Alwin. Ein Roman in zwei Bänden von Pellegrin. Erster Band. Berlin bei Friedrich Braunes 1808. Erster Theil. Erstes Kapitel. Die Nacht wird kalt, sagte der alte Rudolph. Von dem Wettterfähnlein kreischt es herunter, die Eichen fangen zu rauschen an. Lege mehr Holz an den Heerd, Alwin. Der schöne Jüngling that, wie ihm geheißen war, und indeß er sich über die Flamme hinbog, sagte die Mutter: lauter Gluth ist's doch, so ein Jünglingsgesicht. Man sollte denken, in den Wangen und in den Augen sei das Feuer. Das auf dem Heerde nähre sich nur davon. Du sprichst ja wie die alte, wunderliche Handschrift, erwiederte der Greis. Soll ich draus 4 vorlesen? fragte Alwin. Die Aeltern nickten ihm zu, und er hohlte aus einem eichnen Wandschrank die Papiere hervor, daran der kleine Cirkel sich bisweilen zu ergötzen pflegte, vorzüglich zur Herbst- und Winter-Zeit, wenn die Abende lang wurden. Alwin zeigte sich alsdann besonders vergnügt, und die Mutter hatte oft ihre Bemerkungen darüber, wie ein so jugendliches Gemüth, lieber die fallenden Blätter sehen möge als die knospenden. Der Alte pflegte darauf zu erwiedern: Jedermann seine eigne Weise, und im Grunde war es der Mutter nicht unlieb. So blieb Alwin ihr gerne daheim, und wenn er sich auch einmal in das nahe Harzgebirg verstieg, pflegte er doch nicht um die gesellige Abendstunde zu fehlen, wenn es ans Lesen der alten Handschrift ging. Diese hatte man zufällig in dem alten Schlosse gefunden, in demselben 5 Wandschrank, woraus sie Alwin jetzt hervor nahm, und zu lesen begann: Es war aber seines Stammes Geist über den jungen Herrn Kunrath gekommen, daß er sich auch als einen der Stauffen zu erkennen gäb, die in fremden Landen umgezogen waren, und mit ihrer ritterlichen Faust viel Ehr und Gut gewonnen hatten. Manche vermeinen, daß ob allen Fürsten und Herrn Deutscher Nation ein wunderlicher Engel walte, welches die alten Griechen und Römer Dämon geheißen, der sie nach dem Mittag hinunter treibe, davon auch ehmals die Römische Weltherrschaft zerfallen. Herrn Kunraths Mutter soll den Stammgeist auch bald erkannt haben, als ihr ritterlicher Sohn sie um Vergunst zum Auszug gebeten; auf gleicher Weis' wohl verstanden, wie er spät oder nimmer heim kehren möge. Doch hat 6 sie als eine kluge und gottesfürchtige Frau der göttlichen Lenkung nichts in den Weg legen wollen, sondern ihren viel lieben Sohn vielmehr aus ganzem Herzen geseegnet und ihn fortziehn lassen mit Rittern und Knappen in die Italienischen Länder. Seht, lieber Vater und liebe Mutter, unterbrach sich Alwin, da nehmen sie eben Abschied. Die beiden Alten beugten sich über das Bild, welches zwischen die zierlichen Schriftzüge hinein gemahlt war, und beschauten es mit vieler Achtsamkeit. Da hörte man an das Burgthor klopfen. Es ist der Wind, der sich erhebt, sagte Alwin, und wollte weiter lesen. Nein, nein, lieber Sohn, rief die besorgte Mutter. Ich habe es ganz eigentlich gehört. Drei Schläge, oder vier, und von der Nordseite herauf, wo die Fußpfade aus dem dicksten Harzwalde zu uns 7 führen. Du kannst mir glauben. Wenns nur was Gutes bedeutet. Rudolph war indeß an das Bogenfenster getreten, und sah über die Schloßmauer hinab, so scharf es die finstre Sturmnacht vergönnte. Jemand ist am Thor, sprach er in's Zimmer zurück; das hat seine Richtigkeit. Und zugleich rief er dem Knechte, der eben über den Hof ging: mach nicht auf, bis wir wissen, woran wir sind. Der Krieg hat manches umirrende Raubgesindel losgelassen. Seid unbesorgt, scholl eine männliche Stimme von aussen herauf. Ich bin ein einzelner Mann zu Pferd, und des Herzogen Christian von Braunschweig Secretarius. Der Alte rief des Jünglings hellern Blick zu Hülfe, und als sie Beide deutlich wahrnahmen, daß wirklich nur ein Einzelner auf seinem Roße draussen halte; bekam der Knecht 8 Befehl das Thor zu öffnen. Trau' schau' wem, sagte zwar die Mutter. Es ist schon mancher kühne Freihart ganz allein in bewohntre Burgen eingebrochen. Aber Rudolph entgegnete: da hat man ihn auch todtgeschlagen, oder hätt' es wenigstens thun sollen. Hier sind wir unser Drei, Ich, Alwin und der Knecht; Waidewuth, den braven Hund, nicht einmal mitgerechnet. Alwin war indeß dem Fremden entgegen gegangen, und begrüßte ihn sehr höflich am Fuß der Wendelsteige, worauf er ihm über die veralterten Stufen vorleuchtete. Verargt uns nicht, sagte er, daß wir Rath hielten, eh wir Euch einließen. Man weiß jetzt nicht immer, mit wem man zu thun hat, und muß schon der bösen Zeit fröhnen. Der Fremde äusserte, wie viel lieber es ihm sei, von verständigen und vorsichtigen Menschen 9 aufgenommen zu werden, als von einem luftigen Thoren, dessen Dach nicht viel sichrer wahre, als ein Baumgipfel im Gewitter. Sie waren unterdeß in's Wohnzimmer getreten, und Alwin beschaute, während der Bewillkommungen des Vaters und der Mutter, den unvermutheten Gast. Eine große, hagere Gestalt, ernst und sicher in allen Bewegungen, scharfe, aber nicht blitzende Augen unter der weit vorliegenden Stirn. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein. Thorwald, sagte er, nenne man ihn, und er habe sich verirrt, indem er von Halberstadt, das sein Herr administrire, nach Braunschweig zurückreisen, und im Harz unterwegs einige Geschäfte habe abmachen wollen. Von hier gehe er nun grade auf Braunschweig. Darauf fing er an sich aufs umständlichste wegen der morgenden Tagereise zu erkundigen. 10 Alwin empfand während all dieser weitläuftigen Unterhandlungen eine Art von Widerwillen gegen den Fremden. Er konnte es ihm nun gar nicht verzeihn, daß er die Geschichte Herrn Kunraths von Stauffen unterbrochen hatte; noch unlieber aber wär' es ihm gewesen, sie in seiner Gegenwart weiter fortzusetzen. Deshalb legte er die alte Handschrift wieder in ihren Wandschrank, und suchte dies aufs unbemerkteste zu thun, welches ihm um so leichter gelang, da der Fremde wenig oder gar keine Notiz von ihm nahm. Mit dem alten Rudolph unterhielt er sich jedoch desto fleissiger, und fragte ihn, wie es komme, daß er hier so gar abgelegen wohne, und ob die Gegend wirklich so einsam sei, als sie scheine, oder irgendwo Stadt und Dorf hinter den Abhängen und Gebüschen verborgen liege? 11 Dort das Thal weiter hinunter, antwortete Rudolph, giebt es ein Dörflein, nicht allzufern von hier. Die Leute sind gutmüthig, aber ich habe mit keinem eben viel zu schaffen. Selten auch, daß ein verirrter Wandrer hier herauf kommt, und so erfahre ich dann wenig von einer Welt, deren Neuigkeiten mir zum Ueberdruß geworden sind. Das kann doch, meinte der Fremde, nicht gleiche Bewandniß mit dem rüstigen Jünglinge dort haben. Warum nicht? sagte Rudolph. Zu den Waffen wär' er gebohren, denn wir sind untadelichen Ritterstammes, und Burgen und Städte, weitum durch's ganze Land, waren meinen Ahnen unterworfen. Die Zeiten wechseln. Wir sind arm geworden; was mag ein Knabe ohne Mittel in der Welt anfangen? Ich hab' solch keckes Treiben in meiner 12 Jugend selbst versucht. Was half's? Aermer als ich ausritt, nur reich an Narben, mismuthig, betrübt zog ich in das verfallende Schloß zurück. Es geht nicht mehr zu wie ehedem, wo ein junger Ritter an Schwerdt und Roß genug hatte, um sich Preis und Glück zu erwerben. Heut zu Tage will man die wackern Männer nur in blanken Rüstungen und auf kostbaren Roßen sehn. und wer dergleichen nicht auftreiben kann, bleibt klüger zu Hause. Von seinen ehemaligen Vortheilen, erwiederte der Fremde, hat der Adel freilich manches eingebüßt. Das Leben fügt sich zum sichern Gebäu in einander, man hält die wilden Thiere zahm im Hofbezirk, und schließt vor Räubern und überlästigem Besuch die wohlverwahrten Thüren. Da gilt nun das Waffenhandwerk nicht mehr in der alten 13 Nothwendigkeit. Greife jedoch ein Jeder mit an, wie es Stimmung und Gedeihen des Ganzen erfordern, und ändre seine Weise, nach den Aendrungen seiner Zeit, so wird er nichts in der neuen Ordnung der Dinge vermissen. Rudolph ging mit starken Schritten auf und ab, indem der Fremde fortfuhr: dem Adel sind keinesweges die Mittel zu gesetzmässigem und sicherm Fortkommen versperrt. Schon seid langer Zeit studiren junge Herren Eures Standes mit uns in die Wette, und bekleiden – Nehmt's mir nicht übel Herr Secretarius, unterbrach ihn hier Rudolph, ich bin noch in dem neuen Bau, wovon Ihr sprecht, gar nicht eingewohnt, und halt' es mit der alten Sitte. Meinen Alwin gönne ich nur den Waffen; geht das nicht, so mag er lieber bei uns alten Leuten hausen, und uns die Zeit mit seinem Citherspiel vertreiben. – 14 Auch gut, sagte Thorwald, und lobenswürdig. Es ist eine schöne Sache um's Citherspiel. Ließt Ihr nicht auch mich etwas davon hören? Er wandte sich bei diesen Worten lächelnd zu Alwin, dem sein ganzes Thun in der Seele zuwider war, und ihm vorzüglich jetzt, nicht viel anders vorkam, als heimlicher Spott. Er hatte eine Entschuldigung auf den Lippen, als die Mutter ihn unterbrach, und ihn mit der gewohnten Freundlichkeit um ihr Lieblingslied bat. Alwin sang:     Von dem Seegestade Stieß ein Schifferkahn Fort durch nasser Pfade, Ungewisse Bahn. Drüben auf den Auen Steht ein Klosterhaus, Schöne Nönnlein schauen Abends oft heraus. 15     Eine schön vor Allen Schrieb mit weißer Hand, Ließ das Blättlein fallen Uebern Fensterrand. Knabe hat's gefunden, Nahm's in treuer Huth, Kommt in nächt'gen Stunden Durch die wilde Fluth.     Regt die Arme kräftig, Rudert keck und kühn, Doch umsonst so heftig, Sehnendes Bemühn! Ihm zur Seite bleiben Baum und Felsen stehn. Nebel vor ihm treiben Sich im düstern Wehn.     Sagt Ihr Meeresfeyen, Höhnt Ihr meine Gluth? Sagt was soll' ich weihen? 16 Lieder, Gaben, Blut? Schon ist Euch verschrieben Was Eu'r Sinn begehrt. Nur daß Ihr zur Lieben Nicht den Gang mir wehrt.     Kraft die nicht erbitten, Nicht erflehn sich läßt Hält in Wassers Mitten Ihm den Nachen fest. Da zum Venussterne Sieht er bittend auf, Ist Verliebten gerne Hülfreich ja Dein Lauf.     Schon mit günst'gem Funkeln Blitzt der grüne Schein, Doch der Nebel Dunkeln Wirft sich zwischen ein. Nonne sah voll Sorgen Zu den Fenstern aus, 17 Ach es kam der Morgen An das Klosterhaus,     Kam auf die Gewässer, Wo der Schiffersmann Bänger stets und blässer Nach der Lieben sann. Heim nun mußt' er lenken Vor dem hellen Tag, Ging, sich still zu kränken, Nach dem Hüttendach.     Und bekannte Töne Rauschen an sein Ohr: Knabe, lieb' und schöne, Richt' Dein Haupt empor, Auch nun zu gesunden Schüttle ab die Pein. Wer Dich hielt gebunden, War die Mutter Dein. 18     Hat dir aufgehoben Eine andre Braut, Jene war dort oben Christo angetraut. Laß sie Gott vereinigt, Bleib von ihr getrennt, Bis Ihr zwei gereinigt Euch als Engel kennt.     Wo die Bächlein rinnen Ew'ger Seeligkeit, Ist für all' ein Minnen Rein und fromm bereit. Holder Sohn, drum halte Rein dich für und für. Und der Klang verhallte An der Kirchhofsthür. Thorwald hatte während des Liedes wie zerstreut vor sich hingesehen, und mit dem Schaupfennige gespielt, der ihm an einer 19 goldenen Kette auf der Brust hing. Nun sagte er, noch ehe der letzte Vers geendigt war: der junge Mann singt recht gut. Es ist Schade, daß Ihr so fest entschlossen seid, ihn nicht von Euch zu lassen. Ich wüßte sonst wohl noch etwas für ihn, wobei er eben nicht die Feder zu führen braucht, und was ihn doch auf eine gute Laufbahn helfen möchte. Wie so? fragte Rudolph. Mein Herzog, fuhr der Geheimschreiber fort, liebt Musik, artige Sitte und Galanterie. Viel schöne und ehrbare Frauen sind an dem Braunschweiger Hofe versammelt, und obgleich der Herr jetzt abwesend ist, geht doch das heitre Leben, mit Citherspiel und Gesang durchflochten, den gewohnten Weg fort. Der junge Adel sucht von allen Seiten dort Zutritt, und ich würde Euern Sohn gern einführen, wo man ihn willkommen hieße, 20 und er wenigstens den Winter hindurch mit, und in der Welt leben könnte. Rudolph schwieg nachdenklich, und Alwin verließ, beleidigt durch Thorwalds wenige Aufmerksamkeit auf seinen Gesang, das Zimmer. Zweites Kapitel. Man war still und frühzeitig auseinander gegangen. Alwin und die Mutter gefielen sich nicht in des Fremden Gesellschaft, und dieser eilte selbst zur Ruhe, weil er vor Tagesanbruch weiter zu reisen gedachte. Aus dem tiefsten Schlafe ward Alwin durch heiße Thränen erweckt, die über sein Antliz flossen, und indem er aufsah, beugte 21 sich seine Mutter über ihn, die Lampe in der Hand, wie um ihn recht achtsam zu beleuchten. Liebes Kind, sagte sie schmerzlich weinend, ich muß dich aufwecken, so gern ich dich auch schlafen sehe. Du kommst mir immer noch im Schlummer wie ein freundlicher Knabe vor; so frisch athmest Du, so roth glühen Deine Wangen. Ach, ich soll das nun in langer Zeit nicht sehn, vielleicht niemals wieder. Wie ist Euch denn Mutter? fragte der noch halb schlaftrunkne Jüngling. Ich würde meinen, es sei ein Traum, wenn mir die Strahlen Eurer Lampe nicht so hell in's Auge fielen. Was ist denn begegnet? Der Fremde, sagte die Mutter, indem sie sich auf's Bett niedersetzte, ist uns recht zum Unheil in's Haus gekommen. Ich mochte ihn gleich nicht wohl leiden, unterbrach sie Alwin. Und dennoch, erwiederte sie, sollst Du mit ihm reisen. Du hast es vielleicht gemerkt, wie still und gedankenvoll der Vater nach dem letzten Vorschlage ward, den der Secretarius gestern that. Kaum waren wir in unserm Schlafgemach, so fing er wieder davon an, und meinte, ein junger Fant müsse in die Welt hinaus. Dies sei die erste, vielleicht die einzige Gelegenheit für dich, und man dürfe dergleichen nicht von der Hand stoßen. Ich weinte, und wir haben bis jetzt darüber gesprochen. Zwischendurch hörte ich Dich immer so ruhig athmen – es wollte mir das Herz brechen. Liebe Mutter sagte Alwin, ist das meines Vaters Wille, und bleibt er dabei, wie ich nicht zweifle, so laßt uns freudig thun was er gebietet und zu meinem Besten taugt. Wirft doch der Adler seine Kleinen aus dem 23 Neste, sobald sie flügge sind. Laßt mich immer ein wenig zeigen, daß auch mir des Vaters Blick und Flügelschwung angebohren sind. Du sprichst wie ein guter Sohn, antwortete die Mutter, und wie ein braver junger Edelmann. Aber eben deswegen thut es mir so weh, daß ich vielleicht nun auf immer von Dir Abschied nehmen soll. Erwiedre mir nichts, versuche nicht, mir Trost einzusprechen; es wird sich Alles finden, wie Gott will. Schlafe nun noch ein wenig, mein liebes Kind; Du hast eine starke Tagereise vor Dir. Ich packe indessen Deine Sachen zusammen, und nehme die Lampe mit hinaus, damit Dich ihr Schein nicht störe. Schlafe mir ja noch ein Stündchen; hörst Du? Sie war mit diesen Worten aus der Thür, und Alwin vernahm nur noch, wie sie im 24 Nebengemach die Schränke öffnete, und Kleider und Wäsche herausnahm, alles leise, um den lieben Sohn nicht zu stören. Da traf das Gefühl der Trennung und der letzten mütterlichen Sorgfalt recht wehmüthig an sein Herz. Er weinte still für sich in die Nacht hinein, und seufzte immer ganz leise in seine Kissen: ach liebe Mutter! Liebe, liebe Mutter! Stirb nur nicht, bis ich wiederkomme, und Dir sagen kann, wie traurig mir in dieser Stunde zu Muthe gewesen ist. Er hörte bald seinen Vater in der untern Halle mit Thorwald sprechen, und besann sich, daß er nicht wie ein weichherziger Knabe vor dem fremden Manne erscheinen müsse, dessen Mitleid ihm ein brennendes Gefühl der Schaam erweckt haben würde. Er sprang aus dem Bette, weinte die letzten Thränen auf die mütterliche Hand, welche ihm Licht 25 hinein reichte, sobald er sich regte, und suchte nun allen Stolz und alle Kraft in sich hervor, um der immer wiederkehrenden Wehmuth zu begegnen. Es war, als riefe ihm die vertraute Kammer aus allen Seiten ein Lebewohl zu, aber er strebte es zu überhören. Im Forteilen streifte er an seine Cither, die er gestern Abends mit heraufgenommen hatte, und die Saiten gaben einen klagenden Ton. Nein, nein, weine nicht, sagte er aufs freundlichste. Du wenigstens sollst mit mir. Er nahm sie unter den Arm, und eilte in die Halle. Rudolph und Thorwald gingen mit einander im ernsten Gespräche auf und ab. Der Letztre betrachtete den Jüngling, wie er mit der Cither hereintrat, voll sichtlichen Wohlgefallens, und fragte ihn, ob er gern mit ihm gehe. Ihr seht mich reisefertig, antwortete 26 Alwin. Ganz recht, sagte Thorwald. Ihr erinnert mich, daß ich eben eine lächerliche Frage gethan habe, die aber mit vielen andern, bedeutungslosen so gäng und gebe geworden ist, daß man sich ihresgleichen kaum abwehren kann. Auf die That kommt es an. Denn natürlich müßt ihr die Reise wenigstens lieber vornehmen, als Alles andre, was Ihr in diesem Augenblick thun könntet, sie zu vermeiden. Ihr hättet ja sonst leichte Wahl. Mein Sohn, sagte Rudolph, Du hast Dich vielleicht gewundert, daß ich Dich so schnell fortschicke. Und doch denke ich auch wieder, es könne in diesem Entschluß nichts Neues für Dich liegen. Wir haben oft des Abends am Feuer von der Welt geplaudert und meinen ritterlichen Zügen durchhin. Da ist mir öfters aufgefallen, wie es nicht der Wiederschein von der Flamme auf dem Heerde 27 war, wovon Dein Gesicht so wunderhell aufglühte, sondern von einer tiefern, heiligern in Deiner Brust. Zieh hin mit Gott, mache Deinem Namen Ehre, und mir und der Mutter jetzt das Herz nicht zu weich. Ihr sollt hoffentlich Euern Sohn an mir nicht verkennen, erwiederte Alwin, und die Drei schritten nun schweigend neben einander her, während die Mutter ab und zu ging, dies und jenes besorgend, ihre rothgeweinten Augen unter mancherlei Vorwand abwendend. Man fühlte das Drückende des Abschiedes recht schmerzlich, und sah mit einer Art von Ungeduld nach dem Fenster, ob die Pferde der Reisenden noch nicht da seien. Demungeachtet schrack die Familie zusammen, als sie Roßhufe über den gepflasterten Hof heran kommen hörten. Schnell fort, und glückliche Wiederkehr, sagte Thorwald. Die Mutter wandte 28 sich von ihm, und legte ihr Gesicht an Alwins Brust. Dann erhob sie sich, und indem er vor ihr niederkniete, legte sie die Hände seegnend auf sein Haupt. Rudolph trat auch heran, und es fiel dem Jüngling ein, daß sie an demselben Tische waren, wo sie gestern Abends die Geschichte vom jungen Kunrath gelesen hatten. Wer soll Euch denn nun aus der alten Handschrift vorlesen? fragte er, und die Thränen drangen unaufhaltsam in sein Auge. Ach, rief die Mutter, laut weinend, wer hätte gedacht, das Bild sollte sobald an uns selber wahr werden! Rudolph hielt die Hand vor's Gesicht, und sagte mit gebrochner Stimme: zu Roß, junger Edelmann! Zu Roß! Als sie schon aus dem Thore waren, blickte Alwin noch einmal um, und sah, wie der alte Knecht den getreuen Waidewuth am 29 Halsbande hielt, der sich vergeblich mühte, seinem jungen Herrn nachzukommen. Drittes Kapitel. Sie ritten in der Dämmerung schweigend neben einander hin, bis endlich Thorwald anfing: es ist nicht gut, daß die mehrsten Trennungen am frühen Morgen geschehn. Man hat den langen Tag vor sich, der mit jeder Viertelstunde gleichsam die Glocke zieht, uns zu erinnern, daß wir aus dem gewohnten Kreise gerückt sind, und Alles verändert und fremd auf uns zutritt. Und dann die schaurige Morgenkühle nach den Thränen des Abschieds, meist nach einer schlaflosen Nacht! Reiste man gegen Abend fort, so wäre Alles 30 besser. Die Rückbleibenden weinten sich auf ihren Kissen ein, und der Wandersmann empfände auf dem ungewohnten Nachtpfade so viel Wunderliches, ja Erschütterndes daß ihm wenig Zeit bliebe, sich der schmerzlichen Wehmuth hinzugeben. Noch ungerechnet, daß ihm die Zeichen der verlaßnen Heimath nicht so fernher nachblickten, als wollten sie ihn wieder zu sich hin locken. Alwin schaute unwillkürlich zurück, und die Thürme der väterlichen Burg streckten sich über die Baumwipfel hervor. Er antwortete nicht. Alles was Thorwald gesagt hatte, empfand er so eben, und es war ihm verdrießlich, daß ein Fremder und grade dieser seinen Schmerz so keck und laut in dürre Worte kleidete. Sein unbehagliches Gefühl vermehrte sich, indem er einen Seitenblick auf seinen Gefährten fallen ließ. In dem falben 31 Morgennebeln, auf der öden Stelle, wo sie sich befanden, kam ihm die lange Gestalt auf dem großen, schwarzen Rosse äußerst fremd vor. Er mußte wider Willen an alle Mährchen denken, wo der Menschen Erbfeind leichtgläubige Thoren aus ihren Hütten lockt, um sie vom steilen Bergpfad hinunter zu schmettern. Dann warf er sich es wieder vor, daß er so häßliche Gedanken nähre gegen einen Mann, den ihm der getreue, scharfblickende Vater zum Führer gewählt hatte. Thorwald schien nichts von seiner Unzufriedenheit zu bemerken. Er sprach von diesem und jenen, unbefangen und sehr verständig, so daß endlich Alwin mit einstimmen mußte, und seiner trüben Gedanken ziemlich Meister ward, um so mehr, da die Sonne hell über die herbstliche Waldgegend strahlte, alles mit ihren klaren Blicken vergoldend und 32 verschönernd. Man fand gegen Mittag einen warmen, sonnigen Platz zum Mahle aus, und labte sich an den mitgenommnen Flaschen und Eßwaaren. Um Vieles vertraulicher ritten die Reisegefährten gegen Abend einen Berghang hinunter, schon nahe bei der Einsiedelei, wo sie übernachten wollten, weil jene Gegend des Harzes ziemlich leer an Bewohnern war. Alwin freute sich über die seltsame Gestaltungen der Felsstücke, und über die steigenden Nebel im Thale. Dabei fielen ihm allerhand wunderliche Mährchen ein von verzauberten Prinzen und Damen, die er sich kaum dem ernsten Begleiter vorzusagen enthielt. Aber einzelne Strophen von alten Romanzen sang er laut in die Thäler hinein, so daß er manches schöne Echo zur Antwort reizte. 33 Habt Ihr Euch nie selbst mit der Poesie abgegeben? fragte Thorwald. Es sollte mich doch wundern, da Ihr so viel Freude daran findet, schöne Lieder zu singen. Ja wohl, erwiederte Alwin. Ich bin nie froher, als wenn ich über ein Gedicht sinne, und es mir vorschwebt in goldner Gestaltung wie jene Abendwolken, räthselhaft und doch lockend, daß man sich mit Seele und Leib in das himmlische Spiel verlieren möchte. Und wenn es sich nun immer sicherer bildet und formt, bis es zuletzt wie ein eignes, abgesondertes Wesen vor uns steht, uns anschaut wie aus klaren Augen, so fremd und doch so innig vertraut, – es kann wohl kein Genuß auf der Welt darüber gehn. Wenn Euch wirklich zu Muthe ist, wie Ihr sagt, erwiederte Thorwald, so steht Ihr zu beneiden. 34 Hätte der Vater nur gewollt, wie ich, fuhr Alwin fort; ich wäre aller weitern Mühe überhoben geblieben. Meine eigne Welt hätte ich mir geschaffen, und blos als ein Sänger gelebt, wie die herrlichsten Menschen vor Zeiten. Aber ich durfte dergleichen gar nicht vor ihm äußern. Weil er ein verständiger Mann ist, sagte Thorwald. Leichtes Gewölk, das sich in Liedern so ziemlich ausnimmt; weiter nichts! Glaubt Ihr denn nicht, rief Alwin an die Wundermänner der Vorwelt? Nicht an den großen Poetenfürsten Homer? Nicht an den kunstreichen Orpheus? Ja, auch unser Vaterland wußte vor zwei, dreihundert Jahren noch von glücklichen Dichtern, die lebten, um zu singen, und von der Minne ihren Namen führten. Alles zu seiner Zeit, sagte Thorwald. Ihr 35 glaubt doch auch an den starken Herkules, an Ritter Roland und andre Paladins Karl des Großen, ob Ihr es gleich ziemlich seltsam finden würdet, wenn heut zu Tage Jemand sein Leben damit zubrächte, den Harz von Wölfen zu säubern, und über See zu fahren, um hülfsbedürftige Damen aufzusuchen. Und wäre das denn etwas so gar Verkehrtes? fragte Alwin. Ich wüßte nächst dem Leben eines Sängers nichts Schönres, als über die Erde zu reisen, ein Rächer aller Unbilden. Wenn es auch nicht eben auf Wölfe ginge, oder allein für wandernde Damen, so bliebe doch mancherlei Herrliches in dieser Art zu thun. Wollte Gott, rief Thorwald, Ihr wärt der Einzige und der Mächtigste, dem ich solche Grillen auszureden hätte! Mich dünkt immer, wir Beide würden noch einig. Ihr 36 gesteht mir doch zu, daß gegenwärtig ein Verfechter der Tugend und Schönheit andre Thaten vollbringen müßte und auf eine andre Weise als jene fabelhaften Ritter. Nicht wahr? Statt Eines Schwerdtes müßte er nun schon wenigstens ein Paar hundert lenken können, für täglich neue und wechselnde Abentheuer, bestimmt die Seite Einer religiösen und politischen Parthei in unserm angefangnen Bürgerkriege erwählen. – Das Letztre möchte nicht so unbedingt nothwendig seyn, sagte Alwin; wenn man nur die Gefährten darnach fände. Zugegeben Euer und Eurer Spießgesellen abentheuerliches Glück, erwiederte Thorwald, bleiben Eure Wege doch immer anders gestaltet als die vor hundert und tausend Jahren. Würde daraus etwas gegen mich folgen, 37 und gegen meine Hoffnungen auf ein poetisches Leben? fragte Alwin. Allerdings, antwortete Thorwald. Eins greift unaufhaltsam in das Andre. Keine fahrenden Ritter, keine Heldensänger. Aus den Waffen schallt der Klang hervor, der erweckend über die Cithersaiten dahin streift. Nur, sagte Alwin, daß uns keinesweges die Aussicht in die herrliche Vergangenheit abgeschnitten ist, noch abgeschnitten werden kann. Wenn sich doch Niemand mit solchen Rückblicken täuschen wollte! rief Thorwald. Hin ist hin. Die Zeit reißt uns unaufhaltsam vorwärts, wie jämmerlich wir uns dagegen auch sperren mögen. Weisheit ist es allein, der Mächtigen willig zu folgen, und unter die Wissenden ihres Rathes zu gehören. Ihr wollt doch verstanden seyn, wenn ihr 38 dichtet. Das besagt die Stimme, welcher Ihr die lustigen Gebilde anvertraut. So redet denn zu Euern Mitmenschen, wie sie es hören wollen und können, singt aber keine Minneliedchen in einer bedächtigen Staatsversammlung, sondern höchstens einmal zur Erholung etwas Bekanntes, wenn sich die ganze Gesellschaft darnach sehnt. Schon ist es mit der mündlichen Mittheilung beschränkter geworden: man druckt Bücher, und was sollte daraus für Eure Kunst entstehn? Vielleicht wieder ein ganz neues Sängerleben, erwiederte Alwin, davon wir jetzt noch keinen rechten Begriff haben. Denkt Euch, daß man mit einem Gedichte ganz Deutschland anregen könnte, tausend niegesehne Freunde gewinnen, da man bei dem Gesange doch immer auf den zufälligen Kreis der Hörer beschränkt bleibt. 39 Ein drolliger Gedanke, sagte Thorwald. Das Reisen der Minne- und Meistersänger hätte alsdann billig aufgehört, und der ächte Poet machte hinter seinem Ofen hervor, spirituelle Reisen um die Welt. Der ächte Poet, sage ich, denn vergeßt bei solcher Schiffahrt nicht die gefährlichste Klippe, daß nämlich Niemand weiß, wie er mit sich selber daran ist. Das gilt von jeder Unternehmung, wandte Alwin ein. Von einer poetischen ganz vorzüglich, sagte Thorwald. Ihr sehnt Euch vielleicht nur ein gutes Lied zu hören, und bildet Euch darüber ein, es wandle Euch die Begeisterung an, selbst eins zu dichten. Bei andern Arbeiten tritt Gefahr oder Schwierigkeit sichtbar in den Weg, uns befragend, wie viel wir der Kräfte mitbringen, sie zu besiegen. Hier aber geht Alles aus Luft in Luft, und ist daher auch 40 bald mit ein Paar lustigen Worten wo nicht abgemacht, doch verkleidet. Und doch, sagte Alwin, wollt Ihr auf diese Lust das Gebäude meines Glückes gründen, oder ich habe Euch Gestern Abends unrecht verstanden. Allerdings habt Ihr das, sagte Thorwald. Die Welt ist so beschaffen, daß man sich durch irgend eine Spielerei darin einführen muß, um für eine Person gehalten zu werden. Dazu kann Euch das zufällige Talent, was Ihr jetzt so hoch anschlagt, wohl dienen, wie dichtrisch oder undichtrisch es auch in Euerm Innern aussehn mag. Glaubt mir aber, daß ich bei Euch etwas Höheres spüre, und auch dem Gemäßes mit Euch im Sinne habe. Unter solcherlei Gesprächen waren sie bis zur Einsiedelei gekommen. 41 Viertes Kapitel. Der Eremit hatte kaum Zeit gehabt, den beiden Reisenden mit freundlicher Bewillkommung ihre Pferde abzunehmen, und diese unter eine Bedachung, welche für diesen Behuf erbaut schien, zu bringen, als schon wieder Hufschläge, den Bergpfad herab, neue Gäste ankündigten. Wirklich sah man auch bald darauf einen Kriegsmann nebst einer Dame, beide zu Roß, aus dem Walde hervor kommen. Das verschleierte Frauenzimmer, ihrem Wuchse nach jung und zart, schien sehr ermattet. Ihr Begleiter unterstützte sie mit einer Hand, während der geduldige Zelter sie im 42 sichern Schritte fort trug, und hob sie vor der Thüre der Einsiedelei mit vieler Sorgsamkeit vom Sattel. Beim Eintrit in das kleine Gemach, schien die Dame vor großer Erschöpfung nichts zu bemerken. Sie war in Schwarz und Weiß fast wie geistlich gekleidet, wogegen der Anzug des Kriegsmann seltsam abstach. Dieser trug ein ledernes Koller, drüber ein prächtiges Wehrgehäng, die Schärpe purpurfarb und reich mit Golde gestickt, vielfarbige Federn auf dem Hute, große Schlaghandschuh, bis an den Ellenbogen hinaufgehend. Er grüßte die beiden Reisenden freundlich, und rief dem Einsiedel zu: die Sorge wegen der Pferde möge er nur ihm überlassen, lieber aber einen Trunk Wein für die ermattete Dame bringen. Sobald er seinen Wirth hereintreten sah, verließ er die Hütte, um nach den Pferden zu gehn. Die 43 Dame blieb wie in halber Ohnmacht sitzen. Unterdeß der Einsiedel aus einem Wandschränkchen Flasche und Becher hervor suchte, betrachtete Alwin die Fremde mit großer Neugierde, ja mit inn'rer Bewegung, so wunderbar erschien ihm das Edle ihrer Gestalt, welche aus Mattigkeit und Furcht unverkennbar hervorleuchtete. Als der Einsiedel mit dem gefüllten Becher zu ihr ging, schien sie den Schleier aufheben zu wollen, ließ ihn aber gleich wieder fallen, mit dem lauten Ausruf: Jesus Maria! Ein Mönch! Auf ihr Geschrei trat der Kriegsmann sogleich in die Thür, und als errathe er schon Alles, sprach er: beruhige dich, Emilie. Wir sind bei einem stillen Klausner, der alle Fremde ohne Unterschied willig beherbergt. Wie Du zitterst, fuhr er fort, indem er sich an ihre Seite setzte, Sieh' doch, ich bin ja bei Dir. 44 Sie schmiegte sich ihm mit vieler Anmuth näher an, und nahm den Becher aus seiner Hand. Indem sie den Schleier zum Trinken lüftete, bemerkte Alwin zwei schwellende Rosenlippen, die sich äußerst lieblich in das Gold des Weines tauchten. Der Kriegsmann nahm den Becher, welchen sie ihm zurück gab, und trank den Rest, sorgfältig den Mund an der Stelle ansetzend, wo seine liebliche Gefährtin getrunken hatte. Darauf wandte er sich zu Thorwald und Alwin, gleichsam als wollte er nun erst sehn, mit wem er denn eigentlich zu thun habe, und ließ die gewöhnlichen Fragen der Reisenden ergehn nach Richtung und Ziel der Fahrt. Kaum nannte ihm Thorwald Braunschweig und seine Stelle als Secretarius bei'm Herzog, so fragte er mit vieler Lebhaftigkeit, ob man wohl den tapfern Christian jetzt in seiner Residenz finde. Auf Thorwalds verneinende 45 Antwort wandte er sich wie tröstend zu der Dame: Sei nur ruhig, Kriegsleute finden sich immer zusammen, denn Ehre ist der Magnet, der von allen Weltenden her solch Eisen anzieht. Man schließt aneinander, eh' man's gedacht. Und schreckt Dich die weitre Reise, so bleibst Du in Braunschweig unter dem Schutze irgend einer ehrbaren Frau. Um Gotteswillen lispelte die Dame halbweinend, mit einer unendlich süßen Stimme, um Gotteswillen, denke nicht daran, mich zu verlassen. Wie Du meinst, sagte der Kriegsmann. Mir ist es willkommen, und sichrer kannst Du nirgends seyn, als unter meinem Schutz, und dem meiner wackern Gefährten. Horch' auf; sie melden sich schon. Man vernahm schnaubende Rosse, und Geklirr von Rüstungen. Ein Geharnischter trat herein. Hats viel gekostet? fragte ihn 46 der Kriegsmann. Nein, war die Antwort. Ein Paar Fleischwunden. Der Kurd blutet ein wenig stark, kann aber doch immer noch zu Rosse sitzen. Gut, sagte der Kriegsmann. Dafür bin ich's ein andermal wieder, der Euch den Rücken frei hält. Lagert Euch im Walde. Ein zwei bis drei können zu Pferd bleiben. Wollen wir denn nicht weiter? sagte die Dame. Mir drückt's hier das Herz ab, und was Du von Erholungen ausbrächtest, würde mir zu Gift in diesen Wänden. Vermaledeite Zelle! rief der Kriegsmann. Warum nicht ein ehrlich Wirthshaus, wenn's einmal bewirthet sein soll! Aufgesessen, Veit! Er warf dem Einsiedel einige Goldstücke hin, der sie mit den Worten annahm; zum Frommen der Armen. Schon gut sagte der Kriegsmann, grüßte Thorwald und Alwin 47 freundlich, und führte die Dame hinaus. Bald darauf hörte man ihn rasch durch den Forst traben. Habt Ihr nicht bemerkt, daß die Dame eine entführte Nonne war? fragte Thorwald den Einsiedel. Mir schien es so, antwortete dieser. Auch eräugnet dergleichen Unheil und Gottlosigkeit sich öfter in diesen Gegenden, seitdem die lutherische Secte darin Wurzel gefaßt hat. Mönche lassen ihr Haar wachsen und leben wie Verehlichte, Klosterjungfrauen treten freiwillig aus dem geheiligten Ring, oder werden gewaltsam entführt. Diese schien zur erstern Klasse zu gehören, sagte Thorwald mit einem halb spötischen Gesicht, worüber sich Alwin in der Seele gekränkt fühlte. Ihm hatte die schöne Flüchtige das Gefühl der innigsten Sehnsucht 48 zurückgelassen. So durch Feld und Wald mit ihr zu traben, ihr Schutz und ihre Liebe! Beneidenswerther Kriegsmann! Und aus den schwellenden Rosenlippen die süsse Bitte zu vernehmen: um Gotteswillen, denk' nicht daran, mich zu verlassen! Warum schärftet Ihr dem verirrten Schäflein nicht das Gewissen? fragte Thorwald den Einsiedel weiter. Die Welthändel gehn mich nichts an, erwiederte dieser. Und doch, sagte Thorwald, habt Ihr Euch beinah mitten zwischen sie hin gelagert. Ihr seid ordentlich zum Beherbergen eingerichtet, und was in alten Legenden Epoche für das Leben eines Klausners macht, ja, öfters nur durch ein Wunder herbeigeführt wird, der Besuch eines Fremdlings, gehört bei Euch zur täglichen Ordnung, ohne daß es Eurer Andacht Eintrag zu thun scheint. Ihr seid noch um die Hälfte demüthiger, als ein gewöhnlicher Einsiedler; Ihr seid nur ein Halbsiedler. Ihr sprecht, als ein Lutheraner, sagte der Eremit, und ich muß Euern Spott dulden. Nicht das, erwiederte Thorwald. Ich bin ziemlich gut in Eurer Kirchengeschichte bewandert, und finde desto mehr Stoff zum Nachdenken über die Ursache, welche einen frommen Büßer Eures Gleichen so nahe an die Straße gezogen hat. Der Klausner ging stillschweigend nach dem Fenster, öffnete es, und zeigte in die kalte Sturmnacht hinaus, dann zurück auf das behagliche Feuer des Heerdes. Ihr antwortet gut, und ich verstehe Eure Sprache, sagte Thorwald. Aber dann möchte ich beinah die Frage jenes rüstigen 50 Kriegsmannes wiederholen: warum nicht lieber ein ehrliches Wirthshaus, wenn's einmal bewirthet sein soll? Nein, ich ertrag' es nicht länger, brach Alwin los, und Schmach mir, wenn ich's vermöchte! Was höhnt Ihr einen guten Mann, unsern Wirth, ohne dessen Milde Ihr draussen lägt unter den blätterlosen Eichen, auf dem unwirthbaren Schnee! Wohl hat er Recht, das er, verschmähend Euch zu antworten, seine gastliche Flamme für sich sprechen läßt, und den Sturm, welcher dem Giebel vorbei tobt! Und vergeßt Eure sichre Behaglichkeit, die sein Werk ist, rechnet sie dem Zufall an, oder Eurer eignen Klugheit, was reizt Euch dennoch auf gegen sein stilles Waldleben, nur von den Gestalten vorbeiziehender Wandrer gefärbt, wie das weisse Tuch von den Bildern der magischen Laternen, nach jeder Erscheinung 51 die Fläche wieder klar und still im lichten Rund! Bei Gott, ich kenne mir kein schöneres Leben, als das eines frommen Einsiedlers. Lächelt nur; sei es nun über meine Jugend, oder weil ich vorhin ein Sängerleben als das schönste gepriesen habe. Hier waltet eine ganz andre Heiligkeit, wir stehn gleichsam auf einer höhern Stufe, wo alle weltliche Bahnen gar nicht in Betrachtung kommen. Die ernsten Gestalten der Berge rund umher, das Rauschen unbekannter Waldwasser, die Baumriesen über das Dach hinsäuselnd und von den Höhen herunterwinkend, oder wie jetzt starr und herbstlich ihre Arme ausstreckend – giebt es einen erhabnern Schauplatz für die Seele, die ihr ganzes Erdenheil vorüberziehen sah, und nun still ergeben zurück bleibt? Wenn auch nur eine schöne flüchtige Nonne vorüberzog, antwortete Thorwald lächelnd, 52 und man nicht an des glücklichen Kriegsmannes Stelle mit ihr durch die Wälder reiten kann. Da bleibt freilich ein Eremitenleben das beste Mittel. Uebrigens, junger Mensch, fuhr er ernsthafter fort, hättet Ihr Eure Philippica sparen können, wenn sie dahin gerichtet war; das Thun und Lassen frommer Anachoreten vor mir zu rechtfertigen; auch bedurfte es dazu nicht der Baumwipfel und Gestaltungen der Berge. In der Thebaischen Wüste fand man nichts dergleichen, und. doch sind dort die Urbilder aller nachherigen Eremiten in ihrer schauderhaften Größe aufgestiegen. Thut wie ich, nähert Euch den älteren Urkunden von Ausbreitung unsrer Christlichen Religion, beschaut jene Helden des Glaubens, wie sie auf den pfadlosen, ja quellenarmen Steppen wohnen, jedes Hütte weit aus dem Gesichtskreise der andern, nur durch mühevolle 53 Tagereisen zu erreichen, und doch Jeder seelig in seiner innern Verzückung, froh in täglicher Bezwingung des Irdischen, die Bande siegreich lösend, die ihn von der intellectuellen Welt zurücke halten. Beschaut das, und Ihr werdet ein wenig besser verstehen, was es mit einem Einsiedlerleben sey, wovon Ihr in Eurer Unbewußtheit ganz recht sagtet, es stehe auf einer höhern Stufe und komme mit nichts Weltlichen in Vergleichung. Welcher allgewaltige Sinn, sich in Kriegsstand zu setzen wider Alles, was uns am Mehrsten freut; nicht etwa zum Behuf einer vorübergehenden Bußübung, oder einer scharfen Speculation, nein für immer, und aus ganzem vollem Herzen! Wer fühlt es nicht, wie Gold und Silber und andrer Erdentand, Staub werden mußte vor den Blicken jener Kräftigen! 54 Ich habe noch niemals einen Protestanten so reden hören, sagte der Einsiedel. Und doch bin ich Einer, antwortete Thorwald, und ein recht eifriger. Worin aber der junge Mann Recht hatte, fuhr er fort, daß war in seinem Tadel über meine Neckereien gegen Euch, frommer Vater. Verzeiht mir; ich verletzte Euch, wie ein scharfes Messer, unabsichtlich. Der Einsiedler war bald und gern versöhnt, und man setzte sich vergnügt zum Abendbrod, auch Alwin, den Thorwalds ernste Zurechtweisung mehr gefreut, als gedemüthigt hatte. Es war ihm, als sei er seinen Gefährten näher gerückt, und er suchte es ihm durch Blick und Rede darzuthun, worauf jener aber wiederum gar nicht zu achten schien. 55 Fünftes Kapitel. Die beiden Reisegefährten zogen gegen Abend in Braunschweig ein. Der milde Herbsttag hatte viele Menschen in's Freie gelockt, und sie begegneten daher mannichfaltigen Gruppen. Die Fußgänger grüßten den Geheimschreiber ehrerbietig, viele der Reiter und Fahrenden winkten ihn vertraut und freundlich zu. Oefters sahen schöne Frauen aus den vorbeirollenden Wagen, und Alwin beneidete jeglichen Jüngling, den er mit darin erblickte, oder zu Rosse daneben. Er dachte es sich als das höchste Glück, recht einheimisch und wohlvertraut in dieser glänzenden Welt zu leben, von 56 all den herrlichen Sonnenblicken freundlich bestrahlt, günstige Zeichen von zweien der schönsten Augen gewinnend. Diesen gelobte er im Voraus Treue, Verschwiegenheit, und alle Tugenden, die seine Romanzen an verliebten Rittern priesen; doch schien er sich selbst allzu fremd und unbeholfen, um je auf ein so großes Heil Anspruch machen zu dürfen. Er nahm sich aber vor, alle seine gegenwärtigen Wünsche und Träume in ein Gedicht zu bringen, auf eignen Boden herüberrettend, was ihm die unbekannte Welt vermuthlich höhnisch in Trümmer schlagen würde, wenn er so ungeschickt und unerfahren darnach griffe, als er sich in seinem Innern fühlte. Einzelne Lieder ähnlichen Inhalts, erinnerte er sich gehört zu haben, und verstand nun erst ihre ganze Süssigkeit, so daß er Verse daraus zu seinem eignen Troste in Gedanken hersagte. 57 InThorwalds ansehnlichem Hause stiegen sie ab, um sich, wie dieser ihm sagte, zu einem Besuch bei der schönen Gräfin Mathilde anzukleiden, wo Heut Abend ein glänzender Kreis versammelt war, und der Fremdling vorgestellt werden sollte. Man eilte, sich fertig zu machen, ging die Straßen im feuchten Abendnebel hindurch, vorbei mancher stillen Wohnung mit ihren niedrigen Fenstern, worin die Familien friedlich versammelt und leicht von außen zu übersehen, den Jüngling mit Heimweh und vertrauten Lieblingsbildern erfüllte, bis aus dem Pallaste der Gräfin die unzähligen Kerzen herab leuchteten, und Alwin's Gemüth auf die neuen Erscheinungen lenkten, welche ihm bevor standen. Die breite, erhellte Treppe hinauf, durch die Reihen gleichgekleideter Diener und ein Wohlgeruch duftendes Vorzimmer, traten sie in den Saal 58 zu der zahlreichen Gesellschaft, die Alwin's Augen für die ersten Momente gänzlich blendete. Er blieb fast unbewußt hinter seinem Leiter stehen, der sich bei den Nächsten auf eine vertraute und ungezwungene Weise nach der Gräfin erkundigte. Gleich darauf trat sie hervor; Alwin konnte nicht einen Augenblick daran zweifeln, daß sie selbst es sei, diese königliche Gestalt, in aller strahlenden Herrlichkeit der Jugend, süße Anmuth und Liebesgluth auf den Lippen, stolze Geisteskraft im Auge, Bewußtsein ihrer siegenden Gewalt in jeder Geberde. Reiche Perlenschnüre durchflochten auf eine fremdartige Weise ihr Haar, ein scharlachrothes Tuch schlang sie phantastisch um das weißseidne Gewand; man hätte sie für ein sinnvolles Bild gehalten, wäre nicht oft wechselnd eine ihrer herrlichen Stellungen in die andre übergegangen. 59 Willkommen Thorwald, redete sie den Geheimschreiber freundlich an. Ihr seht, wir leben hier noch immer wie die Kinder, in Spiel und bunter Herrlichkeit, während Ihr die Wache für uns haltet. Wie habt Ihr's in Halberstadt gefunden? Gut, schöne Gräfin, sagte Thorwald, so gut es sich in der gegenwärtigen Zeit erwarten läßt. Der alte Baldrich thut ganz treffliche Dienste. Ich kann Euch versichern, daß sein benarbtes Kriegerantlitz, noch mehr die Erinnerung der Beute, die unter seinen Fahnen erfochten ward, von beßrer Wirkung ist, als die schönsten Sinnsprüche und anderweitige Hülfsmittel aus den Zeiten der irrenden Ritter. Er wird ein statliches Volk zusammen bringen. Unsre Meinung, antwortete sie, wird wohl wieder einmal mit der Erfahrung im Bunde stehn. 60 Ich bringe noch mehr, sagte Thorwald, als gute Nachrichten für Stadt und Land, auch einen Schmuck für Eure Palläste, einen hübschen Jüngling, der gar artig die Cither schlägt und dazu singt, auch Verse zu machen versteht. Wenn er sich nicht selbst besser empföhle, sagte Mathilde lächelnd, so könnte man nach Euern Worten glauben, Ihr brächtet nur eine künstliche Maschine getragen, die zu den erwähnten Dingen eingerichtet wäre. Aber so spricht sein freundliches Auge, seine blühende Wange dafür, daß ein eigenes jugendliches Leben in ihm wach ist. Alwin's Gesicht glühte bei dem Lobspruch der schönen Frau und dem gütigen Blick, der auf ihn fiel. Sie dachte seine Verlegenheit durch eine der gewöhnlichern Reden zu erleichtern, und fragte, wie es ihm auf der Reise 61 ergangen sei? Gut bis jetzt, wollte er antworten, und beneidenswerth in solcher Nähe, oder etwas ähnliches, verwickelte sich aber in seiner Rede, und blieb bei der ersten Versicherung seines Wohlseins stehn. Nun, das ist ja vortrefflich, sagte Mathilde, und gab sich keine Mühe, den leichten Spott zu verbergen, der um die schönen Lippen zog. Sie erneuerte darauf ihr voriges Gespräch mit Thorwald, und trat mit ihm in eine Fensterwölbung um es ungestörter fortzusetzen. Alwin blieb in drückender Verlegenheit stehn. Er fühlte, wie albern er geantwortet hatte; so mächtig sein Stolz auch rang, ihm selbst das Lächerliche seines Betragens zu verkleiden, und er wußte endlich keinen bessern Rath, als sich in Gedanken über die ganze Gesellschaft zu erheben, und sich unablässig vorzusagen, daß gar nichts Wünschenswerthes 62 in der abgeschliffnen Gewandheit liege, die man hier für etwas Großes zu halten scheine. Diese heimlichen Prahlereien hinderten ihn jedoch nicht, die Gesellschaft auf's Genaueste zu beobachten, und sich Vorwürfe darüber zu machen, daß er so blöde und unbeachtet an der Thür stehn bleibe. Er war zuletzt fest entschlossen, mit Anstrengung seines ganzen Muthes weiter in den Saal zu treten, und den Ersten Besten selbst anzureden, als sich ihm ein junger hübscher Mensch näherte, von ausländischem Ansehn und heiterm Wesen. Erlaubt mir, sagte er, daß ich Euch mit einigen Gliedern der Gesellschaft bekannter mache, vor Allen, so eigenliebig es auch klingen mag, mit mir. Ich heiße Anselmo; mein Vater, ein Italiänischer Edelmann entführte eine schöne Nonne, und zog mit ihr nach dem Norden, wo sich Beide, das Lutherische 63 Glaubensbekenntniß ergreifend, verheiratheten und mich erzeugten. Nehmt mich verpflanztes Gewächs nur immer zum Landsmann auf, und jetzt auch zum Führer in der Gesellschaft, denn Euer staatskluger Freund hat sich mit der staatsklugen Gräfin in so staatskluge Gespräche vertieft, daß sie schwerlich vor den ersten drei Stunden Zeit gewinnen können, an irgend etwas Andres zu denken. Dabei nahm er ihn, ohne Antwort zu erwarten, an die Hand, und führte ihn zu einem Kreise junger Damen, wo er ihn vorstellte, und von seinem poetisch-musicalischen Talent erzählte, das er, wie er sagte, dem gravitätischen Thorwald abgehorcht habe. Nun verbreitete er sich mit vieler Lustigkeit über seine eigne Diebesgabe, weil er dem Geheimschreiber noch etwas von Poesie und 64 Musik stehlen könne, Einem der selbst von beiden gar nichts besitze. Haltet ein wenig ein, um Gotteswillen, sagte ein sehr zart gebildetes Mädchen. Bedenkt doch, lieber Waldstrom, daß Ihr Euch nicht unter den Bäumen befindet, die Eures unablässigen Plauderns gewohnt sind, sondern unter lebendigen Menschen, die gern auch ein vernünftiges Wort drein sprächen. Erzieht mich ungestümes Kind der Wildniß, sagte der Jüngling, so braucht unser neu angekommener Orpheus hier, seine Lieder nicht für meine Cultur zu verschwenden. Mit ihm habe ich jetzt zu thun, sagte das Mädchen, und gar nicht mit Euch, Ungezogner, oder Unerzogner, wie Ihr selbst Euch nennt. Ihr laßt den jungen Mann so mitten im Kreise stehn, und ich kenne nichts Unbehaglichers als das, für Jemand, der noch 65 nicht recht bekannt ist. Sie lud Alwin auf einen leeren Stuhl neben sich, und er hoffte nun durch sie in ein Gespräch verwickelt zu werden, daß seiner Verlegenheit ein Ende machen könnte. Es schien aber mehr eine Neckerei für Anselmo sein zu sollen, als eine Aufmerksamkeit für den Fremdling, denn der fröhliche Italiäner stand bald hinter dem Sitze Alinens (so nannte man die liebliche Gestalt) und wußte seinen witzigen Plaudereien ausschließliches Gehör zu verschaffen. Alwin wandte sich zu seiner andern Nachbarin, einem Rosenknöspchen in des Morgens erster Frische, hell und freundlich wie die Jugend selbst, und auch eben so verschämt. Der blöde Jüngling fühlte sich muthiger durch ihre Furchtsamkeit, wenigstens so weit, daß er Frage an Frage knüpfen konnte, und eine Art von Gespräch unterhielt, wobei ihm immer 66 behaglicher zu Sinne ward, je höher die Wangen seiner lieblichen Gesellin errötheten. Sie saßen neben einander, wie zwei stille artige Kinder, die sich in aller Sitte und Freundlichkeit mit einander ergötzen. Hin und wieder sprachen andre junge Männer die lächelnde Beatrix an, und Alwin bemerkte mit unendlicher Freude, daß sie deren Reden so kurz als möglich beantwortete, und gern zu seiner Unterhaltung zurückkehrte. Die Gesellschaft ging auseinander; für Beide, wie es schien, unerwartet und unerwünscht. Mathilde streifte in all ihrer Herrlichkeit an Alwin vorüber, sah' ihn freundlich an, und lud ihn auf Morgen zu einer Tanzgesellschaft. Er nahm sich zusammen, die vorige Albernheit wieder gut zu machen, und sagte einige recht artige Worte, die ihm ein belohnendes Lächeln zum Abschiedsgruß 67 einbrachten. Des lästigen Gefühls eigner Ungeschicklichkeit entledigt, gewann er noch einen günstigen Augenblick, Beatrix um den ersten Tanz des morgenden Festes zu bitten, und ging, durch ihre Einwilligung beglückt, froh und sicher nach der kleinen Wohnung, die ihm Thorwald durch seine Leute indeß besorgt hatte. Sechstes Kapitel. Die Sonne näherte sich kaum den westlichen Berggipfeln, alle Tagesgeschäffte gingen noch ihren gewohnten Lauf, nur aus wenigen Fenstern sahe man angezündete Lichter, da bereits Alwin in das Zimmer des Geheimschreibers trat, um ihn, ihrer gestrigen Verabredung 68 gemäß, zum Tanzfest bei der schönen Gräfin abzuhohlen. Thorwald saß unter gehäuften Papierstößen, schrieb emsig, und blickte nur flüchtig grüßend nach dem Jüngling hin. Dieser trieb sich ungeduldig auf und ab; immer finstrer wurden draußen die Nachtgewölke, man hörte schon Wagen zum Feste rollen und der Secretarius saß noch immer unverrückt bei seiner Arbeit, ja, statt deren ein Ende zu machen, nahm er vielmehr, nach fertig geschriebenem Bogen, oftmals ein neues Heft zur Hand. Alwin fühlte sich von der Ungeduld so gepeinigt, daß er mehrmals im Begriff stand, ohne den lässigen Begleiter fortzueilen, jedem das Seinige gönnend, dem Geheimschreiber die Acten, sich selbst den Tanz. Aber dann erschien es ihm wieder gewagt, so allein in der Gesellschaft aufzutreten, er konnte gleich zum Eintritt tausend Ungeschicklichkeiten begehn, 69 dagegen die gestrige, erste für Kinderspiel gegolten hätte, dann aber war ihm wieder als höre er die Hörner und Flöten zum Reigen locken, Beatrix schaue vergeblich nach ihm aus, und nehme sich vor, nie wieder mit ihm zu tanzen, die hohe Mathilde lächle wie Gestern über den Unbeholfnen, Anselmo flüstre der schönen Aline drollige Späße auf sein Wegbleiben zu – er stand zwischen Gehn und Warten, den Thränen so nah als dem Zorn. Seine ungestümern Tritte machten endlich den Geheimschreiber aufmerksam. Verzeiht, sagte er, ich war sehr beschäfftigt, und hatte Eure Gegenwart wieder vergessen. Ihr hättet mich erinnern sollen. Wünscht Ihr irgend etwas von mir? Alwin schwieg, vom innern Grimm überwältigt, und ein Blick auf den geputzten Jüngling, wie auch das stärkre Rollen der Wagen 70 auf den Gassen, belehrte endlich den Geheimschreiber, wovon die Rede sei. Ja so, sagte er, aufstehend, der Tanz. Ich dachte seiner nicht, und er ist vielleicht schon begonnen. Nun fing er gelassen seinen Anzug an, und sprach dabei ganz unbefangen und freundlich von den gleichgültigsten Dingen. Als er endlich fertig war, fragte er: Ihr seid wohl ein wenig ungeduldig geworden? Es kommt mir beinah so vor. Alwin keines Wortes mächtig, ging stillschweigend neben dem ruhigen Begleiter her. Sie traten in den Saal, die Musik scholl ihnen rauschend entgegen, und Anselmo kam eilig zu Alwin. Wo bleibt Ihr? sagte er. Die artige Beatrix hat schon zwei Tänzer um Euretwillen fortgeschickt, und Ihr laßt sie warten. Alwin stammelte einige Worte zur Entschuldigung, auf Thorwald zeigend, aber 71 Anselmo wollte nichts davon hören. Thaten machen wieder gut, nicht Reden, sagte er lachend, und führte ihn dem blühenden Kinde entgegen, das ihn etwas schmollend anblickte, jedoch auf ein Paar demüthige Worte, die Alwin eigentlich nicht einmal aussprach, wieder freundlich ward. Sie traten in die Reihe, Aline flog an dem Arm Anselmo's vorüber den Spätgekommnen und seine erröthende Tänzerin neckend, ringsumher lachten holdseelige Gesichter in allem Reiz der Jugend und des festlichen Schmuckes, Mathilde glich der gemeinschaftlichen Sonne Alles überstrahlend. Alwin fühlte sich stolz und froh in dem neuen Elemente, von dem er wußte, daß es ihm nach Stand und Alter schon längst gehöre, und er nur durch Zufall darin so lange fremd geblieben sei. Mit ziemlicher Sicherheit nahm er Besitz von seiner neuen Stelle im Leben, 72 und Anselmo war ihm beständig hülfreich zur Seite. Auf dessen Bitte gewährte die schöne Aline dem Fremdling einen Tanz, ihr Beispiel gewann ihm die zierlichsten und holdesten der Frauen zu Gefährtinnen, und dadurch ein gewisses Ansehn in der Gesellschaft. Fast wäre er, durch Tanz und Wein begeistert, so kühn gewesen, die Königinn des Festes, die schöne Matilde um einen Reigen zu bitten; als er sich ihr aber näherte, standen die gewandtesten und angesehensten Jünglinge des Hofes um sie her, ein herablassender Blick fiel auf ihn aus ihren strahlenden Augen, er wandte sich geblendet abwärts. Dafür wagte er es, die freundliche Beatrix noch zu andern Tänzen aufzufordern, und erwarb ein leises Ja. Wie ihn an ihrer Hand die Musik auf und ab wogte, fiel ihm öfters ein, daß sie wohl die Nonne sein könnte, und er der Kriegsmann, 73 Waldein, Waldaus mit ihr umstreifend. Frisch genug blühten ihre Lippen, und würden sich unter dem Schleier hervor, im Wiederscheine des Weins nicht minder lieblich ausgenommen haben, als die jener schönen Flüchtigen. Während einer allgemeinen Pause des Tanzes gewann er seinen Platz neben Beatrix. Erfrischungen wurden umher gegeben, die edelsten Weine perlten in den Gläsern, leise ging das Gespräch durch den glänzenden Rund, indeß Harfe, Waldhorn und Geige hinein klangen, es vereinend und auflösend in seelige Harmonie. Da konnte Alwin nicht anders; er mußte der Holden sein romantisches Zusammentreffen mit dem Kriegsmann und der Nonne erzählen, die Worte wurden ihm unter der Musik zu halbem Gesange, Reime strichen wie fröhliche Lichter durch seine Rede, was er von der Geschichte nicht wußte, erfand er und schilderte, 74 wie der Kriegsmann die Schöne bei ihrer Einkleidung zuerst gesehn, wie es ihm verfolgt habe das süße Bild bei Krieg und Mahl, bis endlich er den theuern Raub aus den geweihten Mauern stahl. Nun unter Waldes Laub! Wie herbstlich auch es von den Bäumen rauscht, wie trüb die Nacht im Froste lauscht, Glanz, Licht und Liebe funkeln um sie her. Zuletzt vor ihnen wallt das offne Meer. – Wahrhaftig, die Kinder erzählen sich ein Mährchen, sagte Beatrix Mutter, eine schöne, freundliche Dame, die unbemerkt ihnen zugehorcht hatte. Ich dachte wohl, daß es nicht viel Andres sein würde, aber ich mußte doch herbeitreten, als ich das Töchterchen so ernsthaft auf die Reden eines jungen Menschen lauschen sah. Erzählt Euch ein andermal mehr, Ihr Kinder. Jetzt geht lieber zum Tanze. Merkt Ihr nicht, daß er schon wieder beginnt? 75 Beatrix hatte ihre Mutter bei den ersten Worten etwas scheu betrachtet; jetzt lächelte sie zu ihr auf und Alwin küßte der scherzenden Frau die Hand, ihr artiges Mägdlein zum Reigen führend. Ihr seid ein Caesar, flüsterte ihm Anselmo in's Ohr, ein recht ernsthafter Erobrer; Ihr gebt Euch gleich an die festen Plätze, an Mutter und Vater, und Großältern wo möglich. Diese Neckerei gab ihm ein unbehagliches Gefühl, er antwortete kurz und verschlossen, und freute sich, Anselmo nicht im Saale wahrzunehmen, als er bald darauf die holde Beatrix an den Wagen führte. Indem er aber wieder zur Gesellschaft zurück wollte, begegnete er dem muthwilligen Italiener, der ihm vorschlug, miteinander nach Hause zu gehn. Euer Stern ist doch nicht mehr am Himmel, sagte er, und da Alwin nicht antwortete, fuhr er fort: nehmt die Sache nicht 76 so ernsthaft. Der Spaß ist bei Allem das Beste, bei der Liebe ganz vorzüglich. Dabei zog er ihn mit sich, und Alwin konnte vor seinem frohherzigen Geplauder nicht lange stumm bleiben. Er gestand ihm sein Wohlgefallen an Beatrix. Es ist auch in der That ein sehr hübsches Mädchen, sagte Anselmo. Ihr seid recht glücklich, Euer Bild aus einem so reinen Spiegel wiederleuchten zu sehn, welchen noch keines Andern Hauch berührt hat. Ihr zartes Alter war bis jetzt ein Schutzengel, für ihre Schönheit. Mein Bild darin wiederleuchten! antwortete Alwin. Wer sagt Euch denn, daß ich so stolze Gedanken hege, und ob es mir je gelingen wird, ihre zarte Neigung auf mich zu lenken. Ich prophezeihe Euch das Beste, rief 77 Anselmo. Und seht, zum glücklichen Wahrzeichen meiner Rede, stehn wir so eben unter ihren Fenstern. Er zeigte nach einem großen Hause, worin die erlöschenden Lichter verkündeten, wie seine Bewohner nach und nach zur Ruhe gingen. Richtig! fuhr er fort. Sie wacht am längsten, und singt sich wohl noch die artigen Tanzmelodieen des heutigen Festes vor. Dort, wo die Blumen hinter den Scheiben zwischen dem Lichte hindurchblühen, ist ihr Zimmer. Wenn ihr bei Tage vorbeireitet, könnt Ihr oft des neugierigen, zierlichen Lockenköpfchens gewahren. Und o, wie viel schöner ist es, zur Nachtzeit durch die Straßen zu wandern, mit lustiger Musik und seinen Vertrauten, oder ganz allein, die Cither am Arm, süße Melodien in die Träume schöner Mädchen hinübergaukelnd. Das ist die Sitte meines lieben Italiens, aus dem mich des 78 Vaters wilde Laune hergeschleudert hat. Da klingts in jeder Nacht von Serenaden, und der warme Himmel sieht freundlich drein mit seinem tiefen, reinen Blau. Aber ich bitte Euch, was hindert uns, hier das nämliche zu thun; ein wenig Schnee unter den Füßen? desto leiseres Wandeln; dichtre Wolken am Firmament? so gesicherter die Heimlichkeit der Minne. Ich wollte, Ihr hättet Eure Cither bei Euch; wir könnten gleich den Anfang machen. Aber was Heut nicht geschieht, soll ein Andermal nachgeholt werden. Ihr tanzt recht hübsch, und seht gut aus, vorzüglich jung und unbefangen. Es wird Euch nicht an artigen Abentheuern fehlen. Nur vor Einer Klippe nehmt Euch in Acht, vor Euerm bärtigen Geleitsmann, dem gestrengen Herrn Secretarius Thorwald. Es war Euer Glück, daß die jungen Damen weder Heute noch Gestern 79 bemerkten, wie Ihr unter seiner Aegide auftratet. Keine schlechtre Empfehlung in der Liebe, als einen Hofmeister zu haben, der uns auf allen Schritten nachruft: hübsch sacht, hübsch besonnen! Und vollends so eine Vogelscheuche! So einen Gegenfüßler aller Galanterie! Er scheint doch ziemlich angesehn, unter allen Vornehmen, wandte Alwin ein. Ja, unter den Alten, sagte Anselmo, die von nichts mehr Notiz nehmen, als von ihren verdrießlichen Geschäften, und außerdem bei der schönen Gräfin, die ihrer Schönheit zum Trotz abscheulich weise ist. Da soll er auch für unentbehrlich gelten, heißt es. Wir jungen Leute haben eine Rangordnung wie das goldne Zeitalter: was blüht und duftet ist für uns, die getrockneten Früchte mögen die trocknen Bewundrer allein verzehren. Bei uns gilt Thorwald nicht, bei uns soll er nicht gelten, 80 so lange ich noch eine Stimme habe, und das will ich jetzt beweisen, ein Liedchen zu Eurer Cither singend. Holt sie mir herunter, denn wir stehn ja schon vor Eurer Wohnung, und mich kommt meine Serenadenlust wieder an. Alwin, sich der tollen Laune fügend, brachte die Cither. Ach, wenn dort meine Braut wohnte! seufzte Anselmo, blickte nach einem hellen Fenster gegenüber, und sang: Schon im Bettchen, Blühende Schönheit? Brennst Dein Nachtlicht, Daß es beleuchte, Daß es bestrahle Leuchtende Glieder, Strahlende Farben, All' ein wogend Blumenbeet, All' ein liebehauchend Meer In Blitzen, in Wellen, Wie Du schlafend liegst und unbewußt. 81 Oder stehst Du noch sinnend vor dem Spiegel, Flichst zusammen die reichen Locken, Ein wundersam Netz?     