Das Buch der Liebe. Erster Teil. Herausgegeben von Paul Ernst Dritte Auflage Muenchen und Leipzig bei Georg Mueller Wenn wir heute einen griechischen Tempel betrachten, so haben wir immer ein einfaches und klares Bild. Wohl ist das Dach eingestuerzt, vielleicht liegen die meisten Saeulen in einzelnen Trommeln auf dem Boden, sind figuerliche Schmuckstuecke verschleppt; die bunte Bemalung ist verschwunden und der unbedeckte Stein hat durch Regen, Luft und Licht in Jahrtausenden einen neuen, edlen Ton angenommen; der Boden hat sich erhoeht und die urspruenglichen Verhaeltnisse muessen durch eine Nachgrabung wieder hergestellt werden; aber das alles sind nur Zerstoerungen, die zwar den unmittelbaren Eindruck so gruendlich geaendert haben, wie eine Ruine etwas anders ist als das urspruengliche Gebaeude; der urspruengliche Gedanke des Baumeisters ist immer noch deutlich zu erkennen, denn es hatte nur einen Baumeister gegeben und der hatte nur einen Baugedanken gehabt, und es sind nur sehr selten spaetere Anbauten und Umbauten gemacht, denn die Gegenden veroedeten, in welchen diese Tempel stehen, und die alten Werke wurden nicht zu den andern Zwecken spaeter lebender Generationen verwendet. Ein ganz anderes Bild gewaehren unsere mittelalterlichen Baudenkmaeler. Viele Meister und mehrere Jahrhunderte haben an ihnen gebaut, und nicht selten ist ein Werk in einem andern Stil angelegt, wie es vollendet wurde: wenn der romanische Baustil ein abgeleiteter und der gothische ein organischer ist, so vereinigt ein derartiges Werk dann die beiden weitesten architektonischen Gegensaetze, welche moeglich sind; die Art der Werke erforderte bestaendige Ausbesserungen, die schon begannen, ehe es noch ganz fertig war; die Zeiten, Verhaeltnisse, Menschen und Ansprueche aenderten sich und die urspruengliche Bestimmung des Bauwerkes wurde geaendert, und damit fanden Umbauten statt, die den ganzen Charakter verschoben und Anbauten, die noch fremder waren; endlich haben die Restaurationen das Urspruengliche noch mehr verdeckt, verdorben und verschoben, und heute ist nicht nur der unmittelbare Eindruck ganz anders wie er gedacht war, auch mit den muehsamsten Rekonstruktionen ist oft nicht einmal fuer den Verstand ein Bild des urspruenglich Gedachten zu gewinnen. Diesen Bauwerken gleicht unsere mittelalterliche Literatur. Sie kann nicht jene unmittelbare Wirkung erzeugen, wie die antike Literatur; aehnlich den Bauwerken wirkt sie zunaechst im ganzen durch etwas Pittoreskes, Willkuerliches, Wunderliches und reizvoll Unverstaendliches, das dann doch eine geheime Bedeutung ahnen laeßt: durch das, was man im neunzehnten Jahrhundert »romantisch« nannte; es fallen einzelne Schoenheiten auf, die in unendlicher Fuelle an den verborgendsten Stellen der Werke verstreut sind, eine scheinbare Unerschoepflichkeit der Phantasie, eine Urspruenglichkeit und Naivitaet der Empfindung und Frische der Darstellung, die nicht unter dem Zwang eines allgemeinen Plans leidet. Unmoeglichkeiten, Widersprueche, ein Sprengen jeder Form reizen und stoßen ab, verdrießen und geben zu Nachdenken Veranlassung, scheinen auf Oberflaechlichkeit und auf Tiefe zu deuten, und wie das Spiel von Licht und Schatten, das den eigentlichen kuenstlerischen Reiz eines gothischen Bauwerkes ausmacht, scheint zuletzt der Reiz in etwas Wesenlosem zu liegen. Der leidenschaftlichen, duestern, sprunghaften, stolzen, unsinnlichen, tragischen Psyche der nordischen Volker entsprach wunderbar das so widerspruchsvolle, tiefe und nie zu ergruendende Christentum: was wir heute als Christentum empfinden, das ist die Schoepfung der nordischen Voelker, nicht der spitzfindigen dogmatisierenden Griechen, und der organisierenden herrschsuechtigen Roemer. Aus diesem Geist des nordischen Christentums ist die gesamte mittelalterliche Poesie entsprungen bis zu der großen Invasion orientalischen Geistes seit den Kreuzzuegen; hier liegen auch die letzten Wurzeln der meisten jener Werke, die wir heute als Volksbuecher bezeichnen. Die erste Erzaehlung unserer Sammlung, Tristan und Isalde, hat die typische Entwicklungsgeschichte. Der Name Tristan soll aus der Sprache der alten Pikten stammen, Isalde aus dem Nordgermanischen. Moegen die Pikten Kelten gewesen sein oder vorindogermanischen Ursprung haben, jedenfalls hatten sie sich, als die Geschichte von Tristan und Isaldens Liebe entstand, schon mit den keltischen Bewohnern Britanniens vermischt. Wie die Lokalitaeten der Erzaehlung teils keltischer, teils nordgermanischer Boden ist, so deuten denn also auch die beiden Hauptnamen auf die beiden durch Krieg und Handel in naher Beziehung stehenden nordischen Voelker. Schon die aelteste, durch Rekonstruktion zu erschließende Fassung der Geschichte weist einerseits solche Widersprueche, andrerseits so in sich abgeschlossene Episoden auf, daß man wohl vermuten darf, urspruenglich seien einzelne Balladen, gedichtet und gesungen von den Saengern der keltischen Fuersten und Herrn vorhanden gewesen, die von dem beruehmten Liebespaar handelten. Vielleicht liegen alte Mythen zugrunde, vielleicht eine verworrene geschichtliche Ueberlieferung, vielleicht eine poetische Deutung uralter Denkmaeler und Ruinen oder halbverklungener Verse und unverstandener Worte; jedenfalls haben jene alten Saenger schon abgerundete, in sich motivierte Episoden in dichterischer Darstellung erzaehlt. Es muessen damals bei den Kelten eine große Menge derartiger Geschichten und Gedichte vorhanden gewesen sein, und die keltischen Saenger hatten in jenen fruehen Zeiten in den noerdlichen Laendern, Frankreich eingeschlossen, einen großen Ruf. Von einzelnen Dichterpersoenlichkeiten ist uns nichts bekannt; indessen muß man sich hueten, in die herkoemmlichen falschen Vorstellungen von Volkspoesie zu verfallen; die Verfasser jener Gedichte, die Entwickler jener Sagen waren bewußt schaffende Dichter; nur, daß damals die Existenz des Dichters auf dem gesangsartigen Vortrag von Verserzaehlungen ruhte, daß es fuer ihn wichtig war, viele solche Erzaehlungen vortragen zu koennen, daß gewiß nicht jeder Saenger ein selbstaendiger Dichter war, daß der Einzelne eigene und fremde Dichtungen vortrug und an letzteren wahrscheinlich auch aenderte: wie aehnlich in jenen Zeiten Abschreiber und Schriftsteller nur schwer zu trennende Personen sind. Ein großer Teil jener keltischen Balladen wurde von nordfranzoesischen Dichtern geordnet, einigermaßen unter einander in Harmonie gebracht und so zu Versromanen verarbeitet. Hier haben wir festern Boden unter den Fueßen. Der erste dieser Erzaehler ist Beroul; sowohl von seinem Werk wie von der deutschen Uebersetzung des Eilhard von Oberge, sind nur Bruchstuecke erhalten; aber unserem deutschen Volksbuch liegt eine spaetere Ueberarbeitung des Eilhardschen Werkes zugrunde. Man setzt das Werk des Beroul in die Mitte des zwoelften Jahrhunderts; Eilhard wird in Urkunden von 1189-1207 erwaehnt, also etwa ein Menschenalter nach der Abfassung des Beroulschen Werkes; man sieht, wie schnell doch in diesen Zeiten, auch ohne Buchdruckerkunst, sich dichterische Werke verbreiten konnten. Ein zweiter Erzaehler, der etwas spaeter war und bereits kuenstlicher scheint, war Thomas; nach ihm und spaeter wie Eilhard hat unser Gottfried von Straßburg um 1215 sein Gedicht geschrieben. Die Zeit und Verhaeltnisse, aus denen die alten keltischen Balladen stammten, veraenderten sich bis zu Gottfried außerordentlich: es entwickelte sich das Rittertum, die Hoefischkeit, eine ganz neue Gesellschaftsorganisation mit neuen Anschauungen, Empfindungen, Sitten und Zustaenden. Es war damals selbstverstaendlich, daß man die alten Geschichten diesen neuen Zeiten anpaßte, und so wurde alles Urtuemliche ins Ritterliche uebersetzt. Daraus entstehen dann manche Unmoeglichkeiten: der alte barbarische Vorgang bleibt, die chevalreske Sitte paßt nicht mehr zu ihm; die urspruengliche starke Empfindung, welche die Grundlage der Handlung ist, kann nicht geaendert werden, aber sie wird nun hoefisch ausgedrueckt. Wenn man – ziemlich willkuerlich – die alten keltischen Balladen um 900 ansetzt, Beroul ziemlich sicher um 1150, und Gottfried sicher um 1215, so haette man also bereits drei Jahrhunderte unserer Geschichte. Die alten Versromane – so und nicht Epen muß man die Erzaehlungen nennen – wurden spaeter in Prosa aufgeloest. Jene Versromane setzten noch eine Zeit voraus, in der wenig Menschen, welche die Dichtung liebten, lesen und schreiben konnten; ihre Versifikation hat nicht die Bedeutung einer poetischen Form, sondern sollte dazu dienen, sich dem Gedaechtnis leichter einzupraegen. So ist der Vers in ihnen denn selten nach kuenstlerischen Absichten behandelt, und namentlich bei den deutschen Bearbeitungen entsteht durch die Reimarmut der Sprache oft eine ermuedende Weitschweifigkeit. So bedeutet die Prosaaufloesung in den meisten Faellen eine Verbesserung. Aber auch jetzt noch koennen wir die erste Entstehung ganz deutlich erkennen; der aelteste Redaktor oder Erzaehler, der aus den einzelnen Liedern den Versroman zusammenstellte, sammelte unbekuemmert Alles, was auf die Personen seines Epos Bezug hatte, auch wenn es nicht zur Haupthandlung gehoerte, und so finden wir fast immer lange Erzaehlungen von Vorgaengen mit den Eltern oder Vorfahren der eigentlichen Helden am Anfang, und nicht selten Erzaehlungen von Geschichten ihrer Nachkommen, in noch spaeteren Zeiten, als die nun feststehenden Romane schon gebildet waren, wurde es eine Form der Nachahmung, daß ein spaeterer Erzaehler dem Helden einen Sohn gab und dessen Leben, oft mit denselben Motiven; weiter erzaehlte als ein neues Buch. Fuer diese Art klassisch sind die Reali di Francia wo man bei den einzelnen Buechern die aus Unbehuelflichkeit zunehmende Kunst der Erzaehler zu einem Hoehepunkt und dann die in leerer Nachahmung abnehmende Faehigkeit am klarsten beobachten kann. Im vollen Licht der Literaturgeschichte geht dieser Prozeß bei den Amadis und Palmerieromanen vor sich, den letzten Ritterromanen. Unser Tristan wurde, wie schon erwaehnt, nach dem Gedicht des Eilhard in Prosa aufgeloest und ist dadurch von dem franzoesischen Prosaroman verschieden. Der erste Druck stammt noch aus dem fuenfzehnten Jahrhundert; mit einer leichten Erneuerung und starken Interpolationen wurde er in Feyerabends »Buch der Liebe« aufgenommen, von dem er dann weiter abgedruckt wurde. Herkoemmlich nennt man schon jene alten Drucke »Volksbuecher«. Aber man braucht nur den Titel des Buchs der Liebe von 1587 und seine kostbare Ausstattung anzusehen, um sich zu sagen, daß diese Buecher damals noch fuer dieselbe gesellschaftliche Klasse bestimmt waren, wie die alten Versromane, naemlich zunaechst fuer den Adel und dann etwa das gebildete Buergertum;, der Titel widmet die Sammlung ausdruecklich: »Allen hohen Standespersonen, Ehrliebenden von Adel, zuechtigen Frauen und Jungfrauen, auch jedermann ingemein«, kurz, denselben Personen, fuer welche der ebenso gedruckte Amadis bestimmt war. Diese gesellschaftliche Klasse hatte sich aber in den Jahrhunderten sehr geaendert. Der Feudalismus loeste sich auf, eine neue Gesellschaftsform begann sich zu bilden. Das alte Rittertum war geschwunden, die alten chevaleresken Empfindungen waren leere Phrase geworden, die alten Sitten bloße Form, aus dem Adel entwickelten sich die Berufssoldaten, die Hofleute und hoeheren Beamten; die letzten Ritterromane klapperten nur noch mit einem leeren Gehaeuse, und da sie von elenden Nachahmern geschrieben wurden, indeß die wirklichen Dichter der Zeit sich nach anderer Richtung wendeten, verfielen sie in Albernheit und wurden von Cervantes mit Recht verspottet, der schon lebte, als das Buch der Liebe gedruckt wurde. Auch unser Tristan blieb nicht unberuehrt von diesen Veraenderungen; ihnen verdankt er weitschweifige Interpolationen und moralisierende Betrachtungen. Die Renaissance, die Reformation und dann der dreißigjaehrige Krieg erzeugten einen Bruch in unserer literarischen Entwicklung; die hoeheren Klassen wendeten sich von der mittelalterlichen Literatur ab und vergaßen sie; aber noch rechtzeitig hatte sie sich ins Volk gerettet, wie die Minnelieder ins Volk kamen und dort zu Volksliedern gewunden wurden, oder neue Volkslieder erzeugten, so wurde die aeltere Erzaehlungsliteratur nun vom Volk gekauft. Der Uebergang war allmaehlich; in den ersten Zeiten der Buchdruckerkunst wurden alle Buecher auf den Jahrmaerkten verkauft; waehrend die neuere Literatur spaeter einen anderen Vertrieb fand, blieb diese Art des Verkaufs fuer die aelteren bestehen, und allmaehlich, wie sich der Stand der Kaeufer aenderte, aenderten sich auch die Drucker und Verleger: nicht mehr die fuehrenden Firmen wie Stayner, Knoblauch, Feyerabend druckten diese Schriften mit schoenen Holzschnitten von den großen Meistern des Holzschnitts auf vorzueglichem Papier, sondern geringe Drucker erwarben die alten Holzstoecke und druckten auf schlechtem Papier, mit unzaehligen Druckfehlern Jahr fuer Jahr diese alten Buecher neu, bis die Bilder kaum noch zu erkennen waren und die Texte immer unverstaendlicher wurden. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts gingen oft die Behoerden aus Gruenden der Aufklaerung gegen die Schriften vor, und zum mindesten galten sie aber gaenzlich unsinnig und toericht. Die Romantiker brachten sie zuerst wieder zu Ehren, und seitdem hat man sie verschiedentlich erneut und in besondern Sammlungen herausgegeben. In diesem Abdruck von Tristan und Isalde sind nur die spaeteren Interpolationen und weitschweifigen Reden gestrichen. Pontus und Sidonia ist die Uebersetzung eines franzoesischen Ritterromans, von einem spaeteren Erzaehler, der bereits die alten Motive bewußt neu verwendet; aber das anmutige Werkchen gehoert noch zu den guten Ritterromanen. Melusina ist Ende des vierzehnten Jahrhunderts von Jean d' Arras in Prosa geschrieben und dann ins Deutsche uebersetzt. Es liegen alte Sagen zugrunde, die dem Verfasser vielleicht noch in ihrer urspruenglichen Versform bekannt waren. Die Sagen knuepfen sich zum Teil an die Lokalitaet des Schlosses der Melusina und waren noch im achtzehnten Jahrhundert in der Gegend lebendig, zum andern Teil scheinen sie aus der alten Geschichte der Lusignans zu stammen. Der Herausgeber hat die fuer sich selbstaendige Geschichte von Melusina und Reymund allein abdrucken lassen, die anorganisch mit ihr verbundene Geschichte der Nachkommen, die viel ungestalteten Stoff enthaelt, aber fortgelassen. Auch Magelone stammt aus dem Franzoesischen, aus einem spaeteren Ritterroman, der aber zu den schoensten seiner Art gehoert. Ganz deutsch scheint nur die Geschichte der Genovefa zu sein. In unsere Volksliteratur ist sie durch ein franzoesisches Buch eines Jesuiten Cériziers aus dem achtzehnten Jahrhundert gekommen, der die Geschichte schlecht und im Jesuitengeschmack erzaehlt; man hat seitdem aber eine alte lateinische, angeblich gleichzeitige Aufzeichnung der Legende gefunden, aus der sie der Herausgeber neu uebersetzt hat. Die Legende ist in der Gegend noch lebendig und man zeigt noch die in der Erzaehlung erwaehnten Lokalitaeten. Als letzte Schrift enthaelt die Sammlung den Ritterroman Lother und Maller; Verfasserin ist eine Herzogin Margaretha von Lothringen, Graefin von Widmont, welche 1405 den Roman in italienischer Sprache schrieb: die deutsche Uebersetzung stammt von ihrer Tochter Elisabeth, Graefin von Nassau-Saarbruecken. Das Buch wurde nicht zum Volksbuch durch irgend einen Zufall, verdient aber, mit den andern Schriften zusammen abgedruckt zu werden. Paul Ernst. Eine wunderbarliche und fast lustige Historie von Herr Tristanen und der schoenen Isalden, eines Koenigs aus Irland Tochter, was sie vor große Freude mit einander gehabt haben, und wie dieselbige Freude ganz trauriglich zu einem Ende vollbracht ward: sehr lieblich zu lesen.   Das erste Kapitel Wie der Koenig Marchs seine Schwester Blankeflor vermaehlet dem Koenig Ribalin von Johnoys. Es war ein Koenig mit Namen Marchs von Kurnewal, er haet etwann lange große Kriege wider den Koenig von Schotten. Als das nun eine lange Zeit gewaehret hatte, da kam Koenig Ribalin von Johnoys mit großer Macht Koenig Marchsen zu Huelf', und dienet' ihm wohl und lang, bis der Krieg gestillet ward. Auch gefiel demselben Ribalin das Wesen daselbst wohl; denn der Koenig hatte eine sehr schoene Schwester, mit Namen Blankeflor, gegen die ward Ribalin in Liebe entzuendet, und hub an sie lieb zu haben, desgleichen sie ihn herwieder, doch heimlich, ihm und allermaenniglich unwissend. Jedoch merket' und verstund Ribalin in ihm selbst, daß seine Liebe gegen sie nicht umsonst, sondern ein Wiedergelten da waere; das war ihm Ursache, mit Wesen da zu bleiben, so lang' als er moechte. Er ward in allen Geschaeften und Haendeln desto fleißiger, damit er sich den Koenig willig und guenstig machte. Dann kurz, er hielt sich so wohl, daß er die Jungfrau erwarb, und ihm der Koenig sie mit gutem Willen ehelich vermaehlete.   Das zweite Kapitel Wie Tristan auf der See geboren, und bei seinem Vater am Hof erzogen ward. Es stund nicht lange nach dieser beider Beiliegen, daß die Frau schwanger wurde. Da ward Ribalin mit seinem Schwager Koenig Marchsen eins, seine Frauen mit ihm heim zu fuehren in sein Koenigreich Johnoys; das ward ihm also vergoennet. Als sie nun auf die See kamen, und durch Ungewitter lang' umfahren mußten, nahete sich die Frau zu der Geburt, und ward ihr also wehe, daß sie nicht genesen mocht', und starb. Da ward von dem todten Leib ein Kind geschnitten und bei dem Leben behalten. Dasselbe Kind wuchs hernach, und ward ein mannlicher, theurer Held, genannt Tristan: von dem diese Historie sagt. Was großer Klag' und Traurigkeit da ward von dem Koenig, seiner Ritterschaft und allem Volk, so bei ihm war, davon waere viel zu sagen; denn ein jeder, der wahre Liebe recht versucht hat, erkennt auch wohl, was großes Leids und Schmerzes nachfolget. Jedoch ward die Klag' und das Leid verwischet und ein Theil gestillet, da ihm Gott der Herr das Kind leben ließ. Das fuehret' er mit ihm heim zu Lande, gab es den Ammen, fein zu pflegen und zu warten, als Kindern nothduerftig ist, und koeniglicher Art zugehoeret; so lange, bis er zu Vernunft kam, in Buechern zu lernen. Da ward ihm zugegeben ein Meister der Geschrift und aller anderer Behendigkeit, mit Namen Kurnewal. Als er ihn der Buecher unterrichtet haet, lehret' er ihn darnach Behendigkeit und Geradigkeit, mit Ringen, Laufen, Springen, Steinwerfen, den Schaft schießen, mit dem Speer und mit Schwert, auch alles andere, was zu der Ritterschaft gehoeret. Er lehret' ihn auch dabei milde sein und wahrhaftig, was er geredet' und verhieße, daß er derer keines nimmer braeche; denn wo er mit Werken oder Worten, die er verheißen haette, sich vergaeße, und deren nicht hielte, so wuerde er bald Gott und der Welt unwerth. Er befahl ihm auch insonderheit, alle Frauen zu ehren, und denen zu dienen mit Leib und Gut, und von Kurzweile zu sagen mit Zuechten. Er kehret' allen Fleiß fuer, er zog und hielt ihn in Uebung zu allen Tugenden. Der junge Herr hub an dem Meister nachzufolgen, in allem, so er ihn lehren konnt' und mochte. Er wuchs auch fast in Tugenden und andern guten Werken, so koeniglicher Art wohl anstehen, mit Milde, Mannheit, staet, wahrhaft, und bescheiden, also, daß niemand einiges Mißfallen an ihm vermerken konnte. Dazu haet ihm die Natur einen erwuenschten Leib geformiret, nach aller Gliedmaß gar unstraeflich, nichts an ihm vergessen, und war auch wohlgefaellig jedermann anzusehen.   Das dritte Kapitel Wie Herr Tristan Urlaub begehrete von seinem Vater, fremde Land zu besehen. Als nun Tristan dazu kam, daß er in der Noth etwas leiden mochte, rieth ihm sein Meister Kurnewal, daß er Urlaub begehrte von seinem Vater Ribalin, auf daß er andere Land' und Sitten sehen und erfahren moecht', und sich nicht also in seinem eigenen Vaterland verlaege, sondern daß auch in fremden Landen sein Nam' und seine Thaten offenbar und erkannt wuerden. Auf solches ging Herr Tristan zu dem Koenig seinem Vater, und sprach zu ihm: »Herr und Vater, ich bitte euch mit Unterthaenigkeit, wollet mir euern Urlaub geben, auch dazu helfen mit Gesinde, und was mir zu solcher Reise nothduerftig sein wird; denn ich habe mir fuergenommen, mit eurer Huelf' und Gunst, fremde Lande zu erfahren, und andere Sitte und schoene Gebaerde zu erlernen, so ich von andern Landen sagen hoere.«   Das vierte Kapitel Wie Herr Tristan mit seinem Heer in Kurnewaelisch Land fuhr. Da Koenig Ribalin erhoerte das Fuernehmen seines lieben Sohns, gefiel es ihm wohl und sprach: es gefiel' ihm, daß er sich so jung in andere Lande zu fahren begeben wollte; dazu wollt' er vaeterlich helfen mit aller Kost und Zehrung, so er beduerfte. Er schuf bald mit seinem Hofmeister, was Kurnewal begehrt' und haben wollte, nichts hierin ausgeschieden, sollte man ihm nach dem allerbeßten und reichlichsten geben. Das ward also vollbracht. Auch wurden besonders geladen zween Saeumer mit Gold, Silber und den allerkoestlichsten Kleidern. Kurnewal nahm am Hofe zween Jungherrn und acht Knaben edeler Geburt. Als er nun zugerichtet und ganz abgefertigt war, nahm er Urlaub von dem Koenig seinem Vater und von allem Hofgesinde. Der Koenig gab ihm vaeterlichen Segen, befahl ihn Gott dem allmaechtigen und Maria seiner Mutter, auch seinem Meister Kurnewal, in große Hut. Also fuhr das kleine Heer von Johnoys ueber Meer in Kurnewaelisch Land. Als sie nun schier zu Lande kamen, bat Tristan seine Diener, daß sie niemand sagten, wer oder von wannen er waere, noch sein Geschlecht offenbarten; und thaet das aus Listigkeit. Mit diesen Worten gingen sie von dem Schiff, saßen auf ihre Pferd', und ritten in Koenig Marchsen Hof. Da ward Herr Tristan ehrlich empfangen. Er dankte dem Koenig, und begehrt', ob er sein beduerft', und ihn zum Diener haben wollte? darum er kommen waer', auch keinen andern Herrn wueßte, dem er vor ihm dienen wollte; denn er haette so viel Zucht und Ehre von ihm und seinem Hof gehoert, darum er sich, fuer alle andere Herrn, haette fuergenommen, ihm zu dienen. Solches Erbieten nahm der Koenig in großem Gefallen auf, und sagt' ihm zu, daß er ihn gern zum Hofgesinde haben wollte. Hierauf ward berufen ein Herzog, mit Namen Thinas, der war des Koenigs Truchseß. Er war getreu und ganz fromm, und was in dem koeniglichen Hof zu thun war, mußt' alles durch sein Geschaeft geschehen; diesem ward Tristan befohlen, daß er ihn hinfort in seiner Acht und Sorgfaeltigkeit haben sollte. Der benannte Herzog Thinas nahm den jungen Herrn in seine Pfleg', und hielt ihn mit allen Dingen wohl, und mit solchem großen Fleiß, als ob er sein leiblich Kind waere. Er bat auch alles Hofgesinde, daß sie Tristanen vor Augen hielten und ihm dienten, als ihrem eignen Herren. Solches konnte Herr Tristan um sie alle wohl verschulden, also, daß ihn jedermann werth, lieb und schoen hielt; denn er befließ' sich aller Tugend und Froemmigkeit. Also war er eine Zeitlang an des Koeniges Hofe, daß ihn bedaucht', er waere nun wohl dazu geschickt, daß er ein Ritter werden moecht', und man ihm das Schwert geben sollt'; als auch kuerzlichen geschah.   Das fuenfte Kapitel Wie Morholt von Irland von dem Koenig Marchsen Zins fordert. Zu der Zeit war ein Held ein Irland, mit Namen Morholt, der war ein sehr starker Mann und hatte allein vier Mannes Staerke. Der Koenig von Irland hatte seine Schwester, der hielt ihn also bei sich; denn er war ihm sehr nuetz und bezwang mit seiner Mannheit alle die Lande, so um Irland gelegen waren, daß sie ihm mußten Zins geben; bis an Kurnewaelisch Land, davon er ihn auch manchmal fordert. Aber Koenig Marchs hatte sich deß allezeit enthalten und Widerstand gethan. Da aber Morholt solches vernahm, beschweret' er sich darum, und meinet', er waere selbst desto ringer und leichter an seinen Wuerden und Ehren, so er ihm das Land nicht unterthaenig machet', und schwur darauf eine Heerfahrt: er wollte den Leib verlieren, oder das Land bezwingen. Er nahm mit sich ein groß Heer und fuhr hinweg. Als er nun ueber Meer kam, beschickt' er den Koenig Marchsen und entbot' ihm, er sollt' ihm den Zins schicken, den er fuenfzehen Jahr durch seine Stolzheit uebermuethiglich versessen haette. Auch hieß er ihm sagen, ob er einen Mann haette, der ihn bestehen duerfte, mit dem wollt' er kaempfen: gesieget' er demselbigen ob, daß ihm dann Koenig Marchs mueßte unterthaenig sein, gesieget' ihm aber dieser ob, so wollt' er Koenig Marchsen frei und forthin unbezwungen lassen. Doch wollt' er zuvor den Zins oder Tribut haben, und hieß dem Koenig sagen, was er fuer Zins begehrete: vor allen Dingen wollt' er haben alle Menschen, die da bei fuenfzehen Jahren alt waeren, Knaben und Maidlein; wollt' er ihm die geben, das waere gut, wollt' er aber nicht, so wollt' er sie mit Gewalt nehmen. Die Knaben mueßten sein eigen sein, und die Maidlein wollt' er daheim in das offene Frauenhaus thun, daß sie ihm Geld gewinnen mueßten. – Hoert, wie eine schaendliche und unbescheidenliche Botschaft war das von einem Koenig, deren er sich billiger geschaemet sollte haben zu gedenken, denn daß er es ueberlaut hieße ausrufen! – Indem kamen seine Boten zu Koenig Marchsen und sagten ihm die Botschaft, deren er sehr erschrak, und klagete das Gott dem allmaechtigen heimlich in seinem Herzen, und gab keine Antwort darauf. Denn er schrieb und schicket' aus in alle Land, allen Fuersten und Herrn, daß sie zu Angesicht des Briefs zu Hof kaemen, und sich nichts darin irren ließen, denn er beduerft' ihrer zur Roth.   Das sechste Kapitel Wie Herr Tristan ward zu Ritter geschlagen, und sich verwilligete mit dem Morholt zu kaempfen. Dieweil nun solches Schreiben ausgesandt ward, beredete sich Tristan mit seinem Meister Kurnewal, den Kampf selbst zu thun, und vermeinete, das an den Koenig zu begehren; aber Kurnewal widerrieth ihm das, und meinet', er waere der Jahr' und Kraefte noch zu jung und klein wider einen so starken Mann. Aber Tristan schaetzete sich nicht minder an der Staerke, denn Morholt war, und bat mit Fleiß, ihm sein Fuernehmen nicht abzuschlagen, sondern dazu zu helfen, daß ihm der Kampf erlaubt wuerde. Kurnewal sagte, daß kein Mann nie ward, dem er so viel Ehren und Gutes goennte, dem er auch lieber dazu helfen wollte, denn ihm; dieweil er aber je fechten wollte, waere seine Meinung, daß er den Koenig vor gebeten haette, daß er ihn zu einem Ritter schluege: so moecht' er mit desto groeßern Ehren kaempfen. Tristan folgete diesem Rath, und ging hierauf zu Herzog Thinas, dem er vom Koenig befohlen war, saget' ihm sein Fuernehmen der Ritterschaft halben, und verhehlete den Kampf. Das gefiel dem Herzog wohl; er ging mit ihm zum Koenig, und baten beide, daß er Tristanen zu Ritter schluege. Der Koenig aber haette es ihm gern abgeschlagen und seiner Jugend halben noch ein Jahr verzogen; aber sie baten mit so großem Ernst, daß ihn der Koenig nicht laenger aufhalten mochte, sondern schlug ihn zum Ritter, und sechzig andere Jungherrn mit ihm. Dies alles geschahe in sieben Tagen. In der Zeit waren etliche Fuersten und Herrn gen Hof kommen. Herr Tristan ritt mit seinen Schildgefaehrten auch dar. Als man ihn da sah, ward er fuer alle andere sehr gelobet und gepreiset in allen seinen Haendeln. Als er aber vernahm, daß er fuer die andern fuergenommen und gepreist ward, gab ihm solches je mehr und mehr Ursache zur Kuehnheit, und er wurde dadurch sehr gestaerket und zur Mannheit gereizet. Als nun die Herrn und Ritterschaft alle zu Hof kamen, sagt' ihnen der Koenig die Botschaft, so ihm Morholt gethan haette, leget' ihnen die klaeglich fuer, begehrte darauf Raths, was ihm und ihnen zum nuetzlichsten hierin zu thun waere, dem wollt' er gern folgen, und daß sie darnach saehen, ob man nirgends unter ihnen allen einen finden moechte, der Morholten allein bestehen wollte. Darauf gingen sie zu Rath, gar nahe einen ganzen Tag, und konnten unter ihnen allen keinen finden, der sich's annehmen wollte. Deß ward Herr Tristan inne, und ging zu ihnen in den Rath, und fragete, was die Sachen waeren, darin sie so lang Rath haetten? Das ward ihm gesagt. Da sprach er: »Es sind doch viel stolzer Ritter hie, aus denen sich billig einer deß annaehme; so aber keiner unter ihnen ist, so will ich mich williglich von unser aller wegen darein geben, und bitte euch alle, das mir bei dem Koenig zu erlangen, daß mir der Kampf erlaubet werde.« Das gelobten sie ihm alle; doch riethen sie ihm, er sollte sich vor wohl bedenken, und sich deß nicht so liederlich annehmen, denn er waere sehr jung und unerfahren, aber Morholt waere solcher Kraeft' und Mannheit, daß seines gleichen nie gesehen waere; darum wollten sie es nicht rathen. Aber Herr Tristan war aller Furcht und Zagheit frei, antwortet' aus mannlichem Herzen, und sprach: »Ich getrau' euch wohl, und bitte euch, daß ihr mir helfet, daß mir der Kampf zugelassen werde; denn ich hoffe, ich wolle uns allen Ehr' und Sieg erfechten. Wer weiß, vielleicht goennet mir Gott des Siegs; denn er ist je den Rechten beistaendig und schlaegt die Hoffaertigen mit ihrer eigenen Bosheit und Unrecht.« Da nun die Herrn seine Mannheit und Ernst hoerten und sahen, wurden sie alle froh; jedoch war ihnen schwer, solche große Sach' an einen so jungen Ritter zu lassen, der gegen Morholt als ein Kind zu schaetzen war. Aber Herr Tristan gab ihnen guten Trost, dadurch sie alle gestaerkt wurden, und vermahnete sie hierauf, zu dem Koenig zu gehen, ihm zu sagen, daß sie einen unter ihnen haetten, der sich der Sache wider Morholten angenommen haette; sie sollten ihn aber nicht nennen, bis ihnen der Koenig gelobt, ihm den Kampf zuzulassen. Mit dem gingen sie alle zu dem Koenig und sagten ihm die Botschaft; da ward er gar sehr erfreuet, und sprach: »Wer ist der Ritter oder Knecht? Er sei eigen oder frei, so soll er meine Huelfe, Gunst und Rath dazu haben, in allem, was er dazu haben soll; ich will ihm auch solches nicht unbelohnet lassen.« Morholts Boten waren zugegen, und sagten: ihr Herr wollte mit keinem fechten, er waere ihm denn gemaeß; darum wollten sie wissen, von was Art und Geschlecht der waere, daß sie das ihrem Herrn wueßten zu sagen. Hierauf antwortete Herr Tristan, sie sollten ihrem Herrn sagen, er waere von Art so frei, als er: »denn Blankeflor ist gewesen meine Mutter und Koenig Ribalin von Johnoys mein Vater, und ich bin Koenig Marchsen Schwester Sohn.« Da der Koenig das hoerete, ward er erfreuet, und auch betruebt: erfreuet, daß der so mannlich war und sich des Kampfs angenommen haette, betruebet, daß sich seiner Schwester Kind in solche Noth begeben haette; und bat Tristanen mit großem Ernst, daß er den Kampf unterließe. Da antwortete Herr Tristan: »Sollte Morholt also ungefochten von hinnen scheiden, so hielt' er uns alle fuer zaghaft, und nicht unbillig, so wir uns also Land, Leut' und Gut, ohn' alle Wehr nehmen ließen; wir haetten auch billig den Spott zum Schaden.« Der Koenig sprach: »Deß darfst du dich nicht so hoch besorgen, es ist dir weder Schande noch Unehr'; und bitte dich, lass' von deinem Fuernehmen, denn ich will diesen Kampf von dir nicht haben.« Hierauf antwortete Herr Tristan gar hoeflich, und sprach: »Herr, wo es an eure Ehr' und Glimpf gehet, da werd' auch ich zu beiden Seiten angerennet: darum will ich sterben, oder den Sieg behalten.« Als der Koenig sah, daß all sein Bitten umsonst war, ward er zornig und sprach: »Nun mußt du mir nicht kaempfen, es sei dir lieb oder leid.« Da Tristan hoerete, daß ihm der Kampf sogar versagt sollte sein, vermahnet' er den Koenig der Geluebd' und Treue, so er den Fuersten haette gethan, damit ihm der Kampf erlaubt und bestaetiget worden waere. Mit dem erhielt er, daß ihn der Koenig mußte kaempfen lassen. Und er entbot Morholten, daß er am dritten Tage zu rechter Kampfs Zeit allein auf den Werder kaem', und alle seine Herrn hinter sich ließ', er wollt' ihm auch nur mit einem Mann zu kaempfen genug geben, der wuerd' ihm den Zins mitbringen, den er viel zu lang versessen haette. Die Boten eilten zu ihrem Herrn, und sagten ihm die Geschichte ganz und gar. Morholt fragete, wer der waere, der mit ihm kaempfen wollte, auch wenn und wo der Streit wuerde? Das sagten sie ihm alles. Hierauf ruesteten sich beide Theile, als zum Streit gehoeret. Als der gesatzte Tag kam, hieß der Koenig Marchs fuer sich bringen den allerbeßten Harnisch, so er haette, wappnete seinen Neffen selbst darein, mit großem Fleiß, und gab ihm ein Schwert: wohin das mit Kraeften geschlagen ward, mochte kein Stahl vor ihm bestehen; und befahl ihn Gott dem allmaechtigen mit weinenden Augen in seine Hut, daß er sein Helfer waer', und ihn mit Gesundheit herwieder schickete. Er kuesset' ihn, druecket' ihn an seine Brust; und ruften beide, er und alles Volk, um Huelfe gen Himmel.   Das siebente Kapitel Wie Herr Tristan auf den Werder fuhr mit Morholten zu kaempfen, und den Kampf allda gewann. Als nun Herr Tristan also geruestet war, ging er zu Schiffe, nahm mit ihm sein Pferd, Schild und Schwert, und fuhr allein auf den Werder. Viel guter Segen wurde ihm nachgesprochen und des Siegs gewuenscht. Morholt der kam ihm entgegen gefahren, der heftete sein Schiff an, und stieß Herr Tristanen seines fern hindann. Der sprach: »Held, warum thust du das?« Er antwortete: »Wir sind beide herkommen, daß wir Schaden oder Frommen hie hohlen wollen.« Herr Tristan sprach: »Ei, der kommt wohl von hinnen, welcher den Sieg behaelt, das weiß ich fuerwahr.« Da sie also mit einander redeten, bat Morholt der starke, Herr Tristanen fleißig, daß er sich des Fechtens abthaet', und mit ihm zu Lande fuehr', er wollte mit ihm theilen, was er haett', und sein Erbe halb geben, denn sollt' er ihn erschlagen, das waere ihm inniglichen Leid. Herr Tristan sprach: »Das thu' ich ungern, doch sofern, da du den Koenig frei lassest und forthin unbekuemmert.« Morholt sprach: »Das mag nicht sein, Koenig Marchs wird nicht frei gelassen; denn wer das vernaehme, moechte meinen, ich thaete das aus Furcht.« Da sprach Herr Tristan der kuehne Held: »So sei dir widersagt; denn ehe du den Zins gewinnest, sollte dir lieber sein, du haettest ihn nie gefordert.« Als er diese Worte redete, saßen sie beide auf ihre Pferde und eileten mit großem Zorn auf einander, und stach einer den andern durch den Schild, und ward Herr Tristan wund. Sie ritten abermals mit großen Kraeften zusammen: da stach Herr Tristan Morholten vom Pferd, und er ward zum andern mal wund von einem vergifteten Speer, das auf ihn zerstochen und zerbrochen ward. Morholt sprang bald wieder auf und lief Herr Tristanen zu Fuß an; da sprang der kuehne Held auch vom Pferd, und sie erhuben einen solchen ernsthaften Streit, als von zweien Mannen je gesehen ward, und trieben einander lang hin und wieder. Morholt war gar ein starker Mann, der schlug den Juengling, daß er auf beide Knie fiel; aber er sprang behend auf, erhohlte sich des Schlags, und schlug Morholten die Hand ab, darinnen er sein Schwert trug. Als Morholt sich selber ueberwunden sahe, hub er sich an die Flucht, und meinet' also davonzukommen. Herr Tristan lief ihm behend nach, und in dem Laufen schlug er ihm eine Wunde durch seinen Helm in sein Haupt, daß er also todt niederfiel fuer seine Fueß', und es blieb ein Stueck von seinem Schwert im Helm stecken. Da sprach Herr Tristan: »Ich sehe wohl, du bleibst, und ich achte, mein Herr Koenig Marchs werde frei von dir sein, und du habest des Zinses genug; du wirst auch forthin nichts mehr fordern, denn dein Uebermuth hat dich gefaellet.« Also ward der Streit geschieden, dem einen zu Freuden, dem andern zu Klagen. Koenig Marchs hohlete seinen Neffen mit großen Freuden und Lobgesang; und lobten alle Gott den Allmaechtigen, daß er ihnen so gar vaeterlich und troestlich geholfen haette, und fuhren mit Freuden heim. Aber die traurige Schaar von Irland hohleten ihren Kaempfer auch, doch nicht, als Koenig Marchs seinen Neffen, sondern mit gar großem und traurigem Weinen und Klagen; und schickten gar bald zu der allerschoensten Isalden, des Koeniges Tochter von Irland, ließen ihr sagen: wollte sie ihren Oheim lebendig sehen, daß sie zu Stund' kaeme. Das thaeten sie auf das Verhoffen, so sie ihn lebendig fuende, so moechte sie ihn bei dem Leben behalten; denn sie war zur selbigen Zeit mit bewaehrter Kunst der Arzenei die beruehmteste in allen Landen. Da sie die Botschaft vernahm, eilete sie bald, und nahm mit ihr, was sie zu Wunden bedurfte. Als sie aber eilend darkam, war ihr Oheim todt, und hatte ihrer Zukunft nicht erwarten moegen. Als sie sah, daß er todt war, thaet sie ziemlich weinen, und ging zu dem Todten, seine Wunden zu besehen. Da stack die Schart' oder Stueck aus Herr Tristans Schwert noch in der Wunden, die nahm sie daraus, weisete sie allem Volk, und thaet die darnach mit Fleiß behalten. Sie fuhren heim mit großem Jammer und Leid, und begruben ihren Todten mit großer Klag' und Herrlichkeit, als Koenigen zugehoeret. Der Koenig von Irland fiel auf das Grab mit sehr klaeglicher Gebaerd' und großem Geschrei. Darnach gebot er seinem Volk, wer von Kurnewaelischen Landen in sein Land kaeme, daß man derer keinen lebendig ließe, sondern sie alle an die Galgen henkete. Und nahm ihm das zu Rach um seinen Schwager Morholten; den meinet' er nimmermehr zu verschmerzen, noch deß getroestet zu werden.   Das achte Kapitel Wie Herr Tristanen ein Haeuslein gebauet ward fern von den Leuten; auch wie er darnach hinweg fuhr in einem Schiff, und wie ihm geholfen ward durch den Koenig in Irland. Nun war auch Herr Tristan gar sehr wund von den vergifteten Waffen, und war kein Arzt in den Kurnewaelischen Landen, noch an andern Enden, der ihm die Wunden heilen mochte. Man wußte auch niemand in der ganzen Welt, der solche Arzenei konnt', als die schoene Isalde, die ihm auch wohl haette helfen moegen; aber sie haett' ihn lieber getoedtet, denn bei dem Leben erhalten. Als aber alle Arzenei an ihm umsonst und unnuetz war, und er je laenger je kraenker ward, und die Wunden sehr faulten und rochen, daß niemand bei ihm bleiben mochte, begehret' er, daß man ihm ein Haeuslein fern von den Leuten an der See machte, darin er allein waere, seines Endes wartend. Das ward also gemacht und nach seinem Begehren an die See gesetzt. Als man ihn nun darein trug (denn er mochte selbst nicht mehr gehen noch stehen), da erhub sich solche große Klage von allermaenniglich, daß sie ihren Kaempfer, einen schoenen, jungen und waidlichen Helden, also jaemmerlich verlieren sollten, daß ihr Klagen ohne Maß war. Nun war Herr Tristan jung, und gar hurtiger Sinne, der gedachte hin und wieder, ob einigerlei in der Welt sein mochte, das ihn fristen und helfen koennte? und fand nichts in seiner Vernunft, denn eines, das fiel ihm bei: er wollt' auf die See fahren, ob ihn das Glueck etwann braechte, da ihm geholfen wuerd', oder aber also elendiglich stuerbe. Dies leget' er seinem Meister Kurnewal fuer, bat ihn in ein Schifflein zu tragen, und vermeinete hinweg zu fahren; als auch geschahe. Er nahm Urlaub von dem Koenige, und allenthalben, und bat Kurnewalen sein ein Jahr da zu warten: blieb' er bei Leben, so kaem' er ehe, denn in Jahres Zeit, kaeme er aber nicht, so duerft' er nicht laenger warten, und sollt' ihn gewißlich todt wissen; dann hieß' er ihn wieder heim ziehen, seinem Vater sagen, daß er nun fortan Kurnewalen fuer seinen Sohn hielt', ihm seines getreuen Diensts lohnet', und nach seinem Tode die Krone tragen ließ', als seinen eigenen Sohn; denn er goennete sie niemand baß, denn ihm. Kurnewal haette sich der Kron' und des Reichs gern verziehen, so er mit seinem Herrn sollte gefahren sein, auch sehen und wissen, wie es ihm doch ergehen sollte. Er weinet' und thaet aus der maßen ungebaerdig um seinen lieben Herrn. Desgleichen ward alles Volk beweget mit Mitleiden, und herzlich betruebet. Hiemit ward er in ein Schifflein getragen, mit großer Klage, mit ihm sein Schwert und eine Harfe. Auch ward das Schifflein versorget nach Nothdurft fuer die Sturmwinde. Herr Tristan troestete sich selbst wohl, und befahl sich und die Umstehenden dem allmaechtigen Gott in seine Hut, und fuhr damit hinweg, doch mit waesserigen und betruebten Augen. Der Koenig sah ihm sehnlichen mit betruebtem Herzen nach, und klageten alle, daß ihnen Tristan je kund ward. Er fuhr nun hin ohn' alle Huelf', und wußte selbst nicht, wohin. Die Winde thaeten ihm fast wehe, und wie sie ihn trieben, also mußt' er fahren. Also trieben sie ihn gerichts hin gen Irland. Da er aber vermerket', in Irland zu sein, gedacht er: nun erst habe ich den Leib verloren; jedoch gedacht' er: das Leben ist edel; und wollte das fristen, dieweil er moechte. Und als ihn der Wind an das Land warf, ging der Koenig spazieren bei dem Wasser; der schickete bald, daß man besaehe, was in dem Schifflein waere. Die Diener kamen und sageten, da waer' ein Mann, verwundet bis auf den Tod. Der Koenig ging selbst dar, und fand, wie ihm gesaget war. Da hieß er ihn in ein Haus tragen, darin man sein pflegen sollte. Doch fraget' er ihn, wer und von wannen er waere? Herr Tristan erschrak der Frage hart, und sprach: »Herr, ich heiße Pro, und Segnicest ist mein Haus, und bin ein Spielmann. Nun bin ich auf dem Meer beraubt und bis in den Tod verwundet worden, und die Winde haben mich hergetrieben.« Da der Koenig das hoeret', und sahe auch den großen Schmerzen seiner Wunden, ward er in Erbarmung beweget, hieß sein wohl pflegen, und schickete zu seiner Tochter, daß sie dem armen verwundeten Mann ein Pflaster gaebe. Das geschahe, aber es war ihm unnuetze. Das ward ihr gesaget; sie sandte ihm bald ein anderes: da ward ihm noch weher. Als ihr das fuerkam, sprach sie: »Ich weiß wohl, was ihm gebricht; er ist mit Gift wund.« Und bereitet' allererst Arzenei, die ihm zugehoerete, davon er alsbald und in kurzer Zeit gesund ward. Also heilete sie ihn in kurzer Zeit, ohne daß sie beide einander ersahen. Er schied so von ihr, wiewohl er vor zu Hof gefordert ward; das geschahe aber durch besondere Geschichte, hiernach folgend. Es begab sich, daß die Schiffe von Kurnewaelischen Landen nimmer gen Irland fahren duerften, da war großer, merklicher Hunger und auch Theurung in Irland, und lebeten mit großem Gezwang Hungers halb. Auf das berieth sich der Koenig mit seiner Ritterschaft, was ihm hierin zu thun waere, und wo sie Speise nehmen wollten, damit das Volk erhalten wuerde und nicht so gar verduerbe. Sie konnten ihm alle nicht rathen, und wußten auch nicht, wohin. Da gedachte der Koenig an den Mann, den seine Tochter geheilet haet, und schickete nach ihm. Tristan kam bald zu Hof. Als er kam, bat ihn der Koenig Raths um sein und des Lands anliegende Noth. Da sagt' er: »Herr, alles, was ich vollbringen kann, soll ich mich nicht saeumen, denn ihr habt das gar wohl um mich verschuldet. Wollet ihr aber meinem Rath folgen, so sendet etliche Schiffe mit mir in Engeland, da will ich so viel Fleiß ankehren, und Speise bestellen, auf das allernaeheste, so ich mag, und euch die zuschicken.«   Das neunte Kapitel Wie Herr Tristan dem Koenig von Irland Speise schicket', und das Land vom Hunger erledigete. Dem Koenig gefiel der Rath wohl, und sagte das seinen Raethen; die wurden deß froh, daß sie der Sorg' und Muehe sollten entladen sein. Hierauf wurden Herr Tristanen die Schaetz' und Schiffe befohlen, und er fuhr hinweg. Als er nun in Engelland kam, beschicket' er einen Kaufmann, und bat ihn, daß er ihm kaufen huelfe. Er kaufet' auch selbst, und stellete sich in aller Weise, als ob er auch ein Kaufmann waere. Als er nun Speise gekaufet hatte, so viel, als um tausend Mark Golds, ließ er die Schiffe laden, und schickete sie dem Koenige in Irland. Er aber ging in ein ander Schiff, das war von Kurnewaelischen Landen, mit dem fuhr er heim in seines Oheims Koenigreich und in die Stadt Thintariol, da er vor krank und ungesund von geschieden war, und kam gleich dahin an dem Tage, als ein ganzes Jahr vergangen war seines Dannenscheidens. Als er zu Thintariol aus dem Schiff ging und ihn sein Diener Kurnewal ersahe und erkannte, thaet er vor großen Freuden und Liebe weinen, und entbot dem Koenige die Zukunft seines lieben Neffen. Mit was großen Freuden, Ehren und Wuerden Herr Tristan empfangen ward von dem Koenige, Herzog Thinas, und aller Ritterschaft, auch allen andern, Frauen und Mannen, waere Wunder davon zu sagen. Herr Tristan war dem Koenige so lieb, daß er um seinetwegen keine Frau nehmen wollte, sondern ihn zu einem Erben seines Reichs haben. Da waren etliche an dem Hofe, die meineten, Herr Tristan riethe dem Koenige, ohn' ein Weib zu bleiben, und hasseten ihn sehr darum. Aber er wußte es nicht, auch nicht, daß der Koenig solches um seinetwillen unterwegen ließ, oder thaet; denn die andern Maechtigen an dem Hof riethen dem Koenige taeglich, ein Weib zu nehmen. Eines Tages gingen die Freunde und Ritterschaft fuer den Koenig und nahmen Herr Tristanen mit ihnen, baten den Koenig mit großer Bitte, daß er eine Frau naehme, die ihm an Adel und Geburt geziemen moecht', und daß er das durch Gott und ihrer aller Willen thaete. Der Koenig ward dieser Bitte beschweret, jedoch setzet' er eine Zeit, darauf er antworten wollte. Deß wurden sie froh; denn er hatte solche Bitt' allwegen vor abgeschlagen. In der gesetzten Zeit gedachte der Koenig, wie er antworten wollte, damit er sie fueglich von der Bitte bringen moechte; denn er wollte je kein Weib nehmen, es waere gleich ihnen lieb oder leid. Als er aber in diesen Gedanken saß, sahe er zwo Schwalben mit einander streiten, und sahe, daß ein schoenes langes Frauenhaar herabfiel; das hub der Koenig auf, und sagete bei ihm selbst also: »Fuerwahr mit diesem Haar mag ich mich gar wohl erwehren, so ich ihnen sage, daß ich keine andere haben woelle, denn die, der dies Haar gewesen ist; deren moegen sie mich nicht gewaehren, und muessen mich forthin solcher Bitte frei lassen.« Da er die Worte mit ihm selber redete, kam Herr Tristan eingegangen, und andere Herren mit ihm, und fragten den Koenig von des Reichs Nothdurft wegen. Das ließ er hingehen, und antwortet', auf andere Meinung, mit solchen Worten: »Ich habe hie einer Frauen Haar: so ihr mir die gebet, die will ich nehmen, und kein Widersprechen darin haben; aber ich will sonst keine andere, dieweil ich lebe.« Die Herren nahm das gar fremd und wunder, und sprachen unter einander, es waere Herr Tristans Schuld, und angelegt Ding, damit er sich also wollt' ausreden. Doch fragten sie den Koenig, wer und von wannen die Frau waere? sie wollten ihm die hohlen, in welchem Lande sie waere. Der Koenig sagete: »Das weiß ich selbst nicht; ich kann euch auch nicht mehr davon sagen.« Da sprachen sie, sie hoereten wohl, daß er sich mit solcher Rede fristen und ihnen die Bitte versagen wollte; doch wollten sie gern wissen, woher ihm das Haar kaeme. Der Koenig saget' ihnen, wie ihm dasselbige worden waere. Da sprach Herr Tristan: »Herr, ihr thut groß Unrecht, daß ihr uns allen nicht folgen wollt. Ich habe es euch vor oft gerathen, und rath' es noch mit ganzen Treuen, wiewohl mich etliche der Eueren zeihen, ihr thut es durch meinen Rath. Daß aber das nicht sei, und sie mir Unrecht thun, will ich oeffentlich erzeigen, und um eurer Liebe willen die Frauen euch suchen. Darum gebet mir das Haar, wenn mich's Glueck an das Ende braechte, da sie ist, daß ich sie bei dem Haar desto besser erkennen moege.«   Das zehnte Kapitel Wie Herr Tristan nach der Frauen fuhr, und wie es ihm auf der Reise ging. Der Truchseß, Herzog Thinas, hieß zuhand ein Schiff bereiten, darein tragen von Speis' und Kleidern, was man bedurfte, auch Harnisch und Pferde, zu hundert Rittern, und großen Hort von Gold und Silber. Da das alles bereit war, nahm Herr Tristan Urlaub, nahm das Haar, und schied ab, mit hundert andern Rittern, welche ihm der Koenig zugegeben hatte. Sie fuhren hinweg, und sahen einen ganzen Monat nichts anders, denn Himmel und Wasser. Da gebot Herr Tristan dem Schiffmann, daß er Irland vermeiden sollte; denn sie alle wueßten wohl, wer von Kurnewaelischen Landen dahin kaeme, daß er sterben mueßte. Wie sie aber mit einander redeten, erhuben sich die Winde mit einem großen Sturmwetter und warfen das Schiff mit Gewalt in derselbigen Nacht an Irland, zu der Stadt, dabei Herr Tristan vor geheilet ward. Als aber der Tag erschien und Herr Tristan ersahe, daß sie an Irland waren, erschrak er sehr, und sagete seinen Mitgesellen, daß er vormals an dem Orte geheilet waere worden: »und ist kein Zweifel, wir muessen alle hie sterben, oder mit großer Listigkeit hinein kommen; darum schweiget ihr alle still, und lasset mich allein reden, ob ich uns gefristen moege.« Als aber der Koenig aufstund und sahe das Schiff, daß es der Stadt so nahe lag, schuf er bald mit seinem Marschalk, daß er hinginge und sie alle enthaeuptete. Dieser aber durfte das Gebot nicht uebergehen, es waere ihm lieb oder leid. Als er zu dem Schiff kam, hieß er die Gaest' alle ausgehen, und saget' ihnen, sie mueßten sterben. Herr Tristan bot große Gab', und begehrte zu leben, schenkete dem Marschalk einen gueldenen Kopf, und bat ihn fleißig, dem Koenig seine Rede zu sagen, und daß er sie dieweil ließe leben. Der Marschalk war ein frommer, getreuer Mann, und erbot sich das zu thun. Hierauf sprach Tristan: »Ich bitt' euch, zu sagen dem Koenig mein Gefaehrt' und meinen Namen: ich bin geheißen Tantris , und sind meiner Gesellen zwoelf mit mir, Kaufleute aus Engelland; wir haben hoeren sagen, wie großer Hunger in diesem Koenigreich sei, da verkauften wir alle unsere Hab', und legten die an Speise, damit luden wir zwoelf Schiff', und hoffeten dadurch alle reich zu werden: da begegneten uns Leute auf dem Meer, denen man stark nachjagete, die sagten uns, wenn wir herkaemen, so haetten wir gewißlich den Leib verloren. Als wir das hoereten, begonnten wir uns zu beklagen, und nicht unbillig, der großen Schaeden halb, unserer angelegten Hab' und Gueter, die wir nehmen wuerden, wo wir nicht herfuehren, fuehren wir aber her, daß wir den Leib und Gut mit einander verloeren. Hierauf gingen wir zu Rath, und warfen das Loos unter uns: auf welchen es fiele, der sollte hieher fahren, und besehen, ob dem also waere, als uns gesaget ist. Also fiel das Loos auf mich Armen, und bin also auf Gnade herkommen; so sind meine Gesellen noch auf dem Meer. Lieber Herr, das alles, bitt' ich euch, dem Koenig zu sagen; und daß er mir das Leben lasse, so will ich ihm die Speise, so ich gesaget habe, alle zusammen bringen.« Der Marschalk meinete, die Rede waere also, und brachte sie zuhand fuer den Koenig.   Das eilfte Kapitel Wie Herr Tristan einen großen Drachen erschlug, darum ihm der Koenig seine Tochter gab. Also lag das betruebte Heer bis ueber Mittentag, und redeten unter einander: ob man sie schon leben ließe, so mueßten sie doch ewiglich in Irland gefangen sein; und waegten die Sache hin und wieder. Indem kam ein Mann zu ihnen gegangen, der ward mit ihnen zu Rede, und sagete Herr Tristanen, daß ein großer und grausamer Drach' in dem Koenigreich waere, der thaete dem Lande großen Schaden, an Leuten und Vieh. Nun hatte der Koenig ausrufen lassen, wer den Drachen erschluege, dem wollte er seine Tochter geben. Da Herr Tristan solche Dinge hoerete, nahm er keinen laengern Verzug, sondern wappnete sich nach Nothdurft, und ritt gegen die Noth; denn er war ein kuehner, unverzagter Held. Als er ueber das Feld trabete, sah er fuenf Maenner sehr fliehen; unter diesen einer den andern fern fuergelaufen war, dem eilete Herr Tristan zu, ergriff ihn bei dem Haar, und fragete, was oder wen er so sehr fliehe? Dieser Mann bat ihn ueberlaut um Gottes willen, daß er ihn ließ', und sprach: »Ach, lieber Herr, der Drache jaget daher und will mir den Leib nehmen; darum lasset mich laufen, daß mir das Leben vor ihm bleiben moege.« Herr Tristan fraget', an welchem Ende der Wurm waere? er wollt' ihm entgegen kommen, ob ihm Gott der allmaechtige Glueck wollte zufuegen, daß er ihn toedten moechte. Dieser saget' ihm die Gelegenheit ganz; da ließ er ihn laufen und hieß ihn mit Heil hinfahren, er aber kehrete sich gegen den Drachen. Er hielt sich in einem Grunde, und wartete, bis der grausame Wurm neben ihn kam; da zerstach er erstmals seinen Speer auf ihm, und ehe der Schaft zerbrach, hatt' er schon sein scharfes Schwert in der Hand, und schlug mit ganzen Kraeften so lang' auf ihn, daß er mit großer Arbeit und Mannheit zuletzt den Sieg an ihm gewann. Aber der Wurm verbrennete das Pferd unter ihm, und er mußte zu Fuß fechten. Als er nun den Drachen erschlagen hatte, schnitt er ihm die Zungen aus dem Rachen, und trug sie mit sich hinweg. Es hatt' aber der grausame Wurm ihn also mit Feuer angeworfen, daß er in dem Feuer schier verbrannt war; da sahe er einen Moor vor sich, darein ging er, und wollte sich erkuehlen, daß er in dem Harnisch nicht verbraenne. Als er darein kam, da ward ihm der Harnisch aller kohlschwarz, ohn' allein der Halskragen, der war guelden. Da er das sah, ging er ein wenig fuerbaß, da fand er einen lautern Brunnen, darinnen er sich allererst erkuehlet', und legete sich um Ruhe willen zu dem Brunnen; das war auch nicht unbillig, denn der grausame Wurm hatt' ihn sehr umgetrieben, muede gemacht und verwundet: und lag also daselbst gar nahe unversonnen.   Das zwoelfte Kapitel Wie sich des Koenigs Truchseß beruehmet', er haette den Drachen erschlagen, und wie ihn Herr Tristan zu Schanden machte. Wir wollen Herr Tristanen eine Weile ruhen lassen, und von den Fluechtigen sagen, die Herr Tristan vor gesehen hatte. Das waren des Koenigs Truchseß und seiner Diener vier. Da sie vermerkten, daß der Wurm erschlagen war, ritten sie dahin, und schnitten dem ertoedteten Wurm das Haupt ab. Der Truchseß bat seine Diener, daß sie ihm der Unwahrheit beistuenden, und sagten, er haette den Drachen erschlagen, er wollte sie darnach immerdar foerdern und reich machen. Das thaet er aber darum, daß ihm der Koenig seine Tochter geben sollte. Auch hatte er sich großer Mannheit ausgegeben, daß er den Wurm allein bestehen wollte, wiewohl seine Zagheit maenniglich wissend und offenbar war, darum ihm auch Roth war, daß er Gezeugniß mitbraechte; denn er wußte wohl, daß man ihm allein nicht glauben wuerde. Hiemit kam er zu dem Koenige, vermahnet' ihn seiner Geluebde, daß er ihm, dieweil er den Drachen erschlagen, seine Tochter geben sollte. Aber es war dem Koenig noch nicht gelegen, daß er seine Tochter sollte seinem Truchseß geben; auch wußte er vormals von ihm solcher Mannheit nicht; darum widerredet' er das, und saget' oeffentlich zu ihm, er glaubet' ihm solches nicht, sondern es haette ihn ein anderer erschlagen, und er haett' es nicht gethan. Solche Rede bewegete den Truchseß zu Zorn, und er sprach, er haette den Drachen allein erschlagen mit seiner eigenen Hand, und er wollte das gnugsamlichen beweisen mit vier Maennern, die das von ihm gesehen haetten; man sollt' ihn auch nicht dafuer halten, daß er sich der Ding' annaehme, wenn er solches nicht gethan haette: er hoffete auch, daß ihm die Jungfrau zu geben nicht abgeschlagen werden moechte. Mit solchen und mehr Worten ueberredet' er den Koenig, daß er die Worte glaubete; doch sprach er: »Ich will meine Tochter vor darum besprechen.« Und ging damit hin zu ihr, saget' ihr, wie der Truchseß sie erfochten, und den Wurm erschlagen haette. Die Jungfrau, mit Namen die schoene Isalde, erschrak, glaubete dieser Geschichte nicht, und sprach: »Herr und Vater, wo nahm der nur solche Mannheit, der doch allwege ein Verzagter ist gewesen? Glaubet's nicht; denn ich weiß, daß er den Drachen nicht erschlagen, hat ihn auch nie duerfen ansehen. Gott woelle, daß der Held funden werde, der den Wurm erschlagen hat! Ich hab' aber Sorge, dieser verzagte Boesewicht hab' ihn ermordet, wo er ihn etwann in Unkraeften liegen gefunden hat.« – Solches redete sie auch nicht vergeblich, denn der Truchseß und seine Helfer suchten fleißiglich nach ihm; wo sie ihn funden, haetten sie ihn getoedtet. Als sie aber nichts funden, meinete der Truchseß, er haett' alle seine Noth ueberwunden; darum war er auch mit Worten so frech gegen den Koenig, und versaehe sich keiner andern Ausrede, denn daß man ihm die schoene Isalden geben sollte. – Als sie aber also mit dem Vater geredet hatte, antwortet' er, und sprach zu ihr also: »Nun mag kein laengerer Verzug sein, dich ihm zu geben: ich habe so hoch verheißen, wer den Wurm erschlage, der solle dich zum Weibe haben. Wiewohl du dich hierinnen widerst, so muß es doch sein. Er will auch das redlich beweisen mit vier Maennern, daß er dich erfochten habe.« Hierauf antwortete sie: »So sagt ihm, daß er warte bis morgen; doch weiß ich, daß er nicht gefochten hat, als er saget. Glueck fuege mir den, der mich erfochten hat!«   Das dreizehnte Kapitel Wie Brangele Tristanen erstehet an dem Helmen in einer Hecken, und wie sie zu ihm kamen, und ihn die Isalde mit ihr heimfuehret. Aber Frau Isalde haet einen Kaemmerer, mit Namen Peronis, dem sie gar wohl getrauete, dem befahl sie, daß er bald drei Pferde sollte zuruesten und bringen. Und auf den Abend, als es dunkel ward, ritt sie selbst mit Peronis, und nahm noch eine Jungfrau, naemlich Brangele, mit ihr, und kamen gerichts auf Herr Tristans Hufschlag. Da die Frau das saehe, bat sie, fleißiglich dem Hufschlag nachzureiten, und sprach: »Das Pferd ist nicht in diesem Lande erzogen: Ach, Gott, wo ist der Held, den es hergetragen hat? Aber die Moerder haben ihn ertoedtet; suchet nur nach dem Grabe, er liegt etwann in der Naehe hiebei begraben.« Als sie die Worte redete, kamen sie, da der todte Wurm lag und das verbrannte Pferd, auch der versengte Schild: das alles war so gar besenget und verbrennt, daß sie weder Farbe noch Wappen sehen noch erkennen mochten. Die Frau hub an mit sonderlicher großer Klag' um diesen werthen und maennlichen Held zu weinen, und bat, daß man staets fuer sich suchen wollt', ob man ihn todt finden moechte, und wer ihn fuende, dem wollte sie hundert Stueck Goldes geben. Die zwei waren desto fleißiger zu suchen, aber Brangele saehe von ferne den Helmen gleißen, die eilete bald zu der Frauen, und sagete, sie haette den Helm funden. Da ritten sie mit großer Eil', und kamen zu dem Brunnen, dabei lag er ganz mued' und unbesinnet. Die schoene Isalde stricket' ihm den Helm auf und nahm ihm den von seinem Haupt. Herr Tristan hoerete wohl, daß Weibsbilder bei ihm waren, warf die Augen auf, und sprach: »Wer nimmt mir meinen Helm?« Die Frau ward ohne maßen froh, da sie ihn reden hoeret', und antwortet' ihm bald: »Habt keine Sorge, er wird euch wohl wieder; denn ich will ihn euch selbst behalten.« Also fuehreten sie den halb todten Mann mit ihnen verborgenlich in die Stadt. Die Frau nahm selbst den Helm und das Schwert, Brangele nahm den gueldenen Ringkragen und das andere Geraethe.   Das vierzehnte Kapitel Wie Isalde Herr Tristanen ein Wannenbad beraten ließ: als sie ihn aber erkannte, wollte sie ihn ihrem Vater verrathen haben; das wehret ihr die Brangele. Als nun Frau Isalde Herr Tristanen gar ausgezogen hatte, ward ihm ein Bad bereitet. Die Frau brachte Salben, die ihm zu seinen Wunden gehoerten; sie salbete, band und badet' ihn, daß er ganz zu seinen Kraeften kam. Da er aber also in dem Bade saß, und die Frau bei ihm umging, gedacht' er bei dem Haar, das er mit ihm gefuehret hat, daß sie die Frau waere, die er sucht', und thaet in ihm selbst laecheln. Deß nahm die schoene Isalde wahr, und gedachte: Weß lachet dieser? Ich weiß doch nichts, das ich gethan habe. Aber ich sollt' ihm vielleicht sein Schwert gewischet haben; fuerwahr, er ist deß gar wohl wuerdig. Nahm damit das Schwert und wollte das wischen: da ersaehe sie eine Scharte in dem Schwert, davon all' ihre Freude verschwand. Sie leget' es bald von ihr, und brachte das Stueck, das in dieselbe Luecke gehoerete, das sie vormals behalten hatte. Als sie sahe, daß es gerecht darein war, hub sie an den Held zu hassen, und sprach: »Du bist Tristan, und hast den Drachen erschlagen; aber was mag dich das gehelfen? Du kommst nimmer lebendig von hinnen, und ist kein Zweifel, du mußt meinen Oheim mit dem Tode vergelten. Ich will dich selbst nicht ungemeldet lassen, denn du hast mir den Mann, den nie keine Jungfrau gehabt hat, an meinem Oheim erschlagen.« Tristan laeugnete, daß er deß schuldig waere; sie beschied ihn aber, daß er deß gestund, und sprach: »Es ist doch nicht Sitte, daß man Leib und Leben gebe, so einer den andern mit Kampf bestehet.« Sie sprach: »Du mußt aber die Sitte lernen.« Als sie aber jetzt Wehe! schreien wollt', und sehr weinete: ging Brangele, ihre getreue Jungfrau, zu der Thuer hinein; die erschrak sehr, und fragete, was das waere, daß die Frau so herzlich weinete. Es ward ihr gesaget mit zaehrenden Augen, und daß er sterben mueßte. Brangele sprach: »Das waer' ein' unerhoerte Sache, daß ihr diesen um sein Leben bringen wolltet, der euch ritterlich und mannlich, als ein Held, erfochten hat. Wie geziemete sich das, daß ihr ihn zu seinem Tode in Freundschaft her gefuehret haettet? Ach, was großer Unehr' und Unglimpf wuerd' auch dadurch entstehen! Und nicht allein der Unglimpf, ja ihr mueßtet auch euers Vaters Schluesseltraeger zu einem Mann haben. Ei, wie schoene Ehre wuerde euch das sein, wo man in den Landen sagen wuerde, euers Vaters Schluesseltraeger habe euch mit Listen und Unwahrheit euerem Vater abgeredet! So ist Herr Tristan von hoher Geburt und so ein freier Held, daß sich keiner ihm gleichen mag; und ob er alle euere Freund' erschlagen haette, solltet ihr ihn dennoch lieber nehmen, denn den Verzagten, der von geringem Geschlecht geboren ist, von dem ihr keiner guten That noch Wuerdigkeit gewaertig seid.« Durch solche Worte ward Isalde bewegt, stellet' ihren Zorn ab von ihm, und hieß Kleider bringen. Als er aber bekleidet war, ward er ihren Augen so gefaellig, daß alle Klagen, so sie vor gehabt hatte, vergessen wurden. Denn es geschieht oft, daß weibliches Gemueth durch schoene Gestalt und huebsche Gebaerde von Zorn in Guetigkeit und Sanftmuethigkeit gewandelt wird: also geschah auch an Frau Isalden. Sie umfing Herr Tristanen freundlich, kuesset' ihn lieblich an seinen Mund, vergaß aller Feindschaft und Haß, und saget ihm zu staeten Frieden und Freundschaft; sie gelobet' ihm auch Fried' und Geleit von ihrem Vater zu erwerben. Als sie ihm das verheißen hatte, ging sie zu ihrem Vater, sagt' ihm, daß sie erfahren haette, wer der waere, der ihnen allen aus der Noth geholfen und den Wurm erschlagen haett', und sprach: »Vater, dein Zager beruehrete den Wurm nie, bis ihn ein anderer getoedtet hatte.«   Das fuenfzehnte Kapitel Wie Isalde ihrem Vater anzeigete, wer den Drachen erschlagen haett', und wie er ihr das lange nicht glauben wollte, und allezeit meinete, der Truchseß haette ihn erschlagen. Der Koenig sprach zu seiner Tochter: »Was weißest du? Du redest gleich, als ob du den gesehen habest, der es gethan soll haben. Weißt du aber den, der uns von der Noth des Drachen entladen hat, so heiße ihn fuer mich bringen.« Hierauf antwortete die schoene Isalde: »Das will ich gern thun. Aber vor allen Dingen will ich, daß der Held Friede und Geleit habe, um alles, das er dir je gethan hat.« Da sprach der Koenig: »Fried' und Geleit soll er haben, und was er mir Leids gethan habe, sei ihm ewiglich vergeben.« Da sie das hoerete, sprach sie zu dem Vater: »So mache den Frieden staet', und kuesse mich an des Helden statt.