Paul Ernst Grün aus Trümmern Erstes Hauptstück Der Schriftleiter des Volksblattes ging in seinem Arbeitszimmer wütend auf und ab, stöhnend und zuweilen mit dem Fuß auf den schmutzigen, feuchten Fußboden stampfend. Er hielt sich die Backe. Das Zimmer war lang und schmal. Am Fenster stand der lange Schreibtisch, auf dem Zeitungen und sonstige Druckschriften aller Art staubig aufgehäuft lagen. Nur ein kleiner Raum auf ihm war frei zum Schreiben; da lag der angefangene Leitartikel, standen Tintenfaß und Kleistertopf. Ein Rohrstuhl aus gebogenem Holz, abgegriffen, durchgesessen, stand davor. Dann war da noch in einer Ecke ein emailliertes Waschbecken in eisernem Ständer, dahinter ein sehr schmutziges Handtuch an der Wand. An der Tür an Haken Hut, Rock und Manschetten. Die Nebentür öffnete sich. Ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit blondem, etwas angegrautem Vollbart sah durch die Spalte. Er fragte: »Was ist Ihnen denn, Herr Doktor?« Dr. Lewandowsky, der Schriftleiter, ein verwachsener Mensch von etwa dreißig Jahren, mit unordentlichem Kopfhaar und Bart, übernächtig, verdrossen, erwiderte kurz: »Zahnschmerzen! Zahnschmerzen!« Er stampfte mit dem Fuß auf. »Verdammte Bude! Ihr Fenster schließt nicht. Beständig hat man Zug!« Der Andere trat in das Zimmer und untersuchte das Fenster. »Es schließt ganz fest. Ich kann nichts spüren.« »Aber ich spüre es. Das genügt mir«, erwiderte Dr. Lewandowsky. »Weshalb lassen Sie nicht ein Doppelfenster anbringen? Für den Tintenkuli ist es wohl gut genug so, was?« »Aber Herr Doktor!« entgegnete der Andere. »Verdammte Zahnschmerzen! Habe früher nie Zahnschmerzen gehabt!« schrie der Schriftleiter. »Gehen Sie gleich zum Zahnarzt, vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit!« sagte der Andere. »Es ist genug Manuskript in der Druckerei.« »Wissen Sie denn, ob ich die Zahnschmerzen los sein will?« fragte Dr. Lewandowsky ihn tückisch. »Der Mensch will sich fühlen. Fühlen will sich der Mensch. Aber das verstehen Sie nicht. Lassen Sie mich in Ruhe!« Es klopfte an der Tür. Der Schriftleiter rief »Herein!« Ein junger Mann trat ein, ein Arbeiter, in weiten Hosen von schwarzem Baumwollsamt, die unten merkwürdig ausgeschweift waren, und mit einem ungeheuer großen schwarzen Schlapphut. »Lassen Sie sich sehen, lassen Sie sich bewundern«, rief Dr. Lewandowsky höhnisch. »Ein Beau – ein Gentleman. Alle Mädchen sehen hinter ihm her.« Der junge Mann lachte verlegen: »Wenn man im Streikzug geht, da zieht man doch seinen besten Staat an!« »Selbstverständlich, den besten Staat! Verdammter Zahn! Na, was sagt denn der Krauter?« Der junge Mann schwieg, es zog eine Röte über sein Gesicht, und er drehte den Hut in der Hand. Der Ältere, Dritte, der bis nun schweigend gestanden hatte, legte ihm die Hand auf die Schulter: »Nehmen Sie Verstand an, Genosse. Der Mann hat recht. Sehen Sie sich noch drei, vier Jahre in der Welt um, dann kommen Sie wieder. Dann haben Sie was gelernt, dann haben Sie die Welt gesehen, dann machen Sie sich selbständig. Ich war dreißig, als ich mich selbständig machte.« Der junge Mann schüttelte verlegen unwillig die Hand ab. »Also punkt zehn geht der Zug vom Bahnhof ab; die Bahnhofstraße, die Kaiser-Wilhelmstraße zum Schloß. Dann Demonstration vor dem Schloß. Es werden gegen fünftausend Mann.« »Muß noch in die Abendnummer«, sagte der Schriftleiter. »Haben Sie die Ansprachen?« Der Arbeiter suchte in der Brusttasche und gab ihm zwei geheftete Papiere. Der Schriftleiter setzte sich an den Tisch, nahm die Feder zur Hand, überflog die Seiten, machte Striche, änderte einige Worte und klebte die Blätter dann zusammen. Die beiden Andern sprachen inzwischen leise miteinander. »Ich sehe es ja wohl ein, es ist ja wohl vernünftig«, sagte der Jüngere, »Und man will doch auch weiter kommen. Es steht nicht gut mit dem Alten. Ich sage mir: was habe ich von der Selbständigkeit?« Der Schriftleiter stand auf und rief: »Ja, das ist nun der deutsche Revolutionär. Erst Verlobung mit Minchen. Es ist doch eine richtige Verlobung, was? Die Tanten waren doch dabei? Was? Und dann: Versprechen, ich bleibe dir treu, du bleibst mir auch treu. Ich spare, du sparst, er spart, wir sparen. Wenn wir fünfzig alt sind, dann heiraten wir. Verdammte Zahnschmerzen! Vertiko, Sofa mit Plüschbezug und Paneel.« Das Telefon klingelte. Er stürzte eilig hin, hielt sich den Hörer an den Kopf und schrieb, indem er einige Worte fragend wiederholte. Er wendete den Kopf: »Neueste Nachricht. Der österreichische Thronfolger in Serajewo gemordet. Wieder einer hin. Na, Hampe, dauert nicht mehr lange. Sie erlebens noch. Sie werden noch Präsident der deutschen Republik!« »Ich habe meine Druckerei, ich bin der Vorsitzende der Partei im Land, ich bin im Landtag, ich bin im Reichstag, weiter will ich nichts«, erwiderte Hampe. »Die Entwicklung geht langsam, aber sie geht sicher. Wir erlebens nicht mehr, unsere Kinder vielleicht. Wir sind hier nicht in Serajewo.« »Nein, wir sind hier alle Untertanen seiner Königlichen Hoheit des Herrn Großherzogs«, rief Dr. Lewandowsky höhnisch aus. »Wir zahlen unsere Gelder an die Organisation und lesen das Parteiblatt, wir beteiligen uns an den Streiks und an den Demonstrationen, und dann gehen wir nach Hause und trinken unser Flaschenbier. Ausländer, Fremde sind es meist, die unter uns gesät den Geist der Rebellion. Dergleichen Sünder, gottlob! sind selten Landeskinder.« »Ja, dem deutschen Arbeiter fehlt es eben an Aufklärung«, sagte der junge Mann. »Ihnen, Genosse Hampe, kann man das nicht übelnehmen. Sie sind schließlich kein Proletarier.« »Kleinbürgerlich bis auf die Knochen, die ganze Partei in Deutschland«, sagte Lewandowsky. »Wer weiß. Einmal muß ja die Geschichte ins Rollen kommen. Der Zarismus kann keinen Stoß mehr aushalten. Dann gehe ich nach Rußland.« »Genosse Müller«, sagte Hampe mit Nachdruck. »Ich habe die Druckerei. Aber mein Besitz ist das Eine, und meine Überzeugungen sind das Andere. Das hat nichts miteinander zu tun. Ich habe noch das Sozialistengesetz mitgemacht. Damals war es nicht so leicht, wie heutzutage. Ich bin ja kein studierter Mann, aber das weiß ich, daß die Wissenschaft für den Sozialismus ist, das sehe ich, daß der Kleinbetrieb sich nicht halten kann heutzutage. Aber Fleiß und Ehrlichkeit ist auch etwas. Und wenn einer ein ordentlicher Kerl ist, so findet er schon ein Unterkommen.« »Na, wie ist es, Hampe, wenn ich zu Ihnen steige und sage: ›Geben Sie mir Ihre Tochter zur Frau‹, was sagen Sie da?« fragte ihn lachend Lewandowsky. Hampe erwiderte: »Sie haben studiert und sind Doktor, und Sie sind mir sehr wert als Schriftleiter. Wenn Sie mir auch manchmal zu scharf sind, denn die Abonnenten vermehren sich, und das ist die Hauptsache. Aber meine Tochter gebe ich Ihnen nicht. Das wissen Sie ganz genau. Sie haben auch bloß einen Witz gemacht mit der Frage. Alles, wo es hingehört. Sie haben eine große Zukunft in der Partei vor sich. Sie haben große Gaben. Wer weiß, was einmal aus Ihnen werden kann. Ich habe mein Auskommen, und mein Schwiegersohn kann mir einmal im Geschäft helfen.« »Verdammter Zahnschmerz«, schrie Dr. Lewandowsky. »Was wollen Sie denn eigentlich bei mir? Ich begleite den Zug, vielleicht kommt noch ein Zwischenfall, der in die Zeitung muß, aber wahrscheinlich ist das ja gerade nicht. So, nun, meine Herren, können Sie das Zimmer verlassen. Der Leitartikel schreibt sich nicht von selber. Zum Zahnarzt ist ja keine Zeit, da ist zum Schwatzen auch keine.« Der junge Arbeiter verabschiedete sich ungeschickt. »Hören Sie mal, Müller«, rief ihm der Schriftleiter nach, »Sie haben gehört, eben habe ich einen Korb gekriegt. Wie ist es denn, Minchen hat doch noch eine Schwester? Könnten wir Schwäger werden? Den Zimmerplatz beanspruche ich nicht, den können Sie erben, aber vielleicht hat der alte Krauter noch so etwas Pinke Pinke?« Der junge Mann lachte verlegen und ging ohne Erwiderung aus dem Zimmer. Der Buchdruckereibesitzer trat in das Nebengelaß zurück, und so blieb Dr. Lewandowsky allein. Das Volksblatt war die sozialdemokratische Zeitung der Hauptstadt O. des gleichnamigen Großherzogtums. Aus dem Gespräch der drei Männer haben wir schon erfahren, daß ein größerer Streik begonnen hatte. Die sämtlichen Bauhandwerker hatten die Arbeit niedergelegt. Der junge Mann, dessen Namen Müller der Schriftleiter nannte, war Zimmermann und war Vertrauensmann seiner Gewerkschaft; er war ein tüchtiger und verständiger Mann, außerdem unverheiratet, und so machte es sich denn von selber, daß er der eigentliche Anführer in der Streikleitung war. O. war eine Stadt von etwa siebzigtausend Einwohnern. Wer eine Vorstellung von ihr bekommen wollte, der mußte sich ihre Entstehung klarmachen. Noch bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte sie nicht mehr wie zwanzigtausend Einwohner gehabt. Da war das Schloß, das mit zwei Flügeln in einen eisengitterumzäunten Garten hineingebaut war, auf den die Hauptstraße führte, die Kaiser-Wilhelmstraße, mit Häusern meistens aus dem achtzehnten Jahrhundert. Heute waren im Erdgeschoß dieser früher vornehmen Häuser überall Läden mit großen Spiegelscheiben ausgebrochen. Hinter dieser Hauptstraße auf beiden Seiten befand sich ein Gewirr von Straßen, Gassen und Gäßchen, in denen Handwerker und kleine Geschäftsleute hausten. In den sechziger Jahren hatte man den Bahnhof etwas außerhalb der Stadt gebaut; schon längst aber war durch eine breite Straße die Verbindung mit der alten Stadt hergestellt; sie stieß in stumpfem Winkel auf die Kaiser-Wilhelmstraße, welche denn so als ihre Fortsetzung erschien; schon längst hatten sich Parallelstraßen zur Bahnhofstraße und verbindende Querstraßen entwickelt; alle mit dreistöckigen Häusern, wie sie in jenen Jahrzehnten gebaut wurden, alle sehr weit, ganz gerade und recht kahl. In der Bahnhofstraße standen große Geschäftshäuser, Banken, auch eine große Volksschule; in den Nebenstraßen wohnten in den hohen und großen Häusern Arbeiter, kleine Angestellte, in den Kellern waren Läden für Eßwaren und Ähnliches. Auf der diesem Bahnhofsviertel gegenüberliegenden Seite der Altstadt befand sich das Villenviertel. Es war zunächst in einen alten städtischen Park hineingebaut, den man aufgeteilt hatte; und als die aufgeteilten Stücke nicht mehr ausreichten, hatte man weitere Villenstraßen in das umgebende Ackerland gezogen, Gärten eingerichtet mit jungen Bäumen und Ziersträuchern. Die Villen waren in der Geschmacksrichtung ihrer Entstehungszeit gebaut: zuerst kam deutsche Renaissance, meistens Ziegelbau mit Bruchsteinecken, Türmchen, auch wohl zwei Pyramiden auf dem Dach. Dann schlossen sich Häuser an, welche nicht mehr einen so einheitlichen Charakter trugen: da kam Jugendstil, Englischer Stil, auch Biedermeierbestrebungen machten sich geltend; aber in sehr vielen Straßen waren die Bäume doch schon so groß, daß man von der Architektur nicht allzusehr gestört wurde. Es hatte früher eine Landstraße quer durch den Park geführt. Zu deren Seiten waren die ersten Villen gebaut, und so hatte sie sich denn zur Hauptstraße des Viertels entwickelt; sie hieß jetzt noch »Landstraße«. Sie stieß wieder in einem stumpfen Winkel auf die Kaiser-Wilhelmstraße, so daß vom Bahnhof aus ein einheitlicher Straßenzug durch die ganze Stadt hindurchführte. Der Großherzog war ein alter Herr, der nun mit Bewußtsein seit den vierziger Jahren die ganze große Entwicklung Deutschlands mitgemacht hatte: er hatte noch die letzten Nachklänge unserer geistigen Zeit gehört, dann war er in die liberale Zeit gekommen, die bestimmend und bildend auf ihn gewirkt hatte; bei der Gründung des Reichs durch den großen Kanzler hatte er in seinem kräftigsten Mannesalter gestanden und war opferwillig und begeistert einer der mächtigsten Helfer bei der großen Tat gewesen; dann hatte er den wirtschaftlichen Aufschwung gesehen: die Zunahme der Bevölkerung, die auch seine Hauptstadt so ganz verändert hatte, die Zunahme des Reichtums, die Entwicklung neuer Gesellschaftsklassen, die Rückbildung und das Untergehen alter. Er wurde von den Bürgern verehrt als das lebende Zeichen bedeutender geschichtlicher Vorgänge, als der ehrenhafte und tüchtige Mitarbeiter an ihnen. Aber von Jahr zu Jahr war die Sozialdemokratie mächtiger geworden, die sich nicht mehr durch geschichtliche Bande an ihn und sein Haus gefesselt fühlte und ihm fremd gegenüberstand; das ältere Geschlecht war ihm nicht feindselig, es war noch unter den Jugendeindrücken des allgemeinen Liberalismus aufgewachsen; aber die jüngeren Leute trugen schon eine heftige Gegnerschaft zur Schau und sprachen gern unter sich über eine republikanische Neuordnung der Verhältnisse, wo dem Tüchtigen freie Bahn gegeben werden sollte und veraltete Vorrechte fallen mußten. Wir haben bereits die vornehmsten sozialdemokratischen Führer kennen gelernt. Es war das der Buchdruckereibesltzer Hampe, ein Mann in den Fünfzigern, der sich aus ganz kleinen Anfängen zu einem achtbaren Besitz emporgearbeitet hatte; er war der Drucker des Parteiblattes und gewissermaßen auch sein Besitzer, freilich sehr eingeschränkt in seinem Besitzrecht durch Einspruch und Besteuerung der Genossen. Er hatte eine ordentliche und fleißige Frau, die früher, solange es nötig war, im Geschäft mitgeholfen hatte, aber sich nun ganz ihrer Wirtschaft widmete, und ein einziges Kind, eine Tochter von nun fast sechzehn Jahren. Er war Abgeordneter der Partei im Reichstag und im Landtag, und seine tüchtige, verständige und bürgerlich ehrenwerte Art hatte viel dazu beigetragen, daß die Partei sich so schnell im Land verbreitet hatte. Der junge Zimmergeselle Müller war erst vor zwei Jahren zugezogen. Er war ein fleißiger und ordentlicher Arbeiter mit Streben nach Höherem: er hatte eine kleine Bibliothek naturwissenschaftlicher und politischer Werke, in der er eifrig las, und unermüdlich war er für Partei und Gewerkschaft tätig. Dr. Lewandowsky war gleichfalls nicht einheimisch. Er stammte aus Posen und war durch Beziehungen, die er als Schriftsteller in Parteikreisen hatte, nach O. als Schriftleiter gekommen, wo er nun schon seit drei Jahren lebte und wirkte. Da der Hof liberal war, so hatte die konservative Partei keine große Bedeutung. Die höheren Stände, die Unternehmer und Geschäftsleute rechneten sich fast ausschließlich zur liberalen Partei. Sie hatten die Vorstellung, daß 1871 eine große Tat geschehen sei, die sie nun zu schützen und zu ehren hatten; sie wünschten wohl, daß in Berlin ein freiheitlicherer Kurs eingeschlagen würde; aber sie waren doch dankbar dafür, daß sich Kunst und Wissenschaft, Handel und Industrie so entwickeln konnten, und nahmen an, daß vor der immer zunehmenden Bildung alle Gespenster rechts und links allmählich verschwinden mußten, und daß auch alle äußeren Verhältnisse und Beziehungen des Reichs sich immer günstiger gestalten würden durch Arbeit, Verstand, Bildung und Redlichkeit des deutschen Volks. Der Liberalismus war hier ein enges Bündnis eingegangen mit den geistigen Mächten der Nation. Ein weltberühmter Unternehmer hatte in O. seinen Sitz, welcher sich zur Aufgabe gemacht hatte, Bildung und Wissen im weitesten Kreise des Volks zu verbreiten. Der Kommerzienrat Werner war der Besitzer und Leiter eines großen Verlagsunternehmens, das die Hauptwerke der Literatur in billigen und guten Ausgaben druckte; und sein Geschick und Fleiß hatte das Geschäft so gestellt, daß eine große Druckerei mit einem Personal von fast zweitausend Mann, mehrere große Papierfabriken im Lande und andere, kleinere Betriebe fast alles aus den Rohstoffen selber herstellten, was für das Verlagsgeschäft nötig war. Die Geschäftsgebäude des Kommerzienrats Werner lagen auf der Seite des Bahnhofs außerhalb der Stadt. Etwas später, als das erzählte Gespräch in der Druckerei des »Volksblatts« vor sich ging, saß Werner in seiner Schreibstube, öffnete die eingegangenen Briefe, versah sie mit kurzen Bemerkungen und legte sie dann neben sich zur Seite. In den Betrieben war es still. Die Arbeiter und ein Teil der Angestellten waren in einen Sympathiestreik für die Bauarbeiter eingetreten. Es klopfte bescheiden an der Tür. Auf das Herein öffnete sie sich, und der Faktor der Druckerei trat ein. »Setzen Sie sich, Reichardt«, sagte der Kommerzienrat und wies auf einen Stuhl neben seinem Schreibtisch. »Ich habe es mir nun genau berechnet. Wenn Herr Kommerzienrat meinen, dann können wir den ganzen Homer mit den kleineren Gedichten gebunden für eine Mark fünfzig Ladenpreis abgeben.« »Das ist mir lieb, das freut mich«, sagte Werner. »Ich habe hier noch ein paar Handschriften angeboten bekommen; das ist etwas, was die Leute kaufen für die Eisenbahn; bei dem können wir etwas verdienen, das rechnen wir dann dem Homer zugute. Das ist immer mein Wunsch gewesen, auch einen billigen Homer zu haben. Sie können doch die Leute beobachten. Meinen Sie, daß viele von den jüngeren Leuten sich den Homer kaufen werden?« »Einige gewiß«, sagte Reichardt. »Es geht langsam, es geht langsam. Aber es geht doch vorwärts, es muß doch vorwärts gehen!« »Ja, natürlich, Herr Kommerzienrat«, sagte Reichardt, »und es ist doch auch wichtig, daß wir einmal der Welt zeigen, was die Firma leisten kann. Den Homer für eine Mark fünfzig, holzfreies Papier, klarer Druck, Ganzleinen mit Goldaufdruck, das macht uns so leicht keiner nach. Da kann die Konkurrenz sich anstrengen.« »Wie steht es denn nun mit dem Streik?« fragte Werner. »Unsere Leute treten morgen wieder an. Heute ist der große Demonstrationszug. Am Bahnhof sammeln sie sich. Die berittenen Schutzleute stehen schon überall den ganzen Weg entlang. Die Soldaten werden in der Kaserne gehalten. Ach, Herr Kommerzienrat, das ist kein Arbeiten mehr! Die jungen Leute wissen alles besser als unsereins, man darf schon kein Wort mehr sagen. Sehen Sie, ich habe das Gymnasium bis Tertia besucht. Mein Vater sagte: ‹Wenn du einmal Setzer werden willst, dann mußt du auch griechische und lateinische Worte setzen können, die kommen immer einmal vor.› Dann habe ich fünf Jahre gelernt, fünf Jahre. Und dann bin ich auf Wanderschaft gegangen. In England bin ich gewesen und in Frankreich. Aber heutzutage? Was ich bloß für Ärger habe, die Bengels immer pünktlich in die Fortbildungsschule zu bringen! ›Bildung macht frei‹, sage ich ihnen; aber Kino, Tanzboden, Mädchen, Kneipe, das ist es heute. Und dann drei Jahre Lehrzeit, und in denen nichts gelernt wird. Aber gleich hohen Lohn, das muß ja sein! Und dann losgeheiratet, so eine Schlunze vom Tanzboden weg, an der sich schon ein halbes Dutzend abgewirbelt hat. Es ist keine Ehre mehr in der Welt, Herr Kommerzienrat, und wenn keine Ehre mehr ist, dann ist alles zu Ende.« Werner seufzte: »Ja, daran darf man nicht denken. Das müssen einmal die jungen Leute in Ordnung bringen. Wir können da nichts mehr tun.« Ein Geräusch ließ sich von weitem vernehmen von taktmäßig gehenden Männern. »Das ist der Zug«, sagte der Faktor. Durch eine Lücke in den Häusern konnte man auf die Bahnhofstraße sehen; dort zog es schwarz von Menschen vorbei. »Bei Hahn und Sohn ist der Sympathiestreik auch angesagt. Das ist eine richtige Heerschau«, sagte der Faktor. Wie ein Rauschen des Meeres klang das Marschieren des Zuges. »Kommen Sie denn noch manchmal mit Hampe zusammen?« fragte Werner. »Wenig. Die Ansichten sind zu verschieden«, erwiderte der Faktor. »Und dann: Er ist jetzt Prinzipal, er ist Landtagsabgeordneter, er ist Reichstagsabgeordneter, da will er eben einen anderen Umgang haben.« »Er selber ist doch wohl ein ordentlicher Mann?« »Da ist nichts zu sagen. Und er kommt auch vorwärts. Aber er paßt mir nicht mehr. Und sein Umgang paßt mir auch nicht. Ich bin ein Handwerker. Wenn bei uns zu Hause mehr Geld gewesen wäre, dann hätte ich ja wohl studieren können. Aber der Handwerkerstand muß auch sein. Und jeder muß wissen, was er ist. Und mit solchem Volk mag ich nichts zu tun haben, mit dem Hampe verkehrt, das lebt doch nur von den Arbeitergroschen, und wenn sie unter sich sind, dann lachen sie bloß über die Dummen.« Der Zug ging und ging. Die beiden Männer sahen durch das Fenster, wie in den schmalen Ausschnitt der Lücke immer wieder neue Menschen taktmäßig vorkamen und verschwanden. Der Zug ging durch die Bahnhofstraße, die Kaiser-Wilhelmstraße. Vor dem Schloß stellten sich die Massen auf. Es waren Ordner vorgesehen, welche die Reihen verteilten. Der große Platz vor dem eisernen Gitter war angefüllt von Männern, die Nebenstraßen auch; in der Wilhelmstraße wurde der Raum freigehalten für die Elektrische Bahn. Drei Männer gingen zwischen den Wachen vor ihren Schilderhäuschen durch das eiserne Tor, überschritten den freien Platz zwischen den Flügeln und traten in das Schloß. Es waren Hampe, Müller und einer der Führer der Maurer. Sie wurden in einen großen und hohen Saal geführt. Die Wände waren weiß lackiert und vergoldet; es waren in festen Zwischenräumen Wandleuchter aus Bronze angebracht. Von der Decke hing ein großer Leuchter mit Kerzen herab; die Kerzen waren aus Porzellan nachgebildet und trugen an der Spitze ein Glühlämpchen. Der Saal war ganz leer, kein Stuhl und kein Tisch stand da. Der Boden war spiegelblank, zum Ausgleiten. Die Männer standen da und waren verlegen; sie wußten nicht, wohin sie ihre Hände tun sollten. Hampe war in Frack und Zylinder, mit weißen Handschuhen; Müller in der beschriebenen Zimmermannstracht, der Maurer in dunklem Sonntagsanzug. Die Tür wurde geöffnet und der Großherzog trat herein. Er war ein hoher und schlanker alter Herr, leicht gebückt, in einer prächtigen Uniform. Die Drei verneigten sich tief, der Großherzog winkte leicht mit der Hand. Hampe räusperte sich. »Königliche Hoheit,« begann er, »das arbeitende Volk Ihrer Residenzstadt ...« Er stockte. Er hatte sich eine kurze Rede zu Hause aufgeschrieben und wörtlich auswendig gelernt, aber nun versagte ihm plötzlich vor Verlegenheit das Gedächtnis, und es fiel ihm nichts ein, was er sonst sagen konnte; so fing er von neuem an: »Königliche Hoheit, das arbeitende Volk Ihrer Residenzstadt ...« Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Der Großherzog sagte: »Sie wollen mir mitteilen, Herr Abgeordneter, daß die Bürger meiner Hauptstadt Beschwerden vorzubringen haben. Ich habe ein offenes Ohr für alle meine Untertanen. Als ich nach dem Hinscheiden meines hochseligen Herrn Vaters die Regierung meines Landes übernahm, da erklärte ich, daß meine Sorge der Wohlfahrt des Volkes geweiht sein solle. Ich habe mich bemüht, und wurde darin von meiner Regierung und meinem Landtag unterstützt, alle gebundenen Kräfte frei zu machen, jedem meiner Untertanen zu ermöglichen, nach seinen Anlagen und erworbenen Fähigkeiten zu arbeiten, um sein Los zu verbessern. Die alten Beschränkungen der Erwerbung des Bürgerrechts wurden aufgehoben. Die Gewerbefreiheit wurde eingeführt. Eine Bevorzugung des Adels findet in meinem Lande nicht statt, mein erster Minister ist bürgerlich; ich bin stolz darauf, daß er der Sohn eines rechtschaffenen Tischlermeisters dieser Stadt ist. Die neue Zeit brachte die neuen Aufgaben der sozialen Gesetzgebung. Sie wurden nach Kräften gelöst. Ich bin mir bewußt, daß große Veränderungen im gesellschaftlichen Leben der Menschheit vor unsern Augen vor sich gehen; es wird immer mein Streben sein, die Schwachen zu unterstützen in ihrem Kampf ums Leben; Sie wissen, daß von meinen Vorfahren eine Reihe von hochherzigen Stiftungen begründet sind, die zeitgemäß ausgebaut werden. Für jede Anregung bin ich dankbar.« Er sah Hampe an, der weiter schwieg. Nun schloß er: »Vielleicht haben Sie mir Vorschläge zu machen, ich bitte Sie, dieselben schriftlich aufzusetzen und mir einzureichen. Ich werde sie meinen Ministern zur Prüfung übergeben.« Ein Wink, die drei Männer verbeugten sich tief, und der Großherzog verließ den Raum. Auf der Treppe sagte der Maurer zu Müller: »Du, Albert, nun sind wir ebenso klug wie vorher.« Sie gingen über den freien Platz zwischen den Flügeln zurück, durch die eiserne Tür zu den harrenden Leuten. Hampe hatte ein leises Gespräch mit den Ordnern. Die zusammengehörenden Gruppen wurden in bestimmter Reihenfolge durch Querstraßen abgeführt, und bald waren Platz und Straße, wie sie vorher ausgesehen hatten. Es war die Zeit des Schulschlusses. Aus der Tür des Gymnasiums brachen die Kleinen, lachend, schreiend, sich knuffend, und sich schnell nach ihren Richtungen verteilend, dann kamen die größeren Schüler, plaudernd, streitend, mit ihren tiefern Stimmen, eifrig mit ihren kleinen Mappen. Hans Werner, der einzige Sohn des Kommerzienrats Werner, ging mit zwei Freunden die Kaiser-Wilhelmstraße hinunter, dann in die Landstraße; erst trennte sich der eine Freund, dann der andere; er bog in eine Nebenstraße ein, die zu dem elterlichen Hause führte. An der Ecke einer Gasse blieb er stehen; hier lagen die Häuser in großen Gärten, der Weg führte an Zäunen, über welche Sträucher und Bäume überwuchsen. Hans trat einige Schritte zurück, so daß er auf der Straße nicht von weitem her gesehen werden konnte, und lauschte durch das Blattwerk. Da bog Anna Hampe in die Straße ein, ihre Büchermappe übermütig an den Tragriemen schwenkend. Sie war ein frisches, rotbackiges Mädchen, mit braun strahlenden Augen, bräunlichem Gesichtston und dickem, dunkelbraunem Haar, das ihr in zwei sehr starken Zöpfen auf den Rücken siel. Plötzlich blieb sie stehen und sah sich um. Es war niemand auf der Straße. Da lag zwischen den Stäben eines eisernen Gitters, das einen Garten von der Straße abtrennte, ein kleiner Veilchenstrauß. Sie bückte sich rasch, ergriff ihn, und barg ihn in der hohlen Hand. Hans kam aus seinem Versteck hervor, mit gleichgültigem Ausdruck des Gesichts, als gehe er in gewöhnlicher Weise seinen Weg. Er ging an Anna vorüber und grüßte sie höflich. Sie dankte ihm mit einer hastigen Kopfbewegung, und in der Verlegenheit machte sie dazu einen Knicks, wie die kleinen Mädchen machen; das Blut war ihr ins Gesicht geschossen, tiefdunkel bis zu den Haarwurzeln. Sie hatte ihre Mappe fester gefaßt und ging mit festen Schritten. Nun stand Hans vor der väterlichen Gartentür. Er öffnete sie und trat ein, dann ging er den Kiesweg zum Hause. Die Frau des Kommerzienrats Werner war schon vor längeren Jahren gestorben. Eine unverheiratete Schwester, Tante Minna, versorgte den Haushalt. Am Mittagstisch saßen der Kommerzienrat, Tante Minna und Hans. Der Vater erzählte von der Ermordung des Erzherzogs. »Hoffentlich zieht die Tat nicht weitere Folgen nach sich. Wahrscheinlich steht hinter ihr die russische Partei in Serbien und wird von den Kriegshetzern in Rußland geschoben. Wenn sich an dem Verbrechen ein Krieg entflammt, dann wird es der Weltkrieg«, sagte er. »Muß dann Hans auch mit?« fragte Tante Minna besorgt. Der Vater lächelte: »Ich nehme an, er geht freiwillig. Ich gehe auch. Denn wenn wir in diesem Krieg besiegt werden, dann sind wir verloren« – er fügte mit düsterer Miene hinzu: »Vielleicht auch, wenn wir siegen.« Hans blickte scheu zu seinem Vater hin, dessen Stirne tief durchfurcht war. »Man kann nur seine Pflicht tun«, sagte er. »Lieber Sohn«, erwiderte der Kommerzienrat, »das habe ich auch immer gedacht, als ich noch jünger war. Nun bin ich fast fünfzig Jahre alt, da kann man schon auf manches zurückblicken, da beginnt man das eigene Leben zu verstehen und das Leben der andern. Das genügt nicht, daß man seine Pflicht tut. Man muß mehr tun.« Hans sah den Vater mit glänzenden Augen an: »Was, Vater?« »Wenn ich das wüßte; mein Kind, dann wäre ich ein anderer Mensch«, sagte Werner. »Das ist es, daß ich das nicht weiß. Aber die andern wissen es auch nicht. Ich habe noch niemanden gefunden, der es mir sagen konnte. Ich bin ein Geschäftsmann, aber ich habe doch immer meine Tätigkeit als Amt aufgefaßt. Als welches Amt? Wir leben in einer Zeit, da die Gedanken und Gefühle, welche früher nur in einem kleinen Kreis lebten, sich über das ganze Volk verbreiten, so habe ich immer gedacht. Das erste Buch, das ich druckte, war der Faust. Ich dachte: ›Früher konnten nur die Wohlhabenden das Buch lesen. Nun soll es dahin kommen, daß auch der ärmste Lehrjunge es sich kaufen kann‹. Er kauft es sich ja auch. Aber, weißt du, manchmal denke ich: war denn mein Leben richtig? Habe ich mich nicht geirrt?« »Das wäre ja fürchterlich, wenn du dir das sagen müßtest,» erwiderte Hans. Werner lächelte: »Ich kenne keinen Menschen, bei dem nicht etwas Fürchterliches in der Art vorliegt. Der Unterschied ist nur, daß die meisten durch eine glückliche Blindheit geschützt sind, denn sonst würden sie wohl das Leben nicht tragen können.« Die Tante klapperte mit den Tellern. »Solche Gespräche sind nichts für junge Leute, Schwager«, sagte sie. »Laß ihn einen tüchtigen Menschen werden, der im Leben seinen Mann stellt. Zum Herbst macht er nun die Abgangsprüfung. Er hat jetzt viel zu arbeiten. Wir wollen hoffen, daß nicht etwa ein Krieg dazwischen kommt. Ein unterbrochner Bildungsgang ist ein großes Unglück für den Menschen.« »Es gälte zu prüfen, ob es überhaupt ein Glück für die Menschen ist, wenn ihnen das Höchste so nahe gebracht wird«, sagte Werner, wie zu sich selber. »Vielleicht ist es so, wie mit dem äußern Wohlstand, der auch nur von wenigen ohne Gefahren ertragen werden kann. Aber wenn das so wäre, dann wären alle Ansichten falsch, in denen ich gelebt habe, und für die meine Arbeit ist. Und wozu lebe ich denn?« »Für deine Familie, Schwager«, sagte die Tante scharf. Gutmütig lächelnd reichte ihr Werner die Hand: »Ja, du hast recht. Wir wollen nicht in Zwist geraten.« Damals brachte jeder Tag wichtige Ereignisse. In der Schriftleitung des Volksblatts hatte Dr. Lewandowsky häufige Unterredungen mit dem Druckereibesitzer und Verleger. Er sagte: »Der Zarismus will den Krieg anzetteln. Das Proletariat ist gegen Zarismus und Militarismus. Jetzt schlägt die Stunde der Befreiung.« Es wurden immer die neuesten Nachrichten sofort gedruckt und an den Straßenecken angeschlagen. Im einfachen Volk war eine große Unruhe, niemand wußte recht, was werden sollte. Es war die Vorstellung: »Sie wollen über uns herfallen, sie wollen unsere Industrie vernichten, es gilt unser Brot!« Aber niemand im einfachen Volk wußte recht, wie das nun alles im einzelnen war; es wurde gesagt: »Das läßt der Engländer nicht zu«; einem solchen Ausspruch wurde entgegengehalten: »Der Engländer ist selber neidisch auf unsere Konkurrenz, wir sind ihm doch über, wir schlagen ihn glatt auf dem Weltmarkt.« »Wird der Kaiser auch Mut haben?« fragten einige bekümmert; »er hat die großen Worte, aber Taten sieht man nicht. Er wird warten, bis es zu spät ist.« Andere erwiderten: »Er muß. Der Generalstab kommt und sagt: ›So und so, Majestät, wir müssen losschlagen, sonst übernehmen wir keine Sicherheit‹.« Nun kamen der Mobilmachungsbefehl und die Kriegserklärung. Es war, als wenn die Nachrichten sich durch eine Art von Ansteckung verbreiteten, ohne Worte. Plötzlich zeigte es sich, daß in den Straßen die Leute in einem Zuge gingen; es waren Männer, Frauen und Kinder. Es wurde gesungen, zuerst war es die »Wacht am Rhein«. Da waren die Züge schon auf die Hauptstraße gekommen; die Kaiser-Wilhelmstraße herab kam bereits ein großer Zug; die kleineren Züge ordneten sich ein, wie es im Stocken und bei vorhandenen Lücken ging. Die »Wacht am Rhein« war verstummt, es kam das Lied »Deutschland, Deutschland über alles«. Nun sammelten sich die Menschen auf dem Platz vor dem Schloß, die großen eisernen Tore wurden geöffnet, die Menschen fluteten in den abgezäunten Raum zwischen den Flügeln und standen dicht gepreßt. Von einer Gruppe wurde angestimmt: Ein feste Burg ist unser Gott, Ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, Die uns jetzt hat betroffen.   Alle Männer hatten ihre Hüte und Mützen abgenommen und hielten die Hände gefaltet. Da konnte man Arbeiter und hohe Beamte sehen, rauhe und schwarze Hände, und feine, weiße Hände. Der Großherzog war herausgetreten und stand oben auf den Stufen. Er hielt den Helm unter dem Arm, auch er hatte die Hände gefaltet. Es geschah, daß Männer sich die Hände schüttelten, die sich nie gesehen hatten. »Nun ist alles eins«, sagten sie. »Sie sind reich und ich bin arm, aber wir sind zwei Deutsche«, wurde wohl gesagt. Ein Mann stand mit seiner Frau da, wohl ein Krämer. Der Frau kamen Tränen. »Mußt du denn nun mit fort?« fragte sie. »Beherrsche dich«, erwiderte der Mann, »ich bin Unteroffizier.« Ein junger Arbeitsbursche, ein hübscher, frischer Kerl, stand neben einem Mädchen aus den höheren Ständen, das atemlos auf den Großherzog hinsah. Plötzlich fühlte sie sich von dem jungen Mann umarmt und geküßt. Sie wollte schreien; aber der junge Mann sagte treuherzig: »Ruhig, Fräulein, es ist nicht böse gemeint. Ich muß heute noch fort, morgen bin ich vielleicht schon tot.« Das Mädchen sah ihn an, dann gab sie ihm selber einen Kuß. Der junge Mann errötete und verlor sich in der lachend die Beiden umgebenden Menge. Die Glocken läuteten von den Kirchen, ihr Ton klang durch alle Geräusche der Stadt. Schon kamen die Eisenbahnzüge mit Kriegern durch, die an die Grenze fuhren. Auf dem Bahnhof standen Frauen, welche Kaffee kochten und Brote bereiteten für die Durchfahrenden. Bis dahin sagten alle Leute als Abschiedsgruß »Adieu«. Ohne Verabredung, mit einemmal sagten sie nun »Auf Wiedersehen«, sie wollten das Fremdwort nicht mehr hören. In der Kaserne war ein reges Treiben. Die Einberufenen drängten sich in schwarzen Scharen, ein Päckchen, eine Pappschachtel in der Hand. Es wurden Züge gebildet, die hinausgeführt wurden zum Bahnhof. »Nach dem Westen«, hieß es, »nach dem Westen, die Franzosen sind die Gefährlichsten. Laßt die Russen nur ins Land kommen, das müssen wir aushalten. Erst müssen wir die Franzosen schlagen, dann erst können die Russen an die Reihe kommen.