siebenjährigen Krieg –, sie nickt zustimmend: »Ganz recht, du meinst den Mississippi«, oder: »Ganz recht, du meinst Karl V.« Und er sagt: »Natürlich«, und freut sich, daß man ihn so gut verstanden hat. Ja, so mit ihm umzugehen, das muß ich eben lernen! 14 4. August Meine Schwägerin ist noch am Tage ihrer Ankunft zur Gräfin Wiesenburg gefahren. Es war ihr darum zu tun, ein kleines Versäumnis Albrechts gutzumachen. Er vergaß nämlich, der Gräfin seine Heirat anzuzeigen, was sie übelgenommen hat, wie es scheint. Emilie blieb lange aus, und mein Mann erwartete sie mit außerordentlicher Bangigkeit. Ich möchte mich einmal in Gefahr befinden, damit er sich auch um mich ängstige. Als Emilie endlich zurückkam, merkte ich ihm viel weniger Freude an, als ich ihm früher Unruhe angemerkt hatte. Er fragte nur: »Etwas ausgerichtet?« – »Eigentlich nein; du mußt hinüber.« Albrecht protestierte, und das freute mich; ein so außerordentliches Wesen seine Schwester auch ist, sie hat ihm doch nicht zu sagen: Du mußt! 15 6. August Gräfin Blanka hat uns besucht. Denke Dir ein Schneewittchen mit blauen, melancholischen Augen, mit gewellten, seidenen, aschblonden Haaren. Mein alter Musiklehrer (ich lasse ihn herzlichst grüßen) würde sagen: Eine harmonische Erscheinung. Ich war beim ersten Blick von ihr bezaubert, und sie – o Himmel, solang ich lebe, ist mir noch niemand mit solcher Wärme entgegengekommen! Sie ist eine ebenso ausgezeichnete Person wie Emilie, und auch ihr Dasein war reich an Prüfungen; sie war unglücklich verheiratet, sie sagt es selbst, sie ist zutraulich wie ein Kind, obwohl sie schon dreißig Jahre alt sein soll. Wie traurig, daß ich die kaum gewonnene Freundin so bald wieder verlieren werde! Das Schlößchen ist verkauft und Blanka nur hierhergekommen, um ihre Zelte abzubrechen. 16 8. August Es ist merkwürdig bei uns seit der Anwesenheit Blankas. Sie kommt oft zu mir, möchte mit mir allein sprechen. Ja! ob Albrecht und Emilie uns auch nur einen Augenblick verließen! Ich werde bewacht und behütet... man könnte es nicht anders treiben, wenn Blanka der böse Feind wäre, der auf mein Verderben sinnt. Ich bin nicht mißtrauisch, es geschieht aber alles, um mich dazu zu machen. 17 10. August Blanka muß einmal eine große Enttäuschung erlitten haben, sie spielt oft darauf an. – »Es gibt keine Treue in der Welt!« sagte sie heute, und Emilie erwiderte: »Das Gegenteil zu beweisen steht jedem frei. Er übe Treue, und sie wird in der Welt sein.« Dabei leuchteten ihre Augen. Aber Blanka hielt den Blick aus (der mich blinzeln macht wie ein Blitz) und lächelte nur und sprach: »Die Lehre mache ich mir zunutze. Ich führe meine Vorsätze treulich aus. Sie glauben doch nicht, daß ich hierhergekommen bin, um Gerümpel einpacken zu lassen? Ich bin gekommen, um Gericht zu halten, und das wird geschehen.« – Nun lächelte auch Emilie, aber etwas säuerlich. – »Gericht halten oder denunzieren?« – »Wie Sie wollen.« – »Bei derlei Affären erweist der Denunziant sich oft als Mitschuldiger.« – »Wer weiß, vielleicht ist ihm alles, sogar die Begeisterung der Unschuldigen und Reinen, feil um die Wollust der Rache...« Das sind kindische Reden, aber die Damen führen sie mit einem Nachdruck, als ob hinter jedem Wort eine Armee von Gedanken versteckt wäre. 18 12. August Habe ich Dir schon erzählt, daß Blanka ein Vergnügen darin findet, meinen Mann zu necken? Mich wundert nur, daß sie den Mut dazu hat. Ja, sie neckt ihn mit seiner... seiner zeitweiligen kleinen Gedächtnisschwäche. Sie behauptet auch, er hätte eine neue Orthographie erfunden. Beim Ordnen verschiedener Papiere (vermutlich ihres Mannes) ist sie auf merkwürdige Schriftstücke gekommen, die sie mir zeigen will – wegen der Orthographie. Sie sagte das so sonderbar, ihre Art und Weise war so herausfordernd – schien Albrecht so peinlich zu berühren, daß es mich verdroß und ich ausrief: »Nur her mit diesen Elaboraten! Ich will sie sehen! Ich habe ohnehin keine Ahnung von dem Stil meines Mannes, wir schrieben uns nicht während unseres kurzen Brautstandes. Nur her also! nur her!« – Da fuhr er aber auf mit einer unbegreiflichen Heftigkeit... Und diese Heftigkeit, und seine finstern, lauernden Mienen... Ich liebe ihn ja unaussprechlich, wenn das aber so fortgeht, werde ich ihn noch mehr fürchten als lieben, und das, Mama – das wird ein Unglück sein. 19 15. August Verehrte Schwiegermutter! Ich bestätige mit ehrerbietigem Dank den richtigen Empfang der Korrespondenzkarten meiner lieben Frau und habe Ihre gute Meinung daraus ersehen. Es ist sehr schlimm, denn ich weiß nicht, was ich tun soll, damit sie nicht so vor mir erschrickt, wenn ich vor ihr erschrecke. Das Gewitter steht über meinem Hause, der Blitz wird gleich einschlagen. Sie wissen alles, ich habe Ihnen pflichtgemäß alles eingestanden, bevor ich um Ihre Tochter, meine liebe Frau, bei Ihnen geworben habe... Meine Situation ist auf das höchste gespannt – soll ich nicht abspannen? – auch ihr alles eingestehen?! Sie wird mich verachten; raten Sie mir! Es wird alles geschehen, nur mit Worten kann ich meine liebe Frau nicht täuschen, genug schon, zuviel, daß es mit Vertuschen geschieht. Raten Sie mir!! 20 18. August Lieber Schwiegersohn! Die Frage, ob Sie alles gestehen sollen, haben Sie wohl nicht im Ernst gestellt, deshalb erspare ich mir die Beantwortung derselben; und was das Täuschen anbetrifft, so muß ich sagen, wenn Sie es nicht können, so trachten Sie es zu lernen, denn wie wollen Sie regieren, wenn Sie nicht täuschen können? Und eine Frau nehmen, hat doch regieren wollen geheißen, seit die Welt steht. 21 20. August Verehrte Schwiegermutter! Verzeihen Sie, Sie irren sich. Ich habe es ernst gemeint, das mit dem Gestehen. Es ist nicht so kurios, wie es aussieht, weil ich weiß, daß »man« nicht ruhen wird, bevor »man« mich verraten hat. Aber weil Sie es so nehmen, werde ich schweigen. Möge ich es nie bereuen, aber ich werde es bereuen. Die Reue ist etwas Schreckliches. Ich bin in ihren Krallen zum Feigling geworden. Könnte übrigens auch auf einmal andere Saiten aufziehen; meine Schwester hält mich ab, sonst hätte ich schon energische Maßregeln ergriffen. 22 22. August Lieber Schwiegersohn! Ihre Schwester hat recht, energische Maßregeln sollen Sie nicht ergreifen, sondern in Gottes Namen, wenn man Sie verrät – sonderbar! ich meine eher sich –, zugeben, daß Sie das Unglück gehabt haben, bei einer Kokette Glück zu haben, sogleich jedoch hinzusetzen, daß der Mann Rechenschaft zu verlangen hat von der Vergangenheit seiner Frau, diese aber nicht von der seinen, in bezug auf Herzensangelegenheiten. Auf Argumente lassen Sie sich, wenn ich Ihnen raten darf, nicht ein, das einzige: »Es war von jeher so«, ausgenommen, das allerdings schwach ist; aber in dieser Sache gibt es wenig starke, und solange die schwachen gelten... Wir wissen von den meisten Münzen, daß sie den Wert, den sie anzeigen, nicht besitzen – da sie jedoch allenthalben für denselben angenommen werden... Sie verstehen mich. 23 22. August Alles gut, mehr als gut. Wir waren im Schlößchen, um Abschied zu nehmen, Emilie und ich. Albrecht hatte versprochen, uns nachzukommen, erschien aber nicht. Er hat wieder furchtbar viel zu tun, dachte ich, und entschuldigte ihn auch damit bei Blanka. Statt dessen – wir sind noch gar nicht lange auf der Rückfahrt begriffen, und wen erblicke ich? ... Niemand anders als meinen Herrn Gemahl, der am Wege steht und nach uns (wäre ich ganz aufrichtig, ich sagte nach mir) auslugt, hoffend und harrend, wie eine männliche »Spinnerin am Kreuz«. Als wir in seine Nähe kamen, springt er in den Wagen, sieht erst Emilien an, die ihm wie beruhigend zunickt, und dann mich und sagt so freudig: »Also wieder da! Also glücklich wieder da!« als ob ich unversehrt aus der Schlacht oder von einem Ausflug zu den Menschenfressern heimgekehrt wäre. »Was hast du denn gefürchtet?« fragte ich, »der Weg ist ja gut, und die Pferde sind sicher.« Da nahm er meine Hände in die seinen und sprach das geflügelte Wort: »O mein Herz – lieben heißt fürchten!« 24 23. August Sie ist fort, leider fort, wie eine liebliche Erscheinung aufgetaucht und wieder verschwunden. In der zwölften Stunde erwachte Albrechts Gewissen, und er fuhr nach der Eisenbahnstation, um Blanka ins Kupee ein Lebewohl nachzurufen. Er hat einen weiten Weg und kann vor Abend nicht zurück sein. Emilie ist zu Hause geblieben. Ach, liebe Mama, sie glauben, ich merke nichts, während ich mich im stillen königlich ergötze an allen ihren Schlichen! Albrecht ist nicht nach der Station gefahren, weil ihn danach verlangte, sich bei Blanka zu empfehlen, sondern weil er sich überzeugen will, ob sie auch wirklich fortreist. Emilie spaziert nicht zu ihrem Vergnügen längs der Terrasse auf und nieder, sondern um wie eine Schildwache zu patrouillieren – – – Und während alle diese weisen Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, ist das, was sie verhüten sollen – geschehen. Die Briefe Albrechts an den Grafen sind in meinen Händen. Ich habe sie! Ich habe sie! Emilie ruft, ich will zu ihr. Lebe wohl für jetzt. Mit der Nachmittagspost schicke ich noch eine Karte. 25 23. August, nachmittags Wie ich zu den Briefen kam, mußt Du hören. Ein kleiner Junge brachte mir ein Körbchen, gefüllt mit herrlichen Rosen. – »Wer schickt das?« fragte Emilie. – »Der geistliche Herr.« – »Ja so!« Nichts einleuchtender. Wir waren neulich vor dem Garten des Pfarrers stehengeblieben und hatten seine Zentifolien bewundert, und lauter Zentifolien waren es, die, nachlässig hineingeworfen, das Körbchen füllten. Ich freue mich, trage die Blumen in mein Zimmer, um sie in Wasser zu setzen, und siehe da, unter ihnen verborgen liegt ein Zettel und ein versiegeltes Päckchen. Den Zettel schreibe ich Dir ab: »Die Auslieferung dieser Briefe an Sie kostet mich viel – Ihre gute Meinung. Je nun – ich bezahle den Preis, heimsen Sie den Vorteil ein. Das Leben überhaupt, die Ehe insbesondere, ist ein Kampf. Hier sind Waffen. Blanka« Im Augenblick, in dem sie für immer von uns scheidet, findet sie noch die Stimmung zu einem etwas boshaften Scherz. Er beweist allerdings eine starke Seele, und was sie da schreibt, ist ja recht geistreich; aber ein einfaches warmes Abschiedswort wäre mir doch lieber gewesen. 26 24. August Meine geliebte Mutter! Heute muß es ein Brief sein, und heute mußt Du es mir verzeihen. Ich erzähle von Anfang an, obwohl nur das Ende interessant ist. Albrecht kam gestern erst nach neun Uhr zurück. Er hatte den Wagen vor dem Hoftor halten lassen und war schon ins Haus geeilt, während ich am Fenster stand und mich fürchtete, weil ein schweres Gewitter aufstieg. Da öffnet sich die Tür, und Albrecht stürzt herein. Ich erschrecke, stoße einen Schrei aus, und – er schreit auch: »Was ist? Was gibt's? Was hast du? ...« Sieht sich im Zimmer um, sieht alles mit einem Blick, auch die Rosen, die neben der Lampe auf dem Tische stehen, und ich, weil sein verstörtes Wesen mich ängstlich macht, plumpse sogleich heraus: »Blanka hat sie geschickt, deine Briefe lagen dabei.« Er zuckte zusammen wie ein verwundeter Hirsch, sprach kein Wort und fuhr mit beiden geballten Fäusten nach dem Kopf. »Albrecht! Albrecht!« rief ich, »wie unrecht von dir, wie schrecklich unrecht!« – »Nicht wahr? ...« Er stöhnte nur so, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich nicht in Tränen ausbrach über seinen Schmerz, sondern – freilich mit sehr beklommener Stimme – sagen konnte: »Wie unrecht, daß du Geheimnisse vor mir haben, dich mir nicht zeigen willst, wie du bist, mit deinem guten und braven Charakter und mit deiner mangelhaften Orthographie!« »Du spottest«, preßte er mühsam hervor, und ich entgegnete: »Dich verspotten, weil du nicht Zeit hattest, hinter den Büchern zu hocken? Ein Mann wie du, der Besseres zu tun hat! O Lieber! warum mich täuschen wollen? Was liegt denn mir daran, ob du glaubst, daß die Inster im Nassauischen entspringt und daß Katharina von Medici die Frau Peters des Großen war? Wenn du nur das sicher und gewiß weißt und festhältst und nie vergissest, daß ich deine einzige Freundin und Vertraute bin und sein muß ...« – »Auch sein willst?« unterbrach er mich und schnappte nach Luft. – »Willst? ... Hab ich da noch zu wollen? Bin ich nicht deine Frau?« Und er: »Das jetzt? Jetzt – nachdem du gelesen hast –« Er deutete nach dem Päckchen und zitterte, wahrlich, der ganze Mann zitterte, und es war sein Glück, sonst wäre ich ernstlich und unbarmherzig böse geworden. Aber weil er gar so beschämt und reuig aussah, sagte ich nur ein wenig vorwurfvoll: »Gelesen? ... Albrecht! wie kannst du es glauben?« »So hast du nicht? ... hast nicht? ...« »Überzeuge dich, ob das Siegel unversehrt ist«, gab ich, und diesmal recht trocken, zur Antwort und steckte ihm die Briefe in seine Brusttasche. – »Und in Zukunft halte es nie mehr für möglich, daß ich wissentlich etwas tue, das dir unlieb ist ...« Nun kommt das Interessante! und daran werde ich denken, solange ich lebe. Statt aufzufahren über meine harten Worte, wie ich erwarten mußte, statt dessen – – – Liebe Mutter, nie hat er vor mir gekniet, nicht als Bräutigam, nicht in der ersten Flitterwoche ... In dem Augenblick aber – bevor ich mich besann, bevor ich's hindern konnte – da lag er zu meinen Füßen, mein bester Mann, mein teurer Herr, und faltete seine Hände wie ein Betender. In seinen Augen glänzten große Tränen, und er rief, und er flüsterte mit lautem Jubel, mit stillem Entzücken: »O mein Weib! mein Kind!« Ob spät, ob früh Und spät wie dir, du Feuergelbe, Stahl sich die Liebe mir ins Herz, Ob spät, ob früh, es ist dasselbe Entzücken und derselbe Schmerz. Hermann v. Gilm: Die Georgine »Ganz hergestellt, verlassen Sie sich drauf! Noch etwas zu tun ist absolut nicht notwendig. Wenn Sie aber durchaus wollen, daß auch das Überflüssige geschehe, dann schicken Sie ihn nach Reichenhall.« »Schicken?« fragte die Baronin mit einem leisen Vorwurf in ihrem Tone. »Führen also, wenn er nicht allein gehen darf.« »Sagen wir: geleiten. Etwas mütterliche Aufsicht darf sich ein Sechzehnjähriger, der kürzlich eine Lungenentzündung überstanden hat, gefallen lassen.« »Kürzlich eben nicht. Indessen bei Ihnen sind wir ja gewöhnt, nicht nur das Gute, sondern immer mehr als das Gute tun zu sehen. Geleiten Sie also den Sohn, und wenn das Geleiten auch ein Leiten sein soll, dann bitte ich: mit flottanten Zügeln. Luft geben, gnädigste Baronin! Bedenken, daß ein Mann aus ihm werden soll und nicht ein Nönnchen.« »Ein Mann, ein Mann – im doktorlichen Sinne ... das hat Zeit. Vorläufig steht er, so entwickelt er geistig und so groß er ist, der Männlichkeit viel ferner als der Kindlichkeit.« »Wer weiß – wer weiß? Sie nicht, ich nicht, er selbst am wenigsten. Aber sich gefaßt machen auf das, was kommen muß und kommen soll. Nur vor Überraschungen hüte man sich, die sind unangenehm. Jede Mutter soll vorbereitet sein auf den Tag, an dem sie ihr Kind verloren hat, weil ein Jüngling aus ihm geworden ist.« »Gewiß, Herr Doktor, lieber Freund. Jetzt aber glaube ich mein Kind noch zu haben«, sagte sie bewegter, als sie wollte, und eine hohe Röte überflog die zarten Wangen der schönen blonden Frau. Der Doktor griff nach ihrem Pulse und versicherte ihr halb scherzend, eine Kur in Reichenhall sei für sie mindestens ebenso angezeigt wie für ihren Sohn. Die Wahl des Badearztes, an den die sogenannten Patienten sich wenden sollten, wurde getroffen, der Tag der Abreise bestimmt. Die Baronin stellte die Hausordnung fest, die während ihrer Abwesenheit zu beobachten war. Zuletzt suchte sie dann einen geeigneten Augenblick, um dem Gatten Kenntnis von ihren Beschlüssen zu geben. Das mußte in möglichster Schnelligkeit geschehen, sonst würde er sie gar zu früh mit seinem: »Im voraus einverstanden, liebes Käthchen«, unterbrochen haben, was doch schon manches Unbehagliche für ihn zur Folge gehabt hatte. Und das wollte sie ihm ersparen wie überhaupt alles Störende und Widerwärtige. Vor achtzehn Jahren hatte er um sie geworben als ein damals schon hochgestellter Staatsbeamter, und freudestrahlend hatten ihre Eltern ihr das Ereignis mitgeteilt. Ihre Freundinnen – oh, wie war deren Zahl gewachsen! Ihr Bekanntenkreis, oh, wie hatte er sich erweitert! Alle priesen ihr Glück und überboten sich im Lobe ihres Bräutigams. Ein Elitemensch! Ein allverehrter Mann! Der Gedanke an ihn war untrennbar von dem Gedanken an einen Glanz. Seine äußere Erscheinung – glänzend, die Laufbahn, die er schon zurückgelegt hatte – glänzend, die Zukunft, die ihm entgegenlachte – glänzend. Die von ihm Erwählte, das kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen aus verarmtem Adelsgeschlechte, war völlig geblendet und staunte über die andern, über sich, über ihn, über die Wichtigkeit, zu der sie plötzlich gelangt war. Sie staunte, wie das geschehen konnte ohne ihr Zutun; es war über sie verfügt worden, ehe sie sich's versah. Aber als er, ein zweiter Graf Wetter vom Strahl, gefragt: »Fräulein Käthchen, wollen Sie mich?« den wohlgerundeten Arm um sie gelegt und den Bräutigamskuß auf ihren Mund gedrückt hatte, kam sie sich vor wie ihm angetraut. Und dann nach ihrer Verheiratung sah sie ein, und es bereitete ihr nicht einmal eine Enttäuschung, daß sie in seinem Dasein nur eine Nebenrolle spielen könne. Seine Interessen lagen außerhalb der Familieninteressen. Im Amte blieb sein Herz, sein Geist, das Genie, von dem er gestreift war, zurück. Nach Hause kam ein feierlicher, schweigsamer Herr, der sich verwunderte, wenn seine Frau ihm Rechenschaft geben wollte von irgendeiner Anordnung, die sie getroffen hatte. Er billigte alles, was seine ruhige, umsichtige Käthe beschloß; er war leichtlebig zum Äußersten vor lauter Gleichgültigkeit. Als das Kind eintraf, sagte er nicht einmal wie Buddha: »Ein Sohn ist mir geboren, eine Kette ist mir geschmiedet.« Er empfand die Kette nicht. Sein Knabe wuchs prächtig unter der Obhut der Mutter heran; der vielbeschäftigte Vater bemerkte nicht, daß sein Junge ihn nie ansprach, immer erst ermahnt werden mußte, ihm guten Morgen oder gute Nacht zu sagen, von seinem Ein- und Ausgehen nicht mehr Notiz nahm, als wenn ein Schatten hin und her geglitten wäre. Für den Knaben bestand sein Elternpaar aus einer zärtlichen, allgütigen, immer anwesenden Mutter und einem großen, breitschultrigen Herrn, dem er Respekt zu bezeigen hatte. Wenn die Leute mit ihm von seiner Mutter sprachen, sagten sie immer »die Mama«. Beim Vater wechselte von Zeit zu Zeit die Titulatur. Er wurde, soweit Harald zurückdachte, »der Herr Ministerialrat«, später »der Herr Sektionschef« und seit einigen Jahren »der Herr Baron« genannt. Diese letzte Wandlung machte Eindruck auf seinen Sohn. Der Titel eines Mannes, der nach der alten deutschen Reichsverfassung unmittelbar unter dem Kaiser stand, gefiel ihm sehr, und die Wichtigkeit des Vaters, der ihn tragen durfte, schien ihm erhöht. Er begann ein Verständnis für das stolze Nicken zu haben, mit dem der Baron jedes über Harald geäußerte Lob hinnahm. Selbstverständlich – du bist ja mein Sohn, bedeutete die schweigende Zustimmung. Käthe jedoch jubelte im stillen. Die Triumphe ihres Einzigen waren zugleich Triumphe ihres Erziehungssystems, das im Fernhalten aller schädlichen Einflüsse von ihrem Kinde gipfelte. Sie erlaubte ihm weder den Besuch der Schule noch den Umgang mit minder gut behüteten jungen Leuten. Aber dafür hatte sie gesorgt, daß ihm seine Abgeschiedenheit nie empfindlich wurde. Sie verstand tausend Interessen in ihm zu wecken, ernste und auch spielerische. Seine große helle Stube war angefüllt mit Sammlungen, und in freien Stunden ordnete, ergänzte, katalogisierte er seine Mineralien, Pflanzen, Münzen, Kupferstiche, trieb Musik mit vielem Talent, machte seinem Fecht- und seinem Reitlehrer Ehre. Heiter und freundlich, wie er in die Welt blickte, blickte die Welt ihm entgegen und enthielt für seine unbefangenen Jünglingsaugen nur Licht und Schönheit und Erfüllung noch unbestimmter Hoffnungen und nicht ausgeträumter Träume. Nie hatte seine Mutter ihn anders als vergnügt und zufrieden gesehen, nie war er ihr anders als mit größter Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit begegnet, hatte ihr immer ein grenzenloses Vertrauen gezeigt; und nun mußte sie doch ein Wort hören, das wie eine Ermahnung klang: »Leiten Sie ihn, aber mit flottanten Zügeln.« Hatte sie denn je die Zügel fest angezogen? Sie glaubte es nie getan zu haben, glaubte auch an ihrem Kind eine Überraschung nicht erleben zu können. An einem regnerischen Junimorgen fuhren Mutter und Sohn mit dem Schnellzuge von Wien ab. Der Vater hatte die Seinen reichlich mit Geld versehen, ein Kupee erster Klasse für sie bestellt, ihre Dienerschaft in einem anstoßenden Waggon unterbringen lassen. Auf dem Bahnhof wurde freundlich Abschied genommen, und der Würdenträger kehrte, nachdem er der Pflicht Genüge getan, zu seiner Liebe – seinem Amte – zurück. Als er über den Perron hingeschritten, pfeilgerade aufgerichtet, mit einer lässigen Berührung der Zylinderkrempe die Bücklinge des Bahngewaltigen und seiner Untergebenen erwidernd, hatte sich in dem Jüngling, der ihm nachblickte, ein nicht geringer Stolz auf seinen so hochgeehrten Vater geregt. Die Baronin war, erschöpft durch die Mühen der Vorbereitungen zur Reise, schon in Purkersdorf eingeschlafen und erwachte erst in Pöchlarn. Sie saß mit dem Rücken gegen die Lokomotive in einer Ecke des Waggons, der Sohn in einer Ecke ihr schräg gegenüber. Er hatte ein Bein über das andre geschlagen und auf das erhobene Knie ein Buch gelegt, das er festhielt in der linken Hand; die Knöchel der geballten Rechten bohrten sich in die Wange. Seine Reisemütze war ihm ins Genick zurückgeglitten, blonde kurze Wellen der natürlich gelockten Haare schmiegten sich an seine weiße Stirn, seine Augenbrauen zogen sich zusammen, von Zeit zu Zeit bebten die Flügel der schmalen Nase, die halb geöffneten Lippen schienen durstig etwas Unsichtbares, Köstliches einzuziehen. Er regte sich nicht, als der Zug anhielt; er überhörte die Frage, die seine Mutter an ihn richtete; er hätte vermutlich das Notsignal überhört. Die Baronin betrachtete ihn mit unendlicher Liebe. Er sah klug und überlegen aus in seiner weltentrückten Versunkenheit; er war ein so hübscher Bursche! Schon fingen die Weiber an, ihn merken zu lassen, daß er ihnen gefiel ... Sie sind so miserabel, die Weiber! Ihnen ist nichts heilig, nicht die Unschuld eines Jünglings, nicht die Verzweiflung einer Mutter .... Entsetzliche Vorstellungen stürmten auf sie ein, und sie rief unwillkürlich laut und angstvoll seinen Namen. Er sah auf: »Was willst du, Mama?« »Nichts– eigentlich nichts .... Wo sind wir denn? Haben wir Pöchlarn schon passiert?« »Ich weiß wirklich nicht– ich habe gelesen.« »Sehr aufmerksam. Ist es hübsch, dein Buch?« »Nein, Mama, es ist hinreißend, es ist göttlich! ... Es ist das Leben und auch die Poesie ... es ist eine Offenbarung, Mama, leuchtet tief ins Innerste hinein, schmeichelt, droht, liebkost und schneidet ins Herz ... es weckt auf ... Mutter, ich glaube, ich habe bis jetzt geschlafen!« Er war aufgesprungen, hob das Buch in die Höhe, schüttelte es, wie man die Hand eines Freundes schüttelt, und hielt das Titelblatt seiner Mutter vor die Augen. Sie las: Erzählungen von Iwan Turgenjew. »Kennst du sie?« fragte er. »Ich kenne viele Erzählungen von Turgenjew.« »Auch die? ... Auch die herrlichste?« Er schlug das Buch wieder auf und bezeichnete mit dem Finger den Titel der Erzählung: Die erste Liebe. »Die eben nicht. Erzähle sie mir.« »Ja, wenn ich das könnte! Wer kann so etwas erzählen?« »Sage nur den Inhalt, ganz kurz. Um was handelt sich's? Was für Menschen kommen vor?« »Ein junges Mädchen, Sinaïde. Ihre Mutter ist eine Fürstin – sehr arm und so gemein! Sie schnupft und führt immer Prozesse. Sie hat sich mit ihrer Tochter in ein baufälliges, enges und niedriges Nebengebäude auf der Besitzung des Vaters von Woldemar eingemietet.« »Wer ist Woldemar?« »Der Sohn des Gutsbesitzers, ein Bub ...« »Wie alt?« »Ach Gott, sechzehn!« Er verzog geringschätzig die Lippen, er stand ja am Morgen seines achtzehnten Jahres.– »Der verliebt sich in die Sinaïde, alle verlieben sich in sie, ein Husarenoffizier, ein Doktor, ein Graf, ein Poet, jeder möchte sie heiraten.« »Heiraten– wirklich?« fragte die Mutter übereilt, und unbefangen antwortete der Jüngling: »Jeder. Und sie macht sich über alle lustig, und keiner nimmt ihr etwas übel. Wenn sie nur kommen dürfen, sind sie glücklich. Den Woldemar hat sie gleich gefragt: »Gefalle ich Ihnen?« Und sie weiß doch, der arme Kleine möchte auf den Knien vor ihr herumrutschen; denn sie ist eine Königin, obwohl arm und schlecht angezogen – ein dunkles Wollkleid hat sie an und, denk dir, eine Schürze ... Ist eine Fürstin und trägt eine Schürze ... Aber sie ist klug und lieblich und hat goldig schimmernde Haare und eine Stimme mit Silberklang ...« Mein guter Bub, dachte die Baronin, du bist selbst in sie verliebt und wirst von nun an jedes hübsche Mädchen, das dir begegnet, für eine Sinaïde halten. »Und wie endet die Geschichte?« fragte sie. »Oh, traurig! Woldemar, so kindisch er ist, fühlt doch, daß sie mit ihm spielt wie die Katze mit der Maus, aber losmachen kann er sich nicht. Er schleicht um ihr Haus herum, wenn er nicht bei ihr sein darf, oder klettert auf die hohe Mauer eines halbverfallenen Treibhauses am Ende des Gartens und bleibt stundenlang dort oben ganz müßig. Er sieht kein Buch mehr an, studiert nicht mehr, geht nicht mehr spazieren, reitet nicht mehr aus. Einmal kommt sie ...« »Wer – sie?« »Nun, Sinaïde, an der Mauer vorbei und sagt: ›Sie behaupten, daß Sie mich lieben. Springen Sie doch herunter auf den Weg, wenn Sie mich wirklich lieben.‹ Und er, natürlich, springt herunter.« »Natürlich findest du das?« »Aber Mama, man müßte sich doch schämen.« »Und bricht den Hals, das arme Kind?« »Nein, er verliert nur ein bißchen die Besinnung ... Und da ...« »Nun, was geschieht?« »...da küßt sie ihn.« »Solange er nicht bei Besinnung ist.« »Auch ein bißchen nachher«, sprach er, über und über errötend. »Und damit endet die schöne Geschichte?« »Gott behüt's, Mama, was denkst du? ... Sinaïde hat einmal gesagt: ›Ich kann niemand lieben, auf den ich herabsehen muß; ich brauche einen Mann, der mich selbst zahm machen könnte.‹ Und – denke! denke! – der kommt – und den liebt sie, und der ist – der Vater des Woldemar –« »Den Vater des Woldemar liebt das junge Mädchen? Ach geh!« »Du mußt nicht glauben, daß er alt ist, o nein! Nicht alt, schön und stolz, aber nicht gut– nicht einmal gegen sie .... Er schlägt sie sogar– und Woldemar sieht das mit an.« »Sieht es mit an– wieso– zufällig?« »Ja.« »Belauscht der Sohn den Vater?« »Nein, nein, Woldemar ist kein Lauscher– ganz ohne Absicht kommt er dazu, hört und sieht. Der Vater lehnt am Fenster eines kleinen Hauses– das ist nicht mehr auf dem Gut; das ist in Moskau–, und am Fenster sitzt Sinaïde und hat den Arm auf die Brüstung gelegt. Der Vater verlangt etwas von ihr, das sie nicht tun will– ich glaube, er will, daß sie sich von ihrer Mutter trenne–, sie gibt nicht nach, da– heftig wie er ist, hebt er die Reitgerte, und ein harter Schlag trifft ihren entblößten Arm. Sie fährt zusammen, sieht ihn an, sagt nichts, hebt den Arm– und küßt die rote Schramme ....« Stoßweise brachte er das hervor; seine Stimme wollte ihm nicht recht gehorchen, und eine leichte Blässe überflog wie feiner durchsichtiger Reif seine rosigen Wangen. Der besorgte Blick der Mutter streifte ihn. Daß es ihn so bewegte! Daß er mitempfand, was der kleine Woldemar empfunden haben mochte, als er die Vielgeliebte die Schramme küssen sah .... »Gepeitscht werden und seine Striemen küssen«, sprach sie in ungewohnt herbem Tone, »das ist niedrig.« »So meinst du, Mama; Woldemar denkt: Das ist Hingebung, Leidenschaft, das ist Liebe!« »In dem Fall ist dir also dieser kleine Junge eine Autorität.... Aber sag einmal, wer hat dir das Buch Turgenjews empfohlen? Woher hast du's?« »Ich habe es gekauft, zugleich mit einigen Sachen von Gorkij, der jetzt so gelobt wird in den Zeitungen. Es ist wahr, er packt gewaltig.« Der Jüngling nahm eine gewichtige Richtermiene an. »Sein erstes Buch hat mich entzückt, das zweite auch noch; beim dritten war mir, als ob ich Erde essen müßt.... Und denk nur, er wagt es, die Werke Turgenjews Milchsuppen zu nennen.« Gorkij!– Ihr Sohn sprach von Gorkij wie von einem ihm wohlbekannten Autor. Er las Bücher, die weder seine Mutter noch– darauf hätte sie schwören mögen– einer seiner Lehrer für ihn ausgewählt hatte. Nun, dachte sie, die unangenehme Überraschung ist schon da, und fragte sanft und traurig: »Harald, mein Kind, du gehst ganz einfach in die Buchhandlung und kaufst Bücher?« »Was soll ich dort anders kaufen, Mama?« »Und du gehst allein in die Buchhandlung?« »Ach nein! Einer meiner Raben, Hugin und Munin, der gute, liebe Pater Renner geht mit oder Doktor Weber.« »Und die sind einverstanden mit der Wahl, die du triffst?« »Das weiß ich nicht, danach frage ich nicht, Mama– und sie finden es ganz natürlich, daß ich nicht um Erlaubnis bitte wegen jeder Kleinigkeit.« Es kam ein wenig ungeduldig heraus. Nicht der Schatten einer Entschuldigung, daß er etwas tat, worauf seine Mutter doch nicht ganz vorbereitet sein konnte. Im Gegenteil, es sprach eher vorwurfsvoll aus seinen Augen. Was blieb ihr übrig, als den Freundesrat zu befolgen und nicht auf dem Schein einer Herrschaft zu bestehen, deren Wesen ihr schon entwunden war. Eine schmerzliche Wehmut ergriff sie, sie hätte weinen mögen. Sollte es wirklich geschehen sein, war ihr Sohn nicht mehr ihr Kind? Würde sie ihm nicht mehr bei jedem seiner Schritte folgen dürfen, nicht mehr völlig vertraut sein mit seiner Gedankenwelt, nur noch zufällig, wie eben jetzt, einen Einblick in sie gewinnen? Vor einer sonnig durchhellten Zeit sank es herab wie ein eisernes Gitter, dessen dunkle Stäbe einen Rückblick, aber keine Rückkehr mehr gewährten. Was hinter ihnen lag, war klar und licht und voll Frieden; was vor ihnen lag, war voll banger Fragen, quälender Zweifel, scheuer Hoffnungen. Harald hatte sich wieder in seine Ecke begeben, sein Buch aber nicht mehr aufgeschlagen; er verwandte keinen Blick von der Aussicht aus seinem Fenster und rief: »Wundervoll, Mutter! Wundervoll!« »Schade, daß es so neblig ist.« »O nein, nicht schade! O Berge, o grüne, weiße, graue Bergketten, o Schönheit, die erraten, geahnt, im Geiste geschaut sein will, bevor sie sich dem körperlichen Auge enthüllt! ... Sei viel hingerissener, liebe Mutter; schau, der dort weit drüben so gespenstisch aufragt, das ist der Watzmann, gewiß, er muß es sein. Meine Ehrfurcht, Majestät! Du nimmst dich da ganz anders aus als in der Geographie!« Als sie sich dem lieblichen Reichenhall näherten, der Untersberg erschien, alle seine Märchen lebendig wurden und den jungen Reisenden umflogen in zahllosen holden und ehrwürdigen Gestalten, wurde er von einem Rausch der Wonne und der Zärtlichkeit ergriffen. Er stürzte auf seine Mutter zu, küßte stürmisch ihre Hände, eine um die andre, und versicherte ihr: »Du bist meine geliebte, gute, schöne Mutter!« Und jetzt hatte er wieder seine sanften, liebreichen Kinderaugen, und jetzt kam ihr vor, als könne die Zeit, in der er ihr ganz gehörte, nicht vergangen sein. Sie fanden am selben Tage noch eine gute Unterkunft im Hochparterre einer hübschen, etwas sezessionistisch angehauchten Villa unweit vom Kurparke. Die Wohnungen der Baronin mit ihrer Zofe und Haralds mit seinem Diener waren durch den allen Gästen des Hauses gemeinschaftlichen Speisesaal getrennt. Von ihrem Besuche beim Badearzt, dem der Hofrat sie empfohlen hatte, kam die Baronin am folgenden Morgen in gedrückter Stimmung zurück. Ihr Sohn war gesund erklärt und ihm nur eine kleine Molken- und Badekur verordnet worden; sie aber, die auf vorübergehende Störungen ihres Wohlbefindens nie geachtet hatte, sollte nun doch etwas für sich tun. Der Arzt verordnete ihr unter anderm einen täglich zweistündigen Aufenthalt in der pneumatischen Kammer. Eine Präventivmaßregel. Geboten?– Nein. Wünschenswert? – Ja. Und– wenn man schon da ist .... Es wäre doch unklug, die gute Gelegenheit nicht zu benützen. Der Arzt sprach zu, der Sohn beschwor, und die Baronin fügte sich. Aber schwer wurde es ihr. Wenn sie allen ärztlichen Weisungen gewissenhaft nachkam, war sie tagsüber getrennt von ihrem Sohne und sah ihn fast nur bei den Mahlzeiten, in Gesellschaft aller übrigen Hausgenossen. Eine Stunde des Alleinseins mit ihm behielt sie sich aber vor; frühstücken sollten sie zusammen um acht Uhr im Salon der Baronin oder auf der Veranda mit der Aussicht auf den Stauffen. »Sei morgen pünktlich!« rief sie ihm nach, als er ihr gute Nacht gesagt hatte und sich in sein Zimmer begab. Er war in aller Gottesfrüh auf den Beinen und rannte, im trunkenen Entzücken eines Neulings in den Bergen, ziellos umher, bevor er sich beim Kiosk einfand, wo er seine Trinkkur beginnen sollte. Einige Gäste waren eben aus dem gegenüberliegenden Kurpark getreten, um ihre zweiten Rationen in Empfang zu nehmen, schlürften ihre Molke oder ihr Mineralwasser, bekrittelten die orakelhaft dunkle Wetterprognose, die am Eingange des Parkes angeschlagen war. Die servierende Frau streifte den Zettel mit der ärztlichen Verordnung, den Harald vor sie hinlegte, kundigen Blickes: »Halb Molke, halb Trinksole.« »Auch mir meinen Göttertrank, seien Sie so gut«, fiel eine tiefe, weiche, wohllautende Frauenstimme ein, und Harald wandte sich. Da stand eine junge, stattliche, sehr einfach und sehr vornehm gekleidete Dame. Eine österreichische Aristokratin– der Typus ist unverkennbar, besonders in einer kosmopolitischen Umgebung. Und es war ein auserlesenes Exemplar, das ihn hier vertrat. Schön und fein, noble, sorglose Anspruchslosigkeit der Ausdruck des ganzen Wesens: Ich bin, wie ich bin, und will nicht mehr scheinen. Harald erkannte die Heimatsgenossin auf den ersten Blick, und der ihre begegnete dem seinen. Sie sah ihm aufmerksam und mit unverhohlen freudiger Überraschung ins Gesicht. Er, plötzlich furchtbar verlegen, beugte seinen Kopf über den Becher, der ihm inzwischen gereicht worden. Eine trübe, grünlichgraue Flüssigkeit befand sich darin, die er mit Widerwillen betrachtete. »Und das trinkt man?« murmelte er. Die Heimatsgenossin lachte leise und mitleidig, nahm ihren Becher und ging über die Straße in den Park. Sie hatte ihn ausgelacht– natürlich; die Frage, die seine Verlegenheit ihm erpreßte, war doch gar zu albern gewesen.... Und nun folgte etwas zum mindesten ebenso Albernes. Ihm fiel ein, daß Sinaïde den armen Woldemar bei ihrer ersten Begegnung auch ausgelacht hatte.... Wie konnte ihm das jetzt einfallen? Was für ein Zusammenhang bestand da? Nicht in derselben Stunde zu denken, nicht in derselben Stunde zu nennen: eine russische Abenteurerin und diese von allen Geistern der Reinheit und Hoheit umschwebte Frau! Seine Mutter ahnte nicht, wie gut er schon bemerkt hatte, daß er gar oft der Gegenstand lebhafter Aufmerksamkeit von Mädchen und Frauen war. Der geschmeichelten Eitelkeit, die sich bei solchen Gelegenheiten bei ihm meldete, folgte aber regelmäßig ein Gefühl der Abneigung und Geringschätzung. Was lag ihm daran, ob er »diesen Gänsen« gefiel oder nicht! Diesmal war's anders. Das Wohlgefallen, mit dem die Unbekannte – nicht Fremde!– ihn angesehen hatte, war aber auch etwas andres und selbst ihr Lachen so unsagbar lieb. Freilich, daß sie über ihn gelacht hatte, war beschämend. Wie ein dummer Junge mußte er ihr vorgekommen sein in seiner Verlegenheit und mit seiner stupiden Frage. Er konnte dieses quälende Bewußtsein nicht loswerden und zog seine Mutter ins Geheimnis seiner stillen Leiden. Sie interessierte sich vor allem für die Dame. »Vornehm, meinst du, und gewiß kein Fräulein, eine Frau, und noch sehr jung?« Darüber war er im Zweifel. Nicht sehr jung, hatte er beim ersten Anblick gedacht, aber als sie ihn anlachte, war sie ihm ganz jung, ganz jung vorgekommen. Auf das eine kam er immer wieder zurück: »Glaubst du, daß sie sich sehr lustig über mich macht?« Die Mutter lächelte kaum merklich und streichelte seine feinen blonden Haare: »Ich glaube, Harald, daß sie nicht mehr daran denkt.« Am nächsten Morgen geschah das Unerwartete: sie redete ihn an. »Nun, haben Sie Ihren Abscheu überwunden, haben Sie Ihre Molke getrunken?« Wieder lachte es ihm so jung, so strahlend heiter aus ihren Augen entgegen; er senkte die seinen wie geblendet und murmelte eine unverständliche Antwort. Sie blieb einen Augenblick, die Fortsetzung erwartend, stehen; da keine kam, nickte sie ihm freundlich zu und ging wie gestern in den Kurpark. Als sie fort war, brauchte er einige Zeit, um sich von seiner Gemütsbewegung erholen und nachdenken zu können.... Was für ein rätselhafter Vorgang war das gewesen?– Eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wiederzusehen, hatte ihn erfüllt; einmal von ihr angeredet zu werden war ihm als der Inbegriff des Glückes erschienen. Er hatte sich genau ausgemalt, wie er sich dabei benehmen, auch das Gespräch, das folgen würde, Punkt für Punkt festgestellt. Daß sie gescheit war und Interesse für ernste Dinge hatte, daran zweifelte er nicht; er hatte es ihr angesehen trotz ihrer heiteren Freundlichkeit, und obwohl sie die Leute auslachen konnte. Er nahm sich vor, sie zu überraschen durch die Kühnheit der Gedanken, die er darlegen wollte, Gedanken, von denen weder sein bester Freund, Pater Renner, noch seine Mutter eine Ahnung hatten. Ihr sollten sie anvertraut werden. Sie würde überrascht sein, vielleicht erschrocken, aber sich doch sagen: Mit einem unbedeutenden Menschen habe ich da nicht gesprochen .... Nun war der Anfang dieses Traumes zum Erlebnis geworden; sie hatte das Wort an ihn gerichtet– und er? ... Glühend stieg es ihm zu Kopf, wenn er sich seines Benehmens entsann .... Er hatte die Frage der feinen schönen Frau mit einem »Ja« beantwortet, das einhergepoltert kam wie ein Bauer ohne jegliches Gefolge.... Sie hatte ihn gegrüßt, und er hatte nicht gedankt, hatte nicht einmal den Hut abgenommen! ... Was mußte sie von ihm denken, für wen ihn halten? Für den Sohn eines Packträgers wahrscheinlich. Er litt Qualen. Obwohl es in Strömen goß, rannte er durch den Nonner Wald und hinauf bis zur Restauration und kam zu spät zum Frühstück. Seine Mutter dachte an die flottanten Zügel und ersparte ihm jeden Vorwurf. Ein wenig klagen mußte sie aber doch und klagte denn über die elende Existenz in der pneumatischen Kammer. Eingesperrt, hinter Schloß und Riegel mit fünf andern Zellengenossen, zwei geschlagene Stunden lang in imposanter Nachbarschaft. »Denke nur, den Platz neben mir hat der Kapellmeister Kolberg.« »Der berühmte, der die Drei Sonaten komponiert hat, die so herrlich sind?« Sie bejahte, und Harald war einen Augenblick abgelenkt von seiner Seelenpein. »Hast du ihm gesagt, wie du ihn bewunderst?« »Was dir einfällt! Das ist kein Mensch, an den man sich mit Lobeserhebungen heranwagt.« »Du sprichst nicht mit ihm?« »Nein. Er grüßt in einer Art, die mehr fernhält als anzieht, und ich erwidere mit einem Gruß, der zu verstehen gibt: Seien Sie ruhig, ich bin nicht zudringlich.« »Und sag, Mama, wie sieht er aus? So bärbeißig wie auf seinen Bildern?« »Beinahe.« »Ist er klein oder groß?« »Untersetzt, nicht schön, sein Gesicht hat einen slawischen Typus, scheint mir.« »Scheint dir? Du hast ihn nicht genau angesehen?« »Eigentlich nein. Berühmten Leuten ist das Angestarrtwerden eine Qual, und dann–« Ihr war der Aufenthalt in der pneumatischen Kammer so widerwärtig! Sie hatte, wenn sie eintrat, nur den Wunsch: Wäre ich wieder draußen! »Das ist ja schrecklich, Mama; aber– muß es denn sein?« »Es scheint wohl, wenn der Arzt es verordnet.« »Fehlt dir denn wirklich etwas?« fragte er besorgt. »Du hast dich doch früher nie krank gefühlt.« »Auch jetzt fühle ich mich ganz wohl.« »Siehst du, und machst dich nur krank durch diese Kur.« Er hob den gesenkten Kopf und sprach mit plötzlich gefaßtem Entschluß: »Weißt du was, Mama?– Reisen wir ab!« Sie war erstaunt. »Abreisen? Wir sind ja kaum angekommen.« »Wenn auch. Es gefällt uns hier nicht, dir nicht und mir nicht; Reichenhall ist ein widerwärtiges Nest, ungesund für dich, und ich glaube auch– für mich.« Seine Mutter suchte ihm zu verbergen, wie sehr diese letzten Worte sie beunruhigten, und sagte nur: »Du bist aufgeregt; das macht die Gebirgsluft, das wird sich geben. Jedenfalls sprechen wir mit dem Doktor.« »Dem Doktor?« Er brach in Lachen aus, in ein Lachen, so scharf und grell, daß es hinreichte, nicht bloß den einen Doktor, sondern die ganze Fakultät mit Hohn zu überschütten. Es half ihm nichts, er mußte am Nachmittag seine Mutter zum Arzte begleiten und wurde von ihm mit den Worten begrüßt: »Sie sind bei mir verklagt worden, Herr Baron«– der elegante Mann lachte ziemlich boshaft. »Was höre ich? Sie verderben unsern schätzbarsten Patienten den Geschmack an unsrer unschätzbaren Molke, zweifeln an ihrer Trinkbarkeit?« Harald errötete: »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Eine schöne Dame. Ist siebenundzwanzig Jahre alt und sieht aus, als wäre sie neunzehn.... Eine große Dame, Pairsgattin, Exzellenz. Die Gräfin«– er nannte einen Namen, der ruhmvoll auf den stolzesten Blättern der Geschichte Alt-Österreichs steht. Die ärztliche Behandlung nahm wenig Zeit in Anspruch. Unter den bestimmtesten Versicherungen, daß sie sich mit dem Aufenthalt in Reichenhall sehr bald befreunden dürften, wurden die Patienten entlassen. Wie bald bei einem der beiden seine Prophezeiung eintreffen sollte, konnte der Doktor nicht ahnen. Sie hatte sich seiner erinnert, von ihm gesprochen, harmlos, wie es schien. Hatte nur gesagt, daß sie einen jungen Mann gesehen, der an der Trinkbarkeit der Molke zweifelte, nicht gesagt: Ich habe einen jungen Mann gesehen, der ein Lümmel war. Auf dem Heimwege sprach seine Mutter: »Also die war's! Nun, von einer so schönen Frau ein bißchen ausgelacht zu werden kann man sich gefallen lassen.« »Du kennst sie?« rief er aus. »Gesehen habe ich sie, man hat sie mir gezeigt, gestern, in der Nähe des Deutschen Hauses, wo sie wohnt. Sie war in Gesellschaft andrer Kurgäste, sehr heiter, und scherzte mit einem alten Herrn, der ihr eifrig widersprach. Die ändern hörten zu und schienen sich königlich zu unterhalten. Sie ist gewiß eine geistreiche Frau und hat einen ganz eigenen Charme. Reizend die dunkeln klugen Augen und der liebliche Mund.« Harald nickte zustimmend und sprach nach kurzem Schweigen: »Ich bitt dich, Mama, schick ihr Blumen.« »Welcher Einfall, wie käme ich dazu? Sie müßte mich für verrückt halten.« »So schick sie ihr anonym.« »Nein, nein. Es ist ihr vielleicht unangenehm, Blumen anonym zugeschickt zu bekommen.« »Was denkst du nur? Sehr angenehm wird es ihr sein. Ganz gewiß. Tu's, tu's gleich, liebe, liebe Mutter!... In der Ludwigstraße gibt es so schöne Blumen. Rosen, groß wie ein Dessertteller, und Nelken, weiße und feuerrote mit gekräuselten, dichten, duftenden Blättern; die kaufe, und viele, viele! Komm, liebe Mutter!« »Aber Kind, es regnet, und ich bin müd.« »Ich trage dir den Schirm, ich führe dich ....« Sie widerstand noch eine Weile, aber schwach und schwächer. Eines von ihnen mußte nachgeben– er würde es gewiß nicht sein. Ich finde es einen Unsinn, dachte sie, teile aber das Schicksal so vieler Eltern und– begehe ihn. Unser Wille hält dem Ansturm des kräftigeren jugendlichen Willens nicht stand. Ist es ein Zeichen der Zeit, daß die bessere Einsicht die schwächere geworden? So begaben sie sich denn in die Ludwigstraße. Bis zum Blumenladen begleitete er sie aber nicht; er sah nur von weitem zu, wie sie gütig und großmütig seinen Wunsch erfüllte. Eine Welle des Glückes schlug an sein Herz, sooft die Verkäuferin eine schöne Blume aus einem der Kelche in der Auslage nahm und sie dem Strauße einfügte, der sich unter ihren geschickten Fingern zu einem kleinen Kunstwerk gestaltete. Nun war's vollendet. Nun prangte es in heiterer Schönheit wie die Frau, für die es bestimmt war. Harald fand es auch sehr weise, daß seine Mutter die Adresse der Gräfin nicht selbst aufschrieb, sondern, um jede Wahrscheinlichkeit einer Entdeckung zu vermeiden, durch die Verkäuferin aufschreiben ließ. Die Blumensendung hatte eine wunderbar stählende Wirkung. Harald gab den Gedanken an die Flucht aus Reichenhall auf und sehnte sich nur nach einer Gelegenheit, der Frau, für die er eine so plötzliche, so heiße Bewunderung gefaßt hatte, zu beweisen, daß die Ungeschliffenheit bei ihm nur etwas Gelegentliches, nicht etwas Permanentes sei. Am nächsten Morgen befand er sich schon um sechs Uhr auf dem Gartenwege, der zwischen dem Luisenbade und den gegenüberliegenden Villen zum Kiosk führt, und spähte nach ihr aus. Als sie kam und ihren Becher verlangte, fing es eben wieder zu regnen an. Sie spannte den Schirm auf; ihr junger Verehrer näherte sich, blieb zögernd in der Entfernung von einigen Schritten stehen, den Hut in der Hand, den Kopf ehrerbietig gesenkt. So erwartete er den Augenblick, in dem sie an ihm vorübergehen werde. Wenn sie ihn grüßt, wird er beschämt und – beglückt sein. Grüßt sie ihn nicht, wird er es hinnehmen als schwere, aber verdiente Strafe und seine Mutter bewegen, heute noch mit ihm abzureisen. Aber sie ging nicht vorüber, sie blieb stehen und sagte: »Guten Morgen, junger Herr. Warum lassen Sie sich anregnen? Haben Sie keinen Schirm?« Er sah ratlos auf seine leeren Hände nieder und sagte: »Ich glaube nein.« »So gehen Sie doch nach Hause und holen ihn; sonst verklage ich Sie wieder bei unserm gemeinschaftlichen Doktor...« Damit wandte sie sich dem Kurparke zu, und Harald, wie gezogen von hundert- und hunderttausend Fäden, unwillkürlich, fast ohne eigenes Wissen, folgte ihr. Sie ging durch die Allee zum Gradierwerke und stieg die kleine Holztreppe hinauf, die zur Galerie führt. Ein häßliches Ding, so ein Gradierwerk. Unter seinem alle Häuser der Umgegend überragenden Dache sind dürre, schwarzbraune Reisigbündel aufgeschichtet und bilden Wände, an denen trübes Salzwasser in schweren Tropfen niederrieselt. Harald hatte eilig einen Bogen umschritten und konnte ganz unbemerkt die Gräfin von weitem erblicken. Sie lehnte an der Brüstung der Galerie und sprach mit einem ältlichen Ehepaare, das unten auf dem Wege stehengeblieben war. Vornehme Leute, ganz gewiß, die große, schlanke Dame im hellen Regenmantel, der hagere Herr im englischen Paletot. Das ist vielleicht derselbe alte Herr, mit dem sie neulich ein Wortgefecht geführt hat. Jedenfalls ein guter Bekannter. Ob sie es auch recht fühlen, diese Menschen, welch ein Glück es ist, zu denen zu gehören, die ihren Umgang bilden, in ihrer Gesellschaftssphäre leben... Die Beneidenswerten! Sie haben ja überhaupt, was kein persönlicher Vorzug, kein noch so großes persönliches Verdienst verleihen kann: das Gefühl eines angeborenen Anrechts auf alle weltlichen Ehren ... Oh, die klugen Japaner mit ihrem Vorelternkultus! Sie wissen, was das heißt, sagen zu können: Aus dem Stamm bin ich herausgewachsen ... In seiner Eifersucht auf das Ehepaar, das so einfach aussah, so ohne Umstände mit der Standesgenossin plauderte und dazwischen den Gruß einiger Vorübergehender mit schlichter Höflichkeit erwiderte, dachte er aber nicht nur an die Japaner, er dachte auch – an seinen Vater. An die huldvolle Berührung der Hutkrempe zum Dank für die Bücklinge der Eisenbahnbeamten... Er entsann sich seiner eigenen stolzen Gefühle über die Verleihung des Freiherrntitels; und was ihm vor kurzem sehr nobel vorgekommen war, kam ihm plötzlich nur aufgeblasen vor und armselig der Adel, dessen Geschichte nicht zugleich Geschichte des Vaterlandes ist. Ganz klein und unglücklich bis ins Mark lief er aus dem Parke, an hübschen Villen vorbei durch den triefenden Wald, über Wiesen und Anhöhen und erinnerte sich erst um neun Uhr, daß er um acht zum Frühstück bei seiner Mutter sein solle. Sie hatte auf ihn gewartet, machte ihm keinen Vorwurf über seine Unpünktlichkeit; sie sprach von einer Ausfahrt, die sie unternehmen könnten, wenn das Wetter besser würde. Er sagte sehr gleichgültig zu allem ja, aber plötzlich kam ihm ein Einfall, und er begann mit seinem üblichen: »Weißt du was, Mama?« Sie lächelte ihn an: »Noch nicht.« »Du solltest die Gräfin kennenlernen.« »Sollte ich? – Mein armer Bub, das liegt nicht in meinem Belieben.« »Warum denn? Warum denn nicht?« »Damen ihres Kreises und Frauen des meinen...« Er unterbrach sie: »Damen, Frauen ... als ob du keine Dame wärst... Du bist eine, du bist viel mehr als der Papa und ich ... Der Großvater sagt immer: ›Mein Adel ist älter als der von so manchem Fürsten.‹« »Das macht es nicht aus. Die Koterie, in der man lebt, macht es aus. Die Gräfin wird von der ihren gewiß eng umschlossen, und mich da einzudrängen fällt mir nicht ein.« Sie hatte sanft und ruhig gesprochen, aber in der bestimmten Weise, gegen die – er wußte das wohl – jede Einwendung vergeblich war. Am Nachmittag sandte er wieder einen Strauß schöner Blumen anonym ins Deutsche Haus. Diesmal wurden sie durch seinen Diener und in einem andren Laden als die früheren besorgt. Und von neuem brachten sie ihm Glück. Die Gräfin grüßte ihn freundlich, als er sie am nächsten Morgen, wie gestern chapeau bas, beim Kiosk erwartete, und lud ihn ein, sie auf ihrem Morgenspaziergang zu begleiten. Sie gingen in die Riedelallee und freuten sich, daß es endlich aufgehört hatte zu regnen. Es war mild und sonnenlos. Maria- Theresientage nennt man in Österreich diese sanften, stillen, an denen der Himmel in einem einförmigen Silbergrau erschimmert, kein Lüftchen sich regt, kein greller Ton den leisen Farbenwohllaut unterbricht und in den Herzen der Menschen die Ahnung künftigen Friedens erwacht. Das Gespräch bewegte sich anfangs in ausgefahrenen Gleisen, dann fragte die Gräfin: »Ist Ihnen nicht aufgefallen, daß ich sehr überrascht war, als ich Sie zum erstenmal gesehen habe? Der Grund davon ist, daß Sie meinem ältesten Sohn merkwürdig ähnlich sehen. Sie haben seine Art, in die Welt zu gucken, seine Gesichtsform, seinen mädchenhaften Teint... Nur«, fügte sie hinzu und blickte ihn heiter an, »errötet er nicht so oft wie Sie; er ist noch nicht in dem Alter, in dem man ohne Ursache errötet.« Diese Worte erweckten in ihm ein seltsam unangenehmes Gefühl. Sie hatte einen ältesten Sohn, hatte also mehrere Söhne, hatte ein reich ausgefülltes Dasein. Ihr Willy, sagte sie, der gar zu gern schon groß sein möchte, werde sehr stolz sein zu hören, daß sie einen jungen Herrn kennengelernt habe, der lebhaft an ihn erinnerte und gewiß schon sechzehn Jahre alt sei. Das war arg... Erst peinlich berührt, dann beleidigt. Essig in eine Wunde. »Exzellenz! ich bin siebzehn.« »Wirklich?... Seit wann?« Er murmelte etwas Undeutliches; er schämte sich zu gestehen: Seit vorgestern. Sie schritten rasch aus, begegneten nur wenigen Spaziergängern auf dem breiten, mit jungen großblättrigen Linden bepflanzten Weg. Die Aussicht entfaltete sich immer reicher vor ihnen. Links die phantastischen Zacken und Spitzen des Lattengebirges, das schlank emporsteigende dunkle Müllnerhorn, vor ihnen der Stauffen und seine grünen Vor- und Nachläufer, rechts, weithin gegen Salzburg sich breitend, das offene, fruchtgesegnete Land. Im Hintergrund der Gaisberg wie ein Traum von einem Berge, wie hingemalt mit heller Wasserfarbe auf hellen Grund, mehr geahnt als gesehen. Die Gräfin bemerkte, daß ihr Begleiter schönheitsblind und verstimmt neben ihr herging, und sagte: »Ich habe Sie für jünger gehalten, als Sie sind, und Sie nehmen mir das übel. Warten Sie nur – die Zeit kommt furchtbar rasch, in der wir es den Leuten übelnehmen, wenn sie uns mehr Jahre geben, als wir annehmen wollen.« Sie hatte durch den Doktor erfahren, wer er sei, und teilte ihm mit, daß ihr Mann seinen Vater kenne und ihn sehr hochschätze: »Sie werden in seine Fußstapfen treten; Sie sind gewiß ein ausgezeichneter Student... Nicht widersprechen! Lassen Sie mir meine gute Meinung. Sie sind es von allem Anfang an gewesen – schon vor der Aufnahmeprüfung ins Gymnasium.« »Ach, wegen der!« sprach Harald wegwerfend. »Ja, ja, wegen der. Ich höre, daß gerade sie von manchem der Herren Professoren den armen Buben recht schwer gemacht wird.« Ihr bangt um ihren Willy, dachte Harald und lächelte mitleidig: »Es kommt auch vor, daß die Herren Buben es den armen Professoren schwer machen. Im ganzen sind die Professoren gut und froh, wenn sie einen durchbringen können.« »Wenn das nur nicht so schwer wäre! In zwei Jahren kommt mein Willy dran!...« Er zuckte überlegen mit den Achseln und begann ein wenig zu flunkern. Ihm hatten die Studien keine Schwierigkeiten gemacht. Er hatte immer noch Zeit gehabt, sich nebenbei mit Zeichnen und Malen und Musizieren zu beschäftigen. Auch mit seinen Sammlungen, Münzen, Briefmarken und so weiter. »Sie überraschen mich; nein wirklich, Sie imponieren mir!« sagte sie und gab sich Mühe, ihn mit ernster Miene anzusehen. Es gelang nicht ganz. Um den noch so jungen Mund spielte etwas, tief drin in den sprechenden Augen leuchtete etwas, das sehr heiter war. Nicht spöttisch, nur heiter; sie hatte aber vom Imponieren gesprochen, und damit stimmte der Ausdruck nicht vollkommen überein. Abermals errötete er bis an die Haarwurzeln und brachte dann unvermittelt hervor: »Die ersten Klassen sind aber wirklich ganz leicht.« »Ein großer Trost für mich, denn mein Bub ist ein miserabler Student.« Sehr geschmeichelt durch das Vertrauen, mit dem sie ihn in eine so beschämende Familienangelegenheit einweihte, sprach Harald leichthin: »Er kann nichts dafür; es wird Atavismus sein.« »Was meinen Sie?« »Nun – Atavismus. Seine Ahnen sind Turnierhelden, Kreuzfahrer, Feldherren gewesen; die Wissenschaften waren ihnen schnuppe. Davon haben nun ihre Nachkommen die nicht trainierten Gehirne, sagt mein Freund Pater Renner.« »So, Pater Renner sagt das?« »Exzellenz kennen ihn?« »Er bugsiert ein paar Neffen von mir durch das Gymnasium; zwei solche Raubritternachkommen mit nicht trainierten Gehirnen.« »Es kann sich machen mit der Zeit«, versetzte er tröstend. »In Generationen vielleicht. Wer weiß, was für Gelehrte meine Ururenkel noch werden!« Der scherzende Ton kränkte ihn. Was hatte er nicht alles von einer Unterredung mit ihr erwartet; wie reich an Gedanken und Eindrücken sollte sie sich gestalten! Und nun – statt tief zu werden, verflachte das Gespräch immer mehr... Er führte es wieder auf das Gymnasium zurück, das er aber sehr von oben herab behandelte. Die Fragen, die er an die Wissenschaft stellte, konnten dort nicht beantwortet werden. Als die Gräfin ihr Erstaunen ausdrückte, steigerte er sich immer mehr. Mit abgewendetem Gesicht und unter fortwährendem Erröten brachte er stoßweise Anschauungen hervor, über deren Verwegenheit er selbst erschrak. Sie betrafen in erster Linie die Religion. Bei seinen Erörterungen bediente er sich vieler Fremdwörter und gelangte zu dem Schlusse, der Zweifel stände höher als der Glaube und die kühne Negation höher als der Zweifel. »Sagen Sie mir, junger Freund«, fragte die Gräfin, »pflegen Sie auch Ihre Mutter einzuweihen in die Schlüsse, zu denen Ihr Nachdenken Sie geführt hat?« Nein. Mit seiner Mutter sprach er von solchen Dingen nicht. Sie war eine fromme Frau und glücklich in ihrem blinden Glauben. Um keinen Preis würde er ihn erschüttern wollen; der Glaube seiner Mutter sei ihm heilig. »Und der meine ist es Ihnen nicht?« Wieder flog das sonnige Lächeln über ihr Gesicht, das ihn entzückte und ihm weh tat. Vorwurfsvoll sah er ihr in die braunen, leuchtenden Augen. »Das ist etwas anderes! Auf meine Mutter könnten meine Anschauungen Einfluß nehmen... vielleicht Einfluß nehmen...« verbesserte er sich. »Auf Sie, Exzellenz« – und nun ergriff ihn eine unerklärliche Verwirrung, und seine Stimme war umflort –, »gewiß nicht.« »Das meine ich selbst. Also nur kühn vorwärts mit den Bekenntnissen! Heraus mit der Sprache über alles, was Sie auf dem Herzen haben und was Sie bedrückt und Sie, wenn es verschwiegen bliebe, in eine falsche Richtung treiben könnte. Gradaus allerwege! ist meine Devise. Nun aber hören Sie: ich bin eigentlich hierhergekommen, um eine Schweigekur durchzumachen; gehen wir jetzt schön still nach Hause. Reden auch Sie nicht mehr; zwingen Sie mich nicht, Ihnen meine Bedenken auszusprechen oder – meine Bewunderung.« Sie traten den Rückweg an und befanden sich eine Viertelstunde später an der von Harald und seiner Mutter bewohnten Villa. Auf diese schritten vom andern Ende der geraden Straße eine Dame zu und ein Herr, bei dessen Anblick die Gräfin ausrief: »Hans Kolberg – wenn die Entfernung mich nicht täuscht. Nein, wirklich, es ist der große Unnahbare!« Sie erzählte, daß sie ihn in Bayreuth kennengelernt habe und in ihm die unliebenswürdigste Berühmtheit, die es geben könne; besonders abwehrend gegen Frauen und ganz besonders gegen solche, die ihm huldigend nahen. Was mag die Dame, mit der er spaziert, für ein Zaubermittel angewendet haben, um diesen Löwen zu zähmen? So lebhaft und angeregt sah man ihn in Gesellschaft nie! Die Dame, der Kolberg die Ehre erwiesen hatte, sie zu geleiten, blieb vor dem Eingang zum Vorgarten ihrer Villa stehen. Sie wechselte mit ihm noch einige Worte; dann küßte er ihr die Hand und empfahl sich mit tiefer Verbeugung. »Ein Handkuß!« sagte die Gräfin, »ein Handkuß von Hans Kolberg! Ich weiß keine noch so hohe Frau, die nicht jetzt an der Stelle der Dame dort hätte sein mögen. Wer sie nur ist?« »Ich kann es Ihnen sagen, Exzellenz!« erwiderte Harald, und aus seiner Stimme klang ein nur mühsam unterdrücktes stolzes Jauchzen: »Es ist meine Mutter!« Einige Tage vergingen gleichförmig, »still und bewegt«, würden die Romantiker sagen. Sooft das Wetter es erlaubte, machten Mutter und Sohn Ausflüge in die Umgebung. Er hatte ihr triumphierend erzählt, wie hoch die Ehre angeschlagen werde, mit Kolberg verkehren zu dürfen. Immer wieder brachte er die Rede auf ihn und sagte einmal: »Warum verabschiedest du ihn vor dem Hause? Lade ihn doch ein, uns zu besuchen.« »Wozu denn? Ich weiß ja, daß er ablehnen würde. Er hütet sich vor jeder Gelegenheit, mit fremden Leuten zusammenzukommen, gebraucht seine Kur und bringt den Rest des Tages auf Wanderungen in den Bergen zu.« »Immer allein wie ein rechter Menschenfeind.« »Ich glaube nicht, daß er ein Menschenfeind ist.« Damit wollte sie abbrechen, aber Harald fuhr in gereiztem Tone fort: »Nicht immer gleich aufhören, Mama, wenn von Kolberg die Rede ist. Mit mir darfst du doch von ihm sprechen, wenn auch mit niemand anderm.« Er sah ihr in die Augen und setzte hinzu: »Ich weiß den Grund.« »– So?« »Er schenkt dir sein Vertrauen – gib es zu.« »Das tu ich, Kind, nur dessen rühmen mag ich mich nicht.« »Ach, Mama, wer denkt daran! Aber daß du so geizig bist mit dem Vertrauen, so übergeizig! Daß du dich fürchtest, es zu mißbrauchen, wenn du Dinge berührst, die alle Welt weiß.« »Zum Beispiel?« »Daß er verheiratet war mit der berühmten Tragödin Helmstädt, daß sie ihn sehr unglücklich gemacht und daß er sich von ihr getrennt hat.« »Freilich, das wissen alle; und wenn es alle wissen, wozu davon erzählen?« »Mein Gott, Mama, es interessiert einen doch! Neulich erst stand in den Zeitungen, daß seine Frau jetzt in Paris ist und daß er mit ihr einen Prozeß führt um seine kleine Tochter. Er soll da schonungslos vorgehen. Du mußt es ja auch gelesen haben.« »Du kennst meinen Abscheu vor dem Zeitungsklatsch; die Hälfte nicht lesen, die Hälfte nicht glauben. So halte ich's. Kolbergs Kompositionen entzücken mich. Aus ihnen schöpfe ich die Kenntnis von dem Menschen, die mir wertvoll ist, und verzichte gern auf jede andere.« »Ja, ja, das bist du; das große Publikum verlangt mehr.« »Ein Mehr, das um soviel weniger ist! Wenn man aber von ihm nur weiß, was in den Zeitungen steht, muß man doch begreifen, daß er jetzt nicht gestimmt ist, Gesellschaften zu besuchen und Komplimente einzuheimsen.« »Jetzt, sagst du? Er soll von jeher nicht nur Komplimente, sondern auch jedes Zeichen von Bewunderung und Liebe mit Füßen von sich gestoßen haben.« »Welche Übertreibung!« rief die Baronin mit einer Ungeduld, die ihren Sohn befremdete. »Kein Künstler wird Bewunderung und Liebe, wenn sie echt und nicht zudringlich sind, von sich stoßen.« »Von ihm sagt man's.« »Man sagt es. Ist das ein Grund?« Er war an die Strenge nicht gewöhnt, die aus diesen Worten klang. Verletzt sprang er auf mit dem Ausruf: »Mama!« Sie blickte betroffen zu ihm empor, und in ihrer Frage: »Nun, Harald?« lag eine Bitte. »Nichts«, antwortete er. »Nichts, Mama.« »Du wolltest mir etwas sagen; sag es doch.« Ihre Stimme liebkoste ihn wieder mit voller, weicher, mütterlicher Zärtlichkeit. »Später, vielleicht später einmal.« Und nun war er es, der dem Gespräch eine andere Wendung gab. Am folgenden Morgen erfuhr Harald eine bittere Enttäuschung. Er sah die Gräfin beim Molkenhäuschen stehen, aber nicht allein, sondern von einer kleinen Gesellschaft umringt. Wieder das dünne Ehepaar mit den langen Gesichtern und den schmalen Nasen, dann zwei junge Mädchen, die so laut lachten und sprachen, daß alle Vorübergehenden sich nach ihnen umsahen, was sie aber gar nicht zu kümmern schien. Auch ein junger Mann befand sich da, der ein fahles, glattrasiertes Gesicht und langgeschlitzte, schläfrige Augen hatte. Bei den Scherzen der Damen lächelte er, was sich aber nur wie ein Seitwärtsschieben der Lippen ausnahm. Harald war des Weges zwischen schattigen Gärten gekommen und bemerkte die fremden Leute zu spät, um noch umkehren und – was er so gern getan hätte – entfliehen zu können. Auch hatte die Gräfin ihn schon gesehen und nickte ihm freundlich zu. Er hob den Hut, eilte vorbei und hörte noch eine der jungen Damen fragen: »Qui est-ce?« Eine Naivität vornehmer Wienerinnen, die glauben, »Qui est-ce?« sei für eine geringere Sorte der Menschheit weniger verständlich als: »Wer ist's?« Er hörte auch noch: »Joli garçon!« sagen. Dann war ihm, als ob hinter ihm gekichert würde. Er nahm den kürzesten Weg ins Freie, rannte ziellos einem Tag entgegen, der für ihn ein verlorener war. Er wollte allein sein mit seiner Erbitterung, sie auskosten, sich ihr ganz hingeben. In den Nonner Auen am Fuße des Stauffen, in die er geriet, herrschte noch tiefe Einsamkeit, göttliche, vor dem Geräusch der störenden Menge, der »vielen, allzuvielen« gesicherte Ruhe. Einer regnerischen Nacht war ein Morgen gefolgt, der für lang erlittenes Wetterungemach entschädigt. Die Nebelschleier hatten sich von den Gebirgszacken und Höhen losgeknüpft und glitten als kleine Rauchwölkchen über die Wiesen im Tale dahin. Es gab kein Gräschen ohne Tau, keine dürstende Blume; alles war erquickt, belebt, beseelt. Die Blätter der Bäume glänzten wie kleine Spiegel, in die ein Schein des großen Lichtes am Himmel fällt, und in ihren Zweigen regte sich's, schoß umher, zwitscherte und sang. Und in dieser heiteren und lieblichen Welt schritt Harald dahin und hatte keinen Blick, kein Ohr für die tausend Stimmen des Seins und Werdens um ihn her, keinen Dank für das wohltuende Arom der balsamischen Frühlingsluft. Was kümmerte der friedliche Frühling da draußen in der Natur ihn, der einen brausenden, stürmenden Frühling in der eigenen Brust trug? Er fühlte nur sich, nur die eigene ungestüme Lebenskraft, die ihrer selbst noch unbewußte Lebenssehnsucht. Sein kräftiges Ausschreiten, ja, das tat ihm wohl! Und als in der Nähe des Waldes der Pfad zu steigen begann, reizte es ihn, die Anhöhe im Laufe zu nehmen. Bald jedoch machte der Weg eine jähe Biegung, und mitten auf ihm sah Harald in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritten eine wuchtige Männergestalt sich langsam vorwärts bewegen. Es war der Kapellmeister, der, den Bergstock in der Hand, den Rucksack auf dem Rücken, eine seiner einsamen Wanderungen antrat. Er trug eine weite Lodenjoppe, stramm über die starken Beine gespannte Strümpfe und genagelte Schuhe. Unter der Krempe des Jägerhutes sahen dichte graue Haare hervor. Harald blieb stehen, unschlüssig, ob er an ihm vorbeieilen oder warten solle, bis Kolberg außer Sicht war. Aber auch der war stehengeblieben, hatte sich umgewendet und sah ihn an. Harald grüßte und ging zögernd auf den Musiker zu, und ihm war, als hätte noch nie ein so abwehrender und durchdringender Blick ihn getroffen wie der, den diese Augen, blau wie im Feuer erhitzter Stahl, auf ihn richteten. Von einem peinlichen Unbehagen ergriffen, entschuldigte er sich: »Verzeihen Sie, Herr Direktor, verzeihen Sie.« »Was verzeihen?« fragte Kolberg, und seine Stimme war überraschend frei von Härte und Ungeduld. »Ich habe Sie gestört.« »Gestört?« »Sie waren gewiß in Gedanken.« »So – ja so! Ein Musiker ist immer in Gedanken, meinen Sie.« Er faßte ihn wieder scharf ins Auge. »Wohin rennen Sie denn eigentlich?« »Nirgends hin, Herr Direktor, und wenn ich Sie nicht störe und wenn Sie es mir erlauben ... Dürfte ich ein bißchen mit Ihnen gehen?« Die Antwort war ein Gemurmel, das man mit etwas gutem Willen für eine Zustimmung nehmen konnte, und Kolberg setzte seine Wanderung fort. Harald wagte nicht zu sprechen; verstohlen nur blickte er den Meister von der Seite an. Er bewunderte sein männliches Profil, die vom Hut nur halb verdeckte breite, gleichsam gedankenschwere Stirn, die leicht gebogene Nase und die schön geschwungene Linie ihres Flügels, den Mund, der unbedeckt blieb vom feinen, stellenweise wie Silber schimmernden Vollbart. Um die fest geschlossenen Lippen spielte ein eigentümlich anziehender, milder, beinahe freundlicher Ausdruck. Plötzlich wendete sich der Meister dem Jüngling zu und sprach: »Sie heißen Harald. Ihre Mutter hat Sie mir neulich gezeigt, von weitem; Sie sehen ihr ähnlich.« »Ja«, sagte Harald, und ganz unvermittelt folgten dieser Zustimmung die Worte: »Meine Mutter ist eine gute Musikerin, Herr Direktor. Meine Mutter hat mir im Winter beinahe jeden Abend eine Ihrer Drei Sonaten vorgespielt ... O Herr Direktor! Der Anfang der ersten und der Schluß der zweiten, da brennt man, da wird einem eiskalt, da wünscht man nur eins ...« »Nur eins? ... Doch eins! ...« »Ja. Den, der es gemacht hat, dazuhaben ...« »Wozu?« »Um ihn anzubeten.« Er hatte es bloß geflüstert und senkte die Augen. »Was sind Sie jung! Einen anbeten, dem ein Stückwerk gelang.« »Ein Stückwerk, Herr Direktor?« »Da ein Anfang, dort ein Ende – was ist's mit dem Ganzen? ... Das Ganze eine Glorie, das wäre schön! Ist aber nicht unsre Sache; darauf wird die Welt noch lange warten ... Das vollkommene Kunstwerk schafft nur der vollkommene Mensch. In unabsehbarer Ferne liegt die Zeit. Aber sie kommt ... Wohl jedem, der vermag, auf sie zu hoffen; wohl jedem, der Augenblicke kennt, in denen er, über sein kleines Ich hinausgewachsen, ihr Erscheinen geahnt hat – zu ahnen glaubte.« Sie waren an eine Stelle gekommen, von der aus man einen freien Ausblick auf den Untersberg hat. Kolberg stand lange still und vertiefte sich in die Betrachtung des herrlichen Bildes. »Da«, sagte er endlich. »Wenn Sie das Bedürfnis haben anzubeten, den, der das gemacht hat, beten Sie an. Da ist sie, nach der wir ewig ringen, obwohl wir wissen, daß sie uns unerreichbar ist – Vollkommenheit.« »Die haben Sie oftmals erreicht, Herr Direktor.« Kolberg überhörte die Worte, wiederholte: »Da ist sie«, und streckte die Arme aus. »Mein alter Liebling, mein Berg; sehen Sie, wie er prangt in seiner stillen Majestät, in leisen grauen Tinten, in lauter Farbenpracht. Die Allmutter Sonne, die warme, gütige, küßt sein ehrwürdiges Greisenangesicht; eine schimmernde Wolke liegt an seinem Herzen wie ein schönes Weib in schneeweißem Mantel. Genien der Sage umschweben ihn, kindliche Träume fliegen durch eines Weisen Haupt.« Seine Augen blieben lange mit ernstem Entzücken, unersättlich im Schauen, auf die Landschaft gerichtet. »Anbetungswürdig!« sagte er plötzlich. »Vor dem Urheber dieses Werkes auf die Knie! Warum sehen Sie mich so verwundert an? Ist es Ihnen merkwürdig, daß ein Schaffender an den Schöpfer glaubt?« »Nein – ach nein!« »Und ebensowenig kann es Ihnen merkwürdig sein, daß einer, den der Anblick des Vollkommenen in seliges, unaussprechliches Entzücken versetzt, die Überzeugung hat: Nicht der Furcht, wie eure Klugen behaupten, entsprang das Gebet.. . Das erste Gebet, das zum Himmel stieg, hat jubelvolle Dankbarkeit gesprochen, und spricht ein Musikus es heut, dann wird's ein Lied oder«, er lächelte, »irgendein Satz von irgendeiner Sonate.« »Etwas Herrliches gewiß! Aber, Herr Direktor ...« Es zuckte um Haralds weiche Kinderlippen, als sie sich zu dem Einwand öffneten: »Wenn nur nicht auch soviel Häßliches in der Welt wäre und Grausames und soviel« – sein gepreßtes Herz tat ihm weh –, »und soviel Leiden.« »Je nun – nur nicht ertragen, sich nicht unterwerfen, nur kämpfen gegen sie! Im Kampfe stählt sich die Kraft .... Nur kämpfen! kämpfen wollen .« Er senkte die Stimme; ihr Ton wurde allmählich so leise, daß Harald das scheue Gefühl hatte, der unberufene Zeuge eines Selbstgesprächs zu sein. »Wollen können, immer, felsenfest, unerschütterlich, ist alles .... Nur wollen können! nur den Glauben an den Willen nicht verlieren, weil er uns schon so oft betrog.« Seine Rede wurde ganz unverständlich; er starrte vor sich nieder; seine kräftige Gestalt beugte sich wie unter dem Druck eines schweren Schicksals. Aufseufzend hob er nach einer Weile das Haupt mit jähem Entschluß. »Aber – ich muß ja fort. Adieu. Ihrer Mutter meine Verehrung, meine tiefste Verehrung.« Rüstig schritt er die Anhöhe empor, indes Harald unbeweglich stehenblieb und ihm nachblickte. Dem Jüngling war zumute wie einem, der tausend angesponnene und plötzlich abgerissene Fäden eines seltsam dunkelhellen Gewebes in seinen Händen hält. Ein paar Wochen vergingen, in denen Harald die Gräfin täglich sah; aber freilich immer nur in Gesellschaft anderer. Das war für ihn mehr Qual als Freude. Es kam nicht mehr zu einem längeren Gespräche, und er hätte ihr soviel zu sagen gehabt. Er dachte ja nichts, was er nicht mit ihr in Verbindung brachte, worüber er nicht ihre Meinung hören, womit er nicht ihr Interesse erwecken wollte. Aber sie war unzertrennlich von den zwei Komtessen, die für einige Zeit in ihrer Obhut standen, und gar oft schloß sich ihnen der junge Herr mit dem schiefen Lächeln an. Den haßte er; und einmal, als die Gräfin über einen seiner Scherze herzlich lachte, da haßte Harald einen Augenblick auch die Heißverehrte. Und als sie, seine Verstimmung sogleich bemerkend, fragte: »Was gibt's, Harald? Wer hat Ihnen etwas getan?« da hätte er sein Leben darum gegeben, ihr antworten zu dürfen: Sie! Sie! Sie! – mit Ihrem Lachen über die blöden Scherze eines Laffen! Zu Hause nahm er oft Turgenjews Novelle zur Hand. Sie hatte etwas von ihrem ursprünglichen Reiz für ihn eingebüßt. Der »Knabe« Woldemar flößte ihm Geringschätzung ein; daß etwas Neid dabei war, ahnte er nicht. Was wußte er überhaupt von sich selbst? Wußte er, ob er noch einen freien Willen habe? »Wollen können ist alles«, hatte der Meister gesagt; und konnte Harald noch wollen? Da stand er am Morgen mit dem Vorsatz auf: Heute weiche ich ihr aus, und befand sich trotzdem plötzlich in ihrer Nähe; und dann – was kümmerte ihn das Geschwätz der andern?... sie sprach mit ihm, wenigstens eine kleine Weile, und immer von ernsten Dingen. Freilich in ihrer munteren Art. »Was ist in Ihnen vorgegangen seit gestern?« fragte sie; »Sie sollen mir Ihre Gedanken sagen.« Ihr ahnte nicht, daß er da mehr zu verschweigen als zu sagen hatte. Es kam aber auch vor, daß er mit fest auf den Boden gehefteten Augen an ihr vorbeirannte, weil er sich eben gefragt hatte, was er in ihrer Gesellschaft zu suchen habe. Er, der Beamtensohn, gehörte nicht zu ihr. Seine Mutter selbst, die so gern ausglich, alles so gern im mildesten Lichte sah, jeden Mißklang so gern in Harmonie auflöste, hatte ihn gewarnt: »Wir gehören nicht in diese Kreise: ihre Lebensanschauungen und besonders die Bemessung des Wertes oder Unwertes der Dinge sind zu verschieden.« »Du kannst das doch nicht empfunden haben«, hatte er ihr einmal erwidert. »Du stehst ihnen der Geburt nach ganz gleich.« »Ja, aber ich bin eine Beamtenfrau.« »Sind denn nicht viele von ihnen und viele ihrer Söhne auch Beamte?« »Ein großer Unterschied! In ihren Augen gibt der Mann dem Amte den Rang, bei uns das Amt dem Manne.« Eines trüben Nachmittags, an dem die meisten Kurgäste sich im Parke hielten, sah Harald die Gräfin mit dem eleganten jungen Herrn – ihrem Vetter, wie er jetzt wußte – und den zwei Komtessen vor der Kolonnade auf und ab gehen. Längst schon drohte ein Regenguß, und mit sogar im Gebirge ungewöhnlicher Heftigkeit wurde die Drohung erfüllt. Die Schleusen des Himmels öffneten sich, und alles flüchtete in die Halle. Auch Harald war der Treppe, die zu ihr führt, schon nahe, als sich dicht vor ihm lautes Kindergeschrei erhob. Ein etwa zweijähriges, höchst elegant gekleidetes Mädchen stand mitten in einer Wasserlache, streckte die Ärmchen aus und schrie: »Viens! Viens!« und auf der obersten Treppenstufe, unter dem schützenden Dache, stand eine junge Dame, fabelhaft schön und kostbar angetan in Spitzen und Gaze, das kleine Haupt bekrönt von einem Bänder- und Federnbaldachin, streckte ebenfalls die Arme aus und rief ebenfalls: »Viens! Viens! Viens, ma chérie!« Aber »chérie« wollte durchaus abgeholt werden. Sie heulte wie ein verlassenes Jagdhündlein; der große Hut war ihr in den Nacken gerutscht; der Regen, in den sich auch schon Hagelkörner mischten, prasselte nieder auf ihr blondes Haupt. Plötzlich, mit einem lauten Gekreische des Zornes, warf sie sich zu Boden, wälzte sich und strampelte in der Nässe herum. Nun raffte ihre Mutter die Schleppe zusammen und schickte sich an, auf die Kleine zuzueilen; zwei Herren in Regenmänteln wollten ihr zuvorkommen ... Aber schon hatte Harald das Kind vom Boden aufgehoben, um es der »maman«, nach der es zeterte, zu bringen. Es schrie und wehrte sich und schlug mit Händen und Füßen nach ihm; er hatte alle Mühe, es festzuhalten, verlor unterwegs seinen Regenschirm, wurde böse und brummte einmal ums andere zwischen den Zähnen: »Kröte! Kröte! boshafte Kröte!« Nun sprang er die Stufen zur Kolonnade hinauf und wollte seine ungebärdige Last ihrer Eigentümerin übergeben. Aber die Französin streckte beim Anblick des beschmutzten, triefenden Kindes die Hände mit einem entsetzten: »Oh mon Dieu!« abwehrend aus. Harald stand ratlos da und war in der größten Versuchung, seine zappelnde Bürde ihrer »maman« vor die Füße zu werfen. Die laute Szene hatte viele Zuschauer, darunter die Gräfin, die Komtessen, den Vetter, und der grinste. Einige lachten; zartfühlende Damen meinten, es handle sich um Kindermißhandlung, und begannen den armen Harald sehr unzart zu beschimpfen. Er, mit dem wütenden Kind in den Armen, spielte eine lächerliche Figur – Schicksalstücke: vor ihr! vor ihr! Aber die Qual hatte nur kurze Dauer. Einer der hilfreichen Herren im Regenmantel übernahm das Kind, der andere lief, einen Wagen herbeizuholen, die Dame nickte: »Merci, Monsieur!« und fort waren sie. »Das war eine schwierige Lebensrettung!« sprach die Gräfin zu Harald, der sein Taschentuch gezogen hatte und die Spuren der nassen Kinderfüßchen von seinem lichten Sommerrocke abzuwischen suchte. Ihm war das Weinen nah: »Zu dumm«, murmelte er, »so ein boshafter Fratz!« »Aber temperamentvoll, die kleine Französin, und bildhübsch! Nehmen Sie sich in acht – was wir da sahen, war vielleicht ein Vorspiel... So fangen manchmal die interessantesten Romane an.« »Wenigstens«, erwiderte Harald noch sehr mißmutig, »habe ich Zeit, mir die Sache zu überlegen.« »Baron, Baron!« sprach eine helle Stimme, und neben ihm stand die jüngere der Komtessen und reichte ihm, herzig salutierend, seinen Regenschirm. »Da ist er. Sie haben ihn verloren, und ich wollte auch etwas retten.« Er war äußerst überrascht und geschmeichelt. »Oh! – Oh! Nein – das ist wirklich, das ist zu gnädig, wirklich ...« »Bravo, Kitty! ich sage es ja, an dir ist ein preux chevalier verdorben«, sprach die Gräfin, »und nun kommt, meine vier Kinder, wir wollen Tee trinken beim Zuckerbäcker. Sie nehmen meine Einladung doch an, Harald?« Wie gern! wie von ganzer Seele gern! rief es in ihm. Und – was geschah? Welch ein Wunder begab sich? Warum verneinte sein Mund, da sein Herz bejahte? Was für ein böser Dämon legte ihm ein ablehnendes: »Danke, danke vielmals!« auf die Zunge? »Danke – nein?« fragte die Gräfin. »Dan-ke.« »Aber Harald.« Es lag ein leiser, gütiger Vorwurf in den zwei Worten. Wirklich, es ist unsinnig, davonzulaufen vor ihr, vor dem Komteßchen, das so nett für ihn gewesen ist. Schon zögerte er, war schon im Begriffe, sein »Danke« in ein: Wenn Sie also erlauben! zu verwandeln, als die faden Augen des jungen Herrn ihn spöttisch anzwinkerten. Willst du gebeten werden? Ist es üblich bei euch? sollte das wohl heißen. Nun gab es kein Überlegen mehr: »Exzellenz, meine Mutter erwartet mich.« Er verbeugte sich tief und ging und fühlte, daß man ihm nachschaute, und hatte davon ein höchst unangenehmes Prickeln im Rücken. »Es ist schon der ganze Hofrat«, sagte der junge Herr. »Steif und zimperlich und macht sich rar.« »Der?« rief die Gräfin, »die Unbefangenheit und Natürlichkeit selbst. Wie er daherkam im Kampf mit dem kleinen Rangen, das Herz voll Empörung und in den Augen eine so herzige Schüchternheit und Angst, ausgelacht zu werden, mußte ich an ein junges Reh denken, das plötzlich aus dem Wald in diese Kolonnade geraten wäre.« »Und du gerätst ins Poetische«, erwiderte der Vetter, ärgerlich über den Widerspruch. »Das kommt davon, daß er dich anschwärmt.« »Er soll nur. Ganz gut, wenn ein junger Mensch schwärmen kann. Wer von euch trifft das heutzutage noch? Wer vermag sich auf eigene Kosten ein Idealbild, das dem Urbild sehr wenig ähnlich sieht, in die blaue Luft hinzumalen und es wunschlos anzubeten?« »Wunschlos, Kusine? Du bist wirklich naiv.« Er zog sein allerschiefstes Gesicht. »Wunschlose Schwärmer gibt's nicht, auch nicht unter den Miniatur-Hofräten.« Harald teilte seiner Mutter sein neuestes Erlebnis mit und fand soviel Trost, als er zu empfinden fähig war. Nach einer Weile kam dann die schon mehrmals wiederholte Frage: »Sag, Kind, solltest du nicht an deinen Vater schreiben?« Freilich sollte er, es war seit vierzehn Tagen nicht geschehen, und Harald wußte, daß sein Vater in den Briefen an die Mutter kein Wort darüber verlieren würde. Bei der Rückkehr aber bekäme der säumige Briefschreiber eine Bemerkung zu hören, die nicht so leicht zu verschmerzen war. Er ging auf sein Zimmer, legte einen Bogen Briefpapier vor sich hin, und das Datum und die Ansprache flossen ihm leicht aus der Feder, auch die erste Seite bedeckte bald ein umständlicher Wetterbericht; mit der zweiten ging's schon etwas langsamer; die Nachrichten über den Gebrauch der Kur mußten vorsichtig gebracht werden; die Gefahr, in früheren Briefen schon Gesagtes zu wiederholen, war groß. Nun schien aber diese Klippe umschifft, und die fast unüberwindliche Aufgabe stellte sich erst ein, als die dritte Seite an die Reihe kam: worüber schreiben? Worüber schreibt man an jemand, mit dem man noch nie ein vertrauliches Wort gewechselt hat? Harald mußte an den armen kleinen Woldemar denken, der, genau wie er selbst, von seinem Vater nie etwas anderes erfahren hatte als freundliche Gleichgültigkeit. »Bist du fertig, Harald, und kommst mit mir?« Seine Mutter stand auf der Schwelle, zum Ausgehen angekleidet. »Es hat aufgehört zu regnen; ich will ein bißchen an die Luft.« »Ach Mama! Ach Mama!« Er stieß einen tiefen Seufzer aus, streckte die Arme empor und rang die Hände: »Es ist so schwer!« »Schwer – was denn?« »Den Brief zu schreiben, den Brief an den Vater.« »Das ist nicht dein Ernst.« »Ich kann mir nicht helfen – ja! Mein Gott, was mich interessiert, interessiert ihn nicht ... Sag nicht nein! Sag nicht nein! Wenn du's noch so sehr leugnest, ich fühl es doch.« »Es wäre sehr traurig, Harald.« »Mich hat es nie traurig gemacht ... Aber warte, setz dich – ich weiß jetzt einen Schluß.« Und er schrieb sorgfältig mit schönen großen Buchstaben: »Eben kommt Mama, um mich zu einem Spaziergang abzuholen. Wir müssen uns beeilen, denn es hat kaum zu regnen aufgehört und dürfte bald wieder anfangen. Lebe wohl, lieber Vater! Ich hoffe, daß diese Zeilen Dich in bestem Wohlsein finden, küsse Deine Hand und bin Dein dankbarer Sohn Harald.« Und nun ging's an das Hinmalen einer titelreichen Adresse. Seine Mutter trat zu ihm und beugte sich über seine Schulter. »Ich besorge, daß die Adresse das Ausführlichste an deinem ganzen Briefe ist.« »Ach geh! ... Übrigens – weißt du was, Mama? – der Vater ... wenn ich ihm ausführlich schriebe, er würde es nicht lesen, er hat ja keine Zeit. Das denkt man und schreibt dann auch nicht gern.« Er nahm ihre Hand in seine beiden Hände, wandte den Kopf und sah zu ihr empor. »Ganz anders war's, wenn ich dir schreiben würde oder zum Beispiel einem ... Errate – wem! Ich habe ihn, weißt du, neulich getroffen im Nonner Wald.« »Und an den zu schreiben wäre dir leicht?« »Ja; ich weiß jetzt, daß er ganz anders ist, als ich ihn mir vorgestellt habe. So gar nicht hochmütig, so gar nicht stolz auf seine großartige Kunst. Stückwerk, sagt er. Was für Ziele müssen ihm vorschweben, wenn er die gering findet, die er erreicht hat!« Seine Mutter drückte ihre Wange an seinen Scheitel: »Nicht wahr? Und das ist alles ehrlich empfunden, und man hat auch nie nur den leisesten Zweifel wie bei andern Künstlern: Du meinst es gar nicht so, erwartest nur einen Widerspruch.« »O nein, dazu ist er zu groß. Je mehr ich über ihn nachdenke, je besser begreife ich ihn. Er geht den Leuten aus dem Wege, weil er sich nicht verstellen kann ...« Er brach plötzlich ab und fuhr dann mit einem raschen Blick auf seine Mutter fort: »Was mir einfällt, Mama! Er hat da eine kleine, kleine, ganz entfernte Ähnlichkeit mit dir ... Auch du weichst gern den Leuten aus, und bei dem Ausweichen seid ihr einander begegnet, und jetzt schenkt er dir sein Vertrauen, und du weißt alles von ihm.« Er sprang auf und stand nun vor ihr und rief: »Und solltest mir auch alles sagen!« »So?« sie lächelte ihn an. »Was er mir sagt, sind keine Geheimnisse; wenn es aber Geheimnisse wären, würde ich sie nicht verraten.« »Verraten ist ein garstiges Wort.« »Über anvertrautes Gut eigenmächtig verfügen ist auch nicht schön.« »Ich würde doch keinen Mißbrauch treiben... Ich bin dein Sohn.« »Du darfst trotzdem nicht verlangen, daß ich dir anvertrautes Geld ausliefere, wenn auch um damit Wohltaten zu erweisen. Steht es anders mit anvertrauten Geheimnissen?« So ganz einleuchten wollte ihm dieses Argument nicht: »Es wäre aber doch besser, die Wahrheit zu wissen, als nur den Klatsch der Leute und der Zeitungen. Was die zusammenschreiben! Gestern erst habe ich gelesen, die Frau Kolbergs hätte einem Interviewer erzählt, daß sie und ihr Mann sich gegenseitig unglücklich machen, aber nicht ohne einander leben können. Das ist doch lächerlich.« »Es wäre lächerlich, wenn es Hänsel und Gretel beträfe; da es einen großen Künstler und eine große Künstlerin betrifft, ist es tragisch.« »Ich begreif's nicht, ich begreif's nicht! Sie hat sich doch gegen ihn viel zuschulden kommen lassen –« »Sagt man.« »Und er, der so gut versteht, sich die Menschen vom Halse zu schaffen, kann sie nicht loswerden? Das ist doch merkwürdig; und du mußt zugeben ...« »Nichts gebe ich zu. Wer weiß; vielleicht verdankt er den Qualen, die er durch diese Frau leidet, seine erschütterndsten Inspirationen.« »Und wenn es so ist – trotzdem. Er sollte ein Ende machen. Daß er's nicht kann ...« »– Oder nicht will!« »Oder nicht will – gefällt dir das?« »Danach frage ich nicht, ich klügle nicht an ihm herum, denke nicht: Du solltest so tun, so oder anders sein. Ich denke: So tust du, so bist du, und damit fertig.« »Das ist Respekt, Mama, das ist Bewunderung... Er ist dir sehr lieb.« »Ja«, bestätigte sie einfach und freimütig. »Die Menschen, die wir zugleich bewundern und bedauern, werden uns sehr lieb.« Er blickte sie aufmerksam, er – staunte sie an. Waren ihm denn erst jetzt die Augen aufgegangen über seine Mutter, oder hatte sie sich verändert? – Daß sie noch jung aussähe und schön sei mit ihrer feinen Gestalt, ihren goldblonden Haaren, ihrem durchsichtigen Teint, hatte er oft gehört und als ausgemachte Sache betrachtet. Gewiß, sie sah so jung und schön aus, wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes nur irgend aussehen kann. Nun aber – was ihm da entgegenschimmerte aus ihren Augen, aus ihrem ganzen harmonischen Wesen, war ein rätselhafter Schein von etwas – nicht Jungerhaltenem, nein: Junggebliebenem, Jungseiendem – etwas Mädchenhaftem. Ein Sonnenstrahl hatte das Gewölk durchbrochen und drang durchs Fenster, gerade an die Stelle, an der sie stand. »Mama!« rief Harald, »wie schön du bist! Schau nur, die Sonne findet's auch. Sie schickt dir einen Liebesboten, er küßt deine Haare, dein Gesicht, und – schau nur, schau, Mama, er legt sich dir zu Füßen.« »Laß das gut sein. Die Sonne hat uns zum besten. Tun wir, als ob wir's nicht merkten. Komm.« Die Komtessen und der Vetter waren abgereist, und die Welt war wieder schön. Ob sonnig, ob regnerisch, jeder Tag ein Festtag; denn jeder brachte eine Stunde, in der Harald die Gräfin auf einem Spaziergang begleiten oder mit ihr in der Kolonnade umherwandeln durfte. War diese Stunde vorbei, dann war es auch der Tag, den er durchlebt hatte, und der Tag, den er durchträumte, begann. Da stiegen die großen Taten, die er einst vollbringen wollte, vor ihm auf. In kühnen kräftigen Zügen, ohne auf Einzelheiten einzugehen, entwarf er das Bild einer erfolg- und ruhmreichen Zukunft – der seinen. Er sah die Zeit kommen, in der sein Name von Tausenden mit Ehrfurcht genannt und er der Stolz seines Vaterlandes sein würde und auch ihr Stolz. Das erleben und dann eines Heldentodes sterben, womöglich für sie oder wenigstens unter ihren Augen, wäre die schönste Erfüllung des allerschönsten Traumes. Eines warmen Sommermorgens waren sie auf dem Wege nach St. Zeno; die Gräfin wollte die Kirche besuchen und den Friedhof, der neben ihr liegt und eine der lieblichsten Ruhestätten ist, die Lebende ihren Toten bereitet haben. Freundlich der Blick ins offene Land gegen die Salzburger Berge hin, erquickend die schützende Nähe der dunkeln Anhöhe des Kirchholzes und der Luftwellen, die mit Harzdüften getränkt über die kleine Totenstadt gleiten. Harald befand sich in einer seiner hellsten Stimmungen. Die Gegenwart so wonnig! Die Zukunft eine noch geschlossene Riesenblüte, die nur auf die rechte Stunde wartete, um sich prangend zu entfalten. Sein Herz floß über von unendlicher Dankbarkeit, und in dem Augenblick verstand er die Worte des Musikers: Das erste Gebet hat jubelvoller Dank gesprochen. Sie wohnten dem Gottesdienste bei und gingen dann auf den Friedhof. »Jetzt müssen Sie Geduld haben«, sagte die Gräfin, »von einem Friedhof bringt man mich so bald nicht fort.« Das nahm ihn wunder. »Denken Sie denn gern an den Tod?« »Nein, weil ich nicht gern an einen Schmerz der Meinen denke; ein Grauen vor dem Tode habe ich nie gekannt. Was mich auf einem Gottesacker – wie merkwürdig tief ist dieses Wort! – so sehr ergreift, ist der Gedanke an die Trauer der Zurückgebliebenen.« »Es werden aber nicht alle Verstorbenen betrauert.« »Und wenn es auch nur die wenigsten wären! Der da liegt, könnte es sein, sage ich mir und bringe denen, die sich leidvoll nach ihm sehnen, mein Scherflein Mitgefühl dar, von dem sie freilich nichts wissen.« Sie ging von einem Grabhügel zum andern, las die Inschriften auf den Kreuzen, war gerührt von der Sorgfalt, mit der die Wohnung der unter ihnen Ruhenden geschmückt und betreut wurde. »Es ist doch Kultus des Staubes«, sagte Harald. »Nein, nein! An den Staub, in den allmählich, was da ruht, zerfällt, denkt man nicht, man denkt an ein geliebtes, körperlos gewordenes Wesen, das von uns weiß, dem unsre Sehnsucht einen Weg zu uns bahnt und dessen Nähe wir dann fühlen. Das ist, scheint mir, bewußt oder unbewußt der Anlaß zu unserm Gräberdienst.« »Frau Gräfin! Sie glauben, daß ein Verkehr besteht zwischen den Lebenden und den Verstorbenen?« »Jawohl, das glaube ich.« »Da will ich morgen sterben, damit ich immer bei Ihnen sein kann!« rief er aus, und sein Erröten über die unbedachten Worte war unaussprechlich tief, und sein Ärger darüber trieb ihm neue Blutwellen ins Gesicht. Die Gräfin legte sanft ihre Hand auf seinen Arm: »Sie sind ein Kind, ein sehr liebes, sehr junges Kind.« Sie kamen am großen Kruzifix bei der Kirchenmauer vorüber. Dort kniete ein greises Weiblein, dürr wie ein welker Zweig, und man hörte sie im inbrünstigen Gebet flüstern: »Erlös ihn! Erlös die arme Seele!« Sie hatte die Fremden kommen gehört und sich umgesehen. Blitzschnell wich der fromme Ausdruck aus ihren Zügen, ein böses Wort trat auf ihre Lippen, und wenn sie es auch nicht aussprach, man verstand: Was habt ihr hier zu suchen, Neugierige? Haltet euch fern von unsern heiligen Stätten. Beim kleinen Friedhof der Klosterschwestern hinter der Kirche machte die Gräfin wieder halt. Da lagen sie in Reihen gebettet unter schmalen, schmucklosen Hügeln. Alle gleich. Die Namen bildeten die einzige Verschiedenheit in der Gemeinschaft dieser stillen Schar. Im Leben vom selben Schicksal getroffen, wie ungleichmäßig mochten sie es empfunden haben! »Afra«, las die Gräfin, »die Schwester Ökonomin, ich habe sie gekannt.« Es gab Leute, die wissen wollten, daß sie aus sehr vornehmem Hause stamme. Zu gebieten verstand sie, das ist wahr. Klein und verwachsen, flog sie durch die Gärten, die Wirtschaftsräume und Ställe wie eine aufgeregte Biene; ihr langer Schleier fegte hinter ihr her. Sie ordnete an, tadelte, lobte, energisch, klug und weise. Die Knechte und Mägde lachten und gehorchten ... Da, neben ihr: Therese, ihr Widerspiel; groß und breit, ein Bild der Kraft, sehr laut in den Äußerungen ihres Mißfallens und so gar nicht gefürchtet! – Abgott und Marterholz der kleinen Klosterzöglinge. »Brave Therese!« Der Nachruf weckte einen Widerhall. »War mei Tant. Gott hab s' selig.« Die Gräfin wurde freundlich gegrüßt; freundlich von einer Trauernden. Eine Bäuerin in schwarzem Gewande war auf dem Wege von der Totenkapelle herübergekommen. Ungefähr so mochte die brave Therese in ihrer Jugend ausgesehen haben, nur weniger fein als diese Frau mit ihrer blühenden Gestalt, ihrem zarten Gesicht und ihren zutraulichen blauen Augen. Die waren aber ganz verweint, und die weißen Zähne blinkten zwischen schmerzverzogenen Lippen hervor. Neben dem schönen Weibe ging ein etwa fünfjähriges Büblein in Bauerntracht ernst, fast würdevoll einher und hielt den grünen Jägerhut mit beiden Händen an die Brust gedrückt. Die Gräfin betrachtete das Paar teilnahmsvoll, deutete auf den Traueranzug der Frau und fragte: »– Ein Witwenkleid?« – »Jo – jo –« war die Antwort. »Arme Frau – armer kleiner Bub. Ihr Einziger?« – »Jo«, erwiderte sie mit einer Mischung von Stolz, Schmerz und Liebe. »Dos ist jetzt der Bauer.« Die Gräfin streichelte seine steifen, strohgelben Haare und wiederholte: »Armer Bub, armer kleiner Bub!« und ihr traten Tränen in die Augen. Sie denkt, daß ihre Söhne dasselbe Unglück erfahren können; das ergreift sie, sagte sich Harald, und eine unerklärliche Bitterkeit stieg in ihm auf. Sie verließen den Friedhof und waren bald auf dem Heimwege. Die Gräfin schlug ein rascheres Tempo an. Sie hatte noch viel zu tun – Briefe zu schreiben, Abschiedsbesuche zu machen; denn: »Meine Kur ist beendet, und morgen, lieber Harald, morgen reise ich ab.« Das traf ihn wie ein Schuß in die Brust. Er hatte kühne Unternehmungen geplant, sich als großen Mann gesehen, allerlei Möglichkeiten erwogen, nur die eine nicht – daß ihre Badekur ein Ende nehmen und daß sie abreisen konnte. Er blieb stumm, und sie ahnte nicht, was sie ihm getan hatte. Sie sprach von ihrer Abreise, wie wenn das etwas ganz Einfaches und Natürliches wäre, sprach auch von ihren Kindern, ihrer Lebensweise auf dem Lande. O Gott, ja! Sie hatte ein reich ausgefülltes Dasein; Bekannte, Freunde, ein großer Kreis bewegte sich um sie ... Das Interesse, das sie ihm geschenkt hatte, verdankte er der Ähnlichkeit mit ihrem Sohne ... Was war er ihr? – Vor dem Deutschen Hause verabschiedete sie ihn und betraute ihn mit einer Botschaft. »Es ist längst meine Absicht gewesen, Ihre Mutter zu besuchen. Ich bin nur leider bis jetzt nicht dazu gekommen. Heute nachmittag finde ich mich aber ein. Bitte fragen Sie, ob die Baronin mich empfangen will. Keine Antwort heißt: ja.« Er traf seine Mutter in der Villa nicht mehr an. Sie hatte lange auf ihn gewartet und war dann ausgegangen. Der Diener brachte ihm das Frühstück auf sein Zimmer; er setzte sich davor hin, vergaß aber zu essen, legte die verschränkten Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die Arme und preßte seinen Mund auf die Stelle, wo die Hand der teuren Frau geruht hatte. So fand ihn seine Mutter bei ihrer Rückkehr. Er war aufgefahren, als sie eintrat, und hatte sie fremd und bestürzt angesehen, wie mit einer stummen Bitte: Frag nicht, frag nicht, was mir ist! Stumm wie seine Bitte war ihre Antwort: Sei ohne Sorge! Ich verstehe und schweige; ich weiß alles von dir; du hast nichts erlebt, was ich nicht mit dir erlebt hätte. Er kündigte ihr den Besuch der Gräfin für den Nachmittag an. Ob am frühen oder am späten, hatte sie nicht gesagt. So streifte er denn schon bald nach dem Mittagessen in der Umgebung der Villa herum, und sein Herz begrüßte jeden Wagen, der sich näherte, mit freudigem Klopfen. Eine Stunde war schon vergangen, die zweite neigte sich dem Ende zu, er hatte die Hoffnung auf ihr Kommen fast verloren, als die sehnlichst Erwartete endlich herangefahren kam. Leicht und rasch stieg sie aus dem Wagen und ließ sich, von Harald durch die hübschen Gartenanlagen zur Terrasse geleiten, von der aus man in den Salon trat. Ein entscheidender Augenblick war nah. Sie würden einander kennenlernen, seine Mutter und sie, und mußten, mußten ja einander gefallen ... und lag dann nicht der Gedanke an ein Wiedersehen nahe – und war dann doch nicht alles aus, wie er geglaubt hatte, und gab es doch noch etwa wie Glück im Leben? Er öffnete die Tür vor der Gräfin und unterdrückte kaum einen Ausruf der Überraschung. Ein Besuch, zu jeder andern Zeit hochwillkommen, in diesem Augenblick störend, hatte sich eingefunden – Hans Kolberg. Beim Eintreten des Gastes erhob sich die Hausfrau von ihrer Sofaecke und er sich von dem Fauteuil, auf dem er gesessen hatte. Die beiden Damen begrüßten einander, und Harald rang mit stiller Verzweiflung, während er sich tief vor dem Kapellmeister verneigte. Die Gräfin erinnerte Kolberg an ihre Begegnung mit ihm in Bayreuth, und es gelang ihr auch bald, ein allgemeines Gespräch in Gang zu bringen, das aber nur scheinbar mit Vergnügen geführt wurde. Harald litt Qualen. Die einzig schöne Stunde, in der zwei Wesen, die ihm die liebsten und teuersten waren, einander hätten nahetreten und kennenlernen sollen, da verfloß sie – unwiederbringlich und war nicht ausgenützt worden. Das Band, das sich nicht jetzt, nicht hier zwischen den zwei Frauen anknüpfte, würde nie angeknüpft werden – dafür kannte er seine Mutter und ihr Vorurteil gegen ein Eindringen in die Gesellschaft der »Dynasten«. Die Gräfin hatte schon einige Male verstohlen nach der Pendeluhr an der Wand hingesehen. Nun sprach sie ihr Bedauern aus, daß ihr erster Besuch ihr letzter und auch so sehr kurz sein müsse, aber sie habe ein Telegramm von ihrem Manne bekommen, das ihn ankündigte. Er kam, sie abzuholen, und sie fuhr nun direkt auf den Bahnhof, um ihn zu erwarten. Sie erhob sich, alle standen auf. – Ihr Mann kam, um sie abzuholen, und jetzt fuhr sie ihm entgegen! Harald rang nach Atem; ihm war, als bräche ringsum Finsternis ein und als schwanke der Boden. Er preßte die geballte Faust auf den Tisch und sprach sich zu: Feigling! Feigling! Was soll's? Was soll das heißen? Nimm dich zusammen, Feigling! Die Willenskraft siegte; er behielt die Herrschaft über sich. Abermals öffnete er die Tür vor der Gräfin, abermals begleitete er sie. Auf die guten Worte, die sie zum Abschied an ihn richtete, konnte er nichts erwidern ... Nur verneigen konnte er sich und kerzengerade dastehen, nachdem sie in den Wagen gestiegen war. Er konnte auch mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft die Tränen zurückhalten, die ihm wie Funken in die Augen sprangen, als sie sich vorbeugte, ihm still und lieb ins Gesicht sah und ihm mit der weich behandschuhten Rechten schmeichelnd über die Wange glitt ... Er zuckte zusammen, und sie zog die Hand zurück, erschrocken über den schwermütigen und leidenschaftlichen Blick, der zu ihr emporflammte ... War's möglich? ... Hatte ihr Vetter mit dem Gerede, das ihr so lächerlich vorgekommen war, nicht ganz unrecht gehabt? Sein: »Du bist wirklich naiv, Kusine!« fuhr ihr durch den Sinn, ein peinigender Zweifel ergriff sie und ein Selbstvorwurf, in den sich aber auch ein Gefühl des Ärgers mischte. Sie gab das Zeichen zur Abfahrt, und statt, wie sie gewollt hatte, zu sagen: Auf Wiedersehen! sagte sie: »Adieu, Harald!« und setzte in Gedanken hinzu: Dummer Bub! verdirbt sich und mir und meinem Willy eine rechte Freude. Dummer Bub! – Lieber, armer Bub! Die Mutter Haralds war ans Fenster getreten und hatte die Gräfin in den Wagen steigen und wegfahren gesehen. »Sie ist fort. Mein armer Junge erfährt jetzt den ersten großen Schmerz seines Lebens«, sagte sie. »Mög er ihn tief und nachhaltig empfinden!« rief Kolberg aus. »Es ist ein schöner, beneidenswert schöner Schmerz und voll Heilkraft für die Zukunft.« »In dem Augenblick fühlt er aber nur das Leiden, und es ist vielleicht zu mächtig für seine junge Kraft. Ich kann mir nicht helfen – auch wenn Sie's töricht finden –, ich klage Turgenjews schwüle Novelle an. Sie hat dem Kinde, das Harald bis jetzt gewesen, eine Welt von Empfindungen erschlossen, die besser noch eine Weile unentdeckt geblieben wäre.« Sie hatten ihre früheren Plätze wieder eingenommen; der Musiker schien ungeduldig und wenig geneigt, auf ein Gespräch über den Liebesgram eines Knaben einzugehen. »Nein, nein«, sprach er abschließend, »danken Sie Gott und dem großen Dichter, dessen Schöpfung etwas beitrug zum Erwachen dieser Jünglingsliebe in dieser Zeit und für diese Frau. Es ist etwas Schönes um eine erste heiße Sehnsucht, die als Opferflamme vor einem Unerreichbaren brennt. Wohl jedem, der sich in der Blüte seines Daseins nicht ans Erreichbare, viel zu leicht Erreichbare weggeworfen hat. Das Versinken im Sumpfe ist so nah. Und wenn der Ekel kommt und wenn der tolle Jubel der Lust in einen Verzweiflungsschrei nach den höchsten Lebensgütern ausklingt, dann gibt es einen furchtbaren Kampf ... Der Mensch, den Sie kennengelernt haben, liebe Freundin, hat ihn gekämpft und sähe ihn gern Ihrem Sohn erspart.« Er griff nach ihrer Hand, und sie blieb in der seinen ruhen. »Ich meine«, fuhr er fort, »etwas von dem Waten im Sumpf bleibt haften, zieht immer wieder zurück. Davor rettet nur eins, und das hat es gegeben: ein Auffliegen zur Heiligkeit ... Aber dazu langt der Stoff, aus dem ich gemacht bin, nicht. Ich bin kein Sieger im Streite. Jedesmal noch hat das Weib, das mein Schicksal geworden ist, mich zu sich zurückgeführt, über kurz, über lang, für kurze, für lange Zeit. Und – da liegt der Zwiespalt – nicht bloß durch ihre Reue, ihre wilde Liebe – auch durch die dämonische Gewalt ihrer Kunst ... Nun bin ich wieder auf dem Wege zu ihr, will mein kleines Mädchen vor ihr retten ... Die Pflicht soll mir die Kraft geben, nach der ich lechze und ringe. Die Pflicht und die Erinnerung an Sie, an jede Stunde, die ich mit Ihnen verlebte, an die guten, weisen Worte, die Sie zu mir sprachen, an den Frieden, der sich in Ihrer Nähe über meine sturmgepeitschte Seele senkte ... Ich habe Ihnen für soviel zu danken ... Sie ahnen nicht, für wieviel ...« Er blickte sie an mit Bewunderung und Ehrfurcht. Sie erhob die Augen nicht; eine feine Röte bedeckte ihre Wangen: »Das gilt von mir«, sprach sie. »Ich hatte Ihnen ja schon soviel zu danken, bevor wir einander kennenlernten, persönlich, meine ich; denn gekannt habe ich Sie und, wie ich glaube und hoffe, auch verstanden – längst vorher aus Ihren Werken.« Er senkte den Kopf und heftete seine Lippen auf ihre Hand und fühlte, daß die Pulse dieser zarten, schlanken Hand, die regungslos in der seinen ruhte, fieberhaft pochten. Sein Herz wogte vor innigster Rührung, vor unaussprechlichem, über jede Erwartung befriedigtem Stolz. »Ja!« sagte er mit tiefer Durchdrungenheit, »wenn das Schicksal es gut mit mir gemeint hätte, Sie wären mir früher begegnet.« Er hatte sich erhoben, und auch sie war aufgestanden, und von neuem ergriff er ihre Hand, die den Druck der seinen erwiderte und auch nicht zurückgezogen wurde, als die Tür sich öffnete und Harald eintrat. Der Jüngling stutzte beim Anblick Kolbergs, und seine Miene verriet deutlich die Frage: Noch da? Nun ein paar Abschiedsworte: »Leben Sie wohl, gnädige Frau.« »Gott behüte Sie, Kolberg.« Er ging, und Harald beantwortete die Aufforderung seiner Mutter, den Direktor zu begleiten, verneinend: »Ich bleibe bei dir ... Tut's dir weh, daß er abreist?« »Es tut mir leid. Ich sehe ihn wohl nie wieder; und er ist mir doch sehr lieb geworden.« Diese ruhigen Worte und der bewegte Ton, in dem sie gesprochen wurden, paßten nicht zusammen. Sie hatte sich in einem Fauteuil am Fenster niedergelassen. Harald stand neben ihr an die Wand gelehnt, die Arme gekreuzt, gequält und grollend. Ihm war, als sei ein Reichtum angetastet worden, der sein ausschließendes Eigentum gewesen, seit er atmete. Für unberührbar hatte er ihn gehalten; für unerschöpflich und unberührbar. Das war so natürlich und so selbstverständlich, daß man nicht einmal dafür dankte. Es war eben, weil es sein mußte. Und jetzt, in dem Augenblick, bekam er zu fühlen: Ein Einbruch kann stattfinden in das Heiligtum meines angeborenen Rechtes. Beide schwiegen lange; die Mutter nach Fassung ringend, der Sohn aus Trotz. Endlich sprach sie: »Harald, du mißgönnst einem Menschen, den du bewunderst und von dem du weißt, daß er unglücklich ist, meine Teilnahme. Sehr ungroßmütig, Harald.« »Ach Mama, ich bitte dich! ich bitte dich!« Er streckte die Hände abwehrend aus: »Unglücklich dieser Beneidenswerte! So berühmt, so gefeiert, so verwöhnt – und hat seine große Kunst ... Was braucht er noch? Was braucht er noch! ... Mir soll er nichts nehmen, ich gebe nichts her von dem Lichte deiner Liebe, nicht einen Schein!« Mit großen Schritten begann er im Zimmer auf und ab zu gehen. Er hätte gern sein übervolles Herz vor ihr ausgeschüttet bis auf den letzten Tropfen; aber in ihm kämpfte und stürmte es, und dem allzu heftigen Empfinden versagte sich das Wort. »Komm«, sprach seine Mutter, »setze dich zu mir, wir wollen vernünftig miteinander reden.« »Das kann ich nicht – vernünftig!« Er schüttelte sich, trat auf sie zu, preßte mit beiden Händen ihren Kopf an seine Brust und küßte ihre Haare und streichelte sie und sagte: »Jedes einzelne ist mein. Du gehörst mir – weißt du?« »Ich weiß.« »Gut also.« Er verließ das Zimmer, und sie – atmete auf. Voll Unwillen gegen sich selbst, voll Zweifel an sich selbst fragte sie: Bin ich's denn noch? Sie hatte aufgeatmet, als die Tür hinter ihrem einzig geliebten Kinde ins Schloß fiel. Aber – es war Zeit gewesen. Sollte er Zeuge ihrer Schwäche sein? Ihre Selbstbeherrschung würde kaum länger vorgehalten haben, der Tränenstrom, in den sie nun ausbrach, hätte sich nicht länger zurückdämmen lassen. Der Rest des Tages spann sich ab, langsam, einförmig, unter dem Druck einer schweren, heißen Luft. Sie blieb auch des Nachts schwül und unbewegt. Wie in einem Brennspiegel hatte die Sonne vom frühen Morgen an ins Tal hereingeglüht; nun atmete die Erde Feuerströme, mit denen sie sich vollgesogen, aus. Harald glaubte in der Stube ersticken zu müssen und rettete sich ins Freie. Aber er fand keine Erquickung. Er wanderte über die Straßen, durch die Gartenwege, er kam immer wieder am Deutschen Haus vorbei. Als er müde zur Villa zurückkehrte, schlug eine Kirchturmuhr die erste Stunde nach Mitternacht. Wachend erwartete er den Morgen, an dem das liebliche Reichenhall für ihn verödet werden sollte, leer und verödet die schöne Welt. Sein Diener war gewöhnt, von ihm geweckt zu werden, und liebte nicht, daß es sehr früh geschah. Solange als möglich überwand Harald die Unruhe, die ihn quälte, warf sich sogar aufs Bett und blieb, damit es nicht unberührt aussähe, eine Weile liegen. Dann verlangte er sein Bad und kleidete sich sorgfältig an und wußte nicht, warum er das tat ... Er wollte sie ja nicht mehr sehen, er fürchtete ihr zu begegnen, was leicht hätte geschehen können; ihr Zug ging erst in einigen Stunden ab. Um keinen Preis würde er sich eingestanden haben, daß tief, tief in dem dunkelsten Grund der Seele, wo unsre unausgesprochenen Wünsche lauern, sich etwas verbarg, das mehr einem leisen Hoffen als der Furcht glich. Er hatte seine Mutter bitten lassen, ihn nicht zum Frühstück zu erwarten, und war durch die noch ziemlich menschenleeren Straßen ins Freie geeilt. Den waldigen Auen ging's entgegen; er befand sich bald auf dem Wege, auf dem er Kolberg getroffen hatte. Alles still um ihn her; nun aber glaubte er das Geräusch nahender Schritte zu hören, sprang ins Dickicht und verbarg sich dort. Nur jetzt niemand sehen müssen, niemand sprechen, niemand grüßen! – Unter einem Baume streckte er sich aus. Der weiche Boden, von Moosen und würzigen Kräutern überwuchert, hauchte kräftig belebenden Duft aus. Als hießen sie den Tag willkommen, neigten und wiegten sich die schlanken Wipfel der Baumkronen, und durchsichtige Schatten glitten spielend über den Grund. Unzählige kleine Fliegen summten, Vogelstimmen erhoben sich, zwitscherten schüchtern oder keck, fragten, antworteten, führten Gespräche in melodischer Sprache. Die gefiederten Waldbewohner fühlten sich recht als Herren in ihrem grünen Reich. Harald schloß die Augen und lag eine Weile in leisem Schlafe, aus dem er nur erwachte, um sich dem Zustand halber Bewußtlosigkeit zu überlassen, den ein Weiser den seligsten nennt, den es gibt. Dem Traumbefangenen war, als ob er eine schwere Verwundung erlitten hätte, den Schmerz aber sehr gedämpft und mit Wollust fühle. Eine unsichtbare wohltätige Hand breitete feine weiche Schleier über ihn, ihn zu schützen vor dem Eindringen des grellen Lichtes der Wirklichkeit. Nicht Heilung, aber Erquickung bot die kurze Rast nach einer schweren Seelenpein; mit frischeren, teilnehmenderen Augen sah Harald sich um in dem kleinen Waldwinkel, der ihm eine sanfte Lagerstätte geboten hatte. In seiner nächsten Nähe regte sich's, piepste, wippte mit kleinen, ungeschickten Flügeln. Drei Rotkehlchen, offenbar Geschwister, hüpften im Gras herum, waren kugelrund, dickgefüttert von einer sorgsamen Mutter. Arglos umhüpften sie das große Ding, das da vor ihnen lag wie ein Berg, und Harald hielt den Atem an, wagte nicht mit einer Wimper zu zucken, um sie nicht zu erschrecken und zu verjagen. Aber die Mutter wachte. Unruhig bewegte sie sich auf einem langen Zweige, drehte den Kopf, spähte nach allen Seiten aus und ließ plötzlich einen Warnungsruf ertönen. Die Kleinen horchten auf – der Warnungsruf wiederholte sich laut und gebieterisch und an Gehorsam mahnend. Nun schwangen die Kleinen sich empor, mehr oder weniger ungeschickt, kamen aber glücklich ans Ziel. Harald hatte kein Glied gerührt; die Besorgnis der treuen Hüterin wurde durch andere erregt. Auf dem Wege nebenan kamen zwei Menschen einher. Welcher Vogel kann wissen, ob es nicht Feinde sind? Aber die zwei, die sich da näherten, waren keinem Lebendigen feind; es waren ein Mann und eine Frau, Kurgäste, die vielleicht zu dem Aussichtspunkt gingen, auf dem Hans Kolberg neulich stehenblieb und den Untersberg bewunderte. Die zwei plauderten miteinander, und Harald hätte die Stimme der Frau erkannt, wenn sie von noch so weither zu ihm gedrungen wäre. Er richtete sich auf, bog vorsichtig einige Zweige zur Seite und gewann einen Ausblick auf den Weg. Sie war's, in ihrer Lieblichkeit, mit dem Kinderblick in ihren dunkeln Augen, der so zutraulich war und plötzlich so hell aufblitzen konnte, als flöge ein heiterer Einfall ihr durch den Kopf. Ihr Begleiter war ein ungewöhnlich großer Mann von vornehmem und sympathischem Äußern. Eine angenehm auffallende Erscheinung, an der man nicht vorbeiging, ohne zu fragen: Wer magst du sein? Die Gesichtszüge waren kräftig ausgeprägt, und aus ihnen sprach die sichere Ruhe einer starken, zur vollkommenen Einigkeit mit sich selbst gelangten Seele. Es bedurfte nicht eines durch leidenschaftlich gespannte Aufmerksamkeit geschärften Blickes, um zu erkennen, daß Offenheit, Wahrheitsliebe, Wohlwollen das Wesen dieses Mannes bildeten. Ja – ja! so mußte der sein, zu dem diese Frau emporsah, wie sie es tat, jetzt – und gewiß immer ... mit einem Blick, der ihn umhüllte mit dem Purpurmantel der Liebe. Stolz und dankbar empfand er das! Ja, ja, ja! die zwei, die da langsam des Weges kamen, paßten zueinander. Sie sprachen, und sogar ihre Stimmen bildeten einen harmonischen Zusammenklang. Harald verstand nun völlig die Wehmut, die sie ergriffen hatte beim Anblick des verwaisten Knäbleins auf dem Friedhofe. Er verstand noch mehr: der unerklärliche Schmerz, den ihre wehmütige Teilnahme ihm bereitet hatte, war Eifersucht gewesen; ein Vorbote der Eifersucht, die ihm jetzt ihre Krallen ins Herz drückte. Er liebte und hatte sich über seine Empfindung nur getäuscht, weil sie keine Ähnlichkeit besaß mit dem von einem großen Dichter entworfenen Bilde einer Jugendliebe. In Flammenzügen blieb es ihm eingeprägt, und so, glaubte er, im Sturme, berückend, berauschend, müsse die Liebe kommen. Ihm aber war sie in reinem Glanz, in milder Erhabenheit erschienen; er hatte sie für Verehrung, für Anbetung gehalten, sie mit den schönsten Namen genannt, nur mit dem, der ihr gebührte – nicht. Und nun war es ihm klargeworden: er liebte leidenschaftlich, grenzenlos, liebte wie je – mehr als je ein Menschenkind geliebt. Mit wonniger Scheu überlief es ihn. Andacht, Ehrfurcht vor dem Wunder erfüllten ihn. In ihm war ein Quell himmlischen Reichtums emporgeschäumt, er fühlte sich gereift, geweiht – wenn auch zum Martyrium. Vom Waldesschatten geborgen, blickte er mit brennenden, weit geöffneten Augen auf den sonnigen Weg, auf dem die zwei langsam einherschritten. Sie kamen näher – ganz nahe schon, sie gingen vorbei. Er hatte den Anblick der geliebten Frau in sich aufgenommen wie eine Vision, die sich nie wiederholen, ihm nie entschwinden, die ihm voranleuchten sollte durchs ganze Leben in ewiger Schönheit, ewiger Qual. Sechs Wochen nach ihrer Ankunft in Reichenhall traten die Baronin und Harald die Rückreise an. Sie fanden in Salzburg wieder ein reserviertes Kupee, in dem sie wieder einander gegenüber Platz nahmen. Sie obenan in der linken Ecke, er untenan in der Ecke rechts. Er war blaß und abgemagert und blickte unverwandt aus dem Fenster nach den Bergen, die sich immer dichter in Dunst hüllten, die ihm entschwanden ... Seine Mutter sah von Zeit zu Zeit zu ihn hinüber. Sie hatte den Rat ihres alten Arztes befolgt; sie war nicht tyrannisch und nicht anspruchsvoll gewesen; sie hatte dem Kinde, das sich in einen Sohn verwandelt, nicht gezeigt, wie ihr dabei zumute gewesen. Wozu auch? Was kommen mußte, war früher gekommen, als sie erwartet hatte; das ist kein Grund zur Klage. Nein, nein, keine Klage, nicht über ihn, nicht um ihn. Er hat die Zukunft, dachte sie, er wird geliebt werden und glücklich lieben, aber auch im höchsten Glück sich seiner jungen Leiden mit dem Gefühl entsinnen: Ich möchte nicht leben, ohne sie gekannt zu haben. Darin hat er recht, der große russische Erzähler. Sie blätterte in dem Buche, das auf ihrem Schoße lag und in dem sie Turgenjews Novelle Die erste Liebe aufgeschlagen hatte. Der Herr Hofrat Eine Wiener Geschichte »Ach, wenn Sie jetzt Ihre Manschetten ansehen wollten«, seufzte Frau Riesel, als der Hofrat die frischgedruckte Zeitung, die vor ihm auf dem Tische lag, mit beiden Händen glattgestrichen hatte. Der Hofrat sah seine Manschetten nicht an; der kleine, hagere, etwas leberleidende Herr schnalzte ungeduldig mit der Zunge und murmelte einige für seine Hausdame sehr unverbindliche Worte. Sie setzte sich still darüber hinaus. Das gelang ihr mit einem einzigen Schwung, und sie war dann moralisch so hoch placiert, daß keine Beleidigung sie zu erreichen vermochte. Ihr Schweigen verdroß ihn: »Aha, Sie thronen schon wieder.« »Das fällt mir nicht ein. Wie käme ich dazu?« Und sie hob einen Augenblick den Kopf, streckte den junonisch starken Hals, und die breite, hochgewölbte Büste trat majestätisch hervor. Dann stopfte sie ruhig und kunstvoll weiter an dem feinen Taschentuche des Hofrats, in das er gestern ein Loch gebrannt, als er ein noch glimmendes Zündhölzchen darauffallen ließ. So vertieft in ihre Arbeit sie schien, entging der Augenblick ihr nicht, in dem der Gebieter seine zweite Tasse Kaffee geleert hatte, eine dritte eingegossen und die türkische Pfeife ihm gereicht werden mußte. Alles das geschah; dann nahm Frau Riesel die Zeitung zur Hand und begann vorzulesen. Sie saß an der schmalen Seite des länglichen Tisches, mit dem Rücken gegen das Fenster, auf einem Lehnsessel, der die Form eines ausgehöhlten halben Apfels hatte und den sie ganz ausfüllte. Da sie die Zeitung mit beiden Händen vor sich hinhielt, konnte der kleine Hofrat von seinem Platze mitten auf dem langen Kanapee an der Breitseite des Tisches aus nur ihre Ärmel wahrnehmen. Er widmete ihnen eine scharfe und mißgünstige Aufmerksamkeit. Aha! schwarze Wollbluse heute. Aha! Aha! tiefe Trauer – Sterbetag heute irgendeines Mitglieds der Familie Riesel. Er wünschte die unangenehme Ungewißheit in eine noch unangenehmere Gewißheit zu verwandeln und kam auf Umwegen an sie heran. »Sie waren in der Kirche – was?« »Ja, Herr Hofrat, um sechs Uhr früh.« »Bei dem Wetter. Es schneit und stürmt. Sie werden sich mit Ihren Laufereien in alle Kirchen einen Schnupfen abholen, und wenn Sie einen Schnupfen haben, dürfen Sie mir nicht in die Nähe«, sagte der Hofrat, der meistens den ganzen Winter hindurch an der gefürchteten Krankheit litt und dessen feines Näschen eben wieder von einer zarten Blauröte angehaucht war. »Ich habe nie Schnupfen, Herr Hofrat«, sprach Frau Riesel gelassen. Er überhörte den Einwand und kam auf den Kirchengang zurück, den er als unnötig bezeichnete. »Nicht doch. Ich habe einer bestellten heiligen Messe beigewohnt.« »So, so, so. Erinnerungsfeier; Sterbetag des seligen Gemahls?« »Nein, Herr Hofrat. Sterbetag meines Sohnes.« Der Hofrat knirschte in sich hinein: Ihres Sohnes. Acht Tage hat dieses Lebewesen sein armseliges Dasein gefristet, und sie besaß die Selbstüberhebung, von einem Sohne zu sprechen. Da begann er denn Betrachtungen über den Zeitpunkt anzustellen, in dem man anfangen könne, ein Kind männlichen Geschlechts einen Sohn zu nennen, und fuhr in dieser Gedankengymnastik so lange fort, bis Frau Riesel fragte: »Darf ich weiterlesen, Herr Hofrat?« Er schämte sich ein wenig und sagte: »Ich bitte.« Den Schauplatz dieser Begebenheit bildete ein geräumiges Zimmer im zweiten Stock eines alten Hauses im Herzen Wiens. Noch eines von den lieben, guten, schönen mit dicken Mauern, gehörigen Fenstervertiefungen, schweren Doppeltüren, hohen Zimmern, ein famoses Haus, in dem niemand »Helf Gott!« zu sagen brauchte, wenn der Wandnachbar nieste. Seinem gediegenen Charakter entsprach die Wohnung des Herrn Hofrats Hügel und deren Einrichtung im reinsten Biedermeierstil. Da gab es nicht ein beim Antiquar gekauftes Stück; Schränke, Tische, Konsolen, Sofas, Sessel und Stühle waren Familienerbe und verkündeten den Ruhm ihrer Verfertiger sowie die Ordnungsliebe und den Schönheitssinn ihrer Benutzer und Erhalter. Wenn Frau Riesel ihr Wischtuch über die Hochpolitur des hellen, gefladerten Holzwerks mit den feinen Mahagoni-Intarsien gleiten ließ, meinte sie sich sanft gestreichelt zu fühlen von zarten, unsichtbaren Händen, die durch Generationen des Amtes, das sie jetzt versah, gewaltet hatten und ihr für die Sorgfalt dankten, mit der sie ihr Werk fortsetzte. Kamilla Riesel war in diesen Räumen gelandet wie in einem Friedensport nach schweren, drangvollen Zeiten, die ihrer sehr glücklichen Jugend folgten: dem Zusammenbruch des angesehenen Kaufmannshauses, dem sie entstammte, dem Tode ihrer Eltern, nur zu bald darauf auch des geliebten Gatten, und dann das immer näher heranschleichende, häßliche, ganz gemeine Elend. Umsonst das Gebet ums tägliche Brot, um die Möglichkeit, es zu erwerben. Wenn es nicht Sünde wäre, von einem Schicksal zu reden statt von Gottes Fügungen, Frau Riesel hätte gesagt: Das Schicksal hat sich über mich gestürzt wie ein Geier über eine Taube und mich Stück für Stück zerrissen. Aber sie sagte es nicht, sie sprach überhaupt wenig und von ihrer Vergangenheit nie. Um so mehr dachte sie daran und auch mit einem aus Dankbarkeit und nachträglich noch leiser Beschämung gemischten Gefühl des Augenblicks, in dem die Wendung ihrer kläglichen Lebenslage sich vollzog. Vor acht Jahren war's, an einem frostigen Winternachmittage. Sie hatte den Erlös einer kleinen Bestellung aus einem Weißwarenlager in der Mariahilfer Straße abgeholt und dabei erfahren, daß ein neuer Auftrag nicht in Aussicht genommen sei. Mit stummem Kopfnicken, ohne etwas von ihrer Bestürzung zu verraten, verließ sie den Laden, aber der Schlag war zu hart und unerwartet gewesen, und sie blieb wie betäubt eine Weile auf der Straße stehen. Was tun? Zurückkehren in ihr armseliges Heim – wie lang noch das ihre? der jämmerliche Unterschlupf war ihr ja schon gekündigt worden – oder auf der Suche nach Arbeit neue, gewiß vergebliche Wege machen? Sie stand mitten auf dem Trottoir, wurde von den Passanten unwillig zur Seite gestoßen, bemerkte es nicht, stand und sann und blickte starr vor sich hin und blickte plötzlich in ein Paar blaue, gütige Augen, die sich auf sie gerichtet hatten, sie voll mitleidiger Überraschung anstaunten und fragten: Bist du's? Es waren die lichtblauen Augen der Frau Rosa Hügel, einer ehemaligen guten Bekannten, einer von den vielen, denen Kamilla Riesel, seitdem sie ins Elend geraten war, ängstlich aus dem Wege ging. O Gott, nur keine Begegnung mit ihnen, die in Tagen des Wohlstandes ihren Verkehr gebildet, zu ihr emporgeschaut, sie oft beneidet hatten. Erschrocken wollte sie sich abwenden, aber die kleine Dame hatte sich die Frage: Bist du's? schon beantwortet. Sie war's. In einer Armut, die sich nicht verhehlen ließ. Dieses Sommerkleid im Winter, diese Mantille von anno eins mit den scharf gewordenen weißlichen Falten und der Hut, die Handschuhe ... Großer Gott, was für ein Hut, was für Handschuhe! Aus all dem sprach das Elend. Ja, ja, man hatte gehört: Die armen Riesels sind zugrunde gegangen; schuldlos, ohne Schaden für andre. Sehr traurig, sehr. Aber sie hatten niemand mit Ansprüchen behelligt. Vielleicht geht es ihnen gar nicht so schlecht. O des gedankenlosen Gewäsches ... Nun sah Rosa, wie es der ehemaligen Freundin erging. Freundin wurde sie in dem Augenblick von ihr genannt, die im Bettlerkleide, aber in ihrer alten würdevollen Haltung vor ihr stand. Niedergekniet vor ihr wäre die impulsive Frau, wenn das auf offener Straße sich halbwegs geschickt hätte. Da sie aber nicht gleich etwas tun konnte, begann sie wenigstens sehr viel zu reden und rief, Frau Riesels Hand ergreifend: »Kamilla, muß man auf einen Zufall warten, um dich endlich zu erwischen? Was treibst du? Gehst den besten Freunden aus dem Wege, alle beklagen sich ...« Sie schwatzte, sie log, flunkerte der ins Unglück Geratenen allerlei vor von einer Teilnahme, die es weit und breit nicht gab; sie wollte die Wiedergefundene nach Hause oder – als sie die Bestürzung bemerkte, die dieser Vorschlag erweckte – wenigstens bis an ihre Tür begleiten. Rosa Hügel war eine gut erhaltene Blondine von fünfzig Jahren. Ihre kleine, aber einst berühmt schöne Gestalt hatte eine leichte Neigung nach rechts angenommen und ihre Schlankheit, nicht aber ihre Beweglichkeit eingebüßt, eine stimmungsvolle, harmonische Beweglichkeit. Alles war rund an dieser Frau, ihre Frisur, ihr Kopf, jeder Teil ihres Gesichtes, die spielenden Gebärden der in zu enge Handschuhe gepreßten Kinderhände. Gewiß waren auch ihre Empfindungen ohne Kanten und Schärfen und ihr inneres wie ihr äußeres Wesen auf dem Wege zur Kugelform, die Fechner seinen Planetenengeln verleiht. Sie erzählte auch von sich, von ihrem Manne, einem allgemein hochgeschätzten Ministerialbeamten, von ihren Kindern und kam endlich auf den Vetter Hofrat, der in Pension getreten sei. Kaum aber hatte sie den genannt, als sie plötzlich innehielt. Ein Einfall war ihr durch den Kopf geschwirrt, kam als guter, hilfreicher Gedanke wieder, erfreute und beglückte sie. Ihre freundlichen Augen glänzten. »Kamilla, nein, ja – ich sage dir, es ist kein Zufall, was uns da zusammenführt, es ist ein gnädiger Wink des Himmels.« Und nun kam in stürzenden Wortwellen eine lange Geschichte herangeflutet. Der Vetter Hofrat befand sich einmal wieder – ach, es war sein gewöhnlicher Zustand! – in größter Verlegenheit. Sein Hauswesen brauchte dringend und augenblicklich eine Lenkerin. Mit der vorvorigen war es nicht gegangen und mit der vorigen schon gar nicht. Nun sollte Kusine Rosa eine der schwierigen Stellung gewachsene Persönlichkeit auffinden und ging schon seit drei Tagen vergeblich auf Entdeckungen aus ... Ja, wenn Kamilla sich entschließen könnte, wollte – sie freilich, sie wäre auf diesem Posten das Ideal, von dem der Vetter und die Familie träumten ... Sie, mit ihrem Charakter, ihrer Erscheinung, ihrem Verstand, ja, wenn sie den Posten annehmen wollte! »Warum nicht?« fragte Kamilla, vor der die Hoffnung auf Erlösung aus dem Elend wie Morgenröte aufzusteigen begann. »Also du wolltest?« – Das kam ganz leise heraus ... Rosa war auf einmal sehr verlegen geworden, besann sich, stotterte: »Es ist nur die – es ist nur das ... Du wirst es nicht aushalten!« stieß sie mit einem schrillen Aufseufzen hervor. Kamilla reckte sich stolz und steif in die Höhe: »Ist er unmoralisch?« »O nein, davon keine Rede. Was das betrifft, ein Seraph. Aber wunderlich und, ach! so schwer zu behandeln ... Charmant nur beim Kartenspiel, das ja – aber man kann nicht den ganzen Tag Karten spielen ... Mein armer Vetter hatte von Natur ein unangenehmes Wesen, und das hat sich schauderhaft ausgebildet in seiner langen unglücklichen Ehe.« Sie besann sich eine Weile, seufzte mehrere Male und fuhr in hastigen, abgebrochenen Sätzen fort: »Die Frau – wohl ihr! – starb, aber seine Unausstehlichkeit lebt fort und verbreitet sich jetzt über seine ganze Umgebung. Ach, daß ich dir das alles verrate – weil ich so ehrlich bin ... und weil du es ohnehin merken würdest. Kamilla, wenn du dich entschließen könntest ... du ahnst nicht, was uns daran läge, den alten Herrn in guten Händen zu wissen! – Er kann so leicht in schlechte geraten, in die einer Intrigantin, die ihn der Familie – ach, er hat ohnehin kein Herz für uns! – völlig entfremdet, ihn ausbeutet, die er am Ende – alte Herren sind unberechenbar –, wenn sie leidlich hübsch ist ...« Sie stockte und wurde rot bis an die Haarwurzeln ... Sie war zu weit gegangen in den Ausbrüchen ihres maßlosen Vertrauens auf die Verläßlichkeit der Hausdame ihrer Wahl ... Ihr »leidlich hübsch« brannte ihr auf der Zunge. Kamilla sah ihre Bestürzung und lächelte sie ruhig und beruhigend an. Eine Vielgeprüfte wie ich ist unempfindlich für eine kleine Verletzung der Eitelkeit, sagte dieses Lächeln so deutlich, daß Rosa, tief ergriffen, nur noch Gemütsbewegung war. Ihre kleinen Hände falteten sich, und von ihren Lippen sprudelten beredsame Worte, mit denen sie die Freundin beschwor, die ihr dargebotene Stellung anzunehmen. Am nächsten Tage schon hatte Kamilla ihr Amt angetreten und versah es nun seit acht Jahren mit Weisheit, heldenmütiger Geduld und Selbstaufopferung. Ihr Stolz bildete den Panzer, an dem die erfinderischen Bosheiten des Gebieters abprallten. Sie hätte Demütigungen in Gegenwart andrer nicht ertragen; aber der Hofrat war ein Gewohnheitsmensch, der seine Stunden genau einhielt. Auch die, in denen er seine Widerwärtigkeit ihre giftigen Blüten treiben ließ. Zum Glück für Frau Riesel die Morgenstunden. Die Nörgeleien, denen sie fortwährend ausgesetzt war, hatten keine Zeugen und konnten ihr wohlverwahrtes Geheimnis bleiben. Das Leben im Hause verfloß so einförmig, daß man das regelmäßige Ticken der Zeitenuhr zu vernehmen meinte. Im Winter in Wien, im Sommer in der Villa in Mödling blieb die Tageseinteilung unverrückbar gleich. Nur daß der Hofrat die Morgenstunden je nach der Jahreszeit der Pflege seiner Rosen oder seiner vielgerühmten Sammlung alter kostbarer Münzen, Ringe, Emails widmete. Am Vormittage unternahm er einen Spaziergang bei gutem, eine Spazierfahrt bei schlechtem Wetter. Er bekam auch einige Besuche, die er nie erwiderte und selten empfing, wenn es nicht Antiquare, besondere Kunstkenner oder Verwandte waren, die sich melden ließen. Nachmittags rauchte der Hofrat wieder eine türkische Pfeife; Kamilla brachte die Abendblätter und hatte pflichtschuldigst zu fragen: »Darf ich vorlesen?« Er machte über ihr Organ, ihre Vortragsweise einige kritische Bemerkungen und lehnte ab. Die stille und sogar freudige Dulderin schritt von dannen, um ihren Posten im Nebenzimmer zu beziehen. Ihre Aufgabe war, jede Störung des Nachmittagsschläfchens zu verhüten, dem sich der Gebieter nun überließ, eines Schläfchens, von dem jeder wußte und niemand etwas ahnen durfte. Den Schluß des Tages bildete die Tarockpartie. Drei, wie der Hofrat sagte, »sogenannte« Freunde fanden sich dazu ein: ein pensionierter Major von der Infanterie, ein Großindustrieller und ein Professor der Botanik. Der Major zählte sechzig Jahre, lebte in behaglichen Verhältnissen und verehrte Frau Riesel im stillen. Er hatte eine stattliche Gestalt, ein großes, schönes Gesicht, graue, glatt gescheitelte Haare. Sein Schnurrbart und sein Backenbart zeigten noch einige Reste von Blondheit. Er verfügte über einen großen Vorrat von Anekdoten, die er gern zu Ende erzählt hätte, wenn er nicht durch sein eigenes Gelächter oder durch eine bissige Bemerkung des Hofrats daran gehindert worden wäre. Der Großindustrielle war etwas älter, ein hochgewachsener Mann mit langem, schmalem Halse, spärlichem Haarwuchs, sorgfältig gewaschen und rasiert, aber nachlässig gekleidet. Seine Geschäfte führte er genial, vergrößerte alljährlich sein Vermögen, verschenkte ohne Herzbrechen eine Tausendkronennote, konnte aber den Verlust einiger Kronen beim Spiele nur sehr schwer verwinden und bekam so, ohne ihn zu verdienen, den Ruf, geizig zu sein. Der Professor gehörte zu den Autoritäten in seinem Fache, war der Älteste von der ganzen Gesellschaft, klein und dick. Er hatte einen breit gewölbten Kopf, eine von grauen, noch dichten Haaren umgrenzte Glatze und freundliche braune Augen, die einen zärtlichen Ausdruck annahmen, wenn sie sich auf Frau Riesel richteten. Von Zeit zu Zeit brachte er ihr wissenschaftliche Bücher und erhielt sie nach einigen Tagen, sorgfältig eingehüllt, zurückgesandt. Auf ein Urteil über das Gelesene ließ sie sich nicht ein, sondern sagte nur, wenn er danach fragte, mit ernster und bedeutender Miene: »Ein äußerst lehrreiches und interessantes Werk.« Und das freute ihn. Die drei Herren, in allem übrigen ganz verschieden, hatten doch eine ausgesprochene Ähnlichkeit: jeder von ihnen war ein berühmt unangenehmer Spieler, und ihre Streitigkeiten bildeten für den Hofrat die Würze der Abendunterhaltung. Schlag neun Uhr trat Frau Riesel in den Salon, gefolgt von einem Diener, der das Souper auftrug. Es bestand aus feinster kalter Küche, bayerischem Bier, französischen Weinen. Die Herren kamen vom Spieltische herüber, und die Gäste machten der Mahlzeit Ehre und der Frau Kamilla Komplimente, was ihr unangenehm war und den Hofrat verdroß. Sie entschwand leise, wie sie gekommen war, sobald ihre hausmütterlichen Pflichten es ihr erlaubten. Der Tarockkrieg wurde fortgesetzt und endete gewöhnlich mit einem faulen Frieden, die Kämpfer trennten sich in brennender Erwartung neuer Gefechte. Doch kam es auch vor, daß einer der Gastfreunde, den ganzen Abend hindurch vom Unglück gar zu hartnäckig verfolgt, von den Neckereien der Spielgefährten gar zu tief verletzt, beim Fortgehen sagte: »Tut mir leid, kann morgen nicht kommen; bin verhindert.« Gleich darauf fiel den beiden andern ein, daß sie nicht nur morgen, sondern überhaupt nicht so bald wiederkommen könnten. Der Hausherr gab äußerst spöttisch sein Bedauern kund, und die drei gingen schweigend die Treppe hinab und entfernten sich vor dem Hause nach verschiedenen Richtungen. Am nächsten Morgen teilte der Hofrat seiner Hausdame den Vorfall mit. »Glauben Sie, daß die alten Esel heute kommen werden?« fragte er. Gewöhnlich erwiderte Kamilla: »Heute nicht, morgen aber gewiß.« Einmal jedoch hatte sie eine Anwandlung von Renitenz und sagte in beinahe tadelndem Tone: »Die alten Esel? Wen meinen der Herr Hofrat?« Er fuhr in die Höhe: »Oh, jammervoll, höchst jammervoll, ich habe Sie ins Herz getroffen! Ihre Courmacher meine ich.« »Verzeihung. Ich konnte mir unmöglich vorstellen, daß Sie von Wesen sprechen, die es nicht gibt.« »Hoho... Hat Ihnen der Major nicht gestern wieder die Anekdote von Adalbert Pointner, dem dümmsten Mann im Regimente und wahrscheinlich in der Armee, erzählt?« »Erzählen wollen. Ich habe das Ende dieser Anekdote noch nie gehört, weil Sie den Herrn Major immer unterbrechen.« Der Hofrat machte abwehrende Bewegungen mit der Hand, als ob er den Einwand hinwegwinken wollte: »Und der Gelehrte hat Ihnen wieder geistige Nahrung gebracht. Was denn?« »Die Synopsis der Botanik von Leunis.« »Hahahaha! Synopsis! – ich wette, daß Sie nicht ahnen, was das heißt.« »Es heißt Übersicht, Abriß, kurzer Begriff einer Wissenschaft.« »Mein Kompliment zu Ihrer Gelehrsamkeit. Haben Sie noch gestern oder erst heute im Heyse nachgeschlagen?« Frau Riesel errötete und schwieg. Nein, in Streitigkeiten mit ihm konnte sie sich nicht einlassen, er war zu stark. Wenn es keine Spielpartie gab, fuhr der Hofrat ins Theater. Kamilla sah das nicht gern, denn von dort kam er nicht nur verdrießlich, sondern betrübt und in seinen besten Gefühlen schmerzlich verletzt heim. Voll sittlicher Entrüstung aus den kleinen, voll ästhetischer Entrüstung aus den großen Theatern. Er brach in Klagen aus über alles, was er gesehen, und auch über alles, was er nicht gesehen, von dem er nur gehört und gelesen hatte: »Vorbei, vorbei! Das Theater als Kunstgenuß, als Bildungsstätte für Hohe und Geringe ist tot. Es gibt Tragödien, aber keine Tragödie mehr, kein Drama, nur noch Schauspieler. Das Sprachrohr ist Stimme geworden, das heißt, es hält sich dafür, die untergeordnete Kunst bläst sich auf, bläst den Geist der höheren hinweg, um einen Mienen-, Gesten- oder Sprechknalleffekt hervorzubringen ... Und das Publikum, dem Untergeordneten immer näher als dem Hohen, jauchzt den Histrionen zu. Das Publikum, eine Handvoll Masse – ›Die Massen sind das Unglück!‹ sagt Emerson... Ich aber bin nicht Publikum, bin ich und will mich an meinen Dichtern erbauen, sie mir nicht in den Hintergrund drängen lassen durch die Gaukeleien der Interpreten. Aus der Tragödie ist die Dichtung hinweggefegt, aus der Oper die Musik. Dafür gibt's Lärm, je wüster, je lieber... O Publikum, das entzückt dem Lärm zuhört und aus denselben Leuten besteht, die vom Recht auf Stille in der Großstadt deklamieren. In der Großstadt! Zum Kuckuck! Setz dich nicht in den Bienenkorb, wenn du nicht summen hören kannst. Lug und Trug und Pflanz und Heuchelei! Wer moderne Musik verträgt, wird auch das Getöse der Arbeit, die zum größten Teile für ihn verrichtet wird, vertragen können.« Der Hofrat wetterte vernünftig und unvernünftig, kam vom Hundertsten ins Tausendste, von den Theatern auf die Politik, die Landwirtschaft, die Parteien, die Zeitungen, die zynische, affektierte, perverse Literatur, verachtete und verfluchte die Moden. Die Chinesinnen verunstalten nur ihre Füße, die heutigen Frauen ihren ganzen Körper. »Wie kann der Nachwuchs aussehen, der aus diesen aufgedonnerten Hampelpuppen hervorgeht?« fragte der Hofrat in atemraubender Erregung. »Sie wissen es nicht? Nun, ich sage Ihnen: verkümmert und verkrüppelt. Man wird das Militärmaß heruntersetzen müssen, es wird lauter krummbeinige Leutnants geben und keinen Schwadronskommandanten ohne Buckel!« Frau Riesel raffte sich endlich zu einem Einwand auf: »Ach, Herr Hofrat, die Moden wechseln heutzutage so schnell.« »Was schnell! Die Rasse hat schon ihren Text, einige Jahrgänge sind schon hin.« Immer hitziger redete er sich in den Jammer hinein, prophezeite den Untergang der Zivilisation, dem ganz Europa entgegenginge und dem sein Vaterland, sein abgöttisch geliebtes, mit Riesenschritten entgegenstürmte. Er beschimpfte, verurteilte es und zerriß dabei sein eigenes Herz. Am nächsten Tage sah er dann ganz elend, klein, gelb und mager aus. Kamilla empfand ein schmerzliches Mitleid, und drei Briefe wurden geheimnisvoll abgesandt. Sie waren an die Freunde gerichtet und enthielten in zierlich gedrechseltem Stile, nur durch die Ansprache verschieden, unter strengster Diskretion, sowohl den beiden andern Herren als dem Herrn Hofrat gegenüber, die Bitte, sich heute ganz gewiß zur Partie einzufinden. Frau Riesels Bitte war immer erfüllt und ihr Vertrauen nie getäuscht worden. Der Sommer war da, der Hofrat residierte in seiner Villa, und die drei Freunde hatten ihre Wohnung in Mödling bezogen. Seit Jahren schon verließen sie zugleich mit ihm die Stadt; auch sie waren nach und nach Gewohnheitsmenschen geworden und konnten ihre an Kämpfen reiche Tarockpartie nicht mehr entbehren. Eines besonders heißen Julimorgens begab es sich, daß Kamilla in ihrer bedingungsweisen Seelenruhe durch die Ankunft einer Botschaft gestört wurde. Frau Hügel – nun schon Frau Sektionsrat Hügel – telegraphierte aus Wien: »Um Gottes willen komm, muß dich sprechen, nichts sagen dem Onkel.« Äußerst beunruhigt eilte sie sofort nach dem Bahnhofe, traf eine Stunde später bei der Freundin ein und fand sie halb aufgelöst vor Hitze in ihrem großen, hell tapezierten Schlafzimmer, in dem alle Rouleaus bis auf eines herabgelassen waren. Sie saß am Toilettetisch in einem niedrigen Korbsessel in ihrer weiten, mit vielen Bändern und Stickereien verzierten Gewandung. »Ach, daß du da bist, Kamilla«, rief sie ihr hastig und erregt entgegen. »Du Engel, denke dir, sie kommen, in den nächsten Tagen kommen sie – die Kinder, Eduard und seine junge Frau ... Kamilla, wie wird der Vetter sie empfangen, und wird er sie überhaupt empfangen?... Du kennst ihn ja, du weißt ja.« Kamilla wußte. Der Neffe, Oberleutnant Eduard Hügel, dessen Regiment in Galizien stationierte, hatte sich in die Tochter eines dortigen adeligen Gutsbesitzers verliebt und sie vor einem Jahre ohne Rücksicht auf die Einwendungen des Hofrats heimgeführt. Die Frau Sektionsrat sagte nicht zuviel, wenn sie die Gründe dieser Einwendungen höchst abgeschmackt nannte und ganz natürlich fand, daß ihr Sohn sie unbeachtet gelassen hatte. Das blieb ihm vom Onkel unverziehen. Übersehen und überhört zu werden, vertrug er nicht; kümmerte sich blutwenig um die Familie, wollte aber ihr Orakel bleiben. »Und was hat er gegen meine Schwiegertochter?« fragte Frau Rosa mit Tränen des Zornes in ihrer Stimme. »Daß – man schämt sich, es auszusprechen –, daß sie von Adel ist. Ein prächtiges Geschöpf, wohlerzogen, schön, aber von Adel!« »Es ist eben sein Bürgerstolz, der ...« »Komm mir nicht mit seinem Bürgerstolz! Eitelkeit ist's. Ihm bangt, daß eine adelige Nichte ihm nicht so devot begegnen würde, wie wir es tun, wir wissen selbst nicht warum. Aber alles hat seine Grenzen ... Unterbrich mich nicht, höre!« Sie nahm sich sehr zusammen und fuhr ruhiger fort: »Cäcilie hat keine Ahnung von der Abneigung des Vetters gegen sie und darf keine Ahnung davon haben. Sie muß ihm unbefangen entgegentreten, in ihrer ganzen Unwiderstehlichkeit... Er muß sie sehen, Kamilla! Und wird sie sehen, und wenn er sie gesehen haben wird, wird alles gewonnen sein.« »Muß? Wird?« Frau Riesel wäre nicht erstaunter gewesen, wenn die Freundin sich vermessen hätte, den Nil ins Marchfeld zu leiten. »Muß! Wird! Ja, tausendmal ja! Wie ständen wir da, wenn Cäcilie nach Hause schriebe: Der nächste Verwandte meiner Schwiegereltern will mich nicht kennenlernen... Wir lassen uns das nicht bieten, ohne Rücksicht auf die Einwendungen des Hofrats, wir verbrennen unsere Schiffe!« Vor ihren begeisterten Blicken schien im verdunkelten Zimmer eine Flotte in Flammen aufzuleuchten. »Wir haben sie schon verbrannt. Der Vetter schließt uns seine Tür – wir brechen ein... Ja, brechen ein... Sieh mich nicht so bestürzt an, es ist lächerlich, mich so bestürzt anzusehen. Wir kommen ja nicht mit Hacken und Stangen. Unser Einbrecherwerkzeug ist ein Telegramm.« Sie setzte der Freundin den Plan auseinander, gab ihr die Rolle an, die sie bei seiner Ausführung zu spielen hätte, und erpreßte ihr endlich das Versprechen, die ihr gestellte Aufgabe zu übernehmen und so gut wie möglich zu lösen. Ein halbes Versprechen, gegeben unter dem Drucke der drängenden Zeit – ach, ach, sie hätte längst zu Hause sein sollen! –, ein verwegenes Versprechen, kaum gegeben, schon bitter bereut. Auf der Heimfahrt war Frau Riesel recht übel zumute. Viel öfter, als die Freundin ahnte, hatte sie dem Hofrat in aller Ehrfurcht vorgestellt, daß ein seines ganzen Wesens unwürdiges und seiner Lebensauffassung eigentlich widerstrebendes Vorurteil den Grund seiner Abneigung gegen die Heirat des Neffen bildete. Aber ihre Vorstellungen waren erst neulich wieder zurückgewiesen worden. »Keine Belehrungen, wenn ich bitten darf. Es handelt sich nicht um ein Vorurteil. Wir waren immer stolze Bürger, wir Hügel, wir sind nie zum Plebs herabgestiegen und haben nie zu den Feudalen hinauf gestrebt.« »Ach, Herr Hofrat«, hatte sie zu widersprechen gewagt, »zu den Feudalen wird eine kleine galizische Gutsbesitzersfamilie sich nicht zählen.« »Galizisch, galizisch! Polnisch! Eine Polin ist sie obendrein, die Schwiegertochter der werten Kusine.« »Kaum Halbblut. Die Mutter war eine gute Wienerin und der Vater österreichischer Offizier, hat den Dienst erst quittiert, als er das Gut erbte.« »So, so! Höchst interessant, aber bitte, verschonen Sie mich mit diesen Familienangelegenheiten.« Er hatte mit schweigengebietender Gebärde abgewinkt und sehr bestimmt ersucht, auf die Sache nicht mehr zurückzukommen. Und in dieser selben Sache, in der mitzureden ihr verboten war, sollte sie nun handeln, sollte einen gegen ihren Herrn gerichteten Plan ausführen. Von einem Plane spricht die Freundin. Eigentlich ist es eine regelrecht angelegte Intrige. Als ihr der Gedanke kam, fuhr sie zusammen wie von einer Biene gestochen. Sie hatte viel erlebt, viel gelitten, aber in eine Intrige war sie noch nicht verwickelt worden. Es stand viel auf dem Spiele, auch in materieller Hinsicht. Der Hofrat war der reichste in der Familie, und so uneigennützig Frau Rosa und ihr Gatte sich selbst immer erwiesen hatten, um ihrer Kinder willen mußte ihnen daran liegen, die ohnehin sehr lauen Beziehungen zu dem Onkel nicht in Gehässigkeit ausarten zu lassen. Ums Leben gern hätte Kamilla vermittelnd, helfend eingegriffen; aber sich an dem kühnen Plane der Freundin zu beteiligen, war das nicht eine Aufgabe, die ihre Kräfte überstieg? Sie machte schwere Seelenkämpfe durch und war sehr echauffiert, als sie zu Tische kaum. Der Hofrat beobachtete sie eine Weile mit tückischer Aufmerksamkeit und sagte dann: »Sie sind feuerrot, was ist Ihnen denn?« »Heiß ist mir. Ich war in der Stadt bei der Frau Sektionsrat.« »Mußten Sie gerade heut zu ihr, bei fünfundzwanzig Grad im Schatten?« »Sie hatte mich um meinen Besuch gebeten, sie wollte mir mitteilen ... Ich fand sie so besonders erfreut, so sehr glücklich ... Sie erwartet ihren Sohn Eduard, der auf Urlaub kommt, mit seiner jungen Frau.« »So, so, so, den Sohn Eduard, den Herrn Baron.« »Wie denn Baron?« »Er hat ja doch eine Baronin geheiratet ... Bitte widersprechen Sie nicht, bevor ich noch ausgeredet habe ... In Spanien, meine liebe Frau Riesel« – der Hofrat wurde höhnisch belehrend –, »in Spanien nimmt der Gatte den Adelstitel der Frau an.« »Daß es auch in Galizien geschieht, habe ich nicht gehört – wenn Sie es aber sagen, Herr Hofrat ...« Dieser Satz kam so nett heraus, ein klein wenig spitzbübisch und dabei doch so sehr demütig, daß der Hofrat sich beinahe entwaffnet fühlte. Er sah sie sogar mit einer Art von Wohlwollen an und gestand sich, daß sie gar nicht übel gewesen sein mußte – vor zwanzig Jahren, und heute noch gut genug sei für den Major, wenn es dem einfiele, sie ihm zu entführen. Was ihm unangenehm wäre. Denn, gab er zu, ganz still in seinem Innern: Sie ist mir zwar unausstehlich, aber unentbehrlich. Zwei Tage später, an einem schönen warmen Sommermorgen, saßen Frau Riesel und der Herr Hofrat auf der Veranda der Villa beim Frühstück. Ein Zeltdach aus blau- und weißgestreiftem Stoffe spannte sich über ihren Häuptern aus, und im Garten zu ihren Füßen sprudelte ein Springbrünnelein zu dem kleinen Bassin nieder, das von zahlreichen Goldfischen belebt wurde. Sein steinerner Rand war so blank wie Schnee und von den zierlichsten Blumenbeeten umgeben. Seltene Pflanzen standen auf den wie ein Teppich gehaltenen Rasenplätzen, hohe edle Bäume beschatteten die mit feinstem, glitzerndem Kies bestreuten Wege. Den Stolz des Gartens aber bildeten zwei Gruppen prachtvoller Rosen, die vom Hofrat in eigener Person gepflegt wurden wie junge Prinzessinnen. Seine Liebe zu ihnen war sehr eifersüchtiger Natur. Nur aus respektvoller Entfernung durfte die Bewunderung für sie sich äußern. Das eiserne Gitter, das den Garten umgrenzte, erhob sich hinter dichten Gebüschen, und von der Straße aus konnte man nur zwischen den Stangen der schlanken, mit hübschem Maßwerk gekrönten Pforte hereinblicken, und wenn Neugierige sich an ihnen das Gesicht plattdrückten, lachte oder wetterte der Hofrat, je nachdem er gelaunt war. An diesem Morgen befand er sich in ganz ausnahmsweise guter Stimmung und bot in dem weißen Flanellanzug, den er angelegt hatte, einen erfreulichen Anblick. Er trug ein weißes, weites Jackett und weiße, weite Beinkleider, und der elegante Anzug aus weichem Stoff, der eigenes Leben besaß wie die Gewandung griechischer Statuen, gab dem ernsten kleinen Herrn etwas Munteres, beinahe Flatterhaftes. Auch die Toilette Frau Riesels hatte einen Zusatz von Heiterkeit; ihre schwarze Seidenbluse war geschmückt mit lilafarbigen Passepoils und kleinen lilafarbigen Knöpfchen. Sie entsprachen dem Ring mit dem Amethyst am vierten Finger ihrer Linken, von dem sie sich auch in ihrer bittersten Not nicht getrennt hatte. Verhungern – ja, aber mit ihrem Verlobungsring an der Hand. Zum neunundzwanzigsten Male jährte sich heute der Tag, an dem der einzig Geliebte ihn ihr dargeboten hatte, und sie beging die Erinnerungsfeier an einen der schönsten Augenblicke ihres Lebens voll seliger Wehmut, nicht nur im Innern, auch in stimmungsvoller äußerer Ausstattung. Der Hofrat hatte schon die zweite Tasse Kaffee zu sich genommen und noch keine einzige Bosheit gesagt, als er plötzlich den Arm in der Richtung gegen die Gartentür ausstreckte und rief: »Hoho, was will der Kerl?« Draußen stand ein Mann in Amtstracht, rüttelte am Schloß, öffnete, trat ein. Der Hausherr fuhr in die Höhe: »Da haben Sie's! Wozu ist der Seiteneingang da? Sie halten die Leute nicht in Ordnung, das Tor war nicht abgesperrt, der erste beste Bandit rennt hier herein wie in seine Spelunke!« Der Bandit in Amtstracht war weitergeschritten, befand sich schon unter der Veranda. Kamillas Herz stand einen Augenblick still und fing dann an mit rasender Schnelligkeit zu schlagen. »Was will der Kerl? Wer ist der Kerl?« wiederholte der Gebieter zornig. Jetzt galt's! Die Intrige setzte ein, die Rolle mußte gespielt werden. »Ich glaube, es ist der Telegraphenbote«, brachte Frau Riesel mit äußerster Anstrengung hervor und bekreuzte sich verstohlen. »Gehen Sie ihm entgegen, schicken Sie ihn fort, sagen Sie ihm: Telegramme werden hier nicht angenommen.« »Das ist nicht gut möglich.« »Was: nicht gut, was: nicht möglich? Alles Vernünftige ist möglich.« »Auch alles Unvernünftige, Herr Hofrat?« »Geistreicheln Sie nicht. Gehen Sie, bitte.« Und sie ging. Aber es half alles nichts, sie kam wieder, und nach einigen Minuten lag das Telegramm geöffnet auf dem Tisch. Es lautete: »Möchte mir erlauben, dir, lieber Onkel, meine Frau vorzustellen; wir bitten um Obdach in deiner schönen Villa, kommen ein Uhr. Eduard.