Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld Das Ende König Ludwigs II. und andere Erlebnisse 1. Band Herausgegeben von seiner Witwe Fürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld Vorwort Die nachfolgende Arbeit »Das Ende König Ludwigs II. von Bayern« ist zwar vom Verfasser selbst mit einer Einleitung versehen worden und bedürfte somit keiner besonderen Einführung, dennoch hielt ich es für notwendig, einige Worte über die Entstehung dieser dramatischen Aufzeichnung zu sagen, denn nur so kann deren geschichtlicher Wert richtig eingeschätzt werden. Die Niederschrift erfolgte unmittelbar nach der aus nächster Nähe miterlebten Katastrophe, einschließlich aller damit verbundenen Krisen – also noch völlig unter dem Eindruck dieser Erlebnisse. Gedächtnisfehler sind daher ausgeschlossen. Nur einige erklärende Fußnoten und die wörtliche Zitierung aus Dr. Müllers Schrift sowie der Bericht des Friseurs sind vom Verfasser später eingefügt. Es ergibt sich aus dieser authentischen Schilderung somit unter anderem auch eindeutig, daß der unglückliche König nicht fliehen wollte, wie später, manchmal auch noch in jüngster Zeit, behauptet wurde, sondern daß er den Tod in geistiger Umnachtung suchte und fand. Doch nicht nur geschichtlich, sondern auch politisch hat diese Aufzeichnung ihre Bedeutung, denn sie gewährt Einblicke in den damals komplizierten diplomatischen Verkehr der Bundesstaaten untereinander, trotz des »geeinten« Reiches. Die Tätigkeit der preußischen Vertretung in Bayern trat damals besonders in den Vordergrund. Es galt den Reichsgedanken gegenüber den partikularistisch- ultramontanen Sonderbestrebungen energisch aufrecht zu erhalten und zu stärken. Daß der junge Sekretär und Geschäftsträger, dem der Gesandte freie Hand gelassen hatte, diese schwierige Aufgabe erfolgreich durchführte, geht aus dem anerkennenden Schreiben des so einflußreichen Geheimrats von Holstein vom 13. Juni 1886 (Anhang S. 114) wie aus dem Brief des Grafen Herbert Bismarck vom 22. Juni 1886 (Anhang S. 123) hervor. Diesem ersten Briefe Holsteins folgten im Laufe der Jahre hunderte und hunderte. Daß die Veröffentlichung des umfangreichen politischen Nachlasses Philipp zu Eulenburgs (mit Ausnahme einiger kleineren Arbeiten, wie König Ludwigs II. Ende) laut letztwilliger Verfügung noch nicht erfolgen durfte, ist sehr bedauerlich, denn seine Zeitgenossen werden dies kaum noch erleben – und die neue Generation, in so viel freieren und gesünderen Anschauungen erzogen, wird nicht mehr beurteilen können, wie weit Ph. Eulenburg seiner Zeit vorangegangen war. Die Aufzeichnungen des II. Teiles dieses Buches sowie des nachfolgenden zweiten Bandes sind nur als Rahmenschilderungen zu den politischen Geschehnissen zu bewerten. Ich weise den Leser hierauf besonders hin, damit er sich nicht aus diesen unterhaltenden Schilderungen ein Bild des Politikers und ernsten Arbeiters Ph. Eulenburg macht, denn dies wäre irreführend. Ph. Eulenburg war aber auch ein sehr feiner Beobachter und besaß viel gesunden Humor. Dadurch wirken alle seine Erzählungen so besonders lebendig und sind als Zeitbild nicht hoch genug einzuschätzen. Die hin und wieder vorkommenden spöttischen Äußerungen, vielleicht verwunderlich für einen Mann der alten Tradition, werden verständlich, wenn man weiß, daß er als völlig eigenwegige Natur niemals von äußerem Prunk oder höfischem Nimbus beeindruckt war, sondern stets nur den Menschen im Menschen sah und beurteilte. Wie bekannt, war er auch der Einzige aus der Umgebung Kaiser Wilhelms II., der diesem stets freimütig seine Meinung sagte und, wenn er es für nötig hielt, ihm auch widersprach. Die Form, die er in politischen Briefen dazu wählte, war je den Umständen entsprechend bald sehr ernst, bald mit heiteren Erzählungen gewürzt, um die nachfolgende bittere Pille etwas schmackhafter zu machen. Ein Beispiel dieser Art finden wir in der Schilderung der Besuche in Aussee und Ischl, wo ernste und wichtige Fragen erörtert wurden und dem Kaiser vorgelegt werden mußten. Entstanden sind diese Aufzeichnungen nicht in einem Guß, wie »König Ludwigs Ende«, sondern sie wurden nachträglich vom Verfasser bei Sichtung seiner Korrespondenzen und Tagebücher zusammengestellt und mit verbindendem Text versehen. Um dem Leser auch ein Bild des jugendlichen, völlig unpolitischen Ph. Eulenburg zu vermitteln, wurden hier die »Skizzen aus dem Orient« beigefügt. Die Herausgeberin. 1. Teil Das Ende König Ludwigs II. von Bayern Erlebnisse des Grafen Philipp zu Eulenburg, Legations-Sekr. bei der K. Preußischen Gesandtschaft München, im Sommer 1886 Einleitung Im Jahre 1881 war ich als Botschaftssekretär der Deutschen Botschaft in Paris zugeteilt. Deutscher Botschafter war dort Fürst Clodwig Hohenlohe- Schillingsfürst (später Reichskanzler), Botschaftsrat: Freiherr von Thielmann (später Staatsminister und Staatssekretär des Reichsschatzamtes), zweiter Sekretär: Bernhard von Bülow (später Fürst und Reichskanzler), dritter Sekretär: ich, Attaché: Prinz Max Ratibor (später Botschafter), Militär-Attaché: von Bülow (später Kommandierender General des III. Armeekorps). Ein seltsames Häuflein von Menschen, die Karriere gemacht haben. Ich schloß damals eine enge Freundschaft mit Bernhard von Bülow, die für moderne Zeiten immerhin die bemerkenswerte Dauer von mehr als 25 Jahren hatte. Aber es verband mich damals auch eine feste Freundschaft mit Graf Herbert Bismarck, der in jener Zeit der Kanzlei seines Vaters zugeteilt war. Dieser Beziehung verdankte ich die Annehmlichkeit, daß meine Wünsche in dienstlicher Hinsicht leicht erfüllt werden konnten. So wurde mir auch, als ich den großen Schmerz erlitt, 1881 in Paris mein geliebtes ältestes Töchterchen, die kleine Astrid, ein Kind von 2 Jahren, zu verlieren, der Wunsch erfüllt, Paris zu verlassen, das mir in meinem Kummer unerträglich geworden war. Mein Freund Herbert schlug mir den Posten des einzigen Sekretärs bei der Preußischen Gesandtschaft in München vor, den ich mit Freuden annahm. So siedelte ich schon im Sommer desselben Jahres nach München über, wo ich bald in die besten Beziehungen zu meinem Chef, dem Grafen Georg von Werthern, trat. Er war der Herr der Grafschaft Beichlingen in Thüringen, vermählt mit Gertrud von Bülow und leitete schon eine ganze Reihe von Jahren die Münchener Gesandtschaft. Er war im Jahre 1816 geboren, also ein Herr von 65 Jahren. Ich meldete mich, den 31 Lebensjahre von ihm trennten, bei diesem liebenswürdigen Vorgesetzten, und der Altersunterschied hinderte uns nicht, bald gute Freundschaft miteinander zu schließen, die wir nicht nur während der Dauer eines sechsjährigen dienstlichen Zusammenlebens, sondern darüber hinaus uns treu bewahrten. Werthern war ein Original. Körperlich und geistig beweglich wie ein Jüngling, trug Kleider von seltsamem Schnitt und Hüte von merkwürdiger Form. Er war ein Mann von liberalen Anschauungen und hatte seinen Verkehr fast ausschließlich in der Gesellschaft der Münchener Gelehrten- und Künstlerwelt, zu der auch ich mich mit meinen Anschauungen, Neigungen und Anlagen gezogen fühlte. Die sogenannte bayrische »erste« oder Hofgesellschaft war dem Grafen Werthern ein Greuel. Stark antikatholisch (sogar antikirchlich), stand er diesen Kreisen, denen er durch seine vornehme Geburt zugehörte, fast gegensätzlich gegenüber, was bei mir allerdings nicht der Fall war. Ich hatte auch in diesen Kreisen meinen Anhang, wenngleich in jenen Jahren immer noch eine innerliche Verbissenheit die aristokratischen Kreise von der preußischen Gesandtschaft trennte. Das Gefühl einer festen Zugehörigkeit zu dem neuen Deutschen Reich war damals nur in jenen Kreisen der Kunst und Wissenschaft zu finden, denen sich Graf Werthern angeschlossen hatte, und zwar so fest, daß er von der Hofgesellschaft kaum mehr als ein Mitglied betrachtet wurde. Daran war sehr wesentlich aber die Haltung schuld, die er, bald nach dem Kriege von 1866 in München zum Gesandten ernannt, dort eingenommen hatte. Seine Politik in den schwierigen Jahren nach 1866 war in Bayern so erfolgreich gewesen, daß bei dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges Schwierigkeiten in politischer Hinsicht in Bayern kaum noch zu überwinden waren mit Ausnahme des Königs, den zu gewinnen andere Kräfte mit Erfolg tätig waren. Die Münchener altbayrische Aristokratie verzieh dem Grafen Werthern dieses Wirken von 1866 bis 1870 nicht, und auch um mich bewegten sich diese Kreise noch nur wie Katzen um einen heißen Brei. Immerhin muß ich sagen, daß man mich und meine Gattin gern sah – während dieses von meinem geistvollen und gütigen Freunde Werthern nicht behauptet werden konnte. Als der Schwiegersohn Bismarcks, Graf Kuno Rantzau, durchaus den Münchener Gesandtenposten erhalten sollte, setzte ich mich so energisch für Wertherns Verbleiben in München ein, daß die Regierung Bayerns und der Prinz-Regent für die vorläufige Erhaltung Wertherns einen Schritt in Berlin taten. Das hat mir mein alter Freund niemals vergessen. Noch nach seinem Rücktritt 1888 suchte er mich gern in Liebenberg auf und bewahrte mir bis zu seinem Tode 1895 seine treue Freundschaft, die mir stets wertvoll geblieben ist. Graf Werthern nahm alljährlich zu Anfang des Monats Juni einen Sommerurlaub nach seinem schönen Beichlingen, um dort den privaten Interessen und Geschäften seines Hauses nachzugehen. Erst Anfang Oktober kehrte er nach München zurück. In der Zwischenzeit hatte ich selbständig die Geschäfte der Gesandtschaft zu führen. Um meiner Familie die Sommerzeit in der Stadt zu ersparen, mietete ich stets in dem nahen Starnberg ein Quartier, wo wir am Ufer des herrlichen Sees glückliche Zeiten verlebten. Der sehr tüchtige und vortreffliche Vorstand der Gesandtschafts- Kanzlei in München, Hofrat Schacht, brachte mir eilige Sachen zur Unterschrift nach Starnberg oder rief mich telegraphisch nach München, wenn meine Anwesenheit dort erforderlich war. Das Jahr 1886 sollte jedoch in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Störung erfahren. Welcher Art diese war, habe ich in den nachfolgenden Mitteilungen als eines der seltsamsten Erlebnisse meines an merkwürdigen Erlebnissen reichen Lebens aufgezeichnet. I. Aus dem Privatleben König Ludwigs II. und die finanziellen Schwierigkeiten. Die Schulden König Ludwigs waren bis zum Frühjahr 1886 lawinenartig angewachsen. Schon im Jahre 1884 hatte der Finanzminister von Riedel, einer der klügsten Männer, die Bayern hervorgebracht hat, eine Anleihe von 7½ Millionen für die kgl. Kabinettskasse zustande gebracht, allein schon am 29. August 1885 beauftragte ihn wieder der König, eine neue Anleihe von 6½ Millionen herbeizuführen. Die Vorstellung des Ministers, in welcher er die bedrängte Lage der Kabinettskasse darstellte, zog ihm einen Verweis darüber zu, daß er es gewagt habe, sich in dieser Frage direkt »an die Majestät« zu wenden. Dieser Verweis aber wurde ihm durch einen Stalldiener überbracht. Herr von Riedel antwortete mit seinem Entlassungsgesuch, dem sich, im Fall der Gewährung, die anderen Minister anschließen wollten – aber in einem gnädigen Schreiben bat der König Herrn von Riedel, in seinem Amte zu bleiben. So war die Krise der Kabinettskasse immer schärfer geworden, und es standen bereits gerichtliche Klagen gegen sie in Aussicht. Unter diesem Eindruck versuchte der König, sich auf Privatwegen Geld zur Deckung seiner Schulden zu verschaffen. Sein langjähriger intimer Vertrauter, der Marstall-Fourier Hesselschwert Hesselschwert, der aus niedrigem Stand hervorgegangen war, spielte im Laufe der Jahre eine stetig wachsende einflußreiche Rolle. Ein selten kluger Mensch, doch habgierig und gewissenlos und dazu außerordentlich energisch. Brauchbar in seinem Beruf – gefährlich im übrigen. Oberstallmeister Graf Holnstein benutzte und förderte ihn, um sich selbst in seiner Stellung zu halten. , mußte nach Regensburg fahren, um bei dem Fürsten Thurn und Taxis ein Anlehen von 20 Millionen aufzunehmen; dann kamen die Kaiser von Österreich und Brasilien, die Könige von Belgien und Schweden, selbst der Sultan und der Schah von Persien, diese letzteren wenigstens in Gedanken und Plan, an die Reihe. Und würden solche Anleihe-Versuche fehlschlagen, so war Befehl gegeben, Leute zu werben, die bei den Banken in Stuttgart, Frankfurt, Berlin und Paris einbrechen sollten. Ein anderer Sendbote, aus dem kgl. Stall, war beauftragt, nach Indien zu einem gewissen Nabob zu gehen, zog es aber vor, die Reisediäten in München beim Biere zu verzehren und schließlich zu erklären, der Nabob sei vor seiner Ankunft in Indien an der Cholera gestorben. Bei dieser öffentlich allenthalben besprochenen Kalamität gingen die Bestellungen und Aufträge des Königs ihren gewohnten Gang. Namhafte Künstler, wie Hermann Kaulbach Sohn des berühmten Wilhelm K. Er war mein Freund. Ungewöhnlich begabt. Hochgebildet und gütig. u.a. erhielten Aufträge, Skizzen für die Ausschmückung des Schlosses Falkenstein, das auf einem fast unzugänglichen Berggipfel in Tirol gebaut werden sollte, zu liefern. Außerdem lagen Baupläne für ein chinesisches Schloß vor, die der Kgl. Baumeister Prantl entworfen hatte. Dieser spielte in den letzten Lebensjahren des Königs eine sehr verderbliche Rolle. Er war das billige Werkzeug bei der Ausführung aller Bauten, die die wahnsinnige Phantasie des unglücklichen Monarchen ersann und wußte sich dabei geschickt in der Gunst des Königs zu erhalten, indem er diesem Vorschüsse aus seinen riesigen Einkünften bei der Leitung der Schloßbauten machte. Er bot mehrfach sogar dem König einen Kredit von 1–2 Millionen an – während er doch vor der Übernahme der Kgl. Bauten nicht das geringste Vermögen besaß. Durch diese Art, seine »Treue« zu zeigen, war es ihm geglückt, sich bis zum Lebensende des Königs dessen Vertrauen zu bewahren. Denn noch als der König in den Tagen der Junikrise in Schwanstein über seinen Tod brütete, telegraphierte er an Prantl, ihm zu Hilfe zu kommen. Aber er ließ seinen Herrn im Stich, weil das »Geschäft« zu Ende war. Der König beschäftigte sich nicht nur mit seinen Bauplänen, sondern besonders auch mit den Details der Ausschmückung seiner Schlösser Dieser, lediglich seiner krankhaften Phantasie entsprossenen Tätigkeit, die zur massenhaften Bestellungen im Stil der romanischen Kunst, des Zeitalters Ludwigs XIV. und des Rokoko führten, verdankt München das Aufblühen des Kunstgewerbes, das in keiner anderen Stadt die gleiche Höhe zu erreichen vermochte. . Das erweckte lange Zeit den Eindruck, als befasse er sich ausschließlich mit der Kunst. So entwarf er selbst den Plan für den großen Pfau in Edelsteinen, der als Mosaik den Fußboden des Prunksaales von Falkenstein schmücken und aus Diamanten, Rubinen und Smaragden bestehen sollte, während sein Wert auf mehr als 250 000 M. bemessen war. Es erregte solcher Luxus wohl Kopfschütteln; aber es war sein völlig abgeschlossenes Leben, dazu sein ausschließlicher Verkehr mit Menschen, die tief in ihrer Bildung und sozialen Stellung unter ihm standen, worüber die Bevölkerung allmählich in Unruhe geriet, ohne doch in ihrer großen Loyalität darüber laut zu werden. Noch im Jahre 1884 hatte der König die Vorträge des Kabinettssekretärs von Ziegler ziemlich regelmäßig persönlich entgegengenommen. Dieser war ein liebenswürdiger Mann, mit dem ich häufig verkehrte. Sehr diskret. Doch hatte er nicht sein volles Vertrauen. Die Vorträge mußte er während der letzten Lebensjahre des Königs hinter einem Schirm halten, da der König ihn nicht zu sehen wünschte. Seine Adjutanten sah König Ludwig jedoch damals schon nicht mehr. Aber auch den Verkehr mit dem einzigen, ihm an Bildung näherstehenden Menschen hatte er aufgegeben, als Herr von Ziegler entlassen wurde und Ministerialrat Schneider an dessen Stelle trat. Dieser spielte nur die Rolle eines Schreibers, während der Verkehr zwischen dem König und seinen Ministern sowie höchsten Hofchargen durch die Hand des Kammerlakaien Meier, des Marstall-Fouriers Hesselschwert und der Brüder Sedlmeier schriftlich, auch wohl mündlich vermittelt wurde. (Reitknechte und Fouriere.) Kurz vor der Juni-Krise 1886 waren es der zu ihm kommandierte Cheveauxleger Weber und der Hoffriseur Hoppe, die als Vermittler bei den ernstesten Staatsgeschäften benutzt wurden. Die Zuteilung von Soldaten zu dem Dienst des Königs war zunächst infolge der Mißhandlungen des Dienstpersonals durch den König vorübergehend eingetreten, denn die entstandenen Lücken in den Rechen der Lakaien waren nicht anders auszufüllen. Der vertraute Verkehr, der sich nun aber mit ihnen entwickelte, wenn sie ihren schweren Dienst als Lakaien und selbst als Kammerdiener unter den schwierigen Formen »chinesischer Hofetikette« (zu der z. B. das Präsentieren der Gerichte mit abgewandtem Gesicht, das »Auf-dem-Boden-Kriechen« usw. gehörte) nach Wunsch versahen – war es hauptsächlich, was das Publikum verletzte und was auch schließlich den Rücktritt des Kriegsministers von Maillinger veranlaßte, der sich der »Herabwürdigung« von Soldaten zu widersetzen versuchte. König Ludwig hatte den fortgesetzten Soldaten-Kommandierungen zugestimmt, nachdem Hesselschwert sie ihm vorgeschlagen hatte und ein Cheveauxleger seinen Vorschlag unterstützte. Das war ein Soldat, der im Frühjahr 1885 seinen im Stall des Königs dienenden Bruder besuchte und den der König bei dieser Gelegenheit sprach. Er nahm ihn, zum höchsten Erstaunen der mitwirkenden Schauspieler, in eine seiner Separatvorstellungen im Opernhause mit und entließ ihn sodann mit einer goldenen Uhrkette und einem 1000-Mark- Schein. Dieser Chevauxleger war damals als Bursche zu dem mir näher bekannten Rittmeister Baron Falkenhausen kommandiert, und die Baronin erzählte mir, daß er seit jenem Theaterbesuch die Pferde mit Handschuhen geputzt habe, weil der König ihm gesagt hatte, daß er seine Finger besser pflegen möge. Der Verkehr des Königs mit den zu ihm kommandierten Chevauxlegers und Stalleuten trug einen theatralischen, phantastischen, oft aber kindischen Charakter, denn zu den Belustigungen des Königs gehörten auch die Trinkgelage in der Hundingshütte im Walde bei Linderhof, wo im orientalischen Pavillon des Linderhofs oder an anderen Orten, wo man auf Fellen oder Teppichen verkleidet gelagert, rauchte und aus großen Schalen und Humpen trank, wo auch die Soldaten und Stallbuben »Ringelstechen«, »Blindekuh« und andere kindliche Spiele spielten. Zur Feier des Geburtstages des Chevauxlegers Weber, der ein sehr gewandter und dabei heiterer Mensch war, legte bei einer solchen Belustigung der König sogar die Chevauxleger-Uniform des Regiments an, zu dem Weber gehörte. Ich schalte hier eine Aufzeichnung ein, die ich mir nach einem Gespräch mit Hoffriseur Hoppe machte, dem ich bei einer Fahrt auf dem Dampfboot bei Starnberg ein Jahr nach dem Tod des unglücklichen Königs begegnete. Die Mitteilung Hoppes wirft speziell ein Licht auf den Einfluß jenes Weber, der in den letzten Lebensjahren König Ludwigs fast maßgebend für die Entschlüsse des kranken Monarchen war. Hoppe aber, »nachdem alles vorüber war«, glaubte nun auch ohne Scheu über die »Hof-Angelegenheiten« mit mir sprechen zu können. Starnberg, den 19. Juli 1887. Ich sprach auf dem Dampfboot den Friseur Hoppe, der seit 1881 auch mich bediente. Er erzählte voller Anhänglichkeit von König Ludwig und behauptete, daß ihn nur die unseligen Geldkalamitäten in das Verderben geführt hätten. Auch sei er nur mißgeleitet und nicht wahnsinnig gewesen. »Man hatte dem König eingeredet«, fuhr er fort, »daß man ihn auspfänden würde, und davor hatte er diese Todesangst. Das waren immer die Kanaillen Hesselschwert, Maier und die Kammerdiener, die ihn ängstigten. Ich riet öfters dem König, er möge doch irgendeinen Mann, einen Adjutanten, oder etwas ähnliches wie einen Minister, zu sich nehmen, aber dann sagte er nur: »Hoppe, Sie sind immer sentimental.« Die Ausdrücke, die er überhaupt hatte – auch wenn er von den Ministern sprach – sind in keinem Lexikon zu finden, die kann man gar nicht wiederholen.« Als ich Hoppe fragte, ob die zum König kommandierten Chevauxleger ihren Einfluß sehr mißbraucht hätten, sagte er. »Nein, nicht so sehr. Als Soldaten mußten sie ihrem obersten Kriegsherrn gehorchen und konnten nicht was Besonderes verlangen – auch nicht drohen, wie die anderen, die immer sagten, sie würden allerhand Verrücktes vom König erzählen, wenn sie nicht Geld bekämen. Der Chevauxleger Weber, der wußte nun allerdings darauf zu laufen – aber er war doch kein schlechter Kerl. Ich habe niemals vom König ein Geschenk bekommen. Zuletzt hat er mir 10 000 Mark versprochen, die habe ich aber nicht erhalten als es aus war. Bei Weber ging es mit den Geschenken gar nicht zu Ende. Er war Schriftsetzer von Beruf und konnte auch stenographieren – auch ein bißchen Französisch wußte er –, er war der geborene Kammerdiener. Zuerst tat er den zweiten Dienst, nachher den ersten, und da wollte der König keinen anderen mehr. Einmal hatte er drei Monate hintereinander Dienst gehabt, Tag und Nacht; da kam er mit seiner Gesundheit ganz herunter und erklärte, er macht nun nicht mehr mit. Deswegen sperrte der König ihn 14 Tage ins Gefängnis, natürlich wurde dem König »was vorgemacht«. Während dieser Zeit ließ ihm der König Wein und Bier bringen, und das sollten wieder die Gefängniswärter nicht wissen. So ging es immer. Nachher ging die Sache wieder eine Zeitlang, dann aber machte Weber einen Fehler beim Servieren, und da klemmte ihm, während er aus Angst vor Schlägen hinaussprang, der König drei Finger in der Türe fast ab. Nun war Weber krank, und der König erkundigte sich, wie es ihm ginge. Als er wieder gesund war, wollte er nicht mehr bleiben, aber da kam sein Geburtstag, an einem Tag mit der Königin-Mutter, und da schenkte ihm der König Manschettenknöpfe mit den königlichen Insignien: ein »L« in Diamanten mit s.l.A. – seinem lieben Alfons. Nun ging es wieder bis zu der Zeit, wo Weber vom Militär frei wurde. Da hatte der König nichts mehr zu befehlen, und Weber ging deshalb nach München. Aber der König hatte keine Ruhe. 40 Chevauxlegers wurden nacheinander kommandiert, aber mit dieser Bedienung ging es nicht. Weber mußte wieder kommen. Er bekam gleich als Anfang 2000 Mark bar und eine große goldene Uhr mit goldener Kette – dick wie eine Pferde-Kinn-Kette. Hesselschwert hatte dem König vorgeredet, er solle nur immer geben – später könnte man alles wieder einziehen. Zum Schluß verschrieb der König Weber 25 000 Mark und schenkte ihm den großen goldenen Gralsbecher und den goldenen kleinen Hausaltar aus Schwanstein. Auch die Agraffe Edelweiß mit dem großen Diamanten, die der König immer am Hut trug, verschrieb er ihm. Nach dem Tode des Königs wollte man Weber nichts geben – mir auch nicht. Aber Weber gab alle Scheine vom König über alle seine Geschenke an den Rechtsanwalt. Außerdem hatte er von allen königlichen Befehlen stenographische Notizen zurückbehalten, und in den Notizbüchern des Königs hatte er viele Versprechen mit den großen königlichen Siegeln – da hat man ihm denn alles gelassen. Er hat sich jetzt eine Buchdruckerei gekauft.« Soweit die Mitteilungen des »Hoffriseurs«. Hoppe hat seiner Frau in Starnberg eine Sommerwohnung genommen, wo sie ihr rekonvaleszentes Söhnchen pflegt. Dieser Luxus eines bisher recht bescheidenen Friseurs dürfte wohl auf einige königliche Geschenke zurückzuführen sein. Ich hatte von den mir durch Hoppe mitgeteilten Vorgängen, über die bis zum Tod des Königs tiefes Schweigen bewahrt wurde, wenig gehört. Auch hatte Hoppe mir gegenüber im allgemeinen diskret geschwiegen, so wie ich nicht in der Lage war, dem Hoffriseur indiskrete Fragen zu stellen. Erst ein Jahr nach dem Tode des unglücklichen Königs, bei jener Dampfschifffahrt, wurde er zum ersten Male »vertraulich«. Ich muß hier ausdrücklich feststellen, daß ich die Loyalität – und auch die Diskretion – des bayerischen Volkes in jenen Jahren, da der Wahnsinn des Königs immer unverhüllter hervortrat, bewundert habe. Daß ich in verhältnismäßig breiter Form die vorstehenden Tatsachen wiedergab, hielt ich für erforderlich zum Verständnis der sich zu einer grauenvollen Katastrophe entwickelnden Ereignisse, die ganz Europa in Aufregung versetzten. II. Das Entstehen der Krise. Im März 1886 trat ich eines Morgens in das Zimmer des Gesandten Grafen Werthern. »Soeben war der Flügeladjutant Dürkheim bei mir«, sagte er. »Er legte mir drei Briefe des Königs vor, in denen er Dürkheim beauftragt, in England Geld für ihn zu beschaffen. Der Herzog von Westminster und andere seien in der Lage, die verlangte Summe vorzustrecken. Wenden Sie sich zur Vermittlung der Bekanntschaft an den Botschafter Hatzfeldt Der bekannte deutsche Botschafter in London, Graf Hatzfeldt, früher Staatssekretär. Einer der begabtesten Diplomaten seiner Zeit. (Prussien), schreibt der König wörtlich, aber Dürkheim zieht es vor, durch meine Vermittlung an Hatzfeldt zu gehen.