Weh, mich hat der Blitz getroffen, Mich die Wellen eingeschlungen, Mich das reiche Netz umrungen, Weh', ich muß vergehn!     Morgen thu' die Aeuglein offen, Frag', wo ist der treue Knabe? Wirst ihn schon vielleicht im Grabe Todt vor Liebe sehn. Gute Nacht! Gute Nacht! sang er noch halb, und sprach er halb, warf die nachtönende Cither ihrem Herrn in den Arm und eilte fort. 82 Siebentes Kapitel. Am nächsten Tage bereits hatte Alwin im Fenster, welches Anselmo besang, das liebliche Gesichtchen Alinens erblickt, und überhaupt konnte ihm das Verhältniß Beider fast nicht einen Augenblick verborgen bleiben. Die ganze Welt sprach davon. Balderich, der tapfre Kriegsoberste, war Alinens Vater, und hatte sich bestimmt gegen eine Verbindung mit dem jungen Italiäner erklärt, so wohl er auch mit dessen kühnem Verhalten auf mehrern kleinen Zügen zufrieden gewesen war. Seine Abwesenheit schaffte beiden Liebenden einige Freiheit, welches man mit allgemeiner Theilnahme bemerkte, gleich als freue es auch die dumpfesten Creaturen, zwei liebliche Gestalten vereinigt zu sehn, und in ihrem Sonnenschein 83 zu spielen. Auf eine ähnliche Weise erkannte man nach einigen Wochen Alwins Verhältniß mit Beatrix an. Es war keine eigentliche Erklärung vorgefallen, zu Alwin's Mißvergnügen, der gern einen so feierlichen Moment erlebt hätte, von dem seine alten Romanzen öfters sangen, seine liebe Mährchen plauderten, aber man wußte, daß man sich liebte, nannte sich, wo man unbemerkt war, fast immer mit dem vertrauten Du, ja man entwarf manch ein lustiges Plänchen für die Zukunft. So ähnliche Lagen knüpften die Freundschaft der beiden jungen Männer immer fester, und auch die Mädchen, sonst wenig mit einander bekannt, schlossen einen traulichen Bund, welcher bald, ein vierblättriges Kleeblatt, Glück und Eintracht bedeutend, aufzusprossen begann. In dieser Zeit geschah es, daß Mathilde 84 an einem heitern Abend von einem nahen Maskenballe sprach. Nur, sagte sie, möchte ich nicht gern, daß sich Alles anfinge, wie ein andrer gewöhnlicher Tanz, wo erst dieser, dann der Andre in den Saal tritt, die Geigen gestimmt werden, und endlich die Füße nach und nach in Bewegung gerathen. Wie mit einem Zauberschlage müßte Alles in die phantastische Maskenwelt hinüber geblitzt seyn, weit hinter uns zurück bleiben, was an Gestern und Morgen erinnern darf, und ich weiß dazu keinen bessern Rath, als einen hübschen poetischen Eingang, den uns Alwin dichten soll. Leiht uns Eure Schwingen, lieber Paradiesvogel, sagte sie, sich an ihn wendend, wir leihen Euch dafür ein Andermal unsre Füße. Alles ward im lustigen Kreise bald verabredet und festgesetzt, auch Jeglichem eine Rolle 85 verheißen, nur daß die Gräfin wider Anselmo eine Ausnahme machte. Ihr werdet ein Juweel unsres Festes sein, Euch Eurer eignen Tollheit überlassend, aber Alles mit Euerm Lachen verderbend, wenn Ihr anderthalb Verse im Sinn behalten sollt. Alwin dichtete, man lernte auswendig, probirte, und der fröhliche Tag kam heran. Mathildens hoher, gewölbter Saal war in einen künstlichen Garten umgewandelt. Pomeranzenbäume aus den Treibhäusern, boten ihre goldne Früchte über das Fichtengebüsch hervor, womit man ihre Kasten unsichtbar gemacht hatte, noch wunderbarer lachten purpurne und azurne Aepfel im hellen Lichte der Illumination durch schwärzliche Tannenzweige; Lampen, goldne Ketten, Blumen bildeten Kränze und Guirlanden mannichfacher Art. 86 In solcher Umgebung erschien Mathilde; schön in ihrer eigenthümlichen Herrlichkeit, reich geschmückt, als eine Fürstin des Geisterreiches. Golden, von Edelsteinen blitzend das Diadem auf der weißen Stirn, der Locken phantastisch Geflecht wie zum Kranze zusammenhaltend, ein Purpurmantel, mit Hermelin aufgeschlagen, in reichen Falten ihren Gang umfließend, und ein wundervoller Gürtel, aus grünen Steinen zusammengesetzt, verschloß das jungfräulich weiße Unterkleid. Sie sagte folgende Verse: Des Purpurs Kind, geboren auf dem Thron, War schon die Wiege mir ein Königshaus. Vortretend in die Welt, hat jeder Schritt Erweitert mir das angeerbte Reich, Von da, wo nur allein der Name gilt, Bis wo der Schönheit siegende Gewalt Zu ihren Füßen Schwerdt und Scepter sieht. Und nun, – o weh, so grundlos tiefem Fall! – 87 Nun weil' ich, Königstochter, tief im Berg, Verstrickt von argen Zaubers Gierigkeit, Wohn' unten in dem Pallast wilder Macht. Lud darum mich des Bades Plätschern ein? Bot darum sich der Grund als heller Kies Dem Auge dar, als Silberspiel der Bach? Kaum daß ich, solcher Gastlichkeit vertrau'nd, Den Fuß genetzt, so zog es mich hinab, Hinab, hinab, bis wo mein Klagelaut Nicht mehr des Vaters hohe Burg erreicht. Weh' kronentragend, götterähnlich Haupt! Weh' dir in deiner grausen Einsamkeit! Cithern und Flöten klangen hierauf aus den Gebüschen, von folgenden Worten begleitet:     Einsam, Prinzessin?     Einsam, unter den murmelnden     Spielen des Quells?     Unter den winkenden     Lichtern der Frucht?     Einsam? Sag', o Prinzessin,     Sag', was Dir fehlt? 88         Prinzessin . Nicht hier umfaßt die traute Heimath mich, Und nur, wo sie aufbaut ein friedlich Dach, Erinnernd spielt mit Luft und Wog' und Laub, Lacht ein gesell'ger Wink durch die Natur. Hier kennt mich nichts, hier kenn' ich nichts – vergebens Mein Ruf, – ich bleib allein! Allein! Allein!         Stimmen .     Schaffe die Heimath,     Schaff' sie Dir neu.     Sage, was lockt Dich nach oben?     Willst hohe Gebirge?     Willst schwellende Meere?     Willst Luftgebilde seltsamer Art?     Flammen, in wunderlich wechselndem Spiel?     Befiehl! Wir bilden's Dir Alles.     Wir haben den Garten Dir aufgebaut,     Dir Knospen und Blumen erschlossen,     Früchte geröthet, 89     Während's von Schnee und Eis     Starrt auf der Erde,     Wo Du daheim warst.     Fordre! Du siehst uns allmächtig,     Hörst unser Singen,     Kannst mit uns plaudern, –     Was willst Du mehr?         Prinzessin . Eur wunderliches Gaukeln weckt mir Furcht Im tiefsten Herzen auf, Eu'r tönend Wort, Gestaltlos, zieht untröstlich mir vorbei. Mein Auge sendet feuchten Strahl hinaus, Durch Busch und Anger, sehnsuchtvolles Spähn Nach wohlbekannter menschlicher Gestalt, Singt nicht; Ihr singt mir nur ein Todtenlied. Blüht nicht; Ihr blüht mir nur zum Todtenkranz, Ich will Euch nicht mehr hören, will nichts schau'n, Nichts ahnen! Fort. Hier trat ein junger, sehr blöder Edelmann auf, Friedebert genannt, dem man die Rolle des Berggeistes zugetheilt hatte. Er 90 war mit rauhem Bart und Tiegerfellen und knotigem Tannenbaum furchtbar heraus staffirt, die leise, ängstliche Rede stach lustig genug mit dem wilden Aeussern ab, wie es Alwin gewünscht hatte. Er bückte sich tief, und sprach: Ists wohl erlaubt, Prinzessin? Mathilde trat scheu vor ihm zurück, wodurch Friedeberts Blödigkeit noch vermehrt wurde, daß er sich beinah in den Tanger hinter ihr versteckt hätte; die Schöne rief aus: Bin ich verdammt denn, mir zu Spott und Hohn Gewährt zu sehn, was ich in anderm Sinn Erbitten wollte? Zeigt sich dieser Wurm Nun leiblich, weil ich von Gestaltung sprach? Fort, Unthier!         Berggeist .                       Nehm's Eu'r Gnaden nicht vor Uebel –         Prinzessin . So bäurisch, ungehobelt, kläglich, platt! Was will die Einfalt? 91         Berggeist .                                   Bring' Euch einen Korb –         Prinzessin . Den hast Du lang' von mir auf Deine Werbung. Bringst also mir mein Eigenthum zurück?         Berggeist . Nein. Rüben hab' ich drin.         Prinzessin .                                           S'ist kaum zu denken. Entführt die Königstochter ihrem Thron, Und bringt 'nen Korb voll Rüben ihr zum Trost. Warum denn nahmst von ihrer Heerde nicht Ein bäurisch Weib, ein Gänschen, ungeschickt, Und unbekannt mit aller Herrlichkeit? Die säh' Dich für 'nen art'gen Ritter an. Doch mich, ein Fürstenkind, der Schönheit Preis!         Berggeist . Eu'r Majestät, – Eu'r Schönheit, – hört, – ich weiß nicht, Wie man Euch wohl auf Erden titulirt. 92         Prinzessin . Maulwurf, so weiß ich, tituliret man Dich Und Deines Gleichen, trüber Erdensohn, Sag' was Du willst, und mach Dich baldigst fort.         Berggeist . Die Rüben trieb ein unterirdisch Feu'r, Davon sie glänzen hell und roth wie Gold. Auf derlei Art wacht jedes Leben auf, Aus Blei, Merkurius –         Prinzessin .                                     Gar nun ein Compendium! Was soll'n die Rüben? Schnell!         Berggeist .                                                   Ihr wollt die Art Wie sie entstehn, nicht hören –         Prinzessin .                                                   Nein, Langweil'ger. Was helfen sie?         Berggeist .                           Geruht nur diesen Stab 93 Zu fassen, eine Rübe zu berühren, Und wen Ihr nennt, der tritt lebendig, frisch In's Leben also bald vor Euch dahin.         Prinzessin . Die Rede geht noch an, war leidlich noch. Nur hütet Euch vor Lügen.         Berggeist .                                           Ei, versteht sich. Wird Eure Majestät nun freundlich sein?     Prinzessin . Wenn Ihr Euch fortmacht.         Berggeist (abgehend) .                                     Bin Eu'r Unterthäniger. Mathilde begann nun ihre Versuche mit den magischen Rüben, bald diese bald jene berührend, worauf ihrem Ausspruch zu Folge, Damen und Ritter erschienen, auf die verschiedenartigste Weise gestaltet, und so einen reichen, wunderlichen Hofstaat um die Königin des Festes bildeten, jeglicher Mitspieler 94 seinen eignen Charakter allegorisirend. Eben war die Letzte von Allen, Beatrix als ein zierliches Fischermädchen erschienen, da sich der Berggeist, der schon ängstlich auf und ab gegangen war, von neuem der Fürstin näher wagte, und um die Erlaubniß bat, eine Warnung ergehen zu lassen. Die Prinzessin antwortete: Warnung! Aus solchem Mund! Aus solchem Kopf, Des Herr den Namen: Geist mit Unrecht führt, Und doch auch wieder Leib nicht heißen kann, Von wegen der lieblosen Mißgestalt. Warnung! Doch leider hab' ich's so verdient, Die sich von seiner List berücken ließ. Auch was mich sonst erzürnen müßte, scheint Nur lust'ges Spiel in diesem heitern Rund. Sprecht, Herr Geheimerrath. Warnt nach Vermögen.         Berggeist . Die Euer Gnaden jetzt als Menschen sieht, 95 Courfähig sie zu Dero Umgang läßt, Mit Manchen es auch so genau nicht nimmt, Human ein gnädig Wort an sie verliert, Die Alle, mit Verlaub, sind weiter nichts, Als bloße, simple Rüben.         Prinzessin .                                           Schweigt.         Berggeist .                                                           Ich sag's Zu Dero Wohl, daß Ihr Euch nicht erschreckt, Wenn Morgen Alles welk zusammenschrumpft, Zurückgeht in sein ärmlich Pflanzenleben.         Prinzessin . Müßt Ihr denn stören mir die einz'ge Lust, Die Euer armer Zauber bieten kann? Und ist es so, was steht Ihr lauernd noch, Und schafft nicht lieber neue Rüben an Für Morgen, Uebermorgen, alle Zeit? Fort! Zählt, wie viel Ihr in den Beeten habt. So hoch steht Ihr hinfort bei mir im Werth, Als Eurer Rüben Zahl. Fort, Rübezahl. 96 Der Berggeist zog beschämt ab, und Mathilde schien sich in trübes Nachsinnen zu verlieren, ohne daß die lustige Geselligkeit rings umher die finstern Wolken vertreiben konnte. Endlich begann sie: Ihr All' nicht was Ihr scheint! Nur Gaukelspiel! Verrauschend Leben, Eines Abends Lust! Wie scheuch' ich solches nahen Dunkels Grau'n? Wie knüpf' ich unsre Lust an's Leben fest? In meines Vaters Hofstaat war ein Mann, (Sie nannten Dichter ihn), der oft verhieß, Zu leisten Alles was mir eben fehlt, Nur daß man eben nicht drauf Achtung gab. Jetzt könnt' ich's brauchen. Wohl! Ich zaubr' ihn her, Zu proben, was der Citherschläger kann. Im schlimmsten Fall verlier' ich nichts dabei. S'gilt ja nur eine Rübe. Kommt, Herr Dichter. Alwin trat hervor, phantastisch geputzt, seine Cither in der Hand. Er sang folgendes Lied: 97 Wie fragt Ihr, wie forscht Ihr, ob Morgen geschieht, Was Heute der Reigen verspricht? Wenn Heute, wenn Morgen vorüber uns zieht, Was ist es denn mehr als Gedicht?         Singt und lacht,         Zierliche Reigen,         Singt und lacht,         Entgegen der Nacht!         Sie wird sich schon zeigen,         Wird finster sich neigen         Noch eh' Ihr's gedacht,         Kommt ungerufen gegangen         Herauf den grausigen Pfad.         Drumm stellt auf glücklichern Rath,         Auf lustigern Euer Verlangen.             Wenn die Masken fallen         Ist das Spiel vorbei,         Kommt uns Tänzern Allen         Todte Still' herbei, 98             Sitzt das holde Mädchen,         Jetzt im Reigen frisch,         Ernst am Spinnerädchen,         Am Familientisch.             Geht der Knabe sinnend         An des Rectors Bank,         Worte nun gewinnend,         Nicht mehr süßen Dank,             Hört von Krieg und Frieden,         Griechenland und Rom, –         Von der Lust geschieden         Wie durch breiten Strom.             Wie durch ehrnes Gitter,         Wie durch festen Bann,         Den der kecke Ritter         Nicht mehr sprengen kann.             Mädchen, seid Ihr drüben,         Sind wir diesseits schaal,         Werden dumpfe Rüben,         Spott für Rübezahl. 99             Drum so lang' Eu'r Winken         Uns den Saal erhellt         Laßt uns singen, trinken,         In belebter Welt. Alle wiederholten nun einstimmig den ersten Vers: Wie fragt Ihr, wie forscht Ihr, ob Morgen geschieht,     Was Heute der Reigen verspricht? Wenn Heute, wenn Morgen vorüber uns zieht,     Was ist es denn mehr als Gedicht? Erst während des Spiels hatte Alwin bemerkt, daß zufolge seiner Anordnung, Beatrix und er hinter dem künstlichen Gebüsch allein stehn bleiben würden. Das Herz klopfte ihm voll Lust und Verlegenheit; indem die letzte Maske vor ihnen heraustrat, wußte er noch nicht, was er eigentlich thun sollte, Beatrix, sehr reizend als Fischermädchen, lächelte ihn zutraulich an, er gewann von den blühenden 100 Lippen den oft ersehnten, schon halb verheißnen, ersten Kuß. Das Fest ward nun allgemeiner, und äusserst belebt. Alwin's Erfindung fand Beifall, man rief den heitern Sänger von verschiedenen Seiten mit Neckereien und Lobsprüchen auf, die er ziemlich gewandt zu erwiedern wußte, so reiche Begeisterung hatte Beatrix flammender Kuß in seine Lippen herüber geströmt. Gebührte auch dem oft umkreisenden Becher sein Theil daran, wer wollte allzu genau zwischen Gottheiten rechten, die so gute Freunde sind, als Amor und Lyäus, und sich noch dazu in einen beiderseitigen Liebling zu theilen hatten, in einen Dichter, wie es Alwin bei diesem Feste nach Tracht, Namen und Betragen war. Er begegnete in seinem fröhlichen Rausche dem Secretarius, der eben von einer neuen 101 Geschäftsreise zurückgekommen war, und konnte nicht umhin, ihm seine unendliche Dankbarkeit zu äussern, für die Einführung in diesen wundervollen Kreis. Ja, ja, Ihr scheint Euch ganz wohl zu befinden, erwiederte Thorwald. Und sollte ich anders! rief der Jüngling aus. Ich habe nur des Lebens Schattenseite gekannt, eh' Ihr den Vorhang zu diesen leuchtenden Spielen vor meinem Geiste aufzogt. Um Eins doch möcht' ich mit Euch rechten: daß Ihr, eben Ihr, dem es bekannt war, was uns erwartete, mir unterwegens die Möglichkeit eines Sängerlebens abstreiten wolltet. Zwar, Ihr thatet's wohl nur, mich desto fröhlicher zu überraschen. Ihr seid sehr freigebig mit Motiven, sagte der Secretarius. Diesmal muß ich bekennen, 102 daß Ihr mir zu viel Ehre anthut; ja, ich bin so fern von Eurer Ansicht, daß ich erst noch fragen muß, ob Ihr wirklich ein Sängerleben gefunden habt? Alwin streifte statt aller Antwort über die Saiten seiner Cither. Nun wahrhaftig, rief Thorwald, das ist zum Lachen! Oder nein, es ist vielmehr im höchsten Grade ernsthaft, denn Ihr seid ein so großer Poet, daß Euch das Leben zum Spiel und das Spiel zum Leben wird. Weil Ihr während einiger Stunden mit einem Sängermantel herumstolzirt, womit Ihr in jeder Thür hängen bleibt, und Glas auf Glas von den Tischen reißt, und eine Cither zur Hand habt, die sich bei jedem Luftzug verstimmt, so daß sie zu ihrem eignen Glücke von der Tanzmusik gänzlich übertönt wird – deswegen bildet Ihr Euch eine reale 103 Standeserhöhung zum Minnesinger ein. Und dabei das mimische Talent, sogleich durch die That zu antworten, durch einen Griff auf den Saiten, das Ihr vermuthlich unserm Eremiten im Harzwalde abgelernt habt, als er pathetisch das Fenster aufmachte, um Euch die Gebirgsgestaltungen, et caetera zu weisen – wahrhaftig, Herr Poet, Ihr gewährt mir unaussprechliches Vergnügen. Dabei seid Ihr witzig genug gewesen, dem blöden Friedbert eine lächerliche Rolle in Euerm Opusculo zu ertheilen, und kommt Euch wahrscheinlich jetzt sehr erhaben gegen ihn vor – Die letztern Worte hörte Alwin nur von fern, denn er hatte dem unartigen Secretarius höchst beleidigt den Rücken gewandt, und traf eben auf Anselmo, der ihn spottend fragte, was ihm sein edler Reisegefährte Angenehmes erzählt habe? Alwin wollte sich von 104 ihm losmachen, aber er führte ihn zu einem Schenktisch, goß zwei goldne Pokale voll, und fuhr fort: Siehst Du wohl, daß ich Recht hatte, Dich vor dem Murrkopf zu warnen? Und weil Du eben aus der Schule kommst, wir Beide trefflich gestimmt, Du zum Hören, ich zu Nutzanwendungen, so laß mich Dir noch ein Paar Lehren mittheilen. Die edle Gräfin wird Dich zu ihrem Hofpoeten machen wollen, denn sie ist ein gewaltig schöner Geist – ach, wie gewaltiger würde sie sein, begnügte sie sich, ein schöner Leib zu sein! – Zu Ehren ihrer himmlischen Gestalt! – Hier trank er den Pokal aus, füllte ihn von Neuem, und fuhr fort: wo war ich geblieben? Dies Alles sollte nur eine Parenthese sein, und gehörte nicht zu meiner Ermahnung über den Text: Nimm Dich vor der Hofpoetenschaft in Acht, 105 auf daß die jungen Mägdlein nicht glauben, Du seist ein Pedant. Ueberflüssige Warnung, rief Alwin. Ich habe die ganze Sache nur zum Spaß übernommen, nur für dies eine Mal – Vielleicht um zwischen den illuminirten Lauben und Zweigen die schönste Frucht zu pflücken. Du erröthest? Viel Glück zum ersten Kuß! Alwin verbarg seine Verlegenheit durch einen Zug aus dem goldnen Becher, und sagte nachher: Natürlich gab ich mich blos deswegen zu der Kinderei her. So bist Du ein meisterlicher Schlaukopf, rief Anselmo. Nimm Dich nun auch hübsch vor dem Heirathen in Acht, flattre von Einer zur Andern, die Blumen sind blos schön für den leichtgefiederten Sommervogel. 106 Und Aline? fragte Alwin. Du weißt ja, daß ich bald nach Italien reise, erwiederte Anselmo lachend. Die Pokale sind leer. Zum Tanze drum. O Du schnellhüpfendes, Immer entschlüpfendes, Immer verwandeltes Leben! Behandelt' es Jeder wie ich, Lacht' es für Euch, wie für mich! 107 Achtes Kapitel. Die beiden Freunde saßen bald darauf in der Abenddämm'rung beisammen. Man erwarte in Anselmo's Wohnung das tiefre Hereinbrechen der Nacht, um, wie es schon lange Sitte bei ihnen war, zum Serenatengesang vor Alinens und Beatrix Fenstern auszugehn. Diesmal sollte Jeder für sich allein sein Glück versuchen. Beim Wiederzusammentreffen pflegte man sich alsdann zu erzählen, wie es ergangen sei, ob man von der Geliebten einen verstohlnen Gruß durch die erleuchteten Scheiben empfangen habe, ob wohl gar ihr freundliches Gesichtchen im geöffneten Fenster erschienen sei. 108 Alwin war diesmal ungewöhnlich still, es fehlte ihm selbst an der Ungeduld, mit welcher er sonst aufzublicken pflegte, zum weilenden Abendstern, so daß ihn Anselmo endlich um die Ursach dieses veränderten Betragens fragte. Die Antwort schien nicht ungern zu erfolgen; ja, dem Bekümmerten eine Last vom Herzen zu nehmen, so daß er sehr ausführlich ohngefähr auf folgende Weise erwiederte: Wir sind nicht allemal was wir sein sollen: einem bessern Bewußtsein zum Trotz erwacht diese oder jene Lust in dem ungezügelten Herzen, und streift gewaltsam über alle Gränzen hinaus, verderblich uns selbst, verderblich dem Liebsten, was wir auf der Welt kennen. Eine Untreue! rief Anselmo lachend, eine Untreue an Fräulein Beatrix! Ich könnte mein Leben drauf verwetten. 109 Und hättest verloren, erwiederte Alwin sehr ernsthaft, wenigstens in Deinem Sinn ganz gewiß. Was meinst Du, wenn ich Dir mein Ehrenwort darauf verpfände, daß ich nie ein freundlich Wort erhalten habe, noch weniger eine höhere Gunst empfangen, von der, die mich Heute so innig betrübt, ja, daß ich nicht einmal etwas Aehnliches wünsche. Du bist mir ein seltsamer Genosse, sagte Anselmo. Ich werde es nimmermehr begreifen, wie wir als zwei so vertraute Freunde zusammentreffen konnten. Aber Gott hat es nun einmal so gewollt, oder die Götter, und deshalb erzähle mir nur, damit ich mich mehr verwundre, und Dich dennoch immer lieber gewinne. Es ist schon viele Wochen her, begann Alwin, daß ich hier in der Stadt ein äusserst 110 liebliches Mädchen bemerkte. Das Wo thut nichts zur Sache, genug, wenn ich Dir sage, daß sie einem Hause gegenüber wohnt, in welches mich meine Verhältnisse zu verschiednen Malen an jedem Tage einführten. Ich sah', ich staunte! Andern jungen Leuten schien es weniger auffallend, wie unverkennbar sie dem schönsten Gesicht ähnlich sah, welches wir Alle nur bis jetzt im Bilde erblickten, der Königinn Elisabeth von Böhmen. Zugegeben, daß meine Schöne in vieler Hinsicht gegen das Ideal verlor – sie erinnerte mich daran, und ich wandte meine Blicke bei jedem Vorbeireiten auf das ersehnte Fenster. Unseelige Blicke! Thöriger Wahn! Sie bemerkte meine Aufmerksamkeit, meine Spielerei kam ihr vor wie Ernst, bald erwiederte sie meinen flüchtigen Gruß, ihre Seele sprach aus ihren Augen, und ich Thor, ich Verbrecher blieb 111 täglich in meiner Rolle, durch klägliche Eitelkeit verlockt. Was ist denn nun draus entstanden? fragte Anselmo. Wie Du fragst! rief Alwin, Entstanden! Noch eben nichts. Aber sag selbst, was muß draus entstehn? Sehnendes Welken so lieblicher Blume. Uebers Jahr vielleicht gehn wir an ihrem Grabmal vorbei; Niemand wohl schreibt auf den Stein: Alwin ist ihr Mörder! Aber hier steht es, hier in meiner Brust. Und Was soll ich thun? Sage, was soll ich thun? Nichts was ich rathen könnte, erwiederte Anselmo. Du weißt, wir stehn eben hier am weitesten auseinander. Aber sieh doch, sagte er, in der guten Absicht, seinen Freund zu erheitern, sieh doch den blöden Friedbert. Er weiß doch was bessres, als Rüben zu zählen, 112 wozu Du ihn letzthin ungerechter Weise verdammt hast. Sieh! Mir gegenüber wohnt ein allerliebstes Bäckermädchen, und jetzt eben öffnet sie ihm die Thür. O nicht mehr Blöder! Wie dreist er sie umfängt! Alwin trat erbleichend ans Fenster. Er sah', und wankte erschrocken zurück. Wie nun? fragte Anselmo, seinen Arm umfassend. Was hast Du? Oder ist es Deine Schöne, die eben in Friedeberts Armen liegt? Frag' noch lange! rief Alwin. S'ist meine Schuld, meine, meine Schuld, daß sie sich einem so lächerlichen Burschen in Verzweiflung ergiebt. Ewiger Vorwurf! Sei darüber unbesorgt, sagte Anselmo. Du quälst Dich mit unnöthigen Gewissensbissen. Was wir eben sahen, habe ich schon ein halbes Jahr vor Deiner Ankunft gesehn. Wird das schöne Christianchen ihrem Namen zum 113 Trotz verdammt, so bist Du unschuldig dran; glaub's auf mein Wort. Ehe müßte Friedebert zum Höllenbrand werden, und auch der kann wohl die Schuld auf Andre schieben. Alwin hatte sich in einen Lehnstuhl geworfen, weit vom Fenster ab, und biß in seine Lippen. Welch ein Geschlecht! rief er endlich aus. Und doch liegt zuletzt wenig daran, und ist gar nichts dabei zu verwundern, daß es so kalt ist, und herzlos und feindseelig. Nur, daß wir uns darüber wundern, das ist das Wunderliche, nachdem wir erfahren haben aus alten Sagen, erlebt im eignen Umgang mehr oder weniger, wie es mit ihnen beschaffen ist. Aber wir wollen nicht glauben, nicht wissen, nicht sehen, bis uns der Brand im eignen Busen wüthet. Wer hat von seiner frühsten Kindheit an, nicht Lieder und Mährchen 114 gehört, deren Inhalt der Weiber List und Gefallsucht war? Wer führt sie nicht täglich noch im Munde? Und doch glaubt Jeder bei jeder neuen Gelegenheit, er mache die Ausnahme vom menschlichen Geschlechte, müsse aus den Trümmern aller Andern, ein neuer Phönix, emporschweben. Wie recht geschieht uns drum, daß wir immer wieder neue Täuschungen erfahren! Wir machen die Großmüthigen, Niemand soll für uns den Eintritt bezahlen, wir erleben Alles auf eigne Kosten. Sei es dann! Ich habe mit Keinem Erbarmen, am wenigsten mit mir selbst, und kann mir vielmehr noch Glück wünschen, daß ich so wohlfeilen Kaufs davon komme. Das Spiel war auf noch bessern Wegen. Schmachten hätt' ich sollen, für buhlerische Blicke meine ganze Existenz hingeben, ein gloriöser Scheiterhaufen sein, damit ihr gemeiner Günstling über 115 den blöden Thoren gespottet hätte. So wollen sie's, so legen sie es klüglich an. Sollte wirklich des Beckers Christianchen dergleichen große Plane entworfen haben? fragte Anselmo mit kaum verhaltnem Lachen. Was Bäckertochter, was Fürstenkind! rief Alwin. Alle sehn einander gleich. Und Du solltest Dich am wenigsten darüber wundern, dessen ganze Lebensweise Dich so genau mir ihnen bekannt gemacht hat. Ich wenigstens verstehe nun Deine Reden über sie weit besser, und bin fest entschlossen zu der lustigen, zwangfreien Fahne überzugehn, welcher Du folgst. Arme Beatrix, sagte Anselmo, mußt des Bäckermädchens Sünden büßen! Also Heut gehst Du wohl nicht zur Serenade? Warum nicht? erwiederte Alwin. Man muß doch irgend einen Spaß im Leben 116 treiben, und vor der Hand mag der angefangne gelten. Ist die Nachfolgerinn noch nicht bestimmt? fragte Anselmo. Höre, sagte Alwin, es würde nicht mir, nicht Dir ziemen, wenn ich Geheimnisse bewahrte, Deinem Ohre fremd. Vernimm drum, wie es mit mir steht. Deine Warnungen vor einer ernsthaften Verbindung sind schon längst bei mir auf guten Boden gefallen. Nur fehlte es mir an einer neuen Liebschaft, und ich will unternehmen, sie zu finden, sobald Du Deine Reise nach Italien angetreten hast. Und warum eben dann? fragte Anselmo. Weil mir von allen unsern jungen Damen nur eine einzige ausser Beatrix gefällt, erwiederte Alwin. Du erräthst, daß ich Alinen meine. 117 Um Gotteswillen nicht! rief Anselmo, todtenbleich in Alwins Arme sinkend. Ich überleb' es nicht, sie in eines Andern Besitz zu wissen, und eben Du – um Gotteswillen nicht! Wir haben bis jetzt sehr ungleiches Spiel gespielt, sagte Alwin, sich von ihm losmachend. Mein ganzes einfältiges Gemüth lag offen vor Dir ausgebreitet, und Du hattest noch eine so wichtige Fallthür verborgen. Schäme Dich, Anselmo. Der Italiäner stand niedergeschlagen vor seinem Freunde, keines Wortes mächtig, bis Alwin sagte. Du liebst Alinen ernsthaft, und sie ist von nun an ein heiliger Juweel für mich, unberührbar. Und über Deine Schwäche habe ich noch vor einem Augenblick lachen können! rief 118 Anselmo weinend. Verzeihe mir, liebes, frommes Kind. Beide Freunde nahmen sehr gerührt Abschied, um ihre gewohnten Wege zu gehn. Neuntes Kapitel. Alwin stand dem ersehnten Fenster gegenüber, in einer Mauerwölbung, die ihm schon öfters gastlichen Schirm auf solchen Wandrungen dargeboten hatte. Fest haftete in seinem Gemüth, Beatrix letzte Warnung: ihr Vater sei argwönisch. und gewaltsam in Allem, was er unternehme. Seitdem ging der Serenatensänger nie unbewaffnet aus: den Stoßdegen unterm Mantel, im Gürtel einen zierlichen Dolch, den er besonders zu diesem Behuf 119 gekauft hatte. Nimmer wollte er, so hatte er es sich geschworen, Beatrix Vater, auch im ärgsten Nothfalle verwunden, höchstens ein vertheidigendes Gefecht führen, und nur wenn Uebermacht mit frechem Hohn auf ihn eindringen sollte, die Spitze und Schneide seiner Waffen gebrauchen. Jetzt begann er nach einigen vorbereitenden Griffen sein Lied:     Laufen zwei Kinder plauderud über die Gassen, Spielend im Nebel, im irren Mondenlicht, Können seitwärts zu schauen gar nicht lassen, Sähen doch lieber auch was da steht nicht.     Steht ein Mann so schweigend im langen Kleide, Still in stürmisch nahender Wetternacht, Still vor sich, als wie im bangenden Leide, Einzig auf sein heimliches Thun bedacht.     Greift in seiner Cither schwirrende Saiten, Und die Kinder sprechen einander zu: 120 Höre, das ist der Spuk, aus alten Zeiten, Hat im heimlichen Grabe keine Ruh.     Muß hinaus in schweigenden Nächten wandern, Singt sich selbst ein wunderlich Liedchen vor, Naht mit freundlichem Gruß keinem Andern, Tritt auch nimmer in eines Hauses Thor. Warum setzt Ihr Euch dieser Unbequemlichkeit aus? fragte Beatrix Vater, der sich unbemerkt an des Sängers Seite geschlichen hatte, Alwin sprang zurück, die Cither flog tönend um seine Schulter, am Schwerdtgriff lag seine Rechte, und heimlich wiederhohlte er sich den Schwur: lieber gestorben als den alten Mann verletzt. Wär's Euch nicht gefällig, sagte dieser, mit einem Abendbrod bei uns vorlieb zu nehmen? Darauf, und blos darauf war Alwin gar nicht vorbereitet. Nur mit einer verlegnen 121 Verbeugung wußte er zu antworten, und der Alte fuhr fort: Ihr habt uns seit einiger Zeit manche recht artige Liederchen hören lassen, und ich würde meine Freude dran haben; nur daß ich eine Stöhrung empfinde, solang' ich einen jungen, galanten Edelmann wie Euch draussen in der Nachtkälte weiß. Zudem sagt man mir, Ihr fändet Wohlgefallen an meiner Tochter Beatrix. Kommt deshalb lieber in unser Haus, und besucht es öfter. Da kann Jedes merken, wie es sich und dem Andern behagt, und wir vermeiden alle lächerliche Stadtgeschichten. Habt die Güte, näher zu treten. Er machte ihm bei diesen Worten sehr höflich die Hausthür auf, und Alwin folgte der Einladung, fest überzeugt, hier lau're die blutigste Rache im Hinterhalt. So zu fallen, schien ihm rühmlich, ergötzlich sogar. Unter 122 Beatrix Augen wollte er sich mit Heldenkraft vertheidigen, und es ward ihm, als höre er Verse aus einer künftigen Romanze auf diese Begebenheit. Aber Alles kam ganz anders. Er trat in einen häuslichen, unbefangnen Kreis. Beatrix flüchtiges Erröthen abgerechnet, sah es aus, als komme Ein Gevatter den Andern zu besuchen. Man nahm Alles wie schon längst bekannt an, und Alwin verbarg mit vieler Sorgfalt den Dolch in seinem Gürtel, wohl fühlend, wie lächerlich diese romantische Wehr unter so traulichen Umgebungen erscheinen müsse. Man plauderte, man sprach, man aß, man trank, als sei eben gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen, und Alwin ward beim Abschied eingeladen, das Haus auf dieselbe Weise wieder zu besuchen, so oft es ihm gefalle. 123 Als er nun draussen stand unter dem hohen Sternhimmel, dem Zeugen und ernsten Zuhörer seiner nächtlichen Lieder, nahe bei der dunkeln Bogenwölbung, die ihn so oft geschirmt hatte, da fühlte er sein dichterisches Leben wie zerstört. Er mußte über alle seine wunderlichen Anstalten lachen; und hätte die Cither gern an der nächsten Wand zerschlagen. Doch rief er sich auch wieder alle Vortheile des neuen Verhältnisses zurück, und schritt in solchem unaufgelösten Streite fort, immer eiliger und ämsiger, bis ihn ein nahes Werda? aufschreckte. Noch Gestern hätte vielleicht auf diesem Wege solch ein Anruf seine Rechte nach dem Schwerdte gedrängt, seine Linke in den schützenden Mantel gewickelt, jetzt antwortete er sehr gelassen: Gut Freund, und war im Begriff achtlos vorüber zu gehn. Aber nein fing die Stimme wieder an, es 124 ist doch kein Spießbürger; er ist es wahrhaftig selbst, zum Trotz der unromantischen Antwort. Alwin erkannte seinen Freund Anselmo, der ihm erzählte, wie ihn sein langes Aussenbleiben beunruhigt habe, wie er ihm nachgelaufen sei, um ihn aus einem muthmaßlichen Ehrenkampf loszuwickeln, und nun so unerwartet auf einen Gut Freund stoßen müsse. Wie hartnäckig auch Alwin über seine Begebenheit schweigen wollte, es mußte doch zuletzt Alles erzählt werden, und Anselmo brach in ein unauslöschbares Gelächter aus. Junger Ehemann, rief er, sie haben dich. Wann ist die Hochzeit? Bald, wo möglich, damit ich noch vor meiner Abreise dabei paradiren kann, eine Citrone in der Rechten, ein seidnes Tuch in der Linken. O Du Flatterhafter, Der Du noch Heute erst tausend 125 Erobrungen im Sinn hattest! Unsre Mädchen sind fortan gesichert vor Dir. Alwin bat seinen Freund sehr ernsthaft diesen Neckereien ein Ende zu machen, und ging unmuthig nach seiner Wohnung. Zehntes Kapitel. Wie oft auch Anselmo über Alwin's neue Lage spotten mochte, fand er dennoch nur allzufrüh Ursach, ihn zu beneiden. Eines Morgens trat er bleich und zerstört in seines Freundes Gemach. Ich bin verloren, rief er aus, und damit Du mein ganzes Unglück verstehn kannst, so höre. Schon seit längrer Zeit genügte es mir nicht mehr, vor Alinens Fenstern Serenaden zu singen, ich mußte sie sprechen, 126 inniger, vertrauter, als es die alberne Sitte unsrer Gesellschaften verstattet, und die kleinstädtische Aufmerksamkeit so vieler Nichtsthuer. Daß mich ihr Vater nicht leiden kann, weißt Du. Es kommt beiläufig gesagt daher, daß ich bei dem was sie jetzt Religionskriege heissen, eine Stelle unter seiner Schaar ausgeschlagen habe. Er hält mich nun für einen eingefleischten Katholiken, und auch in seiner Abwesenheit wagte die Mutter nicht, mir Eintritt bei sich zu verstatten. Aline fühlte so tiefen Schmerz darüber, als ich; sie weinte, ich bat, die Mutter erlaubte mir, auf Mittel zu denken, wie ich unbemerkt, von Niemanden geahnt, ihr Haus besuchen könne. Was ich fruchtlos versuchte, phantastisch ersann, ist hier nicht an der Zeit zu erzählen; endlich gelang es mir, den alten Hausverwalter zu gewinnen, einen der jämmerlichen Menschen, 127 die man gutmüthiger Weise für sehr ehrlich hält, weil sie außerdem gar nichts wären. Balderich vertraut ihm Alles um dieser herrschenden Meinung Willen an, und auch weil der heuchlerische Bursch bereits weiße Haare hat. Er ließ sich leicht von mir bestechen, war anfänglich mit wenigem zufrieden, aber, einmal im Geheimniß, forderte er immer mehr, ja er drohte sogar mit Verrath, so oft ich auch nur augenblicklich zögerte. Ich achtete dessen nicht; himmlische Stunden warteten mein, in frommer, engelgleicher Vertraulichkeit, und wie leicht also flog der Erdenstaub aus meinen Händen hinüber in seine schmutzigen Klauen! Jetzt aber habe ich fast nichts, Aline weint, der Elende droht, und wenn er auch aus Furcht vor mir schweigt, was soll aus dem süßen Mädchen werden, sobald ich nach Italien abgereißt bin, und er sich 128 vielleicht ein größres Trinkgeld von Baldrichs Rachsucht verdienen will? Alwin hatte schon vor Endigung dieser Rede Alles zusammengesucht, was er an Werth besaß. Wird es dem Raubvogel wohl gnügen? fragte er, indem er seinem Freunde den kleinen Schatz vorhielt. Nein, ach bei weitem nicht, rief Anselmo. Alwin steckte das Gesammelte zu sich, und umgürtete sich mit Schwerdt und Dolch, flammenden Blicks ausrufend: Eins hilft, oder das Andre, Gold oder Stahl. Freund in Noth und Tod, sagte Anselmo, wir haben uns verstanden. Komm sogleich mit mir; es steht kein Augenblick zu verlieren. Das Nähere bereden wir unterwegens. Sie traten in das Zimmer des Hausverwalters, der an einem Tisch voller Geld und Papiere saß. Er zählte und schrieb 129 wechselsweise, ohne sich nach den Eintretenden umzusehn, bis Anselmo begann: Wir kommen, Meister Ulrich, in der wichtigsten Angelegenheit meines Lebens, mein Freund und ich, und haben Euch neue Erbietungen zu thun. Wird schwerlich zu etwas führen, sagte Ulrich. Ihr Beide seid nicht reich und wißt meine Meinung, wenigstens Ihr, Herr Anselmo. Ich weiß, sagte dieser, daß Ihr ein alter Diener Balderichs seid, treu wie Gold, wo es auf Eure Rechnungen ankommt, nicht allzu streng in Liebessachen, Eurer jungen Jahre eingedenk, und ein Freund aller Baarschaft, weil Ihr ein hülfloses Alter vorausseht. Ihr solltet Euch nicht immer halb spottend ausdrücken, sagte Ulrich. Das thut Euch Schaden, und besonders, wenn, nach Eurer 130 eignen Aussage von der wichtigsten Angelegenheit Eures Lebens die Rede ist. Was bringt Ihr? Anselmo und Alwin leerten ihre Taschen vor ihm aus, und fragten, ob er damit zufrieden sei. Nein, erwiederte Ulrich, sich wiederum kalten Blutes an seine Arbeit wendend. Ich habe aber nicht mehr, rief Anselmo, bei Gott und allen Heiligen, und auch hier mein Freund nicht. Das glaube ich ungeschworen, sagte Ulrich. Wie könnt Ihr denn also noch mehr von uns erpressen wollen? Das will ich auch nicht, viel lieber aus Gefälligkeit für Euch meine Handlungsweise und meine Gründe nochmals auseinander setzen. Ich weiß, daß es schlecht ist, verdammenswürdig, hinter meines Herren Rücken, 131 den Kuppler seiner Tochter zu machen, und habe es doch gethan, weil Euer Gold mich in Verblendung hielt. Nun ist mein Gewissen von neuem aufgewacht; jedoch liebe ich genugsam den Gewinnst, um die Last noch länger auf meinem Herzen zu tragen, wenn's der Mühe werth ist; das ist's aber nun Eures beiderseitigen Erbietens Willen nicht, und ich sage daher, wie ein jeder Packträger in der Stadt bei ähnlichem Fall: die Wucht ist für's Geld zu groß; könnt ihr nicht mehr zahlen, so werf' ich sie von hier an ab. Werft Ihr? Hund! rief Anselmo, und hatte ihn im selben Augenblick mit außerordentlicher Gewandheit beim Kragen, einen blitzenden Dolch auf seiner Gurgel. Alsdann fuhr er höchst gelassen fort: daß die leiseste Bewegung mein Gewehr in Eure Luftröhre rennt, seid Ihr wohl selbst klug genug zu 132 bemerken. Ich will Euch also ruhig auseinandersetzen, weshalb Ihr den Tod verdient habt: erstlich wegen des Betrugs an Euerm Herrn, zweitens wegen Eurer Grobheit gegen mich und meinen Freund, Jünglinge aus so edelm Blut entsproßen, daß Eures viel zu hoch geehrt wird, indem es wegen einer Beleidigung fließt, die uns traf, drittens weil Ihr frech genug seid, einen Engel verrathen zu wollen. Aller guten Dinge sind drei, und doch sollt Ihr Euer Schurkenleben behalten, solang Ihr schweigt – versteht Ihr, so lange, aber keinen Augenblick länger. Die erste Beleidigung Balderichs gegen seine Tochter zapft Euer Herzblut ab, das erste Stadtgespräch über sie desgleichen. Und nach meiner Abreise übernimmt dieser die Verpflichtung. – Und, fuhr Anselmo fort, wir schwören's bei unsrer ritterlichen Ehre, keine Gefahr soll uns abhalten, 133 ja nicht der unvermeidliche, nicht der schmähliche Tod, unser Wort an Euch zu erfüllen. – Wir schwören, wiederholte Alwin. – Erbarmen, ächzte der Hausverwalter zwischen den beiden zornglühenden Jünglingen. Sie wandten ihm den Rücken, indem Anselmo zurück rief: merk' Dir's Männlein, und Alwin die angebotenen Kostbarkeiten über ihn warf, als zum Andenken dieser Stunde. Er bewahrte das Geheimniß, und Anselmo reiste bald darauf ab, von Alinens still geweinten Thränen begleitet, seinen Freund als Vermittler bei der lieblichen Braut zurücklassend. 134 Eilftes Kapitel. Beatrix und Alwin galten überall für Verlobte. Was man früher als artige Jugendtändelei betrachtet hatte, gewann jetzt, unter dem Schutze der Aeltern und Verwandten ein ernsthaftes Ansehn, so daß der junge Mensch, von jeder Seite Bräutigam genannt, sich zuletzt selbst einbildete, er sei es und müsse es sein. Und endlich, fragte er sich selbst, was habe ich für Gründe gegen diese Heirath? Ich liebe und werde geliebt; welche erbärmliche Weltklugheit, die solchen heiligen Trieben den Weg versperren wollte! Noch dazu redet Jedermann von unserm Verhältniß, Beatrix 135 glaubt daran, ich müßte mir selbst ehrlos erscheinen, wenn ich im Stande wäre, die heiligen Bande zu brechen. Worthalten macht den Edelmann; schäme Dich Alwin, wenn Du nur augenblicklich zweifeln könntest, ob das auch gegen Frauen gelte, die der Ritter vor Allem ehren und schützen soll, oder wenn Du gar Dich wie ein Jesuit entschuldigtest: es sei ja nichts mit dürren Worten gesagt! Und wie glücklich preißt Dein alter Vater die häuslich ehliche Ruhe! Wie heiter lebt er in unsrer alten Burg! Wie wird sich die Mutter auf unsre Ankunft freuen, wie liebreich meiner holden Beatrix pflegen. Er schrieb seinen Aeltern, und betrachtete die Angelegenheit als beschlossen, denn von Seiten der Anverwandten seiner Braut wußte er, daß ihm keine Schwierigkeit bevorstand. Heitre Tage der ersten glücklichen Liebe! 136 Mit den keimenden Blüthen draussen an den Bäumen und Gebüschen, erwachten auch in Alwins Herzen die süssesten Gefühle. Täglich sah er sein freundliches Mädchen, und wenn er mit ihr hinausfuhr, oder neben ihren Wagen hinausritt, in die stille, friedliche Gegend um Braunschweig, wie gedachte er dann so gern des Abends, an welchem er hier zuerst eingezogen war. Seinen kühnsten Träumen hatte Erfüllung gelächelt, fertig war ja das Gedicht, nur schöner in frischer Wirklichkeit, als er es damals in Reime zu bringen gedachte, die ersehnte Liebe hielt ihn in mütterlichen Armen, lächelte ihn gütig an aus Beatrix blühenden Zügen. Die Wandrer, denen er begegnete, mußten so fühlen, schien es ihm, wie er an jenem Abend, er konnte sie recht herzlich bemitleiden, wenn sie fremd und mit fragenden Blicken, ungewissen Schritten an ihm 137 vorüberzogen, ohne auf den vertraulichen Gruß aus zwei holden Augen zu treffen. Aline war öfters in Beatrix Gesellschaft. Die holde, hinwelkende Blume sandte vergebens ihre süßen Seufzer dem Fortziehenden nach. Es liefen nur selten Nachrichten von ihm ein, und wenig günstige für seine Liebe. Im Umgange mit Alwin fand die Verlaßne den Trost der Erinnrung, und vertraute ihm gern ihre Klagen, denen er mit zuversichtlichen Worten begegnete, von der festen Redlichkeit Anselmo's überzeugt. Nach einiger Zeit erhielt er folgende Antwort von seinem Vater: Daß Du zu heirathen gedenkst, mein lieber Sohn, habe ich aus Deinem Brief ersehn. Die Mutter freut sich sehr darüber, und ich habe nichts dagegen. Wir bereiten uns auf 138 alle Weise zu Deiner Ausstattung vor. Du würdest hier bereits Mancherlei verändert finden. Ob Du gleich Dein Zimmer behältst, meint doch die Mutter, es werde der jungen Frau mißhagen, wenn sie nicht ein paar Gemächer neben einander habe. Dazu wird nun der große Saal eingerichtet, gleich neben Dir an, worin Du als Kind so gern spieltest, und Deine Freude hattest, an den vielen alten Waffen, und an den lebensgroßen Bildern auf der Wand. Die Helme und Harnische und Schwerdter sind schon herausgenommen, und auf einen Haufen in die verfallne Schloßkapelle gebracht, von den großen Ritterfiguren fällt häufig die Farbe ab, und wird auch Manches verdeckt, indem man zwei neue Wände zwischendurch zieht, welche übrigens dünn genug sind, so daß sie der starke Fußboden wegen des Gewölbes drunter gar 139 leichtlich trägt. Die Mutter wird Alles schon ordentlich und bequem zurecht machen. Ich komme jetzt nicht viel dahinein; ich hatte mich so an den alten Saal gewöhnt, und seit die Waffen heraus sind, und die Handwerksleute drin herumklappern, sieht er höchst wüste aus und verstört. Bei der nähern Einrichtung wird sich's vielleicht besser ausnehmen. Sage mir aber doch Keiner mehr was von Ahnungen, Prophezeihungen und dergleichen! Die Mutter meinte so gewiß, die Geschichte des jungen Kunraths, welche wir damals zu lesen anfingen, hätte auf Dich gedeutet, und mir selber ward beim Abschiede wunderlich zu Muth, als schickte ich Dich hinaus in Blut und Sieg auf Nimmerwiedersehn. Nun kommst Du nach einem halben Jahre mit einer jungen Frau zurück. Gott seegne Dich! Es ist eigentlich besser gekommen, als ich dachte, 140 aber ich kann mich noch nicht recht darein finden. Vor einigen Tagen war hier ein tapfrer Kriegsoberster, Balderich, der im Halberstädtischen Truppen wirbt, und mir viel vom nahen Feldzuge zu erzählen hatte. Mit der Deutschen Ritterschaft ist es aber doch wohl aus. Fahr wohl. Dein getreuer Vater, Rudolph . Alwin vergoß bittre Thränen über diesen Brief, dann aber trug er ihn zu Beatrix Eltern, sie waren mit Allem zufrieden, und der Tag zur Verlobungsfeier ward festgesetzt. 141 Zwölftes Kapitel. In einem großen Saal bei Beatrix Vater war die Gesellschaft versammelt, man erwartete nur noch die Braut, um beide junge Leute in ihrem neuen Verhältnisse vorzustellen. Da Alles, was in den ersten Cirkel gehörte, eingeladen war, hatte man Thorwald, Mathildens ernsten Freund und Berather nicht ausschließen können, so gern Alwin sich seiner belästigenden Gesellschaft überhoben gesehn hätte. Der Secretarius trat unversehens auf ihn zu, indem er in halber Verlegenheit, halber Lust auf und ab ging, und redete ihn sehr freundlich an: 142 Ihr seid vielleicht bös auf mich, und habt nicht Unrecht. Aber wer wird nachtragen, und vollends an einem glücklichen Tage! Ich meine es gut mit Euch, noch jetzt, da Ihr Euern eignen Weg eingeschlagen, und mir mein Concept verrückt habt. Das sei Euch Bürge für meine Liebe, denn wir Scribler pflegen sonst dergleichen Stöhrungen sehr hoch zu empfinden, auch gebührt mir ein Dank, weil ich Euch Euerm jetzigen Glück unbewußterweise entgegen geführt habe. Unbewußterweise! Ja wohl! Euer Genius hat besser gewußt, wo es mit Euch hinaus wollte, als Euer Freund. Bevor ich das recht begriffen hatte, war ich wild, störrig, so oft ich Euch in der neuen Laufbahn erblickte. Ihr seid ein Dichter, und habt Eure Freude an Schauspielen. Denkt nun selbst, wenn der Held Roland bei seinem Zuge nach Ronceval mit 143 einem Male auf der Bühne Halt machte, und einem benachbarten Edelmann sein Gut abpachtete, um dessen Tochter zu heirathen – würdet Ihr nicht schelten auf den Dichter, die Comödianten und die beifälligen Zuschauer? So ging es mir. Nun seh' ich aber, daß ich mich nur in der Ankündigung geirrt habe, daß von gar keiner Haupt- und Staats-Action die Rede war, sondern blos von einem artigen Schäferspiel. Es ist also Alles ganz consequent, und ich bitte Euch herzlich um Verzeihung. Herzlich, wahrhaftig! fuhr er fort, als Alwin zweifelnd und schweigend vor ihm stand. Ich bereu' es, je bitter gegen Euch gewesen zu sein. Und sagt mir doch eben, rief Alwin, die bittersten Worte, die ich noch je vernahm. Das ist nur Eure Schuld, antwortete Thorwald. Wenn Ihr nicht mehr vorstellen 144 wollt, als Ihr seid, könnt Ihr mit ihnen vollkommen zufrieden sein. Wer heißt Euch denn, vom Leben was Andres verlangen, als Ihr hinein legt? Beim ewigen Gott, ein frommer Hausvater ist ehrenwerth; seid es, und Niemand darf gegen Euch das Geringste einwenden. Ihr habt das Ziel bei Zeiten gefunden, kaum den Hafen verlassend, wandtet Ihr schon in den nächsten ein, und statt im Treiben der großen Welt, nach reichen, wechselnden Farben zu spähn, hat es Euch gedient, die Eine permanente für all' Eure Lust bei Zeiten auszumitteln. Baut Euch an, Ihr könnt hoffen, Eure Saaten in voller Reife und Herrlichkeit zu schauen. Schöne Verlobungsrede, rief Alwin. Fürwahr, sagte Thorwald, es thut mir leid, wenn Euch was darin mißfällt. Im 145 Uebrigen schickt sie sich grade für einen zwanzigjährigen Bräutigam. Beatrix trat herein, strahlend wie die Göttin der Jugend im frischesten Glanz der Gesundheit und Freude. Ihr Vater faßte den unwillkürlich herbeieilenden Alwin mit einer Hand, sein erröthendes Töchterchen mit der andern und zeigte das hübsche Paar allen Versammelten als Bräutigam und Braut. Beatrix drückte, nach seinem Geheiß, einen glühenden Kuß auf des Jünglings Lippen, die Gesellschaft drängte sich glückwünschend zu, auch aus Mathildens Munde tönten einige Worte. Was willst du mehr, sagte Alwin unaufhörlich zu sich selbst, und nahm bald aufs heiterste an allen Freuden der muntern Umgebung Theil. Ein Fremder ward dem Hausherrn angemeldet, dessen Namen Alwin überhörte, auch 146 wenig darauf achtete, wie diese Ankunft die ganze Gesellschaft bewegte. Er blieb an Beatrix Seite, gern versunken in das Gefühl belohnter Liebe; da gingen die Flügelthüren auf, eine hohe schlanke Gestalt trat herein im prächtigen Kriegerschmuck, nachlässig und herrlich zugleich, so in Anzug als Geberde. Feldoberster Adalbert, rief Mathilde, endlich wieder in Braunschweig. Willkommen, ob auch gewiß die nahe Unruhe in Eure Fersen tritt. Sie reichte ihm die schöne Hand zum Kuß, und ihre blitzenden Augen, ihre glühenden Wangen verriethen des hohen Kriegers belohnendstes Geheimniß. 147 Dreizehntes Kapitel. Ein neues Leben begann sich in Braunschweig zu entfalten. Man hörte von nahen Kriegesthaten, von schon vollendeten Rüstungen dazu. Viele junge Soldaten in Adalberts Gefolge, sprengten durch die Gassen der Stadt, mit jedem Tage ward der wackre Balderich erwartet, der seine Schaar, im Halberstädt'schen geworben, herbeiführen sollte, um unter Adalberts Anführung zu dem Heer des Herzogs zu stoßen. Und zwischendurch die glänzendsten Feste, die heitersten Gelage. Mathilde und Adalbert waren zu stolz, um die Zeichen ihrer Liebe unter ängstlichen 148 Vorsichtsmaaßregeln begraben zu halten. Ihrer Größe bewußt, ließen sie die Welt von sich denken, wie es eben in deren Vermögen stand, zufrieden mit einem Götterleben unter wechselnder Gefahr und Seeligkeit. An einem der fröhlichen Abende, welche der Abglanz jener Lust herbeiführte, tanzte Alwin mit Alinen. Er verlor sich Heut mit süßer Wehmuth in das Anschau'n der immer bleichern, immer lieblichern Gestalt. Hart schien ihm seine eigne Berührung, indem er sie durch den Reigen führte, zu grell der Lichtschimmer auf so milden Zügen, nichts im Saale zart genug für seine holde Gefährtin. Da trat Friedebert, durch den Wein von aller Blödigkeit entzaubert, während einer Pause des Tanzes zu Alinen. Ihr Freund bemerkte, daß sie nach den ersten Worten gleich das Gesicht erröthend und unwillig 149 umwandte, wodurch sich aber Friedebert gar nicht im Reden stören ließ. Alwin trat hinzu, und vernahm plumpen Spaß über Anselmo's Entfernung. Ich hoffe, Friedebert, sagte er, Ihr vergeßt die Achtung nicht, die Ihr meiner Tänzerin schuldig seid. Euer Gespräch mißfällt ihr; habt Ihr das bis jetzt noch nicht bemerkt, so macht Euch nun meine Warnung fein zu Nutze. Freundchen, rief Friedebert, Ihr thut ja gewaltig zornig. Aber auf Euer Wort kann ich so gradehin nicht glauben, daß mein Gespräch der Dame mißfalle. Es handelt – In der That, sprach Aline, es mißfällt mir, es beleidigt mich. Thränen füllten bei den letzten Worten ihre Augen. Es verändert sich Alles, rief Friedebert. Man darf hier vielleicht Anselmo's nicht mehr erwähnen. Der Herr Bräutigam dort und 150 ehemalige Vertraute ist wohl sein Nachfolger geworden. Genug, sagte Alwin, mit unterdrückter Wuth, und flüsterte leise in des frechen Ohr: Mit hinaus! Die Nacht ist mondhell, unsre Klingen leuchten ausserdem wohl genug. Der berauschte Friedebert wollte ihm folgen, aber andre junge Edelleute traten dazwischen, und erinnerten den zürnenden Alwin an seines Gegners Zustand, wie auch an die Ehrfurcht, die er Mathildens Feste schuldig sei. Man bestimmte daher eine Stunde des folgenden Morgens, wo man sich in der Reitbahn treffen wolle, dem Schauplatz aller ritterlichen Uebungen dieses jungen Adels, wozu man billig auch den ernstern Kampf mit scharfen Klingen zählte. Aline hatte wohl bemerkt, weshalb der hitzige Wortwechsel so schnell verstummt war. 151 Sie fragte jedoch ihren Freund nicht danach, eine würdige Tochter Balderichs, welche keine Frauenvermittlung in den Streit der Ehre zu bringen wagte, ob er gleich um ihrentwillen begonnen war. Auch verbarg sie die ganze Sache sehr geschickt vor Beatrix, und man ging heiter auseinander, indem sie dem jungen Ritter halb ängstlich, halb lächelnd zuflüsterte: viel Glück auf Morgen. Die Kampffertigen nebst ihren Begleitern traten zur bestimmten Zeit in die Bahn, und fanden dort den Feldobersten Adalbert, der einen prächtigen Hengst, glühend an Farb' und Muth, zwischen Zaum und Schenkel hielt. Er sprang von seinem Pferd, und ließ es hinausführen, sobald er an der jungen Leute Eintritt und Wesen sah, was sie eigentlich wollten. Die Herr'n, sagte er, haben doch 152 hoffentlich nichts dawider, daß ich mich als ungebetnen Gast und Zeugen eindränge? Unter Euern Augen zu fechten! rief Alwin. Ich hätte mir's im Traume nicht besser gewünscht, aber auch nur Euch als fremden Zeugen gelitten. Klingen auf! Friedebert! Wir haben noch einige Worte vorher zu reden, sagte ein andrer junger Edelmann. Alwin, es ist nur eine Kleinigkeit, welche Dich und Friedebert entzweit hat, und ich dächte, wir könnten unsre Schwerdter besser brauchen, als sie bei jeder leichten Zänkerei schartig hauen. Mir scheint die Sache weder leicht noch Kleinigkeit, erwiederte Alwin. Ich will mich schlagen. Du nimmst keine Erklärung an? Nein. 153 Auch nicht, wenn Friedebert zu Alinen geht, und sie um Verzeihung bittet? Nein. Ich mag nicht die Schuld davon tragen, daß man sie an die gestrige Unschicklichkeit erinnert. Ohne Zweifel hat sie das Betragen Friedeberts schon lange vergessen, und kann überhaupt durch so etwas gar nicht beleidigt werden; ich stehe hier für mich selbst. Du willst also durchaus nichts anders, Alwin, sagte der Vermittler. Sei es dann, aber nicht Heute; denn Friedebert hat eine besorgte Mutter, die in acht Tagen abreist, und alsdann steht er Dir zu Dienst. Aber ich ihm nicht, antwortete Alwin. Ich halte ihn für einen Feigen, wenn er sich Heute nicht mit mir schlägt. – Kamraden, fuhr er fort, rings um sich schauend, Euer Urtheil ist es, das ich fordre. Ich bin der Beleidigte, ich will meine Genugthuung Heute und 154 nicht Morgen. hat er eine besorgte Mutter. so richte er sich mit seinem Betragen darnach ein. Es ist geschehn, was er vermeiden sollte, ertrage er nun die Folge. Die Andern standen zweifelnd. An den tapfern Feldobersten hier würde ich mich wenden, rief Alwin, nur daß er es wohl verschmäht. sich in unsern Knabenstreit zu mischen. Wer sagt Euch das? fiel Adalbert ein. Ich sehe wackre junge Edelleute zusammen, und es sollte mir sehr leid thun, wenn sie auf unrechten Weg geriethen. Alwin hat Recht. Heut' oder gar nicht. Friedebert hatte bei diesen Worten schon gezogen, keine Einrede fand mehr statt, die Klingen der Kämpfenden flogen wider einander. Anfänglich focht man geschickt und besonnen; Alwins Schulter blutete. Wie man's 155 ihm zurief, drang er wüthend ein, alle Paraden verachtend, sie öfters durchhauend, bis Friedebert taumelte. Er war in's Gesicht getroffen, und reichlich strömte Blut aus der Stirnwunde über die bleichen Wangen. Um Gotteswillen! schrie Alwin. Hülfe! Hülfe! Weit flog sein Degen fort, er fing den Sinkenden auf. Seid ruhig, braver junger Mensch, sagte Adalbert ihn zurückziehend. Ich habe schlimmre Wunden gesehn, und diese ist nicht tödtlich. O, wenn ich in Eurer Schule die glorreichern austheilen könnte und empfangen, rief Alwin. Adalbert hielt die Hand hin, der Jüngling schlug ein, und ihr Bund war geschlossen. Die Braut wird wohl schelten, fuhr der Feldoberste fort, aber ich bring' ihr den Liebling 156 so zurück, daß Beide bekränzt zum Altare gehn können. Lorbeer und Myrte passen gut zusammen. Vierzehntes Kapitel. Beatrix weinte über Alwin's Entschluß, ihre Aeltern nannten es einen seltsamen Einfall, vom Verlobungsfest in den Krieg zu gehn, alle Verwandte zuckten bedauernd und zweifelnd die Achseln. Und dennoch hielt diese Unzufriedenheit nicht lange vor. Es war, als müsse die Wahrheit auf irgend eine Weise den Sieg erfechten, und jedes Auge für das Rühmliche in Alwin's Vorsatz erschließen. Er nahm sich gut in der neuen Kriegstracht aus, und der mächtige Adalbert ehrte ihn durch vertrauliche 157 Annäherung, die reichen und edlen Jünglinge in dessen Gefolge, kamen ihm liebevoll entgegen, so daß bald für seine äußren Verhältnisse mehr gewonnen als verloren schien. Die Eltern und Verwandten zeigten sich nun freundlicher, Beatrix heitrer (ein Feldzug ist ja bald vorüber!) kurz, Alles schien ihm den erwählten Pfad schmücken zu wollen. Als ihn Adalbert Mathilden in der neuen Würde vorstellte, sagte sie: tausendmal willkommen, junger Held. Euer Meister wird Euch auf den Pfad Eurer Ahnen lenken, und Euch ein beßres Hochzeitfest bereiten, als die galante Existenz in unsrer Stadt verheißen konnte. Freilich hatten Thorwald und ich noch Andres mit Euch im Sinn, vielleicht Beßres – Erlaubt, sagte Thorwald hinzutretend, daß ich Euch unterbreche. Wozu den Blick 158 des Wettläufers ablenken auf fremde Bahnen, nachdem er die seinige einmal betreten hat! Ich wünsche Euch von Herzen Glück, lieber Kriegsmann, und nehme meine Verlobungsrede zurück. Zwar wenn Ihr einst begreift, wie das Schwerdt nicht am höchsten Platz auf unsrer Erde steht, noch stehen muß – Trompetenklang, von der Straße herauftönend, unterbrach die Fortsetzung dieser Rede. Der alte Balderich zog mit seiner Halberstädtischen Reiterschaar ein, lauter wackre, kerngesunde Burschen auf wohlgepflegten Rossen; Mathilde und Thorwald eilten zum Fenster. Ihr seht, Alwin, rief Adalbert lachend, wir gehören nicht zu einer so übeln Rotte als die Beiden Herrschaften zu denken scheinen. Es muß doch etwas in diesem lustigen Aufzug sein, das ihre Weisheit anlocken kann. Spötter, erwiederte Mathilde, man läuft 159 ja auch um der Cometen willen an's Fenster. Ein Glück, daß sie nicht lange am selben Ort verweilen – Doch strafte eine Thräne, aus ihren großen, himmlischen Augen quellend, die letzten Worte Lügen. Gleich darauf trat Balderich herein, und schien an dem jungen Kriegsgenossen, den Adelbert ihm vorstellte, Wohlgefallen zu finden. Ihr kommt mir grade zu rechter Zeit, sprach er ihn treuherzig an. Mir fehlts an Aufsicht für die Uebungen der jungen Reisigen, vorzüglich zu Roß. Ich übertrage Euch das mit in den wenigen Tagen, die wir noch hier zubringen, und halte dabei die Oberaufsicht. So gewöhn' ich mich an Euch, und Ihr Euch an das ernstre Soldatenleben. Balderich hielt getreulich Wort. Der angehende Kriegsmann war unaufhörlich mit Roß und Mann beschäftigt. Bald mußte er 160 selbst einen jungen, mecklenburgischen Hengst in der Reitbahn abbrechen und austraben, bald die jungen Reisigen mit den eben erlernten Künsten wieder bekannt machen. Er hatte keine Zeit, sich den weichen Gefühlen der Trennung hinzugeben, und der Tag des Aufbruches kam unversehens heran. Feuchte Morgennebel zogen über die Stadt, in den wenigsten Häusern brannte schon Licht; wo Adalbert war, ahnte Alwin, auch er wollte eilen, von Beatrix Abschied zu nehmen, da hrachte man ihm einen Brief vom alten Rudolph, an den frendigsten Glückwünschen reich, und mit folgenden Worten schließend: Du wirst nun wohl ein erobert Banner heimsenden, womit der alte Saal neu geziert werden kann. Die Waffen bleiben solang' in der Kapelle liegen; alsdann will ich sie wieder an den gewohnten Platz hängen. Fahre wohl, 161 getreuer Sohn. Ich sende Dir, was ich am Theuersten halte: meinen Seegen, und einen alten Reim, der in Noth und Tod nicht von Dir lassen soll. Mir ward er auch von meinem Vater in's Feld mitgegeben, und ich erinnere mich noch ganz eigentlich. wie ich die Worte, die so hübsch aufeinanderklingen mitten durchs Schlachtgewühl aus mir selber heraus hörte. Sie lauten folgender Gestalt: Demuth vor dem alleinigen Gott, Stolz gegen stolzer Feinde Spott, Gegebnen Worten Heiligkeit, Und Frohsinn wider argen Neid, Das wünsch ich Dir, mein adlich Kind, War so dein ganzer Stamm gesinnt; Und wenn Du auf den Feind brichst ein, So denk', die Ahnen schauen drein. Hiemit Freude Deinem Leben, und Friede meiner Todesstunde. Dein getreuer Vater, Rudolph . 