« Der Hofrat trommelte in kurzen, raschen Schlägen mit der Faust auf dem Telegramm herum: »Das ist stark, das ist stark unverschämt! ›Wir kommen ...‹« Die Empörung raubte ihm plötzlich das Gedächtnis: »Wer kommt? – Wer ist dieser Eduard? Ich kenne ihn gar nicht.« »Aber, Herr Hofrat, er ist ja der älteste Sohn Ihrer lieben Kusine Rosa, von dem wir erst neulich gesprochen haben.« »Aha, der Baronessenjäger. Hat schon profitiert von dem vornehmen Umgang, leistet schon das Seine in aristokratischer Unverfrorenheit ... Und jetzt, bitte recht sehr, nicht schwatzen, sondern gleich abtelegraphieren. In Ihrem eigenen Namen: Herr Hofrat empfängt keine Besuche. Im Auftrag, Frau Kamilla Riesel.« »Und wohin telegraphieren?« »Dahin, woher die Depesche kommt.« »Nach Wien? Das Telegraphenamt wird eine nähere Adresse verlangen.« »Wird, wird ... So telegraphieren Sie an die Eltern –« »Ach ja, ach – es geht nicht ...« Nun mußte Kamilla lügen und tat's beschämt, voll Selbstverachtung, mit verzweifelter Entschlossenheit. »Die Eltern wohnen nicht mehr in Wien, sind schon auf das Land gezogen.« »Wohin?« »Ich weiß nicht – es war neulich noch nicht bestimmt.« Der Hofrat fieberte. »So telegraphieren Sie ans Platzkommando, er muß doch gemeldet sein. Dient ja bei den Dragonern, dieser E-du-ard.« »Man müßte wissen bei welchem Regimente.« »Ja, das weiß wieder ich nicht. Das sollten viel eher Sie wissen, die Sie ja die lebendige Chronik seiner Familie sind und Abgötterei mit seiner Mutter treiben.« »Wie sollte ich nicht. Sie hat mich ja doch in Ihr Haus gebracht. Ich verdanke ihr meine Stellung bei Ihnen.« Der Hofrat war gerecht und gescheit genug, um einzusehen, daß diese Stellung ihre Mißlichkeiten hatte, und warf halb spöttisch, halb gnädig hin: »Na, wenn Sie nur zufrieden sind.« Kamilla fühlte sich von einer milderen Luft angeweht und nahm ihren Vorteil wahr. »Ach, Herr Hofrat«, sagte sie gelassen und nachdenklich und wie ohne Zusammenhang mit dem früheren Gespräche, »da habe ich unlängst in den Gastzimmern zu ebener Erde nachgesehen, es sind wahre Schmuckkästchen, und es ist Sünd und Schande, sie unbenutzt zu lassen ... Herr Hofrat – schon diesen Zimmern zu Ehren sollte man sich den Besuch eines jungen, schönen Ehepaares wünschen. Wie gut würde das hineinpassen!« »Ins Schmuckkästchen; der Dragoner? Ja, ja, solche Wohnungen werden hergestellt, damit die Soldateska ihr Lager in ihnen aufschlagen könne!« »Soldateska! Herr Hofrat sind doch ein begeisterter Freund des Militärs und müssen sich erinnern, daß Oberleutnant Hügel ein sehr netter Mensch ist.« »Das ist alles vollkommen gleichgültig. Ich habe ihn vergessen, mich seiner nur erinnert, um ihm meine Unzufriedenheit mit seiner Heirat kundgeben zu lassen. Er aber nimmt davon nicht mehr Notiz, als wenn ein Frosch gequakt hätte, und kündigt ganz einfach, ohne nur zu fragen: Ist's erlaubt? seinen Besuch an. Wie finden Sie das?« Der Hofrat bohrte einen Blick, der wie mit Nadeln stach, in die Augen Frau Kiesels. Sie senkten sich schmerzhaft verletzt, und er fuhr fort: »Kündigt seinen Besuch in einer Weise an, die es unmöglich macht, ihn abzulehnen ... Wie finden Sie das?« Kamilla bewahrte nur mit größter Mühe ihre äußere Ruhe. Es geht schief! Es geht schief! dachte sie und beging in ihrer Verwirrung eine Ungeschicklichkeit und sagte: »Er wird gewiß nicht lang bleiben.« Der Hofrat lachte grimmig: »Dafür steh ich Ihnen gut. Daß die Herrschaften bei mir einbrechen, kann ich nicht verhindern, erleben aber sollen sie, wie man Einbrecher empfängt ...« Er entwarf im stillen einen Feldzugs- und Racheplan und gab dann seine Befehle kund: »Sie werden diese Leute empfangen. Sie nicht zu mir führen. Sie werden mit ihnen im Speisezimmer auf mich warten.« »Im Salon, Herr Hofrat. Sie kommen zu einem Onkel, der ihnen ungnädig gesinnt ist, aber zu einem Gentleman.« »Sie schwelgen wieder in feinen Unterscheidungen, na, schwelgen Sie!« brummte er, trank tief verstimmt seinen Kaffee, rauchte zur dritten Tasse ohne den geringsten Genuß seine türkische Pfeife, unterbrach Kamilla beim Vorlesen der Zeitung. »Entfalten Sie doch nicht solches Pathos dem Leitartikler zu Ehren! Jedermann weiß ja, wer uns da Moral predigt. Setzt sich aufs hohe Roß und könnte nicht einmal auf einem Geißbock reiten.« Was auch schwerer wäre, dachte Frau Riesel, sagte es aber nicht. Und das war klug. Der Hofrat befand sich in übelster Laune. Auf den feinen, aber harten Zügen seines kleinen Gesichtes lag eine schwere Wolke. Plötzlich, mit kurzem Danke, wurde die Hausdame entlassen. Sie ging auf ihr Zimmer und war sehr traurig. Er tat ihr leid, und die Freundin tat ihr leid, die eine offenbar verfehlte Unternehmung ins Werk gesetzt hatte, und sie, die sich daran beteiligte, sie selbst – was ist die Welt doch voll Wehmut! –, sie selbst tat sich auch leid. Da saß sie nun, die Intrigantin, hatte ihr Gewissen mit mehreren Lügen belastet und nichts erreicht, weniger als nichts. Die jungen Leute würden die Wege, die sie ihnen bereiten sollte, verlegt finden wie mit Stacheldraht. Schlag halb ein Uhr fuhren die unwillkommenen Gäste an der Gartentür vor. Sie kamen, Gott sei Dank, nicht im Automobil – der Hofrat haßte nichts so sehr wie diese moderne, Mißtöne und Mißgerüche verbreitende Karosse. Kamilla stand an der offenen Pforte, begleitet von Dienern, die die Koffer in das Haus schaffen sollten. Sie bemerkte gleich, daß es nur zwei ganz kleine waren, wie man sie zu einem kurzen Ausflug mitnimmt, und wieder dachte sie: Gott sei Dank! Unterdessen hatte sich der Offizier, der einen grauen Reiseanzug trug, schon aus dem Wagen geschwungen und wollte seiner Frau beim Aussteigen behilflich sein. Sie drückte nur die Fingerspitzen auf seine dargebotene Hand, hüpfte rasch und leicht auf den Boden, schritt Kamilla entgegen und sprach: »Stell mich vor, stell mich vor!« »Ja«, sagte er, »ich glaube, daß ich bei mir selbst anfangen soll. Kennen Sie mich denn noch, gnädige Frau?« Sie sah zu dem schönen, schlanken Menschen empor und lächelte: »Kaum mehr. Sie waren fast noch ein Jüngling, als ich Sie zum letzten Male sah, und jetzt –« »Jetzt bin ich ein alter Oberleutnant und Ehemann.« »Und ich bin seine Gattin und stelle mich Ihnen selbst vor, da er es durchaus nicht tun will. Liebe, gnädige Frau, sagen Sie mir: Grüß Gott!« Cäcilie streckte ihr beide Hände entgegen, und in dieser Gebärde lag eine Herzlichkeit und auch etwas so respektvoll Fragendes: Darf ich? daß Kamilla sich sehr zusammennehmen mußte, um nicht einer jähen Regung der Zärtlichkeit zu folgen und das liebliche Geschöpf, das ihr so zutraulich nahte, in die Arme zu schließen. Als sie dann dem Hause zuschritt zwischen den beiden, die munter plauderten, die blühend, sorglos, voll Zuversicht waren, denen das Glück, das ihnen aus den Augen sah, ein eigenstes, angeborenes Eigentum zu sein schien, kam eine große Ruhe über sie. Nein, nein, törichte üble Laune konnte nicht standhalten solchen Mächten gegenüber, mußte schwinden vor soviel Lebensfreudigkeit, wohltuender Wärme, Schönheit und Jugend. Nachdem Kamilla die Gäste in ihre Zimmer geführt und sie gebeten hatte, pünktlich um ein Uhr im Salon zu sein, empfahl sie sich. Der Oberleutnant gab ihr das Geleite und flüsterte ihr rasch und leise zu: »Cäcilie ahnt nicht, daß wir unwillkommen sind, sie hätte sich sonst kaum entschlossen, mir hierherzufolgen. Das Revolvertelegramm hat Mama nach langem Studium selbst aufgesetzt ... Mir sind alle diese Machenschaften in der Seele zuwider, und wenn meine stürmische Mutter nicht wäre, die mir am Ende immer das neue Jahr abgewinnt, ich hätte den Onkel mit seinen antediluvianischen Vorurteilen links liegen lassen.« »Es ist doch besser nicht«, sagte Frau Kiesel; aber diese mannhafte Erklärung gefiel ihr sehr gut. Sehr gut auch die Pünktlichkeit und die einfache Kleidung des Ehepaares, das eine kleine Weile später im Salon erschien. Er trug seinen allerdings sehr eleganten Reiseanzug, sie zu ihrem hellgrauen Rock aus feinem englischen Stoff eine gestickte weiße Batistbluse. Und der Rock war nicht eben sehr faltenreich, aber kein Sack, und der graue Seidengürtel, der die runde, schmiegsame Taille umschloß, war nicht stramm gespannt, und die Schuhe an den edelgeformten Füßen hatten niedrige Hacken. Wenn böser Wille den Hofrat nicht durchaus blind machte, mußte er der Toilette der jungen Frau Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er durfte auch kein Wort des Tadels über die Frisur sagen. Da war nichts Falsches dabei, da war nicht viel Kunst angewendet. Die reichen dunkelbraunen Haare, einfach zurückgestrichen, bildeten einen schweren, flachen Knoten am Hinterhaupte, wölbten und wellten sich aus eigenem Reichtum und nach eigener Weise über der klaren, mädchenhaften Stirn. Die Holde, die Hohe! dachte Kamilla. Alles reizvoll an ihrer anmutigen Erscheinung und ganz unwiderstehlich der Ausdruck ihrer von samtschwarzen Wimpern beschatteten Augen. Hat man je so dunkle Augen ein so helles Leuchten ausstrahlen gesehen? Es ist ja sonniger Tag, der hervorbricht aus tiefer geheimnisvoller Nacht. »Sollten wir dem Onkel nicht vor Tische unseren Besuch machen?« fragte die junge Frau. »Er hat Sie bitten lassen, ihn hier zu erwarten.« »Ich bin neugierig, ihn kennenzulernen. Mama sagt, daß er eigen ist, und ich habe Menschen, die eigen sind, sehr gern.« Kamilla und der Oberleutnant wechselten einen besorgten Blick. Cäcilie war ans Fenster getreten, sah in den Garten hinab, bewunderte die herrlichen Rosen, und Frau Riesel gab zu verstehen, daß sie große Lieblinge ihres Züchters und Pflegers wären und daß er sie gern loben höre. Es schlug ein Uhr. Im Speisezimmer ließen die Schritte des Dieners sich vernehmen. Beide Flügel der Tür wurden geöffnet, eine Stimme meldete: »Es ist serviert.« Der Hofrat ließ warten. Der Fanatiker der Pünktlichkeit war einmal selbst unpünktlich. Ein böses Vorzeichen, das Unheil ahnen ließ. Mit Recht, denn als er eintrat, schien ein Strom kalter Luft mit ihm ins Zimmer gekommen und fahles gelbes Licht sich darin zu verbreiten. Kamilla zitterte, aber die jungen Leute gingen dem Hausherrn unbefangen entgegen. Eduard verbeugte sich und sprach: »Verzeih unsern Überfall, lieber Onkel, ich habe dem Wunsche nicht widerstehen können, dir meine Frau vorzustellen.« Der Hofrat brummte etwas zum Glück ganz Unverständliches, nahm die Hand nicht, die Cäcilie ihm bot, stand steif und stachelig wie eine Distel und sprach gletschereisig: »Ich habe die Ehre, Frau Baronin.« Cäcilie errötete. Der Onkel kam ihr nun doch mehr »eigen« vor, als sie es gern hatte. Allerdings glaubte sie nur an einen Scherz, der ihr nicht gefiel, auf den sie aber eingehen wollte. »Ah – nun muß ich also sagen: Herr Hofrat«, sprach sie mit etwas erzwungener Munterkeit. »Und wenn ich schon einen Titel haben soll, bitte ich um den, der mir gebührt. Ich bin Frau Oberleutnant.« Der Hofrat hatte bisher an ihr vorbeigesehen und nur bemerkt, daß sie größer war als er. Jetzt faßte er sie ins Auge, prüfend, scharf, ungut. Aber dieser Ausdruck milderte sich, verwandelte sich in ein unwillkürliches und darum unbesiegbares Wohlgefallen. Er kämpfte dagegen. Umsonst, umsonst! Wurde sich seiner Ohnmacht bewußt, und das Unerhörte geschah – auf seinem Gesicht erschien ein Anflug von Verlegenheit. Und da auch die gescheitesten Leute in der Verlegenheit um die Herrschaft über ihre geistigen Kräfte kommen, äußerte er seine Bedenken gegen eine Verbindung zwischen Bürgerlich und Adelig, mit der Tür ins Haus fallend, seltsam hastig und recht verworren. Fühlte sein Ungeschick und hätte viel darum gegeben, gar nichts oder etwas anderes gesagt zu haben. Cäcilie hörte ihm ratlos staunend zu. Sie wußte nicht, ob man einen Onkel, der gar so eigen ist, ernst zu nehmen hat oder nicht. Der Ruf Kamillas: »Zu Tisch, meine Herrschaften, zu Tisch!« hatte für beide einen erlösenden Klang, und der Herr des Hauses, einmal in Unsicherheit geraten, tat, was nicht zu tun er sich vorgenommen hatte, er bot Cäcilie den Arm und führte sie ins Speisezimmer. Frau Riesel und Eduard folgten. Er raunte ihr zu, und seine blauen Augen funkelten: »Wir sind auf dem Holzwege. Es gibt etwas. Ich werde nicht leiden, daß er sie kränkt.« »Haben Sie Geduld, nur etwas Geduld«, erwiderte sie mit einem Anschein ruhiger Überlegenheit, aber sie bebte. »Nun, etwas in Gottes Namen, man verlange von mir nur nicht zuviel.« Das Gespräch bei Tische kam bald in Fluß. Der Hofrat fühlte, daß die angeheiratete Nichte, die da an seiner Seite saß, etwas merkwürdig Sympathisches hatte. Die ernsten Augen und der wunderhübsche Mund, der so bereit schien zu lachen, vielleicht auch – auszulachen? ... zum Beispiel die Menschen, die Dummheiten redeten ... Hoho, das wollte er ihr doch zeigen, daß dergleichen ihm wohl einmal zufällig passieren könne, Wiederholungen aber nicht stattfänden. Zuerst ließ er sich vom Leben in der Garnison erzählen, und sie tat es mit gutem Humor und berief sich alle Augenblicke auf das Zeugnis ihres Mannes. Er stimmte oft zu, berichtigte aber auch oft und rückte eine Großtat oder Guttat von ihm, die sie in allzu helles Licht gestellt hatte, in die gebührende Beleuchtung. Auch von ihrem Leben zu Hause erzählte sie, von dem Gute, das nicht groß war und das ihr Vater selbst verwaltete. Ihr älterer Bruder nahm ihm schon einen Teil der Arbeit ab, und seitdem sie geheiratet hatte, machte ihre jüngere Schwester sich der Mutter nützlich bei der Führung des Haushaltes. Das alles klang nicht gerade feudal, und mit Genugtuung dachte der Hofrat: Sind halt freiherrliche Krautjunker und stehen in der Bildung so hoch wie ihre Hühner. »Recht schön, recht schön der Sommer auf dem Land, Was macht man aber im Winter, wenn es nichts zu tun gibt in der Wirtschaft?« Nun, ein paar Monate wurden in Lemberg zugebracht; man unterhielt sich dort recht gut und konnte trotzdem den Augenblick kaum erwarten, in dem es hieß: Heimwärts! heimwärts! Wir fahren nach Hause. »Und dort hatten wir wieder Arbeit und Freude genug und die schönen Leseabende. Papa liest gern und gut vor.« Der vorlesende Papa war dem Hofrat ein Dorn im Auge. Er setzte die Inquisition schärfer fort: »Und was pflegte er vorzulesen, der Herr Baron?« »Pflegte?« wiederholte sie. Auf ihrem Gesicht stand die Frage: Wollen Sie mich zum besten haben? und sie sprach ernst und entschieden: »Er las alte und neue Klassiker und auch Modernes.« »Mit Auswahl.« »Mit nicht allzu strenger.« Der Hofrat ließ ein langgedehntes, mit Abscheu und Verachtung geladenes: »S-o?« ertönen, und Frau Riesel erschrak. O Gott, nur dieses Thema nicht! Ihr angstvoll warnender Blick streifte den Oberleutnant, der neben ihr saß. Er blieb gleichgültig und erwiderte ihren Seitenblick mit einem Achselzucken, das leicht zu verstehen war. Es hieß: Werden streiten. Sollen nur. Sie schauderte vor diesem Leichtsinn, im Grunde das Herzens jedoch entzückte er sie. Ein Erbschleicher war er nicht, dieser »E-du-ard«. Und wirklich, der Streit entbrannte. Der Hofrat sandte gegen die moderne Literatur, Journalistik, Musik, Malerei, Bildhauerei, Schauspiel- und Baukunst zuerst einzelne scharfe Pfeile, dann ganze Pfeilbündel ab. Cäcilie glaubte anfangs, daß er sie nur zum Widerspruch reizen wolle, was ihr ein wenig kindisch vorkam. So ging sie denn auf seine Übertreibungen nicht ein, machte bloß hie und da einen lässigen Einwand, nahm obenhin die Literatur in Schutz. Es gab neue Autoren, die sie liebte, es gab neue Bücher, die ihr gefielen. »Ausnahmen wird es geben bis ans Ende der Welt«, rief er. »Aber auch sie sind nur Reflexe, einige sogar von Lichtern, die auf falschen Wegen umherirren, und sie drohen erstickt zu werden im Wust der rastlos hervorbringenden Eintagstalente. Lessing spricht von einem großen Maler ohne Hände, wir haben geschickte Hände ohne den Maler. O ja, sehr geschickte, technische Fertigkeiten glänzend. Aber wo ist das mit Naturgewalt hervorbrechende schöpferische Müssen, der große Charakter, die große Seele? Wo ist die göttliche Kraft, die uns emporträgt zu den Höhen des Lebens, wo ist die Leidenschaft, die noch begeistert, indem sie tötet und zertrümmert? Die geschickten Hände, denen die Höhen unerreichbar sind, greifen in die Niederungen. Das Gebiet der menschlichen Triebe wird durchwühlt, durchforscht, mikroskopisch beobachtet und als das Allumfassende erklärt. In ihm wird untergebracht, was sich irgend denken läßt. Lauter Triebe, nichts als Triebe, alles sexual, unser Denken, unser Träumen, das Sexuelle Grund und Ursache jedes Interesses, jeder Anhänglichkeit und Zuneigung. Eltern und Kindesliebe, Freundschaft, Andacht, Frömmigkeit, unsere Liebe zu Bäumen, Blumen, Pflanzen – sexual. Nächstens wird uns bewiesen werden, daß Kant mit dem Ding an sich in einem sexualen Verhältnis gestanden hat.« Der Oberleutnant lachte, seine Frau lächelte, und dieses Lachen und dieses Lächeln schmeichelten dem Hofrat. Er fuhr eifrig fort: »Wenn ich heute vor einen Buchladen trete, die Titel lese und die illustrierten Umschläge ansehe, graut mir. Mir! Andern nicht. Neulich steh ich so da und koche Galle. Neben mir aber steht ein junges Fräulein und genießt den Anblick.« »Versteht wahrscheinlich gar nichts davon.« »Ihre Augen sagen das Gegenteil. Sie haben Ähnliches schon gesehen. Wozu hätten wir die Kunstausstellungen? ... Aber das gehört zum Ganzen, ist ein Schimmer vom Geiste dieser Zeit. Wann und wo offenbart er sich nicht? ... Wenn ich von irgendeinem Bahnhof in die Stadt fahre, frage ich mich: Geht es wirklich meinem alten, noblen Wien oder einer amerikanischen Yankee-Niederlassung entgegen? Krasse Riesenplakate schreien mich an. Wo mich früher nette kleine Vorstadthäuser erfreuten, aus denen es förmlich sprach: Sieh uns nur an, in uns wohnen Behagen und Zufriedenheit, wendet mein Blick sich jetzt angeekelt ab von turmhohen Wohnungetümen, ordinär aufgeputzt und herausfordernd nackt. Was sie bergen, steht ihnen auf der Fassade geschrieben. Sinnlosen Luxus und seine Geschwisterkinder Not und Anarchie ... So häufen sich Zeichen auf Zeichen, so steuern wir mit herrlicher Sicherheit unaufhaltsam dem Untergange zu.« Cäcilie hielt die Augen auf ihn gerichtet. Ihr Befremden wuchs. Sie konnte nicht mehr zweifeln, daß seine Reden ihm aus dem armen, verbitterten Herzen flössen. Es kommt vom Alter, dachte sie; er tat ihr leid, und sie sagte mit einem Bedauern in der Stimme: »Das glauben Sie, lieber Onkel?« Und er, im Banne dieser jungen, schönen Augen, erwiderte sehr nachdrücklich: »Das glaube ich, Frau Nichte.« Ein Aufatmen der Wonne entstieg der Brust Kamillas. Jetzt hatte die Adoption stattgefunden. Ihr aber, der dieses Glück zuteil geworden, kam es zunächst nicht zum Bewußtsein. Sie hatte sich entschlossen, den Kampf gegen den armen alten Oheim aufzunehmen. »Und die Wissenschaft?« fragte sie, »wird die mit einbegriffen in diese allgemeine Verdammnis?« »Respekt vor ihr und ihren Entdeckungen und Erfindungen. Sie ist unsere Wohltäterin, unsere Leuchte, unser Ruhm und Stolz – unsere Rettung kann sie nicht werden. Daß sie auf der Höhe, auf der sie jetzt steht, in untergegangenen Weltreichen schon gestanden hat, ist uns jüngst, überzeugender denn je, dargetan worden. Staatenerhaltende Kräfte sind ihr versagt, die wachsen aus einem andern Boden. Die Eigenschaften, die sie fordern, sind von sittlicher Natur, und wie es mit denen aussieht, darüber täuschen wir uns doch nicht. Oder gelingt dir das, Frau Nichte, leugnest du« – du! Kamilla atmete abermals tief und wonnig auf –, »daß unser Nachwuchs besonders in dieser Hinsicht das ist, was Sombart sehr höflich ›minder qualifiziert‹ nennt?« »Vielleicht weichen wir, wie man so sagt, nur zurück, um den Anlauf zu einem großen Sprunge zu nehmen.« »Sprünge gibt es nicht, es gibt nur Übergänge. Das solltest du wissen, junge Weisheit.« Der Hof rat merkte nicht, daß ihm schon ein zweites »Du« entschlüpft war. »Freilich ändert es an der Sache nicht viel, ob wir in den Abgrund springen oder gleiten.« Cäcilie sah gequält vor sich hin: »Schade wär's um soviel Schönes, das es gibt, und um das viele Gute, das gute Menschen getan haben. Freilich geschieht auch vieles, was mir nicht gefällt, mich sogar anwidert, und schrecklich sind mir die Feindseligkeiten und der Haß und das Mißtrauen der einen gegen die ändern... Es ist ein unblutiger Krieg, aber oft grausamer als ein blutiger .. . Und so häßlich ist er, daß die Menschen seinen Anblick nicht mehr ertragen mögen und nach Frieden verlangen werden... Und auch in den Niederungen, von denen du gesprochen hast, Onkel, wird es ihnen nicht immer gefallen, sie werden sich nach den Höhen eines geistigen Lebens sehnen ... Mir kommt vor, o mir kommt oft vor, daß es heute schon vielen so geht... und nicht mehr blind, nein, mit geöffneten Augen werden sie ihnen zustreben. Dann wird es auf Erden heller werden, als es jemals war. Die soviel gelitten haben durch all das Böse, das sie einander angetan, werden sich eines lang vergessenen Wortes erinnern, des größten, das jemals an die Herzen der Menschen geschlagen hat, ihm nachleben und gut und weise und glücklich sein.« »Das Wort lautet?« »Du weißt es so gut wie ich.« »Nun?« »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Während sie eifrig, dabei aber doch nicht sehr sicher und oft in abgebrochenen Sätzen geredet, hatte der Hofrat kein einziges Mal gespöttelt oder widersprochen, ihr vielmehr nachsichtsvoll zugehört mit dem stillen Vergnügen, das man am Gezwitscher eines Vogels, am Gelalle eines Kindes empfindet. Nun füllte er ihren Römer mit Rheinwein und forderte sie auf, mit ihm anzustoßen und auf das Wohl des kommenden Goldenen Zeitalters zu trinken. Auch Eduard und Kamilla mußten Bescheid tun, und dann fuhr er fort, seine Überzeugungen an den Tag zu legen, wurde aber immer weniger scharf, ließ auch fremde Meinungen gelten und war am Ende des Mittagessens ein höchst liebenswürdiger Hausherr. Als der Hofrat die Tafel aufhob, hatte er nicht um einen Tropfen Wein mehr getrunken als gewöhnlich, befand sich aber in erhöhter Stimmung. Seine Augen leuchteten in einem ganz seltsam weichen Glanze, und die Röte seiner Wangen verdunkelte das Rosa seines zierlichen Näschens. Nach einer ritterlichen Verbeugung führte er die Nichte munteren Schrittes am Arme aus dem Speisezimmer zur Veranda. Eduard und Kamilla folgten, und mit einem sanften, seligen Lächeln flüsterte sie ihm zu: »Sie hat gesiegt.« Ihre warme Teilnahme rührte ihn, er drückte ihre Hand und sprach: »Wie gut sind Sie, gnädige Frau!« Beim schwarzen Kaffee sprach man nur noch von Rosen. Schon auf dem Wege ins Haus war dem Ehepaar aufgefallen, was für erlesene Exemplare sich im Garten befanden. Man ging hinab, bewunderte sie in der Nähe. Dann schlug der Hofrat seinen Gästen eine Spazierfahrt nach dem Föhrenwald in der Brühl, eine Tasse Tee auswärts im Freien vor. Sie nahmen gern an. Ein Wagen wurde sofort geholt. Das Nachmittagsschläfchen hat er rein vergessen, dachte Frau Riesel. Weil es aber ein Inkognitoschläfchen war, wagte sie nicht, ihn daran zu erinnern. Mitzufahren lehnte sie ab und bat den Hofrat, nur nicht zu spät nach Hause zu kommen zur Tarockpartie. Ach was, die fade Tarockpartie! Die mochte einmal ausbleiben, die konnte man doch absagen. Kamilla meinte, es sei zu spät, und die jungen Leute erhoben heftigste Einsprache. Um keinen Preis durfte der Onkel in seinen Gewohnheiten gestört werden. Er fügte sich, wenn auch ungern, und man fuhr ab. Kamilla winkte freundlich nach, während sie schon in Gedanken ein Telegramm an die Freundin verfaßte, das ihr die beglückende Kunde bringen sollte: »Sieg auf der ganzen Linie, im Sturm genommen, beinahe verliebt!« Wegen dieses letzten Wortes vertraute sie ihr Telegramm einem Diener nicht an, sondern trug es persönlich ins Aufgabeamt. Die drei Freunde fanden sich rechtzeitig ein, der Hausherr nicht. Frau Riesel bemühte sich, ihn zu entschuldigen; es gelang nur halb, und das Erstaunen verwandelte sich in Entrüstung, als der Hofrat endlich erschien und nur ganz nachlässig bat, sein spätes Kommen zu verzeihen. Der Spaziergang war sehr schön gewesen, die Nichte konnte sich von dem Föhrenwalde nicht trennen. Kamilla beobachtete den Gebieter mit Besorgnis. Seine funkensprühende Aufgeregtheit war verschwunden, er sah blaß und müde aus. Nun ja, wenn man bei Tische redet statt zu essen, wenn man sich das gewohnte Nachmittagsschläfchen versagt, bleiben die Folgen nicht aus. Doch die kriegerische Stimmung der Freunde schmolz im Augenblick dahin, in dem das junge Ehepaar sich einfand. Die drei Herren wurden der Nichte, der Neffe den drei Herren vorgestellt, und Kamilla konnte sich in ihren stillen Betrachtungen hingeben über die Veränderung, die sogleich mit ältlichen Herren vorgeht, wenn eine junge, reizende Frau in ihrem Kreise erscheint. Der Mürrische wird liebenswürdig, der Steifnackige ganz Geschmeidigkeit, der Eigensinnige hat kaum noch eine selbständige Meinung, wenn sie der ihren widerspricht. »Kannst du Tarock spielen?« fragte der Hofrat seine Nichte. »Miserabel, ja.« »Dann werde ich den Ratgeber machen. Nimm meinen Platz ein, wenn es den Herren recht ist.« Recht? Entzückt waren sie. Man setzte sich, der Hofrat rückte einen Stuhl neben den seiner Nichte, legte den Arm auf die Lehne des ihren und leitete ihr Spiel. Er war zerstreut und beging manchen Fehler, der ihm jedoch weder Spott von den Gegnern noch eine Rüge von seinem Partner eintrug. Es kam zu einer Tarockpartie, wie sie in diesem Räume noch nicht gespielt worden war. Ein abgefangener Mond, ein mißlungener Ultimo erweckten die Heiterkeit der dabei Verunglückten. Cäcilie verlor, gewann, verlor wieder, blieb immer in bester Laune, voll guter Einfalle und dankte den großen Meistern für die rührende Nachsicht, die sie mit ihr hatten. Die Hausdame wollte sich wie gewöhnlich bis zum Abendessen in ihre Gemächer zurückziehen, aber der Oberleutnant erlaubte es ihr nicht. »Sie müssen mir doch Gesellschaft leisten«, sagte er, »während meine Frau in der Gefangenschaft von drei Raubrittern schmachtet.« Sie setzten sich an den großen Tisch und plauderten. Er sprach von seinen Jünglingsjahren. »Ich war damals ein rechter Aff. Eitel, eingebildet, überzeugt, daß die Welt nur auf mich gewartet hatte, um aus allen Fugen zu geraten und in die Bahnen hineinzustürmen, die ich ihr vorzeichnen wollte ... Der Kampf, der mich zur Vernunft gebracht hat, war schwer, aber kurz, gottlob. Statt eines Führenden bin ich ein Dienender geworden: ›Ich dien!‹ Den Wahlspruch stark und mild Trug jenes Luxemburgers Schild, Der kämpfend bei Crécy gefallen.« Kamilla hatte ihm mit hingebendem Interesse zugehört. Daß er so offen über sich selbst mit ihr sprach, war ihr schmeichelhaft, und als der Dragoner-Oberleutnant nun gar Verse von Betty Paoli, ihrer Lieblingsdichterin, zitierte, erschien er ihr als das entzückendste aller Phänomene. »Jetzt bin ich glücklich durch und durch«, fuhr er fort. »Ich übe den Beruf aus, in dem ich das Beste leisten kann, das zu leisten mir gegeben ist, und ich habe die heimgeführt, die ich liebe. Sie war nicht leicht zu erringen, aber jetzt gehört sie mir. Kein Engel – ich wüßte auch nicht, was ich mit einem Engel anfangen sollte –, ein Schatz, der mir anvertraut ist und den ich hüte.« Er redete vertrauensvoll wie zu einer alten Freundin, er durfte sie ja als solche ansehen und erwartete Vertrauen auch von ihr. Mindestens eingestehen möge sie ihm, daß ihr Leben an der Seite des launenhaften Onkels gar oft unerträglich schwer sei. Sie leugnete es. Sie liebte ihre Tätigkeit, sie verehrte den Herrn Hofrat, weil er ein edler und reiner Mensch sei. »Schwerlebig ja«, gab sie zu, »aber das ist mehr sein Unglück als seine Schuld, und mißtrauisch nur in kleinen Dingen. Einen beleidigenden Verdacht faßt er nicht bald und wäre spielend leicht zu betrügen. So sehe ich in meinem gestrengen Herrn einen Schutzbefohlenen, für den ich gern und freudig sorgen darf.« Der Oberleutnant neigte das Haupt und sagte lächelnd: »Sie sind eine Römerin: ›Es tut nicht weh, Paetus.‹ Eine Märtyrerin sind Sie, die unter Qualen noch Hymnen singt.« Frau Riesel lächelte gleichfalls; es war ein feines, matronenhaftes Lächeln, das milde Freude an den Scherzen des jungen Offiziers verriet. Das Abendessen fand gebührende Anerkennung. Nur der Hausherr hatte keinen Appetit, sah leidend und merkwürdig beklommen aus ... Frau Riesel machte sich Gedanken ... sollte das Scherzwort, das sie übermütig in ihr Telegramm gesetzt ... Aber nein, um Gottes willen, nein! Was für einen lächerlichen Einfall hatte sie da gehabt. Sie verachtete sich selbst, daß sie einen so lächerlichen Einfall haben konnte. Indessen ließen die drei Freunde ihre Geisteslichter leuchten. Das Gespräch nahm allmählich eine ernste Wendung. Die furchtbare Schwere, mit der die Frage: Was wird die nächste Zukunft uns bringen? auf jedem lastet, der nicht völlig gedankenlos ist, kam allen zum Bewußtsein. Der Major verkündete den Weltkrieg und war entschlossen, beim Ausbruch der ersten Feindseligkeiten wieder in Dienst zu treten. »Herr der Heerscharen, die Gelegenheit gib mir, und ich will zeigen, daß ich noch etwas anderes kann als Anekdoten erzählen« – was er nicht kann, dachte Kamilla – »und Tarock spielen. Aber wozu wird unser Soldat heute verwendet? Kordon zu ziehen bei Festlichkeiten oder bei Pest und Cholera. Gelegte Brände zu löschen. Dazustehen wie eine Mauer, wenn der Mob einmal eingeladen wird, einen Feiertag zu halten – und losgeht – losgeht –, und mittendrin steht der Soldat, wird beschimpft, verhöhnt, weiß nicht warum, kriegt Steine an den Kopf ... weiß nicht warum ... Seine Kameraden, sein Offizier bluten, und der Soldat« – die Stimme des Majors bebte – »hat die Waffe in der Hand und rührt sich nicht – rührt sich nicht!« stotterte er, »und – und – und –« Sein gewohntes Erzählerschicksal ereilte ihn, er kam nicht weiter. »Rührt sich nicht, was auch in ihm vorgehen möge«, fiel der Oberleutnant rettend ein. »Ja, ja, ich habe so etwas erlebt. Auch meine Leute standen wie Mauern. Wir hatten den Befehl: ›Äußerste Schonung walten lassen.‹ Und das muß sein! weil ja fast immer bei Repressalien gar zu leicht Unschuldige getroffen werden. Und auch den anderen soll womöglich nichts geschehen. Die Strafe könnte am Ende ärger ausfallen als das Unrecht ... Die Schramme da«, er wies auf eine Narbe über dem rechten Auge, »habe ich einem der emsigen Mineraliensammler zu verdanken, die bei jedem Putsch und Streik aus dem Boden wachsen. Wenn diese Jünglinge die Stücke, die sie für ihre gelehrten Studien nicht brauchen können, in knabenhaftem Übermut wegwerfen und dabei eine Laterne oder einen Kopf treffen, wer möchte ihnen das übelnehmen? Nun, ich muß schon sagen, ich hätte meinem unwillkürlichen David sehr gern ein paar Denkzettel mit dem flachen Säbel überreicht. Aber: ›Äußerste Schonung!‹ – so hab ich mich pariert.« Sich in ein gemeinsames Gespräch zu mischen war sonst nicht Frau Riesels Sache. Aber als sie nun ihren jungen Freund im Geiste vor sich sah, wie er, beschimpft und verwundet, das Gesicht voll Blut, das Herz voll Grimm, stolze Regungslosigkeit bewahrte, weil die Pflicht es gebot, mußte ihre Bewunderung sich Luft machen, und sie sprach im Tone, in dem ein Ritterschlag erteilt wird: »Das war groß! Was Sie da getan haben oder vielmehr nicht getan haben, war – ich wiederhole: groß!« Der Oberleutnant hatte das unangenehme Gefühl, ruhmredig gewesen zu sein, und erwiderte trocken: »Das war Disziplin, zu der wir erzogen sind und zu der wir uns bemühen unsere Leute zu erziehen.« »Durch ein bewährtes Mittel«, meinte der Gelehrte, »durch die Furcht.« »Nicht allein durch die!« rief Eduard entrüstet und kampfbereit. »O bitte! bitte!« Der alte Herr streichelte ihm besänftigend den Ärmel mit seiner breiten, gutmütigen Hand. »Ich habe gar nichts dagegen, daß die Furcht der Soldaten vor ihren Offizieren größer ist als die vor einer wilden Rotte. Aber man nenne doch nicht Heldentum, was Furcht ist.« »Was Gehorsam ist, schöner, kluger, das Fundament aller Pflicht und Treue, jeder gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung.« »Jawohl, ich gebe Ihnen zu, daß der Gehorsam sich in mancherlei Gestalt äußert. Aber die erste darunter, die gesundeste und kräftigste, heißt: Furcht. Gönnen Sie mir doch meine Freude an ihr. Sie gehört zu unseren besten Lebensgütern. Was wäre ohne sie aus uns geworden? Sie hat den Menschen gezwungen, Waffen anzufertigen, Pfahlbauten zu errichten, Wohnhäuser zu erbauen, Städte zu gründen. Sie hat ihn an einen unsichtbaren und allvermögenden Herrn über Naturkräfte, denen die arme Kreatur hilflos gegenübersteht, glauben und um Erbarmen und Schonung zu ihm beten gelehrt.« »Verzeihen Sie«, erhob sich plötzlich eine weiche und klangvolle Stimme, wurde aber sofort leiser, als die allgemeine Aufmerksamkeit sich ihr zuwandte. »Verzeihen Sie«, wiederholte Cäcilie, »ich habe schon oft gehört und gelesen, daß Schrecken und Todesangst den Menschen das erste Gebet erpreßten, und das kann ja vielleicht sein, viele glauben es – ich nicht, ich glaube« – sie hielt inne und sah den Gelehrten mit einem Blick an, der um Nachsicht bat –, »ich glaube, das erste Gebet ist gekommen aus einer Brust, die jubelte und jauchzte, und war ein Dankgebet ... Warum soll der erste gewaltige Eindruck, den ein junger, zum Bewußtsein erwachter Mensch durch die Wunder empfing, die ihn umgaben, der des Schreckens gewesen sein? Warum nicht der des Entzückens und der Begeisterung? ... Er hat ja doch die Sonne blendend schön aufgehen gesehen, und den hellen Mond, und die Sterne, und den Anblick der herrlichen Erde gehabt und ihn genossen, und ihre unerschöpflichen Gaben empfangen ... Und er war jung, stark, gesund, und sein Herz war voll Fröhlichkeit. Warum soll da nicht einmal ein Gefühl heißer, brennender Dankbarkeit in ihm aufgestiegen sein und ihn ergriffen haben wie ein Sturm? ... Warum soll da nicht ein Mann oder ein Weib oder vielleicht ein Kind auf die Knie gestürzt sein und die Hände gefaltet und gedankt haben, inbrünstig gedankt, gedankt!« Sie brachte das befangen und immer leiser hervor, und in ihrem Ton lag eine Bitte um Hilfe, als sie sich nun an den Gelehrten wandte: »Wäre das nicht möglich?« Er war äußerst galant, verneigte sich und sagte »Warum nicht, meine Gnädigste?« Auch die anderen pflichteten ihr bei; nur der Hofrat, bis zur völligen Selbstvergessenheit in den Anblick seiner schönen Nichte versunken – schwieg. Alles Herbe und Harte war aus seinen Zügen verschwunden, und aus ihnen sprach eine milde Bewunderung, eine tiefe Traurigkeit. Der Professor hatte nach einiger Überlegung wieder das Wort nehmen wollen: »Warum nicht? Aber ...« Da unterbrach ihn der Großindustrielle: »Nein, nein. Kein Aber mehr! Zur Partie! Meine Herrschaften, es stehen noch zwei Zweier. Darf ich bitten, Frau Oberleutnant?« Er bot ihr den Arm und führte sie zum Spieltische. So wurde die Konversation im Augenblick abgeschnitten, in dem sie anfing interessant zu werden. Eduard und Kamilla gingen auf die Veranda, wo er seine Sehnsucht nach einer Zigarre erfüllen durfte. Nun saß er Kamilla gegenüber in einem bequemen Lehnsessel, und sie freute sich an dem Genuß, mit dem er weiße Wölkchen in die milde Luft der Sommernacht blies. Es war schon dunkel. Sie konnte ihn nicht deutlich sehen, von seiner Gestalt nur die Umrisse, von seinem Gesicht nur einen Schein, wenn die glühende Zigarre ihn darüber hinfliegen ließ. Aber sie hörte ihn fröhlich und munter plaudern von seinem Glücke, von seinen Zukunftsplänen, und seine Sicherheit, sein festes Vertrauen auf kommende bessere Tage erquickte sie. Sie wurde von vielen Gedanken, aber von fast noch mehr Gefühlen ergriffen. Seit dem Tode ihres seligen Riesel hatte noch nie eine Stimme ihr Ohr so sympathisch berührt wie die des Sohnes ihrer lieben Freundin. Er war ihr in kurzer Zeit teuer geworden, und daß sie etwas für ihn hatte tun können, dafür dankte sie Gott. Am nächsten Morgen erwachte Frau Riesel lachend. Ihr hatte geträumt, daß sie in einer fremden Gegend am Arme des Oberleutnants spazierenging, ganz jung und schlank, leichten Schrittes und schwebend. Sie wiegte sich ein wenig in einem heiteren Nachgefühl, kniete dann nieder auf ihren Betschemel und verrichtete voll Andacht ihr Morgengebet. Mit besonderer Liebe gedachte sie ihres Verlorenen, Unverlorenen, ihres Toten, der ein ewig Lebender für sie blieb, und des Kindleins, das seine Augen nur geöffnet hatte, um sie gleich wieder zu schließen und sie dem himmlischen Lichte zuzuwenden. Sie hatte eben gelacht; nun weinte sie, ohne sich einer besonderen Veranlassung bewußt zu sein. Ihr kamen die Tränen inbrünstig, warm, unsäglich erquickend. Beim Verlassen des Zimmers kam sie an ihrem großen Spiegel vorbei, blieb stehen, betrachtete ihr Bild mit ungewohnter Aufmerksamkeit. Der Anblick kränkte sie. Zu groß war der Zwiespalt zwischen ihrem Äußerlichen und ihrem Innerlichen. Ihre Empfindungen, ihre Anschauungen waren fein und zart. Ihre Seele – o gewiß! wenn Seelen sichtbar werden könnten, die ihre wäre als hohe, biegsame Sylphidengestalt zur Erscheinung gekommen. Warum mußte diese schlanke Seele in einer untersetzten Gestalt Wohnung genommen haben? Warum mußte eine Frau, die nur von Erinnerungen lebte, so wohlgenährt aussehen, warum auch noch jünger, als sie war? Sie haßte ihre starken, dunkeln Haare, die noch immer nicht grau werden wollten, und frisierte sie so unmodern wie möglich à la George Sand. Trotzdem mußte sie sich fortwährend wiederholen lassen, daß sie wunderbar konserviert sei und – was sie am meisten kränkte – vortrefflich aussähe. Eine halbe Stunde später hatte sie ihr Tagewerk schon begonnen und das Decken des Frühstückstisches auf der Veranda überwacht. Es war schwül, und im Westen stiegen schwere Wolken auf. Vielleicht stellte der lang ersehnte Regen sich endlich ein. Die Dürre beginnt unerträglich zu werden, die Bäume, der Rasen sind staubbedeckt. Hinabblickend sieht Frau Riesel etwas Schneeweißes aus dem Laubgang schlüpfen und sich gegen das Rosenbeet hinbewegen. Es ist der Hofrat. Die Schere in der Hand, die Tasche mit dem kleinen Werkzeug umgehängt, tritt er an seine Lieblinge heran. Nun beginnt die Pflege. Die Kelche werden mit Bürstchen von Ungeziefer befreit, die welken Blumen entfernt, die Schößlinge abgeschnitten. O schrecklich! – jetzt hat er sich vergriffen, hat eine Madame Charles Druski an langem Stiele vom Stamme getrennt, und nun eine Gloire de Dijon, eine La France , eine Coupe d'Hébé ... Nein, was für Wunder man doch erfahren kann in der Alltäglichkeit. Der Hofrat, der das Verkürzen eines ohnehin kurzen Rosenlebens einen Frevel nennt, begeht ihn selbst an den erlesensten Exemplaren. Nun hat er einen prachtvollen Strauß zusammengestellt und flattert damit dem Hause zu, vergnügt wie eine Lerche. »Guten Morgen, Frau Riesel!« ruft er ihr entgegen, »eine Blumenvase, bitte, die große, die Vieux-Saxe aus dem Salon!« Die Vieux-Saxe, das Erbstück des Großvaters, die hinter Glas im Eckschrank residiert und bisher von keiner Hand außer der des Hofrats berührt werden durfte? Ja, ja, die war gemeint und stand, köstlich anzusehen und mit märchenhaften Rosen gefüllt, auf dem Tische, als die Gäste sich einfanden. Der erste Blick der jungen Frau fiel auf sie, und voll Entzücken brachte sie ihnen ihre Huldigung dar. »Sie haben das gern, ich weiß«, sagte sie. »Ihre kleinen Seelen duften und schweben dem, der sie versteht, wonnig entgegen. Jede in ihrer Art... Von diesen Coupe d'Hébé drei an einem Stiele, welche ist die schönste? Die, die man gerade ansieht. Diese Madame Charles Druski – die Vestalin unter den Rosen – trägt den Schnee weißer Wölkchen auf ihren glanzumsäumten Blättern... Und Souvenir de la Malmaison , die reizendste von allen. Findet ihr nicht auch? Ihr melancholisches Rosa, das in der ganzen Welt der Rosen seinesgleichen nicht hat, gleitet so leise hinüber in die Stille der Farblosigkeit. Erinnerung an die Idylle in einem Heldenleben, ich liebe dich!« Sie stand auf und küßte die Rose. Halb gerührt, halb gequält blickte der Hofrat zu ihr empor, die Bewegung seines kleinen, grauen Schnurrbartes verriet, daß seine Lippe zuckte. Mit etwas umflorter Stimme brachte er den Plan vor, am Nachmittag einen längeren Ausflug zu unternehmen. »– Ich fürchte nur, daß es regnen könnte«, meinte Kamilla. Da wurde er ungeduldig: »Könnte »es«? Ja, wenn »es« wollte, könnte »es«. Aber ich glaube, daß »es« nicht wollen wird, und bitte, lassen Sie einen Wagen bestellen.« Frau Riesel erhob sich und mit ihr zugleich Cäcilie. Sie mußte ihren Eltern schreiben, einen großen, ausführlichen Brief über ihren Besuch in der Villa Hügel, ihnen viel, viel Böses von dem Onkel Hofrat erzählen. »Na, mach's gnädig«, sagte er, und nach einer kleinen Pause mit Selbstüberwindung: »Empfiehl mich dem Herrn Baron und der Frau Baronin.« »Ich werde meinen Eltern schreiben, daß mein lieber Onkel sie grüßen läßt«, erwiderte sie und verließ mit Kamilla zugleich das Zimmer. Die Herren gingen in den Garten. Ein feiner Regen setzte ein, der bald dichter wurde. Die kleinen Tröpfchen, die er einzeln auf die Blumen und das Gezweige gesetzt hatte, rannen ineinander, bedeckten die Beete, Wiesen, Gesträuche mit einem kühlen Schleier. »Es ist gut«, sagte der Hofrat, »es löscht wenigstens den Staub.« »Ja, den löscht es«, bestätigte der Oberleutnant so harmlos, als ob er aus der Schule Frau Riesels käme. Es war völlig windstill, kein Lüftchen rührte sich, die kleine grüne Welt ringsum hielt den Atem an, schien sehnsüchtig zu warten auf etwas, das kommen und sie erquicken sollte. Und nun erhob sich in dieser Lautlosigkeit ein sanftes Rauschen, eindringlich und segensreich rieselte der Regen nieder, und was da keimte, wuchs, blühte, empfing wohlig und wonnig die Himmelsgabe. Dem Boden entstieg kräftiger, nahrhafter Duft, und welkende Zweige sahen wieder frisch und jung aus. »Schade, daß Cäcilie nicht da ist«, sagte Eduard, »sie würde behaupten, daß sie sieht, wie die Bäume und Gesträuche sich freuen und ihre Zweige und Zweiglein dem Regen entgegen heben und strecken, um seine Labe zu genießen, und wie jeder Grashalm und wie jedes Blatt und jede Blüte dankt und dankt.« »Hole sie.« Er ging, kam aber allein zurück. Sie konnte sich von ihrem Briefe nicht trennen, war ja auch erst bei der fünften Seite. Der Oberleutnant schlug eine Partie Schach vor, in dessen Anfangsgründen ihn der Onkel einst unterwiesen, und beide begaben sich hinauf in das Schreibzimmer, in das Heiligtum, wie Frau Riesel diesen ernsten Raum nannte, weil er von Besuchern nur äußerst selten betreten werden durfte. Er machte mit seinen schweren Fenstervorhängen, seinen altertümlichen Lehnsesseln, den dunklen Bronzen auf Tischen und Sockeln einen düsteren Eindruck. Zwei Vitrinen aus Ebenholz bargen die Sammlung von Meisterstücken der Kleinkunst. In hohen Schränken standen hinter Glas kostbar eingebundene Bücher und Bildwerke, und über ihnen hingen ringsum an den Wänden Familienporträts in altmodischen Rahmen, die bürgerlichen Ahnen, auf die der Hofrat so stolz war. Roh und dilettantenmäßig ausgeführte Bildnisse eröffneten die Reihe; in Stieler-Manier gehaltene schlossen sie. Ein modernes Gemälde gab es nicht. Beim Spiel, das nun begann, war der Schüler ganz versunken in Aufmerksamkeit, der Meister so zerstreut, daß er endlich in Gefahr geriet, es bloß zu einem Remis bringen zu können. Knapp vor der Entscheidung klopfte es an die Tür. Freudiger Ahnung voll schnellte der Hof rat empor: »Herein!« Sie war's. Sie kam in Begleitung Frau Riesels, was ihn verstimmte und sogleich einen schnöden Verdacht in ihm erweckte. »Aha! Sie kommen, um einen meteorologischen Triumph zu feiern!« »Ich komme, um Ihre Befehle einzuholen«, erwiderte sie sanft, ohne den Schatten einer Duldermiene. »Warten Sie noch, das Wetter macht sich, wir bekommen vielleicht den schönsten Nachmittag.« »Aber warum sollen wir ihn nicht zu Hause zubringen?« fragte Cäcilie. »Ich möchte gar zu gern deine Sammlung sehen, lieber Onkel. Ich habe soviel von ihr gehört.« »Wirklich? – Durch wen?« »Nun, durch Mama.« »Ja so-o, ja so-o, durch die Mama ...« Er überwand die kleine Enttäuschung und versprach, den Wunsch der Nichte zu erfüllen. Aber erst später, man brauche Zeit. – »Also«, wandte er sich an Kamilla, »wenn sie also durchaus nicht ausfahren will, dann können Sie den Wagen abbestellen.« Frau Riesel neigte das Haupt und schritt dem Ausgange zu; Eduard eilte ihr nach, öffnete vor ihr die Tür und flüsterte: »Gnädige Frau haben eine himmlische Geduld.« Von seiner Bewunderung getragen wie von Flügeln, schwebte sie mehr, als sie ging, die Treppe hinab und begegnete in der Nähe der Gastzimmer dem alten Diener des Hofrats. Er trug die Vase mit den herrlichen Rosen und blieb lächelnd vor Kamilla stehen: »Für die gnädige Frau Oberleutnant.« »Ja, ja, ich weiß«, log sie und ließ ihre Augen halb gerührt, halb beängstigt auf den Blumen ruhen. In dem kostbaren Rosenbukett fehlte die Malmaison. Beim Mittagessen wurde durch die Heiterkeit Cäciliens und durch ihre lustigen Einfälle die gute Stimmung wiederhergestellt. Zum schwarzen Kaffee ging die kleine Gesellschaft in das Rauchzimmer und hatte kaum dort Platz genommen, als sich auf der Treppe und im Gange Schritte vernehmen ließen. Eine laute, wohlbekannte Stimme fragte: »Wo sind sie? Ja so, im Rauchsalon. Josef, mein Parapluie! Betty, mein Regenmantel!« Die Tür flog auf, und da stand Frau Sektionsrat, dunkelrosa und hellblond, den Ausdruck eines Baby im ältlichen Gesichte. »Die Mama!« rief Cäcilie; Eduard sprang auf, breitete die Arme aus und deklamierte: »Aus dem bewegten Wasser steigt Ein feuchtes Weib empor.« Wieder ein Zitat! – unglaublich nett für einen Oberleutnant von der Kavallerie, dachte Kamilla. Rosa löste sich aus den Armen ihrer Kinder und ging auf den Vetter zu: »Verzeih den Überfall, aber ich konnte nicht vorbeifahren, ohne euch zu begrüßen.« Dabei sah sie Kamilla mit einem unendlich vielsagenden Blick an, und die Freundin nahm in ihrem Herzen auf, was er ausdrücken wollte: Dankbarkeit, Liebe, Verehrung. »Regnet es noch?« fragte der Hofrat. »Nein, es schüttet.« »Setz dich und trink eine Tasse Kaffee.« Sie gehorchte. »Danke dir. Gern, sehr gern. Ich komme nur für einen Augenblick. Wollte nur sagen ... Also Kinder, von den Wohnungen, die ich angesehen habe, paßt mir keine. Ich habe jetzt eine Sommerwohnung für den Herbst genommen.« »Das sieht dir ähnlich«, sagte der Hofrat. »Papa bekommt schon in vierzehn Tagen Urlaub. Wir fahren dann direkt nach Karlsbad und erwarten euch dort, und ihr bleibt bei uns, bis es wieder einrücken heißt.« »Und vorher?« fragte der Onkel. »Bevor wir nach Karlsbad fahren, meinst du? Wir haben große Projekte«, erwiderte Eduard. »Wir wollen wandern, wandern! großartige Fußtouren durch unsere Alpenländer unternehmen. Ich treibe mich lange genug in der Heimat meiner Frau herum, sie soll jetzt die meine kennenlernen.« »Dazu wäre mehr Zeit nötig, als euch zur Verfügung steht.« »Oh, wir haben Zeit«, sagte Cäcilie, »es ist ja heute erst der zwölfte Juli, und morgen abend«, es klang wie ein unterdrücktes Jauchzen, »grüßen wir schon die Ischler Berge.« Was bei diesen Worten in dem alten Herrn vorging, bemerkte niemand, nicht einmal sie, die ihn am besten kannte. Sie war dazu viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, war ganz erfüllt von Scham und Reue. Heute der zwölfte Juli! Ihres Vinzenz' Geburtstag. Wohl hatte sie im Gebete ihres Entschlafenen besonders liebreich gedacht, aber ohne Beziehung auf diesen doppelt geweihten Trauer- und Feiertag. »Nach Ischl wollt ihr bei dem Wetter?« brachte der Hofrat mit gequältem Lächeln hervor. Sie aber schwelgten in Vorfreude, machten die kühnsten Pläne, erstiegen unter tausend Gefahren und Schwierigkeiten die höchsten Berge. Ihre Beschreibungen wurden so schwindelerregend, daß die Mama erklärte, sie nicht länger mit anhören zu können. Sie stand auf und nahm allerseits herzlichen Abschied. Auch Eduard empfahl sich, aber nur für ein paar Stunden. Er wollte die Mama nach Hause bringen und den Papa noch einen Augenblick sehen. Cäcilie erinnerte den Onkel an sein Versprechen, ihr seine Sammlungen zu zeigen, und als die beiden nun einander im »Heiligtum« gegenübersaßen, ließ der Hofrat den Kunstschatz, den er in vielen Jahren zusammengebracht hatte, vor ihren Augen erstrahlen. Er machte sie aufmerksam auf kleine Bronzen, seltene Denkmünzen, Gemmen und Emails, um die ihn die kaiserliche Schatzkammer beneiden durfte. Cäcilie folgte seinen Erklärungen mit größtem Interesse. Er freute sich an ihrem ernsten Verständnis, würdigte ihr gutes Urteil, ihren Geschmack, ihm schmeichelte ihre Bewunderung der schönen Bücher in den Schränken und die Anteilnahme, mit der sie die Gemälde an den Wänden betrachtete. Ihr Blick glitt suchend umher, sie ließ ihn auf dem Schreibtisch ruhen und fragte endlich: »Und die arme Tante? Wo ist ihr Bild?« Er stutzte: »Wen meinst du?« »Deine Frau...« erwiderte sie, betroffen über seinen Ton. Er schwieg eine Weile. »Hat dir Mama Rosa nicht gesagt«, sprach er dann plötzlich, »daß ich sehr unglücklich in meiner Ehe war?« »Nein.« Er ließ sie nicht aus den Augen, er sah ihre Verwirrung: »Von dem, was du jetzt denkst, ist keine Spur. Meine Frau war mir treu.« »Und trotzdem...« »Und hat mich trotzdem unglücklich gemacht, und ich habe ihr das vergolten.« »So habt ihr einander nicht liebgehabt?« »Im Gegenteil. Ich habe sie geliebt bis an ihr Ende. Sie hat mich auch lange sehr geliebt... Dann aber, zuletzt... mich gehaßt.« »Das ist fürchterlich.« »Ja.« Sein finsterer Ausdruck wurde ihr unheimlich, sie hätte ihn gern von den peinigenden Gedanken, die ihn erfüllten, abgelenkt und wußte nicht, wie das beginnen. Teilnahmslos wollte sie nicht erscheinen und ebensowenig neugierig. So sagte sie denn nur zaghaft und leise: »Armer Onkel.« Er sah ihre Ratlosigkeit und fand Vergnügen daran. Sie ein wenig zu quälen freute ihn, es schmeichelte ihm, daß er die Macht dazu hatte. Jedenfalls gehörte ihm in diesem Augenblick ihr volles Interesse, und er geizte danach, es festzuhalten, sogar um den Preis von ein wenig Selbstachtung. So tat er, was er nie getan hatte, er sprach von seiner Ehe, die ein Kampf gewesen war vom ersten bis zum letzten Tag. Zwei gleichstark entwickelte Individualitäten standen einander gegenüber und rangen um das gleiche Recht, das Recht, sich zu entfalten nach dem eigenen, innersten Gesetz. Und diese Kämpfer waren zwei Liebende, und an ihnen erfüllte sich das Dichterwort: »Wir brannten, doch wir schmolzen nicht.« Den Stunden heißer Zärtlichkeit folgten Tage der Auflehnung, der Empörung. Sei anders! verlangte er von ihr, sie von ihm, tadle nicht, wo ich bewundere, und wo ich bete, da spotte nicht ... Es gab weiche Stunden, in denen die Liebe sprach: Beuge dich, schmiege dich, verleugne dich. Und es geschah, aber auf Kosten der inneren Wahrhaftigkeit; es war eine Lüge und der Preis zu hoch, die Lüge rächte sich ... Immer kleinlicher und häßlicher wurde der Streit. Aus welchen Arsenalen holten sie ihre Waffen! Wie heimtückisch wurden sie geschärft! Ein Nadelstich konnte vergiften wie ein Vipernbiß. Es ging so weiter, bis die Krankheit kam, deren tödlichen Ausgang die Frau vor sich sah und von der sie nicht geheilt werden wollte. Nur fort, nur fort aus dem unerträglichen Leben wollte sie. Vor dem Manne verheimlichte sie ihre Leiden, und das war nicht schwer. Er war kein Ahner, kein Errater, lebte fest eingesponnen in das Netz seiner Friedlosigkeit, mit Blindheit geschlagen für das Nächste. Andere mußten ihm die Augen öffnen. Und andere waren es auch, die sie in den letzten Tagen ihres Lebens umgaben. Die Krankheit hatte ihr die Kraft der Selbstbeherrschung genommen, er mußte sehen, daß seine Nähe ihr quälend war. Sich fernhalten blieb die einzige Wohltat, die er ihr noch erweisen konnte. Er tat's, er brachte es über sich. In Unfrieden gelebt, entfremdet gestorben. Wer trägt die Schuld? Sie, er, beide? keines? Er war in seiner Rede immer gedrängter, seine Sätze waren immer kürzer geworden. Manchmal kam es ihm: Warum erzähle ich ihr das alles? Dann sah er sie an und – erzählte weiter. Sie hörte ihm mit so gespannter Aufmerksamkeit zu, so voll innigsten Mitgefühls, schüttelte nur manchmal den Kopf und sagte mit leisem, schüchternem Tadel: »Das versteh ich nicht.« Aber auf die Frage: »Wer trägt die Schuld? er? sie? keines?« antwortete sie ernst und durchdrungen: »Keines.« »Du absolvierst also?« Ein herbes Lächeln überflog sein Gesicht. Die bösen Geister des Unmuts und der Verdrossenheit regten sich. Nun war ihm doch leid, daß er gesprochen hatte, und wieder dachte er selbstquälerisch: Wozu? Warum? ... Eine Erklärung schien ihm nötig, eine Entschuldigung vor ihr und vor sich selbst. »Du solltest nur wissen«, sprach er mit erzwungener Gleichgültigkeit, »warum bei mir kein Bild von meiner Frau zu finden ist.« Sie erriet, was in ihm vorging. Der alte Mann war ihr ehrwürdig geworden, weil er soviel gelitten hatte: »Bereue nicht, daß du mir dein Vertrauen geschenkt hast.« »Nein, nein – wenn's auch überflüssig war. Findest du nicht?« »Gewiß nicht, es ehrt mich ja.« Er schwieg, vermied, sie anzusehen, hielt die Augen auf ein Fenster gerichtet, an dem die Regentropfen in langen Fäden, lichte Streifen bildend, niederglitten. Cäcilie geriet wieder in Ratlosigkeit. Sollte sie das Schweigen unterbrechen? Von gleichgültigen Dingen reden war ebenso unmöglich wie ein Zurückkommen auf das frühere Gespräch, und die Stille begann peinlich zu werden. Da schlug die große Renaissanceuhr auf dem Kamin die Stunde an. »Sechs Uhr«, sagte die Nichte mechanisch, und der Onkel fragte ungläubig: »Wirklich, schon sechs Uhr?« Jawohl, und da kam denn auch Eduard und entschuldigte, wie der Hofrat fand, sehr unnötigerweise sein langes Ausbleiben. Er hatte den Papa zu Hause gefunden und ihn nicht sogleich wieder verlassen können. Ein heller Freudenglanz war bei seinem Eintreten über das Gesicht seiner Frau geflogen. Er schloß sie in die Arme und küßte sie: »Morgen um diese Stunde sind wir weit fort.« Zur Partie kamen die drei Herren heute zu früh. Und dann war wieder so ziemlich alles wie gestern und wie es morgen sein wird und übermorgen und alle die armen noch kommenden farblosen Tage im Zeichen der alten Tyrannin Gewohnheit. Das innerhalb der vier Mauern. Und – außerhalb? Der Widerstreit, in dem der Hofrat stand mit seiner Zeit, hatte ihn noch nie mit solcher Bitterkeit erfüllt; er war sich noch nie so entsetzlich einsam vorgekommen. An der Konversation beim Souper beteiligte er sich zum allgemeinen Erstaunen nur selten und dann ohne die gewohnte Schärfe. Um so eifriger führten die drei Freunde das Redeturnier. Jeder wollte den Preis erringen, die Anerkennung und Bewunderung einer reizenden jungen Frau. Der Professor verteidigte die neue Zeit gegen die Angriffe der beiden anderen Herren und führte seine Sache, wenn auch durchaus nicht immer mit tadellosen Waffen, so geschickt, daß die Gegner sich in ihren Sätteln bedenklich wanken fühlten. In seiner Bestürzung wurde der Major, wie er nachträglich zugab, »massiv«, und der Großindustrielle schleuderte dem Gelehrten im Zorn über eine schlaue und hinterlistige Behauptung die Worte zu: »Ach was! Verschonen Sie mich! Am Ende hat noch Bakunin recht: ›Alles zerstören und sehen, was nachwachsen wird.‹« »Zu arg!« stieß Frau Riesel unwillkürlich hervor, und auch Cäcilie wünschte das Ende des Streites herbei. Sie legte ihre Hand auf die des Onkels, neben dem sie saß. »Ich bitte dich, sprich du, was sagst du zu alledem?« Er hatte gezuckt bei ihrer Berührung. »Nichts, was dich freuen könnte. Was nachwachsen wird«, wandte er sich an seine erregten Gäste, »ist leicht vorauszusehen. Wenn der Anarchismus über unsere heutige Kultur wie ein wahnsinnig gewordener Dampfpflug über Getreidefelder hinrasen, zermalmen und zerstören, das Unterste zuoberst kehren wird, was für einen Nachwuchs bekommt, der's erlebt, zu sehen? Unendliches Unkraut, saures Gras und hier und da, spärlich vereinzelt, einen Halm mit einem Ährenbüschel. Da ist ein Keimchen von der Vernichtungswut unerreicht geblieben und treibt nun aus der alten Erde die alte Blüte, die alte Frucht. Ein Sämann wird kommen, die Körner sammeln, den Boden bereiten, vermutlich fern in einem andern Weltteil, und dort ...« »Dort«, fiel der Professor ein, »werden nach dem Verlaufe einer langen Zeit wieder unabsehbare Saaten sich dehnen, fruchtschwere Felder wallen, die wieder nach abermals langer, langer Zeit der Rost anfressen und reif machen wird zur vernichtenden Mahd. Und wieder werden gescheite Leute, vielleicht ein Staatsdiener, ein Soldat, ein Kaufherr, ein Bücherwurm, beisammensitzen und Betrachtungen anstellen über den Lauf der Welt.« »Glaube ich nicht!« rief der Major, »ich glaube an den Fortschritt.« »Auch ich; von ganzer Seele, aus allen meinen Kräften, ich möchte nicht leben, wenn ich an ihn nicht glauben dürfte«, sagte Cäcilie, und der Major triumphierte, ihm war der Preis des Wortgefechtes – ihre Zustimmung – zugefallen. Der Großindustrielle jedoch fühlte sich gänzlich mißverstanden und grollte. Es war schwül geworden im Zimmer. Frau Riesel öffnete die Tür der Altane. Der Gelehrte trat hinaus, stellte Wetterbeobachtungen an und verkündete, daß der Regen aufgehört habe, daß schon einige Sterne blinkten und daß es morgen das schönste Reisewetter geben werde. Die Tarockpartie war vor dem Souper abgeschlossen worden, die Herren empfahlen sich, und der Großindustrielle bedauerte, daß er morgen abend nicht werde kommen können. »Dann gibt es also keine Partie«, erwiderte der Hofrat trocken, und seine treue Hausdame seufzte im stillen: Das auch noch! Nun kam der Abschied. Die jungen Leute nahmen ihn schon heute. Sie wollten morgen mit dem frühesten fortfahren. »Was heißt das früheste?« »Schlag sieben Uhr, und du darfst dich durchaus nicht durch uns stören lassen, wir werden abziehen, so leise wie ein Paar Fledermäuse«, sagte Cäcilie, und sie und ihr Mann dankten dem liebsten, besten Onkel auf das wärmste für seine Gastfreundschaft und seine große, große Güte. Sie dankten auch von Herzen der teuren gnädigen Frau. Cäcilie umarmte sie, und Eduard küßte ihr die Hand. Noch einige Abschiedsworte, Verneigungen, Händedrücke, und der Hofrat und seine Hausdame waren allein. Er blieb eine Weile unbeweglich und ganz in sich versunken. Sein Mund hatte einen wehmütigen Zug, den Kamilla nicht an ihm gekannt. »Also morgen reisen sie«, sagte er. »Und das ist gut«, erwiderte sie unhörbar leise. Die Prophezeiung des Gelehrten traf ein, der Sommermorgen war von strahlender Pracht. Zur bestimmten Stunde hielt der Wagen vor dem Tor, und Frau Riesel, in der Toilette ihrer Halbtrauertage, überwachte die sorgfältige Unterbringung der eleganten Reiseeffekten auf dem Kutschbocke. Das Ehepaar trat aus dem Hause. Er trug zwei Handtaschen, sie das schöne Rosenbukett. Und nun begrüßte man einander. »Nein, gnädige Frau, Sie schon da! Das ist doch zuviel! ...« »Meine Schuldigkeit«, erwiderte sie gelassen, »aber bitte, sehen Sie nur, wer kommt da? ...« Der Hausherr war's, so fein und sorgfältig angetan, als ging's zu einem Feste. Die jungen Leute überhäuften ihn mit liebevollen Vorwürfen. »Onkel! So früh aufgestanden und uns zuliebe! Wir sind unglücklich, wir sind beschämt.« Er versuchte zu scherzen, er verneigte sich tief: »Frau Baronin, ich weiß, was sich gehört.« »Und ich auch!« Im nächsten Augenblick fühlte er auf seiner Wange den festen Druck junger, frischer, Gesundheit atmender Lippen. »Adieu! Adieu!« Sie stieg in den Wagen. Eduard folgte: »Vorwärts!« Der Hofrat und Frau Riesel blieben vor der Gartentür stehen und blickten den Davonfahrenden nach, die sich erhoben und umgewendet hatten, grüßten und winkten. Der alte Mann folgte mit den Augen noch eine Weile der Richtung, in der sie entschwunden waren. Dann wandte er sich dem Hause zu. Seine Untergebene folgte. »Die bleibt mir«, spöttelte er, sich selbst zuleide, und bewahrte gegen sie ein feindseliges Schweigen. Die Feinfühlige ging auf in großherzigem Mitleid, verzieh alles, begriff alles, verstand alles – ach, nur zu gut! ... Ihr war wie einem Schwan, der einen kleinen Tintenklecks auf dem schneeweißen Gefieder davongetragen hat. Ihm saß ein Stachel tief im Herzen. Cäcilie sah sich noch einmal nach der Villa um. »Der Onkel ist unbeschreiblich gut für uns gewesen«, sagte sie zu ihrem Manne. »Unser Besuch hat ihn gefreut, aber wiederzukommen hat er uns nicht eingeladen.« »Nein, es ist eigentlich merkwürdig, das hat er nicht getan.« Und sie fuhren mit sonnenhellen Herzen in den sonnenhellen Tag hinaus, den grünen Wäldern und Bergen, den schimmernden Seen, den ehrwürdigen Gletscherriesen munter und unternehmungslustig entgegen; sie blühten in Jugend und Schönheit, und kraft ihrer Liebe und Begeisterung gehörte ihnen die Welt. Die erste Beichte 1 Pater Joseph bewohnte ein nettes, ebenerdiges Haus mit schindelgedecktem, überaus steilem Dache. Warum die Tür sich nicht in der Mitte befand, sondern die Front in zwei ungleiche Hälften teilte, von denen die eine drei Fenster und die andere nur eines zählte, das weiß ganz allein der Maurermeister, der das bescheidene Bauwerk vor Jahren errichtete. Das Haus barg vier durch einen mit Ziegeln gepflasterten Gang getrennte Gelasse. In den beiden größeren residierte der geistliche Herr selbst mit seinen vielen Vögeln, seinen wenigen Büchern und den Werkzeugen zu den vortrefflichen Papparbeiten, mit denen er sich in freien Stunden beschäftigte. In den kleineren Stübchen machte sich die alte Wirtschafterin mit ihrem Kochherde und den Speisevorräten so schmal als möglich. Trotzdem geschah es nicht selten, daß ein Sack mit Kartoffeln oder ein Korb mit Obst aus Mangel an Raum in das Schlafgemach des hochwürdigen Herrn eingeschmuggelt wurde, und zwar hinter den Kasten mit hohem Aufsatz, welcher der Feuchtigkeit wegen nicht an die Wand, sondern schräg über die Ecke gestellt war. Den Eingang zur Lokalie bildete ein Vorgärtchen, dessen Gitter sowie die Haustüre selbst immer offenstand. Im Sommer blühten auf diesem schmalen Fleck Erde zwei schöne Zentifolienbäume und einige etwas magere, von der Sonne verbrannte Resedabüsche. Wenige Schritte von dem Hause erhob sich die Kirche, und ihr gegenüber warf eine prächtige Rüster ihren breiten Schatten auf die Hügel des Friedhofs, der den Bewohnern der drei umliegenden Ortschaften die letzte Ruhestätte bot; denn nicht weniger waren in der Lokalie eingepfarrt, der Pater Joseph vorstand. Die Anzahl der Seelen, für deren ewiges Wohl die Sorge ihm oblag, war demnach eine ansehnliche, sein Gehalt dagegen ein äußerst geringer. Der wackere Mann beklagte sich weder über das eine noch über das andere. Er tat, was er konnte, er gab, was er hatte, er lehrte, was er wußte. Er betete mit den Reuigen und für die Reuelosen. Er war ein milder Apostel. Unter den ihm anvertrauten Seelen befand sich eine, die ihm mehr Unruhe verursachte als alle übrigen zusammen. Das war überdies nur ein Kinderseelchen und lebte in einem kleinen Mädchen, einem zarten siebenjährigen Dinge, der Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers. Die Sorge um dieses Kind lag ihm schwer auf dem Herzen. Es war krank und schwächlich zur Welt gekommen, und während der Taufe meinte Pater Joseph es verlöschen zu sehen unter seiner segnenden Hand. Aber der matte Lebensfunke glimmte fort, indes derjenige, an dem er sich entzündet hatte, sich rasch zu Tode flackerte. Das kaum erwachte Dasein wurde teuer bezahlt; wenige Tage, nachdem der Priester das Kind getauft hatte, geleitete er die Mutter zum Grabe. Mit unsäglicher Mühe aufgezogen, erholte sich das kleine Mädchen allmählich und wurde nach und nach, wenn auch nicht so schön und blühend, doch so kräftig wie ihre ältere Schwester. Während sich diese jedoch zur Freude ihrer Umgebung entwickelte, schien die jüngere nur dazusein, um die Ihrigen ungeduldig zu machen und dem alten Gönner und Freund möglichst vielen Verdruß zu bereiten. Trotzdem blieb sie sein Liebling, und er ließ sich in dem Glauben nicht erschüttern, alle ihre Wunderlichkeiten und Schrullen seien nur ebenso viele in der Ausbildung begriffene Vorzüge. Vorläufig, da ein solches Resultat noch zu erwarten stand, litt er oft schmerzlich unter der unberechenbaren Gemütsart seines Täuflings. Eines war gewiß, für diese Kleine gab es keine Mittelstraße; immer bewegte sie sich in dem oder jenem Äußersten. Tolle Lustigkeit oder tiefe Schwermut, stumpfe Gleichgültigkeit oder ein förmliches Sichauflösen in Liebe, Nichtbegreifen des Einfachsten und überraschendes Verständnis des Schwerfaßlichen, das wechselte ohne sichtbaren Übergang in ununterbrochener Reihenfolge bei ihr ab. Stets konnte man gewiß sein, ihre Aufmerksamkeit da nicht zu finden, wo man sie suchte, dafür stellten sich ihre Gedanken und ihre guten Vorsätze oft dort ein, wohin man meinte sie erst lenken zu müssen. Aber die Freude darüber verwandelte sich bei ihrem Religionslehrer meistens in Grauen, denn hastig trieb es sie sofort von dem kaum Errungenen weiter in das Maßlose. »Entweder gar nicht vom Flecke gerückt oder übers Ziel hinausgerannt!« rief er ihr dann entmutigt zu. Die alte Großmutter war die einzige und nicht sehr entgegenkommende Vertraute seiner Leiden. Sie gehörte zu den Menschen, die glauben, die meisten Übel würden schlimmer, wenn man sie bespricht, sie haßte und fürchtete die Klage. Ihre Hilfe blieb nie aus, aber sie kam still und dankverbietend, mit ebenso großer Scheu vor einem Freuden- wie vor einem Schmerzensausbruche. »Nur still! Nur gescheit!« war das ganze Arsenal der Trostesworte, über welches sie verfügte. Die Leute nannten sie gleichgültig. Ihre Nächsten allein wußten, was dieses große, weiche Herz erduldet und verloren, bis es sich gestählt hatte zu dieser äußern Gleichgültigkeit. Der Vater erfuhr von all den Verkehrtheiten seiner Zweitgeborenen nichts. Er wäre der letzte gewesen, der verstanden hätte, dem Übel zu steuern. Der heißblütige Mann, der tapfere österreichische Offizier, der seine Jugend im Kriegsdienste zugebracht, hatte im bürgerlichen Leben, in das er sich 1815 zurückzog, sein soldatisches und ziemlich gewalttätiges Wesen beibehalten. »Nicht lieben, fürchten sollt ihr mich«, diese Worte bekamen die Untergebenen oft von ihm zu hören. Ob seine Kinder ihn liebten, fragte er nicht. Es ist die Pflicht der Kinder, ihre Eltern zu lieben, und daß seine Kinder ihre Pflicht tun, versteht sich von selbst. Ihnen gegenüber beobachtete er ein summarisches Verfahren und erklärte sich unfähig, bei der Erziehung seiner Töchter »in das Detail«, wie er zu sagen pflegte, einzugehen. Seine Methode gipfelte in dem einfachen Satze: »Sind die Mädels brav, dann tun sie nur ihre Schuldigkeit; sind sie nicht brav, dann strafet sie.« Er sah seine Kinder selten außer beim Mittagstische und richtete an sie nur dann das Wort, wenn Klage über die Kleinen geführt worden war. Dies geschah nicht von Seite der Großmutter, die seine Heftigkeit fürchtete, es wurde von Miss Sophia Chalonner, der Erzieherin, besorgt, einer fahlen Engländerin mit rötlichen Wimpern. Sie hatte Jane Eyre gelesen und fühlte sich ungemein geneigt, mit dem Herrn des Schlosses einen Roman mit gleichem Ausgange aufzuführen. Sie ließ keine Gelegenheit vorübergehen, den unzugänglichen Mann in ein Gespräch zu verwickeln, zu dem ihr wichtige Mitteilungen, die sie über ihre Schülerinnen zu machen habe, den Vorwand boten. Der Graf schnitt ihr gewöhnlich die Rede mitten entzwei und gab ihr die Versicherung, sie nehme Kleinigkeiten viel zu hoch. Er kenne seine Kinder durch und durch, es sei überflüssig, soviel Wesens aus unbedeutenden Fehlern zu machen, die sich mit den Jahren von selbst abstreifen würden. Manchmal jedoch geschah es, daß ein unvorsichtiges Wort, eine von Miss Sophia harmlos gemeinte Äußerung einen unbegreiflichen Grimm in ihm weckte, der sich dann über die Häupter der Kinder gewitterähnlich ergoß. Eines Vormittags, an dem er, von einem langen Ritte heimkehrend, in der Avenue vom Pferde stieg und erhitzt und ermüdet in das Haus eilen wollte, trat ihm Miss Chalonner mit feierlicher Miene in den Weg. Allem Anscheine nach hatte sie ihn trotz der brennenden Julisonne vor dem Schlosse erwartet. Rasch den Hut lüftend, suchte er ihr mit einem kurzen: »Guten Tag!« zu entrinnen; doch folgte sie ihm und bat, im Interesse der Kinder, um einen Augenblick Gehör. Es wurde ihr mit unverhohlenem Widerstreben gewährt. Die Engländerin, statt ihren ungeduldigen Hörer sofort in medias res zu versetzen, begann mit angeborenem Ungeschick von ihren Gefühlen für die ihr anvertrauten Wesen zu sprechen. In dieser Auseinandersetzung wurde sie jedoch durch ein barsches: »Zur Sache!« unterbrochen, das sie gänzlich verwirrte. Ohne weitere Vorbereitung platzte sie nun mit der Beteuerung heraus, es würde ihr nicht eingefallen sein, den Umstand besonders zu betonen, das Clary gestern ihren neuen Hut, für den ihr doch empfohlen worden Sorgfalt zu tragen, dem Hofhund, der eine Schar Gänse jagte, nachgeworfen ... »Wenn nicht ... Wenn nicht –« ergänzte der Graf und wischte sich den Schweiß von der Stirne und klopfte die hohen Stiefel mit der Reitgerte. »Wenn nicht«, fuhr Miss Sophia schnell atmend fort, »Clary und sogar die sonst vernünftige Elisa lachend zugesehen hätten, als der Hund den Hut zerriß und zerbiß ...« »Nun denn«, fiel der Vater ihr in die Rede, »ist das alles?« »Nein«, erwiderte Miss Chalonner, »das Schlimmste kommt. Als ich den Mädchen ihr Betragen verwies, lachten sie noch ärger als zuvor, und Clary beantwortete meine Ermahnungen in so unpassender Art, daß ich mich dadurch verletzt bekennen muß, Herr, in meinen besten Empfindungen!« Auch dieser schmerzliche Ausruf verfehlte seine Wirkung. »Ich ersuche Sie, derlei Lappalien in Zukunft nicht mir, sondern meiner Schwiegermutter zur Kenntnis zu bringen. Ich beschäftige mich, wie Sie wissen, nicht mit Details«, sagte der Graf trocken. Miss Chalonners Nase überzog sich mit leuchtender Röte. »Es ist traurig«, sagte sie – ihre dünnen Lippen zuckten nervös –, »sehr traurig, denn überhaupt – die Kinder sind auf keinem guten Wege – sie haben wenig Pflichtgefühl; sie haben – ich bedaure, es aussprechen zu müssen – keine Religion.« Das war ein gefährliches Wort! Es faßte eine ganze Menge von Anklagen zusammen, es setzte eine Reihe von vorangegangenen Irrtümern voraus. Hätte Miss Sophia ihren Herrn besser gekannt, sie würde es niemals ausgesprochen haben. Alles, was dem Herkömmlichen widerstrebte, war dem strengen Hausvater ein Greuel. Denselben Abscheu hätte es ihm eingeflößt zu hören: Deine Töchter sind Frömmlerinnen! Bei ihm, unter seinem Regimente hieß es sich in den vorgeschriebenen Grenzen halten. Weh dem, der sie überschritt oder nicht erreichte! Ein Zuviel wäre nicht minder verdammungswürdig gewesen als ein Zuwenig. »Keine Religion?!« rief der Graf mit der auffahrenden Heftigkeit einer in Brand geratenen Rakete. »Und das erfahre ich erst jetzt? ... Keine Religion – meine Töchter?! Worin unterrichtet sie denn Pater Joseph seit zwei Jahren? Wozu sind Sie da? ... Keine Religion? Ist das die Frucht seiner Lehren und Ihrer Erziehung? ... Ei, ei, da wollen denn wir zum Rechten sehen!« Er ging sporenklirrend und ließ Miss Sophia vernichtet zurück und in Verzweiflung über das von ihr heraufbeschworene Unheil. Was hatte sie gewollt? Ach, sich nur ein wenig interessant machen, die Aufmerksamkeit des Löwen erregen, seine Anerkennung ihrer Verdienste wecken – und nun fügte es ihr Unstern, daß sie ihn gereizt hatte und daß er, statt ihr seine Huld zuzuwenden, sich brüllend und bedrohlich gegen sie erhob! Und das mußte an jenem Wochentage geschehen, an dem Pater Joseph nach erteilter Unterrichtsstunde im Schlosse zu speisen pflegte. Bei der Tafel herrschte heute tiefes Schweigen; schwer wie Gewitterluft lag es auf allen Anwesenden, denn das Angesicht des Hausherrn war umdüstert. Er hatte den höflichen Gruß des Geistlichen kaum erwidert und den Kindern die Hand entzogen, die sie ihm küssen wollten. Diese saßen stumm da und lächelten nur manchmal über den Tisch zur Großmutter hinüber, die ihnen dann verständnisvoll und beruhigend zunickte. Pater Joseph hatte keinen Begriff davon, warum er ein Mal über das andere erröten mußte. Miss Chalonner wagte nicht den Blick von ihrem Teller zu erheben und aß mit so krankhaftem Appetit, als säße sie bei ihrem Henkersmahle. Das Diner war beendet. Der Graf bot seiner Schwiegermutter den Arm, um sie zum schwarzen Kaffee in den Salon zu führen. Ihnen folgte, durch einen einladenden Wink dazu aufgefordert, Pater Joseph. Die Großmutter nahm ihren gewohnten Platz in der Sofaecke ein und ihre Strickerei zur Hand; der Priester lehnte den Stuhl ab, den sie ihm anwies, denn der Herr des Hauses hatte sich noch nicht gesetzt. Er ging mit dröhnenden Schritten im Zimmer auf und ab. Sein dichtes, kurz gehaltenes Haar, das bürstenähnlich auf seinem Kopfe emporstand und mitten in die Stirn in einer scharfen Spitze hereinwuchs, gab ihm ein strenges Aussehen, auch wenn er nicht so finster blickte, die schwarzen Augenbrauen nicht so fest zusammenzog wie jetzt. Seine Reckengestalt war danach angetan, noch ganz anderen Leuten zu imponieren als einer alten Frau und einem schüchternen Landgeistlichen. Vor dem letzteren blieb er nun, in seiner Wanderung innehaltend, plötzlich stehen und fragte mit fast drohender Stimme: »Darf ich fragen, geistlicher Herr, ob meine Töchter genügend vorbereitet sind, um ihre erste Beichte ablegen zu können? Es wäre Zeit, denk ich.« Die Großmutter ließ ihre Strickerei in den Schoß sinken und stieß ein kurzes, von einem schnalzenden Tone begleitetes »Ah!« hervor, das ihr eigentümlich war. Pater Joseph erwiderte: »Beichte, Euer Hochgeboren ... Die Kleinen? – Das schiene mir doch zu früh.« »Wie?« erwiderte der Hausvater, »die Kinder genießen Ihren Unterricht seit zwei Jahren, in zwei Jahren wird man doch ein paar Kinder zur Beichte vorbereiten können?« »Aber sie sind noch nicht in dem Alter ...« meinte der Priester. »Natürlich nicht«, fiel die Großmutter ein, der der Ärger den Mut gab, ihrem Schwiegersohn entgegenzutreten. Erfreut über ihre Zustimmung, fuhr Pater Joseph fort: »Von so jungen Kindern kann man keine ordentliche Gewissenserforschung erwarten.« »Keine Gewissenserforschung? Das wäre arg«, lautete die grimmige Entgegnung. – »Meine Kinder werden doch unterscheiden können zwischen Gut und Schlecht. Das werden sie doch bei Ihnen gelernt haben? ... Oder nicht? – Ich will mich einmal selbst überzeugen von den Resultaten Ihres Religionsunterrichtes.« Großmutter und Lehrer erschraken. Von solch einem improvisierten Examen, bei dem der Prüfende vor Ungeduld und die Geprüften vor Angst bebten, war, wie sie aus Erfahrung wußten, nichts Gutes zu erwarten. Aber die alte Frau wagte keinen Einwand, der Priester keinen Widerstand mehr, und eben schickte sich der Graf an, die Kleinen rufen zu lassen, als rasche Schritte im Vorgemache erschallten, hastig an der Tür gepocht wurde und der Verwalter totenblaß mit der Nachricht eintrat, es sei Feuer ausgebrochen auf einem nahen Hofe. Wahrhaftig! – o wie bitter hat er es später bereut, wieviel tausendmal sich's vorgeworfen! –, es war ein: »Gottlob!« was der menschenfreundliche Pater Joseph bei dieser Trauerbotschaft auf seinen Lippen unterdrückte. Alle eilten an die Fenster. Hinter dem gegenüberliegenden Kiefernwalde hoben sich schwere Rauchwolken, zwischen denen grelle Flammen aufzüngelten, an dem klaren Horizont empor. »Die große Scheune brennt«, sagte der Graf mit plötzlicher Ruhe. »Gestern haben wir dort die letzte Garbe Sommerfrucht eingeführt.« In dem Augenblicke rasselten auch schon die Feuerspritzen und die Wasserwagen am Schlosse vorbei, und im gestreckten Galopp fuhren die Jucker mit der Britschka in den Hof. Der Jäger stand da, seinem Gebieter Hut und Stock überreichend. »Vorwärts denn! Sie fahren mit, Herr Verwalter. Und Sie, geistlicher Herr, ich bitte dringend, sorgen Sie dafür, daß meine Kinder in vierzehn Tagen zur Beichte geführt werden können.« 2 Pater Joseph blieb nichts übrig, als sich einem Willen zu fügen, der um so vieles stärker als der seine war. Sein ganzes Dichten und Trachten ging nun dahin, die ihm auferlegte Pflicht gewissenhaft zu erfüllen. Statt einmal wöchentlich sah man ihn nun täglich nach dem Schlosse wandern. Die Wirtschafterin Benedikta schüttelte so bedenklich den Kopf, daß die reich garnierte Haube, die ihn krönte, förmlich ins Wanken kam, wenn sie den Priester jeden Nachmittag im Sonnenbrand über den Bergrücken hinschreiten sah, der zwischen den Gründen seiner Ortschaft und der Besitzung des Schloßherrn die Grenze bildete. Drüben fiel der Berg steil in einen Tobel ab, den ein Wildwasser durchrauschte und ein geländerloser Steg überbrückte. Dieser war an mancher Stelle schadhaft und nach Regengüssen, wenn der angeschwollene Bach seine Stützen erschütterte, durchaus nicht gefahrlos zu betreten. Jedesmal bat Benedikta, ihr hochwürdiger Herr möge doch den Umweg über die Fahrstraße nicht scheuen; aber so viele Zeit hatte er nicht zu verlieren, und ihre Vorstellungen wurden immer lächelnd abgewiesen. Da stand sie denn am Hause und blickte ihm nach, ihre Augen mit der Hand vor der Sonne schirmend. Die alte getreue Seele liebte den Gottesmann, wie man ein Kind liebt, und verehrte ihn zugleich als ein höheres Wesen. Es tat ihr in der Seele weh, ihn so ruhelos zu sehen, seitdem er die »herrschaftlichen Kinder« zum Empfang des heiligen Sakramentes der Buße vorbereiten mußte. Ob es den Schloßleuten auch nur ein einziges Mal einfiele, ihn im Wagen abholen zu lassen, dachte sie. Da soll er hin- und herlaufen wie ein Bote und kann sich ihretwegen den Hals brechen auf dem Steg! Und wozu das alles? Warum müssen die kleinen Mädels jetzt schon zur Beichte? Was sollen denn die für Sünden haben? Steht nicht vor jeder, die sie begehen könnten, die englische Gouvernante Schildwache? Indessen schritt Pater Joseph rüstig seinem Ziele zu, gestützt auf den mächtigen Regenschirm, den ein Futteral aus Pappe, mit schwarzem Glanzpapier überzogen, umschloß: eine der ausgezeichnetsten seiner buchbinderischen Leistungen und ein Werk, auf das er sich nicht wenig zugute tat; »denn«, sagte er, »wenn es schön ist, schützt das Futteral den Schirm, und wenn es regnet, der Schirm das Futteral.« Der lange Rock des Priesters flatterte im Winde, und sein rosenrotes, mit unzähligen Pockennarben übersätes Gesicht wurde beim Gehen purpurfarben. Er nahm oft den Hut herab, um sich mit ihm Kühlung zuzuwehen. Dabei kamen die lichtblonden Löckchen zum Vorschein, die sein Haupt bedeckten und Clary veranlaßt hatten, ihm zu sagen: »Geistlicher Herr, deine Haare sehen aus wie das Vlies vom Gotteslamme.« Die beiden Schülerinnen erwarteten ihren Lehrer am Gartengitter. Er nahm ein Kind an jede Hand, die Kleine schulterte den Regenschirm wie ein Gewehr, und man begab sich in die Studierstube. »Wie wird's heute gehen?« fragte Pater Joseph, am Lehrtische Platz nehmend. »Es wird gut gehen!« beeilte sich Clary mit Zuversicht zu antworten. »Du hast wohl den festen Vorsatz dazu gefaßt?« sprach der Geistliche. Sie schüttelte den Kopf: »Das nicht –« »Wie? – Nun, so fasse ihn jetzt.« »Ich habe mir gestern abend gedacht«, erklärte das Kind, »wenn ich erwache und es scheint die Sonne, dann schreiben Sie mir ein ›Ausgezeichnet‹ in meinen Katalog; wenn es aber regnet, bekomme ich nur ein ›Gut‹ oder vielleicht gar nur ein ›Kaum genügend‹.« Das war ein wenig verheißender Anfang! Der Lehrer unterdrückte jedoch alles, was sich über diesen Fatalismus sagen ließ, und erwiderte nur: »Von dir hängt es ab, nicht vom Wetter, ob du eine gute oder eine schlechte Note erhältst.« Er prüfte zuerst Elisa. Sie hatte fleißig gelernt und sprach die Beichtformel mit einer Innigkeit, die den Geistlichen rührte und ihn von der letzten Sorge befreite, sie könnte die volle Bedeutung der heiligen Handlung, der sie im Begriffe war sich zu unterziehen, nicht verstehen. Als an Clary die Reihe kam, hielt sie mit einemmal inne im Aufsagen des Eingangsgebetes, das sie überdies ohne alle Teilnahme sprach, und fragte: »Wem werden wir denn beichten?« »Wem anders als mir?« antwortete Pater Joseph. Sie schlug verwundert die Hände zusammen. – »Ihnen, Hochwürden?- – ach nein! Sie wissen ja ohnehin alle unsere Sünden, wozu sollen wir sie Ihnen erst sagen?« »Dein Vater und deine Großmutter verlangen, daß du ihnen einen begangenen Fehler eingestehst, wenn er ihnen noch so gut bekannt ist, nicht wahr?« versetzte Pater Joseph und erklärte ihr – ach, nicht zum erstenmal! –, daß es sich in der Beichte, die sie vor Gott ablegen werde, um drei Dinge handle: um strenge Gewissenserforschung, um ein reumütiges Eingeständnis ihrer Sünden und um den festen Vorsatz, sie nicht wieder zu begehen: »Nur dann«, schloß er, »kann ich dir die Lossprechung im Namen Gottes erteilen.« »In seinem Namen!« rief Clary und blickte ihn mit leuchtenden Augen an. »Dazu hat Gott Ihnen das Recht gegeben. Das war gut von ihm, daß er es Ihnen gegeben hat! . . . Er! ... Er selbst –: Gott!...« Ganz durchdrungen von der Weihe und Heiligkeit, mit der ihr Lehrer ihr plötzlich umkleidet erschien, senkte sie das kleine Haupt wie geblendet. Pater Joseph war sehr bekümmert. Wie oft hatte er ihr schon erklärt, der Priester besitze als Stellvertreter Gottes die Macht, zu binden und zu lösen, und nun erst kam ihr das längst Gehörte, längst, wie er meinte, Begriffene als etwas Neues, Ungeheures zum Bewußtsein. Und wer weiß, was für tolle, unberechenbare Folgerungen sie nun wieder daran knüpfen wird! Er beeilte sich, der Flut von Fragen, die er schon hereinbrechen sah, zuvorzukommen. »Weiter! weiter! fahre fort!« befahl er streng und litt dabei unsäglich. Ach, hätte er tun dürfen nach seinem Gefühle, nach seiner Einsicht! Die Bücher würde er zugeschlagen und dem Kinde zugerufen haben: Hinunter mit dir in den Garten, übers Feld! Spiele, hüpfe, tanze im Sonnenschein, du Mücke, anstatt hier dein armes Hirn zu zerquälen mit Gedanken, die ihm zu schwer sind. Suche nach roten Beeren im Walde statt nach schwarzen Sünden in deinem Gemüte. Clary war glücklich in der Gebetformel, die nach vollbrachter Beichte zu sprechen ist, bis zu dem Satze gelangt: »Und ich nehme mir ernstlich vor, lieber zu sterben, als Gott wieder durch eine Sünde zu beleidigen« – da machte sie eine Pause. »Das habe ich gelernt, weil's hier steht«, bemerkte sie, »aber im Beichtstuhle werde ich's nicht sagen.« Pater Joseph seufzte tief. »Warum nicht?« fragte er mit einer der Verzweiflung verwandten Geduld. »Weil es nicht wahr ist«, erwiderte das Kind. »Wieso nicht wahr?« »Im Evangelium heißt es, der Gerechte fällt siebenmal an einem Tage, und ...« Sie stockte, betroffen über die außerordentliche Traurigkeit, die sich in den Zügen ihres Freundes malte. Nun hätte er von Todsünde, von schwerer Beleidigung Gottes sprechen sollen – aber er sah die flackernde Aufregung, die sich des Kindes bemächtigt hatte, und wollte die Verwirrung in diesem Köpfchen nicht noch vergrößern. So schnitt er jede weitere Erörterung mit den Worten ab: »Genug für heute. Tue, was dir vorgeschrieben ist, und grüble nicht.« »Was mir vorgeschrieben ist? Ich muß versprechen, lieber zu sterben, als Gott wieder durch eine Sünde zu beleidigen? Ich muß?« fragte Clary und erblaßte. »Lieber zu sterben!« wiederholte sie. »Und Elisa verspricht das auch?« Ihr Blick haftete angstvoll auf ihrer Schwester; wie schützend legte sie den Arm um ihren Hals. »Elisa ist ein gutes Kind«, sagte Pater Joseph, »und tut, was sie soll, ohne viel zu fragen. Sie weiß: die Sprache, die ihr geboten wird im Beichtstuhl zu sprechen, das ist die Sprache der Reue.« »So, so – die Sprache der Reue ...« Sie schwieg und sann. Plötzlich, wie durchzuckt von einem lichtspendenden Gedanken, rief sie: »Eine unfruchtbare Reue gibt es und eine fruchtbare, haben Sie uns gelehrt.« Daran knüpfte nun der Priester den Beginn seines Vortrags. Aber Clary war während des ganzen Restes der Stunde unerträglich zerstreut. Und Pater Joseph konnte nicht umhin, statt des zierlichen »Sehr brav«, das er so gern von schwungvollen Schnörkeln umgeben, die das Lob wie Flügel trugen, oder gar schief, als ob es vor Bewunderung hintenüberschlüge, in den Katalog ein kahles »Kaum genügend« einzuschreiben. Angesichts dieser vollendeten Tatsache erwachte Clary aus ihren Träumereien. Sie las mit Entsetzen das verhängnisvolle Wort, dann blitzten ihre Augen über den Katalog der Schwester hin. Diese legte rasch die Hand auf das »Ausgezeichnet«, das sie erhalten hatte, damit der Kleinen durch seinen Anblick nicht allzu weh geschehe. »Siehst du«, sagte Pater Joseph, »die Sonne hat nichts zu tun mit den Noten, die du bekommst.« Er erwartete einen Ausbruch von Tränen und von Beteuerungen für die Zukunft, allein Clary weinte nicht und versprach auch nichts. Sie blieb tief in sich versunken den ganzen Tag, dabei aber ein Muster von Gehorsam und von Sanftmut. Sie machte Fleißaufgaben, schrieb ihren Beichtzettel dreimal ab, und Elisa bemerkte, daß er jedesmal länger geriet. Als sie zu Bette ging, wollte ihr Abendgebet gar kein Ende nehmen. Sie betete für alles, was lebt, für alles, was leidet, dann für alles, was nicht mehr lebt, aber noch leidet: für die armen Seelen im Fegefeuer, sie betete sogar für die Verworfenen in der Hölle. Am nächsten Morgen legte sie alle ihre Spielereien zusammen und verteilte sie, die liebsten zuerst, unter die Kinder der Hausleute und des Dorfes. Sie lauerte jedem vorüberziehenden Bettler auf und entschuldigte sich, nachdem sie ihn beschenkt, daß ihre Gabe nicht reichlicher ausgefallen war. Sie ging mit einer seltsam seligen Miene umher, als ob ein überirdisches, geheimnisvolles Glück über sie gekommen wäre. Es war am Tage vor der Beichte. Pater Joseph empfahl sich nach erteiltem Religionsunterricht bei der Großmutter, die unter den Lindenbäumen hinter dem Schlosse auf und ab wanderte. Die alte Frau strickte auch im Gehen; am Arme hing ihr das runde Körbchen mit dem Knäuel feinen Zwirnes; ihre Hände bewegten sich mechanisch. Die Züge ihres edlen Gesichtes trugen denselben kühlen, teilnahmslosen Ausdruck, der ihrer Umgebung zum erstenmal am Todestag ihrer einzigen Tochter aufgefallen war. Der Geistliche hatte schon Abschied genommen, verweilte aber noch. »Wie schön es ist!« sagte er, als hielte ihn das Landschaftsbild fest, das sich den Augen der beiden alten Leute darbot. Und es war in der Tat schön. Das Schloß mit seinen Gärten lag auf einem Hochplateau, das gegen Süden den Ausblick über das weite Land, die wohlgepflegten Felder und die von feinen Wasseradern durchrieselten Wiesen gewährte, gegen Norden hingegen durch eine dreifache Kette bewaldeter Berge abgegrenzt war. Ein vielzinkiger Turm krönte die Ecke des linken Schloßflügels, dem die steilen Wände mächtiger Basaltfelsen zum Unterbau dienten. Ihre dunklen Pyramiden ragten hier kahl empor, indessen sie, je tiefer sie sich gegen das Tal senkten, von einer kleinen, aber kräftig ans Licht des Daseins drängenden Vegetation überwuchert waren. Zwischen ihren Moosen und Eriken erhoben sich einzelne Fichten und Föhren, Ausläufer der nahen Wälder. Das erste Geschoß des Turmes, der sich in unmittelbarer Verbindung mit den Gemächern der Großmutter befand, wurde von den Kindern und ihrem Aufsichtspersonal bewohnt. An einem der Fenster stand jetzt Clary. Sie blickte wie verzückt in die untergehende Sonne, die, prächtig noch im Scheiden, den Horizont mit flammenden Lichtströmen übergoß. Die Wälder, die bereits kühler Schatten umfing, hauchten den empfangenen Wärmesegen als duftigen Rauch in die Atmosphäre, wie ein Dankopfer für die königliche Lebenspenderin. Sie versank langsam; ihre letzten Strahlen vergoldeten die Wolkensäume, die Bergeshöhen und die flatternden Locken des Kindes dort oben, das immer noch unbeweglich, dem majestätischen Schauspiele ganz hingegeben, hinausstaunte in die Welt. Längst hatte Pater Joseph sie bemerkt. Der wahre Grund seines Zögerns, den Heimweg endlich anzutreten, war sein stilles Bangen um den Liebling, das danach rang, sich wenigstens in einem Worte auszusprechen. »Blicken Euer Gnaden doch da hinauf«, sagte er bittend und wies auf die Kleine. Aber die Großmutter erhob den Kopf nicht; sie fuhr in ihrer Arbeit und in der Betrachtung der Gegend fort und erwiderte ablehnend: »Habe sie schon gesehen, vorher.« »Was geht in ihr vor?« begann der Geistliche von neuem. »Ich wünschte, der morgige Tag wäre glücklich vorüber.« Die alte Frau wollte es nicht gelten lassen, daß sie sich gleich ihm beunruhigt fühlte. »Wird auch vorübergehen; alles geht vorüber, alles wird gut«, murmelte sie. »Das gebe Gott!« sprach der Priester, und sie schieden. Der Abend war herangekommen; der Herr des Hauses saß in seinem Arbeitszimmer am Schreibtische, neben ihm in einem Lehnstuhl seine Schwiegermutter. Die Lampe an der Decke brannte und warf ihr grelles Licht auf die Rechnungen, Berichte und Wirtschaftsjournale, die sich tagsüber auf dem Pulte des tätigen Ökonomen aufgehäuft hatten. Er nahm eines nach dem andern vor, teilte seiner Schwiegermutter hie und da ein Resultat mit oder stellte eine Frage; er war durchaus nicht blind für die Überlegenheit ihres Geistes, er ließ ihrem schlagfertigen Verstand Gerechtigkeit widerfahren und befolgte sogar zuweilen ihren Rat. Jetzt näherten sich kleine Schritte. Schüchtern wurde die Tür geöffnet, gerade weit genug, um zwei schlanke Gestalten hereinschlüpfen zu lassen. Hand in Hand traten die Mädchen ein, stellten sich vor ihren Vater hin, und tief ergriffen begann Elisa: »Wir kommen dich bitten, uns zu verzeihen, lieber Vater, wenn wir dich wissentlich oder unwissentlich beleidigt haben. Wir gehen morgen zur Beichte.« Während sie ihr Sprüchlein sagte, hatte sich der Blick des Grafen forschend und streng von einem seiner Kinder zum andern gerichtet. Als das Mädchen nun hoch aufatmend schwieg, sprach er: »So, so. Ihr geht morgen zur Beichte. Das ist recht. Frauen müssen Religion haben. Es gibt nichts Schrecklicheres als ein Weib ohne Religion. So! – Also – so! Ich verzeihe euch.« Die Kleinen stürzten sich auf seine Hände und küßten sie. Sie waren unbeschreiblich gerührt. Dann wendeten sich die Kinder zu ihrer Großmutter. Die alte Frau unterbrach jedoch ihre eingelernte Ansprache nach dem ersten Satze. »Schon gut ... Nur gescheit ...« sagte sie. Ihre zitternden Hände legten sich auf die Häupter ihrer Enkel, und sie umschlang beide in einer Umarmung. Man hörte nichts mehr als ein leises Geflüster: »Verzeih uns! ... Verzeih uns!« – und ein lautes Schluchzen. »Geht jetzt«, sagte endlich der Vater, und die Mädchen schlichen davon. Sie durchwanderten das ganze Schloß und baten sich nach frommem Brauche die Verzeihung eines jeden Hausgenossen aus. Als sie zu ihren Zimmern zurückkehrten, lag auf einem Treppenabsatze Faßan, der große Hühnerhund. Halb im Schlafe blinzelte er seine Freundinnen an, gähnte, machte die Augen zu und fegte die Fliesen mit seinem wedelnden Schwanze. Clary beugte sich über ihn, küßte ihn vielmals und bat auch ihn um Verzeihung. Eine Weile, nachdem die Kinder zu Bette gebracht worden waren, erhob sich Elisa sachte aus dem ihren. Sie wollte ihr Gebetbuch zu den Handschuhen und dem Tuche legen, die man ihr neben dem weißen Kleide, das sie morgen tragen sollte, zurechtgerichtet hatte. Nach dem Buche in ihrer Tischlade suchend, fand sie in einer Ecke ein Päckchen verborgen. Darin lag Clarys höchstes Kleinod, ein goldenes Kettlein, das einstens ihrer Mutter gehörte. Es war vielfach in feines Papier gewickelt, mit Seide fast kunstvoll verschnürt, und auf seiner äußersten Umhüllung stand in unbeholfener Kinderschrift: »Zum Andenken.« 3 Die Schloßkapelle war festlich geschmückt. Alle Kerzen auf dem Altare brannten, in ihrem Glanze glitzerten die köstlich verzierten Reliquienschreine. Die Muttergottes lächelte herab aus ihrer blauen, sternenbesäten Nische; Blumen- und Weihrauchduft erfüllte den hochgewölbten Raum. Im Oratorium knieten der Schloßherr, die Großmutter, Miss Chalonner und die rangältesten Beamten und Diener. Die ersten Reihen der Kirchenstühle waren den Armen des Dorfes eingeräumt worden, die übrigen von den Hausleuten besetzt. Über alle Häupter hoch hinweg ragte Benediktas stolze Haube. Ihre Besitzerin befand sich in eigentümlich erregter und zugleich versöhnlicher Stimmung. Ihr heißer Wunsch war erfüllt, der geistliche Herr heute abgeholt worden in herrschaftlicher Equipage. Sie hoffte, dies werde von jetzt an immer geschehen, und grollte nur noch mit der Vergangenheit. Ehrwürdig nahm der Priester sich aus in seinem schneeigen Chorhemde mit umgehängter Stola. Er war blaß, wie man ihn nie gesehen, ein Zug von schmerzlicher Spannung lag um seinen Mund. Vom runden Fenster über dem Altare fiel ein Sonnenstrahl gerade auf sein Haupt, und in dem hellen Lichte bemerkte Benedikta mit wehmütigem Schrecken, daß so manche seiner kleinen Locken schon weißlich schimmerte. Im Beichtstuhl kniete Elisa vor ihrem Lehrer. Sie hatte eben ihre Beichte beendet und hörte mit demütig auf die gefalteten Hände gebeugter Stirn seine milde Ermahnung an. Dann sprach er das »Absolvo te«, sie empfing seinen Segen, erhob sich, und Clary nahm die Stelle ihrer Schwester ein. Ihre Beichte dauerte lange. Benedikta konnte nicht umhin zu denken, sie hätte nicht geglaubt, daß ein so kleines Kind ein so großes Sündenregister haben könne. Pater Joseph schien jedoch über den Seelenzustand seines jüngsten Zöglings andern Sinnes. Auffallend kurz war die priesterliche Lehre, die er ihr erteilte. Aber inniger hatte er wohl nie gebetet als jetzt, da er die Worte der Vergebung über den Liebling seines Herzens sprach. Beide Mädchen knieten nun auf einem Betschemel mitten in der Kapelle nieder. Der Geistliche trat in die Sakristei und bald darauf im Ornat an den Altar. Elisa folgte dem Meßopfer in stiller Versunkenheit, Clary schien aufgelöst in Andachtsglut. Als der Priester das Allerheiligste zum letzten Segen erhob, sah er den Blick des Kindes mit solcher Verzückung emporgerichtet, daß die kaum beschwichtigte Angst vor einer unbestimmten Gefahr von neuem in seinem Herzen erwachte. Die heilige Handlung war vollbracht; die Armen, großmütig beschenkt, entfernten sich, die Schloßbewohner gingen dem Hause zu. Pater Joseph war zum Frühstück geladen und sollte folgen. Als er, umgekleidet, aus der Kapelle trat, fand er zu seiner Überraschung den Grafen, ihn erwartend, auf der Schwelle. Eine so große Ehre hatte der hochfahrende Mann ihm nie erwiesen, und wie gern würde Joseph auch heute auf sie verzichtet haben! Hinderte sie ihn doch, den Kindern nachzueilen, die an der Seite ihrer Großmutter schon einen weiten Vorsprung gewonnen hatten. Soviel der Respekt es ihm erlaubte, drängte er, von einer unerklärlichen Unruhe getrieben und dabei bemüht, sie zu verbergen, vorwärts. Im Portal trafen sie die alte Frau, Elisa und Miss Chalonner. Clary, nach der der Geistliche fragte, sei vorangegangen, sagte man ihm. »In den Speisesaal?« Miss Chalonner vermutete es. »Zum Frühstück!« mahnte der Graf, und die Gesellschaft begab sich in den Saal. Clary war nicht da. »Wo mag sie nur bleiben?« rief Pater Joseph. »Wer?« »Die Kleine –« »Ach, die füttert gewiß ihre Tauben, weil sie's am Morgen nicht tun konnte«, sprach Miss Chalonner. »Ich will sie rufen«, sagte der Geistliche hastig und schritt hinaus. Er durchlief die Gänge, er rannte in den Hof – zum Taubenhause im Kindergarten – auch hier war Clary nicht. Die Vögel flogen unruhig ein und aus, sie schienen zu warten auf die kleine Beschützerin, die heute so lange zu kommen zögerte. Pater Joseph kehrte rasch in das Schloß zurück und fragte jeden, dem er begegnete, nach dem Kinde. Niemand wußte Auskunft. Endlich sagte ein Diener, er habe sie in das Turmzimmer treten gesehen. Dahin eilte nun der Geistliche; er keuchte die Treppen hinan, er erreichte die Tür, riß sie auf und schrak zusammen vor dem Anblick, der sich ihm darbot. Das Fenster, an dem Clary gestern im Abendrot gestanden hatte, war offen; davor lag ein umgeworfener Stuhl und auf dem Boden das aus einer Stirnwunde blutende Kind. Sie hat sich hinabstürzen wollen – ist abgeprallt am Fensterkreuze. .. Der sie beschützte, sei gelobt! Gott sei gelobt! schrie es auf in der Seele des Priesters. Er weinte, er jubelte, er mußte sich Gewalt antun, um nicht niederzuknien zu ihr, um sie nicht in seine Arme zu nehmen, ihr zu danken, daß sie lebe. »Unglückliches Geschöpf«, sagte er, »was hast du getan?!« Sie, halb betäubt, fuhr mit der Hand über die Augen: »Ich habe Wort halten wollen«, sprach sie, »lieber sterben als noch eine Sünde begehen –« »Schrecklich! schrecklich!« unterbrach er ihre stockende Rede. »Um keine Sünde mehr zu begehen, begehst du die größte, die ein Christ begehen kann!« Als ein strenger Richter hätte er vor ihr stehen sollen, aber in dem Tone seiner Stimme lag mehr Trauer als Verdammung. Der Großmutter fiel das lange Fortbleiben Clarys auf. Unter dem Vorwande, sie habe noch einen Auftrag zu geben, ging sie nach den Zimmern der Kinder. Sie fand dort Pater Joseph damit beschäftigt, ihrer Enkelin ein nasses Tuch an die Stirn zu drücken. Dabei sprach er ihr leise und beschwichtigend zu. »Was ist denn geschehen?« fragte die alte Frau, ihre Sorge mühsam bemeisternd. Der Priester sah Clary an. Ihr Gesicht glühte, Träne um Träne lief über ihre Wangen herab. Ein tiefes, wenn auch noch nicht ganz deutliches Bewußtsein schweren Unrechts dämmerte beschämend in ihr auf. Sie litt alle Qualen der Reue für eine Tat, die ihr als das rascheste Beförderungsmittel zur Seligkeit erschienen war. Jetzt stand sie da, kummervoll, betrübt und verdienter Strafe gewärtig an einem Tage, der ihr ein Tag reinsten Glückes hätte sein sollen. Ihr alter Freund übte Erbarmen. »Euer Gnaden wollen geruhen, nicht zu fragen«, sagte er zu der Großmutter. »Was hier vorgegangen ist, soll ein Geheimnis bleiben zwischen dem Beichtvater und dem Beichtkinde.« Die Großmutter richtete ihre klugen Augen mit durchdringendem Blick auf Clary und dann bange fragend auf den Geistlichen. Er bemerkte, daß sie die Farbe wechselte und mit einer unwillkürlichen Bewegung auf einen kleinen roten Flecken deutete, der am Querholz des Fensterkreuzes haftengeblieben war. »Wie Sie wollen, geistlicher Herr«, erwiderte sie nach einem Augenblicke des Besinnens. – »Wie Sie wollen. Aber jetzt kommen Sie.« Sie ging voran; Pater Joseph und Clary folgten. Die Kleine fragte, leise auf ihre Stirn deutend: »Sieht man's sehr? ... Ach, wenn Papa es bemerkte!« Papa jedoch bemerkte es nicht. Er war, als sie eintraten, in eifrigem Gespräch mit dem Architekten begriffen, der den Plan zum Silo gebracht hatte, der an der Stelle der jüngst niedergebrannten Scheune errichtet werden sollte. 4 Pater Joseph stand am geöffneten Fenster seiner Arbeitsstube und trommelte Wirbel um Wirbel auf dem Fensterbrette. Benedikta war schon öfters ein und aus gegangen, hatte den Tisch gedeckt, die Suppe aufgetragen und dieses Ereignis bereits dreimal angekündigt, wobei sie ein fast kriegerisches Geklapper mit dem Bestecke vollführte. Jetzt schwand ihr letztes Restchen Geduld, und sie rief mit einer Art bitterer Schadenfreude: »Sie ist schon kalt!« »Schon kalt«, wiederholte ihr Gebieter mechanisch, wendete sich und nahm Platz am Tische. Aber er aß nicht. Er faltete die Hände und schien sich zu vertiefen in die Betrachtung der zahlreichen Fettaugen, die auf seiner Brühe schwammen. So saß er unbeweglich da, den Kopf auf die Brust gesunken, traurig bis in den Tod. Vergeblich hatte er gehofft, sich über die Gefahr beruhigen zu können, in der sein Liebling geschwebt hatte, vergeblich sich wiederholt, daß sie überstanden sei und niemals wiederkehren werde. Die nicht, aber eine andere, die man ebensowenig vorauszusehen vermag. Das Gemüt dieses Kindes gleicht nicht einer Blume, die sich schließt beim herannahenden Unheil; es gleicht einem wunderlich geformten Baume, der dem Blitz des Himmels hundert Arme entgegenstreckt. Ist's möglich, den zu beschützen, der sein Verhängnis selbst herabbeschwört? Man kann's wohl nicht und muß es doch versuchen. Der Zweifel an dem Siege entschuldigt nicht das Aufgeben des Kampfes. Pater Joseph sinnt, und plötzlich durchzuckt ihn ein Gedanke, bei dem sein Atem stockt und sein Herz in wilden Schlägen pocht. Und es ist kein feiges Herz. Neulich, als er im Gußregen auf dem Stege ausglitt und einen Augenblick über dem Abgrund hing, hatte es so ruhig weitergeschlagen! Mit schwerem Bangen wird er sich bewußt, daß er nicht das Recht habe, dem Vater zu verschweigen, welch ein Verlust ihm gedroht hatte. Die Zeit ist gekommen, in der der rücksichtslose Mann aufmerksam gemacht werden muß: Gib acht, die Kinder, über die dein Wille unumschränkt zu herrschen glaubt, haben lebendige Seelen! Der Priester kämpfte mit dem Aufruhr in seinem Innern. Die Luft im engen Stübchen lastete auf seiner beklommenen Brust; er trat in sein Gärtlein hinaus und begann die welken Blüten von den Rosenbäumen abzulesen. Aber auch in dieser Beschäftigung unterbrach ihn Benedikta mit der Frage, ob er denn heute durchaus fasten wolle? Er bejahte es, holte aus dem Hause seinen Hut und seinen Schirm und ging dann einen Kranken im Orte besuchen. Als er wiederkehrte, war sein Plan entworfen. Was er zu tun hatte, wußte er; daß er es tun werde, stand in dem Augenblick fest, in dem ihm aufgeleuchtet hatte: Es ist deine Pflicht – und nun war er auch über das Wie im reinen. Seine Mahnung sollte nicht wie ein Tropfen Wassers verzischen, der auf glühendes Eisen fällt, sondern wie ein Samenkörnlein in fruchtbare Erde sinken. Das Gemüt, in das er es streuen will, muß vorbereitet werden, es aufzunehmen. In der sonntäglichen Predigt kann das geschehen. Er wird ihr den Text aus Paulus I, 27 zugrunde legen: »Was töricht vor der Welt ist, hat Gott erwählt, auf daß es die Weisen beschäme.« Wie gut läßt sich da manches anknüpfen, so recht geeignet, ein blindes Selbstvertrauen zu erschüttern! Und wenn es gelang, dann wird der fromme Mann vor das Weltkind treten und sagen: O Herr, laß dich warnen durch die Handlung eines törichten Kindes! Er hat die Feder ergriffen und beginnt seine Predigt zu schreiben. Zeile um Zeile entsteht, Satz um Satz; er spricht jeden laut nach und ist zufrieden. Die Befangenheit seiner Seele löst sich bei dem Klange der eigenen Worte, die schlicht und mild mehr wie Bitten denn wie Ermahnungen lauten. Da gleitet ein Schatten über sein Papier; es ist jemand am Fenster vorbeigegangen, der Sand des Weges knistert unter einem energischen Schritte. Jetzt wird er im Flur vernehmbar, die Tür öffnet sich, und vor Pater Joseph steht der Mann, mit dem alle seine Gedanken eben beschäftigt sind. Verwirrt murmelt er eine Begrüßung und macht Miene, sich zu erheben. »Bleiben Sie!« rief der Graf, indem er, beide Hände auf Pater Josephs Schultern legend, ihn auf seinen Sessel zurückdrückte, »ich will Ihnen nur sagen, Hochwürden, da ich's am Morgen vergaß, daß ich die Pension bewilligt habe, um die Sie neulich für die Witwe Ihres alten Kirchendieners eingekommen sind. Und dann muß ich Ihnen noch danken, es ist alles vortrefflich gegangen heute.« Pater Joseph erhob langsam das Haupt: »Danken wir Gott dafür – es hätte auch alles schlecht gehen können.« »Wieso? Was meinen Sie?... Was meinen Sie?!« fragte der Graf und warf Pater Joseph einen Blick zu, über den der friedliebende Priester erschrak. Nun war die Katastrophe eingetreten, die vorzubereiten er allen seinen Scharfsinn und alle seine Überlegung anzustrengen gedachte. Ein paar verhängnisvolle, fast unwillkürlich gesprochene Worte hatten sie heraufbeschworen. »Reden Sie, geistlicher Herr! reden Sie doch!« rief der Graf, und seine Wangen röteten sich vor Ungeduld. Pater Joseph stand auf, holte einen Sessel herbei und stellte ihn neben den seinen an den Arbeitstisch. Mit sanfter Entschlossenheit lud er den Gast ein, Platz zu nehmen. Es waren ihm zwei Dinge eingefallen: daß er in seinem Hause sei und in der Ausübung einer Pflicht begriffen. In seiner Brust regte sich etwas, das sie gar selten schwellte – Selbstbewußtsein. Kurz und bündig erzählte er dem Vater, was sich heute mit seinem Kinde begeben hatte. Es ist doch gut, sich vor der Gefahr zu fürchten, das erspart, wie oft! die Furcht in der Gefahr. Was der fromme Mann mit so großer Seelenangst beschlossen, vollführte er mit kaltem Mute. Die unwilligen Äußerungen, die der Graf während seiner Rede dazwischenwarf, brachten ihn nicht außer Fassung... Ruhig beendete er seinen Bericht, indes sein Hörer zornig aufflammte: »Das ist ja Wahnsinn! Was haben Sie dem Kinde vorgeredet?« Seine gewaltige Stimme hallte wie Donner in dem kleinen Zimmer. »Womit haben Sie ihr den Kopf heiß gemacht und diese Verwirrung der Begriffe erzeugt? ... Ihre Schuld ist es ...« Er sprang auf, und Pater Joseph erhob sich auch. »Wohl«, fiel er dem Grafen ins Wort, »es ist meine Schuld. Ich hätte mich Ihrem Willen nicht fügen sollen, denn ich wußte, daß man nicht an ein Kind Gewissensfragen stellen darf, bevor es Recht und Unrecht klar voneinander zu unterscheiden weiß.« »Um so schlimmer, wenn die Kinder das nicht wissen!... Ihre Aufgabe war's, es ihnen beizubringen! Sie haben diese Aufgabe nicht gelöst! ... In der Absicht, zu sündigen, da liegt's! Sie hätten sagen müssen, die Sünden werden euch angerechnet, die ihr vorsätzlich begangen habt, die anderen sind keine ...« Der Graf hielt inne in der übersprudelnden Raschheit, mit der er diese Behauptungen hervorgepoltert hatte. »Wer sündigt vorsätzlich?« fragte Pater Joseph. Seine milden Augen ruhten mit Festigkeit auf dem harten Tadler. »Der größte Verbrecher entdeckt noch gute Gründe für sein arges Tun.« Auf diese Einwendung fand der Graf nicht gleich eine Antwort. Um so höhere Entrüstung klang aus dem Tone, mit dem er nach einer Pause sprach: »Mit solchen Ansichten sollten Sie überhaupt gar keine Beichte hören!« »Je nun – vielleicht im Gegenteil«, erwiderte der Priester. Seine Ruhe brachte den Aufgeregten ganz außer Fassung. Es fielen harte Worte, aber – Demut ist Unverwundbarkeit – sie trafen nicht. »Und zuletzt«, schloß der Graf, »ahnte Ihnen nichts Schlimmes? Sie müssen blind gewesen sein! ... Auf wen kann man sich verlassen? Immer und immer nur auf sich selbst. Ich will die Leitung übernehmen...« Sein heißes Blut wallte über, er vergaß, womit er begonnen hatte, und fuhr eifrig fort: »Ich will das Kind lehren! Ich will ihr sagen, was sie getan hat, wenn sie es nicht weiß, und eine Strafe diktieren, an die sie denken soll!« »Um Gottes willen«, rief der Priester, »das tun Sie nicht. Das wäre ein Unglück ...« In seinem Herzen schrie es schmerzlich auf: – O das alte, immer unbegreifliche, immer wiederkehrende Rätsel, der Mißverstand zwischen Eltern und Kindern! Muß euch der Einsame lehren, wie ihr umgehen sollt mit eurem eigenen Fleisch und Blut? – »Was wäre ein Unglück?« fragte der Graf beinahe drohend. »Alles, was sie mahnen würde an die Torheit, die sie begangen hat. Kein Wort darf sie daran erinnern.« »So, das meinen Sie? – Nun, ich meine anders. Ei, ei, geistlicher Herr, Sie wollen mich hindern, mit ihr davon zu sprechen? . . . Stellen Sie sich zwischen den Vater und das Kind ... Oder? ...« Die Augen des heftigen Mannes nahmen die Starrheit an, die der Zorn ihnen zu verleihen pflegte. Was ihn umgab wie mit einem gegen die Wahrheit errichteten Walle, was die Aufrichtigkeit von seiner Seite scheuchte, den besten Willen ihm gegenüber lahmte, worunter jeder litt, der mit ihm umging, und was nur die sanfte Frau, die er zu früh verlor, nie erfahren hatte – sein schlimmster Feind, sein Mißtrauen bemächtigte sich seiner: »Fürchten Sie vielleicht, daß Sie das Kind Lügen strafe?« warf er schneidend hin. Wie beschämt für den Verblendeten machte der Geistliche nur schweigend eine abwehrende Bewegung. In diesem Augenblicke tönte ein leises, unterdrücktes Gekicher durch das Fenster herein. Etwas war vorbeigehuscht, hatte sich niedergeduckt und kletterte nun auf den schmalen Mauersockel hinan, der das Haus umgab. Vier kleine Hände klammerten sich an das Gesimse, ein paar goldene Stimmen riefen: »Wer kommt?... Wer ist schon da?« und emportauchten ein ganzer und ein halber Kopf. Elisas schönes Gesicht kam zum Vorschein, es stützte sich mit dem rosigen Kinn auf ihre Finger. Clary hingegen gelang es trotz aller Anstrengung nur, die Spitze ihres Näschens bis zu der Höhe ihrer Hände zu erheben. Und ihre großen blauen Augen guckten triumphierend herein, klar wie Tau und von treuherziger Fröhlichkeit leuchtend. Der Hut war ihr in den Nacken geglitten und umgab ihren blondgelockten Kopf wie ein Heiligenschein. Auf der Stirn aber lief quer herüber von der Schläfe bis an die Wurzeln der Haare ein Streifen, schmal und dunkelrot, das sprechende Zeugnis ihrer Tat, die Wunde, die sie davongetragen hatte aus ihrem ersten Lebenskampfe. Die beiden Männer wechselten einen raschen Blick, und der des Vaters senkte sich. Mächtig und plötzlich überkam ihn und erschütterte ihn in allen Tiefen seines kräftigen Wesens das Bewußtsein der überstandenen Gefahr und der großen Liebe zu dem Kinde, das er doch nie recht kennenzulernen gesucht hatte. Er eilte an das Fenster, hob sein kleines Mädchen herein und drückte es mit überströmender Zärtlichkeit an sein Herz. »Du teuer Erkaufte! Du teuer Erkaufte!« sprach er, »die Mutter fehlt dir – sie mußte fort, als du kamst... Das büßest du.« Das Kind verstand seine Worte nicht, desto besser aber seine Zärtlichkeit, wie fremd ihr auch die Sprache war. Sie schlang beide Arme jubelnd um seinen Hals, und ihr glückseliges Gesichtchen, das sich an seine Wange schmiegte, schien zu sagen: Jetzt hab ich, was ich brauche, jetzt wird mir mein Recht! Der Vater stellte sie so sachte nieder auf den Boden, als fürchtete er sie zu zerbrechen, und sagte, sich zu Joseph wendend: »Geistlicher Herr, meine Hand ist zu schwer für diese zarten Geschöpfe – leihen Sie die Ihre! . .. Und auch Ihren Rat leihen Sie mir... Mein Herz soll ihn hören!« rief er beteuernd, da Pater Joseph bei diesen Worten lächelte. – »Und wenn mein harter Kopf sich einmal wieder störrig zeigt, dann mahnen Sie mich nur an heut!« Er hielt sein Töchterchen an der Hand, als sie in das Gärtlein hinaustraten, an dessen Eingang Miss Chalonner, Benedikta und Elisa eben im Begriffe waren die Großmutter zu begrüßen, die angefahren kam, um den Geistlichen zu besuchen und die Kinder abzuholen. Der Graf verweilte nicht lange in der kleinen, heitern Gesellschaft. Allein wanderte er fort. Er hatte, als Miss Sophia ihm mit einem schmachtenden Blicke guten Abend gewünscht, auf den Geistlichen gedeutet und gesagt: »Ein wahrer Freund meiner Kinder!« Sie fand, dies sei in einem Tone geschehen, der etwas Bedrohliches für sie hatte. Ohne Liebe Dialogisierte Novelle Ein Salon im Palais der Gräfin Laßwitz in Wien. Die Einrichtung ist im Zopfstil gehalten, die Wände sind mit blauem Brokat überzogen. Eine hohe Mitteltür führt in ein Eingangszimmer, eine Tür links in die Wohnzimmer der Gräfin, eine Tür rechts in die ihrer Enkelin Gräfin Emma Laßwitz. Im Vordergrund rechts steht ein kleines Kanapee, davor ein Arbeitstisch und ein Sessel. Gegen den Hintergrund links an der Wand ein großes Etablissement. Auf dem Kanapee, den Fauteuils, den Sesseln ist eine reiche Bescherung an Toilettegegenständen, Kleidern, Hüten und so weiter ausgelegt. Gräfin Laßwitz beschäftigt sich mit dem Ordnen der Blumenspenden, Schmucksachen, Albums und Bücher, welche den Tisch bedecken. Emma, in einfachem dunklem Morgenanzug, tritt ein. Sie ist schön und anmutig, sehr ruhig in ihren Bewegungen und in ihrer Sprechweise. Seelenfrieden, innere Klarheit drücken sich in ihrem Wesen aus. Gräfin: Dein Geburtstag, liebes Kind, wir gratulieren. Emma küßt ihr beide Hände: Dank und aber Dank! Die Geschenke betrachtend: Alles wunderbar. Ja, das bist du; eine solche Wahl triffst nur du... Wie dir das alles ähnlich sieht. Meiner Treu!... wenn ich diesen Reithut auf dem Kopfe der Kaiserin von China sähe, rief ich aus: Den hat Ihnen, Majestät, meine Großmutter geschenkt! Umarmt die Gräfin. Gräfin: Ach – geh! Emma: Und von wem die Blumen? Gräfin: Diese von Berg. Emma: Der gute Alte! Gräfin: Die von Tal. Emma: Freuen mich nicht. Gräfin: Die von Hügel. Emma: Da hätten wir ja die Landschaft beisammen. Kein Achenbach, leider. Sie nimmt ein Schmuckkästchen vom Tisch. Diamanten ... leichtsinnige Großmutter, nun gar Diamanten ... die darf ich ja nicht tragen, ich alte Jungfer. Gräfin: So warten wir, bis aus der alten Jungfer eine junge Frau wird. Emma: Pst! Heute spricht man nicht von unangenehmen Dingen – nur von dir, von deiner Großmut. Sie mustert die Geschenke von neuem. – Es ist wirklich und wahrhaftig zuviel. Gräfin: Ich habe für drei zu geben, vergiß das nicht. Emma: Wie sollt ich? Du hast mir nie etwas Gutes getan, ohne zu sagen: Im Namen deiner armen verstorbenen Eltern. Sie führt die Gräfin zu dem Kanapee im Vordergrund, nimmt auf dem Sessel Platz, ergreift beide Hände der Gräfin. Verzogen aber hast du mich in deinem eigenen Namen. Gräfin: Verzogen? Emma: Du hast mir das Leben zu angenehm gemacht, zu schön, zu leicht... Großmutter, sag einmal: Wie alt war ich, als mir mein Vater starb und bald darauf meine Mutter? Drei Jahre – nicht? Gräfin: Ungefähr. Emma: So bin ich nun seit einundzwanzig Jahren bei dir. Sie sind mir vergangen wie ein Tag, aber was nützt das? Auch wenn man unvermerkt alt geworden, alt ist man doch. Gräfin: Mit vierundzwanzig? Emma: Als ich sechzehn war und Damen in meinen jetzigen Jahren auf den Bällen herumhüpfen sah, dachte ich: Was wollen denn diese alten Schachteln, wollen sie sich vielleicht einen Mann ertanzen?... Gräfin: Das hast du nicht notwendig. Die Bewerber kommen uns ins Haus. Emma: Gott weiß es. Was für Menschen! Gräfin: Nun, nun, Rüdiger befindet sich unter ihnen, und der liebt dich, nicht dein Geld. Emma: Möglich, weil er selbst genug hat. Aber, Großmutter, er ist ein Familiengötze. Gräfin ungeduldig: Das sagst du immer; was meinst du eigentlich damit? Emma: Was soll ich anderes meinen als einen Menschen, mit dem seine Verwandten Abgötterei treiben? Gräfin wie oben: Sie tun es, weil er es verdient. Emma: Niemand verdient Abgötterei, am wenigsten derjenige, der sie duldet. Gräfin: Woher hast du diese Phrase? Emma drückt den Zeigefinger an die Stirn: Ich hab's daher, und deshalb ist es keine Phrase. Denk einmal darüber nach – wodurch hat sich Rüdiger die Anbetung seiner Familie zugezogen? Durch eitel negative Tugenden. Er hat nie Schulden, nie einen Rausch, nie ein Duell gehabt. Er bringt seine Tage im Büro und zwei Abende in der Woche bei seiner Mutter zu, umgeben von Tanten und Schwestern und Basen, und die Damen alle schwingen Weihrauchfässer. Ach, der einzige Sohn, Neffe, Bruder, Vetter! Ach, der einzige überhaupt! Wo gibt es noch seinesgleichen? Ach, und wo weilt sie, die Glückliche, die er erwählen und einführen wird in den Kreis seiner Priesterinnen, damit auch sie das Weihrauchfaß ergreife und ... Gräfin: Schweige! – einen vortrefflichen Menschen verspotten hören ist mir überhaupt unangenehm; von dir aber tut es mir weh. Er liebt dich mit beispielloser Treue, obwohl, faßt sie scharf ins Auge: wenigstens scheinbar, unerwidert. Emma nach einer Pause, sehr ernst: Auch ich habe jahrelang so geliebt und bin mit dieser Liebe fertiggeworden. Er soll mir's nachmachen! Gräfin: Kind, überlege, bevor du diesen Mann abweisest. Überlege, was das ist, unter dem Schutz und Schirm eines solchen Mannes zu stehen. Emma: Gute Großmutter, ein Götze ist niemandem ein Schirm, der braucht selbst Schirme ... Gräfin will sprechen, sie kommt ihr zuvor: Laß mich eine alte Jungfer bleiben; wie soll ich heiraten? – Ich kann ja nicht mehr lieben. Marko war für mich der Inbegriff aller männlichen Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten, er hatte alle Vorzüge, die ich bewundere, alle Fehler, die mir verzeihlich scheinen. Wir sind als Nachbarskinder aufgewachsen, und schon meine Wärterin hatte mir gesagt: »Der Graf Marko ist Ihr zukünftiger Bräutigam.« Dergleichen merkt man sich, und so liebte ich ihn denn wie einen Bräutigam. Er hingegen liebte mich, wie man eine Schwester liebt, und heiratete meine Freundin. Gräfin: Die er recht unglücklich gemacht hat. Emma: Oder sie ihn – wer weiß es? Nach einer langen Pause: Nun ist er Witwer seit drei Jahren. Gräfin: Jawohl, und vergräbt sich in Kroatien auf dem Gute seiner Verstorbenen und überläßt die Verwaltung seines schönen Waldsee den Beamten, die dort wirtschaften, daß es ein Graus und schlechtes Beispiel ist für die ganze Nachbarschaft. Ich halte es, weiß Gott, für Unrecht zu verpachten: Hast du den Genuß, habe die Plage. – Aber die Waldseer Anarchie an der Grenze könnte sogar mich verleiten, ein Unrecht zu tun. Das hätte dann dieser Herr Marko auf dem Gewissen. Emma: Wie bös du ihm bist! beinahe noch so böse wie in jener Zeit, da ich ihn liebte und, lachend: unendlich unglücklich war. Gräfin: Du hast jetzt gut lachen; in deinen Backfischjahren hast du mich oft genug nervös gemacht mit deinem Hirngespinst von einer Liebe, die von ihrem Gegenstand nicht einmal zur Kenntnis genommen wurde. Viel Torheit habe ich kennengelernt, eine so große wie diese Liebe nicht. Gott sei Dank starb die unirdische endlich doch eines irdischen Todes – sie verhungerte. Ohne jede Nahrung kann sogar die geistigste Liebe nicht leben. Aber, mein Kind, ganz geheilt von der einzigen Krankheit, welche dich jemals heimgesucht, wirst du dann erst sein, wenn du den Entschluß fassest ... Emma legt beide Hände um den Hals der Gräfin, sieht ihr in die Augen: ... die Frau Rüdigers zu werden. Er ist einmal dein Liebling, dieser Verführer aller Großmütter. Gräfin sucht sich vergeblich von ihr loszumachen: Laß doch. Emma: Nein, du mußt die Wahrheit hören. Ihr seid im Irrtum, wenn ihr meint eure Schwachheit verbergen zu können. Man sieht eure Augen leuchten, sooft der Name Rüdiger ausgesprochen wird. Gräfin wie oben: Närrin! Närrin! Emma umarmt sie und läßt sie los: Verzeih! Auch ich werde einmal sechzig, und dann wird es mir ergehen wie euch. Wenn ich das bedenke, bin ich imstande und nehme ihn; man muß für seine alten Tage sorgen. Diener meldend: Graf Rüdiger. Gräfin: Da siehst du nun. Rückt die Haube zurecht. Zum Diener: Sehr angenehm. Diener ab. Emma seufzt: Ach Gott! Steht auf, geht zum Tische und macht sich mit den Geschenken zu tun. Gräfin: Emma, wenn er sich heute erklärte? Emma: Geschähe es zum drittenmal. Wir werden doch unsere Fassung bewahren bei einem nicht mehr ungewöhnlichen Ereignis. Hermann Rüdiger, ein Bukett in der Hand, tritt ein. Er ist fünfunddreißig Jahre alt, mittelgroß, blond, fett, sorgfältig gekleidet, hat ein hübsches Gesicht, trägt einen Vollbart, wiegt sich beim Gehen ein wenig in den Hüften. Sein Wesen drückt Selbstvertrauen aus, ist aber nicht frei von einiger Befangenheit; es verdirbt ihm die Laune, sobald ihm diese zum Bewußtsein kommt. Er verneigt sich vor beiden Damen und ist im Begriff, auf Emma zuzugehen. Sie bleibt regungslos und lächelnd am Tische stehen. Er, allmählich die Haltung verlierend, hemmt den Schritt. Gräfin: Grüß Gott, mein lieber Rüdiger. Rüdiger: Frau Gräfin. Nach kurzer Überlegung wendet er sich, geht auf sie zu und überreicht ihr den Blumenstrauß. Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Glückwunsch zum Geburtstage Ihrer Enkelin darzubringen. Gräfin: Mir? Oh, ich bin sehr überrascht und nehme ihn freudig an. Emma: Bravo, Graf Rüdiger, das haben Sie gut gemacht. Geht auf ihn zu und bietet ihm die Hand. Er, nach einigem Zögern, reicht ihr zwei Finger, die er schnell zurückzieht. Ich freue mich jetzt schon auf den Geburtstag meiner Großmutter, da bekomme ich ein Bukett. Gräfin ist aufgestanden, stellt die Blumen in eine Vase und bleibt während der nächstfolgenden Reden im Hintergrund. Rüdiger verstimmt: Sie loben mich – ein Glück, das mir selten widerfährt. Emma: Wie Sie das sagen, wie vorwurfsvoll! als hätte ich eine heilige Pflicht versäumt. Rüdiger: Von Pflicht ist nicht die Rede, ich glaube nur auf mehr Rücksicht Anspruch machen zu sollen, als ich von Ihnen erfahre. Ein andrer Mann ... Emma: Lieber Graf, ich bin heute ausnehmend friedlich gestimmt und bereit, jedes begangene Unrecht einzusehen, noch mehr: es zu bekennen. Treuherzig: Mein Undank gegen Sie ist groß. Rüdiger: Jawohl. Gräfin auf ihrem früheren Platz, hat eine Arbeit zur Hand genommen: Jawohl. Emma sieht sie mißbilligend an: Nicht Partei nehmen! Zu Rüdiger ernsthaft: Ich mache mir Ihretwegen manchmal Vorwürfe. Rüdiger ebenso: Nur manchmal? Emma: Das ist Ihnen zu wenig? Nun, sehen Sie, nicht herauskommen aus der Hölle der Gewissensqualen, das wäre wieder mir zuviel. Sie lacht. Rüdiger: Ich würde gern mit Ihnen lachen, ich lache gern über gute Scherze, aber die Ihren ... Er zuckt die Achseln. Emma: Sind nicht gut. Verstehe ich mich aufs Gedankenerraten, was? Rüdiger sieht sie vorwurfsvoll an. Nach einer Pause: Nein, so kann es nicht länger fortgehen. Wir müssen ein Ende machen, wir müssen uns endlich einmal aussprechen. Emma: Endlich einmal? Wir tun seit drei Jahren nichts anderes. Rüdiger: Und wo bleibt das Resultat? Wir wollen heute zu einem Resultat kommen. Emma: Wie wär's, wenn wir uns setzten? Gräfin zu Rüdiger: Hierher, mein lieber Freund. Weist ihm einen Platz an ihrer Seite an. Gräfin rechts, Rüdiger links auf dem Kanapee, Emma ihnen gegenüber. Sie hat sich schräg auf den Sessel gesetzt und kreuzt die Arme über dessen Lehne. Emma: Da seid ihr schon wieder zwei gegen mich. Ist das schön von Ihnen, Graf Rüdiger, sich einer Claque zu versichern, bevor Sie Ihre Philippika gegen ein armes schwaches Weib eröffnen? Gräfin: Hör endlich auf mit deinen unzeitigen Spaßen. Emma: Gern, sie kommen mir ohnehin nicht vom Herzen. Rüdiger: Dann begreife ich nicht ... Gräfin, ich würde einem Manne, wie ich bin, anders begegnen ... Einem Manne, der mit solcher Treue, solcher Beständigkeit ... Die Stimme versagt ihm. Gräfin legt die Hand auf seine Schulter: Lieber Rüdiger ... Emma zugleich: Lieber Graf, wenn Sie glauben, daß ich Sie nicht zu schätzen weiß, dann irren Sie. Rüdiger, der sich wieder gesammelt hat: Nun, Gräfin, wenn ich jemanden zu schätzen wüßte, würde ich ihn nicht unglücklich machen, ich würde mich bemühen, seine Gefühle zu erwidern. Emma: Wer sagt Ihnen, daß ich nicht versucht habe, mich zu bemühen? Rüdiger: Oh, dann fahren Sie fort – etwas guten Willen, und es wird gehen. Meine Mutter, meine Tanten, meine Schwestern wären glücklich ... Gräfin: Auch ich wäre es. Rüdiger: Auch Ihre Großmutter, auch sie – ach, wie glücklich wäre ich selbst, wenn ich meine Großmutter glücklich machen könnte. Emma lacht. Gräfin, Rüdiger: Emma! Emma! Jetzt lacht sie wieder. Emma: Aber nein. Mit Entschluß: Sie sind ein gutmütiger Mensch, Graf Rüdiger, Sie sind auch treu, sind vernünftig, ich glaube, daß es sich mit Ihnen leben ließe ... Rüdiger will aufspringen: Gräfin Emma! Gräfin zugleich: O mein Kind! Emma: Bleiben Sie sitzen; ich bin noch nicht fertig: leben ließe – vorausgesetzt, daß Sie sich einer Zumutung fügen würden ... Rüdiger stutzt: Zumutung? Emma: Ja. – In der Bibel steht, der Mann soll Mutter, Tanten, Basen und Schwestern verlassen und dem Weibe nachfolgen. Rüdiger: Ich habe die Stelle anders zitieren gehört. Emma: Sie wird eben meistens falsch zitiert. Rüdiger nach langer Überlegung ängstlich: Sie fordern es, ich weiß nicht, was ich ... das heißt, ich würde so etwas nicht von mir verlangen, wenn aber Sie das Herz dazu haben – soll es geschehen. Gräfin in hellem Entzücken: Rüdiger, Sie sind ein edler Mensch! Rüdiger einigermaßen betroffen: Wir werden uns jedenfalls noch darüber aussprechen. Emma: O weh! Gräfin streng: Was sagst du? Emma: Ich frage Sie, Graf Rüdiger, wenn Sie sich entschlössen, mir zu Ehren auf den größten Reichtum an Liebe, den Sie besitzen, zu verzichten, was dann? Rüdiger: Dann würde ich auf Ersatz hoffen. Gräfin: Sie würden ihn fordern dürfen. Emma: Ganz richtig. Es könnte aber sein, daß ich nicht imstande wäre, dieser Anforderung zu genügen. Rüdiger außer sich: Und Sie werden es nicht imstande sein. Welch ein Narr bin ich – ein anderer hätte längst – aber auch ich sehe es endlich ein: Sie sind unfähig zu lieben, sind eiskalt, und im Grunde muß man Sie bedauern. Gräfin: Jawohl, bedauern. Emma: Weil ich unfähig bin zu lieben? Das ist nicht der Fall. Unter allen Umständen müßte ich Ihnen ja das Geständnis machen – ich habe eine große Liebe in meinem Leben gehabt. Gräfin räuspert sich. Rüdiger zu ihr, betroffen, tonlos: Jetzt hat sie auch eine große Liebe gehabt! Gräfin zu Emma: Du bist lächerlich. Rüdiger: Ich bitte – ich muß um nähere Erklärung bitten. Emma herzlich: Ich werde Ihnen jetzt weh tun, Graf Rüdiger, verzeihen Sie mir im voraus. Sie reicht ihm über den Tisch die Hand, er verweigert ihr die seine. Soweit ich mich zurückerinnere, erinnere ich mich geliebt zu haben, innig, vertrauensselig, der Gegenliebe überzeugt. Diese meine Großmutter sagte oft zu mir: Welche Torheit, mein Kind, du setzest dir jemanden in den Kopf, der nicht an dich denkt. Trotz dieser Warnung ... Rüdiger fällt ihr ins Wort: ... fuhren Sie fort, ins Blaue hinein zu schwärmen – für Marko! ... Inkommodieren Sie sich nicht weiter. Von dieser Kinderei wußte ich und habe nur deshalb nie mit Ihnen darüber gesprochen, weil sie mir denn doch als ein von gar zu lange überwundener Standpunkt erschien. Emma: So? Rüdiger: Ja, so! Und wenn das nicht der Fall wäre, mit Marko würde ich's aufnehmen – dem guten Marko! Gräfin zuversichtlich: Tun Sie's nur. Daß die Wahl zwischen ihm und Ihnen meiner Emma heut noch schwer würde, glaube ich nicht. Emma sieht ihr in die Augen: Auch ich nicht. Rüdiger sie mißverstehend: Jedenfalls haben Sie Gelegenheit, Vergleiche anzustellen; Marko ist hier. Emma mit Selbstbeherrschung: Seit wann? Rüdiger: Seit gestern. Immer derselbe, immer noch im Prozeß mit seinem Onkel und ehemaligen Vormund. Sieht übrigens recht übel aus. Gräfin: Die Trauer um seine Frau. Rüdiger: Oder die Vorwürfe, die ihm sein Gewissen ihretwegen macht, wenn ich annehmen will, daß er eins hat. Diener meldet: Graf Laßwitz. Gräfin: Da haben wir's. Marko tritt ein. Er ist groß und schlank, etwas nachlässig in seinem Benehmen und in seiner Kleidung. Die Züge des gebräunten Gesichts sind unregelmäßig, die strengen blauen Augen von kräftigen Brauen überschattet. Schnurr- und Backenbart sind kurz gehalten, das dichte, leicht ergraute Haar, das inmitten der Stirn eine Spitze bildet, ist kurz geschoren. Er geht auf die Gräfin zu, küßt ihr die Hand: Grüß Gott, Tante. Wie geht's? Gräfin kühl: Ich danke dir, gut. Marko: Sie sehen auch gut aus, was mich freut. Wendet sich zu Emma: Und wie steht's mit dir, Kusine? Emma ruhig und freundlich: Gleichfalls gut – was dich gleichfalls freut. Marko: Vom Herzen. Zu Rüdiger: Guten Tag, Hermann. Rüdiger gespreizt: Habe die Ehre. Emma wie oben: Höre, Marko, das Vergnügen, zu erfahren, daß wir uns wohlbefinden, hättest du dir früher verschaffen können. Nimm Platz. Sie nähert sich dem Sessel, den sie früher eingenommen hat. Rüdiger will denselben für sie zurechtrücken, sie kommt ihm zuvor, ohne seine Absicht bemerkt zu haben. Tief verletzt kehrt er zum Kanapee zurück und setzt sich wieder neben die Gräfin. Marko vergebens nach einem unbesetzten Sessel suchend: Alles vergriffen. Was bedeutet diese Ausstellung? Ist denn heute? ... Schlägt sich vor die Stirn. Zwölfter Mai. Dein Geburtstag, Emma. Verzeih, ich hätte mich dessen erinnern sollen. Gräfin: Warum denn auf einmal – da es in Jahren nicht geschah? Marko: In Jahren – ganz richtig. Aber wenn ich auch nicht schrieb, ich erinnerte mich an jedem zwölften Mai, daß dieser Tag durch unsere ganze Jugendzeit der schönste im Jahre gewesen. Er befreit einen Fauteuil von den daraufliegenden Gegenständen und läßt sich neben dem großen Tisch nieder, auf den er den Ellbogen stützt. Emma wendet den Kopf nach ihm: Weißt du noch? Das waren Feste! Weißt du noch den Ball der Dorfkinder im Garten, bei dem ich immer sitzenblieb, weil meine Tänzer vom Büfett nicht wegzubringen waren? Marko: Ja, ja, und damals, wo ich an der Spitze eines Bauern-Banderiums in den Schloßhof geritten kam und mein Pferd vor den Fahnen auf dem Balkon scheute und mich abwarf angesichts der bestürzten Gäste und des lachenden Volkes. Emma: Und du auf einen Jagdhund fielst, der mit verzweiflungsvollem Geheul entfloh. Marko: Ich hegte Selbstmordgedanken nach dem Sturze – das Feuerwerk zerstreute sie. Emma: Mir machte das Feuerwerk immer das geringste Vergnügen, denn sobald es abgebrannt war, hieß es: Das Fest ist aus, geh schlafen! ... Aber vom Morgen des dreizehnten an begann ich mich auf den nächsten zwölften Mai zu freuen. Marko zur Gräfin: Es ist merkwürdig, Tante; da sind wir so lange Zeit außer allem Verkehr gestanden – nun bin ich wieder bei Ihnen, und mir ist, als hätte ich Sie gestern verlassen. Rüdiger: Merkwürdig. Gräfin: In der Tat. Ich empfinde dir gegenüber anders. Lieber Marko, jemand, der seine ganze Kinder- und Jugendzeit hindurch in dem Hause einer entfernten Verwandten aufgenommen war wie ein Sohn ... Marko durchdrungen: Ja, ja, das war ich. Gräfin ohne sich unterbrechen zu lassen: ... aus Teilnahme mit seinen unglücklichen Verhältnissen, denn seine Mutter war tot und sein Stiefvater und zugleich Vormund ein harter, ein – unredlicher Mann. Die Verwandte nahm das Herz des Jünglings in ihre Obhut, sie wollte nicht, daß es verbittere. Marko: In der Gefahr befand ich mich nie, weil nur die Schwachen verbittern. Rüdiger empfindlich: Wenn das eine Anzüglichkeit sein soll ... wenn vielleicht ich gemeint bin ... Emma lacht auf. Marko mit ehrlicher Verwunderung: Du, Hochgelobter? Stolz und Glück der Deinen, wirst dich doch nicht getroffen fühlen, wenn man von verbitterten Menschen spricht? Er steht auf und wendet sich an die Gräfin: Fahre fort, Tante, in deiner Anklage, die ja berechtigt ist und lautet: Ich, deine entfernte Verwandte, war zugleich die einzige, welche dir Wohlwollen zeigte; die einzige, welche dein Vertrauen besaß. Warum entzogst du es mir in dem Augenblick, in welchem du dein eigenes Haus gegründet hast? Warum hörte ich seitdem nicht mehr von dir als jeder Fremde, dem du schicklichkeitshalber die Geburt einer Tochter und ein paar Jahre darauf den Tod deiner Frau anzeigtest? Nachdenklich: Ja, warum? ... Gräfin: Warum? – Sprich! Nun? Marko zögert. Emma: Lassen wir's bis später, bis ... Rüdiger: Bis wir en famille sind, wollen Sie sagen. Sagen Sie es doch! oder auch nicht – es wäre überflüssig – ich verstehe erhebt sich und empfehle mich. Gräfin seine Hand ergreifend: Lieber Rüdiger, was fällt Ihnen ein? En famille heißt: in Ihrer Gegenwart. Marko unangenehm überrascht: In seiner Gegenwart? ... Sieht erst Emma, die seinen Blick ruhig aushält, dann Rüdiger an. Nach einer Pause zu diesem: Dir ist sehr zu gratulieren. Emma: Darüber weiß man wirklich noch nichts Bestimmtes. Rüdiger beißt sich auf die Lippen: Nein, denn die Gräfin ist nicht – wie soll ich sagen? ... und ich bin nicht zudringlich. Gräfin ablenkend zu Marko: Du gehst also nach Waldsee? – Endlich! Marko: Was sollt ich dort, solange sich mein Vormund ... Rüdiger fällt ihm ins Wort: Ich würde sagen: mein Vater. Marko: Mein Stiefvater, lieber Freund; solange sich also der, mit einem Schein von Recht, die Mitregentschaft anmaßen durfte. Dieser Schein ist zerstört ... Rüdiger wie oben: Auf Kosten des Letzten Willens deiner Mutter. Man sagt, du habest ihr Testament angegriffen. Marko gelassen: Es war nicht das ihre, war ihr nur zur Unterschrift vorgelegt worden, als sie schon halb bewußtlos ... Aber lassen wir diese peinlichen Dinge. Meine Freunde werden keine Rechtfertigung in Ehrensachen von mir verlangen ... Emma unwillkürlich: Nein. Marko: Ich erwarte vielmehr, daß sie für mich einstehen, wenn es etwa nötig wäre. Rüdiger: Da kann ich dir nur wünschen, daß du in dieser Erwartung nicht getäuscht werdest. Ich an deiner Stelle, ich würde ... Marko tritt an ihn heran. Mit unterdrücktem Zorn: Was? Rüdiger: Ich würde mich gefaßt machen ... Marko: Worauf? Rüdiger: Nicht überall dem Wohlwollen zu begegnen, das dir soeben er deutet auf Emma entgegenkam. Will aufstehen. Gräfin zieht ihn am Arme auf seinen Platz zurück: Ganz Ihrer Meinung, lieber Graf, aber setzen Sie sich. – Und jetzt bitte ich um eine andere Konversation. Zu Marko: Du hast ja eine Tochter, drei Jahre alt, wenn ich nicht irre. Marko: Jawohl, erst drei Jahre. Gräfin: Und wo ist die Kleine? Marko: Wo sollte sie anders sein als bei mir? Gräfin lebhaft: Bei dir, und du hast sie nicht mitgebracht? Das ist – verzeih! – wieder eine deiner Rücksichtslosigkeiten. Marko gutmütig: Rücksichtslosigkeit nennst du das? Gräfin: Wo seid ihr abgestiegen? Marko: Im Hotel dir gegenüber. Gräfin immer lebhafter: Im ersten Stock? Marko: Jawohl. Gräfin: Und die Kleine bewohnt das Erkerzimmer links? Marko: Jawohl. Emma: Sie ist es! Gräfin: Ich kenne sie! Ich habe sie gestern am Fenster gesehen und eine Stunde lang mit ihr kokettiert. Ein Engel – aber zart –, und diesen zarten Engel legt man in ein Wirtshausbett, füttert man mit Wirtshaussuppe, während seine Großtante ihm gegenüber wohnt. Unverzeihlich! Sie hat sich erhoben, geht auf Marko zu und bleibt vor ihm stehen. Deine einzige Entschuldigung ist: du weißt nicht, was du tust. Emma lächelnd zu Marko: Nimm das nicht übel. Meine Großmutter hat ein dreijähriges Kind am Fenster gesehen, meine Großmutter ist verliebt. Gräfin: Unsinn! ... Ich will die Kleine hier haben, Marko, ich werde sie gesundpflegen. Marko: Aber, Tante, es fehlt ihr nichts. Gräfin: Nichts? Welche Blindheit, Gott im Himmel! Sie hat ihre Mutter verloren und – es fehlt ihr nichts. Schellt erst ein-, dann zweimal. Hole sie, in einer Viertelstunde ist alles zu ihrem Empfang bereit. Zwei Zimmer neben meinem Schlafzimmer stehen zur Verfügung. Der Diener und eine Kammerjungfer sind durch die Mitteltür eingetreten. Gräfin erteilt hastig und leise ihre Befehle und entläßt die Leute. Emma indessen zu Marko: Was zögerst du? Deine Kleine muß zu uns kommen. Marko: Sie muß? Etwas verlegen: Ja, das ist so eine Sache ... Ich weiß nicht, ob sie will. Emma: Die Dreijährige hat schon einen Willen? Gräfin kommt in den Vordergrund zurück: Nun geh, Marko. Sie drängt ihm seinen Hut auf und geleitet ihn zur Tür. Marko: Ich geniere mich, Tante – meine Kleine – sie ist ein wenig schlimm. Gräfin: Mag sie sein, wie sie will, ich gewähre ihr Gastfreundschaft. Rüdiger mitten im Zimmer, knöpft seinen Rock zu : Das täte ich wieder nicht. Der Salon ist leer. Aus dem Vorzimmer dringt lautes Kindergeschrei. Der Diener öffnet beide Flügel der Mitteltür. Zuerst stürzt die Kammerjungfer herein, läuft durch den Salon in das Zimmer links. Marko folgt. Er trägt Dorchen auf dem Arme, die sich an seinen Hals anklammert, den Kopf an seine Schulter preßt und aus allen Kräften schreit. Die Bonne eilt ihm, die Gräfin der Bonne nach. Marko: Wo? – wohin? Wendet sich links von der Eingangstür. Diener vortretend, nach rechts weisend : Hierher, Herr Graf. Marko: schwenkt rasch nach rechts. Gräfin zu der Kleinen : Nicht weinen, mein Schatz, mein Herz, nicht weinen, mein Engel! Bonne ebenso : Pas avoir peur, ma chérie, Elise est là, Elise est là. Diener: Aber Komtesserl, Komtesserl! Alle links ab. Die Beschwichtigungsversuche der Gräfin und der Bonne und das Geschrei des Kindes dauern fort. Emma aus ihrem Zimmer : Was gibt es? – Ach! der Einzug unseres Gastes. Sie blickt ins Nebenzimmer durch die offengebliebene Tür und lacht. Ein charmantes Kind, meiner Treu! Marko kommt halb verdrießlich, halb verlegen : Ich habe es ja gesagt, daß man sie in Ruhe lassen soll. Man muß Kinder immer in Ruhe lassen. Die arme Kleine war ganz zufrieden mit ihrer Wirtshaussuppe. Emma, die ihn kopfschüttelnd angehört hat : Sie wird auch bei uns zufrieden werden. Sie geht in das Zimmer links. Einen Augenblick wird das Geschrei des Kindes lauter, dann hört es allmählich auf. Marko hat sich gesetzt, stützt die Ellbogen auf die Knie, das Gesicht in die Hände. Als das Geschrei aufhört, hebt er den Kopf und beobachtet die Vorgänge im Nebenzimmer : Sie beruhigt sich. Sieh da, sieh da, wie ernsthaft die Kusine mit ihr spricht. Den Ton ist sie freilich nicht gewöhnt... Verzieht auch schon den Mund – es wird gleich wieder angehen, das Geschrei ... O Wunder! – sie gibt ihr die Hand, sie hört ihr zu und lacht... Die arme Kleine, jetzt lacht sie gar. Das wird noch eine dicke Freundschaft werden zwischen den beiden. Emma tritt langsam ein und bleibt mit gekreuzten Händen vor Marko stehen : Du hast ein schlimmes Kind, mein lieber Marko. Verstehst dich nicht auf Erziehung, scheint mir. Marko aufstehend: Nein! - ich weiß nichts anzufangen mit gebrechlichen Wesen, ihre Schwäche imponiert mir, ich zittere vor ihrer Angst, ich halte es nicht aus vor Mitleid mit ihrem geringsten Schmerz ... und so erfülle ich dem Kind jeden Wunsch, ihre Launen regieren mich, zornig: und die Bonne sucht mich noch zu übertreffen, und die Dienerschaft folgt unserem Beispiel, alles kriecht vor der kleinen Tyrannin, ausbrechend: und wir bilden das Kind allmählich aus zu einem würdigen Mitglied der Gesellschaft der heiligen Affen von Benares. Emma: Ein höchst erfreuliches Erziehungsresultat. Marko: Aber so weit soll es nicht kommen. Mein Entschluß ist gefaßt, ich gebe das Kind demnächst ins Sacré-coeur. Emma: Wo Fremde gutmachen sollen, was der Vater an ihm gesündigt hat. Ich weiß besseren Rat: laß die Kleine bei uns. Marko: Was dir einfällt! Emma: Etwas sehr Praktisches. Ich verstehe mit Kindern umzugehen, ich habe das gut gelernt in unserem Kindergarten auf dem Lande. Marko: Kindergarten? so? Etwas spöttisch: Du beschäftigst dich mit Volksbildung? Emma: In ihren bescheidensten Anfängen. Marko: Nun, ich werde in Waldsee eurem Beispiel folgen mit einer leichten Verbeugung: unter deiner Anleitung. Emma: Ich bitte dich, bleiben wir bei der Stange. Gibst du uns die Kleine? Marko: Ich denke nicht daran. Die Tante würde das bißchen Gute, das an dem Kind noch ist, bald ausgerottet haben. Emma: Ich bin da, um dem Unfug zu steuern. Marko: Wie lange noch? Rüdiger wird schwerlich warten, bis Dorchens Erziehung beendet ist. Emma: Rüdiger wird vielleicht noch länger warten müssen, wenn er es überhaupt tun will. Marko: Das heißt?... Was heißt das? Emma: Daß ich ihm schon mehrmals gesagt habe: Warten Sie lieber nicht, es ist am Ende doch umsonst. Marko: Und er setzt trotzdem seine Bewerbung fort? Emma: Trotzdem. Marko: Nun, der hat eine gute Portion Geduld. Emma: Und eine gute Portion Eigensinn. Und er hat noch etwas: eine mächtige Fürsprecherin, meine Großmutter, die ihn bewundert und das unbedingteste Vertrauen in die Bravheit seines Charakters hat. Marko: Es ist auch nicht das geringste gegen ihn einzuwenden. Emma: Doch! seine böse Laune, seine Übelnehmerei. Marko: Die hat allerdings zugenommen mit den Jahren. Er wird eben verwöhnt. Emma: Dafür dank ich, das kann ich nicht brauchen – verwöhnt bin ich selbst. Marko: Dann werdet ihr euch um so besser verstehen. Emma: Oder um so schlechter. Übrigens sind das nebensächliche Bedenken, wenn man von einem Menschen weiß, er ist ehrenhaft und treu – und hauptsächlich, wenn man ihn liebt. Ich aber liebe ihn nicht. Marko: Das ist kein Ehehindernis. Emma sieht ihn aufmerksam und ernsthaft an: Seltsam, was du da behauptest. - Seltsam, meiner Treu! Marko lacht: Du sagst noch immer: meiner Treu? Emma: Noch immer. Ich werde meine alten Gewohnheiten nicht los. Gräfin kommt triumphierend: Jetzt hat sie die Biskote doch gegessen, denk dir, Marko! und sie ist überhaupt der herzigste Schatz, der mir je vorgekommen ist. Sie hat »Ghoßtante« zu mir gesagt, und Elise mußte Purzelbäume machen. Marko entrüstet zu Emma: Purzelbäume! Gräfin: Warum nicht? sie macht das sehr anständig. Zu Emma: Und nach dir hat sie dreimal gefragt. Emma freudig: Wirklich? hat sie wirklich nach mir gefragt? Zu Marko: Siehst du, ich war streng, ich habe sie gezankt, das war ihr etwas Neues, und das Neue verfehlt bei Kindern seine Wirkung nie. Ab nach links. Gräfin: Ach, Marko! Ich hätte eine so große Bitte: vertraue mir Dorchen an, für ein Jahr oder zwei. In kurzer Zeit reisen wir auf das Land, dann lebt sie in deiner Nachbarschaft, du kannst sie täglich besuchen... Erfülle mir die Bitte, Marko, eine liebreiche Umgebung tut dem Kinde not; ihr seid so hart, ihr Männer, ihr habt keinen Begriff von der Geduld, der Zärtlichkeit, die ein Kind braucht... Dorchen ist unvertraut, eingeschüchtert, ärgerlich, weil er lacht: verprügelt mit einem Wort. Marko: Verprügelt, die? Diener kommt mit einem Briefe, den er der Gräfin überreicht : Von Herrn Grafen Rüdiger. Ab. Gräfin: Er schreibt mir? – Liest. Sieh nur – er ist gekränkt – hat auch alle Ursache, Emma und du, ihr wart unfreundlich gegen ihn. Liest. Er will nicht mehr kommen... Oh!... Er fürchtet zu genieren, oh! oh! – Emmas Wort en famille hat ihm zu weh getan. Marko: Sie hat es nicht ausgesprochen, er legte es ihr in den Mund. Gräfin: Gleichviel, wir werden trachten, ihn wieder gut zu machen. Aber jetzt lebe wohl. Das Essen der Kleinen wird wohl schon serviert sein. Will gehen. Marko: Ist das eine schwere Aufgabe, Rüdiger wieder gut zu machen? Gräfin: Eine ungemein leichte, weil ja Güte der Grundzug seines Charakters ist. Marko: Schade, daß seine Laune und der Grundzug seines Charakters so wenig übereinstimmen. Gräfin: Seine Laune? es ist die eines Verliebten, der sich einbildet, nicht völlige Erwiderung zu finden. Zerstreut: Das alles vergeht, das alles gibt sich in der Ehe. Für sich: Sie ist gewiß schon bei der Suppe. Marko: Ja, ja, ich weiß, was sich in der Ehe gibt. Diener meldend : Der Graf Rüdiger. Gräfin, die schon die Klinke der Tür links in der Hand hält, wendet sich: Wer? Diener: Graf Rüdiger. Marko: Er wollte ja nicht mehr kommen. Gräfin, eine kleine Regung der Ungeduld niederkämpfend: Schön, sehr schön. Zum Diener: Lassen Sie ihn eintreten. Diener: Der Herr Graf wünschen Frau Gräfin allein zu sprechen. Gräfin: Ach was, allein! Zu Marko: Nach der Suppe kommt ein Hühnerfilet mit grünen Erbsen. Ich hätte mich so gern überzeugt, daß es ihr schmeckt. Diener: Der Herr Graf warten. Gräfin: Führen Sie ihn ins Kinderzimmer. Marko: Aber, Tante, ich bitte dich nimmt seinen Hut – ich gehe. Gräfin: Du bleibst, du rührst dich nicht von der Stelle. Wenn die Kleine nach dir riefe – was dann? Zum Diener: Führen Sie den Grafen in den gelben Salon. Diener ab. Gräfin: Es ist ein Mißgeschick, daß der gute Rüdiger just in diesem Augenblick kommen muß. Bei Tische und vor dem Einschlafen sind Kinder am herzigsten. Ab durch die Mitte. Marko allein. Marko: Die Tante! sie übertrifft mich noch. Nein, kleines Dorchen, hier ist unseres Bleibens nicht. Wir reisen. – Wenn auch im Irrtum befangen, ich seh ihn ein, und das ist der erste, der wichtigste Schritt zur Befreiung. Emma kommt von links, sie führt Dorchen an der Hand. Elise folgt mit unzufriedener Miene. Emma: Dorchen kommt, um um Verzeihung zu bitten, daß sie so schlimm gewesen ist. Nun, du Kleine? Dorchen: Pardon, Papa. Marko: Pardon, das Kind sagt pardon? Das ist ja etwas Außerordentliches. Streichelt ihre Haare. Wir wollen aber auch andere Saiten aufziehen, von nun an. Mein Dorchen hat mir heute Schande gemacht. Elise pikiert: Andere Saiten? Chande gemackt? qu'est-ce que cela veut dire? Marko zu Elise: Ich bitte Sie, das Kind zu Bett zu bringen. Es schläft ja schon. Elise: Viens ma chérie, viens mon petit ange. Dorchen hält Emmas Hand fest: Avec toi, avec toi! Emma: Brav sein, Dorchen. Nimmt sie auf den Arm und trägt sie bis zur Türe, wo Elise sie übernimmt und mit ihr abgeht. Marko: Ich glaube wirklich, du würdest mit ihr fertigwerden. Emma: Es wäre keine große Kunst. Marko: Mir ist es nicht gelungen. Emma: Ich seh's mit Staunen. Du, der schon als Jüngling die Seelenstärke eines Mannes hatte, du, der kühne Bekämpfer des Unrechts, Ritter der Vernunft – wie du dich nanntest –, du stehst unter einem sie mißt an ihrer Hand so langen Pantoffel; du hast dringend nötig, nach Hilfe zu rufen, wenn dir deine Tochter in die Nähe kommt. Marko erhebt den Kopf, sieht sie freundlich an: Eine deiner wohlbekannten Übertreibungen. Wahrhaftig, du hast dich nicht verändert. Emma: Semper idem. An mir erleben meine Freunde auch nach langer Trennung keine Überraschungen. Marko: Um so besser, wenn du immer bist, wie du immer warst. Emma: Weißt du was? - Sei nicht galant, es steht dir schlecht. Nach einer Pause: Marko - ich kann es nicht glauben, daß du wenig Rücksicht für deine arme kleine zarte Frau gehabt, daß du sie unglücklich gemacht hast. Marko sieht finster zu Boden : Das letztere ist wahr. Emma: Ein schlechter Dank für ihre große Liebe. Marko springt auf : - Liebe! Liebe!... Wenn ich nur dieses Wort nicht mehr hören müßte! Elise erscheint an der Tür : Monsieur, la petite dort, le moindre bruit l'éveille. Marko leise : Elle dort? C'est bien, c'est très bien! Elise zieht sich zurück. Marko wie oben, sieht auf die Uhr : Das ist ihr Nachmittagsschläfchen. Es dauert meistens eine Stunde. Nur still, nur still! Will mit äußerster Vorsicht den Sessel in Emmas Nähe rücken, erschrickt und horcht. Beruhigt sich. Nein, es ist nichts. Emma mit unterdrückter Stimme : Was sagtest du vorhin? Welches Wort soll man vor dir nicht aussprechen? Marko: Eines, das ich gar zu oft nennen hörte als Entschuldigung, als Rechtfertigung von vielem, vielem mir zugefügten Unrecht, mir auferlegter Pein. Meine arme kleine, durch ihre Schwäche gefeite Frau hat mir nicht nur das Wort, sondern auch die Empfindung, welche man damit zu bezeichnen pflegt, auf ewig verleidet... »Ja, mein Leben, meine Seele, ja Marko, ich quäle dich, aber - aus Liebe. Ja, ich möchte nicht eine Minute ohne dich sein, ich bin anspruchsvoll, aber - aus Liebe!