« Graf Werthern fuhr fort, daß er eine abweisende Antwort von Hatzfeldt besorgen wolle, da man unmöglich die Kalamitäten um eine Schuldenlast erhöhen dürfe. Über diesen Vorfall berichtete der Gesandte nach Berlin. Er hob in seinem Bericht hervor, daß der Inhalt des königlichen Briefes durchaus logisch sei, daß Graf Dürkheim von der völligen Geistesklarheit des Königs überzeugt sei und daß sich die Gerüchte über die ernstlich angegriffenen Geisteskräfte des Königs möglicherweise als böswillige Erfindung derjenigen Partei darstellten, die dem Hause des Prinzen Luitpold bzw. der ultramontanen Partei gefällig sein wollte. Diese Meinungsäußerung des Gesandten, der ich deshalb nicht zustimmte, weil sie dem Bilde entgegenlief, das ich mir nach meinen Informationen von dem Geisteszustand des Königs machen mußte, langte zu einer Zeit in Berlin an, als Fürst Bismarck einen eigenhändigen Brief von König Ludwig selbst erhalten hatte, in dem der König den Kanzler bat, ihm einen Rat über die Art zu erteilen, wie er die Verwirrung seiner Finanzen lösen könne. Der Fürst, unter dem Eindruck der Vernunft, die sich in dem Schreiben des Königs aussprach, die auch durch den Bericht Wertherns eine Bestätigung zu erhalten schien, aber auch mit der Absicht, ein Ende der unhaltbaren Zustände herbeizuführen, gab dem König den Rat, sich an die Kammern mit dem Auftrag zu wenden, eine Ordnung der Geldverhältnisse herbeizuführen. Ob es dem Fürsten Bismarck bekannt war, daß der Unwille und Widerwille innerhalb der Häuser des Landtages bereits zu mächtig geworden war, um von dieser Seite einen Erfolg erhoffen zu können, und ob es ihm bekannt war, daß die Minister seit langer Zeit alles daran setzten, um die Kammern aus dem Spiel zu lassen, da sie von dieser Seite die Herbeiführung einer akuten Krise befürchteten – weiß ich nicht. Jedenfalls war der Rat nicht geeignet, die Klärung zu schaffen, die der König erwartete. Durch den Rat des Fürsten aber, den der König sofort befolgte, wurde tatsächlich der drohende Stein ins Rollen gebracht. Minister von Lutz Ministerpräsident von Lutz, dem ich persönlich sehr nahe stand, war die stärkste deutsche Kraft, die sich in Bayern geltend machte. Sein Ministerium war der Hort aller reichsdeutsch empfindenden Elemente Bayerns und daher der bestgehaßte Mann in den sogenannten »altbayerischen« Kreisen, die ihre Parole in Rom holten. sagte mir: »Der Reichskanzler hat uns eine böse Sache eingerührt, ich weiß nicht, wie wir da hinauskommen werden.« – Der König befahl – wie mir Lutz vertraulich mitteilte –, es solle eine Einwirkung auf die Volksvertretung erfolgen und an diese das Verlangen gestellt werden, »zur Erfüllung der Untertanenpflicht des Volkes und um diesem wieder die Allerhöchste Gunst zuzuwenden«, die Mittel, nicht nur zur Deckung der Schulden der Kabinettskasse, sondern auch die Mittel zum Weiterführen der vom König befohlenen Bauten zur Verfügung zu stellen. Das Ministerium trat daher mit den Kammern in vertrauliche Fühlung und Besprechung, die aber, wie zu erwarten war, ein negatives Resultat hatte, indem ein Zweifaches konstatiert wurde, »einmal, daß eine unrefundierliche Leistung von Landesmitteln an die Kabinettskasse nicht die mindeste Aussicht auf Erfolg habe, und daß zweitens auch eine Kreditvorlage, wonach der Kabinettskasse ein verzinsliches und refundierliches Darlehen vom Staate gewährt werden sollte, keine entsprechende Mehrheit in der Abgeordnetenkammer finden würde«. Wörtlich berichtet das Vorstehende das Gesamtministerium am 5. Mai 1886 in einer den furchtbaren Ernst der Lage in seiner ganzen Wahrheit darlegenden Vorstellung an den König, ihm aber auch Mittel und Wege zu den nötigen Einschränkungen und Ersparnissen zeigend und mit der Bitte schließend, »behufs persönlichen Verkehrs mit der Welt und mit den jeweiligen Trägern seiner Regierung«, in seine Residenzstadt zurückzukehren und »sich selbst Ruhe und Frieden, dem Vaterlande aber Glück und Heil zu bescheren«. Ich habe diese Vorstellung bei Minister Lutz gelesen, die bei aller Devotion der Sprache zwischen den Zeilen die stärksten Anklagen gegen den König enthielten und für den Mut des Ministeriums ein glänzendes Zeugnis ablegt. Denn nicht nur ihre Stellung setzten die Minister aufs Spiel, sondern auch ihre Zukunft konnte durch den zu Gewaltakten neigenden König schwere Schädigung erleiden. Das Ministerium blieb auf dieses letzte Wort ohne Erwiderung, aber der König diktierte Lakai Meier für Hesselschwert: »Ich habe jene Meldung verworfen, denn jenem Pack kam es gar nicht zu, sich in Sachen zu mischen, die es nicht im geringsten angehen und für die es gar nicht da ist.« Und am 11. Mai schrieb der König eigenhändig an denselben Vertrauten: »Ist die Kammer verstockt, dann auflösen, andere her und das Volk bearbeiten, schnell aber! Rasch vorwärts mit dem Schlafzimmer in Linderhof, St. Hubertuspavillon und mit dem Ausbau der Burg von Herrenwörth und Falkenstein. Mein Lebensglück hängt davon ab. Ziegler soll es erschinden, durchreißen, alle Schwierigkeiten besiegen und alle Hindernisse niederreißen, und baldigst ist die Hauptsache.« Der König gab aber noch in anderer Weise seinem Zorn über das Ministerium Ausdruck. Er beauftragte einen der Brüder Sedlmaier, den Minister Lutz zu ermorden und verbannte den Finanzminister Riedel nach Amerika. Oberstallmeister Graf Holnstein erzählte mir, daß Sedlmaier zu ihm gekommen sei, um zu fragen, wie er seinen Auftrag ausführen solle? Er habe ihm die Antwort erteilt, »die Sache auf sich beruhen zu lassen«. Ebenso ließ man den König in der Wahnvorstellung, daß Minister Riedel nach Amerika abgegangen sei. In klareren Augenblicken mag wohl der unglückliche König die erlassenen Befehle völlig vergessen haben. In jener Zeit hatte der König auch die Absicht, ein neues Ministerium zu bilden und mit der Durchführung Hesselschwert und den Friseur Hoppe beauftragt. Letzterer, eine echte, ziemlich törichte Friseurseele, fühlte sich selbstverständlich durch seine politische Rolle außerordentlich gehoben. Ich erfuhr von diesen seltsamen Vorgängen auf direktem Wege durch Friseur Hoppe selbst. Als ich in jenen Tagen sein Geschäft besuchte und zufällig allein in seinem »Salon« war, teilte er mir (im Flüsterton) mit, »daß er dem Justizminister Fäustle seine Entlassung im Auftrag des Königs überbracht habe«. »Und was sagte der Minister?« fragte ich. »Nix«, sagte Hoppe und fuhr fort: »Ich habe aber seinem Herrn Schwiegersohn angeboten, die Stelle zu übernehmen«. Die freundliche Absicht des gutmütigen Hoppe, die Familie Fäustle wenigstens bis zu einem gewissen Grade schadlos zu halten, soll, wie ich nachher vernahm, von dem Herrn Schwiegersohn sehr wenig freundlich bewertet worden sein. Meinerseits hatte ich mich dem Vorbild des vortrefflichen alten Herrn von Fäustle angeschlossen. Ich erwiderte auf Hoppes interessante Mitteilung auch »nix«. Der Zustand dieser Kalamität wurde nahezu unerträglich durch Intrigen, die die ultramontane Partei nun gegen das liberale und reichsfreundliche Ministerium Lutz in Szene setzte, indem sie die Verlegenheiten und die Lähmung desselben benutzte, durch die Unentschlossenheit des Prinzen Luitpold Dritter Sohn König Ludwigs I., Bruder des Königs Maximilian II. Er ist geboren 1821 und starb 1912 als Prinz-Regent. , des ältesten Agnaten, der das Ministerium bewegen wollte, den entscheidenden Schritt – d.h. wohl also die Absetzung – gegenüber dem König zu tun, während dieses allein den Prinzen dafür berechtigt hielt, durch die Stellung des bayerischen Reichsrates und der Kammern, die als wichtigste Faktoren der Regierung nicht ungefragt gelassen werden konnten und die doch wiederum viele Elemente enthielten, die eine Staatsaktion von so großer Tragweite als Hochverrat erklärt haben würden, wenn sie vor dem fait accompli Kunde von der Absicht der Regierung erhalten haben würden. – Dies alles erhielt die Eingeweihten in der lebhaftesten Spannung. Zur Beleuchtung der damals herrschenden Zustände mag hier ein Brief Platz finden, den ich an den Grafen Herbert Bismarck Herbert Bismarck war mein intimer Freund. Wenn ich vertrauliche Mitteilungen politischer Art an den Fürsten gelangen lassen wollte, schrieb ich an Herbert, der die Briefe seinem Vater vorlas. richtete und den dieser seinem Vater vorlegte. Mai 1886. »Hier hat die Königskrise einen lethargischen Charakter angenommen. Das liegt an Prinz Luitpold, dem es an Energie fehlt und dessen Unsicherheit sich dem Ministerium mitteilt. Während dieser Schwankungen ist Frankenstein Freiherr zu Frankenstein, Präsident der Kammer der Reichsräte (später Präsident des Reichstags). tätig, um das Ministerium Lutz zu Fall zu bringen – nicht etwa, um sofort ein neues Ministerium zu bilden, sondern um aus einem Abenteurerministerium – denn nur ein solches würde jetzt zustande zu bringen sein – als Retter und Phönix aufzutauchen. Ein Ministerium Frankenstein aber bedeutet im Lande Bayern nichts anderes als Sieg reichsfeindlicher Interessen. Ich bin überzeugt, daß Frankenstein in Berlin die schönsten Versprechungen machen wird: er ist zu eitel, um nicht dort eine gewisse Rolle spielen zu wollen. Aber er hat noch eine zweite, persönliche oder Familien-Eitelkeit, die stets den Wert seiner reichstreuen Versprechungen paralysieren wird. Seine fürstliche Gemahlin Geb. Prinzessin zu Oettingen-Wallerstein. und die durch das Band des Georgsordens mit ihm verbundene hochadelige schwarze Verwandtschaft haben in seinem Leben eine unüberwindliche Bedeutung. Diese unlösbaren und von ihm zu einem Kultus erhobenen Familien-Verbindungen und Traditionen machen es auch unmöglich, daß er je hier als reichstreu angesehen werden kann. Auch das zufriedene Lächeln, das alle reichsfeindlichen Leute aufsetzen, wenn von einem solchen Ministerium gesprochen wird, zeigt mir nur zu klar, was für uns Frankenstein bedeutet. Rechne ich hierzu die alte und unlösbare Intimität von Windhorst Der bekannte langjährige Führer der Zentrumsfraktion und der Welfen im Reichstag. und Frankenstein und gedenke ich einer übergroßen Zärtlichkeit zwischen dem französischen Gesandten Mariani Mariani war, wie alle französischen Gesandten in München, ein politischer Intrigant. und Monsignore Aiuti Auditore bei dem Nuntius di Pietri, ein freundlicher, nicht übermäßig begabter geistlicher Herr. von der Nuntiatur, der dreimal wöchentlich mit ihm diniert und zugleich sehr gute Beziehungen zu Frankenstein unterhält, so steigen in mir allerhand Zukunftssorgen auf. Nicht ohne Absicht haben die Franzosen einen ihrer ausgezeichnetsten Diplomaten nach München gesetzt, und dieser hat sehr richtig erkannt, wo er den Hebel ansetzen muß, um Deutschland unbequem zu werden. Daß wir einmal unter Ludwig III. ein ultramontanes Ministerium erleben werden Prinz Ludwig (geb. 1845). Der älteste Sohn des Prinz-Regenten wurde 1912 nach dem Tod des Vaters, und obgleich der wahnsinnige König Otto noch lebte, zum König proklamiert. Das ultramontane Ministerium unter Graf Hertling trat tatsächlich doch erst 1913 in Erscheinung. , ist wohl zu erwarten, aber unter der Regentschaft Luitpolds ist es noch nicht nötig. Besonders da der Prinz 100 Jahre alt werden kann Prinz Luitpold starb 1912, 91 Jahre alt. – denn er hat eine eiserne Gesundheit. Lutz sagte mir, daß ihn Prinz Luitpold sechsmal das bündigste Versprechen habe aussprechen lassen, daß er für den Fall der Regentschaft das jetzige Ministerium beibehalten wolle. Ein liberales Ministerium aber bedeutet hier: unzweideutige Gemeinschaft mit dem Reiche. Alle liberalen Elemente im Lande sind gut deutsch und der Partikularismus, der hier im katholischen Lande ganz besonders bösartige Formen annimmt, wird nur durch eine liberale Regierung nachdrücklich im Zaum gehalten.«   Ich suchte in jenen Tagen häufig die Gelegenheit, mit dem Minister Freiherrn von Crailsheim Freiher von Crailsheim, auch Minister des Äußeren, daher in engster Fühlung mit mir. Stets sehr korrekt. So warm mit mir befreundet, als es einer kühlen Natur möglich ist. Ein sehr liebenswürdiger Mann mit vielen Interessen. Auch musikalisch. , dem in seiner Stellung als Minister des kgl. Hauses in erster Linie die wichtigsten Entschließungen zufielen, die Lage zu besprechen und drängte zu einer Entscheidung; denn alles Zögern enthielt eine Gefahr. Reichsfeindliche, ultramontane Elemente konnten die Zügel der Regierung ergreifen – oder gar eine Revolution konnte Bayern bedrohen. Herr von Crailsheim sagte mir später, daß mein Drängen zu der Entscheidung insofern von großem Einfluß auf die Entwicklung der Dinge gewesen sei, als die Minister meine freundschaftlichen Beziehungen zu Herbert Bismarck kannten und in meinem Auftreten die Interessen der Reichsregierung sahen. Dieses Interesse allein habe vermocht, das Ministerium in seiner ganz außergewöhnlich schwierigen Lage zum Ausharren zu bewegen. Was aber neben der Unentschlossenst der Berechtigten die Entscheidung ernstlich hemmte, war der Umstand, daß die Aussagen, die bisher über den Geisteszustand des Königs von einigen Leuten seiner Umgebung gemacht worden waren – trotz des Gutachtens berühmter Irrenärzte, die an der Geisteskrankheit des Königs nicht zweifelten –, nicht genügend erschienen, um darauf eine Staatsaktion zu gründen. Das Ministerium mußte aber des Hochverrats schuldig sein, wenn die Beweise für die Notwendigkeit einer Aktion gegen den König nicht überwältigend waren. Die meisten Diener des Königs verweigerten eine Aussage über seinen Gesundheitszustand. Zumeist, weil sie in einem Wechsel der Regierung ihren Stern sinken sahen, teilweise aus wirklicher Dankbarkeit und Anhänglichkeit, wie sie z.B. der Kammerdiener Meier besaß, dessen Treue trotz der unwürdigen Behandlung durch den König (er durfte sich über ein Jahr nur mit einer Maske zeigen, weil der König seine »widerwärtige Fratze« nicht sehen wollte) – eine außerordentliche war. Kabinettsrat von Ziegler, Stallmeister Hornig eine vielgenannte Persönlichkeit, die sich lange Zeit hindurch der Gunst des Königs erfreute – ein durchaus achtenswerter Mann. und einige Stallknechte und Soldaten machten eidliche Aussagen. Letztere führten meistens als Beweis des Wahnsinns Briefe und Äußerungen der Zärtlichkeit an, was auch von anderen Seiten als Material für »Wahnsinn« beigebracht wurde. Doch wollten dieses die Ärzte merkwürdigerweise nicht in dem Gutachten verwerten, das nach der eingetretenen Absetzung des Königs der Volksvertretung vorgelegt werden sollte. Erst nach und nach erklärten sich Diener zu Aussagen bereit, die dem König näher standen, so unter anderen auch der Marstall-Fourier Hesselschwert, der sich früher Freund des Königs nannte und ihn jetzt durch Drohungen einschüchterte. Unter diesen Aussagen befanden sich nun allerdings viele, die den unzweifelhaften Beweis für den Wahnsinn des Königs beibrachten. Der Oberstallmeister Graf Holnstein, der mir später mitteilte, daß er mit allen nur erdenklichen Mitteln den eigentlich unhaltbaren Zustand am Hofe König Ludwigs aufrechterhalten, aber bei Beginn des Jahres 1886 eingesehen habe, daß nunmehr unaufhaltsam das Ende hereinbrechen mußte, hatte sich den Ministern völlig zur Verfügung gestellt. Eine Handlungsweise, die ihm von der Partei König Ludwigs schwer verdacht wurde, da alles, was er ist und besitzt, Gnade seines Königs bedeutet. Er versuchte jetzt überall seinen Einfluß geltend zu machen, um Aussagen der Bestätigung für den Wahnsinn des Königs zu erhalten Die Haltung Holnsteins war angesichts der Wohltaten, die er von dem unglücklichen König genossen hatt, allerdings anfechtbar. . So hatte er auch den Versuch gemacht, den Grafen Dürkheim, Flügeladjutanten des Königs, hierzu zu bewegen. Das war in den ersten Tagen des Juni geschehen, und in denselben Tagen traf ich, im Begriff, von München nach Starnberg zu meiner Familie zu fahren, auf dem Bahnhof mit diesem zusammen. Wir kannten uns genau. Er hatte seinen Standort im Schlosse zu Berg, wenn der König in den Bergen weilte, und gemeinsame Fahrten, Besuche des Lawntennis bei der Gräfin Almeida Gräfin Almeida ist die Tochter des verstorbenen Prinzen Karl von Bayern und seiner morganatischen Gattin, den Namen Gräfin Baiersdorf erhielt. Graf Almeida war ein Portugiese, der sich nach der Heirat mit der Tochter der Gräfin Baiersdorf in München etablierte. Seine Witwe besitzt die herrlich über Starnberg gelegene Villa ihres verstorbenen prinzlichen Vaters. führten uns fast täglich zusammen. Er war sehr erregt, als ich ihm begegnete und unsere Unterhaltung wurde äußerst lebhaft, als er von König Ludwig sprach, gegen den »konspiriert« wurde. »Sie sind genau orientiert«, sagte er mir, »ich brauche nicht zu schweigen. Aber die Versuche, mich zu Aussagen gegen den König zu veranlassen, werden vergebliche bleiben. Der Kriegsminister hat mich rufen lassen: Ich habe ihm vor Beginn seiner Worte erklärt, daß, wenn er die Absicht habe, mich über den König zu vernehmen, ich diesem eine Meldung machen werde, worauf er mir vom Wetter sprach und mich entließ. Dann hat mich auf dem gestrigen Rennen Holnstein vertraulich unter den Arm gefaßt – obgleich wir keineswegs gut miteinander standen –, und hat mich bewegen wollen, Aussagen über den König zu Protokoll zu geben. Er sagte mir, »wir sollten uns eilen, um die Sache zu Ende zu bringen, damit sich nicht die ›Schweinepreußen‹ hineinmischen«. Diese Äußerung, die, wie ich annehmen muß, der Wahrheit entsprach, war natürlich nur darauf berechnet, Holnstein, den er haßt, bei mir zu diskreditieren.« Als ich Dürkheim bemerkte, daß er vermutlich nichts zu sagen hätte, was den Wahnsinn des Königs bewies, fuhr er fort. »Allerdings nichts! – Aber ich habe die Pflicht, dem König den Hochverrat seiner Minister und Beamten zu melden.« »Wohin reisen Sie?« fragte ich, innerlich sehr beunruhigt. »Nach Steingaden Besitz des Vaters Dürkheim. .« »Und Sie wollen von dort nach Hohenschwangau hinüberfahren?« »Ja.« Ich fühlte, wie mir das Blut in den Kopf stieg. »Wissen Sie, was dieser Schritt zur Folge haben kann?« fragte ich. »Vielleicht die Absetzung der Minister«, sagte er. »Vielmehr als das«, erwiderte ich und setzte ihm auseinander, daß, wenn der König zu gewaltsamen Handlungen provoziert würde, bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge die Regierung in München und Prinz Luitpold zu gewaltsamen Gegenmaßregeln gedrängt werden würden. Es könnte also seine Einmischung Revolution und Blutvergießen in seinem Vaterlande bedeuten. Dürkheim schien sich der Tragweite seiner beabsichtigten Handlung nicht bewußt zu sein, auch wurde er zahmer, als ich ihm aussprach, daß bei der Lage der Dinge unzweifelhaft die vernünftige Regierung in München gegenüber einem unvernünftigen König recht behalten werde – daß er aber sicherlich für die Folgen seiner Handlung verantwortlich gemacht werden würde. Der Schluß dieser sehr erregten Unterhaltung war das Versprechen, das mir Dürkheim in die Hand gab, dem König keine Meldung machen zu wollen. »Ich werde schweigen«, sagte er, »solange der König mich nicht ruft.« Dieses war bei der Stimmung des Königs gegen seine Adjutanten so unwahrscheinlich, daß ich die Klausel annahm. Als er aber später in der Tat vom König gerufen wurde, war die Katastrophe eingetreten und der wahnsinnige König ein gebrochener Mann, der nicht mehr fähig war, auf den Rat seines Adjutanten zu hören. Graf Alfred Dürkheim, von dem in den erregten Tagen der Königskrise soviel die Rede war, ist ein starkknochiger, gewöhnlich aussehender Mensch, der nicht viel gelernt hat, aber viel natürlichen Verstand besitzt. Maßlos eitel, verstand er es stets, von sich reden zu machen, hauptsächlich durch seine Art, jungen und hübschen Frauen die Kur zu machen. Ich habe niemals jemand gesehen, der seine Verliebtheit, die häufig nur eine Komödie war, derartig zur Schau trug. Plump wie sein Wesen war auch die Art seiner Liebe: » un Don Juan de village .« Der Ruf dieser Eigenschaft und seine Eleganz in Kleidung und Uniform hatten eine Russin, Gräfin Bobrinski, veranlaßt ihm ihre Hand mit 30 000 Rubel jährlicher Einkünfte zu geben – par débit , denn sie liebte meinen Freund Graf Viktor Henkel Nachmaliger deutscher Gesandter. , der sie klugerweise nicht wollte. Diese Frau, ein schönes Weib voller russischer Eigenschaften; oberflächlich, unruhig, phrasenhaft – stolz auf ihre Abkunft von der Kaiserin Katharine (aus ihrer Verbindung mit Orloff) –, hatte nach kurzer Zeit die engen Verhältnisse Münchens und den Typus ihres Mannes satt. Schon nach meiner ersten Unterhaltung mit ihr sah ich den Abgrund, an dem dieser stand. Sie suchte nicht etwa Liebe, sie wollte mit den engen Verhältnissen brechen, in die sie geraten war. Das warf einen tiefen Schatten auf Dürkheims Ehe. Da kam es im Jahre 1883 zu einer Krise. Prinz Arnulf von Bayern Der jüngste Sohn des Prinzen Luitpold. , der der Gräfin in rücksichtsloser und wenig ritterlicher Weise huldigte, schrieb ihr ein Billet, in dem er sie ersuchte, ihn während einer Abwesenheit ihres Mannes zu empfangen. Die Gräfin zeigte Dürkheim diesen Brief, und dieser fuhr in das Palais, um den Prinzen zu fordern. Prinz Arnulf nahm die Forderung an, aber sein Bruder Leopold hinterbrachte die Sache dem König. Dieser verbot das Duell, wies Prinz Arnulf in den schärfsten Ausdrücken zurecht, ernannte Dürkheim zum Hauptmann und machte ihn zu seinem Flügeladjutanten. So war Dürkheim durch seine Frau plötzlich zu Rang und Würde gekommen. Der König war voller Huld für ihn, zeichnete ihn bei Galatafeln, die damals noch im Winter hin und wieder im Schlosse abgehalten wurden, aus, aber als er mit Dürkheim kurz darauf in die Berge fuhr, hieß er ihn plötzlich nachts auf der Landstraße, in einer regnerischen Novembernacht, aussteigen und fuhr davon. Es war das letzte Mal, daß er einen Adjutanten sah. Die Gräfin hielt noch etwa ein halbes Iahr an der Seite des Flügeladjutanten aus – dann reiste sie ab und überließ dem Vater ihr kleines Mädchen und einen sehr geringen Teil ihres Geldes. Sie kehrte zu ihrer Mutter zurück, der allgemein, und wohl nicht mit Unrecht, der Vorwurf gemacht wird, ihren ersten Gemahl Bobrinski, – sie war in zweiter Ehe mit einem Grafen Kreuz vermählt – ermordet zu haben, um den Grafen Kreuz zu heiraten. Graf Bobrinski wurde als verkohlter Leichnam in seinem Bett aufgefunden, und durch Begießen mit Petroleum soll es möglich gewesen sein, eine so totale Verbrennung herbeizuführen. Wertsachen fehlten keine – die Frau war ganz allein mit ihm in seinem Schlosse auf dem Lande gewesen. Nach diesem traurigen Ausgang seiner Ehe trat Dürkheim als Don Juan de village wieder in den Vordergrund, und das air de coeur blessé , das er sich gab, verlieh ihm in den Augen der Münchener Damen einen erhöhten Reiz. Es zogen sich jetzt zwischen Hangen und Bangen die Tage hin. Graf Werthern und ich bangten um die Existenz des Ministeriums, die Minister verstärkten durch ihre Vernehmungen das immer noch nicht genügende Beweismaterial für den Wahnsinn des Königs. Die Münchener Gesellschaft aber, die den wahren Sachverhalt nicht kannte und in fieberhafter Spannung eine Entscheidung erwartete, griff in allen Tonarten das Ministerium an, das die »Taktlosigkeit beging, Leute niederen Standes über den König auszufragen«. Niemand machte sich klar, daß ein König staatsrechtlich die eine Sekunde noch als vernünftig, die nächste als wahnsinnig gelten mußte, daß nicht wie in Privatkreisen einem geistig erkrankten Menschen allmählich und unmerklich die Aktionsfähigkeit entzogen werden kann, sondern daß in einem gegebenen Augenblick alle Regierungshandlungen des Königs gültig bzw. ungültig sein mußten. Im Publikum wußte man von den Vorgängen wenig. Wohl las man mit Erstaunen und Unruhe die in der Presse auftauchenden Gerüchte über einen totalen Zusammenbruch des königlichen Vermögens, aber man verstand nicht, daß die Serie von Artikeln über »die Geschichte der Königlichen Cabinettskassa« in den »Münchener Neuesten Nachrichten« eine inspirierte Vorbereitung auf den Abschluß unmöglicher und unhaltbarer Zustände an höchster Stelle waren. Da trat in den letzten Tagen des Monats Mai, die Krise beschleunigend, ein Ereignis von weittragender, politischer Bedeutung zu den nun bereits erdrückenden Resultaten der Erhebungen über den geistigen Zustand des unglücklichen Königs hinzu. Königin Isabella von Spanien Königin Isabella, geb. 1830, gest. 1904, wurde 1868 aus Spanien vertrieben und bewohnte Paris. Ihr Sohn Alfons wurde 1874 König. Sie besaß trotz ihrer ungeheueren Korpulenz eine große Grazie im Ausdruck ihrer Züge und in ihrer Bewegung. Eine ungewöhnlich liebenswürdige Frau, gewann sie jeden – so auch mich – bei persönlichem Verkehr, und ihr vornehmes Wesen stand in einem merkwürdigen Widerspruch zu ihrem allerdings äußerst leichtfertigen Leben. war zur Wochenpflege ihrer Tochier Maria de la Zaz, Prinzessin Ludwig Ferdinand von Bauern Auch diese Tochter der Königin, eine durchaus solide Gattin und Frau, besitzt den Charme der Mutter. Ich verehre die kluge Frau mit ihren vielen Interessen, die sie in ihrer schlichten Form zum Ausdruck brachte. Ihr Gatte, Prinz Ludwig Ferdinand (ein Neffe des Prinzen Luitpold, Sohn seines Bruders Adalbert, hat etwas bäuerisch Ehrliches in seinem Wesen. Er war ein tüchtiger Musiker und später ein tüchtiger Arzt. Die Schwester der Prinzessin Ludwig Ferdinand, die Prinzessin von Orleans, die auch in meinem Hause verkehrte, hat hingegen den denkbar schlechtesten Ruf. Doch besitzt sie Verstand. , nach Nymphenburg Das bei München gelegene Schloß war der Linie Adalbert zum Wohnsitz gegeben. gekommen und hatte in ihrer Gutmütigkeit wohl den Wunsch geäußert, dem König aus seiner Geldverlegenheit zu helfen. Denn sie teilte die Auffassung ihrer Kinder, daß der König noch nicht so wahnsinnig sei, wie gewisse Kreise ihn hinstellten. Es ist möglich, daß von ihr zuerst der Gedanke angeregt wurde, von dem Hause Rothschild, dem sie durch ihre Pariser Beziehungen befreundet – (denn die Königin lebte nach ihrer Vertreibung aus Spanien in Paris)–, dem König Hilfe zu bringen. Bei den Interessen, die das Haus Orleans mit dem Bankhause Rothschild verbanden, lag es nahe, die Orleans hinter dem Angebot zu vermuten, das in der Tat durch Vermittlung des Prinzen Ludwig Ferdinand dem Könige durch die Rothschilds von Paris gemacht werden sollte. Zugleich aber erhielt der