162 Postscriptum die Mutter weint zwar ein wenig über Deinen Aufbruch, aber sie freut sich doch, daß sie einen so wackern Edelmann geboren hat. Alwin ging, die Worte des Briefes im Sinne, zu Beatrix. Vorzüglich war es, als riefen des Sprüchleins letzte Verse ihn unaufhörlich in die Schlacht. Daher kam es wohl, daß er den Abschied männlicher überstand, als er selbst gehofft hatte, und recht gesetzt nach Balderichs Wohnung ging. Der alte Oberste befinde sich bei Thorwald, um noch etwas über die Besoldung seiner Schaar zu verabreden, und komme nicht wieder nach Haus, so sagte ihm auf der Treppe der alte feindseelige Hausverwalter, die Blässe auf den Wangen, die ihn seit jenem ernsten Morgen immer in Alwins Nähe überfiel. Meister Ulrich, sprach ihm dieser in's Ohr, ich ziehe fort, aber die 163 Zahl meiner hiesigen Freunde heißt Legion, und mein Schwur gilt auch aus der Ferne herüber. Ihr könnt Euch auf mich verlassen, sagte Ulrich zitternd, und schlug ein Kreuz. Der junge Kriegsmann ging an ihm vorüber in Alinens Gemach. Lebt wohl, redete sie ihn beim Eintritt an, mein letzter Freund, meine letzte Freude, kann ich fast sagen. Von allen Seiten dringt man in mich, wegen einer verhaßten Heirat, Anselmo schweigt wie mein naher Tod, und Ihr laßt die Trauernde ganz allein. Ach, ich vergaß! mit Beatrix kann ich noch weinen. – Das muß Euch aber nicht stören. Ihr habt Recht. Als ein freudiger Ritter stürmt Ihr in die Welt hinaus, als ein beglückter Bräutigam werdet Ihr heimkehren. 164 Nein, o nein! rief Alwin, sich faßt unbewußt, wie von einem fremden Geist ergriffen. Sollen auch um Euern Tod meine Thränen fließen? sagte Aline, und ergriff sanftweinend seine Hand. Es fuhr blitzähnlich durch des Jünglings Gemüth, wie der helle Sonnenstrahl in das träumende Auge fällt, mit Eins die verworrnen Gebilde fort, das Leben klar und wirklich vorbrechend mit seiner Lust und seinem Jammer. Diese war es, diese hatte er geliebt, und liebte sie allein vor allen Wesen. So Hand in Hand mit ihr, stand er zum heiligsten Bunde fertig, dunkle Wolken hingegen tief über Beide herein, nur um Alinens Haupt, um ihr lockiges, braunes Haar schlang sich ein leuchtender Ring als bräutliche Krone. Auf ewig! rief er laut, und Aline zog erschreckt ihre Hand aus der seinigen. Um 165 Gotteswillen, wie wird Euch, rief sie. Alwin fühlte seine Wange von eignen Thränen naß, und hörte ganz vernehmlich seiner Mutter Stimme sagen: Laß sie Gott vereinigt, Bleib von ihr getrennt, Bis Ihr Zwei gereinigt Euch als Engel kennt. Da bliesen die Trompeter zum Ausmarsch. Er war nicht mehr dreist genug, Alinens Hand zu küssen. Fahrt wohl, mein guter Freund, hörte er sie noch mit der gewohnten Milde sagen, und zu Roß saß er, und sprengte wild, wie im Taumel. nach seiner Schaar zu. Die Reiter sangen:     Hast ja zu lang Dich auf's Lieben bedacht, Find'st nun kein Liebchen, das fürderhin lacht, Liebchen Dein wohnet auf eisernem Feld, Hat Dich zu ernster Umarmung bestellt. 166     Drückt was Dein Herze, wirf's 'runter alsbald, Marsch commandir'n wir, und nimmermehr Halt. Brautbett ist erdig, viel Gäste bereit, Rosinfarb blühend Dein hochzeitlich Kleid.     Treiben doch allsammt ein Späßlein damit, Reiten gar lustig zum ernstlichen Ritt, Alle wohl singt ein Trompeterlied ein, Rufen Kanonen den Brummbaß darein.     Käm't Ihr im Alter auch endlich zurück, Gäb' man Euch schimmligen Brodtes ein Stück. Fallt Ihr mit hübschen Gesellen zu Hauf, Streuen die Mädchen viel Perlen Euch auf. Zweiter Theil. Erstes Kapitel.     Die Kriegsleute zieh'n so lustig aus, Schau'n nimmer zurück nach Hof und Haus, Sie thun, als gelt' es nur Zeitvertreib; Da sitz' ich am Weg', ein gespenstisch Weib.     Das Kleid so weiß, der Schleier so weiß, Und drunter ich weiß und kalt wie Eis. Ich hebe den Schleier nicht vom Gesicht, Zum Schauen ja brauch' ich der Augen nicht.     Zieh' nicht so munter, Du kecke Schaar, Bald speist von Dir sich Habicht und Aar. Sporne nicht so den Hengst, Du starker Held, Kommst zeitig genug erstarrt auf's Feld.     Du schöner Knabe, geschmückt so fein, Du giebst Dich zuerst an den Todesreihn. 170 Dann mußt auch Du mit dem Goldhaar hin. Der Rosse Hufe verwirr'n sich drin.     Was singst so lustig Du Ritterkind? Nie hört Dich singen mehr, die Dich minnt. Eu'r Tausend müssen, Eu'r Tausend nach, Wo Euch der Schönste die Bahn schon brach.     Einen Hirsch habt Ihr voraus gesandt, Den Herrlichsten wohl durch See und Land. Der Hirsch, der streitet nach Rittersart, Doch sind ihm hie Feinde zu dicht geschaart.     Eu'r kühner Hirsch ist sehr in Noth, Er blutet schon aus zwei Wunden roth. Und eh der Anger vom Thau wird naß, So wirft ihn die dritt' in das grüne Gras.     Fahrt nach, Ihr Reiter über Stock und Stein, Und seh' mir Keiner zum Schleier herein. Mein Antlitz brächt ihm nur schlimm're Kund, Ehr Todesgraus als Todesstund.     Ihr hört mich nicht, ich singe nur sacht, Doch All'n im Busen ein Schreck erwacht. 171 Und wer aus der Schlacht noch trägt den Leib, Der denk' an mich gespenstisches Weib. Diese Verse sang ein alter Bergmann, während die Halberstädt'schen Reiter im Kreise um ihn her saßen, und ihm sehr aufmerksam zuhörten. Es ist eine wahre Geschichte, sagte er zuletzt. Vor vielen hundert Jahren ist hier eine Schlacht vorgefallen, darin ein prächtig gerüstetes Heer fast gänzlich zu Nichte ging. Dort oben, wo der Regen die Erde abgespült hat, sieht man noch Haufen von weißen Todtengebeinen. Sie zogen gar siegvertrauend aus, und mit einem Male sitzt Euch ein weißes Weib am Wege, recht wie's im Liede beschrieben ist, ohne nur aufzuschauen, dicht in ihre Schleier gewickelt, daß Allen grausig dabei zu Muthe wird, und Jeder wissen möchte, wer sie sei, ohne daß doch Einer zum Fragen Herz hätte. Nachher redet 172 man sich unter einander drum an, und erfährt bald darauf, in derselben Stunde sei die Hoffnung des Heeres gefallen, ein heldenmüthiger, schöner Prinz, der mit dem Vortrab weit vorauf war. Von dem ganzen Kriegsvolk sollen aus der Schlacht sehr Wenige zurück gekommen sein. Die wurden hier zu Bauern und Bergleuten, so beschämt als niedergeschlagen über ihr Unglück, und haben nachher zum Andenken das alte Lied erfunden, welches ich Euch eben vorgesungen habe. Die Reiter lagen still bei einander, als dächte Jeder für sich über die schaurige Sage nach. Singt ein lustig Stückchen drauf, Burschen, rief Adalbert. So begräbt ein Soldat den Andern, und so wollen wir auch den alten Kameraden, die hier gefallen sind, ihr Todtenlied bringen. Sie waren im Begriff anzufangen, da 173 kamen einige Blänker eilfertig zurück, die man während des Futterns ausgeschickt hatte, Alles in der Gegend abzusuchen. Hoho! Nun giebt's was, sagte ein alter Reiter. Bückelhauben festgebunden. In der That meldeten die Blänker, es stehe der Feind in der Nähe, aber ihre Berichte waren so verworren und übel zusammenhängend, daß man nichts Bestimmtes daraus abnehmen konnte. Wir werden's bald sehen, sagte Adalbert. Ihr Andern futtert hier noch ruhig, während ich mit Alwin und ein dreißig Andern jungen Springinsfelden voraus reite. Giebts was, so feuern wir ein Paar Büchsen ab, und Ihr rückt uns zur Hülfe nach. Der flinke Vortrab, mit welchem Adalbert gewöhnlich weit vor dem Zuge zu marschiren pflegte, saß schon mehrentheils auf den 174 Rossen, da sang ein alter Reiter mit tiefer Baßstimme: Einen Hirsch ha'n wir voraus gesandt, Den Herrlichsten wohl durch See und Land. Es ist auch wahr, riefen mehrere Andre, uns möcht's gehn, wie dem alten Heerszug, wovon der Bergmann erzählt. Herr Adalbert, reitet diesmal nicht voraus! Der kühne Feldoberste wollte lachend auf seinen Hengst springen, ohne zu antworten, aber Balderich hielt ihn zurück. Nur Zwei Worte, sagte er, ihn seitwärts führend. Der junge Mensch dort, auf Alwin deutend, kann wohl mit zuhören; er ist ja unser Schüler. Nach Euerm Willen, alter Kriegsheld, erwiederte Adalbert, und die Dreie traten vom Haufen abwärts. Wir haben gar manche kühne That zusammen besprochen, fing Balderich an, und 175 manchen Entwurf gemacht, für Marsch, Ausfall und Belagerung. Dabei rechneten wir (erinnert Euch dessen wohl, Adalbert!) nicht immer auf unsre klugen Anstalten allein, sondern auch auf ein gewisses Wunderliches Unerklärbares, das uns helfen sollte im entscheidenden Augenblick, ohne daß wir eben gewußt hätten, woher es eigentlich kommen müsse, ob vom Himmel herunter, ob vom Abgrund herauf. Der Kriegsmann hat seinen Glauben daran, wie auch der Jäger, die Beiden, welche am öftersten zu Nacht und Tag, zu Winters- und Sommerszeit draußen sind, Waldwasser an den einsamsten Stellen brausen hören, wilde Gespenster in den schaurigsten Stunden über sich hin. Warnungen aus Wolkenzügen, Sturmwinden, alten Liedern und Vogelflug gelten für unsres Gleichen, und haben von jeher gegolten, wie man's in 176 alten Geschichten erinnert. Reitet diesmal nicht voraus, Adalbert. Sei es, erwiederte dieser nach einigem Besinnen. Auf alle Fälle sind die Reiter schon so gestimmt, daß sie durch einen Angriff auf meinen Vortrab leicht erschreckt werden könnten, und des Kriegsmanns Herz ist das Leben glorreicher Thaten. Ich bleibe bei Euch, Kinder, fuhr er fort, sich wieder zum Haufen wendend. Niemanden soll's fehlen, den Feind in diesem ersten Gefechte schlagen zu helfen. Mit Gott nur drauf und dran, riefen sie Alle; unter Eurer Anführung sind wir noch 'mal so viel werth! Froh und zuversichtlich saß Jedweder auf; noch mehr Blänker wurden ausgesandt, und man marschirte dem tiefer dunkelnden Abend entgegen. Als dieser nun gänzlich hereingebrochen war, sagte Adalbert: wir haben mit Fledermäusen zu thun, 177 die erst nächtlicher Weile Muth kriegen. Vor uns liegen waldige Schluften, die feigen Räubervölkern günstig sind; also abgesessen! Feuer angemacht! die Wachten stell' ich indessen aus. Alwin begleitete ihn auf diesem Ritt, und empfieng manche kluge Reiterlehre. Erst gegen Mitternacht kamen beide zurück, und fanden die Ebne von zahlreichen Feuern hell. Zwischen den schnaubenden Pferden, den schlafenden oder plaudernden Reitern durch, kamen sie zum alten Balderich, und lagerten sich neben ihn an die behagliche Gluth. Da sprach der alte Held von seinen Jugendthaten, auch wie er sein schönes Weib gewonnen, und von deren Ebenbild, seinem zarten Töchterlein, daß aus Alwins abgewandtem Auge eine heiße Thräne auf den Rasen fiel. Dann wieder begann Adalbert von seinem Aufenthalt 178 an des vertriebenen Böhmenkönigs Hoflager, von Herzog Christians ritterlicher Liebe zur Königinn Elisabeth, und wie ihre wundersame Schönheit, ihr hoher Fürstengeist auch Unglück und Verbannung mit herrlichen Lichtern bestrahle. Die Thaten dieses Zuges, sagte er, beginne man in ihrem Namen, und sey des Siegs um so gewisser. Der alte Balderich bemerkte lächelnd, Adalbert habe wohl noch ein andres Feldgeschrei im Sinn, aber es sey der Name einer nicht minder schönen Frau, und Niemand dürfe sich dessen schämen. Habe sie auch noch keine Krone getragen, wer könne wissen, was Adalbert erobre! Dieser schwieg lächelnd zu des alten Kriegsobersten Scherzreden, die kein Andrer gegen ihn gemacht haben würde. Während dessen kam der Morgen näher herauf; die Sterne verblichen mehr und mehr 179 im annähernden Lichte, feuchtre Winde hauchten übers Gras, die Feuer sanken zusammen, man hörte weniger Gespräch, weil die Reiter allgemach einschlummerten, und auch Alwin zog sich näher an die Kohlen der nächtlichen Gluth, indem er sich halb schlaftrunken fest in seinem Mantel wickelte. Seltsame Träume stiegen vor ihm auf, Aline, Mathilde, die fremde schöne Königinn zeigten sich ihm, die letztre nur immer ganz fernher und luftig, ein phantastisch Gebild, und von der andern Seite gegenüber hörte er Beatrix rufen: Alwin, mein lieber Alwin, komm doch zurück! Da klang's wie eine zuschlagende Thür, er fuhr vom Schlaf empor, plötzlich ausgesperrt aus den wundervollen Reichen, und schaute, die Augen reibend, umher. Alles um ihn her tummelte sich; beim hellern Tageslicht sah' er Viele schon zu Rosse sitzen, 180 und vernahm den Klang wiederholt, der ihn vom Traume erweckt hatte. Es waren Schüsse, die im Walde fielen. Adalbert beorderte eben Verstärkung zu den Feldwachten, die Trompeter bliesen, und Alwin sprang völlig ermuntert aufs Pferd. Er theilte seine Rotten ab. Ich bin noch unerfahren, sprach er sie an, das erste Probestück liefr' ich heut; aber meine Väter haben brav gefochten, und ich will ihnen keine Schande machen. Traut mir, Kinder, und folgt mir. In Gottes Namen, Junkherr, antworteten die alten Reiter. Die jungen schlugen ungeduldig ihre Pallasche zusammen. Das Feuern im Walde kam näher. Adalbert sprengte vor den Reihen herunter, flammenden Blickes, zuversichtlich und stolz, mit kräftigen Worten die Kriegsleute ermunternd, während Balderich ernsthaft und schweigend vor dem mittelsten Haufen hielt, das Auge unverwandt nach dem Walde gerichtet, dorthin, wo man am heftigsten schoß. Ein Jubelgeschrei brach durch den Wald, und gleich darauf blinkende Schaaren von allen Seiten her, die Blänker und Feldwachen voran treibend. Marsch, rief Adalbert, marsch, bliesen die Trompeter, und riefen die Führer des ersten Treffens, man prellte mit verhängten Zügeln an. Der Feind stutzte für einen Augenblick, wandte sich sogar zur Flucht, aber seine Verstärkung sprengte heran; sie waren vierfach zahlreicher als man erwartet hatte. Das zweite Treffen mußte sich herumwerfen, mit in's Gefecht; jeder fand nur Hülfe bei sich selbst. Alwin hatte mit seiner Schaar zweimal angegriffen, was ihm gegenüber stand. Man war immer kaum auf ein paar hundert 182 Schritte gegen einander gekommen, wie der Feind sich wandte, und zwischen andern schlagfertigen Schwadronen durchging, die seinen Rückzug deckten. Staub flog ringsumher auf, und zwischenhin zog sich blauer Dampf aus den abgefeuerten Büchsen und Pistolen. Sorgsam schaute nun Alwin umher, ob er nicht Gelegenheit finden könne, anzuwenden was ihm sein tapfrer Vater in manchem ernsten Gespräch gelehrt hatte. Anfänglich war ihm Alles zu wild vorgekommen, fast wie ein förmlicher Ueberfall; nun ordnete das Gefecht sich nach und nach vor seinen Blicken, er bemerkte einen Punkt, von wo aus der Feind zu überflügeln sey. Rechter Flügel vor! rief er seinen Halberstädtern zu, und trabte grade auf den erspähten Punkt los. Der Feind schien auch wirklich zu wanken; Galopp! Darauf, darauf! schrie der sieg'slustige 183 Jüngling, Haut nach! Da hörte man linksher Roßgebraus. Der Feind kriegt Verstärkung! riefen einige alte Reiter Alwin's; zurück! Memmen geht zurück, antwortete dieser; darauf! Und im Augenblick saß er zwischen den wiedergesammelten Reitern des Haufens, den er überflügelt hatte, und denen des neu anrückenden. Seine Halberstädter waren zurückgeprellt. Ergebt Euch, junger Mensch! Ihr seid abgeschnitten! So rief ihm ein vornehmer Offizier des Feindes zu. Alwin antwortete mit einem Hieb, der seinen Gegner vom Pferde warf. Nun fiel alles wild über ihn her. Aline! rief er, in sich selbst hinein; und begierig auf ihre Perlenthränen, hieb er kühn gegen den übermächtigen Feind. Einer hatte schon seine Zügel gefaßt, ein Zweiter wollte ihn am Wehrgehäng zu Boden reissen, viele Schwerdter flogen klirrend auf 184 seinen Federhuth, aber die Halberstädter brachen wieder vor, und hieben ihn heraus. Dicht an sich vorbei sah er im selben Augenblick Adalberten streifen, der rief: die Bahn zum Sieg ist offen! Nach mir! Es tobte von Roß und Mann bei ihm vorüber, und eh' er sich noch erhohlte vom wilden Gefecht, sah er die Feinde in weit zerstreuter Flucht nach dem Walde zu. Die Halberstädter hieben von allen Seiten nach. Zweites Kapitel. Es war nun auf dem Wahlplatze gänzlich still geworden. Man pflegte der Verwundeten; führte die Gefangnen zusammen, und nur fernher aus dem Walde klangen 185 Trompeten, hin und wieder Apell blasend, damit sich die einzelnen Reiter nicht zu weit beim Nachsetzen verlören. Adalbert und Alwin hatten sich beisammen auf die grüne Heide gelagert, welche eben hell im frischen Morgenrothe leuchtete und von Morgennebeln dampfte. Der wackre Feldoberste sprach vom ausgefochtnen Treffen, von seines Zöglings allzufertiger Kühnheit, und wie er dennoch halb unbewußt die Pforten des Sieges gesprengt habe. Zuletzt sagte er: Ihr habt aber gar nicht wie ein Bräutigam gefochten; vielmehr wie Einer, dessen Geliebte im Sarge liegt. Ich sah's wie Ihr einhiebt: selbstvergessen, wild, achtlos der schwirrenden Klingen des Feindes. Wenn Ihr in dieser Manier fortfahren wollt, kann ich der hübschen Beatrix nicht Wort halten. Sie wird ein Ehrenmal finden aus 186 kaltem Marmor, statt des ersehnten, jugendlich frischen Bräutigams. Alwin wandte sich schweigend, halb widerwillig ab. Ihr thut Euch auf alle Fälle Unrecht, fuhr Adalbert fort, und am mehrsten damit, daß Ihr Euern Kummer allzusorgfältig verschließen wollt. Unter Soldaten bleibt doch ein Geheimniß sich selbst getreu. Wenn pfiffige Leute auf die Menschenkenntniß ausgehn, wie ein Jäger auf's Wild, bleiben wir Kriegsmänner dahinten, aber es kommt uns wie im Traume an; wir wissen unbedingt, was Einer beim Andern finden mag. Habt Ihr nun keine Lust, in dürren Worten zu hören, vielleicht in spöttelnden, was Euer Herz bewegt, so müßt Ihr Euch bei erster Gelegenheit ernst und männlich darwider erklären, allenfalls mit der Klinge in der Hand. So hab' ich's 187 von jeher gemacht wegen meines Verhältnisses zu Mathilden. Keiner verliert ein dreistes Wort darüber in meiner Gegenwart, Keiner nennt ihren Namen, ungefragt vor mir, und ich kann mir sonder Stöhrung diejenigen aussuchen, mit welchen ich von ihr reden will, so wie ich eben jetzt Euch gefunden habe. Alwin sah staunend zu ihm auf. Mein Feldherr, sprach er, mein theurer Führer, wie ehrt mich Eure offne Rede, und wie beschämt sie mich! Nicht als verlangt ich von Euch das Gleiche, fiel Adalbert ein. Elendes Vertrauen, das allenfalls zwei Krämer gegen einander empfinden! Ihr gebt mir Wein, ich geb' Euch Oehl, und so wär' der Handel gemacht. Pfui der Erbärmlichkeit; das Wort Freundschaft könnt' einem wackern Menschen fatal werden. Ich rede mit Euch, weil Ihr ein tapfrer 188 Jüngling seid, weil Ihr mir gefallt, und endlich und vorzüglich, weil ich's eben so will. Nun theilt' er ihm mit, wie er Mathilden seit Jahren schon liebe, anbete, wie sie nach Weiberart diesen und jenen Plan zu ewiger Verbindung entwerfe, davon er keinen ausführe, weil er sie nicht anders lieben könne, als in der herrlichen Ungebundenheit, worin sie beide sich bis jetzt erhielten, und er von ihr eigentlich des gleichen Gefühles gegen ihn überzeugt sey. Bewahre sie Gott vor einem Ehemanne! schloß er endlich seine Rede. Sie ist bestimmt unser Aller Königinn zu seyn, und Niemand muß als ihr Gebieter auch nur äußerlich erscheinen wollen. Er würde sie, und sich selbst verderben für alle Seligkeit dieser und jener Welt. Hartwald ist auch angekommen, sagte 189 Balderich, der eben zu den beiden Sprechenden trat. Seine Schaar liegt hier in der Nähe. Wo streift denn der kecke Wildfang herum? fragte Adalbert. Willkommen ist er mir immer, und jetzt eben zwiefach, aber sagt mir doch, welche Tollheit ihn in diese Gegend bringt? Er kann Euch alsbald selber antworten, erwiederte Balderich. Unsre Blänker trafen sein Lager im Walde, und da hat er sich sogleich aufgemacht, um zu Euch zu gelangen. Seht da! Ein lustiger Zug von Kriegsleuten sprengte über die Ebne. Im Vorbeitraben grüßten sie die müden und verwundeten Halberstädter auf's freundschaftlichste, sprangen auch hier und dort ab, um aus ihren Mantelsäcken Weinflaschen und Brod hervor zu hohlen, zugleich aber wiesen sie tröstend auf einige 190 schwer beladne Wagen, die sich in der Ferne zeigten. Die kampfmüden Reiter fuhren ermuntert in die Höhe, selbst die blutenden riefen ein lautes: Willkommen! und in diesem frohen Gewimmel schwang sich ein frischer, kräftiger Mann vom Roß, auf Adalbert zureitend, der ihn mit herzlichem Handschlag begrüßte. Fragt mich nicht, sagte der Fremde lachend, wo ich herkomme. Meine Antworten möchten wenig oder gar nicht zu eines gestrengen Feldobersten Befriedigung taugen. Nur so viel sag' ich Euch im Allgemeinen: mir sind die Klöster fatal (mich dünkt, Ihr wißt die Gründe.) – Adalbert lächelte bejahend. – Und hier, wo's deren so viele giebt, hab' ich sie ein Bischen gezwackt. Dafür bin ich nun auch abgeschnitten vom großen Heer. 191 Wir können uns also zusammen durchhauen, unterbrach ihn Adalbert. Nein, fuhr der Fremde fort, das geht nicht. Es sind gar zu viel der Katholischen Ritter, und auch ein Löwe könnte von einer Mückenwelt krank gestochen werden. Was Euch Heute angefallen hat, war nur ihr Vortrab. Wie nun Adalbert? rief Balderich. War des Liedes Warnung so gar zu verachten? Wenn über Eure dreißig junge Burschen die ganze Uebermacht hergefallen wäre! Wir standen nah daran, unsern prächtigen Hirsch zu beweinen. Nichts von Beweinen, fiel der Fremde ein. Vor allem laßt uns ein Siegesfest feiern. Bei den Bechern rathschlagt sich's gut. Er stieß in ein Jägerhorn, das er an der 192 Seite trug, die umliegenden Waldungen gaben den Klang zurück und viele Flaschen und Speisen wurden von Reisigen herbeigetragen, als deren Anführer sich ein außerordentlich schöner Edelknabe zeigte. Dieser stellte das ganze Mahl zierlich auf, und seine Winke wurden mit bewundernswürdiger Genauigkeit ausgeführt, aber kaum war alles geordnet, so zog er sich, wie verschwindend, zwischen die andern Diener zurück. Soll Euer hübscher Page nicht mit uns essen? fragte Adalbert. Wer uns im Gefechte nah steht, muß auch mit uns die Becher leeren. Ruft ihn zurück, Hartwald. Das Gefecht, erwiederte dieser, ist eben seine starke Seite nicht. Und naseweis genug wär' er, sich auch ungeheißen an unsre Seite zu setzen, wenn's ihm eben gefällig wär'. 193 Laßt mich ohne Unterbrechung sagen, wie es mit uns in dieser Gegend stehe. Er erzählte ihnen hieraus, daß er eben dazu gekommen sey, als der Feind ein nahe liegendes Schloß angegriffen, und daß sein Beistand die schöne Besitzerin desselben, Gräfin Flaminia, vor dem wilden Anfall gerettet habe. Von jenem Tage an half sie ihm mit Rath und That, durch sie erfahre er täglich des Feindes Anzahl, erhalte durch sie den edlen Wein, die nahrhafte Speise, womit er eben seine Waffenbrüder bewirthe, wisse durch sie, daß die Gegner bald abziehn müßten, und ihn nur zu ermüden trachteten, vielleicht vorher noch durch einen schnellen Anfall zu überwältigen, – kurz in Flaminias schönen Händen ruhe sein und Aller Heil. Man müsse auch bald Jemanden abschicken, um ihr die neuen Ankömmlinge zu empfehlen. 194 Bei dieser letzten Aeußerung sah Hartwald rund im Kreise umher, und ruhte mit seinen Blicken zuletzt auf Alwin's Gestalt, Ach, seid Ihr auch hier? sagte er, Ihr müßt die Gesandtschaft übernehmen. Ihr paßt Euch recht gut dazu. Woher kennt Ihr mich? fragte Alwin. Das gehört hier nicht her, antwortete Hartwald, aber wir wollen uns schon gegen einander erklären. Jetzt ist es keine Zeit zu Weitläuftigkeiten. Die Sonne steht hoch, der Weg ist ziemlich weit, und vor Sonnenuntergang müssen wir Antwort haben. Er reitet doch rasch, Adalbert? Wie ich, erwiederte dieser. Zu Pferd', Alwin. Der Jüngling erhielt seine Instruction, und spornte den flinken Renner über die Ebne. 195 Drittes Kapitel. Auf einem rasigen Hügel, der Sträucher und Blumen im Ueberfluß an seinen Abhängen trug, erhob sich ein Schloß mit Wall und Graben und Zugbrücke versehn, soviel zur Sicherheit der Bewohner nothwendig schien. Ueber die Mauern aber wankten Wipfel von schönen Waldbäumen, untermischt mit Zweigen blühender Kirschen, die insgesamt einen lustigen Garten im innern Bezirke verhießen. Zwischendurch leuchteten von allen Gemächern spiegelhelle Scheiben im Sonnenglanze, und bunte Paniere flogen einladend auf den 196 Zinnen der Mauern und Thürme in die Luft, nach jeglicher Waldgegend aus. Alwin hielt vor diesem Gebäude, um Einlaß bittend, und erwiederte auf des Wächters Frage nach seinem Begehr: Drei Rosen; eine Antwort, die ihn Hartwald gelehrt hatte. Die Thore öffneten sich alsbald, Alwin's Schimmel flog leicht über die niedergelaßne Brücke, ein reichgekleideter Stallmeister stand zum Empfang des edlen Rosses bereit, und kaum daß Alwin sich aus dem Sattel geschwungen hatte, so führten ihn zwei Mädchen, wunderlich und dennoch sehr reizend geschmückt, einer Gartenthür entgegen, die reiche Schaaren von Blüthen und Blumen durch ihre Eisenstäbe sehn und ahnen ließ. Beim Eingang in den zaubrischen Bezirk, traten die Begleiterinnen zurück, die Flügelthüren flogen hinter ihm zu, angenehm tönend in ihren 197 metallnen Angeln, und von jenseit des Gegitters, winkten die weißen, zierlichen Mädchenhände den Erstaunten nach vorwärts, durch einen Gang, von hohen Ulmen beschattet. Der angewiesne Weg führte ihn in tiefren Gebüsche, hart an einem schnellen Bergquell hin, den er doch bald wieder nur an seinem Rauschen erkannte, weil dichtverschränkte Zweige die Aussicht hinderten. Bald sprudelte der lust'ge Gefährt wieder unversehens an ihm vorbei. Die Kühle, von den Blättern herniederschwebend, aufhauchend vom Gewässer, that dem Wandrer gut nach so raschem Ritt. Er nahm den Hut von seinen blonden Locken, und wandelte weiter wie in einem angenehmen Traume. Da fand er sich plötzlich in grüner, wohlgeruchduftender Laube befangen. Auf einem 198 bekränzten Tische, prangten Flaschen und goldne Becher zwischen lockenden Schüsseln; Rasensitze schienen, einander gegenüber, für zwei, aber auch nur für zwei glückliche Gäste bereitet zu sein. Während er das Alles beschaute, erhoben sich Stimmen aus den Gebüschen, und sangen folgendes Lied:     Sittliche, Nicht unerbittliche, Zierliche, schwankende, Dankende Gäste, Naht Euch dem Mahl, Freut Euch am Feste, Nippt am Pokal.     Funkelnden Weinen, im dunkelnden Leben der neigenden Schweigenden Blätter Gebt Euch dahin. 199 Heiß ist das Wetter, Heiß Euer Sinn.     Kühlende, Wonniglich fühlende Wogen gestalten sich, Halten sich sehnend, Liebevertraut. Weh' ihm, der wähnend Nimmer sie schaut! Der Gesang schien sich zu nähern, und am Schlusse desselben trat eine schöne Frau zwischen dem Buchengrün hervor. Erst betrachtete sie den fremden Jüngling achtsam, erhob alsdann den blendend weißen Arm, ihn näher zu winken, und sagte: Ich bin Flaminia. Wenn Ihr Vergnügen dran findet, rathschlagen und tafeln wir hier allein. Was sollten uns die Aufwärter, die ärmlichen Gerüste zu schönen Festen? Jetzt hindert uns Niemand, sie als unsichtbare Sylphen 200 anzuerkennen, die uns den Tisch gedeckt haben, und eben ein artiges Liedchen gesungen. Aber, fuhr sie fort, näher zum geordneten Mahle tretend, wir sind etwas spät gekommen. Der Wein muß in der Mittagsgluth heiß geworden sein. Schnell, mein lieber Kriegsmann! Spielt den sichtbaren Sylphen, und kühlt die Flaschen im nahen Quell. Alwin faßte den Kristall, drinnen die edelsten Weine blinkten, und besorgte sein angewiesnes Geschäft. Als er zurückkam, fand er Flaminien mit seinem Federhuthe spielend, den er auf dem Rasen hatte liegen lassen. Wie nun, sagte sie, (und die schönen Finger tändelten anmuthig im Farbenschmuck der bunten Federn, wie zwischen reicher Blumensaat), wie nun? Hat mir das Geschick vielleicht den jungen Helden bescheert, der in voriger Nacht so wild in die Katholischen 201 Haufen hieb, und den Sieg entschied? Flüchtige und Wunde, deren meine Leute sich erbarmten, haben davon erzählt und ausdrücklich vom reichen Federhuthe, den so manche Klinge traf, ohne daß sein Herr das blonde Lockenhaupt zu schirmen dachte. Seid Ihrs? Alwin glühte hoch auf in stolzer Beschämung, und die schöne Frau fuhr fort: Ich konnt' es gleich denken. Hier ist so viel zerknickt und zerstäubt von mächtigen Hieben. Es ist mir recht behaglich, mein Spiel zu treiben, wo die scharfen Klingen schwirrten. Ihr nehmts doch nicht übel? Glückseelige Federn, rief Alwin, und suchte sich aus ihrem Gewühl die zarte Hand zum Kuß heraus. Still, still, sagte Flaminia. Wir wollen nicht unsres Mahles vergessen. Dort ist Euer Platz, und hier der meinige. 202 Sie ließen sich einander gegenüber auf den schwellenden Rasen nieder, so nah, daß Alwin das zierliche Füßchen seiner Tischgenossin zu fühlen meinte, und im zweifelnden Sinnen darüber hörte er nur daß sie sprach, ohne zu verstehen, wovon eigentlich die Rede sei, bis eine Frage ihn aufschreckte, die er verworren genug beantwortete. O geht, geht nach den Flaschen; sie müssen längst schon gekühlt sein, rief Flaminia lächelnd, und Alwin folgte dem Befehl, fast unbewußt, wie er schon den ersten vollbracht hatte. Die reizende Gräfin schenkte ein, man trank, man scherzte, und sie hatte ihre eigne Freude daran, wie der Jüngling unablässig auf ihre Augen blickte, und ihren Mund, als wolle er jeden Wink, jegliche Sylbe auffangen und bewahren, aber dennoch gar nicht 203 verstand, was sie ihm von der Lage des Feindes und der seiner Kameraden vorsprach. Sie wiederhohlte lachend, er hörte lachend, und war noch so schlecht unterrichtet, als Gestern; da fiel ein Schuß im Thale. Die Gräfin schwieg, drei, viermal klang's wieder von abgefeuerten Musketen. Es ist nichts, sagte Alwin. Unsre Reiter streifen bis ganz in die Nähe, und haben vielleicht ein paar versprengte Feinde aufgefangen. Aber Flaminia stand bleich und zitternd vor ihm. Ihr habt Recht, sagte sie, es ist nichts, ich weiß es, sollt' es wissen, auf alle Fälle ist meine Burg fest, sehr fest – auch schützt mich der tapfre Jüngling, dessen Klinge Heut früh der Uebermacht den Sieg entriß – ich bin närrisch mit meiner Furcht. Dabei aber zitterte sie immer heftiger. Eure Aengstlichkeit betrübt mich, sagte 204 Alwin. Ich darf nun gar nicht einmal wünschen, es möchte Ernst werden, und doch, – welch ein Glück, Euch zu vertheidigen! Indessen war es seit einigen Minuten still geblieben, in Flaminien's Wangen kehrte die gewohnte Rosenfarbe zurück, sie warf sich lachend auf die Rasenbank, und sagte: lächerlich furchtsam bin ich; dies ist wahr. Aber es wird wohl Heute nicht mehr schießen, und hat uns wahrscheinlich blos erinnern wollen, unser Geschäft ernsthafter zu treiben. Höre mich nun hübsch aufmerksam an, aufmerksam! Ich will es! Sie theilte ihm nun abermals mit, was er wissen sollte, und mit so vielem Ernste, daß er ihre Rede fast Wort für Wort behielt. Jetzt reite, muntrer Ritter, sagte sie am Beschluß. Flügel Deinem Roß über die grüne Heide! 205 Er küßte zum Abschied die zarte Hand, und sprengte wie neu belebt im Abendlichte den Hügel hinab. Viertes Kapitel. Adalbert und Hartwald hatten ihre Truppen in ein gemeinschaftliches Lager vereinigt, und Alwin fand bei seiner Rückkehr die Hauptleute zusammen. Nach Abstattung seines Rapports sagte Hartwald: es ist Alles gegangen, wie ich hoffte, wenigstens in dem, was für uns das Wichtigste gilt. Nun aber erbitte ich mir für den Rest des Abends unsern jungen Freund als Gast. Wir haben noch mancherlei zu besprechen. Dabei faßte er Alwin unter den Arm, 206 und führte ihn nach seinem Gezelte, vor welchem sie eine Abendmahlzeit bereitet fanden, und so, daß sie die Aussicht in ein heitres, angebautes Thal vor sich hatten, von der sinkenden Sonne beschienen. Ich würde einen andern Gesandten erwählt haben, sagte Hartwald, wenn ich früher hätte wissen können, daß Ihr ein Bräutigam seid, und zwar ein getreuer. Es ist aber auch so Alles recht gut. Ihr gefallt Flaminien, wie Eure Aufnahme mir beweist, und darauf kommt es hauptsächlich an. Das Uebrige macht mit Euch selbst aus. Ich bin kein Undankbarer, erwiederte Alwin lächelnd. Eure Wahl führte mich in das irdische Paradies ein, und ich würde mich vor der verbotnen Frucht zu hüten wissen, auch wenn keine heiligre Bande mich fesselten. 207 Ihr betrügt Euch, sagte Hartwald, und schreibt mir ein Glück zu, dessen ich nicht theilhaftig bin. Die nähere Bekanntschaft mit mir soll Euch erklären, warum dies unmöglich ist. Ueberhaupt bildet Euch nicht ein, Flaminia stehe so leicht zu erobern, als man es denken möchte wenn man sie beim heitern Mahle sich gegenüber sieht, oder sie und ihre Gespielinnen ein lustiges Liedchen singen hört. Sie ist eben keine Nonne, aber wunderbar fest in ihren Entschlüssen; nur wenige Männer gefallen ihr, und sie würde ehe den bittersten Tod erdulden, als dem Ungeliebten ein günstiges Wort verstatten. Dabei ist sie immer ein sehr furchtsames Reh, wie sies Euch durch einen Zufall gezeigt hat. Ich bemerkte dies Alles größtentheils bei unsrer ersten Bekanntschaft. Ein Hauptmann von den Katholischen hatte sich in sie verliebt, hübsch, 208 jung, von gutem Hause; indeß konnte sie ihn nicht leiden, ohne zu wissen warum. Ihr freies Betragen entflammte seine Hoffnungen; die unerwartet abschlägige Antwort reizte ihn zur Wuth. Seine ganze tolle Schaar berennte ihr Schloß, Feuerbrände flogen hinein, Kugeln gegen die Mauern, und während sie in der entsetzlichsten Angst war, und winselte und weinte, versprach er, alsbald abzuziehen., um einen einzigen Kuß; sonst dringe er ein, und mit ihm die ausgesuchteste Rache. Flaminia schlug jede Gewährung ab, und fuhr fort zu jammern. Als ich den Feind vertrieben hatte, und in's Schloß kam, fand ich sie mehr todt als lebendig vor Angst, aber sie erhohlte sich auch gleich wieder, und wir speisten äußerst vergnügt mit einander zu Abend. Was meint sie denn mit den drei Rosen, 209 die man beim Einlaß in's Schloß nennen muß? fragte Alwin. Emil, rief Hartwald nach dem Zelte hinein, sing uns doch einmal Flaminiens Romanze. Es ist ein altes Liedchen, fuhr er gegen Alwin fort, das ihr so ausnehmend gefällt, und von dem sie die Losung gewählt hat. Der hübsche Page war indessen heraus getreten, hatte seine Zither gestimmt, und sang: Mein Knappe, wie kommst Du an Stirn und Brust     Und Arm von Blute so roth, Und reitest als wie in erquicklicher Lust,     Als gäb' es nicht Jammer noch Noth?       Drei Rosen, sang er, drei Rosen,       Die pflückt' ich aus feindlichem Tosen,     Die pflückt ich aus drohendem Tod. Und als er kam vor das Königshaus,     Der junge siegende Held, Da trat die Königinn selber heraus:     Nun fordre, was Dir gefällt. 210       »Drei Rosen, hätt' ich drei Rosen,       Wie wollt' ich noch hundertmal losen     Um's Leben auf eisernem Feld! Die Königinn wußte, was Helden gebührt;     Was Helden kann machen gesund. Da haben ihn schweigende Mägdlein geführt     In Zimmers verschwiegenen Rund.       Drei Rosen gab sie, drei Rosen,       Drei Küsse mit freundlichem Kosen     Von ihrem hellrosigen Mund. Und drauf im erleuchteten, festlichen Saal     Stand Herzog und Grafe bereit, Da sagte die Herrin zu dieser Zahl     Sei künftig mit Ehren gereiht,       Und heiße der Ritter von Rosen,       Und führ' im Wappen drei Rosen,     Und rosenfarb Helmbusch und Kleid. Du hast Deine Sache recht gut gemacht, Emil, sagte Hartwald, und kannst billig den besten Sängerlohn verlangen. Nimm hin! 211 Und mit diesen Worten reichte er ihm einen goldnen Becher. Der Page nahm ihn lächelnd an, und tauchte seine schwellenden Lippen in die Gluth des Weins indeß Alwin, als bemerke er einen lange Verkannten, plötzlich emporschaute; diese Lippen waren es, welche er in der Einsiedelei sich auf ähnliche Weise in den Wein hatte tauchen sehn, und Emil stand als Emilie vor ihm, als die entführte, reizende Nonne. Kennt Ihr uns nun? rief Hartwald lachend. Ich wußte früher, woran ich mit Euch war, aber Ihr konntet Euch nur aus den Zügen meiner hübschen Begleiterin zurecht finden. O Ihr Mädchenspäher! Und Ihr wollt ein getreuer, ordentlicher Bräutigam sein, vielleicht gar nach beendigtem Feldzug ein verständiger Ehemann. Um Euch ist's Jammerschade. Wenn Eure Braut hübsch 212 ist, und Euch lieb hat, warum thut sie nicht wie meine holde Emilie; durch Marsch und Waffenlerm dem Liebsten nacheilend? Die lästigen Verwandten hätten alsdann das Nachsehn. Ihr glaubt nicht, wie herrlich wir leben in unsrer unbeschränkten Freiheit, jegliches in der Lust der ersten Liebe, weil uns kein äußres Band hält, und wir immer besorgt sind, ein schönrer, ein lockenderer Buhle könne uns des trauten Genossen berauben. Deshalb schafft uns die Furcht ein innres erneutes Ringen nach dem liebsten Preis. So solltet Ihr leben, Alwin, und taugt Eure Beatrix nicht dazu, so laßt sie laufen. Freilich wird es nicht Jedem so gut, als uns Beiden, die einander herrlich toll und ausgelassen lieben mußten, daß gar kein vernünftiges, oder vielmehr unvernünftiges Bedenken statt fand. 213 Er hatte während dieser Worte Emilie auf seinen Schooß nieder gezogen, die Sterne blinkten vertraulicher herab, immer lustiger kreiste der volle Pokal. Ich sollte Dir eigentlich Stillschweigen gebieten, sagte Emilie, denn ich merke schon, Du willst die Geschichte von unsrer Liebe und Flucht erzählen, was Alles gar nicht zu meiner Ehre gereicht. Aber ich bin wie berauscht. Hat es der Wein gethan, oder die Lagerfeuer und das Singen der Reiter, im Bunde mit den nächtlichen Düften und Lüften aus dem Thale heraus – ich weiß es nicht. Aber erzähle nur, lieblicher Räuber. Daß Emilie von ihren Eltern zum Kloster bestimmt war, fing Hartwald an, daß ich nach ihrem Besitze rang und vergebens, könnt Ihr Euch aus dem, was Ihr wißt, beinah von selbst abnehmen. Ich war noch immer 214 klug genug gewesen, mich nicht als Werber zu erkennen zu geben; denn umsonst wär jeder Versuch gewesen, das wußt' ich, und wollte mir nicht selbst die heimlichen Wege versperren. Emilie ward eingekleidet, und während ich in tausend verschiednen Gestalten um ihr Münster schlich, so daß meine Reiterschaar mich gänzlich verloren gab, erfuhr ich, daß ein Mönchskloster, auf einer Felsenspitze gegenüber liegend, verpflichtet sei, täglich einen Beichtvater dorthin zu senden. Ueber den Abgrund führte ein schwindliger Steg, von welchem Sturm und Dunkelheit den Wandrer leicht über die Steinwände hinabstürzen konnte, so daß nach Abgang des ehemaligen Beichtvaters Niemand diese Stelle übernehmen wollte. Erwünschte Nachricht für mich! Bald war die Tonsur geschoren, das wollne Habit angethan, und ich als ein heiliger 215 Büßer in's Mönchskloster aufgenommen, ja, man sah es für eine besondre Gnade an, daß ich des Beichtigers gefährliches Amt übernehmen wollte. O, wie lieblich erschrackst Du, Emilie, als ich zuerst in die kleine Zelle trat, um Dir statt des verheißnen, geistlichen Trostes den süßern der Liebe zu bringen! Wir trieben fortan unsre lustige Neckerei mir den grämlichen Nonnen, denen ich strenge Kasteiungen auferlegte (es war keine hübsche unter ihnen), um desto ungestörter in Emiliens Zelle verweilen zu können. Dort, vor den Bildern einer tollen Enthaltsamkeit, feierten wir die Feste der Liebe, zum erstenmale wurden diese Wände durchleuchtet von dem Glanze der mächtigsten Gottheit, und das Gewölb durchhallte zärtliche Seufzer zurück, das bis zu unsern glücklichen Zeiten nur Echo ängstlichen Jammers gewesen war. 216 Man bewunderte in beiden Klöstern meinen Muth. Oft um Mitternacht, wenn die Stürme am wildesten tobten, das Waldwasser aus dem Abgrund am hohlsten heraufbrüllte, fand ich den Gang zu meinen Beichtkindern nothwendig, vor Allen zu Emilien, die der weltlichen Lust, hieß es, noch immer anhing, und meines Besuches daher so häufig bedurfte. Aber der Verrath schläft nimmer, und auch wir Beide solltens erfahren. Meine ungewöhnliche Strenge, hatte die garstige Gesellschaft der schönen Emilie wider mich aufgebracht, diese oder jene Kleinigkeit mochte ihnen auch an mir profan und säcular vorgekommen sein; – kurz, man lauerte mir auf, und mein holdes Geheimniß kam vor das häßliche Tribunal. Noch kaum entsprang ich den dürren, todtenähnlichen Händen, die nach mir und Emilien griffen, ohne daß ich doch mein 217 geliebtes Bild mit mir retten konnte. Zum Glück hatte ich immer die Spur meiner Kriegsgefährten behalten, ich fand sie leicht in den umliegenden Wäldern auf, und noch leichter brachen wir durch die morschen Klostermauern, durch die Rotten der feigen Klosterknechte, und führten die reizende Beute von dannen. Nun hab' ich sie, nun hab' ich sie, rief er, indem er Emiliens glühende Lippen küßte, und nicht Teufel nicht Tod sollen mir sie wieder nach einem Kloster zurückbringen. Pfui, sagte Emilie. Wie Du doch immer so wild wirst. Wir sind es eigentlich alle drei geworden, erwiederte Hartwald. Unsere Wangen glühn, unsre Augen blitzen, wir liegen einander gegenüber wie freudige Gewitter. Auch giebt es nichts bessres in der Welt. Aber weil wir 218 Kriegsleute doch die Nächte des Schlafes genießen sollen, um munter zu bleiben für die Nächte der Wacht, so sing' uns ein, Emilie mit dem Liede vom fremden Gast im Lager, und laßt uns dann im frölichen Taumel scheiden. Emilie sang:       'Ne Musik ist erklungen       Gar fremd im Waffenfeld,       Hat sich empor geschwungen       Zu Nacht aus meinem Zelt. Die Andern, die sonsten im Lager klingen Roßwiehern, Trommel, Soldaten singen,     Die kommen zu Hauf, nehmens übel fast,     Und wollen verjagen den fremden Gast.       Trompete schreit vor Allen       Recht ungethümlich drein,       Und meint' es müss' ihr Schallen,       Solo im Kriege sein. 219 Fort, fort! Marsch fort mit dem fremden Gesellen! So ruft sie, daß Jedem die Ohren gellen,     Fort, fort! Marsch weiter! Marsch fort! Marsch fort!     Ruft unermüdlich das nämliche Wort.       Nur sacht, Ihr wilder Ritter,       So spricht der Fremde laut.       Kennt Ihr nicht mehr Frau Zither?       Nicht Eures Vetters Braut? Denn Waldhorn und ich, wir vermählen zusammen, Beim fürstlichen Feste wohl Klagen und Flammen,     Wohl Frohsinn und sehnenden Liebestraum     Und Euch auch dorten verstatten wir Raum.       Trompeten sprach herwieder,       Und etwas milder schon.       Ich kenn', ich kenn' Euch wieder,       Kenn' diesen leisen Ton. Und fand Euch schon öfters, wir gingen zum Feste, Doch waren von schwächlichen Ohren die Gäste, 220     Denn sprach ich mal wacker und herzlich dabei,     So nannten sie's allesammt wildes Geschrei.       Konnt' ich Euch dort beweisen,       Sprach Cither, Gastlichkeit,       So habt zu gleichen Weisen       Ihr nun Gelegenheit. Soldatenlied will mich keinesweges ertragen, Die Trommel läßt gar mir zum Aerger sich schlagen,     Und Roßgewieher, das schnarcht mich an,     Ich bitt Euch macht etwas mir freier die Bahn,       Trompeten sprach: Frau Base,       Hemmt, hemmt der Rede Lauf,       Dieweil ich jetzo blase:       Sitzt auf! Sitzt auf' Sitzt auf! Doch sind wir zu Abend in's Städtlein gekommen, Da tanzen die Reiter, da mag es Euch frommen, Da kommt auch Euer Bräutigam Waldhorn mit vor; Dient gegenwärtig beim Schützenchor. 221 Man nahm lachend von einander Abschied und während Alwin nach seinem Zelt zurück ging, hörte er noch fernher Emiliens Cither, und blickte öfters zurück, wie sie von Hartwald umschlungen, im Mondenlicht auf dem Gipfel des Hügels saß. Fünftes Kapitel. Die feindliche Uebermacht behauptete noch immer hartnäckig alle Pässe, und sandte oftmals starke Partheien aus, um Adalberts Lager zu beunruhigen, oder wo möglich, zu überfallen, weshalb dieser täglich seine Stellungen änderte, und bald in dem, bald in jenem Gebüsche übernachtete. Alwin ward zwischendurch öfters mit Bothschaften und Anfragen nach Flaminiens Schlosse hinüber 222 gesandt, und trat mit der reizenden Gräfin täglich in traulichere Verhältnisse. Dennoch hatte er nimmer gegen sie ein Wort von Liebe über seine Lippen gebracht, und rechnete dieses Opfer der abwesenden Braut hoch an. Aber es war nicht Beatrix, die ihn zurückhielt: Alinens sanfte, himmlisch zarte Gestalt, trat beständig im entscheidenden Augenblick zwischen ihn und Flaminiens Schönheit. Es ward ihm alsdann zu Sinne, als sei er eigentlich in ganz andern Welten zu Hause, und herberge nur eben zufällig in dieser, so daß er vor jeder Liebespracht vorüberging, wie ein frommer Pilger, der von Jerusalem kommt, und auf dessen Wiederanschauen in der ewigen Herrlichkeit wartet. Eines Tages, (der April toste draussen mit all' seinem launischen Ungestüm) saß er in Flaminiens Schlosse, auf einem seidenen 223 Ruhebette, und genoß nach ihrem Befehle des herrlichen Mahles, das man ihm aufgetragen hatte, während sie tändelnd im Zimmer auf und ab ging, bald einige Griffe auf ihrer reichgeschmückten Harfe versuchend, bald wieder ihr zierliches Schooßhündchen neckend, und hin und her dem jungen Kriegsmann erzählend, was sie vom Feinde erfahren hatte. Plötzlich blieb sie vor einem Spiegel stehn, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und die ganze herrliche Bildung in unverstellter Klarheit zurückwarf. Wahrhaftig. sagte sie, ich bin doch schön, außerordentlich schön. Uebertrifft mich wohl die gepriesene Gräfin Mathilde? Sie wandte sich mit dieser Frage unvermuthet an Alwin, dem es ergangen war, wie ihr selbst: der Abglanz ihrer Schönheit in dem klaren Glase hatte ihn auf das 224 lebhafteste überrascht. Er schwieg lange, und sagte endlich nur: wer könnte ein andres Bild hervorrufen, diesem gegenüber? Eine leidliche Wendung, sagte Flaminia, um gegen mich artig zu bleiben. und dennoch dem fernen Ideal nicht gradezu Abbruch zu thun, denn Ihr spracht ja immer von Mathilden mit so enthusiastischer Bewundrung, daß ich Euch für ihren Liebhaber halten würde, wenn nicht der gestrenge Feldoberste Adalbert all' seine Trophäen und Vortrefflichkeiten ihr bereits zu Füßen gelegt hätte, und auch die geziemende Gnade dafür gefunden. Ich möchte nur wissen, ob sich ihr Haar so zierlich ringelt als meines, ob ihre Hände und Arme weisser sein können, oder schöner geformt, ob sie mir nicht mindestens in den Augenbraunen, den feinen, zierlichgewölbten nachsteht, – aber von Euch läßt sich nichts 225 Ordentliches erfragen. Reitet jetzt nur! Reitet! Sie schien so ganz in ihr eignes Anschauen verloren, daß sie, wider Gewohnheit, Alwins Fortgehn kaum bemerkte, und diesen in vielfach aufgeregten Gedanken zum Lager zurücksandte. Er fand den alten Balderich auf ihn wartend, der ihm befahl, am folgenden Morgen mit einer Streifparthei auszurücken. Die Halberstädter, fuhr er fort, haben Euch seit unserm frischen Gefecht besonders liebgewonnen, und fodern ihren tapfern Alwin zum Anführer. Nun folgte eine nähere Anweisung zum Marsch. Man hatte Kundschaft von einer Bewegung des Feindes, und etwa hundert seiner Reiter sollten durch Alwin überfallen werden. Der Morgen kam nach dem gestrigen 226 ungestümen Wetter frisch und heiter herauf, vor der Fronte des Lagers sammelte sich die abgehende Parthei: junge, kriegslustige Bursche, dazwischen hin und her ein alter Reiter, der seine Narben zum Wahrzeichen kühner Thaten trug. Während Alwin sein Roß vor ihnen herumtummelte, Vortrab und Seitenpatroll ordnend, lachten sie ihn Alle zurraulich an, zufrieden mit seinen gewandten Reiterkünsten; der, sagten Einige unter ihnen, könnte in die Hölle sprengen, wir ritten ihm nach. Sein bunter Federhut soll nicht wieder in solche Noth kommen wie letzthin. Wir wissen nun, was wir an den jungen Weigand haben, und wollen unsern besten Stein nicht aus dem Brette lassen. Man brach auf, still und heimlich durch die grüne Waldnacht hin, die Blänker ritten mit ihren Nachrichten ab und zu, immer 227 leise flüsternd, denn der Feind mußte nun ganz in der Nähe seyn, und man erwartete seinen Anblick, wie eine fröhliche Weihnachtsbescherung. Die jungen Reiter zeigten einander ihre blanken Klingen, und konnten sich kaum enthalten, sie an den Buchenästen zu prüfen, die alten winkten ihnen immer, stille zu bleiben, da kam wieder ein Blänker zurück, deutete freudeglühend auf das nahe Thal, und sprach sacht zu Alwin. Dieser gebot durch einen Wink den Uebrigen Halt, und ritt nach der bezeichneten Stelle vor. Durch die blühenden Sträucher sah man hier in ein Thal hinab, dessen Gräser und Kräuter voll anmuthiger Frische grünten, von einem hellen Waldbach gewässert. An dessen Strande lagen die feindlichen Reiter, ein bunt geputztes, fremd aussehendes Kriegsvolk, Alle braun von Haar und Angesicht, in 228 unterschiedlichen Spielen begriffen. Welche hatten ihre scharlachnen Mäntel in's Gras gebreitet, und würfelten darauf, Andre rangen zusammen, noch Andre hielten die Finger wechselnd in die Höh', und riefen dabei Worte in ihrer fremden Sprache, der Anführer (das schien er seinem prächtigen Waffenschmuck und edlem Anstande nach) saß, den Rücken gegen Alwin gekehrt, unter einer hohen Buche, oder lag vielmehr halb hingestreckt auf das weiche Moos, und scherzte mit seinen Reisigen. Hin und wieder sang er Strofen ausländischer Romanzen in die blaue Luft hinein. Die Rosse der gesammten Schaar weideten unter der Aufsicht einiger Reiter. Wir haben sie, sagte Alwin zurückkommend, und theilte seinen Haufen dreifach zum Angriff ab. Aus- und Eingang des Thales sollte von zwei Schaaren zugleich angegriffen 229 werden; er selbst hielt mit der dritten am Rande des nicht steilen Abhangs, um von da hinunter zu stürmen, im Fall die Widersacher an Gegenwehr denken sollten. Die Flügeltrupps ritten ab. Alwin rückte mit dem seinen bis an den Abhang vor, und sah die Feinde noch immer in gleicher Unbefangenheit und Lustigkeit gelagert. Kein Mann aus seinem Zuge regte sich, Alles blickte begierig in's Thal hinab, wie der Falke aus das Lager seines Wildes. Da fiel ein Schuß rechts, ein Schuß links, die Feinde hatten Posten zu beiden Enden des Thales ausgesetzt; blitzschnell liefen Alle nach den Pferden, Einige saßen schon drauf. – Marsch! Marsch! rief Alwin, sein Trompeter blies, sie brachen wie ein Gewitter vom Hügel hinunter, zu gleicher Zeit beinah die Flügeltrupps von beiden Ausgängen herein. Die Feinde wurden 230 einzeln gefangen, größtentheils noch ehe sie zu Pferde kamen, aber ihr Anführer, der alsbald auf seinen schönen Hengst gesprungen war, jagte grimmig gegen Alwin an. Dieser wandte sich, und traf das Pferd seines Gegners mit einem kräftigen Hiebe an den Kopf, so daß es stieg, und auf einen zweiten Hieb überschlug. Drei Halberstädter fielen nun abspringend über den Reiter her, und nahmen ihn gefangen. Alwin flog indeß den Bach hinauf, hinab, um nutzloses Gemetzel zu verhindern, aber seine Kriegsleute, froh über die Beute, und gutmüthig wie er selbst, gaben ungeheißen Pardon, so, daß nur wenige Feinde am Boden lagen, und der Zug für die Heimkehr in's Lager bald geordnet war. Indem Alwin wieder an dessen Spitze sprengte, rief ihm der gefangene Anführer zu: Du haust eine gute Klinge, Alwin; ich 231 kann von Glück sagen, daß ich nicht den Hals gebrochen habe. Dabei reichte er ihm freundlich die Hand; es war Anselmo. Sechstes Kapitel. Die beiden Jünglinge waren außerordentlich vergnügt über ihr Zusammentreffen; sie scherzten, lachten und sangen; wo irgend ein ernstes Wort aufkommen wollte, ward es so gleich durch Anselmo's Witz unterdrückt, man hatte fast gänzlich vergessen, wie man eigentlich an einander gekommen war. Dieser lustige Geist schien sich der ganzen Schaar mitzutheilen; die gefangenen Italiäner weit umhergezogne Kriegsleute, ertrugen leicht ein Unglück, daß ihnen nicht ungewöhnlicher 232 war, als zu andrer Zeit Glück und Beute; und spotteten in ihrer Sprache einander aus. Ueber ihre Fragen und über ihre Lustigkeit lachten alsdann die Halberstädter, indem sie auf gut Deutsch sich diejenigen mit Fingerzeigen bemerkten, die ihnen am spaßhaftesten vorkamen, worüber wieder die Italiäner sich außerordentlich ergötzten, so daß der Zug unter beständigem Gelächter und Geplauder beinah bis an's Lager gerückt war, als ein alter Reiter gegen Alwin herankam, und zu ihm sagte: Gestrenger Junkherr, wir reiten aber allesammt beinah wie die Narren; darüber brach Anselmo von Neuem in ein unauslöschliches Lachen aus; der Alte aber ließ sich nicht stören, sondern fuhr fort. Wir sind doch hier die Meister geblieben, und brauchten eben nichts von den fremden 233 Manieren anzunehmen; am wenigsten, wo wir mit unsern Gefangnen in's Lager rücken wollen, dran eigentlich alle Haufen ihre Freude haben müssen, und Muth und Zutrauen schöpfen aus unserm Gelingen. So aber möchten sie glauben, es sei ein Aufzug gleichsam von Gauklern und wilden Thieren, und das taugt einmal gar nicht für deutsches Blut und ist auch nach deutscher Sitte ganz unerhört. Ganz Recht, alter Vater, sagte Alwin, und wandte sein Pferd, indem er laut zurückrief: Richt't Euch! Er blieb halten, ernsthaft, mit kriegrischem Anstand, die Halberstädter setzen sich soldatisch und grad in ihren Sätteln zurecht, und sahen rechts nach ihrem jungen Anführer, die Italiäner auch wurden still, und ritten zwischen den Siegern ruhig einher. Alwin jagte wieder an die Spitze des Zuges, und Anselmo sagte das war ein braver alter Kamrad und hatte vollkommen recht, so wunderlich er anfangs seine Meinung vorbrachte. Auch mich hat seine Mahnung erinnert, daß ich noch kein männliches und verständiges Wort mit Dir gesprochen habe, und doch sind wir schon dicht an Euern Gezelten. Vernimm also nur vorläufig ganz im Kurzen, wie wir einander eben hier treffen und auf diese Weise. Euer Land mag gut seyn, nicht sowohl für den, der drin geboren ist, denn das bin ich selbst, sondern für den vielmehr, der mit Wurzel und Baum seit ein drei bis vier Jahrhunderten drin fest steht. Mir taugts nicht. Das fühlt' ich schon in Braunschweig, und gedachte Alinen und Dich und was Du nothwendig mitnehmen müßtest, mit mir hinüber zu locken in die glücklichen Gegenden, wo die 235 rechte Liebe zu Haus ist, die echte Lebenslust. Deswegen vorzüglich trat ich meine Reise nach Italien an. Aber noch geht es nicht. Die Welt ist zu voll von Krieg und allerlei Wirrwarr, und da schloß ich mich vorläufig an Italiänische Söldner an, an einen lustigen, kecken Hauptmann, den die Rache verschmähter Liebe in diesen Gegenden festhält. Doch nicht der Flaminien's Schloß bestürmt hat? fragte Alwin. Der nämliche, erwiederte Anselmo. Ach, ich verstehe! Du bist der hübsche Reiter, der öfters dorthin streift; und Nachrichten hohlt, und wer weiß was noch mehr. Der Hauptmann ist sehr bös auf Dich. Daß er mir nur nicht in den Weg kommt! rief Alwin. Rath's ihm, wenn Du ihn wieder siehst. Ruhig, ruhig, sagte Anselmo. Er ist 236 weder mein Freund, noch Oheim, noch Vetter, noch Schwager. Viertheile ihn, wenn's Dir gefällt, und sich's grade so treffen will. Ich mag Dir kein böses Blut machen, um so weniger, da wir schon fast im Lager sind, und ich zweierlei von Dir zu verlangen habe: guten Wein, und Verschwiegenheit meines Hierseins gegen den alten Brummbart Balderich. Alwin verhieß ihm lächelnd Beides, und sie rückten unter dem lauten Jubel des Kriegsvolkes ein. Der Zug ging zuerst nach Alwin's Zelte, wo dieser seinen Freund absteigen hieß, ihm eine Flasche edlen Weins reichte, und einem geprüften Halberstädter die Sorge für seine Sicherheit übergab. Darauf eilte er zu den drei Feldobersten, die er bei Adalbert versammelt fand. Nachdem sie ihn wegen seiner Expedition gelobt hatten, fing Balderich an: 237 Jetzt haben wir den Schlüssel in Händen zu allen Entwürfen des Feindes, und wollen schon durchbrechen. Führt Euern vornehmsten Gefangnen her, Alwin. Wozu? fragte dieser. Seltsam! rief Balderich. Zum Beichten. Wir wollen ihn so gut dazu bringen, als Einer seiner welschen Pfaffen. Sprechen soll er, oder sterben. Er ist ein Edelmann, und mein persönlicher Gefangner, sagte Alwin. Ich leid' es nicht. Hoho, junger Mensch, rief Balderich lachend aus, Ihr seid schnell herangewachsen, aber Ihr wachst mir nicht über den Kopf; dafür will ich schon sorgen. Den Gefangenen her! Ich leid' es nicht, wiederhohlte Alwin 238 kaltblütig dem Tone nach, aber Augen und Wangen glühten wie Feuer. Balderich erhob sich von seinem Sitze. Der alte Kriegsheld, an keinen Widerspruch gewöhnt, stand im Begriff, zürnend und verderblich loszubrechen, aber Adalbert nahm ihm das Wort vom Mund, indem er zu ihm sagte: Besinnt Euch auf das, was Ihr selbst an Alwins Stelle thun würdet. Wen ich einfange, ich selbst mit eignem Arm und Schwerdt, der ist mein, und Niemand hat was drein zu reden, wie ich ihn halten will, wie hoch seine Ranzion anschlagen, oder ob ich ihn gar laufen lasse, umsonst, und weil mir's eben so hehagt. Und was hülf' es uns (ich bitt' Euch, überlegt es mit Euch selber), was hülf' es uns, die anerkannten Gerechtsame jedes Soldaten an einem unsrer edelsten Mitstreiter 239 zu verletzen? Ist sein Gefangner ein Ehrenmann, so beantwortet er unsre Fragen mit Schweigen, und jegliche Drohung gleitet machtlos an ihm ab, ja selbst den Tod würd' er nur erleiden zu seiner Glorie und unsrer nutzlosen Schmach. Doch bin ich weit entfernt zu glauben, wir adliche, kampfgewohnte Männer ließen es wirklich zu solcher unwürdigen Extremität kommen. Und wozu mit dem drohen, was man nicht halten kann, noch will? Wär' es aber ein elender, feiger Bursch, der sich durch Todesfurcht aus seiner Ehre aufschrecken ließe, welchen Bürgen könnte er uns stellen, daß er, ein Schuft, der sich eben als solchen bewiese, nicht auch uns mit Lügen äffe? Laßt unsern Alwin mit seinem Gefangnen in Ruh. Wir wollen dafür die gemeinen Söldner vornehmen, bei denen ehr durch Verheißung und Drohung was 240 auszurichten ist, und deren mannigfache Aussagen wir mit einander vergleichen können, so daß aus ihnen, wo nicht die Wahrheit, doch mindestens die Wahrscheinlichkeit hervorgehn muß. Es mag drum sein, erwiederte Balderich, um so mehr, da wir doch den ganzen Vortheil unserm kecken Junkherrn hier verdanken, und seiner Gestrengen nicht böse machen müssen. Zudem bin ich Heut außerordentlich gut aufgeräumt, und möchte mir den Abend nicht gern durch einen Zank verderben. Kommt her, Alwin, stoßt mir nur an. Vergeben und Vergessen! Ihr macht mich stolz, mein Feldoberster, antwortete der Jüngling, und leerte den blinkenden Pokal. Wir dürfen ihn nicht länger aufhalten, sagte Adalbert. Er will seines Gefangnen pflegen. 