« Das thaet der Koenig, und sprach: »Mit diesem Kuß ist nachgelassen und verziehen alles, das dieser wider mich verschuldet hat.« Als nun der Friede gegeben und bestaetiget ward, sprach Frau Isalde zu ihrem Vater: »Du hast dem Truchseß zugesaget; so nimm nun morgen alle dein Hofgesinde dazu, so will ich dir den Helden bringen, dem Truchseß zu Schanden.« Nun haet der Koenig in seinem Land und Koenigreich allen Fuersten, Grafen, Freien, Rittern und Knechten schreiben lassen, daß sie zu der Hochzeit sollten kommen. Deßgleichen haet auch der Truchseß allen seinen guten Freunden und Bekannten geschrieben, und sie gebeten, daß sie kaemen, und ihn in koeniglicher Wuerde und seinen großen Ehren saehen, und ihm dazu helfen sollten; denn er wußte nicht anders, als der Koenig wuerde ihm seine Tochter geben. Indem war Herr Tristan noch verborgen in einer Kammer, der haet groß Verlangen nach seinem Gesinde, das er in dem Schiff traurig und betruebet gelassen hatte, und berufete der Frauen Kaemmerer Peronis, vor genannt, bat den, in sein Schiff zu gehen zu seinen Dienern, und ihm Kurnewalen zu bringen. Das ward gethan, als ihm befohlen ward, und er saget' ihnen die Botschaft. Als sie erhoerten, daß ihr Herr Tristan noch im Leben war, wurden sie zumal hoch erfreuet. Kurnewal ging mit Peronis zu seinem Herrn. Als er zu ihm kam, sprach er ihm gar freundlich zu, und befahl ihm wieder in das Schiff zu gehen, den andern zu sagen, daß sie zu morgen all' ihre beßten Kleider anthaeten und gen Hof kaemen, daselbst sich an eine Bank setzten, und mit niemand redeten, auch nicht aufstuenden, bis sie ihn selbst saehen; denn er hoffete, die Sache wuerde geendet, um der willen er auskommen waere. Kurnewal ging wieder in das Schiff, und sagete den Herrn und Gesellen seines Herrn Willen und Gebot. Sie wurden deß inniglichen froh, dankten und lobten Gott den allmaechtigen, daß sie ihren Herren lebendig und gesund sehen sollten. Zu morgens bereiteten sie sich auf's allerkoestlichste, mit Kleidern und Kleinod, so koestlich und zierlich, dergleichen in Irland vor nie gesehen war; sonderlich was Herr Tristanen zu seinem Leibe gehoerete, das war alles viel koestlicher, denn das andere. Darauf kamen sie alle gen Hof, zu erfuellen ihres Herren Gebot, schwiegen alle, und setzten sich auf eine Bank, und achteten nicht, wer wider oder fuerging, auch stunden sie nicht auf, und gaben niemand Antwort, wieviel man sie fragete. Der Koenig merkete das, und fragete, wer die herrlichen Weigande waeren? aber niemand wußt' ihm das zu sagen. Nun war es Zeit, daß der Truchseß seine mannliche That bezeugen sollte mit den vier Mannen, als er denn versprochen haet. Da schickte der Koenig nach seiner Tochter, daß sie den Held mit ihr braechte, der sie erfochten haette. Als sie die Botschaft vernahm, nahm sie Herr Tristanen bei der Hand, und fuehrt' ihn fuer ihren Vater. Als er aber in den Saal ging, sprungen die Herren, seine Diener, alle auf mit großen Freuden, empfingen ihren Herrn, stunden ihm an seine Seiten, und gaben damit zu verstehen, daß sie bereit waeren, ihm zu dienen, auch mit ihm zu sterben und zu leben. Da der Koenig das sahe, fraget' er Frau Isalden, wer der Held waere? Sie sprach: »Du sollt ihn vor kuessen.« Zuhand ward der Tochter Wille vollbracht: er kuessete den Helden, bestaetiget' auch damit den Fried' und Geleit, so er vor gegeben hatte. Als das geschahe, sprach Frau Isalde: »Ich weiß, was du gelobest und geredest, daß du das staet und unzerbrochen haeltest, darum will ich auch sagen, wer der Held ist. Er hat dir den liebesten und kuehnesten Mann erschlagen, an meinem Oheim.« Da das der Koenig hoerete, ward er zum Theil betruebet, und sprach: »Gott weiß, Herr Tristan, waere die That nicht versuehnet, ihr kaemet ungeschumpfiert nicht von hinnen; aber was mir Leides geschehen ist, habe ich alles nachgelassen und verziehen: ihr sollt auch guten und staeten Frieden haben.« Isalde sprach, das waere recht und billig, denn Tristan waere ein solcher wehrlicher Held, daß er billig zu preisen waere; daß er aber Morholten erschlagen haette, waere ohne seinen Dank geschehen; er haette auch seines Oheims Land von dem Zins, noch seinen Leib von dem Tode, nicht anders befreien moegen. »Dieweil es sich aber je also zugetragen hat, ist es ihm doch leid, und er hat sich um deß willen aufgemacht, und ist ueber Meer gefahren, ob er also um dich verdienen moechte, daß du sein Freund wuerdest. Er hat sich auch dir zu Liebe der Noth unterstanden, und den Drachen erschlagen, dadurch wir, auch das ganze Land mit uns erfreuet ist.« Als sie die Worte vollendete, stund der Truchseß auf, und sprach zu Herr Tristanen, warum er sich deß ausgaebe, das er nicht gethan haette? Es waere ein großer Unfug an ihm, daß er sich dieser Sachen anzoege. Und vermahnete hierauf den Koenig, daß er ihm die Tochter gaebe, als er verheißen haette. Herr Tristan aber wollte sein Recht auch nicht laenger verschweigen und sprach zu dem Koenige, ein Theil in Zorn: »Herr, der saget unrecht; das will ich beweisen, auch daß er den Wurm nie durft' ansehen, so, noch wie oder wo ich den erschlagen habe. Ist er aber mannhaft, als er saget, daß er mich allein darf bestehen, so trete er zu mir in einen Kampf: da sollt ihr sehen, daß sein Sagen, auch seine Zeugen falsch und unwahrhaftig sind. Auch beweise ich das mit dieser Zungen, die ich dem Drachen aus seinem Hals geschnitten habe.« Diese Rede bedauchte sie alle genug. Aber es war dem Truchseß dadurch seine Freude bald verloschen; doch begehrt' er, sich mit seinen Freunden zu besprechen, denn ihn bedauchte wohl, es waere ihm besser, daß er den Streit ließe, denn daß er kaempfte. Da war einer unter seinen Freunden, der sprach: »Kaempfest du, so mag leicht kommen, daß du deinen Leib verlierest, denn Herr Tristan ist ein starker Mann, und gar ein kuehner, vermessener Held, als er an manchen Enden in harten Streiten viel und oft erzeiget hat. Darum rath' ich dir in ganzen Treuen, hast du den Drachen nicht erschlagen, so lass' dein Kaempfen mit ihm; denn bestehest du ihn mit Unrecht, so wird es dich reuen; und du must doch den Unglimpf haben, du kaempfest oder nicht: darum ist ehe zu rathen, du entbehrest des Kampfes, denn daß du beide, den Leib und Glimpf, mit einander verlierest.« Da sprach der Truchseß: »Ich will nicht mit Tristanen kaempfen; denn er ist ein starker Mann.« Mit diesen Worten ging er fuer den Koenig, und sagete vor allem Volk, daß er den Drachen nicht erschlagen haette; Herr Tristan waere der rechte, der sollt' auch des Koenigs Tochter billig und von Rechts wegen haben. Als er nun so oeffentlich sein eigen Laster gestanden und bekennet hatte, sprach der Koenig: »Das haettet ihr billig vorhin gethan, und ehe ihr euch selbst zu solchem großen Spott und Laster gebracht haettet.« Den Truchseß gereuete, daß er der Dinge je gedacht hatte. Ihm ward auch jedermann unguenstig, er ward sogar verspottet und verachtet, und allen Menschen unwerth. Er ward auch aller Ehren und Wuerden entsetzt. Das Laster und Unehre, darein er sich selbst gefuehrt hatte, bedacht' er erst hernach, und ward ihm selbst feind, und schaemete sich so sehr, daß er aus dem Land hinweg ritt, und kam nimmermehr darein. Mir ist auch nicht kund, wo er hin kommen, oder wie ihm geschehen sei. Aber Herr Tristan vermahnete den Koenig seiner Verheißung; da war seine Tochter, die schoene Isalde, auch nicht wider.   Das sechzehnte Kapitel Wie der Koenig Herr Tristanen die schoene Isalde befahl, seinem Oheim, Koenig Marchsen in Kurnewaelisch Land zu bringen. Herr Tristan sprach zum Koenige. »Herr, hoeret, welcher Weise ich euere Tochter nehmen will. Ich will sie nehmen meinem Oheim; dem sollt ihr sie geben, da ist sie besser mit versehen, denn mit mir; denn ich bin der Jahre noch jung, und gebuehrt mir noch nicht, eine Frau zu nehmen, sonderlich weil ich weiß, daß euere Tochter eines maechtigern und wuerdigern Manns, denn ich bin, wohl wuerdig ist.« Hierauf antwortete der Koenig: »Das will ich gern thun, weil es dir lieb ist; dieweil du ihr Leids gethan hast, an ihrem Oheim, so sie deß gegen dich eingedenk sein wuerde, daß ihr dann nicht so wohl mit einander leben wuerdet, als es billig waer' und sein sollte.« Damit ward die Heirat bestaetigt, und die Jungfrau Herrn Tristan befohlen, sie seinem Oheim zu bringen. Der Koenig fertigete seine Tochter ab mit so großer Hab' und Reichthum, daß es unsaeglich ist, mit allem, was einer Koenigin zugehoeret' und sie haben sollte. Nicht minder bereitet' auch die Koenigin große Gezierd' und Koestlichkeit ihrer Tochter, um deß willen, daß sie so fern in ein ander Land fahren sollte, da wollte sie ihre Tochter je heimsteuren, daß sie ueber andere ihres Gleichen beruehmet und gepreiset wuerde. Sie machet' auch einen Trank, der billig das unselig Getraenk genennet wird, und befahl den ihrer allerliebsten Jungfrauen einer, mit Namen Brangele, daß sie den Trank sollte verwahren, daß niemand darueber kaeme, noch davon truenke, denn allein Koenig Marchs und die schoene Isalde, so sie die erste Nacht beilaegen; sie sollten auch das Getraenk alles austrinken, daß niemand nichts davon wuerde, denn nur den zweien. Solches gebot sie mit Fleiß zu vollbringen; denn sie haet Sorge, wuerd' es andern Leuten zu Theil, es wuerde nichts Gutes daraus entstehen. Dies Getraenk ward also gemacht: welche zwei das truenken, die mueßten einander also lieb haben, daß eins ohne das andere nicht bleiben noch leben moechte; sie moechten nicht einen Tag sein, sie mueßten einander sehen; so es sich aber also zutruege, daß ihrer eines das andere nur einen Tag nicht saehe, so wuerden sie krank und so lang' ungesund, bis sie einander wieder sehen moechten. Solches geschahe durch Kraft und Wirkung des unseligen Tranks, der mit solcher Meisterschaft getemperiert war, daß die Kraft der großen Liebe also angeheftet ward, daß sich ihrer keines vor vier Jahren davon abziehen mochte; so aber vier Jahr verschienen waeren, so moecht' eines das andere wohl lassen, des Tranks halben. Was wirket aber das natuerliche Feuer der Liebe in so langer Zeit? Ich lass' mich beduenken, wo die Menschen also freundlich in allen lieblichen Gebaerden so lange mit und bei einander wohnen, daß dann das Feuer der Liebe so groß und stark werde, daß es darnach schwerlich zu loeschen sei. Also mag ich auch von diesen zweien liebhabenden Menschen reden. Da nun die Liebe von der Kraft des Getraenks, nach den vier Jahren aufhoerete, war die natuerliche Flamme der Liebe so weit und inbruenstiglich in ihnen beiden mit solcher großen Kraft entzuendet, daß ihnen unmoeglich war, das zu erloeschen: und mußten also ihr Lebtage brennen in der Flamme der starken und unsaeglichen großen Liebe.   Das siebenzehnte Kapitel Wie Herr Tristan die schoene Isalde mit ihm hinweg fuehret', und wie es ihnen auf dem Meer erging. Da nun der Koenig seine Tochter Herr Tristanen vermaehlt und befohlen hatte, ward Urlaub zu fahren genommen, und von dem Koenige, der Koenigin, und allem Hofgesinde gegeben. Also fuhren sie dahin. Herr Tristan haet die Frau in großer Sorg', und macht' ihr ein besonder Gemach in dem Schiff, da sie mit ihren Jungfrauen innen war. Er ging zu dem Schiffmann, und befahl ihm, daß er bald fahren sollte, damit sie nicht lang unterweges laegen. Aber Frau Isalde mochte solches eilendes fahren nicht erleiden, und bat, wo man zu einer Anfahrt kaeme, sollte man anlaenden: das geschahe. Als aber jedermann aus an das Land ging, durch Lust, zu sehen, was auf dem Land waere, ging Herr Tristan zu der Frauen, zu besehen, was ihr waere, oder ob sie lange da mueßten still liegen. Indem begab es sich, daß er mit den Frauen allen reden thaet, saget' ihnen schoene Abentheuer, damit er ihnen die Zeit kuerzet', und lange Weile vertriebe. In diesem Reden thaet ihn sehr duersten. Der Schenke war nicht gegenwaertig, aber ein kleines Jungfraeulein sprach: »Herr, ich weiß wohl Trinken.« Ging damit, da der verflucht' unselige Trank stund, und bracht ihm den. Es wußt' aber nicht anders, denn es waere Wein, wie anderer Wein. So wußte auch Herr Tristan nicht, daß ihm dieser Trunk zu solchen Aengsten und Noethen gerathen sollt', und thaet einen guten Trunk, denn ihn duerstete sehr, und bedaucht' ihn der Wein gut, und gab ihn der Frauen Isalden auch dar. Alsbald sie getrunken hatten, wurden ihre Herzen und all' ihre inwendigen Kraefte verwandelt und in inbruenstiger Liebe entzuendet und so hoch in der Flammen der Liebe entbrennet, daß ihrer jegliches das andere inniglich begehrte lieb zu haben. Sie wußten vor solcher großer, ungestuemer Liebe nicht, wie sie sich halten sollten, und meineten, sie mueßten von ihren Sinnen kommen, sie gaeben sich denn einander zu erkennen. Doch so wußte er von ihr, noch sie von ihm, dieser Geschichte nicht, und meinet' ihrer jedes, es haette diese Noth allein. Jedoch wurden sie beide oft bleich und roth, heiß und kalt, und wurden ihre Gebaerden gar oft verwandelt und viel anders, denn sie vormals gewohnet waren. Was soll ich sagen? Die Liebe ward so groß und ihr Kummer so mannichfaltig, daß ihrer jegliches Sorge hatte, das andere wuerd' es merken: so das geschaehe, moechte kein Versagen noch Verziehen da sein, was eines an das andere begehrete. Als Herr Tristan das in ihm selbst wahrnahm und empfand, schied er traurig und hart krank von der Frauen, welche auch nicht weniger Noth und Schmerzen hatte, denn er. Sie legten sich aber beide also ungegessen und ungeredet zu Bette. Also nun ihrer keines weder essen noch trinken mochte, auch mit niemand reden, sondern mit staeter, emsiger Klag' ihrer jegliches ihm selbst so streng ohn' Aufhoeren anlag, daß ihrer jedes meinet', es wuerde den Tod vom andern haben: und wußte doch ihrer keines des andern Noth. Also lagen sie beide bei vierthalben Tag ungegessen, ungetrunken und ungeschlafen, und wußt' ihrer keines anders, denn es mueßte gewißlich eines nach dem andern sterben, oder aber sich offenbaren. Sie waren beide so gar entzuendet, daß sie nichts anders gedenken konnten, denn nur, wie sich eins dem andern zu erkennen geben und offenbaren moechte. Durch solche große Noth wurden sie ganz entstellet, ihre lichten und wohlgefaerbten Angesichter erbleicht und mißfarbt, und lagen also ohn' alle Kraft und Macht. Als aber Kurnewal und Brangele solche Krankheit und Jammer an ihrer Herrschaft sahen, wurden sie bewegt in großem Mitleiden, und dieweil sie mit einander redeten, gedachte Brangele an das Getraenk, das ihr befohlen ward zu verhueten, ging bald, da sie es behalten hatte, und fand nichts: da erschrak sie von ganzem Herzen und all' ihrem Gemueth, schlug die Haende ob dem Tisch zusammen, und sprach: »O wehe, mein lieber Herr Tristan und meine allerliebste Frau, nun seid ihr beide verloren, es sei denn, daß ihr zusammen kommet!«   Das achtzehnte Kapitel Wie Isalde und Herr Tristan zusammen kamen und der großen Noth ein Theil offenbarten und entbunden wurden Als nun Brangele die Krankheit ihres Herren und ihrer Frauen erfunden haet, ging sie wieder zu Kurnewalen, und sagt' ihm, wie die Krankheit beschaffen waere, und sprach: »Ehe ich deinen Herren und meine Frau also sterben lasse, ehe wag' ich Ehre, Leib und Gut. Kurnewal, thu' du dein Theil, und hilf, daß wir sie zusammen bringen. Ich muß doch zuletzt das Leben darum verlieren; denn ich sollte des Getraenks fleißiger gepflegt haben: dieweil aber das nicht geschehen ist, so muß sein Glueck walten.« Kurnewal sprach: »Also ist auch mir; denn wie und welcher Weise ich dazu helfen mag, bin ich willig und bereit.« Als dieser Rath beschlossen ward, kamen sie abermals an eine Anfuhrt: das war nun an dem vierten Tag. Die Leute gingen von dem Schiff, daß ihrer nicht viel darin blieben. Da sprach Kurnewal zu seinem Herrn: »Herr, gehet zu Frau Isalden, – sie wirret auch, ich weiß nicht, was – ob euere Noth gelindert wuerde, und ob sie auch gern wueßte, wie es um euere Krankheit beschaffen waere.« Solches redete Kurnewal aus Listigkeit und durch Rath der getreuen Brangele. Herr Tristan hub sich auf, und ging zu der Frauen. Als er zu der Thuer kam, haet er nicht so viel Kraefte, daß er fuerbaß mochte. Als sie ihn aber fern sah, begunnte sie zu rufen: »Herr, wohl, kommt bald!« Da er das hoeret', erschrak er, und gedachte: »Ich bin unwerth; sie beut mir diese große Ehre nicht durch Guete: waere ich ihr lieb, sie hieße mich nicht Herr.« Und war ihm die Rede leid. Doch gedacht' er wiederum: »Sie hat es durch große Liebe gethan, und mir damit angezeiget, daß ich ihr vor aller Welt der liebste bin.« Dieser Gedanke gab ihm eine neue Kraft, und er ging zu der Frauen, setzte sich neben sie an ihre Seiten, und ward mit ihr redhaft. Da das sah Kurnewal und Brangele, nahmen sie sich bald ander Geschaeft fuer, und gingen zu der Thuer aus: die zwei blieben aber bei einander. Welches aber am ersten anfing zu reden, ist mir nicht wissend, denn es sagt' ihrer eins dem andern die große Liebe und Freundschaft, so sie zusammen haetten. Ehe sie sich aber schieden, wurden sie beide gesund, und ward vergessen alle Klag', Angst und Noth, so sie vor gehabt hatten. Da sie nun einander ihre Liebe geoeffnet und verkuendet hatten, und je eins von dem andern mit gleicher maß lieb gehabt ward, pflegten sie solcher großen Freuden und Wonne, davon viel zu sagen waere. Es gebar ihnen diese Liebe taeglich neue Lieb' und Freundschaft. Durch solche Liebe ward diese Reis' etwas laenger verzogen, daß sie sich der Lieb' und Begierd' ein wenig desto besser moechten ersaettigen, so lange, bis sie Koenig Marchsen Land sahen. Da besorgten sie das zukuenftige Scheiden und Meiden, und wurden dadurch sehr betruebt; aber die große, inbruenstige Liebe gab ihnen Hoffnung und guten Trost, gingen mit einander zu Rath, wie sie den Koenig betriegen moechten, daß sie doch forthin ihrer Liebe nachgehen und ungeschieden bleiben wollten. Als dieser Rath beschlossen war, ging Isalde zu Brangelen, und redete mit ihr also: »O Brangele, meine allerliebste und getreue Freundin, sage du mir, wie ich meine Sach' anfahen soll, so ich bei dem Koenig soll liegen.« Brangele sagete: »Das weiß ich nicht.« Isalde sprach: »Ach meine Brangele, so erzeige das durch deine Frommkeit, und hilf mir.« Brangele sprach: »Ja, Frau, ich wollte das gern thun, wueßt' ich, welcher Weise.« Da sprach Isalde: »Ach, meine Brangele, meine besondere, liebe und getreue Freundin, ich bitte und begehre, daß du die erste Nacht eine Weile bei dem Koenig liegst: das will ich reichlich um dich verdienen.« Brangele erschrak, und sprach: »Frau, ich hab' euch fern ueber Meer gefolget, und euch je und je getreulichen und unverdrossen gedienet, ich bitt' euch, ihr woellet dasselbige auch bedenken und ansehen, und mich nicht also sehr bekraenken und meiner Ehren entsetzen.« Isalde sprach: »Ach und weh, so verlier' ich meine Ehr'! Nun hast du mir doch selbst gesagt, daß mir solche meine Noth und Unglueck von dem Getraenk entstanden sei, das du solltest bewahrt haben, und das dir allein anbefohlen ist worden. Bist du denn nicht schuldig an meiner so großen Muehseligkeit? So du nun daran schuldig bist, so bist du auch schuldig und gebunden, mir wiederum aus solcher meiner großen Noth zu helfen.« Da Brangele das hoerete, thaet sie inniglichen weinen, und saget': »Es ist leider wahr, diese Schuld kommt von mir, durch mein großes Uebersehen, und ist derhalben billig, daß ich darum leide, was mir zu leiden aufgelegt wird, und will mich ergeben, euch zu helfen: doch wollt' ich mich lieber todt wissen.« Als sie das gelobte, ging Isalde zu Herr Tristanen und sagt' ihm die Geschichte; deß ward er sehr erfreut. Nun waren sie der Stadt Thintariol nicht fern, und haet Tristan fuergeschickt, und dem Koenig entboten, er braechte ihm die Frau, nach der er ausgesandt waere.   Das neunzehente Kapitel Wie Koenig Marchs der Frau entgegen ritt; von ihrer Hochzeit, und wie er die erste Nacht betrogen ward. Der Koenig ritt mit großer Macht, nach dem allerkoestlichsten, mit seiner Ritterschaft entgegen, die Frau zu empfahen. Sie fuhren mit Freuden heim. Die Hochzeit ward groß und zumal herrlich; denn Herr Tristan hatte dem Koenig die Sache laengst durch Boten kund gethan, also, daß er sich vor mit allen Dingen nach Nothdurft dazu geschicket und versehen hatte. Herr Tristan ging zu dem Koenig und sprach: »Herr, die Frau begehret, daß ihr des Landes Sitte mit dem Beiliegen haltet.« Der Koenig fragete, was Landes Sitte sie haette? Herr Tristan sagt' ihm: So sie beilaege die erste Nacht, sollte kein Licht da sein, um daß man sie nicht saehe, bis zu morgens, daß sie wiederum aufstuende. Da sprach der Koenig, daß er ihr solches vergoennet': und hieß seinen Neffen, Herr Tristanen, selbst Kaemmerer sein, daß er auch thaet' und ließe, was die Koenigin begehrete. Herr Tristan war nun Kaemmerer, und stunden alle Geschaeft' in seiner Hand; auch was er forthin thaet gegen die Koenigin, haet er gut Recht, denn der Koenig haet ihn das vor geheißen. Er unterwand sich der Kammer, fuehrete dem Koenig Brangele zu Bett', und lag er bei der Koenigin. Dies war und ist die groeßte Betrieglichkeit, die Herr Tristan je thaet. Doch mag es rechtlich nicht Betrieglichkeit sein, dieweil Herr Tristan solches nicht aus eigenem Muthwillen noch Frevel gethan hat, sondern aus Schickung und Wirkung natuerlicher Kunst. Als nun die Nacht ihren Lauf eines Theils vollbracht hatte, und sich wiederum kehrete gegen Orient, ging Brangele mit betruebtem Herzen und versehrtem Leib und Gemueth von dem Koenig hin zu Isalden, hieß sie aufstehen, und sich zu dem Koenig legen. Dies ward gethan mit unwilligem Muth, und war ihr viel zu fruehe, aufzustehen von Herr Tristanen: bei dem ließ sie ihr Herz und ging mit dem Leib zu dem Koenig. Also ward der Koenig betrogen und die Frau bei Ehren behalten. Es blieb auch Herr Tristan ein ganzes Jahr an dem Hofe, gar unangemeldet und unvermerkt von jederman. Wie groß die Liebe war, so konnten sie es doch beiderseiten hehlen. Er redet' oft zu seinem Diener Kurnewal: »Mich hat Wunder, wie ich solche große Liebe also leiden und gedulden moeg', und der schoenen Isalden nicht staets beiwohnen soll, die doch mein Herz und Gemueth allezeit gar bei ihr hat und regieret, wie sie selber will. Wahrlich, Kurnewal, glaubt mir, ohne Zweifel, sollt' ich sie nur einen Tag nicht sehen, ich wuerde krank; sollt' ich aber zween Tage von ihr sein, so mueßt' ich sterben.« Nun war auch die Frau gleich so sehr verwundet, als er; denn sie hatten beide eine Krankheit.   Das zwanzigste Kapitel Wie die Koenigin ihre getreue Brangele befahl zu toedten, und doch nicht geschah. Nicht lange darnach bedachte die Frau ihr Wesen, Herr Tristans halben, und fiel ihr bei, Brangele moechte solches von ihr sagen und offenbaren, deß sie doch wohl sicher war, und wollte ihr mit dem Tod lohnen. Sie schickte nach zweien armen Gesellen, gab ihnen sechzig Mark Silbers, und weiset' ihnen einen Brunnen in einem Garten, und befahl ihnen bei ihrem Leben, wer mit einem gueldenen Trinkgefaeß zu dem Brunnen kaem', es waere Mann oder Weib, den sollten sie toedten und sollten ihr die Leber zu einem Zeichen bringen. Die zween gelobten der Frauen, das also zu thun, nahmen das Silber, und wurden deß sehr erfreuet. Die Koenigin aber legete sich nieder, und klagete sich sehr; und begehrete von der Brangele deß Wassers aus dem Baumgarten. Die getreue Brangele ward betruebet um ihrer Frauen Krankheit, nahm ein guelden Trinkgefaeß, nach Geheiß ihrer Frauen: sie wußte aber nicht den verborgenen Mord und Untreu' ihrer Frauen, oder daß sie jetzt sterben sollt', und ging zu dem Brunnen. Als sie des Wassers schoepfen wollte, traten die zween herfuer, griffen sie an, und sagten ihr, sie mueßte sterben. Brangele erschrak deß ohne maßen sehr, und sprach: »Ihr Herren, was soll das sein? Was meinet dieses Ding und groß Unbild? Es sei denn das: Da wir von Irland in dieses Koenigreich fahren sollten, da gab uns meine alte Frau, ihre Mutter, zwei weiße Hemden, gleich rein; und sie sollte die erste Nacht in ihrem Hemd bei dem Koenig liegen. Ihr Hemd ward zertrennt und zerbrochen, daß sie es mit Ehren bei dem Koenig nicht mocht' anhaben: da war das meine noch ungetragen, ganz und neu. Sie erbat mich mit großer Bitte, verhieß mir so viel Treu' und Freundschaft, daß ich ihr mein Hemd liehe nur die einige Nacht, daß sie mit Ehren in dem Hemd bei dem Koenig schlafen moechte. Wiewohl ich solches ungern thaet, jedoch bewegete sie mich mit ihrer Bitt' und Verheißung, daß ich es ihr zuletzt lieh. Ich weiß ihr sonst nichts mehr zu entbieten, denn: in derselben ersten Nacht, als sie bei dem Koenig lag, ward mir mein Hemd verwuestet. Dies saget' ihr von mir; denn ich weiß nicht, das ich gehandelt, damit ich den Tod verschuldet haette.« Durch solche ihre Klag' und Unschuld wurden diese zween Maenner in Erbarmung beweget, und redeten zu einander: »Was ginge uns fuer Noth an, daß wir das weiblich Bild ihres Lebens beraubten? Wir moechten es nimmer ueberwinden; ja wir kaemen auch von allen unsern Ehren, wo man solches von uns innen wuerde. Wir wollen uns an ihr nicht beflecken.« Dieweil sie also mit einander redeten, lief ein Hund ungefaehrlich fuer: den ertoedteten sie, und nahmen die Leber von ihm. Mit der ging der eine gar heimlich zu der Koenigin und saget' ihr die Geschichte. Sie hieß ihn großen Dank haben, und fraget', ob ihnen Brangele nichts gesagt haette? Er sprach: »Ja«, hub an, und sagt' ihr von Wort zu Wort, was sie ihr entboten, und was sie geredet haette. Da die Frau nun hoerete, merkt' und verstund die große Lieb' und Treue, so Brangele zu ihr haette, daß sie auch in ihren großen und letzten Noethen nichts geoffenbaret haette, thaet sie sich selbst hassen und feinden, und sprach: »Nun muß es Gott erbarmen, daß ich den Tag je erlebt habe! Was soll ich Arme nun thun, daß ich mich selber also gefaelschet und solchen Mord begangen habe?« Sie ward so gar betruebt und bekuemmert, daß sie ihrer selbst ganz vergaß, und klaget' auch so sehr, daß der Gesell, der die Maehr brachte, gleich still stund, und sah sie mit Wunder an. Als er aber solches großes Leid und Reue an ihr sah, mocht' er sich nicht laenger enthalten, und sprach: »Frau, troestet euer Gemueth: Brangele lebt und ist nicht todt. Ich durfte es vor nicht sagen, denn ich besorget', es waere euch leid; wollet ihr, daß ich sie bringe, so will ich es thun.« Die Frau sprach: »Moechtest du mir sie lebendig wieder bringen, darum verheiße ich dir, dich reich zu machen.« Dieser ward solcher Verheißung froh, ging hinweg, und sagt' es seinem Gesellen. Also nahmen sie Brangelen mit ihnen, und fuehrten sie zu der Koenigin, in ihre Kammer.   Das ein und zwanzigste Kapitel Wie sich Frau Isalde wieder mit Brangelen versuehnet. Als aber Brangele zu der Thuer einging, sprach die Koenigin also zu ihr: »Biß mir willkommen, mein liebes Weib, meine Frau, meine Koenigin, und du meine Gebieterin! Ich falle dir zu Fuß, ich suche deine Fueß', und begehre Gnade von dir um meine große Schuld.« Sie gab ihr so viel freundlicher Wort', und thaet große Verheißung, daß sie des Mords gegen sie vergessen sollte. Durch solches hoch Erbieten ward Brangele gesaenftet, und bat die Frauen, ihr auch zu vergeben, ob sie je etwas gethan haette, das sie sollte vermieden haben. Indem wurden sie beide vor Leid und auch vor Liebe stumm und ungespraechig, fielen unversonnen nieder, und lagen lange, bis sie wieder zu Sinnen kamen. Da stunden sie auf, und versoehneten ihren Neid. Es war dazumal niemand bei ihnen, der ihnen geholfen haette; denn die zween Gesellen gingen gleich hinweg, als sie Brangelen wieder zu der Frauen brachten. Herr Tristan war nicht anheim, da sich diese Sache verlief, sondern er war um Kurzweile mit dem Koenig in den Wald beizen geritten. Alsbald er aber kam, ward ihm die Sache durch Kurnewalen angezeiget. Da ward Tristan sehr leidig und zornig, ging zu der Koenigin, und strafete sie hart mit Worten um ein solch fuergenommen Uebel und Bosheit.   Das zwei und zwanzigste Kapitel Wie Herr Tristan feindlichen gegen den Koenig verklagt ward. Indem begab es sich, daß Herr Tristan sehr verwundet ward, doch ohn' alle Schwert, und geschahe das durch einen Herzogen, mit Namen Auctrat, und vier Grafen die auch an dem Hofe waren. Diese fuenf Maenner fielen in solchen großen Neid und Haß gegen ihn, daß es ohne Maaß war, und um nichts anders, denn daß Herr Tristan so gar tugendlich und frommlich lebet' und zu aller Zeit das Beßte thaet mit mannlicher That und allen Dingen, und darum, daß er jedermann so angenehm, und fuer sie alle fuergezogen und gepreiset ward. Dieser obgenannte Herzog Auctrat war Herr Tristans geborner Freund; denn sie waren zweier leiblichen Schwestern Soehne, so daß er ihn billiger haette lieb gehabt, denn gefeindet. Als er nun staetiglich darauf gedachte, wie er Tristanen verleumden und dahin bringen moechte, daß ihm der Koenig unguenstig wuerde und ihn vom Hof thaete, kehret' er allen Fleiß fuer, ob er irgend eine Ursache haben moechte. Durch solchen seinen Fleiß und Nachforschung erfuhr er zuletzt, daß er, Herr Tristan, die Koenigin lieb haette. Als er das gewahr ward, freuet' er sich in ihm selbst, ging zu seinen Gesellen, beredete sich mit ihnen, dem Koenig diese Geschichte zu offenbaren. So nahm er zu ihm die vier Grafen, seine Mitgesellen in aller Boeslistigkeit und Verwegenheit, ging zu dem Koenig, und sprach: »Herr, ich muß euch ein Ding sagen, das mir doch zu schwer ist. Jedoch, daß ihr mich nicht verdenket, daß ich's aus Ungunst thue, so wissen es ihrer vier also wohl, als ich; Tristan hat euch gehoehnet, ist euern Ehren faehrlich, und buhlet euer Weib; darum soll er billig sein Leben verlieren; denn der Schanden ist gar zu viel, die er euch taeglich thut, und mehret sich von Tag zu Tag.« Hierauf antwortete der Koenig: »Schweiget, und lasset mich solche Rede nimmermehr hoeren; ihr gleichet euch selbst den Todten, daß ihr dem draeuet, den ich lieb habe und Gutes goenne. Tristan soll vor euch wohl genesen, wie ihr ihn neidet. Mit diesen Worten schied der Koenig von ihnen ab, zornig und unmuthig, und wollte nun zu Ruhe gehen: Ach Wehe! da fand er Tristanen vor dem Bette stehen, die Koenigin in seinem Arm ganz freundlich umfangen, und sah, daß er sie kuessete. Da erschrak er ohne maßen sehr, und hub jetzt an Tristanen zu feinden, und sprach in großem Zorn: »Tristan, das ist eine boese Freundschaft und ist ein Laster, das dir und mir zu viel wird; denn wo ich nicht mehr bedaechte, was mir meiner Ehren halb zu thun waere, du kaemest mit gesundem Leib keinem Mann mehr zu seinem Weib. Ich wollt' es nie glauben, wie viel und oft man mir das saget: O, wollte Gott, daß ich ihnen gefolget haette! Ich hab' aber nicht gedacht, daß du so ein untreuer Mann gewesen seiest. Bald hinweg ab meinem Hof, und danke Gott, daß ich dir dein Leben lasse!« Hiemit schied Tristan ab, traurig und mit klaeglicher Noth. O des sehnlichen behenden Scheidens, so da geschah, da sich die zwei Liebhabenden ungesprochen mußten scheiden! Herr Tristan ging in seine Herberge. Als er bedachte, daß er das Land raeumen sollt', und nicht zuvor Urlaub nehmen von seiner Allerliebsten, und sollt' ihrer forthin ganz beraubet und von ihr geschieden sein, wollte ihm sein Herz zerbrechen; ihm ward auch so wehe, daß er meinet', er mueßte gewißlich sterben. Deßgleichen war auch der Koenigin; die litt wohl zweifaeltige Noth. Herr Tristan war ihr also lieb und zu Herzen gebunden, daß sie nichts anders begehrte noch gedachte, denn an ihn; und darum waere sie gar viel lieber todt gewesen, denn daß sie ohn' ihn sollte leben. Und kurz zu sagen, sie wurden beide krank, und lagen in großer schwerer Sucht. Es getrauet' auch ihrer keines zu genesen ohne des andern Beiwohnen. Dem Koenig ward gesaget, wie Herr Tristan krank waere. Der Koenig sprach: »Das bekuemmert mich nicht; denn er hat ungetreulich an mir gethan, darum lasse ich's ein Ding sein.« O Brangele, getreue Helferin, gib Rath und thue Huelfe, damit sie zusammen kommen, und nicht so jaemmerlich in ihren Noethen verderben! – Brangele hub sich auf, und ging heimlich zu Herr Tristanen, als sie denn vormals oft gethan hatte. Als sie darkam ruehrete sie die Thuer gar leise. Kurnewal ging herfuer, und ließ sie hinein. Herr Tristan, der kranke Mann, empfing sie, und fragete, wie sich die Koenigin gehueb', und wie es ihr ging? Brangele saget' ihm: »Sie gehabt sich recht uebel, doch um eurentwillen, denn moechte sie euch sehen und mit euch reden, und wuerde an den boesen laesterlichen Neidern gerochen, so gebraech' ihr nichts mehr. Scheidet ihr aber also von hinnen, so stirbet sie gewißlich.« Da sprach er: »Sage meiner Frauen, ich wolle sie sehen, und wolle solches durch niemands Draeuen noch Furcht vermeiden. Will sie nun zu mir gehen, so heiße sie in ihrer Kammer warten, bis sie den Spahn, daran ein Kreuz gemalet ist, siehet daher rinnen durch ihre Kammer: so soll sie kommen in den Baumgarten; daselbst wird sie mich finden bei dem Brunnen des Flusses, so durch ihre Kammer fleusset. Das sage meiner lieben Frauen.« Brangele nahm Urlaub, ging hinweg, und bracht' ihrer Frauen liebe Maehre, davon sie bald gesund ward.   Das drei und zwanzigste Kapitel Wie Herr Tristan und die Koenigin zusammen kamen des Nachts in dem Baumgarten. Um die Losung hatte es eine solche Gestalt: Es war ein schoener Baumgarten, gleich an der Koenigin Kammer, darin entsprang ein Brunnen, darob stund eine große Linde. Derselbige Brunnen haet seinen Fluß gerichts durch der Frauen Schlafkammer, und wenn sie nicht redhaft mit einander werden mochten, so ging Herr Tristan zu dem Brunnen, brach der Blaetter von der Linden, darauf leget' er den Spahn mit dem gemalten Kreuz, das floß dann durch der Frauen Kammer, die thaet solcher Botschaft bei dem Fluß warten. Als nun die Losung gegeben ward, kamen sie zusammen, ehe es Mitternacht war: da ward abermals ein Theil ihrer großen Noth gesaenftiget. Sie blieben da, als lange die Zeit verhaenget'; es war aber gar eine kurze Zeit, die ihnen verliehen ward, nach ihrem Begehren zu rechnen. Sie wurden deß beide frisch und gesund, ehe sie sich schieden, und ward vergessen aller vorigen Klage, so sie gehabt hatten. Darnach kamen sie durch solche ihre Losung zusammen als oft sie geluestet', ungeirret aller Neider und Aufseher. Zu morgens lag Herr Tristan dennoch, als ob er krank waere, und sagt' es niemand, welchen Arzt er gehabt haet, und klagete sich so hart, als ob er todt krank waere. Er ging aber nichts desto weniger zu der Frauen, so es die Zeit begab. Damit wurden den neidischen Aufsehern die Augen verhalten, daß sie noch nicht fuer wahr wußten, wie ihm war, und redeten mit einander: »Tristan hat meine gnaedige Frauen lieb.« Einer sprach: »Ja.« Der andere: »Nein.« Der dritte sprach: »Ich zweifele daran; doch wollt' ich gern die Wahrheit wissen.« Auctrat, ein Fuerst der Boeslistigkeit, der sprach: »Das will ich uns wohl erfahren. Es ist ein Zwerglein nicht fern von hinnen, das kann kuenftige Ding' an dem Gestirn sehen; wir wollen demselben so viel Guts geben, daß es uns die Wahrheit sage.« Der Rath gefiel ihnen allen wohl, und wurben um das Maennlein. Der boese Volland, das Zwerglein, begunnt' an das Gestirn zu sehen, und sprach: »Meine gnaedige Frau hat Tristanen lieb, und will mein Herr, der Koenig, ich lass' es ihn selbst sehen, daß ich wahr sage. Herr Tristan ist faelschlich krank; befindet sich das anders, so heißet mein Haupt abschlagen.« Mit den Worten brachten sie das verfluchte Maennlein fuer den Koenig, und sagten ihm die Geschichte. Das kleine Boeswichtlein sprach zum Koenig: »Herr, wollt ihr die Sache selbst befinden, so reitet mit dem Hofgesinde in den Wald jagen, und saget meiner gnaedigen Frauen, ihr woellet sieben Nacht außen sein: so laesset sie es nicht, sie sagt das Herr Tristanen; der wird dann zuhand gesund und bald so kuehn, daß er keiner Furcht nicht achtet, und gehet zu der Frauen. So es denn Nacht wird, so lasset das Hofgesind' an den Enden, und gehet ihr mit mir: da werdet ihr sehen, wie die Sach' um sie beide gestalt ist.« Der Koenig thaet das alles nach Geheiß des schnoeden Maennleins. Als die Nacht kam, stiegen sie auf die Linde, die ob dem Brunnen war. Der Mond schien dieselbe Nacht hell, daß sie wohl mochten sehen alles, das da geschah. Sie stunden nicht lang auf dem Baum: Herr Tristan ging daher, brach der Blaetter von dem Baum, legte den Spahn mit dem gemalten Kreuz darauf, und warf das in den Brunnen. Als er dieses gethan hatte, sah er den Schein von den zweien Mannen ob ihm in dem Brunnen; deß erschrak er zumal hart, und gedachte: Es ist kein Zweifel, nun muß ich sterben. O, wueßte meine Frau die Koenigin diese Hut, die uns gethan ist! O, daß du nicht her kaemest! denn deine Noth gehet mir mehr zu Herzen, als mein selbst Sterben. Doch saß er stille, ließ sich gar nichts merken, und sah auch nicht ueber sich. Die Koenigin aber haet mit Fleiß der Losung gewartet; und als sie die fand, ging sie eilend zu ihrem allerliebsten Liebhaber. Herr Tristan stund nicht auf, als die Koenigin das von ihm gewohnet war, und winket' ihr heimlich, als viel er mochte. Die Koenigin gedachte: Ach, reicher Gott, was ist diesem Juengling, daß er nicht aufstehet und gegen mich gehet, als er vor gethan hat? Indem merkete sie das Winken, und stund bei dem Brunnen still: da sah sie den Schatten von denen, die auf der Linden aufsahen. Sie ließ sich nichts merken und stellete sich, als ob sie die nicht wueßte; da ließ die Frau ihre Weisheit scheinen, und sprach mit großen Listen: »Warum soll ich her zu dir, oder was begehrest du?« Er antwortet', und sprach: »Frau, da bitte ich, daß ihr mir helfet um meines Herren Hulde, daß er mich an seinem Hofe bleiben lasse, in solcher maßen, als vor; angesehen die große Unschuld, so ihr denn selbst wohl wißt, und daß sich die Sachen ungefaehrlich und ohn' Uebel verhandelt haben.« Sie sprach: »Du sollt wissen, daß ich dir nicht dazu helfe noch rathe, und auch recht gern sehe, daß dir dein Herr feind ist; denn ich bin von deinetwegen in ein Gerede kommen, ohn' alle Schuld. Da sprach Herr Tristan: »So muß ich von hinnen reiten. Wie wenig mein Herr das klage, doch weiß ich, daß er den Schaden nimmer ueberwindet, so ich mit Unwillen aus seinem Lande reite: mein wird vielleicht etwann Rath, ich komme auch, da man mir's wohl erbeut, und da mich andere Leut' auch ehren, lieb und werth haben. Mit diesen Worten ging die Frau hinweg, wieder in ihr Gemach. Herr Tristan stund auch auf; und sprach: »Nun muß Gott erbarmen und geklagt sein das große Unrecht, das mein lieber Herr an mir thut!« Und ging damit zu seiner Herberge. Als er aus dem Baumgarten kam, mochte sich der Koenig nicht laenger enthalten, zog sein Schwert aus und wollte das Zwerglein erstochen haben: da fiel es von dem Baum, und kam leider davon.   Das vier und zwanzigste Kapitel Wie der Koenig die Koenigin und Brangelen sehr bat, daß sie Herr Tristanen wieder an Hof braechten. Der Koenig erwartete des Tages kaum. Als es Tag war, ging der Koenig zu der Frauen, bat sie fleißiglichen, daß sie ihm sagete, was sie mit Herr Tristanen in dieser vergangenen Nacht geredet hatte? Sie sprach: »Lieber Herr, ihr moechtet mich dieser Rede wohl ueberheben; ich sah ihn in zwoelf Tagen nie, und will ihn auch forthin nimmermehr sehen, es geschehe denn ohne Dank: mir ist wohl so viel Unmuts und Leids von seinetwegen entstanden.« Der Herr sprach: »Frau, du sahest ihn fuerwahr hint' in dieser Nacht, und ich war auf dem Baum, darunter ihr miteinander redetet und einander sahet, da hoeret ich euer beider Rede: das lasse dich nicht betrueben, meine Fraue, und helfe mir durch deine Frommkeit, daß Herr Tristan hie bei mir bleibe; ich will ihm unterthaenig machen alles, das ich habe, deß soll er gewaltig sein.« Die Frau sprach: »Um den kuehnen Helden helfe ich euch nicht; denn hinte, da ich ihn sah, schieden wir mit Zorn; ich bitt' auch ihn darum nicht; denn mir ist lieber, er werde vertrieben, denn es moechte vielleicht dazu kommen, daß ihn euere Diener aus Neid abermals verluegen moechten, als sie vorhin gethan haben; so wuerde meine Schmach dadurch gemehret und so viel groeßer. Der Koenig sprach: »Du darfest ihm wohl zusprechen, und ich gebe dir ganze Gewalt, und sollt ihn nicht vermeiden; und gebe dir dann auch noch mehr: daß Tristan heimlich und bei dir sei, als oft und wie dich geluestet. Da er dich kuessete, das nahm ich fuer anders, denn ich sollt', und zuernete zu sehr darum: das soll mir nimmermehr geschehen; denn ihr habt mir beide erscheinet und beweiset, daß ihr unschuldig seid, mich mit Treuen meinet, und solches von meiner Liebe wegen gethan habt. Darum bitt' ich dich fleißig, daß du helfest und rathest, daß Tristan bei mir bleibe.« Hierauf antwortete die Frau: »Ich bitte ihn in keinem Wege darum; wollt ihr ihn aber wiederhaben, so bittet Brangelen, daß sie durch euere Liebe euch wieder um den Helden werbe: ich meine aber, sie thue es gleich so ungern, als ich.« Der Koenig bat und vermahnete Brangelen auch sehr, daß sie durch all ihre Guete beholfen waere, damit Tristan bliebe. Der Koenig war sehr betruebet, bat Brangelen mit großer Bitte, verhieß ihr zu geben großes Gut, daß sie Fleiß thaet', ob sie den Held am Hofe behalten moecht', und hieß ihm sagen, alles, das er ihm zu leid gethan haette, wollte er ihm schoen ergetzen; er sollt' auch sein Bette heißen setzen in der Koenigin Schlafkammer, daß er forthin frueh und spat mit der Koenigin sein moecht' ohne maenniglichs Irrung. Brangele saß auf, ritt in die Stadt, in Herr Tristans Herberge, und saget' ihm diese Botschaft, die er gar guetlich aufnahm; sie mochte ihm deß auch gar leicht erbieten, das er gern thaet. Sie ritt wieder hinweg, sagete dem Koenig, wie sie ihn ueberredet haette mit großer Muehe und Bitt', und wie gar ungern er das gethan haette. Also trieben sie mit Listen zusammen, daß Herr Tristan wieder an den Hof kam. Als nun Herr Tristan wieder zu Hulden und Freundschaft kam, hieß er Kurnewalen sein Bette tragen und setzen in der Frauen Kammer, nach Geheiß und Geschaeft des Koenigs, und mochte nun wohl mit Freuden verschmerzen, was ihn durch Neiden zu Leid geschehen war; denn er mochte nun bei und mit der Koenigin sein, nach allem Willen und ihrer beider Begierde. Dies waehret' auch etwann eine gute Zeit, daß sie keiner Freude mangelten; und obschon etwas von den Neidern geredet ward unter ihnen selbst, so durften sie es doch nicht fuer den Koenig bringen. Einsmals begab sich's, daß Thinas, des Koeniges Truchseß und Herr Tristans allerbeßter Gesell, ritt auf die Jagd zu demselben Walde, da fand er das leidige Zwerglein. Als er das sah, fraget' er, was er in diesem Walde thaete? Das Betriegerlein klaget', es haette des Koenigs Huld verloren; es saget' aber nicht, warum. So wußte auch nicht Thinas die Geschichten, so sich verhandelt hatten, und sprach: »Ich will dir meines Herren Zorn legen.« Haette er aber die Schuld des schalkhaftigen Maennleins gewußt, er haette es mit seiner eigenen Hand gehenket. Das war ihm leider verborgen und unwissend; darum fuehret er das Boeswichtlein mit ihm, und bracht' es wieder in des Koenigs Huld. In dieser Zeit begab es sich, daß die Neider großen Verdruß daran hatten, daß Herr Tristan so lange in Gnaden war, und ihm alle Dinge so ganz nach seinem Willen ergingen. Auctrat thaet abermals mit dem Maennlein reden, und schwur bei seinem Haupt, wo es ihnen die Wahrheit nicht gesagt haette, so mueßt' es sterben. Satanas redet' abermals aus dem verfluchten Zwerglein, und sprach: »Von welchen Listen das geschehen sei, daß wir die Wahrheit nicht finden koennen, das weiß ich nicht: aber daß Tristan die Koenigin lieb hat, daß weiß ich gewißlich; und wenn mir mein Herr, der Koenig, folgen wollt', ich wollt' ihm weisen, daß er nimmermehr moechte betrogen werden. Aber er ist mir nicht mehr so guenstig, als vorhin, und vertrauet mir nichts mehr.«   Das fuenf und zwanzigste Kapitel Wie Herr Tristan abermals verrathen und bei der Koenigin in der Kammer verhuetet und gefangen ward. Als nun die Neider solche Rede von dem Zwerglein gehoeret hatten, gingen sie abermals zu dem Koenige, und sagten ihm so viel vor, mit Unwahrheit und mit Wahrheit, bis sie ihn dazu brachten, daß er sich deß verwilliget', und sprach: »Ich will es abermals versuchen: ist's aber, daß er unschuldig ist, deß ich Gott getraue, Gesell Zwerge, so mußt du in dem Feuer verbrennen.« Das ungeheuer Zwerglein sprach: »Herr, wo das nicht also sei, als ich sage, so leide ich, was mir darum geschieht. Denn wollt ihr mir folgen, so saget zu Tristanen, er solle euch eine Reise thun, dazu euch niemand so tauglich sei, als er, und habe nicht laenger Verzug, denn auf morgen; er werde auch nicht laenger, denn sieben Nacht außen sein; bietet ihm eures Dienstes und Gute: so mag er nicht lassen, er muß die Koenigin sehen noch hint' in dieser Nacht, ehe er von dannen scheidet; so will ich mit weißem Mehl den Estrich zwischen der zweier Bette bestreuen, und so er darein tritt, so mag er nimmer laeugnen, noch uns mit keiner List betriegen. Auch will ich unter dem Bette verborgen sein, und so ich ihn dann hoere gehen, will ich euch wecken. Vor allen Dingen sollt ihr hundert Mann haben vor der Thuer; denn Herr Tristan ist freudig und stark; sonderlich sollt ihr auch die Thuer niemandem befehlen, denn Auctrat und seinen Gesellen: ihr gewinnet dennoch alle zu schaffen, ehe ihr den Helden fahet. So er aber die Koenigin hinte vermeidet und nicht zu ihr gehet, so heißet mir mein Haupt abschlagen.« Als nun der Rath beschlossen und Tristan verrathen war, sprach der Koenig zu Auctrat und seinen Gesellen, daß sie der Thuer pflegen sollten, und bestellten die andern auch, der sie bedurften. Als es nun schier Nacht ward, redete der Koenig zu Herr Tristanen und bat ihn mit großer Bitte, zu Koenig Artus zu reiten, und so er wiederkaeme, wollte er ihn forthin ungemuehet lassen; und sprach: »Lieber Neffe, morgen, so es allererst taget, so sollst du auf sein, und mir sagen, so will ich dir die Botschaft befehlen.« Herr Tristan verwilligete sich, die Sach' auszurichten; er wußt' aber leider den verborgnen Mord nicht, der ihm da zugerichtet war, und sprach: »Herr ich thue das gern; wohin ihr mich schicket, und wo ich euer Frommen schaffen mag, ist es mir nicht zu fern, und sollt' ich auch zu Fuß dargehen.« Als sie nun alle zu Bette waren, und die Neider ihres Amts auch warteten, gedachte Herr Tristan an sein Hinwegreiten, und wollte die Koenigin sehen, und von ihr Urlaub nehmen: da sah er, daß der Estrich mit Mehl bestreuet war. Er gedachte: Was haben sie gesaeet? Fuerwahr, es hilft alle ihre Hut nicht, ich will meine Frau sehen, was mir halt darum geschieht. Indem wollt' er zu der Frauen Bette gehen; seine Listigkeit lehret' ihn aber einen andern Sinn, wie er sollte von einem Bett' in das andere springen; als er auch thaet, und sprang also sehr, daß sich seiner vor geheilten Wunden eine wiederum aufriß, und ward die Koenigin mitsammt ihm voll Bluts. Da rufete der Teufel mit lauter Stimm' aus dem Zwerglein (das ihm Gott nimmermehr helfe!): »Wohl auf, Herr, nun moeget ihr Tristanen fahen, er ist jetzt bei der Koenigin!« Herr Tristan waere dem Tod gern entflohen, und sprang wieder in sein Bett', aber mit dem einen Fuß sprang er zu niedrig und trat in das Mehl. Der Koenig und die Seinen waren bald auf, fingen Herr Tristanen und banden ihm seine Haende laesterlichen auf den Ruecken, als einem Dieb und schaendlichen Mann. Solches aber war jedermann an dem Hof leid, ohn' Auctrat und seinen Gesellen. Der Koenig ward dieser Geschichte zumal sehr betruebet, und fing einen solchen grimmen Zorn wider Tristanen und die Frauen, daß er vor Zorn und auch vor Leid nicht wußte, was Tods er ihnen beiden anthun sollte, daß man auch forthin in aller Welt davon sagen moechte. Hierauf fraget' er seine Raethe, welches Tods sie sterben sollten, der ihnen auch am allerunehrlichsten waere? Auctrat, ein Fuerst aller Bosheit und des Lasters, sprang herfuer, gab das erste Urtheil, und verurtheilte Herr Tristanen auf ein Rad, als einen Moerder, das er doch nicht war, und die Koenigin sollte man verbrennen auf einer Huerden, damit sollte sie bueßen den Mord, so sie gethan haette. Dem Koenig war die Nacht sehr lang, und er wartete kaum, bis der Tag kam, daran er diesen Dingen ein Ende machet', als ihm gerathen war. Als der Tag kam, ließ er Wehe! schreien, in all seinem Land, und was man fuer Leute daheim fuende, daß sie alle zu Gericht sollten kommen; ihnen ward aber angezeiget, warum das Recht sein wuerde.   Das sechs und zwanzigste Kapitel Wie Herr Tristan und die Koenigin zu dem Tode verurtheilet werden. Darnach, als es noch frueh war, ritt der Koenig aus der Stadt, an das Gericht zu sitzen, vor allermaenniglichen Angesicht, und war vor Zorn und auch vor Leid verwundet und nahe ganz unsinnig, also, daß ihn niemand etwas bitten durfte. Nun waren diese Dinge dem getreuen Truchseß, Herzog Thinas, verhalten gewesen, und hatt' auch nichts darum gewußt; denn haett' er es gewußt, es waere hiezu nicht kommen; denn er hatte Tristanen also lieb, als seinen eigenen Leib. Als nun diese Sachen offenbar waren, und Thinas auch zu dem Gericht wollte, nicht um Urtheilens willen, sondern, ob er ihnen beiden davon helfen moechte, ging er zu dem Koenig, fiel ihm zu Fuß, und bat bittlich und mit großer Bitt' und Fleiß. Der Koenig ward durch solche Bitt' und Anstrengung noch mehr erhitziget und erzuernet in dem Zorn, und brannte gleich als eine Flamme, und saget' ihm zu, daß keine andere Gnade da waere, denn daß sie sterben mueßten. Als der fromme Herzog Thinas sahe den großen Ernst und brennenden Zorn, durft' er nicht fuerbaß mehr reden, und schied da ab von dem Koenig, ganz betruebet, mit großem Herzenleid: ihm moechte sein Herz zerbrochen sein, da er Tristanen nicht erledigen mochte. Er kehrete mit Jammer von dannen. Solche Geschichte war allen frommen Menschen leid, und hatten ein Mitleiden mit ihnen.   Das sieben und zwanzigste Kapitel Wie Herr Tristan ausgefuehret ward, daß man ihn sollte richten, und er in eine Kapelle begehrete, Gott seine Suenden zu klagen. Da nun Thinas also traurig und betruebet dannen ritt, fuehrete man Tristanen gegen ihn, mit gebundenen Haenden auf seinem Ruecken, als einen Dieb und Ueberthaeter: viel große Menge des Volks folgeten ihm nach. Als Thinas das sah, thaet er herzlich weinen, und schnitt ihm die Band' entzwei, und gebot denen, die ihn fuehrten, daß sie ihn ungebunden ließen, denn so er das Recht erhielte, moecht' ihnen das zu nutz kommen. Als er die Worte redete, kuesset' ihn Tristan mit weinenden Augen; denn er weinet' innerlich mit dem Herzen und Augen und stelleten sich beide so gar klaeglich, daß der mehrer Theil des Volks mit ihnen weinete. Die Herren, die Tristans pflagen, sie waren auch alle betruebet durch diese große Klage, so die zween Maenner fuehreten, und thaeten mit ihnen weinen. Also fuehreten sie ihn fuer eine Kapelle. Tristan bat sie fleißig, daß sie ihn ließen in die Kapelle gehen, und sie dieweil hie außen blieben, bis er sein Gebet vollbraecht' und Gott dem Herren seine Suende beichtete. Da sprachen sie: »Was schadet es uns, daß wir seinen Willen thun? denn deß wird leicht gut Rath: die Kapelle hat nur eine kleine Thuer, der wir gar leichtlich hueten; so gehet an der andern Seiten die See mit wilder Flut an der Mauer hin, also, daß er uns nicht entrinnen mag.« Also ließen sie ihn in die Kapelle gehen. Als Herr Tristan in die Kapelle kam, schloß er die Thuer gar wohl zu, und rufte zu Gott dem allmaechtigen und seiner werthen Mutter um Huelf und Gnade, daß sie ihm sein Leben fristeten; und stieg damit zu dem Fenster, brach es auf, und drang so hart, bis er sich doch zuletzt hindurch drang: er sprang in die See, und schwamm aus an das Lande und kam davon; er lief bei dem Wasser zu Thal und sah, oft hinter sich, ob ihm jemand nachliefe. Indem war Kurnewal, sein getreuer und liebster Diener, von großem, herzlichem Leid gar nahe ganz unsinnig worden, jedoch ritt er aus der Stadt, fuehrete seines Herren Pferd, schoen gesattelt, und sein Schwert mit ihm, auf Meinung, ob Gott seinem Herren davon huelfe. Er gedacht' auch in ihm selbst: »Mein Herr ist listig, und findet etwann Wege, dadurch er davon kommet.« Also ritt er nicht fern: er sah seinen Herrn, und sie erkannten beide von Stund' an einander. Kurnewal ritt eilends dar, brachte seinen Herren auf sein Pferd, und sie wurden ihres Zusammkommens zumal hoch erfreuet. Herr Tristan guertete sein Schwert um sich, und stellete sich zur Wehr, ob ihm jemand nachreiten wuerde, daß sie zum Streit bereit waeren. Kurnewal sprach: »Herr, was mag uns nun gefaehrden? Wir wollen uns von hinnen machen; denn ich weiß wohl, alsbald der Koenig erfaehret, daß ihr entlaufen seid, so wird großes Nachsuchen werden.« Hierauf sprach Herr Tristan: »Ich will meinen Leib nicht von hinnen bringen, es sei denn, daß ich die Koenigin auch davon bringe, oder will den Tod mit ihr leiden.« Also ritt er in einen dicken Busch, besteckete sich und sein Pferd allenthalben mit Laub und Blaettern von den Baeumen, mit solcher Listigkeit, obschon der Koenig selbst fuer ihn gehen sollte, so waere er ihm so unbekannt gewesen, und ritt so nahe zu dem Gericht, daß er wohl sehen mochte, was da geschahe: man mochte ihn aber nicht sehen vor der Dicke des Laubs und auch des Busches, damit er besteckt war. Die aber, so vor der Kapellen stunden, verlangete hart, da Tristan seinem Gebet so lange machte, und sagete je einer zu dem andern, sie sollten ihn herfuer fordern. Da sprang einer zu der Thuer, laut rufend: »Ihr muesset noch heut' euer Gebet lassen! Was ist's, daß wir so lang hie stehen? Es ist eine große Unmuße, und muß jedoch sein.« Es gab ihm aber niemand Antwort. Da wurden sie zornig, stießen die Thuer auf, und wollten ihren Muthwillen an ihm raechen. Da sie ihn nicht funden, kamen sie zu dem Koenige, und sagten, daß Tristan entlaufen waere. Der Koenig sprang vor großem Zorn und Leid auf, und sprach: »Wohlauf, Freund' und Mann, und helft ihn suchen! Wer ihn bringt, dem will ich so viel Schatzes geben, daß er ihm nimmer zerrinnt.« Durch solches Geheiß waren ihrer viel, die sich bald bereiteten, ihn zu suchen, ob sie ihn irgends finden moechten. Es war auch solches Suchen etlichen leid, dieselben suchten mit Unwillen und Unfleiß; ihnen war auch lieber sein Entkommen, denn daß sie ihn funden haetten. Der leidige Auctrat suchet' ihm auch nach, aber er kehrete bald wieder um; denn er furchte, fuende er Herr Tristanen, so wuerde er solche Pfand von ihm nehmen, die er nimmermehr ueberwinden moechte: darum war ihm viel lieber, er fuende ihn nicht. Als nun die Suchenden wiederkamen, und nichts funden, ward der Koenig betruebet, und wollte seinen brennenden Zorn an der Frauen erkuehlen, und draeuet' ihr sehr mit freventlichen Worten, er wollte ihre Liebe zerstoehren und ihr den Mord vergelten, so sie gethan haette. Und hieß sie damit hinfuehren, daß man sie verbrennet' auf einer Huerde.   Das acht und zwanzigste Kapitel Wie der Koenig einem aussaetzigen Mann die Koenigin gab, der sollte sie seinen Gesellen heim fuehren, sie zu toedten. Als man die Frau jetzt hinfuehrete, kam mit großer Eil' ein Herzog, der war aussaetzig, und rufete dem Koenig mit großer Bitte, daß er vernehmen wollte, warum er darkommen waere. Der Koenig hieß ihn reden; da sagete der Sieche: »Herr, ich hoere, die Koenigin muß sterben, und ihr wollt ihr gern einen laesterlichen Tod anthun. Nun beduenket mich, so sie verbrennet werde, so sterbe sie ohne Laster, denn ihr seid so reich und gewaltig, ihr moeget sie henken oder verbrennen, wie ihr wollet. Ich will euch aber einen Tod nennen, erstuerbe sie deß, so waer' ihr Laster tausendfaeltig mehr, denn, so ihr sie hie ertoedtet.« Der Koenig bat, daß er ihm sagte, was Tods das waere? Der sieche Herzog antwortete: »Herr, ihr sollt mir die Frauen geben, so will ich ihr das Leben nehmen mit einem bitterlichen und laesterlichen Sterben, denn je kein Mann erhoeret hat, und sage euch recht wie: ich will sie meinen Siechen bringen, der habe ich bei hundert oder etwas mehr, die muessen alle nach einander mit ihr zu schaffen haben und Unkeuschheit mit ihr pflegen; das kann und mag sie mit lebendigem Leib nicht erleiden, noch davon kommen, ob sie gleich zehen Frauen Staerke haette: das ist einer Koenigin der allerschmaehlichste und unehrlichste Tod, als er vor je erhoeret ist.« Der Koenig sprach: »Ihr habt wahr gesagt: wer thut mir aber Sicherheit, daß ihr sie also toedtet, als ihr geredet habt?« Der Herr antwortet': »Ich verheiße euch das so theuer, als ich immer soll: so ich die Frauen bei Leben lasse, daß ihr mich und meiner Soehn' einen heißet henken, oder sonst ertoedten, wie ihr wollet, und alle meine Siechen dazu.« Auf solche Geluebde gab ihm der Koenig die Frauen, und vermeinet', er haette sich gar wohl an ihr gerochen. Der sieche Herzog aber ward sehr froh, daß er eine solche schoene Frauen mit so leichter Bitt' erworben haette; er nahm sie fuer sich auf sein Pferd und ritt damit hinweg.   Das neun und zwanzigste Kapitel Wie Herr Tristan dem aussaetzigen Herzog die Koenigin nahm und mit ihr davon kam. Des aussaetzigen Herren Weg lag gleich, daß er fuer Herr Tristanen reiten mußte. Kurnewal erkannte die schoene Isalde, oder die Koenigin von ferne, und sprach: »Ich sehe meine Frau dorther fuehren.« Da das Herr Tristan gewahr ward, klaget er mit ganzem Herzen, daß ein unreiner, aussaetziger Mann mit seiner Hand den reinen Leib beruehren sollt', und ward dadurch zu grimmigem Zorn beweget, und verritt diesem den Weg. Als er nun gar nahe neben ihn kam, nahmen sie die Pferde gar freventlich unter die Sporen, und vermeineten sich an ihm zu raechen; als sie auch thaeten. Mit großem grimmigem Zorn hauet' er den Herzogen, der die Frauen fuehrete, in mitten von einander, daß das Obertheil des Leibes todt zu der Erden fiel; danach schlug er unter die anderen Siechen, er und Kurneval, daß nicht mehr, denn einer davon kam. Hiemit nahm er die Koenigin, seine allerliebste Fraue, gar freundlich in seinen Arm, und umfing sie gar lieblich und freundlichen, daß ich davon nicht sagen kann. Doch hatten sie keine Zeit da zu bleiben, sondern mit sehr schneller Flucht eileten sie von dannen, und kamen in einen großen Wald. Der Sieche aber, der genesen und davon kommen war, kam zu dem Koenig, saget' und klagete ihm, daß sein Herr und die andern alle erschlagen waeren, und die Frau genommen und weggefuehret, und daß Herr Tristan das gethan haette. Da der Koenig das hoerete, da stellet er sich so gar zorniglichen, daß es ein Wunder ist zu sagen, und bat alle seine Freund' und Ritterschaft, daß sie wollten auf sein und nachsuchen. Als sie nun fern und nahe allenthalben in dem Lande gesuchet hatten, und doch nicht funden, kamen sie wieder zu dem Koenige; der fragete zu Stund', ob etwann einer unter ihnen allen waere, der Tristanen gesehen haette? Sie antworteten alle: Nein, und wueßten ihn auch nirgends mehr zu suchen. Das klagete der Koenig so sehr und hoch. Dieweil er also zornig und wuethend hin und her ging, sahe er einen Bracken angebunden, und aus der maßen sehr zappeln und wuethen. Der Bracke hieß Uctant, den hatte Herr Tristan gar lieb, fuer alle andere Hunde; denn er war sein und er hatte ihn erzogen. Der Koenig fraget' einen Knaben, weß der Hund waere, der also frischlich und ernstlich zappelte? Der Knabe saget' ihm, es waere Tristans Birschbracke. Zuhand gebot er dem Knaben, daß er den Hund henken sollte, wo er ihn aber leben ließe, so wollt' er ihm die Augen lassen ausstechen. Dieser Knabe nahm den Bracken und ritt mit ihm von dem Wege. Es war ihm aber inniglichen leid, daß er ihn ertoedten sollt', und setzet sich fuer, er wollte sich ehe des Landes verzeihen, ehe er den Hund ertoedten wollte; denn er hatte Herr Tristanen sehr lieb; er ließ den Bracken laufen, wo er wollt', und er ritt heim. Der Bracke Uctant lief nach der Spur seines Herrn und kam gerichts in den Wald, darinnen Tristan war. Der hoerete den Hund von ferne bellen und nachjagen; da erschrak er ohne maßen sehr, und sprach zu Kurnewal: »Nun muessen wir sterben; denn ich hoere meinen Bracken, mit dem faehret man uns nach: darum rathe, was wir thun sollen; denn ich kann nicht erdenken, wohin wir kehren sollen. Wir moegen ihnen nicht entreiten, noch entlaufen; aber wir wollen mit Ehren mit ihnen streiten und unsern Leib so frischlichen an sie wagen, daß ihre Weiber daheim das Nacheilen beweinen sollen.« Kurnewal sprach: »Herr, das ist uns kein nuetz; sie sind gewappnete Leute, wir moegen ihnen nicht gleich fechten, es ist uns ihrer zuviel. Nun will ich allein diese Noth fuer uns leiden, reitet ihr in den Wald, da ihr genesen moeget, und nehmet die Frauen mit; denn mit dem Bracken, damit man uns nachfaehret, will ich wohl bewahren und fuerkommen, daß man nicht weiter damit suchen noch nachjagen mag.« Herr Tristan aber sprach: »Ich will mein Leben mit Ehren verlieren, oder meine Frauen davon bringen.« Kurnewal der getreue Diener sah oft hin und wieder, wie nahe der Bracke waere, und hielt mit zornigem Muth bei einem Baum, denn es war ihm leid, daß sein Herr nicht fliehen wollte, und nahm wahr, wo der Bracke her kaeme, und setzte sich fuer, daß er den Bracken und die, so ihn fuehrten wollte zu Tode schlagen: da kam das gute Huendlein, allein auf der Fahrt nachjagend. Da Kurnewal das sah, ward er wiederum sehr und hoch erfreuet, und sprach dem Bracken zu, der auch froh war, daß er ihn funden haet. Kurnewal vergaß all' sein Leid, nahm das Huendchen zu sich auf sein Pferd, und ritt mit Freuden in den Wald nach seinem Herren. Er hatte aber der Spur verfehlt, und schwieg auch der Bracke stille, der hatte vor staetiglich ohn' Unterlaß gebollen, als denn die Huendlein gemeinlich im Suchen und auch in Freuden thun: da ließ er ihn nieder zu der Erden, und hieß ihn suchen nach seinem allerliebsten Herrn. Der Bracke Uctant kam auf die rechte Spur, und suchete nach Wild, das war geschaffen gleich als Mann und Weib. Als nun Kurnewal seinen Herrn fand, und mit ihm die Koenigin, ward ihm recht froehlichen zu Muth. Zur Stund ward Herr Tristan auch gar froh, und ritten also den ganzen Tag in dem Wald, so fern, daß sie gewißlich vermeinten, so alles Volk in dem ganzen Koenigreich sie suchten, so moechten sie sie doch nicht finden. Und als er fand die Statt und Ende, da er vermeinete sicher zu sein, da ließen sie sich nieder und machten ihnen eine Wohnung mit Holz, Laub und Gras, das trugen die zween, Herr Tristan und Kurnewal, zusammen; die Frau half auch dazu, so viel sie konnt' und mochte. Also waren sie an dem Ende gar nahe zwei Jahr, und litten große Armuth; sie hatten weder Essen noch Trinken, denn Kraeuter, so sie in dem Walde funden; so ward ihnen auch ihre Speise zu Zeiten gebessert, wenn dann Herr Tristan Voegelein schoß, oder Fische fing mit einer Angel, in dem Wasser, das da nahe bei ihnen hinfloß. Auch hatten ihre Pferde nichts anders zu essen, denn Laub und Gras, damit wurden sie erhalten. Nun hatte Herr Tristan eine Gewohnheit, mit der Frauen Willen: so sie sich zu Ruhe legten, mit freundlicher Rede und Gebaerde einander ergetzten, bis es Zeit war zu schlafen, so zog er sein Schwert aus, und legete das also bloß zwischen sie beide. Dieses ließ er nie keine Nacht unterwegen, und war doch gar eine seltsame Gewohnheit, auch eines Theils unmoeglich, der großen Liebe halben, so sie zusammen hatten. Aber es kam ihnen hernach zu großem Heil; als ihr hoeren werdet.   