Prinz Kenntnis davon, daß der König jede beliebige Summe erhalten könne, falls er sich verpflichtete, in einem Kriege Frankreichs mit Deutschland neutral zu bleiben. Prinz Ludwig Ferdinand, ein durchaus loyaler Mann, der dem König persönlich sehr ergeben war und wie das ganze Haus Adalbert – (schon aus Opposition gegen das Haus Luitpold) – zum König hielt, machte dem Ministerium von diesem Vorschlag Mitteilung, da er »zu seinem Bedauern« überzeugt war, daß der König sofort auf diese Bedingung eingehen würde. Er befürchtete auch mit Recht, daß noch durch andere Vermittlung als die seine König Ludwig ähnliche Vorschläge erhalten werde. Die national-deutsche Rolle, die der König 1871 gespielt hatte, war ein geschickt, durch den Oberstallmeister Graf Holnstein in Szene gesetzter Theatercoup. Allerdings hatte König Ludwig dem König Wilhelm die Kaiserkrone angetragen – als aber der erbliche Kaiserthron der Hohenzollern entstand, verflog der künstliche deutsche Rausch, den Richard Wagner in dem Hirn des jugendlichen Königs festgelegt hatte und machte jenem Hasse gegen das preußische Königshaus und gegen alles deutsche Wesen Platz, der das Bild des unglücklichen Wahnsinnigen vor ganz Deutschland völlig zu trüben drohte. Um jedoch das Bild des trotz aller seiner Sonderbarkeiten hochverehrten Königs vor den Augen Bayerns – des unzweifelhaft königtreuesten Volkes Europas – nicht zu schädigen, wurde die Fikton seiner deutschen Gesinnung mühevoll öffentlich aufrecht gehalten. III. Die Entmündigung des Königs wird beschlossen. Die Gefahr, daß an den König ein neues französisches Anerbieten herantreten könne, trieb die maßgebenden Kreise endlich zu einer Aktion. Denn es war klar, daß die Franzosen, selbst auf die Gefahr hin, daß der König sein Neutralitätsversprechen im entscheidenden Augenblick nicht werde halten können, für eine, den Aufmarsch der deutschen Armee nur einige Tage verzögernde oder störende Aktion des Königs, jede beliebige Summe zahlen würden. Man hat, wie ich oben bemerkte, hinter dem Angebot aus Paris das Haus Orleans vermutet. Ich habe meine Gründe, zu behaupten, daß die französische Regierung jenen Versuch machte, den König zu gewinnen. Der französische Gesandte in München, Mariani, ein sehr kleiner, magerer, schielender Mann mit spärlichem schwarzen Vollbart, der Typus des geschmeidigen intrigierenden Franzosen, hatte wohl den Gedanken einer solchen »Bestechung« angeregt. Es lag dieser Gedanke nahe – und Mariani war schlau genug, um ihn praktisch zu verwerten. Königin Isabella, die selbst stets in Schulden steckte, seit sie, verbannt, das Palais Basilewsky in Paris bewohnte, schien ihm wohl eine durchaus verwendbare Mittelsperson zu sein. Als mir Minister Crailsheim von dieser Besorgnis Mitteilung machte, drängte ich auf schleunige Entscheidung. Es durfte nicht sein, daß Frankreich auch nur für eine Stunde zu glauben berechtigt wäre, daß ein deutscher Bundesfürst überhaupt in der Lage sei, Verpflichtungen in dieser Richtung einzugehen. Herr von Crailsheim stimmte meiner Auffassung bei, kam aber immer wieder auf die alte Ansicht zurück, daß der erste Schritt zu der Entmündigung des unglücklichen Königs durch den Prinzen Luitpold zu machen sei. Ich erklärte ihm, daß, wenn bei einer das Ansehen Deutschlands gefährdenden Lage Prinz Luitpold zögern würde, einzugreifen, er die Verantwortung gegenüber den andern Bundesfürsten, d.h. gegenüber ganz Deutschland, zu tragen haben werde. Einige Tage darauf teilte Herr von Crailsheim der Gesandtschaft das Gutachten der ärztlichen Autoritäten an der Hand eidlicher Aussagen aus der Umgebung des Königs mit. Es war von größter Bedeutung, daß es möglich gewesen war, gerade in diesen Tagen die Beweise für den Wahnsinn des unglücklichen Königs so zu vervollständigen, daß die Agnaten und das Ministerium bei der geplanten Entmündigung des Königs vor der Volksvertretung durch das erdrückende Material, welches das Gutachten enthielt, gerechtfertigt erscheinen mußten. Die Aussagen der obengenannten Personen – des Kabinettsrats Ziegler, des Stallmeisters Hornig, der Diener und Stalleute des Königs usw. – stellten unzweifelhaft die völlige geistige Störung des Königs fest. Der Inhalt des geheimen Aktenstückes, das ich in Händen gehabt habe und das dazu bestimmt war, einer Kommission des Reichsrats und der II. Kammer vorgelegt zu werden, erschreckt durch die Ungeheuerlichkeiten der Handlungen und Äußerungen des Königs, erregt aber auch dadurch das höchste Erstaunen, daß seine Umgebung fähig war, durch Jahre hindurch Verhältnisse zu verschweigen, die völlig anormal und unhaltbar waren. Wohl fällt es ins Gewicht, daß die Freigebigkeit des Königs seiner Umgebung das Leben angenehm gestaltete und daß die Habgier reiche Nahrung fand. Daß aber körperliche Mißhandlungen, die in zwei Fällen den Tod des Geschädigten zur Folge hatten, daß grausame Strafen und das völlig wahnsinnige, sinnlose Leben des Königs nur als Gerüchte und in unbestimmter Darstellung in das Volk dringen konnten, spricht für eine ganz außergewöhnliche Diskretion aller Beteiligten. In erster Linie kommt das in einem solchen Falle etwas zweifelhafte Verdienst dem Oberstallmeister Graf Holnstein zu. Der »Roßober« – wie er im Publikum genannt wurde, hatte den Befehl über das kolossale Material von Menschen, Pferden und Wagen, das der König im Gebirge brauchte. Er gab mir die Höhe seiner ihm untergebenen Stalleute auf etwa 200 an. Ihm gingen alle Klagen über den König zu. Er vertuschte, was zu vertuschen ging, zahlte und besorgte die Schmerzensgelder, expedierte unbequeme und drohende Elemente nach Amerika und hielt diesen tollen Hof, so lange er zu halten ging. Von preußischem Standpunkt aus hatten wir uns über diesen jahrelangen Aufschub der Katastrophe nicht zu beklagen, da die reichsfeindlichen ultramontanen Bestrebungen in Bayern während der Regierung König Ludwigs stets zurückgedämmt wurden. Es war der atheistische König, der ihnen keine Macht und keinen Einfluß ließ. Nicht etwa seine deutsche Gesinnung war der Motor dieser Politik, wie das deutsche Volk sich seit dem Jahre 1870 zu glauben gewöhnt hatte. Der Inhalt des Schriftstückes, das den Wahnsinn des unglücklichen Königs feststellte, übertraf alles, was gerüchtweise darüber in die Öffentlichkeit gedrungen war. Die Handlungen und Äußerungen aber, die man gern als Beweismaterial für die Notwendigkeit einer Regierungsänderung öffentlich mitgeteilt hätte, konnte man nicht bekanntgeben, da sie in zu grauenhafter Weise das Bild des Monarchen, das in so idealer Form im Herzen seines Volkes eingegraben stand, zerstört hätten. Man entschloß sich später, nur andeutungsweise Mitteilungen zu machen, wohl aber wurde der Volksvertretung von dem wesentlichen Inhalt des Schriftstückes Kenntnis gegeben. Am entsetzlichsten berührte den Leser der Haß des Königs gegen seine Mutter, gegen seinen verstorbenen Vater. In wahnsinnigen Halluzinationen vergriff er sich an den Eltern und erzählte mit Genugtuung von seinen abscheulichen Handlungen den Leuten seiner Umgebung, dem Fourier Hesselschwert, dem Stallknecht Sedlmaier und anderen. »Heute«, sagte z. B. der König, »habe ich meiner Mutter Königin Marie, geb. 1825, gest. 1889, geborene Prinzessin von Preußen (Tochter des Prinzen Wilhelm, Bruder König Friedrich Wilhelms III.). Sie erlebte die Katastrophe, die über ihren Sohn hereinbrach. Eine überaus gütige, doch beschränkte Frau. Ich sprach sie zuletzt, als Kaiser Friedrich totkrank 1888 von Italien kommend München passierte, und wir ihn, tief erschüttert, begrüßten. eine Wasserflasche auf dem Kopf zerschlagen, habe sie an den Haaren zu Boden gerissen und ihr mit den Hacken auf den Brüsten herumgetreten; – jetzt ist mir wohl!« Oder er erzählte. »Ich bin in der Gruft bei meinem Vater König Maximilian II., geb. 1811, gest.1864. gewesen, habe den Sarg aufgerissen und ihn hinter die Ohren geschlagen. – Das geschieht ihm recht.« Dieser grauenhafte Haß steigerte sich, je mehr er sich in den Gedanken des absoluten Königtums hineinlebte, je mehr Ludwig XIV. sein Idol wurde – denn König Max war der Begründer der Verfassung, der Volksvertretung und damit der Begründer seines, des Königs Ludwigs »Elendes«. Die Königin aber war die Frau des »Verbrechers«. Die Schamlosigkeit des Königs ging so weit, daß er seiner Mutter vorwarf, ihn nicht aus der Ehe mit König Max empfangen zu haben! Anknüpfend an diesen Haß gegen die Mutter muß ich eine Episode aus dem Jahre 1884 erwähnen. Damals drang als Gerücht die Nachricht zu mir, der König habe auf seinen ehemaligen Vertrauten, den Hofstallmeister Hornig (einen höchst achtungswerten Mann), geschossen, und dieser sei nun definitiv aus dem Dienst in Ungnade entlassen. Ich konnte nicht den wahren Sachverhalt erfahren. Jetzt erfuhr ich folgendes: Hornig, ein großer starker Mann, befand sich bei dem König in Schloß Berg. Der König ging im Zimmer auf und nieder, in unflätigster Weise seine Mutter beschimpfend. Hornig hörte in Ungeduld zu, bis ihm das Blut vor Zorn in den Kopf stieg. »Ich kann das nicht länger hören!« rief er aus, »so darf ein Sohn nicht von seiner Mutter reden.« Der König richtete sich wie ein wildes Tier zum Sprung auf, stürzte Hornig entgegen und krallte ihn tief in die Augenhöhle und Backe. Da übermannte in rasendem Schmerz Hornig die Wut. Er faßte den König unter die Arme und warf ihn mit Hünenkraft in eine Ecke des Zimmers an den Boden. Zitternd und feig begann der König um sein Leben zu flehen. »Ich gebe dir, was du willst – verlange, was du magst. Nur töte mich nicht!« Hornig verließ den Unglücklichen und sah ihn nicht wieder. Der König wollte ihn erschießen, als er aus dem Schloß ging, fand aber keinen geladenen Revolver – dann ersann er die strengsten Strafen für ihn – bis in dem zunehmenden Wahnsinn andere Phantasien das Bild Hornigs verdrängten. Weniger erschreckend, aber nicht weniger überzeugend für die Krankheit des Königs war seine abgöttische Verehrung für Ludwig XIV. und für die beiden ihm folgenden bourbonischen Könige. Gekleidet wie sie, ritt er in Mondnächten spazieren – bisweilen die Krone auf dem Haupt, den Hermelinmantel um die Schultern. Er hielt Hoftafel, an denen er allein als Ludwig XIV. saß, aber er unterhielt sich mit den Phantomen, die er auf den leeren Stühlen sah und denen die Diener in chinesischer Hofetikette servieren mußten. Der Gedanke des absoluten Herrschers hatte sich ihm so sehr eingeprägt, daß ihm Bayern unerträglich geworden war. Er wollte da regieren, wo er allein über Leben und Tod zu entscheiden hatte, und darum wollte er Bayern verkaufen – an Preußen, an wen es auch immer sei. Man sollte ihm ein Land suchen, wo er schrankenloser Herrscher sein konnte. Professor von Löhr gab sich dazu her, Reisen zu machen, um ein solches Land zu finden. Auf den Kanarischen Inseln, im Griechischen Archipel reiste er umher und schrieb dem König Berichte. Mit Recht erhob man später harte Klage gegen Löhr, der den Wahnsinn des unglücklichen Monarchen benutzte, um schöne Reisen zu machen und sich die Schilderungen von der »Augsburger allgemeinen Zeitung« zahlen zu lassen. Vor der Büste der Königin Marie Antoinette verbeugte sich der König stets wie vor einem Heiligenbild – aber er grüßte auch mit tiefer Verehrung stets eine besondere Tanne, einen gewissen Zaun am Wege zwischen Leoni und Ammerland – und er umarmte auch stets eine bestimmte Säule im Vestibül des Linderhof. Die Persönlichkeit, die in anderer Weise die Phantasie des wahnsinnigen Königs beschäftigte, war der deutsche Kronprinz. Seitdem die Kriegslorbeeren von 1870 als Feldherr auch der bayerischen Truppen um sein Haupt und nicht um dasjenige König Ludwigs gewunden worden waren, erfüllte unversöhnlicher Haß den unglücklichen Fürsten. Als bei dem Einzug der bayerischen Truppen im Jahre 1871 das Volk dem Sieger von Wörth und Weißenburg überschwenglich zujauchzte, während der König nur den üblichen Beifall friedlicher Tage fand, hatte sein Haß noch eine Steigerung erfahren. Jetzt, in den dunklen Stunden des Wahnsinnes, sann er auf Rache, aber der Gedanke, den Kronprinzen töten zu lassen, schien ihm nicht ausreichend zu sein. Er beauftragte Hesselschwert, eine Bande zu dingen, die den Kronprinzen aufheben und in einen Turm bringen sollte, den er sich am Ammersee hatte bauen lassen. Hier sollte der Kronprinz grausam gemartert werden. Man sollte ihm die Augen ausstechen, ihn an den Rand des Todes bringen – ihm aber das Leben lassen, damit die unaufhörliche Sehnsucht nach Frau und Kindern seine Qualen vermehre. Diese Bande sollte später auch sämtliche Volksvertreter beseitigen, um alsdann das absolute Regiment wieder herstellen zu können. Die Gedanken des Mordes und der Gewalt beherrschten den König, sobald irgendeine Person seinen Unwillen erregte. Und er versenkte sich in solche Gedanken mit der ganzen Zügellosigkeit seiner wahnsinnigen Phantasie. Als einst die Frau eines Mannes, der kompromittierende Briefe des Königs besaß und deshalb von Graf Holnstein nach Amerika geschickt worden war, nach Hohenschwangau kam und auf Grund jener Schriftstücke einen neuen Erpressungsversuch beabsichtigte, befahl der König, ihr zu sagen, er wolle sie spät am Abend jenseits des Alpsees empfangen. Sie solle dann unterwegs, mitten auf dem See, in das Wasser gestürzt werden. Solche Befehle gab er mit allen Details, und in diesem Falle fuhr er wirklich an den verabredeten Punkt, voller Spannung die Ausführung seines Befehls erwartend. Man sagte ihm, die Frau sei entflohen. In Wirklichkeit aber hatten die Zahlung neuer Summen und ernstliche Drohungen die gefährliche Person bestimmt, Hohenschwangau zu verlassen. Diese und ähnliche Vorgänge wiederholten sich von Monat zu Monat, und Graf Holnstein war an der Grenze angelangt, da es nicht mehr möglich war, durch Schmerzensgelder, Verschickungen, Versprechungen, Amtsbeförderungen und Drohungen den Schein der Vernunft des Königs zu erhalten. An allen Enden blickte die trostlose Wahrheit heraus. Unter diesem, schließlich die ganze Umgebung des Königs belastenden Druck hatten seine Diener ihre Aussagen gemacht und war das Schriftstück entstanden, das die Handhabe zu der Entmündigung des Königs bilden sollte. Der entscheidende Schritt aber wurde immer noch durch die Furcht der Prinzen des bayerischen Hauses vor der gewalttätigen Natur des Königs aufgehalten. Es war nicht nur die Erwägung, daß ein Schritt gegen die Majestät dem Gedanken des Königtums einen zu erheblichen Schaden zufügen könnte. Ein Brief, den ich schon im September 1885 an Herbert Bismarck schrieb, kennzeichnete auch in dieser Hinsicht die Situation, wie sie jetzt unaufhaltsam eingetreten war. Ich füge ihn hier ein, da er durch seine Details ein getreues Bild der herrschenden Stimmung zu geben vermag. München, September 1885. »... Aus meinen Berichten werden Sie über die hiesigen Zustände das Nähere erfahren haben. Einiges möchte ich Ihnen privatim mitteilen. Die Verhältnisse an dem Hofe des Königs werden immer komplizierter und die Gemüter von Tag zu Tag erregter. Ich habe mich, um orientiert zu bleiben, mit dem einzigen Mann angefreundet, der einen richtigen Einblick in die Privatangelegenheiten des Königs haben und seiner psychopathischen Entwicklung folgen kann, soweit es die Sprünge eines nicht mehr normalen Hirnes gestatten. Es ist der Kabinettsvorstand, Ministerialrat Schneider, ein ruhiger, gewissenhafter Mensch und unermüdlicher Arbeiter. Durch seine Hand geht alles, was an den König herantritt, und alles, was vom König kommt. Die persönlichen Vorträge, die noch im vergangenen Jahre Ministerialrat Ziegler, sein Vorgänger, dem Könige – hinter einer spanischen Wand stehend – zu halten hatte, haben aufgehört. Alles wird schriftlich abgemacht und durch die zur Dienstleistung bei dem König kommandierten Chevauxlegers überbracht. Schneider sieht die Situation sehr ernst an, denn seine unaufhörlichen Beteuerungen, daß der König seinen Regentenpflichten mit Weisheit und Einsicht nachkäme, lassen erkennen, daß er seinen Herrn nicht mehr für normal hält. Die durch den König schwer gekränkten Prinzen unternehmen keinen Schritt aus Furcht vor dem Zorn des Tyrannen, der sie unzweifelhaft nach Lindau, Bamberg oder Würzburg verbannen würde, wenn sie ihm Vorstellungen wegen seiner Schuldverhältnisse machen würden. Den Mut aber, einem solchen Befehl zu trotzen und einen Bruch herbeizuführen, haben sie nicht. Die Minister warten auf eine Klage gegen die Kabinettskasse und halten den Prinzen Luitpold für denjenigen, der Abhilfe schaffen soll. Schneider sagt, daß die Einstellung der Bauarbeiten – wenn der Tagelohn ausgeht – oder der Eingang der Klage bedenkliche Folgen für die Sinnesart des Königs haben würde. (Er glaubt also an den Ausbruch des Wahnsinns.) Das Leben des Königs, das immer einsamer wird, und die Art seines Verkehrs mit den Chevauxlegers, die er bald als Freunde behandelt, bald mit Ohrfeigen zur Türe hinauswirft, sprechen für Schneiders Ansicht. Von Bedeutung für die weitere Entwicklung der Verhältnisse wird jedenfalls der Eingang einer Klage, d. h. der Moment sein, wenn die Hofkasse aufhört zu funktionieren. Dieser Augenblick kann noch hinausgeschoben werden, wenn der König die Verwaltung der Hofkasse einem gewissenlosen Menschen überträgt, denn Prinzen und Minister würden zufrieden sein, wenn ihnen energische Entscheidungen noch eine Weile erspart bleiben. Von Seite des Volkes wird kaum etwas geschehen, wenn auch die Erregung eine wachsende ist. Seit den Zeiten der Lola Montez Die bekannte exzentrische spanische Tänzerin die Ludwig I. quasi zu seiner offiziellen Maitresse »erhob« und deren Auftreten zu den Aufständen von 1848 führte. Es folgte hierauf die Abdankung des Königs. ist in Bayern keine ähnliche Stimmung gewesen, und schrieben wir 1848, so hätten wir in München schon Unruhen gehabt. Um Majestätsbeleidigungen aus dem Wege zu gehen, werden in den Bierkneipen die bösesten Geschichten auf den Namen »Huber« erzählt. Die Chevauxlegers spielen dabei eine schlimme Rolle ...« Die Furcht der Prinzen vor dem König wurde durch seine Rücksichtslosigkeit und sein hochfahrendes Wesen immer neu genährt. Als noch während des regelmäßigen Winteraufenthalts König Ludwigs in der Residenz im Jahre 1882 oder 1883 die Familientafeln stattfanden, hatte einmal Prinz Luitpold seinen Herrn Neffen bei einer solchen festlichen Gelegenheit – der einzigen Gelegenheit, wo die Mitglieder der Familie den König sahen – angeredet. Nach Beendigung der Tafel erschien ein General- Adjutant des Königs bei dem alten Prinzen, um ihm im Allerhöchsten Auftrage mitzuteilen, daß es unschicklich sei, die Majestät ungefragt anzureden. Kein Prinz und keine Prinzessin durfte ihren gegenwärtigen Aufenthalt für länger als zwölf Stunden ohne Genehmigung des Königs verlassen. Da aber Mitteilungen an König Ludwig oft tagelang in den Bergen nicht anzubringen waren, entstanden für die hohen Herrschaften bisweilen höchst ärgerliche Situationen. Furcht aber verträgt sich selten mit Liebe, und so war denn auch die Liebe für den König im Kreise der Familie völlig erloschen. Man haßte den bösen unbequemen Herrn, der zugleich das Familienvermögen zugrunde richtete. Nur die unglücklichste aller Mütter, die Königin Marie, litt in ihrem Herzen Qualen um den verlorenen Sohn, der ihr wie ein Fremder begegnete – im ganzen Jahr ein paar Stunden –, der ihr den Befehl gab, Hohenschwangau zu verlassen, wenn seine Laune ihn in diese Gegend führte. Nur die Einfalt ihres Verstandes war die Gottesgabe, die ihr Frieden gab. Versunken in die ewigen Andachten der katholischen Kirche, der sie sich in die Arme geworfen hatte, suchte sie Trost. Während die Entscheidung nahte, befand sich der König in Schloß Berg am Ufer des Starnberger Sees und war von hier nach dem Linderhof, sodann nach Schwanstein übergesiedelt. Er hatte, nachdem seine Bemühungen, ein neues Ministerium zu bilden, gescheitert waren, jegliche Initiative in politischer Hinsicht verloren. Es war eine Willenslosigkeit des Wahnsinns, in die er langsam versank. Er glaubte an die Ausführung seines Befehls zur Ermordung des Ministers Lutz und zur Deportierung Riedels – und er glaubte auch wieder nicht daran. Er erfuhr von der bedenklichen Stimmung im Lande durch eine Serie Artikel der »Münchener neuesten Nachrichten«, die der Friseur Hoppe ihm vorlas. Als aber eines Abends in diesem Blatte ein Artikel der »Wiener Presse« abgedruckt war, der von der Wahrscheinlichkeit der Einsetzung einer Regentschaft in Bayern sprach, verbot er dem Friseur das Weiterlesen. Da dieser jedoch darauf bestand, wurde er in Ungnade für immer entlassen. Diese letzte Energie, angewendet auf die Presse und diejenigen Elemente, die sich gegen ihn auflehnten, hatten damals vielleicht noch den König halten können. Aber er forderte nur einen Bericht von dem interimistischen Verwalter der Kabinettskasse, Klug, über »das, was man im Volke über seinen geistigen Zustand dächte« – und ließ sonst alles gehen, wie es ging. Er schimpfte und tobte vor seinen Stalleuten weiter gegen die Minister, die königliche Familie, seine Mutter, Deutschland, Kaiser und Kronprinz, von einem Exzeß der Brutalität in einen anderen fallend, dazwischen träumend und willenlos seinen Nachen dem Ende entgegentreibend sehend. Denn sein Bewußtsein war noch stark genug, um den ehernen Reif zu spüren, der um sein Leben lag und den zu zerbrechen seine Kräfte nicht ausreichten. Den Bann der dämonischen Gewalten, unter denen seine gewalttätige Natur sich beugen mußte, vermochte er nicht zu lösen. Er lebte im Kampfe – nicht des Guten mit dem Bösen –, sondern des autokratischen Gedankens mit der übrigen Welt – und mit seiner eigenen Schwäche. Ein Ruhepunkt war in dieser Gestaltung eines Wahnsinns nicht denkbar. »Der König« war verletzt durch jede Berührung mit der feindseligen, modernen Zeit, die ihn umgab. Darum lebte er einsam. In dieser Einsamkeit aber litt der »unnahbare König« unter Ausbrüchen von Gewalttat und Sinnlichkeit. Seine Schwäche empfand er als entsetzliches Elend und als Verbrechen gegenüber seiner »Majestät« – seiner Krone. In seinen häufigen, plötzlichen Ausrufen: »Niemals, niemals!« spiegelten sich Gedanken wider, die ihn quälten. Auch durch äußere Zeichen suchte er nach Halt. In seinem Wohnzimmer zu Berg sah ich am Tage seines Todes eine kleine Marmorsäule stehen, auf deren Sockel auf drei Seiten in Bronze die Worte stehen: Désormais jamais! Auf der vierten: Souvenez vous Sire! In seinen Tagebüchern aber, in dem traurigsten Denkmal seines Wahnsinns, verkleckst und verschmiert, in riesigen Buchstaben, steht allenthalben immer von neuem jamais, jamais, jamais – und drei große königliche Siegel sind darunter gedrückt. In diesem Leben zu eigener und fremder Qual, in dieser innerlichen Zerrissenheit taumelnd von Zweifel zu Atheismus und von Begeisterung zu Gewalttat, von grauenhafter innerlicher Einsamkeit zu abstoßender Vertraulichkeit mit rohem Volk, war jede Möglichkeit einer Verständigung ausgeschlossen. Unnahbar äußerlich und innerlich mußten die Maßregeln auch außergewöhnliche sein, die der Regierung des Königs ein Ende bereiten sollten. Es ist mir von königstreuen Bayern häufig in jenen Tagen gesagt worden, daß man einen ernstlichen Versuch hätte machen sollen, den König zur Abdankung zu bewegen. Doch nur völlige Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und der Sinnesart des Königs vermochte solche frommen Wünsche zu zeitigen. Wer hätte es wagen dürfen, dem König von der Aufgabe seiner Krone zu sprechen? Seiner Krone! Die berühmte Tragödin Clara Ziegler Clara Ziegler war eine ungewöhnlich schöne und hochbedeutende Schauspielerin von imposanter Figur, die in den Separatvorstellungen des Königs stets die »Heldin« darstellen mußte. erzählte, daß sie einst in einem Drama der königlichen Separatvorstellungen zu sagen hatte: »Diese Krone ist mir von Gott gegeben – und kein Mensch darf sie mir rauben.« Einige Wochen später habe sie in der Nacht um zwei Uhr einen Königlichen Befehl erhalten, unverzüglich in das Schloß zu kommen. Als die Tür zu dem großen Krönungssaal des Schlosses, in dem die goldenen Bildsäulen der bayerischen Königsahnen stehen, geöffnet wurde, stand König Ludwig in vollem Königsornat vor ihr – die Krone auf dem Haupt, den Purpurmantel um die Schultern, das Zepter in der Hand. Er zeigte, als sie eintrat, auf die Krone, indem er die Worte aus dem Drama wiederholte. »Diese Krone ist mir von Gott gegeben – kein Mensch darf sie mir rauben« – und damit war die seltsame Audienz beendet. Die Türen schlossen sich. Fräulein Ziegler will in diesem Begebnis eine Erklärung für die Ermordung Dr. Guddens durch den König sehen. Denn dieser habe dem König durch seine ärztlichen Gutachten die Krone genommen. Es sei der Mord ein Akt der Rache gewesen – der Rache eines Wahnsinnigen. Sie irrt jedoch, wie aus meiner nachfolgenden Darstellung hervorgeht. Das Begebnis Clara Zieglers soll hier nur als ein Beleg zu meiner Behauptung angeführt werden, daß der König nie und nimmer zu einer Abdankung zu bewegen gewesen wäre. Denn Seine »Krone« war das Heiligtum eines Wahnsinnigen geworden, das er auch mit wahnsinnigen Mitteln verteidigt haben würde. IV. Die Entmündigungs-Kommission begibt sich zum König, ihre Verhaftung und Flucht. Am 9. Juni 1886 nachmittags begab ich mich zu meiner Familie nach Starnberg, wo sie auch in diesem Jahre ihren Aufenthalt genommen hatte. Die für die Entmündigung durch den Prinzen Luitpold eingesetzte Kommission sollte denselben Nachmittag auf dem Weg über Oberndorf nach Hohenschwangau abreisen. Die Nachricht von der Entmündigung des Königs war also am nächsten Vormittag zu erwarten. Das tiefe Geheimnis, in das sich die Regierung bezüglich ihres Schrittes hüllte, war in München nicht völlig bewahrt geblieben. Auf dem Bahnhof, bei meiner Abfahrt nach Starnberg, flüsterte mir der Zeitungsverkäufer zu. »Dort steht der Extrazug. Heute reisen sie zum König.