241 Alwin stand bereits am Ausgang des Zeltes, als Balderich ausrief: Heut Becher auf Becher! Meine Nachrichten sind erquicklich wie der Wein. Aline, mein schönes Töchterchen, ist wohl nun schon Frau, und ich erwarte sie in einigen Tagen hier mit Thorwald; sie soll unter unserm Schutze nach dem Wohnplatze ihres Mannes reisen, sobald die Pässe frei sind. Er ist ein sehr reicher Graf, seine prächtigen Schlösser – So weit hatte Alwin noch gehört, starr und steif wie eine Bildsäule am Eingang des Zeltes verharrend, nun ward's ihm Alles wie Sturmgesaus und Wolkenflug, wild durch einander, unverstanden, wie er sich selbst, und tolle Träume stiegen ihm wunderlich herauf wachenden Muthes, so daß er sich nur immer einer flackernden Flamme bewußt blieb, 242 die vor ihm herzog, und welcher er mechanisch folgte. Wir sind an Euerm Zelte, sagte Adalberts Edelknabe, der ihm bis dahin geleuchtet hatte. Alwin sagte ein Paarmal stammelnd: ich danke! danke! und trat unter sein leinenes Dach. Hier ward's ihm erst wieder klar und erkennlich, er fing an zu begreifen, was geschehn war. Anselmo saß hinter der Flasche und sang; unvernommene Worte für seinen Wirth, bis auf die Verse: Und wenn ich reime, Ahnend Keime Günst'ger Zeit, Die immer bereit Zum traulichen Wandeln Zum lust'gen Verhandeln, Lied sich bildet aus Leid, 243 Aus Zank sich Frieden befreit; So hab' ich mein Liebchen wiedergefunden, Kann sie allwärts in Freuden erkunden, Schaue beständig die himmlische Miene, Werde zum Echo, das ewig ihr diene. Aline' Aline! Aline! Da fuhr Alwin empor wie aus tiefem Schlummer, und Anselmo sang: Merkst Du nun, siehst Du nun? Wachtest wohl kaum? Töne die walten Fliegen im lustigen Raum, Nach Dir, ein lockender Traum, Woll'n Dich zum Leben gestalten, Merkst Du nun? Siehst Du nun? Du machst mir meine Rolle auch zu sauer, fuhr er in Prose fort. Weißt Du noch, wie Du mich, ein neuer Orphens, erziehn solltest? Wir spaßten darüber am ersten Abende in Braunschweig. Nun muß ich an Dir 244 meine Mühe verlieren. Warum übernahm ich auch Dein Geschäft, und warum spielst Du mit einemmale den trüben Waldsohn? Es wird bald Zeit, sagte Alwin. Um Mitternacht gehst Du aus dem Lager. Jetzt fangen sie an, Deine Reiter auszufragen, und könnten endlich dahinter kommen, wer Du bist. Wer ich bin? Wer ich bin? sang Anselmo. Einer, leicht und froh an Sinn, Einer sehr verliebt in Wein, Mehr in schöner Augen Schein. Sprich doch ernsthaft, sagte Alwin. Anselmo sang:   Ich thue mehr als sprechen, Ich sing' noch obenein, Und wollt' es Jemand rächen, Müßt's ein Stummer sein.   Und wär' er stumm an Seel' und Leib, So nennt' ich ihm ein edles Weib, 245 Und löst' ihm Zung' und Miene: Aline! Aline! Aline! Die heirathet einen reichen Grafen, sagte Alwin, und wahrscheinlich ist die Hochzeit schon gewesen. Anselmo ward plötzlich still, alle Freude schien vor seinen Augen weggebannt, der Wein ließ er aus dem eben gefüllten Becher langsam auf die Erde tröpfeln. Alwin saß ihm schweigend gegenüber. Nun kann ich freilich nicht mehr singen, lieber Alwin, sagte er endlich, und zwei große Thränentropfen rollten dem verschütteten Weine nach. Nun bin ich stumm geworden, ich armes Kind. Da brach Alwin's weiches Gemüth in erst verschloßner Rührung hervor, und er fiel seinem Freunde weinend in den Arm. 246 Laß gut sein, sagte Anselmo nach einiger Zeit; laß gut sein. Du siehst, ich habe ausgeweint, und ich bin doch die Hauptperson gewesen in der Tragikomödie. Weißt Du noch was Du einmal bei Gelegenheit der Bäckerstochter sagtest. Ich lachte Dich aus, und Du hattest doch so vollkommen Recht. Schaff uns noch Wein, lieber Bruder. Diesen hab' ich so schändlich verschüttet, und um gar nichts. Um gar nichts, ja wohl! rief Alwin, indem er die Becher von Neuem füllte. Und bald hätt' auch ich: um gar nichts noch süßre Freude verschüttet, noch unwiederbringlichre. Zum Glück bin ich bei Zeiten klug geworden. Grüß Deinen Hauptmann, und sag' ihm, Flaminia solle mein werden. Sie tranken bis gegen Mitternacht, aber der Wein zündete nicht die gewohnte 247 Freudigkeit in ihren Herzen an; es brannte dunkel, und matt bei ihnen auf, der Kerze ähnlich, die auf dem Feldtische vor ihnen hin und her wehte im Sturm, als er sich mit der Nacht erhoben hatte, und durch die dünnen Zeltwände pfiff. Wie es Zeit ward zur Flucht für Anselmo, tiefe Dunkelheit draußen, Schnarchen der schlafenden Reiter umher, nur hin und wieder Roßgebraus, die Feuer der Feldwachten mehr und mehr zu Kohlen sinkend, da machten sie sich auf. Alwin führte seinen Schimmel am Zügel, um ihn Anselmo mit zu geben, und dessen rothen Barberhengst dafür zu behalten. Die weißen Pferde passen sich nicht mehr für mich, sagte er; sie erinnern zu sehr an alte Romanzen, wo die Ritter drauf hinaussprengten zu Thaten zarter Lieb' und Treue. 248 Es ging im Dunkeln den Hügel hinab, tief in's waldige, labyrinthische Thal; wenn die Posten anriefen, gab ihnen Alwin die Losung dumpf zurück, der Schimmel ward öfters scheu vor dem Lichte der Wachtfeuer, und vor den alten Baumstämmen, die immer wunderlicher gestaltet durch die Waldung blickten. Plötzlich ging eine lange Gestalt an ihnen vorüber. Mehr links! murmelte sie, und war im Gebüsch verschwunden. Sie folgten dem Gebot fast unbewußt, und hörten bald darauf des alten Balderichs Stimme, der auf dem Wege, den sie ohne jene Warnung eingeschlagen hätten, die Posten beritt. Nun waren sie außerhalb der Feldwachten. Anselmo setzte sich schweigend auf den Schimmel, und drückte seinem Freunde die Hand. Wer war denn das, der uns warnte? fragte er noch. Gott weiß es, antwortete 249 Alwin. Wohl der Nachtmohr, sagte Anselmo. Grüß den alten Gesellen von mir. Er hatte scherzen wollen, aber das Grausen der Nacht überfiel sie unvermuthet Beide, daß sie, wie vor sich selbst scheu, hier und dorthin aus einander flogen. Alwin sah das weiße Pferd gleich einer Erscheinung noch durch die fernen Büsche leuchten, und heimliche Schrecken gaben ihm das Geleit bis an sein Zelt. Siebentes Kapitel. Das Herz voll nie empfundner Sehnsucht, die Sinne voll wilder, gaukelnder Gestalten, jagte Alwin nach Flaminiens Schlosse zu; wenn ihm die glühenden Rosenwangen, die liebefunkelnden Augen, die weißen, 250 schöngeformten Arme recht lebhaft vor dem innern Blick' emporstiegen, so streifte wohl Alinens reine Engelsbildung wie ein schützender Genius zwischen durch, aber er scheuchte den Traum der Vergangenheit muthwillig von sich. Reiche Grafenbraut! rief er ein Paarmal schallend aus, und lachte spöttisch hinterdrein. Die geliebte Erscheinung kam nicht wieder, oder wehte doch nur bleich und luftig wie ein Nebelgebild an ihm hin, ohne die Gegenwart in all ihrer frischen, sinnlichen Herrlichkeit verdunkeln zu können. Er fand Flaminien wie gewöhnlich allein, und die jugendliche Liebesgluth, so lang schon mühsam gezügelt, strömte in wilden Flammen von seinen Lippen. Ihr seid nicht klug, antwortete Flaminia lachend; wie fällt Euch das eben jetzt ein? Und dabei funkelten doch ihre Augen so freundlich und verheißend, daß er 251 nicht den leisesten Unwillen über jene seltsame Antwort empfinden konnte. Aber die Fortsetzung seiner Rede ward ihm abgeschnitten, denn Flaminia wußte so viel artige Tändeleien, so viel zerstreuende Gespräche zu beginnen, daß es ihm lächerlich vorkam, in den ersten leidenschaftlichen Ton wieder einzufallen, oder, sich herabstimmend, einen Angriff auf andre Weise zu versuchen. Beim Abschied war es ihm, als fühle er den Druck ihrer warmen, zarten Hand, ohne doch recht zu wissen, ob er sich nicht vielleicht nur mit seinen Wünschen bethört habe. So ging es mehrere Tage hindurch. Er kam, er bat, ward auf das anmuthigste verlacht, und doch wieder durch Winke und Blicke, deren er sich kaum bewußt war, in süßer Hoffnung erhalten – die Welt drehte sich schwindlich vor seinen Blicken. 252 Eines Tages kam ihm Flaminia mit Thränen in den Augen entgegen. O, ich Thörin! rief sie, ich Unheilige, Unwerthe, Selbstverderbliche! Was hab' ich gethan! Wo sind die schönen Tage hin, die keine Sehnsucht zurückrufen wird, wie oft ich auch nach ihnen ausschauen mag, wenn nun die trübe Zukunft als Gegenwart vor mir steht, mich einhüllend mit all' ihren grauen Schleiern, daß keine Liebeshoffnung ihre Strahlen hindurch senden kann. Keckes Spiel mit dem mächtigsten, seeligsten Wollen, wie hast Du mir so übel gelohnt, Du feindliches Irrlicht! Alwin blieb staunend vor ihr stehn: sie wand ihre schönen Arme um seinen Hals. Fühlst Du es nicht, wie unendlich ich Dich liebe? Konnte Dich wirklich mein arger, neckischer Dämon so gar verblenden, daß Du vor seinen Gaukeleien die süße Zeichensprache der 253 Liebe nicht verstandest? O, wie es mich schmerzte, daß Du anfangs so lange kalt bliebst und ruhig! Wie seelig und stolz mich Dein erstes Geständniß über mich selbst erhob. Ja, über mich selbst! In meiner Eitelkeit und Freude wußt' ich des Uebermuthes kein Ziel, und versagte mir selbst die holde Frucht, immer weiter hinaus den Tag der Erwiedrung, den ersehnten, lohnenden, rückend. – Blödes Menschengeschlecht! Noch immer nicht gewitzigt, so Manchen auch Trennung und Tod schon vor seinen aufgesparten Freuden hinweggerissen hat! – Höre nun! Höre nun schnell! – Der Feinde Aufbruch ist nah; sie werden Euch vorher noch mit aller Macht anfallen, vielleicht schon Morgen. Reite, flieg' in's Lager zurück mit der Kunde. Noch schneller flieg' wieder her, mein lieblicher Held, wenn die Sterne am Himmel 254 stehn. Eine Nacht, wenigstens Eine, muß unser sein. An der Süderpforte soll Dich Clotilde erwarten. Alwin, stumm in der wonnigsten Ueberraschung, antwortete nur mit einem flammenden Blick. Wie berauscht sprengte er in's Lager, sprach mit Adalbert so viele verständige Worte, als unumgänglich nothwendig waren, und indem er damit fertig ward, stampfte Anselmo's Rothroß schon den Boden, seinen neuen Herrn vor dem Zelte erwartend. Im Hui sprang er hinauf, im Fluge ging's durch die Abenddämmerung nach Flaminien's Zauberschlosse zurück. Flieg mein Roß, mein schneller Renner! Flieg' auf unserm ersten Ritt! so sang' er immer leise vor sich hin, und es war, als verstände ihn Anselmo's Pferd. Die Grashalme bogen sich kaum unter seinem flüchtigen Huf, die Hügel 255 hinauf, die Hügel hinunter, die Fußpfade zwischen den Büschen hindurch, hoch über die Hecken, leicht über die Gräben fort, so kamen Roß und Reiter, wie von gleicher Freude belebt, am Süderpförtchen der Burg an. Hast mich so gut getragen, mein Roß, sagte Alwin. Hier auf dem frischen Anger sollst Du weiden, und laß Dir die Zeit nicht lang währen, indeß Dein Herr im Paradiese weilt. Er hatte das Pferd bei diesen Worten abgestangt, und ließ es in eine umhegte Koppel hineinlaufen. Der Pfortering klang, Alwin trat in den blühenden, monderhellten Garten. Von allen Seiten nickten ihm die Gebüsche wie einladend zu, alle schienen ihn neckend festhalten zu wollen, lockten ihn von einer Laube zur andern, bis er Lichter aus Flaminiens Schlafzimmer blinken sah, und vor einer offnen 256 Seitenthür des Schlosses stand. Drinnen bezeichneten Lampen mit lindem, vertraulichen Schein die Wege zum süßen Ziele hinauf. Wohlgerüche dufteten, der glühende Jüngling schlich leise leise, mit hochschlagendem Herzen über die schöngewundne Treppe, an der nächsten Thüre rauscht' es wie von seidnem Gewande, sie ging auf, und Flaminia stand vor ihm, leicht gekleidet, fast unverhüllt jeglicher jugendliche Reiz, jegliche zarte, weibliche Form, er führte sie, er trug sie wollusttrunken in's blumenumkränzte Gemach, und sein ward alle Wonne und Herrlichkeit der Liebe. Stunden waren vorübergeflohn wie Minuten, ein heimlich Geplauder hatte sich milderer und belebend durch ihre Entzückungen geflochten, als Alwin bemerkte, daß Flaminia öfters in seinen Armen bleich ward, und ihr Haupt an seiner Brust zu verbergen strebte. 257 Warum mir die Spiegel meines Himmels rauben? fragte er, die leuchtenden Funken aus meiner Freudensonne? Laß mich von neuem lesen in diesen süßen, stolzen, wollüstigen, bänglichen Zügen, was mich erhebt und beglückt über alle Söhne der Erde hinaus. Er faßte sie liebkosend unter das Kinn, und wandte das bezaubernde Gesicht zu sich empor. Aber nein, fuhr er fort, es ist nicht mehr das Zagen der hingebenden Liebe, was diese Rosen bleicht. Es ist der Schreck, die bange Furcht. Liebe! was kann Dich so feindlich aus unsrer Wonne erwecken? Du Glücklicher, sagte Flaminia, Du hast nicht gehört, was mir schon seit einer halben Stunde ins Ohr drang. Auch ich wollte nicht hören. Wie ein krankes Kind, wenn's den Ruf der Mutter verschlafen möchte, die ihm Arznei bringt, und es vor sich selbst und 258 Andern thut, als schlummert' es fest und fester, sein Haupt in die Küssen drückend, so wollt' auch ich mir's abläugnen, mich betäuben, und drückte mich fest an Deinen Busen an, in Deine Locken hinein, – aber es wird lauter und heftiger. Höre das Schießen! Höre! Schon wieder. Und ganz in der Nähe! Alwin vernahm wirklich einige Musketenschüsse, dem Ansehn nach nicht weit vom Schlosse, und weiterhin rollte ein schärferes Feuern, zwei bis drei Schläge vom groben Geschütz schmetterten drein. Die Ehre trat in ihre Rechte; aufspringend griff er nach seinem Pallasch. Mein tapfrer Freund, rief Flaminia, schlage sie, treib sie zurück, vernichte sie, laß sie Deiner Geliebten nicht schaden. Sie zitterte wieder heftig. O, ich Espenlaub, fuhr sie fort. Will denn der Sturm uns keinen 259 stillen, freundlichen Abschied gönnen? Ihm zum Trotz, Alwin! Freudig sollst Du mich sehn, freudige Bilder von mir mit hinwegnehmen, daß sie Dich einst wieder zurücklocken in meine Arme. Feindlich drohend Geschick! Ich will, will noch die letzten Tropfen des Kelches schlürfen in all' ihrer Lieblichkeit. Sie drückte einen Kuß auf Alwins Lippen, glühender als jeden frühern, denn eine fieberhafte Angst jagte Flammen durch sie hin. Siehst Du? rief sie, wir scheiden lustig, ohnmächtigen Drohungen zum Hohn. Wie trüb' die Lampe schon brennt! Aber ich könnte sie aus meinen Augen wieder anzünden. Das fühl' ich, fühl's an ihrer unbändigen Gluth. Wirklich brannten ihre Blicke, von Liebe, Angst und gewaltsamer Anstrengung erregt, wie zwei furchtbare Flammen. Nun geh', mein Liebster, geh' mein Held, rief sie laut, und 260 Alwin schwankte, wie im Traum, die Steigen hinab drauf die Lichter schon größtentheils erloschen waren. Ungewiß tappte er öfters an den Wänden umher; als er die Thür nach dem Garten zu aufstieß, war's draussen neblich und finster, der Mond stand ganz bleich über den nördlichen Gebirgen, die Gänge und Gebüsche sahen unbekannt und seltsam aus. Feuchte Morgenkühle hauchte über sein glühendes Gesicht; an der Pforte wartete Clotilde, vom Froste halb erstarrt; und nahm mit schläfriger Geberde und eiskalter Hand, das Gold, welches er ihr darbot. Darauf schlug sie hinter ihm die Thüre zu, und er hörte sie mit schnellen Tritten nach dem Schlosse zurückfliehn, durch ein innres Grausen gejagt. Fernher tönte das dumpfe Schießen von der Gegend des Lagers heran. Indem Alwin sein Pferd wieder suchen wollte, fand er die 261 Gatterthür zur Koppel offen, und gewahrte, beunruhigt innerhalb derselben umherblickend, eine Menschengestalt, die sich mit dem scheuen Hengste herumarbeitete, und vergeblich voll seltsamer Unbehülflichkeit hinaufzuklimmen strebte. Laß ab von meinem Roß, schrie Alwin durch die Nacht. Da schauderte die Gestalt zusammen, und klomm mir erneuter Anstrengung hinauf. Nun saß es droben, das unförmliche Gebild, und der Hengst trabte schnarchend und langsam damit über die Wiese. Plötzlich stürzt' es herunter, hielt aber den Zügel fest, und das entsetzte Thier zerrte bäumend, sich los zu machen. Alwin kam herzu, und erkannte einen Blutenden, der in Wundfieber und Wahnsinn hier hergerathen war. Die Katholiken hauen lauter Kreuzhiebe, murmelte er vor sich hin; sie haben mich geseegnet. – Beute, meine Beute! 262 stöhnte er noch einmal auf, indem Alwin die Zügel aus seiner krampfhaft zusammengezognen Hand losmachte, und sank gleich darauf in Ohnmacht zurück. Schaudernd sprang Alwin in den Sattel, der vom Blute des Wunden naß geworden war; das Pferd schnob und prellte scheu von der Seite, als habe es noch seinen unheimlichen Reiter auf sich, und flog endlich schäumend in den Wald hinein. Achtes Kapitel. Der Tag stieg heller herauf, das Schießen tönte näher und heftiger, aus Alwin's Gemüth verschwanden allgemach die nächtlichen Schauer, und gaben der Schlachtlust Raum, nur sein Barberhengst blieb noch scheu und 263 wild, wie vom Wahnsinn des Verwundeten angesteckt, so daß er oft schneller durch Wald und Thal sprengte, als der Reiter es eigentlich wollte, der Trense und Schenkel unaufhörlich brauchen mußte, um das schäumende Thier nur einigermaaßen in der Gewalt zu behalten. Schon waren einige Kugeln scharf über ihn hin geflogen, er mußte nah' am Kampfplatz sein, vielleicht schon mittendrauf, da trabte eine Reiterschaar ihm entgegen, Adalbert an der Spitze. Zur guten Stunde, rief dieser, Alwin! Nachtschwärmer! Es gilt! Sie drängen uns mit all' ihrer Macht, mit Fußvolk, Feldschlangen und weiß der Satan was noch. Auf dem Felde jenseits marschieren Hakenschützen, um Balderich zu überflügeln; sie verlassen sich auf den Busch hier, darin ihre Jäger liegen, aber weiter hinunter wird's lichter, und man reitet nothfalls durch. Führt 264 das aus. Ich laß Euch Eure Halberstädter, und will nun von dort aus die feindlichen Reiter in Respekt halten. Damit warf er das Pferd herum, und jagte zurück. Alwin trabte auf den angewiesenen Wege mit seinen Kampfgenossen fort, die sich freuten ihren jungen Führer an der Spitze zu sehn. Ein Reiter sang: Was macht den Helden sein Herze groß?       Der Schlacht Getos. Wo liegt er aber in Freuden warm?       In Mädchen's Arm. Und kommt er 'mal später auf's Waffenfeld, So weiß sein's Gleichen was fern ihn hält. Die andern Reiter lachten, und Alwin mußte mit einstimmen, so unbefangen er sich auch zuerst hatte anstellen wollen. Rechts wurden die Bäume schon einzelner, das Strauchwerk weniger dicht: man zog sich 265 näher an die Waldung. Durch's Gezweige drang der Dampf aus den Gewehren der Hakenschützen, man hörte sie ganz nahe schießen und rufen. Plötzlich zeigte sich eine offnere Stelle, wenige Jäger zu deren Deckung drin. Rechts schwenkt Euch! rief Alwin. Galopp. Drauf! Die Jäger feuerten erschreckt und unsicher, Alwin's Reiter jubelten laut, und sprengten ihm nach, während sein Hengst in voller Wildheit durchging, aber Alwin war jetzt eines Sinnes mit ihm: die Sporen drückte er ihm noch in den Leib, denn jenseits sah' er die Hakenschützen, die den Anfall merkten, und zusammenlaufen wollten, um eine feste Stellung zu nehmen. Zu spät. Die Halberstädter waren rasch durch den Wald, und hieben das Fußvolk einzeln nieder. Alwin, von seinem wilden Roß weit vorausgetragen, sah die feindliche Reiterei geschlossen ansprengen. 266 Apell! Trompeter! rief er, Apell! Der nächste, der ihn eben hörte, blies, aber die Feinde waren zu nah, die Halberstädter verloren, hätte nicht Adalbert aus einem nahen Busche auf die Angreifer losgestürmt. Diese stutzten, wandten sich zur Flucht, und Adalbert rief im vorbeijagen: laßt Euch nicht stören! Dort unten haben sie zwei Feldschlangen. Nehmt sie! Alwin warf mühsam sein tolles Roß nach der bezeichneten Gegend herum, einige Reiter sammelten sich um ihn, sie eroberten das Geschütz, indem es eben abfahren wollte. Der Feind verließ hierauf die bisher behauptete Stellung, aber durch seine Uebermacht ward ihm der Rückzug erleichtert. Man focht den ganzen, heissen Tag hindurch, Adalbert war allerwärts; bravo, lieber Knabe! rief Balderich einigemal dem kecken Alwin zu, wenn er ihn mit seinen Reitern 267 vorüberfliegen sah; gegen Abend zerstreute sich der Feind in rettungslose Flucht. Eins der wenigen Feldstücke, die er noch gerettet hatte, feuerte von jenseit eines Baches herüber in die Flanke der Sieger. Kehrt Euch nicht dran, Halberstädter, rief Alwin. Haut nach! Die Reiter folgten ihm, der wilde Hengst begann erneuten, tollen Flug, da faßte ihn eine Ladung der Feldschlange dicht vor dem Sattel, er wollte mit seinem Reiter einen Abhang hinunter. Im Staub und Gewirr hatte es Niemand gesehn, und nachdem sich Alwin von seinem tollen Pferde losgemacht hatte, stand er einsam unter vielen Leichen. Die Schlacht tobte weit abwärts hin. Auch hier war hart gefochten worden. Freund und Feind lagen durcheinander, von harten Wunden gezeichnet. Einige Schritte von sich, unter einer verwitterten Eiche glaubte Alwin die rothe, 268 goldgestickte Schärpe Hartwalds zu bemerken; erschreckt gieng er drauf zu; und fand wirklich den todten Körper seines Freundes. Eine tiefe gräßliche Hiebwunde ging in den Hirnschädel hinein, geronnenes Blut war durch das schwarze Haar gedrungen, und starrte auf dem bleichen Angesicht. Alwin stand im stummen Entsetzen davor. Das ist die Herrlichkeit der Welt und der Schmaus der Sinnen, sagte Emilie die, von Alwin noch unbemerkt, hinter dem alten Eichenstamme gelegen hatte, und sich nun langsam empor hob. Laß es Dir von Hartwald predigen, wenn Du es noch nicht weißt. Er verstand sonst ganz andre Reden zu halten, nun ist er wider Willen zum entgegengesetzten Beweise gelangt. Wie hübsch man sich Alles in der Welt zu verleiden weiß: Die Sünde mit Myrten, den Tod mit Lorbeern. Blüht 269 was von Myrten in meinem verwirrten Haar? Was von Lorbeer auf dieser bleichen, blutigen Stirn? Eine Hirnwunde ist gar ein seltsamlicher Prophet, wenn sie nur gefaßt hat. Lustiges Kriegerleben, rühmliches Ende, so hieß es immer bei unsern Gelagen. Dies ist ja wohl ein rühmliches Ende; mindestens wird es dafür gelten in allen Berichten, mündlich und schriftlich; und ich kann nichts Liebliches dran sehn. Blick einmal recht scharf hin, Alwin, ob Du dergleichen gewahrst. Da müssen wir alle mit; auf tausendfache Weise faßt uns das alte Gerippe, plötzlich den bunten Schleier wegreissend, den wir über sein häßliches Grinsen gedeckt hatten. Du, Du, der Du mich hörst, ich, ich, die zu Dir rede, wir werden so gräulich aussehn, als Hartwald eben vor uns liegt, wir werden verwesen, und bei den Würmern liegen, ihr Fraß, in der dumpfen 270 Erdenluft fest, die uns jetzt aus einem Keller schon im Vorüberstreifen furchtbar anhaucht. Wir sind Alle blödsinnig, daß wir uns auf einen Augenblick von diesem Entsetzen losmachen können. Es waren unterdeß einige Reiter Hartwalds herangekommen, die den Leichnam ihres Heerführers still und traurig auf eine Bahre von Weidenästen legten, und Emilien einen Zelter vorführten. Ich ziehe wieder in's Kloster, sagte diese aufsteigend zu Alwin. Da behalte ich den Tod in stäter Buße vor Augen und werde mich gar nicht mehr wundern, wenn er nun endlich mit den Knochenfingern nach mir greift. Ich wollte Euch wohl die Hand zum Abschiede reichen, aber was soll Gebein und Gebein so schauderhaft an einander streifen? Sterbt wohl. Und damit wandte sie ihr Pferd. 271 Alwin hatte dies alles stumm und bebend angehört; nun starrte er mit Anstrengung all' seiner Sehkraft dem Zuge nach, der sich langsam fort bewegte mit der Bahre über eine unabsehbare Haide. Er hörte endlich, daß man ihn einigemal bei seinem Namen rief, und ging unsichern Trittes, wie ein erweckter Nachtwandler, den Abhang hinan. Neuntes Kapitel. Oben hielt Adalbert, und sobald er Alwin in's Auge faßte, sprengte er freudig auf ihn zu. Willkommen! rief er, willkommen! Wir suchten Euch schon lang', und waren besorgt, es werde sich ein Cypressenzweig in unsern 272 Siegskranz flechten. Denn gesiegt haben wir, herrlich gesiegt, fuhr er fort, indem er vom Pferde stieg, und dieses seinen Reitern übergab. Wir hättens uns nicht besser wünschen können, als es gekommen ist. Morgen geht unser Zug ungehindert zum Herzog. Laß Dich umarmen, und werde mein Bruder auf dem rühmlichen Schlachtfeld. Alwin trat beschämt zurück. Ich bin noch ein so junger Soldat, sagte er, und Ihr ein so berühmter Feldherr; wie sollt ich Euch Bruder heissen? Hat Dich der Genius des Krieges begrüßt, mit dem vertraulichen Bruderkuß der Weihe, rief Adalbert, wie sollt' ich zu vornehm sein, Dir ein Gleiches zu thun? Auf Du und Du. Waffenbrüderschaft auf Leben und Tod! Alwin flog stolz und froh in seinen Arm. 273 Zwei kühne Geister, berührten einander in hochauflodernder Flamme. Die beiden Freunde gingen zusammen auf's Lager zu. Sie sprachen viel von der Schlacht, vom glücklichen Loos eines Kriegsmannes, von unverbrüchlicher Brudertreue. Du weißt sie zu halten, sagte Adalbert; das sah' ich, als Du Anselmo aus dem Lager führtest. Ich kannt' Euch wohl, und war's, der Euch den Weg zeigte, damit Ihr nicht auf den alten Balderich träft. Weißt Du aber wohl, daß dieser einen neuen Kampf für Dich bereit hält, einen schlimmern, als der mit den katholischen Heerhaufen war? Aline ist bei ihm, und wir sind zu seinem Zelte geladen. Nein, nein! rief Alwin, und suchte sich von Adalberts Arm loszumachen. Gieb mir ein Roß, und laß mich dem Feinde nach. 274 Zeig' Dich als Mann, jetzt wie immer, erwiederte Adalbert. Du darfst nicht erröthen, ihr unter die Augen zu treten. Ich habe sie so gar innig geliebt, seufzte Alwin, und nun ist sie die Frau eines Andern, und nicht meines Freundes! Die Weiber sind Engel auf dunkeln Wegen, sagte Adalbert, Geleiterinnen aus einer höhern Welt. Du mußt sie nicht nach unserm Maaßstabe messen, wenn Du Dich an ihrem Licht erheben willst, und dennoch bei Sinnen zu bleiben gedenkst. Grüble nicht über die herrliche Erscheinung; nimm sie froh und dankbar auf, spiele freundlich in ihren Strahlen, ohne zu forschen, warum sie eben so hell sind. Ich habe sie so gar innig geliebt, wiederhohlte Alwin. Das ist mir heute ein 275 seltsamer Tag. Ich träume doch wohl nicht? Wie ist sie denn hierher gekommen? Auf einem benachbarten Schloß, antwortete Adalbert, wartete sie den Ausgang unsres Kampfes ab. Nun hat sie Thorwald in's Lager geführt, und sie wird die nächsten Tage hindurch unter unserm Schutze mit reisen. Nachher geht sie von uns ab auf die Güter ihres Gemahls. Ruf Deine Kraft empor, Deinen edlen Muth, lieber Bruder; wir stehn vor Baldrichs Gezelt. Sie traten hinein, alles war zur lustigsten Kriegesfeier bereitet; die leinenen Wände glänzten hell im Schimmer zahlreicher Lichter, Edelknaben trugen gefüllte Becher umher, an einzelnen Tafeln hatte sich zusammengefunden, was sich am besten mit einander zu ergötzen dachte. Durch all' das frohe Gewimmel warf Alwin einen spähenden 276 Blick, und erkannte seine Blume, sein holdes Leben, Alinen; lockender und schöner als je, im reichen Schmuck, in heller Beleuchtung, welche seltsam gegen das eben verlaßne Abenddunkel abstach. Er wollte sich ihr nähern, er wußte sich von ihr bemerkt, denn ein leichtes Roth flog über ihre Wangen hin, und ihr Blick wandte sich wie unwillkürlich zur Seite, – da trat ihm Thorwald in den Weg. Einen Brief von Eurer Braut, sagte er, und übergab ihm das zusammengerollte Blatt. Während Alwin es entfaltete, warf er scheue Blicke auf Alinen. Sie sprach höchst unbefangen mit ihrem Vater, als sei eben gar nichts Bedeutendes vorgefallen. Der Jüngling fand sich dadurch auf's höchste gekränkt. Schnell wandte er sich abwärts, und fiel Thorwald um den Hals. Tausend, tausend Dank! rief er aus, daß Ihr so gute 277 Nachricht von meiner himmlischen Beatrix bringt. Beatrix, meine liebe Braut! Und wieder begann er den Brief zu lesen, und wieder schaut' er drüber hin nach Alinen, aber sie schien ihn keinesweges zu bemerken. Nun dann, rief er, und stampfte auf dem Boden. Wie wird Euch? fragte Thorwald. Ach was! sagte Alwin. Es ist eine unbedeutende Zugabe, ein Wermuthstropfen in den Freudenbecher, auf daß man doch immer seiner Menschheit gedenke. Damit küßte er noch einmal seinen Brief, und wandte sich zur lustigen Gesellschaft, öfters wie achtlos, an Alinen vorüberstreifend. Indem er um Mitternacht nach seinem Zelte ging, sagte er leise vor sich hin: Weh! Weh uns Allen! Wir sind erbärmliche Schauspieler, und wenn wir meinen, das Beste 278 gethan zu haben, faßt uns der feindselige Geist am kecksten in den Nacken. Ich wollte, daß ich läge, wo Hartwald liegt. Beatrix würde deswegen nicht in's Kloster gehn, und Aline spräche wohl einmal davon, wenn sie grade nichts Bessres zu reden wüßte. Zehntes Kapitel. Die Heerhaufen zogen ungehindert ihres Weges, mit Gefangnen und eroberten Panieren und Feldschlangen. Alles jubelte und sang, Alinen's Wagen fuhr beständig in der Mitte des Zuges; sie sprach oft und gütig mit den vorbeisprengenden Kriegern, nur Alwin sah sich wie verbannt aus dem Kreise dieser lebenden Strahlen. Er fühlte es wohl, daß er selbst die Veranlassung dazu gegeben hatte, durch sein unartiges Nichtbemerken an jenem ersten Abend, redete sich aber ein: dies sei die rechte, männliche Festigkeit, und er verfahre so, wegen seiner treuen Freundschaft zu Anselmo. In den kleinen Städten, worin sie jetzt mehrentheils Nachtquartier nahmen, feierte Balderich zu Ehren des geliebten Töchterleins an jedem Abend ein Fest, wozu er alle bedeutendere Kriegsleute einlud. Alwin konnte daher nicht ausbleiben, und hätte es eigentlich auch ungern gethan: fand er doch all' seine Lust und all' sein Leid in Alinens himmlischen Augen, und konnte sich mit rechter Wonne in seinen Jammer versenken, wenn er die schöne Frau mit Andern freundlich reden sah, ihre unendliche Lieblichkeit und Grazie in jeder Bewegung, immer zaubrischer das Lächeln des feinen, rosigen Mundes. 280 So waren mehrere Tage hingegangen; am Abende des letztern, den Aline unter dem Schutze des kleinen Heeres gereist war, hielt Balderich ein vorzüglich glänzendes Abschiedsfest. Die Königinn desselben war schöner als je, Tanz und Freude hatte ihre Reize erhöht, und Alwin bemerkte, daß auch auf ihn ein gütiger Blick gefallen war. Zitternd näherte er sich ihrem Stuhle, und sagte: dürfte ich mir auf ein Paar Worte Gehör erbitten? Recht gern, lieber Alwin, antwortete sie freundlich. Aber wir haben wohl mehr mit einander zu besprechen, als es der flüchtige Augenblick gestattet, Ihr seltsamer Mensch. Ich werde es zu machen wissen, daß wir bei Tisch nebeneinander sitzen. Es geschah, wie sie gesagt hatte. Mit einer zierlichen Wendung rief sie Alwin beim Mahle neben sich, seiner Thaten in den 281 vergangnen Treffen gedenkend, und er saß der lieblichen, langersehnten Gestalt zur Seite, in trunknes Anschauen verloren, von süßer Verlegenheit gebunden, während Wein und Speisen im üppigen Gemisch um die Tafel kreisten, und Gäste in vollen Zügen der dargebotnen Lust genossen. Ich habe mich so lange darnach gesehnt, mit Euch zu reden, fing er endlich leisen Tones an, und nun weiß ich nichts, gar nichts, als daß ich thöricht gewesen bin, und Euch demüthig um Vergebung bitten muß. Ihr habt mich wohl ganz verkannt? fragte Aline. Nicht das, erwiederte er, denn von meinen tollen Verstandes-Spekulationen kann gar nicht die Rede sein. Sie waren nur trübe Regenblasen, die den klaren Spiegel meines Innern trübten. Euer Bild leuchtet drin 282 wieder, nah, in voller Herrlichkeit und Gegenwart, da verschwimmt jegliche stöhrende Welle, die ganze Fluth ringt nur, aufzufassen was ihr geboten wird, und freut sich still und klar des Abglanzes ihrer Sonne. Ihr meint es gewiß so, sagte Aline, denn Ihr seid ein guter, ehrlicher Mensch, aber ich reise Morgen, und die Abwesenheit könnte wieder dunkle Schleier vor das Licht ziehn, welches Ihr jetzt Eure Sonne nennt. Ihr müßt wenigstens etwas von den Gründen meines Betragens hören. Ihr müßt, wiederhohlte sie, als Alwin einen Versuch machen wollte, ihre Rede zu unterbrechen; ich will es so. Und der Jüngling saß lauschend und regungslos neben ihr: Anselmo hat mich geliebt, fuhr sie fort, ich glaub' es, weil ich gutmüthig genug dazu bin. Sonst möcht' ich ehr denken, er habe 283 mich hübsch genug gefunden, um die Zeit in meiner Anbetung zu vertändeln. Heißt doch nur das nicht Treue, Ihr Männer, wenn Ihr ein Mädchen heirathet, weil Ihr nun einmal Euer Wort gegeben habt, und keine Schlechtigkeit begehn wollt. Nein! nein! Die Treue ist mit der Liebe unveränderlich Eins. Wo diese verbleicht, hat auch jene schon ihre heiligsten Bande gelöst. So stand es mit Anselmo. Er freute sich vielleicht darauf, mich künftig einmal zum Altare zu führen, aber bis dahin sollte noch manches fremde Ergötzen durch seinen Sinn ziehn. Bothschaften hat er mir gesandt, aber flüchtige, mit drei Zeilen abgefertigt, aber noch lieber, mit einem mündlichen Gruße, wohl gar unversiegelten Lippen anvertraut. Ich fühlte unser Band gelöst, ein edler, trefflicher Mensch warb um mich, und ich ward sein. 284 Alwin seufzte tief und schmerzlich. Könnt Ihr mich tadeln? fragte Aline. Nein, sagte er, aber daß Ihr nicht mehr Anselmo's wart, nicht als wir Abschied nahmen, und nun einem Andern gehört! Ich Unseeliger! Aline sah ihn staunend an. Verachtet mich nicht, scheltet mich nicht, fuhr er fort, wenn ich das tiefste Geheimniß meines Herzens über die Lippen strömen lasse. Kein reineres Geständniß hat je ein Beichtstuhl empfangen, keins freier von Hoffnung auf das ersehnte Heil. Er schwieg einen Augenblick, und sagte dann mit leiser Stimme: ich liebe Euch unaussprechlich, Aline. Sie sah ihn hold und mitleidig an, und erwiederte: ich nehme Euer Geständniß, wie Ihrs gebt. Es bleibt verschwiegen in 285 meinem Sinn, und auch Euch lege ich auf, daß Ihr es nicht mehr über die Zunge bringt. Wie Ihr wollt, und was Ihr wollt, sagte Alwin. Die heilige Gluth soll still und fromm an diesem äußern Wesen zehren. Nur Eins noch, nur das Eine! Hättet Ihr mich lieben können, wenn nichts Andres in meinen Weg getreten wär? Darauf giebt es eigentlich keine Antwort, erwiederte Aline. So ist es wie es ist, und hat eben nicht anders sein können. Aber ich kenne kein Gefühl für Euch, als herzliches, schwesterliches Wohlwollen. O, Ihr feindlichen Klingen, rief Alwin aus, was traft Ihr so schlecht! Ruhe, lieber Freund, sagte Aline, und gab ihm die Hand. Ist das Eure fromme, uneigennützige Beichte? 286 Ich ergebe mich schon, antwortete dieser, aber um Gotteswillen, werdet nie anders gegen mich, nie etwa so fremd und höflich und zurückhaltend, wie gegen Einen, den man zum ersten Mal sieht. Es wär' mein Tod. Aline konnte nichts erwiedern, denn Thorwald trat eben hinter ihren Stuhl, und erzählte, wie er ihre Reise auf Morgen angeordnet habe. Seine Berichte waren höchst umständlich, er ward dem jungen Manne wieder eben so fatal, als an dem Abend, wo er zuerst in Rudolphs Bergschloß trat, und die Geschichte vom jungen Kunrath mit seinen Wegerkundigungen unterbrach. Das Mahl ward aufgehoben, und man ging auseinander, ohne daß Alwin einen ungestörten Augenblick gewinnen konnte, um Abschied von der Geliebten zu nehmen. 287 Eilftes Kapitel. Auf dem stillen, freudenlosen Marsche, welchen die Schaaren am Morgen von Alinen's Abreise zurücklegten, theilte Alwin seinem Freunde Adalbert mit, was ihm am vorigen Abend begegnet war. Ich habe nie etwas Bessres von dem Augenblicke erwartet, wo ich ihr meine Liebe bekennen würde, so schloß er die Erzählung, und mußte doch mit der innigsten Sehnsucht drauf harren. Die Phantasie hat mich auch gar nicht betrogen; es war Alles so schön, so göttlich, kann ich wohl sagen, als ich es je in Visionen gesehn hatte,. aber nun es vorbei 288 gezogen ist, hat das Leben seine Farbe verloren. Ich begreife jetzt, warum man durch kühne Blicke in die Sonne geblendet wird. Verstehst Du mich nicht, Adalbert? Du siehst mich so fragend an. Ich kann Dir das nicht besser aussprechen, als in folgendem Liede.     Hell ist im Leben Frühe die Bahn; Hoffnungen schweben Golden voran. Zauberisch mahlen Glänzende Strahlen Rings Dir den weiten, entblühenden Plan.     Ahnung erwecket Lieb' in der Brust; Oefters wohl necket Täuschende Lust, Nie doch verzagend Ringest Du wagend, Bist Dir der höhern Verheißung bewußt. 289     Bis nun die Stunde Wirklich erscheint Schmerzender Wunde Wonne sich eint, Himmel sich neigen, Hold Dir und eigen, Und Dich die Freude zu halten vermeint.     Aber vorüber Wandelt Dein Glück; Einsam, o Trüber, Bleibst Du zurück. Feindliches Bangen Hält Dich gefangen, Nicht mehr in Hoffnung erhebt sich Dein Blick.     Schauest nicht weiter Sehnend hinaus; Blutender Streiter, Ruhe nun aus. Sah'st wie die Blüthen Alle verglühten Wandelst entsagend in's friedliche Haus. 290 Es muß wohl solche Gemüthsstimmungen geben, sagte Adalbert, aber ich habe sie noch nicht erfahren. Mir kommt jeder Fortschritt vor, wie die Stufe einer unendlichen Leiter, drauf ich beständig bergan klimme, mit der neuerstiegnen, auch eine neuzuersteigende gewahrend. Als Mathilden das erste Geständniß der Liebe von den Lippen flog, war's als verhieß es mir eine Krone, die uns Glückliche mit dem rechten Schimmer bestrahlen sollte. Du bist immer glücklich gewesen, antwortete Alwin. Du hast nur gewollt was Du erringen konntest. Mit mir verhält es sich anders. Ich weiß, daß ich die Arme nach einer Wolke ausstrecke, und der Augenblick, wo mir's erschien und auch nicht erschien, wo Täuschung und Wahrheit sich auf's innigste durchdrangen, das ist der höchste und der einzige meines Lebens. Ich drücke mich schon 291 wieder verworren aus, ich weiß selbst nicht recht was ich will, und müßte unendlich viele Lieder erfinden und singen, wenn ich Dir begreiflicher machen sollte, was mich quält und freut. Nur eins von den vielen, sagte Adalbert. Recht gern, erwiederte Alwin, und sang:   Morgenroth und Abendroth, Sagt, wannehr in Eins verglommen, Sagt, in Liebe wann verschwommen, Keines mehr des Andern Tod?   »Wenn die Glocke zwölfe schlägt, Mittags, wenn die Arbeit ruht, Keiner was ihm mißhagt thut, Und der Tisch das Essen trägt,«   Ach, da klingt's ja nimmermehr Von Gesang in hohen Lüften, Haucht's ja nicht von Blumendüften, Wird das Leben dumpf und schwer. 292   »Ist doch in der Möglichkeit Möglich nichts als diese Art. Willst Du's Anders? Das bewahrt Traum in luft'ger Nichtigkeit.«   Lust'ges Dichten, träumend Nichts, Nicht'ger Traum, o sei willkommen, Bin die Kerze, gern entglommen An den Spielen Deines Lichts. Hier wurden sie unterbrochen. Es kamen Meldungen von einem feindlichen Haufen, der sich rechterhand des Marsches, in der Entfernung von einigen Stunden gezeigt habe. Alwin erhielt den Auftrag, mit hundert Reitern nach der benannten Gegend hinzustreifen, um zu erfahren, was an dem Gerüchte sei, wo möglich auch den Feinden etwas abzugewinnen. Er brach auf, und marschirte den übrigen Theil des Tages schnell und mit vielen 293 ausgesandten Blänkern fort. Die Nachrichten von der Nähe des Feindes bestätigten sich: er sollte ziemlich stark sein, wohl stärker als Alwins Haufen, aber ängstlich und schleunig weiter ziehn, als habe er etwas Wichtiges zu geleiten. Alwins Halberstädter begehrten laut, fast ungestüm, man solle die Katholiken verfolgen; er selbst fühlte sich von den kühnsten Hoffnungen begeistert, einige alte Reiter nannten sich des Landes kundig, man zog fort, zum Trotz der einbrechenden Nacht. Es war bereits ganz finster geworden, im Walde hatte man ohnehin vor den hohen Baumwipfeln schon früher den Boden nicht mehr mit Sicherheit unterscheiden können, und nun hielt der ganze Trupp am Rande eines tiefen Hohlweges. Die Blänker waren mit ungewissen Nachrichten zurückgekommen, und die sich der Kenntniß der Gegend gerühmt 294 hatten, gestanden nun ihre Unfähigkeit, irgend eine sichre Richtung anzugeben. Man rückte ungewiß und still neben dem Hohlwege fort. Drunten schien sich auch etwas zu regen. Alwin blickte mit Anstrengung hinunter, und sah Bewaffnete reiten. Endlich leuchtete fernes Licht von Fackeln heran. Sein Pferd ward darüber scheu, es glitt aus auf dem feuchten Moose, und stolperte in den Hohlweg hinunter. Unten jedoch riß es der Reiter wieder in die Höh', und hörte neben sich sagen: Das war ein harter Sprung! Wo hat's Euch denn auf die Klippen geführt? Alwin wußte nun, daß er unter Feinden war, schon aus der Mundart des Sprechenden, der weiter fortfuhr: Da oben reitet's ja noch. Seid Ihr denn allsammt besessen. Habt's nicht gehört, wie 295 der Hauptmann expreß verboten hat, daß wir uns nicht mit Seitenwachen und dergleichen Zeugs abgeben sollten? S'hat hier keinen Feind, und Eins könnt' Arm oder Bein unnöthiger Weis' in Stücken brechen. Seid vielleicht vom zweiten Trupp? Alwin bejaht' es kurz und dumpf, um sich nicht zu verrathen. Konnts gleich denken. sagte ein Zweiter, der sich auf der andern Seite zu ihm gesellte. Da meint der junge Rheingraf, er hätt's allein begriffen, und könnt Ordonanz machen nach eignem Belieben. Ja, hat sich was! Weiß er doch nit mal wozu wir ausgezogen seind, und was wir g'fangen haben. Das wäre! erwiederte Alwin aufmerksam horchend, und zugleich umschauend nach seinem Trupp, der immer näher herankam, wie 296 die Wand des Hohlwegs sich nach der Ebne zu abwärts senkte. Kannst es glauben, Kamrad, fing der Erste wieder an. Wir wissen's, und Dein Rheingraf weiß es nit. Willst's hören? Gern. Wir haben einen Fang gethan, einen Fang dergleichen nit mehr giebt. Schau! Da hat ein alter Ketzerobrist, Balderich heissen sie ihn, ein Töchterchen gehabt  – Hat's nicht mehr? fragte Alwin zitternd. Freilich nit mehr, Du Narr, kam die Antwort zurück, aber wir haben's, haben's ihm aufgefangen wie es nach 'nes reichen Grafen Schlössern reiten wollte, an den er's verehlicht hat. Nun führen wir's in der Sänften dort hinter uns her, und der alte Ketzer muß Friede machen, und der Schwiegersohn uns die Schlösser öffnen. 297 Alwin's Schwerdt war schon unter dem Mantel halb entblößt. Seine Reiter klommen neben ihm noch einen hohen Fußsteig entlängst; er mußte warten. Und will er nit, fuhr der Sprechende fort, so mag er's lassen. Wir scheeren uns nicks drum. Sie wird ein Kind der heil'gen Mutter Kirche. Immer des Gewinnstes g'nug. 'Ne enge Zell' ist schon bereit, Drathgürtel und Klostertracht, das Dämchen merkt es wohl, Thrän' auf Thräne weint's – Ihr blutet! schrie Alwin. Seine Klinge flog rechts und links in die Gesichter der beiden Schwätzer. Marsch, Halberstädter! rief er den Berg hinan. Es gilt! Um Leib und Leben! Ehr' und Lust! Marsch! Marsch! Sie glitten, stürzten, sprengten in den Hohlweg hinunter. Das Gemetzel ward allgemein. 298 Wo die Fackeln wehten, wo die Sänfte unter trüben Schimmern sichtbar ward, dahin brach Alwin's Klinge sich Bahn. Die Feinde stürzten, wichen, riefen Pardon, Andre fochten in Verzweiflung; er hörte, er sah nichts als die Thränen der Geliebten. Einige Halberstädter drangen ihm nach; Einer von ihnen faßte die Fackel aus den Händen des Feindes, den Alwin eben niederhieb, der Nächste riß die Thür der Sänfte auf, und Alinens bleiches, wunderliebliches Antlitz glänzte dem jungen Sieger entgegen in der seltsamen Beleuchtung. Er sprang aus dem Sattel, ein dankender Blick fiel auf ihn aus den himmlischen Augen, anbetend beugte er die Kniee. Victoria, Victoria! scholl es von allen Seiten her. Die Nächsten riefen es nach, und ließen Braut und Bräutigam hoch leben, denn das waren, meinten sie, die 299 Gerettete und der Retter. Still! rief Alwin, wahnwitzige Thoren, still! Die Kriegsleute schwiegen erschreckt, er warf sich auf's Pferd, jagte an die Spitze des Zuges, und führte ihn gegen ein Städtchen hin, das auf dem Wege zu den Schlössern von Alinens Gemahle lag. Zwölftes Kapitel. Sie waren um die Zeit der Morgendämmerung schon nahe an das Ziel ihrer Reise gekommen, als man einen Reitertrupp meldete, welcher den Weg zu verlegen schien. Alwin sprengte mit einigen Andern vor, und erkannte bald den Secretarius Thorwald, der bei Alinens Entführung entwischt war, und 300 einige Kriegsleute ihres Gemahls an sich gezogen hatte, um dem Feinde seine Beute wieder abzugewinnen. Sie erklärten sich gegen einander, und Thorwald fiel dem jungen Manne mit ungewöhnlicher Herzlichkeit um den Hals. Ihr Glücklicher, rief er aus, Ihr müßt wirklich zu etwas Großem aufgehoben sein, denn so herrliche Dinge begegnen nur begünstigten Menschen. Ihr habt sie also wirklich befreit? Sie ist gesund? nicht allzuheftig ergriffen durch die Begebenheiten des gestrigen Tags und dieser Nacht? Ich weiß es selbst nicht genau, erwiederte Alwin. Gleich nach ihrer Befreiung sprengte ich wieder an die Spitze meiner Reiter, um alles zur Sicherheit des Marsches anzuordnen. Jetzt will ich Euch zu ihr führen. Er hatte sein Pferd schon herumgeworfen, 301 als Thorwald sagte: nein laßt, ich bitt' Euch. Wär' sie krank, hätte man's wohl gemeldet, und sie genießt vielleicht eben eines erquickenden Schlummers. Wir wollen sie nicht stören. Nach Euerm Belieben, murmelte Alwin mißmuthig, und lenkte wieder nach der ersten Richtung des Weges ein. Thorwald fing nun an, ihn zu befragen wie Alles gekommen sei, und warum, so daß sie in diesen Gesprächen bis an das Stadtthor gelangten, ja bis an das Haus, welches der Secretarius vorläufig zu Alinens Empfange hatte einrichten lassen. Gefreite von der Halberstädter Schaar näherten sich ihrem jungen Führer, nach diesem und jenem fragend, er ward dadurch erinnert, daß er noch keine Feldwacht ausgesetzt hatte, obgleich die Feinde doch immer in der Nähe standen, so daß er gleich zwanzig Pferde zum Haupttrupp bestimmte, zwanzig andre 302 für zwei Nebentrupps, und während dieser Anordnungen nur von fern sah, wie Aline aus der Sänfte stieg, Thorwalden mit ein Paar freundlichen Worten begrüßte, und unterm ehrerbietigen Geleit der gräflichen Soldaten in's Haus ging. Die Worte stockten ihm, er sprach verworren, und bedurfte aller Anstrengung, um die angefangnen Befehle mit einiger Deutlichkeit zu beendigen. Er ritt nun mit hinaus, um den Posten selbst ihren Standpunkt anzuweisen; die Sonne ging eben über eine fruchtbare, friedliche Gegend auf. Er fühlte lebendig, daß Thorwald Recht hatte, ihn einen begünstigten des Himmels zu nennen. Ein Unterpfand hatte ihm diese That gegeben für eine würdige Zukunft, Morgenwolken und Lerchen gaukelten um ihn her, Alles stand in wundervoller Klarheit da, so daß ihm selbst Gebürge, See'n 303 und Flüsse wie alte Bekannte erschienen, und der mitgenommene Bote kaum nöthig hatte, von Weg und Steg zu reden: dieser sah deshalb den jungen Anführer für einen Eingebornen an, und suchte durch allerlei verfängliche Fragen von ihm herauszulocken mit welcher Familie des Städtchens er eigentlich am nächsten verwandt sei. Er kam sehr heiter zurück; die Gewißheit, Alinen wiederzusehn, einen freundlichen Gruß von ihr zu empfangen. belebte seinen Geist, und die seltsamen Gestaltungen trieben wie mit Regenbogenfarben ihr Spiel darin. An der Thür empfing ihn Thorwald, und fragte sehr verwundert, was ihn noch hier zurückgehalten habe? Alwin sah nicht weniger verwundert aus; ihm war gar nicht eingefallen, daß er heute noch aufbrechen könne, und er blieb schweigend vor dem Secretarius stehn. 304 Dieser nahm ihn mit in ein Zimmer, welches man ihm im untern Geschoß eingeräumt hatte, und fuhr fort: Ich muß Euch heute früh unrecht verstanden haben. Mir kam's vor, als erzähltet Ihr von einem zweiten Trupp des Feindes, den ein junger Rheingraf anführe. Nun freilich that ich das, sagte Alwin. Und seid noch nicht aus, ihn zu fangen? fragte Thorwald weiter. Nein, antwortete der Jüngling erröthend und kurz, indem er sich nach dem Fenster wandte. Eure Pferde bedürfen wohl der Ruhe, meinte Thorwald. Alwin schwieg, und der Sekretarius sah' ihn unverwandten Blickes an. Wie lange braucht Ihr wohl zum Ausruhen und Futtern? fragte er endlich wieder, und als er abermals nur einen unwilligen 305 Blick zur Antwort erhielt, fuhr er fort: es thut mir leid, daß Ihr Euch einen der höchsten Augenblicke Eures Lebens zu verderben gesonnen seid. Ihr habt nun wirklich etwas Wackres, ja sogar etwas Schönes gethan, aber Ihr wollt das gewonnene Ehrenkleid abtragen, bis auf den letzten Faden, wo möglich. Schämt Euch und bewahrt es lieber unversehrt in Euerm innersten Heiligthum. Könnt Ihr Leute denn gar nichts thun, oder fühlen, ohne eine schlechte Parade damit machen zu wollen? Ihr habt mich durchschaut, brach Alwin los. Wohl! Ich gönn' Euch die Ehre, aber gönnt mir meine Freude. Sie ist Eurer Pflegbefohlnen unschädlich, Herr Abgesandter, denn Alinens Herz wird nimmer in meiner Gegenwart schneller schlagen: das weiß ich, dafür bürg' ich, ob auch Dankbarkeit ihr einmal 306 ein freundliches Lächeln gegen mich entlockte. Seltsamer Mensch! sagte Thorwald. Bildet Ihr Euch denn wirklich ein, daß eine ähnliche Besorgniß in mir aufgewacht sei. Darüber beruhigt Euch; ich weiß, daß sie Euch nicht liebt, und wahrscheinlich auch nie geliebt haben würde, unter welchen Umständen Ihr immer aufgetreten wärt. O harter Chirurgus! rief Alwin, und drückte die Hand fest auf sein Herz, als sei ihm dort eine Wunde schmerzhaft berührt worden. Ich meine es gut mit Euch, sagte Thorwald, und möchte Euch davon überführen. Euer Umgang ist für Alinen unschädlich, nicht so der ihrige für Euch; keine Dankbarkeit, die sie Euch schuldig ist, wird ihren Sinn zu höhern Flammen entzünden, als denen auch 307 der eifersüchtigste Soldan geruhig zusehen könnte. Euch aber möchte es leicht vorkommen, als hättet Ihr nun mehr zu erwarten, und Eure Hoffnung, grundlos und thöricht – Alwin war bei diesen Worten schon aus dem Hause gestürzt, ohne die Rede weiter anzuhören. Er ließ zum Ausrücken blasen, zog seine Posten an sich, und während Alinens schöne Augen noch von Schlaf und Mattigkeit geschlossen waren, rückte er schon auf die Gegend los, wo er den Rheingrafen erwartete. Er fand ihn, er griff ihn an, wie ein Verzweifelter, aber die Kugeln trafen ihn nicht, die Säbelhiebe zischten ihm vorbei. Siegreich, mit vielen Gefangnen, stieß er wieder zu Adalbert, den er im schleunigsten Marsch begriffen fand, weil ein Oberster von Herzog Christians Heer, Nachricht von einer Hauptschlacht 308 gebracht hatte, die man dort in den nächsten Tagen zu liefern dachte. Dreizehntes Kapitel. Balderich hatte den rüstigen Alwin von jeher lieb gehabt, seit der letztern That besonders war ihm sein ganzes Herz zugewandt. Oft wenn sie neben einander ritten, pflegte er ihn mit innigem Wohlgefallen anzublicken, und zu sagen: S'ist ein wackrer Knabe fürwahr! Hat doch so lange Zeit mein Töchterlein in Braunschweig gesehn, mit ihr zugleich dieselben Tänze und Schmäuse besucht, und wirft da sein Auge auf die Beatrix. Das ist der einzige dumme Streich, den er gemacht hat, 309 daß er nicht um Alinen anhielt, aber auch ein erzdummer. Ich hätte sie ihm so gern gegeben. Und was für ein Leben das geworden wär'. So ein lustiges Hochzeitfest nach unserm jetzigen Feldzuge, wo er sich die Braut selber gewonnen hätte, denn es wär' auf irgend eine Weise doch wohl gekommen; daß er sie aus den Krallen des Feindes gerissen hätte. Und so ein braver Soldat dann mit einer so hübschen Frau. Wenn Alwin auf diese oder ähnliche Reden, das feuchte Auge, die glühende Wange verbarg, suchte Adalbert das Gespräch zu unterbrechen, und die Streiche mitleidig abzuwenden. welche Balderich unbewußt gegen das Herz des Jünglings führte. Eines Morgens wollten kriegserfahrne Reiter starkes Schießen gehört haben. Adalbert sprang ab, und legte sich mit dem Ohr 310 an die Erde. Es ist so, rief er, und nach der rechten Gegend zu. Der Herzog hat den Feind schon getroffen. Man rückte nun rasch vor, achtlos darauf, daß einige Pferde zurück blieben, andre ermatteten. Besser müde Pferde, und wenige, als gar keine, sagte Adalbert, indem er den Zug nach allen Kräften beschleunigte. Gegen Mittag hörte man das Feuern sehr stark und nah. Es zieht sich gegen uns heran, sagte ein alter Reiter. Die Unsrigen weichen. Desto besser, fiel Adalbert ein, so kommen wir eben zur rechten Zeit, und machen's allein aus. Lustig. Halberstädter, singt Eins! Trompeter blaßt! Es geschah, wie er gesagt hatte. Die Schläge des schweren Geschützes, das Knattern des kleinen Gewehrs schallte immer lauter darin. Einige Flüchtlinge jagten ihnen aus dem nahen Gebüsch entgegen. 311 Adalbert sprengte voraus. Steht Kinder! Steht! Gesicht auf den Feind! rief er ihnen zu. Hier kommt Euch Hülfe, hier Entscheidung! Die Furchtsamen hörten nicht auf ihn, und jagten voraus. Schurken, rief er ihnen nach, und Schurken riefen die Halberstädter; Feldflüchtige! Memmen! – Werdet uns bald Gesellschaft leisten, schrie Einer zurück. Vorne geht's drunter und drüber. Der Tilly führt gegen uns, der hat den Teufel im Leibe! Weil Ihr ein Hasenherz habt! sagte Adalbert. Halberstädter, hört nicht auf die Schufte. Marsch! Trab! Es ging an Verwundeten und Todten vorbei, Adalbert stellte die Schaar hinter einem Berghang in Ordnung, und jagte mit Einigen hinauf, um die Gestalt der Schlacht zu erkunden. Einzelne Kugeln flogen herüber, man wußte nicht, ob von Freunden oder Feinden. Es dauerte 312 nicht lange, so kam er zurück, neben ihm ein stattlicher Reiter auf einem schwarzen Hengste; prächtig geschmückt Roß und Mann, Einer wie der Andre, wild vom Gefecht, jugendlich kühn und rasch, daß Federbusch und Decke und Mantel weitflatternd im Winde zogen. Das ist der Herzog! Das ist der Herzog von Braunschweig! sagten einige Reiter und durch die Reihen klang's: Viktoria! Vivat der Herzog Christian! Vivat hoch! Der Herzog grüßte im Heransprengen mit den Degen, hielt vor der Mitte der Schaaren, und überschaute sie mit einem flammenden Blick. Brav, meine Halberstädter, rief er, Ihr gefallt mir. Und nun eilt er die Glieder hinunter und hinauf, mit vielen Einzelnen wie mit Bekannten redend. Es geht eben nicht sonderlich bis jetzt, 313 sagte er. Ich habe zu viele Söldner, die nur um's Geld fechten, und noch obenein Hundsfötter sind. Nun kommt Ihr heran, brave Reiter, eben zur rechten Zeit, und sollt mir's wieder gut machen, was jene verdorben haben. Wollt Ihr mir nach? Auf Leben und Tod? Ein erneutes, lauteres Vivat erscholl durch die Reihen. Marsch denn, in Gottes Namen, rief der Herzog, indem er vor die Mitte jagte. Trab! Es ging die Anhöhe hinauf, die Trompeter bliesen, die Pferde schnoben, ihre Mähnen flogen. Als man oben war, und den freiern Blick gewann, sah man das Schlachtfeld voll Rauch und Dampf, großentheils voll Flüchtlinge. Gallopp! kommandirte der Herzog selbst, Adalbert und alle Führer ihm nach, denn einige Züge feindliche Reiterei prellten 314 gegen sie an. Die Halberstädter ließen ihren Pferden schon Zügel, schon waren viele Klingen hochgehoben zum Einhauen, da hielt der Feind, wankte, kehrte um, und jagte zurück, ziemlich geschlossen, jedoch die Halberstädter wollten zum Verfolgen nach, aber Adalbert rief Halt! Es giebt mehr zu thun. und Besseres, sagte er, indem er die Glieder richtete, und den Führern zurief, ihre Leute zusammenzuhalten. Hierher! Hier geht die Bahn zum Siege! schrie Herzog Christian, und sein goldeingelegter Küras funkelte schon weiter voraus durch Rauch und Staub. Alles jagte ihm nach. Es ging auf eine feindliche Batterie. Sie ließ die Angreifer näher heran, und gab dann eine volle Lage. Viele Reiter stürzten, theils sie, theils ihre Rosse zerschmettert von Kugelhagel, die übrigen wandten sich zur Flucht. Steht! Steht! Marsch! Darauf! 315 So riefen die Führer. Balderich jagte mit gehobener Klinge um den Flügel. Die für den, der umkehrt! schrie er. Adalbert sprengte vorwärts, Alwin mir ihm. Verlaßt Eure Führer nicht, riefen sie. Wir reiten dem Herzog nach. Marsch! Marsch! Sie haben noch nicht wieder geladen schrien Andre. Nun ist es Zeit! Marsch! Das Rufen ward allgemein, die Reiter wandten sich wieder der Batterie entgegen, im lauten Gelärm ging Alles vorwärts, der Feind ward erschreckt und verließ seinen Posten, das Geschütz war gewonnen. Zeugmeister her! rief nun der Herzog! Zeugmeister! Zum Teufel, schnell. Wir schießen dem Feind mit seiner eignen Batterie grad' in die Flanke. Viele jagten fort, um Artilleristen herbei zu hohlen; vergebens. Ein 316 panisches Schrecken hatte die Nächsten vom Schlachtfelde gescheucht. Schlag' der Donner drein! zürnte der Herzog. Ich Weiß mit den verfluchten Pulverbüchsen nicht umzugehn, und keiner von uns Rittern und Reitern. Nun hat man das fatale Geschütz, und kann's nicht einmal brauchen. Kriegsobersten kamen zu ihm mit Meldungen vom andern Flügel. Sie rufen mich ab, sagte er, haltet Euch hier. Ich will Euch bald ein Paar Schießleute zuschicken. Sie werden doch nicht Alle nach Haus gelaufen sein? Damit jagte er fort. Wie das Geschütz noch immer schwieg, versuchten feindliche Reiter, es durch einen raschen Anfall zu befreien. Die Halberstädter ritten ihnen entgegen: man stieß in voller Kraft und Wildheit zusammen. Durch's Getümmel 317 bemerkte Alwin das Wehen des feindlichen Panier's. Ich soll ein's heimsenden, sagte er zu sich selbst, Und wenn Du auf den Feind brichst ein, So denk, die Ahnen schauen drein. Damit hatte er sich zwischen einigen feindlichen Reitern durchgesäbelt, und hieb auf den Pannerträger ein. Feind und Freund sammelte sich hier zum dichten Haufen, das Gefecht ward immer wilder, Alwin rang mit seinem Gegner, der schon von einem harten Hiebe blutete, aber das Panier mit letzter Anstrengung fest hielt. Da prellten ihre Rosse, scheu vor dem Flattern der Fahne auseinander, die beiden Reiter stürzten herunter, aber Alwin hatte seine Beute fester gehalten, als sein verwundeter Gegner, er lag unter dem ersiegten Ehrenzeichen, die Hände fest an dessen Stange geklammert. Wild 318 nun brachen die Feinde auf ihn ein, die Halberstädter hielten wie Mauern vor ihm, und zwei seiner besten Reiter halfen ihm wieder zu Pferd. Jetzt aber gilts, sagten sie, als er eben im Sattel saß. S' ist schon Alles geschlagen! Zurück! Einer griff sein Pferd am Zügel und wandt es um. Wirklich sah er auch, als er sich besann, das ganze Braunschweigische Heer in allgemeiner Flucht. Die Feinde hieben wüthend nach. Unter fortgesetzten Kampf erreichte Alwin endlich mit seinem Pannier einen nahen Wald, wohin die Flucht eines großen Theils seiner Waffengefährten ging, und der ihnen vor den verfolgenden Feinde Schutz gewährte. 