« Es wurde von dem Russeneinfall in Preußen erzählt. Die englische Kriegserklärung wurde besprochen. »Ja, der Engländer hat doch die belgische Neutralität beschworen, er muß seinen Schwur halten. Aber wir, was sollen wir machen? Wir sind in der Notwehr, wir haben mit zwei Feinden zu tun.« Wenn die Züge in den Bahnhof einfuhren, dann sangen die Krieger. Sie drängten sich, um den Kaffee, die Brote zu empfangen. »Nur keine Angst«, riefen sie den Leuten auf dem Bahnhof zu. »Wir schaffen es schon. Ins Land dürfen sie nicht.« Immer mehr Staaten erklärten den Krieg. »Das gibt tüchtige Arbeit«, riefen die Krieger. »Besser auf einmal, dann hat man nachher seine Ruhe.« Auf dem Gymnasium wurde mitgeteilt, daß diejenigen, welche freiwillig mitgehen wollten, eine Notprüfung ablegen könnten. Alle jungen Männer, welche etwa das nötige Alter hatten, drängten sich zu der Prüfung. Auch Hans meldete sich. Sein Vater zu Hause trug schon die Offiziersuniform. Er bereitete sich auf den Abmarsch vor, nun hatte er noch viel zu ordnen, denn er ließ einen großen Betrieb zurück, und es war nötig, daß zu Hause alles in Ruhe seinen Gang ging, damit die Leute draußen ihr frisches Herz haben konnten. Er besuchte den Präsidenten des Landgerichts und sagte zu ihm: »Ich gehe hinaus und fühle, daß ich nicht zurückkomme. Ich bitte, daß ich Sie als Vormund für meinen Sohn vorschlagen darf. Ich weiß sonst niemanden; das Amt ist sehr schwer durch die Größe meines Unternehmens. Es werden große Umwälzungen kommen, natürlich müssen sie sich auch bei meinem Geschäft bemerkbar machen. Ich möchte, daß das, was ich mir erarbeitet habe, bestehen bliebe; und ich möchte, daß mein Sohn, wenn es etwa schlimm kommen sollte, nicht alles verliert. Danach richten Sie sich. Die Hauptsache ist, daß mein Geschäft erhalten wird. So viel, daß er nicht gerade Proletarier wird, muß ja für meinen Sohn doch wohl immer bleiben. Es wird ja wohl nach dem Krieg alles neu aufgebaut werden müssen.« Der Präsident gab ihm die Hand und sagte: »Ich werde tun, was ich kann. Auch ich sehe schwere Zeiten bevorstehen. Die Arbeiter werden nicht immer so gestimmt sein, wie sie jetzt sind. Wenn der Krieg in einem halben Jahr zu Ende sein kann, dann wäre ja alles gut. Ich hoffe, daß man sich oben auf eine lange Dauer einrichtet.« »Wir rechnen, daß die Kampfkraft eines Mannes bei uns gleich drei bei den Feinden ist. Dazu muß dann noch kommen, daß wir strategisch geschicktere Führer haben werden. So kann vielleicht die Übermacht sich ausgleichen«, sagte Werner. »Aber auch ich fürchte, wenn der Krieg lange währt; das wird er. Dann kommt es darauf an, bei welchem Volk der einfache Mann mehr Widerstandskraft der Nerven hat. Und da wird bei uns viel gesündigt; die Führung weiß nicht, wie sie die Leute behandeln muß, und die politischen Parteien werden auf die Dauer ihren gegenseitigen Haß nicht unterdrücken.« Als er zurückkehrte, begegnete er auf der Straße dem Abgeordneten Hampe. Der grüßte und ging auf ihn zu. Er sagte: »Wir sind politische Gegner, Herr Kommerzienrat. Aber ich möchte Ihnen eines sagen. Als ich junger Mann war und nichts besaß, denn meine Eltern hatten vierzehn Kinder, da können Sie es sich denken, daß es knapp herging, da kaufte ich mir immer am Sonnabend ein Heft Ihrer Volksbibliothek. Das erste war der ›Faust‹, das zweite waren ›Die Räuber‹, dann kam ›Nathan der Weise‹, dann ‹Maria Stuart‹. Ich weiß noch ganz genau die Reihenfolge. Die Bücher habe ich noch, obgleich ich heute große Ausgaben in schönem Einband mit Golddruck aus dem Rücken besitze. Die haben aber nachher nicht so viel bedeutet für mich, wie Ihre Heftchen. Dafür möchte ich Ihnen nun Dank sagen,« Er reichte dem Andern die Hand, Werner nahm und drückte sie. Die beiden Männer gingen zusammen weiter. »Ich weiß, Herr Hampe, in Ihrer Gegnerschaft ist kein persönlicher Haß gewesen«, sagte Werner. »Sie wissen auch, daß ich zu meinen Arbeitern gut bin; ich glaube nicht, daß viele unter ihnen sind, die einen persönlichen Haß gegen mich haben. Aber der Haß ist doch da. Er muß doch einen Grund haben. Ich suche den Grund. Wenn ich ihn fände, dann wären vielleicht viele Fragen gelöst.« Hampe sah ihn verwundert an. »Ja, Herr Kommerzienrat«, sagte er, »das ist eben der Klassenkampf.« Werner lächelte und brachte das Gespräch auf anderes. In der Schriftleitung des Volksblattes kam es zu immer heftigeren Auseinandersetzungen. Dr. Lewandowsky sagte: »Wir sind nun eben eine demokratische Partei; das heißt, was die Dummen beschließen, das müssen die Klugen ausführen. Wilhelm hat gesagt: ›Ich kenne keine Parteien mehr‹. Wenn der Krieg zu Ende ist, so kennt er sie wieder. Das Proletariat läßt sich zur Schlachtbank führen. Auf die weiße Weste der Bourgeoisie spritzt kein Tröpfchen Blut.« Hampe erwiderte: »Unsere Feinde wollen unsere Industrie vernichten. Dann ist das Proletariat arbeitslos. Wenn durch die Schuld der Sozialdemokratie der Krieg verloren geht, dann hat sie keinen Boden mehr im Volk.« »Na, in den andern Ländern sind doch auch Arbeiter? Glauben Sie, daß die so dumm sind, sich für ihre Bourgeoisie totschießen zu lassen?« sagte Lewandowsky. Hampe sprach: »Wenn bei uns das Unglück kommt, Sie können in ein anderes Land gehen. Wir müssen hier bleiben und müssen es ausbaden.« »Das ist also der internationale Standpunkt des klassenbewußten Proletariats!« schloß Lewandowsky. Lewandowsky hatte eine hohe Schulter, und sein linker Fuß war zu kurz; er konnte sich nur mühsam mit dem Stock fortbewegen. Seine Dienststunden waren zu Ende. Er machte sich straßenfertig und humpelte die Treppe hinunter. Er trat in ein Haus in einer der breiten Straßen des Bahnhofsviertels. Die Treppe zog sich durch die Stockwerke hoch; rechts, links und in der Mitte waren Türen zu den Wohnungen; an jeder Tür waren mehrere Namen, vier oder fünf der Mieter und Aftermieter. An einer Tür klingelte er; ein junges Mädchen öffnete und begrüßte ihn, er folgte ihr auf ihr Zimmer. Dort schleuderte er den Hut auf das Bett und warf sich auf einen Stuhl. »Der Chef hat geschlossen, aber er zahlt dem ganzen Personal die Gehälter weiter. Er denkt, daß der Krieg in drei Monaten zu Ende ist«, sagte das Mädchen. Lewandowsky lachte. »Die Deutschen sind doch das dümmste Volk der Welt. Da sind sogar die Juden dumm«, sagte er. Sein Körper schüttelte vor Husten, der durch das Lachen erregt wurde. Das Mädchen kam ihm besorgt zur Hilfe. »Na, da hast du also nichts zu tun. Kannst du den ganzen Tag auf der Straße liegen. Da wird ja wohl bald noch ein Liebhaber kommen, was?« fragte Lewandowsky. Die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen. »Wie kannst du nur so sprechen!« erwiderte sie ihm. »Ich habe doch ... das ist nicht recht, so etwas zu sagen ... ich bin dir doch nach hier gefolgt ... ich habe doch meine Eltern verlassen deinetwegen.« »Puh! Das hast du mir schon oft genug vorgehalten!« sagte er. »Habe ich dich vielleicht gezwungen? Du bist doch selber gekommen!« »Das weiß ich«, erwiderte sie. »Ich weiß auch, daß niemand für mich einsteht.« »Habe ich dir etwas versprochen? Ich habe dir gesagt, daß ich kein weibliches Gepäck schleppen kann. Hampe will jetzt wieder eine neue Maschine einstellen. Ich kriege meine zweihundertundfünfzig Mark jeden Ersten; und wenn ich dem Spießer nicht mehr passe, dann kündigt er mir.« »Ich möchte gern Privatarbeit übernehmen«, entgegnete ihm das Mädchen. »Der Chef will mir die Schreibmaschine ins Haus geben. Vielleicht kann ich da noch etwas nebenbei verdienen, mein Gehalt habe ich ja, dann kann ich dir etwas geben.« Lewandowsky fuhr sich mit dem Zeigefinger zwischen Hals und Kragen. »Hampe ist eingezogen, er muß in der Woche fort. Dann liegt alles auf mir allein. Da kann er etwas ausspucken.« »Dir verdanke ich ja doch alles, was ich geworden bin. Du hast mich aufgeweckt«, sagte sie zärtlich. »Nun habe ich ›Raskolnikow‹ auch ausgelesen. Die ganze Nacht durch habe ich gelesen, es hat mich nicht losgelassen.« »Ja, das ist die Frage«, sagte Lewandowsky wie zu sich selber. »Nur ist da noch so eine alte Ideologie bei Dostojewsky, so achtzehntes Jahrhundert. Er will immer die Menschen beglücken. Deshalb klappt er auch nachher zusammen. Deshalb kommt er nicht über das Gewissen fort. Das Gewissen ist ein Reflex, und es paßt sich sehr langsam den veränderten Verhältnissen an.« Von einer entfernteren Straße her hörte man Marschschritte und Gesang abziehender Krieger. »Da werden die Kälber vom Fleischer getrieben«, sagte er. »Ja, das ist die Sache. Ein freier Mensch muß man sein. Alle diese Leute sind ja doch nur Reflexbewegung. Was machst du, wenn Cohn und Companie nicht mehr zahlen? Eine andere Stelle wird sich nicht leicht finden. Das Büropersonal wird überall entlassen.« »Ich denke, wer arbeiten will und kann, der wird immer durchkommen«, erwiderte sie zaghaft. Er lachte höhnisch. »Das ist so ein Glaube, wie der an die Vorsehung. Gehöre ich vielleicht in die Bude bei Hampe? Dann kannst du auf die Straße gehen.« Ein dunkles Rot überflammte das Gesicht des Mädchens, nun rannen ihr zwei Tränen in die Mundwinkel hinab. »Wie kannst du nur so sprechen!« sagte sie. »Ich weiß, daß du ein edler Mensch bist, der sein Leben den Unterdrückten geweiht hat. Aber wie kannst du nur so sprechen.« »Ach, du meinst, weil du eine Baronesse bist und dein Vater Regierungsrat ist, deshalb ist so etwas nicht möglich?« fragte er sie. »Der erste Schritt ist schon getan. Der ist der schwerste. Der zweite ist schon leichter; und nachher, na! Ist schon manche Geheimratsgöre den Weg gegangen, auch manche Baronesse. Da kommt der Erste, die Miete muß bezahlt werden. Na, viel zu versetzen hast du nicht, du hast bloß eine Handtasche mit von Hause genommen, und Anschaffen war ja nicht. Das Kleid sieht schon schäbig genug aus. Was willst du dann machen? Wenn wir abends ausgegangen sind, dann habe ich ja immer das warme Abendbrot bezahlt. Wenn ich ein warmes Abendbrot bezahlen will, dann habe ich die Wahl!« Das Mädchen hatte den Kopf in die Arme auf die Tischplatte gelegt und weinte herzbrechend. »Das sage ich dir nur«, fuhr er fort. »Man muß das Leben ansehen, wie es ist.« Er erhob sich unbeholfen an seinem Stock und trat zu ihr, er legte die Hand auf ihre Schulter. »Nun heule nur nicht. Du heulst immer gleich los! Was hat denn das für einen Sinn! Du bist auf mich angewiesen. Wenn ich meine Hand wegziehe – Nichts! ... Na, nun ist Schluß! Ich kann das Heulen nicht ausstehen. Du wirst auch nicht schöner davon. Ich will meine Ruhe haben, wenn ich bei dir bin, Ärger habe ich schon so genug.« Das Mädchen schluckte und zwang sich. Sie richtete sich hoch und trocknete sich die Tränen. »Ich weiß ja, jedes Glück muß bezahlt werden«, sagte sie. »Es ist auch nur, weil ich dachte, du liebst mich nicht mehr. Und ich habe doch alles zu Hause gelassen, was ich hatte, ich gräme mich schon selber über mein Kleid, ich zerbreche mir den Kopf, wie ich mir ein neues Kleid kaufen kann, für den Sonntag muß ich doch etwas haben, und wenn ich mit dir ausgehe, daß du dich mit mir nicht zu schämen brauchst. Manchmal denke ich an zu Haus, ich hatte schöne Kleider. Ich hatte auch schönen Schmuck, der stammte noch von meiner Urgroßmutter, deshalb wollte ich ihn nicht mitnehmen, ich dachte, den sollte nun meine Schwester haben, denn für meine Angehörigen bin ich ja doch nun tot.« »Siehst du«, sagte er, »als ich dich das erste Mal sah, es war in einem Laden, wo ich mir Strümpfe kaufte, da sagte die Verkäuferin: ›Das ist Edith von Eyb, ich bin mit ihr zusammen konfirmiert, die ist das stolzeste Mädchen in der ganzen Stadt, die Regierungsassessoren sind alle um sie herum, ihre Eltern sind auch reich, aber die will einen Grafen heiraten mit einem Schloß‹. Siehst du, ich bin ein armer polnischer Jude, mein Vater hat mit alten Hosen gehandelt, wenn er zu deinem Vater gekommen wäre, der hätte ihn hinausgeworfen, einen Buckel habe ich und ich hinke, aber ich habe dich doch herumgekriegt. Man muß eine Arie singen, dann hat man die Weiber an den Fingern, soviel man will.« Sie hängte sich an seinen Hals und rief: »Wenn du so sprichst, ich kann es nicht hören, ich kann es nicht hören, dann ist es, als ob du ein schlechter Mensch wärest. Ich weiß ja doch, du bist der edelste Mensch, den ich getroffen habe. Was mache ich mir aus Grafen und Schlössern, die dumme Verkäuferin, ich habe immer nur gewartet, daß ein Mann kommen sollte, den ich lieben kann. Ich zermartere mir ja den Kopf, wie ich mehr verdienen könnte, Klavierstunden geben vielleicht, daß du nicht die ekelhafte Zeitungsarbeit tun müßtest, daß du frei wärst und deinen Geist ganz entwickeln könntest!« »Ich wollte am nächsten Sonntag mit dir einen Ausflug machen. Ich hatte es mir auf dem Fahrplan ausgerechnet, es ginge gerade in einem Tag«, sagte Lewandowsky. »Zwei Stunden Bahnfahrt, dann noch eine halbe Stunde Wagen. Ich wollte mit dir auf die Eybenburg, wo deine Vorfahren gewohnt haben. Aber das geht nun nicht, da sind die Truppentransporte.« Edith klatschte in die Hände. »Ach, wie ich mich darauf freue! Nicht wahr, in vierzehn Tagen sind die Bahnen wieder frei? Mein Vater hat von der Burg erzählt. Sein Großvater hat sie verkaufen müssen, solange ist sie in der Familie gewesen. Er ist als kleines Kind einmal dort gewesen.« Lewandowsky verabschiedete sich und ging. Auf der Treppe begegnete er der Stubenwirtin Ediths. Er grüßte sie, und sie redete ihn an: »Sie sind bei Ihrer Braut gewesen? So ein gutes Fräulein! Zu gut ist sie! Über die Monatsrechnung nie ein Wort! Und so höflich immer: ›Bitte, Frau Schiwecke, danke, Frau Schiwecke, ach, entschuldigen Sie nur, Frau Schiwecke‹. Da sieht man doch gleich, was eigentlich vornehme Leute sind. Und Herrenbesuche? Außer Ihnen keinen, keinen einzigen, keiner kommt über die Schwelle! Natürlich, ich bin eine anständige Frau, so etwas dulde ich auch nicht. Ich habe nur anständige Mieter. Aber schließlich, überall passiert einmal etwas. Nein, ich sage immer, es gibt noch anständige Mädchen auf der Welt, man muß nur suchen, es gibt sie noch.« Sie redete weiter, Lewandowsky unterbrach sie und ging die Treppe weiter hinunter. Die Frau sah ihm nach und murmelte: »Der krumme Jude, was der sich eigentlich denkt! Na, mit so was sich abgeben! Da wäre ich mir denn doch zu gut.« Sie stieg die Treppe hoch bis zu ihrer Gangtür, öffnete sie mit dem Drücker und trat ein. Dann stellte sie ihren Marktkorb ab und klopfte an der Tür ihrer Mieterin. Edith saß mit einer Häkelarbeit am Fenster. Sie hatte verweinte Augen. Frau Schiwecke stemmte die Hände in die Hüften und begann ein Gespräch. Sie sprach von den ausziehenden Kriegern. Ja, und die Frauen bekommen sehr hohe Unterstützungen. Sie selber natürlich hatte wieder einmal nichts, denn ihr Mann war tot. Aber eine Kriegersfrau hatte sich zwei Zimmerpalmen gekauft, auf Abzahlung. Das ging alles von den Obern aus, die sagten sich: Wenn wir Krieg machen wollen, dann muß Ruhe unter den Arbeitern sein. Und das Wetter war so schön, immer in der Stube sitzen, das war nichts für einen jungen Menschen. An die Luft mußte das Fräulein gehen. Ja, das sah sie wohl, daß das Fräulein geweint hatte. Gott ja, wenn man so jung ist! Sie wollte aushorchen, Edith wich ungeschickt aus. Schließlich konnte sie nicht mehr, die Tränen stürzten ihr wieder heftig aus den Augen, sie bat Frau Schiwecke flehentlich, sie allein zu lassen, sie habe Kopfschmerzen. Die Frau ging und zog kopfschüttelnd hinter sich die Tür zu. »Das hat nicht lange mehr Bestand«, sagte sie zu sich. »Der Schiwecken soll einer was weis machen. Das Mädchen ist es besser gewohnt. Wer weiß, wie das alles zusammenhängt. Die kann den feinsten Kavalier haben, wenn sie will, und der sie nicht so abgerissen herumlaufen läßt. Das Mädchen hat ja keine ganzen Schuhe.« Der Kommerzienrat Werner war schon zu seinem Truppenteil gestoßen. Die laufenden Arbeiten wurden von den Leuten erledigt, wie immer; besondere Angelegenheiten mußten ihm berichtet werden. Sein Sohn Hans ging öfters auf das Büro, fragte nach allem und suchte ein Bild des ganzen Betriebes zu gewinnen. In der Druckerei schaltete der alte Reichardt, dem Werner völlig vertraute. Hans hatte nun öfter Zusammenkünfte mit Anna. In wenigen Wochen sollte er die Prüfung überstanden haben, dann mußte er auch ins Feld. Er hatte das Mädchen auf dem Weg angesprochen und hatte ihr gesagt: »Nun ist alles anders. Wenn ich erst draußen bin, dann weiß ich nicht, was mit mir geschehen kann. Wir sind noch zu jung, um mit unseren Eltern zu sprechen; aber wir denken doch nun, daß wir einmal Mann und Frau sein werden.« Anna war tief errötet und hatte genickt; sie nahm den einen Zopf in den Mund. An jedem Tag trafen sie sich zu einer bestimmten Stunde. Dann gingen sie zusammen in den Anlagen, die fast menschenleer waren. Anna sagte: »Es ist mir gleichgültig, wenn die Menschen reden. Ich gehöre nun zu dir. Mein Vater ist auch im Feld, und wenn die Mutter etwas sagt, dann erkläre ich es ihr schon. Wenn du zurückkommst, dann heiraten wir, und wenn nicht ... nun, dann bleibe ich eben so und denke an dich.« Hans sagte: »Wie der Krieg auch ausgehen wird, er muß zur Vernichtung der gegenwärtigen Welt führen. Sie ist reif für die Vernichtung. Und wir wollen uns sagen, daß auf uns die Pflicht ruht, daß wir mithelfen, wieder neu aufzubauen. Was mein Vater gearbeitet hat, das ist gut, und ich will nach meinen Kräften ihm bei seiner Arbeit helfen, wenn der Krieg zu Ende ist. Aber das ist nicht alles. Ich bin auch da als ein Mensch, und du bist da als ein Mensch. Und wenn wir Kinder haben, so müssen die höher kommen wie wir. Daran müssen wir denken. Ein großer Teil meiner Klasse ist liederlich, und ich sehe ja doch auch, wie im Volk die Liederlichkeit um sich greift. Was werden diese Männer für Väter werden? Dich Hab ich lieb, und du gehörst zu mir, und du wirst die Mutter meiner Kinder sein. Ich möchte viele Kinder haben und will sie gut erziehen.« Anna erwiderte ihm: »Ich habe immer Sorge, weil mein Vater doch nun zu der Partei gehört. Weißt du, die Mädchen in der Schule schneiden mich alle, die wollen nichts mit mir zu tun haben. Aber ich weiß doch, wie es bei ihnen zu Hause ist. Wenn meine Eltern Schulden machten und über ihre Verhältnisse lebten, dann könnte ich sie doch nicht achten. Ein Kind soll ja nicht über seine Eltern richten, aber das sieht man eben. Nun bin ich jetzt aus der Schule, da hat meine Mutter gesagt, ich lerne das Kochen, aber das lerne ich bei ihr selber im Haus, denn aus dem Haus geben mich meine Eltern nicht; sie sagen, sie wissen nicht, wohin sie mich da geben; und das ist auch richtig. Weißt du, mein Vater hat viele Sorgen, denn er hat doch gar kein Vermögen, aber das kann ich dir sagen, er denkt nicht an sich, und es braucht sich keine Familie zu schämen, in die ich hineinkomme, denn die Ehre ist doch schließlich die Hauptsache.« »Mein Vater wird keine Schwierigkeiten machen, wenn er dich erst kennen lernt«, erwiderte Hans. »Sein Vater war ein armer Buchdrucker, und das Geschäft ist ganz langsam so groß geworden. Er weiß auch, daß die neuen Zeiten andere Ansichten erfordern, ich habe mit ihm darüber gesprochen und ihm das klargemacht. Er sieht alles ein, was man ihm sagt. Nur die Tante wird dagegen sein, die hat aber nichts zu sagen.« Die beiden trennten sich. Sie gaben sich die Hand zum Abschied. Hans sagte: »Ich habe dich noch nie geküßt, denn ich mag das Herumlecken nicht leiden.« Das Mädchen wurde rot, riß ihre Hand los und lief fort. Frau Hampe hatte früher ihre Wirtschaft mit einem Dienstmädchen besorgt. Das war nun entlassen, da Anna in dem Alter war, daß sie der Mutter helfen konnte. So waren die beiden Frauen allein in der Wohnung. »Wir sind Handwerker, wenn dein Vater auch Abgeordneter ist«, sagte die Mutter. »Jeder nach seinem Stand. Du hast nun genug in der Schule gelernt, mehr wie ich, denn ich habe nur die Volksschule besucht, nun geht das Leben an.« Wenn die Hausarbeit am Vormittag gemacht war, dann saßen am Nachmittag die beiden in der Wohnstube und nähten. Sie saßen sich an den Fenstern gegenüber. Dann erzählte die Mutter, was sie von ihrer Mutter und Großmutter gehört hatte. Sie sagte: »Ja, der Vater ist nun draußen, und die andern Männer auch. Die Franzosen kommen nicht herein. Meine Großmutter hat das noch mit erlebt. Da haben sie ihren Eltern alles fortgenommen, die Schubladen standen aufgerissen, kein Stück Leinenzeug war geblieben, nicht einmal ein Hemd hatten sie noch. Und die jungen Männer mußten Soldaten werden für die Franzosen und wurden fortgeschleppt in ferne Länder, nach Spanien und Rußland, und wer nicht sofort gehorchte, der wurde totgeschossen. Dann kam aber die Freiheit, da war vor der Stadt ein hoher Berg, auf dem stand ein Kreuz, und meine Großmutter war damals acht Jahre alt, aber das wußte sie noch genau als alte Frau. Da kamen vier Gemeinden von den vier Himmelsrichtungen, alle Leute, auch die kleinsten Kinder, und die noch nicht gehen konnten, die wurden getragen, das waren vier Züge, die zogen auf den Berg, und oben standen die Geistlichen und predigten, und dann wurde gesungen: ›Ein feste Burg ist unser Gott‹.« Anna hörte still zu und bückte sich auf ihre Arbeit. Sie nähte Hemden für sich, die sie einmal als Aussteuer mitbekommen sollte, wenn sie heiratete. Die Mutter hatte den Stoff gekauft. »Man weiß nicht, wie es kommt«, hatte sie gesagt, »jetzt haben wir das Geld im Schrank liegen, und Hemden müssen sein.« Anna fragte die Mutter: »Mutter, kommt es oft vor, daß Liebesheiraten gemacht werden?« Die Mutter sah erstaunt auf und sagte: »Wie meinst du denn das? Wenn zwei sich heiraten, dann ist es doch so, daß sie sich gern haben.« »Nein, ich meine so«, sagte Anna, »daß einer vielleicht ein reicher Mann ist und nimmt ein armes Mädchen, oder das Mädchen ist nicht von seinem Stand.« Die Mutter schüttelte den Kopf. »Das sind so Mädchengedanken«, sagte sie. »Das ist meistens kein Glück, wenn ein Mädchen über seinen Stand heiratet. Die Liebe verfliegt, und dann ist das andere da. Die Ehe will wohl bedacht werden, daß alles zusammen paßt. Und das ist auch oft so, daß ein junger Mann hinter dem Mädchen her ist, die nicht von seinem Stand ist, aber ans Heiraten denkt er nicht. Da ist schon manches Mädchen unglücklich geworden.« Anna wurde rot und beugte sich über ihre Arbeit. Sie preßte ihre Lippen zusammen. »Du brauchst noch lange nicht ans Heiraten zu denken«, schloß die Mutter. »Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, als wir getraut wurden. Acht Jahre waren wir verlobt; aber dein Vater wollte erst etwas vor sich bringen, er sagte: das paßt mir nicht, ich habe nichts, und du hast nichts, da kommt Hunger und Kummer zusammen.« Überall war nun in diesen Wochen und Monaten Abschied und Trennung. Auch der Zimmergeselle, von dem wir am Anfang gehört haben, hatte seinen Gestellungsbefehl bekommen. Es war an einem Sonntagmittag. Er ging noch einmal auf den Reißboden, um sein Werkzeug zu holen und zusammenzupacken; da ist er allein, denn die andern haben unten auf dem Platz zu schaffen. Mit einem Mal ist das Mädchen hinter ihm und weint herzbrechend, er dreht sich um, drückt sie und küßt sie und sagt: »Weine nicht, ich komme schon wieder, und der Alte wird schon vernünftig werden«, sie aber hängt sich an ihn und ruft: »Ich gehe als Marketenderin mit.« Da plötzlich kommt der Meister an, er ist hinter einem Bretterstoß gewesen und hat alles gehört. Er faßt die Axt des Burschen, die da liegt und rennt auf ihn zu. Aber das Mädchen, schnell losgemacht, auf den Vater los, steht zwischen beiden und hält die Hände hoch. Da läßt der Vater die Axt fallen und geht mit den Fäusten aus Müller zu; die beiden fassen sich und ringen, und der Bursche wirft den Alten auf einen Haufen Hobelspäne. Nun will er schnell die Bodentreppe hinunter, da steht der Polier, der den Kampf gehört hat, und will ihn aufhalten. Aber Müller kommt mit Wucht von oben, der Polier stürzt auf den Rücken und schlägt die Treppe nieder, er springt über ihn weg; das Mädchen händeringend oben an der Treppe, da ruft er lachend: »Nun leb wohl und bleib mir treu, beim ersten Urlaub komme ich, hebe mir mein Handwerkszeug auf«; fort ist er aus dem Hoftor, zu seiner Schlafstelle; da packt er sein Bündel und geht zur Kaserne. Und nun kam auch an Hans die Reihe. Er war unter einer Truppe, die in der Kaserne eingekleidet war, die erst zur Ausbildung geschickt werden sollte: lauter ganz junge Leute, viele Gymnasiasten, fast Knaben noch, welche die Notprüfung gemacht hatten. Es hingen Fahnen aus den Fenstern, eine Siegesnachricht war gekommen. Vom blauen Himmel strahlte glänzend die Sonne, frohes Leben war in den Straßen, die jungen Leute marschierten singend und lachend. Auf dem Trottweg nebenan gingen Väter, Mütter, Geschwister; den Alten war das Herz schwer, aber sie zwangen sich zur Ruhe. Gruß und Zuruf hier und da aus dem Zug, Nicken, Tücherschwenken, Händewinken und Ruf zurück. Anna hatte zur Mutter gesagt: »Ich gehe heute zum Bahnhof, um den Abschied zu sehen.« Die Mutter war eigentlich nicht recht einverstanden, sie sagte, daß junge Mädchen bei dergleichen nichts zu tun haben; schließlich gab sie nach; aber sie kleidete sich um und ging mit. Nun standen die beiden in der Bahnhofshalle, als der Zug der jungen Leute hereinkam, erhitzt, lachend, lärmend und fröhlich. Das Mädchen sah ein ernstes Gesicht, es war Hans. Da konnte sie sich nicht mehr halten, sie riß sich von der Mutter los, und Hans stürzte sich ihr entgegen, sie lagen sich in den Armen, weinten und lachten, und Hans küßte sie auf Mund, Wangen und Stirn. Die Mutter eilte hinzu und faßte ihr Kind am Ärmel, sie rief: »Was ist denn das, was ist denn das?« Ein Unteroffizier stand da, der sagte gutmütig: »Laß nur, Mutter, die nehmen Abschied, die verstehen sich, da fragen sie dich nicht.« Einige Leute lachten. Anna war flammend rot und löste sich, Hans stand verlegen. »Wer ist denn das?« fragte die Mutter. »Hans Werner heiße ich«, stellte sich Hans vor. »Wir wollten noch keinem etwas sagen, aber nun ist es doch so gekommen. Wir haben uns verlobt.« Die Mutter schlug die Hände zusammen und rief: »Aber Anna!« und Anna standen die Tränen in den Augen. Nun hatten sich die andern schon durch die Tür gedrängt auf den Bahnsteig; da stand der Zug, sie stiegen ein, die Abteile füllten sich, aus den Fenstern sahen die jungen Leute, sprachen und riefen zu ihren Anverwandten. »Ich muß fort«, sagte gepreßt Hans, noch einmal umarmte er Anna und küßte sie auf die Stirn, dann riß er sich los, eilte durch die Tür, lief am Zug entlang und stieg in ein Abteil. »Komm, Kind, nach Hause, komm«, mahnte die Mutter und zog Anna am Ärmel. »Nein, Mutter, laß mich hier, bis er abfährt«, sagte sie, sie weinte in ihr Taschentuch. Die Mutter konnte sie nicht halten, sie lief auf den Bahnsteig und winkte mit dem Tuch, die Mutter war ängstlich und ratlos hinter ihr her, die Bänder ihres Hutes hatten sich gelöst und flatterten, ihr Gesicht war rot vor Aufregung. Ein Pfiff. »Alles einsteigen«, rief der Schaffner, die Türen wurden zugeschlagen. Junge Mädchen liefen noch mit Brettern, auf denen Kaffee stand und Brote lagen. Anverwandte drängten sich an den Zug, Hände wurden geschüttelt. Anna reichte ihre Hand zu Hans, er ergriff sie; sie wischte sich mit dem Taschentuch die Augen, ihm rollten die Tränen. »Gib ihm die Hand, Mutter, gib ihm die Hand zum Abschied«, rief sie aufgeregt. Die Mutter wußte nicht recht, wie es kam; plötzlich fühlte sie, daß Hans ihre Hand hielt und fest drückte. »Achtung«, rief der Schaffner, ein neuer Pfiff, der Schaffner schwang sich auf das Trittbrett, und der Zug zog an. Die Leute wichen zurück, der Zug begann zu rollen. Köpfe über Köpfe aus den Fenstern, Taschentücher, Rufe, Tränen. Plötzlich aus dem Zug das Lied: »Deutschland, Deutschland, über alles.« Es verklang im Fortrollen des Zuges, die Rauchwolke legte sich über ihn. Anna war in die Knie gesunken und weinte. Die Mutter stand vor ihr und fragte, sprach, klagte, rang die Hände. Die Menschen verliefen sich; einer, ein andrer blickte scheu auf die Gruppe der beiden und wendete dann den Blick unbeteiligt ab, als habe er nichts gesehen. Schon war der Bahnsteig leer, nur ein Beamter ging noch und trat dann in eine Tür. Nun erhob sich Anna. Mit beiden Händen nahm sie den Arm der Mutter, die beiden gingen. »Was machst du nur mit mir, Kind, was machst du nur mit mir!« seufzte die Mutter. »Davon habe ich ja nichts gewußt!« Ein Lächeln überhuschte das verweinte Gesicht Annas. »Was wird denn der Vater sagen«, fuhr sie klagend fort. Da warf sich Anna im Gehen an die Brust der Mutter. Die beiden standen in der Bahnhofshalle, und das blühende, gesunde junge Mädchen küßte die verstörte, alternde Frau zärtlich auf den Mund. Zweites Hauptstück Ein großer Teil unserer Freunde steht nun draußen im Feld. Der Kommerzienrat Werner ist Hauptmann. Er hat Hampe als Unteroffizier in seiner Kompanie, und Müller, der als Gemeiner dient, ist ihm als Bursche zugeteilt. Die Kompanie liegt augenblicklich in einem französischen Dorf hinter der Front; sie ist für einige Zeit aus dem Schützengraben zurückgenommen, um sich zu erholen. Müller kommt eben nach Hause mit dem Essen. Da laufen ihm die Kinder des Quartierwirts entgegen und betteln. Er wird grob und sagt: »Weshalb macht ihr Krieg, wir haben ihn nicht gewollt, ich kann nichts abgeben, erst muß ich an meinen Hauptmann denken, es langt für uns selber nicht.« Aber da sieht er das Kleinste, wie dem die Tränen die schmutzigen Backen herablaufen. Brummend sagt er: »Na, du bist ja nicht schuld an dem Krieg«, setzt sich auf einen Grenzstein, nimmt das Kind auf das Knie und löffelt ihm Suppe ein. Das Kind klatscht in die Hände und lacht, zu beiden Seiten des Mundes rinnt ihm die Suppe. Die andern stehen hungrig herum und schauen zu. Dann setzt er das Kind nieder, steht auf und sagt: »Euch andern kann ich nichts geben, es drückt uns ja das Herz ab, aber es geht nicht.« Das gesättigte Kind hüpft und läuft, die andern gehen hungrig, mit traurigen Blicken, davon. Werner hatte aus dem Fenster den Vorgang gesehen. Der Bursche richtete ihm das Essen auf dem Tisch, er setzte sich. Ein klein wenig Fleisch, einige zerschnittene Kartoffelstücke und viel Brühe. Langsam, nachdenklich nahm er Messer und Gabel und zerschnitt das Fleisch. »Das Fleischstück kommt mir zu groß vor«, sagte er. »Ich will nicht mehr haben, als mir zukommt. Hat die Mannschaft ebensoviel?« Müller nahm eine dienstliche Haltung an. »Zu Befehl, Herr Hauptmann. Es ist heute zwanzig Gramm mehr Fleisch auf den Mann verteilt.« Werner löffelte und kaute. Er ließ Kartoffeln, Fleisch und Brühe übrig. »Ich bin gesättigt«, sagte er. »Den Rest können Sie den Kindern geben.« Als Müller allein war, sah er sich den noch halbgefüllten Teller an. Er ergriff schnell den Löffel, nahm zu sich, dann zuckte er zusammen, legte den Löffel zur Seite und rief die Kinder. Draußen ging Werner im Sonnenschein auf und ab. Müller ging an den Schrank und schnitt sich ein Stück Brot ab; er nahm ein Töpfchen vor und bestrich das Brot mit Marmelade; dann ging er zur Hintertür; da saßen zwei Krieger auf der Schwelle und kauten behaglich. Er setzte sich zu ihnen. Die beiden erzählten sich Geschichten. Der eine begann: »Der Hindenburg hat einmal an der Himmelstür angeklopft, und wie ihm der Petrus aufmachte, da sagte er: ›Ich bin der Hindenburg, so und so, ich will einmal nachsehen, wie die Verpflegung hier oben ist, denn den Etappenschweinen traue ich nicht, die fressen alles selber. Habt ihr denn hier auch bloß Heldenfett?‹ – ›Nee‹, sagt Petrus, ›prima ostfriesische Rahmbutter‹, und zeigt ihm einen großen Butterkeller, da liegen die Butterfässer nur so auf Eis. ›Na gut‹ sagt Hindenburg, ›ich werde mich bei den Mannschaften selber erkundigen.‹ Da ist denn schon auch eine Kaserne, auf dem Hof steht ein Unteroffizier und kommandiert, und das geht alles wie geschmiert, nicht ein einziges Mal hat er geschimpft. Der Hindenburg steht dabei, und das Herz lacht ihm im Leibe, wie er das sieht. Na, also nun ›Stillgestanden‹. Er will die Reihe abgehen, da kommt ein Mann auf den Hof, der rollt ein Faß mit Offensivcreme. Kreuzdonnerwetter! Hat da der Hindenburg geschimpft, gleich hat er dem Faß einen Tritt gegeben, daß es den Himmel heruntergekugelt ist und sich aufgeschlagen hat. Wißt ihr, das ist vor vier Wochen gewesen, wo das Sauwetter gewesen ist, da hat's Dreck geregnet vom Himmel acht Tage lang. Das ist das Faß gewesen. Also nun greift er in die Brusttasche, da zieht er seine Zigarren heraus, das waren Feldmarschallzigarren, reicht jedem Mann, aber die Zigarren werden nicht weniger, weil das nun im Himmel ist. Der Unteroffizier kriegt auch eine. Dann steckt er sich selber eine ins Gesicht und sagt: ›Nun wollen wir einmal gemütlich sein, hier oben sind wir ja alle gleich.