« Ich fragte, was man beabsichtige? Der Mann schwieg, er wußte es nicht. Soweit ging im allgemeinen das Verständnis. Man wußte, daß »etwas« im Werke war. Die Kommission bestand aus dem Minister des königlichen Hauses und des Äußern Freiherr von Crailsheim, dem Oberstallmeister Graf Holnstein, dem Reichsrat Grafen von Törring-Seefeld, dem Legationsrat Dr. von Rumpler, dem Oberstleutnant a. D. Freiherrn von Washington (der dem König nach seiner Entmündigung als diensttuender Kammerherr und Begleiter zugeteilt werden sollte) und den Ärzten, Spezialisten für Psychiatrie, Dr. von Gudden und Müller. Außerdem begleiteten die Kommission vier Irrenwärter. Obermarschall Baron Malsen[R1] begleitete die Kommission bis Oberndorf, begab sich aber von hier nach der königlichen Villa Elbingeralp zu der unglücklichen Königin Mutter, um ihr von den Schritten zu berichten, die gegenüber ihrem Sohne notwendig geworden waren. Es war nicht leicht gewesen, die Kommission zusammenzusetzen. Nicht nur gehörte persönlicher Mut zu der schwierigen Aufgabe, sondern auch der Mut, der öffentlichen Meinung zu trotzen, die die Handlungsweise der Kommission für unvereinbar mit den Pflichten treuer Diener gegen ihren König hielt, selbst wenn man den Vorgang an und für sich nicht verurteilen konnte. Jedenfalls wäre der Standpunkt einer Ablehnung, an der Kommission teilzunehmen, berechtigt und verständlich gewesen. Herr von Crailsheim, mit dem ich zum Erstaunen von ganz München seit Jahren intim bekannt bin – denn an seinem kalten, höflichen Wesen gleiten gewöhnlich alle diejenigen ab, die ein Bestreben haben, ihm näher zu treten –, ist ein jungaussehender Mann von größerem Fleiß und größerer Arbeitskraft als irgendeiner in seinem Ministerium. Sein Verstand ist angenehm ruhig und überlegt. Über den Oberstallmeister Graf Holnstein läßt sich mehr sagen. Denn er ist der politische Aventurier nach Art des achtzehnten Jahrhunderts, dem die geordneten Verhältnisse unseres modernen Staatslebens nicht passen, und der deshalb auch nur auf dem ungeordneten Boden des bayerischen Hofes zur Zeit König Ludwigs II. Erfolge haben konnte. Er stammt aus einer Familie Der Name ist »Holnstein aus Bayern«. Die Familie stammt aus einer Verbindung des Kurfürsten Karl Albrecht von Bayern mit Sophie Freiin von Ingenheim. , in der die Abenteuer zu Hause sind. Selbstmord, Zweikampf, Entführung usw. wechseln in bunter Folge. Auf König Ludwig hatte er zunächst durch sein anziehendes Äußere gewirkt: er war ein blonder, frischer Mensch von munterem Wesen. Das Wohlgefallen des Königs nutzte er in weitgehendster Weise aus. Er stieg schnell zum Oberstallmeister und Oberjägermeister und hielt sich in seiner Stellung, indem er dem König einerseits durch seine Neigung zu Gewalt Furcht einflößte, anderseits ihm durch seine Gewissenlosigkeit bequem war. Der König brauchte einen Mann, der keine Schwierigkeiten kannte, aus allen Verlegenheiten Auswege wußte und ihm freundlich lächelnd seine goldenen Wagen baute. Einen Mann, der auf die höchste Alphütte goldene Möbel bringen ließ, wenn »Ludwig XIV.« daselbst soupieren wollte. Holnsteins Bedeutung für Deutschland lag darin, daß er im Jahre 1870 Ludwig II. bewegte, König Wilhelm die Kaiserkrone anzutragen. Er hätte allerdings wohl auch unter Umständen den König Frankreich in die Arme getrieben, wenn dieses Land damals in München einen Mariani zum Vertreter gehabt hätte. Durch seine Ehe mit der einzigen Tochter der Baronin Gumppenberg (einer Tochter aus morganatischer Ehe des Prinzen Karl von Bayern) war Graf Holnstein zu viel Vermögen gekommen. Bei allen hier ausgezählten Eigenschaften halte ich Holnstein doch für einen Menschen von nicht erloschener weicher Empfindung. Er könnte vielleicht auch als Typus eines Slawen gelten. Ich bin völlig davon überzeugt, daß der Kampf, an König Ludwig den Judas zu spielen, ein großer in ihm gewesen ist und daß er in einem Gefühl von Dankbarkeit und Zugehörigkeit gelitten hat. Persönlich habe ich mich von ihm ziemlich ferngehalten. Seine politische Bedeutung für Deutschland und Preußen lag hinter ihm, als ich nach München kam – und menschlich hatte ich keine Berührungspunkte mit ihm. Das dritte Mitglied der Kommission, der Reichsrat Graf Törring-Seefeld, ist ein vornehmer, langweiliger, magerer Mann von nüchternem Verstand. Das Motiv, sich der Kommission anzuschließen, lag wohl, wie bei den beiden anderen, nicht nur in der Absicht, das sinkende Schiff rechtzeitig zu verlassen, sondern auch sofort das neue Admiralschiff zu besteigen, und zwar hatte er den Wunsch, sich auf Grund einiger Urkunden in den Kreis der bayerischen Standesherren erheben zu lassen. Er wurde darin von seiner ebenso hochmütigen wie originellen Gattin – geborene Gräfin Paumgarten – eifrig unterstützt. Es ist dieses die Frau, die im Jahre 1871 mit französischen gefangenen Offizieren in ihrem Palais »à une bonne revanche« angestoßen haben soll. Baron Washington ist ein großer, starkknochiger, ehrlicher und sehr einfacher Mann, der aus pekuniären Rücksichten die dornenvolle Stellung des Kammerherrn angenommen hatte, die man ihm antrug. Legationsrat Dr. Rumpler aus dem Ministerium des Äußern trägt den Kopf mit den straffen Haaren und das bebrillte, glatte, blasse Gesicht tief in den Schultern – er gleicht einem gutmütigen Mephistopheles. Ich kenne ihn persönlich wenig. Hingegen war mir Medizinalrat Dr. von Gudden gut bekannt. Als Vorstand der »zwanglosen Gesellschaft«, der ich als Mitglied angehöre, hatte ich Gelegenheit, diesen hervorragenden, liebenswürdigen und klugen Mann kennenzulernen. Er genoß als Irrenarzt einen großen Ruf, und sein ruhiges, klares Wesen war, wie der sanfte, stete Blick seiner Augen, wohl dazu angetan, besänftigend auf seine irren Patienten einzuwirken. Er war ein sehr großer, starker, blonder Mann. Die Treuherzigkeit eines großen Hundes lag in seinem Wesen. Sein Assistenzarzt Dr. Müller, der den seit langen Jahren wahnsinnigen Prinzen Otto, den einzigen Bruder des Königs, behandelte, war mir vor dem Eintritt der Katastrophe nicht persönlich bekannt. Ich hatte am 9. Juni in Starnberg wenig Ruhe, denn wir standen vor einem Ereignis, das Bayern in die größte Wirrnis stürzen konnte. Die Partei des Königs war trotz seines Wahnsinns stark genug, um dem Ansinnen des Prinzen Luitpold mit Gewalt entgegenzutreten –, wenn der König die Energie finden sollte, nach München zurückzukehren und in einer Proklamation sich an sein Volk zu wenden. Am 10. Juni, in frühester Morgenstunde, klopfte mein Diener an die Tür meines Schlafzimmers. »Herr Bahnhof-Inspektor Hartmann wünscht den Herrn Grafen einen Augenblick zu sprechen«, sagte er. Ich sprang in dem Bewußtsein, daß nur eine ernste Nachricht Hartmann bewegen konnte, so früh zu kommen, eilig aus dem Bett. »Die ganze Kommission ist vom König eingekerkert und mit dem Tode bedroht«, teilte er mir in großer Erregung mit, »der ganze Schwangau ist in Aufruhr, die Baronin Truchseß läßt in Hohenschwangau Sturm läuten –, von den Bergen strömen immer neue Bewaffnete zu. Ich habe die Depeschen, die Starnberg passierten, gelesen und teile Ihnen trotz Verbotes das Faktum mit, da die Folgen unabsehbar sind und Sie in Berlin zeitig Bescheid haben müssen.« Ich dankte dem gut deutsch gesonnenen Manne, mit dem ich seit meinem alljährlichen Aufenthalt in Starnberg in den besten freundschaftlichen Beziehungen stand, kleidete mich eilig an und fuhr mit dem nächsten Zug nach München, wo ich dem Gesandten Graf Werthern Mitteilung von dem Ereignis machte und für eine Meldung nach Berlin Sorge trug. Die Stadt war völlig ruhig – noch war kein Gerücht von der Einkerkerung der Kommission in das Volk gedrungen. Prinz Luitpold nur befand sich in seinem Palais in unbeschreiblicher Erregung. Ich erfuhr später, daß der Prinz völlig fassungslos gewesen sei und nur schwer zu bewegen, die Proklamation von der Regentschaftsübernahme zu erlassen. Auf die dringende Vorstellung des Ministers von Lutz war dieses schließlich geschehen, so daß, als ich München nach einigen Stunden wieder verließ, die Proklamation an den Straßenecken angeschlagen wurde. Zahllose Menschen standen in Gruppen auf den Straßen, das Ereignis der Regentschaftsübernahme besprechend, dessen Tragweite sie bei Unkenntnis von der Verhaftung der Kommission nicht einmal in seiner ganzen Bedeutung ermessen konnten. Bei aller Gefahr trug die Einschließung der Abgesandten einen unwiderstehlich komischen Zug für den nicht Beteiligten. Nachdem durch Monate hindurch in Hangen und Bangen das Ereignis der Entmündigung des Königs vorbereitet und nach allen Richtungen erwogen worden war, zogen die sieben Schwaben aus und wurden gefangen! Vielleicht gar von der Baronin Truchseß! Wer aber war diese seltsame Dame, die im Schwangau die Sturmglocken läuten ließ? Es ist zum Verständnis der kritischen Lage, die eingetreten war, erforderlich, daß ich von der Persönlichkeit und dem Charakter der Baronin Esperanza von Truchseß-Wetzhausen, geborene von Sarachaga y Uria, zu der ich und meine Familie in sehr freundschaftlicher Beziehung stehen, einiges mitteile, ehe ich die sich überstürzenden, fast romanhaften Ereignisse der nächsten merkwürdigen Tage niederschreibe. Ihre Großeltern Sarachaga, den vornehmsten baskischen Familien angehörend, gerieten bei dem napoleonischen Feldzug in Spanien in die größte Bedrängnis. Der Großvater verlor sein Leben in den Guerillakämpfen, und die Großmutter, die den Schutz eines französischen Generals, eines geborenen Badensers (dessen Name mir entfallen ist) angerufen hatte, wurde von diesem mit ihren Kindern nach Karlsruhe geschickt, da Spanien für die Sicherheit der Familie keine Garantie gab. Nach Beendigung des Krieges heiratete der General die Witwe, und die Kinder Sarachaga erhielten ihre Erziehung in Baden. Sein Sohn, der Vater der Baronin, trat in militärische Dienste und war als eleganter schöner Offizier eine bekannte Persönlichkeit in Karlsruhe. Er vermählte sich mit der Tochter des russischen Gesandten, Fürsten Lobanow, und dieser Ehe war die Baronin Esperanza entsprossen. In jenes berühmte Duell, das über Deutschlands Grenzen hinaus Aufsehen erregte, wurde auch Sarachaga verwickelt. Der jüdische Bankier Louis von Haber hatte sich öffentlich der Gunst der Großherzogin Stephanie von Baden (geb. Beauharnais- Leuchtenberg, Adoptivtochter Napoleons I. Die Großherzogin, geb. 1789, gest. 1860, war 1818 Witwe des Großherzogs Karl geworden und hinterließ zwei Töchter. Der Sohn und Erbe des Thrones war als Kind gestorben. Die Annahme, daß Kasper Hauser dieses (gestohlene) Kind war, ist noch heute nicht authentisch widerlegt. gerühmt. Zum Beweis seiner Behauptungen sollte die Großherzogin an einem bestimmten Ballabend ein Bukett tragen, das er hatte binden lassen. Als die Großherzogin den Saal betrat, hielt sie in der Tat das Bukett in der Hand. Infolge dieses Ereignisses entstand eine Reihe blutiger Duelle, die verschiedene Opfer forderten. Unter diesen befand sich auch der Vater der Baronin Truchseß, Sarachaga. Nach seinem Tode verließ die Witwe mit den Kindern Karlsruhe, um fortan in Petersburg, im Palais ihres Vaters Lobanow, zu leben. Hier war es, wo Baron Truchseß, der bayerische Gesandte am Hofe des Zaren, Fräulein Esperanza heiratete Die Beziehungen zu Spanien waren im Laufe der Jahre eingeschlafen. Als aber das junge Paar geheiratet hatte, wurde eine Reise nach Bilbau unternommen, um Verwandte zu besuchen, die in der dortigen Gegend angesessen sind, und um das spanische Vermögen der Baronin zu kontrollieren. Baronin Spera – so lautet ihr Rufname – teilte mir eine sehr anziehende Anekdote aus der Zeit jener Reise mit. »Wir waren«, so erzählte sie, »in Pamplona angelangt und hatten am Morgen, aus dem Talkessel aufsteigend, einen Spaziergang gemacht. Der Frühling strahlte in schönster Pracht. Das ganze Land stand in Blüte. Auf der Höhe waren wir in einem Landhause angelangt, dessen liebliche Lage und dessen eigenartiger Charakter uns entzückte. Wir standen vor dem alten Portal, an das sich blühender Oleander lehnte. Über die Terrassen des Gartens blickte man hinab auf die weißen Türme Pamplonas, die aus dem grünen Tal hinaufleuchteten. Ich fragte meinen Mann, ob man es wohl wagen könne, einzutreten, um dieses kleine Paradies in der Nähe zu betrachten? Da trat ein alter Gärtner an uns heran und lud uns dazu ein. Er führte uns allenthalben herum. Voller Sorgsamkeit war Haus und Garten von ihm gepflegt. Ich sagte zu meinem Mann, daß ich glücklich sein würde, hier leben zu können, und fragte den Alten nach dem Besitzer des Landhauses. »Der Besitzer ist eine Dame«, sagte der Alte, »die ich leider niemals sah.« »Und wie heißt diese Dame?« fragte ich weiter. »Esperanza Sarachaga«, antwortete der Alte – und er weinte vor Rührung, als ich mich ihm zu erkennen gab. Als treuer Diener meines Großvaters verwaltete er seit langen Jahren dieses abgelegene Eigentum meiner Familie.« . Baronin Truchseß – im Jahre 1886 einige vierzig Jahre alt – ist eine anziehende Erscheinung. Ihr gutes Herz, ihr edler Charakter und ihre feine Bildung gestalten den Verkehr mit ihr sehr angenehm. Das Unglück ihres Lebens ist ihre Kinderlosigkeit. Von dem Bedürfnis beseelt, Gutes zu tun und ihren Nebenmenschen Liebe zu erweisen, blieb ihr doch das Höchste: die Liebe zum eigenen Kinde – versagt. Unter dieser Sehnsucht litt sie, diese Sehnsucht regte sie auf. Physisch aber wurde die Kinderlosigkeit noch verderblicher für sie. Blutandrang nach dem Gehirn verdunkelte zuweilen ihr Bewußtsein, und dann nahmen ihre Gedanken einen besonderen Weg: es war eine abgöttische ideale Liebe für ihren König Ludwig, die sie während solcher Stunden krankhaft beherrschte. Vermied man es jedoch, von ihm zu sprechen, so war die Unterhaltung normal und ruhig, ohne jegliche Absonderlichkeit. Unendlich viele erregbare Frauen waren, wie sie, dem Zauber dieses einsamen Märchenkönigs verfallen, dessen schöne Züge allenthalben im Bildnis sichtbar waren, der selbst aber nur, geisterhaft, des Nachts erschien, im Wagen vorübereilend. Bei einer Fahrt des Königs, morgens von München auf dem Weg nach Schloß Berg, sah auch ich ihn – (das einzige Mal, das ich ihn lebend sah) – als der Kutscher an der engen Biegung der Straße bei Starnberg genötigt war, langsam, fast Schritt zu fahren. Das war im Herbst 1885. Ein schwerer Tuchmantel hing auf seinen Schultern, auf dem großen schwarzen Kalabreser-Hut glänzte die Diamant-Agraffe. Wie der »Fliegende Holländer« sah er aus, als er den Hut zum Gruß hob und die bleichen, schönen Züge, die dunklen großen Augen sich mir entgegenwendeten. Auf dem Bock saß ein Soldat eines Cheveauxleger-Regiments, die Mütze auf dem Kopf, doch ohne Säbel an der Seite. Er hielt ein Bukett in den Händen, und auf den vorgestreckten Füßen steckten buntgestickte Hausschuhe –, denn der König ertrug nicht den harten Laut des Soldatentritts in seiner Nähe. Alle die hundert Erzählungen von der Liebe des Königs für geheimnisvolle Frauengestalten sind völlig erfunden. Eine Abneigung muß ihn von jeder Frau getrennt haben, denn es ist auch Tatsache, daß jener erste Kuß, den seine Braut, seine schöne Kusine, Herzogin Sophie von Bayern (Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich und später Gattin des Herzogs von Alençon, die jämmerlich bei einem Brande in Paris 1897 umkam), ihm auf der Roseninsel im Starnberger See gab, die Veranlassung der Trennung von ihr wurde. Wir kehren nun zu der Kommission zurück, deren Schicksal mir frühmorgens am 10. Juni von meinem Freunde Hartmann mitgeteilt war. Der Spott und Hohn, der sich nach dem nicht mehr zu verbergenden Mißgeschick der Kommission allerorts in den nächsten Tagen über die unglücklichen Abgesandten ergoß, war dennoch nur zum Teil gerechtfertigt. Denn jene Bedingungen des Prinzen Luitpold, »daß der König als erster die Nachricht von der Regentschaftsübernahme erhalten müsse«, hatte dem Staatsministerium die Hände gebunden. Das Ministerium war deshalb nicht in der Lage gewesen, durch Mitteilung an die Bezirksämter und Gendarmerie die Aktion zu sichern. Der Vorwurf der Unachtsamkeit mußte aber dennoch, wenn auch in anderer Beziehung, die Abgesandten auf das schärfste treffen. Ich komme darauf später zurück. Die Lage in Bayern war durch dieses Ereignis plötzlich eine äußerst kritische geworden. Wie ich oben bemerkte, lag die Gefahr nahe, daß die Parteien des Königs und des Prinzen Luitpold in gewalttätigen Gegensatz gerieten. Sogar die Gefahr einer Spaltung in der Armee war nicht ausgeschlossen. Da nun der Brennpunkt der kritischen Situation im Schwangau zu suchen war, erklärte ich meinem verehrten Chef und Freund, dem Grafen Werthern, ich wolle mich schnell incognito dorthin begeben, um unsere Regierung mit sicheren Nachrichten versehen zu können. Er gab mir seine Zustimmung, doch nicht ohne mich zu warnen, da der »Preuße« in dem Kreise aufgeregten Bergvolkes seines Lebens nicht sicher sei. Ich verabredete eine Chiffre mit ihm, indem wir uns zwei gleicher Broschüren bei Absendung von Depeschen bedienen wollten. Dann verließ ich München, um mich über Peißenberg nach Hohenschwangau zu begeben. In Starnberg verabschiedete ich mich von den Meinigen. Ein kleines Fuhrwerk führte mich von Peißenberg nach Hohenschwangau, wo ich in der Nacht einzutreffen gedachte. Der Kutscher wußte nichts von den Vorgängen in dem Schloß zu Schwanstein; aber Landleute, die uns begegneten, erzählten, daß man im Lande unruhig sei. »Es soll dem König etwas geschehen.« Der Kutscher wußte mir nur mitzuteilen, daß der junge Graf von Steingaden (Graf Dürkheim) vor einigen Stunden nach Hohenschwangau gefahren sei. So hatte ihn also der König gerufen. Ich erinnerte mich mit Schrecken unserer Unterhaltung im Eisenbahnkupee vor einigen Tagen. Jetzt war Dürkheim in der Lage, die Rolle zu spielen, von der er träumte! Das bedeutete unzweifelhaft eine Verschärfung der Lage. Als ich eine Zeitlang gefahren war, hörte ich auf der in Serpentinen ansteigenden Straße im Walde über mir ein Fuhrwerk, das schnell nahte, und gleich darauf bog ein großer Break von vier Füchsen gezogen und von einem königlichen Kutscher geleitet in schärfstem Tempo um die Ecke. Die Füchse, schweißtriefend, zogen den gehemmten Wagen den Berg hinunter, und zu meinem Erstaunen gewahrte ich die gesamte Kommission bleich und ernst darin. Ich hielt und begrüßte die gleichfalls haltenden Herren nicht ohne ein Gefühl der Verlegenheit, brach aber der etwaigen Annahme, daß ich als Spion auf dem Wege sei, die Spitze ab, indem ich den Herren mitteilte, wie die preußische Gesandtschaft zu eng mit den Interessen der hiesigen Regierung verwachsen sei, um sich nicht persönlich überzeugen zu müssen, welches das Schicksal der bedrohten Abgesandten sei. Die Herren dankten mir und erzählten auf dem gemeinschaftlich zurückgelegten Heimweg die Ereignisse der verflossenen Nacht bis zu dem Augenblick ihrer Flucht. Die Gefahr, in der sie sich befunden hatten, stand auf ihren Zügen eingegraben. Der Hunger tat das seinige dazu, um die bleichen Gesichter zu verzerren. Denn von dem Moment der Einschließung in der Nacht bis jetzt – es war sechs Uhr abends – hatten sie nichts genossen. In den Ortschaften auf dem Wege zur Bahnstation aber war es nicht möglich einzukehren, denn drohend standen die Hausbewohner an den Türen. Noch in Peißenberg traten wir mit Vorsicht in das Gasthaus in der Nähe der Bahn – in eine gewöhnliche Bauernschenke. Nur Rührei war vorhanden, aber es erglänzten die Augen der hungernden Großwürdenträger, als die dicke Wirtin das einfache Mahl gerichtet hatte. Mit dem Genuß der Eierspeise trat eine gewisse Ruhe der Anschauung ihrer Situation ein. Bisher standen alle Abgesandten, ohne Ausnahme, unter dem Eindruck des Schreckens, den sie durchlebt hatten. Nur Herr von Crailsheim hatte tapfer, wenn auch blässer als gewöhnlich, seine alte Ruhe bewahrt. Die Nerven der Herren waren noch so abgespannt, daß sie bei der Darstellung ihrer Erlebnisse während unserer gemeinschaftlichen Rückreise nach München mit einer Lebhaftigkeit und Offenherzigkeit vorgingen, die unter normalen Verhältnissen sicherlich nicht vor mir hätte Platz greifen können. Auf dem Perron des Bahnhofes in Peißenberg war es auch, daß ich zum letztenmal den von mir hochverehrten, liebenswürdigen Professor Gudden sprach, der drei Tage später in so tragischer Weise sein Leben verlor. In eingehender Weise schilderte er mir den geistigen Zustand des Königs. Das Resümé seiner Mitteilung war die Behauptung, der König sei völlig zusammengebrochen, man werde ihn nach Beseitigung der äußeren Hindernisse einfach in Empfang zu nehmen haben. Er sei unfähig, sich noch einmal aufzuraffen. Aus dieser Darstellung des Krankheitszustandes ist bereits die Auffassung erkennbar, die Gudden dazu bestimmte, zwei Tage später, an dem verhängnisvollen Abend des 13. Juni, besondere Sicherungsmaßregeln außer acht zu lassen. Ich fuhr mit Minister Crailsheim und Graf Holnstein bei dieser merkwürdigen Heimfahrt zusammen in demselben Eisenbahn-Abteil. Eine meiner ersten Fragen war, weshalb die Herren, nachdem sie bereits nachts gegen zwölf Uhr in Schloß Hohenschwangau eingetroffen waren, sich erst um drei Uhr früh auf den Weg nach der Burg Schwanstein zum König begaben? »Wir waren von Oberndorf in den Hofwagen vorausgefahren«, sagte Graf Holnstein, »das Gepäck aber lag auf dem Postfuhrwerk. Da wir nun durchaus in Uniform vor dem König erscheinen mußten und diese Kleidungsstücke erst zwei Stunden später mit dem übrigen Gepäck anlangten, so waren wir gezwungen, zu warten.« (!) Ich schwieg zu dieser Erklärung, denn ich fand kein Wort für eine derartige Unachtsamkeit. Nachdem man in anerkennenswert diskreter Weise den Plan zur Entmündigung des Königs wochenlang geheimgehalten hatte, – nachdem die Abreise der Kommission in Hohenschwangau und der nahen Stadt Füssen absolut unbekannt geblieben war und die Überrumpelung des unglücklichen Königs vortrefflich eingeleitet schien, fällt der ganze Aufbau des Planes zusammen, weil die Herren ihre Uniformen im Koffer haben. Dr. Müller schildert in seiner Broschüre. »Die letzten Tage König Ludwigs II.« die Art, wie dem König das Faktum von seiner Thronentsetzung mitgeteilt werden sollte. »Gudden stellte sich dies folgendermaßen vor: Zuerst würden die Staats- und Hofbeamten vor den König hintreten und ihm die Erklärung von der durch seine Erkrankung bedingten Übernahme der Regentschaft durch den Prinzen Luitpold vorlesen; dann trete Gudden mit mir und den Pflegern ein und teile dem König mit, daß die ärztliche Behandlung nun ihren Anfang nähme; Majestät würde gebeten, in den bereitstehenden Wagen einzusteigen und mit nach dem Linderhof fahren, welcher als vorläufiger Aufenthalt ausersehen sei. Guddens weitere Vorschläge beim Souper gingen dahin: Zwei Pfleger sollten mit dem König und ein dritter auf dem Bock desselben Wagens fahren, der eine von uns Ärzten führe voraus, der andere hinterdrein. Gerade über den letzten Vorschlag wurde viel gesprochen, und es wurden Bedenken laut, ob es tunlich sei, dem König das Wartepersonal in den Wagen hinein mitzugeben, und schließlich einigte man sich dahin, der König solle allein bleiben, auf dem Bock könne ja ein Pfleger sitzen, und zur besseren Beaufsichtigung schiene es geraten, wenn während der ganzen Fahrt ein Reitknecht des Königs neben dem Wagenschlag herritte. Gudden erklärte sich mit diesen Vorschlägen einverstanden, äußerte aber, es können ja Fälle eintreten, die unvorhergesehene Maßregeln erheischten, und für diese Fälle müsse er freie Hand behalten.« Dr. Müller fährt nun fort, indem er die Versäumnis der Abgesandten – das Warten auf ihre Uniformen! – als ein beabsichtigtes Zögern darstellt. »Ungefähr um drei Uhr in der Frühe wurden wir alarmiert, wir sammelten uns im Schloßhof und fanden dort dieselben Hofwagen, die uns von Oberdorf herübergebracht hatten. Außerdem stand der für den König bestimmte Reisewagen bereit. Wir fuhren eher von Hohenschwangau ab, als vorgesehen war. Man hat mir erzählt, ein Stallbediensteter des Königs hätte ihm die Anwesenheit der Kommission verraten und so den verfrühten Aufbruch veranlaßt. Es liegt nicht in meiner Befugnis, darüber nachzuforschen, inwieweit diese Erzählung auf Wahrheit beruht.« Ich fragte während unserer Rückfahrt von Hohenschwangau nach München im Kupee den Grafen Holnstein: »Wer hat dem König Ihre Ankunft verraten?« »Ein Stalldiener«, sagte er – »und die verrückte Person, die Truchseß.