319 Vierzehntes Kapitel. Mit einbrechender Nacht sammelten sich immer mehr von den Versprengten zu Alwin. Er hatte sich mit ihnen tief in den Wald zurückgezogen, und Posten an dessen Eingänge gestellt. Die kampfmüden Reiter lagen nun bei den angezündeten Feuern, hoch und wunderlich sahen die Eichen und Buchen mit ihren halberleuchteten Zweigen drein, Mißmuth und Beschämung lag auf allen Gesichtern, bisweilen schrie im Walde ein Verwundeter, der sich nicht mehr bis zu der Flamme schleppen konnte, alsdann gingen ein paar 320 Reiter darnach aus, und brachten das Jammerbild herbeigetragen. Man sprach nicht, man regte sich nur ungern; die nächsten Bekannten sahen einander schweigend an, und kamen sich fremd vor. Neben Alwin raschelte es durch die Gebüsche, und es setzte sich Einer neben ihn; es war Adalbert. Sie gaben einander die Hände, und drückten sie krampfhaft, wie im Zorn. Dann blieben sie still, und sahen den knatternden Funken zu. Nach einigen, die recht hell aufflogen, und plötzlich im Dunkel zerplatzten, zeigte Alwin und sagte zu seinem Freunde: das sind wir. Nicht so ganz, erwiederte Adalbert. Komm hier weg, ich habe mit Dir zu reden. Sie gingen einige Schritte abseits, und legten sich in's Dunkel unter einen hohen Eichbaum. Ich komme vom Herzog, fing Adalbert an. Es ist vorbei mit unserm Zuge. 321 Christian lachte mich wild an, und sagte: die Ritter gehören nicht mehr in die heutige Welt, Thorwald hatte wohl Recht. Das ist meine zweite unglückliche Schlacht. Ich muß dem niederträchtigen Geschütz unterliegen, und andern, neuersonnenen Pfiffen. Geh' zum Mannsfeld, Adalbert, und nimm mit, was Du am Besten zu brauchen gedenkst, und auftreiben kannst. Mit mir ist es vor der Hand nichts mehr. Damit wandt' er sich ab, und ich dächte, auch Du folgtest seinem Rath, Alwin. Ungern, antwortete dieser; unter einem so ritterlichen Fürsten hätte ich am liebsten gefochten. Du verlierst nichts bei dem Tausch, sagte Adalbert. Mannsfeld ist ein herrlicher Mensch; ein unglücklicher Feldherr freilich, aber ein großer, gewaltiger. Wenn Du ihn 322 nur erst sehn solltest. Wie ein Schatten liegt's auf seiner Stirn, das feindseelige Geschick, das ihn verfolgt; und drunter leuchten die Augen siegreich hervor, zwei Gewitter, die all den Nebel noch wegblitzen werden. Er kann nicht herrlicher aussehn, als unser Herzog, erwiederte Alwin. Und was hilft es uns, mit einem Andern dasselbe Spiel zu treiben, den dasselbe Unglück verfolgt. Für einen kühnen, waglustigen Anführer sagte Adalbert, ist es besser, einem unglücklichen Feldherrn zu folgen, als einem allzuglücklichen. Du solltest die Hauptleute fragen, welche unter dem kleinen Satan dienen, der uns heute geschlagen hat. Sein Name jagt beinah den Feind, aber da reitet der Kobold, (so sieht er aus, und putzt sich auch auf eine ähnliche Manier, bunt, seltsam 323 wiederwärtig) da reitet der Kobold Tilly die Linie herunter, sieht keinen an, giebt einsylbig, fast mürrisch seine Befehle, und wenn der Sieg erfochten ist, nickt er kaum mit dem Kopfe, und meint, er hab' es allein gethan, es könne nun schon einmal nicht anders sein. Wo aber die Wage des Sieges immer schwankt, oft nachtheilig umgeschlagen ist, da gilt der, dessen Blick und Arm entschied; man weiß es ihm Dank, und was mehr ist: die Nachwelt lernt seinen Namen ehren. Wohlan denn, rief Alwin; ich bin mit Dir. Ein Paar Hundert Mann hab' ich zusammen, sagte Adalbert. Du mußt wenigstens eben so Viele haben. Wir werden einen stattlichen Haufen ausmachen. Und Balderich? fragte Alwin. Er schickt Dir einen Gruß, antwortete 324 Adalbert, vielleicht den letzten. Der alte Mann ist sehr schwer verwundet. Ich mag Dir nicht ausrichten, was er mir an Dich aufgetragen hat, oder verlangst Du's? Ach nein, sagte Alwin. Seine guten Wünsche haben mir schon früher das Herz beschwert. Laß sie nun nicht zugleich mit der Nachricht seines Todes drauf lasten. Bist Du sicher, daß Dir die Burschen alle folgen, die dort an den Feuern herumwanken? fragte Adalbert. Die Mehrsten, denke ich, thun's, antwortete Alwin. Und an dem was nicht folgen will, ist auch nichts verloren. Du hast wohl Recht, sagte sein Freund. Wenige und Gute, das ist die Losung, wenn man einen Heerhaufen zu Siegen führen will, und nicht zur Plünderung. 325 Mit dem anbrechenden Morgen zogen die beiden vereinigten Schaaren ihres Weges. Funfzehntes Kapitel. Durch Deutschland auf und ab, seinen Flüssen nach und entgegen, über Gebirge und Ebnen, vorbei an Städten und Burgen ging der beiden Freunde rastloser Lauf. Der übrige Theil des Sommers verstrich damit, und sie hatten immer den Mannsfeld noch nicht angetroffen. Im Uebrigen siegten sie, und wurden besiegt, wie es sich eben traf, so doch im Ganzen, daß man Vortheile genug davon gewann, und die Reiter mit ihren beiden Hauptleuten sehr zufrieden waren. Wir sind auf dem unrechten Wege, sagte Adalbert 326 mehrmals. So erringen wir nichts, vielmehr sinken wir zu der Klasse waghalsiger Lanzknechte herab. Was sollen wir denn sonst? pflegte wohl Alwin zu fragen, wir sind ja doch nichts anders, als Lanzknechte von etwas vornehmer Art; und Adalbert verlor sich dann in angestrengtes Nachsinnen, und tröstete seinen Freund nachher mit irgend einem aufmunternden Worte. Sie hatten sich einstmals auf einem anmuthigen Anger gelagert, in der Gegend wo Rhein und Mosel zusammenströmen. Ein süßer Friede schwebte über der ganzen Flur, es hauchte würzig aus den Obstgärten empor, Winzer und Winzerinnen trieben mit der Weinlese ihr fröhliches Spiel. Giebt's wohl was Schön'res, Alwin? fragte Adalbert. Möchte man hier nicht Hütten bauen? 327 Wer hier welche gebaut hat, ist recht glücklich, antwortete dieser; wenn er hier geboren ist und erzogen, noch glücklicher. Ich tauschte das Alles nicht um die wilde Harzgegend, d'rin ich zu Haus bin. Laß uns doch einmal dahin ziehn, wenn es Deinen größern Planen nicht im Wege ist. Jetzt gleich, sagte Adalbert, wenn Du Lust hast. Beide vereinigten sich bald über die nähern Bestimmungen, und zwei, drei Wochen später war man schon mitten im nördlichen Deutschland, an des Harzgebürges Fuß. Alwin fühlte sich wie von einem neuen Leben angefrischt. Er beschaute Bäume, Dörfer, Bauern, Wiesen, Heerden wie alte Bekannte. Jeder Gruß klang, als fange er ein erquickliches, gerngehörtes Mährchen an, Mond und Sonne schauten vertraulich drein. 328 Die Schaar lagerte sich einst in einem Buchenwalde, welcher noch grün genug aussah, nur daß eben der Herbst einige gelbe Blätter auf und unter die Zweige verstreut hatte, wie Bothen, die sein stilles, feierliches Thun im Voraus anzeigen sollten. Eine lebhafte Lust zum Gesang erwachte in Alwin's Gemüth. Er sing an: Heimath, freundliche Heimath! Du mit Deinen wohlbekannten Gastlichen Dächern, Wohlbekannten Wärmenden Feuern, Labenden Tischen, Leuchtenden Lampen, Heimath, freundliche Heimath sei gegrüßt!   Lagern mich in Deinen Betten, Baden mich in Deiner Fluth, Deine Blumen dreh'n zu Ketten, Tanz begehn in Deiner Huth, 329   Welch ein Glück vor allen Andern! Welch ein herrlich, labend Loos! Wenn vorbei mir Fremde wandern, Ich nun lieg' im Mutterschooß. Er hatte noch kaum die letzten Worte beendigt, als eine Stimme durchs Gezweige klang, folgendermaaßen antwortend: Ferne, lockende Ferne! Du mit Deinen unbekannten, Seltsamen Dächern, Unbekannten Irrenden Feuern, Glänzenden Tischen, Magischen Lampen, Ferne, lockende Ferne, sei gegrüßt!   Wovon schwellen Deine Betten? Wovon schäumt wohl Deine Fluth? Golden sind der Liebe Ketten, Immer wechselnd ihre Huth. 330   Welch ein Glück vor allen Andern! Welch ein herrlich, labend Loos! Immer neu erregtes Wandern, Immer neuer Minne Schooß! Ein freundlicher Mann trat aus dem Walde hervor, und setzte sich unbefangen zwischen die beiden Krieger. Verzeiht, sagte er, daß ich Euch die Antistrophe so ungerufen entgegen sang. Es war ein hübsches, waldlustiges Lied, und ich konnte nicht umhin, das Echo zu spielen, nebenbei auch meine Liebhaberei, das Reisen, in Schutz zu nehmen. Ihr wart doch wohl der Sänger? Und dabei wandte er sich zu Alwin, und schaute ihm mit großen, lichtklaren Augen, wie in den innersten Grund des Lebens hinein. Die jungen Hauptleute luden ihn vertraulich zum Mahle. Der Wein entsiegelte Aller Lippen, es ward noch vielgesungen und 331 gelacht. Adalbert und Alwin hatten nach Soldatenmanier bald keine Geheimnisse mehr vor ihrem Gast, und dieser sagte: Ich hätte eigentlich noch länger als Echo versteckt bleiben sollen, um immer mehr hübsche Lieder von dem freudigen Alwin herauszulocken, aber freilich wär' mir auch dann von Euerm guten Weine nichts zu Theil geworden, und da ich mich nun einmal personnifizirt habe, so will ich Euch auch noch vollends sagen, daß ich Reimund heiße, und ein Sänger bin, der singend in der Welt umherzieht, jetzt eben mit Leib und Seele, sonst nur mit Liedern, die Andre von mir lernen und Andern wieder lehren. Die beiden Freunde kannten seinen Namen, und freuten sich, einen so berühmten Meister in ihrer Mitte zu sehn. Gegen Abend kamen Reimunds Leute, um ihn zur weitern 332 Reise abzuhohlen. Man nahm herzlichen Abschied; noch fernher sang der Dichter: Ferne, lockende Ferne! und Alwin entgegnete: Heimath! freundliche Heimath! Sechszehntes Kapitel. Nicht weit von Rudolphs Schloß lag ein kleines Gebirgsdorf, dasselbe, dessen jener schon am Abende von Thorwalds Eintritt erwähnt hatte. Die beiden Freunde trafen dort mit ihren Schaaren ein, und wurden von den evangelischen Einwohnern unter lautem Jubel empfangen. Alwin hatte keine Zeit, sich den alten Bekannten zu entdecken; sein Herz schlug ungestüm, und trieb ihn nach dem 333 väterlichen Sitz hinauf. Er stieg vom Rosse, nahm sein erbeutetes Panier zu sich, und schlug mit Adalbert den Fußsteig ein, der den Felsen hinan, durch allerlei dichtverwachsenes Waldgebüsch zu der Burg führte. Recht innig froh ging er neben seinem Freunde her, anfangs schweigend, weil die Erwartung des Wiedersehns ihm das Herz wunderbar beklemmte; endlich aber begann er: Es ist doch dieselbe Sonne, dieselbe goldne, freundliche, welche nun durch diese Blätter scheint, und mir auch als Knabe so oft hier das Geleite gab. Ich habe Leute darüber klagen hören, daß ihnen die Lust der Kinderjahre entschwände ja, man hat einige recht hübsche Lieder über diesen Gegenstand, und doch ist an alle dem auch kein Sandkorn Wahres. Sie wundern sich nur blödsinniger Weise, daß ihre Wolken sich gestaltet haben, 334 und kennen ihr eignes Gebild nicht mehr aus den festern Erscheinungen heraus. Als wenn mir es seltsam vorkommen wollte, daß Du lebendig und wahrhaft neben mir hergehst, weil ich hier sonst nur wechselnde Traumbilder zu Begleitern hatte. Man erschrickt gar oft vor seinen Wünschen, wenn sie sich leiblich, unwidersprechlich gewiß, vor unsern Blick hinstellen. Mir ergeht es nicht so; in meiner Rechten trag' ich das ersiegte Panier, zu meiner Seite geht ein berühmter Kriegsheld, mein Freund und Bruder; ich sehe ungeblendeten Auges drein, und freue mich über die herrliche Erfüllung. Manche fromme Leute würden solche Aeusserungen verwegen schelten, antwortete Adalbert. Aber Du scheinst ein Liebling des Geschickes zu sein, und es wird Dir nun schon so zugelassen; ja, dieses Schöne bleibt Dir 335 noch im Hinterhalt aufbewahrt. So zum Beispiel meinst Du nur neben einem berühmten Kriegshelden zu gehn, und gehst doch neben einem künftigen Fürsten. Alwin blickte seinen Freund zweifelnd an. Im Ernst, fuhr dieser fort, so ist es, und Du kannst es auch Deinen Aeltern mittheilen, wenn Du willst, denn die Sache steht fest. Ein Reichsfürst am Rhein, der gar Vieles hat, Land und Leute, Geld und Gut, ein schönes einziges Töchterlein noch außerdem, und dem es nur an zwei Dingen fehlt: an männlichen Erben und männlichem Muth – dieser hat mich in der unruhigen Zeit zum Schwiegersohn erkoren, und schenkt mir den Fürstenhuth, damit ich ihm auf Lebenszeit mein Schwerdt leihe, und nach seinem Hintritt das Töchterlein schütze, mein liebliches Weib. 336 Ach, ist denn Mathilde so früh gestorben? seufzte Alwin. Fange keine unzeitige Todtenklage an, erwiederte Adalbert. Sie lebt, ist frisch und gesund, aber freilich todt für mich. Es ist Dir vielleicht erinnerlich, daß ich seit den letzten Monaten wenig oder gar nicht von ihr gesprochen habe. Diese Verbindung taugte nicht ihr, nicht mir. Wär' ich glücklicher gewesen, hätt' ich ihr wohl gern eine Krone aufgesetzt, aber ein honettes, häusliches Leben mit ihr zu führen, ging nicht an, mit so vielen empfindsamen Briefen und gelehrten Schlüssen sie mir's in der letzten Zeit auch hat beweisen wollen. Alwin sah stumm und zweifelnd vor sich hin; endlich sagte er: Nein, Du machst mich nicht irr' an Dir, wie klug Du es auch anfängst. 337 Adalbert antwortete: wahrhaftig, dergleichen Spaß ist mir nicht in den Sinn gekommen, und wenn Du mich nicht verstehst, ist mir's leid um Dich. Damit schritt er wieder vorwärts nach der Burg hinauf. Halt! rief Alwin. Du sollst mir Rede stehn. Mit diesem gestörten Gefühl tret' ich nicht in meiner Väter Hallen. So wirst Du wohl draußen bleiben müssen, sagte Adalbert ganz kalt, denn ich weiß Dir keine andre Erklärung zu geben. Du betrügst also Mathilden! Wirst wortbrüchig an ihr! rief der Jüngling. Adalbert trat einige Schritte zurück, und zog das Schwerdt. Wir sind Edelleute, sagte er, Soldaten, und solche Worte fordern Blut. Erhitzt, wie Alwin sich schon fühlte, war ihm die ernste Aeußerung willkommen. Er lehnte sein Panier an die Felswand, und das Gefecht begann. Nach einigen Gängen blutete Adalberts rechter Arm. Halt! sagte er, die Wunde ist tief, ich kann für Heute nicht weiter fechten, und steh' Euch ein Andermal zu Dienst. Euch? Und Du hast das trauliche Du vergessen? rief Alwin. Bin ich nicht mehr Dein Waffenbruder? Dein Freund? Hielt ich es doch immer für das Herrlichste des Zweikampfes, daß die augenblickliche Beleidigung mit dem Blute fortströmt, und Lieb' und Freundschaft in der alten Kraft beharrt. Ganz recht, antwortete Adalbert, wo sich nämlich die Wege nicht allzuscharf trennen. Wir Beide aber, merk' ich, thun am Besten, von einander abzugehn, da es noch Zeit ist. 339 Gute Nacht. Er wandte sich in's Thal hinunter. Alwin wollte den blutenden Arm verbinden. Inkommodirt Euch nicht, sagte Adalbert. Ich kann mir allein helfen. Er verschwand hinter den nächsten Gebüschen. Alwin warf die Klinge in die Scheide, ergriff traurig sein Panier, und sagte zu ihm: komm nur. Wir müssen nun allein zur Burg hinauf gehn. 340 Siebzehntes Kapitel. Die Thore seines väterlichen Wohnsitzes blieben für Alwin lange verschlossen, wie laut er auch an die nördliche Pforte klopfte. Schon war die Sonne beinah hinunter, feuchte Nebel zogen vom Thale heran, und lagerten sich auf den Gipfeln der höhern umstehenden Berge, und noch immer harrte der Wandrer uneingelassen vor seiner Heimath. Er blickte nach der Mutter Gemach hinauf; kein Licht sah durch die Scheiben. Sie wird noch sinnend in der Dämmrung sitzen, dachte er, wie sie's gern zu thun pflegt. Wenn ich nun in's 341 Gemach träte, welch freudiges Erschrecken würde sie ergreifen. Es ist immer gut, daß ich vorher lärmen muß; die Ueberraschung hätt' ihr geschadet. Und damit fing er von neuem an, zu pochen, und an dem bekannten Thürschlosse zu klingen. Es ging endlich ein Fenster über ihm auf. Ja, ja, sagte Einer zum Andern, es ist Jemand draussen; das hat seine Richtigkeit. Alwin schauderte in sich zusammen; etwas ähnliches hatte sein Vater gesagt, als der fremde Thorwald Einlaß begehrte, und nun wiederhohlte es eine fremde Stimme, und er selbst war es, der draussen stand. Langsame Tritte kamen die Stiegen herunter, ein lautes Hundegebell erhob sich im Hofe. Das ist doch Waidewuth nicht mehr, der alte getreue Hund, sagte Alwin; mich hätte er wohl an der Stimme erkannt, und 342 pflegte sich auch niemals so arg zu geberden. Er hatte recht gerathen, denn durch die geöffnete Pforte schoß eine Dogge feindselig auf ihn los; und ward durch einen unbekannten ältlichen Mann zurück gerufen. Was soll's denn, sagte dieser, junger Herr, mit Eurer seltsamlichen Erscheinung. Man möchte sich erschrecken, wie ihr im Abenddunkel da so ganz unversehns vor der Burg steht in Euern Kriegsgeschmeide, ganz allein, die flatternde Fahne in der Hand. Soll das eine Neckerei sein? Die Berggeister treiben ohnehin wohl hier manchmal wunderliches Spiel, und brauchen Euch nicht dazu. Wohnt denn hier nicht der alte Rudolph? fragte Alwin, halb verwirrt. Ja, der hat hier gewohnt, sagte der Mann sehr gelassen. Nach seinem und seiner 343 Hausfrauen Tode ward ein Verweser des Vermögen ernannt, und der verkaufte das Schloß an meinen Grafen, als dessen Castellan ich es nun verwalte. Der einzige Sohn des alten Rudolph treibt sich in der Welt herum. Der bin ich ja, unterbrach ihn Alwin mit leiser Stimme, als zweifle er an sich selbst. Das verändert die Sache, sagte der Castellan. Da kann ich Euch mit gutem Gewissen hier aufnehmen und bewirthen. Mein Herr wird vollkommen damit zufrieden sein. Kommt nur! kommt! Er faßte ihn bei der Hand, und Alwin folgte widerstrebend. Nicht klar bewußt alles dessen, was er that und mit sich geschehn ließ, ging er mit dem Castellan fort, endlich aber brach er in die Worte aus: Nein! Nein! So laßt mich doch! Ich will 344 nicht dahinein. Ihr sollt mich erst zu meinen Eltern führen. Ja so, sagte der Castellan. Nun, ich kann Euch ihren Ruheplatz von aussen zeigen, denn den Schlüssel zum Gewölbe hat der Pfarrer des Dörfchens unten in Verwahrung. Sie gingen an der verfallenden Kapelle hin. Durch die gemahlten Fenster blickte Alwin hinein, und sah die alten Waffen dorten noch immer aufgehäuft liegen, wie es ihm sein Vater geschrieben hatte. Sie kamen endlich an's Familienbegräbniß. Da stehn die Särge Eures Vaters und Eurer Mutter, sagte der Castellan, indem er durch ein kleines Gitter in der Thür zeigte, und sich wieder nach dem Schlosse zurück wandte, um, wie er sagte, noch einige Anstalten zur Aufnahme seines Gastes zu machen. 345 Alwin lehnte sein Gesicht an die eisernen Stäbe. Ein dumpfer Todtengeruch drang ihm entgegen; aus dem tiefen Dunkel leuchteten die messingnen Zierrathen der beiden Särge herauf. Er stand lange still und betäubt. Endlich sagte er: sie haben es so herzlich gut mit mir gemeint; sie haben sich so innig auf mein Wiederkommen gefreut. Die Mutter wird mir nun kein Licht mehr in die Kammer reichen können, wenn ich wieder abreise. Damit brach er in helle Thränen aus, und sagte immer wie in jener Nacht vor seiner Abreise: o Mutter! O liebe, liebe Mutter! Etwas gefaßter stellte er zuletzt sein Pannier an die Thüre des Gewölbes. Sie sollen's Dir auf den Sarg legen, mein tapfrer Vater, sagte er, und hob sich empor, um nicht von dem Castellan in seinem Jammer 346 betroffen zu werden. Indem er um sich blickte, gewahrte er eines Rasenhügels unter einer alten, wohlbekannten Buche. Hier muß doch auch schon einer gern geweilt haben, sprach er zu sich selbst, und ließ seine ermatteten Glieder darauf niedersinken. Es ruhte sich hier so behaglich, die Gräser kühlten ihm die glühende Wange, von der Ebne herauf kamen Lüfte gezogen, die ihn, wie einen alten Spielgesellen, begrüßten. Da sagte plötzlich dicht neben ihn Jemand: ich glaube am Ende, daß Du der junge Kunrath bist. Alwin fuhr entsetzt in die Höhe. Ein bleicher Jüngling hatte sich an seine Seite gesetzt, der mit wahnsinnigen Lächeln auf ihn herabblickte, und durch eine tiefe, häßliche Stirnwunde entstellt war. Ja, wahrhaftig, fuhr er fort, indem er starr in Alwin's Augen sah, ich glaub', Du bist's, oder sonst bin 347 ich's. Einer von uns ist es außer allem Zweifel. Oder sind wir's vielleicht Beide? Das wär' ein Spaß. Er sprang hierauf einigemal mit gräßlichen Geberden im Kreise herum, und fragte nachher wieder: kennt Ihr die Geschichte vom jungen Kunrath? Alwin bejahte es zitternd, und indem trat der Castellan zwischen sie. Marsch! rief er dem Wahnsinnigen zu! In's Bett! Nicht noch ein Bischen hier bleiben? fragte dieser weinend und schmeichelnd wie ein Kind. Alwin bat für ihn, und der Castellan erlaubte es, indem er sich zwischen ihn und seinen Gast setzte. Er ist manchmal ganz klug, sagte er, aber die Nebel thun ihm Schaden, wenn sie so feucht und wunderlich vom Harzgebirge herunter ziehn. Da liest er dann den ganzen 348 Tag lang in einer alten Handschrift, die wohlverwahrt in einem Wandschrank der großen Halle gefunden ward, als wir das Schloß übernahmen. Er ist ein Verwandter meines Herrn, und heißt Friedebert. Eine Stirnwunde, die er bei einem Zweikampf in Braunschweig empfing, versetzt ihn öfters in diesen Zustand. Ach Gott! seufzte Alwin, und sah schaudernd vor sich nieder. Hier soll er sich nun ausheilen, fuhr der Castellan unbefangen fort. Ja! Es heilt sich nicht so schnell. Das sollte auch mit meiner Gräfin geschehn, der zu Liebe eigentlich dies Schloß gekauft ward, weil es ihr besonders wohl gefiel. Sie kam mit der Schwindsucht hierher, und zehrte hier noch ein paar Monate lang an ihrem schwächlichen Leben. Dann starb sie, wohl etwas früher, weil sie sich um 349 den Tod ihres Vaters so sehr abhärmte, der ein tapfrer Kriegsoberster war, und in der letzten Hauptschlacht unter Herzog Christian blieb. Wir sitzen eben auf dem Grabe der schönen Frau. Mit dem Vornamen heißt sie Aline. Alwin sank ohnmächtig zurück. Wenn er sich manchmal wieder erhohlte, stand das fremde Gesicht des Castellans über ihn, der ihm Riechwasser vorhielt. Um sich her sah er den tollen Friedebert tanzen, und schloß willig die Augen, das Gesicht in die Gräser drängend, die auf Alinens Grabe wuchsen. Alwin. Ein Roman in zwei Bänden von Pellegrin. Zweiter Band. Berlin bei Friedrich Braunes 1808. Erster Theil. Erstes Kapitel. Ihr Fieberträume am Lager des Kranken, die Ihr bald seinen Blick mit wunderlicher Helle verblendet, bald mit tiefen Schatten umdunkelt, immer furchtbar neu an wechselnder Gestaltung, das Unerhörteste mit dem Gewöhnlichsten zusammenstellend, daß die widrigsten Ungeheuer sich draus erheben, und dann wieder zwischen den Larven hindurch, der Garten all' unsrer Lust sich erschließt, das Bild des Paradieses, welches wir in uns tragen, – Ihr seid es, die uns das Ringen von Leben und Tod offenbaren, wie es unendlichen Fortgang hat um die verfallende Bildung, drinnen wir Menschen auf der Erde wohnen. Da 4 treten die alten Urgestaltungen heraus in ihrer schauerlichen, ewig dauernden Jugend, in jeder Wiege neu gebohren, an jedem Todtenbette zerschellend, um in neuen Schöpfungen denselben Lauf von neuem zu beginnen. Wir fühlen es, welchen Mächtigen wir hingegeben sind, und der Wahnsinn steckt triumphirend seine bunte Fahne auf. Alwin verharrte lange Zeit in diesem seltsamen Kampfe. Die Wogen des innern, empörten Meeres trieben ihn hinab und hinauf, schleuderten ihn in die tiefsten Abgründe des Schrecken's, wirbelten ihn empor zu den Sternen, wo Aline wohnte und seine Eltern, und Friedebert des Wahnsinns lachte, der ihn verwirrt hatte, und den Kranken jetzt verwirrte. Es trat einmal eine leichte Stunde dazwischen. Der Jüngling richtete sich von seinem Lager auf; es sah Alles umher gar 5 freundlich und friedlich aus. Die Mittagssonne strahlte durch die Fenster herein auf sein Bett, auf den buntgewirkten Teppich des Tisches, der in Mitten des kleinen reinlichen Zimmers stand. Wie komm' ich denn nun hierher? fragte er. Ich habe diese Stube ganz, ganz von weitem gesehn, durch Himmel und Hölle durch, und kenne sie daher recht wohl. Aber daß ich nun mit einem Male mitten drein liege, das ist mir das Unbegreifliche. Er sah immer klarer umher, und erblickte endlich Raimunden, der zu den Häupten seines Lagers saß. Ach, sagte er, nun begreif' ich. Das alte Spiel geht wieder an, Du, Dichter warst immer dabei, und hast mich auf all' den kreuzenden Wandrungen geführt. Wie's wieder schwindelt! Wie sich's wieder dreht! Er fiel in den vorigen Zustand zurück, aber doch von nun an, mit immer längern 6 Zwischenräumen. Endlich verschwanden die Träume fast ganz; das innre Licht schwebte wieder bildend über den Wasser; er ward still, und seiner Umgebungen bewußter. Den Meister Raimund erkannte er nun als einen wirklichen Menschen, der außer ihm zu seiner Pflege da sei, und versöhnte sich nach und nach mit der trüben Vergangenheit, so daß er sein Auge wohlgefällig darauf richtete, und sie gern mit stillen Thränen feierte. Eines Abends blickte er sehnsuchtsvoll durch die kleinen Fenster. Ich dächte, sagte er, es müßte hübsch draussen sein, und setzte mich gern ein wenig vor die Thür. Aber es kommt mir wohl nur so vor. Wir müssen jetzt etwa im November leben, und da darf ich Kranker ja nicht hinaus. Komm getrost mit, lieber Freund, sagte Raimund. Wir haben herrliches 7 Frühlingswetter und der Mai lacht aus allen seinen Blüthen hervor. Der Mai? fragte Alwin. Und sinnend fuhr er fort: es war doch Herbst, als ich krank ward, wie sollten wir denn schon Frühjahr haben? Und dennoch ist es so, antwortete Raimund. Du hast wie ein gescheuter Sangvogel den Winter verschlafen und verträumt. Komm mit, und frage die Erde selber, ob sie nicht ihr Brautkleid angezogen hat. Sie traten in den kleinen Garten hinter dem Hause. Freudig duftete es vom jungen Grase auf, die Schmetterlinge flatterten lustig ihre Bahnen auf und ab, durch das reine Luftblau, milde Abendwinde hauchten dem Jüngling entgegen, der seine heimathliche Gegend an den Harzgebirgen erkannte, welche über die beschränkenden Zäune hervor ragten. Nun 8 flossen seine Thränen erst recht freud- und wehmüthig. Raimund störte ihn mit keinem Worte, und sie gingen mit der einbrechenden Nacht schweigend zur Ruhe. Nach einigen Tagen sagte Raimund: Du bist ein gutes freundliches Kind, und ich habe Dich recht von ganzem Herzen lieb. Wenn Du mit mir kommen wolltest und mit mir leben thätest Du vielleicht am klügsten. Oder willst Du lieber nach Braunschweig zurück? Alwin schüttelte verneinend den Kopf und Raimund fuhr fort: mit Deiner kriegrischen Laufbahn ist es ohnehin am Ende, Adalbert hat seinen Zug schon längst nach andern Gegenden genommen, und Deine Soldaten sind theils auseinander gelaufen, theils haben sie sich an jenen angeschlossen. Ich wüßte Dir wohl etwas Beßres zu sagen. Wenn mich nicht alle Sterne trügen, bist Du eigentlich in unsrer 9 Zunft, ich meine in der dichtrischen geboren, und es haben nur andre Gewalten eine Zeitlang ihr Spiel mit Dir getrieben, wie denn alle Mächte der Erde gern nach dem Dichter greifen. Ich sah das schon ein, bei unserm ersten Zusammentreffen im Buchenwalde. Und wo sollte es eigentlich mit unsrer Reise hin gehn? fragte Alwin. Dem Süden zu, antwortete Raimund. Ich würde Dich dahin führen, wo Du das rechte Leben, die eigentliche Poesie wahrnähmst, und wie Beide sich innig durchdringen. Wir haben eine Colonie errichtet, wenn Du's so nehmen willst, von Leuten die nur der Kunst leben, und ihren lieblichen Träumen, wohlbegreifend, daß in ihnen die höchste Wahrheit liegt. Du wärst ein taugliches Mitglied. Beinah glaub' ich es selbst, sagte Alwin. Des Hoflebens Heiterkeit, des Krieges 10 Gewitternacht ist mir nur eben vorübergezogen wie ein Gegenstand, draus man hübsche Romanzen machen könnte. Ja, die Lieder, welche hin und her dazwischen klangen, blieben von beiden immer das Beste. So lang' ich denken kann, find ich meine beste Freude an Mährchen und Gesängen, selbst hab' ich deren gedichtet, und hätt' es mehr gethan, wenn nicht so feindseelige Reden über meine Blumensaat hingefahren wären. Und dann wußt' ich nicht, wie ich mir meiner eignen Kraft dran war. Ach, wolltest Du mein Meister sein, nun wäre mir ein zwiefacher Frühling, ein zwiefach neues Leben erwacht. Raimund schloß ihn liebevoll in die Arme. Sei mir willkommen, sagte er, mein wackrer Jünger. Ich will aus Dir was ziehn, dran die Welt Freude haben soll, und ich Ehre. Alwin schrieb nach Braunschweig von 11 seiner Krankheit und Reise. Zugleich bestimmte er den Ort, wo ihn Briefe treffen könnten, und wenige Tage darauf traten die beiden Gefährten ihre Wandrung an. Sage mir nur, lieber Meister, fing Alwin auf einer der ersten Tagereisen an, was Dich eigentlich so lange bei mir zurückgehalten hat. Die bloße Pflege eines wahnsinnigen, fast unbekannten Jünglings konnte es unmöglich sein. Und doch; antwortete Raimund; wenigstens großen Theils. Eigentlich aber bin ich bei Euch Nordländern eingeschneit. Es lebt nämlich ein wunderlicher, viel verkannter Mann in Euerm Sachsenlande. der den Schlüssel zur Natur in Händen hat, weil er die rechte Liebe zu ihr in der Brust trägt. Zu dem trieb's mich hin. Unsre schönen südlichen Thäler ließ ich im Rücken, zog durch schlechte Heerstraßen, unpoetische Menschen, 12 ungastliche Wirthshäuser nach dem Räthselhaften hin, und genoß aus der Quelle seiner Weisheit, so viel ich des köstlichen Schatzes empfänglich war. Nachher ward ich mit einigen Großen aus Deiner Gegend bekannt, und folgte ihren Einladungen, um zu sehn, wie es mit Dir würde, denn Du warst mir sehr lieb. Zuletzt, wie gesagt, schneite ich ein, und mußte nun schon den Winter im Norden aushalten. Dich soll der Süden mit andern Banden fesseln: unser sollst Du bleiben, und Dich nimmer beklagen, daß Du solch ein Theil erwählt hast. 13 Zweites Kapitel. Noch ehe die Bäume in voller Blüthe standen, hatten die Reisenden den Rhein erreicht. Raimund ließ sich jeden Umweg gefallen, um den Helden unter allen deutschen Strömen früher zu treffen, und dort seines Freundes und Jüngers Gemüth zu heilen im Wiederschein der mächtigen Wogen, unter ihrer Ufer labendem Schatten. Es schien auch Alles auf Alwin eine recht gute Wirkung zu thun. Er war lustig, fast ausgelassen bei den Mahlen und Tänzen der heitern Rheinländer; nur wenn der Abend von den Bergen herunter schwebte, bewegte sich sein Herz in der heissesten Sehnsucht nach allem was er verloren 14 hatte, und er schlief oftmals unter seinen bittern Thränen ein. Raimund ahnte davon nichts. Er nahm die fröhlichen Stunden des Jünglings zum Maßstab für sein ganzes Leben, und meinte der Kummer habe sein Recht über ihn verloren. Sie saßen mit einander in Mainz an einer geselligen Tafel. Der edle Wein strömte reichlich in die Becher, hübsche, freundliche Mädchen warteten auf, so daß jede neue Flasche durch einen versagten, oder gewährten Kuß Bedeutung und Würze gewann. Viele lustige Lieder wurden gesungen; die beiden Dichter erfanden welche, und lernten zum Dank dafür wieder andre; Volkslieder, wie sie an dem edlen Strom, zwischen Trümmern der Vergangenheit und lustigen Weingärten in unendlicher Fülle aufsprießen. Da trat ein reichgekleideter Diener in's Zimmer, und lud den 15 Meister Raimund nebst seinem Gefährten zu einer edlen Gräfin, die große Freude an der Poeterei finde, und deren edle Söhne zu ehren wünsche. Raimund besann sich einige Augenblicke lang. Um Gotteswillen, sagte ihm Alwin in's Ohr, schlag' es ab, oder laß sie wenigstens warten. Wir sind hier so froh und jugendlich beisammen; die Zeit kehrt nicht wieder, und was hilft es, daß die langweilige Staatsdame irgend wo sagen kann: ich habe auch in Mainz den berühmten Meister Raimund gesprochen! Ei, junger Ritter, antwortete dieser, bist Du so spröde, wenn schöne Damen winken? Denn schön ist sie, das sagt mir mein guter Dämon; ich weiß es, weil ich's weiß, und will zu ihr gehn. Ich stehe gleich zu Eurer Herrschaft Befehl, sagte er, indem er sich zu dem Diener wandte, und als dieser das 16 Zimmer verlassen hatte, und Raimund aufbrach, sagte Alwin lachend: wenn Du nun einer alten, gichtbrüchigen Frau gegenüber zu stehn kommst, Meister! Es gäb ein hübsches Mährchen! Versprich mir, daß Du mir's alsdann nicht verhehlen willst. Ich thue mehr, erwiederte Raimund; ich verspreche Dir, wenn sie artig ist und hübsch, Dein Nichterscheinen mit einer höflichen Ausflucht zu bemänteln, und Dich durch meinen Knaben auf irgend eine deutungsvolle Weise nachrufen zu lassen. Ist sie aber häßlich, alt, fatal, so bin ich gleich wieder hier, und Ihr Alle sollt mich den ganzen Abend lang auslachen. Es gilt, sagte der Jüngling freudig. Raimund verließ das Zimmer, und Alwin setzte sein vertrauliches Geplauder mit den Gästen fort. Nach einiger Zeit jedoch zupfte es an seinem Kleide; es war der artige Knabe in seines 17 Meisters Diensten: mein Herr sprach er läßt Euch sagen, oben sei das ganze Firmament zu schauen, und ein Blumenflor sonder Gleichen. Ich weiß zwar nicht, wie er das versteht. An der Thür kam ihm eine vornehme, wunderschöne Dame entgegen, die gar nicht so aussah, als ziehe sie etwa mit solcherlei künstlichen Schauspielen herum; aber er hat mir's so bestellt, von Wort zu Wort, das könnt Ihr glauben. Schon gut, freundliches Kind, sagte Alwin, trinke hier meinen Wein aus; und damit ging er voll seltsamer Ahnungen nach den Zimmern der fremden Dame hinauf. Der Diener, welcher ihn und Raimund vorhin eingeladen hatte, stand mit vielen Andern im Vorzimmer, und öffnete ihn sogleich die Thür zum Cabinet der Gräfin, wo er sie mit Raimund auf einem Sopha sitzen sah. 18 Sie stand bei seinem Eintritt auf, und kam ihm freundlich entgegen; wie hätte er nur augenblicklich diese herrliche Gestalt verkennen mögen? Diesen reizenden Lockenwurf? Diese Lieblichkeit und Hoheit in jeder Geberde? Es war Mathilde. Willkommen, sagte sie, willkommen, mein lieber Alwin; ich freue mich unendlich, daß Ihr es seid, von dem Meister Raimund eben so ehrende Worte gesprochen hat. O, unsre schönen Zeiten in Braunschweig! Und Ihr zögertet, mich zu besuchen. Alwin stand in ihrem Anschauen verloren; es fehlte wenig, daß er eben so ungeschickt geantwortet hätte, als an jenem ersten Abende. Doch nahm er sich zusammen, und sagte, was in der That die Wahrheit war: er habe nicht hoffen können, sie hier zu treffen, und wär er auch von ihrer Nähe unterrichtet gewesen, wer 19 wisse ob ihn eine gewisse Blödigkeit nicht zurückgehalten hätte? Denn blöde sei er einmal in ihrer Gegenwart, und gewohnt, sie als eine erhabne Gottheit aus der Ferne zu verehren. Zeiten ändern Sitten; antwortete Mathilde. Was dem jungen Edelmann bei seinem ersten Ausfluge ganz leidlich wohl stand, würde sich für den versuchten Kriegshelden übel schicken, noch übler für den begeisterten Dichter. Setzt Euch zu uns, oder was besser ist, singt gleich etwas zu der Cither dort, so kommen wir in den rechten Ton zusammen. Ihr erzeigt mir in der That eine Wohlthat, sagte Alwin, indem er die Cither ergriff, und einige Accorde darauf angab. Hier fühle ich mich zu Hause, und weiß besser zu sagen was ich meine, als irgend sonst. 20 Er sang:   Durch die Thäler ging ein Knabe, Durch die Wälder schwarz und dicht; Suchte was sein Herz erlabe, Suchte stets und fand es nicht.   Ob auch von der Burg ein Funkeln, Ein ergötzlich Leuchten kam, Blieb der Blöde doch im Dunkeln, Blieb allein mit seinem Gram.   Oben wohnen schöne Damen, Wie sein glühend Herz begehrt, Doch zu herrrlich Rang und Namen Für des armen Knaben Werth.   Und er griff in Cithersaiten, Sang dazu sein heimlich Leid, Sang's den wald'gen Einsamkeiten Und der nächt'gen Dunkelheit.   Töne sind von allen Banden, Sind von allen Gränzen frei, 21 Schweben auf zu hellern Landen, Fragen nicht, ob's schicklich sei.   Zu des reichen Schlosses Mauer Klingt des Knaben Lied hinan, Kündend des Verlassnen Trauer Und das Grau'n auf seiner Bahn.   Und ein Jungfräulein entgegen Sang, zu trösten seinen Gram, Daß ihr Ton ein frohes Regen, In sein Herz geschlichen kam.   Achtlos nun der vielen Lichter, Fortgezogen sonder Wahl Stand mit Ein's der blöde Dichter Im erhellten Fürstensaal. Ich freue mich recht darauf, sagte Raimund, wenn Du erst die südlichen Sylbenmaaße kennen wirst. Deine Poesie scheint ihnen oft schon sehnsuchtsvoll nachzustreben. Das Gespräch ward nun freudig und 22 zwanglos. Es blitzten Funken, aus allen Gemüthern, und Mathilde gefiel sich so wohl in der Gesellschaft der beiden Dichter, daß sie beschloß, die nächsten Tagereisen den Rhein hinauf in ihrem Geleite zurückzulegen. Drittes Kapitel. Die drei Gefährten zogen sehr zufrieden mit einander ihres Weges. Sie legten diesen auf die mannigfaltigste Weise zurück: bisweilen den herrlichen Strom hinaufrudernd, dann wieder an seinen Ufern hinreitend, oder wandelnd, auch seinen Lauf gänzlich verlassend, um kleine Ausflüge nach den benachbarten Ebnen und Bergen zu unternehmen. Bei 23 solcher Gelegenheit geschah es, daß sie in eine Gegend kamen, wo Alwin während seines letzten Herumstreifens oftmals gefochten hatte. Nun gewährte es ihm einen eigenen Genuß aus seinen ehemaligen Schlachtfeldern Ruheplätze zu machen, und dort das Gespräch auf Alinen zu lenken, mit welcher Mathilde in den letzten Zeiten sehr vertraulich gelebt hatte. Wenn die schöne Frau alsdann in aller Lebensfülle und Jugend von der schönen Todten sprach, die Hügel und Thäler umher so ernsthaft drein sahen, als Zeugen manches blutigen Tages, und wieder Raimund zwischendurch ein Mährchen erzählte, oder ein Lied sang, die Frühlingslüfte und Frühlingsvögel Alles, wie mit einem heitern Rahmen einschlossen, – da ward ihm das Ganze zum lieblichen Traum, er umfaßte Gegenwart und Vergangenheit mit tiefer, 24 innrer Kraft, so daß die Zukunft schon sein geworden war, und er nichts mehr wollte und dachte als dieses lebendige Gefühl. Sie kamen an einen Ort, wo Alwin die erwarteten Nachrichten aus Braunschweig vorfand; es war ein starkes Paket, die ernsten Schriftzüge von Beatrix Vater fielen ihm gleich anfangs in die Augen, er machte sich trüb und niedergeschlagen an dessen langen Brief. Er solle zurückkommen, hieß es darin, gleich, und die Nachsicht seiner Schwiegerältern und seiner Braut nicht länger auf die Probe stellen. Seltsam genug sei schon der Einfall gewesen, als ein Verlobter in den Krieg zu ziehn; man habe sich das gefallen lassen, aber nun reise er gar mit einem Poeten auf unbestimmte Zeit in die Welt hinein; das könne nicht länger für gut gelten, er solle sich mit Ja oder Nein 25 erklären, denn es gäbe andre und bessre Parthieen für Beatrix. Von dieser waren auch einige Worte beigelegt; Alwin dachte sein gekränktes Gemüth daran zu besänftigen, vielleicht noch mehr seinen gekränkten Stolz; aber sie waren zu keinem von beiden geeignet. Vorwürfe enthielten sie freilich, doch viel andre als Alwin erwartete. Es klang, als sehe sie deutlich ein, wie er auf einem falschen und tollen Wege sei, und lasse sich noch allenfalls willig finden, ihm wieder zurecht zu helfen. Er warf im glühendsten Zorn all' die Schreiberein von sich, und raffte sie gleich nachher wieder auf, um damit zu Raimund und Mathilden zu eilen. Ich bin frei, sagte er bei seinem Eintritt. Meine albernen Bande sind gelöst. Die Briefe wurden gelesen, die ganze Sache weitläuftiger besprochen, und Raimund rief 26 endlich aus: Gottlob! daß du nun ohne Zaum und Gebiß in die südlichen Lande reisen kannst. Schreibe doch, wo möglich noch in dieser Stunde, und entsage allen Ansprüchen für Kind und Kindeskind auf ewige Zeiten. Mathilde sagte etwas ernsthafter das Nämliche, und erwähnte es, wie wenig ein Jüngling, der eben erst in die Welt trete, die Kraft, ja das Recht habe, sich für sein ganzes Leben zu bestimmen, und wie daher Alwin durch jene frühere Thorheit ohnehin zu nichts verbunden sei. Dies Alles paßte zu seinem gegenwärtigen Gefühl, und er eilte daher, in dem angegebenen Sinne zu antworten; nur als er seinen Namen unter den Brief an Beatrix schrieb, (zum letztenmale! fiel ihm dabei ein,) war es als rege sich die alte Liebe mit der halb vergessnen Kraft. Er unterdrückte jedoch die 27 wehmüthigeErinnerung, sandte die Briefe ab, und gab sich aus allen Sinnen dem heitern Leben in seiner Gefährten Umgang hin. Er blieb auch wirklich recht vergnügt, so lange Mathilde noch mit ihnen reiste. Nachdem aber ihre Wege sich getrennt hatten, ward er sehr still und betrübt. Manchmal kam es ihm vor, als sei Mathilde eigentlich die Geliebte, von der ihn nun sein Geschick vertrieben habe, und wieder hätte er Beatrix davon erzählen mögen, an deren Bild er sich doch immer gewöhnt hatte, und es noch öfter aus der Ferne herüber erblickte. Er verhehlte auch Raimunden seine Stimmung nicht, und dieser sagte: Du hast ein zu bewegliches Gemüth, welches Dir noch manche frohe Stunde rauben wird und Dich um manches hübsche Lied bringen. Der Dichter sollte nicht so ängstlich an Heimath 28 und einzelnen Freuden hängen; die Welt ist seine Heimath, die Elemente mit all' ihren Creaturen seine Freunde. Alwin pflegte singend darauf zu antworten: etwa mit solchen Versen:   Todt der wackre Vater mein, Todt mein sorgsam Mütterlein. Ach, wie unter den fremden Leuten So allein! Eine konnte mir bedeuten Alles andere Glückes Schein, Hatte so zarte rothe Wangen, – Ist doch auch vom Grab befangen, Schläft allein! Und wo mir's ehmals hat behagt, Da hab' ich selber mich draus verjagt, Schwimme wie Fischlein im weiten Meer Wellengetrieben hin und her. Ein Leuchten kam aus Wolken hernieder, Labte mich, zog auch abwärts wieder, 29 Und ließ mich allein. Ach, tröstende Muse, nun bin ich dein, Dein ganz allein! Viertes Kapitel. Im Pyrenäengebirge, nicht ferne vom Thale Ronceval stand ein Klostergebäude, groß, wohlgeordnet, mit schönen Gärten und andern Besitzungen begabt. Vom Abhang eines felsigen Berges, der es an der Nordseite vor Sturm und Regen schirmte, sah es aus lustige Wiesen hinab, jenseits wieder zu waldigen Höhen hinauf, und ein klarer Strom, einige Teiche bildend, rollte zwischen durch seine blauen Wellen. Den 30 Klosterbrüdern hatte es nicht länger in dieser gänzlichen Abgeschiedenheit gefallen wollen. Sie trafen ein Abkommen mit dem Herrn der Gegend, und zogen näher zu den Städten; daher stand die ganze Besitzung feil, und ward durch eine fröhliche Gesellschaft, wozu auch Raimund gehörte, in Gemein an sich gekauft. Was die Troubadours gaya sciencia nannten, heitres Wissen, war der Gegenstand all' ihres Strebens. Einige malten, andre bildeten aus Stein, fast Alle dichteten und sangen. Dabei hatte man eine ordentliche Art von Disciplin eingeführt, welche durch die Erinnrung an das vorige Klosterleben in dieser Gegend begünstigt ward, und auch durch die Anordnung des Klostergebäudes selbst. Man wählte für jeden Monat Einen um die Vergnügungen der ganzen Gesellschaft zu ordnen, und einen Zweiten, 31 um die Plane des ersten auszuführen, so daß es hier Abt und Prior gab, oder Aebtissin und Priorin wie es grade die Wahl mit sich brachte. Poetische Wettstreite, Schauspiele, Tänze, Spazierfahrten und Trinkgelage wechselten mit einander ab, und viele schöne Gedichte flogen wie verwehte Blüthen dieses Gartens weit daraus hin, durch die benachbarten und auch entferntern Lande. Vor diesem Aufenthalte waren Raimund und Alwin eben angekommen, und hörten auf des Erstern Befragen, es sei Alles im westlichen Baumgarten versammelt. Sie traten hinein, in eine liebliche Kühle, nach der heissen Mittagsgluth, die sie im Herabsteigen zwischen den Bergen empfunden hatten. Alles athmete süße Ruhe in diesem Bezirk. Laubengänge zogen sich labyrintisch durch den Anger, und waren dennoch so geschickt 32 unterbrochen, daß man von den Hauptpunkten aus gewahren konnte, welcher zierlichen Gesellschaft sie Schatten gaben. Es hatten sich nämlich viele Gruppen darunter gelagert von phantastisch geschmückten Männern und Frauen; meist an den zahlreichen Springbrunnen, die von dem frischen Rasen emporsprudelten, jeglicher in einer andern Form sein Spiel treibend. Man grüßte Raimunden von allen Seiten, ohne jedoch deshalb einen störenden Aufstand zu beginnen; diese und jene luden ihn zu ihrem Sitze ein, und er ging immer vorüber: erst wolle er hier seinem Neugeworbnen ihr Freudenleben von allen Seiten zeigen, antwortete er; verschmähte jedoch nicht, aus den dargebotnen Bechern zu trinken, und auch seinen Freund dazu aufzufodern. 33 Nach einigem Umherwandeln trafen sie auf einen schönen Mann, der ihnen vergnügt entgegen kam, und Raimunds Hand mit einem Gruße faßte. Er sah halb wie ein Ritter aus und halb wie ein Jäger, seine Kleider waren auf Waidmanns Art geschnitten, aber purpurfarbig und von Golde glänzend, über die Schulter hing ihm ein reiches Wehrgehäng; und dran statt des Schwerdtes ein sehr zierlich gearbeitetes Waldhorn von Silber, worauf er noch eben geblasen hatte, eh' er sich zu den Beiden wandte. Er freute sich sehr über Raimunds Ankunft. Seltsam bleibt es, fuhr er fort, wie Euch der Sinn zur Reise nach Norden trieb, mich zu der nach Süden, und in einer Stunde fast, so daß wir auseinander flogen wie Licht und Dunkel wo sich ein Leben gestalten will, und daß wir auch eben so wieder zusammen schließen, denn 34 ich bin wie Ihr ein Neuling in der Heimath. Erst vor einer Stunde sprang ich vom Pferde. Ihr seht nun schon, daß wir einmal bestimmt sind, in stätem Kampf mit einander zu verharren. Recht gern, Florismarte, antwortete Raimund. Aus unserm Streit sind schon oft erfreuliche Lichter aufgeflogen, und wir haben doch Einer am Thun des Andern unsre Lust. Heute möcht' ich schon mit Euch um den Siegerpreis hadern. Da seht was ich uns für einen wackern Gesellen mitbringe, (indem er auf Alwin zeigte), und Ihr kommt mit leeren Händen. Wir machen das vor dem Tribunal der ganzen Gesellschaft aus, sagte Florismarte, und wandte sich zu dem jungen Manne mit den Worten: Seid indeß schönstens begrüßt. Euer Geleitsmann empfiehlt Euch schon durch die That, und Ihr seht so lebensmuthig und gesund aus, 35 daß ich Euch ohnehin gern willkommen heißen würde. Jetzt wollen wir zu den Andern gehn, die auf der Wiesen schon versammelt sind. Sie gingen, und fanden das ganze fröhliche Völklein auf einem Rasenplatze, wo man die sinkende Sonne sich gegenüber hatte, und von den kühlenden Abendlüften angehaucht ward. Alle bildeten hier einen blühenden Kreis, voll von mannigfaltiger Schönheit, Männer, Frauen, Jünglinge, Mädchen in scheinbarer Unordnung gelagert, nur daß es auch der blödre Sinn ahnen mußte, wie Liebe und Gegenliebe hier den Mehresten ihre Stellen anweise. Es waren in Allem etwa vierzig Personen, die sich insgesammt über Raimunds Erscheinen vergnügt zeigten, und ihr artiges Geplauder unterbrachen, damit er von seiner Reise den ersten, kurzen 36 Bericht erstatten könne. Mit einigen nachdrücklichen Worten sprach er von dem Germanischen Weisen, zu dem er gezogen sei, und erwähnte die Unmöglichkeit, über solchen Gegenstand in diesem Cirkel etwas Genügendes und nicht Störendes zu sagen. Die Andern hörten ihn mit Aufmerksamkeit und Andacht zu: in Florismarte's Augen brannte es wie eine Flamme, so lange vom räthselhaften Deutschen gesprochen ward; alsdann aber ging der Redner auf heitre Gegenstände über, und erzählte höchst anmuthig, wie er Alwin im Walde getroffen, dessen nachheriges Leiden und phantastische Krankheit, so daß der Held der Geschichte fast selber meinte, eine zierliche Novelle zu vernehmen. Es that auf Alle die gleiche Wirkung; man freute sich, den gesangreichen, wunderlichen Jüngling bei sich zu haben, er ward mit 37 vielen freundlichen Worten begrüßt, und zum Mitglied aufgenommen, während zwei schöne Mädchen einen dichten Rosenkranz geflochten hatten, und ihn auf Raimunds Haupt setzten, zum Dank dafür, daß er dem ganzen Bunde so etwas Artiges zugeführt habe. Nachdem die Glückswünsche und Begrüssungen etwas stiller geworden waren, fing Florismarte an: Ihr habt unsern Freund Raimund bekränzt, schöne Frauen, und habt wohl daran gethan, denn was taugt einer geselligen Verbindung mehr, als der rechte Eifer, die rechte Lust in jedem Einzelnen, irgend einen Vortheil für das Ganze zu erwerben? Und was könnte besser dies kräftige Wollen anspornen, oder erwecken, wo es irgend schlafen möchte, als der Dank aus schönen Lippen und von schönen Händen? Nur hoffe ich, daß Ihr nicht blos die 38 einzige Art des Verdienstes zu belohnen versteht, in welcher Raimund heute glänzt, sondern auch jede andre, ja nothfalls sogar die entgegengesetzte. Weil diese letztere mir gehört, bin ich deswegen nicht weniger hoffnungsvoll in die Bahn getreten, und gedenke mir mit dem, was ich eben von mir erzählen will, auch einen Kranz zu erwerben, und von eben so weißen Händen, als unser Freund den seinigen erhalten hat. Bald nach meiner Abreise von hier, kam ich in eine kleine Stadt, wo ich übernachten wollte. Ein reicher Kaufmann ließ mich zu sich einladen; er war ein Deutscher und aus Spekulation herüber gekommen, wo er seit einigen Jahren in zunehmendem Wohlstand lebte. Ich ging hin, denn die Posada, obgleich die beste des Orts, war erbärmlich genug, um mir jeglichen Wechsel 39 wünschenswerth zu machen, und fand eine gute Aufnahme: gemächliche Sopha's, tüchtiges, etwas gar zu reichliches Abendbrodt, vortrefflichen Wein. Durch diesen in gute Laune gesetzt, fing ich nun auch an, mich um die Menschen zu bekümmern, die mir Alle gleich unbedeutend vorkamen. Nur machte sich der Hausherr durch eine gewaltige Stimme bemerkbar, und eine Lust am Witze, die aber leider der Fähigkeit ermangelte. Mich nannte er beständig Herr Poet, oder Herr Romanzenmacher, worauf ich in meiner Achtlosigkeit nimmer gehört und geantwortet hatte, als sei es mein angeerbter Name, weil er mich dabei starr anzusehn pflegte, und mir gewaltig in's Ohr schrie. Hierdurch ward nun sein Scherz äusserst lebhaft, und ich gab mich sehr gern zum Stichblatt her, ohne etwas Unheimliches zu ahnen, bis er 40 mir seinen Herrn Sohn, ein langaufgeschoßnen, blondhärigen Sprößling, als meines Gleichen vorstellte, als eben einen solchen Romanzenmacher und Poeten, der mich durchaus habe kennen lernen wollen und neben dessen Kammer ich auch die meinige finden werde, damit wir die Nacht hindurch unsre poetischen Späßchen treiben möchten. Ihr könnt denken, Ihr Frauen und Männer, wie mir das Haar vor Entsetzen zu Berge stand, um so mehr, da der hoffnungsvolle Bursche allerhand Faxen machte, die für mystische Zeichen gelten sollten, und man nun schon sehn konnte, daß er es in vollem Ernste auf die Poesie gemünzt hatte. Mir schmeckte nicht Wein, nicht Speise mehr; ich stellte mich ermüdet, in der Hoffnung auf diese Weise dem jungen Poeten aus den Händen zu schlüpfen. Aber so gut sollte es mir 41 nicht werden. Mein Schlafnachbar fragte mich zwar, indem wir in sein Zimmer traten, woraus ich in das meinige gelangen sollte, ob ich etwa schläfrig sei? Es komme ihm beinah so vor. Ich bejahte es von ganzem Herzen. Das wird sich geben. sagte er, indem er mich zurück hielt. Ich kenne es aus Erfahrung. Höchst seltsam, wie wir Beide darin zusammentreffen; auch mich verfolgt oft eine solche Schläfrigkeit, und grade in den herrlichsten Augenblicken meines Lebens, in diesem, zum Beispiel, wo ich vor Euch, vielgeehrter Meister stehe, um das entscheidende Geheimniß meiner Existenz in Euern Busen auszuschütten. Aber wir wollen den magischen Schleier zerreissen, mit vereinten Kräften, und groß wird unser Lohn sein. Es schläft sich nachher doppelt gut darauf. Einem sehr interessanten Menschen, 42 Einem aus meinem Bunde, geht es auf eine ähnliche Weise. Er leidet unter der Bezauberung des Hungers. In seinen edelsten Begeistrungen faßt ihn öfters ein ungeheurer Appetit, aber er kämpft ihn zu Boden, und speiset nachher mit zwiefacher Lust. Ich hatte mich, in's unentrinnbare Geschick ergeben, auf den bequemsten Stuhl des Zimmers niedergesetzt, und er fuhr fort: ich bin ein seltsamer Mensch; wunderliche Mächte haben von jeher ihr Spiel mit mir getrieben. Ein kleines Städchen aus der Lüneburger Haide sah meine Geburt. Nie kam ich aus dem väterlichen Hause, höchstens zur Schule und auf einen nahen Anger hinaus, wo die dasigen Kinder allerhand seltsame Spiele trieben; Blindekuh unter andern hießen sie Eins, ein andres Schneeballen; das letztre konnte aber, obgleich wir 43 hoch nordlich wohnten, doch nur im Winter gespielt werden, so wunderlich ging es dabei zu. Damit fing er an, mir eine Beschreibung dieser edlen Spiele zu liefern, welches ich auf keine Weise umgehn konnte, und abkürzen nur mit der höchsten Mühe. Er kam endlich wieder in's Gleis, und erzählte, wie seltsam es sei, daß er sich nun wirklich in Spanien befinde, und ob ich ihm gleich einwandte, daß diese Seltsamkeit mehreren Millionen Menschen begegne, ließ er sich doch nicht weiter drauf ein, als daß er es auffallend fand, wie wir Beide selbst hierin zusammen träfen; der nämliche Zweifel necke auch ihn bisweilen, und doch erkenne er ihn immer als einen bloßen Spaß, wie auch ich ihn eben vorgebracht hätte. Dann erklärte er weiter, daß er noch nichts von Spanien kenne, als die kleine häßliche Stadt, worin 44 er eben wohne, und das sei die unerhörteste Seltsamkeit seines unerhörten Lebens. Mein Vater, sagte er, ist doch gewiß ein kluger Mann. Ein ausserordentlicher kluger Mann. Nicht wahr? Ich machte eine höfliche Verbeugung. Nun seht, fuhr er fort, und dabei hat er eine so kuriose Aussenseite, daß ihn viele, ja die mehrsten Menschen für dumm halten. Das macht: er ist der Repräsentant des Nordens, ich des Südens. Drum ist er einengend, streng, karg, ich überströmend, weich, glühend, und wenn ich durch die Welt reisen möchte, giebt der Wunderbare mir nicht einen Maravedi, um auf's nächste Dorf zu gehn. (Es ist doch, beiläufig gesagt, ausserordentlich, daß ich jetzt nach diesen fremden Münzsorten rechne!) Endlich kam er damit heraus, wie er eine kleine, unabhängige Erbschaft gethan habe, und damit 45 zu uns reisen wolle, zu uns, hierher, und hier bleiben, ja auch ein Stücker sechs Freunde mitbringen wolle, Landsleute und Handlungsdiener seines Vaters, die ihm selbst gleich sähen, wie ein weiß und gelbes Ey dem andern, vielleicht auch gar eine mütterliche Freundin, ein treffliches Weib, die aber noch im Städchen ein höchst wundervolles Leben führe; sie beherberge den Pilger für sein fremdes Gold, kurz sie sei eine Gastwirthin und zwar wie sichs ergab, die, aus meiner elenden Posada. Ich ward bleich vor Schrecken, ja, die Sprache fehlte mir, und als ich diese endlich wieder gewonnen hatte, bemühte ich mich, die allergemeinsten Dinge zu sagen und zu thun, damit ich unserm Candidaten seinen neubetretnen Weg verleiden, und ein so großes Uebel von Euch Allen abwenden möchte, Ihr holde Frauen, 46 und Ihr verständige Männer! Aber er kehrte sich nicht daran; vielmehr fand er auch dieses wunderbar, und seltsam, und unerhört, und sagte endlich, wofern ich ihm nicht behülflich sein wolle, müsse er seinen Weg allein antreten, und werde mit dem morgenden Tage aufbrechen, um Euch eine angenehme Ueberraschung zu verschaffen. Sollte ich nun zugeben, daß Einer aus Euch thierisches Blut vergösse? Denn wirklich, es blieb doch nur ein Mord übrig, um solches lästigen Gesellen los zu werden. Weil es daher noch an der Zeit war, schlug ich den mildern Weg ein. Ich machte ihm weiß, wir überständen allesammt eine Prüfungszeit, von anderthalb Jahren wenigstens, binnen deren wir schwören müßten, auch nicht einen einzigen Vers zu machen, ja, nicht zu thun, als ob wir Poeten wären, um erst recht 47 gewiß zu erfahren, ob wir die rechte, unverlöschliche Flamme in unserm Innern spürten. Ihm zu Liebe wolle ich jedoch die Probe abkürzen; ich werde schon früher wiederkommen, und er solle mir blos schwören, bis zu meiner Rückkehr die angeführten Bedingungen zu beobachten. Ich gestehe nämlich, daß ich fast so eine List im Sinne hatte, wie Lykurgus. Ich wollte mich freiwillig aus dem Rattennest verbannen, für ewige Zeiten, und ihn auf diese Weise nöthigen, dem Versemachen gänzlich zu entsagen. Er aber merkte Unrath, oder erwog doch mindestens die Unfälle, welche mich unterweges treffen könnten, und führte mir daher zu Gemüthe, wie ich es nicht wagen dürfte, die Welt auf ein Ungefähr hin, vielleicht seiner Gedichte gänzlich zu berauben. Auf der letzten Tagereise hatte ich einen tüchtigen Catalonischen Bauer 48 gefunden, welcher etwa sechshundert Realen zu seiner Wirthschaft borgen wollte, und auch mehr für bessre Anordnungen brauchen konnte. In diese Realität nun wies ich meinen poetischen Freund hinein, und gab ihm auf, sein Geld dorten anzulegen, zugleich auch seine Probezeit in jenem Hause zu bestehn. Er ging es ein. Nur bis Morgen noch, sagte er, darf ich wohl der holden Poesie opfern? Ich gab es unbesonnen zu, denn nachdem ich schon zu Bette war, kratzte er noch immer auf der Guitarre, und störte mich im Schlafe, wobei auch ihn beständig ein überwältigendes Gähnen unterbrach. Zuletzt rief er aus: Nun zum kurzen Schlummer! zum kurzen nur und unruhigen! Darin hatte er sich jedoch glücklicher Weise verrechnet, denn er schnarchte augenblicklich, und schlief auch 49 noch sehr fest, als ich am andern Morgen bei hellen Tage weiter zog. Ich kam zurück, und fand ihn mit der Catalonischen Bauerstochter verheirathet, wobei er seinen Bund mit einer Spanierin unaufhörlich bewunderte, aber hierher ziehn konnte er doch nicht, denn die Wirthschaft foderte seine Gegenwart, die gleichgesinnten Freunde waren zersprengt, das treffliche Weib hatte seine Posada näher an Madrid verlegt, kurz unser verderbliches Gewitter ist vertheilt, und nebenbei ein armer Landwirth zu Gelde gebracht, ein Narr zu beinah halbem Verstande, und ich zum Ende meiner Geschichte. Kränzt mich, Ihr hübschen Frauen, denn ich hab' es fürwahr um die ganze Gesellschaft verdient. 50 Fünftes Kapitel. Man fing nun an, sehr lebhaft zu streiten; einige gegen Florismartes Anspruch, andre dafür. Jene führten an: er habe eine Sünde begangen, indem er daran schuld sei, daß die Gesellschaft nun ihren besten Lustigmacher gar nicht zu sehn bekomme; ob er denn für weiser gelten wolle als der Schöpfer, der doch keine Dunkelheit verschmähe, um sein Licht desto leuchtender zu beschauen? Und wie man je zu einem rechten Lachen gelangen möge und drin beharren, wenn man die Wirklichkeit so von sich abstelle, und nur immer mit den Geschöpfen eigner Phantasie zu 51 thun habe, da doch Niemand sich selbst zu kitzeln im Stande sei? Florismarte verdiene keinen Kranz; vielmehr müsse er als irrender Ritter in der Welt umher ziehen, bis er das verschleuderte Juweel wieder auffinde und zur Stelle bringe. Die Vertheidiger wandten dagegen ein: die Dummheit sei nur lustig, wenn man sie aus der gehörigen Entfernung beschaue; in der Nähe betrachtet werde sie wie ein grobes Gemälde zu häßlichen, formlosen Klaksen. Dazu sei es noch eine ganz andre Sache, sich einmal für allemal über dergleichen satt lachen, als den gemeinen Anblick täglich und unvermeidlich vor Augen haben. Bewähre ja doch die Erfahrung daß selbst schöne und prächtige Gegenstände von stätem Anschauen an ihrem Zauber verlöhren, was man denn von dem fortgesetzten Umgange eines sentimentalen 52 Kaufmannsburschen erwarten solle? Noch ungerechnet, daß er mit einem stärkern Heere gedroht habe, mit den sechs bis sieben gleichgestimmten Seelen; das trefliche Weib, die Gastwirthin, nicht einmal gerechnet. Florismarte verdiene also auf alle Weise den Kranz. Die letztre Meinung behielt endlich die Oberhand, und es fragte sich nur, woraus man ihm seine Siegerkrone flechten solle. Nur nicht aus Rosen, sagte eine schöne Frau, wie mein sanfter, freundlicher Raimund eine erhalten hat. Warum nicht? erwiederte eine Andre; man müßte aber die Dornen nicht dran vergessen. Damit sie sich mir ins Fleisch drückten, fiel Florismarte ein. Dafür hab' ich daran ohnehin genug, und protestire förmlich dagegen. Nun gut, rief die zweite Sprecherin. Ich habe den rechten Ausweg gefunden. Kommt her, Ihr 53 Gränzvertheidiger, Ihr wilder Jäger. Sie nahm einen kleinen goldnen Pfeil, den sie zwischen anderm Geschmeide in den schwarzen Locken trug, herunter, und zugleich eine rothe, goldgestrickte Schärpe von den Hüften, womit sie jene artige Waffe in Florismartes Haare festband. So seid Ihr bekränzt, wie's Euch gebührt, sagte sie; als ein wunderlicher Mensch, der mitunter heidnisch genug aussieht, und die Waffe blitzt aus dem Turban hervor. Alle riefen ihr Beifall zu; in der That sah Florismarte mit dem seltsamen Hauptschmucke vortrefflich aus, keck, fremdartig, so daß Viele behaupteten, er sei Zoroaster, oder irgend sonst ein orientalischer Magus, der unter dieser Gestalt seinen Spaß mit ihnen treibe. Wenn Ihr das meint, antwortete Florismarte, muß ich Euern Glauben 54 wenigstens nicht ganz und gar zu Schande machen, sondern Euch vielmehr ein Fest auftischen, das ich für Euch Alle bereitet habe. Und bist kaum seit zwei oder drei Stunden hier? fragte man von mehrern Seiten. Ihr macht auch einen gar zu schlechten Zoroaster aus mir, sagte er. Ich könnte ja wohl meine Geister auf einige Tagereisen vorausgeschickt haben. Diesmal war es nun leichter mit meinen Dienern abzumachen. Aber was geht Euch dann das auch überhaupt an? Komme es, woher es wolle, das Fest steht bereit, die Nacht dunkelt herein und ist still, so daß es sich gut ausnehmen wird, und also mir nach! Er führte sie durch Gegenden des Thales, wo bald auch die geübtesten Herumstreifer unter ihnen sich als Fremdlinge vorkamen. 