‹ – ›Zu Befehl, Herr Feldmarschall‹, sagen die Leute. Nun fragt er: ›Ihr seid ja nur eine Kompanie, wo sind denn die andern?‹ Da tritt der Unteroffizier vor und sagt: ›Melde gehorsamst, die sind in der Hölle.‹ – ›So, nachher muß ich auch in der Hölle revidieren‹, sagt der Hindenburg. ›Kreuzdonnerwetter! Das kommt von dem verdammten Fluchen! Könnt ihr Kerls denn nicht anständig sprechen, wie es sich gehört!‹ Da kommt der Petrus und hat den Himmelsschimmel am Zaum, und den hat er mit Kienruß anstreichen lassen, und nun setzt sich der Hindenburg auf und fort zur Hölle. Und wie er vor das Höllentor kommt, da steht eine Wache, die ruft ›Raus‹, da kommen sie alle raus, und da präsentieren die Teufel mit den Schwänzen. Der Hindenburg grüßt und sagt: ›Revision‹ und ist auf seinem Schimmel hineingeritten, und hat nicht mit der Wimper gezuckt, aber der Petrus hat Angst gehabt und ist draußen geblieben. Na, also in der Hölle ist es lustig hergegangen, und die Soldaten müssen ihm ihre Butterbüchsen zeigen, er hat selber gekostet, und dann ist er zur Feldküche geritten und hat sich einen Teller geben lassen, und die Stiefel hat er sich angesehen, ob sie ganz sind. Und wie er da noch so durch die Reihen reitet, stehen da auf einmal hundert große Kisten aus Eisen. ›Was ist denn das?‹ fragt er den Teufel, der ihn begleitet. ›Das ist die neue Kriegsanleihe‹, sagt der. ›Was, ist die auch schon wieder beim Teufel?‹ ruft der Hindenburg aus, gibt seinem Schimmel die Sporen, und heidi! ist er wieder aus der Hölle heraus.« Die beiden andern Männer lachten. Sie waren mit ihrem Essen fertig, nun zog jeder seine Pfeife vor, stopfte sie und zündete an. »So einen Tabak hält der Franzose nicht aus. Meiner ist auf einer Buche gewachsen«, sagt Müller. »Wenn es wieder zum Angriff geht, dann soll die Mannschaft ihre Pfeifen anstecken, da fällt der Feind gleich auf den Rücken und ist weg.« »Jetzt wollte ich doch, ich hätte drei Wochen Urlaub«, sagte der dritte der Männer und seufzte tief auf. »Es geht alles zurück in der Wirtschaft, man möchte doch einmal wieder bei der Frau sein und die Kinder sehen.« Die beiden andern schwiegen nachdenklich und zogen an ihren Pfeifen. »Ja, ich sähe auch einmal gern wieder das kleine Zimmermännlein«, sagte Müller. »Das ist ein kluger Junge. Kaum war er auf der Welt, da sagte er zum Schwiegervater: ›So, nun mach schnell, daß die Eltern Hochzeit machen können‹; und wenn das nicht gewesen wäre, der Alte hätte immer noch nicht nachgegeben.« Der Hauptmann Werner ging unterdessen auf der Dorfstraße auf und ab. Er war ein schlanker Mann, rasiert, mit ergrautem Haar, mit scharfen Zügen und blauen Augen. Kinder liefen und spielten. Gelegentlich ging einmal ein Soldat in bequemem Schlendergang, eine alte Frau saß in ihrer Haustür und strickte. Von weitem das dumpfe Grollen und Donnern der Schlacht. Da nahte sich von weitem Marschtritt. Werner spähte aus. Eine größere Abteilung zog an, es mochte wohl ein Bataillon sein. Der Zug kam näher. Werner trat zur Seite, Begrüßung und Nicken. Da traf er den Blick eines blutjungen Leutnants; zwei Rufe: »Vater« »Hans«; der Leutnant kam herausgelaufen, lag Werner an der Brust. Die beiden eilten zu dem voraufmarschierenden Hauptmann und baten um Erlaubnis für eine halbe Stunde, es wurde Gewährung genickt. Nun nahm der Vater den Sohn in die Stube. Er stellte ihn vor sich und sah ihn an. Der Junge blickte ihm mit strahlenden Augen ins Gesicht. »Du bist gut geblieben. Bleibe gut«, sagte er. Dann setzten sich die beiden. »Ich wollte dir soeben schreiben«, sagte der Vater. »Aber nun ist es gut, daß wir uns sprechen. Ich habe die Ahnung, daß es das letzte Mal ist. Da habe ich dir noch Wichtiges zu sagen.« Der Junge wollte ihn unterbrechen, der Vater wehrte ab: »Laß nur. Es hält mich nichts. Du bleibst zurück. Ich hätte dich gern noch ein paar Jahre geleitet; aber das geht nun nicht, du wirst auch so durchkommen. Ich sterbe gern.« Er fuhr fort: »Die Schwägerin hat mir geschrieben von Hampes Tochter. Ich habe bis jetzt nicht darüber gesprochen mit dir. Ich traue dir, daß du nicht unehrlich bist gegen das Mädchen. Und ich traue dir auch, daß sie eine Frau sein wird, die dir und mir einmal keine Schande macht.« »Ich danke dir, Vater«, sagte der junge Mann. »Es kann niemand in die Zukunft sehen«, fuhr der Vater fort. »Es sind natürlich Bedenken: die kleinen Verhältnisse, aus denen das Mädchen kommt. Die Menschen sind ja nun einmal in der Regel zu ihren Verhältnissen passend. Aber sie kann sich eingewöhnen. Und es ist nicht gesagt, daß ein Mädchen aus unsern Ständen eine passendere Frau für dich sein wird. Ihr Vater ist beschränkt, er hat so diese sozialdemokratischen Anschauungen und läßt sich durch das Geschwätz seiner Partei bestimmen, aber er ist ein Ehrenmann. Ich denke, er wird auch eine ordentliche Frau haben. Schließlich, ihr habt euch ineinander verliebt. Das ist ja nicht so viel, als ihr euch denkt; aber es trägt doch; und wenn das Mädchen wirklich lieben kann, dann wird alles gut werden. Du erbst nun meinen Besitz. Wisse, daß er ein Pfund ist, das dir Gott gegeben hat, um mit ihm zu wuchern. Er ist nicht dein Eigentum, er ist dein Amt. Mein lieber Sohn, ich habe nicht an Gott geglaubt. Ich habe gedacht, ich halte mich an meine Pflicht, und das genügt. Wie ich gekonnt habe, habe ich meine Pflicht erfüllt. Ich sterbe ruhig. Aber ich weiß, daß mir etwas fehlt, daß ich an Gott glauben müßte. Das kann ich nicht, trotzdem mir klar geworden ist, daß die Menschen nicht leben können, wenn sie nicht an Gott glauben. Hier im Feld ist mir das klar geworden. Unser Volk kämpft gegen die zehnfache Übermacht. Wenn es an Gott glaubte, so könnte es nicht besiegt werden. Aber es glaubt nicht an Gott. Du wirst nun ein schweres Leben haben. Siehst du, du mußt auch die Feinde verstehen. Wenn man den Tod vor Augen hat, dann wird man gerecht. Wir Deutschen haben nun so ein Land, daß wir notwendig die Herren von Europa werden müssen, wenn wir stark sind. Unsere Politik in den letzten Jahrzehnten war töricht; wir hätten uns das sagen müssen und hätten uns auf die Herrschaft vorbereiten müssen. Das haben wir nicht getan, wir haben gedankenlos in den Tag hineingelebt. Und die andern konnten sich ja gar nicht denken, daß wir so töricht waren, sie mußten ja annehmen, daß wir die Herrschaft über Europa haben wollen, deshalb haben sie sich alle gegen uns verbündet und werden uns nun besiegen, und dann werden sie uns so zerstören, daß wir jahrhundertelang elend sind. Dieses Elend können wir uns jetzt noch nicht vorstellen. Aber denke, daß sie unsere Industrie vernichten werden, durch welche wir unser Volk erhalten haben, und dann werden die Menschen nicht mehr leben können, die geboren sind, seitdem sie sich entwickelt hat. Wenn du Zahlen willst, dann ist das fast ein Drittel unserer Bevölkerung. Dem armen Volk wird das ja nicht klar; aber es wird das Elend fühlen, und uns wird es verantwortlich machen. Du kennst ja einige von der sozialdemokratischen Bewegung: die Führer sind brave kleinbürgerliche Leute wie Hampe, unwissende Schwätzer, gelegentlich, wenn auch nur ausnahmsweise, Schurken, natürlich dumme, wie etwa der Schriftleiter des Volksblatts zu Hause; sie werden, wenn sie zur Herrschaft kommen, das Unglück nur größer machen; und die Geführten – nun, das ist dieses anständige, ehrliche, treuherzige Volk, das hier in den Schützengräben sein Leben für seine Pflicht läßt. Ich sehe nirgends in unserm Volk Männer, welche den schweren Aufgaben der Zukunft gewachsen sein werden – solche Aufgaben sind wohl auch noch nie in einem Volk gestellt. Denke immer, mein Sohn, daß du deinem Volk helfen mußt, wie du kannst. Es ist die Gefahr, daß es ganz vernichtet wird. Das deutsche Volk ist aber das beste von der Welt, es ist das Salz der Erde. Wenn die Deutschen tot sind, dann muß die Welt untergehen. Wenn ich an Gott glaubte, so würde ich wissen: Gott hat seinen Plan. Ich brauche mich nicht um die Menschen zu sorgen. Das Unglück wird kommen, und aus ihm wird sich dann eine neue Menschheit entwickeln. Denn auch das deutsche Volk hat seine Pflicht nicht getan in den Zeiten, welche dem Krieg vorhergingen. Das weiß ich nun nicht, daß Gott seinen Plan hat, ich weiß nur, daß du deine Pflicht tun mußt. Aber nun will ich dir etwas sagen. Ich glaube nicht an Gott und weiß doch, daß nur durch Gott die Menschen leben und die Welt ist. Mein lieber Sohn, ich glaube nicht an Gott, und hier falte ich meine Hände und bete zu Gott, zu dem Weisen und Guten: daß er dich schütze auf deinem Lebensweg und dir helfe; daß er dir helfe, das zu tun, was du tun mußt.« Dem jungen Menschen schossen die Tränen aus den Augen, er kniete vor seinem Vater nieder, der legte die Hand segnend auf sein Haupt. Er sagte: »Du hast mir immer Freude gemacht, mein lieber Sohn.« Die beiden standen in einer niedrigen Bauernstube. Es war nur ein Fenster, das ging auf eine staubige Straße. Ein paar elende Schemel waren da, ein Tisch, auf dem Papiere lagen. Hans sprang auf und umarmte schluchzend seinen Vater. Die halbe Stunde war um. Der Leutnant zog seinen Rock zurecht und ging; der Vater begleitete ihn eine Strecke, dann blieb er zurück und sah dem Davoneilenden nach, indem er die Hand über die Augen legte. Nun war es Zeit, daß die Truppe wieder in Kampfstellung rückte. Alle machten sich bereit; die alten, bekannten Orte im Graben wurden wieder bezogen. Da war eine hügelige Ebene, grau, das dürftige Pflanzenwerk mit weißlichem Staub bedeckt. Die Unterstände waren tief in den kreidigen Boden hineingearbeitet. Zwischen den beiden Linien war seit langem gekämpft, den Leuten verschwand in der Erinnerung die Zeit. Da lagen noch Leichen von Franzosen, zusammengeschrumpft und vertrocknet, sie sahen aus wie Kinderleichen. Sie lagen da wohl schon ein Jahr oder noch länger. Zwischen ihnen stand ein verbeulter leerer Marmeladeneimer. Die Unterstände waren von Männern gebaut, die nun wohl schon alle tot waren. Wenn ein neuer Graben gezogen werden mußte, dann geschah es, daß eine Leiche zum Vorschein kam. Nach Ratten roch es, nach Leichen und nach Unrat. Einschnitte waren da, durch Sandsäcke geschützt, in denen stand die Wache. Das Feuer schwieg; unsichtbar beobachteten sich die feindlichen Linien aus den sandsackgeschützten Einschnitten. Plötzlich begann von der deutschen Seite, weit hinten, das Artilleriefeuer. Erst waren einzelne Schläge, dann rollte es ununterbrochen. Der kreidige Sand drüben spritzte aus. Die Männer hielten sich geduckt, zusammengepreßt in ihren Höhlen; nun antwortete die feindliche Artillerie. Eine Granate summte und sang heran, schlug ein und sprang, sie höhlte einen Trichter aus, sie verschüttete die Gräben und Gänge. Die Männer waren mit dem Spaten zur Hand, sie horchten auf das Singen und Summen. Der Eingang zu dem Unterstand des Hauptmanns Werner war verschüttet. Die Leute arbeiteten draußen, bald kam wieder Licht herein, es kroch ein Mann durch die gewühlte Öffnung. Werner sah nach der Uhr und ließ Befehl ergehen. Aus den verschütteten, verwühlten Höhlen schwangen sich die Männer heraus, Werner lief voran, die andern folgten. Das deutsche Feuer hörte plötzlich auf. Da waren sie schon am feindlichen Stacheldraht, die Vordersten schnitten ihn durch, sie stürmten weiter und sprangen in die feindlichen Gräben. Schreie, Handgranaten, Brüllen. Schon liefen die Franzosen zurück, da drängte sich durch einen Seitengraben ein neuer Trupp von ihnen herein. Handgranaten wurden in den dichten Haufen der Deutschen geworfen. Nun warf sich Mann auf den Mann, mit den Messern wurde gestochen, Pistolenschüsse. Werner stand mit einer Pistole in der Hand an einer Grabenecke, wo er einen ziemlichen Raum überschauen konnte. Kaltblütig zielte er und schoß, wo er in dem dichten Kampfgewimmel eine Möglichkeit sah; er traf sicher. Da stürzte ein Franzose mit dem Seitengewehr im hochgereckten Arm auf Hampe, einen Schritt vor ihm traf ihn die Kugel Werners, er sprang hoch, fiel und zappelte mit den Füßen. Mit düstern Blicken überschaute Werner die Kämpfenden. Immer neue Franzosen kamen herbei, die Deutschen waren immer mehr in der Minderheit. Die Artillerievorbereitung war nicht genügend gewesen. Er schrie mit lauter Stimme seinen Befehl, die Leute machten sich von den Feinden los, kletterten, sprangen auf den Grabenrand und liefen zurück. Als letzter schwang er sich selber hoch und lief; kurz vor dem deutschen Graben traf ihn eine Kugel, er stürzte und blieb liegen. Wohl die Hälfte der Kompanie hatte sich gerettet. Mit fliegendem Atem, blutig, beschmutzt, die Hände zerrissen, kauerten die Männer in ihren Löchern. Die Wache rief: »Da liegt der Hauptmann«. Männer kamen und sahen durch die Löcher, da lag Werner auf dem Rücken, sein Arm bewegte sich. Hampe sprang auf und rief Müller zu sich. Aus den feindlichen Gräben spritzten und klappten die Gewehrschüsse. Die beiden Männer krochen geduckt im Graben bis zu der Stelle, die dem Ort des Hauptmanns gegenüberlag, dann schwangen sie sich schnell hoch und liefen hin. Müller lud den Verwundeten auf Hampes Rücken, der ergriff seine Arme und schleppte ihn keuchend, die beiden liefen zurück, umschossen, umpfiffen von den Kugeln, sie ließen sich in den Graben fallen; ungeschickt, steif fiel Werner, die beiden andern kugelten. Nun wurde Werner in seinen Unterstand gebracht. Da waren auf Klötzen Bretter genagelt, drauf ein Strohsack und eine Decke. Werner wurde auf das Bett gelegt. Der Arzt kam, er zog ihm vorsichtig den Rock aus, schnitt das Hemd ab und untersuchte die Wunde. Der Kranke war wachsfarbig, er hatte die Augen geschlossen, es schien so, als ob die Nasenspitze durchscheinend geworden war. Der Arzt warf den andern einen Blick zu. Werner öffnete die Augen. Es war, als ob ein Lächeln über sein Gesicht zuckte, als er das besorgte Gesicht Hampes erblickte. »Danke euch«, keuchte er. »Ihr habt mich geholt. Es hat doch keinen getroffen?« Hampe schüttelte den Kopf. »Das ist gut. Das hätte sich nicht gelohnt. Ich muß doch sterben. Bald.« »Herr Hauptmann werden noch länger leben, wie wir alle«, sagte gutmütig Hampe. Es war, als ob Werner belustigt lächelte. »Kinder«, sagte er. »Ihr seid meine Kinder. Hört zu. Gebt euch Mühe, daß ihr es versteht. Ich sterbe. Jetzt glaube ich an Gott. Als ich stürzte, ich wußte noch nicht, daß ich eine Kugel hatte, ich dachte nur, ich habe so einen Schlag bekommen, da war es mir mit einem Mal: Das ist Gott. Seht zu, daß ihr glauben könnt.« Hampe, Müller standen da und sahen verwundert, erstaunt auf den Sterbenden. Die andern Männer drängten sich in den Raum. Einige nahmen den Helm ab. »Haben Herr Hauptmann vielleicht noch etwas, das bestellt werden soll?« fragte Hampe. »Suchet, daß ihr glauben könnt, sonst könnt ihr nicht leben«, sagte Werner. Es war ein Jude in der Kompanie, der immer pünktlich seine Gebete sprach. Zuerst hatte der eine oder andere ihn verspotten wollen, aber dann hatte sich immer einer gefunden, der ihn in Schutz nahm; er sagte: »Der Mann hat seinen Glauben. Was geht das dich an? Laß ihn, das ist keine Freiheit, wenn man einen um seinen Glauben verspottet.« Da hatten denn die Spötter geschwiegen, und so war es gekommen, daß er seit langem unbehelligt seine Gebete vollbrachte. Der zog nun seine Gebetriemen vor, stellte sich abgekehrt in eine Ecke und murmelte. »Ja, man hat ja auch seinen Glauben, man kann Gott auch im Dom der Natur anbeten«, sagte Hampe. »Ihr könnt so nicht leben, Kinder«, sagte Werner. »Ich sterbe jetzt. Die Deutschen sind das beste Volk der Welt, sie müssen einmal die Welt beherrschen, im Geist und in der Wahrheit, das sucht zu verstehen; daran denkt, wenn das Unglück kommt. Ach, wie schön ist alles! Liebet eure Feinde. Die Schuppen fallen mir von den Augen. Kämpft den Krieg, haltet aus, haltet aus, und fürchtet euch nicht vor dem Tod, aber den Feind, den ihr erschießt, den müßt ihr lieben, er ist ein Mensch wie ihr; ihr müßt beide; wir wissen nicht, weshalb Gott den Krieg will.« Er sah suchend um sich. Hampe merkte, was er wollte; er kniete nieder, nahm vorsichtig seine Arme, legte die Hände zusammen und faltete sie. Die Finger waren schon kalt. »Habe ich Herrn Hauptmann wehe getan?« fragte er. »Nicht viel«, sagte lächelnd Werner; »das ist alles nicht so schlimm, wie man es sich vorher denkt.« Dann begann er: »Vater unser, der du bist im Himmel.« Seine Lippen wurden blau, sein Ton immer leiser. Die Männer falteten die Hände, sie knieten nieder auf die staubige Kreide des Bodens. Nur der Jude in seiner Ecke mit den Gebetriemen stand. » Geheiligt werde dein Name«, kam es leise, leiser von den Lippen Werners. Dann war kein Ton mehr, nur um die Lippen zuckte es noch, als wollte er noch Laute bilden, die Augen lebten noch, dann brachen die Augen. Hampe rollten die Tränen die Wange nieder. Er drückte Werner die Augen zu. Verlegen erhoben sich die Männer. Es wagte keiner den andern anzusehen, sie blickten zur Erde, wie schuldbewußt. Der Jude wandte sich ruhig von seiner Wand ab, er steckte seine Gebetriemen ein; dann trat er zu dem Toten. »Eine schöne Leiche«, sagte er. »Gar nicht verändert.« – »Wie wenn er schläft«, sagte Müller. »Es ist kein Offizier mehr da. Ich übernehme die Führung«, rief Hampe. »Jetzt geht jeder an seine Stelle.« Er rief den Telephonisten an. Der hatte schon nach hinten Nachricht gegeben; und eben hörte man von neuem die deutsche Artillerie auf die feindliche Stellung schießen. »Einen Gegenangriff machen sie doch nicht«, sagte Hampe. Hampe saß in seiner Höhle vor seinem Tisch. Aus einem Schemel vor ihm saß Müller. »Wozu ist eigentlich der Krieg?« fragte Müller. »Wir können ja nicht die Sprachen. Aber wenn nun einer die Sprachen kann, weshalb geht der nicht hinaus aus dem Graben und sagt zu den andern: ›Laßt gut sein. Wozu sollen wir uns noch weiter morden? Wir wollen alle nach Hause gehen, da hat jeder sein Geschäft, das soll er betreiben, und damit gut. Wozu ist das andere alles nötig? Das sind doch nur die Großen, die den Krieg wollen.‹« Er hatte ein gedrucktes Blatt, das wies er Hampe. »Dasteht, was Wilson will. Das ist ganz vernünftig. Du bist doch nun Abgeordneter. Weshalb trittst du nicht auf für so etwas?« Hampe ließ sich das Blatt geben und las. »Wo hast du denn das her?« fragte er. »Das hat ein feindlicher Flieger abgeworfen«, erwiderte Müller. »Das haben sie alle gelesen, jeder sagt, das ist vernünftig, Und bei den Franzosen muß es doch auch so sein, wenn wir ihnen die Hand bieten, dann schlagen sie ein, sonst würfe der Flieger doch nicht solche Blätter ab.« Hampe besah das Blatt von vorn, besah die Rückseite. »Ja«, sagte er, »wir können hier das nicht so überblicken. Da muß man sich auf die Führung verlassen. Wir können hier nur Unsere Pflicht tun.« Müller kratzte sich den Kopf. »Das ist schon recht. Aber weiß ich denn, ob die Führung das auch richtig macht? Hindenburg – ja. Aber der Kaiser?« »Über den Kaiser haben die Zeitungen ja nun wohl immer geschrieben, und über die Junker«, sagte Hampe. »Aber wie sollen wir das überblicken? Ich sage: ich verlasse mich auf die Fraktion. Sie hat ja schon gesagt, sie will keine Eroberungen. Sie ist gegen die Kriegshetzer. Die soll sich mit den Genossen in den andern Ländern ins Einvernehmen setzen. Ich bin ja nur hier draußen, da erfahre ich wenig; aber wie ich zuletzt auf Urlaub war, da hieß es, das wollte sie tun.« »Wozu sind überhaupt die Grenzen?« fragte Müller. »Steuern müssen sein. Nun, der eine steuert in die Gemeinde, und der andere in die. Wenn nun die Gemeinden miteinander Krieg führen wollten!« Auf dem Tisch Hampes lag ein kleines Buch, das neue Testament. »Das hat dem Herrn Hauptmann gehört«, sagte Hampe. »Ich habe es an mich genommen, ich lese manchmal darin, wenn ich Zeit habe. Christus war ein edler Menschenfreund, den haben sie nun gekreuzigt. Vieles ist ja überholt in dem Buch, aber vieles ist doch auch heute noch wahr, das könnten sich die Menschen zur Lehre dienen lassen.« – »Meinst du, daß der Herr Hauptmann das alles geglaubt hat?« fragte Müller. »Er war doch ein Gebildeter, es heißt doch, daß er studiert hat.« »Ja, er hat studiert«, erwiderte Hampe. »Das ist nun so. Wenn der Mensch stirbt, da hat er wohl doch nicht mehr so seine ganze Besinnung zusammen, natürlicherweise, denn sonst kann ich mir das ja nicht vorstellen. Der Mensch hat sich aus dem Affen entwickelt, das hat die Wissenschaft nachgewiesen. Wir haben auch Zeichnungen, wie es vor Hunderttausenden von Jahren auf der Erde ausgesehen hat, als die Saurier noch lebten. Da war von Menschen noch keine Spur. Nun, und so hat sich das denn entwickelt. Wir sind doch in den letzten Jahren weiter gekommen! Ich weiß noch, wenn mein Vater erzählte, wie er jung war. Wenn einer heute in eine Wirtschaft tritt, da bestellt er sich ein Glas Echtes. Damals kamen sie abends in der Wirtschaft zusammen, da bezahlte jeder einen Sechser für das Acht und die Feuerung, und da hatten sie einen großen Napf mit Kartoffeln auf dem Tisch, jeder brachte fünf Kartoffeln mit, die kochte die Wirtin; und dann hatten sie Salz, das stellte die Wirtschaft, das kostete für den Mann einen Pfennig, wenn er davon haben wollte; das machte aber nicht jeder; und da aßen sie denn jeder seine fünf Kartoffeln, und wer es bezahlt hatte, der stippte sie in Salz.« »Das muß man sagen«, schloß Müller. »Fortschritte sind gemacht.« Indessen derartiges im Felde vor sich ging, waren in der Heimat die Zustände, welche noch in aller Erinnerung sind. Frau Hampe kam keuchend und schwitzend mit ihrer Markttasche nach Hause, die schlaff und leicht an ihrem Arm hing. »Weshalb läßt du mich nicht gehen, Mutter!« sagte Anna. »Das Anstehen und Drängen wird dir zuviel.« – »Gott behüte«, erwiderte Frau Hampe; »jetzt kann man ein junges Mädchen nicht aus dem Haus lassen! Was man dort für anzügliche Worte zu hören bekommt! Drei Stunden habe ich um die Butter angestanden! Hier!« Sie warf ein kleines Päckchen auf den Tisch. »Einsechzehntel Pfund. Das muß nun für zwei Menschen die ganze Woche reichen!« Sie seufzte auf und warf sich auf den Küchenstuhl: »Meine Beine! Man merkt, daß man nicht genug zu essen hat; nichts kann man mehr aushalten! Mir dreht es sich vor den Augen wie ein feuriges Rad!« »Ach ja, man spürt es schon«, seufzte Anna. »Du wirst mir jeden Tag blasser, Kind«, sagte die Mutter. »Du bist jetzt in den Jahren, wo einer ordentlich essen müßte. Ach ja, wenn doch nur der Krieg bald zu Ende wäre, es ist einem schon alles gleich, und der Vater wäre wieder zu Hause.« »Laß nur«, tröstete Anna, »man muß immer auf die Leute schauen, denen es noch schlechter geht. Wenn die Schulkinder vorbeikommen, dann kann ich gar nicht aus dem Fenster sehen, das schneidet einem ins Herz, die blassen Gesichter und die dünnen Armchen.« Die Mutter zog die andern gekauften Waren aus der Tasche, einen Hering, ein Paketchen mit Hafermehl und drei Mohrrüben. Dann hielt sie ein Ei hoch: »Ein Ei gibt es diese Woche, eigentlich hätten wir zwei zu beanspruchen auf unsere Karte, es waren aber nicht mehr da.« Anna schlug die Hände zusammen vor Freude: »Sieh nur, welche Abwechslung wir diese Woche haben! Einen Mittag Eierkuchen, einen Mittag Mohrrüben, von einem Hering können wir zwei Mittage machen, dann essen wir nur drei Tage Dotschen. Siehst du, es wird schon wieder besser! Wo sollen denn auch die Eßwaren stecken? Sie müssen doch irgendwo sein! Sie werden schon wieder zum Vorschein kommen! Ich bin im Keller gewesen und habe die Kartoffeln nachgesehen, ganz genau. Es waren nur zwei schlechte, aber von der einen kann man mindestens die Hälfte noch brauchen. Hauptsache ist, daß man jeden Tag nachsieht. Nun zündete sie schnell das Feuer an, das im Herd schon vorbereitet war. »Wir wollen das Ei heute gleich aufbrauchen, damit es uns nicht noch schlecht wird«, sagte die Mutter. »Mache einen Eierkuchen, mache soviel, daß wir auch noch für den Abend haben. Aber sei sparsam mit der Butter!« Anna hatte das Ei gegen das Licht geprüft. »Mutter«, sagte sie, »ich glaube, das Ei ist schlecht.« Die Mutter riß es ihr aus der Hand, prüfte selber, dann nahm sie eine Tasse und schlug es hinein. Weinend sank sie zurück auf den Stuhl. »Das ist Betrügerei!« rief sie. »Wir haben das Recht auf zwei Eier, nun bekommen wir nur eines, und das ist auch noch schlecht. Gleich gehe ich wieder in den Laden. Sie müssen mir ein anderes geben. Ich zeige es ihnen.« Anna beugte sich über sie und nahm ihre Hände. »Sei doch nicht so aufgeregt, Mutter«, sagte sie. »Das ist nun ein Unglück, dazu kann niemand. Der Laden ist ja nun geschlossen, Und sie haben ja auch keine Eier mehr. Laß, wir haben doch Dotschen genug. Wie viele Leute gibt es, die hungern müssen! Wir sind noch immer satt geworden! Es ist gar nicht gut, daß man früher so viel gegessen hat. Friedenssatt möchte ich gar nicht mehr werden. Wir haben ja auch gar nicht so viel abgenommen. Von einem Mann stand in der Zeitung, der hatte früher hundertundfünfzig Pfund gewogen, der wog noch fünfundsechzig, als er starb. Denke nur immer, was müssen die Männer draußen aushalten, der Vater, und ... und Hans!« »Ja, du hast recht. Schämen muß man sich«, sagte Frau Hampe.» Stelle den Kessel mit Wasser auf, wir wollen gleich eine Dotsche schneiden. Wir nehmen zwei Kartoffeln mit dazu, da können wir die schlechte mit verwenden. Mit Kartoffeln schmecken sie ganz gut, da sind sie gar nicht widerlich.« Sie ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen, und Anna machte sich inzwischen an die Arbeit. Als die Mutter zurückkam, in Hauskleid und blauer Schürze, begann Anna ein neues Gespräch. Sie begann es vorsichtig und schüchtern. »Mutter!« sagte sie. »Nun, was möchtest du denn?« fragte Frau Hampe. »Mutter«, wiederholte sie und zögerte. »Herr Dr. Lewandowsky ist wohl sehr klug?« »Ja, das wird er wohl sein. Er hat ja doch studiert«, erwiderte Frau Hampe. »Und es ist gut, daß der Vater ihn hat, daß jemand im Geschäft ist, der das Ganze in den Kopf nimmt. Was sollte der Vater wohl ohne ihn machen!« »Ja, das sage ich mir ja auch«, erwiderte zögernd Anna. »Du bist nicht nett gegen ihn«, fuhr die Mutter fort. »Du bist doch nun kein Kind mehr, du bist ein junges Mädchen. Wenn er etwas zu dir spricht: Ja und nein, weiter nichts. Du sitzt auf deinem Stuhl wie ein Stock, du siehst auf deine Näharbeit und wendest ihm den Rücken. Das paßt sich nicht. Ich wollte es dir schon immer sagen. Du hast doch nun die gute Schule besucht, da mußt du doch das nun wissen.« »Ich muß doch meine Arbeit fertig machen«, sagte Anna. »Du bist nicht nett gegen ihn«, wiederholte die Mutter. »Er ist ein Ekel«, rief Anna leidenschaftlich aus, ihr kamen die Tränen und tropften auf ihre Finger, die eifrig schälten und schnitten. »Kind, es gibt auch häßliche Menschen, man muß auf das andere sehen«, sagte mahnend Frau Hampe. Anna zog schmollend den Mund und schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Er sieht mich so an. Ich schäme mich, wenn er mich so ansieht. Da ist mir, als ob ich im Hemd sitze.« »Du bist ein kleines Gänschen«, erwiderte die Mutter. »Wenn sich so ein kluger Mann mit dir abgibt, dann kannst du dankbar sein. Mir ist das nicht geschehen in meiner Jugend. Du kannst viel lernen von Herrn Dr. Lewandowsky. Er ist weit in der Welt herumgekommen und hat viel studiert. Hast du denn die Bücher nun gelesen, die er dir gebracht hat? Ich sehe dich nie mit den Büchern.« »Ich lese seine Bücher nicht.« »Aber Kind, was hast du denn nur?« fragte die Mutter erstaunt. »Ich habe Hans nichts von ihm geschrieben«, fuhr sie fort, »gar nichts. Hans weiß nicht, daß er jeden zweiten Tag kommt und bei uns sitzt. Aber das weiß ich, wenn er das wüßte, dann würde er mir verbieten, seine Bücher zu lesen. Deshalb lese ich sie nicht. Hans schreibt mir schon, was ich lesen soll, das lese ich auch. Aber andere Bücher lese ich nicht.« Frau Hampe schüttelte den Kopf und seufzte: »Diese Kinder! Immer hat man seine Not mit ihnen. Was liegt nun wohl daran! Das sind doch alles Kindereien mit dem jungen Herrn Werner. Dein Vater würde schön schelten, wenn er davon wüßte. Glaubst du denn, daß die Verwandten das zugeben, daß er dich heiratet? Ein jeder Stand hat seine Lust, ein jeder Stand hat seine Qual. Bleibe in deinem Stande!« »Dann heirate ich überhaupt nicht, dann werde ich alte Jungfer«, rief Anna. »Ich will Hans nicht unglücklich machen; wenn er mit seiner Familie auseinanderkommt, dann sage ich nein, denn das gibt kein Glück, so eine Ehe, wo man etwas auf dem Gewissen hat.« »Warte nur ruhig ab, du kannst noch warten«, sagte die Mutter. »Jetzt bist du achtzehn Jahre alt. In zwei Jahren sieht alles schon ganz anders aus. Das weißt du noch nicht, ich habe mehr erlebt wie du.« Hier brach Anna in Tränen aus, setzte den Napf auf den Tisch, warf das Messer daneben und lief aus der Küche. Mit Dr. Lewandowsky war in den paar Jahren des Krieges eine auffallende Wandlung vor sich gegangen. Er trug jetzt einen schwarzen Rock aus feinstem Tuch, strahlend weiße Wäsche, und auf der Straße erschien er immer nur in Zylinder, Handschuhen und sehr feinem Überrock. Er machte dem Landgerichtspräsidenten Willmar einen Besuch, der auf den Wunsch des verstorbenen Kommerzienrats Werner als Nachlaßpfleger und Vormund bestellt war. Willmar empfing ihn in seinem Arbeitszimmer in seiner Wohnung, wo er vor seinem Schreibtisch saß und ein dickes Aktenstück studierte. Zur Seite war ein Ständer, der mit Akten bis oben bepackt war. Er wies den Besucher auf den Ständer hin: »Sehen Sie, das muß ich alles noch zu Hause durcharbeiten. Vor ein Uhr komme ich nie zu Bett. Die jüngeren Herrn fehlen überall. Ja, Sie wünschten in der Wernerschen Angelegenheit mit mir zu sprechen ... Die Verhältnisse liegen ja heute anders als früher, ›ich kenne keine Parteien mehr‹ hat der Kaiser gesagt ... Rauchen Sie?« Er bot dem Besuch eine Zigarre an. Dr. Lewandowsky nahm eine Zigarre, schnitt vorsichtig die Spitze ab und zündete sie an. Dann sagte er: »Ich bewundere Ihre Arbeitsleistung, Herr Präsident. Es ist darüber übrigens nur eine Stimme in der Stadt. Selbst meine Parteigenossen. Sie können sich ja denken, Herr Präsident, sie sind nicht gerade schnell bei der Hand, einem sogenannten Bürgerlichen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen ...« Der Präsident winkte leicht abwehrend. »Sie sagten schon selber, die Verhältnisse liegen heute anders als früher«, fuhr Dr. Lewandowsky fort. »Meine Partei unterstützt die Regierung. Sie wird auch nach dem Krieg nicht mehr umgangen werden können, wenn der Neuaufbau in Angriff genommen wird. Auf Ihrer Seite sind Schwierigkeiten, auf unserer auch. Wir sind abhängig von den Massen.« Der Präsident nickte. »Das ist nun in allen politischen Verhältnissen so, daß man ohne Kompromiß nicht auskommt. Ich gehöre zu einer von den alten Parteien. Die müssen ihre Rücksichten auf die Vergangenheit nehmen, sie sind von den Wählern ebenso abhängig wie Sie ... Aber wir wollten über eine praktische Angelegenheit reden. Ja, ich gebe zu, ich habe mir zu viel Arbeit aufgeladen. Wenn ich in der Wernerschen Pflegschaft eine gewisse Entlastung erhalten könnte, so wäre ich sehr dankbar. Formaljuristische Bedenken liegen nicht vor. Es kommt dazu, daß Sie Fachmann in diesen Dingen sind, während ich von Verlagsgeschäft, Druckerei, Papier, Buchbinderei und allen solchen Dingen natürlich nichts verstehe. Ich verlasse mich da auf das alte Faktotum des Herrn Kommerzienrats, einen gewissen Reichardt; aber es wäre natürlich sehr erwünscht, wenn der Mann eine eigentliche Leitung hätte. Ich mache mir natürlich auch Gedanken darüber, was nun werden soll, wenn der junge Werner mündig wird; er ist von der Schule in den Krieg gegangen und wird dann ohne eigentliche Vorbereitung einen großen Besitz übernehmen müssen, der in diesen Jahren der vormundschaftlichen Verwaltung natürlich nicht so im Laufen ist, als wenn ihn mein gefallener Freund dauernd geleitet hätte. Ich habe den Grundsatz gehabt, daß alles, was einmal in Gang war, erhalten wurde; aber neue Geschäfte sind nicht begonnen, und Sie wissen ja selber, daß das auf die Dauer natürlich nicht geht.« Der Präsident lehnte sich in seinen Schreibsessel zurück, zog an seiner Zigarre und sah Dr. Lewandowsky erwartungsvoll an. Dieser entwickelte seinen Plan, wie er gedachte, das Wernersche Unternehmen zu leiten. Er erklärte, daß er natürlich seine Tätigkeit bei Hampe beibehalten müsse, nur werde er sich eine jüngere Kraft annehmen für die mehr mechanischen Arbeiten; aber bei der Art, wie er sich alles einzurichten gedenke, wurden wohl fünf bis sechs Stunden Arbeit im Wernerschen Geschäft genügen, um wenigstens alles auf der gegenwärtigen Höhe zu halten. »Diese fünf bis sechs Stunden sind es, die mir natürlich nicht zur Verfügung stehen«, sagte Willmar. »Ich nehme an, daß der Kommerzienrat Werner einverstanden sein würde mit meinem Entschluß; er hat vor seiner Abreise noch mit mir gesprochen und mir alles freundschaftlich anvertraut, mit der Maßgabe, daß ich nach meiner Einsicht je nach den Verhältnissen verfahren werde, wie es ja in solchem Fall gar nicht anders möglich ist. Ich werde also eine Instruktion für Sie aufsetzen.« Er erhob sich und reichte Dr. Lewandowsky die Hand. »Ich denke, daß wir gut zusammen auskommen werden.« Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, dann empfahl sich Dr. Lewandowsky und ging. Er humpelte den Flur hinaus auf die Treppe. Auf einer der ersten Stufen blieb er stehen. »Nein, sind die alle dumm!« sagte er. »Sind die alle dumm. Eine Schmeichelei, und man wickelt sie um den Finger.« Er stieg unten auf die elektrische Bahn und fuhr zum Bahnhofsviertel. Dort verließ er den Wagen und ging zur Wohnung Ediths. Edith saß am Fenster und war mit einer Handarbeit beschäftigt. Als er klopfte, machte sie ihre Gesichtszüge heiter, sie eilte ihm zur Tür entgegen und umarmte ihn. Er ließ sich die Begrüßung nachlässig gefallen und setzte sich auf einen Stuhl; den Zylinder stellte er vorsichtig auf den Tisch. »Ich habe eine Stunde Zeit«, sagte er. »Ich möchte mich etwas an der Luft ergehen. Du kannst das neue Kleid anziehen, das ich dir geschenkt habe.« Gehorsam ging sie zum Schrank und nahm das Kleid heraus. Während sie sich für den Ausgang bereitmachte, begann sie mit stockender Stimme ein Gespräch. »Lieber«, sagte sie. »Es wird mir sehr einsam auf meiner Stube. Wenn wir öfter zusammen sein könnten, dann wäre es ja anders, dann hätte ich doch immer die Freude, daß ich auf dich warten darf. Ich möchte mir auch wieder etwas verdienen, damit ich dir nicht zur Last falle. Du bist so gut zu mir, aber ich möchte mir selber erarbeiten, was ich für mein Leben gebrauche. Heute früh bekam ich eine Anfrage von Cohn und Companie, ob ich wieder bei ihnen eintreten will, sie haben wohl ein Fräulein entlassen. Ich mache die Büroarbeiten ja gerne. So lange ich zu Hause war, habe ich mir doch immer gewünscht, ich möchte mich nützlich machen; da durfte ich nicht, da hieß es immer, das ist nicht standesgemäß. Nun bin ich frei, nun hänge ich nur noch von dir ab.« Lewandowsky zog die Stirn kraus. »Was fehlt dir denn hier? Ich sorge doch wohl reichlich genug für alles! Ich kann dich nicht halten. Du kannst gehen. Aber dann sind wir geschiedene Leute.« Edith kamen die Tränen. »Ich will doch nur, was du willst«, sagte sie. »Und ich möchte es dir erleichtern. Ich wollte es ja auch meinem Papa so gern erleichtern.« »Die Männer sind Schweine«, sagte Lewandowsky. »Ich will nicht, daß du in Stellung gehst. Jetzt liegt das Geld auf der Straße. Wer Verstand hat, der kann es aufheben. Ich habe einen Bekannten in Berlin, der war ein armer Jude wie ich, war auch am Parteiblatt und schrieb seine Leitartikel, der ist jetzt schon seine drei Millionen wert; jeden Tag nimmt er noch zu. Wir gehen in ein Pelzgeschäft. Du sollst einen Pelzkragen haben.« »Du bist so gut zu mir«, sagte Edith. Sie seufzte. Auf der Straße legte sie ihren Arm in den seinen. Die Leute sahen sich nach dem ungleichen Paar um: Lewandowsky verwachsen, humpelnd, in Lackschuhen mit weißen Gamaschen, im Zylinder; und neben ihm das hochgewachsene schlanke Mädchen mit guten Zügen, etwas übertrieben elegant gekleidet, aber doch nicht an sich allzu auffällig, nur am Arm des unpassenden Mannes Verwunderung erregend. Sie gingen die Bahnhofsstraße hinunter, die Kaiser-Wilhelmstraße. Da war ein großes Geschäft mit zwei weiten Schaufenstern, in denen Pelze jeder Art aushingen. Die beiden traten ein. Lewandowsky verlangte. Edith war verlegen, sie setzte sich auf den Stuhl, den der Verkäufer dienstfertig brachte. Der Verkäufer nannte sie »gnädige Frau«. »Die Dame ist nicht meine Frau«, sagte Lewandowsky schroff. »Ich will etwas Gutes. Es kommt mir nicht darauf an. Aber nennen Sie mir gleich den äußersten Preis. Ich handle nicht.« Der Verkäufer brachte einen Pelzkragen und legte ihn Edith um. Sie besah sich im Spiegel. Lewandowsky gab sein Urteil ab, der Verkäufer fiel mit seinem Rat ein. Er nannte den Preis. Dann brachte er einen andern Pelz. Und so wurde versucht und beraten. Schließlich entschloß sich Lewandowsky zu einem recht teuren Stück. »Zwanzig Prozent bei Barzahlung«, sagte er. Der Verkäufer wurde verlegen. »Die Preise sind auf Barzahlung kalkuliert. Anders wird das Geschäft bei uns nicht gemacht«, erwiderte er. »Wer kauft Ihnen heute ein solches Stück ab?« fragte Lewandowsky, »Sie müssen sich den Zinsverlust berechnen, wenn Sie ihn ein paar Jahre hängen haben.« »Es kommen schon noch Herrschaften«, sagte der Verkäufer. Edith legte Lewandowsky bittend die Hand auf den Arm; sie nestelte, um den Kragen abzulegen. »Zehn Prozent«, sagte Lewandowsky und zog sein Taschenbuch. »Die Dame ist meine Privatsekretärin. Sie kennen mich doch?« »Ja gewiß, Herr Doktor«, erwiderte der Verkäufer eifrig, indem er sich vor der tief erstaunten Edith verbeugte und dann vor Lewandowsky. »Herr Doktor, ich verkaufe gern ein Stück, ich verkaufe es sehr gern, aber es geht nicht, wir haben feste Preise, die Preise sind auf das Äußerste berechnet.« »Wer hat denn Geld heutzutage?« fragte Lewandowsky. »Es ist schon noch Geld da, nur, es ist ein anderes Publikum«, sagte der Verkäufer. »Man wundert sich oft. Gestern war eine Arbeiterfrau da, sie hat einen Kragen gekauft, fast so teuer wie dieser. Der Mann ist im Krieg, sie hat ihre Unterstützung, sie arbeitet in der Munitionsfabrik«. »Also, abgemacht, mit zehn Prozent«, rief Lewandowsky und reichte dem Verkäufer die Scheine. Der wich zurück: »Unmöglich, Herr Doktor, unmöglich.« »Fragen Sie den Chef. Wir warten so lange«, sagte Lewandowsky und setzte sich neben Edith auf einen Stuhl. Der Verkäufer machte eine bedauernde Handbewegung und ging in den Hintergrund. Er blieb eine Weile fort, dann kam er wieder. »Ich kann Ihnen den Kragen für siebenhundert Mark lassen. Das ist das Äußerste«, sagte er. »Da verkaufen wir ohne Gewinn.« Er wendete sich an Edith: »Was tut man nicht für seine Kundschaft.« »Nun«, knurrte Lewandowsky. Er ging zum Ladentisch und zählte das Geld auf. Der Verkäufer zählte zusammen und ging zum Schreibpult, um die Quittung auszustellen. Nun verließen die beiden das Geschäft, von dem dienernden Verkäufer geleitet, der ihnen die Tür öffnete. Draußen sagte Lewandowsky: »Du kannst wieder meinen Arm nehmen. Das war dir wohl peinlich? Weshalb soll ich den Leuten etwas schenken? Die schenken mir auch nichts.« Edith sah zur Erde. »Es sind ja wohl Vorurteile, die muß man sich abgewöhnen; und wer sind denn die Leute, die über einen sprechen? Aber es kennen dich doch viele Leute, sie wissen doch, daß du nicht verheiratet bist. Könnten wir nicht lieber so nebeneinander gehen?« »Weshalb, denkst du denn, daß ich dir den Pelzkragen geschenkt habe?« fragte Lewandowsky. »Was die Leute denken, das ist mir ganz gleichgültig.« Er hielt ihre Hand in seinem Arm fest, und sie gab sich. Sie gingen weiter. Da kam ihnen ein junges Mädchen entgegen, es war Anna. Sie stutzte, als sie die beiden sah. Lewandowsky zog den Zylinder und grüßte tief. Sie grüßte wieder und sah dabei Edith forschend an. »Das war die Tochter meines Bourgeois«, sagte Lewandowsky zu Edith. »Ganz niedlich, das Mädchen, nicht wahr? Der Alte ist ein Esel. Ich sage dir, alle diese großen Parteibonzen – na, es wird ja vieles anders werden!... Was meinst du wohl, was der Kommerzienrat Werner wert war? Er war der größte Steuerzahler in der Stadt. Zehn Millionen reichen nicht.« Sie gingen zurück. Lewandowsky brachte Edith bis zu ihrer Haustür, dann verabschiedete er sich. Am Abend besuchte er Hampes. Er saß in der Wohnstube auf dem Sofa, die beiden Frauen saßen auf Stühlen am runden Tisch, auf dem die Lampe brannte. Sie nähten und Lewandowsky erzählte. »Ich bin mit dem Professor Harron befreundet, der ist Intimus von Wilson«, sagte er. »Ich kann manches machen. Die Briefe gehen über die Schweiz. In demokratischen Ländern ist das alles anders als hier. Hier bin ich nur ein kleiner Literat; der dümmste Abgeordnete sieht mich über die Schulter an. Gestern habe ich erst wieder Nachrichten bekommen. Kein Mensch will dem deutschen Volk etwas tun. Es geht gegen den preußischen Militarismus. Wilson ist ein Mann, er war eine Zeitlang Redakteur, er hat auch ein Buch geschrieben. Was haben Sie denn von der ganzen Geschichte? Ihr Mann ist nun auch seit drei Jahren draußen.« Frau Hampe seufzte: »Ach ja, es ist eine lange Zeit! Wer hätte das damals gedacht, 1914! Wenn der Krieg doch mal zu Ende wäre! Nachts fährt man aus dem Schlaf: wenn ihm nun draußen etwas passiert! Er ist ja jetzt fünfzig, er könnte ja seine Entlassung haben, aber er will nicht. Ach ja, es ist schwer für die Frauen, sehr schwer!« Anna hatte Lewandowsky prüfend angesehen, als er von dem Professor Harron sprach. »Ja, ja, Fräulein«, sagte Lewandowsky, »mit Clemenceau bin ich auch gut bekannt, wir haben oft zusammen gesessen. Ich kenne überall die führenden Männer.« Anna unterdrückte ein Lachen, Lewandowsky bemerkte das nicht. »Da muß es doch schwer für Sie sein, so in den kleinen Verhältnissen«, sagte sie. »Und wenn ich mir denke, nun sitzen Sie hier so bei uns beiden, das ist Ihnen gewiß doch langweilig. Sie sind besseres gewöhnt.« Lewandowsky blähte sich. »Fräulein Anna«, sagte er, »ich habe in meinem Leben viel kennengelernt. Ich bin, wie Dante, durch Himmel und Hölle gegangen. Mancher hätte das nicht ausgehalten, was ich durchgemacht habe. Sehen Sie, bei meinen Eltern, das waren noch fromme Juden, die feierten die Feste, der Sabbath wurde geheiligt, alles ging nach dem Ritus, aber Armut! Fräulein Anna, das Herz blutet einem. Wie ich nach Posen gekommen bin, das war im Dezember, ich hatte keine ganzen Schuhe, ich habe mir die Füße erfroren, da bin ich Ausgeher geworden in einem Geschäft, und des Abends, da habe ich studiert. Mein Bett war unter der Treppe, ich habe mich ins Bett gelegt, einen Teller mit kalten Kartoffeln, und dann habe ich gelernt. Aber ich wollte vorwärts kommen. Ich sagte mir: ich gehöre wo anders hin. Mir hat keiner geholfen. Ich sagte mir: ‹Sei brauchbar für deinen Herrn, mache dich ihm nützlich, tu, was du kannst; wenn er einen findet, der ihm mehr leistet, dann mußt du fliegen‹, und ich sagte mir: ›Deinen Kameraden darfst du dich nicht anvertrauen; wenn die merken, daß du höher hinaus willst, dann stellen sie dir Beine‹. Ich habe dumm getan. Und dann, Fräulein Anna, das Elend, das man sieht! Sie wissen nichts davon, Sie wachsen auf und werden von Ihren Eltern behütet. Das Herz krampft sich einem zusammen. Da komme ich am Abend nach Hause, es war in der Weihnachtszeit, wo das Geschäft geht, wo man bis neun, halb zehn auf den Beinen ist, da steht da mitten auf der Straße im eisigen Matsch ein kleines Kind, es ist vielleicht so sechs sieben Jahre alt; ein kleiner Junge, die Arme stecken ihm dünn aus den kurzen Ärmelchen, kein Mützchen hat er auf, Filzsocken hat er an, und steht da in dem eisigen Matsch, und ganz verhungert, und das Näschen ist rot von der Kälte und die Ohren auch, und das andere ist kreideweiß, da bewegt er mit einem Mal die Arme so sonderbar, da sehe ich, er hat die kleinen Fäustchen geballt und schlägt sich immer auf die kleine Brust, und mit einem Mal schreit er dazu, so einen Schrei, durch Mark und Bein ging es mir.« »Nun, was haben Sie denn da getan?« fragte Anna und sah ihn an. Lewandowsky wurde verlegen. »Was soll ich denn tun? Sehen Sie doch, das müssen Sie doch selber sagen, ich habe selber nichts, ich will doch vorwärts kommen! Fortgelaufen bin ich, so hat es mir ins Herz geschnitten! Was ist das für eine Welt, habe ich mich gefragt, wo ein unschuldiges kleines Kindchen so leiden muß? Sehen Sie, bis dahin bin ich noch immer ein frommer Jude gewesen, aber da habe ich mir gesagt: Wenn es einen Gott gäbe, die Fäuste würde ich ballen gegen ihn. Rechenschaft würde ich fordern. Sagen würde ich: Ist das deine Welt wert, die Tränlein des Kindes?« »Aber Sie haben das Kind doch stehen lassen?« fragte Anna. »Habe ich es geschaffen? Habe ich die Welt geschaffen?« fragte Lewandowsky dagegen. »Wenn ich ihm helfe, was kann ich nützen? Morgen muß ich wieder ins Geschäft. Und tausend Kinderchen stehen da auf der Straße und schlagen sich mit den Fäustchen gegen das Brüstchen, und die Tränchen fließen. Eine Million steht da. Kann ich allen helfen? Ich habe mir gesagt: Die Verhältnisse ändern. Wozu muß es Reiche und Arme geben? Weshalb muß ich ein armer Ausgeher in einem Geschäft sein, und mein Herr hat keine Taschen mehr, um sein Geld hineinzustellen? Und ich habe mir gesagt: Lerne, studiere, darin hast du die Bildung, dann bist du oben, dann kannst du machen, was du willst.« »Was war das für eine Dame, mit der Sie gestern nachmittag auf der Kaiser-Wilhelmstraße gingen?« fragte Anna. »Das war – das war meine Privatsekretärin«, erwiderte Lewandowsky stotternd, etwas verlegen über das Unerwartete der Frage. »So«, sagte Anna. Es entstand eine Pause. »Ach ja, es gibt schon Schweres im Leben«, sagte seufzend Frau Hampe, um das Peinliche der Pause zu vertuschen. »Man tut ja, was man kann. Und wenn es ordentliche Leute sind, da kann man ja auch manchmal helfen. Aber wie viele gibt es, wie viele, die wollen sich nicht helfen lassen!« »Unsere Schuld«, sagte Lewandowsky; »unsere Schuld. Jeder von uns ist schuld an allem.« Er schlug sich mit der flachen Hand an die Brust, dann stand er auf und verabschiedete sich. Als die beiden Frauen allein waren, sagte Anna zu ihrer Mutter: »Wenn ich dem Menschen die Hand geben muß, dann ist es mir immer, als wenn ich eine Kröte anfasse.« Die Mutter seufzte. Gleich bei Beginn des Krieges war eine große Fabrik vor der Stadt auf die Herstellung von Munition eingerichtet. Die Unternehmer, zwei jüngere Männer, von denen der eine, Krausnick, technisch gebildet war und der andere, Steinbömer, kaufmännisch, hatten nach der allgemeinen Annahme schlecht gestanden; Krausnick hatte Erfindungen gemacht, die er einführen wollte, deren Wert sich noch nicht erprobt hatte, für die große Aufwendungen gemacht waren. Es hieß, daß den beiden nun durch die Munitionsherstellung viele Millionen zugeflossen seien; die Fabrik war sehr erweitert, mehrere neue Gebäude waren errichtet, und es hieß, daß jeder der beiden Teilhaber sich ein Rittergut gekauft habe, um den weiteren Gewinn anzulegen. In der Fabrik waren meistens junge Männer beschäftigt, die noch nicht dienstpflichtig waren, auch viele Frauen und Mädchen. Die Löhne waren sehr hoch, und es wurde in der Stadt viel über das Leben der Munitionsarbeiter gesprochen. Man erzählte von Gelagen in dem vornehmsten Gasthaus der Stadt, dem die früheren Besucher sich schon lange fernhielten, von Kleiderluxus der Arbeiterinnen. Es standen gelegentlich in der Zeitung Berichte von Ausschreitungen, wo denn etwa erzählt wurde, daß einige junge Arbeiter eine nächtliche Weinreise durch verschiedene Wirtschaften gemacht hatten mit großen Ausgaben, wie sie für die höheren Stände unerhört waren. Von der Regierung wurden in der Nahrungsmittelzuteilung die Munitionsarbeiter bevorzugt. So war denn in der Stadt eine gereizte Stimmung gegen diese Leute und gegen die Besitzer der Fabrik, indem man annahm, daß sie die allgemeine Not benutzten, um für sich Vorteile herauszuschlagen. Schon zeigten sich auch in anderen Teilen der Bevölkerung Versuche zu unrechtmäßigen Gewinnen. Viele Menschen, welche mit den zugeteilten Nahrungsmitteln nicht auskommen konnten, gingen aufs Land, um unter der Hand einiges zu kaufen, und die Bauern verlangten für diese heimlichen Waren immer höhere Preise. Manche Leute machten solche Fahrten geschäftsmäßig und verkauften das Erstandene noch teurer weiter. Die Waren, deren Preis nicht amtlich festgesetzt war, wurden viel teurer, und es hieß, daß manche Geschäftsleute sich Vermögen ansammelten. Man bildete das Wort »Hamsterer« für die Leute, welche sich Waren unrechtmäßig verschafften und »Schieber« für diejenigen, welche aufkauften, um teurer zu verkaufen. Von Monat zu Monat nahmen diese Bewegungen zu. Die Männer mit fester Besoldung, Familien, welche zu einem größeren Teil von Einkünften aus Vermögen leben mußten, gerieten immer mehr in Not. Manche Personen aus diesen Kreisen begannen eine Schiebertätigkeit, um ihr Einkommen zu vermehren. Die Arbeiter verlangten immer höheren Lohn. »Geld ist genug da«, sagten alle Leute, »die Ware fehlt.« Es war, als ob die Nation sich in zwei Teile spaltete, die sich mit Haß und Neid gegenüberstanden: die höheren Stände betrachteten alle Handarbeiter als Lohnerpresser und Schwelger; und die Handarbeiter betrachteten alle, die nicht Arbeiter waren, als Schieber. An einem Spätnachmittag kamen auf Lewandowskys Arbeitszimmer in der Druckerei drei Arbeiter von der Munitionsfabrik. Die Drei waren junge Leute von sechzehn bis siebzehn Jahren. Einer von ihnen führte das Wort, die andern bekräftigten und sprachen wohl einmal einen Zwischensatz. Sie saßen auf Stühlen neben dem Schreibtisch und drehten die Mützen in den Händen. »Die Chefs sind Millionäre geworden«, sagte der Sprecher. »Für die ist das Geld da. Wenn Unsereins in den Laden kommt, dann sind die Schubfächer leer.« Einer warf dazwischen: »Sekt ist gut, und Austern sind auch etwas Schönes.« Damit leckte er sich lüstern die Lippen. »Die Arbeiterklasse hat sich bessere Verhältnisse erkämpft«, sagte der Redner. »Die muß sie verteidigen. Wie ist denn das, Herr Doktor, es heißt doch, daß der Streik in der Munitionsindustrie als Landesverrat bestraft wird?« Lewandowsky rückte unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Die Regierung ist scharf«, sagte er. »Macht keine Dummheiten.« »Ja, wenn sie nun alle vorgehen, was kann die Regierung da tun?« erwiderte der Sprecher. Die beiden Andern lachten. »Sie kann uns doch nicht alle einstecken.« »Wahrscheinlich wird man nur das Streikkomitee in Anklagezustand versetzen«, sagte Lewandowsky, indem er mit dem Federhalter spielte. Die Drei wurden betroffen. »Aber wenn nun alle Munitionsfabriken im ganzen Reich streiken? Und wenn bei den Engländern und Franzosen auch gestreikt wird?« Lewandowsky zuckte mit den Achseln. Die Drei sahen sich an. »Es wird auch gesagt, die Streikenden bekommen den Stellungsbefehl?« fragte der Sprecher weiter. »Wir sind doch organisiert. Die Fraktion hat doch erklärt, daß sie die Rechte der Arbeiter schützt, die Regierung muß doch die Fraktion hören.« »Die Fraktion hat natürlich ein Wort mitzusprechen«, sagte Lewandowsky. »Sie kann natürlich nicht dulden, daß die Arbeiterorganisationen unterdrückt werden.« »In Österreich ist schon ein großer Munitionsarbeiterstreik«, warf einer der beiden Andern ein. »Ich weiß«, erwiderte Lewandowsky. »Ich durfte in der Zeitung nicht davon berichten.« Der Redner drehte seine Mütze verlegener. »Wir wollten nämlich fragen, Herr Doktor«, sagte er nach einigem Besinnen, »wenn es zum Streik kommen sollte, ob Sie mit in das Streikkomitee eintreten wollen?« »Ich stehe den Dingen so fern...« sagte Lewandowsky zurückhaltend. »Weil das Volksblatt doch immer so schreibt, wie es richtig ist«, sagte der Sprecher. »Der Krieg ist von den Kapitalisten gemacht, der Proletarier muß seine Knochen dafür hergeben.« »Na ja,« warf der eine von den beiden Andern ein, »in der warmen Stube sitzen und schreiben, das kann jeder.« »Gut, ich nehme an, wenn es dazu kommt, um Schlimmeres zu verhüten«, sagte Lewandowsky und erhob sich. Die drei andern Männer standen gleichfalls auf. Der Sprecher reichte Lewandowsky die Hand und sagte treuherzig: »Nichts für ungut, Herr Doktor, dann sagen wir also den Andern Bescheid.« Dann gingen die Drei. Lewandowsky blieb noch eine Weile nachdenklich auf seinem Stuhl sitzen. Dann erhob er sich, machte sich straßenfertig, und ging. Er ging zum Generalkommando. Der General saß mit einem jüngeren Offizier in seinem Arbeitszimmer. Steinbömer, der eine der Fabrikbesitzer, war bei ihnen, als Lewandowsky ins Zimmer trat. Die Herren begrüßten sich. Lewandowsky begann: »Ich sehe Herrn Steinbömer bei Ihnen sitzen. Vielleicht ist es in derselben Angelegenheit, in der ich komme. Unter den Munitionsarbeitern ist eine Gärung. Die Nachricht vom Munitionsarbeiterstreik in Österreich ist überall bekannt. Herr Steinbömer, Sie werden es auch beobachtet haben. Die Fraktion ist gegen den Streik.« »Das erwarten wir nicht anders«, sagte der General. Lewandowsky wurde verlegen. »Die Fraktion ist gegen den Streik. Ja natürlich«, wiederholte er. »Aber es können Ereignisse eintreten...« er zögerte. Der General legte sich im Stuhl zurück und sah ihn an. Eine Pause entstand. Dann fuhr Lewandowsky fort: »Sie werden verstehen, in einer demokratischen Partei kommt es darauf an, daß man die Führung nicht aus der Hand läßt. Wenn die Arbeiter eine Kopflosigkeit begehen...« er zögerte wieder. Der General erwiderte ruhig: »Dann sind Sie verantwortlich dafür.« »Ja gewiß, natürlich«, sagte hastig Lewandowsky... »das heißt, es kommt darauf an, die Führung in der Hand zu behalten, um Schlimmeres zu verhüten... wenn man die Leute allein vorgehen läßt, dann kann ein Unglück geschehen.« Steinbömer sagte: »Es ist mir berichtet, daß sie daran denken, die Maschinen zu zerstören.« »Sehen Sie, sehen Sie, was wäre das für ein Unglück!« rief Lewandowsky aus. »Ich tue alles, um den Streik zu verhüten. Ich habe ja meine Vertrauensleute in der Fabrik. Aber wenn es nicht anders geht, dann bin ich gezwungen, ich muß mit in das Streikkomitee eintreten, um die Führung in der Hand zu behalten.« »Ich verstehe Sie«, sagte der General ruhig, mit einer unmerklichen Verachtung in der Stimme; »Sie selber persönlich sind gegen den Streik, weil Sie sich sagen, daß die Männer draußen dann wehrlos dem Feind gegenüberstehen. Aber Sie fürchten, die Bewegung wächst Ihnen über den Kopf, dann müssen Sie mit, und nun möchten Sie sich auf der Gegenseite versichern?« »Ja ja«, erwiderte hastig Lewandowsky, »das heißt, so meine ich es nicht, ich teile Ihnen nur meine Beweggründe mit, damit Sie nicht erstaunt sind, damit, wenn das Unglück kommen sollte, das Unglück sage ich, die Verhandlungen schneller gehen.« »Ich danke Ihnen, Herr Doktor – Sie sind ja wohl Doktor – für die freundliche Benachrichtigung«, sagte der General, indem er aufstand. »Natürlich muß ich mir meine Handlungsweise vorbehalten. Sie wissen, daß der Streik Landesverrat wäre? Auch wir unterliegen ja den Notwendigkeiten unserer Stellung«, fügte er mit leichter Ironie zu. Lewandowsky grüßte und entfernte sich. »Ja, der Kerl ist nun ein Schuft«, sagte der General, als er mit den beiden Andern allein war. »Aber die Sache ist von vornherein verpfuscht. Vielleicht ist es auch nicht anders gegangen. Die Regierung paktiert mit ihnen, sie wird wohl müssen. Nun treibt ein Keil den andern. Da ist jahrelang gehetzt, nun kommt das Ergebnis. Der möchte den Streik natürlich nicht, der Hals juckt ihn doch. Vielleicht sieht er auch ein, was das schließlich ist.« Der jüngere Offizier sagte: »Mit diesem Gesindel muß man nun auf gleichem Fuß verhandeln.« »Wird schon noch besser kommen«, erwiderte der General. »Es zieht jetzt allerhand Volk hier zu. Ich kann nichts machen, mir sind die Hände gebunden. Wenn sie oben dächten wie ich – es ist die elfte Stunde, und auf diese Weise gehen wir sicher unter; vielleicht ginge es noch, daß man so zwei- bis dreihundert solcher giftigen Halunken aushöbe und an die Wand stellte. Schlimmer könnte es dann auch nicht werden.« »Exzellenz, die heutigen Anschauungen«, sagte Steinbömer. »Ja ja, die heutigen Anschauungen«, erwiderte der General. »Sie haben schon ein Bankkonto in der Schweiz, nicht wahr?« Steinbömer schwieg. »Sehen Sie, ich nicht«, sagte der General. »Ich habe überhaupt kein Bankkonto. Das ist nun so der Unterschied.« Drittes Hauptstück Die Gattin des Landgerichtspräsidenten Willmar saß in ihrer Wohnung am Fenster. Ihr gegenüber saß ihre Tochter Marie. Die beiden Frauen waren mit Flickarbeiten beschäftigt. Sie waren schwarz gekleidet. »Alles zerreißt«, sagte die Mutter. »Die Hemden des Vaters sind nun in dem Zustand, daß sie eigentlich nicht mehr zu sticken sind. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, es ist Loch neben Loch. Ich wollte eigentlich neue Hemden kaufen, gerade, als der Krieg ausbrach; damals hat man es aufgeschoben, man dachte, man muß sparen, wie man kann, für die Allgemeinheit; und heute, wenn man auch einen Schein bekommt, man hat doch nicht mehr das Geld, etwas zu kaufen.« Marie sah ernst auf und blickte die Mutter aus blauen Augen an. Ein langes Schweigen war im Zimmer, nur das Geräusch der fleißigen Nadeln. »Mutter«, sagte Marie. »Ich möchte euch um etwas bitten.« Erstaunt sah die Mutter sie an. »Meine Brüder sind doch nun gefallen«, sagte Marie. »Der Vater läßt sich ja nichts aus, aber ich sehe doch, wie es an ihm zehrt. Ich habe das Gefühl, ich sitze hier so und tue nichts. Ich will auch etwas tun.« »Du bist unser letztes Kind«, sagte die Mutter erschrocken, Tränen standen ihr in den Augen. Marie warf ihre Arbeit fort, eilte auf ihre Mutter zu, küßte sie und kniete neben ihr. »Laßt mich Krankenpflegerin werden«, sagte sie leise. Kind, mein Kind, du bist unser letztes Kind«, sagte die Mutter. Marie kniete neben der Mutter und sah ihr bittend ins Gesicht. »Das ist ja selbstsüchtig, man denkt nur an sich«, sagte Frau Willmar. »Ich weiß das ja. Wir erziehen die Kinder nicht für uns.« »Du denkst an allerhand Gefahren,« sprach Marie; sie hatte eine leise und schön klingende Stimme. »Du kannst schon ruhig sein. Diese armen Männer, die da draußen sind, ich weiß doch, wenn die Brüder auf Urlaub kamen, schmutzig und verwildert, und die Mädchen, ich kann mir wohl denken, ein Mann weiß nicht, ob er nicht morgen schon tot ist, und er hat Sehnsucht. Aber sieh, Mutter, so bin ich nicht. Sie tun mir alle so leid. Sie sind doch wie die großen Jungen. Und wozu lebe ich denn?« »Wozu lebst du?« fragte entsetzt die Mutter. »Ich habe viel darüber nachgedacht«, sagte Marie. »Siehst du, es bricht doch jetzt alles zusammen, und es war auch schon vor dem Krieg so, daß man nicht leben konnte, nur habe ich das damals noch nicht so gewußt, ich war noch zu jung. Ich habe mich immer geschämt, wenn ich auf einen Ball ging, und die Männer sprachen dann so gleichgültig mit mir und tanzten mit mir, weil der Vater ihr Vorgesetzter ist. Es war mein erster Ball, da belauschte ich zufällig ein Gespräch von zwei jungen Männern über mich. Der eine sagte: ›Nehmen Sie sich in acht, sie ist ein schönes Mädchen, gute Familie, aber keinen Pfennig‹, Und was dann der andere sagte! Weißt du noch, ich wurde damals ohnmächtig, ihr dachtet, das ist von der Hitze. Ich habe es keinem Menschen erzählt. Aber was soll ich denn nur mit meinem Leben machen?« Die Mutter schwieg, zwei große Tränen rannen ihr die Wangen nieder und tropften auf den glatten, blonden Scheitel der Knienden. »Als meine Brüder ins Feld zogen, da dachte ich: wenn ich doch ein Mann wäre und mitziehen dürfte«, fuhr Marie fort. »Ich dachte: ›die Brüder könnten doch heiraten und könnten Kinder haben, aber ich bin ganz unnütz. Was liegt denn an mir!‹ – Nun bin ich die ganzen Jahre zu Hause gewesen. Der Vater freut sich ja, wenn er müde nach Hause kommt, und ich begrüße ihn, und du freust dich, daß ich mit im Zimmer bei dir sitze. Ich habe mir auch immer Mühe gegeben, weil ich doch euer Kind bin, daß ich heiter war, damit ihr euch freuen konntet. Aber das ist es nicht. Nun ist das Unglück so groß, viele Eltern haben alle ihre Kinder verloren, und ich weiß nicht, ich schäme mich auch, wenn ich auf die Straße gehe, daß ich noch lebe. Und ich weiß doch auch nicht, wozu. Das ist nicht Lieblosigkeit, liebe Mutter, aber ich bin doch nun jung, und wenn ihr sterbt, was soll ich denn dann? Dann braucht mich niemand mehr. Und ihr seid doch auch zwei. Und wenn ich heiratete, dann würdet ihr mich doch auch gehen lassen.« »Vier Kinder habe ich gehabt,« sagte die Mutter, »du bist nun die letzte.« »Und es ist ja auch nicht nötig, daß ich sterbe. Weshalb soll ich denn nicht wiederkommen?« sprach Marie bittend weiter. »Dann bin ich wieder bei dir, und du bist nicht allein. Ich sehe doch, der Vater hat sich zu viel Arbeit aufgeladen, er kann nicht mehr lange so sein; du kannst das nicht mehr lange aushalten, die Arbeit und die Sorgen; wie kann ich denn bei euch sein und das sehen und nichts tragen?« »Wir müssen mit dem Vater sprechen«, sagte die Mutter, sie weinte in ihr Taschentuch. Da wurde die äußere Tür geschlossen. Marie ging mit leisen Schritten hinaus, im Gang stand der Vater und legte Hut und Mantel ab. Er umarmte sie und küßte sie auf die Stirn. »Mein gutes, stilles Kind«, sagte er. Er trug einen schweren Packen Akten unter dem Arm. »Ich muß gleich an die Arbeit; rufe mich, wenn das Essen auf dem Tisch steht, ich möchte die zehn Minuten noch ausnützen«, sagte er und ging in sein Arbeitszimmer. Die beiden Frauen deckten den Tisch und holten das bereitete Essen aus der Küche. Die Bedienung war schon längst abgeschafft. Sie hatten für sich Dotschen, in Wasser gekocht. Für den Vater war ein Schüsselchen mit großen Bohnen, in denen ein Stück Speckschwarte lag. Der Vater zog die Stirn in Falten, als er den Tisch sah. »Du weißt doch, ich will nichts anderes haben, als ihr habt«, sagte er mit leisem Vorwurf zu seiner Frau. »Und woher sind die Bohnen und die Schwarte? Sind sie unrechtmäßig erworben?« »Die Bohnen sind ein Rest, den ich noch hatte von der Verteilung vor vier Wochen«, sagte die Frau. »Die Speckschwarte habe ich beim Fleischer gekauft, derartige Stücke unterliegen nicht dem Kartenzwang. Und für uns Frauen ist eine solche Speise zu schwer; bei uns nutzt der Körper sie nicht aus. Du weißt, daß ich dergleichen nie vertragen konnte.« Willmar sah mit hungrigen Augen auf sein Schüsselchen; plötzlich stand er auf, ging um den Tisch und gab den beiden Frauen je ein Drittel der Bohnen, für sich selber behielt er den Rest. Er aß aus dem Schüsselchen. »Entschuldigt,« sagte er, »daß ich aus der Schüssel esse; aber es kommt etwas um, wenn man erst auf den Teller umfüllt.« Schweigend aßen die Drei. Dann wurde aus der größeren Schüssel das Dotschengericht verteilt. Als das Essen beendet war sagte Willmar: »In meinem Elternhause war noch Sitte, vor und nach dem Essen ein Gebet zu sprechen. Ich möchte diese Sitte bei uns wieder einführen.« Er erhob sich, die Frauen erhoben sich gleichfalls; alle falteten die Hände und Willmar sprach ein kurzes Dankgebet. Die Mutter sagte: »Wir möchten dich einen Augenblick stören. Dürfen wir in das Arbeitszimmer kommen?« Willmar nickte und ließ die beiden Frauen voraus in das Zimmer gehen. Hier teilte ihm die Mutter den Wunsch Mariens mit. Willmar saß eine Weile schweigend da. Er sah plötzlich sehr alt aus. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken. Dann sagte er: »Ich darf nichts dagegen sagen. Du weißt, mein Kind, welchen Gefahren ein Mädchen unter den Männern ausgesetzt ist. Ich habe Vertrauen zu dir, du wirst an dich denken, an deine toten Brüder, die in Ehren für das Vaterland gefallen sind, und an uns alte Leute. Ich will auch dich noch hergeben.« Marie küßte ihm die Hand, welche zitterte. Er strich ihr zärtlich über den blonden Scheitel. – Es war Frühling. Zwei Reihen Birken standen in der Straße, die Blüten hingen an den zierlichen Zweigen gerade hernieder, sie öffneten sich der frischen Frühlingssonne; die Bienen umsummten sie; die Straße war leer; sauber zog sich der Weg. Hans Werner hatte eine Stellung draußen im Westen. Sie war zuerst sehr umkämpft gewesen; seit Monaten aber lagen sich nun die feindlichen Linien untätig gegenüber; nur wenige Schüsse wurden täglich gewechselt. Da war ein Buchenwald, dessen Bäume gänzlich zerschossen waren. Die Stümpfe ragten zersplittert aus der Erde, mannshoch, auch höher; die Wipfel lagen zerrissen und unordentlich auf dem Boden; in den toten Ästen und Zweigen aber rührte sich noch der Saft, die Knospen schwollen an und öffneten sich; Blättchen kamen dürftig hervor, um gleich abzuwelken. Hans machte einen Gang durch raschelndes Laub, zwischen zerknickten und zerrissenen Ästen und Zweigen. Eine Stelle war, da kamen unter dem gerollten Laub Tausende von Leberblümchen vor. Der Boden sah blau aus, wenn man weiter blickte. Hans war müde und gleichgültig gegangen. Da war es, als ob der Anblick der zierlichen Blümchen etwas in ihm bewegte. Zierlich standen sie, jedes für sich, unbekümmert. Die Bäume waren zersplittert und zersplissen, die Blümchen aber standen, wie sie jedes Jahr dastanden, unbekümmert. Aus der Ferne rollte der Kanonendonner. Diese Blümchen aber standen unbekümmert. Ihm war, er müsse ein Blümchen genauer betrachten. Er kniete nieder, bückte sich. Da waren die hellen, leichten Blütenblätter, die Staubgefäße. Er wußte, die Blütenblätter fielen ab, wenn er das Blümchen anrührte. Ihm war, er müßte fragen: »Weshalb bist du da, Blümchen?« Aber er fragte nicht, er lächelte über sich selber. Als Knabe war er einmal mit dem Vater im Wald gegangen. Da war eine Stelle wie diese gewesen. Er hatte die Hand des Vaters losgelassen und war hingelaufen; er hätte gern sich einen Strauß gepflückt, aber er wußte, daß der Vater das nicht liebte. »Ja, Lebendiges zerstören darf man nicht zu seiner Lust, man darf nur zerstören, wenn ein Muß ist«, sagte er bei sich. Die Bäumchen standen ruhig, unbewegt zierlich hoben sie sich. »Soll ich nicht leben?« fragte es in ihm. Er schämte sich, er sah sich um. Nur die abgebrochenen Stämme, die ausgeschlagenen, vertrockneten Äste und Zweige und abgeknickten Wipfel waren da. Eine Meise, nicht nahe. Hastig faltete er die Hände, die Meise war ja nicht nahe. »Lieber Gott, guter Gott, Dank!