« Ich erfuhr später bei einem Besuch in Hohenschwangau von der dicken Wirtin des Gasthauses »Zur Alpenrose«, daß der Kutscher Oberholzer die erste Nachricht von der Ankunft der Kommission dem König überbracht habe. Oberholzer, des Königs Leibkutscher, der ihm besonders treu ergeben war, hatte, unmittelbar nach dem Eintreffen der Abgesandten, vom Grafen Holnstein den Befehl erhalten, den Reisewagen des Königs nach Angabe der Krankenwärter herzurichten. Dieses geschah, indem mit starken Stricken eine Tür und die Fenster verschnürt wurden; die andere Tür wurde aber so eingerichtet, daß nach dem Besteigen des Wagens ein Strick auch diese verschließen konnte. Die traurige Arbeit, die Oberholzer weinend verrichtete, fand bei dem Stall unten an der Landstraße statt – so öffentlich, daß die allmählich alarmierten Bewohner von Hohenschwangau sie sehen konnten. Zugleich aber beging einer der Irrenwärter die grobe Ungeschicklichkeit, auf dem Schloßhof in Hohenschwangau eine Flasche fallen zu lassen, deren Inhalt beim Bersten einen betäubenden Geruch ausströmte. Wie ein Lauffeuer ging es nun von Mund zu Mund, daß man nicht nur den König entführen, sondern ihn betäuben, wenn nicht gar töten wolle. Da nun aber, nach Beendigung der Vorbereitungen für den Transport des Königs, die Uniformen der Herren Abgesandten nicht angelangt waren, blieb der verschnürte Reisewagen des Königs unangespannt stehen, und Oberholzer fand Zeit, nach Schwanstein, hinauf zum König, zu laufen, um ihm das beabsichtigte Attentat auf seine Freiheit zu melden. Er drang in das Schlafzimmer des Königs ein, weckte ihn und erzählte, was geschehen war. Sofort gab der König den Befehl, daß die Gendarmerie niemand – wer es auch sei – in das Schloß einlassen dürfe, daß sie sich einem Eindringen, wenn nötig, mit Gewalt zu widersetzen habe. Fast gleichzeitig mit Oberholzer aber war noch eine zweite Persönlichkeit zum König eingedrungen, die an jenem Tage des 10. Juni fast allein die Schuld trug, daß die Erregung der Bergbevölkerung einen außerordentlich leidenschaftlichen, gefährlichen Charakter annahm: unsere Freundin, Baronin Esperanza Truchseß! Sie hatte für diesen Sommer, »um in der Nähe des Königs zu sein«, eine Villa bei Hohenschwangau gemietet. Ihr Aufenthalt in Leoni, am Ufer des Starnberger Sees, wo sie im verflossenen Jahre Gelegenheit gehabt hatte, den König während seiner Fahrten in der Nähe des Schlosses Berg zu sehen, genügte ihr nicht mehr. Von der drohenden Entmündigung des Königs aber hatte sie wohl durch die Familie Dürkheim in Steingaden unbestimmte Kenntnis erhalten. Das hielt sie wach. Fast unmittelbar nach Ankunft des Reisewagens, der die Kommission von Oberndorf brachte, war sie mit der dicken Wirtin des Gasthauses »Zur Alpenrose« nach Schloß Schwanstein aufgebrochen. Unbeirrt durch die Kette von Dienern, die den König umgab, drang sie in das Schloß und bis in das Vorzimmer des Königs. Sie schob den diensttuenden Diener beiseite, öffnete die Tür und warf sich dem soeben angekleideten König zu Füßen. »Mit meinem Leben werde ich Ew. Majestät schützen!« rief sie in höchster Erregung. Der König veranlaßt sie aufzustehen, dankte ihr und sagte, daß er hoffe, sich selbst schützen zu können. Die Baronin aber stürzte nun hinaus auf den Schloßhof und gab den Befehl, die Sturmglocken im Ort zu läuten, um die Floß- und Holzknechte, die Senner und Arbeiter aus den Bergen zu rufen. Die Bewohner Hohenschwangaus und des Schlosses folgten dem Ruf der Baronin, deren Güte, Wohltätigkeit und Frömmigkeit weit und breit bekannt und verehrt war. Auf das Sturmzeichen eilten nun von allen Höfen die Männer herbei, Sensen, Äxte, Gebirgsstöcke, Messer in den Händen – eine Schar wie in der Sendlinger Schlacht. Während diese Bewegung lawinenartig anschwoll, waren endlich die ominösen Uniformen angekommen. Die Großwürdenträger legten diese an und begaben sich in Begleitung der Ärzte im Wagen zum Schloß Schwanstein hinauf. Dr. Müller schreibt hierüber: »Gegen vier Uhr früh kamen wir in Schwanstein an. Es war eine traurige Fahrt, kalter Regen schlug uns ins Gesicht, schwere Nebel hingen über dem Wald. Es begann langsam zu dämmern. Schwanstein selbst mit seinen gewaltigen Quadern machte in dieser Waldeinsamkeit einen gewaltigen Eindruck. Aber trotz seiner Schönheit läßt es nicht verkennen, daß diese Unsumme von Türmchen und Zinnen Ausgeburten eines kranken Hirnes sind.« Als die Kommission durch das Tor an der Zugbrücke in den Schloßhof fahren wollte, standen Gendarmen mit gefälltem Bajonett davor. Graf Holnstein, der eine militärische Uniform trug, versuchte die Gendarmen zu bewegen, die Kommission einzulassen. Es war vergeblich. Sie beriefen sich auf den bestimmten Befehl des Königs und drohten, von ihrer Waffe Gebrauch machen zu wollen, wenn die Herren darauf beständen, einzudringen. Nach einer peinlichen Stunde des Parlamentierens und Beratens, in dem Gefühl, mit ihrer bedeutsamen Mission gescheitert zu sein und in der Besorgnis, damit zugleich dem Vaterlande Wirren und Gefahren heraufbeschworen zu haben, trat die Kommission den Rückweg nach dem alten Schlosse Hohenschwangau an. Dr. Müller schildert diesen Vorgang und die weiteren Geschehnisse folgendermaßen: »Die Verhandlungen am Schloßportal nahmen geraume Zeit in Anspruch. In der Zwischenzeit fiel uns eine Dame auf, die fortwährend rief, sie wolle zum König, sie würde ihn retten. »Herr von Gudden, ich will meinen König schützen.« Es war, wie sich bald herausstellte, eine Dame aus den besten Münchener Kreisen, die periodisch geisteskrank war und auch schon früher von Gudden behandelt worden war. Da es nicht gelang, die Dame zu beruhigen und ebensowenig, ihre Begleiterin zu veranlassen, mit ihr wegzugehen, so mußte man sie schließlich gewähren lassen. Nach etwa einer Stunde wurden die Verhandlungen abgebrochen, und die Kommission begab sich zurück nach dem alten Schloß Hohenschwangau. Der Zweck des frühen Besuches in Schwanstein schien wohl schon teilweise bekannt geworden zu sein, denn auf dem Rückwege konnte man Bauern und Feuerwehrleute sehen, die den Berg hinaufliefen. Etwa um sechs Uhr sah ich bei einem zufälligen Blick aus dem Fenster, daß im Schloßpark kleine Trupps von Feuerwehrleuten auf- und abzogen; es kam auch ein Gendarm in mein Zimmer, der mir ankündigte, wir seien alle auf des Königs Befehl verhaftet und dürften das alte Schloß nicht verlassen. In einem Zimmer des oberen Stockwerks traf ich Baron Washington und von Gudden und erfuhr von ihnen, Freiherr von Crailsheim, Graf Holnstein und Graf Törring seien bereits nach Schwanstein abgeführt worden. Was mit ihnen geschehen sei, wisse man nicht. Auf dem Korridor traf ich den Bezirksamtmann von Füssen, der inzwischen angekommen war und auf meine direkte Frage entgegnete, ich sei nicht verhaftet. An dem Ausgangstor des Schlosses stand ein Gendarm Wache und wehrte jedes Durchpassieren. Gudden gestattete den Pflegern (Irrenwärtern) ins Dorf hinunterzugehen, was auch von unseren Wächtern nicht beanstandet wurde. Sie waren aber noch nicht lange fort, da wurde uns der Befehl des Königs mitgeteilt, nun sollten auch wir nach Schwanstein geführt werden. Wir erklärten uns sofort bereit und nahmen im Dorfe die Pfleger mit. Langsam ging es den Berg hinauf, vor und hinter uns Gendarmen und Feuerwehrleute als Bedeckung. Auf halber Höhe des Berges etwa liegt ein Wirtshaus. Schon dort sahen wir eine Ansammlung von Leuten aus der Umgebung, die uns nicht gerade freundschaftlich musterten; noch mehr aber wuchs die Anzahl des Volkes oben im Schloßhof selbst. Feuerwehrleute, Bauern, Floßknechte, sie alle waren herbeigeeilt, um dem König zu helfen. Man kann sich darum leicht vorstellen, wie sie gegen uns gesinnt waren. Es ist wohl als ein Glück zu betrachten, daß der Bezirksamtmann gleichfalls anwesend war und durch seine Autorität das Volk von etwaigen geplanten Ausschreitungen und Feindseligkeiten abhielt. In Schwanstein wurden wir im ersten Stock des sogenannten Domestikenbaues untergebracht. In einem Zimmer fanden wir die drei schon vor uns verhafteten Herren. Bald kam der Befehl, wir sollten jeder in einem einzelnen Zimmer bewacht werden. Wahrscheinlich wegen Platzmangel kam ich mit Baron von Washington zusammen. Aber es war trotzdem nicht jeder Verkehr abgebrochen, denn Gudden kam zu uns herein und sprach auch mit den Pflegern, die draußen im Korridor bei den Gendarmen saßen, welche uns bewachten. Die Fenster unseres Arrestlokales gingen auf den Schloßhof hinaus. Man sah, daß das Volk sich allmählich entfernte und daß ein lebhafter Verkehr, der durch einen Lakaien vermittelt wurde, zwischen dem Teil, wo der König wohnte und den Gendarmen herrschte. Dieser Lakai war es auch, der die finsteren Befehle überbrachte, die der König in seinem Zorn niederschrieb: es sollte den Verrätern die Haut abgezogen werden, wir sollten verhungern. Wir waren ungefähr zwei Stunden in enger Haft. Es waren wenig angenehme Stunden ungewissen Wartens. Gegen ein Uhr kam Gudden wieder in unser Zimmer und sagte mir, er hätte mit dem Bezirksamtmann ausgemacht, daß er jetzt das Schloß verlassen würde. Ich fragte ihn natürlich, was mit uns geschehe und ob er keine Befehle für mich hätte, erhielt aber anfänglich keine genügende Antwort. Mir scheint nun, daß in dieser Zeit Gudden plötzlich eine Dispositionsänderung machte. Denn während aus seinen ersten Äußerungen zu entnehmen war, daß er allein mit Hilfe des Bezirksamtmannes das Städtchen Füssen und von da aus München erreichen wolle, erklärte er, als er kurz darauf wieder in unser Zimmer kam, wir dürfen alle fort, sollten unseren Abzug aber möglichst unauffällig bewerkstelligen und in passenden Zwischenräumen das Schloß verlassen; wir würden nach München zurückkehren, dort würde sich das Weitere entscheiden. So waren wir also aus unserer Haft erlöst. Unten in Hohenschwangau trafen wir wieder zusammen. Dort sah ich einen Flügeladjutanten des Königs (Dürkheim), der eben angekommen war und auf dem Wege ins neue Schloß zum König war. Nach kurzer Zeit waren zwei Gefährte für uns bereit, ein vierspänniger Jagdwagen und eine zweispännige Kutsche; die Insassen der letzteren aber stiegen bald mit auf den Jagdwagen, und nun fuhren wir der Station Peißenberg zu. Gegen Abend sieben Uhr kamen wir in Peißenberg an und fanden dort den Legationsrat Dr. Rumpler wieder, der nicht mit verhaftet worden war und auf anderem Wege die Eisenbahnstation erreicht hatte.« Die vorstehende Schilderung des Dr. Müller trägt einen Charakter objektiver Ruhe, die in direktem Widerspruch zu der ungeheuren Erregung steht, in der sich bei diesem Vorgang die zunächst Beteiligten und das Volk des Schwangaus befanden. Die Tendenz, das Vorgehen der Kommission in möglichst mildem Licht erscheinen zu lassen, ist unverkennbar. Ich habe bereits oben den Zustand der Aufregung geschildert, in dem sich die »Verräter« – so wurden sie von einem großen Teil des Volkes genannt – befanden, als ich ihnen auf der Flucht nach Peißenberg begegnete. Die Schilderungen, die ich über die Vorgänge aus ihrem Munde während der Eisenbahnfahrt, unmittelbar nach den erlebten Schreckensszenen, erhielt, lauteten wesentlich lebhafter als die Darstellung Dr. Müllers. Ich vermag daher seine Darstellung durch folgendes zu ergänzen: Der Gendarmerie-Wachtmeister von Hohenschwangau, ein dicker Mann mit großem Schnurrbart, trat zwischen fünf und sechs Uhr zu Minister Crailsheim, Graf Holnstein und Törring. »Sie sind verhaftet«, sagte er, »und sollen sofort vor den König nach Schwanstein geführt werden.« Eine Widerrede blieb vergeblich. Die Herren mußten dem Wachtmeister hinunter zum Schloßhof folgen. Da stand ein Teil der Hohenschwangauer Bauern-Feuerwehr, und fortwährend strömte das Bergvolk hinzu. Die Herren machten noch auf dem Hof einen Versuch, die Gendarmen eines Besseren zu überzeugen, aber die Behauptung, daß König Ludwig wahnsinnig sei, daß Prinz Luitpold die Regierung übernommen habe, verfehlte vollkommen die Wirkung und regte die Leute nur noch mehr auf. »Sie sind verhaftet«, wiederholte der dicke Wachtmeister unaufhörlich. »Jetzt müssen's mit nach Schwanstein.« Dann aber wendete sich der Alte vertraulich zu Graf Holnstein und raunte ihm zu. »Nachher helfen's mir, Herr Oberst.« Er hatte ein dunkles Empfinden, als würden schließlich die Herren der Kommission doch recht behalten. Herr von Crailsheim war entrüstet über den Wachtmeister und behauptete, daß man gegen ihn vorgehen müsse. Ich suchte ihn zu beruhigen und wurde von Holnstein unterstützt, der so glücklich war, der Gefahr entronnen zu sein, daß er am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Das Gebirgsvolk, das im Schloßhof des alten Schlosses die Herren umringte, nahm mit jeder Minute eine drohendere Haltung an. Nur der Befehl des Königs, die Herren zu ihm zu bringen, hielt die Leute von Tätlichkeiten ab. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung. Voraus ein Trupp Bergvolk und Feuerwehr, mit Beilen, keulenartigen Stöcken und Messern bewaffnet, dann Gendarmen, dann die Gefangenen. Hinter diesen wieder Gendarmen und ein Haufen Bergvolks. Eine Szene aus den Bauernkriegen. Die Drohungen nahmen kein Ende, aber die Gefahr, der die Gefangenen entgegengingen, war eine bei weitem größere. Denn ein Wort des wahnsinnigen Königs, dessen Zorn und Aufregung sich unaufhörlich steigerte, mußte genügen, um sie in seiner Gegenwart umzubringen. Gendarmen und Volk warteten nur auf dieses Wort, um unverzüglich zu gehorchen. So ging es die steilen Treppen vom alten Schloß Hohenschwangau hinunter auf die Landstraße und weiter den Weg nach Schwanstein hinauf. Auf halber Höhe kam ein Chevauxleger entgegengelaufen, und der Zug machte halt. Der Soldat hatte den Auftrag des Königs auszurichten, daß ihm die Verräter in Ketten vorzuführen seien. Es fand eine Beratung zwischen dem Gendarmen-Wachtmeister und dem Soldaten statt, die damit endete, daß wegen Mangels an Ketten die Gefangenen vorläufig ungeschlossen nach Schwanstein geführt werden müßten. In banger Erwartung wurde das Tor der Burg erreicht. Hier aber hatte sich das Bergvolk nach Hunderten zusammengeschart, und die Gefangenen, deren Anblick die erregten Gemüter in noch größere Aufregung versetzte, gerieten in eine äußerst bedenkliche Lage. Zu dem drohenden Gemurmel des Volkes läuteten unten die Sturmglocken, und Baronin Truchseß steigerte noch die Stimmung der Masse durch Zurufe. »Ihr habt nur einen König, das ist König Ludwig. Nur ihm habt ihr zu gehorchen. Er ist euer König von Gottes Gnaden. Dieses sind Verräter – glaubt ihnen nicht. Sie wollen euerm König Gewalt antun. Schützt ihn.« Graf Holnstein schilderte mir in lebhaften Farben den Eindruck dieser aufregenden Worte, während Herr von Crailsheim schwieg. Ich erfuhr später, daß die Baronin die bittersten Vorwürfe gegen die Gefangenen gerichtet und Herrn von Crailsheim unter anderem zugerufen habe: »Sie sind ein noch viel elenderer Minister, als Sie Tapeur sind Tapeur ist die französische Bezeichnung eines gemieteten Klavierspielers, der abends zum Tanz aufspielt. .« Diese öffentliche verächtliche Kritik seiner künstlerischen Leistungen auf dem Klavier aus dem Munde der Dame, der er huldigte und mit der er, der künstlerisch bei weitem Überlegene, nur aus einer Art Courtoisie, vierhändig spielte, mußte den Minister allerdings tief kränken. Das Schweigen Crailsheims bei Holnsteins Erzählung und das Faktum, daß der Minister später niemals den Namen der Baronin Truchseß nannte, sprachen dafür, wie tief ihr Hieb gesessen hatte. Die große Gefahr, in der die Gefangenen tatsächlich schwebten und zugleich der Hohn der verehrten Baronin im Kreise der drohenden Bauern mag sich ihm wohl unauslöschlich tief eingeprägt haben. Wie eigentümlich aber spielte das Schicksal auch. Noch vierzehn Tage vor diesem Ereignis hörte ich des Abends, im gastlichen Salon der Baronin, den Minister mit ihr vierhändig spielen! – und jetzt trat sie unter Sensenmännern ihrem musikalischen Partner gegenüber und bedrohte sein Leben. Graf Holnstein war bei Schilderung dieser Szene in die größte Erregung gekommen. »Der große Kerl«, sagte er, »entsinnen Sie sich seiner, Crailsheim? – der mit dem langen Stock – ein verfluchtes Gesicht.« Dann fuhr er fort. »Ich habe zweimal infame Duelle ausgefochten – aber lieber noch zehn solche als eine einzige Stunde in derartiger Lage. Man ist ohnmächtig! – und sich jede Sekunde sagen zu müssen, daß man wie ein Hund totgeschlagen werden wird – das ist wahrhaftig unerträglich!« In diesem Ton ging die Darstellung weiter, und der wohltätige Einfluß des Rühreis von Peißenberg ging unter dem weiterwirkenden Eindruck der eben durchlebten Schrecknisse allmählich wieder verloren. In dem Schloßhof angelangt, erwarteten die Gefangenen unter den Augen jener »wilden Kerls«, die Graf Holnstein so lebhaft schilderte, die Entscheidung des Königs. Diesem war die Meldung von ihrer Ankunft durch einen Diener erstattet worden. Den Gefangenen war es vollkommen klar, daß ihr Leben gegenüber König Ludwig verwirkt war, und sie erwarteten voller Bangen die Rückkehr des Dieners. In fieberhafter Aufregung sahen sie ihn endlich erscheinen und leise Worte mit dem Gendarmerie-Wachtmeister wechseln. Der König hatte den Befehl gegeben, sie nicht vorzuführen, sondern vorläufig in den Kerker zu werfen, wo sie in Ketten seiner Befehle zu harren hätten. Fast gleichzeitig erschien ein anderer Bote mit dem Befehl, den Gefangenen im Kerker die Augen auszustechen und sie zu Tod zu prügeln. Der einfache Tod erschien dem König nicht genügend – und diese Grausamkeit ist wohl die Rettung der Gefangenen geworden. Denn aus dem entsetzlichen Befehl des Königs blickte der Wahnsinn, und die Gendarmen standen den fürchterlichen Forderungen, die der König an sie stellte, ratlos gegenüber, während sie z.B. dem einfachen Befehl des Erschießens unzweifelhaft Folge geleistet haben würden. Man einigte sich schließlich dahin, die Gefangenen in den Zimmern des Pförtnerhauses unterzubringen. Essen wurde ihnen nicht gereicht, und auf die Anfrage, die sie früh um acht Uhr an den König richten ließen, ob sie wohl ihre Koffer erhalten könnten, erhielten sie den Bescheid, »daß für Hochverräter ihre schäbige Kleidung genügend sei«. König Ludwig hatte also in diesem Augenblick wieder völlig vergessen, daß er den Befehl zu der Ermordung gegeben hatte. Zwischen Graf Holnstein und dem Stallpersonal des Königs, das seit Jahren auf seine Befehle zu hören gewohnt war, entspann sich nun ein heimlicher Verkehr, der darauf hinzielte, den Gefangenen zur Flucht zu verhelfen. Die drohende Haltung des im Schloßhof und vor der Burg versammelten Landvolkes schien jedoch vorderhand jeden Plan vereiteln zu wollen. Unterdessen waren auch die übrigen Herren der Kommission als Gefangene zum Schloß gebracht worden. Nur Legationsrat Dr. Rumpler fehlte. Der gütige kleine Mephistopheles mit den hohen Schultern war bei dem Transport vom alten Schloß Hohenschwangau zum Schwanstein mit katzenartiger Gewandtheit hinter einen Fels gesprungen, hatte sich zwischen den Beerensträuchern niedergeworfen und verborgen gehalten, bis der Zug der Gefangenen mit Gendarmen und Landvolk vorübergezogen war. Dann hatte er auf heimlichen Waldpfaden den Rückweg nach der Station Peißenberg genommen, wo er todmüde anlangte. Während des Aufenthaltes der Gefangenen in den Zimmern des Torhüterhauses war Baronin Truchseß im Schloßhof geblieben. In geschäftiger Weise verkehrte sie mit dem Landvolk. Aber auch der König war nicht untätig geblieben. Er hatte ein Telegramm an das Jägerbataillon nach Kempten gerichtet, das den Befehl enthielt, sofort nach Hohenschwangau aufzubrechen. Zugleich aber hatte er ein Telegramm an den Baumeister Prantl, ein anderes an den Flügeladjutanten Grafen Dürkheim abgesandt. Da nun aber unterdessen die Übernahme der Regentschaft durch Prinz Luitpold in München erfolgt war, gaben die hiervon verständigten Bahnbehörden die Telegramme des Königs an die neue Regierung ab, und das Jägerbataillon blieb ohne Nachricht. Noch waren die Truppen nicht vereidet. Wäre der königliche Befehl in die Hände der Kemptener Truppen gelangt, hätten große Unzuträglichkeiten eintreten müssen. Anders war es mit den Depeschen an Graf Dürkheim und Prantl. Beide waren an ihre Adressen gelangt. Während Prantl aber keine Antwort darauf gab, machte sich Dürkheim eilend auf den Weg zum König. So war es bei immer gesteigerter Aufregung ein Uhr geworden. Da hatte sich das Landvolk zur Mittagsmahlzeit teils hinunter in das Dorf, teils in die Räume des Schlosses selbst begeben, wo sich auch Baronin Truchseß aufhielt, wie eine Generalin unter ihren Soldaten. Der Bezirksamtmann von Füssen aber hatte jetzt die Nachricht von dem Regierungswechsel aus München erhalten und versuchte auf die Gendarmen einzuwirken. So war bei schließlicher Verständigung der Fluchtplan entworfen: der Vierspänner des Grafen Holnstein sollte am Fuße des Berges warten, die Gefangenen, von den Gendarmen unbehelligt, sollten einzeln vorsichtig zum Tore hinausgehen, während das Landvolk die Mittagsrast hielt und die Baronin gleichfalls ruhte. Mit klopfendem Herzen wurde der Plan zur Ausführung gebracht, und ein Herr nach dem andern verließ heimlich und in fieberhafter Aufregung das Schloß, um unten, am Fuß des Berges, den rettenden Wagen zu besteigen. Die Gefahr war groß, von dem Bauernvolk unterwegs erkannt zu werden, und die Zeit bis zum Zusammentreffen im Wagen verstrich in peinlicher Angst. In einiger Entfernung von Hohenschwangau begegnete den Flüchtlingen ein Zweispänner, in dem der Flügeladjutant Graf Dürkheim saß. Das Telegramm des Königs hatte ihn in Steingaden erreicht, und er war sofort aufgebrochen, um dem König zu Hilfe zu eilen. Er fuhr bei den »Hochverrätern« vorüber, ohne sie zu grüßen. Während ich nun mit den Flüchtlingen gemeinschaftlich die Rückfahrt von Peißenberg antrat – war Graf Dürkheim auf Schloß Schwanstein angelangt. Er erzählte mir, als er mich kurze Zeit nachher in Starnberg aufsuchte, folgendes über seinen letzten Aufenthalt bei König Ludwig. »Ich ließ mich nach meiner Ankunft auf dem Schloß dem König melden, daß ich zu seinem Befehl sei. Er befahl, mich in sein Arbeitszimmer zu führen und empfing mich sehr freundlich. Er sagte mir: ›Helfen Sie mir aus meiner Verlegenheit; ich wurde in der Nacht plötzlich mit der Nachricht geweckt, daß mehrere Herren gekommen seien, mich mit Gewalt fortzuführen. Ich habe sie natürlich nicht in das Schloß hereingelassen und nachher ihre Festnahme befohlen. Dann kam zu meiner größten Verwunderung und außer sich vor Erregung Baronin Truchseß in mein Zimmer gestürzt, um mich zu schützen – ich habe ihr gesagt, daß ich das selbst tun werde, daß ich nicht die Hilfe einer Frau in Anspruch nehmen würde. Was beabsichtigt man mit mir? Man kann mich doch nicht als einen Wahnsinnigen behandeln? Das Ganze ist nur eine Geldfrage. Wenn mir jemand hier auf den Tisch ein paar Millionen Mark legte, wollte ich sehen, ob man mich für wahnsinnig halten würde!‹ Der König war völlig klar und sprach mit mir eingehend über das, was zu tun sei. Ich machte ihm den Vorschlag, sofort anspannen zu lassen und mit mir nach München zu fahren, um sich dem Volke zu zeigen; alles würde ihm zujubeln. Der König aber erklärte, daß er müde sei, daß die Luft in der Stadt ihm nicht bekäme, – kurz, er wich meinen Vorschlägen aus. Ich sagte dem König, wenn er nicht nach München fahren könne, so möchte er anspannen lassen und sich mit mir über die Grenze nach Tirol begeben. In einer Stunde sei er frei. Das Schloß von Schwanstein sei völlig in seiner Gewalt, er könne schalten und walten, wie er wolle, aber unzweifelhaft würden in kurzer Zeit von der neuproklamierten Regierung in München Vorkehrungen getroffen werden, die ihn in seiner freien Bewegung hemmen würden. Jetzt oder niemals sei ein Entschluß von ihm zu fassen. Der König antwortete auch auf diesen Vorschlag ausweichend: ›Ich bin müde; ich kann jetzt nicht fahren; was soll ich in Tirol machen?‹ Ich fragte Dürkheim, ob er kein Symptom des Wahnsinns an dem König bemerkt habe? »Keines«, sagte er, »nur seine totale Entschlußlosigkeit fiel mir auf. Er hatte meine Hilfe und meinen Rat verlangt, ich schlug ihm das einfachste und das durchaus Mögliche vor – aber er war nicht imstande, darauf einzugehen. Sonst war er absolut logisch in seinen Worten, besonders auch, als ich ein Telegramm vom Kriegsminister erhielt, wonach ich mich unverzüglich nach München zu begeben hatte. Ich ging mit dieser Depesche zum König und bat ihn, eine Entscheidung zu treffen. Er sagte mir, ich möge ihn nicht verlassen, er habe keinen Menschen auf der Erde mehr, dem er trauen könne. Es war mir unendlich schmerzlich, die Not des Königs zu sehen. Ich telegraphierte zurück, daß ich den König nicht verlassen könne. Bald darauf erhielt ich ein Telegramm von dem Kriegsminister, der mir den Befehl des Prinzen Regenten Luitpold übermittelte, mich angesichts dieser Aufforderung nach München zu begeben, widrigenfalls ich als Hochverräter angesehen werden würde. Ich mußte von diesem Telegramm dem König Kenntnis geben, und sein Bitten, ihn nicht zu verlassen, war herzerschütternd. Aber er sagte auch. ›Ich sehe ein, daß Sie zurückkehren müssen, sonst ist Ihre Karriere und Zukunft verloren.‹ Dann verlangte er Gift von mir und kam trotz meiner Ablehnung immer wieder darauf zurück. Wo solle ich das Gift hernehmen? sagte ich –- wenn ich überhaupt die Hand zu einem solchen Verbrechen reichen wollte. Der König antwortete; ›Aus der nächsten Apotheke – überall gibt es Gift – und ich kann nicht mehr leben!‹ Es waren fürchterliche Momente. Endlich reiste ich ab – ich sah, daß nichts zu machen war.