« Emma: Pst! du weckst das Kind. Marko dämpft die Stimme : Und aus Liebe war sie eifersüchtig auf Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit, besonders auf die Vergangenheit. Es war ein Verbrechen, daß ich nicht unerfahren wie ein Mondkalb in die Ehe getreten. Ein Mann, der das Leben kennt, der Abenteuer gehabt hat, wie leicht ist es dem, eine ahnungslose Frau zu betrügen. Und er denkt und sinnt nichts anderes als Betrug. Laut und lauter : Meine Feinde wissen, daß ich ein ehrlicher Mensch bin; diejenige, deren Abgott: ich war, wußte es nicht. Emma: Pst, pst! Marko: Wenn ich das Haus auf ein paar Tage verließ, fühlte ich mich als eine Art Henker; ich wußte ja, meine Frau verzehrt sich daheim in Angst und Sehnsucht. Emma: Das war krankhaft. Marko: Krankhaft? Ja, die Liebe ist eine Krankheit. Emma: Keine unheilbare wenigstens. Marko: Bei meiner Frau hat sie sich als solche erwiesen. Emma erschrocken: Marko, unheilbar – tödlich? Marko: Nein, Gott sei Dank! so arg war es doch nicht... Sie starb an einem anderen Übel, sanft und ruhig, ihre Hand in der meinen. Emma: Arme Frau! Marko: Das habe ich immer gedacht, wenn Ungeduld mich übermannen wollte, und so lebte ich sechs Jahre hin, kämpfend zwischen Empörung und Mitleid. Und da nimmt die Tante es mir noch übel, daß ich nicht geschrieben habe. Was hätte ich schreiben sollen? Die Wahrheit – Verrat an meiner Frau. Die Unwahrheit – Verrat an euch. Emma: Aber später, als du Witwer geworden. Marko: Da war meine Seele betrübt. Man macht ein Wesen, von dem man geliebt wird, nicht ungestraft unglücklich. Es rächt sich, wirft einen Schatten auf das ganze Leben. Emma: Du hast dir ja keinen Vorwurf zu machen. Marko: Sei es, wie es sei, die Erinnerung bleibt. Steht auf. Eines, weißt du, eines wird mir immer unbegreiflich bleiben: so viele unglücklich Liebende sind durch die Kunst und die Poesie verewigt worden, laut: warum niemals die viel Bedauernswerteren – die unglücklich Geliebten? Emma: Es ist merkwürdig; du brauchst aber deshalb nicht zu schreien. Marko nach einer Pause, wieder leise: Daß ich niemals an euch schrieb, war kein Zeichen des Vergessens. Im Gegenteil, in meinen schlimmen Stunden gedachte ich deiner. Emma lacht: Sehr schmeichelhaft. Marko: In dem Sinn, in dem ich's meine, ohne Zweifel. Ich überlegte, ich sagte mir: Allein bleiben kann ich nicht. Mein Haus braucht eine Herrin, mein Kind braucht eine Mutter, mein Herz braucht einen guten Kameraden. So kam ich denn her, um dich zu fragen – ich gesteh dir's aufrichtig –, ob du die drei Ämter übernehmen willst. Emma ruhig: Du schenkst mir viel Vertrauen. Marko: Schenken? Du hast es von je und immer. Was meinst du, Emma, wenn ich mich vor sechs Jahren um dich beworben hätte, würdest du mich genommen haben? Emma wie oben: Ganz gewiß. Marko: Sehr schade, sehr schade! Wir hätten in guter Freundschaft eine friedliche Ehe geführt. Aber nein, die Freundschaft genügte mir nicht, es mußte Liebe sein. Ich mußte eine Leidenschaft fassen und einflößen. Preßt beide Hände auf die Schläfen. Vorbei! nicht mehr gutzumachen. Ich bin wieder frei, noch nicht alt, reich – ich mochte mich hinwenden, wohin ich wollte, ich fand keine, die mich nicht liebte. In Kroatien auf dem Gute ließ jedes heiratslustige Fräulein in der Nachbarschaft mich merken: Ich trage dich im Herzen. Auf der Reise hierher, welche Entdeckung – Elise liebt mich. Emma: Du bist ein moderner Orpheus. Marko: Ohne Leier. Unterwegs erzählte sie mir in einem fort Geschichten von Grafen, die aus unwiderstehlicher Leidenschaft Bonnen geheiratet haben. Wehmütig: Bin ich nicht ein Pechvogel? – Als ich mich entschließe, bei der einzigen, von der ich sicher weiß, die liebt mich nicht, anzufragen: Willst du den Jugendfreund zum Manne nehmen? finde ich sie halb und halb verlobt. Emma: Dieses Hindernis wird bald behoben sein. Marko: Was sagst du? Emma: Aber es ist ein anderes vorhanden, das nicht wegzuräumen ist. Marko rasch: Welches? Gräfin und Rüdiger kommen durch die Mitte. Sie befinden sich in lebhaftem Wortwechsel. Gräfin: Ganz und gar nicht Ihrer Meinung, mein lieber Graf. Halblaut zu Emma: Was macht sie? Emma ebenso: Sie schläft. Rüdiger: Ich muß dennoch dabei bleiben. Emma: Eine Meinungsverschiedenheit zwischen euch beiden? Die Welt steht nicht mehr lang. Gräfin zu Emma: Er findet es unverträglich mit seiner Mannesehre, seine Bewerbung um dich fortzusetzen, er findet ... Emma fällt ihr ins Wort. Zu Rüdiger: Sie geben mir einen Korb, Graf Rüdiger? Rüdiger: Den ich an Ihrer Stelle nicht annehmen würde. Emma: Ich tu's trotzdem. Seien Sie mir nicht böse. Reicht ihm die Hand, herzlich: Sie geben mir einen Korb, ich bitte um Ihre Freundschaft. Rüdiger: Die ich Ihnen nicht gewähren kann. Verlangen Sie Freundschaft von Ihrer Großmutter, von Ihrem Vetter. Was mich betrifft – ich empfehle mich. Emma wie früher: Leben Sie wohl, Graf Rüdiger. Rüdiger: Das wünsche ich Ihnen. Es tut mir leid, daß ich zur Erfüllung dieses Wunsches nichts beitragen kann. Mein Wille war der beste, meine Absicht ganz uneigennützig. Gräfin zerstreut nach der Tür links blickend: Sie sind so edel, lieber Rüdiger, immer so edel ... Rüdiger: Ohne mir zu schmeicheln ... in dieser Sache ... Zu Emma: Ihr Glück lag mir am Herzen, nicht das meine. Ich an Ihrer Stelle hätte einen Mann, der einzig und allein mein Glück im Auge hat, besser zu schätzen gewußt. Gräfin wie oben: Lieber, lieber Graf! Zu Emma: Mir ist, als hörte ich Stimmen, sie ist vielleicht schon wach. Rüdiger: So bleibt mir denn nichts übrig, als ... Gräfin wendet sich nach links: Adieu, adieu, lieber Rüdiger. Für sich: Ich werde ihn schon wieder gut machen. Rüdiger: ... als Sie um eine letzte Unterredung zu bitten, Frau Gräfin. Gräfin mit Selbstüberwindung: O natürlich – mit Vergnügen. Rüdiger verbeugt sich gespreizt vor Emma und geht mit der Gräfin durch die Mitteltür ab. Emma: War der Mann nicht eigentlich etwas grob gegen mich? Marko: Warum sollte er nicht grob gewesen sein, er liebt dich ja. Emma nimmt Platz auf dem kleinen Kanapee rechts, Marko auf dem Sessel links neben ihr. Marko drückt das Gesicht in die Hände: Recht schade, recht schade! Emma: Was meinst du? Marko nach der Tür deutend, durch welche Rüdiger abgegangen ist: Daß nur ein Nebenhindernis weggeräumt wurde. Emma: Ich kann's nicht ändern; das Haupthindernis bleibt. Marko: Worin besteht es? sprich doch. Die Ungewißheit ist etwas sehr Unangenehmes. Emma: Du bist im Irrtum über mich, Marko. Ich muß dir ein Geständnis tun: ich habe dich geliebt. Marko rückt von ihr weg: Schrecklich! Steht auf und geht sehr bekümmert mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Sooft er an Emma vorüberkommt, richtet er abgebrochene Reden an sie: Aber nein. Lauter nachträgliche Einbildungen. Emma immer ganz ruhig: Die reine Wahrheit, ich will dich nicht betrügen. Marko: Wenn es gewesen wäre ... ich hätte auch etwas davon gemerkt. Emma: Dazu gehören zwei. Einer, der es merkt, eine, die es merken läßt. Marko bleibt stehen: Lieben und es nicht merken lassen? Schüttelt den Kopf. Kommt nicht vor. Emma: Im allgemeinen nicht – aber bei mir. – Ich habe eine ganz gewaltige Liebe für dich gehabt. Marko: Habe gehabt! – Vergangene Zeit. Emma: Wenn es aber wiederkäme? Marko: Fürchte nur das nicht. In den ersten besten verliebst du dich eher als in einen, in den du bereits verliebt mit Nachdruck: gewesen bist. Emma: Und das Sprichwort: »Alte Liebe rostet nicht?« Marko: Alte Liebe ist Freundschaft. Wischt sich die Stirn. Das war auch nötig, mich so zu erschrecken. Er holt einen Sessel von dem großen Etablissement und setzt sich links, mit dem Rücken gegen die Wand. Emma – Kusine – wollen wir aufrichtig miteinander reden? Emma: Wie denn anders? Marko: Nun, meine Freundin – die Hindernisse wären weggeräumt.– Kennenlernen brauchen wir zwei uns nicht mehr. Ich möchte nur eins wissen: Was empfindest du jetzt für mich? Emma: Ich empfinde für dich eine herzliche Sympathie und ein herzliches Bedauern. Marko: Warum das? Emma: Weil deine schönsten Jahre dir vergällt worden sind. Marko: Emma – und – die deinen? Emma: Still! Es schickt sich nicht, eine Dame an schöne Jahre, die vergangen sind, zu erinnern. Also das Bedauern ist gegenseitig. Marko: Die Sympathie gleichfalls. Emma erhebt sich ein wenig und neigt den Kopf. Marko: Überdies hab ich vor dir eine aufrichtige Hochachtung. Emma wie früher: Ganz mein Fall dir gegenüber. Marko erhebt und verneigt sich: Von einem Vertrauen ohne Grenzen sprach ich dir schon – auch von meiner Sehnsucht nach einem guten Kameraden. Er hat sich wieder gesetzt, legt die gekreuzten Hände auf seine Knie und sieht Emma mit einem langen, innigen Blick an: Willst du mein guter Kamerad werden? Emma stützt den Arm auf den Tisch und die Wange auf die Hand: Unter Bedingungen. Marko Nenne sie. Emma Ich trenne mich nicht von meiner Großmutter. Marko Selbstverständlich, sie bleibt bei uns. Ferner? Emma Ich will deine gleichgestellte Lebensgefährtin und in allen Dingen, die meinen Horizont nicht übersteigen, deine erste Instanz sein. Marko nickt zustimmend: Das sollst du sein. Emma Ich habe zur Demut ebensowenig Talent wie zur Lüge, ich bin nicht hilflos – lächelnd: besitze demnach kein Mittel, dir zu imponieren. Marko Du brauchst auch keines. Mein unbedingter Glauben an dich sichert dir deine unbedingte Selbstherrlichkeit. Emma Da wir ohne Liebe heiraten, wissen wir nichts von ihren Schmeicheleien. Marko Ich weiß leider genug von ihnen, um sie zu verabscheuen – aber, Verehrte! ich habe so oft ja gesagt, sage auch du einmal ja. Nimmst du mich? Emma Ja. Marko : freudig, aber ohne seinen Platz zu verlassen: Das ist der segenbringendste Augenblick meines Lebens! Unser Bund ist geschlossen. Emma: Eine Frau – ein Wort. Gräfin kommt durch die Mitte. Emma und Marko erheben sich. Gräfin: Der arme Rüdiger, jetzt ist er weggegangen. Er sagt eigentlich immer dasselbe, der arme Gute! Marko: Er tut auch immer dasselbe, deshalb zweifle ich nicht, daß er wiederkommen wird. Gräfin: Dann will ich suchen, ihn zu versöhnen. Emma: Zu spät, Großmutter. Elise: auf der Schwelle: Monsieur, la petite vient de s'éveiller. Ab. Gräfin: De s'éveiller! Will ihr nach. Marko stellt sich vor die Tür: Verzeih! – Ich muß dir etwas sagen – Tante, mit bebender Stimme: beste Tante, ich habe die Ehre, dich um die Hand Emmas zu bitten. Gräfin: Du? Fassungslos zu Emma: Und du? Emma: Ich bin einverstanden. Gräfin: wie oben: Liebst du ihn denn noch? Marko: rasch: Wir heiraten nicht aus Liebe. Gräfin: Sondern? Marko: Aus Hochachtung. Gräfin: zu Emma: Und dein Grund? Emma: Unüberwindliche Sympathie. Elise: kommt mit der Kleinen, die sich von ihr losreißt und auf Emma zueilt. Dorchen: Ma cousine, ma cousine! Emma: nimmt sie auf den Arm. Marko zur Gräfin in bittendem Tone: Deine Zustimmung, Tante. Gräfin zuckt die Achseln: Emma hat viel um dich gelitten, du hast gutzumachen. Marko: Unbewußte Schuld. Gräfin: Übrigens bin ich eine gehorsame Großmutter. Marko stürzt auf sie zu und küßt stürmisch ihre Hand: Tante! Emma küßt die Kleine: Dorchen! Elise, die mit wachsender Entrüstung zugesehen hat, wendet sich nach links: Et moi, je fais mes paquets! Ab. Gräfin: blickt abwechselnd Emma und Marko an: Ihr seid mir unheimlich, ihr zwei. Hochachtung? Und er steht links, und sie steht rechts. Gebt einander zu meiner Beruhigung doch wenigstens die Hände. Marko: Dagegen erhebt sich kein Hindernis. Ergreift Emmas Hand. Sie wird ja nicht nur mein guter Kamerad, sondern auch meine gute Frau. Er nimmt ihr das Kind vom Arm und stellt es auf den Boden. Vertraute! Freundin! Getreue! – Gib mir den Verlobungskuß. Emma halb lachend, halb gerührt: Ist denn das notwendig ohne Liebe? Marko: Das ist unter allen Umständen notwendig. Sie umarmen einander herzlich. Marko hält ihre beiden Hände fest in den seinen: Die schönen Jahre sind vorbei, jetzt werden die guten kommen. Die Spitzin Zigeuner waren gekommen und hatten ihr Lager beim Kirchhof außerhalb des Dorfes aufgeschlagen. Die Weiber und Kinder trieben sich bettelnd in der Umgebung herum, die Männer verrichteten allerlei Flickarbeit an Ketten und Kesseln und bekamen die Erlaubnis, so lange dazubleiben, als sie Beschäftigung finden konnten und einen kleinen Verdienst. Diese Frist war noch nicht um, eines Sommermorgens aber fand man die Stätte, an der die Zigeuner gehaust hatten, leer. Sie waren fortgezogen in ihren mit zerfetzten Plachen überdeckten, von jämmerlichen Mähren geschleppten Leiterwagen. Von dem Aufbruch der Leute hatte niemand etwas gehört noch gesehen; er mußte des Nachts in aller Stille stattgefunden haben. Die Bäuerinnen zählten ihr Geflügel, die Bauern hielten Umschau in den Scheunen und Ställen. Jeder meinte, die Landstreicher hätten sich etwas von seinem Gute angeeignet und dann die Flucht ergriffen. Bald aber zeigte sich, daß die Verdächtigen nicht nur nichts entwendet, sondern sogar etwas dagelassen hatten. Im hohen Grase neben der Kirchhofmauer lag ein splitternacktes Knäblein und schlief. Es konnte kaum zwei Jahre alt sein und hatte eine sehr weiße Haut und spärliche hellblonde Haare. Die Witwe Wagner, die es entdeckte, als sie auf ihren Rübenacker ging, sagte gleich, das sei ein Kind, das die Zigeuner, Gott weiß wann, Gott weiß wo, gestohlen und jetzt weggelegt hätten, weil es elend und erbärmlich war und ihnen niemals nützlich werden konnte. Sie hob das Bübchen vom Boden auf, drehte und wendete es und erklärte, es müsse gewiß irgendwo ein Merkmal haben, an dem seine Eltern, die ohne Zweifel in Qual und Herzensangst nach ihm suchten, es erkennen würden, »wenn man das Merkmal in die Zeitung setze«. Doch ließ sich kein besonderes Merkmal entdecken und auch später trotz aller Nachforschungen, Anzeigen und Kundmachungen weder von den Zigeunern noch von der Herkunft des Kindes eine Spur finden. Die alte Wagnerin hatte es zu sich genommen und ihre Armut mit ihm geteilt, nicht nur aus Gutmütigkeit, sondern auch in der stillen Hoffnung, daß seine Eltern einmal kommen würden in Glanz und Herrlichkeit, es abzuholen und ihr hundertfach zu ersetzen, was sie für das Kindlein getan hatte. Aber sie starb nach mehreren Jahren, ohne den erwarteten Lohn eingeheimst zu haben, und jetzt wußte niemand, wohin mit ihrer Hinterlassenschaft – dem Findling. Ein Armenhaus gab es im Dorfe nicht, und die Barmherzigkeit war dort auch nicht zu Hause. Wen um Gottes willen ging das halbverhungerte Geschöpf etwas an, von dem man nicht einmal wußte, ob es getauft war? »Einen christlichen Namen darf man ihm durchaus nicht geben«, hatte der Küster von Anfang an unter allgemeiner Zustimmung erklärt, aber auf die Frage der Wagnerin: »Was denn für einen?« keine Antwort gewußt. »Geben S' ihm halt einen provisorischen«, war die Entscheidung gewesen, die endlich der Herr Lehrer getroffen, und die halb taube Alte hatte nur die zwei ersten Silben verstanden und den Jungen Provi und nach seinem Fundorte Kirchhof genannt. Nach ihrem Tode waren alle darüber einig, daß dem Provi Kirchhof nichts Besseres zu wünschen sei als eine recht baldige Erlösung von seinem jämmerlichen Dasein. Der Armselige lebte vom Abhub, kleidete sich in Fetzen – abgelegtes Zeug, ob von kleinen Jungen, ob von kleinen Mädchen galt gleich –, ging barhäuptig und barfüßig, wurde geprügelt, beschimpft, verachtet und gehaßt und prügelte, beschimpfte, verachtete und haßte wieder. Als für ihn die Zeit kam, die Schule zu besuchen, erhielt er dort zu den zwei schönen Namen, die er schon hatte, einen dritten: »der Abschaum«, und tat, was in seinen Kräften lag, um ihn zu rechtfertigen. Da war im Orte die brave Schoberwirtin. Im vergangenen Herbst hatte Provi in einem Winkel ihrer Scheuer eine Todeskrankheit durchgemacht, ohne Arzt und ohne Pflege. Nur die Schoberin war täglich nachsehen gekommen, ob es nicht schon vorbei sei mit ihm, und hatte ihm jeden Morgen ein Krüglein voll Milch hingestellt. Die Gewohnheit, ihm ein Frühstück zu spenden, behielt sie bei, auch nachdem er gesund geworden war. Pünktlich um fünf fand er sich ein, blieb auf der Schwelle der Wirtsstube stehen und rief: »Mei Müalch!« Er bekam das Verlangte und ging seiner Wege. Einmal aber ereignete sich etwas ganz Ungewöhnliches. Der Wirt, der sonst seinen Abendrausch regelmäßig im Bette ausschlief, hatte ihn diese Nacht auf der Bank in der Wirtsstube ausgeschlafen und erwachte in dem Augenblick, als Provi auf die Schwelle trat und rief: »Mei Müalch!« Was sagte der Lackel? Was wollte er? Schober dehnte und reckte sich. Ein verflucht kantiges Lager hatte er gehabt, seine Glieder schmerzten ihn, und seine Laune war schlecht. Der grobe Klotz Provi fand heute an ihm einen groben Keil. »Nicht zu verlangen, zu bitten hast, du Lump! Kannst nicht bitten?« Der Junge riß die farblosen Augen auf, sein schmales Gesicht wurde noch länger als sonst, der große, blasse Mund verzog sich und sprach: »Na!« Die Früchte, die ihm dieses Wort eintragen sollte, reiften sogleich. Schober sprang auf ihn zu, verabreichte ihm sein Frühstück in Gestalt einer tüchtigen Tracht Prügel und warf ihn zur Tür hinaus. Solche kleine Zwischenfälle machten aber keinen Eindruck auf den Jungen. Wie alltäglich fand er sich am nächsten Morgen wieder ein und forderte in gewohnter Weise »seine« Milch. Die Wirtin gab sie ihm, aber eine gute Lehre dazu: »Du mußt bitten lernen, Bub, weißt? – bitten. Bist schon alt genug, bist gwiß – ja, wenn man bei dir nur was gwiß wüßt! –, gwiß schon vierzehn. Also merk dir, von morgen an: Wenn's kein Bitten gibt, gibt's keine Milch.« Sie blieb dabei, ob es ihr auch schwer wurde. Wie schwer, sah Provi wohl, und es war ihm ein Genuß, eine Befriedigung seiner Lumpeneitelkeit. Ihm, dem Ausgestoßenen, dem Namenlosen, war Macht gegeben, der reichsten Frau im ganzen Orte Stunden zu trüben und die Laune zu verderben. Sie blickte ihm mit Bekümmernis nach, wenn er ohne Gruß an ihrer Tür vorüberging, zur Arbeit in den Steinbruch. Dort taglöhnerte er jetzt beim Wegemacher, der ihn in Kost genommen und ihm ein Obdach im Ziegenstall gegeben hatte. Der Wegemacher brauchte nicht wie die andern Leute den Umgang mit Provi für seine Kinder zu fürchten. Die fünf Wegemacherbuben konnte der Auswürfling nichts Böses lehren, sie wußten ohnehin schon alles und waren besonders Meister in der Tierquälerei. Die Ziegen, Kaninchen, die Hühner, die ihnen untertan waren, und der Haushund, die unglückliche Spitzin, gaben Zeugnis davon, ihre Narben erzählten davon und ihre beschädigten Beine und ihre gebrochenen Flügel. Provi fand sein Ergötzen an dem Anblick der Roheit, den er jetzt stündlich genießen konnte. Er fing für die kleineren der Buben Vögel ein und gab sie ihnen »zum Spielen«, und diese Opfer konnten von Glück sagen, wenn sie kein allzu zähes Leben hatten. Das ärmste von den armen Tieren der Wegemacherfamilie war aber die alte Spitzin. Sie lief nur noch auf drei Beinen und hatte nur noch ein Auge. Ein Fußtritt des Erstgeborenen unter ihren Peinigern hatte sie krumm, ein Steinwurf sie halb blind gemacht. Trotz dieser Defekte trug sie ihr impertinentes Näschen hoch und ihr Schwänzchen aufrecht, bellte jeden fremden Hund, der sich blicken ließ, wütend an, und ihre Beschimpfungen gellten ihm auf seinem Rückzuge nach. Die Söhne des Wegemachers fürchtete, ihn selbst haßte sie, weil er ihr ihre kaum geborenen Jungen immer wegnahm und, bis auf ein einziges, in den See warf. Zur Zeit, in der Provi beim Wegemacher Steine klopfte und Sand siebte, bekam die Spitzin noch im Greisenalter abermals Junge, ihrer vier, von denen drei gleich ins Wasser mußten. Sie konnte kaum eines mehr ernähren, sie war zu alt und zu schwach, und es sah ganz danach aus, als ob sie nicht mehr lange leben sollte. Das Geschäft des Ersäufens übertrug der Vater an jenem Tage seinem Ältesten, dem Anton, und dem machte etwas, das einem anderen Geschöpfe weh tat, dieses Mal kein Vergnügen. Die Spitzin war bissig wie ein Wolf, wenn sie Junge hatte. »Der Vater fürcht si vor ihr«, sagte Anton zu Provi, »drum schickt er mi. Komm mit, halt sie, wenn ich ihr die Jungen nimm, halt ihrs Maul zu, daß s' mi nit beißen kann.« Im Holzverschlag neben dem Ziegenstalle, auf einer Handvoll Stroh, lag zusammengeringelt die schwarze Spitzin, und unter ihr und um sie herum krabbelten ihre Kleinen und winselten und suchten mit blinden Augen und tasteten mit weichen, hilflosen Pfötchen. Die Spitzin hob den Kopf, als die Knaben sich ihr näherten, ließ ein feindseliges Knurren vernehmen, fletschte die Zähne. »Dummes Viech, grausliches!« schrie Anton und streckte halb zornig, halb ängstlich die Hand nach einem der Hündchen aus. »Halt sie! halt sie! daß s' mi nit beißt!« Schon recht, wenn s' di beißt, dachte Provi. Es fiel ihm nicht ein, sich um Antons willen in einen gefährlichen Kampf mit der Hündin einzulassen; nur um die eigene Sicherheit war ihm zu tun, und so nahm er seine Zuflucht zu einer Kriegslist, kauerte auf den Boden nieder und hob mit kläglicher Stimme an: »O die orme Spitzin, no jo, no jo! Ruhig, orme Spitzin, so, so ... ma tut ihr jo nix, ma nimmt ihr jo nur ihre Jungen, no jo, no jo!« Die Spitzin zauderte, knurrte noch ein wenig, doch mehr behaglich jetzt als bösartig. Die Worte, die Provi zu ihr sprach, verstand sie nicht, aber ihren sanften, beschwichtigenden Ton verstand sie, und dem glaubte sie. Was wußte die Spitzin von Arglist und Heuchelei? Ein Mensch sprach einmal gütig zu ihr, so war auch seine Meinung gütig. Sie legte sich wieder hin, ließ sich streicheln, schloß bei der ungewohnt wohltuenden Berührung wie zu wonnigem Schlafe ihr Auge. Die Schnauze steckte sie in Provis hohle Hand und leckte sie ihm dankbar und zärtlich. »No – also no!« rief er den Kameraden an: »Pack s' z'amm. Mach gschwind!« Anton griff zu, und im nächsten Augenblicke sprang er auch schon mit drei Hündchen in den Armen aus dem Verschlag, in großen, fröhlichen Sätzen über die Straße, die Uferböschung zum See hinab. Provi folgte ihm eiligst nach; den Hauptspaß, mit anzusehen, wie die Hündchen ertränkt wurden, konnte er sich nicht entgehen lassen. Es war merkwürdig, daß von nun an die Nachbarschaft der Spitzin dem Provi völlig widerwärtig zu werden begann. Nur schlecht gefügte Bretter trennten seine Schlafstätte von der ihren, und jede Nacht störte sie ihn mit ihrem Gewinsel. Im Kopfe der Alten war ein »Radel laufet« worden, sonst hätte sie doch nach einiger Zeit begriffen: Die Jungen sind fort und nie, nie mehr zu finden, und man muß endlich aufhören, nach ihnen zu suchen. Dieses Mal hörte sie nicht auf. Sie mußte von einem Tag zum andern immer wieder vergessen, daß sie gestern schon alle Winkel umsonst durchsucht hatte. Sie schnüffelte, sie kratzte an der Tür, scharrte ihr bißchen Stroh auseinander und wieder zusammen, kroch hinter den Holzstoß, drängte sich in die Ecke, in der die Werkzeuge lehnten, warf einmal ein paar Schaufeln um und flüchtete voll Entsetzen. Eine Zeitlang war Ruhe, dann trippelte sie wieder herum und suchte und suchte! Und ihr Trippeln weckte ihn, an dem früher die brüllenden Rinderherden vorübergezogen waren, ohne ihn im Schlafe zu stören. Wenn er schlief, schlief er, verschlief Hunger und Müdigkeit; dazu vor allem brauchte er den bombenfesten Schlaf, um den er plötzlich gekommen war, denn jetzt schrak er auf beim Herumgehen und Schnüffeln der Alten. Und kalte Schweißtropfen liefen ihm über die Stirn in der »Baracken«, der den ganzen Tag die Sonne aufs Dach schien und in der es so heiß war, daß es in der Hölle nicht heißer sein kann...Ob das auch mit rechten Dingen zuging, ob nicht etwas Übernatürliches dahintersteckte? Freilich, der Anton sagt, es gibt nix Übernatürliches. Aber der Allergescheiteste ist der Anton am Ende doch nicht, und dem Provi ist manchmal sogar vorgekommen, daß er ein großer Esel ist; was man allerdings nicht sagen darf, ohne furchtbar gedroschen zu werden von ihm und von seinem Vater; Provi weiß das aus Erfahrung. An den Wegemacherleuten hatte er seine Meister gefunden, die bändigten ihn mit Schlägen und mit Hunger. »Sticht dich der Hafer?« hieß es bei der geringsten Widersetzlichkeit, und von der elenden und ungenügenden Ration zog ihm sein Herr die Hälfte ab. Jeder andere wäre schon draufgegangen, sagte er sich selbst; er jedoch wollte nicht draufgehen, er wollte noch viel Zeit haben, um den Menschen alles Böse, das sie ihm getan hatten, mit Bösem zu vergelten. Daß es auch einige gab, die ihm Gutes getan hatten, war längst vergessen; und was die Schoberwirtin betraf, die alte Hex, gegen die hegte er einen unversöhnlichen Groll. Warum schenkte sie ihm nichts mehr, sie, die so vieles Geld hatte und so viele Sachen? Sie wußte gewiß nicht, wohin mit ihrem Reichtum, und gab doch nichts umsonst, wollte gebeten werden um ein paar armselige Tropfen Milch. Wie sie ihn ansah, wenn er vorüberging...Förmlich herausfordernd: So bitt doch! – Die Krot, die! die konnte warten. Einmal hatte sie ihn gar angesprochen: »Du schaust aus! Wie der leibhaftige Hunger schaust aus! Hast noch nicht bitten glernt?« Er rief ihr ein freches Schimpfwort zu und schritt weiter. Eine Woche verging. Immer noch hatte die Spitzin sich nicht ganz beruhigt, suchte und schnüffelte immer noch, besonders bei Nacht, in ihrem Verschlage herum. So geschah es, daß sie den Provi einst zu besonders unglücklicher Stunde weckte. Er hatte sich so spät erst auf seiner Lagerstätte aus Hobelspänen und schmutzigem Heu hinstrecken können, weil er noch, nach beendetem Arbeitstage, die Ziegen, die der Wegemacher ins nächste Dorf verkauft, dorthin hatte treiben müssen. Und auch jetzt kein Ende der verfluchten Plackerei, nicht wenigstens ein paar Stunden ungestörten Schlafes? Die Spitzin scharrte und suchte und suchte, und Provi drohte und polterte mit den Füßen gegen die Bretterwand. Sie gab nach, ein Stück von ihr fiel krachend hinüber ins Bereich der Spitzin. Sie stieß ein erschrockenes Gebell hervor, das Kleine winselte, dann war alles still. »Teixel überanander, wirst jetzt an Fried geben, Rabenviech?« murmelte Provi und legte sich zurecht und zog die Knie bis zum Kinn herauf, denn so »schlief es sich ihm am besten«. Aber just jetzt wollte es mit dem Einschlafen nicht gehen, trotz der Stille und trotz seiner Erschöpfung und trotz seiner Schlaftrunkenheit! Allerlei Gedanken kamen einhergeschlichen, ganz neue Gedanken, nie von ihm gedachte. Ja, die Spitzin war ein Rabenviech mit ihrer Sucherei; wenn aber seine Mutter auch so gewesen wäre wie sie und so rastlos nach ihm gesucht hätte, sie hätte ihn gewiß gefunden; er hatte ja in der Zeitung gestanden, er war angeschlagen gewesen auf dem Bezirksamt. Am End hat sie sich's gar nicht verlangt, ihn zu finden. Die Zigeuner haben ihn am End gar nicht gestohlen, seine Mutter – »die miserabliche!« hat ihn ihnen am End geschenkt, noch draufgezahlt vielleicht, daß sie ihn nehmen... No jo! vielleicht wird sie sich seiner geschämt haben, war vielleicht was Hohes, eine Bauerstochter oder eine Wirtstochter... Verfluchter Kuckuck! wenn sie so eine Wirtstochter gewesen wäre und ihn behalten hätte... Alle Sonntag würde er sich seinen Rausch angetrunken haben, und den Montag hätte er immer blaugemacht und im Wirtshaus und auf der Kegelbahn geraucht, getrunken, gerauft. Ein Götterleben malte er sich aus, als – verfluchtes Rabenviech! die Spitzin nebenan wieder anfing zu stöhnen und zu kratzen und ihn aus seinen Träumen riß, die so wonnig gewesen waren. Voll Zorn richtete er sich auf, nahm ein Scheit Holz, trat über die niedergeworfenen Bretter in den Verschlag des Hundes und führte knirschend wuchtige Schläge gegen den Boden, auf dem die Spitzin im Dunkeln ängstlich umherschoß. Er sah nicht, wohin er traf, er drosch zu nach rechts und nach links, vorwärts und rückwärts, und endlich – da hatte er sie erwischt, da zuckte etwas Weiches, Lebendiges unter seinem wütend geführten Hieb. Ein kurzes, klägliches – ein anklagendes Geheul ertönte, gellte grell und förmlich schmerzhaft an Provis Ohr. Es überrieselte ihn. Was für ein seltsames Geheul das gewesen war... No jo – das »Rabenviech« hat jetzt genug, wird Ruh geben, eine Weile wenigstens. Er kehrte zu seiner Lagerstätte zurück, kauerte sich zusammen und schlief gleich ein. Nach ein paar Stunden erwachte er plötzlich. Die aufgehende Sonne sandte einen feurigen Strahl aus, der ihm durch eine Luke in der Tür des Vorschlages und durch die Bresche in der Wand leuchtend rot ins Gesicht blitzte. Er öffnete die Augen und stand auf. Die Spitzin kam ihm plötzlich und recht unbehaglich ins Gedächtnis. Wenn er sie »so« totgeschlagen haben sollte heute nachts, würde der Wegemacher, der keinen Eingriff in sein Eigentum duldete, schwerlich versäumen, ihn selbst halb totzuschlagen. No jo! dachte er und fuhr mit den zehn Fingern durch seine staubigen Haare, um die Heustengel zu entfernen, die sich in ihnen verfangen hatten. Da rührte sich etwas zwischen den Brettern, da kroch es langsam heran. Die Spitzin kroch heran und schleppte ihr Junges im Maul herbei. Sie hatte es an der Nackenhaut gefaßt und benetzte es mit ihrem Blute; denn es floß Blut aus ihrem Maule, ein dünner Faden, die Brust entlang. Zu Provi schleppte sie ihr Junges, legte es vor ihn nieder, drückte es mit ihrer Schnauze an seine nackten Füße und sah zu ihm hinauf. Und ihr Auge hatte eine Sprache, beredter als jede Sprache, die die schönsten Worte bilden kann. Sie äußerte ein grenzenloses Vertrauen, eine flehentliche Bitte, und man mußte sie verstehen. Wie das Sonnenlicht durch die geschlossenen Lider Provis gedrungen war, so drang der Ausdruck dieses Auges durch den Panzer, der bisher jede gute Regung von der Seele des Buben ferngehalten hatte. – »Jo! jo!« stahl es sich von seinen Lippen. Er antwortete ihr, die nun hinfiel, zuckte, sich streckte... die er erschlagen hatte und die gekommen war, ihm sterbend ihr Kleines anzuvertrauen. Provi zitterte. Eine fremde, unwiderstehliche Macht ergriff ihn, umwirbelte ihn wie ein Sturm. Sie warf ihn nieder, sie zwang ihn, sein Gesicht auf das Gesicht des toten Hundes zu pressen und ihn zu küssen und zu liebkosen. Sie war's, die aus ihm schrie: Jo du! Jo du! – du bist a Muatta gwest! Sein Herz wollte ihm zerspringen, ein Strom von wildem Leid, von quälender Pein durchtobte es und erschütterte es bis auf den Grund. Ein vom himmlischen Schmerze des Mitleids erfülltes Kind wand sich schluchzend auf dem Boden und weinte um die alte Spitzin und weinte über ihr Kleines, das sich an seine Mutter drängte und sie anwinselte und Nahrung suchte an dem früher schon so spärlich fließenden und jetzt gänzlich versiegten Quell. »'s is aus, da kriegst nix mehr«, sagte Provi, nahm das Hündchen in seine Hände, legte es an seine Wange und hauchte es an; es zitterte und winselte gar so kläglich. »Hunger hast, Hunger hast, no jo! no jo!« – Was anfangen mit dem anvertrauten Gut? »Verfluchter Kuckuck«, wenn doch noch die Ziegen da wären! Er würde eine melken, er tät's, trotz der schrecklichen Strafe, die drauf steht. Aber die Ziegen sind fort, und bis ihm jemand im Wegemacherhaus einen Tropfen Milch für einen Hund schenkt, da kann er lang warten. Ins Wasser dermit! wird's heißen, sobald sie hören, daß die Spitzin tot ist. »Ins Wasser kummst«, sagte er zum Hündchen, das etwas von dem guten Glauben der Mutter an ihn geerbt haben mußte; es schmiegte sich an seinen Hals, saugte an seinem Ohrläppchen und klagte ihm seinen Hunger mit Stöhnen und Wimmern. No jo! – er wußte schon; nur wie zu helfen wäre, wußte er nicht. Was soll er ihm zu essen geben? Um zu vertragen, was er hinunterschlingt, dazu gehört ein anderer Magen, als so ein Kleines hat... Aber – verfluchte Krot! – jetzt kam ihm eine Eingebung, jetzt wußte er auf einmal doch, wie zu helfen wäre. Aber – verfluchte Krot! Dieses Mittel konnte er nicht ergreifen – lieber verhungern. Der Entschluß saß eisenfest in seinem oberösterreichischen Dickschädel... Freilich dämmerte ihm eine Erkenntnis auf, von der er gestern keine Ahnung gehabt hatte – verhungern lassen ist noch etwas ganz anderes als verhungern. Das Kleine gab das Saugen am Ohrläppchen auf; davon wurde es ja doch nicht satt. In stiller Verzweiflung schlossen sich seine kaum dem Lichte geöffneten Augen, und Provi fühlte es nur noch ganz leise zittern. Gequält und scheu blickte er zur toten Spitzin nieder. Ja, wenn das Junge leben soll, darf man ihm die Mutter nicht erschlagen. »No, so kumm!« stieß er plötzlich hervor und sprang aus dem Stall in den Verschlag und schritt resolut vorwärts und dem Dorfe zu, biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten, sah nicht rechts noch links und ging unaufhaltsam weiter. Noch rührte sich nichts auf den Feldern, erst in der Nähe der Häuser fing es an ein wenig lebendig zu werden. Ein schlaftrunkener Bäckerjunge schritt über die Straße zum Brunnen, der Knecht des Lohbauers spannte einen dicken Rotschimmel vor den Streifwagen. Aus dem Tor des Wirtshauses kam die alte Magd, von jeher Provis erklärte Feindin. Voll Mißtrauen beobachtete sie sein Herannahen, erhob die Faust und befahl ihm, sich zu packen. Ihn störte das nicht, er ging an ihr vorbei wie einer, der mit dem Kopfe durch die Wand will. Finster und entschlossen, das Kinn auf die Brust gepreßt, trat er durch die offene Küchentür. Die Wirtin, die am Herde stand, wandte sich... »Grad zum Fürchten« sah der Bub aus, und seine Stimme klang so rauh und hatte etwas so Schmerzhaftes, als ob ihr Ton die Kehle zerrisse, durch die er gepreßt wurde: »Schoberwirtin, Frau Schoberwirtin, i bitt um a Müalch.« Das war die Wendung in einem Menschenherzen und in einem Menschenschicksal. In letzter Stunde »Heiraten – ein junges Mädchen... Konrad, du hättest den Mut?« sprach Matisen und starrte den Freund voll Besorgnis an. Auf seinem faltenreichen, verwitterten Gesichte malte sich eine so kindliche Verwunderung, daß Konrad Staufen lachen mußte. »Ich habe den Mut«, sagte er, »und ich glaube, ich darf ihn haben.« Es war eine alte Geschichte, daß zwischen den beiden die größte Übereinstimmung herrschte. Sobald Konrad Staufen eine Meinung abgab, wußte man: Es ist die Meinung zweier Universitätsprofessoren, seine eigene und die Stephan Matisens. Heute verwandelte dieser Gefügige sich in den verkörperten Widerspruch. Eine peinigende Angst hatte ihn ergriffen und besiegte die ihm angeborene Schüchternheit. Und wenn er aus seiner durch ausbündige Rücksichten scharf umhegten Bahn brach, konnte er Dinge sagen, die ein Schonungsloser nicht leicht über die Lippen bringt. »Du hast grundlegende Werke geschrieben, du bist ein großer Gelehrter, ein Bahnbrecher in deinem Fache«, sprach er, »und das macht dich zum Gegenstand der Hochschätzung der ganzen gebildeten Welt, aber nie und nimmer zum wünschenswerten Freier in den Augen eines jungen Mädchens. Das junge Mädchen lacht über den Fünfziger, der aus der Rolle des väterlichen Freundes plötzlich in die des Liebhabers fällt.« »Irrtum! Ein Liebhaber bin ich nicht und will ich nicht werden.« »Was denn also? Gatte, gleich Gatte? Statt wie bisher Wohltäter, Beschützer, Vormund auf einmal Gatte ... Oh, daß du die Frauen so gar nicht kennst! Die Pflanzen so gut und die Frauen so schlecht!« »Sollten wir einander viel vorzuwerfen haben in dem Punkte?« fragte Staufen. Um Matisens großen Mund zuckte es kummervoll und schmerzlich. »Nun – ich habe einmal ein Verhältnis gehabt. Befand mich, als es angesponnen wurde – oder sich vielmehr von selbst anspann... man wohnt doch irgendwo, es ist doch ein Wesen da, das einem die Wäsche besorgt und das Frühstück bereitet... dieses Wesen ist leider meist ein weibliches... von selbst anspann«, wiederholte er. »Befand mich damals auch schon in vorgerückten Jahren, obwohl nicht in so weit vorgerückten, wie du dich jetzt befindest. Auf das Ende, das die Sache genommen hat, zurückzukommen, vermeide ich sonst. Nun aber möchte ich es dir ins Gedächtnis rufen – zur Warnung, als abschreckendes Beispiel...« Konrad Staufen legte begütigend die Hand auf den Arm seines aufgeregten Freundes, der vor ihm stand, klein und hager, und zu ihm herabpredigte, indes er gelassen auf dem Lehnsessel an seinem Schreibtisch sitzen blieb: »Sei ruhig, Stephan; Erfahrungen, wie du in deinem »Verhältnis« gemacht hast, werde ich in meiner Ehe nicht machen.« »Die Qualität der Frau ist eine andere. Gewiß. Von einer plumpen Untreue spreche ich nicht. Ich spreche von dem unausbleiblichen Gefühl: Ich bin alt, und sie ist jung. Zwischen uns klafft ein Riß, den nichts überbrückt – da sitzt es! da sitzt das Unheil – Kommt dieses Bewußtsein über dich – und es kommt, so sicher wie der Tod –, wird es dich elend machen.« Er schwieg einen Augenblick, schien intensiv nachzudenken, strich plötzlich mit den zehn Fingern durch seine spärlichen und steifen Haare, die ein mißfarbiges Blond konserviert hatten, und rief: »Was ich alles kommen sehe... Ihr Götter Griechenlands! was ich alles kommen sehe! Bezwing dich, sag ich dir... Wenn du noch so verliebt bist – denn das wirst du trotz deines Leugnens wahrscheinlich doch sein –, bezwing dich. Heirate nicht, tu's nicht!« – »Weil ich nicht verliebt bin«, fiel der Professor ihm ins Wort, »tu ich's. Ich täte es nicht, wenn ich verliebt wäre. Den Launen, den Eifersüchteleien eines verliebten Alten würde ich meine Mathilde nicht aussetzen. Ich bin kein Verliebter, ich bin ein innig Liebender und innig Wiedergeliebter... Weißt du noch, wie sie einst als Kind, hier an dieser selben Stelle, zu mir trat, ihre Ärmchen um mich schlang und mit so voller Überzeugung, aus der Tiefe ihres kleinen Herzens heraus, sagte: »Ich hab dich gut lieb.« Es ist heute wie damals; wir haben einander gut lieb mit braver, dauerhafter Liebe, die uns beide glücklich machen wird; verlaß dich darauf.« Stephan Matisen stieß einen tiefen Seufzer aus: »Wie soll ich mich auf etwas verlassen, das mir erst bewiesen werden müßte? ... Alter Mann, junge Frau – es bleibt ein Unding ... Die Schiefheit schon von Anfang an: weil du nicht verliebt bist, heiratest du. Wer aber steht dir gut dafür, daß du dich nicht in deine junge schöne Frau verlieben wirst? Dann steckst du bis über den Kopf in der Gefahr, der du entrinnen wolltest. Die junge schöne Frau schätzt und bewundert dich über alles und schöpft daraus eine unbedingte Sicherheit, läßt sich unbefangen huldigen, am unbefangensten von deinen Schülern, unter denen es verflucht nette Leute gibt. Die schwärmen alle für die Frau Professorin, und trotz der Begeisterung für den verehrten Lehrer – die Hand auszustrecken nach dessen höchstem Gut, seiner Gattin, wagt doch jeder dieser Frechlinge ... Und einmal erweckt einer von ihnen ein lebhafteres Interesse bei der Altersgenossin ... Und dann – nun, mein armer Konrad ... Sie wird dich gewiß auch dann noch gut liebhaben, den anderen aber sündhaft lieb, und das wird dem miserablen Burschen gerade recht sein. So kommt es! ... Das ist es, was ich kommen sehe, und ich sage dir ...« »Sage nichts mehr, prophezeie nicht«, sprach Staufen. »Du bist bei mir mit Prophezeien nicht glücklich. Erinnere dich, was alles du vorhergesagt hast, als ich mich entschloß, die Verlassenschaft des armen Kollegen, der sich in aller Stille aus dem Leben geschlichen hatte, sein verwaistes Kind, anzunehmen. Da konntest du nicht genug warnen: Tu es nicht! es wäre keineswegs, wie du dir einbildest, eine edle Handlung, es wäre gewissenlos. Gewissenlos gegen dich selbst, denn es stört deine Kreise, gewissenlos gegen das Kind, denn du hast keine Ahnung von der Behandlung und Pflege, die es braucht, und von dem Unterricht, der ihm zuteil werden soll. Diese unerläßlichen Kenntnisse jedoch lassen sich nur erwerben durch das Studium der weiblichen Hygiene und durch das Absolvieren eines Lehrerinnen- und Erzieherinnenkurses.« Matisen stutzte. »Habe ich das gesagt?« »Etwas dergleichen doch, und jedenfalls sahst du und sahen die Götter Griechenlands, die du anriefst, schweres Unheil hereinbrechen, wenn ich deine Bedingungen zu erfüllen unterließe. Wo ist das Unheil geblieben, Matisen? Weißt du etwas, das du anders wünschtest an ihr, die mein Kind war und bald mein Weib sein wird? Ist ihre Erziehung mißraten?« »Die ist geraten. Dank der Mithilfe und dem Einfluß deiner vortrefflichen Schwester.« »Dank der Mithilfe und dem Einfluß meiner vortrefflichen Schwester«, bestätigte Staufen, »auf die ich von Anfang an gerechnet hatte.« Die Männer schwiegen. Konrad war aufgestanden, und Matisen sah jetzt zu dem viel größeren Freund empor und gab sich einmal wieder Rechenschaft von seiner Liebe für diesen Unvergleichlichen. Staufen hatte alles, was ihm fehlte: Wohlstand, Schönheit, Ruhm, und weil Staufen diese schätzenswerten Güter besaß, fühlte Matisen sich mitversehen. Er lebte in dem Freunde und ahnte nicht, bis zu welchem Grade der Selbstentäußerung er es mit der Zeit gebracht hatte. Auch die ganze Macht seiner Zuneigung kam ihm nur, aber regelmäßig und bald, nach den seltenen Fällen zum Bewußtsein, in denen er sich zu einer verletzenden Äußerung gegen den Vielverehrten hatte hinreißen lassen und bittere Reue ihn überfiel. Eben jetzt wand er sich in ihren Krallen. Daß er den Professor an seine vorgerückten Jahre gemahnt hatte, war grausam gewesen und wie jede Grausamkeit – töricht. Wenn jemand ein Recht hatte, sich im Alter noch für jung zu halten, dann war es Konrad Staufen. Was hatte denn das Alter ihm getan? Seine feinen reichen Haare gebleicht, sonst nichts. Es hatte seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, die erquickende Heiterkeit und Gleichmäßigkeit seiner Laune unberührt gelassen, es hatte seine hohe und schlanke Gestalt nicht gebeugt, ihr nichts genommen von der männlichen Anmut ihrer Bewegungen. Gegeben aber hatte es ihm. Es hatte seinen schönen Zügen den Abglanz des reinsten, ein langes Leben hindurch bewahrten Seelenadels verliehen, ihnen die edlen Spuren rastloser geistiger Tätigkeit eingeprägt. Matisen betrachtete ihn mit inniger, wenn auch charaktervoll beherrschter Rührung und dachte: Wenn du das Ungewöhnliche wagst, du Ungewöhnlicher, vielleicht geschieht es ungestraft. Die Ehe des Professors wurde eine wundervolle. Die etwas scheue Ehrfurcht, die Mathilde für ihren Vormund empfunden hatte, verwandelte sich dem Gatten gegenüber in eine zärtliche, anbetende Liebe, die Staufen nicht wie etwas, das ihm gebührte, hinnahm, sondern wie ein köstliches Gnadengeschenk, wofür er zu danken hatte alle Stunden seines Lebens. Eine schwere Trübung ihres Glückes erfuhren die beiden durch den Tod des Söhnchens, das Mathilde ihrem Manne geboren und das drei Jahre lang den Stolz des Hauses ausgemacht hatte. Mit entsetzlicher Raschheit wurde das blühende Kind hinweggerafft. Seine Eltern hatten es verloren, bevor sie noch den Gedanken an eine drohende Gefahr zu fassen vermochten. Es war der größte Schmerz, den Staufen je erfahren hatte, und maßlos heftig wurde er von ihm ergriffen und völlig niedergerungen. Und in dieser Leidenszeit erwies die Frau sich als die Stärkere. Den Mann, zu dem sie wie zu einem Unüberwindlichen emporgeschaut hatte, in hilflose Trauer versunken zu sehen erweckte in ihr ein heroisches Mitgefühl, das ihr eigenes Leid tief zurückdrängte in ihre Seele und es sorgsam verborgen hielt. Ihr war, als sei sie verantwortlich für den dunklen Schatten, der in sein bis jetzt immer sonniges Leben gefallen war. Als hätte sie ihm etwas abzubitten, er ihr etwas zu verzeihen, umgab sie ihn mit einer noch zärtlicheren Sorgsamkeit als bisher, mit allen Aufmerksamkeiten einer Zuneigung, die sich nie aufdrängt und immer da ist, nichts erbittet, als geben zu dürfen, und so demütig darbringt, als ob annehmen Großmut wäre. Nichts von allem, was sie für ihn tat, ging verloren, nicht das kleinste, stillste Zeichen ihrer grenzenlosen Hingebung. Zu seiner Liebe für seine junge Lebensgefährtin kam eine große Dankbarkeit und erhöhte und verklärte ihm ihren Wert. Als die Wunde, die ihnen geschlagen worden war, allmählich verharschte, fanden die Gatten sich noch inniger verbunden als vor dem Tode ihres Kindes. Zum siebenten Male jährte sich ihr Hochzeitstag; da erschien Matisen als Gratulant mit einem Blumenstrauß. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, sagte er, in dem ein Glückwunsch zur Vermählungsfeier wohl angebracht und nicht nur ins Blaue gesprochen sei. Er klagte sich auch eines Irrtums an, den er vor sieben Jahren begangen hätte und von dem sein Freund wisse, die Frau Professor aber nie – wenn sie noch so sehr darauf brenne – etwas erfahren solle. Die Professorin brannte aber gar nicht darauf. »Habt eure Geheimnisse«, erklärte sie. »Wir tun am besten, uns mit der Portion Vertrauen zu begnügen, die unsere Männer uns schenken wollen. Erpressungen in dem Punkte fallen immer schlecht aus. Siehe Delila, Kriemhilde und gewiß viele andere vorher, nachher und dazwischen, von denen eure Gelehrsamkeit erzählen könnte.« »Du hast leicht reden«, meinte der Professor, »du, die ihren Mann durch und durch schaut. Aber nicht besser als er dich«, setzte er hinzu und glitt sanft mit seiner Rechten über ihren blonden Scheitel: »Matisen, wenn einer der Götter Griechenlands in diesem Haupte einen Gedanken entdeckt, den ich nicht kenne, will ich dem Olympier einen Altar errichten.« Mathilde sah ihm liebreich in die Augen: »Das ist aber auch eine Kunst für einen Mann wie du, meine armen Gedanken zu kennen.« Seelenvergnügt ging Matisen heim. Das Verhältnis dieser zwei Menschen zueinander entsprach ganz und gar seinem Ideal der Ehe. Es war so schön zu sehen, wie Mathilde sich im Glanz ihres Gatten sonnte. Wie helle Freudigkeit sie durchströmte, wenn man sie in Gesellschaft vorstellte: »Frau Professor Staufen«, und wenn beim Klang dieses Namens die Steifsten geschmeidig und die Hochfahrendsten liebenswürdig wurden. Und wenn im Vorübergehen die Studenten sie grüßten bis zur Erde, fiel es ihr nicht ein, daß die Huldigung nicht bloß der Frau des angebeteten Lehrers, sondern auch ihr persönlich, ihrer Jugend und Schönheit gelten könne. Ja, sie hatte ihn »gut« lieb, und am Ende ist diese Liebe auch wirklich die mächtigste, wie sie die schönste ist. Wieder verfloß ein Jahr. An der Universität lehrte seit kurzem als Dozent ein ehemaliger Schüler und besonderer Liebling Staufens, Doktor Johannes Philippi. Aus einer niedrigen Lebenssphäre war er heraufgestiegen und hatte den Kampf ums Dasein und um die Macht des Wissens mit Feuer und Kraft und eiserner Ausdauer geführt. Jetzt ging er mit vollen Segeln. Eine erste Veröffentlichung hatte zu großen Erwartungen berechtigt, die zweite sie zum Teil schon erfüllt. Es wurde als ausgemachte Sache angesehen, daß der junge Dozent bestimmt war, Staufens Nachfolger zu werden. Der Glanz, der diese noch so kurze Laufbahn umgab, erweckte Mißgunst und Erbitterung in mancher kleinen Seele. Dem Günstling des Glückes wuchsen Feinde und Neider aus dem Boden, und er hielt ihren oft gar schnöden Angriffen mit wonniger Streitbarkeit und unerschütterlicher Siegeszuversicht stand. Vom ersten Tage hatte ihn Staufen zu Gast geladen für jede freie Abendstunde, die er erübrigen könne, und »mein Vaterhaus« – er hatte nie ein anderes gekannt – nannte Johannes sehr bald das Haus des Professors. Freudestrahlend kam er, wenn er über neu ausgebrochene Zwistigkeiten zwischen ihm und seinen Gegnern zu berichten hatte, und rief mit ehrlicher Begeisterung: »Gesegnet meine Feinde! Sie zu lieben kostet mich keine Selbstüberwindung, ist mir Vergnügen und Wonne.« »Deshalb tust du auch alles, um sie dir zu erhalten«, sagte der Professor. »Mit Bewußtsein nicht. Ich weiß selbst nicht, wie es kommt, aber ich habe sie und nenne sie freudig mein. Wieviel verdanke ich ihnen. Es lebe ihr Haß! Sein Scharfsinn entdeckt jede Lücke in meinem Wissen, bringt jede meiner Schwächen und Untugenden ans Licht, und nun offenbaren sie sich auch mir, und ich erkläre ihnen einen frischen, fröhlichen Krieg, einen Ausrottungskrieg! Ist das nicht herrlich?« Da seine Feder- und Wortgefechte fast immer mit einer Niederlage seiner Widersacher endeten, war es ihm leicht, ein großmütiger Sieger zu sein. Aber für seine Großmut wußte man ihm keinen Dank, fühlte nur die Beschämung, sie erfahren zu müssen. So hatte er wenig Freunde, besonders unter den Kollegen, und auch unter seinen Hörern nur einen kleinen Anhang, der freilich aus der Blüte der akademischen Jugend bestand. Seine eigene Fähigkeit, zu bewundern und zu verehren, übte er in allerreichstem Maße an Konrad Staufen aus. Für den begeisterte er sich, den liebte er mit der Liebe eines guten und dankbaren Sohnes. »Ist es nicht«, sagte der Professor einmal zu Matisen, »als ob mein kleiner Junge mir in seiner frühen Kindheit nur weggenommen worden wäre, um mir plötzlich als Mann – und wahrhaftig als ein ganzer! – zurückgegeben zu werden?« Mathilde hatte anfangs allerlei an Philippi auszusetzen. Sie fand ihn gar zu geradeaus, sein Äußeres, »ein urgermanisches Knochengerüst mit einer Zigeunerhaut überzogen«, gar zu disharmonisch. Sie lachte über seine breiten Schultern, von denen eine immer Mittel fand, beim Eintreten entweder rechts oder links an den Türpfosten anzurempeln. Einmal entschuldigte sie sich im Namen des Türpfostens, und der reckenhafte Philippi, der dem Überfall einer Hünenschar kaltblütig Trotz geboten hätte, geriet in Bestürzung, und die Schlagfertigkeit, mit der er sonst jeden unerwarteten Angriff abwehrte, versagte völlig. Von Stunde an unterließ er es nie, scharf zu zielen, bevor er ins Zimmer trat, um jeden Kontakt mit den hölzernen Feinden zur Rechten und zur Linken zu vermeiden. Die Professorin machte ihm kein Hehl daraus, daß sie geglaubt hätte, so riesige Hände wie die seinen kämen nur in den Fabeln, bei Waldmenschen und Ogern vor. Nachdem er aber eines Abends eine ungemein zarte Pflanze in ihre Bestandteile zerlegt hatte, um ihren Bau, ihre Eigentümlichkeiten und intimsten Eigenschaften zu erklären, versprach Mathilde, ihn nie mehr mit der räumlichen Ausdehnung seiner Hände zu necken; soviel Geschicklichkeit, wie in ihnen stecke, lasse sich auf ein kleines Gebiet nicht beschränken. Sehr mißfallen hatte ihr, als sie ihn kennenlernte, auch seine Breitspurigkeit, sein nachlässiges und ungeschicktes Sichgehenlassen. Sie verlor nie ein Wort darüber, er aber fühlte, er erriet das Unbehagen, das er ihr verursachte, und bemühte sich, die Umgangsformen der Menschen anzunehmen, mit denen sie verkehrte. Es wurde ihm freilich unglaublich schwer, aber schon die Bemühung war dankenswert, und völlig erfolglos blieb sie nicht. Viele bemerkten das, und es schmeichelte der Frau Professor, daß man ihr die günstige Veränderung zuschrieb, die mit Philippi vorging. Es hieß: »Ja – der Einfluß einer feinen, schönen Frau auf solch einen Bärenhäuter, der ganz gewiß zum erstenmal einem Wesen ihrer Art begegnet!« Sie nahm arglos Glückwünsche zu ihren Erziehungsresultaten entgegen; ihr fiel nicht auf, daß sich in Bekanntenkreisen das Gespräch, wenn sie erschien, sehr bald auf Philippi lenkte oder, wenn eben von ihm die Rede gewesen war, plötzlich abbrach. Einmal verteidigte sie ihn eifrig gegen einen Ankläger. Der Wortwechsel zwischen diesem und ihr war ziemlich lebhaft geworden. Die Herrin des Hauses, die eine Weile schweigend zugehört hatte, wünschte ein Ende zu machen und wendete sich in täppischer Gutmütigkeit an Mathilde: »Sie haben gewiß recht, liebe Freundin! Sie kennen Doktor Philippi besser als wir alle. Bei uns läßt er sich kaum sehen, bei Ihnen verkehrt er, wie man behauptet, täglich.« Tiefe Stille folgte diesen Worten. Die Hausfrau wurde über und über rot und senkte, wie plötzlich zum Bewußtsein einer begangenen Ungeschicklichkeit gekommen, ganz bestürzt die Augen. Ein anwesendes Ehepaar, bekannt durch seine gegenseitige Liebe und seine Bosheit gegen die Mitmenschen, wechselte über den Tisch einen verständnisvollen, vor Schadenfreude glänzenden Blick. Mathilde hatte einen unangenehmen Eindruck empfangen, von dem sie sich aber keine Rechenschaft gab, der sie wie im Fluge berührte und den sie bald vergaß. Professor Matisen befand sich seit einiger Zeit in einem beklagenswerten Zustand. Ungewöhnlich oft kam er daher im Sonnenbrand oder noch vor sinkender Nacht aus seiner fernen Vorstadt, trat in das Zimmer des Freundes, sah durch die Brille ängstlich mit irrenden Augen umher, als ob er sich erst zurechtfinden müsse, und fragte regelmäßig statt anderer Begrüßung: »Wie geht's deiner Frau? Wo ist deine Frau?« Dann wartete er eine Weile, und wenn sie kam und in ihrer gewohnten lieben und freundlichen Weise mit ihm sprach, wich die quälende Unruhe von ihm. Er war bald wieder der Alte und konnte wahre Schätze tiefen Wissens und verborgener Weisheit auskramen und war stolz, wenn Mathilde ausrief: »Sie sind ein reicher Born, Matisen, wie schade, daß Sie so selten sprudeln!« Ließ sie sich nicht sehen, beharrte Matisen in seiner träumerischen Zerstreutheit, wollte etwas sagen, fand den rechten Ausdruck nicht und unterbrach sich mitten im Satze. Eine Weile blieb er dann noch stumm auf seinem gewohnten Platze, dem Diwan zwischen den zwei mächtigen Bücherschränken, Staufens Schreibtisch gegenüber, in Gedanken versunken. Endlich zog er die Uhr, erschrak – und empfahl sich. Dem Professor wurde bang um ihn, und als er eines Tages wieder so gar verloren dasaß, den Blick unverwandt auf die Tür des kleinen Salons Frau Mathildens gerichtet, erhob sich Staufen, ging auf den Freund zu, legte ihm die Hände auf die Schultern und sprach sanft und traurig: »Sag es heraus, Matisen, ich sehe deinen Kampf. Alter Freund – müssen wir unseren Verkehr einschränken oder vielleicht gar – abbrechen, Stephan?« Matisen verstand ihn nicht. »Wieso? Warum?...« »Nun – ich meine nur... Wenn dieser Verkehr – er bringt dich öfter in die Nähe einer jungen hübschen Frau, als möglicherweise gut ist für deinen Herzensfrieden...« Jetzt hatte Matisen begriffen und war sehr betroffen, aber doch noch mehr geschmeichelt. »Du meinst, daß ich in deine Frau verliebt bin? Ihr Götter – ich!... nein, nein, meine das nicht. Ich verliebe mich nicht mehr, mit dieser menschlichen Torheit habe ich abgeschlossen.« Bald darauf traf er Staufen eines Abends allein zu Hause und stellte die gewohnte Frage: »Wo ist deine Frau?« »Im Theater, in der Loge meiner Schwester.« »Wer hat sie hingeführt?« »Philippi.« »Philippi – Johannes Philippi... Das also – das...« Und jetzt kam es heraus in überstürzter Rede: »Das gehört sich nicht. Es fällt auf. Die Leute finden, daß es auffällt, und ich finde es auch. Er ist jung, und sie ist jung – und es fällt auf.« »Was fällt auf? was findet man? – Ich verstehe kein Wort«, sagte Staufen. Matisen machte eine abwehrende Bewegung, als ob er nicht unterbrochen werden wollte. »Er ist täglich bei euch, man sieht euch nur noch in seiner Gesellschaft. Es heißt, daß er euch auf die Ferienreise begleiten wird, man fragt: Wie kommt dieser Fremde zu der Auszeichnung? Hat der Professor eine so große Vorliebe für ihn, oder ist die Vorliebe mehr auf Seite der Frau Professorin?« Bei diesen Worten zuckte Staufen leicht zusammen. »O Matisen«, sprach er, »wie bedaure ich dich! Wie bald wirst du es blutig bereuen, dich zum Sprachrohr einer so niederen Denkweise gemacht zu haben.« Matisen war betroffen und blieb eine Weile sprachlos, bevor er sich zu der Erwiderung ermannte: »Du hast davon erfahren müssen, ich habe es dir nicht ersparen können. Lang genug verfolgen sie mich mit Andeutungen, daß es meine Pflicht sei, dich aufmerksam zu machen...« Er stockte, und Staufen fragte gelassen: »Worauf?« »Auf das Gerede, das am Ende doch dem guten Ruf deiner Frau schaden könnte.« »Ihrem guten Ruf? Und das meinst auch du?« »Verzeih, Konrad, verzeih! Die Frage ist die eines Kindes. Götter Griechenlands! um was handelt es sich denn als um den Ruf deiner Frau?« »Keine Sorge um den!« rief der Professor voll schöner Zuversicht. »Es ist eine große Sache, der Ruf eines edlen Menschen. Das Geschwätz einzelner Toren und Verleumder hat nicht die Macht, seinen reinen Schimmer zu trüben.« Nun aber schrie Matisen auf: »Ihr Götter! Ihr Götter!... Ja, das bist du! Das ist deine stupende Unerfahrenheit. Das ist die Folge des vom Leben abgewendeten Lebens, das du führst, und auch des Glückes, das du immer gehabt hast.« »Den Göttern sei Dank!« flocht Staufen lächelnd ein. »Dafür nicht! Durchaus nicht immer Dank. Das Glück ist blind und macht blind. Du ahnst nichts von dem Unheil, das die Gemeinheit dem Höchsten und Heiligsten zufügen kann. Du hast keinen Begriff...« Staufen fiel ihm ins Wort: »Da irrst du sehr. Was ich selbst nicht erfuhr, sah ich andere erfahren, oft so heiß mitfühlend, daß es wie eigenes Erlebnis war. Der Meinung aber bin ich geblieben: keine Konzession dem Gewürm, das sich an Makellose heranschleicht, um sie zu begeifern... Nein, nein, sprich jetzt nicht!... Höre! Wenn ich mich dazu herbeiließe, was wäre damit erreicht? – Daß es hieße: Früher trieben sie es offen, jetzt treiben sie's geheim... Sprich nicht!« kam er wieder dem Einwand zuvor, den Matisen machen wollte. »Um den Preis soll ich einem Menschen, den ich liebe wie einen Sohn, der mich ehrt wie einen Vater, die Tür weisen? Welchen Grund dafür gebe ich meiner Frau an? Soll ich Ausflüchte machen? Wie lange reicht das und wie unwürdig ihrer und meiner scheint es mir... Soll ich ihr sagen: Du wirst beschuldigt... Unmöglich, Matisen!« brach er aus, und wider seinen Willen verriet sich im Ton seiner Stimme die tiefe Erregung, die ihn erfaßt hatte. »Unmöglich!... Ich raube ihr ihre goldige Unbefangenheit nicht. Ich zerre sie nicht zum Abgrund menschlicher Niedertracht und sage ihr: Blicke da hinein!« Matisen staunte ihn an. So gesteigerte Ausdrücke zu gebrauchen war sonst nicht des Freundes Sache. »Wachen wir über sie«, sagte Staufen nach einer Weile ruhiger. »Verhüten wir, daß ein Hauch des giftigen Atems sie berühre. Die Ferienzeit ist nahe. Es handelt sich nur noch um Tage. Dann reisen wir und – wer weiß? Vielleicht stürzt sich die Verleumdung inzwischen auf andere Opfer, und wir finden bei unserer Rückkehr die läppischen Gerüchte verstummt.« »Wenn Philippi euch begleitet, dann nicht. Soll er euch wirklich begleiten? Bleibt es dabei?« »Es ist längst ausgemacht und bleibt dabei«, erwiderte Staufen. Seit Jahren verließ Stephan Matisen, ein geschworener Feind des Reisens, die Stadt nicht mehr. Die Botschaften der fernen Freunde trafen ihn in seiner kahlen Junggesellenstube und – das mußte er zugeben – erfüllten sie mit köstlichen Landschaftsbildern, Duft und Sonnenschein und strömten die Geister eines erhöhten Lebens aus. Tag für Tag, vom Rhein und vom Bodensee, von jedem schönen Aussichtspunkt der Schweiz, den sie besucht, nach jeder kühnen Bergtour, die sie unternommen hatten, ließen die Wanderer dem einsam Zurückgebliebenen Briefe und Karten zufliegen. In Prosa und in Versen wurde er angeredet und angesungen, und eine Heiterkeit, ein kindlicher Frohsinn herrschten in dieser Literatur, die ihm die Seele erhellten und nach und nach seine Skrupel verscheuchten. Am Ende behielt Staufen wieder recht. Die braven Männer und die liebliche Frau konnten vielleicht nichts Klügeres tun, als ihren edlen und beglückenden Bund bestehen lassen, wie er bestand, nicht klein beigeben, nicht zurückweichen vor der Niedertracht, die ihn verunglimpft – sie verachten. Es ist ja wahr: Wenn wir vermögen, uns so hoch zu erheben, daß die Verleumdung nicht bis zu uns hinaufreicht, hat sie ihr Gift umsonst ausgespritzt. Die Sendschreiben, die Matisen erhielt, atmeten eine noch höhere Wonne, nachdem die Reisenden italienischen Boden betreten hatten. Einem langen Brief Mathildens, einem Hymnus auf Florenz, hatte Staufen die Worte hinzugefügt: »Schade, daß du ihre Begeisterung nicht sehen kannst. Es ist ein schöner Anblick. Es verjüngt mich und versetzt unseren Johannes, den Porphyrmenschen, in ein weichmütiges Entzücken, das ihm gar drollig steht.« Eine Weile noch ging es in dem frohlockenden Tone fort, dann stellte eine kleine Reaktion sich ein. Mathilde hatte einen Fieberanfall gehabt. Sie behauptete zwar, wiederhergestellt zu sein, und wünschte die Reise fortzusetzen. Staufen fand es aber geraten, mit ihr heimzukehren. Philippi blieb zurück und gedachte den Rest der Ferienzeit zum Besuch einiger Städte Oberitaliens zu benutzen. Auf dem Bahnhofe wurde das Ehepaar von Matisen erwartet. Er erschrak über das Aussehen der Frau Professor, war sehr gerührt und sehr widerwärtig und erging sich in Ausfällen gegen die moderne Reisewut. Mathilde gab ihm gute Worte; sie versicherte ihn, daß sie sich jetzt schon wohler fühle, und versprach ihm, in drei Tagen ganz gesund zu sein. Es war das einzige Versprechen ihres Lebens, das sie gegeben hatte und nicht hielt. Statt einer Besserung trat bald eine beängstigende Verschlimmerung ein. Fast jede Stunde, die verging, bedeutete einen Fortschritt des unerbittlichen Leidens. Hoffnung auf Hoffnung, an die man sich noch geklammert hatte, schwand. Der furchtbare Morgen brach an; dem für die Kranke kein Abend mehr folgen sollte. – Gestern noch hatte sie nach ihrem geistlichen Ratgeber verlangt, und als der alte Mann aus dem Sterbezimmer getreten, war er auf Staufen zugegangen, Tränen in den Augen, und hatte zu ihm gesagt: »Eine engelreine Seele geht hinüber. Sie verlieren viel.« Und die beiden Männer, der Gläubige und der Freidenker, so verschieden in ihren Anschauungen, Überzeugungen, in ihrem Bildungsgrade, hatten einander die Hände gedrückt in einem brüderlich einigenden Gefühl. Seit vierundzwanzig Stunden lag die Kranke in Bewußtlosigkeit. Staufen hatte die Wärterinnen fortgeschickt und auch Matisen, der sich in die Studierstube zurückzog, um den Freund dort zu erwarten, wenn er kommen werde vom Totenbette seiner Frau... Ein Wort des Trostes hatte er gefunden, und Staufen hatte zustimmend dazu genickt: »Du besaßest doch einmal, was so köstlich ist.« Wohl! er hatte es besessen und war sich seines Reichtums immer bewußt gewesen. – Ein Dankgefühl vermochte ihm noch jetzt in seinem unnennbaren Schmerze die Seele zu durchlichten. Nun blieb er allein, wollte allein die letzten Atemzüge seines Weibes bewachen, allein Zeuge der letzten Regungen dieses Lebens sein, das so völlig in dem seinen aufgegangen war. Er wollte auch vor aller Augen die Ausbrüche seines Schmerzes verbergen. Er schämte sich, daß er, sonst nicht gewöhnt, Rechenschaft zu fordern von den Mächten, die Glück oder Unglück über uns verhängen, die törichte Frage nicht unterdrücken konnte: Warum?... Warum wurde sie mir geschenkt, da sie mir doch genommen werden soll? Mir geschenkt, klein und hilflos, als ein Kind, das ich hegte, pflegte und erzog ohne Ahnung, daß es für mich geschah? Warum mußte das holde Wunder sich vollziehen und sie sich mir zuneigen und mein werden und mir angehören mit jedem Pulsschlag, jedem Gedanken, um nun zu scheiden ohne Gruß und Wort, fremder als fremd? Sie atmete beklommen, ihre Hände glitten unruhig über die Decke. Er wischte ihr den Schweiß von der Stirn und sprach leise und beschwörend ihren geliebten Namen. Vergeblich, sie hörte ihn nicht. Noch war sie da, lebte noch, und es gab für ihn keine Brücke mehr zu ihrem Verständnis. Noch war sie da, die Seine – und nicht mehr sein, und er, der sie durch das Leben geführt hatte, konnte ihr mit all seiner Liebe nicht die geringste Labe bieten auf ihrem letzten Weg. Die Tür ins Nebenzimmer stand offen. Langsame, ungleiche Schritte wie die eines Wankenden wurden hörbar. Staufen erhob sich, wendete sich. Johannes Philippi erschien auf der Schwelle – verstört, die Züge schmerzdurchwühlt. »Jetzt – in diesem Augenblick erfahre ich es«, stammelte er. Der starke Mensch zitterte. Völlig verloren und fassungslos ging er an dem Professor vorbei zum Sterbelager hin. Ein furchtbares Stöhnen entrang sich ihm, und er fiel auf den Sessel am Bette nieder. Staufen war ans Fußende getreten und sah die Schultern seines Jüngers zucken und beben; er schluchzte, schluchzte! beugte sich und berührte zagend eine der feinen, suchenden Hände auf der Decke. Ungewollt, unbewußt schmiegte sie sich in seine große Rechte. Mathilde öffnete die Augen nicht, aber ihre Lippen flüsterten: »Johannes – Lieber.« Und er, überwältigt, vergaß alles, was nicht er war und was nicht sie war, und aus seiner Brust brach es hervor, unbezwinglich, unwiderstehlich: »Vielgeliebte!« Es kam ihm nicht zum Bewußtsein, daß ein unartikulierter Laut des Entsetzens dicht neben ihm ausgestoßen wurde, daß das Bett plötzlich wie unter einem heftigen Anprall schulterte. Ein tiefes Schweigen, eine lastende Stille – dann sprach die Kranke mit einer armen Stimme, aus der der Klang schon weggestorben war: »Ich habe mich gesehnt, und mir war bang.« »Wovor, Mathilde?... Wovor, teuerste Frau?« »Vor den Träumen – ich träume – und träumen ist so schwer.« »Nicht träumen also, wach sein.« Sie seufzte tief auf: »Ich geh ins andere Leben, wo es schön ist, Johannes...« und in der Versicherung verbarg sich ein Zweifel, der innigst nach Erlösung rang. »Wo es schön ist«, wiederholte Johannes dumpf. »Und wo mein Kind auf mich wartet, mein vorangegangenes... und wohin mir folgen wird, der mich am meisten geliebt hat...« Ihre Rede wurde kaum vernehmbar, schwach und hastig flossen die Laute ineinander, dann kamen verständliche Worte: »Er glaubt nicht daran, er hat es mir nie gesagt, aber das errät man ... Glauben Sie daran? ... Oh, Johannes!« setzte sie mit ergreifendem Flehen hinzu, »ich bitte Sie: Glauben Sie daran!« »Ich glaube daran ...« »Sie glauben daran... und wie wird es sein in dem anderen Leben?... das sagen Sie mir... Wie, glauben Sie, wird es sein?... Sagen Sie mir, sagen Sie mir, Johannes...« Nun raffte er alle Seelenstärke zusammen und redete zu der Sterbenden, wie es ihr wohltat. Wie zu einem scheuen Kinde redete er zu ihr, ermutigend und verheißend: »Himmlisch wird es sein. Es wird das Böse nicht geben und nicht das Häßliche...« »Nicht das Häßliche«, sagte sie ihm nach. »Aus allen Augen wird Güte leuchten und ein stiller seliger Frieden.« »Seliger Frieden.« Der Schatten eines Lächelns glitt um ihren Mund, es war, als ob ein verdüsternder Schleier ihr vom Angesicht gezogen würde. »Wie gut ist der Frieden!... Sprechen Sie, Johannes.« »Von der Welt voll Schönheit und Frieden«, sagte er, mühsam nach Worten suchend. »Wir Armen haben keinen Ausdruck, ihre Herrlichkeit zu schildern. Wir können diese Welt nicht beschreiben und nicht den Duft und Schimmer ihrer Täler und die Farbenpracht ihrer Gärten und...« »Nicht beschreiben.« »Nur mit Entzücken fühlen: du bist schön. Mir schwillt das Herz bei deinem Anblick. Ich trinke das Licht, das über dir leuchtet, die ätherreine Luft, die dich durchweht...« »Ja, ja. Erzählen Sie, Johannes.« »Von dem Wunderlande. – An seinem schimmernden Horizont gleiten in sanften Linien die Berge wie hinschmelzende Melodien. Hehre Pinien wiegen ihre lebendigen Kuppeln wohlig und leise. In holder Majestät breitet sich der gesegnete Boden, wellen ewig grünende Hügel. Und Türme – steingewordene Künstlerträume – ragen und dunkle Burgen und weiße Paläste, von Unsterblichen für Unsterbliche gebaut.« »Fiesole«, sprach sie mit einer müden Freudigkeit, die ihn außer Fassung brachte. »Fiesole – wissen Sie noch? Welke Blätter raschelten zu unseren Füßen, und drüben lag San Miniato im Frühlingssonnenschein...« »Ja –« Es war wie gehaucht und ihr Ton nur ein Lispeln. »Der Himmel glühte... da legte Ihnen die Sonne einen roten Kuß auf die Stirn... da habe ich Ihre Gedanken gesehen...« »Auch gesehen«, brach er aus, »daß Sie der Inbegriff aller meiner Gedanken waren?... Ja, Mathilde? Auch das gesehen? geahnt?« Sie öffnete die Augen. Ihr Blick war erloschen, aber er antwortete ihm noch. Ohne Todeskampf ging sie hinüber. Er schrie auf. Er wollte sich über die Leiche stürzen. Da schlug ein Zuruf an sein Ohr, der ihn erschütterte in allen Pfeilern seiner Kraft. Eben war ihm gewesen, als könne es für ihn nichts Furchtbares mehr geben – nun überkam es ihn: das Furchtbarste erlebst du jetzt. Er trat zurück, er stand vor dem, der fragen durfte: Welches Recht hast du auf diesen Schmerz? Johannes stürzte auf seine Knie, er rang die Hände. »Herr Professor«, keuchte er, »da bin ich... treten Sie auf mich!« Staufen war bleich und starr. Ein greisenhafter Zug furchte sein Angesicht, aber auf diesem Angesicht leuchtete etwas über alles menschliche Leiden, über alle menschliche Leidenschaft Erhabenes. »Steh auf«, sprach er zu dem Jünger zu seinen Füßen, ohne den Blick von der Lieblichen zu wenden, die so sanft entschlafen war. »Steh auf! Ich beneide dich, du hast der Vielgeliebten das Sterben süß gemacht.« Johannes stöhnte. Er schleppte sich näher und umfing seines Meisters Knie. Und zitternd legte Staufens kalte Hand sich auf seinen Scheitel. Die Sünderin »Das Schreiben, selbst an meine liebsten Menschen, ist mir eine Qual«, sagte Louise von François, und: Mir auch, mir auch! dachte die alte Baronin, als sie den vierten Brief, den sie heute geschrieben hatte, und jeden an einen ihr sehr lieben Menschen, schwer seufzend schloß. Kein fauler Student sehnt sich ungeduldiger von der Schulbank fort, als sie sich fortsehnte vom Schreibtisch in den Garten hinaus. Es war ein Sommermorgen von jauchzender Pracht. Ein Blick ins Freie umfaßte eine Welt von Schönheit: schauen war Glück und atmen Genuß. Vom offenen Fenster her kam in lauen Wellen die Luft hereingestrichen über die frisch gemähten Wiesen, durch das Geäste der Fichten, das helle Laub der Tulpenbäume, den Blätterreichtum der Flügelnuß. Und von drüben grüßte die Deutzie, die sich aus der Ferne ausnahm wie ein großes, von Künstlerhand gebundenes Bukett und deren einzelne Blüten in der Nähe kleinen Damen gleichsehen in weiß und rosa Ballkleidern. Die Baronin schob ihre erledigte Korrespondenz von sich und wollte eben aufstehen, als die Kammerjungfer, Fräulein Emilie, erschien. Sie war ältlich, lang und dürr, und ihre Bewegungen hatten etwas Automatenmäßiges. An der Tür blieb sie stehen und meldete kurz und bündig: »Die Fanka ist da!« »So, so – die Fanka. Was fällt ihr ein? Wer hat sie gerufen?« »Kommt von selbst. Möcht die Arbeiten für das Armenhaus wiederhaben.« »Möcht sie? Ohne weiters?« »Ohne weiters.« »Weiß sie nicht, daß sich zwei andere um die Arbeit bewerben? Geschickte Schneiderinnen und brave Mädchen? Weiß sie nicht, daß ich böse auf sie bin?« Das Fräulein schupfte die rechte Achsel in die Höhe und machte eine äußerst verächtliche Miene. »Scheint nicht. Tut nichts dergleichen.« »Unglückliches Geschöpf! Hat schon zwei Kinder und muß noch ein drittes bekommen. Und wer ist denn dieses Mal der Vater?« »Das ist der Marian aus dem Meierhof.« »Der Witwer, der die vielen Kinder hat?« »Sieben.« Fräulein Emilie senkte die Arme und machte eine ausbreitende Bewegung, als ob sie der Gebieterin diese ganze Nachkommenschaft zu Füßen legen wollte. Die phantasiereiche Dame hatte sogleich den Anblick in völliger Leibhaftigkeit vor Augen; er tat ihr weh, und sie murmelte schmerzlich ergriffen: »Arme Würmer! Er taugt nichts, der Marian«, setzte sie nach einer Weile hinzu. »Wie seine Frau gestorben ist, hat jeder gesagt: Wohl ihr! Und mit dem läßt die Fanka sich ein. Es ist unglaublich, empörend ist's! Gehen Sie und sagen Sie ihr, daß ich sie nicht sehen will und in diesem Jahre keine Arbeit für sie habe.« »Schon recht.« Emilie nickte und wandte sich. Ihre Eilfertigkeit und ihre Zustimmung zu dem grausamen Ukas mißfielen der Gebieterin. »Geduld!« Sie nahm eine Banknote aus der Schreibtischlade. »Geben Sie ihr das, und sie soll gehen!« »Soviel?« In ihrer eigentümlichen Gangart, einem steifen Hüpfen, war Emilie herangekommen. »Ich werde ihr aber sagen, daß sie davon den Doktor bezahlt. Er hat sie schon klagen müssen.« »Müssen? Der wohlhabende Mann die armselige Person?« »Der Doktor will auch leben. Wozu hätte er was gelernt?« »Ist sie krank gewesen?« »Sie nicht. Eins von die Buben.« »Der blonde, der schöne?« »Weiß nicht, hab mich nicht erkundigt.« »Sagen Sie mir – wie sieht sie denn aus?« »Recht abgerackert.« »Wie geht's dem Vater? Hat sie nichts gesagt?« »Mein Gott, ja! Daß er alt ist und nicht mehr arbeiten kann.« »So? Und wer besorgt denn das Stück Feld, das sie wieder gepachtet hat?« Dieses viele Fragen machte das Fräulein schon ganz nervös. »Natürlich sie! Und sie hat ja den großen Buben.« »Groß? Ein zehnjähriges Kind.« »Wer kann dafür, daß er nicht älter ist?« Das war eine recht Emilianische Antwort, und die Ungeduld, der sie entsprungen, nicht mehr zu bemeistern. Das Fräulein wandte sich mit maschinenhafter Geschwindigkeit wie ein Drehkreuz und schritt der Tür zu. »Warten Sie!« rief die Gebieterin, ärgerlich über dieses selbstherrliche Benehmen. Sie hatte einmal wieder einen ihrer raschen Entschlüsse gefaßt. Daß sie strafen werde, das war gewiß, dabei mußte es bleiben; aber selbst strafen wollte sie, nicht strafen lassen durch andere, die vielleicht grausam wären. »Warten Sie, hören Sie! Sie brauchen der Fanka gar nichts zu sagen. Ich will selbst mit ihr reden, sie soll kommen.« »Selbst reden – no, das wird wieder was werden«, murmelte Emilie, aber so leise, daß ihre so ziemlich schwerhörige Herrin den Wortlaut dieses Mißtrauensvotums nicht vernahm. »Und was geschieht damit?« fragte sie, die Banknote an einer Ecke mit zwei Fingern von sich haltend, als ob sie etwas Ekelhaftes wäre. »Das geben Sie ihr und schicken sie her.« Das Fräulein entfernte sich wortlos; nur ihre Miene gab kund, daß sie verletzt worden war in irgendeinem besseren Gefühl, und wenige Augenblicke darauf trat die Fanka ein. Ein heller Freudenschein glitt über ihr Gesicht beim Anblick der Greisin, die dasaß im Lehnstuhl in der Nähe des Fensters. Leise, rasch, völlig unbefangen kam sie auf sie zu, beugte sich und küßte ihre Hand. »Ich danke untertänigst für das Geld, gnädigste Frau Baronin, und ich komme die Arbeit abholen für das Armenhaus.« Die alte Frau betrachtete sie mit großem Ernste. Verjüngt hatte ihr letzter Fehltritt sie nicht, und Vorteil hatte sie auch nicht aus ihm gezogen, denn so armselig wie jetzt war ihre Kleidung nie gewesen. Aber hübsch war sie noch immer und noch anmutig ihre schlanke Gestalt. Ein kleines weißes Kopftuch umschloß den braunen Scheitel und die Wangen, die sehr schmal geworden waren. Auch das etwas zu kurze Näschen hatte schärfere Linien bekommen, und ganz so hell wie früher leuchteten die dunklen Augen nicht mehr. Unverändert geblieben war nur der ungewöhnlich schöne Mund, dessen volle rosige Lippen so fein geschwungen waren und den ein eigentümlich anziehender Ausdruck von Lebenslust und Übermut umschwebte. »Ich komm die Arbeit abholen für das Armenhaus«, wiederholte sie nach einer Weile, da die Baronin schwieg. »So, die Arbeit. Woher wißt Ihr denn, daß Ihr sie wieder bekommt?« Fanka lächelte freundlich: »Ich denk mir's schon, Euer Gnaden, Frau Baronin.« Die Unglückliche, die Unverbesserliche! So hatte sie keine Ahnung davon, daß sie einen Vorzug verscherzt haben konnte. »Ihr seid im Irrtum, wenn Ihr Euch das denkt. Die Arbeit bekommt in diesem Jahr ein braves Mädchen.« Fanka war einen Augenblick betroffen. Gleich darauf lächelte sie wieder, aber etwas wehmütig wie über einen schlechten, grausamen Scherz, den man verzeihen muß, und sprach halblaut: »Ach nein, gnädige Frau Baronin.« »Wieso nein? Durchaus ja! Ich bin bös auf Euch. Ihr seid unmoralisch. Wieder ein Kind. Schämt Ihr Euch nicht vor Eurem großen Buben?« »Vor dem Josefek?« Sie schlug die Hände leicht zusammen und blickte die Baronin mit gelassenem Staunen an. »Der hat ja die Brüder lieb; den kleinen schon gar. Den hat er gar lieb.« »So? ... Nun, das ist wirklich ein guter Bub, der Josefek.« »Ob der gut ist, Euer Gnaden!« beeilte sich Fanka eifrig zu bestätigen. »So gut und so brav. Der Herr Lehrer loben ihn, daß er so brav ist in der Schule, der Allerbeste. Und fleißig ist der! So fleißig! Der Vater sind schon sehr schwach, können nichts mehr tun; da hilft mir mein Bub, was er nur kann. Mein Glück, der Bub; an dem werde ich meine Stütze haben, wenn ich einmal alt bin und mir nichts mehr verdienen kann.« »Das hat gute Wege; vorher werdet Ihr noch lang für ihn sorgen müssen, und wie lang noch für die andern! ... Fanka, Fanka! Nein, daß Ihr Euch an den Marian weggeworfen habt, das verzeih ich Euch nicht, das ist eine Schande.« Dieser Vorwurf traf die Sünderin hart, sie errötete bis unter die Haare und sprach langsam und leise mit schmerzhaft vorgezogenen Lippen: »Von dem hab ich geglaubt, daß er mich heiraten wird.« »Hat er es Euch versprochen?« »Was soll er's versprechen? Heiraten muß er ja, was möcht er denn anfangen mit den vielen Kindern.« »Ein Versprechen hat er Euch also nicht gegeben, und Ihr habt keins verlangt, weil Ihr Euch wohl gedacht habt: Wenn er's auch gibt, halten wird er's doch nicht. Ihr habt ihn ja kennen müssen und gewußt, daß er nichts taugt.« Fanka seufzte tief auf und erwiderte mit grandioser Ergebung: »Er ist halt ein Mann, einer wie der andere; sie sind alle so, alle schlecht.« Welche Erfahrungen! sagte sich die Baronin im stillen und setzte laut hinzu: »Das denkt Ihr, das glaubt Ihr, und trotzdem ... Ich begreif Euch nicht... Geht, Fanka, geht! Euch ist nicht zu helfen, geht nur weiter ins Verderben, ins Elend mit Euren Kindern.« Fanka hatte diese harten Worte über sich ergehen lassen und die Sprecherin fortwährend angesehen mit einem Blick, der traurig fragte: Bist du's, die so zu mir spricht? Kann das sein? Bist du's wirklich? Jetzt zog sie ihr fadenscheiniges Umhängetuch fester um die Schultern, lehnte den Kopf zurück und sagte, ohne die Stimme zu erheben, aber mit einem Anklang von Trotz: »Ich hab noch nie einen Menschen angesprochen um ein Stück Brot für meine Kinder.« »Gott behüt Euch davor, daß Ihr's je tun müßt«, versetzte die Greisin, gegen ihren Willen ergriffen von diesen stolzen Worten. »Ja, Euer Gnaden, ja, Gott behüt's, daß es nur nicht wieder so wird, wie's im Winter war mit dem Sylvin .. . Erinnern sich an ihn, Euer Gnaden? Haben ihn gesehen beim Erntefeste, haben ihn auf den Arm genommen, und er hat sich nicht gefürchtet. Er hat Sie freundlich angeschaut. Erinnern sich?« Ja, sie erinnerte sich. Ein bildhübsches, etwa dreijähriges Büblein. Sie hatte gefragt: »Wem gehört der Blasengel?« Und einige Weiber hatten gekichert: »Der ist ja von der Schneiderin, der Fanka!« Und sie hatte denken müssen: Ihr – wie sollt es anders sein? – zur Last. Und was gäben manche Vornehme und Reiche um den Besitz eines solchen Kindes! »Der, Euer Gnaden, der war zum Sterben, zum Sterben!« beteuerte Fanka, und hastig, sich überstürzend, sich verwirrend, erzählte sie, wie es so plötzlich gekommen war im Winter, gerade damals, als sie soviel Arbeit gehabt... Einmal in der Nacht konnte sie sich vor Schlaf nicht retten... Da hatte der Vater sie geweckt: »Der Sylvin stirbt, wach auf, komm beten!« Herr Jesus Christus! Wie? Was? Der Sylvin, ihr Bub, mit dem sie am Abend noch gelacht und gespielt hat? Nein, nein, der stirbt nicht, den läßt sie nicht sterben ... stürzt zu ihm ... Er glüht wie eine Kohle und röchelt. »Laß ihn!« sagt der Vater. Aber sie hat ihn genommen, ihn gut eingewickelt, daß er nichts spürt, und fort mit ihm zum Doktor ... »Zum Doktor?« fragte die Baronin. »In der Nacht, im Winter den weiten Weg?« Sie kannte ihn. Er zog sich durch die flachen Felder, die, kahl und baumlos, von Schnee bedeckt, unübersehbar schienen; sie kannte den mährischen Nordwest, der über sie hinfegt, ihren alten Feind, kannte seinen schneidenden Frost, sah das arme Weib, das sein Kind der Rettung entgegentrug, gegen ihn ankämpfen in Dunkel und Einsamkeit, malte sich alle Schrecken der langen, langen Wanderung aus und sagte: »Unsinn!« »Ja«, gestand Fanka, »der Herr Doktor haben gezankt: ›Was schleppt Ihr ihn her? Ich muß zu ihm, nicht er zu mir.‹ Sind dann auch gekommen.« »Wie oft?« »Fünfmal.« Sie seufzte und fuhr mit der Hand über das Gesicht, als ob sie den Schatten eines sorgenschweren Gedankens wegwischen wollte. »Ich bin ihm noch schuldig, dem Herrn Doktor.« »Das Kind hat er Euch mit Gottes Hilfe gesund gemacht?« »O je, Euer Gnaden« – ihre Munterkeit und Zuversicht waren schon zurückgekehrt –, »der lauft jetzt herum, daß der Staub hinter ihm auffliegt. Gott sei Dank, alle sind gesund, und ich hab Zeit, und mit der Arbeit für das Armenhaus kann ich mir helfen.« »Fanka«, sprach die Baronin nach einer Pause und nicht ohne Selbstüberwindung, »mir tut's leid, aber auf die Arbeit für das Armenhaus dürft Ihr in diesem Jahr nicht rechnen. Ihr wißt warum.« »Nicht rechnen, Euer Gnaden? Und wem möchten sie denn geben? Es macht sie ja niemand so gut wie ich. Die Frauen sind immer zufrieden, ich weiß schon so gut, wie jede es haben will, sie sind so heikel, die Frauen ... Euer Gnaden, Frau Baronin, ich bitte ...« »Bittet nicht, quält mich nicht und geht jetzt, Fanka!« Nicht bitten und – gehen! Sollte sie's wirklich glauben, daß sie verstoßen war? Dann aber auch ins Elend. Die Pfändung wird kommen, und die Kinder werden hungern, und die ihr mit Hohn und Spott vorhergesagt: »Betteln wirst gehen!« werden recht behalten. O Herr Jesus Christus, lieber ins Wasser!... Ihr Kopf brannte, ihre Knie bebten, und plötzlich, von Verzweiflung gepackt, stürzte sie mit einem lauten Aufschrei nieder: »Ich hab nie gebettelt, schicken Sie mich nicht betteln, gnädigste Frau Baronin!« Die alte Frau war erschrocken in ihren Sessel zurückgesunken und hatte sich dann rasch erhoben: »Steht auf!« rief sie und blickte erschüttert auf das mühselige Geschöpf nieder, das gebrochen vor ihr lag, weil ihm eine neue Möglichkeit, sich zu mühen, verweigert wurde. Zur Strafe – wofür? Wer darf strafen? Trägt ihre Schuld die Strafe nicht in sich? Hat sie ihr nicht Plage und Schande genug gebracht? Freilich, nicht nur die allein – so strafst du, Weisheit, unergründliche, einzig anbetungswürdige Macht! –, freilich auch, strömend aus demselben Quell, Glück und Läuterung durch unendliche Opferkraft und eine tapfere, beschützende Liebe. »Steht auf!« wiederholte sie. »Was fällt Euch ein? Ich kann solche Sachen nicht leiden.« Langsam und zögernd wurde ihr Befehl erfüllt, und nun standen sie einander gegenüber, beide im Innersten erregt und verwirrt. Fanka wagte kein Wort mehr zu sprechen; sie hatte den Kopf gesenkt, schluchzte, und unaufhaltsam rannen Tränen über ihre Wangen. Da legte eine Hand, deren leises Zittern sie fühlte, sich sanft auf ihre Schulter, und eine Stimme, aus der jede Spur von Strenge verschwunden war, sagte: »Geht! Jetzt aber wirklich. Ihr sollt Euch helfen können. Seid getrost und weint nicht, ich kann auch das nicht leiden.« Erste Trennung Seit sechs Wochen war seine Frau nun abwesend. Sie hatte den Winter hindurch gekränkelt und, so schwer die Trennung von ihrem Manne ihr wurde, dem Rate der Ärzte folgen und in ein Seebad reisen müssen. Er erwartete ihre Rückkehr mit heißer, täglich wachsender Sehnsucht, verriet es ihr aber nicht, bat sie in jedem seiner Briefe, das Heimweh, über das sie klagte, zu überwinden und ihre Kur ruhig, gewissenhaft und ohne jede andre Rücksicht als die auf ihre Gesundheit fortzusetzen, solang der Arzt es irgend nötig fände. In derselben Weise schrieb er an ihre Schwester, die sie begleitet hatte und sich auch von den Wellen der See bespülen ließ, aber nicht weil der Doktor es ihr empfohlen, sondern weil er es ihr erlaubt hatte. Die Schwägerin antwortete seit einiger Zeit auffallend kühl. In ihrem letzten Briefe war sie sogar boshaft geworden. Da hieß es: »Emmi und ich sind sehr dankbar für Deine rührende Besorgnis um unsre Gesundheit. Ich bewundere die Selbstverleugnung – denn so gar leicht kann es Dir doch nicht werden –, mit der Du Deine Frau fortwährend ermahnst, nur ja recht lang auszubleiben. Mein Mann reicht Dir an Edelmut nicht das Wasser. In jedem Briefe heißt es: ›Wann kommst Du endlich zurück? Bestimme doch den Tag. Ich brenne lichterloh.‹« Georg lachte: Ja, freilich, auf deine Ankunft muß er beizeiten vorbereitet sein. Eine Überraschung kann er nicht brauchen, der Schwager. Armes Gänschen, wenn du wüßtest... In seinen Gedanken verglich er die kleine Schwägerin und ihren jungen, lebenslustigen Gatten mit Emmi und mit sich, dem ehrgeizigen, hohen Zielen schon so nahen Staatsmann. Alltagsleutchen, welch ein Unterschied! Er trat an den Schreibtisch und holte die Briefe hervor, die seine Frau ihm während dieser ersten Trennung in ihrer nun dreijährigen Ehe geschrieben hatte. Prächtige Briefe voll Liebe und voll Humor, sprühend von Geist und guten Gedanken, reich an originellen Einfällen, feinen Beobachtungen. Mit freudigem Stolz überlas er einen um den andern und erinnerte sich dabei ihrer während der Brautzeit an ihn gerichteten Briefe. Sie hatten ihn beglückt, weil sich in ihnen die zärtlichste Bewunderung des jungen Mädchens für den gereiften, überlegenen Mann gar rührend aussprach. Heute aber fand er sich selbst in jeder ihrer Zeilen wieder. Sie war gewachsen in seiner Nähe, ihm verdankte sie diese reiche und köstliche Entfaltung ihres geistigen Wesens. Und sie war von dem Bewußtsein davon durchdrungen. Sie hatte ihm oft gesagt, sie schrieb es ihm: Was ich bin, bin ich durch dich. So gestaltete sich immer schöner und beglückender das in seinen Augen ideale Verhältnis zwischen Mann und Frau. Ihm war seine Jugend vergällt worden durch das weibliche Regiment im Elternhause. Er hatte in steter Empörung gelebt über die Schwäche seines Vaters der heißgeliebten, herrschsüchtigen Gattin gegenüber. Eine beschämende Qual war ihm durch die Unterwerfung dessen bereitet worden, der berufen ist, der Gebieter zu sein. In seiner Ehe gab es nur einen immer entscheidenden, immer freudig befolgten Willen, den seinen. Er hielt sich auf seiner Höhe und nahm die Brandopfer der Liebe, die seine junge Frau ihm darbrachte, gelassen hin. Wie schwer ihm das oft wurde, sollte ihr verborgen bleiben, sie sollte ihre Macht nicht kennenlernen. Wenn sie zu ihm sagte: »Ich liebe dich mehr als du mich, und das gehört sich, ist ganz recht. Du hast die Welt, deine große Aufgabe, du hast die Zukunft, ich habe dich, mir bist du die Welt, Gegenwart und Zukunft«, hätte er sie in seine Arme nehmen und sagen mögen: Mein Ehrgeiz bleibt unbelohnt, wenn ich seine Früchte nicht mit dir teilen darf. Und wenn ich mein Ziel erreiche, und du stehst auf seiner Höhe nicht neben mir, dann ist alles errungen, was ich erstrebte, nur eins fehlt – das Glück. Immer peinlicher empfand er täglich und stündlich die Last der Trennung und schrieb dennoch in jedem Briefe: »Beeile Deine Rückkehr nicht!« Bei seinen Gängen durch die Gärten, den Wald, wie vermißte er da ihren leichten Schritt an seiner Seite, ihren weichen Arm, der sich zutraulich in den seinen legte, ihr Geplauder, ihr liebes Lachen – das vielleicht am meisten. Es war ein ihr eigenes Lachen, in dem die hingebende Heiterkeit eines Kindes an alles, was erquickt und erfreut, zutage kam, ein silberhelles Lachen, und das immer melodisch blieb, in das nie ein greller Ton sich mischte. Er liebte auch ihren Ernst, ihre Fähigkeit, sich zu vertiefen in eine Aufgabe, eine Beschäftigung, in den Geist eines Buches. Manchmal nur, wenn er in ihre dunklen Augen sah, gestand er sich, daß er etwas Unausgesprochenem begegnete, einem stillen Leiden, das nach Erlösung rang. Gern hätte er dann plötzlich gefragt: Was denkst du jetzt? Doch hatte er es nie getan. Wozu ihr verraten, daß er sie nicht immer durch und durch blickte? Sein Vertrauen zu ihr in allem, was ihn selbst und alles Persönliche in seinem Berufe betraf, war unbegrenzt und war berechtigt. Einem Mangel an Verständnis, einer kleinlichen, engherzigen Auffassung begegnete er bei ihr nie. Sie hatte Geistesblitze, die ihn überraschten, die plötzlich ein Dunkel klärten. Sie fand unbewußt, wie zufällig, in einer verworrenen Frage das Fädchen, das zur Lösung führen konnte. Seit drei Jahren genoß er ohne Unterbrechung dankbar und freudig all den Reichtum, den ihr Besitz ihm bot. Aber nun war ihm, als hätte ihm erst die Trennung, diese gerechte Wertmesserin, die Augen über ihn geöffnet. Und je besser er das erkannte, je mehr wuchs seine Sehnsucht nach der geliebten Frau, und eines Tages entschloß er sich und schrieb an sie etwas weniger heroisch als sonst und zeigte volles Verständnis für das Heimweh, über das sie klagte: »Quäl Dich nicht länger als nötig und komme, komm!« Eigentlich hatte er als Antwort ein Telegramm erwartet, das jubelnd verkündete: In zwei Tagen bin ich bei dir. Indessen kam ein Brief, umgehend, aber doch nur ein Brief, und brachte eine Enttäuschung. Die Schwester Emmis war fort, war, von einer unüberwindlichen Sehnsucht ergriffen, nach Hause gestürmt. Sie selbst werde am nächsten Morgen absegeln unter dem Schutze ihrer alten Kammerfrau und des Kammerdieners, der, wie Georg wisse, ein ausgezeichneter Reisemarschall sei. »Ich mache unterwegs Station...« Ihre Schwester war nach Hause gestürmt; sie machte Station. Er las nicht weiter, die Liebesversicherungen nicht, die nun ohne Zweifel kommen würden, zerknüllte den Brief zu einem kleinen Ball und warf ihn in den Papierkorb. Nach einiger Zeit holte er ihn aber doch wieder hervor, glättete ihn und las ihn wieder; sie mußte ja bestimmt haben, wann sie anzukommen gedenke ... Sie mußte, sollte – hatte es nicht getan. Kopflos, lieblos. Georg fand sie nicht wieder in diesem Briefe, aus dem es ihn förmlich kühl anwehte. Sehr übel gelaunt, ging er gegen Abend auf die Pirsch, hatte merkwürdiges Jagdglück und wurde bei seiner Rückkehr durch die Ankunft einiger Briefe überrascht, die ihn an jedem andern Tage himmelhoch beseligt hätten. Sie kamen seinen kühnsten Wünschen entgegen. Die sichere Aussicht auf einen großen Wirkungskreis eröffnete sich ihm, die langersehnte Erfüllung war da, er brauchte nur die Hand nach ihr auszustrecken. Ein großes Glück bot sich ihm dar, aber die Freude an dem Glück fand keinen Weg zu seinem Herzen, eine abscheuliche Verstimmung verlegte ihn. In dem großen Postpaket hatte er vergeblich nach einem Briefe von ihr gesucht. Dafür erschien am nächsten Tage in aller Gottesfrühe ein Telegramm aus Hamburg. Aha! Es ist doch nichts mit dem Aufenthalt unterwegs. Sie sagt sich an – sie kommt. Aber das Blatt, das er entfaltete, brachte die erhoffte Kunde nicht. Er las: »Georg, ich beschwöre Dich inständigst, liebster Georg, erfülle mir eine heiße Bitte. Es wird morgen ein Brief von mir eintreffen, lies ihn nicht. Ich bereue, ihn geschrieben zu haben. Nochmals, ich beschwöre Dich, lies ihn nicht. Deine Emmi« Unsinn! Kindische Frau! Ja, sie kann unglaublich kindisch sein, und das ist sogar etwas, das er besonders an ihr liebt ... Hat sich vielleicht zu spät eines orthographischen Fehlers erinnert, den sie in ihrem Briefe stehenließ ... Unverzeihlich nur, daß sie vergessen hat, ein paar Worte, die ihre Ankunft anzeigen, diesem lächerlichen Telegramm hinzuzufügen. Hoffentlich besinnt sie sich und schickt ein zweites nach. Käme es nur, und bald! Jählings erfaßte ihn ein großer Schrecken. Sie ist krank und verbirgt es mir... Doch beruhigte er sich im nächsten Augenblick; der Arzt, mit dem er ohne ihr Wissen in Korrespondenz stand, hatte ihn jüngst wieder versichert, es könne nichts Glänzenderes geben als das Befinden der Frau Gemahlin. Dieser Sorge also konnte er sich entschlagen. Er ging an die Arbeit, bereitete seine Antworten auf die gestern erhaltenen Mitteilungen vor, mußte auch den Inspektor empfangen, der sich hatte anmelden lassen. Ein umständlicher Herr, der Entscheidungen zu erbitten kam in allerlei wichtigen und unwichtigen Angelegenheiten und seinen großen Grafen, wie er Georg nannte, merkwürdig zerstreut und ungeduldig fand. Der immer Herrschende und Selbstbeherrschte zeigte sich oft unglaublich nachgiebig und geriet gleich darauf in Zorn über eine bescheidene Einwendung. Der sonst Unermüdliche entließ seinen Beamten vorzeitig mit einem schroffen: »Genug für heute!« das keinen Widerspruch duldete. Wie gestern ging er wieder auf die Pirsch und hätte wieder Glück haben können. Der Stolz des Reviers, ein kapitaler Rehbock, kam aus dem Dickicht auf die kleebewachsene Lichtung heraus. Wenige Schritte hinter ihm die Geiß, schlank und fein und jung. Zu jung für diesen würdigen Gatten. Aber er war der Starke, hatte sie den Mitbewerbern abgerungen. Was für Augen sie hat! Es gibt nichts Schöneres als die Augen eines Rehes. Er weiß andre, die dieselbe Farbe, denselben zugleich ernsten und sanften Blick haben. Jetzt hat der Rehbock Witterung bekommen, hebt das Haupt, streckt den Hals, entdeckt den lauernden Feind – schaut ihn an. Schau du! Bist ja schon tot, denkt Georg, zuckt die Achseln und tritt in den Wald zurück. Er freue sich noch eine Weile seines Lebens und seiner jungen Gefährtin, er bekommt ja keine lächerlichen Telegramme. Dieses lächerliche Telegramm, das er nun einmal gelesen, hatte sich ihm eingeprägt. Es war über die Blätter, die er mit seinen festen Schriftzügen bedeckte, und über die Zahlenkolonnen der Ausweise des Inspektors durchsichtig und dennoch deutlich hingeschwebt. Des Nachts träumte ihm, daß eine Schlange, die aber ein Telegramm war, sich um seinen Hals gewickelt hatte und ihn würgte. Er erwachte keuchend, lachte sich herzhaft aus, stand auf, trat ans offene Fenster, blieb dort lange stehen und lauschte der tausendstimmigen Stille der Sommernacht. Dann suchte er wieder Ruhe, fand sie, schlief einige Stunden und war am nächsten Morgen ein so abgeklärter, mit seiner kindischen Frau so versöhnter und mit sich selbst so zufriedener Mann, wie er es nur wünschen konnte. Im Laufe des Vormittags kam unter vielen andern der angekündigte Brief. Poststempel Hamburg, großes breites Hotelkuvert. Er schob ihn weg, las einen Teil der Einlaufe – nahm ihn wieder auf, wog ihn, betrachtete ihn. Er war sorglos zugeklebt, klaffte ein wenig an den oberen Ecken. Ihn öffnen und unmerkbar wieder schließen wäre spielend leicht ... Der Gedanke durchzuckte ihn nur, aber selbst dessen schämte er sich, und ohne längeres Zögern nahm er den Versucher und trug ihn hinüber in das Schreibzimmer Emmis. Mitten auf ihre große dunkle Mappe legte er ihn; beim Eintreten, auf den ersten Blick mußte sie ihn sehen. Wäre sie nur wieder da, in diesen Räumen, die zu ihr passen, zu denen sie paßt, in denen jede Einzelheit das Gepräge ihres Wesens trägt. Unsre Wohnung – unsre erweiterte Kleidung. Hier lebte sie, ihr feiner Geschmack, ihr Schönheitssinn, hier fand er sie. In ihrem letzten Briefe, ihrem Telegramm fand er sie nicht. Wäre sie nur wieder da! Inniger denn je würde er sie an sein Herz schließen, sie, sein Weib, sein Kind, sein höchstes Gut ... Wie wollte er sie empfangen, wenn sie auf einmal, plötzlich vor ihn hinträte! ... Er spielte mit dem Gedanken an eine Überraschung, die sie plane: gar zu fern lagen ihr dergleichen Scherze nicht. Die Tür des anstoßenden Zimmers, die auf den Gang führte, wurde geöffnet, Schritte näherten sich. Der alte Schloßwärter machte seine Runde, kam herein und fuhr beim Anblick des Herrn erschrocken zusammen: »Jesus!« Seine Knie, seine Hände zitterten; ein Wunder, daß die mit Blumen gefüllte Vase, die er trug, ihm nicht entfallen und in Scherben gegangen war. Was sich in Jahren nicht begeben hatte, geschah. Georg schrie den alten Diener heftig an: »Leonhard! Was ist Ihnen? Warum erschrecken Sie? Bin ich ein Gespenst?« »Oh – oh – oho!« brummte tief beleidigt durch diesen Ton der Verweser des Hauses und stellte die Vase auf ein Tischchen im Fenster. »Was soll das?« fragte sein Gebieter. »Warum stellen Sie hier Blumen auf? Die Gräfin ist ja nicht da.« »Freilich nicht.« »Und kommt auch nicht so bald.« »Gott bewahr, noch lang nicht.« »Wozu also?« »Daß alles in Ordnung ist.« »Und daß die Blumen ungesehen hier verwelken.« Leonhard sprach nicht mehr, öffnete ein Fenster nach dem andern, rückte die Möbel, warf ungeduldige Blicke nach seinem Wischzeug, das in einer Ecke bereit stand, gab augenfällig zu verstehen, daß er in seiner Tätigkeit nicht gestört sein wolle. Georg entfernte sich. Es war ja schön von dem Alten, daß er die Gemächer der Herrin in ihrer Abwesenheit so nett hielt und schmückte wie in ihrer Anwesenheit. Er trieb eben einen Kultus mit ihr, vergötterte sie, wie alle im Hause taten. Da war niemand, der ihren Tadel nicht als gerecht empfunden, der sich durch ihr Lob nicht beglückt gefühlt hätte. Verwöhnt ist sie, dachte er, und wieder regte Bitterkeit sich in ihm. Einmal hatte die Schwägerin einem ihrer Briefe das Postskriptum zugefügt: »Wir befinden uns beide vortrefflich und unterhalten uns sehr gut.« Auf seine scherzende Frage: »Mit wem am besten?« war die Antwort unterblieben. Und er wollte nicht darauf zurückkommen, obwohl, ja – obwohl ... Eifersucht war in seinen Augen Selbsterniedrigung. Jetzt versank er plötzlich tief in ihren Abgrund. Daß er die Möglichkeit nie angenommen hatte, Jugend, Frohsinn, Leidenschaft könnten den Sieg davontragen über seine Reife, seinen Ernst, seine zurückhaltende Liebe, war doch eigentlich Selbstüberschätzung gewesen ... Er gab sich schonungslos davon Rechenschaft, schwer aufs Herz fiel ihm auch der Gedanke an das Unausgesprochene in ihren Augen, nach dem er so oft gern gefragt hätte und nie gefragt hatte. Warum? Aus Stolz, aus Eitelkeit. Aus demselben Grunde, der ihn jetzt abhielt, der unwürdigen Zweifelsqual, in die er sich immer mehr einspann, ein Ende zu machen und ihren Brief zu lesen. Aus demselben Grunde, er gab es zu. Aber gleichviel warum, er wollte nicht, nahm eine Arbeit vor, vertiefte sich mit Gewalt in sie, vergaß, konnte sich wenigstens eine Stunde lang weismachen, daß er vergaß. Dann unternahm er in der Mittagsglut einen weiten Ritt, und er, der für einen übertriebenen Pferdeschoner galt, brachte seinen edlen Liebling müdgehetzt, schweißtriefend, mit fliegenden Flanken nach Hause. »Ist die Post gekommen?« war seine erste Frage. Noch nicht. Er ließ sich umkleiden, nahm im Fluge das längst bereitete Mittagessen und begab sich in sein Schreibzimmer. Dahin war inzwischen die Nachmittagspost gebracht worden. Ein großes Paket, das er hastig durchsah. Dabei – er schämte sich vor sich selbst – zitterte ihm die Hand. Soviel Geschreibe, und von ihr nichts, keine Zeile ... Aber doch – Gott sei Dank! Auf dem Pult neben dem Schreibtisch, allein und recht sichtbar gemacht, lag ein großer Brief. Ihre Schrift, seine Adresse ... Er griff danach und lachte grimmig auf. Das war ja der, den er vor einigen Stunden in ihr Zimmer getragen. Leonhard hat ihn gefunden, wie er meint, und herübergebracht ... Er warf ihn auf das Pult zurück, ergriff ihn wieder, hielt ihn in der Hand ... Daß er sich Stunden, in denen er vor einer großen Wendung in seinem Leben steht, so vergällen läßt ... Nicht bloß töricht, verächtlich kommt er sich vor. Ernst? – er muß ihn kennen. Scherz? – er ist eben nicht gestimmt, auf ihn einzugehen. Im nächsten Augenblick ist der Brief aufgerissen ... Er enthält – Georg traut seinen Augen nicht – ein weißes Blatt ... Genarrt! Sie hatte mit ihm gespielt, das war das Ärgste, und das hatte sie gewagt. Alle Liebe, Bangigkeit, Eifersucht war aufgelöst in Groll und Zorn, in einen brennenden Durst nach Strafe und Rache ... Er wird sie lehren, was es heißt ... »Georg!« Die Stimme der Heißersehnten, Vielgeliebten, schwer Verklagten hatte seinen Namen so zärtlich und schmeichelnd ausgesprochen, wie von allen Stimmen der Welt nur sie allein ihn aussprechen konnte. »Georg!« Sie stand da im Hut und langen lichten Reisemantel, schön und schlank, ein wenig scheu, mit den Augen fragend, in ihrer unaussprechlichen Lieblichkeit und Macht ... Schuldig? Nein, und doch schuldig. Er hielt ihr das weiße Blatt entgegen: »Was soll das heißen?« Ein tiefes, freudiges Aufatmen, ein heller Jubelruf antworteten ihm: »Du hast es nicht ausgehalten, du hast ihn aufgemacht ... Gleich? Lange schon? Jetzt erst? Georg, du Liebster, Liebster!« Sie wollte auf ihn zueilen, er streckte den Arm abwehrend aus: »Was das heißen soll, frag ich.« Sie faltete die Hände und antwortete leise: »Es soll heißen: wenn ich diesen Brief uneröffnet auf meinem Tisch gefunden hätte, so recht gleichgültig uneröffnet, wäre ich sehr traurig gewesen.« »Welcher Unsinn! Wieso? Warum?« »Weil ich mir hätte sagen müssen: Gib ihm nur Rätsel auf, er denkt nicht daran, sie aufzulösen, es ist ihm nicht der Mühe wert.« »Emmi!« »Er hat nicht gefragt: Was kann sie bereuen geschrieben zu haben? Worüber quält sie sich? Kindereien, von denen er zeitig genug hören wird, die zu erfahren er gar nicht neugierig ist.« »Und dann?« »Dann hätte ich dich genauso liebgehabt, wie ich dich jetzt habe, mehr oder weniger kann ich nicht; aber gewußt hätte ich, was ich bisher bezweifelnd befürchtet habe und was mich oft sehr leiden gemacht hat ...« Sie hielt zögernd inne. »Weiter! Weiter!« »Einen besonders wichtigen Platz nehme ich in deinem Leben nicht ein.« »Was du zweifelnd befürchtet und nie ausgesprochen hast? Warum?« »Du hättest geantwortet: Was fällt dir ein? Du bist ein Kind.« »Um darüber ins klare zu kommen, hast du dir ein seltsames Mittel ausgeklügelt ... Mit Hilfe der Schwester – was?« »Ganz allein. Sie war schon fort. Ihr Mann sehnte sich so sehr ... Sie ließ mich seine Briefe lesen. Da hieß es immer: ›Wann kommst du? Wann sehe ich dich endlich wieder?‹; Du schriebst ... du schriebst anders, und die Entfernung, weißt du, die ist gefährlich ... in der Nähe sah ich nur deine Güte, deine Liebe ...« Er war voll Ungeduld. »Darf ich dich nicht bitten, deinen Hut und deinen Mantel abzulegen?« fragte er spöttisch und fühlte dabei, daß der Wunsch nach Versöhnung in ihm wuchs und wuchs. »Und wissen möchte ich, wie kommst du so plötzlich daher – warum hast du dich nicht angesagt?« »Ich hab's getan – bei Leonhard.« »Ja so.« »Habe ihm telegraphiert, daß er mir den Wagen auf die Station schicken, dir aber nichts sagen soll, weil ich dich überraschen wollte.« Sie hatte den Hut und den Mantel abgenommen, sich auf den Diwan gesetzt und begann nun langsam ihre Handschuhe auszuziehen. Er trat vor sie hin, sah streng und schweigend, wie ein Richter auf eine Schuldige, zu ihr herab, und als sie ihm die Hand entgegenstreckte, kreuzte er die Arme. »Du hast also diese ganze Veranstaltung getroffen, um – was zu prüfen?« »Die Art deiner Liebe zu mir.« »So, und jetzt bist du darüber im reinen?« »Halb und halb«, erwiderte sie und lächelte ihn sanft und glücklich an. Nur nicht lachen, nicht lachen! dachte er, sonst bin ich verloren. Sie lachte nicht, sie sprach mit innigster Bitte: »Gib mir die Hand, Georg, und komm, setze dich zu mir, laß mich nicht so aus der Tiefe zu dir emporrufen.« Nun flog endlich ein Lächeln über sein Gesicht, er gab nach, nahm Platz an ihrer Seite und ließ ihr die Hand, die sie mit ihren beiden Händen umfaßt hielt. »Ich will dir alles sagen, höre mir zu. Ich habe immer gewußt: Er liebt mich. Warum auch sollte er nicht? Er fühlt ja, daß ich ihn anbete; er sieht, daß er um mich beneidet wird, ich mache ihm Ehre. Das ist und hat so zu sein und gebührt ihm, der mir alles ist, dem ich – etwas bin.« »Etwas?« »Sagen wir viel, aber ich habe es nicht genug gefunden, und vor allem nicht das Rechte. Ich habe gefühlt: Er schließt sich mir nie ganz auf. Er hütet vor mir das Geheimnis seiner Liebe, weil er ... weil er fürchtet, ich könnte sie mißbrauchen. Ist es so?« »Und darüber sollte diese seltsame Probe dich aufklären?« »Sie hat es getan, Georg. Du hast die Möglichkeit annehmen müssen, daß in mir etwas vorgehen könne, von dem ich dir nicht Rechenschaft geben wollte. Etwas – verzeih, Lieber, Liebster –, das nicht völlige Unterwerfung war. Du hast über mich nachgedacht, ernstlich wie nie, dich vielleicht gefragt: Geschieht's zum erstenmal, daß sie mir ihr Vertrauen vorenthält? Und wenn nicht und wenn ich ihr ganzes Vertrauen nicht genommen habe, habe ich sie dann auch ganz glücklich gemacht? ... Mit dem Zweifel sind andre gekommen – für mich nicht sehr schmeichelhafte. Ja?« »Ja! Und wie diese Zweifel mir getan haben, und ob ich unter ihnen gelitten habe, danach fragst du nicht?« »Ich frage, und in meiner grausamen Liebe juble ich, und in meiner unaussprechlich zärtlichen Liebe hoffe ich: Es wird nicht sehr viel gewesen sein.« Sie hatte beide Arme um seinen Hals geschlungen und sah ihm tief und warm in die Augen. »Da irrst du.« Er widerstand nicht länger, er zog sie fest an sein Herz und sagte ihr, wie schwer seine Briefe voll lauterer Weisheit ihm geworden waren, und gab ihr Rechenschaft von jedem törichten Gedanken, jeder Regung schnöder Eifersucht, jeder Verdächtigung, von seinem Vorsatz, zu strafen und sich zu rächen. »Verzeih, verzeih!« wiederholte sie immer nur, den Kopf an seine Brust gepreßt. Er streichelte sanft ihre Haare, ihre Wange: »Sag doch selbst, wär's nicht schöner gewesen, wenn es dir nicht gelungen wäre, mich in diese Versuchung zu führen, in der ich unterlegen bin? Wenn ich ganz ruhig geblieben wäre und gedacht hätte, ich verstehe sie nicht, aber sie will's, so muß es das Rechte sein, und ihr Wille geschehe.« »Sublim wär's gewesen, halbgottmäßig, nur geholfen hätte es mir nicht. Wie immer wäre ich anbetend und frierend vor deiner Größe gestanden. Viel ärmer als jetzt, da ich erfahren durfte, daß sich ganz tief im Innersten deiner Unnahbarkeit und Vollkommenheit eine süße kleine menschliche Schwäche verborgen hält. Gönnst du mir mein Glück?« »Gewiß«, sprach er, aber ein letzter verschwimmender Schatten trübte ihm den Glanz dieser Stunde. »Und doch – ich kann mir nicht helfen, mir ist, als wären wir beide kleiner geworden.« »Wir werden wieder wachsen, ich habe unendliches Vertrauen«, sagte sie und küßte ihn. Die eine Sekunde Die Trauergäste hatten den Friedhof verlassen, nur ein Geschwisterpaar, ein stattlicher alter Mann und eine schlanke, viel jüngere, wenn auch längst nicht mehr junge Frau waren noch an dem mit Blumen überreich geschmückten Grabe stehengeblieben. Der Spätsommerabend begann kühl zu werden, aber der Mann ließ sein weißhaariges Haupt unbedeckt, hielt seinen Hut in den gekreuzten Händen und blickte unverwandt zur Erde nieder. Er war groß und breitschultrig, schon etwas gebeugt, die hohe Stirn von Falten durchfurcht. Auf seinem bartlosen gebräunten und energischen Gesicht lag ein Ausdruck von lächelnder Wehmut, eine Rührung, eine Weichheit, die ihm beinahe etwas Jugendliches gaben. Seine Schwester betrachtete ihn schweigend. Ist, die da unter Blumen ruht, eine der vielen gewesen, die er einst geliebt hat, eine der vielen, vielen, von denen er geliebt wurde? Es flog ihr nur durch den Sinn, hinterließ nicht die Spur eines Zweifels. Nein, nein, die Herzensruhe dieser stillen, klaren Frau hat er nie gestört, sie ja auch im Leben eher gemieden als aufgesucht. Was bewegt ihn jetzt? und warum ist er bei der Nachricht ihrer Erkrankung so rasch hierhergeeilt? Sie sprach diese Gedanken nicht aus, sie mahnte nur zum Aufbruch, denn es war spät geworden und Zeit, den Heimweg anzutreten. »Gehen wir«, sagte er, blieb aber noch einen Augenblick stehen, schwenkte seinen Hut mit einer großen, feierlichen Gebärde grüßend vor dem Grabe und murmelte leise: »Dank!« Dann gingen sie lange nebeneinander hin, über Feld- und Wiesenwege, an kleinen freundlichen Gehöften vorbei, der Straße zu, die, allmählich aufsteigend, durch eine villenreiche Ortschaft zu ihrer Behausung führte. Sie war Eigentum der Schwester, ein netter, wohnlicher Bau ohne überflüssigen Zierat, lag mitten in einem liebevoll gepflegten Garten und hatte eine traumhaft schöne Aussicht über die Stadt, den Fluß mit seinen Auen, den langen dunklen Zug der bewaldeten Berge. Die Geschwister waren rüstig gewandert und dennoch erst bei einbrechender Nacht zu Hause angelangt. Sie hatten wenig und nur von gleichgültigen Dingen gesprochen. Nun, nach dem Abendessen, saßen sie am Tisch in der verglasten Veranda, beim sanft gedämpften Licht der elektrischen Lampe. Beide rauchten; er zurückgelehnt in seinen Lehnsessel, sie aufrecht in dem ihren. Die Zigarre zwischen den Zähnen, strickte sie mit feinen geschickten Fingern emsig an einer Kinderjacke. Ihr Bruder unterbrach das Schweigen plötzlich. Seine klaren blauen Augen sahen die Schwester fragend an: »Theo, sag mir, bin ich sentimental?« Sie mußte lachen: »Nein, mein Lieber, wirklich nicht.« »Nun – und doch, und doch –« wiederholte er mehrmals. »Die Frau, die wir heute begraben haben, ist nie meine Geliebte gewesen, aber das größte Glück, das ich je durch eine Frau erfahren habe, hat sie mir geschenkt.« Er schwieg wieder, und sie fragte nicht; sie fragte nie und erfuhr doch alles von ihm, oft mehr, als sie zu erfahren wünschte. Sie rauchte und strickte weiter und sann über das Rätsel nach, das er ihr aufgegeben hatte. Das ganze Dasein der Entschlafenen war so ruhig und ereignislos verlaufen, lag klar vor aller Augen, es konnte ein Geheimnis nicht bergen. Sie hatte ihn als den großen Künstler, der er war, bewundert, für seine Arbeiten das feinste und tiefste Verständnis gehabt – persönlich nahe schienen sie einander nie getreten zu sein. Jetzt begann er wieder: »Ich hätte sie so gern noch gesehen vor ihrem Tode, ich hab ihr was sagen wollen ... Du warst zu klein, du hast nichts davon gewußt, und später, wie du groß geworden bist, war's lang vergessen, daß ich als sechzehnjähriger Bub verliebt gewesen bin in die schöne ältere Kusine.« »Nein, davon habe ich nicht die geringste Ahnung gehabt.« »Verliebt«, fuhr er fort, »und dabei so unschuldig mit meinen sechzehn Jahren, wie's heutzutag kein Zwölfjähriger mehr ist. Und diese Liebe und diese Unschuld, die haben miteinander eine inbrünstige Anbetung zuweg gebracht. Ich hätte mich für ein gutes Wort von ihr schinden, brennen, steinigen lassen. Ich war ein übermütiger Bub, dem die Haut alle Augenblick zu eng geworden ist, sie war ruhig, majestätisch und lieblich, und sie hat so schön gesungen! Und wenn sie gesungen hat, was ich am liebsten gehabt hab und heut noch hab: Lieder von Schubert, da war manchmal in ihrer Stimme etwas voller Sehnsucht, und da hab ich Wonnequalen ausgestanden und – genossen. Gesagt – nie ein Wort. Aber mein dummes Gesicht hat verraten, was in mir vorgegangen ist, und die Vettern und Basen haben mich mit großer Roheit und Grausamkeit ausgespottet. Manchmal hab ich mir's gefallen lassen, manchmal nicht, und wenn nicht, dann hab ich ihnen mit Antworten aufgewartet, die ihnen die Lust genommen haben, ihre Schnäbel an mir zu wetzen. Dazu hat dann sie gelächelt, und das war bitter für diese Gimpel, die weniger oder mehr alle in sie verliebt gewesen sind.« Er unterbrach sich und fing nach einer Weile wieder lebhaft an: »Erinnerst du dich noch der großen Familienversammlungen, die's alle Sommer beim Großonkel in Ungarn gegeben hat?« »Freilich, 's ist lange her, es war immer sehr schön und festlich.« »Also, noch viel länger her, als wie du dich erinnerst, sind einmal die Eltern der Johanna mit ihr zu uns gekommen, damit wir die Fahrt nach Ungarn zusammen unternehmen. Eisenbahnen hat's da hinunter noch nicht gegeben, so sind drei Wägen eingespannt worden; ein offener für die zwei Väter und zwei Gläserwägen, einer für die Mütter, einer für die Johanna, für die Zofe und – für mich. Es war Hochsommer und sehr heiß, und die Tante hat – noch im Grab soll sie dafür gesegnet sein – die Hitze nicht vertragen. So ist bestimmt worden, daß wir in der Nacht fahren, bei Mondenschein und Sternenglanz. Alles war prächtig, nur hat mich gewurmt, daß der alte Johann, bevor er zum Kutscher auf den Bock gestiegen ist, eine Pistole zu sich gesteckt hat. Teufel auch! Das hätte mir einfallen sollen, eine Pistole in meiner Brusttasche hätte sich gut gemacht. Indessen – ich hab's halt versäumt gehabt, und nachdem der Wagenschlag ins Schloß gefallen war, da hat's in meinem Herzen nur noch Platz für eine große Glückseligkeit gegeben. O Wonne ohnegleichen! Jetzt werd ich mit ihr sein, eine ganze Nacht, weit fort von der Welt, von allen andern Menschen. Eine ungeheure Lustigkeit hat mich gepackt, das tollste Zeug ist mir eingefallen, ich hab drauflos erzählt und geplauscht, und wenn sie über meine Witze gelacht hat, war ich betrunken vor Stolz. Die Kammerjungfer hat im Anfang bescheiden mitgekichert, dann ist sie eingeschlafen, die gute Person, und jetzt waren wir sozusagen allein. Da aber hat es mich überkommen: Herr Gott im Himmel, wenn ich doch ein Mann wär, der von gescheiten Sachen mit ihr spricht, nicht nur ein Junge, ein Bub, der sie lachen macht mit seinen Spaßen ... Auf einmal war es aus mit meiner Fröhlichkeit; ich nehm mich zusammen, sie soll sehen, daß mir auch ernste Dinge im Kopf herumgehen, und ich frag sie, ob sie sich denken kann, daß ich ein Geheimnis hab, das ich mit mir herumtrage, schon lang, ich weiß gar nicht wie lang, und daß ich es ihr anvertrauen will. Im Anfang hat sie nicht recht gewußt, was sie aus meinen Reden machen soll, war aber bald gewonnen und hat sich gar nicht sehr gewundert, wie ich geschworen hab, daß ich – die Eltern sollen tun und sagen, was ihnen beliebt – nichts andres werd in der Welt als ein Bildhauer. Zwei Jahre, in Gottes Namen, büffel ich noch, dann, wenn's nicht anders is – geh ich durch, zum großen Meister in Paris, und dort werd ich ein Lehrling, ein Schüler – ein Könner. Was ich alles zusammenbramarbasiert hab, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich, daß sie gesagt hat: ›Daß du Talent hast, sehen ja alle.‹ – ›Nur ausbilden soll ich es nicht‹, hab ich aufgeschrien, ›nur als Spielerei soll ich's betreiben ... Sie bilden sich ein, mich schon herumgekriegt zu haben, sie irren sich. Wie sie sich irren, is mein Geheimnis, und das hab ich dir jetzt anvertraut.‹ Sie hat gemeint, es wird zum Durchgehen nicht kommen, zu einem so verzweifelten Schritt werden mich die Eltern nicht treiben. Für meine verschwiegenen Qualen war sie voll Teilnahme, hat wissen wollen, wann ich zum erstenmal gefühlt hab: Das ist mein Beruf; und wie mir war, als die Flamme zum erstenmal geknistert hat ... Ja, wenn ich's gewußt hätte – und ob das je einer gewußt hat? Was war mir auch an der Vergangenheit gelegen? All und alles nur an der Zukunft. Von der hab ich gesprochen, von meinen großen Plänen, von allem, was ich tun und leisten will. Voll Aufmerksamkeit hat sie zugehört, manchmal nur meinem Eifer kleine Dämpfer aufgesetzt, ist immer stiller worden und sagt endlich: ›Es muß sehr spät sein, ich möchte nicht ganz unausgeschlafen ankommen. Laß mich jetzt schlafen, und schlaf auch du!‹ Und hat sich in die Ecke gelehnt. ›Gute Nacht.‹ Das hat mich furchtbar gekränkt. Ich sag ihr alles, was ich von mir nur weiß. Meine ganze Seele is Feuer und Flamme, jeder Nerv, jeder Blutstropfen hellwach, und sie sagt: Schlaf! Na – wenn sie's sagen kann ... Also schluck ich meinen Zorn hinunter und meinen Schmerz und würg heraus: ›Gute Nacht.‹ Sie muß gemerkt haben, daß sie mir weh getan hat, und sagt noch einmal sehr lieb und herzlich: ›Gute Nacht.‹ Ich hab mich in meinen Winkel gedruckt und mich geschämt, weil das Weinen mir nahe war, und hab sie immerfort angeschaut. Sie konnt es nicht bemerken, auf meiner Seite war's ganz finster, auf die ihre ist das volle Mondlicht gefallen. Herrgott, wie schön war sie in diesem weißen Glanz! ... Der heilige Ernst auf ihrer Stirn und um den Mund mit den vollen, weichen, sanften Lippen, die sich manchmal ganz leise bewegt haben. – Ich schau und schau und rühr mich nicht, aber in mir tobt ein Aufruhr. Ja, ich werd es erreichen, ich werde schöne Schöpfungen Gottes nachschaffen ... Verworren und nebelhaft waren meine Gedanken, aber etwas hat werden wollen, und in dieser Nacht is ein Keimlein entstanden ... dasselbe, aus dem zwanzig Jahre später die Vittoria Colonna herausgewachsen is, die mir soviel Ehr eingetragen hat. Also: ich druck mich in meinen Winkel und schau ... und rühr mich immer nicht. Und jetzt seh ich, daß sie die Hände hebt und ganz langsam ihren dünnen Schleier zum Hutrand hinaufschiebt, sich zu mir beugt immer näher ... Ich fühl ihr Gesicht nah an meinem, und – mir vergeht der Atem – ihre Lippen liegen auf meinen Lippen, einen wunderbaren, kleinen, kurzen Augenblick. Dann richtet sie sich wieder leise auf, lehnt sich zurück und macht die Augen zu ... Ich war tot – gestorben vor Glück, hoch weggeflogen über die Welt. Ich war wie einer, an dem ein himmlisches Wunder geschehen ist. Was soll der noch auf Erden? was kann ich noch erleben, was will ich noch erleben? Ja, ja, liebe Theo, es gibt in der Welt der Vergänglichkeit Dinge, die nicht vergehen. Der Augenblick is in meinem Leben das, was nicht vergeht. An Glück in der Liebe hat es mir nicht gefehlt. Edle, stolze Frauen, so manche, die heute noch für unnahbar gelten, haben mir schöne Stunden und Tage geschenkt. Ich bleib ihnen dankbar, aber manchmal, wenn ich nachdenk, geschieht mir's doch, daß ich mich frag: War's die oder die? War's früher oder später, da oder dort? ... Der Augenblick, die einzige Sekunde, steht immer da in meiner Erinnerung, immer gleich groß und einzig, und funkelt wie ein Stern, in den alle andern Sterne ihr Licht ergossen haben ... Die Kammerjungfer is aufgewacht, hat sich entschuldigt, daß sie geschlafen hat: ›Nur weiter, ich leiste Ihnen Gesellschaft‹, sagt die Herrin, und bald merk ich an ihren leisen, regelmäßigen Atemzügen: Sie schlaft sanft und tief. Ich hab sie nicht mehr deutlich sehen können, denn der Mond war schon blaß geworden, und der Morgen hat gegraut, aber ihren Kuß hab ich immer noch auf meinem Mund gefühlt und die Wonne ihrer Nähe still und lautlos genossen. Wir sind im Schritt und langsam einen Berg hinaufgefahren. Der Weg war gut, der Berg war nicht steil, der Wagen wie eine Wiege. Manchmal hat ein Rad geknarrt, manchmal hat ein Pferd geschnaubt ... Nach allen den ausgestandenen Gemütsbewegungen haben meine gesunden sechzehn Jahr ihr Recht gefordert – ich hab nicht mehr viel von mir gewußt, bis mir zuletzt nur noch geträumt hat, daß ich wach bin. Wirklich bin ich's worden über viel Lärm und Geschrei, das sich um unsre Wägen herum erhoben hat. Wir waren angekommen, und so früh am Tag es noch gewesen is, alle Hausleute, alle Gäste waren auf und haben uns willkommen geheißen. Man kennt die ungrische Gastfreundschaft. Was das Haus vermocht hat – und es hat viel vermocht –, is zur Unterhaltung der Gesellschaft geschehen. Alle waren hoch zufrieden, lustig und vergnügt, nur ich der unglücklichste Mensch, denn ich hab zusehen müssen, wie die Johanna umringt und gefeiert worden is, wie alle Herren, die jungen und die alten, ihr gehuldigt haben, indessen ich zu den Adoleszenten gesteckt worden bin. Ich war in dem Gewühl ganz getrennt von ihr, hab mich auch ferngehalten, war wütend über sie, weil sie den Leuten so gut gefallen hat, bin ihr ausgewichen in meiner Eifersucht, ich dummer Bub, während mein ganzer Mensch mit Leib und Seel nur eine Sehnsucht nach ihr war. Einigemal hat sie mich gefragt: ›Was ist dir denn?‹ und ich hab trotzig geantwortet: ›Nichts.‹ Sie hat mich verwundert angesehen, nicht traurig, nicht vorwurfsvoll, nur – verwundert. Die Eltern haben's in dem Getreib nicht lang ausgehalten, wir sind nach Haus gefahren, die andern sind geblieben, auch nach den Festlichkeiten, weil die Tante krank geworden is. Im Herbst hat man sie dann nach dem Süden geschickt. Sie hat sich nicht mehr erholt; das weißt du ja.« »Gewiß«, sagte die Schwester. »Es war so traurig, ihr langes Siechtum, und daß sie in der Fremde hat sterben müssen und daß sie die Verheiratung Johannas nicht mehr erlebt hat. Du warst damals in Paris, zwei Jahre schon.« »Ja, ja. Die ersten Lehrjahre in der Schule bei meinem großen Meister waren schon durchgemacht, und auch, was man so das Leben nennt, hatte ich kennengelernt. Und mir eingebildet: Das is das wahre, das reiche, das unerschöpfliche Leben. Damals aber, wie ich den Brief bekommen hab, in dem du mir geschrieben hast, daß die Johanna Braut is, hat's mir doch einen starken Ruck gegeben, und an dem Abend hab ich mich gelangweilt in der heitersten und der hübschesten Gesellschaft. Die Nacht im Reisewagen is vor mir aufgestiegen in ihrer Glorie und hat das Geflimmer und Geflimmsel um mich her jämmerlich verdunkelt ... Nicht für lang, es ist wieder Feuer worden ... Feuer – in jener Nacht war's eine Flamme, die ihr himmlisches Licht in meine Seele ergossen hat. Und ich hab gewußt, und ich hab mir gemerkt: Vergleiche nie ... Das wirst du nie wieder empfinden, ebensowenig wie du je wieder sechzehn Jahre jung werden kannst, ebensowenig wie eine zweite Johanna geboren werden kann.« »Sie war sehr, sehr lieb«, sagte die Schwester, »aber du verklärst sie. Ich habe nicht gewußt, daß mein Bruder ein Dichter ist.« »Ach was! das is jeder echte bildende Künstler. Die Alhambra, der Moses, die Sixtinische Madonna sind gedichtet gewesen, bevor sie erbaut, gemeißelt, gemalt worden sind. Doch das gehört auf ein andres Blatt. Ich hab sagen wollen: Eins hab ich mir vorgenommen. Wenn ich sie wiederseh, frag ich sie: Warum hast du mich damals geküßt? Aus Mitleid? Aus Reue, weil du gemerkt hast, daß ich gekränkt bin? ... Aus Liebe? Aus einem plötzlichen, vorübergehenden Gefühl der Liebe? Sag mir warum! Ja, ja, fest und oft hab ich mir's vorgenommen. Aber wie ich sie zum erstenmal wiedergesehen hab, da war sie eine junge Frau und eine junge Mutter und so voll Hoheit in dieser doppelten Würde, daß ich meine Frag nicht herausgebracht hab, wie heiß sie mir auch auf den Lippen gebrannt hat. Auch später is es mir so gegangen. Eine Art Rechenschaft verlangen von ihr – von dieser Frau – das geht nicht. Auch hab ich gewußt: Nach der Frag kämen andre, die ich nicht stellen darf. Also: schweigen – meiden. Meiden, das besonders wichtig. Hab mich denn ferngehalten, mich nur unbändig gefreut, wenn ich gehört hab, daß sie in Begeisterung geraten is über eine oder die andre meiner Arbeiten. Oder wenn sie mir's geschrieben hat. So gewußt wie sie, was ich in meiner Kunst gewollt hab, hat niemand, niemand, niemand! Dabei bin ich durchs Leben spaziert mit meiner unbeantworteten Frag. Hab zuletzt auch gar nicht mehr fragen wollen. Nur wie sie schwer krank geworden is, da war's bald bei mir ausgemacht: Sie soll nicht sterben, bevor ich, der Greis, ihr, der Greisin, gesagt hab: Du hast mich einmal, vor langer Zeit, über alle Begriffe glücklich gemacht. Na – ich bin zu spät gekommen.« Er biß sich auf die Lippen, eine Röte überflog sein energisches Gesicht, seine Stimme ward rauh. »Daß mir's so leid tut, is sentimental. Hol's der Kuckuck, ja, ich bin ein alter Narr, ich bin sentimental.« Die Augen der Schwester ruhten nachdenklich auf seinen bewegten Zügen. Sie legte die Zigarre weg und reichte ihm über den Tisch ihre Hand: »So sei in Gottes Namen sentimental.« Ein Lied Er gehört zu den Starken und hat sogar als Kind nie geweint. »Weil er nicht will – aus Trotz«, sagte der Vater. »Weil er nicht kann«, sagte die Mutter. Und sie glitt ihm sanft und leise mit der Hand über den Kopf: »Wenn du's nur nicht noch einmal lernen mußt.« Es ist ein ausgezeichneter Mann aus ihm geworden, er nimmt, an Erfolgen und Ehren reich, eine wichtige Stellung ein, ist nie besonders geliebt, aber immer außerordentlich geachtet worden. In seiner Ehe ist er weder glücklich noch unglücklich. Seine gute Frau lebt mehr mit und in ihren Kindern als mit und in ihm. Es sind schöne, gesunde, begabte Kinder, und er freut sich darüber, aber doch nur wie über etwas Selbstverständliches; anders als wohlgeraten können doch seine Kinder und die der Frau, die er erwählt hat, nicht sein. Er hatte einst einen Liebling in dieser Schar; das wurde ihm aber nicht verargt, denn sein Liebling war auch der aller übrigen, ein fünfjähriges Büblein, das geboren schien, um durch sein bloßes Dasein alle Herzen zu erquicken. Wie Gestalt gewordene Lebensfreude wirkte sein Anblick, er heimste allenthalben Liebe ein und verschwendete sie übervollen Herzens an Menschen, an Tiere, an Blumen. Von seinem ersten Tage an hatte er in Fülle der Gesundheit geblüht, als ihn plötzlich ein schweres, schmerzvolles Leiden mit unheimlicher Heftigkeit tückisch überfiel. Er bäumte sich zornig auf und wehrte sich gegen den fremden Feind mit allen seinen Kräften, er ballte die Fäustchen, stöhnte, jammerte und weinte. Der Vater trat zu ihm, faßte seine Hand und redete ihm zu: »Nicht weinen! Ein wackerer Bub weint nicht, wenn ihm etwas weh tut. Ein wackerer Bub, der singt, davon wird's besser.« »Ja?« Das Kind sah zu ihm empor, lag eine Weile ganz still, seufzte tief auf und begann zu singen. Leise, mühsam hervorgepreßt, dann immer heller und heller kam aus der kleinen keuchenden Brust der Anfang eines fröhlichen Kinderliedes, ertönte glockenrein – und erlosch in einem Schluchzen. Das Kind ist wenige Tage darauf gestorben, und der Vater hat den schwersten Verlust, der ihn treffen konnte, mit einem beinahe verletzenden Heroismus ertragen. Nun sind Jahre darüber hingegangen. Der starke Mann führt in strenger Pflichterfüllung sein gewohntes arbeitsvolles Leben fort. Segen ruht auf allem, was er unternimmt. Seine Kinder gedeihen und machen ihm Ehre. Viele beneiden ihn; er fühlt, daß er zu danken hat und nennt sich einen Glücklichen. Aber manchmal erwacht er des Nachts. Der Anfang eines fröhlichen Kinderliedes klingt an sein Ohr. Ein vielgeliebtes Stimmchen hat sich erhoben, singt willensstark hell und glockenrein – schlägt plötzlich um und verhaucht in einem qualerpreßten Klagelaut. Und dann schmilzt in dem eisernen Menschen etwas, das sein ganzes Leben hindurch starr geblieben ist, und er bricht in einen Strom heißer Tränen aus. Vielleicht Vor fünf Jahren hatte ich zum letztenmal den Besuch meines Täuflings, des jungen Doktors der Philosophie Georg Baltin. Mit seinem verstorbenen Vater war ich befreundet gewesen von der Zeit an, in der ich Medizin studierte an der Universität Czernowitz und er Lehrling war in einem Kaufhause, dem er später als Chef vorstehen sollte. Das Schicksal fügte es, daß wir uns beide in dasselbe junge Mädchen, in die schöne Rektorstochter, verliebten. Er blieb Sieger und unsere gute Freundschaft ungetrübt. Zu guter Freundschaft kühlte sich auch allmählich meine heiße Jugendliebe ab. Ich war, um den Prozeß zu beschleunigen, verreist, hatte mir ein bißchen die Welt angesehen, große Städte besucht, große Kollegen kennengelernt. Heimgekehrt, siedelte ich mich nicht allzuweit von Czernowitz an, in der kleinen Stadt, wo ich geboren bin. Zu tun bekam ich bald mehr als genug, übte meine Praxis in der Stadt und auf dem Lande aus, war oft zu Gast bei meinem Freunde und konnte mich unbefangen an seinem Glücke freuen. – So vergingen zwanzig Jahre. Dann starb die Frau, und der Mann folgte ihr bald nach. Nun war der einzige Sohn meiner liebsten Menschen verwaist, und es wäre selbstverständlich gewesen, daß wir zwei uns recht herzlich aneinandergeschlossen hätten. Aber er fühlte ebensowenig einen Zug zu mir wie ich einen zu ihm. Wir hatten uns rein nichts zu sagen, wenn er mich alljährlich einmal pflichtschuldigst besuchen kam. Von Kind auf war ihm etwas Apartes eigen; nicht angenommen, nicht affektiert – davon keine Spur; er war auf das natürlichste nicht natürlich, wußte nichts von seinen Absonderlichkeiten. Ernst bis zur Lächerlichkeit für seine jungen Jahre, bekam er, ohne für andere bemerkbaren Grund, plötzlich Anfälle toller Lustigkeit, konnte über einen armseligen Witz, eine abgedroschene Anekdote lachen, daß er sich bog, daß seine überschlanke Gestalt Schlangenwindungen bildete. Studiert hatte er unheimlich gut für einen Burschen, dem seine Eltern keinen Vorwurf gemacht hätten, wenn er auch bei jeder Prüfung durchgefallen wäre. In der Schule und auf der Universität wurde er gehänselt wegen seiner langen Figur, seines Ungeschicks bei allen körperlichen Übungen und, nicht zum mindesten, um seiner gedankenlosen Großmut willen, war aber, im ganzen genommen, beliebt. Ein Problem, das freilich blieb er, büffelte nie und wußte immer. Da hieß es wohl, halb im Scherz und halb im Ernst: »Der hat's gut. Die andern müssen studieren, er braucht sich nur zu erinnern.« Trotz seiner außerordentlichen Begabung und einer Schärfe des Verstandes, die mich bei dem Knaben beinahe erschreckte und später beim Jüngling geradezu blendete, konnte der Mensch manchmal Fragen stellen, Urteile abgeben, deren ein dummes Knäblein sich hätte schämen müssen. In seinem Charakter kamen dieselben Unebenheiten zutage. Heute weich wie eine sentimentale Dame, morgen gleichgültig einem großen Unglück gegenüber. Auch seine Eltern hatten unter seinem wechselvollen Leben zu leiden, entschuldigten ihn jedoch, beteten ihn an. »Wie ihr ihn verzieht!« sagte ich, und: »Ach was! – die Verzogenen geraten besser als die Verprügelten«, meinte der Freund; und seine Frau setzte melancholisch hinzu: »Er ist ja unser Einziger.« Ich aber dachte: Gott tröst euch! Was würdet ihr mit mehreren Exemplaren dieser Art anfangen? Einmal hatte er sich besonders ungebärdig gegen seine Mutter benommen, kniete jetzt vor ihr und bat nicht um Verzeihung, sondern forderte sie stürmisch. Sie griff mit beiden Händen in seine braunen buschigen Haare, wiegte seinen Kopf sanft hin und her und fragte: »Hab ich dir schon einmal nicht verziehen?« Er stand auf, niemand hätte erraten können, ob er gerührt oder beleidigt sei. Am nächsten Tage hatte er rote Augen, blieb stumm und verschlossen, sah aus wie eine Wetterwolke, die im nächsten Moment platzen kann. Es ging viel in ihm vor, das ist gewiß, aber vorauszusehen, welchen Eindruck die geringste Veranlassung, ein einziges Wort auf ihn machen konnten, war unmöglich. Seine Eltern verstanden ihn gar nicht, doch erhöhte das nur ihre Bewunderung. Er war ihnen eben »zu hoch«. Mir wird es ewig unbegreiflich bleiben, wie diese zwei geradlinigen Leute zu dem verschnörkelten Sohne kamen. Wie mir erzählt wurde, bereitete er allen, die ihn kannten – oder zu kennen glaubten, denn wer kannte ihn? –, die größte Überraschung durch den Eifer, den er als Einjährig-Freiwilliger an den Tag legte. Ließ sich ruhig auslachen und andonnern wegen seiner Unbeholfenheit, erfüllte gern und gewissenhaft die Anforderungen des Tages. Sein Vater glaubte ihn einmal loben zu müssen, er lehnte ab: »Warum denn? Es interessiert mich ja.« Man wollte von ihm sogar das denkwürdige Wort gehört haben: »Nicht Freiheit braucht der Mensch, der Mensch braucht Zucht.« Eine Nachwirkung hatte seine Militärzeit nicht auf ihn geübt, er blieb der alte, ewig neue, ewig andre. Im Anfang des Mannesalters soll er eine große Liebe gehabt haben, deren einzige Vertraute seine Mutter war. Sie hat nie mit mir darüber gesprochen. Das alles war nun lang vorbei und bisher noch nichts aus den glänzenden Hoffnungen geworden, die seine Eltern auf die Zukunft des Sohnes gesetzt hatten. Seit ihrem Tode verbrachte er, plan- und zwecklos, wie mir schien, seine Zeit auf Reisen, und das ging so fort durch vier Jahre, bis er mich, wie gesagt, vor fünf Jahren zum letztenmal besuchte. Sein Aufenthalt bei mir hatte immer nur ein paar Tage gedauert; dieser wollte nach mehreren Wochen noch kein Ende nehmen. Und ich wäre meinen Gast schon gern losgeworden. Er war mir nie so versonnen vorgekommen, ich wurde nicht leicht Herr meiner Entrüstung über ihn, gab mir freilich nicht allzuviel Mühe, sie zu verbergen. Er wußte, daß sein Bummelleben mir ein Ärgernis war. Was lag ihm daran! Wenn ich fragte: »Georg, wann wirst du dich entschließen, einen Beruf zu ergreifen?« konnte ich ihm keine andere Antwort erpressen als: »Das weiß ich noch nicht. Das muß sich erst machen.« Was sich machen müsse, blieb im Dunkel. Ich hatte gerade damals viel zu tun. Scharlachepidemie in der Gegend, viel Kranke, wenig Ärzte. Kam ich am Abend müde heim, verdroß es mich, den Müßiggänger dasitzen zu sehen in meinem Zimmer, auf meinem Schreibtischsessel in seiner Lieblingspositur. Die Füße auf einen hohen Schemel gestemmt, den Kopf zwischen die Hände gepreßt und bis zu den Knien herabgebeugt ... »Weißt du, wie du aussiehst?« sagte ich einmal. »Wie eine Heuschrecke, wahrhaftig. Ja, ja, mein Lieber, du bist eine hoffmannische Figur.« Er nahm das gar nicht übel, richtete sich langsam auf, und über sein blasses slawisches Gesicht glitt ein Lächeln. Dieses Lächeln habe ich mir gemerkt. Es war ein gar zu beredtes Lächeln, das Bewußtsein einer großen Überlegenheit sprach sich darin aus und eine so merkwürdige gütevolle Nachsicht! Wie ein großmütig Verzeihender streckte er mir die Hand entgegen. Und ich – statt ihm zu sagen: Was fällt dir ein? – ergriff und drückte sie. Weiß heute noch nicht warum. Wie er seine Tage verlebte, war mir bekannt. Er machte stundenlange Spaziergänge und wußte bei der Rückkehr nie, was für ein Wetter gewesen war. Er saß, in Gedanken vertieft, als Heuschrecke auf meinem Schreibtischsessel oder las in einem der wenigen philosophischen Bücher, die er mitgebracht hatte. Fechners Zend-Avesta befand sich darunter. Ob er seine Nächte ruhig verschlief, war mir zu fragen nicht eingefallen. Um so mehr fand meine Wirtschafterin, ein böses altes Klatschweib, es nötig, mir darüber einen Floh ins Ohr zu setzen. »Ja, der Herr Doktor, man möcht's nicht glauben, aber er ist doch auch so einer ...« Keinem Menschen möchte sie's verraten – oh, dafür stand die Ehre des Hauses ihr zu hoch; aber ich müsse doch wissen, daß der Herr Doktor die Nächte auswärts zubringe und nie vor Morgengrauen ... Ich fiel ihr ins Wort, verbat mir weitere Mitteilungen, aber ganz ohne Einfluß auf mich blieb ihr Geschwätz nicht. Völlig Erfundenes hatte die Plaudertasche mir doch wohl kaum erzählen wollen. Was sollte ich denken? – Genügten meinem Gaste seine endlosen Spaziergänge bei Tage nicht? Setzte er sie auch des Nachts fort? Hatte er im Städtchen oder irgendwo in der Umgegend eine Geliebte? – Daß er auf gemeine Abenteuer ausging, daran dachte ich keinen Augenblick. Ich kannte an ihm von jeher einen instinktiven Abscheu gegen alles Gemeine, er war ein im Innersten lauterer Mensch. So blieb die Sache geheimnisvoll, und zu dem Unbehagen, das seine Anwesenheit mir schuf, kam etwas lästig Rätselhaftes, worüber ich mich nicht entschließen konnte eine Aufklärung von ihm zu verlangen. Wir befanden uns in der ersten Hälfte des Juli. Auf der Rückkehr von einer meiner Rundfahrten gab es noch ein paar Krankenbesuche im benachbarten Dorfe zu machen. Von dort schickte ich meine arg mitgenommene Equipage nach Hause. Mich verlangte nach einem tüchtigen Marsch in der reinen, kühlen Nachtluft, nachdem ich so viele Stunden im Wagen und am Bette der Patienten sitzen und soviel verbrauchte Luft hatte schnappen müssen. Die Nacht war traumhaft schön. Dem Mondgesicht fehlte zur vollen Rundung noch ein Stückchen Wange, aber es behauptete sich dennoch glorreich im Sternengefunkel und ergoß schneeig hellen Glanz über die Erde. Ich alter prosaischer Doktor habe den Mondschein so gern, mir ist immer, als bade man in seinem weißen Lichte und wüsche Schmutz und Schuld von Leib und Seele ab. Mein Weg führte außerhalb des Dorfes am Friedhof vorbei. Er wird sehr gut gehalten. Die Leute widmen ihm große Sorgfalt und streuen meistens ihren Angehörigen mehr Blumen aufs Grab, als sie ihnen auf den Lebensweg gestreut haben. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß die sonst immer gewissenhaft verschlossene Gitterpforte des kleinen Gottesackers nur angelehnt war. Was hatte das zu bedeuten? Eine Nachlässigkeit des Totengräbers oder den Besuch irgendeines Liebhabers von armem Gräberschmuck? Wart du, dachte ich, dir wollen wir auf die Finger schauen, stieß das Tor weiter zurück und trat ein. Sah mich um, sah nichts, das einem menschlichen Wesen geglichen hätte. Der Friedhof lag ganz eben vor mir da in der Umgrenzung seiner Mauer. Wie eine müde hingelagerte Lämmerherde nahmen die schmalen Grabhügel sich im kalten, weißen Lichte aus. Nichts war zu hören als das Gezirpe einiger Grillen, keine Bewegung war zu bemerken außer dem Gleiten schleierhaft durchsichtiger Schatten über den Erdboden, wenn ein eiliges Wölkchen am schimmernden Monde vorüberflog. Trotzdem machte ich die Runde und sah lange Zeit nichts Auffallendes, bis es mir plötzlich erschien in der denkbar seltsamsten Gestalt. So seltsam, daß ich zuerst an eine Sinnestäuschung glaubte. Im Grase, dicht an ein Grab angeschmiegt, lag ein Mensch, lag – ich hatte ihn nicht gleich erkannt – Georg, mein Gastfreund. Er hatte die Mütze in den Nacken geschoben, das Ohr dicht an den Hügel gepreßt und schien in unbeschreiblicher Spannung zu lauschen. Der Mondschein fiel hell auf sein totenblasses bartloses Gesicht und verlieh ihm einen unnatürlich weißen Schimmer. Die Augen waren weit geöffnet, und aus ihnen starrte ein Ausdruck des Grauens und Entsetzens, die schmerzvoll verzogenen Lippen zitterten und zuckten, den langen, hingestreckten Körper durchrieselten leise Schauer vom Wirbel bis zur Sohle. Ich war im ersten Moment sprachlos, dann rief ich ihn an. Aber erst nachdem ich meinen Ruf mehrmals und immer lauter wiederholt hatte, vernahm er ihn und hob den Kopf. Seiner Brust entstieg ein rasselndes Stöhnen; langsam und noch völlig umwoben setzte er sich auf, stemmte die geballten Fäuste ins Gras und sah zu mir empor mit einem gänzlich leeren Blick. »Mensch«, sagte ich, »Georg, was tust du da?« Jetzt erst schien er zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückgekehrt. Es war für ihn kein erfreulicher Übergang. Langsam erhob er sich und trat finster und grollend an mich heran. »Was Sie hier wollen? das frage ich«, sprach er in drohendem Tone. »Gott verzeihe Ihnen, Sie wissen nicht, was Sie mir getan haben.« »So sag es mir, erkläre! Mir muß es ja verrückt vorkommen, daß du da umherliegst im wachen Traum auf dem Friedhof.« »Verrückt? Ja, ja, so scheint es denen, so muß es denen scheinen, die nicht ahnen, was hier vorgehen kann«, murmelte er kaum hörbar, fuhr in seine Haare mit beiden Händen, die er dann gewaltsam an die Schläfen preßte. »Das Unerhörte, Ungeheuerste.« Und nun, aufgerichtet zu seiner ganzen Größe, beschrieb er einen Halbkreis mit dem ausgestreckten Arm wie ein Herrscher über ein ihm untertäniges Gebiet. »Jeder, der da liegt, hat ein Geheimnis mit sich in sein Grab genommen. Ein furchtbares, ein harmloses, ein göttlich schönes ... ein Geheimnis jeder ... Und mir« – er wiederholte das Wort mit stolzem Selbstgefühl –, »mir ist die Macht gegeben, es ihm abzulauschen.« Ich hatte ihm betroffen und bestürzt zugehört, konnte nicht anders als glauben, daß er irrsinnig geworden sei. Natürlich verriet ich davon nichts, tat nicht erstaunt, sondern erwiderte, wie wenn ich mit einem vernünftigen Menschen spräche: »Aber Georg, das Geheimnis hat ja doch in den Seelen der Verstorbenen geruht, das haben sie mitgenommen ins andere Leben; das ist nicht hier zurückgeblieben in ihren Gräbern, bei ihrem Staube.« »O nein, nicht für immer«, versetzte er ruhig und überlegen. »Die Seele vermag jedoch sich einzufinden bei ihrem verfallenen Hause. – Was zieht uns denn so unwiderstehlich zu den Gräbern derer, die wir geliebt haben? Doch nicht ihr Staub, ihr Moder. Einzig nur die Seele, die ihr Grab umschwebt ... Unsre Sehnsucht hat sie gerufen, die ihre ruft uns ... Die Sehnsucht meines Geistes nach den Offenbarungen andrer Geister lockt sie zu mir und entreißt den Gräbern ihre verborgensten Geheimnisse. Der Tod hat sein Schweigen gebrochen, alle Pforten der Erkenntnis springen auf.« Während er so redete und verzückt, bleich und schwärmerisch in die Ferne blickte, glich er den Bildern, die man sich von Druiden und Sehern macht, und war fast schön von innerlich glühender Überzeugungskraft. Ich atmete nun doch erleichtert auf. Wahnsinnig schien er mir nicht mehr, sondern nur einigermaßen verschroben. »Sage mir«, fragte ich, »waltest du deines Amtes als Beichtvater der Toten hier zum erstenmal?« »Zum erstenmal auf einem Dorfe«, antwortete er. – »Oh, ich weiß mehr, als je ein Mensch von Menschen gewußt hat.« »Komm jetzt mit mir!« war alles, was ich ihm darauf sagte, und er folgte ohne Widerspruch. Wir verließen den Friedhof, ich schloß die Tür hinter uns, blieb stehen. Mir war ein Gedanke durch den Kopf geflogen, ein schlechter Gedanke, dessen ich mich gleich darauf schämte. »Dein Weg hierher führte über Czernowitz? Du warst zu Hause?« Er verstand mich sogleich. »Ja, ich habe an den Gräbern meiner Eltern gebetet.« Der Ausdruck seines Gesichtes, sein Blick wurde weich und warm. Wir legten unsre Wanderung im silberhellen Mondschein schweigend zurück. Am nächsten Morgen nahm er kurzen Abschied und reiste ab. Ich habe kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Doch denke ich oft an ihn, und es gibt Augenblicke, in denen ich alter, leidlich gescheiter Mann mir einbilde, daß er nicht immer schweigen wird. Vielleicht bekommen wir heute oder morgen von einem Dichter zu hören, der uns Tiefen der Menschenseele erschließt, in die bisher noch keiner gedrungen ist. Vielleicht. Ein Original Wenn mit Recht behauptet wird, daß es keine Originale mehr gibt, dann können alle, die Herrn Gabriel Teufenberg begegnet sind, sich rühmen, etwas gesehen zu haben, das es nicht gibt. Seine äußere Erscheinung flößt weder Interesse noch Abneigung ein. Er ist zwei Meter hoch, entsprechend breit, hat den Teint eines rosigen, wohlgenährten Kindes und ein großes Gesicht mit kleinen Zügen, feiner, schlanker Nase, schön geschnittenem Mund, über dem ein dünner, fast weißer Schnurrbart wie Seide schimmert. Auch seine Brauen und Wimpern sind fast weiß, die Augen rund und blau und drücken gar nichts aus. Ach, was für kalte stumme Augen hat mein Sohn, dachte seine Mutter, sooft sie ihn ansah, noch kältere als sein verstorbener Vater! Sie selbst hatte warme, braune und war trotz ihrer sechsundvierzig Jahre noch immer eine hübsche, anmutige Frau. Sie hatte in ihrer Ehe mit einem schwerlebigen und ihr geistig nicht ebenbürtigen Mann kein Glück gefunden, war viel umworben und gefeiert worden und dennoch von jeder üblen Nachrede verschont geblieben. Die Leitung seines Gutes, die Verwaltung seines Vermögens hatte ihr indolenter Gatte ihr überlassen, und ihr Sohn folgte diesem Beispiel. Er hätte nichts Klügeres tun können; seine Mutter regierte gern und erfolgreich und übte nebenbei in der Stadt und auf dem Lande die liebenswürdigste Gastfreundschaft aus. Eine Zierde ihres Hauses bildeten ihre drei jungen verwaisten Nichten, von denen ihr jede als Schwiegertochter willkommen gewesen wäre. Aber Gabriel schenkte seinen Kusinen nicht mehr Aufmerksamkeit, als Wachspuppen ihm eingeflößt hätten, das heißt unbewegliche, denn bewegliche würden sofort sein lebhaftes Interesse erweckt haben. Er hatte eine Liebhaberei für alles Mechanische, für kleine und große Maschinen. Als Kind verfertigte er Pumpen, Mühlen und Paternosterwerke aus Zuckerpapier und Zinn, und sie rührten sich wirklich, wenn man an einem Fädchen zog oder eine Kurbel drehte. Später dann hatte er weniger Glück; die großen landwirtschaftlichen Maschinen, an denen er allerlei Verbesserungen anbrachte, rührten sich nicht. Sein Leben floß ruhig dahin. Er ging früh schlafen und stand spät auf, brauchte zwei Stunden zu seiner Toilette, aß viel und langsam und ohne das geringste kulinarische Verständnis. Wenn man ihn gefragt hätte: Was hast du lieber, Kartoffeln oder Perigord-Trüffeln? würde er geantwortet haben: Das ist mir gleich. Im Winter in der Stadt brachte er seine Abende im Theater zu oder im Klub bei einer Partie Whist, und was sie im Theater aufführten oder ob er im Spiele gewann oder verlor, war ihm gleich. Auf dem Lande verlebte er fast den ganzen Tag in der Werkstätte, die er sich im Schlosse eingerichtet hatte. »Die Vulkanei« wurde sie von den Damen genannt. Dort mußten sie ihn abholen zu jedem Ausfluge ins Freie, den sie in seiner Gesellschaft unternehmen wollten; und auf dem schönsten Spaziergang oder Spazierritt, umgeben von drei holden, lebensfrohen Mädchen, dachte er über Maschinen nach. »Schau, Gabriel«, sagte einmal seine Mutter zu ihm, »du solltest eine deiner Kusinen heiraten.