55 Dabei sang er ihnen Lieder vor, die er aus den südlichern Ländern mitgebracht hatte, erzählte Mährchen, stieß lustig ins Waldhorn, und war wie allgegenwärtig im Zuge, so daß Niemand irgend eine Beschwerde auf dem steilen Bergwege empfand, welchen er sie eine lange Strecke hindurch fortführte. Die Nacht war völlig hereingebrochen, als sie am Fuß eines Hügels ankamen, hinter dem es wie eine Gluth hervordrang. Florismarte schritt munter hinan, eine laute Musik von Trompeten, Hoboen und Hörnern scholl herüber. Lustig nur, sagte der Führer. Wir sind am Ziele. Oben fielen der Gesellschaft so viele Lichter in's Auge und so verworren, daß Anfangs niemand recht sicher wußte, was er eigentlich sehe. Endlich aber ließ es sich unterscheiden, daß gegenüber ein hoher, sehr 56 steiler Berg lag, mit kleinen Flammen wie besät. Nachdem man, von dem überraschenden Schauspiele zurückschauend, näher um sich zu blicken Zeit gewann, zeigten sich dicht vor der Gesellschaft viele Rasentische, bequeme Sitze daneben, Alle im Halbzirkel geordnet, und auf's zierlichste mit Wein und Speisen besetzt, jedoch nur schwach erhellt, so daß man einander kaum wahrnahm, und beständig unwillkührlich von der großen Erleuchtung gegenüber angezogen ward. Man ließ sich schweigend oder leise flüsternd nieder. Die ungesehne Musik aus dem Thale klang in gehaltnen, vorbereitenden Tönen, bis die Flammen des Berges anfingen, höher aufzusprudeln, wie Springbrunnen empor zu wirbeln, und wieder funkenweis in sich zurückzufallen, wobei auch die Klänge künstlich wirbelten, und sich Saiteninstrumente in 57 gewählten und kecken Gängen vernehmbar machten. Die Flammen stiegen höher, breiter, fielen nicht mehr als Funken auseinander, sondern bildeten sich wie feste Säulen, und schlangen ihre Arme in unermeßlicher Höhe zusammen, einen gewaltigen gothischen Feuerdom bildend, dessen Bogen in jedem Augenblick wechselten, und doch immer ein eigenes Gebäude ausmachten. Die Musik drang ihnen aus dem Thal in Chorälen nach. Plötzlich hörte man Florismarte rufen: Genug! Hinab! Seine Stimme hallte wild von den Klippen zurück. Die Säulen rauschten in zahllosen Feuergarben empor, prallten feindseelig gegen einander, kreuzten sich mit ihren wunderlichen Schwingungen, so daß Alles in eine ungeheure, blendende Flamme zusammenflog. Aus dem Thale schmetterten Pauken und Trompeten im taktlosen, 58 betäubenden Gewirr zusammen. Und mit Eins war die Gluth erloschen, still die Musik, durchaus schwarz und schweigend die Nacht, denn auch die schwache Erleuchtung des Mahles verlosch. Man wollte fragen, aufstehn, Zungen und Glieder waren wie gelähmt, denn kalter Flügelhauch wehte an Aller Wangen vorbei, schauerliches Geflüster tönte in Aller Ohren. Die ihre Augen nicht schlossen, gewahrten dicht neben sich bleiche Gestalten, herumgaukelnde Schatten. Da lachte Florismarte laut auf, und sagte: laßt's Euch als Nachspiel gefallen. Gott der Herr sogar kann Euerm Leben kein Beßres schaffen. Das Grausen vermehrte sich durch diese Worte, aber er blies die schmeichelndsten Töne aus dem silbernen Waldhorn, es war als blickten Sterne durch die Nacht, Alle Blicke wandten sich nach oben, – da standen ringsumher 59 Bediente mit Fackeln auf, die so lange dicht um sie her versteckt gelegen hatten, das Gleiche geschah vor ihnen am Abhang des Berges, und es zeigte sich daß sie neben einem Fahrwege saßen, dem einzigen zum Kloster führenden, welches ganz nahe bei ihnen lag. Ihr wart nur im Kreise herumspaziert, sagte Florismarte. Die Musik spielte einen allgemein bekannten Tanz, und man ging wie schon im halben Traum nach Hause. Sechstes Kapitel. Am folgenden Morgen ward Alwin durch einen Chorgesang erweckt, der vor seinen Fenstern heraufscholl. Er konnte sich Anfangs noch nicht recht ermuntern, sondern verflocht die Töne in die Gebilde seines Schlafs. Es 60 war ihm, als wäre er noch ein Kind, und ginge mit seinen Eltern bei sehr schönem Frühlingswetter den Fußsteig aus der Burg nach dem Dorfe hinab, um die Kirche zu besuchen. Sie eilten sich, damit sie noch vor Beginn der Predigt kämen, und die gottesfürchtige Melodie zog ihnen einladend durch die blaue Luft entgegen. Eben wich der Schlummer, als der Träumende in die Kirche zu treten meinte, und er sah erstaunt in dem fremden Zimmer umher. Die Musik währte noch immer fort, und ans Fenster eilend, gewahrte er den Hof des Klostergebäudes voll von geschmückten Landleuten und wehenden Fahnen. Er sann noch darüber nach, was dies eigentlich bedeute, und wie er Gestern hier hereingekommen sei, als Raimund in das Zimmer trat, und ihm zurief: nun, 61 Langsschläfer? Hast du das Heutige Fest verträumt? Was denn für ein Fest? Was denn verträumt? fragte Alwin sehr unsicher und langsam, während die Begebenheiten des gestrigen Tages nach und nach vor seinem Geiste wieder heraufstiegen. Du bist noch ganz irr, sagte Raimund, und es ist am Ende nicht zu verwundern. Florismarte's tolles Feuerwerk hat uns Allen nicht viel besser mitgespielt, und darüber ist es auch wohl vergessen worden, Die zu sagen, daß wir Heut einen großen Kirchengang halten, wobei auch die Bewohner der umliegenden Gegend von den fernsten Punkten her zusammenströmen. Einen Kirchgang? fragte Alwin von Neuem, immer noch mehr in seinem Traume zu Haus, als in der Welt. 62 Erschrick nur nicht, erwiederte Raimund lachend. Du wärst im Stande, Dir eine norddeutsche, protestantische Kirchengemeine vorzustellen, und vor der gewohnten Langeweile gleich wieder einzuschlafen. Nein, nein lieber Freund. Es ist auf ganz etwas Andres abgesehn. Hier lernt man erst den rechten Gottesdienst, die rechte himmlische Feier kennen. Du sollst es schon gewahr werden, und zum heitern Verständniß erwachen. Damit zog er ihn mit sich fort, sie traten in den Zug, der eben unter erneuten Gesängen aufbrach, und in begeisternder Festlichkeit vorwärts schritt. Von den Höhen, aus den Thälern durch die Wälder, zeigten sich auf allen Seiten ähnliche Prozessionen; die Gegend war wie von wandelnden Blumengewinden geschmückt, in der Mitte prangte auf einem anmuthigen Hügel ein Münster, 63 als allgemeine Zier. Jemehr man sich ihm näherte, je herrlicher stieg es empor. Alwin mußte unwillkürlich an den gestrigen Feuerdom zurückdenken, der hier verdichtet schien, zu ungeheuern Massen von Quadersteinen. Aber als er nun erst eintrat in die vielverschlungenen Hallen, von deren Bogen herab die schwebenden Ampeln ihm entgegen leuchteten, prächtige Teppiche, schöne Gemälde von den Wänden glänzten, und der ganze Bau von einer wimmelnden Menschenmasse erfüllt, die sich unter den hohen Säulen zusammendrängte, Aller Augen nach dem Hochaltar gerichtet, dem hellerleuchteten Ziel der Kreuzgänge, wie es vorher das ganze Münster für die Prozessionen gewesen war, als nun die Orgel im melodischen Sturm anhub zu klingen, von ungesehnen Sängern begleitet, und vor dem Priester wieder das Meer von Tönen 64 schwieg, und er mit einzelnen, feierlichen Worten entgegnete, – da schwoll Alwin's Brust, er fühlte niegekannte Erscheinungen durch sein Innres ziehn, und beugte voll brünstiger Andacht seine Kniee vor der emporgehaltnen Monstranz. Der Gottesdienst war vorüber, und alle Wallfarther sammelten sich auf einer Wiese, die unfern des Münsters gelegen war, und voll von Lauben und zierlichen Hütten stand zum Behuf der heutigen Feier. Man zerstreute sich hier und dort, wie es Laune und Zufall mit sich brachten, und bald hatten sich unterschiedliche Gruppen von Tänzern zusammengefunden, die zum Klange der Cithern und Castagnetten ihre Nationaltänze begannen. Vor allen hörte man den Fandango, wie er abwechselnd stolz und zärtlich und lustig und vor Liebe hinsinkend, das Spiel der 65 süssesten Gefühle nachbildet! drein schaute der klare Sommertag, und Lüftchen gaukelten als erfrischende Boten von den waldigen Höhen herunter. Alwin war in all dieser Freude nicht recht zu Haus. Er fühlte sich verlassen zwischen dem üppigen Leben der Andern, und sehr erschüttert, obgleich auf eine angenehme Weise, aber tanzen mochte er nicht, noch weniger lachen und plaudern. Darum ging er abwärts, und setzte sich unter ein nahes Gebüsch. Die Tanzmusik hatte von jeher, auch in seinen glücklichsten Zeiten, einen zwiefachen Eindruck auf ihn gemacht; es war nämlich, als riefen ihre Klänge ihm nicht nur die gegenwärtige Lust in's Gemüth, sondern auch deren schnelles, ja unwiederbringliches Vorübereilen, so daß er schon immer im Voraus die Wehmuth der künftigen 66 Rückerinnerung ahnte. Hier saß er nun wirklich recht wehmüthig unter dem frohen Gewimmel, und die ihm sonst prophetische Stimmen gewesen waren, lockten ihn nun schmeichelnd in die Vergangenheit zurück. Beatrix, Aline, Mathilde zogen einen Reigen durch alle seine Sinne. Oft wenn freundliche Mädchen an ihm vorüber streiften, dachte er, es müsse Eine von den Dreien sein, und ihn etwa folgendergestalt anreden: Was bleibst Du denn so allein, Alwin, unter dem abgelegnen Gebüsch? Ich bin ja hier. Wir wollen unser ehemaliges frohes Leben wieder erneuern und Du mußt Alles vergessen was Dich gedrückt hält. Dann sollte sie ihn bei der Hand fassen, mit ihm durch die Tänzer fliegen, und ihm den alten Frieden in's Gemüth lächeln. Aber es geschah nichts dergleichen. Alles zog fremd und gleichgültig 67 an dem unbekannten Träumer hin, und er blieb mit seiner herzlichen Sehnsucht allein. Da rauschte es neben ihm in den Zweigen. Ein schönes Mädchen, von zwei jungen Hirten begleitet, hatte sich aus dem Tanze zurückgezogen, und ließ sich, von dem Einen umschlungen, sehr behaglich in das schwellende Gras nieder. Der Andre stand betrübt vor ihnen. Laß Dich's nicht so anfechten, Antonio, sagte der Erste. Wie spröde Dein Mädchen thun mag, ist es doch damit nicht anders, als mit dem Gebirgsschnee, der vor den Sonnenstrahlen schmilzt, wenn nicht im März, doch gewiß im April. – Es bleibt auch vieler den ganzen Sommer lang oben liegen, antwortete Antonio, und weil es Dir glücklich gegangen ist, Lope, ist es noch nicht ausgemacht, daß es jedem Andern auch so gehn müße. – Ich hatte doch 68 zwei Feinde zu bekämpfen, sagte Lope; Olalla's Sprödigkeit, und noch ausserdem die Luchsaugen ihres Vormundes. Die waren es leider hauptsächlich, fiel Olalla ein: meine Sprödigkeit war geschmolzner Schnee. Ich muß nun meine Thorheit schon bekennen, da es mit dem Läugnen nicht mehr gehn will. Glaube nur, Antonio, wir Mädchen stellen uns alle schlimmer an, als wir sind, und gegen den am schlimmsten, der uns am besten gefällt. So wird es wohl mit Deiner Therese auch sein. Vergiß nur nicht den Heiligen anzurufen. Ich habe es Heute recht inbrünstig gethan, sagte Antonio. Nun dann wird er Dir auch helfen, wie er uns geholfen hat, meinte Lope. Wie das zugegangen ist, fuhr er fort, läßt sich hübsch anhören. Ich dächte, Olalla, wir sängen ihm die Romanze vor, die wir Beide drauf gemacht 69 haben, wenn Du, Antonio, es anders gern hören willst. Es wird mir ein rechter Trost sein, antwortete dieser, und sie fingen ihr Lied an.         Lope .   Wandelnd über schroffe Felsen, Dicht vorbei wo Schlünde drohen, Dreist auf morschen Brückenstegen, Die nachläss'ge Hand geworfen, Zieht ein Hirte, Lieder blasend, Lieder singend, weil dort oben, Oben auf der höchsten Alpe Liebchen Wohnung hält im Sommer. Gradaus darf er ja nicht hinziehn, Nicht mit seiner Werbung kommen, Denn der Oheim schilt und eifert, Will sein Mündel nicht verloben. Armer Hirt! Vergeblich Sehnen! Liebeschmeicheln unvernommen! 70         Olalla .   Einsam zwischen Rahm und Wocken, Schlimm bewacht von Oheims Listen, Muß ein armes Hirtenmädchen In der öden Wohnung sitzen. Andre gehn zu lust'gen Tänzen, Hören art'ge Liebesbitten, Können weigern und gewähren, Schmerzen steigern oder lindern, Alles wie's die lust'ge Laune, Wie's erweichter Sinn gebietet. Nur ich Mädchen, armes Mädchen, Bleib' allein im engen Zimmer! Oefters zieht vorbei der Alpe Jugendschlank ein schöner Hirte, Bläst und singt verliebte Töne, Die man gern ihm möcht' erwiedern. Aber, du mein böser Oheim, Läßt Dich immer wachsam finden! 71         Lope .   Heimlich blieb des Hirten Liebe, Höher trieb die innre Lohe; Ungeduld'gen Herzens wünscht' er Schon herauf den klaren Morgen, Wo zur Wallfahrt unsres Heil'gen Jeder kommt vom Thal gezogen. Ach, sie kamen, ach, sie wallten, Lieder klangen, Fahnen flogen, Und es blieb in all' dem Jubel Sein geliebtes Bild verborgen. Zürnend halb, und weinend halb, Trat er zu des Heil'gen Throne, Sagte: nicht 'mal Dir zur Feier Läßt der Oheim Thüren offen. Hilf uns Heil'ger! Hilf uns Beiden! Denn mich dünkt auch sie, die Holde, Ließe gern ihr Antlitz leuchten, Und wenn mich ihr Wink erkoren Soll's Dir nie an Lobgesängen Fehlen, und an andern Opfern. 72 Sei uns günstig, lieber Heil'ger, Mach' den süssen Streit begonnen.         Olalla .   Als vorbei die Hirten zogen, Saß sie weinend hinter Gittern, Bat: o lieber, guter Heil'ger, Hilf mir, hilf! Ich will Dir bieten Alles was die Heerden schaffen, Alles was die Felder bringen, Denn ich bin ein reiches Mädchen, Habe Aecker, Seen und Wiesen, Nur daß Vormund geizig Haus hält, Gern mich stets in Windeln hielte. Bin doch schon so lang' erwachsen, Vierzehn Jahr schon aus der Wiege. Laß nur mal zu Deinem Feste Wandeln mich; da wird sichs finden.         Beide .   Und der Heil'ge sah hernieder, Wollte was die Beiden wollten, Denn wo Länder fernhin liegen 73 Große Länder, reich an Golde, Dorthin zogen große Schiffe, Mit sich fort den Vormund lockend. Und beim nächsten Fest als Pilger Trafen sich die beiden Holden, Lachten, scherzten, küßten, liebten, Frei auf seinen Liebeswogen. Auch erfanden sie ein Liedchen Feiernd die ersehnte Wonne, Sangens oftmals, sangens wieder Eben jetzt vor Euern Ohren. Die drei gingen hierauf wieder vergnügt zum Tanze, und Alwin zur Kirche, wo er dem Heiligen sich selbst und sein ganzes Leben verlobte, für die Gewährung seiner glühenden, halb unverstandnen Sehnsucht. 74 Siebentes Kapitel. Es gab im Klostergebäude einen geräumigen Saal, worin man eine Bibliothek aufgestellt fand, theils wie sie beim Ankauf vorgefunden war, theils auch mit Büchern vermehrt, welche Einige aus der Gesellschaft dorthin gegeben hatten. Vor Allem gab es viele Hefte voll alter Sagen und Gedichte, daran sich Alwin außerordentlich ergötzte. Er brachte manchen Tag dabei zu, vom Eismeer bis zum Süden durch alle verschiednen Sprachen hinstreifend, obgleich er die nördlichen Gebilde mit ausgezeichneter Vorliebe umfaßte, und wenn alsdann ein linder Abend von den 75 westlichen Bergen niederschwebte, brach er auf, nur von seinen alten Historien und Träumen begleitet. Durch die pfadlosesten Wälder ging sein Weg, hinab in die verwachsensten Thäler, zu den steilsten Felsen hinauf, so daß ihn oft die Nacht auf seiner Wanderung überraschte, und er einigemal erst mit anbrechendem Morgen zurück kam. Die Gesellschaft verfehlte nicht, ihn deshalb mit allerhand drolligen Namen zu belegen. Nachtwandler hieß er, Eule, Menschenscheu, Hexenmeister. Als man ihn einstmals darüber neckte, sagte Raimund: Wahrhaftig, er ist ein recht eingefleischter, ich möchte noch lieber sagen, eingeeister Nordländer. Aus unserm heitern Süden heraus sendet er all seine Wünsche und Lieder nach der Schneegegend hin, und liest ämsig, was von da herunter kommt, die Edda, den Saxo Grammaticus, und der Himmel weiß was 76 noch für Isländereien. Aber einige recht hübsche Blüthen hat er draus gepflückt, und sie zu artigen Liedern verflochten: das muß man gestehn. Die Damen schalten, daß ihnen Alwin seine Eisblumen, wie sie es nannten, so lange vorenthalten habe, und auf ihr Verlangen sang er folgendes Gedicht:   Vorbei an manchem fremden Strand, Durch manch ein fremdes Meer Schifft Alf, der Held von Dänenland, Mit seinem Dänenheer.   Steht Lethra doch beinah verwaist, Klagt um den jungen Herrn, Jedoch der wackre Weigand reist Nach seinem eignen Stern.   Und fragst Du, wie der Stern geheissen, Und sagt's Dir nicht Dein Muth? Du kennst gewiß sein schönes Gleissen, Bist Du sonst brav und gut. 77   Ein Fürstenkind, Alvilda, zart, Erweckt' ihm solch ein Licht. Und hatte sie auch sich spröd' verwahrt, Ließ er sein Hoffen nicht.   Sie floh aus ihrem Königshaus Vor Alf, dem edeln Freier, Da ging er kühn nach Thaten aus, Ein beutegier'ger Geier.   Die Flügel waren die Seegel sein, Die Krallen sein die Speere. Und was nur gab auf Wassern Schein Gewann er sich zur Ehre.   Und stand er nun an Feindesbord, Im Spiel mit Feindesschilden, Dann sang er: Thaten send' ich fort, Sind Boten zu Alvilden.   Hoch nordwärts liegt eine schöne Bucht, Kann viele Schiff' umfahn. Dort lagen schnelle Seegler; Der Alf, der schifft' heran. 78   Die Seegler waren zum Schlagen fertig, Und kamen im kecken Lauf, Und Alf, des Sieges schon gewärtig, Rief: meine Dänen, drauf.   Die Lanzen flogen hin und her, Ein Däne sprach: fürwahr! Ich werf' nur ungern meinen Speer Auf solche schmucke Schaar.   Seht wie sie all so zierlich stehn, An Kleid und Stellung fein. Fiel Eins davon in's Wasser, Ich spräng' ihm hinterdrein.   Und ob's etwa auch Asen sind, Auf heimliche Fahrt bedacht, Da würden wir Alle taub und blind, Und's gäb 'ne böse Schlacht.   Wolln's proben! rief der junge Alf, Sprang n'über auf's Verdeck, Vertrauen dem, der sonst ihm half, Dem Muthe, frisch und keck. 79   Die andern nach in dicker Schaar Die Waffen klangen laut, Es fiel ein Helm, und wallend Haar Ward unversehn's geschaut.   Und unterm Haar ein Angesicht, Wie Blumen hübsch und fein, Und auch zwei blauer Augen Licht, Wie's haben die Jungfräulein.   Die Dänen lachten und freuten sich, Und faßten ihren Feind, Noch Keiner sah zierlichre Feinde, Seitdem die Sonne scheint.   Und nahmen's Alle freudig wahr, Wie lacht' erst Alf der Held, Sah' er Alvilden doch der Schaar Als Herrin vorangestellt.   Nun Liebchen bist gefangen, Nun Liebchen bist Du mein, Nun schau ich klar der Wangen Bräutlichen Morgenschein. 80   Fort Helm, mit argen Tücken Bargst du all meine Lust! Fort Panzer! Sollst nicht drücken Die weiße Schwanenbrust.   Stahlbandschuh wollt noch blinken? Fort! Deckt dies Händchen nicht, Weil sich's mit zartem Winken Viel schönern Sieg erficht.   Die Waffen nahm er siegend Von dem besiegten Weib, Doch reichen Schmuck, erliegend, Schenkt' er dem holden Leib.   Nun heimwärt's zog die frohe Schaar, Alle Bräutigam und Braut, Und Lethra hat von jedem Paar Manch Heldenkind geschaut. Holt nur viele hübsche Liebes-Geschichten aus dem Norden herunter, sagte eine schöne Frau, so wollen wir Euch die Ausflüge dahin gern 81 erlauben, wenn's doch Eure Natur einmal so mit sich bringt. Seine Natur! rief Florismarte. Das ist nun einmal wieder eine Raimundische Redensart. Er macht nordische Romanzen, weil er so weit von Dänemark und Schweden abwohnt. Wenn er in Upsala studirte, würde er recht artige Gedichte schreiben, wo Sehnsucht nach dem Süden drüber stände, und vielleicht auch drin enthalten wäre. Nun ist er hier, und sieht nach dem Norden hinaus. Man muß ja einmal aus sich heraus sehn. Da ist nichts Anderes zu machen, weil uns der Schöpfer die Augen in dieser Richtung angesetzt hat. Und wenn es die schon thun, wie viel mehr noch der Geist, ein so ungebändigter Gesell, daß er immer Lust hat, unsern eignen Leib mit Füßen zu treten, und, wie ich glaube, blos deswegen, weil er so nahe 82 mit ihm verwandt ist. Also je ferner, je lieber, und Alwin kann nichts Natürlichers thun, als von hier aus die Norwegischen und Isländischen Sagen studiren; wenn wir von höher herunter welche hätten, wär' es noch besser. Wir haben auf die Art hier einen poetischen Eiskeller angelegt, sagte Raimund lächelnd, und befinden uns auf dem unrechten Wege, denn wir wollten ja den Süden treffen, und hätten dazu vom Süden weitmöglichst wegfliehen müssen: in einem Russischen Rauchloch fänden wir die herrlichsten Blumen. Wie es sich doch so himmlisch leben muß unter dem Kohlendampf und dem erstickenden Fischgeruch! Da dürfte die Sehnsucht keinen Augenblick Friede halten, und die Poesie wäre eine so nothwendige Sache als Athemhohlen für Jeden, der nicht gradezu ersticken möchte. Hier freilich schläfern uns die Blumendüfte ein, so daß wir Monde leben könnten, ohne daran zu denken, daß unsre Existenz nicht die Poesie selber sei, oder die Sehnsucht nach den Lappländischen Herrlichkeiten müßte uns anwandeln, daß wir sängen: O der Lust vom Thranfaß nippen, In der Jurte, stets geheitzt, Schau'n in Augen, rauchgebeitzt, Küssen blaugefrorne Lippen! Ich bleibe bei meinem Sache, antwortete Florismarte. Wir könnten hier die besten nördlichen Gedichte machen, aber auch andere, denn Ihr haltet uns für zu einseitig. Ihr scheint nämlich die irrige Meinung zu hegen, als wohnten wir im Süden, aber das ist keinesweges der Fall. Wir wohnen wohl am Ende nirgends, 84 sagte Raimund, und sind, wenn man es recht bei Euerm Lichte besieht, gar nicht einmal da. Das würde eine sehr weitläuftige Untersuchung fordern, erwiederte Florismarte. Was aber unsern Wohnplatz betrifft, so kann ich Euch nicht ganz Unrecht geben. Er schwebt so in der Mitte, daß er beinah für Null gelten mag. Den Norden haben wir schon als fremd anerkannt, und nun fragt Euch selbst, wie es mit dem Süden steht. Nach Indien hinüber, nach der Barbarei sogar schweben Eure glühendsten Lieder, die Spanier selbst fühlen, daß sie durchaus nicht im rechten Sonnenlande daheim sind, denn ihre Gedichte haben es gar zu gern mit Asien und Afrika zu thun. Was den letztern Welttheil betrifft, so streift alle Europäische Poesie freilich nur an seinen Gränzen herum, aus Furcht, sich die 85 Flügel in der wahrhaften innern Mittagsglut zu verbrennen. Aber wer das rechte Herz hat, den Süden zu lieben, der thu' es dort, auf den heißen Ebnen, wo die Sonne Monarchin ist, ohne alle jämmerliche Illusion, ihre Macht, ihren siegenden Glanz unmittelbar zeigt, und den starken Sinn aufzusuchen scheint, der ihr ungeblendet in's Strahlenauge blicken kann. Wie es sich da lebt, Ihr Kinder, wie es sich da liebt, das kann nur der ermessen, der wie ich auf meiner letzten Wanderung dort umhergezogen ist, unter den Mysterien freundlichliebender Gewalten; – Kinder, ich bin fast umgekommen dort vor Hunger, Durst, Ungeziefer, habe keinen vernünftigen Menschen gesehn, höchstens dürre, häßliche Creaturen, und danke allen Heiligen, daß ich wieder hier bin. Um Gotteswillen, Ihr hübschen Frauen, schenkt mir ein, denn 86 ich bin bei der bloßen Erinnerung beinah verschmachtet. Damit war der Streit abgebrochen, denn Alle lachten über den tollen Schluß dieser Rede, und Raimund sagte: er ist für mich ein wahres Uebel aus der Zauberwelt, ein neckender Zwerg, der einen zum Kampf reizt, und verschwindet, wenn man eben die Waffen heben will, so daß der noch von Glück sagen kann, der bei dem verrückten Spaß ohne Fallen abkommt. 87 Achtes Kapitel. Vor vielen andern Liedern und Geschichten fand Alwin seine Freude an der vom tapfern Roland, und von seinem endlichen Erliegen im Thale Ronceval, wie alle die Genossen seines Ruhmes um ihn her stehn, Einer nach dem Andern zum Himmel auffliegend aus dem Märtyrertode, wie Funken aus einem gewaltigen Feuer, bis die größte Seele sich zuletzt den Gefährten fast freiwillig nachschwingt. und die Brandstätte vom nächsten ruhigen Tage beleuchtet wird in der Erzählung der nachherigen Begebenheiten. Er hatte Romanzen darauf gemacht, die er sehr gern 88 sang, und öfters im Thale Ronceval selbst, welches nicht sehr entfernt von seinem jetzigen Wohnort lag. Die jungen Leute dort hatten ihn lieb gewonnen, und versammelten sich gern um ihn, auch kamen wohl einige Alte dazu, die ihm treuherzig die Hand schüttelten, noch wackrer und inniger, wenn sie irgendwo Feldzügen beigewohnt hatten, denn solche fanden ihre besondre Lust an dem soldatischen Geist in Alwins Liedern. Eines Tages hatte er auch von Rolands Fall gesungen. Aufmerksame Hörer standen und saßen am Fuße des Felsenstücks, welches er sich zum Standpunkte erwählt hatte, und eben war die Schlußromanze geendigt, die durchaus auf den ehrwürdigen Namen Ronceval gereimt war, und mit demselben verklang, da brach wie ein lächerliches Echo eine Stimme hervor: Fatal! Oval! Egal! Fanal! 89 Formal! Ich wollte einen ganzen Tag lang so fortreimen. Alwin blickte erstaunt nach dem Rufenden, viele Gesichter wandten sich unwillig nach derselben Gegend, und man entdeckte ein drolliges Männchen, das vor Eifer kirschbraun aussah, und da es sich bemerkt fand, noch lauter schrie: Ihr seid mir ein Scandal! Eure Verse sind illegal! Macht sie nach dem einziggültigen, kritischen Lineal! Alwin hatte sich im ersten Augenblick über die Stöhrung geärgert, aber nun reizte ihn der disharmonische Lärmen zum Lachen, und er sagte: Wenn Ihr mich parodiren wollt, so lernt doch erst das Metrum kennen, worin ich dichtete. Ihr macht ja sonst Euern eignen Spaß zu Schande. Was Metrum! rief sein Gegner. Was ich sage, reimt sich doch Alles auf Al. Ich selbst heiße Doctor Aal – Ihr seid aber für einen Aal ein bischen 90 unbehülflich, sagte Alwin. Darüber lachten einige, und der Kritiker ward so böse, daß er aus seiner Parodie herausfiel, die ihn ohnehin schon sehr gezwängt hatte, und ohne alle Rücksicht auf Gereimtes oder Ungereimtes schrie, er sei ein sehr großer Gelehrter, und verstehe von der Poesie mehr als sie alle zusammen genommen. Wir haben doch kein einziges Lied von Euch gehört, erinnerte ein junger Mann aus der Gesellschaft. Als ob das nöthig wär', fuhr der Kritiker auf. Ich weiß mich selbst nicht darauf zu besinnen, ob ich jemals Verse gemacht habe oder nicht, aber ich bin ein berühmter Abschreiber alter Manuscripte aus den Zeiten des alleinigen guten Geschmacks. Noch vor Kurzem habe ich ein Paar davon auf ganz neues Pergament übergetragen, und weil darin kein Wort von gereimten Liedern 91 vorkommt, am wenigsten von solchen, wo ein einziger Reim am Ruder stehn soll, ist die ganze Dichtart schlecht und nicht zu toleriren. Ihr seid langweilig, sagten Viele. Schweigt doch still, und laßt den jungen Mann seine Romanzen singen, an denen wir unsre Freude haben. Ihr werdet noch Alle zum schlechten Geschmack übergehn, rief er aus, und in die Schlingen der Zauberer aus dem Klostergebäude fallen, und dann werd' ich mich Eurer keinesweges erbarmen. Damit ging er brummend fort. Was meinte er denn mit seinen Zauberern? fragte Alwin; es wollte ihm aber Niemand bestimmte Antwort geben, vielmehr baten sie ihn um noch einige Lieder, damit man jenes Geklappers vergäße, und Alwin sang ihnen Romanzen aus der alten 92 Dänenzeit, davon er die Geschichte in einem seiner Bücher gefunden hatte. Bei seiner Rückkehr befragte er Raimunden, was doch wohl das Schelten des Kritikers auf ihre ganze Gesellschaft heißen solle. Sie bürden uns allerhand tolles Zeug auf, antwortete der Dichter, weil sie unser Thun gar nicht begreifen können, und darunter gehört auch die Beschuldigung, wir trieben hier die schwarze Kunst. Leider glauben viele gute Geschöpfe daran, und an noch ärgern Aberwitz. Du mußt nur nicht zu oft drauf hören. Manchmal ist es recht gut, sich damit zu ergötzen, aber wenn man sich auf's Antworten einlassen wollte, käme zuletzt ein Hetzkampf für den Pöbel zu Stande, wobei doch auch der edle Streiter nur eine beklagenswerthe Rolle spielt. Dieser Doctor Aal 93 und seines Gleichen gehören noch nicht zu den Schlimmsten, aber sie haben sich dermaßen in ihre Antike hinein gepreßt, daß sie gar nicht mehr von Gipsabgüssen zu unterscheiden sind, und es ihnen unerhört vorkommt, wenn Einer mit andern Schritten durch sie hingeht, als sie es von ihrem Aufseher gewohnt sind. Und will man vollends in ihrer Nähe eine Gestalt aufstellen, mit einer andern Frisur, als die des Apoll von Belvedere, so regt sich das Bischen Leben in ihnen wie zum Vertilgungskrieg auf. Also haben wir Feinde? fragte Alwin. Welche gute Sache hätte sie nicht! antwortete Raimund. Und je kräftiger, je wilder bisweilen, je besser. Das regt aus dem Schlummer auf, darein sich der Mensch so 94 leicht verliert, und die bedrängte Kraft tritt zur eigenthümlichen und sichern Form zusammen. Neuntes Kapitel. In einer schönen mondhellen Nacht saß Alwin auf dem Gipfel eines Hügels, nicht allzu entfernt von dem Kloster, und hing seinen Wünschen nach und seiner Trauer; da erhob sich, ihm gegenüber, auf einer andern sanften Anhöhe, Raimunds Gestalt, der eben mit einer leichtverschleierten Dame hinanstieg. Raimund bemerkte seinen Freund, und sang zu ihm hinüber: 95     Du, einsam auf dem Hügel, Verschwiegner Nacht Gefährt, sangreicher Waller, Wie hältst die Lieder streng Du in Verwahrung, Die zum Ergötzen Aller Ausflögen gern auf angebornem Flügel, Der tiefsten Lieb' und Sehnsucht Offenbarung. Nicht ziemt uns Dichtern ängstliche Bewahrung Der Schätze, die uns Gottes Huld gespendet; Fortströmen sollen wir, wir heil'ge Bronnen, Bewußt, daß unsrer Wonnen Himmlische Freudengabe wen'ger ahndet, Je reicher wir vertheilen. Du, angestrahlt von der Begeistrung Sonnen, Wie Blick und Stellung Zeugniß deß ertheilen, Du darfst nicht klanglos, edles Bild, verweilen. Alwin sang entgegen:     Gesänge rauschen, klingen, Umschweben dreisten Flugs der Länder Gränzen, Aus freiem Sinn in freier Lust entsprossen. Doch nicht zu Siegerkränzen Mag sich dem Herzen schwerer Gram entschwingen, 96 Wehklage nach der Freude längst verflossen. Beschämt muß ich verstummen dem Genossen, Der heitre Saiten schlägt zu hellen Tönen, Ein Aar, den Blick wohl senkend, nie den Fittig. In stiller Brust erlitt' ich Von Liebe Leid, fand Schonung nicht beim Schönen, Vertraun nicht bei der Treue. Drum laß mich schweigen, trauter Meister, bitt ich, Der Schleier dort birgt holder Augen Bläue, Vor der ich mehr noch mein Erliegen scheue.         Raimund .     In liebentbrannten Klagen Will Nachtigall die Flammen süß verhauchen, Die ihren Busen schwell'n und fast zersprengen, Daß Sterne, die sich tauchen In feuchter Wolken duftumhüllten Wagen, Man lauschend sieht hervor die Lichter drängen. Dies Heil entblüht den klagenden Gesängen, Entblüht allein den sehnsuchtsvollen Liedern, Wo aus dem Abgrund lieberfüllter Herzen 97 Sich Freuden oder Schmerzen Erheben, um als Echo zu erwiedern Verschwiegner Liebe Feier. Auf, neu entzündend Deiner Andacht Kerzen, Belebe süßen Klagelauts die Leier, Und sing' von diesen Augen fort den Schleier.         Alwin .     Du willst, und ich beginne, Auch Dir mit nächt'gen Liedern zu verkünden, Was stets ertönt, von mir allein vernommen. In tiefen Erdengründen Schläft die Geliebte; Seele mir und Sinne Ließ sie zurück in heil'ger Gluth entglommen. Wenn nun des Lebens Lustgebilde kommen, Zu mahnen mich in ihre heitern Kreise, Zu locken mich in's bunte Weltgetriebe, Dann seufz' ich nur nach Liebe, Fremd scheint und freudlos mir die ferne Reise, Feind ringsum auf der Lauer. Drum tracht' ich, wo ich still und einsam bliebe, 98 Wo Niemand spotte meiner frommen Trauer, Und gütig winkt mich Nacht in ihre Schauer.         Raimund .     Wenn in des Frühlings Milde, Der Landmann ausgeht, schauend seine Saaten, Die er vertraut hat der Natur Umarmung, So weiß er: nicht gerathen Mag jeder Halm im grünenden Gefilde, Nicht jeden faßt des Sommers Lieb's-Erwarmung, Doch bringt's der goldnen Erndte nicht Verarmung. Was eines weigern mag, wird andres spenden, Was hier verwelkt, dort zwiefach sich erschließen, Und Windsturm und Ergießen Des kalten Regens all zum Heil sich wenden, Gelenkt von eigner Güte. Faß Muth! denn Heil muß ew'ge Liebe senden Den Liebessaaten, und was heut verglühte Wacht morgen lockend auf zu schön'rer Blüthe.         Alwin .     So hold, so allgewaltig Ist Liebe, daß vor ihren heil'gen Thronen 99 Nie unerhört sich frommes Bitten neigte. Nur hoffe nicht Belohnen Wer, ein Rebell, durch Frevel mannigfaltig Der süßen Macht sich widerstrebend zeigte. War ich's nicht, dem sie günstig ehmals reichte Das Pfand erhörter Sehnsucht, freundlich Winken, Vertraulich Lächeln? Händedruck und Neigen? Da, neuen Sternen eigen, Wandt' ich mich abwärts vom gewohnten Blinken, Abwärts von trauten Worten. Nun seh' ich die verscherzten Wonnen sinken, Und nirgends öffnet mir an fremden Orten Ein neues Morgenroth die ros'gen Pforten.         Raimund .     O, Alchymist, wie blöde! Nun die geheimen Kräfte streitend ringen, Die Du in glüh'nden Wünschen hast entzündet, Sich liebend bald verschlingen, Bald von einander fliehn, erzürnt und spröde, Nun gilt's! Nun sei Dir Hoffnung treu verbündet. Dir wird Dein Heil im nächt'gen Grau'n verkündet, 100 Dein Venusstern, Dein langersehntes Leuchten. Laß nicht unzeitig zweifelnde Gedanken Den edeln Muth umwanken, Den Muth, den keiner Schlachten Donner scheuchten, Die Zeit ist angebrochen, Wo Freudenthränen Deine Wangen feuchten, Die Pulse Dir von süßer Wonne pochen. Drum kühn die höchste Sehnsucht ausgesprochen!         Alwin .     Sie kam zu meinen Träumen, Die Herrin, oft in all' den Hoheits-Strahlen, Die ihre Bildung götterähnlich krönen, Bis, wach von meinen Qualen, Ich wieder einsam mußt' und bangend säumen, Unwerth, ich fühlt' es, der ersehnten Schönen. Wer allzu Hohes liebt, der scheut Verhöhnen, Nicht fremdes nur, auch das im eignen Geiste, Drum schweigt er, läugnet selbst sich ab die Klage, So wie ich jetzt noch zage, Nur Dein Gebot mit Widerstreben leiste, 101 Dir und dem holden Bilde Zu Deiner Seite, das der Mond umkreiste, Verliebt schon, süßern Lichtes, hell'rer Milde, Euch trau' ich's an – mein Sehnen heißt Mathilde. Raimund stand am Schlusse dieser Strophe vom Rasen auf; die Dame neben ihm erhob sich zugleich mit zögernder Würde, und Beide schritten hinab, nach Alwin hinüber, der sich, wie von Magie gezogen, gleichfalls zu ihnen hinbewegte. Als sie sich im Thale zwischen den Hügeln begegneten, vom hellsten Mondglanz beschienen, warf die Dame den Schleier zurück, und Mathildens Züge leuchteten dem entzückten Jüngling in's Antlitz. Er sank wie anbetend nieder, die herrliche Gestalt beugte sich über ihn, und umschlang ihn in glühender Umarmung. Raimund sang: 102     Ein süßes Weh, o Lied, hast du entschleiert! Nun sich's in Lied' erschloß und Freudewallen, Ziemt's Dir, in leisen Klängen zu verhallen. Zehntes Kapitel. Das Alles war keine Vision gewesen, wie es Alwin am folgenden Morgen, und noch an vielen andern glaubte, wenn er aus dem Schlaf erwachte. Mathilde wohnte wirklich von nun an in dem Kreise der Dichter, umfing wirklich den glücklichen Jüngling mit aller Herrlichkeit ihrer Liebe, und hatte eben um seinetwillen unter Raimunds Anleitung diesen Wohnplatz gewählt. Denn was an den Ufern des Rheins in Alwin's Herzen 103 entblühte, war ihrem klaren Sinne nicht verborgen geblieben, und hatte seine begeisternde Düfte da hinüber gehaucht, so daß sie mit Raimund Alles zu seinem Glücke geordnet hatte, während er selbst wie ein bethörtes Kind zweifelnd und sehnend umhergeirrt war. Aus Mathildens Reden, aus Raimunds Gesängen stieg vor Alwin nach und nach der ganze schöne Bau in seinen Zweigen empor, dessen glänzenden Gipfel er zuerst an jenem seeligen Abend wahrgenommen hatte. Wenn das frohe Paar in den Gängen des weiten, schönbepflanzten Gartens umherirrte, liebte es Alwin, sich die Tage zurückzurufen, worin er dies Alles zum erstenmale gesehn habe, und seine damalige Trauer, und wie er nun so unendliches Glück genieße. Du bist ein liebes, frommes Kind, pflegte ihm alsdann Mathilde zu antworten. Du 104 lebst noch mit der umgebenden Natur im alten Einverständnisse, und läßt Dir gern von ihr wieder vorerzählen, was Du ihr früher anvertraut hattest. Freilich gebe ich Dir Recht: das Geschick hat uns wunderbar gelenkt. Darum mußte euch der hochfliegende, fürstliche Adalbert verlassen, daß ich in Deinen lieblichen Spielen die rechte Höhe unversehens erreichte, die Fürstin des edelsten Reiches würde, eines reinen, liebevollen Herzens. Dann sang Alwin gern die alten Lieder, welche Beide ehemals unter ganz andern Verhältnissen gehört und gesungen hatten. Aber Mathilde fand keine Freude daran. Sie tauchte sich mit vollem Gemüth in die neue Dichterwelt unter, welche ihr in diesem Kreise aufgegangen war, und fand sich gestört, wenn sie irgend ein Lied vernehmen sollte, das nicht in den lieblichen Formen 105 einhertanzte, welchen man hier fast ausschließlich huldigte. Sie bat ihren Freund daher, lieber neuerfundne Lieder zu singen, von ihm, oder von Raimund, oder von Florismarte, und weil er nun mit getreuem Herzen an den gewohnten Klängen hing, die ihn schon früher begeistert hatten, zog er bisweilen einsam in's Gebirge, und sang den Felsen und Quellen seine alten Melodien vor. Einmal hatte er sich auch an den Rand eines schroffen Felsthales gelagert, und ließ seine Lieder durch die Abendluft hinklingen. Da hörte er plötzlich hinter sich Jemand gehn, und schrak unwillkührlich zusammen. Als er umblickte, war es Florismarte, der sich neben ihn setzte, und lachend sagte: ich glaube, Ihr saht mich für den Berggeist an, und dachtet, ich würde Euch die steile Wand 106 hinunter stoßen, oder weswegen fuhrt Ihr denn sonst so erschrocken auf? Gott weiß es, antwortete Alwin. Wer kann immer sagen, woher die Blitze kommen, die durch ihn hinfahren? Ich muß wohl etwas ähnliches gedacht haben, denn Euer Scherz paßt eben in meine Regung hinein. Nun Ihr mich aber einmal überrascht habt, will ich Euch auch ohne Rückhalt gestehn, was ich hier machte. Ich sang Lieder, die bei Euch schon längst verschollen sind, und mich alter Erinnerungen wegen freuen. Ihr führt also eine Art von Contrebande aus, sagte Florismarte, in unsre Wälder und Thäler hinein. Das freut mich von Euch. Unsre Formen werden zur Einförmigkeit, wenn man sie nicht auf eine oder die andre Weise durchkreuzt, und ich tadle nur, daß Ihr Eure poetische Protestationen so 107 geheim haltet, und sie nicht gradezu in unsern Versammlungen vortragt. Mathilde hat keine Freude daran, sagte Alwin. Mathilde! rief Florismarte. Mathilde ist ein wunderschönes Weib, und überdies Eure Herzensdame, aber in unsrer Dichter Welt schaut sie fremd und blöde genug um sich. Als Gesetzgeberinn kann ich sie hier keinesweges gelten lassen, so despotisch auch ihre Aussprüche von den schwellenden Lippen tönen, und ihr obendrein noch ein gar hübsches Ansehen geben. Nein, lieber Freund, sie muß noch über Vieles bekehrt werden, wie der größte Theil unsrer ganzen Gesellschaft. Sagt mir nur, kann es Euerm wahrhaften, innigen Gefühl entgangen sein, daß wir hier viele Dinge zu Possen herabwürdigen, eben weil wir so heilig damit thun, und 108 uns doch eine Menge von Bequemlichkeiten und Auswegen dabei vorbehalten? Es ist grade wie unsre Wohnung selbst. In Zellen schlafen wir, gehn die Kreuzgänge auf und ab, aber jene sind mit weichen Betten und Sopha's ausmöblirt, diese bewahren in ihren alten Heiligenschreinen allerhand musikalische Instrumente, zu deren Klange man oft durch die hallenden Gewölbe hintanzt, wenn's draussen regnichtes Wetter ist. Pfui der Halbheit! Und unsre Theilnahme an Prozessionen oder andern katholischen Kirchengebräuchen! Wir sind ja großentheils Protestanten, dem Glaubensbekenntniße wie dem Gemüthe nach, und reden uns dabei ein, die Anbetung der Heiligen müsse man schon mitmachen, weil sie etwas hoch Poetisches sei. Ach, das ist sie nur, wo man mit glühendem Herzen, mit innigem Vertrauen, mit hoffender Einfalt zu 109 den geweihten Bildern emporblickt. Wer sie sich erst erklärt, und sie etwa unter gewissen Bedingungen annimmt, wer nicht das Bedürfniß, das innigste, fühlt, sie als Fürbitter zwischen sich und die unbekannte, unerkennbare, schauerlich göttliche Allmacht zu stellen, ja wer nicht ohne Deuteln Alles glaubt, wie es die Kirche vorsorglich für seinen Kindersinn geordnet und aufgestellt hat, der bleibe doch weg von den Gebräuchen, die nur herzerhebend für den ächten Katholicken sind, als ein bloßes poetisches Spiel aber wenig taugen, und den protestantischen Sinn nur veranlassen, sich selbst mit der sündhaftesten Affectation die Spornen zu geben. Ihr regt da einen Gedanken in mir an, sagte Alwin, den ich schon früher gefaßt habe, ohne ihn noch Jemanden mitzutheilen. Das Leben der Heiligen, ob ich es gleich nur 110 zuerst in den seltsamsten Verunstaltungen kennen lernte, zog mich von je her auf das lebhafteste an, Protestanten mußten die Werkzeuge werden, mir Winke über dessen eigentlichen Charakter zu geben, und seit ich hier aus den Quellen schöpfe, bleibt mir fast kein Zweifel übrig. daß ich eigentlich nach meiner ganzen, innersten Existenz in den Schooß der katholischen Kirche gehöre, und nur durch äußere Umstände davon entfremdet worden bin. Ich denke wiederzukehren in das Reich der heiligen Gestaltungen, und das leere Feld voll dürrer, abstracter Begriffe dem zu überlassen, der es einmal am liebsten mit a plus b zu schaffen hat. Ich glaube selbst, daß Ihr darin auf dem rechten Wege seid, erwiederte Florismarte: nur werdet Ihr vielen Widerspruch erfahren, den ernstlichsten vielleicht von Euerm 111 Meister Raimund, der ein ganz trefflicher Mund des Reimes ist, aber über manche Gegenstände lieber reinen Mund halten sollte. Ich bitte Euch, in meiner Gegenwart nichts gegen ihn zu sprechen, sagte Alwin unwillig. Seht Ihr's nun, rief Florismarte aus. Da zeigt sich's, wie Ihr die Wahrheit verlangt, und wie die mehrsten Leute sie verlangen: so wahr, als sie nur immer sein mag, versteht sich, wenn sie dies und jenes hübsch in Ehren hält, als da sind, Verwandte, Bekannte, samt all' unserm Hausgesind, und dergleichen. Tastet sie aber irgend etwas davon an, so hohle der Teufel die Wahrheit! O wann werden wir aus dem häßlichen, verworrnen Traume erwachen, worin uns alle die erbärmlichen Anhängsel dieser Zeitlichkeit 112 gefangen halten. Wir spielen mit Worten recht kühne Possen, und erschrecken, sobald nur Eins von ihnen seine halbe Bedeutung gewinnen will. Deswegen hält es Keiner bei dem Germanischen Weisen, zu dem Raimund gewallfahrtet war, lange aus. Der ist nicht mit dem Schwatzen zufrieden, er will das Sein, er will den Tod für das heilige Wort, wenn's sein muß, und da werden sie's denn im Augenblick überdrüssig, ziehen ab, und prahlen, sobald sie weit genug vom Schuß sind, mit der Salomonischen Weisheit, die man dort erlerne. Ich will, ich muß noch einmal zu ihm, ich traue mir Kühnheit und Stärke genug zu, ihm in's Angesicht zu schauen, und von ihm zu erfahren, wie man die Geister der Natur bannt, ihre Stürme zu Boten braucht, ihre Hölen zu Schatzkammern. Das haben wohl Alle von sich gedacht, 113 antwortete Alwin, welche die Reise dahin unternahmen. Meint Ihr? rief Florismarte mit einem seltsamen Gelächter, das in den Bergen wiederhallte. Man muß freilich mehr dazu haben, als so den bloßen hoffnungsvollen Glauben an sich selbst. Blicke muß man an die Abgründe alles Lebens werfen können, seinen eignen Muth als geprüften Gesellen mit sich führen, und nicht mehr den eignen Sinn mit hergebrachten Kunststückchen betrügen. Ich habe Euch oft von den Schlünden wilder Felsgebirge singen hören, daß es sich so lustig da hinunterschaue, und die Tiefe uns mit geheimnißvoller Regung an sich locke. Versuchts doch einmal, wie Euch aus dem glatten Klippenrande hier zu Muthe wird. Alwin trat vor, halb schwindelnd schon, aber durch Florismarte's Hohn gereitzt. 114 Weiter vor, rief dieser. So! und nun hinabgeblickt, wo die Abendnebel unter Euern Füßen hinziehn, die höchsten Baumgipfel, von denen man schon wie thurmtief herunter sähe, ihr grünes Haupt Euch senkrecht entgegen strecken. Ist's nicht, als wären die Tannen dort wie Spieße emporgerichtet, um den Fallenden aufzufangen. und ihn dann blutig in den Waldstrom fallen zu lassen? Und es ruft Euch immer: hinab! hinab! Ihr habt davon ganz recht gesungen, denn auch ich vernehme den gräßlichen Ruf. Hinab! Hinab! Muthig nur gefolgt! Es muß doch einmal so sein. Und wer weiß, ob's nicht gut ist. Es hat's nur noch Keiner versucht. Den Kopf unten, in die freie Luft hinein, das ist am Ende die rechte Stellung. Es dreht uns dann wohl kreisend herum, immer weiter und weiter, (im Haupte kreist es Euch schon!) und so in die 115 fernsten Länder hinein, ewiger Taumel, ein neuer Stern! – Alwin wankte schon an der Steinwand, noch raffte er all seine Kräfte zusammen, indem er laut schrie: Satan, laß ab! und gewaltsam drei Schritte zurücksprang. Ihr habt Euch recht gut gehalten, sagte Florismarte gelassen. Und hätte ich's nun nicht gethan, rief Alwin, noch fast taumelnd, und flöge ich nun eben pfeilschnell, immer vermehrt mein Fall, in's Thal hinab – So lebte ein schwaches Geschöpf weniger in der Welt, erwiederte Florismarte, denn als ein solches hättet Ihr Euch alsdann bewährt, und der Schade wär' leicht zu verschmerzen. Seht mich nicht so feindseelig an. Ein braver Ritter muß über keine ernsthafte Kampfprobe böse werden. 116 Alwin ging mit einem unsichern Gefühle heim. Es war als triebe der wilde Schwindel noch immer sein schauerliches Spiel mit ihm. Was Florismarte von Mathilde, von Raimund, von dem ganzen Bunde gesagt hatte, stellte sich wie in sichtbarer Gestalt vor die Schwelle des Klostergebäudes, und wollte ihm den Eingang wehren. Aber sein lieber Meister kam ihm entgegen, und vor seinen klaren, freundlichen Augen, seinen verständigen Worten konnten die feindseeligen Geister ihre Macht nicht behaupten. 117 Eilftes Kapitel. Die glücklichste Begebenheit eines Menschenlebens klingt in dasselbe hinein wie ein Ton aus höhern Welten. Man glaubt nun für immer gefaßt zu haben, was uns in Träumen vorgeschwebt hat, aber es verhallt mehr und mehr in leisern Schwingungen, und man muß zuletzt recht genau hinhorchen, wenn man noch eine Bebung des himmlischen Klanges wahrnehmen will. Etwas Aehnliches erfuhr gegenwärtig Alwin. Er lebte noch immer ganz allein für Mathilden, während sie Freiheit des Geistes 118 genug gewann, sich mit allen Umgebungen aufs vertrauteste bekannt zu machen, und manche Tage vergingen, wo sie für den Geliebten kaum Viertelstunden übrig behielt. Wenn er irgend etwas darüber äußerte, zeigte sie sich erstaunt, daß ein poetisches, edles Gemüth mehr verlangen könne, als sie gebe, und lieber einen nächtigen Schleier um sie herziehen wolle, damit sie nur für ihn allein da sei. Alwin wußte nichts darauf zu antworten, ja er schämte sich, solche Vorwürfe veranlaßt zu haben, und schalt sich einen Grillenfänger; einen ungenügsamen Thoren. Auch gelang es oftmals der heitern Gesellschaft oder seinen eignen Bemühungen, alle schwarze Wolken aus seinem Gemüthe zu verscheuchen, aber sie kamen wieder, und selbst in den frohsten Stunden nagte ihm ein Kummer am Herzen darüber, daß man mit völliger eigner 119 Hingebung, nicht völlige Hingebung des angebeteten Gegenstandes gewinne. Es muß doch etwas Aehnliches wenigstens möglich sein, sagte er öfters zu sich selbst. Woher sonst in mir die unbezwingliche Sehnsucht nach einem Leben, aus Liebe um Liebe zusammengewebt? Sind denn zwei Liebende nicht Eins? Nicht erst nun ein ganzer, vollständiger Mensch? Und ist ein solcher wahrhafter Bund geschlossen, so lange noch tausenderlei Neigungen mit der, welche die höchste sein soll, gleichen Schritt halten? Er sang bisweilen Lieder ähnlichen Inhalts, die Mathilde als dichterische Träume aufnahm, ja, sie öfters ganz unbefangen lobte, und ihre Freude daran hatte. Wenn er gegen Raimund darüber klagte, pflegte ihm dieser zu antworten: der Poet sei nun einmal ein Pelikan, der die Nachwelt mit seinem eignen Blute nähre, 120 und eben aus seinen tiefsten Schmerzen quille der süßeste Trank. Florismarte war in dieser Zeit unerschöpflich an artigen Erfindungen zu Spielen und Festen. Einmal sagte er: es ist unverantwortlich, daß wir bei unsern Ergötzungen so weit von dem abgehn, was uns Allen in unserer fröhlichsten Zeit die fröhlichsten Stunden geschenkt hat. Wer von Euch, Ihr Frauen und Männer, hat nicht in seinen Kinderjahren als Fürstin, Schäferinn, Soldat, Bauer, Handwerker – kurz, in irgend einem angenommnen Charakter die Spielstunden hindurch figurirt, und so in Einstimmung mit seinen Kamraden ein neues Leben, ein wahrhaft idealisches, aus der Mitte des gewöhnlichen erschaffen? Laßt uns doch um's Himmelswillen einmal auf ähnliche Weise zusammen spielen, denn so nur kann ein Spiel 121 seinenNamen verdienen, da die andern hingegen affectirte Creaturen sind, Usurpatoren auf fremdem Gebiet, vor Allem die sogenannten Schauspiele, die sich schon durch den Namen als das ankündigen, was sie sind, als Schaugerichte, zu deren Hervorbringung man sich aus Eitelkeit abquält, ja die gar nicht einmal ohne Zuschauer existiren können. Wir wollen uns darüber gänzlich hinwegsetzen, und ein Spiel beginnen, wie Gott es mit der Welt treibt: mit uns selbst, für uns selbst. Ich weiß auch schon eine hübsche Geschichte dazu, oder eine hübsche Gelegenheit vielmehr, denn die Geschichte muß hier wirklich erst geschehn, und sich aus der Laune der Spielenden ergeben, oder wenn's gar keine Geschichte wird, sondern ein bloßes Fest, ist's eben so gut. Das Alles bleibe dem waltenden Himmel überlassen. 122 Die Gesellschaft stimmte fröhlich ein, und Florismarte ward gebeten, den Gegenstand anzugeben, und die Charaktere zu vertheilen. Ihr sollt die schöne Alearda von Burlas sein, sagte Florismarte, indem er sich zu Mathilden wandte, die herrliche Dame, zu deren Preis Arnaldo von Maraviglia so artige Lieder gesungen hat, daran wir noch jetzt unsre Freude haben. Mir, weil ich doch das Ganze angestellt und erdacht habe, kann es Niemand verdenken, wenn ich die beste und vornehmste Stelle erwähle. Ich bin der Vicomte Bisiers, Alearda's Gemahl. Seid nicht böse darüber, Alwin; Ihr müßt nun schon einen schmachtenden Liebhaber vorstellen, eben weil es ein Spiel ist, denn sonst wäre die Rolle, Mathilden gegenüber, passender für mich. Also Ihr seid ein junger Ritter, der zu Alearda's Ehren Abentheuer 123 besteht. Arnaldo von Maraviglia selbst, ist Raimund. Und so fuhr er fort die Rollen auszutheilen, von einem magischen Siedler an, bis zum Lustigmacher des Hofes. Wir sprechen übrigens, sagte er, in Versen, in Prosa, in Musik, wie es uns einfällt, und thun was uns die guten oder bösen Geister eingeben. Die nöthigsten Vorbereitungen waren bald gemacht, Jeder staffirte sich zu seiner Aufgabe bestmöglichst heraus, das Fest begann, und man hatte schon anderthalb Tage sehr angenehm im Spiele mannigfacher Novellen verlebt, die man, einander nach Laune kreuzend, erfand und durchführte. Am Abende des zweiten Tages kam Arnaldo von Maraviglia, durch Raimund sehr glücklich dargestellt, aus dem Walde, worin er einige Stunden lang umher geschweift war, und setzte sich nahe vor 124 dem Jagdschlosse nieder, welches für die Residenz des Vicomte Bisiers galt. Einige Olivenzweige breiteten ihre Schatten über ihn, so daß man ihn von den Fenstern aus mehr errathen als erkennen konnte. Hier sang er in seinem Provenzalischen Charakter folgendes Lied:   Im grünen Wald ist Schönes viel daheime Von Blumen und von Blüthen Die reiche Saat, der Schatten kühlend Leben, Der Lichter wechselnd Spiel auf frischem Rasen; Der Bäche Silberblick und freudig Rauschens. Doch all' das trifft man auch wohl bei Pallästen, Wo schöne Gärten prangen.   Was Wald zu eigen hat, sind Liederkeime, Was seine Schauer hüthen Ist ein geheimnißvoll, doch süß Erbeben. Das ist's, wovon die Hirten Lieder blasen, Das ist's, worauf der Berge Nymphen lauschen 125 Und wer nur einmal war bei solchen Festen, Muß stets darnach verlangen.   Drum zieh' ich oft zu Wald und pflücke Reime, Wie sonst zu Schattenhüthen, Man Blumen pflückt, ein Goldhaar zu umweben Und bringt man die vor's Aug' in schöne Vasen, So streb' ich, schöne Melodien zu tauschen Mit schönern noch, ja mit den allerbesten, Die Meister jemals sangen.   Wem ich mit Liedes süßem Honigseime, Mit Liedes hell erglühten Lichtflammen, Mahl und Farbenlust will geben? Wenn sich schon längst mein Hügel wird begrasen, Der Heut'gen Zeiten Prunk und Kraft verrauschen, Dann soll'n noch Lieder ziehn auf lauen Westen 126 Von der, die mich gefangen. Fast nannt' ich sie. Kühlung von Euern Aesten, Ihr Bäume, meinen Wangen! Im leichten, prächtigen Turnierharnisch, auf einem schneeweißen Pferde, sprengte nachdem dies Lied gesungen war, Alwin aus einem Thale herauf, und sprach den Sänger folgendermaaßen an:   Wie dreister Spruch vor meiner Dame Schloß, Wie liebekündendes, gewagtes Flehn! Indeß ich fern umzieh' durch alle Welt, Preis zu erfechten dem verehrten Bild, Kaum so beglückt, daß Schärp' und Helmbusch mir Von ihren Farben glänzt, wenn ehrfurchtsvoll, Das stille Herz den süßen Namen birgt. Du auf der Schwelle! Du nur fesselnd kaum Den Klang, haß nicht im weitvernommnen Lied Man ihren Stamm und Wohnplatz mit vernimmt O allzukecker, zu begünstigter, Verwöhnter Stand der leichten Troubadours! 127 Arnaldo antwortete:   Was schiltst Du, Ritter, meinen süßen Klang? Was seine Kraft und Zauberallgewalt? Denn, singt man weithin meine Lieder nach, Preist weithin meiner schönen Herrin Huld, Das schmälert nicht, das steigert ihren Ruf. Klingt doch zur Sonne, wie den Flammenlauf Sie feiernd geht, allseit'ger Opfersang Vom Erdball auf. So ziemt's auch meinem Licht. Ja, meinem sag ich; sieh nur schnöde drein. Ich nehm' es nicht zurück. Sie strahlt auch mir, Und ihren Strahl fass' ich mit Demuth auf, Dich nenn ich stolz, Dich eigenliebig, dreist, Der eigen möchte heissen solche Pracht, Verschließen sie vor Sängers frommer Aug' Verwahren sie gleich einem Erdenschatz. Von uns darf Keiner ihr in's Auge schaun Wie Mann dem Weibe seiner Lieb' es darf. Von uns darf Jeder sich in ihrem Strahl Erfren'n, wie Schmetterling im Sonnenlicht. 128 Alwin, der in diesem Spiele Couci genannt war, sprengte sein schönes Pferd an, und ließ es die Künste der Reitschule durchmachen, indem er dem Sänger zurief:   Hier ist was Dein Gesang zu preisen wagt, Wenn stolz er sich in's Ritterthum verfliegt. Und steigt er höher, – sieh den festen Speer, Die scharfe Klinge, vieler Siege froh! Gieb, stolzer Sänger, dem Besungnen nach. Arnaldo begann einige kühne Gänge auf der Laute, und rief dazwischen:   Das ist wofür Ihr Alle siegt und fallt, Wenn Ihr zum höchsten Ziel des Kampfes strebt, Des Liedes Feier, Ewigkeit im Klang. Die Waffen klirren selbst Dir freudger schon, Das Roß wagt zur Musik den kühnern Sprung. Beug, stolzer Ritter, Deinem Ziel das Haupt.         Couci .   Was dem erwiedern, der in Friedenstracht, Im müss'gen Schatten Wortgefechte hält. 129         Arnaldo .   Was dem erwiedern, der im ehrnen Kleid Aus ehrner Brust Barbarenworte stößt. Mathilde erschien als Alearda auf einem Balkon, und sprach hinab:   Mich dünkt ich hörte Streit. Den will ich nicht, Ich will Gesang, will kühne Ritterthat Zu meiner Schönheit Preis. Den Rang, Ihr Herrn, Bestimm' ich unter meinen Dienern selbst, Und Keiner schmähe was er nicht vermag, Nicht Couci, Du, den süßen Liederklang, Nicht Du, Arnaldo, ritterliche Kunst. Wohl schlimm für Euch, daß Jeder Eins nur kann.         Couci .   Nicht also Herrin. Nur daß mich der Lauf Des Rosses, Schildgekrach und Schwerdterlärm Vielmehr erfreut, und edler viel bedünkt. Sonst säng' ich wohl die art'gen Weisen nach. Denn in den Hallen meiner Väter klingt's 130 Von Liedern oft, und kluger Meister Sinn War meiner Jugend unterweisend nah.         Arnaldo .   Von Provenzal'schen Thälern angestaunt, Hebt sich ein Schloß auf grüner Bergeshöh, An Pracht und Lieblichkeit ein Wunderbild, Davon's den Namen, Maraviglia führt. Dort stamm' ich her, von dort ab nenn ich mich Arnald von Maraviglia, edlen Baum's Zwar junger Sproß, machtlos an äusserm Prunk, Nicht an der Kraft, die, kühn belebend, strömt Durch mein Gemüth, durch Ader, Geist und Sinn. Mit Knappen zwar und Roß und Rüstung prangst, Mir überlegen, junger Held, vorbei. Doch löscht die Dürftigkeit mein Feuer nicht. Hätt' ich Dein Roß, ich ritt' es wohl gleich Dir, Hätt' ich den Harnisch, prangt' ich drin gleich Dir, Vollbringend was schon oft mein Lied besang.         Alearda .   Gescheh's was Ihr Euch selbst habt auserwählt: Ein Jeder wag' sich auf des Andern Feld, 131 Und tummle sich zu Roß, schwing' sich im Lied Vor mir (erneuter Circe!) wie er kann. Herunter Couci! mit dem Harnisch! Fort, Arnaldo Euer zaubrisch Saitenspiel! Und, Rittersmann, erweck den goldnen Klang, Und, Troubadour, spreng' an das muntre Roß. Es geschah nach ihrem Gebot. Bald glänzte Arnaldo im blanken Harnisch, schwang sich, etwas ungewohnt, doch nicht ungeübt, auf das weiße Pferd, und sprengte recht zierlich darauf hin und wieder, während Couci im langen Gewande des Troubadour's unter den Olivenzweigen lag, und die Saiten rührte. Er sang folgendes Lied:   Aus den lichten Panzerringen Spricht's mich hell und lockend an, Fragt: was haben wir gethan, Das Dir mishagt unser Klingen? Wollt'st Du in die Feinde dringen, Schellten wir doch klar und fein, 132 Daß die Reiter hinterdrein Dir die kühnen Wege brachen. Nun vergißt Du, was wir sprachen, Läßt Dir Zither lieber sein.   