« Graf Dürkheim wurde bei seiner Ankunft in München auf dem Bahnhof verhaftet, in das Militärgefängnis gebracht und wegen Hochverrates vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Regierung des Prinzen Luitpold vermochte nicht anders zu verfahren. Sie verfuhr aber auch korrekt, indem sie den Grafen nach seiner Verurteilung sofort begnadigte und ihn von München, wo eine in jenen Tagen starke Partei –- die Partei der Königin-Mutter – an ihm hing, nach Metz versetzte. Die Gefahr, die durch Dürkheims Anwesenheit in Schwanstein der neuproklamierten Regierung erwuchs, war, wie aus seiner mir gemachten Erzählung hervorging, eine große. Wäre nicht der geistige Zusammenbruch des Königs erfolgt, den mir Gudden in Peißenberg voraussagte, und hätte der König noch die Kraft gehabt, Dürkheim nach München zu folgen, so wäre ein Bürgerkrieg unvermeidlich geworden. Aber tatsächlich, auch ohne ein solches Faktum, war Dürkheim schuldig. Denn er war es, der Depeschen des Königs nach dem eine Stunde entfernten Reutte in Tirol durch Boten schickte und damit eine Umgehung der bayerischen, für den König gesperrten Linien vornahm. So war es möglich, daß eine Depesche an den Fürsten Bismarck, mit der Bitte um Hilfe, gelangte, auch daß der König an die Kaiserin von Österreich telegraphierte und daß er den Präsidenten des bayerischen Reichsrates, den Freiherrn zu Frankenstein, berief, um eine Neubildung des Ministeriums vorzunehmen. Dürkheim allein war die Veranlassung zu der Absendung dieser Depeschen, die viel Unruhe verursachten. Er war es auch, der, ein Werkzeug der ultramontanen Partei, die allgemeine Wirrnis benutzen wollte, um den Führer der Ultramontanen ans Ruder zu bringen. Als Frankenstein aus Marienbad in München anlangte, war bereits der vorletzte Akt des Trauerspiels beendet und der König »entmündigt«. Er ging deshalb zu dem neuen Regenten, um ihm seine Dienste anzubieten. Aber dank der Unterstützung, die das Ministerium Lutz infolge meiner Bemühungen von Berlin aus erhalten hatte, fand Frankenstein die Tür verschlossen. Das war die Episode Dürkheim. Niemand wird es dem Flügeladjutanten zum Vorwurf machen, der seinem König in der Stunde der Gefahr beizustehen versuchte, aber niemand kann auch die Gefahr verkennen, die der Regierung des Prinzen Regenten Luitpold durch sein Verhalten erwuchs. Ein lebhaftes Interesse hatte sich ihm in jenen Tagen allgemein zugewendet, und selbst seine von ihm getrennte und ihn verabscheuende Gattin sandte ein Telegramm an Minister Crailsheim mit der ziemlich törichten Frage: »Wo ist mein Mann?« Mit diesem letzten Aufflackern eines Interesses für das romanhafte und zugleich mannhafte Auftreten ihres »Alfreds« versank sie wieder in Schweigen. V. Der König wird in Schwanstein durch Dr. Gudden in ärztliche Obhut genommen und nach Berg gebracht. Nach der Abreise Dürkheims war der König sich völlig selbst überlassen. Ein entsetzlich qualvoller Zustand war über ihn gekommen: das Bewußtsein seiner Krankheit und der Lähmung seiner Aktionsfähigkeit. Das Gespenst des Selbstmordes, das ihn durch Jahre verfolgte, das – wie mir der ehemalige Kabinettssekretär von Ziegler erzählt hatte – häufig stundenlang das Thema der Unterhaltung zwischen dem König und ihm gebildet hatte, tauchte angesichts der Thronentsetzung, der entgegenzuwirken er nicht mehr die moralische Kraft besaß, mit zwingender Gebärde vor ihm auf. Aber die Furcht vor dem Tode hielt ihn von dem entscheidenden Schritt zurück. Es schien ein neronisches Ende zu nehmen. Der Cäsar vermag nicht zu leben, wenn er nicht Cäsar sein kann, aber versunken in bodenlose moralische Schwäche, vermag er sich nicht mehr zu der »Tat« des Selbstmordes aufzuraffen. In der Furcht vor dem ihn ereilenden Schicksal flehte er in den Gärten des Sallust den Sklaven an, ihn zu töten. König Ludwig bittet seine Freunde, seine Diener um Gift – aber keiner erbarmt sich seiner Not. Da faßt er den Gedanken, sich von dem kleinen Turm, der über dem Abgrund der Pöllachschlucht steht, hinabzustürzen – den Gedanken, daß der Sturz aus jedem Fenster seiner Gemächer ihm unfehlbar Tod bringen muß, weist er zurück. Es muß der Turm sein – es lag wohl ein Reiz in dem Gedanken, den höchsten Punkt zu erreichen vor dem Abgrund. Aber er hat auch ein dunkles Gefühl, als werde ihn auf der Höhe des Turmes der Mut verlassen, und darum muß er seine Nerven stärken, seine Furcht betäuben. Er bestellt sich Kognak und Arrak. Dann erst verlangt er den Schlüssel zum Turm. Der Kammerdiener Meier ahnt die Absicht seines Königs und behauptet, der Schlüssel sei verlegt, ratlos bespricht er mit seinen Kameraden, was zu tun sei. Der König aber trinkt ein Glas Kognak nach dem andern – leert eine ganze Flasche. Dann beginnt er heißen Punsch zu trinken – er leert allmählich auch diese Flasche, und die Spirituosen beginnen zu wirken. Es scheint der Mut für die »Tat« zu wachsen, und er verlangt immer drohender den Schlüssel zum Turm. Der unglückliche Kammerdiener Meier weiß nicht mehr, was er tun soll. Er versteckt sich selbst, und die Diener des Königs suchen nun ihn, der den Schlüssel haben soll. Da – nachts um zwölf Uhr am 11. Juni – treffen Gudden und Dr. Müller mit den Krankenwärtern wieder in Schwanstein ein, und Meier wendet sich nun hilfesuchend an die Ärzte. Gudden läßt sich die Situation schildern und entwirft seinen Plan. Die Ausgänge werden besetzt. »Jetzt geben Sie dem König den Schlüssel«, sagt er zu Meier, und dieser führt den Auftrag aus. König Ludwig aber tritt seinen Todesgang an. Hochaufgerichtet, wahnsinnig, betrunken, den Selbstmordentschluß in den gläsernen, großen, braunen Augen. Er schreitet durch die Tür seines Zimmers zum Korridor – und Gudden steht vor ihm... Ich lasse den nüchternen Wortlaut der Müllerschen Darstellung folgen. Sie ist in allen Einzelheiten wahr. Nach dem Tode des unglücklichen Gudden ist Müller jetzt der einzige Mann höherer Bildung, der als Augenzeuge jenen entscheidenden Stunden in König Ludwigs Leben anwohnte. Ohne jedes Hindernis waren die beiden Ärzte bis Schwanstein gelangt. Die bisherigen Gendarmen waren bereits auf Befehl des neuen Regenten im Lauf des Tages durch andere ersetzt worden, und der König befand sich seit diesem Wechsel in seinem Schlosse als ein Gefangener. Die Gefahr für Bayern aber schien seit diesem Augenblick abgewendet zu sein, und aufatmend erhielt die neue Regierung in München die Nachricht von der Ablösung des Gendarmerie-Kommandos. Mit Zittern und Zagen hatte bis dahin General von Freyschlag, der alte Adjutant des Prinz-Regenten Luitpold, jeden Brief und jede Depesche erbrochen – immer die Schreckensnachricht erwartend: König Ludwig hat das Schloß verlassen und befindet sich auf dem Weg nach München. Ich machte alle Phasen dieser Besorgnis in München mit, wohin ich mich, von Peißenberg mit der flüchtenden Kommission zurückgekehrt, begeben hatte. In welche Lage mußte der Regent geraten, wenn tatsächlich König Ludwig nach München zurückkehrte. Das Haus Luitpold ist in München nicht beliebt, auch der alte Regent, eine verhältnismäßig wenig bekannte Persönlichkeit, der das ganze Jahr in der Provinz zubringt, um zu jagen. Seine Söhne sind ziemlich hochmütige Herren ohne warmen Zusammenhang mit Gesellschaft und Volk. Nichts band die Truppen an den neuen Regenten, weder Liebe noch militärisches Gefühl. Er war sein Leben lang kein Soldat gewesen. Wohl hatten sie dem neuen Herrscher den Eid geschworen – aber dem eigentlichen König auch, der noch lebte. Der arme alte Regent ging durch bittere Stunden der Sorge an dem ersten Tag seiner Macht. Nur den Ministern gegenüber hatte er ein gewisses Gefühl der Genugtuung, das Gefühl: seht Ihr! Ich hatte meine Gründe, wenn ich Euerem Drängen nicht nachgeben wollte. Erst die Übernahme des kranken Königs durch die Ärzte vermochte ein Gefühl definitiver Sicherheit in ihm zu erwecken. Er ahnte nicht, welche neue Prüfungen ihm bevorstanden. Dr. Müller schildert den Vorgang dieser Übernahme folgendermaßen: »Gegen zwölf Uhr nachts kamen wir in Schwanstein an. Der Stallmeister Leefeld hatte uns schon in Hohenschwangau verlassen, und mit ihm hatte man ausgemacht, daß in der Frühe um vier Uhr der Wagen des Königs und die für uns bestimmten Wagen im Schlosse Schwanstein bereit stehen sollten. Kaum aber waren wir in Schwanstein ausgestiegen, da stürzte uns der Kammerdiener Meier, ein langjähriger treuer Diener des Königs, entgegen und beschwor uns, wir sollten sofort in die Gemächer des Königs gehen. Wenn wir nicht sofort hinaufgingen, dann würde sich der König, der in großer Aufregung sei, zum Fenster hinausstürzen: Er wisse, daß etwas gegen ihn im Werke sei und habe ausgesprochene Selbstmordgedanken. So habe er schon verschiedene Male den Schlüssel zum Turme verlangt, wahrscheinlich, um von da in die Tiefe zu springen. Man habe ihn damit hingehalten, daß man ihm sagte, der Schlüssel sei verlegt, und man suche eifrigst nach ihm. Hier galt kein langes Zaudern. Der Wagen war zwar erst um vier Uhr bereit, aber man mußte bis dahin den König vor sich selber schützen. Und Gudden war auch rasch entschlossen. Durch eine Reihe nur mit Brettern belegter Korridore kamen wir an eine Wendeltreppe, die in ihrer Fortsetzung auf den ominösen Turm führte. Etwa in der Mitte derselben schloß sich an sie ein Korridor an, der direkt in die Zimmer des Königs mündete. Dort machten wir halt. Ein Teil der Pfleger ging nach oben und schützte so den Zugang zum Turme, die anderen Pfleger mit uns und einer Reihe von Gendarmen, gingen wieder einige Stufen rückwärts. Dadurch wurde der Raum vor dem Korridor frei, und der König sah beim Verlassen seiner Zimmer bzw. beim Verlassen des Korridors niemand von uns. Darauf basierte der ganze Plan. Der Kammerdiener Meier sollte zum König hineingehen und ihm den Turmschlüssel geben. Kam dann der König heraus, dann wollte ihm Gudden erklären, daß er geisteskrank sei und daß die Behandlung sofort ihren Anfang nehme. Der Kammerdiener ging mit dem Schlüssel hinein zum König, und für uns, die wir außen warteten, waren es Augenblicke höchster Spannung und großer Erregung. Ich selbst hatte ja den König überhaupt noch nie gesehen. Plötzlich hörten wir feste Tritte, und ein Mann von imposanter Größe stand unter der Korridortür und sprach in kurzen, abgerissenen Sätzen mit einem in tiefster Verbeugung dastehenden Diener. Die Pfleger von oben und unten, zugleich wir gingen gegen die Türe zu und schnitten ihm den Rückweg ab. Mit großer Schnelligkeit hatten die Pfleger den König an den Armen untergefaßt, da trat Gudden vor und sprach: »Majestät, es ist die traurigste Aufgabe meines Lebens, die ich übernommen habe; Majestät sind von vier Irrenärzten begutachtet worden, und nach deren Gutachten hat Prinz Luitpold die Regentschaft übernommen. Ich habe den Befehl, Majestät nach Schloß Berg zu begleiten, und zwar noch in dieser Nacht. Wenn Majestät befehlen, wird der Wagen um vier Uhr vorfahren.« Der König stieß nur ein kurzes, schmerzliches »Ach!« aus und sagte dann immer wieder. »Ja, was wollen Sie denn? Ja, was soll denn das?« Die Pfleger führten ihn nun in das Schlafzimmer zurück, aus dem der König gekommen war. In dem Vorzimmer roch es stark nach Arrak, den der Kranke vorher in ziemlicher Menge zu sich genommen hatte. Dies merkte man auch, als der König im Schlafzimmer, wo die Pfleger rasch die Fenster (jeder einzelne hatte ein Fenster zu bewachen) sicherten, frei dastand. Er schwankte leicht nach vorne und hinten und nach den Seiten, auch an der Sprache zeigten sich gewisse kleine Unsicherheiten. Es darf nicht vergessen werden, daß der Kranke durch das Mitgeteilte naturgemäß bis ins Innerste getroffen war, und man kann ja auch dieser Erregung einen Teil der Schuld an den eben geschilderten Symptomen geben. Im Schlafzimmer des Königs begann nun eine Reihe von Verhandlungen. Gudden stellte uns einzeln vor. Dabei bemerkte Gudden, er hätte schon im Jahre 1874 die Gnade einer Audienz gehabt, worauf die Antwort kam: »Ja, ja, ich erinnere mich genau.« Nachdem der König sich noch nach verschiedenen Einzelheiten in der Behandlung des Prinzen Otto erkundigt hatte, wobei man ihm anmerkte, wie er sich nur mühsam beherrschte, begann er plötzlich: »Wie können Sie mich für geisteskrank erklären, Sie haben mich ja vorher gar nicht angesehen und untersucht?« »Majestät, das war nicht notwendig; das Aktenmaterial ist sehr reichhaltig und vollkommen beweisend, es ist geradezu erdrückend.« »Und wie lange wird die ›Kur‹ wohl dauern?« »Majestät, in der Verfassung steht: ›Wenn der König länger als ein Jahr durch irgendeinen Grund an der Ausübung der Regierung gehindert ist, dann tritt die Regentschaft ein, also würde ein Jahr vorläufig der kürzeste Termin sein.‹« »Nun, es wird wohl rascher gehen, man kann es ja so machen wie mit dem Sultan, es ist ja leicht, einen Menschen aus der Welt zu schaffen.« »Majestät, darauf zu antworten, verbietet mir meine Ehre.« Darauf wandte sich der König zu mir, den er für einen Bruder des gleichnamigen damaligen Oberregierungsrates, jetzigen Polizeidirektors von München hielt, und fragte mich in ähnlicher Weise nach dem Zustand des Prinzen Otto aus. Er erwähnte, daß ich Berichte an ihn eingeschickt habe, er habe dieselben immer gelesen. (Tatsächlich lag auch auf des Königs Schreibtisch ein ärztlicher Bericht über den Prinzen, den ich am 15. Mai 1886 von Fürstenried aus eingesandt hatte.) Nun kamen die einzelnen Pfleger daran und berichteten auf Fragen über ihre Personalangelegenheiten. Nahezu regelmäßig schloß die Unterredung mit jedem mit der Frage: »Warum gehen Sie denn nicht aus dem Zimmer? Ich möchte allein sein; es ist doch zu unangenehm.« Und ebenso regelmäßig erwiderten die Leute: »Der Herr Obermedizinalrat hat es so angeordnet.« Darauf sprach der Kranke von seinem Aufenthalt in den Bergen, wo es doch schöner sei als in der dumpfen Stadt. Die Luft sei rein, das Wasser so frisch. Man könne es doch niemand verargen, wenn er gerne in den Bergen lebte. Nun verließen wir beide, Gudden und ich, das Schlafzimmer auf den Wunsch des Königs hin, die Pfleger aber blieben zurück. Die einzige von innen nicht besetzte Tür war vom Vorzimmer aus bewacht. Dort befanden sich mehrere höhere und Subalternoffiziere der Gendarmerie, ferner hohe Regierungsbeamte und endlich eine Reihe von Gendarmen. – Von hier aus kam man auch unmittelbar in das Schreibzimmer des Monarchen, das feenhaft eingerichtet war, wie überhaupt Schwanstein mit seinen Wandgemälden, den zentimeterhohen Goldstickereien auf blauem Samt, überhaupt dem ganzen Prunk einen unvergleichlichen Eindruck machte. Dort im Schreibzimmer war es, wo ich meinen Bericht auf dem Tische liegen sah; im Korridor hatte ich auch Gelegenheit zu beobachten, nach welchem Zeremoniell die Diener des Königs handelten. Der eine von ihnen kam auf uns zu in tiefer Verbeugung: der Oberkörper war im Becken geradlinig abgebogen, so daß man beim Herannahen nur die Kopfhaare sah. Nachdem der Lakai in dieser Stellung seinen Auftrag ausgerichtet hatte, ging er ebenso gebückt, ohne kehrtzumachen rückwärts und visierte nur vorsichtig, daß er die Ausgangsöffnung richtig fand. Nach kurzer Zeit ging Gudden wieder in das Schlafzimmer des Königs zurück; von der weitergeführten Unterhaltung verstand ich nur einzelne Sätze, solange ich an der Türe stand. Die Hin- und Gegenreden wurden gehalten, bis der auf vier Uhr in der Frühe bestellte Wagen vorgefahren war. Hier mag der Platz sein, wo ich zum ersten Male mein Urteil über den König abgebe: Ich hatte ihn mir anders vorgestellt, ebenso wie ich mir die Szene, in der er von der Erklärung, er sei krank, erfuhr, ganz anders gedacht hatte. Es ist wahr, nach den Bildern, die man in München sah, hätte man den König sofort erkannt. Er war ja noch der große, stattliche Mann mit dem mächtigen Körper, er blickte noch mit so großen Augen seine Umgebung an, aber aus diesen Augen war das Selbstbewußtsein geschwunden und an dessen Stelle eine deutliche Unsicherheit getreten. Er konnte gewiß bei einer Audienz noch jemand so anschauen, daß dieser verwirrt zu Boden sah, aber hier hielt er den fixierenden Blick nicht mehr aus. Seine Züge waren verschwommen, das bleiche Gesicht etwas aufgedunsen, die Sprache hastig, durch häufige Wiederholungen unterbrochen, die Bewegungen unsicher. Ich hatte mir gedacht, daß dieser König mit seinen Ansichten von Herrscherwürde und Herrschermacht durch die Mitteilung, daß er nun nicht mehr Herrscher sei, entweder gebrochen zusammensinken würde oder sich in wilder Explosion Luft verschaffte. Aber keines von beiden trat ein. Er war zwar anfänglich erschüttert, aber bald begann er mit denen, die er naturgemäß hassen mußte, zu verhandeln, sie auszufragen, seine Zurückgezogenheit gewissermaßen zu entschuldigen, und immer und immer wieder kamen seine Verfolgungsideen zum Vorschein, die sich in so kleinem Kreise bewegten. Mit kurzen Worten: ich hatte mir den König noch nicht so schwerkrank vorgestellt, als er es in Wirklichkeit war; darum reagierte er auch anders, als ich vorher gedacht. Wer natürlich nur den für geisteskrank hält, der entweder in tiefer Melancholie am Boden kauert oder in wilder Tobsucht seine Umgebung bedroht oder endlich so blödsinnig geworden ist, daß er kein verständiges Wort mehr reden kann, dem können meine Erzählungen, wie und was der kranke König sprach, am Ende gar noch Zweifel verursachen; aber dann soll er daran denken, daß es auch Geisteskranke gibt, die zwar noch denken, aber falsch denken; die noch Willensregungen haben, aber nur solche, die auf verkehrtem Boden wachsen und zu verkehrten Zielen führen; die endlich in einer Welt voll Argwohn und Verfolgungsangst leben. Und ein solcher war der König. Gegen vier Uhr, als der Wagen angekommen war, sagte Gudden: »Wenn Majestät befehlen, fortzufahren, der Wagen ist jetzt bereit.« »Ja, ja, dann fahren wir.« Nachdem der König sich reisefertig gemacht hatte, ging er in unserer Begleitung hinunter in den Schloßhof; dort standen drei Wagen bereit. Als der Kranke mit Gudden die Freitreppe hinabstieg, hätte es nur eines Stoßes bedurft, und Gudden wäre hinuntergestürzt. Aber der König schritt vorwärts, ohne eine Handbewegung zu machen. Im Schloßhof sprach er noch geraume Zeit mit dem Kammerdiener Meier, er hatte, wie dieser mir später erzählte, Zyankali von ihm verlangt bzw. befohlen, Meier solle es besorgen. Nach längerem Hin- und Herlaufen konnte der Befehl zum Aufbruch gegeben werden: im ersten Wagen fuhr ich mit dem Kammerdiener und zwei Pflegern, dann kam der Wagen des Königs, der von innen durch Hinwegnahme des Drückers nicht geöffnet werden konnte. Der Kranke war allein im Wagen, auf dem Bock saß der Oberpfleger, nebenher ritt ein Stallbediensteter, der den Auftrag hatte, scharf in den Wagen zu sehen und bei dem geringsten verdächtigen Symptom ein Zeichen zu geben. Im dritten Wagen befand sich Gudden mit dem Gendarmeriehauptmann und zwei weiteren Pflegern. Es war bestimmt worden, daß, sobald der Stallbedienstete ein Zeichen gäbe, die Wagen sofort zu halten und wir uns insgesamt am Wagen des Königs zu versammeln hätten. Aber das wurde nicht notwendig, die Fahrt verlief ohne jede Störung. Unterwegs wurde dreimal umgespannt. Bei der letzten Relais-Station – in Seeshaupt am Starnberger See – verlangte der König von der Wirtin Wasser. Nachdem er getrunken hatte, gab er das Glas zurück und sagte dreimal. »Danke!« In den Zeitungen sprach man damals davon, der König hätte vor seinem Abschied in Schwanstein eine Ansprache gehalten. Das ist unrichtig. Auch die Episode in Seeshaupt, wo jetzt noch das betreffende Glas gezeigt wird, beschränkte sich auf das oben Gesagte.« Soweit die Schilderung Dr. Müllers. Gegen Morgen am 11. Juni 1886 war der König in Schloß Berg eingetroffen. Noch gingen die Wellen der Erregung in München hoch, aber die ruhig gehaltene Proklamation, die im ganzen Lande verbreitet worden war, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Unter einer Art Schrecken standen die Bürger. Sie hatten sich nicht klar gemacht, wohin der Wahnsinn des Königs führen mußte, und die Entscheidung machte einen lähmenden Eindruck. Aber man verstand schließlich in den Städten und auf dem flachen Lande die Maßregel. Anders war es im Gebirge, wo die Bewohner der einsamen Täler von den wahnsinnigen Passionen des Königs lebten. Der Bau der Schlösser und Straßen, die Instandhaltung der Wege im Sommer und das Schneeschaufeln im Winter auf meilenweite Entfernung warf guten Verdienst ab. Darum war der König dort nicht wahnsinnig und der Prinz-Regent ein Rebell. Bis nach dem Starnberger See hin machte sich diese Auffassung geltend und konnte ich dort eine gewisse Spaltung unter den Bewohnern wahrnehmen. So war es kein Wunder, daß schon in der Nacht, als der König von Schwanstein nach Berg transportiert wurde, Komplotte zu seiner Befreiung geschmiedet worden sind. Unter diesen ist in erster Linie die auf die Befreiung des Königs gerichtete Tätigkeit der Kaiserin Elisabeth von Österreichs Trotz aller Eigentümlichkeiten war die Kaiserin Elisabeth eine hochstehende und künstlerisch gebildete Frau. Ihre außergewöhnliche Schönheit, ihre Freundlichkeit und Grazie mußten einen jeden bezaubern: Ich erinnere mich gern meines Verkehrs mit ihr. Besonders eines mehrtägigen Aufenthaltes in Ischl während des Besuchs des Königs Carol von Rumänien und der Dichter-Königin Carmen Sylva bei Kaiser Franz Joseph und der Kaiserin in der kaiserlichen Villa zu Ischl, da ich dort täglich in intimen Verkehr mit den genannten Persönlichkeiten war. Die Kaiserin wirkte damals, trotz ihrer annähernd 60 Jahre, fast wie eine jugendliche Erscheinung (sie war 1837 geboren und heiratete 1854), jedenfalls unendlich jünger erscheinend als die 1843 geborene Carmen Sylva, welche mich durch die Vielseitigkeit ihrer Begabung in Staunen setzte. Die Ermordung der armen Kaiserin 1898 hat mich tief erschüttert. zu zählen, welche seit Jahren, und auch zu jener Zeit, in Feldafing am Starnberger See, in Strauchs Gasthof, weilte, um ihren greisen Eltern, dem Herzog und der Herzogin Max in Possenhofen Die Eltern der Kaiserin Elisabeth, Herzog Max in Bayern (geb. 1808, gest. 1888), seit 1828 mit Prinzessin Ludowika von Bayern, der Schwester König Ludwigs I. vermählt) bewohnten das von dem Herzog Max erbaute Schloß Possenhofen, unmittelbar am Seeufer gelegen und grenzend an Feldafing, wo die Kaiserin gern in der Nähe der Eltern weilte. Die alte Herzogin Max(geb. 1808, gest. 1892) habe ich während Jagden in Tegernsee mit ihrem Sohn Herzog Karl Theodor und ihrem Schwiegersohn, dem König Franz II. von Neapel, kennengelernt.Sie saß neben mir bei der Tafel auf einem breiten Stuhl zwischen zwei weißen Spitzhunden und schlief öfters mitten im Satz ein. Das war 1885. , nahe zu sein. Die etwas sehr eigentümlich angelegte, sehr begabte Kaiserin hatte stets mehr Verständnis für ihren Vetter gehabt als andere Sterbliche. Wenn sie stundenlang in ihrem Salon in einer Art Zirkuskleidung am Trapez arbeitete, oder plötzlich – nur mit einem langen Regenrock über Trikotkleidung angetan – von Feldafing nach München zu Fuß ging, eine Strecke von etwa 5o Kilometern (mir begegnete sie in dieser Kleidung einmal), so ist es begreiflich, daß sie die Extravaganzen ihres Vetters, deren schlimmste Auswüchse wohl sicherlich nicht zu ihrer Kenntnis gelangt waren, »erklärbar« fand. Sie gehörte deshalb der Partei an, welche die Entmündigung des Königs für einen Gewaltakt des Prinzen Luitpold und des Ministeriums hielt und daher ernstlich an die Befreiung des Königs dachte. Wie Frauen aber nur selten einen logisch durchdachten Plan fassen können, so scheiterte die Absicht der Kaiserin schon am ersten Tage durch ihre Unvorsichtigkeit und Phantasterei. Heimlich hatte sie durch einen Boten Briefe an den König gelangen lassen, welche die Aufschrift trugen: »Die Seemöve an den Seeadler.