« »Recht gern«, antwortete er. Da freute sie sich. »Darf ich das einer von ihnen sagen?« »O ja.« »Und welcher?« »Das ist mir gleich.« Nun war es wieder vorbei mit ihrer Freude. Eine der hübschen Kusinen nach der andern heiratete aus dem Hause fort, und bald nachdem Teufenberg die letzte als Brautführer zum Altar geleitet hatte, verlor er seine Mutter. Sie hatte Kranke gepflegt während einer Epidemie, die im Dorfe herrschte, war selbst von dem Übel ergriffen worden und ihm in wenigen Tagen erlegen. Gabriel weinte nicht, klagte nicht, niemand konnte ihm die geringste Traurigkeit anmerken, und doch suchte jeder den einsam Zurückgebliebenen zu trösten, ihm Mut zuzusprechen. Daß er jetzt heiraten müsse, darüber waren alle seine Bekannten einig, und er sah das ein, und wenn sie sagten, es handle sich nur darum, die richtige Wahl zu treffen, erwiderte er: »Freilich.« Das Ende war, daß er nicht wählte, sondern gewählt wurde von einer allerliebsten jungen Witwe, einer bildschönen Frau mit schwarzen Augen, schwarzen Haaren, so feingliederig und schlank, wie er kräftig gezimmert und wuchtig war. Sie verliebte sich nicht in ihn, aber sie war ihm gut, schätzte seine Friedfertigkeit, sein feines, würdevolles Benehmen und seine moralische Lauterkeit, sie behauptete steif und fest, daß er durchaus nicht der gleichgültige und phlegmatische Mensch sei, für den er galt. Ein warmes Gefühl schlummere in ihm, das nur noch nicht geweckt worden sei. Ihre Freundinnen lachten sie aus: »Meinst du die Weckerin zu sein? Vorläufig merkt man noch nichts. Er scheint derselbe, der er immer war.« Sie ließ sich nicht irremachen. »Wartet«, sagte sie, »es wird schon kommen.« Cäcilie Teufenberg sah der Geburt ihres ersten Kindes entgegen und erhoffte sehnsüchtig einen Sohn. »Du doch auch, Gabriel, sei aufrichtig«, sprach sie zu ihrem Manne. »Einen Sohn oder eine Tochter, was wünschest du dir?« »Es ist mir gleich«, antwortete er, und sie glaubte ihm nicht, sie erwiderte: »Du Guter, das sagst du aus Zartgefühl, damit ich mich nicht kränke, wenn ich dir nur eine Tochter bringe.« Sie brachte ihm einen Sohn und übers Jahr einen zweiten, und diese Kinder wuchsen herrlich heran. Sie hatten das brave Herz, den hellen Verstand, die schönen Augen und Züge ihrer Mutter und die Prachtgestalt des Vaters. Der ältere war zehn, der jüngere neun Jahre alt, als in der Familie Teufenberg abermals ein freudiges Ereignis eintrat. Der Hausvater war seit einigen Wochen abwesend. Ein Geschäftsfreund in England, der Besitzer einer großen Maschinenfabrik, hatte ihn eingeladen, eine neu konstruierte Alliancemaschine an Ort und Stelle in Wirksamkeit zu sehen, und er war der Einladung mit Vergnügen gefolgt. Ein Telegramm, das die Nachricht brachte, ihm sei eine Tochter geboren, und Mutter und Kind befänden sich wohl, traf ihn vor dem Modell eines Laufkrans, das seine hohe Bewunderung erregte. Er konnte sich von dem fesselnden Anblick nicht gleich losreißen und ersuchte seinen Geschäfts- und Gastfreund, der Wöchnerin zu telegraphieren, daß ihr Gatte sie beglückwünsche. Einen Monat blieb er noch in England und kehrte dann zurück, gefolgt von einer Wagenladung von Geschenken für die Seinen: Bicycles, Tandems, Telephons und Graphophone, Schreib- und Nähmaschinen und einem köstlichen Naphthaschiff. Die für ihn wichtigste Erwerbung aber war ein Transformator. Wohlverwahrt, mit Beobachtung jeder erdenklichen Vorsichtsmaßregel, wurde dieser neue, gefährliche Hausgenosse in der Werkstatt aufgestellt, wo er, durch das Getriebe einer unfern gelegenen Mühle gespeist, die Kraftquelle sämtlicher Maschinen werden sollte. Gabriel hatte daheim alles in bester Ordnung gefunden, seine Frau und seine Söhne in blühender Gesundheit. Nach dem neuen Ankömmling, der Tochter, fragte er nicht, und Frau Cäcilie führte ihren Vorsatz aus, keine Erwähnung von der Kleinen zu tun, solange ihr Vater sie ignorierte. Die zwei Jünglinge hielten aber das Schweigen über ihre Schwester nicht aus. Nach Tische nahm jeder einen Arm des Papa, und sie geleiteten ihn ins Kinderzimmer. Frau Teufenberg folgte. Sie traten in das geräumige, hohe, helle Gemach, an dessen Tür eine stattliche Wartefrau und eine noch stattlichere Amme sie empfingen. Im Halbdunkel des tiefen Alkoven erblickte man eine rosige Wolke, die auf einem vergoldeten Gestelle zu schweben schien. Bei näherer Betrachtung erwies sich die Wolke als eine geschmackvolle Zusammenstellung von Schleiern, Schleifen, duftigen Stoffen. Mittendrin lag etwas Winziges, ein Miniaturmenschengebilde mit kugelrundem Gesichtchen, großen blauen Augen, die einen ansahen so merkwürdig fest und ruhig, und mit einem feinen Naschen und einem halb geöffneten Mund, dem Munde eines Cherubs, der eben anfangen will zu singen. Und ein Paar zarte Hände erhoben sich und fochten ganz unvernünftig und sinnlos in der Luft herum. Teufenberg betrachtete das kleine Ding so aufmerksam, daß er die komplizierteste Maschine nicht aufmerksamer hätte betrachten können, und legte langsam und vorsichtig den Zeigefinger in eines der kleinen Händchen, das sich sogleich an ihn anklammerte. Und in diesem Moment ging eine Veränderung mit Gabriel Teufenberg vor. Seine Stimme klang weich, wie sie nie geklungen hatte, als er jetzt plötzlich sagte: »Ein Mädchen, sieh da, ein Mädchen.« »Deine Tochter Gabriele«, sprach seine Frau, ganz erstaunt über den Eindruck, den der Anblick des Kindes auf ihn machte. Von dem Händchen, das sich noch immer an den Finger des Vaters klammerte, ging ein Fluidum aus, eine Kraft, etwas Belebendes, Erweckendes, und durchströmte den ganzen großen, breiten Menschen vom Wirbel bis zur Sohle. Wie wenn eine Flamme sich in seinem Innern entzündet hätte und allmählich eine milde Wärme durch seine Adern triebe, so war es. Er beugte sich, küßte die Hände und das Gesicht des Kindleins und wendete sich dann zu seiner Frau. »Ich danke dir, daß du mir eine so liebe Tochter geschenkt hast«, sagte er. Sein Blick fiel auf seine Söhne und blieb lange mit freudigem Stolz auf ihnen haften: »Und zwei so liebe Jungen«, setzte er hinzu. Er richtete auch freundliche Worte an die Wartefrau und an die Amme, kehrte wieder um und vertiefte sich von neuem in die Betrachtung seiner Tochter, die jetzt eingeschlafen war. Nun kamen Tage, an denen er seine Werkstätte nicht betrat. Die Freude an der Entwicklung des kleinen Lebens, das neben ihm emporsproßte, erfüllte ihn, schmolz alles Starre aus seinem Wesen hinweg und machte seine stumpfen Augen sehend für den Reichtum an Glück, den er längst besaß, ohne von ihm zu wissen. Ein guter und bequemer Mann war er immer, jetzt wird er gar noch aufmerksam und zärtlich, dachte seine Frau und begann wirklich zu fürchten, daß sie sich in ihn noch verlieben könnte nach zwölfjähriger Ehe. Außer dieser Sorge hatte sie eine zweite und schlimmere. Es schien, daß die günstige Wandlung im Hause Teufenberg durch ihre Urheberin selbst in Frage gestellt werden sollte. Dieses Persönchen offenbarte zu einer Zeit, in der andere Kinder gegen alles, was lernen und ernstlich nachdenken heißt, einen großen Abscheu verspüren, einen erstaunlichen Wissensdrang und einen entschiedenen Forschergeist. Vor allem auf dem Gebiete der Mechanik. Früh schon gab sie Proben einer seltenen Geschicklichkeit, verfertigte wie einst ihr Vater kleine Pumpen, Mühlen und Paternosterwerke. Aber viel feiner und zierlicher waren sie ausgeführt und funktionierten viel präziser. Sie höhlte die hölzernen Tiere ihrer Arche aus und die Familie des Noah und brachte in dem leeren Räume Rädchen an und primitive Uhrwerke, und sie mußten sich selbständig bewegen. Die Werkstätte, das war ihr der schönste und liebste Aufenthalt. Aus dem Walde, aus dem Garten verlangte sie in die Werkstatt zu den Maschinen und spielte statt mit Puppen mit Modellen von Lokomobilen, Pumpwerken und Göpeln und erlangte eine bewunderungswürdige Fertigkeit, mit ihnen umzugehen. Versagte einmal das eine oder das andere den Dienst, und bemühte Teufenberg sich die längste Zeit vergeblich, den Fehler zu finden, sie entdeckte ihn gleich und ruhte nicht, bevor ihm abgeholfen war. Eine Fülle von Ideen drängte sich in ihrem erfindungsreichen Kopfe, und einige wurden von Fachleuten genial gefunden und sogar ausgeführt. Ihr Vater ging einher im Purpur des Stolzes auf sein Wunderkind, ihre Mutter kränkte sich über die Erfolge eines Talents, das für ein Mädchen doch gänzlich ungehörig war. »Meine Tochter – der Maschinist«, sagte sie ganz betrübt, wenn Gabriele aus der Werkstatt kam mit schauderhaft zugerichteten Händen, Rußstreifen im lieblichen, vor Eifer glühenden Gesicht, das Kleid von oben bis unten mit Öl betropft. »Wart! Du bekommst kein neues Kleid mehr, nur noch ein Schurzfell!« drohte sie. »Wart du ... und wenn du mir den Papa zurückführst in die Krallen des Maschinenteufels, dann sollst du was erleben!« und sie putzte an ihr und kleidete sie um und herzte und küßte sie und dachte: Daß du nur da bist, daß ich dich nur habe, Glückspenderin, Kind, das seinem Vater das Leben gebracht hat. Es hatte auch keinen Anschein, daß er es wieder verlieren sollte. Er war nun einmal ein warmer, lieber Mensch und guter Hausvater geworden und geheilt von seiner eigenen hoffnungslosen Leidenschaft fürs Maschinenwesen durch die Freude an den Erfolgen seines Töchterleins. Sie herrschte wie eine Königin in dem Reiche, in dem er es nie auf eine höhere Stufe bringen konnte. Sein ganzer Ehrgeiz war darauf gestellt, ihr als Handlanger zu dienen bei der Ausführung ihrer kunstvollen Werke, von denen jedes neue sich immer erstaunlicher, immer glänzender bewährte. Der Ruf der jungen Erfinderin fing an die Grenzen ihres Vaterlandes zu überschreiten. Sie wurde eingeladen, das Modell eines elektromagnetischen Motors, das in England Aufmerksamkeit erregt hatte, zu einer Gewerbeausstellung nach London zu schicken. Am nächsten Tage sollte es verpackt werden. Gabriele schmeichelte ihren Eltern das Versprechen ab, noch in diesem Frühling mit ihr nach dem Gelobten Lande der Maschinen zu reisen. Vor dem Schlafengehen lachte, scherzte und tollte sie dann wie ein Kind, das sie trotz ihrer Klugheit und ihrer fünfzehn Jahre geblieben war. Beim Morgengrauen erwachte sie plötzlich mit klopfendem Herzen, in Schweiß gebadet. Ein böser Traum hatte ihr ihren Motor gezeigt, unbeweglich, jedem Versuch, ihn in Tätigkeit zu bringen, trotzend. Er schien mit eigenem Willen begabt, spottete ihres angstvoll beklommenen Bemühens, stierte sie an wie mit Augen ... Schauder durchrieselten sie, eine Bangigkeit, die nicht weichen wollte, hielt sie in ihrem Banne. Unwiderstehlich ergriff sie der Wunsch, sich zu überzeugen, daß ihre Arbeit, ihr Gedanke lebte! Sie stand auf, schlüpfte in ihre weichen Pantoffeln, hüllte sich in ihren Bademantel und schlich sachte, um ihre Eltern nicht zu wecken, aus dem Zimmer. Unhörbar glitt sie über den teppichbelegten Gang, lief die Treppe hinunter, zur dritten Tür links, und trat in die Werkstätte ein. Die Fenster waren verhangen, unheimliches Halbdunkel herrschte. Das junge Mädchen, sonst die Gelassenheit und Vorsicht selbst, wurde vom Fieber hastiger Aufregung geschüttelt. Sie möchte nicht entdeckt werden bei ihrem Tun, sich nicht den Vorwurf der Eltern zuziehen. Rasch nur noch den Strom einschalten, ihr Werk sich regen sehen, den Atem seiner Kraft vernehmen und das sammetweiche Gleiten seiner eisernen Räder. Mit ausgestrecktem Arm kommt sie heran zu dem Spender der Kraft ... und sie, deren Finger Augen zu haben schienen, die kaum je eine geringe Übereilung begangen hat, vergreift sich, berührt die falsche, tötende Leitung ... Frau Teufenberg war eine Frühaufsteherin und ging zeitlich Tag für Tag ins anstoßende Zimmer zu ihrer Tochter, setzte sich an ihr Bett, sah sie an und wartete auf ihr Erwachen. Wenn Gabriele die Augen aufschlug, begegnete ihr erster Blick dem der Mutter, und das erste Wort, das sie an jedem Morgen sprach und hörte, war ein Wort der Liebe. Als Cäcilie heute eintrat, fand sie das Bett leer und rief ins Schlafzimmer zurück: »Jesus, schon fort; denk nur, Gabriel, sie ist schon aufgestanden!« »Sie ist gewiß schon in der Werkstatt. Ich will gleich nach«, erwiderte er, kleidete sich an und eilte fort. Es war ein trüber Märzmorgen. Als Teufenberg auf den Treppenabsatz trat, sah er unten auf dem Gange die Hausleute wie Schatten hin und her huschen mit allen Zeichen des Entsetzens, schluchzend und händeringend durch die offene Tür der Werkstätte ein und aus gehen. »Der Herr! Der Herr!« flüsterten sie, als sie ihn erblickten. Ein Schauder ergriff ihn, eine tödliche Angst. – Was ist denen? Was sehen sie dort Gräßliches? Eines Blitzes Dauer steht er, stürmt dann über die Stufen herunter dem Eingange der Werkstatt zu. »Nicht hinein, um Gottes willen!« rufen sie und stellen sich ihm entgegen. Er schiebt sie fort, tritt ein, die Leute folgen in schüchterner Entfernung. In dem großen Raume mit den rauchgeschwärzten Wänden ist alles regungslos und still, was sonst pustet und wirbelt und sich dreht und schwingt auf Geheiß der kleinen Meisterin. Sie selbst ist auch regungslos und still, sie liegt tot zu Füßen ihres Werkes. Teufenberg starrt in ratlosem Entsetzen zu der weißen leblosen Gestalt nieder. Plötzlich, mit einem Schrei der Verzweiflung gellt es von seinen Lippen: »Gabriele!... Kind!...« Aber das Kind antwortet ihm nicht. Niemand durfte sie berühren. Er trug sie hinauf, er bettete sie auf ihr Lager und zwei Tage später in den Sarg und wich nicht von ihm, bis er gehoben wurde, und verwandte keinen Blick von ihm beim feierlichen Begräbnis. Er führte seine Frau am Arme und hatte kein Bewußtsein ihrer Nähe und keines von der seiner Söhne, die ihr Beruf dem Hause längst fernehielt und die herbeigeeilt waren auf den Wunsch ihrer Mutter. Der Segen des Priesters war gesprochen, die Trauerchöre verhallten; von Weihrauchwolken umwallt, senkte der Sarg sich in die Tiefe. Teufenberg sah ihm nach, immer wie gebannt. Man reichte ihm die Schaufel mit den ersten Schollen, die dem Erdenkind in die Grube folgen sollten, und sachte ließ er sie hinuntergleiten, und seine Frau dachte: Du Armer, da rollt dein Leben mit. Sie hatte sich tapfer gehalten die ganze Zeit hindurch; bei der Rückkehr ins Haus, dessen Seele entwichen war, überwältigte sie der Schmerz, und sie sprach, einen Schatten von Vorwurf im Tone: »Gabriel, ich habe auch mein Kind verloren«, und ging auf ihn zu und wollte ihm die Hand reichen. Er wich aus. Ihre Söhne nahmen sie in ihre Arme, und der ältere der beiden fragte: »Darf ich bei dir bleiben? Ich bleibe gern. Soll ich gehen oder bleiben, Vater?« Teufenberg zuckte die Achseln. Seine Augen hatten wieder ihren alten kalten Glanz. »Was soll ich tun, Vater«, fragte der Sohn noch einmal, »gehen oder bleiben?« »Das ist mir gleich.« Er blüht in Gesundheit, er ißt und trinkt und kleidet sich sorgfältig, er liest Zeitungen und manchmal auch ein Buch, er geht mit seiner Frau spazieren oder ins Theater oder in ein Konzert, aber einen Eindruck empfängt er nicht. Teilnahme flößt ihm nichts ein. Die Flamme, die sein Inneres erwärmte und erhellte, ist erloschen. Ihm ist wieder alles gleich. Der Nebenbuhler 1 Graf Edmund N. an Seine Hochwürden Herrn Professor Erhard Paris, den 10. Mai 1875 Mein verehrter Freund! Da bin ich, aus Marseille eingetroffen vor vierzehn Tagen, die mir vergangen sind wie vierzehn Stunden. Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten getragen, den Schrei auf Ceylon gehört hat und bei indischen Schlangenbändigern in die Lehre gegangen ist. Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander. Von einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den unpassendsten Gelegenheiten: »Ah je comprends ça!« Sie spricht noch immer mit derselben Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter, ihrem Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der tiefsten Rührung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und seufzt: »Va, mon enfant, va te distraire.« Lieber Freund, ich glaube immer, daß auch sie vorzeiten nicht verschmäht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher Frühling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist die gutmütigste Egoistin, die ich kenne. Ganz in Übereinstimmung mit Dir will sie mich jetzt verheiraten, und gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist verteufelt hübsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes Urteil, den Mut, es auszusprechen, und – was unendlich mehr: die Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar gelten zu lassen. Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß sie noch nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgendeinem Anlaß, da gibt's einen schönen Anblick. Ich hoffe, Du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des »Triomphant«, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt. Plötzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und davon gegangen ... Aber – sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die Lüfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend. Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles – nur nicht Politiker. Vorher indessen noch eine Zeitlang: cum dignitate otium. Es ist ein gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen hat einen großen Reiz. Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger Jüngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand das reine Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus für ein Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der Aussprache des Französischen zu vervollkommnen. Oh, Ihr alten, unschuldigen Kinder! Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzigjährigen, in einem Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen Menschen nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den Bengel vergöttert – das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen werde mit meinen Söhnen. Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund, vielleicht ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du lässest einen kleinen Pfahlbau für ihn im Teiche errichten, und er stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die überhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewußt, die meinen werden es mit Bewußtsein tun. Und nun für heute lebe wohl! Dein Edmund 2 Professor Erhard an Edmund von N. Korin, den 15. Mai 1875 Hochgeborener Herr Graf! Mein lieber Mundi! Ballen und Kisten glücklich einpassiert. Ei, wie köstlich! Gratuliere vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit für viele Jahre in Aussicht gestellt. Möge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende führen können. Dazu jedoch möchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter, gnädiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen ließe. Daß Dein edler Vater noch lebte, sich der altägyptischen Statuette zu erfreuen und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im größten wie im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten, vielfach unschätzbaren Gegenstände Dich in einem hohen Grade umsichtig und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich würde mich sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, daß Dein hochseliger Vater und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir Dich vor zehn Jahren für reif erklärten zu einem Aufenthalt im modernen Babel. Wir wußten, was wir taten, und durften es – wie Figura zeigt – wohl tun. Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu überraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der nötige Zusammenhang. Die sentimental-feurige Apostrophe an die südliche Küste Frankreichs ist eine Zierde des Manuskriptes, und müßte ich lügen, wenn ich behauptete, daß sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck und mir durchaus neu), dürfte derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und Dein guter Verstand eingesehen haben, daß auf Erwiderung niemals zu hoffen, ja, daß eine solche niemals zu wünschen war. Eine vermählte, eine edle, heilig-zarte Frau und zugleich die Deines besten Freundes, der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er, leider vergeblich, ersehnt – das müßte ein anderer als mein Mundi sein, der sich da mit unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es derselben heute ferner als uns die Sintflut. Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer hochschätzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des angelegentlichsten empfehlen. In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit Dein alter Lehrer P. Erhard PS. In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse beginnt sie bereits das Zepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle, mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum waren wir genötigt, die holdig-schönen, von ungemeinem antiquarischem Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen. 3 Graf Edmund N. an Professor Erhard Paris, den 22. Mai 1875 Lieber, bester Freund! Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen; wer weiß, ob wir nicht in erwartbarer Zeit darin Platz brauchen für eine junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter. Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines – so heißt nämlich die halb und halb Erwählte – besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt. Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich »de l'amitiè« – nicht zu übersetzen mit unserem deutschen »Freundschaft«; es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz anderes. Die Mutter ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen – für unsere Sammlung. Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben hielten, einen »chasseur du roi«, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht charakteristischer aufgestellt: untersetzt, breitnackig, breitgestirnt, mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei der Heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette als Ludwig XI. In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines »Tschèque« und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen sie los. Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des Zornes gegen uns – welch ein Schnitzer! ich sage uns , ich »Tschèque« – auf Madeleine wirken. Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung; wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft zitterten auf ihrem Schoße. Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von Dir gehört und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsere Nation nur unsere erweiterte Familie ist und daß der rechte und gute Mensch seine Familie nicht auf Kosten anderer liebt, lobt und fördert. Indessen vermöge ich jedoch, mich in die Empfindungen eines in seinem Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken und sie trotz ihrer Verschiedenheit von den meinen zu ehren. Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, aber doch auch spöttisch und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet findet und peinlich überrascht. Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte, bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: Was wäre das Schönste und Schwerste, das diese Frau in diesem Falle tun könnte? – und das war dann, was sie tat, so natürlich und einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre. Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte nach jenem ersten lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte über Euch wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte Ofenhocker. Und später – das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? – lag ich auf den Knien vor dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem allgütigen Lächeln: »Verliebe dich, mein Sohn.« Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert und wie vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt worden sind. Die Frau deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. – Aber dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der Empfindung. Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich und daß ich für sie geboren war, daß wir eins gewesen sein mußten in einem früheren Leben und nun zueinanderstrebten mit derselben Urgewalt wie die Fluten des durch Klippen getrennten Bergstromes, der zu Tale stürzt. Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war meine Oberzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich sterben ließe als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke – Dir, alter Mensch, darf ich's sagen, unsere Schuljungen würden mich verhöhnen –, in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig, ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr als Elsbeth ihr Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit mir ängstlich zu vermeiden schien – – Unwandelbar derselbe blieb nur er, der Lustspielgatte, der arglose, alberne – anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich fort wollte, er plagte sich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten, das ihm das seine so schön arrondiert hätte und das schon zu Zeiten meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin. Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer entschiedener. – »Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zugrund. Kennst dich ja bei uns gar nicht aus.« »So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.« »Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht zahlen, ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie du in Geschäften ein unerhörtes Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?« Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so lachen zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar wenige Frauen lachen schön. »Was soll ich nur antworten, ohne entweder unhöflich oder gewissenlos zu sein?« fragte sie, und er schmunzelte und begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: »Ja, wenn ich Kinder hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre – aber so!« Und später hieß es dann: »Weil ich keine Kinder habe und mathematisch keine bekommen werde, will ich deine lang vernachlässigten Interessen vertreten, du Junge du, wie wenn es die meiner Kinder sein würden.« Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: »Das darf nicht sein«, wie er sagt. Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu bleiben. Ich mußte am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. »Du weißt nicht mehr, was du erfinden sollst, damit man dich nur fort läßt«, sagte er und – ließ mich ziehen. »Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem Gewissen!« Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in meinem durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der Nähe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem lieben alten Hans. Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land. Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten waren die Eltern Madeleines samt Tochter. Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, daß uns ein baldiges Wiedersehen bevorstehe. Da bereitete mir Madeleine wieder eine Überraschung – ein heller Freudenglanz überflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen. Dieses plötzliche Aufflammen war wirklich eigentümlich. Ich glaube, sie hat mehr »amitié« für mich, als sich einbildete Dein treuer Schüler. Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal wieder und adressiere: Les Ormeaux, Département Meurthe et Moselle, près Cirey les fosses. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze! 4 Edmund von N. an Professor Erhard Les Ormeaux, den 2. Juni 1875 Teurer Freund! Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwürdigen Frau. Ich will sie Irina nennen. Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als »Adoptivtochter« eines hohen Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit. Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht, in Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf die Kunst, nichts zu versprechen und – alles hoffen zu lassen. An mir ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen – aber kennst du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an den Kopf wirft, den Spröden spielt? Ich hatte nur den Abhub der Liebe zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die Verhältnisse. Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr. Und jetzt sehe ich sie wieder, etwas gealtert, aber noch immer verlockend und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine gefährliche Frau; besonders für junge Leute, welche die Kinderschuhe eben ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder hineinzuschlüpfen. Bei Tische würdigte sie mich keiner Aufmerksamkeit; als ich aber nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen (aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften Weise: »Unter anderem: warum haben Sie meine letzten Briefe nicht beantwortet?« Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: »Weil ich wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.« »Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.« »Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für zwei.« Wir setzten unsere Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül, hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken auf. Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht geöffneten Lippen. – »Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem siebenbürgischen Gretna Green.« »Etwas dergleichen... Denken Sie, wenn ich selbstsüchtig genug gewesen wäre, Sie beim Wort zu nehmen!« »Nun?« »Sie hätten auf alles verzichten müssen: Ihre Stellung in der Welt, Ihren Einfluß, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben...« »Und die Folge dieser Entbehrungen?« »Daß Sie sich unglücklich gefühlt hätten.« »Was weiter? Wer sagt Ihnen, daß Durst nach Glück mich veranlaßt hat, Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte – nach Liebe.« Ich muß sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich zu bekräftigen: »Liebe, ja, ja. Schade, daß ich sie nur zu empfinden und nicht einzuflößen verstand. Wir wären miteinander durchgegangen, und Sie hätten mich unglücklich gemacht, und das wäre wundervoll gewesen – unglücklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich schlägt, ich küsse sie mit Wonne. Quäle, mißhandle mich, soviel dich's freut, mit meiner Liebe wirst du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschöpfst du nicht... Und den in sich zu fühlen, den göttlichen Leidensquell... was ist all das kleine Glück, das sich uns im Leben bietet, gegen ein solches Unglück?« Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hübschen Gang, ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgültig, und dieser Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen eigentümlichen Reiz. Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bäumen, das äußerst vorteilhaft war für Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr feines Gesicht mit den großen grauen Augen, die zarte Gestalt im duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas Poetisches, Elfenhaftes. »Das Glück«, sagte ich, »mit dem Sie sich in Ermangelung des erwünschten Gegenteils begnügen mußten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung erhalten und schön.« »Und leichtsinnig«, setzte sie hinzu in nur allzu überzeugtem Tone. »Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben – tröste dich, wie du kannst! ... Man sucht, man findet ... das wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung – ohne Liebe ... Sie aber« – der wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in einen übermütig schalkhaften –, »Sie werden Liebe haben – ohne Zerstreuung.« Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes: »Wieso?« vor, dessen ich mich zur Stunde noch schäme. Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht, schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher (ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. – Das Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter. »Kann man mehr verlangen?« fragte sie. »Sie treffen es gut – beinahe so gut wie – Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.« Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: »O nein ... Aus, aus! ... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit, ist eins und dasselbe ... Wir sind geschiedene Leute. – Wenn unsere Wege sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu«, schloß sie sanft. Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem wir glaubten längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen. Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck zu machen. Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den Heimweg ein. Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts anderes zu sagen als: »Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.« »Durch Ihre Schuld!« erwiderte sie mit scherzender Anklage. »Warum mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein Kleid auf dem Gewissen.« Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ sich nicht erbitten. Wir begleiteten sie zur Bahn im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die Melancholie, in welche mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte. Auf der Station warteten einige Bauern; der Zug war schon signalisiert, Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu lösen, da brauste er heran. Aus dem Fenster eines Kupees erster Klasse beugte sich ein junger Mensch weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche mit keimendem Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner herbei. »Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall«, sagte Irina mit förmlich herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum Waggon, dessen Tür bereits offenstand. Der Jüngling in demselben hatte das Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen, stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten Teerosensträuße. – Ich hörte Irina noch sagen: »Quelle folie!« Dann flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern sieht an einem Fenster, und – alles vorüber. Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt. Durch alle ihre cosmétiques hindurch schimmerte der Glanz stiller Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein anderes Pferd durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren in diesem Augenblicke. Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause, während welcher wir uns unseren Betrachtungen überlassen hatten: »Früher waren es Kusins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist. Mais«, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die Crême de Lys à la Ninon eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte – »mais je comprends ça!« Dein Edmund 5 Edmund von N. an Professor Erhard Les Ormeaux, den 25. Juni 1875 Lieber verehrter Freund! Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsere Pläne sind umgestoßen. Ich schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, »daß alles Segen war«. Was sich begeben hat, ist folgendes: Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh! und Ah!, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine sich schweigend verhielt. – »Die jetzige Jugend lobt nichts«, meinte sie, »nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie dieser läßt euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?« Die »Kleine«, von welcher die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: »Sie tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.« »Welche Resignation!« rief ich aus. »Eine sehr bedingte, wohlgemerkt«, erwiderte sie. »Mit dem Scheine begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar bleibt ... Ja, wem die Wahl freistände ...« Sie hielt inne. Es war wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das übermütig schalkhafte Lächeln. – Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: »Zum Beispiel Sie, meine Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks«, den Arm ausstreckend, deutete sie nach dem Horizont, »den eines Sonnenaufganges gönnen wollten, was so leicht geschehen kann und – ich wette, noch nicht geschehen ist.« Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten und von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten. »Seien Sie pünktlich«, empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne plätscherte. Ihr einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme und gurgelte: Mach dich gefaßt! Mach dich gefaßt! Es kam sogar zu einem Vers: Als Junggeselle reit ich aus, Als Bräutigam kehr ich nach Haus. Nicht sehr schön, aber was kann man von einer Fontäne verlangen? Die Pferde wurden vorgeführt, streckten die Hälse, senkten die Köpfe, alle schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so früh aus dem Stall zu müssen. Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, eng anliegenden Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da hieß es: nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle Frauengestalt. Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knöpfte mit der bloßen Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber, ohne zu grüßen, hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen (die hat sie vom Vater), preßte die Lippen aufeinander ... Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn kamen: Ah, Mademoiselle, ich zögere Ihnen wohl zu lange? Sie haben – wahrscheinlich geflunkert mit Ihrer Eroberung, und nun fragen die Freundinnen: Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht ergeben? ... Die Entscheidung muß endlich herbeigeführt werden. So oder so! In der Kühlwanne läßt sich unsereins nicht halten ... Wohlan, ich will Ihnen den Sieg nicht schwer machen, sagte ich zu mir, trat an sie heran, und wir wünschten einander einen guten Morgen und waren gleich einig, daß wir auf die übrige Gesellschaft nicht warten wollten. »Welches Pferd befehlen Mademoiselle?« fragte der Stallmeister. »Gleichviel, das erste beste«, gab sie zur Antwort mit kaum unterdrückter Ungeduld und saß im nächsten Augenblick schon im Sattel auf einem tüchtigen Braunen, und auch ich wählte nicht lange – was mich später reute –, sondern bestieg, weil er am nächsten bei der Hand war, einen hochbeinigen, langohrigen Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo von Belvedere sich gut hätte ausnehmen können. Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park und sprengten draußen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des Weges kundig, führte. Es ging immer schneller vorwärts, eine gute Weile über das Weideland zwischen flachen grünen Hügeln dem Licht entgegen, das im Osten emporlohte. »Wohin denn?« fragte ich endlich. »Wo ist das Ziel?« Sie erwiderte: »Längst überholt«, hielt ihr Pferd an, lauschte und spähte in die Ferne, und ich rief: »Bravo: wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl – auf deutschem Boden – in der Höhle des Löwen.« »Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.« Von der flammenden Morgenröte am Himmel hob sich der Schattenriß eines Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war ein deutscher Offizier, ein schöner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr hübsch gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mütze, und ich, dumme gute Haut, dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, daß der Held nur Augen hatte für Madeleine, die er voll Ehrfurcht und frommer Anbetung begrüßte. O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich geirrt – sie kann das doch auch. »Madeleine«, sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und hätte mir in jedem anderen Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht. »Arnold«, sagte sie. Das D tönte so zärtlich nach, so liebevoll: Arnolde. Sie reichten einander die Hände. »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind.« Ihre ablehnende Gebärde drückte deutlich aus: Dafür keinen Dank! – »Morgen also?« fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender Seligkeit. »Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.« »Und ich? – Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch am nächsten nicht – ich wäre fast gestorben.« »Wie voreilig!« sprach er, wurde rot vor Bestürzung und Wonne und drückte ihre Hand fester, »liebe Madeleine ...« »Mein edler, mein treuer Freund.« »Treu ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.« »Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur: Sie sind es.« »Wie Sie.« »Das heißt: bis ans Ende.« »Bis ans Ende.« »Gott behüte Sie, Arnold.« »Sie wollen mich schon verlassen?« »Ich will nicht – ich muß.« »Madeleine!« »Noch einmal, noch tausendmal: Gott behüte Sie! Ich bete zu Ihm für Ihr Glück.« »– Dann beten Sie für sich.« Das war, glaube ich, ihr ganzes Gespräch. Möglich, daß ich einiges überhörte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er wieder sich, wir waren einer hartköpfiger als der andere und führten, indem wir uns kaffeemühlenartig auf dem Flecke herumdrehten, ein sonderbares Akkompagnement auf zu der Liebesszene, die sich zehn Schritte von uns abspielte. Nachdem der Offizier (der mich gewiß für irgendeine untergeordnete Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in entgegengesetzter Richtung dem Aussichtshügel zu und erblickten, an dessen Fuß angelangt, die vom Schlosse hertrabende Kavalkade. »Fräulein«, sagte ich mit verachtungswürdiger Plumpheit zu Madeleine, »wissen Ihre Eltern? ...« »Das versteht sich«, fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rührendes Lächeln, »sie wissen es, aber sie glauben es nicht.« »Was nicht?« »Daß meine Neigung alles überdauert, ihren Widerstand, die immerwährende Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlöschen. Nur Zeit lassen, nur Geduld haben. Ein anderer wird kommen und das Bild des Abwesenden aus ihrem Herzen verdrängen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit Proben an ...« »Und Bewerber auf«, rief ich ungemein beleidigt. Sie aber erzählte in wenig Worten, das Schloß ihrer Eltern sei im Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit anderen Verwundeten wurde »er« gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. – »Meine Mutter aber«, sagte Madeleine, »pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank schuldig für mein Leben als er ihr für das seine. Das verpflichtet, Sie begreifen. Wir werden meine Eltern nie betrügen ... Er hat mir einmal die Hand geküßt, in Gegenwart meines Vaters ... Er ist einmal aus seiner Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nächte und einen Tag gereist, um mich zu sehen an der Seite meiner Mutter, um auf der Straße an mir vorüberzugehen und stumm zu grüßen. – Ich war krank gewesen, er hatte durch meine Freundin davon gehört ...« »Sublim!« spöttelte ich. »Es muß Ihre Eltern rühren, sie werden endlich nachgeben.« »Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.« »In einem solchen Kampfe siegen die Überlebenden. Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge also – die Jüngeren.« Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt. Madeleine sprach mit gesenkter Stimme: »Gott erhalte mir meine Eltern!« Oben auf dem Hügel war es herrlich. Ein feuriger Glutball, stieg sie empor, die Lichtspenderin, die Urheberin alles Lebens ... Lieber Freund, die Schilderung des Sonnenaufganges wirst Du mir wohl erlassen. Dein Edmund 6 Edmund von N. an Professor Erhard Les Ormeaux, den 9. Juli 1875 Bester Freund! Glaubst Du, daß es heutzutage einen Romancier gibt, kühn genug, um seinem Publikum ein Liebespaar wie Madeleine und Arnold vorzuführen? – Er müßte sich darauf gefaßt machen, ein lächerlicher Idealist genannt zu werden, der faden Brei rührt für literarische Kinderstuben und Menschen schildert, die es nie und nirgends gibt. Und doch wäre der Mann ein so treuer Darsteller der Wirklichkeit wie nur irgendein orthodoxer Naturalist. – Allerdings würde diese Wirklichkeit niemanden mehr interessieren. Ich bin veraltet, mich interessiert sie. Madeleine und ich haben ein Freundschaftsbündnis geschlossen. »Konnte ich Ihnen«, sagte sie, »einen größeren Beweis von Vertrauen geben als den, Sie zum Zeugen meiner Zusammenkunft mit Arnold zu machen? Auf Gnade und Ungnade habe ich Ihnen mein Geheimnis ausgeliefert.« Was ich vor drei Tagen miterlebte, war ein Abschied. Das Regiment Arnolds, das im Elsaß stand, hat Marschbefehl bekommen und kehrt zurück nach Bayern. Die Trennung der Liebenden wird dadurch räumlich erweitert, tatsächlich bleibt sie dieselbe. Sie sehen einander nicht, sie stehen nur in, freilich sehr eifrigem, schriftlichem Verkehr. Als Briefbote fungiert die Freundin – wie mir scheint, nicht ohne Wissen der Eltern. Die denken wohl: Schwärmt euch aus, in solcher Art ist's ungefährlich; man wird ihrer müd. Meine Meinung aber ist, daß diese beiden tun werden, wie sie sagen, und einander treu bleiben bis ans Ende. Gestern machte ich mich in denkbarst vorsichtiger Weise zu ihrem Anwalt – bei der Mutter; an den alten Chouan wollte ich erst später heran. Aber ich traf auf den unbeugsamsten Widerstand – so einen sanften, wohlüberlegten, gegen jeden Angriff gefeiten. Welche Kraft des Fanatismus in dieser schmächtigen blassen Frau, deren Stimme sich nie über den Konversationston erhebt, deren Lippen ohne Beben dem Glück der armen Madeleine das Todesurteil sprechen! Sie liebt ihr Kind, sie weiß, daß Arnold ein braver Mensch ist, aber zugeben, daß ihre Tochter die Frau eines Deutschen werde – oh, da würde sie sich doch ebensogern auf den Pranger stellen und öffentlich brandmarken lassen. Das nenn ich einen gehörigen Rassenhaß! ... Etwas Gräßliches wahrhaftig und Dummes obendrein, wie denn jeder Haß, der sich gegen Menschen wendet statt gegen das Unrecht, das sie tun ... Weise ist nur die Liebe – halte mir den kühnen Übergang zugute, ich bin mir des Mangels an Folgerichtigkeit in meinem Gedankengange sehr bewußt ... Weise ist Irina, die dafür, daß sie nicht geliebt wurde, wie sie es erstrebt, Trost findet, indem sie sich lieben läßt. Weise ist Madeleine, die im Vollgefühl ihrer großartigen Empfindung eine höhere Befriedigung genießt als mancher, dessen Leben eine Kette erfolggekrönter Liebesabenteuer war. Unweise ist Elsbeth, unweise bin ich mit meiner Selbstüberwindung, die soviel Verlogenheit in sich birgt. Jede echte Liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich; erbärmlich und töricht aber der Kleinmut, der verzichtet. »Wir Frauen haben nur die Liebe«, sagt Irina. So hat denn Elsbeth – nichts. Arme Elsbeth! Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder Deinem treuen Edmund 7 Edmund von N. an Professor Erhard Wien, den 12. August 1875 Mein verehrter Freund! Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören, es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend vor dem Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich wohlwollenden und versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager streckt und die angenehme Müdigkeit seiner Glieder, die köstliche Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ... Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, welche Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! – Nun, Gott mit ihm. Nach Nowidworo denn ... Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede. Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder als derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine Liebe unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der Seelengröße Madeleines, daß der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde? Mache mit mir, was du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich verlange nur eins: bevor du es tust, frage deine Frau, ob ihr damit ein Gefallen geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. – Haben wir einmal Phantasie, stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach Fiume gekommen wäre, sie kennengelernt und heimgeführt hätte ... Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein gewöhnlicher Sterblicher – aber Elsbeth wäre vielleicht mit mir glücklicher geworden als mit dir ... Nicht wegen des geringeren Unterschieds im Alter – was sind die Jahre! Im Gemüte wirst du immer ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir mit dir verglichen vor wie ein Greis. Aber du kennst die Frauen nicht, hast dich nie mit ihnen befaßt, du bist mit der deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer treuer Hans, ich würde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr umgehen als du, ich würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens, immer sie in der meinen das Bewußtsein, eines anderen Menschen köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein. Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags, wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazierenginge, würde ich noch Sinn für anderes haben als für die Anzahl Raummeter, die der Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der Eichelmast ... Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord: Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob du dich nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn du ... nun, das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn – sagen wir, Elsbeth und ich deine Kinder wären, deine dankbaren, in dir den Schöpfer ihres Glückes verehrenden Kinder ... Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den schwachen Kräften, die ihm als einzelnem gegeben sind, die Summe des auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen. – Mathematisch, um mit dir zu sprechen: ich besitze etwas, das mir Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe Etwas Freude machen würde = 100 000. Was tue ich Menschenfreund? Ich schenke ihm den bewußten Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um 99 994! Etwas dergleichen habe ich einmal getan. Ich hatte ein Bild, das jeden Kenner entzückte. Einen mir befreundeten Maler machte der Wunsch, es zu besitzen, halb verrückt. Er sann und träumte nichts anderes; er meinte, es sein nennen zu dürfen würde ihn beseligen und läutern und jede in seiner Künstlerseele noch schlummernde Kraft zur höchsten Entfaltung bringen. Ich erwog das Glück, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die bewußte Rechnung und – schenkte ihm das Bild. O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon wußte, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Künstlers auf ihr ruhte, ob der meine es streifte mit flüchtigem Wohlgefallen. Sie aber lebt und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentümlich, daß sich meiner, je näher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel bemächtigen – vielleicht begründete? Nein doch, nein! – ich brauche mich nur der Nachmittage unter den Linden auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor – Faust von Turgenjew ... Wie sie da horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich ansah ... Am selben Abend entstand ein Gedicht, das natürlich verbrannt wurde und das ich vergessen habe bis auf die eine Strophe: Zu mir erhebt mit stummem Fragen Dein dunkles Äug sich unbewußt, Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen Wir beide in verschwiegner Brust ... So war es. Aber freilich, zu wem hätte sie auch die Augen erheben sollen? Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder schlummerte wenigstens ... In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir gleich, noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor? Dein Edmund 8 Professor Erhard an Freiherrn Hans v. B. Korin, den 12. September 1875 Euer Hochwohlgeboren! Hochverehrter Herr Freiherr! Für die Belästigung auf das höflichste um gnädige Nachsicht bittend, wage ich es, Euer Hochwohlgeboren um eine Kunde von meinem lieben Grafen zu bitten. Derselbe äußerte in seinem letzten Schreiben die Absicht, die Gegend von Fiume zu besuchen, und dürfte es bei dieser Gelegenheit schwerlich verabsäumt haben, Euer Hochwohlgeboren seine Aufwartung zu machen. Auf die Annahme dieses Falles hin darf ich vermuten, daß es Euer freiherrlichen Gnaden bekannt sein dürfte, wohin unser teurer Reisender seine Schritte gelenkt, und dieser Vermutung wieder entspringt das oben gestellte flehentliche Ersuchen. Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der unbegrenzten Hochverehrung, mit welcher zeichnet Euer Hochwohlgeboren untertänigster Diener P. Erhard 9 Hans v. B. an Professor Erhard Nowidworo, den 14. September 1875 Euer Hochwürden setzen mich in Bestürzung. Unser lieber Edmund hat uns nach zweitägigem Aufenthalte verlassen, um geradenweges heimzufahren nach Korin. Sieht aus wie das Leben, ist prächtig. Er muß seinen Plan geändert haben, ich staune, daß er nichts davon schrieb. Mit der inständigen Bitte, mir sein Eintreffen zu Hause telegraphisch bekanntzugeben, Euer Hochwürden tief ergebener Hans B. 10 Edmund von N. an Professor Erhard Abbazia, den 20. September 1875 Lieber verehrter Freund! Ich habe noch eine kleine Seefahrt unternommen, bin aber jetzt auf dem Heimwege; heftig regt sich in mir die Sehnsucht nach meinem Zuhause. Eines schönen Morgens wirst Du im Frühstückszimmer erscheinen, mit einem Schweinsledernen unter jedem Arme, und – plumps! da liegen die Folianten, Du hast sie fallenlassen, Du brauchst Deine beiden Hände, um sie vor Verwunderung über dem Kopfe zusammenzuschlagen und dann dem Freunde zu reichen, der Dir die seinen entgegenstreckt. Freue Dich, Du Lieber und Getreuer! ich komme für lange Zeit. Wenn Jahre zwischen heute und dem Tage lägen, an dem ich Dir zum letzten Male schrieb, eine größere Wandlung könnte mit mir nicht vorgegangen sein, ich bin, scheint mir – klug geworden. Als ein ganzer Geck kam ich noch am Nachmittag des 14. August in Karlstadt an. Ich hatte im, natürlich reservierten, Kupee Toilette gemacht und gefiel mir selbst in meinem Knickerbocker und meinem englischen helmförmigen Hut. Auf dem Bahnhofe wartete der Wagen aus Nowidworo, der gelbe Phaeton, den Hans nur bei großen Gelegenheiten ausrücken läßt; vorgespannt war der Jucker-Viererzug, und auf dem Bocke prangte mein dicker, schweigsamer Freund Djuro. »Pomez Bog«, rief ich, und er erwiderte: »Ljubim ruka.« Sein braunes Gesicht glänzte gleich einem blankgescheuerten Kupferkessel, und er lachte mich so vergnügt an, als ob ihm das verkörperte Trinkgeld entgegenträte. Wir flogen schon ein Weilchen dahin zwischen rebenbepflanzten Hügeln und Geländen, als er sich besann, daß er etwas an mich zu bestellen habe, und mir einen Brief in den Wagen reichte. – Von Hans. Sein gewöhnliches Riesenformat, der Inhalt drei Zeilen im Telegrammstil: »Willkommen! hochwillkommen, Du, mein Junge, Du! Erwarten Dich mit offenen Armen. Haben uns redlich nach Dir gesehnt. Elsbeth und Hans« Beide hatten unterschrieben. Ich zerknüllte das Blatt und schleuderte es fort, denn es brannte wie eine Kohle in meiner geschlossenen Hand. Die Sonne brannte auch, der Himmel erstrahlte in feurigem Blau, zu eitel Fünkchen wurde der uns umwirbelnde Staub. Am Saume der großen Ebene dunkelten die Wälder, erhoben sich die Spitzen der Okicer Gebirge. Mit innigem Entzücken begrüßte ich sie ... Die schönsten Bilder tauchten vor mir empor, holde Träume umfingen mich. Mein Kutscher war plötzlich aufgestanden, schwang die Peitsche und schnalzte kräftig. Ein Leiterwagen, mit türkischem Weizen beladen, wackelte vor uns her. Die kleinen mageren Pferde krochen nur so; ihr Lenker schlief, der Länge nach ausgestreckt, auf seiner Ernte. Djuros Peitschenknall weckte ihn, er fuhr empor, wich aus, und wir sausten weiter. Das Gefühl ist nicht zu beschreiben, das mich ergriff, als ich die Schloßmauern von Nowidworo durch die Bäume des Gartens schimmern sah und bald jedes Fenster am Mansardendache unterschied. Die Luft schien mir dünner und reiner zu werden, mein Herz war so leicht, der letzte Zweifel abgetan. Ich mußte mich zusammennehmen, um nicht laut aufzujubeln. Beim steinernen Kreuze, wo der Weg sich abzweigt, der zwischen Walnußbäumen gerade zum Schlosse führt, lenkte Djuro nach rechts, und wir fuhren längs des Gartenzauns dem zinnengekrönten Türmchen in einer Ecke desselben, der sogenannten »Warte«, zu. Dort oben hatten Hans und Elsbeth gewiß gestanden und nach mir ausgespäht, und jetzt eilen sie die Treppe herab und zur Pforte zwischen den Pfeilern und werden gleich heraustreten ... Wenn sie zuerst kommt, dann ist's ein gutes Zeichen. Das Zeichen stimmte wohl – Sie kam zuerst, weiß gekleidet, im reichen Schmuck ihrer dunkeln Haare, in ihrem ganzen Liebreiz – ein wenig blaß kam sie mir vor im ersten Augenblick. Hinter ihr breitete sich's chamoisfarbig; ein Paar Arme fochten sinnlos in der Luft herum und bemächtigten sich meiner, als ich aus dem Wagen sprang. Es waren die Arme meines alten Hans, und er drückte mich an seine Brust wie ein Bär. Seine Augen standen voll Tränen, all seine Gesichtsmuskeln zitterten. »Elserl«, brachte er nach vielen vergeblichen Anstrengungen endlich heraus, »umarm ihn auch – du darfst, weil er da ist – – wenn er nicht da wäre, dürftest du nicht«, sprach er in warnendem Tone und zwinkerte mir voll Verständnis zu. Auch seine Frau verstand diese allerdings sehr einfache Logik. Sie errötete, eine tiefe Verwirrung malte sich in ihren Zügen, doch gelang es ihr bald, eine heitere Miene anzunehmen. Mit ihrer gewohnten sanften Sicherheit blickte sie zuerst ihn, dann mich an und bot mir die Wange. Ich küßte sie ... das Unglaubliche geschah – ich küßte sie, und ob es mich auch durchzuckte vom Wirbel bis zu den Füßen, ob mir der Atem vergehen wollte – ich verlor meine Fassung nicht. »Jetzt die Überraschung«, sagte Hans zwischen Weinen und Lachen ... »Wir haben nämlich eine Überraschung ... du wirst dich wundern.« Mein lieber Freund, eine flüchtige Erinnerung an die Absicht, mit der ich gekommen, an die berühmte Rechnung, kam mir in den Sinn, und mich überlief's. Elsbeth nahm meinen Arm, sie drückte ihn herzlich mit ihrer Hand, Hans ging nebenher, klopfte mich von Zeit zu Zeit auf die Schulter und murmelte: »Du mein Junge, du!« Er lobte und bewunderte alles an mir, mein Aussehen, meinen Vollbart, meinen Anzug, und Elsbeth stimmte ihm bei, und wenn er sich wie ein sehr erfreuter Vater benahm, so hatte sie in ihrer Art und Weise gegen mich etwas entschieden Mütterliches. Wir näherten uns dem schattigen Platze unter den Linden, den edlen, herrlichen, die am Rande der Wiese vor dem Schlosse stehen. Dort habe ich ihr das Meisterwerk des großen russischen Erzählers vorgelesen, diese Bäume haben leise dazu gerauscht, auf der Bank unter dem mächtigsten von ihnen hat sie gesessen, mir gegenüber in sprachloser Ergriffenheit, und mich angesehen mit jenem unvergeßlichen Blick ... Auf derselben Stelle, unter demselben Baum befand sich jetzt eine stattliche Frau in halb städtischer, halb ländlicher Tracht, und neben ihr stand ein Korbwägelchen mit blauseidenem Dach. »Spovo on?« fragte Elsbeth. »Sada isputje«, antwortete die Frau. Das heißt: Schläft er? und: Eben erwacht. Mein dummer Kopf hatte eine plötzliche Erleuchtung. Sie war so hell – zu hell – – sie schmerzte. Elsbeth führte mich zu dem Wägelchen, hob die Schleier, die es verhüllten, und der Inhalt der kleinen Equipage kam zum Vorschein. Er hatte kugelrunde, rosige Wangen und dunkle Augen, machte Fäustchen, strampelte und war – mein Nebenbuhler. Wie sie sich zu ihm herabneigte, gewann ihr Gesicht einen Ausdruck stiller, vollkommener Seligkeit, der mich sofort belehrte: Wenn je ein Funke Neigung für mich in ihrem Herzen erglomm – er ist erloschen. Der Atem dieses Kindleins hat ihn ausgeblasen. Sein Vater warf sich in die Brust, kreuzte die Arme und betrachtete abwechselnd seinen Sohn und mich mit – glaube mir – fast gleicher Zärtlichkeit. »Nun, mein Junge«, rief er mich an, »was sagst du? sag etwas zu deinem quasi Bruder.« Aber ich konnte nichts sagen, ich war in den Anblick Elsbeths versunken. »Wir Frauen«, sagt Irina, »haben nur die Liebe«, nun – Elsbeth ist reich. Zwei Tage hielt ich es wacker aus bei ihr und ihm und dem Kinde, am dritten räumte ich dem Nebenbuhler das Feld. Die Frage, ob ich nicht auch ohne ihn von dannen gegangen wäre, wie ich ging, will ich einstweilen unerörtert lassen. Auf Wiedersehen, Freund! Schalte und walte in meinem Hause, wie Dir's gefällt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein Zimmer gelangen kann – mir ist alles recht und eines gewiß: Vorläufig interessiere ich mich für keine Frau mehr, die nicht tot ist seit mindestens dreitausend Jahren. Galgenhumor, denkst du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose, der einem etwas verwundeten Herzen entströmt. Aber die Wunde schließt sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben. Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt. Dein Edmund Die Totenwacht Es war am Ende eines kleinen Dorfes im Marchfeld das letzte, das ärmlichste Haus. Seine niedrigen Lehmmauern schienen jeden Augenblick aus Scham über ihre Blöße und all ihre zutage gekommenen Gebrechen in sich zusammensinken zu wollen. Das schiefe Strohdach bot nur noch einen sehr mangelhaften Schutz gegen Hitze und Kälte, Sturm und Schnee. Die Eingangstür, die des Schlosses entbehrte, war mit Stricken an den verrosteten Angeln befestigt, klaffte von allen Seiten und hatte längst aufgehört, eine feste Schranke zu bilden zwischen der Straße und dem einzigen Wohnraume der Hütte. Durch eine seiner Fensterluken drang ein schwach flackernder Lichtschein in das Dunkel der Oktobernacht. Er ging von einer Talgkerze aus, die am Fußende eines Sarges brannte. Der Sarg stand noch offen auf einem Schragen mitten in der Stube, und in ihm ruhte die Leiche einer kleinen alten Frau. Sorgfältig angetan, mit dem Ausdruck seligen Friedens auf dem greisen Gesichte, nahm sie sich fast zierlich aus in ihrem letzten Bette. Ein weißes Tüchlein war um ihren Kopf gewunden und unter dem Kinn zusammengesteckt; die grauen Haare waren glatt gescheitelt, die Hände über der Brust gekreuzt und mit einem Rosenkranz umwickelt. Die Wacht am Sarge hielt die Tochter der Verstorbenen, ein nach dörflichen Begriffen altes Mädchen. Dreißig Jahre der Entbehrung und der Arbeit wägen schwer; aber sie schien ihre Last nicht zu fühlen. Eine trotzige Leidensfreudigkeit sprach aus ihrem dunkeln, noch schönen Gesichte; ihre Gestalt war schlank und geschmeidig geblieben. Die Arme um die Knie gespannt, saß sie auf einem Bänkchen neben der Toten, legte von Zeit zu Zeit den Kopf auf die Kante des Sarges, schloß die heißen, trockenen Augen und murmelte ein Gebet. Aus der Ferne drangen zwölf schwache Pfiffe; der Nachtwächter zeigte die Mitternachtsstunde an. Im Stalle des nächsten Nachbars meckerte äußerst kläglich eine junge Ziege, und gleich darauf erhob sich ein lautes Brüllen, setzte tief und gewaltig ein und endete mit einem schrillen, sägenden Laut. Das war die Kuh des andern Nachbars, drüben jenseits der Straße, des Huber Georg, die braune, die er um schweres Geld und doch nicht zu teuer gekauft hatte. Sie lag in frischem Stroh bis über die Ohren und ließ sich's wohlsein. Die Kuh des Huber Georg hat einen guten Pfühl, dachte das Mädchen und sah über den Sarg hinweg nach der elenden Lagerstätte, auf der ihre Mutter gestorben war. »Meine arme Mutter«, flüsterte sie leise, streichelte die wachsgelbe Wange der Toten und vertiefte sich in die Erinnerung an all das Leid, das in wenig Stunden mit der alten Frau ins Grab versenkt werden sollte. Für immer versenkt. Amen. Eine letzte, schwerste Trennung noch und dann: Leb wohl, Heimat! Grüß Gott, liebe Fremde, in der es keinen Huber Georg gibt, in der man ihm nie begegnen, in der sein blankes Haus einem nicht entgegenprunken kann und man seine verwöhnte Kuh nicht brüllen zu hören braucht. Alles war wieder still geworden, nicht ein Lüftchen regte sich; die alte Frau im Sarge lag da, jetzt schon von Grabesruhe umgeben. Plötzlich wurde das Geräusch einer vorsichtig geöffneten und wieder geschlossenen Tür hörbar, und von der Straße her näherten sich, öfters innehaltend, schwere, zögernde Schritte. Nun hielten sie vor dem Hause an, und im nächsten Augenblick trat Georg Huber über die Schwelle. Er war groß und breitschulterig und hatte einen kleinen Kopf und ein hübsches Gesicht mit niedriger Stirn und schlanker gerader Nase. Seine blauen, ein wenig vorstehenden Augen schauten unsicher und betroffen drein; trotzdem aber nahm er sich aus recht wie ein Herr in seinen städtischen Kleidern, und seine neuen Stiefel knarrten gar vornehm. Die Pelzmütze lüftend, grüßte er die Tote, vermied jedoch, sie anzusehen, und brachte ein halb unverständliches: »Wünsch guten Abend, Anna«, hervor. Die Zunge schien ihm schwer im Munde zu liegen, seine Oberlippe zuckte unter dem Schnurrbärtchen, seine Rechte schob die Mütze weit zurück ins Genick. »Guten Abend, Anna«, wiederholte er. Sie runzelte die Stirn, warf einen Blick voll feindseligen Erstaunens auf ihn und blieb stumm. Der wenig Beredsame mußte von neuem beginnen: »Dich wundert's, daß ich komm. Ich komm, weil ich gehört hab, daß sie« – er deutete auf die Tote – »mir verziehn hat, eh sie gstorben ist.« »Wer hat dir das gsagt?« fragte Anna; heiß aufwallender Unwille trieb ihr das Blut in die Wangen. »Der Herr Pfarrer hat mir's gsagt, und dir kann's recht sein«, antwortete Georg und nahm, ohne ihre abwehrende Bewegung zu beachten, Platz auf dem Bette, das unter seiner Wucht erzitterte und stöhnte. »Ich komm auch«, begann er wieder, da sie in ihrem düsteren Schweigen verharrte, »weil du ganz allein die Totenwacht haltst. Die alten Weiber lassen sich nicht sehn, wenn man keinen Branntwein zahln kann.« »Wenn ich sie eingladen hätt, wären ihrer gekommen mehr als gnug. Aber ich hab die letzte Nacht allein bleiben wollen mit meiner Mutter. In ein paar Stunden kommen s' ohnehin und tragen sie mir weg.« Er verstand den Wink nicht, er blieb sitzen. Nach einer Weile mahnte ihn das Mädchen: »Bet ein Vaterunser und geh.« Er verschränkte die Finger, betete halblaut und sagte am Schlüsse: »Gott hab euch selig, Mutter Theres.« Der Nachtwächter kam jetzt auf seiner Runde in die Nähe des Hauses, entlockte seinem Pfeifchen einen langgezogenen Ton, ging vorbei und pfiff wieder: ein Uhr. Georg traf noch immer nicht Anstalt zum Aufbruch. Er hatte sich tief gekrümmt, die Ellbogen auf die ausgespreizten Knie, das Gesicht in die gefalteten Hände gelegt, und rührte sich nicht. »Du schläfst!« rief das Mädchen ihn endlich an. »Geh nach Haus schlafen.« »Ich schlaf nicht«, sagte er, ohne seine Stellung zu verändern; »ich denk an deine Mutter. Ich denk, wie sie mir gedroht hat: ›Wenn ich vorm lieben Herrgott stehen werd, werd ich dich bei ihm verklagen.‹ Sie tut's aber nicht.« »Sie hätt Wort halten sollen, sie hätt dir nicht verzeihen sollen; sie war zu gut, viel zu gut, übergut!« sprach Anna dumpfen Tones. Georg hob ein wenig den Kopf und warf einen halb kecken, halb scheuen Blick auf sie: »Du meinst halt, gradsowenig hätt sie mir verzeihen sollen, wie du mir verzeihst. Wirst aber schon, wenn du hörst, mit was für Gedanken ich herkomm.« Sie verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln; auf eine andere Antwort wartete Georg umsonst und mußte, um das Gespräch nicht ganz fallen zu lassen, wieder beginnen: »Der Herr Pfarrer meint; wenn er's aber auch nicht meinen möcht, ich mein's von selbst.« »Ich mein auch was«, unterbrach sie ihn: »Daß du daher nicht ghörst; auch wenn sie dir zehnmal verziehn hätt, hättst nicht dazusitzen. Geh.« »Weil ich jetzt bleiben möcht«, erwiderte er grollend, »heißt's: Geh! und so warst immer. Alle Schuld liegt auch nicht an mir; du bist bös gnug.« »Du hast mir's nicht vorzuwerfen, du nicht! War ich's denn? Nein. Ich bin's durch dich worden.« »Natürli!« höhnte er. »Alle Schuld wird immer auf mich gwälzt. Durch mich allein bist bös worden, durch andre nicht; am wenigsten schon durch dein Vatern.« Sie war wild aufgefahren, warf einen Blick auf die stille Frau im Sarg und bezwang sich. – »Ausgstanden hab ich gnug durch ihn, bös bin ich durch ihn nicht gworden«, sagte sie. »Was dein Vater tut, muß dir recht sein, hab ich immer von der Mutter ghört, und vom Herrn Pfarrer: Was der liebe Gott tut, muß uns recht sein. Ob also der Vater dreingschlagen hat oder der Blitz, etwas anderes als: duck dich! ist mir zuletzt dabei nicht mehr eingfallen. Eine Heimsuchung vom lieben Gott ist das, einen Lumpen zum Vater zu haben, der alles vertut, einem das Dach überm Kopf verspielt und die Kleider vom Leib ...« »Eher noch, weißt noch damaln«, fiel ihr Georg mit naiver Schadenfreude ins Wort, »das Kleid mit die roten Tupfen?« »Mit die roten Tupfen ... das war was! Und dazu dein ewigs Frotzeln: ›Du hast ja so ein schönes Kleid kriegt, wo is's denn? Hebst dir's auf, auf den Sonntag?‹ Ich hätt von selbst nicht mehr dran gedacht, du hast mich immer gmahnt ... Auch jetzt mahnst mich wieder ...« Sie schwieg, sie ließ den Kopf auf die Brust sinken. Die Erinnerung an eine der kläglichsten Begebenheiten in ihrem kläglichen Kinderleben tauchte wieder auf. Bild an Bild zog vorüber, deutlich zum Greifen. Da stand sie eines Winterabends mit anderen armen Kindern in einem großen, herrlichen Saale. Unzählige Kerzen brannten, es war hell und warm wie im Himmel. Und Sachen gab es auf einem Tisch ausgebreitet und aufgestellt, daß einem die Augen übergingen und das Wasser im Munde zusammenlief. Annas Blicke wanderten – verzückt umher und blieben plötzlich wie gebannt auf einem Kleide haften – ein Bild von einem Kleide, heute noch hätte sie's malen können. Es war grau und ganz besät mit roten Tupfen, nicht größer als Grießkörner, und das Leibchen hatte eine schmale, kirschrote Einfassung und die Schürze einen kirschroten Saum und wirkliche Taschen, und aus der einen guckte ein Tüchlein heraus mit roten Tupfen, und die waren linsengroß. Du lieber Gott, was bliebe einem noch zu wünschen übrig auf der Welt, wenn man dieses Kleid hätte, diese Schürze, dieses Tüchlein? fragte sich das Kind und geriet vor lauter Nachdenken, Staunen, Bewundern in einen Zustand des wachen, wonnigen Traumes. Jedes Wunder paßte in den hinein, und das lieblichste begab sich. Eine feine Hand legte sich unter Annas Kinn und bog ihren Kopf sanft zurück, und die Augen des kleinen Mädchens erhoben sich und begegneten einem Paar großer, tiefdunkler Augen voll unsagbarer Güte und unendlicher Traurigkeit. Das waren die Augen der einsamen Schloßbewohnerin, der vielverehrten und vielbedauerten »Komteß«, der armen Reichen, die so schweres Herzeleid erfahren hatte und langsam hinschwand und sich zu Tode kränkte. »Du Kleine«, sagte sie, und ihre liebreiche, etwas verschleierte Stimme klang wie gedämpfte Musik, »dieses Kleid gefällt dir. Schau nur, wie gut sich das trifft, ich hab's für dich genäht. Nimm, es ist dein, nimm auch die Stiefelchen und das Tuch. – Nun, Annerl, so nimm!« Aber Annerl rührte sich nicht; sie fürchtete, durch ein Wort, eine Gebärde den holden Traum zu zerstören, von dem sie sich befangen wähnte. Da nahm die Komteß ein großes, weiches Umhängetuch vom Tische und wickelte das ganze Kind vom Kopf bis zu den Füßen hinein. Sie zog seine Ärmchen unter dem Tuche hervor und belud sie mit einem Paar warmer, rot gefütterter Stiefel und mit dem von Annerl eben noch gleich einem Märchenbilde angestaunten Kleide. Die Kleine hatte alles geschehen lassen und war stumm geblieben. Jetzt brachen zwei Worte voll des Jubels über ihre Lippen: »Die Mutter!« Was wird sie sagen, die Mutter, die immer stopft und flickt an des Töchterleins altem »Gwandl« und gestern erst bitterlich geweint hat, weil ihr das morsche Zeug unter der Nadel zerfiel – was wird sie sagen? Die Kleine war blaß gewesen vor innerster Erregung; auf einmal schoß ihr das Blut ins Gesicht, sie wandte sich und lief davon. Vergeblich wurde ihr nachgerufen: »Warte, du bekommst noch mehr!« Sie lief und lief. Hinter ihr schallte das Gelächter und Geschrei der anderen Kinder. Der Lichterglanz des beleuchteten Schlosses, der sie noch eine Weile begleitet hatte, erlosch; sie preßte ihren Schatz an die Brust und gar oft an den Mund und rannte weiter in die Nacht hinein, längs der Gartenmauer ins Dorf, von dem Gedanken an die Mutter getragen wie von Flügeln. Der kürzeste Weg führte am Wirtshause vorbei; den schlug sie ein. Wüster Lärm schallte ihr entgegen; es gab wieder Streit in der Schenke. Ein Raufbold oder ein Lump mit leerer Tasche wurde hinausgeworfen. Jetzt stand er unter der Laterne vor der Tür, und voll Schrecken erkannte die Kleine: Das ist der Vater! Es überrieselte sie bei dem Gedanken an die Gefahr, der sie sich mit jedem Schritte näherte, und doch lief sie weiter; ihr fiel gar nicht ein, daß sie guttäte, die Dorfstraße zu vermeiden, um die Ecke zu biegen und auf dem Feldwege nach Hause zu eilen. Nur vorbeihuschen an dem Schimpfenden, Fluchenden, bereits sehr Angetrunkenen wollte sie. Sie lief nicht mehr, sie schlich langsam und leise, drückte sich an die der Schenke gegenüberstehenden Häuser, hoffte schon glücklich zu entkommen im Schütze der Dunkelheit. Fast auch wäre es gelungen, wenn nicht ihr Freund, der Spitz des Wirtes, die Nähe seiner Spielgefährtin witternd, mit lautem Freudengebell auf sie zugesprungen wäre. Sie wich zurück, sie flüsterte ihm zu: »Still, Spitzerl! still, du liebes dummes Tier!« – Der Spitz trieb es je toller, je ängstlicher sie ihn abwehrte, und nun rief auch schon der Vater herüber, streitlustig wie immer bei halb gelöschtem Durste: »Wer geht da, wer hat da zu gehen?« Sie gab keine Antwort, sie ergriff die Flucht, und der Hund bellte und sprang, und der Vater stolperte ihr nach und hatte sie bald eingeholt mit seinen langen Beinen. Das Tuch war ihr vom Kopfe herabgerutscht, er erwischte und zerrte sie an ihrem dichten Zopfe. »Ich bin's, Vater, um Gottes willen, laßt mich«, schrie sie auf und wehrte sich, als er an dem Pack, den sie trug, gierig herumtastete. »Was hast da? Hast was gstohlen?« »Bekommen hab ich's! mein ist's, mein!« »Her damit! Ich leid nicht, daß was gstohlen wird. Ich bin ein ehrlicher Mensch. Her mit dem Gstohlenen!« Er wollte alles auf einmal nehmen, aber das gelang ihm nicht. Sie kratzte und biß und verteidigte jedes einzelne Stück ihres köstlichen Eigentums mit verzweifeltem Mute. Aus den Händen, aus den Zähnen mußte der Vater es ihr reißen und tat's, und als sie sich an das letzte, das er ihr abrang, das große Tuch, festklammerte und im Kampfe niederfiel, schleifte er sie unbarmherzig hinter sich her, bis ihre Kraft versagte und sie das Tuch fahrenließ. Blutend und zerschlagen richtete sie sich auf die Knie auf, streckte den Hals und schaute. Der Vater stand wieder unter der Laterne vor dem Wirtshause, klopfte an und rief mit dem Selbstbewußtsein eines Kapitalisten: »Heda, Jud, abrechnen! Ich bring was! Ich bezahl!« Man öffnete, man ließ ihn ein, den Dieb und Räuber! Annerl stürzte ihm nach, sie schrie sich heiser, stieß dem Vater abgelernte Flüche hervor, polterte in sinnloser Wut mit ihren kleinen Fäusten an die Tür, bis sie endlich aufging und ein Fußtritt, gut gezielt, einer von der wohlbekannten Art, das Kind zum Schweigen brachte. Aber nicht zum Weichen. Annerl blieb auf der Schwelle sitzen, an der Unglücksstätte, wo ihr höchstes, noch kaum genossenes Gut verschachert wurde. Empörung kochte in ihrem Herzen; ihr verzweiflungsvoller Schmerz schrie zum Himmel aus ihrem leisen Weinen, ihrem unterdrückten Schluchzen und wurde nicht gehört, nicht damals – und nie! Erinnerungen ohne Zahl brachen über sie herein in dunkel wogenden Fluten. Sie preßte die Hände an ihre Stirn und an ihre Schläfen. »Du hast's anders gehabt, Herr Jesus, wie gut hast du's gehabt«, sprach sie tief aufseufzend, »und wie hast du mich drum veracht't!« Er protestierte ziemlich lau: »Was dir einfallt – veracht' ... Warum denn?« »Frag nicht, was du weißt. Weil du reich warst und weil ich arm war, darum. Weil du in Stiefeln gegangen bist von klein auf und ich bloßfüßig gelaufen bin. Weil deine Kleider ganz waren und die meinen zerlumpt. Weil du immer satt warst bis daher« – sie legte den Rücken der flachen Hand an den Hals – »und ich immer ausghungert ... so ausghungert, daß ich ... Heut noch, wenn ich's denk, schäm ich mich in die Haut hinein ...« Sie lächelte mit zuckenden, schmerzvoll verzogenen Lippen: »Daß ich aufgepaßt hab jeden Nachmittag, ob du herauskommst mit deiner Jausen. Du richtig gekommen, und ich gewartet und gehofft, jetzt und jetzt krieg ich einen Brocken; und du hineingebissen in dein Butterbrot, das dick beschmierte, und gschmatzt und herumgschaut, wer dich bewundert, daß du so reich bist und essen kannst, solang dir's schmeckt. Wenn ich das denk! Ich aber bin gstanden und hab mich nicht grührt, bis du gnug und übergnug ghabt hast und den lumpigen letzten Bissen übern Zaun hingworfen hast auf die Straßn. Der war für mich! über den bin ich hergfallen wie ein hungriger Hund ... Weißt noch?« fragte sie und maß ihn mit ruhigen Augen, in denen es blinkte, kalt wie Eis und unerbittlich wie Haß. »Ich weiß, und wenn ich mich drauf bsinn, gibt's auf der weiten Welt unter die vielen schlechten Leut nicht zwei, die mir so völlig zwider sind wie du und wie ich mir selber.« Er war ein wenig verlegen geworden und versetzte: »No ja, wir sind halt Kinder gwest. Kinder sind alleweil ungut.« »Daß ich nicht wüßt. Und du hast zur Ungutheit schon gar keine Ursach ghabt. Aber grad wenn ein'm zuviel Guts gschieht, tut man nix Guts. Deine Eltern waren brav und haben sich geplagt von früh bis abends für dich. Meine Mutter hat sich freilich auch geplagt, aber was hat's gnutzt. Wenn sie fünfzig Kreuzer verdient hat, hat der Vater sechzig vertrunken ...« Sie hielt inne, sann nach und fuhr dann eifriger und rascher fort: »Wie unsere Eltern sich da angebaut haben an der Straßn, da war, so heißt's, unser Haus das schönere, und das Feld war dabei, das meiner Mutter ghört hat – ghört und nicht ghört, denn was ghört einer, die einen Lumpen zum Mann hat? –, das Feld, auf das dein Vater immer neidisch war.« »Neidisch?« rief Georg, »nit im Traum.« »Warum denn nicht? Er hat's sein dürfen; das Feld is dernach. Du weißt am besten, was's wert is.« »Was's wert is, is wert, und das hat mein Vater dafür geben und hat's auszahlt bei Heller und Pfennig.« »Ich sag's auch nicht anders. Ich sag dein Vatern nix Schlechts nach. Ich hab ihn gern ghabt, er hat mich oft in Schutz gnommen, wenn du gedroht hast, du wirst mir's schon zeigen, ich soll nur probieren, zu raufen mit einem, der so is wie du, der so eine Kraft hat wie du.« »Ja, Schläg gnug hab ich deinetwegen kriegt.« »Hast auch alleweil mit Steinen nach mir gworfen.« »Und du vielleicht nicht nach mir?« »Schon auch. Aber ich hab gfehlt, und du hast getroffen. Das war der Unterschied.« Georg schmunzelte wohlgefällig: »Schon gar damaln«, sprach er, mit dem Zeigefinger eine Stelle an seiner Stirn bezeichnend, an der die ihre ein Mal trug, rötlich und spitz zulaufend wie ein Flämmchen. »Grad das hat mir nix gmacht«, entgegnete sie. »Nur was vorhergegangen is, deine Bosheit, garstiger Bub, der du gwesen bist. Nix hast mir gegönnt. Die liebe Sonn hättst mir verhängt mit einem Kotzen, wenn du gekonnt hättst. Dein weißes Katzerl, nicht einmal anschaun hab ich's dürfen, wie wenn ich ihm was wegschaun könnt, so hast du's gtrieben.« Auch diese Erinnerung an seine kindlichen Großtaten ergötzte ihn: »So hab ich's trieben?« fragte er. »Da hat sie einmal mit einer Nuß gspielt; das war zum Lachen. Immer drauf mit der Pfoten, und die Nuß weggekugelt, und das Katzerl einen Satz gmacht, ihr nach, und ein Gsicht, wie wenn sich's denken möcht: Was bist denn? bist am End lebendig? bist am End gar eine Maus? – Ich glacht, daß ich mich gwunden hab, und höher hinaufgekraxelt auf unsern Zaun und mich gstreckt, daß ich nur gut seh. – Herr Jesus! da stehst auf einmal du hinter deinm Zaun und schreist mich ganz pamstig an: ›Was schaust? Hast nit zu schaun! Schau nit!‹ und ich ärger mich: ›Dummer Bub, jetzt just!‹ und seh noch, daß du den Arm hebst, und dann seh ich nix mehr, fühl nur, daß mir was Warmes über mein Gsicht lauft und daß ich hinfall wie ein recht Müdes in sein Bett.« Georg strich sich ein paarmal über den Kopf mit seiner flachen Hand. Er erinnerte sich noch recht gut, wie ihm damals zumute gewesen war nach jenem Steinwurf, als es drüben unheimlich still wurde und er gerufen und keine Antwort bekommen und nichts anderes geglaubt hatte, als daß sie etwas besonders Tückisches gegen ihn aushecke. Er war auf dem Bauche über die Straße gerutscht und hatte durch eines der vielen Löcher im Zaune des Nachbars unten durchgeguckt. Da hatte er die kleine Anna liegen gesehen, regungslos, blutüberströmt, und vor Entsetzen über den Anblick den Kopf verloren und ein Geschrei erhoben, daß die Leute zusammenliefen: »Sie is tot! Anna is tot, ich hab sie totgmacht!« »Das war weiter kein Schrecken«, schloß er, und sie sprach: »Wenn's nur wirklich so gwesen wär, wenn du mich nur wirklich totgmacht hättst damaln, du hättst mir später das viel Ärgere nicht antun können ...« Die Stimme wollte ihr versagen, schwer atmend fuhr sie fort: »Wenn das meine Mutter gwußt hätt! ... Aber sie hat's nicht gwußt, ich hab ihr's nicht sagen können, die Scham hat mirs Wort in der Kehln zusammengwürgt ... So is's auf mir sitzenblieben wie ein Mühlstein. Ich hab's gschleppt durch mein ganzes Leben. Wie mich jemand ein bissel lang angschaut hat, is mir's wie Feuer zum Kopf gstiegn: Meinst vielleicht das? Aufschrein hätt ich mögen: Menschen, Menschen, glaubt's nix Schlechts von mir, ich bin nicht schlecht! ... Verkriechen hätt ich mich mögen, so tief, so weit, daß keine Seel mir hätt nachkommen können ... Was hätt ich nicht alles anfangen mögen? O mein Heiland, der du für uns glitten hast, mir hast nix wegglitten, mein Teil is ganz übrigbliebn!« »Was für ein Gred, dös ghört si nit, so ein Gred«, ermahnte Georg, und das Mädchen brach aus: »Dir war's freilich recht, daß ich gschwiegen hab, und am liebsten war's dir, ich schweiget noch. Aber nein! Einmal sag ich's, jetzt sag ich's meinem alten, lieben, kleinen Mutterl, weil sich's drüber nicht mehr zu Tod kränken kann und mich doch hört vom Himmel aus, in den's aufgfahren is! ... Hör mir zu, Mutter, und klag's dem allgerechten Herrgott, bei dem du bist.« »Gib Ruh mit die alten Gschichtn!« rief Georg; sie aber legte die Hand auf das Haupt der Toten: »Ihr sind's nicht alt und mir auch nicht. Immer neu, immer brechen die versteckten Wunden auf, und einmal solln s' ausbluten!« Halb flehend, halb befehlend stieß er hervor: »Sei still!« »Aha, jetzt wird ihm bang! – War dir lieber damaln bang worden. Aber vor der Sünd fürchtst dich nicht, nur vor der Straf, und das is so gar dumm, denn die Sünd muß nicht sein, aber die Straf muß sein und is! Da verlaß dich drauf!« »Gib Ruh!« wiederholte er. Seine Augen, die bisher die Tote scheu gemieden hatten, richteten sich flüchtig auf sie; ihm war, als runzle sie die Brauen. – »Was ich gfehlt hab, mach ich wieder gut«, murmelte er. »Meinst denn, das geht? 's geht nicht! Bsinn dich und dann sag, ob so was zum Gutmachen is. Bsinn dich, wie du mir in den Weg getreten bist droben im Wald auf dem einsamen Fußsteig ...« Sie beugte sich, sie suchte seinen Blick, der dem ihren auswich, festzuhalten. – »Abend is gwesen und doch noch schwül zum Ersticken, und ich bin aus der Arbeit gegangen und war müd. Auf einmal stehst du da. Hast mir gwiß aufgepaßt.« »Nein!« unterbrach er sie, »das is mir bei Gott nit eingfallen.« »Du bist von einer Hochzeit gekommen und warst lustig und aufglegt zu jeder Nixnutzigkeit und hast mich so freundlich angschaut und angred't wie dein Lebtag nicht.« »Wirst mir das auch noch vorwerfen? Ich hab dich angschaut, weil ich mir denkt hab: So arm anglegt, wie's is, is schöner als andre im größten Putz.« Sie schüttelte den Kopf: »Angetrunken wärst gwesen, wenn du so was gfunden hättst. Du warst aber nicht angetrunken, und auch ich hab meine fünf Sinn beieinander ghabt und weiß heut noch jeden Gedanken, der mir damaln durch den Kopf gegangen is. Daß d' ja im Grund kein übler Bursch bist, daß ich dich nur noch nie drauf angschaut hab und daß d' auch nicht bös bist gegen wen andern, außer grad gegen mich. Allerhand, was ich dir angetan hab, hat mich greut. Sogar leid hast mir getan, weil ich schon als Kind glernt hab: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelohr als ein Reicher durchs Himmelstor. Und wie du so gut und herzlich mit mir gsprochen hast, ist mir ganz merkwürdig worden – völlig mit dir ausgsöhnt. Was liegt dran, wenn man als Kind noch soviel miteinander grauft hat? hab ich mich gfragt. Später kann man doch gut werden. Wer weiß, vielleicht erst recht. So bin ich halt stehnblieben und hab dir zughört und mir erzählen lassen von der Hochzeit. Ein Reicher hat eine Arme gheirat, sie haben einander gern gehabt und waren glücklich und froh. Und haben's nicht erwarten können, daß die Gäst fortgehn, damit sie allein bleiben und sich in die Arm fallen und küssen können nach Herzenslust, und hast mir zeigen wollen wie. Im Spaß nur hast mir's zeigen wollen ... O Herr Jesus, das war ein Spaß! ... Was du wirklich im Sinn ghabt hast, bei Gott und der allerheiligsten Jungfrau Maria, is mir nicht eingfallen. Wie hält ich mir vorstellen sollen, daß du willst, was sich nur einer verlangt, der einen gern hat?« »Ich hab dich auch gern ghabt, schon lang, schon immer, ich hab dir's nur nicht zeigen wollen, daß du dir nix einbildst«, erwiderte er. »Du warst mir lieber, wenn du noch so fuchtig gwesen bist, als die andern, wenn s' mir schöngtan haben.« »Geh! Geh!« rief sie aus und ballte die Faust gegen ihn. »Damaln hast dich an mir versündigt, schrecklich, fürchterlich ... nicht zum Sagen! Just wie ich Vertrauen gfaßt hab, just wie ich gmeint hab: So arg bös is er doch nicht, bist über mich hergfallen wie ein wildes Tier, daß ich mir nicht hab helfen können, mich nicht hab retten können vor dir und deiner Kraft, deiner verfluchten Kraft, Verfluchter!« »Hör auf, hör auf!« murmelte er, sie ließ sich aber nicht unterbrechen: »Schandbub du, mit deiner Kraft! O Jesus! daß eins sich wehren kann, wie ich mich gwehrt hab, und doch ... Is das eine Gerechtigkeit? – Herr, mein Gott, für welche Sünd hast mich so gstraft? Warum hast du das zuglassen?« Georg wetzte auf seinem Platze hin und her, machte einen immer runderen Rücken und blickte zur Seite, indes sie fortfuhr: »Weißt noch, wie du mir am nächsten Tag wieder nachgstiegen bist und auch später die ganze Zeit und wie ich mich hab einsperren müssen vor dir, wenn ich allein war im Haus? Und wie ich mein Unglück erkannt hab, weißt noch, wie ich da gekommen bin und dir's gsagt hab und wie du mich ausglacht hast und mir ausgwichen bist von dem Tag? Und wie ich mir am End keinen Rat mehr gwußt und deinen Vater um Hilf angrufen hab, da hat er gleich ungläubig gschmunzelt, und du hast alles gleugnet mir ins Gsicht!« Er griff sich an den Kopf: »Ich hab halt soviel Angst ghabt vor mein Vatern, er war gar streng.« »Angst? Das gibt's, daß einer so eine Kraft hat und doch Angst? Aus Angst hat der Schandbub gsagt: ›Ich weiß nix von ihr!‹ ...« Sie preßte die Wange auf die Brust der Mutter: »Hörst du mich, ich schwör dir's, meine Hand liegt auf deinm Kopf, mein Gsicht liegt auf deinm Herzen. Ich bin ganz unschuldig gwesen; du kannst auf mich herabschaun vom Himmel und brauchst dich nicht kränken. Tu's nur, schau auf mich herab. Jetzt kann ich zu dir sprechen und werd nicht einmal mehr rot. Wie du glebt hast, konnt ich nur sagen: ›'s is gschehn, und der Georg hat's getan.‹ – Mehr konnt ich nicht sagen, und du hast gsehn, wie ich mich herunterkränk, und warst voll Angst, daß ich mir was antu, wenn d' viel fragst ... Und der Vater, der ...« Sie hob den Kopf, verbiß ein Schimpfwort und sprach mit bitterem Hohne: »Dem war's eher recht, er hat einmal einen ordentlichen Grund ghabt, mich durchzupeitschen, und is dann gar nimmer ausm Wirtshaus gekommen, wo er sich Trost gholt hat für mein Unglück ... Mein Unglück, das der da verschuldet hat ... O Mutter!« brach sie leidenschaftlich aus: »Einmal, ein einzigs Mal noch mach deine Augen auf und schau den an. Sieht er nicht aus wie's böse Gwissen? Nimm deine Verzeihung zurück und fluch ihm, wie er's verdient!« Er bückte sich unwillkürlich unter der Verdammnis, die sie auf ihn niederrief. »Schweig einmal«, sprach er. »Warum mußt mich so niederdonnern? Ich will alles gutmachen, wie gsagt. Ich nehm dich. Ich hätt dich schon lang gnommen, aber hatt's denn sein können? Ich hab warten müssen, bis dein Vater nimmer is. Wie der war, hätt er uns an den Bettelstab bracht. Dein Vater hat halt zu lang glebt.« Ganz versunken in ihre Gedanken, hatte sie ihn reden lassen, ohne hinzuhören. Bei den letzten Worten wurde sie aufmerksam und nickte zustimmend: »Zu lang glebt, wie alle bösen Leut. Dein Vater, der hat's gschwinder gmacht, der hat sich ganz stat weggstohlen, wie du das Alter ghabt hast, Herr zu sein im Haus. Oh!« begann sie nach kurzem Schweigen wieder, »nur ein paar Jahr früher, wenn der meine gstorben war, wir hätten uns hinaufbracht, meine Mutter und ich. Wir waren fleißige Arbeiterinnen, um uns is immer ein Griß gwesen. Aber Elend und Not und die letzte schwere Pfleg! An der is die Mutter zugrund gangen. Den ganzen Tag schaffen, die ganze Nacht wachen, das hat sie nicht ausghalten.« Georg räusperte sich so gewiß ablehnend und überlegen: »No ja, freili. Jetztunter aber sein s' beide tot, und ich nehm dich also. Der Herr Pfarrer verkündigt uns am nächsten Sonntag zum erstenmal, und in drei Wochen hol ich dich zur Trauung, 's is höchste Zeit, daß d' fortkommst. Der Gersthofer, der den Krempel« – er sah sich geringschätzig um – »gekauft hat, kann's eh nit erwarten, daß er leer wird und daß er ihn niederreißen kann.« »Ich weiß ohnehin«, erwiderte sie. »Ich werd ihm auch nit lang zur Last fallen. Meinem Mutterl geh ich nochs Gleit, wenn sie's hinaustragen – dann geh ich; gleich vom Friedhof weg.« Ein Geflunker und eine Drohung erschienen ihm diese Worte, und er brummte verdrießlich: »Such dir einen andern, den d' zum Narren halten kannst. Gehn wirst? Wohin denn? Hast keine Seel auf der Welt, hast nix und niemanden.« »Da irrst. Zwei gute Freund hab ich – die da!« Stolz und selbstbewußt streckte sie ihre kräftigen Arme aus. »Solang mich die nicht verlassen, bin ich nicht verlassen. Bei uns kommt, Gott sei Dank, noch jeder durch, der nix will und verlangt als Arbeit.« Er zuckte die Achseln: »Was wirst anfangen? In Taglohn gehn? Oder suchst dir en Dienst?« »Hab schon einen. Heute nacht schlaf ich schon drüben in St. Egyden. Die Weberbäuerin, bei der ich im Sommer in Schnitt gwesen bin, hat erst gestern wieder um mich gschickt.« »Und bei der stehst ein?« »Bei der steh ich ein.« »Ich gratulier!« rief Georg, »bei der wirst's gut haben.« »Wie ich's schon einmal ghabt hab. Streng is sie, das is wahr: was liegt mir dran? Ich bin selber streng, und grad deswegen haben wir uns so gut vertragen miteinander. Die Weberbäuerin is nur verschrien wie heutzutag jedes, das verlangt, daß seine Dienstleut ihre Schuldigkeit tun.« Georg hörte ihr aufmerksam zu. Was sie da sagte, gefiel ihm über die Maßen; er ging ja seit einiger Zeit ganz im stillen mit dem Gedanken um, einen Knecht aufzunehmen. Aber nicht nur, was sie sagte, sie selbst, das schöne, tüchtige, kreuzbrave Weib, gefiel ihm, hatte ihm von jeher gefallen. Er hatte sie einmal gern, lieber als alle anderen zusammen, die sich um seine Gunst bemühten; er war sich's nie so deutlich bewußt gewesen wie in diesem Augenblick, nie auch hatte ihre verächtlich herbe Art ihn so bitter beleidigt und gereizt. Aus diesem Aneinanderprallen widerstreitender Empfindungen entwickelte sich in ihm ein heißes, heftiges Verlangen nach dem Besitze der – doch wohl nur zum Schein – seiner Bewerbung Widerstrebenden. »Mach ein End!« herrschte er sie an. »Dich zu bedanken hast, nix anderes. Ich nehm dich, wie d' bist, Schulden wirst ja keine haben«, fügte er vorsichtshalber bei, beruhigte sich aber selbst: »Und wenn auch, viel wird's nit austragn. Was kriegt denn ein Arms zleihn?« »Hast recht«, sprach sie. »Ob's aber jetzt ein Guldenzettel is oder ein Kreuzer, dich trifft's nicht; ich nehm dich nicht und nehm dein Geld nicht.« »Du nimmst mich nicht? Für so dumm wirst mich doch nicht halten, daß ich dir das glaub!« »Ich seh schon, du hast nit gnug an meinm einfachen Nein«, erwiderte sie, wurde leichenblaß, und ihre Augen funkelten. Sie brachte die Worte anfangs entsetzlich mühsam hervor, dann sprach sie rasch und leise, mit gewaltig niedergehaltenem und dennoch oft aufloderndem Zorn, und warf dabei jedesmal einen ehrfurchtsvollen, um Verzeihung bittenden Blick auf die Tote. »Weißt was? Wie das Kind gekommen is, das arme, unglückselige, hab ich, trotz Schand und allen, eine Freud an ihm ghabt. Ich hab nix, hab ich mir gedacht, aber dich hab ich, und dir zulieb will ich leben und mich plagen, und meine Plag soll von jetzt an meine Freud sein. Und mit jedem Tag is meine Lieb zu dem armen Wurm gwachsen und gstiegen. Aber es hat schon zuviel glitten ghabt, bevor's noch gwußt hat, was leiden heißt. Ehs Jahr um war, is's gstorben ... Da liegt mein Mutterl auf dem Schragen, mein altes, liebes Mutterl, mein ganzes Inwendige is nur eine Wunden, und doch sag ich – wie mein Kind gstorben is, war mir ärger, und ich hab Gott verklagt: Hast mir's gegeben gegen meinen Willen in Not und Verzweiflung, und jetzt, nachdem's mein einzigs Glück worden is, reißt mir's weg. Unbarmherzig hab ich ihn gscholten, den Höchsten, vor dem ich heut auf die Knie fall und zu dem ich ruf: Barmherziger! Allgütiger, du weißt, was du tust! Sei gelobt und gepriesen! ... Du hast mein Kind zu dir gnommen, es ist ein Engel im Himmel, und ich darf – Gott sei Lob und Dank! –, ich darf zu dem Menschen dort sagen: Ich nehm dich nicht; lieber in die Höll als in dein schönes Haus!« Georg starrte zu ihr hinüber, es lief ihm kalt über den Rücken. Sie saß vor ihm so ruhig wie aus Stein, und doch lebte alles an ihr. Ihre Brust hob und senkte sich; ihre Lippen glühten, es ging eine Macht von ihr aus, die ihn, den sie verwarf, unwiderstehlich anzog: ihn, den Starken, beugte, seinen Willen brach und seinen Hochmut überwand. »Verschwör's nit!« rief er. »Schau, Annerl, grad deswegen, weil ich immer gmeint hab, heiraten wern wir doch einmal, hab ich gmeint, ich muß dir beizeiten den Herrn zeigen. Verzeih mir's, Annerl, und gib mir ein gutes Wort und sei wieder gut.« »So? – So?« Sie riß die Augen auf und betrachtete ihn mit einem Staunen, wie wenn er das größte Wunder wäre. »Wieder gut?« sprach sie kaum hörbar. »Nach allm, was ich ihm gsagt hab, sagt der Mensch: Sei wieder gut! Merkst denn nicht, daß ich nicht könnt, auch wenn ich wollt? ... Verzeihn tu ich dir – in Gottes Namen. Ich bin ja fertig mitm Leben hier daheim; was vorbei is, is vorbei. Wie wenn eins die Tür von seinm Haus absperrt, eh's in die Fremd geht, so mach ich's. Abgsperrt! Aus is mit jeder Lieb und Freundschaft, und mit unsrer Feindschaft auch. Du hast's ghört, jetzt steh auf und geh.« Georg stieß einen wilden Schrei aus. »Fängst schon wieder an mit deinm ›Geh‹! ... Sei gscheit, ich rat dir's, sonst gibt's ein Unglück!« »Droh du nur!« Sie zuckte verächtlich die Achseln. »Totgmacht werden bei der Leich meiner Mutter, das wär mir grad recht.« Er griff sich in die Haare, stöhnte und schnaubte: »Ich hab dich aber lieb über alles! Ich wär glücklich, wenn ich dich hätt. Ich bitt dich, kniefällig bitt ich dich: Werd wieder gut und werd mein Weib!« »Ich kann nicht«, sprach sie. »Jeder Bissen, den ich aus einer Schüssel mit dir essen müßt, schwellet' mir im Mund; ich könnt nicht schnaufen neben dir, und viel tausendmal lieber sterben tat ich als dulden, daß d' mir in die Näh kommst.« »Wird sich schon geben, da is mir nit bang«, erwiderte der Mann, und ein häßliches Lächeln bog seine Lippen. Anna warf ihm einen Blick voll Verachtung und kühner Herausforderung zu: »Sie haben Ohren und hören nicht, hat der Herr Pfarrer neulich gepredigt. So einer bist du. Geh! Wie oft soll ich's noch sagen? Geh!« Georg sprang auf. Lichterloh flammte Wut ihm aus den Augen. Mit hocherhobenen Fäusten stürzte er auf die Närrin zu, die es wagte, ihn so zu reizen, und die jetzt, ohne ein Zucken, ohne einen Laut, seine drohende Gebärde mit einer kalt abwehrenden beantwortete. Er ließ die Arme sinken. In ihm war ein schwerer Kampf, ein Auf- und Abwogen der widersprechendsten Gefühle. Plötzlich stürmten sie über ihn herein und ergriffen ihn alle mit der gleichen Kraft. Dicht neben dem Sarge war er stehengeblieben, sein Blick glitt unwillkürlich über die Tote. Ein Schauer durchrieselte ihn, aber er wandte die Augen nicht ab. Es war kein Bild des Schreckens, zu dem er niedersah, es war ein verklärtes Bild der Duldung und Versöhnung. Ein tiefes Rühren erwachte in ihm. »Mutter Theres!« schrie er auf. Alle seine Härte war verschwunden, zerschmolzen, sein ganzes starres Wesen in Fluß geraten. Wie niedergeworfen stürzte er auf seine Knie und rief die Tote an. »Mutter Theres, bitt's für mich! Ihr seid's so gut gwesen und habt's mir, was Ihr gwußt habt, verziehn. Verzeiht's mir auch das andre. Ihr wißt's jetzt alles, Ihr wißt's auch, wie gern ich die Anna hab. Bitt's für mich, daß sie mich nimmt. Ein Totes kann sich melden, meld't Euch, Mutter Theres, gebt's ein Zeichen von Euch, daß sie weiß, 's is Euch recht, wenn sie mich nimmt.« Er beugte sich über die Leiche, er horchte, er blickte mit unaussprechlicher Spannung in ihr stilles Angesicht. Aber das Zeichen, das er erflehte, blieb aus. »Sie antwort dir nicht«, sprach Anna mit ernstem Triumphe. »Sie rührt sich nicht. Schau, wie sich's nicht rührt, mein armes Mutterl, horch zu, wie's still is, es weiß schon, was gut is für mich. – Und jetzt –« Sie hielt einen Augenblick inne, dann setzte sie gelassen hinzu: »Jetzt zwing mich nicht, daß ich noch einmal sagen muß, was du nicht hören willst. Ich möcht die letzten Stunden allein bleibn mit meinem Mutterl.« Georg erhob sich langsam; er begriff endlich, daß alles aus und vorbei war. Ein rasendes Schluchzen brach aus seiner Brust. Unsicher und fragend streckte er dem Weibe seine Rechte entgegen. Mit abgewandtem Gesichte legte sie die ihre hinein. »Bhüt dich Gott«, sagte er, und sie antwortete: »Bhüt dich Gott!« so unwiderruflich abschließend, mit einem solchen Ausdruck seliger Erlösung, daß dem hartnäckigen Werber der letzte Hoffnungsschimmer erlosch. Er entschloß sich denn, er ging; sie hörte ihn über die Straße schreiten, die Tür des Gartengitters öffnen und ins Schloß werfen. Da atmete sie auf und stieß ein freudiges »So!« aus befreiter Brust hervor. Der Nachtwächter war schlafen gegangen und hatte den Hunden die weitere Sorge für die Sicherheit des Dorfes überlassen. Fahl und kalt drang die Morgendämmerung durch die Fensterluke, die Kerze erlosch und mit ihr der rötliche Schimmer und der letzte Schein von Leben auf dem Gesichte der Entschlafenen. Anna blickte lange in die teueren Züge. Unauslöschlich sollte die Erinnerung an sie sich ihr einprägen. »So, mein Mutterl, so, jetzt haben wir beide Frieden«, flüsterte sie und küßte die Stirn der erlösten Dulderin und küßte die heiligen Hände, die nur geruht hatten, um sich zum Gebet zu falten oder um sich zum Segen auf das Haupt der Tochter zu legen. Das tägliche Leben Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschoß sich die Frau. Es war ein ganz unerklärliches Ereignis. Die Selbstmörderin hatte in den glücklichsten Verhältnissen gelebt und war von allen, die in Beziehung zu ihr standen, innigst geliebt und hochgeschätzt worden. Ohne Abschied stahl sie sich hinweg, hinterließ für keinen ihrer Angehörigen eine Zeile, ein aufklärendes Wort, nichts, was auch nur als Andeutung eines Abschiedsgrußes hätte gelten können. Sie mußte in den Tod gegangen sein, wie man von einem Zimmer ins andere geht. Auf ihrem Schreibtisch lagen die Rechenbücher, in die sie noch die Ausgaben des letzten Tages eingetragen, das Küchengeld für den nächsten Tag eingelegt hatte. Daneben eine vor wenigen Augenblicken eingetroffene Huldigung des Vereins, dessen Präsidentin sie gewesen war, fünfundzwanzig La-France-Rosen in schöner silberner Schale, und ein Paket zum Teil schon eröffneter Telegramme, lauter warme Lobpreisungen und herzlich dargebrachte Glückwünsche. Und die Frau, der sie galten, war tot in ihrem Sessel am Schreibtisch gefunden worden und neben ihr auf dem Boden der Revolver, mit dem sie sich ins Herz geschossen hatte. Mitten ins Herz. Ein gut berechneter Schuß, den eine ruhige Hand geführt haben mußte. Der Revolver war ihr Eigentum, ein Geschenk, das ihr militärischer Schwiegersohn ihr im vorigen Jahr darbrachte. Der gute Papa hatte damals ein einsam stehendes Haus in ziemlich unwirtlicher Gebirgsgegend für sich und seine Frau zum Aufenthalt gewählt. Vermutlich hoffte der gelehrte und leidenschaftliche Ornithologe dort einer besonderen Vogelart auf die Spur zu kommen. Wir lachten alle, als der Rittmeister seiner Schwiegermutter vor ihrer Abreise in die Sommerfrische einen Revolver übergab und sagte: »Nimm du ihn mit, du gebrauchst ihn im Fall der Not. Der Papa vergißt loszudrücken, wenn gerade im gefährlichsten Augenblick eine aparte Nachtschwalbe vorüberfliegt.« Der Rittmeister war der einzige in der ganzen Familie, der sich manchmal ein Scherzwort über den »guten Papa« oder die »heilige Großmutter« erlaubte und sogar seiner kochenden Ungeduld über die beiden ein wenig Luft machte. Die anderen bewahrten in praesentia ein ironisches Schweigen; in absentia werden sie sich wohl dafür entschädigt haben. Die jungen Leutchen schienen mir danach angetan, so wenig ich sie kannte. Zwischen uns war kein Verkehr; wir tauschten eben nur ein paar Höflichkeitsphrasen, wenn wir einander zufällig da oder dort begegneten. Ich betrat das Haus, kurz nachdem Frau Gertrud ihre entsetzliche Tat begangen hatte. Es war verabredet, daß ich sie zu einer Sitzung unseres Vereines abholen sollte. Und nun traf ich die Ihren in Schmerz und Grauen versunken über ihren Tod. Der Salon, in den ihre Eltern und ihre Töchter sich begeben hatten, stieß an das Schlafzimmer, wo die Leiche auf das Bett gelegt worden war. Durch die offene Tür drang lautes Schluchzen, Stöhnen und Jammern und manchmal plötzlich ein haarsträubendes, grelles Auflachen. Der unglückliche Gatte überließ sich willenlos seiner Verzweiflung. Er stürzte vor dem Bett in die Knie, sprang auf, rannte händeringend auf und ab, blieb stehen und rief die Tote an: »Trudel! Trudel! ... Nicht dein Ernst... Ein Scherz – aber ein häßlicher... Nicht so scherzen... Aufwachen .. . Aufstehen!« ... Und wieder das schreckliche Gelächter und wieder ein Ausbruch der Verzweiflung. Dazwischen das beschwichtigende Zureden des Arztes und der beiden Schwiegersöhne, denen es endlich gelang, den armen Mann von der Leiche fort in seine Gemächer zu führen. Die ganze Zeit über hatte ich mir Vorwürfe gemacht. Warum verursachte der namenlose Schmerz dieses Unglücklichen mir eine fast unerträgliche Pein, aber kein echtes, warmes Mitgefühl? Woran lag das nur? War ich auf einmal hartherzig geworden oder so egoistisch, daß fremdes Leid mich ungerührt ließ, weil ich selbst tiefes Leid empfand? – Die Hingegangene war mir viel gewesen; sehr eng hatte unsere gemeinsame Tätigkeit, die nach langen Kämpfen bedeutende Erfolge aufweisen konnte, uns verbunden. Ich verlor mehr an ihr, als ich unter dem Eindruck des ersten Schreckens sogleich zu ermessen vermochte. Das jedoch begriff ich schon: Es kommt immer schlimmer, jeden Tag mehr, bei jeder neuen Gelegenheit werde ich ihren Einfluß vermissen, ihre liebevolle, ruhige, immer sichere Führung. Und doch, daß nicht mein Gram, daß nur der der Ihren jetzt zu Worte kommen durfte, verstand sich von selbst. Woher dann meine Unempfindlichkeit für die Verzweiflungsausbrüche ihres bedauernswürdigen Gatten? Die stumme Trostlosigkeit der Eltern, die freilich ging mir nahe und auch der Schmerz der jüngeren Tochter. Sie kniete ganz gebrochen neben dem Lehnsessel, in den ihr Großvater sich hatte sinken lassen. Der alte Mann drückte den Kopf der Enkelin an seine Brust und streichelte leise ihr tränenfeuchtes Gesicht. Wenn einmal eine Träne aus seinen eigenen Augen darauf niederfiel, wischte er sie sorgsam mit seinem Taschentuche ab, als sollte dieser einzelne schwere Tropfen sich nicht vermischen mit den Kindestränen, die leicht und stromweise flossen. Kein Wort kam über seine Lippen, keine Bitte: Weine nicht. O nein! Er wußte wohl, ausweinen muß sie sich. Ausweinen – die Kunst übt die Jugend allein, mit ihren Tränen versiegt ihr Leid, sie hat es ausgeweint... Dann kehrt die Heiterkeit wieder, dann wird man die liebliche blonde Frau wieder lachen hören, sie wird ihrem von der Parade heimkehrenden Mann entgegenjubeln wie Klärchen ihrem Egmont, sie wird mit Entzücken die Fingerspitzen ihres Kindleins in der Wiege küssen und ihm Possen vormachen, die es freilich noch nicht zu würdigen versteht. Sie wird singen und sich ihres unbedeutenden Lebens freuen, als hätte nie ein Schatten den Glanz seiner spiegelklaren und spiegelseichten Einförmigkeit getrübt. Anders Eleonore, die ältere Schwester. Die verwindet nicht so bald den schweren Schicksalsschlag, den sie heute erfuhr. Was sich in diesen Zügen ausspricht, ist aber nicht kindliche Trauer um die Mutter, sondern eine herbe Anklage, ein bitterer Groll. Ich las ihr die Frage von der Stirn: Wie hast du mir das antun können? Mir, der Frau des zukunftsreichen Staatsmannes, der auf dem Wege zu einer hohen Lebensstellung mich zu ihr emportragen soll! Nun hängt sich bleischwer ein Makel mir an: Du hast mich zur Tochter einer Selbstmörderin gemacht. Gewiß, das waren die Gedanken der schönen Frau mit dem stahlharten Herzen. Sie hatte nur Vorwürfe für ihre Mutter, sie fragte nicht: Was hat dich fortgetrieben von uns? Was hat dir, du Arme, dein Leben unerträglich gemacht? Einer Regung des Mitleids war sie, in diesem Augenblick wenigstens, nicht zugänglich. Ihr Mann kam und brachte die Versicherung, daß der arme Papa etwas ruhiger sei. Er nahm Platz an ihrer Seite und sprach leise, zärtlich beschwichtigende Worte zu ihr, die sie hinnahm wie ein verschämter Bettler eine viel zu geringe Gnadengabe. Das Widerspiel zu dieser Enkelin bildete die Großmutter. Die alte Dame saß in einer Ecke des Kanapees, der Schlafzimmertür, die nun geschlossen worden war, gegenüber, und blickte von Zeit zu Zeit schaudernd auf sie hin. Die Greisin war wie in sich selbst versunken, wie zusammengebrochen unter der Last eines unerbittlichen Gerichtes. Ihr wachsbleiches Gesicht drückte einen Schmerz über alle Schmerzen aus. Die Mater dolorosa weinte am Kreuze des Welterlösers, durfte ihn aber im Geiste schauen, auferstanden in Herrlichkeit, zu ewiger Glorie... Diese arme Mutter weinte um eine, für die der Heiland umsonst gestorben ist. Sie hielt einen Rosenkranz in der Hand, den sie wohl mechanisch aus ihrer Tasche gezogen hatte, doch betete sie nicht. Ihre Tochter war eine Selbstmörderin und ewig verdammt. Für Verdammte betet man nicht. Eine Weile stand ich dieser stummen Qual gegenüber – hielt aber den Anblick zuletzt nicht mehr aus; ich näherte mich der alten Frau, setzte mich neben sie, beugte mich und küßte ihre eiskalten Hände. Sie fuhr zusammen, erschrocken über die Berührung meiner heißen Lippen, und wollte mir ihre Hände entziehen. Ich hielt sie fest... Ich begann – anfangs wohl nur stammelnd, dann mit immer größerer Sicherheit und recht wie eine gelernte Lügnerin – von einem unglückseligen Zufall zu sprechen... Zufall! – eine andere Möglichkeit nahm ich gar nicht an. Er konnte grausamer, als es geschehen war, nicht spielen, an einem Tag, an dem er schwerer traf, nicht eintreten... Ich – ja, ich hatte immer gefürchtet, immer gewarnt... Der Revolver in der Lade bei unseren Vereinsschriften war mir von jeher unheimlich gewesen. Sie pflegte gar so sorglos mit ihm umzugehen... Erst neulich hatte ich ihn selbst hinweggetan, weil er dalag auf dem Schreibtisch, mit der Mündung gegen ihre Brust... Gott im Himmel, wie war ich erschrocken! – hatte ganz entsetzt ausgerufen: »Frau Gertrud, wenn man zufällig anstieße an das Ding, und es ginge los... Frau Gertrud, das Ding ist doch nicht geladen?« und sie hatte geantwortet: »Nein, ich glaube nicht.« Die arme Mutter horchte gespannt; ihre aufeinandergepreßten Lippen lösten sich: »Nein, ich glaube nicht«, wiederholte sie leise. »Sie hat es nicht gewußt?... Sie hat gesagt: Nein, ich glaube nicht?« Ich fuhr fort und log und log, erfand allerlei ziemlich wahrscheinliche Details... Und es gelang – ich überzeugte – ich erlöste sie... Ihre trockenen, peinlich starren Augen wurden feucht, ein Schluchzen hob ihre Brust, sie weinte – sie betete. Der Doktor war, als ich noch an meinem Lügennetze wob, ins Zimmer getreten und hatte mir zugehört. Beim Fortgehen begleitete er mich. Wir schritten eine Weile stumm nebeneinander, dann sagte er in seiner verwünschten Manier, bei den unpassendsten Gelegenheiten einen Scherz anzubringen: »Sie haben heute viel blauen Dunst ausgehen lassen, meine gnädige Frau.« Worauf ich erwiderte: »Gepriesen sei die Barmherzigkeitslüge!« Er schüttelte den Kopf und zitierte: »Die Wahrheit, die Wahrheit – und wenn sie uns Verderben wäre!« »Uns! – und auch den andern? Nein, nein, ich liebe nichts, was denen Verderben bringt. Die Wahrheit im Scharlachmantel und mit dem Richtschwert des Henkers oder die sanfte, wundenheilende Barmherzigkeitslüge – welche von beiden wählen Sie, Herr Doktor?« – »In meinem Amte freilich...« Er war ernst geworden, eine lange Pause trat ein, bevor er wieder begann: »Seit zwanzig Jahren verkehre ich mit dieser Familie und hätte alles eher für möglich gehalten, als daß in ihr ein Selbstmord vorkommen könne. Frau Gertrud hat ihn – darüber besteht für mich kein Zweifel –, vielleicht nach einem plötzlichen Entschluß, aber in voller Geistesgegenwart verübt... Warum verübt? – diese ruhige, pflichttreue, scheinbar glückliche Frau!... Da steckt irgendwo, es kann nicht anders sein, ein furchtbares Geheimnis.« Ich erwiderte, daß ich an ein furchtbares Geheimnis nicht glaube; er blieb bei seiner Meinung, und ich widersprach nicht mehr. Wenn die Phantasie eines Verstandesmenschen einmal die Schwingen regt, wer hemmt ihren Flug? Übrigens – meine Lügen hatten Glauben gefunden, die Wahrheit, die ich zu wissen behaupte, wird ihn kaum finden. Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht, ich mußte immer mit großem Leid an Gertrud denken. Bisher hatte die Verleumdung sich nicht an sie herangewagt, nun hat sie Gelegenheit bekommen, ihr Gift auszuspritzen, und wird es tun und wird das Andenken der Frau verunglimpfen, das mir in leuchtender Erinnerung steht. Tausenden zum Heil hat sie gewirkt, ein großartiges Herrschertalent mit liebenswürdiger Weisheit ausgeübt; sie war das Haupt und die Seele unseres Vereins, und wir waren stolz darauf gewesen, mitarbeiten zu dürfen an dem groß angelegten Werke der genialen und starkmütigen Frau. Besonders als solche und als unerreichbares Beispiel für mich schwache und nachgiebige Person hatte ich Gertrud bewundert. Aber als ich sie in ihrem eigenen Hause sah, verschob sich mir das Bild. Unsere klare und kräftige Führerin erschien zerstreut, unsicher, beinahe schüchtern. Man sieht soviel auf den ersten Blick mit noch unbefangenem Auge! Der meine ließ mich sogleich und deutlich erkennen: Sie ist einsam mitten unter den Ihren, erdrückt zwischen zwei Generationen. Die Mutter lastete schwer auf ihr, der Vater bot ihr wohl keine Stütze. Ich kannte ihn vom Sehen, den berühmten Juristen, den Kämpfer und Sieger. Als Professor hatte er die Altersgrenze überschritten, als Schriftsteller wirkte er kühn und rücksichtslos weiter. Ein hochstehender Mann, für seine Familie zu hoch, um sich an ihn lehnen zu können. Dir ist das Ferne nah und das Nahe fern, sagte ich mir, als ich ihn eine Weile beobachtete und den Blick seiner großen wasserblauen Augen über die Tafelrunde hingleiten und sich plötzlich, wie von einem inneren Licht entzündet, auf einen Gegenstand ihm gegenüber heften sah. Ein Gegenstand heißt das für uns, und zwar eine Kaffeemaschine auf der Kredenz; für ihn ein Unsichtbares, ein mathematischer Punkt, und der seherhafte Glanz in seinen Augen die Reflexerscheinung eines aufsprühenden großen Gedankens. Die beiden Töchter... Wie kam diese Mutter zu diesen Töchtern? Sie waren so nahe mit ihr verwandt wie ein paar Paradiesvögel mit einer Löwin. Thesi, die jüngere, das richtige Offiziersfrauchen, das aufgeht in Bewunderung des schmucken Gemahls und alles nebensächlich findet, was sich nicht auf ihn und »sein Regiment« bezieht. Die ältere eine imponierende Schönheit wie Frau Gertrud; eine ebenso ebenmäßige hohe Gestalt mit edlem Kopfe und den Zügen voll kraftvoller Feinheit, die uns an griechischen Götterbildern entzücken. Während des Mittagessens, das mir in so peinlicher Erinnerung geblieben ist, saß ich ihr gegenüber und weidete mich an ihrem Anblick und meinte, jetzt und jetzt müsse aus diesem herrlichen Gebilde die Offenbarung einer Seele kommen, die ihm entspräche. Aber es kam nichts als in jeder Miene, in jeder kleinsten Äußerung ein kalter, verletzender Hochmut, der dem schönen Gesicht etwas Ordinäres gab. Arme Gertrud – zwischen ihr und diesen zwei jungen Frauen konnte es keinen Zusammenhang und kein Verständnis geben... Ungeordnet und gleichsam tropfenweise kam mir, in der bangen Nacht nach ihrem Tode, die Erinnerung an den Einblick, den ich in ihr Familienleben getan hatte. Das Benehmen ihrer Töchter gegen sie, schon in Gegenwart einer Fremden lieb- und rücksichtslos, war es wohl noch mehr in der Intimität... Sie nahmen sich vor mir zusammen, es war leicht zu bemerken, konnten aber ihre Ungeduld über das Warten auf den Papa nicht verbergen. Der Staatsbeamte schürte die Glut durch spitzige Bemerkungen. Sie bekamen einen kleinen giftigen Beigeschmack, als die Großmutter Gertruds Frage, ob sie nicht servieren lassen solle, mit einem Schrecken zurückwies, als ob ihre Tochter vorgeschlagen hätte, das Haus in Brand zu setzen. Der Großvater sah und hörte nicht, er wandelte weltentrückt in seinem Gedankenreiche. Der Rittmeister und seine Frau waren in eine Fenstervertiefung getreten und verhandelten leise und eifrig miteinander. Sie schien ihn um etwas zu bitten, er schien ihr Vorstellungen zu machen. Endlich wandte er sich, eilte auf Gertrud zu, schlug die Hacken zusammen, sagte: »Verzeih, Mama, aber – des Dienstes immer gleichgestellte Uhr...« grüßte kurz und verließ das Zimmer. Thesi brach in Tränen aus, die Großmutter brummte vor sich hin, die Mienen des Ministerialrates und seiner Frau wurden immer geringschätziger. Sehr gequält entschuldigte Gertrud sich bei mir, und ich wünschte über allen Bergen zu sein und dachte: Eine Einladung zum Familiendiner in diesem Hause nehme ich nie wieder an! Die Stimmung war unrettbar verdorben, als der Urheber all dieses Unheils ins Zimmer trat oder vielmehr hereinschlüpfte. Wie die meisten Leute, die regelmäßig zu spät kommen, hatte er immer Eile. Auf der Straße sah man den großen, hagern Gelehrten in steter Hast dahinschreiten, mit vorgeneigtem Kopfe, zerstreut suchenden Augen und mit, auch bei völliger Windstille, fliegenden Rockschößen. Er wurde von seiner Frau und von ihren Eltern ohne ein Wort des Vorwurfs empfangen, grüßte warm und freundlich, tippte einer seiner Töchter nach der anderen auf den Kopf, beschädigte die Frisur Eleonorens, blieb mit dem Manschettenknopf in Thesis Haaren hängen, bemerkte nicht, daß er ihr einige davon ausriß, bemerkte auch nicht, daß ein Schwiegersohn am Tische fehlte und daß seine Jüngste schmollte. Aber als sie ihrem Grame Worte gab, war er voll Reue. – Fortgegangen der Kari, hungrig, ungespeist? Ei! Ei! O wirklich, das tat ihm leid!... Nein – so etwas! Ei! Ei! es sollte nicht wieder vorkommen... kam auch sonst nicht vor, nur heute einmal zufällig, weil sich auf der Bibliothek ein Buch vorgefunden... längst gesucht – ein merkwürdiges Buch... in dieses hatte er sich vertieft... Und nun sprach er mit dem Professor über das merkwürdige Buch, und ums Leben gern hätte ich den beiden Männern, die Weisheit redeten, zugehört. Das Gebaren der übrigen Gesellschaft jedoch verdarb mir die Freude daran. Die alte Frau hatte ein Stoßseufzer- und Räusperkonzert eröffnet. Sie witterte Irreligiöses in dem Gegenstand, den die Herren behandelten, und warf mit bittend wehmütigem Lächeln kleine Wetterberichte, die eine Unterbrechung bilden sollten, über den Tisch. Arme, liebe, gütige alte Frau! Man hätte ihr himmlische Ehren erweisen und – sie aus dem Zimmer führen mögen. Dasselbe hätte ich gern mit den jungen Leuten vornehmen lassen, aber – ohne Ehren. Thesi schmollte, jetzt wieder stumm, weiter, die Eheleute übten sich in der optischen Telegraphie, die zwischen ihnen gang und gäbe war. Eleonore markierte ein verhaltenes Gähnen, ihr Gatte schlug die Augen empor und zog sein hübsches Gesicht – es machte den Eindruck eines Ziergärtleins für verschiedenste Bärte – in die Länge. Gertrud mischte sich manchmal in die Verhandlungen der Herren mit einer Frage oder mit einem klugen und richtigen Einwand. Der Vater erwog ihn, nickte ihr freundlich zu, sagte mit sichtlicher Befriedigung: »Kann nicht leugnen, sie hat ganz recht!« Der Gatte winkte ungeduldig ab und wiederholte mehrmals in fast weinerlichem Tone: »Trudel – nicht! Nicht – Trudel!« Er gehörte offenbar zu den Gelehrten, die ihr Gebiet selbst von der geliebtesten Frau nicht betreten lassen wollen. Gertrud fuhr fort, aufmerksam zuzuhören, behielt aber fortan ihre Gedanken für sich. Vereinzelte schüchterne Versuche, die sie unternahm, das Gespräch auf Gegenstände von allgemeinem Interesse zu lenken, mißlangen. Sie geriet in Verlegenheit, errötete und schwieg ganz beschämt. Verlegen, beschämt – diese Frau! Vor wem? Vor ein paar Puppen, die zufällig ihre Töchter waren, vor einem geckenhaften Schwiegersohn. Nach dem Speisen, als wir uns zum Kaffee in das Rauchzimmer begeben hatten, kam der Ministerialrat auf mich zu und sagte mir Verbindliches über meine »schriftstellerische Tätigkeit«. Dabei neigte er sich leicht und ließ seine Hände so behaglich übereinandergleiten, als ob er sie mit wohlriechender Seife in lauem Wasser wüsche. »Besonders hoch schätze ich Ihre neuesten Werke...« Nun kamen die Titel einiger Bücher, die sehr hübsch, nur leider nicht von mir sind. Ich wollte ihn eben schonend darauf aufmerksam machen, als ein Laut sich hören ließ, ähnlich dem Schnalzen mit einer kleinen Peitsche. Wir sahen uns um. Was war geschehen? Der Hausherr hatte der Hausfrau einen Kuß gegeben. Merkwürdig – nicht der Kuß, aber die Schallwirkung; und sehr zu bedauern ihre Folgeerscheinungen. Der Ministerialrat, Eleonore und ihre Schwester kicherten fast unverhohlen, und wieder errötete Gertrud vor ihren Kindern, und wieder bemerkte der gute Gelehrte nichts. Er setzte sich zu seiner Frau, löffelte mit seiner Rechten eine Tasse Kaffee aus und hörte nicht auf, mit der Linken – ungepflegt waren beide – ihre Hand zu streicheln. Sie kam mir vor wie von leisen Schauern durchrieselt, hatte den Blick gesenkt, drückte die Lippen zusammen; die Farbe auf ihren Wangen wechselte, aber sie zog ihre Hand nicht hinweg. Ich halte das für ein Heldenstück. Indessen gab es noch manches Größere, das sie wohl täglich ausführte. Von dem vielleicht Schwersten erhielt ich auch eine Probe an jenem unglücklichen Familiendinertage. Wir waren fast zugleich gekommen, ihre Eltern und ich, und bald nach den gegenseitigen Vorstellungen hatte der Professor gewünscht, einige ornithologische Kuriositäten zu sehen, die eben in einem Nebenraume aufgestellt wurden. Gertrud begleitete ihn; die alte Dame und ich blieben allein. Sie war unsicher und beklommen, sie hatte offenbar etwas auf dem Herzen, das sie gern ausgesprochen hätte und nicht recht einzuleiten verstand. Endlich half sie sich mit der Versicherung, daß sie wisse, wieviel Gertrud von mir hielte. Ich deprezierte gar nicht, nahm's dankbar, aber als eine ausgemachte Sache hin. Nun war das Eis gebrochen. Oh, wenn ich meinen Einfluß in dem einzig wahren und guten Sinne ausüben wollte! Sie konnte nicht glauben, daß ich den Weg, den ihre Tochter ging, für den rechten hielte. Ich verstand nicht sogleich – sie sprach undeutlich und leise –, daß in ihren Augen nur ein Weg »der rechte« war – der Weg der Kirche... Warum stellte sich ihre Tochter an die Spitze eines antikirchlichen Vereins?... Meine Beteuerungen, daß unser Verein mit kirchlichen und religiösen Dingen gar nichts zu tun habe, daß er weder für noch wider eine Konfession Partei nehme, hatten die schlimmste Wirkung... Das war es ja, das Traurige, das Furchtbare!... Nicht für – also wider! Sie wiederholte den unerbittlichen Ausspruch, der so viele reine und edle Bestrebungen verdammt. Doch geschah's nicht mit Fanatismus, vielmehr sanft entschuldigend. In ihr war keine Härte, sie sprach im Ton rührender Bitte, mit Tränen in den Augen. Jedes Wort kam aus der Tiefe einer angsterfüllten Seele, und wenn die Ursache ihrer Qual mir auch kindisch erschien, die Qual war da und raubte den Nächten der Greisin den Schlaf und ihren Tagen den Frieden. Mir, der Fremden, tat es weh, sie von ihrer Pein nicht befreien zu können; als ihre Tochter hätte ich vielleicht nachgegeben, meiner Überzeugung zum Trotze. Gertrud widerstand. Sie hatte die Kraft! Sie hielt fest an der Tätigkeit, die ihrem Leben einen reichen Inhalt gab und einen edlen Zweck. Aber was mußte der Sieg, den sie täglich so tapfer errang, sie kosten! Täglich – darin besteht's. Das ihr vom Schicksal täglich gereichte Leidensbrot wurde ihr endlich ungenießbar, ihre jahrelang geübte Seelenstärke versagte plötzlich, und sie erlag. Vielleicht wäre es zum Äußersten nicht gekommen, wenn sie weniger Selbstbeherrschung geübt hätte; vielleicht würde ein zeitweises Versagen ihrer Standhaftigkeit sie gerettet haben. – Aber ihr Schweigen, ihr heroisches Schweigen, ihr Stolz, den sie hätte brechen müssen, um mir oder einem andern treuen Menschen zu sagen: Sieh her, es sind nur Nadelstiche, doch treffen sie immer dieselben Wunden. Ich halte es nicht mehr aus! Wenn man die Hände ringt und schluchzt und schreit: Ich halte es nicht mehr aus! – dann hält man's aus. Aber stumm bleiben, der Ungeduld, dem Zorn, dem Schmerz nicht ein Ventil öffnen, heißt sündigen auf seine Kraft. Es ist, wie wenn einer den Staub, der während des Tages gefallen, still fortschöbe, Abend für Abend, gegen eine Wand – soweit sein Arm reichen kann... Und an der Mauer häuft sich die Masse und steigt und steigt und wird zum Walle, der einzusinken droht, wenn neue, immer neue Anstöße ihn erschüttern, lange nur droht, am Ende jedoch das Gleichgewicht verliert und über seinem Erbauer zusammenstürzt. Der Doktor hatte gewiß recht, als er sagte: »Es war ein plötzlicher Entschluß.« Ich bin überzeugt, daß sie früher nie an Selbstmord gedacht hat. Aber es kam der Tag, an dem ihr häusliches Glück gefeiert werden sollte und an dem sie es preisen und Gott und den Ihren dafür danken sollte... und davor schrak sie zurück. Selbstüberwindung bis an die äußerste Grenze des Möglichen... Heuchelei – nein! So erkläre ich mir die Tat. Mir! Wenige werden diese Erklärung gelten lassen. Ich höre alle Einwendungen, die man dagegen erhebt, so deutlich, als ob sie mit lauten Stimmen an mein Ohr schlügen. »Lächerlich!« sagen die Töchter, »wenn wir uns erschießen sollten, weil die Mamas unsere Tätigkeit bejammern und anfeinden, wären wir längst tot!« »Gott im Himmel«, sagen viele Ehefrauen, »wenn wir unseren Männern nichts vorzuwerfen hätten, als daß sie zu spät zu Tisch kommen und zur Unzeit zärtlich sind, für bevorzugt vor Tausenden würden wir uns halten.« Und die tapfer resignierten Mütter sagen: »Zusammenhang? O meine Gute, lassen wir doch die Jugend ihre eigenen Wege gehen und ihre eigenen Interessen verfolgen! Es ist ihr Recht und war auch das unsere unseren Eltern gegenüber. Daß wir es nicht geltend machten, nennen Sie's weder Tugend noch Schuld, nennen Sie's: Geist der Zeit. Und – Verständnis? Wenn wir dieses hohe Geschenk verlangen, müssen wir es auch erwidern können, und wenn uns die Fähigkeit dazu fehlt, dann heißt es sich ins Unabänderliche fügen – mit je besserem Humor, je besser!« Und die mildesten unter den Frommen werden den Kopf schütteln und traurig sagen: »Was Sie da vorgebracht haben zur Verteidigung eines Selbstmordes, denn gestehen Sie, darum handelt sich's, entschuldigt ihn nicht!« Verurteilt sie denn! Ich werde ihrer immer gedenken wie einer lieben Führerin, die mir eine Weile voranschritt auf breitem, sonnigem Wege. Freudig und vertrauensvoll folgte ich ihr, hoffte, ihr immer folgen zu können nach immer helleren, höheren Zielen. Und einmal, als ich wieder, ihre sichere Leitung suchend, nach ihr ausblickte, war sie verschwunden, und der Weg, auf dem sie eben noch ruhig und stolz hingewandelt, war leer. Bettelbriefe Schreibzimmer Gräfin Beates, einfach und altmodisch eingerichtet. Ein Fenster, eine Tür, an den Wänden Bücherschränke, über denselben Familienporträts. In der Nähe des Fensters, schräg gegen dasselbe gestellt, ein Schreibtisch; diesem gegenüber an der Längswand ein kleines Kanapee, vor dem ein Tisch steht. Es ist sieben Uhr abends; das Zimmer wird durch einen dreiarmigen Gaslüster hell erleuchtet. Gräfin Beate, zweiunddreißig Jahre alt, noch schön, mittelgroß, dunkelblond, schlank, in schwarzer englischer Toilette, sitzt am Schreibtisch, Briefe lesend. Es wird an die Tür geklopft, Baron Max tritt ein. Er ist sechsundvierzig Jahre alt, sehr groß, breitschultrig, hat feine, edle Züge, eine bereits ansehnliche Glatze, dunkelgraue Haare. Die Wangen und das Kinn sind rasiert, die Enden des Schnurrbarts in die Höhe gebürstet. Seine Kleidung ist elegant und anspruchslos. Er grüßt stumm, stellt seinen Hut auf einen Sessel, zieht ein Paket mit Schriften aus seiner Tasche und breitet sie auf dem Schreibtisch aus. Baron: Sieben Empfangsscheine über ebenso viele Antworten auf Bettelbriefe. Eine Quittung über fünfundzwanzig Gulden, ausgestellt von Rosalie Wimmer, eine über siebzehn Gulden, unterfertigt von den Eheleuten Kaniz. Hier die saldierte Rechnung für eine Singersche Familien-Nähmaschine. Sie wurde ausgefolgt und mit Jubel aufgenommen. Lob und Preis ohne Ende habe ich zu bestellen. Sie sind selbstverständlich ein Engel, und ich wünsche Ihnen einen guten Abend. Gräfin: Den ich dankend erwidere. Was Ihnen allein gebührt, behalten Sie für sich: den Engel. Baron setzt sich, einem Winke, den sie ihm gibt, gehorchend, auf das Kanapee ihr gegenüber : Darf ich fragen, ob Sie vielleicht aufgelegt sind, ein Geständnis anzuhören? Gräfin stutzt : Das hängt vom Geständnis ab. Baron: Frau Gräfin – Gräfin: So feierlich? Baron: Gräfin, ich habe mich im Laufe des heutigen Tages mehrmals auf demselben Gedanken ertappt. Gräfin etwas ängstlich : Und der war? Baron: Ob ein Kommissionär Ihre Gänge nicht ebensogut besorgen könnte. Ich bin nicht mehr jung. Gräfin: Haha! Baron: Das Treppensteigen ermüdet mich... Gräfin: Hoho! Baron in bittendem Tone : Sagen Sie nicht immer haha und hoho! Mit Nachdruck: ... ermüdet mich. Ihre Armen haben die Manie, im vierten und im fünften Stock zu wohnen. Gräfin: Es gibt keinen fünften Stock. Baron: Aber so manchen vierten mit Mezzanin und Entresol. Gräfin: Übrigens stecken auch einige in Kellerwohnungen. Baron: Leider Gottes, die armen Teufel! Gräfin: Jetzt sind Sie gerührt, sehen Sie. Ich weiß ja, Sie brauchen meine Armen, sonst wäre Ihr Leben leer. Baron nagt am Schnurrbart : Ich werde heiraten. Gräfin: Ich werde mich vergiften, könnten Sie nicht in einem anderen Tone sagen. Baron: Papperlapapp – Gräfin bittend : Sagen Sie doch nicht immer Papperlapapp. Läutet; Diener kommt . Den Tee. Diener ab . Wenn Sie mir glauben, geben Sie Ihre Heiratsgedanken auf – Baron: Und werden Armenvater oder Bettelmönch. Gräfin: Das erste wäre kein Hindernis; zum zweiten fehlt Ihnen das Talent. Seitdem ich den Vorzug habe, Sie zu kennen, das heißt, seit drei Jahren – Baron: Nicht ganz. Diener bringt das Teezeug auf einem Servierbrette, stellt es auf den Tisch, rückt einen Sessel für die Gräfin an denselben und geht ab . Zwei Jahre und dreihundertdreiundsechzig Tage. Es war am zweiundzwanzigsten Januar um zehn Uhr abends im Salon des deutschen Botschafters. Gräfin hat sich an den Tisch gesetzt und bereitet den Tee : So genau wissen Sie das? Nun, lieber Freund, da Sie mir von der ersten Stunde an Ihr ganzes Vertrauen schenkten, weiß ich, daß Sie seit jenem 22. Januar fünfundeinhalbmal verliebt gewesen sind. Baron: Papper... Gräfin sieht ihn an; er räuspert sich . Nun denn – fünfundeinhalbmal, so? ... Ich bewundere Ihr gutes Gedächtnis. Gräfin legt ihm kalten Aufschnitt vor: Ja, ja, mein Gedächtnis ist noch intakt. Sie waren verliebt: zweimal in verratete Frauen, zweimal in junge Mädchen, ein halbes Mal in eine Hofdame. Und immer hieß es: »Wenn Sie – nämlich ich – sie doch kennenlernten, Sie wären entzückt, das ist eine schwärmerisch: charmante Person! ...« Baron , der mit großem Appetit gegessen, hebt den Kopf: Lachen Sie den armen Nebenmenschen nicht aus. Ich sollte gefeit sein gegen Ihren Spott – ich habe mich Ihnen, wie Sie selbst zugeben, völlig ausgeliefert, ich sage Ihnen alles, ich liege vor Ihnen – entfaltet seine Serviette auf dem Tische und glättet sie mit den Händen: sehen Sie: so! Ausgebügelt; kein Fältchen in meiner Seele, dem Sie nicht auf den Grund schauen könnten. Gräfin: Das ist wahr. Im Anfang befremdete mich Ihre Vertrauensseligkeit einigermaßen. Baron rasch: Glauben Sie nur nicht, daß mir je einem anderen Menschen gegenüber beim ersten Begegnen das Herz so aufgegangen ist wie damals – Gräfin fällt ihm ins Wort: Nehmen Sie etwas Hasenpastete. Sie sind hungrig, armer Freund. Baron: Ich habe nicht zu Mittag gegessen. Die Wirtshauskost wird mir täglich widerwärtiger. Aber was ich Ihnen sagen wollte: mein Vertrauen blieb und bleibt unerwidert. Sie sind verschlossen wie ... Sinnt nach. Ich suche umsonst, ich finde keinen Vergleich, der auch nur halbwegs – Gräfin: Strengen Sie sich nicht an. Ich werde Red und Antwort stehen. Was wollen Sie wissen? Worüber soll ich Auskunft geben? Sie sehen mich bereit dazu, ich habe – unnennbares Glück! – keine Geheimnisse. Baron: Dann gestehen Sie mir ... Sieht sie voll Innigkeit an, verwirrt sich und schweigt; sie hat ihm eine Tasse Tee hingestellt, er nimmt einen Schluck. Wo kaufen Sie Ihren Tee? Er ist vorzüglich; ich kann keinen anderen mehr trinken. So gestatten Sie sich doch einen Luxus ... Das ist Tee zu – Gräfin: Es ist Ljansin; das russische Pfund zu vier Gulden. Baron: Unbegreiflich! Ich zahle zwölf, und mein Diener setzt mir eine Flüssigkeit vor ... nicht einmal mein Hund mag sie ohne Obers sauf ... Hält inne unter dem strafenden Blick der Gräfin: sau ... f ... rasch: zu sich nehmen. Aber Sie antworten mir um keinen Preis, Sie weichen aus – Gräfin: Verzeihen Sie! Ich fragte: Was wünschen Sie von mir zu wissen? und Sie überraschten mich mit der Gegenfrage: Wo kaufen Sie Ihren Tee? Baron: Es beliebt Ihnen, mich auszulachen; ich bitte Sie, sich ja nicht zu genieren. Ehre genug für einen unbedeutenden Menschen wie ich, wenn er Ihnen einen Augenblick Spaß machen darf. Gräfin: Haha! Baron: Wie eben jetzt. Gräfin: Sie tyrannisieren mich mit Ihren Märtyrermienen. Noch einmal denn: was wollen Sie von mir wissen? Baron: Wie sind Sie dazu gekommen, die Wohltätigkeit in so großartigem Maße auszuüben, daß Sie – ich bin davon überzeugt – trotz Ihres Reichtums oft darben? Gräfin: Ich? O lieber Freund! ... daß ich mir hier und da etwas Überflüssiges versage, darin besteht mein Darben. Baron: Papperl... Hält inne, in verändertem Tone: Ich wette, Sie machen sich einen Vorwurf daraus, daß Sie sich satt essen – mit steigender, aber unterdrückter Heftigkeit: im Falle es geschieht, woran ich fast zweifle. Nur so fort, ruinieren Sie Ihre Gesundheit, sterben Sie, welch eine Wohltat für die Armen! Wenn Sie ihnen auch Ihr ganzes Vermögen hinterlassen, eine solche Verweserin dieses Reichtums findet sich nicht mehr, die Armen werden immer betrogen sein! Gräfin: Es müßte nur jemand mein Erbe antreten, der die Sache zum mindesten ebensogut versteht. Baron: Rechnen Sie nicht auf mich! Ich bin um vierzehn Jahre älter, und es fällt mir nicht – Gräfin: Ohne Sorge! Ich habe Sie im Leben genug gequält. Nach meinem Tode sollen Sie unbehelligt bleiben. Baron: Nach Ihrem Tode, wenn ich das Unglück haben sollte, Sie zu überleben, würde mich nichts mehr behelligen. Mir wäre alles gleichgültig. Gräfin: Auch Wohl und Wehe des Nächsten? Baron barsch: Auch. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Mehr verlangt nicht einmal das Evangelium. Nun, was gibt mir ein gewisses Interesse an mir? Das Bewußtsein, vielleicht die Einbildung, daß ich mich Ihnen ein wenig nützlich erweisen kann. Nehmen Sie mir das weg, und ich bin mir gleichgültig, und die anderen dürfen es mir auch sein. Gräfin: Es wird nicht so weit kommen. Baron: Das hängt von Ihnen ab. Versprechen Sie mir, an sich zu denken, sich nicht mutwillig zugrunde zu richten. Gräfin: Welche Übertreibungen!... Sprechen wir von etwas anderem. Ich bin Ihnen die Geschichte meiner Berufswahl schuldig – sie hat nämlich eine Geschichte. Sie versinkt in Gedanken. Ich verjage gewöhnlich die Erinnerung daran, weil sie mir peinlich ist. Baron: Dann schweigen Sie, beschwören Sie diese Er- innerung nicht herauf ... ich will nichts hören ... Ich mache mir Vorwürfe – Gräfin: Nein, nein! Sie fordern ein Zeichen meines Vertrauens, und Sie dürfen es fordern; Sie haben ein Recht darauf. Baron: Wie käme ich zu einem Rechte? Was Sie mir gewähren, ist Gunst und Gnade. Bin ich zu kühn, wenn ich diese Gunst, diese Gnade als Zeichen anzusehen wage ... vielleicht als Vorboten ... Bemerkt, daß sie nicht zugehört hat, und stockt plötzlich. Gräfin auffahrend aus ihrem Nachsinnen, nach kurzer Pause: Sie wissen, daß ich, früh verwaist, im Kloster erzogen wurde. Zehn Jahre habe ich darin verlebt, ununterbrochen. Die anderen gingen auf Ferien, ich nie. Wer hätte mich herausgenommen? Meinem Onkel und Vormund, dem einzigen Verwandten, den ich hatte, fiel das nicht ein. Baron: Traurig! Gräfin: Durchaus nicht; es ging mir gut. Ich war im Kloster bei jung und alt eine beliebte Persönlichkeit; ich habe eine glückliche Jugend und nie einen anderen Wunsch gehabt, als weiterzuleben, wie ich lebte, und, einmal erwachsen, Klosterfrau zu werden. Baron: Das hätte noch gefehlt! Gräfin: An meinem achtzehnten Geburtstag schrieb ich meinem Onkel und schüttete mein ganzes volles Herz vor ihm aus bis auf den letzten Tropfen. Tags darauf war er da, zornschnaubend: Wo ist meine Nichte? Her mit ihr! Machen Sie mir keine Schwierigkeiten! Ich überwinde alle, ich telegraphiere an den Papst! Baron: Ganz recht; ich hätte auch telegraphiert. Gräfin: Am selben Abend mußte ich mit vom Weinen geschwollenen Augen die Honneurs beim Tee meines Onkels machen, in einer Versammlung von ältlichen Herren. Derjenige, dem die übrigen den meisten Respekt bezeigten, war der für mich Erwählte und ich kurze Zeit darauf aus einem unbedeutenden Klosterzögling in Ihre Exzellenz Frau Gräfin Hochfeldt, Ministersgattin, verwandelt. Baron: Wie kann man sich so ohne weiteres verheiraten lassen! Haben Sie denn gar keinen Willen gehabt? Gräfin: Ich habe nicht einmal gewußt, daß eine Frau einen Willen haben darf. Gehorsam wurde im Kloster gelehrt, Gehorsam forderte mein Onkel als mein vom Gesetz bestellter Gebieter. Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden, sagte mein angebeteter Schiller. Baron verdrießlich: Freilich – die Religion, das Corpus juris, die Ästhetik forderten Sie zum Gehorsam auf; Sie mußten ihn leisten. Gräfin: Ich hatte es im Grunde nicht zu bereuen, Hochfeldt war – Baron fällt ihr ins Wort: Ich weiß schon: wie alle verstorbenen Ehemänner ein Muster seiner Gattung. Gräfin: Lieber Baron, dieser Scherz kommt zu oft in antiquierten Lustspielen vor! Man sollte ihn ein paar Menschenalter hindurch in kühle Vergessenheit geraten lassen; vielleicht wird er wieder frisch. Baron beschämt: Entschuldigen Sie ... ich bin literarisch unzurechnungsfähig. Gräfin: Ich hatte meine Heirat nicht zu bereuen, sagte ich ... Baron: Im Grunde nicht zu bereuen, sagten Sie. Gräfin: ... mein sehr imposanter Mann fand alles recht, was ich tat, ließ mir volle Freiheit, bekümmerte sich sogar etwas zu wenig um mich. Ich aber schwelgte im Hochgefühle meiner Unabhängigkeit. Was für neue Freuden brachte sie. Unter anderen eine, die ich beinahe am höchsten schätzte. Lachen Sie mich nicht aus – Baron: Ich – Sie? Verkehrte Welt! Gräfin: Die Freude, die Briefe, die ich erhielt, selbst eröffnen zu dürfen. Im Kloster waren sie mir erst nach strenger Durchsicht ausgeliefert worden. Und nun! – Wenn ich am Morgen in das freundliche Speisezimmer trat, die Tür des in ein Gärtchen verwandelten Balkons offenstand – wir hatten im Herbst geheiratet, und jetzt war's Frühling – und auf dem schön gedeckten Tische einige noch von niemandem gelesene Briefe meiner einstigen, auch flügge gewordenen Schulkameraden lagen, da hätte nur einer kommen und sagen sollen: Es gibt ein Glück, von dem du nichts weißt. Baron seufzt tief auf , leise : Und von welchem du später nichts wirst wissen wollen. Gräfin überhörend : Ich frühstückte immer allein, konnte dann meine Korrespondenz in größter Ruhe und Muße genießen. Stellen Sie sich vor – einmal, was finde ich neben meiner Tasse zwischen anderen Briefen?... ein großes Schreiben von unbekannter Hand. Ich erbrach es zagend und las; sein Inhalt ergriff mich in allen Seelentiefen – es war ein Bettelbrief, der erste, den ich erhielt. Baron: O folgenschweres Ereignis! Eine so zahlreiche Nachkommenschaft, wie dieser Brief sie hatte, wurde nicht einmal dem Abraham versprochen. Gräfin: Klara Glasperle, eine Waise und Witwe – Baron: Mit sieben Kindern. Gräfin: Von denen drei tot, und mit einem gelähmten Bruder... Baron: Eine Variante, der Bruder. Gräfin ohne sich unterbrechen zu lassen :... beschwor mich kniefällig, meine wohlbekannte Großmut auch an ihr zu üben. Sie wußte von mir mehr als ich selbst: Ich war eine Mutter der Armen, die Verlassenen, die Verzweifelnden riefen mich an in ihrer höchsten Not und taten es nie umsonst – und so weiter!... Ich fühlte mich gerührt, geschmeichelt, beschämt. Guter Gott, wie kam ich zu einem solchen Lobe, ich lustiges Ding, das nur an seine Unterhaltungen dachte und schon deshalb nicht viel verschenken konnte, weil es sich in beständiger Geldverlegenheit befand. Baron: Wieso? Gräfin: Mein Mann setzte die Verwaltung meines Vermögens in der gewissenhaften Weise meines Vormundes fort und gab mir ein reichliches Nadelgeld, mit dem ich hätte auskommen können und sollen, aber nie auskam. Ich steckte in Schulden bei Schneidern, Modisten, Photographen und so weiter. Als Frau Glasperle ihren Hilfeschrei ertönen ließ, machten – ich weiß es wie heute – sechs Gulden den Inhalt meiner Kasse aus. Und wievielmal sechs Gulden hätten dazukommen müssen, bevor ich hätte sagen dürfen: Ich habe nichts. Baron mitleidsvoll : Sie Arme... Gräfin: Zerschmelzen Sie nicht. Nur kein übel angebrachtes Erbarmen. Sie berauben sich und haben, wenn's gilt, nichts mehr übrig. Baron: Papperlapapp! Gräfin: Lieber Baron – sagen Sie, haben Sie manchmal Ahnungen? Baron: Wohl, wohl, ich kann mich aber nicht auf sie verlassen. Gräfin: Deshalb wird sich Ihnen kaum je enthüllen, wie geschmacklos es ist, Ihr ewiges Papperlapapp. Baron verlegen: Doch – ich beginne zu ahnen – ich werde mich bessern. Gräfin: Ich schickte also meine sechs Gulden mit den dringendsten Entschuldigungen, daß meine Darbringung so gering war, an die angegebene Adresse, die des Bruders. Baron: Des gelähmten. Gräfin: Ja. Er natürlich war immer zu Hause, während die Glasperlen sich beständig auf den Straßen zerstreuten – Baron: Hm, hm – Arbeit suchend. Gräfin hat seine Tasse ausgespült, wieder gefüllt und stellt sie vor ihn hin: Noch eine Tasse Tee? Baron: Die dritte. Es sei. Schlafen kann ich doch nicht. Gräfin: Das wäre schlimm. Baron: Es ist schlimm. Gräfin: Haha – Baron sieht sie vorwurfsvoll an: Schon wieder – wenn Sie wüßten ... Aber ich bitte, fahren Sie fort. Gräfin: Obwohl Sie mich fortwährend unterbrechen? Baron: Papper ... erschrickt: pap ... Entzückt, in der Meinung sich herauszuhelfen: Pah! pah! Gräfin: Sehr schön. Jetzt kommen lauter verkümmerte Papperlapapps zustande; und ich wette, Sie wissen nicht, wo wir geblieben sind. Baron: Sie haben verloren. Bei dem gelähmten Bruder, an den Sie sechs Gulden schickten. Gräfin: Seine Adresse lautete: Herrn Hugo Muckenberger, Mediziner, Margareten, Berggasse Nummer siebenundvierzig, vierter Stock, Tür Nummer zwölf. Postwendend kam ein in den gesteigertsten Ausdrücken gehaltenes Dankschreiben, für welches wieder ich wärmstens dankte. Es entspann sich eine lebhafte Korrespondenz; wahre Liebesbriefe wanderten hin und her. Meine Teilnahme wurde fortwährend rege erhalten. Das Unglück, das die Glasperlen verfolgte, grenzte ans Märchenhafte; die Kinder fielen von einer Krankheit in die andere, hungerten, froren – Baron: Im Sommer? Gräfin: Sie hatten kaltes Fieber... Baron: Papper... o pardon! – Ich glaube vielmehr, daß Ihre Witwe Bettelbriefe hatte für jede Saison und sich einmal vergriff. Gräfin: Mein ganzes Geld spazierte nach der Berggasse, und meine Rechnungen blieben unbezahlt; und unsere Abreise auf das Land stand bevor. Ich wurde gemahnt, wußte nicht, was beginnen, und suchte endlich Rat bei meinem »natürlichen Beschützer«. Aufrichtig mit der Sprache herauszurücken, wagte ich nicht, machte zarte Andeutungen und bildete mir ein, bei einem Manne wie der meine braucht man nur antippen, und ein Quell der Weisheit springt, und meinen Schützlingen und mir ist geholfen. Aber es kam anders. Hochfeldt hörte mir geduldig zu und sagte dann: »Wenn ich dich recht verstehe, bekommst du Bettelbriefe. Das ist ganz natürlich. Alle Personen, die sich in bevorzugter Lebensstellung befinden, erhalten solche Zuschriften. Es gibt Leute, die aus dem Verfassen derselben ein Gewerbe machen, das in der Ausbeutung der Leichtgläubigkeit und der Frivolität besteht.« Er setzte mir auseinander, um wieviel mehr wert der ist, der jeden Bettelbrief unbeantwortet in den Papierkorb wirft, als derjenige, der Geld, also Macht, dem Müßiggang, also dem Laster, ausliefert. Baron vor sich hin : Ich höre ihn sprechen. Gräfin: Es gäbe allerdings noch einen anderen Standpunkt, zu dem ich mich aber kaum werde emporschwingen wollen, setzte er hinzu und sah mich etwas spöttisch an – Baron: Mit seinen kalten grauen Augen. Gräfin: Warum glauben Sie, daß er kalte graue Augen hatte? Baron: Da hängt ja doch sein Bild, und Sie sagen, daß es ähnlich war. Gräfin: Es sei denn, ich wäre gesonnen, mein Leben in den Dienst der Armen zu stellen, sie aufzusuchen, mich vertraut zu machen mit ihren Verhältnissen, die Kranken zu pflegen, die Kinder... Baron fällt ihr ins Wort : Kurz, alles das zu tun, was Sie tun. Gräfin: Schlecht und recht. Damals tat ich aber nichts davon; in jener Stunde erst, aus reinem Widerspruchsgeist, erwachte in mir der Wunsch, den »Standpunkt« zu erreichen, den mein Mann für mich unerreichbar hielt. Als er mich verlassen hatte, machte ich eine höchst einfache Toilette, nahm einen Mietwagen und fuhr nach Margareten in die Berggasse. An der Ecke stieg ich aus, hieß den Fiaker warten und befand mich in einer fremden Welt. Häßliche Häuser, ärmlich gekleidete, finster dreinschauende Menschen, verwahrloste Kinder. Nummer siebenundvierzig, seiner Umgebung würdig, hatte kleine Fenster, einen schmutzigen Hof, eine schmale finstere Treppe, die ich emporstieg ... Baron: Wie? was? nur so – ohne vorher zu fragen ... Gräfin: Nur so; getragen wie von Flügeln von dem wonnigen Bewußtsein meiner edlen Tat. Baron unruhig : Jetzt ahne ich, und zwar etwas Unangenehmes. Gräfin: Je höher ich gelangte, desto heller wurde es. Auf dem Flur des vierten Stockes konnte ich die Nummern der Türen, die auf denselben mündeten, deutlich lesen, hatte zwölf bald gefunden und klopfte an mit triumphierendem Finger. Keine Antwort; aber mir ist, als hörte ich schnarchen. Ich klopfe stärker, eine Tür gegenüber öffnet sich, ein altes, zahnloses Weib guckt hervor, droht mir mit der Faust und schimpft: Das ist ein Gerenn! ein Gerenn, seitdem der Lump Geld hat. Baron: Verdammte Hexe! Gräfin: Mir wird angst und bang – ich trommle mit dem Knopfe meines Sonnenschirmes an die Tür und rufe: »Frau Glasperle, Frau Glasperle, sind Sie da? ...