Das dreißigste Kapitel Wie der Koenig eines Tages mit seinen Jaegern in den Wald ritt, und fand Tristanen und die Koenigin bei einander. Es begab sich, daß des Koenigs Marchsen Jaeger einer eines Tages gar frueh in den Wald ging; der hatte einen Hirsch gespueret, und ging der Spur nach; aber er verlor die wieder, und kam gerade zu der Huetten, da die beide schlafend lagen. Er stund still, und zitterte vor großer Furcht; und alsbald er Tristanen erkannte, hub er sich hinweg; doch merket' er vor eben, wie sie lagen. Er eilete sehr und bald zu dem Koenige heim, saget' ihm, wie er Herr Tristanen und die gnaedige Frauen gefunden und gesehen haette. Der Koenig hieß ihn zu den Dingen allen still schweigen, und begehret' an dem Jaeger das, daß er ihn selbst zu dem Huettlein braechte. Der Jaeger thaet das, und brachte den Koenig mit ihm dar; es war aber noch ganz frueh. Als sie nahe zu ihnen kamen, da stund der Koenig von dem Pferde, ließ es den Jaeger halten, und ging er zu Fuße dar. Als er zu der Huetten kam, da fand er sie beide schlafen und das bloße Schwert zwischen ihnen beiden, als ihm der Jaeger gesaget hatte. Er haet darob groß Wunder, und ging ihnen naeher, griff leise nieder, nahm das Schwert zwischen ihnen, und legete das seine an die Statt. Er leget' auch seinen Handschuh auf die Frauen, und ging hinweg wieder zu dem Jaeger, und ritt zu seinen Gesellen, als ob er nie weiter kommen waere. Da aber Herr Tristan, der kuehne Held, erwachet', und sahe des Koenigs Handschuh auf der Frauen liegen, das nahm ihn gar sehr Wunder, und fragete zu Stund', weß dieser Handschuh waere? Die Frau erschrak gar sehr, und sprach, sie wueßte nicht, mit welchen Listen, oder wie er daher kommen waere, oder wer ihn dargebracht haette. Alsbald Herr Tristan sein Schwert will wieder einstecken, so siehet er, daß das Schwert Koenig Marchsen ist, und ihm das seine dagegen genommen. Da sprach er zu der Koenigin: »Nun kommen wir ohn' allen Zweifel lebendig oder mit gesundem Leibe nimmer von hinnen; denn Koenig Marchs ist hie gewesen. Wir haben seiner Tugend genossen, daß er uns nicht also schlafend hat getoedtet; so wir aber aufstehen, so haben wir beide den Tod gewiß.« Hiemit hieß er Kurnewalen die Pferde satteln und wohl bald bringen. Sie saßen auf und ritten in schneller Eil', als ob man ihnen mit einem ganzen Heer nachjaget' und eilet', und wußten doch nicht, an welchem Ende der Koenig war. Sie ritten den ganzen Tag bis auf Vesperzeit, da kamen sie in ein Gereute; da blieben sie, stunden von den Pferden ab, und lasen Kraeuter und Wurzeln, die sie mit einander aßen.   Das ein und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan zu dem Priester Ugrim, Koenig Marchsen Beichtvater, kam, allda Buße zu empfangen. Es war ein geistlicher Priester nicht fern von dem Ende, der war gar ein frommer Mann und eines guten Lebens; der hatte eine Klause vor dem Walde, fern von den Leuten, daß er Gott dem Herrn desto besser dienen moechte. Derselbe Priester hieß Ugrim und war Koenig Marchsen Beichtvater. Eines Tags ritt Herr Tristan zu dem Priester, und wollte Buße von ihm empfahen; aber der Priester wollte ihm keine geben, er gaebe denn die Frauen ihrem Mann wieder, und sagt' ihm dabei, so er also in seinen großen Suenden erfunden wuerde, daß dann seine Seele ewiglich darum leiden mueßte. Es stund aber mit Tristanen noch nicht also, daß er die Frauen so liederlich von ihm geben mochte und sich ihrer verzeihen, und ritt ohne Buße von dannen. Also waren sie in dem Walde so lange, bis gleich vier Jahr vergangen waren, von der Zeit, als sie den unseligen Trank getrunken hatten. Zuhand ward ihnen das armutselig Leben und das große Ungemach, so sie in dem Walde mit großem Schmerzen und Elend erlitten, schwer, und sie meinten auch nicht, daß sie solche große Noth und Armut einen Tag mehr erleiden moechten, daß sie doch vor so manchen Tag, gar nahe zwei ganze Jahre gar williglich und ohne Verdrießen erlitten hatten. Als es Tag ward, ritten sie alle drei fuer den Wald, und kamen zu Priester Ugrim. Herr Tristan bat ihn fleißiglich, daß er ihm riethe und beholfen waere, damit er seiner Suenden ledig wuerde, und sagt' ihm, wie es ihm so sehr gereuet haette, daß er die Frauen nicht wiedergegeben, zu der Zeit, als er ihn solches geheißen haette; doch wollt' er es nach seinem Rath und Heißen noch gern thun. Solches ward durch die Koenigin gar williglich vergoennet. Als der Priester das hoerete, ward er froh, daß sie sich zu solchem verwilligten, und ihn um Rath und Trost heimsuchten, schuf ihnen gut Gemach, und thaet ihnen das Beßte, so er konnt' und mochte. Er fragete Herr Tristanen, ob er Reue darum haette, daß er die Frau so lange bei sich gehabt haette, und ob er sie noch wiedergeben wollte? Er antwortete: Ja, er wollt' es gern thun, es waer' auch seine groeßte Klage, daß er es nicht laengst gethan haette. Der Priester ward froh, und schrieb von Stund' an dem Koenig einen solchen Brief. »Herr, dich bittet dein Meister Ugrim durch die Liebe Gottes, du woellest meine Frau, dein Gemahel, wiedernehmen; die schaffe ich dir zu bringen, wohin du willt: und wenn du sie haben willt, so komme selbst nach ihr mit wenig Leuten. Auch bitte ich dich sehr, du woellest Herr Tristanen deine Huld wiedergeben; das bist du ihm schuldig, auch kann und mag er das wiederum wohl um dich verdienen. Hierin bitte und gebeut ich dir bei den Geboten Gottes, du woellest dies mein Begehren nicht verachten, sondern zu Gut und Seligkeit deiner Seelen und Leibes aufnehmen; denn es gebuehrt euch zu thun gegen Gott und euerthalben.« Als dieser Brief geschrieben war, befahl er ihn Tristanen dem Koenig zu bringen, und dabei zu sagen, daß er ihm Rath und Bitte dazu thaete, darum er ihm geschrieben haette. Herr Tristan hub sich auf die Fahrt, und als es Nacht ward, kam er gen Thintariol in den Baumgarten zu dem Brunnen, dabei ihm vormals oft Lieb und Leid wiederfahren war. Er heftete sein Pferd an die Linden, darauf ihm der Koenig einmal aufgelauert hatte, und ging mit großer Listigkeit gegen die Kammer, darin der Koenig lag. – Denn die Koenige haben zu derselben Zeit nicht solche herrliche Pallaeste gehabt, als jetzt, sondern auf der Erden ihre Schlafkammer gebauet, als noch an etlichen Enden und Koenigreichen Gewohnheit ist. – Darum mochte Herr Tristan dem Koenig wohl zureden, und saget' also: »Koenig schlaefest du?« Er antwortete: »Ja.« Herr Tristan sprach: »Waere es mir vergoennt, du mueßtest eine Weile wachen.« Da sprach der Koenig: »Warum soll ich wachen? Warte bis es Tag wird.« Herr Tristan sprach: »Das mag nicht sein, es ist keine Stunde noch Zeit zu warten.« Er sagte: »So sage, was dir sei.« Herr Tristan sprach: »Dein Meister und Beichtvater Ugrim entbeut dir seine Bitte, und heißet dich vermahnen, ob er dir lieb sei zu einem Meister, daß du dann woellest leisten, darum er dir geschrieben und dich gebeten hat. Er raeth dir auch das mit ganzen Treuen. So sollt du es auch gerne thun, denn er will dir es fuer deine Suende zu Buße geben. Was aber deine Meinung sein wird, das lass' ihm schreiben und den Brief morgen henken an das rothe Kreuz, das da stehet in dem Dorn vor der Stadt, da sich die Straße in zwei theilet; da will dein Meister den Brief hohlen lassen.« Und warf damit den Brief durch ein Fenster auf ihn. Der Koenig erkennete Tristanen an der Rede, er mochte es nicht lassen, und sprach zu ihm: »Du bist Tristan, denn ich habe dich an deiner Sprach' erkannt: nun wart' eine kleine Weil', ich habe mit dir zu reden.« Tristan kehrete sich aber nicht an den Koenig, und ritt mit gutem Frieden, da er wohl sicher war. Als nun der Koenig zu der Thuer ausging, und meinet', er wollt' ihm fast zu, da war Tristan schon hinweg: da wollt' er ihm auch nicht nachjagen. Aber er erwartete kaum, bis daß es Tag ward, daß er nur hoerete, was ihm sein Meister geschrieben und warum er ihn so fleißiglich gebeten haette. Als es nun Tag ward, da las der Koenig den Brief mit gutem Fleiß. Da es aber um die Sache war, da hatte er Rath mit seinen Raethen, was ihm hierin zu thun waere. Und saget' ihnen auch, wie er sie in dem Walde bei einander ohn' alles Gefaehr liegen funden, und ein bloßes Schwert zwischen ihnen beiden gesehen haette. Er schwur auch wohl mit ganzer Wahrheit, er wueßte auch ohn' allen Zweifel, daß Herr Tristan die Frauen nie zum Weibe gewonnen, noch sie unziemlicher Dinge nie angesucht haette, er haette sie allein von seinetwegen und ihm zu lieb also lieb gehabt. Hierauf war seine Meinung, die Frauen wiederzunehmen, wo sie ihn Herr Tristan anders geben wollte. Solches war den Raethen wohl anmuthig. Aber Herr Tristan ward hierin ausgeschieden, daß er nimmer weder Frieden noch Geleit haben sollte, denn nur bis an das Ende, da er die Frauen hin antworten sollt', und stracks wieder von dannen an sein Gewahrsam. Dieses ward also geredet und verschrieben, und die Staette benennet, da er die Koenigin hin bringen sollte. Als nun solches also durch den Koenig und die Seinen verschrieben und bestaetiget ward, da haengte man den Brief an das Kreuz, als Herr Tristan den Koenig beschieden haet.   Das zwei und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan dem Koenige die Frauen wiederbracht', und er hinweg ritt. Als nun der Tag seinen Lauf vollbracht hatte, und die Nacht herging, hohlete Herr Tristan den Brief, und bracht' ihn dem Priester Ugrim. Als er diesen Brief verlas, sagt' er Herr Tristanen des Koeniges Meinung. Also richtet' er sich auf die Fahrt, und brachte die Frauen zu der Suehnung. Sie besorgten aber beide ihr Scheiden gar herzlichen sehr, denn sie wußten nicht, ob sie wieder bei einander kaemen, daß ihrer eines das andere sehen moechte: solches war ihnen aus der maßen schwer und dieses ihr Scheiden viel zu frueh. Als sie nun zusammen kamen, und der Koenig Herr Tristanen ansichtig ward, sprach Herr Tristan: »Nun nehmet hin die Koenigin: seit ich von hinnen reiten muß, so thu' ich auch das Beßte, so ich mag. Aber ihr erlebt den Tag nimmer, daß ich so mit großen Ehren um euere Huld werbe, dieweil mein Dienst und all' mein Arbeiten sogar verachtet werden. Und sag' euch wahrlich, genoesset ihr nicht euerer frommen Frauen, ihr mueßtet euers Leibs und Lebens vor mir unsicher sein. Aber ihr sollt ihrer großen Tugend und weiblichen Guete genießen wider mich.« Hiemit kehret' er sich zu der Koenigin, und sprach aus sehnlichem und betruebtem Herzen: »O weh, himmlischer Koenig, wie recht weh thut mir das, daß ich dich, meine allerliebste Fraue, lassen muß, die ich so recht lieb habe! So nehmet hin, Herr Koenig, meine Frauen, und lasset sie mein nicht entgelten; denn was ihr anders thaetet, das thaetet ihr aus Gewalt, und wuerde auch nicht unvergolten bleiben.« Mit diesen Worten schied er ab. Ehe er aber von dannen ritt, gab er der Frauen seinen Bracken Uctant, und bat fleißiglich, daß sie sein selber pflaege, und wenn sie den Hund saehe, daß sie sein dabei gedaecht', und sprach: »Bin ich euch lieb, so lasset das an dem Bracken erscheinen.« Die Frau nahm den Hund an ihren Arm, verhieß ihm das zu thun, und pflag sein forthin mit großem Fleiß. Also ritt der Koenig dar, und nahm die Frauen zu sich, fuehrete sie mit sich heim, und hielt sie mannich Jahr in großen Ehren, lieb und schoen. Herr Tristan mußte nun aus dem Land: das war ihm die haerteste Buße, so man erdenken konnte. Er ritt nun hinweg, aber sein Herz und Gemueth ließ er bei der Koenigin: deßgleichen sie auch wiederum ihres bei ihm. Also ritt er in Britannia, an des Koeniges Artus Hof.   Das drei und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan in Britannia kam, an Koenig Artus Hof, und wie es ihm daselbst erging. Wie Herr Tristan in Britannia kam, ward er besser empfangen von dem Koenig und allermaenniglich, denn zuvor je ein Ritter empfangen ward. Es war ein Ritter an dem Hofe, der beßten einer, Balbon genannt, dem war Herr Tristan bekannt, derselbige ward seiner Zukunft sonderlich froh. Sie wurden gute Gesellen mit einander. Auch ward Herr Tristan von dem Koenig und aller Ritterschaft, so bei der Tafelrunde waren, gar lieb und werth gehalten, also, daß ihm der hoechsten Staetten eine an der Tafelrunde vergoennet wurde, zu gebieten und zu schaffen, wie und was er wollte. Auch war er wiederum bereit zu dienen mit Streiten und aller mannlicher That, also, daß er den hoechsten Preis erwarb: es war auch niemand zu derselben Zeit, der fuer ihn gepreiset wurde.   Das vier und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan einen Britanischen Ritter ueberwand und ihm sein Pferd nahm. Nun war auch ein Ritter an dem Hofe, mit Namen Delecors Iseualire, der auch wohl zu den beßten zu zaehlen war, um seiner mannlichen That und Frommkeit willen; auch hatte er mit Ritterschaft je und je das Beßte gethan, also, daß ihm keiner je besessen war, und es hatte ihm nie keiner obgesieget. Eines Tages ritt der obgenannte Ritter Delecors Iseualire durch Kurzweil' in den Wald, ob er Abentheuer finden moechte: da hatte Herr Tristan seinen Harnisch veraendert, daß er jenem unkenntlich war. Sie ritten zusammen: Herr Tristan stach ihn von seinem Pferd', als ob er nie daraufkommen waer', und gab das Pferd einem armen Menschen, der ihm auf der Straßen begegnete. Delecors Iseualire mußte zu Fuß heim gehen, das ihm doch vorhin nie geschehen war. Er saget' auch diese Geschichte selbst daheim zu Hofe, wie es ihm ergangen war. Dieses stund wohl sechs Wochen an, daß niemand wissen noch erfahren mochte, wer diese That gethan haette. Koenig Artus und Herr Balbon redeten mit einander, daß keiner unter ihnen waere, der das gethan haette, denn Herr Tristan. Der Koenig sprach: »Wie moechten wir das erfahren?« Herr Balbon antwortete: »Ich will uns das wohl mit Listen erfahren.« Er ging zu seinem Gesellen und fraget' ihn um diese Geschichte; er wollt' aber nichts gestehen. Da ermahnet' er ihn von wegen der Liebe, so er zu ihm haette; er schafft' aber nichts. Zuletzt bat er ihn, doch ganz im Geheimen, um der Koenigin willen: allererst gestund' er; und saget' ihm dabei, was man ihn baete um seiner Frauen willen, daß er deß keines versagete, so er auch gewißlich darum sterben mueßte. Da sprach Herr Balbon: »Gnad' und Dank habe sie immer, seit du mir diese Ding' um ihretwillen gestanden hast. – Sage, Gesell, magst du die Koenigin, deine allerliebste Frau, nicht sehen, als oft du gern thaetest?« Herr Tristan antwortete: »Ach, lieber Gesell, mir mag nimmer so wohl geschehen, daß ich an das Ende komme, da ich sie sehen mag.« Herr Balbon sprach: »Willt du sie sehen, so erwerbe ich dir, daß du sie gar kuerzlich sehen sollt. Und wisse auch wie: Mein Herr, Koenig Artus, hat ein Jagdhaus nahe bei Thintariol; nun will ich wohl zu wegen bringen, daß mein Herr dir zu Liebe daselbst jaget und Kurzweile macht, so mag Koenig Marchs mit Glimpf nicht ueberhoben sein, er muß meinen Herrn, Koenig Artus, mit seinem Hofgesinde ueber Nacht bei ihm behalten. So schaffest du es wohl mit deiner Geschwindigkeit und Listigkeit, daß du zu der Frauen kommest. Darum habe nicht Zweifel, ich will helfen auf's Beßte, so ich mag.« Herr Tristan war deß sehr froh, und sagte seinem Gesellen hohen Dank.   Das fuenf und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan mit dem Koenig Artus auf die Jagd ritt, und wie es ihm des Nachts erging. Herr Balbon ging zu dem Koenig Artus, und saget' ihm die Geschicht', und bat ihn mit Fleiß, daß er eine Jagd sollt' anrichten an dem Ende bei Thintariol. Denn der Wald, darauf man jagen sollte, gehoerte halber Koenig Artus und halber Koenig Marchsen zu, also: was Koenig Artus fing, das fuehret' er auf das Jagdhaus Thintariol, was aber Koenig Marchs fing, das fuehret' er in die Stadt Thintariol; und jagt' ihrer jeder, in welchem Theil er wollte, so war er auch von dem andern ungeirret. Koenig Artus wollte Herr Tristanen sein Hoffen und fuergenommene Freud' auch nicht abschlagen, sondern dazu helfen, damit die Jagd und die Hoffnung zu ganzen Freuden gekehret wurde, und hieß die Jagd machen. Als man auf der Jagd war, da bat Herr Balbon die Jaeger, daß sie den Hirsch zu der Stadt Thintariol jagten. Das thaten sie, und wurde der Hirsch gleich bei der Stadt abgejaget. Da kamen die zween Gesellen, Herr Balbon und Tristan, und baten fuer den Hirsch um laenger Leben, bis sie ihm den Tod erwaehlten. Also zogen sie die Jagd mit Listen hin, bis der Abend kam und sie die Nacht ueberfiel; da ward der Hirsch erst gefaellet. Als das geschahe, da kehrete sich Koenig Artus zu Herr Balbon, und sprach: »Freund, dieses Ungemach hab' ich von dir, daß du den Hirsch nicht zeitiger hast lassen faellen: wo sollen wir nun bei der Nacht hinreiten, wohl drei Meilen oder mehr? Ich weiß nicht, wo wir hinte bleiben.« Da antwortet' ihm Balbon: »Herr, in Thintariol, da bleibet bei Koenig Marchsen, der euch vormals oft daher gebeten hat.« Der Koenig sprach: »Du hast wahr; du weißt aber wohl, daß Tristan seine Huld nicht hat.« Balbon sprach: »Herr, dies lassen wir jetzt ein Ding sein: sendet ihr Herr Keyen zu dem Koenig, und entbietet ihm, ihr woellet hinte Nachtlager bei ihm haben, daß er auch Frieden und Geleit gebe euch und allen euern Mitkommenden.« Herr Key ritt hin, dem Koenig die Botschaft zu sagen. Als Koenig Marchs das vernahm, sprach er: »Saget meinem Herrn, wer mit ihm komm', oder was sie gethan haben, soll ihnen keinen Schaden bringen, sondern sie sollen guten Frieden und Geleit haben. Ich hab' auch große Freude, daß er sein Nachtlager bei mir haben will, hab' auch nie keinen Gast so lieb gesehen.« Herr Key sagt' ihm deß großen Dank, und ritt wieder zu seinem Herrn, und saget' ihm, daß sie Frieden und Geleit und gute Nachtherberge haetten. Als sie das vernahm, wurden sie froh, besonders Herr Balbon und Herr Tristan, und redeten unter einander: »Was mag uns nun gefaehrden, seit wir Geleit haben?« Unter diesen Reden bat Herr Tristan seinen Gesellen, Herr Balbon, so ihn die Koenigin empfinge, sollt' er sie nicht kuessen; denn es war Gewohnheit, daß die Koenigin liebe Gaest' und wohlgeborne Leute mit dem Kuß empfing; das versprach er ihm, und hielt es auch. Da sie nun gen Thintariol kamen, da ging ihnen Koenig Marchs mit viel großen Kerzen entgegen; denn es war bei der Nacht. Er empfing den Koenig mit großer Wuerdigkeit, deßgleichen die andern alle, ohn' einen, den konnte auch niemand versuehnen. Koenig Artus ging hin zu der Koenigin, von der er auch wohl und wuerdiglich wurde empfangen, und auch Herr Balbon: als sie ihm auch den Kuß bieten wollte, wollt' er solches nicht gestatten, sondern halten, das er seinem Gesellen verheißen hatte. Der durfte nicht herfuer, und war doch keiner unter ihnen allen, dem die Koenigin ihres Kusses guenstiger war, denn ihm; und dieweil er ihren Kuß vermeiden mußte, wollte Herr Balbon auch ungekuesset empfangen werden. Als aber das Empfangen verendet war, ging man zu dem Tische, und gab ihnen Essen und Trinken, nach dem allerbeßten und koestlichsten, so man haben mochte. Als man nun gessen hatte, redete der Wirth zu dem Gaste, daß er darob sehen wollte, daß sein Hofgesinde zuechtig, auch ihm ohne Laster und Schaden waeren: welcher aber solches uebertraete, der mueßte darum sterben, wo er begriffen wuerde. »Ich hab' ihnen allen Fried und Geleit gegeben, um das sie mir gethan haben, und will ihrer auch diese Nacht wohl pflegen; aber sie hueten sich, daß sie mich nicht schaenden, oder ich richte sie um alles, das sie mir je gethan haben.« Der Gast sprach: »Da habt ihr meine Huelfe: wer euch laestern wollte, den will ich euch helfen strafen, wie ihr selber wollt.« Hiemit war Herr Tristan gewarnet: aber er pflag der alten Gewohnheit, daß er seine Frauen weder durch Furcht noch Draeuen vermeiden wollte; deß mußte er auch oft großen Kummer leiden. Nun waren in des Koenigs Hof nicht solche Pallaest' und herrliche Schlafkammern, als jetzt sind; also, daß die Herrn und alles Hofgesind' in dem Saal an einer Zeile nach einander liegen mußte. So lag der Koenig und seine Frau an dem andern Ende des Saals; doch pflagen sie einer Sitten, daß sie besonders lagen. Das ersah Herr Tristan, dem ward sein Herz und Gemueth dadurch ganz erfreuet: er gedachte, wie er wollte zu ihr gehen und mit ihr reden. Nun hatte Koenig Marchs große Bloecke gar heimlichen in den Saal tragen lassen, die waren alle wohl beschlagen und zugerichtet mit Wolfseisen, die hieß er seinen Kaemmerer zwerchs ueber den Saal legen, in Meinung, ob Herr Tristan zu der Frauen ginge, daß er ihn also ergreifen moecht', und ihm mit Recht das Leben nehmen. Aber Herr Tristan hatte keine Achtung auf solche Nachstellung, oder daß ihm da also mitgespielt waere. Als nun jedermann entschlafen war, da wollte Herr Tristan seiner alten Tuecke je nicht lassen, und ging zu der Koenigin. Als er auf dem Weg war, schnitt er sich hart und blutete sehr; da nahm er sein Hemd und verband die Wunden auf's beßte, so er vermochte. Doch wollt' er nicht wieder umkehren, sondern er ging zu der Frauen. Als er zu ihr kam, da konnte eins dem andern sein Herz und Willen sobald nicht zu verstehen geben, als sie denn begehrten; allein mit behendem Umfahen und herzlicher Klage sagt' er ihr, wie ihm geschehen waere, und daß er jetzt sein Leben haette verloren, und waere nichts, daß ihm dafuer helfen moechte. Die Frau ward aus der maßen sehr betruebet, und wußte vor großem Leid nicht, wie sie sich halten sollte, und fing an gar inniglichen zu weinen. Denn vor klagete sie allein sein schnelles Abscheiden, aber nun klagete sie Verlierung seines Lebens; und schieden sie sich jetzund haerter und mit groeßerem Schmerzen, denn vor nie; denn vormalen hatten sie allwegen Hoffnung, aber jetzt war alles Hoffen umsonst, der Warnung halb, so der Koenig Marchs gethan hatte. Sie waren in solchen aengstlichen Noethen und Sorgen, ihnen moecht' ihr Herz zerbrochen sein. In solchen Aengsten ging er wieder zu seinem Lager und legete sich in dem Jammer nieder, sehr blutend, und redete mit ihm selbst: »Nun ist kein Zweifel, ich habe das Leben verloren; jetzt wird der Koenig seinen Zorn an mir raechen. Ach wehe, daß ich je her kam! Ach, sueße, reine Isalde, soll ich dich nimmermehr sehen? Ich klage dich viel mehr, denn mich selber. O, wollte Gott, daß wir beide noch in dem Walde waeren, ich wollte etwann Wege finden und erdenken, damit wir in ein ander Land kaemen. Ach, was sage ich? Heut ist leider mein juengster Tag!« Diese große jaemmerliche Klag' erhoerte Herr Balbon, und fraget' ihn, was ihm waere? Als er ihm das saget', erschrak er hart, und ward mit ihm betruebet, und alle, die an der Lagerstatt waren. Koenig Artus ward auch herzlichen betruebet um diese Geschichte; und sie redeten zu einander: »Es ist kein Zweifel, er muß sterben; Koenig Marchs hat seine Vorrede also gethan, daß ihm niemand weigern, noch helfen kann, er muß das Leben verlieren.« Da sprach Herr Balbon, Delecors Iseualire und gemeinlich die andern alle, so mit Koenig Artus da waren: »Ei, so wollen wir den Tod mit ihm leiden, oder aber ihm von dannen helfen.« Also waren sie alle mit großen aengstlichen Noethen umfangen. Herr Key sprach: »Ihr beduenkt euch alle klug und hoeflich, ihr lasset aber das an keinem Ding erscheinen, und seid alle Bauren: der bedaeuchte mich klug und listig zu sein, der solche Lehre gaebe, damit ihm geholfen wuerde.« Er rieth ihnen durch Neid einen Rath, dadurch ihm geholfen ward, und sprach: »Ich sage euch, was ihr thut: Hebet alle ein Geraeusch oder einen Schimpf mit einander, und werft einander in die Wolfseisen, also, daß euer mehr verwundet werden; damit wird ihm geholfen. Ich weiß sonst nichts, das ihm helfen moege.« Herr Balbon sprach: »Das mußt du immer Dank haben, du hast uns recht gerathen.« Und lief zuhand, daß er auch verwundet ward. Also wurf je einer den andern dar, daß sie schier alle verwundet wurden, ohne Herr Keyen, der behalf sich mit Listigkeit. Aber Herr Balbon ergriff ihn und warf ihn, daß ihm die allergroeßte Wunde ward. Herr Key sprach ueberlaut: »O wehe des Unheils! Gehen die Woelf' in diesem Saal, daß man ihnen hierinnen nachstellet? Was Wunders ist das? Daß sie Gott muesse schaenden, wie hart bin ich verwundet! Was Teufels thun wir hie? Gott helfe uns mit Freuden wieder heim! Ich habe doch vormals nie von keinem Koenige gehoert, der solche That je gethan habe: was wunderlicher Sitten hat der, daß er den Leuten nachstellet, als den Woelfen!« Herr Key erhub seine Stimme hoch, daß der Koenig Marchs erwachete; der sprach ihnen zorniglichen zu: »Wie lachet ihr, Herren? Ich meinet', ihr waeret wohlgezogen: so gehet ihr die ganze Nacht um toben, als die unvernuenftigen Thiere.« Koenig Artus sprach: »Ich kann sie je nicht ziehen: sie thun allezeit also, und lassen das weder durch meine Frauen, noch durch jemand anders.« Als der Koenig seinen Zorn ließ, und die andern entschliefen, da machte sich Herr Tristan abermals zu der Koenigin; deß ward sie von Herzen sehr erfreuet: sie legeten sich freundlich zusammen, und ergetzten sich ihres Leides; denn es war ihnen beiden, als ob sie waeren todt gewesen und wieder lebendig worden. Sie vergaßen aller ihrer vorigen Angst und Noth, und blieben bei einander, bis ihn der Tag dannen trieb: da mußten sie sich abermals scheiden, und wußten nun keine Zeit ihres Zusammenkommens. Als es nun Tag ward, und die Ritter aufstunden, und jeglicher klaget', und seine Wunden verband, da ward Koenig Marchsen recht leid, und schaemete sich aus der maßen sehr, daß ihm solcher großer Unglimpf widerfahrn war, und wußte nicht, wie er sich jetzt dabei verhalten sollte; denn die Ritter mußten alle hinken, so sehr hatten sie sich verwundet. Jedoch, wie listig er war, so wurden ihm die Augen verblendet, daß Herr Tristan die einige Nacht zweimal ihm zu seiner Hausfrauen der Koenigin ging. Als nun diese Dinge sich also verlaufen und verhandelt hatten, schieden sie bald von dannen. Koenig Artus mit seiner Ritterschaft kamen wieder in Britannien. Hiemit hatte Herr Balbon seinem guten Gesellen, Herr Tristanen geleistet, was er ihm geredet und verheißen hatte.   Das sechs und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan von Koenig Artus Hof abschied, und kam darnach in das Land Careches. Darnach ueber eine kurze Zeit nach dem, nahm Herr Tristan Urlaub, und wollte nicht laenger da bleiben, und schied hinweg. Das war dem Koenig und aller Ritterschaft leid, und ließen ihn zumal ungern. Herr Balbon bat Herr Tristanen gar sehr, vermahnet' ihn aller Gesellschaft, auch alles, was ihm je geschah, Liebes und Leides: es war aber alles umsonst. Koenig Artus bat ihn selbst, und bot ihm Lehen und Eigen; aber es verfing alles nicht: er wollte nimmer an dem Ende bleiben, und ritt hinweg. Als er nun von dannen ritt, erhub sich eine gemeine Klage von Frauen und Mannen, die alle sein Abscheiden klagten. Besonders Herr Balbon, der schied mit nassen Augen; denn ihm geschah vormals nie so leid, als jetzt, da sein Gesell von ihm ritt. Der Koenig, die Koenigin und alle Ritterschaft geleiteten hin fern; aber er wollt' es nicht verhehlen, nahm Urlaub, und sie schieden beiderseits mit Zaehren. Herr Tristan und sein allerliebster getreuer Diener Kurnewal ritten mit einander, was sie in sieben Tagen reiten mochten, und kamen in ein schoenes Land; es war aber so gar verheeret und verbrennt, daß weder Haus, noch nichts mehr da war. Viel guter Burgen lagen da verwuestet und zerbrochen, auch viele Doerfer und Staedte, das alles war gar dahin, daß er in zweien Tagen weder Haus, Leute, noch Vieh sah oder hoerete. Am dritten Tag zur Nonenzeit sah er eine Kapelle auf einem hohen Berge, dabei ein Haeuslein, da sah er einen Rauch aufgehen: dahin eilten sie bald, zu besehen, was daselbst waere. Als sie nun darkamen, funden sie einen Priester, mit Namen Michael. Herr Tristan stund ab von seinem Pferd und bat um Herberge; denn sie hatten heute den dritten Tag weder gessen noch getrunken. Der Priester sprach: »Herr, ich geb' es euch so gut, als ich's habe; haette ich's aber besser, so theilet ich es euch auch mit.« Herr Tristan saget ihm deß großen Dank, und blieb die Nacht bei ihm. Als sie zu Abend gessen hatten, saßen sie bei dem Feuer, da fragete Herr Tristan, weß dies Land waere? Der Priester saget' ihm: »Das war das allerbeßte Land, so man wuenschen moecht', ehe denn es also verwuestet und verbrannt ward, und ist des Koenigs Haubalin von Careches. Nun moechtet ihr Wunder hoeren, wie es also verwuestet ist worden. Denn diesen großen Schaden haben ihm seine eigenen Leute gethan, und ist das die Ursache: Mein Herr hat einen Grafen in seinem Land, und ist auch sein Dienstmann, mit Namen Riolin von Mantis, der ist so maechtig und reich, auch ein mannlicher Held; und darum, daß er fuernehmer ist, denn der andern einer in meines Herrn Land gesessen, vermeinet' er, mein Herr sollt' ihm seine Tochter geben. Solches war aber meinem Herrn nicht gelegen, daß er seine Tochter seinem Dienstmann geben sollte, sondern er vermeinete sie besser zu versorgen. Als aber dieser sah, daß ihm die Jungfrau versaget ward, da wollt' er sie mit Gewalt haben, und hat mit Listigkeit und großem Verheißen all meines Herrn Landvolk und Dienstmann abfaellig gemacht, und sie dahin beredet, daß sie zu ihm gefallen sind, und ihm zu solchem seinem unbilligen Fuernehmen Huelfe gethan haben. Durch solchen Muthwillen und große Ungerechtigkeit ist dieses gute Land alles so verwuestet und verbrennet, ohn' allein die Burg Careches, die moegen sie nicht gewinnen. Sie haben aber meinen Herren also darin belagert, daß niemand darein noch daraus kommen mag, und sie leiden großen Mangel und Hunger; denn ihnen mag weder Speise noch anders zugehen. Diese große Noth leidet mein Herr unverschuldet, von seinen eigenen Leuten, und kann doch keinen Widerstand mehr thun; denn er hat niemand, denn einen Sohn, mit Namen Caynis, der darf auch wohl mannliche Thaten thun: was hilft aber der unter so viel Volks, als der Feinde sind? Sie besuchen alle Tage die Thore der Bruecken mit großem Fleiß, ob sie jemand finden, der mit ihnen woelle streiten; sie finden aber die Pfort' allezeit beschlossen; denn es ist niemand in der Burg, der sich gegen die Feinde wagen woelle.« Herr Tristan fragete, wie weit die Stadt von dannen waere? Der Priester antwortete: »Es sind nicht mehr, denn zwo kleiner Meilen dahin.« Sie gingen zu der Ruhe. Zu Morgens fruehe hielt ihnen der Priester eine Messe, darnach gab er ihnen ein gut Mahl. Herr Tristan nahm Urlaub von dem Priester, mit großem Danksagen, und ritt hinweg.   Das sieben und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan zu dem Koenig Haubalin gen Careches kam, und mit Graf Riolin einen Streit thaet. Als aber Herr Tristan gen Careches kam, fand er den Koenig an einer Zinnen stehen; er fraget', ob der Koenig da waere? Der Koenig antwortete selbst: »Ja, ich bin hie: was waere euch lieb? oder was begehret ihr von dem Koenig?« Er rufete bald seinen Sohn, daß er den Helden auch saehe. Da sprach Herr Tristan: »Herr, ich habe gehoeret, wie großen Schaden ihr von euren Feinden genommen habt, und bin darum herkommen, daß ich euch dienen will: ob Glueck uns beistuende, daß ihr an euern Feinden gerochen wuerdet.« Der Koenig schwieg eine Weile still; zuletzt sprach er: »Sollt' ich euch das sagen, so gebuehrt mir vor zu wissen, wer ihr seid, und daß ich euch zuvor erkenne.« Tristan sprach: »Herr, ich heiße Tristan, und bin Koenig Marchsen Schwester Sohn.« Der Koenig sprach: »Seid ihr Herr Tristan, so hab' ich vormals oft viel großer und mannlicher Thaten von euch vernommen. O weh, Jammer und Leid, daß euch meine Augen je sahen! denn ich kann euch leider nicht behalten. Wir haben kein Brot, und moegen auch keinerlei Speise ueberkommen, ohn' allein Bohnen, damit erhalten wir uns, daß wir nicht gar Hungers sterben. Nun seid ihr so rein und wohlgeborn, und solcher Noth nicht gewohnet, daß ihr mit uns also leiden moechtet. Ich wollt' es auch ungerne an euch begehren: darum kann ich euch nicht behalten.« Herr Tristan sprach: »Herr, ich weiß fuerwahr, daß kein Mann in dieser Burg ist, der so viel Noth erlitten hat, als ich; denn ich habe gar nahe zwei ganze Jahr' ohne Brot und alle gekochte Speise gelebet. Darum, was ihr ertraget, will ich auch ertragen, und wie ihr lebet, also lasset mich mit euch leben.« Als nun der Koenig solchen seinen guten Willen an ihm erkannte, hieß er die Pforten aufschließen, und ließ Herr Tristanen ein: der ward von dem Koenig, von Caynis, und aller Ritterschaft, so in der Burg waren, wuerdiglich empfangen. Herr Caynis empfing den kuehnen Held, Herr Tristanen, und gelobet' ihm von Stund' an Gesellschaft, mit handgebenden Treuen und Eiden. Darnach sprach Herr Caynis: »Gesell, wir wollen gehen, da dich die Frauen empfahen, da du auch meine Schwester sehen magst; da wirst du fuerwahr sagen, daß du nie schoenern Leib gesehen habest: sie moechte mit Ehren wohl des theuersten Koeniges Gemahl sein.« Herr Tristan sprach: »Wie heißt deine Schwester?« Er antwortete: »Sie heißet Isalde.« Tristan gedacht' an seine Isalde, und meinete, die haette ihn jetzt auch vergessen, und sprach in ihm selbst: »Isalde verloren, Isalde funden.« Indem kamen sie, da er sie sah; er lobte sie aber nicht nach seines Gesellen Sage, denn seine Isalde war viel schoener. Als er nun von den Frauen auch empfangen war, nahm ihn Herr Caynis bei der Hand, weiset ihm die Burg allenthalben, und die Gelegenheit der Feinde. Herr Tristan war listig und fuersichtig in Kriegen, und fragete, wie der Krieg stuende, ob man aus der Burg fechten mueßt', und wie alle Dinge beschaffen waeren? Caynis saget' ihm, die Feinde haetten eine solche große Ritterschaft, daß es ohne maßen waere, die kaemen alle Tage fuer die Burg und suchten Streit. Graf Riolin, ihr Herr, ritte den andern fuer durch Tyostiren: »aber er findet niemand, der ihm duerfte entgegen kommen.« Herr Tristan bat seinen Gesellen, daß er ihm aus der Burg huelfe, morgen, sobald es tagete. Und sobald es Tag ward, ließ Caynis seinen Gesellen aus der Burg, der eilete zu Feld' und wartete Graf Riolins; den sah er dort weit vor den Seinen her traben: er schickete sich an, ihm zu begegnen. Graf Riolin ward Tristans auch gewahr: das befremdet' ihn, es war auch selten mehr geschehen, daß ihm ein Ritter entgegen kam; aber doch hatte er Sorg', er wuerde ihm entfliehen, und eilete bald gegen ihn. Herr Tristan saumete sich auch nicht, kehrete sich gegen ihn, und stach ihn von dem Pferd', als ob er nie darauf kommen waere; er stund auch ab zu Fuß', und mit dem Schwert bezwang er ihn zu Sicherheit: er zerschlug ihm Helm und Schild, daß er meinet', er haette den Tod gewiß. Als er sich ueberwunden sah, bat er Sicherheit fuer Sterben, und gab Herr Tristanen seine Treue, zu thun alles, so er ihn hieße, sein Heer von dannen zu schicken, in die Burg zu kommen, sein Gefangener zu sein, und mit ihm abzukommen, wie er selber wollt; und waer' er dennoch froh, daß ihn Herr Tristan leben ließe. Als das Gefaengnis angelobet war, da kamen Graf Riolins Diener, ritten zu der Burg, und wollten alle fast streiten; aber Graf Riolin leistete seine Treu', und kehrete mit Herr Tristanen in seine Burg, und befahl vorhin seinen Heer dannen zu kehren. Herr Tristan sprach zu dem Gefangenen, daß er die Stadt auch etliche Zeit speisen sollt', und wo die Speise noch heute nicht eingebracht wuerde, so mueßt' er den innersten Thurm, so in der Burg waere, noch hinte beschauen. Graf Riolin war ein herrlicher Mann, und meinet', er mueßte deß immer Schande haben, sollt' er sich von Speise wegen in einen Thurm bringen lassen, und wollte lieber Schaden nehmen an der Speise, denn an dem Leibe, und ließ Speise zufuehren, daß sie mehr, denn sechs Monat Speise genug hatten. Solche Geschichte vermeineten Graf Riolins Diener zu raechen, und entboten dem Koenig, daß er Graf Riolinen ledig ließe, oder sie wollten Stadt und Burg zerbrechen, und alles, was sie darinnen fuenden, umbringen. Herr Tristan sprach: »Nun sei uns Gott gnaedig! Vor ihnen wollen wir wohl genesen; aber Graf Riolin wird durch ihr Draeuen nicht ledig, es sei ihnen gleich lieb oder leid.« Als er die Worte redete, kam dem Koenig die Botschaft, daß seiner Schwester Soehne zween ihm zu Huelfe kommen waeren, mit zwei tausend Helmen; der Koenig ging ihnen selbst entgegen mit der Ritterschaft, und empfing seine Neffen freundlich, als billig war. Darauf beschlossen sie mit einander, daß der Koenig seine Sache ganz an Herr Tristanen lassen sollte.   Das acht und dreißigste Kapitel Wie Herr Tristan mit des Koeniges Volk zu Felde zog, und wie er die Feinde mit Gewalt schlug und bezwang. Der junge unverzagte Held, Herr Tristan, machte diese Ordnung: er legete den Koenig nicht fern von der Stadt mit zwei hundert Mannen; darnach die mit Kolben, mit Streitaexten, mit Hellebarten, und was zum Streit dienet, deren war eine lange Schaar; an den dritten Ort, die mit Schwertern und mit Spießen. Zum vierten haet er auch eine große Anzahl Buerger, die wohl geruestet waren mit sonderlichen Wehren und Geschoß. Darnach leget' er des Koenigs Neffen einen mit seinem Volk auch an einen besondern Ort; den andern leget' er ein wenig weiter von der Stadt: und bat sie alle mit großem Ernst und Fleiß, daß sie an den Orten still laegen, bis er es ihnen selbst saget', oder Kurnewalen sagen ließe. Als er sie also geordnet hatte, ritt er und Herr Caynis auch mit zwei hundert Pferden den Feinden entgegen. Da sie so nahe zu ihnen kamen, daß sie einander sahen, da hielten sie sich zusammen. Aber Graf Riolins Ritter dauchten sich so kuehn und stark, daß sie, der mehrer Theil, ungewappnet ritten: deß verlor mancher das Leben, das er sonst wohl haette behalten moegen. Sie renneten mit großem Neid und Grimmen in die Feinde, und vermeineten den Ruhm zu erfechten. Aber Herr Tristan hielt still mit seiner Schaar, bis diese zu ihm kamen: da nahmen sie ihre Schilde mannlich, und renneten unter sie mit starken Schlaegen; also, daß ihrer gar viel todt darnieder fielen. Als sie das sahen, huben sie sich zur Flucht, Herr Tristan eilet' ihnen nach und thaet zumal großen Schaden. Er fing wohl vierzig Ritter, ohne, die er erschlug. Als er mit den Gefangenen dannen ritt, da kam ein geruheter Haufe der Feinde an ihn und kehrete ihn um, also, daß er entfliehen mußte; doch floh er so weislich, daß er nichts verlor. Da kam ihm des Koenigs Neffen einer zu Huelfe; sie satzten mit großem Ernst an die Feinde und thaeten ihnen zumal großen Schaden. Herr Tristan und Caynis erhuben erst einen hatten Streit; sie fingen mehr, denn dreißig Ritter. Da erhub sich ein Geschrei unter des Grafen Heer von Ach und Weh! Der Verwundeten und Todten war ohne Zahl; denn welchen Herr Tristan mit seinem Schwert ruehrete, der hatte den Tod gewiß. Es waren der Feinde so viel, wenn sie schon einen Raum machten, so kam wieder ein geruheter Haufen. Nun geschah es, daß Herr Tristan abermals weichen mußte; doch floh er allwege ritterlich und mit Ehren. Da aber Herr Tristan sah die Uebermacht der Feinde, bedaucht' ihn wohl Zeit, daß ihm der Koenig zu Huelfe kaeme; und ritt aus dem Streit, sagete Kurnewalen, daß er bald ritte und den Koenig kommen hieße. Dieweil kam der Koenig Nampecenis und nahm Caynis bei dem Zaum, fuehret' ihn dahin mit großem Neid und zwang ihn um Sicherheit. Das ersah Herr Tristan, er eilete seinem Gesellen bald zu helfen, und bracht' ihn mit großen Schwertschlaegen von ihm. Also kehreten sie beide wieder in den Streit, schlugen die Feinde ungesegnet nieder und thaeten großen Schaden. Deßgleichen auch des Koenigs Neffen beide zerschrieten Schild und Helm, daß die Todten zu beiden Seiten vor ihnen nieder fielen. Als der Streit lang' und viel waehrete, wurden Herr Tristanen und etlichen der Seinen ihre Pferde erschlagen, und mußten zu Fuß fechten. Da sprachen sie zu einander: »Wir moegen ihnen nicht entfliehen: soll es denn nach ihrem Willen ergehen, so kommen wir nimmer von hinnen. Das woelle Gott nicht, daß ihnen an uns so Liebes geschehe!« Mit diesen Worten liefen sie auf die Feinde mit Stechen und Hauen, und trieben sie mit Gewalt hinter sich. Es blieben der Feind' ohne Zahl auf der Walstatt, die auf der Flucht erstochen und erschlagen wurden in Graf Riolins Heer. Als aber Herr Tristan und Herr Caynis wiederum auf die Pferde kommen waren und so haeßlichen unter den Feinden umrenneten, da kam ihnen der Koenig mit seinem Haufen auch zu Huelfe. Dennoch waren der Feinde so viel, daß sie vermeineten, das ganze Land waere alles voll Feinde. Nun schlugen die zween Helden, Herr Tristan und Herr Caynis, so viel Volks zu Tode, daß es nicht zu sagen ist. Deßgleichen die zween Herrn, des Koenigs Neffen, die warfen ihre Schilde zurueck und schlugen mit beiden Haenden auf die Feinde: da fielen die Todten ohne Zahl und ward der Streit so groß, daß man an etlichen Enden in dem Blute ging bis ueber die Fueße. Als aber die Feinde sahen, daß sie so gar niederlagen, huben sie sich zu der Flucht, und auf dieser Flucht ward der mehrer Theil erschlagen und gefangen. Also haet der Koenig der Gefangenen so viel, daß er seinen Schaden wohl desto besser mochte verschmerzen. Denn Graf Riolin mußte mit ihm fuer sich selbst und fuer alle andere abkommen, wie er selbst wollte. Der Koenig hatte sich gnug mit großer strenger Rach' an seinen Feinden gerochen. Deß alles stund er allein Herrn Tristanen zu danken. Der machete nun einen staeten Frieden, also, daß Graf Riolin dem Koenig sein Land mußte wieder bauen, und alle seine Kosten und Schaden, so er deßhalben genommen hatte, abtragen und wiederkehren. In diesen Vertrag verwilligete Graf Riolin gar gutwilliglich.   Das neun und dreißigste Kapitel Wie der Koenig Sorge hatte, Herr Tristan zoege von ihm, und gab ihm seine Tochter. Als dieser Krieg gestillet war, furchte Herr Caynis, es wuerde sein Gesell, Herr Tristan, einmal jaehling von ihnen reiten, da gedacht' er, wie er dem fuer kommen moechte, und machete sich ihm zumal heimlich und freundlich. Eines Tages sprach er zu ihm: »Gesell, du hast meinem Vater und uns allen so große Lieb' und Dienst' erzeiget, deren wir dir nimmer verdanken koennen noch moegen; du bist auch meinem Vater so lieb, als ich. Warum bittest du ihn nicht, daß er dir meine Schwester gebe?« Herr Tristan antwortet' und sprach: »Wueßte ich, daß er mir sie gaebe, ich waere bereit sie zu nehmen.« Deß ward Herr Caynis froh, sagt' es seinem Vater, dem war es auch lieb und fast angenehm. Also brachte Herr Caynis diese Heirat zuwegen und gab seinem Gesellen seine Schwester zu rechter Ehe. Herr Tristan war mit seiner ehelichen Frauen Isalden ein ganz Jahr, daß er ihren Leib nicht beruehrete, weder wenig noch viel; denn sein Herz und Gemueth war zu allen Zeiten bei seiner allerliebsten Frauen Isalden in Kurnewaelischen Landen: von der schied sein Herz nie, weder in Stuermen, noch Streiten, noch in keinerlei Noethen. Sein ehelich Gemahl vertrug solch Beiwesen ohne Neid; denn es war ihr fuerbaß nichts kund. Eines Tags ritt der Koenig, die Koenigin, Herr Tristan und seine Frau, auch Herr Caynis, kurzweilen fuer die Stadt Careches. Isalden Pferd trat in einen tiefen Hufschlag, da Wasser innen war, also, daß ihr das Wasser unter dem Hemde aufsprang bis zu dem Knie. Da sagete sie: »Wasser, du bist fremd und doch kuehn, daß du mir so weit darfst unter mein Gewand springen, da Ritters Hand noch nie hin geruehret hat.« Solches redete sie bei ihr selbst, ohn' alles Uebel. Aber Herr Caynis hoerete die Rede und fraget' ihr eigentlich nach. Der Frauen war leid, daß Herr Caynis solches gehoeret hatte, jedoch sagete sie ihm, daß es wahr waere. Er sprach: »Du bist nun ein ganz Jahr und mehr mit deinem Mann gewesen, wie moecht' eine Statt an deinem Leibe sein, da nicht meines Gesellen Hand ueber gelaufen waere? Ich meine, du sagest Unwahrheit.« Sie sprach: »Fuerwahr, nein; dein Gesell ist so zuechtig, daß er noch nie mit seiner Hand zu meinem Knie geruehret hat.« Herr Caynis sprach: »So wardst du auch noch nie sein Weib.« Damit ritt er zu seinem Vater, ihm zu klagen, daß Herr Tristan seine Schwester noch nie zum Weibe gewann, und sprach: »Wir haben deß alle Laster und Schande; denn er hat es darum gethan, daß er sie verlassen will.« Da sprach der Koenig, ihr Vater: »So muesse uns Gott der Herr alle verlassen und nimmer helfen, wo wir ihm deß gestatten! Wir wollen von Stund' an ueber ihn richten; denn an diesem Ende moegen wir das am allerfueglichsten thun. Sie nahmen zu ihnen etliche Freunde und Maenner, wie viel deren bei ihnen waren, und vermeineten, sie wollten ihn zu Tode schlagen. Jedoch gedachte Herr Caynis der Gesellschaft, so sie zusammen gelobet hatten, und sprach: »Er ist mein Gesell, und gebuehret mir nicht, daß ich ihn ungewarnet zu Tode schlage: darum will ich ihm zuvor widersagen, daß ich meinen Ehren gnug thue.« Hiemit kam er zu Herr Tristanen und sprach zu ihm: »Ich widersage euch und mag nicht laenger Gesellschaft noch Freundschaft zu euch haben.« Herr Tristan fragete dem nach: »Warum doch?« Caynis sprach: »Darum, daß ihr meine Schwester und uns alle geschaendet habt.« Herr Tristan begunnte laeugnen, und begehrete der Sache recht zu wissen. Herr Caynis sprach zu ihm: »Was soll ich euch von diesen Dingen sagen? ihr wisset es am beßten.« Herr Tristan sprach: »Ich weiß nichts, damit ich euere Schwester, noch euch gelaestert habe.« Caynis sprach: »Ei, so will ich's euch sagen: ihr habt meine Schwester eine Jungfrau gelassen, uns allen zu Schmach; und wir wissen doch wohl, daß sie also edel und eines guten Geschlechts ist, als ihr. Dieses Ding ist allein uns allen zu Schand' und Laster geschehen, und darum, daß ihr sie verlassen wollet.« Darauf antwortete Herr Tristan: »Herr Caynis, glaubet fuerwahr, daß ich nie Muth gewann, sie zu verlassen: es koemmet von andern Ursachen, daß ich sie nicht zum Weibe gewann.« Er sagete: »So lasset mich's hoeren; wovon das koemmet.« Herr Tristan antwortete: »Euere Schwester Isalde hat mich nicht also gehalten, daß ich ihr nahe beiliegen sollte; das weiß Gott.« Caynis sprach: »Sie legete sich neben euch, daß ihr selber thun moechtet, wie es euch gefiele: was sollte sie mehr gethan haben?« Tristan sprach: »Herr Caynis, zuernet nicht, ehe ihr wisset, warum. Eine Frau, eine Koenigin, haelt einen Hund besser und werther, um meinetwillen, denn mich euere Schwester bisher gehalten hat. Wollt ihr mir folgen, so will ich euch an das Ende bringen, da ihr selbst hoeren und sehen sollt', daß ich wahr sage. Wo es sich aber anders erfinden wuerde, so habet Macht und ganze Gewalt, euere Forderung an mich zu erheischen, wie und in welcher Weise ihr nur wollt.« Darauf mußte Herr Tristan Caynis geloben, daß er herwieder zu seiner ehelichen Frauen kommen wollte; und ob die Dinge, vor beruehret, nicht also waeren, wie er gesaget haette, daß sie dann mit Herr Tristanen thaeten, wie sie selber wollten.   Das vierzigste Kapitel Wie Herr Tristan und Caynis sein Schwager ueber Meer zu Herzog Thinas Burg kamen, und wie es fuerder ging. Als das also versprochen ward, ritten sie hinweg, Herr Tristan und Caynis. Als sie zu dem Meer kamen, da gingen sie in ein Schiff und fuhren in Kurnewaelisch Land. Da sie aber der Burg Litany, die Herzog Thinas war, so nahe kamen, gingen sie aus dem Schiff zu der Burg. Der vorgenannte Herzog war der Zeit anheim, ging ihnen entgegen und empfing sie mit großen Freuden; denn er sah nie keinen Gast so gern, als Herr Tristanen, der denn allwege sein beßter Gesell war. Herr Tristan nahm den Herzogen an einen Ort und saget' ihm von Wort zu Wort, wie seine Sachen beschaffen waeren; und das Leben stuende in seiner allerliebsten Frauen Haenden, das moechte sie ihm behalten oder verlieren, wie sie selber wollte. Doch haett' er je kein ander Vertrauen, denn daß sie ihm Huelfe thaete, und ihn aus diesen aengstlichen Sorgen erledigete. Wie und in welcher Weis' aber das geschehen moechte, saget' er dem Herzogen alles, und entbot ihr, daß sie das um seinetwillen thun wollte, und den Koenig bitten, daß er mit großer Ritterschaft auf die Jagd reiten wollte, gen Blankenland, an die Wiesen, da sollte sie auch hin kommen, mit allen ihren Jungfrauen, auf das allerkoestlichste, so sie immer moechte, und sonderlich das Huendlein, das er ihr gegeben haette, auch mitfuehren mit großer Gezierde und Herrlichkeit. Thinas sprach: »Mag ich mich darauf verlassen, daß dir meine Frau die allerliebste ist, als du denn selbst gesaget hast, so will ich dir diese Botschaft werben.« Da sprach Herr Tristan: »O lieber Thinas, mein guter Freund, willt du mir denn zu Willen werden, so sage meiner Frauen, daß bei der Straßen, die sie reiten soll, eine Birschwarte ist, und gar nahe dabei ein dicker Dorn: da soll sie fleißig aufsehen; denn ich habe diesen dazu erkohren, daß wir, ich und mein Gesell, darinnen sein wollen; und so sie zu dem Dorn kommt, als neben uns, so will ich meiner Frauen Pferd ein Reis in die Maehnen schießen: dann soll sie still halten, und das Huendlein selbst fuehren, daß mein Gesell sehe, ob ich wahr gesagt habe oder nicht.« Das alles, mit mehr Worten, hieß er seiner liebesten Frauen und Koenigin sagen. Auch schicket' er ihr einen Ring, den sie ihm gegeben hatte, dabei sie verstund, daß er zu Lande kommen war. Herr Thinas ritt hinweg. Als er gen Hof kam, fand er den Koenig und die Frauen ob einem Brettspiel mit einander spielen, und sie hoereten gleich jetzt auf von dem Spielen, Herr Thinas ging hinzu, und sprach: »Frau, ich will mit euch spielen.« Als er nun spielete, griff er oft und mehr, denn er sollt', auf das Brett; das thaet er darum, daß die Frau des Rings an seiner Hand wahrnaehme. Als sie den Ring sah, mußte das Spiel bleiben, sie ging bald in ihr Gemach, und forderte Thinas zu ihr, fraget' ihn zu Stund'. Er gab der Koenigin den Ring, und saget ihr dabei, was ihr Herr Tristan entboten haette, und ermahnete sie auch fleißig, daß sie ihm solch sein Begehren nicht abschluege, sondern ihm zu Willen wuerde, damit diese Reise loeblich und koestlich vollbracht wuerde. Als die Frau ihren Allerliebsten in solcher Naehe vermerkete, ward sie aus der maßen hoch erfreuet; denn sie hatte in seinem Abwesen echter Freude nie empfunden. Und ohn' alles Verziehen bat sie den Koenig, mit großer Ritterschaft gen Blankenland auf die Jagd zu reiten. Deß ward der Koenig willig. Also richtete sich die Frau mit ihren Jungfrauen so koestlich und herrlich zu, daß Wunder davon zu sagen waere. An dem andern Morgen frueh kam Herr Tristan und Herr Caynis in den Dorn, als er der Frauen entboten hatte, darinnen zu warten seines Herzen Kaiserin. Als sie eine kleine Weile darinnen waren, da kamen die Koeche des Koeniges, mit Kesseln und Pfannen; darnach Leute, die Speise zufuehreten: deren bedauchte Herr Caynis viel zu sein. Auch kamen dar die Truchseß' und Schenken; darnach die Jaeger mit viel Hunden. Darnach kam des Koeniges Kammerwagen und die Kapelane; darnach der Koenig selbst, mit großer Ritterschaft und mit manchem schoenen Federspiel. Als nun der Koenig fuerueber war, da kam der Frauen Kammerwagen; da gingen so viel Trabanten mit, daß es Herr Caynis groß Wunder nahm. Darnach kamen die Frauen. Nun hatte die Koenigin ihre Reise also geordnet, daß allwege ein Ritter und eine Jungfrau neben einander ritten, und die Nachreitenden nicht zu nahe auf die Vorderen, also, daß je zwei und zwei wohl mit einander reden mochten, wollten, was sie daß es die andern nicht hoereten. Es waren auch die Frauen und Jungfrauen so gar herrlichen und koestlichen bekleidet und gezieret mit Golde und koestlichem Edelgestein, und den beßten Kleidern, so man gehaben mochte; jedoch eine koestlicher, denn die andere, und je mehr sie fuer den Dorn ritten, je besser und schoener sie gezieret waren. Nun sahen sie eine minnigliche, schoene Jungfraue, daß Caynis bedauchte, er haette nie nichts Schoeners gesehen, und sprach: »Hie kommt die Koenigin.« Da antwortete Herr Tristan: »Sie ist's nicht: diese ist zu schaetzen gegen die Koenigin, als eine truebe Wolke gegen die lichte Sonne.« Herr Caynis gab keine Antwort, aber er glaubet' es nicht; denn er meinet', er hatte sich in dieser Jungfrauen Angesicht ersehen, als in einem Spiegelglas. Diese Jungfraue hieß man die schoene Gymelle von der Schitriel; bei ihr ritt Herr Caylach, ein Graf von Miliach, der war der schoenste Juengling, so in derselbigen Zeit mochte leben: diese zwei kehreten ihre Angesichter recht gegen Herr Caynis, also, daß er sie gar eigentlichen sehen mochte. Sie redeten auch mit einander und lachten einander gar freundlich und guetlich an. Als aber Herr Caynis das sah, sprach er bei sich selbst, daß nichts Schoeners noch Lieblichers auf allem Erdreich leben moechte, denn diese zwei Menschen. Als nun diese zwei fuerueber waren, da ritt die getreue Brangele allein, ohn' alle Gesellschaft: sonst ritten je zwei und zwei mit einander. Da Herr Caynis die ersah, vermeinet' er, sie waere an Gestalt und an aller Gebaerde noch schoener, denn die er vor gesehen hatte. Nach ihr gingen zween Zelter, die trugen eine koestliche Truhe, mit Golde und edlem Gestein auf das allerzierlichste gemacht. Herr Caynis fragete, was dies waere? Herr Tristan antwortet' und sprach: »Das ist der Hund, den ich meiner Frauen gegeben habe, den sie um meinetwillen also mit ihr fuehret.« Als Herr Caynis solches hoerete, sprach er: »Du hast wahr gesaget; denn du wurdest nie von meiner Schwester also gefuehret.« Als er nun diese Worte redete, sah er einen solchen Schein, daß ihn bedauchte, wie zwo Sonnen waeren; und fragete zu Stund', was das waere? Herr Tristan sprach mit großen Freuden: »Hie kommt die Koenigin, meines Herzen allerliebste Fraue!« Herr Caynis aber getrauete nicht, daß ein solcher Glanz von der Frauen leuchtete, bis er sie selbst sah. Die Koenigin ritt allein; denn sie hatte ihren Mitreiter Auctrat wieder hinter sich geschickt, um Dinge, die er nicht finden mochte: sie haette moegen leiden, daß er nimmermehr wiederkommen waere. Also kam sie zu dem Dorn geritten, und brachte mit ihr das Licht und den Schein, so Herr Caynis gesehen hatte: der mußte nun von wahren Schulden bekennen, daß er in seinem Leben nie so schoenen Leib gesehen haette. Er stund, und konnte sich nie genug verwundern der großen Schoene und des lichten Glanzes, so von der Frauen glastete, und sprach zu Herr Tristanen: »Gesell, ich meinete nicht, daß solche große Klarheit und Schoene den Menschen auf Erdreiche beiwohnen moecht', ich haett' es auch weder dir, noch seinem Menschen nimmermehr geglaubet, wo ich das nicht selber gesehen haette. Erst merk' ich, daß meine Schwester solcher Schoene nicht an ihr hat, die ich doch fuer die Schoeneste geachtet habe. Aber nun ist mir ihre Schoene ein Verdruß gegen die, die ich hie sehe.« Herr Tristan wollte sich nun offenbaren und seiner Frauen zu verstehen geben, daß er allda waere: er nahm ein Reis und schoß das seiner Frauen Pferd in die Maehnen. Zu Stund' vermerkete sie, daß er da war, und hielt still, rufete Brangelen zu ihr, daß sie ihr den jungen Grafen Caylach kommen hieße. Als er kam, sandte sie ihn zu dem Koenige, und entbot ihm, sie waere sehr krank worden auf dem Wege, ließ ihn sehr bitten, daß er sie die Nacht vermeiden und nicht bei ihr wesen wollte, sondern sein Lager jenseit des Wassers, und das ihre hie dieshalb aufschlagen, damit sie desto besser Ruhe haben moechte; daß er auch mit Fleiß bewahrete, so sie gen Blankenland kaeme an die Herberge, daß alsdann kein Hoern noch Hund da gehaeret oder erschaellt wuerde: denn sie moechte das vor Schwachheit ihres Haupts nicht erleiden. Caylach ritt hinweg, dem Koenig diese Botschaft zu sagen. Der Koenig war deß wohl zufrieden; denn die Frau war ihm so lieb, daß er gar williglichen thaet, was sie ihn bitten ließe. Die Koenigin stund von dem Pferd, ohne daß sie Huelfe begehrete, was vormals nie geschehen war, und ging hin zu der gueldenen Truhe, darin der Bracke lag: den nahm sie mit ihren hermelinweißen Haenden heraus, mit viel sueßen Worten und lieblichen Gebaerden; sie strich ihn schoen mit ihrem Mantel, der da gemacht war von Gold und edlem Gestein, daß er keiner Gezierde mangelte. Sie nahm allda diesen schoenen Bracken in ihre Arme, und sprach dem so gar guetlich und freundlich zu, als ob sie Herr Tristanen selbst in ihren Armen haette. Als sie ihn nun lange gestreichelt und geliebelt, da trug sie ihn wieder in sein Haus. Auf dem Wiedergang ließ sie den Mantel fallen, also, daß sie Herr Caynis wohl sehen mochte. Er mochte sich auch nicht laenger enthalten, sondern er redete mit Herzen und Zungen, daß keine schoenere Kreatur auf Erden lebete, denn diese Frau. Und er sprach zu seinem Gesellen Herrn Tristanen: »Gesell, ich sage dich aller Treu' ledig und los: ich sehe gar viel mehr, denn du gesagt hast. Ich bekenne auch, daß du von meiner Schwester nicht so freundlich bist gehalten worden.«   Das ein und vierzigste Kapitel Wie die Koenigin zu dem Dorn kam und Herr Tristanen zu verstehen gab, wo er zu ihr kommen sollte. Nach dem ging die Koenigin also wieder fort, und hoerete Waldvoegelein singen, zu denen redete sie mit lauter Stimme: »O ihr lieben Voegelein, ihr habt mannichfaeltige Freude durch euere sueßen Stimmen und Getoen: nun will ich euch miethen, mit reicher Gab' und Geschenke, daß ihr hinte mit mir stieget gen Blankenland an die Herberge, und mir daselbst diese Nacht singet!« Mit dieser Rede und behender Listigkeit gab sie Herr Tristanen zu verstehen, wo sie die Nacht sein wuerde, und an welchem Ende er zu ihr kommen sollte. Nicht lange darnach kam der leidige Auctrat; zu Stund' hub er die Frauen auf ihr Pferd, und fuehrete sie gen Blankenland; denn das sie den Koenig hatte bitten heißen, war alles nach ihrem Willen vollbracht. Aber ehe, denn der Koenig zu Ruhe ging, wollte er vorhin besehen, wie sich die Frau gehabet', und ritt allein dar. Brangele ging herfuer, und sagt' ihm, die Frau waere sehr krank, daß er nicht zu ihr reden moechte, bis morgen. Was mochte der Koenig nun anders thun, denn daß er dannen ritte? Und ihm war der Frauen Krankheit inniglichen leid. Alsbald der Tag seinen Lauf vollbracht hatte und die Nacht kam, da kam auch Herr Tristan und sein Gesell, die ließ man zu Stund' fuer die Frau: die ward alsbald gesund; denn der rechte Arzt war ihr kommen. Wie gar freundlich und lieblich die Frau ihren Liebhaber empfing, bleibet von mir hie ungesagt; denn ich kann solcher gebluemter Worte nicht. Auch ist ohne das maenniglich kund und wissend, daß sich Liebes gegen Liebes auf das freundlichste erzeiget, so sie moegen. Die Frau nahm Herr Tristanen zu ihr, und hieß seinen Gesellen Herr Caynis zu der schoenen Gymellen von der Schitriel sitzen. Nun war niemand in diesem Gemach, denn die Koenigin, Herr Tristan, Herr Caynis, Gymelle, Brangele und Peronis. Diese alle wußten wohl der Frauen Heimlichkeit. Die war nun mit Herr Tristanen in großer Geheim und einigem Rath. Da klagete je eins dem andern, was sehnender Roth sie erlitten haetten in ihrem Abwesen; und nahmen ihnen deß eine kleine Ergetzlichkeit, so viel denn diese kurze Zeit ihres Beiwesens verhaengete. Herr Caynis sprach der schoenen Gymellen um ihre Liebe und Freundschaft so ernstlich zu, daß er meinete, sie sollt' ihn jetzt bei ihr schlafen lassen; aber sie verachtete seine Worte, und es war ihr gleich ein Gespoett. Jedoch ließ er nicht nach, es waer' ihr lieb oder leid, und lag ihr fest und staetiglich an. Als sie aber seinen Ernst recht ersah, sprach sie: »Herr, wo gedenket ihr hin, oder wohin thut ihr euern Sinn? ihr sehet doch wohl, daß ich keine Baeurin bin, daß ihr mir so jaehlingen um Lieb' und Freundschaft zusprecht. Ich mein', ihr seid ein Bauer; ich glaube nicht, daß ihr es sonst thaetet; und sag' euch ueberlaut, daß ihr von mir ungewaehret seid; denn haettet ihr fuenf Jahr' in meinen Geboten gestanden und gelebet, es waere dann noch viel zu frueh, daß ihr so viel begehren solltet, als ihr hinte gethan habt.« Doch bedachte sie sich bald anders, und sprach: »Ihr bedunkt mich so ehrlich, wenn ihr mein Landsmann waeret, und mir gemaeß, auch meinen Freunden gefaellig, also, daß sie euch mir gaeben, das ließ' ich geschehen: aber durch euere Bitte nicht.« Herr Caynis ward betruebet; es gereuet' ihn, daß er es je gedacht', und wußte nicht, was er antworten sollte. Nun war es Zeit, daß die Koenigin und Herr Tristan sollten zu Ruhe gehen, da ging sie vor zu Herr Caynis, und sprach: »Durch Tristans Liebe will ich euch vergoennen hinte zu liegen, unter diesen zweien bei welcher euch gefalle (das waren Gymelle und Brangele), und welche euch die liebste sei, die heißet hinte bei euch liegen.« Herr Caynis meinete, sie trieb' ihren Spott mit ihm, und gedachte: Bin ich ihnen denn nur zum Spott herkommen, so waere ich wohl da außen blieben. Als er aber ihren Ernst vermerket' und verstund, daß kein Gespoett dabei waere, sprach er: »Frau, Gott belohne euch in seinem hohen Thron solcher Treu' und Freundschaft, so ihr mir beweiset. Sollt' ich denn die Kuer und Wahl haben, so mueßt es Gymelle sein; denn ich habe schon eines Theils mit ihr geredet, auch bin ich mehr bei ihr gesessen, denn bei dieser.« Zu Stund' gebot die Koenigin, daß Gymelle den Helden zu sich leget', und ihn freundlich in ihre Arme naehme. Die Jungfrau hieß ihr und Herrn Cayms zusammenbetten. Er zog sich bald aus, und legete sich zu Bette. Aber Gymelle ging vor zu der Frauen und sprach in großem Unwillen: »Wie meinet ihr dies Ding? Ist es euch lieb, daß ich meine Ehr' also verlieren sollte: mir nicht also!« Die Koenigin sprach: »Geh' hin, und nimm das Kissen, das ich unter mein Haupt lege, so ich mich nach Herr Tristanen sehne: du weißt wohl, wie es darum stehet; lege es ihm unter sein Haupt, zuhand entschlaeft er, so lange, bis du's ihm wieder nimmst: also magst du die Nacht mit gutem Frieden bei ihm schlafen.« – Das Kissen war mit solchen Kuensten zugerichtet: wer drauf entschlief, der schlief Nacht und Tag; es konnte sich auch niemand sobald drauf legen, er waere von Stund' an entschlafen, mochte auch nicht erwachen, bis man ihm das wieder entzog. Wenn der Koenigin die große Lieb' und das Sehnen nach Herr Tristanen so gar ueberhand nahm, so legete sie sich darauf: damit ward ihre Roth abermals eines Theils geringert. – Gymelle nahm das Kissen, legete sich zu dem Helden und sprach: »Hebet euer Haupt auf, ich will euch in meinen Arm legen: das hat mir meine Fraue geboten.« Herr Caynis dankete Gott, und auch der Koenigin, und ward aus der maßen froh, daß ihm die Jungfrau so freundlich sein wollte. Gymelle leget' ihm das Kissen unter sein Haupt, zuhand entschlief er, daß er diese Nacht nie erwachet'; er wueßt' auch nicht, ob er allein oder selbander lag. Zu Morgens da es tagete, stund die Jungfrau auf, bekleidete sich schoen, ging dar, und zog dem Helden das Kissen von dem Haupt: von Stund' an erwachet' er, griff um sich, und fand nichts. Da erschrak er sehr, und meinet', er waer' also verspottet und verunglimpft: er waere lieber tausend Meilen von ihr gewesen, denn daß er allda sollte sein. Die Nacht war nun dahin, und der Tag erleuchtete das ganze Erdreich, darum er verhoffete, daß ihm kein Gutes von ihr widerfuehre; jedoch blieb er eine Weile da, bis er sein Leid besser hoeren mußte, mit Spottworten. Gymelle sprach da: »Haett' ich naechten gewußt, daß ihr also zuechtiglich wolltet liegen, ich haett' euch der Dinge, so ihr mich batet, nicht verzogen.