« flüsterten leise seine Lippen. »Dank! Dank!« flüsterten sie. Hastig sprang er auf die Füße, lachte verlegen, dann zupfte er seinen Rock glatt und ging weiter. Er kam zurück. Da saßen die Leute im Kreis, besprachen sich. Einer lag auf dem Rücken, die Mütze auf dem Gesicht, im halben Schlaf. Einer hatte ein Stückchen Holz und schnitzte. »Der Boden ist gut hier. Man könnte viel mehr herauswirtschaften«, sagte einer. »Man muß die Verhältnisse kennen«, warf ein anderer ein. »Das ist in der Landwirtschaft überall anders.« »Der Franzose ist faul«, erwiderte der erste. »Die Bildung fehlt auch. Wenn ich die Leute schon in ihren Holzschuhen sehe, dann habe ich genug. Ehe so einer sich umdreht!« plötzlich sprangen alle auf und liefen auseinander. Ein Singen und Sausen war in der Luft, dann war ein Klatsch, da drehte es sich vor Hans schwarz im Boden wie ein Kreisel, warf Erde und Steinchen ringsum aus. »Was ist denn das?« dachte er. »Ja, das Leben vergeht schnell, eine Minute ist es nur«, dachte er. Da fühlte er einen Schlag. »Nun will ich fallen«, dachte er. Er lag auf der Erde, im trocken braunen Gras, ein Käferchen kletterte da auf einem Grashalm. »Nun muß ich doch einmal hinfassen«, dachte er. Er faßte an den Leib, da war die Hand voller Blut. »Bin ich denn verwundet?« fragte er sich erstaunt. »Ja, das war ja eine Granate.« Es stürzten zwei von seinen Leuten herbei; er erkannte sie nicht. Sie rissen ihn hoch; er hörte, wie er stöhnte; sie trugen ihn fort. Nun lag er im Unterstand. Der Arzt zog ihm den Rock aus, entfernte das Hemd. Das Blut strömte stark. Der Arzt bückte sich über die Wunde, so daß Hans seinen Kopf nahe vor den Augen hatte. Ziemlich grauhaarig war der Arzt schon. »Nicht gefährlich. Fleischwunde, aber groß«, sagte der Arzt; da wurde es Hans dunkel vor den Augen. Er fühlte noch, daß etwas mit ihm geschah, wahrscheinlich wurde die Wunde verbunden. Nun war es ihm auch, als höre er starken Kanonendonner. Es konnte aber auch sein, daß er das träumte. Er wachte auf, er lag allein in seinem alten, bekannten Raum. Er sah die Bretter oben an der Decke, an einer Stelle waren sie geschwärzt vom Lampenruß. Er schlief auch wohl wieder ein. Es war auch ein Schrinnen in der Wunde. »Das ist das Heilen«, dachte er. Er wurde auch wohl fortgetragen. »Großer Blutverlust«, hörte er im Schlaf. »Das bin ich, den sie da meinen«, dachte er. »Wenn sie etwas sagen, das mich angeht, das höre ich. Das andere höre ich nicht.« Nun lag er im Lazarett. Rechts und links waren Betten. Eine Pflegerin ging vorüber, weiße Haube, weiße Schürze, blau und weiß gestreiftes Kattunkleid. Sie ging geschäftig. Er schloß die Augen wieder. Neben ihm lag ein Mann, der ihn plötzlich anredete: »Hat's dich sehr gepackt?« Hans antwortete: »Nicht gefährlich. Fleischwunde. Blutverlust.« Der Mann sagte: »Das ist nicht schlimm. Da hast du nachher keine Beschwerde in deinem Geschäft. Mir hat's ein Bein weggerissen. Ich bin Müllkutscher. Sie sagen ja, man kriegt ein künstliches Bein, das ist dann so gut wie das richtige. Na, man muß sehen. Ich komme nun bald nach Hause. Das ist auch was wert. Aber zu Hause soll es mit der Verpflegung noch schlechter sein, wie hier draußen. Hast du was davon gehört?« Hans antwortete nicht; er hörte die Stimme wie aus ganz weiter Ferne. Er wußte, daß der Mann neben ihm lag, er wollte ihm antworten, aber seine Sinne umnebelten sich wieder. Der Arzt sagte ihm, als er ihn behandelte, man habe ihn hierher gebracht, weil die kleinen Zimmer besetzt seien; er werde bald umgebettet sein. Er antwortete, ihm sei es recht so, er halte die Bevorzugung nicht für richtig. Zwölf Betten waren in dem Raum. Die Pflegerinnen gingen mit leisen Schritten. »Ich heiße Kraus«, sagte sein Nachbar. »Wie heißt du denn?« Hans nannte seinen Namen. »Du kannst von Glück sagen, daß du hierher gekommen bist«, erzählte Kraus. »Zuerst waren sie grob, die Ärzte und die Schwestern; ich habe einmal gesagt, da war einer, der lag im Sterben, ›das ist doch kein Stück Vieh‹, habe ich gesagt. ›Wenn Ihr mich so anfaßt‹, habe ich gesagt, ›ich kann es vertragen, aber der Mann, das müßt Ihr doch sehen, der macht es doch nicht mehr lange‹. Nun, natürlich, man kann es sich ja denken, das Personal hat viel zu tun, da kann nicht immer mit Handschuhen zugegriffen werden, und die Leute sind ja auch manchmal unvernünftig und wissen nicht, was sie verlangen sollen. Man muß immer beide Teile hören. Ich sage: seit die Schwester Marie da ist, ist es besser geworden. Die hörst du nie schimpfen. Wenn die dich anfaßt, dann ist es, als ob dich ein kühles Rosenblatt berührt. Die ist nämlich von hohem Stand, die meisten Schwestern, die stammen ja nur von gewöhnlichen Leuten her, na, und dann weiß man doch schon, die jungen Offiziere, und so, was da so ist. Aber die Schwester Marie – nichts. Die braucht einen bloß anzusehen mit ihren Augen, dann gucken sie alle weg. Da schämen sie sich, vor der.« Die Schwester Marie trat an das Bett von Hans. Hans erkannte sie. »Fräulein Willmar!« rief er und streckte ihr die Hand hin. Es huschte freundlich über ihr Gesicht, sie drückte seine Hand und sagte: »Liegen Sie recht still, ich freue mich, daß ich Sie zu pflegen habe.« Sie nickte auch Kraus zu, der sie verklärt ansah; sie sagte ihm: »Wir stammen aus derselben Stadt.« – »Ja, das kommt vor« erwiderte der, »da trifft man zuweilen Leute wieder, die man seit zehn Jahren nicht gesehen hat.« Als sie ging, sah ihr Kraus glücklich nach. »Kannst du das sehen?« fragte er Hans, »wie die geht? Das kann man mit den andern doch gar nicht vergleichen!« Plötzlich seufzte er auf: »Ja, das sieht man nun so, und wenn man denkt, wie roh man selber ist! Davon weiß so eine ja gar nichts.« Er hörte, daß Hans Offizier war; plötzlich wurde er schweigsam. Der Nachbar auf der andern Seite schlief fast immer, Hans hatte mit ihm nur einige Worte wechseln können. »Die Herren Offiziere haben doch ihre Stuben für sich, da liegt immer nur einer?« fragte er mißtrauisch. »Es war gerade kein Platz, und ich möchte nun auch gern hier bei den andern bleiben«, erwiderte Hans. »Ja, das ist ja denn nicht so langweilig«, sagte Kraus. »Aber die kriegen da immer etwas Besonderes zugesteckt. Für die Mannschaften ist nichts da.« Hans suchte zu entschuldigen: »Sie müssen immer bedenken, wir sind alle Menschen. Es soll ja nicht sein. Und der Offizier soll ein Vorbild geben. Aber wenn da nun einmal etwas vorkommt, bei den Mannschaften ist auch nicht immer alles so, wie es sein sollte.« »Das sage ich ja«, erwiderte Kraus, »Und Disziplin muß sein, sonst geht es nicht. Aber sehen Sie, Herr Leutnant, nicht wahr, ich kann offen sprechen, und ich werde ja nun auch entlassen, wenn ich transportiert werden kann. Wir kamen aus dem Graben in Ruhestellung, Sie wissen, wie man da aussieht, und wie einem da zu Mute ist, da ist so ein Fräulein in einem Laden, da heißt es, es werden Liebesgaben verteilt. Ich, rein. ›Na, was habt Ihr denn da?‹ – ›Nichts. Wir haben ja gar nichts mehr. Alles weggegeben. Gehen Sie nur hinaus. Sie riechen‹. Mit meinen eigenen Augen habe ich gesehen, wie ein Leutnant herausgegangen ist mit zwei Flaschen Sekt unterm Arm. Sehen Sie, Herr Leutnant, das wurmt. Und der hat den Schützengraben vielleicht nicht zu sehen gekriegt.« »Sie haben recht«, erwiderte Hans. »Das wird aber doch auch jeder anständige Mensch verurteilen.« »Sie, ja, das glaube ich wohl«, sagte Kraus. »Ich sage auch immer: Nicht allgemein urteilen. Es gibt auch unter den Offizieren gute Männer. Unser Hauptmann, für den wären wir durchs Feuer gegangen. Streng war er, aber gerecht. Und überhaupt, die früheren Offiziere, die Berufsoffiziere. Aber die sind ja nun alle tot, die sind gleich in den ersten Wochen gefallen, weil sie sich nicht geschont haben. Ja, die waren ein Vorbild, da konnte man stolz sein.« »Wie haben Sie denn Ihre Verwundung bekommen?« fragte Hans. »Schau, das will ich dir sagen«, erzählte zutraulich Kraus. »Wir haben einen Abschnitt gehabt, der ist wochenlang ruhig. Nun, da muß wohl gegenüber ein neuer Offizier gekommen sein, der will etwas vorstellen, mit einem Mal geht es los. Wir haben da uns schöne Räume ausgegraben gehabt, ganz bequem, da sitzen wir zusammen, da kratzt sich der Hauptmann hinterm Ohr und sagt: ›Kinder, was machen wir nun? Wir haben nicht genug Munition mehr. Wer will Munition holen? Gefährlich ist es. Aber wenn die nun einen Sturmangriff machen, dann sitzen wir da‹. Na, kannst dir denken, nach so was drängt sich keiner. Da sind so ein paar, die gucken mich an. ›Na‹, denke ich, ›die meinen ja wohl, ich soll vor?‹ Also, ich stehe auf und stehe stramm und sage: ›Zu Befehl, Herr Hauptmann, ich, Herr Hauptmann‹. Da lacht der Hauptmann über das ganze Gesicht und haut mir auf die Schulter und spricht: ›Das ist recht. Kraus, Sie sind mein bester Mann‹ – das hat er gesagt – ›Sie lassen die Kompanie nicht im Stich.‹ Ich habe mich ordentlich geschämt, wie er das gesagt hat. Na, also nun los. Aus dem Graben herausgeklettert, und dann die Beine in die Hand genommen. Na, so gelaufen bin ich nie in meinem Leben. Rechts und links: Huit, Huit, Klatsch, Klatsch! Na, da war ein Hohlweg, da war ich ja nun gerettet. Also ich komme gut an. So und so, Meldung, gut, abgemacht. Die Pakete auf den Wagen geladen, angespannt. Das waren zwei schöne Gäule! Schwarz, kein weißes Haar, das waren ehrliche Pferde, die sahen mich so an, ich klopfte sie, sie reiben sich noch die Nase an mir, die Tränen sind mir gekommen, ich sage mir: ›Ihr werdet ja wohl nicht zurückkehren!‹ Also ich aufgesetzt und nun los! Die Gäule laufen wie der Teufel, die waren gewiß von einer feinen Herrschaft, die waren immer gut gehalten, kein Falsch war in denen. Hohlweg, gut; dann das freie Feld. Ich habe einen schönen Buckel gemacht! Und die Gäule! Wie verrückt! Richtig, wir kommen an den Graben, ich fahre hart an den Rand, rufe hinein: ›Aufgepaßt!‹ rufe ich; ich hebe das Seitenbrett hoch, und immer mit beiden Händen die Pakete hinuntergeschaufelt in den Graben. Die Gäule zitterten, das pfiff nur so um uns, der Schaum stand ihnen in den Weichen vor Angst, aber wie aus Stein! Keinen Ruck! Mit einem Mal eine Granate, gerade zwischen die Gäule, alles geht hoch, einen Ruck, ich schlage hin, wie ich wieder zusehe, meine Gäule sind fort, Deichsel fort. Ein Hinterbein lag da, das war alles. Aber nun schnell weiter, die Patronen in den Graben! Da sind noch ein paar Päckchen, die schiebe ich mit dem Fuß zusammen; mit einem Mal schmeißt mich's um. ›Nanu‹, denke ich, und greife neben mich. Ja, da fasse ich doch mein Bein! Wie mit dem Messer abgeschnitten! Aber gefühlt habe ich nichts. »Nun kaltes Blut!« sage ich mir. ›Jetzt gehst du auf den Händen‹. Patronen waren nicht mehr im Wagen. Ich krieche nach vorn und lasse mich herunter, da war der schräge Haufen Patronen, auf dem rutsche ich in den Graben. Nun, da haben sie mich im Graben. Dann sind sie aber besorgt gewesen. Gleich hineingetragen und verbunden. Und so ist es denn gekommen. Nur nachher, wenn sie einem die Haut über den Stummel ziehen, das schrimmt. Da hört man die Engel im Himmel pfeifen.« Hans hörte der Erzählung zu. Sie floß, stockend manchmal, dann schneller; Kraus sprach mit halblauter Stimme; ein Verwundeter weiter hinten ächzte; ein Mann schnarchte; ein anderer Mann erzählte seinem Nachbarn; manche lagen wohl halbträumend, ruhig und still. Nun ging ihm die Erzählung in Halbtraum über; er wußte nicht mehr recht, wie alles war: Bett und Schützengraben. »Ich habe doch wohl viel Blutverlust gehabt«, dachte er. Nach einer Weile wurde ihm klar, daß Kraus schwieg. Dann sah er, wie die Schwester Marie zwischen seinem und des Andern Bett stand. Sie hatte ihm den Rücken zugewendet, sie sprach mit Kraus. Aber er konnte nicht verstehen, was sie sprach. »Das geht mich ja auch nichts an«, dachte er. »Wie schön ist die Müdigkeit«, dachte er. Eine Fliege summte. Nun ging die Schwester fort. Langsam sah er zur Seite, da lag Kraus, er nickte nachdenklich mit dem Kopf. »Hast du gehört?« fragte er. »Ich komme morgen fort. Das hat sie mir gesagt.« Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Ja, wenn ich nicht ein Krüppel wäre, und hätte Bildung, und hätte Geld, dann wüßte ich schon, was ich täte. So ein Mädchen gibt's nicht wieder, mit der kann ein Mann zu etwas kommen.« Hans hatte von der Verwundung nicht nach Haus geschrieben, er bekam seine Briefe ins Lazarett nachgeschickt. Dadurch war eine Verspätung; nun erhielt er mit einem Mal mehrere zusammen. Er las die Briefe von Anna. Sie schrieb ihm, was sie gelesen hatte auf seinen Wunsch und erzählte, wie es zu Hause ging; sie schrieb, daß sie noch reichlich zu essen hätten und daß sie sich nicht zu sorgen brauchten. Er wußte, daß das nicht wahr sein konnte, er hatte ja beim letzten Urlaub gesehen, wie knapp alles war, wie mager, verhungert alle Menschen aussahen, wie zart und schmächtig Anna selber geworden war. Die Tränen traten ihm in die Augen; seit er hier lag, war er viel weicher geworden; »das macht der Blutverlust«, dachte er. »Da hast du wohl was Liebes zu Haus?« fragte ihn Kraus. »Ja, das sieht man wohl schon. Ja, für euch ist das auch schwer. Da habt ihr nun euer gutes Essen und Trinken, aber das allein macht es auch nicht. Es hat ein jeder sein Päckchen zu tragen. Ich habe ja keinen zu Hause. Ich bin ein uneheliches Kind, meine Mutter ist tot, mich hat die Gemeinde aufgezogen, na weißt du, die Bauern tun das ja nicht gern, wenn sie den Beutel ziehen müssen für fremde Kinder, verdenken kann man es ihnen ja nicht, denen wird es auch nicht leicht.« Der Nachbar auf der anderen Seite war wach. Er begann zu erzählen: »Ich bin auch einmal fein gewesen. Da hättet ihr mich sehen sollen. Ich habe ein Glas im Auge gehabt, und feine Handschuhe, und dann bin ich gegangen und habe mit feinen Leuten Billard gespielt. Das sieht man mir jetzt nicht an, vollends wo ich hier liege.« Er hatte ein breites, gutmütiges Gesicht mit langen roten Bartstoppeln, die von der Oberlippe bis zu den Nasenflügeln gingen. Über die Nase zog sich ein Streifen Sommersprossen. »Arbeiten tue ich nicht mehr, wenn ich nach Hause komme«, fuhr er fort. »Meine Rente muß mir werden. Ich habe noch meinen feinen Anzug und den Zylinder, da gehe ich nachmittags zwischen vier und fünf auf der Promenade spazieren und sehe mir die Schaufenster an.« Kraus lachte: »Dir werden sie es schon zeigen«, sagte er. Er erklärte Hans: »Der sucht nämlich immer den Menschen, der die Arbeit erfunden hat. Aber dem geht's schlecht, wenn er ihn findet!« »Wieso denn?« fragte der andere. »Wenn sich mir eine Arbeit bot, habe ich sie genommen. Im Frühjahr habe ich für die Herrschaften die Vorgärten zurecht gemacht. Dann hatte ich auch einen Blumenhandel. Auch Kammerjäger bin ich. Ich weiß ein Mittel, da bringe ich alle Wanzen weg, die rennen nur so, wenn sie das riechen. Für zwanzig Pfennige kriege ich eine große Düte voll, daraus mache ich zehn Päckchen, für jedes Päckchen bezahlen mir die Herrschaften zwei Mark. Das ist ein sehr gutes Geschäft. Ich hatte auch eine Vertretung für eine große Gold- und Silberwarenfabrik, da verkaufte ich viel an die Dienstmädchen. Ich habe manchmal meine dreißig, vierzig Mark die Woche verdient.« Er stöhnte und legte sich seufzend auf die andere Seite. Am andern Morgen wurden für Kraus die Kleider gebracht; eine Krücke stand da am Bett. Er zog sich an, er drückte Hans die Hand; dann ging er zu den andern Betten und nahm Abschied. An der Tür stand Schwester Marie. Er wurde rot, als er zu ihr trat, er wollte ihr etwas sagen, aber es kam kein richtiges Wort heraus. Er reichte ihr die Hand, sie nahm sie und sagte ihm Wünsche. »Ja, das sagt man so«, erwiderte er. Nun nestelte er an seiner Weste, da zog er ein Geldstück heraus, das mit einer Öse an einem Band ihm um den Hals hing. Er riß das Band ab und reichte ihr das Geldstück. Es war ein altes bayrisches Zehnkreuzerstück mit der heiligen Jungfrau. »Schwester, das nehmen Sie und hängen es um den Hals. Ich brauche es nicht mehr«, sagte er, »ich komme nun nach Haus. Es beschützt, und mich hat es ja auch immer beschützt. Es ist noch von meiner Mutter, weiter habe ich nichts von ihr geerbt, das hat mir der Schulze gegeben, wie ich gefirmt wurde.« »Ich bin ja Protestantin«, sagte sie zögernd. »Das macht nichts. Die heilige Jungfrau geht nicht nach der Konfession, aufs Herz sieht sie«, erwiderte er. Sie sah ihn voll an und reichte ihm noch einmal die Hand. »Ich danke Ihnen von Herzen«, sagte sie. »Ich werde die Münze tragen.« Er machte eine abwehrende Handbewegung, dann humpelte er aus der Tür. – Bei dem Landgerichtspräsidenten humpelte er die Treppe hinauf und klingelte. Es war an einem Sonntagnachmittag. Willmar saß in seinem Ammer und arbeitete; Frau Willmar saß in einer Ecke des Sofas und strickte. Sie stand auf, ging hinaus und öffnete die Tür. Ein junger Mann im Sonntagsanzug, groß gewachsen, mit offenem, hübschem Gesicht, blond, stand vor ihr. Er hatte nur ein Bein und ging an der Krücke. Er nahm den Hut ab und behielt ihn verlegen in der Hand. »Ich wollte mit der Herrschaft sprechen«, sagte er. Sie erwiderte: »Ich bin Frau Willmar. Was wünschen Sie?« Dem jungen Mann flog ein Freudenschein über das Gesicht. Er streckte ihr die Hand entgegen und rief: »Grüß Gott!« Frau Willmar legte ihre Hand etwas zögernd in die dargebotene Rechte, dann sagte sie: »Wollen Sie nicht in das Zimmer kommen?« Der Besucher war Kraus. Er humpelte in den Flurgang, hängte seinen Hut an den Kleiderhaken, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und folgte der Frau in das Wohnzimmer. Frau Willmar setzte sich und wies ihm einen Stuhl an, auf dem er sich schwerfällig niederließ. »Ich komme nämlich aus dem Lazarett«, sagte er. »Da war ein Leutnant, der lag neben mir, der hat mir gesagt, wie Sie heißen und wo Sie wohnen. Das war ein Leutnant Werner.« »Ach, Hans Werner«, rief Frau Willmar aus. »Ist er denn verwundet? Wir wissen ja gar nichts, doch nicht schlimm?« »Nicht gefährlich«, erwiderte Kraus. »Einen Augenblick, ich will nur meinen Mann rufen«, sagte Frau Willmar und eilte in das Nebenzimmer. Der Landgerichtspräsident erhob sich und folgte ihr. Er begrüßte Kraus, er winkte dem Verstümmelten, sitzen zu bleiben, und setzte sich selber. »Wie geht es denn meinem Mündel?« fragte er. »Wir haben seit drei Wochen keine Nachricht.« »O, so weit ganz gut«, erwiderte Kraus. »Was ist denn das für eine Verwundung?« fragte Frau Willmar. »Man hört so viel schreckliche Geschichten.« »Hier an der Seite, da hat es ihm einen tiefen Riß gemacht. Aber bis auf den Knochen ist es nicht gekommen«, sagte Kraus. »Sie haben es ihm genäht, die Fäden sind schon wieder herausgezogen. Er wird wohl bald Urlaub haben.« »Sie sind wohl erst seit kurzem zurück?« »Vorigen Dienstag entlassen«, erwiderte Kraus. »Wie das in meinem Geschäft so ist. Ich kann überall ankommen. So, habe ich mir gedacht, gehst du nach hier, lernst du einmal eine andere Stadt kennen. Schöne Stadt! Schöne Häuser! Alles neu!« »Was haben Sie denn für ein Geschäft?« fragte Frau Willmar. »Ich bin bei den Pferden«, erwiderte Kraus. »Da finden Sie eine Stellung hier?« fragte der Landgerichtspräsident. »Freilich«, lachte Kraus. »Ich muß nur erst mein neues Bein haben«. »Ach, du könntest dem Herrn – wie heißen Sie doch?« fragte der Landgerichtspräsident. »Musketier Kraus, Xaver Kraus«, erwiderte der Mann. »Du könntest Herrn Kraus eine Tasse Kaffee bringen, Frau – Sie müssen entschuldigen, wir haben schon getrunken ...« Frau Willmar erhob sich. Kraus errötete. »Ach, meinetwegen solche Umstände! deswegen bin ich doch nicht gekommen«, sagte er. Es entstand eine Pause, während der sich Kraus im Zimmer umsah. Endlich sagte er: »Da ist ein Klavier, auf dem hat Schwester Marie gewiß gespielt.« »Kennen Sie denn meine Tochter?« fragte Willmar erstaunt. »Freilich«, erwiderte Kraus. »Die hat doch in unserm Saal gepflegt! Wie ich hinkam – na, ich will nichts sagen, die Leute haben ja auch ihre Last. An einem Morgen ist sie da. Der Arzt kommt zu mir: ›Wenden Sie sich um‹, schnauzt er mich an. Ich versuche, versuche. Da kommt die Schwester Marie. ›Vielleicht treten wir auf die andere Seite, Herr Doktor‹, sagte sie. Und wissen Sie, wenn die so etwas sagte, dann mußte man das schon tun, das half nichts. Und dann nahm sie mich, die hat Kräfte! So eine zarte Person, das sollte man nicht denken! Ich habe gar nichts gespürt, wie der Doktor den Verband gewechselt hat.« Eben trat Frau Willmar mit dem Kaffee ein. »Du, denke dir, Herr Kraus ist von Marie gepflegt«, rief der Präsident. Die Tasse zitterte in Frau Willmars Hand. Sie setzte sich und sah Kraus fragend an. »Ja, sie sagt nur, ›vielleicht treten wir auf die andere Seite, Herr Doktor‹, und dann, wissen Sie, wenn die so etwas sagte, dann mußte man das schon tun«, erzählte Kraus noch einmal. Frau Willmar wendete das Gesicht nicht von Kraus und schob ihm die Tasse zu. Er errötete und zog sie an sich: »Ich danke auch. Aber das war gar nicht nötig.« »Nun erzählen Sie doch, was hat sie denn alles zu tun?« fragte Frau Willmar. Kraus verstummte. Um die Pause auszufüllen, ergriff er die Tasse, sagte, »ich bin so frei« und trank, indem er die Schale unterhielt. »Es ist bloß Malzkaffee«, sagte der Präsident lächelnd. »Freilich«, erwiderte lächelnd Kraus. »Der richtige Kaffee, der ist heutzutage nur für die feinen Leute.« »Wie sieht sie denn aus?« fragte Frau Willmar. »Sieht sie denn blaß aus?« »O nein«, erwiderte Kraus. »Ganz munter. So ernst ist sie immer. Aber gut, sehr gut.« Der Präsident erhob sich. »Ich muß mich entschuldigen. Ich habe eine dringende Arbeit für eine Verhandlung morgen.« Er gab Kraus die Hand, forderte ihn auf, seinen Besuch zu wiederholen, und ging in sein Zimmer. Kraus wollte auch gehen. »Aber Sie müssen doch erst ihren Kaffee austrinken«, sagte Frau Willmar. Er setzte sich und trank. »Wie gefällt Ihnen denn unsere Stadt?« fragte sie. »Schön, sehr schön, und die Anlagen, und das Schloß, alles sehr schön«, sagte Kraus. »Wenn man von draußen kommt! Da merkt man erst, was man früher so gar nicht beachtet hat.« Es entstand wieder eine Pause. Dann sagte er zutraulich: »Gnädige Frau, muß denn der Herr am Sonntag Nachmittag auch immer arbeiten?« Frau Willmar seufzte. »Ich mache mir ja Sorgen, er überanstrengt sich. Das geht Sonntag wie Alltag. Keine Nacht kommt er vor eins ins Bett.« Kraus schüttelte verwundert den Kopf. »Und da denkt man nun immer, das sind feine Herrschaften, und die brauchen nicht zu arbeiten, die können ins Theater gehen und in die Vergnügungen, ja es hat wohl jeder seine Last!« Kraus wohnte bei einem alten Ehepaar. Der Mann war Tischler. Er hatte früher einen Gesellen gehabt, dessen Bett stand noch in einem kleinen Verschlag hinter der Werkstatt; in dem schlief nun Kraus. Aber so lange er noch nicht in Arbeit war, hielt er sich in der Werkstatt bei dem Mann auf, oder in der Küche bei der alten Frau. Die alten Leute waren verärgert, »Wenn ich mein Geld ehrlich verdiene, und dann kann ich mir dafür nicht kaufen, was ich will!« sagte der Mann. »Das sind bloß die Reichen, die wollen nicht aufhören mit dem Krieg. Was hat denn das Volk davon? Jeden Tag Dotschen. Ich kann sie schon nicht mehr riechen! Da, die ganze Schublade habe ich voll Geld! Was mache ich denn mit den Lappen!« Die Frau klagte über den Kaffee. Sie konnte den Malzkaffee nicht vertragen. Er machte ihr Magenbeschwerden. Um dreißig Pfund hatte sie abgenommen. »Ja, wenn die da oben nicht Frieden machen können, dann muß es das Volk in die Hand nehmen, dann macht das Volk den Frieden«, sagte sie. Kraus stimmte ihnen bei. Er fand, daß die Großen nicht wüßten, wie es im Volk aussah. Im Feld draußen war es schon schlimm gewesen mit der Verpflegung, aber hier zu Hause war es ja noch schlimmer. Die Arbeiter der Munitionsfabrik streikten. Es war eine Versammlung der Streikenden angekündigt, aber die wurde verboten. Ein Anschlag vom Generalkommando kam mit Androhungen im Falle von Zusammenrottungen. Zwei Munitionsarbeiter, junge Burschen von sechzehn, siebzehn Jahren, saßen in den Anlagen, die Hände tief in den Taschen, die Mütze hinten auf dem Kopf, mit welken, frechen Gesichtern. Der eine gähnte. »Mein Vater hat wieder geschrieben. Er sitzt nun schon zwei Jahre im Schützengraben und kommt nicht raus. Ich soll sparen, schreibt er. Wozu denn?« »So blau«, sagte der andere. »Wenn meine Mutter nicht aufhört, dann ziehe ich fort. Für das Geld, das ich ihr gebe, kriege ich überall eine Schlafstelle, und da denken die Leute nicht, daß sie was sagen dürfen, wenn ich einmal mit einem Mädel gehe.« Der andere zog aus der Jackentasche mit faulen Bewegungen ein Stück Brot und ein Ende Wurst, hielt es ihm vor das Gesicht und sagte lachend: »Der Staat sorgt doch für uns. Wie vorgestern der Geheimrat durchging, da sah er mich frühstücken. Die Augen!« Nun zog er das Taschenmesser vor, schnitt vom Brot ab, höhlte die Wurstschale aus, und aß. Auch der erste holte sein Frühstück aus der Tasche. Er sagte: »Wenn das Volksblatt schreiben dürfte, wie es wollte! Da wird's den Obern gesagt!« »Ich lese keine Zeitung«, erwiderte der andere kauend. »Ich bezahle mein Geld an die Organisation, damit gut.« »Es gibt jetzt neue Anzüge, ohne Karten, aus Papierstoff. Piekfein!« begann der erste. Der andere antwortete nicht, er kaute gleichmütig weiter. Allerhand Gerüchte durchschwirrten die Stadt. Es hieß, daß ein Durchbruch gelungen sei. Auf den Straßen war eine freudige Erregung. Es war, als ob die Menschen plötzlich anders aussahen, als ob andere Menschen auf den Straßen waren: abgemagerte alte Männer in weißem Bart, sauber angezogen, die gerade und aufrecht gingen, Jungens mit fröhlichen Mienen in den blassen Gesichtern, verhärmte Frauen in abgetragenen Kleidern, die ordentlich instand gehalten waren. Lewandowsky ging zum Generalkommando. Er wurde zum General vorgelassen. »Sie werden sich denken, Exzellenz, weshalb ich komme«, sagte er. »In der Arbeiterschaft gärt es. Ich bekomme auch Botschaft ...« er stockte. »Sie wollen sagen: aus der Kaserne?« warf der General ein. »Das wissen wir.« »Ich frage Sie: haben Sie die Mittel in der Hand, die Ordnung aufrechtzuhalten, oder müssen wir eingreifen?« fragte Lewandowsky. Der General strich den weißen Schnurrbart. Er erwiderte: »Ich habe keine Veranlassung, Ihre Frage zu beantworten.« Lewandowsky schwieg eine Weile, dann sagte er: »Gut. Wir werden wissen, was wir zu tun haben.« Er grüßte und entfernte sich. »Diese Nacht geht es los«, sagte der General zu dem Offizier, der in seinem Zimmer war. »Wir können nichts machen. In der Kaserne ist nicht ein zuverlässiger Mann. Hätte ich fünfhundert Leute, dann wäre alles in Ordnung. Aber die guten Leute sind alle draußen.« »Was gedenken Exzellenz zu tun?« »Den Großherzog benachrichtigen, und dann abwarten.« »Nehmen Sie an, daß Gefahren sein werden?« »Für unsere Familie nicht. Für uns vielleicht. Die Leute sind auf die Offiziere erbittert. Wir wollen sie nicht reizen, natürlich hat alles seine Grenzen. Auf alle Fälle ...« er zog eine Pistole halb aus der Tasche vor und zeigte sie. »Ja gewiß«, sagte der Offizier. »Ich habe mich auch vorgesehen. Es ist nicht leicht. Schließlich tut einem das arme Volk doch leid.« Der General zuckte die Achseln: »Ja, wer hat schuld! Dieser Mensch da eben doch im Grunde auch nicht, der ist doch nur ein Stiefelputzer. Die Maschine ist überanstrengt, die Lager sind ausgeleiert, die Räder greifen nicht mehr ineinander, sie ist nur noch altes Eisen. Und weiter ist nichts da. Das nennt man also Revolution. Gut. Erlebe ich also auch eine Revolution. Bleiben Sie hier. Ich werfe mich in die Galauniform und gehe zur Königlichen Hoheit.« Er grüßte und ging. Der Großherzog erwartete den General im großen Saal. Der alte Mann stand in Uniform, in gerader Haltung. »Nun, meine liebe Exzellenz«, fragte er, »was haben Sie mir zu berichten? Im Feld alles gut? Die höchste Bewunderung für unsere Heeresleitung und für die sittlichen Kräfte im Volk.« »Königliche Hoheit«, erwiderte der General, »der Geist der Truppen ist derselbe wie immer. Auch im guten Teil des Volkes ist noch die alte Stimmung.« »Habe ich das nicht immer gesagt?« rief der Großherzog aus. »In diesem Krieg wird das Volk den Sieg davontragen, in dem der Glaube an Gott am lebendigsten ist.« »Es sieht nicht so gut aus, wie Königliche Hoheit denken«, sagte der General. »In der Kaserne habe ich nur lauter junge Mannschaften, die älteren sind sämtlich draußen im Feld. Wenn Unruhen ausbrechen, so habe ich keine Kräfte in der Hand.« »Wie? Exzellenz?« fragte der Großherzog. Er sah den General erstaunt, erschreckt an. Der schlug die Augen nieder. »Wie«, fuhr er fort, »das befürchten Sie?« Er schwieg lange. Mit veränderter Stimme fragte er: »Und was hatten Sie mir Besonderes zu berichten?« »Ich würde es für richtig halten, wenn Königliche Hoheit mit der großherzoglichen Familie für einige Zeit Ihren Aufenthalt aus der Hauptstadt verlegten«, sagte der General. Der Großherzog schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Exzellenz glauben, daß Sie für meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Familie verantwortlich sind. Ich danke Ihnen. Sie werden aber gewiß verstehen, wenn ich selber über den Punkt anders denke. Das soll nicht etwa ein Vorwurf gegen Sie sein, Sie stehen an Ihrem Platz und müssen Ihre Pflicht tun. Ich möchte, daß die Großherzogin unserm Gespräch beiwohnt.« Die beiden Herren begaben sich zu den Gemächern der Großherzogin. »Meine Liebe«, begann der Großherzog, »Exzellenz bringt mir eben die Nachricht, daß er nicht mehr für unsere Sicherheit bürgen kann.« Die Großherzogin sah den General erschrocken an, ihre hellblauen, alten Augen wurden groß und rund, die Brauen zogen sich hoch. »Mir scheint, wir haben nicht ganz richtige Vorstellungen von allem gehabt«, sagte der Großherzog zu ihr. »Nun muß die Entscheidung getroffen werden. Ich möchte dir meine Ansicht zur Begutachtung vorlegen. Deinem klugen Rat habe ich viel zu verdanken. Ich denke, wir sind zwei alte Leute. Ich habe immer gemeint, daß wir ein Leben geführt haben, auf dem kein Vorwurf lastet. Wir haben keine Kinder. Sollen wir uns der Nachrede aussehen, daß wir geflohen sind? Unseres Lebens Ziel wäre ohnehin in ein paar Jahren erreicht, die Erschütterung wird auch die noch abkürzen. Eine Aufgabe haben wir nicht mehr zu erfüllen, denn wenn das möglich ist, daß Exzellenz für unsere Sicherheit besorgt ist, was können wir dann noch tun? Ich würde dir vorschlagen, daß wir bleiben.« Die Großherzogin trat neben ihn, nahm seinen Arm und sagte zu dem General: »Ich richte mich natürlich nach der Ansicht des Großherzogs. Für Ihre pflichttreue Wachsamkeit sage ich Ihnen meinen Dank.« Der General verbeugte sich. Er sagte mit gepreßter Stimme: »Was jetzt geschieht. Königliche Hoheit, das wird für Jahrhunderte bestimmend sein.« »Das weiß ich«, erwiderte der Großherzog. »Wir gehören nicht uns. Gehen Sie mit Gott.« Er reichte ihm mit einem gnädigen Lächeln die Hand, der General beugte sich tief über sie und küßte sie; eine Träne fiel auf die Hand. »Was haben Sie!« rief der Großherzog erschrocken, »was haben Sie! Sie sind noch ein junger Mann. Alte Leute hängen nicht mehr am Leben. Und denken Sie nicht, daß ich ein Beispiel für Sie sein muß. Sie können vielleicht später einmal gebraucht werden. Setzen Sie sich wenigstens nicht nutzlos aus. Mit uns ist das etwas anderes.« In der Stadt liefen allerhand Gerüchte um. Es hieß, daß in der Munitionsfabrik und bei Werner Arbeiterräte gebildet seien. Auf den Straßen zeigte sich kein Soldat; es hieß, daß die Kaserne geschlossen sei. In den letzten Wochen waren allerlei fremde Menschen zugezogen von auffälligem Aussehen; es war, als ob deren viel mehr seien, als sie in Wirklichkeit waren; man sah sie immer auf der Straße eilig gehen, mit wichtigen Geschäften, wie es schien. Lewandowsky fuhr im Auto verschiedentlich die Hauptstraße entlang. Man erzählte sich, daß die telefonische und telegrafische Verbindung abgeschnitten sei. Die Dämmerung zog herauf; die Straßenlaternen brannten; es wirkte unheimlich, wie sie in der Dämmerung in ihrer Reihe standen. Es waren wohl etwas mehr Menschen auf der Straße als sonst; vor allem eine andere Art von Menschen. Viele junge Arbeiter waren da, welche in kleinen Trupps zu zwei oder drei gingen, die Hände in den Hosentaschen, unschlüssig, was tun, neugierig ein Schaufenster betrachtend, indessen der Ladenbesitzer ängstlich auf der Schwelle stand. Sie warfen sich wohl Zurufe zu. Es kam wohl auch einmal eine Reihe Fabrikmädchen, welche sich untergefaßt hielten und die ganze Straßenbreite einnahmen. Sie riefen: »Platz da!« und die Leute wichen ihnen meistens aus; die jungen Burschen riefen ihnen höhnische Bemerkungen nach, pfiffen; es war auch wohl einmal ein Aufkreischen. Dann machten sich offenkundige Strolche bemerkbar: Gestalten in zerknitterten Hosen, aufgebogenen Stiefeln, in zugeknöpftem Sommerüberzieher, unter dem offenbar weder Jacke noch Weste, noch Hemd sich befand. Sie schlurften argwöhnisch, vorsichtig an den Seiten. So ein Mann bückte sich dann wohl, um einen fortgeworfenen Zigarrenstummel aufzuheben und in die Tasche zu stecken. In der Schriftleitung des Volksblatts waren bei Lewandowsky eine Anzahl Männer versammelt, meistens junge Leute. Lewandowsky saß auf dem Stuhl, die andern standen an den Wanden. »Wir haben also nun die Minister der Revolutionsregierung«, sagte er. »Als Präsidenten schlage ich mich selber vor.