Und erwiedern muß ich ihnen, Wie, o Herrin, Dein Gebot, Das mich trieb in Schlacht und Tod, Nun mich zwingt zu anderm Dienen. Ach, wie stark, Ihr süße Mienen! Gern vergessen, trotz bewährten Thaten, all' Ihr Schlachtgefährten, Wollt ich Euch, wehrloser Dichter, Sclave selbst, wenn nur zwei Lichter Mich zum Sclaven recht begehrten. Aus dem Walde kam ein lauter Hörnerklang heran. Florismarte, als Vicomte von Bisiers, kehrte von der Jagd zurück, hinter ihm ein reiches Gefolge. Er selbst gab auf seinem silbernen Waldhorn die lustigsten Töne an. Als er herankam, und die 133 Verwandlung wahrnahm, welche mit Arnaldo und Couci vorgegangen war, freute er sich sehr darüber, und sagte: Ich kann nur fechten, jagen, Gold vertheilen, Bei Alearda steht des Zauber's Macht. Die beiden erstgenannten Qualitäten schenk' ich Euch, rief der Hofnarr. Wenn Ihr aber die Dritte bei mir gehörig anwenden wollt, gedenke ich der Vicomtesse Jemanden vorzustellen, den sie trotz ihrer Zaubergabe nicht verwandeln wird. Damit führte er einen Mann im Reisehabit vor, der nach einem tiefen Bückling sagte: Ew. Gnaden ersuche ich, nicht nach dem ersten Eindruck von mir zu urtheilen, da es mir vorkommt, als sei der, welcher mich eben anmeldet, ein Narr. Ich traf ihn im Walde, wo er sich ganz ehrbar anstellte, und seinen scheckigen Anzug für eine Modetracht des 134 Landes ausgab, (eine Art des Spaßes, die man sich mit dem Reisenden nie erlauben sollte, weil falsche Reisebeschreibungen daraus entstehn.) Nachher gab er sich immer mehr und mehr als das zu erkennen was er ist, und ich weiß nun nicht einmal, ob er die Wahrheit gesagt hat, indem er verhieß mich dem Vicomte Bisiers vorzustellen. Florismarte antwortete:   Laßt Euch nichts irren; daran sprach er wahr, Und führt' Euch aus Instinkt vielleicht herbei Um seiner Narrheit das gehör'ge Maaß Von recht gescheutem überlegten Thun Als nöthige Balanz hinzuzufügen. Ihr seid willkommen, und des Hauses Gast. Ei! Ei! rief der Fremde erstaunt. So hat er doch die Wahrheit gesprochen, hat in noch viel unglaublichern Dingen die Wahrheit gesprochen, die ich kaum glauben 135 würde, wenn ich nicht unter andern Gaben, wofür ich Gott nicht genugsam danken kann, auch die besässe, ganz vortreflich zu hören, und also schon meinen Ohren nolens volens trauen müßte. Ei. Ei! Und während dieser Rede wiegte er den Kopf unaufhörlich hin und her, weshalb der Lustigmacher immer hinter ihm herumsprang, als fürchte er, das theure Haupt könnte abfallen, und als sei er bereit es aufzufangen, und wieder an den hergebrachten Ort zu stellen. Das Ihr in Versen redet, fuhr der Fremde fort, das ist es was mich so wundert. Der Narr sagte, das sei hiesiger Dialeckt, und er selbst sei nur wegen seiner Narrheit darum gekommen. Florismarte erwiederte: Auch darin sprach er ein wahrhaftes Wort. 136 So würden aber meine besten Reden, sagte der Fremde, hier gleichsam wie die eines Narren herauskommen. Doch ich will mir den Kopf nicht mit unnützen Scrupeln beschweren, sondern Euch lieber mittheilen daß ich Reisling heisse, ein Deutscher Oeconom, wie Ihr seht schon ziemlich bejahrt, und daher sehr erfahren, der aber immer noch mehr von der Menschheit erfahren und kennen lernen will. Vorzüglich aber bin ich den Hammeln bis hierher nachgereist, und denke ihnen bis Madrid, wenns sein muß noch weiter, nachzureisen, denn die Schaafzucht liegt mir nun einmal vor allem am Herzen, Ich weiß, es ist dies eine kleine Schwäche, die mich noch durch Jahrhunderte fort berühmt machen kann, wie man das in der Geschichte öfters findet, wenn sich einer so schwärmerisch auf ein Fach gelegt hat, 137 sei's auch auf Erobern, Versemachen oder dergleichen. Die Gesellschaft hatte lange geglaubt dies sei eine neue Maske, als man ihn aber bei nährer Betrachtung für eine wirkliche Person erkannte, versprach man sich fast noch mehr Spaß davon, und lud ihn zur Abendmahlzeit in's Schloß, wohin er mit so vieler Devotion als Erkenntlichkeit folgte. Zwölftes Kapitel. Bei Tische ward Reisling immer lustiger, und fing an, mit sehr feinen Wendungen (so bildete er sich's ein) auf das Theater überzugehn, und sich endlich nach einem gewissen Alwin zu erkundigen, der ehmals ein 138 wildes Soldatenleben geführt habe, und sich nun als Comödiant in einer Schauspielergesellschaft durch die hiesige Gegend umher treiben solle; das wenigstens sage man in Braunschweig. Raimund fiel ihm in's Wort und rief aus:   Verwegner Schwätzer! Halt die Zunge fest. Du wärst der Erste nicht, den ihr Vergehn Um's Haupt geplaudert hätte. Halt sie fest. Der neben Dir im reichen Sängerschmuck Ist der Alwin, nach dem Du fragen darfst, Er singt uns reiche Lieder, dichtet sie, Wie's ihm ein Gott hat in die Brust gelegt; Nennst Du ihn Comödiant deshalb? Schweig still! Demüth'ge Dich! Denn wie hier Gastlichkeit Jedweden Fremdling aufnimmt, reich an Huld, So faßt auch jeden Frevler hier das Recht, Streng, unerbittlich, stählern, waffenklirrnd. Dabei schlug er wirklich seine Panzerringe klirrend zusammen, und rasselte an seinem 139 Schwerdt. Reisling fand sich zwiefach erschreckt: durch Raimunds drohenden Gebärden, und weil es ihm unbegreiflich vorkam, daß er mit seinen klugen Anstalten drum habe anlaufen können. Endlich faßte er sich so weit, daß er bei Alwin demüthige Entschuldigungen anbrachte, welche dieser eigentlich besser aufnahm, als es zum Ergötzen der Gesellschaft getaugt hätte. Es lag in ihm ein Grund von Höflichkeit und Milde, der ihm oft den besten Spaß verdarb, und ihn zum Spielwerk jedes Erschreckten und Verlegnen machte, oder auch dessen, der sich nur so zu stellen wußte. Ich bringe einen Brief an Euch, sagte Reisling zu ihm. Ein sehr hübsches Mädchen in Braunschweig bat mich so artig darum, daß ich es nicht abschlagen konnte. Sie heißt Fräulein Beatrix. 140 Alwin riß erbleichend den Zettel aus des ungeschickten Boten Hand, und war im Begriff, ihn zu eröffnen, aber Florismarte rief ihn zu: Nicht Heut' ein ernst Geschäft! Erinnrung nicht Vergangner Lust bei gegenwärt'ger Lust! Ich fodr' es als ein Gastgeschenk von Euch, Daß Ihr nicht les't, nur hört und singt und lacht! Alwin gehorchte der Anmahnung, um so lieber, da er sich dadurch Mathilden gefällig zu erweisen dachte, aber, in ein andres Gespräch vertieft, war sie von dieser ganzen Verhandlung nichts gewahr worden. Der Hofnarr hatte sich unterdessen wieder viel mit Reisling zu thun gemacht, welches dieser auf eine höfliche Weise zu dekliniren suchte. Weil das aber durchaus nicht gelingen wollte, wandte er sich zuletzt gradezu an Florismarte, und klagte, daß 141 ihn der Narr für seines Gleichen zu halten scheine, ja daß es ein äusserst inhumaner Narr sei, indem er die höflichen Abweisungen gar nicht verstehn wolle. Florismarte rief daher dem Lustigmacher zu:   Willst Du human sein! Willst Du oder nicht? Bei allen Göttern! Weshalb leben wir, Als um bei andern Leuten was zu gelten? Und Du mit Deinen Possenreisserein Thust wie ein ungezogner Renomist, Der auf die Renomée durchaus nichts giebt! Ich rath Dir's! Leg' Dich auf Humanität. Dabei schnitt er so lustig drohende Gesichter, daß Alle Mühe hatten, ihr Lachen zu verbeissen, und Reisling dreist genug ward, sich über die Sitte herauszulassen, vermöge welcher man Hofnarren hielte, und den Vicomte förmlich tadelte, daß er 142 solcherlei Unwesen an seinem aufgeklärten Hofe dulde. Florismarte erwiederte:   Ihr sprecht ein gar verständig Wort, mein Herr, Ein Wort so neu, als wahr. O, böse Sitte, Die irgend Spaß an Höfen gelten läßt. Sogar auf Höfen taugt er nicht. Es geht Ohn' ihn die Wirthschaft und Ausgeberei, Vor allen die Einnehmerei viel besser. Und zu Einnehmern sind wir angestellt! Einnehmen soll man ja das ganze Leben Wie eine Medizin, die schlecht zwar schmeckt, Doch die man um so leichter von sich giebt, Wenn's zum Vomiren kommt, wie's kommen muß, Davon jedweder Kirchhof zeugen kann. Und wir, wir zuckern's uns mit solchem Spaß. Fürwahr, 's ist höchst verächtlich, und ich möchte, von Eurer Gegenwart ergriffen, eine Abhandlung in Prosa darüber halten, denn auch die Verse sind eine 143 Narrentheidung, die ein toleranter. Mensch nur mühsam an seinem Mitbruder dulden kann. Reisling stand nun auf dem Gipfel der Sicherheit und des Stolzes. Er kam sich vor wie ein bestallter Correcktor des ganzen Hauses, und tadelte frisch durch, bald diese Aeusserung, bald jene Gebärde, alles aber mit einer Weise, die er für gütig ausgab, und für höchst herablassend. Als endlich Jemand aus der Gesellschaft ein hübsches Mährchen erzählte, nahm er es über sich, der Geisterwelt, und überhaupt Allem, was ihm unbegreiflich schien, das Garaus zu machen. Daß er selbst nie etwas Geisterähnliches verspürt habe, sagte er, sei noch sein schlechtestes Argument, und doch schon ein entscheidendes. Das Sicherste aber liege darin, daß alle Glieder in der Schöpfung doch nützlich seien, ohne daß irgend 144 wer ausmitteln könne, wozu man denn eigentlich die Geisterwelt brauchen solle. Ueberhaupt gehöre es zur rechten Cultur, den Ungläubigen zu machen, und an Allem zu zweifeln, was uns nicht gradezu in die Hände falle, es sei denn, daß es schon in den früher angenommnen Lehrbüchern befindlich sei. Der Redner war dabei in eine Art von Begeistrung übergegangen, in die der Rechthaberei nähmlich, als die einzige ihm bekannte, so daß er gar nicht auf Florismarte's seltsame Geberden Acht gab, noch auf dessen wunderliche Zeichnungen, die er mit gezognem Dolch durch die Lüfte schrieb. Ja, er bemerkte es nicht einmal, der sprechende Reisling, daß hinter seinem eignen Stuhl ein riesengroßer Mohr stand, den die übrige Gesellschaft mit schauriger Bewundrung anstarrte. Als endlich Reisling seine dürren 145 Sprachwerkzeugen durch einen Trunk erfrischen wollte, beugte sich der Mohr über ihn, so daß aus dem Becher heraus das gräßliche lachende Antlitz wieder schien. Indem nun der Trinkende zitternd in die Höhe fuhr, schrie ihm die Gestalt in's Ohr: ich bin der Teufel und in Dir selbst zu Hause, weshalb man Dich auch einen dummen Teufel heißt. Mit drei Sätzen war der aufgeklärte Reisling aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, zum Hofe hinaus; der Mohr verschwand, und Florismarte lachte. Das war wieder Eins von Euern ungezognen Kunststücken, sagte Raimund zu ihm, und das uns für jetzt den ganzen Spaß verdirbt. Einmal war der Narr in unsre Gesellschaft hineingerathen, und machte nun schon einen Pfeiler des lustigen Gebäudes 146 aus. Ihr scheucht ihn weg, und das ganze Spiel fällt zusammen. Das ist wahr, antwortete Florismarte, aber die rechte Freude war ohnehin schon vorbei. Wir hatten an dem fatalen Kerl einen Zuschauer gewonnen, so daß wir nun eigentlich nicht mehr für uns spielten, sondern für den Effeckt, den wir aus ihn machten. Wir müssen nächstens wieder etwas ähnliches von vorn anfangen. Ihr werdet uns noch mit Euren Gaukeleien die Feindschaft der ganzen Gegend auf den Hals ziehn, sagte seine Nachbarinn. Wer weiß, ob das nicht einmal in öffentlichen Angriff ausbricht. Den Ruf von Teufelsbannern haben wir schon. Ja, rief Florismarte, eben weil wir's machen wie der Mohr, und die dummen Teufel bannen. Drum haben sie Respeckt 147 vor uns, und Ihr braucht Euch nicht zu fürchten.   Nun vorbei Du lustig Wesen Bist zu anderm Spiel erlesen! Wird nun aus der bunten Schaar Jeder, was er vormals war. Damit blies er auf seinem Waldhorn ein Abschiedsstückchen, und Alle gingen zur Ruhe in ihre Gemächer. Dreizehntes Kapitel. Alwin hätte sehr gern noch zu Mathilden ein herzliches Wort über den Brief gesprochen, den er von Beatrix bei sich trug, aber es ging nicht an. Die schöne Frau schwebte in Glanz und Heiterkeit an ihm vorüber, 148 sie warf ihm noch einen freundlichen Blick zu, und er gewann um so weniger den Muth, sein wehmüthiges Gefühl vor diesen Strahlen zu entfalten. Wie eine trübe Herbstwolke schwand er vorüber, und setzte sich in sein stilles Gemach hin, von der heissesten Sehnsucht nach dem Schmerz, nach dem tiefsten, zerreissendsten, erfüllt. Lange hielt er den Brief in seiner Hand, und betrachtete die Schriftzüge, die ihn so oft zu freudiger Erwartung bewegt hatten, und nun legte er trüben, erloschnen Auges das Blatt auseinander, um folgende Worte zu lesen: Mein lieber, lieber Alwin, Leide es nur immer, daß ich Dich noch einmal und zum letztenmale so nenne. Ich habe Dir einen so kalten Abschiedsbrief schreiben müssen, weil ihn die Eltern vorher zu lesen kriegten, und das that mir im Herzen weh, 149 recht wie es in den Liebesliedern gesagt ist, die ich nun erst leider verstehe. Was ich Dir eigentlich schreiben soll, weiß ich nicht, aber schreiben will ich, schreiben, so lange die verstohlnen Minuten währen, und dabei weinen, recht aus Seelengrunde, daß ich meinen Kummer und mich selbst ganz fortzugiessen gedenke. Ich weiß wohl, das geht nicht, aber man bildet sich's doch halb und halb ein, und fühlt sich beinah getröstet dadurch. O du lieber, unartiger Alwin, wie lieb ich Dich noch immer habe! Dein Bild haben sie mir nicht nehmen können. Ich halte es verborgen in einem Blumentopf, wo ich Vergißmeinnicht drinnen ziehe. Du bist so viel klüger als ich, und lachst vielleicht über mein albernes Tändeln, aber es geht mir von Herzen, lieber Alwin, und sollte doch drum auch Dir wieder zu Herzen gehn. 150 Mache Dir aber keine Vorwürfe darüber, daß Du etwa mein Glück zerstört hättest. Sie haben mich schon wieder verlobt mit einem recht hübschen, freundlichen Manne, mit Friedebert, den Du kennst, und der von einer frühern Gemüthskrankheit gänzlich wieder hergestellt ist. Du warst daran Schuld, ungestümer Fechter! Aber für mich hast Du ihm ja den Hieb nicht gegeben. In acht Wochen soll die Trauung sein, aber nicht in den Zimmern, wo ich Dir verlobt ward; nein wahrhaftig nicht, lieber Alwin; glaube das um Gotteswillen nicht! Friedebert hat uns ein sehr hübsches Haus eingerichtet – den Blumentopf nehme ich mit. Ich will es Dir nur gestehn: meine Mutter weiß, daß ich Dir schreibe. Sie sah mich so sehr Weinen, und erlaubte es mir endlich, 151 versprach auch, meinen Brief nicht zu lesen, wenn es gewiß der letzte sei. Das habe ich ihr denn heilig beschworen, und muß es nun auch halten. Aber was sie mir einreden wollte mit mancherlei klugen Gründen, die ich vergessen habe: ich solle Dir viel schreiben von meinem Glück, und von Friedeberts Reichthum, das geht nicht, lieber Alwin, und ich will auch gar nicht mehr daran denken. Du bist nun wohl recht glücklich. Ein solches Dichterleben, wie sie sagen, daß Du führst, wünschtest Du Dir ja immer, und auch die schöne Mathilde ist Dein. O, wie sie Dich lieben muß! Denn sie versteht noch viel besser Deine ganze Herrlichkeit, als ich armes Ding es jemals im Stande war. Und dann schränkten mich die Eltern so ein. Ihr 152 hängt nun wohl tagelang Einer an des Andern Blicken. Antworte mir nicht. Ich habe gar zu heilig versprochen, keinen Brief mehr von Dir anzunehmen, und Dich auch nie mehr zu sehn. Sonst dachte ich, wir könnten einander wohl doch einmal in Friede und Freundschaft antreffen; aber ich merke nun schon, es wird nicht angehn, und ich werde nicht in Deine blaue Augen schauen, aber desto öfter auf meine Vergißmeinnicht. Weißt Du noch den Kirschgarten vor Braunschweig, wohin wir so oft spatziren gingen? Der blüht jetzt wieder recht herrlich, und es sind Gänge von Weinreben drin angebracht, und Rasenbanken, wo man recht vertraulich neben einander sitzen kann. Ach, da war es immer so hübsch! 153 Lebe doch recht, recht wohl, mein lieber Alwin. Ich habe nun gar nicht das Herz mich zu unterschreiben. Ich weiß ja nicht mehr wie ich mich vor Dir nennen soll. Aber doch – ich kann ja sagen, ich werde es vor Gott noch sagen, daß ich mit ganzem, mit recht getreuem Herzen gewesen bin Deine Beatrix. Alwin hatte mit überströmenden Augen gelesen, und las immer wieder, und weinte immer heftiger. Er empfand den Genuß, welchen Beatrix in ihrem Briefe schilderte, den Genuß am eignen, in Thränen überströmenden Jammer, dies Mitleid mit sich selbst; So verbrachte er die Nacht, und manchmal kam es ihm vor, als träte seine Mutter an's Bett wie sonst, da er noch ein krankes Kind war, und sie tröstend zu ihm sagte: 154 gedulde Dich nur mein armer Knabe; je weher Dir's thut, je ehr wirst Du besser. Als ihn am andern Morgen Florismarte begegnete, schaute der ihm keck in's verweinte Gesicht, und rief: Ihr seid unausstehlich sentimental. Auf die Weise könnt Ihr nimmermehr zu etwas Rechtem gelangen. Vierzehntes Kapitel. Es kam bald darauf eine Nacht, in welcher Alwin einen sonderbaren Traum hatte, oder vielleicht war es auch kein Traum. Er selbst konnte nie darüber zur Gewißheit gelangen. Ihm war zu Muthe, als regte sich in ihm, wie er in seinem Bette lag, eine 155 geheimnißvolle Kraft, die ihn auftrieb durch das dunkle Gemach, die langen Gänge, den mondbeschienenen Hof, immer fort nach dem Gebirge zu. Ich bin wohl ein Nachtwandler, sagte er ein Paarmaal zu sich selbst, aber dann meinte er wieder, es komme ihm nur Alles so vor, und er werde sich beim Erwachen schon zurecht finden. Das Steigen in den Bergen ward ihm schwer, und doch konnte er nicht inne halten, denn vor ihm hin ging's wie sein eigner Schatten, dem er folgen sollte. Ja, zuweilen überfiel ihn eine ängstliche Eile, und er mußte ganz laut sagen: mach', daß wir zur Stelle kommen; es wird gleich Mitternacht sein. Und doch wußte er nicht wohin es eigentlich ging, noch zu welchem Ziel. Endlich trat er in den hohen Dom, worin am Tage nach seiner Ankunft das 156 Wallfahrtsfest gewesen war. Es kam ihm Alles noch unendlich größer und gigantischer vor: wie zu einem eignen Universum ausgedehnt, die Quadern wie eben so viel Felsen, und doch wankten sie bisweilen vor unverständlichen Worten, die aus einer Todtengruft heraufklangen. Dahin mußte Alwin, und als er die Stufen hinunter kam, sah' er Florismarte vor einer kleinen, wunderlich gestalteten Flamme sitzen, neben ihm eine häßliche Alte, die er sich schon als Zigeunerin im Klosterbau gesehn zu haben erinnerte. Weiter hinunter war Alles dunkel, aber es huschten Gestalten dort umher, und trieben ein unheimliches Spiel. Buntes Vögelchen! Mätzchen! Kommst Du? sagte Florismarte, und lachte. Alwin mußte still vor ihm stehn bleiben, und mit innerm Entsetzen zusehn, wie Florismarte 157 einen Dolch an weißgebleichten Knochen wetzte, ohne weiter im geringsten auf ihn Acht zu geben. Bald darauf schwankte Mathilde die Stufen hinunter, mit halbgeschloßnen Augen; es war, als ginge auch vor ihr ein Schatten her. Sie stellte sich vor Florismarte, der sie mit brennenden Augen ansah, während die Alte auf eine wunderliche Manier zu tanzen begann, und einen Becher herbeibrachte, von dem Alwin mit einemmale zu wissen meinte, daß neun Tropfen seines Herzblutes hinein müßten. Die Alte nahm von Florismarte den Kelch, und entblößte Alwin's Brust, dann näherte sie sich Mathilden, prallte aber furchtsam zurück. Nur dreist, sagte Florismarte. sie macht sich nichts mehr aus ihm. Die Alte gab nun Mathilden den Becher in die linke Hand, den Dolch in die rechte: zu gleicher 158 Zeit regte es sich im dunkelsten Theile des Gewölbes noch stärker, zwei unförmliche Schatten schossen herbei, und legten sich an Mathildens Ohren, in welche sie mit einem häßlich schwirrenden Laut hinein zu sprechen schienen. Mathilde glühte von innerm Feuer, ihre Augen schlossen sich auf, aber furchtbar und starr, sie schwang endlich den Dolch mit rasender Gebärde, und schritt auf den festgebannten Alwin zu. Florismarte sah gleichgültig hin. Weiche nur, wenn Du kannst; es gilt Dein Leben. Aber Alwin fühlte sich viel anders bewegt. Er empfand die heißeste Sehnsucht, von Mathildens Hand zu sterben, seine dumpfen Bande schienen sich zu lösen, er riß das Kleid noch weiter von seiner Brust, und neigte sich gegen die Dolchspitze vor. Plötzlich ließ Mathilde das Gewehr fallen, ihre Augen schlossen sich wieder, nur daß 159 reiche Thränen aus den Wimpern hervorströmten. Sie lehnte sich an Alwins Brust, und streichelte seine Wangen. Die Alte stritt unterdeß heimlich mit Florismarte, der den Dolch wieder aufnahm, und ihn gewaltsam in Mathilden's Hand zu drücken strebte. Laßt doch, in's Teufelsnamen, sagte die Alte; sie wachen uns sonst noch Beide auf. Es ist nun einmal für jetzt nichts zu machen. Miserables Volk! fuhr Florismarte auf und stampfte den Boden. Sie sind auch zu gar nichts nutz. Schaff' sie fort. Die Alte tanzte den vorigen Tanz wieder zurück, und Alwin fühlte sich getrieben, wie vorhin gezogen. Mathilde auch erhob sich von seiner Brust, und ging hinauf, alsdann durch eine andere Thür der Kirche, während er selbst draußen in's schroffe Gebirge kam, und von Klippe zu Klippe taumelte, wobei 160 er Florismarte's ergrimmtes Hohngelächter oftmals dicht neben sich vernahm. Endlich war's, als ginge er über den Hof des Klosterbaues, als krähten die Hähne, als schleuderte ihn eine unsichtbare Gewalt auf sein Lager. Beim Erwachen glaubte er Florismarte's Stimme ganz deutlich sagen zu hören: er hat geträumt, und damit ist Alles vorbei. Als er sich recht besonnen hatte, graute so eben die Dämmerung; seine Locken waren vom nächtlichen Thaue schwer und feucht. 161 Funfzehntes Kapitel. Die Erinnerung dieses Traumes schien sich wie ein drohender Nebel über die ganze Gesellschaft zu senken. An Mathilden konnte man eine heimliche Scheu nicht verkennen, die sich auch Raimunden mittheilte, und von diesen Punkten aus keinen Einzigen der Gefährten verschont ließ, Florismarte ausgenommen. Dieser führte mit der gewohnten Kraft und Lustigkeit seine Lebensweise fort, nur daß er sich weniger mit Mathilden abgab, seit diese immer in seiner Gegenwart bang' und verlegen erschien. Sie erklärte endlich, daß sie gesonnen sei, auf einige Zeit 162 nach Deutschland zu reisen, um ihr Vermögen so zu ordnen, daß sie beständig in dem Cirkel der Künstler fortleben könne. Ich will mit, liebe Mathilde, sagte Alwin in seiner Unbefangenheit, um die ihn selbst jene nächtliche Schauer nicht hatten betrügen können. Aber er bekam eine abschlägige Antwort. Die Reise, hieß es, daure ja nur kurze Zeit, und Raimund solle Mathilden begleiten. Du willst mich also nicht gern bei Dir haben? fragte Alwin. Mißverstehe mich doch nicht, erwiederte Mathilde, aber mich dünkt, es mögte für uns Beide schlimm werden, im Fall wir noch einmal träumen sollten. Alwin sah sie verwundert an. Was Du für ein gutmüthiges Kind bist, fuhr sie fort. Du sollst mir nachkommen, auf meinen Gütern feiern wir unsre Hochzeit. 163 Aber still; schon diese Worte waren vielleicht zu viel. Die einen durch Thal und Wald in Grabgewölbe locken, könnten auch wohl in meinem verschloßnen Zimmer lauschen. Nur das noch: es taugt zu meiner Sicherheit, daß Du erst nach mir reisest; Du giltst für mein Unterpfand, und mußt sehn, wie Du Dir, nach etwa drei Wochen oder drüber, loshilfst. Wollte der tapfre Alwin nicht den Rückzug seiner Braut decken? Diese letzten Worten genügten, um jeden Gedanken der Mitreise aus Alwin's Gemüth zu verscheuchen. Es galt Gefahren, es galt den Schutz Mathilden's, was war da noch zu überlegen, oder nur zu fragen? Der Tag der Trennung war herangekommen. Mathilde betrieb Alles mit einer ängstlichen Hast, und bemerkte ihren Freund 164 daher eben so wenig, als in den festlichen Zeiten, wo sich lustigere Gegenstände zwischen Beide gedrängt hatten. Nur als schon der Wagen im Hofe hielt, und Alwin bleich und still auf die schöne Gestalt blickte, schmerzlich betrübt, daß er sie nun Morgen vergebens im öden Gebäude suchen werde, – da war's, als erwachte noch einmal alle ehemalige Liebe im Herzen Mathildens. Sie flog an seinen Hals. Nein, sagte sie weinend, sei nicht so sehr betrübt, Du guter, freundlicher Mensch. Wir sehn uns gewiß bald wieder, und dann sollst Du begreifen lernen, wie wahrhaft ich Dein Gefühl theile. Raimund trat herzu, um einen ernsten, traurigen Abschied zu nehmen, und Alwin sah bald darauf die beiden liebsten Erscheinungen seines Lebens zu langer, ungewisser Trennung verschwinden. Welch ein erstorbnes Dasein, wann uns 165 nichts mehr umgiebt, was dem Herzen unmittelbar angehört! In den letzten Zeiten, wo sich Mathilde immer fremder bezeigte für die Gluth ihrer sonstigen Liebe, hatte Alwin oft daran gedacht, ob es sich nicht besser leben müsse in gänzlicher Abgeschiedenheit von der Welt. Die Gedanken aus der Hütte des Einsiedlers im Harze, wo er zuerst mit Thorwald übernachtete, waren ihm wieder in den Sinn gekommen. Nun erst nach der Trennung fühlte er, wie unendlich tröstend, ja wie nothwendig fast, ihm Mathildens Anblick geworden sei, und sollte sie auch noch fremder und gleichgültiger vor ihm stehn. Freilich wußte er, daß es in einer Siedelei erträglicher sein müsse, als zwischen unbefreundeten Gestalten, die eben durch ihre herzlose Gegenwart die innre Verlassenheit noch drückender bezeichnen. 166 Die drei Wochen, welche er, Mathildens Wunsch zufolge, hier verleben sollte, waren noch nicht ganz vorüber, als in einer stürmischen Nacht dumpfes Geräusch an seine Ohren schlug, Blitze von Fackeln an seinem Bogenfenster vorüber fuhren. Er sprang entsetzt auf. Die Erinnerung an jenen schrecklichen Traum kam ihm in der einsamen Dunkelheit mit tiefem Grausen zurück. Ungewiß ob er wache, seit Mathilden's letztern Aeußerungen Feindliches ahnend, hüllte er sich in seinen Mantel, und umgürtete sich mit seinem guten Schwerdte, das er unter Adalberts Führung so oft gebraucht hatte. Das Getöse ward indeß noch verworrner, aber lauter, er war nun ganz ermuntert, und sah durch's Fenster viele Menschen mit Fackeln, Lanzen, Streitäxten auf dem Hofe; Rauch und Flamme drang aus einem fernen Theil des 167 Gebäudes herüber; auf dem Kreuzganze vor seiner Thüre rauschten Tritte von Fliehenden, und erscholl ängstliches Weibergeschrei. Er eilte hinaus; Männer und Frauen liefen an ihm vorüber, und aus ihren abgebrochnen Worten vernahm er: das Landvolk der umliegenden Thäler bestürme und verheere in fanatischer Wuth ihr Kloster. Vergebens hatte er sich während dessen schon bemüht, einige junge Künstler zur Vertheidigung zu ermuntern, doch gab er die Hoffnung noch nicht auf, Alles durch kecken Widerstand in's Gleiche zu bringen, und schritt getrost nach der Gegend zu, von wo das wildeste Getümmel her scholl. Bei einer Wendung des Kreutzganges fiel ihm grelles Licht in die Augen. Es kam von den Fackeln der Bauern, die im Hintergrunde tobten und raubten. Er faßte seine Klinge fest, und ging vorwärts; da kam ihm ein 168 Mann entgegen mit raschem Tritt, das gezückte Schwerdt in der Hand; es war Florismarte. Gottlob, rief Alwin, endlich einmal ein Bewaffneter! Ich rechnete doch nicht umsonst auf Euch. Stirn auf den Feind. Wir zwei nehmen es mit dem ganzen Gesindel auf. Ein gewaltiger Hieb war die Antwort, der nur zufällig in Alwin's weitem Mantel sitzen blieb, ein zweiter, besser gezielter, folgte, aber der junge Soldat hatte mit Fassung parirt, und drang nun ingrimmig auf den tückischen Gegner ein. Hierher! schrie dieser den Plünderern zu. Hier ist der beste Fang! Der Bursch ist ein Kriegsmann, und verderbt Euch noch Alle! Faßt ihn bei Zeiten! Eine wilde Horde brach mit Geheul heran, Alwin lehnte sich an einen Pfeiler, und vertheidigte sich besonnen, während Florismarte ihn dem tollen Haufen überließ, und den Gang 169 hinauf eilte. Der geübte Kriegsmann fühlte bald, daß er mit schlechten Feinden zu thun habe. Die sich zuerst an ihn wagten, bluteten alsbald, und zogen sich zurück. Davon ward die ganze Menge scheu. Mit lautem Feldgeschrei fuhr er unter sie, ließ rechts und links die Klinge schwirren, und stäubte sie auseinander. Aber das Gekrach stürzender Wände, gebrochner Thüren, das vordringende Geheul rechts und links überzeugte ihn, daß hier an Widerstand nicht mehr zu denken sei. Er ging nach dem Thore zu, die feigen Plünderer wichen seiner blanken Klinge aus, und er gelangte ungestört in's Freie. 170 Sechszehntes Kapitel. Die Nacht hindurch war Alwin im nahen Holze geblieben, entschlossen, sich mit anbrechendem Tage nochmals dem Klosterbau zu nähern, um zu erfahren, was eigentlich verlohren sei, was zu retten, und überhaupt welch ein Unheil sie Alle ergriffen habe. Er kam wirklich mit grauendem Morgen vor den ehmals gastlichen Mauern an; Dampf und Flammen wirbelten weitgreifend drüber hin, auf einem Vorsprung des Gebäudes stand Florismarte. Wie sich der Rauch vor ihm empor zog, gewann seine Bildung etwas Gigantisches, aber unbestimmtes, davor Alwin unwillkürlich zurück schauderte. 171 Mach! daß Du fortkommst, rief ihm Florismarte zu. Meine Verbündeten haben Dir's geschworen. Höllenbrand, Du! rief Alwin zurück; ich fürchte Deine Bande nicht. Hätt' ich nur Dich hier unten, Schwerdt gegen Schwerdt. Komm, wenn Du brav bist. Sieger lassen sich auf Zweikampf nicht ein, erwiederte Florismarte lachend. Ich habe, was ich haben wollte, und lasse Dich laufen, weil Du mir unschädlich bist. Heute Nacht warst Du mir noch furchtbar, aber nun hat sich Alles entschieden, und Du kannst in Ruhe Deines Weges gehn. Alwin drohte mit dem Schwerdte hinauf, und Florismarte fuhr fort: ich sehe gar nicht ein, warum eben Du so aufgebracht gegen mich bist, junger Mensch. Mit Deiner wunderschönen Braut war nichts 172 anzufangen. So wenig sie sich auch zuletzt aus Dir machte, behielt sie dennoch eine gewisse alberne Weichmüthigkeit bei, und ich mußte sie ungestört ziehn lassen; Dein Geld liegt großentheils bei Kaufleuten in der nächsten Stadt, und ich habe von Dir nur eine schlechte Beute erhalten. Beute! rief Alwin, Beute also war die Losung. O Du schändlichster von allen Räubern! Denn Du hast das Edelste zur Lockspeise entweiht. Dahin also ging Deine Poesie, Deine Ahnung des Göttlichen, Deine unendliche Sehnsucht! Nicht eben gradezu, antwortete Florismarte, aber sie traf Euer langweiliges Dasein auf dem Wege, und that einen guten Zug daraus. Warum wart Ihr nicht kräftiger? Ich schlief beinah ein unter Euch, vorzüglich in der letzten bangherzigen Zeit. 173 Drum hetzte ich das erbitterte Landvolk auf und während die Affen in den Speisekammern plündern, bin ich Herr des Goldes geworden, womit ich ein bessres Leben zu führen gedenke, als Eure ärmliche Phantasieen, Euch Alle in Pausch und Bogen genommen, fassen können. Geht nur, Ihr Wichte. Ich war Euch zu stark. Hättet Ihr meiner Kraft die rechte Milde entgegen zu stellen vermogt, – o Himmel, welch ein Paradies! Wie gestillt mein Sehnen! Wie seelig wir Alle! Aber so machte mir sämmtliche fromme Parthei schwächlichst Platz, und wundert sich nun, daß sie von mir verzehrt wird. Kennt Ihr des Feuers Natur noch nicht, Ihr Thoren? In tausendfachen Gestaltungen erschließt sich der göttliche Hauch. Ich bin eine derselben, eine gigantische, seegenbringende, aber was schiltst Du den 174 Donnrer Zeus, daß Semele vor seinem Anblick zu Asche zerfiel? Geh! Du hast wenigstens noch Muth zum Klingenspiel, aber weiter taugst Du doch auch nicht sonderlich. Ihr zusammen sollt mir zu einer lustigen Geschichte dienen. Weißt Du noch, wie ich Euch die vom poetischen Kaufmannssohn erzählte? Ihr kamt Euch Alle sehr vornehm gegen ihn vor, und wart doch um keinen Gran besser, vielmehr etwas regelmäßiger und daher langweiliger, aber Ihr affectirtet trotz ihm. Das lügst Du, stolzer Prahler, rief Alwin. Ich fühle die Flamme in meinem, in Raimunds Busen, und Deine Machtsprüche werden sie nicht ersticken. Jeder hilft sich wie er kann, sagte Florismarte, und ging gelassen in's Gebäude zurück. Zweiter Theil. Erstes Kapitel. Mit der ängstlichen Eile, die uns von drückenden Erinnrungen fort treibt, hatte Alwin Anfangs seine Reise beschleunigt. Wie er aber (dem Strom ähnlich, wenn er sich weiter von dem furchtbaren Fall entfernt,) nach und nach stiller wurde, kam ihm Lust und Vertrauen zum Leben zurück, und vollends als er die ersten Deutschen Volkslaute wieder vernahm. Nun glaubte er, sei ihm der heimathliche Friede von Neuem aufgeschlossen. Mathildens und Raimunds Augen glänzten lichten Sternen vergleichbar, 178 dem Waller entgegen, der Rheinstrom führte ihn, die herrlichen Ufer entlängst, in das verlassne Vaterland zurück, und wenn er auf den gewaltigen Fluthen wogend, so ohne Hülfe von Seegel, oder Ruder hinabschwamm, war es ihm, als böten sich diese Wasser freudig der Rückkehr dessen, der auf der Hinreise ihrem Lauf entgegen kämpfen mußte. Er hatte sich wieder eine Cither gekauft, und nahm an den Festen der heitern Uferbewohner als ein unbefangner Wandrer Theil, während er sein Gepäck voraufziehn ließ. Eines Tages hatte er in einer Rebenlaube den Winzern und Winzerinnen mancherlei Lieder vorgespielt, wozu man auch mitunter getanzt hatte. Während einer Pause näherte sich ihm ein geputzter Bursch, der nicht zu den Uebrigen gehörte, und sich viel 179 mit seinem galonirten Wams zu wissen schien. Herr Sänger, sprach er, Euresgleichen pflegen einen guten Verdienst nicht von der Hand zu weisen, und Ihr könntet unter meinem Schutze zu einem solchen gelangen. Das wär' vortrefflich, sagte Alwin lachend, und schon entschlossen, sich der albernen Protection, eben ihrer Albernheit wegen, hinzugeben. Ja, ja, Ihr könnt Euch auf mich verlassen; ich helf' Euch zu einem guten Abendbrodt, und zu vier Ducaten wenigstens obenein, aber Ihr müßt auch Discretion beweisen; Discretion, seht Ihr, lernt man freilich blos an Höfen, und weil ich dort Gelegenheit habe, sie zu erlangen und auszuüben, müßt Ihr mir nur hübsch nachgehn, und Euer Glück ist gemacht. 180 Vier Ducaten, wiederhohlte Alwin, und ein gutes Abendbrodt! Die Wolken thauen Seegen auf mich hernieder. Nun, faßt Euch nur, guter Mensch, erwiederte sein Beschützer. Ich weiß was ich verspreche, und habe nicht die Unart andrer Hofleute, hinterdrein kaum das Viertel zu halten. Beruhigt Euch, und laßt Euch erzählen, wie die Sachen stehn. Ich bin in Diensten des Fürsten Xaver. Der alte Herr fand von Jugend auf keine Lust an Musik und Versemacherei; weshalb auch pflichtschuldigst Alles von ihm weggeräumt ward, daran sich nur der geringste Anstrich von dergleichen finden ließ. Nach und nach hat er sich nun so dagegen erbittert, (denn man lobte natürlich diese Abneigung als eine besondre Heldengabe an ihm,) daß er beim Knarren einer ungeschmierten Thüre grimmig 181 wird, und behauptet, man wolle ihm zu Trotz heimliche Versuche zu Einführung der Musik machen. Grade entgegengesetzt ist ihm hierin seine Tochter, die bei einer Tante erzogen ward, und jede Art von Gesang und Klang über Alles liebt. Ihr Gemahl, des alten Fürsten mächtiger Schwiegersohn, interessirt sich für keine von beiden Partheien, aber er sieht es gern, wenn man der jungen Dame Musik zu hören schafft, ohne den Durchlauchtigen Herrn zu ärgern. Kommt also heut Abend mit mir. Ich führ' Euch in einen entlegnen Theil des Gartens, die Fürstin geht dahin spatziren, und Ihr zieht nach gemachtem Kunststück und empfangner Belohnung Eures Weges. Der Handel gilt, sagte Alwin, indem er lachend einschlug, und wirklich machten sich 182 zur gehörigen Zeit Beschützer und Beschützter auf den Weg. Im Garten sah es so nüchtern und ärmlich aus, daß Alwin bald von dem heimlich gehegten Gedanken zurück kam, ob nicht vielleicht der tölpische Bursch ihn unbewußt einem artigen Abentheuer entgegen führe. Zwischen diesen verdorrten Taxusgängen, an diesen wasserleeren Teichen konnte die heitre Nymphe, von den Minnesängern Aventüre genannt, wohl nimmermehr lauschen. Der Protecktor war schon eine Zeitlang fort, um der Prinzessin Alwins Ankunft zu verkündigen, und dieser saß beinah mismüthig auf einer buntbemahlten Bank, während er sich zurückrief, wie hübsch es unter der Rebenlaube gewesen war, und wie ergötzlich er den Abend mit Gesang und Tanz hätte zubringen können. Da schritt endlich 183 im steifen, geschmacklosen Putz, begleitet von zwei alten, zahnlosen Hofdamen, ein bleiches Weiblein die sandige Allee herab. Alwin errieth, daß dies die verheissne Prinzessin sei, und fühlte sich durch ihr klangloses Dasein, aus welchem sie sich nach Musik und Poesie hinübersehnte, recht bewegt. Er griff in die Saiten, und sang folgendes Lied:   Ueber die Mauern fort, Leicht schwimmend über den Graben, Flüchtig klimmend an's Fenster, Wie Mondstrahl hin durch unverletzte Scheiben, Kennst Du den Wandrer? Ist Citherklang, Ist freundlicher Sang;   Der kommt, wenn ihn Dein Sehnen Zu süßen Träumen rief; Er selbst ein Traum, ein Wähnen, Dringt doch in's Herze tief. 184   Er trägt auf seinen Schwingen Das bunte Leben her, Nur läßt er's artig klingen, Hält's nicht so hart und schwer.   Da flieh'n die trauten Geister Einander länger nicht; Kennt Jedes seinen Meister: Des heil'gen Liedes Licht. Um Gotteswillen, sagte die Prinzessin, die sich indeß sehr umständlich zwischen ihren Begleiterinnen niedergelassen hatte; der Mensch wird sich doch nicht unterstehn ein Liebeslied in meiner Gegenwart zu singen? An solche Inpertinenz ist nicht zu denken, antwortete die Häßlichste von beiden Hofdamen, aber freilich, etwas dreiste Worte kamen drin vor. Ich mache mir überhaupt aus den Worten nichts, sagte die Prinzessin. Spielt mir 185 hübsche, bekannte Tänze und dergleichen, daran man sich mit Anstand ergötzt. Was soll man denn mit der Musik anfangen, wenn man nicht ungestört dabei sprechen kann, und arbeiten, woran Einem nur die Verse der Lieder hinderlich sind. Spielt ohne zu singen, mein Freund, spielt ohne zu singen. Alwin leierte nun einen Tanz nach dem andern ab, und es schien gar kein Ende nehmen zu wollen, denn die drei Damen hielten dabei ehrlich, was die Prinzessin verheissen hatte; sie sprachen und nähten aus allen Kräften. Anfänglich war es ihm spaßhaft vorgekommen, aber mit jeder Minute ward's ihm fataler, und doch war er nicht ungalant genug, in Gegenwart der Damen so plötzlich aufzubrechen. Es galt ihm daher für einen wahren Trost, als er herannahende Mannstritte 186 vernahm. Vielleicht ist es der Musikfeind, sagte er zu sich selbst, der Fürst Xaver; der schilt alsdann seine Tochter recht tüchtig, und jagt mich zum Schloß hinaus. Wie billig das erste für sie, wie glücklich das zweite für mich! Aber es war der alte Herr nicht. Ein schlanker Mann trat, den Rücken gegen Alwin gewandt, zwischen die Damen. Ueberrasche ich Euch? sagte er. Die Prinzessin drehte sich langsam nach ihm um, und erwiederte: ja wohl, und noch überdem erschreckt Ihr mich auf eine furchtbare Weise, mein Gemahl. Ich bin ganz aus der Fassung gekommen. Solche blitzähnliche Begebenheiten mögen Euch in Euern Feldzügen nicht fremd gewesen sein. Für mich sind sie wirklich sehr angreifend Ich hing hier meinem gewohnten phantastischen Vergnügen an 187 der Musik nach, und glaubte schon, unser durchlauchtigster Vater trete unversehens herzu. Habt doch die Güte, mein theurer Gemahl, dem Künstler dorten vier Ducaten zu reichen. Ich beurlaube mich. Damit wandelte sie nebst ihren Damen langsam weiter, und der Gemahl wandte sich zu Alwin. Zweites Kapitel. Die Beiden sahen sich überrascht an, und blieben so schweigend einander gegenüber stehn, denn der Gemahl war Adalbert. Dieser brach zuerst in die Worte aus: aber sage mir doch, Alwin, welche seltsame Verkleidung, und wozu? 188 Wahrhaftig, antwortete dieser, sie führte nichts Böses im Schilde, weder gegen Dich, noch gegen Deine musikliebende Gemahlin. Ich wußte nicht, daß Du hier wohntest, und hätte es nicht einmal geglaubt, wenn mir's irgendwer verkündigt hätte. Du bist noch böse, von unserm letzten Abschiede her, sagte Adalbert. Berühre das nicht. unterbrach ihn Alwin. Es tönen zu viele schmerzende Fiebern mit. Und dennoch muß ich's, erwiederte Adalbert. Wir kämen ja sonst nimmermehr auf den alten, reinen Ton zusammen. Damals hatten wir Beide Unrecht, und waren Beide Thoren. Du etwas minder als ich, denn in Dir war doch wohl schon die Liebe wach zu Mathilden, deren Bräutigam Du bist, wie ich seit einiger Zeit erfahren habe. Aber was mich bewog, sogleich den irrenden Ritter zu 189 spielen, und keinen andern Ausweg zu kennen, als den Zweikampf, daß kann ich bis diese Stunde noch nicht begreifen. Und gerade das gefiel mir an Dir, sagte Alwin. Ich habe meine Armwunde; fuhr Adalbert fort, ohne auf seines Freundes Einrede zu hören. Im Uebrigen ist die Sache vorbei, und ich danke dem Ungefähr, welches Dich als meinen Gast hierher geführt hat. Wie lebst Du denn jetzt? fragte Alwin. Nun, wie man so lebt, erwiederte Adalbert, wenn man Frau und Kinder hat, und seinen Kreis beschlossen um sich her sieht. Als ich hier einzog, war mir's als beträt ich nur die erste Stufe zu einer unermeßlichen Laufbahn, aber nun bin ich vollkommen zufrieden, wenn ich alle Ländereien meines 190 Schwiegervaters vor den umherirrenden Streifparthieen schützen kann. Wenn Du nicht früher eine ähnliche Existenz verachtet hättest, sagte Alwin, so könntest Du jetzt eben so gut Mathilden im Arm haben, als eine andre. Als mein fürstliches Gänschen hier, wolltest Du wohl eigentlich sagen, rief Adalbert lachend. Nun freilich, es ist dabei nichts zu verkleiden Dir gegenüber, jedoch hast Du, glücklicher Bräutigam, kein Recht, mir Vorwürfe wegen meiner Handlungsweise zu machen, und endlich bin ich auch zum Fürsten gestiegen; immer mehr, als mir Mathilde geben konnte. Alwin sah seinem Freunde sehr betrübt in's Auge. Endlich bot er ihm die Hand, und sagte: leb' wohl, mein ehmaliger Heerführer! 191 Leb' wohl, Du herrliche Erscheinung meines Jünglingslebens. Sei doch kein Thor, antwortete Adalbert. Du ruhst ein Paar Tage bei mir aus, wir trinken köstlichen Wein zusammen, lachen über den drolligen Papa, den alten Musikhasser – nun freilich, die Cither mußt Du verbergen. Wir reisen durch die Aemter und Gehöffte umher – Ich habe keine Freude dran, seufzte Alwin. Laß mich gehn. Du thust Dir selbst Unrecht, sagte Adalbert. Wir würden manche vergnügte Stunde feiern. Anselmo ist auch hier. Anselmo? fragte Alwin erstaunt. Anselmo? Und was fängt denn er ohne Zither an? Er schreibt hier in der Kanzlei, sagte Adalbert, und hat Hoffnung, eine ansehnliche 192 Besitzung in der Nähe zu erwerben. Die alten Pläne von Reisen in den Süden hat er aufgegeben, und läßt sich's nun in Deutschland recht wohl behagen. Alwin gewann nicht einmal Freiheit genug, um vom Herzen fortzusprechen, wie sehr ihn dies drücke und schmerze, und wie es ihm in der innersten Seele zuwider sei. Er brachte kahle Entschuldigungen vor, und man schied ganz höflich von einander. 193 Drittes Kapitel. In einem fruchtbaren Thale, von reichen Dörfern umgeben, lag Mathildens Schloß. Alwin blickte von der nächsten Höhe an einem stillen Abende da hinunter. Wie er nun so unmittelbar vor dem Ziel all seiner Wünsche stand, erhob sich's bang und zweifelnd in seinem Busen, und doch auch wieder so treibend, daß er keines Schrittes vor oder rückwärts mächtig war, und sich fest gebannt fühlte, fast wie er's von den Helden wunderlicher Mährchen hatte sagen hören. Zugleich kam ihm der Abend in den Sinn, wo er in sein väterliches Schloß heimgekehrt war, um 194 Alles zerknickt zu finden: Vatergruß und Mutterliebe und Liebeshoffnung. Wenn mir's nun Heute wieder eben so ginge, sagte er zu sich selbst. Auch in diesen Gegenden hat das Kriegsfeuer getobt; warum soll denn eben dies Thal ausgenommen sein? In dem sah' er wieder aufmerksamer hin, und die Gehege standen alle friedlich da, jedes kleine und große Feld ummarkend, von den Schornsteinen zog ein blauer Rauch über die benachbarten Gärten fort, in den Kirchen läutete man eben zur Vesper, die Fenster von Mathilden's Fenster blinkten hell der Abendsonne entgegen. Nein, nein, sagte er laut; sei nicht so bang. Wie es sich anläßt, ist Alles gut gegangen. Und doch, als er die Höhe hinab ritt, scheute er den Gedanken, zuerst an's Schloßthor zu klopfen, und sprengte einen Bedienten zur Meldung voraus. Dieser kam alsbald zurück, 195 und berichtete: die Gräfin sei nicht daheim; doch habe sie Befehle zu Alwin's Empfang hinterlassen, und der Castellan des Schlosses warte mit Ungeduld auf seinen vornehmen Gast. – Sie selbst also nicht auf ihren lieben Gast, sprach Alwin in sich hinein; auf irgend eine Weise muß mir doch Alles fehlgehn. Im Schloßhofe stand der Castellan, geputzt, Bücklinge machend, einen Stallknecht beinah nieder rennend, um Alwin's Bügel durchaus mit eigner Hand zu halten. Die gnädige Gräfin wird untröstlich sein, sagte er, indem er den Ankommenden die Treppe hinauf führte, fürwahr untröstlich, daß sie eben jetzt sich in der Stadt zu befinden geruhen. Sie hat meine Ankunft noch nicht vermuthet? fragte Alwin. 196 Allerdings, gnädiger Herr, antwortete der Castellan, allerdings, und es sind mir die bestimmtesten Befehle desfalls zu Handen gekommen, auch wofern Ew. Gnaden etwa qua Poet zu erscheinen geruhten, zu Fuß und mit einer Zither in der Hand. Da ist es mir vor acht Tagen begegnet, daß ich einen fremden Lautenisten hier ganz köstlich bewirthet habe, und ihm selbst bei Tafel aufgewartet, weil ich dachte, Ew. Gnaden wären es, und wollten sich etwa den Spaß machen, meine Humanität zu prüfen. Es ging von einem prächtigen Zimmer in's andre: die Herrlichkeit alter Zeiten schaute von den hohen Wänden hernieder, und Alwin gefiel sich in dem Gedanken, hier mit Mathilden zu wohnen. Ein weitläuftiger Thiergarten zog sich am Fuße des Schlosses hin; die alten Buchen und Eichen rauschten 197 feierlich zusammen; durch ihre Gänge hörte man das Rufen des Wildes. Selbst der altfränkische, devote Castellan schien mit zu diesen Umgebungen zu gehören. Wie sie sich freuen wird! sagte Alwin. Sie glaubt mich noch von jenen geheimnißreichen Schrecken bedroht, und ich bin ihr schon so nah, übersprungen alle Schranken, die unserm Glücke entgegenstanden. Ich will Alles Feindliche vergessen, Florismarte und all' seine Trügereien sollen gar nicht genannt werden. Nur in Mathildens himmlischen Augen soll mein Frieden wohnen. Und sie soll meine Ankunft vorherwissen. Ueberraschungen laufen oft so ungeschickt ab; man fällt in unerfreuliche Umgebungen hinein, man muß die ersten Stunden mit Erklärungen verderben, man betrügt den Ueberraschten um das süße Harren und Ahnen im liebenden Herzen. 198 In dieser Stimmung schrieb er folgendes Sonett an Mathilden, und sandte es am nächsten Tage durch einen Diener in die Stadt voraus:   Ein üppig Spiel, stets jugendlich entsprossen, Ein süß Umschlingen unter Weinbeerranken, Ein heißrer Durst, jemehr die Lippen tranken, Das hatt' auch ich im Taumelkreis genossen.   Hohl unten donnerte mit wilden Rossen Pluton durch's finstre Thal. Der Mauern Wanken, Der Flüsse Sieden warnte – doch Gedanken Schwelg'rischer Wollust hielten uns umschlossen.   Erst wehrten Deine Strahlen dem Verderben, Doch kaum nur sahn wir sie abscheidend tauchen In's ferne Meer, war Nacht und Streit begonnen.   Nun laß vor Dir feindseelge Bilder sterben, Die Lippen statt unholder Fragen hauchen Ihr allgewalt'ges Heer von Liebeswonnen. 199 Viertes Kapitel. Als gegen Abend Alwin in der Stadt ankam, leuchteten wieder Mathildens Saalfenster auf die Straße herab, wie an jenem ersten Abende in Braunschweig, die Treppen glänzten wieder von vielen Lampen, reichgekleidete Bedienten rissen die Flügelthüren auf, Mathilde trat aus einem glänzenden Cirkel hervor, prächtig geschmückt, dem Ankömmling entgegen. Es war Alles wie damals, und er empfand auch die Blödigkeit, welche sich immer zwischen ihm und Mathildens hohe Schönheit gestellt hatte. Seine holde Freundinn bot ihm gütig die Hand, und stellte ihn 200 einer Menge von unbekannten Personen vor. Das Leben oder vielmehr der Tod der großen Welt griff wieder nach ihm in mannigfachen Gestaltungen; je fremder ihm dergleichen seit einiger Zeit geworden war, je gewaltiger und feindseeliger drang es auf ihn ein: dazu kam jene schwächliche Gutmüthigkeit, vor deren Einreden er nie zu einem keck abstoßenden Betragen gelangen konnte; – er befand sich gleichsam in einem fortgesetzt drückenden Rausche. Mathildens schöne Gestalt erschien ihm nur hin und her wie durch einen Nebel, wie eine ganz ferne Verheissung, daß diese ganze Wirthschaft sich doch einmal verlaufen müsse, und er dann mit seinem himmlischen Idol allein bleiben werde. Jedoch glaubte er kaum selbst recht aufrichtig daran, um so weniger, da Mathilde ihm keinen Wink gab, kein Mittel zum Bleiben offenbarte, indem Alles 201 nach und nach aus einander ging, so daß er selbst, zwar der Letzte beinah, im halben Taumel Abschied nahm, und dem großen Portal zuwankte. Es zupfte an seinem Kleide: ein freundlicher Page sagte: Gräfin Mathilde wünscht Euch noch allein zu sprechen, und erwartet Euch in ihrem Kabinet, oben gleich links die erste Thür. O, wie flog der Glückliche die Steigen hinan! Die letzten Worte des Pagen hatte er nur undeutlich gehört, aber aus dem halboffnen Zimmer wallte süßer Blumenduft ihm entgegen, mit zwei Schritten stand er in einem kleinen, verschwiegnen Gemach, von mildem Lampenschimmer erhellt. Mathilde umfaßte ihn traulich, und sagte: unartiger Stürmer, bist Du nun zufrieden? Ich habe 202 Dir's wohl angemerkt, wie ärgerlich Du in der Gesellschaft warst. Er schmiegte sein Haupt an ihre Brust, während sie mit seinen Locken tändelte, und ihm voll tiefer Rührung Stirn und Schläfen küßte. Sie erhob sich aber bald, und zog auch ihn neben sich auf das Sopha, indem sie einige lustige Worte fallen ließ, wie es schien absichtlich, um den ernsten Geist in sich zurück zu bannen, welcher eben seine gewaltigen Fittige durch das zierliche Gemach ausdehnen wollte. Alwin befand sich, vermöge seiner Lenkbarkeit, bald in den Ton gestimmt, welchen sie angegeben hatte, und sie fragte ihn, seit wann er angekommen sei, und vorzüglich, wie er sich aus dem Klostergebäu losgemacht habe, und wie gegenwärtig dort Alles stehe? Du achtest so wenig auf meine Bitte, 203 antwortete Alwin, in seine wehmüthige Stimmung zurückfallend. Ich hatte Dich doch gebeten, keine Fragen zu thun, nur die reichen Liebeswonnen von Deinen Lippen strömen zu lassen. Wo hast Du denn das gethan? fragte sie ihn ganz fremd. In dem Sonett, erwiederte er, welches ich Dir voraussandte. Ja so, sagte sie, und besann sich einen Augenblick lang. Dann fuhr sie fort: lieber Alwin, ich kann mich auf keine Weise verstellen, und muß Dir bekennen, alle Formen, die mich an jenen Kreis erinnern, und an das Furchtbare, welches mich darin bedrohte, sind mir so zuwider geworden, daß ich auch Dein Sonett, eben weil es ein Sonett war, nur flüchtig überlas, und deshalb sehr leicht etwas darin unbemerkt lassen konnte. Du 204 warst da, das gnügte mir. Sonette, Dezimen, Canzonen, und all ihre Verwandten kann ich fortan nie mit reiner Freude betrachten. O, meine liebsten Spiele! seufzte Alwin. Du hast doch wohl am wenigsten Ursach, antwortete sie, Dich an jenen Erinnerungen fest zu halten. Dein Widerwille, mir zu erzählen, wie Du geschieden bist, beweist mir, daß es dabei nicht versöhnend zugegangen sei, und früher brauchst Du wohl nur jenes sogenannten Traumes zu gedenken, um einen Abscheu gegen Florismarte zu empfinden, und gegen Alles, was ihm angehört. Von Herzen, sagte Alwin, aber was können die lieblichen Sylbenmaaße dafür, welche wir dort erlernten? Die gehören ihm nicht an; sie sind Genien, die unsre freundlichsten 205 Gedanken an Gold- und Purpurfäden in seelige Lande führen. Du bist wie Raimund, sagte Mathilde lachend, der auch nicht von jenen Tändeleien lassen wollte, und deshalb beinah in halben Unfrieden von mir gegangen ist. Ich finde ihn nicht hier? rief Alwin schmerzlich bewegt. O mein lieber, lieber Meister! Aber Mathildens Küsse verschlossen den Mund des Klagenden. Fünftes Kapitel. Viele Tage hintereinander gingen und kamen, einer wie der andre, obgleich jedweder 206 ein neues Kleid anzunehmen bemüht schien. Aber es waren beständig ermüdende Gastereien; selten zwischendurch ein Sonnenblick der Liebe. Wenn Alwin, von Wein und Gesellschaft belebt, einmal freudige, begeisterte Worte sprach, blickte man sich einander zweifelnd, halbspöttisch an; vor Allen Mathilden's Anverwandte, welche sich mit dem neuen Ankömmling überhaupt unzufrieden zeigten, und was er sagen wollte gern durchaus unterdrückten, oder es doch baldmöglichst verwandelt und verstellt in ihren eignen Kreis herüberzogen. Mathilde war deshalb mit ihrem Freund unzufrieden. Ich kenne Dein feuriges, hochstrebendes Gemüth, pflegte sie bei solchen Gelegenheiten zu sagen, ich weiß, daß Du wie ein allzuergiebiges Erdreich das Gold aus Deinen Tiefen unangeschlagen zu Tage förderst, aber 207 bedenke nur, daß die auf der Oberfläche wohnen, keine Chemiker sind, und Dein edles Metall als nutzlosen Flitter verachten. Laß sie doch achten, oder verachten, wie es ihnen gefällig ist, erwiederte Alwin eines Abends auf ähnliche Vorstellungen. Wir können doch nicht ewig in ihrem Kreise leben. Mich zieht's mit zaubrischer Gewalt nach Deinem Schloß hinaus, in die hohen, altväterlichen Gemächer, unter die Schatten des Thiergartens hin. Dort laß uns leben und lieben, meine süße Freundin, dort erst alle Freudenbecher der Welt genießen. Dein Blick ist getrübt lieber Alwin, sagte Mathilde. Das Leben der andern Menschen kommt Dir fratzenartig vor, wenn irgend etwas darin gegen Deine Lieder und Mährchen anstößt, und Du wunderst Dich 208 doch über keinen Baum, der seinen graden Wuchs in einen häßlichen verstellt hat. Ich rotte ihn aber aus, oder verbrenne ihn, antwortete Alwin mit gezwungner Kaltblütigkeit, und das würde man mir bei Menschen nicht gut aufnehmen. Du bist hypochondrisch, fuhr Mathilde fort. Die Leute sind fürwahr Alle recht gut, und ertragen auch uns mit unsern Schwächen. Eine Liebe ist der andern werth. Das nennst Du Liebe, sagte Alwin. Diesen erbärmlichen Tauschhandel, wie einmal Adalbert etwas Aehnliches nannte! Kennst Du denn die Göttlichen nicht mehr, welche uns einander im Pyrenäenthale zuführte, daß Du ihren Namen so schmählich entweihen kannst! Liebe, dies einige, durchdringende Gefühl unsers Lebens, nein dies einige Leben 209 selbst, und jenes erbärmliche Ertragen von Erbärmlichkeiten. Wir misverstehen uns jetzt öfters, sagte Mathilde, und es bedarf eines klaren Aussprechens unsrer Gefühle. Du sprichst so ruhig Mathilde, seufzte Alwin, indem er sich bleich und zitternd ihr gegenüber setzte. Ich finde meine liebste Freude in der großen Welt, fuhr Mathilde fort, und würde es für Falschheit halten, Dich fortan darüber im Irrthum zu lassen, so wie es eigne Thorheit war, vermöge deren ich selbst mich lange darüber betrogen habe. Es mag Gemüther geben, die Walddunkel, Einsamkeit, stilles wiederhohltes Leben, so wie die Sterne auf und untergehn, Thalgesang von uns allein vernommen, Gemüther, sage ich, die dergleichen über Alles lieben; ich gehöre nicht 210 zu dieser Art. Wenn so etwas auch bisweilen recht behaglich an mir vorüber zieht, bleibt es doch niemals mein rechter Ernst, mein bleibendes, beseeligendes Gefühl. Ich bedarf der lichten Kreise, die sich hier regenbogenfarbig um meine Schönheit ziehn; in Braunschweig trafst Du mich zuerst in meinem wahren Dasein an, hier triffst Du mich in dessen Mitte wieder. Denke nicht an das vergebliche Streben, mich meinem Glück zu entführen. Unsre Liebe ist also nicht mehr Dein Glück? fragte Alwin sehr betrübt. Ja doch, Du seltsames, unartiges Kind, antwortete Mathilde lachend, aber nicht mein einziges, mein ausschließliches. Als ob ich auf Deine Zither eifersüchtig sein wollte! Meiner Zither, sagte Alwin, erzähle ich nur immer von Dir. 211 Und ich, erwiederte Mathilde, putze mich eigentlich auch blos für Dich. Aber nimm es überhaupt nicht so ängstlich mit der Liebe. Alles hat seine Blüthenzeit, und wer sie muthwillig verlängern will, schafft nur Treibhauswerk. Ja, ich habe an Deinen Blicken gehangen, ich habe Deine Seufzer geathmet, aber es ist damit vorüber, und wir müssen trachten, ein glückliches Leben in der umgebenden Welt zu führen. Laß Dich nicht von der Wahrheit kränken. Auch Du bist viel anders, als Du vordem warst. Nur das nimm mir nicht, rief Alwin in Thränen ausbrechend, nur nicht mein eignes schmerzhaftes Gefühl! Gar Thränen! sagte Mathilde. Wer sollte daran den braven Kriegsmann erkennen? Wer sich kein Puppenbild von einem braven Kriegsmann gemacht hat, fuhr Alwin 212 ungeduldig auf. In Eurer Welt mag es so Mode sein, daß ein Soldat nur marschiren und kommandiren darf. Ich schäme mich meiner Thränen nicht, des Perlenschmucks aus meiner Kinderzeit, der die männliche Rüstung nicht entstellt. In Deinen Mährchen vielleicht nicht, antwortete Mathilde. Im Leben müssen wir es doch anders anfangen, wenn wir ein leidliches Dasein führen wollen. Du bist heut sehr erhitzt. Schlaf wohl. Morgen wirst Du klüger sein. Alwin ging schweigend nach Haus. Dort ließ er Alles zum schleunigen Aufbruch ordnen. Es waren nicht gleich Pferde bereit, und er ging allein mit seiner Zither voraus. Er wollte den Morgen in diesen Mauern nicht mehr anbrechen sehn. 213 Sechstes Kapitel. Der einsame Wandrer schritt immer fort in die tiefre Dunkelheit hinein, halb getröstet durch ihren schwarzen Mantel, der ihn vor allen Menschen verbarg, und seine Thränen vor ihm selbst. Diese wird nun Keiner tadeln, sagte er, denn die Nacht ist an Thau und Regen gewöhnt. Bald kam es ihm vor, als gingen Beatrix und Aline zu beiden Seiten neben ihm her. Die Eine sagte unaufhörlich zu ihm: warum bist Du auch von mir gegangen, lieber Alwin! Ich meinte es doch so herzlich gut mit Dir. Die Andre dagegen 214 sprach zu den Sternen auf, ohne ihn nur anzusehn, und er hörte beständig diese Worte: Von meinem ew'gen Lieben abgeschieden, Was sucht das Erdenkind so irr' nach Frieden? Die Geleitschaft der Beiden kam ihm gar nicht wunderbar vor. Es war, als müsse es eben so und nicht anders sein. Wenn er sich bisweilen unter die Waldbäume niedersetzte, saßen seine Begleiterinnen neben ihm und hielten ihm helle Spiegel vor's Auge, worin er bald sein vergangnes Leben sah, und bald das Paradies: das letztre beinah so, wie er es als Kind auf hübschen Bildern erblickt hatte, mit saftgrünen Kräutern und Bäumen, mit freundlichen, bunten Thieren, und einem Himmel fast ganz von Morgenroth. Wie es aber wirklich lichter um ihn her ward, verbleichten nach und nach die beiden 215 Gestalten, und als die Sonne über's östliche Gebirge heraufstieg, saß er ganz allein auf einer dürren Heide. Die Morgenkühle wehte schneidend, unbehaglich durch sein Gewand. Da ward es ihm erst klar, was eigentlich mit ihm vorgegangen sei, und was ihn aus Mathilden's Nähe fortgetrieben habe. Sie schläft noch, dachte er bei sich selbst, aber wenn diese Strahlen höher steigen, dringen sie auch zu ihr durch den seidnen Vorhang auf's Lager, und die wunderschönen, erquicklichen Augen schließen sich auf, in all ihrer Herrlichkeit. Sie macht dann wohl Entwürfe zu diesem, oder jenen Fest, und der Freund, für den sie sich putzt, wie sie ja selbst sagte, der Freund ist schon so weit von ihr. Wenn sie nun Deine Abreise erfährt, beunruhigt Boten auf allen Straßen hinaus sendet, wirst Du, Thörichter, dann nicht den 216 süßen Lockungen auf's Neue folgen? Und es erwartet Dich ja doch nichts Bessres, als die halberloschne Liebe, der trübe feindseelige Weltlauf. Er sah indeß seine Pferde mit dem Gepäck herankommen, und war besorgt vor dem, was man ihm berichten werde, und vor einem Brief Mathilden's, denn er fühlte nicht mehr die Kraft zum Widerstande. Aber seine Besorgniß war übertrieben. Mathilde hatte nicht nach seinem Hause gesandt. Auch während er einige Tagereisen lang, fast zögernd weiter zog, erfuhr er Nichts von jener Gegend her, und begann von nun an seine Fahrt mit wilder Eile, zu Anfang achtlos, wohin es gehe, daher er auch fast instinktmäßig nach dem Harz getrieben wurde, der theuern, langentbehrten Heimath. Aber kaum traten die wohlbekannten Berge 217 deutlicher am Horizont hervor, so empfand er eine bange Scheu davor, und lenkte wieder ab. Was hatte er auch dort zu suchen?  Todt der wackre Vater sein, Todt sein sorgsam Mütterlein; Ach, er unter den fremden Leuten So allein! Wie er seine Tagreisen immer verlängerte, die Ruhezeiten verkürzte, wurden es die zwei oder drei Begleiter überdrüßig; Einer nach dem Andern blieb zurück, ohne, daß Alwin sich darum bekümmert hätte. Wenn sie sich entschuldigen wollten, sagte er: es ist in der Ordnung, und zog hastiger weiter. Ganz allein kam er eines Abends vor einem abgelegnen Jägerhause an. Es stand auf einer lichten Stelle im Forst, und blickte recht gastlich zwischen dem Herbstlaub der Eichen und Buchen hervor. Durch die offne 218 Thür sah man das Feuer auf dem Heerde brennen; ein Paar Kinder spielten ämsig auf dem Rasen, während Vater und Mutter schon zum Abendbrod riefen. Alwin empfand eine tiefe Rührung; er meldete sich als Gast, und ward aufs freundlichste gespeist und beherbergt. Er blieb einige Tage dort, ohne daß ihm das Weiterreisen eingefallen wäre, und endlich sagte der Förster zu ihm: Ihr scheint eben keine große Eile auf Euerm Wege zu haben; dabei seid Ihr ein stiller, freundlicher Mensch. Was wollt Ihr so im Winter herumziehn? Gebt Euch bei uns in die Kost. Ihr habt Geld, und wir ein Stübchen übrig. Ihr eßt oben, oder mit uns, wie Ihr wollt, und wir bleiben beisammen, so lange es Euch gefällt. 