« Da er das hoerete, da ward er vor Leid gar nahe verwundet und vertobet, auch so gar erschrocken: der ihm ein Ohr entzwei geschnitten haette, haette gesehen, daß kein Blutstropfen davon waere kommen. Nun war auch Zeit, daß sich die zwei abermals scheiden mußten: die schieden sich mit großer Klag' und Uebelgehaben. Herr Tristan wueßt' aber nicht, wie es seinem Schwager gangen haet. Er hieß Peronis bald zu Kurnewalen gehn und ihm sagen, wo er ihn finden moecht', auch wohin er die Pferde bringen sollte; denn es war ein boeses Bruch bei dem Wege, den sie reiten sollten: das wollte Herr Tristan umgehen, bis er zu dem rechten Pfad zu den Pferden kaeme. Peronis lief bald dahin und sagete Kurnewalen die Botschaft. Der hub sich schnell dar, kam zum Bruch, und vermeinete seinen Herrn da zu finden. Auch war mit ihm da Herr Caynis und sein Diener, die hielten auf der Fuhrt. Und weil sie also hielten, da kam ein Mann, mit Namen Pleherin, der war auch des Koenigs Hofgesinde, mit sieben Dienern; dieser kam an sie, und jagete sie so meist, als er mochte: diese aber flohen sehr. Pleherin vermeinet', es waere Herr Tristan, und rufet' ihm nach: »Kehre Held, kehre, durch deine große Kuehnheit!« Diese aber kehreten sich nicht an sein Rufen, und eileten ihre Straße. Da rufet' er abermals: »Kehre, werther Herr Tristan, um der Koenigin willen, so sie dir je lieb ward!« Diese aber wollten nicht wiederkehren. Da sprenget er ihnen mit großem Neid zu, sie zu noethen, ihm zu sagen, wer sie waeren: dennoch kamen sie ungefragt von ihm; doch eilete er ihnen ein Pferd ab auf der Flucht. Kurnewal ritt desselben Tags mehr, denn vier Meilen irr', ehe er zu seinem Herrn kam.   Das zwei und vierzigste Kapitel Wie Herr Tristan gegen die Koenigin verleumdet ward, darum sie darnach sehr zornig ward. Nicht lange darnach kam Pleherin gen Hof, und sagte der Koenigin, Herr Tristan waere im Land', und wie er ihn gejaget und ihm ein Pferd abereilet haette; er waer' aber so fast geflohen, daß er ihn nicht haette ereilen moegen. Auch saget' er, wie er ihn um ihrentwillen ermahnet haette, daß er wieder umkehren sollte, er haette es aber nicht hoeren wollen, und waere also fluechtig hinweg geritten. Die Frau antwortet' ihm ernstlich und mit großem Zorn: »Was sagest du mir davon? Ich wollte, du haettest ihn auf deinem Ruecken getragen, und in die See geworfen, daß ich doch sein nimmer gedenken hoerete! Jedoch glaube ich, du duerftest ehe deine Augen aus deinem Haupt graben, denn einen solchen kuehnen Mann jagen.« Pleherin war ein hoeflicher und verstaendiger Mann; als er ihren Zorn saehe, war ihm leid, daß er die Rede gethan haette, und hub sich zu Stund' dannen. Die Koenigin grammt' in ihr selbst, und thaet ihr gar Zorn, daß Herr Tristan um ihrentwillen nicht widerkehret waere, und mocht' auch das nicht laenger verdulden, sondern entbot ihm durch Peronis: er haette fast uebel gethan, daß er nicht wiederkehrete, da ihn Pleherin um ihrentwillen vermahnet und gebeten haette. Peronis war ganz eilig, er lief schnell dahin, und kam, da er Tristanen an dem Dorn fand; dem saget' er die Botschaft, die ihm zumal fremd war; und dieweil sie also redeten, kam Herr Caynis, Kurnewal und Cannis Diener, und brachten nicht mehr, denn drei Pferde; das vierte hatte ihnen Pleherin abgejaget. Herr Caynis war zornig und unmuthig, und meinete nicht anders, denn Herr Tristan wueßte wohl, wie ihm geschehen war, und daß ihm die Hofschande lieb waere und durch seinen Rath geschehen; und wollte das an ihm raechen. Nun wußte Herr Tristan nichts um die Maehre, denn er hatte seines Geschaefts gewartet. Sie geriethen da also hart mit Worten an einander, daß Herr Tristan Herrn Caynis also anlief, und wollt' ihn niedergeschlagen haben. Doch bedacht' er sich anders; er ist mit mir herkommen; schlage ich ihn denn, das waere mir keine Ehre; darum will ich meinen Zorn gegen ihn nachlassen, wiewohl er uebel an mir gethan hat. Hiemit kehret' er sich zu Peronis, und sprach zu ihm: »Sage der Koenigin, meiner Frauen, meine Unschuld, auch daß sie gewiß sei, was man mich je um ihrentwillen gebeten, oder von mir begehret, daß ich deren keines nie keinem versaget, noch abgeschlagen, sondern allezeit in ihrem Dienst gewesen, und alles vollbracht habe. Laufe bald hin und sage solches meiner allerliebsten Frauen, so will ich also hie dein warten? es sei mir gleich nutz oder schaedlich.« Peronis der lief dahin. Als er zu der Frauen kam, und ihr Tristans Botschaft ansagete, da glaubete sie deß alles nicht, daß dem allem so waer', und sprach zorniglichen: »Peronis, daß du mir um seiner Gabe willen unrecht sagen willt, ist mir nicht lieb.« Als Peronis ihren Zorn vernahm, da ging er wieder zu Herr Tristanen, und sagt' ihm, daß seine Frau seiner Unschuld nicht glauben wollte. Herr Tristan sprach: »Das ist mir inniglich leid; ich will auch große Arbeit darum leiden, oder aber sie sage mich dieser That ledig.« Als aber Herr Caynis merkete den großen Zorn und Ernst seines Schwagers, ward es ihm leid und gereuet ihn uebel, daß er je etwas wider ihn geredet haette, und sprach zu Kurnewalen: »Ich will nirgends hin reiten, sondern mit dir hie meines Gesellen warten, bis er herwieder komme.«   Das drei und vierzigste Kapitel Wie Herr Tristan zu der Koenigin kam, in Gestalt eines Aussaetzigen, und wie es ihm daselbst erging. Tristan sprach: »Ich will darum sterben, oder sie sage mich unschuldig.« Er ging hinweg, und kam zu einem aussaetzigen Mann, den bat er, ihm seine Kleider und sein Klaepperlein zu leihen: der thaet das. Tristan legete die Kleider an, nahm das Klaepperlein in seine Hand, und ging vor die Koenigin, als ob er ein siecher Mann waere. Die Frau erkannt' ihn, und sprach zorniglich: »Bald treibet diesen siechen Mann hinweg.« Da liefen zween Gesellen dar, die schlugen ihm zween große Schlaeg', und stießen ihn mit Ungeduld unmaeßlich hart hinweg. Dieses sah die Frau, und begunnte deß sehr lachen: jedoch haette sie billiger geweinet; es war ihr aber zu der Zeit nicht zu Sinne. Herr Tristanen thaet diese Schmach und Laster sehr weh, denn er hatte sich solches nicht zu ihr versehen, und kehrete bannen in grimmigem, zornigem Muth. Als er zu Kurnewalen und seinen Pferden kam, saß er auf und ritt weg; er saget' auch seinem Diener in großer Geheim, wie es ihm ergangen war. Als er solches hoerete, daß die Frau darueber gelacht haette, ward er so gar zornig, und bat seinen Herrn mit ganzem Fleiß, daß er um seinetwillen die Frauen ein Jahr vermeiden wollte, auch nicht kommen an das Ende, da sie ihn sehen moecht'; und wo er das nicht thaete, wollt' er keinen Tag mehr bei ihm bleiben. Herr Tristan verhieß ihm, das staet und fleißiglich zu halten. Er verließ alle Feindschaft und Unwillen, so er zu Herr Caynis hatte, deßgleichen Herr Caynis gegen ihn auch, und wurden gute Gesellen, in maßen, wie vor. Sie ritten miteinander heim; da wurden sie mit großen Ehren empfangen. Herr Caynis sagete seinen Gesellen vor seinem Vater aller Geluebde ledig und los, und alles, so Herr Tristan haette gesagt, das haette sich wahrlich erfunden, und zehenfaeltig mehr. Also ward erst eine neue Freundschaft gemacht, und legete sich Herr Tristan naehre und freundlicher zu seiner ehelichen Frauen, denn er vormals gethan hatte, und lebeten auch freundlich und schoen mit einander. Sie verschmerzeten auch wohl, ob die Koenigin Reu' oder Unglueck haette: der war es auch gar nicht ohne, der Schimpf hatte sie gereuet, und kam in große Klag' und Leid und erkannte, daß sie von rechten Schulden Herrn Tristans Huld verloren haette.   Das vier und vierzigste Kapitel Wie die Koenigin Herr Tristanen um Huld bitten ließ, und die von ihm erlangete. Die Koenigin hatte einen Lakeien an dem Hof, schoen und wohlgezogen, mit Namen Pyloys, dem war die Sache der Koenigin und Herrn Tristans auch nicht gar unwissend; der ward berufen und zu der Frauen gefordert. Als er zu ihr kam, sprach sie zu ihm: »Ich habe durch meinen jaehen Zorn von rechten Schulden Herr Tristans Freundschaft und Huld verloren; denn ich habe zugesehen, daß man ihm zween ungefuege Schlaege gegeben hat, und habe deß sehr gelachet. Nun bitte und begehr' ich von dir, du wollest mein Bote zu ihm sein; das will ich dir gar wohl lohnen. Sag' ihm meinen Dienst, klag' ihm dabei meinen großen Kummer, so ich nach ihm erleide; daß ich auch von seinetwegen ein haeren Hemd an meinem bloßen Leibe trage, das mir doch schwer zu thun ist: jedoch will ich's nimmer abthun, es sei denn, daß er mich das heiße, und seinen Muth gegen mich bekehre.«   Das fuenf und vierzigste Kapitel Wie Pyloys zu Herr Tristanen gen Careches kam, und die Koenigin wiederum bei ihm Huld erwarb. Pyloys nahm Urlaub von der Frauen, und hub sich Kurnewarlischen Landen. Als er schier gen Careches kam, ritt Herr Tristan im Felde beizen mit einem Sperber, der hatte wohl geflogen und gefangen nach allem seinem Willen und Gefallen. Herr Tristan sah Pyloysen von fern auf dem Wege, und gedachte: Dieser mag wohl ein Bote sein; ich will ihn fragen, wo er hin woelle? Sie kehreten beide zusammen, und kamen so nahe, daß sie einander erkannten. Da hieß Herr Tristan Pyloysen willkommen sein, und fragete zu Stund', wie sich die Koenigin gehabte? Er antwortete: »O lieber Herr, bedenket, daß sie euch will zu Buße stehen, wie ihr selber gebietet. Auch wie sie von euerentwegen ein haeren Hemd an ihrem bloßen Leibe trag', und das tragen woelle, so lang' als ihr selbst woellet. Aber das ist nicht minder: wollt ihr sie so lang meiden, so stirbt sie. Darum such' ich, Herr, euere Fueße, daß ihr schier kommt an das Ende, da meine Frau, euere Allerliebste, ist, und machet sie dieser großen Sorgen frei.« Herr Tristan sprach: »Ich will sie nicht sehen, mir moechte vielleicht geschehen, als zum naechsten geschaehe, da sie mich von ihr treiben hieß.« Pyloys sprach: »Herr, sie hat fuerwahr also groß Reuen, als ich von keinem Weib nie vernommen habe.« Herr Tristan sprach: »Ich laeugne nicht, ich war ihr ein wenig gramm. Das lass' ich nun hie sein, und will ihr wieder freundlich sein. Sag' ihr auch, daß sie das haeren Hemd hinlege, und sich forthin mit Seiden bekleide. Auch will ich sie empfahen durch Gnad' und nicht durch Recht, sondern ich will sie dein genießen lassen, daß du so ein guter Bote bist. Und alsbald ich geleistet ein Ding, das ich gelobt habe, so will ich zu ihr kommen, es sei mir gut oder schaedlich. Auch sage meiner Frauen, ich habe gelobt, daß ich sie ein Jahr vermeiden und nicht sehen wolle: so sich aber das Jahr endet, in dem Maien, so komm' ich wieder dar; das mag aber vor der Jahrzeit nicht geschehen noch sein.«   Das sechs und vierzigste Kapitel Wie Herr Tristan zu der Koenigin kam, und wie es ihm darnach erging. Als der Mai kam, nahm Herr Tristan graue Kleider an sich, als ein Pilgrim, dazu Tasche und Stab, auch zween Bundschuhe, mit ihm sein Diener Kurnewal, ihm gleich gekleidet, und zogen in Kurnewaelisch Land. Als sie nun kamen zu der Burg Litany, die Herrn Thinas war, da war er nicht daheim. Als sie ihn aber nicht funden, mußten sie bedenken, was ihnen zu thun waer', und nahmen den Rath, auf die Straßen zu gehen, ob sie jemand saehen, den sie als Boten schicken koennten. Hiemit gingen sie in den Dorn, da er und Herr Caynis vor in gewesen waren. Es zog viel Volks da wieder und fuer, es war aber keiner unter ihnen, dem sich Herr Tristan eroeffnen durfte: also mußten sie diese ganze Nacht in dem Dorn behausen. Als es nun Tag ward, da kam sein lieber Freund Herr Thinas, der ritt dorther und schlief. Herr Tristan gedachte: Ich will dich nicht wecken; du bist vielleicht hinte bei deiner Lieben gewesen, und schlafest nothduerftig. Er ging dar und nahm das Pferd bei dem Zaum, und ging eine gute Weile mit ihm, und wollte sich ehe dieser Botschaft verzeihen, ehe er ihm seinen Schlaf brechen wollte. Zuletzt erschrak das Pferd und fuhr aus dem Weg, davon der Herr erwachet', und erkannte Herr Tristanen zu Stund'. Sie wurden beide froh, und empfingen einander mit viel freundlichen Worten. Herr Tristan hub an den Herrn zu bitten und mit großem Fleiß zu begehren, ihm abermals Botschaft an die Koenigin zu werben und sprach: »Nimm hin diesen Ring, und bringe den der Koenigin zum Wahrzeichen meiner Herkunft, und sage ihr, sie solle Fleiß thun, damit sie den Koenig abermals auf die Jagd bringe gen Blankenland; da soll sie mich finden in dem Dorn, da sie mich fand, als ich naechst hie war.« Herr Thinas nahm den Ring und kehrete damit hinweg. Als er gen Hof kam, und die Frau vermerkete die Ursache seiner Zukunft, auch den Ring sah, ward sie gar inniglichen froh. Zu Stund' bat sie den Koenig, daß er jagte zu Blankenland. Der Koenig hieß von Stund' an Jaegermeister und Jaeger, daß sie sich zur Jagd ruesteten; denn er war allezeit willig, zu thun, was die Frau begehrete: darum ritt er bald hinweg. Die Frau sprach: »Auctrat soll hie bleiben und mit mir nachreiten.« Er waer' ihr aber lieber ueber tausend Meilen gewesen. Sie war ganz listig und gescheit, und redete solches, daß man desto minder Argwohn aus der schnellen Jagd nehmen moechte. Nun hatte sie in der Zeit, als Herr Tristan naechstmals bei ihr gewesen war, der beßten eine aus ihrer Schaar der Frauen verloren, das war die getreue Brangele; darum die Frau sehr viel Klag' und Leid hatte. Es fiel aber das Amt, so Brangele gehabt hatte, auf Gymelle von der Schitriel; und wußte die Sache nun niemand mehr an dem Hof, denn Gymelle und Peronis: die mußten auch staets bei der Koenigin sein.   Das sieben und vierzigste Kapitel Wie die Koenigin zu dem Dorn kam, und Herr Tristanen zu verstehen gab, wo er zu ihr kommen sollte. Als sie nun kamen zu der Warte bei dem Dorn, da Herr Tristan innen war, hieß sie alles Volk wegreiten, ohn' Auctrat und Gymelle, die blieben bei ihr. Die Frauen beide saßen nieder in das Gras, und der leidige Auctrat – daß ihn Gott schaende! – zu ihnen; es waere ihnen lieb oder leid, er setzte sich zu ihnen. Die Frau sollte nun Herr Tristanen zusprechen und sagen, wo er zu ihr kommen moechte: das mochte vor dem Verraether Auctrat nicht geschehen. Sie stund auf und brach der Bluemlein, so bei der Warte stunden. Indem hoerten sie die Hunde gar zumal laut laufen, und kam der Hirsch daher gelaufen, gerichts zu der Warte. Da erschrak der Frauen Pferd; da es den Hirsch sah, riß es so hart, daß es Zaum und Zuegel alles zerbrach, und lief zum Wald ein. Auctrat saß bald auf sein Pferd und eilete diesem nach, daß er es wiederfinge. Die Koenigin ging dem Dorn ein wenig naeher, und durfte doch nicht gar hinein, noch er heraus. Sie sagete mit hellen Worten, daß er's wohl hoeren mochte, wo er sie finden und zu ihr kommen sollte. Als ihr aber vor gehoeret habet, daß der Hirsch der Warte zugelaufen kam bei dem Dorn, als er Leute darin vernahm, erschrak er, und kehret' um auf einen andern Weg. Die Jaeger haengeten ihm nach, der Koenig ritt auch hin nach. Als er sah den Hirsch scheuen bei dem Dorn, wollt' er auch sehen, was darin waere. Die Frau ersah das, und erschrak ohne maßen sehr; sie thaet laut rufen und schreien, der Hirsch waere hinweg! Sie schrie so fast und so viel, daß sich der Koenig Suchens begeben mußt'. Auch kamen die Hund' auf die rechte Fahrt, dem Hirsch nachjagend. Also verhuetete die Frau, daß Herr Tristan nicht gefangen wurde, und der Koenig dem Hirsch nachritt. Nicht lange darnach kam Auctrat auch herwieder, und hatte das Pferd gefangen. Damit saßen sie auf und ritten hin gen Blankenland, an die Herberg' oder Feuerstatt, da Herr Tristan das naechstemal auch bei ihr gewesen war. Er vergaß auch nicht, wohin sie ihn jetzt geweiset hat, und kam an dasselbige Ende, sobald die Nacht herging. Wie gar freundlich und lieblich er von der allerschoensten und liebsten Frauen empfangen ward, und wie er dankte, da kann ich euch nicht genug davon sagen; denn sollt' ich das alles von Wort zu Wort erzaehlen, so wuerde dies Buechlein sehr gelaengen: darum lass' ich es gleich fallen. Sie heilet' ihm seine Schlaege, so er von ihrentwegen empfangen und gelitten haet, daß er forthin nicht mehr darob klagete, noch ihrer in Argem gedachte. Des Morgens, da sie sich abermals scheiden mußten, hub sich neue Klag' und Ungemach, und schieden sich die zwei Lieben mit nassen Augen und großem Schmerzen. Herr Tristan der ging traurig hinweg, suchete Kurnewalen seinen Diener an dem Ende, da er ihn gelassen hatte, und fand ihn nicht. Da kam er an die Feuerstatt, da das Hofgesinde lag. Als er aber die Leute ersah, wollt' er wieder umgekehret sein; da furchte er, man haette ihn gesehen: so moechte ihm sein Fliehen nicht zu nutz kommen, sondern mehr Schadens bringen. Er gedacht auch: Ich bin unkenntlich denn ich bin als ein Pilger vermummt, ich will wohl fuer sie alle gehen, daß sie mein nicht wahrnehmen. Also ging er fuer, und sah ihrer viel, deren etliche wurfen den Stein, etliche schossen den Schaft, so sprungen etliche ueber den Graben; er aber ging fuerbaß, als ob er sie nicht saehe. Da erkannte ihn ein Ritter, seiner guten Freund' einer, der stellete sich, als ob er ihn nicht kennt', und ließ ihn fuerbaß gehen. Als Herr Tristan vorbei kam, ward er inniglichen froh, und meinet', es haette ihn niemand erkennet. Aber jener Ritter ritt ihm nach, und bat ihn, daß er um seinetwillen mit ihm ginge zu der Feuerstatt und sprach: »Thue mir das zu Liebe, scheuß mit dem Schaft nur zu einem einigen mal, spring' einmal ueber den Graben, und wirf den Stein einmal: ich will dich ohn' allen Schaden von dannen bringen.« Herr Tristan wollte nicht, und sprach: »Du bittest gar thoerlich und unbedacht; ich waere auch nicht ein weiser Mann geheißen, so ich von eines solchen kleinen Preises und Ruhms wegen an die Statt ginge, da man mich vielleicht fangen und darnach toedten moechte.« Was Herr Tristan sagte, so wollte dieser Ritter nicht ablassen und sprach: »Ich bitte dich durch der Koenigin willen, bei der du oft und viel freundlich und lieblichen gelegen und geschlafen hast, daß du mich meiner Bitte gewaehrest.« Sobald er diese Worte redete, da ging er mit ihm und thaet all sein Begehren. Er ging stillschweigend dar, nahm den Schaft in seine Hand, schoß einen so ungefuegen weiten Schuß, daß ihrer keiner unter ihnen allen, so da waren, deßgleichen nie gesehen hatte, und gingen alle von Wunders wegen dar, zu sehen, also, daß ein großes Gedraenge dabei wurde. Dieweil sprang Herr Tristan ueber den Graben einen Sprung, und dem keiner hinnach mochte. An dem Sprung zerriß ihm der grauen Hosen eine, also, daß man Scharlach und Wohlbeschlagenes dadurch sah scheinen. Dennoch ging er dahin, und wurf den Stein so weit, daß ihrer keiner so weiten Wurf nie gesah. Von Unglueck fuegete sich, daß ihm auch der graue Rock zerriß, dadurch man sah scheinen gueldene Kleider. Als er das vermerkt', eilet' er bald von bannen, thaet auch seinen Hut nicht ab, ging also hinweg, ihnen allen unerkannt. Zu Abends, als der Koenig zu ihnen kam, sagten und weiseten sie ihm, was von einem fremden Pilger da geschehen waere. Es nahm ihn groß Wunder, und gedachte in ihm selbst, Herr Tristan haette es gethan. Hierauf bat er sie alle, so bei ihm waren, daß sie ritten und gingen, und mit allem Fleiß suchten, ob sie ihn moechten finden. Sie suchten wieder und fuer, in dem Wald auf und nieder: aber Herr Tristan war wohl sicher vor ihnen. Der war schon zu seinem Diener kommen, und fuhr mit Freuden heim in sein Koenigreich, da er auch wohl und mit großen Freuden empfangen ward von seiner ehelichen Frauen, auch von dem Koenig und der Koenigin, von seinem Schwager Herrn Caynis und der ganzen Ritterschaft; denn allermaenniglich hat ihn lieb und werth.   Das acht und vierzigste Kapitel Wie Herr Caynis mit der Koenigin Gardoloye in Freundschaft kam, und wie es ihm erging. Es war ein maechtiger Koenig, nicht fern von Careches, mit Namen Nampecenis, ein mannlicher Held, der auch oft große Ritterschaft begangen haet und hohen Preis erworben, der hatte eine aus der maßen schoene Frauen, mit Namen Gardeloye, die hatte er gar inniglich lieb, auch in großer Hut, daß er eines Theils sein selbst Ehre mit solcher Hut verkraenkete: – und doch, so eine Frau nicht will, ist alle Hut umsonst. – Nampecenis gedachte Tag und Nacht darauf, wie er seine Frauen wohl verhueten und versorgen moecht', und ließ die Mauer um seine Burg zumal hoch mauren, und weite, tiefe Graeben darum machen. Auch hatte er zu allen Zeiten die Schluessel selbst und war auch selbst Pfoertner. So er ausritt auf die Jagd, oder an ander Ende, so fuehret' er die Schluessel mit ihm. Er ließ auch weder Mann noch Knaben in der Burg, nur allein Frauen und Jungfrauen. War er denn daheim, so durfte sie niemand ansehen. Also fuehrte die Frau ein strenger und gezwungener Leben, denn eine Klosterfrau. Jedoch hatte sie Herren Caynis lieb, und ihm verheißen, ehe sie Nampecenis vermaehlet ward, wenn er zu ihr kaeme, wollte sie ihn umsahen. Herr Caynis gewann nun manchen Gedanken, wie er mit Fug zu seiner allerliebsten Frauen kommen moechte, und kehret' allen Fleiß fuer. Da saget' er es seinem Schwager Herr Tristanen, und bat ihn sehr, daß er ihm riethe. Herr Tristan sprach: »Mich beduenkt nichts besser, denn daß du deine Frauen bittest, daß sie die Schluessel abdrueck' in Wachs, und dir dasselbe Wachs herauswerfe ueber den Graben: nach demselben Wachs lass' du dir die Schluessel machen, so magst du die Burg selbst aufschließen, auch aus und ankommen, als oft dir Glueck das fueget.« Herr Caynis ward des Raths froh, ritt kuerzlich dar, und kam, da er mit seiner Frauen ueber den Graben reden mocht', und saget' ihr von dem Wachs, auch all sein Fuernehmen. Der Frauen gefiel dieser Rath wohl, brachte das Wachs zuwegen, mit Huelf ihrer Jungfrauen drei, die auch um diesen Rath wußten und warf es Herrn Cayms ueber den Graben, daß er hoch erfreuet ward. Als er nun heim kam, da schickte er nach einem Schmidt. Als er kam, nahm ihn Herr Tristan in Geheim, weiset' ihm das Wachs und bat ihn die Schluessel zu machen. Der Schmidt thaet lachen, und sprach: »Herr, was wollt ihr mit diesen Schluesseln thun? Wollt ihr stehlen? so helfe, noch mach' ich die Schluessel nicht.« Herr Caynis antwortet' und sprach: »Da frage du nicht nach, was wir damit thun; denn ich verspreche dir fuerwahr, machst du die Schluessel gut und gerecht, daß du deß immer genießen sollt.« Der Schmidt unterstund sich das zu thun.   Das neun und vierzigste Kapitel Wie Herr Tristanen Botschaft kam, daß sein Vater todt waere: er sollte heimziehen, das Land einzunehmen. Als sie nun alle die Sachen also verhandelt hatten, kam ein Bote von Johnoys, der sagete Herrn Tristanen, daß sein Vater mit Tod' abgangen und verschieden waere. Und es stuende sehr uebel in dem Reich; denn etliche Fuersten wollten mit Gewalt Koenig sein: dawider waeren etliche seiner Freund' und der mehrere Theil der Landschaft. Darum so thaet große Noth, daß er heimzoege und das Land selber einnaehme und regierte. Als aber Herr Tristan diese Botschaft, so von Johnoys kommen war, erhoeret hat, sprach er zu Kurnewalen: »Du hast mir viele Jahre fleißig und wohl gedienet: so hab' ich nun ein eigen Koenigreich, damit ich dich will belohnen, und bin froh, daß ich dich deiner getreuen Dienste belohnen mag; darum geb' ich dir mein Koenigreich Johnoys ganz zu eigen, daß du forthin gewaltiger Koenig und Herr seiest in diesem Koenigreich.« Kurnewal sprach: Herr ich nehm' das nicht; auch waere es eurer Landschaft nicht lieb, daß sie ihr Lehen von mir empfahen und mir dienen sollten: sie sollen von Recht euch dienen, als ihrem rechten Erbherrn. Wollt ihr mir dann eine Pfleg' oder ein Amt leihen und mir uebertragen, will ich's selber aufnehmen: aber der Kron' und des Reichs will ich nicht. Und so ihr euere Sach' also schicket, und euer Koenigreich nach Nothdurft versehet, wollt ihr dann, so sendet nach meiner Frauen, euerem Gemahel, und wartet euers Koenigreichs selbst.« Herr Tristanen gefiel dieser Rath wohl, und schickete sich, zu Lande zu fahren. Doch war es ihm schwer, daß er hinweg ziehen sollte, und die Koenigin nicht vorhin sehen.« Kurnewal verwilligte dazu, denn er seines Herrn Bitte und Gebot nie verachtete. Herr Tristan sagete sein Dannenkehren Herr Caynis seinem Schwager und bat ihn mit Fleiß darob zu sein, daß seine Ritterschaft und Diener sich dieweil schickten und auf das herrlichste bereiteten, mit ihm zu Lande zu fahren. Hiemit huben sich die zween, Herr Tristan und Kurnewal, aus dem Land und bekleideten sich als zween Landfahrer und Spielleut', in kurze graue Roeck' und kurze rothe Kappen, den waren die Zotten von gelbem Fritschal. (Dies ist ein besonder gut Tuch, das nur maechtige Herrn tragen.) Sie eileten bald hinweg, und ließen sich nicht gern auf der Straßen finden. Sie kamen mit großer Eile gen Litany, und funden Herr Thinas anheim. Er ward zumal froh, entbot der Koenigin, daß er abermals kommen waere, sie zu sehen und mit ihr zu reden: das sollte geschehen in dem Baumgarten bei der Linden, darauf der Koenig einmal gespaehet hatte. Herr Thinas ritt hinweg, und sagete der Koenigin die Botschaft, deren sie hoch erfreuet ward. Als die Nacht kam, kam auch Herr Tristan an die bezielte Statt; die Koenigin ging zu ihm und empfing ihn mit freundlichen Worten und lieblichem Umfahen. Sie blieben diese Nacht bei einander in kurzer Ergetzlichkeit und schnellem Abschied, der abermals von ihnen mit großem Leid und Traurigkeit geschah; denn es war ihnen gar viel zu fruehe, und mußte doch sein. Die Koenigin befahl ihm Gott in seine Hut, und ging mit betruebtem Herzen wieder in ihre Schlafkammer.   Das funfzigste Kapitel Wie Auctrat Herr Tristanen nachjaget', und wie Tristan davon kam. Als Herr Tristan wieder zu seinem Diener kam, eileten sie auch von dannen, und kamen so fern, daß sie meineten, sie waren sicher, daß ihnen niemand nachjagete: da sendete der boese Geist seinen Diener Auctrat dar. Da er Herr Tristanen sah, begunt er zuhand eilen und jagen, als stark er mochte. Herr Tristan haet keine Wehr bei sich, und mußte fliehen, wie ungern er das thaet. Auctrat aber jagete seinem Vetter nach mit Schwert und Spieß, so kraeftiglich, daß Herr Tristan gar kaum entfloh; und kam an ein kleines Wasser, es war aber gar schnell und tief, er fand ein Schifflein bei dem Gestade, darein lief er und Kurnewal. Sie stießen vom Land, wie sie mochten, denn sie hatten weder Ruder, noch Schalter. Auctrat ritt schnell nach, gedacht' in allewege, wie er ihn fangen und erschlagen moecht', und kommt' ihm doch nicht auf dem Wasser zukommen: da nahm er sein Spieß, vermeint', er wollte Herren Tristanen damit durchschießen, und schoß ihm den mit ganzen seinen Kraeften gar neidlichen zu; aber er verfehlete des kuehnen Helden und schoß in das Schifflein, daß der Schaft in zwei Stuecke zerbrach. Sie nahmen die Stuecke, schifften damit ueber das Wasser, und kam ihnen so zu großem Glueck, das ihnen zu dem Tod gemeinet war, und fuhren ohn' alle Irrung, da sie sicher waren. Da aber der leidige Auctrat das sah, daß er nichts mehr schaffen mochte, ward er gar zornig, und schickete bald hin zu dem Koenig, hieß ihm sagen, Herr Tristan waere im Lande, haette die Koenigin gesehen und ihn betrogen; auch wie er ihn angetroffen haette, und er ihm entflohen und davon kommen waere. Als der Koenig das hoerete, macht' er sich auf mit allem Volk, so er haet, und eilete nach, zu suchen, ob man ihn irgends finden moechte. Er gebot allen Suchenden, als lieb ihnen Leib und Leben waere, daß sie suchten auf allen Straßen, auch nicht dannen kaemen, bis Tristan gefangen oder erschlagen waere. Er sucht' auch desselben Tages selbst, und gebot Herrn Thinas, der Hut selber zu pflegen bei seiner Burg Litany: der thaet das ganz gern und mit gutem Fleiß, denn er gedachte wohl, Herr Tristan wuerde ihn abermals daheim suchen. Er ritt gar allein auf die Straßen vor der Burg, und fand allda Herren Tristanen, der war ueber Berg und Thal gelaufen, bis daß er zu der Burg kam. Herr Thinas thaet seiner Treue gnug, fing ihn und fuehret' ihn mit sich in seine Burg, und befahl ihn seiner Frauen, gebot ihr bei ihrem Leben, daß sie ihn in solcher Geheim hielte, daß sein niemand gewahr wuerde, daß sie auch sein mit Fleiß selbst pflaege, deßgleichen seinen Diener mit ihm. Dieweil aber Herr Tristan also verborgen lag, war die Koenigin in großen, aengstlichen Sorgen; denn es ward ihr Herrn Tristans Nachjagen und sein Entkommen von Wort zu Wort gesagt. Da aber alles Volk gemeinlichen suchen thaet, hatte sie keine Hoffnung seines Entkommens, sondern furchte, er wuerde gefangen und von ihrentwegen sterben. Dieweil sie also saß ueberladen und vertieft in der großen, herzlichen Klage, kamen zween unbekannte Landfahrer zu ihrer Kammer, die hatten verspielet, was sie um und an hatten gehabt; darum gingen sie zu der Frauen, sie um etwas zu bitten. Da die Frau sah ihre große Noth und Armut, gedachte sie, Herrn Tristanen listiglichen mit diesen Knechten aus seinen Noethen zu helfen. Die Beiden sagten, sie waeren zween Landfahrer und haetten sich also verspielet; der eine hieße Haupt, der andere Blat, und kaemen erst des Tags in diese Stadt. Die Koenigin sprach: »Liebe Gesellen, duerft' ich mich an euch lassen, meinen Willen zu thun, deß ich euch gar freundlich bitte, und wohl belohnen will, also, daß ihr wohl von Armut gefreiet werdet?« Die zween gelobten ihr die Sache getreulichen auszurichten. Die Frau sprach: »Liebe Gesellen, ich will euch Kleider geben und Kappen, die ziehet an, und gehet gleich, als ob ihr aus dem Land wollet; denn die Kleider und Kappen sind gleich, wie die, so Herr Tristan antraegt: darum, kaemen sie euch zu, so lasset euch fahen, und bestehet kraeftiglich darauf, Herr Tristan sei euer Herr, und hab' euch geschickt in's Koenigreich Johnoys: denn sein Vater sei ihm mit Tod' abgangen, und seine Freunde haben Irrung um das Koenigreich; nun sei er selbst noch zu Careches, er werde aber kuerzlich mit drei tausend Helmen hernach kommen. Saget auch ihnen dabei, wie euch Leib und Leben hie im Land gar nahe genommen waere, durch solche Geschichte, wie es zuvor Herr Tristanen geschehen.« Das sagte sie ihnen alles eigentlich, und hieß sie, das wahrlich sagen in aller Form, als ob es ihnen geschehen waere. Sie benannt' ihnen auch die Zeit, als es geschehen war, auch das Wasser, und alle andere Artikel Fliehens und Entkommens; und sprach: »Saget auch, wie ihr seid mit Flucht in dem Lande gangen, bis man euch gefangen habe. Ob es aber kaeme, daß man euer jeden besonders fragen thaete, so bestehet festiglich auf einer Rede, und lasset euch weder mit Draeuen, noch mit nichten dazu bringen, daß ihr mit Worten wanket, anders, denn wie ich gesaget habe: wuerdet ihr aber mit Worten faellig, also, daß einer nicht saget', als der andere, so mueßtet ihr gewißlich sterben; darum haltet meine Rede, und helfet mir und euch selber.« Hiemit gab sie ihnen Kleider und Kappen und schickete sie hinweg. Sie gingen nicht lange, sie wurden gefangen, und Auctrat fuehrete sie gen Hof, und fragete sie nach aller Nothdurft. Sie sagten offenbar, als sie die Koenigin zuvor haet heißen sagen. Auctrat, der Fuerst aller Bosheit, fragete jeden besonders, mochte aber nicht anders aus ihnen bringen; da ließ er sie ledig, und ging zu dem Koenig, und sprach zu ihm: »Die zween Gesellen haben wahr und recht gesaget; denn die, so ich jagete, trugen auch solche Kleider und Kappen, und darum, daß sie so behendiglich und schnelliglichen flohen, meinet' ich, es waere Herr Tristan.« Da der Koenig das hoerete, schaffet' er die Hut wiederum ab; denn er haet alle Wege verhueten lassen; und ließ die guten Gesellen gehen, wo sie wollten. Herr Thinas ritt auch heim, und half Herr Tristanen wiederum aus dem Lande. Aber die zween Gesellen, Haupt und Blat, kamen heimlich zu der Koenigin und sagten ihr diese Geschichte; darum empfingen sie große Gaben, als sie ihnen versprochen haet, und schieden damit vom Lande.   Das ein und funfzigste Kapitel Wie Herr Tristan gen Johnoys zog, sein Reich einzunehmen, und dieweil Graf Riolin das Land Careches abermals graeulich verwuestete. Als aber Herr Tristan gen Careches kam, nahm er zu ihm dreitausend Mann und fuhr damit in seine eigene Landschaft; da entbot man ihm große Ehre. Da richtet' er allen Krieg und Unfrieden, auch was Ungebuehrliches in seinem Land war, das ward alles ausgereutet. Er blieb bei ihnen mehr, denn zwei Jahre. Darnach nahm er den Rath, wieder zu seinem Schwaeher zu ziehen, und befahl Kurnewalen die Kron', auch Land und Leut'; er befahl auch allermaenniglich, daß sie Kurnewalen unterthan waeren, als ihrem rechten Erbherrn. Hiemit belohnt' er ihn seiner getreuen Dienste. Kurnewal thaet dies ungern, doch nahm er das mit großer Dankbarkeit von seinem Herren auf. Der nahm Urlaub von seinem Volk, und fuhr wieder gen Careches. In dieser Zeit war ihm sein Schwaeher und Schwieger gestorben, und hatte Herr Caynis viel Kriegs; denn Graf Riolin hatte ihn abermals ueberzogen, und großen Schaden gethan. Herr Caynis wurde aus der maßen froh, da Herr Tristan kam; deßgleichen sein Gemahl. Da er erhoerete, daß Herr Caynis so großen Schaden an Land und Leuten genommen haette, schrieb er aus um Huelf', als weit das Land war: da kam mancher stolzer Mann. Mit diesen ruestet' er sich zum Streit; und ward Graf Riolin abermals bezwungen. Er und all' seine Freunde, die mußten alle Schuld bezahlen, und haertiglich bueßen, was sie Herrn Caynis je fuer Schaden gethan hatten. Herr Tristan thaet großen Schaden in Graf Riolins Land mit Brennen und Stuermen.   Das zwei und funfzigste Kapitel Wie Herr Tristan einen Thurn stuermet', und mit einem Stein vom Thurn schier zu Tode geworfen ward. Nachdem Graf Riolin bezwungen und das Land wieder eingenommen ward, war ihnen noch eine einige Stadt widerstanden. Zu derselben kehrten sie sich, und gewannen sie mit großer Gewalt, bis an einen einigen Thurn, den wollten sie nicht aufgeben. Herr Tristan ward sehr erzuernet, und ging mit Gewalt an den Thurn zu stuermen. Er troestete sich aber zu viel seiner Kuehnheit, und stuermte baarhaupt, und haet den Helm von ihm gethan: er ward geworfen mit einem Stein, daß man ihn fuer todt dannen trug. Herr Caynis ward deß sehr betruebt und dadurch in grimmigen Zorn bewegt, gewann den Thurn mit Gewalt; er erhaengt' und ertoedtet auch alles, was er lebendig darinnen fand, und mußten den Wurf, den sie thaten, mit dem Tod bezahlen. Herr Tristan aber lag allda ohn' alle Macht, unredend und unhoerend. Er ward nun heimgefuehrt mit großem Jammer und Klagen, und meinete niemand, daß er genesen moechte. Herr Caynis klagete sehr, er weinete mit Herzen und Augen, und sprach: »Soll er dieser Wunden, so er von meinetwegen empfangen hat, sterben, so ueberwinde ich den Tag nimmermehr.« Also redeten auch alle seine Mann, Ritter und Knecht, auch jedermann. Herr Caynis schickte zu Stund' um Aerzte, die ihn verbunden und heileten; jedoch war er wohl mehr, als ein Jahr, daß er unvermoegend und staetiglich ungesund war. Als er aber ward, daß er wieder reiten mochte, ritt er eines Tags beizen, und nahm einen Knaben mit ihm; den hat er bracht aus seinem Land Johnoys, der war ihm gefreundet. Herr Tristan hat seiner Schoene gar viel verloren, und wer ihn vor gekennet haet, dem war er unbekannt worden. Als er also ritt, kam er zu der See, darauf man in Kurnewaelisch Land faehret; dagegen kehrt' er sich, und sprach jaehlingen bei ihm selbst: »O weh, liebe Koenigin, soll ich dich nimmermehr ersehen?« Er antwortet' ihm selbst: »Ach nein! wie koennte das immer geschehen.« Der Knabe sprach: »Vetter, du magst sie nicht so wohl nach deinem Willen gesehen haben, du mußt sie nun noch besser sehen.« Herr Tristan fragete: »Wie?« Der Knab' antwortete: »Du bist anders geschaffen, als du vormals gewesen bist; auch ist dir dein Haar abgeschoren, und wer dich erkennet hat, dem bist du unerkannt, du werdest ihm denn genennet. Darum leg' an eine Narrenkappen, und stelle dich als ein Narr, so kommst du mit deiner Listigkeit wohl zu ihr; auch meinen die Hueter nicht anders, denn du seiest ein rechter, natuerlicher Narr, und haben kein Aufmerkens auf dich.« Herr Tristan thaet sehr lachen; er kuessete den Knaben vor Freuden, und sprach: »Nun muß dir Gott lohnen, lieber Vetter, deines getreuen Raths, und ich will dir immer darum hold sein. Mir zweifelt auch nicht, es werde noch ein sehr geschickter Mann aus dir werden, dieweil jetzt so viel Verstandes in dir ist.« Er ritt heim, ließ sich heimlich eine Narrenkutte machen mit einer Kappen, hub sich allein hinweg, und trug eine große Kolbe mit sich, fuer seinen Geleitsmann.   Das drei und funfzigste Kapitel Wie Herr Tristan sich zu einem Narren verstellet' und zu der Koenigin gefuehret ward. Als nun Herr Tristan das Narrenkleid angezogen hatte, kam er zu der See, und ging wieder und fuer, gleich wie ein rechter Narr. Das trieb er so lange, bis ein Kaufmann zu ihm kam, der war von Thintariol, der vermeinete nicht anders, denn er waere ein Narr. Er fing ihn, und vermaß sich, er wollt' ihn der Koenigin bringen. Dies hoerete Herr Tristan gern und ward froh. Hiemit gingen sie in ein Schiff. Herr Tristan stellete sich so naerrisch, davon sie alle oft lachen thaeten, und sagten gemeinlich, sie haetten nie so guten Narren gesehen. Nun gaben sie ihm in dem Schiff Kaese, Brot und anderes, so sie bei sich hatten. Herr Tristan hatte seiner Lieben nicht vergessen: er nahm den Kaese, den er selbst essen sollte, behielt den heimlichen in seine Kappen, und vermaß sich den seiner Frauen zu bringen. Als sie gen Thintariol kamen, da ritt Koenig Marchs spazieren bei der See; die Kaufleute gingen zu ihm dar, schenkten ihm den Narren, und wurden darum zollfrei gelassen. Dieser Narr stellete sich so gar thoerlich mit Reden und Gebaerden, daß niemand anders verstehen konnte, denn er waere ein natuerlicher Narr; er gefiel ihnen allen zumal wohl. Die Herren und auch andere Gesellen trieben ihn sehr um; das vertrug er guetlich und viel. Auctrat wollte auch sein Narrenspiel mit ihm getrieben haben, das wollte aber der Narr von ihm nicht leiden, und gedacht' an die alte Schuld, daß er ihm so viel zu leide gethan haette, und schlug ihm gar neidlich zu, in Meinung, daß er ihn wollte zu Tode schlagen. Aber Auctrat war behender, und floh mit schneller Eile; er kam kaum davon; aber nichts desto minder war ihm Fliehen nuetzer, denn das ganze Kaiserthum; denn er mueßt' ohne Zweifel todt sein, deß haette ihm kein Mensch helfen moegen. Der Koenig ritt gen Hof und fuehrete den Narren mit ihm; der ging eines Ganges zu der Koenigin, die empfing ihn, als man Narren empfangen soll. Er stund vor sie: sie sollt' ihn kuessen. Die Frau hatte keinen Gefallen noch Lust dazu; denn sie erkennet' ihn nicht, wußte auch nicht, wer er war. Wiewohl er vor ihr stund, als ein Narr, so sah er sie gar lieblich und freundlich an. Dies vermerkete der Koenig, und sprach: »Wie? du Narr, lass' dies anstehen: sollt du Frauen so lieblich ansehen?« Der Narr antwortete: »Ich muß sie wohl ansehen.« Der Koenig sprach: »Deß muß ich auch ein Wissen haben, warum du sie ansehen mußt.« Er sprach: »Das will ich dir sagen: um daß sie von Recht mir hulden muß und Freundschaft tragen soll, und ich weiß, daß ich ihr lieb bin.« Da sprach der Koenig: »Ei, hoer' auf du Narr, du spottest.« Er sprach: »Nein, fuerwahr, ich spotte nicht.« Der Koenig sprach: »So leugest du aber.« Er antwortet': »Ich leuge nicht.« Der Koenig sprach: »Fuerwahr, du leugest.« Der Narr sprach: »Ich leuge nicht: es wird auch schier dazu kommen, daß ich bei ihr schlafe.« Er sprach: »Bei wem?« Der Narr antwortete: »Bei deiner Frauen; ja, bei deinem Weib, wie es dir halt gefalle.« Da sprach der Koenig: »Schweig' du Narr, lass'solche Rede, und sage von anderm.« Er antwortet': »Ich mag nicht schweigen, und kann auch nicht luegen.« Der Koenig sprach: »Laessest du doch jetzt Luegen hoeren.« Er antwortet': »Ich leuge nicht, und was ich rede, das ist wahr.« Der Koenig sprach: »Sie hat vor dir guten Frieden, und mag deiner Liebe wohl entrathen.« Der Narr antwortet': »Ich weiß es nicht, ob sie vor mir Frieden hat, oder nicht; aber das weiß ich wohl, daß ich ihr lieb bin, als ihr eigener Leib.« Da sprach der Koenig: »Hoere auf, Narr? wie moechte das sein, daß eine so wunderschoene Frau ihr Gemueth an einen Narren kehrete?« Er sprach: »Ich bin kein Narr, ich bin ein guter Ritter, und habe viel um ihretwillen gethan.« Der Koenig sprach: »So sage an, du Narr, was du gethan hast.« Er antwortete: »Da habe ich um ihretwillen große Arbeit bestanden, mir ist auch oft lieb und leid um ihretwillen geschehen: denn, so ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich durch sie ein Narr; man zeucht mich bei den Ohren und bei der Kappen hin und wieder: das leide ich alles guetlichen, allein um ihretwillen. Sie ist mir auch lieb vor aller Welt: dies rede ich stille und ueberlaut, wie es dir halt gefalle. Ob sie es aber nicht glauben will, so goenne ich doch niemand so viel Gutes, als ihr.« Mit diesen Worten sprang er vor ihr auf den Teppich, setzete sich darauf, und sprach: »Nun will ich lassen sehen, ob es also sei, wie ich gesagt habe, und ob ich mir mit allen meinen Sinnen meiner Treuen bedacht, daß ich ihr so fern ueber See dieses Dinglein gebracht habe.« Hiemit zog er den Kaes' aus seiner Kappen, und sprach: »Nehmet hin, liebe Frau, dieses Ding, so ich euch gebracht habe; und sage euch in rechten Treuen, waehret ihr mir nicht so lieb, ich haett' euch dies Ding nicht gebracht.« Da thaeten sie alle lachen, und sagten, sie haetten nie so guten Narren gehabt. Also beschloß er alle seine vor geredeten Worte ganz naerrisch an dem Ende, und brachte sie alle auf den Wahn, daß sie geschworen haetten, er waere ein rechter natuerlicher und geborner Narr.   Das vier und funfzigste Kapitel Wie Herr Tristan sich der Koenigin zu erkennen gab, und wie es ihm da weiter erging. Als nun der Koenig ausging von den Frauen, da ließ er den Narren bei ihnen. Der fing seine Sache an mit so schimpflichen Dingen, daß ihn die Frauen auch nicht austrieben; er blieb auch selbst gern da, denn er war darum darkommen. Er nahm den Kaes' und zerbrockete den in seinen Schooß, den er vor wohl sieben Nacht in feiner Kappen gehalten hatte, und bat Frau Isalden, sie sollte mit ihm essen. Wie oft er sie bat, so war es doch alles umsonst. Er nahm den zerbrockten Kaes' und bot ihn der Koenigin zu dem Mund: da schlug sie ihm einen sanften Schlag zu einem Ohr. Da sprach er: »Frau, ihr schlagt mich viel zu hart; aber wueßtet ihr, wer ich waer', ihr schlueget mich nicht so sehr: ist euch anders Tristan lieb, so schlagt mich nicht mehr.« Als die Frau das hoerte, fragte sie zu Stunde, was er von Herr Tristanen wueßte? Der Narr antwortete mit Listen und sagt' ihr heimlich der Dinge viel, so ihnen beiden geschehen war. Auch ließ er sie den Ring sehen, den sie ihm gegeben haet, und saget' ihr, daß er selbst Tristan waere. Deß ward sie inniglichen froh, und erkannt' ihn zu Stund'. Sie nahm ihn in ihre Pfleg', und hieß ihm unter einer Treppen oder Stiegen in ihrer Kammer betten. Deß war Herr Tristan froh. Bei dem Tage war er ein Narr, aber zu Nachts versann er sich wohl, und ließ ihm wohl sein; denn er mochte mit der Koenigin sein, wie und als oft er wollte; schuf also mit solcher Listigkeit, da niemand Merkens noch Aufsehens hatte. Dies waehret' also drei Wochen an einander: da wollt' es sich nicht laenger helfen lassen, und es wurden sein zween Kaemmerer gewahr, daß der Narr bei der Frauen lag. Die gingen hin und sagten es dreien ihren Gesellen, und baten sie mit allem Fleiß, daß sie ihnen sollten helfen, damit der Narr gefangen wuerde. Der Koenig war diesmals nicht anheim. Als es nun spat ward, gingen die fuenf mit einander zur Frauen Kammer; einen ließen sie bei der Frauen Betten stehen, zween stunden bei der Thuer und verbargen sich, daß man sie nicht sah, auf Meinung, daß sie den kuehnen Helden moechten sahen und schlagen nach ihrem Sinn. Herr Tristan ersah hie diese Hut; dennoch wollte er weder durch Furcht noch Draeuen seine Frau nicht vermeiden, sondern nahm seine Kolbe mit ihm, und ging zu der Frauen: denn er hatte sie vor aller Welt inniglichen lieb. Er sprach ihr gar freundlichen und lieblichen zu, und kuessete sie begierlichen in inniglicher Liebe an ihren Mund. Die Hueter verzagten ganz nahe, und durften ihn vor großen Sorgen nicht anruehren. Darnach sprach Herr Tristan oeffentlich: »Frau, wir muessen uns scheiden, daß ist unser beßter Nutz, denn ich bin hie verspaehet. Und bitte euch, meine allerliebste Frau und einiges Lieb, ihr woellet mir staet bleiben; desgleichen will ich euch immer sein. Wenn meine Boten zu euch kommen und euch diesen Ring weisen oder zeigen, in meiner Meinung und Gestalt, so thut heimlich, was ich euch bitten lasse. Gott muesse die verlassen und schaenden, die uns so frueh scheiden.« Die Koenigin sprach aus sehnlichem und sehr betruebtem Herzen zu Herr Tristanen dem weichen und kuehnen Held: »Ja, der Teufel habe sie ihm ewiglich, die unser Beiwesen so oft zerstoeren.« Sie verhieß ihm seine Bitte zu vollbringen, und thaet inniglichen weinen. Sie schieden sich mit großer herzlicher Klage, mit viel klaeglichen und freundlichen Worten und Gebaerden. Also ging er hinweg, und trug seine Kolbe hoch empor, als ob er sie alle erschlagen wollte. Erst verzagten die Hueter, und vermeineten nimmer lebendig von ihm zu kommen; sie schwiegen alle still, und durfte sich ihrer keiner regen noch melden, und ließen ihn mit gutem Frieden hinweg gehen. Als er nun fern vorbei kam, sprungen zween aus der Thuer und sprachen zu einander: »Wie ist uns nur geschehen, daß er uns entgangen ist, ungeschlagen und ungefangen? Wir moegen uns dies Laster billig schaemen.« Sie wurden unzufrieden, und legete je einer die Schuld auf den andern. Einer sprach: »Haettest du ihn zuerst angegriffen, so waeren wir dir zu Huelfe kommen.« Der andere sprach: »Also haette ich auch gethan.« Doch vereinigten sie sich, und gereuete sie, daß sie nicht haetten Hand angeleget. Sie gingen ihm wieder nach, und vermeineten, große Kuehnheit an ihm zu begehen. Als sie ihn aber ansahen, bedaucht' er sie so grausam zu sein, daß sie ihn abermals gehen ließen, und durften ihm nicht nahen. Also gingen sie wieder davon, und duerft' ihrer keiner sagen noch anzeigen, was da geschehen war. Herr Tristan in seiner Narrenkappen kam auch mit gutem Frieden wieder heim in sein Land.   Das fuenf und funfzigste Kapitel Wie Herr Caynis zu der Koenigin Gardeloye kam, darum er erschlagen ward. Ihr habt vor wohl vernommen, wie Herr Caynis und Gardeloye, Nampecenis Ehegemahl, auch ein besonder groß Gefallen und Liebe zu einander hatten; derselben Liebe in Herr Tristans Abwesen, nach ihrem fuergenommenen Willen, nicht genug geschehen war; denn er koennt' und mochte das nicht zuwegen bringen. Deß ward er sehr betruebet. Eines Tags war es gar heiter und schoen, da ritt Nampecenis auf eine Jagd. Deß ward Caynis gewahr, der nahm mit ihm seinen Gesellen Herr Tristan, und ritten sie zu der schoenen Gardeloye. Als sie zu der Burg kamen, entschloß Herr Caynis die Thore selbst; denn er hatte die Schluessel, die nach dem Wachs gerecht gemacht waren. Von Unglueck fuegete sich, da sie ueber die Bruecken ritten, daß der Wind Herren Caynis seinen Huth in den Graben warf: derselbige Huth war von Rosen auf das allerschoeneste gemachet. Herr Tristan fuehrt' einen von Violen, den verwahret' er, daß ihm der Wind nicht schaden thaet. Als sie in die Burg kamen, wurden sie beide von den Frauen sehr wohl empfangen, aber ihres Bleibens mochte nicht lange da sein: darum ging Gardeloye mit Herr Caynis in ihre Kammer, und nahmen und gaben, deß sie lange Zeit entbehret und gemangelt hatten. Dieweil saß Herr Tristan bei den andern Frauen, schoß durch Kurzweile mit einem Reis in eine Wand, und schoß also ein Reis in das andere. Dasselbige Schießen konnte zu derselben Zeit niemand, denn er. Aber das kam ihm desselbigen Tages zu großem Unheil, denn es wurde der Reiser leider in der Wand vergessen, und wurden nicht wieder ausgezogen: das geschah ungefaehrlich, aus Vergessenheit. Als aber Herr Caynis von seiner Frauen hatte, was er haben wollte, schieden sie ab, wider ihrer beider Willen, denn ihre Begierden waren nicht ersaettiget, sondern sie hatten einander nur guten Willen beweiset: aber die große Sorg' und Noth, die sie hatten, wollt' ihnen nicht vergoennen, laenger bei einander zu sein, sondern sie schieden sich mit großer Klage. Sie nahmen Urlaub, und ritten hinweg, und schlossen die Thore alle wieder zu. Nun mußten sie durch einen Wald reiten, der war nicht lang: da lief ein Reh vor ihnen ueber die Straße, dem renneten sie nach, und vermeineten es zu sahen. Von Unglueck geschah, daß sie es nicht ereilen mochten: nun wollten sie auch nicht ablassen, sie fingen es denn. Also jagten sie so lange, bis ihnen die Pferde, und auch sie selbst erlagen, und dennoch das unselige Reh nicht fingen. Nampecenis ritt wieder heim zu Haus, und entschloß die Burg, auf der seine Fraue Tag und Nacht gefangen war. Als er ueber die Bruecken ritt, sah er den Hut in dem Graben, deß verwundert' er sich zumal sehr, und gedachte: Was ist dies Ding? Er ging in die Burg, zu sehen, was die Frauen thaeten. Als er in das Frauenzimmer kam, sah er das Reis stecken: allererst erhub sich der Frauen Ungemach; denn er wußte wohl, daß niemand dies Schießen konnte, denn Herr Tristan. Er wußte auch, daß seine Frau Herrn Caynis so lieb hatte, wo sie Statt und Zeit dazu haben moechte, daß sie ihm zu Willen wuerde. Darum gedacht' er zu Stund', Herr Caynis haette seine Frau daheim besucht. Hiemit ging er zu der Frauen und sprach: »Gardeloye, hie ist gewesen Herr Tristan und Caynis!« Zog damit sein Schwert aus, und sprach: »Bei meinen Treuen, du sollt den Tod gewiß haben, wo du mir nicht die Wahrheit sagest! Darum sage bald, ob Caynis mit ihm gewesen ist: denn ich weiß, daß Herr Tristan hie gewesen ist.« Ach wehe! das weiblich Herz und Gemueth verzagete ganz, und bekennete: ja, er waere da gewesen. Nampecenis sprach: »So sage an, was thaet er hie?« Die Frau antwortet': »Er kuessete mich.« Nampecenis sprach: »Du sagest nicht recht: es ist sonst mehr geschehen.« Die Frau antwortete: »Nein Herr, es ist nichts mehr geschehen.« Er sprach: »Fuerwahr, du sagest unwahr, und mußt auch darum sterben.« Die Frau sprach: »Ach, lieber Herr, ihr saget leider wahr.« Er sprach: »Lass' hoeren, wie das kam, und wie er herein sei kommen?« Die Frau sprach: »Wie er herein sei kommen, das weiß ich nicht: aber mich leget' er auf den Teppich, und schlief mit mir. Es geschah aber solches ohne meinen Dank.«   Das sechs und funfzigste Kapitel Wie Herr Caynis von dem Nampecenis erschlagen ward und Herr Tristan bis in den Tod verwundet. Da Nampecenis solches von seiner Frauen hoerete, ward er ohne maßen sehr zornig, sprang bald wieder auf sein Pferd, und mit ihm hundert seiner Maenner, die nahmen mit ihnen Helm, Schild, Spieß und Schwerter, und eileten den Helden nach, in Meinung, seine Schmachheit und Laster zu raechen, so ihm von ihnen geschehen war. Herr Tristan hoerete wohl, daß man ihnen nachjaget', und sprach: »Ich hoere, daß wir bestanden werden: wie wollen wir das anfahen, daß wir unser Leben erretten? Denn ich hoere an dem Hufschlag, daß ihrer viel sind. Wir moegen nicht entfliehen: die Pferde sind uns vorhin erlegen und gar untuechtig; so moegen wir ihnen nicht gleich fechten. Doch wollen wir uns wehren, dieweil wir moegen.« Indem kam Nampecenis mit hundert Mannen an diese zween Helden. Sie bestunden einander mit sehr großem Neid, und schlugen so fast auf Herrn Caynis, bis sie ihn todt schlugen. Er schlug ihrer dreißig mit seiner eigenen Hand, ehe er sein Ende nahm. Herr Tristan wehrete sich auch mannlich, er schlug ihrer bei siebenzig wund und todt; er ward auch selbst hart verwundet. Nampecenis ritt ihm zu und schoß ihn mit einem vergifteten Speer, daß er ihn vor todt liegen ließ. Als er nun seinen Zorn an dem gerochen hatte, und sah, daß er solcher theurer und mannlicher Helden zween erschlagen hatte, haett' er seinen Schaden gern verschmerzet und gut lassen sein, so sie beide noch im Leben waeren. Auch geschah ihm groß Leid an seinen Mannen, die ihm erschlagen waren. Er stund mit gewundenen Haenden und sprach: »Ich habe meinen Zorn an denen gerochen, in maß, daß ich das nimmer verschmerzen mag; denn ich muß noch selbst darum sterben: ihrer beider Freunde lassen mich deß nicht genießen, wiewohl ich sein an meinen Leuten sehr entgolten habe.« Also ritt er leidig und traurig dannen. Diese leidigen Maehre kamen gen Careches: da war großer Jammer und Klag' in der ganzen Stadt. Als Herr Tristans Frau diese Geschicht' und großen, unwendlichen Schaden vernahm, thaet sie aus der maßen leidig und gar herzlich weinen: auch nicht unbillig; denn sie verlor da ihre naechsten und beßten Freunde. Sie ließ die Herren beide hohlen mit großem Jammer und Klagen. Als nun die Herren gebracht wurden, ward Herr Caynis zu der Erde bestattet, mit koeniglicher Wuerdigkeit, auch in solcher Reu' und Klage, daß es unsaeglich. Herrn Tristan wurden Aerzte gehohlet, die ihn sollten verbinden: aber wie viel ihrer waren, so waren sie ihm doch alle unnuetz und konnten nichts zu seinen Wunden. Es war auch niemand im Lande zur selbigen Zeit, der zu solchen Wunden etwas konnte, denn nur die schoene Isalde, Koenig Marchsen Frau, die ihm auch vormals seinen Leib von vergifteten Wunden geheilet hatte. Herr Tristan war deß noch wohl eingedenk, und schickte nach einem Wirth, der war in der Stadt, und war mit ihm von Thintariol darkommen. Als er zu ihm kam, bat er ihn fleißig, daß er sein Bote sein wollte zu der Koenigin. Dieser verwilligte dazu und wollt' es thun. Herr Tristan entbot der Koenigin alles Liebes und Gutes, ließ sie mit großer Bitte bitten, daß sie eingedenk sein wollt' aller Dinge, so er um ihrentwillen gethan haette, auch als er sie gebeten haette in seinem naechsten Abschied: wollte auch bedenken rechte, wahre Lieb', und nicht ansehen Draeuen oder Furcht, sondern ihm zu Huelf', um seiner Liebe willen, zu ihm gen Careches kommen. Er gab ihm auch einen gueldenen Ring, den die Koenigin ihm gegeben haet, und sprach: »Bring' ihr diesen Ring zum Wahrzeichen, daß sie dabei erkenn' und sehe meinen großen Ernst und strenge Noth. Ach, lieber Wirth, thu' Fleiß in diesen Dingen, und habe keinen Zweifel, ich will dir deine Muehe wohl belohnen. Ist es Sache, daß meine Fraue mit dir kommt, so fuehre ein weißes Segel; kommt sie aber nicht, so fuehre ein schwarzes Segel. Dies Wahrzeichen und auch deine Wiederkunft sollt du deiner Tochter sagen, daß sie bei der See taeglichen warten thu', und so sie dich sehe herfahren, daß sie mir zu Stund' sage, wie das Segel gestalt sei; daß sie auch sonst niemand nichts davon sage, auch nicht, was ihr Geschaeft bei der See sei.« Der Wirth vermerkete dies alles eben, nahm Urlaub von dem Herrn, und ging heim in sein Haus, schickete sich zu Stund' auf die Fahrt, und sagte seiner Tochter, als ihm befohlen war, bat sie, daß sie ihr das ließe befohlen sein, und schied damit hinweg, und eilete, so beßt er mochte, daß er nur bald wiederkaeme. Als er gen Thintariol kam, hatte er weder Ruhe noch Rast, bis er zu der Koenigin kam: da saget' er ihr heimlich die Botschaft, und weiset' ihr auch den Ring, der allerwegen ihr Wahrzeichen war.   Das sieben und funfzigste Kapitel Wie die Koenigin eilend gen Careches fuhr; doch ehe sie dahin kam, war Herr Tristan schon todt. Als die Koenigin den Ring sah, und hoerete, wie es um Herr Tristanen stund, nahm sie keinen laengern Verzug, sondern verließ ihren Gemahl, Land, Leut' und Gut und alles, das sie hatte, nahm allein zu ihr, was zur Arzenei gehoeret', und fuhr heimlich und eilend mit dem Wirth hinweg. Herr Tristan war ihr so lieb, daß sie kein Acht hatte, weder auf Koenig oder Koenigreich, noch alles, das ihr Gott gegeben hatte; sie schlug es alles zurueck, schaetzet' es fuer nichts, und eilet' allein dem zu helfen, der ihr Herz und Gemueth ohn' alle Mittel bei ihm hatte. Nun wartet' auch des Wirths Tochter alle Tage, wenn ihr Vater kaeme. Welches Ding die Frauen, Herr Tristans Gemahlin, dieser Sachen wissend machte, weiß ich nicht: sie schickete heimlich zu dem Jungfraeulein, und fragete gar eigentlich, wo ihr Vater waere? Kurz, sie draeuet' es ihr ab, daß sie es sagen mußte. Als sie das vermerkete, gebot sie ihr bei ihrem Leben, wenn ihr Vater kaeme, so sollte sie ihr zuerst sagen, wie das Segel gestalt waere, und sollte das Herrn Tristanen verhehlen. Die Jungfrau ging von der Frauen alsbald zu der See, und sah ihren Vater eilend zufahren, mit einem weißen Segel.   Das acht und funfzigste Kapitel Wie die Jungfrau wieder heim kam und sagete der Frauen, wie ihr Vater kaeme mit einem weißen Segel gefahren; deß die Frau sehr erschrak. Sie kehrete bald um und kam wieder zu der Frauen und saget' ihr, daß ihr Vater kaeme, mit einem weißen Segel. Da die Frau das hoerete, ging sie zu Stund' zu Herrn Tristan, saget' ihm, sein Wirth kaeme zu Lande. Deß ward der Herr gar herzlichen froh, richtete sich auf, wie krank er war, und fraget', ob sie nicht wueßte, wie das Segel gestalt waere? – Ach wehe des großen Mordes, den die Frau unwissentlich mit Unwahrheit beging, das ihr doch darnach herzlichen leid war! – Sie sprach: das Segel waere schwarz. Von Stund' an, alsbald die Frau das Wort redete, da erschrak der Herr von Herzen so inniglich sehr: er legte sein Haupt nieder auf das Bette, streckete seine Haende und gab schnell auf seinen Geist. Da die Frau das sah, daß der Herr also schnell und so geschwinde verschieden war, konnte sie vor großem und herzlichem Leid gar kaum genesen, und verstund nun, daß ihm von ihren Schulden und von ihrer Worte wegen, die sie doch ohne Arg und Uebel geredet hatte, sein Herz zerbrach und sein Leben so jaehling verendete. Nun wollt' ihr ihr Herz auch zerbrechen, und sie schrie mit herzlicher, inniglicher Klag': »O weh, ach und weh mir armen Weib, daß mir je also geschah, daß du von meinen Schulden dein Leben also verloren hast! Ach und weh mir dieser großen Noth! Mir moechte nun nicht besser geschehen, denn daß man mich mit dir begraben sollte!« Dieses Schreien und jaemmerliche Klagen erscholl, als weit die Stadt war: Ritter und Knecht und gemeinlich alles Volk hatten solche ungemessene Klage um ihren Herren, daß ich es nicht sagen kann. Sie gingen dar und bahrten ihn auf, als seinen koeniglichen Gnaden zugehoert' und gebuehrlich war. Indem fuhr die schoene Isalde daher und kam in die Stadt. Als sie das große Geschrei und jaemmerliche Klagen und Weinen erhoerte, saget' ihr zu Stund' ihr Herz, was das meinete. Sie erschrak so unmenschlich hart, ward weder bleich noch roth und wußte vor großem, inniglichem Leid nicht um sich selber. Zuletzt sprach sie: »O weh, ach und oh weh nun immermehr: Herr Tristan ist todt!« Sie war also gar erschrocken, daß sie kein Gebluet noch keine Feuchtigkeit in ihrem Leibe hatte, mochte auch nicht erweinen. Aber ihrem Herzen geschah viel desto weher.   Das neun und funfzigste Kapitel Wie Koenigin Isalde bei Herr Tristanen starb und beide in ein Grab geleget wurden. Ganz traurig, betruebet und bekuemmert ward die gute Fraue, die da von Kurnewaelischen Landen kam, ging ganz schweigend zu der Bahre, darauf Herr Tristan bedecket lag; und seine eheliche Frau stund auch dabei, mit großem, herzlichem Weinen und sehnlicher Klag', als das wohl gebuehrlich war. Die schoene Isalde, betruebt und ganz todt versehrt im Herzen und in der Seele, sprach zu ihr: »Frau, stehet bei Seite, und lasset mich naeher dargehen: denn ich meine billiger, denn ihr, deß glaubet mir in der Wahrheit: er war mir auch viel lieber, denn er euch gewesen ist.« Mit diesen Worten versagte ihr alle Rede, ganz schweigend thaet sie die Bahr' auf, darinnen sie sah ihre hoechste Freude und Zuversicht, so sie in diesem Leben gehabt hatte, toedtlich gestalt und um ihrentwillen gestorben. Zu dem legete sich das arme, betruebete Weib und gab zuhand sterbend auf ihre traurige Seele. Als Herr Tristans eheliche Frau sahe, daß die Koenigin so ganz erbaermlich und sehnlich von dieser Welt abgeschieden war, durch so große, strenge Liebe, so sie im Leben zusammen gehabt hatten, die ihnen beiden so große Treu' und Mitleiden gehabt, daß sie die mit dem Tode erfuelleten, und sie deß Ursache war, mit dem eigenen Wort, daß sie aus ihrer Dummheit und doch ohn' alle arge List, Einfall und Eintrag sprach: das Segel waere schwarz; das dennoch nicht also war: allererst hub sie an zu klagen mit solcher großen, ungestuemen Klag' und schrie so gar herzlichen klaeglich unter allem Volk, daß jederman mit ihr beweget wurde zu solchem Weinen und Klagen, daß es unsaeglich ist. Und wer bei dieser Klage nicht weinen oder Mitleiden haben moechte, der haette sicher in der Wahrheit ein staehlen oder steinen Herz. Sie schuf, daß man die Leichnam' alle beide in einen koestlichen und herrlichen Sarg thun sollte, und gab dazu großen Schatz von Gold und Silber und allem Reichthum.   Das sechzigste Kapitel Wie Koenig Marchsen die leidigen Maehre verkuendet wurden, und er sie beide also todt mit ihm heim fuehrete. Nicht lange darnach wurden die Geschichten Koenig Marchsen in Kurnewaelisch Land entboten, der deß ohne maßen sehr erschrak; er hatte auch nicht minder Klag' und herzliche Betruebniß um sie beide, denn die Koenigin von Careches. Auch ward ihm dabei gesaget, wie sich die Liebe zwischen ihnen beiden von erst begeben haette durch Kraft und Wirkung des unseligen Getraenks, daß sie also einander mußten lieb haben. Da der Koenig solches hoerete, ward seine Klage wohl zehenfaeltig mehr, denn vor, und er sprach: »Das sei Gott von Himmel geklaget, daß ich das nicht laengst oder von erst gewußt habe: ich haette, auf meine Wahrheit, meine liebeste Koenigin Isalde meinem Neffen immer gern in Geheim gelassen und ihm zu Liebe behalten, auf daß er allwegen mit ihr und bei mir gewesen waere. Daß ich ihn aber vertrieben habe, das muß mich immer reuen. Nun ließ' ich euch beiden williglich und gern Land, Leute, mein Koenigreich und alles, was ich habe, daß ihr gesund und bei Leben sein solltet, und wollte ich darum mein Lebtage arm sein und kein Eigenthum mehr haben.« Der Koenig stellete sich so jaemmerlich und klaeglich, daß ich nicht gnugsam davon sagen kann. Er ruestete sich auf und fuhr selber nach den todten Leichnamen ueber die See. Als er nun dahin kam, ward die Klage dem Koenig und auch der Koenigin von Careches wiederum erneuert. Er machet' einen behenden Abschied, nahm diese zween todten Leichnam' und fuehrte sie mit ihm zu Lande. Er ließ sie gar herrlich, auch mit großer Klag' und Kammer in ein Grab zusammenlegen, das war gar koestlichen gehauen in einen Marmelstein. Und als diese Historia saget, so hieß der Koenig auf Herren Tristans todten Leichnam eine Weinrebe setzen und auf der Frauen Isalden Leichnam einen Rosenstock: diese beiden Reben wuchsen zusammen, daß man sie mit keinen Dingen von einander bringen mocht. Man saget aber, es geschah aus Wirkung und Kraft des unseligen Tranks. Eine fuertreffliche, lustige und nuetzliche Historie vom edlen, ehrenreichen und mannhaftigen Ritter Pontus, des Koeniges Sohn aus Gallicia und von der schoenen Sidonia, Koenigin in Britannia; darinnen viel nuetzlicher Lehren und Unterweisungen, wie man sich bei Fuersten und Herrn rittermaeßig, frommlich und hoeflich soll verhalten.   