« Endlich regt sich's drinnen, eine Baßstimme – die des gelähmten Bruders, denke ich – brüllt: »Herrrein! 's ist ja offen.« Und richtig, die Klinke gibt meinem Drucke nach, ich stürze mehr, als ich trete, in ein niederes, mit dickem Tabaksqualm gefülltes Zimmer. – »Bist du's, Katherl? klopfst an, was heißt das?« spricht wieder die Baßstimme, und vor mir steht und streckt die Hand aus und faßt mich am Kinn ... Baron: Frechheit... Gräfin: ... ein riesiger, bärtiger, offenbar angetrunkener Gesell, in Hemdärmeln, mit offener Weste ... Baron: Unverschämter ... Gräfin: Er beugt sich, ein branntweinduftender Atem weht mich an – ich weiche zurück, stammle: »Wo ist Frau Glasperle? ...« Er wankt mir nach, er wiehert: »Das bin ich selbst, habe die Ehre, mich vorzustellen, Witwe Glasperle, sieben Kinder ... Und Sie, mein Schätzchen – Sie sind meine Wohltäterin – meine schöne, gütige Wohltäterin... Erraten? nicht wahr?... Werden mein Geheimnis bewahren... werden mir zum Pfand dafür ein Küßchen geben...« Baron springt auf : Kanaille! Ich zertrümmere ihn!... wo wohnt er? Gräfin: Heute kann ich Ihnen seine Adresse nicht mehr angeben. – Ich war vor ihm in die Tiefe des Zimmers geflohen, er wackelte herum zwischen mir und der Tür... Da ergriff mich der Mut der Verzweiflung. Ich legte mein Parasol ein wie eine Lanze und rannte an ihn an, und – denken Sie nur – er gab Raum, er glitt aus, ich glaube sogar, er fiel hin – ich aber erreichte die Tür im Nu, hatte noch die Geistesgegenwart, den Schlüssel, der außen steckte, umzudrehen, und rannte die Treppe hinab wie gejagt... Im ersten Stock wäre ich beinahe der die Stiege waschenden Hausmeisterin auf den Kopf gesprungen. Sie goß vor Schrecken ihren Wasserkübel um und sagte mir Dinge – Baron senkt die Augen : Peinlich, sehr peinlich! Gräfin: Heute noch erröte ich, wenn ich daran denke. In meiner Verwirrung, in meinem Bestreben, mich zu rechtfertigen, erzählte ich ihr alles, die ganze Geschichte meiner verunglückten Pilgerfahrt, nannte mich... sie blieb mißtrauisch... Baron: Gemeine Krea ... Gräfin sieht ihn strafend an , er hält inne, fährt dann los : Nein, es muß heraus: gemeine Kreatur! Gräfin: Erst als ich ihr alles Geld gegeben, das ich bei mir hatte... Baron sehr teilnehmend : Es wird gottlob nicht viel gewesen sein. Gräfin: ...schenkte sie mir Glauben, bat um Verzeihung, empfahl mir, in Zukunft vorsichtiger zu sein, und begleitete mich zu meinem Wagen. Dann ging sie, Herrn Muckenberger aus der Gefangenschaft zu befreien und ihm, wie sie versicherte, die Hölle heißzumachen... Und ich fuhr heim – in einer Betroffenheit, einer Beschämung... Haha! Baron: Sie haben jetzt gut lachen – damals mag die gemachte Erfahrung Ihnen recht herb erschienen sein. Was ich übrigens nicht verstehe, das ist die Lehre, welche Sie aus ihr schöpfen. Sie hätte andere Folgen haben müssen, meine ich. Gräfin erregt : Und hat sie gehabt – Folgen, die ich nie verwinden werde. Baron: Liebe Freundin... Gräfin: Acht Tage später erhielt ich einen zweiten Bettelbrief. Sein Anblick schon beengte mir den Atem. Er war in der Berggasse Nummer neunundvierzig aufgegeben, kam aus der nächsten Nähe des Schauplatzes meines albernen Abenteuers. Die Hausmeisterin hatte geschwatzt, ich war die Fabel der Berggasse, ein Nichtsnutz nach dem anderen wird jetzt kommen und meine »Leichtgläubigkeit«, meine »Frivolität« auszubeuten suchen... Wie recht hatte mein Mann behalten, welch ein gesegneter Aufenthalt wäre der Papierkorb für die Episteln des verlotterten Mediziners gewesen! – Das Schicksal, das dem ersten Bettelbrief erspart blieb, wurde dem zweiten zuteil. Nach einigen Tagen indessen, beim Suchen irgendeines in Verlust geratenen Schriftstücks, kam der Brief mir wieder in die Hände, und nun las ich ihn und fand ihn befremdlich trocken. – Die Bittstellerin hatte gehört, daß ich mich der Armen annähme, und den Rat erhalten, mein Mitleid anzuflehen. – »Ich war immer eine fleißige Arbeiterin«, schrieb sie, »jetzt bin ich krank, kann mich und mein Kind nicht erhalten. Lassen Sie sich nach der Anna Bauer erkundigen...« Ihre Stimme versagt. Baron: Nicht weiter!... Es greift Sie an. Gräfin fährt abgebrochen und hastig fort : Mich erkundigen lassen – durch wen? Meine Leute, ich bemerkte es bei jeder Gelegenheit, waren geschworene Feinde der Armen. Baron: Sie hielten die Ausbeutung der Gebieterin für ihr Privilegium. Gräfin immer erregter : Meinem Manne wagte ich nicht ein zweitesmal mit derselben Frage zu kommen, er imponierte mir zu sehr... Oh, wenn die Männer wüßten, welches Unglück es für ihre Frauen und auch für sie selbst ist, dieses Imponieren... Baron übereilt : Ich würde Ihnen nicht imponieren. Gräfin: Erkundigen Sie sich, hatte Frau Glasperle nie geschrieben – diese Worte fielen mir immer wieder ein, und endlich fuhr ich zum zweitenmal in die Berggasse. Nicht mehr mit Hochgefühlen, sondern mit der Empfindung einer lieblos erfüllten Pflicht. Vor Nummer neunundvierzig ließ ich halten und ersuchte den Kutscher, jemanden herbeizuholen, der mir Auskunft geben könne über Anna Bauer. Kaum hatte ich den Namen ausgesprochen, als eine Frau, die vor dem Hause stand, laut aufschrie: »Du, Augustin! du, Mann, komm, komm! Da ist jetzt die Herrschaft, die sich nach der Anna erkundigen tut.« Der Angerufene trat aus dem Tore, behäbig, redselig, und präsentierte sich als Hausbesorger. Ja, die Anna Bauer hatte hier gewohnt, bei der Kirchendienerin im dritten Stock war sie »zu Bett« gewesen. Eine brave Person und arbeitsam und fleißig, ja. Alle Monat ihren »Fünfer« nach Hause geschickt, den Eltern. Nachher, als sie den Fehltritt begangen – ihr Brotgeber, der schlechte Kerl, der schon so manche andere auf dem Gewissen hat – und sie so elend und krank geworden ist, da war's aus mit dem Geldschicken und ist auch gleich per Post der Fluch der Eltern gekommen. Hat sich erfüllt, so ungerecht er traf. Aus dem Spital wurde sie entlassen, ihr Leiden war nicht akut. Verdienen konnte sie nichts, aufs Betteln verstand sie sich schlecht, ließ es auch gleich sein, sobald sie einige Kreuzer beisammenhatte, Milch davon zu kaufen für das Kind. Jammervoll ist es ihr gegangen; da auf einmal scheint sie neu aufzuleben. Die Hausmeisterin von nebenan hat mit ihr gesprochen, ihr geraten, sich an eine »gute Herrschaft« zu wenden. Sie hat es getan, hat geschrieben und ist plötzlich voll Zuversicht: Ihr wird geholfen. Das Letzte verpfändet, auf die Straße gesetzt, erschöpft und hungernd, aber – gehofft, gehofft und gewartet. Am Tor angelehnt hat sie gestanden von früh bis abends, Tag um Tag, und jeden Briefträger gefragt: »Haben S' was für mich?« In jeden Wagen hineingeschaut mit aufleuchtenden Augen, im festen Glauben, er bringt die Retterin... Baron: Mein Gott. – Gräfin erzwungen ruhig; starrt vor sich hin : Die blieb zu lang aus... Das arme Weib verlor den Mut; sie suchte die sicherste Zuflucht, ging in die Donau mit ihrem Kinde ... Wie verloren : Einen Brief von ihren Eltern – im Kuvert, wissen Sie – trug sie bei sich, und so konnten die Leichen vom Hausbesorger agnosziert werden – am selben Morgen war es geschehen. Baron: Gräfin, Beate, Freundin – verzeihen Sie mir! Gräfin: Ihnen – was denn Ihnen? Baron: Meine grenzenlose Plumpheit von vorhin. Verfügen Sie über mich, schicken Sie mich, wohin Sie wollen, auf Türme, auf Dächer! – Verzeihen Sie mir jedes Wort des Tadels Ihrer Mildtätigkeit, Ihrer Großmut! Ich sehe es ein, Sie können nicht anders, Sie müssen – es gibt für Sie keinen andern Trost. Gräfin reicht ihm beide Hände, die er küßt und einen Augenblick in den seinen festhält. Baron: Verehrte Freundin! – Und dann? Gräfin: Dann kam eine schwere Zeit. Der Schatten der armen Frau, die vergeblich ihre Hoffnung auf mich gesetzt, hat meine Jugendjahre verdüstert. Ich sah sie immer vor mir, müd und krank am Tore lehnen und – warten. Ich versenkte mich in den Anblick des schmerzlichen Bildes und horchte den Lehren, die es predigte, und suchte an anderen Unglücklichen gutzumachen, was ich an der einen verschuldet. Baron: Oh – wie lange sind Sie schon eine Wohltäterin! Gräfin unwillkürlich lächelnd : Sehr lange. Baron bestürzt : So war's nicht gemeint. Ich sagte, das heißt, ich wollte sagen: eine Wohltäterin ganz im stillen – schweigend – Gräfin nickt : Ich wühlte meine Gedanken über das folgenschwerste Ereignis meines Lebens in mich hinein. Viel später erst, ich weiß nicht mehr bei welcher Veranlassung, sprach ich einmal meinem Manne davon. Ich tat's mit bebender Seele und – weckte sein Befremden. Ist es möglich, so kindisch zu sein? Sich Vorwürfe machen – worüber denn? was ging die Sache mich an? Eine arme Närrin hatte auf meine Hilfe gerechnet? Sie hätte ebensogut auf die Hilfe einer anderen ihr unbekannten Person rechnen können. Er riet mir dringend, meine Phantasie nicht maßlos spielen zu lassen und mich freizuhalten von Gefühlssubtilitäten... Baron: Hm – so? – nun vielleicht – und Sie? Gräfin: Ich? – Bis dahin war Hochfeldt mir vorgekommen wie ein großer, hoher Mensch, dem ich zwar angehörte, den ich aber noch kennenzulernen hatte. Eine Brücke von meinem Verständnis zu dem seinen müsse es geben, meinte ich und suchte sie. – In jener Stunde überkam mich's plötzlich... daß ich sie nie finden würde. Baron kann eine gewisse gutmütige Schadenfreude nicht verbergen : Und mit der verlorenen Brücke haben Sie weiterexistiert. Und so war die Ehe beschaffen, von der Sie sagen – Gräfin fällt ihm ins Wort : Daß sie alles in allem genommen... Es gibt viele weniger gute Ehen. Baron: Aber auch bessere und sogar vortreffliche. Sich vergessend : Eine solche zum Beispiel, wie die unsere sein könnte. Erschrocken : O Pardon! Gräfin unruhig verlegen : Haha – Baron: Nein, nein! nicht haha. Überlegen Sie. – Ein Verständnis zwischen uns, ein grenzenloses... von einer Brücke keine Rede: festes Land... Die Armenpflege mein eigentlicher, mir von der Natur angewiesener Wirkungskreis... Bettelbriefe meine Lieblingslektüre... ich komme immer mehr auf den Geschmack. Gräfin: Hoho! Baron in steigender Ekstase : Nein, nein, nein! Nicht hoho. Wenn es möglich wäre – wenn ich dableiben dürfte, nicht hingehen brauchte, um mich – der Himmel weiß mit welcher Mühe – zum sechsten Male zu verlieben; wenn ich ein Recht hätte auf diesen Tee, diese Pastete, dieses Zimmer, dieses Gespräch, diesen kleinen Zank mit Ihnen, dem nie eine Versöhnung folgt, weil wir das nicht nötig haben, weil wir auch während des heftigsten Zankes innerlich einig sind – wenn Sie mich nehmen wollten ... Hat den Tisch zur Seite gerückt; erhebt die gerungenen Hände. Stürmisch : Nehmen Sie mich!... Wenn Sie mich nicht nehmen, verschenke ich alles, was ich habe, werde ein Bettler, schreibe Ihnen täglich zehnmal zehn Briefe, falle Ihnen ganz zur Last. Gräfin: Lieber Baron, wie alt sind Sie? Baron hat sich immer tiefer vom Kanapee herabgleiten lassen, halb kniend : Zwanzig Jahre. Gräfin schüttelt den Kopf : Zu jung für mich. Baron: Es vergeht. Fährt mit der Hand über seinen Scheitel, seufzt tief auf . Es ist schon vergangen. Anwandlungen, tollkühne Träume. Ich weiß ja. Sie sind mir überlegen an Rang, Bildung, Geist – Gräfin: Papperlapapp. Baron überrascht, jubelnd : Hoho! Gleich darauf wieder mutlos, in ganz verändertem Tone : Ach nein! Erhebt sich, deutet auf die Briefe, die auf dem Schreibtisch liegen : Ich sehe da ein paar Bittschriften. Tut rasche Hilfe not? Befehlen Sie über mich. Gräfin: Das Wetter ist schlecht. Baron: Was liegt daran? Gräfin: Neun Uhr. Hören Sie? Es schlägt schon neun Uhr. Baron: Ich fürchte mich nicht im Finstern. – Schicken Sie mich fort. Sie finden ja keine Ruhe, solange Ihnen irgendein Obdachloser vorschwebt... Deutet auf die Briefe, die auf dem Schreibtisch liegen : Darf ich lesen? Gräfin: Nein, es ist verboten. Baron: Aus welchem Grunde? Gräfin: Raten Sie. Baron bärbeißig : Es sündigt wieder jemand auf Ihre Güte. Gräfin ist aufgestanden : Nein – aus Bescheidenheit, 's ist lauter Dank. Baron: Nicht eine Bitte darunter? Nun, gestehen Sie, das konnte ich nicht erraten... Er will noch etwas hinzusetzen, seine Augen begegnen ihrem freundlich auf ihn gerichteten Blick. Plötzlich ergreift er ihre Hand und zieht sie an seine Lippen. Gräfin sich zu ihm neigend: Sie sind überhaupt im Erraten nicht stark, sonst wüßten Sie längst – daß ich Sie herzlich liebe. Parabolisches Altweibersommer Im Spätherbst, wenn die Blumen welk und entblättert von dürren Stengeln fallen, wenn in der Landschaft nichts bunt mehr ist als die Farben des sterbenden Laubes, sieht man auf den Wiesen und den Ackerschollen ein schleierhaftes Gewebe aus dünnen Fäden liegen. Sie spannen sich auch einzeln an Äste, an Zweige, an manche hochragende Dinge oder fliegen, nicht viel dicker als ein Haar, abgerissen und lose in der Luft vor uns her, mattweiß bei trüb und verdrossen über ihnen schwebendem Gewölke, wie Seide schimmernd, wenn ein Sonnenstrahl sie streift. Sie sind die Arbeit einer kleinen Werkmeisterin und bilden für sie einen Weg, einen Übergang, geleiten sie zu einem Ziele, kommen und vergehen mit ihr. Man hat ihnen die verschiedensten Namen gegeben in allerlei Ländern. Bei uns heißen sie Mariengarn oder – Altweibersommer. Etwas Mythologie Es ist nicht allzulange her, da wurden von den Schicksalsgöttinnen die Menschenlose des kommenden Jahrhunderts – jetzt das unsere – gewoben und gestaltet. Die schwerwiegenden und die im Alltagsgeleise leicht hingleitenden, die dunkeln und die hellen waren bestimmt. Über Glück und Unglück und über alles, was sie herbeiführt, war verfügt. Nur eines blieb noch vorzunehmen, eine schwierige Verteilung – die des dichterischen Genius. »Tun wir einmal etwas Außerordentliches!« sagte die jüngste der Schwestern, »schenken wir den ganzen Reichtum einem einzigen Sterblichen, lassen wir den einen die poetische Leuchte des ganzen nächsten Zeitalters sein.« Die zweite Schwester war mit dem Vorschlag einverstanden, die älteste nicht – durchaus nicht! Wovon lebt der Olymp? – Von der Tradition. An der Tradition darf nicht gerüttelt werden. Wie sie es bestimmt, sollen auch im kommenden Zeitalter einige Auserwählte mit einer der höchsten Gaben des Göttervaters begnadet werden. Die jüngeren Schwestern beharrten auf ihrer Meinung, ein Streit entbrannte, wurde immer heftiger, zog immer weitere Kreise, und bald beteiligte sich an ihm der ganze Olymp. Kupido, der in den Armen seiner Mutter eingeschlafen war, erwachte über dem Lärm und sah verdrossen um sich. Auf dem Altar vor den Schicksalsgöttinnen stand ein ihm unbekanntes Ding: eine geschlossene Schale aus verdichtetem, zugeschliffenem Äther, in der es geheimnisvoll qualmte und wallte und mit dem Glanze von hundert Sonnen glühte. Geblendet, von einer wilden Laune erfaßt, lief das Knäblein hinzu, ergriff die Schale und schleuderte sie in weitem Bogen in den Weltenraum hinab. Das herrliche Gefäß zerschellte an Monden und Sternen, und sein himmlischer Feuerstrom ergoß sich, in einen Funkenregen zerstiebend, über die Erde. Dort sieht man jetzt unzählige große und kleine Lichter glänzen – nirgends aber lodert eine Flamme. Die Aufrichtigkeit Die Aufrichtigkeit schritt eines Tages durch die Welt und hatte eine rechte Freude über sich. Ich bin doch eine tüchtige Person, dachte sie; ich scheide scharf zwischen Gut und Schlecht, mit mir gibt's kein Paktieren; keine Tugend ist denkbar ohne mich. Da begegnete ihr die Lüge in schillernden Gewändern an der Spitze eines großen Zuges. Mit Ekel und Entrüstung wandte die Aufrichtigkeit sich ab. Die Lüge ging süßlich lächelnd weiter; die letzten ihres Gefolges aber, kleines, schwächliches Volk mit Kindergesichtchen, schlichen demütig und schüchtern vorbei und neigten sich bis zur Erde vor der Aufrichtigkeit. »Wer seid ihr denn?« fragte sie. Eines nach dem andern antwortete: »Ich bin die Lüge aus Rücksicht.« – »Ich bin die Lüge aus Pietät.« – »Ich bin die Barmherzigkeitslüge.« – »Ich bin die Lüge aus Liebe«, sprach die vierte, »und diese kleinsten von uns sind: das Schweigen aus Höflichkeit, das Schweigen aus Respekt und das Schweigen aus Mitleid.« Die Aufrichtigkeit errötete; sie kam sich plötzlich ein wenig plump und brutal vor. Eine Nachfeier Lange schon weilte Goethe im Olymp; er war dort heimisch geworden, hatte seine Kunst immer weiter ausgeübt, und sie entfaltete eine Blütenpracht, von der die Götter selbst geblendet waren. Der große Dichter nahm ihr Lob wie etwas Erfreuliches hin; dennoch schwebte eine Sehnsuchtswolke über seiner Stirn, und in seinen vom Sonnengott selbst um ihren Glanz beneideten Augen schimmerte manchmal eine Träne. Vater Zeus bemerkte es und sprach: »Deine olympische Zufriedenheit ist nicht vollkommen. Was fehlt dir, Wolfgang?« »Kronide«, erwiderte Goethe, »der Umgang mit Menschen fehlt mir. Diese Wesen haben mir während meines Erdendaseins freundliche Gesellschaft geleistet. Sie haben auch jedes Wort, das von meinen Lippen fiel, aufgehoben, artig einbalsamiert und mit einigem Eifer registriert und bewahrt zum Nutzen und heitern Genuß ihrer Nachwelt. Wie würde es mir jetzt doch willkommen sein, Vertreter dieser Nachwelt, besonders die jüngsten und also fortgeschrittensten, die Ururenkel meiner Riemer, von Müller, von Meyer, Boisserée, Eckermann und so weiter, hier zu sehen! Ich fühle mich oft gestimmt, ihnen einiges aus den wunderlichen Werken meiner olympischen Periode mitzuteilen.« »Ein bescheidener Wunsch, den ich gern erfülle«, sprach Jupiter und winkte. Im nächsten Augenblick war Goethe umringt von einer Schar fast noch kindlicher Jünglinge und Mädchen. Sie umjauchzten, umschwärmten, umschmeichelten, umarmten ihn. Er wurde angefleht, beschworen, ja bedroht und – schwieg. Immer höher hob sich sein Haupt, immer strenger verzogen sich seine Lippen, und – er schwieg. Schwieg wartend, wartete schweigend, aber der Sturm legte sich nicht. Endlich streckte er den Arm aus ... Zum Halbgott verklärt stand er da, frei von jedem Zug nach Irdischem; auf seiner Brust erlosch ein Stern, mit einer Gebärde, bei der die letzte Spur von Geheimrätlichkeit entwich, wies er den Bedrängern die Pforte. »Ich staune«, bemerkte Jupiter, »warum hast du sie weggeschickt, ohne ihnen etwas von deinen aufgehäuften Geistesschätzen gespendet zu haben?« »O du Bester und Höchster«, lautete die Antwort, »ahnt dir, was sie wollten? Die einen Autographen, die andern wünschten mich zu interviewen, noch andre erkundigten sich, ob mein Verhältnis zu Charlotte von Stein platonisch gewesen; einige schleppten einen ansehnlichen Trichter herbei und verlangten, daß ich meinen Erlkönig hineinsprechen möge.« »Die meisten werden aber doch nach den Werken deiner olympischen Periode gefragt haben.« »Nein. Die meisten wollten mir die ihren vorlesen.« Ein Zukunftsbild Ein zwölfjähriges Bübchen des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts, das sehr klug war, schon eine Geliebte und eine Glatze hatte, stöberte gern im Trödel auf dem Speicher. Eines Tages fand es dort die halb verwitterten Reste eines Buches, überflog ihren Inhalt, stutzte plötzlich – begann nachzusinnen. Diese Beschäftigung setzte es eine Weile fort und begab sich dann zu seinem Vater. »Da bin ich«, sprach es, »auf ein seltsam fremdes Wort gestoßen, habe bis zur Erschöpfung darüber spekuliert, aber dunkel blieb mir seine Bedeutung.« »Wie lautet es?« fragte der Vater. Das müde Knäblein buchstabierte mit leise hinfließendem Tone: »Rit-ter-lich-keit.« »Ritterlichkeit?« Mählich ließ der Vater den mageren, blassen Zeigefinger der überdamenhaft schmalen Hand zur neurasthenischen Stirn emporschweben. »Ritterlichkeit?« wiederholte er visionär; »mir ist, als hätte ich deinen Großvater dereinst etwas ähnlich Klingendes aussprechen gehört. Warte – ich will nachschlagen – in einem alten Wörterbuch.« Die Begleiterin Er kam müde von einer weiten Wanderung zurück und stieg langsam den waldigen Bergpfad zum Felsenkegel empor, den sein altertümliches Schloß krönte. Ruhig und schwer lagerten im Tal die weißlichen Nebel, mit verräterischer Eile schwebte die Dunkelheit heran und umfing die Stämme und die Wipfel der Bäume. Als dem einsam Schreitenden aus einem der Türme seines Hauses helle Lichter entgegenblinkten, erschien ihr Glanz ihm lieblich wie Sternenschimmer. Die Gartenmauer entlang ging er eine Weile tastend bis zur kleinen Pforte, die sich nur einem bestimmten Drucke der kundigen Hand öffnete. Im Augenblick, in dem er sie berühren wollte, hatte sie sich wie von selbst leise aufgetan, und bereit, mit ihm zugleich einzutreten, stand an seiner Seite eine schattenhafte Gestalt. Ihre Umrisse verschwammen in der grauen Dämmerung, eine Schleiermaske bedeckte ihr Gesicht. Angewidert wandte er sich ab und schwieg und fragte nicht: Wer bist du? Was willst du von mir? – Kein menschliches Ohr würde ihre Antwort vernehmen. Ihm graute auch nicht, es wunderte ihn kaum, daß die Körperlose ihm folgte. Plötzlich aufgeschossen und dennoch unerschütterlich, frei von Furcht und Schauder, aber traurig wie das Sterben des Gottlosen durchdrang ihn die Überzeugung: Wo die einkehrt, da ist ihr die Heimstätte bereitet. Sie ist gekommen, um nie mehr von mir zu weichen. An meinem Tische wird sie sitzen, an meinem Lager wird sie stehen, auftauchen wird sie vor mir, wenn ich den Rätseln der Welt und des Lebens nachsinne, ihren Schatten wird sie werfen zwischen mich und jede Daseinsfreude und jedes Erdenglück. An den Pfeilern des Einganges zum Schloßhof, in eisernen Ringen, staken brennende, schwelende Fackeln. Stoßweise und spielend entriß der Wind ihnen Funkenbüschel und streute sie, kleinen feurigen Blumen gleich, auf das Pflaster. Diener erwarteten den Herrn, gingen ihm voraus durch die Halle, über die breite, sanft aufsteigende Treppe, und er wußte, daß ihm, den andern unsichtbar, die Begleiterin folgte. Er führte sein gewöhnliches Leben fort als Jäger, als Reiter, als Segler, als gastfreier Hausherr, als allenthalben freudig begrüßter Gast. Dann wieder monatelang als einsamer Denker und Träumer, versunken in die vergessene Weisheit der uralten Foliantenschätze, die er angesammelt hatte. Immer derselbe erschien er. Niemand sah ihm die geringste Veränderung an. Keiner bemerkte, daß ihm das Herz schwer und daß in seinem Innern das Licht der Heiterkeit erloschen war. Die stille Begleiterin kam nicht mehr allein. Mit ihr schwebten herbei die Schatten aller seiner Toten. Ein jeder von ihnen erhob einen Vorwurf gegen ihn, einen leisen oder schweren. Zuckende Lippen, tränenumflorte Augen fragten: Weißt du noch? – Besinnst du dich noch? Nur eine lächelte ihn selig an – sie, die nie erwog, wie schwer das Unrecht, das er ihr angetan, weil seine Schuld in dem reinen Feuer ihrer Liebe zerschmolz. Die Zeit verfloß, Jahre um Jahre gingen dahin. Einmal, auf einer ziel- und planlosen Wanderung, kam er zu einem Kirchlein im Walde, in dessen Nähe sich ein aufgelassener Friedhof befand. Dort war sie einst zur Erde bestattet worden, die ihn am meisten geliebt hatte; eine Flatterrüster bezeichnete die Stelle. Damals eine Gerte bloß, jetzt ein schlanker Baum mit zierlichem Geäst und seidigen Blättern, in dessen Zweigen Singvögel nisteten. Vom Grabe war nichts mehr zu sehen; nur üppiger als auf dem Waldboden ringsum entfaltete sich auf ihm ein reiches Pflanzenleben. Kleinblättriger Efeu, Gräser und Farren drängten ans Licht, in Fülle hervorgestrotzt breitete die wilde Erika mit ihren winzigen Glöckchen einen rosigen Schein über die stille Stätte. »Sind das Grüße, die dein Staub mir entgegenschickt?« fragte er. Heiße Tropfen schossen ihm ins Auge, und Erinnerungen an entschwundene Tage stiegen vor ihm auf. Bittere, herbe Erinnerungen an seinen Undank, seine Härte, an schlecht belohnte grenzenlose Hingebung. Nicht einer schönen und süßen Stunde entsann er sich, und ihrer waren doch so manche gewesen. Vergessen alle – nur die andern, die dunkeln, seinem Geiste eingeprägt mit grausamer Deutlichkeit. Ihm war, als öffne eine Wunde sich in seiner Brust und blute – blute ... Und was er vermochte, war und besaß, und allen Reichtum des Wissens und jeden Triumph des Erkennens hätte er gegeben, um hinknien zu können vor sie und sagen zu können: Verzeih! O Gott! – sie sehen, wenn auch nur im Traume! Vor sie hinknien und sagen können: Verzeih! – wenn auch nur im Traume ... Seine stumme Begleiterin indessen glitt immer näher an ihn heran. Und zum ersten Male wendete er sein Haupt nicht ab, senkte er nicht die Augen. Leiddurstig sah er sie an, und sein Blick durchdrang den Schleier auf ihrem Angesicht. Und er staunte, denn nicht wie ein feindliches erschien es ihm, sondern wie das einer Versöhnerin. Die Freunde Zwei Freunde und Studiengenossen hatten durch eine Reihe von Jahren dieselbe wissenschaftliche Richtung verfolgt. Doch kam die Zeit, in der ihre Wege sich trennten und sie sich entgegengesetzten Zielen zuwandten. Mit leidenschaftlichem Bemühen suchte einer dem andern zu beweisen, daß er auf falscher Fährte sei und einer furchtbaren Täuschung entgegensteuere. Jeder Angriff auf einen vermeinten Irrtum des Freundes wirkte wie ein Hammerschlag, der die bestehende Überzeugung noch mehr befestigte. Unerschütterlich war die eines jeden der beiden; und als sie es endlich einsahen, gaben sie den Kampf auf. Ohne ausgesprochenen Vorsatz, gleichsam von selbst, fand ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen ihnen statt. Sie wollten Fragen, die für sie ewig Streitfragen bleiben mußten, nicht mehr berühren. Sie wollten durch rücksichtsvolles Schweigen ihre Achtung – nicht für die fremde Überzeugung, sondern für den, der sie hegte, bekunden. Sie verkehrten miteinander scheinbar in alter Herzlichkeit, sprachen lebhaft von Dingen, die in zweiter Reihe ihres Interesses standen, aber von dem, was ihnen das Teuerste und Wichtigste war und die Achse bildete, um die ihr ganzes Leben sich drehte – kein Wort. Große gegenseitige Hochachtung belohnte diese Rücksicht, wenn sich auch manchmal ganz leise in tiefster Seele die Empfindung regte, daß sie eine beschämende Komödie spielten. Die Hochachtung war ja noch da, war wie in Erz begründet, erhob sich zwischen ihnen, eine edle Schutzwehr, an der nur leider das Vertrauen und die Liebe so lang anprallten, bis sie sich endlich abstumpften. Die Halben Es gab einmal in Griechenland eine Zeit außerordentlicher Fruchtbarkeit. Eine Menge Kinder kam täglich zur Welt, und Juno, die Geburtshelferin, wußte vor Arbeit nicht ein noch aus. Müde und abgehetzt kam sie zu Jupiter und sprach: »Zwanzigtausend Kinder sind in Aussicht; hast du Vorrat an Seelen?« »Einigen allerdings«, erwiderte der Beherrscher des Olymps, »aber für zwanzigtausend Menschlein reicht er nicht aus.« »Für wie viele denn?« »Nun – zur Not für zehntausend.« »Das ist ja viel zuwenig! Was fangen wir nun an, um Jovis willen?« »Wir geben jedem nur eine halbe Seele; man muß sich zu helfen wissen.« Bald darauf liefen zwanzigtausend Leute mit halben Seelen herum, und sie waren die Vergnügtesten in ganz Griechenland und wurden um ihren guten Humor viel beneidet, am meisten von den Seelenvollen. Naturerscheinung Im Traume sah ich mich in eine geheimnisvolle, eine unabsehbare Werkstätte versetzt. Um mich her war ein Keimen und Werden, eine leise Ruhelosigkeit. Schatten glitten, Dämpfe qualmten, formlose Gebilde ballten sich langsam, träge, aber ohne Stillstand. Das kroch und schwebte, schlich und sickerte und platzte. Und ein Großartiges, Unnennbares schien Ausgangspunkt dieser Regsamkeit zu sein. Es ragte aus den Tiefen, es durchdrang die Höhen. Ich glaubte ein Haupt zu entdecken – war das ein Haupt? Und geschlossene Augen – waren das Augen? Und eine gebieterische Gebärde glaubte ich wahrzunehmen. Sogleich entstand eine heftige Bewegung in allen Teilchen des Unermeßlichen. Durch Fernen, die mein Blick, wunderbar geschärft, durchflog, sah ich Menschen im Kampfe. Kaum dem Kindesalter entwachsene Jünglinge, Männer, Greise, Frauen. Sie rangen in blutigem Schweiß, bauten, meißelten, musizierten und schrieben. Auf ihren Stirnen thronte der Hochmut der Titanen. Ehrwürdige Trümmer und die Kuppeln und Zinnen hehrer Tempel und Paläste, reich an Kunstwerken und Büchereien, bildeten den Boden, auf dem sie standen; aber verächtlich blickten sie über ihn und über die Schätze, die er ihnen darbot, hinweg. Buntes, Blendendes, Unverständliches schufen sie in fieberhafter Tätigkeit. Einige übergossen gediegenes Gold mit ätzenden Giften, bemüht, es in Flittergold umzuwerten. Viele zerrten geheime Häßlichkeiten ans Licht, traten das Schöne und Reine mit Füßen und trugen aus dem Kampfe mit den unüberwindlichen Mächten unheilbare Wunden davon. Zerfleischt und verstümmelt, ruhten sie nicht; schon überwunden, hielten sie sich für Sieger und stimmten sterbend Triumphgesänge an. Ein herzzerreißendes Mitleid ergriff mich, und ich schrie zu ihr, die mir die Ursache alles Regens schien: »Welch einen Kampf hast du mit einem Wink entfacht! Ist einer unter diesen Ringenden, der nicht fruchtlos ringt? Einer, dessen in Liebe und Qual geschaffenes Werk leben wird?« Die blinde, stumme, taube Allmutter verstand meine Frage und ich ihre lautlose Antwort: »Keiner.« »Umsonst also triebst du diese Opfer ins Gemetzel, gabst ihnen Kraft, Können und Wollen umsonst?« »Umsonst ist nichts.« »Und wer gewinnt durch die ungeheure Vergeudung von Menschenarbeit und Menschenglück? Was wächst hervor aus diesem Totenfeld, auf dem unsägliches Leid begraben liegt?« »Eine neue Schattierung auf dem Bilde der Kunst, eine kleine Erweiterung ihres Gebietes.« Offenbarung und Wissenschaft Der Schöpfer sprach: »Die Rose werde!« Und eine herrliche Rose entfaltete sich auf sein Geheiß. Der Schöpfer sprach: »Die Rose werde!« Und ein Keimchen entstand. Es schwoll und trieb, es machte ungezählte Wandlungen durch, und nach unermeßlichen Zeiträumen entfaltete sich eine herrliche Rose. Auf dem Wege Ein Sklave in Damaskus hatte zeitlebens den heißen Wunsch, nach Mekka zu pilgern. Als er alt und gebrechlich geworden war, schenkte sein Herr ihm die Freiheit. Sogleich griff er nach seinem Stabe und wollte die Wanderung antreten. Aber nach den ersten Schritten schon brach er zusammen, vom Hauch des Todes angeweht. Mitleidige beklagten sein trauriges Schicksal; doch er verwies es ihnen mit den Worten: »Beneidet mich vielmehr; ich sterbe auf dem Wege nach dem Ziel meiner Sehnsucht.« Seherauge Ein Jüngling trat in eine Gesellschaft schweigender Weiser. Er sah ihnen in die ehrwürdigen Gesichter und sprach dann laut die Gedanken eines jeden von ihnen aus. Sie staunten und fragten: »Wer bist du, du Schauender?« Der Jüngling antwortete: »Ich bin ein Poet.« Was die Götter nicht wissen Ares und Aphrodite ruhten auf rosigem Wolkenpfühl, kosten, träumten und warfen zeitweise dem Getriebe der Lebewesen auf der rollenden Kugel Erde einen lässigen Blick zu. Nun aber ging dort etwas vor, das die regere Aufmerksamkeit der Schaumgeborenen erweckte und ihr zu denken gab. Ihre Stirn umflorte sich; sie schloß den olympischen Heros fester an ihr Herz und fragte: »Wie lang wird unsere Liebe dauern? Was meinst du wohl?« Ares küßte ihre ambrosischen Lippen. »Das weiß ich so wenig, wie du es wissen kannst, himmlische Spenderin seligster Stunden«, sprach er, »und kein Gott weiß es.« »Nun denn, schau und höre!« Sie deutete mit der Hand auf vier Erdbewohner, von denen zwei, zärtlich umschlungen, dahinwallten, zwei, Flügel an Flügel geschmiegt, sich in der Luft wiegten: ein Menschenpaar und ein Paar Eintagsfliegen, und beide Pärchen, Menschen und Eintagsfliegen, schwuren einander feurig, aus tiefinnerster, jubelvoller Überzeugung – ewige Liebe. Der Gott und die Göttin lächelten, ein bißchen ironisch, ein bißchen wehmütig: »Eigentlich – beneidenswert!« sagten sie. Mütterliches Bedenken »Das Herz ist ein hohler, empfindungsloser Muskel, der im tierischen Organismus die Funktionen einer Pumpe versieht.« Die Tochter lernt das in der Schule. »Entsetzlich!« meint die Mutter. »Wie soll ein Mädchen sich noch bemühen, einen empfindungslosen Muskel zu erobern?« Jenny Geddes Es ist ganz merkwürdig, wodurch manche Menschen zur Berühmtheit gelangen. Handlungen, von denen die Nachwelt nicht die geringste Notiz zu nehmen pflegt, haben, in einer gewissen Stunde an einem bestimmten Orte vollzogen, ihrem Urheber einen unvergänglichen Namen gemacht. Da ist zum Beispiel Jenny Geddes, die fromme Puritanerin, die, von protestantischem Eifer erfüllt, im Jahre 1637 in der Hochkirche von Edinburgh dem im Ornate zelebrierenden Bischof ihren Faltstuhl an den Kopf warf. Nun frage ich, wieviel Leute haben nicht schon in einem Augenblick der Aufregung einem Nebenmenschen einen Stuhl an den Kopf geworfen, ohne dadurch etwas anderes zu werden als straffällig. Jenny Geddes Faltstühlchen indessen schwirrte durch das Gotteshaus, und »Kirche und Staat gerieten in Aufruhr, Adel, Geistlichkeit und Bürger traten zusammen, faßten den Covenant ab«. Die Glorious Revolution hatte begonnen – und Jenny Geddes' rasche Tat sicherte ihrer Urheberin ein Anrecht auf Unsterblichkeit. Dem Faltstuhl, den sie mit sicherer Hand geschleudert, entschwebten die Habeas-Corpus-Akte, freie Parlamente, die Selbstherrlichkeit eines Volkes. Die angenehme Eigenschaft Die Ehrlichkeit hatte das Tun und Treiben der Liebenswürdigkeit eine Zeitlang beobachtet. »Höre«, sprach sie zu ihr, »ich habe etwas recht mißfällig bemerkt – du versündigst dich alle Augenblicke an mir.« Die Liebenswürdigkeit brach sogleich in Tränen aus und schluchzte: »O weh, das ist ja mein Unrecht oder vielmehr mein Unglück! So klar ich meinen Fehler einsehe, so tief meine Beschämung über ihn ist, ob ich will oder nicht – ich muß ihn begehen, ich muß mich betätigen an jedem, der mir in die Nähe kommt. Meine eigenste Natur zwingt mich dazu.« »Du folgst ihr wieder, indem du das eingestehst«, versetzte die Ehrlichkeit; »und wer dürfte leugnen, daß sie eine nette Natur ist? Trotzdem kann ich dich den Tugenden absolut nicht ebenbürtig nennen; zu dem Rang erhebe nur ich. Du bist eben eine angenehme Eigenschaft.« Die Unüberwindlichen Allerlei Tugenden und Untugenden, allerlei gute und üble Eigenschaften hatten sich versammelt, vertrugen sich, verkehrten friedlich miteinander. Nur die Dummheit verstand keinen einzigen Spaß, fühlte sich beleidigt bei jedem noch so unabsichtlich gesprochenen Scherzwort, hielt sich abseits und schmollte. Die Nachsicht und das Wohlwollen traten zu ihr: »Komm«, sagten sie, »mische dich in unsre ohnehin gemischte Gesellschaft. Du brauchst keine Beleidigung zu fürchten; wir haben Mitleid mit dir und nehmen Rücksicht auf deine Hilflosigkeit.« Da ließ ein häßliches Kichern sich hören – die Bosheit hatte es hervorgebracht und sprach: »Strengen Sie sich nicht an, meine Herrschaften; meine Freundin bedarf weder Ihres Mitleids noch Ihrer Rücksichtnahme. Wenn nur ich ihr meine Stütze leihe, ist sie mächtiger als ihr alle zusammen!« Große Ähnlichkeit Die Herzensgüte begegnete eines Tages einem Wesen, das ihr auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sah. »Wer bist du?« fragte sie, »wer geht einher in meiner Gestalt?« Das Wesen verneigte sich tief und erwiderte: »Verzeih, ich bin's – ich bin die Höflichkeit.« Vertrauen Ein großer Sünder lag im Sterben. »Bete! Bereue!« flehten die Seinen ihn an; »in wenigen Augenblicken wirst du vor dem ewigen Richter stehen.« »Den Allwissenden fürchte ich nicht«, sprach der Sünder und starb in Frieden. Der traurige Engel Es gibt einen Engel in den himmlischen Scharen, der still in sich versunken steht, wenn alle andern jubeln und lobpreisen. Nie stimmt er ein in ihren jauchzenden Chor, nie erhellt ein Lächeln sein schönheitsverklärtes Angesicht. Die seligen Geister ehren sein Schweigen und neigen sich seiner Trauer. Denn er ist der Engel, der die unausgesprochenen Leiden der Menschen in seinem Herzen sammelt, sie auszuschütten vor Gottes Thron. Der Schüler Ein hoher Kirchenfürst kehrte von seinem Landsitze nach Rom zurück. Er fuhr vierspännig in seiner vergoldeten Kutsche, zog den Mantel fest um seine Schultern und drückte sich fröstelnd in die Wagenpolster. Es war Winter, die Tramontana hatte sich aufgemacht, raste mit voller Kraft und messerscharfer Kälte über das offene Land. Die mächtigen Rosse kämpften schwer gegen sie, die Kutsche schwankte. Langsam nur näherte man sich dem Ziele, war beim riesigen Amphitheater angelangt. Beraubt, zerstört, dem Plünderungswerk von Jahrhunderten preisgegeben, ragte es noch in überwältigender Größe empor, führte noch mit Recht seinen Namen Kolosseum. Und nun war's, als sänge aus ihm der Sturm sein gewaltiges Lied. Es brauste wie das Gewoge der toll erregten, blutdürstigen Menge, stimmte ein in das Gebrüll der ausgehungerten wilden Bestien, stieß Schmerzenslaute aus, wie sie einst verzweiflungsvoll zum Himmel schrien. Den Kirchenfürsten überlief's. »Vorwärts!« befahl er dem Pferdelenker, aber – wenige Augenblicke nur, und schon rief er hastig aus: »Halt! Halt!« Er hatte etwas Überraschendes erblickt. Vor der Bresche, in die der Eingang zum Kolosseum sich verwandelt hatte, stand ein kleiner alter Mann in weltentrückter Versunkenheit. Er hatte das Nahen der Kutsche nicht, nicht das Gestampfe der Rosse gehört, er blieb unbeweglich wie ein knorriger Baumstrunk, vom Sturm umtobt, das gefurchte Angesicht vom greisen Haar umflogen. Und der da stand, einsam, unansehnlich, häßlich, war der Maler des Jüngsten Gerichts und der Deckengemälde in der Sixtina und der Schöpfer der Kuppel vom Sankt Petersdome, war der Ruhm und Stolz Italiens. »Maestro!« rief der Kardinal. »Kommt, kommt! Ich bringe Euch nach Hause ... Maestro!« Erst nach dem zweiten Anrufe vernahm ihn Michelangelo, wandte sich, kam wie aus einem andern Dasein, traumverloren, heran. »Was wollt Ihr da? Was tut Ihr?« fragte der Kardinal. »Eminenz« – sein Blick stieg von neuem zu den gigantischen Trümmern empor –, »ich lerne«, sprach der Neunzigjährige. Spricht die Stufe Du Tor! du Tor! Weil du mich überschritten hast, verachtest du mich? Ständest du, wo du stehst, wenn ich nicht gewesen wäre?« Tageskritik Alle Augenblicke wird ein armer Marsyas geschunden – nur nicht von einem Apoll. Ein Dunkeltier Ein Maulwurf, gefräßig wie alle, die seines Geschlechtes sind, war auf einem Raubzug begriffen. Er wurde von einem Füchslein beobachtet, das ihn nach einer Weile fragte: »Warum gehst du immer nur der Nase nach? Mach doch die Augen auf!« »Werde mich wohl hüten«, erwiderte der Maulwurf, »es könnte mir ja Licht hineinfallen.« Berühmt sein »Berühmt möchte ich sein«, sagst du und weißt nicht, was du redest. Berühmt sein heißt, mit nackten Füßen über ausgestreute Glasscherben dahinschreiten. Ewig neu Gott schenkte den Menschen einige Leidenschaften und einige Gedanken, und Satan sprach: »Warum so karg?« Und Gott sprach: »Sie haben genug, um sich bis ans Ende der Welt in jeder Stunde einzubilden, daß sie ganz Neues empfinden und denken.« Die Überlebenden »Nein, diese Eintagsfliegen, wie keck die werden!« sagte eine junge Hummel zu ihrer Mutter. »Überall drängen sie sich vor; man sieht und hört nur sie; wir sind wie weggewischt, von uns nimmt niemand Notiz.« Die Hummelmutter schüttelte ihren dicken Kopf: »Was liegt daran? Sie haben ja nur den einen Tag.« »Aber nach ihnen kommen neue, immer und immer neue, und den ganzen Sommer hindurch spielen Eintagsfliegen die erste Rolle in der Welt.« Jetzt lächelte die Hummelmutter: »Und rechnest du das Bewußtsein für nichts, so viele Generationen überlebt zu haben?« Justine Madame Justine war eine liebe, kleine, alte Französin, die ihr tägliches Brot durch Unterrichtgeben in ihrer Muttersprache erwarb. Ihre Schüler und Schülerinnen vergötterten sie, bezahlten sie aber schlecht, denn die meisten waren selbst unbemittelt. Einmal kam eine Landsgenossin zu ihr und beschwor sie um Rettung aus dringender Geldverlegenheit. Justine war rot geworden und fragte ganz befangen: »Wieviel brauchen Sie?« »Ach, wenn Sie mir fünf Gulden leihen könnten?« Das war ein erlösendes Wort. Die alte Frau öffnete ihr Portemonnaie und rief freudig: »Fünf Gulden? – warum denn nicht? Ich hab ja sieben!« Der Schatten Ein großer und guter Mensch wurde zu Grabe getragen. Die Besten des Landes bildeten sein ehrenvolles Geleite, und tiefe Trauer sprach aus dem Angesichte eines jeden von ihnen. In der Nähe des Sarges aber, jetzt an seiner Seite, jetzt ihm folgend oder ihn umkreisend, schwebte ein grauer Schatten. Nicht alle sahen ihn, nur wenige, und sein Anblick schnitt denen am tiefsten ins Herz, die den Guten und Großen gekannt hatten wie sich selbst und Rechenschaft geben konnten von jeder Stunde seines reinen Lebens. Die Trauerfeierlichkeiten waren vorbei, die Teilnehmer traten den Heimweg an. Einer – der treueste – blieb am Ausgang des Friedhofs zurück und sah noch einmal nach der Ruhestätte des Freundes hinüber. Der Schatten war nicht von ihr gewichen, er hob und senkte sich, bildete wallende Wolken, nahm abenteuerliche Formen an, schien verweht von einem Lufthauche, ballte sich dann um so dichter zusammen, und der Beobachter wußte: Er wird nie weichen, nie vergehen, er ist unsterblich und unüberwindlich. Sooft die Wahrheit ihre leuchtende Fackel in seine dumpfe Finsternis stieß, erlosch die leuchtende Fackel. Er hat den Glanz eines edlen Daseins getrübt, er wird ein edles Andenken verdunkeln und beschmutzen, er ist ja die ewig neu und ewig wieder aus sich selbst erzeugte Frucht der Niedertracht und heißt – Verleumdung. Nach besten Kräften Ein Käferchen hatte nach vielen gescheiterten Versuchen endlich mit großer Mühe und großer Ausdauer die Spitze eines Grashalms erklommen. Nun sonnte es sich auf seiner Höhe, spreizte wonnig die Flügel und war vergnügt bis in den letzten Winkel seiner Käferseele. Da kam ein Esel des Wegs, blieb vor ihm stehen und lachte es aus: »Du meinst wohl Gletscherluft zu atmen auf deiner Grashalmzinne?« Ein alter Löwe kam ebenfalls vorbei, blieb ebenfalls stehen und betrachtete den kleinen Emporkömmling mit Wohlgefallen: »Heil dir, Käferchen«, sprach er, »du hast das Ziel deines Strebens erreicht; das gelingt nicht jedem Löwen.« Der Erstgeborene Die alte Gärtnersfrau steht vor uns und trägt ihren Enkel auf dem Arme. Ein blasses Kindlein mit seltsam vorwurfsvollen Augen und blauen Adern, die man pulsieren sieht, an den Schläfen. Sein Gesichtchen hat etwas Altes, Leidendes. Ihre Tochter ist auch da, ein schönes blondes Weib, jugendstolz, lebensfreudig. Fest an ihre Hüfte schmiegt sich ein etwa sechsjähriger brauner Junge. Er strotzt in Gesundheit und Kraft, seine reichen dunklen Haare wellen und locken sich mit trotziger Anmut, seine prachtvollen Augen sind kohlschwarz, und tief drin in ihnen glüht's wie Feuer. »Auch Ihr Enkel – der Erstgeborene?« sage ich zur Alten. Sie drückt das weinerliche Geschöpfchen zärtlich an sich und blickt wegwerfend über den braunen Buben hin. »Ach der! Das ist ja das unglückliche Kind der Liebe.« Die junge Frau lächelt weder beschämt noch frech: es ist ein gar liebliches Lächeln. Der Junge starrt finster zu Boden. Der Vergötterte In der Hauptstraße einer kleinen, hochkultivierten Stadt gingen dreihundert Schriftsteller und vierhundert Schriftstellerinnen spazieren. Unter ihnen herrschten im Innern wie im Äußern große Verschiedenheiten, sämtlich aber waren sie selbstbewußt. Plötzlich entstand in ihren Reihen und Gruppen eine Bewegung. Ausrufe wurden laut, alle Hälse streckten sich. Alle Blicke flogen einem Herannahenden zu, der in der Avenue zu den Gartenanlagen erschienen war. Die Schriftsteller beugten die stolzen Häupter, die Schriftstellerinnen übertrafen im Knicksen die höflichste Japanerin. Herren und Damen machten Spalier. »Er kommt! Er wird gleich dasein!« lief es von Mund zu Mund. »Wer?« fragte eine kurzsichtige Lyrikerin ihren Nachbarn, einen Werte umwertenden Novellisten. Und er, unter rieselnden Schauern, hauchte: »Ein Leser!« Lysipp Ein Steinmetz hatte dem Lysipp durch längere Zeit als Handlanger gedient. Er war von Begeisterung für die Werke des Meisters beseelt, und dieser holte gern die Urteile des schlichten Mannes ein, freute sich seines Lobes, ließ gar oft seine naiven Einwendungen gelten. Ihm war leid, als er das Interesse an seinen Arbeiten bei dem guten Gesellen immer mehr abnehmen sah, als er immer seltener erschien und endlich ganz fortblieb. Von Ungeduld und Sorge ergriffen, machte Lysipp sich eines Morgens auf und ging zu ihm. Er fand ihn im tiefen Schlafe in einer Ecke der Werkstatt. Neben ihm die ausgebrannte Lampe. Offenbar hatte er die Nacht bei der Arbeit durchwacht – Bildhauerarbeit. Welchen Schlages, ihr, talentspendende, ihr, talentverweigernde Götter! Er wußte nun, warum ihm die Teilnahme seines guten Gesellen verlorengegangen war. Der Steinmetz war selbst produktiv geworden. Unbewußt Ein Kind streicht mit seinem Händchen über eine Tischplatte und zerdrückt dabei ahnungslos eine Mücke. Und nun könnte alle irdische Weisheit und Gelehrsamkeit und alle Zauberkraft der Kunst und alles, was gewaltig ist in der Welt, sich vereinigen und vermöchte nicht wiederherzustellen, was unbewußt, in eines Augenblickes Dauer, von einem Kinde vernichtet wurde. Manchmal erfährt ein guter Ruf das Geschick der kleinen Mücke. Erziehungsresultate Fath Ali hatte hundertundfünfzehn Söhne. Hundert waren fein gebildet, fünfzehn waren Lümmel. Da vertraute er die fünfzehn ihren hundert Brüdern zur Erziehung an und verreiste für ein Jahr. Nach seiner Heimkehr freute Fath Ali sich darauf, seine Söhne durchweg als Musterbilder edler Sitten anzutreffen, besuchte sie und fand – hundertundfünfzehn Lümmel. Im Alter Alles verläßt uns im Alter, die Treue des Gedächtnisses, die Schärfe des Verstandes, die Fähigkeit des Fleißes, zuletzt versiegt sogar der Quell unsres guten, braven Talents. Nur eines bleibt dem Begnadeten, steht noch vor seinem brechenden Auge – die schöne Illusion. Ein Traum im Traume Mir träumte, ich hätte das vollkommene Luftschiff erfunden und sei mit ihm an eine so ferne Stelle im Weltenraum gelangt, daß erst jetzt Bilder von Ereignissen zu ihr drangen, die sich vor tausend und aber tausend Jahren auf unsrer Erde abgespielt hatten. Ein überraschender Anblick stellte sich im Äther mir dar. Ich sah eine große Menge brauner schlanker Menschen mit der Ausführung eines riesigen Bauwerks beschäftigt. Sie projizierten, visierten, gruben, hämmerten und sägten an ungeheuren Blöcken, hieben gewaltige Stufen zu. In der Höhe über ihnen schwärmten Flieger, die ich anfangs für vielgestaltige Vögel hielt. Es waren aber keine Vögel, es waren Luftfahrzeuge der verschiedensten Art, nach allen Systemen, die wir kennen, erbaut, aber jedes zur höchsten Vollkommenheit ausgebildet. Sie kamen von überall daher, mit dem Winde, gegen den Wind, mit rasender Eile herabgewirbelt, nahe dem Boden sachte hingleitend. Sie kamen schwer beladen mit Wüstensand, mit Ziegeln und Nilschlamm, mit Quadern und auch mit Melonen, Datteln, Bananen, Granatäpfeln, köstlichen Früchten der sonnengeliebten, sonnengeküßten Tropen. Ein Ewigkeits-, ein Pyramidenbau war's, der sich mir darstellte, und die beschwingten Helfer nahmen den armen Fronern die schwerste Arbeit ab und brachten ihnen Nahrung und Erquickung. O die herrlichen Wohltäter, edle Erzeugnisse des schaffenden Menschengeistes; damals schon standen sie in Übung und Gebrauch und waren mit einer uralten Kultur vom Erdboden verschwunden. Mir aber, mir war es gegeben worden, sie zu neuem, unermeßlich erhöhtem Leben zu erwecken. Mit jubelvoller Dankbarkeit pries ich mein Geschick und hatte im Traume den wonnigen Traum von einer in heller Blüte der Wohlfahrt stehenden Welt. Durch meine Flieger – sie wurden Legion – stieg der Verkehr zu fabelhafter Höhe, dem Handel und Wandel die Pfade bereitend. Hungersnot kannte man nur noch dem Namen nach; trat Mißwachs in einem Lande ein, stellte ein andres, wenn auch auf der jenseitigen Hemisphäre gelegen, unverweilt Lebensmittel in Fülle zur Verfügung, sehr froh, Absatz für seine reiche Ernte zu finden. Der Wohlstand wuchs und mit ihm die Gesittung. Die wilde Habgier erlosch; leicht wird ein guter Gönner, wer nicht selbst allzu bitter entbehrt. Verleumdung, tendenziöse Lobpreisungen beeinflußten das Urteil eines Volkes über das andre nicht mehr; dieses Urteil bildete sich aus eigener Anschauung, eigener Erfahrung. Aus dem Verständnis erwuchs die Gerechtigkeit, die, was gilt, auch gelten läßt; ein Band von Geist zu Geist bildete sich, die Kunst der einen erweckte die Bewunderung der andern, und ihre Wissenschaft wurde ihnen nutzbringend und ehrwürdig. Trennende Grenzen fielen, es gab keine Fremde mehr, alle Menschen hatten nur eine mit gleich heißer Liebe gehegte Heimat – die Erde. Wohltäter, Erlöser aus materieller Not waren die Flieger einem alten Volke gewesen – was sie einem fortgeschrittenen Zeitalter werden konnten, ermißt die Phantasie eines Sterblichen nicht. Von einem Wonnerausch erfaßt, ein glückseliger Glückbringer, flog ich pfeilgerade dem Erdball zu und nahm die Richtung nach einer Werkstätte, in der emsige Erfinder mit der Herstellung von Flugmaschinen beschäftigt waren. Eine Weile beobachtete ich ihr Treiben, und ein großes Mitleid erfaßte mich. Ich sah ihr rastloses Mühen und seine Erfolglosigkeit, die Gefahren, denen sie sich tollkühn aussetzten, die Enttäuschungen, die ihnen bevorstanden ... Kinder! Kinder! Ihr tappt im Finstern, wollte ich ihnen zurufen und ihnen die Lösung des großen Rätsels darlegen. Da begannen sie zu sprechen, sich zu beraten, und ich erschrak, ich zögerte – und schwieg. Worauf sannen diese Erfinder? Was war das Ziel ihrer Bestrebungen? ... Kriegszwecken sollten ihre Flieger dienen, Mordwerkzeuge gedachten sie herzustellen. Sie hatten nicht genug an ihren weittragenden Geschützen, die, meisterlich gehandhabt, die Reihen der Gegner niedermähen wie Gras, wie reifes Korn – aus den Wolken wollten sie kommen, als Feuerhagel herunterprasseln auf Menschenbrüder, auf unsre geliebte Heimat: Erde. »Lebendiger Gott, laß diese die Lösung nicht finden, diese nicht!« schrie ich auf und erwachte. König Ahmed König Ahmed hatte zwei wißbegierige Söhne: Behmed und Cehmed. Und der König schenkte seinem Erstgeborenen, Behmed, tausend gute Bücher und seinem Zweitgeborenen, Cehmed, ein gutes Buch. Und die wißbegierigen Söhne lasen in einem fort. Und Cehmed wurde weise, und Behmed wurde dumm. Die Pygmäen Zwei reisende Pygmäen erfuhren zufällig, daß ein großes Etwas, an dem sie vorbeigekommen waren, ein Riese gewesen sei. Nach Hause zurückgekehrt, erzählten sie von diesem Erlebnis und wurden mit Fragen bestürmt. »Einem Riesen seid ihr begegnet – das ist ja ungeheuer merkwürdig! Wie sieht er denn aus, so ein Riese? Wie ist er denn?« Die Kleinen nahmen etwas wegwerfende Mienen an und sagten: »Wie soll er sein? – Staubig ist er.« Sie hatten nur den Rand seiner Stiefelsohlen gesehen. Zwei Feindinnen Eine etwas ältliche Verliebtheit und eine ganz junge Langeweile saßen einander gegenüber, wechselten schiefe Blicke und dachten beide im stillen: Wirst du mich oder werde ich dich fressen? Mein Freund Tully Oh, er war ein großer Mensch! Ein siegreiches Genie, eine gewaltige Natur. Ein Adler an Schwung, ein Löwe an Mut, ein Elefant an Weisheit, und in ihm grunzte auch ein kleines Schwein. Sklavengedächtnis Nach dem Tode des Lykurgus erfuhren seine Sklaven, daß sie im Dienst eines berühmten Mannes gestanden hatten. Als sie darüber staunten, fragte man: »Seid ihr denn stumpfsinnig? Ihr habt ja mit ihm verkehrt. Und erfahren müßt ihr doch haben, daß der pythische Apoll sich unfähig erklärte, einen Ausspruch über den großen Gesetzgeber zu tun, weil er nicht wisse, ob er ihn zu den Menschen oder zu den Göttern zählen solle.« Nein, davon wußten sie nichts, vielleicht auch war es ihnen entschwunden. Um so besser hatten sie sich gemerkt, daß ihr Herr einmal von der Menge mit Steinen beworfen wurde. Eine Erinnerung Ich hatte einen alten Freund. Er war ein großer Schauspieler. Wir wohnten nicht in derselben Stadt, doch besuchte ich ihn von Zeit zu Zeit. Beim Wiedersehen begrüßte er mich jedesmal mit einem Jubelschrei und stürzte mir mit ausgebreiteten Armen entgegen. Vor dem Scheiden gab es dann schmerzvoll verzogene Mundwinkel, Kummerfalten die Wangen entlang, eine verdüsterte Stirn, trauerbeseelte Händedrücke. Eines Tages kam es anders. Mein Freund war bei meinem Abschiedsbesuch ungewöhnlich heiter und lebhaft, und als ich aufstand und sagte: »Nun lebe wohl, in einem halben Jahre bin ich wieder da«, erhob auch er sich rasch. »Gut also, gut«, sprach er hastig, »in einem halben Jahre. Wort halten. Adieu, adieu. Ich kann, weißt du, das Abschiednehmen nicht mehr leiden.« Seine Stimme klang rauh und gepreßt, er sah an mir vorbei, während er mich zur Wohnungstür geleitete. Wortlos schloß er sie hinter mir. Ich aber wußte nun, daß ich ihm lieb geworden war im Laufe der langen Jahre. Ein Lichtstrahl Der Herr Jesus hatte dem Volke das Gleichnis vom Säemann erzählt und legte es seinen Jüngern aus, als er mit ihnen dahinging ins Gebiet der zehn Städte. Was zu verstehen sei, sagte er, unter dem Samen, der, vom Säemann ausgestreut, auf den Weg fiel und zertreten wurde, und unter dem, der auf felsigen Grund fiel und verdorrte, und unter dem, der in die Dörner fiel und erstickt wurde, und unter dem, der auf gute Erde fiel und aufging und hundertfältige Frucht gab. Die Straße, auf der der Heiland mit seinen Jüngern wandelte, war steinig, und er sah, daß sich auf einem der Felsblöcke, die da lagen, ein schmächtiges Hälmchen erhoben hatte. Das Samenkorn, dem es entwuchs, mußte wohl der Wind hergetragen haben. Im Vorüberschreiten ließ der Herr das Auge auf ihm ruhen, und das Hälmchen sog sein mildes Leuchten durstig ein, und es war ihm statt der Nahrung, die ein gutes Erdreich spendet, und statt dem Tau und dem Regen des Himmels; es gab ihm die Kraft, seine Fäserchen durch unsichtbare Spalten und Risse in den Stein zu senken, daß sie allmählich feine, starke Wurzeln wurden. Und als die Zeit kam, begann das Hälmchen zu blühen. Nicht lange, und goldene Früchte bildeten sich, und aus der reich gefüllten Ähre trugen wehende Lüfte sie fort in Nähe und Ferne, wo sie keimten, wuchsen, gediehen, kraftvoll und segensreich. Das gelang dem armen Hälmchen, weil es verstanden hatte, einen Strahl vom göttlichen Lichte aufzufangen. Der Rätselstein Nicht erfunden, nur nacherzählt Nach den heiligen Stätten von Kasan wallten Jünglinge, Männer, Greise im langen Pilgerzug. Betend und singend wanderten sie über Unland und graue Steppen und gelangten zum hochberühmten Rätselsteine. Halb schon in den Boden versunken lag der mächtige Würfel; wuchernde Flechten umschleierten ihn. Zerstört durch die kleinen Kräfte der zu Eis gefrorenen Regentropfen waren einzelne Buchstaben der Inschrift: »Hebe mich, und du wirst das Geheimnis wissen.« Hunderte und Tausende hatten hier geweilt, gelesen, gesonnen und waren weitergezogen, denn ihnen graute. Die Jünglinge aber, die Männer dieser Pilgerschar sprachen: »Wir ziehen nicht vorbei, wir wollen das Geheimnis wissen.« Und sie mühten sich, gruben und harkten zwei Tage und zwei Nächte lang. Die Erde trank ihren Schweiß und das Blut ihrer zerschundenen Hände. Am Morgen des dritten Tages hoben und wendeten sie den Block und fanden in seine untere Fläche eingegraben – ein zweite Inschrift, schwer zu entziffern, seltsam. Schweigend starrten sie einander an. Einer der Greise trat hinzu. Er las: »Was sucht ihr? – Es ist nichts.« Da befahl er: »Verschüttet den Stein!« Die Tafel der Reichen Die Reichen sitzen an der Tafel und schmausen, und es ist so verschwenderisch angerichtet worden, daß die Schüsseln kaum halb geleert in die Küche zurückgebracht werden. Die Dienerschaft tut sich gütlich an diesen splendiden Resten, und was die Gäste auf den Tellern übrigließen, wird ins Spülfaß geworfen. Eine arme Frau, für den Tag aufgenommen, sagte: »Ich bitte euch, laßt mir diese Abfälle. Ich habe ein Hündchen zu Hause, das oft Hunger leidet; laßt mir diese Abfälle für mein Hündchen.« »Mit Vergnügen«, sagten die Leute und schoben ihr die Teller zu, und bald war ihr Korb mit den mannigfaltigsten Überbleibseln gefüllt. Als sie nach Hause kam, saßen ihre zwei kleinen Kinder auf der Türschwelle und warteten. Die arme Frau hatte sich geschämt, für ihre Kinder Brocken zu erbitten, die bestimmt waren, im Spülicht zu verfaulen. Nun leerte sie den Inhalt ihres Korbes in eine Schüssel und setzte sie den Kindern vor, und die hielten eine Mahlzeit wie noch nie in ihrem Leben. Aber was schlich da heran und war nur Haut und Knochen? – Das kurzhaarige schwarze Hündchen des Nachbarn. Es setzte sich vor die Kinder hin und eröffnete das Gespräch mit einem messerscharfen Winseln, leckte sich emsig die Nase mit der langen, fleischfarbigen Zunge, lächelte mit dem halben Gesicht und richtete auf die Kinder seine gierigen Bettleraugen. Ein abgenagter Knochen nach dem ändern flog ihm zu, und es zermalmte sie mit seinen starken, gesunden Zähnen, und sie schmeckten ihm noch besser als den Kindern die zusammengelesenen Häppchen, als den Dienern die splendiden Reste und viel, viel besser als den Gästen an der Tafel die feinsten Leckerbissen. Ein Idealist »Wann wirst du endlich heiraten?« sprach ein alter Gänserich zu seinem Sohne. »Es ist wirklich schon die höchste Zeit.« »Vater«, erwiderte der junge Gänserich, »ich mag keine von unsern Dorfgänsen. Du machst dir keinen Begriff davon, wie sehr ich nicht mag. Unsre Dorfgänse sind entsetzlich, lieber Vater. Beobachte sie nur, wenn sie am Morgen auf die Weide gehen und wenn sie am Abend von der Weide zurückkommen. Ihr Geschnatter würde ich ihnen noch verzeihen, was sollen sie anders tun als schnattern; aber die blödsinnig eingebildeten Gesichter, die sie dazu machen, der ordinäre Hochmut, mit dem sie die dicken, kurzen Hälse strecken und die Flachköpfe heben – pfui, pfui, das alles ist mir widerlich. Nein, lieber Vater, eine unsrer Dorfgänse heirate ich nicht.« »Eine der unsren nicht? Hast du vielleicht eine anderweitige im Kopfe?« »Ja, Vater, es ist so.« »Und was für eine denn?« »Eine Schloßgans. Ich habe sie neulich gesehen, drüben im Park auf dem großen Teich. Mitten unter ihren edlen Schwestern schwamm sie schweigend dahin. Ihre Federn waren schneeweiß und hatten einen matten Schimmer, wie manchmal weiße Wolken am Himmel haben, und ihr Hals war lang und biegsam und schmal, und sie bog ihn voll Anmut und trug ihr Haupt mit würdevoller Bescheidenheit – gelassene, majestätische Ruhe lag in jeder Bewegung dieser herrlichen Gans, die wie ein schönes Märchenbild an mir vorüberglitt. Seitdem ich sie gesehen habe, ist mir der Anblick unsrer Dorfgänse völlig unerträglich geworden, und ich bitte, verschone mich mit der Zumutung, daß ich eine von ihnen heimführen soll.« Der Vater hatte ihn ausreden lassen, herrschte ihm aber dann grimmig zu: »So bleibe unvermählt, du Narr, denn darauf, daß die Schloßgans dich erhört, mache dir keine Rechnung. Hüte dich, ihr einen Antrag zu stellen, du würdest schmählich abgewiesen.« Statt ihn abzuschrecken, stachelte diese Warnung den Verliebten zu einer kühnen Unternehmung auf. Er putzte sich heraus, so schön er konnte, ging hin und erklärte der vermeinten Schloßgans seine Gefühle. Sie verlor keinen Augenblick ihre hoheitsvolle Ruhe und erwiderte, als er geendet hatte: »Ich weiß nicht, mein Herr, was ich mehr bin, erstaunt oder geschmeichelt. Das aber weiß ich und kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß mein Herz bereits an einen Jüngling meines Stammes und meiner Art vergeben ist.« Im Innersten tödlich verwundet, wackelte der Abgewiesene heim und wurde aus Verzweiflung ein Lebegänserich. Er schloß flüchtige Verbindungen mit schon dreimal gerupften Gänsen wie mit kaum erwachsenen, er war der Schrecken aller Eltern, Vormünder und Gatten, er umwarb die ehrsame Familienmutter wie das unschuldigste ihrer Töchterlein, gewann jede und verachtete alle. Als seine Sterbestunde kam, versammelte er seine zahlreichen Söhne um sich und sprach zu ihnen die grausamen und sentimentalen Worte: »Eure Mütter – wer sind sie? wo sind sie? Ich weiß nichts von ihnen, ich erinnere mich keiner von ihnen. Die einzige, der meine letzten Gedanken gehören, die einzige, an die mich noch in dieser Stunde das unzerreißbare Band einer ewig lebendigen Erinnerung knüpft, das ist die eine, die mich verschmäht hat.« Das Unkraut »Du Armes!« sprach eine feine Blume zu einem Unkraut, das über Nacht neben ihr emporgeschossen war, »sehr leid tust du mir. Kaum lassest du dich blicken, als auch schon der Gärtner oder einer seiner Gesellen kommt und dich unter Verwünschungen wegfegt. Wenn ich bedenke, wie ich im Vergleiche zu dir behandelt, wie ich behütet, gepflegt, bewundert werde, muß ich mich wirklich schämen.« Sie neigte ihr rosiges Köpfchen und machte ein tugendhaft bescheidenes Gesicht. Das Unkraut stieß ein derbes Lachen aus: »Dein Mitleid, du zartes Gebilde, ist übel angebracht. Siehst du denn nicht, wie lässig der Kampf gegen mich geführt wird? Mit einem Harkenstreich, einem Schlag mit der Stiefelsohle wird er meistens abgetan. Selten greift die Feindseligkeit mir an meine starke Wurzel, die sich tief und fast unausrottbar in das Erdreich senkt. Mich stets aus ihr zu erneuern ist mein Vergnügen und meine Wonne. Deine Wurzeln jedoch, Gehegte und Gepriesene, sind zart und fein wie du selbst, und nicht selten geschieht's, daß sie von dem ausgerissen werden, der einige deiner Blüten pflücken will. Sehr verschieden, darin hast du recht, ist unsre Stellung in der Welt, aber sage mir, wer die seine besser behauptet!« Grillengezirpe An einem schönen Sommerabend erhob ein Grillchen seine Stimme und zirpte laut und anhaltend. Ein kleiner Knabe wurde aufmerksam, horchte ganz entzückt, legte den Finger an den Mund und mahnte einige Erwachsene, die plaudernd dasaßen: »Seid still, hört zu, hört zu – es schlägt eine Nachtigall.« Man lachte ihn aus, und er schämte sich tief und bitterlich. Aber ein alter Mann trat zu ihm und tröstete ihn: »Laß sie lachen. Ich müßte weinen an dem Tage, an dem du eine Nachtigall singen hören und achselzuckend sagen würdest: Es hat nur eine Grille gezirpt.« Sie Dem großen Künstler, dem großen Gelehrten, dem großen Weisen und dem großen Heiligen bleibt sie ewig unerreichbar, aber der erste beste Dummkopf schwelgt in ihrem Besitze – sie heißt: Selbstzufriedenheit. Erfüllung »Werde ich das Ziel meiner Sehnsucht erreichen?« fragte ein Ehrgeiziger den pythischen Apoll und erhielt die Antwort: »Gewiß.« »Gewiß? O göttliche Verheißung!« rief der Ehrgeizige glückstrunken aus. »Meine Wünsche werden erfüllt – alle erfüllt?« »Alle.« »Auch die kühnsten?« »Auch die.« »Sei gepriesen, du Göttlicher, auch die! Und wann?« »Sobald dir an ihrer Erfüllung nichts mehr liegt.« Der Lastträger Ein schwer beladenes mageres Eselchen wurde von einem kräftigen, wohlgenährten Esel eingeholt, der mit seiner kaum spürbaren Last munter einhertrabte. Als dieser sah, wie geduldig der arme Mühselige seine Bürde schleppte, blieb er stehen und ließ auch die eigene ihm auf den Rücken gleiten: »Du trägst schon soviel«, sagte er, »so trag auch das!« Verstiegen Ein hohes Ziel, von mächtiger Hand gesteckt, sollte erreicht werden. Der Sieggewohnte, der auch bisher allen andern voraus gewesen war, geriet auf eine schroffe Klippe, von der es kein Empor- und kein Zurückgelangen mehr gab. »Verstiegen!« riefen schadenfroh die auf breitgetretenen Pfaden Weiterklimmenden. Und der Kampfrichter sprach: »Ja! Um sich aber so zu versteigen, muß man ein guter Schreiter sein.« Frau Gutmütigkeit Frau Gutmütigkeit sitzt dick und breit in ihrem Hause beim eigenen Souper, läßt sich's schmecken und lacht vor Vergnügen am Wohlbefinden. Da klopft es, und eine helle Stimme spricht: »Frau Gutmütigkeit, laßt mich ein, es regnet.« »Wollen sehen«, sagt Frau Gutmütigkeit. »Wer bist du denn?« »Ich bin der Herr Verstand.« »Der Herr Verstand? ... So, so! – Ja, dann tut es mir leid. Du bleibst draußen, deine Gesellschaft muß ich meiden. Wie ich höre, entwickelst du dich gern auf meine Kosten.« Alsbald vernahm man ein Klatschen – der Herr Verstand hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen: »O Sie Vorurteil!« rief er, »Sie altes, eingefleischtes Vorurteil! Erfahren Sie und merken Sie sich: ich entwickle mich nie auf Kosten von irgend etwas oder von irgendwem. Allem und jedem, dem ich mich zugeselle, gebe ich zu, ich bin immer ein Spender; ich kläre, stärke, bereichere immer. Hören Sie?« Sie hörte ihn, ließ ihn aber doch nicht ein. Plato nennt die Verwunderung die Mutter alles Schönen und Guten Wir verwundern uns überhaupt zuwenig, unter andrem aber viel zuwenig über die kleinen unscheinbaren Zufälle, die uns fortwährend begegnen: Geringfügigkeiten, ein Schritt, ein Wort zuwenig oder zuviel. Und doch haben sie einmal eine drohende Gefahr abgewendet, ein Unglück verhütet, haben uns ein andres Mal um ein Glück gebracht, durch dessen rasches Erfassen unser ganzes Leben eine bessere, schönere Richtung erhalten hätte. Denke, beobachte, vertiefe dich, und du wirst staunen über das dichtverschlungene Gewebe, in dessen Mitte du stehst und dessen labyrinthischen Windungen nachzuspüren dein Scharfsinn nicht scharf genug, dein Blick nicht durchdringend genug ist. Manchmal nur geschieht's, daß in diesem geheimnisvollen Gespinste ein Faden sichtbar wird, den du vermagst im Auge zu behalten auf seinem ganzen Wege bis ans Ziel. Vor dir liegen alle Möglichkeiten der Folgen deines Tuns; du siehst, was geworden wäre, wenn du damals statt kühn zaghaft, zaghaft statt kühn, hart statt milde, milde statt hart, mißtrauisch statt vertrauensvoll, vertrauensvoll statt mißtrauisch gewesen wärst, wenn du gesprochen statt geschwiegen, geschwiegen statt gesprochen hättest. Und dich ergreift ein tiefes Entsetzen, wohl auch eine bittere Reue oder ein feuriges Dankgefühl, indem sich dir offenbart, was hätte werden können – »wenn du damals...« Eine Schweigsame Sie war mitten unter uns und doch unnahbar. Sie stand schweigend, die edlen Arme, die aus dunkeln Floren weiß hervorschimmerten, gekreuzt. Um ihre geschlossenen Lippen schwebte ein leises, seltsames Lächeln, und in den Augen, dunkelhell wie eine Sternennacht, glomm das milde Licht einer unaussprechlich sanften Trauer. Sie stand schweigend und beobachtete uns, unsre fieberhafte Unrast, unser rücksichtsloses Streben, die Tollheit, mit der wir alle Grenzen überflogen, alle Schranken niederrissen, die wilden Ausbrüche unsrer Lebenslust und unsrer Schamlosigkeit. Sie sah, sie beobachtete, und es zuckte kein Nerv in ihrem schönen Gesichte. »Wer mag sie sein?« fragten wir einander; aber sie anzureden, wagten wir trotz aller Frechheit nicht. »Wer mag sie sein, die ein höheres Wesen scheint und lächelt über unser wüstes Tun und Treiben?« Einer, der mehr wußte als wir, erwiderte: »Ein höheres Wesen ist sie nicht und euch, ihrem Ursprung nach, näher verwandt, als ihr ahnt, sie ist – die stille Verzweiflung.« So vielleicht ... Wir leiden oft schwer im Traume und erwachen mit dem Gefühl, ein großes Unglück erfahren zu haben. Aber ein Augenblick des Besinnens, und verschwunden ist der Schmerz, der noch leise in uns nachgezittert hatte. Kaum, daß im Laufe des Tages eine unklare Erinnerung an ihn, als fliegender Schatten, vor unserm inneren Auge dahinzieht. So vielleicht wird in einem zukünftigen wachen Leben die Erinnerung an unsres Erdendaseins oft qualvollen Traum als fliegender Schatten vor uns auftauchen. Gleichnis In einem einst mächtigen Reiche erhob sich ein altehrwürdiger, prachtvoller Bau. Seine Fundamente griffen tief in die Erde, seine Kuppel verlor sich in den Wolken. Unabsehbar, unzählig waren seine hochragenden Hallen, die schönsten Werke der Kunst schmückten seine Altäre, vom hohen Chore erklangen herzerhebende Gesänge, seelenbefreiende Musik. Jahrtausende gingen und kamen, gewaltige Erdbewegungen entstanden und erschütterten den tausendjährigen Bau in seinen Grundfesten. Er wankte, seine Säulen barsten, seine Quadern zerspellten, seine hochragenden Gewölbe stürzten ein. Aber die den Glauben an seine Ewigkeitsdauer von Vätern und Urvätern übernommen hatten, hielten fest an ihm. Sie wanden sich in den Hallen durch Grus und Geröll, sie beteten an den zertrümmerten Altären und empfingen dort Labsal, Trost und Gnadengaben. Da kam ein Weltweiser, der sprach: »Ihr seid in Gefahr, verschüttet und in Finsternis begraben zu werden«, und trug den ehrwürdigen Bau bis auf den Grund ab. Die Menschen jedoch gaben nicht zu, daß er abgetragen sei, vor ihren Augen ragte er immer noch in unerloschener Herrlichkeit; sie wallfahrteten nach wie vor zu ihm hin und empfingen nach wie vor Labsal, Trost und Gnadengaben. Und auf der leeren Stätte steht jetzt wirklich ein Ewigkeitsbau, denn der Glaube hat ihn errichtet. Ein anderes Ein Gewaltiger hatte auf dem Hauptplatz einer Weltstadt in heißer Arbeit vieler Jahre einen Tempel auferbaut. Seine Wände waren aus Granit, seine Pforten waren aus Erz, seine Kuppel ragte in die Wolken. Die Menschen fuhren und ritten, tanzten und liefen und schritten an ihm vorbei und – sahen ihn nicht. Sie stießen an ihn an, die Fuhrwerke kippten um, die Reiter stürzten von den Pferden, die Tanzenden, Eilenden, Schreitenden schlugen sich an seinen Quadern die Nasen platt, schlugen sich auch die Schädel ein und sahen den Tempel noch immer nicht. Und als eines Tages ein Weltstadtferner, Weltstadtfremder kam und sagte: »Da steht ja ein herrlicher Tempel; seine Wände sind aus Granit, seine Pforten aus Erz, seine Kuppel wird von den Wolken umspielt«, erhob sich ein allgemeines Gelächter. Er schwieg und begriff: sie sehen ihn nicht. Die Zeit, in der sie alle ihn sehen werden, muß erst kommen. Aber wie wird ihnen dann ihre Stadt erscheinen? Die Philosophin Sie war alt, arm und einsam und doch ganz glücklich. Sie wandelte dahin wie Moses in der Wolke, umwoben von ihren Gedanken. Sie wich auf der Straße niemand aus, sie kümmerte sich nicht darum, ob ein Wagen einhergesaust kam, während sie eben über den Weg schritt. Der Kutscher riß seine Pferde zusammen und fluchte ihr nach. Sie sah und hörte nichts. Sie war zu Gast bei dem Weisen von Ephesos oder dem göttergleichen Akragantiner. Irgendein Lümmel, den ihre zerstreute Miene verdroß, trat ihr auf den Fuß; sie entschuldigte sich. Gassenjungen machten ihr eine lange Nase, riefen ihr Schimpfwörter zu; sie meinte, diese Kinder hätten sie angebettelt, zog ihr Beutelchen und schenkte noch etwas weg von seinem dürftigen Inhalt. Als jemand sagte: »Man braucht nur eine halbe Stunde lang in unsrer Stadt umherzugehen, um sich zu überzeugen, wie unaufhaltsam die Verrohung fortschreitet«, da machte die Philosophin große Augen und sprach: »Ich kann das nicht finden. Gegen mich sind alle Menschen immer gleich gut und höflich.« Der Maler Im verheißungsvollen Japan lebte ein berühmter Schlachtenmaler. Seine Bilder wurden zu den höchsten Preisen verkauft; die ganze japanische Welt war darüber einig, daß er der größte Künstler sei, der je gelebt habe. Er freute sich dieser Anerkennung, wurde aber doch immer von dem Zweifel gequält, ob denn sein Ruf auch so felsenfest begründet sei, daß ihn nichts erschüttern konnte. Eines Tages legte er eben die letzte Hand an ein neues großes Bild, als sich eine Schar seiner glühendsten Verehrer in sein Atelier drängte und in so frenetisches Lob ausbrach, daß er sich angewidert fühlte und die ganze Gesellschaft hinauskomplimentierte. Ergrimmt und all den Schwätzern zum Hohne, nahm er sein Bild und stellte es verkehrt auf die Staffelei. Was Himmel gewesen, wurde Erdboden, was Erdboden gewesen, wurde Himmel. Statt der Köpfe der Reiter und Pferde ragten ihre Beine in die Höhe; er gab ihnen bacchantische Bewegungen, er ließ Fahnenstangen, Schwertspitzen, abgeschlagene Gliedmaßen von Menschen und Tieren, Hufe und Schuhe durcheinanderwirbeln, und als man um keinen Preis mehr erkennen konnte, was auf dem Bilde eigentlich zu sehen war – stellte er es aus. Das Publikum und die Kritik standen in seliger Verblüffung davor. »Eine Offenbarung«, hieß es, »das dionysische Wirrsal einer ganz neuen Kunst!« So massenhaft strömten die Leute herbei, daß der Meister, der sich einmal verkleidet in die Nähe seines Werkes stahl, Gefahr lief, erdrückt zu werden. Lachend ging er zu dem einzigen Kunstkenner, an dessen Urteil ihm lag und der bisher geschwiegen hatte. »Und was sagst denn du?« fragte er ihn. Der Kenner zuckte die Achseln und erwiderte wegwerfend: »Du darfst auch das.« Da lachte der Künstler und ging seelenvergnügt seiner Wege. Ihm war nun ausgemacht, daß er einen Ruf besaß, den nichts erschüttern konnte. Gegenstück Ein junger Künstler hatte den Gipfel des Ruhmes erreicht. Dort oben machte er sich's behaglich und schlief auf einem Lorbeerpfühle ein. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er sich mit Entsetzen ganz unten im Tal am Fuße des Berges liegend, den er gestern erstiegen hatte. Auf dessen Gipfel aber machte sein ärgster Widersacher sich breit. »Was ist das?« rief er aus. »Wie bin ich da so ahnungslos heruntergerutscht? Ist dieser Gipfel am Ende einer, den man täglich neu erklimmen muß?« Vox populi Ein äußerst bedachtsamer Gutsherr hatte nach langem Suchen und Überlegen einen Hausmeier aufgenommen. Kaum war das geschehen, als die andern Diener kamen und warnten: »Schicke ihn wieder fort, er ist ein Dieb.« »Habt ihr Beweise?« »Das nicht.« »Woher also wißt ihr, daß er ein Dieb ist?« »Alle Leute sagen es.« »Was verlangt ihr noch mehr?« sprach der Gutsherr erfreut. »Ich behalte ihn.« Der Mittelpunkt Die Feder des Schreibenden spritzte, und unter kaum sichtbaren Pünktchen war eines, das sich spreizte und ausrief: »Ich bin der Mittelpunkt!« Alle richtigen Punkte, die stolz auf den ihnen angewiesenen Plätzen saßen, brachen in zorniges Gelächter aus: »Da hätte viel eher einer von uns Anspruch darauf, ein Mittelpunkt zu sein!« Die Kleinen widerbellten, und sofort entbrannte ein heftiger Streit. Der Schreibende schlichtete ihn mit dem guten Rat: »Es beziehe doch jeder einzelne von euch alles, was rings um ihn vorhanden ist und geschieht, auf sich selbst, dann wird auch jeder von euch ein Mittelpunkt sein.« Zwei Ungläubige Zwei Ungläubige betraten eine Kirche, in der eben das Meßopfer abgehalten und zur Wandlung geläutet wurde. Der eine blieb aufrecht stehen, der andre kniete mit den Betenden nieder. »Wie konntest du knien?« fragte ihn beim Fortgehen sein Gefährte; »du glaubst ja nicht.« »Ich beugte mich vor dem Glauben der andern«, erhielt er zur Antwort. Der Bildhauer Der Meister gehört nicht zu den vom Glück Begünstigten, von Ruhm Umschmeichelten. Sein Atelier am Lungo Tevere gibt ein beredtes Zeugnis davon. Es erhält sein Licht durch ein breites Fenster über der einem Scheunentor ähnlichen Tür, und man tritt unmittelbar von der Straße in den kahlen, mäßig großen Raum. Sein ganzer Schmuck besteht aus einigen Gipsmodellen und einigen verstaubten Reliefs an den getünchten Wänden. In klarer Schönheit aber stehen vor uns die zwei letzten Arbeiten des Künstlers. Die eine, schon in Marmor ausgeführt, ist die Statue einer Verstorbenen. Ein paar Photographien von ihr und die Angaben ihrer Kinder waren alle Behelfe, die man ihm bieten konnte. Aber ein guter Stern waltete über dem Werke. Der Meister gab dem Steine nicht nur die feinen und noblen Züge, die edle Gestalt und Haltung der teuren Frau, er hauchte ihm auch ihren ernsten Geist, die milde und stille Hoheit ihres Wesens ein. Auf sehende Augen wirkte seine Schöpfung mit der Wärme des Lebens. Eine zweite Arbeit ging ihrer Beendigung entgegen, ein Denkmal für die Ruhestätte des Leiters einer katholischen Schule in Kanada. Sie war ebenso weit entfernt von »fabriksmäßigem Denkmalsbetrieb« wie von den Erzeugnissen impressionistischer Plastik. Die zwei dargestellten Personen bildeten eine Gruppe. Der Lehrer, ein ehrwürdiger Priester im langen, faltenreichen Talar, hielt mit der linken Hand einem etwa achtjährigen Knaben ein aufgeschlagenes Buch vor und bezeichnete mit dem Zeigefinger der Rechten eine Stelle darin. Der Schüler war eitel Aufmerksamkeit. Ein köstliches Geschöpf, dieser kleine Römer in seinem tiefen Versunkensein; bezaubernd der Ausdruck des Gesichtes mit den noch ganz kindlichen und doch schon fein ausgeprägten Zügen. Der Kopf, der zarte Nacken, den der Kragen des Matrosenkleides weich und lose umschloß, waren etwas geneigt, aber die Arme kreuzten sich energisch über der Brust, und das Knäblein stand da, kräftig und schlank und gesund wie eine junge Edeltanne. »Sie haben sich ja als Modell zu Ihrem amerikanischen Seminaristen ein prachtvolles römisches Kind ausgesucht, lieber Meister«, sagte ich. Er lächelte stolz und beseligt: »Es ist mein Ältester.« Und angeregt durch mein Interesse und durch meine Fragen, sprach er von diesem »Ältesten«, sprach in seiner sanften und bescheidenen Weise, mit dem wehmütigen Selbstbewußtsein derer, die, des reichsten Glückes würdig, keines erfahren haben. Er blieb äußerst zurückhaltend im Lobe seines Kindes, aber jeder Laut seiner Stimme verriet die unsägliche Liebe, der es entquoll, und je bemühter er war, keine parteiische Eingenommenheit zu verraten, um so geneigter fühlte man sich, dem Knäblein alles Beste zuzutrauen. Daß ich dem kleinen Wundermann noch nie begegnet war, daran trug nur der Zufall Schuld. Er kam oft ins Atelier, um seine Aufgaben zu machen, hatte sein Tischchen da stehen, an dem er schrieb und arbeitete. Eines Tages begleitete ich eine Bekannte, die die Statue unsrer Verstorbenen sehen wollte, in die Werkstätte, und gleich beim Eintreten fiel mir etwas Neues, eine mit feuchten Tüchern umwickelte Büste, auf. »Eine Bestellung?« fragte ich hocherfreut. »Nein, das nicht.« »Und was denn?« Eine Arbeit, die er zu seinem Vergnügen unternommen, sagte er, und erwiderte, als ich bat, ihre Bekanntschaft machen zu dürfen, es sei noch etwas früh, aber – wenn ich es wünsche ... Die Verhüllung wurde entfernt, und ich hatte das Mißvergnügen, meinem Ebenbilde ins Gesicht zu sehen. Es war nur ein Entwurf, doch konnte ich mich des Ausrufs nicht erwehren: »Ich bin's, und schon zum Entsetzen ähnlich!« »Das dürfen Sie nicht sagen«, sprach er, »um Ihretwillen nicht und um meinetwillen nicht, denn Sie erinnern mich sehr an meine entschlafene Mutter.« Ich hatte ihn verletzt, bereute meinen unwillkürlichen Schreckensruf und suchte mich bei dem Künstler zu entschuldigen. Es verdroß ihn nun sehr, daß er mir seine Arbeit im Anfang des Anfangs, im noch ganz rohen Zustand gezeigt. Aber er hatte eben gehofft, daß ich ihm meine Hilfe gewähren und ihm einige Sitzungen geben würde. Und nun begannen wir einander gegenseitig anzuflehen. Er bat mich, ihm zu sitzen, und ich bat ihn, mich nicht darum zu bitten. Zuletzt blieb ich Siegerin mit meinen guten Gründen. Erstens weil Porträts von mir nie besser gelingen, als wenn ich bei ihrer Herstellung nicht anwesend bin; zweitens weil die Zeit meiner Abreise heranrückt und ich mit jeder Minute geize, die ich noch auf meinem Forum, meinem Palatin, in stiller Verehrung meiner gemalten und gemeißelten Abgötter in den Galerien und Museen zubringen kann. Übrigens würde ich noch einigemal ins Atelier kommen, um mich von dem Gelingen einiger Retuschen, die er an unsrer Statue vornehmen sollte, zu überzeugen; da habe er Gelegenheit genug, neue Eingebungen für sein Gedächtniswerk zu sammeln. Bei meinem nächsten Besuch lernte ich endlich seinen kleinen Sohn kennen. Gefährliche Bekanntschaft für eine Kinderfreundin! Der konnte mich in Versuchung bringen, das Forum und den Palatin und meine Abgötter aus Leinwand und Farben, aus Marmor und aus Erz da liegen und stehen zu lassen, wo sie lagen und standen, und mit ihm Ball zu spielen, einen Kreisel tanzen zu lassen oder zuzusehen, wenn er, wie jetzt, mit seinem festen, braunen Händchen große, kühne Buchstaben in sein Schreibheft malte. Du lieber Junge! Alles Gute, das sein Vater von ihm gesagt hatte, bestätigte mir mein erster Blick in diese glanzvollen, vertrauensseligen Augen. Aus ihrem Dunkel brach das hellste Lebensmorgenlicht hervor, bezaubernd, ein konzentrierter Frühling. Frühlingshaft auch war der unschuldige Frohsinn, der aus ihnen strahlte, und vielleicht das Schönste an diesem schönen Kindergesicht der Mund mit den zarten, vollen Lippen von der Farbe einer eben aufgesproßten Granatblüte. Wir waren bald geschworene Freunde. Mit etwas gönnerhafter Miene erzählte er von seinen Brüdern. Schutzbefohlene, kein Umgang, viel zu klein für ihn. Man mußte beständig auf sie achtgeben, der Drei- und der Vierjährige wissen ja noch nicht, was sie tun. Gestern haben sie ihr Bilderbuch zerrissen, erst in große, dann in immer kleinere Stücke, und dann bitterlich geweint, weil sie kein Bilderbuch mehr fanden, als sie es am Abend suchten. Der Fünfjährige, der Rico, der will Bersagliere werden und hat schon einen Säbel, aber noch keinen Hut. »Und was willst denn du werden?« fragte ich. »Nun, doch Bildhauer wie der Vater«, antwortete er, ganz erstaunt, daß mir die Sache nicht ausgemacht sei. Der Vater brachte ihm manches Stückchen Ton mit nach Hause, daraus modellierte er Tiere und Menschen, am liebsten aber Madonnen mit dem Jesuskinde. Er hatte einige Proben seiner Kunst in der Tasche und zog sie hervor. Aber – o weh! ... Dieser Aufenthalt war ihnen nicht zuträglich gewesen, sie hatten jedes charakteristische Merkmal eingebüßt, und traurig betrachtete Paolo die kleinen Mißgestalten. »Weißt du was?« sagte ich, »heute über acht Tage komme ich wieder, da bringst du mir, sauber in ein Schächtelchen gebettet, eine neue Madonna, und ich bringe dir einen kleinen Beutel; in dem findest du, was du brauchst, um deinen Brüdern ein neues Bilderbuch und dem Rico überdies einen Bersaglierihut und dir selbst etwas zu kaufen, was dir eine rechte Freude macht. Willst du?« Ob er wollte! In seinen schwarzen Augen gingen zwei Sonnen auf. Ja, ja, ja! ich bekam eine Madonna, und ganz herrlich sollte sie sein, eine versilberte Krone sollte sie haben und das Christuskind eine vergoldete. »Wirklich? Eine vergoldete?« Ja, ja, ja! Und glänzen sollte sie. Glänzen sogar? Das konnte ich mir kaum vorstellen und war im voraus schon geblendet von dieser Pracht. Wie freuten wir uns beide! Vater und Sohn begleiteten mich zu meiner einspännigen Karosse, und lange winkte Paolo mir nach, und aus der Ferne noch vernahm ich sein helles Jauchzen. Tag und Stunde unsres Stelldicheins kamen, ich war zur Ausfahrt angekleidet und im Begriff, aus dem Zimmer zu treten, als heftig an der Hausglocke gerissen wurde. »Niemand vorlassen! Niemand!« rief ich der Dienerin zu, die sich, ärgerlich über dieses stürmische Anläuten, ins Vorzimmer begab. Gleich darauf erschollen von dort in höchster Aufregung ausgestoßene Laute einer fremden Stimme, und ganz bestürzt kam das Mädchen zurück und meldete, die Frau des Bildhauers schicke ihre Schwester, etwas Furchtbares habe sich ereignet. Ich eilte der unerwarteten Besucherin entgegen. Sie zitterte am ganzen Leibe, ihr Gesicht, ihre Augen waren vom Weinen geschwollen. »Signora, Signora – das Ärgste ... denken Sie – denken Sie, Signora ...« Der Atem versagte ihr. Ich ergriff ihre Hand und mußte sie zwingen, in einem Lehnstuhl Platz zu nehmen. Sie war ein junges, energisches Geschöpf. »Einen Augenblick nur ... Ich muß nur den Auftrag meiner Schwester bestellen ... Sie läßt Ihnen sagen, Signora, daß Sie nicht ins Atelier kommen sollen – Paolo ist tot, Signora, und sein Vater rast umher wie verrückt.« Sie brachte ihren schauerlichen Bericht abgebrochen, unter heftigem Schluchzen hervor. Paolo spielte auf der Terrasse, auf die die Wohnungstür sich öffnet. Im fünften Stock des Hauses wohnen sie. Immer spielen die Kinder auf der Terrasse – es ist nie etwas geschehen ... Heute – Unglückstag ... Vor ihren Augen ... Eine Musikbande kommt vorbei. Paolo singt, tanzt, prallt im Tanz ans Geländer ... Es gibt nach – er stürzt in die Tiefe. »Signora, o Signora!« Schrill und schneidend rangen sich die Worte aus ihrer Kehle. »Denken Sie – meine Schwester ... Das Kind tot, der Mann dem Wahnsinn nahe, flucht und tobt und gibt uns allen schuld ... Sie würden ihn nicht wiedererkennen, den guten, sanften Menschen!« Ich konnte das Entsetzliche erst gar nicht fassen, schauderte beim Gedanken an die unglückseligen Eltern, hätte zu ihnen eilen mögen, sah ein, daß es nicht anging, einen Anteil zu verlangen an ihrem unantastbaren Schmerz, bat zuletzt um Erlaubnis, Tag um Tag Nachricht von ihnen einholen zu lassen. – Die letzte Zeit meines Aufenthalts in der Ewigen Stadt war mir vergällt. Ich sah meinen kleinen, rasch gewonnenen und plötzlich verlorenen Freund in jedem schönen römischen Kinde, und der Gedanke an den unglücklichen Vater Paolos verließ mich keinen Augenblick. Wieder verging eine Woche; alles, was ich von dem schwer Heimgesuchten erfuhr, lautete immer gleich trostlos. Endlich brachte seine Schwägerin mir die Botschaft, er sei zum ersten Male wieder ins Atelier gegangen, und seine Frau lasse mich inständig bitten, ihn dort aufzusuchen. Am Nachmittag fuhr ich hin, fand die Tür unversperrt und trat ein. Der Künstler stand vor dem Ebenbilde seines Sohnes und betrachtete es unverwandt, so weltentrückt und versunken, daß er mein Kommen nicht bemerkte. Ich rief ihn an, er sah auf, stöhnte leise, breitete mir seine Arme entgegen und schloß mich an sein Herz. Ich konnte nicht sprechen, ich hielt nur seine Hand fest mit meinen beiden Händen. »Verzeihung«, sagte er. »Als Sie so plötzlich dastanden, war mir, als sei meine Mutter zu mir gekommen, um mich zu trösten. Aber das könnte auch sie nicht ... Mit mir ist's vorbei, es ist aus, alles, alles aus! ...« Er rang die verschränkten Hände: »Gott – mein Gott ... Rennt ein Mann daher, sagt: ›Sie sollen kommen – Ihrem kleinen Buben ist ein Unfall zugestoßen, man hat ihn zu uns ins Spital gebracht ...‹ Ich erschrecke. ›Ein Unfall – einem meiner Kleinen?‹ – ›Ja.‹ – ›Was denn? Was denn?‹ – ›Ich weiß nicht‹, sagt er. – Nun, ich, voll Angst, folge ihm. Und im Spital sehen sie mich so merkwürdig an und führen mich – und schlagen die Decke zurück – und wie sie die Decke zurückschlagen, sehe ich – mein Ältester ist es ... Er – er – Und wie ich ihn sehe, stoße ich einen Schrei aus« – drohend hob er die Rechte empor: »Den haben sie dort oben gehört!« Er rang nach Luft, schritt ein paarmal auf und ab und sprach: »Die Mütter haben ihre Kinder gleich lieb, sie können das – sie haben jedes mit denselben Schmerzen geboren ... Mir war mein Ältester über alle lieb ...« Der sonst so Stille und Wortkarge sprach und sprach, übersprudelte sich in seiner Rede, so daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Auf die Zeit kam er zurück, in der er um seine Frau geworben: »Als sie erfuhr, daß ich ein Bildhauer sei, wie war sie stolz! Ein Künstler hatte sie erwählt! Arme Frau – was sie bei mir erfuhr und mutig mit mir teilte, das waren Enttäuschungen, das war gar oft die Sorge um das trockene Brot. Ich bin keiner, der sich durchsetzt, ich habe keine eisernen Fäuste und keine spitzigen Ellbogen – ich werde zur Seite geschoben von solchen, die weniger können als ich ... Aber als er da war, als er heranwuchs, mein Sohn, hat mir nichts mehr weh getan. Ich säe, er wird ernten, ich bin klein geblieben, er wird groß werden ... Wie in ein Bereich voll Blumen, Früchten, voll Sonnenschein blickte ich in seine Zukunft ... Er liebte alle, auch die Nichtguten – er konnte nicht anders, und alle die Guten und Nichtguten liebten ihn ... Auf Händen hätten sie ihn durchs Leben getragen ... Nie anders als groß, berühmt, geehrt sah ich ihn – und – – Herrgott! Herrgott! im Spital – als sie die Decke weggezogen – – was lag da vor mir! ... Am Morgen noch ein Kind, um das die Menschen mich beneideten und an dem die Engel im Himmel ihre Freude hatten, und – was lag da!« Seine Stimme erstarb in einem Wimmern, er brach am Tischchen Paolos in die Knie, und auf die Platte gestützt, vergrub er sein Gesicht in seine Hände. Nach einer Weile trat ich zu ihm und berührte seine zuckende Schulter. »Stehen Sie auf, lieber Meister, ich bitte Sie, stehen Sie auf.« Keine Antwort, doch erhob er sich und war nun ruhig – ruhig, wie völlig Abgespannte sind. »Und noch eine Bitte: nehmen Sie das Tuch weg von der Büste dort.« Er näherte sich seinem begonnenen Werk und tat, wie ich ihn gebeten hatte, mechanisch wie etwas rein Äußerliches, das ihn gar nichts anging. Ich setzte mich der Büste gegenüber: »Wo sind die Modellierstäbe? An die Arbeit, lieber Freund!« Plötzlich kam wieder Leben in sein Gesicht. »Arbeit? Wissen Sie, was ich mir jetzt noch aus der Arbeit mache?« fragte er herb und verächtlich, riß die Steckel von dem Schemel, auf dem sie lagen, und ging mit starken Schritten und erhobener Hand auf das arme Tongebilde zu. Ich aber dachte: Nun beginnt ein Zerstörungswerk. Doch kam es anders. Die erhobene Hand holte nicht zum Schlage aus, sie senkte sich. Regungslos blieb der Bildhauer vor seinem Modell stehen, mit verhaltenem Atem, wie festgebannt, wie einer Stimme lauschend, die ihm daraus entgegenklang ... Ein Gebet des nach Dasein verlangenden Geschöpfes zu seinem Schöpfer: Vollende mich. Und was noch keiner sah, es schwebte ihm vor Augen – das Gewordene im Werdenden, das zu lebendigem Dasein erweckte Gedankenbild. Ein langer, banger Augenblick – ein Starren, Sinnen, ein leises Flüstern: »Madre!« und zärtlich und schmeichelnd glitt der Modellierstab über die Stirn des alten, unschönen Gesichtes, glättete, vertiefte, deutete an. Dann wieder ruhte sein Blick lange, forschend, vergleichend auf mir, wandte sich zur Arbeit zurück, und in den eben noch so finstern Augen leuchtete der Widerschein der innerlich lodernden Flamme eines gottbegnadeten Könnens. Was ich empfand, da es mir gegönnt war, diesen Übergang von lähmender Verzweiflung zur Ausübung einer Künstlerschaft, die alle Lebenskräfte anspannt, mitzuerleben, das war reines Glück, die höchste Dankbarkeit. Die Sitzungen wiederholten sich, das Werk gedieh, und in dieser Zeit errang mein lieber Freund seinen ersten Sieg. Ein Staatspreis war ausgeschrieben worden für ein Hautrelief, eine Apotheose des verstorbenen Königs. Als das Kuvert geöffnet wurde, das den Namen dessen enthielt, der alle Mitbewerber überflügelt hatte, sahen die Richter erstaunt, daß es ein ihnen völlig Unbekannter war. »Der Ihre!« triumphierte ich, als er mir die gute Nachricht mitteilte. »Der Ihre, und wird nicht lange mehr unbekannt bleiben.« Er lächelte in seiner alten, stolz resignierten Weise: »Chi lo sà? Es gibt so viele Bildhauer!« Egeria Ein Reiseerlebnis Auf meiner Schweizer Reise habe ich ein merkwürdiges Ehepaar getroffen. Sobald der Mann den Mund auftat, sprach die Frau: »Du willst sagen, daß ...« Und jetzt kam immer etwas Gescheites zutage. Vor einem schönen Landschaftsbilde, vor einem Kunstwerke hatte er geistvolle Gedanken, die seine Frau in Worte kleidete. Er nickte nur tiefsinnig und sagte: »Ganz recht.« Eines Tages war sie unwohl, und er kam allein zur Table d'hote. Er hatte seine gewohnte, nobel herablassende Art, die gewisse Gebebewegung, mit der seine linke Hand – eine schöne Hand – sich geschmeidig im Knöchel drehte. Doch bewahrte er dabei ein fast schüchternes Schweigen. Wenn jemand etwas erzählte, nahm er eine wohlwollende, sehr teilnehmende Miene an, zog die Augenbrauen in die Höhe und ließ mehrere Male nacheinander ein angeregtes »So so!« vernehmen. Das war alles, schmeichelte aber dem Erzähler ungemein. Mich hatte der Zufall dieselbe Reiseroute wählen lassen, die das Ehepaar nahm, und in den Eisenbahnwaggons, bei Bergbesteigungen, in den Hotels trafen wir täglich zusammen. Aber auch ein vierter schloß sich unserm absichtslos geknüpften Bunde an, und dieser, wie mir schien, durchaus nicht absichtslos. Die schöne deutsche Frau hatte es dem Gallier angetan. Er bewunderte ihre Art, sich zu kleiden, ihre lieblich stolze Haltung und ganz besonders – ihren Gang: kein Trippeln, kein Schweben – ein Schreiten, ein harmonisches Vorwärtskommen in gelassener Leichtigkeit, geradeaus, nicht bei jedem Schritt ein bißchen Kraft nach links und ein bißchen Kraft nach rechts von sich schleudernd, wie es bei vielen Frauen üblich ist. Nicht genug staunen konnte er darüber, daß sie, so groß, so majestätisch, doch voll Anmut war ... herrlich, ganz einfach – herrlich! »Und«, sagte er und sah mich pfiffig an, »welch ein Anempfindungsvermögen, welch ein Verständnis für den Geist ihres Mannes! Erstaunlich, nicht wahr?« – »Gewiß!« und wir lachten beide. Er war klug, er tat sein Mögliches, um sich zuerst die gute Meinung des Ehemannes zu erwerben, gewann sie auch. Der Geheime Herr Kommerzienrat lächelte ihm gnädig zu, wenn er ihn von weitem schon ehrerbietig grüßte; auch über die lustigen Geschichten, die der Franzose zu erzählen wußte, lächelte er. Lachen konnte er so wenig wie eine Katze. Wenn aber wir beide über eine der kommerzienrätlichen Anekdoten, denen seine Gattin meistens die Pointe aufgesetzt hatte, in schallende Heiterkeit ausbrachen, ging in seinem Gesicht die Sonne auf. Da blickte ihn seine Frau mit zärtlichem Triumphe an, und ihre ernsten, sanften Augen leuchteten in stillem Glück. Ich war der Vertraute des jungen Bewerbers um ihre Gunst geworden. Er klagte und grollte: »Sie liebt ihn! liebt den Hohlkopf! Begreifen Sie das?« »Es schien auch mir ein Rätsel; doch glaube ich es gelöst zu haben. Sie liebt ihn mit dreifacher Liebe. Als geborene Herrscherin, die sie ist, den treuen Vasallen; als Kinderlose mit aller in ihr aufgespeicherten Mütterlichkeit ... und wie läßt er sich die gefallen! Andern gegenüber – gönnerhaft, götzenhaft; vor ihr – auf beiden Knien. Das hat so etwas ... das ist nicht unedel ... in solcher Weise verwöhnt werden und den Verwöhnenden anbeten – kommt selten vor. Die dritte Liebe, nun – die stärkste, die zärtlichste: die Liebe des Künstlers zu seinem Werk. Er ist das ihre. Sie gibt in ihm ihre Gedanken heraus und – gestehen Sie – in einem Prachtexemplar.« »Prachtexemplar«, gab er zu. »Der Herr Kommerzienrat mit den rosigen Wangen und den blonden Haaren ist das Bild eines Hermann der Cherusker, wie euer krankhaft ausgearteter Chauvinismus ihn malt.« Ich konnte ihm diesen Ausfall, der überdies gar nicht zur Sache gehörte, nicht ungestraft hingehen lassen und sagte: »Und sie ist das Urbild einer Thusnelda unsrer Träume, die, wenigstens äußerlich, besser zu ihm paßt als zu dem geistreichsten, nettesten Varus«, und dabei klopfte ich dem feinen jungen Mann auf die Schulter. Nach jedem Zornesausbruch übte er seine Verführungskünste mit mehr Geschmeidigkeit und Liebenswürdigkeit aus und machte Fortschritte in der Gunst der schönen Frau. Sie begegnete ihm mit großer Freundlichkeit, zeichnete ihn vor allen – es waren ihrer viele, die ihr huldigten – aus. Da geschah's, daß er in einer Wallung der Ungeduld sein wochenlang mit soviel Verschlagenheit und Selbstüberwindung aufgerichtetes Verführungswerk zerstörte. Der Unselige wiederholte ein besonders patzig vorgebrachtes: »Ganz recht!« des Gatten mit boshaftem Hohn und fügte hinzu: »Einer Ihrer originellen Gedanken, Herr Kommerzienrat!« Verblüfft und hilflos wendete der Gatte seine Augen rettungsuchend der Gemahlin zu, und Thusnelda vereiste im selben Moment. Der Liebende erlangte nicht mehr einen gnädigen Blick. Es war vorbei. Jedes leichte Neigen des Hauptes, mit dem sie seine flehenden Begrüßungen erwiderte, sprach: Halten Sie sich fern! In Interlaken erfuhren wir, daß »Kommerzienrats« am Nachmittag ihre Heimreise antreten würden. Ich fand mich zum Abschied auf dem Bahnhof ein. Sie hatten schon ihren Waggon bestiegen, kamen ans Fenster, und wir tauschten eben höfliche Redensarten, als neben mir ein prachtvolles Rosenbukett auftauchte. Ein armer Sünder wollte seine letzte Huldigung darbringen. Aber »sie« sah ihn nicht. Sie hatte sich plötzlich auf die andre Seite des Wagens begeben, wo ein Zug, der auf dem Nebengleise stand, ihre gespannte Aufmerksamkeit zu erregen schien. »Nein, zu liebenswürdig – nein wirklich –« sagte der Kommerzienrat. Der Strauß wurde ihm nolens volens hinaufgereicht, und mit Wohlgefallen nahm er ihn in Empfang. Die Lokomotive pustete, die Räder drehten sich – »adieu!« Aus einem Fenster des dahinbrausenden Trains streckte sich eine schöne Hand und winkte uns noch eine Weile zu. Aber leider war's – eine Männerhand. Nach Jahren traf ich den ehemaligen Reisebekannten wieder, und wieder in der Schweiz. Er nannte sich mir, ich hätte ihn nicht erkannt. Der blühende, von Gesundheit strotzende Herr Kommerzienrat hatte sich zu sehr verändert. Gealtert, gebeugt trat er mir entgegen. In der gebrochenen Gestalt lag etwas Fremdes, etwas Starres, das mir seltsam erschien – fast unheimlich. Er war allein. Ich fragte nach seiner Frau. »Voran«, erwiderte er, bemerkte meine Verwunderung über diese Antwort und erklärte: »Vorangegangen, mir voran, wie von jeher in allem. Gestorben wird es auch genannt.« Einige Worte aufrichtigen Mitgefühls drängten sich mir auf die Lippen. Er lehnte ab mit einer leisen, ruhigen Gebärde: »Zu einem höheren Leben geboren, sollte es genannt werden.« »Sie hat an eine zweite Geburt nicht geglaubt«, wandte ich zagend und im Ton einer Frage ein. »Sie nicht. Ihr war der Tod das Ende, und die kleinen Begriffe Lohn, Strafe belächelte sie. Sie lebte wie eine Heilige aus innerster Seelennotwendigkeit – es war so ihre Natur. Nun ist sie fort und, ob sie an ein ewiges Geschiedensein dachte oder nicht – ist da. Nach dem Worte der Schrift: ›Die Liebe höret nimmer auf‹, ist sie da, umgibt mich, ich erlebe stündlich das Wunder. Als sie sterbend vor mir lag, offenbarte es sich mir zum erstenmal. Ihre Augen waren gebrochen, ihr schönes Gesicht war verzerrt von dem entsetzlichen sardonischen Lachen. Da beugte ich mich und drückte einen langen Kuß auf ihren Mund. Und als ich sie wieder ansah, lag auf diesem lieben Mund ein sanftes, seliges Lächeln. Dasselbe Lächeln, das ihn einst so bezaubernd umkoste, als ich – ein schüchterner Bräutigam – sie zum erstenmal geküßt hatte ... Und als sie im Sarge lag und ich sie betrachtete – andachtsvoll, um mir ihre teuren Züge unauslöschlich einzuprägen –, da belebten sie sich ... Ich sah es – ich werde es immer sehen ... Ein warmer Lebenshauch flog über das starre, marmorblasse Angesicht.« Wir schritten eine Weile schweigend des Weges weiter; es war derselbe, auf dem vor Jahren meine erste Begegnung mit ihm und seiner Frau stattgefunden hatte. Plötzlich, wie erwachend aus dämmerigen Träumen, begann er wieder: »Getrennt – zeitlich getrennt, aber nur scheinbar. In Wahrheit noch enger vereint, weil eine durch Körperlichkeit gebildete Schranke nicht mehr besteht. Sie ist in mir und ist außer mir – ein voranschwebender Geist. Ich folge, von ihr geführt; zu der lichten Sphäre, an der sie, noch im Irdischen befangen, zweifelte, hebt sie mich empor – und ich strebe ihr nach – – bin noch am Fuße des Berges, aber jeder Tag bringt mich einen Schritt aufwärts – ihr näher!« Er blieb stehen, breitete die Arme aus und blickte in stiller Verzückung vor sich hin. Und mir fiel etwas Merkwürdiges auf. Ich hatte immer eine gewisse Ähnlichkeit gefunden zwischen den echt germanischen Gesichtern der beiden Eheleute. Nun war das seine schmaler geworden, es erschien feiner, und die Ähnlichkeit mit der Verstorbenen hatte sich verstärkt. Aber mehr noch als eine äußerliche trat eine geistige Ähnlichkeit hervor – eine so überraschende, so überwältigende Ähnlichkeit mit der Vorangegangenen, daß mir war, als spräche ihre Seele aus seinen Augen. Autobiographische Schriften Aus einem zeitlosen Tagebuch Tagebuch, Buch der Tage, Der dunklen, der hellen, Der nur zu kurzen, Der endlosen, der unvergeßlichen, Im besten wie im schlimmsten Sinne. Rom Ostern, Auferstehungsfest! – Wie viele Ostern haben wir schon erlebt, wir alten Wiener, an denen uns empfindlich fröstelte und jeder Blick zum Himmel ein Blick in unendliches Dunkelgrau war, an denen ein scharfer Nordwest große Schneeflocken vor sich herjagte, die niederfallend der Stadt, für einige Augenblicke wenigstens, ein winterliches Aussehen gaben. Und dennoch! Wem verbindet der Gedanke an Ostern sich nicht mit etwas sonnig Durchleuchtetem, Frühlingshaftem und Verheißungsreichem? Ist das die Zeit, in der man von Gräbern sprechen darf und von Friedhöfen? – Vielleicht wohl. Über Gräber geht ja der Weg zur Auferstehung, und die Blumen, die aus Gräbern blühen, sind ihr lieblichstes Symbol. So hielt ich eine Vorfeier zu den kommenden Festen bei meinen Besuchen der römischen Campi santi. Einer der kleinsten, aber der poetischste ist der akatholische Friedhof der Fremden bei der Cestius-Pyramide. Wenn seine Pforte sich hinter uns geschlossen hat, ist uns die Welt und ihr Getriebe versunken; wir selbst kommen uns vor wie Abgeschiedene, unerreichbar den Sorgen und Anforderungen des Tages in diesem kühlen, stillen Friedensport. Die Luft ist feucht und etwas schwer und trägt uns kräftigen Erdgeruch, von feinem Blumenduft durchweht, entgegen. Ruhevolle, weihevolle Stille herrscht, nichts ist laut, nichts ist bunt, kein Ton, keine Farbe. Zypressen, herrliche, in ihrer Vollkraft stehende Bäume, ragen pfeilgerade empor. Sie sind reihenweise auf den Boden gepflanzt, der stufenartig zur alten Stadtmauer aufsteigt. Ihnen zu Füßen liegt Grab an Grab unter einfachen Kreuzen, schlanken Obelisken, großen Katafalken, kostbaren, oft von Meisterhand ausgeführten Denkmälern. Aus dem Dunkelgrün des Efeus, aus Einfassungen von Buchs, aus üppig blühenden Veilchenbeeten schimmern sie hell hervor. Kaum erwehrt man sich des kindischen Gedankens: Könntet ihr doch wissen, ihr armen Toten, wie schön ihr gebettet seid! Mein erster Weg führt zu einem Grabe, dessen Marmorplatte den teuren Namen Theo Schückings trägt. Ihre Schwester Gerhardine, die Witwe des freisinnigen Mitglieds des preußischen Abgeordnetenhauses Heinrich Rickert, hat in den schneeig weißen Stein die Worte einmeißeln lassen: Du wählst das Gute, weil's das Gute ist, Und eh du wähltest, hast du es getan. So war sie, in diesen zwei Zeilen ist ihr ganzes Wesen gekennzeichnet. Wohl jedem, der sie gekannt hat! Er hat erfahren, daß Menschen leben, für die das Gute tun heißt, dem Gesetz ihrer eigensten Natur entsprechen. Theo Schücking ruht in der Nähe des kleinen Tempels, in dem die Asche ihrer mütterlichen Freundin, Malvidas von Meysenbug, beigesetzt wurde. Das Frühjahr 1903 hat beide hinweggerafft, die vielgefeierte Verfasserin der »Memoiren einer Idealistin« und die feinsinnige Tochter des Schriftstellerpaares Levin und Luise Schücking. Rom, das ihre geistige Heimat gewesen ist, birgt nun ihren Staub, und liebreich bewahren treue Freunde, die hier leben, ihr Gedächtnis. Nicht vielen der Schläfer in diesem Gottesacker wird das zuteil. So mancher sogar berühmte Name erweckt in uns nicht mehr das Bild einer Persönlichkeit. Und die andern, die hier Verlassenen? ... ein Blick auf ihr Denkmal, und wir gehen vorbei. Da liegt eben auch einer oder eine von denen, die herkamen aus oft weiter Ferne, sich Gesundheit zu holen oder Trost im Leide, Zerstreuung oder Nahrung für ihren Wissensdurst, ihren Schaffensdrang. Gar oft aber greift uns der Inhalt einer Inschrift an das Herz. Wir lesen vom schweren Abschied, den Eltern von einem vielgeliebten Kind genommen, für das sie Genesung erhofften im milden Süden, wir erbauen uns an einem hehren Bibelspruch, werden von freudiger Rührung erfüllt bei jeder mit frommer Zuversicht ausgesprochenen Hoffnung auf ein seliges Wiederfinden im ewigen Lichte. Ein Grab ist auf diesem Campo santo, da hat der Schmerz der Sprache keinen Ausdruck entlehnt, er nahm von ihr nur die Worte: Maria Obolensky, Pietroburgo 1855; Luglio; Roma Marzo 1873. Dafür hat die bildende Kunst eine erschütternde Beredsamkeit entfaltet und ein unvergleichliches Denkmal aufgerichtet. Es erhebt sich vor uns unter einem leichten Glasdach; die Säulchen, die es tragen, sind von Efeu umrankt, er umschlingt sie in üppigen Gewinden, er klettert schon über das Dach, breitet wie beschützend grüne Ärmchen über die erblindeten, milchweiß gewordenen Scheiben. Mild abgedämpft fällt durch sie das Licht auf einen kleinen Bau aus Marmor – eine Gruft. Zur Spalte geöffnet ist einer ihrer eisenbeschlagenen Türflügel. Zwei hohe Stufen führen zum Eingang hinab, und auf der oberen ruht eine junge weibliche Gestalt. Sie trägt ein einfaches Gewand, dessen Falten sich dicht und weich an den zarten Körper anschmiegen. Ihr feiner Rücken ist gebeugt wie unter einer schweren Last, sie hat den Kopf abgewendet von der schauerlichen Tiefe und blickt vor sich hin, trostlos, wie fragend: Muß es sein? Ich bin so jung und doch nicht jung genug, um leicht zu sterben, wie Kinder sterben, weil sie noch nicht ahnen, wie schön das Leben sein könnte, wie köstlich schön. Diese Gedanken schweben auf ihrer Stirn, ihr holdes Dulderangesicht spricht sie aus; das ganze Bildwerk atmet eine Trauer, von der jede kleinste Einzelheit durchatmet ist, jede Falte des Gewandes, jede Strähne der linden, reichen Haare, jeder Finger der verschränkten Hände. Gefaltet liegen sie auf dem rechten Knie, das linke ist gestreckt, und schon steht der Fuß auf der nächsten Stufe zum verhängnisvollen Eingang ... Du armes Kind! Je mehr ich mich in deinen Anblick versenke, je mehr belebst du dich, und bekannte Züge sehen mir aus deinen Zügen entgegen. Du hast eine leid- und anmutvolle Schwester, ein Dichterkind, aus dem Geist und dem Herzen Turgenjews geboren, Lisaweta Michailowna. Sie hat das Glück mit Augen geschaut, hat es in ihren Armen schon gehalten und, kaum errungen, verloren. Du hast vom Glück vielleicht nur geträumt, und deine Sehnsucht ist verewigt in diesem beseelten Stein. Ich habe das Werk bewundert und geliebt, aber den Namen des Meisters, der es schuf, nicht gewußt. Jüngst erst wurde er mir genannt: Antokolskij – und nun war das Geheimnis der Vollendung, die ich angestaunt hatte, mir gelöst. Am Tage unseres Besuches des Friedhofs der Fremden fanden mein treuer Wandergefährte und ich uns auch im Nationalmuseum ein, dem mir besonders lieben. Nicht bloß um der Schätze willen, die es enthält, auch als Bauwerk. Vor mehr als anderthalb Jahrtausenden ein Teil der Diokletians-Thermen, dann Kartäuserkloster, heute der Aufenthalt edelster Reste griechischer und römischer Kunst. Sie füllen die Säle des ersten Geschosses, die herrlichen, nach Michelangelos Entwürfen erbauten Säulenhallen, sie sind eingezogen in die einstige Domäne der schweigenden Brüder. Das kleine Haus eines Kartäusers umschloß außer dem Wohnraum eine Loggia, die zu einem Gärtchen führte. Die Mauern, von denen es umgeben war, begrenzten eng sein irdisches Bereich, hemmten aber nicht seinen weiten, freien Ausblick zum Himmel. Wer war's, der zuerst das Gärtchen bebaut und gepflegt hat? Wer tat es nach ihm, und wer hat das Erbe ihres Fleißes angetreten? Wer hat die Zelle bewohnt, von deren Wänden uns jetzt heitere Darstellungen hellenischer Feste anlächeln, als diese Wände noch kahl und rauh waren und ihr ernster, ihr einziger Schmuck ein Kruzifix gewesen ist? – Hat ein menschen- und freudenmüder Weltmann vor ihm gekniet? Hat einen Forscher und Denker alle Weisheit und Wissenschaft auf weiten Umwegen am Ende hierhergeführt zu den Füßen des Kreuzes? Hat vor dem Dornengekrönten ein großer Büßer auf dem Angesicht gelegen, und mußte auch sein Gebet lautlos sein und der Aufschrei seiner Inbrunst und seiner Reue auf seinen Lippen sterben? Wenn sie wiederkehren könnten, die stummen Mönche, wenn sie den Kreuzgang durchschreiten würden, der in seiner großartigen Einförmigkeit aufs Auge wirkt wie ein langgehaltener feierlicher Orgelton aufs Ohr – wenn sie ihn belebt sähen von den Werken einer heidnischen Kunst – Entweihung müßte es ihnen erscheinen, und überall träte sie ihnen entgegen, auf Tritt und Schritt, wie in der Säulenhalle auch in dem zum Garten umgewandelten Klosterhof. Sie grüßt noch aus Trümmern, die kunstvoll auf dem Boden zerstreut oder in grünen Gebüschen halb verborgen sind, ein Widerschein antiken Geistes spiegelt sich in Michelangelos Delphinenbrunnen, dem Mittelpunkt dieser Wunderwelt. Als wir vom Campo santo kommend an ihn herantraten und seinen springenden Wasserstrahl im Sonnenglanz schimmern sahen, berührte es uns eigentümlich ergreifend, daß auch hier – eine Tote lag. Nicht jung die, und nicht schmächtig – eine halbtausendjährige Riesin mit grauem, schrundigem Leibe. Wie ein vorweltliches Ungeheuer nahm sie sich da hingestreckt aus: die vorletzte der noch übriggebliebenen Zypressen, die Michelangelo gepflanzt hat. In einer stürmischen Februarnacht ging sie zur Rüste. Hätte sie Widerstand geleistet, kurze Zeit, ein paar Wochen nur noch! Die Rosensträucher, die rings um sie her sproßten und bis hinauf in ihre höchsten Äste zierliche Ranken spannen, fingen schon an zu knospen. Wie bald, und sie hätten die Welke, die Morsche wieder umblüht und umduftet und jeden ihrer dürren Zweige und abgestorbenen Äste mit den Feuerfarben des Lebens und der Jugend geschmückt. Aber – sie hat nicht mehr warten gewollt; zu bös hatte der strenge Winter ihr mitgespielt, zu arge Fröste hatten ihren greisen Körper durchzittert. Genug! knisterte es die verwitterte Rinde entlang, genug! brach es dröhnend aus den Höhlen ihres gewaltigen Stammes. Wie knapp am Boden abgehauen, sank sie nieder und ließ ihre Wurzeln der Erde und verletzte in ihrem Sturze keinen der ehrwürdigen Reste in ihrer Nähe. Sachte legte sie ihr noch von einigen dunklen Zweigen gekröntes Haupt auf den Boden hin, den Michelangelos Fuß betreten hat. Heimat Ein besonders stiller Sonntagnachmittag im Sommer bei uns auf dem Lande. Aus dem Hause ist alles ausgeflogen, die Spatzen in den Dachrinnen einzig ausgenommen. Im Garten herrscht die schönste Einsamkeit, lebendige, wonnige, atmende Ruhe. Feierlich breiten die Bäume ihre Zweige in die milde, regungslose Luft und trinken Sonnenschein. Die Vögel haben sich müde gesungen, kein einziges Stimmchen wird laut. Ich gehe langsam in den Laubengängen und zwischen den Wiesen hin und kann den Fuß auf keine Stelle setzen, die nicht vor langer, langer Zeit, oder vor einer noch nicht fernen, ein mir teurer Mensch betreten hat. Sie alle haben den dankbaren, fruchtbaren Boden unserer Heimat geliebt, und wenn ich über ihn hinschreite, umgeben sie mich, die Erbin dieser Liebe, sie mir ins Dasein, ich ihnen in den Tod getreu. Die Erinnerung knüpft ihre feinen, starken Fäden, trägt mir liebe Bilder, liebe Worte zu. Auch manches begrabene Leid regt sich, ein Widerstreit erwacht. Aber nur der Schatten seiner selbst, ohne Härte und Herbigkeit. Entschwundene Zeit! Erst das Heute lehrt, was in deinem Damals des Kampfes wert oder unwert war. Wie die Linden duften! Süß und schwer, beinahe betäubend. Die alten Bäume sind mit einem dichten Regen junger Blüten ganz überschüttet. Schlußakkord vom Farbenjubel des Frühlings. Was jetzt erklingt in unhörbaren Tönen, aus dem tiefen Dunkel der Blutbuchen bis herauf zum wasserhellen Ton des weißen Ahorns, ist eine sanfte Symphonie in Grün. In ihrer Lautlosigkeit schmeichelt sie sich dem Auge ein, wird ihm Erquickung und Labe. Es genießt mit Wonne alle Schönheit, die ihm entgegenquillt aus jedem Blatt am Baume, jeder Blume auf der Wiese, genießt mit tiefem Entzücken den Frieden dieser segensreichen Stunde. Der Teich liegt so regungslos wie eine große Glasscheibe und spiegelt den eintönig blauen Himmel wider. Ringsum in den Gebüschen, da haben die Nachtigallen in ihrer Braut- und jungen Ehezeit goldig tönende Sängerkriege geführt, haben eins das andre überboten mit Klagelauten flehender Sehnsucht, mit Flöten und Schluchzen, mit dem Jubeln und Jauchzen triumphierender, beglückter Liebe. Jetzt ist es aus. Der kleine Vogel schweigt über die Familienfreuden und -sorgen, die er sich ersungen hat. In den das Buschwerk überhängenden Zweigen hat sich etwas geregt und kommt herabgeflogen auf den Weg. Etwas Kleines, Herziges, Weiß und Schwarzes mit Spindelbeinen. »Guten Abend, Fräulein oder vielleicht Frau Bachstelze.« Sie begibt sich dicht an den steinernen Rand des Teiches, der platt voll ist, läuft schnell und still wie eine Maus, bleibt stehen, tunkt den Schnabel ins Wasser, läuft ein Stückchen weiter, tunkt wieder, und sooft sie das tut, hat eine winzige Mücke ihre Existenz aufgeben müssen. Und wer weiß, was für eine fröhliche und ihrer Fröhlichkeit bewußte Mücke das war. Jetzt ist sie ein bewußtloser Bachstelzenbestandteil geworden. So wäre denn eigentlich mein Traum vom unendlichen Frieden nun ausgeträumt. Was uns lebendig und glücklich scheint, lebt von Tod und Qual. Die große Stille wird durch ein plätscherndes Geräusch unterbrochen. »Da sind Sie ja, Madame Schwalbe. Dürften wohl auf der Jagd nach einem fliegenden Wild etwas tiefer ins Wasser geraten sein, als Ihnen lieb war.« »Durchaus nicht; es war ein Flugbad in der Eile. Ich habe sechs aufgerissene Schnäbel zu stopfen.« Richtig, sechs Schwälblein, nicht größer als die Faust eines dreijährigen Kindes, hocken auf der Querstange neben dem Teiche, die zum Ruheplatz für die noch nicht flugsichere Jugend angebracht worden ist. Sie hocken und schauen und warten, und so geschwind wie ein geschleuderter Stein kommt die Mutter aus der Luft herabgestoßen und hat irgendein erbeutetes Lebewesen, ein Würmchen, das sich kläglich krümmt, eine Larve oder eine Fliege im Schnabel. Alle Wartenden strecken die Hälse und erheben ein ungestümes Geflatter. Dann Ruhe. Eins ist mit einem guten Bissen versorgt worden, die andern sind voll Neid, aber auch voll Hoffnung. Die Mutter ist ja gleich wieder auf Raub ausgeflogen und auch bald wieder in Sicht. Neues Geflatter erhebt sich, und abermals ist ein aufgerissener Schnabel gestopft worden. Und so weiter, einer nach dem andern, bis alle versorgt sind, keins vergessen worden und keins zweimal beteilt. Frau Schwalbe hat zum Besten der Brut ihre Grausamkeiten mit großer Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe vollbracht. Nach dem Abendessen die Lektion – ein Ballett in der Luft. Die Mutter, vielleicht auch der Vater und eine Anzahl Verwandter fliegen den Kleinen etwas vor, überbieten sich an Grazie und Eleganz in ihrem lautlosen, wonnigen Gleiten und Schweben. In Ellipsen, in Spiralen, in engen und weiten Ringen kreisen sie über dem Wasser, tauchen die Brust in seine Kühle, kosen ganz hingegeben mit weit ausgebreiteten Flügeln die linde Luft, die sie sanft und liebreich trägt, jagen einander nach, schießen plötzlich wie Pfeile in Wolkennähe empor. Und die Kleinen gucken, gucken, gucken, stoßen einander an, fragen: Wollen wir's nicht auch probieren? – Und eins schüttelt sich, hebt sich, fliegt und – kann's und ist ein Meister schon nach dem ersten Versuch. Die übrigen lassen sich nicht spotten, folgen dem Beispiel, tun es glorreich, und große Freude über den famosen Nachwuchs herrscht in der ganzen Kolonie. Ein allgemeines lautes Gezwitscher erhebt sich, schallt hell über den Teich, tönt beifällig von den Zweigen. Nun weh den Mückenschwärmen, die dort tanzen im Abendsonnenschein. Die fliegen können, werden auch jagen können. Gott behüte das kleine, lustige Mückenvolk vor dem Wolfshunger junger Schwalben. »Wird sie nicht behüten«, sprach eine alte Dicke, die es im Gedankenlesen weit gebracht haben mußte. »Sie, Angehörige der Würger, die alles fressen, nur daß es bei euch essen heißt, scheinen mir eine sentimentale Heuchlerin. Was steht denn Tausenden der Meinen von Ihresgleichen bevor, wenn wir im Herbst reisen, dem Licht und der Wärme nach? Wissen Sie das?« »Ich weiß«, erwiderte ich kleinlaut. »Nun, wir Tiere klagen nicht und klagen nicht an. Wir jagen auch nicht zu unserm Vergnügen und fressen bloß aus Notwendigkeit; ohne Liebe und ohne Haß erfüllen wir das Gesetz des großen Tieres Erde, das einem allerhöchsten und unerforschlichen Schöpferwillen folgen und unaufhörlich Leben hervorbringen und verschlingen muß. Verstehen Sie?« »Sehr gut.« »Und werden das Getier nicht mehr bejammern, das uns zur Nahrung angewiesen ist?« »Nicht mehr.« »Also, gute Nacht.« Und sie flog fort, ihrem wohlbestellten Neste zu in einer Mauerritze des Pferdestalls. Wieder herrschte eine melodische Stille, eine atmende Regungslosigkeit. Nur hoch oben im Wipfel der feinen, schlanken Birken schaukelten und wippten, wie spielend vor dem Schlafengehen, einige kleine Blätter. Langsam zog das graue Dämmern heran, und wieder erfüllte mich das Gefühl eines unendlichen Friedens. Doch war das nur der Abglanz des Friedens in meiner eignen Brust. In den Hainen, den Gängen, den Beeten drängten überall die Starken vor den Schwachen und diese vor noch Schwächeren ans Licht, entfalteten sich auf ihre Kosten, gediehen durch die ihnen entzogene Kraft. Und mir war, als führe auch das scheinbar Leblose die Sprache der Schwalbe. Eine Heldin Wie hat der Sturm gerast, wie wanden und beugten sich die Bäume, wie schmerzlich stöhnte ihr Geäst! Die welken Zweige knisterten und brachen, vom Stiele gelöste Blätter und ein Schnee von losgerissenen Jasminblüten tanzten einen tollen Wirbeltanz, gequält schlug das hohe, samenschwere Gras jagende, wild gekräuselte Wellen, und der Anblick, den der Garten bot, war der eines großen Leidens. – Blutbuche, du Blume unter den Bäumen, du üppigzarte mit dem dicht umwachsenen Stamme, den harmonisch, wie eine schöne Melodie ausklingenden Zweigen empfandest die Qual am tiefsten. Gnade! spiele nicht so unbarmherzig mit mir! schienest du Sturmgepeitschte zu rauschen ... Deine Nachbarin, die stämmige Fichte neben dir – die klagte nicht, die nahm den Kampf mit dem schonungslosen Element trotzig auf. Vor Jahren, ja, da ist der Sturm ihrer Herr geworden, mitten entzweigerissen hat er ihren jungen edlen Leib. Einer klaffenden Wunde glich der breite, schräge Spalt, der ihr Inneres bloßlegte. Ihr Haupt, das keine andere Last je getragen als die ihrer duftenden Zapfenkrone oder die silberweiß schimmernder Schneeflocken, das keine andere Berührung je gefühlt als die der Flügel kleiner Sänger, die es jubelnd und zwitschernd umflogen, ihr stolzes Haupt lag auf dem Boden, und elendes Gewürm kroch heran und ergriff Besitz von der Todgeweihten. Aber durch die Äste des kräftigen Strunks ging ein wundersames Beben; sie reckten und streckten sich, die niedrigsten selbst, selbst die auf dem Wiesengrunde ruhenden bogen ihre Spitzen zur Höhe strebend empor, wie durchzittert vor Sehnsucht und Ehrgeiz, selbst Wipfel zu werden ... Und der zerspellte Baum wuchs und wuchs in verjüngter Kraft, nicht mehr schlank wie früher, rüstiger, gedrungener, dem Kampfe besser gewachsen; trieb Zweige voll Mark und Saft, mit Nadeln schimmernd wie Seide, zäh und biegsam wie feinster Stahl, und bekrönte sich mit einem pfeilgeraden majestätischen Wipfel. So steht die Heldin heute da, und wenn die andern Bäume wanken und sich im Sturme biegen, läßt sie sich wie spielend von ihm schaukeln, und wenn die Gefährten ächzen und stöhnen, erhebt sich in ihrem dunkeln Gezweige ein tiefes, fast drohendes Murmeln; sie klammert sich mit ihren Wurzeln eisenfest in die Muttererde und wiegt, umwettert und umtobt, in stolzer Ruh das immergrüne Haupt. Die Linden Da stehen wir, die alten Linden und ich. Sie in vier langen Reihen auf dem breiten Wege, ich auf der Rampe, die neben ihm herläuft. Da stehen wir und sehen einander an. Was ist aus uns geworden? Was aus mir, die so müd an euch vorüberschleicht, und was aus euch? Wißt ihr noch, Linden, daß ihr einst üppige grüne Gewänder trugt, die samtweich und seidig schimmernd an euch niederwallten und sich auf dem Rasen ausbreiteten wie Schleppen von Königsmänteln? Wenn der Wind euer Laub durchrauschte, gab es ein Brausen wie von Orgelklängen, und ihr recktet und wiegtet euch voll Majestät in der gewaltigen Melodie. Und wenn leise Lüfte in eurer Blätterunendlichkeit spielten, da war's wie ein Traum von lieblichen Liedern, ein geheimnisvoll wortloser Gesang, der mein Kinderherz mit einer unaussprechlichen großen Seligkeit erfüllte, von der heute noch, wenn ich seiner gedenke, ein Reflex in mir erwachen kann. Nun brauset und orgelt und singt ihr nicht mehr. Ihr stöhnt und knirscht, wenn der Sturm euch schüttelt; knisternd lösen sich dürre Zweige und Reislein von eurem Geäst und bedecken den Boden rings um eure einst kraftstrotzenden Stämme. Wie gespaltet und zerklüftet sehen die aus, wie neigen einzelne von ihnen sich so müde zur Seite, voll Sehnsucht, an die Brust der Mutter Erde zu sinken. Mein grüner Dom, unter dessen lebendiger Kuppel ich gewandelt bin in wonnigen Andachtsschauern, wo ich gejubelt, gebetet, angebetet habe, was ist aus dir geworden? Traure nicht über uns, tönt es mir von den Linden zurück. Wir werden noch vielmals unser Laub jugendfrisch erneuern und es mit einem duftenden Blütenschleier überziehen, und Hunderte von Vögeln werden in unsern Zweigen nisten und Millionen Bienen uns summend umschwärmen, während hier auf Erden jede Spur von dir verweht sein wird. Wir werden nicht um dich trauern, traure du nicht um uns. Und auch nicht um die Zeit, in der unsere Enge deine ganze Welt umschloß. Wir haben dir breite Fenster in unserm Dickicht geöffnet, blicke hinaus. Vor dir liegt das heimatliche Land, von dem jede Scholle dir teuer ist, und ein Stück der Unendlichkeit des Himmels. Blicke hinaus ins Begrenzte und Unbegrenzte, tu's mit der verdoppelten, vertausendfachten Liebe des Scheidenden, tu's mit der seligen Wehmut des Entwachsenden. Segne, benedeie, träume deine letzten dunkelhell beschwingten Erdenträume vor dem Erwachen in der Ewigkeit. Ich habe kleine Wahrzeichen, an denen ich die Menschen zu erkennen glaube. So, zum Beispiel, bilde ich mir ein, daß, der nicht heiß und inbrünstig gebetet hat, wenn auch nur ganz kurz, in einem großen, schwerwiegenden, nie vergessenen Augenblick höchster, schmerzlichster Not oder höchster Glückseligkeit, immer etwas Ungelöstes in seiner Seele behält, eine unerschlossene Knospe, einen unbefruchteten Keim. Er kennt den höchsten Aufschrei des Menschenherzens nicht – das unwillkürlich herausgestoßenes Gebet. Er wird unzugänglich sein für alles, was sich der Herrschaft des Verstandes entzieht, er wird kein Versteher sein, wenn auch klug, gut und hilfreich seiner Absicht nach. Im schönsten Fluß unsrer liebsten und besten Gedanken werden wir bei ihm plötzlich wie auf eine Eisscholle stoßen. Es hat sich in ihm nie das schönste Wunder begeben. Wir erheben uns nie höher, als wenn wir in Gedanken versinken. »Du bist erbärmlich, du bist nichts«, sprach der Gedanke zum Einfall. Dieser erwiderte: »Ich möchte wissen, ob du dich irgendwo einfinden kannst, wo ich nicht früher gewesen bin.« Talent ist Glück – doch wenn es sich entfaltet Durch Mut und Kraft in reicher, voller Pracht, Dann ward zur Frucht die Blüte ausgestaltet, Wir haben dienstbar uns das Glück gemacht. J.F. »So.« Es war merkwürdig, was sie aus diesem »So« zu machen wußte. Wenn sie es sagte, im ernsten Gespräch mit einem ihr geistig Ebenbürtigen, langsam und nachdenklich, da kam es wie eine Pause auf dem Wege des Suchens nach dem letzten Grund der Dinge. Wenn es bestimmt und durchdringend klang, dann bekräftigte sie damit einen ihrer weisen und ureigenen Gedanken. Ein anderes Mal warf sie es leicht hin, als bequemes Auskunftsmittel, als ein Zeichen barmherziger Anteilnahme, wenn ein Langweiliger redete, den niemand anhören wollte. Sie sagte es heiter, aufmunternd und frisch, wenn einer einen Ausspruch getan hatte, der ihr gefiel, und dann tat es dem, dem es zugestimmt, mehr Ehre an, als Lob- und Preisgesänge aus dem Munde vieler getan hätten. »Das Jahr 1804, Kants Todesjahr, ist Feuerbachs Geburtsjahr gewesen. Kant hat das Werk der deutschen Aufklärung abgeschlossen und dem neuen deutschen Idealismus die Bahn geöffnet. Feuerbach singt der nachkantischen Spekulation das Todeslied. Er schließt den Bund mit der Naturwissenschaft, ruft die Philosophie auf den festen Boden der Realität zurück«, sind Worte von Professor Dr. Friedrich Jodl. So dürfte man vielleicht sagen: die Psychologie hatte sich verstiegen. Da kam die Physiologie und zeigte ihr den Weg. Der still beherzt um höchste Güter wirbt, Dem stirbt die Welt, bevor der Welt er stirbt. Sich glücklich fühlen können auch ohne Glück – das ist Glück. Hast du ein feines, leishörendes Ohr, Den Stimmen des Weltalls zu lauschen, Dann tönt dir aus kleiner Muschel hervor Des Meeres Branden und Rauschen. Wenn ich nicht schlafen kann, rufe ich meine Gedanken und sage: Kommt, unterhaltet mich, meine Gedanken! Ein Grammatiker war gestorben. Er hatte eine glückliche Ehe mit seiner Frau geführt, obwohl die Gute, allen seinen Bemühungen zum Trotz, nie korrekt sprechen lernte. Nach seinem Hinscheiden warf sie sich verzweifelnd über seine Leiche und rief: »Wie soll ich leben ohne dir?« »Ohne dich«, verbesserte der Tote. Eigensinn – Rückgrat des Schwachen. Der alte Meister »Wir befehden dich, warum nimmst du den Kampf nicht auf?« »Weil ich eure Zukunft schon als Vergangenheit sehe.« St. Gilgen Auf meinem Heimweg vom Spaziergang schloß eine Bäuerin sich mir an. Wir plauderten. »Neulich«, erzählte sie mir unter anderem, »hat eine Dame einer armen Frau zwei Kronen geschenkt. Die is nach Haus gegangen und hat ihrem Mann das Geld gezeigt. Zuerst fahrt er sie an: ›Hast vielleicht gebettelt?‹ Dann besinnt er sich, daß er jetzt seine Schuld im Wirtshaus zahlen könnt, und sagt: ›Gib her!‹ Aber sie weigert sich, sie braucht das Geld selbst zum Ankauf einer neuen Sichel. Der Streit war gleich fertig, sie sind ›raufet‹ worden, und er hat sie so hart an die Wand geworfen, daß sie umgefallen is und sich ein paar Rippen gebrochen hat. Die Tochter weint und schreit, rennt um den Doktor, der kommt, hilft die Frau ins Bett bringen, untersucht, macht Umschläge, verspricht, daß bald alles wieder gut wird, und begehrt für seine Mühe zwei Kronen. ›Jesses‹, sagt der Mann, ›nein, das Glück, daß wir die zufällig grad im Haus haben.‹« Beim Vorlesen einer meiner Arbeiten Wenn die Zuhörer nicht gleich in Ekstase geraten, denk ich: Da haben wir's! einmal wieder etwas Mißglücktes! Und geraten sie in Ekstase, dann denk ich: Sie verstehen nichts. Daß alles vergeht, weiß man schon in der Jugend; aber wie schnell alles vergeht, erfährt man erst im Alter. Von so manchem Buche kann man sagen: Dran ist viel, aber drin ist nichts. Abgeschrieben kann das Leben nie werden, dazu ist es zu reich. Was du sagen willst, sagen können, wie du willst – hohe Kunst. Mitrennen aus Angst, für einen lahmen Alten gehalten zu werden, wie erbärmlich! Besser tausendmal, sich von dem vorwärtsstürmenden Trosse zertreten, als sich von ihm fortreißen zu lassen. O ja, es gibt ein Mittel, die Ehen und die Literaturen zu verbessern: Abschaffung der bräutlichen Mitgift, Abschaffung der Schriftstellerhonorare. Es ist für unsere Seelenruhe ebenso notwendig, vergessen können, wie nicht vergessen können. Auch nichtgeschriebene Briefe kommen manchmal an. Sich verbeißen in seine Arbeit, auf sie hoffen, an ihr verzweifeln, mit ihr ringen bis zur Erschöpfung, bis zur Selbstvernichtung – es ist eine Qual, aber eine mit Glückseligkeit verwandte. An Louise Schönfeld-Neumann 7. Dezember 1901 Die Blumen hold, die deine Kunst uns streute, Du Vielverehrte! sie verblassen nicht; Vor unsern Augen stehen sie noch heute In Farben licht. Den Blumen, die so reich in andrer Leben Dein edler Geist und deine Güte flicht, Auch ihnen wurde Zaubermacht gegeben, Sie welken nicht. Wenn Blumen nun bei deinem Fest erscheinen – In stiller Schönheit prangen sie ja wohl –, Dann sind von all der Lieblichkeit der deinen Sie nur Symbol. Auf dem Heimwege aus einer großen Gesellschaft ist mir heute dieses Märchen eingefallen. Es war einmal ein alter, weiser König, der so viel nachgedacht und studiert hatte, daß er darüber völlig den Schlaf verlor. Die berühmtesten Ärzte wurden berufen, verschrieben die bewährtesten Narkotika, erfanden neue, wandten sie an – nichts half. Die Schlaflosigkeit des Königs wurde immer unerträglicher, und die Doktoren rieten ihm endlich, alle Medikamente aufzugeben und sein Heil in der Langweile zu suchen. Unermeßliche Langweile, meinten sie, müsse ihm doch Schlaf bringen. Er faßte Vertrauen zu dieser Methode, umgab sich mit den fadesten Menschen des Landes, ließ sich die »Familie Halden« und den »Tom Jones« vorlesen. Wer irgend im Rufe stand, langweilig zu sein, erhielt einen Posten am Hofe des Monarchen, und der Verfasser eines Theaterstücks, bei dessen Aufführung nicht nur das gesamte Publikum, sondern auch – nie dagewesen! – der Dichter selbst einschlief, bekam den Staatspreis. Aber leider, ihren wahren Zweck erreichte die Dichtung nicht; der König blieb wach in seiner Loge, bis endlich auch die Schauspieler einschliefen und die Aufführung ein Ende hatte. Damit die Ruhe des Herrschers ungestört sei, wurde vollkommene Lautlosigkeit zum Gesetz erhoben. Wagengerassel war verpönt, den Hunden das Bellen bei Strafe ewiger Gefangenschaft untersagt. Im Parlamente wurden alle Pultdeckel abgeschraubt, reden durfte nur, wer stockheiser war, und sogar Ohrfeigen durften nicht schallen. Ehemalige Ausrufer mußten lernen, sich in der Zeichensprache auszudrücken; nur die Taubstummeninstitute genossen den Vorteil, von der Schweigkommission unbelästigt in den Straßen zu spazieren. Zuletzt schien die Hauptstadt bloß von Maulwürfen bewohnt. In diese Lautlosigkeit brach eines Morgens plötzlich ohrenbetäubender Lärm herein. Die Bevölkerung drängte sich jauchzend und schreiend dem Tore zu, durch das der Königssohn an der Spitze seines Heeres eingezogen kam, ruhmgekrönt, als Sieger über den Erbfeind, den er in einer Reihe glorreicher Schlachten gänzlich niedergeworfen hatte. Unter Fanfaren, Trompetengeschmetter und Paukenschlägen marschierten die Regimenter ein. Das Volk jubelte, brüllte. Der Prinz wurde samt seinem Berberhengste in die Höhe gehoben und unter frenetischem Triumphgeschrei zum Königsschlosse getragen. Der alte, schlaflose König wankte ihm bis zur Terrasse der breiten Freitreppe entgegen und begrüßte mit weit ausgestreckten Armen seinen Heldensohn. Mit noch höherem Entzücken wurde der Prinz von seiner Braut, der schönsten Prinzessin der Welt, erwartet, und die Hochzeitsfeierlichkeiten sollten sogleich stattfinden. Der König befahl, sie prunkvoll auszurichten. Je lärmender, lauter und lustiger es dabei zuging, um so besser. Er erklärte, an allen Vergnügungen teilnehmen zu wollen, und verbat sich die Einsprache seines Sohnes und der Ärzte. »Was hätte ich noch zu fürchten, da ich nichts mehr zu hoffen habe?« sagte er. »Die schönste, kunstvollste Langweile hat mir auch nicht eine Stunde Schlaf gebracht, ihr zum Trotze gehe ich elend an Schlaflosigkeit zugrunde, bin aufgegeben und wünsche mir nur noch ein baldiges Ende. Laßt mich tun, was ich kann, um es herbeizuführen.« So gab es denn Festlichkeiten im ganzen Lande, und die des Hofes eröffnete eine großartige Brautsoiree, zu der alles geladen wurde, was nobel und vornehm war. Die Unterhaltung befand sich im vollen Gange, als der König erschien und nachdrücklich verlangte, daß um seinetwillen auch nicht ein einziges Gespräch unterbrochen werde. Aufmerksam folgte er der Konversation, die unermüdlich dahinfloß wie ein Wässerchen im Rinnsal. Manchmal erhob sich ein Gekicher, oder es wurde laut gelacht über einen Witz, eine Anekdote, eine üble Nachrede; aber die Sache kam dem König ziemlich schal vor, er staunte über die Geistestemperenzler, die ihr Genügen fanden an so magerer Kost, und gedachte in seiner Güte ihnen eine bessere vorzusetzen. »Was sagen Sie denn, meine Herren und Damen«, fragte er, »zu unserem großen Astronomen, der neulich einen neuen Planeten entdeckt hat?« Keine Antwort. Die Angeredeten sahen einander verstohlen an. Einzelne schwache: »Ach ja!« ließen sich vernehmen. So manchen jungen, hübschen Mund umflog ein spöttisches Lächeln, der getreue Hofstaat war von Bestürzung ergriffen. Einer der edlen Diener las vom Gesicht des andern den schmerzlichen Gedanken ab: Unser guter Herr wird schwach. Jetzt spricht er in Gesellschaft gar von Planeten! Der König bemerkte, daß er mit seinem Ausflug ins Astronomische keinen Erfolg gehabt hatte, und begann von Büchern zu reden, von Kunst und Künstlern und von allerlei sehr interessanten Dingen, machte aber damit ebensowenig Glück wie mit seinem Planeten. Halb und halb verlegene: »Ach ja!« ließen sich abermals hören, ein zustimmendes Räuspern kam zutage, dann begannen die in einiger Entfernung Sitzenden und Stehenden miteinander zu flüstern, ihre Nachbarn mischten sich ein, man klatschte und lachte, man unterhielt sich wieder, befand sich wieder in seinem Element, die fröhliche Ungeniertheit war zurückgekehrt. Und wenn der hohe Gastgeber ein Wort einwarf, zerplatzte es – obwohl das Wort eines Weisen und eines Königs – wie ein Bläschen im Gerinnsel. Der alte Herrscher sah ein, daß er sich's gönnen dürfe zu schweigen, weil er aber die Wohlerzogenheit selbst war, gab er sich alle erdenkliche Mühe, aufmerksam zuzuhören. Es kostete ihn eine große Anstrengung, erschöpfte ihn. Sein Gesicht wurde immer bleicher, die Spannung der Züge ließ langsam nach, der Glanz der Augen trübte sich ... Und nun – der Arzt, der seinen erlauchten Patienten unablässig beobachtete, wagte kaum zu glauben, was er sah –, Seine Majestät hatten die Hand mit dem Taschentuch zum Munde gehoben, um ein Gähnen zu verbergen. Seine Majestät hatten – das seit Jahren nicht mehr Erlebte war geschehen –, Seine Majestät hatten gegähnt! ... Nicht lang, und die seltene Erscheinung wiederholte sich, das Haupt des Königs sank in die Kissen des Sessels zurück, die Augen schlossen sich – er schlief. Zugleich mit dem Arzte war der Prinz des Wunders gewahr worden und hätte beinahe einen lauten Freudenschrei ausgestoßen, doch bezwang er sich, blickte im Kreis umher und legte, gebieterisch Ruhe fordernd, den Finger an die Lippen. Aber der Doktor winkte mit ausgebreiteten Armen. »Weiterreden! weiterreden, ums Himmels willen! ... O Prinz, sehen Sie diesen tiefen, gesunden, wonnigen Schlaf! Gepriesen sei der gnädige Zufall, dem die Wissenschaft einmal wieder eine herrliche Entdeckung verdankt: Das Arkanum gegen die Schlaflosigkeit der Weisen ist gefunden, es heißt: Die Salongespräche der Weltleute!« Seine Leidenschaften überwunden haben, aber fähig geblieben sein jeder höchsten und tiefsten, jeder feurigsten und jeder zartesten Empfindung, das wäre ein idealer Zustand. Zuviel Talent kann man nicht haben, aber zu viele Talente. Boccaccios Novellen und die Briefe der heiligen Caterina von Siena, wieweit sie auch sonst auseinanderliegen, enthalten die erste klassische Prosa Italiens und werden heute noch als mustergültig angesehen. (Aus einem Buche, dessen Titel ich vergessen habe) Der Roman »Phädra« von Malvida von Meysenbug konnte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lang keinen Verleger finden, weil er für unmoralisch erklärt wurde. In unseren Tagen würde höchstens seine Lehrhaftigkeit die Bedenken der Verleger erregen. Wenn die Leidenschaft räsoniert, deräsoniert sie. 1903 Der alte Direktor der Pariser Académie des inscriptions, dem ein Gefäß mit dem Zeichen M. J. D. D. vorlag, entzifferte aus diesen Buchstaben die Huldigung: Magno Jovi Deorum Deo . Aber das verwitterte Gefäß war ein halb zerstörter Senftopf und seine Inschrift eine Verkürzung der Worte: Moutarde Jaune de Dijon . (Neue freie Presse: Falschkünstler und Kunstfälschung . F. Sch.) Ein Leid, das die Menschen uns antun: ein Leid, das wir durch das Schicksal aus zweiter Hand erfahren. Mit einem Buche: Ob es in dieser Welt Sich wirklich so verhält, Dafür kann ich nicht stehn; Ich – hab es so gesehn. »Auf der Erdenwelt, die ich so oft mit meinen Besuchen beehrt habe, sieht es jetzt gar nicht so aus, wie's mir wohlgefällig ist«, sagte Zeus. »Geht einmal hin, einige dienende Geister, untere Götterchen, und tilgt mir eine Anzahl übler Eigenschaften aus der Erdenwelt fort.« Die Abgesandten beeilten sich, den Befehl zu erfüllen. Sie säuberten, fegten, rupften, waren schon seit einiger Zeit in voller Tätigkeit, als, mit fliegenden Haaren, keuchend, händeringend, die Wohltätigkeit einhergestürmt kam. »Was tut ihr?« rief sie von weitem schon. »Unselige, was fällt euch ein? ... Seht mich doch an, ich bin abgemagert, meine rosigen Wangen sind erblaßt, meine strotzende Fülle ist dahin, ihr Tölpel habt die Eitelkeit weggeputzt!« Wir erhalten den Umgang mit so manchen Menschen, die uns wert und auch notwendig sind, sehr oft nur um den Preis kleiner Verlogenheiten aufrecht. Diese kleinen Verlogenheiten pflegt man Rücksichten zu nennen. Was ist der Ruhm eines Seiltänzers in den Augen eines Gelehrten? Was ist der Ruhm eines Gelehrten in den Augen eines Seiltänzers? »Dank! Dank!« sagte ein großer Lump zu seinem Wohltäter, der ihm abermals aus der Not geholfen hatte. »Ich werde Sie nie wieder anbetteln.« Der Wohltäter lächelte: »Dein Elend wird für dich betteln«, erwiderte er. Eine etwas ältliche Verliebtheit und eine ganz junge Langeweile saßen einander gegenüber, wechselten schiefe Blicke und dachten beide im stillen: Wirst du mich oder werde ich dich fressen? Vom Arzte und vom Lehrer wird verlangt, daß er Wunder tue, und tut er sie – wundert sich niemand. Der erste Glückliche war der erste Beter. Die Kunst soll sein ein Gotteshaus: Tritt fromm hinein, tritt kühn heraus. Ein Sprüchlein, von meinem Vater oft wiederholt: »Ich habe gehabt«, ist ein armes Wort. »Ich hätte gern«, ist töricht, »Ich werde haben«, ist auch kein Hort, »Ich habe«, das klingt gehörig. Drum was du hast, das halt für viel, Wünschen, hoffen kennt kein Ziel. Was ist das für ein armes Leben, das nicht reich an Leiden war! Ich habe gegen das Büchlein »Aus Franzensbad« dieselbe Abneigung, die manche Mutter gegen ein vor der Ehe geborenes Kind hat. Zuhören können. Es gehört dazu die Fähigkeit der Selbstentäußerung und Aufnahmefähigkeit und, wenn es sich um ernste Dinge handelt, Wissensdurst. In vielen Fällen aber braucht man, um einen guten Zuhörer abzugeben, etwas schauspielerisches Talent. Durch wieviel Kompliziertheit muß man sich durchringen, bis man endlich zur Einfachheit gelangt. Die Vergnügungssucht ist unersättlich und frißt am liebsten – das Glück. Schutzengel Von Sladek Aus dem Böhmischen Es wallt zu meinem Bettchen Ein Engel Gottes her; Ich glaub, wir sind mit Kettchen Verbunden, ich und er. Ich seh ihn oft im Traume Bewachen meine Ruh, Mit warmem, weichem Flaume Deckt er mich liebreich zu. Und wird mir manchmal bange Im Schlaf, halb unbewußt, Da küßt er meine Wange, Drückt mich an seine Brust. Wie Sommerluft so milde Haucht er: »Mein Sternelein.« Wenn nicht ein Traumgebilde, Ist's wohl mein Mütterlein. Die Hoffnung auf den Sperling fern am Dachesrand Ist schöner als die schönste Taube in der Hand. Kein andres Leiden braucht soviel Teilnahme und findet so wenige wie das selbstverschuldete. Der Ärmste bettelt um eine von Not und Qual befreite Stunde, der Arme betet um einen schönen Tag, der Reiche verlangt ein glückliches Leben. »Wie schwer erträgt derjenige die harte Zucht des Lebens, der die Zucht der Schule nie erfahren. Das werden die jüngsten unter den gegenwärtigen Generationen, die unter dem Zeichen der Milde scheinbar so herrlich heranwachsen, einst noch zu spüren bekommen.« Prof. Dr. August Sauer Die Störungen gehen vorbei, aber die Furcht vor den Störungen bleibt immer. Die vielen toten Gegenstände, die uns an Lebendiges erinnern, werden selbst lebendig. Da kommt ein Besucher und sagt in höchst bedauerndem Tone: »Sie sind allein?« Der Arme! wenn er wüßte, wie gut umgeben ich war – bevor er kam. Ich liebe viele Menschen, aber die vielen liebe ich nicht. Dilettanten haben nicht einmal in einer sekundären Kunst etwas Bleibendes geleistet, sich aber verdient gemacht um die höchste aller Wissenschaften, die Philosophie. Den Beweis dafür liefern: Montaigne, La Rochefoucauld, Vauvenargues. Die Jugend ist außerordentlich gut gegen mich, und ich erkenne es mit größter Dankbarkeit an. Manchmal komme ich mir aber doch vor wie der ur-uralte Papagei, den niemand mehr verstand, weil er eine tote Sprache sprach. Die Klugen sind nicht treu. Ich war ein junges Mädchen, beinahe noch ein Kind, meine traumhaften Ansichten, meine Sympathien und Antipathien wechselten wie Aprilwetter; aber eines stand immer klar und felsenfest in mir: die Überzeugung, daß ich nicht über die Erde schreiten werde, ohne ihr eine wenigstens leise Spur meiner Schritte eingeprägt zu haben. Viel getan haben heißt, oft Undank ernten; zuviel getan haben heißt, immer Undank ernten. Das Talent hat dem Kunstgesetz entsprochen, bevor es von ihm wußte; der edle Mensch hat das Gute getan, ohne damit ein Moralgesetz erfüllen zu wollen. Wie vieles wurde nur aufgeschrieben, um wieder ausgestrichen zu werden, und hat doch aufgeschrieben werden müssen. Für den Ballabend der »Concordia« am Kaisertag Wir feiern dieses Jubeljahr Nach unsrer Art und Weise, Ein jeder bringt sein Scherflein dar Zu dessen Ruhm und Preise. Man gibt sogar sich selbst ein Fest In seines Kaisers Namen; So tanzen denn zu allerbest Auch hier die Herrn und Damen. Doch wenn sich dreht und schwingt sich Der anmutsvolle Reigen, Wie tönt es oft so feierlich Aus munterm Klang der Geigen; Liegt doch gar edle Melodie All der Musik zugrunde, Wir lieben sie, wir sangen sie Schon einst mit Kindermunde. Und heut bei Tanz und Fröhlichkeit Klingt leis im Ohr das alte – Ein Lied, uns heilig und geweiht –, Das teure »Gott erhalte!« Die Bauern in der Umgebung von Certaldo, wo Boccaccio seine letzten Tage verlebte, hielten ihn für einen Zauberer. Sie waren überzeugt, er vermöge, an einem Rande des tiefen Tals hinschreitend, mit einem einzigen Winke eine Brücke aus Kristall zum jenseitigen Rand hinüberzuwerfen. Auf dieser schritt er ruhig dahin, hoch erhaben über die Menschen und ihre Wohnungen. Wenn ihr es doch glauben wolltet, ihr rastlos Suchenden: nur in göttlicher Naivität wird das große Kunstwerk geschaffen. Nichts ist ansteckender als das schlechte Beispiel, das der Feind dem Feinde gibt. Ich bin ein Kind meiner Zeit und will es sein; aber ein Kind meiner Tage will ich nicht sein. Ohne unbewußte Voraussicht kein Talent. Die geniale Frau Amalie Haizinger war mit Begeisterung nicht bloß Schauspielerin, sondern auch Komödiantin. Ein Beispiel davon gab sie uns nach einem Diner bei Baronin Stolzenberg. Sie hatte, sprühend von Witzen und guten Einfällen, die ganze Gesellschaft köstlich unterhalten und war nun im Begriff, sich zu empfehlen. »Nächstens komme ich zu Ihnen«, sagte sie zur liebenswürdigen Hausnichte, die ihr das Geleite gab. »Das wird mich außerordentlich freuen, aber Sie finden mich nicht mehr in meiner früheren Wohnung. Ich bin in das Haus des Baron F... in der Kärtnerstraße gezogen.« Frau Haizinger blieb stehen: »Wie? Was? ... In dem sei Haus? Na, ich dank! da bleiben Sie keine sechs Wochen. Das ist von allen Wiener Hausherren der zuwiderste, sekkiert seine Parteien aufs Blut. Ein wüschter Kerl.« In dem Augenblick öffnete sich die Tür, der Diener meldete: »Herr Baron F...«, und der trat ein. Mit Frau Haizinger ging plötzlich eine vollkommene Veränderung vor. Eitel Liebenswürdigkeit, erhob sie die Arme und rief dem Baron zu: »›Ein gutes Omen, murmelte das Volk‹, grad haben wir von Ihnen gesprochen. Ich hab meiner lieben Freundin gratuliert. Sie ist ja übersiedelt in F.sche Haus. Na, besser aufgehoben könnt sie nirgends sein, nicht einmal in Abrahams Schoß.« Der Baron, solcher Lobsprüche ganz ungewohnt, nahm sie mit um so größerem Wohlgefallen auf, deprezierte und dienerte äußerst geschmeichelt. Sie aber, die ihrem Beruf immer Getreue, wandte den schönen Kopf, blinzelte zu uns herüber, und ihre Augen, die schon so viele bezaubert hatten, fragten: Habe ich gut gespielt? Wir mußten uns zusammennehmen, um nicht zu applaudieren. Der von einem ausgezeichneten Lehrer nicht alles ertragen kann: Härte, Hohn, Prügel, ist kein lernbegieriger Schüler. Ich habe mein Leben damit zugebracht, nicht nur den ändern, sondern auch mir selbst zu sagen: So sind wir! Seien wir vernünftiger und besser. Mein Predigen hat den anderen nichts genützt; sie fragten nur: Was haben wir ihr getan, daß sie uns haßt? Daß ich ihnen aus Liebe predigte, merkten sie nie. Ihnen nützte ich also nicht. Mir selbst aber habe ich genützt. Ein schlechter Prediger, der nicht vor allem sich ins Gebet nimmt. Nun, das darf ich sagen, weil es wahr ist: Ich nehme mich ins Gebet. Morgengrauen Was regt sich in der Dämmerung Wie lautlos leises Klingen? – Es ist der Tag, der schon beginnt, Sein schaffend Lied zu singen. Gorkij sagt: »Ich liebe Turgenjew, er ist ein so sanfter und angenehmer Schriftsteller. Wenn wir ihn lesen, ist uns, als ob wir geschlagene Sahne trinken würden. Wir denken: Es ist lange her, seitdem sich das ereignet hat; es ist überlebt.