219 Recht gern, antwortete Alwin. Das wird auch wohl das Beste für mich sein. Es ist hier recht heimlich und still: ich habe mir schon lange einen solchen Wohnort gewünscht. Ihre einfachen Bedingungen waren bald abgeschlossen, und man lebte zufrieden mit einander durch Herbst und Winter fort. Siebentes Kapitel. So lange die Blätter noch an den Bäumen blieben, wanderte Alwin oft Tagelang durch den Forst, am liebsten, wenn die Abendwolken heraufzogen, das Wild mit dreistern Sprüngen an ihm vorbeisetzte, und 220 ein erquickender Duft von den Waldkräutern emporstieg. Was sich ihm dort im eignen Geiste geregt hatte, brachte er in mancherlei Weisen und Reime, wovon er auch nicht abließ, als der Winter die Zweige mit Reif und Schnee bezog, und ihn in sein kleines Stübchen bannte, aus dem er einen eingehegten Gartenfleck übersah, dahinter die winterliche Waldung. Der Förster hatte einige alte, wunderliche Waidmannsbücher, voll von mysteriösen Regeln für das Jagdwesen, und von Geschichten, welche den Jägern in Nacht und Einsamkeit begegnet waren. Diese las Alwin mit heimlichen, behaglichen Schauer; in seiner Kindheit kam es ihm immer vor, als müsse es alte Bücher geben, die noch viel schönere und seltsamere Geschichten enthielten, wie er je gehört hätte, ja als müsse er schon ein solches gesehn haben, 221 und es sei nur verloren gegangen. Jetzt glaubte er oft, das ersehnte Buch liege vor ihm, wenn er von den Nachtgeistern las, und die alten Schriftzüge und Bilder anblickte. Gegen Abend kam er dann wohl manchmal zu der Försterfamilie herunter, und hörte was dem rüstigen Hausvater begegnet sei, der sich eben den Schnee von den Stiefeln schüttelte, und sich freute, an dem Fremden einen so aufmerksamen Zuhörer zu finden. Da wurden auch die Geschichten in den alten Büchern durch mündlichen Vortrag belebt: des heiligen Gangolfs Leben, oder Hubertus Vision, und Julian's schwer gebüßter Kampf mit der wilden Jagd, wanderten durch den vertraulichen Kreis, während die Winterstürme draussen im Forst heulten, und wie bestätigend und mahnend an den Fenstern rasselten. 222 Größtentheils aber blieb Alwin in seinem Zimmer allein und wenn er dann zu der Zither sang, und etwa ein Bauer, den Fußsteig durch den Wald gehend, stehn blieb, und nach der Musik einen Augenblick hinauf sah, um gleich darauf gleichgültig seines Weges fortzuziehn, kam er sich höchst verlassen und schon beinah gestorben vor. Er pflegte alsdann wohl folgendes Lied zu singen: Wie lang' nur willst Du klingen,     Du feines Zitherspiel? Wonach doch mußt Du ringen,     Hat Jedes ja sein Ziel. Es klingt zu Lieb' dem Sänger,     So lang' er singen will, Und singt einst der nicht länger,     Wird auch die Zither still. Ist dann vorbei das Klingen,     Fällt wohl dem Wandrer ein: 223 Man hört ja nicht mehr singen;     Er muß gestorben sein. Einmal kam ein angeschoßner Hirsch aus dem Wald, und that sehr kläglich. Als er das Gehöffte wahrnahm, floh er wieder in das Gebüsch hinein, so schnell es ihm seine Mattigkeit verstattete. Alwin ward darüber sehr betrübt, und sang folgendes Lied: Hirschlein ging im Wald spatzieren,     Trieb allda sein artig Spiel, Daß er stets den andern Thieren     Als ein lust'ger Freund gefiel. Laufen konnt' er, konnte springen     Ueber Graben, Heck' und Bach, Mit der frühsten Vögel Singen     Ward auch er zum Spielen wach. Aber hinter Haselsprossen     Barg sich Jäger und sein Hund, Hat nur gar zu gut geschossen,     Schoß das arme Hirschlein wund. 224 Da sich's schnell zusammenraffte,     Bangend lief durch Thal und Hain, Rief der Jäger laut, und klaffte     Phylax spottend hinterdrein. Hirschlein wollt's den Freunden klagen,     Aber Alle liefen fort, Ließen's wunde Hirschlein zagen,     Suchte jeder sichern Ort. Hirschlein kann nun nicht mehr springen,     Thut die Wund' ihm gar zu weh', Wenn die Vögel wieder singen,     Legt sich's weinend in den Klee. 225 Achtes Kapitel. Es war schon Frühlingsanfang, aber eine finstre, regnige Nacht, als die Försterfamilie wie gewöhnlich ums Feuer saß, Alwin in ihrer Mitte, und sie einander ihre alten Geschichten erzählten. Der Hund, zu den Füßen des Hausvaters schlafend, fing ein Paarmal an, leise zu bellen; man dachte, es sei im Traum, aber er hob endlich den Kopf unruhig in die Höhe, und schlug lauter an. Zu gleicher Zeit sagte der Förster: mir kommt es vor, als ritte wer um's Haus herum. Wirklich glaubte auch Alwin Roßgeschnaube zu vernehmen, und gleich darauf hörten Alle ganz 226 deutlich an die Hausthür klopfen. Es ist um diese Stunde nicht immer geheuer im Walde, sprach der Förster. Laßt Euch nichts merken, und enthaltet Euch sündlicher Gedanken. Das Schlagen an die Thür ward aber lauter, und endlich brach eine rauhe Stimme los: macht auf, in's Teufelsnamen, oder ich haue und brenne Euch das Nest über'n Kopf zusammen. Alwin flog blitzschnell zu seinem Stübchen hinauf, und war eben so schnell wieder, sein getreues Schwerdt in der Hand, an der Hausthür, wo der unsittige Fremdling noch immer seine Drohungen und Flüche hören ließ. Ruhig! sagte Alwin. Es sind bewaffnete Leute hier innen, die Euch sonst bessre Sitten lehren möchten. Was wollt Ihr? Das werdet Ihr zeitig genug erfahren, wenn ich drinnen bin, rief's zurück. Macht nur auf vor der Hand. 227 Man könnt' Euch einen blutigen Kopf zum Eintrittsgeld abfodern, antwortete Alwin. Meint Ihr? lachte der Fremde draussen. Hinter der zugemachten Thüre prahlt sich's gut. Im Augenblick hatte Alwin den obern Thürflügel aufgestoßen, und that mit seiner Klinge ein Paar Kreuzhiebe in die Nacht hinaus. Probt mich! rief er dabei seinem Gegner zu. Wetter! sagte dieser, Ihr hättet mir beinah was Tüchtiges ausgewischt. Laßt doch erst ein kluges Wort mit Euch reden. Wenn Ihr's im Stande seid, erwiederte Alwin. Der Förster hatte indeß ein Licht in's Fenster gesetzt, dessen Strahlen grade auf den Fremden fielen, und auf Alwin, der sich über 228 die halbe Thür vorgebeugt hatte. Macht Platz, rief der Förster diesem zu, und gebt Euch nicht mit dem ungeschliffnen Gesellen ab. Ich habe meine gute Büchse hier, und fasse ihn genau auf's Korn. Reitet er nicht bald seines Weges, so putz' ich ihn herunter, und scharre ihn Morgen bei der alten Rüster ein. Als der Fremde in Alwin's beleuchtetes Gesicht blickte, lachte er laut auf, und sagte: was zum Teufel, Kriegskamerad, wie find' ich Dich hier? Alwin erkannte ihn nun gleichfalls. Er hieß Warbrecht, und hatte ein Fähnlein in Adalberts Schaar geführt, wo er als ein ganz wackrer Soldat bekannt war, ohne eben sonst außerordentlich viel zu gelten. Am wenigsten hatte sich Alwin mit dem rauhen Umherstreifer zu thun gemacht, aber wie er jetzt so 229 plötzlich vor ihm hin trat, eine Erscheinung aus der alten glücklicheren Zeit, ergriff es sein ganzes Gemüth mit lebhafter Freude. Er stieß die Thür vollends auf, half ihm vom Pferde, und fiel ihm brüderlich um den Hals. Es fand sich, daß er von Anfang nichts anders als ein Nachtquartier begehrt hatte, und nur auf eine etwas rohe Manier dabei verfahren war. Alwin söhnte ihn bald mit seinen Wirthen aus, und führte ihn nach einer heitern Abendmahlzeit mit auf sein Zimmer. Die alten Erinnrungen und was seither den andern Kameraden begegnet war, und Warbrechts letztre Begebenheiten kamen nunmehr an die Reihe. Man war unerschöpflich in Fragen und Mittheilungen, eine Flasche herzerfreuenden Weins stand zwischen den beiden Kriegsverbrüderten, und erst spät legten sie sich zu einem kurzen Schlummer nieder. 230 Am folgenden Morgen verließen sie Arm in Arm das Haus, und setzten ihre gestrigen Gespräche fort. Was willst Du denn nun eigentlich anfangen, und worauf wartest Du hier? fragte Warbrecht. Alwin sah eine Zeitlang nachdenklich vor sich nieder, und rief zuletzt aus: weiß ich's selbst! Sie haben mich in der Welt herumgeneckt und betrogen nach Herzenslust. Das mag ich nicht mehr, und verlange auch von der Zukunft nichts mehr. Die Fragen, welche Du an mich thust, wären mir gar nicht von selbst eingefallen, und ich hätte hier alt und grau werden können, ohne sonst noch etwas zu denken, als mein einförmiges Leben. Und so wird es denn auch noch immer kommen, denn Deine Erscheinung wird an mir vorübergehn, wie die andern. Was bleibt, 231 ist meine stille Betrübniß, und meine Scheu vor Allem jenseit dieses Waldes. Das kommt von der verfluchten Gelehrsamkeit her! rief Warbrecht. War so ein schmucker, kecker Soldat, und will hier zum halben Klaus'ner versauern! Mit Deiner Gelehrsamkeit! antwortete Alwin lächelnd. Du siehst vielleicht gar meinen wackern Förster für einen verkleideten Magister an. Ich verstehe davon nichts, sagte Warbrecht. Aber es lagen doch in Deiner Stube drei oder vier große Bücher umher, und ausserdem eine Zither. Die Zither laß mir in Ehren, fiel ihm Alwin in's Wort, und meine Bücher auch. Was sie mir gemeinschaftlich vorerzählt und geklungen haben, könnte mir alle Herrlichkeit der Welt nicht ersetzen. Ja, ich sage Dir, 232 ich würde ohne sie, schon lange in den ersten, besten Waldbach gesprungen sein. Halte das wie Du willst. erwiederte Warbrecht. Ich lasse mich auf nichts weiter ein, als daß Du mit mir mußt, in die Welt, in den Krieg hinaus. Die Zither und Bücher magst Du mitnehmen oder daheim lassen; nach Belieben! Aber mit fort sollst Du und mußt Du. Ich glaube beinah, daß Du mich erschrecken willst mit Deinen bestimmten Ausdrücken, sagte Alwin. Nur daß ich gewiß weiß: kein Gott und kein Teufel wird mich dahin zwingen, wohin mich nicht der eigne Wille treibt. Aber der treibt Dich ja eben, närrischer Geselle, rief Warbrecht. Ich müßte Dich nicht gesehn haben, so mit Leib und Seele im Gefecht, so stolz und lustig, wenn die Kugeln flogen und Schwerdter klangen. Du 233 kannst Dich auch nicht einmal verändert haben; das merkt' ich Dir wohl in der vergangnen Nacht an. Und doch! antwortete Alwin seufzend. Ich sehe nicht ab, warum ich Dir verbergen sollte, was eigentlich in mir vorgeht. Es ist nichts Böses, und daß ich brav bin, habe ich hin und wieder vor Deinen Augen bewiesen. Aber ich habe wirklich immer nur die rechte Lust des Gefechtes erkannt, indem ich dabei an irgend ein schönes Weib dachte, die mir wohl wollte. Wenn die Trompeten schmetterten, fiel mir's ein, wie ich mit ihr getanzt hatte, oder irgend durch eine andre Gedankenverbindung standen ihre freundliche Worte und Winke vor mir; ich rief im begeisterten Muthe: Vorwärts! und jagte eigentlich nur ihrem süßen Lächeln nach, wenn ich gegen den Feind ansprengte. Nun ist das Alles 234 anders geworden. Ich ließ mir damals einreden, daß ich von hübschen Frauen geliebt sei, nun weiß ich, daß ich's nicht bin, und würde jetzt ohne Leben fechten, und eigentlich zu gar nichts taugen. Bilde Dir doch kein dummes Zeug ein, sagte Warbrecht. Du würdest Dich so gut schlagen, wie vorher; Courage bleibt die Hauptsache. Wenn ich nur wüßte, daß mich gleich die erste Kugel träfe! rief Alwin, indem er sich unter einen Baum niederwarf. Da wüßtest Du auch was Rechts, antwortete Warbrecht, sich neben ihn setzend. Drauf und dran, Roß und Mann! So riefst Du ja sonst gern den Reitern zu. Es geht nun einmal nicht anders, als traurig und lustig wechselsweis durch die Welt hin, und der Soldat kommt immer am Besten fort. 235 Wer aber zu längst lebt, beerbt die Uebrigen. Ich möchte freilich auch wieder besser jetzt zum Soldaten passen, als sonst, sagte Alwin. Damals konnte ich an Thränen denken, die man über mich weinen würde: nun fühl' ich mich dieser Sorge enthoben, und weiß, daß ich gestorben und vergessen zugleich bin. Auch hab' ich nichts sonderliches mehr auf der Welt zu verlieren, und sollte Dir also nur folgen, wilder Nachtvogel. Sage mir, wofür es eigentlich gilt. Ich möchte mich doch gern für etwas schlagen. Nun, immerfort für den evangelischen Glauben, erwiederte Warbrecht. Als ob nicht die Mehrsten von Euch ihren Sold aus den Kammern einer Catholischen Macht empfingen! sagte Alwin. Und was schlimmer ist, man hat es mit fremden, 236 undeutschen Alliirten zu thun, die uns als ein Anhängsel zu ihren Planen betrachten. Da soll man denn mit Lust und Freudigkeit Krieg führen! Pah! fiel Warbrecht ein, das sind Politika. Wir Soldaten haben damit nichts zu schaffen. Werden wir bezahlt, so ist's gut. Unser Feldgeschrei und Feldzeichen bleibt doch immer dasselbe. Ueberhaupt, was kümmert's Dich? Du hast dem, was Du Dein Unglück nennst, bisher mit der Zither ein Wiegenliedchen gesungen; sing's ihm einmal mit Schwerdtgeklirr und Kanonendonner. Was gilt's – es schläft noch fester ein! Schneller wenigstens könnte Alles so zu Ende gehn, sprach Alwin zu sich selbst, und hatte schon die Hand gehoben, um einzuschlagen, da sagte Jemand dicht neben den Beiden: 237 Thut nicht so übel, junger Gesell. Sie fuhren auf, und sahen sich um. Die Worte waren aus dem Munde eines einfachgekleideten, fast ältlichen Mannes gekommen, der einige Schritte von ihnen im Grase saß. Wo führt Ihn denn der Teufel so mit einem Male her? schrie Warbrecht. Ich bin auf Gottes Wegen, antwortete der Fremde. Aber hier sitz' ich schon lange; Ihr habt nur nicht Acht auf mich gegeben. Und wer heißt Ihn, sich in unser Gespräch mischen? fuhr Warbrecht fort. Liebe Herren, sagte der Fremde, Ihr redetet ja nicht heimlich, und was ein Menschenkind aus dem Herzen spricht, muß jedem frommen Gemüthe zu Herzen gehn. Ich denke, wir Alle sind da, einander auf den rechten Weg zu helfen nach unsern besten Kräften. Nun dünkt mich, wollte der junge 238 Gesell dort eben einen falschen einschlagen, und da hab' ich meine Stimme erhoben, daß ich ihm leuchten wollte, mit meinem wohlbekannten Licht. Betbruder! rief Warbrecht, und wandte sich lachend ab. Ihr meint, Ihr hättet mich gescholten, sagte der Fremde, und habt mich dennoch gar hoch geehrt. Möchten wir doch Alle Brüder im Gebete sein! Da ständ' es gut um die Welt. Man spräche einander freundlich zu, und es brauchte nicht Eurer sündlichen Kriege. Versteht mich wohl! Nicht, daß ich den Kriegsmann richten und verdammen wollte, der sein Schwerdt aus der Scheide zieht, weil es ihm die Obrigkeit gebietet, und weil er die Schwachen und Unmündigen vertheidigen will. Nein! Das ist ein Kampf aus Gottes Geist. Der Fechter wird ein Blitz 239 im Zorn, ohne daß er ihn aufregt in sich selbst. Aber wehe dem, der nach Beute auszieht oder Zeitvertreib, und Menschen bluten läßt unter seinem Schwerdte! Sehe sich ein Jeder vor was er thut. Es ist ein bedenklich Ding um's Kriegführen. An jeder Siegerkrone sitzen viel der heißen Schmerzensthränen, und hast Du nicht auf innern Ruf gefochten, sondern um Eigen-Ehr, so fallen sie Dir brennend heiß auf die Seele. Du wirst nicht schlafen um Mitternacht! Dein Pfüel, und sei er aus Schwanendaunen, wird Dir ein stechender Mahner und grimmiger Feind! Was hör' ich denn dem Schwätzer immer fort zu? rief Warbrecht. Man hat dergleichen schon tausendmal hergeplappert, ohne daß ich nur dessen recht inne geworden wär'. 240 Man hat's vielleicht nicht aus dem rechten Herzen gethan, sagte der Fremde. Die Worte aber waren doch immer aller Ehren werth. Zu Euch red' ich auch eigentlich nicht; vielmehr zu dem jungen edlen Zweige dort, von dem ich wohl bessre Blüthen erwarten möchte, als blutreitzende Dornen. Hat er deren früher getragen, um so süßer wird die duftende Himmelsrose aus ihm erwachsen. Nun schweigt und geht, sagte Warbrecht, die Hand an's Schwerdt legend. Der Fremde fuhr, ohne nach ihm hinzublicken gegen Alwin fort: wen könntest Du denn treffen, edler junger Held, der nicht Dein Blut wär' und Dein Fleisch? Was haben wir Brüder und Schwestern mit einander zu hadern, um einen bunten Rock, der Morgen unscheinbar wird? 241 Deiner soll blutig werden, schrie Warbrecht, und holte gegen den Fremden aus. Alwin rief, dazwischen tretend, das sollst Du nicht, so lang ich noch den Arm regen kann. Zurück! Nicht so gebietrisch, sagte Warbrecht lachend. Du hast keine Waffe bei Dir, und ich könnte Dich leichtlich zusammt Deinem Schützling in Stücken hauen. Alwin sprang zur nächsten Eiche, um einen Ast zu brechen, während der Fremde Warbrechten näher schritt, und sagte: ich glaube zwar nicht, daß es Gottes Wille sei, mich und den jungen Mann hier in Eure blutigen Hände zu liefern. Welch Kind aber kann sagen, was der Vater mit ihm vorhat? Soll es also sein, so haut nur zu. Es mag auch wohl dermaleinst Eurer Buße dienen, und das Gericht in Euerm Innern zu 242 heilsamen Schrecken anregen. In Gottes Namen! Darauf trat er noch einen Schritt näher, und sah Warbrechten freundlich in's Gesicht. Dieser aber floh mit einem Ausruf des Entsetzens durch den Wald. Neuntes Kapitel. Was kam ihm denn an, daß er so plötzlich davon lief? sagte Alwin. Laß uns Gott danken, daß wir es nicht wissen, antwortete der Fremde. Wenn man ein gottesfürchtiges Wort spricht, zündet es die reine Liebesflamme im Herzen der Getreuen an, aber wo abtrünnige Gemüther sind, bleibt es auch nicht ohne Wirkung, nur 243 geht es schlimm damit, wie als die Engel nach Sodom kamen. Das Böse sieht sich selbst im reinen Spiegel verspottet, nach all seiner Häßlichkeit. Es bläht sich, trozt, und erzittert im eignen Zorn, bis es das Feuer im Himmel erweckt, und auf sich herabruft. Er sagte nachher, daß er mit Alwin gehn wolle, wenn dessen Weg sich etwa nach dem Forsthause richte, denn dort pflege er gern Besuche abzustatten, und sei nur durch den strengen Winter so lange davon entfernt gehalten. Wie sie unter den hohen Bäumen hingingen, blickte Alwin mit einem heimlichen Schauder auf seinen Gefährten, eben weil dieser so gar nichts auszeichnendes hatte, nicht in Kleidung, Gang noch Miene. Es war, als sei die äußre Form nur so zufällig um den reinen Geist geworfen, und als 244 könne er sie in jedem Augenblick abstreifen, um in andrer Gestalt, auf das ihm Verwandte zu würken. Sie kamen an eine Wiese in mitten des Forstes, auf welcher viele gelbe und rothe Blumen aufgeblüht waren. Der Fremde blieb davor stehn, und sah sie mit innigem Behagen an. Da seht einmal, lieber Freund, sagte er endlich, wie das Alles so mild und lustig neben einander steht, und Keines des Andern Platz beneidet, oder dessen Art und Weise schilt. Wie müßten sonst die gelben Blumen mit den rothen zanken, daß sie nicht einerlei Farbe tragen, und die Blumen zusammt mit den Grashalmen, ob es besser sei, ordentlich zu blühen oder nicht. So aber wohnen sie friedlich neben einander, und freuen sich an ihrer unterschiedlichen Herrlichkeit, damit wir doch auch ein Bild 245 davon hätten, wie es im Himmelreiche zugeht unter den lieben Engeln, und wie Gottes Wille ist, daß wir mir einander leben sollen. Er faßte ihn recht traulich bei der Hand, und sie gingen wie zwei alte Bekannte nach der Försterwohnung zu. Die Kinder sprangen ihnen vergnügt entgegen. Walter! riefen sie, lieber Walter! Laßt Ihr Euch endlich auch einmal sehn. Die Eltern kamen auf das Geschrei aus der Thüre, und bewillkommten ihren Gast mit lebhafter Freude. Dieser setzte sich an den altväterlichen runden Tisch, und das Gespräch begann auf die gewohnte Weise, nur daß Alles einen Anflug von höhrer Liebe und Freundlichkeit gewann. Der Fremde erzählte selbst eine wunderliche Geschichte aus seiner Jugendzeit, wie er Gold in einem Berge angetroffen habe, und darüber erschrocken 246 sei. Es kam Allen vor, als sei die Erzählung noch nicht ganz zu Ende, und Niemand konnte dennoch nach dem Schlusse fragen. Da brach Walter auf, spät in der Nacht. Der Förster wollte ihn zurückhalten, oder ihn wenigstens bis zum großen Fahrwege geleiten, aber er antwortete: mein Lichtlein trag' ich immer bei mir, und läßt mich nicht vor Nacht und Gespenstern zagen. Lebt wohl. Als er fortgegangen war, sprach der Förster noch viel davon, wie er ihn einst in des Waldes unwirthbarster Gegend getroffen. Dort habe ihm der wunderliche Fremde heilende Kräuter gezeigt, für seinen vom Eber verletzten Fuß, und sie seien mit einander nach dem Forsthause gegangen. An den Kindern fuhr er fort, fand unser Gast alsbald die besten Freunde, und sie hatten ihr 247 lustiges Spiel mit ihm, während wir Alten noch immer etwas in der Ferne standen, und ihm wie einer Erscheinung zusahen, die unvermuthet gekommen ist, und auch eben so unvermuthet wieder verschwinden kann. Endlich wurden wir doch auch vertrauter mit ihm. Er kam uns aber beständig wie eine Gestalt aus andern Zeiten vor, aus einer unermeßlichen Ferne herüber, wie man so den Hirsch am frühen Morgen durch die Nebel stehn sieht, und manchmal denkt, es sei wohl nur ein Busch, oder ein bemooster Stein. Wir wußten nicht, wie er hieß, und bekümmerten uns auch nicht darum. Mein jüngster Knabe pflegte ihn Walter zu nennen; Gott weiß, ob nicht aus einer Eingebung, wie sie Kindern bisweilen kommen mag. Wir fanden wenigstens den Namen, wie auf unsern Gast erfunden, und als ich mich näher drüber 248 besann, kam er mir auch recht wie Walter vor, wie Einer, der über uns Allen waltete, und wohl über Jedermann, den seine fromme Worte abreichen. Nachher haben wir erfahren, daß er in einem ziemlich entfernten Städtchen wohnt, und ein schlichter Bürgersmann ist, aber bekannt in Deutschland, und auch in andern Ländern wegen seines heiligen Lichts, das in ihm aus treuer Meinung entbrannt ist, und sich ohne sein Zuthun, durch die Verfolgung hochmüthiger Menschen angeschürt, so weit verbreitet hat. Alwin fiel hierbei auf den Gedanken, ob er nicht unversehns den Germanischen Weisen angetroffen habe, zu welchem Raimund gezogen war, und dem selbst der hochfahrende Florismarte so freiwillig die Oberstelle einräumte. 249 Ich bin der, welchen Ihr meint, sagte Walter, als ihn bei seinem nächsten Besuche Alwin deshalb befragte. Ich that, wie Jeder unter uns thun sollte, dem seine Seeligkeit am Herzen liegt, ich ging mit frommem Muthe in mich selbst hinein, verwog mich des irdischen Lebens und Ruhmes für immer, nur daß ich Gottes klare Liebe finden wollte, und mich vor Anfechtungen darin bergen, wie ein Kind sich in der Mutter Schooße birgt. Die Flamme stieg aus Schmach und Noth herrlicher auf, weiter strahlend, als ich es jemals hätte denken können. Es sind Viele der gelehrten Männer zu mir gekommen, und haben mir Fragen vorgelegt über Leben und Tod, über Grab und Auferstehung. Darunter gehörte auch Euer Meister Raimund. O, des edeln, kunstreichen Gemüthes. Er brachte mir seine 250 hübschen Reime, wie ein frommes Kind dem andern seine bestgepflückten Blumen bringt, und wir lebten mit einander in Lieb' und Freundlichkeit. Wir wollen auch so bei einander bleiben, wenn es Euch gefällig ist, lieber Herr und Freund, denn ich spüre in Euch das rechte Gold, und möchte gern dazu thun, daß es aus dem groben Stein an's Tageslicht gefördert würde. Zehntes Kapitel. Walter kam seit dieser Zeit öfter in's Forsthaus, und hielt immer lange und begeisterte Gespräche mit Alwin. Dieser aber fühlte sich, so mild auch Walter's Reden waren, dadurch auf eine schauerliche Weise bewegt. 251 Des Lebens nothwendiger, unabänderlicher Schluß ward allemal mit so entschiednen Worten hingestellt, daß keine von den Floskeln, die wohl Alwin für ähnliche Fälle gehört und ausgesprochen hatte, dagegen ausreichen wollte. Was dieser von Nachruhm, von Liebestrauer sprach, pflegte Walter mit einer dürren Hinweisung auf das Gerippe zu beantworten, worin jeder sinnliche Reiz sich auflösen müsse. Wenn in dieser Zeit Alwin zu Nacht vom Schlaf auffuhr, glaubte er schon im Arme des kalten, gräßlichen Grabes zu liegen. Und ermunterte er sich auch, was half es, vom Unentfliehbaren noch auf so, oder so viel Minuten entfernt zu sein! Aus dem weingefüllten Pokal, aus dem heitern Gespräch, aus allem sonst Ergötzlichen, rief ihm der grausende Tod entgegen: Du bist mein, wie sie 252 schon Alle mein gewesen sind, und es sein werden, die auf dem Erdboden in Menschengestalt umherwanken. Er glaubte oft, seinen furchtbaren Feind ganz vernehmlich lachen zu hören, daß alle Dinge um ihn her im Gefühl solcher Botmäßigkeit erzitterten. Was Emilie bei Hartwald's Tode gesagt hatte, kam jetzt mit erneuten Schrecken in sein Gemüth; er suchte vergebens nach einem Port, welcher ihn vor dem unabsehbaren Wogengrabe schirmen könne. Walter bemerkte wohl, was in seinem Freunde vorging, ohne jedoch davon sonderlich erstaunt, oder bewegt zu sein. Ueber ein edles Reis, pflegte er zu sagen, muß manch eine Wetterwolke hinziehn, eh es zum fruchttragenden Baum festwurzelt, und in aller Herrlichkeit aufschießen kann. Blüh' fort, Du süße Gestaltung, weiter und weiter aus 253 Deinem Kern hervor, auf daß Gott und Menschen an Deinen Früchten Lust haben mögen. Dergleichen Worte tönen begeisternd, antwortete Alwin dann wohl zuweilen, aber sie gelten mir nur wie ein flüchtiger Labetrunk. Ich muß fortwandeln auf dem furchtbaren Pfad, und die Wolken ziehn sich nachher nur drohender zusammen. So ist's auch recht, sagte Walter. Aus Dir selbst, aus Dir allein, allein mit eigner Kraft mußt Du das heilige Geheimniß hervorgraben, und solltest Du auch vermeinen, Leib und Seele gingen Dir verloren in dem Gefecht. Was Du verlierst, gewinnst Du zehnfach wieder. Alwin fiel in seinen Beängstigungen oftmals darauf, ob er nicht in den Schooß der Katholischen Kirche flüchten solle, wie er schon 254 früher Neigung dazu empfunden hatte, und theilte auch endlich diesen Gedanken seinem Freunde mit. Ach Gott, sagte Walter, wie Ihr doch immer noch so ganz auf dem irrigen Wege seid! Von außen her, meint Ihr, soll's Euch kommen! Etwa, wenn Ihr vor einem schönen Heiligenbilde knietet, die feierliche Musik um Euch her rauschte, und Wolken von Weihrauch an Euch vorbeizögen. Wenn es Euch nun auch betäubte, daß Ihr alle Schrecken vergäßt, die Euch gegenwärtig nachhingen, was hättet Ihr dann wieder gewonnen, als einen neuen Rausch und Taumel, ein wenig anders gestaltet, wie der letztempfundne? Mein Freund, das wäre eine wahre Abtrünnigkeit bei Euch, und noch oben drein schmähliche Heuchelei gegen die Katholische Kirche. 255 Heuchelei, wiederhohlte Alwin. So könnte man nennen, was mich etwa ein Jahr früher dahin getrieben hätte: Lust an den schönen Cärimonien und so weiter, ohne eigentlichen Herzensdrang. Aber diese grausenvolle Gestaltungen meines eignen Geistes, diese drückenden Lasten auf meiner Brust, wie könnte für andres als Wahrheit gelten, was ich unternähme, mich vor ihnen zu retten. Lockung und Drohung sind wohl ziemlich dasselbe, sagte Walter. Keines von ihnen darf ein Gemüth, daß zu Gott will, auf irgend eine Weise bestimmen. Ob Euch die schönen Bilder anziehn, ob Euch des Todes Larve treibt, – gleichviel! Ihr bliebt ein Heuchler. Hat Euch nicht schon ein innrer Schauder aufgeregt aus langer Ruhe? Müßt Ihr nicht, willig oder nicht, zum Licht hinan, wenn Ihr treu und ehrlich gegen Euch selbst 256 verbleiben wollt? Und Ihr möchtet eben jetzt unbedingten Glauben für andrer Menschen Worte geloben? Oder wollt Ihr ihn heimlicher Weise bedingen? Meineidiger alsdann! Und es sind doch viele fromme, herrliche, gottgetreue Gemüther aus dem Schooße des Katholischen Glaubens hervorgegangen, und gehn noch täglich daraus hervor, erwiederte Alwin. Warum soll denn nur mir der Pfad verschlossen sein? Weil Ihr eben nicht zu ihnen gehört, sagte Walter. Wer schläft sündigt nicht, ja er kann in herrlichen Träumen Gottes Offenbarungen empfangen, und, des Wachens unbewußt, in den Himmel hinübergehn. Aber öffne nur erst für eine halbe Sekunde die Augen, und es ist mit Deinem Schlafe vorbei. Wenn Du Dich auch noch einmal wieder 257 einwiegst, was kann Dir's helfen? Das Tageslicht hat nun einmal Besitz von Deinen Blicken genommen, und wie Du die Augen auch zudrückst, der fremde Gast wohnt drinn, und stemmt sich feindseelig gegen Deine Träume an. Möchtest Du Opium nehmen, um Dich noch länger im Taumel zu erhalten, und späterhin dumpfer, zerstörter zu erwachen? Frisch lieber dem Schlaf, dem lieben, dem seeligen, da er doch einmal angegriffen ist, ein freundlich Lebewohl gesagt, und dreist dem Tageslicht entgegen geschaut. Wenn wir einmal ahnen; was besser ist; nicht zu wissen, müssen wir's ganz wissen. Alles andere ist vom Uebel. Mache Dir's nur klar, daß von Dir selbst, ganz und gar von Dir selbst die Rede ist, daß Tod und Leben beide in Dir wohnen, und daß Alles, was Dir diese sichre Ansicht verdunkeln oder verkleiden möchte, 258 vom Lügenvater herkommt, und eine kurze Gaukelei ist, um uns die sichre Hölle zu verkleiden. Sieh Allem dreist entgegen, was Dich schreckt, aber fühle, daß all Deine Freude, sonder all Dein Zuthun von oben her dem demüthigen Sinne beschieden wird. Es soll ein tapfres Volk auf Erden gegeben haben, welches den Sinnspruch führte: Des Unterworfnen schon', den Frechen schlag darnieder. So meint es auch der Tod. Ergieb Dich ihm, und Du wirst seine Süßigkeit erkennen. Es geschah nach Walters Worten. Je länger und fruchtloser Alwin gegen die Schrecken des unvermeidlichen Feindes rang, je stiller ergab er sich drein, und sank endlich wie ein unrettbares Opfer schweigend in die dunkeln Fluthen hinab. Da ward's ihm leicht 259 und licht. Was ihm ehemals den Abscheu vor Dunkel und Sterben im tiefsten Herzen erweckt hatte, schloß sich nun eine funkensprühende Blüthe auf. Eben daß Du den Tod fürchtest, rief es in ihm empor, bürgt Dir das ewige Leben. Mich, Dein liebstes, heiligstes Dasein wolltest Du bewahren, und ich lasse Dich auch nicht, obgleich die Würmer an Dir nagen werden, und die Erdschollen Dich einschließen in's feuchte Grab. Ich bin die ewige Liebe, in Dir zu einem Menschen gestaltet, und wandle mit Dir durch Moder und Staub, und lasse Dich nicht aus meinen Armen, wofern Du nicht selber Dich losreist. Der Tod ist unser Brautführer, unser bester Freund, aber er wird böse, und nimmt eine schreckende Larve vor, wenn man nicht das Herz hat, ihm, dem ernsten Gestalter, in's Antlitz zu schauen. Vor mir aber 260 verklärt er sich zum himmlischen Geleiter. Liebe, und Du wirst leben! Alwin's freudiges Aussehn, seine stille, fromme Reden verkündeten Waltern bald, was vorgegangen war, so daß dieser folgende Verse zu ihm sagte: Das Blümlein ist aus wilder Erden, Der Tag erwachsen aus der Nacht. Nun Heil den drohenden Beschwerden, Die aufgeschlossen solche Pracht! 261 Eilftes Kapitel. Wenn das Licht in Alwin's Geiste durch Nebelwolken auf Stunden und Tage wieder verdeckt ward, redete ihm Walter freundlich zu, und brachte ihm den steten Kampf in Erinnrung, welchen Himmel und Erde um unsern Besitz mit einander bestehn. Was wär't Ihr nur für ein Rittersmann, pflegte er alsdann zu sagen, wenn sich Euer Feind nie zur Wehr setzte. Die stille Flur giebt wackern Kämpfern keine Freude, wohl aber das ersiegte Feld. Nur immer kühner, immer zerstörender in Eures Feindes Mitte gedrungen, in Eure Laster und Lüste, 262 so wird's Euch auch immer heller, und Ihr fühlt das edle Siegskränzlein immer näher ob Euerm Haupte wehn. Sollte es einmal ganz still in Euch werden, dann seid besorgt, dann untersucht's genau, welche Kraft eigentlich in Euch bezwungen sei, ob die rechte, ob die schlechte. Bis dahin guten Muth im Kampf. Kann der Feind die Liebe in Euch angreifen, so ist sie auch in Euch da. Alwin dichtete in dieser Zeit folgendes Lied.   Es wird mir noch gelingen, Zu Dir mich aufzuschwingen, Du ew'ges Liebeslicht. Dem schwächsten Deiner Sprossen Bliebst Du ja nie verschlossen, Auch mir verschlossen nicht.   Du willst Dich gern gestalten, Gern neu in Zweigen walten, In neuer Blüthen Pracht. 263 Nimm hin mich! Treib' und dränge, Was Dir gefällt! Versenge Was mishagt Deiner Macht.   Wenn's um mich spielt und wandelt, In mir von Thorheit handelt, Du bleibst getreu und rein, Durchstrahlst jedwedes Bildniß, Schaffst Gärten aus der Wildniß, Aus Nächten Sonnenschein.   Kein Leben ist begonnen, Wo Tod nicht erst gesponnen Umher sein Trauerhaus. Nie hat man Freud' erfunden Als ringsum erst gebunden Von wunderlichem Graus.   Halt mich nur fest, du Schrecken! Du Tod, magst nur mich necken! Faß mich, Du Erdenschlund! Willkommen doch wird heißen Der Gärtner bald mein Gleissen, Mich Blümlein schön und bunt. 264 Eines Abends war Alwin tief in den Wald hinein gegangen, und konnte den Rückweg nicht wieder finden. Er stand am Fuß einer ziemlich steilen Höhe, von wo aus, meinte er, die Gegend sich besser übersehn lassen würde, weshalb er auch seine Kräfte sammelte, und erneuten Muthes hinan stieg. Durch die Zweige sah es ihm wie Gemäuer entgegen, und in der Hoffnung, auf einen menschlichen Wohnplatz zu treffen, achtete er des Grausens nicht, das von den Buchenzweigen hernieder schwebte, nicht der wachsenden Dunkelheit, und des ununterbrochnen Schweigens umher. Als er oben stand, war die Nacht völlig hereingebrochen, viele Sterne blinkten, und reichten ihm eben Licht genug, die Umrisse einer alten Ritterburg zu erkennen. Drinn war Alles still, und er schritt (eine Brücke konnte er nicht 265 finden,) in den trocknen Graben hinein, den hohen Wall hinauf, über die zerbrochne Mauer fort, bis er auf einem geräumigen Burghofe stand. Hier verkündete das hohe, feuchte Gras die Verödung der einst besuchten Hallen, Nebelgewölke zogen am Himmel herauf, – Alwin hätte gern den Rückweg gesucht, aber, er konnte sich selbst es nicht mehr bergen, der Gang über den öden Wall, das Dunkel im tiefen Graben schreckte ihn zurück. Was er je von schauerlichen Geschichten vernommen hatte, kam jetzt in sein Gemüth, als ständen all die gräßlichen Gestalten hinter ihm, und warteten nur auf sein Umwenden, um ihm höhnisch in's Gesicht zu lachen. Er ging daher lieber angestrengten Muthes vorwärts, und bemerkte, daß ihm ein wunderlicher Glanz entgegenleuchtete. Erst hielt er's für eine Lampe, endlich erkannte 266 er einen reichen Haufen Goldes aus der Tiefe heraufblitzend, weil drüber ein Karfunkel hing, der die blanke Masse mit seinem Scheine bestrahlte. Manchmal war es, als säße eine häßliche, rauhe Gestalt neben dem Schatz, manchmal, als komme das nur von der seltsamen Beleuchtung, und es stehe Niemand bei dem Golde, als er, in dessen Belieben Nehmen und Liegenlassen gestellt sei. Er wollte fassen, er wollte fliehn, wie sich eben in ihm die Begier regte, oder ein unheimliches Gefühl. Da hörte er hinter sich sagen: laßt Euch nicht versuchen, und als er scheu umblickte, faßte ihn Walter freundlich bei der Hand, der Goldesschimmer verschwand, zugleich die unbekannten Schrecken, und er saß neben seinem Freunde auf dem thauigen Rasen, erquickende Nachtkühle um ihn her. 267 Ach, laß Dich nicht betrügen, sagte Walter, Du edles Gemüth. Das hier ist nicht die rechte Pracht, und nicht das rechte Licht, aber ein Ausgeflossnes davon, blind an seinem hohen Ursprung, und sehnt sich doch, wie alle Creatur, der Eitelkeit los zu werden. Deswegen greift Alles nach dem Menschen, in ihm die reine, göttliche Lichtflamme ahnend, durch die es der Verklärung theilhaftig sein will. Aber was wären denn wir, lieber Alwin, wenn wir uns durch den Erdgeist fesseln ließen. Betrüger an ihm und an uns. Denn eben, weil wir ihn verklären sollen laßt uns über ihm stehn bleiben, im Lichte wandelnd, das ihm unzugänglich ist, und nur durch unsre Vermittelung über ihn hinfleußt. Wir sind die täglich erneuten Schöpfer des Erdballes, noch höhern Sinnes Schöpfer in uns selbst, die den göttlichen Lichtfunken 268 gestalten, und mit ihm die sichtbare sowohl, als unsichtbare Welt erquicken. Ich wollte, daß ich nur mich Dir und allen Menschen so recht, so von ganzem Herzen verständlich machen könnte, aber die Sprache versagt allzuoft. Dir und Deines Gleichen thut die Warnung am nöthigsten, denn Euch Poeten hat der Erdgeist besonders lieb, und sieht sich gern in Euern artigen Spielen abgebildet, darum er auch Euch seine Lockungen am kräftigsten vor Augen legt. Du hast mir selbst gestanden, wie unwiderstehlich die Wollust aus schönen Weibergestalten nach Dir fasse, wie Dich der Menschen Preis und Bewundrung nach ganz verkehrten Dingen habe fortlocken können. Eine Gnade der waltenden Macht für Dich, daß Dein Geschick das war, was die Menschen ungünstig nennen. So ward Dein Sinn gewaltsam nach innen gedrängt, und 269 es erschloß sich Dir der reine, liebliche Rosengarten, die Poesie aus Deinen eignen Kräften erblühend, auch durch keine schmeichlerischen Winde umfächelt, damit ihre Gestalt sich nicht nach den Winken der vorbeiziehenden Wandrer formen möge, sondern nur aus dem hervor, was Dir Trost und Erquickung in den Wüsten Deines Lebens verleiht. Danke vor Allem Gott inbrünstig, daß er Dich von dem Florismarte bei Zeiten losgemacht hat. Das war ein gar seltsames und reiches Licht, aber von Argen befangen und verunstaltet. Was er von mir wollte, hätte er nimmermehr bei mir gefunden. Mit dem Kranze des ewigen Friedens hat mich der Geist geschmückt, und als zufällige Gaben blinken auch mancherlei irdische Juwelen dran, als solche, die dem klaren, im rechten Wasser gekühlten Auge von selbst offenbar 270 werden müssen. Wer aber um ihrentwillen die Laufbahn betritt, findet nicht sie, nicht Gott. Anders ist es mit den kunstreichen Leuten, wie etwa mit Raimund, die nicht nach Gold und Goldeswerth, wohl aber nach schönen bunten Kieseln zum schuldlosen Spiele trachten, und plötzlich unversehns des Glaubens hellleuchtenden Karfunkel erfassen, die haben als fromme Kinder ein artig Ergötzen gesucht, und es ist billig, daß sie unbewußt auf des Himmels beste Gabe treffen, weil die Engel ihres Gleichen sind. Aber mit Euerm Florismarte steht's anders. Schon sein feindliches Richten hatte mir ihn gleich von Anfang verdächtig gemacht. Gottes Gaben sind in unendlich reicher Gestaltung ausgetheilt, und Jeder soll sich an der des Andern freuen, und darüber, daß die Sonne sich in so mannigfach gebrochnen Wogen beschaut, 271 in jeglicher ein neues Licht. Hätte Gott sich nur in Florismarte bespiegeln wollen, so hätte er ihn auch nur allein geschaffen. Aber so sind Andere auch da, und wir können nach Kräften unsern verschiednen Tanz beginnen, und wer in sich fühlt, daß er es ehrlich meint, lache nur getrosten Herzens über die Machtsprüche, welche ihm den Weg zum Höchsten verrennen wollen. O, die Machtsprüche! Wenn Einer das Richtschwerdt zu führen denkt, sehe er doch vorher genau zu, ob es ihm Gott in die Hand gab, oder der Teufel. Das letztre ist wahrscheinlicher. Gute Nacht, lieber Sohn. Geht dort rechts den Wall hinunter. Der Bach im Thale führt Euch graden Weges nach dem Forsthause zurück. 272 Zwölftes Kapitel. Alwin erhielt bald darauf von Walter'n folgenden Brief: Heil und Liebe, und innre Erquickung aus dem heiligsten Brunquell zuvor! Mein geliebter, sehr edler Freund, es will sich eben jetzt nicht fügen, daß ich Euch in Eurer heilsamen Einsamkeit besuchen kann, und doch bedünkt's mich, daß Ihr meiner Zusprache bedürft, nicht als ob an mir, an diesem Menschen, der Hans oder Kunz heißt, etwas Besondres sei, sondern weil das ewige Licht eben nach Gottes Willen durch mich hindurch scheint, wozu ich, so viel ich der Ich 273 bin, mich still und leidend verhalte, wie das Glas einer hellerleuchteten Laterne. Aber wir Alle liegen im dumpfen Schlaf begraben, seitdem der klare Geist in uns, sich dem äußern Weltleben zur Dienstbarkeit ergeben hat, und nur hin und wieder kennt ein gotterleuchtetes Gemüth bessre Träume. Das regt sich alsdann, und rüttelt die Uebrigen, ob sie Lust hätten, zu erkennen was oben hereinbricht. Keinem Einzigen bleibt solch Anregen eigentlich fremd, aber die träge sind, und vom dicksten Schlaf befangen, stemmen sich gern muthwillig dagegen. Lieber Freund, es wird nicht von einer unbekannten Nation gesprochen, sondern von uns selbst, die wir dies schreiben und lesen. Bedenkt Euch, daß es die heiligste, ja ich kann wohl sagen, die einzige Angelegenheit gilt, und daß wir an uns selbst verantwortlich sind, wenn wir den 274 innern Mahner überhören. Es ist hier gar nicht die Rede von einer weltlichen Meinung, die man so oder auch anders verstehn könnte, ohne daß eben an dem Unterschied mehr gelegen wäre, als was etwa ein vorübergehender Schade gilt, noch weniger von solchen Kunststückchen, die man auch Kunstwerke zu nennen pflegt, sondern in That und Wahrheit von der innern Heiligung, von der Liebe in Euch selbst und in uns Allen, dem einzigen und wahren Dasein. Weltweise haben schon besser, und, wie sie es nennen, systematischer davon gesprochen, aber auch mir geht es von Herzen zu Herzen, und ich möchte vor Allem Euch ein Wort sagen, das in Euer innerstes Wesen dränge, in das, welches wir voraus setzen, wo wir Einer zum Andern sprechen, in der Hoffnung, als Menschen verstanden zu werden. 275 Begreift doch nur, daß wir hier ein Ringen, Treiben, drob als Meister und Zeuge die beste Lust und Sehnsucht in unserm Herzen waltet. In diesem Sinne sprech' ich zu Euch. Versteht mich! Daß in Euch der göttliche Funken wach geworden ist, glaub' ich, und weiß es auch schon durch das Sagen, welches mich aus dem Innersten, aus dem Besten meines Geistes nach Euch hin treibt, daß ich um Euch sorgen muß, als um mich selbst. Wir sind Zweige Eines Baumes, nur selbstbewußter, oder unversehener aus dessen Wurzel getrieben, wie uns gerade die Sonne, oder die formende Kraft mehr und weniger ergriffen haben. Was Euch vor allen Dingen noch fehlt, ist die Ruhe, das milde Schweigen, der klare Himmel in uns, drin sich die ewige Herrlichkeit abspiegelt. Das Laufen und Rennen 276 darnach thut's nicht, hindert vielmehr, und Ihr seid darin noch gar sehr befangen. Ihr möchtet's immer aus eigner Gewalt fassen, und darum entflieht es Euch immer, wenige klare Augenblicke ausgenommen, welche das Meer in Euch mit ungetrübter Reinheit darstellen. Stille! Stille! Stille! Das sind die dreimalheiligen Worte für jedes suchende Gemüth. Ich bitt' Euch, lieber Herr und Freund, bleibt doch einmal unpartheiischen Sinnes vor einem klaren Teiche stehn, und habt Eure Freude an dem Spiegel für alle Herrlichkeiten der Erde und des Firmaments. Wo aber ein unruhiger Wind drüber hinzieht, wirft es Alles in wunderlichen Verzerrungen zurück, das Himmelblau verwandelt sich in Nebelgrau, die Gestalten mißbilden sich zu 277 Ungeheuern, es wohnt nicht Lust, nicht Freude mehr drin. So ist es auch mit unserm Innern. Bewahrt es vor Stürmen, und die Schönheit des Himmels und der Erden gehört ihm an. Ihr habt Eure Freude oft an Katholischen Bildern gehabt, vor Allen an denen der Mutter Gottes, und Ihr thut wohl daran, denn sie sind durch fromme, gottbegabte Männer aufgezeichnet worden. Aber bedenkt Euch einmal recht, was an den besten so wunderschön und erhebend ist! Die Stille, die göttliche Klarheit, der ruhige, liebevolle Ernst, womit sie uns von der geweihten Tafel entgegen schauen. Ueberhaupt braucht man nur die äußre Welt mit dem rechten, angebornen Auge zu betrachten, so wird uns die innre klar, auch aus unserm eignen vorüberziehenden Jammer und Elend, welches doch immer 278 nur mannigfache Bilder von der Liebe Gottes sind. Gebt nur erst Alles auf, was Ihr bisher für Euer Eigenthum angesehn habt. Wir erhalten's verklärt zurück. Das ist dann die rechte Freude, und alle übrige nur schwacher, nachgebildeter Schatten. Wenn es die Menschen halbwegs begriffen, wie herrlich Gott ist, wie lieblich und mild sein einiger eingeborner Sohn, sie flüchteten Alle mit Freuden zum Heiland, der unser ganzes Wesen durchstrahlt, wie die Sonne den Erdball und die lieblichsten, edelsten Gewächse draus hervorlockt. Christus ist unser Panier, unsre Freude im Leben, unser Trost im Tod. Ich weiß, daß es vornehme und gelehrte Männer giebt, die lächeln würden, hohnsprechend oder mitleidig, wenn sie ähnliche Worte läsen, und blos deswegen, weil es Christum gilt. Sprächen wir von irgend 279 einer heidnischen Gottheit, vom Apollo zum Beispiel, in den nämlichen Ausdrücken, sie fänden's bewundernswürdig. Aber so sind die Menschen. Sie wollen das Neue, das Unerhörte, und vergessen, was mit tröstenden Bildern ihre ersten, kindlichen Träume umspielt hat. Unter all den Christusläugnern ist vielleicht kein Einziger, der nicht aus dem innersten Gemüth, aus den zartesten, liebsten Erinnrungen heraus, den Glauben an den Gottmenschen noch immer verspüre. Das verkleiden sie denn nachher mit ganz geschickten Deutungen, wo Christus in ihr System hinein soll, und Keiner giebt dem seeligen Glauben Raum, der sich ihm im eignen Busen regt. Laß uns am Kreuze knieen, es umkleiden mit frischen, duftenden Lebensblumen, mit schuldlosen Maiglöcklein, liebeglühenden Rosen, blauäugigen Vergißmeinnichten. 280 Solche Sprache nennen sie Heut zu Tage kindisch, und kann sich doch kein frommes Gemüth besser aussprechen, als in den Farben und Gerüchen der Blumen, oder in dem unschuldigen Spiele der Thierwelt, wenn die Lämmer mit einander kosen, oder die Nachtigallen einen Wettstreit beginnen. Kindisch heißt man die Schriften frommer Männer. Kindlich müssen sie auch sein, denn solche Leute wissen nichts von der Welt Schlauigkeit, und ihr Leben ist unmittelbar in des Vaters Arm. Laßt Euch nicht wieder herausreissen, geliebter Freund, und treibt rein und klar die Blüthen Eures gottgeschaffnen Geistes an's rechte Tageslicht hervor. 281 Dreizehntes Kapitel. Alwin gewann immer mehr und mehr von der Stille, welche ihm Walter empfahl. Er empfand die wohlthätigen Spuren der ewig leitenden und schützenden Liebe, seine Unfälle gingen an ihm vorüber, das Vergängliche an dem Bleibenden, und wenn es ihm weh that, daß er von Mathilden so ganz vergessen blieb, von seinen Freunden verlassen, von den liebenden Aeltern verwaist, so blickte der unvergängliche Friede tröstend in sein kleines Leben herein. Er empfand nicht nur die Sicherheit eines künftigen Heiles, er spürte es schon reg' und wach in seinem Gemüth, so daß er zu 282 den eignen Schmerzen lächeln konnte, und sich ihnen liebreich ergab, dem Sinne des Traumes gemäß, wo er seine Mutter neben sich gesehn hatte, ihm die Leiden des Lebens als eine bittre, aber rettende Arznei reichend. Er saß eines Abends vor der Thür des Forsthauses, und fühlte seine Blicke unwiderstehlich von der sinkenden Sonne angezogen, weil sie als ein so klarer, unverkennbarer Ausfluß der höchsten Liebe, als ein rechtes Gottesauge vom Himmel herunter sah, um auch zum äußern Sinne vom wahrhaften Dasein, vom einzigen Kern aller Freude zu sprechen. Es funkelte vor ihm von den blendenden Lichtern, und er schaute, sich gern erhohlend, auf den demüthigen, thauleuchtenden Rasen nieder, als eine freundliche Stimme dicht neben ihm sagte: Guten Abend, lieber Alwin. Es war Raimund, der sich so 283 unversehens über seinen Schüler hinbeugte, und beide Freunde schwelgten in allen Wonnen des Wiedersehens. Was sie entfernt gehalten hatte, schienen sie absichtlich zu vergessen, des feindseeligen Florismarte ward mit keinem Worte gedacht, nach kurzer Zeit waren sie dabei, sich von ihren poetischen Gebilden und ausgeführten Gedichten vorzureden, Alwin sprach allerhand über die wunderlichen Waidmannsbücher des Försters, und über die mündlich vernommnen Sagen, und Raimund erzählte ihm, wie zur Vergeltung folgendes Mährchen: Es spielten einmal zwei Kinder zusammen auf einer Wiese. Sie konnten sich selbst nicht recht besinnen, wie sie eigentlich dahin gekommen waren, aber sie befanden sich eben wohl, und pflückten Blumen, der Knabe für das Mädchen, das Mädchen für den Knaben. 284 Wenn sie nun mit den Kränzen zusammen kamen, setzten sie dieselben Eins dem Andern auf's Haupt, faßten sich bei den Händen, und tanzten im Kreise herum. Einmal aber hielt der Knabe im Tanzen inne, und sagte: sieh Dich doch um. Hinter Dir steht eine alte Burg, oder es kann auch ein Berg sein. Aber gar herrlich ist's. Wir wollen dahin laufen. Nein, sagte das Mädchen, sieh lieber hinter Dich zurück. Da steht ein neuer Pallast, wohl besser als Dein verfallner Bau. Sie liefen in diesem Augenblick bei einander vorbei, und kaum hatten sie sich getrennt, so zog eine dichte Wolke zwischen sie hin. Auf der Seite des Knaben warf sie einen tiefen Schatten über die ganze Gegend, auf der Seite des Mädchens blitzte ihr heller Saum blendende Lichter bis an die fernsten Gebirge hin. Es wird so dunkel, sagte der Knabe 285 weinend; es wird so lustig und frisch, sagte das Mädchen, indem sie immer schneller nach dem neuen Pallaste zurannte, ohne zu hören, wie der Knabe nach ihr rief der zuletzt still weinend in die Schatten zurück sank, und sein Angesicht in dem feuchten Grase verbarg. Das Mädchen lief indeß nach dem blanken Ziele hin; wenn es müde werden wollte, hoben die Strahlen das leichte Gewand flügelähnlich empor, und zuletzt sproßten ihr zwei Schmetterlingsfittige aus den zierlichen Schultern. Nun ging's erst recht im Fluge fort. Sie traf auf die Gärten des neuen Pallastes, da ging ein stattlicher Pfau vor den Thoren auf und nieder. Er grüßte das Mädchen freundlich, und sagte, daß es seine Schuldigkeit sei, hier den Kammerherren zu machen; und sie zu präsentiren. Damit erhob er den 286 rechten Flügel, und nöthigte sie, ihre Hand drauf zu legen, denn also zieme es sich. Unterweges trafen sie noch auf allerhand wunderliche Thiere, die gleichfalls sprachen, und wovon einige voraufliefen, um der durchlauchtigen Eule die Ankunft der Fremden zu melden. Schlechterzogne Vögel, sagte Einer der Zurückbleibenden, versagen unsrer erhabenen Fürstin die gebührende Ehrfurcht, ja, sie unterstehn sich sogar, wenn's eben heller Tag ist, auf Ihre Durchlaucht loszuhacken, aber wir sind civilisirt, und um unser böses Naturell nicht zu reitzen, wohnt die kluge Regentinn lieber in einer anständigen Dämmerung. Dem Mädchen begann zu grauen; es kam ihr vor, als sei sie in das Tollhaus der Vögel gekommen, aber Viele davon thaten auch 287 wieder so artig und zierlich, daß sie ihrer Angst bald entledigt ward. Bei der Eule sah' es kurios aus. Sie hatte sich hinter schwere Vorhänge postirt, und glotzte nur bisweilen mit den starren Augen hervor. Es wußte aber auch Niemand, wie er eigentlich mit ihr daran sei, und selbst die schnatterndsten Vögel hielten sich daher schweigend im Halbzirkel umher. Mit einem Male schnarrte die Eule, sie wolle aus Nachsicht ein wenig schlafen, und man könne derweilen einen kleinen Tanz beginnen. Das geschah denn auch. Das Mädchen fand die besten und flüchtigsten Tänzer. Zeisig, Falke, Habicht, Sperling, und wie sie alle hießen, flogen bald zierlich, bald wild mit ihr durch die schwirrenden Reihen hin. Sie ging sehr ermüdet zu Bett, welches ihr einige Gänse aus ihren eignen 288 besten Daunen bereiter hatten, und schlief ein. In der Nacht aber wachte sie auf, und weil sie eben von der Wiese, und von ihren Spielen darauf geträumt hatte, rief sie nach dem freundlichen, bisher vergessnen Knaben. Niemand antwortete. Sie stand endlich auf und ging ängstig durch den Pallast hin, immer laut und lauter nach dem Ausgang fragend. Da zwitscherten die Spatzen, da schnatterten die Dohlen, da krächzten die Raben, da flog's scheltend und schwirrend von allen Seiten über sie hin, und um sie her, und weinend sank sie auf ihre Knie. Ach, seufzte sie, nur einen menschlichen Laut. Es giebt doch dergleichen auf der Welt. Mein süßer Spielgefährte kannte ihn wohl. Vor ihr stand eine leuchtende Frauengestalt. Der Vögel Geschwirr und Gekrächze schwieg. 289 Ich bin Euer Beider Schützerinn, sagte sie. Wie konnte Euch nur die zweigestaltete Wolke so lang' von einander entfernen? Komm mit, wir wollen den Liebling suchen, den guten, verlassenen Knaben. Der war indeß in den Berg hineingegangen, und hatte mancherlei schöne Sachen gefunden: goldne Harnische und blanke Schwerdter, und wunderlich geformte Streitäxte, auch vielerlei Schmuck, als goldne Ketten, und mit Steinen besetzte Armbänder. Er trieb damit sein stilles Spiel, aber dazwischen kam ihm doch oftmals seine Gefährtin in den Sinn. Dann ließ er alle die hübschen Dinge aus den Händen fallen, und fing an zu weinen. Als das auch einmal geschahe, blitzte ein heller Strahl durch die Thränen in sein Auge. Er blickte empor; am Eingange des Berges 290 stand die leuchtende Frauengestalt, und winkte ihn freundlich zu sich heraus. Ohne sich lange zu besinnen, folgte er, aber als er aus dem Berge trat, war die Erscheinung verschwunden. Die Wiese lag hell und klar vor ihm, von keiner Wolke mehr getrübt. Durch den Wald, der sie von der andern Seite begränzte, drang der Abendsonne mildes Gefunkel, Alles, wie Du es eben jetzt vor Dir siehst, und eben so kam auch zwischen den Blättern eine Gestalt heran, lieblich und zart, wie die sich uns eben nähert, so daß Du Deine beweinte Gefährtin alsbald erkennen mußt, Du frommer, vielgetreuer Knabe. Alwin sah staunend in die Höhe. Mathilde kam aus dem Walde, und wie an jenem ersten Abende beim Kloster, ging er ihr im halben Traum entgegen. Aber er sank nicht vor ihr auf's Knie, er fühlte, daß sie sein 291 war, und es fortan bleiben wollte, auch schmiegte sie sich weinend in seine ausgebreiteten Arme, und lehnte den schönen Kopf an seine Brust. Heisse Küsse drückte er ihr auf Stirn und Wangen, und Raimund sagte: Sie ist der höfisch tollen Vögel überdrüssig geworden, und sehnt sich nach dem süßen menschlichen Laut ihres Gefährten zurück. Nimmst Du mich denn nun noch an, Du liebes, frommes Kind? fragte Mathilde, mit holder Beschämung zu ihrem Freunde aufblickend. Die hochmüthige Thörin ergiebt sich Dir, und Deiner stillen, sinnigen Liebe. Komm nur mit mir, von dem kriegzerrissnen, blutigen Lande fort, wo Gemüther wie Deines, an keiner Parthei ihre Freude haben können. Auf der Insel Rügen, dem abgeschiednen, dem der Vorwelt heiligen Boden, erwartet uns zwei und Raimunden ein ruhiges 292 Leben. Da sollst Du die alten Heldengestalten heraufbeschwören, und mühlos leben und ungestört, der heillosen Gegenwart fremd. Walter trat zu ihnen, und indem er die Hände seegnend auf beider Liebenden Häupter legte, sprach er Amen! Zieht mit Gott, Ihr Frommen. Eine schlimme Zukunft steigt unserm Vaterlande auf, aus der mich bald der ewige Friede abrufen wird, Euch die irdische Liebe und Ruhe, um Euch später mir nach zu geleiten. Vergeßt nicht über dem schönen Wege des schönern Zieles. 293 Vierzehntes Kapitel. Ein klarer Herbsttag war über die Wellen der Ostsee emporgestiegen, die Wasser breiteten sich wie ein behaglicher Teppich aus, Rügen schaute einladend mit seinen dichten Wäldern her. Alwin ging am diesseitigen Strande auf und ab, und freute sich über das immer näher wogende Fahrzeug, welches ihn und seine trauten Gefährten in das Eiland der Ruhe und des Friedens hinübertragen sollte. 294 Da schritt vom nächsten Orte ein langer Mann eilfertig auf ihn zu, dessen Gestalt ihm sehr bekannt vorkam. Er hatte sich auch darin nicht geirrt, denn als der Fremde näher kam, war es Thorwald, der ihn ohne weitre Vorrede mit folgenden Worten ansprach: Seid Ihr es! Seid Ihr es denn wirklich! Mir bleibt nun weiter kein Zweifel mehr übrig. Der Wirth, bei dem ich übernachtete, hat recht gehört. Und dort kommt ja auch schon der Nachen angeschwommen, der Euch nach Euern elysisch trägen Gefilden fortschaffen soll. Nicht Euch allein, sondern auch die königliche Mathilde. Daß der Poet Raimund mitzieht, ist in der Ordnung, und ich habe nichts dawider zu sagen. Aber Ihr! O Alwin, es braust von gewaltiger, 295 neuschaffender Gährung im Vaterland auf, jeglicher kühne Geist stemmt sich, hier oder dort den Weltbau zu halten, und Ihr flieht, ein klugsorgender Emigrant. War das die Flamme, die in Euch bei Heldengeschichten aufsprühte? Waren das die Erwartungen, die ich wie aus Frühlingsblumen verheissend aus Euern Träumen emporsprossen sah? Nun ist Euer Sommer gekommen, und ich betrogner Erndter wandle zwischen nutzlosem Gestripp umher. Glaubt nicht. daß mir Euer bisheriges Leben fremd geblieben sei. Den ruhmvollen Degen habt Ihr abgelegt, um Euch zwischen einem phantastischen Poetenvolk herumzutreiben, und dieses nur wieder verlassen, um zur theosophisch-mystischen Schule eines Schwärmers überzugehn. Billig folgt nun daraus die arkadische Ruhe. Wohl bekomm' sie Euch! 296 Damit wandte er sich ab, blickte aber zögernd noch einmal nach Alwin zurück, der ihm freundlich in's Auge sah, und ihm die Hand entgegen streckte. Ich bin toll, auf Euch zu hören, sagte Thorwald. Aber was wollt Ihr? sprecht nur. Lieber Thorwald, erwiederte Alwin, ich bitte Euch, zu bedenken, daß wir zwei verschiedne Personen sind. Ich meine Euch nicht aus Euerm Secretariat zu verdrängen; laßt mich dafür hübsch in meiner Poesie, oder wie Ihr es sonsten benennen wollt. An Euern Kämpfen finde ich keine Freude, denn mir kommt die eine Parthei so verrückt, als die andre vor. Ueberhaupt habe ich mich nur von jeher in den Krieg gestürzt, wie Leander in's Meer, als er zur 297 Hero hinüberschwamm: des schönen Zieles wegen, nicht aber um lebenslang unter Schaum und Wogen herumzuplätschern. Daß ich noch aus gleicher Ursach, mit gleichem Muthe dem Gewühl trotzen kann, steht bei Euch zu erproben, wenn Ihr etwa eine Landung auf Rügen versuchen wollt. Sonst aber behagt mir's nicht. Daß Ihr ganz recht habt, mit der Welt um die Welt zu ringen, gestehe ich Euch gern zu, und Jedwedem, der gleichen Sinnes ist. Dafür aber wünscht' ich auch, daß Ihr Euch nicht erhitztet, wenn ich offenherzig bekenne, daß ich lieber Verse mache. Mein wackrer Thorwald, Ihr seid mir sehr werth, und daß Ihr um meinetwillen ungestüm werden könnt. zeigt, daß Ihr auch gut von mir denkt. Aber eben deshalb verlangt doch nicht, daß ich ein Andrer sein soll, als ich bin. 298 Erinnert Euch der Verlobungsrede, welche Ihr mir an jenem Abende in Braunschweig hieltet. Jetzt heisse ich sie wahrhaft und verständig, so sehr ich mich auch damals thörichter Weise dawieder sträubte. Wir können nicht Alle Alles sein, laßt nur Jeden recht wacker sein, wozu ihn der Himmel berufen hat. Ihr habt Euch wirklich, wie Ihr damals halb spottend sagtet, nur in der Ankündigung versehn. Es hat blos ein freundliches Spiel ausgeführt werden sollen, keinesweges aber eine Haupt- und Staats-Action, wozu Ihr wohlmeinender Zuschauer es durchaus umgestalten wolltet. Jetzt bin ich Alwin, und zeige mich Euch als solcher. Wollt und könnt Ihr den nun ertragen, so empfangt seinen freundlichen Abschiedsgruß, und laßt mich hinzusetzen: auf baldiges Wiedersehn. Thorwald schloß ihn bewegt in seine Arme, und als bald darauf die drei Glücklichen vom Anker stießen, winkte er ihnen ein trauliches Lebewohl zu. Das heilige Rügen aber nahm sie in seine begeisternde Waldungen auf.