« »Gut«, sagte einer. »Jawohl«. – »Zugestimmt«, erklärten andere. »Noch einmal die ganze Liste vorlesen«, wurde gerufen. Lewandowsky erhob sich und begann zu lesen: »Ministerpräsident: Dr. Lewandowsky, Redakteur. Minister für Soziales: Auer, Wilhelm, Arbeiter ...« so las er weiter. Nach jedem Namen erklärte der Betreffende seine Zustimmung. »Um Blutvergießen zu verhüten, meine Herren«, sagte Lewandowsky, »schlage ich vor, daß wir zunächst zur Kaserne fahren.« Ein junger Mensch sagte: »Wenn die aber nun ...« er wurde verlegen, sah sich um, und beendete seinen Satz nicht. »Keine Angst, meine Herren. Es ist für alles vorgesorgt«, rief Lewandowsky. Die Männer gingen die Treppe hinunter. Auf der Straße standen Autos. Lewandowsky stieg in das erste Auto, schlug die Tür zu und befahl dem Lenker. Er fuhr vor der Kaserne vor. Lewandowsky stieg aus. Da stand ein Posten. Er nickte ihm zu, der Mann grüßte. Dann ging er in das Gebäude. Auf der Straße vor der Kaserne versammelten sich Menschen. In einem Auto stand plötzlich ein Mann auf und sprach von oben herab: »Die Republik ist erklärt. Die Republik ist erklärt.« Die Leute herum schwiegen. »Ja, was sollen wir denn nun tun?« sagte einer. Es entstand ein Schweigen, einige lachten bereits. Da kam ein Ruf aus der Menge: »Die Gefangenen befreien!« – »Zum Gefängnis«, rief der Mann vom Auto herab, die Masse setzte sich in Bewegung. »Mensch, kannst du denn nicht im Tritt marschieren!« sagte wütend ein Mann zu seinem Nachbarn. Die Autos mit den Revolutionsministern fuhren beim Staatsministerium vor. Die Tür war geschlossen, der alte Pförtner sah aus seinem Fenster. Man merkte ihm an, er war ein Unteroffizier. Nun trug er einen langen, weißen Bart. »Das ist meine Tür. Die mache ich nicht auf«, erklärte er. »Wir sind das neue Ministerium. Ich bin der Ministerpräsident«, rief Lewandowsky. »Schließen Sie auf. Wir müssen in den Sitzungssaal.« »Das neue Ministerium?« fragte der Mann verblüfft. Dann kratzte er sich den Kopf, nahm den Schlüssel vom Nagel und öffnete. Er bückte sich tief, als die Minister hineingingen. Während der Nacht eilten Boten, wurde telefoniert, Autos rasten durch die Straßen. Früh am andern Morgen wurden Zettel an die Straßenecken geklebt. Viele von den Bürgern wußten nicht, was geschehen war. Sie lasen, daß die Monarchie gestürzt und der Volksstaat erklärt war. Lewandowsky fuhr mit zweien der Minister zum Schloß. Die Männer wurden von einem Diener in einen Saal geführt, dort wurde ihnen bedeutet, zu warten. Sie warteten, wischten sich die Stirn, den Hals und Nacken mit dem Taschentuch. Es war ein großer und hoher Saal. Der Großherzog trat ein und ging in gerader Haltung auf die Männer zu. Die zwei Minister verneigten sich tief; Lewandowsky blieb ruhig stehen, dann verneigte er sich plötzlich gleichfalls. Eine Pause entstand. »Was wünschen die Herren?« fragte der Großherzog. Lewandowsky trat vor. »Das Volk hat die Zügel in die Hand genommen. Die Republik ist erklärt. Ich bin der Ministerpräsident«, sagte er. »Ihr Name?« fragte kühl der Großherzog. Lewandowsky errötete: »Doktor Lewandowsky, Redakteur des Volksblatts«, antwortete er. »So«, sagte der Großherzog und schwieg. Eine Pause entstand. Lewandowsky räusperte sich, aber er sagte nichts. Die beiden Andern stießen sich verstohlen an. »Und ... was wünschen Sie noch?« fragte endlich der Großherzog. Lewandowsky zog geschäftig ein Papier aus der Tasche. »Hier habe ich die Abdankungsurkunde. Wenn Königliche Hoheit vielleicht ... ein Federzug ...« Er sah sich um. »Ist denn keine Tinte da?« Ein Minister ging zur Tür, um einen Diener zu rufen. »Behalten Sie Ihr Schriftstück. Ich unterzeichne es nicht«, sagte der Großherzog. »Ja, aber ...« stotterte Lewandowsky verlegen. »Ich kann Ihnen keinen Widerstand entgegensetzen. Ich habe keine Leute mehr zur Verfügung«, sagte der Großherzog. »Ich muß Ihnen überlassen, was Sie zu tun gedenken.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Die Großherzogin trat ein und schritt durch den Saal, um sich neben den Großherzog zu stellen. Sie war eine alte Dame, schwer und breit; ruhig blickte sie auf die drei Männer. »Das sind die Herren, welche mir die Mitteilung machen«, sagte der Großherzog zu ihr. Die Drei sahen verlegen zu Boden, als die Großherzogin sie anblickte. »Ja, was soll ich denn da tun?« fragte Lewandowsky beunruhigt. Ein leichtes Lächeln flog über die Züge des Großherzogs. »Ich kann leider diese Frage nicht beantworten.« »Königliche Hoheit, der Umschwung ist ohne Blutvergießen vor sich gegangen«, sagte Lewandowsky. »Ich bürge, daß Königliche Hoheit sicher sind. Auch die Geldfrage wird in vornehmster Weise geregelt werden. Wollen Königliche Hoheit nicht die Folgerungen ziehen?« Er reichte ihm nochmals das Schriftstück hin. Ein Diener brachte Tintenfaß und Feder. »Ich habe meine Krone nicht von Menschen erhalten, sondern von Gott«, erwiderte der Großherzog. »Bei der Begründung des deutschen Reiches habe ich auf einen Teil ihrer Rechte verzichtet, weil ich mich dazu für berechtigt hielt. Zu diesem von Ihnen geforderten Verzicht halte ich mich nicht für berechtigt. Ich kann Ihnen keinen Widerstand entgegensehen. Ich will meine Beamten ihrer Eide entbinden; aber nur unter dem Druck der Umstände, die ich nicht für rechtlich gültig halte, also nur gezwungen, und nur für so lange, als es mir richtig erscheint, also auf Widerruf.« Lewandowsky flüsterte den beiden Andern ein paar Worte zu. Dann sagte er: »Für unsere Zwecke wurde das zunächst genügen. Ich werde das Schriftstück aufsetzen und Königlicher Hoheit zugehen lassen.« »Ich danke Ihnen«, sagte der Großherzog mit einer Handbewegung. Die Drei gingen. Im Vorzimmer sagte der eine der Minister: »Na, ich bin froh, daß ich wieder heraus bin.« Lewandowsky zuckte verächtlich die Achseln. »Komödie!« rief er aus.» Was denken Sie, Genosse, das ist ja alles, was diese Leute gelernt haben, daß sie sich darstellen.« In den Straßen war in der Nacht Marschieren, Schießen und Rufen gewesen. Die ordentlichen Bürger hatten sich im Haus gehalten, allerhand Gesindel hatte sich herumgetrieben, und man erzählte, daß Plünderungen stattgefunden hatten, in einem Delikatessengeschäft, bei einem großen Schneidermeister. Kraus klingelte am frühen Vormittag bei dem Landgerichtspräsidenten. Das Ehepaar war zusammen in der Wohnung, er wurde in das Zimmer geführt und auf einen Stuhl gesetzt. »Aber was sagen Sie denn zu dem allen, ist das denn nicht schrecklich!« rief die Frau und rang die Hände. »Die ganze Nacht waren Schüsse.« »Ja, schrecklich«, sagte Kraus nickend, »Und geplündert haben sie auch!« »Freilich haben sie geplündert«, bestätigte Kraus. »Ich bin ja doch dabei gewesen. Zwanzig Flaschen Wein habe ich an die Seite gestellt. ›Die sind für den Herrn Präsidenten‹, habe ich gesagt. ›Die bringe ich ihm morgen früh in die Wohnung.‹ Die haben sie mir auch ausgesoffen.« »Ja, sind Sie denn dabei gewesen?« fragte die Frau. »Freilich«, erwiderte Kraus. »Das sind doch alles diese Schieber, wir sind draußen gewesen im Schützengraben, da hat man seine gesunden Glieder aufs Spiel gesetzt und inzwischen haben die geschoben.« Der Präsident lächelte, als er das Entsetzen seiner Frau bemerkte. »Es sind ja wohl nur ein paar Läden gewesen«, sagte er. »Bloß ein paar«, bestätigte Kraus. »Aber wenn erst einmal so eine Unordnung ist, dann kann man sich auf nichts mehr verlassen. Über die zwanzig Flaschen habe ich mich schön geärgert. Die Taugenichtse habe ich verwünscht, die sie ausgesoffen haben. Lauter so junge Burschen, noch nicht trocken hinter den Ohren. ›Was braucht ihr Revolution zu machen‹, habe ich ihnen gesagt, ›ihr habt eure hohen Löhne gehabt.‹ Eins, zwei, dem einen habe ich's ins Gesicht gegeben, der denkt daran.« »Na, eine Tasse Kaffee trinkt Herr Kraus doch«, sagte der Präsident zu seiner Gattin, »wenn wir nun auch um den Wein gekommen sind.« Seufzend und kopfschüttelnd erhob sich seine Gattin und ging in die Küche. – Im Feld waren unterdessen überall Soldatenräte gewählt. Hampe und Müller waren mit noch einem dritten, einem Kandidaten der Theologie, Soldatenräte. Hampe sagte zu den beiden andern: »Gebt mir sofort Urlaub. Ich muß gleich nach Hause, damit Lewandowsky keine Schweinereien macht.« Der Zettel wurde ihm geschrieben, er ging ab. Sein Hauptmann drückte ihm zum Abschied die Hand und sprach: »Sehen Sie zu, ob Sie noch etwas retten können. Wir können nichts mehr machen.« Da war die zerschossene Landstraße, auf der strömten Soldaten, ohne Gewehre, in zusammengesuchten Uniformstücken, bepackt mit allerhand Eßwaren, die sie aus den Eisenbahnwagen geraubt hatten. »Das ist die Etappe«, sagte Hampe zu sich. »Die war unser Unglück.« Ein Kerl sprach ihn an, schleppte unter beiden Armen schwere Pakete. »Hast du dich auch selber freigemacht?« fragte er ihn. Hampe holte aus und gab ihm eine Ohrfeige. Der Mann blieb verdutzt stehen und sah ihm nach. Die Männer in der Nähe lachten, dann begann er zu schimpfen. Vor einem Wirtshaus hielt ein Auto. Ein Mann stieg aus, glatt rasiert, rund, vergnügt und rot. Er rieb die Hände und fragte den Wirt: »Haben Sie etwas Gutes zu essen?« – »Staatsminister Erzberger«, stellte er sich vor. »Holen Sie her, was Sie haben. Jetzt geht es an die Unterhandlungen.« Ein Zug fuhr los, Hampe konnte sich noch auf das Trittbrett schwingen. Es fuhren in dem Zuge fast nur junge Leute. Eine Ersatzabteilung, die zu Hause gebildet und nach vorn geschickt war, hatte sich, ohne an den Ort ihrer Bestimmung zu gehen, des Zuges bemächtigt und fuhr nun wieder zurück in die Heimat. Die Abteile waren dicht gefüllt; die Gänge waren vollgestopft; auf den Trittbrettern draußen saßen sie; die Zugbeamten waren machtlos, ihre Anordnungen wurden gutmütig belacht. »Nun geht es wieder nach Hause zu Muttern«, rief ein junger Mensch. »Die wird eine Freude haben, daß ihr Junge ganz wieder nach Hause kommt.« »Da wird gleich ein Kuchen gebacken«, ließ sich ein anderer stichelnd vernehmen. »Wovon denn?« fragte der erste. »Ihr denkt immer, wir Bauern haben's.« Die andern lachten. Einer rief: »Na, das sieht man dir an, daß du noch keine Not gelitten hast.« Die Jünglinge lachten. Aber wenn auch die Augen gedankenlos glücklich blickten, die scharfen Linien um den Mund, die graue Gesichtsfarbe, die eingefallenen Wangen zeigten deutlich genug die ausgestandenen Entbehrungen an. »Wenn jetzt ein Flieger über den Zug käme, der könnte eine Arbeit machen«, sagte einer. »Das läßt der Wilson doch nicht mehr zu«, rief ein anderer. »Der macht jetzt den Frieden. Das hat er ja gesagt, deshalb haben die Amerikaner bloß eingegriffen, daß Frieden wird. Bei uns die Obern haben den Frieden nicht machen können.« »Bei den Franzosen geht es ebenso her, wie bei uns«, erzählte ein junger Mann. »Hinter der Linie geht alles nach Hause. Na, dann gehen wir also auseinander, und dann bleibt alles so, wie es war.« In der Nähe Hampes saßen ein paar andere Soldaten aus der Front, die mit Urlaubsschein unterwegs waren. Sie blickten finster auf die lärmenden, lustigen Burschen. »Wenn die Amerikaner nicht mehr gekommen wären, dann hätten wir es doch wohl geschafft«, sagte der eine. »Aber das war zu viel. Wir haben einmal einen amerikanischen Graben erobert. Was die da an Eßwaren hatten! Unsere Leute haben sich gleich draufgestürzt und gegessen. Und die Stiefel! Lauter neue Stiefel, so dicke Sohlen!« Sein Nachbar lachte und zeigte seine Stiefel vor. »Das sind Amerikaner!« sagte er. »Gestern früh machen wir einen Sturmangriff, kommen in den Graben, da sitzen die Amerikaner drin und frühstücken, sind vorgestern erst frisch ausgeladen. Ich, gleich einen an der Binde: ›Amerika, du mußt mit‹, sage ich ihm. Der hat Augen gemacht! Und wie ich die Stiefel sehe! ›Na, nu erst mal die Stiefel her‹, sage ich. Er hat sich gleich die Stiefel ausziehen müssen; ich gab ihm meine dafür, aber die hat er gar nicht erst angeguckt, da hat er in Strümpfen mitgemußt.« Ein Mann seufzte: »Auf einen Flieger von uns haben die zehn. Da war nichts mehr zu machen.« Der Zug rollte durch das Land. Es war Spätherbst, die Bäume standen entlaubt, die Äcker waren abgeerntet, in Pfützen spiegelte sich trüber Himmel. »Ich bin von Anfang an dabei gewesen«, sagte Hampe zu den andern. »Da sah es anders aus, als wir loszogen. Wer hätte das gedacht, daß es so kommen würde.« Vom Nachbarabteil drang lustiges Raufen, Knuffen und Schimpfen herüber. »Wie die Kinder«, sagte Hampe. »Es hätte ja doch nichts mehr genutzt«, erwiderte finster ein Alter. »Laß ihnen ihre Freude. Sie werden das Unglück noch früh genug merken.« Der Zug hielt oft an, es fehlte an Kohle, die Lokomotive war nicht in Ordnung. So dauerte die Fahrt lange. Der Tag verging, der Abend kam, Müdigkeit überfiel alle. Die Männer schliefen, wie sie saßen, kauerten und standen. In dem dürftigen Licht der Lampe zeichneten sich die verarbeiteten, verhungerten, vergrämten Gesichter mit tiefen, schwarzen Zügen. Einer hatte den Kopf nach hinten gebogen und schlief mit offenem Mund; wie ein Toter sah er aus. Tiefe Seufzer wurden auch im Schlaf ausgestoßen. Einer träumte, er bildete undeutlich ein Wort »Brot«, sein Gesicht verklärte sich, und es war, als ob die Nachbarn im Schlaf von seinem Glück spürten, auch ihre Gesichter verklärten sich. Ein grauer Morgen dämmerte. Schwer, müde öffnete einer die Augen, reckte sich, suchte sich in seiner Enge irgendeine Bewegung zu machen. Andere erwachten. Einer brachte ein verschimmeltes Stück Brot zum Vorschein und aß es knackend, die andern sahen ihm gierig zu. Ein junger Mann, er mochte wohl eben sechzehn Jahre alt sein, begann plötzlich zu weinen. »Nein, das ist doch zu schwer«, sagte er. »Ich hatte gedacht, im Krieg, nun, da ist Krieg, da wird man totgeschossen, nun, das ist gut. Aber das, das ist zu schwer.« Es hellte sich weiter auf, die Lampen in den Abteilen erloschen. Draußen rieselte ein dünner Regen vom Himmel. Der Zug fuhr über einen Bahnhof, da stand ein kleiner Kellner und hatte die Hand in der Hosentasche. Dann wieder Felder, Felder, Telegrafenstangen; graue Wolken hingen tief. Als der Zug am Bahnhof von O. hielt, sprang Hampe heraus. Da stand eine Wache. Er zeigte seinen Urlauberschein vor und sagte: »Sieh, sieh, ist hier doch noch Ordnung.« Die Wache grüßte ihn und ließ ihn durch. Nun ging er auf die Straße. Er ging gerade die Bahnhofstraße hinunter; da fuhr eine elektrische Bahn, auf die sprang er. Er fuhr bis zum Ministerium, da stieg er ab und ging durch die Tür. Der Pförtner wollte ihn anreden. »Wo sind die Herren?« fragte er ihn kurz. Der Pförtner gab ihm verschüchtert Bescheid. Nun stampfte Hampe mit seinen schweren Stiefeln die Treppe hoch; da war ein Vorzimmer, in dem ein Diener saß; an dem ging er vorbei; er ließ sich nicht aufhalten und öffnete die Tür zum Sitzungssaal. In dem großen Raum verloren, an einem langen Tisch saßen die neuen Minister, an ihrer Spitze Lewandowsky. Sie hatten schwarze Gehröcke an, die zugeknöpft waren, mit Klappkragen und fertiger Krawatte. Hampe trat ein in seinen schweren, beschlagenen Stiefeln, bespritzt, in denen die Hosen steckten, in dem plumpen Mantel, der Feuchtigkeit gezogen hatte und in steifen Falten an ihm niederhing; er hatte keine Urlaubermütze, er trug den grauen Stahlhelm. Tiefe Linien durchfurchten das Gesicht, der Staub lag grau in ihnen; der Bart buschte sich grau, seine Äugen waren klein und tiefliegend. Er übersah die überraschte Versammlung, ohne ein Wort zu sprechen. Dann trat er langsam an den Tisch und sagte: »Ich gehöre hier wohl auch hin?« Die Männer standen verlegen auf. Lewandowsky humpelte auf ihn zu, machte einige Begrüßungsworte und wollte ihm die Hand reichen. Es schien, als bemerkte Hampe das nicht. Er sah die Männer an, einen nach dem andern, dann setzte er sich und stützte den Kopf schwer, müde in beide Arme. »Wir haben für Sie das Ministerium für soziale Fürsorge behalten«, sagte Lewandowsky. »Sie können gleich Ihr Urteil abgeben – es handelt sich um eine Frage –« Hampe sah ihn an; wie in einem Nebel erschienen ihm die Männer. »Ich muß erst nach Hause«, sagte er. »Ich kann jetzt nicht mehr, ich muß schlafen.« Viertes Hauptstück Lewandowsky besuchte Hampe in seiner Druckerei und sagte zu ihm: »Sie wissen, daß ich der Verwalter der Hinterlassenschaft des Kommerzienrats Werner bin. Der junge Werner, der einzige Erbe, liegt zur Zeit verwundet in einem Krankenhaus. Die Arbeiter stellen Forderungen hinsichtlich der Betriebe, die er auch wahrscheinlich nicht erfüllen würde. Als Ministerpräsident habe ich aber zugleich die Verpflichtung, die Produktion aufrechtzuerhalten. Ich habe bereits mit dem Landgerichtspräsidenten Willmar gesprochen und ihm meine Ansicht eröffnet. Er stimmt mir bei. Wenn Sie mir ebenso beistimmen, so können die Schwierigkeiten behoben werden, dem jungen Mann kann sein Vermögen, wenigstens in den möglichen Grenzen, erhalten werden, und wir können die für das Land wichtigen Betriebe weiter führen. Sie wissen, daß der alte Kommerzienrat Werner zur liberalen Partei gehörte und seine Anstalten so geleitet hat, daß er für seine politischen Ansichten Stimmung machte. Das Proletariat hat nun heute die Macht in der Hand und kann es natürlich nicht dulden, daß so wichtige Unternehmungen, welche das ganze geistige Leben der Nation beeinflussen, in feindlichen Händen bleiben. Es machten sich zunächst Stimmen bemerkbar, die eine Sozialisierung vorschlugen. Ich habe nachgewiesen, daß bei der Eigenart der Unternehmungen eine solche bei den heutigen Verhältnissen verfehlt wäre. Dagegen scheint es angemessen zu sein, daß sie in die Hand einer bewährten Persönlichkeit kommen, bei welcher man erwarten kann, daß sie im neuzeitlichen Sinn, im Interesse des arbeitenden Volkes geleitet werden, Ich habe natürlich zunächst an Sie gedacht. In Voraussicht des Kommenden habe ich schon vor einigen Monaten eine Abschätzung vornehmen lassen. Diese kann heute, bei den ganz veränderten Verhältnissen, natürlich keine Gültigkeit mehr beanspruchen. Ich denke aber, und Herr Landgerichtspräsident ist da meiner Ansicht, daß ein Drittel der damaligen Schätzung heute der angemessene Preis wäre. Für diesen Preis biete ich Ihnen die Unternehmungen an.« Lewandowsky schwieg. Unwillig erwiderte ihm Hampe: »Sie wissen, daß ich so gut wie kein Vermögen besitze. Der Preis würde mäßig sein, und ich denke, daß ich auch unter den schweren Verhältnissen heute bei ihm auskommen könnte. Aber womit soll ich ihn denn bezahlen?« »Ihre Verhältnisse sind mir natürlich nicht unbekannt«, sagte Lewandowsky. »Es ließe sich da aber ein Abkommen treffen. Es handelt sich um Unternehmungen, die wirtschaftlich sowohl, wie ideell die größte Wichtigkeit haben, so daß der Staat berechtigt ist, eine Unterstützung zu leisten. Ich habe bereits mit dem Leiter der Staatsbank gesprochen. Falls Sie sich bereit erklären, erhalten Sie eine erste Hypothek zu dreieinhalb Prozent in der Höhe Ihres Kaufpreises von uns. Sie können also die Betriebe ohne eigenes Kapital erwerben.« Hampe erhob sich und ging erregt in seiner Schreibstube auf und ab. »Das wäre ...« rief er, »dann hätte ich ja ... Ja, was ist denn das? ...« »Sie machen sich immer noch nicht klar, Genosse«, sagte lächelnd Lewandowsky, »daß wir eine Revolution haben. Der Bourgeoisie müssen ihre Machtmittel genommen werden. Das Proletariat hat die Regierung erkämpft, es ringt nun auch um alles Übrige. Ich habe es durchgesetzt, daß der Genosse Winter an der Landesuniversität Vorlesungen über die materialistische Geschichtsauffassung hält. Das Proletariat erobert sich die Universitäten. Ist es da wunderbar, wenn es einen Verlag und eine Druckerei haben will?« »Der Landgerichtspräsident Willmar ist einverstanden?« fragte Hampe. »Er hat natürlich andere Gesichtspunkte als ich, er vertritt die Interessen seines Mündels. Er sagt sich, daß auf diese Weise, durch einen bürgerlichen Verkauf, dem jungen Mann sein Vermögen gerettet wird.« Mit rauher Stimme sagte Hampe: »Ich muß es mir überlegen. Wann spätestens brauchen Sie Bescheid?« Lewandowsky zog seine goldene Uhr und ließ sie schlagen. »In zwei Stunden würde ich gern mit Ihnen zu Willmar fahren. Wir könnten dann alles gleich abmachen. An die Staatsbank brauche ich nur zu telefonieren.« »Gut. Holen Sie mich in zwei Stunden ab«, erwiderte Hampe. »Und jetzt lassen Sie mich allein.« Lewandowsky ging. Eine Weile blieb Hampe in seiner Schreibstube; dann setzte er den Hut auf, zog den Mantel an und verließ gleichfalls das Zimmer. Er ging die Bahnhofstraße hinab, dann bog er links ein. Draußen im Feld lagen allein die hohen Gebäude, die zu dem Wernerschen Unternehmen gehörten. Hampe ging auf dem Fahrweg, der zum Fabriktor führte. Da saß der Pförtner; er erkannte ihn und grüßte. Hampe errötete und kehrte um. Nun ging er mit Lewandowsky zu Willmar. Der empfing sie in seinem Arbeitszimmer und sagte: »Ich weiß schon durch den Herrn Ministerpräsidenten über alles Bescheid. Leicht wird mir der Entschluß ja nicht. Gegenüber dem eigentlichen Werte ist das Angebot ja sehr niedrig. Andrerseits ist in Betracht zu ziehen, daß die unsicheren politischen Umstände den Besitz in der Hand des jungen Werner als fragwürdig erscheinen lassen, wahrend hier eine beträchtliche Barsumme vorliegt, über welche die Vormundschaft frei verfügen kann. Ich habe alles vorbereitet, der Notar ist benachrichtigt. Wenn die Geldsumme morgen zur Verfügung steht, so kann die Verbriefung gegen zehn Uhr stattfinden.« Der Landgerichtspräsident saß zurückgelehnt in seinem Stuhl. Sein Gesicht sah stark gealtert aus, die Augenbrauen hingen ihm buschig und grau über die tiefliegenden Augen. »Ich bin krank«, sagte er mit einer müden Handbewegung. »Die Kräfte reichen wohl nicht mehr. Was schematisch zu erledigen geht, das macht ja keine Mühe, aber wo meine Überlegungen nötig sind, da stockt es immer ...« Plötzlich sah er die beiden mißtrauisch an. »Ich habe doch wohl nichts übersehen?« Er blickte in Hampes offenes Gesicht, er schien beruhigt zu werden. »Plötzlich kommen diese schreckenden Erwägungen, daß man etwas vergessen hat. Ich bin ja doch verantwortlich. Der alte Kommerzienrat war zuletzt noch bei mir ... Aber, nicht wahr, die Herren ... es ist ja doch die Regierung«, sagte er wie für sich. Die beiden standen auf, um sich zu verabschieden. Der Präsident erhob sich gleichfalls. Er schüttelte ihnen die Hand. »Sie müssen verzeihen«, sagte er, »mir ist so viel verloren gegangen. Das trägt sich schwer in meinem Alter. Sie müssen ja nun sehen, daß wieder neu gebaut wird. Worauf wird gebaut werden?« sagte er leise, als spreche er wieder mit sich. Auf der Treppe sagte Lewandowsky zu Hampe: »Er wird senil. Ich will noch diese Angelegenheit mit ihm zu Ende bringen, aber dann muß er einen Wink bekommen. Wir brauchen junge Kräfte. Ich werde mich nicht an den alten Zopf halten, ich weiß schon einen Nachfolger für ihn, sehr begabter junger Mensch, eingetragenes Mitglied der sozialdemokratischen Partei.« Hampe fragte: »Seit wann ist er eingetragen?« Lewandowsky beantwortete die Frage nicht; und eine eigene Scheu hinderte Hampe, sie zu wiederholen. Am andern Vormittag war die Verhandlung in der Bank, dann wurde die Verbriefung beim Notar gemacht. »Nun sind Sie mehrfacher Millionär, Hampe«, sagte Lewandowsky. »Sie haben's geschafft. Sie können sich jetzt zurückziehen.« Ein heftiges Wort schwebte Hampe auf der Zunge. Aber es war ihm, als ob ihn jemand hindere, es auszusprechen, und so schwieg er. Nun richtete Lewandowsky es in der Folgezeit öfters so ein, daß Hampe nicht umhin konnte, ihn mit sich nach Hause zu nehmen. Etwa er brachte ihm ein Päckchen mit. »Eine Liebesgabe aus der Schweiz«, sagte er; »aber was soll ich einzelner damit machen? Nehmen Sie das Paket, es sind ein paar Hühner darin; laden Sie mich ein, damit ich sie mit Ihnen verzehre.« Bei solchen Gelegenheiten saß Lewandowsky Anna gegenüber. Er versuchte, ihr Höflichkeiten aller Art zu erweisen; sie lehnte sie fast ungezogen ab, so daß einmal, als der Gast gegangen war, ihr Vater ihr Vorstellungen machen mußte. Da brach sie in Tränen aus. »Du bist nun zu alt für ein so kindisches Betragen«, sagte Hampe. »Ich bin dem Doktor sehr zu Dank verpflichtet. Ich will es nicht leugnen, mir war er in früheren Zeiten auch nicht immer ganz angenehm. Aber man darf nicht auf das Äußere sehen. Er ist ein politischer Kopf. Schließlich hat er doch den Staat in der schlimmsten Zeit gehalten.« Anna verzog den Mund. »Ich weiß, was du denkst, meine Tochter«, sagte Hampe. »Du bekommst täglich einen Brief von dem jungen Werner. Früher habe ich das für eine Kinderei gehalten. Aber auf die Dauer paßt es mir nicht mehr. Du bist jetzt erwachsen. Was soll denn einmal daraus werden?« Anna warf den Kopf zurück und schwieg. »Wir stehen in verschiedenen Lagern«, fuhr der Vater fort. »Da sind Gegensätze, die können nicht überbrückt werden. Sein Vater war ein Ehrenmann, ich habe ihn geachtet. Ich habe auch nichts gegen ihn selber. Aber du gehörst zum arbeitenden Volk.« »Zum Beispiel zu Lewandowsky«, warf Anna spöttisch ein. Der Vater wurde verlegen. »Es können nicht alle mit der Hand arbeiten. Es muß auch solche Männer geben. Wir wollen froh sein, daß wir sie haben.« Anna stellte sich vor ihren Vater hin und sagte: »Weißt du Vater, jedes Buch, von dem Hans mir schrieb, habe ich gelesen. Und wenn ich das nicht gleich verstand, dann habe ich so lange daran auswendig gelernt, bis ich alles wußte. Wenn ich einmal seine Frau bin, dann kann er mit mir über alles sprechen, das hat er mir geschrieben; und das ist die Grundlage der Ehe.« »Ehe du ans Heiraten denken kannst, da wird noch viel Wasser den Berg herunterlaufen«, sagte der Vater und ging kopfschüttelnd aus dem Zimmer. Nun gingen die Gerüchte durch die Stadt, daß die Truppen aus dem Feld zurückkämen. Es wurde allerhand gesprochen und gemutmaßt. Der Erbgroßherzog stand an der Spitze der Heeresleitung. Es wurde erzählt, er werde die neuen Minister fortjagen und das Alte wiederherstellen. Man munkelte, daß die Arbeiter sich heimlich Waffen besorgt hatten und den Volksstaat verteidigen wollten. Es stellte sich heraus, daß unter den Arbeitern selber verschiedene Richtungen waren. Die Kommunisten behaupteten, die Sozialdemokratie habe das Proletariat verraten und einen Pakt mit der Bourgeoisie abgeschlossen, den sozialdemokratischen Führern sei es nur darauf angekommen, sich fette Posten zu verschaffen. Schon wurde von Betrug und Korruption gemunkelt; man fragte, wie Hampe plötzlich habe der reichste Mann des Großherzogtums werden können. An einem Vormittag erklang von weitem auf der Landstraße die kriegerische Musik der Heimkehrenden. Mann neben Mann, Glied hinter Glied, in der Ordnung, wie auf dem Übungsplatz, kamen die Truppen zurück. Die Offiziere ritten neben ihren Abteilungen, mit allen ihren Abzeichen. Es dröhnte dumpf der feste Takt des Marsches, von den männlichen Klängen der Musik begleitet. Gerade, aufrecht, stramm gehalten marschierten die Männer; sie sahen nicht nach rechts und links, sie sahen grimmig nach vorn. Ihre Gesichter waren grau durch die Entbehrungen und Anstrengungen, tief gefurcht durch Not und Kampf. Die grauen Anzüge waren abgeschabt und vernutzt, tausendfach geflickt und gestopft; aber kein Loch und kein Riß war zu sehen, sauber herausgebürstet war der Schmutz des Krieges, Staub und Blut. So zog sich die graue Masse durch die Straße, Reihe hinter Reihe, Glied hinter Glied, im gleichen Schritt, im gleichen Ausdruck. Da, wo die Bahnhofstraße in einem stumpfen Winkel auf die Kaiser-Wilhelmstraße stieß, kamen immer neue Reihen um die Ecke, immer neue graue Fluten. Es kamen Trommler, und die Männer schritten zum Takt der Trommel; es kamen Bläser, und die Männer schritten zur Musik der Trompeten. Aus den Fenstern hingen die schwarzweißroten Fahnen. Auf dem Bürgersteig drängten sich die Menschen. Alte Männer waren da, mit weißen Bärten, hochgewachsen und mager, mit Orden und Ehrenzeichen auf der Brust aus früheren Kriegen. Sie zogen den Hut und ließen den Wind durch die dünnen Haare wehen, um die Heimkehrenden zu ehren. »In tausend Schlachten unbesiegt«, flüsterte ein alter Mann, die Tränen rollten ihm die Wange nieder. Plötzlich war es, als ob ein Schlag durch alle ginge: die Krieger sangen »Deutschland, Deutschland über alles«. Sie sangen und schritten daher, und die Klänge des Liedes jubelten in der Luft; nun sangen die Leute auf der Straße, die Leute in den Fenstern mit. Tränen flossen, und es wurde gesungen »Deutschland, Deutschland über alles«. Auf der Treppe seines Schlosses stand der Großherzog. Er war in der Uniform seines Regiments. Neben ihm stand der General und andere Herren. Der Erbgroßherzog führte die Truppen vorbei, er senkte die Degenspitze; der Großherzog grüßte zurück. Kein Gefühl äußerte sich in den Gesichtern. Es war, als wenn eine gewöhnliche Parade stattfand, bei welcher es darauf ankam, daß jeder Mann in seiner Reihe ging, daß seine Sachen in Ordnung waren, der Tornister richtig gepackt und jeder Knopf an seiner Stelle. Stundenlang stand der Großherzog da. Er war ein alter Mann, und der Hunger, die andern Entbehrungen des Krieges hatten auch ihn geschwächt. Aber er stand unbeweglich, mit scharfem Blick die Männer musternd. Erst als der letzte Krieger vorbeigezogen war, kehrte er um und ging in das Schloß zurück. Er ging schwer und schleppend. Der Großherzog sagte zu dem General: »Heute Nachmittag verlasse ich das Schloß. Ich wollte noch die Rückkehr der Truppen sehen. Dann gehe ich mit der Großherzogin auf das Land, Sie werden mich hier nicht wieder sehen. Ein abgedankter Monarch ist lächerlich. Er soll sich verbergen.« Der General wollte etwas erwidern. Der Großherzog schnitt sein Wort ab und fuhr fort: »Sehen Sie, Exzellenz, als der Lewandowsky mit den beiden andern vor mir stand, da hatte ich eine Pistole in der Tasche. Ich hätte sie ziehen können und den Menschen niederschießen, den beiden andern jedem eine Ohrfeige geben, und dann wäre es gut gewesen, wenigstens zunächst. Ich dachte daran, es zu tun. Meine Familie hat nun seit tausend Jahren hier geherrscht. Sie hatte eine Anzahl anderer Familien unter sich, die großenteils noch heute bestehen. Und dann war das Volk, für das wurde gesorgt, wie es ging. Was hat der polnische Jude hier zu suchen? Mir scheint, daß diese Leute sich verstohlen ins Land drücken, und plötzlich haben sie unser Gut und sind unsere Herren.« Der General erwiderte, er habe nach Kräften den östlichen Zuzug abgehalten; aber die Hände seien ihm gebunden gewesen. »Sie meinen, meine Ansichten sind nicht gerade liberal?« fragte der Fürst. »Ja, sehen Sie, ich habe in dem Liberalismus ein Haar gefunden. Mein berühmter Vorfahr aus dem Dreißigjährigen Krieg war nicht liberal, er hätte geschossen und geohrfeigt, und das ging damals. Weshalb habe ich es nicht auch getan? Ich kann ja allein nichts machen, überall in Deutschland sind die Fürsten fort; später wäre es doch so gekommen, wie es jetzt ist; aber nicht das ist es, was mich zurückgehalten hat. Denn schließlich, man tut etwas, weil es recht ist, und nicht, weil es diese und diese Folgen hat.« Der General sagte verlegen, auch er habe ja wohl oft gedacht, man müsse anders handeln, aber da seien nun eben immer die Vorschriften aus Berlin gekommen, an die er sich habe halten müssen. »Das ist es ja, meine liebe Exzellenz«, sagte der Großherzog. »Sie hatten Ihre Vorschriften; Sie waren, gerade herausgesagt, ein Beamter, der auszuführen hat, was man ihm aufträgt. Wer trägt auf? Nun, ein anderer Beamter. Ich war Fürst. Angeblich soll ich nur Gott verantwortlich sein. Tatsächlich aber war da der Landtag, und die Presse, und der Reichstag, und der Kaiser, und der Reichskanzler. Kurz und gut, ich war nicht einmal Beamter, sondern noch etwas Schlimmeres. Ich tat auch nur, was mir ausgetragen wurde. Von wem? Nun, von Leuten, die nichts aufzutragen haben. Sehen Sie, daran sind wir zerbrochen. Wir sind alle bloß Bürger gewesen, es war kein Fürst über uns. Und dieses gute, treue, tapfere Volk, diese Männer, die da eben an uns vorbeizogen, die haben immer gewartet, daß einer oben ist, der ein Fürst ist, der sie führen kann. Sie haben lange gewartet. Wahrhaftig, sie haben Geduld gehabt. Nun, es hat sich eben kein Fürst gefunden. Weshalb nicht? Bin ich etwa feig? Bin ich etwa dumm? Habe ich nicht meine Pflicht getan? Und dennoch: es ist gerecht, daß ich meinen Thron verloren habe.« Der General sah ihm gerade ins Gesicht: »Wenn Königliche Hoheit so sprechen, dann kann ich nichts dagegen sagen. Ich habe in einem Heer gestanden, welches das ruhmreichste Heer der Welt war, welches von den größten Königen und Feldherren der Weltgeschichte geschaffen war, aus einem Volk, das alle kriegerischen Tugenden vereinigt. Dieses Heer wird jetzt zerschlagen von unseren Feinden, von Völkern, welche die Ehre nicht fühlen können, die bei uns der Geringste hatte, und von – nun, von diesem Lewandowsky. Weshalb habe ich ihn nicht totgeschlagen? Weshalb haben die andern Männer in meinen Stellungen im übrigen Deutschland nicht das Gesindel erledigt, das bei ihnen war? Ich bin ein Beamter gewesen, und ich hätte ein Herr sein müssen, der auf eigene Verantwortung handelt. Der alte York in Tauroggen hat seine Tat auf sich genommen, er hat seinen Eid gebrochen und war bereit, dafür auf dem Sandhaufen vor die Gewehrläufe zu treten, und war bereit, mit dem Meineid auf dem Gewissen vor Gott zu treten. Unter uns ist kein York gewesen.