« O Gorkij! dein Name wird verraucht sein wie Qualm, während der Name Turgenjew noch wie ein Stern leuchten wird. »Man hat seine Langweiligen, wie man seine Armen hat«, sagte eine französische Dame. Wohl! und unsere Barmherzigkeit wird durch jene auf eine viel härtere Probe gestellt als durch diese. Die Armen verlangen demütig unser Mitleid und unser Geld, die Langweiligen nehmen ohne Bitte und ohne Dank ein Stück von unserm Leben: unsere Zeit. Man bleibt ein Tor bis ins höchste Alter, aber man hat nicht mehr das Recht, ein Tor zu sein. Oh, jung sein, jung sein und das Recht haben, ein Tor zu sein! Die Leute können sich nicht satt darüber schreiben, daß heutzutage zuviel geschrieben wird – das schreibe ich. Wir dürfen das Wort, das ein Weiser jüngst ausgesprochen hat: »Zurück zu Kant heißt über ihn hinaus«, auch auf unsere Dichter anwenden und sagen: »Zurück zu Goethe, Schiller, Kleist, Grillparzer heißt über sie hinaus.« Sind die Kinder schon geboren, die diesen Aufschwung erleben sollen? Heilige, stille Einsamkeit, Mutter aller Gnaden! Einem Patienten des Doktors N. Die Kur hat dich von der Krankheit kuriert, aber wer kuriert dich von der Kur? »Erlaubt ist, was gefällt.« Ja – wem gefällt, um Gottes willen! Einen Gedanken möcht ich erbeuten, Einmal einen einzigen nur, Dem nicht mit zwanzig andern Leuten Leider zugleich ich käm auf die Spur. Meine liebe Freundin, Gräfin Anna Pongracz, sprach einmal das vortreffliche Wort: »Jeder Gabe mancher Menschen liegt eine Rose bei; den Gaben anderer, wenn auch ihnen unbewußt, immer ein Dorn.« Die Reue nicht aus Furcht vor den Folgen des Unrechts, die Reue einzig und allein aus dem Schmerz hervorgegangen, daß wir das Unrecht begehen konnten, ist die echteste, wahrste und vielleicht die bitterste Reue. Eine Anekdote, die mein Vater gern und oft erzählte: Ein österreichischer Kaufherr, der eine Reise nach Australien unternommen hatte, schickte von dort seinem in Wien lebenden Bruder einen ungewöhnlich schönen und gelehrigen Papagei. Heimgekehrt, war eine seiner ersten Fragen: »Na, wie habt ihr denn meinen Papagei gefunden?« Eine kleine Verlegenheitspause trat ein, dann brachte die Hausfrau schonend hervor: »Ein bissel zach war er halt.« »Zach? – um Gottes willen, ihr habt ihn doch nicht gebraten und gegessen? Er hat ja vierzehn Sprachen gesprochen.« Der Bruder schlug die Hände zusammen: »Jesses! warum hat er denn nix gsagt?« Ich war längst nicht mehr jung, hatte gelernt, gelesen, gelitten, nachgedacht, bevor ich Umschau hielt in meinen Manuskripten, eine Auswahl von dreihundert Aphorismen traf und sie veröffentlichte. Das erste Urteil über mein Büchlein erfuhr ich durch eine zwanzigjährige Hausgenossin. »Ach, Frau Baronin«, sagte sie, »wenn ich mich hinsetzen wollte – in einer Stunde hätte ich ein solches Buch beisammen.« Sie war wirklich überzeugt, daß dazu nichts gehöre als ein bißchen Sitzfleisch. Nervenaufreibend ist der Umgang mit unliebenswürdigen Menschen, die uns Mitleid einflößen. In St. Gallen landete ein Luftballon, und ein Knabe, der ihn sinken sah, sagte: »Mutter, grad jetz' isch der Mond abekeit, mitsamt de Manne.« Das sind bedrohliche Menschen, die ein schmächtiges Talentchen und eine gewaltige eiserne Ausdauer haben. Man darf eine noch nicht ganz fertige Arbeit nie einem allzu verständnisvollen Publikum vorlesen; es ergänzt zuviel. Warm- und feinfühlende Menschen, die kein eigentliches Kunsturteil haben, aber gescheit sind und voll Interesse und Wohlwollen, die sind das rechte Publikum für noch nicht endgültig Abgeschlossenes. Ihnen merkt man es gleich an, wo eine Linie schärfer gezogen werden muß, wo ein Übergang fehlt, wo – das Schlimmste! – die Stimmung ins Schwanken gerät. Der Kunst täte not: weniger Schulen und mehr Schule. In einem modernen Gedicht kommt der merkwürdige Ausdruck vor: »Der flimmernde Blumenduft.« Wieso? Flimmern kann man doch nur sehen, Blumenduft nur riechen. Da muß die Nase die Gefälligkeit gehabt haben, das Geschäft des Auges, und das Auge die, das Geschäft der Nase zu übernehmen. Man wird noch sagen dürfen: Nase und Augen haben einander unter die Arme gegriffen. Die Sonne ging glorreich unter, die feuerflammende Weltbeherrscherin warf noch einen Gruß dem bleichen Jüngling Mond zu, der beim Glanze ihrer Herrlichkeit sich ausnahm wie ein Flöckchen. Jetzt ist sie versunken, und er beginnt zu schimmern. Im Jahre 1841 hat Fanny Elßler ihre letzte Tournee in Amerika unternommen. Es war ein Triumphzug. Das schönste Erlebnis hatte sie aber während einer Ballettvorstellung in New York. Da trug eine Frau ein schönes kleines Kind zu ihr heran und bat sie, es nur einen Augenblick in die Arme zu nehmen. Fanny Elßler erfüllte gern ihren Wunsch, küßte und herzte das holde kleine Geschöpf. Die Frau nahm es wieder an sich, umhüllte es mit ihrem Tuche und sagte: »Niemand soll dich mehr berühren. Weil dieser Engel dich geküßt hat, wirst du glücklich sein.« Es war einmal eine andere Tanzkunst und ein anderes Publikum. Gewissensfreiheit, ja, ja. Er meint die Freiheit, kein Gewissen zu haben. Es gibt etwas, wofür die Sprache kein Wort, der Geist aber einen Begriff hat – etwas zwischen nicht-mehr-hoffen und verzagen. Alte Tagebücher – Sündenregister, Leidenregister. Alte Briefe – Friedhofsblumenflor. »Ich kenne jemand, der mich liebt, mich versteht, mich bedauert, dessen Lebensaufgabe es ist, mich glücklich zu machen, jemand, der alles für mich tun und durchsetzen wird, jemand, der mich nie mehr verraten wird, obwohl er mich schon einmal verraten hat. Und dieser Jemand bin ich selbst. Erwarten wir nichts von den Menschen; wir hätten nichts davon als Enttäuschung und Kummer. Aber glauben wir fest an Gott und an unsere eigene Kraft, und, meiner Treu, da wir ehrgeizig sind, rechtfertigen wir unsern Ehrgeiz durch irgend etwas.« So schrieb Marie Baschkirtscheff 1876, als sie fünfzehn Jahre alt war. Zwölf war sie alt, als sie begann, ihr Tagebuch zu schreiben. Man soll es lesen, denn es trägt etwas bei zur Lösung des Rätsels der heutigen Welt. Mit einem Buche: Mit schlimmsten Namen darfst mich nennen, Darfst mit mir gehn ins strengste Gericht, Darfst mich zerreißen, verlieren, verbrennen; Nur mich verleihen, das darfst du nicht. Unserer Zunahme an Verstand und Einsicht ist eine Grenze gesetzt. Im hohen Alter hört auch beim Begabtesten die Fähigkeit auf, sich geistig höherzuentwickeln. Für das Besserwerden gibt es keine Grenzen. Die Fähigkeit, geduldiger, nachsichtsvoller, mitleidiger, liebreicher zu werden, behält der edel angelegte Mensch bis ans Ende. Ebenso verhält es sich mit dem Wissen und mit dem Glauben. Neue Kenntnisse erwerben, in sich aufnehmen, zu einem Teil des eigenen Geistes und produktiv machen ist dem Greise versagt. Aber sein Glauben kann immer gleich jung und stark und feurig bleiben, und wohl ihm, wenn es ein Glaube an das Schöne, Erhabene, Heilige ist. Es kann eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Nächstenliebe, nach Wahrheitsliebe, nach Gerechtigkeit aus dem Abscheu hervorgehen, der die Sehenden unter uns gegen Lügenhaftigkeit, Verleumdung, blindes Hassen, blinde Selbstverherrlichung ergriffen hat. Lou-Andreas Salomé Aus fremder Seele . Eine Spätherbstgeschichte. Eine große Dichterkraft hat sich bemüht, ein unlösbares Problem zu lösen. Es ist ihr nicht gelungen, aber Respekt flößt sie uns ein. Mein leitender Gedanke bei Rittmeister Brand : Die Erziehung bedeutet viel bei dem Gros der Menschen. Über die ganz Schlechten vermag sie nichts, über die ganz Vorzüglichen fast nichts, sie sind meistens den Erziehern zu sehr überlegen. Heranziehen, zu sich heranziehen (o Weisheit der Sprache!). In dem Sinne er-ziehen wird ein weiser und edler Mensch einen andern von Natur edlen Menschen immer können. Eine wohlgenährt aussehende Frau, eine Beamtenwitwe, kommt in Audienz zu Kaiser Franz und klagt ihm ihre Not. Die Pension, die sie genießt, ist gar gering und schützt sie nicht vor Hunger. »Aber mei liebe Frau«, sagt der Kaiser, »Sie schaun nit danach aus, als ob Sie hungern täten; Sie sein ja ganz rosenfarb und potlett.« »Ach, Majestät«, erwidert die Frau, »aufs Aussehen kommt's gar nicht an. Majestät haben gewiß alles, was sich nur wünschen können zum Essen, die allerbesten Sachen, und sind doch krachendürr.« Nach einer Aufführung des Egmont – Laube war damals Direktor des Burgtheaters – sagte ein hoher Herr zu mir: »Der Egmont ist doch das schwächste Stück von Laube.« Natürlich teilte ich diese Äußerung meinem borstigen Freunde mit, und er lachte herzlich darüber. Konnte auch lachen, denn der Tadel war schmeichelhafter als das höchste Lob, das er je als Bühnendichter erfahren hat. Die Kinder gingen durch den Wald und sangen: Zirlipinzigen, Die kleinwinzigen, Zitteraalig netten, Wenn wir sie nur hätten! Mit den Vögeln fliegen sie, Auf den Wolken liegen sie, Schwimmen mit den Fischen; Wer wird sie erwischen? Sie sangen ihr Lied unverdrossen, fingen immer wieder vom Anfang an, sobald sie damit fertiggeworden waren. »Was singt ihr da?« fragte ich, »was soll denn das heißen?« Sie sahen mich an und lachten mich offenbar – aus. Ein Knabe sprach mit Überlegenheit: »Was braucht es denn zu heißen?« Glücklich, der nach seinem Sinne leben kann, ohne dabei eine Pflicht zu verletzen. Am 4. April 1878 Nach dem Mißerfolg der Bozena »Es geht mir mit meinen Erzählungen, wie es mir mit meinen Dramen gegangen ist. Die ersten errangen einen ehrenvollen Erfolg, die nachfolgenden bereiteten mir Enttäuschungen auf Enttäuschungen. Ich habe ein Ende gemacht mit dem Schreiben von Theaterstücken, ich werde hoffentlich die Kraft haben, mit der Schriftstellerei überhaupt ein Ende zu machen.« Diese Worte finde ich viele Jahre später in einem alten Notizbüchlein. Die ersehnte Kraftprobe wurde nicht abgelegt. Mit einem Exemplar der Bozena an L. G. So wenig ohne Fehl Die Heldin wie das Werke, Die Schwachen hoffen sehr Auf deiner Nachsicht Stärke. Zur sechsten Auflage der Bozena Wie war doch, alte Bozena, Dein Lebenslauf gesegnet! Verständnis suchend zogst du hinaus Und bist der Liebe begegnet. Ich war verschlossen, an Vertrauen arm? – Dann bin ich's unbewußt, daß Gott erbarm. Nicht kluge Vorsicht ist mir angeboren, Im Glauben nehm ich's auf mit jedem Toren, Zur Lüge fehlt mir Feigheit und Geduld. Mein Denken all, mein Hassen und mein Lieben, Es steht so klar auf meiner Stirn geschrieben – Daß ihr nicht lesen lernt, ist eure Schuld. Der vortreffliche Mérimée fragt einmal: » Une femme peutelle jamais aimer un homme, qu'elle aura vu grossier une fois? « Wie die Französinnen es damit halten, weiß ich nicht, aber unsere deutschen Frauen – treffen's. Ein nackter Affe hat mir noch nie soviel Mitleid eingeflößt wie ein Affe in seidenem Jäckchen, mit einem Barett auf dem Kopfe und einem kleinen Gewehr auf der Schulter. Scribe sagt in seiner Erzählung Le roi de carreau : »Ich will mich jetzt beeilen, ein dickes, sehr geistreiches Buch zu schreiben, um dann das Recht zu haben, während meines ganzen Lebens dumm zu sein.« Wie so manche Schriftstellerin gibt es, die Gutes und sogar Bleibendes geleistet hat und die von sich sagen darf: »Ich bin zur Arbeit immer nur gekommen, wenn ich nichts mehr zu tun hatte.« Prinzessin von Banalien Ich fühlt mich jung, als ich es schrieb, Das Märchen von der blinden Lieb; Nun beugt mich tief des Alters Joch – Und an mein Märchen glaub ich noch. Komteß Muschi Mir wurde übelgenommen, Daß ich die Muschi schrieb. Ich tat's den Muschis zu Frommen Und ihnen auch zulieb. Mein Bruder Victor schrieb einmal an meinen Mann: »Der beste Mensch ist weiblichen Geschlechtes, der schlechteste auch. Wir sind uninteressante Mittelware.« Theaterdirektor und Dichter – »Zu geistvoll ist Ihr Stück, Ich sag es uns zur Schande: So feinen Dialog Schätzt niemand hierzulande.« – »O Bitternis im schlechten Trostgewande! Ich wollt, ich wär ein Schaf Und brächte was zustande.« Wachsen sollst du, immer wachsen, du sollst die Schultern deines Vorgängers zum Schemel deiner Füße machen. Schon gut. Wie soll ich aber dem auf die Schultern treten, der sich auf den Kopf gestellt hat? Modern, ihr Kinderchen? – Nun denn, Nun denn, in Gottes Namen. Man sagt mit Aber und mit Wenn Auch dazu endlich amen. Doch die vor ehrlicher Kritik Nie ungestraft passierten, Die sie verfolgt durch dünn und dick, Sind die Modernisierten. Unser Harzer Die Kanarischen Inseln hießen bei den Alten insulae fortunatae Ich möchte deinen Gesang beschreiben können, kleiner Vogel; ich möchte Worte wissen, die Töne zu malen verstehen. In deinem Gesang ist Jubel und Rührung, Sehnen und holder Übermut. Er wird angekündigt durch einen pfeilgeraden Pfiff. Ach, ein Pfiff! das ist, als ob man sagen würde – ein runder Würfel. Ein Pfiff im Flötenton, der nur ankündigt: Jetzt kommt es mich an, hat mich, jetzt wird gesungen! Das rosige Schnäblein bewegt, öffnet sich, die Kehle schwillt, und nun ist es, als ob der kleine Vogel Tausende von winzigen Federn hätte, die er schüttelt, und als ob jede einzelne der Federn ein süßes Stimmchen hätte und als ob alle diese Stimmchen sich vereinigen würden zu einem lieblich und leise rauschenden Chor. Das war die Einleitung, nun kommen die Soli, sind mit weichen Trillern geziert, folgen einander rasch und stürmisch und dann wieder sanft getragen nach Einkehr und Besinnen. Jedes bringt kühn oder zage, glucksend wie verborgene Quellen, zärtlich wie das Geschluchze der Nachtigall eine neue Weise, spinnt unser Herz in das goldene Gewebe ihrer Schmeichellaute ein, umkost die Phantasie. Und diese immer Flugbereite nimmt die Töne auf, macht ihr Schwingen zum Schweben, zum Fliegen im blauen Äther, im funkelnden Sonnenschein, im silberflutenden Mondenlicht. Zeit- und Raumüberwinder, tragen sie uns in die Heimat der Ur-Urahnen des kleinen Sängers. Verlorene Klänge längst verstummter Lieder, und noch in ihnen ein gehauchter Widerhall farbenprächtiger Melodien aus dem Fabelland, in das ein Schönheit anbetendes Volk dereinst seine himmlischen Gefilde hingeträumt. Der kleine Vogel schweigt, und alles ist fort, die ganze gefühlte, geschaute Welt. Und wenn es auch nur eine Welt in einem Tautropfen war und wenn ihr auch nur einige Augenblicke Dauer gegönnt waren, wir haben in ihr durch Augenblicke ein höheres Leben gelebt. Ihr Schöpfer, der dumme kleine Gefangene, hüpft behende von einer Sprosse seines Käfigs zur ändern, pickt Hanfkörnlein vom Boden auf, dreht und wendet sein Köpfchen. Mit seinen wie aus einem schwarzen Brillanten herausgeschliffenen Äuglein guckt er den Fremden an, der ihm eine überflüssige Aufmerksamkeit widmet, und denkt, scheint mir: Wie froh bin ich, daß mein Haus gute, feste Stäbe hat, sonst könntest du mich am Ende fangen wollen, du böses, großes Tier. E. Zickendraht: Beiträge zur Kenntnis der Moosflora Rußlands (Moskau 1894-1901). Ein auch für Laien hocherfreuliches Buch; eine bewunderungswürdige Arbeit. Ist Zickendraht nicht der glücklichste Mensch? Während um ihn die Bomben fliegen, Anarchisten im Kampfe liegen mit aller gesellschaftlichen Ordnung, Massenmorde und Massenhinrichtungen stattfinden, das ganze große Rußland konvulsivisch zuckt und ringt, wandert er durch die Gouvernements Moskau und Wladimir, Archangelsk, Wologda, wandert nach Russisch-Asien und studiert Moose. Das Wort »unbeschreiblich« sollte der Schriftsteller nie gebrauchen. Freilich kann er nicht alles beschreiben, aber in seinem Leser muß er ein Bild, ein Gefühl, eine Ahnung dessen erwecken können, was sich nicht beschreiben läßt. Mein Neffe, sechs Jahre alt, und mein Großneffe, vier Jahre alt, prügeln einander, und der Kleine ruft dem Großen zu: »Du bist ein Schweinehund!« Der Große stutzt, hält mit Tätlichkeiten inne und fragt: »Was ist ein Schweinehund?« Der Kleine muß gestehen: er weiß es nicht. Sie beschließen, die Tante zu fragen. Diese ist über die Sache auch nicht im klaren, sie muß erst im Brehm nachsehen, geht zum Bücherschrank, holt den Brehm und schlägt nach. Die Büblein stürzen hinzu: »Such nur, schau nur! Was ist er? Weißt du's schon?« »Ich hab ihn«, sagt die Tante. »Also! Also!« »Der Schweinehund kommt im Innern von Afrika vor und ist ein hübsches, gescheites, gutes Tier.« Der Kleine zum Großen, feuerrot und knirschend: »Du bist kein Schweinehund!« Ein feiner, wohlerzogener junger Mann, Sohn eines deutschen Gelehrten, war einem Ruf als Erzieher in ein österreichisches Fürstenhaus gefolgt, und ihm wurde etwas unheimlich zumute, als er an seinem Bestimmungsorte eintraf. Das historische Palais, die breite Treppe, die prachtvollen Räume, die feierliche Dienerschaft, all das wirkte sehr imponierend auf ihn. Sein Herz klopfte heftig, und sein Atem war beklommen, als ein Kammerdiener, der aussah, wie er sich einen Minister vorstellte, ihn in einen Salon führte und ersuchte, ein wenig zu warten. Einige Minuten später öffnete sich die Tür, und die Fürstin trat ein. Eine schöne, ernste, königliche Erscheinung. Sie begrüßte ihn mit einigen wohlwollenden Worten, setzte sich und wies ihm ihr gegenüber einen Platz an. Dann sprach sie mit Hochachtung von seinen Eltern, die persönlich zu kennen der Fürst das Vergnügen hatte, teilte dem neuen Hausgenossen die Tageseinteilung mit und den Stundenplan, gab eine bündige Charakterisierung seiner zukünftigen Zöglinge. Jedes Wort, das sie sagte, war außerordentlich gescheit. Der bescheidene Jüngling fühlte sich ganz klein neben soviel Größe. Nun stand sie auf, er schnellte empor, und die hohe Frau sagte freundlich: »So. Jetzt kommen Sie, gehen wir zu die Buben.« – Zu die Buben! Ein dankbares, befreites Lächeln flog über sein Gesicht, die Last einer bedrückenden Überlegenheit war an ihm herabgeglitten, etwas nicht durch und durch Erhabenes, ja sogar Hilfsbedürftiges blickte ihn mitten aus ihr mit lieben, hellen Kinderaugen an. Und er, der bis jetzt nur einige unsichere: »O gewiß! – Ohne Zweifel« hervorgebracht hatte, sprach fest und warm: »Ja, Durchlaucht, ja gern.« Er war in dem Hause zu Hause, das ihm später ein zweites Vaterhaus geworden ist. Es hat einer eine Dummheit gemacht. Nun ja, er ist noch so jung! – Welch eine liebenswürdige Entschuldigung. Es hat einer eine Dummheit gemacht. Nun ja, er ist schon alt! – Welch eine beschämende Entschuldigung. Wenn ich ein Brechmittel brauche, hole ich es lieber aus der Apotheke als aus der Buchhandlung. »Arzneimittel der Seele« war die Überschrift der Bibliothek im Palaste des Osymandias. Stellen wir einmal eine Bibliothek aus den Werken unserer neuen und neuesten Autoren, mit Ibsen an der Spitze, zusammen und setzen dieselbe Überschrift darüber. Würde sie passen? »Ich bin die Mächtigste«, sprach die Natur, und – die Mode lachte: »Komm du nur in meine Hände, und wir wollen sehen, wie ich dich zurichte!« An ... Ist deine Kraft gestählt, Dann sollst auf sie du bauen; Ich wünsch dir, was mir fehlt, Ich wünsch dir Selbstvertrauen. Eines der schönsten, reichsten Bücher, die ich kenne, ist Windelbands Die Philosophie im Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts . Lies! lerne! du wirst mehr, du bist gewachsen, wenn du seine klare Weisheit in dich aufgenommen hast. So manches papierne Denkmal hat mehr Bestand als ein Denkmal von Erz. Je älter wir werden, um so strenger mit uns selbst müssen wir sein. Unsere Schwächen, unsere Fehler, alle unsere schlechten Eigenschaften leben in uns fort, die Kraft, sie zu beherrschen, nimmt ab. Nur die unnachsichtigste Strenge, die stete Beobachtung der Motive unseres Tuns und Lassens, unserer Urteile, unserer Zu- und Abneigungen kann uns vor dem Herabsinken in senile Unerträglichkeit retten. Was man noch tun kann, wenn man gar nichts anderes mehr tun kann, ist das, wozu man Talent hat. »Der Pfropfen springt, in Wehmut sei geweiht Das erste Glas und seine duftge Blume Der früh entschwundnen frohen Jugendzeit, Dem still geträumten, nie erfüllten Ruhme. Das zweite Glas dir, holdes Frauenbild, Und meiner Liebe unerloschnen Gluten, Ich sehe dich, du lächelst freundlich mild Entgegen mir aus diesen goldnen Fluten. Das letzte Glas trink ich mir selber zu, Um keine Hoffnung hab ich mehr zu werben, Ein rasches Ende, eine lange Ruh ... Die Flasche leer – es liegt das Glas in Scherben. « Dieses Gedicht hat Louise von François unter den Papieren ihres verstorbenen älteren Bruders, den sie sehr liebhatte und von dem sie oft sprach, gefunden. Sie vermutete, es sei von ihm. Ich lese mit Bewunderung den Ekkehard von Scheffel wieder. Ein solches Buch könnte eine Frau nicht schreiben; es ist ein durchaus männliches Buch. Die gründlichen Studien zuerst, dann die genaue Kenntnis der Landschaft, die man nur auf langen, einsamen Wanderungen erwirbt, endlich diese reiche Erfindungsgabe. Es quillt nur so aus dem Boden, strömt aus der Luft, von überallher kommt es gesprudelt, gestoben, geflogen, und was kommt, ist fesselnd und warm, kühn und schön und lebendig. »Von den Engländern kann man nichts Gutes sagen, ohne zu sündigen«, behauptete ein Burgunder im 15. Jahrhundert. Was damals einer ausgesprochen hat, wird heute von Tausenden und Abertausenden wiederholt. Es geschieht zu jeder Zeit etwas Unerwartetes; unter anderem ist auch deshalb das Leben so interessant. Beethoven ging in Baden auf einem schmalen Fußsteig, der durch eine feuchte Wiese führte, spazieren. Da kamen ihm, in einiger Entfernung von einer Hofdame und einem Kammerherrn gefolgt, Kaiser Franz und Kaiserin Carolina Augusta entgegen. Beethoven nahm sofort eine herausfordernde Miene an und schritt, die Nase in der Höhe, den Hut im Genick, die mit einem Stock bewehrten Hände auf dem Rücken, auf die beiden zu und bald auch stolz an ihnen vorüber. Den Majestäten war nichts übriggeblieben als, um ihm auszuweichen, ins nasse Gras zu treten. Dort blieben sie stehen, blickten ihm nach, und der Kaiser sagte: »An so Leut muß man sich erst gwöhnen.« Eheliche Treue Den Mann, der einmal sein Ehrenwort gebrochen hat, möchtet ihr nicht mit einem Hölzchen anrühren, aber der Mann, der alle Augenblicke seinen Eid bricht, büßt an seinem Ansehen bei euch nicht das geringste ein. Wozu? Immer zu etwas, im Guten oder im Schlimmen. Der böse oder der gute Gedanke, der dir durch den Kopf geflogen ist, das weise oder das törichte Wort, das du ausgesprochen hast, alle haben eine unendliche Reihe von Ursachen und werden eine unendliche Reihe von Folgen haben. In seinem Werke Russische Zustände behauptet E. B. Lanin, der Russe sei der Wahrheitsliebe, »dieser lebendigen Kraft des menschlichen Fortschritts«, vollkommen bar, und zitiert folgende russische Sprichwörter: Das Lügen begann mit der Welt und wird erst mit der Welt sterben. Der Roggen schmückt das Feld, und die Lüge verschönert die Sprache. Traure nicht um die Wahrheit, sondern suche dich gut zu stellen mit der Falschheit. Von der Falschheit lebt der Mensch, und sie ist nicht das Kraut, daran er stirbt. Lügen ist nicht wie Teig kauen; man erstickt nicht daran. Ehrlich und herzlich den gelten lassen, der uns nicht gelten läßt – höchste Noblesse! Man kann unterscheiden zwischen einer Höflichkeit, die anzieht, und einer Höflichkeit, die fernhält. Du staunst, weil ein anderer etwas tut, das dir unbegreiflich ist? Wer weiß, ob du nicht heute noch etwas tust, das dir selbst unbegreiflich sein wird. Entlasse dein Talent beizeiten, warte nicht, bis du von ihm entlassen wirst. Es ist der Kunst zu eng geworden im Bereich des Schönen: sie hat sich ein ungeheures Gebiet erobert, in dem sie nun schwelgt – das Gebiet des Häßlichen. Wer klug ist und stark, die Mode mißachtet und ihr um keinen Preis Gefolgschaft leistet, erlebt manchmal den Triumph, daß sie ihm nachgelaufen kommt. Lesen ist ein großes Wunder. Was hast du vor dir, wenn du ein Buch aufschlägst? Kleine, schwarze Zeichen auf hellem Grunde. Du siehst sie an, und sie verwandeln sich in klingende Worte, die erzählen, schildern, belehren. In die Tiefen der Wissenschaft führen sie dich ein, enthüllen dir die Geheimnisse der Menschenseele, erwecken dein Mitgefühl, deine Entrüstung, deinen Haß, deine Begeisterung. Sie vermögen dich in Märchenländer zu zaubern, Landschaften von wunderbarer Schönheit vor dir entstehen zu lassen, dich in die sengende Wüstenluft zu versetzen, in den starren Frost der Eisregionen. Das Werden und Vergehen der Welten vermögen sie dich kennen, die Unermeßlichkeit des Alls dich ahnen zu lassen. Sie können dir Glauben und Mut und Hoffnung rauben, verstehen deine gemeinsten Leidenschaften zu wecken, deine niedrigsten Triebe als die vor allen berechtigten zu feiern. Sie können auch die gegenteiligen, die höchsten und edelsten Gedanken und Gefühle in dir zur Entfaltung bringen, dich zu großen Taten begeistern, die feinsten, dir selbst kaum bewußten Regungen deiner Seele in kraftvolles Schwingen versetzen. Was können sie nicht, die kleinen, schwarzen Zeichen, derer nur eine so geringe Anzahl ist, daß jeder einzelne von ihnen alle Augenblicke wieder erscheinen muß, wenn ein Ganzes gebildet werden soll, die sich selbst nie, sondern nur ihre Stellung zu der ihrer Kameraden verändern! Und hinter die Rätsel dieser Eigenschaft, die ihnen anhaftet, zu kommen, uns den Weg zu ihren Geheimnissen zu eröffnen wird einem Kinde zugemutet, und ein Kind vermag's – wenn das nicht ein Wunder ist ... Der rote Haß, der gelbe Neid, die flammensprühende Eifersucht, die in allen Farben schillernde Verleumdung, die qualvolle Krankheit waren mit der Aufgabe betraut, ein großes Talent lahmzulegen. Eines nach dem andern versuchte es – keinem gelang's. Aber woran alle diese starken, bunten Leidenschaften und Kräfte gescheitert, das vollbrachte ohne Mühe ein farbloses, kühles, gefühlloses Wesen in seinem halb unbewußten Stumpfsinn – die Gleichgültigkeit. Das ist heute ein merkwürdiger Sonnenuntergang. Der Horizont hat dieselbe dicke, graublaue Farbe wie die langgestreckte Kette der Beskiden. Da fängt es auf einmal an, hinter den Wolkenmassen rot aufzuleuchten, durch den Dunst glüht ein geschlitztes Riesenauge mit weithin strahlenden, lohenden Wimpern und wirft einen Blick über die Berge hin, der sie und den Himmelssaum wie mit einem feurigen Schwert entzweischneidet. Der heilige Anarchist Angelus Silesius spricht: Für Böse ist das Gesetz; War kein Gesetz geschrieben, Die Frommen würden doch Gott und den Nächsten lieben. Von Euklid ist der Satz, daß es nur ein Wahres gebe, und das sei das Gute, das man aber auch anders: Gott, Vernunft und so weiter benennen könne. Eine junge Literatur ist feurig und keusch. Unsere senile hat sich von der Leidenschaft zum Gelüste gewendet, vom Rührenden, Ergreifenden zum derb Packenden, vom Harmonischen zum Lärmenden und Mißtönigen, vom Schönen zum Fratzenhaften. Sie sucht nach neuen Kunstformen und findet neue Moden, und grauenhaft ist die Wechselwirkung zwischen den Büchern und den Lesern. Die Kunst des Sokrates: aus dem Schüler durch Fragen ein »schaffendes Erinnern« hervorzulocken. Ein vortreffliches Buch: erstens verschlingt man's, zweitens liest man's, drittens schafft man sich's an. Im hohen Alter, in dem man wirklich das Recht hätte zu sagen: »Ich kann nicht mehr warten«, wie geduldig wird man da! Verwöhnender als der verwöhnendste Umgang ist die Einsamkeit. Napoleon war ein großer Erzieher. Aus einem Kellner, einem Fechtmeister, einem Schleichhändler, einem Faßbinder hat er die Marschälle Murat, Augereau, Masséna und Ney gemacht. Mein Freund Albrecht Wickenburg erzählte mir, daß seine Großmutter eine ausgezeichnete und unermüdliche Leserin gewesen sei. Unter den vielen Büchern, die sie liebte, blieb ihr aber doch Don Quijote das allerliebste. Die Taten und Worte des ingeniosen Hidalgo waren für sie eine unerschöpfliche Quelle ihr besonders sympathischer wehmütiger Lächerlichkeit und heiterer Rührung. In ihrer letzten Krankheit, als sie nicht mehr selbst lesen konnte, mußten ihr täglich wenigstens ein paar Seiten aus der Geschichte ihres alten Freundes vorgelesen werden. Der Tod nahte heran. Sie sah ihm unendlich ergeben entgegen, empfing mit tiefer Andacht und Frömmigkeit die Tröstungen der Kirche, nahm zärtlichen Abschied von ihren guten, treuen Kindern und sagte dann: »Jetzt aber lest mir noch etwas vor aus meinem Don Quijote .« Ihr Wunsch wurde erfüllt, und sie starb lächelnd. Briefe von geliebten Menschen verbrennt man gleich oder nie. Wir Alten sind die Milden und Gelinden, Weil wir im Abschiednehmen uns befinden; Wie könnten wir noch denen grollen, Die wir so bald verlassen sollen? Ich bin im Leben wohl auch manchem gemeinen Menschen begegnet, aber spazieren sind wir miteinander nicht gegangen. Ohne Talent zur Liebenswürdigkeit kein Talent zum Glücklichsein. Alles Egoismus. Unsere Trauer um einen geliebten Menschen – Egoismus. Was er uns war, was er uns geleistet hat, wie er sein Leben an das unsere verschwendet hat, unser Vermissen dieser helfenden, wachenden, schützenden Liebe – Egoismus. Man bewundere doch nicht die Treue in der Trauer um einen Toten! Wenn sie echt ist – echter Egoismus –, kann sie sich immer nur steigern. Daß sie nicht zu besitzen brauchen, was in erster Reihe den Menschen stark, tüchtig und widerstandsfähig macht: den heiligen Eigensinn des Fleißes, eiserne Ausdauer, die stolze Kraft des Verzichtenkönnens, das ist die Armut der Reichen. Glückliche Frauen, die ein schweres Leben haben, gibt es viele. Wenn du einer Familie eine deiner Familiengeschichten erzählst, hast du mit unvorsichtiger Hand den Zapfen eines Sturzbades aufgedreht. Wir können es nicht lassen zu fragen, und das arme »Warum?« kommt hervorgekrochen, wandert hin und her, pflanzt sich auf da und dort. Ob von schüchterner, ob von kecker Art, ob es verweilt, sich vertieft oder nur flüchtig vorüberhuscht, ob es mit Flüchen empfangen wurde oder mit lauten Jubelrufen – am Ende gleitet es immer unbefriedigt und beschämt in sein Nebelreich zurück. Ein guter Mensch zertrat zufällig einen Wurm. Das tat ihm sehr leid, und er drückte dem Sterbenden sein innigstes Bedauern aus. »Wie kann ich mein Unrecht sühnen?« fragte er, und der Wurm versetzte: »Dafür ist gesorgt; meine Nachkommen werden dich fressen.« Wir suchen gern unsere Abneigung gegen einen Menschen aus seinen Fehlern zu erklären. Dies ist häufig Selbsttäuschung; auch unsere eigenen Fehler können dieser Abneigung zugrunde liegen. Baron Münch-Bellinghausen (Friedrich Halm) nahm gewöhnlich mit großer Geduld auch die albernsten Ausstellungen hin, die ihm an seinen Dramen gemacht wurden. Einmal aber fand er sie doch zu arg und rief zornig aus: »Die Leut glauben wirklich, vor lauter Dummheit schreibt man die Stück.« – Dem vortrefflichen Doktor Faust Pachler, der sein treuester Freund und Verehrer, aber auch sein unerbittlichster Kritiker gewesen ist, warf er vor: »Er bohrt und bohrt so lang, bis er einen Fehler findet; dann spießt er ihn auf eine Nadel und präsentiert ihn dem Autor.« Wenn Scarron sich in Geldnot befand, widmete er sein neuestes Werk irgendeiner hohen Persönlichkeit, wenn er bei Kasse war – dem Hündchen seiner Schwester. Heutzutage werden Bücher »lanciert«, wie man eine Zahntinktur lanciert, ein Mittel gegen Sommersprossen oder gegen das Ausfallen der Haare. Gedichte von ... – Wenn Gespenster dichten könnten, würden sie solche Gedichte machen. Schillertag Dem Tage Heil, an dem in allen Weisen Wir unsern Schiller Jubelvoll lobpreisen! Noch gestern hätte keiner ihm gehuldigt, Der sich vorher bei Goethe nicht entschuldigt. Als der kleine Herzog Ruprecht sein Röckchen einem armen Jungen geschenkt hat, kommt das Christkind, mit diesem Röckchen bekleidet, sich zu bedanken. Karl von Hase: Heiligenbilder »Ich, mein lieber Meister«, sagte ein junger Mann zu Ernest Renan, »habe in meinen Überzeugungen nie gewankt.« Worauf ihm der Verfasser der Origines du christianisme erwiderte: »Wie ich Sie beneide! ... Da haben Sie also nie nachgedacht.« In seiner schönen Studie: Renan als Dramatiker sagt Brandes: »Europas Ideale wurden in Nazareth geboren.« Gesegnet mein Wille zum Leiden! Ich verdanke ihm meinen inneren Frieden, meinen Mut im Lebenskampfe, meine Kraft und Stärke. Traurig lächeln muß ich, wenn ich allenthalben verkünden höre, das heranwachsende Geschlecht solle eine Erziehung zur Lebensfreude erfahren. Was für eine Gattung Freude mag das sein, von der diese Erzieher träumen? Zur gemeinen Lebensfreude braucht man nicht erst erzogen zu werden, den Weg zu ihr finden Menschen und Tiere von selbst; es kann also doch nur von einer schönen und erhabenen Daseinsfreude die Rede sein, und den Weg, der zu ihr führt, haben wir gekannt, ehe einer der Lebensfreude-Verbreiter, die jetzt so laut werden, geboren war. Wir wußten, daß dieser Weg das Streben nach Selbstvervollkommnung ist, daß in ihr das einzig reine Glück der Erde besteht und daß es nur durch den Willen zum Kämpfen und zum Leiden errungen werden kann. Mit Dornen ist zum Quell der Gnadengaben Der dunkle Weg bestreut, Gerungen mußt du, mußt gelitten haben, Gesündigt und bereut. »Ich warte.« Er hat sie sehr geliebt und war von ihr noch viel, viel mehr geliebt worden. Und hatte sie verloren. Sie war nun lange tot und die Trauer um sie lange überwunden; er durfte sich ihr nicht hingeben, er gehörte der Welt und, mit allen Kräften seines Innern, seiner Kunst. Einmal, während einer seiner Wanderungen in Italien, führte ihn der Weg in eine Villa, wo er einst Studien gemacht hatte zu seinem berühmtesten Bilde. Damals war seine Frau, seine Freundin und – wie oft – Beraterin, noch bei ihm gewesen, so müde an dem Tag. Sie hatte sich auf eine steinerne Bank in die Nähe des Eingangs gesetzt und zu ihm gesagt: »Geh nur, sieh dich um, schaue, zeichne, laß dir Zeit. Ich warte.« Er war fortgegangen und bald umfangen worden vom Märchenzauber einer Wildnis, in der nur noch Trümmer von der einstigen großen Vergangenheit erzählten. Er hatte bewundert, gezeichnet, geträumt, geruht und sich kein einziges Mal auch nur flüchtig erinnert: Sie wartet. Heute, nach vielen Jahren, war er wieder da, durchschritt die verwahrloste Stätte und fand alles wieder, wie es einst gewesen. Nur lagen noch mehr umgestürzte Statuen im Grase, und noch mehr altes Gemäuer war unter den Laub- und Blütenkaskaden verschwunden, die sich darüber ergossen. Zuletzt, als er wieder beim Eingang anlangte, stand er vor der steinernen Bank, auf die damals seine Gefährtin so müde gesunken war. Er sah die Getreue vor sich und besser als damals, denn heute sah er die Spuren eines tiefen Leidens auf ihrem Gesichte. Die Sehnsucht nach ihr ergriff ihn heißer, als er sie je gefühlt, der kraftvoll beherrschte Schmerz um sie durchdrang ihn bitter und qualvoll, weil nicht ganz vorwurfslos. Und ihr geduldiges: »Ich warte«, schnitt ihm wie mit einem Messer ins Herz. Daß du gestorben bist Schon vor so langer Frist, Sagt es auch der und die, Ich glaub es nie. Mit der Sehnsucht nach dem Dauernden sind wir Vergänglichen geboren. Nach Dauer geht unser Hoffen und Streben. Der Ehrgeizige will sie einem Schall – seinem Namen – erringen, der Fromme für ewig seinem zur Seligkeit gesteigerten Glück, der Künstler in heißem Bemühen seinem Werke. Bleiben will der arme Waller, fortdauern in den Herzen Dauerloser wie er, fortdauern, wenn auch nur in dem Baum, den er gepflanzt, in dem Stückchen Boden, das er urbar gemacht hat. Nach Dauer in jeder Art und Gestalt strebt das milliardenfach widergespiegelte Bild der Vergänglichkeit – der Mensch. Die Entfernungen der Sterne bemessen, genau bekannt sein mit ihrem Lauf, die Farbe ihres Lichtscheins unterscheiden können ist nicht genug – man muß sie auch singen hören. Der Himmel ist geöffnet über mir, Und eine Stimme, solchen Wohllauts voll, Wie niemals ihn ein Erdenkind vernahm, Der ewgen Liebe und der Allmacht Stimme Vereint zu einem wundersamen Klang, Ruft laut aus lichten Höhen: »Komm – o komm!« Ich aber steh auf einem uferlosen, In Eisesfrost erstarrten Ozean; Da grünt kein Baum, da wellen keine Hügel, Da ragt kein Bergesgipfel wolkennah; Die Sehnsucht flammt, doch hebt sie nicht empor, Und Flügel – Flügel – hat mir Gott versagt. An den Tod Wie lang noch wirst du kalt und bleich An mir vorüberschreiten? O laß mich in dein stilles Reich Beherzt und freudig gleiten. Bevor erfüllt mein letzter Traum, Mein letztes Wort gesprochen, Bevor von meinem Lebensbaum Die letzte Frucht gebrochen! Beherzt im Leiden, Im Glück bescheiden, Gerecht in beiden Der armen Welt, Die viel verspricht Und wenig hält; Doch ob sie bricht, Ob stählt den Mut, Nur immer tut Gar wohl bestellt, Was Gott gefällt. Jedes treue Rückgedenken, Jedes Sich-in-Leid-Versenken Um ein längst entschlafnes Glück Bringt Verlornes uns zurück. Fühle nur sein Näherschweben, Fühl sein leises Dich-Umweben, Fühle geisterhaft vereinen Fernes Sehnen sich dem deinen. Gedanken Einst kamt ihr im Sturme, ihr kamt wie die brausende Flut, wie Blitze aus dunklem Gewölke, wie Morgenlicht, wie dräuender Zorn, ihr kamt wie funkelnder Haß, wie allbezwingende Liebe, in jagender Flucht, in lastender Schwere, ihr kamt quälend, friedenmordend, zu rütteln an den ehernen Pforten des Glaubens, wie scharfes Gift zu nagen an jeder Wurzel schöner Pietät und innigen Vertrauens. Ihr kamt wie Engelsscharen auf regenbogenfarbigen Flügeln und verklärtet mir die Welt, ihr brachtet Wärme, Kampf, Stärke, Begeisterung, ihr brachtet Leben, verlangtet Leben und Gestalt, und bekamt Leben und Gestalt. Und jetzt – was seid ihr jetzt? Bleiche Schatten, die ziellos gleiten, hin und her und auf und ab, formlos ineinander, auseinander schweben, nicht zu fassen, nicht zu ballen, arme, wallende Nebel, graue Träume, die entgleiten, zerfließen, bevor sie noch ausgeträumt sind. Meine Kinderjahre Biographische Skizzen Les Souvenirs des vieillards a-t-on sont une part d'héritage qu'ils doi vent acquitter de leur vivant. G. Lenôtre Vorwort Die Geschichte des Erstlingswerkes , die K. E. Franzos vor zwölf Jahren herausgegeben hat, brachte auch einen Beitrag von mir. Alles, was darin ausgesagt ist, unterschreibe ich heute noch, einen Irrtum aber muß ich berichtigen. Meine Erinnerungen an die Kinderzeit, meinte ich damals, sind nicht besonders lebhaft, und erfahre nun, daß sie, um es zu sein, nur geweckt zu werden brauchten. Es unterblieb zu jener Zeit; denn so alt ich schon war, lag doch noch etwas wie Zukunft vor mir, und auf sie, nicht zurück zur Vergangenheit, lenkten sich meine Gedanken. Nun stehe ich am Ziel, der Ring des Lebens schließt, Anfang und Ende berühren sich. Mit einer Macht des Erinnerns, die nur das hohe Alter kennt, lebt die Kindheit vor mir auf. Aber nicht wie ein kräftig ausgeführtes Gemälde auf hellem Hintergrund, in einzelnen Bildern nur, die deutlich und scharf aus dem Dämmer schweben. Die Phantasie übt ihr unbezwingliches Herrscherrecht und erhellt oder verdüstert, was sie mit ihrem Flügel streift. Sie läßt manches Wort an mein Ohr klingen, das vielleicht nicht genauso gesprochen wurde, wie ich es jetzt vernehme; läßt mich Menschen und Begebenheiten in einem Lichte sehen, das ihnen eine an sich vielleicht zu große, vielleicht zu geringe Bedeutung verleiht. Ihrer über das Kindergemüt, dessen Entfaltung ich darzustellen suchte, ausgeübten Macht wird dadurch nichts genommen. Das Schwergewicht liegt auf dem Eindruck, den sie hinterlassen haben, und ihn bestimmt die Beschaffenheit des Wesens, das ihn empfing. Dieses Wesen ist treu geschildert, buchstäblich und im Geiste. Rom, Januar 1905 Unter den Augen der Meinen, unter dem Einfluß ihrer verwöhnenden Liebe sind diese Skizzen entstanden. Ein Reflex der Teilnahme, die sie erweckten, fiel auf sie, und ich dachte: Ihr seid etwas. Jetzt bin ich allein und bin in Rom, und hierher werden sie mir nachgesandt, wenn auch erst im Negligé der Korrekturbogen, doch schon als »Drucksache« und vorbereitet zur Fahrt in die Fremde. – Meine Kleinen, ihr kommt mir recht armselig vor mit eurem Geplauder von Puppen und Ammenmärchen. Mich beschäftigen andere Dinge als eure Geringfügigkeiten. Die Weltgeschichte spricht zu mir, ich lebe an der Stätte, an der Jahrhunderte hindurch ihr mächtiger Puls geschlagen hat, und bin da, ein dankbarer Gast, fortwährend zu hohen Festen und großartigen Schauspielen geladen ... Ich kann durch den Steineichenhain auf die Höhe in der Villa Medici wandeln und die Sonne untergehen sehen hinter dem Janiculus. Majestätisch ist das Tagesgestirn versunken; in den feurigen Himmel ragt die Kuppel von Sankt Peter, und durch die Lüfte gleiten, andachtweckend, auf tönenden Schwingen die silbernen Klänge ihrer Glocken ... Der graue Streifen, der links am Horizont emporzusteigen scheint, das ist das Meer, das Tyrrhenische, das auf seiner ruhelos wogenden Brust die Flotten Roms getragen hat, zur Eroberung vergänglicher Reiche und unvergänglicher Kunst ... Und bei der Tassoeiche kann ich stehen und ihrem Gestöhn im Winde lauschen. Quercia del Tasso! Der Blitz hat sie getroffen und ihren Stamm zerspellt, der Sturm hat wild in ihrem Geäste gehaust, aber noch begrünt sich alljährlich ihr gelichteter Wipfel. Sie strotzte in Kraft, war jung und reich bekleidet, als der Poet sich todesmatt zu ihr herüberschleppte von Sankt Onofrio, wo er »im Verkehr mit den heiligen Vätern den Verkehr mit dem Himmel begonnen hatte«. Was galten ihm noch seine höchsten Erdenwünsche, die Dichterkrönung auf dem Kapitol, die Huld der angebeteten Frau? ... Aber der Mai war nahe, in Duft und in Blüte stand die Welt, und Sehnsucht nach dem herben Glück der letzten Abschiedsgrüße zog ihn hierher in den Schatten seiner Eiche. Seine sterbenden Augen haben auf dem Bilde geruht, das vor uns liegt, und der Gedanke verleiht der traumhaften Schönheit des Anblicks eine wehmütige Verklärung. Ein Hauch ewigen Frühlings weht über den Geländen der holden Berge, aber der Monte Gennaro besinnt sich, daß Winter ist, und trägt seine Tiara aus Schnee ... Und in der Tiefe liegt die Stadt, die heute noch keine Fabriken hat mit rauchenden Schlöten und keine berußten Dächer, und selbstleuchtend erscheinen im Abendlichte ihre schimmernden Mauern. Wie tot liegt sie da, die soviel verbrochen und soviel erduldet hat. Kein Laut dringt herauf, vernehmbar nur dem inneren Ohr ist ihre feierliche Sprache des Schweigens. Mein stilles Fest auf dem Janiculus habe ich gestern begangen und heute auf dem Forum einige Stunden zugebracht, geleitet von einem liebenswürdigen und gar zuverlässigen Führer, dem jüngsten Buche meines verehrten Freundes, Professor Hülsen. Doch was sind einige Stunden auf dem Forum! Nicht mehr als ein eiliges Vorüberwandeln an Stätten, die durch herrliche Taten geweiht, durch entsetzliche Greuel gebrandmarkt worden. Von der Basilika Julia bin ich zum Heiligtum der Juturna gewandert, zu Santa Maria Antiqua, zum Atrium Vestae und hinauf zur Velia, zum schönsten der römischen Triumphbogen. Und dann auf dem Rückweg betrat ich die Sacra Via und meinte den Boden unter meinen Füßen erzittern zu fühlen und dröhnen zu hören vom Marsche der Legionen. Eine Riesenschlange, die Reiche erdrückt hat in ihren gewaltigen Ringen, bewegt sich der Siegeszug zum Kapitol, umbraust vom Zuruf der Menge. Goldene Beutestücke funkeln, die Ketten der Gefangenen klirren. Sie kommen am Tullianum vorbei, und dort, in seine »abschreckende Dunkelheit« hinabgeschleudert, verschwinden Heerführer, Fürsten, Könige. Niemals staut der Zug, unaufhaltsam strebt er vorwärts, dem Triumphwagen nach zur Höhe, auf der Jupiter in seinem Heiligtume thront ... Noch ganz erfüllt von den Eindrücken, die ich Tag für Tag empfange, hier in diesem großen Rom, kehre ich in meine Behausung zurück und sollte meine Skizzen vornehmen, auf die Druckfehlerjagd ausziehen und entgleisten Sätzen auf die Beine helfen. Das wird mir schwer. Mein Glauben an euer Etwas ist mir entschwunden, ihr armen Blätter. Weil ihr aber eure papiernen Flügel schon entfaltet habt, so fliegt denn, so gut ihr könnt. Heimwärts, rate ich euch, dorthin, wo ihr geboren seid und wo immerwache Liebe euch empfängt. Indessen wird Rom den Purpurmantel seiner Rosen umgetan haben, und bei uns zu Hause werden an Bäumen und Sträuchern die Knospen schwellen und Schößlinge in Unzahl hervorsprießen. Das ist dann auch für das grüne Seelchen, dessen Geschichte ihr erzählt, der richtige Augenblick, sich ans Licht zu wagen. Meine Schwester Friederike war vierzehn Monate, ich war vierzehn Tage alt, als unsere Mutter starb. Dennoch hat eine deutliche Vorstellung von ihr uns durch das ganze Dasein begleitet. Ihr lebensgroßes Bild hing im Schlafzimmer der Stadtwohnung unserer Großmutter. Ein Kniestück, gemalt von Agricola. Er hat sie in einem idealen Kostüm dargestellt, einem bis zum Ansatz der Schultern ausgeschnittenen dunkelgrünen Samtgewand mit hellen Schlitzen und langen, weiten Ärmeln. Der Kopf ist leicht gewendet und etwas geneigt; der Hals, die auf der Brust ruhende Hand sind von schimmernder Weiße und gar fein und schön geformt. Das liebliche Gesicht atmet tiefen Frieden; die braunen Augen blicken aufmerksam und klug, und aus ihnen leuchtet das milde Licht eines Geistes so klar wie tief. Zu diesem äußeren Ebenbilde stimmten die Schilderungen, die uns von dem Wesen, dem Sein und Tun unserer Mutter gemacht wurden. So einhellig wie über sie habe ich nie wieder über irgend jemand urteilen gehört. Wenn die Rede auf sie kam, hatten die verschiedensten Leute nur eine Meinung. Und gern und oft wurde von ihr geredet. Besonders hoch in Ehren stand ihr Gedächtnis auf ihrem väterlichen Gute Zdißlawitz, wo der größte Teil ihres Lebens verflossen war. Ich glaube, daß meine Liebe zu den Bewohnern meiner engsten Heimat ihren Ursprung hat in der Dankbarkeit für die Anhänglichkeit und Treue, die sie meiner Mutter über das Grab hinaus bewahrten. Die Diener sprachen von ihr, die Beamten, die Dorfleute, die Arbeiter im Garten. Ein alter Gehilfe nannte ihren Namen nie, ohne das Mützlein zu ziehen: »Das war eine Frau, Ihre Mutter! ... Gott hab sie selig.« Da wurde mir immer unendlich stolz und sehnsüchtig zumute: »Ich seh ihr ähnlich, nicht wahr? Geh, sag ja!« – Er zwinkerte mit den Augen und schob die Unterlippe vor: »Ähnlich? Ähnlich schon, aber ganz anders.« Es sollte sich niemand mit ihr vergleichen wollen, nicht einmal ihre eigene Tochter. – »Ja«, fuhr er nach einer Pause fort, »blutige Köpfe hat's gegeben bei ihrem Begräbnis; geschlagen haben sie sich um die Ehre, ihren Sarg zu tragen. – Das war eine Frau!« Man hatte uns die Überzeugung beigebracht, daß sie vom Himmel aus über uns wache und uns als ein zweiter Schutzengel umschwebe in Stunden der Krankheit oder der Gefahr. Ich vergesse nie, mit welcher Zuversicht und mit welcher geheimnisvollen Glückseligkeit das Bewußtsein ihrer Nähe mich oft erfüllte. In einem Punkte hatte ich dasselbe Schicksal erfahren wie sie. Auch ihr Leben war um den Preis des Lebens ihrer Mutter erkauft worden, und auch ihr war die auserlesene Schicksalsgunst zuteil geworden, für den schwersten Verlust den denkbar besten Ersatz zu finden – die liebreichste und gütigste Stiefmutter. Die ihre, unsere vortreffliche Großmutter Vockel, erreichte, unserer Kindheit zum Heile, vorgerückte Jahre. Sie blieb bei uns nach dem Tode ihrer Tochter; sie verließ uns auch dann nicht, als unser Vater sich wieder verheiratete. In Wien bezog sie eine Wohnung im ersten Stock seines Hauses, dem sogenannten »Drei-Raben-Haus«, auf dem damals sogenannten »Haarmarkt«. Wir bewohnten den zweiten Stock. Im Sommer lebte sie mit uns auf dem Lande. Sie war klein und mager und hatte einen für ihre zarte Gestalt etwas zu großen Kopf. Ihr Gesicht blieb noch im Alter schön. Ein edel und kräftig gebautes Gesicht. Die Stirn von klassischer Bildung, die Nase schlank und leicht gebogen, mit feinen, beweglichen Flügeln. Der Mund schmal und gerade, die Lippen fest geschlossen – so charakteristisch für die vereinsamte, stolze, schweigsame Frau. Ihre großen, tiefdunkeln Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck. Ich habe ihn manchmal sich wandeln gesehen in einen schmerzlich-geringschätzigen; zu einem verachtungsvollen, verdammenden wurde er nie. Sie wunderte sich nicht leicht über ein Unrecht, das sie begehen sah; durch eine hochherzige Handlung, deren Zeugin sie war oder von der sie hörte, konnte sie so freudig überrascht werden wie durch ein unerwartetes selbsterlebtes Glück. Ein solches, ein eigenes, war ihr gleichsam nur im Vorübergehen zuteil geworden. Unser Großvater und sie hatten geheiratet aus Liebe – nicht zueinander, sondern zu einem Kinde, zu seinem Kinde. Und in dieser Liebe erst hatten sie sich gefunden, und ihr anfangs geschwisterliches Verhältnis reifte langsam zu einem schönen ehelichen heran. Der Tod löste den Bund und nahm auch bald darauf der Verwitweten die einzige vielgeliebte Tochter. Diese hatte in ihrem Testamente ihren Gatten zum Herrn auf Zdißlawitz eingesetzt. So war nun unsere Großmutter ein Gast geworden in ihrem ehemaligen Haus und Heim. Sie beschied sich. Sie wünschte nichts mehr, als nur in der Nähe der Kinder ihres Kindes leben zu dürfen. In der kleinen Erzählung Die erste Beichte habe ich eine Skizze von der herrlichen Frau entworfen. Die eigentümliche Art ist erwähnt, in der sie, die kaum je eine Besorgnis, geschweige denn eine Klage aussprach, Klagen aufnahm. »Alles geht vorüber, alles wird gut«, sagte sie halblaut vor sich hin. Und wenn es in ihrer Macht lag, das Üble und Traurige gutzumachen, dann wurde es gut. Ausgesprochen hat sie es nicht, im stillen soll sie aber sehr gelitten haben, als unser Vater sich wieder vermählte und an die Stelle unserer Mutter eine jüngere und schönere Frau trat, »Maman Eugénie«, eine geborene Freiin von Bartenstein. Das erste Kind, das sie zur Welt brachte, war ein Knabe und das zweite wieder ein Knabe, während die Verstorbene ihrem Gatten nur Töchter geboren hatte. Nun würden wir nichts mehr gelten, besorgte die Großmutter. Zurückgesetzt würden wir werden und zu fühlen bekommen, daß es eigentlich uns, den Älteren, zugestanden hätte, männlichen Geschlechts zu sein. Die Besorgnisse der lieben alten Frau erwiesen sich als ganz ungerechtfertigt. Unsere junge Mama schloß uns ebenso innig ins Herz wie ihre eigenen Kinder, die kleinen Brüder und das holde Schwesterlein, das ihnen nachfolgte. Wir ließen es uns sehr wohl sein unter der milden mütterlichen und großmütterlichen Herrschaft, und unser Übermut wäre allmählich stark ins Kraut geschossen, wenn ihn die Hand der temperamentvollen Kinderfrau nicht niedergehalten hätte. Sei gesegnet noch in deinem Grabe, in dem du seit so langen Jahren ruhst, du brave Josefa Navratil, genannt Pepinka! Du hast dir ein unschätzbares Verdienst um uns erworben. Du hast uns zu einer Zeit, in der die weisesten Vorstellungen keinen Weg zu unserem Verständnis gefunden hätten, durch eine rechtzeitig angebrachte demonstratio directa bewiesen, daß der Schuld unerbittlich die Strafe folgt. Gewiß trifft das auch im Leben ein, aber oft so spät und in so verhüllter Weise, daß menschliche Augen den Zusammenhang nicht mehr entdecken. In unserer Kinderstube ging die Sache rasch und einfach vor sich. Wenn eine Tür heftig zugeworfen wurde, wenn es beim Spiel allzu lautes Geschrei oder arge Streitigkeiten gab, kam Pepi daher auf ihren großen, weichen Schuhen und hielt Gericht. Ohne erst zu fragen, wer der Schuldigste sei, teilte sie – darin ein ganz getreues Bild des Schicksals – ihre Schläge aus. Wir nahmen sie ohne Widerspruch in Empfang und liebten unsere Pflegerin und Richterin. Wir fürchteten sie nicht einmal sehr, so laut sie manchmal auch zankte und so zornig sie uns anfunkeln konnte mit ihren feurigen schwarzen Augen. Hatte eine erziehliche Maßregel unserer Schicksalsgöttin sehr hart getroffen, dann ging man zu Anischa, meiner ehemaligen Amme, und weinte sich bei ihr aus. Sie war der lichte Stern unserer Kinderstube und immer freundlich und gut. Auch bildhübsch war sie und lieblich anzusehen in ihrer heiteren hannakischen Hanna, zwischen der March und ihrem Zufluß, der Hanna, gelegener Landstrich in Mähren. Tracht. Sie verwandte viel Sorgfalt auf ihr Äußeres, sie schlang das bunte Tuch mit den langen Fransen kunstvoll um ihren Kopf, trug immer nur schimmernd weiße Halskrausen, seidene, mit Füttern benähte Leibchen und tadellos gesteifte und geplättete Röcke. Pepinka brummte sie manchmal an: »Was putzen Sie sich so auf? Er kommt heute doch nicht.« Die arme Anischa wurde jedesmal feuerrot und antwortete leise und demütig: »Heute nicht und morgen nicht.« Er kam auch nicht. Hingegen erschien alljährlich im Herbste eine ältliche Frau, die wir, dem Beispiel Anischas folgend, » pani kmotrenka « nannten, in Zdißlawitz. Ein derber Junge in schmucker hannakischer Tracht begleitete sie. Er stand im selben Alter wie ich, und Pepi sagte, daß er eine Art Bruder von mir sei. So erwiesen wir ihm denn alle geschwisterlichen Ehren, fütterten ihn, beschenkten ihn, luden ihn ein, an unseren Spielen teilzunehmen. Er aß, was man ihm auftischte, er nahm, was man ihm anbot, aber er dankte nicht, er lächelte nicht; er verhielt sich uns gegenüber trotzig wie ein Bock. Leichten Herzens sagten wir ihm Lebewohl, wenn er sich wieder empfahl. Anischa begleitete ihren Besuch zum Wägelchen, das ihn vor dem Dorfwirtshaus erwartete. Sie hatte rote Augen, wenn sie zurückkam, war aber nicht mehr so bedrückt und befangen wie tagsüber während der Anwesenheit des wortkargen Bäuerleins. Ein anderes Ereignis wiederholte sich gleichfalls alljährlich, dieses aber im Frühjahr und fast unmittelbar nach der Ankunft auf dem Lande. Da war es gewöhnlich unsere Großmutter, die eines Morgens eintrat und sagte: »Pepi, der Bader ist da«, worauf Pepi ihrem Schranke ein Pack Wäsche entnahm und das Zimmer verließ. An einem solchen Tage sahen wir sie nicht mehr; sie kam erst am folgenden wieder, hatte einen verbundenen Arm und speiste uns mit einer ausweichenden Antwort ab, wenn wir fragten, wo sie gestern gewesen sei und warum sie einen Verband trage. Einmal aber schlichen Adolf, der ältere der Brüder, und ich ihr nach bis zum ersten Absatz der Treppe, und von dort aus sahen wir sie in eines der sonst immer verschlossenen ebenerdigen Zimmer treten. Wir schlichen weiter bis zum nächsten Absatz und bis zum dritten und endlich bis zur Tür, hinter der Pepi verschwunden war. Drinnen im Zimmer wurden Sessel gerückt, es wurde Wasser in Gläser und in Lavoirs geschüttet, und eine fremde Männerstimme sprach höhnisch: »Fürchten S' Ihnen? Recht haben S'. Warten S' nur, was Ihnen heut geschieht!« Du lieber Gott, was ging da vor? Von Angst und von Helfedrang ergriffen, warfen wir uns gegen die Tür. Sie war verschlossen. Wir schrien und klopften und hörten Papa klagen: »Jesses, die Kinder!« »Ruh geben! Draußen bleiben!« wetterte die Männerstimme. In starrem Entsetzen schwiegen wir eine Weile. Endlich wurde die Tür von innen aufgesperrt, geöffnet, und heraustrat das Stubenmädchen und hielt in der Hand eine große Schale voll Blut. Nun überstieg unsere Bestürzung alle Grenzen. Blut! Blut! Soviel Blut! Von wem das viele Blut? »Von der Pepi«, antwortete das unbegreifliche Mädchen ganz gleichgültig. »Der Doktor hat ihr zur Ader gelassen. Und jetzt seien Sie still, sonst wird der Doktor auch Ihnen zur Ader lassen.« »Zur Ader gelassen! Was ist das? Wie ist das? Muß man sterben, wenn man zur Ader gelassen bekommt?« Sie lachte und riet uns, gleich hinaufzugehen, wenn wir nicht noch gestraft werden wollten für unsere Neugier. Die Neugier blieb vorläufig ungestillt, aber unsere Seelenruhe wurde uns zurückgegeben, denn drinnen in der Stube erhob die Stimme Pepinkas sich in alter Kraft und befahl den »verdunnerten Kindern«, sogleich zur Anischa zu gehen. Wir gehorchten und hatten dann noch einen sehr guten Tag fast uneingeschränkter Freiheit, und am Abend erzählte uns Anischa, viel länger als ihr sonst erlaubt wurde, schöne, wundervolle Märchen. O welch ein Erzählertalent war unsere Anischa! Wie verstand sie zu schildern, zu spannen, ihre Phantasiegebilde klar und lebendig hinzustellen, sie aufsteigen, vorüberschweben, entschwinden zu lassen! Jammervoll nüchtern erscheint mir die Kinderstube, aus der die Märchenerzählerin »grundsätzlich« verbannt ist. Wir haben das Glück genossen, uns nach Herzenslust in einer Wunderwelt ergehen zu dürfen, sowohl als kleine wie später als größere Kinder. Es war uns ein stolzes Vergnügen, eine Menge zu hören und zu sehen, was andere nicht hörten und nicht sahen: im Gurgeln des Brunnens am Ende des Gemüsegartens die Stimme des Wassermanns; im Glanz, der im Hochsommer über die Ähren fliegt, huschende Lichtgeister, und Elfchen im Laube, wenn es leise zu rascheln beginnt. Diese Elfchen, wußte Anischa, sind zu Mittag nicht größer als Libellen. Aber sie wachsen sehr, sehr geschwind, und um Mitternacht sind ihre Flügel wie Adlerflügel, und das Laub stöhnt, wenn sie mit Windeseile hindurchfegen. »Ja, gewiß! ja, es stöhnt!« Wir alle behaupteten es. Jedes von uns wollte einmal um Mitternacht wach gewesen sein und das Stöhnen vernommen haben. Nur unsere Sophie, die nicht; die wußte noch nichts von Wassermännern, Irrwischen und Elfen. Sie schlief schon lang, diese Kleine, zur Stunde des Märchenerzählens, und Anischa saß neben ihrem Bettchen, und wir saßen auf Schemeln zu ihren Füßen. Ganz anders arg und grausig als das Stöhnen des Laubes beim Wehen leiser Lüfte waren die schrillen Schmerzenslaute, die sich erhoben, wenn ein heftiger Sturm die Ecke des Hauses, die wir bewohnten, umrauschte. Es brach aus ihm wie Schluchzen, flüsterte wie hastiges Flehen, glitt über die Fensterscheiben mit tastenden Fingern ... »Hört ihr?« fragte dann eines von uns die andern, »das ist Melusine, die ihre Kinder sucht, nach ihnen ruft, um ihre Kinder jammert und weint.« Melusine ... Grad ist sie vorbeigeflogen; meine Schwester hat ihren weißen Schleier erblickt und sagt ganz leise: »Lösche das Licht, Anischa, daß sie uns nicht sieht; sie glaubt vielleicht, wir sind ihre Kinder, und holt uns.« Ein Märchen gab's, das erzählte Anischa nur mir allein, weil ich so couragiert war. Meine Schwester, die kleinen Brüder durften nichts hören von der »zlá hlava«; sie hätten lang nicht einschlafen können und schwere Träume gehabt. Diese »hlava«, das war ein Kopf, nichts weiter als ein Kopf, ohne alles Zubehör. Er hatte struppige Haare und einen struppigen, feuerroten Bart, Teufelsaugen und Ohren so groß, daß er sie als Flügel gebrauchen konnte. Aber nicht lange, weil er sehr schwer war und bald wieder zu Boden plumpste. Der Kopf war ein König und hatte ein Heer, und im Kriege rollte er ihm voran, eine fürchterliche Kugel, und biß den Menschen und den Pferden in die Füße, daß sie reihenweise tot hinfielen. Er hatte auch eine Königin, die neben ihm schlafen mußte auf demselben Polster und vor Schrecken über seinen Anblick ganz weiß wurde, immer weißer und endlich selbst ein Gespenst. Greuliche Untaten beging die »hlava«, und eine ihrer schlimmsten war, daß sie der Großmutter Anischas, als diese einmal des Nachts von einem Botengang heimkehrte, auf der Hutweide nachgerollt kam ... Die Großmutter hörte sie pusten, knirschen und schnauben und rannte! rannte! Bis zu ihrem Hause rannte sie; dort aber stürzte sie zusammen und wußte nichts mehr von sich, eine Stunde lang – o länger als eine Stunde! Am nächsten Tag ging der Großvater und mit ihm das halbe Dorf auf die Hutweide, und an der Stelle, wo die Großmutter das Scheuel zuerst pusten, knirschen und schnauben gehört, lag ein großer, runder, weißer Stein, den – man schwor darauf – noch niemand da gesehen hatte. Nur der Hirtenbub behauptete steif und fest, daß der Stein von jeher da gewesen sei. Aber der Hirtenbub war dumm und ein halber Trottel. Der Stein wurde eingegraben, und heute noch machen die Leute einen Umweg, wenn sie an dem Platz, wo er liegt, vorüberkommen. Ich nahm natürlich Partei gegen den Hirtenbuben. Ich wäre am liebsten gleich nach Trawnik, wo Anischa zu Hause war, gefahren, hätte die Hutweide besucht und den gespenstischen Stein ausgegraben. Und je entsetzter Anischa sich stellte über meine Tollkühnheit, desto mehr fühlte ich sie wachsen und verstieg mich zu den Versicherungen: »Ach, ich möchte, ich möchte, daß die hlava einmal mir nachgerollt käme! Ich würde nicht davonlaufen, o nein! o nein! Ich würde stehenbleiben – ich! Ich würde mich umsehen und der hlava dreimal nacheinander recht ins Gesicht das heilige Zeichen des Kreuzes machen. Da wäre sie gleich weg. O ich fürchte mich nicht – ich weiß nicht, wie das ist, sich fürchten; ich hab eine große Courage!« Es war viel Geflunker bei dieser Behauptung. Ich wußte sehr gut, was Furcht sei, denn in der Furcht vor dem Papa waren meine Schwester und ich aufgewachsen. Man hatte sie uns in der Kinderstube eingeflößt durch eine Drohung, die sich nie erfüllte, stets aber wirksam blieb: »Wartet nur, ich sag's dem Papa, und dann werdet ihr sehen!« Was wir sehen würden, blieb in ein Dunkel gehüllt, das unsere Phantasie mit Schrecknissen bevölkerte. Kein Wunder. Den Zorn unseres Vaters zu erfahren wäre entsetzlich gewesen. Nicht nur kleinen, auch erwachsenen Leuten leuchtete das ein. So liebenswürdig Papa in guten Stunden sein konnte, so furchtbar in seinem unbegreiflich leicht gereizten Zorn. Da wurden seine blauen Augen starr und hatten den harten Glanz des Stahls, seine kraftvolle Stimme erhob sich dräuend – und vor diesen Augen, dieser Stimme hätten wir in den Boden versinken mögen, wenn wir uns auch nicht der geringsten Schuld bewußt waren. Zum Schaden unseres Verhältnisses zu ihm ließ sich Papa in gereizter Stimmung manchmal zu dem unglückseligen Ausspruch hinreißen: »Nicht geliebt will ich sein, sondern gefürchtet!« Wie sehr er sich damit täuschte, lernten wir später einsehen; als Kinder nahmen wir die Sache als ausgemacht an und taten ihm den Willen, weit über seine eigene Erwartung. Wir zwei Schwestern zitterten und bebten vor ihm; die Brüder waren in seiner Nähe viel unbefangener, obwohl Pepi mit ihrer Drohung, sie der Strenge Papas zu überliefern, gegen sie besonders freigebig war. Ich erinnere mich eines Tages, an dem meine Schwester das Mißgeschick erfuhr, beim Spielen mit dem Balle eine Fensterscheibe einzuschlagen. Nun war uns die peinlichste Sorgfalt für alles Zerbrechliche, das uns umgab, zum Gesetz gemacht worden, und die arme Kleine, die sich so schwer daran vergangen hatte, geriet in sinnlose Verzweiflung. »Der Papa! Der Papa!« rief sie in Todesangst, kniete auf den Boden nieder, rang die Händchen, faltete sie und schluchzte herzzerreißend. Wir umstanden sie betroffen und ratlos. Großmama, die neben uns wohnte, war auf Fritzis Geschrei herbeigeeilt, und sie und Pepinka sprachen der Armen Trost zu und bemühten sich, sie zu beruhigen. Ganz umsonst. Sie war schon blau im Gesichte, stoßweise rang sich der Atem aus ihrer Brust, in Bächen rannen die Tränen über ihre Wangen. Großmama, sehr besorgt, tauschte leise einige Worte mit Pepi. Dann, nach einem neuen, vergeblichen Versuch, ihre kummervolle Enkelin zu beschwichtigen, verließ sie das Zimmer. Bald darauf betrat sie es wieder, und wer kam hinter ihr hergeschritten? Der unbewußte Urheber all dieses Leids und Schreckens – der Papa. Lautlose Stille empfing ihn. Fritzi verstummte. Keines von uns regte sich. Der Blick des Vaters glitt über die Gruppe seiner bestürzten, angsterfüllten Kinder und blieb auf der kleinen Knienden haften. Sie war wie versteinert. Ihre prachtvollen braunen Augen starrten weitgeöffnet zum Vater empor; nur die Lippen des schmerzverzogenen Mundes zuckten. Und jetzt ließ sich eine überaus sanfte Stimme schmeichelnd, ja bittend vernehmen: »Fritzi, meine Fritzi, weine nicht! Meine Fritzi soll nicht weinen, meine Fritzi ist ja brav. Ich hab ja meine Fritzi lieb!« Und auf einmal sahen wir unsere Älteste hoch über uns erhoben in den Armen Papas und hörten sie wieder schluchzen, aber bei weitem nicht mehr so heftig wie früher. Der Papa lachte: »Dummheit! Dummheit! Die Fritzi hat ein Fenster zerschlagen; das macht nichts. Der Papa ist ja gar nicht bös – der Papa ... Schau her, Fritzi, schau, was der Papa tut!« Er ließ sich ihren Ball reichen und schleuderte ihn durch das nächste Doppelfenster, dessen beide Scheiben er, wie aus der Pistole geschossen, durchflog. Eine Sekunde schweigender Überraschung, und dann lag an die Schulter des Papas geschmiegt Fritzis selig lächelndes Gesichtchen. Sie weinte noch, aber Tränen heller Freude und Dankbarkeit. Und Papa tanzte mit seinem Töchterchen in den Armen im Zimmer herum, und wir jauchzten und jubelten ihm zu. Ich indessen, gelehrig wie ich nun einmal war, machte mir eine Nutzanwendung aus dieser Begebenheit. Unser Frühstück bestand aus Milch und aus Königskerzentee, von uns Himmelbrandtee genannt. Die Blüten, aus denen er bereitet wurde, sammelten wir auf unsern Spaziergängen selbst und fanden das Getränk köstlich. Leider wurde uns der Genuß dieser Delikatesse sehr vergällt durch den Anblick der Kannen, in denen man sie auftrug. Sie gehörten zu den Überbleibseln eines Vieux-Saxe-Käferservices, das heute ein Vermögen wert wäre. Damals hatte der Fluch des Veralteten sie getroffen. Auf der »herrschaftlichen Tafel« prangte modernes englisches Steingutgeschirr; die Tische der Dienerschaft und der Kinder besetzte man mit beschädigtem Vieux-Saxe. Ich fand das unwürdig, ich fand, daß auch wir etwas Modernes haben sollten, ich feindete besonders unsere Teekanne an mit ihrem defekten Schnabel und ihren grauslichen fliegenden Käfern. Der Moment schien mir, nach der Erfahrung, die wir gestern gemacht hatten, äußerst günstig, um ihr den Untergang zu bereiten. So wartete ich nur, bis unsere Tassen alle gefüllt waren; dann holte ich aus... Ein Schlag – die alte Kanne wankte, stürzte, und die Käfer taten ihren letzten Flug – auf den Boden. Nun aber gestalteten sich die Folgen ganz anders, als ich es mir ausgedacht hatte. Meine Erwartung, daß Papa geholt werden und daß er sofort auch die Milchkanne zerschlagen würde, erlitt eine bittere Enttäuschung. Es kam unserer Pepinka dieses Mal nicht in den Sinn, eine höhere Instanz anzurufen. Sie wählte zur Bestrafung meines Angriffs auf die Sicherheit des Porzellans – das standrechtliche Verfahren. Den ersten Unterricht im Lesen und Schreiben erteilte uns Herr Volteneck, der Verwalter von Zdißlawitz. Er hatte eine rundliche Gestalt und einen an den Schläfen eingedrückten, länglichen Kopf und nahm sich von weitem aus wie ein Zylinder mit einer kleinen Gurke darauf. Seine Leibfarben waren Braun und Gelb, braun die klugen, sanften Augen, das schlichte Perückchen, die Umgebung der unaufhörlich nach Schnupftabak verlangenden Nase und die Fingerspitzen, die ihr den aromatischen Staub zuführten. Gelb waren die kleinen Hände und das kleine Gesicht. Die Seelenfarbe dieses Mannes aber kann nur das zarteste Apfelblütenrosa gewesen sein. Schon unter meinem Großvater hatte er die Stelle der amtierenden Gerichtsperson auf dem Gute redlich und ehrenhaft versehen und genoß allgemeine Hochachtung. Dabei war er das Stichblatt schlechter Witze, die besonders unter den Schloßleuten unkrautmäßig wucherten. Er hatte eine eigene Manier, von Zeit zu Zeit seinen Rock an der Brust mit beiden Händen zu fassen und gegen den Nacken hinzuschieben. Die Gewohnheit, behauptete man, ist ihm vom Kuttentragen geblieben, denn die Kutte hat er getragen, er ist ein entlaufener Kapuziner. Und nun hätte er seinen ganzen Lebensgang wahrheitsgetreu darstellen, hätte urkundlich nachweisen können, daß er nie einen Tag im Kloster zugebracht, geistliche Kleidung nie getragen hatte – alles umsonst! Sie wären nicht zu erschüttern gewesen in ihrer Überzeugung; er ist und bleibt ein davongelaufener Kapuziner. Zum Unglück hatte der reizlose, ältliche Mann den Mut gehabt, eine hübsche junge Frau heimzuführen, die nicht gerade pedantisch gewesen sein soll im Festhalten an der ehelichen Treue. Darüber wurde oft gespöttelt, in verhüllter Weise sogar in seiner Gegenwart. Wir wußten natürlich nicht, um was es sich handelte; aber wir sahen, daß er ausgelacht wurde, und unsere Empörung darüber war groß, denn wir liebten diesen guten, alten Menschen und langmütigen Lehrer. Wir liebten ihn schon um seiner herrlichen Schrift willen. Da war keine, von der einfachen Kurrent bis zur Kyriliza, die er nicht hingemalt hätte in unsere Zensurenbüchlein, leicht und schwungvoll, daß die Feder hinschwebte in kleinen und großen Linien, Kreisen und Ovalen, wie durstige Schwalben spielend über dem Wasser schweben. Im Zensurenbüchlein meiner Schwester wimmelte es von »ausgezeichnet«; ich brachte es selten zu einem »sehr gut«, und auch dieses war meist ganz mager hingehaucht, gleichsam der Schatten eines »sehr gut«. Dabei ging es vollkommen gerecht zu. Meine Schwester konnte schon geläufig lesen, während ich noch die Kunst des Buchstabierens nicht völlig innehatte. Papa pflegte sich selten und auch dann nur oberflächlich nach dem Fortgang unserer Studien zu erkundigen. Ein kurzes: »Brav sein!« war alles, was er mir sagte, wenn er auf seine Frage »Sind sie fleißig?« die Antwort erhalten hatte: »Fritzi sehr, und Marie wird es auch werden.« Einmal aber, wie es bei ihm meist geschah, machte etwas, das er oft übersehen und überhört hatte, ganz plötzlich Eindruck auf ihn. »Werden? Oho, erst werden?« wiederholte er das letzte Wort, das Mama gesprochen hatte, wandte den Kopf und sah mich an. Es war bei Tische. Obenan saß unsere liebe Mama, unsere Großmutter zu ihrer Rechten, unser Vater zu ihrer Linken. Dann war ein langer Zwischenraum an dem großen ovalen Tische, und dann kamen wir zwei, meine Schwester und ich. »Kann sie vielleicht noch nicht lesen? Hat im Frühjahr angefangen, lernt jetzt schon den ganzen Sommer und kann noch nicht lesen?« setzte Papa sein Verhör fort, und ein Strafgericht drohte aus seiner Stimme. Eine Verhandlung zwischen ihm und Mama folgte. Unsere Großmutter schwieg; sie mischte sich nie in eine Beratung der Eltern, die uns betraf. Es ist mir später klargeworden, daß Papa die »Methode« des Herrn Verwalters angezweifelt und den Besitz einer besseren – sich selbst zugeschrieben hat. Zu meinem Entsetzen, zur – ich bemerkte es wohl! – stillen Unzufriedenheit Großmamas befahl er mir, morgen früh zu ihm zu kommen. »Allein«, schloß er nachdrücklich. Das war ein Wort! Wir betraten immer nur in corpore die Zimmer Papas zum Guten-Morgen- und zum Gute-Nacht-Sagen. Damals war nur ein Flügel an das Schloß angebaut; in dem befand sich unsere Wohnung. Die Papas lag am andern Ende der langgestreckten Front. Ihre Zimmer mündeten auf einen geschlossenen Gang, den wir täglich zweimal durchwanderten. Seine Fenster sahen auf den Hof; der Blumenhof hieß er, und er verdiente seinen Namen, denn er war von Blumengruppen und von hohen, mit blühenden Topfpflanzen besetzten Gestellen umschlossen. Aus dem Hofe führte ein breites Tor, das immer weit geöffnet blieb, in eine tiefschattige, von vier Reihen herrlicher Lindenbäume gebildete Allee. Als ich ein Kind war, da strotzte noch ihr Gezweige von Saft, da waren ihre Blätter hellgrün und weich wie Samt und ihre Blüten voll süßen Duftes. Damals prangten sie in ihrer Vollkraft. Aber Höhe ist Wende. Heute wehren ihre Wipfel den Sonnenschein nicht mehr völlig ab. Er dringt durch das dünn gewordene Laub und wirft den dunklen Stämmen goldige Lichter vor die Füße, wie spielend, wie übermütig fragend: Seht ihr? da sind wir nun doch! – Einst, wenn der Wind sich durch die Unzahl der Blätter drängte, da gab's ein weiches Rauschen, ein sanftes, harmonisches Flüstern. Anders ist das jetzt. Anders als in den jungen spielt der Wind in den alten Bäumen. Die Stimmen sind rauh, die er in ihnen erweckt. Ein Knistern und Knarren durchläuft das Geäst; da und dort zerbricht ein dürrer Zweig und fällt ... Auf dem Wege zu Papa begleitete uns die Kinderfrau und wartete im Vorzimmer auf unsere Rückkehr. Wenn wir in der Frühe bei unserem Vater eintraten, saß er an seinem Schreibtisch, mit dem Rücken gegen die Tür, hatte große Wirtschaftsbücher vor sich liegen, rechnete und schrieb. Wir wurden meistens freundlich empfangen, küßten ihm eines nach dem andern die Hand, beantworteten seine Frage: »Seid's brav?« immer bejahend und so auch bald die darauffolgende: »Ist die Pepi da? Gut also, also geht.« Manchmal durfte er in seiner Arbeit nicht unterbrochen werden. Da hieß es: »Seid ruhig, wartet.« Man wartete, rührte sich nicht und hatte Zeit, sich mit schüchterner Neugier im Zimmer umzusehen. Es kam mir größer vor als alle anderen im Hause, und jeder Gegenstand darin hatte etwas Eigentümliches und erregte mein ganz besonderes Interesse. Wie merkwürdig war schon der Lüster, der an vergoldeten Ketten von der Decke niederhing! Eine flache, mattgrüne, mit Arabesken aus Bronze geschmückte Schale. Aus ihr heraus streckten sich sechs magere, sehnsüchtige Arme und trugen in ihren Händen tulpenförmige kleine Urnen, aus denen vergilbte Wachskerzen emporragten. Einen sehr ernsten Eindruck machten die schwarzen Möbelgestelle, der umfangreiche, schwarze Schreibtisch und die Schwärze der ganzen Gesellschaft von Schränken und Etageren. Über dem Kanapee, das rechts an der Längswand stand, hing ein Bild, das ich mit dem Blick eben nur zu streifen wagte, weil mir sonst heiße Tränen in die Augen schössen. Es war eine schöne Radierung und stellte einen Invaliden der Grande Armée vor, einen alten Mann in verbrauchter Uniform. Er saß auf einem Bänkchen vor einer niedrigen Hütte. Sein kahles Haupt war gebeugt, seine Arme lagen auf den ausgespreizten Knien; er hielt sein Taschentuch in den Händen und ruhte aus von einer traurigen Arbeit. An der Wand neben ihm lehnte die Schaufel, mit der er eine Grube gegraben hatte für einen treuen Gefährten – seinen Hund. Der lag zu seinen Füßen, das gebrochene Auge noch auf den Herrn gerichtet. – Ich habe dich schwer verlassen, schien es zu sagen, aber ich mußte fort; es war ja hohe Zeit. Sieh mich nur an, lieber Herr. Bin ich nicht zum Kinderspott geworden, so alt und abgezehrt und häßlich? Mut, lieber Herr, steh auf und lege mich in die Grube, die du für mich gegraben hast. Ich werde da schlafen, und – Hunde träumen ja, weißt du – träumen, daß wir wieder jung sind, wir zwei, und schön und gesund. Entschließ dich, lieber Herr ... Endlich wird der Invalide doch aufstehen, nach der Schaufel greifen und den guten Hund begraben und dann keinen Freund und keinen Kameraden mehr haben und nichts mehr auf der Welt ... Noch andere Bilder hingen an den Wänden, Radierungen und Kupferstiche, lauter Erinnerungen an die Feldzüge gegen Frankreich, die unser Vater mitgemacht hatte, an Erzherzog Karl und an Napoleon. Und auf dem Schreibtisch befand sich ein Aquarellbildchen und stellte drei hübsche Offiziere in Uniform, drei junge Hauptleute, dar: unseren Vater und seine zwei Brüder, und diese seine zwei Brüder waren vor dem Feinde geblieben. »Vor dem Feinde geblieben.« Ich hörte das sagen und fragte mich, was es bedeuten sollte. Es schien etwas Trauriges und Schönes zu sein. Papa sprach es immer in sehr ernstem und sehr stolzem Tone aus. Und auch das wirkte ergreifend auf mich und trug dazu bei, die ehrfürchtige Scheu zu erhöhen, mit der ich in seinem Zimmer stand. Und nun galt's, wie Papa gestern befohlen hatte, mich allein in sein imponierendes Bereich zu begeben. Mama begleitete mich bis zur Schwelle des Eingangszimmers, blieb dort stehen und machte mir, als ich mich nach einigen Schritten umwandte und ihr Lebewohl zuwinkte, ein Zeichen, vorwärts zu gehen und dann anzuklopfen. Ich tat's, und: »Herein!« tönte es mir laut und barsch entgegen. Ein ermutigender Empfang wurde mir nicht zuteil. Papa reichte mir zwar die Hand zum Kusse, ließ aber vom Moment meines Eintretens an fortwährend seinen Blick forschend und streng auf mir ruhen und fragte endlich: »Was ist dir denn? Was machst du für ein Gesicht? Mir scheint, du fürchtest dich. Du hast ein schlechtes Gewissen. Wer kein schlechtes Gewissen hat, fürchtet sich nicht.« Nun war das Unglück fertig. Nun mußte ich ja überzeugt sein, daß ich ein ganz elendes Gewissen hatte, denn wahrhaftig, ich zitterte vor Angst. Ach, es war danach! Alles war danach. Was lag auf dem großen, schwarzen Schreibtisch, auf dem Platze, den sonst die Wirtschaftsbücher einnahmen? Eine Fleißarbeit Papas. Bewunderungswürdig im Grunde. Viereckige Blättchen von gleicher Größe aus Kartenpapier. Man sah ihnen die Sorgfalt und militärische Pünktlichkeit an, mit der sie zugeschnitten und reihenweise in gleichen Abständen voneinander geordnet worden waren. Jedes einzelne von ihnen trug ein dick und deutlich ausgeführtes Zeichen. Ein gut gekanntes und gut gehaßtes Zeichen – einen Buchstaben. »Was ist das?« fragte Papa und wies, nicht ohne Wohlgefallen, auf das kleine papierne Pikett vor ihm. Ich meinte, es seien Buchstaben. »Ja, ja, Buchstaben, natürlich. Aber das Ganze da – das Ganze!« »Buchstaben ... viele Buchstaben ...« Bei den Buchstaben blieb ich. Wie die Familie heißt, wenn sie vollzählig versammelt ist, wußte ich nicht. Ich wußte überhaupt bald gar nichts mehr, nicht einmal ein A von einem I zu unterscheiden und auch nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, als Papa ein geringschätziges: »I! A!« ausstieß. Der einzelnen Vorgänge bei diesem denkwürdigen Examen kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur einer großen Verwirrung, die in den Reihen der schnurgerade aufmarschierten Kärtchen eintrat, entsinne ich mich: sie wanden sich wie Schlangen, sie tanzten, bildeten Gruppen, stoben davon nach allen Richtungen. Und dabei deutete Papas Finger unbeweglich auf eine Stelle, die für mich abwechselnd von einem A, einem B, einem C besetzt war. Einen Buchstaben um den andern nannte ich, riet und riet und erriet nicht. Die Qual dauerte lang. Mein armer Papa, der Selbstbeherrschung doch so ungewohnt, nahm sich zusammen, wiederholte dieselbe Frage mehrmals, ohne die Stimme allzusehr zu erheben. Die meine aber wird wohl zuletzt gar keinen Laut mehr gehabt haben. Ich vermochte trotz aller Anstrengung nicht, auch nur ein vernehmliches Wort über die Lippen zu bringen, und nahm in hilfloser Bestürzung das Urteil entgegen, daß ich – ein großes Mädel von fünf Jahren – mich mit Schande beladen habe. Der kurze Spruch Papas schloß mit dem Befehl: »Hinaus!« Ich besorge sehr, ihn mit unanständiger Geschwindigkeit und ohne Abschiedsgruß erfüllt zu haben. Noch hatte ich auf meinem Rückzug das Eingangszimmer nicht durcheilt, als Papa mir nachkam, die Tür vor mir öffnete, mich hinausschob und mit einem raschen Wurf das ganze Alphabet über mich ausstreute. Dann flog die Tür hinter ihm zu, und ich kauerte auf dem Boden, sammelte hastig die Kartenblättchen in meine Schürze und lief, so rasch ich konnte, davon. Und nun muß ich sagen: Dieser Buchstabensprühregen, den mein Vater mir damals nachschickte, ist die einzige »Gewalttat« gewesen, die ich je durch ihn erfuhr. Seine Hand hat mich nie unsanft berührt, er hat seine Stimme nie laut gegen mich erhoben, dieser fürchterliche, liebe, gute Papa. Wie oft höre ich junge Leute und Kinder sogar behaupten: »Bei mir richtet man nur mit Güte etwas aus, aber mit Strenge nichts.« Das kommt mir vor, wie wenn eins sagte: »Vom schmeichelnden Lüftchen lasse ich mich allenfalls dirigieren, dem Orkan trotze ich.« Du armes Reislein! Ein Zornesausbruch unseres im Grund der Seele so guten Vaters schloß jeden Gedanken an Widerstand aus. Ob sich ein solcher Ausbruch zu dem, was ihn veranlaßt hatte, in einem halbwegs erklärlichen Verhältnis befand, die Frage stellten wir uns nicht. Wir meinten, daß man an der Handlungsweise seines Vaters Kritik nicht üben kann. In späteren Jahren verwandelte das »kann« sich in ein »darf«. – Einem jungen Menschen von heute muß es schwerfallen, unsere Empfindungsweise zu begreifen. Es gibt ja kaum etwas, das sich in einer Zeit, die ich zu überdenken vermag, so verändert hätte wie die Art des Verkehrs zwischen Eltern und Kindern. Wenn unsere Großmutter von ihrer Mutter sprach, sagte sie »unsere Allergnädigste« und neigte leise das Haupt. Unsere Mutter sagte »Sie« zu ihrem Vater. Er war ihr geistiger Führer, ihr alleiniger Lehrer. Von ihrer Hand beschriebene Hefte, die sich bei uns zu Hause in der Bibliothek erhalten haben, geben Zeugnis von dem Ernst und der Gründlichkeit der Studien, die er sie treiben ließ. Aus jeder Zeile ihrer auch noch vorhandenen Briefe an ihn spricht unbegrenzte Ehrfurcht. Wir standen mit unserem Vater auf dem Duzfuße; er war aber ungefähr von der Sorte, auf dem sich das russische Bäuerlein mit dem Väterchen in Petersburg befindet. Von einer Seite ein unbeschränktes Machtgefühl, von der anderen Unterwürfigkeit. Heute ist das anders. Die Jugend steht obenan; sie wertet und entwertet. Das Alter sieht bewundernd oder grollend zu. Ich staune nur, wie rasch es abdiziert hat. Komisch fast ist die Eilfertigkeit, mit der es sich in die Ecke drückt, um dem vorbeibrausenden Zug der Jugend nur ja nicht im Wege zu sein. Dankbarkeit erhellt die Gesichter der Eltern, wenn ihre Söhne oder ihre Töchter auf der Jagd nach Brot, nach Glück, nach Ruhm einen Augenblick haltmachen, um den Alten einen Lappen ihrer kostbaren Zeit zu schenken. Und auch gute moderne Kinder haben dabei doch das Gefühl eines Zugeständnisses, das sie den unmodernen Eltern machen. Es ist so, und je tiefer ins Greisenalter ich hineingerate, um so mehr Hochachtung bekomme ich vor dem, was ist. Mein Vater hätte sich zu ihr nie bequemt; was in seinen Tagen für das einzig Rechte und Gehörige galt, sollte in allen Tagen dafür gelten. Er hatte von Kind auf Subordination geleistet, hatte sie von seinem Jünglingsalter an pflichtgemäß zu fordern gehabt. Gehorsam! Wie ferner Donner rollte das R am Schluß der zweiten Silbe, wenn er dieses Wort befehlend aussprach. Wie seine beiden Brüder, Josef und Fritz, war unser Vater Zögling der Theresianischen Ritterakademie gewesen und hatte sie verlassen, um Kriegsdienste zu nehmen. Josef, den Ältesten, traf bei Dresden 1813 die tödliche Kugel. Der Jüngste, Fritz, fand vor Parma 1814 einen Heldentod. Unser Vater, bei einer glänzenden Waffentat in der Nähe von Cléry an der Loire schwer verwundet, geriet in französische Gefangenschaft. Im Jahre 1816 trat er, noch nicht völlig hergestellt, in den Ruhestand. Das militärische Wesen, die gerade Haltung, den strammen Gang behielt er bis ins höchste Alter bei. Mit einem großen Vorrat an positivem Wissen hatte er sich nicht beladen und lebte in dieser Beziehung sozusagen von der Hand in den Mund. Doch litt er dabei keinen Mangel. Sein guter, klarer Verstand, sein Schönheitssinn, seine Schlagfertigkeit und Beobachtungsgabe ließen ihn nie im Stiche. Er verzichtete gern auf vieles, das sich erlernen läßt, weil er reich war an vielem, das sich nicht erlernen läßt. Er hatte Sinn für Poesie und war ein Freund der Musik; nur durfte sie nicht zu ernst sein. Vor allem aber war er ein Freund des Theaters, und für ihn wie für so viele ist das Burgtheater ein mächtiges Bildungsmittel gewesen. Bis kurz vor seinem Tode blieb er ein treuer Besucher des geliebten alten Hauses. Die Aufführung eines klassischen Stückes »in der Burg« versäumte er nie und verließ seine Loge nicht, bevor das letzte Wort gesprochen und der Vorhang gefallen war. Dabei schämte er sich aber durchaus nicht, zu gestehen, daß kein noch so großes »Vergnügen an tragischen Gegenständen« ihm die Wonne aufwog, ein Theaterstück Raimunds aufführen zu sehen. Raimund stand von allen Dramatikern seinem Herzen am nächsten. Und wieviel von seiner liebe- und verständnisvollen Sympathie für das Wesen, für das Schaffen, für den ergreifend wehmütigen Humor unseres altösterreichischen Dichters hat er uns vererbt! Lange bevor wir ins Theater geführt wurden, hatten wir die Bekanntschaft des Verschwenders, des Herrn Rappelkopf, des Barometermachers auf der Zauberinsel gemacht und verdankten sie den Erzählungen unseres Vaters, die er so gern und so oft wiederholte. Sein Reichtum an Geschichten und Anekdoten war unerschöpflich. Es gab ihrer von allen Sorten, lustige und traurige. Es gab auch lange komische Gedichte, von denen wir nie mehr als den Anfang zu hören bekamen. Das Schönste, uns Liebste blieben aber doch immer die Erzählungen Papas von seinen Erlebnissen während der Kriegsjahre. Schlicht, einfach und klar brachte er sie vor, mit edler Bescheidenheit. Der Ausdruck seines Gesichtes wurde mild und weich, und seine Augen, die er fest auf einen Punkt in der Ferne richtete, trübten sich, wenn er seiner Brüder gedachte. Ich habe im Ohr noch den Klang der Stimme, mit dem er von dem letzten Zusammentreffen mit ihnen sprach, das ihm beschieden gewesen war. Der nächste Morgen trennte sie; in wenigen Tagen standen sie alle vor dem Feinde. Josef, schon mehrmals verwundet und nur notdürftig geheilt, hatte Todesahnungen. Fritz sprach übermütig: »Die Kugel, die mich trifft, ist noch nicht gegossen!« Mein Vater forderte beide zu einem feierlichen Gelöbnis auf: »Der zuerst fällt, gibt den Überlebenden ein Zeichen. Wenn eine Möglichkeit dazu vorhanden ist, geschieht's.« Sie schworen es sich zu: Der fällt, grüßt die Überlebenden. Aus dem Jenseits grüßt eine Liebe, die stärker ist als der Tod. Zwei der Brüder waren hinübergegangen, und der dritte hatte gehofft und geharrt und sich nach dem verheißenen Zeichen gesehnt. Es kam nicht – es konnte nicht gegeben werden ... Den Behauptungen eines Verkehrs mit Verstorbenen setzte mein Vater den schroffsten Unglauben entgegen: »Es führt kein Weg von drüben zu uns, sonst hätten meine Brüder ihn gefunden«, sagte er. Unter den vielen »Geschichtchen«, an denen wir uns nicht satt hören konnten, zeichnete sich besonders das von dem kleinen französischen Herrn mit dem blauen Mantel aus. Sein Schauplatz war Troyes. Dort hielt an einem kalten Märzmorgen der Zug der Gefangenen, die man nach der Normandie brachte, eine kurze Rast. Viele Leute eilten herbei, um ihn zu sehen; die Verwundeten erregten besondere Aufmerksamkeit. Der Leiterwagen, in dem man meinen Vater mit anderen Blessierten auf Stroh gebettet hatte, wurde umdrängt; Neugierige kamen herbei, Männer und Frauen – auch junge, hübsche. Peinlich für einen, der gewöhnt war, jungen Frauen ganz andere als mitleidige Gefühle einzuflößen. Und gerade er sah wohl unter allen Leidensgefährten am bedauernswürdigsten aus. Marodeure hatten ihn ausgeplündert, als er bewußtlos auf dem Schlachtfelde lag. Seine Wunden schmerzten, Fieberfröste schüttelten ihn, mühsam richtete er sich auf. Sein Blick wandte sich von den Leuten, die ihn umgaben, ab und begegnete dem eines kleinen alten Herrn, der in einiger Entfernung am Eingang eines Hausflurs stand. Er trug einen blauen Mantel mit schwarzem Kastorkragen, der am Halse mit einem Kettchen aus Stahl geschlossen war. Langsam löste der kleine alte Herr das Kettchen, schritt auf meinen Vater zu, nahm den Mantel von den Schultern und reichte ihn dem freudig Überraschten mit dem einzigen Worte: »Tenez!« Er wartete den Dank nicht ab, er war gleich wieder in seinem Hausflur verschwunden. Das war eine Wohltat, dieser fadenscheinige Mantel, dessen Eigentümer nicht danach aussah, als hätte er viele überflüssige Kleidungsstücke zu verschenken. – Lieber kleiner alter Herr aus Troyes, dein Geschenk war königlich, deine ärmliche Spende so reich! Im Lichte bleibt dein Andenken für uns, die wir als Kinder dich verehren lernten. Die Gefangenen kamen am Hauptquartier Napoleons vorbei. Sie sahen den Imperator. Er war zu Pferde, sehr blaß, prachtvoll sein Cäsarengesicht, die Gestalt schwer und aufgedunsen. Mit einigen der Unglücklichen im Zuge sprach er und ließ ihnen Geld reichen. Mein Vater erhielt dreihundert Francs, die ihm sehr zugute kamen während seiner Internierung in Caen. Dort fand er sich vortrefflich aufgehoben bei einem braven alten Ehepaare. Auch für diese beiden Leute hegte er eine unaussprechliche Dankbarkeit und konnte die soupe à l'oignon nicht genug loben, die zu kochen seine Hausfrau verstand. Als seine Wiederherstellung fortschritt und er auch feste Nahrung zu sich nehmen durfte, kaufte er ein Messer, mit dem er Brot in die Suppe einschnitt, ein großes Taschenmesser mit grauer Hornschale und mehreren Klingen. Es hat immer auf seinem Schreibtisch gelegen, und man brauchte es nur mit der Fingerspitze leise anzutippen und zu sagen: »Nicht wahr, Papa, das hast du in der Normandie gekauft?« Alsbald waren die alten Erinnerungen alle geweckt, und er ließ sie vor uns aufsteigen in deutlichen, farbigen Bildern. Wir sahen den Hauptmann Dubsky für tot auf dem Kampfplatz bei Cléry liegen, sahen die Marodeure herankommen, die ihn ausplünderten und ihn ganz tot gemacht hätten, wenn er nicht auf einige Worte, die sie an ihn richteten, in ihrer Sprache geantwortet hätte. » Laisse le vivre, il parle français «, sagte einer zum andern. Dann wurde er auf einen Wagen gehoben und fortgeführt in Feindesland. – Oh, wie litten wir mit ihm und sorgten jedesmal von neuem, daß es ihm nun schlecht ergehen werde! Aber bald kam trostreich der blaue Mantel zum Vorschein und imponierend der Anblick des Kaisers Napoleon und endlich zur Erquickung die soupe à l'oignon. Wie unser Vater hielten auch wir seine Erinnerungen hoch in Ehren und stimmten ihm von Herzen bei, wenn er eine summarische Verurteilung der Franzosen nicht duldete. Er sprach immer mit der größten Anerkennung von ihnen, gegen die er jahrelang im Felde gestanden hatte. Es war damals allgemein so üblich: man schoß den Feind tot, aber man verleumdete ihn nicht. Mein Vater besaß in hohem Grade die männliche Tugend der Gerechtigkeit. Eigensinn kannte er nicht. Wenn er, hingerissen von seinem leidenschaftlichen Temperament, ein zu hartes Urteil gefällt, eine zu strenge Strafe diktiert hatte, ruhte er nicht, bevor es ihm gelungen war, seine Schuld glänzend gutzumachen. Die Lüge verabscheute er, und daß man feig sein könne, begriff er nicht. Nicht einmal den Frauen verzieh er Furchtsamkeit, und was andere in Schrecken versetzt, löste bei ihm eine Wallung des Zornes aus. Viele starke und überzeugende Beispiele wüßte ich davon zu geben, doch will ich nur ein kleines anführen, weil es so charakteristisch ist. In Zdißlawitz wurde das Eintreffen eines Trupps ungarischer Ochsen erwartet, die zur Mast eingestellt werden sollten. Wir Kinder hatten uns im Meierhof eingefunden, um ihren Einzug mit anzusehen. Papa beorderte uns auf die Rampe den Stallungen gegenüber und blieb mit den Beamten in der Nähe des breiten Hoftores stehen. Eine Staubwolke kündigte das Herannahen der Fußreisenden an. Sie kamen, geleitet von ihren Treibern, wegmüde, die ganze Herde mit den riesigen, spitzen Hörnern, den breiten Köpfen, mageren Leibern, eingefallenen Flanken. Der Burggraf, ein großer, stattlicher Mann, trat an die Tiere heran, rief den Treibern, den Stalleuten Befehle zu. Auf einmal hörte man ihn ein Angstgebrüll ausstoßen und sah ihn entfliehen ... Die übrigen Beamten stoben auseinander wie Spreu, in die ein Windstoß fährt. Ein Ochse war wild geworden und stürzte schnaubend, den Kopf gesenkt, den Schwanz emporgereckt, auf den Platz zu, den sie früher eingenommen hatten und auf dem mein Vater jetzt allein stand. – Er aber, empört über die Frechheit des Gastes, sprang ihm entgegen, schwang das Spazierstöckchen und rief mit drohender Stimme: »Na – du!« Uns stockte der Atem. Die erschrockenen Treiber schrien und ließen ihre Peitschen knallen. Der aufgeregte Sohn der Steppe besann sich, bog aus und schloß sich wieder seinen Gefährten an. Noch eine Eigenschaft darf ich meinem Vater nachrühmen: die Treue. Wer seine Liebe errungen hatte, dem blieb sie ein unverlierbarer Besitz. Seine Frau war für ihn die einzige in der Welt. Leicht mochte er freilich auch der geliebtesten das Leben nicht gemacht haben; dazu war er zu sehr Kampfnatur, dem raschen Wechsel seiner Stimmungen zu sehr unterworfen. Die Ausgeglichenheit fehlte und auch der feine Blick für die Vorgänge im Gemütsleben selbst derer, die ihm am nächsten standen. Aber – nehmt alles nur in allem – er war ein Mann mit warmem Herzen, stark an Leib und Seele. Im Jahre 1825 verheiratete sich mein Vater mit der verwaisten Tochter des in Österreich unvergessenen, um unsere Kunstindustrie hochverdienten Freiherrn von Sorgenthal. Die Ehe war von kurzer Dauer. Seine anmutige kleine Frau verließ ihn bald. Er hat sie, dankbar für die schwärmerische Liebe, die sie ihm entgegenbrachte, innig betrauert, ein volles Glück aber doch erst in der Verbindung mit seiner zweiten Frau, meiner Mutter, gefunden. Liebreich und sorgsam hat sie alles Gute und Edle in ihm gehütet und entfaltet, hat mit kluger, sanfter Hand die Mängel seines Wesens in den Schatten gedrängt und seine Rauhigkeiten zu mildern gesucht. Die Jahre, in denen sie an seiner Seite gestanden, bildeten die Krone seines Lebens, und er hat die Erinnerung an sie heilig gehalten. Nach ihrem Tode, der völlig unerwartet eintrat, rang er mit der Verzweiflung und wollte dem Leben ein Ende machen, das ihm fortan unerträglich erschien. Ein Zufall, die Dazwischenkunft eines Verwandten, der ihm die schon geladene Pistole entwand, vereitelte den unseligen Entschluß. Einige Wochen nach dem furchtbaren Verluste schrieb mein Vater an seine Schwester nach Wien: »Wie überglücklich bin ich gewesen! Sichtbarlich vom Himmel begünstigt, hatte ich alle Ursache zu fragen: Gibt es wohl einen glücklicheren Menschen auf dieser weiten Erde denn mich? Anders sieht es nun in mir aus. Aus allen meinen Himmeln geworfen, kann ich nun fragen: Wo ist wohl mehr Schmerz, Kummer und Leiden zu finden als in meinem Herzen, welches statt des ihren hätte aufhören sollen zu schlagen, da für meine armen Kinder der Verlust des Vaters gegen jenen einer solchen Mutter, wie meine Marie war, sowohl in der Gegenwart wie in der Zukunft bei weitem weniger empfindlich gewesen wäre!« Die Zeit verging und übte ihre unwiderstehliche Macht aus. Der Daseinswille, die Sehnsucht nach einer Häuslichkeit erwachten von neuem; er kam zu dem Schlusse: »Wenn der Himmel mir mein Haus niederreißt, muß ich es mir wieder aufbauen.« So hat er denn auch das seine wieder aufgebaut, und abermals wurde es ihm nach kurzer Zeit zerstört. Erst seinem vierten Ehebunde war eine lange Dauer beschieden. Er stand in hohem Greisenalter, als ihm sein Daheim mit grausamer Raschheit noch einmal verödet wurde. Und wenn dieser letzte schmerzvolle Schlag ihn auch in allen Seelentiefen erschütterte, fand der schwer Heimgesuchte allmählich doch seine Fassung und seine Kraft wieder. Sie wankte keinen Augenblick, als die Anzeichen des herannahenden Endes sich einstellten. Er hatte dem Tod in Jünglings- und in Mannesjahren so oft ins Auge geblickt; mit großer Ruhe, in tiefem Frieden sah er ihm nun entgegen. Als treuer Hausvater nahm er mit guten Worten Abschied von jedem einzelnen seiner Angehörigen und von jedem seiner Diener. Der Priester, der ihm die letzte Wegzehrung gereicht hatte, wandte sich vom Sterbebette zu uns und sprach: »Ihr Vater stirbt wie ein braver Soldat.« Von diesem, in wenigen Zügen nur entworfenen Bilde eines Starken wende ich mich wieder den kleinen Erlebnissen seiner Kinder zu. Als meine Schwester ihre Wanderung ins sechste und ich die meine ins fünfte Lebensjahr zurückgelegt hatte, sollten wir eine Gouvernante bekommen. Es war Spätherbst, und wir waren in Wien, und schon seit längerer Zeit hatte Pepinka ihre Drohungen mit den Strafgerichten Papas in Drohungen vor den Strafgerichten der Gouvernante umgesetzt. »Wartet nur, was euch die Gubernante tun wird!« hieß es jetzt beim geringsten Anlaß zur Unzufriedenheit, den wir ihr gaben. Kein Wunder, daß wir der Ankunft der neuen Machthaberin ohne Begeisterung entgegensahen. Zu dem großen Ereignis wurden geziemende Vorbereitungen getroffen. Unser wartete eine Art Proserpina-Schicksal. Schlafen sollten wir nach wie vor bei der Kinderfrau, tagsüber jedoch bei der Gouvernante bleiben in ihrem eigens für sie eingerichteten Zimmer. Es war kein Prachtgemach! Es hatte die Aussicht auf einen mit Glasfenstern versehenen Gang, der das Haus auf der Hofseite umlief. Nicht der geringste Ausblick ins Freie bot sich dem Fräulein; Zerstreuung konnte ihr nur die Betrachtung ihrer neuen Möbel bieten. Unter ihnen zeichnete sich ein großes Kanapee aus, das durch eine kunstreiche und zu jener Zeit noch ungewöhnliche Einrichtung spielend leicht in ein bequemes Bett umgewandelt werden konnte. Ach, du lieber Gott! Auf diesem Kanapee werden wir neben der »Gubernante« sitzen müssen den ganzen Tag. Und den ganzen Tag wird sie uns erziehen, und wir werden von allem, was sie zu uns sagt, kein Wort verstehen, denn sie spricht nur Französisch, so eine »Gubernante«. Das alles sagte Pepinka, um uns recht angenehm vorzubereiten zum Empfang ihrer Nachfolgerin. Sie kam, und als Mama uns zur Begrüßung zu ihr führen wollte, machte ich eine Szene, schrie und heulte und mußte über die kleine Stiege, die aus der Kinderstube ins Gouvernantenzimmer führte, getragen werden. Wie freudig bin ich seitdem alle Morgen die fünf Stufen derselben kleinen Treppe hinabgehüpft, um gleich nach dem Frühstück zu Mademoiselle Hélène zu eilen! Wie bald haben wir sie liebgewonnen, diese Dritte im Bunde der Vortrefflichen, die unsere Kindheit schön und glücklich gemacht haben. Einige Jahre unserer Kindheit, sollte ich sagen, denn gar bald haben zwei von ihnen uns verlassen. Mademoiselle Hélène Hallé war unsern Eltern durch die Gräfin Saint-Aulaire, die damalige französische Botschafterin, empfohlen worden. Sie stammte aus gutem Hause und war eine äußerst sympathische Erscheinung. Eine große junge Dame mit durchsichtigem, rosigem Teint, rötlich-blonden Haaren und sanften blauen Augen. Sanft und ruhig war auch ihre liebe Art und Weise. Sie gewann, ohne im geringsten darum zu buhlen, das Wohlwollen aller Hausgenossen, sogar das unserer eifersüchtigen Pepinka. Reinste Freude bot uns der Umgang mit ihr; eine »leçon« war helle Unterhaltung. Nach kurzer Zeit konnten meine Schwester und ich Französisch reden und lesen. Im Herbste noch, noch in Zdißlawitz, war es mir plötzlich und fast mit Leichtigkeit gelungen, den Inhalt deutscher Bücher zu enträtseln. Die Unterrichtsstunde bei Papa hatte doch wunderbar rasch gute Früchte getragen, und so standen nun geöffnet vor mir die Pforten zweier Weltliteraturen. Aber nicht bloß Gelehrsamkeit galt es zu erwerben – auch mit »weiblichen Handarbeiten« sollte ich mich befassen: ich sollte stricken lernen. Warum mir das als eine Schmach erschien, ist mir heute noch unerklärlich. Ich wehrte mich heftig und lange, doch wurde mein Widerstand endlich besiegt. Der Abscheu, den ich vor der Strickkunst empfand, endete mit der Herstellung von Strumpfbändern für meine geliebte Mama. Sie waren das Mißratenste, was je auf diesem Gebiete geleistet worden; aber die größten Meisterwerke hätten nicht freudiger empfangen werden können als das klägliche Paar. Mit welcher Zärtlichkeit schloß mich Mama in ihre Arme und wischte mir die Tränen ab, die ich vergoß, indem ich ihr das Zeichen meiner Unterwerfung auf den Schoß legte! Das Weihnachtsfest war nahe, wir konnten die Tage bis zum 24. Dezember schon an den Fingern abzählen, als sich etwas begab, das uns in die größte Aufregung versetzte. Vor unsern Nasen gleichsam verschwanden unsere Puppen. Auf einmal waren alle fort. Eine vollständige Puppenauswanderung hatte stattgefunden. Das Bett, in das Fritzi gestern noch ihre älteste Tochter, die große Christine, schlafen gelegt hatte – leer. Die Angehörigen Christinens hinweggefegt, als ob sie nie dagewesen wären. Meine blonde Fanchette, die freilich von der Blondheit nur noch den Ruf besaß – denn eine geduldige Friseurin war ich nicht –, ebenfalls unauffindbar. Wir kramten vergeblich nach ihr in unsern Laden, durchforschten alle Schränke und Winkel. Wir liefen ins Kinderzimmer und klagten die armen kleinen Brüder des Raubes unserer Puppen an. Daß wir auch im vorigen Jahre kurze Zeit vor Weihnachten denselben Jammer erlebt und dann unter dem Christbaum ebenso viele Puppen, als wir vermißt hatten, mit glänzend lackierten Gesichtern, reichem Gelock und schön gekleidet sitzen sahen, fiel uns nicht ein. Oh, wir waren dumme Kinder! Ich glaube nicht, daß es heutzutage noch so dumme Kinder gibt. Pepinka, ärgerlich über die Nachgrabungen, die wir nun auch in dem von ihr beherrschten Reiche zu unternehmen begannen, ließ sich zu einem unvorsichtigen Worte hinreißen. »Geht, geht! sucht eure Puppen dort, wo sie sind.« »Weißt du, wo sie sind? ... Ja, ja, du weißt es! Wo sind sie?« Wir ließen nicht nach, gaben ihr keine Ruhe, bis sie endlich, um uns loszuwerden, sagte: »Die kleine Greislerin hat sie gestohlen. Grad ist sie mit der Christine über die Gasse gelaufen.« Gestohlen also! unsere Kinder gestohlen! durch die kleine Greislerin – oh, das leuchtete uns ein. Der konnte man alles Schlechte zutrauen. Ihre Mutter hatte einen Laden, gerade unter einem der Fenster des Kinderzimmers. Wir kauften dort die Glas- und Steinkugeln, mit denen wir eine Art Kriegsspiel spielten. Von der Mutter erhielten wir immer fünf Stück für einen Kreuzer, von der Tochter nur drei. Genügte das nicht, um uns ein Licht aufzustecken über das ganze Wesen dieser Person? Sie, natürlich, war die Puppenentführerin, sie lief herum mit der Christine, an ihr mußte Rache genommen werden. Es mußte! Ich war Feuer und Flamme dafür, und es gelang mir, meine Schwester davon zu überzeugen. Auch die sanfteste Mutter kann grausam werden, wenn es Kindesraub zu bestrafen gilt. Am liebsten würden wir die Missetäterin durchgeprügelt haben – woher aber die Gelegenheit dazu nehmen? Sie bei der Frau Greislerin verklagen? Ach, die tut ihr nichts, die fürchtet sich selbst vor ihr. Was also soll geschehen? Was für ein Gesicht soll unsere Rache haben? Ein schwarzes! machten wir endlich aus. Es war beschlossen, was der Diebin geschehen soll: Wir werden ihr Tinte auf den Kopf gießen. Pepi war ins Nebenzimmer zu den Kleinen gegangen und hatte die Tür geschlossen; wir glaubten unser nichtsnutziges Vorhaben ungestört ausführen zu können. Ich holte eilends das Fläschchen herbei, das unsern Tintenvorrat enthielt; wir schoben in das Fenster, unter dem der Greislerladen sich befand, einen Schemel und bestiegen ihn. Fritzi öffnete den inneren Fensterflügel und mit Mühe nur ein wenig den äußeren, und ich steckte den mit der Tintenflasche bewaffneten Arm durch den Spalt. Jetzt – hinunter mit dem Guß! Hinunter auf die Greislerin, die natürlich nichts Besseres zu tun hat, als dazustehen und ihm ihr schuldiges Haupt darzubieten. Die spanische Armada war einst nicht siegesgewisser ausgezogen als wir zu unserer Unternehmung – und ihr Schicksal teilten wir. Die Elemente erhoben sich wider uns. Es stürmte an dem Tage im Rotgäßchen wie anno 1588 auf dem Atlantischen Ozean, und noch dazu gab's ein Gestöber von weichem Schnee. Ein Windstoß entriß meiner Schwester den Fensterflügel und schlug ihn gleich darauf so schnell wieder zu, daß ich kaum Zeit hatte, meinen ausgestreckten Arm zurückzuziehen und das Tintenfläschchen vor dem Sturze zu retten. Sein Inhalt übersprühte die Glasscheibe, tropfte, mit Schnee und Regen vermischt, vom Fenstersimse herab, umhüllte meine Finger mit der Farbe der Trauer. Laut und lebendig gestaltete sich der Schluß des ganzen Abenteuers. Pepinka mußte etwas von unserm Treiben vernommen haben, denn plötzlich stürzte sie herbei. Ihr Antlitz glich dem rot aufgehenden Monde, ihre Haubenbänder flogen – ich weiß noch recht gut, daß sie eidottergelb waren. »Ihr Verdunnerten!« rief sie. »Jesus, Maria und Josef! Fenster aufreißen, mitten im Winter! Was fällt euch ein, ihr, ihr ...« Der Rest sei Schweigen. Mögen die Ehrentitel, mit denen sie uns ausstattete, der Vergessenheit anheimfallen. Sie bildeten eine relativ milde Einleitung zu den in prophetischem Tone ausgesprochenen Worten: »Ihr könnt euch freuen. Gleich wird die Polizei über euch kommen!« Da war mit einemmal alles erloschen, jeder Funke des Hasses gegen die Greislerin und bis aufs letzte Flämmchen unsere lodernde Racheglut. Nur noch einen heißen Wunsch hatten wir, nur mit einer Bitte bestürmten wir Pepinka: Nur die Polizei nicht hereinlassen! Nur der Polizei nicht erlauben, daß sie komme, uns »einzuführen«! Der Winter verrann, das Frühjahr war nahe; wir begrüßten die ersten wärmeren Tage mit Freude und hofften auf unsere baldige Abreise nach Zdißlawitz. Sehr angenehm und wie ein Gruß aus der Heimat mutete es uns an, als wir eines Morgens einen schönen Hannaken im blauen Mantel auf dem Gange stehen sahen. Er schien zu warten, und bald kam denn auch Papas Jäger, von dem er sich vermutlich hatte anmelden lassen, und holte ihn ab. Wir liefen eiligst ins Kinderzimmer, um dort zu verkünden, daß der Franz soeben einen Hannaken zu Papa geführt habe. Pepi empfing unsere Nachricht ohne Überraschung. Anischa saß auf einer Fußbank neben dem Tischchen, an dem unsere kleinen Brüder spielten, und hatte die Augen voll Tränen. Als wir auf sie zutraten, nahm sie unsere Hände und küßte sie mit innigster Zärtlichkeit; aber unsere Frage, warum sie geweint habe, wollte sie nicht beantworten. Pepi schaffte uns bald und auffallend gebieterisch fort. Auch war die Zeit zur Unterrichtsstunde da. Nachher wurde der gewohnte Spaziergang auf die Bastei unternommen, dann Toilette gemacht und Schlag vier Uhr zu Tisch gegangen. Am Nachmittag, als wir mit Mademoiselle Hélène »die Kleinen« besuchen kamen, was sahen wir? – Sophiederl auf dem Arme eines fremden Mädchens, das mit ihr herumtanzte, während Pepi mit den Buben Verstecken spielte. Das tat sie sonst nie, das war Anischas Amt. »Wo ist Anischa?« riefen meine Schwester und ich, von einer bösen Ahnung ergriffen. Pepi machte zuerst Ausflüchte, vertröstete uns, versicherte, Anischa sei nur für kurze Zeit weggegangen und würde bald wiederkommen. Wir brachten ihren Versicherungen den größten Unglauben entgegen. »Weggegangen?« – Anischa ging nie weg, ging nur am Sonntag in die Kirche, und heute war gar nicht Sonntag. Auf einmal durchblitzte es mich ... Wie pflegte Pepi, wenn sie ein wenig böse war, zu sagen? »Er kommt heute nicht.« Und wie pflegte Anischa zu antworten? – »Heute nicht und morgen nicht.« Jetzt aber, ganz gewiß, jetzt war »er« gekommen und hatte sie hinweggeführt; denn »er«, das war kein anderer als der Hannak, den wir am Morgen gesehen hatten. Gern war sie nicht mit ihm gegangen; sie hätte sonst nicht so arm und verweint auf dem Fußschemel gesessen bei den Brüdern, sie hätte uns nicht so inbrünstig die Hände geküßt ... Die Liebe! die Geliebte! Da hatte sie Abschied von uns genommen ... Und wir nicht von ihr ... warum hat man uns nicht Abschied nehmen lassen von ihr? Warum? fragte ich und wollte doch die Gründe nicht hören, die Pepinka dafür angab. Ich wollte auch nicht glauben, daß Anischa wiederkommen werde ... Belogen und betrogen fühlte ich mich. Nein, nein! sie würde nicht wiederkommen, nie! Der grausliche Hannak würde sie nie mehr hergeben. Entrüstet klagte ich ihn an und Pepi, die ihm Anischa überliefert hatte, und benahm mich recht wie ein Unband beim Einzug des ersten bitteren Schmerzes in mein Leben. Im Laufe des Sommers erkannte ich dann mit freudiger Beschämung, wie unrecht es von mir gewesen war, an einem Wiedersehen mit Anischa zu verzweifeln. Die schwer Entbehrte besuchte uns und brachte allerlei Eßwaren mit, die uns vortrefflich schmeckten. Sie lobte ihren Mann, ihren Sohn, ihre zwei braven Kühe und sah gut und zufrieden aus. Nur waren ihre Hände sehr abgearbeitet. Manches Jahr hindurch ist sie so gekommen zur Sommerszeit, und bis zu ihrem Tode bin ich mit ihr im Verkehr geblieben. Meinerseits im schriftlichen; ihre Antworten auf meine Briefe bestanden in einigen Zeilen, die sie dem Herrn Pfarrer diktierte. Sie setzte nur ein kleines, meist recht schiefes Kreuz darunter, denn schreiben konnte die vortreffliche Erzählerin nicht. Auf dem letzten Zettel, den ich von dem geistlichen Herrn bekommen habe, fehlte Anischas kleines Kreuz. Dafür stand ein anderes, ein größeres, auf einem Hügel des Friedhofs ihres Dorfes, und unter ihm ruhte die Getreue. Mademoiselle Hélène hatte kaum zwei Jahre bei uns zugebracht, als es auch von ihr scheiden hieß. Ihre Familie rief sie nach Frankreich zurück. Sie trennte sich nicht leicht von uns Kindern; am schwersten aber, wir konnten uns darüber nicht täuschen, trennte sie sich von Mama. Sie schien von einer großen Besorgnis erfüllt und bat dringend und wiederholt, ihr nur gewiß in einiger Zeit Nachricht geben zu lassen ... nur ganz gewiß! ... Mama versprach's, umarmte sie, und beide hatten feuchte Augen. Der Wagen war schon angemeldet worden, der Mademoiselle Hélène zum Postgebäude auf dem Alten Fleischmarkt bringen sollte. Von dort aus setzte sich die Diligence in Bewegung. Wöchentlich ein paarmal kam sie dick und gelb herbeigerasselt und fuhr über den Haarmarkt dahin, mit Reisenden besetzt, die sich auf dem Wege nach fremden, fernen Ländern befanden. Heute trug sie uns einen köstlichen Besitz davon. Fritzi und ich knieten auf Stühlen am offenen Fenster. Mama stand zwischen uns und hatte ihre Arme um uns gelegt. In höchster Spannung blickten wir auf die Straße hinab, und leise begann in mir die Hoffnung sich zu regen: Vielleicht kann Mademoiselle Hélène sich doch nicht entschließen, von uns fortzugehen ... Vielleicht kommt sie wieder zurück ... Nun rollte er heran, im Trabe zweier kräftiger Pferde, der breite, schwere Kasten, ein rosiges Gesicht neigte sich aus dem Schlage ... und wir hatten die letzten Grüße getauscht mit unserer guten Hélène Hallé. Als wir zurückkehrten in ihr verlassenes Zimmer, fiel eine große Traurigkeit uns aufs Herz. Die Möbel hatten ihre imposante Feierlichkeit für uns verloren, und wir meinten auch ihnen die Bekümmernis darüber anzusehen, daß sie der besten Mademoiselle nicht mehr dienen sollten. Auch die kleinen Brüder fragten betrübt nach ihr; von allen wurde sie schwer vermißt. Was wir an ihr verloren hatten, die uns den Gehorsam zur Freude, das Lernen zum Genuß, das Leben leicht und heiter gemacht hatte, das ermaßen wir aber erst völlig, nachdem ihre Nachfolgerin eingetroffen war. Grausamer für uns hätte ein Tausch kaum ausfallen können. Wer Mademoiselle Henriette unsern Eltern empfohlen hatte, wußten wir nicht, doch davon waren wir überzeugt: Beim Jüngsten Gericht wird er darüber zur Rechenschaft gezogen werden. In seinem Zorne hatte Gott Mademoiselle Henriette zur Gouvernante geschaffen. Sie war schön und jung; darin bestand die einzige Ähnlichkeit, die sie mit Hélène Hallé hatte. In allem übrigen war sie ihr Widerspiel. Äußerlich eine mittelgroße, schlanke Brünette, mächtiges Dunkel im Haar, Feuer in den Augen. Innerlich – ein Drache. Eine treue Anhängerin der Moral, die unsere Modernen erfunden zu haben glauben, eine Dienerin der Pflicht, »sich auszuleben«. Sehr unwillkürlich bildeten ihre Zöglinge dabei doch einige Hindernisse, und als solche hat sie uns herzlich gehaßt. Es regnete Strafen. Die ärgste diktierte sie mir, als ich einmal in offenen Aufruhr gegen sie geriet, weil sie statt les Autrichiens »les autres chiens« gesagt hatte. Hoch angerechnet soll übrigens der leidenschaftlichen Dame eines werden, und ihr zum Ruhme muß ich es besonders hervorheben: wohl hat sie uns hungern, hat uns bis zur Erschöpfung im Winkel stehen, viele Seiten aus Noël et Chapsal auswendig lernen lassen, von denen wir kein Wort verstanden – geschlagen hat sie uns nicht. Die Note fehlte in der Symphonie ihres Erziehungsprogramms. Trotzdem lernten wir durch sie aufs gründlichste erfahren, wie tief unglücklich Kinder sein können, die sich wehrlos einer böswilligen Macht überantwortet fühlen. Wir würden nicht lange unter den Launen der Tyrannin gelitten haben, wenn Mama sich damals um uns hätte kümmern können. Aber sie konnte nicht, sie war krank und unsere Trennung von ihr durch mehrere Wochen eine vollständige. Im Vorfrühling gab sie einem Kindlein das Leben, das sich sehr beeilte, auf alle Vorteile dieses Geschenks zu verzichten. Es brauchte keine Wiege, nur einen Sarg. Einige Wochen verflossen, und endlich durften wir zwei Großen zuerst, die drei Kleinen nach uns die arme, kranke Mama wieder besuchen und täglich ein bißchen länger, wenn auch nicht stundenlang wie sonst, bei ihr bleiben. Und einmal wurde mir eine große, unaussprechlich große Freude zuteil. Mamas treue Pflegerin, Tante Helene, die Schwester unseres Vaters, brachte eine wundervolle Nachricht: Doktor Wierer hatte der Mama erlaubt auszufahren, und sie ließ sagen, daß ich, ich, die Marie, sie begleiten werde. Das war mir ein Glück, vom Himmel gefallen, das war mir die pure Seligkeit. Mich wollte sie mitnehmen bei ihrer ersten Ausfahrt, keines von meinen Geschwistern, nur mich, mich allein! So hat sie mich denn, machte ich sofort aus, am liebsten von uns allen. Günstlingsgefühle erfüllten mich. Daß Fritzi erstaunt und betrübt dreinsah, daß die Brüder schrien: »Auch ausfahren mit der Mama!« ließ mich ganz gleichgültig. Mochten sie nur spazierengehen auf der Bastei, ich fuhr mit Mama, denn ich – ich war ihr Liebling. Oh, sehr oft war es mir schon so vorgekommen. Jetzt wußte ich's. Wir fuhren zum Belvedere. Papa hatte die noch schwache Rekonvaleszentin über die Stiege getragen und in den Wagen gehoben; er war unter der Einfahrt stehengeblieben, als der Schlag geschlossen worden, und hatte mir lächelnd zugerufen: »Achtgeben auf die Mama!« Im Garten des Belvederes machte sie nur einige Schritte bis zur ersten Bank des großen Parterres und blieb dort sitzen und sprach nicht. Ich lief vor ihr hin und her, ich ahmte, entschlossen, sie zu zerstreuen, das Summen und Brummen der Mücken und der Fliegen nach, ich setzte mich zu ihr und schwatzte ihr allerlei vor und besaß doch sonst das Geheimnis, sie lachen zu machen. Heute versagten alle meine Unterhaltungskünste. Wohl nickte sie mir liebreich zu, blieb aber schweigsam und traurig, schlug den pelzverbrämten Mantel fester um ihre schmale Gestalt und fröstelte, obwohl die Sonne, die im Scheitel stand, so glühende Strahlen niedersandte, daß die Blumen ihre Köpfchen verdrießlich neigten und das junge Gras förmlich versengt aussah. Am Abend, als wir durch das Kinder- in unser Schlafzimmer gingen, fanden wir dort Tante Helene im Gespräch mit Pepi, beide sehr aufgeregt. Pepi perorierte in ihrer heftigen Weise: »Ich hab's ja gesagt ... Ausfahren lassen ... Jetzt schon ausfahren! Gleich umbringen wäre gescheiter.« Sie schimpfte über Doktor Wierer, und als wir wissen wollten, was denn geschehen sei, bestand ihre Antwort in einem neuen heftigen Ausfall gegen den Arzt. Und nun war's, wie es schon wochenlang gewesen: Mama war wieder krank. Der Eingang, durch den man aus dem Gouvernantendepartement zu ihr gelangte, blieb wieder verschlossen, das Speisezimmer blieb wieder unbenutzt. Es stieß an ihr Schlafgemach und befand sich wie dieses an der Vorderseite des Hauses. Ebenso der Salon und die Wohnung Papas. Wenn unser Drache am Morgen Billette schrieb auf rosenfarbigem Papier, mit einem Blümchen in der Ecke, schlichen meine Schwester und ich uns davon, leise und gebückt über den Gang an den Fenstern Mademoiselles vorbei und weiter ans Ziel unserer Wünsche, in die Nähe Mamas, ins Speisezimmer. Auf zweien der Stühle, die dort in langer Reihe an der Wand links vom Eingang standen, nahmen wir Platz und – warteten. Worauf? Nun, daß Mama uns rufen lasse. Sie würde uns doch gewiß einmal rufen lassen, und da wollten wir gleich bei der Hand sein. Wir saßen ganz still und rührten uns nicht, aus Furcht, weggeschickt zu werden. Manchmal ging Papa an uns vorbei mit unhörbaren Schritten und mit gesenktem Haupte. Er öffnete vorsichtig die Tür des Krankenzimmers und trat auf ein Zeichen, das ihm von dort gegeben wurde, ein oder kehrte wieder zurück in seine Gemächer, ebenso lautlos, wie er gekommen war. Oder er trat an ein Fenster, lehnte die Stirn an die Scheiben und blieb so stehen, lang, lang, endlos schien es uns. Regelmäßig zur selben Morgenstunde kam Doktor Wierer, den Pepi von jeher angefeindet hatte und den auch wir nicht liebten, weil er uns beim geringsten Unwohlsein auf schmale Kost setzte, auf »einen Spinat und eine Ponade«. Unsere Großmutter Vockel war auch täglich da und holte Erkundigungen nach der Kranken ein. Und »Grandmaman« Bartenstein, Mamas Mutter! – Wenn sie erschien, brachte sie Trost und Zuversicht. Sie sprach nie eine Besorgnis, immer eine Hoffnung aus. Immer lag der Widerschein heldenmütig bewahrten Seelenfriedens auf ihrem durchsichtig blassen Gesichte, dem das ihrer Tochter so ähnlich war. Immer schritt sie gerade aufgerichtet, schmal wie eine Gerte, in ihrer tiefen Witwentrauer dahin, und keiner vermochte wahrzunehmen, welch eine schwere Sorgenlast auf ihren zarten Schultern ruhte. Voll Angst, weggeschickt zu werden, lehnten wir uns zurück auf unsern Stühlen, sooft jemand eintrat, mucksten nicht und spielten uns auf die Unsichtbaren hinaus. Wenn aber eine unserer Großmütter kam, standen wir auf und küßten ihre Hände. Sie würden uns nicht fortwinken, diese lieben, alten Hände, das wußten wir. Auch die gute Tante Helene hatte nichts gegen unser Dableiben einzuwenden; sie brachte uns manchmal sogar einen Gruß von Mama. Eines unvergeßlichen Tages kam sie aus dem Krankenzimmer sorgenvoller und bekümmerter denn je. Mama sandte meiner Schwester eine zärtliche Umarmung, und mich – es kam merkwürdig zögernd heraus –, mich ließ sie zu sich rufen. Ich jauchzte auf, ich wollte zu ihr stürzen. Die Tante hielt mich an beiden Schultern fest. Merkwürdig ernst und fast feierlich sprach sie zu mir. Sie stellte mir vor, daß Mama das Fieber habe und sich infolgedessen manches einbilde, das gar nicht sei. So bilde zum Beispiel die arme Mama sich jetzt ein, daß ich ein großes Unrecht begangen habe. Dafür wolle sie mir einen Verweis erteilen, und was sie wolle, müsse geschehen; sie dürfte um keinen Preis durch einen Widerspruch aufgeregt werden. Der Doktor habe es strengstens verboten. Und so müsse ich, weil sie durchaus darauf bestand, zu ihr kommen, müsse die Vorwürfe, die sie mir machen würde, schweigend anhören, um Verzeihung bitten und dann sogleich fortgehen. Dringend legte mir die Tante das alles ans Herz, und ich versprach gern, es zu tun. Ach, unsagbar gern! Was lag mir daran, von Mama ausgezankt zu werden, wenn ich sie nur wiedersehen durfte! Zitternd vor Glückseligkeit betrat ich ihr Zimmer und wollte auf sie zueilen. Da streckte sie den Arm abwehrend aus. Sie lag auf dem Ruhebette, in einen Schal gehüllt, eine Decke über den Knien. Ihr Kopf war in die Kissen zurückgelehnt, und mit Schrecken sah ich, daß ihr schönes, ihr geliebtes Gesicht ganz klein und auch seltsam verändert, fast fremd geworden war. Ihre weichen braunen Haare, die sich sonst in weichen Locken an die Schläfen schmiegten und die Wangen umspielten, waren glatt gescheitelt und von einer kleinen, weißen Haube bedeckt. Am ungewohntesten aber war der Ausdruck der Augen, die mich mit unruhig gequälten Blicken ansahen. Sie sprach mühsam, mit klangloser Stimme, und – klagte mich einer Lüge an. Einer Lüge, des, wie man uns immer sagte, Schimpflichsten? ... Das war ja gar nicht möglich, das war ein grausamer Scherz, und wenn mir nicht ein Schluchzen die Kehle zugeschnürt hätte – ich hätte gelacht. Ein Wort stieß ich heraus, oder vielmehr, es kam von selbst, es drängte sich auf meine Lippen: »Mama!« und obwohl Tante Helene, die hinter das Ruhebett getreten war, mir Zeichen machte zu schweigen, wiederholte ich doch immer: »Mama«, als wäre sie es nicht, neben der ich da stand, als müsse ich sie herbeirufen können. Mich zu verteidigen fiel mir nicht ein; ich dachte nicht einmal daran, daß mir unrecht geschah. Ich fühlte einen dumpfen Schmerz, eine grenzenlose Betroffenheit und hatte zugleich die Empfindung: Es muß ausgehalten werden, es geht vorbei. Auf einmal wird meine Mama mich in ihre Arme nehmen, und alles wird gut sein. Immer wieder rief ich sie an, mit dem einen angstvoll ausgestoßenen Worte. Sie wollte nicht hören, sie wies mich zurück, sooft ich nähertrat und ihre Hand zu fassen suchte. Ohne Erbarmen wurde ich zuletzt fortgeschickt. Ich bin damals im siebenten Jahre gewesen und bin heute im fünfundsiebzigsten. Wenn aber die Erinnerung an jene Stunde lebhaft vor mir aufsteigt, erwacht noch ein Reflex der Qual, die damals mein Kinderherz zerriß. Damals, als ich, nach der Ausweisung aus dem Zimmer Mamas, mich nicht entschließen konnte, seine Schwelle zu verlassen, nicht zu rufen, nicht zu pochen wagte, nur den Mund an den Türspalt preßte, an dem meine Tränen herunterliefen, und hineinhauchte, leise und jammervoll: »Verzeih! Verzeih!« Dieses Wiedersehen mit meiner viel-, vielgeliebten Mama blieb das letzte. Von Tag zu Tag stiegen die Besorgnisse um sie. Der furchtbare Ausspruch: »Keine Hoffnung mehr!« wurde getan, und eines Morgens kamen Großmama Vockel und Tante Helena verweint und übernächtigt zu uns und brachten die Trauerbotschaft. In der Nacht, während wir schliefen, hatte Mama uns für immer verlassen ... Für immer? – das ließ sich nicht begreifen. Wie hatte sie uns für immer verlassen können, die uns so liebgehabt? Unser Vater ließ sagen, daß er uns sehen wolle, und wir gingen zu ihm. Im Speisezimmer trafen wir »Grandmaman« Bartenstein. Sie trat aus dem Gemach ihrer entschlafenen Tochter uns entgegen. Wir blieben stehen. Ich erinnere mich der fast scheuen Ehrfurcht, die mich bei ihrem Anblick ergriff. Auf den Mienen meiner Geschwister malte sich, bewußt und unbewußt, dasselbe Gefühl. Es lag in dem Augenblick etwas Überirdisches in der Erscheinung dieser Frau. Ein so großartiges Bild der Resignation hat sich mir nie wieder dargeboten. Man sagte uns, sie sei am Morgen gekommen, einige Stunden, nachdem sie die Meldung vom Tode Mamas erhalten hatte. Sie sei niedergekniet am Bette und habe gebetet, das Gesicht in den Händen, lautlos, tränenlos. Kein Beben durchlief ihre Glieder, kein Schluchzen hob ihre Brust, aber allen Anwesenden war, als wohnten sie einer feierlich ergreifenden Andachtsübung bei. Endlich hatte sie sich erhoben, hatte einen langen Kuß auf die Stirn der Toten gedrückt und war hinweggeschritten, aufrecht wie immer. Jener fernen Vergangenheit mußte ich gedenken, als diese stille Heldin vor nun auch schon vierzig Jahren nach Zdißlawitz kam zur Hochzeit ihrer Enkelin, unsrer Sophie. Da besuchte sie zum erstenmal das Grab ihrer Tochter. »Laßt mich dort allein!« sprach sie mit einer Bestimmtheit, der niemand entgegenzutreten wagte. Nicht einmal auf dem Wege zur Gruft wollte sie begleitet sein. – Unser Vater hemmte nicht den Ausbruch seines Schmerzes. Der starke Mann war völlig gebrochen, seine Stimme versagte, als er mit uns sprechen wollte, und er weinte mit seinen Kindern wie ein Kind. Wir aber – wie bald stellte sich die Reaktion ein gegen alle die dunkeln und herzzerreißenden Eindrücke, die wir an diesem Tage empfangen hatten! – Wir spielten am Abend ganz vergnügt in den Zimmern der Kleinen. Plötzlich entsann ich mich dessen, was geschehen war, und sagte zu meiner Schwester: »Jetzt ist diese beste Mama gestorben, wir werden sie nie wiedersehen – warum sind wir denn nicht traurig?« »Warte nur«, erwiderte sie, »wenn erst die schwarzen Kleider kommen, dann werden wir schon traurig sein.« So spät wie noch nie traten wir die Reise nach Zdißlawitz an. Sie nimmt heute sechs Stunden in Anspruch; damals dauerte sie anderthalb, und wenn das Wetter schlecht war, zwei Tage. Im Reisewagen, uns gegenüber, auf dem Platze, den sonst Mama an der Seite unseres Vaters eingenommen hatte, saß Tante Helene. Schwermütiger Ernst an der Stelle erquickender Heiterkeit. Die traurige Jugend, die sie durchkämpft und durchduldet hatte in Mühsal und Leid, warf einen Schatten über ihr ganzes Leben. Es war kein geringes Opfer, das sie ihrem Bruder brachte, als sie sich entschloß, die Leitung seines Hauses und der Erziehung seiner Kinder zu übernehmen. Sie gab damit ihre Unabhängigkeit auf und den Frieden ihres kleinen, mit kunstvoller Sorgfalt geführten Haushalts, um an die Spitze eines großen zu treten, in dem die verschiedensten Elemente sich geltend machen wollten und dessen Herr ein unglücklicher, schwerlebiger Mann war. Als ein langes Fest war uns sonst die Reise erschienen, und die Vorbereitungen zu ihr schon so angenehm. Das Einpacken, besonders das der Unterrichtsgegenstände, die immer zuerst in den Koffern verschwanden, welch ein Genuß! Und die Fahrt selbst, das Rollen über die Landstraße, an den Pappelbäumen vorbei, durch Ortschaften und Dörfer. Das Wechseln der Pferde auf den Poststationen, das lustige Trompetengeschmetter, mit dem die Postillone uns gern ergötzten, denn sie wußten: »fürs Blasen« gibt's ein Extra-Trinkgeld. Zuletzt dann, die Krone des Ganzen, die Ankunft in Zdißlawitz. War das ein Drängen im Schloßhof, wenn unsere Wagen hereinfuhren! War das ein Willkommenrufen und Versichern, man hätte die Stunde, die uns wiederbringen sollte, kaum erwarten können! Nicht minder herzlichen Willkomm als die Menschen bot die traute heimische Natur, boten die Felder, die Wiesen, die blütenüberschneiten Bäume am Rande der Wege und im Garten jeder Halm und jeder Strauch. Kein schöneres Wiedersehen aber als das mit unserer Lindenallee, unserem liebsten Spielplatz an heißen Sommertagen – o wie herzlich habe ich oft gewünscht, ein Riese zu sein mit ungeheuern Armen, um alle diese Wipfel umfassen und an mein Herz drücken zu können! Nicht heiter wie sonst gestaltete sich nach dem Tode Mamas unsere Ankunft auf dem Lande. Nur ernste Mienen, nur Kundgebungen der Teilnahme empfingen uns. Unser erster Weg führte in die Gruft, wo eine Nische mehr zugemauert worden war. Wir kannten diese Stätte des Friedens gar gut. Sie lag jenseits der Straße in einem schattigen Parke, den wir Kinder täglich besuchten. Meine Schwester und ich traten oft in den stillen, kühlen Raum, um dort andächtig unserer Toten zu gedenken. Nun kamen auch die »Kleinen« mit uns, und wir beteten zusammen, denn neben unserer Unbekannten-wohlbekannten Mutter schlief jetzt auch die ihre: unser aller vielgeliebte Mama. Unsere Unterrichtsstunden beim Herrn Verwalter wurden nicht wieder aufgenommen. Meine Schwester und ich waren nun des Lesens und – wie man so sagt – des Schreibens kundig. Auch einige Begriffe vom Rechnen und von der Geographie hatte im Laufe des Winters ein mit Geduld reichlich ausgestatteter Lehrer uns in Wien beigebracht. Mademoiselle Henriette gewährte sich und ihren Schülerinnen spärliche Einblicke in die Geheimnisse der französischen Grammatik und gab uns täglich eine Anzahl Verse und eine halbe Seite Prosa zum Auswendiglernen auf. Die Grammatik hätte unsertwegen ihre Geheimnisse für sich behalten können. Das allmähliche Auswendiglernen einer Anthologie, die Fabeln von Lafontaine und viele hübsche Gedichte enthielt, machte uns Vergnügen. Eine sprudelnde Quelle des Glückes aber wurde mir die Histoire universelle von Louis Richard dit Bressel. Es gibt nicht viele Menschen, deren Umgang mich erfreut und bereichert hat wie mein Umgang mit diesem Buche. Dickleibig, großoktav, eng bedruckt auf dünnem Papier, in blau und grün marmoriertem Pappendeckel – so präsentierte es sich. Aber welchen Schatz barg das Innere dieser schlichten Erscheinung: eine Wünschelrute, die mich auf einen Wink in Sagenwelten versetzte, in dunkle, in sonnighelle, die ältesten Zeiten in rätselhafter Ferne vor mir auftauchen, mich die alten miterleben ließ. Bis zum Untergang des römischen Kaiserreichs führte sie, und ich folgte ihr, ob leidend, schmerz- und haßerfüllt, ob in jubelnder Bewunderung – immer voll brennender Spannung. Es gab eine Zeit, da konnte man das Werk meines Historikers wo immer aufschlagen, mir einen Satz vorlesen und mich auffordern, weiter fortzufahren, ich versagte nicht. Und bis heute ist so manche Stelle dieses lieben Buches meinem Gedächtnis eingeprägt geblieben. Felsenfest stand meine Freundschaft mit dem biederen Bressel, als ein Wundermann sich unserem Bunde anschloß. Er hieß Perrault. Nach der Sage und der Geschichte fand eine neue Bereicherung meines Daseins, das holde Märchen, sich ein. Und auch dieses reizumflossene Wesen ließ allen seinen Schimmer und all seine Pracht einem ärmlichen Schreine entsteigen. Die jetzigen Kinder denken's nicht, wie kümmerlich die Hüllen gewesen sind, in denen unsere größten Reichtumsspender sich uns darstellten. Perraults Märchenhort, von Madame Foa für kindliche Leser eingerichtet, bildete den Inhalt von einigen unscheinbaren gelben Bändchen. Hie und da erschien im Texte ein schwarzer Fleck, und wenn man recht aufmerksam hinsah, ließen Konturen sich erblicken. Ein Kopf kam zum Vorschein, eine Gestalt, die man als zu ihm gehörend vermuten durfte, und – o welches Entzücken, wenn man in ihr einen winzigen, aber ganzen Prinzen Percinet entdeckte! Ein paar Seiten weiter, und da stand eine Dame im Schleppkleid, hatte die Form einer Stangenbohne und statt des Gesichts einen Patzen Druckerschwärze, war aber in unseren Augen die Prinzessin mit den goldenen Haaren und schön wie das Morgenrot. Ja, damals war er noch ein ganz junges Bübchen, saß auf dem Schoße seiner Mutter, und sie erzählte ihm die Märchen, die er später versinnbildlichen sollte mit seinem begnadeten Griffel, der Genius Gustave Doré. Wir hatten ihn noch nicht zum Führer und Lenker. In vollster Freiheit waltete unsere Phantasie und wurde da schöpferisch, wo sie heute nur eine Nachempfinderin zu sein braucht. Meine Illustrationen zu Bressel und Perrault malte ich mir selbst in die Lüfte. Es waren schöne Stunden der Kunstbetätigung, und sie schlugen mir in der Zeit, die ich an Sonn- und Feiertagen bei meiner Großmutter nach ihrer Rückkehr aus der Kirche zubrachte. Die Fenster ihres Zimmers sahen links auf den Gruftgarten und rechts über die Felder und die Wiesen. Weit gedehnt auf hügeligem Boden, senkten und hoben sie sich wie mit müdem, sachtem Schwünge der fernen Bergkette zu, aus der, nur bei ganz klarem Himmel wahrnehmbar, der Hostein majestätisch emporragt. In der Vertiefung des einen Fensters stand auf zarten geschwungenen Beinen der Arbeitstisch unserer Großmutter und davor ihr Stühlchen, eine ganz eigentümliche Sitzgelegenheit mit niedrigen Seitenlehnen und ohne Rückenlehne. Über dem Arbeitstische hing das Bild der verstorbenen Levrette. Als sie noch ein schmales Hündlein gewesen war, hatte sie ihren Ruheplatz auf dem Stühlchen hinter ihrer Herrin erhalten und das Recht, sich dort breitzumachen, im Sinne des Wortes rücksichtslos ausgeübt. Sie betätigte ihre Ausdehnungskraft zuletzt derart, daß unsere arme Großmutter sich dos-à-dos mit ihr nur noch halb im Schwebesitz behaupten konnte. Jetzt hatte Dame Levrette das Irdische längst gesegnet und saß, in Öl »auf Leinwand verewigt«, ihrer ehemaligen Lagerstelle gegenüber. Immer fleißig, häkelte und strickte die Großmutter schöne Bettdecken, feine Strümpfe für uns, warme, dauerhafte Kleidungsstücke für die Armen im Dorfe. An Sonn- und Feiertagen arbeitete sie nicht. Da holte sie einen Band der Stunden der Andacht von Zschokke aus dem Schranke und vertiefte sich in dieses Lebenswerk des schweizerischen Schulmannes und Dichters. Es stammte von unserem Großvater, der Protestant gewesen war, und seine gut katholische Witwe erbaute sich daran. Während sie ihre sonntägliche Feier abhielt, war ich abgereist nach dem Land der Träume. In der Ecke neben dem zweiten Fenster befand sich ein großer Fauteuil. Vor ihn stellte ich zwei fausthohe Pferdchen aus Pappe, türmte alle Polster des Diwans auf ihn, erklomm den hohen Sitz, und nun – leb wohl, Vaterhaus, leb wohl, Heimat! Meine Pferde werden lebendig, ihnen wachsen schimmernde, rauschende Flügel, der alte Fauteuil wird eine goldene Muschel mit weißen weichen Seidenkissen und breiten Schleiersegeln, und ich fliege schneller als die schnellste Schwalbe über die Berge und über ein weites Meer in mein himmlisch lichtes Märchenland. Von den Abenteuern, die ich dort bestand, von den Wundertaten, die ich dort ausführte, habe ich viele Jahre später – es ist nun auch schon lange her – einem kleinen Neffen erzählt, von mir dabei in der dritten Person. So stark sein Glaube auch war – daß die kleine, alte Tante selbst die Heldin all der Märchenromane gewesen, bei denen ihn oft gruselte, hätte er vielleicht doch bezweifelt. Manchmal, wenn es besonders lang still geblieben war in meiner Ecke, wandte die Großmutter sich nach mir um und fragte: »Bist du noch da? Was tust du?« Scheinbar tat ich nichts. In Wirklichkeit hatte ich eben einen Drachen getötet oder die greuliche Stiefmutter Grognon in ein Faß voll giftiger Schlangen geschleudert. Der Sommer und der Herbst vergingen. Wir fuhren wieder nach Wien, und dort wurden zwei neue Lehrkräfte für uns bestellt. Ihre Aufgabe war, bei meiner Schwester und mir Talente auszubilden, von denen ich keines besaß. Während Fritzi bald zu den besten Schülerinnen des Tanzmeisters Monsieur Minetti gehörte, erlebte er keine Freude an mir. Jaleo de Xeres! du Kind des stolzen Spaniens, welch ein Schmerzenskind warst du für mich! Deine Posen und Pas studierten wir ein beim Geklapper unserer Kastagnetten und bei den Mißklängen der Gitarre, die am Halse Herrn Minettis an einem Bande hing, das einst himmelblau gewesen war. Am 24. Februar, dem Geburtstage Papas, sollten wir ihn und eine kleine gebetene Gesellschaft mit der Aufführung des iberischen Tanzes ergötzen. Aber schon im Jänner raufte Minetti seine grauen Lockenhaare und bombardierte den Plafond mit grimmigen Blicken. Ein Fiasko prophezeite er mir und sich statt eines »Divertissements«, das wir darbieten sollten. Dabei fuhr er mit dem breiten Daumen so wild über die Saiten seines armen Klimperkastens, daß er dröhnte. Manchmal stampfte er auch mit dem Fuße, doch nicht ohne Zierlichkeit. Nur der Mühe, die meine Schwester sich mit mir gab, nur der unerschöpflichen Geduld, mit der sie mich anhielt, den unseligen Jaleo immer von neuem mit ihr einzuüben, dankte ich den kleinen Erfolg, den ich schließlich im Schatten ihres großen Erfolges errang. Indessen – meine Leiden beim Tanzunterricht zählten nicht im Vergleich zu denen bei den Klavierstunden, die eine Frau Krähmer uns erteilte. Eine strenge Lehrerin und nicht bloß gegen mich, die musikalisch völlig Unbegabte, sondern auch gegen meine Schwester, die, talentvoll und fleißig, eine freundliche Behandlung verdient hätte. Doch erlitten auch ihre Finger harte Zurechtweisungen mittels eines Stabes aus Elfenbein, den Frau Krähmer immer bei sich führte und meisterhaft zu gebrauchen verstand. Seine Aufgabe war, die Noten anzuzeigen, auf die man eben seine Aufmerksamkeit zu richten hatte, aber er trieb mit Eifer eine Nebenbeschäftigung. Er sauste mit einer Sicherheit, die nie verfehlte, und einer Kraft, die nie versagte, auf den Finger nieder, der sich einer Abirrung von der richtigen Taste schuldig machte. Er traf den Knöchel so hart, daß es klapperte, und flog gleich wieder zu den Noten empor, und die hätte man genau unterscheiden sollen, wenn einem die Augen in Tränen schwammen? Einen Einwand zu erheben, wagten wir nicht; dazu war Frau Krähmer viel zu imposant. Nur eine der anderen vertrauten wir an, daß wir doch recht arme Kinder wären mit einem Drachen als Gouvernante und einer mitleidslosen Klaviermeisterin. Ganz regelmäßig schloß mein Morgengebet mit dem dringenden Flehen: »Lieber Gott, mache, daß Frau Krähmer heute nicht kommt!« Daran fügte ich ein Direktiv für unseren lieben Herrgott. Nicht etwa weil ein Unglück sie getroffen hat, weil sie vielleicht auf der Straße überfahren worden ist. Nein, nichts Böses soll ihr geschehen sein, im Gegenteil, etwas sehr Angenehmes, aber nur etwas, das sie abhält, heute zu kommen. Wie ein richtiger Bettler sorgte ich nicht über das Heute hinaus. Mein Gebet wurde nie erhört. Jeden Morgen mit dem Glockenschlag der zehnten Stunde sahen wir von unserem Fenster aus die Gefürchtete pflichttreu und pünktlich auf den Gang treten. Sie trug einen großen schwarzen Hut mit weit ausladendem Schirm, der unter dem Kinn festgebunden war und den sie nie ablegte. Ihr edles, schmales Gesicht sah aus seinem Hintergrunde hervor wie aus der Tiefe einer sehr schattigen Laube. Auch von ihren unförmlich großen und dicken grauen Handschuhen trennte sie sich nicht. Nur den dunkeln Tuchmantel, der mehrere Kragen hatte, wie zu jener Zeit die Mäntel der Fiakerkutscher, zog sie aus. Seltsam war's, wenn sich aus dieser weitläufigen Umhüllung eine mittelgroße, feine Gestalt herausschälte, der man die Kraft nicht zugetraut hätte, eine so schwere Last zu schleppen. Mit augendienerischer Beflissenheit suchten wir uns dabei unserer Lehrerin nützlich zu machen. Dann nahm eine von uns beiden Platz am Klavier, die andere setzte sich ans Fenster, faltete ein Blatt ihres Grammaireheftes vierfach zusammen und trug in die so hergestellten Abteilungen die Conjugaison eines Verbes gedankenlos und mechanisch ein. Beim Fortgehen ermahnte uns Frau Krähmer, fleißig zu üben, und trabte fort auf Stiefeln, in ihrer Art ebenso wuchtig wie der Mantel. Mademoiselle spöttelte ihr nach, sie trage die Kleider ihres verstorbenen Gatten zum Andenken an ihn. Dieser unwürdigen Zuhörerin hatte sie erzählt, daß ihr Mann ein ausgezeichneter Musiker gewesen, vom Unglück aber immer verfolgt worden war. Seine Familie blieb, als er starb, in Armut zurück. Seitdem erwarb die Mutter das tägliche Brot für sich und für ihre fünf Kinder. Um auch nur zu ahnen, was das heißt, waren wir nicht gescheit genug. Zwei ihrer Söhne wollten auch Musiker werden. »Der ältere ist ein Genie«, sagt Madame Krähmer, »und wird ein großer Künstler und sehr berühmt und reich werden.« Bis dahin muß sie aber »courir le cachet« und Unterricht geben im Klavier, das noch dazu gar nicht »son instrument« ist. Ihre Meisterschaft übt sie aus auf der – man denke! –, auf der Klarinette! Mademoiselle fand kein Ende mit Witzeleien über diese Klarinette. Es war ja doch »le comble du ridicule«, daß eine Frau sich's einfallen ließ, anders als zum Spaße mit gespitzten Lippen in ein hölzernes Rohr hineinzublasen. Wirklich, einer solchen Geschmacklosigkeit war nur eine Deutsche fähig! Wir in unserer Abneigung gegen Frau Krähmer gingen gern auf diese Scherze ein und freuten uns wie auf eine große Ergötzlichkeit, als Großmama uns eines Tages ankündigte: »Frau Krähmer gibt ein Konzert im Musikvereinssaale, und ihr dürft mich dahin begleiten.« Viel zu früh kamen wir; unsere Ungeduld hatte sich nicht bändigen lassen. Fast noch leer gähnte der Saal uns an, als wir eintraten, und füllte sich nur langsam. Kleine Füße kamen angetrippelt; die Schüler und Schülerinnen der Konzertgeberin erschienen unter der Obhut ihrer Eltern oder des Erziehungspersonales. Ehrenplätze nahmen einige ältere Herren ein, die von vielen jungen Männern und jungen Fräulein respektvoll begrüßt wurden. »Das sind die Professoren«, sagte die Großmama. Du lieber Gott, wenn man vor so einem spielen sollte! Von den Darbietungen derer, die bei diesem Konzerte aus Gefälligkeit mitgewirkt haben, weiß ich nichts mehr. Aber vor mir schwebt deutlich, unvergeßlich ein ergreifendes Bild: Frau Krähmer zwischen ihren beiden Söhnen. Der jüngere, ein Jüngling von etwa fünfzehn Jahren, handhabte seine Viola mit Ruhe und erstaunlicher Sicherheit, stillvergnügt in der Ausübung seiner Kunst. Der ältere, der Violinspieler, war hoch aufgeschossen, hager und hatte auffallend rote Flecke auf den Wangen. Er wandte die leuchtenden dunkeln Augen nicht von seiner Mutter. Fragend, erratend ruhten sie auf ihr, und aus ihnen sprach Vergötterung. Ja, ich habe das gesehen! – oder vielmehr damals nur geahnt. Die größte Zärtlichkeit, die ein Menschenherz empfinden kann, die hervorgeht halb aus Begeisterung, halb aus Erbarmen, leuchtete aus diesem Sohnesblick. Und sie, seine Mutter ... Schüchtern fast war die gefürchtete Meisterin vor ihre Schüler getreten und stand da, eng umschlossen von einem schwarzen Seidenkleide, das in spärlichen Falten an ihr niederhing. O gewiß! wenn Kleider sprechen könnten, das ihre hätte gesagt: Was zerrt ihr mich aus meiner Dunkelheit ans Tageslicht, das zum Verräter wird an meinem Gebrechen? Eine ähnliche Sprache hätte wohl das kleine Spitzentuch geführt, das über der Brust Frau Krähmers gekreuzt war. Auf dem Kopf trug sie eine weiße unter dem Kinn gebundene Haube, und jetzt sah man erst, wie schön braun ihre glatt gescheitelten Haare noch waren und wie rein das Oval ihrer Wangen sich erhalten hatte. Und ihre Hände, die wir heute zum erstenmal ohne Hülle erblickten, mußte man bewundern. Schlanke Hände mit seelenvollen Fingern. Ihre Spitzen berührten abwechselnd eine oder die andere der blanken Klappen des Instruments, aus dem die Meisterin wie mit leisen Küssen liebliche Töne hervorlockte. Heitere Melodien erklangen; manchmal glaubte man das silberne Lachen eines Kindes zu hören. Es hob sich hell ab von dämmeriger Begleitung. Die Stimmen der Viola und der Violine schmiegten sich ihr an, trugen sie, blieben immer voll Hingebung dienend und Untertan, ob ihr tiefernster Gesang in breitem Strome flutete und brauste, ob er kristallklar dahinglitt mit seidiger Geschmeidigkeit. Es war traumhaft schön. Man konnte eine Landschaft vor sich hinzaubern unter grauem Himmel mit weitem Ausblick in die Ferne; alle Umrisse unbestimmt, die Farben ineinander verschmolzen. Aber verborgen in den Zweigen eines Baumes hatte sich ein Vogel – der sang. Sang Licht und Duft und Farbe in die graue Landschaft hinein... O du gebenedeites Kehlchen! Gebenedeit vor allem, die uns von seinen Wundertönen träumen läßt – die Klarinette Frau Krähmers. Mit fanatischer Bewunderung sah ich zu der genialen Künstlerin im dürftigen Gewand empor, mit derselben Empfindung, meine ich, mit der ihr Sohn sie ansah. Auch in meine Bewunderung mischte sich ein namenloses Mitgefühl. Ich bin ja damals nur ein unwissendes Kind gewesen, aber davon hatte ich gehört: Todesrosen nennt man die roten Flecke, die auf den eingefallenen Wangen junger, hagerer Menschen brennen. Sah die Mutter die Rosen auf den Wangen ihres Lieblings, ihrer Hoffnung, ihres Stolzes, nicht? Beim Nachhausekommen wurden wir von Fräulein Henriette mit Gespöttel über den Genuß, den wir gehabt hatten, empfangen. Sie schrieb unsere Versicherungen, daß es herrlich gewesen sei, einem esprit de contradiction zu, den sie versprach uns auszutreiben. Meine Schwester schwieg und bat auch mich zu schweigen. An dem Tage schluckte ich denn meinen Ärger hinunter; als Mademoiselle aber am nächsten wieder anfing, sich über das Konzert Frau Krähmers lustig zu machen, brach ich los. All mein Groll und Haß gegen sie machte sich Luft, ich tobte, ich ließ mich durch ihre Drohungen nicht einschüchtern. Schwören möchte ich nicht darauf, fürchte aber sehr, daß ich ihr eine Ohrfeige angetragen haben dürfte. Und als sie, nicht minder zornig als ich, zu Papa zu gehen und mich bei ihm zu verklagen drohte, riß ich, tollkühn vor Wut, die Tür auf und rief: »Gehen Sie! Gehen Sie!« Sie machte von meiner Einladung keinen Gebrauch; sie fühlte sich doch nicht so ganz im Rechte; aber eine Reihe von Strafen kündigte sie mir an, die damit anfing, daß ich in die Ecke treten und dort stehen mußte, bis Frau Krähmer zur Stunde kam. Wir hatten ausgemacht, meine Schwester und ich, daß wir auf sie zugehen und ihr die Hand küssen würden. Doch verging uns bei ihrem Anblick der Mut dazu. Wir brachten nur stammelnd heraus, daß es gestern so schön gewesen wäre – so schön. Sie wies uns kurz ab; sie war nicht mehr die herzbezwingende Künstlerin, sie war wieder die strenge Lehrerin. Emsig wie immer flog der Elfenbeinstab vom Notenblatt herunter auf die Knöchel meiner Finger. Indessen – das große Mitleid ist eine große Kraft, eine, die doppelt wirkt. Sie beschützt den, der sie erregt, sie macht den unverletzlich, der sie empfindet. Die Klapse taten nicht mehr weh. Diese Unterrichtsstunde war eine der letzten, die Frau Krähmer in unserem Hause erteilt hat. Der Frühling brach an, und wir verließen Wien. Nach unserer Wiederkehr sollten die Klavierlektionen wieder aufgenommen werden. Die Lehrerin wurde berufen. Sie kam nicht. Sie war, sagten ihre Hausleute, nach dem Tode ihres älteren Sohnes verreist. Wohin wußten sie nicht, vermuteten nur: nach Deutschland. Einige ihrer Schüler hatten schon Erkundigungen eingeholt, aber nichts von ihr erfahren können. Weil sie tot ist, weil sie ganz gewiß tot ist, bildete ich mir ein und malte mir aus, wie traurig ihr Sterben gewesen sein mußte, in der Fremde, in Armut und Einsamkeit. Ich dachte oft an sie, träumte von ihr, sah sie vor mir stehen im Konzertsaale auf dem Podium zwischen ihren Söhnen. Und die Erinnerung an diesen ergreifend wehmütigen Anblick ist zum Ereignis geworden in meinem Leben. Sie hat dazu beigetragen, es auf die Tonart zu stimmen, in der es sich abspielen sollte. Ein Begriff war mir aufgegangen von dem Leiden, das in der Welt ist und neben uns hergeht mit erhobenem Haupte und geschlossenen Lippen, von einer Armut, die darbt und ringt, ohne je zu sagen: Gib! Hilf! Ganz unbestimmt noch, eben nur als leises Vorgefühl, war ein trotziges und selbstsüchtiges Mitleid in mir erwacht, ein Wille zum Leiden. Nicht weil die anderen etwas davon haben, sondern weil mein Leiden mir das ihre erleichtert. Im Frühjahr 1839 begleitete ein neuer Hausgenosse uns auf das Land: Just Dufoulon, ein neunzehnjähriger bildhübscher Franzose – ein Erzieher für unsere Brüder in Gestalt eines guten Kameraden. Seine Mutter war mit ihm von Paris nach Wien gekommen und dort unser täglicher Gast gewesen. Sie wünschte die Familie kennenzulernen, an die sie den einzigen Sohn hingab. Es bestand eine Ähnlichkeit zwischen ihrem Schicksal und dem der Frau Krähmer; auch Madame Dufoulon war Witwe, auch sie setzte auf das Haupt eines geliebten Kindes alle ihre Hoffnungen – und ebenso schmerzvoll sollten sie getäuscht werden. Vom ersten Tage an erschien »Monsieur Just« uns Kindern wie ein älterer Bruder. Der Respekt war da, aber die Liebe überwog. An Liebe hat es ihm überhaupt bei uns nicht gefehlt, und nur allzu heiße brachte ihm ein Herz im Sturme dar, denn es war ein gar feuriges, es war das Herz seiner Kompatriotin. Monsieur Just wurde der Anführer aller unserer Spiele und mein besonderer Freund, obwohl meine Eitelkeit oft schwer durch ihn litt. Er behauptete regelmäßig den Sieg beim jeu de barre und beim Wettlauf, und schlug er mich einmal nicht, dann war meine Demütigung erst recht groß. Dann fühlte ich mich von ihm als ein albernes Kind behandelt, das man gewinnen läßt, und dann strafte ihn mein entrüstetes: »Monsieur, vous trichez!