Das erste Kapitel Wie der Soldan seine drei Soehne wider die Christen ausschicket, sie zu bekriegen. Vor Zeiten war gar ein frommer, guter, wohlthuender Koenig in Gallicia, Tiburt genannt, dem zu seinen Zeiten viel Widerwaertigkeit, große Bekuemmerniß, Unfall und Leiden zustund und ueberfiel. Dieser Koenig Tiburt haet des Koenigs von Arragon Schwester zu einem ehelichen Gemahl: das war gar eine schoene Frau, eines heiligen und guten Lebens und Wesens. Diese beiden hatten einen Sohn, Pontus genannt, der war der allerschoeneste und tugendlichste Juengling, daß man seines gleichen im ganzen Koenigreich, weder nahe noch fern, sehen noch finden mochte; denn er nicht ungleich war seinem Vater, der da fast huebsch, fromm und tugendreich war. Zu denselben Zeiten war im Orient der Soldan fast maechtig und gewaltig an großem Gut, Gewalt und aller Kriegsruestung. Dieser Soldan hatte vier Soehne; mit denen macht' er ein solches Geschaeft, Beschluß und Ordnung, daß der aelteste Sohn, nach seinem Tode, sollt' ihm erblich nachfolgen und besitzen sein Koenigreich. Und mit den andern seinen dreien Soehnen beredet' er sich also, und sprach: »Ritter und liebe Kind, ihr sollt nicht warten noch gedenken, etwas von mir zu erben, noch erblich zu besitzen; aber ich ordne und schaffe euch jetzt, daß euer jeglicher in's besondere soll und werde haben dreißig tausend streitbarer Mann. Und mehr: denselbigen will ich bestellen Schiffe und ihnen auch dazu lohnen, und alle Nothdurft haben, und euer jeglichen versehen auf drei Jahr. Und euer jeglicher soll also fahren nach Gewinn und Abentheuer in die Land' und Koenigreiche der Christen. Welcher dann unter euch dreien das Beßte thut und den Glauben Machomets baß mehren und erheben wird, und am meisten gewinnet, derselbe soll und wird mir der liebste und angenehmste sein, und will ihn auch erhoehen und am werthesten und ehrlichsten halten, und ihm von meinem Gut mehr vor den andern geben.« Also verschuf derselbige Soldan. Als sie nun mit aller noethigen Schiffung von dannen gefertiget wurden, da begab es sich, als das Glueck wollte, daß einer desselbigen Soldans Sohn, Produs genannt, mit seiner Schiffung und Volk, durch Ungewitter gefuehrt ward gen Galicia in Hispania, zu der Stadt Cologne. Er kam daselbst auf das Erdreich in ein Gebirge, und stieg aus selb zwanzig. Viel Volks, das daselbst spazierte auf dem Grand und Ufer des Meers, und was er fand daselbst am Land, fing er, fragete sie vielerlei fremder Sachen, und wer der Herr des Lands waere? Die gaben ihm Antwort und sagten: Wie das Land ein Koenigreich waere und hieße Gallicia, und dieses Lands Inhaber und Herr waere ein Koenig und hieße Tiburt. Da fraget' er sie mehr: was Glaubens sie waeren und wen sie anbeteten? Die sagten ihm: wie sie an Jesum Christum glaubten. Da nun des Soldans Sohn solches vernahm und sich eigentlich erkundet, da hieß er die Schiff' ein wenig hinter sich fuehren, gleich als ob er wiederum von dannen und nicht in dem Lande bleiben wollte. Und schickete darnach zwoelf Schiffe zu den Thoren und Porten der Stadt Cologne, und befahl ihnen, die darinnen waren, daß sie sich sollten erzeigen in dermaßen, als ob sie Kaufleute waeren, und sollten mit ihnen nehmen Gewuerz, seiden Gewand, Tuecher, Zucker, und die ausbieten, in maßen, als sie die verkaufen wollten, und daß sie den Abend unter ihre Roeck' ihre Panzer anlegten und an den Morgen, so der Tag herbraech', auf die Stadtmauer bei dem Thor und Thuernen gingen, gegen das Meer. Und so wollt' er dann mit seinem Volk und Leitern dahin kommen; so sollten sie ihnen in die Stadt zu steigen hinein helfen, damit sie diese moechten gewinnen und hinein kommen; denn also moechte es nicht fehlen, sie wuerden die Stadt gewinnen. Als nun der Anschlag war geschehen, da kamen die mit den zwoelf Schiffen fuer die Stadt, erzeigten sich, als ob sie Kaufleute waeren aus Cypern, und verkauften da Gewuerz und seidene Tuecher, und gaben solchen Kaufmannsschatz gar wohlfeil. Und ihrer zween und dreißig, in Kaufmannsweise, gingen an dem Abend in die Stadt und nahmen Herberg' an, am allernaechsten bei dem Stadtthor, hießen ihr Nachtmahl gar wohl bereiten und zurichten und luden auch ihren Wirth, daß er mit ihnen zu Nacht aeße. Als sie nun hatten gegessen und waren froehlich gewesen, da gingen sie schlafen, und den Morgen frueh gingen sie auf die Mauer bei dem Thor, als die Mauer von Waechtern verlassen war, lehneten sich ueber die Mauer hinaus und warteten des Anschlags. Da war hiezwischen unten zu der Mauer kommen Produs, des Soldans Sohn, mit großem Volk und viel Leitern. Und da sie die Ihren droben vernahmen, wurfen sie die Leitern an die Mauer und stiegen hinauf, also, daß in einer kurzen Weile mehr denn tausend auf der Mauer waren, gewannen das Thor und darnach die Stadt ohne Widerstand, und thaeten großen Mord und Uebels in der Stadt. Darnach liefen sie zu dem Schloß und zu des Koenigs Saal, den zu gewinnen; denn da war der Koenig Tiburt und die Koenigin selber innen; und wollten da den Koenig mit Gewalt fahen. Er wollte aber sich nicht gefangen geben, sondern wehrete sich so mannlich und fast, bis sie ihn erschlugen; das doch gar ein großer Schade war. Und dieweil solches geschah, stahl sich die Koenigin heimlich durch ein klein Thuerlein aus, hatte nichts mehr, denn ein Unterroecklein an, schlug einen kleinen Mantel um sich, und floh in einen finstern, tiefen Wald. Nun hatte des Koenig Tiburt Sohn, genannt Pontus, dreizehen edle Kinder und Knaben und einen Kaplan; der fuehrete des Koenigs Sohn, Pontus, und dieselben edlen Kinder in einen alten Berg und Hoehle: darin blieben sie zween Tag', ohn' Essen und ohne Trinken. Aber zuletzt sprang Pontus aus der Hoehl' und mit ihm sein Vetter Polidas und auch die andern des Hungers wegen. Da sie nun gesehen wurden, da fing man sie alle und fuehrte sie fuer den Koenig, des Soldans Sohn. Und da er die huebschen Kinder und Knaben ansah, da ließ er sie fragen, von was Geschlecht sie waeren? Da antwortete Pontus und sprach: Sie waeren Kinder, die der Koenig Tiburt um Gottes willen ließ ziehen, wenn sie groeßer wuerden, ihm zu dienen und etliche sollen ihm ziehen Winde, etliche des Koenigs Greifen und Falken bewahren, und andere Dienste mehr, im koeniglichen Saal und Kammer.« Darnach sprach Produs: »Bei Machomet, ich weiß nicht, was ihr seid; aber an Huebschheit und Vollkommenheit habt ihr feinen Fehl. Ihr mueßt euern Glauben lassen, der nichts werth ist, und lernen unsern Glauben von Machometen, der gut und vollkommen ist: so will ich euch viel Gutes thun. Wollt ihr aber nicht, so will ich euch lassen toedten eines harten Tods. Nun erwaehlet euch aus den zweien, welches ihr thun wollt.« – »Fuerwahr, – sprach Pontus, daß wir unsern Glauben lassen sollen und Machomets Glauben annehmen, das thun wir nimmermehr, und sollten wir darum sterben.« Da sprach der Koenig: »So seid ihr dazukommen und muesset alle sterben eines harten Tods.«   Das zweite Kapitel Wie die vierzehen Knaben durch einen Ritter des Soldans beim Leben erhalten wurden, und auf dem Meer hinweg bracht. Nun war bei dem Koenig Produs ein Ritter, Patrises genannt, der war ein heimlicher Christ, welcher in einem Streit war gefangen worden und des Machomet Glauben, um Furcht willen des Tods, an sich haet genommen, und waren doch allezeit sein Herz und Gedanken in Christo Jesu. Er war auch dem Koenig gar lieb; er ging fuer ihn und sprach: »Gnaediger Herr, ich will mich der Kinder unterwinden, sie zu unterweisen und zu unserm Glauben zu bringen.« »Deß bitt' ich dich,« – sprach zu ihm der Koenig – »und befehle sie dir in deine Gewalt.« Da der Ritter schickete sie in seine Herberg', und draeuet' ihnen vor den Heiden aus dermaßen fast. Als er aber zu ihnen in die Herberge kam, da nahm er die Kinder zu ihm in seine Kammer, hieß alles Volk von ihm gehen und fragte sie, ob sie haetten gegessen? Sie sagten ihm: sie haetten in dreien Tagen nichts gegessen. Da ließ der Ritter ihnen gnug zu essen und zu trinken geben. Darauf ging er von ihnen zu dem Meer, fand da ein Schiff, das kaufet' er, richtet' ihnen das wohl zu und hieß in das Schiff Speis' auf drei Monat tragen, bei der Nacht. Und an dem Morgen frueh fuehret' er dieselbigen edlen Knaben zu dem Schiffe und hieß sie darein gehn. Er hat auch in seinem Gefaengniß einen Schiffmann, der auch ein guter Christ war und des Tods taeglichen erwartete: den gab er denen Knaben zu in das Schiff, sie zu fuehren und zu Land zu bringen, und befahl ihm, daß er sich an einen heimlichen Ort im Schiff legte und verborgen hielte. Da nun die Kinder im Schiff waren, da ließ man den Segelbaum fallen und fuehrte das Schiff mit den edlen Kindern hindann auf das große und hohe Meer. Da ging der Schiffmann herfuer, nahm das Ruder in seine Haende und fragete die sieben edlen Kinder: wo sie hin woellten fahren? Ihm antwortet' der schoene Juengling Pontus und sprach: »Lieber Freund, wir sagen dem allmaechtigen Gott Lob, Ehr' und Preis, und danken seinen goettlichen Gnaden, daß er dich uns hat zugesendet. Nun fuehr' uns gegen einen Port in Flandern oder in Frankreich.« Das gelobt' ihnen der Schiffmann zu thun.   Das dritte Kapitel Wie der Koenig durch seinen Ritter beredet wird, daß die vierzehen Kinder getoedtet seien. Nun wollen wir eine Weile von den vierzehen Kindern lassen und fuerbaß anheben und sagen von dem, der die Kinder und den Schiffmann in das Schiff thaet. Derselbige Ritter hieß mit Namen Patrises, der ging fuer den Koenig, des Soldans Sohn, und sprach: »Gnaediger Herr, ich hab' Euch wohl gerochen an den Kindern, die ihr mir befohlen habet; denn sie wollten nicht an Machometen glauben. Ihr werdet sie nimmermehr sehen, noch von ihnen hoeren sagen; denn ich habe sie ohne Speis' in ein altes zerbrochenes Schiff gethan, das hat zwei oder drei Loecher, und habe sie auf's hohe Meer gesetzt; und vielleicht sind sie itzund schon ertrunken, daß ihr forthin gewißlich von ihnen nichts mehr werdet hoeren.« – »Ich wollt' es nun recht gern; – sprach der Koenig – denn mir hat hinte Nacht von ihnen getraeumet, gleich als wie ich die vierzehen Kinder saehe in einem gruenen Wald. Und das huebscheste Kind unter ihnen, das redete mit mir, und bedauchte mich, wie es zu einem Loewen waere worden, und traete mich gar hart, und hielte mich so hart und fest unter ihm, daß mich bedunket', ich stuerbe. Solches hat mich gar aus dermaßen erschrecket, und bin ich dieses Traumes fast traurig.« – »Seid unerschrocken, – sprach der Ritter – es ist nur ein Traum und Melancholei, und darob duerfet ihr keine Sorge haben.« Darauf sprach der Koenig: »Nun reitet hin und bringet uns die gefangenen Leute. Alle, die unsern Glauben annehmen wollen, die wollen wir werth und schoen halten und ihnen von unsern Guetern geben. Aber welche unsern Glauben verachten und nicht annehmen, die muessen viel Arbeit thun, große Armut leiden, in harter Unterthaenigkeit leben und uns Zins und Nahrung geben, soviel sie haben moegen. Also machet' er ihn gewaltig ueber die Gefangenen und ueber das ganze Land, gab ihm auch nothduerftige Briefe, solche Ordnung zu machen. Da hatte nun der Ritter alle seine Gedanken und Sinn dahin, wie er den Christen moechte helfen, damit sie des Glaubens halb nicht getoedtet wuerden. Er ritt um in den Landen, das Volk zu suchen und zu fahen, und nahm von ihnen viel Gelds und Guts, doch von jedem, nach dem er vermocht' und hatte. Unter andern fand er des Koenigs von Gallicia Bruder, den Grafen von Estor, das war gar ein alter frommer Mann; den hatte man ihm verrathen. Und als der Ritter vernahm, daß er des Koenigs Bruder von Gallicia war, da nahm er ihn, fuehrt' ihn eine Kammer besonders und sprach zu ihm: »Herr, ich weiß wohl, daß ihr seid des Koenigs von Gallicia Bruder, der erschlagen ist. Ihr habet große Begierde und woelltet gern viel thun und ueber euch nehmen, zu helfen diesem Land und Volk, das in so große Kuemmerniß, Unglueck und Peinigung gefallen ist und fast unterthaenig und gehorsam jetzt muessen sein den Heiden; so lange bis unser lieber Herr Jesus Christus ihnen Huelf und Trost sendet. Aber ich sage euch das fuerwahr in geheim und ganzen Treuen, daß ich mit euerm guten Rath dazu will thun und helfen, was ich kann und vermag.« Darob empfing der Graf von Estor viel und große Freude, fiel nieder weinend auf seine Knie und danket' unserm Herrn Jesu Christo. Da hub ihn der Ritter auf, und umfingen einander mit den Armen, halseten und kuesseten einander weinend und preis'ten den allmaechtigen Gott. Da sprach der Ritter Patrises zu dem Grafen: »Lieber Herr, ich mein' und hoffe, Gott werde sich noch ueber das Volk und auch ueber das Land erbarmen. Wir muessen aber uns maßen, daß wir nicht viel miteinander reden, was dem Koenigreich und dem christlichen Volk nuetz und vorstaendig sei. Und ihr sollt euch erzeigen und thun in maßen, als ich, als ob ihr ein Heide wolltet sein und euch Machomets Glaube fast wohl gefiele; so wird der Koenig große Freude darob haben.« Da schwuren sie einen Bund zusammen, Lieb und Leid mit einander zu leiden, und kueßten auch einander von des Buendnisses und des Eids wegen, den sie zusammen geschworen hatten, um gemeines Nutzes willen. Damit ging der Ritter Patrises von ihm aus und fuegete sich zum Koenig und sprach zu ihm: »Gnaediger und edler Herr, ihr sollt billig Machomet danken; denn von seinen Gnaden habe ich zu unserm Glauben bracht des Koenigs Tiburt, der erschlagen ist, Bruder, der da ein Herr ist dieses Lands, den Grafen von Estor.« Solcher Red' und Fuernehmens gewann der Koenig große Freude, und machet' also zwischen seinem Ritter und dem Grafen von Estor ein neues Buendniß und Freundschaft. Darnach brach der Koenig auf, zog mit dreißig tausend streitbaren Mannen fuer die Staedt' und Schloesser, und im Land hin und wieder, also lange, bis er sich das ganze Land unterthaenig und gehorsam macht', und legt' ihnen auf großen schweren Zins ihm jaehrlich zu reichen. Da war groß Jammer, Noth und Leiden unter den Christen, das nicht wohl zu beschreiben ist; darum ich's auch, Kuerze halben, bleiben lasse.   Das vierte Kapitel Wie die vierzehen Kinder einen Schiffbruch erlitten und nach viel Faehrlichkeit zu Lande kamen. Ich will nun weiter von den Kindern sagen, wie sie auf dem Meer unmuthig und in großen Sorgen ihres Lebens waren. Aber das Gluecksrad, das gar seltsam umhergeht, fuehrete sie von Malegranat bis in klein Britannia. Der Wind und die Fortun auf dem Meer waren fast groß und warfen das Schiff in einen Hafen, gegen einen Wald, da ein Kloster in lag, und schlug also das Schiff an einen Berg, daß das Segel und die Masten zerbrachen. Aber Gott und das Glueck war mit ihnen, also, daß das Schiff zwischen zween Berge kam und sie da einen Schiffbruch erlitten. Da arbeiteten die Kinder so lange, bis sie auf einen Berg kamen. Da huben sie ihre Haende auf gen Himmel, dankten dem allmaechtigen Gott und ruften ihn herzlichen an um weitere Huelfe. Also erhoerte sie der guetige, barmherzige Gott, der seine Ohren nicht verstopft, noch sein Angesicht verbirgt, vor dem Geschrei und Ruf seiner lieben Freund'; als ihr hernach werdet hoeren. In denselben Zeiten regiert' in Britannia ein Koenig, genannt Argill, ein frommer, getreuer und kluger Mann; aber er war fast alt und hatte nur eine einige Tochter, die hatt' er mit des Herzogen von Normandia Schwester, die sein ehelich Gemahl war; und dieselbige seine Hausfrau haet das Podagra hart, also, daß sie sich ohne Huelfe nicht mochte umkehren. Und dieselbige seine Tochter war so vollkommen andaechtig, demuethig und auch schoen, daß man ihres gleichen nirgend konnt' und mochte finden; denn man wußte von keiner, denn allein von ihrer Tugend und Schoene zu sagen; sie war auch allein des Koenigs Freud' und Aufenthaltung. Nun war ein Seneschal in Britannia bei dem Koenig, genannt Herland, der war gar ein frommer und getreuer Ritter, und war des Koenigs ganz gewaltig. Der jagte desselben Tags in dem Wald, und, als Glueck gab, kam ein Hirsch in das Wasser gleich fuer den Berg, da die edlen Kinder waren. Als der Seneschal dem Hirsch nacheilte zu dem Berg in's Wasser, da ersah er die Kinder auf dem Berge, ritt hinzu und rufte mit lauter Stimme, was sie fuer Leut', oder von wannen sie waeren? Da gaben sie Antwort und sprachen: sie waeren seltsame, fremde Leute, die da nicht wueßten, wo sie waeren. Da ritt er zu ihnen hinzu in das Wasser, das seinem Pferde ging bis an den Bauch, und fragte sie, von was Land sie waeren? Sagten sie: wie sie aus Gallicia waeren. Sprach er: er wollt' einen nach dem andern hinter ihm hinaus fuehren. Darnach ging der Kinder eins zu ihm, das hieß Unitas, und sprach zu dem Seneschal: »Herr, hie ist Pontus, des Koenigs Sohn von Gallicia.« Und zeiget' ihm den. »Und der bei ihm steht, – sprach er – ist sein Vetter; und ich und die anderen sind Freiherrn von Gallicia Soehne.« Und da der Seneschal vernahm, daß Pontus des Koenigs Sohn von Gallicia war, da erzeiget' er sich ganz freundlich gegen ihn, empfing ihn gar schoene mit großer Ehrerbietung und hielt eine Weile Gespraech mit ihm; darauf ihm die Kinder, und besonders Pontus, weislich konnten antworten. Und erzaehlten ihm die Geschichte mit des Soldans Sohn gegen die Stadt Cologne, mit dem Koenig Tiburt, Pontus Vater, und auch mit ihnen, wie es ergangen war. Da der Seneschal vernahm und hoerte das Ueberfallen und Einnehmen des Koenigreichs von Gallicia, da erbarmet' es ihn gar uebel, und er hatte große Betruebniß und Mitleiden, und besonders, daß der Koenig erschlagen und das Land gewonnen war durch solch unchristlich Volk, und daß sie solche Gewalt ueber Christen sollten haben. Er nahm Pontus hinter sich und fuehrt' ihn, ordnet' auch den andern etliche Pferde, darauf zu reiten, und fuehrte sie mit ihm gen Vannes, da der Koenig von Britannia war. Da derselbige Koenig die Kinder haet gesehen und gehoert, wie der Koenig von Gallicia erschlagen und das Land daselbst verloren und gewonnen war, da weinet' er fast und herzlich sehr, und gehub sich gar uebel; darauf hieß er den Seneschal fuer sich kommen, befahl ihm Pontus zu ziehen und ueber ihm zu halten; und jedem Grafen und Freien von Britannia befahl er der Kinder eines, sie also auf drei Jahr bei ihnen zu halten und ziehen; und schieden also damit von dem Koenig. Er empfahl ihnen fast, die Kinder zu lehren allerlei Kurzweil', im Schachzabel, Fechten, Jagen und Beizen, und was solchen Kindern zugehoert. Herland, der Seneschal, ritt also heim und fuehrte Pontus mit ihm. Den lehret' er allerlei Kurzweil', mit Schachzabel, Jagen, Fechten, und was einem Fuersten zugehoert. Da ward der Ruhm und das Geschrei ueberall in Britannia und andern Enden gar groß, von der großen Schoenheit, Weisheit, Tapferkeit und Demuethigkeit, die Pontus an ihm haette, und jedermann, fern und nahe, sagte von Pontus; denn er fuerchtet' und liebete Gott und sein Wort gar fast und suchete seine Ehre vor allen Dingen. Alle Morgen, so er aufstund, war seine erste Arbeit, daß er seine Haende wusch, ging zu der Kirchen und hoeret' eine Messe. Er aß und trank auch nicht so lange, bis er sein Tageszeit vollbracht hat. Auch was ihm geschah, und wie wenig er hat, gab er doch eine Gabe den armen und duerftigen Leuten. Seine Schwuere waren nur: fuerwahr, oder: so mir Gott helfe; lieber Freund, es ist nicht also; und so weiter. Auch so er mit dem Ball spielet', oder ander Spiel und Kurzweil trieb, so war er gleich froehlich, so er verlor, als, so er gewann. Thaet man ihm Unrecht, so gab er das mit zweien oder dreien Worten zu verstehen, als ihm Unrecht war geschehen, und wollte nicht weiter kriegen; ehe ließ er sein Recht fallen. Er saget' aber denen, die ihm Unrecht gethan hatten, daß sie ihm solches nimmer sollten thun; denn er wollte ehe von dem Spiel gehen, ehe daß er mit ihnen wollte kriegen. Es mochte auch niemand mit ihm zuernen; denn seine Worte waren allezeit auf große Freud' und Schimpf gerichtet. Welcher ein Spoetter, unaufrichtiger und unnuetzer Mann war, den haet er nicht lieb, und vermochte sich sein auch gar nicht. Wenn man Frauen, Jungfrauen, Edelleuten, Priestern oder andern Dingen uebel redete, das war ihm gar ein groß Mißfallen und er sprach: »Man soll nicht alle Dinge glauben und sagen, was man hoeret,« und sprach darzu: »denn solches heißt nur reden von Hoerensagen, und waere auch nicht gut, daß es alles wahr waere, was man hoeret reden.« Auch gefielen ihm solche Leute nicht wohl, war auch nicht wohl bei ihnen. Man konnte auch derselbigen Zeit demuethigeren, lieblicheren Mann nicht finden; denn es koennt' ein Edelmann seine Kappen oder Hut so bald nicht abthun, er haette den seinen so bald auch abgethan, und grueßet' auch gern und gesellete sich zu jedermann. Er ging auch zu keinem Spiel oder Schimpf, da Zorn war oder Unzucht getrieben ward. Was soll man sagen? er war ein Liebhaber aller Zucht, Ehren und Tugenden, die reichlich an ihm erschienen, also: gleich wie er alle andere Juengling' in Gestalt und Huebsche uebertraf, so ferne schien und fuertraf er an Tugenden alle andere, also, daß er der vollkommenste war in allen guten Sitten und hoeflicher Zucht, der da funden mochte werden. Er war groß, wohlgeschickt von Brust und Ruecken, klein von Bauch; seine Arm' und Beine waren nach Wunsch wohl gemachet: sein Antlitz war klar und braun; er haet ein liebliches Gesicht, sein Mund war roth, seine Nase war gerade: er sah gleich als ein Engel, und je mehr man ihn ansah, je mehr und lieblicher war er anzusehen; und ging die Red' allein ueberall von ihm. Nun kam die Rede gen Hof und fuer die schoene Sidonia, des Koenigs Tochter, von Pontus Huebsche und Schoene, auch von seiner trefflichen Tugend und guten Sitten, also, daß sie sein begehrete zu sehen, und bat Gott gar fleißiglich in ihrem Herzen, daß sie ihn bald und oft moechte sehen.   Das fuenfte Kapitel Hie hielt der Koenig einen großen Hof zu Vannes, mit Grafen und Herren; dazu beschicket' er die vierzehen Knaben. Es geschah nun nach dreien Jahren, daß der Koenig Argill einen großen Hof zu Vannes wollte haben, und schickete Volk von seinem Gefolge nach den vierzehen Kindern und entbot ihnen, daß sie zu demselben Hof sollten kommen. Also brachte Herland, der Seneschal, mit sich den Pontus, und der Graf von Lenal brachte mit sich seinen Vetter Polidas, der auch gar schoen war, und der jedermann, nach Pontus, am baßten gefiel. Da nun Pontus zugegen war, sah ihn jedermann gern, und hatten ihre Gesicht' alle auf ihn und wuenschten ihm Gnad' und Heil. Da ihn der Koenig ansah (bedarf nicht Frag', ob er ihn schoen empfing), sprach er zu ihm: seine Zukunft sollte gluecklich sein und Gott wollt' ihm geben so viel Gutes und Ehre, so viel er ihm deß goennete. Er befahl ihm, daß er sollte dienen mit seinem Trinkkopf an dem Hof. Also hielt der Koenig den Hof mit Grafen, Freien, Herren, Rittern und Knechten. Die schoene Sidonia hielt ihren Hof auch da besonders, mit Jungfrauen und Frauen. Viel und groß war die Freude, die man an demselben Hof mit mancherlei Kurzweil' anfing. Sidonia hoerete fast gern und viel sagen von der großen Frommkeit und auch Huebschheit, die Pontus an ihm hat, und war Tag und Nacht in großen Gedanken, wie sie ihn koennte und moechte sehen, und wußte nicht Ursach zu finden, damit er, ihrer Begierde nach, ihr zu sehen moechte werden. Da sie viel und weit gnug gedacht, da schickete sie nach Herland, den Seneschal; und da er zu ihr kam, schenkete sie ihm gar ein schoenes Pferd und einen edlen Falken, und empfing ihn gar schoen. Da sie ihm so große Ehre bewies, gedacht' er wohl und besorgete, daß sie etwas sonderes wollte. Also darnach sagete sie ihm, warum sie nach ihm geschickt haelt', und sprach: »Seneschal, lieber Freund, ihr mueßt uns lassen sehen euere Zucht, ich meine den Pontus, den ihr itzund gezogen habt; denn man saget uns, daß er bei euch gar aus der maßen wohl gelernet hab', auch gar wohl kundig sei. Darum bitt' ich euch, woellet ihn zu uns fuehren, daß wir ihn sehen; und kommet auch selbst mit ihm zu uns; denn man hat uns auch von ihm gesagt, daß er gar wohl sing' und tanze, und wir wollten fast gerne ihn sehen tanzen und hoeren singen.« »Gnaedige Frau, – sprach der Seneschal – in Gottes Namen, ich will ihn zu euch fuehren, dieweil es euren Gnaden ein Gefallen ist.« – »So gehet itzund hin nach ihm, – sprach Sidonia – daß wir ihn moegen sehen und hoeren, ob es alles wahr sei, deß man von ihm redet und sagt.« Der Seneschal nahm Urlaub, ging von ihr und bedachte sich auch gar eben; denn es war gar ein weiser Ritter und ein frommer Mann, gedacht' und vernahm, wie sie ihm so große Ehre nur allein von Pontus wegen bewiese, und war darum in großem Unmuth. Doch gedacht' er sich, er wollte seinem Vetter Polidas an seiner statt zu ihr bringen, aus großer Betrachtung und vielerlei Ursach willen; denn er besorgete den Koenig gar fast, darum, daß vielleicht etwas Uebels daraus moechte kommen. Er ging hin, nahm Polidas und fuehret' ihn mit sich. Sidonia ging in ihre heimliche Kammer, nahm nur eine Jungfrau mit ihr, die hieß mit Namen Eloisa, welche sie heimlich gar sehr lieb hat und getraute ihr auch vor andern, und saget' ihr: wie sie fast große Begierde hatte zu sehen den schoenen Pontus, da maenniglich von redete. Nun war ein kleines Fenster in ihrer Kammer, da haet Sidonia staetiglich ihre Augen außen gerichtet, zu sehen, wann Pontus kaeme. Itzund sah sie zum Fenster aus, darnach nahm sie ihren Spiegel, besah sich und fragete Eloisa: wie ihre Gebaerden, und ob sie recht waeren? Indem sahen sie den Seneschal und Polidas herzukommen, der auch gar schoen war. Und da sie herzukommen waren, da ging Sidonia aus ihrer Kammer und haet deß gar große Freude; sie ging zu Polidas, empfing ihn gar hoeflich und schoen, nahm ihn bei der Hand, fuehret' ihn zu ihrem Stuhl und hieß ihn zu ihr sitzen. Da sprach Polidas: »Gnaedige Frau, ich will, noch soll nicht zu euch sitzen; denn es ist nicht billig.« – »Sicher, – sprach Sidonia – ihr mueßt zu mir sitzen; denn ihr seid auch eines Koenigs Sohn, darum es nicht unbillig ist.« – »Nein, gnaedige Frau, – sprach Polidas – ich bin keines Koenigs Sohn.« Da fragete sie ihn und sprach: »Seid ihr nicht des Koenigs Sohn von Gallicia?« – »Gnaedige Frau, nein, ich bin Polidas und bin sein Vetter.« – »Ei,– sprach sie – sicher, ich vermeinet' es.« Und hielt ihn dennoch gar schoen, wiewohl daß es ihr Zorn thaet, daß sie der Seneschal haet betrogen. Sie hieß darnach den Seneschal zu ihr kommen, und sprach zu ihm: »Ihr solltet mir haben bracht seinen Vetter; warum habet ihr mir das gethan? Was moeget ihr wider mich gedenken? oder haltet ihr mich so gar naerrisch?«   Das sechste Kapitel Wie der Seneschal Sidonia um Gnad' und Verzeihung bittet, von wegen des Betrugs, so er ihr erzeigt haet. Als nun der Seneschal den Zorn und Unwillen Sidonia's gegen sich vernahm, demuethiget' er sich fast vor ihr und sprach: »Gnaedige Frau, ich bitt' euch durch Gottes willen um Gnade, wollet mir das uebel nicht vermerken, was ich gethan habe; denn ich habe gefuerchtet meinen Herrn, den Koenig, euern Vater, der euch fast lieb hat. Denn solltet ihr euch gegen Pontus ein wenig baß und guenstiger erzeigen, denn gegen einen andern, fuercht' ich, man moechte ihn darum neiden, und ihm zu Schaden kommen. Und wiewohl euere Gedanken zu Zucht und Ehren stehen, so ist die Welt doch so voll Rede, daß sie das nicht zu dem Beßten sondern zu dem Argesten kehret und ausleget.« Sidonia sprach: »Habt keinen Zweifel an mir; denn mir waere lieber der Tod, als daß man Ursache moechte finden an mir, anders zu reden, denn, das ehrlichen und gut waere, und sollt' auch deß ganz sicher sein.« Der Seneschal ging hin, Pontus zu holen. Sidonia ging in ihr Gemach, erwartete mit großer Begierd' und Freude des Juenglings. Sie sah zu einem Fenster aus auf den Weg, da er herkommen sollte, und war niemand bei ihr, denn Eloisa, ihre liebe Jungfrau; und also schauet' Eloisa auch oft aus. Zuletzt kam Eloisa schnell gelaufen zu der Frauen, und sprach: »Frau, er kommet, der Schoenste von aller Welt.« Da erschrack Sidonia von rechten Freuden, die sie empfing, ging auch an das Fenster und sah ihn und den Seneschal mit einander kommen. Und als sie Pontus recht ersah, da war er gerade, lang und schoen, daß sie sich darob verwundert', und sprach: »Liebe Eloisa, er bedunkt mich aus dermaßen schoen.« Darzu sprach Eloisa: »Frau, es ist nicht ein Mann, sondern ein Engel; denn ich habe keine menschliche Kreatur nie so huebsch gesehen. Gott hat ihn mit seiner eigenen Hand gemachet.« – »Auf meinen Eid, – sprach Sidonia – liebe Eloisa, ihr redet die Wahrheit, als ich meine.« Denn, alsbald sie ihn ansah, da gewann sie ihn lieb, und bald ging sie heraus in eine große Kammer, da ihre Frauen und Jungfrauen in waren, und wartete lange daselbst. Da kamen herzu Pontus und der Seneschal. Und als Pontus zur Sidonia kam, erzeigt' er sich ganz hoeflichen, mit Worten und Gebaerden, mit tiefem Neigen oder Buecken, mit zuechtigem Reden und fuerstlichem Ansprechen, wie er solches gelehret und wohl unterrichtet war. Da ging Sidonia ihm entgegen, empfing ihn auch gar lieblich und schoen, nahm ihn mit seiner Hand, fuehrte ihn mit ihr hinein in ihr koeniglich Gemach und hieß ihn zu ihr niedersitzen auf ihren Stuhl. Aber der zuechtige und adeliche Pontus, wehrete sich gar fast und sprach: »Gnaedige Frau, es nicht billig noch ziemlich ist, daß ich zu euch auf euren Stuhl soll sitzen, ich bin ein Juengling und geringe Person, dieser Ehren ganz nicht wuerdig.« Und machte sich ihr fast ungleich und ganz unterthaenig. Da sprach Sidonia zu ihm: »Ei, warum treibt ihr so viel Gepraengs mit mir? Ihr seid doch also wohl eines Koeniges Kind, als ich.« – »Ei, – sprach er – es ist fast ungleich; denn ihr seid eines maechtigen Koeniges Tochter; so bin ich einer, der weder Land noch Leute, darzu gar nichts hat, und werde allein erhalten durch die Wohlthaten, die mir von meinem Herren, euerm Vater, widerfahren, der mir viel Gutes thut.«   Das siebente Kapitel Was fuer Gespraech und schoener Red' auch Kurzweil und Hoeflichkeit Sidonia und Pontus mit einander hatten Als sich nun Pontus der Sidonia fast ungleich gemacht und zu ihr zu sitzen sich lange gewehret hatte, sprach Sidonia ernstlich zu ihm: »Setzet euch nieder, ich befehle es euch.« Da setzet' er sich ein kleines nieder; denn sie saß auch. Sidonia aber sprach zu den Frauen und Jungfrauen: »Ich will, daß ihr etwas Kurzweil vor Pontus anfahet, und vor dem Seneschal, daß wir sehen und hoeren, ob er etwas von seinem Tanzen und Singen hat vergessen.« – »Gnaedige Frau, – sprach Pontus – ich mag noch kann sein nicht vergessen; denn ich kann sein auch nicht viel.« Und fing hiemit an zu singen und tanzen und war froehlich. Sidonia hatte große Freude mit ihm und fing an und sprach, wie sie von allerlei Sachen wegen mit ihm haette zu reden, und behielt ihn bei ihr, denn er war fast vollkommen in allen Dingen, nach dem Alter, das er hatte. Sie sprach zu ihm: »Pontus, ihr seid lang' in Britannia gewesen, und seid doch nie zu mir kommen.« – »Gnaedige Frau, – sprach er – ich bin mein selbst nicht gewaltig, darum thue ich, was man will, und muß gehorsam sein.« – »Es ist recht; – sprach Sidonia – aber ich frage euch, ob ihr nicht auch etliche Begierde habt uns zu sehen, und auch die Frauen und Jungfrauen, die hierin bei mir sind.« – »Ja, gnaedige Frau; – sprach er – denn es ist ein huebsch Angesicht und fast lieblich anzusehen, jungfraeulich und weiblich Bildniß, das oft einem erweckt sein Herz zu Freude, das in Trauern ist.« Da sprach Sidonia: »Habt ihr aber keine Gnade erworben von Frauen und Jungfrauen, also, wenn ihr Ritter werdet, daß ihr einer Ritter seid?« – »Gnaedige Frau, – sprach er – nein, fuerwahr; denn meine Dienste waeren viel zu gering und zu klein.« Antwortete Sidonia: »Ei, das widersprech' ich; denn ihr seid von solchem hohen Stamm kommen, daß ihr wohl werth seid, zu dienen der hoechsten und schoensten Jungfrauen in ganzem Britannia.« Also geschahen da gar viel huebscher, schoener Reden zwischen ihnen beiden. Doch zuletzt sprach Sidonia: »Pontus, wenn ihr nun werdet haben den Orden der Ritterschaft und selbst Ritter werdet, so sollt ihr mein Ritter sein. Wenn ich dann werde vernehmen, daß ihr etwas Ritterliches und guter That habt gethan, davon zu reden und das zu hoeren, wird mir besonders große Freude bringen.« Da sprach er: »Frau, ich dank' euern Gnaden, und Gott woelle mir verleihen, daß ich gute, tapfere, ritterliche Thaten thun moege, deren ihr ein Wohlgefallen moeget haben, und dazu alle euere Frauen und Jungfrauen, die hie innen bei euch sind. Aber ich bin wenig dazu geschickt, solche Thaten zu thun; denn was ein armer Mann solcher guter Thaten thut, wird ihm klein geschaetzt und nicht viel davon geredet.« Da sprach Sidonia: »Ich will euch das sagen, wiewohl ihr noch nicht Ritter seid, so halt ich euch doch fuer meinen Ritter; aber wenn ihr nun Ritter werdet, so werde ich euch am werthesten und fuernehmesten halten, fuer alle andere Ritter. Aber ich will, daß ihr mir schwoeret, fuer alle andere Frauen mir in Ehren und Zuechten zu dienen, als ich es denn von euch ohne Zweifel verhoffend bin; denn meine Gedanken sind nur zu Zucht und Ehren.« – »Gnaedige Frau, – sprach Pontus – ich danke euern Gnaden, als viel und hoch ich kann und mag, der großen Ehren, die ihr mir beweiset. Gott woelle, daß ich's verdienen koennt' und moege.« – »Ich sage euch, – sprach Sidonia – ich hab' euch eigentlich lieb, als meinen eigenen Ritter, doch solcher Gestalt und Maß, daß ich von euch moege erkennen, daß ihr nichts anders gedenket, noch in euern Sinn nehmet, denn was meine Ehr' und mir ehrlich ist. Verheißet mir dies als eines Koenigs Sohn zu thun.« – »Ja, Frau, – sprach Pontus – ich verheiß' euch das bei meinen Treuen.« Da gab sie ihm einen Ring mit einem Diamanten, und sprach: »Ihr sollet tragen den Diamanten von meinetwegen.« Also fuehrete sie ihn zu dem Tanze und bat ihn, daß er ihr sollte ein Liedlein singen. Pontus war nun mit ihrer Lieb umgeben, verwilligte gern ihrem Geheiß und sang ein Liedlein gar wohl. Die Frauen und Jungfrauen sahen und hoerten ihn fast gern und lobten ihn treflich sehr; eine jede begehret' in ihrem Herzen ihn lieb zu haben, und gedachten: Die Frau wird wohl gluecklich sein, die er wird lieb haben, vor anderen Frauen. Als sie nun hatten gesungen und getanzt, da hieß Sidonia Fruechte und Wein bringen, gab dem Seneschal einen Kopf mit Wein und sprach zu ihm: »Seneschal, ich geb' euch den Kopf mit dem Wein mit meiner eigenen Hand.« Deß danket' ihr der Seneschal gar demuethiglichen. Und da sie genug Kurzweil hatten gehabt, da sprach der Seneschal: »Gnaedige Frau, wollt ihr uns nun erlauben, so wollen wir wieder gehen zu unserm Herren, dem Koenig.« Also erlaubete sie ihnen, und bat den Seneschal, daß er und Pontus oft zu ihr kaemen.   Das achte Kapitel Hie kommt Botschaft an den Koenig in Britannia, wie die Heiden in's Land gefallen sei'n, das ihn fast betruebt. In denselbigen Tagen, als der Hof zu Vannes war, kam Botschaft dem Koenig, wie die Heiden kuerzlich in Britannia und nun auf das Land waeren kommen, bei zwanzig tausend stark. Dadurch ward der Hof zertrennt und jederman traurig und in Sorgen. Darnach um den Mittag kam ein heidnischer Ritter, und mit ihm zween Edelmann, die auch Heiden waren, die kamen in Botschaftsweise von Corodus, des Soldans Sohn, welcher war einer von den dreien Bruedern, von denen droben gesagt ist. Der benannte Ritter war gar lang, groß und stark, auch sehr wohl geschickt, und haet einen hoffaertigen Sinn; hatte auch mit ihm einen Mann, der beide Sprachen konnt', und redete mit lauter Stimme schreiend: Wie des Soldans Sohn von Babilonia waere in das Land kommen, und woellte christlichen Glauben zerstoeren, und gebieten, den Glauben Machomets zu halten; und thaete auch dem Koenig von Britannia ernstlich entbieten, daß er woellte lassen den gekreuzigten Gott und anbeten Machometen, und sich ihm zinsbar machen, mit seinem ganzen Koenigreich. Thaete er aber das nicht williglich, so woellt' er ganz Britannia verderben und sie alle toedten. Der Koenig hoerte und vernahm die hoffaertigen Draeuworte des heidnischen Ritters, und war aber niemand da, der ihm solches wollte widersprechen oder Antwort geben. Da das Pontus merkte, wie daß diesem niemand antworten wollte, ging er getrost herfuer und sprach zu dem Koenig: »Gnaediger Herr, ich bin einfaeltig und ein Kind, aber ich mag nicht leiden oder hoeren, wo ich dabei bin, daß man unsern christlichen Glauben vernichtet, unterdruecket und verschmaehet.« Er kniete nieder fuer den Koenig und begehrte, daß er ihm wollte erlauben, diesem zu antworten. Da nun der Koenig sah, daß kein anderer solches wollte verantworten, noch dawider reden, da erlaubet' er ihm das zu thun. Pontus trat zu dem Heiden und sprach: »Deine Wort' achten wir nicht; darum, euch Zins zu geben und uns euch unterthaenig zu machen, das thun wir nicht; denn wir sind frei.« Da begehrete der Heide, ihm zween zu geben, die mit ihm kaempften; die wollte er allein bestehen, daß man sollte sehen, daß Machomet groeßer und sieghafter waere, denn unser Herr Jesus Christus. Darauf antwortet' ihm Pontus aber: »Es ist nicht von noethen, zween wider dich zu geben: aber, wiewohl ich jung und nicht stark bin, so werf ich meinen Handschuh nieder, in dem Namen Jesu, des starken Gottes, allein wider dich zu stehen und zu fechten.« Und warf also den Handschuh fuer den Koenig. Den nahm der Heid auf. Da sprach der Koenig zu Pontus: »Ich habe große Schmerzen in meinem Herzen, daß ihr so schnell seid gewesen mit dem Geluebde gegen den Heiden; denn ihr seid zu jung, einem so großen und starken Mann und Ritter zu widerstehen.« – »Gnaediger Herr, – sprach Pontus – wisset ihr nicht, daß Daniel ein Kind war, und es half Gott der Susanna durch ihn: laßt euch der Werke Gottes nicht verwundern.« Und weiter sprach er: »Gnaediger Herr, macht mich mit euern Haenden zum Ritter und gebt mir Harnisch nach Nothdurft, so will ich darnach mein Beßtes thun.« Also macht' ihn der Koenig zum Ritter und guertet' ihm sein Schwert um, gab ihm dazu den beßten Harnisch, den er haben mochte, deßgleichen sein allerbeßtes Pferd, und weß er weiter nothduerftig war. Und da Pontus den Harnisch angeleget da weineten seine dreizehen Gesellen, die mit ihm aus Gallicia kommen waren, denn er erbarmete sie, und sie furchten sein vor dem Heiden. Deßgleichen auch der Seneschal und alle Grafen, Freien, Herren, Ritter, Knecht' und das ganze Volk trauret' um ihn, daß er so jung war und mit einem so großen, starken Mann kaempfen sollte. Also ritt nun Pontus dahin, mit seinen zugeordneten Trabanten, dem Heiden den Kampf zu leisten.   Das neunte Kapitel Wie Pontus den Heiden in dem Namen Christi anrennet und nach langem Streit und hartem Kampf ihm sein Haupt nimmt. Als nun Sidonia den Pontus haet gesehen geruestet dahin reiten, mit dem Heiden zu kaempfen, traurete sie fast und hatte großen Unmuth, davon nicht zu sagen ist, um ihren Ritter. Doch schickete sie ihm nach eine Fahne an seine Lanze. Als ihm die Fahne gegeben ward, da nahm sein Herz Mannheit und große Freude darob und danket' ihr deß. Sidonia blieb heimlich in ihrer Kammer besonders, kniet' oft nieder und bat Gott andaechtiglichen, daß er Pontus Huelf' und Sieg wollte geben wider den Heiden. Nun als Pontus und der Heide zu kaempfen bereit waren und gegen einander auf ihren Pferden sahen, da sprach der Heide zu Pontus: »Kind, nimm noch einen zu dir, dich zu behueten und dir zu helfen; denn du bist denen Sachen noch viel zu jung und erbarmest mich.« – »Lass' dein unnuetz Klaffen; – sprach Pontus – denn du wirst bald sehen die Kraft Jesu Christi.« Und nahm also manniglichen seine Lanze unter seinen Arm und rennete unerschrocklichen gegen den Heiden, traf ihn zwischen dem Schild und dem Helm und stach ihn durch den Hals zwischen den Schultern, durch und durch, brach also seine Lanze entzwei, und wundete den Heiden also den ersten Anritt gar hart. Der Heid' aber traf Pontus in seinen Schild und brach auch seine Lanze. Pontus sprengte mit seinem Pferd jenseits hinaus, als sein Spieß zerbrochen war, und begehrte die Sache, welche er angefangen hatte, zu vollenden, zog aus sein Schwert und ritt beherzt auf den Heiden, gab ihm einen harten Streich, daß ihm die Naegel aus seinem Visier und Bart sprungen, und schlug ihn solchermaß, daß ihm sein Gesicht verging, und riß ihm das Visier ab, daß ihm das Angesicht bloß war. Der Heide gewann sein Schwert, wischete grimmiglich auf Pontus hinzu und gab ihm so einen geschwindten Schlag, daß ihm schier schwindlicht ward. Pontus ermahnete sein Pferd mit den Sporen, kehrete sich wiederum gegen den Heiden und gab ihm abermals einen großen Schlag. Pontus aber haet eben sein Aufsehen und guten Fleiß, daß er den Heiden nur unter sein Angesicht schluege, das ihm entbloeßt war. Und in den Streichen gegen einander begab es sich, daß Pontus ihm die Nase, den Mund und das Kinn abschlug, daß es nur an der Haut hing; da blutete der Heide so fast, daß ihm sein Schild und der Harnisch blutfarb ward. Der Heide verlor seine Kraft und ward ohnmaechtig, daß er sich kaum auf dem Pferd mochte erhalten. Als das Pontus merkete, sprenget' er auf ihn zu, gab ihm so einen harten Streich, daß er sich begunte zu senken zu der Erden. Da eilete Pontus auf ihn, riß ihm den Helm von seinem Haupt und schlug ihm also, in einem Streich, sein Haupt ab, daß es auf die Erde fiel. Da ward Frohlockung und alle Freud', auch große Danksagung und Lob dem allmaechtigen Gott gehoert von dem Koenig und allen denen, die da zusahen. Pontus nahm das Haupt, stecket' es vorn an sein Schwert, trug es zu den zweien Heiden, die mit ihm waren kommen, und sprach zu ihnen: »Ich schenk' euch euers Herren und Meisters Haupt, das woellet ihr des Soldans Sohn, euerm Koenig, bringen, und ihm dabei sagen: die Kraft unsers Herren und seines Glaubens habe sich in diesem Kampf erzeiget; denn Jesus Christus habe sich durch mich, als durch ein Kind, geoffenbaret, daß er des wahren Gottes Sohn ist und euer Gott und Glaube nichts ist.«   Das zehente Kapitel Wie Pontus um den erlangten Sieg Gott danket und sein Opfer thut. Nun lassen wir von dem Heiden und kommen wieder zu reden von Pontus, der da erkannte, daß er allein durch die Huelfe Gottes gesieget haette. Und nach begangenem Siege ritt er zu den Hauptleuten in die Stadt, stund ab von seinem Pferd, ging, ohne jemand anzusprechen, mit großer Andacht zu der Kirchen, fiel da nieder auf seine Knie, und dankete Gott um den Sieg. Und thaet da sein Opfer, saß darnach wieder auf sein Pferd und ritt zu des Koenigs Saal, und kam der Koenig mit der Koenigin und der schoenen Sidonia, seiner Tochter, ihm entgegen und empfingen ihn gar schoen. Darnach hieß der Koenig alle Fuersten, Freien, Herren, Ritter und andere zu ihm kommen, mit ihnen Rath zu haben, wie er mit den Unglaeubigen, deren fast viel im Lande waren, thun, und wie er sie vertreiben sollte; und sendete Boten aus in die Lande, zu allen christlichen Fuersten, Herren und Staedten; klaget' ihnen seine Noth, bat sie demuethiglichen, ihm und dem Land Britannia, mit ihrem Volk, was sie aufbringen moechten, wider die Heiden zu Huelfe zu kommen. Da nun dieselbigen Fuersten und Herren die Botschaft und Meinung des Koenigs von Britannia vernahmen, schrieben sie auch von Stund' an aus in ihre Land, verkuendeten sie ihrem Volk, begehrend, sich zum beßten zu ruesten und mit ihnen einen Zug und Reise zu thun wider die Unglaeubigen, dem Koenig von Britannia zu Huelfe zu kommen. Da sie solches vernahmen, da war jedermann willig, zu ziehen und zu fechten wider die Heiden, auch zu retten christlichen Glauben; und ruesteten sich nach dem allerbeßten. Und als nun der bestimmte Tag des Koenigs kam, da kamen die Fuersten, Grafen, Herren, Freien, Ritter und Knecht', eine merkliche Anzahl, auch die von den Staedten und andere mehr, die verschrieben waren, ihm Huelfe zu thun, mit großem und vielem Volk zu ihm in die Stadt Vannes, und sammleten sich daselbst.   Das eilfte Kapitel Hie ritt der Koenig von Britannia den Fuersten und Herren entgegen, die ihm zu helfen verschrieben waren. Als nun der Koenig die Zukunft der Fuersten und Grafen erhoerte, macht' er sich auf, ritt ihnen entgegen, wohl geruestet, und empfing sie gar fuerstlich und schoen, geleitete sie in die Stadt, thaet ihnen große Ehr' und machet' ihnen viel Freude. Pontus und der Seneschal redeten an dem Abend mit dem Koenig und den Herren von Britannia also: »Wollt ihr, daß es uns gelinge, so rathet, daß wir uns darnach richten, daß wir vor dem gesagten Feiertag die Feinde angreifen und mit ihnen schlagen, ehe sie in ihre Harnisch' und auf ihre Pferde kommen; und ehe sie dann ihre Ordnung und sich geschickt machen, so haben wir sie ueberwunden.« »Wahrlich, – sprach der Koenig – dieser Rath bedunket uns gut zu sein. Nun heißt mir mein Pferd bringen, und schafft, daß jedermann sich rueste und auf sei; denn es ist Zeit.« Und also bereitete sich jedermann zum Streit; sie saßen auf ihre Pferd' und machten ihre Ordnung. Das Wetter war schoen und still, der Mond war klar und schien fast hell. Hiemit ritten sie gegen der Heiden Lager bis an ihre Gezelt hinan. Die Heiden besorgten sich dessen gar nicht; sie hofften mit solchem großen Volk, das sie hatten, gar sicher zu sein, und setzten also ihre Hoffnung in die Viele des Volks. Da nun der Koenig von Britannia und sein Heer so nahe hinzu kommen waren, daß sie die Heiden und ihre Gezelte sehen mochten, die da gar ein großes Feld inne hatten, und waren mit viel Gezelten umgeben von mancherlei Farben: da fing Pontus an, der denn ein Hauptmann war, am ersten gegen die Heiden zu ruecken, sie anzugreifen, und sprach zu allem Volk: »Sehet, dort liegen die Feind' und Widerwaertigen unsers Glaubens, die da vermeinen, uns zu zerstoeren. Und darum bitt' ich euch um zwei Dinge: das erste ist, daß ihr alle euere Hoffnung in Gott setzet, und das andere ist, daß ihr nicht trachten oder warten sollt auf der Feinde Gut, von Geizigkeit wegen, sondern allein gedenken, wie ihr euere Feind' ueberwinden woellet. Und laßt euch erbarmen das arme Volk, das durch sie aus ihren Doerfern und Haeusern vertrieben ist; welches Volk große Mueh' und Arbeit auf dem Feld und sonst gehabt hat, damit es uns Nahrung geben moechte, davon wir taeglich leben: darum wir auch schuldig und dazu gesetzt sind, sie bei unserm Glauben zu schirmen.«   Das zwoelfte Kapitel Wie der Koenig von Britannia mit seinem Volk die Heiden unversehenlich ueberfiel und schlug. Nachdem, als Pontus nun sie alle zu Tugenden, maennlichen und ritterlichen Thaten auf's treulichste ermahnet hat, gewann hierauf jedermann ein gutes, getreues und mannliches Herz, und ermahnete je einer den andern zur Freudigkeit, und hieben auf ihre Pferde, rannten mannlichen mit einander hinan an ihre Feinde, griffen sie freudig an, zerbrachen und zerschlugen ihnen allda ihre Gezelt' und viel heidnisch Volk; das ein groß Schrecken unter sie brachte. Ihrer etliche sprungen nackend aus ihren Laegern, etliche waren noch in ihrem Harnisch, die sich zur Wehr stellten, etliche vor Furcht liefen aus einem Zelt in das andere, und erhub sich da gar ein groß Geschrei, Da nun der Tag herbrach und fing an Licht zu werden, da schlugen die Christen zu Tode, wen sie von Heiden ergriffen. Ihrer etliche legten und wurfen Feuer in ihre Gezelte, die verbrannten mit allem, das darinnen war. Der heidnische Koenig Corodus erschrak des schnellen Ueberfalls fast sehr, ermahnete seine Drommeter freundsamlich und schnell zum Streit aufzublasen; welches die Heiden wohl vernahmen. Sie thaeten sich ernstlich und schnell zusammen, und ruestete sich ein jeder mit seinem Harnisch und Gewehr in die Ordnung. Die Reisigen saßen schnell auf ihre Pferd' und ruesteten sich zur Gegenwehr; denn sie waren nun mit den Christen allenthalben an den Seiten umgeben, welche unverzagt darein stachen, und erwuergten fast viel Heiden, ehe sie zu ihrer Ruestung und in die Ordnung kamen. Der Heiden waren aber so viel, ehe die Christen den dritten Theil erschlugen, kamen die andern in ihren Harnisch und mit ihren Gewehren zu Roß und Fuß mit großen Schaaren entgegen, mit ihrem Koenig Corodus; welcher, als er auf einem Roß saß, schrie zu seinem Volk mit lauter Stimme, daß jedermann zu seinem Hauptmann und in seine Ordnung reiten und laufen sollte, dahin er geordnet waere; denn es waere von noethen. Welchem Geheiß des Koenigs sie bald nachkamen, und kamen also in ihrer Ordnung den Christen unter Augen, mit ihnen zu schlagen. In solchem Laermen und Scharmuetzel, welcher schier die ganze Nacht gewahret hat, ging die Sonne auf: da war auf beiden Seiten gar ein großes Geschrei. Da rueckten die drei Laeger oder Haufen der Christen zusammen, machten daraus ein Heer oder Haufen, und ordneten da eine neue Ordnung. Der heidnische Koenig bracht' auch zusammen in einem Haufen eilftausend streitbarer Mann und wollte damit unter die Christen rennen und sie also mit Gewalt zurueck treiben. Das sah und vermerkt' Andre von Lator und sprach zu Werner von Toll und zu Wilhelm von Rosches: »Ihr Herren, es ist Zeit, daß wir auf seien und angreifen unsere Feinde; denn wo wir lange verziehen werden, so wuerde es unserm Volk uebel gehen: denn ich sehe, daß dort ein groß Volk wider sie kommt; und wollten wir warten, bis sie gar herzu kaemen, so stuende es gar sorglichen.« Da wurden sie alle der Sachen eins, legten ein ihre Spieße, mahnten ihre Pferde und renneten den Koenig Corodus gar frischlichen an mit seinem Volk. Da er sie nun also gegen ihn kommen sah, da setzte er sich und sein Volk gegen sie zu Wehr', und schlugen unerbaermlich zusammen und theilten mit einander manchen harten Streich. Aber der Koenig Corodus und sein Vetter Proiles, der auch gar ein fester, mannlicher Ritter war, die kamen vor den andern allen. Andre von Lator rennete den Proiles von seinem Pferd, und schenkte das Pferd Wernern von Toll und sprach zu ihm: »Lieber Gesell, nimm das an zur Beute fuer den ersten Dienst, den du mir gethan hast.« Die Heiden drungen herzu, sammleten sich um ihren Koenig, und erhub sich erst ein großer, harter Streit zu beiden Seiten, mit Stechen und Schlagen, das gar huebsch zu sehen war. Wilhelm von Rosches und Gottfried von Lusignan, die schlugen zu Tod', was Heiden ihnen zu Haenden kamen, und brachen also mit ihrem Haufen ein in der Heiden Ordnung. Da hoerte man ein groß Getuemmel und ein grausam Krachen der Spieß' und Geschrei des Volks: da wurden viel' erschlagen, viele heftig verwundet; und nahmen also beiderseits fast großen Schaden. Der Koenig von Britannia griff an mit seiner Ordnung auf einer Seiten: da ward er troffen und von seinem Hengst gestochen, daß er auf der Erden lag; da umgaben ihn die Feinde und vermeinten ihn zu fahen und zu toedten. Dazu kam ungefaehrlich Pontus und ersah den Koenig auf der Erden liegen und sein Pferd auf ihm: da ist nicht zu sagen, was Schrecken er davon empfing. Es war zu besorgen, der Koenig kaeme um sein Leben. Und waere der Graf von Lana! und Rogumant nicht gewesen, die hielten dem Koenig auf gar viel Stich' und Streich' und litten viel um seinetwillen, er waere da zu Tod' erschlagen worden. Pontus wagete da auch fast sein Leben und sparete sich nicht, dem Koenig, als seinem Herren, zu helfen. Er nahm sein Schwert zu beiden Haenden, schlug unbarmherziglich um sich in seine Feind', und erschlug so viel Leut' und Pferde, daß jedermann vor ihm floh, also, daß er in kurz das große Volk, das um den Koenig gewesen war, von dannen trieb. Und Polidas, sein Vetter, und der Seneschal folgten ihm staets auf dem Fuß nach und hielten die Feind' auf mit ihren großen Streichen, bis dem Koenig durch Pontus auf sein Pferd geholfen ward. Aber der Koenig hatte seinen rechten Arm gebrochen und war gar hart geschlagen; er war auch alt bei hundert Jahren, und war gar ein frommer Mann und seine Tage hoher Sinne gewesen. Da er also wieder auf sein Pferd kommen war, da sah Pontus erst, daß ihm sein Arm gebrochen war; deß er gar sehr erschrak, und schicket' ihn hinweg vom Haufen an einen sichern Ort, da er versorgt war. Der Streit waehrete lang' und war fast groß zu beiden Seiten. Pontus schauete zu der linken Seiten, da sah er viel Freien, Herren, Ritter und Knechte liegen, die von den Heiden nieder geschlagen und von ihren Pferden kommen waren, und war zu besorgen, sie wuerden alle erschlagen; denn es waren allwegen an einem Britannier wohl zehen Heiden oder mehr. Werner von Rosches wehrete sich gar sehr vor den andern. Pontus sprach zu seinen Gesellen: »Nun sehet, dort ist unser Volk in großen Noethen und umgeben mit den Heiden; wir wollen ihnen zu Huelfe kommen.« Und also ermahnten sie ihre Pferde, nahmen ihre Schwert' in ihre Haende und rennten frischlichen und mannlichen zu den Feinden hinzu, unter sie. Pontus war zu vorderst, er erschlug alles, das ihm zu Handen kam, und die allerfreudigsten mußten ihm da entweichen. Sie schufen so viel, daß sie in kurzer Zeit ihrem Volk zu Huelfe kamen und die Feinde mit Gewalt fluechtig machten. Und da wurden abermals viel guter Grafen und Herren auf beiden Theilen der Christen erschlagen, die ich doch nicht zu nennen weiß. Der Koenig Corodus und sein Vetter Carpadon thaeten großen Schaden; denn sie waren die beßten unter den Heiden und hatten am meisten versucht. Pontus sah, daß der Koenig Corodus mit Fechten viel Wunders vollbracht' und viel Volks erschlug. Er war auch gar koestlich in seinem Harnisch, von edlem Gestein und koestlichen Perlen, und fuehrt' auf seinem Helm gar eine schoene und reiche Krone. Er hatte nun auch Wilhelm von Rosches und viel andere im Feld hernieder geschlagen; und darum sprach Pontus zu Herlanden, dem Seneschal, und Andre von Lator: »Nun sehet zu, was Feind haben wir an dem Koenig Corodus und an den zweien Rittern, die neben ihm reiten! Wo wir lange bleiben auf dem Plan, werden sie uns großen Schaden thun. Moechten wir sie erschlagen und von dem Leben zum Tod bringen, so wollten wir die andern gar leichtlich ueberwinden.« – »Herr, – sprach Andre von Lator – nehmt euch einen fuer: so wollen ich und der Seneschal an die andern zween.« Pontus sprach: »So will ich an den Koenig.« Hiemit erwuchs ein Grimm und ein großer Zorn; er ritt also mit ganzer seiner Macht, Kraft und Staerke auf den Koenig, und gab ihm einen solchen großen, ungefuegten Schlag, daß er von dem Pferd auf die Erde fiel, und brach ihm ein Bein in seinem Nacken. Andre von Lator schlug nieder den Proiles, des Koenigs Vetter, und schlug ihm einen Arm ab; davon er starb. Herland, der Seneschal, der schlug Carpadon, daß er auch von dem Pferd auf die Erden fiel. Und da die Heiden sahen, daß ihr Koenig Corodus und die zween Ritter Proiles und Carpadon hernieder geschlagen waren, da wurden sie so gar verzagt und erschraken so fast, daß ihre Mannheit ihnen entfiel und gar nichts mehr war; sie waren gleich als Schafe, die ihren Herren oder Hirten verlieren, und fingen an von Unmuth zu verzagen. Aber dagegen fing erst an das Christenvolk freudig zu werden und kecklich darein zu schlagen. Der heidnische Koenig aber mochte nicht mehr aufstehen: also toedtet' ihn einer, der fuehrt' einen Loewen in seinem Schild; und das war der Herr von Gragan, oder aber von Elitan; derer einer, ich weiß nicht, welcher. – Die Heiden wußten nun nicht, wo sie hin fliehen oder sich verbergen sollten vor den Christen. Nun lagen an dem Ende gegen das Meer noch viel Heiden, welche diese Maehre nicht wußten, daß ihr Koenig Corodus todt war. Dieselbigen Heiden hatten viel Christen in dem Streit gefangen, darunter auch etliche waren von Britannia, die hatten sie mit sich gefaenglich umher geschleift und fast hart gehalten. Und da sie ihr Volk stehen sahen, da nahm sie es groß Wunder. Da aber die gefangenen Christen das sahen, da gewannen sie wiederum ein froehlich Gemueth und Herz und liefen die Heiden an, nahmen ihnen ihr Gewehre, schlugen und stachen in sie. Denen kamen die andern Christen mit dem ganzen Haufen zu Huelfe. Also verloren die Heiden das Feld und ihr Volk. Da sie alle in der Flucht waren, eilete Pontus ihnen mit seinen Gesellen hitziglichen nach, verschonete niemands, ertoedtete Leut' und Ross', und was ihm zu Handen kam, und vollbrachte Wunder mit seinem Gewehr gegen den Feind. Herland, der Seneschal, Andre von Lator und andere Herren und Hauptleute, die sammelten sich mit ihrem Volk, thaeten sich zu einander, folgten den fluechtigen Heiden nach und schufen Wunder mit Stechen und Schlagen unter ihnen, also, daß nicht viel davon kamen. Ihrer viel liefen dem Meer zu und wollten in die Schiff'; aber die Christen eilten ihnen nach und ertraenkten sie alle. Pontus der saß in eine kleine Barken, ertraenket ihrer viel und fing ihrer viel; die fraget' er: auf welchem Schiff des Koenigs Corodus Schatz laege? Da zeigten sie ihm gar ein schoenes koestliches Schiff. Er sprach zu ihnen: »Nun zeigt mir des Koenigs Schatz, oder ihr mueßt alle sterben.« Da fuehrten sie Pontus und Polidas, seinen Vetter, und sechs seiner Gesellen zu dem Schiff. Da sprang Pontus mit den andern in's Schiff hinein und erschlugen alle, die darin waren zu Tode. Nun sahen sie ein ander Schiff, darin des Koenigs Gezelt und Zehrung lag. Pontus sprach zu seinen Gesellen: »Behaltet mir das Schiff; ich will ferner besehen, ob ich mehr finde, die ihr Haupt gegen uns erheben woellten.« Ließ sie also auf dem Schiff und fuhr in einem kleinen Nachen wieder zu dem Land; und welche sich wider ihn da setzten und wehrten, schlug er alle in seinem Zorn und Grimme zu Tod', oder ertraenkete sie allezumal. Ein Theil aber der Christen lief zu den Schiffen und ihrer etliche zu den Gezelten, und suchten also allenthalben ihre Feinde, dabei die Gueter und Schaetze der Heiden, und war ihrer keiner, er fand, das ihn reichlichen wohl benuegete; jedoch fand einer mehr, denn der andere. Darnach ging jedermann auf das Feld und die Walstatt, zu suchen seinen Freund. Da fand man auch gar viel Grafen, Ritter und Knechte der Christen, die erschlagen waren; dieselben zu nennen diesmal, um Kuerze willen, ich unterwegen lasse. Und da nahm ein jeder seinen guten lieben Freund, wie er ihn daselbst auf der Walstatt fand, und ließ ihn heim fuehren zu Lande. Und welche noch bei Leben waren, die ließ man verbinden, arzneien und ihrer wohl pflegen. Pontus ließ gar große Schaetz' und Gut gen Vannes in seine Herberge fuehren und gab großes Gut den Herren, Rittern und Knechten, einem jeden nach seinem Verdienst. Und der das Allerbeßt' in dem Streit gethan haet, der ward auch am beßten und ehrlichsten begabet, und ward ihm von allen große Ehre zugemessen und ihm groß Lob und Preis gesagt.   Das dreizehnte Kapitel Hie kommt Pontus, nach der Heimfahrt von dem Krieg, zu Sidonia. Sidonia hatte nun vernommen den Sieg der Fuersten und Herren gegen die Heiden, auch insonderheit die maennlichen und ritterlichen Thaten des Pontus, welches ihr brachte gar große Freud', und erwartet' also staets mit großen Begierden der Zukunft ihres Ritters Pontus. Als er nun heim kam, da schickete Sidonia nach ihm, eilends zu ihr zu kommen. Welches zu thun er ganz willig und gehorsam war, und kam also ohne Verzug in seinem Harnisch, Stiefeln und Sporen zu ihr. Als nun Sidonia Pontus kommen sah, ging sie ihm entgegen, empfing ihn gar schoen und hoeflichen und sprach: »Mein lieber Freund, Gott sei gelobt von wegen der großen Ehr' und Ruhms, so ihr in diesem Streit erlangt habt. Und, als mir seine goettliche Gnade helf', es bringt mir so große Freude, zu hoeren und sagen von der Gutthat, die ihr in diesem Streit vollbracht habt, daß kein Ding ist, darob ich so groß Wohlgefallen moechte haben, als an euerm Lob, das euch jedermann giebt.« – »Gnaedige Frau, – sprach Pontus – man hat euch vielleicht mehr Gutthat von mir gesagt, denn es an ihm selber ist und ich gethan habe. Aber ich dank' euch der Gutthat und Ehren, die ihr mir goennet. Wisset auch fuerwahr, wird mir von Gott gegeben oder verliehen, etwas Gutes zu thun, so geschieht es euerthalben; denn mir all' euere Gebaerd' und Thun gefaellt, und ich fuer Gottes Thun und Werk erkenne: darum euch allein vor allen zu dienen ich begehr' und zu thun nach euerem Gefallen; und bitt' auch Gott, daß er mich solches verleihe.« Was soll ich aber weiter sagen? Sie hatten gar große Lieb' und staetes Vertrauen zu einander. Aber der Neid, der nimmermehr stirbt, thaet ihnen gar viel zu Leid; als ihr hernach hoeren werdet. Nun lassen wir das bleiben und fahen an zu sagen von dem Koenig von Britannia.   Das vierzehnte Kapitel Hie schicket der Koenig nach allen Fuersten, Grafen und Herren und begehret einen Verweser seines Koenigreichs an seine Statt: dazu wird Pontus einhaellig erwaehlet. Der Koenig schicket' in seinem Alter nach allen seinen Fuersten, Grafen, Herren, Rittern und Knechten, und sprach zu ihnen: »Lieben Herren, ich bin nun ein alter schwacher Mann und mag nicht mehr arbeiten und Unruh' erleiden, als ich vormals bisher gethan habe; und darum ist es von noethen, daß ich mit euerm guten Rath und getreuer Huelfe mir erwaehl' einen Hauptmann und Verweser, der Gewalt habe hinfuero alle Sachen an meiner Statt auszurichten. Derhalben so bedenkt und trachtet, welchem ihr am liebsten und gernesten in solchem woellt unterthaenig sein, denselben erwaehlet; denn ich woellte gar gern, daß es mit euerm Rath geschaehe, damit ihr keinen Unwillen gegen ihn gewaennet.« Die Herren riethen ihm und sprachen alle mit gemeiner Stimme: sie wueßten dazu nicht bessern und auch nuetzern, denn Pontus; wenn er das nur thun und ihm gefallen woellte; denn er waere wohl wuerdig, solche Ehre zu haben und ein Kaiserthum zu verwalten, um seiner Mannheit, Vernunft, Frommkeit und Huebsche willen, und als eines Koenigs Sohn, der auch der beßte Ritter waere, der auf diesem Tag lebte. Und da der Koenig solchen ihren guten Willen und getreuen Rath vernahm, da ward er gar froehlich; denn es war vorhin seine Begierde gewesen, Pontus dazu zu nehmen und haben, aber er hatt' ihnen seinen Willen nicht offenbart, damit daß ihnen Pontus darnach desto baß befohlen waere. Also sendete man nach dem mannlichen und strengen Ritter Pontus. Und da er nun kam, sagte man ihm oeffentlich vor ihnen allen, wie er durch den Koenig und alle Herren zu einem Hauptmann und Vorgeher zu Britannia gegeben und erwaehlet waere. Pontus dankete dem Koenig und den Herren allen fast sehr und sprach zu ihnen: sie haetten sich nicht wohl bedacht; denn er nicht Weisheit haette, solches auszurichten; er waere auch der Jahre halb zu jung. Es wollt' ihn aber nicht helfen, er wollte oder nicht, so ward ihm das befohlen. Jedermann war ihm hold und furchte ihn doch dabei, von wegen seiner Gerechtigkeit. Wo Krieg war zwischen Herren, Rittern und Knechten, so hielt er allwegen bei der Gerechtigkeit und machte zwischen ihnen Fried' und Einigkeit. Er thaet auch einem jeden nach seinem Verdienst und niemand Gewalt noch Unrecht. Er gefiel auch jedermann, Reichen und Armen, aus der maßen wohl, und besonders den schoenen Frauen; denn er war ganz vollkommen. Niemand mochte ihm also bald Reverenz und Ehre thun, er thaete es von Stund' an hinwieder. Er hoert' auch gar williglichen und gern das Anbringen und Klagen armer und trostloser Leut', als Wittwen und Waisen. Er war auch gar gern in den Waelden und bei den Wassern. Wo er auch in eine Stadt kam, da schicket' er nach Frauen und Jungfrauen und machte ihnen viel Freud' und Kurzweile mit Tanzen und Singen, das er fast wohl konnte; und da, wo er hin kam, da folget' ihm nach viel Freuden. Und er war also eines ehrlichen Gemueths, gottesfuerchtig und aufrichtig, daß er sich nie ließ merken, weder mit Worten noch mit Werken, auch an ihm nicht gespuert mochte werden einigerlei Unzucht oder unehrlich Begehr an Frauen oder Jungfrauen. Und die Frauen sprachen oft zusammen: »Der Person, so Pontus lieb wird haben, wird viel Gluecks zustehen.