« Die Umgebung des Königs hatte diese Briefe öffnen müssen und daraus die Absichten der Kaiserin erkannt. VI. Der König in Schloß Berg und die Katastrophe. Schloß Berg, in welchem der König im Verlaufe des Sommers eine Zeitlang zu residieren pflegte, war von Dr. Gudden zum Aufenthalt bestimmt worden, weil im Linderhof in den Bergen die Bevölkerung in größter Verehrung an dem König hing, der ihnen reichlich Verdienst gab und man sich deshalb auf einen Gewaltstreich der Leute hätte gefaßt machen müssen. Die ungeschickte Art, mit der die Kommission verfahren war, hatte das ihrige dazu getan und den Wechsel in Guddens Entschlüssen wohl wesentlich beeinflußt. Weshalb aber Gudden unter allen Schlössern Berg wählte – obgleich er mir selbst von der Selbstmordmanie des Königs sprach und hinzugefügt hatte, daß gegen die raffinierte Schlauheit, mit der ein Wahnsinniger sein Ziel zu erreichen strebe, kaum die ganze Überlegenheit eines vernünftigen Arztes oder Aufsehers ausreiche – ist mir völlig unbegreiflich. Das Schloß liegt nur etwa dreißig Schritte vom Ufer des Sees entfernt, der die Selbstmordgedanken des unglücklichen Königs mit unwiderstehlicher Gewalt anziehen mußte. Wohl hatte man die Absicht, den Park nach der Seeseite in seiner ganzen Länge mit einem Eisengitter abzuschließen, aber dieses Gitter war noch nicht einmal bestellt, als der König eintraf. Zu der Gesellschaft des Königs Ludwig gehörte nach seiner Ankunft in Berg Baron Washington und Dr. Müller, der als Arzt stets in seiner Nähe bleiben sollte. Für den ersten Tag, den 11. Juni, war Dr. Gudden auch in Berg geblieben, um den König zu beobachten. Als Bedienung waren die vier Pfleger angestellt. starke, große Menschen, die für den Fall eines Tobsuchtsanfalles Erfahrung und Kräfte genug besaßen, um den König zu fesseln. Im Stall befanden sich einige Pferde, unten im Schloß wohnte ein Kastellan. Vor dem Schloß hielten zwei Gendarmen Wache. Der unglückliche König empfand es außerordentlich peinlich, daß an allen Türen Öffnungen angebracht waren, um ihn zu beobachten. Diese unaufhörlich auf ihm ruhenden Blicke erregten begreiflicherweise seinen Unwillen. Auch waren überall elektrische Glocken eingerichtet, um sofort Hilfe herbeirufen zu können, wenn solche notwendig werden sollte. Sonst war an der Einrichtung der Zimmer nichts geändert. Die kleinen Kinder-Theater mit Szenen aus Wagners Opern standen an ihrer Stelle, an den Wänden hingen gleichfalls noch die Darstellungen aus Wagners Opern in Aquarellfarben, höchst mangelhaft ausgeführt, und überall standen kleine Porzellanschwäne herum – allerdings sehr unvollkommen (um nicht zu sagen lächerlich) an Lohengrin erinnernd. Auch die sehr geschmacklosen Möbel aus den Tagen König Max' II. und der Königin Marie waren geblieben: eine Serie Salons in schreiender, blauer Seide und entsetzlicher Vergoldung. Die Einteilung des Tages war durch Dr. Gudden festgestellt worden. Vor allen Dingen war wieder der Tag zum Wachen und die Nacht zum Schlafen bestimmt. Der König nahm seine Mahlzeiten allein, oder wenn er es wünschte, in Gesellschaft von Baron Washington oder einem der Ärzte um ein Uhr und um acht Uhr ein. Messer durfte er dabei nicht gebrauchen, sondern nur Löffel und Gabel. Nach Belieben konnte er Spaziergänge in Begleitung unternehmen. Der König, der zuerst die neuen Bestimmungen über seine Lebensweise mit einem starken Widerwillen, ja einer Art Auflehnung annahm, schien sich auffallend schnell in die Lage zu finden. Es hat dies unzweifelhaft mit dem plötzlich gefaßten Entschluß Zusammenhang, durch Ruhe und Gelassenheit seine Begleitung zu täuschen und so bald als möglich in dem See sein Ende zu suchen. Die Nachrichten, welche mir in dem Schloß Berg gegenüberliegenden Starnberg zugingen, lauteten durchaus befriedigend. Es hieß, der König habe trotz allen Wahnsinns seine Lage erkannt, und eine Art Zusammenbruch sei erfolgt, der es leicht mache, mit ihm zu verkehren und ihn zu behandeln. Ich war am 11. Juni zu meiner Familie von München nach Starnberg gefahren. Nach einer wahren Überschwemmung von Berichten und Depeschen, die zwischen der Preußischen Gesandtschaft und dem Auswärtigen Amte in Berlin gewechselt wurden, war eine allseitige Ermüdung eingetreten. Die Nerven, an die während der letzten vierzehn Tage ungewöhnliche Anforderungen gestellt worden waren, ließen nach. Die Krisis schien überwunden zu sein, und ein jeder suchte die Ruhe. Am 12. Juni war am Starnberger See schlechtes Wetter eingetreten, das während des 13. Juni anhielt. Fast niemand kam mit den Münchener Zügen an. Von dem Turm der Villa Cäcilia, die ich damals mit meiner Familie bewohnte, blickten wir bisweilen durch ein Fernglas hinüber nach dem kleinen weißen Schloß Berg, das sich hell aus dem dunklen Grün des Parkes hob. Es lag stumm und einsam wie sonst, und auf dem freien Platz davor war niemand sichtbar. Der 13. Juni, ein Sonntag, brachte verstärkten Sturm und Regen. Bisweilen lag so viel Nebel auf dem See, daß das Ufer bei Berg unsichtbar wurde. Der See warf hohe Wellen, und die Schiffer hatten ihre Schiffshütten abgeschlossen, weil kein Mensch von München zu erwarten war, um als Sonntagsvergnügen eine Bootsfahrt zu unternehmen. Bei gutem Wetter hätten zahllose Boote das Ufer bei Berg besucht, um den königlichen Gefangenen zu erspähen. Die Einsamkeit auf dem See aber hatte wohl auch dazu beigetragen, den Todesplan, den der König für sich entworfen hatte, schon so bald zur Ausführung zu bringen. Das Wetter war gegen Abend heller geworden. Ich machte etwa um acht Uhr mit meiner Frau einen Spaziergang am Seeufer. Wir blickten hinüber zum Park von Berg und stellten unsere Betrachtungen über das Schicksal des Königs an. Zu derselben Zeit hatte er, gleichfalls das bessere Wetter benutzend, mit Dr. Gudden das Schloß verlassen, um noch vor dem Abendessen, das nach acht Uhr stattfinden sollte, einen Spaziergang im Park zu machen. Vor dem Schloß führt ein Weg, auf dem drei Personen bequem nebeneinandergehen können, hinunter zum Seeufer und läuft in einer Entfernung von einigen Metern vom Wasser, bald näher herantretend, bald zurückweichend, durch den ganzen Park bis zum hohen Gartentor an der Seite von Leoni. Dieses Tor ist in etwa 20 bis 25 Minuten zu erreichen. Der Weg zieht sich meist unter schattigen Buchen hin. Hie und da steht eine Bank am Wege. Auf diesem Wege schritten der König und Dr. Gudden hin, während ein Gendarm in einiger Entfernung folgte. Das war von Dr. Gudden, dem volle Gewalt in seinem schweren Amte gegeben worden war, angeordnet worden. Der Gendarm erzählte mir später, daß der König, der rechts von Dr. Gudden an der Seeseite ging, sich einige Male umgesehen und dann, etwa hundert Schritte vom Schloß entfernt, etwas zu Gudden gesagt und auf ihn, den Gendarm, gewiesen habe. Hierauf sei Gudden stehengeblieben und habe ihm energische Zeichen gemacht, zurückzubleiben. Er sei darauf stillgestanden und habe den Spaziergängern nachgeblickt, bis sie im Schatten der Bäume verschwunden waren. Dieser Befehl Guddens, der so verhängnisvolle Folgen haben sollte, ist als eine unverantwortliche Nachlässigkeit, als ein unerhörter Leichtsinn bezeichnet worden. Ich stimme dem zu, aber als Erklärung für den Entschluß Guddens vermag ich folgendes anzuführen. Gudden hatte durch den jahrelangen, erfolgreichen Verkehr mit Irren eine reiche Erfahrung in der Behandlung derselben. Niemals war er durch Irre angegriffen worden. Einmal nur hatte ein Irrsinniger einen Revolver gegen ihn erhoben – aber auch in diesem Falle hatte sein merkwürdig ruhiger und bestimmter Blick genügt, um ihn zu entwaffnen. Auf diesen Blick verließ sich der Arzt. Er kannte ihn als nie versagendes Besänftigungsmittel, und ihm glaubte er allein die Ruhe zu verdanken, die so schnell in dem Wesen des Königs eingetreten war. Er mochte sich auch sagen, daß er leicht imstande sein würde, einen unerwarteten Ausbruch des Königs zu besiegen. Unbekannt aber war es vielleicht Dr. Gudden gewesen, daß König Ludwig schon vor seinem Wahnsinn eine ebenso auffallende Fähigkeit besaß, sich zu verstellen, als Menschen für sich zu gewinnen. Der König hatte davon selbst volles Bewußtsein und bezeichnete diese Anlage seinen Freunden gegenüber mit dem Worte »Einseifen«. Unzweifelhaft hatte der König den unglücklichen Arzt an jenem verhängnisvollen Tage in noch raffinierterer Weise »eingeseift«, als er es früher zu tun fähig war. Sein wahnsinniger Selbstmordplan war hierzu die Triebfeder – jene außerordentliche Fähigkeit des Wahnsinnigen, einen Gedanken konsequent durchzuführen, von der mir Gudden selbst gesprochen hatte und die der unglückliche Arzt nun, im Augenblicke höchster Gefahr, unbeachtet ließ. Das Verhalten Guddens ist um so verwunderlicher, als er unter dem starken Eindruck eines Traumes stand, durch den er in der letzten Nacht vom 12. zum 13. Juni gequält worden war. Er hatte diese Nacht in seinem Hause in München zugebracht, nachdem er mit mir auf der Flucht aus Schwanstein nach München zurückgekehrt war. Er war bleich und verstört des Morgens zum Frühstück gekommen. Seine Frau fragte ihn, was ihm sei, und er antwortete lachend, daß er einen törichten Traum gehabt hätte, der ihm die ganze Nachtruhe geraubt habe. Er sei unaufhörlich im Kampfe mit einem Mann im Wasser gewesen. Sie hätten fürchterlich, unablässig miteinander gerungen. Ich möchte fast annehmen, daß Gudden in seiner kraftvollen Art den Gendarm fortschickte, gerade weil er einen solchen Traum hatte, der die Seinigen entsetzt hatte und seine Freunde und Bekannten merkwürdig berührte, als sein Schicksal sich in dieser Weise entschied. Er haßte den Aberglauben und hielt jeden Zusammenhang einer jenseitigen Welt mit uns für einen Unsinn. Er sprach mir völlig überzeugt aus, daß seine ganze Erfahrung ihn lehre, jedwede sogenannte übernatürliche Erscheinung oder Empfindung nur als eine besondere Form des Wahnsinns zu betrachten. Das außergewöhnliche Selbstbewußtsein Guddens wird sich daher auch hier in einem Augenblick der Entscheidung über ein etwaiges Nachgeben gegenüber Aberglauben oder Furcht aufgelehnt haben. Der Gendarm war der Letzte, der seinen König lebend neben Gudden schreiten sah. Kaum eine Stunde später, hinter jenen Bäumen, unter denen sie verschwanden, spielte sich der Schlußakt des Trauerspiels ab, das ganz Europa in Aufregung versetzte und eine unerschöpfliche Quelle für Legenden und Sagenbildung wurde. Ich erzähle den entsetzlichen Vorgang, wie ich ihn aus eigener Wahrnehmung und aus der mir von den zunächst beteiligten Personen sofort nach der Katastrophe gemachten Schilderung kenne: Gegen Morgen am 14. Juni wurde ich, wie damals, als die Kommission von König Ludwig eingekerkert war, durch den Bahnhofs-Inspektor Hartmann geweckt. Notdürftig bekleidet trat ich aus dem Schlafzimmer, da die bebende Stimme Hartmanns, der mich zu sehen verlangte, einen ganz besonders ernsten Vorgang anzukündigen schien. »Der König und Gudden sind im See ertrunken!« rief er mir zu. »Das ist unmöglich«, erwiderte ich entsetzt, »wer gab Ihnen diese Nachricht?« »Aus Berg ist soeben ein Wagen gekommen, der eilend Dr. Heiß holte. Man hat in seinem Hause gesagt, daß der König und Gudden tot im See gefunden seien.« Ich zog mich in größter Hast an, während ich mit Hartmann den unerklärlichen Vorgang besprach. Wie war es möglich, daß die beiden ertranken? Was war vorgegangen? Ich mußte mir so schnell als möglich Gewißheit schaffen. Gegenüber der Villa Cäcilia stand das Haus des Fischers Ernst. Sein Sohn Jakob ruderte mich seit Jahren bei allen Fischfängen und Spazierfahrten. Ich eilte hinüber, weckte die Fischerleute und bestieg nach zehn Minuten mit ihm das Boot. Wie phantastisch war diese Fahrt im dämmernden Morgen! Nebel lagen auf dem See, kein Boot war sichtbar weit und breit – nur unser Ruderschlag war hörbar. Drüben aber lag als bläulicher dunkler Streifen der Park von Berg, aus dem der weiße Schloßturm herausragte. Es schien mir undenkbar, daß Gudden allein mit dem König gewesen war. Ein Dritter, oder gar mehrere Personen, mußten in das Drama verwickelt sein. Ich erinnerte mich zu lebhaft meiner letzten Gespräche mit Gudden vor zwei Tagen, seines Urteils über die raffinierte Schlauheit des Wahnsinnigen. Jetzt legten wir in Berg an. Niemand war sichtbar, niemand hielt mich auf – alles stand offen. Ich schritt eilend zum Schloß und trat ein. Im Flur hörte ich Tritte. Ich ging dem Laut nach – und es standen zwei Gendarmen vor mir, der eine war der mir wohlbekannte Gendarm aus Starnberg, derselbe, dem Gudden am vergangenen Abend zurückzubleiben befahl. Der Mann war kreideweiß. Ich fragte ihn. »Wie ist das Unglück geschehen?« Er vermochte nicht zu antworten, er zeigte nur hinauf, während er tonlos die Lippen bewegte. Ich eilte weiter. Die Türen zu den blauseidenen Salons im ersten Stock standen offen, und ich trat ein. Da stand ich allein vor der Leiche Guddens, die dort soeben auf ein Bett oder einen Diwan niedergelegt worden war. Jetzt aber vernahm ich in dem zweiten Zimmer daneben ein leises Geräusch, wie Tritte von Menschen, die hastig, aber leise durcheinander gehen, und trat durch die Tür. Da stand ich vor der Leiche König Ludwigs, die nur mit einem Hemd bekleidet auf sein Bett gelegt war, das mitten in das Zimmer gestellt war. Einige Diener standen an der Tür. Aber jeder sah bleich aus, wie der tote König selbst, und niemand fand ein Wort des Grußes oder der Erklärung. Ich habe niemals größere Erstarrung, größeres Entsetzen in den Zügen lebender Menschen gesehen. So stand denn auch ich stumm dabei, bis die blauseidene Bettdecke über den König gebreitet war und alle sich entfernten. Ich betrachtete nun in großer Bewegung den Toten genau. Wirr hingen die dunklen Locken um die weiße Stirn. Der Tod hatte das aufgeschwemmte Gesicht des Königs straff gezogen, und die ganze Schönheit seiner edlen Züge war wieder erschienen. Nur ein merkwürdiges, unheimliches Lächeln umspielte seine bleichen Lippen. Ein Lächeln, das ich vielleicht wahnsinnig nennen könnte. Verletzungen trug die Leiche keine. Als ich mich aber zurück zu dem armen toten Gudden begab, gewahrte ich an seiner Stirn Hautabschürfungen, die den Charakter von Wunden trugen. Das Antlitz des Toten war schmerzlich verzerrt und, aufmerksam durch die Verletzungen an der Stirne gemacht, betrachtete ich den Kopf der Leiche näher. Da gewahrte ich an seinem Halse deutlich Flecke, wie Eindrücke von Nägeln. Es wurde mir klar, daß der unglückliche Mann einen gewaltsamen Tod erlitten haben mußte, und ich begann, den Zusammenhang zu enträtseln. Unten, im Zimmer des Gefolges, fand ich Dr. Müller und Graf Törring wieder. Ich trat mit der Frage auf sie zu: »Wissen Sie genau, wie das Unglück geschah?« Beide waren tatsächlich nicht fähig, mir zu antworten, sondern stammelten nur wenige unverständliche Worte. Ich wollte mich an Baron Washington wenden – dieser aber hatte sich, halb besinnungslos vor Erregung, auf ein Sofa geworfen und befand sich in einem Zustand völliger Unzurechnungsfähigkeit. So hielt ich mich denn an die Gendarmen, den Verwalter und die Pfleger, und erfuhr folgendes: Als der König und Gudden um neun Uhr noch nicht zum Essen zurückgekehrt waren, begann man im Schlosse unruhig zu werden, und es begaben sich einige der Angestellten in den Park, um auf dem Wege nachzusehen, den die Vermißten gegangen waren. Unterdessen wurde es dunkel, und die Angst steigerte sich. Baron Washington und Dr. Müller verteilten die Leute des Schlosses mit Fackeln in den Park und schlossen sich der Suche an. Am See war in der Dämmerstunde nichts bemerkt worden. Man hatte auch weniger die Gedanken auf einen möglichen Unglücksfall als auf die Flucht des Königs gerichtet. Darum begab man sich an die Tore und entdeckte dabei vor dem großen Holztor an der Seite von Leoni bei Fackelschein eine Wagenspur, die, von Leoni kommend, beim Tor umgewendet war und sich darauf auf einem Feldweg fortsetzte, der nach Aufkirchen steil hinauf steigt, d. h. zu der Chaussee, die weiter nach Wolfratshausen bzw. zum Gebirge führte. Sofort wurden berittene Stalleute auf die Spur gesetzt. Sie kehrten jedoch im Laufe der Nacht erfolglos heim. Diese frische Wagenspur hat niemals Aufklärung erfahren. Die Überzeugung einer Flucht des Königs, wobei Gudden gewaltsam mitentführt worden wäre, nahm im Gedanken an die Wünsche der Kaiserin Elisabeth so feste Formen an, daß die Untersuchung der Felspartien im Garten, wo ein Absturz des Königs immerhin denkbar gewesen wäre, nur oberflächlich vorgenommen wurde und man glaubte, die Flucht des Königs sei gelungen. Da fand plötzlich ein Diener den großen schwarzen Filzhut des Königs mit der Diamant-Agraffe bei dem Wege, ganz in der Nähe des Wassers, im Schilfe liegend. Das lenkte mit Schrecken die Aufmerksamkeit auf den See. Man fand auch den Rock des Königs im Wasser, nicht allzu weit von dem Hut, und der Fischer Liedl von Berg (der mir die folgenden Mitteilungen selbst machte) bestieg ein Boot, um suchend an dem Park entlang zu fahren. Es mochte ein Uhr in der Nacht sein, als er plötzlich eine menschliche Gestalt dicht am Ufer im See, und kaum über den Wasserspiegel heraussehend, in kauernder Stellung gewahrte. Der Kopf war vornüber gesunken. Es war die Leiche Guddens. Mit größter Mühe hob er den toten Körper in das Boot, denn die Beine steckten bis an die Knie tief im lehmigen Boden des Sees. Kurz darauf – nicht weiter als etwa 20 Fuß entfernt, gewahrte er nun einen zweiten Körper im See treibend, mit dem Kopf nach unten. Es war der König, den er mit äußerster Anstrengung gleichfalls in das Boot zog. Hierbei waren ihm einige Leute aus dem Schloß behilflich, die unterdessen mit Booten angelangt waren. Die Leichen wurden an das Ufer gebracht, und Dr. Müller machte sofort Wiederbelebungsversuche. Er war jedoch so erschüttert, daß er das Gefühl hatte, unfähig hierzu zu sein, und eilends einen Wagen nach Starnberg schickte, um den Bezirksarzt Dr. Heiß, meinen Hausarzt, zu holen. Dieser sagte mir, daß auch er fast unfähig gewesen sei, die Versuche anzustellen. Er habe immer wieder bei dem Horchen nach einem Herzschlag sein eigenes, stark klopfendes Herz gehört und sei zwischen Hoffnung und Zweifel hin- und hergeworfen worden, bis er schließlich die Vergeblichkeit seiner Arbeit habe einsehen müssen. VII. Meine Feststellung der Vorgänge bei Entdeckung der Spuren des Kampfes. Ich beschloß nun an der Unglücksstelle, die mir genau bezeichnet worden war, selbst nachzuforschen, um den Tatbestand des Vorgangs nach Möglichkeit festzustellen. Unterdessen war es heller Tag geworden, es mochte vier Uhr gewesen sein, und die hervorbrechende Sonne ließ durch das klare Wetter den Seegrund am Ufer genau erkennen. Da aber ein frischer Wind wehte, so war Eile nötig. Die Bewegung in dem Wasser mußte die Spuren auf dem Grunde bald verwischen. Der Fischer Ernst ruderte mich an die Stelle, wo eine Bank vom Wasser aus sichtbar war. Hier hatten der König und Gudden am Abend gesessen. Von hier aus mußte sich der König in den See gestürzt haben, denn das Schilf und das niedere Weidengebüsch, das zwischen dem Weg, an dem die Bank steht, und dem Strande wächst, war niedergedrückt. Hier hatte der Hut gelegen. Der Rock des Königs, den er in Guddens Händen ließ, als dieser den Versuch machte, ihn zu halten, lag etwas weiter im Wasser. Zur Situation muß ich bemerken, daß der Strand des Sees unmittelbar hinter dem niedern Gebüsch und Schilf aus einem Streifen von Kieselsteinen besteht, der etwa fünf Fuß Breite hat. Dann beginnt das Wasser. Aber es zieht sich von dort ab der Seegrund ganz allmählich flach, aus gelbem, lehmigem Sand bestehend, wohl 20 Fuß hin, ehe er plötzlich, fast senkrecht, zu sehr großer Tiefe abfällt. Ein Mensch kann also in dem See etwa 8–10 Schritte machen, ehe das Wasser ihm zur Brust reicht. Alsdann vermag man noch einige Schritte zu gehen, ehe der Grund unter den Füßen verschwindet. Ich verfolgte vom Boot aus die durch das klare Wasser im hellen Sande noch genau sichtbaren Fußspuren des Königs und Guddens. Ein Irrtum war in dieser Hinsicht nicht möglich, da die Leichen durch Fischer Liedl und die in Booten zur Hilfeleistung gekommenen Schloßdiener aus dem See direkt in die Boote gehoben und sodann bis zu dem Landungssteg am Schloß gefahren worden waren. An der Unglücksstelle war niemand, bevor ich kam, in den See gegangen. Hut und Rock des Königs lagen dicht am Ufer im seichten Wasser. Es ergab sich nach meiner Feststellung folgendes Bild: Von dem Wege oder der Bank aus zeigte das geknickte Schilf den Weg, den der König nahm, während Gudden ihm folgte. Im Wasser erreichte Gudden den König und faßte ihn am Rock. Hier waren die Fußeindrücke auf einem Raum von etwa vier Fuß im Durchmesser ganz durcheinander sichtbar. Der König hat sich hier unzweifelhaft gegen Gudden gewehrt und ihm wohl die Wunden an der Stirn beigebracht. Als der König nun, um sich von Gudden frei zu machen, seinen Rock fallen ließ, machte er einige Schritte tiefer in das Wasser, während Gudden ihm folgte. Es liefen hier zwei Fußspuren nebeneinander her – nicht weiter als etwa sechs Schritt. Dann wurden wieder zahllose Fußspuren auf einer Stelle von ungefähr fünf Fuß im Durchmesser sichtbar: in der Mitte davon befanden sich zwei Löcher. Hier hatte Gudden geendet. Der König mußte sich seiner entledigen, wenn er fliehen oder sich das Leben nehmen wollte, und in diesem Bewußtsein hatte er den ihm auf den Fersen folgenden Arzt am Halse gefaßt und ihn unter das Wasser mit so dämonischer Gewalt gedrückt, daß der große, starke Mann bis an die Knie im Lehmboden versank. Die Strangulationsmarken hatte ich an seiner Leiche gesehen. Unter dem Wasser mag die Erstickung schneller erfolgt sein, als es auf festem Boden möglich gewesen wäre. An dieser Stelle hat das Wasser den Kämpfenden etwa bis an den Gürtel gereicht. Von hier ab führte die Fußspur des Königs, der sich nun »frei« fühlte, in senkrechter Stellung zum Ufer, in den See. Mit großen Schritten, fast wie diejenigen eines Menschen, der läuft, war der König in das tiefe Wasser gegangen. Der letzte Eindruck war hart am Rande sichtbar, wo der Grund steil – wohl an hundert Fuß – abfiel. Und schon da, wo dieser Eindruck sichtbar war, hat selbst ein großer Mann keinen Grund mehr. Es muß sich also der König gewaltsam unter das Wasser gedrückt haben. Er wollte nicht schwimmen – sonst wäre dieser Eindruck nicht gewesen; er wollte auch nicht fliehen – sonst hätte er leicht nach der Ermordung Guddens das Tor von Leoni erreichen und Hilfe bei den dortigen Fischern erlangen können. Die vielfach noch jetzt übliche Annahme, der König, welcher ein ausgezeichneter Schwimmer war, habe sich durch Schwimmen retten wollen und sei dabei ertrunken, ist falsch. Die Eindrücke seiner Füße führten senkrecht vom Ufer weg an Stellen, wo er keinen Grund hatte. Dieses Faktum schließt jede andere Annahme als den beabsichtigten Tod absolut aus. Eine wahnsinnige Willensstärke gehört dazu, als guter Schwimmer im Ertrinken unter Wasser zu bleiben und nicht die Oberfläche mit ein paar Stößen zu erreichen! Ich stand so sehr unter dem Banne dieser merkwürdigen, sprechenden Fußspuren, daß ich einige Stunden später noch einmal an die Stelle mit dem Boot zurückkehrte, um nochmals den merkwürdigen Anblick zu haben – aber das Wasser hatte bereits die unheimliche Schrift verwischt, und so hatte denn niemand außer mir in diesem merkwürdigen Buche gelesen. Der Schrecken, das Entsetzen hatte alles gelähmt, was in Berg war. Als ob das Schloß, die Umgebung, der Park, mit dem König gestorben waren. Nichts rührte sich, als ich lange Zeit dort umherwandelte. Es war genau, als sei alles ein langer, unwahrscheinlicher Traum gewesen. Ich fand auch keine Seele bei der traurigen Stätte am See, weder als ich das erste Mal dort frühmorgens die Besichtigung vornahm, noch auch das zweite Mal. Von München trafen erst mittags die ersten Beamten ein –- völlig kopflos aus der Residenz kommend, wo der vortreffliche General von Freyschlag, der langjährige Adjutant des Prinzen Luitpold, seinem Herrn die Nachricht von dem gewaltsamen Tode seines königlichen Neffen bringen mußte. Er schilderte mir diesen Augenblick als den härtesten in seinem Leben, denn der bejahrte Prinz, der schon den Ereignissen bei der Entmündigung des Königs kaum gewachsen war, brach unter der Wucht dieses tragischen Ausganges völlig zusammen. Ich fand München am Nachmittag dieses denkwürdigen Tages in größter Aufregung. Die unheimlichsten und unglaublichsten Gerüchte durchschwirrten die Stadt. Graf Holnstein sollte sich das Leben genommen haben oder sollte von einer wütenden Volksmenge gelyncht worden sein, die Königin-Mutter hätte der Schlag gerührt–, so ging es weiter in bunter Folge von Stunde zu Stunde. Es ist nicht zu leugnen, daß nicht nur der Hof, sondern auch die Minister sich in einer geradezu verzweifelten Lage befanden. »Königsmörder« wurden nicht nur der Prinz-Regent Luitpold, sondern auch seine Ratgeber genannt –, und diese Bezeichnung blieb besonders in den Bergen haften, wo sich der freigebige König eine dauernde Anhänglichkeit gesichert hatte. Ich sprach den Ministern – Lutz und Crailsheim in erster Linie – Mut zu. Sie konnten sich auf die preußische Regierung verlassen, die bereit war, jeden Schutz zu gewähren, falls eine schwierige oder gar ernste politische Lage eintreten sollte. Dazu kam es nicht. Als Abschluß des Dramas hatten die Truppen dem neuen König Otto ohne Widerspruch den Eid geleistet – und Bayern hatte einen neuen, hoffnungslos wahnsinnigen König, der auf die Anrede »Majestät« in seinem kleinen Schloß zu Fürstenried in blödes Lachen ausbrach und läppische Fragen stellte, um es wieder zu hören. Wahrhaftig, ein Shakespeare hätte keinen groteskeren, schauerlicheren Abschluß für ein Königsdrama in seiner Dichterphantasie erfinden können. VIII. Unterredung mit dem deutschen Kronprinzen und ein unheimliches Wiedersehen. Zum Begräbnis war der deutsche Kronprinz in München eingetroffen. Er wohnte in der Residenz und ließ mich am Abend seiner Ankunft noch zu später Stunde holen, um von mir Näheres über die Katastrophe zu hören. Denn es war ihm bekannt, daß ich in alle Ereignisse tief eingeweiht war. Er befand sich mit dem eben gleichfalls angelangten Großherzog von Baden allein in seinem Zimmer. Das Fragen und Erzählen nahm kein Ende. Es war wohl zwei Uhr nachts, als er mich entließ. Ich aber verfehlte den Weg auf den ganz schwach erleuchteten endlosen und völlig verlassenen Gängen der Residenz. Vergeblich sah ich mich nach einem Diener um. Ich öffnete eine Tür, vor der ich mich am Ende eines langen, völlig dunklen Ganges befand – und prallte entsetzt zurück. Ich stand am offenen Sarge des Königs in der Georgskapelle, oben auf der Galerie. So hoch war der Katafalk, auf dem die Leiche des Königs in der Tracht der Georgsritter ruhte, daß sie den Rand dieser Galerie erreichte. Schauderhaft verzerrt war das rot und weiß geschminkte Totenantlitz, auf dem der Widerschein der gelben Kerzen sich spiegelte! Doch nun gewahrte ich unten einige alte Leibgardisten, die dort Wache hielten und den Eindruck von Wachsfiguren machten. Ich schritt eine kleine Treppe hinab und gelangte hinaus, noch den Schauder in allen Gliedern spürend. Bei der Sektion, die an der inneren Hirnschale knochenartige Auswüchse ergab, war der ganze Schädel durchsägt und jetzt künstlich wieder zurechtgelegt worden. Darum war auch die seltsame Aufbahrung erfolgt. Der unglückliche tote König sollte dem Anblick der Menschen möglichst entzogen werden. Die Wellen der Aufregung legten sich sehr langsam. Der Besuch des Fürsten Bismarck Dieser Besuch ist in »Erinnerungen aus 50 Jahren«, Verlag Paetel, Berlin, geschildert. , mit dem ich interessante Stunden in der Preußischen Gesandtschaft verlebte, wo er abgestiegen war, und der Besuch Wie oben. , den später auch Kaiser Wilhelm, auf der Durchreise nach Gastein, von der Mainau kommend, auf dem Bahnhof in München dem Prinz-Regenten Luitpold abstattete, trugen nicht wenig dazu bei, die Lage zu festigen und dem deutschen Einheitsgedanken neue, kraftvolle Form zu geben. Das Ministerium Lutz fand auch auf dieser Basis einen Halt wieder, den es unter dem Druck der schweren Ereignisse