« Ich hatte im Garten einen Umkreis ausgemittelt, den ich in zehn Minuten zu umlaufen vermochte. Ich allein, niemand sonst, nicht einmal Mademoiselle. Doch mußte ich meinen Ruhm mit Seitenstechen bezahlen, die sich nach vollbrachter Heldentat einstellten. Und nun begab es sich, daß Monsieur Just, dem ich eine Wette angeboten hatte, denselben Weg in fünf Minuten zurücklegte. Tief betrübt und beschämt sah ich ihn an. Er war sehr rot, und auf eine kleine Genugtuung hoffte ich doch noch und fragte: »Monsieur, avez vous des picotements?« Er lachte nur, er war herrlich bei Atem, und meine Brüder, diese miserablen Kleinen, bejubelten ihn, bejubelten den Sieg ihres jungen Galliers über die hannakische Atalante. Bald danach war aber Monsieur Just in Gefahr, sein Ansehen bei ihnen einzubüßen. In dem kleinen Park, wo die Gruftkapelle sich erhebt, breitet ein üppiger Wiesengrund, von prachtvollen Kastanienbäumen und dichten Gebüschen umsäumt, seinen blumendurchwirkten Teppich aus. Dorthin hatten wir an einem heißen Sommernachmittag unsern Spielplatz verlegt. Ein »Cinquante et un« war eben im besten Gange, als plötzlich in dem Geäste und Gezweige über uns kreischendes Vogelgezwitscher laut wurde. Todesbang und kriegerisch zugleich, ein verzweifelter Schlachtruf, pflanzte es sich weit und weiter fort. Hunderte von kleinen Stimmen waren laut, piepsten, pfiffen, kleine Flügel rauschten, das gefiederte Völkchen schoß umher wie toll. Man kennt den Grund eines solchen Aufruhrs. »Ein Raubvogel! Ein Raubvogel!« riefen wir und rannten ins Freie, auf die Wiese hinaus. Und richtig, wir sahen ihn. Ruhig und majestätisch und scheinbar regungslos schwebte auf ausgebreiteten Schwingen der Gefürchtete, der Gehaßte, der den jungen Vögeln im Neste die Mutter raubt, Wachteln würgt und Rebhühner und unsere armen Tauben ... ein riesiger Geier. Monsieur Just, die Brüder wurden wie von einem Fieber ergriffen. – Ein Gewehr ... O Gott, wer eines hätte und den Übeltäter herunterschießen könnte! Ein Gewehr ... Ach, der Papa hat so viele Gewehre – aber niemand würde wagen, eines nur anzurühren ohne seine Erlaubnis... Monsieur Just, Adolf, der schöne, starke, rotwangige Junge, sind ratlos; dem kleinen Viktor kommt ein Gedanke. Im Bedientenzimmer, da hängt an der Wand ein altes Geschütz, ein Tromblon, und ist immer geladen. Er weiß das. Also vorwärts! Her damit! Monsieur Just rennt, stürzt dem Schlosse zu, die beiden Büblein ihm nach ... Sie kommen nicht weit, er ist schon hinter der Kapelle verschwunden, während sie kaum die Mitte der Wiese erreicht haben. Dort stehen sie und warten und »fippern« vor Spannung und Ungeduld, und wir stehen bei ihnen und warten und »fippern« auch. Der Geier hat einen Stoß nach abwärts gemacht, spreizt sich völlig herausfordernd: Zielt nur, trefft! Die Aufregung der Brüder ist unbeschreiblich. Adolf glüht vor Blutdurst, Viktors bis zur Pein gesteigerte Spannung gibt ihm einen Stich ins Gelbe; er möchte seine schmächtige Gestalt bis zum Geier hinaufdehnen können, er streckt sich, er hüpft ratlos bald auf der einen, bald auf der anderen Fußspitze. Mademoiselle ist dieses Mal eines Sinnes mit uns und verkündet jubelnd die Rückkehr Monsieur Justs... sie hat ihn zuerst erblickt auf dem Wege vom Schlosse her. Nur unsere Älteste will nicht, daß geschossen werde, und verstopft sich die Ohren. Aber da hilft nichts mehr, der Schütze kommt gestoben, rennt wie ein Verfolgter und ist es auch – es sind Leute hinter ihm her, sie schreien ihm nach, sie drohen... Mademoiselle Henriette versteht etwas Deutsch, etwas Böhmisch, sie ist auf die Warnungen aufmerksam geworden, die Monsieur Just zugerufen werden. Wir haben ihn mit Ausbrüchen der Begeisterung empfangen. Er steht da, den unförmigen Schießprügel in den Händen, sieht sieghaft empor, legt an ... Da fällt Mademoiselle ihm in den Arm und schreit: »Au nom du Ciel, ne tirez pas!« »Halt!« lassen sich nun schon aus der Nähe die Stimmen des Zimmerwärters und anderer Diener vernehmen. »Nicht schießen! Das alte Zeug platzt Ihnen in der Hand!« Voll Entsetzen erklärt Mademoiselle dem jungen Mann, an den sie sich herandrängt, die Bedeutung dieser Worte. Er wehrt sie ab, zögert aber doch ... Und nun stürzt der kleine Viktor vor Monsieur Just auf die Knie. Er hebt die Arme zu ihm empor, er verschlingt krampfhaft die Finger und keucht und fleht: »Tirez! Je vous aimerai! je vous adorerai! Tirez! tirez!« Der heiße Wunsch seines Kinderherzens blieb unerfüllt. Monsieur Just ließ sich überzeugen, daß es Unsinn wäre, die Muskete in Gebrauch zu nehmen, die soviel Neigung zeigte, aus Ärger darüber, daß man ihr eine Anstrengung zugemutet hatte – zu bersten. »Aber der Geier! der Geier!« schreien die Buben. Die Leute beruhigen sie: »Geduld! Der Franz« – das war Papas Büchsenspanner – »kommt schon, wird gleich dasein, der holt ihn herunter.« Der Franz! ... Nun stehen alle unsere Hoffnungen auf dem Franz. Zum größten Glück läßt er nicht auf sich warten. Meine Brüder und ich, wir laufen ihm entgegen. »Hierher! da, sehen Sie, da!« Wir rufen alle durcheinander, jedes weiß den Platz am besten, auf dem Franz sich aufstellen soll. – »Da?« Franz schaut in die Höhe, schaut und schaut und murmelt etwas, das einem Fluch zum Verwechseln ähnlich ist. Der stolze Vogel hatte seine Feindesschar mit einem leichten Flügelschlag gegrüßt, in ruhiger Majestät einen großartigen Kreis umschrieben und war dann plötzlich wie ein abgeschossener Riesenpfeil am Himmel hingeflogen und verschwunden. Viktor ballte sein Fäustchen gegen Monsieur Just. »Poitron, va!« sagte er. Und noch von einem an Gemütsbewegung nicht minder reichen Erlebnis aus jener Zeit weiß ich zu berichten; von einer Begegnung mit einer Katze. Von klein auf hatte ich einen Abscheu gegen das ganze Geschlecht dieser samtpfötigen Raubtiere, dieser Vogelmörder mit dem unhörbaren Schritt, den widerwärtig weichen Bewegungen, den falschen phosphoreszierenden Augen. Mich überlief's bei ihrem Anblick, Hände und Füße wurden mir eiskalt, ich zitterte am ganzen Leibe, wenn meine Geschwister ein Kätzchen ins Zimmer brachten. Das kam übrigens selten vor, auch mein Vater liebte diese Tiere nicht, man hielt sie nicht im Hause und verjagte sie aus dem Garten. Eines Tages ging ich über den Hof, der Lindenallee entgegen an den hohen Blumengestellen vorbei. Zwischen einem von ihnen und den Gebüschen, die seine Rückwand verdecken, befand sich ein Bottich mit Wasser zum Begießen der Blumen. Da, wie gesagt, ging ich vorbei und vernahm plötzlich ein Kratzen und Plätschern, wie wenn sich etwas aus dem Wasser herausarbeiten wollte und immer wieder hineinplumpste; dazwischen, dünn und schrill, ein angstvolles, hilfeheischendes Miauen. Es durchblitzte mich ... Eine Katze! Eine Katze ist ins Wasser gefallen – oder hineingeworfen worden... Es gibt böse Menschen, die so etwas tun, die grausam sein können gegen Tiere ... Haben wir nicht unlängst eine Fledermaus gesehen, eine jämmerliche! Der Sohn des Gärtners hatte ihre Flügel an ein Brett genagelt... Wie sie pfiff, wie ihr kleiner Körper bebte, wie sie rang ... Oh, herzzerreißend! – und dort die Katze, die krallt und miaut, ringt auch um ihr Leben... und das muß qualvoll anzusehen sein ... Ich wandte mich und eilte vorbei. Aber bald regte sich das Gewissen und auch – die Eitelkeit. Soll ich sie zugrund gehen lassen, weil sie mir zuwider ist? Es wäre schlecht, es wäre feig! ... Ich werde doch nicht feig sein – ich! Also zurück durchs Gebüsch und mutig hinzugetreten an die Stätte des Grauens ... Mutig, ja, das war ich im Vorsatz, in der Tat elend vor Angst. Es wurde schlimmer, je näher ich dem Bottich trat, es wurde Entsetzen, als ich, mich auf die Fußspitzen stellend, ein scheußliches Ding gewahrte, ein mit dunklem, struppigem Fell überzogenes Skelett... Es haut um sich mit langen, dürren Beinen, es krümmt einen fürchterlichen Rücken... Wie Knoten in einem Stricke stehen die Knorpel hervor ... Und danach die Hand ausstrecken, es anrühren, das sollst du, das willst du? ... Ich tu's! ... Vom Fieber des Abscheus geschüttelt, ergreife ich das Ding und hebe es in die Höhe. – Aber da ringelt sich sein fadendünner Schwanz, da faucht es mich an, setzt an zum Sprung in mein Gesicht... Oh, du Miserables! Empört und schaudernd werfe ich es auf den Boden und laufe davon und bilde mir ein, daß es mir nachläuft... ja, ja, ich höre es, es faucht, es ist schon nahe, es wird mich erreichen, an mir hinaufspringen... Und ich renne mit klopfendem Herzen, mit versagendem Atem, ich Heldin, vor einem eingebildeten Verfolger durch Gartengänge, über Wege und Wiesen, bis meine Füße versagen und ich in Angstschweiß gebadet niederstürze ... Ich weiß die Stelle gar gut, und wenn ich an ihr vorbeikomme, gedenke ich noch oft lächelnd jener Schreckensstunde. Am nächsten Tage fragte ich den alten Gartengehilfen: »Sag mir, wer wirft denn da bei uns Katzen ins Wasser?« Ob ich das Vieh in dem Bottich meine? Ja, das hatte er hineingeworfen. Aber es krabbelte sich heraus, und da schlug er es tot. Totgeschlagen hatte er's! Und womit denn? – »Ja, mit der Schaufel; mit der da. Was eine Katze ist, wird nicht geduldet im Garten. Und das war nicht einmal eine rechte, war so was Halbes.« »Und was war denn die andere Hälfte? vielleicht ein Ratz?« Er gab darüber keine Auskunft, und ich war im stillen ganz zufrieden mit dieser Lösung der Dinge, betrachtete aber doch das Mordinstrument mit Gruseln und auch ihn, der etwas erschlagen hatte. Wie zur Rechtfertigung wiederholte er, daß Katzen im Garten durchaus nicht geduldet werden dürfen. »Nicht einmal halbe?« »Oh, die schon gar nicht!« In dem Gedichte in Prosa Schattenleben gab ich Rechenschaft von einer eigentümlichen Vorstellung, mit der ich meine ganze Kindheit hindurch gespielt habe. Da hat es mich denn sehr überrascht, als ich kürzlich in einer von Tolstoi erzählten Geschichte seiner Jugend die Schilderung der ganz gleichen Erscheinung fand. Auch er hat unter ihrem Banne gestanden, und ich habe seitdem gehört, daß es sich damit nicht um etwas Exzeptionelles bei Kindern handelt. So manche sollen von dem Zweifel an der Wirklichkeit dessen, was sie umgibt, heimgesucht sein. Bei mir hatte der Zweifel sich allmählich zur Überzeugung herangebildet. Der Himmel, zu dem ich emporsah, die Sonne, der Mond, die Sterne und die Landschaft, die mich umgab, und was sie belebte oder vielmehr zu beleben schien, das alles war nicht. Meine Augen nur zauberten es hin. Wohin mein Blick fiel, wölbte sich das Firmament, breitete ein Stück Erdenwelt sich aus. Wohin aber mein Blick nicht drang, da war das Nichts, die Leere. Vor mir die Welt, hinter mir das schreckliche Nichts, grau, stumm, tot. Oh, wie brannte ich darauf, ihm einmal auf die Spur zu kommen, diesem Nichts! Unheimlich war's und häßlich, sich immer sagen zu müssen: Es gähnt hinter dir her, macht sich breit in seiner grenzenlosen Armut und unaussprechlichen Langweiligkeit. Nein, ich wollte mich nicht beständig von ihm narren lassen, ich wollte es entlarven und ihm auf sein schnödes Geheimnis kommen. Und ich rannte, so schnell ich nur konnte, in den Garten tief hinein bis an den Zaun, und dort, rasch wie ein Blitz, sah ich mich um... Aber da war schon wieder alles aufgestellt, die Gesträuche, die Bäume, Blumenbeete und Wiesen. Meine Augen waren immer zu langsam gewesen, kamen immer zu spät. Manchmal faßte ich kühne Entschlüsse. Wenn die Menschen nicht sind, wenn ich sie mir nur einbilde, will ich sie mir so einbilden, wie sie sein müßten, um mir bequem und angenehm zu sein. Ich will mir einen Papa einbilden, den ich nicht fürchte, und eine Gouvernante, die mich nicht quält. Und einem in dieser Weise umgestalteten Papa, einer Mademoiselle Henriette, die eitel Liebe und Güte war, begegnete ich dann mit einer unbefangenen Vertraulichkeit, die äußerst mißfälliges Staunen erregte und mir manche Strafe zuzog. Das war gleichsam der stimmende Akkord zu der Erfahrung, die ich im späteren Leben so oft machen sollte. Über keines der Wesen, die ihre Existenz wirklich nur unserer Einbildungskraft verdanken, haben wir unumschränkte Macht. Wir können sie ins Leben rufen, sie aber nicht handeln lassen nach unserm bloßen Gefallen. Sind es Menschen, die den Namen verdienen, dann haben sie ihre eigenen Gesetze, müssen tun nach ihrer eigenen Natur und sich aus diesem Tun ihr Schicksal bereiten. Zu jener Zeit, in der die irdische Welt mir zu einer Sinnestäuschung herabgesunken war, hatte ich mir eine andere, eine so schöne hergestellt, wie eine Kinderphantasie sie nur jemals erschuf. Sie befand sich weit drüben jenseits der Berge und eines großen Meeres. An heißen Sommertagen, wenn die Sonne im Scheitel stand und die Sonnenstäubchen glitzerten wie Diamanten – wenn ich da recht lang zum Himmel hinaufblickte, da glaubte ich in der leuchtenden Bläue mein Land sich spiegeln zu sehen. Seine Wälder blieben immer dicht, immer blühten seine Blumen und reiften seine Früchte. Die Männer waren hohe Göttergestalten, die Frauen alle wie Feenköniginnen. Die Hauptsache aber waren die unzähligen Kinder, von denen mein Land wimmelte. Sehr verschiedene Kinder und durchaus nicht alle gut und schön, aber alle so vollkommen frei wie junge Füllen auf unabsehbaren Weiden. Ich malte mir ihr buntes Treiben, ihre Spiele und ihre Kämpfe aus, ich dachte mich in sie hinein, ich war sie. Einmal die, einmal der, einmal das mit allen Tugenden geschmückte opferdurstige kleine Mädchen, einmal ein übermütiger, wilder Junge. Nicht immer konnte ich dann die Gestalt, in der ich eben einhergewandelt war, sofort ablegen. Es blieben Überreste von ihr an mir haften. Und wieder überraschte ich meine Umgebung durch ein Gebaren von ganz besonderer Art. Gewöhnlich holte meine Schwester mich herab von einem Gipfel der Vollkommenheit oder strafte mein keckes und bubenhaftes Benehmen, indem sie ein sehr trauriges Gesicht machte, mich mit schmerzlicher Mißbilligung ansah und sagte: »Du bist aber heute wieder so kurios!« Damit brachte sie mich augenblicklich zu mir, denn »kurios« sein wollte ich um keinen Preis. Es erschien mir, ohne daß ich einen Grund dafür hätte anführen können, sehr schimpflich. Allmählich genügte es mir nicht mehr, nur in Gedanken in meinem Lande zu weilen, und ich eröffnete eine Korrespondenz mit seinen Bewohnern. Ich schrieb kleine Briefe auf das feinste Papier, das ich auftreiben konnte, und übergab es den Lüften zur Besorgung. So wurde Uhlands guter Rat: »Gib ein fliegend Blatt den Winden« von mir befolgt, bevor er mir zur Kenntnis kam. Glückwünsche zu dem beseligten Leben, das meine fernen Freunde führten, Ausbrüche der Sehnsucht und Grüße bildeten den Inhalt meiner Briefe. Ich schrieb jeden mehrmals ab, bevor er mir endlich würdig schien, seine Reise anzutreten. Wenn er aber so weit gebracht war, dann kannte meine Ungeduld, ihn abzuschicken, keine Grenzen. Da gab's nur noch einen Wunsch: den günstigsten Augenblick erspähen, in dem ich ihn seinen Flug unbemerkt antreten lassen konnte. Eine Stelle war dazu auserwählt; sie befand sich in der südöstlich gelegenen Ecke, die der Garten gegen die Fahrstraße und die Felder bildet. Ein Erdhügel ist dort aufgeschichtet, der einem Gartenhause zum Postament diente, einem hölzernen, weiß angestrichenen Rundbau mit rotem Kuppeldache. Die kleine Anhöhe bietet an sonnigen Sommertagen eine freundliche Aussicht auf die wellige, fruchtbare Landschaft, auf das in weichen, warmen Tönen schimmernde Marsgebirge, auf den abgestumpften Kegel des Klum, der jetzt bewaldet ist, auf dem aber damals nur ein paar einzelne Bäume standen. Für uns knüpft sich an ihn eine Erinnerung, die mir etwas Ergreifendes hat. Im Jahre 1829 kehrte unser Großvater Vockel aus Pyrmont, wo er vergeblich Heilung von einem Brustleiden gesucht hatte, zurück. Auf dem Gipfel des Klum ließ er den Reisewagen halten, stieg aus und überblickte zum letztenmal die Stätte seiner langjährigen und erfolgreichen Tätigkeit. Ein verwahrlostes Gut hatte er übernommen, ein sorglich und weise gepflegtes, das seine Freude geworden war, schickte er sich an für immer zu verlassen. Klein mußte von dort oben das Bereich seines Strebens und Wirkens ihm erscheinen und nur wie ein weißer Strich im Grün sein geliebtes Haus. Aber sagen durfte er sich, daß er in diesem kleinen Bereich zum Segen gewaltet hatte und daß sein Wohnort für die Hütten in seiner Nähe Schutz und Schirm gewesen war. Und nun, nicht ganz zwei Jahrzehnte später, stand die törichte Enkelin dieses Edlen und Weisen dem Klum gegenüber und hielt einige mit großer Kinderschrift beschriebene Papierstreifen in der Hand: ihre offenen Briefe an unbekannte Empfänger. Sogar an – bei uns seltenen – windstillen Tagen war das Gartenhaus auf seinem Hügel von unermüdlich spielenden Lüften umweht. Immer war ich sicher, dort den Boten bereit zu finden, der mein Sendschreiben übernehmen und befördern sollte. Am schönsten war's bei heftigem Sturme, wenn die Wetterfahne, die in Gestalt eines Blätterkranzes das Dach bekrönte, sich knarrend drehte und das Ährenmeer auf den Feldern große Wellen schlug. Dem Sturm vertraute ich mit Entzücken meine papiernen Brieftauben an, hielt sie hoch empor, war glücklich, wenn er sie mir entriß und sie bald nur noch wie weiße Pünktchen vor meinen Augen aufblitzten im Sonnenlicht... flogen, flogen – und meine Gedanken ihnen nach. Wer wird sie finden? Ein Mann, eine Frau, ein Kind? und sich wundern, sich freuen und fragen: Wer schickt mir diesen Gruß! Wer schreibt mir so schöne, liebe Sachen? Nie trat die Versuchung mich an, von meinem Verkehr mit den Freunden jenseits der Berge und Meere gegen irgendwen auch nur die geringste Erwähnung zu tun. Vielleicht leitete mich dabei eine unbestimmte Angst vor einem Zweifel, einem Spott, der den Filigranbau meiner Träume erschüttert oder mir seinen Schimmer, wenn auch nur mit einem Hauch, getrübt hätte. Zdißlawitz hat keine eigene Kirche; die Gemeinde ist in dem benachbarten Dorfe Hostitz eingepfarrt. Die Fahrstraße, die beide Orte verbindet, läuft bergab und bergan im Bogen zwischen Obstbäumen, Feldern und Hainen. Die Sehne dieses Bogens bildet ein Fußsteig, auf dem unsere Dorfleute in zwanzig Minuten aus ihren Behausungen zur Kirche gelangen. Bei gutem Wetter nämlich; denn bei schlechtem, wenn der Regen unsern lehmigen Boden durchweicht und kniehoch in einen zähen Brei verwandelt, dann gibt es keine Berechnung der Distanzen mehr, und das Anlangen auch des besten Schreiters an seinem Bestimmungsorte wird zur problematischen Sache. In Hostitz, in der kleinen Lokalei, die heute den Titel einer Pfarrei führt, ohne deshalb stattlicher geworden zu sein, lebte unser allerbester Freund, der hochwürdige Herr Pater Borek. Er hatte meine Eltern getraut, mich getauft, unsere Mutter zu Grabe geleitet. Er hat meiner Schwester und mir die Lehren eines milden Christentums vermittelt. Zweimal wöchentlich kam er zur Unterrichtsstunde am Vormittage, blieb zu Tische bei uns, und wenn er den Heimweg antrat, gaben wir Kinder ihm das Geleite. Meine Schwester und ich hatten es nie besonders eilig und wichtig, die Vorbereitungen zu einer Lektion zu treffen. Wenn aber die Religionsstunde in Sicht kam, da entwickelten wir eine ameisenhafte Tätigkeit im Herbeischleppen der unnötigsten Dinge. Ein Tintenzeug, das nie gebraucht wurde, Schreibhefte, deren blütenhafte Unschuld immer unberührt blieb, ein Polster für den Stuhl des geistlichen Herrn, das er immer hinwegtat, bevor er sich setzte. Auf dem Kanapee Platz zu nehmen, konnten wir ihn nicht bewegen. »Was Ihnen einfällt! Das schöne Kanapee . . . Das ist doch nicht zum Draufsetzen da?« – Schön? Nun, wenn er's sagte! Es stand am Pfeiler zwischen den zwei Fenstern, hatte plumpe, mit Holz eingefaßte Lehnen und trug ein Wollkleid von unerklärlicher Farbe. Eine Art Gelbgrün, über das ein grauer Hauch hinwehte. Ihm gegenüber, an der Langseite des Tisches, ließ Pater Borek sich nieder; wir zwei, die eine rechts, die andere links von ihm, nahmen die Schmalseiten ein. Wenn beim »Aufsagen« des Katechismus oder der biblischen Geschichte eine Stockung eintrat, wartete unser gütiger Religionslehrer und schwieg und sah ins Gelbgrau hinein mit seinen kleinen geduldigen Augen, die immer trauriger wurden, je länger die Stockung dauerte. An der Wand, gerade vor mir, machte ein niedriger Schrank sich breit, auf dem unsere Menagerie in stattlicher Reihe paradierte. Zu jedem Geburts- und Namenstage bekamen meine Schwester und ich ein Tier aus Carton-pierre, ein wildes oder ein zahmes, zum Geschenk. Famose Geschöpfe! nur – etwas heimtückisch. Wie sie es anstellten, wer weiß es? Gewiß aber ist: sie verstanden nie, sich so interessant zu machen als während der Religionsstunde. Förmlich in einem neuen Lichte erschienen sie, es war ein Genuß, sie anzusehen. Der Elefant entwickelte eine ungewohnte Anmut, die Tigerin lächelte hold. Wir müssen ihnen einmal gar zuviel Aufmerksamkeit zugewendet haben, denn der Herr Lokalist, dieses Urbild der Langmut, sah sich zu der Warnung genötigt, er werde ein Tuch breiten lassen über unsere Tiere, wenn ihr Anblick uns zerstreue. Wir blieben starr. Ein Ereignis ohne Beispiel: der geistliche Herr drohte mit einer Strafe! Ich weiß nicht, was in diesem Augenblick größer gewesen sein mochte, unsere Beschämung oder der Wunsch, uns in seiner Meinung zu rehabilitieren. Am Abend, nachdem man uns zu Bette gebracht – wir zwei Großen hatten jetzt unser eigenes Schlafzimmer –, wurde Rat gehalten und das Mittel bald gefunden, dem guten Pater zu beweisen, wie zweckmäßig die Maßregel gewesen wäre, die er uns in Aussicht gestellt hatte. Als er wiederkam, empfingen wir ihn mit siegreichen Mienen und nahmen hastig unsere Plätze am Tische ein. Dabei gab's ein unterdrücktes Gekicher, ein Hin- und Herschießen von Blicken an Pater Borek vorbei, ein verstohlenes Gucken nach der Menagerie. Wird er es endlich merken? – Vivat! Endlich merkte er etwas. Er wandte sich, seine Augen folgten der Richtung der unseren, und nun sah er, daß wir seine Worte in Ehren gehalten und unsere Tiere eigenhändig verhüllt hatten mit unseren Umhängtüchern. Sie waren leider nur etwas zu klein, und von einer Seite guckte ein halber Dachshund, von der anderen ein halber Löwe aus dem Versteck hervor. Meine Schwester sprach, mit wichtiger Miene auf die mangelhafte Umkleidung deutend: »Wissen Sie, Hochwürden, damit unsere Tiere uns nicht zerstreuen.« Er seufzte: »Aber! Aber!« und blickte ratloser denn je ins Gelbgraue. Unsere ausgebreiteten Umhängetücher, der halbe Dachshund, der halbe Löwe zerstreuten uns viel mehr, als der vollständige Aufzug der Vierfüßler jemals getan hatte. Vom achten Geburtstage Fritzis an wurden wir mitgenommen, wenn man sonntags nach Hostitz zur Kirche fuhr. Gut vorbereitet durch den geistlichen Herrn, wohnten wir der Messe mit inbrünstiger Andacht bei. Der Anblick der vielen Betenden, der Ausdruck ihrer Gesichter, ihr Gesang rührte und ergriff mich in der Seele. Ich liebte sie, ich fühlte mich mit ihnen verwandt, weil ich auf derselben Erdscholle wie sie geboren war. Erhebend wirkte auf mich der Klang der Orgel, und mit einem Entzücken, das kein Wort zu schildern vermag, flatterte und bebte mein ganzes Herz der Erscheinung unseres Herrn entgegen, und jubelvolle Demut erfüllte mich, wenn der Glockenklang feierlich seine Ankunft verkündete. Der Herr des Himmels und der Erde ließ sich nieder zu uns, kam zu uns in unsere kleine, schmuckarme Kirche, erfüllte uns mit den süßen und heiligen Schauern seiner göttlichen Gegenwart... Aufmerksam verfolgte ich jede Bewegung und jeden Schritt des Priesters am Altare, merkte mir genau seine laut gesprochenen und den Tonfall seiner nur gemurmelten Worte. Beim Nachhausekommen holte ich dann eine Schachtel herbei, die ein vollständiges Meßgerät aus Zinn enthielt, und versuchte nun selbst die Messe zu lesen. Meine Schwester ministrierte, wenn auch ungern, und mußte sehr gebeten werden, bevor sie sich dazu herbeiließ. »Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, sagte sie, »es scheint mir nicht ganz recht.« Aber ich wußte sie zu überreden: ich machte ihr klar, daß wir dem Pater Borek eine neue, viel schönere Überraschung als die letzte bereiten würden, wenn wir einmal unser kleines Meßopfer vor ihm darbrächten. Da sieht er doch, wie wir achtgeben in der Kirche und wie gut wir uns alles, was dort vorgeht, merken. Sie blieb zwar bei ihrem: »Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, beugte sich aber, wie gewöhnlich, meinem Willen. Eines Nachmittags wurde denn der geistliche Herr eingeladen, in das Zimmer Großmamas zu treten, die ins Geheimnis gezogen war. Er und sie nahmen Platz vor einer Doppeltür in der Tapete. Ihr äußerer Flügel stand offen, von innen war sie weiß ausgelegt, und in ihrer Vertiefung hatten wir unseren Altar errichtet. In feierlicher Stimmung erschienen wir, meine Schwester das Glöcklein schwingend, ich hinter ihr, den verdeckten Kelch in den Händen, ganz Andacht und Versunkenheit. An unsere kleine Gemeinde dachten wir nicht während der unbefugten Darbringung unseres Opfers. Aber als wir, die Konsekrierende und die Ministrierende, ernst, wie wir gekommen waren, von dannen schritten, sah ich den geistlichen Herrn erwartungsvoll an und rechnete auf einen freundlichen, beifallspendenden Blick. Statt dessen begegnete ich einem sehr befremdeten. Pater Borek sah traurig und fast wie verlegen aus. Wir hatten ihm mit der unbefugten Ausübung einer heiligen Handlung kein Vergnügen gemacht. »Siehst du, es war nicht recht«, sagte meine Schwester, als wir in unser Zimmer zurückkehrten. Sie legte das Kamisölchen ab, das sie angetan hatte, um aufs Haar einem Sakristan zu gleichen; ich entledigte mich der zwei Schürzen, die, eine nach vorn, die andere nach rückwärts gebunden, ein Meßgewand vorstellen sollten. Langsam räumten wir das Meßgerät wieder in seine Schachtel ein, recht mit dem Gefühl: zum letztenmal und für immer. Bald darauf sollte mein treuer Seelsorger noch weit Schlimmeres durch mich erfahren. Er bereitete uns in seiner mild eindringlichen Weise zur ersten Beichte vor, und ich malte mir gar deutlich die Wonne aus, die mich ergreifen würde nach der Lossprechung von allen meinen Sünden. Sie sind ausgelöscht, sind wie nie begangen: ich werde keine Gewissensbisse mehr haben, weil ich unhöflich war gegen das Stubenmädchen, voll Streitlust gegen meine Brüder, weil ich so heiß gewünscht habe, ein tüchtiger Prügel möge aus den Wolken niederfahren und der Mademoiselle blaue Flecke schlagen. In engelhafter Reinheit werde ich aus dem Beichtstuhl treten, und engelhafte Freude wird mein Herz erfüllen. Diese Aussicht war entzückend, aber furchtbar die Angst, früher oder später doch wieder in meine alten Fehler zu verfallen und den Glanz meiner Seelenschönheit zu trüben. Ach – wer sterben könnte, gleich nachdem er sündenfrei geworden ist! Er wäre gerettet, er würde pfeilgerade auffliegen in den Himmel und von dessen Bewohnern empfangen werden wie ein Heimgekehrter von den Seinen. Aus dem brennenden Wunsche nach einem so herrlich erlösenden Tod keimte und reifte auch sehr bald der Entschluß, ihn herbeizuführen. Das konnte ich ja, das war ja kinderleicht; es kostete nur einen Schritt oder vielmehr einen Sprung – einen Sprung aus dem Fenster. Wer sterben will, springt aus dem Fenster, und diese Art, ins Jenseits zu entfliehen, sollte die meine sein. Daß unser Haus nur ein Stockwerk hatte und daß mein Sturz durchaus nicht todbringend sein mußte, erwog ich nicht; ich war dem Nächstliegenden entrückt, schwebte schon in himmlischen Sphären, der Nähe Gottes entgegen, in die geöffneten Arme meiner Mutter. Ahnungen der Glückseligkeit erfüllten mich, kein Zweifel an der Vortrefflichkeit meiner Tat störte mich, kein Gedanke an den Abschied von den Meinen fiel mir aufs Herz ... In der Kapelle war mittels eines Fauteuils und eines Betschemels ein Beichtstuhl improvisiert worden. Sehr gut erinnere ich mich, daß ich beim Eintreten dem geistlichen Herrn zulächelte und daß er mich ernst ansah und ein weißes Tüchlein, das er in der Hand trug, emporhob und vor sein Gesicht hielt. Meine Schwester legte zuerst ihre Beichte ab; ich folgte, ich tat mein Schuldbekenntnis mit heißer Reue und vernahm in tiefster Zerknirschung die Ermahnungen meines priesterlichen Freundes und in unsagbarer Spannung der leise gemurmelten Lossprechung. – Von dem unmittelbar darauf Folgenden gibt mein Gedächtnis mir keine Rechenschaft. Ich finde mich erst im Zimmer meiner Großmutter wieder, auf ihrem Arbeitsstuhle stehend am offenen Fenster, sehe mich hastig und in Angst, überrascht zu werden, das Fensterbrett ersteigen. Nun ein rascher, heftiger Satz, ein Schlag vor die Stirn, ein Funkenstieben vor den Augen ... Ich stürzte – aber nicht hinab in den Garten – zurück ins Zimmer. Mein Sprung hatte mich zu hoch getragen; ich war an das Fensterkreuz angeprallt und lag halb betäubt auf dem Boden, als die Tür sich öffnete und Pater Borek eintrat. Im Saal hatten sich alle zum Frühstück versammelt; nur eines seiner Beichtkinder fehlte. Er, von einer unbestimmten Angst erfaßt, ging, es zu suchen, und fand es und sah, wie es sich bei seinem Anblick entsetzt aufraffte und nun vor ihm stand, verstört, verwundet. . . Wohin waren plötzlich meine Träume von Engelsunschuld und Himmelsherrlichkeit gekommen? Nach den ersten Fragen schon, die der geistliche Herr an mich stellte, bei der Mühe und dem Schmerz, die es mich kostete, sie zu beantworten, wußte ich: Ein schweres Unrecht war, was ich im Sinne gehabt, und ich hatte eine Sünde begehen wollen, viel größer als die Sünden, deren ich mich in der Beichte angeklagt. Mein Freund, mein Vertrauter, mein Lehrer sah traurig zu mir herab, seine gütigen Augen wurden immer trüber, die Kummerfalten längs der Wangen vertieften sich immer mehr... Er streckte die Hand aus, drückte die Schwurfinger an die Beule auf meiner Stirn und sagte: »Da hat Ihr Schutzengel ›Merk's, Tölpel!‹ drauf geschrieben.« Er hat mir auch später keine Vorwürfe über meine mißlungene Himmelfahrt gemacht. Vorwürfe zu machen war so wenig die Sache unseres lieben geistlichen Herrn! Strenge lag ihm fern; er wandte sie sogar da nicht an, wo sie sehr am Platze gewesen wäre. Das schadete aber seinem Ansehen in der Gemeinde nicht. »Er ist eben ein Heiliger«, sagten die Leute, »und meint, alles in Güte schlichten zu können.« Zwei Jahre früher, anno 1836, als in unserer Gegend die Cholera wütete, da hatte der stille und einfache Mann sich in seiner Glorie gezeigt. Die Seuche raffte Tag für Tag neue Opfer mit grauenhafter Plötzlichkeit hinweg. Sie überfiel die Menschen und ließ nicht mehr ab von ihrer Beute. Unaufhörlich klang der traurige Schall des Zügenglöckleins vom Dorfe herüber. Tag und Nacht stand Pater Borek im schweren Dienste seines Priesteramtes. Von Sterbebett zu Sterbebett rief es ihn. So manches Mal konnte er zu dem Kranken, dem er die letzten Tröstungen brachte, nur gelangen, indem er über Leichen wegschritt, die auf dem Boden hingestreckt lagen. An den Fenstern des Schlosses rasselte sein Wägelchen immer und immer wieder vorbei. Wir hörten es von weitem kommen, knieten nieder und beteten für eine scheidende Seele. Im ersten Schrecken hatten sich die armen Menschen widerstandslos der unbekannten Feindin überantwortet. Man mußte sie erst lehren, daß es möglich sei, gegen sie anzukämpfen. Auch bei uns war die Seuche eingekehrt. Einige der Diener wurden von ihr ergriffen. Maman Eugénie und unser kleiner Viktor erlitten schwere Anfälle des furchtbaren Übels. Mama erholte sich langsam, das schwächliche Kind schien verloren. Sogar die freudige und trostvolle Zuversicht des Arztes, Doktor Engel, geriet endlich ins Wanken. Er war ein noch junger Mann, ein großer, dunkelbärtiger Jude, und kam täglich aus der kleinen Stadt Kremsier von einem Dorf, von einem Schloß zum andern gefahren und bemühte sich um den ärmsten seiner Kranken mit der gleichen Sorgfalt wie um den wohlhabendsten. Von Pater Borek unterstützt, leitete er die Anstalten, die getroffen wurden, um das Elend, von dem wir umgeben waren, zu lindern und neuem Unglück womöglich vorzubeugen. Morgens und abends standen im Schloßhofe große Pfannen voll dampfender Rumforder Suppe. Die Leute kamen mit Töpfen und Kannen und holten eine gute, gesunde Nahrung für sich und ihre Kinder, Massen von Unterkleidern wurden verteilt. Am eifrigsten von unserer Großmutter, die sich nie genug tat, wenn es zu geben und zu helfen galt. Wo sie war, da war Hochherzigkeit und Güte, da – wenigstens uns Kindern gegenüber – war aber auch große Nachsicht und etwas Schwäche. Sie brachte es nicht übers Herz, uns sogleich davonzujagen, wenn wir uns heranschlichen, um zuzusehen bei der Suppen- und Kleiderverteilung. Sie drückte ein Auge zu, wenn wir der Köchin oder einer Küchenmagd den Schöpflöffel abschwatzten, um ihre Tätigkeit am Suppenkessel nur ein bißchen, nur ein klein wenig ausüben zu dürfen. Allerdings kannte man damals die feige Angst vor Ansteckung noch nicht, die heute herrscht. Noch waren die unsichtbaren Feinde nicht entdeckt, die in scheinbar reiner Luft hausen und jeden Atemzug zur Lebensgefahr machen können. Unsere Unwissenheit war unsere Stärke. Es fiel weder unserem Vater noch einem andern Gutsbesitzer in der Umgebung ein, die Flucht zu ergreifen, wenn im angrenzenden Dorfe eine ansteckende Krankheit ausgebrochen war. Man blieb daheim, teilte das Mißgeschick der kleinen Nachbarn, fand das selbstverständlich und setzte es nicht auf Rechnung seiner Humanität. Einmal, an einem schönen Sommervormittag, gerade nach der Ausspeisung der Dörfler, bei der wir uns wieder überflüssig machten, kam das Kindermädchen in den Hof gelaufen und rief uns zu: »Die Mama läßt Ihnen sagen, Sie sollen hinauf schauen zu dem Fenster!« und dabei deutete sie auf das letzte des Seitenflügels, in dem die jetzt zum Krankenzimmer verwandelte Kinderstube sich befand. »Sie werden etwas sehen, was Sie schon lange nicht mehr gesehen haben.« Nun brach ein unaussprechlicher Jubel aus. Etwas sehen, das wir lange nicht mehr gesehen hatten, und dort am Fenster? Es war leicht zu erraten, was das sein konnte. Der Kleine! der Kleine – und vielleicht auch die Mama! Wir standen und guckten und guckten empor in brennender Erwartung. Und jetzt wurde der innere Flügel des Fensters, das wir anstarrten, geöffnet, und dicht an den äußeren trat Mama und mit ihr unsre alte Pepi mit einem Wesen auf dem Arme, bei dessen Anblick wir weinten und lachten. Er war's, es war unser armes Brüderlein. Aber sein Gesicht war gelb wie eine Zitrone und förmlich zusammengeschrumpft. Der kläglich verzogene Mund versuchte uns zuzulächeln, und ein müdes Händchen hob sich und winkte grüßend zu uns herab. Adolf fing an zu tanzen und drehte sich wie ein Derwisch; unsere Kleinste jauchzte. Und alle sandten unzählige Küsse zu unseren Genesenden empor. Ein Wunder, daß die Sehnsucht uns nicht wie an Stricken zu ihnen hinaufzog. In vollster Festfreude fand uns Papa, der mit Doktor Engel aus dem Hause trat. Er warf einen raschen Blick auf uns, wandte sich dem Arzte zu und umarmte ihn. »Kinder«, sprach er, »dankt dem. Der heißt nicht nur Engel, der ist ein Engel.« Er wiederholte diese Worte regelmäßig, wenn er später jener schweren Zeiten gedachte, und versäumte dann auch nie, unseren getreuen Seelsorger zu preisen: »Ja, der jüdische Arzt und der katholische Geistliche, allen Respekt! Beide waren Helden.« Meine Zweifel an dem wirklichen Bestehen all dessen, was mich umgab, meldeten sich allmählich immer seltener. Der Glaube an die Schöpferkraft meines Auges erlosch. Zugleich wurden die Bilder meiner erträumten Welt in der unerreichbaren Ferne immer undeutlicher. Die lange und eigensinnig genährte, immer getäuschte Hoffnung auf ein wenn auch noch so schwaches Zeichen »von drüben« entschwand am Ende doch. Auch eine mütterliche Liebe für meine Verse und meine Prosa begann sich in mir zu regen, und statt sie den Lüften auszuliefern, schrieb ich sie sauber und nett in ganz kleine Hefte, die ich selbst verfertigte und von denen ich immer mehrere Exemplare in meiner Tasche trug. Wenn mir eine besonders tönende Strophe zum Preise Gottes, der Heiligen Jungfrau oder eines Helden, den ich heiß verehrte, gelungen war, dann ging mein Mund über von dem, was mein Herz erfüllte. Ich deklamierte und sang meine Hymnen; da säuselte und brauste es nur von »voile« und »étoile«, »gloire« und »espoir« und so weiter! Manchmal wurde meine Schwester aufmerksam und sagte: »Das ist schön; wo hast du das gelesen?« – Aber wenn ich voll Stolz erwiderte: »Das hab ich selbst gemacht!« war es vorbei mit der Bewunderung, und sie bat in ihrer sanften Art: »Ach geh, mach doch keine Gedichte!« – Und nun konnte ich noch so dringend fragen, was sie gegen mein Versemachen einzuwenden habe, immer lautete ihre Antwort ausweichend und unbestimmt. Es kam ihr »halt so kurios« vor. Ich glaube, daß eine dunkle Empfindung ihr verriet, Versemachen sei eine gefährliche Sache, mit der man sich lieber nicht befassen sollte. Sie forderte mich nie auf, eines meiner Gedichte zum zweiten Male herzusagen, und wich jedem Gespräch darüber ängstlich aus. Von dem Schmerz und dem Groll, den diese stumme Ablehnung mir verursachten, habe ich nie etwas verraten, und wie oft sollte ich sie erleiden! Alles wiederholt sich im Leben. Der Grundton, auf den das Schicksal des Größten wie des Kleinsten gestimmt ist, kommt immer wieder hervor. Die stumme Ablehnung, die mein erstes poetisches Gestammel durch eine Getreueste und Geliebteste erfuhr, wurde meiner Schriftstellerei bis ins reifste Alter durch andere Vielgetreue und Vielgeliebte zuteil. Allverehrte, auch von den Meinen anerkannte Autoritäten hatten mir längst ein Talentchen und die Berechtigung, es auszuüben, zugesprochen, und immer noch bewahrten die mir teuersten Menschen über meine per nefas geborenen Geisteskinder ein rücksichtsvolles Schweigen. Als meine Schwester ihr zehntes und ich mein neuntes Jahr erreicht hatte, wurden wir von Zeit zu Zeit ins Theater mitgenommen. Im jetzigen Karl-Theater, damals noch das Kasperl-Theater genannt, ergötzten wir uns an der Aufführung einiger urwienerischer Possen, die genial gespielt wurden. Einen hinreißenden Eindruck aber machte mir Raimunds Mädchen aus der Feenwelt (wenn ich nicht irre, im Theater an der Wien dargestellt). Völlig berauscht kam ich nach Hause; die Richtung, in der meine Phantasie fortan ihre Flüge nehmen sollte, war bestimmt. Ich wurde unerschöpflich in der Erfindung von Theaterstücken, die ich nicht aufschrieb, sondern nur meiner Schwester und unsern Freundinnen und Altersgenossinnen erzählte. Gegen diese Art der Produktion wendete Friederike nichts ein; sie übernahm sogar eine Rolle, wenn die Aufführung meiner Komödie beschlossen wurde. Und das war keine so leichte Sache, denn die Schauspielerinnen mußten die Reden improvisieren. Es geschah mit Feuereifer und gänzlich unbefangen. Auf ein Publikum brauchten wir nicht Rücksicht zu nehmen; das fehlte, ging uns aber nicht ab. Die Gouvernanten, die es hätten bilden können, saßen im Nebenzimmer und schwatzten. Uns selbst zu erfreuen und zu gefallen war der Zweck unserer künstlerischen Leistungen, und sie erfüllten ihn glänzend. Da – in der Zeit ihrer hohen Entfaltung, schien eine noch höhere ihnen bevorzustehen. Eines Sonntags erfuhren wir die merkwürdigste Überraschung. Unsere feinste Darstellerin, sie, die mit meiner Schwester in den Rollen der unschuldig Verfolgten abwechselte, erschien, Triumph im rosigen Gesichtchen, in den zarten Händen ein Manuskript, und verkündete uns, daß sie ein Theaterstück gedichtet und aufgeschrieben habe. Nein, war's möglich? Aufgeschrieben, ein ganzes Theaterstück? – Nein, diese Fanni, wer hätte ihr das zugetraut! Sie lächelte stillvergnügt, setzte sich an den Tisch und begann mit leiser, bewegter Stimme ihr Werk vorzulesen. Wir hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu; es gefiel uns außerordentlich; es war etwas Neues. Bisher hatten wir uns im Heroischen oder im Lustigen bewegt. Fanni brachte etwas Sentimentales. Die Rollenverteilung machte keine Schwierigkeiten; wir einigten uns rasch. Am zufriedensten war wohl ich. Mir war die Darstellung eines alten Onkels anvertraut, der zankt und poltert, sich aber zuletzt als der weichste Gemütsmensch entpuppt und eine rührende Rede hält. Der Abend wurde damit zugebracht, die Rollen auszuschreiben. Um sie auswendig zu lernen, benutzten wir die Woche hindurch jeden freien Augenblick. Am nächsten Sonntag fand die Probe, am übernächsten die Aufführung statt; nicht bei uns, sondern im Hause der Mutter unserer Dichterin. Ein kleines Theater war aufgestellt, ein kleines Publikum war eingeladen, die Vorstellung ging wie am Schnürchen. Alle Personen, die auftraten, wurden ernst genommen und erhielten Applaus; bloß der alte Onkel erregte immer nur Heiterkeit. Seine Zornesausbrüche wirkten komisch, und als er am Schlüsse rührend werden wollte, brach das Publikum in Gelächter und der Mißverstandene in Tränen aus. Und nun kam der bitterste Tropfen im Leidenskelche dieses Abends. Für sein mühsam unterdrücktes Schluchzen, für die heißen Tränen, die ihm in den grauen Bart liefen, erntete der alte Onkel lauten, grausamen Beifall. Am nächsten Sonntag stellte unsere Freundin sich an der Spitze eines zweiten Theaterstückes ein, das sie uns auch vorlas. Es war – wieder eine Neuerung – in deutscher Sprache geschrieben. Ihm aber geschah Unrecht von Anfang an. Man wollte sich nicht mehr mit dem Ausschreiben der Rollen und mit dem Memorieren plagen. Überdies sagte der Stoff des neuen Dramas uns nicht zu. Es war ein biblischer: Abrahams Opfer . Willkürlicherweise hatte die Dichterin die Erzmutter Sarah in den Vordergrund gestellt. Sie spionierte, entdeckte und erlauschte alles, was ihr Gatte sann, war, sichtbar oder unsichtbar, immer auf der Bühne. Sie hatte sich durch ihr zudringliches Wesen schon recht mißliebig gemacht, schon manches: »O je, die Sarah! ist sie wieder da?« war laut geworden, als die Vorleserin zu der Stelle kam: »Sarah tritt auf. Sie wirft ihre Augen in eine Allee ...« Weiter ging es nicht. Ein Schrei der Entrüstung erhob sich. Das hätte man wissen mögen, wie das zu machen war. Man bat um Erklärungen; man verhöhnte jede, die versucht wurde; man brach den Stab über das Opfer Abrahams. Dieser unselige Mißerfolg riß auch mich ins Verderben. Unsere besten Kräfte entdeckten plötzlich, daß die Komödienspielerei sie eigentlich langweile. Meine in hellem Enthusiasmus erdachten Theaterstücke teilten das Schicksal meiner Gedichte – niemand wollte sie mehr anhören. So wurden denn meine kleinen Hefte abermals meine einzigen Vertrauten. Längere Zeit hindurch half mir eine trotzige Resignation, über ihren Inhalt Schweigen zu bewahren. Ebensogut hätte ich aber eine Brut Singvögel mit mir herumtragen und sie bewegen können, stumm zu sein. »Hat er es einmal aufgeschrieben, will er, die ganze Welt soll's lieben.« Mir vertrat meine Schwester diese ganze Welt, die »es« lieben sollte. Sie jedoch war erschrocken und betrübt, als ich ihr wieder mit meinen Gedichten kam. So hatte ich denn meine unglückliche Kuriosität noch nicht abgetan? Wie unzufrieden wären der Papa und die Großmutter und die Tante, wenn sie etwas von ihr erführen! – Ich gestand mir, daß sie recht haben könne, wollte es aber nicht zugeben und berief mich auf das Beispiel der Mutter Fannis, die sich freute, daß ihre Tochter Theaterstücke machte. – Ja, es war eben anders bei uns, und ich hatte mich zu fügen. Wenn man weiß, daß man etwas nicht tun soll, läßt man's bleiben. Das ist ganz einfach. Sie hielt mir eine ihrer hübschen, wehmütigen Predigten, die dem Tiefsten ihres warmen, frommen, liebevollen Herzens entquollen. Dabei wurde sie so traurig und brach endlich in so heiße Tränen aus, daß ich, gerührt und ergriffen, einen heroischen Vorsatz faßte und ihr versprach, nicht mehr davon zu reden, wenn »es« in meinem Kopf wieder anfangen würde zu dichten, auch nie mehr etwas aufzuschreiben und, wenn die Versuchung dazu mich anträte, innig zu beten um die Kraft, ihr zu widerstehen. So tat ich mit heißer Inbrunst, und die Gebete, die ich im frommen Selbstbetrug zum allgütigen, allmächtigen Vater und Schöpfer emporsandte, waren nichts anderes als ein armes, kindisches Versgestammel. In der Stadt begleiteten wir zwei Ältesten unsere Großmutter am Sonntag in die Ruprechtskirche, und nach der Messe durfte dann immer eine von uns noch eine Weile bei Großmama bleiben. Da war denn einmal wieder mein Sonntag, und ich stand am Fenster und genoß die wohlbekannte Aussicht. Unser Haus hatte die Form eines langgeschwänzten Klaviers; sein schmales Ende zog sich vom Haarmarkt herüber durch zwei kleine Gassen bis zum sogenannten »Rabenplatzl«. Dort überragte es turmartig seine beiden Nachbarn zur Rechten und zur Linken, uralte, umfangreiche Häuser. Das Gegenüber bildete ein gelbes, plumpes Gebäude, das uns nur seine Ecke zuwandte und immer im Begriff schien, auf dem abschüssigen Terrain des Platzl zur Donau hinabzugleiten, der auch die beiden Gassen, die neben ihm hinliefen, entgegenstrebten. Sehr heiter und belebt war es hier herum nicht, am wenigsten des Sonntags, wenn die Kaufleute die Läden geschlossen hatten. An diesem einen Sonntags-, einem Frühlingsmorgen, aber erschimmerte alles, worauf meine Augen sich richteten, im Reflex des Glanzes, der mir die Seele erfüllte. Ich freute mich am Sonnenlicht, das auf fremden Fensterscheiben blinkte – zu den unseren drang es nicht. Ehrwürdig und lieb sogar erschienen mir auf den Dächern die plumpen Rauchfänge mit ihren schiefen Hüten, denen der blaue Himmel einen leuchtenden Hintergrund abgab. In der Kirche war ich heute besonders andächtig gewesen, hatte die heilige Messe eifrig nachgebetet aus dem Büchlein Nouvelles heures à l'usage des enfants , das ich seit meinem siebenten Jahre besaß. Den krönenden Schluß meiner Sonntagsfeier bildete immer das Genießen des poetischen Anhangs, der dem kleinen Buche beigegeben war und unter anderem die Méditation sur la mort von Pierre Corneille enthielt. Sie erschien mir als das Höchste, zu dem ein Dichtergeist sich aufschwingen kann, sie machte mein Entzücken aus und mein Leid; denn meine eigenen Poesien erschienen mir so fahl und nichtig wie Staub im Vergleich zu diesen prunkvollen Versen. Sie klangen damals, als ich am Fenster stand und den Himmel und die Rauchfänge bewunderte, in mir nach. Ich sagte sie leise vor mich hin, so lang, bis ich, hingerissen von meiner Begeisterung, dem Wunsche, sie geteilt zu sehen, nicht mehr widerstehen konnte. So trat ich denn zu Großmama, die auf dem Kanapee saß und strickte, und begann, jetzt aber laut: »Pense, mortel, á t'y résoudre, Ce sera bientôt fait de toi. Tel aujourd'hui donne la loi, Qui demain est réduit en poudre.« Sie sah etwas befremdet von ihrer Arbeit auf, sie lächelte; der gütige Ausdruck, mit dem ihre Augen auf mir ruhten, ermunterte mich fortzufahren. Und öfters, während ich sprach, nickte sie mir Beifall zu, und als ich zum Schlusse gekommen war, lobte sie das Gedicht und mich – weil ich es auswendig gelernt hatte. Ihr Lob, mit dem sie so sparsam war wie mit Tadel, berauschte mich, und noch mehr davon zu erlangen begehrte meine geschmeichelte Eitelkeit. Auswendig gelernt? Ach was! Ich hatte es nicht auswendig gelernt ... Es hatte sich von selbst meinem Gedächtnis angeklebt. Alle Verse, die ich las, klebten sich ihm an, fielen mir wieder ein beim Spazierengehen oder beim Spielen. Die Verse kamen zu mir, weil ich selbst Verse machen konnte. Ja, ich mußte es der Großmama anvertrauen ... Auf einmal waren meine guten Vorsätze, war alles vergessen, was ich meiner Schwester versprochen und mir selbst zugeschworen hatte. Ich wußte nur noch, daß alles gesagt und gesungen werden müsse, was mir im Herzen klang und tönte, andern zur Freude, mir selbst zum Heile. Hastig und konfus werde ich es vorgebracht haben, aber meinen wirren Reden entnahm Großmama doch die Neuigkeit, daß ich »Poesien« machte. So schöne noch nicht wie Pierre Corneille, aber das wird kommen, später, ganz gewiß, wenn ich eine erwachsene Dichterin sein werde ... Du lieber Gott! In der Schilderung dieses ruhmvollen Zukunftsbildes kam ich nicht weit. Großmama unterbrach sie mit einer Strenge, die ich noch nie von ihr erfahren hatte und die mir bis zum heutigen Tage unerklärlich geblieben ist. Warum hat die sonst Gütigste und Nachsichtigste mein Geschwätz nicht wie eine kindische Torheit, sondern wie ein Unrecht behandelt und hart zurückgewiesen? Bevor ich mich besonnen und den Mut zu einem Wort der Entschuldigung gefunden hatte, war ich fortgeschickt worden und befand mich unter der Obhut Josefs, Großmamas altem Diener, auf dem Heimweg in den zweiten Stock. Das war eine Reise! Das war ein Emporsteigen mit einer Last auf dem Gewissen, die schwerer wurde mit jeder Stufe, die ich sonst lustig hinaufhüpfte und jetzt so mühsam erklomm. Wie oft blieb ich stehen; wie brannte mir die Lüge auf den Lippen: Josef, ich bitte Sie, kehren wir um; ich hab etwas vergessen. Aber ich brachte es nicht heraus. Wir gingen weiter; wir langten an. – Nun war keine Hoffnung mehr. Ich würde keine Gelegenheit mehr finden, mich zu rechtfertigen – es wenigstens zu versuchen. Großmama kam, ich wußte das wohl, auf eine einmal erteilte Rüge nie wieder zurück. Die Sache war für sie abgetan, und meine Absicht, eine Dichterin zu werden, blieb in ihren Augen etwas Unrechtes und Sündhaftes. Ihre Entrüstung hatte es mir gezeigt. Ach, wenn der Himmel sich meiner erbarmen und mich erlösen wollte von dieser Sündhaftigkeit, oder was es denn sein mochte. Erlöse mich! erlöse mich! rief ich den Allmächtigen an, und bei ihm und bei meiner Getreuesten, meiner Schwester, suchte ich Hilfe in meiner mit Verzweiflung recht nahe verwandten Ratlosigkeit. Aber Hilfe wußte meine Schwester nicht zu bringen. Sie meinte immer nur: »Sprich nicht davon; dann vergeht's vielleicht.« Vielleicht! Ihre Zuversicht war dahin; sie begann mein Übel als ein unheilbares anzusehen. Wir beteten ein wenig und weinten viel, und ich wünschte mir ehrlich und heiß, bald zu sterben, um nicht noch mehr unwillkürliche Schuld auf mein Haupt zu laden. Gut bei diesem Verfahren der Meinen war bloß die Absicht. Gewollt haben sie mein Bestes und, ohne zu wissen, was sie taten, mir das peinvoll demütigende Gefühl eines angebornen geheimen Makels aufgebürdet. Mit der Zeit wandte sich das Blatt, jedoch nicht zum Besseren. Woraus mir ein Vorwurf gemacht wurde, das war etwas Unentrinnbares und ohne mein Wissen und Wollen durch eine höchste, göttliche Macht über mich verhängt. Die Leiden, die ich dadurch erduldete, und leiden wollte ich ja! erschienen mir nicht wie gewöhnliche, sondern wie besonders schöne und erhabene, wie die eines Märtyrertums, und aus diesem Bewußtsein schöpfte ich eine große Widerstandskraft; es erweckte aber auch in mir ein tüchtiges Maß Hoffart. Gegen die Schreckensherrschaft unseres Drachen in Gouvernantengestalt hatte sich allmählich eine kleine Partei gebildet. Wenn er gar zu arg wetterte, erschien unversehens Pepinka oder unser feines, braves Stubenmädchen Apollonia und machte dem Tanz ein Ende. Ja, wenn es hier »einen solchen Spektakel« gibt, muß der Papa gerufen werden, hieß es mit vielsagenden Blicken nach der Mademoiselle. Sogleich legte sich der Sturm, und wir merkten wohl, auf wen die Drohung gemünzt war. Auch Tante Helene fand sich oft ein, holte uns ab und nahm uns mit in ihr Zimmer. Sie bewohnte dasselbe, in dem Maman Eugénie gestorben, und wir sprachen von jüngstvergangenen glücklichen Zeiten, in denen sie noch bei uns gewesen war. Aber auch längst vergangene und sehr traurige Zeiten ließ Tante Helene vor uns aufleben, ihre freudlose, sorgenvolle Jugend. Sie war in Armut aufgewachsen; sie hatte ihren Bräutigam und zwei Brüder in den Kriegen gegen Frankreich verloren. Über den dritten – unseren Vater – war sie lange in quälendem Zweifel geblieben, ob er tot oder gefangen sei. Viel Leiden hatte die Tante erfahren müssen, bis ihr endlich ein Glück erblühte. Ihrer Ehe mit einem ausgezeichneten, allverehrten, aber weit älteren Manne entsproß ein Söhnchen. Nun lernte sie das Beste und Höchste kennen, was das Leben dem Weibe zu bieten hat. Ihr Kind wurde ihre Freude, ihr Licht. Zu einem Loblied gestaltete sich ihre Rede, wenn sie von ihm sprach, und mit Spannung hörten wir zu; denn alles war interessant, und am interessantesten die Kindheit des Onkel Moritz. So titulierten wir unseren Vetter, nicht wegen des Unterschiedes im Alter, sondern wegen des großen Ansehens, das er bei uns genoß. Seine Mutter verwahrte in ihrem Schreibtisch einen Schatz: alle Zeugnisse, die der »Onkel« sich verdient hatte, als kleiner Junge in der Privatschule Kudlig, später im Theresianum, wo er den Gymnasialunterricht erhielt, und endlich in der Ingenieurakademie, die er als Armeeleutnant verließ. Eine lange Kette der Ehren. Für uns war die Zeit, in der Onkel Moritz als kleiner Junge das Institut Kudlig besucht hatte, die interessanteste seines ganzen Lebens. Dieses unglaublich merkwürdige Institut befand sich nämlich auf dem Hohen Markt und dort auch – man denke! – das Polizeihaus. Meisterlich verstanden wir das Gespräch in seine unheimliche Nähe zu lenken, von wo immer es auch ausgegangen sein mochte. Und dann hob ein Fragen an, so dringend und so neugierig, als hätten wir von der Antwort, die kommen würde, keine Ahnung gehabt: »Was hat manchmal dort gestanden, dort, beim Polizeihaus? Vor dem Balkon und vor der großen Figur mit der Waage in der Hand?« »Was dort gestanden hat? Nun, ihr wißt ja, der Pranger ist manchmal dort aufgerichtet worden.« »Ja, ja, der Pranger. Wie der nur aussehen muß, so ein Pranger? Und wie das sein muß, wenn man oben ist, und alle Menschen schauen hinauf ... Und einmal, nicht wahr, hat der Onkel Moritz auch hinaufgeschaut?« »Ja, einmal, weil die Magd, die ihn im Institut abholte, ihn nicht rasch vorbeigeführt hat, wie sie sollte, sondern ihm erlaubt hat stehenzubleiben.« »Und da waren just zwei Frauen oben auf dem Pranger, eine alte und eine junge, und was haben die getan? Erzähl! erzähl!« »Ihr wißt es ja ohnehin. Die alte hat geweint, und die junge hat geschimpft und die Leute angegrinst.« »Auch den Onkel Moritz?« »Auch ihn.« »Ach, die muß grauslich gewesen sein! Und was hat er gesagt?« »Was soll er gesagt haben? Nichts. Abends aber hat er nicht einschlafen können aus Angst, sie kommt und grinst ihn an.« Der kleine Onkel Moritz von damals stand jetzt – 1840 – im siebenundzwanzigsten Jahre, war Oberleutnant im Geniekorps und kürzlich auf seine Bitte von Olmütz nach Wien transferiert worden, um an der Ingenieurakademie die Professur der Naturwissenschaften zu übernehmen. Tante Helene lebte auf nach seiner Ankunft. Man kann sich ein innigeres, schöneres Verhältnis nicht denken als das zwischen dieser Mutter und diesem Sohne. Dafür mußte bei unserem Vater und seinem Neffen die gegenseitige Zuneigung und Wertschätzung ihre Kraft bewähren, um die Kontroversen, in die beide Männer oft gerieten, friedlich ausklingen zu lassen. Der ältere verteidigte seine Ansichten mit sprudelnder Lebhaftigkeit, der junge die seinen gelassen und nachdrücklich. Am Ende eines solchen Streites war es immer Papa, der die Hand zur Versöhnung bot. Er hatte ein starkes Emotionsbedürfnis und liebte Versöhnungen ebensosehr, wie er den Kampf liebte. Ihm, der als sechzehnjähriger Jüngling der Theresianischen Akademie und ihren Schulen Valet gesagt hatte, um sich dem Kriegsdienst zu widmen, war es nicht recht begreiflich, wie ein Soldat sich auf die Wege der »Gelahrten« begeben konnte. Der Gelahrten! Durch das Vertauschen des zweiten e in diesem Worte mit einem a glaubte er seine geringe Meinung von dem Stand, den es bezeichnet, an den Tag zu legen. Sie tragen einen Fluch an sich, diese Menschen; sie sind unpraktisch und finden jedes Stühlchen, auf dem sie beim Mahle des Lebens Platz nehmen möchten, immer schon besetzt. Papa hatte vor Jahren zu gleicher Zeit mit Hegel die Kur in Karlsbad gebraucht und von der äußeren Erscheinung des berühmten Philosophen einen befremdlichen Eindruck erhalten. Sie blieb für ihn das Urbild der Gestalt, in der die Leuchten der Wissenschaft auf Erden wandeln. Er versäumte nie, wenn er von seiner Begegnung mit Hegel sprach, dessen vermeintes Wort zu zitieren: »Ich habe nur einen Schüler gehabt, der mich verstanden hat, und auch der hat mich mißverstanden.« Ebenso brachte er gern ein Kommando in Erinnerung, das während Bonapartes ägyptischen Feldzuges vor jedem Zusammenstoß mit dem Feinde gegeben wurde. Da hieß es zur Sicherung der notwendigen wie der überflüssigen Begleiter des Hauptquartiers: »Les ânes et les savants au milieu!« Diese Spötteleien ließen Onkel Moritz sehr kühl. »Ich fühle mich nicht betroffen«, sagte er; »ich bin kein ›savant‹. Ich komme mir vor wie ein Schwamm, sauge mich an in den Vorlesungen Ettinghausens und Schrötters und presse mich am nächsten Tage in meiner eigenen Vorlesung aus.« An seinem freien Tage, am Sonntag, speiste er regelmäßig bei uns und erwies uns vor dem Diner manchmal die Ehre eines Besuches im schoolroom. Es befriedigte unsere Eitelkeit gar sehr, daß er Mademoiselle Henriette nicht mehr Beachtung schenkte, als die Höflichkeit gebot, und deutlich merken ließ, er sei nicht ihret-, sondern unsertwegen gekommen. Gewiß aber nicht, um uns Komplimente zu machen. Er belächelte unser seit Frau Krähmers Scheiden gänzlich in Verfall geratenes Klavierspiel und unser fortwährendes Französischparlieren. Eines Tages machte er sich darüber lustig in Gegenwart Mademoiselles. Sie nahm es übel – was ihr freilich nicht zu verargen war –, schleuderte ihm einige zornige »Mais Monsieur!« zu und stolzierte aus dem Zimmer. Uns schwebten die Folgen vor Augen, die aus der bedrohlich gewordenen Stimmung unserer Gouvernante erwachsen würden. Onkel Moritz fuhr fort, uns zu hänseln. Er bedauerte die arme deutsche Wissenschaft, weil wir so gar keine Notiz von ihr nahmen. Wohin man auch blickte, weit und breit war kein deutsches Lehr- oder Lesebuch zu erschauen. Und unsere Hefte, die auf dem Tische lagen, die er zur Hand nahm und durchblätterte! Sie trugen die Aufschriften: Grammaire; Calligraphie; Dictée; Dictée; Calligraphie; Grammaire . Die Abwechslung war gering. Nun aber, zu meinem Entsetzen, kam ihm ein Heftchen in die Hand, das ich, von Mademoiselle am Lehrtisch beim Dichten überrascht, in eines meiner großen Hefte geschoben und dort vergessen hatte. Er schlug es auf und las: Ode à Napoléon – mein letztes Gedicht. Etwas grandios Heroisches, das der Nachwelt, wenn es ihr erhalten geblieben wäre, erst den rechten Begriff vom Genie des Imperators gegeben hätte. Den Schluß bildete ein cri de haine an die Adresse des perfiden Albion, dem ich schmachvollen Untergang auf Erden, im Jenseits die ärgste Höllenpein verhieß. »Von wem ist denn das?« fragte Onkel Moritz in einem Tone, bei dem mir heiß und kalt wurde und der so wegwerfend war, daß meine Schwester sich in meiner Ehre gekränkt fühlte. Die Getreue, der meine Dichterei doch so herzlich zuwider war, nahm sie einem andern gegenüber in Schutz und sagte mit allerliebster Würde, als ob von etwas Respektablem die Rede sei: »Es sind Gedichte von der Marie.« Er lachte, las weiter und verzog während des Lesens keine Miene, und ich hatte die Empfindung, daß mich jemand würgte und daß mir dabei hunderttausend Ameisen über die Wangen liefen und über den ganzen Körper, mit kalten, hastigen Füßchen. Nach einer Zeit, in der ich mir einbilden konnte, daß ein Begriff der Ewigkeit mir aufgegangen war, legte Onkel Moritz das Heftchen auf den Tisch zurück. Gleichgültig, wie wenn es ein Knäuel Zwirn oder irgendeine andere Geringfügigkeit gewesen wäre. Ich wagte nicht, ihn anzusehen, und noch weniger, ihn zu fragen: Hat es dir denn gar nicht gefallen? Was wir gestern gelitten haben, ist nichts; was wir heute leiden, ist alles. Die Abfertigung, mit der Großmama mich vor einigen Jahren so unglücklich gemacht hatte, erschien mir bei weitem weniger grausam als das Schweigen des ersten Lesers meiner von Flammen der Begeisterung durchloderten Ode. Im Laufe der Woche erhielt ich eine hübsche, mit einem Seidenband umwundene Rolle zugeschickt. Sie enthielt sehr gutes Zuckerwerk und einen Briefbogen. Auf den hatte der Onkel in seiner beneidenswert klaren, gleichmäßigen Schrift das Loblied auf den Rhein aus dem Waldfräulein von Zedlitz hingesetzt. Vom Anfang: O Rhein, wie klingt dein Name hold, Gleich einer Glocke, hell von Gold, O fließe fort in stolzer Ruh, Taufwasser deutschen Volkes du! bis zum Schlusse: Es singen die Sänger zur Harfe laut, Was sie im Nebel der Lüfte geschaut! Sie singen fort bis diese Stund, Noch ist geschlossen nicht ihr Mund; Sie werden singen vom stolzen Rhein, Solang er fließt in das Meer hinein! Nun aber folgte ein Epilog: Oh, sing auch du, du deutsche Maid, Nicht fremden Ruhm in fremdem Kleid! Du bist ein Sproß aus gut germanschem Blut, Was deutsch du denkst, hab deutsch zu sagen auch den Mut. Diese Verse galten mir! An mich waren sie gerichtet, und ich fühlte mich dadurch hochgeehrt und ausgezeichnet. Und wie leuchtete ihr Inhalt mir ein und erhellte mir das Herz! Ich durfte sagen, was ich dachte, wenn ich es nur in deutscher Sprache sagte. Ein sehr Gestrenger sanktionierte mein Dichten unter dieser Bedingung. Aber – »was deutsch du denkst ...« Es kam mir nicht vor, daß meine Gedanken gebürtige Deutsche wären. Als kleine Kinder hatten wir fast nur Böhmisch und später dann fast nur Französisch gesprochen – und die Sprache, die wir reden, ist doch die, in der wir denken. Eine strenge Selbstüberwachung begann. Meine Einfälle wurden auf ihre Nationalität geprüft. Innerlich fand meine Umgestaltung aus einer französischen in eine deutsche Dichterin geschwinder statt, als je die Verwandlung einer Raupe in einen – sagen wir – Kohlweißling stattgefunden hat. Von der Notwendigkeit, mir die deutsche Sprache als meine Denksprache anzugewöhnen, war ich sofort überzeugt, und keinesfalls hat meine Sangesfreudigkeit eine lange Störung erlitten. Der Hymnus an den Rhein bekam eine zahlreiche Nachkommenschaft. Mit ganz besonderer Wonne schwelgte ich im Wohlklange des Verses: »Es singen die Sänger zur Harfe laut ...« Die Harfe bildete denn auch die köstlichste Bereicherung meines neuen poetischen Hausrats, und bald begann es in meinen Liedern von Harfenklängen zu tönen. Doch vertauschte ich oft das musikalische Rüstzeug der Barden mit der Laute der Minnesänger, weil sich auf »Laute« soviel mehr und lieblichere Reime finden lassen als auf das stolze, herbe »Harfe«. Der Winter des Jahres 1841 war verflossen, ein stiller, fast trübseliger Winter. Wir hatten alle ein dumpfes Bewußtsein davon, daß sich im Hause ein außerordentliches Ereignis vorbereite. Etwas Erwartungsvolles, Spannendes lag in der Luft; die Stimmungen unseres Vaters wechselten noch rascher als sonst; er schien in einem schweren Kampfe mit sich selbst befangen. Wir fanden ihn oft, wenn wir zu Tante Helene kamen, in ein Gespräch mit ihr vertieft, das bei unserem Eintreten abgebrochen wurde. Auch Großmama nahm an diesen Beratungen teil, die – wir sahen es wohl – einen quälenden Eindruck auf sie machten. Die glostende Aufregung, in der die Spitzen der Familien sich befanden, warf Reflexe nach allen Richtungen. Die Dienstleute zischelten untereinander und schwiegen plötzlich, wenn eines von uns in ihre Nähe kam. Sie machten geheimnisvolle Gesichter; sie nahmen uns gegenüber ein liebevoll-bedauerndes, beschützendes Wesen an. Das Seltsamste aber war die Veränderung, die mit Mademoiselle Henriette vorging. Sie bemeisterte sich, mäßigte ihre Zornesausbrüche und ganz besonders ihre Großmut im Erteilen von Strafen. Alle Hausgenossen schienen einen Grund zu haben, uns ungewöhnliche Rücksichten zu erweisen; nur Monsieur Just blieb immer gleich unbefangen, immer derselbe gute, heitere Kamerad. An einem regnerischen Sonntagnachmittage dieses Frühjahrs waren wir alle fünf bei Tante Helene versammelt und spielten eifrigst »Schwarzer Peter«, als Papa eintrat. Er blieb eine Weile am Tische stehen, wechselte einige Worte mit der Tante, wandte sich dann an uns und fragte: »Kinder, was würdet ihr sagen, wenn ich euch eine neue Mama brächte?« Die drei Kleinen sahen verständnislos zu ihm empor, Fritzi wurde über und über rot, senkte den Kopf und schwieg. Mir kam eine Erleuchtung. Das also war's – darüber beriet sich unser Vater mit Großmama und mit der Tante, darüber zischelten die Leute – wir sollten eine Stiefmutter bekommen. Alle bösen Stiefmütter, die in den Märchen ihr Wesen treiben, standen mir vor Augen, und es fiel mir nicht ein, daß Maman Eugénie auch eine Stiefmutter gewesen war und daß es demnach unaussprechlich gute Stiefmütter geben könne. Ohne mich lang zu besinnen, rief ich aus: »Bring uns keine neue Mama; wir brauchen keine!« Wenn ich mich recht erinnere, überhörte Papa diesen kühnen Protest; am nächsten Tag aber machte seine Verlobte ihren ersten Besuch in unserem Hause. Sie kam in Begleitung ihrer Mutter, die eine imponierende Dame mit noch außerordentlich schönen Gesichtszügen war. Von der ersten Begegnung mit ihr und ihrer Tochter hielt unsere Großmama Vockel sich fern, nur Tante Helene nahm teil daran. Das Benehmen der drei Damen gegeneinander hielt sich in den Grenzen einer kühlen Höflichkeit, und auch uns bezeigte die zukünftige Stiefmutter keine besondere Freundlichkeit, was recht und ehrlich war. – Ich übernehme euch, wie man Pflichten übernimmt, sagten ihre lichten, blauen Augen, und wie gut verstanden wir sie! Meine Schwester teilte mein Gefühl einer gewissen peinlichen Beschämung dieser hohen Erscheinung gegenüber, die uns bald so nahe stehen sollte. Als wir verabschiedet und in unser Zimmer zurückgeschickt wurden, sagte Fritzi schwerbetrübt: »Wenn wir nur nicht fünf wären!« Die neue Mama war ebenso imponierend wie ihre Mutter, hatte das dreißigste Jahr schon zurückgelegt und neigte zur Fülle. Ihre Haare waren blond, ihr Teint war rosig, ihr Mund, nicht klein, aber fein geschnitten, hatte schön geschwungene Lippen und war geschmückt mit den herrlichsten Zähnen. Im ganzen bot sie ein Bild blühender Gesundheit und selbstbewußter Kraft. Der ersten Begegnung mit ihr folgte bald eine zweite, die den herben Eindruck der früheren bedeutend milderte. Und nun machten wir zusammen auch gleich aus, daß sie am Ende noch sehr gut mit uns sein werde. Wirklich erfuhren wir bald darauf durch sie eine große Wohltat. Fremde Leute hatten ihr die Augen geöffnet über Mademoiselle Henriette, und sie verlangte deren Entfernung aus dem Hause und sorgte zugleich für einen Ersatz. Es war der beste, der sich hätte finden lassen. Das Fräulein, dem jetzt unsere Erziehung anvertraut wurde, hieß Marie Kittl und war eine Deutschböhmin, die Tochter eines Fürstlich-Schwarzenbergischen Hofrates und Schwester des damaligen Direktors des Prager Konservatoriums. Wir kamen bei diesem Regierungswechsel aus der Hölle in den Himmel. Ich wüßte keine gute und vortreffliche Charaktereigenschaft zu nennen, die unser Fräulein Marie nicht besessen hätte. Geboren für ihren Beruf, war sie eine Kinderfreundin ohnegleichen und begabt mit dem innigsten Verständnis für alle Vorgänge in der Kinderseele. Sie kannte keine Rücksicht auf ihr eigenes Interesse, ihr Behagen, ihre Gesundheit, wenn es sich um unser Wohl handelte. Wie viele Nächte hat sie an unseren Krankenbetten durchwacht, wie sorgsam uns betreut in der Rekonvaleszenz, wie klug und geschickt uns lernen gelehrt, mit welcher Hingebung an unseren Spielen teilgenommen! Daß wir sie nicht von der ersten Stunde an vergötterten, daran trug ihr Äußeres schuld, das nichts besonders Einnehmendes hatte. Im Gegensatz zu unseren früheren, groß und schlank gewachsenen Gouvernanten war ihre Gestalt und waren auch ihre Hände und Füße etwas ins Breite geraten. Sie stand in den Zwanzigen, schien aber viel älter. Ihrer Hautfarbe fehlte die Frische, ihre Bewegungen waren ohne Anmut, ihre Nase ... doch nein, ich will nicht detaillieren. An jedem einzelnen ihrer Züge hätte sich etwas aussetzen lassen, während der Gesamteindruck, den die Physiognomie und das Wesen unseres Fräuleins Marie machten, höchst sympathisch war. Ein feiner, nobler, etwas schwärmerischer Geist sprach aus ihren kurzsichtigen Augen, und bald wurde es uns zur Ehrensache, sie beifallspendend auf uns ruhen zu sehen. Sie war eine tüchtige Musikerin und sang besonders Lieder sehr hübsch, mit angenehmer, gut geschulter Stimme. Wirklich ergreifend trug sie eine der Kompositionen ihres Bruders, das liebenswürdige Lied Der Vogelsteller , vor. Wer kennt es heute noch? Wer kennt noch Kittls Oper Die Franzosen vor Nizza , die in den vierziger Jahren vom Prager Publikum mit großem Beifall aufgenommen wurde? Wer auch schwärmt heute noch für den Dichter Egon Ebert? Marie Kittl tat es aus vollem Herzen, und wir, getreu unserer Manie, angenehme Überraschungen zu bereiten, fanden uns eines Tages feierlich als Deklamatricen bei ihr ein. Wir wollten etwas im geheimen Auswendiggelerntes vortragen: ein Gedicht von Ebert, das die Sage von dem Mönche behandelt, den ein Wunder zum Glauben an die Ewigkeit bekehrt. Er war gegen Abend in den Wald gegangen, hatte sich ins Moos gelegt unter einen Baum, in dessen Zweigen ein Vöglein lieblich sang, war eingeschlafen und mochte wohl eine Stunde geschlafen haben; denn als er erwachte, glitten schon dunkle Schatten über den Waldesgrund, und die Kirchenglocke rief zur Hora. Der Mönch erhob sich und schritt dem Kloster zu. Er ging den wohlbekannten Weg, und seltsam verändert kam ihm der vor, seltsam verändert alles um ihn her, die Sprache, die Tracht der Menschen, denen er begegnete; fremdartig sogar mutete die Gegend ihn an und völlig fremd das Kloster, das er nun betrat. Das ist sein altes, kleines Kloster nicht mehr, das ist ein Prachtbau, in Marmorglanz schimmernd, mit riesiger Pforte, mit breiten Gängen. Er steht im Treppenhaus und Sieht hinan die hohen Stufen, Sieht hinan die hohen Hallen, Schlägt die Hände bang zusammen: Gott, o Gott! Was ist geschehn? Mönche kommen, ihm alle unbekannt, scharen sich um ihn, fragen ihn, was er wünscht, wen er sucht. Seine Freunde möchte er sehen, seine Genossen: Ruft mir doch den Vater Bernhard Und den weisen Cyprianus, Daß sie mir das Dunkel klären Und das Rätsel lösen mögen. Seine Worte erregten Staunen und Grauen: Liegt ja doch der Vater Bernhard Und der weise Cyprianus Schon dreihundert Jahr im Grabe. So erfährt der Mönch, daß er im Walde nicht ein Stündlein, sondern drei Jahrhunderte verschlafen hat, und die Ahnung einer unendlichen Zeitdauer steigt in ihm auf. Nun aber drohte unserer Unternehmung eine Gefahr. Fritzi sollte das Gedicht sprechen bis zu der Stelle: »Und das Rätsel lösen mögen«, dann war's an mir fortzufahren. Ja – wenn die Namen der zwei Patres nur nicht für uns die Quintessenz alles Komischen enthalten hätten! Wenn es nicht schon in Fritzis Gesicht gezuckt und geblitzt hätte, sobald der Moment, sie über die Lippen zu bringen, nahte, wenn ich mich nur vor verhaltenem Lachen nicht gekrümmt und gewunden hätte, während sie losbrach und die guten Mönche silbenweise und kreischend herbeirief. Als dann ich sie übernahm, um sie für dreihundert Jahre ins Grab zu legen – da war es Fritzi, die sich krümmte und wand und ich, die laut auflachte. So ging es bei den Proben, so bei der Vorstellung, die kläglich mißraten wäre ohne die Langmut unserer Zuhörerin. Marie wartete ruhig, bis unser Lachanfall überstanden war, und blickte uns dabei nachsichtsvoll an mit ihren kleinen Augen, aus denen eine Güte leuchtete, so groß wie die Welt (mathematisch würde ich das beweisen, wäre ich Sophie Germain). Sie kannte das junge Kindervolk; sie fragte nicht nach dem Warum seines Lachens oder Weinens, sie wußte: Sensationen, das sind seine Gründe. Wir empfanden dankbar die Wohltat ihres Verstehens und fühlten uns glücklich in ihrer sicher geleitenden Hand. Einmal, ganz besonders gerührt durch neue Beweise ihrer geduldigen Liebe, baten wir sie, uns gegenüber nicht das steife »Sie« zu gebrauchen, sondern uns wie die kleinen Geschwister, die wir darum beneideten, »du« zu nennen. Sie forderte dasselbe von uns, und nun war das freundschaftliche Verhältnis auf den Ton gestimmt, in dem es sich erhalten sollte durchs ganze Leben. Wie eine kleine Insel der Seligen ragt die Erinnerung an die Zeit, die wir damals verlebten, vor mir empor. Sie war die schönste, friedlichste meiner ganzen Kindheit. Seit Anfang Mai befanden wir uns auf dem Lande unter der Obhut unserer Großmutter und Tante Helenes. Papa war in Wien zurückgeblieben, wo am 21. Juni seine Vermählung stattfand. Zwei Tage später sollte er mit seiner jungen Frau in Zdißlawitz eintreffen. Nach seiner Berechnung, wenn auf der Reise alles klappte, wenn nicht Regen eintrat und die Wege völlig ruinierte, in den Nachmittagsstunden. Empfangsfeierlichkeiten waren streng verboten; im Hause fand keine Veränderung statt. Tante Helene zog aus den Zimmern Maman Eugénies, die sie benutzt hatte, in eine Gastwohnung zu ebener Erde – das war alles. Wir hatten uns bis jetzt wenig mit dem Gedanken an die neue Stiefmutter beschäftigt; als es aber hieß: Morgen ist sie da! gerieten wir in die gespannteste Erwartung. Daß Großmama stiller und ernster war denn je und Tante Helene besonders traurig, bemerkten wir kaum. Vom Wetter hing die rechtzeitige Ankunft der Reisenden ab – es gab also nichts Interessanteres als das Wetter. Und das war schlecht. Am Abend schon begann es zu regnen, und es regnete fort die ganze Nacht und auch den ganzen Morgen! Im Hause herrschte Ratlosigkeit. Die Beamten kamen und halfen sie vergrößern. Der Regen hielt an – was tun? Gestern waren Relaispferde entgegengeschickt worden; sollte man noch andere nachschicken? Wenn sie überflüssig waren, gab's Verdruß; wenn sie gebraucht wurden und fehlten, gab's auch Verdruß. Der Verwalter konstatierte das unter frenetischem Tabakschnupfen; der Burggraf, dem daran lag, nicht alle seine Pferde auf die Landstraße zu schicken, prophezeite gutes Wetter. Und richtig, es machte sich! Zu Mittag lag ein silberner Schimmer über dem Himmel, am Nachmittag schien die Sonne. Da zog man unserer Kleinsten ihr weißes Kleidchen an und auch uns weiße Kleider und unseren Brüdern ihre neuen blauen Blusen, und für jedes von uns brachte der Gärtner ein Bukett. Die Kleine sollte das ihre mit einigen begrüßenden Worten zuerst übergeben, und der Anblick dieses engelhaft schönen Kindes, das für sich und für seine Geschwister um ein bißchen mütterliche Liebe bat, mußte die neue Mama gewinnen und rühren. Nun waren wir zu ihrem Empfang bereit, und so würde sie denn gleich kommen. Wir standen im Hofe, und alle Augenblicke wollte das eine oder das andere das Rollen eines Wagens gehört haben, der den Berg heraufgefahren kam und nur der ihre sein konnte. »Oh, mir klopft das Herz!« rief eines der fünf und ein anderes: »Und erst mir, fühl nur!« – »Meins klopft noch stärker.« Jedes wollte im Besitze des stärksten Herzklopfens sein. So verging der Nachmittag. Das Wetter trübte sich wieder; wir wurden ins Haus zurückgerufen, lungerten herum, schlichen von einem Fenster zum anderen und spähten hinaus. Die Kleinste hatte vor Schläfrigkeit schon ganz verglaste Augen, wollte aber durchaus nicht zu Bett gehen und weinte bitterlich, als Pepinka sie in die Arme nahm und unter den zärtlichsten Liebkosungen ins Kinderzimmer trug. Dann gelang es Monsieur Just mit vieler Mühe, die beiden Büblein, die vor Schläfrigkeit nur noch lallten, aber doch wie die großen Schwestern aufbleiben wollten, in ihre Stuben zu locken. Endlich, ganz spät, ließ die Tante das Souper auftragen. Niemand aß; erschöpft von der Aufregung, in der der Tag zugebracht worden war, verlangten wir nach nichts anderem mehr als nach Ruhe. Still saßen wir bei Tische und hörten mit stumpfer Gleichgültigkeit den Regen unablässig niederströmen und prasselnd an die Fenster schlagen. Es wurde elf Uhr. Nun legte Großmama ihr Strickzeug, das sie mechanisch vorgenommen hatte, fort, und: »Schlafen gehen!« hieß es für uns. Aber die Leute sollten doch noch eine Weile auf den Beinen bleiben und der Nachtwächter in der Nähe des Hoftores seines Amtes walten. Wir lagen in unseren Betten im ersten tiefen Schlafe, als Großmama uns weckte. Sie war in Nachttoilette, ganz eingehüllt in ein umfangreiches braunes Seidentuch, und trug einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand. »Kinder, sie sind da!« rief sie. Ihre Stimme zitterte, und auch die Hand zitterte, in der sie den Leuchter hielt. Das Haustor knarrte, Pferdehufe trappelten auf dem Holzpflaster der Einfahrt, ein schwerer Wagen rollte langsam herein ... Einige Augenblicke, und aus der Tür des Nebenzimmers traten die neue Mama und unser Vater. Sie begrüßten die Großmama, kamen zu uns heran und küßten eine nach der anderen. Papa erzählte von den Widerwärtigkeiten der Reise. Besonders arg war es auf der letzten Strecke gewesen. Nur Schritt für Schritt kamen die Pferde auf den elenden Wegen vorwärts; die Finsternis wurde fast undurchdringlich. Gar oft mußte der Jäger absteigen, mit einer Wagenlaterne vorausgehen und leuchten ... Und die Xaverine! Eine solche Ängstlichkeit wie die ihre war dem Papa noch nie vorgekommen – geschrien, alle Heiligen angerufen ... sie hatte keine Courage, seine Frau. Es war bald wieder dunkel und still um uns her, aber einschlafen konnten wir lange nicht. Wie feucht das Kleid Mamas an ihr niederhing, und auch ihr Gesicht war ganz feucht; wir hatten es bemerkt, als sie uns küßte. Sie hatte geweint. – »Natürlich, weil sie sich gefürchtet hat«, meinte Fritzi, die das innigste Verständnis besaß für jede wie immer geartete Ängstlichkeit. Nach einer Weile – ich hatte gedacht, sie schliefe schon – begann sie wieder: »Eine Hochzeitsreise ... Es ist traurig, eine solche Hochzeitsreise!« Ich wunderte mich sehr. War das eine Hochzeitsreise? Das Wort schon hatte einen so heiteren Klang; man stellte sich darunter etwas ganz Helles, Angenehmes vor ... Konnte man denn weinend ankommen von einer Hochzeitsreise? Die erste Empfindung, die Mama Xaverine uns einflößte, war ein großes Bedauern. Wir fanden sie oft in Tränen. Sie litt an Heimweh, sie litt unter den Schwierigkeiten ihrer Stellung. Auf einen Schlag mit fünf Kindern gesegnet, die vierte Frau eines ältlichen, ihr fast fremden Mannes sein, durch ihre Umgebung, durch alles, was sie vor Augen hatte, an ihre Vorgängerinnen gemahnt werden, Vergleiche hervorrufen, die nicht immer das Wohlwollen anstellt, und nie seinen guten Mut verlieren – dazu hätte viel gehört. Überdies wirkte gar befremdlich auf sie der Einblick in einen musterhaft geführten Haushalt. Alles festgefügt und ineinandergreifend, strenge Ordnung und durchsichtige Klarheit, nirgends ein Winkel, in dem unlauteres Getriebe und betrügerisches Wesen sich verbergen konnten. Eine atmende, fühlende Maschine, die ihre Tagesarbeit munter und gelassen verrichtete, an der aber auch das kleinste Rad und die kleinste Schraube glänzte vor Vergnügen an ihrer treuen Pflichterfüllung und der Anerkennung, die ihr dafür zuteil wurde. Im Geiste dieses genialen Pedantismus weiterzuwirken lag nicht in der Absicht und nicht in der Fähigkeit der neuen Gebieterin. Sie suchte vor allem unserem Hause den etwas bürgerlichen Anstrich abzustreifen, der ihm eigen war, trotz des soliden Wohlstandes, der in ihm herrschte, der vielen Diener, der hübschen Livreen, der eleganten Equipagen. Der Verwandten- und Bekanntenkreis Mamas stand auf der sozialen Leiter um eine Sprosse höher als der unsere und sollte allmählich der tonangebende werden. Ohne Frage zog mit der neuen Stiefmutter ein frischerer Geist bei uns ein. Sie besaß, was man »des talents d'agrément« nannte, sang mit angenehmer Stimme und nettem Ausdruck französische Romanzen, und wir waren glücklich, sie auf dem Klavier begleiten zu dürfen. Ebensosehr freute es uns, ihr zuzuhören, wenn sie, was sie regelmäßig tat, im Herbste, als die Abende länger wurden, vorlas. Grüns edles Gedicht Der letzte Ritter, Kenilworth, Godwie-Castle, auch manches gute Buch von Friederike Bremmer und Emilie Flygare-Carlèn lernten wir durch sie kennen mit einem Genuß, für den ich nie aufhören werde ihr dankbar zu sein. Wir gewannen sie bald sehr lieb und bewunderten, außer ihrem Gesang und ihrer Vorlesekunst, auch ihre Malereien. Kleine Ölbilder, die sie unter der Leitung ihres Lehrers gemalt hatte, würden vor einer strengeren Kritik als die unsere bestanden haben. Besonders reizvoll aber fanden wir Aquarelle, die in einem Album versammelt und von Mama ganz allein gemalt waren: Darstellungen aus dem Leben, das sie daheim geführt hatte, ihre Lieblingsplätze im Garten und im Schlosse – alles höchst interessant, und heute müßte man mir mit einem Rudolf oder Franz Alt kommen, um mich so zu erfreuen, wie die Bilder der guten Mama mich erfreut haben. Sie zeichnete kühn und naiv und lebte mit der Perspektive auf demselben Fuße wie Giotto. Da gab es zum Beispiel in ihrem Album ein Bild, das den Titel führte Mein Zimmer und das Aussehen eines aufgerichteten Schachbretts hatte. An dem hingen mehrere Möbel und ein kleiner Hund. Nach oben verjüngte sich das Brett, und auf seiner schmalen Kante stand an einem offenen Fenster eine Dame vor einem Blumentopf. – Wenn die nur nicht herunterrutscht! dachte man. Weil sie aber am nächsten Tage noch dastand, verging die Sorge, und die Heiterkeit des Anblicks blieb. Im Laufe des Sommers verließ uns unsere liebe Tante Helene, und schwer wurde ihr und uns der Abschied, obwohl die Trennung nur kurze Zeit dauern sollte. Sie fuhr nach Wien, um im dritten Stock des Rabenhauses eine Wohnung für sich und Onkel Moritz einzurichten, dieselbe, die sie schon innegehabt hatten, als er noch ein Kind war, und die später er und ich durch viele Jahre bis zu seinem Tode bewohnt haben. Sie war nicht groß, und durch keines ihrer Fenster drang je ein Sonnenstrahl. Ihm aber durchleuchtete die Erinnerung an seine glückliche Kindheit und an Mannesjahre voll reicher geistiger Tätigkeit ihre bescheidenen Räume. Er hat den Abbruch des alten Gebäudes nicht mehr erlebt. Nun ist es hinweggefegt. An einer Ecke des Platzes, den es wuchtig und breit eingenommen hat, erhebt sich ein schmuckes Haus mit schmalem Eingangstor, schmaler Treppe, niedrigen, schmalen Gängen und niedrigen Zimmern. Nach englischer Mode heißt es, die aus der Not eine Tugend macht. Der Rest des Baugrundes ist Straßengrund geworden. Wagen und Automobile rasseln, Ströme von Menschen schreiten über den Boden, in den einst die »Drei Raben« ihre mächtigen Fundamente senkten. Eine zweite Vielgetreue schied im Laufe des Winters. Die alte Pepinka trat in Pension. Mama Xaverine sah ihrer Niederkunft entgegen und hatte für das Kindchen, das zur Welt kommen sollte, eine andere, jüngere Wärterin gewählt. Pepinka schlich sich nicht leise davon wie Anischa, stürmisch und tränenreich war ihr Abschied von dem Hause, in dem sie fünf Kinder mit grenzenloser Pflichttreue und Hingebung aufgezogen hatte. Besonders schwer fiel ihr die Trennung von ihrem Liebling, von unserer Ältesten. Und diese hörte ich am Abend desselben und manchen folgenden Tages noch lange schluchzen, nachdem man uns zu Bette gebracht hatte. Ich kannte die Ursache ihres Grams. Ihn erweckte der Gedanke: Jetzt geht auch Pepinka schlafen und hat niemand, der ihr gute Nacht sagt. In ihrer Unermüdlichkeit nahm Fräulein Marie die Obsorge über unsere Kleine auf sich, die damals noch mehr ins Kinder- als ins Gouvernantenzimmer gehört hätte. Aber sie befand sich in bester Hut, und für meine Schwester und mich war es ja doch ein auserlesenes Vergnügen, das »Sophiederl« jetzt immer in der Nähe zu haben und mit beaufsichtigen zu dürfen. Unter dem Einfluß Mamas erfuhr nach und nach unser ganzes Unterrichtswesen eine Umgestaltung. Vom Gediegenen hüpften wir zum Gleißenden hin. Ein neuer Klavierlehrer setzte uns bald instand, unserem Vater Potpourris aus verschiedenen Opern vorzuspielen. Zu seinem Geburtstage konnten wir ihm »reizende« Aquarelle darbringen, in denen sich stellenweise eine erstaunliche Routine verriet, die wir mit dem besten Willen nicht für selbsterworben halten konnten. An die Stelle des altmodischen Herrn Minetti trat eine elegante Französin, die den Tanzunterricht damit begann, daß sie uns gehen, stehen, sitzen lehrte und in den Salon eintreten und den Salon verlassen und grüßen – je nach Gebühr. Der Praxis ließ sie die Theorie vorangehen. Man hätte ihre Definitionen der verschiedenen Arten zu grüßen bei einem Haare geistvoll nennen können. Zum Schluß kamen dann, oft wiederholt, die Worte: »Oh, meine jungen Damen, genau muß das wissen, wer gute Manieren haben will! Gute Manieren, meine jungen Damen, sind sehr viel, sind beinahe alles. Wenn Napoleon gute Manieren gehabt hätte, wäre er ein ganz großer Mann gewesen.« Mit einem lieben Hausgenossen, mit Monsieur Just, war eine Zeit nach der Ankunft unserer Stiefmutter eine traurige Veränderung vorgegangen. Seine kindliche, immer gleichmäßige Fröhlichkeit, sein inniges Interesse für jedes einzelne von uns, seine eifrige Teilnahme an unseren Spielen – alles vermindert, alles wie verwelkt und erloschen. Im Sommer schon war es uns oft aufgefallen, daß er dasitzen konnte ohne Bewußtsein dessen, was um ihn vorging. Wenn wir ihn in einem solchen Augenblick anriefen, fuhr er auf und starrte uns an, verwirrt und fragend, wie plötzlich geweckt aus tiefem Traume. Manchmal rannte und rannte er im Garten herum, bis ihm der Atem versagte und er halb bewußtlos auf eine Bank niedersank. Unserem Vater gegenüber war er immer völlig unbefangen gewesen, hatte nie die geringste Furcht vor ihm gezeigt, hatte auch keinen Grund dazu gehabt, denn Papa hielt ihn wert und ergriff jede Gelegenheit, ihn zu loben und ihn unseren Brüdern als Muster aufzustellen. Jetzt aber ging Monsieur Just ihm aus dem Wege, sooft es ihm nur möglich war. Wir bemerkten, daß er eine ganz andere Stimme hatte als sonst, wenn er mit unserem Vater sprechen mußte, der doch immer gleich gut gegen ihn war und dem sein seltsames Wesen Besorgnis zu erregen schien. Auch die Gegenwart Mamas setzte den armen Monsieur Just in große Verwirrung; er wurde rot und blaß und geriet völlig außer Fassung. Warum nur? Sie behandelte ihn ja nicht um ein Haar anders als uns, ebenso freundlich und mütterlich. Einmal geschah's, daß sie bei Tische eine Frage an ihn stellte und er zusammenfuhr, die Augen auf sie richtete, erbleichte, wankte und – ohnmächtig zu Boden stürzte. Wir weinten und jammerten und hielten ihn für tot. Er aber, eine Stunde später, lachte über uns und über seinen Unfall und versicherte, daß ihm nichts fehle, gar nichts, und daß es sehr gesund sei, manchmal ein bißchen ohnmächtig zu werden. Der kleine Victor ließ sich über das Unheimliche der Sache nicht so leicht beruhigen und fragte unaufhörlich: »Mais pourquoi avez-vous été mort, Monsieur Just? Pourquoi avez-vous été mort?« Mit Fräulein Marie hatte Just lange Unterredungen. Sie schien ihm tröstend, beschwichtigend zuzusprechen. Einmal glaubten wir zu hören, daß sie ihn beschwor, auf die Bitten unserer Eltern Rücksicht zu nehmen, und daß er darauf erwiderte: »Ich kann nicht, es ist unmöglich, ich muß fort!« Im Spätherbste dann, bald nach unserer Rückkehr in die Stadt, begab es sich, daß er vom Abendessen wegblieb, das immer gemeinsam für uns in unserem Lehrzimmer aufgetragen wurde. Erst als es für die Brüder Zeit war schlafenzugehen, holte er sie ab. Er brachte ihre Mäntel, legte sie ihnen um, sagte meiner Schwester und mir gute Nacht, ging auf Fräulein Marie zu und drückte ihr die Hände herzlich und lange, konnte aber nicht sprechen. Wir sahen voll Bestürzung, daß er schwer mit seinen Tränen rang, und erhielten keine Antwort auf unsere besorgten Fragen, was ihm sei und warum er weine. Er schob die Knaben bei den Schultern vor sich her der Tür zu, die sich bald darauf zum letztenmal hinter diesem lieben Menschen schloß. Am nächsten Morgen kamen die Brüder weinend zu uns herüber. Monsieur Just war fort. Er hatte ihnen Lebewohl gesagt und uns alle noch, alle, vielmals grüßen lassen. Mama war den Knaben auf dem Fuße gefolgt, bemühte sich, uns zu trösten, und versicherte, Monsieur Just werde wiederkommen, er habe jetzt nur für kurze Zeit zu seiner Mutter nach Frankreich reisen müssen. Und dann bat sie die gute Marie, heute auch die Buben zu beaufsichtigen und mit der ganzen Kindergesellschaft im großen Familienkobel – das war ein weitläufiger, viersitziger Wagen – in den Prater zu fahren. Für abends hatte Papa eine Loge im Kasperltheater genommen, wo Döbler seine Taschenspielerkünste vorführte. Vierzehn Tage hindurch hatten wir Ferien. Man ließ uns nicht Zeit, dem Schmerz um unseren Freund nachzuhängen. Wir undankbaren, leichtsinnigen und eitlen Kinder genossen jedes dargebotene Vergnügen aus dem Grunde und bildeten uns viel ein auf die Mühe, die unsere Eltern sich gaben, uns zu zerstreuen. Einmal fuhren wir nach einer Vorstadt, in der sich eine vielgerühmte Erziehungsanstalt für Knaben befand. Unser Besuch mußte angekündigt gewesen sein, denn der Vorsteher und seine Frau erwarteten uns auf der Schwelle ihres Hauses. Wir wurden durch all seine Räume geführt, auf die Ordnung und Reinlichkeit, die in ihnen herrschten, auf die Zweckmäßigkeit jeder Einrichtung, auf jeden Vorzug des mustergültigen Instituts aufmerksam gemacht. Unsere Eltern waren voll der Anerkennung und des Lobes. Aus dem Hause ging's in den Garten, dessen Größe gerühmt wurde und der uns sehr klein erschien. Einige Dutzend Knaben und Jünglinge spazierten herum, spielten oder turnten. Alle, die vom Vorsteher-Ehepaare angesprochen wurden, antworteten je nachdem mit einem kindlichen: »Ja« oder »Nein«, »Mutter« oder »Vater«. Am nächsten Tage bei Tisch ergingen sich unsere Eltern im Preise der Anstalt, ihrer Leiter, des blühenden und zufriedenen Aussehens der Zöglinge. Fräulein Marie und auch wir Kinder wurden aufgefordert, unsere Meinung zu sagen. Wie das Urteil der anderen ausgefallen ist, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ein Gelächter sich erhob, als ich erklärte, Mutter zu sagen zu einer fremden Frau würde ich meinen Kindern nie erlauben! Bald darauf standen die Brüder im Speisezimmer, eingeknöpft in ihre kleinen Paletots, die Hüte in der Hand, zum Fortgehen bereit. Aus den hellblauen Augen des jüngeren sprach eine schmerzliche Betroffenheit. Sollte mit ihm nicht etwas geschehen, das eigentlich unmöglich war, sollte er nicht fort von zu Hause? Der ältere hatte den Kopf von ihm abgewandt, er wollte ihn nicht ansehen, sein Anblick hätte ihm zu weh getan. Wir kannten ihn, Fritzi und ich, wir wußten, was in ihm vorging. Er hatte jetzt nur eine Sorge. Wie wird es dem Kind ergehen im Institute? Unter allen Buben, die dort sind, wird er der jüngste und schwächste sein, und sein starker Bruder wird vielleicht nicht immer zurechtkommen können, um ihm beizustehen, wenn er sich in Händel einläßt, der leicht gereizte, streitbare Kleine. Keiner der beiden sprach, und auch wir brachten kein Wort heraus, und es war, als ob die Scheidenden uns fast schon entfremdet wären. Wir betrachteten sie von einer Fenstervertiefung aus, und der Druck einer beängstigenden Befangenheit, eines peinlichen Zwiespalts lag auf uns. Warum schickt man sie fort, diese zwei Kinder, die ein gutes Daheim, die Eltern und Geschwister haben? Ist es nicht grausam, sie fortzuschicken unter fremde Menschen? Aber die Eltern tun es, und was sie tun, hatten wir von klein auf gehört, ist immer das Rechte. Der Wagen wurde angemeldet, Papa kam aus seinem Zimmer, und aus dem ihren, von der entgegengesetzten Seite, kam Mama. Sie umarmte die beiden kleinen Buben und ermahnte sie, recht brav zu sein, sie würden dann schon am nächsten Sonntag wiederkommen dürfen. »Und dableiben?« Ich glaube, wir riefen das alle zugleich wie aus einem Munde, und die Enttäuschung war bitter, als es dann hieß: »Ja, ja, den ganzen Tag.« Papa schritt der Ausgangstür zu. »Sagt adieu und kommt!« sprach er, und es war leicht, aus seinem strengen Tone eine unterdrückte Rührung herauszuhören. Von einigen der Notizbüchlein, die ich damals immer nebst Bleistift und Federmesser in meiner Tasche herumtrug, sind noch Rudera erhalten. Ein ganz schief mit Bleistift liniiertes Blättchen kam mir neulich in die Hand, auf dem, kaum noch zu entziffern, geschrieben steht: »Die Brüder sind heute fort. Ich habe einen Schmerz in meinem Herzen. Der ist viereckig und hat Ränder, die sind scharf. Er hat auch Spitzen.« Am nächsten Sonntag hatten die Knäblein wirklich »Ausgang«. Papa holte sie selbst im Institute ab. Sie waren traurig und gedrückt, und der Kleine vertraute mir geheimnisvoll an: »Was dort für Buben sind!... Wie die sind! Das kannst du nicht denken, wie die sind!« Ihre Ferienzeit brachten die Brüder in Zdißlawitz zu, und wir verlebten gute Tage mit ihnen. Einer der Vorsteher der Anstalt, Herr Hönig, hatte sie begleitet. Er war mit Monsieur Just an Liebenswürdigkeit, Lustigkeit, an Erfindungsgabe bei den Spielen nicht zu vergleichen, aber ein vortrefflicher Mensch, ein wahrer Freund seiner Zöglinge. Sie hatten leider bald das Mißgeschick, auch ihn zu verlieren; er trat, wenn ich nicht irre, eine Professorstelle an einem Gymnasium an. Sein besonderer Schützling, der kleine Victor, war ganz untröstlich und schrieb an Papa: »Ich hab drei Tage um Herrn Hönig geweint.« Im September, an meinem Geburtstage, erlebte ich das für mich vielleicht denkwürdigste Ereignis meiner Kinderjahre: Mama schenkte mir Schillers sämtliche Werke in einem Bande. Ein großes, dickes, prächtiges Buch, eng gedruckt, ein Reichtum, nicht zu erschöpfen, und wenn ich hundert Jahre alt würde. In den ersten Tagen, im ersten Rausche des Besitzes, war von systematischem Lesen nicht die Rede. Ich glaube, daß es eine der Balladen gewesen ist, die mich umfing wie eine feurige Umarmung und mich erhob in ein Bereich nie geträumter Herrlichkeit. Das gibt's? – das gibt's – Das ist eingefangen da auf diesen Blättern, und wenn man seine Augen auf ihnen ruhen läßt, steigt es herauf, durchtränkt die Seele, prägt sich dem Gedächtnis ein, und man hat es, man kann es vor sich hersagen und sehen, was er gesehen hat, dieser Dichter, und uns darstellt mit prunkvollen Worten, wie nur der eine, einzige sie sprechen konnte! Das Titelbild, ein Stahlstich nach der Schillerstatue von Thorwaldsen, stellte mir den Dichter in edelster Erscheinung dar. So mächtig, so voll Größe und Kraft und das schöne Haupt doch gebeugt unter der Last des schweren Kranzes. Selbst errungen, der überreiche, der ihn nun bedrückte. Klar wurde es mir freilich nicht, daß der Bildhauer vielleicht diesen Gedanken hatte ausdrücken wollen; nur als etwas Unbestimmtes, unsagbar Anziehendes kam es mir zum Bewußtsein. Marie und meine Schwester fanden mich einmal in die Betrachtung des Bildes meines vergötterten Dichters versunken, und ich machte sie auf sein unter dem Kranze gesenktes Haupt aufmerksam. Da legte Fritzi ihre Hand auf meinen Scheitel und sagte: »Sie glaubt gewiß, daß auch sie einmal einen solchen Kranz auf ihrem Kopf haben und so dastehen wird.« Sie hatte das liebreich, mit ganz harmlosem Spotte gesprochen und mich trotzdem schwer beleidigt. Gerade jetzt meldete »es« sich nicht mehr. Seitdem ich im Besitze meines Schiller war, lebte ich nur in ihm, und seine Gedichte unermüdlich herzusagen machte jetzt mein Glück und meine Freude aus. Wie oft mußten die alten, vertrauten Lindenbäume unserer Allee den Eichwald brausen hören! Wie oft rief ich ihnen, die gewiß darüber staunten, zu: »Ich habe gelebt und geliebet!« Alles wiederholt sich im Leben, weil wir selbst uns immer wiederholen, und wie ich einst mit allen meinen Gedanken und Gefühlen in der Haut eines kühnen Drachentöters oder eines armen, verfolgten Stieftöchterleins gesteckt hatte, so war ich jetzt abwechselnd eine oder die andere Heldengestalt Schillers und nahm zum Erstaunen meiner Umgebung plötzlich laut Abschied von meinen geliebten Triften oder forderte mit ungestümem Pathos Gedankenfreiheit. Böse Stunden der Reaktion stellten sich allerdings auch ein, ich konnte auch Entrüstung empfinden über meinen Abgott. Er hatte mir mit der matten Limonade und mit verschiedenen Grobheiten, die der alte Miller seiner Frau sagt, Kabale und Liebe verunstaltet, und sehr lächerlich kamen die Gedichte an Laura mir vor. Ich erlaubte mir sogar, eines von ihnen zu travestieren, und wurde dafür von Marie tüchtig gezankt. Sie bedauerte, daß Mama mir ein Kleinod in die Hand gegeben habe, dessen Wert zu schätzen ich noch ganz und gar nicht vermöge. Ich würde mir sonst eine Kritik nicht erlauben – aus Pietät. Zur Pietät aber fehle mir die Reife. Sie fehlte mir freilich auch zur Würdigung dieser Strafpredigt. Viel später erst ging ein Verständnis des innigen Zusammenhanges zwischen Unreife und Mangel an Pietät mir auf. Aus Tausenden von Lehren, die das Leben uns erteilt, aus täglichen Erfahrungen können wir es schöpfen. Pietät ist immer nur die Frucht der edlen Ausgeglichenheit, die man Reife nennt. Die Jugend weiß nichts von ihr, und ewig unerreicht bleibt sie den Halbgebildeten, den Vorurteilsvollen, den Parteilichen. Daß meine Stiefmutter unrecht gehabt hat, mir, dem elfjährigen Kinde, die Werke Schillers zu schenken, kann ich heute noch nicht einsehen. Ich werde es meinen Eltern auch immer danken, daß sie im Laufe des folgenden Winters meine Schwester und mich an jedem ihrer Logentage ins Burgtheater mitnahmen. Wir sahen alle klassischen Stücke, die auf der damals Ersten deutschen Bühne zur Aufführung kamen. Wir sahen Das Leben ein Traum und fühlten uns in den Himmel getragen von dem Schwung seiner Verse, wir sahen Wallenstein mit Anschütz in der Titelrolle, Maria Stuart , Hamlet , wir sahen den Prinzen in Emilia Galotti von Fichtner so hinreißend und liebenswürdig dargestellt, daß wir herzlich wünschten, der alte Edoardo möge doch ihm seinen Segen geben zur Vermählung mit Emilia. Von einem weniger soliden Bunde wußten wir nichts und fanden überdies den Grafen Appiani einen recht steifleinenen Herrn. Minna von Barnhelm mit Fräulein Enghaus als Minna, Lucas als Tellheim, Wilhelm als Werner, La Roche als Just gespielt zu sehen war ein feinster, unauslöschlicher Kunstgenuß. Und nun erst Egmont mit Löwe in der Titelrolle und Julie Rettich als Margarete. Da, und als Mutter der Makkabäer und später dann als Marfa im Demetriusfragment, hat diese Frau, die eine Herrschernatur war und ihre Kunst wie eine Priesterschaft ausübte, dank ihrer geistigen Überlegenheit und echten Seelengröße eine Höhe erreicht, zu der stärkere, aber auf minder edlem Boden stehende Talente nie gelangen. Wie die Märchen Perraults, wie die Geschichte und die Sagen des Altertums, so wurden uns auch die Kunstgenüsse im Burgtheater in ärmlicher Ausstattung geboten. Meine verehrte Freundin, Gräfin Schönfeld, ehemals Luise Neumann, und ich erinnern uns oft lächelnd des Rüstzeugs, mit dem die großen Schauspieler jener Tage versehen wurden, um ihre glänzenden Siege zu erringen. Der ganze Dekorationsapparat der Ersten deutschen Bühne entfaltete sich innerhalb der Grenzen äußerster Sparsamkeit. Besonders hart übte sie ihre Gesetze dem feinen Lustspiel gegenüber aus. In den vornehmen Häusern saßen die Damen auf einem mit Rohrgeflecht überspannten Kanapee, im bürgerlichen Haushalt gab es nur Holzsessel. Eine Zimmerdekoration, eine besonders gute alte Bekannte, war in jungen Tagen rosenfarbig gewesen, zwei Landschaften, Grau in Grau gemalt, zierten ihre Mittelwand. Bevor sie selbst erschien, schwebte ihr der ganzen Breite nach ein Streifen sehr schmutziger Fransen voran, in die sich allmählich ihre untere Partie aufgelöst hatte. Während sie niederrollte, kamen rechts und links je zwei Diener, die je einen glatten, viereckigen Tisch auf die Bühne stellten. Sie trugen auch einige Sessel herbei, und wenn ein Paar von diesen vor das Souffleurhüttchen gestellt wurde, ahnten wir, daß ein wichtiges Gespräch zu erwarten war, und spitzten die Ohren. Es kam; die Zuhörer genossen es und verstanden jede feine Wendung und freuten sich jeder Pointe, und unsere Herzensangelegenheit war's, die man dort verhandelte. Wenn ein Liebling des Publikums auftrat, ging's wie ein leises, freudiges Atmen durch das Haus; ein beifälliges Gemurmel, ein kurzes, herzliches Klatschen dankte für besonders vortreffliches Spiel. Unsere Mimen verstanden die Innigkeit unseres Dankes und die Treue zu schätzen, die ihrer nie vergessen und die Nachwelt zwingen werde, ihnen Kränze zu flechten. Unser altes Burgtheater! Es war für mich, und wird es gewiß für viele gewesen sein, ein Quell edler Freude, ein Bildungsmittel ohnegleichen. Ihm verdanke ich die Grundlage zu meiner ästhetischen Erziehung, die damals begann und heute – noch lange nicht beendet ist. Die Glückseligkeit, in die mich die Vorstellung versetzte, wurde immer etwas getrübt durch das Fallen des Vorhangs nach den Aktschlüssen. Es riß mich aus der Bezauberung und mahnte, daß ein Teil der mir so köstlichen Stunden vorüber sei. Der Nachgenuß aber war etwas Vollkommenes. Ich wandelte einher wie auf dem Kothurn, ja, es kam mir in die Füße! Ich schritt gleich den hochgestellten Persönlichkeiten bei feierlichen Aufzügen auf der Bühne, heroische Gefühle erfüllten mein Herz, der Wille zum Leiden erwachte in seiner ganzen Stärke und mit ihm die brennende Sehnsucht nach einem großartigen Martyrium. Neben den klassischen Stücken waren aber die Schau- und Lustspiele, die bei den Meinen besonders in Gnaden standen, auch mir sehr willkommen. Zwei Damen, zwei dramatische Schriftstellerinnen, gelangten um jene Zeit sehr oft zu Worte. Die Prinzessin Amalie von Sachsen mit dem Oheim , dem Landwirt , der Stieftochter , Frau von Weißenthurn mit zahlreichen Dramen. Die Erinnerung an sie ist erloschen; ich entsinne mich nur dunkel des einen, das Pauline hieß und in dem Luise Neumann die Hauptrolle spielte. »Ach, die liebe, gute Frau von Weißenthurn, wenn wir sie nicht hätten!« sagte Börne, und sie hätte erwidern dürfen: Ach, der liebe, gute Börne, der destruktive Kritik so meisterhaft übt – wenn ich den nicht hätte! Er nimmt mich mit in seine – Vielleicht-Unsterblichkeit; wer würde ohne ihn nach einem halben Jahrhundert noch etwas wissen von meinem Schauspiel Agnes van der Lilie und von meinem Lustspiel Beschämte Eifersucht ? Der Winter 1842 brachte dem Burgtheater drei Ereignisse: die erste Aufführung von Friedrich Halms Der Sohn der Wildnis , den Abschied Johannas von Weißenthurn vom Burgtheater, dem sie durch zweiundfünfzig Jahre angehört hatte, die Feier von Korns vierzigjährigem »Dienstjubiläum«. Dem Sohn der Wildnis stand ich ratlos gegenüber. Das »romantische Drama« feierte Triumphe, ich hörte nur Aussprüche des Lobes und der Bewunderung, während mir einige Szenen geradezu Pein verursachten. Einen großen Teil der Schuld daran schob ich Julie Rettich, der Darstellerin der Parthenia, zu. Der edlen Frau und Künstlerin fehlte der Zauber der Anmut. Wenn sie, im zweiten Akte von den wilden Tektosagen gefangengenommen, sich hinsetzte und Kränze wand, entwickelte sie diese unwahrscheinliche Tätigkeit mit verletzend eckigen Bewegungen. Man mußte wirklich ein Barbarenhäuptling sein, um nicht Anstoß an ihnen zu nehmen. – Aber dann ... Als Ingomar, angewidert durch die Niedertracht des Kulturvolkes, dessen Genosse er geworden, sich losreißt, um in seine Wildnis zurückzukehren, holt Parthenia sein ihr anvertrautes Eigentum, sein Schwert, herbei. – Er will es ihr abnehmen. – Nein. Sie wird es tragen – ihm nach. »Wohlan denn«, sagt er, »bis zum Markte –« Und sie: »Bis zum Markt – Nein, noch ein Stückchen weiter – bis ans Tor – Noch weiter, bis zum Meer und übers Meer Hinaus, und über Berg und Tal und Ströme, Nach Ost und West, wohin dein Lauf sich kehrt. Wohin dich irrend deine Schritte tragen, Solang mein Herz pocht, meine Pulse schlagen, Solang ich atme, trag ich dir dein Schwert!« Da meinte man Glockenklang zu vernehmen, siegreich und unwiderstehlich flutete der Wohlklang dieser Verse durch das Haus, getragen von einer Stimme, die gleich einer Naturgewalt mächtig blieb, ob sie dräute oder schmeichelte, brauste oder lispelte. Gar oft haben wir den Sohn der Wildnis aufführen gesehen, und jedesmal brach an dieser Stelle des Gedichtes jubelvoller Beifall los, in den mein Vater einstimmte und auch ich aus allen meinen Kräften. Leid tat mir nur, daß der Sieg des Barbaren über die unerträglich nörgelnde Griechin kein vollständiger war. Sein Bärenfell hätte er wieder umhängen, in seine Wälder hätte er die merkwürdigerweise Geliebte mitnehmen und wieder Häuptling seiner Tektosagen werden sollen, ein Feind und Schrecken der verruchten Stadt Massalia, nicht ihr friedlicher Bürger. So meinte ich als Kind, und bei der Meinung bin ich geblieben und habe sie viele Jahre später dem Dichter mitgeteilt, der mein treuer Freund und Lehrer geworden ist. Er hat mir nicht ganz unrecht gegeben. Der Abschied Frau von Weißenthurns von der Stätte ihrer langjährigen Tätigkeit gestaltete sich zu einem Burgtheater-Familienfeste. Unter fast ununterbrochenem zustimmendem Gemurmel des Publikums und so vielem Applaus, als sich halbwegs passend anbringen ließ, wurden zwei von der dichtenden Schauspielerin verfaßte Stücke aufgeführt. Dann, stürmisch gerufen, trat sie an die Rampe und erzählte umständlich ihren ganzen Lebenslauf. Sehr andächtig hörte man ihr zu, und als sie mit Worten innigen Dankes schloß, erntete sie Dank, sehr warmen, aber völlig platonischen. Kein Lorbeerregen, keine Auffahrt von Blumenarrangements; nichts von fanatischen Huldigungen, die jetzt unseren Bühnengrößen dargebracht werden und – wer weiß – vielleicht einen Mangel verbergen. Gibt man heute soviel, weil man morgen nichts mehr zu geben hätte? »Dableiben! Dableiben!« riefen wir alle, ehe der Vorhang sich senkte, der guten Frau von Weißenthurn zu, der es nicht einfiel fortzugehen. Wir sahen sie gar oft noch im dritten Stock des Burgtheaters in der Schauspielerloge sitzen. Wenn eines ihrer Werke aufgeführt wurde, fehlte sie nie und belohnte bei den rührenden Stellen ihre ehemaligen Kollegen durch strömende Tränen für ihr vorzügliches Spiel. Wie das Jubiläum Korns gefeiert wurde, davon vermag ich nicht mehr Rechenschaft zu geben; ich weiß nur, daß wir erschraken, als wir erfuhren, er gehöre dem Burgtheater seit vierzig Jahren an. Da hatten unsere Großmütter schon für ihn geschwärmt, und er wäre ein alter Mann? ... Und neulich erst hatte er uns so gut gefallen als Admiral in den Fesseln, und Fritzi war tief gekränkt gewesen, als Papa sagte: »Der arme Korn hat keine Stimme mehr.« Und nun mußte man's ganz natürlich finden, daß er keine Stimme mehr hatte, dieser bejahrte Liebling. Übrigens – Liebling blieb er, trotz seiner Heiserkeit, die sich nicht mehr geben wollte. Löwe war ja herrlich und kam uns in manchen Rollen, zum Beispiel als Siegfried in Raupachs Nibelungen, wie ein Halbgott vor und Fichtner stets wie das Urbild der Liebenswürdigkeit. Auch Lucas konnte äußerst gewinnend sein in seiner gehaltenen, noblen, etwas feierlichen Weise; aber Korn blieb der Feinste, der unumschränkte Beherrscher schöner Form, die nur das Sichtbargewordene des schönsten geistigen Inhalts sein konnte. Korn blieb der siegreichste Herzensbezwinger. Einmal erhielt er einen Beweis davon, der ihm gewiß mehr Freude machte als der lauteste Applaus und die schmeichelhafteste Rezension. Er hatte seinen unvergeßlichen Hauptmann Klinger gespielt, stand als gütige Vorsehung der ganzen Gesellschaft mitten unter glücklichen Brautpaaren, sah sich um und fragte: »Und mich will niemand heiraten?« – »Ich!« antwortete ihm laut eine Mädchenstimme. Aus einer Loge des ersten Ranges kam der Ruf spontan, mit unwillkürlicher Hingerissenheit. Korn lächelte, wollte aber nichts gehört haben; das Publikum lachte wohlwollend; einige »Bravo!« ließen sich hören, einige Parterrebesucher grüßten hinauf zu der Loge, in der eine anmutige junge Gräfin sich bestürzt hinter ihre bestürzten Eltern zurückzog. Kaum zwei Jahre hatten wir unter der Obhut unserer guten Marie gestanden, als sie nach Prag berufen wurde, wo ihr Vater und ihr Bruder an Typhus erkrankt waren. Sie fand die Ihren in einem fast trostlosen Zustand. Er besserte sich zwar allmählich, unter allen Umständen aber, schrieb unsere Freundin, müßten wir uns auf eine lange Trennung gefaßt machen; vorläufig wäre der Tag ihrer Rückkehr noch nicht abzusehen. So blieb denn nichts übrig, als sich dem bedenklichen Auskunftsmittel einer provisorischen Regierung zu bequemen, und unser Haus wurde der Schauplatz eines seltsamen Gouvernantenfestzuges. Eine schöne, hochgewachsene Deutschböhmin, die in Paris erzogen worden war, eröffnete ihn. Ihr Benehmen konnte man nur vortrefflich nennen; sie war weder verlegen noch anmaßend, grüßte schön, aß schön. Aber bei der Wahl ihres Berufes hatte sie danebengegriffen und zog deshalb vor, ihn nur nominell auszuüben. Sie hatte reiche dunkelblonde Haare, die sie nach der damals herrschenden Mode vorne abgeteilt und in Locken trug. Den Morgen brachte sie damit zu, den goldigen Kopfschmuck auf dem Lockenholz zu glätten und zu blänken, und den Abend damit, ihn in Papilloten zu wickeln. In der Zwischenzeit lag sie auf dem Kanapee und las Romane aus der Leihbibliothek. Der Müßiggang, dem die Interimsgouvernante uns überließ, wurde sehr bald langweilig. Es verdroß uns auch, daß sie sich um unsere Jüngste gar nicht bekümmerte. Die kleine Sophie aber lernte ihr etwas ab. Sie hatte feine, von Natur gelockte Haare und fing an, dem Beispiel des Fräuleins folgend, eine der seidenweichen Strähnen nach der andern um ein Kipfel zu winden, das sie eigens zu dem Zwecke vom Frühstück aufbewahrt hatte. Sie saß auf einem Schemel, schaute vor sich hin, sprach nicht und wand ihre Locken auf und ab und hätte stundenlang so dasitzen mögen, wenn wir es geduldet hätten. Mama täuschte sich nicht über die Unzulänglichkeit der wohlerzogenen Dame. Eines Tages verschwand sie samt ihren Romanen und ihrem Lockenholz, und ihre Stelle wurde durch eine kleine, dicke, rotbäckige Französin eingenommen. Das war nun die Gutmütigkeit in Person, dieses abermalige Fräulein. Schon nach den ersten Unterrichtsstunden, die sie uns gab, bemerkte ich, daß sie mich an Ignoranz weit übertraf. Ihre Bekanntschaft mit Geographie und Geschichte war von komischer Dürftigkeit. Die Sprachlehre kannte sie nur dem Namen nach. Sie mußte, um unser Diktando auszubessern, das Buch, aus dem sie vorgesagt hatte, zu Hilfe nehmen. Ich fragte sie, ob sie nicht auswendig korrigieren könne, und sie antwortete unbefangen: »Ma foi, non!« Mon Dieu! Es war ihr nicht an der Wiege gesungen worden, daß sie Gouvernante werden sollte. In Wohlhabenheit aufgewachsen, hatte sie selbst eine Gouvernante gehabt, eine vernünftige, von der sie nicht geplagt wurde mit dem Studium gelehrter Bêtisen. Auch gute Eltern hatte sie gehabt; nur ein bißchen verschwenderisch waren sie und hinterließen, als sie starben, ihren schon erwachsenen Kindern, einem Sohn und einer Tochter, sehr beträchtliche Schulden. Les pauvres vieux! Sie werden sich Sorgen genug gemacht haben! Ihre Kinder grollten ihnen nicht. Der Sohn diente in der österreichischen Armee, hatte es bis zum Hauptmann gebracht und seine Schwester kürzlich nach Wien berufen. In Frankreich durfte sie sich als garde d'enfants placieren, in Wien nur als Gouvernante. Pensez donc – die Schwester eines Hauptmanns! Wir lernten auch ihn kennen, Papa lud ihn oft zu Tische. Er hatte große Ähnlichkeit mit seiner Schwester, liebte sie sehr, nahm sie oft mit auf »Elitebälle« und ließ ihr dort zwei Portionen Gefrorenes geben. Oh, ihr Bruder, der Hauptmann, der kargte nicht! Der war die Krone der Brüder, der Hauptleute, der Menschen überhaupt! Sie geriet in Begeisterung, wenn sie von ihm sprach, schob die Bücher und Hefte fort, sprang auf und schlug uns eine Partie »au loup« vor. Im Augenblick waren Fritzi und ich von Angstfrösteln durchrieselt. Mademoiselle hob die kleine Sophie auf ihre Schulter und zog sich in die Ecke hinter dem Ofen zurück. Ein bedrohliches Brummen, Knurren, Knirschen begann daraus hervorzudringen ... Der Loup war da ... Vorsichtig schlichen wir heran, und wenn es uns gelang, an der Höhle des Raubtieres dreimal nacheinander vorbeizuhuschen, ohne gefangen zu werden, dann hatten wir gewonnen. Aber das kam fast nie vor. Es erhaschte uns; unter einem Indianergeschrei der kleinen Schwester fletschte es seine Zähne, wir fühlten uns schon zerfleischt und zerrissen – und das war ein großer Genuß. Daß der gegenwärtige Zustand nicht von Dauer sein konnte, verstand sich von selbst und war uns auch ganz recht; denn wir sehnten uns nach unseren Beschäftigungen, nach einem Unterricht, wie Marie ihn erteilt hatte, zurück. Wir waren so gut im Zuge gewesen, hatten uns der Fortschritte, die wir machten, gefreut. Und nun waren sie jählings unterbrochen worden, und unser kaum erwachter Wissensdurst blieb ungestillt. Allerdings erhielten wir »Stunden«; doch wurden besonders die im Klavierspielen und Zeichnen recht oberflächlich gegeben und genommen. Die einzige Ausnahme in all dem dilettantenhaften Wesen machte der Unterricht, den eine Engländerin uns in ihrer Muttersprache erteilte, eine hübsche, etwas nervöse Frau, an den Associé eines englischen Geschäftshauses in Wien verheiratet. Daheim war sie Lehrerin an einem angesehenen »College« gewesen und suchte nun wieder ihre freie Zeit auszufüllen. Sie brauchte Beschäftigung und Zerstreuung, denn ach, der Himmel versagte ihr, die sich so schmerzlich danach sehnte, das Mutterglück. Sie hatte kein Kind, dem sie ihre Sorgfalt widmen konnte. Wenn sie unsere Sophie erblickte, war die zurückhaltende und gern absprechende Frau wie verwandelt, war ganz Hingebung und Entzücken. Sie küßte und herzte die Kleine, gab ihr die zärtlichsten Namen und brach zuletzt in heiße Tränen aus. Die »englische Lehrerin« war uns schon deswegen wert, weil Fräulein Marie Kittl sie empfohlen hatte; von einem förmlichen Strahlenglanz schien sie uns aber umgeben, als wir hörten, daß sie auch einer unserer gefeiertsten Burgtheatergrößen, Luise Neumann, Unterricht erteilte. Wir staunten ein Wesen, das mit ihr in persönlichem Verkehr stand, wie ein Weltwunder an. Wir wollten wissen, ob sie ihr Glück denn auch ganz ermaß und Luise Neumanns Hefte mit gehörigem Respekt durchsah. Und wie waren diese Hefte beschaffen, und befand sich nie ein Fehler darin? Und warum lernte Luise Neumann Englisch? Wozu braucht sie, die alle Welt bezaubert, auch noch Englisch zu lernen? »Ja«, bekamen wir zur Antwort, »sie ist eben sehr gescheit; sie weiß, wer die englische Sprache beherrscht, überragt in jeder Hinsicht alle, die sie nicht beherrschen. Und wie sie lernt! und wie sie die schwersten Worte ausspricht! Da könnten Sie sich ein Beispiel nehmen, meine kleinen Misses.« – Natürlich wurde es sofort ein Ziel unseres Ehrgeizes, Luise Neumann an Eifer und Fleiß zu erreichen, und wenn wir einmal Außerordentliches geleistet hatten, nahm die Lehrerin zur Belohnung einen Brief mit, den wir an unsere Vielbewunderte gerichtet und den sie ihr zu übergeben versprach. Er wurde mit vereinten Geisteskräften aufgesetzt, bevor ich ihn ins reine schrieb; unter welcher Gemütsbewegung, das weiß Gott. Zu dieser Korrespondenz konnten doch nur hochfeine Bögelchen verwendet werden. Weh mir, wenn ich eines verdarb; sie waren so teuer, und wir hatten so wenig Geld! Von den schmalen Einkünften, die wir am Ersten jedes Monats bezogen, mußte unsere Armenpflege bestritten, mußten an den Namenstagen der Hausleute kleine Geschenke für sie, mußten überdies unsere Handschuhe gekauft werden. Je nun – Schwärmerei und Liebe verrichten Wunder; das Briefchen war geboren, schmuck und zierlich, meistens rosenfarbig, und versank ins Ledertäschchen der Mistreß, dessen Bügel sich mit einem triumphierenden Schnapper über ihm schloß. Wir konnten das Wiedererscheinen der Lehrerin kaum erwarten und bestürmten sie mit Fragen nach dem Gelingen ihrer Mission. Ließ denn Luise Neumann uns gar nichts sagen? Schickte sie uns nicht einmal einen kleinen Gruß? »Nein, heute nicht, sie hatte keine Zeit – vielleicht ein nächstes Mal.« – Keine Zeit, einen Gruß zu schicken? Das wollte mir doch nicht recht einleuchten. Eines Tages war die Engländerin mit Schnupfen behaftet und hatte mehr Sacktücher in ihr Täschchen gestopft, als dem behagte. Doch fügte es sich in sein Schicksal, tat seine Pflicht und hielt alles ihm Anvertraute hartnäckig fest. Der Not gehorchend, wollte seine Besitzerin ihm plötzlich von seinem Inhalt etwas entreißen; es widerstand – sie brauchte Gewalt – da, voll Grimm und Tücke, spie es die sämtlichen verschluckten Güter auf den Tisch und auf den Boden aus. Gebrauchte und nichtgebrauchte Taschentücher kamen zum Vorschein und zugleich – unsere Briefe an Luise Neumann. Alle! Die Briefe alle, »all die lieben, kleinen ...« Ja, ich hatte etwas davon gewittert, daß unser Vertrauen getäuscht wurde; daß es aber in solchem Grade geschehen könne, hätte ich nicht für möglich gehalten, und ohne den geringsten Rückhalt sprach ich der falschen Mistreß meine Meinung aus. Die Unglaubliche, auf einer langen Reihe von Wortbrüchen ertappt, kam nicht einen Augenblick außer Fassung. Sie kehrte sogleich den Spieß um und behauptete, sie schäme sich unserer Albernheit. Wie hatten wir nur glauben können, daß sie einer berühmten Künstlerin zumuten werde, ihre Zeit mit dem Lesen von Briefen zu verlieren, die Kinder an sie richteten! So endete in einem Gefühl nagender Pein eine ganze Menge großer Gemütsbewegungen. Und dieser Reichtum und soviel Liebe und Begeisterung hatten sich entfaltet – um nichts. Es fiel mir schwer aufs Herz und beschäftigte meine Gedanken: Wie kann etwas in der Welt gewesen sein – um nichts? Und doch war's hier der Fall, und etwas war geschehen, was eigentlich nicht geschehen kann. Es erschien mir als ein Widersinn und als eine Grausamkeit. In späteren Jahren habe ich das kleine Erlebnis in anderem Maßstab und in anderer Form sich an mir und um mich zahllose Male wiederholen gesehen. Die Bewegung, mit der du ein Steinchen ins Rollen bringst, pflanzt sich fort, Gott weiß wie weit. Was aber dein Innerstes erbeben machte in Zorn und Qual, in Wonne und Entzücken – kann erlöschen und sterben, ohne die geringste Wirkung nach außen geübt zu haben. – Wie kleine Tote, die ihr Geheimnis ins Grab mitnehmen, lagen unsere zerknitterten Briefchen vor mir, und ich besang den Eindruck, den ihr Anblick mir machte, in einem Gedicht, das ihr Los geteilt hat. Jetzt hätte meine Freundin Marie dasein müssen! Jetzt wäre ihre Anwesenheit mir segensreich gewesen. Ihr durfte ich alles sagen; mit allen meinen Zweifeln und Bekümmernissen durfte ich ihr kommen. Das Unbedeutendste, das in meiner kleinen Gedankenwelt vorging, war ihr wichtig. Sie nahm alles ernst, was ich selber ernst nahm, wenn es auch noch so töricht war. Die Waffe des Spottes, die Erwachsene nur zu gern gegen Kinder gebrauchen, hat sie nie angewendet. Um meine Reue über die Parodie auf »Laura am Klavier« kundzutun, hatte ich sie noch kurz vor ihrem Scheiden mit einem Siegeshymnus auf das Liebespaar Friedrich und Laura überrascht, in den ich die Chöre der Seraphim und Cherubim einstimmen ließ. Marie lächelte nicht einmal; sie fand einzelnes sogar recht hübsch und entfesselte mit ihrem Lobe eine Flut von Herzensergießungen. Immer schmerzlicher vermißte ich jetzt die Vertraute meiner Dichterleiden, bestürmte sie mit immer heißeren Bitten: »Komm! komm! wir verwildern. Komm! komm, oder ich lasse mich verhungern!« Ich begriff nicht, warum ihre Antworten auf meine Beschwörungen und Drohungen kühl beschwichtigend lauteten und warum die Pausen zwischen ihnen immer länger wurden. Meine Klagen langweilten Mama endlich so sehr, daß sie sich entschloß, mir mitzuteilen, Fräulein Kittl werde nicht mehr zu uns zurückkehren. Sie habe die Ihren in ansteckender Krankheit gepflegt, und ihre Nähe könne gefahrbringend sein. Nach Jahren hat meine Stiefmutter mir gestanden, daß sie ihre übertriebene Ängstlichkeit oft und sehr bitter bereut habe, nachdem vielfache Erfahrungen sie belehrten, daß eine Erzieherin wie Marie Kittl gefunden zu haben ein Glücksfall sei, der sich nicht leicht wiederhole. Als wir hörten, wie die Dinge standen, war die Trauer meiner Schwester groß, und ich hatte Anfälle von Verzweiflung. Wußten denn die Menschen nichts Besseres, als uns zu belügen und zu betrügen? Wie durfte man uns so hinhalten, uns ein ganzes Jahr hindurch von der Hoffnung auf die Rückkehr unserer Freundin leben lassen, während sie uns längst entrissen war? Vollkommen, unwiederbringlich, denn sie hatte die Stelle als Gouvernante bei einer jungen Prinzessin Arenberg in Paris angenommen und befand sich schon seit einiger Zeit dort, indessen wir, da alle unsere letzten Briefe unbeantwortet blieben, uns eingeredet hatten, sie wolle uns überraschen. Plötzlich, wenn wir am wenigsten daran dächten, werde die Tür aufgehen, und sie werde dastehen in ihrer Mantilla, der wir nachsagten, daß sie etwas Spanisches habe, obwohl sie aus Prag stammte. Und auf ihrem Kopfe würde ihr Hut mit frischgekräuselten Federn thronen, und in den Rüschen, die sein Inneres schmückten, würden unserer Freundin dünne Locken, eigensinnig wie Schwächlinge einmal sind, sich verfangen ... Oh, die Liebe! Dastehen werde sie, die Arme ausbreiten und nicht sprechen können vor Rührung. Meine Schwester mochte ihr dann nur entgegenstürzen, jauchzend, in Freudentränen gebadet. Was mich betraf, ich war entschlossen, mich zu beherrschen, der schroffsten Spartanerin zum Trotz, und nichts von meiner Glückseligkeit zu verraten. Bei der ersten Lektion aber wollte ich unserer Ersehnten in großartiger Weise erklären, daß ich jede Stunde, die sie nicht bei uns zugebracht hatte, als eine verlorene ansah. Und sie sollte wissen: Die ist's, die scheinbar Gleichgültige, die mich am liebsten hat. Und nun waren mir nicht nur die vielen vergangenen Stunden, sondern auch alle, die noch kommen sollten, verloren. Was ich in dieser langen Zeit aufgespeichert hatte an unausgesprochenen Einfällen und Empfindungen, um es ihr mitzuteilen, der ganze knospende Reichtum mußte nun zurückgedrängt werden und lag, gleichsam zusammengeballt, mir schwer wie ein Stein auf dem Herzen. Ich war sehr unglücklich und viel zu kindisch, um nicht grausam zu sein, und trotz des Heroismus, den ich mir zuschrieb, viel zu schwach, um mein Unglück still zu tragen. So ließ ich es eine an ihm völlig Unschuldige entgelten: die bedauernswürdige Nachfolgerin der Mademoiselle »au loup«. Ein junges, schüchternes Mädchen, selbst noch gewöhnt, geleitet zu werden, kam sie direkt aus dem Erziehungsinstitut zu uns. Mit meiner Schwester hatte sie leichtes Spiel, ich war ihr gegenüber ein kleiner Teufel. Dabei bewunderte ich mich noch, weil mein nichtsnutziges Benehmen gegen sie die Treue bekunden sollte, die ich unserer Freundin Marie bewahrte. Fräulein Karoline war edel und gut, sie hat mir alles verziehen. Sie hat der Erwachsenen nicht nachgetragen, was das Kind ihr angetan. Ich aber fühle mich durch ihre Großmut nicht entsühnt. Heute noch treibt mir die Erinnerung an die bösen Streiche, die ich einem harm- und hilflosen Wesen gespielt habe, die Schamröte ins Gesicht, und fast bin ich dann geneigt, dem Franzosen beizustimmen, der sagte: »Les enfants sont des petites bêtes malfaisantes.« Fräulein Karoline besaß tüchtige Kenntnisse in Sprachlehre, Geographie und Geschichte, und ich hätte alle Ursache gehabt, mich ihrer Leitung zu unterwerfen. Statt dessen gab ich dem bösartigen Wunsche nach, ihr beständig etwas am Zeuge zu flicken oder sie auf einem Irrtum zu ertappen. Mit müßigen Kontroversen ging viel Zeit verloren. Aus Widerspruchsgeist trat ich jeder Behauptung unserer unglücklichen Lehrerin entgegen. Wenn sie das Mittelalter mit dem Untergang des Weströmischen Reiches beginnen ließ, schwor ich darauf, daß es durch den Anfang der Völkerwanderung bezeichnet werde und daß es in der ganzen Welt nichts Wichtigeres gebe, als das zu wissen. Für Alarich offenbarte ich eine fanatische Bewunderung, die durch Platens Gedicht entzündet worden war und durch die Vorliebe Fräulein Karolinens für Stilicho genährt wurde. Sie bevorzugte die Hermunduren und Friesen; natürlich hatte ich deshalb schon für diese friedlichen Viehzüchter und Ackerbauer nur Geringschätzung übrig und fand kein Ende in Lobpreisungen der kriegerischen Langobarden, Goten und Vandalen. Zu heißen Kämpfen führte unter anderem die Verschiedenheit unserer Ansichten über Karl den Großen. Je mehr das Fräulein diesen Heros pries, desto entschiedener erklärte ich, ihm meine Hochachtung durchaus versagen zu müssen. Für mich war es eine ausgemachte Sache, daß er seinen Bruder hatte töten lassen. Und seine Frau, warum verstieß er sie? Weil er sich des Thrones ihres Vaters bemächtigen wollte. Endlich seine entsetzliche, schauderhafte Tat, die Ermordung von 4500 Sachsen, Überwundenen, die um ihre Freiheit und ihren Glauben gekämpft hatten und die jetzt um Gnade flehten ... Nein, einen Mann, der das getan hat, nenne ich nicht den »Großen«. Bei einem besonders lebhaften Wortgefechte ließ ich mich dazu hinreißen, Kaiser Karl auch als Bekehrer anzugreifen, und nannte Widukind und Albion, die aus seiner blutgetränkten Hand das Christentum angenommen hatten, Feiglinge und Heuchler. Was konnten sie von einer Religion halten, die ihren Bekennern Untaten verzieh, wie Kaiser Karl sie an den Sachsen begangen hatte? Dieser frevelhafte Ausbruch entsetzte Fräulein Karoline. Sie war ganz verstört, sie faltete die Hände unter dem Tische. Meine Schwester sank in sich zusammen und flüsterte: »Um Gottes willen, jetzt versündigt sie sich gar gegen die Religion!« Ihre Worte erschreckten mich. Wir befanden uns in Zdißlawitz; unsere Religionsstunden waren wieder aufgenommen worden, ich dachte an die Betrübnis Pater Boreks, wenn meine »Versündigung« ihm hinterbracht würde. So leitete ich denn Friedenspräliminarien ein, indem ich das Fräulein versicherte, daß es mir ferngelegen habe, einen Angriff auf die Religion zu unternehmen. Karoline hatte sich von ihrem Schrecken noch nicht erholt. Fassungslos starrte sie mich an, übersprang in ihrer Gemütsbewegung Zeiten, Könige, Kaiser und große historische Umwälzungen und sprach mit bebender Stimme: »Aber Karl V. werden Sie doch gelten lassen?« – Nun, ich sah wohl, auch ihn hatte sie in Protektion genommen, und Pflicht gegen mich selbst wäre es gewesen, ihn zu verunglimpfen. Aber in Rücksicht auf meine bedrängte Lage, und doch auch weil – abermals Platen! – der Pilgrim von St. Just mir mitten im Herzen saß und weil endlich Karl V. und ich uns in der Liebhaberei für Uhren, die mich seit meiner frühen Kindheit beseelt, teilten, ließ ich ihn in Gottes Namen gelten. Fräulein Karoline atmete auf. Meine Nachgiebigkeit, an die ich sie so wenig gewöhnt hatte, war Balsam für sie. Die Gute lobte mich, sie dankte mir beinahe, was mich doch sehr beschämte; ich war mir ja bewußt, daß die Furcht vor einer Denunziation den Hauptgrund meines Rückzugs bildete. Eine vorübergehende Rührseligkeit ergriff mich, meine Kampflust löste sich in Reue und Wehmut auf, und unter ihrem Einfluß trug ich dem überraschten Fräulein das freundschaftliche »Du« an. Wir haben nur einen Tag Gebrauch davon gemacht. Mama verbot mir mit Recht die vertrauliche Ansprache. Es sollte nicht eine Schranke mehr des Respektes vor meiner Erzieherin niedergerissen werden. Auch herrschte bald wieder Unfrieden zwischen uns. Wir zankten uns durch das ganze Mittelalter hindurch. Wenn ich mich in dieser großen, Kulturen zerstörenden und Kulturen verbreitenden Epoche heute noch leidlich auskenne, verdanke ich's dem Kampf, den ich mit meiner jungen Lehrerin um eine selbständige Meinung über Menschen und Begebenheiten jener Zeit führte. Gut bestellt mußte es mit meinen Kenntnissen sein, wenn ich eine Ansicht erfolgreich verteidigen wollte. Fräulein Karoline wünschte mir ebenso wehrhaft entgegenzustehen. Der Abriß aus der Weltgeschichte , der uns zur Verfügung stand, genügte uns nicht. Sie nahm ihre Zuflucht zu Tillier, mein Gewährsmann war der Abt Millot. Onkel Moritz hatte mir einige Bände von dessen Universalhistorie alter, mittlerer und neuer Zeiten in der Übersetzung Christianis geliehen, und: »Hie Tillier! Hie Millot!« lautete unser Kampfruf. Wie Fräulein Karoline es mit ihrem Orakel, in dessen Heiligtum sie mir keinen Einblick gönnte, gehalten hat, weiß ich nicht. Was mich betrifft, ich war im Auslegen der Urteile des meinen gewissenlos, drehte und wandte jedes so lang, bis ich es in Gegensatz zu einer Äußerung meiner armen Erzieherin gebracht hatte. Dann feierte ich erbärmliche Triumphe. Zwei Jahre hat Fräulein Karoline es bei uns ausgehalten, dann aber, als ihr eine Lehrerinnenstelle an einer staatlichen Mädchenschule angeboten wurde, rasch zugegriffen. – Dort waltete sie, geliebt und verehrt, durch viele Jahre ihres Amtes. Von ihrer vorgesetzten Behörde wurden ihr immer nur Zeichen der Hochachtung und der Anerkennung gespendet. Mit aller Hochachtung und Anerkennung versetzte man sie dann, zwölf Monate vor Ablauf der Zeit, die ihr das volle Gehalt als Pension gesichert hätte, in den Ruhestand. Wie am Anfang, erfuhr sie am Ende ihrer Laufbahn Grausamkeit. Doch klagte sie nicht und klagte nicht an. Ihre tiefe Frömmigkeit lehrte sie verzeihen, und Seelenfrieden ward ihr statt des Glückes. Sie verlebte ihre letzten Tage in Wien mit ihrer Schwester. Diese hatte es in einem anspruchslosen Berufe besser getroffen. Dank der Großmut der Kaiserin Karolina Augusta, deren treue Kammerfrau sie gewesen, gestaltete sich ihr Alter sorgenfrei und behaglich. Nun aber ein papierenes Denkmälchen für einen lieben Freund. Ja, wir haben ihn immer sehr liebgehabt und immer ein bißchen über ihn gelacht, den Herrn Direktionsadjunkten bei dem k. k. hofkriegsrätlichen Einreichungsprotokoll zu Wien Josef Fladung. Ich stand im dreizehnten Jahre, als er durch Mama in unser Haus eingeführt wurde, und damals schien mir, daß er dem Alter nach ein Methusalem sein könnte. Doch sollte dieser vortreffliche Mensch sich noch durch mehr als zwei Jahrzehnte seines Daseins erfreuen. Er hatte sich stets, besonders seitdem er in Pension getreten war, mit dem Studium der Naturwissenschaften und der Altertumskunde beschäftigt, in diesen Fächern es aber nur zu einem immerhin anerkennenswerten Dilettantismus gebracht. Hingegen hatte er als Mineraloge Tüchtiges geleistet. Sein Buch Versuch über die Kenntnis der Edelsteine wurde sehr geschätzt. Seine kleine, aber vortrefflich zusammengestellte und fortwährend vervollständigte lithologische Sammlung würdigten Kenner und Gelehrte ihrer Aufmerksamkeit. Wenn er seiner Neigung hätte folgen dürfen, wäre er Lehrer geworden. Im Erteilen von Unterricht fand er sein höchstes Glück. Anderen Dank, als daß ihm Aufmerksamkeit geschenkt werde, forderte er nicht. Und es war so bequem für die Mamas, nicht erst lang nach einem Professor der »höheren Gegenstände« suchen, sich nicht erst erkundigen zu müssen: Wie steht's mit seinen politischen Ansichten, seiner Moralität, seiner Religiosität? Alles perfekt! succus expressus des Perfekten! Ein ehrenwerter, alter Herr, immer liebenswürdig und wohlwollend und immer bereit, einem Wunsch oder einer Bitte womöglich zuvorzukommen. Dabei sehr würdig und gewöhnt, mit den Spitzen der oberen Zehntausend umzugehen, ohne Demut und ohne Selbstüberhebung. Er war ein stets freudig begrüßter Gast, ob er sich im Winter in der Stadt beim Mittagstische einfand, ob im Sommer zu längerem Aufenthalt auf dem Lande. Auf sein Äußeres verwandte er große Sorgfalt und war immer sehr nett gekleidet. Zum Diner kam er nie anders als im Frack, gewöhnlich im schwarzen, bei besonderen Gelegenheiten im blauen mit gelben Knöpfen. Mit diesen Fräcken mußte er einen Pakt auf Unsterblichkeit geschlossen haben. Solange wir sie kannten, ist uns keine besondere Spur des Alterns an ihnen aufgefallen. Seine Erscheinung war höchst vertraueneinflößend, ein ehrwürdiges Bild der Rechtschaffenheit, Solidität und Feinheit; die Gestalt untersetzt, der Gang das Gegenteil von leicht. Auf den breiten Schultern saß ein kurzer Hals, der einen schönen Kopf trug, edel gewölbt, mit hoher, völlig faltenloser Stirn und immer rosig angehauchten Wangen. Deshalb, und weil sein kahler Scheitel halbmondförmig von einem Kranze schimmernd weißer Haare umgeben war, nannten wir ihn den beschneiten Rosenhügel. Sehr viel Platz nahm in seinem Gesichte die kühn gebogene Adlernase ein. Er scherzte oft über ihre Größe und behauptete, sie habe nur eine Rivalin in Wien, die des berühmten Orientalisten Freiherrn Hammer von Purgstall. Eine der beiden Anekdoten, die wir oft von ihm hörten, handelte von diesen beiden Nasen. Ihre Träger sollten einst, auf allgemeines Verlangen, aus der Blumenausstellung entfernt worden sein. Der köstliche Duft, der in ihr herrschte, wurde von den gewaltigen Gesichtsvorsprüngen der beiden Herren gänzlich aufgesogen, und die anderen Besucher hatten sich beschwert, daß nichts davon für sie übrigbliebe. Die zweite Anekdote handelte von Perlen und war nicht erfunden. Der Fürstin Melanie Metternich, der Gattin des Staatskanzlers, waren aus Paris einige so vorzüglich nachgemachte Perlen zugeschickt worden, daß kein Juwelier sie von echten zu unterscheiden vermochte, natürlich ohne sie zu berühren und auf ihr Gewicht zu prüfen. Diese Gelegenheit, Fladungs Kennerschaft, die für unfehlbar galt, auf die Probe zu stellen, wurde von der Fürstin ergriffen. Sie legte drei Perlen vor ihn hin und sagte: »Zwei davon sind falsch. Wenn Sie die echte herausfinden, gehört sie Ihnen.« Welch eine Verheißung! Die Perle wäre jedenfalls ein beneidenswerter Besitz gewesen, aber hier handelte es sich um mehr, um etwas, das, einmal verloren, nicht wiederzugewinnen ist: den Ruf der Unfehlbarkeit. Er kämpfte, er wollte um Entschuldigung bitten. »Perlen schlagen ja doch nur auf einem weiten Umweg in mein Fach«, erklärte er uns, »gewissermaßen nur als wertvolle Schmuckgegenstände. Aber trotzdem fuhr ich fort, die drei liebevoll zu betrachten, denn sie waren entzückend schön. Und heiß ist mir geworden, und immer habe ich gedacht: Mein Ruf! mein Ruf! ... Nun, ich will Sie nicht auf die Folter spannen. Eine von den dreien war etwas weniger makellos in der Form, hatte etwas weniger Orient ... und doch – ja, von ihr ging eine eigene Anziehung aus ... Und plötzlich war mir's klar: Die ist's ... Sie war's, und mein Ruf war gerettet, und sie wurde mein!« Freund Fladung war der erste überzeugte Beschützer meines schriftstellerischen Gestammels, von dem ich ihm einige Proben vorgelegt hatte. Aus eigenem Antrieb, ohne mein Wissen, sprach er mit meinen Eltern, machte sie aufmerksam, daß er Talent zur Poesie in mir entdeckt habe, und riet, es zu pflegen. Hätten sie doch gefragt, wie sie das anfangen sollten, und mir dann seine Antwort mitgeteilt! Da wüßte ich, wie die meine in ähnlichen Fällen zu lauten hätte. Das Kind, das Talent zu einer darstellenden Kunst besitzt, schickt man in eine Schule, in der sie gelehrt wird. Für das schriftstellerisch veranlagte Kind gibt es, Gott sei Lob und Dank! noch keine in Mauern eingeschlossene, mit Lehrsälen und Professoren ausgestattete Schule. Nur das Handwerk seiner Kunst könnte ihm beigebracht werden, und dieses lernt jeder am besten allein. Bücher, die vom Erlernbaren handeln, stehen ihm in Hülle und Fülle zur Verfügung; er mag aus jedem nehmen, was ihm entspricht und was er verwenden kann. Es wird nicht viel sein. Jede Dichterindividualität, wenn sie auch nicht zu den großen gehört, hat von Natur aus ihr eigenes Gepräge und gibt es der Form, in der sie sich in oft schwerem Ringen auszugestalten sucht. Der Geist baut sich selbst sein Haus; was er von fremden Baumeistern lernen kann und soll, ist nur das Alphabet der Kunst. So meine ich, und so habe ich allmählich ein großes Mißtrauen gegen die »Pflege eines schriftstellerischen Talentes« durch andere gefaßt, besonders durch Familienmitglieder, die selbst nicht ein paar gereimte Zeilen zusammenbrächten und das Kind, das Verse aus dem Ärmel schüttelt, für ein gottbegnadetes Wesen halten, dessen Genie aufgepäppelt werden muß. In den hinterlassenen Memoiren meines Mannes findet sich eine völlig ungerechte Selbstanklage. »Der Vetter, der gelehrte Studien trieb«, sagt er, »wollte das geringe Wissen seiner kleinen Base, deren Phantasie goldene Brücken über den Abgrund schlug, der das Wollen vom Können trennt, bereichern und benahm sich dabei höchst albern und ungeschickt.« Gegen diesen Ausspruch protestiere ich aus allen meinen Kräften. Der geliebte und verehrte Vetter hat das einzig Rechte getan, er hat mich den Wert der Bildung ermessen gelehrt und den heißen Wunsch in mir erweckt, die klaffenden Lücken der meinen auszugleichen. Es war die größte Förderung, die er mir angedeihen lassen konnte, und nur zu danken habe ich. Nicht nur ihm, auch allen, die meinen Bestrebungen Hindernisse in den Weg legten. Sie ahnen nicht, wie oft mein Gedanke sie segnet. Selbst daß ich mich im Kampfe um ein höchstes Gut zu manchem Irrtum und mancher Übertreibung verleiten ließ, hat schlechte Früchte nicht getragen. Die Zeit heilte und half und wandte zum Guten, was sich anfangs als verfehlt dargestellt hatte. Je härter und widerwilliger der Boden war, in dem das Bäumchen meiner Kunst Wurzel schlagen mußte, desto fester stand es, und je grausamer die Mißerfolge gewesen sind, die jeden Schritt am Beginn meiner Laufbahn bezeichnet haben, desto enger schloß sich das Bündnis zwischen mir und meinem vielbestrittenen Talent. Der Sommer des Jahres 1843 war der letzte, den unsere Großmutter Vockel noch mit uns in Zdißlawitz verlebte. Meine Schwester und ich hatten uns an sie viel inniger angeschlossen seit dem Austritt Marie Kittls aus unserem Hause. Sie war – das bemerkten wir, obwohl sie nie auch nur eine Silbe darüber verlor – mit der neuen Gouvernantenwahl, die Mama getroffen hatte, nicht zufrieden. Ich fühlte deutlich, wie genau unsere Ansichten in diesem Punkte zusammentrafen, und bewahrte dabei dasselbe Schweigen wie sie. Aber die Stille des Einverständnisses zwischen der Großmutter und der Enkelin befestigte nur ihr Bündnis. Weniger Worte sind zwischen zweien, die einander lieben, wohl nie gemacht worden, und nie haben zwei sich besser verstanden. Immer mit der einen einzigen Ausnahme: weder von meinen Gedichten noch von meinen Theaterstücken durfte ich vor meiner Großmutter etwas verlauten lassen. Wohl faßte ich mir einmal ein Herz und sagte ihr: »Weißt du, Großmama, ich schreibe noch immer«, und wartete gespannt auf den Eindruck, den mein Bekenntnis machen würde. Er schien gering zu sein und äußerte sich bloß durch ein Achselzucken und durch die mit leiser Ungeduld ausgesprochenen Worte: »Nur gescheit!« Sie sagte das oft und in der verschiedensten Weise. Liebreich, indem sie mir mit ihren feinen Fingern über die Wangen glitt, streng, wenn sie unzufrieden mit mir war. Lob und Tadel, Aufmunterung und Warnung vermochte sie in die zwei Worte zu legen: »Nur gescheit!« So hatte ich nun doch den abscheulichen Druck vom Herzen, den das Bewußtsein mir verursacht hatte, im stillen etwas zu tun, das sie mißbilligte. In jenen Tagen verschlang meine Korrespondenz mit Marie Kittl den größten Teil der Zeit, die ich der Ausübung meines »schriftstellerischen Berufes« widmen konnte. Meine Briefe sind – so hoffe ich wenigstens – nicht erhalten. Die ihren befinden sich, vom ersten bis zum letzten, in meinem Besitze. Ich durchblättere sie nicht ohne Grauen. Wieviel verwegenen Unsinn muß ich vorgebracht haben, um meine geduldige Freundin in solche Angst und Bangigkeit zu versetzen! Sie legte meinem Vertrauen übergroßen Wert bei; sie wollte es durch Zurechtweisungen nicht preisgeben. Je besorgter um mein Wohl sie sich aber zeigte, desto ärger werde ich es mit meinem Geflunker getrieben und die lächerlichsten Gedanken und Gefühle an den Tag gelegt haben. Wie die Melodie auch anhob, das Ende vom Lied dürfte doch immer gewesen sein: Staune in mir ein Kind von außerordentlichen Gaben und Fähigkeiten an, das zu großen Dingen bestimmt ist. Wie aus einem Spiegel blickt dieses Wunderkind mir aus den Briefen meiner oft ratlosen Führerin entgegen. Ich sehe einen kleinen Affen, der sich vor Vergnügen darüber nicht kennt, daß seine Grimassen ernst genommen werden. Womit habe ich nicht renommiert! Mit welcher Belesenheit habe ich geprunkt, um Fräulein Marie zu dem Geständnis zu veranlassen, daß meine »Literatur« ihr Sorge mache. Welcher tollkühnen Reiterstücke habe ich mich gerühmt, um den gelinden Tadel zu erfahren: »Je vous admire dans vos exploits, mais je suis loin de les approuver.« Sie fürchtet nicht nur, daß ich mir den Hals breche beim Reiten und Kutschieren, sondern auch, daß ich durch das Führen der Zügel die Ruhe und Leichtigkeit der Hand verliere. Und wie sehr brauchte ich sie, um die Gemälde, an denen ich arbeitete, auszuführen! Die leiseste Mißbilligung, zu der meine Freundin sich aufgerafft hat, begräbt sie sogleich wieder unter einem Blumenregen von Zärtlichkeiten und Schmeicheleien. Einem: »Ma petite Maritscherl a aussi ses défauts«, folgt sogleich ein entschuldigendes: »Les défauts de son âge.« In den Augen der Obernachsichtsvollen bin ich »une petite styliste, une jeune personne délicieuse, intelligente«, und man darf es ihr sagen, weil sie viel zu gescheit ist, um sich dadurch verwöhnen zu lassen. Ja, dieser Ton gefiel mir, der tat wohl! Von mir aus dürfte denn auch das Mögliche geschehen sein, um mir die Bewunderung und die Teilnahme meiner gläubigen Getreuen zu sichern. Auf Kosten der Wahrheit? – Ohne Frage. Und doch würde ich mich sehr gewundert haben, wenn mich jemand eine Lügnerin genannt hätte. Zu allem anderen bildete ich mir auch noch ein, daß mein Vater, der sich den »Ritter der Wahrheit« nannte, seine heiße Wahrheitsliebe im vollen Maße auf mich übertragen habe. Auch log ich im Grunde nicht, ich erlebte ja, während ich schrieb, alles, was meine Briefe von meiner interessanten Persönlichkeit aussagten. In einer wundervollen Novelle erzählt Isolde Kurz die Geschichte eines Knaben, mit dem umzugehen seinen Altersgenossen verboten wird, weil er für einen Lügner gilt. Alle Kinder halten sich von ihm fern; nur ein junges Mädchen schließt sich ihm an und schenkt ihm Glauben, als er ihr verspricht, sie in ein schönes, geheimnisvolles Reich zu führen, zu dem er den Zugang entdeckt hat. Die beiden begeben sich oft auf den Weg dahin, ohne je ans Ziel zu kommen. Nach einiger Zeit trennt sie das Leben, der Knabe stirbt, und viele Jahre später steht seine ehemalige Spielgenossin an seinem Grabe. Längst entschwundene Erinnerungen leben auf, und sie sagt sich: Auf diesem Denkmal sollte stehen: Hier ruht ein Dichter. Eine Analogie ist da zwischen diesem Knaben und dem großsprecherischen Kinde, das ich gewesen bin. Wir spiegelten den anderen vor, was unsere Phantasie uns vorgespiegelt hatte. Von langer Dauer sollte meine erträumte Herrlichkeit aber nicht sein. Ich stand am Morgen der bittersten Tage in meiner Kinderzeit. Ehe wir Wien verließen, hatte Freund Fladung meiner Schwester und mir seine beiden letzten Werke geschenkt. Fritzi erhielt eine kleine römische und griechische Götterlehre, ich einen Leitfaden der Astronomie. Das Büchlein war hübsch eingebunden; ich stellte es neben meinen Schiller auf den höchst einfachen Tisch, den ich mit dem Namen »mein Sekretär« dekoriert hatte, und beeilte mich, Fräulein Marie mitzuteilen, daß ich jetzt auch Astronomie studiere. Um mich vor mir selbst nicht zu sehr schämen zu müssen, schlug ich den zierlichen Band auch wirklich auf. Was las ich da gleich auf der ersten Seite? Nicht so, wie der Katechismus es lehrte, war die Welt erschaffen worden. In Perioden von unermeßlicher Dauer erst hatte unsere Erde sich aus einem feuerflüssigen Ball, der die Sonne umflog, zu dem schönen Planeten gestaltet, den wir bewohnen. Der Katechismus irrte und auch die kleine Bibel, die wir auswendig gelernt hatten und in der es hieß: »Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, daß sie schienen auf die Erde ...