« Und ihrer jegliche gedachte besonders in ihrem Herzen: O woellte Gott, daß ich die waere, die Pontus lieb haben wird. Ach, haette er mich nur so lieb, als ich ihn! Jedermann liebet' ihn, Frau und Mann, arm und reich, von wegen seiner Freundlichkeit. Aber der Neid, der allwegen lebt und nimmer ruht, besaß einen seiner Gesellen aus den vierzehen Kindern, genannt Gendolet; derselbige war gar gescheit und koennt' auch wohl reden. Er sah die große Zucht und Ehre, die Pontus geschah: daraus er anfing ihn fast zu neiden, und versucht' ihn mit einem Pferd, das Sidonia dem Pontus geschenkt haet. Um dasselbige Pferd bat er Pontus, ihm das zu schenken und geben; und gedachte doch wohl, daß es ihm nicht wuerde, aber er thaet es darum, daß er Ursach' an ihm moechte haben zu neiden und faelschlich zu verschwaetzen. Pontus antwortet' ihm und sprach: »Sicher, das Pferd geb' ich euch nicht; aber gehet hin in meinen Stall und nehmt unter den andern, welches euch am baßten gefaellt.« Gendolet sprach: »Versaget ihr mir denn das Pferd, so hab' ich euerer Gnade und Gunst nicht lange zu hoffen.« Pontus sprach: »Genuegt euch nicht, daß ich euch sonst die Wahl geb' aus allen meinen Pferden? Und habt ihr nicht genug an einem, so nehmt zwei.« Gendolet ging von ihm und stellete sich fast zorniglich und gedacht' in seinem Herzen: ich wußte wohl, daß ich fehlen wuerde das Pferd zu haben: aber, soll ich leben, es soll ihm vergolten werden. Und gedacht', als einer, der voller Neids ist, ihn gegen Sidonia zu verschwaetzen und ihm Haß zu bringen.   Das fuenfzehnte Kapitel Wie Gendolet aus Neid Pontus faelschlich gegen Sidonia's Jungfrauen verschwaetzet. Gendolet, nachdem er den Neid gegen Pontus gefaßt hatte, ging er zu einer Jungfrauen Sidonia's, welche ihr fast lieb war, und gute Treu zu ihr haet, und sprach: er wollte ihr etwas gar in großem Geheim sagen, aber sie mueßte ihm bei dem heiligen Evangelio schwoeren, daß sie solches von ihm nicht woellte sagen, und fing an, mit seinen sueßen Worten sprechend: »Ich habe von Herzen lieb meinen gnaedigen Herren, den Koenig, dazu auch meine gnaedige Frau, die Koenigin, und ihrer beider Tochter Sidonia; denn sie haben mich erzogen und ernaehret: darum kann ich nicht verschweigen, das wider sie ist. Wisset, daß mein Herr Pontus thut dergleichen und giebt der Jungfrauen zu verstehen, wie er sie vor allen anderen Frauen in aller Welt lieb habe: aber ich sage euch fuerwahr, daß er sie betrueget; denn ich bin sein gar wohl innen worden, daß er eine andere viel lieber hat, denn sie. Und darum ist es gar thoerlich gethan, daß sie ihre Lieb' und Herz setzt auf solchen wankelmuethigen und unstaeten Menschen, der ueberall anklopfet und lieb gehabt sein will; damit verfuehrt und betrueget er manche fromme, ehrbare Frau.« Die Jungfrau meinete nun, daß etwas an der Sache waere, wie ihr Gendolet angezeiget haette, ging hin zu ihrer Frauen Sidonia und sprach: sie haette verstanden, wie daß Pontus eine andere haette, die ihm lieber waere, denn sie. Und alles, das ihr Gendolet gesagt haet, sagete sie ihr. Da das Sidonia vernahm, gewann sie heimlich gar großen Unmuth und Schmerzen in ihrem Herzen, und thaet doch nicht der gleichen, sondern, als eine vernuenftige, tugendsame Frau thun soll, hielt sie sich. Als nun Pontus kam, trieb er seine Kurzweil' und erzeigte sich froehlich, wie er denn vormals allweg bei ihr zu thun gewohnt war: aber Sidonia war fast unmuthig und konnte sich nicht froehlich erzeigen gegen ihn, wie vormals; denn sie haet gar viel seltsamer Gedanken. Pontus erschrak deß gar sehr, ging eilends zu Eloisa der Jungfrauen und fragete sie: was der Frauen geschehen waere? Eloisa antwortet' ihm und sprach: »Sicher, Herr, ich weiß nicht, was ihr geschehen ist; aber es ist nun bei vierzehen Tagen, daß sie nicht also froehlich ist gewesen, als vor.« Also ging Pontus gemaechlich zu ihr und sprach: »Gnaedige Frau, was gebricht euch? Habet ihr einerlei Verdruß ob mir, so zeiget mir's an. Oder ist etwas in der ganzen Welt, das euch bekuemmert oder zu Freuden dienen mag, so offenbart mir's.« Sie sprach: »Die Welt ist seltsam zu erkennen.« Er sprach: »Gnaedige Frau, ich bitt' euch um Gottes willen, sagt mir, warum oder von weß wegen redet ihr solche Worte? Hat jemand wider euch geredet oder gethan?« Sie sprach: »Ihr habt mich wohl verstanden.« Hiemit ging sie von ihm mit großem Unmuth in eine Kammer. Pontus koennt' ihr kein gut Wort abgewinnen, als er vormals gewohnt war, und verstund nun wohl, daß man ihr etwas von ihm gesagt haett' und ihn gegen sie verschwaetzt; und vermeinte noch aus ihr zu bringen, woher dieser Unmuth kaeme: aber es war gar umsonst, denn sie wollt' ihm zu diesem mal keine Antwort geben.   Das sechzehnte Kapitel Wie Pontus, von wegen des Unwillens der Sidonia gegen ihn, von dem Hofe hinweg ziehen will. Wie nun Pontus den Unwillen Sidonia's gegen ihn verstanden haet, ging er in großem Unmuth heim; er schlief dieselbe Nacht gar wenig. Zu morgen stund er frueh auf und thaet sein Gebet, nach seinem Gebrauch. Darnach schicket' er nach Eloisa, ihrer Jungfrauen, die er gar fast liebete, darum, daß sie der Sidonia also geheim war, und sprach zu ihr: »Eloisa, liebe Freundin, ich weiß nicht, was ich mehr gedenken soll. Ich will eine Zeit lang aus dem Land reiten und ausbleiben, bis ich gewiß bin, daß ihr mein Wiederkommen gefaellt und sie mich auch gern sieht.« Darnach ging Pontus zu dem Koenig und sagt' ihm: wie er eine Weile wollte ausreiten; und bat, daß er ihm solches guenstlich vergoennen woellte. Da sprach der Koenig: »So reitet nicht fern von dannen, damit ich euch oft moege sehen; denn all' meine Freud' und meines Koenigreichs Auferhaltung liegt an euch.« Also nahm Pontus Urlaub von dem Koenig, an dem Abend spat, heimlichen, daß sein niemand innen ward, und ging da von dem Koenige an seine Herberg' und schickete nach Herlanden, dem Seneschal, der sich nun wollte schlafen legen. Da er kam, sprach zu ihm Pontus: »Lieber Freund, ich bin in Willen, eine Zeit von hinnen zu reiten und auszubleiben, mich in der Welt baß zu erkunden, Ritterspiel zu suchen und mich damit baß ueben. Nun hab' ich in Geheim mit dem Koenig davon geredet und Urlaub erlangt, und ihm gesagt, wie ich euch an meiner Statt woelle lassen und euch meine Gewalt geben; dabei ihr moeget erkennen, daß ich euch fuer andere lieb habe. Und ich bitt' euch gar freundlichen, ihr wollet das also aufnehmen und euch meinen Vetter Polidas und die andern meine Gesellen dieweil befohlen haben.« Pontus aber stund auf zu Mitternacht, ruestete sich und ritt also auf das allerheimlichste und stilleste, so er mochte, seine Straße dahin; und ritt also lange, bis er kam zu einem großen Wald. Darin war ein Kloster, welches bewohnten Betbrueder und Einsiedel, und war gar fern von den Leuten. In selbigem Kloster bei den Bruedern blieb er wohl sieben Tage. Er thaet da allen Tag sein ernstlich Gebet und brach sich gar sehr ab an Essen und Trinken, auch an Schlafen. Er fastet' auch sonderlich drei Tag' in der Wochen, und an dem Freitag trug er ein haeren Hemde an seinem Leib. Nun gedacht' er und betrachtete, daß der Koenig so ein alter Mann war und daß auch sein Koenigreich und sein Volk ihm nunmals zu regieren gegeben waere, und so der Koenig verfiel' oder mit Tod' abginge, daß man ihn gewaltig machen wuerde: darum vermeinet' er, es waere nicht gut, daß er ferne hinweg reisete; und ob Krieg und andere Sachen in dem Koenigreich und Lande auferstuenden, daß er ihnen desto baß und baelder moechte zu Huelfe kommen. Nun war Pontus eines Nachts in demselben Wald in großen Gedanken und fast unmuthig, und hoerte die Voegel gar schoen singen; denn es war zu der Zeit des Monats April: da dichtet' er, und machte gar ein schoenes und liebliches Lied mit einer gar sueßen Melodei und Weise, daß jedermann gar gefaellig und anmuthig war.   Das siebenzehnte Kapitel Wie Pontus bei ihm selbst in dem Wald trachtete noch einem loeblichen und mannlichen Ritterspiel. Als sich nun Pontus in dem Wald eine Zeit gehalten, kamen ihm viel und mancherlei Gedanken. Unter andern fiel ihm bei, wie er woellte etwas anfahen, das zu der loeblichen Ritterschaft gehoerte, und verfaßte sein Bedenken und Meinung deshalben ordentlich in Schrift, wie er solches an wollte fahen und endlich zu dem Ende bringen. Also schickete Pontus nach einem Zwerg; und da der zu ihm kam, da ließ er ihn gar schoen und hoeflichen bekleiden in Sammet und Seiden, eignet ihm zu Harnisch' und Knecht' und gab ihm einen offenen Brief, darin er sich auch schrieb mit seinem Namen den schwarzen Ritter mit den weißen Zaehren. Er verkuendet' und schrieb auch darinnen den allerbeßten Rittern und Herren allenthalben in den Landen: Wie er sich alle Montag' in demselben Jahr, frueh, als um die Primzeit, finden wuerde lassen gar bei einem abentheuerlichen und wonnesamen Brunnen des gruenen Waldes; und daselbst wuerde stehen ein schwarz Gezelt, mit weißen Zaehren umsprenget, und dabei ein duerrer Baum, an welchem ein Schild wuerd haengen mit Zaehren. Und der Zwerg wuerd' ein Horn haben und das allweg um dieselbige Zeit blasen: da wuerde dann herfuer gehen eine alte Jungfrau mit einem schoenen Boertlein und mit ihr ein alter Betbruder, die wuerden ihnen dann sagen, was sie da thun sollten, und sie fuehren auf eine Wiesen, daselbst sie dann den Ritter finden wuerden, in seinem Harnisch, zu Stechen und Rennen ganz geruestet. Mit diesem muesse dann ein jeder dreimal rennen und scharf stechen, auch mit scharfen schneidenden Schwertern ohne Spitze mit ihm fechten und kaempfen, also lange, bis sich einer von ihnen ergiebet. Und welcher dann da den Sieg behaelt, der soll die andern Ritter, die dabei sind gewesen und zugesehen haben, auf ihre Treu und Eid erforschen und fragen, welche sie fuer die schoenste Frau oder Jungfrau hielten und erkaennten in ganz Klein-Britannien derselbigen, sie sei gleich, wer sie woelle, soll sich dann der ueberwundene Ritter gefangen geben, also, ihr zu dienen und zu thun, von wegen des schwarzen Ritters mit den weißen Zaehren, was ihr gefaellig und lieb ist. Auch daß darnach zu Pfingsten ueber ein Jahr alle andere Ritter und Herren in denselbigen Wald kommen moechten; denn da ein fuerstlicher Hof werden sollte. Und welcher dann auf demselben Hof am beßten und ritterlichsten wuerde fechten und rennen, derselbige sollte haben eine Lanze mit einer Fahnen, dazu eine koestliche gueldene Kron' und mit koestlichen Perlein gestickt. Und welcher auch an dem allerbeßten und mannlichsten mit dem Schwert fechten wuerde, der sollte haben das Schwert mit den gueldenen Strichen, dazu auch eine gueldene Krone. Wo es sich nun aber also fuegete, daß man den schwarzen Ritter ueberwuende, welcher das thaete, der moechte dann ihn schicken zu was Frauen oder Jungfrauen er woellte.   Das achtzehnte Kapitel Wie Pontus den Zwerg mit Briefen und muendlichem Bericht in Botschaftsweise hinschicket. Da nun Pontus solchen Brief dem Zwerg hat ueberantwortet, da befahl er ihm muendlich, daß er sollte reiten in alle Land' und Herrschaften gen Frankreich und anderswo zu den Herrenhoefen, da viel Volks waere, und sollte solches ueberall anzeigen und zu wissen thun, nach Inhalt des Briefs; das also geschah und von dem Zwerg vollendet ward. Als nun solche Botschaft allenthalben, in Koenigreichen, Furstenthumen und allen Herrenhoefen verkuendet und angezeigt ward durch solch oeffentlich Ausschreiben: da bereiteten und ruesteten sich viel großer, streitbarer und maechtiger Ritter und Herren zu kommen an den benannten Ort, da sich der schwarze Ritter mit den weißen Zaehren finden wollte lassen und zu streiten sich geruestet erzeigen. Nun war eine Stadt nicht fern davon, Belleroge genannt, darein schicket' Pontus, zu holen nach allem dem, das er bedurft', und besonders schicket er nach einer alten Jungfrauen: er kleidete die in einen rothen Mantel, und ein goeldenes Boertlein trug sie auf ihrem Haupt und haet ein grau Haar, denn sie war fast alt, und haenget' ein duennes Tuechlein fuer ihr Angesicht, damit man sie nicht sollte erkennen. Pontus veraenderte sich mit Kleidung und einem Angesicht, in Gestalt eines Betbruders mit einem grauen Haar, und langem Barte, und haet einen Brief in seiner Hand, darin stund verfasset die Ordnung seines Fuernehmens.   Das neunzehnte Kapitel Wie und mit was Ordnung das ausgeschriebene Ritterspiel von dem schwarzen Ritter mit den weißen Zaehren sich anfahet Auf dem ersten Montag, nach Ausschreibung des Ritterspiels, begab es sich, daß an dem Morgen frueh erschien und sich da sehen ließ mancher stolzer, kuehner und wohlgeruesteter Ritter, in Hoffnung, zu stechen und fechten mit dem schwarzen Ritter, der da bei dem wunderschoenen Brunnen war, und ihre Mannheit auch gegen ihn zu beweisen. Und bei demselben Brunnen war ein groß Gezelt aufgeschlagen: aus demselbigen ging ein Zwerg, der sah aus gar muerrisch und fast ungeschaffen, und ging zu dem großen Baum, da der Schild mit den weißen Zaehren und ein Horn an hing. Er nahm das Horn und blies es mit Kraeften, daß es erhallte. Da das geschah, ging aus dem Gezelte die alte Jungfrau und der Betbruder, die hießen den Zwerg schreien und rufen, daß alle die Ritter und Herrn, so aus fernen Landen, von wegen des Ritterspiels, zu dem schwarzen Ritter mit den weißen Zaehren hieher kommen waeren, daß ein jeglicher seinen Schild an den Baum haengen sollte, darin die kleinen Haeklein geschlagen waren. Und als sie nun die Schild' alle hatten aufgehaengt, da hub an der Zwerg zu ihnen: »Nun hoeret zu, gestrenge Ritter und alle ihr Herren, meine Jungfrau die heißt mich euch sagen, daß sie geordnet und bestellet habe, vier Schild' aus allen den Schilden zu erwaehlen, zu denen wird sie schießen; und in welchem Schild man finden wird einen Pfeil stecken mit gueldenen Federn, den sie darein geschossen hat, desselbigen Schildes Herr soll sich anlegen in Harnisch und auf denselben Montag mit dem schwarzen Ritter stechen und fechten. Und welchen Schild sie trifft mit dem andern Pfeil, derselbige soll deßgleichen thun am andern Montag; deßgleichen an dem dritten und vierten Montag. Und sie wird auf jeglichen Montag vier Schilde treffen, bis es, in einem Jahr, zween und fuenfzig Ritter trifft, die beßten und denen man am meisten Lob und Ehre beilegt, die denn meine Jungfrau weiß und kann erwaehlen mit Zahl, nach ihrem beßten Gefallen. Und das soll ein ganz Jahr waehren, bis der schwarze Ritter ihnen oder sie ihm mit Gewalt obsiegen.« Und da rufte der Zwerg mit lauter Stimme der Jungfrauen, daß es jedermann hoerte: da kam sie herfuer gegangen aus dem Gezelt und trug einen Tuerkischen Bogen und vier Pfeil' in der Hand, schoß zu den Schilden und traf am ersten Wernhers von Rosches Schild, der der beßte Ritter von Britannia war. Zu dem andern mal traf sie Gottfrieds von Lusignan Schild; der war der beßte Ritter von dem Land Klein-Britannia. Zu dem dritten mal traf sie Andre's von Lator Schild, des beßten Ritters von dem Land Agrires. Der vierte Schild, den sie traf, der war der beßte Ritter aus Normandia. Und da nun also die Jungfrau ihr Geschaeft vollbracht haet, da nahm sie der Betbruder und fuehrte sie wiederum in das Gezelt und unter den Umhang, der ganz schwarz war und mit weißen Zaehren besprengt. Er legete bald an seinen Harnisch und ging heraus von dem Gezelt: er trug seinen Schild an dem Hals und einen Spieß in seiner Hand und saß auf ein Pferd, das war ganz mit schwarzem Sammet bedeckt, darauf weiße Orientische Perlen geheftet, als die Zaehren; er war sonst koestlich und wohl ausgeputzt und ganz lieblich anzusehen in seinem Harnisch. Es nahm jedermann Wunder, von wannen der Ritter waere; denn es war die gemeine Rede: Pontus waere zu dem Koenig von Ungern in einen Krieg geritten, der zur selben Zeit zwischen zweien Koenigen war. Darnach kam Wernher von Rosches, dem der erste Pfeil in seinen Schild ward geschossen, gar koestlich in seinem Harnisch, mit viel Drommetern und großem Schall, daß man davor nicht wohl hoeren konnte. Da stund der schwarze Ritter von dem Pferd ab, nahm einen gueldenen Kopf in seine Hand, schoepfte da Wasser aus dem wunderschoenen Brunnen und begoß und besprengte damit die Wiesen: und alsbald das Wasser auf die Erden kam, da gab es einen Nebel und Finsterniß, daß einer den andern kaum sehen mochte; aber es waehrete nicht lange. Das Volk verwunderte sich dessen sehr, und sonderlich der Kraft und Eigenschaft des Brunnens: und also thaet Pontus allwegen mit dem Brunnen, ehe er anfing zu fechten. Darnach so saß er auf sein Pferd, setzte seinen Helm auf, nahm sein Spieß unter seinen Arm, ermahnete sein Pferd mit den Sporen und ritt frischlich gegen Herr Wernhern von Rosches. Sie gaben einander gar ungestueme Stoeß', also, daß einer dem andern durch seinen Schild rennete. Sie wendeten sich schnell um, rennten fast grimmlichen auf einander und trafen so wohl, beiderseiten, daß Wernher von Rosches zu Haufen fiel mit seinem Pferd; aber er sprang bald wieder auf seine Fueße. Da der schwarze Ritter das ersah, da stund er auch ab von seinem Pferd, lief ihn an mit dem Schwert und schlug auf ihn mit Kraeften, wo er ihn erreichen mochte. Der von Rosches wehrete sich nach seinem beßten Vermoegen, aber es half ihn gar wenig: denn Pontus gab ihm gar viel harter Streiche, daß er sich nicht erhohlen mochte; und zujuengst traf er ihn mit einem so kraeftigen Streich; daß er ihm das Visier vom Helm schlug, und verwundet' ihn also in seinem Angesicht. Wernher hub da auf sein Schwert und begehrete Pontus zu schlagen; aber Pontus hielt den Streich auf und empfing ihn in seinen Schild: darein schlug er ihm wohl einer Spannen lang eine Scharte, daß er sein Schwert nimmer gewinnen mochte. Da nun Wernher seines Schwerts entwehrt war, da sprach Pontus zu ihm: »Ritter, ist es Zeit, daß ihr euch ergebet in Gnad' und Gefaengniß der allerschoensten Frauen dieses Koenigreichs.« Wernher gab ihm hierauf keine Antwort, sondern thaet als einer, der voll Zorns und Unmuths war. Aber Pontus sprach: »Ich schlag' euch nun nicht mehr; denn ihr habt kein Gewehr in euerer Hand.« Der von Rosches lief Pontus an und vermeinet' ihn mit der Faust zu schlagen; aber Pontus, der große und starke Ritter, ward zornig, ergriff ihn, zog ihn zu sich, warf ihn nieder unter sich und sprach: »Ritter, ich will euch noch gehn lassen in Gefaengniß der Schoensten in Britannia; und sagt ihr meinen gutwilligen Dienst, als von dem schwarzen Ritter mit den weißen Zaehren.« Und hiemit ging er von ihm. Wernher von Rosches verstund die Frommkeit des schwarzen Ritters und gab ihm großes Lob in seinem Herzen. Er ging hin zu den andern Rittern, die dabei gewesen waren und da zugesehen hatten, und sprach zu ihnen: »Liebe Herren und Freund', ich habe da meinen Meister funden, und hab' ihn als einen frommen und strengen Ritter versucht und erfunden, als er wahrlich ist; davon ich nicht viel mehr reden will, denn, daß ich euch frag' auf euere Treue, daß ihr mir sagt, welches die schoeneste Jungfrau sei in diesem Koenigreich.« Da sprachen sie alle einmuethiglichen, daß des Koenigs in Britannia Tochter, mit Namen Sidonia, die allerschoeneste waere. Und also schied Wernher von Rosches von dannen und ritt gen Bannes. Pontus aber saß auf sein Pferd und ritt wieder zu dem Wald etliche heimliche Wege, die ihm wohl kund waren, und wußte niemand, wo er hin kam. Er ritt wiederum in das Kloster, sperrete zu das Thor, stund ab von seinem Pferd und ließ ihm seinen Harnisch abthun. Die Jungfrau mit dem Zwerg und auch die andern blieben in dem Gezelt, bis es Nacht ward, und da jedermann ab dem Weg kam, da gingen sie auch in das Kloster zu Pontus. Nun lassen wir's itzund mit Pontus bleiben und sagen von der schoenen Sidonia, was fuer Klag' und Leid sie haet in Abwesen des Pontus, und wie Herr Wernher von Rosches, als ein Gefangener, sich der Sidonia darstellte.   Das zwanzigste Kapitel Was fuer Klage Sidonia fuehrt von wegen des Hinzugs des Pontus auch wie sich der erste ueberwundene Ritter der Sidonia darstellet. Sidonia war Tag und Nacht von wegen des Abwesens des Pontus in großem Unmuth, Klagen, Schmerzen und Leid und gedachte, was ihr ihre Jungfrau Eloisa gesagt haett' und was Pontus zu ihr geredet haette, wie er eine Weile wollte hinweg reiten und aus dem Lande sein; und gedachte, wie es derhalben waere geschehen, daß sie nicht schoen mit ihm geredet haette: das gereute sie gar hart, und sie sprach oft zu ihr selbst: »O weh, ich unglueckhaftige Frau! ich Hab' ihn durch meine Thorheit verloren und dahin bracht, daß er Unglueck haben muß. Alles Unglueck komme ueber den, der mir die erste Maehre bracht hat! Und es ist eine große Thorheit an mir gewesen, daß ich also seine Frommkeit in Zweifel gesetzt habe, so doch sein frommes und gerechtes Herz keine Untreue gegen mich gefasset hat.« Also weinet' und klagete sie in großem Unmuth ihres Herzens ihr verlorenes Lieb, ihren Ritter Pontus. Das Leben trieb sie Tag und Nacht; und es geschah hiezwischen viel seltsamer Red' an des Koenigs Hof von Pontus. Da nun Wernher von Rosches wieder heim kam an des Koenigs Hof, da fraget' er und begehrete, zu kommen zu der schoenen und tugendsamen Sidonia, und zeiget' an, wie er ihr Gefangener waere. Der Koenig schickete nach ihr und zeiget' ihr an, wie Wernher von Rosches, der strenge Ritter, ihr Gefangener waere; darum er fuer sie begehrete, sich ihr zu ueberantworten und in ihr Gefaengniß zu geben. Also kam sie mit viel Volks und ihren Jungfrauen, zu vernehmen Herr Wernhers von Rosches Werbung und Geschaeft. Und da sie auf den Saal kam und sich niedergesetzt hatte, da kam der von Rosches, kniete fuer sie und sprach mit lauter Stimme, daß es jedermann wohl vernehmen mochte: »Gnaedige Frau, der schwarze Ritter mit den weißen Zaehren sendet mich zu euch. Er und ich haben mit einander gefochten und gestritten, und durch seine Mannheit hat er mich ueberwunden und hat mir befohlen, ich soll mich der schoensten Frauen oder Jungfrauen gefangen geben, die in diesem Koenigreich sei. Also hab' ich mich erkundet bei allen Herren, Rittern und Knechten, die dabei gewesen find, und mich erfraget: welche die Schoeneste waere in ganzem Britannia? Die sprachen alle gemeiniglich, daß ihr ueber alle andere die schoeneste waeret: darum ergeb' ich mich in euer Gefaengniß, mit mir zu fahren; als euerm Gefangenen. Auch befahl er mir, daß ich euch viel Dienst von ihm sagen sollte.« Sidonia ward einwenig schaamroth, darum, daß man sie fuer die Schoeneste haet erwaehlet, und sprach: »Ich danke den Herren, Rittern und Knechten, die mir solch Lob zumessen und fuer die Schoeneste mich erwaehlet haben; aber sie haben sich selbst hierin betrogen. Ich dank' auch dem schwarzen Ritter, der euch mir hat gefangen geschickt. Nun sagt mir doch, wer er sei?« – »Sicher, gnaedige Frau, – sprach Herr Wernher – ich weiß nicht, wer er ist; aber ich sage euern Gnaden fuer eine Wahrheit, daß er in seinem Harnisch gar ein huebscher, mannlicher Mann und Ritter ist; und hab' auch seines gleichen noch nie gesehen, der seines Treffens mit der Lanzen und auch mit dem Schwert gewisser sei. Und er bedunkt mich ein wenig laenger zu sein, denn Pontus: er ist ihm auch etwas gleich, aber er ist es nicht; denn man saget fuerwahr, wie Pontus sei in Ungern geritten.« Da ward gar viel von dem schwarzen Ritter gesagt, und wie er auf den naechstzukuenftigen Montag mit Gottfrieden von Lusignan, am dritten Montag mit Andre von Lator und darnach mit dem Grafen von Martein rennen und fechten woellte. Der Koenig und Sidonia, auch andere Frauen und Jungfrauen erboten dem von Rosches viel Zucht und Ehr', und er mußte mit ihnen in dem Saal essen. Sidonia sprach in Schimpfsweise: »Herr von Rosches, daß ihr nun in meinem Gefaengniß und mein Gefangener seid, deß bin ich froh: aber ihr sollt billig traurig sein und sorgen; denn ihr wisset nicht, in was Gefaengniß ich euch legen werd' und was ihr leiden mueßt.« Der von Rosches fing an zu lachen und sprach: »Gnaedige Frau, wollt ihr mich in kein haerter Gefaengniß legen, denn ich itzund bin, so will ich es noch wohl erleiden. Ich vermein', ehe noch das Jahr herum komm', ihr werdet mich nicht allein, sondern solcher Gefangener mehr in euerer Gewalt haben.« Da man nun gegessen haet, hueben die Frauen an zu singen und zu tanzen. Aber Sidonia tanzete nicht viel und haett' auch gern nicht getanzet, wo sie nicht haette besorgt, daß vielleicht ihr Unmuth dadurch gemerkt worden waere. Nun lassen wir das also bleiben und fahen an zu reden von dem anderen Montag.   Das ein und zwanzigste Kapitel Von dem Ritterspiel, Rennen und Stechen des andern Montags. Das andere oder zweite Ritterspiel fing sich an, nach Ordnung, auf dem zweiten Montag, welcher Tag nun gar schoen und klar erschien. Da kam der mannliche Ritter und Herr des andern Schildes, der da troffen ward von der alten Jungfrauen, naemlich der Herr von Lusignan, und erschien mit viel anderen Rittern und Knechten, gar schoen und wohl ausgeputzet in seinem Harnisch, an welchem jedermann seine Lust zu sehen haet. Da kam herfuer aus dem Gezelt gegen ihn geritten der schwarze Ritter und hat den Spieß in seiner Hand und den Schild an seinen Hals hangen. Da sie nun auf die Bahn kamen und einander ersahen, rannten sie gar stark zusammen, also, daß von den Stoeßen die Rosse mit ihnen fielen. Sie kamen wieder auf die Fueße, ritten von einander, fasseten ihre Spieße wohl, nahmen eine weite Bahn und rannten mit Kraeften zusammen, daß noch einmal Roß und Mann zu Haufen fiel. Sie lagen da unbeweglich und mochten sich nicht regen; denn die Pferde lagen ihnen auf ihren Beinen, daß sie nicht aufkommen mochten: jedoch arbeitete sich Pontus herfuer, daß er aufkam, und schaemete sich gar sehr, daß er zum zweiten mal war niedergerannt worden. Er sah, daß der von Lusignan noch unter dem Pferd lag und konnte sich nicht regen, denn er hatt' einen Schenkel zerbrochen. Pontus lief zu und begehrt ihm zu helfen: da griff der von Lusignan an sein Schwert, zu erzeigen, daß er noch Mannheit und ein gut Herz hat, und begehrete Pontus zu schlagen; und da er einen Streich oder drei gethan haet, da sprach Pontus zu ihm: »Herr von Lusignan, ich seh' euch da vor mir schadhaft liegen, darum so waere es mir eine große Schande, daß ich euch, also liegend, schluege.« Gottfried sprach: »Ihr habt mich doch noch nicht ueberwunden, dieweil ich mein Schwert in meinen Haenden fuehren mag.« Und sprang auf und wieder an Pontus: da haet er des verletzten Schenkels keine Gewalt, und zudem so stieß er sich mit dem guten Fuß an einen Stein, daß er strauchelt' und fiel. Pontus der half ihm wieder auf und sprach zu ihm: »Herr, ich woellte euch itzt wohl ueberwinden; aber ich sehe euer Gebrechen, und darum sollt ihr euch nicht mir, sondern der allerschoensten Jungfrauen in diesem Koenigreich ergeben, die euch gnaedig wird aufnehmen und wohl empfahen. Und sagt ihr viel Dienst von dem schwarzen Ritter mit den weißen Zaehren. Und ich bitt' euch, ihr woellet nun Friede halten und nichts weiter mit mir anfahen; denn was geschehen ist, das ist alles hin: und ich weiß, wenn ihr gesund und baß moegend waeret, ihr ließet mich nicht ungemuehet, denn ich hab' euere Mannheit vor langem gewußt.« Da der von Lusignan des Ritters Ehrbarkeit und Frommkeit vernahm und erkannte, da lobet' er ihn fast und sprach zu ihm: »Herr, ich will nun reiten und mich antworten, dahin ihr mich durch euere Mannheit zu stellen gezwungen habt.«   Das zwei und zwanzigste Kapitel Das Ritterspiel, Fechten und Rennen des dritten Montags. Auf dem dritten Montag erschien gar ein schoener, klarer Tag und kam abermals auf geordneten Platz, zu sehen das Ritterspiel, gar viel Volks von Rittern und Knechten. Als es nun war um die Primzeit, da kam auf die Bahn der schwarze Ritter, wohl geruestet und ausgeputzt: und gegen ihn da kam auf die Bahn Andre von Lator, auch gar huebsch in seiner Ruestung. Da sie nun einander ersahen, da rannten sie gar flugs auf einander, und trafen auf beiden Theilen gar wohl. Darnach wandten sie sich wiederum und rannten abermals mit Kraeften auf einander, daß sie ihre Lanzen zu Stuecken auf einander zerstießen und der von Lator an seinem Pferde hing mit einem Schenkel, also, daß er sich kaum erhalten konnte, daß es nicht fiel. Doch erhohlet' er sich wieder. Da griffen sie zu ihren Schwertern, die gar stark und wohl schneidend waren, und gaben einander damit gar harte, ungestueme Streiche. Pontus hohlet' einen Streich und schlug den von Lator mit solcher Macht, daß er tuermlich davon ward; und da Pontus sah, daß dem von Lator schwindelte, da nahm er ihn mit ganzen Kraeften bei dem Helm und warf ihn von dem Pferd auf die Erden. Und da er ihn liegen sah, da gedacht' er, es waere ihm eine Schande, daß er den anritt, stund auch ab von seinem Pferd und lief den von Lator an: der wehrte sich gar kecklichen gegen ihn. Pontus gab ihm einen gar harten Schlag, damit er ihm die Scheibe auf dem Arm im Schild zerspaltete. Andre von Lator gab ihm auch viel harter Streiche, wo er ihn erreichen mochte; denn er auch ein guter und fester Ritter war. Sie trieben das so lange mit einander, bis das Pontus dem von Lator seinen Helm zerschlug. Sie waren beide fast mued' und lehnten sich ueber ihre Schwerte, Luft und Athem zu schoepfen. Da sprach Andre von Lator zu Pontus, da er sich ein wenig verschnauft hat: »Herr Ritter, ich weiß nicht, wer ihr seid; aber das mag ich wohl reden, da ich heut' aufstund, da gedacht' ich nicht, daß ich so viel Kraft und Mannheit finden sollte bei einem Mann, als ich bei euch gefunden habe. Aber wolltet ihr mich schlagen und weiter noethen, so mueßte ich mich noch baß wehren und versuchen, was an mir waere.« Pontus sprach: »Ja, sicher, ihr muesset euch nun ergeben der allerschoensten Jungfrauen dieses Lands, mich betruegen denn meine Sinne; und nehmet hin und traget diese Gabe von dem Schwert zu ihr.« Und hub mit dem auf und gab ihm einen gewaltigen Streich; denn es thaet ihm gar Zorn, daß er sich sein so lange gewehrt haet, und schlug einen Streich in den andern auf Herr Andre, bis er sich nicht mehr regen mocht', und sprach zu ihm: »Edler Ritter und Herr von Lator, ergebt euch noch.« Darauf er ihm keine Antwort gab; denn es war gar nahe dabei, daß er sich ergeben mußte. Pontus thaet, als einer, der voller Tugend und Guetigkeit ist, und sprach zu ihm: »Ich bitt' euch, ihr wollt euch noch ergeben der allerschoensten Jungfrauen dieses Landes und Koenigreichs: damit nun forthin unserm Fechten ein Ende sei; denn wir haben uns genug an einander versuchet.« Andre von Lator der erkannte nun Pontus Tugend und Sanftmuethigkeit, mit dem er gefochten haet, und sprach: »Herr, seit es euch ein groß Wohlgefallen ist, so will ich mich ihr gern ergeben.« Pontus der sprach: »Daran begnuegt mich fast wohl.« Andre von Lator der stund nun auf und war sehr muede von dem Fechten und den Schlaegen, die er empfangen haet. Pontus aber saß wieder auf sein Pferd und ritt in den Wald zu dem Kloster. Andre von Lator kam zu Gottfrieden von Lusignan und sprach zu ihm: »Wohlauf, mein lieber Freund und Gesell, ihr und ich wollen mit einander reiten zu der Allerschoensten und uns ergeben in ihre Gnade.« – »Herr, – sprach der von Lusignan – ich will euch gern hierin Gesellschaft und Freundschaft leisten und woellte euch ungern allein dahin reiten lassen.« Und also trieben sie vorhin gar viel Schimpftheiding mit einander. Andre von Lator der hieß ihn des Harnischs ledig machen und abziehen; und er haet auch aus der maßen große, tiefe und schaedliche Wunden, aber derer keine war toedtlich. Und also ritten sie auch mit einander in dreien Tagen zu der schoenen Sidonia. Der Koenig empfing sie mit großen Ehren und Freuden, als die besten zween Ritter, so man in allen Landen finden mocht'; sie hatten auch von jedermann großen Preis und Ruhm. Darnach da gingen sie zu der schoenen Sidonia und ergaben sich in ihre Gnade. Sie war gar vernuenftig, erbot ihnen viel Zucht und Ehr' und empfing sie gar wohl und schoen. Sie schenket ihnen Hermelinpelze mit guter Seiden ueberzogen, auch gar koestliche Guertel und an jedem Guertel gar einen zierlichen Beutel oder Saeckel.   Das drei und zwanzigste Kapitel Mit was Ordnung das Ritterspiel, Stechen und Fechten des vierten Montags gehalten wurde. Als es nun an dem vierten Montag gar ein schoener, klarer Tag war, da kam fast viel Volks, die Ritterschaft und das Ritterspiel zu sehen. Und als nun die Stunde vorhanden war, da kam aus dem Wald gegangen die alte Jungfrau und der Zwerg, und die Jungfrau haet einen Bogen und vier Pfeil' in der Hand, als sie denn vor auch gehabt hatte, und ein Betbruder, mit einem gemachten Angesicht, der hielt auf einem Zelter mit einem gueldenen Zaum und zeiget' ihr, wie sie sollte schießen und zu welchen Schilden der Ritter, die nun forthin fechten sollten. Und die Jungfrau schoß und traf an dem ersten Diepolts Schild von Weles, welcher gar ein gestrenger und herzhafter Ritter war, der auch gar großen Ruhm hat; mit dem andern Pfeil traf und schoß sie den Schild des Grafen von Montmoran; mit dem dritten Pfeil traf sie Heinrichs von Montmoran Schild; mit dem vierten schoß die Jungfrau in Robetes von Ranselon Schild. Und da sie nun die vier Pfeile hatte verschossen, da ging sie wiederum in ihr Gezelt. Darnach ueber eine kleine und gar kurze Zeit da kam der große und mannliche schwarze Ritter heraus geritten in seinem vollen Harnisch und haet seinen Spieß in seiner Hand und den Schild an seinem Hals. Da kam gegen ihn geritten der Graf von Martein, gar koestlich und wohl geziert in seinem Harnisch, und dazu auch kam er mit großem Pomp und herrlicher Pracht, mit Drommeten und allerlei Saitenspiel. Und sobald sie einander ersahen, da ließen sie die Pferde gar schnell und stark auf einander laufen und gaben einander gar harte Stoeße; und Pontus traf den Grafen so hart, daß er sich kaum erhielte, daß er nicht fiel. Darnach nahmen sie ihre Schwert' in ihre Haende, rannten wieder auf einander und schlugen gar haertiglichen einander. Aber Pontus, der fast groß und stark war, erzuernet' und nahm den Grafen bei dem Helm, riß ihn von dem Roß auf die Erden, gab ihm mit dem Schwertknopf einen harten Stoß und schrie ihn an: er sollte sich ergeben, und er wollt' ihn nicht mehr mit der Schneiden schlagen. Der Graf wehrte sich, so lang' er mochte; aber an dem letzten, er wollte oder nicht, so mußte er sich ergeben der allerschoensten Jungfrauen in dem Koenigreich Britannia. Und darnach ließ er von ihm und ritt wiederum in den Wald, in maßen, als er vormals hat gethan. Der Graf aber ritt zu der schoenen und tugendsamen Sidonia und gab sich in ihre Gnad', als auch die andern gethan hatten. Nun, auf die anderen Montage kamen nach Ordnung, nach einander zu solchem Fechten ein jeder, wie er erwaehlt ward. Und zum ersten kam Diepolt von Weles; darnach alle andere, also lange, bis daß die Montage des ganzen Jahrs herum waren; welches alles zu erzaehlen viel zu lang waere. Denn es kam allezeit gar viel und große Ritterschaft dahin und war alles gar schoen und huebsch zu sehen. Und wurden alle Gefangenen zu der schoenen Sidonia von Pontus gesandt; also, daß zween und fuenfzig, die allerbeßten Ritter, die man im Land mochte finden, von Pontus ueberwunden und zu Sidonia geschickt wurden: welche alle um Ruhms willen dahin kommen waren; denn Pontus begehret' und forderte allzeit die beßten, darum ein jeder wollte und begehrte von derselben Zahl zu sein und sich mit ihm zu versuchen. Und es ward gar ein großer Ruhm von ihm in Frankreich, in Deutschen und andern Landen, die da umher waren. Es kamen auch von allen Landen und Enden viel Ritterschaft dahin und haengeten ihren Schild auf: Pontus der focht allezeit mit dem Allerbeßten und Beruehmtesten von jedem Land, und thaet das der Meinung halb, daß man ueberall von ihm sollte sagen.   Das vier und zwanzigste Kapitel Wie der schwarze Ritter, nach vollendetem Kampf und Ritterschaft des ganzen Jahrs, einen fuerstlichen Hof zurichtet. Da nun das Jahr herum kam und das ritterlich Kaempfen und Fechten des schwarzen Ritters, welches ein ganz Jahr lang gewaehret haet, ein End hatte und vollbracht war, und die Pfingsten herzu kamen, da sollten sich stellen wiederum die gefangenen und ueberwundenen Ritter in des schwarzen Ritters Land mit den weißen Zaehren, auf den Platz und Ende, da sie ueberwunden und gefangen wurden. Da ließ nun Pontus einen schoenen Saal zurichten und machen bei dem wunderschoenen Brunnen, hieß den Saal mit gruenem Laub allenthalben bedecken und umhaengen, und bestellet' auf das allerkoestliche, so er bekommen mochte, Speis' und Trank und alle Nothdurft ueberfluessig. Er schrieb auch dem Koenig von Britannia gar einen freundlichen Brief, darinnen er ihn gar schoen und unterthaeniglichen bat, daß er ihm so gnaedig wollte sein, und auf die Pfingsten zu ihm auf den Hof zu dem wunderschoenen Brunnen kommen, und mit ihm bringen die allerschoensten und huebschesten Frauen und Jungfrauen von seinem Koenigreich. Er sollte auch nicht hinter ihm lassen seine Tochter Sidonia; denn da wuerde sie und die andern das Lob und den Preis geben denen, die in dem ganzen Jahr am baßten und ritterlichsten an den Montagen gestritten und gefochten hatten; und so weiter, mit viel mehr schoenen Worten. Da nun der Koenig den Brief haet gelesen und sein Begehr vernommen, da empfing er viel und große Freude darob und gefiel ihm gar wohl, daß ihm der schwarze Ritter so viel Ehr' erzeigete. Er schickete von Stund' an nach seiner Tochter Sidonia, saget' ihr die Maehr' und Botschaft und befahl ihr damit, daß sie auch von Stund' an sollte ausschicken nach den allerschoenesten Frauen und Jungfrauen, die in all' seinem Koenigreich waeren, und daß sie diese mit ihr zu dem Hof sollte bringen.   Das fuenf und zwanzigste Kapitel Hie kommt der Koenig mit seiner Tochter Sidonia, die mit ihr brachte viel schoener Frauen und Jungfrauen, zu dem schwarzen Ritter in den Wald und erkannten, wie das Pontus war. Wie sich nun auf das Ausschreiben Sidonia's viel schoener Frauen und Jungfrauen versammlet hatten, kamen sie auf den bestimmten Tag zu ihr, wohl geschmueckt und auf das koestlicheste geziert, mit großer Begierde, zu erfahren den Willen und Fuernehmen Sidonia's. Da nun der Pfingsttag vorhanden war, da war auf der ganze koenigliche Hof mit großem Pomp und Freuden. Auch die schoene Sidonia, des Koenigs Tochter, mit ihren Frauen und Jungfrauen, waren auf zu Roß und Wagen und fuhren zu dem bestimmten Hof des schwarzen Ritters mit den weißen Zaehren in den gruenen Wald zu dem wunderschoenen Brunnen, fuehrten mit ihnen Gezelt' und Umhaeng' und ließen die daselbst aufmachen, und umhaengten sie, daß es eine Gestalt haet, als waere es eine große Stadt; denn es kam treflichen viel Volks dahin. Pontus haet lassen machen dreizehen Roecke seiner Gesellschaft, seinem Vetter und den dreizehen Gesellen, und auch Herlanden, dem Seneschal, die gab er ihnen. Denn er haet einen Tag zuvor, vor des Koenigs Zukunft, sie zu ihm zu kommen geordnet. Und da nun der Koenig sollte kommen, da nahm er sie mit sich und ritt ihm gar schoen in seiner Gesellschaft entgegen. Und da ihn der Koenig ansah und erkennete, daß es Pontus war, der so viel Mannheit und ritterliche Thaten haette begangen, da ist nicht zu sagen, was große Freud' er in seinem Herzen empfing ob ihm; er erzeigte ihm auch große Ehre, kuesset' und halset' ihn vor Freuden und sprach zu ihm: »Warum habt ihr euch so lange verhalten vor mir und mich getaeuschet, als ob ihr in einen Krieg geritten waeret? Es hat mir aber mein Herz allwegen angezeigt und gesagt, daß ihr der waeret, der so viel Wunders dies Jahr hat gethan.« Pontus aber ward schamroth ob der Rede des Koenigs und redete nichts dazu; denn er schaemte sich des Lobs und der Ehren, die ihm der Koenig gab. Darnach ging Pontus zu der schoenen Sidonia, die viel schoener Frauen und Jungfrauen in ihrer Gesellschaft haet, kniete fuer sie nieder und grueßete sie gar tugendlichen; deßgleichen grueßete sie ihn wiederum und erzeigten sich, als die große Freud' in ihren Herzen haetten. Sidonia lachet und sprach zu ihm in Schimpfsweise: »Pontus, warum seid ihr allein so lang' in dem Wald gewesen? Ihr moechtet wild sein worden.« – »Gnaedige Frau, sprach Pontus – ich werde bald wieder heimlich.« Und er hat große Freude, zu sehen, die er so lange nicht gesehen hat. Er kehrete sich von ihr zu den Frauen und Jungfrauen, die mit ihr kamen und alle mit gruenen Kraenzlein bekroent waren, empfing sie gar schoen und sprach zu ihnen: »Ihr Frauen und Jungfrauen, Gott gebe euch allen, was euer Herz begehret.« Die Frauen und Jungfrauen grueßten ihn wiederum gar zuechtiglich und hatten alle große Freud', ihn zu sehen, von wegen der ritterlichen Thaten und großen Ehre, welche er begangen hatte; denn sie hatten ihn alle fuer andere Ritter lieb und werth und sprachen zu einander: »Gott der allmaechtige woelle ihm helfen und auch vor Uebel behueten und ihm seine Ehre mehren und erhalten!« Man hoert' auch sonst viel von ihm sagen fern und nahe. Also kamen sie mit solchem Gespraech und Freuden auf die Wiesen zu dem wunderschoenen Brunnen.   Das sechs und zwanzigste Kapitel Wie der Koenig mit Sidonia und ihren Frauen und Jungfrauen von dem schwarzen Ritter empfangen wurden. Wie nun der Koenig mit seiner Tochter Sidonia und allem seinem Volk von dem schwarzen Ritter empfangen und hinein geleitet ward zu dem schoenen Brunnen, da der Hof zugeruestet war, da stunden sie mit Freuden ab. Da kamen zu ihnen gegangen viel fremder Herren, Grafen, Freien, Ritter und Knecht' und empfingen den Koenig, auch Sidonia mit ihren Frauen und Jungfrauen gar hoeflichen und schoen. Es ward aber ihnen allen große Ehr' und Reverenz von Pontus erzeiget und bewiesen. Er richtet' an große Freud' und Kurzweile mit Posaunen, Harfen, Singen und allerlei Saitenspiel, daß es in dem ganzen Wald erhallte: damit sie den ganzen Tag in großen Freuden hinbrachten; denn es waren da, ohne den Koenig, viel edler Herren, Fuersten und Grafen, auch der Herzog von Oesterreich und Andere. Nun, an dem Morgen frueh, gingen sie alle mit einander zur Kirchen und vollbrachten ihren Gottesdienst mit Beten und Messe Hoeren. Darnach gingen sie auf den Saal: da satzte man den Koenig und Sidonia an einen hohen Tisch oben an, der ganz fuerstlich zugerichtet war. Darnach wurden die Herzogen, Grafen und jedermann gesetzt, und ward ihrer da gar herrlich und wohl gepflegt. Der Hof war fast groß, doch ganz ordentlich und wohl zugerichtet. Auf der einen Seiten des Saals hingen zum Gesicht die zween und fuenfzig Schilde der ueberwundenen Ritter. Nun, nach vielen und mancherlei fuerstlichen Trachten, kam zuletzt gar eine koestliche, kuenstliche und seltsame Tracht; denn es war zugeruestet, als ob es Kinder in eitlem Harnisch waeren, die mit einander foechten, und andere seltsame Dinge, darob sie alle Verwunderniß hatten. Nach dem Essen da waren geordnet sechs der allerhuebschesten Frauen, auch sechs der allerschoenesten Jungfrauen und sechs von den aeltesten Rittern, und auch sechs alte Knechte, die des Adels waren, die beßten, die man da fand. Ein Theil trug die Lanze mit der koestlichen schwarzen Fahne mit den weißen Zaehren, die waren mit Orientischen Perlen gemacht, und einen Zirkel mit koestlichem Gold, auch von edlem Gestein und Perlen. Der andere Theil der trug das koestliche Schwert mit dem gueldenen Knopf und eine gueldene Borte mit Seiden gewuerkt und mit guten Steinen besetzt; welches alles huebsch zu sehen war. Und solche koestliche Gezierd' und Kleinod hat Pontus alles in dem Schiff von des Soldans Sohn gefunden, als er ihn zu Feld' im Krieg erschlug und ihm die Schiffe nahm: solches Gut konnt' und wußt' er nun nicht baß auszutheilen, denn in dieser Gesellschaft, da der Koenig mit so viel Fuersten und Herren und auch Frauen war. Die Ritter und Frauen, die da trugen die Kleinode, gingen in dem Saal mit Gesang auf und nieder zu suchen, in maßen, als sie nicht wueßten, wem sie das geben und dazu erwaehlen sollten; und am letzten da gingen sie zu dem Herrn von Lusignan und gaben ihm die Lanze mit der koestlichen Fahne und den koestlichen Zirkel von Gold, und setzten ihn den auf sein Haupt, als fuer den beßten Stecher. Darnach gingen sie zu Andre von Lator, gaben ihm das koestliche Schwert und guerteten ihm das um, und die koestliche Krone; er wollt' oder nicht, so mußt' er es haben, wiewohl er dazu viel Ausrede haet; denn er vermeinte, daß viele da waeren, die solches baß verdient und erfochten haetten, denn er, und schaemete sich der Ehren fast sehr und entsatzte sich darob. Aber Pontus haet das alles so geordnet; denn er sprach, daß er ihm auf einem Tag mit Fechten am meisten haette zu schaffen gegeben; aber der Herr von Lusignan haet es gethan mit Stechen und Rennen. Und da das also geschah, da huben die Drommeter an zu blasen und zu drommeten, auch zu hofieren mit Pfeifen und andern Saitenspielen, und die Herolde fingen an zu schreien so mit kraeftiger Stimm' im Saal um und um, daß niemand dafuer mochte hoeren; denn es toenete gleich, als ob es gedonnert haette. Es ward auch solchen Herolden, Drommetern, Pfeifern und Spielleuten große Gabung und Schenkung gegeben.   Das sieben und zwanzigste Kapitel Wie zuletzt sich der Hof zertrennte; und was fuer Gespraech Sidonia mit Pontus haet, von wegen seines Thuns. An dem Abend, da man hatte zu Nacht gegessen, da gingen sie mit einander zu dem Tanz, und waehrete der Tanz bis nach Mitternacht. Darnach ließ man bringen Wein und Fruechte. Und da sie nun das hatten genommen, da gingen die fremden Fuersten, Grafen, Herren und Gaeste zu dem Koenig und der schoenen Sidonia, auch zu den andern Frauen und Jungfrauen und zu den Herren von dem Land, und nahmen Urlaub von ihnen; der ihnen guetlich ward gegeben. Also ritten sie an dem Morgen frueh nach der Messe von dannen. Pontus geleitete sie in ein Schloß, das ihres Wegs war, und da haet er ihnen das Fruehmal lassen bereiten. Und da sie hatten gegessen, da ritten sie von dannen. Also schied Pontus von ihnen und ritt wieder zu dem Koenig und zu den Frauen. Und als nun der Hof ein Ende haet, da nahmen nun die Frauen und die Herren von Britannia auch Urlaub von dem Koenig und seiner Tochter und von Pontus. Darnach ritt der Koenig und seine Tochter und Pontus mit einander spazieren, sangen und waren froehlich. Da fing Sidonia mit Pontus an zu reden und sprach: »Ihr habet euch lange fuer uns verborgen und hat mich fast sehr verwundert, daß ich nie nichts besonders von euch habe gehoert.« – »Gnaedige Frau, – sprach er – ich hab' euch doch alle Wochen einen Boten gesendet.« – »Es ist wahr, – sprach sie – lieber Freund, ihr habt mir in mein Gefaengniß geschickt die Allerbeßten von allen Landen; doch waere es mir ein groeßeres Wohlgefallen gewesen, wo ich haette gewußt, daß sie mir von euch waeren kommen. Aber ich haette nicht vermeint, daß sie von euch gesandt waeren worden; denn jedermann sprach, wie ihr waeret in Ungern oder Pohlen in Krieg geritten, und wunderte mich gar sehr, daß ihr mir doch nichts zu wissen thaetet; denn ich habe derhalb viel Unruh' und Traurens in meinem Herzen gehabt.« – »Ei, – sprach Pontus – gnaedige Frau, mein Herz und alle meine Gedanken sind staets bei euch gewesen, und all mein Thun, Mueh' und Fleiß ist allein eurethalben geschehen und angefangen worden; denn ich wußte wohl, daß ihr fuer die Allerschoenste erwaehlet und erkoren wuerdet: darum denn die allerbeßten Ritter zu euch sind kommen und sich in euere Gnad' ergeben.« Zu solchen Worten und Gespraech kam Gendolet, der war dem Pontus noch immer gar feind und gehaessig und mißgoennet' ihm der Ehren darum. Denn er sah wohl, daß der Koenig alt und kindisch war, und gedachte, wie er einen falschen Sinn moechte erdenken, dadurch er Herr und Meister wuerde, und einsmals war der Koenig auf einer Jagd in dem Wald allein: da ging er zu ihm und sprach: »Gnaediger Herr, wollte mich euere Gnade verstehen und nicht melden, so woellt' ich euern Gnaden gar ein groß und merklich Geheim sagen.« – »Fuerwahr, – sprach der Koenig – ich will euch sicherlichen versprechen, daß ich's von euch nicht sagen will.« Da fing er an und sprach: »Allergnaedigster Herr, der Koenig ihr habt mich erzogen und mir viel Gutes gethan, darum geb' ich euch zu erkennen eine Sache, die wider euere Ehr' ist. Und wiewohl ich Pontus, nach euch, am allerliebsten habe, so kann ich doch, euch zu gut, solch Laster nicht verschweigen, und sag' euch fuerwahr, daß mein Meister Pontus, um Sidonia, euere Tochter, sehr wirbt: er ist aber so ein schoener Ritter, daß ich besorge, daß sich etwas naerrischer Liebe zwischen ihnen moechte zutragen und erwachsen, daß ihr hinfuero Schand' und Unehre haben mueßtet.« Der Koenig sprach: »Mein Gendolet, nun sehe ich wohl und erkenne, daß ihr mich lieb habt und mit Treuen meinet, auch euch meine Unehre nicht lieb waere, darum ich euch schuldig bin zu danken, und dank' euch auch deß gar fast.« – »Ei, – sprach Gendolet – gnaediger Herr, ihr duerft mir dessen nicht Dank sagen: ich bin euch deß schuldig. Und, gnaediger Herr, – sprach er – ich will euch sagen und rathen, wie ihr solches am beßten von ihm moeget innen werden: sprechet ihn darum an. Sagt er dann, daß er sie nicht lieb habe, so heißt ihn darum einen Eid schwoeren: so werdet ihr erfahren, daß er das nicht thun wird.« Nun haet aber Gendolet von Pontus vor vernommen, daß in ganzem Hispania und Gallicia und an denselben Enden sich niemand sollte lassen dringen, und besonders die Edlen, Eid zu schwoeren, als lange sie fechten und mit der Hand sich vertheidigen koennten; und welcher dawider thaete, der wuerde geschaendet und nimmer fuer ehrlich gehalten. Und das sagt' und unterwies Gendolet den Koenig darum; denn er wußte wohl, daß Pontus keinen Eid wuerde schwoeren, und unterstund also damit, ihm den Koenig ungnaedig und zu einem Feind zu machen, und ihn damit vom Hof und sich selbst an seine Statt zu bringen. Der Koenig ward der Maehre gar traurig und ganz unmuthig und hatte hierin mancherlei Gedanken; denn er haet die Tochter aus dermaßen lieb. Und da er von der Jagd heim war kommen und von dem Pferd abstund, da wollte Pontus die Kappen und Handschuhe, nach seiner Gewohnheit, von ihm haben genommen: da wandte sich der Koenig von ihm auf die andere Seiten und thaet, als haett' er ihn nicht gesehen. Und da Pontus das ersah und erkannte, wie daß der Koenig zornig ueber ihn war, da sprach er zu ihm: »Gnaediger Herr, warum seid ihr auf mich zornig?« Der Koenig sprach in Zorn zu ihm: »Pontus, ich habe nicht wohl an euch gezogen; denn ihr gehet mir auf meine Ehre.« – »Gnaediger Herr, – sprach Pontus – durch was Weg?« Der Koenig sprach: »Daß ihr meine Tochter zu Unehren vermeinet zu haben, und wisset, daß ich kein anderes Kind mehr habe, denn allein diese Tochter, welche ist meine Freud' und langes Leben.« – »Herr, – sprach Pontus – wer das redet, will er mir's unlaeugnend sein, so bin ich bereit zu sagen, daß er mich habe faelschlich angelogen und nicht fromm ist, mit Urlaub von euern Gnaden zu reden.« – »Nein, – sprach der Koenig – wollt ihr aber schwoeren einen Eid, daß ihr sie zu Unehren nicht lieb habt, so moecht' ich euch vielleicht glauben.« – »Herr, – sprach Pontus – daß ich sie lieb hab', als euere Tochter, und in Ehren, das widerred' ich nicht: aber zu gedenken und an sie zu begehren, das ihr und euch unehrlich waere oder gewesen sei, hab' ich nie gedacht. Und, gnaediger Herr, ihr sollt nicht solche Dinge, die wider meine Ehre sind, an mich begehren; denn ihr wisset wohl, daß keines Koenigs Sohn seine Sache durch den Eid soll bestaetigen, dieweil er sich mit seinem Leib mag erwehren; denn das ist Gebrauch und Gewohnheit in meinem Land, davon ich bin.« – »Ich weiß nicht davon.« Sprach der Koenig und war fast zornig. Pontus sprach: »Herr, so erbiete ich mich weiter, zu fechten mit zweien oder dreien, die die Sache vermeinen auf mich zu bringen; denn ich weiß, daß ich hierin gerecht und unschuldig bin und Gott mein Helfer und Richter hierin sein wird; denn ich mich solches Lasters und Uebels vor Gott frei ledig weiß.« – »Ei, – sprach der Koenig – ihr seid ein starker und mannlicher Ritter, das wissen wir wohl: darum keiner mit euch darf fechten.« Pontus sprach: »Ich erbeut mich alles deß, so ich mich mit Ehren mag erbieten.« Der Koenig schwieg still und ging von ihm, damit kein Krieg ferner daraus wuerde. Da nun Pontus des Koenigs beharrliche Meinung gegen ihn sah, da ward er unmuthig und fast zornig. Er ging also zu dem Koenig, nahm Urlaub von ihm und sprach: »Gnaediger Herr, an euerm Hof begehre und will ich nicht laenger sein; denn ich versteh' und merke wohl, daß ich keinen Glauben mehr bei euch habe.« Und ging also darauf von ihm hinweg zu Sidonia und zeigt' ihr an alles, deß ihn der Koenig ziehe, und was er mit ihm geredet haette. Als nun Sidonia dieses alles vernahm, da ward sie unmuthig und fast traurig in ihrem Herzen, daß sie in Ohnmacht fiel. Und als sie wieder zu ihr selbst kam und reden mochte, da sprach sie: »Ach, allmaechtiger Gott, wer moegen nur die gar boesen Leute sein, die so große Luegen auf uns erdacht haben?« – »Gnaedige Frau, – sprach Pontus. Nun will ich von euch Urlaub nehmen, mit so großem Unmuth und Herzeleid, als kein Ritter von Frauen oder Jungfrauen nie gethan hat.« Da nun Sidonia vernahm, daß Pontus hinweg ziehen woellt' und nicht mehr zu Hof sein, da ging sie in großem Schmerzen fuer den Koenig, ihren Vater, fiel vor ihm nieder und bat ihn demuethiglichen, zu erkennen die Unschuld des frommen Ritters. »Liebe Tochter, – sprach der Koenig – so fern er durch den Eid mag bewaehren, daß er euer in Unehren nie begehrt habe.« Sidonia ging mit schwerem Gemueth vom Koenig hinweg, schickete nach Pontus, zeigte ihm an ihren guten Rath und sprach: »Lieber Freund und edler Ritter, es waere und gedaeuchte mich fast gut zu sein, daß ihr schwueret gegen den Argwohn; denn ihr moeget das ohne Suende wohl thun und euch damit entschuldigen.« – »Gnaedige Frau, – sprach er – so duerfte ich nimmer in mein eigen Land kommen, das mir von meinem Herrn Vater zustehet und darin ich geboren bin. Und der allmaechtige Gott wolle mich behueten, daß ich nicht der erste Koenigssohn sei, der ein solches thue; denn es waere mir eine große und ewige Schande, auch meinen Erben nach mir: viel lieber wollte ich todt sein. Und, gnaedige Frau, wiewohl ich mit dem Leib eine Zeit werde von euch sein, so bleibt doch mein Herz, ohn' Unterlaß allwegen, Tag und Nacht bei euch. Und von heut' ueber sieben Jahre, so will ich wieder, ob ich so lange lebe, hie bei euch in diesem Land sein. Und waere es moeglich und euer Wille, so wollt' ich gern, daß ihr dieweil unveraendert und ohn' einen Mann bliebet.« – »O weh, – sprach sie – wie eine lange Zeit ihr euerer Wiederkunft setzet! Ach, wie werd' ich so viel klaeglicher Tag' und Uebels und so viel langer Naechte haben, bis solche lange Zeit herum kommt!« Darauf kam ihr eine Ohnmacht, daß sie um sich selbst nicht wußte. Er ward auch dergleichen so betruebt, daß er kaum ein Wort mehr reden konnte. Sie beide umfingen einander und weinten heiße Thraenen, die ihnen ihre Backen herab floessen. Pontus gab ihr einen Kuß, zum Zeichen der Lieb', und nahm damit Urlaub von ihr, zog seine Kappen fuer die Augen und schied von ihr mit großem Schmerzen.   Das acht und zwanzigste Kapitel Wie Pontus von jedermann an dem Hof Urlaub nahm. Da nun die Zeit vorhanden war, daß Pontus, der werthe und fromme Ritter von des Koenigs Hof scheiden wollte, da rufte er seinen Kaemmerer und seiner Knecht' einem und befahl ihnen zu ruesten und zuzurichten seinen Ruestwagen mit Kisten, daß sie darein thaeten, was er geordnet haett'; und daß sie auch sonst zurichteten die Pferd' und versaehen mit aller Nothdurft. Pontus aber ging hin und machte seinen Abschied und nahm von jedermann Urlaub an dem Hof. Da sie nun sahen, daß Pontus von dannen wollte, da fingen sie alle an zu trauren und heftig zu weinen. Und als Pontus zu reiten bereit war, da waren auch auf alle Herrschaften des Hofs von Rittern und Knechten, ihn zu geleiten. Da baten sie ihn gemeiniglich mit huebschen Worten, in dem Land zu bleiben, und sagten ihm: er sollte bedenken, wie der Koenig alt und ein Kind waere worden; darum sollt' er sich solche Worte, die er geredet haette, nicht fast zu Herzen nehmen und ihrer nicht achten. Aber Pontus wollte sich nicht daran kehren. Also nahmen sie wiederum von ihm Urlaub und ritten zu dem Koenig, klagend, und sprachen zu einander: »O ihr Britannier, ihr solltet billig weinen und klagen! denn der mannliche und fromme Ritter hat euch Fried' und Freude gemacht und hat euch in Schutz und Schirm erhalten; zu gleicher weise, als die Henn' ihre Huehnlein erhaelt unter ihren Fluegeln, also hat er euch behuetet vor euern boesen Nachbarn und Feinden. Der arme Leute, ja auch jedermann schoen hat gehalten, der faehrt nun dahin, von jedermann verlassen. Der wird ein unglueckhaftiger Mann, der solche Wort' auf ihn hat erfunden und ihn damit vertrieben.« Pontus ritt gen Malo: da bestellt' er ihm ein Schiff und ließ das zurichten mit Speis' und anderer Nothdurft. Und am Morgen frueh thaet er zuerst sein Gebet, darnach ging er in das Schiff. Und wie er nun so fern kommen war, daß er das Land und die Gelegenheit zu Britannia nicht mehr sehen mochte, da ward er gar sehr betruebt, daß ihm die Zaehren die Backen abrannen, und sprach heimlich in seinem Herzen: »Gesegnet sei Britannia, von wegen der allerschoensten, treuesten und froemmsten, die unter allen Frauen und Jungfrauen lebt, und auch von der guten und frommen Ritterschaft wegen, die darin ist; denn ich vermeine, daß kein lieblicher Land in dieser Welt sei, denn dies einige Britannia.« Und ward hierauf gar fast betruebt in seinem Herzen, von der schoenen Sidonia wegen; doch konnt' er solchen Unmuth wohl verbergen.   Das neun und zwanzigste Kapitel Was Pontus auf der Reise begegnete. Da nun Pontus, der betruebte und bekuemmerte Ritter, in den Port zu Anthoni und gen London in Engelland kam, und als er zwischen Anthoni und London ritt, da kam unversehenlich gegen ihn gelaufen ein großes, ungeheures, bissiges wildes Schwein, dem ein Hund nachjagte. Als nun Pontus das wilde Schwein ersah, ermannet' er, rennete freudig auf es zu, zog aus sein gut scharfschneidend Schwert, schlug auf das Schwein und hieb es mit einem kraeftigen Streich von einander zu zweien Stuecken. Nun war des Koenigs Soehne von Engelland einer auf der Jagd, genannt Heinrich, der kam dazu, als Pontus das Schwein von einander haet geschlagen. Da er das sah, verwundert' er sich darob und bat ihn, daß er sein Diener wuerde. Da fragt' ihn Pontus: von was Stamme er waere? Und da er vermerkete, daß er des Koenigs Sohn war, da versprach er sich mit Geluebd', ihm zu dienen. Und als sie nun gen Hof kamen, da war der Koenig zu Tisch gesessen, und ward auf Stund' geschafft, daß man dem neuen Ritter und fremden Gast sollte gute Herberge geben. Und da das also war geschehen, da ging des Koenigs Sohn mit dem neuen Ritter auf den Saal, knieten nieder und grueßeten den Koenig und die Koenigin. Da fragete der Koenig den Sohn: wie es ihm auf dem Waidwerk ergangen waere? Da sagt' er: wie es ihm wohl ergangen waere. Darnach ruft' ihm der Koenig und fragt' ihn heimlich: wer der schoene und fremde Ritter waere? Da sagt' er ihm: wo er ihn haette funden und wie er das wilde Schwein von einander haette geschlagen. Da ward Pontus gar fast von denen auf dem Saal und auch von andern, die dazu kamen, angesehen und gelobt; denn es war ein Ungehoertes bei ihnen; und geschahen da viel Reden von dem Ritter, den des Koenigs Sohn mit ihm haette bracht. Die Frauen sahen ihn auch gar fast an, und besonders des Koenigs zwo Toechter, und sprachen: es waere ein Wunder, daß er so huebsch, vollkommen und dazu so lieblich waere. Und man hieß ihn sitzen zwischen des Koenigs zwo Toechter. Als man nun gegessen hatte, da ging der Koenig aus dem Saal und hieß ihm das wilde Schwein bringen, das Pontus von einander haette gehauen. Als nun das Schwein fuer den Koenig bracht ward, da haet er lange Zeit kein groeßeres nie gesehen. »Ei, gnaedige Frau, – sprach Heinrich zu der Koenigin, seiner Mutter – sehet, was mein neuer Ritter mit seinem Schwert, und mit einem Schlag gemacht hat!« Pontus kehrete sich um und schaemete sich, daß man ihn so fast lobte. Der Koenig und die Koenigin fragten ihn: von was Lands er waere? Da antwortet' er und sprach: er waere aus Frankreich. »Wie ist euer Name?« Sprach der Koenig. – »Sordit, – sprach Pontus – von dem rechten Weg.« Da fragt' ihn der Koenig neuer Maehre aus Frankreich und von viel andern Sachen. Darauf konnt' er ihm gar wohl und schoen antworten. Daraus vernahm der Koenig wohl, daß er weis' und vernuenftig war, verwunderte sich ob ihm und sprach zu der Koenigin und zu den Herren, die da bei ihm waren: er haette nie in langer Zeit so einen vernuenftigen, wohlredenden Ritter vernommen, als ihn. »Und sicher, – sprach der Koenig – mir ist in meinem Sinn, daß er hoeher sei, denn er sich selbst macht.« Sie blieben da eine gute Weile bei einander; und jemehr man ihn ansah, jemehr man Lust ob ihm hatte, und jedermann lobte und ehrte ihn. Der andere und juengere des Koenigs Sohn, genannt Johannes, derselbige gewann Pontus gar lieb; demselben auch gar wohl mit mancherlei Kurzweile war: darum so war er gar gern bei Pontus; denn Pontus viel und mancherlei Kurzweile wußt' und konnte, deren er auch viel haet getrieben; und wiewohl er nicht gern deßgleichen thaet mit Jagen, Voglen und allerlei Kurzweil' oder Waidwerk; denn er sonst viel ritterlicher Uebung hatte. Dadurch er jedermann wohlgefiel; denn in allem seinem Thun erzeigt' er sich dermaßen, daß jedermann eine Lust und Wohlgefallen ob ihm hat. Er liebte auch Gott fast vor allen Dingen, ging auch sehr gern und oft zur Kirchen und hoeret' allen Tag Messe und gab gern, um Gottes willen, armen Leuten. Er thaet nicht große Schwuere, nur sprach er: Fuerwahr es ist also; damit beschloß er allweg seine Red' und gebrauchte sich's fuer die hoechste Kundschaft und Bestaetigung der Wahrheit.   