« »Ja, wir haben immer Siege erkämpft«, sagte der Großherzog. »Wie haben gegen die zehnfache Übermacht gesiegt, und unser siegreiches Volk hat gehungert, es hatte nicht genug Pulver und Blei. Nun haben wir denn so lange gesiegt, bis wir besiegt sind. Vielleicht kann man sagen, durch Hunger, Betrug und Verrat: was nun? Wir, unter denen kein York war, tragen die Verantwortung für das, was kommt. Ein Volk, das sich so furchtbar gemacht hat, wird von den Feinden nicht geschont. Wenn sie können, werden sie uns ausrotten. Schon las ich eine triumphierende Rede eines englischen Generals, daß unser Volk auf Geschlechter hinaus die Leiden tragen wird, die durch den Hunger der Schwangeren und Wöchnerinnen und kleinen Kinder kamen. Schon haben die Feinde erklärt, daß noch ein ganzes Jahr lang der Hunger so über uns verhängt bleibt – wenn sie könnten, nicht ein Deutscher würde am Leben bleiben; und um ihr Verbrechen zu beschönigen, werden sie uns verleumden, wie sie können, daß diese guten Männer, die unten vorbeizogen, Kinder ermordet haben, oder daß wir Leichen verzehren ...« Der alte Mann schlug sich die Hände vor das Gesicht, Tränen glänzten zwischen den schmalen Fingern. Es machten sich Schritte und Säbelklirren auf dem Gang bemerkbar. Die Tür öffnete sich, der Erbgroßherzog trat ein. Er eilte auf den Oheim zu, der ihm beide Hände reichte; er beugte sich tief auf die alten, welken, tränenfeuchten Hände. »Ich habe dein Erbe schlecht gehütet«, sagte der alte Herr. Der Erbgroßherzog schüttelte den Kopf. »Ich bitte dich«, sagte er, »mache dir keine Vorwürfe. Es ging über menschliche Kraft. Wir, die wir draußen standen, konnten aushalten; weil die feste Ordnung war, die für uns den Willen und die Kraft hatte. In jedem Augenblick neue Entschlüsse fassen müssen, welche das ganze Lebensverhältnis ändern, das kann kein Mensch. Wir wollen uns nicht über das Vergangene analen, wir wollen unsere Kraft zusammenhalten, um für die Zukunft zu rüsten.« Der General trat einen Schritt vor: »Die Zukunft, meinen Hoheit?« Der Erbgroßherzog lachte. »Die Taten werden von den Menschen gemacht, Exzellenz«, sagte er. Die Abreise des großherzoglichen Paares war festgesetzt. Der Wagen hielt unter der Einfahrt, der Kutscher saß steif auf dem Bock, der Diener stand und hielt den Schlag geöffnet. Es war wie sonst. Die beiden Herrschaften traten langsam aus der Tür und stiegen in den Wagen, Der Diener schloß die Tür und setzte sich dann zu dem Kutscher. Der Wagen rollte los. An der eisernen Tür, welche den Hofraum von der Straße trennte, hatte sich ein kleines Häuflein Menschen angesammelt. Alte Herren in weißem Haar und Bart hielten den Hut vor die Brust, alte Frauen verneigten sich. Die Herrschaften sahen zu beiden Seiten aus dem Wagen und grüßten zum Abschied. »Das war nun der Abschluß«, sagte der Großherzog zu seiner Gattin. »Diese paar Menschen da haben noch gefühlt, was geschieht; die übrigen fühlen nichts. Was ist das? Ich glaube, daß die Form des deutschen Staates die beste Form war, die es in der Welt gab; was jetzt ist, das ist doch nicht mehr Staat, das ist ein Geschäftsunternehmen von Zeitungsschreibern und Parlamentariern. Der alte Zustand ruhte auf der Treue der Fürsten und der Treue der Untertanen ... Ja, das sage ich so; aber hätte er denn zusammenbrechen können, wenn da wirklich auf beiden Seiten das da war?« Inzwischen aber entwickelten sich im Hause Hampes die Zustände immer unerquicklicher. Hampe hatte im Ministerium zu tun, in seinem großen Geschäft, er fand kaum Zeit, regelmäßig zu den Mahlzeiten in die Familie zu kommen; dann saß er am Tisch, wortlos, versonnen, vergrübelt; er schlang gedankenlos die Speisen hinunter; wurde er von seiner Frau angeredet, so schrak er zusammen; er mußte sich erst mühsam klar machen, was man von ihm wollte. Zerstreut blickte er auf Frau und Tochter. Früher hatte er sich gefreut, wenn die Mutter ein neues Kleid für Anna vorbereitete, er hatte Anna auf die Backen geklopft und gesagt: »Halte dich hübsch gerade, mein Kind; sieh, das neue Kleid steht dir gut, ich sehe dich gern so, wenn du hübsch und sauber aussiehst.« Nun schwieg er, wenn die Mutter über solche Dinge mit weiblichem Eifer sprach; er sagte: »Besorge im Laden, was du für richtig hältst, es gibt ja jetzt so gute Läden.« Die Mutter weinte oft heimlich. Sie sagte zu Anna: »Was habe ich nun von deinem Vater? Nichts macht ihm mehr Freude! Der Ehrgeiz frißt an ihm. Wozu muß er denn das alles tun? Was fehlte uns denn« Immer schärfer sonderte sich ein linker Flügel bei den Arbeitern ab. Jüngere Leute, welche bis dahin unbekannt gewesen waren, sprachen in den Volksversammlungen und griffen die alten Führer an. Lewandowsky wurde noch mit einer gewissen Schonung behandelt, aber gegen Hampe gingen sie in der schärfsten Weise vor. Ein kleines Blättchen wurde gedruckt, das sich als Organ der kommunistischen Partei bezeichnete. Es behauptete, daß die Sozialdemokratie mit der Bourgeoisie einen Vertrag geschlossen habe, um das Volk zu betrügen. Es erzählte von Bestechung und Verrat der sozialdemokratischen Führer. Von Hampe wurde mitgeteilt, er habe aus dem Feld große Summen nach Hause geschickt, er habe seiner Tochter einen kostbaren Schmuck gekauft, er habe das große Wernersche Unternehmen durch schlaue Mittel in seine Hand gebracht. Es geschah, das Nummern der Zeitung, welche solche Angriffe enthielten, an Frau Hampe und Anna geschickt wurden. »Was hat man eigentlich von seiner Familie«, sagte er einmal bei Tisch. »Andere Väter wissen, wem sie ihre Tochter geben; sie bringt ihnen einen Mann ins Haus, der hilft.« Anna wurde blutrot und sah auf ihren Teller. In der Mutter äußerte sich plötzlich ein wochenlang aufgespeicherter Groll. Sie rief aus:» Dein eigen Fleisch und Blut verkaufst du, wenn es auf dich ankommt. Aber da bin ich noch da. Ich lasse mein Kind nicht unglücklich machen.« Hampe sprang vom Tisch auf und verließ das Zimmer. Er warf die Tür krachend hinter sich zu. Die Frauen hörten, wie er die Wohnung verließ. Da konnte Anna sich nicht mehr halten, die Tränen strömten ihr, sie legte den Kopf auf die Arme und weinte herzbrechend. Die Mutter stand neben ihr und tröstete sie; sie beugte sich über sie und strich ihr das Haar. »Sei nur nicht ängstlich, mein Kind«, sagte sie; »ich lasse es nicht zu. Das weiß ich schon lange, daß Lewandowsky hinter dir herschleicht. Nun hat er den Vater verführt zu dem Geschäft mit den Wernerschen Betrieben. Das sollst du nun bezahlen. Wir hatten, was wir brauchten, und waren zufrieden damit. Wie der Versucher ist der an ihn herangekommen.« Anna weinte lange; endlich sagte sie: »Und was denkt denn Hans von Vater! Er schreibt nie ein Wort darüber. Aber ich weiß, was er denkt. Ich sehe es doch dem Vater an, es frißt an ihm, daß er Unrecht getan hat. Wie kann mich denn Hans heiraten, wenn der Vater das getan hat!« »Siehst du, das verstehst du nun nicht«, sagte die Mutter, »dazu bist du zu jung. Du bist nun ein reiches Mädchen, du erbst einmal alles, und wenn Hans dich heiratet, dann hat er alles wieder.« Anna schüttelte den Kopf. »Nein, das ist unrechtes Gut«, sagte sie. »Ich wollte mich ja freuen, wenn Hans ganz arm wäre, und ich wäre ganz reich, und ich könnte ihm alles geben. Aber das ist doch unrechtes Gut.« »Er hat ja doch nun sein Vermögen in bar«, sagte die Mutter. »So schlimm ist es auch nicht, wie du es machst. Es ist ihm doch nichts weggenommen, es ist alles rechtlich und ehrlich hergegangen, da kennst du doch den Vater.« Anna erwiderte klagend: »Ich fühle es doch, daß es nicht in Ordnung ist. Weshalb ist denn der Vater so anders? Und weshalb will er mich denn mit dem Lewandowsky verheiraten, über den er früher selber gespottet hat? Der Vater hat etwas getan, das nicht recht ist, und nun ist er dem Menschen verfallen, und nun will der uns auch noch haben.« Die Mutter seufzte. Sie konnte der Tochter nichts entgegenhalten. Nach einer Weile sagte sie, und da kam zu Tage, was sie seit Jahren gedacht und gefühlt hatte: »Ich mag mit der ganzen Sozialdemokratie nichts zu tun haben. Meine Mutter ist Kammerjungfer bei der alten Frau Großherzogin gewesen. Ich sage: sorge jeder für sich. Wer fleißig ist und sparsam, der kommt auch zu was. Und die Faulen und Schlechten sollen unten bleiben, das ist recht so, und das ist vom lieben Gott so angeordnet. Der Vater hat sich selbständig gemacht, er hätte ein Kreisblatt drucken können, da hatte er sein sicheres Brot und brauchte vor keinem Parteigenossen einen krummen Buckel zu machen. Was hat er denn jetzt? Schimpf und Schande sagen sie ihm in den Zeitungen. Sie sagen ihm nach, daß er gestohlen hat. Und uns bewerfen sie auch mit ihrem Schmutz. Dafür ist er nun die ganzen Nächte immer aufgewesen und hat gearbeitet. Pfui! Man muß sich schämen, man kann sich ja nicht mehr auf der Straße sehen lassen!« – Am Nachmittag saß Hampe in der Schreibstube der großen Wernerschen Druckerei. Er rechnete und rechnete. Es ging nicht mehr, er mußte die Preise für die Bücher erhöhen. Ein junger Setzer stand vor ihm. »Es ist ein neuer Lohntarif in Berlin ausgearbeitet«, sagte er und veränderte das Gesicht nicht. »Sie sehen doch«, erwiderte Hampe, »daß es nicht geht. Dann muß ich die Bücher teurer ansetzen. Wer soll sie dann noch kaufen? Sie sind doch für das Volk.« »Darunter kann der Schriftsetzer nicht leiden«, sagte der andere. Reichardt trat ein, der alte Faktor, der schon zu den Zeiten des Kommerzienrats Werner dagewesen war. Er trug Papiere in der Hand und blickte unter buschigen Augenbrauen über die Brillengläser weg den jungen Setzer an. »Na, ausgeschlafen?« fragte er ironisch. »Bekümmern Sie sich um Ihre Sachen, und andere Leute lassen Sie zufrieden«, erwiderte der junge Mann grob. »Ich brauche kein Kindermädchen mehr.« Reichardt lachte verschmitzt, der andere verließ wütend das Zimmer. »Setzen Sie sich, Herr Reichardt«, sagte Hampe. »Sie sehen mich in großen Sorgen. Ich muß den Preis unserer Bändchen erhöhen, es geht nicht anders.« Reichardt zuckte mit den Achseln. »Ja, alles ist teurer geworden: Papier, Löhne, Druckerschwärze – wo soll es denn hinaus!« »Das geht ja doch aber nicht. Wir steuern dem Abgrund zu«, rief Hampe verzweifelt. Reichardt schaute ihn scharf an. »Die Organisationen schrauben«, sagte er. »Bei den jetzigen Löhnen können die Leute gut auskommen. Ja, die Gewerkschaftsführer müssen doch zeigen, daß sie ihr Gehalt nicht umsonst bekommen!« »Aber was soll denn das werden?« fragte Hampe. »Ich dachte, das wissen der Herr Minister besser als ich«, erwiderte ihm Reichardt mit leichtem Hohn. »Reichardt, lassen Sie das«, sagte Hampe. »Es ist zu ernst. Wir sind zusammen in der Lehre gewesen. Sie haben manchmal das Frühstück mit mir geteilt. Glauben Sie mir, mir ist nicht schön zu Mute. Wenn ich könnte, ich tauschte mit Ihnen, lieber heute als morgen.« »Glaube ich Ihnen, glaube ich Ihnen«, sagte Reichardt. »Man ist ja doch auch nicht blind. Ich sehe doch, wie es an Ihnen frißt. Wissen Sie, Hampe, mich hat Gott behütet, ich habe ja auch meinen Ehrgeiz gehabt, aber da habe ich mir gesagt: werde ein guter Drucker, das ist auch etwas wert. Ich will Ihnen nicht wehe tun, ich sehe doch, wie es bei Ihnen steht. Wer weiß, ich hätte auch so in die Politik hineinkommen können, und dann wächst es einem über den Kopf. Ich beneide die Großen nicht. Wie oft habe ich hier gestanden, und wo Sie jetzt sitzen, da saß der selige Kommerzienrat; wie oft habe ich mir gesagt: der Mann hat ja das schönste Essen, das er haben will, aber was hat er davon? Und Sie, Hampe, mit Ihnen ist das noch viel schlimmer. Hier!« Er tippte mit dem Zeigefinger auf die Brust; »hier! Da muß es ruhig sein. Und da ist es bei Ihnen nicht ruhig.« Hampe zog die Stirn in Falten. Reichardt aber nahm ruhig seine Schnupftabaksdose aus der Tasche, klopfte auf den Deckel und reichte sie Hampe. Zögernd nahm Hampe eine Prise, dann schnupfte auch Reichardt. »Sehen Sie, dem Gewissen macht man nichts vor«, sagte Reichardt. »Sie haben hier ehrlich gekauft, billig genug, das ist ja wohl wahr; aber das sind nun einmal so die schlechten Zeiten; wer weiß, wann einmal wieder ein Ertrag herausspringt. Das ist es nicht. Aber das weiß doch jeder: wer einen Sachwert hat, der behält ihn doch heute, der gibt ihn nicht fort für ein paar Papierlappen. Der alte Landgerichtspräsident ist nicht auf seiner Höhe, in seinen jüngeren Jahren hätte er so etwas nicht getan. Und er ist ein Ehrenmann. Na, Lewandowsky? Der hat doch die jungen Kerls bei uns erst aufgehetzt, daß sie die Sozialisierung verlangen sollen, daß er zu dem alten Mann gehen kann und kann ihm etwas vorschwatzen. Nun hat der junge Werner sein Geld, und Sie haben das Geschäft. Wissen Sie, damals, als Sie ihm das Geld gaben, zahlte der Schweizer noch sechzig Rappen für die Mark, heute zahlt er noch vierundzwanzig. Denken Sie an mich, Hampe: es kommt noch dahin, da kann sich der junge Werner für seine Erbschaft nicht eine Briefmarke kaufen, aber Sie, Hampe, Sie sind der große Mann. Ihnen gehört alles. Und wer will etwas gegen Sie sagen? Alles nach Recht vor sich gegangen! Alles nach Recht! Seit wir die Revolution haben, da haben wir nun eben so ein Recht.« Hampe biß sich auf die Lippen und beugte den Kopf vor. »Das habe ich nicht vorher wissen können«, sagte er heiser. »Nein, natürlich nicht«, erwiderte Reichardt. »Lewandowsky hat auch nicht vorher wissen können, daß er einmal Ministerpräsident wird. Aber es ist nun eben so gekommen.« »Was würden denn Sie tun an meiner Stelle, Reichardt? fragte Hampe unvermittelt. Reichardt wich wie erschreckt etwas zurück. Dann sagte er: »Wir sind alle Menschen, Hampe. Ich danke Gott, daß er mich nicht in eine solche Versuchung geführt hat. Ich weiß nicht, was ich getan hätte oder jetzt täte. Sie müssen selber wissen, was Sie zu tun haben.« »Ja, das muß ich selber wissen«, sagte Hampe düster. – Lewandowsky hatte die Gewohnheit, eine Nachmittagsstunde bei Edith zu verbringen. Hier konnte er von allem sprechen, was ihn bedrückte, was er sonst immer mehr in sich verschließen mußte, je deutlicher sich die Entwicklung zeigte: der schnelle Verfall der revolutionären Mächte und die gegenseitigen Feindschaften, und das allmähliche Besinnen der Kreise, die überrumpelt waren. Edith hatte ihr Tischchen sauber gedeckt. Die Teemaschine summte; sie goß mit zierlicher Hand ein, reichte dem Gast die silberne Schale mit Gebäck. Lewandowsky nahm zerstreut an, aß und trank. »Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen«, sagte er. »Die Wahlen stehen vor der Tür. Ich sehe kommen, daß Hampe Ministerpräsident wird. Er nimmt mich nicht in das Ministerium auf. Dann kann ich wieder kleiner Literat sein, Versammlungsberichte schreiben, Straßenunfälle erzählen. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. An eine Pension ist natürlich nicht zu denken. Ich habe das Land befreit, ich habe ihm über die Wochen des Zusammenbruchs hinweggeholfen, nun habe ich meine Schuldigkeit getan.« »Du siehst zu schwarz«, erwiderte Edith. »Ich halte das für ausgeschlossen, daß Hampe gegen dich intrigiert.« »Hampe und intrigieren!« sagte lachend Lewandowsky. »Nein, dazu ist er zu dumm. Aber diesen Leuten fällt es eben von selber in den Schoß, ohne intrigieren. Er ist nun eben einmal der Deutsche, ich bin der polnische Jude. Er ist derselbe Spießer, wie die andern, das ist das Geheimnis. Ich bin ihnen unangenehm; ich verlange, daß sie denken sollen, ich verlange, daß sie frei sein sollen. Der Mensch will nun eben einmal nicht denken, er will nicht frei sein.« »Du hast das Geschehen doch längst vorausgesehen«, sagte Edith. »Freilich habe ich das, ich habe auch meine Maßnahmen ergriffen«, rief Lewandowsky. »Aber das ist es ja, was einen rasend machen kann. Es ist so gut berechnet, aber da ist immer ein Fehler in der Rechnung, die Dummheit bringt man nicht mit in Anschlag. Denkst du, ich habe dem Hammel die Wernerschen Betriebe wegen seiner schönen Augen verschafft? Noch während des Krieges wurde mir klar, da ist etwas zu machen, da steckt ein Geschäft, es kommt nur darauf an, wie man es dem alten Willmar vorstellt; wenn es dem in irgendeinen juristischen Gedankengang paßt, der bei ihm eingefahren ist, dann geht es. Ich konnte die Betriebe doch nicht selber kaufen! Deshalb schiebe ich Hampe vor, der eben aus dem Schützengraben kommt, der ein Fachmann ist, das Vertrauen der Arbeiter hat, na, und so fort. Daß das hier mit der Präsidentenschaft nicht lange Bestand haben kann, das war mir doch klar, da muß man die Deutschen kennen! Nun, ich denke, dem Hampe wird es ungemütlich, er braucht Anschluß, der Mann kann ja doch nicht auf eigenen Füßen stehen. Dann sage ich: So und so, ich heirate Ihre Tochter und trete bei Ihnen ins Geschäft ein.« Edith erblaßte. »Du wolltest die Tochter von Hampe heiraten?« fragte sie stockend. »Ja, natürlich«, erwiderte er. »Wozu habe ich denn sonst das Ganze angedreht? Denkst du, damit sich die Arbeiterburschen ihren Homer weiterhin billig kaufen können? Was gehen die mich an? Ich will heraus aus dem Dreck! Wäre ich doch nach Rußland gegangen! Da können sie einen brauchen, wie ich bin. Hier gehe ich vor die Hunde!« »So, du wolltest Fräulein Hampe heiraten«, wiederholte Edith mechanisch ... »Und du meinst, das hat sich zerschlagen?« »Zerschlagen! Wie kann sich etwas zerschlagen, das noch nicht ganz gewesen ist!« rief Lewandowsky wütend. »Hampe merkt überhaupt nichts. Er ahnt gar nicht, daß alles wackelt. Er denkt, nun wird er gewählt, und ich schreibe meine Versammlungsberichte, und er sitzt im Bratenrock in seiner Schreibstube und regiert seine Untertanen und schreibt seine Rechnungen an die Buchhändler.« »Wäre denn nicht – das – zu teuer bezahlt gewesen?« fragte Edith stockend. »Du kannst das Mädchen doch nicht lieben, du kannst ...« sie schwieg. »Ein Gänschen, na, ja, was denke ich mir dabei!« sagte Lewandowsky. »Blaue Augen und blondes Haar, wirtschaftlich und häuslich, und wird ihren Mann ›Schatzi‹ nennen.« »Hast du denn nicht auch Verpflichtungen gegen mich?« fragte Edith zaghaft. »Verpflichtungen?« fragte Lewandowsky verwundert. »Habe ich dir je so etwas gesagt?« Edith schwieg, ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Jetzt auch noch eine Heulszene!« schrie er. »Das kann ich nicht aushalten. Hier will ich mich erholen, da soll ich eine Heulerei mit anhören!« »Ich weine ja nicht«, sagte Edith. »Mir kam so etwas in die Augen. Ich weiß ja, du hast keine Verpflichtungen, wir sind freie Menschen.« »Das mußt du doch verstehen«, erklärte ihr Lewandowsky. »Das ist doch die dickste bürgerliche Gesellschaft bei Hampe. Was ist mir denn das Standesamt? Aber dazu ist es doch nun eben nötig!« »Ja, dazu ist es eben nötig«, seufzte Edith. »Das sehe ich ja wohl ein. Ja, die bürgerliche Ehe ist ja wohl etwas anderes ...« Sie schwieg abgebrochen. »Als die freie Liebe, nicht wahr?« ergänzte sie Lewandowsky. »Und dir wäre sie wohl auch lieber, ja?« Edith schwieg. Das hättest du dir vorher überlegen müssen«, sagte Lewandowsky. »Es kann eben nicht jeder die Freiheit aushalten. Es weht einem ein verdammt kalter Wind um die Nase auf den Höhen der Menschheit.« »Ich habe ja dich«, sagte sie, stand auf und legte die Arme um seinen Hals. »Wir lieben uns doch, nicht wahr, wir lieben uns doch? Und die bürgerliche Ehe – ach, ich habe ja selber genug gesehen, welche Prostitution sie ist!« Er löste ihren Arm vom Hals und hieß sie sich setzen. Dann ging er im Zimmer auf und ab. »Weshalb muß denn auf mir die Last liegen!« rief er aus. »Ich habe in der Welt gesucht, um einen Menschen zu finden, den ich achten konnte, ich habe keinen gefunden. Ich habe gesucht, wo vernünftige, natürliche Verhältnisse sind, ich habe sie nirgends gesehen. Weshalb muß ich denn die Augen haben, daß ich all das Unglück, das Leid, die Torheit, die Gemeinheit durchschauen muß? Weshalb kann ich denn nicht so glücklich sein wie die Blinden, die dahinleben, ohne etwas zu erkennen von Welt und Menschen! Und wenn nur die Tränlein eines einzigen Kindes fließen, dann kann ja die Welt nicht bestehen, dann darf sie ja nicht bestehen, dann ist es besser, wenn alles zugrunde geht!« Es klopfte. Die Zimmerwirtin Ediths trat ein. Sie wischte sich mit dem Zeigefinger unter der Nase entlang, dann machte sie mit beiden Händen eine waschende Bewegung. Sie begann: »Weil ich nämlich eine Bitte an den Herrn Doktor hätte, das Fräulein weiß, wie ich immer für ihn gesprochen habe. ›Hinter dem steckt etwas‹, habe ich immer gesagt, ›der wird denen noch etwas zu raten geben‹. Und richtig, nämlich der alte Zopf soll doch nun abgeschnitten werden, es ist nämlich für meinen Sohn ...« Lewandowsky unterbrach sie und fragte: »Um was handelt es sich, was wollen Sie?« Es stellte sich heraus, daß der Sohn eine gute Handschrift schrieb, aber »die« wollten ihn nicht hochkommen lassen, »die« ließen den kleinen Mann überhaupt nicht hochkommen, und er wollte gern in ein Ministerium, er war jetzt bei einem Rechtsanwalt, aber was hatte er denn da für Aussichten für die Zukunft? Lewandowsky wurde ärgerlich. Er nannte der Frau den Namen eines Beamten, bei dem sollte sich der junge Mann vorstellen. Die Frau dankte wortreich, aber sie entfernte sich nicht. »Was ist denn noch?« fragte Lewandowsky. Nun stellte sich heraus, daß die Frau einen Zettel für den Beamten wollte, zwei Zeilen brauchten es nur zu sein, damit der Mann sah, daß ihr Sohn nicht allein stand in der Welt, daß sie nicht Holz auf ihm hacken konnten. »Er soll sagen, daß ich ihn schicke«, erklärte Lewandowsky unwirsch; die Frau merkte, daß sie nicht mehr erreichte, und zog sich mit tiefen Ehrfurchtsbezeugungen zurück. »Das sind nun die Menschen«, sagte Lewandowsky, als sie sich entfernt hatte. Bald darauf verließ er Edith. Als er durch den dunklen Flur ging, öffnete die Wirtin ihre Küchentür und redete ihn noch einmal an: »Herr Doktor, das müssen Sie mir auch doch zugeben, ich habe Ihnen niemals etwas in den Weg gelegt, und bei dem Fräulein da habe ich immer für Sie geredet.« Sie wollte erzählen, was sie alles gesagt hatte, aber er winkte ärgerlich mit der Hand ab und ging. Edith bedachte lange das Gespräch. Dann setzte sie sich, holte Briefpapier und Schreibzeug und schrieb einen Brief. Sie schrieb mit fester Hand. Es war eine Bitte an Anna, sie zu besuchen. Sie schrieb, daß es sich um Wichtiges handle, das ihr Leben bestimmen könne; und es sei nicht möglich, daß sie selber komme, denn sie müsse mit ihr allein besprechen, ohne Zeugen, was sie ihr zu sagen habe. Anna las den Brief mit großer Verwunderung. Sie wußte, wer Edith von Eyb war, denn Lewandowskys Verhältnisse wurden natürlich in der Stadt besprochen. Es wurde auch erzählt, daß Lewandowsky nicht gut zu ihr war. In der Dämmerstunde machte sich Anna auf den Weg. Sie stieg rasch die Treppe hoch und klingelte; Edith öffnete ihr selber, denn die Wirtin war nicht zu Hause. »Sie haben mir geschrieben«, sagte Anna befangen; sie blieb stehen, als Edith ihr einen Stuhl anbot. »Sie haben vielleicht recht. Sie mögen sich bei mir nicht setzen«, sagte Edith, Da schoß es Anna rot ins Gesicht, sie setzte sich, sie schob ihre Hände tief in ihren Muff. »Ich muß Ihnen erst über mich sprechen«, sagte Edith. »Mein Vater ist ein hoher Beamter. Ich ... stamme aus einer sehr vornehmen Familie. Ich ... hätte nicht gedacht, daß ich einmal so sprechen würde ...« Sie schwieg, Anna wurde befangen, der Muff fiel ihr an seiner Kette an die Seite, sie faltete die Hände und sah Edith an. »Sie sind ein gutes Kind«, sagte Edith. »So habe ich mir Sie gedacht, wie Sie sind ... Sie wissen nicht, wie es in unsern Kreisen hergeht. Nach außen, als ob man reich ist ... es wird an nichts anderes gedacht, als wie man den Stand wahrt, und... an meiner Mutter habe ich keine Stütze gehabt, ich habe ihr nie etwas sagen können ... und mein Vater war immer abgearbeitet, versorgt, er sagte immer ›Ein andermal, Kind, laß mich, jetzt habe ich keine Minute Zeit‹. Sehen Sie, so ist das denn gekommen.« Anna wollte ihr etwas sagen, aber sie fand kein Wort. Ihre Augen waren ängstlich, groß auf Edith gerichtet. »Das waren ja alles keine Menschen«, fuhr Edith fort. »Die jungen Leute tanzten mit mir, keinen Tanz ließ ich aus, weil ich die Tochter ihres Vorgesetzten war. Da war ich noch ganz jung, im ersten Jahr, als ich ausging, da hörte ich ein Gespräch von zwei Regierungsassessoren über mich. Sie ahnten nicht, daß ich sie belauschte. Nehmen Sie sich in acht, sie ist verdammt hübsch', sagte der eine, ›der Alte kann Ihnen auch behilflich sein, aber gehen Sie nicht zu weit, daß Sie gleich wieder zurück können, Vermögen ist nicht da‹.« Edith faßte krampfhaft Annas Hand. »Damals war ich noch jünger als Sie«, sagte sie. »Damals wußte ich noch nichts von der Welt. Ich las viel. Am liebsten las ich Hölderlin. Darüber spotteten die andern denn. Nun machte ich die Augen auf. Im ersten Jahr verlobten sich von meinen Freundinnen alle, die reiche Eltern hatten. Ich sah die älteren Mädchen an, die noch unverlobt waren. Das waren alles Mädchen, deren Eltern in unseren Verhältnissen waren. Einmal sprach eine zu mir, sie war wohl schon achtundzwanzig. Sie sagte mir: ›Dieses Jahr werde ich noch zum Verkauf ausgestellt. Wenn ich jetzt nicht losgeschlagen werde, dann werde ich Schwester‹. Ein ältlicher Regierungsrat war da, wohl an vierzig, kahlköpfig, mit einem Bauch, und so frechem Gesicht. ›Der könnte mich vielleicht nehmen‹, sagte sie, ›aber das wird natürlich auch wieder nichts. Wenn er ohne Geld heiraten will, dann kann er auch eine Junge bekommen, wie Sie sind‹. Da schrie ich auf vor Schreck. Sie sagte ›pst!‹ und dann lachte sie, und dann sagte sie: ›Ja, so war ich auch einmal, das ist lange her, zehn Jahre oder mehr; zehn Jahre Angeln, das hat »Einfluß auf den Menschen‹.« »Können Sie sich denken, wie ich den Doktor kennen lernte?« fuhr Edith fort. »Da habe ich zum ersten Mal mit einem Menschen gesprochen. Er sagte mir, daß das alles lächerlich ist und verächtlich, unser ganzes Leben; daß es Lüge ist, Lüge.« Sie riß an ihrem Taschentuch. »Lüge ist es, Lüge. Wenn mein armer Vater nach Hause kam, müde, dann fiel die Mutter über ihn her, mit einer Einladung, oder einer Gesellschaft, oder einem Kleid für uns, und dann wurde gerechnet, und mein Vater fuhr sich immer mit der Hand so müde über die Stirn.« Sie faßte Annas Hände fest: »Wissen Sie, Fräulein, den Doktor kennt kein Mensch, er kennt sich selber nicht, er verleumdet sich selber, er spricht oft so ... er verachtet die Menschen, und nun will er, daß es nicht aussieht, als ob er selber nur im Kleinsten unwahr ist ... aber er ist ein Heiland! Er ist zu den Menschen gekommen, um ihnen zu helfen! Er ist ein Heiland!« Wie irr sahen Ediths Augen aus. Anna blickte sie verwundert an. Aber plötzlich wurde sie rot, ihre Augen wurden weich, als sie den verzückten Ausdruck Ediths sah. »Liebes Fräulein, ich habe eine große Bitte an Sie«, fuhr Edith fort. »Ich selber scheide aus. Ich kann immer nur ein Werkzeug sein; wenn ich nicht gebraucht werde, dann stellt man mich fort. Ich bin ja so glücklich, daß ich eine Zeitlang gebraucht werden konnte. Da habe ich doch einen Zweck für mein Leben gehabt. Und wenn nun alles gut wird, wo die alten Zustände zerschlagen sind, und wenn eine neue, bessere Menschheit kommt, dann habe ich auch eine Kleinigkeit mitgeholfen, ich habe dem Helden, der die Schlachten geschlagen hat, den Schweiß von der Stirne trocknen dürfen.« Anna hatte wieder einen verwunderten Ausdruck. »Das scheint Ihnen übertrieben, was ich da sage?« sprach Edith. »Ach, wir müssen jedes Wort daraufhin ansehen, wer es spricht. Sie werden nun wohl solche Worte nicht sprechen können. Aber ich muß sie sprechen. Ich habe in der Wüste gelebt, er hat mich in einen Blütengarten geführt.« »Ich bin ein Werkzeug gewesen«, fuhr sie fort. »Ich spüre, daß ich jetzt nicht mehr gebraucht werde. Gut, er soll mich fortstellen. Ich werde nicht klagen, ich werde ihm danken für das, was gewesen ist, das er mir gegeben hat. Das habe ich, niemand kann es mir nehmen, und es reicht aus für mein Leben, auch wenn ich noch sechzig Jahre lebe. Aber ihm muß geholfen werden.« Geschäftig setzte sie nun Anna alles auseinander: die engen, dürftigen Verhältnisse, in denen Lewandowsky immer gelebt, die seinen Geist unterdrückt hatten; wie er nun, da er in der Macht war, nie an sich gedacht hatte; sein Gehalt, das er selber bestimmt, betrug nur die Hälfte von dem, das sein Vorgänger in der monarchischen Zeit bezogen hatte; sie sagte: »Was soll werden, wenn er verdrängt wird? Er kann nicht an diese kleinen Dinge denken, sein Geist ist mit anderem beschäftigt ...« Plötzlich stockte sie, sie wurde verlegen. Annas Augen sahen sie kalt an. »Sie meinen, er hat meinem Vater dieses große Vermögen verschafft, und nun soll ich ihn heiraten, damit er sorgenlos leben kann? Ich danke ihm nicht, was er meinem Vater getan hat. Er hat uns alle dadurch unglücklich gemacht. Und ...« Nun stockte sie selber ihrerseits. Sie sah den entsetzten Blick Ediths. Sie fühlte: Edith fürchtete, daß sie hart, böse über Lewandowsky sprechen wollte. Da schlossen sich ihr die Lippen. Sie konnte die Worte nicht sagen, die sie hatte sagen wollen: »Ich verabscheue ihn.« Sie stockte, und ihre Blicke irrten im Zimmer umher. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, sie zog das Taschentuch vor und hielt es vor das Gesicht, dann schluchzte sie: »Ich liebe Hans Werner, und dem hat mein Vater nun seinen Besitz weggenommen. Was wird Hans von mir denken!« Sie schluchzte und weinte. Starr sah Edith auf sie hin. Sie sagte: »Ja ... so ... das ahnte ich ja nicht ... ja ... so ...« Dann wurden ihre Züge entspannt. Plötzlich setzte sie sich neben Anna und nahm ihren Kopf in die Hand, legte ihn sich an die Schulter und sagte: »Weine, Kind, weine dich aus; das tut gut, wenn man sich ausweint; die Tränen vergiften, die ins Herz zurückfließen; weine dich aus!« Anna schlug die Arme um Edith und weinte; sie weinte wie ein Kind, mit Stoßen und Schlucken. Edith strich ihr die Haare zärtlich, auch ihr wurden die Augen feucht. Sie sagte: »Ja, das ist alles ganz anders, das ist ein Kind.« Eine lange Weile saßen sie so in der Dämmerung. Plötzlich sagte Edith mit tiefer Stimme: »Und was bin ich denn? Bin ich denn noch ein Mensch? Was habe ich denn gefühlt? War das denn alles richtig?« Verwundert machte sich Anna frei. Edith sah vor sich hin und sprach weiter. »Ich dachte, meine Leute zu Hause haben in einer Lüge gelebt. Da habe ich auch wohl recht. Aber vielleicht habe ich selber jetzt hier auch in einer Lüge gelebt? War das denn alles richtig, was ich sagte? Habe ich es mir nicht vielleicht bloß vorgelogen? Durfte ich denn so sprechen, wie ich gesprochen habe? Das durfte ich doch gar nicht! Ich habe dich doch gehaßt, weil ich dachte, er liebt dich! Und das habe ich mir vorgelogen.« Sie ging auf und ab im Zimmer und rang die Hände. »Das Leben ist zu schwer«, sagte sie. »Ich kann es nicht tragen. Es ist zu schwer. So viel sollte einem nicht auferlegt werden. Wenn ich doch beten könnte! Wenn es doch einen Gott gäbe! Aber es gibt keinen Gott, und wie soll ich beten, wenn es keinen Gott gibt!« Sie ging auf und ab und sagte: »Vielleicht werde ich wahnsinnig. Dann ist es gut. Dann brauche ich wohl nicht mehr zu denken. Und es gibt ja auch einen religiösen Wahnsinn. Vielleicht, daß einer da Ruhe findet. Und Menschen, denen die Tränen fließen, die haben eine Erleichterung.« Anna war aufgesprungen und starrte sie an. Nun eilte sie auf Edith zu, umarmte sie heftig und küßte sie; sie legte ihre nasse Wange an ihre trocken fiebrige. Sie sagte: »Sie tun mir leid.« Ganz leise sagte sie das. Dann lief sie aus dem Zimmer. – Bei dem Landgerichtspräsidenten Willmar klingelte es an einem Nachmittag. Frau Willmar öffnete. Da stand in ihrer Schwesterntracht, ein Handköfferchen in der Hand, Marie vor ihr. Die alte Frau schlug vor Freude die Hände zusammen und zog die Tochter in den Flur. Da umarmte sie und küßte sie ihr Kind, das schlank, hochgewachsen und still sich vor ihr hielt. Sie zog Marien in die Stube und beschaute sie bei Licht. »Wie blaß du geworden bist«, sagte sie, »du siehst durchsichtig aus.« Marie lächelte. Sie sagte: »Ich fühle mich sehr gesund.« Der Vater hatte seit Wochen den Dienst verlassen. Er kam aus seiner Stube herbei; er ging gebückt, seine Augen schienen etwas zu suchen. Ein Freudenschein flog über sein Gesicht, seine Tochter lag an seiner Brust, und er küßte sie auf die Stirn. Geschäftig eilte die Mutter, um aus der Küche Essen zu besorgen. Sie brachte ein Stückchen Brot, ein Töpfchen Schweineschmalz, zwei Äpfel. »Sieh nur, welche Menge Fett wir haben«, sagte sie zu Marien, »ich habe eine gute Bauernfrau, die mir zuweilen etwas bringt. Iß, wir haben, du siehst es, auch das Brot hat immer für uns gereicht; wir sind ja alte Leute, wir essen nicht viel.