« Nein, nein, dazu nicht! Die waren nicht geschaffen, damit wir uns an ihrem Anblick erquicken und erbauen. Die waren für sich selbst erschaffen und die meisten von ihnen soviel größer als die Erde, wie sie größer ist als ein Stäubchen, das im Sonnenstrahle tanzt. Und auf diesem Stäubchen, was bin dann ich? Ein tödlicher Schmerz ergriff mich bei der Frage, auf die ein Gefühl trostloser Verlassenheit, völligen Vernichtetseins antwortete. Der alte liebe Freund, der mir sein Büchlein so arglos in die Hand gelegt, hatte nicht geahnt, welchen Sturm es erregen würde. Auch war es nicht das erstemal, daß ein Begriff der Unermeßlichkeit des Weltalls mir hätte aufsteigen können. Wenn Onkel Moritz uns in Zdißlawitz besuchte, stellte er an hellen Abenden ein Fernrohr auf, das sonst wohlverwahrt in Papas Zimmer ein nutzloses Dasein führte, und ließ uns den Mond betrachten, den Saturn mit seinem Ringe, den Jupiter mit seinen Satelliten. Er hatte uns auch gesagt, daß unsere Erde an der Sonne und am Monde Bilder ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft vor sich habe. War ich damals noch zu kindisch, um mir über diesen Ausspruch Gedanken zu machen? Habe ich nicht gefragt, hat mein Vetter mir nicht Rede gestanden? Ich wußte es nicht mehr, klar wurde mir nur: Wenn ich mich seiner Worte auch entsann, ihre Bedeutung begriff ich erst jetzt. Die Erde wird sterben, wie der Mond gestorben ist. War sie denn nicht dein Lieblingskind, mein Gott, weil du deinen eingeborenen Sohn geschickt hast, um die Menschen zu erlösen ... Die Menschen? was sind die? Dasselbe jeder, was ich bin: ein Hauch, über ein Stäubchen geweht, ein Nichts in der Unendlichkeit. Wie hatte ich mich gefühlt, als ich noch zum gestirnten Himmel emporsah und dachte: Auch mir zur Erquickung und Freude hat euch Gott der Herr ans Firmament gesetzt, ihr blinkenden Lichter, Edelsteine aus seiner Krone, himmlische Smaragde, Rubine und Diamanten! Und jetzt kreisten sie dort oben, in Zahlen nicht auszudenken, in unermeßlichen Fernen und furchtbarer Größe – kalt, hoffärtig und fremd. Ihn aber, der dies Unermeßliche geschaffen hatte, wie durfte ich wagen, ihn Vater zu nennen? Er war mir entrückt, und mitten im Gebet bedrängte mich die Frage: Gelangt meine Stimme bis zu ihm? Weiß er von mir? Habe ich einen allmächtigen, gütigen Vater, der die Haare auf meinem Haupte gezählt hat, der meine Leiden kennt, dem ich danken darf für jede Freude? ... Danken, das ist das Schönste ... Wie oft, wie oft hatte ich innegehalten, mitten im Spiele, mitten im Jagen und Tollen, um, erfüllt von einem unaussprechlichen Glücksgefühl, wortlos Gott zu danken für dieses Glücksgefühl, für die Bäume, die Blumen, den Sonnenschein, für alle Schönheit, alles Licht, das er über seine Welt, meine Welt ergossen hatte ... Und nun sollte es aus sein? – Kein Dank mehr! Mein Dank drang ja nicht zu ihm – er wußte nicht von mir ... Bei Tage wurde ich Herr über meine schweren Gedanken, zu schwer für einen Kinderkopf. Wenn ich aber des Nachts erwachte und sie kamen, da war ich ihre Beute. Oft konnte ich mir nicht helfen und schrie laut im Schmerze meiner Zweifel. Meine Schwester, aus dem Schlafe gerissen, fuhr erschrocken auf und wollte wissen, was mir sei. Und ich beruhigte sie: »Nichts, gar nichts – ich habe nur von etwas Schrecklichem geträumt.« Da wußte ich im voraus: gleich wird meine geliebte Furchtsame den Kopf unter die Decke stecken und rufen: Erzähl mir's nicht! Erzähl mir's nicht! Am Morgen sah ich dann blaß und elend aus, und Fritzi sagte: »Sie hat wieder einen so bösen Traum gehabt.« Nicht bei ihr und bei keinem konnte ich Hilfe holen in meiner Seelenqual. Ich glaubte jedes Wort zu hören, das sie, das jeder der Meinen mir entgegnen würde, wenn ich versuchen wollte auszusprechen, was mich beängstigte und verwirrte. Und den Brief, den ich von meiner Marie bekäme, nachdem ich sie eingeweiht hätte in meine Bekümmernisse, den meinte ich auch ungeschrieben lesen zu können. So blieb denn nur mein geistlicher Führer – Pater Borek. Zu ihm kam das Kind, das ihm schon von der ersten Beichte an Sorge bereitet hatte. Nicht losgestürmt kam es. Leise und zagend kam es heran. Hohe Röte stieg ihm in die Wangen, und die Zunge klebte ihm am Gaumen, als es fragte, ob Hochwürden auch wisse, daß Gott die Erde nicht in sechs Tagen geschaffen, sondern dazu ungeheuer lange Perioden gebraucht habe. Nein, wirklich, davon wußte Hochwürden nichts; aber woher mir diese Kenntnis kam, hätte er gern erfahren. Ich holte den Quell herbei, aus dem ich meine Gelehrsamkeit geschöpft hatte, Fladungs Leitfaden der Astronomie. Pater Borek las nur den Titel und sagte lächelnd, dieses Buch hätte ein Mensch geschrieben; es sei besser, sich statt an menschliche an die göttliche Weisheit zu halten. Was wir zu wissen und zu glauben haben, hat uns Gott durch seine Propheten in den heiligen Schriften geoffenbart. Daß er sich einem Gelehrten geoffenbart hätte, war dem geistlichen Herrn nicht bekannt, und ihm auf diesem Wege beizukommen unmöglich. Er glaubte an die Heilige Schrift, nicht an die Astronomie, und er tat sie ab mit dem einen Worte: »Menschenwerk.« Nun hatten sich zu meinen Zweifeln an der biblischen Schöpfungsgeschichte noch andere gesellt. Ach sie kamen in Scharen! Außer den Nouvelles heures à l'usage des enfants besaß ich jetzt auch einen kleinen, bilinguenen Paroissien Romain , der mich instand setzte, unserem Pater Borek, wenn er uns die Bedeutung der einzelnen Vorgänge bei der heiligen Messe rekapitulieren ließ, die betreffenden Stellen in der majestätischen und melodischen Sprache der Kirche herzusagen. Da waren viele, die mir zu denken gaben, vor allem die Worte bei der Konsekration: »Deus, qui humanae substantiae dignitatem mirabiliter condidisti ...« Ich konnte es nicht verstehen. Wenn die ersten Menschen wirklich vorzüglich gewesen wären, wie hätten sie sündigen können, wie hätten sie den unbegreiflichen, unentschuldbaren Ungehorsam gegen Gott begehen können? Er hatte ihnen das Paradies geschenkt, war zu ihnen gekommen, die Glückseligen hatten sein Angesicht gesehen und seine Stimme gehört ... Und mehr als dem, was diese göttliche und liebevolle Stimme ihnen sagte, hatten sie dem Gezisch einer elenden Schlange geglaubt und über ihrem scheußlichen Anblick den des Allgütigen vergessen? Die das vermochten, die waren nicht in einem Zustande der Vollkommenheit geschaffen worden; das war ein Widerspruch, über den ich nicht hinwegkam, so dringend Pater Borek mich auch beschwor, das unselige Grübeln aufzugeben. Ich aber hatte gar nicht das Bewußtsein, daß ich grübelte. Ich dachte ja nur nach, und dann kamen die Zweifel von selbst; sie fielen mich an, ich empfand einen physischen Schmerz dabei, wie neulich während der Wandlung ... Da war es entsetzlich gewesen, da hatte es mich ergriffen: Bist du bei uns, mein Heiland? Es sind auf der Erde Millionen Kirchen, und in hunderttausend wird vielleicht in diesem Augenblick zur Wandlung geläutet, und überall sollst du in Brotgestalt erscheinen. Bist du auch bei uns? bist du da, mein Heiland? Und warum fühl ich's nicht? warum fühle ich nicht deine Nähe? Pater Borek hörte diese Bekenntnisse in stiller Ergebung an; er zürnte mir nicht, aber traurig hatte ich ihn wieder gemacht. Meistens nahm er dann seine Zuflucht zu dem Wunder und wiederholte eindringlich: »Mein Kind, wir sollen das Wunder verehren, an das Wunder glauben, aber nicht fragen: Wie kann das sein? Wäre es denn ein Wunder, wenn es sich erklären ließe?« Nie ein hartes Wort, kaum je ein tadelndes. Nie eine Andeutung, daß es außer der guten Macht auch eine böse gebe, einen unheimlichen Versucher, der frevelhafte Gedanken in uns erwecke, unsere Andacht störe und irrezumachen suche in unserem Glauben – nie eine Warnung vor dem Teufel. »Mein Kind, ich werde morgen in der heiligen Messe recht andächtig für Sie beten.« So sah seine Strenge aus. Wenn ich dann am Sonntag in die Kirche kam und ihn, der für mich beten wollte, an den Altar treten sah, war's vorbei mit Grübeln und Zweifeln. Da war ich nichts anderes als ein demütiges kleines Geschöpf, das auf den Knien lag in Anbetung des Herrn der Welten. Ich freute mich der Kämpfe und Leiden, die der schönen Stunde vorangegangen waren, mit denen ich sie vielleicht hatte erkaufen müssen: Schick mir nur Leiden, ich will ja leiden, klang mein Gebet immer aus. Daß meine angeborene und unverwüstliche Fröhlichkeit sich auch während jener Werdetage bei mir eingefunden hat, muß ich der getreuen nachsagen. Sie kam höchst überraschend, manchmal in ganz unpassenden Augenblicken, und sie ließ sich nicht verleugnen wie die Verzweiflungsanfälle. Und wenn meine Schwester mich erstaunt fragte, warum ich heute gar so lustig sei, konnte ich ihr keine Ursache dafür angeben. Ich hatte ein herrliches Gefühl von Glück – ich hatte es – »halt so«; es war das beste, das es gibt, das grundlose. Ein Glück, das Grund hat, Geht mit ihm zugrunde stündlich, Und nur ein grundlos Glück Ist tief und unergründlich. sagt Hieronymus Lorm so weise wie schön. Die Zeit der Schulferien war da und brachte uns unsere Brüder heim. Der ältere entwickelte sich zu dem, was man bei uns einen »Prachtbuben« nennt; der jüngere, immer gleich schmächtig und gleich kampffreudig, hatte an dem Erstgebornen einen Schutzengel, der ihn nie aus den Augen ließ, für ihn einstand, den kleinen hitzigen Angreifer auch im ungerechtesten Streite verteidigte. In diesem Jahre wurden die Knaben von einem alten Herrn begleitet, einem emeritierten Erzieher und großen Kinderfreund. Er war von hoher, hagerer Gestalt und zu gebrechlich, um an unseren Spielen teilzunehmen, bildete aber einen wohlwollenden Zuschauer und Kampfrichter. Sehr gern wohnte er auch dem Reitunterrichte bei, den Papa, der selbst ein vorzüglicher Reiter war, uns erteilte. »Sie machen das gut, Sie machen das gut«, bekamen wir dann oft von ihm zu hören, und dabei bewegte er die langen Zeige- und Mittelfinger der längsten Hand, die ich je gesehen habe, vor unseren Gesichtern auf und ab. »Ja, wenn Sie alle Lektionen mit solchem Eifer nehmen würden, da hätten Ihre Lehrer bessere Zeiten.« Unseres Fräuleins Karoline nahm er sich väterlich an, verwies mir meinen Obermut und ihr ihre Gereiztheit; während seiner Anwesenheit herrschte immer Frieden zwischen uns. Traurig, daß die Tage, die unsere Brüder in Zdißlawitz zubrachten, nur – das war genau ausgerechnet! – nur zwölf Stunden hatten. Sie verflogen doppelt so schnell wie alle anderen Tage. Gar so bald war der Morgen wieder da, an dem die angehenden Gymnasiasten ins Institut zurückkehren mußten. Sie haben dort keine besonders guten Zeiten verlebt, aber nicht geklagt, denn sie waren tapfere kleine Buben. Trotzdem wußten Fritzi und ich genau, wie ihnen ums Herz war, wenn sie in den Wagen stiegen, der sie zur Bahnstation bringen sollte. Noch ein Händedruck, noch eine Umarmung, noch ein tröstendes Wort Papas: »Wir sehen uns bald wieder!« und fort waren sie ... Wir standen noch eine Weile im Hofe und winkten mit den Taschentüchern, wenn der Wagen aus dem Tore fuhr, im Bogen am Gartengitter vorbei, und nun rasch auf der abwärts führenden Straße hinunterrollte. Dann liefen wir, und die kleine Sophie mit uns, in das Zimmer Großmamas, an das Fenster, an dem ihr Arbeitstischchen vor dem Bild der hingegangenen Levrette stand, und begleiteten die Reisenden in Gedanken. Jetzt sind sie am Ende des Schloßberges angelangt, jetzt geht es links eine Strecke auf ebenem Wege zwischen Feldern und Obstbäumen am Wassergraben vorbei, an dem die jungen Pappeln stehen, an der Wiese, auf der die vielen Gänse weiden. Und jetzt kann man den Wagen noch im Flug erblicken, und die Brüder sehen vielleicht gar uns am offenen Fenster. Die kleine Sophie meint, wenn sie uns sehen, können sie uns auch hören, und ruft: »Adieu, meine Brüder!« und schwenkt wieder ihr Tüchlein. Noch ein zweitesmal wird der Wagen sichtbar, ganz klein, ganz fern, wenn er den Berg hinauffährt, den letzten, auf dem wir eine Fahrstraße noch auszunehmen vermögen. Und die uns dort entschwinden in der Ferne, die beiden, die wenden sich jetzt gewiß noch einmal zurück und sagen zueinander: Da sieht man's noch, das Schloß ... Grüße fliegen hin und her durch die Luft, Grüße einer Liebe, die felsenfest gestanden hat in der verrinnenden Zeit, unwandelbar im wechselvollen Leben. Es war eine epochemachende Neuerung, daß jeder, der in Zdißlawitz einen Brief erwartete, ihn täglich erhalten konnte. Erst seit wenigen Jahren befand sich ein Postamt in unserer Nähe. Früher mußte der Bote vier Stunden weit nach dem Städtchen Wischau pilgern, um die für das Dorf und das Schloß bestimmten Postsendungen abzuholen. Er setzte sich nur zweimal wöchentlich in Bewegung, und was er dann regelmäßig außer einem Räuschchen mitbrachte, das waren einige Nummern der Wiener und der Brünner Zeitung. Wenn auch Briefe eintrafen, galt das schon als ein kleines Ereignis. Papa öffnete sie nie vor Tische. Er muß das Lesen von Briefen als etwas Appetitverderbendes angesehen haben. Beim schwarzen Kaffee erst nahm er die Schriftstücke zur Kenntnis, nachdem er ihr Äußeres sorgfältig geprüft hatte. Einmal kam ein schmaler schwarzgesiegelter Brief auf dünnem Papier aus Paris. Die Adresse war mit einer feinen Perlschrift geschrieben, die dem Papa nicht ganz fremd schien; es konnte wohl die Madame Dufoulons sein. »Lies«, sagte er, reichte Mama den Brief, und sie las eine Weile schweigend. – »Nun, was schreibt sie?« – »Es wird euch traurig machen«, war die Antwort, »und tut auch mir sehr leid. Der arme Just, das arme Kind – und seine noch viel ärmere Mutter!« Madame Dufoulon teilte die Nachricht vom Tode ihres lieben Sohnes mit. Ein Nervenfieber hatte ihn dahingerafft, wenige Monate, nachdem er so glücklich gewesen war, eine Stellung zu finden, die ihn instand gesetzt hätte, seiner Mutter und seiner Schwester eine kräftige Stütze zu sein ... Das war eine grausame Verschärfung der Bitternis dieses Verlustes. – Ich kam von der Frage nicht fort: Was wird geschehen, was wird man tun? Es wird geschehen, man wird tun, was in solchen Fällen das Gewöhnliche ist. Man wird, von Mitleid erfüllt, einen ungemein warmen und herzlichen Brief schreiben, man wird noch einige Male sagen: Der arme Just, seine arme Mutter, was wird sie jetzt wohl anfangen? und dann – vergessen. Man wird ... ich werde! Mit peinlichem Selbstvorwurf ergriff mich der Gedanke an Frau Krähmer. Wie lange hatte ich mich ihrer nicht mehr erinnert, die dasselbe Schicksal gehabt wie Madame Dufoulon. Auch sie hatte alle ihre Hoffnung auf den Sohn gesetzt, der ihr weggestorben war, bevor sein verheißungsreiches Leben sich zur Blüte entfalten konnte. Es war Spätherbst geworden, und vor unserer Abreise wollten wir noch etwas ausführen, was meiner Schwester als eine Pflicht gegen unseren Freund und Spielgefährten erschien. Eine Viertelstunde weit vom Schlosse, aber schon zum angrenzenden Dorf gehörend, befand sich eine Schlucht. Sie war von einem dünnen Wasserfaden durchzogen und mit Buschwerk dicht überwachsen, aus dem einzelne schlanke Bäume hoch emporschossen. In ihrer Eile, der niedrigen Umgebung zu entragen, hatten sie sich nicht Zeit genommen, unterwegs Zweige auszusetzen; all ihren Blätterschmuck entfalteten sie erst in der Krone, und die wurde ihnen manchmal zu schwer. Wenn ich sie ansah, mußte ich an meinen Schiller denken mit seinem Kranz. Ganz gerade stand keiner von ihnen; nach verschiedenen Richtungen hin hatte der Wind sie gebogen. Mitten in der Schlucht ist ein kleiner freier Platz, und da befindet sich ein kapellenartig übermauertes Brünnlein. Zwei steinere Stufen führen durch den schmalen Eingang zu seinem Wasserspiegel. Im Dunkel sieht das Wasser so schwarz wie Tinte aus; ins Glas geschöpft, ist es kristallklar, und ihm wird die Kraft zugeschrieben, Augenleiden zu heilen. Einige Schritte von dem Fußsteig entfernt, auf dem man vom Felde aus steilab zum Brünnlein gelangt, steht eine Buche ... Du alte Königin, weißt du von dem munteren Zeug, das grünt und lebt und sich vermehrt und nichts verlangt, als seines Daseins froh zu werden zu deinen Füßen und unter deinem Schutze? Weißt du von den Emporstrebenden, die der Ehrgeiz treibt, dir in deinen erhabenen Wipfel zu schauen und seine Geheimnisse auszuspähen? – Du alte Königin, du Herrscherin, wie du dastehst vor meinem geistigen Auge in deiner Schönheit, deinem Stolze, deiner Kraft, so könnte dich mir zu Dank kein Maler malen, kein Dichter beschreiben. Vor dir, zwischen zweien deiner mächtigen Wurzeln, haben kleine Menschen ein kleines hölzernes Standbild aufgerichtet: die heilige Anna, die ihr Töchterchen lesen lehrt. Kein Kunstwerk und – mehr als ein Kunstwerk für die Armen, die Betrübten, die hierher beten, die Glücklichen, die Genesenden, die danken kommen. Die Schlucht, in der der wundertätige Quell sich befindet und die herrliche alte Buche sich einst befand, hatte ihren Namen von dem kleinen Standbilde erhalten. Zur »Svatá Anna« wanderten wir als Kinder oft, brachten dort manchen Sommernachmittag zu, und einmal schnitt Monsieur Just seinen Namen in den Stamm der Buche ein. Mit großen Buchstaben, tief durch die dicke Rinde bis aufs Lebendige. Von weitem konnte man lesen, gelbweis herausleuchtend aus dunkler Umrahmung: Just. Das dürfe man nicht so lassen, meinte Fritzi; jetzt, weil er tot sei, müsse ein Kreuz über den lieben Namen gesetzt werden. Wir bewaffneten uns mit unseren schärfsten Taschenmessern und begaben uns eines trüben Novembermorgens zu der Buche bei der »Svatá Anna«. Eifrig mühten und streckten wir uns, soviel wir konnten, um zu der Höhe hinaufzureichen, in der unser Kreuz angebracht werden sollte. Es war vergeblich, wir mußten uns bequemen, das Zeichen des ewigen Friedens unter den Namen unseres entschlafenen Freundes einzuschneiden. Heute steht die kleine »Svatá Anna« nicht mehr unter dem Schutze der Buche. Sie haben die Herrliche gefällt und auch die schlanken Bäume in ihrer Nähe und alles Gebüsch fortgeputzt, um mehr Platz zu schaffen für Rüben und Getreide. Gewiß wird bei dem Standbild der Heiligen noch immer fromm gebetet, gewiß noch an die Heilkraft des Wassers im Brünnlein geglaubt. Ich aber meide diese Stelle und habe sie nicht mehr betreten, seitdem die alte Riesin ihren noch grünen Wipfel, der wonneschauernd das erste Morgengrauen begrüßte, der feierlich den letzten Sonnenkuß empfing, zu Boden senken mußte. Nachdem Fräulein Karoline uns verlassen hatte, fand man Fritzi und mich alt genug, um fortan in Freiheit dressiert zu werden; nur für die kleine Sophie wurde eine Gouvernante aufgenommen: Madame Vaxelaire, die weibliche Hälfte eines Ehepaares, das sich dem Erzieherfache gewidmet hatte. Zu der Zeit, als die Gattin unserem Schwesterchen ihre Sorgfalt widmete, was sie treu und redlich tat, war der Gatte Hofmeister eines Knaben, von dem er stets erzählte, dessen ungewöhnliche Begabung und edle Eigenschaften er rühmte und dem er eine glänzende Zukunft vorhersagte. Er hat recht behalten, denn dieser Knabe hieß: Graf Hans Wilczeck. An Madame Vaxelaire hatten wir eine äußerst angenehme Hausgenossin. Sie war eine kräftige, wohlwollende Frau, im Besitze des unschätzbaren Vorzuges einer immer gleichmäßig guten Laune. Sehr gesund, nicht mehr jung, machte sie mit ihren roten Wangen und dem gelbbraunen Teint den erfrischenden Eindruck eines schönen Oktobertages. Sie hatte unsere kleine Sophie sehr lieb und nahm sich auch unser freundlich an, obwohl sie gegen Fritzi und mich keine andere Verpflichtung hatte als die, uns täglich auf dem Spaziergang zu begleiten. Das Stadtleben ging den gewohnten Gang, unsere Lehrer und Lehrerinnen fanden sich wieder ein; nur trat ein neuer Zeichenmeister an den Platz des früheren. Dieser hatte sich leider zu einer kleinen Taktlosigkeit hinreißen lassen. Er wartete eines Vormittags wie gewöhnlich auf uns im Speisezimmer, das während der Zeichenstunde unser Atelier vorstellte. Wir erschienen – ebenfalls wie gewöhnlich – in Begleitung von Mamas Musterkammerjungfer, Fräulein Josefine. Sie hatte die Aufgabe, den Herrn Lehrer zu beaufsichtigen, und nahm die Sache sehr ernst. Als wir an jenem verhängnisvollen Vormittage eintraten und ihn grüßten, kam er uns entgegen, blieb vor meiner Schwester stehen, stemmte den Arm in die Seite und sprach: »Sakerlot, Komteß Fritzi, was haben Sie für Augen! Nein wirklich, mirakulös schöne Augen!« Wir hätten dem biederen Oberösterreicher diesen Ausdruck einer gerechten Bewunderung verziehen. Die Kammerjungfer hielt es für ihre Pflicht, ihn höheren Ortes anzuzeigen, und wir erhielten einen Zeichenlehrer, noch um ein Jahrzehnt älter als der frühere, der auch kein Jüngling war. Der Nachfolger hatte einen Beethovenkopf. Ich lernte in ihm eines der größten Originale kennen, die mir im Leben begegnet sind. Ein ganz ungelehrter Mensch, der sich in den Wunsch verrannt hatte, Entdeckungen auf wissenschaftlichem Gebiete zu machen, und nicht die geringste Freude an der Ausübung des braven Malertalents fand, mit dem er begnadet war. Er überließ seine kleinen Ölgemälde – treffliche Genrebildchen – zu guten Preisen einem Kunsthändler, der sie zu noch viel besseren nach England verkaufte. Der Mann quälte ihn mit seinen Bestellungen, er aber ließ die Arbeit stehen und beschäftigte sich mit abenteuerlichen Entdeckungen. Von ernsten Studien war er ein Feind, er las wenig. »Die Bücher«, war eine seiner Lieblingsbehauptungen, »bringen uns um die Originalität. Auch verdirbt es mir ja die Freude an einem eigenen Einfall, wenn ich erfahre, daß ein anderer ihn vor mir gehabt. Oder vielleicht nicht? was?« Es war komisch, unseren Zeichenlehrer, während er eine Aufgabe korrigierte, sagen zu hören, daß wir nichts anderes seien als lebendige Leydener Flaschen. Wir meinten, das müsse in irgendeiner Beziehung zur Zeichenkunst stehen; es stand aber in Beziehung zur Physik. »Ja, der Cunäus«, pflegte er seinen Vortrag zu eröffnen, »ein großer Mann – aber er ist bei der Flaschenelektrizität stehengeblieben, bis zur menschlichen nicht vorgedrungen. Und wir sind mit Elektrizität doch ebenso angefüllt wie seine stanniolbeklebten Glasgefäße, und was die Entladung betrifft, für die ist gesorgt. Wenn der Mensch zum Beispiel erschrickt oder wenn er sich zum Beispiel plötzlich verliebt.« Bei dem Worte spitzte Fräulein Josefine die Ohren und ließ ein deutliches Räuspern vernehmen. Er bemerkte es nicht und fuhr fort: »Das wären jähe Entladungen. Allmähliche finden ununterbrochen statt. Sie können sich davon selbst überzeugen. Gehen Sie spazieren durch mehrere Tage nacheinander immer auf demselben Weg. An jedem Tage wird er Ihnen kürzer vorkommen als am vorhergehenden. Warum? Sie haben am ersten am meisten Elektrizität abgegeben an die Erde, die ein mittelmäßiger Leiter ist; am zweiten finden Sie den größten Teil abgegebener Elektrizität auf dem Wege wieder, verbrauchen also weniger von der Ihren, werden also weniger müde, der Weg kommt Ihnen also kürzer vor. Ist das richtig? Oder vielleicht nicht – was?« Er sah uns dabei so streng an, daß wir es immer richtig fanden. Ein zweites Steckenpferd bestieg er auch fürs Leben gern. Er schrieb sich – gewiß ohne je eine Zeile von oder über E. T. A. Hoffmann gelesen zu haben – die Fähigkeit zu, Farben zu riechen und zu hören. Blau klingt wie ein Mollton, Rot ist Dur. Farbenempfindung, Tonempfindung werden durch den gleichen Reiz erregt, einfache Farben, einfache Töne. Mit halben Farben, mit allerlei Schattierungen lassen sich Terzen, Quarten, Quinten darstellen. Eines Tages brachte er uns ein gemaltes Farbenklavier mit mehreren Oktaven. Ich war geblendet und freute mich, demnächst vor meinem Vetter Moritz mit den physikalischen Kenntnissen zu prunken, die ich bei der Zeichenlektion erworben hatte. Sie machten aber keinen besonderen Eindruck, und ich erfuhr den Schmerz zu hören, daß die vermeinte Entdeckung des Künstlers, der sich führerlos auf wissenschaftlichen Pfaden umhertrieb, keine sei. »Ein Farbenklavier ist schon zusammengestellt worden«, sagte mein Vetter. »Schon zusammengestellt – und durch wen?« »Durch Castel.« »Und wann?« »Vor mehr als hundert Jahren.« Vor so langer Zeit! eine so alte Geschichte hat das Farbenklavier? O Gott! der arme Herr Lehrer wird arg enttäuscht sein, wenn er hört, daß er nicht der alleinige Entdecker dieses mysteriösen Instrumentes ist ... Ich versetzte mich in seine Lage und machte im voraus alle Qualen der Beschämung mit ihm durch – zum Glück unnötigerweise; denn er war viel zusehr beschäftigt mit seinen eigenen wissenschaftlichen Leistungen, um von denen anderer Notiz zu nehmen. Einige Tage später fragte mich mein Vetter, ob es mich interessieren würde, etwas zu hören von den Versuchen, die gemacht worden sind, um die Harmonie zwischen Farben und Tönen nachzuweisen. In seiner klaren und anschaulichen Art beschrieb er den Apparat, den Ruete zusammengestellt hat, um den Eindruck von Farbenakkorden hervorzubringen. Er sprach von Kontrastharmonien, von den Farben, die nur stimmen, wenn sie durch Grau oder Weiß eine Unterbrechung erlitten haben. Solange er sprach, war ich überzeugt, alles gut zu verstehen, was er mir erklärte. Als ich aber darüber nachdachte und es mir zurechtlegen wollte in meinem Kopfe, da merkte ich, daß die neuen Erkenntnisse nicht hineingedrungen waren. Draußen schwebten sie umher als klang- und farbenreiche undeutliche Gebilde. Mein Zeichenmeister hatte es besser; ihm tönte, wenn er den großen, mit bunten Streifen bedeckten Bogen betrachtete, den er sein Farbenklavier nannte, das Gott erhalte entgegen. In den Briefen meiner treuen Mentorin finde ich einen recht trüben Reflex des Glanzes, in dem ich mich ihr als angehender Shakespeare des 19. Jahrhunderts vorstellte. Sie begann ernstlich besorgt um mich zu werden und schlug einen strengen Ton an. In Bücher gebunden liegen alle ihre Briefe vor mir; wohlverwahrt und ungelesen sind sie jahrelang im Schranke geblieben. Ich habe sie erst wieder hervorgesucht, um sie dem Freunde zur Verfügung zu stellen, der die Geschichte meines Werdegangs mit feiner und liebevoller Hand aufgezeichnet hat. Jetzt blättere ich oft in den inhaltreichen Bänden, und was mich dabei mit schmerzvoller Wehmut erfüllt, ist das Schicksal ihrer Verfasserin, von dem sie Zeugnis geben. Marie Kittl ist die erste der vielen gewesen, die mir, je weiter ich Fortschritt auf meinem Lebenswege, desto öfter begegnen sollten – der Opfer eines eingebildeten Schriftstellerberufes. Es wurde allmählich meine ständige Qual, mit ansehen zu müssen, wie diese Bedauernswerten, von ihren Aspirationen getrieben und genarrt, taub werden für die dringendste Bitte, den ehrlichsten Rat und wie sie dem widerwilligen Verzichten, mit einem anderen Wort: – der Verzweiflung entgegengehen. Ich kenne ihre Sehnsucht und weiß, daß sie ebenso unüberwindlich ist wie die der echten Begabung, mit der die ihre noch manche andere Ähnlichkeit und wahrscheinlich denselben Ursprung hat; aber sie leidet an Unzulänglichkeit. Denn nur von Unzulänglichkeit kann die Rede sein. Etwas Talent ist immer vorhanden, ohne Talent macht man gar nichts, nicht einmal etwas Miserables. Aber das vorhandene Fünkchen, ja sogar der Funke wird noch lange nicht genügen, ein Licht daran zu entzünden, das über den Tag hinausleuchten kann. Und nun steht vor mir der ganze Jammer, der sich da vorbereitet, der wachsen und wuchern und traurige Früchte reifen wird. Das peinvoll hastige Streben der Ohnmacht, die mit jeder neuen Arbeit neu aufflackernde Hoffnung, die blutige Enttäuschung nach langem Warten und Harren, endlich die Trostlosigkeit und Erbitterung. Die Menschenliebe erlischt; wie soll man die lieben, die uns nicht gelten lassen? Das Interesse und das Wohlwollen für Mitstrebende verwandeln sich in Gleichgültigkeit und, wenn ihnen ein Glückssternchen aufblinkt, in Mißgunst. Da ist der, und da ist jener, die haben Minderwertiges geleistet und Anerkennung gefunden. Man wägt und vergleicht und legt einen seltsamen Maßstab an; nicht am Großen mißt man sich, nein – am Kleinen. Hat man einmal einen anderen Kleinen oder – wenn ein besonders glücklicher Zufall es fügt – einen Großen scheitern gesehen, dann erwacht die Bettlerin unter den Freuden – die Schadenfreude. Kein wirklicher Balsam und Trost, denn sie entspringt dem Giftquell des Neides, dieses moralischen Gebrechens, dessen fressender Qual sogar der »fanfaron du vice« sich nicht rühmen mag. Lächelnd verbeißt ihn jeder, den er foltert, wie der Spartanerknabe seine Schmerzen verbiß, als ihm der gestohlene Fuchs, den er unter dem Mantel verbarg, die Brust zerfleischte. Marie Kittl hat allerdings weder Erbitterung noch Neid gekannt, aber unglücklich machten sie ihre immer gescheiterten Versuche, sich schriftstellerisch zu betätigen. Sie stand in reifen Jahren, hatte die Erziehung der jungen, mütterlicherseits verwaisten Fürstin Arenberg vollendet und ihren geliebten Zögling noch zum Altar geleitet. Bald darauf war sie einer Einladung nach Brüssel gefolgt und hatte dort die Stellung einer Gouvernante bei der hochbegabten Tochter König Leopolds, der Prinzessin Charlotte, eingenommen und später die der Vorleserin der Herzogin von Brabant. Es waren sonnige und schöne Jahre, die sie am belgischen Hofe verlebte. Der Wirkungskreis, der sich ihr eröffnet hatte, sagte ihr in jeder Weise zu; er brachte äußere Ehren, für die sie nicht ganz unempfänglich war, und bot ihr Befriedigung ihres innigen Herzensbedürfnisses, die Anhänglichkeit und Liebe ihrer Umgebung zu gewinnen. Auch ihr lang genährter Wunsch, weite Reisen zu unternehmen, erfüllte sich unter den denkbar angenehmsten Verhältnissen. All das Gute erfuhr sie bei der Ausübung ihres wirklichen Berufes, und sie fand ihr Glück in ihm, bis der falsche sein Lügenhaupt erhob und sie umstrickte mit allen Zaubern und Lockungen, über die das Blendwerk verfügt. Sie begann nach Freiheit zu lechzen, um schreiben zu können, soviel sie wollte. »Meine Flügel«, teilte sie mir mit, »haben sich geregt.« Und sie kamen nicht wieder zur Ruhe, die verhängnisvollen Flügel, deren kümmerlicher Schlag gerade genügte, um ihre Besitzerin hinzuschleifen über Dornen und Gestein. Ihre Geschwister und ich bewunderten, was sie schrieb, weil sie es geschrieben hatte – alle übrigen schwiegen. In ihrem Kreise entstand, wie wir hörten, Verlegenheit, wenn sie kam, der oder jener Hoheit ein neues Werk zu überreichen. Auf eigene Kosten war es gedruckt und prächtig eingebunden und wurde mit höflichem Lächeln hingenommen, denn man achtete Madame Kittl zu hoch, um ihr Lobsprüche über Arbeiten zu erteilen, die ihrer so wenig würdig waren. Sie hat es mir nie gesagt, doch vermute ich, daß der Mangel an Anerkennung für ihre Reisebeschreibungen und Novellen sie bestimmte, den Hof zu verlassen. Diesen Entschluß führte sie unerwartet rasch aus, um den Einwendungen zu entgehen, die sich gegen ihr Scheiden erhoben hätten. In London, wo sie ihren Wohnsitz nahm, erhielt sie den Beweis der treuen Gesinnung, die man ihr am belgischen Hofe bewahrte. König Leopold setzte der Erzieherin seiner Tochter aus eigener Initiative ein ansehnliches Jahresgehalt aus. Marie Kittl befand sich in behaglichen Verhältnissen und konnte leicht einen Teil ihrer Ersparnisse daran wenden, von Zeit zu Zeit einen neuen, hübsch ausgestatteten Band in kleiner Auflage erscheinen zu lassen und einige Exemplare an Freunde zu verschenken. Der Rest stapelte sich auf in den Magazinen ihres Verlegers, und oft klagte sie: »Er tut zu wenig für meine Bücher. Ich finde sie nirgends angezeigt.« So ging es fort, bis die Ersparnisse aufgezehrt waren. In schonendster Weise bemühten sich die ehrlichen unter den Freunden und Verehrern der unermüdlich Strebenden, sie zu bewegen, die Schriftstellerei nur noch als Hausindustrie zu betreiben. Davon jedoch wollte sie nichts hören. Manuskripte gehen mit der Zeit verloren, Bücher, die lange unbeachtet blieben, kommen manches Mal doch ans Licht, und dann wundern sich die Menschen, daß dieser Schatz erst so spät gehoben wurde. So dachte sie vielleicht im stillen, ich aber hatte die Erkenntnis gewonnen: Für diese Werke gibt es so wenig ein Morgen wie ein Heute. Es ist mir ein Rätsel geblieben, wie meine Freundin, die soviel Lebensweisheit besaß, die ein so richtiges Urteil für fremde literarische Leistungen hatte, über ihre eigenen mit völliger Blindheit geschlagen sein konnte. Sie erzählte vortrefflich, sobald sie aber ans Niederschreiben des Erzählten ging, zerflossen die Begebenheiten, Gestalten, Landschaften wie feuchte Flecke auf Löschpapier. Von ihrer Sprache sagte sie selbst: »Ich weiß, sie ist international.« Daß sich eine kleine Kur vornehmen ließe, davon wollte sie nichts hören. Man hat seinen Stil, wie man seinen Buckel hat, schien sie anzunehmen und wollte Ruhe haben vor der Orthopädie. Das Ende war Entmutigung und doch auch – und darüber kann ich nicht hinwegkommen – ein Zweifel an meiner Hilfstätigkeit. Er hat ihre Freundschaft und Liebe zu mir nicht verringert; aber er war da, ich fühlte ihn. Sie brachte die letzten Jahre ihres Lebens in Wien zu und nahm oft meine Vermittlung bei Redakteuren und Verlegern in Anspruch. Alle Briefe, mit denen ich ihre Manuskripte zurückerhielt, konnte ich ihr nicht zeigen, und doch wollte sie jeden sehen. – Ich wußte oft nicht, welche Notlüge ersinnen, um zu erklären, warum es mir unmöglich sei, ihr die Zuschrift mitzuteilen, die ich in Begleitung einer wieder abgelehnten Einsendung erhalten hatte. Immer schwerer entschloß ich mich, die Botin des abermaligen Scheiterns einer frohen Erwartung zu sein. »Nicht angenommen? Auch das nicht? Und ich hielt es doch für mein Bestes.« Mehr sagte sie nicht – aber ich ermaß den Schmerz, den diese heroisch kühlen Worte verbargen. Und ich sah mich im Zimmer um – und ich war anwesend bei ihrem Mittagessen, und ich wußte, sie empfindet bitter die Dürftigkeit, die aus jedem Winkel dieses Raumes schreit, aus jedem Schüsselchen, das ihr die Hausmagd auf den Tisch stellt. Durch Jahrzehnte hat sie in königlichen Schlössern gewohnt und an königlicher Tafel gespeist. Sie mußte ja leiden, sie mußte! unter dem Kontrast zwischen einst und jetzt ... Nun, sie verriet es nie. – Die Übergütige, die sich zu einem strengen Wort gegen mich nie hatte aufraffen können, wies jede Andeutung an das Glück, das es mir gewähren würde, ihr Dasein behaglicher gestalten zu dürfen, energisch zurück. »Ich bin ganz zufrieden, ich brauche nichts, schicke mein Manuskript jetzt nur an einen anderen Verleger.« Und sobald es eine neue Reise angetreten hatte, stiegen die Hoffnungen wieder empor. Eines ihrer Bücher würde ja doch einmal »einschlagen« und dann alle übrigen zu Ehren bringen. »Denke nur, wie lange du gerungen hast um deinen ersten Sieg!« Sieg! Mir war leicht, ihr zu beweisen, daß es nicht weit her sei mit diesem »Sieg«. Sie hatte hundert Einwendungen, aber ein bißchen wohl tat es ihrem wunden Herzen doch zu hören, daß ihre Schülerin sich nicht in ungetrübtem Ruhmesglanze sonnte. Sie hat das Bitterste erlitten, das ich weiß: sie hat einen brennenden und unerfüllbaren Wunsch in der Seele getragen. Und noch einen zweiten, einen weniger heißen, aber sehnlichen, hatte sie und betete täglich um dessen Gewährung, die ihr auch zuteil wurde. Ihr Tod war sanft und schmerzlos. Ohne vorhergegangene Krankheit ist sie eines Nachts, nachdem sie sich am Abend zuvor wohlauf und gesund zur Ruhe begeben hatte, aus dem zeitlichen in den ewigen Schlaf gesunken. – Im Traume, im schönen, lichtverklärten Traume, so hoffe ich, du gute Träumerin! Es war wieder Frühling geworden. Die Kastanienbäume im Prater standen im hellsten Flor, auf den Wiesen, die grünten und dufteten, fanden reiche und arme Kinder sich beim Blumenpflücken ein, die einen zum Vergnügen, die anderen zum Erwerb. Es war hauptsächlich auf Veilchen abgesehen. Von denen banden die Mütter der armen Kinder einige Dutzend an einen kleinen Stab, legten ihnen ein Efeublatt als Stehkragen um und boten die Sträußchen zum Preise von drei Kreuzern Konventionsmünze in den Straßen der Stadt aus. Der aufmerksame Gatte brachte der Frau ein »Büscherl« heim, der Bräutigam legte es der Braut zu Füßen, das Kind den Eltern, und welche Freude bereitete das bescheidene Geschenk! – Ihren beliebtesten Standort hatten die Verkäuferinnen am Graben vor dem Trattnerhof, und dieser Alte, mein Gegenüber, mit dem ich von meinem Fenster aus gern Zwiesprache pflege, versichert mir, die kleinen »Praterveigerln« hätten bis zu seinem zweiten Stock hinauf geduftet. Die großen »wällischen Veilchen« hingegen könnten haufenweise an ihm vorbeigetragen werden, er röche nichts davon. Ich möchte das Körbchen einer Blumenfrau von einst gar zu gern neben dem tragbaren Blumenmagazin einer ihrer Kolleginnen von heute stehen sehen! In dem einen kleine dunkle Urbilder der Lieblichkeit, des Segens, den sie ausströmen, unbewußt, in dem andern alle Farbenglut und Formenpracht südlicher Flora in Glanz und Reichtum prangend. Was hätten die einander zu sagen, die beiden! Kulturgeschichte würden sie reden. Die Zeit verfloß, die Tage wuchsen und mit ihnen unsere Sehnsucht nach der Rückkehr auf das Land. Sie war für Mitte Mai festgesetzt und allmählich in so nahe Aussicht gekommen, daß man begann, die Koffer vom Boden herunterzuschaffen. Auch die unseren erschienen, und wir machten uns an die köstliche Arbeit des Einpackens und sangen dazu aus vollem Halse nach der Melodie des Volksliedes Da droben auf dem Bergerl mein selbstverfaßtes Reiselied: Adieu nun, du Wien, Wir fahren hinaus, Nicht weit in die Fremde, O nein, nach Zuhaus. Dort steht's auf dem Bergel So traurig und denkt: Wann werden die Kinder Mir wiedergeschenkt? Sei froh jetzt, mein altes, Sie sind schon ganz nah, Gott grüß dich, sie kommen, Die Kinder sind da! Wohl hatte Fritzi gefunden, das Liedchen passe nicht mehr für uns, und so hatte ich eins für erwachsene Mädchen gedichtet. Das war aber ohne Schwung und sang sich nicht von selbst wie das erste. So blieben wir bei dem. Unser Festjubel erfuhr eine jähe Störung, die Abreise mußte verschoben werden, denn Großmama war plötzlich erkrankt. »Nichts von Bedeutung«, versicherte der Arzt, ein Homöopath, der damals in Wien großes Ansehen genoß. »Eine leichte Lungenentzündung; in vierzehn Tagen ist die alte Frau wieder gesund, und dann fahren Sie mit ihr, je eher, je besser, aufs Land!« In vierzehn Tagen! in vierzehn Tagen erst? – das ist ja so lang, nicht auszudenken, wie lang, das ist ja nicht zu erleben, das Ende dieser vierzehn Tage. Wir waren über diese Verzögerung unserer Abreise so unglücklich, daß wir ihre Veranlassung im ersten Augenblick kaum erwogen. Als aber zwei Tage vergingen, an denen wir die Großmama nicht sehen durften, als es noch am dritten hieß: »Sie hat Fieber, sie hustet und muß Ruhe haben«, begann uns angst zu werden. Auch Papa war besorgt und äußerte Zweifel an der Unfehlbarkeit des berühmten Arztes. Am vierten Tage hatten wir beim Nachhausekommen vom Spaziergang angeläutet an Großmamas Wohnungstür, waren, als sie geöffnet wurde, ins Vorzimmer gedrungen und bestürmten die Kammerjungfer mit Bitten, uns zu melden. Sie brauche nur zu sagen, daß wir da seien, sonst gar nichts. Vielleicht, man könne ja nicht wissen, vielleicht würden wir doch vorgelassen. Die Kammerjungfer mahnte zur Geduld. Unsere Eltern und der Arzt, die sich schon eine Weile bei Großmama befänden, würden gleich kommen und dann bestimmen, was zu geschehen habe. Als sie eintraten und wir unser Anliegen vorbrachten, wies der Doktor uns barsch ab. Er war in schlechter Laune und fuhr ungeduldig heraus, als Papa Besorgnisse um die Kranke äußerte: »Sehen Sie denn nicht? Es geht ja besser. Ganz gesund wird man in dem Alter doch nicht von einem Tag zum andern!« Beide Eltern fragten noch: »Also wirklich keine Gefahr?« »Wenn ich Ihnen sage: nicht die geringste.« Das war denn schön und beruhigend. Von den vierzehn Tagen, die überstanden werden sollten, bevor Großmama reisen durfte, waren vier vorbei. Zehn noch dazu, und wir sind wieder in unserem lieben alten Neste ... Die Lindenbäume wiegen ihre blühenden, duftenden Zweige und die Fichten ihre in die Wolken strebenden Wipfel; wie von einer unsichtbaren Riesenhand gestreichelt, wallen und schmiegen sich wohlig die Millionen Ähren auf den Feldern, die mütterliche Heimaterde qualmt, die Sonne leuchtet, freundliche Augen lachen, und alle, alle sagen: »Grüß euch Gott!« Nun war der fünfte Tag gekommen – ein Maitag mit Sommertemperatur, auf dem Lande wonnig, in der Stadt für mich ein Kopfschmerzenausbrüter. Sie hatten sich heftig eingestellt, und als die Eltern am Vormittage mit uns ausfahren wollten, bat ich, zu Hause bleiben zu dürfen. Die Meinen waren kaum fort, als Madame Vaxelaire herbeigeeilt kam, um mir zu sagen, daß Großmama heraufgeschickt habe ... Sie wollte Fritzi und mich sehen ... und schrecklich – schrecklich – jetzt sei Fritzi nicht da! – Die Erregung, mit der die gute Frau sprach, entsetzte mich. Was hat das zu bedeuten? Was gab es denn? Ich war aufgesprungen, ich rannte auf den Gang. Dort stand der alte Josef, der gekommen war, uns abzuholen, uns beide, und jetzt mich allein über die Stiege geleitete. » Nìstìsti, Nìstìsti !« war alles, was er auf meine hastigen und angstvollen Fragen erwiderte. Die Kammerjungfer erwartete mich – tief bekümmert, von Zweifeln und Sorgen zerquält. Sie wußte nicht, ob es recht von ihr sei, mich zur Großmama zu führen. In der Früh, als der Arzt dagewesen war, hatte er unsere Bitten um Einlaß grimmig abgewiesen. Aber die Frau Baronin wolle uns sehen, habe den Befehl, uns zu holen, so bestimmt gegeben – da müsse man ihr doch gehorchen. Wir gingen in das Speisezimmer und leise auf den Fußspitzen zur Tür des Schlafzimmers. Sie war nur angelehnt und gab meinem zaghaften Drucke nach. Ich blieb auf der Schwelle stehen. Die zwei Fenster rechts, die in das Rotgäßchen sahen und zwischen denen am breiten Pfeiler das Bild meiner Mutter hing, waren ganz, das Fenster der Tür gegenüber bis zur halben Höhe verhängt. So konnte die Kranke ein Stückchen Himmel sehen von ihrem Bette aus, das die Mitte der Längswand zur Linken des Eingangs einnahm. Nie anders als eilig und freudig war ich in dieses stille Gemach getreten, und nun bannte eine schwere, beklemmende Bangigkeit mich auf meinen Platz. Von ihm aus sah ich die hochgetürmten Polster, deren Stickereien das Kopfende des Bettes überragten, sich ein wenig bewegen, und nun hörte ich die Stimme Großmamas. Sie fragte: »Die Kinder – kommen sie?« Da faßte ich mir ein Herz, da lief ich zu ihr, und plötzlich und wonnig ergriff mich die Freude des Wiedersehens. Ganz ungetrübt. Großmama machte mir nicht den Eindruck einer Kranken. Sie saß fast aufrecht in ihrem Bette, an ihre Schultern schmiegte sich ihr weicher, feiner Schal mit den bunten Blümchen, den sie so gern hatte. Sie war auch frisiert wie gewöhnlich, trug eine reich garnierte weiße Haube und an jeder Seite der Stirn drei braune Seidenlocken. Was liegt einem Kinde an der Schönheit alter Leute? Ich hatte nie darüber nachgedacht, ob meine greise Großmutter schön sei oder nicht. Jetzt aber sagte ich mir und war sehr glücklich und stolz darüber: Sie ist ebenso schön, wie sie lieb ist und gut! Sie hatte mir zugenickt. »Fritzi?« fragte sie, und ihre Stimme war arm und heiser. Ich versicherte, daß Fritzi gleich kommen werde, und begann, ohne selbst zu wissen warum, eine lebhafte Beredsamkeit zu entfalten. Genau entsinne ich mich, wie jeder Einzelheit dieser letzten mit meiner Großmutter verlebten Stunde, daß ich von Zdißlawitz erzählte, und wie mich's freue, daß sie wieder fast gesund sei, weil wir jetzt bald abreisen könnten. Sie lächelte – sehr traurig, kam mir vor – und machte mir ein Zeichen, mich auf einen Sessel zu setzen, der an ihrem Bette stand, mit der Lehne gegen das Fenster. Ich gehorchte, war aber durch Großmamas Schweigen und durch ihr trauriges Lächeln aus meiner zuversichtlichen Stimmung und in Verlegenheit geraten. So verhielt ich mich denn ganz ruhig und wagte nicht mehr, mich zu rühren. Großmama hatte die Augen geschlossen, und ihrem schweren und hörbaren Atem glaubte ich zu entnehmen, daß sie schliefe. Alles still rings um uns. Manchmal nur rollte ein Wagen durch das Gäßchen und über den Rabenplatz. Die Sonne mußte nun im Zenit stehen, der Himmel leuchtete in purpurner Bläue. Durch den unverhangen gebliebenen Teil der Fenster fiel goldiges Licht in das Zimmer und bildete einen breiten hellen Streifen an den Wänden. Sie waren glatt, mit grüner Farbe bemalt. Von meinem Platze aus sah ich gerade auf die Stelle hin, an der, vor nun auch schon acht Jahren, mein Kinderbett durch längere Zeit gestanden hatte. Meine Schwester war an den Masern erkrankt, wir wurden getrennt, und Großmama nahm mich in ihre Obhut. Mein kleines Lager war in ihrem Schlafzimmer aufgeschlagen, und wenn ich früher als sie erwachte, stellte ich mich sachte auf und begann die Farbe von der Wand loszulösen. Eine angenehme Morgenbeschäftigung. Die Farbe, die sehr dick aufgetragen war, bildete hie und da Blasen, und wenn man sie eindrückte, sprangen sie ab wie Glas, und wie Glas ließ sich auch ihre nächste Umgebung vom lichten Grund abheben. Ein wenig weiter kam dann wieder ein Bläschen, und wieder wurde es eingedrückt, und nach ein paar Wochen war mitten im Grün ein weißer, vielfach ausgebuchteter Fleck zu sehen, der sich wie ein Ozean auf einer Landkarte ausnahm. Die Kammerjungfer hatte zu dem Unfug länger geschwiegen, als ihr leicht wurde, und machte ihren Bedenklichkeiten endlich Luft. Sie stellte sich mit gerungenen Händen vor den Ozean und gab die bestimmtesten Versicherungen ab, daß sie nicht ahne, was jetzt mit der so übel zugerichteten Wand anzufangen sei. Großmama, die mir eben Unterricht im Häkeln gab, antwortete gleichmütig: »Man wird sie frisch anstreichen lassen.« Ich hatte nie wieder daran gedacht – jetzt fiel es mir ein, und dem leisen Anstoß folgend, stieg nach und nach ein Zeichen ihrer still waltenden Liebe ums andere vor mir auf, eine unendliche Reihe, die sich im Unbewußtsein der Kindheit verlor ... Und diese Liebe, die immer gab, sich nie erschöpfte, hatte ich besessen und hingenommen wie etwas ganz Selbstverständliches, das mir gebührte, mich nie besonnen, daß ich ein göttliches Geschenk genoß, und noch weniger, daß es mir je genommen werden könnte ... Immer würde ich sie haben, die mir jede Freude bereitet hatte, die sie mir bereiten konnte, immer eine Entschuldigung für mich gewußt, mir alles verziehen hatte, zuletzt sogar die Dichterei. Und wie wird es erst sein, wenn ich Großes geleistet haben werde und sie stolz auf mich sein wird? ... Als ich, diese stumme Frage auf dem Herzen, zu ihr emporsah, begegnete mein Blick ihren weit geöffneten Augen, die mit unsagbarer Zärtlichkeit auf mir ruhten. Es glitt wie ein lichter Schein über ihr Gesicht, und sie wies nach einem Tisch, den man in die Nähe ihres Bettes gerückt hatte. Dort standen allerlei Schächtelchen mit Hustenbonbons, die ich sonst sehr zu würdigen wußte. »Nimm dir«, sagte sie. Mir aber war auf einmal jäh und schrecklich die Ahnung einer grausamen Möglichkeit aufgegangen: Wenn sie stürbe! Wenn wir unsere Großmutter nicht mehr hätten! ... Ich sprang auf, ich stürzte mich über ihre Hand und küßte sie viel-, vielmals ... Sie zog diese liebe Hand zurück, legte sie auf meinen Kopf, als ich aufschluchzend mein Gesicht in die Decke preßte, und sprach: »Nur gescheit! Nur gescheit!« Am nächsten Tage knieten meine Schwester und ich am Bett der toten Großmutter mit tief gesenkten Häuptern. Wir wagten nicht, emporzusehen. Eine Leiche – das muß etwas furchtbar Trauriges sein. Man hätte uns sonst, als unser kleines Schwesterchen starb, nicht so ängstlich von ihm ferngehalten und es nicht so rasch fortgetragen. Nach langem Gebete stand Fritzi auf und ließ einen scheuen Blick über das Angesicht der Toten gleiten ... »Oh!« sagte sie plötzlich und faltete die Hände in frommer, freudiger Überraschung: »Oh – schau!« Nun stand auch ich auf, und meine Augen folgten der Richtung der ihren, und auch meine Hände falteten sich ... Wie heilig war unsere Großmutter, wie herrlich und heilig! Der schwermütige Zug um den Mund, den wir an ihr gekannt hatten, war verschwunden, die stummen Lippen, deren Sprache ich immer verstanden hatte, sagten: Jetzt ist alles gut. Ein unaussprechlicher, unendlicher Frieden lag auf ihren stillen Zügen und wehte uns entgegen, eine himmlische Tröstung und Erhebung, ein letzter Gruß ihrer Liebe. Wir konnten uns von ihr nicht losreißen und – weinten nicht. Man soll nicht weinen in der Nähe von Toten, es tut ihnen weh. Ich weiß nicht, wieso wir zu dieser Überzeugung gelangt waren. Erst als Tante Helene und Vetter Moritz kamen, sie laut klagend, er von tiefstem Leid erfüllt, brach meine Schwester in Schluchzen aus und vermochte ihren Schmerz nicht mehr zu bemeistern. Am Abend fieberte sie, und nachdem man sie zu Bette gebracht hatte, schluchzte sie noch im Schlafe. Es wurde uns nicht erlaubt, das Sterbezimmer ein zweitesmal zu betreten. Wir sollten die Tote nicht mehr sehen, es griff uns zu sehr an. Bei der Einsegnung nur waren wir zugegen, als unsere Großmutter im geschlossenen Sarge lag, bereit zur letzten Reise nach unserem »Zuhause«. Wie irrten alle, die glaubten, daß ich sie jetzt nicht sähe, daß die Wände ihrer metallenen Behausung für mich nicht durchsichtig wären! Die Verstorbene hatte unseren Vater zum Vollstrecker ihrer letztwilligen Anordnungen bestellt, und dadurch wurde unser Aufenthalt in Wien neuerdings verlängert. Ich erhielt den Auftrag, diese Zeit zu benützen, um einen Katalog der Bücher meiner Großmutter anzufertigen. Sie waren mein und meiner Schwester Eigentum geworden und sollten im Sommer verpackt und nach Zdißlawitz geschickt werden. Ich ging mit Eifer an meine Arbeit, hatte keine Ahnung davon, was das heißt: »einen Katalog anzufertigen«, meinte aber diese Aufgabe zu lösen, indem ich ein Buch nach dem andern aus dem Schranke holte, den Titel desselben in ein Heft eintrug und es dann wieder an seinen früheren Platz stellte. Das Zimmer, in dem die kleine Bibliothek Großmamas sich befand, war ihr Toilettezimmer gewesen, stieß an das Schlafgemach und hatte wie dieses die Aussicht auf das sogenannte »Rabenplatzl«. Die Wand zunächst am Fenster nahm der Bücherschrank ein, und wenn ich seine Flügel öffnete, breitete sich das helle Licht sonniger Junivormittage über eine auserlesene Gesellschaft. Sie bewohnte fünf Geschosse und bildete in jedem eine stattliche Reihe von vornehm in braunen, roten und grünen Saffian gekleideten Buchpersönlichkeiten. Ihre Anführerin war die Bibel. Ich kannte den Band; er hatte meinem Großvater gehört, und es waren viele Zeichen von seiner Hand darin eingelegt. An einer Stelle befand sich außer dem Zeichen ein Bleistiftstrich. Die Stelle lautete: »Und ich hörete eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.« Oh, das verstand ich! Der Anblick meiner entschlafenen Großmutter hatte es mich gelehrt: »Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben.« Und wo hatte ich diese Stelle gefunden, die mir so hell einleuchtete? In der Offenbarung Johannis, der heiligen, rätselhaft verschleierten Schrift, deren Geheimnisse noch niemand durchdrungen hat. Nicht einmal der große Newton, der, wie mein Vetter mir unlängst erzählt, die letzten Jahre seines Lebens dem Studium und der Erklärung der Apokalypse gewidmet hatte ... Und ich – es mutete mich an wie ein Wunder –, ich verstand sie! Mir war's gegeben, mir, einem Kinde! ... In unaussprechlichem Jubel schwoll mein Herz, ich glaubte, daß eine himmlische Erleuchtung mir zuteil geworden sei. Mit zitternden Fingern blätterte ich zurück vom vierzehnten zum ersten Kapitel, und was ich las, Vers um Vers, war ein schönes, seltsames Gedicht. Aber je weiter ich kam, je dunkler wurde mir der Sinn des Gelesenen. Da half kein Kopfzerbrechen. Einzelne Bilder nur schwebten vor mir, sehr klar und in großer Pracht, so wie der Heilige sie geschaut hatte, als er »war im Geiste«. Blendend die Vision von dem Einen, den er nicht nennt und der anzusehen war wie Jaspis und Sardis und vor dessen von einem Regenbogen wie Smaragd umgebenen Thron die Ältesten ihre goldenen Kronen niederlegten. Ich sah die vier Lebendigen und sah das Buch mit den Sieben Siegeln in der Rechten des Einen und glaubte, eine Ahnung davon zu haben, was für ein Buch das war, und die Namen der vier Lebendigen nennen zu können. Damit ging meine Weisheit zu Ende. Von nun an gab es keinen Lichtschein mehr, der mir einen Pfad zu neuem Begreifen und Erkennen gewiesen hätte ... Nein, ich war das gottbegnadete Kind nicht, das in Einfalt findet, »was kein Verstand des Verständigen sieht«. Enttäuscht und beschämt brachte ich das Buch der Bücher wieder an seinen Platz und bemerkte jetzt: außer an der einen Stelle, die ich zuerst aufgeschlagen hatte, war in der ganzen Apokalypse kein Zeichen eingelegt. Zunächst an die Heilige Schrift schmiegte sich das Werk ihres frommen und milden Apostels, Thomas a Kempis, und er hatte Herder zum Nachbarn, und dann kam Lessing. Neben seinen Werken stand seine Biographie in drei Bänden, von K. G. Lessing. Ich las die ersten Kapitel und wurde dabei in meinen eigenen Augen so klein, wie ich nicht einmal als Auslegerin der Offenbarung Johannis geworden war. Meine hohe Meinung von meiner Begabung, meinem Lerneifer, meinem Wissensdrang erfuhr eine jämmerliche Einschränkung durch den Vergleich zwischen mir und dem Kinde Gotthold Ephraim. Wie kam ich mir vor, ich Dreizehnjährige, von Zweifeln Gequälte, wenn ich las: »Im vierten und fünften Jahre wußte er schon, warum und wie er glauben sollte.« Und weiter: »Als ein Maler ihn im fünften Jahre mit einem Bauer, in dem ein Vogel saß, malen wollte, erfuhr dieser Vorschlag seine ganze kindische Mißbilligung. ›Mit einem großen, großen Haufen Bücher‹, sagte er, ›müssen Sie mich malen, oder ich mag lieber gar nicht gemalt sein.‹« Und da er auf die Fürstenschule nach Meißen gebracht wurde, »mußte man ihn um ein Jahr älter machen, weil keiner unter dem dreizehnten Jahre angenommen werden soll.« Auf der Schule studierte er sogar in den freien Stunden, und Klassiker, deren Namen ich nicht einmal hatte aussprechen hören, »waren seine Welt«. So sind die Kinder beschaffen, aus denen große Menschen werden – so war ich nicht. Ich konnte mir nicht einmal recht vorstellen, wie dem beneidenswerten Gotthold Ephraim zumute gewesen sein mußte im Besitze seines großen Reichtums. Alles gäbe ich darum, nur einen Tag, nur eine Stunde lang so zu sein wie er, umgehen zu dürfen mit unsterblichen Menschen wie mit Freunden und einzudringen in ihre leuchtende Gedankenwelt. Es war eine bittere Zeit der Selbsterkenntnis, voll Sehnsucht und Kümmernis, diese erste, die ich Aug in Auge mit den Bewohnern des Bücherschrankes meiner Großmutter zubrachte. Zur Unterstützung meines Gedächtnisses habe ich Lessings Biographie, die seitdem in meinem Besitze ist, zur Hand genommen und finde auf dem Schutzblatte des ersten Bandes die Zeilen eingeschrieben: Ich bin ein Nichts für meinen Gott, Für meinen Nächsten bin ich klein, Mir selber dien ich nur zum Spott, Wie könnt ein Mensch noch ärmer sein? Allmählich trat Erholung von dieser Depression ein. Wenn auch nicht ein Lessing, konnte doch etwas anderes Gutes aus mir werden. Nur lernen mußte ich zuerst, alles kennenlernen, was es Schönes gab in diesen Büchern, die nun ich zu meiner Welt machen wollte. So feierte ich wahre Leseorgien und fand die Vormittage, die vermeintlich mit Katalogisieren ausgefüllt wurden, immer zu kurz. Voll Heißhunger verschlang ich, was ich vorfand an Dramen von Shakespeare, Racine, Corneille, Goethe, Kleist, und bedauerte nur, daß meine arme Großmutter nicht ein einziges Werk der Klassiker besessen hatte, in die Lessing sich versenkte, als er in meinem Alter stand. Er freilich, er lernte sie in ihrer Sprache kennen, der Glückliche. Weil er ein Bub war, durfte er das, er mußte sogar Griechisch lernen und Latein. Von seinen Lippen tönte die Sprache, in der Themistokles, Demosthenes, Cäsar, Titus geredet haben. Zum Ruhme gereichte ihm sein Glück ... Wofür würde ich angesehen werden, wenn ich anfangen wollte, Griechisch und Latein zu lernen? Ganz einfach für verrückt. Ich war ja nur ein Mädchen. Was gehört sich alles nicht, schickt sich alles nicht für ein Mädchen! Himmelhoch türmten sich die Mauern vor mir empor, zwischen denen mein Dichten und Trachten sich zu bewegen hatte, die Mauern, die mich – umfriedeten. Kein gutes Wort in dieser Anwendung! »Umfrieden« paßt nur für den Kirchhof, in dem die Toten liegen; die Lebendigen kommen um den Frieden, wenn man ihnen enge Grenzen setzt ... Sie werden fortwährend suchen, sie zu durchbrechen, immer gegen sie anrennen und glauben: Dieses Mal weichen sie mir! Das dürften ungefähr die Gedanken gewesen sein, die damals meinen jungen Kopf durchschwirrten und denen ich in zahllosen Gedichten Worte gab; es ist von den stürmischen und hoffärtigen, deren ich mich später schämte, nichts übriggeblieben. Nur einige friedliche Verslein ließ ich bestehen. Als den letzten aus den Kinderjahren möge ihnen hier Unterkunft gewährt sein. Was hör ich in der Dämmerung? Wie Glöcklein hell es klinget. 's ist wohl der Tag, der licht und jung Ein goldnes Liedchen singet. Wenn ich als Kind zum Himmel geschaut, Hat droben mein Land geblinkt und geblaut. Jetzt ist der Himmel geworden so leer, Ich sehe mein Land, mein liebes, nicht mehr. Der sogenannte Katalog war fertig; ich hatte nun angefangen ihn abzuschreiben, weil ich einen Grund haben mußte, um meine Vormittage noch immer in der Wohnung Großmamas zubringen zu dürfen. Da herrschte jetzt Grabesstille; die Küche sowie das »Frauenzimmer« waren leer. Die Köchin und die Kammerjungfer hatten sich in ihre Heimat begeben, um dort ihren Ruhestand und ihr Ruhegehalt zu genießen. Nur der alte Josef war noch anwesend und sollte, bevor er uns auf das Land nachfolgte, die Verpackung der Möbel überwachen. Mit treuer Liebe zu seiner langjährigen Tätigkeit hielt er die Zimmer der verstorbenen Herrin so nett und blank wie je. Doch standen jetzt alle Türen weit offen, und ich konnte, ohne eine Klinke zu berühren, von der Küche aus bis in den großen Salon gehen. Daß auch seine Tür offenstand, mutete mich besonders fremdartig an. Wir Kinder hatten ihn nie betreten; er wurde auch nur benutzt, wenn unsere Großmutter eine Gesellschaft gab, was selten geschah. Immer nur verstohlen hatten wir hineingeguckt, wenn Josef darin gravitätisch seines Amtes waltete mit Staubbesen und Flederwisch. Der Salon machte uns einen feierlichen Eindruck. Seine weiß lackierten, durch vergoldete Stäbe in Felder eingeteilten Wände verbreiteten einen majestätischen Glanz, und die Mahagonimöbel mit Intarsien und Beschlägen aus Bronze hatten jedes eine eigene noble Physiognomie. Der hellgelbe Seidenstoff, mit dem die Polsterung des Kanapees, der Stühle und Sessel überzogen war, schimmerte so prächtig, wie ich nie wieder einen hellgelben Seidenstoff habe schimmern gesehen. Und dieses imposante, mit dem Reiz des Geheimnisvollen umkleidete Gelaß, da stand es nun erschlossen, jedem zugänglich, und war eben nur ein Zimmer wie ein anderes. Wie merkwürdig kamen meine Wanderungen mir vor durch die Räume, denen die zurückgeschlagenen Türflügel das Gepräge grenzenloser Ödigkeit verliehen. Ich wollte sie mir beleben, wollte mir einbilden, daß der Schatten der Entschlafenen vor mir herschwebe und Gestalt annehme und daß ich sie sehen werde, an ihrer Toilette sitzend oder am Fenster im Schlafzimmer; und wenn da nicht, im nächsten, vielleicht im Speisezimmer, an dem Tische, an dem wir so oft ihre Gäste gewesen waren. Ich ging von Tür zu Tür, ganz sachte, voll Sehnsucht und doch ein wenig bange, schloß die Augen und öffnete sie plötzlich und hoffte: Jetzt – jetzt muß sie dir erscheinen .... Aber da war nichts. Ihr Platz blieb unbesetzt; die Stuben blieben leer .... Der Tag vor der Abreise von Wien und vor dem Scheiden von den lieben Räumen, die mir mit jeder in ihnen verlebten Stunde teurer und heiliger geworden, war gekommen, und ich veranstaltete eine kleine Abschiedsfeier. Ich holte zwei Bücher aus dem Schranke, nahm Platz am Arbeitstische meiner Großmutter und überdachte innig und ließ durch meinen Kopf und durch mein Herz ziehen, was diese beiden Bücher mir geschenkt hatten. Es war soviel! Das eine, der erste Band der Mémoires pour servir à l'histoire d'Anne d'Autriche, épouse de Louis XIII, roi de France, par Madame de Motteville , hatte mir einen herrlichen Dramenstoff geschenkt, den ich im Laufe der Zeit immer reicher ausgestaltete. Alles, was in mir lebte an Vergötterung des Schönen, an Verachtung und Haß des Schlechten und Gemeinen und nicht zum mindesten an übermütigem Humor, mit dem ich oft verletzte und Anstoß erregte, alles ließ sich da hineinschütten wie in eine eigens mir zu Lieb und Ehr geformte goldene Schale. Cinq-Mars war mein Held, der junge, leichtsinnige, leichtgläubige Günstling Ludwigs XIII., der seinen Herrn von der erdrückenden Tyrannei des allmächtigen Ministers Richelieu befreien will, im tollkühn unternommenen Kampfe mit dem Riesen unterliegt und nach einem Augenblick des Verzagens prachtvoll stirbt. Und was für Gestalten gruppieren sich um ihn! Ludwig XIII., den mit kühnen Strichen hinzuzeichnen die reine Wonne sein wird, der sich fühlbar unter die Hand des Bildners schmiegt. Eine königliche Erscheinung, von einer kleinen Seele belebt; treulos wie die Schwäche, hart wie die Engherzigkeit. In einem Gefühl nur bleibt er unwandelbar, im Hasse gegen den Gewaltigen, der sich rühmen darf: »Ich habe meinen König zu meinem Diener gemacht und diesen Diener zum größten Monarchen der Welt.« Sein Herr verabscheut ihn und kann ihn nicht entbehren, sein Herr ist im geheimen das Haupt jeder Verschwörung gegen ihn, und sobald eine neue mißlingt, kriecht der »Herr« grollend und knirschend zu Kreuze und liefert, ein Kronzeuge, seine Mitschuldigen dem Sieger aus. Und endlich einmal bietet, ja bietet! er seine beiden Söhnchen dem triumphierenden Kardinal zum Pfande völliger Unterwerfung an. Aber da bäumt die Königin sich auf und bewahrt »die Kinder Frankreichs« vor der Schmach, die ihnen droht. Ich liebte Königin Anna von Österreich und wollte schon dafür sorgen, daß jeder, der sie durch mich kennenlernte, sie ebenfalls lieben müßte. Als die Heldin sollte sie geschildert werden, die kühn und stolz den verliebten Löwen abgewiesen hatte, da er sich vermaß, um ihre Frauengunst zu werben. In allen Stunden ihres Lebens litt sie unter seiner unersättlichen Rachgier, erlitt Demütigungen und Grausamkeiten ohne Zahl und unterwarf sich nicht .... Und wie viele tauchten neben ihr auf und waren voll Kraft und voll Leben und mir in ihren geheimsten Regungen und verborgensten Motiven durchsichtig wie die Luft. Aber die Krone des Ganzen sollte doch die Figur Richelieus werden. Der Reichtum, den sie der Phantasie bot, war unerschöpflich. Wo man antippte, gab's Funken. Diese rätselhaften Kontraste! Der Mann, der sein Frankreich an die Spitze aller Staaten der Erde gestellt, die Hugenotten besiegt, den mächtigen, rebellischen Adel unterworfen hatte, der die Vertreter der Parlamente mit den Fingern seiner Rechten wie Marionetten an Drähtchen hüpfen ließ – buhlte um literarischen Ruhm. Es fraß ihm am Herzen, daß die Pariser den Tragödien des jungen Corneille zujauchzten und die ihres alten Ministers mit so wenig Geräusch als möglich zu Grabe – gähnten. Der Kirchenfürst und Heerführer, der den Purpurmantel des Kardinals über der Stahlrüstung trug, wollte auch als Tänzer glänzen. Die Bewunderung, die seine Größe der Königin nicht abgewann, versuchte er ihr durch seine Grazie abzugewinnen. Oh, die Sarabande, mit der er sich zweihundert Jahre früher vor der Majestät und ihrem Hofstaat lächerlich gemacht, wie oft hat er sie mir aufgeführt im Schlafzimmer meiner Großmutter! Und wie viele andere herrliche Szenen! Die letzte zum Beispiel des ersten Aufzuges: der König ist im Lager vor Perpignan, umringt von Feinden des Kardinals, und der liegt krank und gebrochen in Tarascon, weiß sich verraten und verkauft, weiß von dem Vertrag mit Spanien, der ihn stürzen soll, und vermag nicht, ihn in seine Hand zu bekommen. Da plötzlich verwandelt sich seine Trostlosigkeit in wilden Triumph. Einer seiner Späher ist zurückgekehrt und legt einen ausgehöhlten Wanderstab vor ihn hin. Er enthält eine Rolle – den Vertrag. Nun hat er sie – da stehen sie, die ihn unterzeichnet haben: Gaston von Orleans, des schwachen Königs elender Bruder, der Herzog von Bouillon, der Großstallmeister Cinq-Mars. – Sie sind zu hoch emporgeschossen, Monsieur le Grand! Man wird Sie um einen Kopf kürzer machen. – Von neuer Lebenskraft beseelt, erhebt der kranke Kardinal sich vom Pfühl. Zu Pferde seine Garden! Das Gefolge rüste, ein Zug voll Glanz und Pracht ordne sich! Es geht zu Hof; es geht mit fürstlichem Gepränge ins königliche Lager nach Perpignan! Dort sollte der zweite Aufzug spielen, und ich dachte ihn mir sehr bewegt. Wir lernen Cinq-Mars kennen in seinem liebenswürdigen und blinden Glauben an sein Glück und seinen Freund de Thou und Fontrailles, der die Verhandlungen mit Spanien geleitet hat. Gerüchte, der Kardinal sei sterbend, sind aufgetaucht; Gaston von Orleans meint, Katzen hätten ein zähes Leben, man solle nachhelfen. »Seht den König an«, sagt er zu Cinq-Mars, »er macht mir Sorge, er war gestern wieder sehr krank. Wenn er vor seinem Minister stürbe, würde es euch schlecht ergehen.« Cinq-Mars weist den Gedanken an den nahen Tod seines Herrn mit Schaudern zurück. Wie kann man einen solchen Gedanken nur haben, nur fassen? – »Versucht's!« erwidert Gaston, »und erinnert euch dann meines Mittels. Ich bleibe der Herzog von Orleans auch nach dem Tode meines Bruders. Ihr seid dann nur noch – der Feind des Kardinals.« Cinq-Mars schlägt den abscheulichen Rat des Herzogs und die Warnungen de Thous in den Wind. Er und seine Anhänger blicken mit seliger Zuversicht dem unausbleiblichen Sturze Richelieus und kommenden schönen, ruhmvollen Tagen entgegen. – Im Lager wird gespielt, getanzt, musiziert; es herrscht tolle Lustigkeit .... Nun, auf einmal, tritt, als sei plötzlich etwas Unheimliches aufgetaucht, da und dort Stille ein; sie verbreitet sich weiter und weiter, auch die Kühnsten halten den Atem an; die sangen und schrien – sie lauschen. Zwei Worte erschüttern die Luft und erfüllen die fröhlichsten Herzen mit Grauen: »Seine Eminenz!« – Richelieu betritt das Lager wie der Tod den Ballsaal. Wundergut gefiel mir dieses Ende des zweiten Aufzugs, und im dritten sollte es noch viel schöner kommen. Da sollte im Zelte des Königs die Begegnung zwischen ihm und dem Kardinal stattfinden. Ganz unhistorisch, aber daran lag mir nichts. Ich sah es, deutlich zum Greifen – so war es denn! Sie saßen einander gegenüber, und mit kaum bezähmtem Wohlgefallen spürte einer in den Zügen des ändern jedem Zeichen schweren Siechtums nach. Den Blick in die Augen des Königs gesenkt, unverwandt, unerbittlich, berichtet sein treuer Diener dem Ahnungslosen, daß er schändlich hintergangen wird .... Er legt ihm den Vertrag mit Spanien vor und ist voll Entsetzen über die Gefahr, in der das Land und der Monarch gestanden haben. Sein Herz blutet, eine Rührung ergreift ihn, wenn er sich fragt: »Wer sind diese Verräter?« und antworten muß: »Die Nächsten seinem Thron, seinem Vertrauen, seiner Liebe, es sind die, denen mein König im Begriffe war, seinen einzigen Getreuen zu opfern.« Kaum noch bewahrt Ludwig einen Schein der Fassung, kaum noch verbirgt der Kardinal seinen knirschenden Zorn hinter der Maske süßlicher Heuchelei und erlangt alles, was er will, wie er es will – demütig angeboten .... Eine vortreffliche Szene, und genial würden Laroche und Löwe sie spielen. Reiche Handlung stand mir auch für den vierten und fünften Akt zur Verfügung: Die Auslieferung de Thous, den keine andere Schuld traf, als daß er der Freund eines Feindes Richelieus gewesen, an den Kardinal. Cinq-Mars' leichtsinniges Spielen mit dem Verhängnis, das über ihm schwebt. Die Fahrt Richelieus auf der Rhône. In purpurumhangener Barke liegt der Sterbende, und von seinem stolzen Fahrzeug wird ein ärmlicher Kahn geschleppt. Seine Opfer befinden sich darin, zwei Menschen, kraftvoll und jung, in blühender Gesundheit. Und er, der vielleicht seinen alternden Schattenkönig nicht mehr überlebt, die beiden wird er überleben. Der Gedanke zaubert ein Lächeln auf sein düsteres Gesicht und legt ihm grauenvolle Worte auf die Lippen. Den Tod meines jungen Helden. Seinen Abschied von der großen Prinzessin, die ihm ihr Herz geschenkt hatte, und von seiner berückenden Geliebten Marion Delorme ... Wie mit dem Fuße stößt er dann ein Leben von sich, in dem seine ehrgeizigen Träume sich nicht erfüllen sollten. Entsühnt durch den Priester, erbaut durch die Frömmigkeit des Freundes betritt er den Weg zur Richtstätte. Zu dem letzten Gang hat dieser Mann, dieses Kind sich schmücken lassen wie zu einem Gang nach Hofe. Diese heroische Eitelkeit war mir unaussprechlich rührend und kostete mich viele Tränen. Lange Jahre hindurch sollte ich mich mit diesem Stoffe, von dem ich gemeint hatte, daß er sich von selbst zum Drama gestalten werde, herumschlagen. Zuletzt stand ich an der Spitze einer kleinen Armee von Manuskripten, von denen nur die ersten den Titel Cinq-Mars , die letzten aber den Titel Richelieu führten. Seine Gestalt wuchs und wuchs riesenhaft vor mir empor, bis sie mir – entwuchs und ich begriff, daß ich aus meiner Blindheit über ihre Größe den Mut geschöpft hatte, sie darzustellen. Allmählich waren die Augen mir aufgegangen, ich wußte: Mit all meiner Begeisterung, all meinem Fleiß habe ich nur ein Pfuschwerk zustande gebracht. Durchaus nicht in einem Verzweiflungsanfall, ganz ruhig schichtete ich dann meine Cinq-Mars und Richelieus im Ofen sorgfältig und nett zu einem Scheiterhaufen zusammen und zündete ihn an. Er rauchte erst sehr stark, dann lohten schöne Flammen auf. Die Blätter – viele von ihnen waren kalligraphiert und illustriert – wanden und krümmten sich wie in Schmerzen, Fünkchen – Klosterfrauen, die in ihre Zellen eilen, nennen sie die Kinder – huschten über den Zunder. Nun lag ein unförmiger Pack schwarzer, schmutziger Fetzen da – als Frucht so vieler Mühen. Hätte eine Vision mich dieses Ende sehen lassen, als ich in den ersten zärtlichen Verkehr mit dem vortrefflichen »Stoffe« trat, für den ich Madame de Motteville so dankbar segnete, würde ich die Arbeit, die zu diesem Resultate führte, unternommen haben? Fast glaube ich: ja. An jenem Junimorgen aber vor nun einundsechzig Jahren trübte nicht die leiseste Furcht vor der Möglichkeit eines Mißlingens meine freudige Zuversicht. »Mein Stück« leuchtete vor mir im reinen Glanze eines Phantasiegebildes, an das die gestaltende Hand noch nicht gelegt wurde. Noch war es geistiger Natur, noch haftete keine Werdequal und keine der Widrigkeiten ihm an, mit denen jede Geburt eines Lebendigen sich vollzieht. Das zweite Buch, das ich mir zu meinem Abschiedsfeste eingeladen hatte, enthielt die Oden Klopstocks. Ich kannte von ihnen allen nur eine, diese aber kannte ich gut. Sie hieß Die Frühlingsfeier und war mir entgegengekommen, als ich ihre alte braune Behausung ein wenig durchmustern wollte. Immer öffnete sie sich da, wo die Frühlingsfeier stand. Wie oft mußten andere vor mir sie dort aufgesucht haben, und wer mochte es gewesen sein – meine Großmutter, mein Großvater oder vielleicht meine Mutter? Vielleicht sind sie alle es gewesen, und diese noch sichtbare leise Spur führte ein Kind, dessen Dasein dem ihren entsprossen war, aus seinem bangen Tasten und Suchen auf den Weg, den sie gegangen waren. Nicht in den Ozean der Welten alle Will ich mich stürzen – ... Nur um den Tropfen am Eimer, Um die Erde nur will ich schweben und anbeten – ... Wer sind die Tausendmaltausend, wer die Myriaden alle, Welche den Tropfen bewohnen und bewohnten? Und wer bin ich? ... mehr wie die Erden, die quollen, Mehr wie die Siebengestirne, die aus Strahlen zusammenströmten! Mehr – weil ich weiß, wie wenig ich bin: – ein verwehender Hauch auf einem Stäubchen im All ... Aber der Atem Gottes lebt in diesem Hauche. Um das zu begreifen, bedurfte ich einer Gnadengabe des Unendlichen, eines Lichtstrahls von seinem Geiste. Er hat ihn mir gespendet, seinem Geschöpf, und ich darf »mein Vater« zu ihm sagen. Als ich auf der Schwelle stehenblieb und noch einmal zurückblickte in den stillen Raum, aus dem ein teures und köstliches Leben entschwunden und in dem ich so oft allein mit meinen Gedanken gewesen war, überkam es mich: Eine andere, als ich ihn betreten, verlasse ich ihn. Meine Sehnsucht, zu denken und zu leiden, sollte sich fortan nicht nur von dämmernden Träumen nähren, sie begann sich zu erfüllen. Eine kleine Vergangenheit lag schon hinter mir. Ich hatte gedacht und gelitten – ich war kein Kind mehr. Meine Erinnerungen an Grillparzer Daß andere Dinge tun, die uns ganz unbegreiflich erscheinen, darüber wundert und – tröstet man sich. Aber selbst einmal etwas getan haben, das wir heute unbegreiflich, verwegen und lächerlich finden, das ist eine Quelle beständiger Pein. Ich weiß das aus Erfahrung. Wie war's möglich? Wie hast du es nur tun können? frage ich mich, und so uralt ich bin, steigt mir die Schamröte ins Gesicht. Ist es eine bei einer Frau im reifen Alter, die ich zu Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts doch schon war, unerhörte Naivität gewesen oder die ungeheuere Überschätzung eines eben geborenen papierenen Kindes, genug, es ist geschehen: ich habe Grillparzer, den ich erst vor kurzem persönlich kennengelernt hatte, gefragt: »Herr Hofrat, darf ich Ihnen ein Theaterstück, das ich geschrieben habe, vorlesen?« Ob er ein Zeichen des Unwillens gegeben, ob er mich nur erstaunt angesehen hat, weiß ich nicht mehr. Aber die Erlaubnis, vorzulesen, erhielt ich und erschien denn auch schon am folgenden Tage mit meinem Manuskript. Und nun, nicht um einen Hauch weniger deutlich als damals, sehe ich ihn vor mir am Schreibtisch sitzen, klein und schmal in seinem alten Lehnsessel, mit dem Rücken gegen das Fenster. In seinem ehrwürdigen Gesicht alle Zeichen überstandener Leiden, einer schmerzvollen Ergebung. Mit ein paar gütigen Worten hatte er mich ermutigt anzufangen, und ich las und las und wagte kein einziges Mal, ihn fragend anzusehen. Er hatte ein blaues Taschentuch in seinen feinen, schlanken Händen, mit dem er sich fortwährend beschäftigte, das er auf den Schoß legte, entfaltete, zusammenknüllte, wieder entfaltete. Und gerade nur bis zu diesem Taschentuch erhoben sich manchmal meine Augen. Aber mein Herz schwoll vor Entzücken, wenn er von Zeit zu Zeit »gut« oder sogar »sehr gut« sagte. Mehr als einmal fragte ich, ob ich ihn nicht ermüde und aufhören solle. Nein, er wollte das Ganze hören. Am Schluß schlug er einige geringe Veränderungen vor, fällte aber ein Urteil über die Arbeit nicht. Mit sehr gemischten Gefühlen trat ich den Heimweg an. Sehr bald aber gab es keine Mischung mehr. Die Reue über das Wagnis, das ich unternommen hatte, stellte sich nicht langsam ein, sie kam plötzlich, stürzte über mich her wie ein wildes Tier über einen träumend Dahinwandelnden. Grillparzer hatte mein Stück gewiß miserabel gefunden, und es ist ja miserabel. Wie konnte ich darüber in Zweifel sein? ... Ich weiß, daß ich jeden Bettler, dem ich begegnete, um sein gutes Bewußtsein beneidete. Ihm wäre es doch nicht eingefallen, dem größten jetzt lebenden Dichter ein selbstverfaßtes Drama vorzulesen. Große Menschen, die größten, Goethe an der Spitze, haben gegen die Reue geeifert. Dennoch wage ich meine kleine Stimme zu erheben und zu sagen: Heil dem Herzen, das sie empfinden kann! Ist eine Wendung vom Unrechten zum Rechten denkbar ohne vorhergegangene Reue? Was mich betrifft, unter den vielen Anfällen dieses unschätzbaren Übels, die ich je erlitten, hat der über mein Vorleseattentat auf Grillparzer besonders gute Früchte getragen. Nie mehr ist es mir eingefallen, seine Teilnahme für eine meiner Arbeiten anzurufen, und er wußte, daß es aus Ehrfurcht und Schonung geschah. Die Zahl der Strebenden, die sich an ihn herandrängten und von denen jeder zu seinem berufensten Nachfolger erklärt werden wollte, war groß, und seine Nachsicht, seine Scheu wehzutun war unermeßlich. Wenn man ihm dann die üblen Folgen dieser Nachsicht vorhielt, wurde er ärgerlich: »No ja, wenn ich einem nicht grad gesagt habe: Sie sind ein Esel! rennt er herum und erzählt, ich hätt ihn gelobt.« In seiner Güte fühlte er sich von Zeit zu Zeit bewogen, mich zu fragen, was ich denn jetzt arbeite, gab sich aber stets mit einer ausweichenden Antwort zufrieden. Ich erinnere mich, ihm einmal erwidert zu haben: »Weiß nicht, weiß selbst nicht, vielleicht eine Novelle. Einige meiner Freunde behaupten, ich hätte mehr Talent zur Novelle als zum Drama.« Er lächelte. Wie gern sah ich dieses ganz einzige, halb mitleidige, halb sarkastische Lächeln auf seinem teuren, tiefernsten Angesicht! »Ja, ja. Aus Ihrer alten Haut möchten Sie heraus und wissen noch nicht, in welche Sie hineinkriechen sollen.« Besuche anzumelden war nicht Brauch im Hause Fröhlich. Die vortreffliche Jungfrau Susanne Kirsch, »der Edelstein« genannt, Köchin und Pförtnerin, öffnete die Tür und hat mich nie anders begrüßt als mit einem Lächeln, das von einem Ohr zum andern schwebte. Sie deutete freundlich nach rechts, wenn ich fragte: »Ist der Herr Hofrat –?« und nach links, wenn ich fragte: »Sind die Damen zu Hause?« Wie bei ihm, hatte meine Freundin Baronin Knorr mich auch bei ihnen eingeführt, und sie besuchen zu dürfen war mir ein Glück. Ein kleines Vorzimmer bildete den Eingang zu ihrem Bereich, in dem eine fast klösterliche Einfachheit herrschte, in dem man sich aber von einem Reichtum umgeben fühlte, den höchste irdische Pracht und Herrlichkeit nicht verleihen können. Man war versetzt in eine Atmosphäre des Wohlwollens, der Güte, des regsten geistigen Lebens und hatte beim Anblick des schlichten Raumes und seiner lieben alten Bewohnerinnen den Eindruck eines nachgedunkelten Gemäldes, in dem das Auge des Verständnisses und der Liebe noch deutlich erkennen konnte, wie hell seine Farbentöne einst gewesen und wie anmutig und hold seine Gestalten. Die drei Schwestern in ihrer übereinfachen Kleidung erschienen mir wie Priesterinnen, denen ich voll Ehrfurcht nahte. Sie sahen ja meinen abgöttisch verehrten Dichter täglich, verkehrten mit ihm, sie sagten: »Der Grillparzer«, wenn sie von ihm sprachen. Es geschah offen und herzlich, sie wußten ja, daß mein Interesse für jedes Wort und jede Kunde von ihm der tiefsten Bewunderung und Begeisterung entsprang. Am liebsten fast hörte ich Anna, die älteste der Schwestern, erzählen. Sie redete gescheit, gut und gern, ohne eine Spur von Geschwätzigkeit, so recht aus der Fülle lebendiger Erinnerungen wie ein Reicher, der viel gibt und noch mehr zu geben hätte. Irgend etwas zu beschönigen fiel ihr nicht ein, ebensowenig aber zu tadeln; sie sprach von den vielen Wunderlichkeiten des Dichters beinah so liebevoll wie von seinen großen Eigenschaften. Das schwere Blut hatte er von seiner Mutter geerbt, das war sein Unglück, unter dem er litt und leiden machte. Ein Meister der Selbstquälerei, zerpflückte er eine der kleinen Freudenblüten, die ihm noch geblieben waren, nach der andern. Was die Musik ihm bedeutete, weiß jeder, der den »rhythmischen Zauber« seiner Verse empfunden hat. »Die Musik der älteren Zeit, das ist für mich nicht Musik, in ihr liegt mein Leben, in ihr rauscht meine Jugend«, sind seine eignen Worte. Die Musik hatte ihn mit den Schwestern Fröhlich zusammengeführt. Durch Anna und Josephine, beide hochgeschätzte Gesangs- und Klavierlehrerinnen, hatte er Schuberts Lieder kennengelernt. Er war ein guter Klavierspieler, phantasierte mit sehr viel Talent. Vor einigen Jahren noch hatte es ihm Vergnügen gemacht, täglich eine Stunde mit Anna zu musizieren. Sie kam zu ihm herüber, und sie spielten vierhändig Symphonien von Haydn, Beethoven, Mozart. Einmal nun hatte sie wie gewöhnlich Platz genommen am Klavier, Noten aufgelegt und wartete. Grillparzer blieb an seinem Schreibtisch sitzen, rührte sich nicht, und als sie endlich fragte: »Nun, ist's heute nichts, wird nicht gespielt?« schüttelte er den Kopf: »Heute nicht und überhaupt nicht mehr.« – »Ja, um Gottes willen, warum denn nicht?« – »Meine Finger sind steif geworden, es geht nicht mehr.« – »Und gestern ist's doch noch gegangen. Was Ihnen nur einfallt, Grillparzer!« Sie lachte ihn aus, wurde im Scherz böse und auch im Ernst, bat innigst, inständigst, doch nicht einer Laune nachzugeben. Schad um jedes Wort. Er hat seine Hände nie wieder aufs Klavier gelegt. Es war aus von einem Tag zum andern und für immer. So vergrub er vorzeitig ein Talent, dem er noch manche schöne Stunde hätte verdanken können. Aber das ist der ganze Grillparzer: der Reichtum im Ausüben einer Kunst hat abgenommen, und auf die Überbleibsel legt er keinen Wert. Nicht anders hält er's mit der Poesie, und ohne die Dazwischenkunft der drei Getreuen wären uns viele seiner geflügelten Worte vorenthalten worden. Es ist seine Gewohnheit, beim Frühstück allerlei Verse auf Papierschnitzel zu kritzeln, die er jämmerlich zerknüllt und auf das Kaffeebrett wirft. Die Verse haben einer momentanen Stimmung Ausdruck gegeben, ihre Aufgabe ist erfüllt, nun fort mit ihnen. Aber Susanne legt die dem Untergang Geweihten in die Hände ihrer Gebieterinnen; sie werden entfaltet, gelesen, geordnet. Wenn eine hübsche Anzahl beisammen ist, lernt Anna sie auswendig, geht zu Grillparzer hinüber, stellt sich in Positur und spricht: »Der kleine Deklamator ist da.« Vielen Dank erntet sie für ihren Vortrag nicht, meistens heißt es: »Schon gut, schon gut. Sein S' noch nit fertig?« Aber ein Befehl, die kleinen Dichtungen geheimzuhalten, wurde nicht gegeben, sie dürfen Freunden mitgeteilt werden, und viele von ihnen haben schon bald nach ihrem Entstehen eine Wanderung durch ganz Wien angetreten. Durch ein schmales Gelaß, in dem zwei Reihen dicht angefüllter Bücherschränke standen, gelangte man in Grillparzers Wohnzimmer. Es war geräumig, bildete ein regelmäßiges Viereck und hatte zwei Fenster, die in die Spiegelgasse sahen. An der linken Wand stand das mit einem dunkelgeblümten Rahmenüberzug bedeckte Bett und an derselben Seite, in der Nähe des Fensters, schräg ins Zimmer hineingerückt, der große Schreibtisch, vor dem ich Grillparzer nie schreibend getroffen habe, immer nur neben ihm, lesend, zurückgelehnt in seinen bequemen Lehnsessel. Der Aufsatz des Schreibtisches trug eine Reihe meist alter Bücher und eine Damenuhr in einem kleinen Gestell, ein Wiener Spindelührchen aus den Jahren zwischen 1830 und 1840. Wie kommst du hierher, du einziger Luxusgegenstand, in diese Klause eines Bedürfnislosen? Aus Frauenhand vielleicht? Sollst du im leisen Vorwärtseilen an eine Stunde erinnern, schöner als alle, die du noch anzeigen kannst? So habe ich sie oft dringend gefragt. Aber auf Gedankenfragen geben Uhren selbst ihrer treuesten Liebhaberin keine Antwort. An der Wand rechts, unter einem Stiche des schönen Bildes Jenny Linds von Magnus, trauerte seit Jahren schon der verstummte Flügel. Derselbe, auf dem der Dichter vor längst entschwundener Zeit mit seiner musikalisch hochbegabten Mutter Tondichtungen großer Meister gespielt, selbst schaffend, während er ihre Schöpfungen genoß. Da war es auch, daß seine größte Dichtung, die dem Werden entgegenstrebte, Das goldene Vlies , Gestalt gewann; »die Gedanken-Embryonen verschwammen mit den Tönen in ein nicht beschreibbares Ganzes«, heißt es in seiner Selbstbiographie. An der Wand den Fenstern gegenüber lehnte in dunkler Bescheidenheit ein kleines Sofa, im Halbkreis umgeben von seinen Angehörigen, einigen Stühlen und einem schmalen Tische, dem Frühstückstische. Da trank Grillparzer den Kaffee, den er sich selbst bereitete, da schärfte er seine Epigrammpfeile. Die Morgenstunde war ihm stets die fruchtreichste gewesen und trug ihm jetzt noch manchen Gedanken ein, der ihn und seine Zeit und wohl manche folgende überleben wird. Fräulein Kathi hatte mir zwar versichert, daß Grillparzer meine unberufene Vorleserei nicht übelgenommen habe, aber dennoch ließ ich längere Zeit vergehen, bevor ich es wagte, abermals an seine Tür zu klopfen. »Herr Hofrat, darf ich kommen?« Keine Antwort. Er war so versunken in das Lesen eines Buches, daß er meine Frage überhörte. Ich wiederholte sie, an der Tür stehenbleibend. Da fuhr er auf, förmlich erschrocken, und ich dachte bestürzt: Bravo, ein neues Unglück, ich habe ihn gestört! »Verzeihen Sie mir nur, Herr Hofrat ...« »Nichts zu verzeihen«, sagte er freundlich. »Setzen Sie sich.« Er deutete auf einen Stuhl, der ihm gegenüber an der Seite des Schreibtisches stand. »Ich werde Ihnen etwas vorlesen, aus diesem Buche, aus Lope de Vega.« »Ach, Herr Hofrat, ich Unglückliche verstehe kein Wort Spanisch.« – »Das macht nichts. Hören Sie zu wie einer Musik, hören Sie nur die Melodie dieser Verse.« Er begann zu lesen und las lange, und es war eine Wonne. Weich und bestrickend, leidenschaftlich, ergreifend drang die Melodie der Dichterworte an mein Ohr, ein gesprochener Gesang. Und während der greise Poet vorlas, breitete sich über sein Gesicht, in das vom Leben so tiefe Furchen eingeprägt worden, ein lichter Schein des innigsten Entzückens, ein Ausdruck seligen Genießens des fremden Kunstwerks, wie es nur den ergreifen und erfüllen kann, der selbst ein Schöpfer ist und auch im Nachempfinden schöpferisch. In meinem hohen Alter halte ich gern Umschau nach den glücklichen Stunden, die das Schicksal mir gegönnt hat, und zähle dann die Stunden, in der mir Grillparzer in einer mir fremden Sprache eine Szene aus einem mir fremden Drama vorlas, zu meinen weihevollsten und schönsten. Am Ende legte er das Buch auf den Schreibtisch, preßte die Hand darauf und sagte ganz durchdrungen: »Alles, was ich geschrieben habe, gäbe ich um diese einzige Szene.« Ich war so frei zu bezweifeln, daß dieser Handel sehr vorteilhaft für ihn wäre, und meinte sogar: »Wer weiß, ob Lope de Vega nicht sagen würde, wenn er noch etwas sagen könnte: Alle meine siebenhundert Komödien gäbe ich um den ersten Aufzug des Ottokar .« Grillparzer machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, in der das blaue Taschentuch wieder fähnchenartig flatterte: »Ach was – der Ottokar. Ich hör, daß der Wagner ihn gut geben soll und daß viel applaudiert wird. Der Anschütz hat ihn auch gut gegeben, und die Leute haben gelärmt und gejubelt. Aber mir war schon alle Lust an Arbeiten dieser Art genommen worden. Von dem halben Dutzend Stücke aus unsrer Geschichte, die mir im Kopf herumgegangen sind, habe ich kein einziges mehr aufgeschrieben. Wissen Sie denn, wie das gewesen ist mit diesem Pøemysliden, zu dem mir der Stoff gleichsam mit beiden offenen Händen entgegengekommen war?« Er begann zu erzählen. Was wir heute wissen von dem Schicksal, das König Ottokars Glück und Ende vor und nach seiner Aufführung auf dem Burgtheater erfahren, war damals teils nur wenigen bekannt, teils vergessen. Die Selbstbiographie Grillparzers lag noch eingeschlossen in seinem Schreibtisch, die Literaturgeschichte hatte noch nicht hineingeleuchtet in das Dunkel von Torheit und Böswilligkeit, das dem Dichter die Freude an seinem Werke verdarb und ihn einen Sieg als Niederlage empfinden ließ. Ich hörte das alles zum ersten Male, hörte es aus seinem Munde, war ergriffen, erschüttert, empört. In ihm wirkten die zahllosen Bitternisse, die er erlitten hatte, lebendig nach, aber in seine Anklagen mischten sich allmählich Selbstanklagen. Einen Teil der Ursachen seines Mißgeschicks lud er seinen eigenen Schultern auf, schob sie auch auf Fehler, die seinem Werk anhafteten, stellte sie ins schärfste Licht und verurteilte sie schonungslos. Den Schlußakkord seiner Schmerzenslieder bildete dann das halb trostlose, halb versöhnliche: »Sei's!« das mich immer mit tiefer Rührung erfüllt hat. Nach und nach wurde er beinah heiter und erzählte sogar eine Anekdote: Am Tage der ersten Aufführung des Ottokar war das Stück auch im Druck erschienen. Man wußte, daß die Zensur es erst nach zwei Jahren, auf speziellen Wunsch der Kaiserin Karolina Augusta, freigegeben hatte, die Neugier war aufs höchste gespannt, und es wurden zwischen Morgen und Abend neunhundert Exemplare abgesetzt. Auf dieser Höhe konnte das Interesse sich natürlich nicht lang erhalten, aber auch später gab es noch Leute, die das Stück gern lesen wollten, wenn sie nur gewußt hätten, wie man sich's verschaffen kann. Grillparzer war vor mehreren Jahren in einer Gesellschaft einem alten aristokratischen Würdenträger, einem herzensguten Mann, vorgestellt worden, der für einen besonderen Freund der Literatur galt. Er freute sich sehr, den Dichter kennenzulernen, reichte ihm die Hand und sagte: »Unser berühmter Poet! ... Ist mir ein Vergnügen, ja, ja ... Habe alle Ihre Stücke gesehen und gelesen, ja, ja! – auch gelesen –, nur den Ottokar , den konnt ich nie zu leihen bekommen.« Einmal fand ich den Dichter in übelster Laune an seinem Schreibtisch stehend. Er hatte sich beim Rasieren in den Zeigefinger der linken Hand geschnitten, und Kathi Fröhlich war damit beschäftigt, die kleine Wunde zu verbinden. Grillparzer erschwerte ihr diese Aufgabe außerordentlich, mahnte zur Eile, fuchtelte mit dem blessierten Finger hin und her. Kathi sagte nur: »Aber, Grillparzer, sein S' doch ruhig!« und wickelte an dem kleinen Verband und knüpfte an ihrem Zwirnfaden. Sie war sehr ärgerlich, doch mir fiel auf, daß sie während der ganzen Prozedur, die eine Weile dauerte und auch für mich etwas peinlich war, kein einziges Mal nach mir hinsah, mich nicht mit einem einzigen Blicke zum Zeugen der Unausstehlichkeit anrief, die unser vielgeliebter Dichter bei einer geringfügigen Gelegenheit zu entfalten imstande war. Sehr wenig Frauen hätten sich diese Genugtuung versagt. An sie kam offenbar nicht einmal die Versuchung dazu heran, und das war schön und nobel und flößte mir Bewunderung ein. Überhaupt warf das unbedeutende Erlebnis ein Streiflicht auf die Beziehungen dieser beiden. Er verletzt infolge eigener Ungeschicklichkeit; sie hilfreich und fürsorglich und zum Dank unwillig angebrummt. Ein kleiner böser Zufall vermochte ihn zu verstimmen und widerwärtig zu machen gegen seine Umgebung. Seine Empfindlichkeit war eben beispiellos, ihm tat, was weh tut, ganz besonders weh, und schlimmer noch als mit physischen ging es mit moralischen Leiden. Ihnen standen alle Pforten seiner Seele offen, ungehindert stürmten sie hinein, brannten, wühlten, und ihre Spuren verwischten sich nie. Die Freude und das Glück hingegen konnten ihm nur langsam nahen, denn er verstand es meisterlich, ihnen auf jede Weise den Weg zu kreuzen, zu verlegen. Wenn sie aber trotz allem doch anlangten, da waren und nicht wegzuleugnen, dann wußte er wenigstens irgendein Übles an ihnen zu entdecken, einen Mangel an Lieb und Güte, einen Stachel im Lorbeerkranz, einen Tropfen Gift im Labetrunk des Ruhmes. Von der Nachhaltigkeit, mit der ein peinlicher Eindruck auf ihn wirkte, hat Betty Paoli mir erzählt. Zur Zeit, als Grillparzer noch Gesellschaften besuchte – es war lange her –, fand er sich auch manchmal im Hause Frau von Fleischls ein, wo Betty Paoli, wie ein Familienmitglied aufgenommen, lebte. Im Auftrag ihrer Freundin hatte sie ihn zu einem Abend gebeten, an dem Friedrich Halm einem kleinen Kreise Auserlesener seine letzte Arbeit, ein episches Gedicht; vorlesen wollte. Dabei legte er natürlich den größten Wert auf Grillparzers Anwesenheit, und Betty Paoli war hoch erfreut, mitteilen zu können, daß er die Einladung annehme und kommen werde. Halms Gedicht hieß Die Brautnacht , und den Stoff dazu hatte ihm eine Begebenheit geboten, die sich einst in Genua zugetragen. Halms Dichtung wurde eingeleitet durch eine meisterliche Schilderung in hellklingenden Versen. Die Vermählung der schönen jungen Orsini mit einem Sohne des Hauses Doria ist glanz- und prunkvoll begangen worden. Die Neuvermählten treten aus der Kirche, vom Jubel Tausender begrüßt. Rauschende Festlichkeiten füllen den Tag aus, am Abend endlich bleibt das junge Paar allein. Zwei selige Menschen halten einander umschlungen und preisen ihr Geschick. Nicht ein Glück von kurzen Tagen ist ihnen geschenkt – vor ihnen liegt ein ganz reiches Leben, eine ganze sonnige Zukunft. Unter Küssen und Kosen kommt der jungen Frau ein kindischer Einfall. Sie will noch spielen, erhascht, gefangen werden. »Gute Nacht!« ruft sie lachend und enteilt. Und er geht ein auf ihre mutwillige Laune, gewährt ihr einen Vorsprung und folgt ihr dann nach. Spähend durchschreitet er die lange Zimmerreihe, betritt das Brautgemach – es ist leer. Nun ergreift es ihn: Sie betet in der Kapelle! Er eilt dahin und findet auch hier alles öde und totenstill. Sein Unmut wallt auf, bald auch ein qualvolles Bangen ... Er scheucht die Diener aus dem Schlafe; man sucht, man ruft – allumsonst. Der Tag bricht an, vergeht, ein zweiter ... Sie ist verschwunden, verflogen wie eine Lichterscheinung. In Nähe und Ferne werden Boten ausgesandt, Kundschafter nach allen Weltgegenden, keine Spur von ihr wird entdeckt. Der letzte Hoffnungsschimmer ist erloschen, verzweifelt verläßt Doria seine Heimat, nimmt Kriegsdienste und findet, den er sucht, in der Schlacht – den Tod. Jahre und Jahre vergehen. Neue Generationen blühen auf; nur noch Sage sind ihnen Glück und Leid der alten. Und wieder soll im Palast Orsini eine Vermählung gefeiert werden. Ein junges Brautpaar durchwandert die Räume, in denen es hausen wird, wählt, bestimmt, ordnet an. Da ist, anstoßend an das Schlafgemach, ein Erker, ein hübscher Raum, der verdient geschmückt zu werden; nur beengt ihn eine große alte Truhe, und die muß fort. Sie wird gerückt, der Deckel verschoben, Schloß und Klammern lösen sich aus dem morschen Holz, er birst, und den Augen der Umstehenden zeigt sich ein Gerippe, und: Auf dem Scheitel ruht im blonden Haar Ein Myrtenkranz, zerstäubend im Berühren, Geschmeide, die Orsinis Wappen führen, Nehmt funkelnd um den Knochenarm ihr wahr. Was glänzt am Finger: Ist's des Traurings Schimmern? Er ist es, und es ist die einst rätselhaft verschwundene Braut ... ... Und dies ist ihr Sarg. Sie dachte nicht so lang darin zu liegen, Als schelmisch lächelnd sie hineingestiegen Und neckend drin sich vor dem Gatten barg. Der schwere Deckel war, ihrer Hand entschlüpft, ins Schloß gefallen, und sie lag begraben in dem dunklen Schrein. Halm hatte, noch warm von »des Schaffens Lust und Qual«, sein Gedicht mit verhaltener Empfindung, ergreifend vorgelesen. Das Publikum, in äußerste Spannung versetzt und tief erschüttert, brachte ihm begeisterte Huldigungen dar. Nur der eine, an dessen geringstem Wort der Zustimmung mehr gelegen hätte als an dem Enthusiasmus der ganzen Gesellschaft – schwieg. Grillparzer saß finster und schweigend da, nahm nicht mehr teil am Gespräch und war einer der ersten, die sich empfahlen. Als Fräulein Paoli ihn bald darauf besuchte, klagte er bitter über Halm. Eine Vorstellung, die man um jeden Preis von sich abwehren möchte, die Vorstellung einer lieben, jungen, in einer Kiste begrabenen Frau, hat er festgehalten, mit schönen Versen unsrer Erinnerung eingepreßt. Das war in Grillparzers Augen unverzeihlich, eine Sünde gegen den Heiligen Geist der Kunst. Er hat Ida von Fleischl hochgeschätzt, ihren hellen, klaren Verstand bewundert, sich immer gefreut, wenn sie ihn besuchte, aber die Erinnerung an den peinlichen Eindruck, den er in ihrem Hause empfangen, hielt ihn davon ab, es je wieder zu betreten. Von allen Bildern Grillparzers, die ich kenne, ruft mir nur eins den vollen Eindruck seiner Persönlichkeit hervor; es ist das Aquarellporträt, das Daffinger von ihm gemalt und das ihn in jungen Mannesjahren darstellt. Der Künstler hat seinem Werke das Unvergängliche, die Seele, eingehaucht, sie lebt in diesem Ebenbilde aus längst vergangener Zeit. Die Statue, die den Mittelpunkt des schönen Hemizyklus im Volksgarten bildet, gleicht mehr als dem Dichter selbst seinem Vetter, dem Präsidenten Freiherrn von Rizy. Es bestand viel Ähnlichkeit zwischen beiden, doch war das Gesicht des Freiherrn schmaler, mehr in die Länge gezogen. Als ich den Dichter persönlich kennenlernte, war er ein Greis. Die Gestalt, klein, schmächtig, etwas zur Seite geneigt, schien schwer zu tragen an dem mächtigen Haupte, auf dem die reichen weißen Haare sich noch leicht und fein wellten. Die Stirn prachtvoll, breit und klar und wie umwoben von den Geistern großer Gedanken, größerer vielleicht noch als die, die der Unstern, der über ihm gewaltet hatte, sich ausgestalten ließ, Gedanken auch einer wahrhaft genialen Selbstquälerei und vielleicht nie ausgesprochener Reue über versäumtes Glück. Ich sehe jedem Schmerz bis auf den Grund, sagte der Blick der blaugrauen, von starken Brauen überschatteten Augen; es lag in ihnen etwas schwermütig Mildes, der Ausdruck einer Weisheit, die alles begreift und alles verzeiht. Doch konnten aus ihnen auch Funken einer schalkhaften Heiterkeit sprühen, die hinreißend wirkte. Die Nase war kräftig und wohlgeformt, und längs ihrer Flügel zog sich zu der Unterlippe hin, wie erbarmungslos von grausamer Hand eingeschnitten, die sogenannte Kummerfalte. Was dieser Mann gelitten hatte, verriet am ergreifendsten der auch im Schweigen beredte Mund mit seinen so deutlichen Spuren verbissener Schmerzen und niedergezwungenen Ingrimms. Wie viele bittere und ätzende Worte waren über diese Lippen gekommen, bevor sie ihr typisch gewordenes »Sei's!« oder »In Gottes Namen!« aussprechen lernten! Laube meint, Grillparzer hätte von Hause aus den Tod im Herzen gehabt, sei verschlossen gewesen auf der Sonnenseite. Nun, wenn die Sonne nur recht hell und warm geschienen hätte, sie würde die Scheidewand durchleuchtet haben, die gegen ein reines Glücksgefühl in ihm errichtet war. Aber jede rauhe Berührung so peinlich empfinden wie er, vom ersten Schritt auf seinem Wege, trotz allem Erfolg und allen Triumphen, in falsches Licht gestellt sein wie er, immer mißverstanden, immer gebeugt werden unter ein unerträgliches Joch, das hieß für ihn ringen, dulden und endlich – verzichten. Die Geschichte seines Martyriums stand auf seinem Antlitz geschrieben, und ich las sie herab, liebevoll, ehrfurchtsvoll und mit dem schmerzlichen Gefühl, daß da nichts mehr gutzumachen sei. Die Generation, die vor ihm hätte hinknien und sagen müssen: Verzeih! war tot. Nur noch in unangenehmer Erinnerung lebten einige einst wichtige Leute, die von ihm hätten lernen sollen, was Patriotismus ist, und die den seinen angezweifelt und seine unerschütterliche Loyalität verdächtigt hatten. Sie waren gehört worden, die Saat ihres Mißtrauens war herrlich aufgegangen, für sie gab's keine österreichische Zensur. Dieser, wie Rudolf Valdeck sagt, »feuerspeiende Drache mit Eselsohren« war anderweitig beschäftigt. Es galt, Flecke zu entdecken in einer Sonne, Gefahren auszuschnüffeln in den reinen, hohen Werken, die unser Ruhm sind, unser berechtigter Stolz, die uns einen Ehrenplatz sichern in der Weltliteratur. Man hat gesagt: Wenn alle Zivilisation, die es auf Erden gibt, vernichtet würde und nichts von ihr übrigbliebe, durchaus nichts als Mozarts Zauberflöte , könnte man aus diesem Werke alles erkennen und im Geiste wieder aufbauen, was es einst an Kultur in der Welt gegeben hat. Nun, wenn im Laufe der Zeit, die nie rastet und ewig umgestaltet, die versinken läßt, was durch Jahrtausende bestand, unser Kaisertum aufgehört hätte zu sein und sein Andenken nur noch fortlebte in König Ottokars Glück und Ende und Ein treuer Diener seines Herrn , so würden diese beiden Kunstwerke der Nachwelt von allem noch erzählen, was einst an Österreich groß und gut und herrlich war. Zu einer Akademie, die zum Besten des Schillerdenkmal-Fonds veranstaltet wurde, hatte man mich aufgefordert ein kleines Gelegenheitsstück zu schreiben. Ich war mit großer Freude und Wonne an die Aufgabe gegangen, der Einakter, sehr bald entstanden, war vom Komitee angenommen worden. Er wurde unter dem Titel Doktor Ritter ganz ausgezeichnet gespielt und kam bald darauf auch im Burgtheater zur Aufführung. Das Publikum erwies sich gnädig und spendete freundlichen Beifall; die Kritik spöttelte, nörgelte. Ich hatte alles verkehrt gemacht. Ganz anders – das wäre das Richtige gewesen. Beinahe sah ich's ein und war beschämt und betrübt in meiner Seele. So gedemütigt, wagte ich nicht, Grillparzer vor Augen zu treten, bis mir ein erlösender Gedanke kam. Zwei Dinge hatte ich bei ihm nie gesehen. Nie die Spur eines Stäubchens und nie eine Zeitung; vielleicht liest er gar keine und weiß nichts von den Strafpredigten, die mir gehalten worden sind. So faßte ich Mut und stieg eines Vormittags die vier Treppen des lieben Hauses Nummer 1097 in der Spiegelgasse, wie immer mit einigem Herzklopfen, empor. Bald darauf gehörte ich zu den Glücklichen der Erde, denn Grillparzer begrüßte mich mit den Worten: »Sie sind's. Nun endlich. Ich hätt Ihnen gern schon lange gesagt, daß sich niemand in ganz Wien über den Erfolg von Ihrem Doktor Ritter so gefreut hat wie ich.« Ich hätte ihm am liebsten die Hand geküßt, wagte es nicht, kam in Verlegenheit und brachte nur kleinlaut: »Ach, Herr Hofrat, aber die Kritik!« hervor. Das war albern und heuchlerisch, denn in diesem Augenblick lag mir wirklich nichts an der Kritik. »So? hab nichts gelesen.« Ein Achselzucken, eine wegwerfende Handbewegung. Machen Sie sich nichts daraus, sagte er nicht, er wußte zu gut, daß man sich was draus macht. Wir führten nur ein akademisches Gespräch über die Kritik und schwenkten auch hinüber in das Gebiet der Literaturgeschichte, in dem wir eine Weile spazierten, bis er zu dem Schluß kam: »No ja, Literaturgeschichte – ein gemaltes Mittagessen!« »Ich habe schon deshalb nicht heiraten können«, sagte mir Grillparzer einmal, »weil ich den Gedanken nicht ertragen hätte, daß es einen Menschen gibt, der das Recht hat, wann immer es ihm beliebt, in mein Zimmer zu kommen.« Ein seltsamer Grund, den er sich offenbar als Ehehindernis zwischen sich und seiner »ewigen Braut« ausgeklügelt hatte. Aber in diesem Falle war jeder gut. Die beiden, die einander den Himmel hätten schenken mögen, würden, unauflöslich verbunden, sich die Hölle bereitet haben. Kathi, nicht viel weniger empfindlich als Grillparzer selbst, litt Qualen unter seiner Rücksichtslosigkeit, man darf wohl sagen: seiner Grausamkeit. Ein Nachtragen jedoch, ein Schmollen kannte sie nicht; es schien vielmehr, als ob jedes Leid, das er ihr angetan, im Feuer ihrer Liebe schmelzend, es nur angefacht hätte. Und wenn einmal sie es war, die sich im Unrecht befand, die gekränkt hatte, dann kam, im heißen Bestreben wiedergutzumachen, eine Unermeßlichkeit an Hingebung, Selbstüberwindung, Opferfreudigkeit zutage. Wie tief er das empfunden, wie klar es eingesehen, spricht er mit den Worten aus: Der Zweifel, der mir schwarz oft nachgestrebet: Ob Güte sei? – durch sie ward er erhellt. Der Mensch ist gut, ich weiß es, denn sie lebet, Ihr Herz ist Bürge mir für eine Welt. Sie hatten sich verlobt und nach schweren Kämpfen – entlobt, und er hatte sie meiden, sich von ihr, die ihm zur Frau nicht demütig genug und zur Geliebten zu heilig war, völlig losreißen wollen. Aber das ging über seine Kraft. Er brauchte den Verkehr mit ihr und ihrer Umgebung, den künstlerischen Geist, der in ihrem Hause wehte, ihr Verständnis, ihre Begeisterung, ihr grenzenloses Mitgefühl, er brauchte die Atmosphäre ihrer unendlichen Liebe. Sie hat sich von ihm nicht beugen und nicht brechen lassen, aber als Entsagende an seiner Seite ausgeharrt, immer treu, wenn auch nicht Treue fordernd. Sicherlich: Grillparzer durfte nicht fragen: Wer hat geliebt wie ich? aber er durfte fragen: Wer ist geliebt worden wie ich? Die Schwestern Fröhlich brachten den Sommer regelmäßig auf dem Lande in der Nähe Wiens zu. Anna fuhr täglich nach der Stadt und begab sich in ihre Wohnung, wohin die Schülerinnen zum Gesangunterricht kamen. Eines Tages, am 8. Juni 1848, mußten die jungen Damen vergeblich warten; zu allgemeiner Bestürzung fand die sonst so gewissenhaft pünktliche Lehrerin sich nicht zur Stunde ein. Wieso das gekommen war, habe ich durch sie selbst erfahren. Auf dem Wege vom Standplatz ihrer Equipage – dem Stellwagen – zur Spiegelgasse war sie über den Hohen Markt gegangen und hatte in der Nähe der Buchhandlung Wallishausser eine etwas unheimliche Menschenansammlung getroffen. Die Leute umdrängten, sehr aufgeregt, einige perorierende Studenten. Ein Zeitungsblatt ging von Hand zu Hand; Anna hörte den Namen Grillparzer unter Verwünschungen nennen. Sie näherte sich, fragte einen der Umstehenden, was es gäbe. »Nun, ein Gedicht hat der Grillparzer drucken lassen, ein niederträchtiges Gedicht auf den Radetzky. Da schimpft er über unsere Studenten und über die Revolution und katzenbuckelt vor der Armee ...« Anna erschrak. Sie wußte, was es in diesen Tagen »des tollen Radikalismus« hieß, Sympathien für unsre in Italien kämpfende Armee offen auszusprechen. Die Studenten berieten in steigender Erregung. »Er muß auf die Aula«, beschlossen sie. Zum Glück war aus den Reden der jungen Leute zu entnehmen, daß keiner wußte, wo er wohnte. Aber sie weiß es, und fort in höchster Eile über das Lugeck und durch die Durchhäuser zur Grünangergasse zu seinem Hause. Sie stürmt die drei Treppen empor, reißt die Tür seines Zimmers auf: »Grillparzer, Sie gehen mit mir, Sie müssen fort, gleich fort. Sie kommen zu uns aufs Land.« Hastig, mit wenig Worten, berichtet sie, was sie eben erlebt hat. Er sträubte sich, er wollte nichts hören von einer Flucht. Anna gab nicht nach: »Wenn Sie auf einen Heldentod hoffen, irren Sie sich. Ermordet werden Sie nicht, aber von exaltierten Studenten auf die Aula geführt und dort zur Rede gestellt – das ja. Ist Ihnen darum zu tun, dann bleiben Sie hier.« Es kam noch zu einem kurzen, heißen Wortgefecht. Aber die Kämpferin siegte über den Kämpfer, und brummend und murrend ließ er sich entführen. Er blieb einige Zeit auf dem Lande. Nach Wien zurückgekehrt, erlebte er dort die Greuel der Oktobertage und folgte nun gern den Bitten und Beschwörungen der Schwestern, zu ihnen nach Baden zu ziehen. Und nun fühlte er wieder, was ihr Verkehr für ihn bedeutete, wurde sich bewußter denn je, daß ihr Haus doch immer sein wahres Heim in der Heimat war. So kam denn Annas Vorschlag, ihr Hausgenosse zu werden, seinem eignen Wunsche entgegen. Ein Jahr später, am 27. April 1849, zog als Mieter Fräulein Anna Fröhlichs der k. k. Archivdirektor Franz Grillparzer in den vierten Stock (zweite Stiege) des Hauses Spiegelgasse Nr. 1097 ein. Am 18. März 1868 empfing mich Grillparzer mit den Worten: »Vergelt's Ihnen Gott, daß Sie den Kranken besuchen, den Toten.« Ich glaube, daß ich ihm erwidert habe, es gäbe wenig Lebendige, die so lebendig wären und lebendig bleiben würden wie er. Ich glaube auch, daß ich ihm gesagt habe, daß ich eine Beneidenswerteste unter den Beneidenswerten sei, weil ich zu ihm kommen dürfe. Einige Tage vorher hatte ich die Ahnfrau wieder gesehen und tiefer denn je gefühlt, was es doch hieß, mit ihm zu verkehren, der das geschrieben hatte im Sturm und überquellenden Schaffensdrang seiner Jünglingsjahre. Dann mußte ich an alles denken, was ihm angetan worden nach diesem ersten Schritt auf seiner Bahn – und was für ein Schritt war es gewesen und welchen Widerhall hatte er erweckt! Die Eindrucksfähigen, die Unbefangenen fühlten sich ergriffen und hingerissen, lauschten entzückt und erschüttert der gewaltigen Sprache, in der ein junger Dichter zu ihnen redete, staunten in ehrfürchtigem Grauen die Gestalten an, die er vor ihnen wandeln, tun, kämpfen ließ, sahen mitleidend ihr Geschick sich erfüllen und jubelten ihrem Schöpfer zu. Aber die Machthaber der schwarz auf weiß gedruckten öffentlichen Meinung stimmten mit diesen spontanen Kundgebungen nicht überein. Die gelehrten Wachsfiguren klebten dem Werke die Etikette »Schicksalstragödie« auf, und ihre Neophyten, die albernen, die frechen, die vom Gift des Neides geschwollenen, wußten nun, in welchem Register der Name Grillparzer zu suchen sei. Alle äußeren Erfolge machten den Dichter nicht unempfindlich für die Geißelhiebe der Kritik. Er war gar zu leicht bereit, in den Tadel seiner Arbeiten einzustimmen, er konnte irregemacht werden an sich selbst. Nicht andauernd freilich, aber verzweiflungsvoll, und die Narben solcher Wunden brennen. Nachdem ich ihm von der letzten, sehr guten Aufführung seines Schmerzens-, vielleicht seines Lieblingskindes gesprochen hatte, kamen wir Schritt für Schritt zurück und gelangten endlich zur ersten Aufführung der Tragödie im Theater an der Wien. Eine, wie er sagte, unbeschreiblich widrige Empfindung hielt ihn davon ab, sie noch einmal spielen zu sehen. Erst nach langer Zeit kam der Tag, an dem er sich dazu entschloß. Er war bei einem Ausflug in die Umgebung Wiens durch eine Ortschaft gekommen, wo reisende Komödianten die Ahnfrau aufführten. Eine Scheune der Theatersaal, die ländliche Bevölkerung das Publikum. Der Jaromir brüllte wie ein Löwe, die Ahnfrau mußte auf allen vieren aus der Kulisse hervorgekrochen sein, um überraschend und schauerlich hinter dem Sessel des alten Barotin auftauchen zu können. Das störte die Zuschauer nicht und vielleicht nicht allzusehr den Autor. Wer weiß, ob er das Theater in der Scheune nicht mit der Überzeugung verließ, die er später oft ausgesprochen hat: »Das Stück ist gut.« Wir waren schon lang miteinander bekannt, als mir Grillparzer zum ersten Male von seinem Lustspiel sprach, von Weh dem, der lügt! »Die Leute haben sich darüber aufgehalten, daß der Bischof predigt. Nun, weil er ein Bischof ist, predigt er. Die Rolle der Edrita war falsch besetzt, ich habe sie der Fräuln Gley nur gegeben, weil sie mich so sehr darum gebeten hat. Aus dem Galomir hat der Schauspieler einen Trottel gemacht, er ist aber kein Trottel. Er ist tierisch, ein Tier, könnt ein schönes Tier sein, aber nur kein Trottel.« Man hat behauptet, Grillparzer hätte sich dadurch, daß er keins seiner späteren Stücke mehr aufführen ließ, am Publikum für den Mißerfolg von Weh dem, der lügt! rächen wollen. Das ist ganz falsch. Von Rache war keine Rede, sondern von Ekel. Und mußte er ihn nicht ergreifen, und gab es je eine Empfindung, die berechtigter gewesen wäre? Allerdings, das Publikum hatte eine Enttäuschung erlebt. Ein Lustspiel ist angekündigt, und ein Koch kommt drin vor, das dürfte etwas werden in der Art von Wirrwarr oder Pagenstreiche. Man erwartete einen Spaß, und es kam eine schöne Dichtung; man war erschienen, um zu lachen, und sollte bewundern? – Warum nicht gar! Sie dankten für die schönen Sentenzen, sie waren um ihre Unterhaltung geprellt worden, und die Empörung darüber machte sich in der plumpsten und rohesten Weise Luft. Was lag daran, daß der Mann, den sie in seinem Werke beschimpften, Grillparzer hieß, daß sie ihm in diesem Hause so oft voll Entzücken zugejauchzt hatten, daß sie durch ihn begeistert und erhoben worden, hoch hinaus über ihr eigenes kleines Selbst? Jetzt war das alles vergessen, sie besaßen keinen Funken Dankbarkeit und von Ehrfurcht nicht einen Hauch. Sie lachten schallend, lärmten und pfiffen. Die einzelnen anständigen Elemente, die sich bemühten, dem Unfug Einhalt zu tun, blieben machtlos. So wurde das Burgtheater um eins der feinsten und edelsten Kunstwerke gebracht und im Dichter der Wunsch ertötet, jemals wieder mit einer neuen Schöpfung vor dieses Publikum zu treten, das er immer als das empfänglichste und dankbarste gepriesen und das ihm eine so grausame Enttäuschung bereitet hatte. Mein Vater wohnte dem Durchfall von Weh dem, der lügt! bei. Er war kein Literaturkundiger und gestand, daß er von dem »Lustspiel« etwas seltsam angemutet worden. »Aber meiner Wiener«, pflegte er zu sagen, wenn er von jenem Abend sprach, »habe ich mich damals geschämt.« Als ich Grillparzer im Frühjahr 1870 besuchte, fand ich ihn übel aussehend und außerordentlich verstimmt. »Sehen Sie, was ich da hergenommen habe zu meiner Aufheiterung, ein Lustspiel von Shakespeare. Hilft aber alles nichts. Was soll mich noch aufheitern? Wenn Sie einmal kommen und hören, daß es vorbei ist mit mir, dann freuen Sie sich.« Er klagte über seine geistige Abnahme: »Mein Kopf ist wüst, ich vergesse sogar, was ich in der Schule gelernt habe. Neulich will ich im Plautus lesen und merke auf einmal, daß ich nicht mehr Lateinisch kann. Es kommt auch niemand mehr zu mir, Männer schon gar nicht, nur noch Frauen – aus Barmherzigkeit. Ich habe die Verse gemacht: Die Ähnlichkeit, die ich mit Christus habe: Die Weiber kommen zu meinem Grabe.« »Und noch dazu lauter alte Schachteln, nicht wahr, Herr Hofrat?« Er lächelte und begann die Pilgerinnen zum Grabe zu loben. Ganz besonders und mit dem besten Rechte: Frau Auguste von Littrow-Bischoff, die Gattin des allverehrten Direktors der Wiener Sternwarte Karl von Littrow. Anders als »die Astrologin« nannte er sie aber nicht, und wir wußten sehr gut, daß jede von uns gelegentlich mit einem seiner boshaften Scherzworte bedacht wurde. Das änderte aber nicht das geringste an unsrer Liebe für ihn. Grillparzer hat, ich zweifle nicht daran, sehr gut gewußt, daß Frau von Littrow sein weiblicher Eckermann war und den Inhalt eines jeden Gesprächs, das sie mit ihm geführt, treulich niedergeschrieben hat. Diese Aufzeichnungen einer vorzüglichen, äußerst verständigen und hochgebildeten Frau sind eine Fundgrube für die Literarhistoriker geworden und ein unschätzbares Gut für die Freunde und Verehrer des Dichters. Auguste von Littrow hat uns von dem pietätvoll gesammelten Reichtum alles geschenkt bis auf eins, das weder sie noch irgend jemand zu geben vermocht hätte: einen Begriff des Reizes, der in Grillparzers Art und Weise, ein Gespräch zu führen, lag. Er beherrschte weite Gebiete des Wissens und der Kunst, er hatte reges Interesse für alle Tagesfragen, für Politik, für Literatur. Seine Urteile waren durchtränkt von Weisheit, immer originell, genial und selten milde. Aber er verstand das Schlagendste und Schärfste mit einer schalkhaften Anmut vorzubringen, die bezaubernd war. Ich habe oft bei seinen Reden an eine schimmernd blanke Toledoklinge denken müssen, so grazienhaft geschmeidig, daß man meint, sie um den Finger wickeln zu können, aber tödlich treffend, wenn zum Stoße gezückt. Am herrlichsten war's, ihn von dem Wesen und den Zielen seiner Kunst sprechen zu hören. Und nie fühlte man sich als ein bloßer Zuhörer, immer zu einer Erwiderung angeregt, zu einem Einwand beinahe herausgefordert. Das ermutigte, weckte Selbstvertrauen, man wagte auch ein Tröpfchen Eigenbau träufeln zu lassen in den Quell der Weisheit, der da so reichlich sprudelte, kam sich gewachsen vor, war glücklich und dankbar. Ich glaube, daß Grillparzer selbst Freude fand an der Ausübung seines großen Konversationstalents, doch bedurfte es eines Anstoßes dazu, und selbst der Besucher, der schon wiederholt eine solche Anregung geboten, wurde nur ganz ausnahmsweise willkommen geheißen. Man störte ihn ja immer, fand ihn immer versunken in seine eignen Gedanken oder in die eines seiner Lieblingsautoren, ohne Frage eine bessere Gesellschaft als die, die man ihm zu leisten vermochte. Die Temperatur der Begrüßung war gewöhnlich unter Null, aber allmählich erwärmte er sich, wurde freundlich und mitteilsam, und wie die Gestalten seiner Dramen ihm während des Schreibens wuchsen, sich gestalteten, ihn hinrissen, so wurde, während er sprach, seine Rede immer tiefer und inhaltreicher, und plötzlich, mitten aus dem schweren Ernst, sprühten wie Feuerfunken unvergeßliche Witzworte auf. Man ging von ihm immer gescheiter fort, als man gekommen war, und wenn gescheiter, dann wohl im höchsten Sinne besser. So ist denn Kathi Fröhlich, die unaussprechlich durch ihn gelitten hat, sehr gut zu verstehen, wenn sie sagt: »Das Beste; das an mir ist, verdanke ich doch dem Umgang mit ihm.« Der achtzigste Geburtstag Grillparzers nahte heran, und Wien rüstete sich, ihn zu feiern. Eine Anzahl österreichischer Frauen hatte zwanzigtausend Gulden zusammengebracht, die zur Begründung einer Grillparzer-Stiftung verwendet werden sollten. Doch bedurfte es dazu seiner Erlaubnis, und Bauernfeld wurde mit dem Auftrage betraut, sie einzuholen. Er brachte die Sache aufs beste vor und bat im Namen der Frauen, ihre gute Absicht ausführen zu dürfen. Die Grillparzer-Stiftung solle ganz und gar nach seinem Wunsche und seinen Bestimmungen ins Leben gerufen werden. Es sei gemeint, daß alles ihm zur Ehre und Freude geschehen solle. Grillparzer hörte zu. Gar gut kann man sich vorstellen, wie diese Huldigung auf ihn gewirkt, wie er sich bei ihrer Inempfangnahme benommen hat, wie er bedrückt und gequält den Kopf zur Seite geneigt, leise vor sich hingeflüstert und endlich gesagt hat: »Ehre, no ja, schon gut, wir haben in Östreich ohnehin zuwenig Ehre, und was die Freude betrifft, wenn mir die Damen eine Freude machen wollen, dann sollen sie mir drei neue Rasiermesser schenken, weil die meinen schon schlecht sind.« Ich erfuhr die Geschichte, teilte sie meinem Manne und meinem Vater mit, und beide bemühten sich sofort, mir die vorzüglichsten Rasiermesser zu verschaffen, die in ganz Wien aufzutreiben waren. Unser geliebter Poet und Jubilar konnte nicht anders als zufrieden sein mit der Art der Erfüllung seines bescheidenen, prosaischen Wunsches. Voll freudiger Zuversicht trat ich meine Wanderung an und fand im Fröhlichheim die drei Schwestern und die treue Susanne in erhöhter Stimmung. Sie waren glücklich über die vielen Zeichen der Liebe und Verehrung, die dem Dichter von weit und breit zugeflogen kamen. Nur er konnte oder wollte einem wohltuenden Gefühl keinen Einlaß in sein Herz gewähren. Er saß still und traurig in seinem niedrigen Lehnsessel und sah, als ich vor ihn hintrat, höchst ungnädig zu mir empor. Ich sagte: »Seien Sie ganz ruhig, Herr Hofrat, ich gehe gleich wieder, ich setze mich gar nicht, ich habe Ihnen nur etwas bringen wollen.« »Bringen? ... Auch Sie?« sprach er vorwurfsvoll. Ich ließ mich nicht einschüchtern, öffnete das Etui und brachte es ihm respektvoll dar. Er hatte es nur widerstrebend in die Hand genommen, war aber nach dem ersten Blick auf die blinkenden Messer versöhnt. Der Ausdruck einer wahrhaft kindlichen Freude erhellte sein Gesicht: »Schaun Sie, das freut mich wirklich. Die sind schön und wohl auch gut.« Er betrachtete sie wohlgefällig, stand auf, legte den Arm um meine Schulter und gab mir einen langen, ernsthaften Kuß. Mir war zumute, als hätte ich eine Weihe empfangen, ganz glückselig und ganz feierlich. Ich kann wirklich nicht sagen, ob ich die Stiege hinab gegangen, gelaufen oder geschwebt bin. Am nächsten Vormittag klopfte ich bei den Schwestern an. Es war nur Anna zu Hause. »Fräulein, ich komme mich erkundigen, was ist's mit den Rasiermessern? War der Herr Hofrat zufrieden?« Sie sah mich an, etwas verlegen, aber ihre dunklen, schönen Augen lachten. »Die Rasiermesser? ... Die hat Kathi – sind Sie ihr denn nicht auf der Stiege begegnet? – gerade fortgetragen. Die sind ihm wieder nicht recht, müssen umgetauscht werden.« »Umgetauscht?! Er kann sie nicht brauchen – und ich habe dafür einen Kuß bekommen. Fräulein Anna, Fräulein Anna, jetzt komme ich mir ja vor wie eine Diebin.« Der 15. Jänner 1871 war für ganz Wien ein großer Tag. In jedem halbwegs lebendigen Herzen regte sich das Bewußtsein, daß nicht nur zu danken, zu huldigen, daß gutzumachen sei, soviel, so reich und rasch als nur möglich. Dann feierten wir aber auch ein schönes Fest. Keine Störung, nicht ein Mißklang, allenthalben der Triumph einer großen Liebe, die sich äußern wollte. Über jede Auszeichnung, die dem Poeten zukam, wurde gejubelt. Unser Kaiser ehrte ihn, wie noch nie ein Dichter in Österreich geehrt worden war. Kronprinz Rudolf, Ludwig von Bayern sandten wärmste Glückwünsche, die edle Kaiserin Augusta fand in diesen Tagen der großen Versailler Ereignisse Zeit und Stimmung, sich als »Tochter Weimars« unseres österreichischen Dichters huldigend zu erinnern. Wien war stolz und beglückt. Jedes Zeichen der Anerkennung, jedes Wort des Lobes, das dem Jubilar zuteil wurde, erweckte begeisterte Teilnahme. Man drängte sich in die Theater und Konzertsäle, in denen Grillparzer-Feiern stattfanden, und der Beifall, der gespendet wurde, kam aus warmen, tief ergriffenen Herzen. Ob es wohl damals in unsrer Stadt einen jungen Künstler gegeben hat, der nicht dachte: Das erreicht, einen solchen Widerhall erweckt haben in den Seelen Tausender, müßte höchste Erfüllung, Inbegriff der irdischen Seligkeit sein. Weltenfern davon lag freilich alles, was Grillparzer in diesen Tagen empfand. Ich ging am späten Vormittag zu ihm. Die Treppe herab, die mit Teppichen belegt und mit Blumen geschmückt war, kamen Männer und Frauen; sie hatten freudig-feierliche Mienen, und wir grüßten uns, ohne uns zu kennen. Ihr Gruß sagte: Wir kommen von ihm, der meine: Ich gehe zu ihm. Auch die Wohnungstür war mit Lorbeergewinden und Blumen umkränzt, und als sie geöffnet wurde, leuchteten mir die Augen der treuen Susanne durch einen Freudentränenschleier entgegen. Was hatte sie nicht alles erlebt! Vorgestern schon, gestern und erst heute! Deputationen waren gekommen, eine nach der andern, und Geschenke, Kränze, Telegramme. Der Fürst Auersperg und Exzellenz Unger sind dagewesen, sie haben das Großkreuz des Franz-Josef-Ordens gebracht. Ich fand ihn auf seinem alten Platz, in seinem mit Ehrengeschenken überfüllten Zimmer, sehr müde, erschöpft. Was er heute schon vielen gesagt, wiederholte er auch mir: »Früher zu wenig, jetzt zuviel. Es sind Gnadenstöße, die mir versetzt werden.« Nur einen Augenblick blieb ich bei ihm und auch bei den Damen Fröhlich nicht lange. Pepi und Anna erzählten, plauderten, ihnen lachte das Herz. Auf dem noch immer lieblichen Gesicht Kathis lag ein stiller, seliger Triumph. Grillparzer ist viel besungen worden in diesen Tagen flammender Begeisterung, und manches schöne Gedicht ist damals entstanden. Aber das einzige, in dem er ein grenzenlos mitfühlendes Verständnis, Stimmung von seiner Stimmung wiedergefunden hätte, konnte nicht in seine Hände gelegt werden. Es war von Josephine Freiin von Knorr und lautete: Wir feiern dich, und während wir dich krönen, Umweht ein Hauch dich der Unsterblichkeit, Es wird dein Name durch die Nachwelt tönen, Befreit vom Fluche der Vergessenheit. Mitfühlen sollst du – darfst ihn miterleben – Der eignen Größe schwer erworbnen Ruhm; Wie einen Heros, um den Wolken schweben, Grüßt dich das Land in deinem Heiligtum. – Und doch, mich dünkt, daß du mußt bitter lächeln Zu jenem Weihrauch, den die Menge bringt; Daß dich berühren muß ein eisig Fächeln, Daß dir ein Mißton durch die Lüfte klingt, Daß man dich quält mit der Apotheose; Denn dieser Festtag, dies olympsche Spiel – Kann es erwecken auch nur eine Rose An deines Lebens abgeblühtem Stiel? Dieweil sie laut zujauchzen deinen Liedern Und in den Städten künden deinen Preis, Weilst du daheim mit altersschwachen Gliedern, Ein müder Mann, ein achtzigjährger Greis. Ein selger Geist auf glorreich lichten Sonnen, Erlöst von Weh und Tod, der mag verklärt, Verdoppelt fühlen seine Himmelswonnen, Wenn man auf Erden sein Gedächtnis ehrt. Wer aber dasteht an der dunklen Grenze, An seiner Menschenjahre letztem Ziel, Den mahnen Lorbeer nur an Grabeskränze, Den dünkt der Nachruhm fast ein eitles Spiel. Dem ist das alles nur ein Untergehen, Ein überglühend letztes Abendrot – Für seine Jugend gibt's kein Auferstehen, Und alle Hoffnung ist für ihn im Tod. Als ich bald nach dem Feste wiederkam, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen, war in seinem Zimmer keine Spur mehr vorhanden von den Kostbarkeiten, die sich vor wenig Tagen darin ausgebreitet hatten. So schnell als möglich hatte alles fortgeschafft werden müssen, was ihn an die empfangenen »Gnadenstöße« erinnerte. Nicht eine Blume im Glase durfte übrigbleiben. Er sah angegriffen aus und klagte über seine täglich zunehmende Taubheit. Viele, die über ihn geschrieben haben, erwähnten ihrer als eines ernsten Gebrechens. Mir ist sie niemals aufgefallen. Wenn man, ohne die Stimme im geringsten zu erheben, nur deutlich akzentuierte, verstand er jedes Wort. Auch seine Augen, über die er sich oft beschwerte, haben ihm bis zuletzt treue Dienste geleistet. Er selbst gestand, daß er eigentlich den ganzen Tag lese. Eine Brille hat er nur in jüngeren Jahren durch kurze Zeit getragen. Im Laufe des Winters erholte er sich und war wieder der Alte, er, der sich einen Toten nannte, ein lebendigst Mitlebender, ein gütiger Weisheitspender und – wie oft! – ein Prophet. Im Frühjahr vor meiner Abreise auf das Land durfte ich beim Abschied mit froher Zuversicht sagen: »Auf Wiedersehn!« Nach meiner Rückkehr im Dezember konnte ich ihm von meinem Entzücken über eine schöne Aufführung der Medea , mit Frau Wolter in der Titelrolle, erzählen. Er schien mir unverändert und so geistesfrisch wie je. Bald darauf aber, es war einige Tage nach Neujahr, brachte uns Freund Weilen die Nachricht, daß es nicht gut stände mit Grillparzer, er sei sehr matt und leide an Schlaflosigkeit. Die Ärzte, sein treuer Doktor Preyß und Doktor Breuning, erklärten, es handle sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Aufhören, ein langsames Erlöschen. Er führte sein gewohntes Leben, stand zur gewohnten Stunde auf, ging zum Mittagessen zu Fröhlichs hinüber, ließ sich nach Tisch von Kathi fünf Patiencen legen und kehrte, von ihr und den Schwestern gestützt, in sein Zimmer zurück. Am Tage seines Todes war er, obwohl die Nacht schlecht gewesen, nicht zu bewegen, im Bett zu bleiben. Nur um eine Stunde später als sonst stand er auf, ließ sich zu seinem Fauteuil am Schreibtisch geleiten und schlummerte ein. Anna und Kathi hatten das Zimmer verlassen, an ein jähes Ende dachte man nicht. Pepi und Doktor Preyß blieben dem Schlafenden gegenüber auf dem Kanapee sitzen. Plötzlich hatte er eine Bewegung gemacht, und sie eilten zu ihm. Er schlug die Augen auf, nahm Preyß bei der Hand und sagte: »Mein lieber Preyß!« Sein Kopf sank zurück, er war ohne Todesangst, ohne Kampf entschlafen, hinübergegangen in den ewigen Frieden. »Man braucht auch zum Sterben Glück«, hat er einmal gesagt. Dieses letzte Glück war ihm zuteil geworden. Als ich nach seinem Tode Kathi wiedersah, kam sie mir vor wie schon mitgenommen in die Unsterblichkeit. Sie war schwer leidend, kämpfte heldenmütig gegen Krankheit und Schwäche, wollte aufrecht bleiben, leben, ihre Aufgabe lösen und den Nachlaß des Dichters, dessen Erbin sie war, zu seinem Ruhme verwalten. Nach wie vor wurde ich von ihr und von den Schwestern mit immer gleicher Herzlichkeit empfangen. Sie wußten mir stets etwas Liebes von dem Wohlwollen Grillparzers für mich zu erzählen, dem Interesse, das er an mir genommen hatte. Als er, kurz vor seinem Tode, durch Anna hörte, daß ich einen Verleger für eine kleine Arbeit suche, hatte er sogleich erklärt, daß er sich der Sache annehmen und an Heckenast schreiben werde. »Wenn Sie einmal längere Zeit ausgeblieben sind«, sagte mir Kathi, »da hat es immer geheißen: Die Ebner laßt sich auch nicht mehr sehn...« Und wie oft war ich auf dem Wege zu ihm gewesen und hatte, bei seinem Hause angekommen, gezögert hineinzutreten! Er wollte und verlangte von den Menschen nichts mehr, als in Ruhe gelassen zu werden; durfte ich einbrechen in seine tiefe, stille, ihm so liebe Einsamkeit? Vielleicht wäre ihm mein Besuch heute besonders ungelegen. Ich dachte nach und zählte: Wann war ich zum letzten Male bei ihm? Vor zwei – vor drei Wochen. Darf ich so bald wiederkommen? – Vielleicht doch nicht... Und war vorbeigegangen und hatte mich unwiederbringlich um ein unschätzbares Lebensgut, eine Stunde in der Nähe eines großen Menschen, gebracht. Ich habe meine törichte Zaghaftigkeit bitter bereut, als mir Grillparzers Worte: »Die Ebner laßt sich auch nicht mehr sehn«, wiederholt wurden. Weilen, Laube, Freiherr von Rizy, Doktor Preyß hatten ihre Aufgabe erfüllt, das Material zu der zehnbändigen Ausgabe von Grillparzers Werken befand sich im Besitz von Cottas Nachfolgern. Alle Originalmanuskripte waren dem Freiherrn von Rizy zur Verwahrung übergeben worden und befanden sich vorläufig in seiner schönen, stillen Wohnung im Schottenhof. Einige Monate nach Grillparzers Tode besuchte mich der Baron und lud mich ein, zu ihm zu kommen, um den handschriftlichen Nachlaß unseres Dichters zu sehen. Ein Tisch, der beinah die ganze Länge und Breite eines großen Zimmers einnahm, war mit Manuskripten bedeckt. Sein Vermächtnis, die Summe seiner Lebensarbeit, die Vertrauten seiner Seele, Zeugen und Früchte der Entzückungen und Qualen seiner Schöpferstunden. Jedes Blatt, jedes Blättchen mit seinen teuren Schriftzügen bedeckt, die fein waren, kräftig und klar und dem Auge ein Labsal, weil sie, wenn auch im Fluge hingeworfen, jedem Buchstaben sein Recht widerfahren ließen und unbewußt, ungewollt Freude am Bilden einer schönen Form darstellten. Diese stillen Zeichen, wie sprachen sie so laut! Diese einförmigen schwarzen Linien, was zauberten sie mir vor! Ich sah die Hand, die sie gestaltet hatte, sah das über sie geneigte Haupt. Er war da, ich hatte, in den Anblick seiner Schöpfungen versunken, die volle Empfindung seiner Nähe. Ein Teil der Schriften war von den übrigen abgesondert. Dieser darf, so hat Kathi Fröhlich es bestimmt, nicht vor dem Jahre 1922, fünfzig Jahre nach dem Tode des Dichters, veröffentlicht werden. Der Freiherr hielt ein eng beschriebenes Blatt in der Hand, ein Gedicht, sagte er, das aus einer Zeit stammte, in der es zwischen dem Dichter und Kathi zum völligen Bruch gekommen war. Sie verfiel infolge der ausgestandenen Aufregungen in ein schweres Nervenfieber. Grillparzer wußte davon, quälte sich, und als er eines Abends erfuhr, der Arzt habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben werde, rannte er wie ein Verzweifelter ziel- und planlos in den Straßen umher, kam in den Volksgarten und legte sich dort händeringend, schluchzend auf die Stufen des Theseustempels nieder. »Von der entsetzlichen Nacht, die er damals durchlitten hat, lebt ein Zeugnis in diesem Gedicht«, schloß der Freiherr. »Ich will es Ihnen vorlesen, wenn ich kann.« Er konnte kaum. Manchmal unterbrach ihn ein schweres Schluchzen, Tränen rannen über sein Gesicht. Ein lang begrabener Schmerz war aus dem Todesschlaf erweckt worden, bäumte sich auf und weckte in unsern Seelen einen erschütternden Nachhall. Es war das grausamste Gericht, in das ein Mensch über sich zu gehen vermag: eine Verdammnis des Verbrechers und Toren, der dem Schicksal flucht, wenn es versagt, und sich abwendet, wenn es gibt; des Quälers, der der Geliebten seine Friedlosigkeit einimpfen will, des Mörders, der sie in den Tod gejagt, weil sie sich nicht umschaffen konnte, wie er wollte, sondern bleiben mußte, die sie war. Dem Dichter hat die Empfindung als Urquell gegolten, dem aller Reichtum der Poesie entspringt. Aus diesen Versen brach sie mit Naturgewalt hervor, zerstörte, riß nieder, wühlte sich in einen Abgrund von Trostlosigkeit hinein. Furchtbar und herrlich, denn die Stimme, die da klagte und anklagte, war eines großen Dichters Stimme; dieselbe, die wie tönendes Erz aus den Schmerzenslauten Medeens erdröhnt und in Wehmut geschmolzen aus Bancbans Abschiedsworten an unsre Herzen pocht und sie unaussprechlich liebevoll bezwingt. Es war zu Ende, der Vorleser schwieg. Wir reichten einander die Hand, und ich nahm Abschied und wanderte durch den ruhigen Schottenhof in die lärmende Straße hinaus, an vielen, vielen Menschen vorbei. Und alle, ob im Kleide der Armut auf der Suche nach dem täglichen Brot, ob reich geputzt mit andern Reichgeputzten Grüße, Scherze, Liebesblicke tauschend, ob ernst und würdig auf dem Wege vom Amte oder zum Amte, ob traurig oder vergnügt, frisch und jung oder welk und alt, alle kamen sie mir vor wie Schatten, die fühllos, Wesenlos über die Abgründe des Lebens hingleiten. Erst sechs Jahre nach Grillparzers Tode habe ich, von Anna und Kathi begleitet, sein Zimmer wieder betreten. Josephine, die jüngste der Schwestern, lag dort aufgebahrt im Sarge. Anna und Kathi beugten sich über sie, streichelten ihre Hände und sprachen leise und liebevoll mit ihr. Wie gut sie war, wie hilfreich und unermüdlich und wie hochbegabt und als Sängerin gefeiert zu ihrer Zeit! Aber sie konnte sich ins Theaterleben nicht finden und nicht sein ohne die Schwestern. Sie ist zu ihnen zurückgekommen und Gesangslehrerin geworden wie Anna. Manche ihrer Schülerinnen hat einen großen Namen errungen, und sie war stolz darauf; für sich selbst hatte sie keinen Ehrgeiz. Weich, leise, liebevoll fielen die Worte der Schwestern auf die Entschlafene nieder. Sie schien zu lächeln, war wie verjüngt und war schön in ihrer erhabenen Todesruhe. »Der Grillparzer hat sie auch liebgehabt«, sagte Anna, und wir hatten das Gefühl, als stände er an diesem offenen Sarge mitten unter uns, in seinem Ernst, seinem Trübsinn, in der großen unwiderstehlichen Macht, die jeder empfunden hat, der ihm nahetreten und in die Tiefe seines Wesens blicken durfte. Noch vor Ablauf eines Jahres trug Anna auch ihre Kathi zu Grabe, die ihr mehr als Schwester, die ihr Kind gewesen war, ihr leidengekröntes Kind. Sie wird nicht vergessen werden. Der Name Kathi Fröhlich ist unauflöslich mit dem Namen Franz Grillparzer verbunden. In einem Punkte hat sie sein Geschick geteilt, die Mit- und Nachwelt hat an ihr nicht viel weniger gesündigt als an ihm. Mißverstand, Vorurteil, Engherzigkeit, Klatschsucht besorgten und besorgen das in einer ihrer würdigen Weise. Wenn ich in einem der zahlreichen Bücher lese, die uns die Grillparzer-Literatur beschert hat, kann ich nicht genug staunen über den niederen Rang, der darin Kathi und ihren Schwestern im Leben des Dichters angewiesen wird. Es ist nicht selten der von drei Haushälterinnen, die seine Zimmer in Ordnung hielten und seine Wäsche besorgten. Erwähnt findet sich auch wohl, daß sie verstanden, ihm Unangenehmes und Peinliches aus dem Wege zu räumen, zudringliche Besuche fernzuhalten, lästige Korrespondenzen für ihn zu führen, ihm viele Sorgen für unerfreuliche Verwandte abzunehmen. Daß übrigens Anna und Josephine höchst musikalisch waren, trug recht viel dazu bei, ihren Umgang mit Grillparzer, der ja die Musik fast höher stellte als die Poesie, wertvoll zu machen. Das wird gnädig zugegeben. Bauernfeld hat sich viel eingebildet auf seinen Einfall, die Schwestern Fröhlich die Parzen zu nennen, obwohl es doch kein gar zu origineller Einfall gewesen ist. Sie waren drei, sie waren alt, sie waren unzertrennlich; mir scheint, daß man, um den Spitznamen zu erfinden, nur gehörig oberflächlich und boshaft zu sein brauchte. Was sie für Grillparzer bedeuteten, was er ihnen verdankte, hat Bauernfeld ebensowenig gewußt, wie die Verwandten des Dichters es gewußt haben; alle stellten sein Verhältnis zu diesen seinen Schutzgeistern auf den Kopf. Seine Familie, stolz auf ihren Beamtenadel, sah auf die bürgerlichen Musiklehrerinnen hochmütig herab, ihre Gesellschaft war keine standesgemäße für den Vetter Franz, den Sohn einer geborenen von Sonnleitner. Der aber war nicht der Mann, der irgendein Wesen oder irgendein Etwas, das zu ihm gehörte, auch nur in ein halbwegs günstiges Licht zu stellen vermochte. Ebensowenig als sich selbst, als seine eigenen Werke. Ich war oft peinlich überrascht durch seine geringschätzige Art, sie zu beurteilen. Frau von Littrow bemerkt sehr richtig, daß er nie anders als mit einem verkleinernden Adjektiv von den Dingen sprach, die ihn umgaben, die ihm dienten. – Da war zum Beispiel sein braver, sehr anständiger Hausrock, der sich alle möglichen Beschimpfungen gefallen lassen mußte. Und gewiß war er ihm nicht weniger lieb als dem guten Béranger sein »vieil habit«, dem dieser heitre Poet ein Lied gesungen hat, das ewig jung bleiben wird. Ebensowenig wie das behagliche Kleidungsstück, ebensowenig wie den Darbringer einer Aufmerksamkeit, den Spender einer Auszeichnung, ebensowenig vermochte er seine guten Hausgenossinnen zu preisen. Eine einzelne nannte er nie. Sie wurden immer nur in corpore erwähnt. »Die Damen, bei denen ich wohne.« Wenn das Barometer der Stimmung besonders hoch stand, gab es kleine Nachsätze: »Sie sind meine gewöhnlichen Vorleserinnen, sie spielen mir auch vor.« – »Sie sind sehr poetische Naturen und verstehen, sich das Leben schön zu gestalten.« Daß sie auch in das seine Behagen, Heiterkeit, Licht und Wärme brachten und überhaupt das Beste, das ihm je zuteil geworden: kritiklose Liebe und Verehrung, mußte er gefühlt haben, doch blieb es unerwähnt. Dieser große Reichtum war sein unverlierbares Eigentum; sich durch ihn beglückt zu fühlen lag nicht in seiner Natur. Gewiß kamen Stunden, in denen er sich dessen entsann, was Kathi für ihn getan hatte, für ihn – wenn Liebe für den andern etwas tut, wenn nicht, einem unwiderstehlichen Müssen gehorchend, im letzten Grunde alles für sich. Einmal hatte Sofie Schröder Kathi spielen gesehen bei einer Vorstellung auf einem Liebhabertheater, hatte die junge Dilettantin umarmt und feierlich erklärt: »Fräulein, wenn Sie nicht Schauspielerin werden, begehen Sie einen Selbstmord.« Aber Grillparzer sagte: »Eine Schauspielerin mag ich nicht«, und der Selbstmord wurde begangen. Hat er gefragt, was es sie gekostet hat? Oder lieber nicht gefragt – es war überflüssig, er wußte es zu gut. Aus einigen seiner kargen, grausam zurückhaltenden Briefe an sie klingt es deutlich heraus, daß er, der sich für unfähig hielt zu lieben, doch sehr fähig war, eifersüchtig zu sein. Kathi Fröhlich war schön und unbeschreiblich anmutig, sie hatte tiefschwarze, wie Karajan sagt, »unendliche, eigentlich unergründliche Augen, in die man immer hätte hineinsehen mögen«. Sie wurde bewundert, geliebt und umworben. Gelegenheit, eifersüchtig zu sein, hatte Grillparzer in Hülle und Fülle, Grund dazu niemals. Die Huldigungen, die man ihr darbrachte, ließen sie nicht nur kühl, sie empörten sie. »Was wollen diese Leute? Wissen sie denn nicht, daß es für mich nur einen Mann gibt?« schreibt sie an ihre Schwestern. Und dieser einzige, der geglaubt hatte, in ihr seine Seligkeit zu finden, war schon bald von allen bösen Geistern des Zweifels ergriffen worden. Gab's ein Glück für ihn, gab's überhaupt etwas außer seiner Kunst? Gab's noch ein anderes als dieses unbegrenzte Streben nach ihr und nach allem, was zu ihr gehört? Er könnte wohl – seine Worte! – auch anderes ergreifen, aber festhalten nicht. Mit einem Worte: »Ich bin der Liebe nicht fähig«, gestand er dem Freunde. »Sosehr mich ein wertes Wesen anziehen mag, so steht doch immer noch etwas höher, und die Bewegungen dieses Etwas verschlingen alle andern so ganz, daß nach einem Heute voll der glühendsten Zärtlichkeit leicht – ohne Zwischenraum, ohne besondere Ursache – ein Morgen denkbar ist der fremdesten Kälte, des Vergessens, der Feindseligkeit möchte ich sagen.« Und dennoch vermochte er nicht, sich völlig loszureißen, kehrte zurück, erfuhr Widerstand, ja Härte; denn eine demütige Dulderin war Kathi nicht, verlor aber in diesem schweren Kampfe nie das Bewußtsein ihrer unendlichen Liebe. Sie, ob auch noch so bitter gekränkt, fühlte doch immer tiefer als das eigne Leid die Qual, die ihn zu quälen trieb. Er litt, der Mensch, den sie am höchsten stellte, der ihr das Teuerste war, der Dichter, der sie begeisterte, dem sie die erhebendsten Stunden ihres Lebens verdankte; er war in all seinem geistigen Reichtum, all seiner Schöpferkraft ein armer Ruheloser. Sie wußte auch, daß, soweit der Himmel blaut, kein Wesen lebte, das ihm sein konnte, was sie ihm war in den kurzen Augenblicken der Rast, die sein Unfrieden ihm gönnte. Der Geliebte, der leidet, das ist der Allmächtige. Sie unterwarf sich, sie nahm das Kreuz einer unbeglückten Liebe, die täglich erneute Pein einer falschen Stellung – die ärgste für ein stolzes Herz – auf sich und trug sie kraftvoll und heldenmütig. So war's ein langes Leben hindurch gewesen, und so sollte es bleiben. Als er ihr in späten Jahren, ein alter Mann der Gealterten, seine Hand und seinen Namen anbot, lehnte sie ab. Seine »ewige Braut« – in Gottes Namen. Seine Frau? Nein. Was sie von ihm ertrug, weil sie wollte, hätte sie nicht ertragen, weil sie mußte. Was Grillparzer von Kathi Fröhlich gehalten, bezeugte er dadurch, daß er sie zur Herrin seines Hab und Guts wie über seinen poetischen Nachlaß einsetzte. Ihr vertraute er die Verfügung über die Werke, die er seit dem Tage seiner bittersten Enttäuschung vor aller Augen – die ihren gewiß ausgenommen – verborgen gehalten hatte. Den höchsten Beweis von Liebe und Vertrauen, den er geben konnte, hat sie aus der Hand des Toten empfangen. Die Sorge für sein Andenken war bis zu ihrer letzten Stunde der Inbegriff ihres Dichtens und Trachtens und der ihrer beiden Schwestern, die sich, wie sie es von jeher getan, mit ihr identifizierten. Das Vermögen des Verstorbenen wurde seinen Verwandten überlassen, die Stiftung des Grillparzerpreises der Wiener Akademie der Wissenschaften wurde durchgeführt, die Schwestern-Fröhlich-Stiftung begründet, der Wiener Zweigverein der Schillerstiftung zum Erben der aus den Aufführungen der Dramen fließenden Tantiemen eingesetzt. Es haben sich Leute gefunden, die der Lesewelt zur Kenntnis brachten, die Schwestern Fröhlich hätten nach dem Tode Grillparzers in seinen Reichtümern geschwelgt. Nun, in einem etwas andern Sinne, als jene Verständnisvollen es meinten, kann man das gelten lassen. Sie haben geschwelgt in einem unsäglich wehmütigen Triumph, als der Bruderzwist in Habsburg bei seinen Aufführungen im Stadttheater Stürme der Begeisterung entfesselte. Sie durften reich und beglückt gepriesen werden, als die Gesammelten Werke ihres Dichters erschienen und in Deutschland, das sich immer so spröde gegen ihn verhalten hatte, endlich das Eis schmolz, Verständnis, Wärme, Bewunderung ihn begrüßten und der Rang, der ihm gebührt, ihm eingeräumt wurde, der neben Kleist – vielleicht wohl vor ihm –, Goethe und Schiller am nächsten. Gegen Kränklichkeit und Schwäche ankämpfend, hat Kathi sich aufrecht erhalten, bis ihre Mission erfüllt war, dann schloß sie die Augen zur ewigen Ruhe. Ihre treue Anna folgte ihr bald; sie, die Älteste, ging zuletzt, nachdem sie ihre Pflegebefohlenen heimgeleitet hatte. Kurz vor ihrem Tode hatte Anna Fröhlich – gewiß nach reiflicher Überlegung – einen schweren Entschluß gefaßt: sie hatte ihre durch viele Jahre sorgsam geführten Tagebücher verbrannt. Viele tadeln es, weil sie dadurch »der Welt« die Wahrheit über das Verhältnis Grillparzers zu Kathi Fröhlich vorenthielt. Die Wahrheit! Und wenn man sie euch sagte, würdet ihr sie gelten lassen und nicht sogleich wieder zu den euch lieb gewordenen Irrtümern und Vorurteilen zurückkehren? Was mich betrifft, ich meine: Anna Fröhlich hat ihre Tagebücher verbrannt. Sie hat es getan, folglich war es recht getan. Einige Tage nach ihrem Tode stieg ich zum letzten Male die vier Treppen zur wohlbekannten Wohnung in der Spiegelgasse empor. »Susanne, ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen und Sie zu bitten: erlauben Sie mir, die Zimmer des Herrn Hofrats und Ihrer Damen noch einmal zu besuchen.« Sie geleitete mich und ließ mich dann allein, und ich habe einen langen Abschied genommen und mir die Erinnerung an diese lieben, geliebten Räume und an jeden einzelnen Gegenstand darin tief eingeprägt. Nicht das geringste war verrückt, die gewohnte Nettigkeit und Ordnung herrschte. »Mir ist ja, als ob sie jeden Augenblick zurückkommen müßten«, sagte Susanne, die mich am Eingang erwartet hatte.