Das dreißigste Kapitel Wie Pontus, der nun Sordit hieß, den Stein zu werfen, um der Liebsten willen, die er haette, von des Koenigs Sohn ermahnt ward. Es begab sich eines Tags, daß des Herzogen von Glocester Sohn, der gar ein huebscher und starker Ritter war, aber uebermuethig und stolz, und viel von ihm selber hielt, den Stein warf mit Herr Heinrichen, des Koenigs Sohn, und mit viel andern Herren, und warf den am allerweitesten fuer sie alle. Deß lobet' und ruehmet' er sich fast vor den Frauen und ueberhub sich deß gar sehr. Das thaet Herr Heinrichen, des Koenigs Sohn, fast Zorn, wiewohl er sich's nicht merken ließ. Er ging zu Pontus und sprach zu ihm: »Lieber Freund, geht hin und raechet mich mit dem Steinwerfen; denn Roland von Glocester lobt und ruehmt sich dort vor den Frauen, wie er mit dem Steinwerfen mich uebertreff' und mir fuergeworfen habe, gleich als ob er's allein waere und ihm niemand gleichen moechte.« – »Herr, – sprach Pontus – dieweil es euer Will' und Gefallen ist, so will ich hingehen und das thun: aber ich kann nicht viel damit.« Und nahm den Stein, den sein Herr haet geworfen, in die Hand und warf ihn ein wenig weiter, denn er vor geworfen war. Roland nahm den Stein, noethet' und uebete sich gar fast und warf dem Pontus fuer. Da ging Herr Heinrich zu Pontus und sprach: »Durch die Lieb' und Treue willen der Frauen, so ihr am liebsten habt, so werft den Stein, so fern ihr moeget.« Da nun Pontus erhoerte diese Ermahnung, gedachte er an die schoene Sidonia und sprach: »Gnaediger Herr, ihr habt mich gar hoch ermahnet; denn ich bin meiner Frauen und eigenen Mutter viel Gutes schuldig.« – »Ei, – sprach Genese, des Koenigs Tochter – Sordit, Sordit, ihr seid gar kaum ohn' eine besondere Liebe, der ihr Gutes schuldig seid, als ich vermeine.« – »Gnaedige Frau, – sprach er – ich bin so einfaeltig und ungeschickt, daß mich keine Frau sonderlich mag lieb haben.« – »Gott weiß es wohl.« Sprach Genese; sie aber gedachte heimlich in ihrem Herzen: woellte Gott, daß er mich auch lieb haette, wie ich gern ihn woellte haben! Sordit hub auf den Stein, nach dem als ihn des Koenigs Sohn ermahnet haet, und warf den fuenf großer Schuh weiter, denn ihn die andern geworfen hatten. Und da die Frauen solches von Pontus ersahen, da segneten und verwunderten sie sich sehr darob. Aber Roland von Glocester erschrak deß und sprach: »Ich bin ganz ueberwunden und habe keinen Ruhm mehr meines Werfens halb.« Da fragete Herr Heinrich, des Koenigs Sohn, den Sordit: warum er nicht zum ersten einen solchen Wurf haette gethan. Er antwortet ihm: »Haettet ihr mich nicht also hoch ermahnet, ich haette mich's noch nicht unterstanden; denn ich habe wider sein Gefallen gethan, und das ist mir leid: doch hab' ich euerm Geheiß wollen gehorsam sein; und ihr wißt wohl, daß ich in solchen Dingen niemands Ungnad' auf mich soll laden, und gehoert mir auch nicht zu.« Da erkannte der Herr seine große Tugend und Frommkeit wohl. Genese des Koenigs Tochter ging zu ihrem Bruder und sprach zu ihm: »Lieber Bruder, ich bitt' euch, ihr woellet kommen zu kurzweilen und spielen in meine Kammer und euern Ritter mit euch bringen.« – »Liebe Schwester, – sprach er – das will ich gern tun.« Also kamen sie zu kurzweilen zusammen in ihrer Kammer: da brachte sie ihnen Fruechte und Wein; darnach fingen sie an zu singen und tanzen. Es war aber Sordit fast schwermuethig und sie konnten ihn kaum zu tanzen bewegen. Da er nun tanzen sollte, da sprach er: er koennte nicht tanzen; und tanzete doch am allerbeßten. Darnach machten sie ihn auch singen, und durch Bitte willen des Koenigs Toechter hub er an gar ein huebsches, schoenes Lied zu singen und sang auch am allerlieblichsten. Und als sie nun gesungen und getanzt hatten, da fing des Koenigs Sohn und seine Schwester an zu harfen und baten Sordit auch zu harfen: er wehrte sich fast; doch zuletzt fing er auch an zu harfen gar ein huebsches neues Lied. Da Genese das Lied erhoert, da sprach sie zu Sordit: »Fuerwahr, es bringt mir gar große Freude, daß ihr das Lied koennet; denn es ist das Lied, welches der gute Ritter Pontus, als man uns hat gesagt, von seiner Frauen von Britannia gemacht hat: ich glaub' es auch gern, daß er es gemacht habe.« Sordit schaemete sich und ward roth von wegen der Worte; denn er gedacht' an die von der er's gemacht haet, an die schoene Sidonia. Er lehrte auch des Koenigs Tochter und ihrer Schwester Genese das Lied. Da gingen die zwo Schwestern zu ihrer Mutter, der Koenigin, und sagten: wie daß Sordit das Lied koennte, das Pontus in der Kleinen Britannia haette gemacht. Da mußte Sordit das Lied vor dem Koenig und der Koenigin harfen; die hielten es gar fuer ein koestlich Lied. »Wahrlich, – sprach der Koenig – ihr mueßt mich das Lied lehren; denn es ist gar gut.« Er konnte auch gar wohl viel und allerlei Kurzweile. Einsmals redete Genese mit ihm und sprach: »Sordit, sehet ihr jemand von Frauen oder Jungfrauen in diesem Koenigreich, die euch gefallen, so saget mir das: fuerwahr, so will ich die sein, die euch mit Ehren und gutem Willen dazu helfen soll.« – »Gnaedige Frau, – sprach er – ich danke fast euern Gnaden; ich bin allzeit euer nothduerftig: aber in den Sachen gefallen sie mir alle und habe sie alle lieb, als man fromme Frauen haben soll.« – »Ei, Sordit, sind sie euch alle gleich? Ist ihrer keine, die einen Vortheil habe vor der andern?« – »Gnaedige Frau, – sprach er – sie sind alle fromm und wohl zu ehren und lieb zu haben: so bin ich ein armer Ritter und ist wenig von meiner Liebschaft zu halten und zu achten.« – »Nein, nicht also, – sprach sie – er ist nicht arm, der solche Tugend, Huebschheit und auch Frommkeit an ihm hat, als ihr habt. Und ich weiß fuerwahr keine Frauen in diesem Land, die es nicht fuer eine große Gnad' und Ehre haette, daß sie einen solchen Mann sollte haben, als ihr seid.« – »Gnaedige Frau, – sprach er – ich bin gar fern und ungleich einem solchen Ritter, von dem ihr saget; aber es ist euch ein Wohlgefallen und Freude, mich umzutreiben.« – »Ei, – sprach sie – wir vermeinen es nicht also; fuerwahr, ich rede gleich, als ich mir gedenke.« Der Ritter nahm die Wort' alle im Schimpf auf. Und da Genese verstund, daß ihm solches nicht zu Herzen woellte gehen, da ward es ihr leid; denn, wo sie haette vernommen, daß ihm ihre Red' und Fuernehmen haette gefallen, sie haett' ihm ihr Herz und ihren Willen mehr geoffenbaret. Pontus erkannte das auch durch etliche Wort' und am Gesicht wohl an ihr, daß sie ihn gern haette lieb gehabt, wo er es haette verhaengt; aber er war froehlich mit ihnen allen und gab keiner insonderheit Ursach', ihn lieb zu haben: darum viel Frauen unmuthig und traurig waren, und besonders des Koenigs Toechter.   Das ein und dreißigste Kapitel Wie sich ein großer Krieg erhub zwischen dem Koenig von Engelland und Irland. Nun kam dem Koenig von Engelland solche Maehre zu, wie daß der Koenig von Irland ihm mit Heers Kraft im Land laege, viel und großen Schaden thaete, da ließ er ueberall ausschreiben um Volk und begehrt' aufs baldeste, daß sich jedermann geruestet mache, in Krieg und zu Feld zu ziehen. Da war jedermann gehorsam und willig, ihm hierin zu dienen und zu helfen. Da nun das Sordit vernahm, ging er zu seinem Herrn, des Koenigs Sohn, fraget' ihn und sprach: »Gnaediger Herr, was ist die Ursache, darum mein Herr, der Koenig, euer Vater, mit dem Koenig von Irland krieget? Ist es eine rechte, redliche Kriegsursach', oder nicht?« Deß antwortet' ihm Herr Heinrich: wie sein Vater, der Koenig, redliche und genuegsame Ursache haette, den von Irland zu bekriegen, und der von Irland haette des Kriegs keine Ursach'; und nahm das also auf seinen Eid und Seele. »Herr, – sprach Sordit – ich will mich mit euch wider niemand unrechtlich in Harnisch nimmer legen, noch euch oder jemand dazu verhelfen, und besonders wider die Christen; denn wir sollen die Seelen lieber haben, denn die Leiber, die toedtlich sind; und taeglich ihr End' ist: so muessen die Seelen ihren Lohn empfahen, er sei gut oder boes.« Der Herr hoert' ihm zu der Wort', und gefiel ihm trefflich im Herzen wohl, und lobet' ihn derhalben desto mehr. Und also schieden sie von dannen und ritten mit viel Volks und großem Heer gegen den Koenig von Irland, der nun da zu Feld lag und das Schloß, das er gewonnen, inne hatte. Als aber nun der Koenig von Irland durch seine Spaeher vernahm, wie daß des Koenigs von Engelland zween Soehne mit ihrem Volk wider ihn zu Feld kommen waeren, da ordnet' er sein Volk und ritt gegen sie. Und da sie nun zu beiden Seiten zusammen kamen, da erhub sich zwischen ihnen gar ein großer Streit und ungestuem Geschrei, und wurden gar viel hernieder und zu Tod geschlagen, und blieben viel mannlicher Herren und Ritter allda auf dem Platz, deren Namen anzuzeigen viel zu lang und beschwerlich waere. Sordit, der allezeit große Begierde hat, Ritterschaft zu pflegen und mannliche Thaten vor andern zu thun, schlug zu allen Seiten nieder, wen er traf, und machete sich also zu erkennen, denen, die ihn vor nie gesehen hatten, daß man ihm Raum ließ, wo er hin ritt, und thaet solche Wunder, daß sein niemand wollt' erwarten. Der Koenig sah den Ritter an und gedacht' ihm: bleibt dieser lange leben, so macht er mir das Volk fliehen, daß ich den Streit mueßte verlieren. Er ermahnete sein Pferd, nahm eine große, starke Lanze in seine Hand, rannte mit großer Staerk' auf ihn und traf ihn also hart, daß er sich hinter sich bog, und fiel doch nicht, denn man half ihm. Da gedacht' ihm Sordit in seinem Herzen: ich bin nichts werth, wo ich mich nicht wieder an ihm raeche. Er sah wohl, daß es der Koenig war; er hatt' auch sonst viel guter, mannlicher Thaten von ihm gehoert und gesehen. Er erkannt ihn auch an seinem koestlichen Harnisch, der mit Perlen und edlen Gesteinen geschmueckt war. Sordit bedachte sich bald und rennet' auf ihn, gab ihm so einen großen Schlag auf seinen Helm, daß ihm daemisch und schwindelicht ward und er fuer sich auf den Sattelbogen fiel. Also wollt' er den Koenig nicht mehr schlagen, denn er furcht', er stuerbe, und gedachte bei ihm: wie es schade waere um solchen guten, mannhaftigen Ritter, daß er erschlagen sollte werden; er erhaschet' ihn und zog ihn mit ganzen Kraeften von dem Sattelbogen zu sich auf sein Pferd, als an Wolf ein Schaf. Die Irlaender ersahen das und vermeinten ihrem Herren zu Huelfe zu kommen; aber sie schafften gar wenig, denn Sordit schlug so fast um sich, daß niemand sich zu ihm durfte nahen; und zuletzt fuehrt' er ihn aus dem Haufen hinweg und gab ihn wohl zu verhueten und gefaenglich zu halten. Da die Irlaender hoerten, daß ihr Koenig gefangen war, da verlor ein jeder seine Mannheit; sie fingen an zu fliehen zu dem Gebirg' und Waelden, und wurden ihrer gar viel erschlagen und gefangen in dem Streit und an der Flucht, die sie thaeten. Es ward gar große Freude des Siegs in des Koenigs Hof, und sprachen alle: wie solches durch Sordit waere geschehen. Er schaemete sich fast der Wort' und der Ehre, die man ihm darum gab, und sprach zu dem Koenig und zu der Koenigin: haett' er gewußt, daß man ihm solche Ehre woellte haben gethan, er waere in einem Jahr nicht zu ihnen kommen; denn er solches nicht verdienet haette. »Ei, – sprach der Koenig – wir vermeinen daran recht zu thun; so es euch aber nicht gefallt, so wollen wir das fuerbaß nimmer thun.« Nun fragete man den Koenig: wie man dem gefangenen Koenig von Irland thun und ihn halten sollte? Er antwortet': er wollte mit ihm handeln, wie es Sordit gefiele. Sordit sprach: wenn es dem Koenig gefallen woellte, so braecht es ihm Ehr' und Lob, daß er den Koenig von Irland zu ihm forderte und bei ihm in dem Saal ließ essen. Dem Koenig gefiel das gar wohl und befahl ihm also zu thun. Und des Koenigs Sohn, Heinrich, fuehrte den Koenig von Irland auf den Saal: der war gar ein zierlicher und huebscher Ritter, war erst bei den dreißig Jahren alt und war gar koestlich mit seinem Gewand; denn er haet einen Rock an von braunem gueldenen Tuch, und sein Mantel ging ihm bis auf die Fueße hinab und war mit Zobeln gar schoen unterzogen; und jedermann sah ihn gar fast an. Der Koenig und die Koenigin thaeten ihm alle Ehr' und hielten ihn gar herrlich und schoen, von Sordits wegen, darum, daß der Koenig sein Gefangener war. Und also setzete man den Koenig nieder zwischen die zwo Jungfrauen, des Koenigs Toechter. Der Koenig von Irland war gar ein schoener Ritter und erzeigte sich gar adelich und schoen mit guten, hoeflichen Gebaerden.   Das zwei und dreißigste Kapitel Wie dem gefangenen Koenig von Irland alle Ehr' und Muedigkeit, um Sordits willen, bewiesen ward. Einsmals, als der gefangene Koenig von Irland zwischen des Koenigs von Engelland Toechtern ueber Tisch saß und sein schoen gepfleget ward, da trat Sordit zu ihm hinzu und sprach: »Ihr sollt euch wohl gehalten, gnaediger Herr; denn ihr habet gar ein sanftes und huebsches Gefaengniß, also zu sitzen zwischen den schoenen Jungfrauen.« – »Sicher, – sprach der Koenig – dieweil mir Gott ein solches gutes Gefaengniß giebt, so darf ich nicht trauren noch klagen.« Nach dem Essen fing Sordit an mit Worten zu scherzen mit des Koenigs von Engelland junger Tochter und sprach zu ihr: »Gnaedige Frau, was redet ihr von dem Koenig von Irland? Sollte ich wissen, daß er euch gefiel' und es euer Gefallen waere, so woellte ich davon reden und es fuertragen, ob zwischen euch beiden eine Heirath moechte geschehen und gemacht werden, wiewohl mir das nicht gebuehrt zu thun, noch zugehoert; denn armer Leute Rede hat nicht viel Kraft bei den Maechtigen.« – »Sordit, lieber Freund, – sprach sie – habet ihr solches sobald erdacht?« – »Ja, gnaedige Frau, – sprach er, ich wollte, daß es euch wohl gefiele, denn es gefaellt mir ganz wohl.« – »Es gefiele mir auch wohl, – sprach sie – wenn es meinem Herren und Vater gefiel' und meinen Bruedern: ob ich nicht einen andern moechte haben, der nicht ein Koenig oder Herzog ist, sondern den beßten Ritter von dieser Welt.« – »Gnaedige Frau, – sprach Sordit – es ist schwerlich und nicht wohl zu erkennen, welcher der beßte sei; denn es sind gar viel guter Ritter auf Erden.« Das sprach er darum, daß er vermeinete, sie redete von ihm; darum wollte er ihr nicht recht geben. Darnach gingen sie kurzweilen und zu spielen in einen Garten. Etliche spieleten in dem Schach, etliche im Spielbrett und fingen viel Kurzweil' an. Und nach dem Nachtmal sungen und tanzten sie mit einander. An dem Morgen frueh verschuf der Koenig von Schotten, der des Koenigs von Engelland Schwester haet zu einem Gemahl (so haet der Koenig von Engelland, des Koenigs von Schottenland Schwester zu einem Gemahl), daß alle Fuersten und Herren zusammen kamen, zu betrachten, wie man dem Koenig von Irland thun sollte; und ward viel und mancherlei gerathen, da lang waere von zu sagen. Doch am letzten fragete der Koenig den Sordit. Sordit wehrete sich lang', aber zu dem letzten mußt' er seinen Rath darin geben. Da sprach er: »Dieweil ich je dazu reden soll, so bitt' ich euch, ihr woellet mir das nicht in Argem aufnehmen, als einem jungen Mann, der nicht viel Weisheit hat. Ich habe vernommen, wie die Ursache, darum ihr in Uneinigkeit und Krieg kommen seid, nicht fast groß zu schaetzen, sondern nur eine erdachte Ursach' und ein Muthwille sei solcher großen maechtigen Herren. Nun hoert und merkt, ich will euch sagen, was ich habe gedacht, dadurch guter Friede zwischen euch wird. Das ist's, daß ihr euere juengste Tochter ihm zu einem Weib gebet, damit daß der Krieg zwischen euch ein Ende nehme. Nun habt ihr Macht, hierin zu thun, was euch gefaellt.« Sie antworteten alle und sprachen: »Es ist ein guter Rath, dem auch soll gefolget werden.« Da sprach der Koenig von Schotten: »Sordit, seit von euerm Herzen so sueße Worte gehen, die jedermann gefallen, so befehlen wir euch die Sache.« Da ging Sordit hin zu dem Koenig von Irland und redete mit ihm davon. »Ach, – sprach der Koenig – moechtet ihr das verschaffen und zuwegen bringen, ich waere euch, nach Gott, mehr schuldig, denn keinem andern Menschen in aller dieser Welt, denn von ganzem meinem Herzen begehr' ich ihrer, und ist nichts, das mir baß liebet und gefaellt, denn, das ihr itzt an mich begehret.« Die Sache ward also richtig, und der Koenig ließ sie versprechen gen einander, in Gegenwaertigkeit des Erzbischofs von Kandelberg. Sie vermaehleten sich und hielten Hochzeit einen ganzen Monat, und einen koestlichen großen Hof; und kam dahin der Koenig von Irland mit hundert Rittern, die alle seine Freund' und Verwandten waren. Er begaebet' und schenkte an Sordit vier großer schwarzer Hengste, sechs apfelgrauer Pferd' und fuer sechs und zwanzigtausend Gulden koestliche gueldene Tuecher von braunem Sammet, von Hermelin und von Zobel, schoenen Feh und viel Pelze. Viel und große Gaben wurden auf dem Hof verschenkt. Darnach schickete der Koenig die Koenigin in sein Koenigreich, da man sie fast ehret' und werth haet.   Das drei und dreißigste Kapitel Wie der dritte Sohn des Soldans in Engelland kam mit großer Macht. In dem siebenten Jahr darnach begab es sich, daß der dritte Sohn des Soldans, mit Namen Corbatan, manche Insel und Koenigreich beraubet' und einnahm, den Christen großen Schaden thaet und also viel Land und Leut' unter sich bracht haet. Zuletzt kam er auch in Engelland sein Heil zu versuchen, gleich wie seiner Brueder einer in Gallicia und der dritte in Klein-Britannia. Es war gar ein erschrecklich Geschrei von ihm im Land; denn er haet, mit großen und kleinen, hundert Schiffe. Dieser saget' ab dem Koenig von Engelland und entbot ihm, er sollte das Land raeumen, verlaeugnen den Gekreuzigten und seinen Glauben, und Machometen anbeten. Das Erdreich erzitterte von der großen Gewalt und Menge seines Volks, das dahin kommen war. Der Koenig und seine Raethe sandten ueberall aus nach Volk. Er schrieb auch des Koenigs von Schottenland Bruder und seinem Sohn von Irland und seinem Vetter von Cornuaille und gar viel Freien von Duglas. Und als sie nun zu einander kamen, war des Volks fast viel; da schicket' er nach seinen zweien Soehnen und nach Sordit. Als sie nun sich versammelt hatten, da ritten sie mit einander aus. Und wie sie kamen auf vier Englische Meilen zu den Heiden, da ordneten und machten sie ihre Ordnung, wie sie sein sollte, und waren der Haufen sechs und fast groß, und sie wurden geschaetzet, daß ihrer mehr denn hundert tausend, allein an Fußvolk und an Schuetzen waeren. Da der Koenig Corbatan verstund ihre Zukunft, da ordnet' er zwoelf Haufen; derer waren mehr denn sechshundert tausend zu Fuß, welche gar keck und hochmuethig waren. Die Christen zogen in voller Ordnung gegen sie zu, und als sie eine solche große Welt der Heiden ersahen, da verwunderten sie sich fast sehr, ob dieser großen Menge. Sie hatten sich alle zuvor Gott treulichen befohlen, ihre Suenden gebeichtet, Messe gehoert, das Sakrament genommen und also sich Gott gar ergeben und heimgestellet; derhalben sie viel desto sicherer und kecker waren. Sordit ritt auf und ab bei dem Volk, und troestete sie ganz christenlich.   Das vier und dreißigste Kapitel Wie die Christen die Heiden angriffen und schlugen. Und als sie einander ersahen, da rannten sie freudig zusammem. Es erhub sich da ein groß Geschrei und Krachen und wurden in kurz gar viel hernieder geschlagen, die todt blieben. Der Streit war heftig und groß, auch gar ernstlich zu sehen. Sordit erzeigte sein ritterlich Gemueth, Staerk' und Kuehnheit gar gewaltig und machete Weit' um sich, wo er hin ritt; und alle, die er erreichen mochte mit seinem Schwert, die schlug er hernieder, daß ihrer wenig davon wieder aufstunden. Und indem ersah er einen Heiden, der haet Herr Johannen, des Koenigs Sohn, zu Tod geschlagen, um den er großen Schmerzen trug: den rannte er an und schlug ihn in großem Grimm zu Tod. Corbatan, der Heide, der thaet Wunder mit Schlagen und Wehren, der ersah Herr Heinrichen, des Koenigs Sohn, der gar koestlich war in seinem Harnisch, nahm sein stark, groß und wohlschneidend Schwert, saß auf einem schwarzen großen Hengst, sprengte ihn an und schlug ihn in eine Seiten, das ihm das Schwert zerbrach. Eilends hat er ein ander Gewehr und stach das durch Herr Heinrichen, auf den ein groß Aufsehen war: da ergrimmete jedermann gegen ihn. Da durchschlug Sordit das Feld und machete jedermann vor ihm fliehen mit seinen großen Streichen, die er thaet: und in dem Durchbrechen im Streit sah er seinen Herrn gefallen und auf der Erde liegen; welches ihn fast sehr erschreckte. Da stund er ab von seinem Pferd, half seinem Herrn und fragt' ihn: wie ihm sei? Er sprach: »Wohl, nur, daß ich gerochen werd' an dem, der mir's gethan hat.« Da Wach einer seiner Diener: »Es hat's Corbatan der Heidenkoenig gethan.« Da antwortete Sordit: »Herr, zweifelt nicht daran, ich will sterben oder euch raechen.« Da satzten sie ihn wieder auf sein Pferd und fuehrten ihn aus dem Gedraenge. Darnach nahm Sordit zu ihm etliche und hundert Mann, ersah das Faehnlein des Koenigs Corbatan, eilet' auf ihn durch das Gedraeng' und thaet groß Wunder mit seiner Hand, bis daß er kam zu dem Koenig Corbatan: der war nun gar koestlich in seinem Harnisch und hat eine gueldene Kron' auf dem Helm. Da sprach Sordit zu ihm: »O Herr, ihr entgeht mir nun nicht ohne Wiedergeltung: ihr habt mir meinen Herren verwundet.« Und schlug auf ihn mit aller seiner Staerke, daß er ganz daemisch ward und fiel fuer sich auf den Sattelbogen. Sordit schlug ihm auf seine Band des Helms, daß die zerbrachen und kam ihm mit seinem Schwert unter den Helm und druckte so stark, daß er ihm das Haupt abschnitt. Er nahm den Helm und bracht' ihn seinem Herren. Da den sein Herr sah, sprach er: »Gott sei gelobt! nun will ich desto lieber und leichter sterben, so ich sterben muß.« Und dankete Sordit gar fast. Und als nun die Heiden ihren Koenig todt vernahmen, begunnten sie zu verzagen, dieweil sie keinen Hauptmann mehr hatten. Sordit rennet' unter sie, wo er sah, daß sie am dicksten waren, fing an, in sie zu schlagen und sein Volk zu troesten, und thaet Wunder, bis daß ihn jedermann erkennete durch seine Schlaege; und jedermann floh vor ihm, als die Hasen vor den Hunden, also lange, bis sie alle begunnten zu fliehen von einander, wie die wilden Thiere. Die Heiden wußten nicht, wo sie hin fiiehen sollten. Etliche liefen zu ihren Schiffen, aber Sordit mit den Englischen haengete ihnen so heftig nach, daß sie sich nicht mochten verbergen, jagten sie alle in das Meer und ertraenkten sie. Darnach ging Sordit zu einem Schiff, darin waren Heiden, die konnten Latein reden; da fragete sie Sordit: welches des Heiden, ihres Koenigs, Schiff waere, und wo seine Schaetze waeren? Da war ein Heide, der zeiget' ihm das. Sie nahmen da die Ruder, fuhren zu dem großen Schiff und stiegen darein. Und das Schiff war fast groß und gar koestlich mit Bildern und Gemaelden, daß es eine Lust zu sehen war. Nun waren etliche in dem Schiff, die sich wollten wehren, aber Sordit schlug mannlich mit seinem Schwert um sich, also, daß sie zum Schiff hinaus fielen in das Meer und niemand da blieb, denn allein die zween Heiden, die ihn dazu gefuehrt hatten. Und dieselben versprachen ihm, daß sie wollten Christen werden, dieweil ihr Gott Machomet ihrer so viel haette lassen umkommen und erschlagen werden; sie wurden darnach Christen und Sordit gab ihnen viel Guts. Es sprach ihrer einer zu Sordit: »Dort sind Kasten und Truhen, die sind alle voll Golds und Silbers; denn unser Oberherr und Meister hat das alles von armen Leuten, Inseln und Koenigreichen, darin die Christen waren, und die bei dem Meer wohnten, genommen.« Es waren solche große Schaetze, die darin waren, daß sie niemand mochte aussprechen. Ein jeglicher von den Herren und Freien nahm ein Schiff; denn ihrer waren eilf hundert und die Tuerken waren alle erschlagen; und da war großer Gewinn, denn jedermann ward reich am selben Tag. Sordit fordert zu ihm sein Volk, zu dem er am meisten vertrauet hat, und wollte Soeldner und Kriegsleute bestellen in sein Koenigreich, das die Heiden noch inne hatten, und gab aus große Gab' und Schenkung, daß sich jedermann verwunderte darob, als von solcher seiner Mildigkeit. Und dies geschah an einem Montag. Der Koenig und all sein Hofgesinde hatten große Freude von wegen des Siegs und der Ueberwindung der Heiden, und sprachen alle einhelliglichen, daß der gute Ritter Sordit sie alle ueberwunden haelt', und meinten, wo er nicht waere gewesen, sie waeren von den Heiden alle ueberwunden worden, aber seine große Mannheit haett' ihnen geholfen und dem Land von ihren Feinden. Und doch in solchen Freuden hatten sie auch groß Truebsal, von wegen des Koenigs Soehnen von Engelland, und wurde da fast geklagt. Der Koenig troestete Sordit und die Koenigin mit den andern Frauen und sprach: sie waeren alle erlediget. Da aber Sordit seinen Herrn da todt sah, fing er an heftig zu weinen; da troestete der Koenig den Sordit und sprach zu ihm: »Laß dein Trauren, lieber Ritter; er moecht in keines hoehern Dienst nicht gestorben sein, denn in Gottes Dienst und zu behalten sein Land wider die Unglaeubigen.« Der Koenig, wiewohl er großen Schmerzen in seinem Herzen haet, doch, Sordit zu troesten, erzeigt' er sich wohlgemuth. Bald darnach forderte er seinen Rath, und war da des Koenigs Bruder, der Koenig zu Schotten und sein Vetter, der Koenig von Cornuaille und ein Freiherr, und sprach zu ihnen: »Liebe Herren, ihr habt gesehen die Wunder, die im Koenigreich sind geschehen, auch wie ich habe verloren meine zween Soehne; und so bin ich alt und die Koenigin nicht fast jung; darum sollt ihr gedenken, wer nach meinem Tod das Koenigreich haben und regieren soll.« Da sprach der Koenig von Schottenland: »Ich hab' euere Schwester zu einem Gemahl, und ihr die meine; so halt' ich euch fuer meinen Bruder: aber mich bedaeucht gut zu sein, daß ihr euere Tochter gebt an Sordit; denn, so das geschieht, so wird man euch fuerchten, und wird euer Koenigreich wohl regiert.« Darauf sprachen die andern Herren alle mit einer Stimme, daß der Koenig aus Schottenland wohl gerathen haette, dem auch hierin zu folgen waere. Da gab der Koenig seinen Willen dazu und bat hierauf den Koenig aus Schottenland, daß er solches an Sordit braecht' und davon mit ihm redete. Da ging der Koenig von Schottenland zu Sordit und sprach: »Sordit, ihr sollt Gott danken; denn man haelt euch fuer fromm und getreu, jedermann hat euch lieb und werth: und der Koenig will euch geben zu einem Gemahl seine Tochter Genese.« Darauf antwortete Sordit und sprach: »Ich danke dem Koenig seiner Gnaden und allen denen, die mir solches Glueck und Ehr' auch ander Gutes goennen. Aber sie haben sich hierin nicht wohl bedacht, denn es ist nicht gebuehrlich, daß ich eines Koenigs Tochter sollte haben und ein armer Mann so groß Koenigreich erlangen; denn ich bin von einem geringen Geschlecht. »Was ist das, das ihr redet? – sprach der Koenig – Sind wir nicht alle von einem Vater und einer Mutter? So habt ihr dazu so viel Tugend ritterlicher Thaten und Mannheit vollbracht, daß ihr wohl wuerdig seid, eine solche hochgeborene Jungfrau zu haben zu einem Weib.« Sie redeten viel und mancherlei von den Sachen, aber der Koenig von Schottenland konnte keinen Weg finden, daß Sordit seinen Willen dazu wollte geben; er fand auch alle Wege solche Ausred' und Wehrworte, daß sich der Koenig darob verwunderte. Und als nun der Koenig von Schottenland an Sordit das vernahm, daß er der Sache halb an ihm nichts schaffen mochte, kam er wieder zu dem Koenig und seinen Raethen und verkuendet' ihnen, was er gefunden und erlanget haett' an Sordit, wie er dem Koenig fast Dank saget' und sich selbst so gar erniederte. Da sprach der Koenig: »Sicher, er ist vermaehlet oder versprochen einer Frauen, zu der er ein Wohlgefallen hat, darum er seine Treue halten will.« Darauf sprachen die andern alle: »Ja, gewißlich wird es also um ihn stehen.« Genefe aber, des Koenigs Tochter, war fast betruebt, daß sie ihn nicht sollte haben, und sprach: »Fuerwahr, ich sehe und merke wohl, daß sein Herz anderswo verpflichtet ist, da er seine Treue an will halten; oder er hat vielleicht eine Hausfrauen.« Darum haet sie großen Schmerzen und Unmuth; denn sie sein vor allen Maennern begehren thaet. Nun lassen wir von Sordit und von des Koenigs Hof von Engelland und heben wieder an zu sagen von Sidonia und dem Koenig von Britannia, wie sich die Sache weiter, im Abwesen des Pontus, zutrug.   Das fuenf und dreißigste Kapitel Wie Gendolet, der kluge und boshaftige, nachdem Pontus hinweg war, sich am Hof hielt und das Regiment erlangte. Da nun Pontus von Britannia hinweg war, hatte Sidonia hiezwischen, seiner Hinfahrt halb, großen Schmerzen und Bekuemmerniß; das sie doch klueglich verbergen konnte, daß es niemand an ihr merken mochte, denn allein Eloisa, ihre geheime Jungfrau, die staets um sie war und ihr heimliches Anliegen wußte: die troestete sie staets in solcher Betruebniß. Nun war Gendolet also gescheit und klug und also wohlredend, daß er des Koenigs Meister war, und vertrieb also mit seinem Klaffen Herlanden, den Seneschal, von seinem Dienst und machete, daß ihm der Koenig ungnaedig war, und brachte den Hof gar in seine Regierung, also, was er that, hieß und gebot, daß es war und geschehen mußte, gleichergestalt, als ob es der Koenig selber geheißen und befohlen hat: also hatt' er sich eingedrungen an dem Hof. Als nun viel Koenige, Fuersten und Herren, der Sidonia, des Koenigs Tochter, nachstellten und um sie warben, wiewohl sie das nicht gern hoert' und ihren Willen gar nicht dazu geben wollte, war unter andern Fuersten der Herzog von Bourgogne; nachdem er haet hoeren sagen, von dem Grafen von Muempelgart, daß Sidonia waere die huebscheste, schoeneste und vernuenftigeste, die in allen Landen waere. Da nun der Herzog das vernahm, ward er mit Liebe gegen Sidonia gefangen und haengete also dem nach mit staeten Gedanken, betrachtend, wie er fueglich dahin moechte kommen, um sie zu werben, und fragete: welcher Rath dem Koenig am allerliebsten und naechsten waere? Da ward ihm gesagt und angezeigt, wie der Ritter Gendolet dem Koenig der wertheste und fuernehmeste Rath waere, an dem alles Thun und Lassen stuende. Auf das ließ der Herzog von Bourgogne mit Gendolet reden, thaet ihm große und herrliche Schenkung und verhieß dabei, viel mehr zu thun, wo er daran waere und huelfe, daß ihm Sidonia zu einem Weib gegeben wuerde. Gendolet ward durch den Geiz gefangen, ging zu dem Koenig und sprach zu ihm gar mit schoenen und klugen Worten: »Gnaediger Herr, ich bedenk' allezeit euer und euers Koenigreichs Nutz und Frommen, nachdem ich denn auch zu thun schuldig bin: derhalben daeucht mich fast gut und gerathen zu sein, daß ihr euerer einigen Tochter Sidonia bei euerm Leben einen Mann gebet, dieweil ihr noch frisch, gesund und aufrecht seid, und solltet euch also eine Freundschaft machen mit einem Koenig oder Herzogen.« Und hielt ihm fuer den Herzogen von Bourgogne, wie er sie gern haette, wie er gar ein hoher und maechtiger Mann waere; und waere eine große Thorheit, sollte man ihm das versagen; und redete so scharf und ernsthaft von der Sachen, daß er den Koenig bewegte, davon mit Sidonia, seiner Tochter, zu reden.   Das sechs und dreißigste Kapitel Wie der Koenig durch den Rath Gendolets bewegt ward, seiner Tochter Sidonia einen Mann zu geben. Nachdem nun der Koenig durch den Rath und Fuertrag Gendolets beredet und bewegt ward zu folgen, schickete er bald nach seiner Tochter Sidonia, hielt ihr die Meinung und den getreuen Rath Gendolets fuer und sprach: »Liebe Tochter, der Herzog von Bourgogne, der ist ein naechster Freund des Koenigs von Frankreich, der begehrt euer zu einem Gemahl; und bedunket mich, daß wir ihm das nicht koennen versagen, und ich bin hierin willig, waere es nur euer Wille.« Da sprach Sidonia: »Gnaediger Herr, es dunkt mich noch nicht Zeit oder Nothdurft zu sein, daß ich einen Mann nehme.« Darauf antwortete der Koenig und sprach: »Ihr habt mir solches lange verzogen, und weiß nicht, warum. Und gebet ihr nicht euern Willen dazu, itzt zumal, so werde ich euch nimmer hold sein.« Darob Sidonia fast sehr erschrak, daß sie ihr Vater so hart und uebel behandelte, fiel vor ihm nieder auf ihre Knie und sprach zu ihm: »Gnaediger Herr, es ist kein Ding, das ihr mit mir schaffen koennet und moeget, ich thu' es gern: aber, lieber Herr und Vater, ich hab' ein Gebrechen an mir, daß ich euch nicht darf sagen, bis ich gesund werde. Und ich achte, daß ich vor Pfingsten in dem Sommer nicht gesund moege werden: auf dieselbe Zeit, so meine Sache besser wird, will ich euern Willen ohne Zweifel erfuellen.« Da sprach der Koenig: ihn begnuegte wohl daran, »aber ich geb' euch nicht laenger Frist, als bis auf dieselbe Zeit.« Nun war es dieselbe Zeit desselben Jahrs, daß Pontus von ihr Urlaub genommen hatt' und ihr verheißen wieder zu kommen. Der Koenig haet ein gut Genuegen an ihr, ging zu Gendolet und sagt' ihm die Zeit, die Sidonia ihm bestimmt haet. Darauf antwortete Gendolet: es waere gut; schickete zu dem Herzog von Bourgogne und verschuf so viel hierin, damit die Heirat beschlossen und vereinet ward, also, daß sie sollten vermaehlet werden am Montag in den Pfingstfeiertagen. Sidonia war gar in großer Unruh' und schickete manchmal, zu forschen, nach Pontus, und koennt' ihn doch nicht erfahren, darum, daß er seinen Namen hat veraendert, und war in großem Unmuth Tag und Nacht. Und als sich die Zeit nun naeherte, da erschrak Sidonia gar sehr, schickete nach Herland, dem Seneschal, und klagte ihm ihre Noth. »Gnaedige Frau, – sprach Herland, der Seneschal – ich will euch sagen: Oluner, mein Sohn, ist einer von den waidlichen Rittern des Lands, den auch Pontus fast lieb haet; den will ich schicken in Engelland und Schottenland und ueberall aus in die Lande, nach ihm zu forschen: und findet er ihn, so wird er ihn gewißlich mitbringen.« Da sprach Sidonia: es waere gut, und bat ihn darum. Oluner fuhr darnach ueber Meer, kam zu dem Port von Anthoni und fragete da nach dem Ritter Pontus. Da ward ihm gesaget, wie es bei sieben Jahren waere, daß der beßte und allerhuebscheste Ritter von aller Welt in das Land kommen waere; aber er hieße mit seinem Namen Sordit. Da gedacht' ihm der Ritter Oluner wohl, wie es Pontus waere und haette seinen Namen verkehret, etlicher Ursache halben. Er machte sich also auf den Weg, ging ferner mit seinem Knecht und kam in einen Wald, da waren viel Raeuber in, und koennt' er die Sprache nicht. Als die Raeuber ihn ersahen, so koestlich in seinem Gewand, da liefen sie ihn an, beraubten ihn seiner Kleider, nahmen ihm alles, was er haet, und verwundeten ihn. Doch kam er von ihnen und verbarg sich in dem Wald, damit er sein Leben fristete. Doch so litt er große Armut, daß er schier nackend ging und großen Hunger duldete; denn er niemand fand, der ihn in seiner Widerwaertigkeit getroestet haette oder Huelfe bewiesen. Er war aber fast mehr betruebt und thaet ihm weher, daß er die befohlene Sache nicht mochte ausrichten, denn sein Verlust und die Armut. Er ging durch den Wald und bettelte das Almosen von Haus zu Haus, von einer Thuer zu der andern, bis er kam in Engelland in den koeniglichen Hof. Er kam also auf demselben Tag dahin an dem Abend, als der Koenig von Schotten haet mit Pontus geredet von der Heirat wegen. Pontus war zu Hof und sah den Freuden und dem Schimpf zu, so die jungen Ritter und Gesellen anfingen und trieben. Oluner stund auch da und war ganz nackend und bloß und gar uebel bekleidet. Er sah Pontus an, kennet' ihn, ging zu ihm, kniete vor ihm nieder und sprach: »Mein Herr Pontus, Gott geb' euch, wohl zu leben und allzeit euere Ehre zu mehren, an welchem End' ihr seid!« Pontus erschrak und sprach: »Lieber Freund, mit wem redet ihr?« Da sprach Oluner: »Ich rede mit euch, denn ich erkenne wohl, daß ihr Pontus seid, des Koenigs Sohn von Gallicia, der ihr eine Zeit in Britannia bei dem Koenig gewohnt habt und daselbst auch auferzogen und unter der Zucht meines Vaters auf drei Jahre gewesen. Und daß ihr mich itzund da arm und nackend sehet, das ist mir geschehen um euertwillen und euch zu suchen; und sollt mir nicht desto weniger vertrauen oder glauben, darum, daß ich arm und nackt bin: denn ich bin Oluner, des Seneschals Sohn.« Da nun Pontus das hoert' und vernahm, da thaet er ihn erst recht erkennen, thaet ab seinen Mantel, bedecket' ihn damit, leget' ihm den an, nahm ihn in seine Arme, kuesset' ihn und weinete so sehr, daß er kein Wort mit ihm mochte mehr reden. Er fuehrt' ihn mit sich in seine Kammer und fiel mit ihm nieder auf sein Bett, druecket', kuesset' und halset' ihn gar inbruenstig und sprach: »O Oluner, lieber Freund und Bruder, wie steht es in euerm Land, daß ich euch solchermaß hie sehe?« Da sagte ihm Oluner, wie es in Britannia am Hof zuginge, naemlich, wie Gendolet den Hof unter sich ganz gezogen und bracht haette, wie der Koenig niemand glaubte, denn ihm allein, und wie er seinen Vater vertrieben haette von seinem Amt. Weiter saget' er ihm, wie Sidonia gezwungen wuerde, einen Mann zu nehmen, wie sie ihren Willen nicht dazu geben wollte, was sie fuer Leid und Unruhe darum haett' und wie sie sich zum letzten nicht laenger haette erwehren moegen, denn bis auf diesen kuenftigen Montag in den Pfingstfeiertagen, und sollte dann gemaehlet werden mit dem Herzogen von Bourgogne, der viel boeser Tadel an ihm haett'; und wie Gendolet das haett' angetragen und gethan, von der großen Gabe wegen, die ihm derselbige Herzog gegeben und verheißen haette. »Und Sidonia entbeut euch, – sprach er – sei es euer Gefallen, daß ihr hierin wollet ihr zu Huelfe kommen, durch die Treu' und Liebe, so zwischen euch und ihr ist.« Da Pontus die Ermahnung hoerte, naemlich, daß er durch seine Frau ward ermahnet der Treu' und Liebe, so zwischen ihnen war, da flossen ihm große Zaehren seine Backen herab, und er sprach: »So Gott will, ihr soll und wird wohl hierin geholfen.« Und sie redeten da ferner mancherlei mit einander.   Das sieben und dreißigste Kapitel Wie Pontus seinen Ritter mit sich auf den Saal fuer'n Konig fuehrt' und wie der sie empfing. Als nun Abend ward, daß man wollte zu Nacht essen, da ging Pontus auf den Saal und fuehrte seinen Ritter mit ihm an der Hand; den haet er mit koestlichem seidenen Gewand angethan und wohl geschmuecket und er war gar ein huebscher Ritter anzusehen. Der Koenig ging Pontus und dem Ritter entgegen, mitsammt dem Koenig von Schottenland, und sprach zu Pontus: »O Pontus, warum habt ihr euch selbst so fast geunehret, daß ihr das so lange verschwiegen habt vor uns, und habet uns nicht gesagt, daß ihr des Koenigs Sohn von Gallicia seid?« Nachdem hieß ihn der Koenig sitzen zwischen die Koenigin und seine Tochter; er wollt' oder nicht, so mußt' er's thun: er thaet das ungern und mit großer Pein. Und als sie gegessen hatten, gingen sie in einen Garten: da spielten sie und fingen an mancherlei Kurzweile, damit sie die Zeit vertrieben. Pontus ging zu dem Koenig von Schotten und zu dem von Irland, zu dem von Cornuaille, auch zu den andern Herren und Fuersten, und erzaehlete ihnen Alles von Anfang an, und sprach: »Die Hoffart der zweien des Soldans Soehne haben wir unterdrueckt und vertilget. Nun ist noch der dritte, der mein Koenigreich innen hat, das ich sollt' inne haben und mir zugehoert; darin das Volk große Angst und Noth erlitten hat. Doch hab' ich vernommen, wie das Land gar wohl regiert sei gewesen, also, daß wenig Volks erschlagen ist worden; denn sie machten sich alle unterthaenig: ein jeglicher Mensch mußte geben einen Gulden, und durch dieselbige große Steuer, die die Heiden erhuben, ließen sie jedermann leben und glauben, was einem jeden gefiel' und er glauben woellte.« Da sprach der Koenig von Engelland: »Wir erbieten uns zu euch mit dem Leib, wiewohl daß ich alt bin, und auch dazu mit Leuten, Land und Gut.« Deßgleichen thaet auch der Koenig aus Schottenland und alle andere Koenige und Fuersten. Pontus dankete den Koenigen und Fuersten und sprach: »Ich will keinen Koenig noch Herzogen mit mir fuehren, nur allein Kriegsleute: derer will ich haben bei zwoelftausend, die ich versolden will; denn, Gott sei gelobt, ich habe genug dazu.« Und es war wahr, daß er genug dazu haet; denn er hatte funden in des Koenigs Corbatan Schiff, in dem letzten Streit, so viel und so einen großen Schatz, daß es unaussprechlich war. Er nahm aber von einem jeglichen Koenig die beßten Ritter zu ihm, bis daß er haet so viel, als zwoelf tausend streitbarer und wohlgeruesteter Mann, gab ihnen Sold nach allem ihrem Willen und sie hatten große Freud' und Lust mitzuziehen. Und da sie nun waren in ihren Schiffen, und als es alles wohl zugerichtet und versehen war nach Nothdurft, und sie Urlaub genommen hatten von ihren Herren und Freunden, zogen sie auf ihre Segel und schieden daselbst von dannen mit großen Freuden von dem Port Anthoni. Da schied Pontus von dannen und kam in die Gegend die vor ward genannt Britannia; und er wich mit großem Leid von dem Land. Sie fuhren Tag und Nacht, bis daß sie kamen gen Vannes, da er seinem großen Schiff zu bleiben befohlen hat auf dem hohen Meer; und er sprach: er woellte nicht das Meerschiff von dannen fuehren? und sie sollten Kaufleute machen mit Salz und sollten fahren zu dem Port. Er schuf seine Sache wohl und ordentlich, nahm etliche Schiff' insonders, da er in hatte wohl drei hundert streitbarer Mann. Er hieß sie sich anlegen in ihren Harnisch, als sie waren in einem Wald zwischen Reyß und Vannes, und befahl ihnen, daß sie nicht von dannen sollten weichen, bis sie haetten gewisse Botschaft und Wortzeichen von ihm, daß sie kommen sollten; denn er ihnen entbieten wollte zu kommen auf den Pfingsttag, da die Hochzeit sollte sein auf dem Montag darnach mit Sidonia und dem Herzogen von Bourgogne. Er saß auf sein Pferd und nahm nur einen Knecht allein mit ihm auf demselbigen Tag; und er ritt, bis er einen Bettler fand, der sein Brot um Gottes willen suchte, dessen Kleider und Rock fast zerrissen waren, und haet eine Kappen auf mit Muscheln und Pilgerzeichen daran gehenkt; er sprach zu ihm: »Lieber Freund, wir wollen mit einander wechseln, ich will dir geben meinen Rock um den deinen mit der Kappen.« – »Ach, – sprach der arme Mann – ihr spottet mein.« – »Nein, fuerwahr,« sprach Pontus. Er that sich ab, hieß den armen Mann anlegen sein Gewand und nahm er des armen Manns Gewand und legete das an, auch seine Kappen und den Huth und nahm den Stab in seine Hand. Als sein Knecht das sah, sprach er zu ihm: »Ei, Herr, was thut ihr? Seid ihr nicht witzig, daß ihr ihm gebet euere Kleider um die seinen.« – »Schweig' still, – sprach Pontus – du weißt nicht, warum ich das thue; halt' dich heimlich und still, fuehre die zwei Pferd' in die Stadt und zeuch sie nicht ferner, bis ich zu dir komme.« Da zog Pontus an einem Stab dahin, als ein Pilger, bis er auf den Weg kam, da der Herzog von Bourgogne her kommen sollte. Und bald sah er etliche seiner Diener daher reiten und sah, daß der Herzog von Valles vor ihm her kam und er darnach; er ritt auf einem großen schwarzen Pferd gar gemaechlichen und redete gar ernsthaftig mit Gendolet.   Das acht und dreißigste Kapitel Wie Pontus in Pilgrimsweise dem Herzog von Bourgogne und Gendolet begegnete. Auch wie er zu Hof auf die Hochzeit kam und als ein Bettler gespeis't ward. Und als der Herzog daher ritt, haet er eine Hand auf Gendolets Schulter liegen; da stund Pontus am Weg, und als sie fuerhin ritten, sprach er: »Schau', die zween Soehne sind wohl gezogen, sie haben zween große Baeuch' und sind gar feist.« – »Ei, – sprach Pontus zu Gendolet – euer Bauch hat manche Suppen und gute Bißlein vom Hof gegessen: ihr seid wohl geschickt zu einer Mastsau am Hof.« – Gendolet ward zornig, warf sein Pferd herum und sprach zu ihm: »Bube, wie darfst du mir solche Worte geben?« Und wollt' ihn mit der Geißel geschlagen haben. Pontus erhascht' ihm sein Pferd, kehret' es ihm um, nahm seinen Stab und sprach: »Ihr thut mir nichts.« Und der Herzog sprach zu Gendolet: »Laßt den Buben gehen; denn man mag keine Ehr' an ihm erjagen.« Sie ritten fuerder und Pontus ging hinten nach. Und da er sah, daß sie hinein gen Hof gingen, da wollt' er auch mit ihnen hinein gehen: der Thorwaerter widerredete das, wollt' ihn nicht hinein lassen, nahm ihn bei der Schulter und wollt' ihn wieder heraus werfen; aber Pontus machet' ihn fallen und sprach also: er waere einer von den dreizehn armen Leuten, die essen sollten vor des Koenigs Tisch. Da sprach der Thorwaerter: »Du bist ein boeser, vermessener Bettler; man gebe dir alles Unglueck!« Nun war da eine Gewohnheit, daß man zu eines jeden maechtigen Herren Hochzeit nahm dreizehen armer Mann und setzete die fuer der Braut Tisch, in der Ehre Gottes; und nach Essens so gab ihnen die Braut zu trinken mit ihrer eigenen Hand. Pontus ging und saß nieder, als der dreizehen Armen einer. Man speisete sie von mancherlei Essen: aber Pontus aß wenig und sah staets nur auf seine Frauen Sidonia, welche war fast still und unmuthig; denn Gendolet haet ihr gesagt, wie Pontus todt waere. Nun dachte sie staets an ihn, dieweil eben die Zeit war, da er ihr hatte verheißen wieder zu kommen. Und als die Braut hinaus wollte gehen, da war ein Gang, da die dreizehen armen Maenner in stunden: da war eine Jungfrau, die trug eine silberne Kanne mit Wein und eine andere trug einen gueldenen Kopf, da die Braut den dreizehen armen Leuten zu trinken aus gab. Pontus war der letzte, der trank, und als er den Kopf zu dem Mund hielt, da ließ er einen Ring mit einem Diamant darein fallen, den ihm Sidonia vor Zeiten haet gegeben. Und da er getrunken haet, sprach er zu ihr heimlich: »Gnaedige Frau, trinket, durch Pontus willen.« Als sie den Namen hoerte nennen, erschrak sie vor Freuden und trank den Wein. Und als sie trank, da sah sie in dem Wein den Ring und erkannt' ihn bald; davon sie große Freud' empfing, und wußte nicht, was sie daraus gedenken sollte. Sie schickte bald nach ihrer Jungfrauen Eloisa und sprach zu ihr, daß sie zu ihr kommen hieße den großen armen Mann. Darnach ging sie in ihre heimliche Kammer. Eloisa fuehrte den armen Mann zu ihr und meinte, die Braut woellte vielleicht ihm etwas um Gottes willen geben; und die andern Armen vermeinten auch also; denn sie wußten wohl, daß sie barmherzig war. Nun, da sie in ihrer heimlichen Kammer war, darnach nicht lange kam Eloisa und auch der große arme Mann mit ihr, der gar fast veraendert und verkehrt war, daß ihn niemand mochte erkennen.   Das neun und dreißigste Kapitel Wie Pontus in eines armen Manns Gestalt zu Sidonia kam. Sidonia fing an zu reden mit dem Bettler, nach dem sie geschickt haet, und sprach zu ihm: »Lieber Freund, wer hat dir gegeben den Ring, den ich funden hab' im Kopf? Durch Gottes willen bitt' ich dich, verschweig' mir nichts.« Da sprach er: »Gnaedige Frau, wißt ihr nicht, wem ihr den gegeben habet?« – »Ja, – sprach sie – ist er aber noch bei Leben? Verschweige mir nichts in keinerlei weg.« – »Er lebet wohl.« Sprach er. Da hub sie ihre Haend' auf und sprach: »Gott sei gelobet, daß er noch bei Leben ist!« – »Wie, gnaedige Frau, meinet ihr, daß er todt waere?« – »Ja wohl; – sprach sie – denn Gendolet und viel andere haben mir's gesagt.« – »Wie, wenn ihr ihn saehet, was wolltet ihr dazu reden?« – »Was ich reden wollte? – sprach sie – Ich sage, daß mein Herz keine groeßere Freude nicht empfangen koennte noch moechte. Da er das hoerte, da verkehrt' er nicht mehr seine Rede und reinigete sein Angesicht, das er gefaerbt hat: da erkennete sie ihn auf Stund' und sprach: »O, ihr seid Pontus! Nichts ist in dieser Welt, das mir lieber ist, denn ihr, nach Gott und meinem Vater.« Sie hatte große Freude ob ihm und halset' ihn gar freundlich. »O gnaedige Frau, – sprach er – es ist mir eine große Freude, daß ihr einen Mann habet' und so einen maechtigen, und daß ihr sowohl versehen seid.« Und redete das also, sie zu versuchen. »O, – sprach sie – lieber Freund, davon redet nur gar nichts; denn ich keinen andern Mann haben will, als euch, wenn es euer Gefallen waere, mich zu nehmen; und das versprech' ich euch von Herzen und Mund. Und es ist nichts, hat auch keine Kraft, was man an dem letzten verheißet und gelobt, sondern, was man zu dem ersten verspricht, das ist man schuldig zu halten; denn das erste Geluebde geht allweg fuer: darum ich's auch nicht wankeln will.« – »O gnaedige Frau, – sprach Pontus – das sollt ihr nimmer erdenken gegen mich armen Mann, der sein Brot durch Gottes willen nimmt; und woellet ihr einen so maechtigen Herzogen von meinetwegen lassen? das wollte ich euch nimmermehr rathen, von der Treu' und Liebe wegen, die ich zu euch hab' und trage.« – »Lieber Freund und edler Ritter, – sprach sie – ich will keinen andern nicht haben, denn euch; denn mir waere zu tausend malen baß, bei euch zu leiden Unruh' und solche Armut, als ihr leidet, denn alle Reichthuemer und Gueter des allmaechtigsten Koenigs auf Erden. Und habt ihr etlichen Abgang und Mangel, die hat euch Gott zugeschickt, euch zu versuchen: und darnach wird euch Gott das zwiefaeltig wiedergeben und Ehr' und Reichthum verleihen, nur daß ihr allezeit eine gute Hoffnung und Vertrauen zu ihm habt.« Da nun Pontus hoerete die große Treu' und Liebe von ihr gegen ihn, sprach er: »Gnaedige Frau, es war nie keine bessere Liebe, denn zwischen euch und mir ist: darum will ich euch itzt nichts mehr verschweigen. Wisset fuerwahr, daß ich Gold und Silber auch edel Gestein mehr habe, denn euer Vater, mein Herr; und habe zwoelf tausend streitbarer Mann, denen ich Sold geb' ein ganzes Jahr, mir zu helfen streiten und das Koenigreich wieder zu gewinnen, das meines Herren und Vaters ist gewesen. Damm fuerchtet euch nicht. Und ihr sollt itzund gehn und dem Stechen zusehen; und laßt euch fuehren zu Polidas, meinem Vetter, heißt auch meine andern Gesellen bei euch stehen, welche ihr wißt, die ich lieb habe: und ich will kommen auf die Bahn und will stechen. Bewahr' euch der allmaechtige Gott! ich kann nun nicht laenger bei euch sein.« Er halsete sie gar freundlich, und durfte doch sie nicht kuessen und auch darum nicht bitten. Also ging er von ihr und hinkte dahin, als ein Bettler, der da lahm waere. Er kam also zu seinem Knecht, der sein wartete, sprang auf sein Pferd und ritt durch den Wald zu den andern seinen Gesellen. Da sie ihn sahen, da erkannten sie ihn nicht mehr und waren etliche unter ihnen, die sprachen; er waere ein Spaeher. Aber er hub an und lachet' und saget': »Ich bin Pontus.« Da thaeten sie ihn erkennen und fingen an zu lachen und lachten sein gar genug. »Herr, – sprach der Graf von Glocester – es haette nicht viel gefehlet, wir haetten ein Unzucht an euch begangen und erzeigt: wie habet ihr euch so gar unterthaenig gemacht?« Da befahl er ihnen, daß sie sich sollten in Harnisch legen, heimlich zu stechen, und sollten auf die Bahn kommen, nach einander, je zwanzig, je dreißig; und daß keiner nichts thaete, denn, was man ihm befoehle. Pontus sagt ihnen den Hof und die Hochzeit. Er ging mit vierzig seiner Ritter, der beßten, die thaeten ihren Harnisch an, und sagte ihnen seine Sach und Anschlaege. Sie ritten also auf die Bahn zu stechen. Die von Britannia und Burgund nahmen Wunder, was Leute das waeren, die so mit einer koestlichen Kleidung und Ruestung kamen und so wohl stechen konnten. Und als nun Sidonia dahin kommen war, mitsammt andern Frauen zu dem Stechen: da kam Polidas, nahm sie dem Gendolet, der sie fuehrt', und sprach: er woellte sie zu dem Stechen fuehren; denn sie haette das vormals also mit ihm geschaffet. Gendolet ward zornig darum und ging hinweg. Sidonia sagete dem Polidas, wie sein Vetter Pontus da waere und wuerde bald stechen. Da das Polidas vernahm, da empfing er große Freude darob. Als er kam, da ist nicht zu sagen, was fuer Freude Sidonia empfing, da sie ihn sah kommen, der da der ausrichtigeste und freudigeste Stecher war unter ihnen allen, und schlug darnieder Ritter und Knecht, brach viel Spieß' und trieb Wunder. Sidonia neigete sich zu Polidas und sprach: »Sehet zu dem Ritter, der blau traegt in seiner Kleidung und eine weiße Frauen, die einen Loewen hat an einer Ketten, in dem Schild, und hat gueldene Buchstaben darum, die lauten: Gott hilf! und hat fuenfzig Gesellen, die alle seine Farb' und Zeichen fuehren, ausgenommen die gueldenen Buchstaben. Sicher, – sprach sie – der mit den gueldenen Buchstaben ist Pontus, euer Vetter, und die andern sind seine Gesellen.« Da sprach Polidas: »Gnaedige Frau, ich erkenne ihn gar wohl an seinem Reiten und auch an seiner ritterlichen That, die er thut; darum so hab' ich große Freud', also, daß ich nicht groeßere Freude moechte haben.« Und saget auch: wie seine Gesellen, die um ihn hielten, ihm trefflichen wohl gefielen. Darnach da kam der Herzog von Burgundia auf die Bahn. Er saß auf einem großen Pferd von Hispania, war auch gar koestlich in seinem Harnisch und hat dreißig Ritter, die seine Gesellen waren und alle mit seiner Farbe bekleidet: die hatten ihre Lanzen eingelegt und fingen an zu rennen und zu stechen wider die Britannischen, die auch auf der Bahn hielten. Da das Pontus ersah, da begunnt' er auch zu stechen gegen sie und fing an, Ritter und Pferd nieder zu stechen; darob sie alle erschraken und sich entsatzten. Der Koenig mit den Frauen und die andern Ritter und Herren, die da zusahen, forscheten: wer der große, gewaltige Ritter waere, der die Frau in seinem Schild fuehrete, die einen Loewen an einer Ketten haette mit den gueldenen Buchstaben, und der so viel Gesellen haett' in seiner Farbe? Jedermann sprach: er wueßte es nicht. Nicht lange darnach begab es sich, daß Pontus dem Herzogen von Bourgogne entgegen kam: der war gar koestlich in seinem Gewand, und Pontus gebauchte wohl, wie er es waere oder aber ein anderer maechtiger Herr von Bourgogne. Er schlug bald sein Pferd mit den Sporen gar groeblich und traf den Herzogen von Bourgogne in seinen Schild; sein Speer war groß und stark und er traf ihn also haertiglich, als einer, der viel Kraeft' und Staerke haet, und besonders an einem solchen Ort, da seine Frau Sidonia stund und das zusehen mußte, die er lange nicht gesehen haet, und stieß ihn also hart, daß er ruecklings ueber sein Pferd fiel und blieb mit einem Fuß in dem Stegreif hangen, daß ihn das Pferd also schleifet' in einen Graben; es lief durch das Gedraenge und wollt' ueber den Graben sein gesprungen und fiel so groeblich, daß der Herzog darunter kam, beide sturben, und er vor kaum zu beichten kam. Die von Burgundia waren unmuthig und traurig um ihren Fuersten und Herren; denn jedermann sah wohl, daß der Braeutigam todt war. Pontus hoerte wohl das Klagen, und wie der Braeutigam todt waer', aber es kuemmerte ihn nicht fast, und auch deßgleichen Sidonia. Pontus mit seinen Gesellen stunden ab von ihren Pferden und gingen hinauf zu den Frauen: da grueßten sie die Frauen alle und gingen zu Sidonia. Pontus nahm Sidonia mit der Hand und sprach zu ihr: »Gnaedige Frau, ihr mueßt mein Gefangener sein; doch will ich euch ein gutes Gefaengniß geben.« Sidonia ward schaamroth und haet doch große Freude darob in ihrem Herzen, die niemand erdenken mag, antwortete Pontus und sprach: »Ist es also, daß ich euer Gefangener muß sein, so will ich es leiden.« Der Koenig ging hinaus und war fast unmuthig von wegen des Tods des Herzogen von Bourgogne. Alsbald er aber bei sich betrachtete die große Ritterschaft, die Pontus thaet und begangen haet und wie er seine Tochter genommen, da gewann er große Freud' und sprach: es haette Gott also geschickt und geordnet, daß sie ihm zum Weib werden sollte, und er moechte sie auch keinem bessern Ritter geben, denn ihm; »denn an ihm – sprach er – ist so große Wuerdigkeit und Frommkeit, daß er wohl wuerdig ist zu haben des nahmhaftigsten Koenigs Tochter, der da lebet auf dieser Erde. Und sicher, ich vermeinet', er waere todt, nach dem, als man mir zu verstehen hat gegeben.« Und ging also mit offenen Armen gegen Pontus und sprach zu ihm: »Seid mir Gott willkommen, lieber Pontus, edler Herr und Ritter; euere Zukunft giebt mir große Freud': und daß ihr meine Tochter haben sollt, bin ich ganz willig und zufrieden.«   Das vierzigste Kapitel Wie Pontus sich vor dem Koenig demuethiget und ihm koenigliche Ehre beweiset, mit Wuenschung langes Lebens und alles Gluecks. Wie nun Pontus sah, daß der Koenig gegen ihn ging, fiel er nieder auf seine Knie, thaet seine Haube ab und bat Gott, daß er ihn behuetete vor Uebel, ihm langes Leben gaebe, und seinem allergnaedigsten Herren, was ihm lieb und nuetzlich waere. Da umfing ihn der Koenig und hatten sie große Freude. Nun ist nicht zu schreiben, wie schoen und hoeflich er von Sidonia empfangen ward; auch von seinem Vetter Polidas und von den andern seinen Gesellen, die alle voll Freuden waren, und wußten nicht, wie sie solche Freude gegen Pontus genugsam sollten ausgießen und anzeigen. Gendolet, der haessige und neidische Mensch, der ihm alles Gluecks und Ehren mißgoennete, stellte sich auch dergleichen mit dem Mund und Gebaerden, als ob er sich heftig freuet': aber es war eitel Gleißnerei mit ihm und war ihm gar nicht im Herzen, sich zu erfreuen; denn er war aller seiner Hoffnung beraubet. Darauf gingen die Herren und Freien zu Pontus, und der Graf von Leon redete fuer die andern alle mit Pontus und sprach gar freundlich und lieblich zu ihm und hielt ihm fuer: als er des ersten in das Land kommen waer' und darinnen erzogen, haelt' ihn der Koenig gar lieb gehabt; wie man ihn durch Neid gar faelschlich vor dem Koenig haet beredet und verschwaetzt, wie der Koenig alt waere und glaeubte gleich, was man ihm sagte. Und sagt' ihm weiter, daß der Koenig ließe mit ihm reden, mit gutem Willen seiner Landschaft, daß er ihm seine Tochter Sidonia begehrte zu geben zu der Ehe, und daß er also nach seinem Tode Koenig bliebe. Als Pontus solches vernahm und er auch nichts anders begehren thaet, antwortet' er darauf und sprach: Er danket' fast und sehr dem Koenig und den Herren und Freien, die da waren von seinem Land, und sprach: er waere gehorsam und willig, ihr Gefallen zu thun; denn er haette sie lieb fuer alle andere. Die gesandten Herren waren froh dieser seiner gegebenen Antwort, gingen hin, sagten die Maehre dem Koenig und zeigten ihm dabei an, wie gutwillig sie ihn in der Sache gefunden haetten, wie er noch eingedenk waere aller Ehren und Wohlthaten, so ihm vom Herrn Koenig und seinem Hof, auch von der Landschaft bewiesen und erzeigt waeren worden: darum er auch seine Tochter vor allen in der Welt haben wollte. Darob empfing der Koenig ein groß Wohlgefallen, schickete von Stund' an nach dem Bischof und ließ sie gegen einander, nach christlicher Ordnung und Gewohnheit versprechen.   Das ein und vierzigste Kapitel Wie Pontus mit Sidonia vermaehlet ward; und verhieß sich Sidonia, seiner Hausfrauen, nicht eher beizuliegen, bis er Gallicia wieder gewoenn. Als nun Pontus und Sidonia einander versprochen waren, da wurde angesetzt, daß sie gleich am Montag darnach sollten vermaehlet werden. Also geschah, daß der Bischof kam und sie zur Ehe zusammen gab. Da war viel Hofierens, große Freude, mit Pfeifen, Drommeten und mancherlei Saitenspiel, und es frohlockete jedermann. Von der Freud' aber, die Pontus und Sidonia in ihrem Herzen hatten, ist nicht zu sagen; denn sie hatten zu tausendmal mehr Freud' in ihrem Herzen, denn sie beide auswendig erzeigten. Pontus, der war fast weis' und wollte niemands Unwillen haben und ging zu den Burgundischen, zu des verstorbenen Ritter Bruder und zu dem Grafen von Muempelgart, beredete sich gegen sie und sprach: »Liebe Herren, die Abentheure, die ungefaehrlich geschehen ist, ist mir fast leid, von des Herren Tod wegen; und fuerwahr, als er mit mir stach, wußte ich nicht, wer er war.« Darauf antworteten sie ihm: sie glaubten das wohl; denn es auch oft mehr geschehen waere; davor niemand moechte sein. Und an dem Morgen darnach ließ er viel und großen Gottesdienst fuer den Herzogen thun und gab groß Gut, durch Gottes willen, zu Trost und Heil seiner Seelen, also, daß dergleichen Gottesgaben vor nie gehoert noch gegeben waren worden; darum man ihm groß Lob und Ehre nachsagte; davon auch des verstorbenen Herzoges Freund' ein groß Vergnuegen hatten, und dankten ihm fast. Sein Leib ward balsamiert, und man fuehrt' ihn in einem beschlossenen Wagen in sein Land. Und Pontus ritt mit dem Leichnam wohl drei große Meilen, mit viel Windlichtern, und ehret' ihn, als viel er mochte, wiewohl er nicht fast unmuthig war um seinen Tod. Die Herren von Burgundia machten ihn wiederkehren mit großer Bitte und nahmen Urlaub von ihm; sie lobten Pontus fast und hielten viel von seiner Mannheit und auch Muedigkeit. Und jedermann achtete, daß ihn Gott insonderheit lieb haette, dieweil er ihn so wohl gelehret und so fromm gemacht haette. Darnach ging er zu dem Koenig und zu den Herren und sprach zu ihm: »Gnaediger Koenig, ihr habet wohl gehoert, daß ich hab' ein groß Heer, damit ich mein Koenigreich, das die Heiden bekuemmert haben, wieder gewinnen will: und waere es nun euer Gefallen, so woellte ich aus euerm Koenigreich Leute haben, die da Sold nahmen von mir; und ich will sie ehrlich ausrichten und sie besolden, bis auf Aller Heiligen Tag.« – »Ei, – sprach der Koenig – lieber Sohn, ihr sollt nicht sorgen um Soeldner: nehmet meinen Schatz, und was mein ist. Und waere es euch ein Gefallen, ich wollte selbst mit euch ziehen und euch Gesellschaft leisten; denn ich bin alt und ist nicht großer Verlust an mir: und ich weiß und kann keine bessere Reise thun, die mir nuetzer und zu meiner Seelen Heil foerderlicher sei, denn also in dem Dienst Gottes arbeiten.« Pontus danket' ihm fast seiner Huelf' und sprach zu ihm: er sollte auf diese Fahrt nicht mitziehen; »sondern ihr sollt bleiben – sprach er – in euerm Land. Und ich will auch euern Schatz nicht; denn von der Gnaden Gottes hab' ich selber Schaetze genug zu meinen Sachen. Aber euer Volk zu nehmen, thu' ich gern; denn sie find die, die ich am allerliebsten, zu denen ich in der Noth die groeßte Zuflucht habe.« Die Herren und Ritter hatten eine große Freude, von des Heers wegen, und ihrer jeglicher erbot sich insonderheit, mit ihm zu reisen. Darnach schicket Pontus nach einem großen Schiff und auch nach einem Theil seiner Schaetze, daß die nahe vor seiner Hochzeit sollten gen Vannes kommen. Und als nun der Schatz kommen war, da schenket' er Sidonia Kronen, koestliche Kraenzlein und andere gute Kleinode von Gold und Perlen, auch ander edel Gestein und viel gueldene Tuecher und koestlich Pelzwerk von Zobel, auch von Hermelin, also viel, daß es groß Wunder war. Darnach gab Pontus dem Koenig schoene Kleider mit koestlichen Steinen und Perlen, auch mit gueldenen Knoepfen. Auch die andern Herren von Britannia begabet' er ehrbarlich mit großen Gaben von Gold, einen jeglichen nach seinem Stand und Wuerde. Er ward durch seine Gabe und Muedigkeit hoch gelobt und gepreis't, als ein milder, reichlicher Herr. Auf dem Tag, als nun Pontus Hochzeit hielt, waren da zugegen die Herren von Schottenland, Engelland und auch Irland, gar koestlich und herrlich in ihren Kleidungen, welchen die von Britannia große Ehr' und Zucht bewiesen. Der Hof und die Freude waren fast groß und der Drommeter und Herolde waren so viel, daß es unsaeglich war, und Pontus schenket' ihnen viel großer Gaben. Da war auch mancherlei seltsam Essen und Getraenk von mancherlei Wein. Pontus thaet da oeffentlich ein Geluebde, davon man viel Rede hat, und sprach: »Darum, daß man nicht moechte sprechen, daß des Koenigs Tochter einen Mann ohne Land haette genommen, verheiß' ich, daß ich nimmer will kommen an ihr Bette, bis ich gewaltiger Herr werde des Koenigreichs, so meines lieben Vaters gewesen ist, und ich auch deß gekroent werde. Und ich spreche bei der Wahrheit, daß ich sie vor nie gekuesset hab' in unehrbarer Begierd' und hab' auch nie an sie begehret keinerlei Unzucht, also wenig, als ich an meiner Mutter begehret habe.