« Marie sah sich in der alten Stube um. Da stand das Sofa mit der geschweiften Nußbaumlehne, mit braunem Rips bezogen, zwei gehäkelte Deckchen sauber und ordentlich an den beiden Seiten. Der runde Tisch stand da, mit brauner Decke, über der noch einmal eine gehäkelte Decke lag, um ihn standen die Stühle. Da sah sie das Klavier, auf dem sie geübt, als sie Kind war, am Fenster war die Nähmaschine. Liebevoll blickte sie die Eltern an, die erwartungsvoll sie anblickten. Sie legte die Hand auf der Mutter Hand und sagte: »Laß mich, liebe Mutter. Ich habe keinen Hunger. Ich esse sehr wenig.« – »Aber du mußt doch ...« warf die Mutter ein. »Ich bitte dich schön«, sagte sie hastig, »laß mich jetzt. Die Reise, die Freude haben mich überwältigt. Nun bin ich wieder bei euch.« »Ja, ich habe nun den Abschied genommen«, sagte der alte Herr. »Es wurde mir zu viel, ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich kann mich auch nicht an die neuen Zustände gewöhnen. Es ist doch alles anders. Wir leben nicht mehr in einem Rechtsstaat. Ich will nicht urteilen und verwerfen, es ist eine neue Zeit. Aber ich kann nicht so denken, wie heute gedacht wird.« Er war unruhig geworden und ging im Zimmer auf und ab. Marie warf heimlich einen besorgten Blick auf die Mutter. Die erwiderte ihn. »Man muß sich nun die Frage stellen: war die Art richtig, wie man gelebt und gehandelt hat?« sagte der Präsident, als ob er mit sich selber spräche. »Ich dachte immer: hier sind die Gesetze. Ich habe sie nicht gemacht, ich bin nicht für sie verantwortlich. Ich kann mich um ihre Weiterentwicklung bemühen durch Untersuchungen, die ich in der ›Juristischen Zeitschrift‹ veröffentliche; aber das ist eine Sache für sich; die bestehenden Gesetze sind für mich vorhandene Tatsachen. Auf der andern Seite ist die Handlung, welche ich zu richten habe. Ich muß sie durch logische Tätigkeit auf einen allgemeinen Begriff bringen, bis ich sie unter eines der bestehenden Gesetze unterordnen kann. Dann kommen die Nebendinge, wie erschwerende und erleichternde Umstände und dergleichen, das ist alles herkömmlich festgelegt. Dann bestimmt man die Strafe. Durch das Gesetz sind gewisse Grenzen gesteckt, innerhalb deren man zu bestimmen hat, aber auch da ist man herkömmlich gebunden. Ich dachte, wenn man das alles ohne Ansehen der Person, ohne Haß und Zuneigung, rein logisch betreibt, dann tut man seine Pflicht ...« »Du hast deine Pflicht getan«, sagte bekümmert die alte Frau. »Ich habe getan, was ich für meine Pflicht hielt«, erwiderte der Präsident. »Aber wie, wenn sich herausstellt, daß das nur Vorgänge in einer gänzlich unwirklichen Welt waren, die man sich lediglich für diese rechtlichen Bedürfnisse gebaut hat, daß sie nun aber auf die wirkliche Welt einwirkten, die ganz anders war, daß sie hier zerstörten, vernichteten, schadeten ... den Rechtsstaat gibt es nicht mehr seit der Revolution; es bildet sich eine andere Art von Staat; aber war der Rechtsstaat ein sittliches Gebilde, wie ich immer geglaubt habe? Und habe ich meine Lebensarbeit nicht vielleicht auf etwas Unsittliches verwendet?« Marie sah ihren Vater mit großen Augen an. »Auch du, Vater?« rief sie aus. »Kind, was ist dir?« fragte erschrocken die Mutter. »Nichts, nichts«, sagte Marie, indem sie abwehrte. »Mir kamen so Gedanken. Vielleicht habe ich den Vater falsch verstanden.« »Nein, es ist dir etwas. Weshalb ißt du nichts?« fragte die Mutter. Lächelnd sah Marie ihrer Mutter ins Gesicht. Sie sagte: »Ich will es dir gestehen, als ich pflegte, da sah ich, wie die jungen Leute, die nun in der Genesung waren, oft hungern mußten. Sie sind doch meistens wie die Kinder, sie wissen nicht, wozu das alles ist. Da habe ich ihnen dann wohl von meinem Essen gegeben, und so habe ich mir zuletzt das Essen eigentlich abgewöhnt – es wäre mir lieb, wenn du mir erlaubtest, daß ich alles in die Küche bringe, es ist mir ein unangenehmes Gefühl, wenn ich es vor mir habe.« Die Mutter ergriff die Hand ihrer Tochter, sie sah den dünnen, fast fleischlosen Arm. »Mein Gott«, rief sie aus, »du hast gehungert, du bist ja ...« Sie redete nicht zu Ende, ihre alten, umrunzelten Augen füllten sich mit Tränen. Marie streichelte die Hand der Mutter. »Laß nur«, sagte sie. »Das ist alles nicht wichtig. Ich weiß jetzt, was wichtig ist.« »Du bist mein letztes Kind«, sagte die Mutter. »Deine drei Brüder habe ich verloren. Wie dein Vater ist, siehst du selber.« Der alte Präsident ging nachdenklich im Zimmer auf und ab, nun sprach er wieder: »Ich habe das sozialdemokratische Programm studiert«, sagte er. »Es ist von ungebildeten Leuten gefaßt; die Grundlage sind die Ansichten von Marx, die mir alle falsch zu sein scheinen; trotzdem hat mich das Programm seltsam bewegt. Was jetzt in Deutschland geschieht, das ist die Durchführung dieses Programms. Mag es noch so kindisch sein, es ruht auf einem anderen Lebensgefühl. Und dieses Lebensgefühl beherrscht heute die Menschen. Aber ich, was bin denn ich?« Er sah Marien an und fuhr fort: »Entweder ich war mein ganzes Leben lang ein Verbrecher oder alles, was jetzt geschieht, ist ein Verbrechen. Aber das ist doch nicht möglich. Ich habe in Übereinstimmung mit der Gesellschaft gelebt. Und die ganze Gesellschaft kann nicht verbrecherisch sein. Die alte Gesellschaft kann es nicht gewesen sein, und es ist doch auch nicht möglich, daß es die neue ist, obwohl ... ja, Ehre, Gewissen, Treue, wo sind sie? ... Aber sind Ehre, Gewissen, Treue wirkliche Tugenden? Waren wir nicht vielleicht bloß feig, und verbargen uns die wirkliche Welt durch ein Gespinst von Begriffen, die wir uns selber gewoben?« »Vater, so kannst du nicht leben, wenn du solche Gedanken hast«, rief Marie. »Du hast recht. So kann ich nicht leben«, sagte der Präsident. »Ich habe an Ehre, Gewissen und Treue geglaubt, sonst hätte ich nicht leben können. Aber das ist es nun eben. Ich weiß nicht, ob ich noch an sie glauben darf. Und freilich, dann kann ich nicht leben. Aber was soll ich denn tun? Der Selbstmord ist doch ein Verbrechen. Ich war immer dafür, daß man ihn bestrafen soll; das englische Gesetz ist da folgerichtiger wie unseres.« »So spricht er nun immer, so spricht er den ganzen Tag«, rief die Mutter, die Hände ringend. »Er hört keinen Einwand. Er hört nur, was in seine Gedanken paßt, es ist, als ob er für alle anderen Worte taub ist.« »Du weißt, mein liebes Kind, daß ich die Unternehmungen meines gefallenen Freundes Werner verkauft habe«, sagte der Präsident. »Ich dachte, daß ich so am besten für den jungen Werner sorgte; der Käufer ist einer der Führer der hiesigen Sozialdemokratie. Nun sinkt die Mark immer mehr im Wert. Mir sind die Hände gebunden, ich mußte die Beträge in mündelsicheren Papieren anlegen. Wie kann denn der Staat plötzlich bestimmen, daß die Mark nur noch zehn Pfennige wert ist? Aber er bestimmt es. Und ich habe den jungen Werner um sein Vermögen gebracht. Sein Vater hat mir alles anvertraut, als er ins Feld ging. Welche Rechenschaft werde ich ablegen können? Ich hätte das wissen müssen. Ich hätte an die französische Revolution denken müssen, an den amerikanischen Freiheitskrieg. Ich wußte doch, wie es in Rußland herging. Die Revolution war doch schon gewesen, als ich verkaufte. Ich habe keine Entschuldigung. Ich hätte wissen müssen, daß jede Revolution durch Papiergelddrucken die Barvermögen entwertet. Aber ich habe nur als Jurist gedacht, ich habe gedacht; ›Es ist doch unmöglich, daß eine Mark nicht eine Mark ist‹. Und nun sagt der Staat: ›Eine Mark ist zehn Pfennige‹. Morgen sagt er: ›sie ist ein Pfennig‹. Und das ist Recht. Ja, es ist Recht, wenn es der Staat sagt. Aber wie kann das denn Recht sein? Das ist doch Raub!« Er ging im Zimmer auf und ab und schlug sich an die Brust. »Aber was ist nicht Raub? Man sagt, daß man heute sozial denkt. Deshalb soll der Mieter eine niedrige Miete bezahlen; aber dann ist der Vermieter seines Besitzes beraubt. Es heißt, daß meine Wohnung für mich zu groß ist, deshalb werden mir Zimmer genommen. Aber wie? Wenn ich früher den Mieter, der nicht zahlen konnte, pfänden ließ, wenn sein ganzer, mühselig erarbeiteter Besitz verschleudert wurde, um ein paar Monate Miete zu bezahlen, war das denn nicht Raub? ... Ich habe immer gedacht, ich bin ein Richter, und ein Richter spricht, dachte ich, nach Gerechtigkeit. Aber Gerechtigkeit gibt es nicht. Ich sehe sie nirgends.« »Vater, so kannst du nicht leben, wenn du solche Gedanken hast«, sagte Marie. »Du hast recht. So kann ich nicht leben«, erwiderte der Präsident. »So kann ich nicht leben.« Die Mutter hatte sich über den Tisch gelegt und ihr Gesicht weinend in ihren Händen verborgen. »Hast du nie daran gedacht, daß alle Widersprüche sich in Gott lösen müssen, Vater?« fragte Marie. »In Gott, sagst du? In Gott?« fragte der Präsident zerstreut. Ja, das wäre ein Gedankengang, den man einmal verfolgen müßte.« »Dein Leben«, sagte Marie, »war eingerichtet auf einen bestehenden Zustand, der als rechtlich und sittlich galt. Dieser Zustand ist aufgehoben. Es gibt noch keine neue Rechtlichkeit und Sittlichkeit. Nun stehst du ohne Schutz Gott gegenüber.« »Ohne Schutz Gott gegenüber?« fragte der Vater erstaunt. »Dem Gott gegenüber, der seine Absichten mit der Menschheit hat, die du nicht ahnst, der Krieg und Hungersnot schickt, Aufruhr und Zerstörung, wie sein göttlicher Wille ist, damit seine Ziele erreicht werden, und damit jeder einzelne von uns in die Knie sinkt und betet: ›Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille.‹« Marie hatte sich aufgerichtet und stand ihrem Vater gegenüber. Der ergriff ihre Hand, Tränen überströmten sein Gesicht, er rief: »Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille! Das ist wahr, das ist wahr. Wer bin ich denn, daß ich geklagt habe? Ich war ein Diener, der Aufträge ausübte. Nun bin ich unzufrieden darüber, daß andere Aufträge an andere Leute verteilt werden – und mein Gewissen? Ich habe doch nicht unrecht gehandelt an Hans Werner, ich wollte doch das Beste, ich wußte doch damals nicht, was ich jetzt weiß!« »Niemand kann seiner Länge eine Elle zusetzen, ob er gleich darum sorget«, sagte feierlich Marie. »Könnte ich wieder frei werden, könnte ich Menschen wieder ins Gesicht sehen?« fragte der Präsident. Marie wankte. Die Mutter sprang auf, der Vater stand bestürzt, dann eilte er hinzu. »Was hast du, Kind?« rief die Mutter. Maries Lippen waren weiß. »Du bist schwach, du kannst dich nicht halten«, rief die Mutter. »Ja, ich möchte mich wohl legen«, sagte Marie mit müdem Lächeln. Marie wurde ins Bett gebracht, sie lag schwach da und müde, sie konnte nur wenig sprechen, leise, nur abgebrochene Worte. Der Arzt kam. Es zeigte sich, daß sie seit langer Zeit sehr wenig, seit zwei Wochen gar nichts gegessen hatte. Sie schüttelte den Kopf, da von Essen gesprochen wurde. Der Arzt schrieb Bescheinigungen, die Mutter eilte mit ihnen in die Geschäfte und kaufte ein; sie kaufte hastig, was sie auf die ärztliche Bescheinigung bekam: Fleisch, ein Ei, Weißbrot. Sie eilte nach Haus und kochte das Fleisch, sie brachte die Tasse mit der Brühe zu Marie. Sie hob das Kopfkissen mit dem bleichen Kopf hoch und führte die Tasse an die weißen Lippen. »Ich kann nicht, Mutter«, flehte Marie, »Laß mich, ich kann nicht.« Sie preßte die Lippen zusammen. Die Mutter kniete am Bett und flehte: »Stirb mir nicht, du bist mein letztes Kind, sieh, wie schön ist die Fleischbrühe; du wirst sehen, du kannst sie genießen.« Die Kranke sah auf die flehende Frau, mit Anstrengung sagte sie: »Gib. Gib sehr vorsichtig.« Die Mutter brachte ihr nochmals die Tasse zum Mund. Marie öffnete die Lippen und versuchte, einen kleinen Schluck zu nehmen. Da kam ein furchtbares Würgen, kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, Leib und Brust hoben sich ihr in Krämpfen. Die Mutter stellte die Tasse fort und nahm sie an ihre Brust. »Da hast du als Kind gelegen«, sagte sie. Der Präsident stand an der Seite, er stand stumm. »Mutter, laß mich liegen«, bat Marie leise. Die Mutter legte sie sorgsam auf das Kissen. »Mutter, falte mir die Hände«, bat Marie leise. Die Mutter nahm ihre Hände und faltete sie. Sie waren steif, sie fühlten sich kühl an. »Mutter, Vater, ich habe euch oft Kummer gemacht. Verzeiht. Ich habe an mich gedacht, nicht an euch. Ihr verzeiht mir. Ich ... gehe.« Das sagte sie, da war es, daß die Augen begannen zu brechen. Die alten Leute knieten zu beiden Seiten des Bettes. Der Präsident sagte: »Wir wollen beten.« Und er begann das Vaterunser, und seine alte Frau vereinigte ihre Worte mit den seinigen. So beteten sie, bis sie zu dem Schluß gelangten: »denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen!« Da sagte der alte Mann: »Nun wollen wir ihr die Augen zudrücken.« Der Tod Mariens wurde in der Stadt bekannt, und es wurde bekannt, daß sie gestorben war, weil sie ihr Essen den Kranken gegeben hatte. Als nun die Leiche aus dem Hause gebracht wurde zum Gottesacker, da standen die Leute auf der Straße, welche dem Sarg folgen wollten. Da standen Handwerker in ihrem schwarzen Sonntagsanzug, und entlassene Soldaten in ihrer grauen Gewandung, viele Leute aus den vornehmen Ständen waren da, viele Frauen und Mädchen. Und immer mehr Menschen kamen in die Straße und schlössen sich an den Leichenzug an. Ein langer Zug wurde es; schon war der Wagen vor dem Kirchhofstor, da reihten sich noch die Letzten vor dem elterlichen Hause an. Die elektrischen Bahnen hielten in den Straßen, oft stiegen Leute aus ihnen aus und traten in eine Reihe der Folgenden. Geschäftsleute traten in ihre Ladentür, dann liefen sie eilig in ihre Wohnung und kamen zurück im schwarzen Feiertagskleid, mit den andern der Toten das Geleit zu geben. In einer Gruppe von graumäntligen entlassenen Soldaten ging Kraus. Er schluchzte laut, die Tränen liefen ihm die Wangen hinab, und er wischte sie nicht fort. Fünftes Hauptstück Es war der Tag, an dem die Wahlen stattfinden sollten. Die Stadt war in großer Aufregung. Autos durcheilten die Straßen, Aufrufe wurden verteilt, ein Flieger verstreute von oben her Schriften. Es wurde allgemein erzählt, daß eine offene Gegnerschaft zwischen Lewandowsky und Hampe ausgebrochen sei, man sagte, daß die Kommunisten für Lewandowsky eingetreten seien. Hans Werner war nun endlich aus dem Lazarett entlassen. Seine Wunde, an sich ungefährlich, hatte ihn lange an das Bett gefesselt durch den starken Blutverlust, der bei der schlechten Ernährung nicht so schnell wieder ausgeglichen werden konnte, auch hatten die seelischen Erregungen über die Geschehnisse die Heilung verzögert. Anna erwartete ihn auf dem Bahnhof. Der Zug fauchte an, hielt, die Türen öffneten sich, die Menschen stiegen aus. Langsam, am Stock gebückt, in seinem grauen Mantel, abgemagert und blaß, mit flammenden blauen Augen, kam Hans aus der Tür seines Abteils, hielt sich an den Griffen und gelangte schwerfällig auf den Erdboden. Da stand Anna schon vor ihm, sie schwenkte ihren Muff, umarmte ihn und hing an seinem Hals. »Du hast doch nicht Tante Minna geschrieben, daß du mit diesem Zug ankommst?« fragte sie plötzlich erschreckt. Hans lachte. »Nein, sie erwartet mich heute noch nicht«, erwiderte er. Sie gingen in dem Menschenstrom aus der Halle. Anna hängte sich an seinen Arm. Hans sagte verlegen: »Ich möchte nicht, daß die Leute uns so sähen – es ist noch nicht so, daß wir uns in der Öffentlichkeit als verlobt zeigen dürfen.« Anna wurde feuerrot, sie riß ihren Arm aus seinem, ihre Augen standen in Tränen, und sie sagte: »Du hast recht, es steht etwas zwischen uns, dir ist dein Gut genommen.« Sie stockte, sie konnte das andere nicht sagen. Hans lächelte. »Das ist es nicht«, sagte er. »Ich möchte dich darüber beruhigen. In den Briefen wollte ich es nicht, denn wenn man dergleichen schreibt, so gibt es Mißverständnisse. Ich bin deinem Vater nicht gram. Er hat mit eigener Lebensgefahr meinen Vater aus den feindlichen Kugeln herausgetragen, er hat auch nichts Böses tun wollen, als er meine Anlagen kaufte. Das sind heute so Zeiten; niemand weiß, wie seine Handlungen ausschlagen.« »Du bist so gut. Ich danke dir«, sagte Anna. »Er ist doch mein Vater.« »Er ist ein guter und treuer Mann«, sagte Hans. »Aber er ist durch die Zustände in eine Lage gebracht, der er nicht gewachsen ist. Es ist mit ihm nicht anders, als mit den Männern der alten Regierung. Es wäre ja gut, wenn wir in unserm Volk einen Alexander oder Cäsar oder Cromwell oder Friedrich hätten. Aber wir haben ihn nun eben nicht. Gott will wohl, daß wir noch viel leiden sollen.« Überrascht schaute Anna ihm ins Gesicht. Er sah seltsam reif aus. Er sagte: »Du wunderst dich wohl über mich. Ich bin viel älter geworden, seit wir uns das letzte Mal sahen. Die langen Wochen auf dem Krankenlager habe ich viel nachgedacht.« Und weshalb darf ich nicht an deinem Arm gehen?« fragte sie. Er erwiderte: »Sieh, die ganze Welt stürzt zusammen. Die Revolution ist in Rußland und bei uns, in irgendeiner Form wird sie auch bei den Siegervölkern kommen. Alle Sitte ist zerstört. Wir aber müssen neu aufbauen. Deshalb müssen wir uns in Zucht halten. Meine Eltern sind beide tot, ich bin mein eigener Herr. Aber du kannst nicht über dich verfügen. Ich will dich erst von deinen Eltern erbitten, ehe ich Arm in Arm mit dir auf der Straße gehe.« Sie neigte den Kopf, errötete und sprach: »Du hast recht. Das hätte ich selber wissen müssen.« »Mache dir keinen Vorwurf«, sagte er. »Niemand weiß heute mehr, was er darf und nicht darf. Ich wußte es auch nicht. Aber in den langen Wochen habe ich gelernt. Und ich werde dich führen.« Sie sah dankbar zu ihm auf. »Ich möchte dir gleich meine Zukunftspläne mitteilen«, fuhr er fort. »Auf dem Krankenlager habe ich viel gelesen. Das erste Buch, das mein Vater druckte, war der Faust, das letzte war der Homer. Ich habe die Bücher wieder gelesen. Der Weltkrieg macht einen Abschnitt. Sie bedeuten mir beide nicht mehr, was sie meinem Vater bedeutet haben müssen. Ich habe in ihnen gesucht und habe nicht gefunden. Mein Vater hatte sein Leben auf das Verbreiten solcher Bücher gestellt. Aber ich weiß, daß ihm in den letzten Zeiten schon Zweifel gekommen sind, ob das richtig war. Ich könnte es nicht mehr. Wir brauchen anderes. Was? Das weiß ich noch nicht. Vielleicht schreibt dann ein Dichter das Buch, das wir brauchen; denn das Buch eines Dichters ist es, das nötig für uns ist. Was sollte ich nun jetzt tun, wenn ich die Anlagen noch hätte? Ich bin viel zu jung dazu, das zu wissen. Ich würde wahrscheinlich nur zerstören, was mein Vater geschaffen hat. Aber darf man zerstören, wenn man nicht weiß, was man neu bauen will? Dein Vater und seine Partei führen in ihrer Art die Gedanken weiter, in denen mein Vater lebte, sie glauben an Bildung und Aufklärung und an das, was sie Kunst und Wissenschaft nennen. Es ist ganz richtig, daß das Unternehmen jetzt in ihre Hand gekommen ist. Sie überschätzen ja die Wirkungen, wie sie mein Vater überschätzte; aber irgendein Segen liegt doch in ihnen. Vielleicht liest von hundert jungen Arbeitern einmal einer den Faust oder den Homer und wird dadurch vor Üblem bewahrt, erhält einen verwirrten Eindruck von Hohem und Schönem, dessen seine umdüsterte Seele sonst nicht fähig wäre. Und das ist doch viel in einer solchen Zeit wie heute, wo die Menschen wie Wölfe gegeneinander stehen.« »So meinst du, mein Vater soll alles weiterführen?« fragte Anna. »Unsere Väter waren politische Gegner«, erwiderte Hans. »Aber das kam ihnen ja nur so vor. Im Grunde meinten sie dasselbe. Sie dachten beide nur an den einzelnen Menschen, wie dem zu helfen ist. Es ist ganz in der Ordnung, daß der Sozialdemokrat fortführt, was der Liberale begonnen hat. Wir aber, wir müssen anderes denken. Was das ist, das weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, daß meine Aufgabe ist, das zu suchen, was wir denken müssen.« Anna sah ihn erstaunt, etwas traurig an. »Du denkst vielleicht, ich bin ein Schwärmer?« fragte Hans lächelnd. »Jeder Narr gibt sich heute in seiner Narrheit; ich wundere mich nicht, wenn du besorgt bist. Ich habe dich lieb wegen deiner Nüchternheit, mir ist der Überschwang verhaßt. Aber fürchte nichts für dein und unserer künftigen Kinder Schicksal, denn es ist mir noch anderes Vermögen geblieben, das sicher steht, mit dem das freie Leben möglich ist, das ich führen muß, auch wenn die Steuergesetze sich auswirken, welche ja möglichst jedem Menschen die Unabhängigkeit nehmen und ihn zum Proletarier oder Angestellten machen wollen. Und fürchte nichts für mich und meine Arbeit: ich werde schon finden, was ich tun muß.« Die beiden waren in der belebten Bahnhofstraße nebeneinander gegangen. Nun bogen sie in die Kaiser-Wilhelmstraße. Da sagte Anna: »Wir haben nun besprochen, was wir tun wollen. Du mußt dir nun bedenken, wann du zu meinem Vater gehst. Jetzt möchte ich mich von dir trennen, damit es nicht auffällt, wenn wir so lange nebeneinander gehen.« Hans lächelte; die beiden gaben sich die Hand, dann gingen sie auseinander. – Die Aufregung der Wahl wurde immer größer im Laufe des Tages. Gerüchte schwirrten durch die Luft über den voraussichtlichen Ausfall. In das Ministerium hasteten Boten, telefonische Gespräche gingen beständig. Lewandowsky saß im Ministerium vor seinem Schreibtisch. Zur Rechten stand ihm das Telefon, das er häufig benutzte. Er durchlas Akten, machte Bemerkungen an den Rand. Zuweilen saß er regungslos da, blaß und müde. Er blieb in seinem Schreibzimmer bis in den Abend hinein. Schon wurden ihm einzelne Zahlen der Wahlergebnisse telefoniert; es war kein Zweifel mehr, daß Hampe zum Präsidenten gewählt war. Schwerfällig stand er auf und ging aus der Tür. Im Vorzimmer stürzte der Diener herbei, brachte ihm den Wintermantel und half ihm hinein. Er nahm seinen Stock und ging humpelnd die breite Treppe hinunter, durch den Flur, am Pförtner vorbei, der dienstbeflissen das Tor geöffnet hielt, auf die Straße. Da war abendliches Leben, Licht aus den Fenstern der Geschäfte, die Straßenlaternen, Drängen der Menschen, Sprechen. Er ging hindurch, den Zylinder auf dem langen Haupthaar, in dem schon einzelne graue Fäden sich zeigten. Er ging zu seinem Hause, stieg die Treppe hoch und öffnete die Tür seiner Wohnung. Es war im Zimmer dunkel, von unten drang verlorner Lichtschein der Straße und dumpfer Lärm von elektrischen Bahnen, Wagen und vielen Menschen. Nun drehte er das Licht an. Da sah er auf einem Stuhl vor dem runden Tisch, in abgeschabtem Überzieher, die Reisetasche neben sich auf dem Boden stehend, den fettigen Hut auf dem Tisch neben sich, einen alten Juden mit langem weißen Bart und überhängend buschigen Augenbrauen. »Vater!« rief er aus. »Ja, mein Sohn, ich bin es«, sagte der Alte. »Ich habe mich auf die Reise gemacht, um dich in deinem Ruhm zu sehen, nun komme ich gerade recht zu deinem Unglück.« Lewandowsky warf sich auf das Sofa und schlug die Hände vor das Gesicht. Er schluchzte. »Du bist doch immer ein kluger Mensch gewesen, Aron«, sagte der Vater, »wie hast du denn nur glauben können, daß so etwas standhält? Wie wird denn ein christliches Volk einen Juden als Herrn behalten? Sei doch froh, wenn nichts Schlimmeres kommt, als daß sie dich fortjagen mit Schimpf und Schande.« Lewandowsky wollte auffahren. Aber der Alte legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Hast du das von deinem Vater gelernt und von deinem Großvater? Hat dir das der Rabbiner gesagt, wie du bei ihm in die Schule gegangen bist? Das Volk ist dumm und läßt sich von jedem beschwatzen. Dazu braucht einer nicht so klug zu sein, wie du bist, dazu braucht einer nur schlecht zu sein. Was hast du gemacht? Du lebst in einem fremden Land, wo die Leute dich freundlich aufgenommen haben, und haben dir Arbeit gegeben, daß du leben konntest und heiraten und deine Kinder zu ordentlichen Menschen erziehen und sie etwas lernen lassen, und du hast sie gegeneinander aufgehetzt. Was meinst du, werden die Christen nun mit deinen Glaubensgenossen tun, wenn sie erst wieder zu Verstand kommen? Ich bin auf meiner Reise in einer Stadt gewesen und habe mit dem Vorsteher der jüdischen Kultusgemeinde gesprochen, der hat mir gesagt: ‹Wir nehmen keinen Zuzug mehr an aus Galizien und Polen, denn die Juden, die von da gekommen sind, haben Revolution gemacht und haben Wucher getrieben, und schließlich kommt das auf unser Haupt, denn dann heißt es: ›Ein Jude ist ein Jude‹. – ›Recht haben Sie‹, habe ich ihm gesagt. ›Und ich habe auch so einen Sohn, der Revolution gemacht hat‹, habe ich ihm gesagt. Der Herr hat Reiche geschaffen und hat Arme geschaffen, und Kluge und Dumme, und wenn ein großes Unglück ist, dann lassen sich die Dummen leicht beschwatzen. Brauchst ihnen ja nur zu versprechen! Was ist das für ein Kunststück! Wer weißt du nicht, daß Gott den Reichtum gegeben hat, damit der Reiche dem Armen helfen soll mit Geld, und den Verstand, damit der Kluge dem Dummen beisteht mit Rat? Wenn die Christen dümmer sind wie du und du nützt das für dich aus, meinst du, daß sie das nicht am Ende merken? Du weißt, ich bin immer ein armer Jude gewesen, ich habe meine Geschäfte betrieben und habe gelernt und ich habe mir gesagt: das Geschäft habe ich, weil ich euch ernähren muß, aber wenn ihr satt seid, dann kann ich an meine Bücher gehen. Deshalb haben die Leute mich geachtet, und sogar die Christen haben mich geachtet, und es ist mancher zu mir gekommen und hat mich um Rat gefragt. Glaubst du, daß die Leute dich achten? Wir Juden wohnen nicht mehr in unserm Lande, das uns unser Gott gegeben hat, wir wohnen unter fremden Völkern. Hast du denn nie bedacht, daß wir da klug sein müssen? Du bist immer ein Fremder für die Deutschen. Wenn du arm bist, so verachten sie dich und verspotten dich, und wenn du reich bist, so hassen sie dich.« »Ja, das weiß ich«, sagte Lewandowsky. »Und ich habe mich gefragt: Weshalb hat mich Gott als Juden lassen geboren werden, daß die andern mich verachten und hassen, wo ich doch allen Leuten nur Gutes tun und ihnen helfen will.« »Ob du den Leuten hast Gutes tun wollen, das wollen wir nicht bereden«, sagte der Alte. »Ich kenne dich doch, du bist nicht einer von denen, die schenken. Aber ich will dir auf das andere antworten. Wir leben in der Verbannung seit zweitausend Jahren, und da leben wir, und wir haben unsere Frauen lieb, und unsere Kinder wachsen auf, wie wir sind, denn wir haben unsern Gott, der uns hält in der Fremde. Unser Gott hat uns lieb, deshalb hat er uns in das Elend geschickt. Sieh dich um, wie viele Völker hat es gegeben in den zweitausend Jahren, nichts ist übriggeblieben von ihnen. Weshalb? Weil sie mächtig waren und reich. Sieh dich um bei den Juden, wenn sie reich werden und verlieren ihren Gott, was bleibt von ihnen? Ihre Töchter werden Dirnen und ihre Söhne werden Betrüger, und Enkel bekommen sie nicht, die sie auf ihren Knien schaukeln können.« Der Alte nahm seinen alten, fettigen Hut und stand von seinem Stuhl auf. Er knöpfte den abgeschabten Überzieher zu und sagte: »Ich bin nicht gekommen, um bei dir zu wohnen. Ich will nichts von deinem Reichtum. Ich reise heute wieder ab. Nur das wollte ich dir sagen, was ich dir eben gesagt habe; vielleicht daß du noch auf andere Gedanken kommst; denn du bist ja wohl klug, aber ich bin noch klüger wie du, und habe auch mehr gesehen vom Leben wie du, denn du bist nur immer durchs Leben gegangen wie ein Blinder und hast nichts gesehen. Ich bin in Berlin gewesen und habe gehört von den Leuten von deiner Partei, das sind Arbeiter, und Zeitungsschreiber und Juden, die beherrschen nun die Deutschen, und werden reich, indessen die Deutschen arm werden. Kannst du denn glauben, daß das lange anhält, daß die Deutschen sich so von euch betrügen lassen? Daß sie dich heute absetzen, das ist der erste Schritt. Auf wen wird sich der erste Haß wenden, wenn sie aufwachen? Auf uns Juden. Und da wird der Unschuldige leiden müssen mit dem Schuldigen. Und wenn es so weit ist, daß die Christen aufstehen und schlagen die Juden tot, dann kannst du sagen: ›Ich bin mit schuld daran, daß das geschieht, und auf mein Haupt kommt das viele unschuldige Blut, das nun vergossen wird.‹« Der Alte stand an der Tür. Einen Augenblick wartete er noch auf eine Antwort. Aber der Sohn schwieg. Da drückte er auf die Klinke, öffnete und ging hinaus. Lewandowsky blieb allein zurück. Er trat ans Fenster und sah durch die Scheiben auf die Straße. Dann trat er zurück. »Ich gehe nach Rußland«, sagte er vor sich hin. – Die Straßen waren hell durch das Licht der Schaufenster und Laternen. Die Menschen drängten und schoben sich, es war Aufregung und Bewegung. Hans war aus seiner Wohnung gegangen, um im Freien und beim Gehen sich manches zu bedenken. Er ging durch die halbdunklen Straßen der Villenstadt, die menschenleer waren; er ging weiter hinaus, wo der kleine Fluß unhörbar dahineilte. Eine Brücke führte hinüber, an deren beiden Enden Laternen standen. Im Halbdunkel sah er auf der Brücke einen Mann stehen, der sich über das Geländer beugte und nachdenklich in das dunkel eilende Wasser hineinsah. Ein Schreck überfiel ihn, er eilte auf den Mann zu. Es war Hampe. »Herr Hampe!« rief er ihn an. Hampe wendete sich zu ihm. »Ach, Herr Werner, Sie sind es«, sagte er mit gezwungener Gleichgültigkeit. »Ich war noch einmal ins Freie gegangen, um Luft zu schöpfen.« Der junge Mann sah den Älteren an, welcher sein Vater hätte sein können, welcher der Vater seiner Geliebten war. Stockend sagte er zu ihm: »Das dürfen Sie nicht«. Hampe schwieg und sah in das dunkle Wasser unten. Hans Werner stand neben ihm. Hans sagte: »Da es so ist, muß ich mit Ihnen sprechen. Ich weiß, daß Sie nicht schuldig sind.« Hampe erwiderte: »Die Männer, mit denen ich zusammen jahrzehntelang für das gekämpft habe, was wir für richtig hielten, haben nun überall die Herrschaft. Ich hätte nie gedacht, daß ich einmal der Leiter dieses Staates werden könnte. Ich hätte nie gedacht, daß ich einmal ein reicher Mann werden könnte. Nun, bei den andern ist es auch so. Ich bin in Berlin gewesen und habe mit ihnen gesprochen. Herr Werner, ich habe meine Ehre. Ich will aus dem Leben gehen.« »Ändern Sie dadurch etwas?« fragte ihn Hans. »Sie und die andern haben geglaubt, die Männer an der Spitze sind Betrüger. Nun sind Sie selber an die Spitze gekommen. Sie waren nicht imstande, zu verstehen, was herrschen bedeutet, deshalb haben Sie die Männer an der Spitze falsch verstanden und haben sich von allerhand Gesindel aufhetzen lassen. Nun sind Sie selber oben und fühlen, daß Sie nicht herrschen können. Auch ich weiß einiges aus Berlin. Es wurde mir von dem Mann erzählt, der jetzt Reichskanzler ist, daß er sich einmal von einem galizischen Juden durch tausend holländische Gulden hat bestechen lassen. Der Mann weiß gar nicht, was er getan hat; er hat sich eingebildet, der Mann schenkt ihm die tausend Gulden, und er erweist ihm dafür eine Gefälligkeit, die gar nichts bedeutet.« »Aber die Ehre, die Ehre«, sagte Hampe, indem er sich die Hände vor das Gesicht schlug. »Ich habe heute Ihr Vermögen, und Sie sind verarmt.« »Ich bin nicht verarmt«, erwiderte ihm Hans. »Und Sie haben nicht schlimmer gehandelt wie jener Mann, der heute Reichskanzler ist, und der früher wahrscheinlich Trinkgelder bekommen hat und gar nicht begreift, daß man als Reichskanzler keine Trinkgelder nehmen darf.« »Ich kenne den Reichskanzler«, sagte Hampe. »Er ist kein schlechter Mensch. Aber da kommen ja nun auch die Ansprüche und die Ausgaben ...« Hans lachte. »Ich liebe Ihre Tochter, das wissen Sie. Ich würde die Tochter eines Mannes nicht lieben, der nicht in seiner Art achtenswert wäre. Sie sind an eine falsche Stelle gekommen ...« »Da haben Sie recht«, unterbrach ihn Hampe eilig. »Da haben Sie recht. Ich gehöre nicht an die Stelle.« »Nun, das ist eben das Unglück, daß die Menschen nicht an der richtigen Stelle stehen«, sagte Hans. »Das müssen alle tragen, die, welche zu niedrig gestellt sind, wie die, welche zu hoch gestellt sind. Wer hat denn schuld an der Revolution? Sie nicht, aber auch Lewandowsky nicht.« »Ich habe nicht schuld, ich war gegen die Revolution«, sagte Hampe. Hans schob seinen Arm unter den Arm Hampes und führte ihn fort. Er sagte: »Es geschieht nun eben in Zeiten des Unglücks, daß die Menschen an falschen Stellen stehen. Wir können das nicht bessern, wenn wir aus dem Leben fliehen. Auch Sie sind nur von Gott dahin gestellt, wo Sie heute stehen, und Gott hat damit seine Absichten. Übernehmen Sie Ihr Amt und tun Sie Ihre Wicht. Wenn Sie das Leben verlassen, dann tritt ein Schlimmerer an Ihre Stelle.« »Das ist schwer«, murmelte Hampe, »das ist sehr schwer.« Die beiden Männer gingen in Hampes Wohnung. Sie traten ein und trafen die beiden Frauen. »Frau Hampe«, sagte Hans, »ich habe bei Ihrem Mann um die Hand Ihrer Tochter angehalten. Ich frage auch Sie.« Frau Hampe sah ihn an, Anna errötete und trat hinter ihre Mutter. Da reichte ihm Frau Hampe die Hand und sagte: »Ich freue mich, ich gebe Ihnen mein Kind gern, wenn Sie auch beide noch jung sind.« Da trat Hans auf Anna zu, sie sah zur Erde, ihre Hände hingen schlapp an ihr nieder. Er nahm sie zärtlich vorsichtig in den Arm; sie blickte zu ihm auf, und in ihrem Blick lag zärtliche und hingebende Liebe; ihre Augen füllten sich mit Tränen.   Ende             Geschrieben Im Jahre 1923.