« Das redet' er von der Worte wegen, die der Koenig vormals zu ihm gesprochen haet, darum er von Britannia abgeschieden war. Sidonia hoerte sein Verheißen und Geluebd' und empfing darob große Lieb' und Freude; doch waere sie lieber bei ihm gewesen. Und als nun fuenfzehen Tage vergingen, da kamen aus allen Landen Fuersten, Herren, Ritter und Knechte gen Vannes, Pontus zu Dienst und Gefallen, und versammlete sich da gar ein groß Heer Wider die Heiden. Huebsch war zu sehen das Heer, das fast gewaltig, groß und wohlgeruestet war.   Das zwei und vierzigste Kapitel Wie Pontus vom Konig und Sidonia mit seinem Heer in Gallicia zog. Als nun Pontus von dem Koenig und Sidonia Urlaub genommen haet, zog er mit gewaltigem Heer in Gallicia, die Heiden auszutreiben und das Land einzunehmen, und kam gen Sales zu dem Port Dorbendalle: da waren große Schiffe hin kommen mit großer Gesellschaft, die da warteten auf Pontus. Als nun Pontus kam, da ritt ihm entgegen Gottfried von Lusignan und Andre von Lator, die empfingen ihn gar schoen mit großen Freuden, als zween Ritter, die ihm in aller Welt die liebsten waren; und er schenkt' ihnen groß Gut. Darnach kam Wilhelm von Rosches, der ein guter Ritter war, und Payen von Rochefort und der von Damille und Peter von Dourme, Gerhart Castelgontier und Leo von Maulmirier, der da Hauptmann war ueber Hurepois, und Massulp von Touraine, der Graf von Torwarts, der Graf von Lamarcha; und der meiste Theil waren Freien und Herren. Pontus gab ihnen groß Gut, also, daß sich jedermann verwundert' ob seiner Mildigkeit; und sprachen gemeiniglich: man sollte ihm dienen vor aller Welt, und er waere auch wuerdig zu regieren und zu gewinnen die ganze Welt von wegen seiner Tugend und großen Mildigkeit. Pontus verschuf jedermann Speis' und alle Nothdurft zu diesem Zug, und sie fuhren da von dannen mit großen Freuden. Und bald darnach kamen ihnen zu die andern Schiffe: und da ward sein Heer erst huebsch zu sehen, als es bei einander war und war gleich anzusehen, als ein dicker Wald. Und als sie nun kamen auf drei Meilen zu Cologne, da schrie Pontus aus, daß man da bleiben sollt', und sprach: man mueßte bei Nacht in das Land kommen. Und daselbst, als der Mond schien, mochten sie sehen die Stadt Cologne. Und sie stunden alle ab, bei der Stadt eine Meil' oder zwo, und ließen ihre Schiffe wiederum ein wenig hinter sich fahren, damit man nicht moechte sehen und erkennen ihr Vermoegen. Das geschah also, nach Pontus Geheiß. Und als es nun Nacht war und sie sich wollten niederlegen, da befahl Pontus, auf zu sein, und daß sich ein jeder zu seinem Schiff machte und fuehren bis zu der Stadt Cologne auf eine Meil' und ruhten da die ganze Nacht. Etliche fuehrten ihre Schiffe wieder hinter sich, etliche hielten sich bei einem Wald, damit man ihrer nicht koennte wahrnehmen: und da lagen sie und hielten sich auf das allerstilleste, so sie mochten und konnten. Pontus saß auf ein Pferd und ritt zu Ende des Walds, zu suchen und zu erforschen die Gelegenheit der Gegend und des Lands, und kam also ungefaehr zu einer Kapellen. Da stund er ab und ging hinein: da fand er darin knien und beten zween Ritter, die ihm doch unbekannt waren, den Grafen von Estor, der sein Oheim war, und Patrises, den Ritter, der die dreizehen Kinder in dem Schiff auf dem Meer hinweg geschickt haet. Diese zween hatten einander fast lieb, als ob sie Brueder waeren; die hatten auch dem Volke geholfen, daß sie dem Soldan den Zins sollten geben, damit sie nicht vertrieben wuerden, also lange, bis Gott zu Huelfe kaeme, das Land unter seinen rechten Herren braecht' und es von den Unglaeubigen gereiniget wuerde. Und dieselbigen gingen also frueh vor Tag zu der benannten Kapellen, zu beten und Gott zu dienen; und die Heiden wußten die Kapelle nicht, denn sie hatten ihrer nie wahrgenommen noch erfahren. Nun, als Pontus zu der Zeit, als der Tag herbrach, darein kam und die zween ersah, da ward er fast froh und gedachte wohl in seinem Sinn, wie daß es Christen waeren, dieweil sie da knieten, betende. Und als die zween Ritter vernahmen und hoerten, daß jemand hinein zu ihnen ging, da erschraken sie; denn sie vermeinten, es waeren die Heiden und woellten sie fahen; und waren in großer Angst und Sorgen; denn sie kannten Pontus gar nicht. Da Pontus nun sah, daß sie furchtsam und erschrocken waren, sprach er zu ihnen: »Wer seid ihr? Nennet euch ohne Sorg' und Furcht.« Und sie antworteten ihm wiederum: »Wer seid ihr? daß ihr daher zu uns kommen seid?« Pontus sprach: »Ich will euch, so Gott will, nichts verschweigen: ich bin ein Christ.« Da sprach der Graf von Estor, der sein Oheim war: »Seid mir Gott willkommen; denn euere Gesellschaft gefaellt mir wohl: und wir beide sind auch gute Christen in unsern Herzen und Gemuethern, und bitten euch, daß ihr uns saget, wer ihr seid.« Da antwortet' ihnen Pontus und sprach: »Fuerwahr, ich heiße Pontus und bin des Koenigs Sohn von Gallicia, den der Soldan erwuergt hat; und mir steht das Land zu.« Und als nun sein Oheim, der Graf, hoerete, daß er Pontus war, da lief er mit offenen Armen zu ihm, halset' und kuesset' ihn und sprach: »Ach Gott, nun hab' ich alles, was ich begehren moechte. Ach, lieber Vetter, Gott sei gelobet, daß ihr mir zu sehen seid worden vor meinem Ende.« Da Pontus vernahm, daß er so nahe sein Oheim war, da hatt' er groß Erbarmung mit ihm und sprach: »Herr und mein Oheim, ihr machet große Freude meinem Herzen, ist das wahr, das ihr mir sagt.« Und in dem Gespraech, da ward es Tag und hell; da thaeten sie einander erkennen. Da er ihn nun erkennete, da kuesset er ihn mit weinenden Augen an beide Seiten und sprach: »Mein lieber Vetter, wie seid ihr so gar allein kommen? Es ist fast sorglich mit euch; denn wuerde man euer innen und gewahr, euer Leben stuende ganz in der Waage, so daß ihr sterben mueßtet.« – »Mein lieber Oheim, – sprach Pontus – ich habe, nicht fern von hinnen, vierzig tausend Mann, und sind die allerbeßten von Engelland, Schottland, Irland und von Britannia, und von viel anderer Fuersten Landen, die unsere Nachbaren sind.« Als sein Oheim das hoerte, da fiel er nieder auf seine Knie, hub auf seine Haende gen Himmel und dankete dem allmaechtigen Gott. Darnach fing er an und zeigete Pontus die Gewohnheit und alle Gelegenheit des Lands. Und darnach fuehrte sie Pontus, sein Volk zu schauen. Da sie das sahen, da hatten sie große Freud' und sagten an Pontus, wie er sich mit seinem Volk halten sollte. Der Graf von Estor sah seinen Sohn, der gar ein schoener, vollkommener Ritter war, er halsete, kuesset' und empfing ihn gar schoen. Er sprach zu Pontus und den andern: »Ihr Herren, ihr sollt euch zurichten, und ich will verkuenden dem Koenig Produs und sagen: die Christen seien kommen und woellen ihm das Land wieder abgewinnen; wo man nicht in der Zeit dazu thue, so werd' es sorglich stehen. Und wenn er das vernehmen wird, so wird er ausreiten mit allem seinem Volk, ungeordnet; dadurch ihr sie ganz leichtlich ueberfallen, schlagen und Sieg an ihnen gewinnen moegt. Darum sollet ihr schicken ein kleines Schiff nach euern großen Schiffen, damit sie unverzueglich kommen. Und ihr sollt auch anzuenden etliche Haeuser; dadurch werden sie gedenken und abnehmen, daß euer Vermoegen nicht so groß sei, als es denn ist, und darum sie dann desto frecher und sich ohne Ordnung halten werden.« Damit nahm er Urlaub und ritt gar frueh wiederum in die Stadt, nach seiner Gewohnheit, zu der Zeit, als der Koenig aufpflag zu stehen. Und als er zu ihm kam, da grueßet' er ihn, in dem Namen Machomets, und sprach darnach zu ihm: »Gnaediger Herr Koenig, die Christen sind kommen in euer Land, dasselbe zu gewinnen, und sind auch nicht mehr denn eine Meile von hinnen.« Da fraget' ihn der Koenig: ob ihrer wenig oder viel waeren? Da antwortet' ihm der Graf und sprach: »Ihrer sind wohl bei fuenfzig Schiffen; nach meinem Bedunken sind ihrer nicht mehr.« Darauf antwortete der Koenig Produs: »Sie moegen uns nicht großen Schaden thun. Aber ich will euch sagen einen Traum, der mir getraeumet ist. Es kam mir fuer, wie ich zu einem schwarzen Wolf waere worden und ein großer weißer Windhund lief mir nach, und haengete mir derselbige so lange nach mit Beißen und Zerren, bis er mich vom Leben zum Tod brachte.« – »Ei, – sprach der Graf – man soll nicht an die Traeume glauben.« – »Ihr redet recht, – sprach der Koenig – heißet die Drommeter bald aufblasen, daß sich jedermann in Harnisch lege: so wollen wir die Raeuber auf dem Meer fahen und die lassen schinden und schleifen.« Der Graf antwortet': es waere recht. Und er ging hin und schrie: Mordio! Da ruestete sich jedermann, thaeten ihren Harnisch an, saßen auf ihre Pferd' und warteten auf den Koenig. Der Koenig haet sich koestlich angethan in seinem Harnisch und ritt aus, ohn' Ordnung seines Volks; und waren wohl auf zwanzig tausend Reisiger, ohne Schuetzen und andere, die zu Fuß liefen. Pontus hatte seinen Haufen und Volk geordnet und vier tausend Mann, wohlgewaffnet, in einem Thal, zwischen den Heiden und der Stadt, verborgen, und befahl ihnen, in die Feinde zu fallen, wenn sie sich am mindsten besorgten. An der andern Seiten war Patrises mit sieben hundert streitbarer Maenner und wartet' an einer heimlichen Statt, bis es ihn Zeit dunkete. Der Koenig spornete sein Pferd und rennet' eines Rennens, bis daß er sah einen Rauch auf dem Meer, und sah nicht mehr, denn fuenfzig Schiffe, kehrete wiederum zu seinem Volk und sprach: »Wir wollen sie ueberfallen; denn sie sind alle unser: ihr Herr Jesus Christus mag ihnen nicht helfen und sie erledigen von unsern Haenden.« Und rennet eines Rennens, bis zu der Statt, da die vier tausend verborgen lagen: da sah er das große Volk, das da verborgen lag und verwunderte sich gar fast darob. Und da vermeinet' er auch, sein Volk zu ordnen und brachte sie eines Theils zur Ordnung, die waren fast freudig. Als er also mit seinem Volk da still hielt, da hoert' er zwischen den Seinen und der Stadt ein groß Geschrei und sah sein Volk gegen ihn her fliehen. Und als er das sah, da sprach er mit lauter Stimme: »Es ist keine Huelfe, zu fliehen; wir muessen sie behend ueberfallen und angreifen.«   Das drei und vierzigste Kapitel Wie Pontus mit seinem Volk die Heiden vor der Stadt Cologne angriff und schlug. Sie mahnten ihre Pferde mit harten Sporenschlaegen, rennten gegen die Christen, ihr Volk zu entsetzen, die Christen dergleichen auch gegen sie, und trafen gewaltig, zu beiden Theilen, daß ihrer viel da blieben. Es war zuvorderst im Anrennen und Treffen Gottfried von Lusignan, der sich mannlich hielt und große Wehr und Schaden thaet: den ersah der Koenig, sprengte mit seinem Roß auf ihn zu, gab ihm gar einen harten Stoß in eine Seiten, daß er beinahe kraftlos worden waere, zog darnach aus sein Schwert, rufete seinen Gott um Huelf an und sprach: »Hilf, Machmet, hilf!« Und was er anruehrt' und mit dem Schwert traf, das schlug er alles zu Boden und hernieder, daß sich gleich die andern darob entsatzten. Da aber das Pontus ersah, der große Begierde haet zu dem Fechten, und besonders mit denen, die sein Koenigreich inne hatten, schlug er auf beiden Seiten um sich, und was er fuer Heiden traf, schlug er zu Tod. Die Heiden hielten sich bei ihrem Herren und Koenig der unsers Volks viel toedtete. Und Andre von Lator sah Gottfried von Lusignan auf der Erde liegen und wie er sich selber nicht mochte helfen; denn er war hart wund und in Sorgen seines Lebens: er schlug nieder einen Tuerken, nahm ihm sein Pferd, ritt wider allen ihren Willen zu Gottfried von Lusignan und sprach zu ihm: »Lieber Gesell, sitz' auf; denn hier ist gar sorglich zu Fuß stehen.« Gottfried saß auf und dankt' ihm fleißig. Und als sie beide aufgesessen waren, ritten sie fast auf die Heiden. Da war ein großes Rufen und Geschrei: der Koenig ließ blasen seine Drommeter, daß sich sein Volk zu einander versammelte und in eine Ordnung schickte; das gab unserm Volk große Hoffnung. Pontus sah sein Volk an und ersah den Koenig, der ihm seinen Vater und sein Volk erschlagen haet, wie sein Volk so stark und keck durch ihn war und wie er Wunder thaet mit seinem Leib: er war auch gar koestlich in seinem Harnisch und trug auf seinem Haupt eine Krone. Er eilete gegen Pontus zu: Pontus aber war gar froh, daß er ihm begegnet', eilet' auch zu ihm und gab ihm viel großer und harter Schlaege, wo er ihn hin treffen konnt' oder mochte, so lange, bis er ihn daemisch machte, schlug ihm auf die Bande, damit er seinen Helm gebunden haet, und wundet' ihn, daß er sich dermaßen verblutete, daß er keine Kraft mehr haet und vermochte sich nicht mehr zu wehren. Da ließ Pontus nicht ab mit Schlagen auf ihn, bis er zur Erden sank: da ergriff er ihn beim Helm und saeget' ihm seinen Hals ab, also, daß er ihm sein Leben nahm. Da nun sein Volk das ersah, schlugen sie ihre Haende zusammen vor Schrecken und wurden darnach ganz verzagt. Und da kamen auf der andern Seiten vier tausend an sie und erschlugen sie alle mit einander, daß ihrer keiner davon kam. Sie wurden also jaemmerlich erschlagen und es war da keiner, der Barmherzigkeit bewies. Patrises, der verborgen war gewesen, kam herfuer und war der erste, der das Thor einnahm, und verschuf auch mit den andern, daß sie sollten nach ihm kommen. Und als er zu dem Thor kam, da ward er bald erkannt und gefragt: wie es ihm ginge? Darauf er antwortet': es ging' ihm uebel. Er ging hinein und blieb bei dem Thor, und fuenfzig Gesellen mit ihm, die da mit ihm geritten waren. Also gewann er das Thor, behielt das inne, bis die andern kamen, und ließ das verhueten, daß niemand aus noch ein mochte kommen, bis daß Pontus kam. Die andern gingen in die Haeuser. Da die Heiden sahen, daß die Christen in der Stadt waren, machten sie das Kreuz mit ihren Armen und begehrten, daß man ihnen das Leben fristen sollte; denn also hat es Patrises verschaffet und geordnet. Also ward die Stadt Cologne auch gewonnen; denn alles Volk, das da streitbar war, war alles aus der Stadt mit ihrem Herren und Koenig, und wurden alle erschlagen. Also hatten die Christen Platz und Raum in der Stadt.   Das vier und vierzigste Kapitel Wie Pontus sein Opfer thaet von wegen des Siegs. Da nun die Heiden, mit Gottes Huelfe, geschlagen waren und Pontus den Sieg erobert hatte, da ritt er stracks zu der Hauptkirchen und opfert' ein Pferd und seinen Harnisch auf den großen Altar, zog ab seinen Panzer und stund da bloß. Aber man bracht' ihm bald einen Mantel mit Zobeln unterzogen, den leget' er an und blieb in der Kirchen, bis er drei Messen gehoert, mit großer Andacht, und dankte dem allmaechtigen Gott der großen Gnade, so er ihm erzeigt haette. Und die Dinge wurden also betrachtet und geordnet, daß die Heiden in einem Monat alle vertrieben und erschlagen wurden und das Land also gereiniget von dem boesen Volk; und welche Heiden sich selbst helfen mochten und konnten, das thaet ihnen fast noth; denn welche fluechtig aus dem Land wurden, derer toedteten etliche die Spaniolen, etliche die von Castilien, und von andern Landen wurden auch viel ergriffen und umbracht, wo man sie ankam. Also nahm es ein Ende mit ihnen, und ward das Land also durch Gottes Verhaengniß und Ordnung von den Unglaeubigen erlediget und dem rechten, natuerlichen Erben wieder zu Haenden gestellet. Als Pontus nun das Land inne hatt' und besaß, hatt' er verordnet in allen Staedten, daß man der Verwundeten und Kranken, so im Streit verwundet waren worden, fast wohl pflegen und warten sollte, mit Arzneiung der Wunden und andrem, was die Nothdurft erforderte. Er ging auch selbst oft zu den Kranken, so bei ihm in der Stadt Cologne lagen, und ließ ihnen alles das reichen und kaufen, das ihnen von noethen war. Er klagete die Herren, die im Streit umkommen waren, gar fast, und die andern begaebet' er gar reichlich, herrlich und wohl. Nach etlichen Tagen fand er einen großen Thurm, darin des Koenigs Produs Schatz aller war; der war so koestlich und groß, daß es ein Wunder zu sehen war. Und als er haet das Land durchritten und beschauet, da sah er, daß viel Volks und groß Gut in dem Land war, von Wein und von Getreid', an allen Enden. Und alles Volk lief, zu sehen ihren rechten Herrn, der ihr rechter Koenig war, und sahen auch den fast gern, von wegen seiner Huebsche, Ruhm und Mannheit, auch Frommkeit und Tugend halben; denn es war keiner so arm, er redete mit ihm und erzeigete sich ganz demuethiglich gegen die Armen, haet auch Gott fast lieb, dazu alle Gerechtigkeit.   Das fuenf und vierzigste Kapitel Wie Pontus seine Mutter fand, die vierzehen Jahr bei einem Einsiedel gelebt haet. Es begab sich auch da auf demselbigen Tag ein großes Wunder. Es war naemlich eine Gewohnheit zu denselbigen Zeiten, daß fuer des Koenigs Tisch zwoelf arme Menschen sitzen sollten und essen, in den Ehren unsers Herren Jesu Christi und seiner heiligen zwoelf Boten. Der Graf, der Pontus Oheim war, ging um und beschauete der armen Leute Tisch, und ersah eine Frau, die den Koenig gar ernstlich ansah; und als sie ihn ansah, da liefen ihr die Zaehren ueber ihre Backen herab: da merkete der Graf auf und sah die Frau gar eben an und also lange, bis er sie erkannte durch ein Mal, das sie an ihr haet, und erkannte, daß es die Koenigin war, seine Schwester, und des Koenigs Pontus Mutter. Und als er die in so großer Armut sah, und wie ihre Kleider zerrissen und geflickt waren, da mocht er sich des Weinens nicht enthalten; sein Herz das ward ihm groß von Erbarmung, da er sie so elend sah in solchem Bettlerstand. Und als er vor Weinen reden mochte, dankt' er Gott darum, ging zu seinem Vetter, dem Koenig Pontus, und sprach zu ihm weinend: »Gnaediger Herr, ich will euch groß Wunder sagen.« – »Von wem?« Sprach der Koenig. »Herr, – sprach der Graf – von der frommsten und andaechtigsten Frauen, die ich weiß, meiner gnaedigen Frauen, der Koenigin, euerer Mutter, welche hierin ist in diesem Saal.« Pontus sprach: »Wo ist sie?« Da mocht' ihm der Graf kaum antworten vor großer Erbarmung und Liebe, die er zu ihr hatte; er erhohlete sein Gemueth und sprach zu ihm in geheim: »Dort sitzet sie unter den Armen, die oeberste, ohn' eine.« Damit zog er seine Kappen herab fuer die Augen und weinet', und erbarmet' ihn fast in seinem Herzen, daß er ganz betruebt ward, und sprach zu seinem Oheim: »Thut nicht deßgleichen, als ob ihr sie kennet, damit es niemand innen werde, bis ich aufstehe von dem Tisch: so will ich in meine Kammer gehen.« Und als sie nun hatten gegessen, da ging der Koenig in seine Kammer: da brachte sein Oheim, der Graf von Estor, seine Mutter zu ihm. Und als sie Pontus ersah, da fiel er fuer sie nieder auf seine Knie, hub die Kron' ab seinem Haupt und setzet' ihr die auf. Sie fing an, weinete, kuesset' und halset' ihn gar freundlich, und ihr Bruder, der Graf, weinete mit ihr gar fast. Als sie nun Weinens halb mochten reden, da sprach Pontus zu ihr: »Gnaedige Frau, sagt mir, wie ihr davon kommen seid und wie euch Gott hat geholfen. Da antwortete die Koenigin: »Lieber Sohn, ich will euch das sagen. Da das Geschrei aufkam und am groeßten war, am selbigen Morgen frueh, da die Stadt gewonnen und mein Herr, euer Vater, erschlagen ward, da lag ich noch im Bett; und mein Herr sprang auf, legt' an seinen Panzer, setzet' einen Eisenhut auf, nahm sein Schwert in seine Hand und lief heraus; er wartete auf niemand, als ein kecker Ritter, dafuer man ihn denn hielt. Und als er von mir schied und ich hoerte das große Geschrei, da thaet ich mich fuerchten, nahm meiner Jungfrauen Roeck' einen, ging von dannen mit meiner Waescherin und ging durch das Volk aus in einen Wald nahe dabei, darin ein Einsiedler wohnete, der ein kleines Haeuslein und dabei eine Kapelle hatte. Da blieb ich und meine Dienerin, die fast alt war, bis auf diese Zeit. Sie ging alle Tag' aus nach dem Almosen zu des Koenigs Hof; und von demselben Almosen lebte der Einsiedel und auch wir zwo. Nun merkt, wie mich Gott allezeit hat aufenthalten in gutem Leben und Gesundheit.« Da sprach der Sohn: »Gnaedige Frau, ihr habt wohl ein gut Leben gefuehrt.« Das auch wahr war, denn sie trug ein haeren Hemd und war umguertet mit einem Seil; sie betet' und fastet' auch viel und war gar eine andaechtige Frau. Der Koenig hatte Freud' und große Erbarmung mit seiner Mutter; er schickte nach einem Schneider und ließ ihr schneiden Rock und Mantel. Pontus traeumete dieselbige Nacht, wie Sidonia, seine allerliebste Frau, ein Baer schaedigen woellt'; und sie schrie gar laut und rufete Pontus gar oft an um Huelf und sprach: »Mein allerliebster Herr, laßt mich nicht also sterben und umbringen!« Das kam ihm zwo oder drei Naechte fuer, davon er groß Wunder haet in seinem Herzen und erschrak deß gar fast. Da nun der Tag herbrach, da weckt' er auf seinen Kaemmerer und sendete nach seinem Oheim, dem Grafen, und nach Patrises. Als sie kamen, sagt' er ihnen den Traum und wie es ihm drei Naechte nach einander also getraeumet haett', und sprach fuerbaß zu ihnen: »Mir saget mein Herz, wie mein Gemahl etwas Kuemmerniß oder Krankheit habe. Nun will ich mich nichts irren noch hindern lassen und will zu ihr auf's baldeste, so ich mag.« Da sie verstunden seinen Willen, durften sie nicht dawider reden. Da sprach abermals der Koenig zu ihnen: »Ihr Herren, das Land ist erlediget von den Gnaden Gottes, und ich habe den Glauben, daß durch euch beide dem Land sei geholfen worden. Darum, lieber Oheim, so lass' ich euch zu einem Anwald, und Patrises muß Hauptmann sein im Land; denn es ist billig, daß ihr und er ergetzet werdet, sintemal ihr dem Land so viel Gutes habt gethan.« Darnach nahm er Urlaub von den Herren und den Frauen des Landes und ging in sein Schiff, und Pontus redete mit allen Freien und saget' ihnen, was ihm fuerkommen waere im Schlaf, dadurch er nicht Ruhe moechte haben, bis er saehe die Koenigin, sein Gemahl. Damit fuhren sie auf das hohe Meer mit großer Eil', als fast sie mochten, bis daß Pontus sah das Land Britannia, dahin sein Gemueth stund. Nun lassen wir hie fahren den Koenig Pontus auf dem Meer und kommen wieder zu reden von dem Koenig von Britannia und von seiner Tochter Sidonia, wie es ihnen im Abwesen des Pontus erging.   Das sechs und vierzigste Kapitel Wie Gendolet durch Klugheit falsche Briefe zurichtet' an den Koenig und Sidonia. Wie Gendolet nun, nach dem Abschied des Pontus von Britannia, bei dem Koenig blieb, und ihm alle Gewalt von Pontus uebergeben war, den Koenig und seine Tochter, auch das ganze Koenigreich zu regieren, davon er große Freud' und Ehre haet: da mocht' er sich nicht enthalten der Falschheit und Verraetherei, so er in seinem Herzen trug, und gedachte, wie er durch Betrug moechte zuwegen bringen, Sidonia zu einem Weib zu haben, nahm sich fuer mancherlei Weg und bedachte sich weit, wie er das anfangen sollte, damit sie ihm wuerd' und er ihr Herr und Koenig sein moechte. Er gab sich deßhalb in große Frechheit und besaß ihn der Teufel, daß er es je wagen wollte. Er ließ darauf die Stadt versehen mit Speis' und Lieferung, bestellte Soeldner und gab jedermann Sold, damit er desto baß muthwillen koennte. Und als er haet die Staedt' und Schloesser versehen, da ließ er sich machen ein Insiegel mit Pontus Wappen und ließ Briefe schreiben; darnach versiegelt' er die mit demselben Insiegel. Der Inhalt der Briefe lautete solchermaß: Pontus dem Koenig von Britannia entbot, wie sein Volk alles erschlagen sei, und empfahl sich fast dem Koenig und bat ihn, durch seinen Nutzen, und Behuetung und Beschirmung des Lands, daß er seine Tochter an Gendolet woellte geben; denn er moechte sie nicht baß versorgen; und wenn dieselbe Heirat geschaehe, so wollt' er ihm allen seinen Schatz, so er von Engelland bracht haet, geben. Die Briefe hatt' er gar gut gemacht. Einen solchen Brief und Meinung haet er an Sidonia auch geschrieben, und bat sie gar inniglich, durch alle Freundschaft und Liebe, so zwischen ihnen beiden war, daß sie naehme zu der Ehe Gendolet, seinen Freund. Als nun der Koenig und seine Tochter solche Brief' empfingen und lasen, ist nicht zu sagen, was großes Unmuths und Klage sie hatten. Sidonia klagte viel und gar sehr den, deß sie nicht vergessen mochte, raufte vor großem Leid und Schmerzen ihr Haar aus und hatte so große Bekuemmerniß, daß es einen Stein zu trauren bewegt moechte haben. Der Koenig war alt und Gendolet thaet also viel mit seinen gescheiten Worten, daß der Koenig seinen Willen dazu gab. Er ging zu seiner Tochter, troestete sie auf's beßte, so er mochte, und sprach zu ihr: »Liebe Tochter, der Unmuth thut euch weh; es ist nun keine Huelfe noch Hoffnung mehr seines Koenigreichs: und dieweil euch Pontus bittet in seinem Schreiben, daß ihr Gendolet nehmt durch seinetwillen und von wegen des großen Schatzes, den er ihm hat gegeben, so geb' ich meinen Willen auch dazu. Und Gendolet spricht, er wolle euch gehorsam sein und euch das Koenigreich behueten; denn solltet ihr euch vermaehlen zu Koenigen oder Fuersten, die fremd waeren, ich mueßte euch schicken in ihre Land' und das Koenigreich mueßte ohn' Erben sein.« Da Sidonia ihres Vaters Meinung hoerte, da verwunderte sie sich fast darob und sprach zu ihm: »Gott verhuet' es, daß er mein Mann nimmer mehr werd'! Ehe wollt' ich eine Begine werden.« Und bekuemmerte sich nachmals gar fast und war in großem Unmuth. Darnach ging Gendolet zu ihr und sprach: »Ihr wollt nicht gehorsam sein euers vorigen Mannes Briefen und Geschaeft, der so große Liebe und Treue zu euch hat gehabt, noch auch meinem Herren, euerm Vater: auf meine Treue, die ich euch schuldig bin, bedenkt ihr euch nicht anders, ich besorg', ihr moechtet dadurch in Unglueck kommen.« Und da er mit huebschen Worten nichts an ihr haben mochte, da draeuet' er ihr und sprach: »Sintemal ich gewaehrt bin von meinem Herren und euerm Vater, so mueßt ihr das thun, ihr wollt oder nicht.« Sidonia war gar unmuthig und gedacht' in ihrem Herzen: es waere nicht die erste Falschheit, die er gethan haett', und meinete, die Briefe waeren falsch. Und sie hieß zu ihr kommen drei Edelmaenner und zween Kaemmerer, die sie hat, und Eloisa und zwo andere edele Jungfrauen, und sagt' ihnen: wie Gendolet gar zornig waer' und all sein Vermoegen thaete, sie zu haben, mit Lieb' und Leid; »und er ist gar gescheit und vermeint vielleicht, Gewalt mit mir zu treiben: so hab' ich fuergenommen, daß wir uns wollen in den Thurm machen und diesen speisen, uns darin zu erhalten, bis wir Huelfe gewinnen von etlichen unseren Freunden, oder bis ich hoer' eine gewisse Botschaft von meinem Herren Pontus.« Der Rath gefiel ihnen allen wohl; sie schufen, daß der Thurm mit Brot, Wein und allerlei Speise gespeiset ward, gingen in den Thurm, versperrten den mit eisenen Riegeln und trugen auch große Steine darein, damit sie sich wehren wollten; denn Gendolet haet sich fuergenommen, wo sie es nicht gern und willig wollte thun, so wollt' er sie dazu mit Gewalt zwingen. Er vermeinte sie eines Tags in ihrer Kammer zu finden, und da er sie darin nicht fand, sucht' er sie in einer andern Kammer: da sagt' ihm eine Jungfrau, wie sie waere in den Thurn gangen und haette sich mit Speis' und aller Nothdurft gar wohl versehen. Da er nun das vernahm, da waer' er schier von Sinnen kommen vor großem Zorn, ging fuer den Thurn, rufet' ihr gar demuethiglich, begehrte ganz inniglichen, daß sie ihm den Thurn aufthaete, und schwur bei seiner Treu', er wollt' ihr kein Leid thun. Aber Sidonia, die seine Falschheit wohl wußte, sprach zu ihm: sie wollte ihn nicht hinein lassen. Und als er nun sah, daß er mit gut nichts an ihr haben mochte, da fing er an und draeuet' ihr und sprach: er woellte sie noethen, daß sie seinen Willen unehrlich thun mueßte, dieweil sie sein Gemahl nicht woellte sein. Da ging er hin und fing den Koenig, der Ursache halb, daß er nichts wider ihn moechte fuernehmen, und legt' ihn in ein Gefaengniß. Er ging zu den Buergern und sagt' ihnen: wie ihm Sidonia gegeben waere und versprochen zu einem Gemahl von ihrem vorigen Mann, deß er gute Briefe haette, dazu auch der Koenig, ihr Vater, seinen Willen gegeben haette; und sprach dazu: er haette verstanden, daß sie sich selbst wollte verheiraten, naemlich zu einem da nichts von zu halten waere, der viel Schatzung auf sie legen wuerde und das Koenigreich verderben; »aber ich will euch – sprach er – bei euern Freiheiten behalten und bei euerer Gewalt und will euch behueten gleich als das Gold den Stein behuetet. Darum hab' ich meinen Herren in eine Kammer gethan; denn er ist zu einem Kind worden durch sein Alter und hat keine Vernunft mehr, und besorge, daß er seinen Willen zu seiner Tochter Willen werde schlagen. Sollte das einen Fuergang gewinnen, so wuerde das Land verloren; aber ich hoff', ich woelle mit der Huelfe Gottes wohl davor sein, durch gemeines Nutzes willen des Landes zu Britannia.« Und redet' in solcher maß mit ihnen, daß sie vermeinten, es waere alles wahr. Und es durfte sich niemand dessen annehmen oder dawider legen, denn er haet viel fremder Soeldner.   Das sieben und vierzigste Kapitel Wie Gendolet die Buerger beredet, den Thurn zu stuermen, darin Sidonia war. Als nun Gendolet mit der Gemein' und den Buergern haet geredet, da ging er wieder zu dem Thurn und stuermte den. Darin waren nicht mehr, denn vier oder fuenf Personen, die große Steine herab warfen und wehrten sich also aus dem Thurn. Der meiste Theil seines Volks gingen von ihm und wollten nicht, daß sie gefangen wuerden. Der Sturm waehrete lang und er vermeinete je, er wollt' es also zuwegen bringen. Als er sah, daß er nichts daran haben mocht' und sie nicht heraus bringen, da ward er traurig und sprach: er wollte sie versperren und in dem Thurn erhuengern. So ließ nun Gendolet den Thurn verhueten, damit man ihr nichts von Speise zubraecht', und erdacht' abermals eine große Gescheitheit. Er ging zu dem Koenig und bat ihn, daß er sollte gehen zu seiner Tochter und mit ihr von seinen Sachen reden; denn er meinete, der Vater wuerde sie abwenden von ihrer Haertigkeit, und gedacht', er woellte sie nicht weiter versperren, sondern mit sanften Worten gegen sie handeln und umgehen. Der Koenig war gar ein frommer Mann und gedacht' auf seine Bosheit nicht. Er ging zu seiner Tochter, redete mit ihr, wie sie waere in Sorgen ihres Lebens und sterben mueßte von Hunger, und sagt' ihr viel, damit er vermeinte, sie von ihrem Fuernehmen zu bringen. Darauf antwortete sie ihrem Vater und sprach: »Lieber Vater, ich glaube gaenzlich, daß die Briefe seien falsch und erdacht; denn ich gedenke, wie er mir vor gelogen hat und gesagt, wie Pontus todt waere: darum will ich sterben, oder die Wahrheit erfahren.« – »Sicher, – sprach der Koenig – die Sach' ist sehr schwer, und ich werde fast betruebt von wegen seiner Listigkeit, so er bei sich hat.« Darnach kam Gendolet und schrie zu dem Koenig hinauf in den Thurn und fragt' ihn: was er an seiner Tochter funden haette? »Und will sie es thun, – sprach er – so kommet herab.« Da sprach der Koenig: »Sie ist noch unmuthig um ihren Herren; darum hat sie mir noch keine Antwort gegeben.« Gendolet sprach: »So mueßt ihr auch bei ihr bleiben und Gesellschaft mit ihr halten, mit Essen und Trinken. Und ihr mueßt beide Hungers sterben, oder sie muß mir werden.« So brachte Gendolet den Koenig zu seiner Tochter, damit sie desto groeßere Erbarmung haett' ueber ihren Vater, so er Hunger litte, und sich desto eher ergaebe. Also belagert' er sie beide. Und sie hatten Essens genug, bis auf den sechsten Monat. Darnach thaet sich ihre Speise mindern, daß ihnen abging an Fleisch und an Brot, und sie aßen drei Tage nichts, denn ein wenig Kaes, und zu jedem mal ein Maaß Weins: davon ward der Koenig krank. Sidonia haet eilf Aepfel, davon gab sie allen Tag zween ihrem Vater. Sie weinete vor großem Jammer, darin sie ihren Vater sah und thaet ihr seine Kuemmerniß viel weher, denn die ihre. Sie ging oft zu einem Fenster und sah in das Meer, ob sie jemand sehen moechte. Sie klagete Pontus gar fast, war in großem Unmuth und wuenschet' ihr den Tod gar oft und sprach zum Koenig: »Gnaediger Herr, es waere euch viel nuetzer, daß ich laengst gestorben waere, denn daß ich euch solche Kuemmerniß mache, daß ihr Hunger leidet von meinetwegen.« Der Koenig weinet' und sprach: »Liebe Tochter, ich wollte ehe sterben, eh' ich wollte, daß ihr den Verraether solltet haben in solcher maß.« Sidonia rufete Gendolet und sprach zu ihm: »Siehe, du Verraether und untreuer Mann, wie magst du in solcher Noth sehen und lassen sterben einen solchen frommen Herren, als der Koenig, mein Vater, ist? Ist das die Zucht, die er an dich gelegt hat, daß du ihn umlegst und laeßt ihn sterben vor Hunger und Durst, der dir manchmal hat gegeben gute lustige Speise zu essen? Ist das der Lohn, den du ihm herwiederum giebest?« Und sie straft' ihn gar haertiglich: aber es half alles nicht; denn er schwur viel großer Eid': er wollte sie beide von Hunger sterben lassen, wo sie sich nicht wollte verwilligen, ihn zu nehmen. Der Koenig lag von großer Ohnmacht zu Bett' und wollte sterben vor Hunger. Da Sidonia das sah, da sprach sie: sie wollte lieber siechen bis in den Tod, denn daß ihr Vater sollte sterben um ihrentwillen; und sprach zu ihm: »Weinet nicht, mein allerliebster Vater, ich mag nicht leiden euere Krankheit und Hunger; ich wollte lieber sterben und in Unmuth sein all' meine Tage, die ich hie habe zu leben, denn daß ich euch in solcher maß sollte sehen.« Der Koenig weinte fast und wußte nicht, was er reden sollte, da er sah seine Tochter so bekuemmert, und zum andern, daß er sich selbst sollte sehen Hungers sterben. »Nein, – sprach Sidonia – Vater, ich kann und mag solches an euch nicht sehen noch leiden; ich woellt' aber gern, daß mich der Tod naehme!« – »Ach, – sprach der Koenig – daß Pontus waere im Leben und hie an dieser Statt! er wuerd' uns wohl raechen an dem Verraether, der euch will haben wider euern Willen.« Auch die Edelleut' und Jungfrauen, so sie bei ihr hatte, waeren schier kommen von ihrer Vernunft, Hungers halb, und fielen nieder fuer Ohnmacht. Und es war kein Wunder; denn sie hatten in etlichen Tagen gar nichts gegessen, und sprachen zu ihr: »Gnaedige Frau, durch Gottes willen, lasset euch gefallen diesen Mann und werdet nicht schuldig an euerm eigenen Tod und auch an dem Tod unsers gnaedigen Herren, euers Vaters, und an uns.« Und da Sidonia sah, daß sie das thun mußte, mehr ihrem Vater zu helfen, denn ihr selber; denn durch Furcht ihres Tods haette sie es nicht gethan; da hieß sie Gendolet zu ihr kommen. Und er kam: da ging sie wieder hinweg; denn sie mocht' und konnte ihm nicht zureden; und ging zu ihrem Vater und sprach: »O gnaediger Herr, ihr sollt mit ihm reden und versuchen, ob ihr moechtet eine Einigkeit mit ihm machen. Und sprechet, daß ihr mit mir wollt schaffen, daß ich meinen Willen dazu werde geben, in solcher Gestalt, daß wir acht Tag' oder mehr Fristung moechten haben; daß wir wieder ergetzt wuerden und uns von Hunger und Unmuth, so wir durch ihn gelitten haben, wieder erhohlen moechten.« Der Koenig stund auf, fing an und sprach zu Gendolet: daß er mit Gewalt ihre Lieb' und Freundschaft nicht moechte gewinnen; und sprach: daß er davon sollte lassen, so woellt' er ihm geben Staedt' und Schloesser, oder was er sonst haben woellte. Aber es half alles nicht; er war verstockt in seiner Bosheit, mehr, denn vor, und sprach: er wollte nun fuerbaß nicht nachlassen, was ihm gleich derhalb begegnen moechte. Darnach begehrete der Koenig einen Monat Frist, und wenn der Monat verginge, so wollt' er sie ihm geben, Gendolet wollte aber das nicht thun. Am letzten begab es sich kaum, daß er ihm vier Tage gewaehret' und Fristung gab: und wenn die vier Tage herum waeren, so wollt' er sie haben; da sollte sie sich nach richten; und sprach: sie sollte nicht aus dem Thurn gehen, bis daß sie sich ihm vermaehlet. Davon gewann Gendolet große Freud' und ließ ihr alle Tage bringen die beßte Speise, die er haben mochte, und hielt den Koenig auch gar schoen, bis an den fuenften Tag. Der Hof fing an und ward groß, und Gendolet freuete sich fast, zu haben eine solche schoene Frau, die er so lieb haet. Der Koenig ging selber nach ihr und brachte sie herfuer, zu thun, das sie sich verwieget haet. Und da sie kam, da haet sie so fast geweinet und war so voll aller Bekuemmerniß und Schmerzen, daß sie gern waere todt gewesen. Sie klagete Pontus fast in ihrem Herzen und sprach: »O weh, wohl einen unglueckseligen Wechsel hab' ich muessen thun und ich bin die Unglueckhaftigste!« Und da fuehrte man sie zur Kirchen. Da nun alle Dinge geordnet und zugerichtet waren und Sidonia in die Kirche kam, sich zu vermaehlen, da war ein Erzpriester und gab Gendolet und Sidonia zusammen. Da empfing sie großen Unmuth, Schmerzen und Herzenleid und weinete fuer und fuer, daß die Zaehren bis auf die Erde herab fielen. Darnach gingen sie zum Essen. Da waren mancherlei Spielleut', als: Drommeter und Pfeifer und mancherlei Saitenspiel. Der Braeutigam war gar froehlich: aber es war zu seinem großen Unglueck; denn, wie es Gottes Will' ist, daß jedermann nach seinem Verdienst soll belohnet werden und keine Bosheit ungestraft bleiben, also sollt' es dieser auch nicht hinbringen ungestraft. Nun lassen wir von ihm und kommen wieder an Pontus, den wir verließen im Schiff auf der Meerfahrt, und sagen wie er zu Land kam.   Das acht und vierzigste Kapitel Wie Pontus von Gallicia abschied und in Britannia schiffete. Da nun Pontus von Gallicia hatte Urlaub genommen von seiner Mutter, von seinem Oheim und auch von dem Heer und ganzem Land, und hatte verordnet alle Dinge mit der Landschaft auf das Beßte, da schied er von dannen. Und als er auf das Meer kam und die Segel ausspannete, fuhr er mit gutem Wind festiglich, bis daß sie zu der Insel Rheda kamen. Da nahmen die Fuersten und Herren Urlaub von Pontus, die ihm das Geleit gegeben hatten, und er urlaubet' ihnen und danket' ihnen fast ihrer Dienst' und schenkte ihnen große Gaben. Darnach ging er wieder in sein Schiff mit den andern Herren und Freien von Engelland und Britannia und fuhren sie ernstlich, bis daß sie in Britannia kamen. Pontus nahm ein klein Schiff und ging mit etlichen darein. Sidonia traeumete dieselbige Nacht, wie ihr Herr waere kommen. Darum schickete sie ihrer Diener einen zu dem Meer, zu schauen, ob er jemand kommen saehe. Er ging gar einen kleinen Weg, sah um sich und sah ein kleines Faehnlein von ferne auf dem Meer stiegen. Auf Stund' fiel ihm in Sinn, wie es die Gesellschaft waere, die aus Britannia in Gallicia waere gefahren: da nahm er seinen Huth in seine Hand und winket' ihnen damit. Pontus ersah das zum ersten und sprach: »Dort sehe ich einen reitend, der uns winket, und mich bedunkt, er begehr' unser oder spott' unser: darum laßt uns bald fahren. Und da sie nahe zu ihm kamen, und er Pontus im Schiff ersah, da rufet' er: »O gnaediger Herr, eilet flugs und bald; denn es ist große Zeit?« – »Was ist es?« Sprach Pontus. Da sagt' er ihm in der Kuerze, wie Gendolet ihm nun haette gedient, in etlichen Stuecken besonders. Pontus gesegnete sich und nahm ihn groß Wunder, wie er solche Verraetherei moechte erdenken. »Gnaediger Herr, – sprach der Edelmann – sie werden itzund das Nachtmahl haben; darum muessen wir auch gedenken, hinein zu kommen.« – »Ich will dir sagen, – sprach Pontus – wie wir ihm thun wollen. Wir wollen uns verkleiden hie in diesem Wald und wollen mit Pfeifen und tanzend hinein gehen, und muessen auch etwas mit uns bringen, damit wir moegen sagen, wir seien Spielleut und kommen Kurzweile zu treiben und zu hofieren auf der Hochzeit; und darnach wollen wir einen Tanz oder zween machen.« Der Edelmann sprach: »Es wird gut.« Pontus der legte sich an in Bauren Gewand und ging tanzend hinein gen Hof; das war um den Abend, als die Sonn' unterging; und man ließ sie hinein, in ihrem verkehrten Gewand: sie hatten große Kappen angelegt, die gefuellt waren mit Heu und ihrer jeder haet eine sondere Gebaerde. Man sah ihren Possen zu und laechele jedermann ihrer. Es sprach Gendolet: »Bei meinem Eid, uns gefaellt wohl, die große Freude, die das gemeine Volk hat von unserer Hochzeit; das ist huebsche Kurzweile, die diese uns machen.« Aber er wußte nicht, was diese in ihrem Sinn hatten, dadurch ihm seine Freude bald verkehrt ward. Er entbot Sidonia durch den, der ihr Fuerschneider war: daß sie sollte froehlich sein und sich wohlgehalten, dieweil sie saehe, daß jedermann, auch das gemeine Volk, so große Freude haetten von der Hochzeit; und er wollte ihr also getreulich dienen, als je kein Mann seiner Frau gethan haette. Da sie nun seine Botschaft hoerte, da wollt' ihr ihr Herz zerbrechen vor großem Unmuth und Schmerzen; sie weinete heiße Thraenen und gedachte bei ihr selbst: O ich Unglueckhaftige ueber alle Frauen! ach, warum hab' ich also lange gelebt? daß ich bin kommen zu solchem Unglueck vor allen andern, daß ich wechseln muß den Allerhuebschesten, Getreuesten, Froemmsten und Weisesten, und den Spiegel dieses Lands; denn er ist voll aller Mildigkeit, Treu' und aller guten Tugend und von Adel, als eines Koenigs Sohn, der er ist. Nun hab' ich an seiner Statt einen Verraether und untreuen Mann, der keiner Ehren werth ist! Damit schwanden ihr die Sinne und sie fiel nieder auf den Tisch vor rechter Ohnmacht. Pontus sah sie an und ging ihm ihr Unmuth zu Herzen: er gedachte, wie er sie bald raechen wollte und ihr wieder Freude machen in kurzem. Und da Pontus mit den Seinen ein mal oder zwei durch den Saal war gegangen und jedermann wahrgenommen hat, da ersah er den Verraether Gendolet, der in großen Freuden war: da ging Pontus gegen ihn, thaet ab seine Kappen, daß ihn jedermann mußte erkennen, und sprach zu Gendolet: »O du Verraether und verzweifelter Schalk, wie hast du moegen erdenken so viel Verraetherei und Uebels? gegen mich und den Koenig, der dich erzogen hat und dir so viel Gutes gethan: du hast aber ihm Boeses herwiederum gethan; darum mußt du deinen Lohn empfahen.« Da Gendolet sah, daß es Pontus war, und er ihn erkannte, da war er ganz erschrocken, wußte nicht, was er ihm sollt' antworten und erstarrete ganz und gar; denn er wußte wohl, daß er sterben mueßte. Pontus ergrimmt' ueber ihn und konnte sich nicht zurueck halten, damit er ihn nochmals, als einem Verraether, einen haerteren Tod haett' angethan, und zuckte sein kleines Schwert, das er dazumal an sich haet, welches gar wohl schneidend war: damit schlug er ihn in solcher maß, daß er ihn von einander schlug bis auf die Brust. Darnach schlug er ihm sein Haupt ab, hieß ihn ausschleifen vor jedermann und ihm thun, als einem Verraether, und hieß ihn unter dem Galgen begraben.   Das neun und vierzigste Kapitel Wie Pontus, nachdem er Gendolet seinen verdienten Lohn gegeben haet, von dem Koenig und Sidonia empfangen ward. Da sich nun diese Handlung verlaufen haet und dem Verraether seiner Bosheit gelohnt war und der Koenig und Sidonia Pontus sahen und recht erkannten, da eilten sie von dem Tisch herfuer, gingen mit offenen Armen gegen ihn, umfingen ihn, kuesseten und halseten ihn gar herzlich. Sidonia weinete gar heftig von großen Freuden, hing ihm an seinem Hals und konnte sich nicht von ihm scheiden. Darauf fing Pontus an und erzaehlt' ihm alle Handlung des Kriegs, wie es sich verlaufen und was sich zugetragen haette, wie er seinen Feind ueberwunden und geschlagen. Da der Koenig das hoerte, kam seinem Herzen eine große Freude, die hinweg trieb allen Unmuth, Beschwerniß und Schmerzen, so vorhin sein Herz umfangen hatten, und dankete Gott gar fleißig. Sidonia aber war unmuthig von wegen der großen Kuemmernisse, so sie gehabt hatte Gendolets halben, die ihr Herz also verwundet hatten, daß keine Freude solchen Schmerzen sobald hinnehmen koennt', und hat doch auch dabei große Freud' in ihrem Herzen, von wegen der Zukunft des Pontus, ihres Herren, und ihrer Erledigung: deß sie Gott groß Lob und Dank sagte. Die Nacht war jedermann, nach vollbrachten Freuden und Kurzweil', in guter Ruhe. Pontus und Sidonia hatten große Lieb' und Freude mit einander, die sie nicht genug gegen einander ausschuetten mochten, als zwei, die einander lange nicht gesehen und große Treue zusammen hatten. Dieselbige Nacht, als Gendolets Soeldner, die von ihm bestellt waren, hoerten von der That und Handlung, naemlich wie Pontus den Gendolet, ihren Herrn erschlagen, und wie er der rechte Herr und Fuerst waere des Lands, dem auch Sidonia vorhin vermaehlet waere gewesen: da kam sie eine Furcht an und sie machten sich auf und liefen davon, damit sie nicht gleichen Sold mit ihrem Herren empfingen. Das gemeine Volk dankete Gott der Zukunft ihres Koenigs Pontus und gingen mit der Prozession, Gott zu loben und ihm Dankbarkeit zu beweisen, daß er ihnen ihren rechten Koenig und Herren wiedergegeben haette. An dem andern Morgen kamen die Herren von Britannia, Normandia, auch die aus Engelland und von Poitou: die empfing Pontus gar schoen, deßgleichen ward ihm von ihnen auch viel Zucht und Ehre bewiesen und viel glueckseliger Tag' und Regierung gewuenscht. Pontus redete mit dem Herzogen von Glocester, daß er bei ihm woellte bleiben mit zwoelf Rittern, und sprach zu ihm: in vierzehn Tagen woellt' er mit ihnen in Engelland reiten, zu sehen den Koenig und die Koenigin und ihre Tochter, von denen ihm viel Gutes, auch große Zucht und Ehre bewiesen waere worden. Darnach ging er zu dem Grafen Richemont, der dann in Engelland reiten wollt', und sprach zu ihm: »Lieber Herr, ich bitt' euch, so ihr kommt in Engelland zum Koenig, daß ihr mich seinen Gnaden woellt empfehlen und ihm und der Koenigin viel Lieb' und Freundschaft von mir sagen. Und so ihre Tochter Genefe keinen Mann haette, so sagt dem Koenig, ich woellt' ihr einen bringen, wo es seiner Gnaden Gefallen sein will, und daß sie einen will nehmen.« Und sagete dem Grafen in geheim: es waere sein Vetter Polidas, der fast huebsch und voller Tugend waere, und auch geschickt, daß viel Gutes noch von ihm moechte kommen und durch ihn geschehen. Der Graf von Richemont kam gen Hof. Da fand er den Koenig von Engelland und den Koenig von Schotten, der da kommen war, zu sehen den Koenig seinen Bruder, und erzaehlt' ihnen alles, das geschehen war mit Pontus und sprach in der Geheim zu dem Koenig: wie Koenig Pontus in vierzehn Tagen bei ihm wollte sein in seinem Koenigreich, auch wie er bei ihm haette behalten den Herzogen von Glocester, und wie er auch geredet haette von der Heirat wegen zwischen seinem Vetter und Genefe. Darauf fraget' ihn der Koenig: was Ritters das waere? Er antwortet' ihm und sprach: wie es gar kein Unterschied waere zwischen ihm und Pontus, nur allein, daß dieser Ritter ein wenig kuerzer waere, denn Pontus; sonst waere er ihm fast gleich an Gebaerden und Sinnen. »Sicher – sprach der Koenig – so gefaellt er mir gar wohl, gefiel' er nur meiner Tochter.« Da Genefe das hoerte, da kniete sie nieder auf ihre Knie und sprach zum Koenig, ihrem Vater: was sein Gefallen hierin waere, das sollt' ihr guter Will' und Wohlgefallen auch sein und wollt' es auch thun. Denn weil sie den Pontus so lieb hatte gehabt, gedacht' sie in ihr selbst: dieweil er Pontus Vetter waere und ihm so ganz gleich an der Huebsche, Zucht und Ehrbarkeit, daß kein Unterschied da waere, wie der Graf von Richemont dem Koenig haett' gezeigt: so moechte sie ihn baß liebhaben, denn keinen andern; und er gefiel ihr baß, aus den Worten des Grafen, denn kein anderer in der Welt. Und sie fing an, gar ernstlichen zu forschen und fragen fern und nahe von den Rittern, die bei ihm gewesen waren in dem Krieg und die ihn hatten gesehen: wer er waere, wie es um ihn stuend' und eine Gestalt haette, vieler Sachen halb? Und jemehr sie nach ihm forschete, jemehr er ihr gefiel und sie Liebe zu ihm gewann und keine groeßere Begierde hatte, denn, daß sie ihn sollte und moechte sehen. Nun lassen wir itzt von diesem Ritter zu reden und kommen wiederum zu reden von Koenig Pontus von Gallicia.   Das funfzigste Kapitel Wie Koenig Pontus durch seine Ritterschaft eine Kurzweile zurichtete Da nun Koenig Pontus den Herren von Engelland das Geleit hatte gegeben bis an das Gestade des Meers, da nahmen sie Urlaub von einander und ritt Koenig Pontus wiederum gen Vannes mit seinen Freien und Rittersgenossen. Und als sie zu Tische saßen und froehlich waren und viel Schimpfred' und Hofschwaenke sich begaben, da fing Koenig Pontus an und sprach zu den Freien, die noch da bei ihm waren: »Ist es euer Gefallen, so wollen wir sehen die Frauen und Jungfrauen von dem Land und wollen ihnen eine Freude zurichten, von des Herzogen von Glocester wegen und seiner Ritter, und wollen eine Kurzweile machen mit Rennen und Stechen; und daß dies auf das baldeste geschehe; denn wir muessen in fuenfzehen Tagen in Engelland sein, zu sehen den Koenig, um etlicher heimlichen Sachen wegen, die ich mit ihm zu reden habe.« Und sie antworteten alle und sagten: es gefiel' ihnen wohl. »Nun hoeret zu, – sprach der Koenig – ich befehle euch allen, daß ihr heim reitet und daß euer jeder mit ihm bringe sein Weib und Schwester; und schicket euch, daß ihr bald wieder hie seid.« Die Herren waren ihm alle gehorsam, ritten schnell und bald heim zu ihren Frauen und Freunden, erwaehlten die allerhuebschesten und baß kundigsten Frauen, die sie haben mochten, versammleten sie und ritten mit einander gen Vannes. Da sie nun kamen, da war der Koenig auf und ritt ihnen entgegen; und sie wurden also von ihm empfangen mit großen Freuden und mit mancherlei Saitenspiel. Des Morgens fing das Stechen an und ward gar groß und kurzweilig zu sehen. Sidonia stund mit den Frauen und Jungfrauen von Britannia oben in einem Gemach, daß sie dem Stechen zu konnt' sehen. Der alte Koenig war auch in einem sonderen Gemach und die alten Ritter und Herren waren bei ihm. Pontus war von den innern Stechern, und war das Stechen gar hart und ernstlich, daß der Koenig und die Frauen, die von oben herab zusahen, sich fast verwunderten darob. Pontus aber stach vor ihnen allen hernieder Ritter und Pferd, daß sie sich alle besorgten, ihm zu begegnen. Und die Frauen lobten ihn gar fast. Gar herrlich und wohl war es alles zugerichtet und sie hatten da mancherlei Kurzweil' und waehrete die Gesellschaft und das Ritterspiel, bis daß die Sonn' unterging. An dem Abend gingen sie zu Tisch: da ward ihnen gar herrlich gedienet mit mancherlei koestlichen Trachten. Die Pfeifer und Herolde trieben viel Schimpf und Kurzweile, die man gar fern hoerte. Nachdem, als sie gegessen hatten, da theilete man aus den Preis und die Gaben, nachdem ein jeder gestochen haet. Den Preis von den Auslaendigen gab man dem Grafen von Montfort, der gar redlich hatte gestochen. Die Gabe, die man ihm zueignete, war ein gueldener Kopf. Pontus aber haet den Preis vor ihnen allen, und die Frauen schickten ihm ein koestlich Kraenzlein. Und gleich, wie man ihm das brachte, da kamen geritten Gottfried von Lusignan, Andre von Lator, Wilhelm von Rosches und der Graf von Martein, nach denen Pontus geschickt haet, mit ihm zu fahren in Engelland, denn alle Ritter waren ihm hold, um seiner Frommkeit und Redlichkeit willen, und daß er so mild und freigebig war gegen jedermann. Da nun Koenig Pontus diese Herren und Ritter sah, stund er auf, ging gegen sie und empfing sie gar schoen und wohl. Sie aber sprachen zu ihm: er haette unrecht und zuviel gethan daran, daß er gegen sie auf waere gestanden. Aber er war tugendlich und demuethig und sprach: sie waeren aller Ehren werth. Des Morgens nahm Pontus Urlaub von dem Koenig und Sidonia, auch von den andern Frauen, und ritt zu Sant Malo, saß auf ein Schiff und fuehrete mit ihm die zwoelf Freien von Britannia und die vier, die vor gemeldet sind. Der Herzog von Glocester ward vorhin geschickt zum Koenig von Engelland, ihm zu verkuendigen, wie Pontus kaeme, wiewohl es der Koenig vorhin wußt' und hatte sich auf ihn geruestet. Der Koenig saß auf sein Pferd und die andern Herren und Koenige mit ihm, und ritten wohl eine Meile dem Koenig Pontus entgegen mit ihren Drommeten. Er ward mit großer Freud' empfangen, und sie entboten ihm große Ehre. Der Koenig Pontus war gar koestlich in seinem Gewand, mit Perlen und Gold wohl geziert, und hatt' eine Kron' auf seinem Haupt von klarem Gold und koestlichen Steinen; er hatt' auch zwanzig Freien bei ihm, ohne Polidas, seinen Vetter, und die waren alle gekleidet in Sammetroeck', die waren unterzogen mit Hermelin und waren alle in einer Farb', und hatten Kraenzlein auf mit Perlen und edlem Gestein, alle gleich. Und die andern Herren waren alle in Scharlach gekleidet, unterzogen mit Ruecksehe, auch alle in einer Farbe; gar koestlich waren sie in ihrer Kleidung und hatten Guertel ueber die Roecke und huebsche Saeckel daran. Ihre Ordnung gefiel ihnen allen wohl; darum sie fast wurden angesehen. Der Koenig Pontus ritt mit großen Freuden in die Stadt London. Da fand er die Koenigin, die auf ihn wartete. Und alsbald er sie sah von ferne, da stund er ab und ging zu ihr; und sie umfing ihn mit ihren Armen, kuesset' ihn und bewies ihm große Ehre. Sie fraget' ihn: wie es ihm seit ergangen waere? Und er sprach: »Wohl von den Gnaden Gottes.« Genefe's Augen waren stets gerichtet auf Polidas, wo sie ihn moechte ersehen: am letzten sah und erkennete sie ihn durch Pontus, seinen Vetter; denn er ihm etwas gleich sah. Er gefiel ihr wohl und gedauchte sie fast huebsch und wohlkundig zu sein. Aber doch, daß sie es wahrlichen moechte wissen, ob er's waere, so erforschete sie den Herzog von Glocester, der bei ihr stund: der saget' ihr, wie es Polidas waere; und sie gedachte bei ihr, wie sie nicht gar haette gefehlet, ihn zu erkennen; denn ihr Herz sagte ihr das. Darnach, da es Essens Zeit war, da gingen sie zu Tisch; und da ward ihnen gar koestlich und wohl gedient mit mancherlei guter Speis', und die maechtigen Freien dienten denselbigen Tag persoenlich, aus des Koenigs Befehl, zu Tisch. Nach Essens tanzten sie eine Weil' und waren froehlich. Darnach brachte man Wein und Fruechte. Genefe, des Koenigs Tochter hatte große Begierde, daß man redete von ihren Sachen. Sie sprach zu dem Koenig von Schotten in Schimpfsweise: »Ich weiß, was aus den Sachen wird, die der Graf von Richemont an hat bracht.« Der Koenig lachet' und sprach zu ihr: »Ihr habet ihn wohl gesehen: wie gefaellt er euch? was rathet ihr dazu?« Da ward sie schaamroth und sprach: »Was mein Herr und Vater und auch ihr mit mir schafft und heißt, will ich gehorsam sein.« Da verstund der Koenig von Schotten wohl, daß es ihr gefallen war, ging zu dem Koenig von Engelland und sprach zu ihm; es waere von noethen und an der Zeit, daß man redete von der Heirat seiner Muhmen. Da sprach der Koenig von Engelland: »Ihr rathet wohl.« Der Koenig von Schottenland hieß ihn gehn in seine Kammer. Das thaet er und schickte nach dem Koenig von Irland und dem Koenig von Cornuaille und den andern Fuersten und Freien, die aus seinem Koenigreich waren. Und da sie nun bei einander waren, da sagte ihnen der Koenig die Worte, die der Graf von Richemont an haet bracht von Koenig Pontus, naemlich von der Heirat zwischen seiner Tochter und Polidas. Darnach fingen sie an zu reden von den Sachen und umzufragen von einem zum andern; und am letzten sprachen sie alle einhaelliglich: seine Tochter moechte nicht baß angelegt werden, durch die Versorgniß des Koenigreichs, »und das euch am nuetzesten waere; denn also lange sein Vetter Pontus lebt, so duerfte niemand so keck sein, der uns Krieg wuerde anbieten.« Da der Koenig hoerte, daß sie alle willig waren, da bat er den Schottischen Koenig und den Herzogen von Glocester, daß sie gingen zu Pontus und die Sache von ihm vernaehmen; »und saget ihm, wir wollen seinen Vetter gern haben zu unserm Sohn.« Dieses thaten sie.   Das ein und funfzigste Kapitel Wie man Polidas. Pontus Vetter, und Genefe, des Koenigs Tochter von Engelland, zur Ehe zusammen gab. Nachdem, als sie nun der Sachen eins waren, der Heirat halben, da entbot man dem Erzbischof von Kandelberg; und als er kam, da gab man die zwei zusammen mit großen Freuden. Nun, es ist nicht zu sagen, was fuer großer Freude Genefe gehabt habe, wiewohl sie nicht dergleichen that; denn sie haet ihn fast lieb und lobet' ihn von wegen seiner Huebschheit und Frommkeit, und auch von seines Vettern wegen, den sie vor so gar lieb haet gehabt, auf dem andern Theil. Polidas dankete Gott in seinem Herzen, daß er so viel Gluecks hat in dieser Welt; denn er sah wohl, daß sie huebsch war und mit hoeflichen Gebaerden wohl geziert: darum sie ihm gar wohl gefiel. Es ward nun ein Tag angesetzt, daß man Hochzeit sollte halten. Da kam gar große Herrschaft ihnen zu Gefallen, und ward der Hof gar groß und der Freude viel. Am andern Tag, als nun die Hochzeit fuerbei war, da fing man an zu kurzweilen mit Rennen und Stechen; denn Pontus wollte nicht, daß man staeche den ersten Tag, als man Hochzeit hielt, von der Geschichte wegen des Herzogen von Burgundien, der auf demselbigen Tag, als er Hochzeit hielt, umkam; davon viel und lang zu sagen waere. Es war große Freude da und waehrete von dem Montag bis auf den Freitag. Darnach am Freitag, als der Hof und die Hochzeit ein Ende hatte, nahm Koenig Pontus Urlaub von dem Koenig und der Koenigin von Engelland, mit großer Bitt', ehe' denn sie ihm erlaubten. Auch besonders nahm er Urlaub von Genefe, des Koenigs Tochter, und sie redeten gar holdselige Worte miteinander. Genefe sprach zu Pontus: »Wahrlich ich habe meinen Herren Polidas desto lieber darum, daß ich euch vor lieb habe gehabt, und daß ihr so treulich gehalten habt euere erste Lieb' an Sidonia.« Pontus lachet' ein wenig dazu und gedacht' in ihm selber, daß keine Bescheidenheit waere vor Frauen zu verbergen; denn sie koennten es alles wohl erdenken. Und sie redeten allerlei mit einander von viel Sachen wegen. Pontus sprach weiter zu Genefe, des Koenigs Tochter: »Meine gnaedige Frau und geliebte Freundin, ich will euer Ritter sein, dieweil ich lebe, will allezeit in euerm Dienst sein und ihr sollt mit mir schaffen und gebieten, als mit dem eueren.« Darnach nahm er zu ihm seinen Vetter Polidas und sprach zu ihr: »Meine Frau und meine geliebte Freundin, das ist mein Vetter: ich will und gebiet' ihm, daß er euch lieb hab' und hoch acht' und halte, und daß er ob keiner andern also groß Wohlgefallen hab' als ob euch. Thut er das nicht, so lasset mich's wissen, so will ich's wenden.« – »Herr, – sprach sie – er wird alles das thun, bin ich ungezweifelt, das ein frommer Herr thun soll.« – »Ich wuensch' und begehr' es von Herzen, – sprach Pontus – und will es auch gern hoeren.« Und schied also von ihr.   Das zwei und funfzigste Kapitel Wie Pontus aus Engelland wiederum in Britannia zog. Als nun Pontus von Engelland hinweg schied, saß er mit seinen Herren auf das Meer und fuhr in Britannia. Als sie nun das Land erreichten, da wurden sie von maenniglichen wohl empfangen und mit großen Freuden aufgenommen. Darnach, nach wenig Tagen, brachen die auslaendischen Gaest' auf, nahmen Urlaub von Pontus und schieden von dannen. Pontus danket' ihnen gar fast ihres Dienstes, begabete sie gar herrlich mit großer Schenkung und wollte ihnen das Geleit geben; sie wollten's aber ihm nicht zulassen: darnach nahm er Urlaub von ihnen und schieden sie sich also. Der Koenig von Britannia lebete nur noch drei Jahr; denn er war fast alt. Darauf ward Pontus Koenig. Jedermann war ihm hold, vom Adel und von der Gemeine. Er war fromm und gerecht, auch barmherzig gegen jedermann. Er hat auch fast lieb die Koenigin, sein Gemahl. Darnach fuhr er in Gallicia und blieb da ein Jahr und da wurden sie gar hoch und fast geehret. Der Graf von Estor, sein Oheim, danket' ihm gar fast der großen Ehre, die er seinem Sohn Polidas hatte bewiesen, naemlich, daß er ihn zu einem Koenig haette gemacht. Pontus gab großes Land und Erbschaft dem Patrises, der ihn von dem Tod errettet halt' und dem Land so viel Gutes gethan. Große Ehr' erbot auch die Koenigin Sidonia der Koenigin in Gallicia, ihres Herren Mutter. Nachdem ritt Pontus mit Sidonia seinem Gemahl kirchfahrten zu Sankt Jakob in Gallicia. Er kam darnach in Hispania zu dem Krieg der Heiden und Unglaeubigen. Er fuehrte mit ihm viel Herren und Freien von Britannia und auch fast alle Ritterschaft, und ihrer waren mit den Fremden, so zu ihnen kommen waren, und mitsamt denen von Gaskonien, wohl bei vierzehen tausend; und diese schlugen die Unglaeubigen und hatten gar mannlich mit ihnen gestritten und gewonnen Staedt' und Schloesser. Nachdem saßen sie auf das Meer und fuhr ein jeglicher wiederum heim in sein Land. Und Koenig Pontus ward groß gelobet und gepreiset; denn er hatte gar reichlich Sold ausgegeben und dazu große Schenkung gethan. Und er hielt mit ihnen tugendliche und freundliche Gesellschaft, daß sie ihm alle großes Lob nachsprachen und sagten: er waere geschickt und wuerdig zu gewinnen alle Lande. Man lobet' ihn auch fast von wegen der Ritterschaft, so er hat begangen, und von wegen seiner Frommkeit, Mildigkeit und großen Demuethigkeit, die er in ihm haet; denn alle gute Sitten und Gewohnheit, die ein Mensch haben mochte, die hatt' er, und auch nach der Welt alle Schoenheit. Es waere gar viel und weitlaeuftig von ihm und seinen Tugenden zu schreiben und zu sagen, mit welchen er vor andern von Gott begabet war, darum er auch fuertrefflich von jedermann gehalten ward. Er blieb eine Zeit lang in Gallicia und darnach zog er wieder in Britannia. Nachdem aber fuhr er in Engelland, zu sehen seinen Vetter Polidas, der nun Koenig war in Engelland: da ward er empfangen mit großen Freuden. Es ist nicht zu sagen, was Freude Genefe empfing ob seiner Zukunft und was großen Fleiß sie hatt', ihn schoen zu halten. Darnach, als sie nun viel Freude mit einander hatten gehabt, da geleitet' ihn der Koenig von Engelland bis in Britannia und zog er fuerder in Gaskonien, da er gar schoen gehalten ward und trefflich geehret. Darnach kehret ' er wiederum heim in sein Koenigreich und fuehrt' ein gut Regiment, nach Unterweisung des Pontus. Pontus aber und Sidonia, die Koenigin, regierten eine gute und gar lange Zeit, nach allem Wunsch und Gefallen der Landschaft. Und als sie nun ihre Tage, Zeit und Regierung, nach Gottes Ordnung, gluecklich und wohl vollbracht und geendet hatten, da sturben sie, nach gemeinem Brauch und Ordnung dieser Welt: wie denn alle Kreaturen, die das Leben empfangen und einmal angenommen haben, wiederum, nach vollbrachtem Lauf, wie er einem jeden von Gott geordnet und das Ziel gesteckt ist, es muessen lassen und durch den zeitlichen Tod von ihnen legen; dafuer denn keine Gewalt, Macht, Staerke, Kunst, Huebsche, Reichthum, Frommkeit, oder was dergleichen genannt mag werden, helfen oder sein mag, denn, sobald jemand das Leben von Gott wird gegeben, so hat er auch dabei den Tod am Hals. Also nahm auch das Regiment und die Herrschung des huebschen, frommen, maechtigen und tugendreichen Koenig Pontus von Gallicia ein Ende mit dem Tod. Er ward begraben mit großem Pomp und Pracht, nach koeniglichem Gebrauch und Ordnung, mit großem Weinen und Klagen des Hofgesinds, aller seiner Unterthanen und des ganzen Lands, als der einig tugendreicheste, frommeste, mildeste und gerechteste unter allen regierenden Koenigen, die je gewesen waren und auch nochmals kommen und sein moechten.