fast verloren hatte. Anhang Einige Briefe den Tod König Ludwigs II. und die bayrische Regierungskrise betreffend Berlin, 13. Juni 1886. Geheimrat Fritz von Holstein an Graf Philipp zu Eulenburg. Geehrter Graf, Herbert Bismarck hat mir neulich Ihren Brief über Bayrische Verhältnisse gezeigt; gestatten Sie mir Ihnen zu sagen, daß ich ohne jenen Verhältnissen näher zu stehen, instinktmäßig Ihre Ansicht für die richtige halte. Der Prinz-Regent, von dem ich höre, daß er ein ehrenswerter Herr ist, würde angesichts dieser Stimmung nichts Unpraktischeres tun können, als wenn er die jetzigen Minister, die mit ihren Fehlern und Eigenschaften dem deutschen Volk bekannt sind, durch Leute ersetzte, die dem Zentrum angehören oder angehört haben, d.h. derjenigen Gruppe, die nach dem Motto handelt: »Des Reiches Verlegenheit ist unsere Gelegenheit«. Der Hauptpunkt ist nur dieser: Ich bin überzeugt, daß der Prinz-Regent diesen Wechsel, den er vielleicht wünscht, nicht ohne Ermutigung von Berlin eintreten lassen wird. Lerchenfeld Graf Hugo Lerchenfeld, bayerischer Gesandter in Berlin. – das ist eine Vermutung in bundesrätlichen Kreisen – ist beauftragt, diese Ermächtigung zu beschaffen. Wie er das anfangen wird, weiß ich nicht genau, aber er ist in den Sachen, die nicht zum eigentlichen Geschäft gehören, recht geschickt, und ohne unnützigen Ballast von Skrupeln. Ich habe in den letzten 24 Stunden konstatieren können, daß die Beunruhigung in reichsdeutschen Bundesratskreisen rasch wächst. Infolgedessen schrieb ich an Herbert, er möge Ihre Briefe, falls Sie ihm noch welche schreiben, direkt und persönlich an seinen Vater schicken ... In dem Gefühl, daß wir, ohne uns näher zu kennen, in dieser nationalen Frage in ein Horn tuten, grüßt Sie bestens Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Holstein. Hanau, 13.6.86. Graf Herbert Bismarck an Graf Philipp Eulenburg Mein lieber Phili, Ihr freundlicher Brief, den ich am Vorabend meiner Abreise von Berlin erhielt, hat mich sehr erfreut und interessiert. Inzwischen ist die Bombe ja bei Ihnen geplatzt! Das muß ich aber sagen, daß sie recht ungeschickt geworfen war: die Einfädelung der Ausführung macht einen geradezu peinlichen Eindruck. Daß ein Systemwechsel sehr unerwünscht wäre, ist auch meine Ansicht, was kann man aber tun, um ihn zu verhütend Es würde mich interessieren, Ihre Meinung zu hören. In 2 bis 3 Tagen siedle ich nach Homburg über, wo mich ein postlagernder Brief sicher erreicht. Ich mußte Berlin schließlich verlassen, weil die Luft mich dort bedrückte und ich immer unter dem Titel der Freundschaftsbesuche zu den Geschäften mit herangezogen wurde. Das griff mich an und machte mich nervös. Jetzt habe ich nun 8 Wochen Urlaub und hoffe in der Zeit wieder auf den früheren Standpunkt zu kommen. Für Franzensbader Bäder, die Sie empfehlen, bin ich jetzt wohl noch zu matt. Da dieselben nach Ihrer Ansicht aber solche Wiederherstellungskraft besitzen, werde ich Ihren guten Rat jedenfalls im Auge bebalten. Leben Sie wohl und möge es Ihnen recht gut gehn. In steter Treue Ihr (gez.) H.B. Starnberg, 13. Juni, früh 1886. Graf Philipp Eulenburg an Graf Herbert Bismarck. Lieber Herbert, ich beeile mich, Ihnen über das unerhörte Ereignis, das sich hier zugetragen hat, einige Worte zu schreiben, denn ich nehme an, daß Sie die Details von Berlin aus erst in einigen Tagen erhalten werden. Ich war gestern abend spät nach Starnberg gefahren, um meine Frau zu sehen, und wurde heute früh um 4 Uhr mit der Nachricht geweckt, daß der König und Gudden tot im See gefunden seien. Ich nahm ein Boot und fuhr hinüber nach Schloß Berg. Gendarmen bewachten den Eingang zum Schloß, und man führte mich, da ich den Leuten bekannt war, zu dem toten König, den man soeben in seinem Bette, bis auf das Hemd entkleidet, niedergelegt hatte. Zwei Zimmer davon lag Gudden. Die Leichen waren nicht entstellt. Nur Gudden trug Zeichen eines stattgehabten Kampfes auf seiner Stirn und Strangulationsmarken am Hals. Dr.Müller (zweiter Arzt) und Graf Törring waren im Nebengebäude. Sie machten mir folgende Angaben. Der König war gestern abend um ¾7 mit Gudden allein ausgegangen. Gudden hatte die Meinung, daß der König, nachdem er sich auffallend ruhig von Hohenschwangau hatte hierher bringen lassen, besonderer Bewachung nicht bedürfe. Als um 8 Uhr zum Abendessen niemand kam, begann das ganze Schloßpersonal zu suchen. Man fand erst gegen 11 Uhr bei Fackelschein am Seeufer den Hut des Königs. Gleich darauf die Leiche des Königs und Guddens im Wasser. Ich ging zu der Stelle und konstatierte, daß in dem Weidengebüsch, hart am Seeufer, ein Kampf stattgefunden hatte. Alles war niedergedrückt und eine Menge Fußspuren, bunt durcheinander, waren im Sande abgedrückt. Die Spuren ließen sich bis in das seichte Wasser verfolgen. Hier muß der König Gudden überwältigt haben, der dabei ertrank, denn von dieser Stelle sieht man zwei einzelne Fußspuren, wie von einem laufenden oder weit ausschreitenden Menschen, der Tiefe entgegen, abgedrückt ... Hier herrscht eine allgemeine und tiefe Betrübnis und Tausende von Menschen stehen vor der Residenz. – Leider auch tauchen unaufhörlich Anklagen gegen die Regierung auf, die einen nicht wahnsinnigen König abgesetzt und ihn dann jämmerlich habe zugrunde gehen lassen. Da heute früh die Truppen König Otto (!!!) den Eid geleistet haben und hierbei für den Kriegsfall der Kaisereid nicht vergessen wurde, ist in der Hauptsache alles in Ordnung. Daß eine Erschütterung des Ministeriums stattgefunden haben sollte und sich dieses für alle Vorkommnisse der letzten Tage verantworten mußte, glaube ich nicht, da der Regent hinter ihnen steht. Aber bei den nicht ausgehenden Intrigen Frankensteins und seiner Partei, ist alles möglich. Vorläufig klammert sich Luitpold an Lutz und er schenkt seinem alten Jagdgenossen unbedingtes und volles Vertrauen. In diesem Vertrauen wird er auch durch seine Adjutanten Freischlag und Wolfskeel, die beide evangelisch sind, unterstützt. Auch Holnstein arbeitet momentan gut deutsch. Ich war, als am 10. die Kommission in Hohenschwangau gefangen war, schleunigst dorthin gefahren und benutzte die gemeinschaftliche Rückfahrt mit den Herren, um auf Kosten ihrer, durch die Gefahr und ihre Angst, gänzlich erschlafften Nerven, bayerische politische Studien zu machen. Holnstein versicherte mir, daß Prinz Luitpold eine große Verehrung für den Kaiser, aber ein tiefes Mißtrauen gegen den Kronprinzen habe – wegen Äußerungen, die dieser in seiner uns bekannten Weise hier gemacht hat. Holnstein stände dafür ein, daß der Prinz absolut loyal deutsch dächte, er habe allerdings einen sehr beschränkten Gesichtskreis. Wenn man so viel Einfluß auf den Prinzen gewinnen kann, daß er das deutsche Ministerium Lutz beibehält, so wird uns der beschränkte Gesichtskreis nichts schaden. Dieser wird nur bedenklich, wenn Frankenstein regiert. Ich schrieb Ihnen schon letzthin, weshalb ich Frankenstein fürchte. Es ist stets, und in verstärktem Maße seit einigen Jahren, von der ultramontanen Partei gegen Preußen und Deutschland geschürt worden und wenn ich auf meinen Bergspartien Äußerungen hörte wie. »Dumm sein mir g'wesen, daß mir mit den Preußen gegen die Franzosen geschlagen haben« oder »die Preußen sind halt unser gefährlichster Feind« – so weiß ich genau, auf welchen Ursprung solche Meinungen zurückzuführen sind. Von dem Augenblick an, wo Frankenstein das Ministerium übernimmt, fühlt sich der schlimmste Partikularismus Sieger und jene Hetzereien nehmen einen ganz andern, selbstbewußten Charakter an. Dazu der enge Luitpold, mit seiner österreichischen Verwandtschaft. Der Regent wird gar nicht übel sein, wenn ihm der absolut sichere Lutz und der, trotz seines weichlichen Händedrucks ganz sichere Crailsheim sagen, was er zu tun hat. Wenn man in diesem Sinne auch Holnstein dirigiert, der momentan auf ganz gutem Wege ist, und dem Prinzen durch seine Dreihörigkeit imponiert, so fährt Deutschland gewiß gut dabei. Wir stützen uns allerdings dabei auf die liberalen Elemente Bayerns, und unsere konservativen Parteien in Norddeutschland werden es schwer begreifen, aber das ist wohl einerlei, wenn Deutschland nur gut dabei fährt. Es ist mir persönlich erst seit 1½ Jahren gelungen, ganz intim in die ultramontanen Kreise zu dringen. Ich habe dort sonderbare Dinge erlauscht und traue politisch keinem einzigen von ihnen, selbst nicht – verzeihen Sie mir – Ihrem Freunde Lerchenfeld. Den vornehmen Adel Bayerns können wir erst brauchen – wenn der deutsche Kaiser katholisch wird, – und ich denke, das hat gute Wege. Mein Schreiben nimmt kein Ende. Da Sie in Homburg sind, haben Sie vielleicht Zeit, es zu lesen. Der Gedanke regt mich auf, daß Deutschland aus dieser bayerischen Krise einen Schaden erwachsen könnte und die gemeinschaftlichen Diners von Mariani mit Monsignore Aiuti gehen mir auch nicht aus dem Sinn. Leben Sie wohl, mein lieber Herbert, und gebrauchen Sie Ihre Kur mit Vorsicht und Energie. Das sind übrigens zwei Dinge, die in allen Verhältnissen besonders zu empfehlen sind, und deren Nichtachtung uns hier das traurige Schauspiel der letzten Tage verschafft hat. In alter Treue Ihr (gez.) P. Eulenburg. München, 18. Juni 1886. Graf Philipp Eulenburg an Graf Herbert Bismarck. Mein lieber Herbert, nach allem, was ich höre, wird in der allernächsten Zeit, unter dem Eindruck der tragischen Ereignisse, die sich hier abspielten, von der antinationalen Partei keine energische Aktion gegen das Ministerium Lutz unternommen werden. Die Partei begnügt sich damit, die Animosität gegen die Minister im Volke, das einen Sündenbock sucht, rege zu halten. Meine klerikalen Freunde sprechen in haarsträubenden Ausdrücken von den Ministern und von Holnstein. Ich gebe zu, daß, der süddeutschen Gemütlichkeit entsprossen, unerhörte Nachlässigkeiten vorfielen. Aber ich halte daran fest, daß wir nie und nimmer ein Ministerium haben können, dessen nationale Gesinnungen tüchtiger wären. Es würde jetzt darauf ankommen, den Regenten so zu beeinflussen, daß er den nach Beruhigung der Gemüter eintretenden Sturm der Antinationalen abschlägt. Momentan ist er noch sich er, und ich hoffe, daß der Kronprinz, dem er tief mißtraut, dieses Mißtrauen durch Liebenswürdigkeit vertreiben wird. Dies wäre von großer Bedeutung. Ich will den Kronprinzen morgen nach seiner Ankunft informieren. Später würde es notwendig werden, durch Werthern auf den alten Freyschlag Generaldjutant des Regenten. einzuwirken, an den der Regent mit Liebe hängt. Werthern ist gut mit Freyschlag bekannt, und letzterer schenkt ihm volles Vertrauen. Sehr wichtig ist Holnstein, der sofort im Regenten den Gedanken einer Reise zum Kaiser erweckte. Holnstein liegt moralisch jetzt ganz darnieder. Der tragische Ausgang seiner Mission, und das Odium, das er, der König Ludwig alles verdankt, damit auf sich lud, macht ihn weich, und wir können alles mit ihm machen. Er fühlt sich von den Partikularisten, wegen seiner Akiion mit dem Ministerium Lutz, verlassen. Aber er ist geschickt genug, um als Gegengewicht gegen gewisse alte Freunde des Regenten ausgespielt werden zu können. Prinz Luitpold macht regelmäßig eine Partie bei der alten lahmen Gräfin Otting, mit Perglas Oberstkämmerer Baron Perglas, früher Gesandter in Berlin, einer der größten Preußenfresser. und andern Jesuiten. Er wird das nicht aufgeben, und hier wird der Herd antinationaler Bestrebungen zu Hause sein. Bei einem Einfluß, den wir etwa ausüben wollten, werden wir, mit der Angst, die man vor uns hat, viel ausrichten, wenn wir andeuten können, daß der Regent durch seinen offiziellen Übergang in das klerikale Lager, kleines – großes – ungeheures Mißtrauen – je nachdem! – in uns erwecken würde. (gez.) P. Eulenburg. München, 21. Juni 1886. Graf Philipp Eulenburg an Graf Herbert Bismarck. Lieber Herbert, gestern abend verließ der Kronprinz München. Sein Aufenthalt verlief leidlich gut. Er kam und reiste in bayerischer Uniform ab und folgte dem Sarge als preußischer Marschall. Mit dem Regenten war der Kronprinz aufrichtig liebenswürdig und rücksichtsvoll. Alle andern Prinzen (Prinz Ludwig eingeschlossen) wurden mit einer gnädigen Geringschätzung behandelt, die das Haus Wittelsbach nicht vergessen wird. Für Lutz, Crailsheim und Holnstein hatte der Prinz besondere Freundlichkeit. Die Stimmung im Lande ist immer noch innerlich unruhig und wird kaum anders werden, ehe nicht das Beweismaterial für den Wahnsinn des Königs zum Teil der Öffentlichkeit übergeben wird. Prinzessin Therese Einzige Tochter des Prinzen Luitpold, eine sehr gelehrte Dame. , die die arme Königinmutter in Elbingeralp besuchte, mußte eilig durch Hohenschwangau durchfahren, da die Bauern den Königlichen Wagen mit Drohungen begleiteten. Die Hofdame der Königin, Gräfin Olga Dürkheim, hat ihren Bruder nach Elbingeralp kommen lassen, und diese Umgebung peinigt die arme Frau, durch ihre Behauptungen, daß der König nicht wahnsinnig gewesen sei. Der sehr eitle Alfred Dürkheim spielt seine Rolle als letzter Ritter des Königs bis zur Lächerlichkeit. Man hat ihn auf Ehrenwort aus seiner Untersuchungshaft entlassen. Mit besten Wünschen für gute Kur (gez.) P. Eulenburg Nachschrift. Daß der Kronprinz beim Zuge rechts von Kronprinz Rudolf Der 1889 tragisch endende einzige Sohn Kaiser Franz Josephs. ging, soll korrekt gewesen sein, da unser Kronprinz in Vertretung, der andere nur im Auftrag hier war (!). (Nunancen von berauschender Feinheit!) Mir wäre es lieber anders gewesen, denn schließlich ist der deutsche Kronprinz auch in Bayern zu Haus, und Kronprinz Rudolf der Gast. (gez.) P. E. Homburg, 22. Juni 86. Graf Herbert Bismarck an Graf Philipp Eulenburg. Mein lieber Phili, haben Sie besten Dank für Ihre verschiedenen interessanten Briefe, deren letzten ich heute früh erhielt. Die beiden vorletzten habe ich direkt an meinen Vater gesandt, und Ihre Reflexionen sind mithin an maßgebender Stelle gewürdigt worden. Mein Vater wünscht auch das jetzige Ministerium zu halten und hat nur die Sorge, daß es an seinem eigenen Ungeschick zu Grunde geht. Hier ist immer noch niederträchtiges Wetter, ich kann infolgedessen nicht so viel im Freien sein, als wünschenswert. Trotzdem bekommt mir die Luft ganz gut. Leben Sie wohl. In steter Treue Ihr H. B. Liebenberg, 13. Juli 1886. Graf Philipp Eulenburg an Geheimrat von Holstein. Je mehr die Frage einer Neubesetzung des Münchener Preußischen Gesandten-Postens erörtert wurde, je mehr ist mir die Bedeutung desselben klar geworden. Eine unrichtig gewählte Persönlichkeit kann uns großen Schaden zufügen. Ich nähme z. B. an, ein neuer Gesandter verlöre die Sympathie der Deutschnationalen, was durch rauhes Wesen – ja schon durch lauten preußischen Verkehrston – sofort eintreten kann: er befände sich von diesem Augenblick politisch in der Luft und ohne jeden Rückhalt, da der ehrliche Anschluß an den ultramontanen Adel niemals erreicht wird. Ich habe mich selbst – nach 4 Jahren – endlich in diese Kreise hineingesungen und wertvolle politische Freundschaften gewonnen. Ich gebe mich aber durchaus keinen Illusionen hin und weiß, daß mich dennoch eine Kluft von jenen Leuten trennt, wenn sie mir auch gestattet haben, mich stets zum Frühstück und Mittag bei ihnen anzusagen. Von derselben Empfindlichkeit gegen gewisse norddeutsche Art und Weise ist das bayrische Ministerium, sei es nun liberal-konservativ, wie jetzt, oder werde es ultramontan. Diese äußerste Empfindlichkeit uns gegenüber macht die Leute von dem Augenblick an, daß sie sich verletzt fühlen (und sie fühlen sich sehr leicht verletzt), den Einflüsterungen derjenigen Elemente zugänglich, deren alleinige Aufgabe es ist, den preußischen Einfluß in Bayern zu bekämpfen. Das sind der Nuntius, der französische und der russische Gesandte. Auch unser Bundesgenosse, der Österreicher und der Sachse, wie es sich von selbst versteht. Alle diese Leute aber haben ihren Anhang bei den Ultramontanen – sie sind völlig bei ihnen zu Haus, da ihre Sympathien sich politisch völlig mit den Bestrebungen dieser Diplomaten decken. In ruhigen Zeiten würde eine unsympathische Persönlichkeit auf dem preußischen Gesandten-Posten, nach meiner Meinung, die antideutsche Minierarbeit unfreiwillig unterstützen, und das in politischem dienstlichen Verkehr zwischen Preußen und Bauern allmählich entstehende Geplänkel würde sich bis zu Ungelegenheiten im Bundesrat zuspitzen. Sobald aber eine große politische Katastrophe als Prüfung über Deutschland hereinbräche: Unglück im Kriege, gefährliche feindliche Bündnisse etc., würde die unrichtig gewählte Persönlichkeit des preußischen Gesandten direkt auflösend wirken, während der von der Sympathie der bayerischen Regierung und der nationalen Partei getragene Gesandte fähig wäre, sogar die bedeutsamste Rolle zu übernehmen. Ich führe hier die Bedeutung Wertherns im Jahre 1870 für die Kriegserklärung Bayerns an Frankreich an. Wollen wir Bayern herausfordern, so wird Preußens Vertreter leicht zu instruieren sein. Mit großer Vorsicht aber hat die Wahl zu geschehen, wenn wir eine friedliche Verschmelzung aller deutschen Gaue anstreben – wenn wir etwa sogar wollten, daß das Haus Wittelsbach schließlich wie die Merovinger, von Ochsen gezogen auf der Oktoberwiese erscheint, während die Hohenzollern Pipine die Armee inspizieren. Ich habe Ihnen, ohne jeglichen Gedanken an eine bestimmte Persönlichkeit, die vorstehenden Betrachtungen mitgeteilt – lediglich im Interesse der Sache selbst, die mir sehr am Herzen liegt. »Freundliche Energie« schwebt mir als Losungswort für innere deutsche Politik vor, und die in dieser Politik stehenden Männer sollten durch Charakter und Arbeit dem Sinn dieses Wortes entsprechen. (gez.) P. Eulenburg. 2. Teil Historische Begegnungen Skizzen aus dem Orient (1871/72) Die Königin von Palmyra. Damaskus, 21. November 1871. Wunderbar herrlich war das Bild, als wir die letzten öden Felskuppen des Antilibanon auf den uralten Kamelpfaden überschritten hatten und tief unter uns, in der weiten gelben Wüste abgezirkelt in einer großen grünen Oase, von blauen Kanälen des Barada durchzogen, das schneeweiße Damaskus lag. Wir ritten, angestaunt von der Bevölkerung, in die Stadt hinein, denn Europäer in größerer Anzahl sind immer ein seltener Anblick. Auf der Straße begegnet man stundenlang keinem Europäer – nur Arabern, Beduinen und Türken. Es ist Ramadan, der neunte Mondmonat der Moslem. Bis Sonnenuntergang muß in dieser Zeit gefastet werden – nachher befindet sich die ganze Bevölkerung in einem Rausch von Vergnügungen, und es herrschte ein Leben in den Bazars wie bei Illuminationen in Berlin. Die Cafés am Abend, wo man mit den Leuten an der Erde hockt und Kaffee trinkt, während eine Musikbande von fünf Kerls einen Lärm verursacht wie schreiende Kinder bei uns – dazu Tamburinbegleitung –, das »Caraeosa«: ein Schattenspiel in diesen Lokalen, wo die dümmsten Sachen von dem dankbaren Publikum mit Entzücken betrachtet werden, das Herumziehen der Derwische auf den Straßen mit Geschrei und Tanz, das Probieren der gekauften Pferde durch Beduinen – alles das ist viel zu bunt und merkwürdig, um es in einem Briefe zusammenfassen zu können. Doch von dem reizenden Hotel Dimitri, wo wir wohnten, muß ich Euch erzählen. Der Hof hat wie alle Häuser, die ich hier gesehen habe, in seiner Mitte ein schönes großes Bassin mit sprudelndem Wasser. Das Pflaster des Hofes besteht aus weißen und schwarzen Marmorplatten, aus denen hohe Zitronen- und Myrtenbäume hervorwachsen, die ihre obersten Zweige in die Stäbe der um den Hof laufenden Veranda strecken. Zu der Limonade, die man zur Kühlung gewiß zwölfmal täglich trinkt, werden die Früchte jedesmal von dem Baum gebrochen, und die Zitronen sind so süß, daß man keinen Zucker dazu nimmt. Der italienische Konsul, Mr. Castelli, war sehr liebenswürdig und lud uns zum Tee. Er vertritt hier die preußischen Geschäfte, denn Deutschland hat kein Konsulat in Damaskus. Wiedebach, Bonin, Gutschmid und ich waren geladen, und wir fanden dort die Konsuln von Rußland und England. Madame Castelli ist eine sehr nette kleine Frau. Gestern ging ich mit Baron Gutschmid, der wie ich Madame Digby El Mesuel – »die Königin von Palmyra« kennenlernen wollte, zu ihr, um der berühmten Frau unseren Respekt zu vermelden. Sie nahm uns in ihrem entzückenden Heim auf dem Marmorhofe an, in dessen Mitte am Brunnenbassin ihr Mann, der Scheich El Mesuel (der in der Wüste das Glück hat, noch mehrere andere Frauen zu besitzen), nach orientalischer Art an der Erde sitzend, mit den Fingern seine Mahlzeit einnahm. Sie stellte ihn uns vor, und er reichte uns mit einer europäischen Verbeugung seine braune, klebrige Hand. Oben auf dem Balkon, wo wir uns niederließen, brachte in gewohnter Weise ein junger Araber Kaffee in silbernen, türkisenbesetzten Tassen und die Narghile. Madame El Mesuel steht nunmehr in den sechziger Jahren, ist aber von einer so ungewohnten Schönheit, wie ich es bei einer alten Frau bisher nicht für möglich gehalten habe. Sie war halb europäisch, halb orientalisch gekleidet. Mit der größten Liebenswürdigkeit erzählte sie von den jetzigen politischen Verhältnissen der Beduinenstämme, dabei nur von »wir« redend. Sie zeigte uns einige von ihr gemalte, wahrhaft künstlerische Bilder – Landschaften aus der Gegend von Palmyra – und zuletzt ihren Stall mit den Vollblutarabern, deren jeder einzige von jedem Beduinen bis Bagdad hin bekannt ist. Dabei erzählte sie, durch welche Leistungen bei Verfolgung und in Kämpfen diese Tiere sich ihren Namen erworben hätten. Sie machte uns einen Vorwurf wegen unseres kurzen Aufenthaltes und wollte uns gern Empfehlungen an die gewaltigen Scheichs der Wüste, über Palmyra hinaus, geben, die noch heutigen Tages jedem ihrer Worte gehorsam sind. Beim Abschied, als ich sie bat, mir zu erlauben, meinen Besuch, falls ich noch einmal Damaskus besuchen sollie zu wiederholen, sagte sie: »Wenn ich nicht in der Wüste bin, will ich alles tun, um Sie mit unserem Lande bekannt zu machen«. 21. November 1871. Heute nehme ich nochmals von ihr Abschied! – Die Königin hatte »es mir angetan!«   Ich schließe an meine kurze Mitteilung des Besuches bei der Gattin des Beduinen-Scheichs El Mesuel (die sich selbst in Damaskus Madame Digby El Mesuel nennt, von aller Welt aber nur »die Königin von Palmyra« genannt wird) eine kurze Betrachtung des Schicksals dieser Dame, deren abenteuerliches Wesen und Leben nicht wie gewöhnlich mit einer Katastrophe oder einem materiellen, gesellschaftlichen oder sittlichen Untergang abschloß, sondern einen so seltsamen Erfolg darstellt, daß man wahrhaftig in Verlegenheit ist, welchen Charakter man einer solchen Persönlichkeit beilegen soll. Das Leben der Madame Digbry El Mesuel ist, in großen Zügen gezeichnet, folgendes: Sie war die Tochter eines englischen Lords Digby of Sherborne. (Der Titel eines Earl war sogar dieser Familie verliehen worden.) Ihr Vater war Admiral, ist sonst aber wohl nur durch seine unerhört schöne und vor Jahren ganz Europa beschäftigende Tochter Jane bekannt geworden. Lady Jane heiratete sehr jung den Earl of Ellenborough, der wohl »ein großes Tier« war, aber die junge Frau langweilte. Sie liebte zu reisen und hatte in Deutschland den reichen Freiherrn von Venningen kennengelernt, der in Württemberg, Bayern und Österreich Güter besaß. Sie fand ihn angenehmer als Lord Ellenborough und heiratete ihn deshalb im Jahre 1832. In München erregte ihre Schönheit, ihr Kunstsinn, ihre Originalität allgemeine Bewunderung, besonders auch bei dem kunstsinnigen König Ludwig I., der für seine berühmte Schönheitsgalerie das herrliche Porträt malen ließ, das jetzt noch eine Zierde dieser Sammlung bildet. Doch sie fand auch Herrn von Venningen langweilig, und da sie immer noch gern reiste, so fand sie in Italien einen Grafen, der anscheinend nicht so langweilig wie Venningen war, denn sie heiratete ihn schon nach einigen Jahren ihrer Venningenschen Ehe. Da sie aber Griechenland nicht kannte, wollte sie – hellenisch angehaucht und durch Lord Byron begeistert – auch diese heiligen Gefilde kennenlernen und fand dort einen Hellenen, der noch weniger langweilig war als der italienische Conte Die italienischen und griechischen Beziehungen näher festzustellen, war mir bis jetzt nicht möglich. . In dieser griechischen Ehe aber war sie »europamüde« geworden. Die Freiheit des Orients hatte sie bei einer Reise in Syrien kennengelernt, und der ganze Zauber der orientalischen Welt nahm sie gefangen. Seit ihrer Jugend an »das Pferd« gewöhnt, eine kühne, unerschrockene Reiterin, dazu reich und mit ganz ungewöhnlicher Energie begabt, hatte sie sehr bald nun auch den Hellenen langweilig gefunden und sich bei weiten Ausflügen im Gebiet des Libanon, des Hauran, bis in die Wüste bei Palmyra von Beduinen begleiten lassen, die in ihr eine Art übernatürliches Wesen sahen. Eine Frau von strahlender Schönheit, wie eine Königin befehlend, jedes Pferd bändigend und zugleich für den Stamm, dem sie sich anschloß, sorgend, Heilmittel in Krankheit anwendend, die den Wüstensöhnen fremd waren, sich der Weiber und Kinder annehmend – da konnte es nicht wundernehmen, daß sie in den Geruch einer Heiligen, einer Prophetin, einer Herrscherin kam, die bei jedem Stamm, mit dem sie in Berührung trat, unbedingten Gehorsam fand. So geschah nach einigen Jahren das Wunder, daß die untereinander sich bekämpfenden und dadurch sich als Gesamtheit schwächenden Beduinenstämme zu einer Einheit zusammentraten und den Befehlen der »Königin« folgten. Auf dem weiten Wüstengebiet Syriens, bis hin nach Bagdad, erwuchs der türkischen Regierung eine Unbequemlichkeit. Die Paschas von Beirut und an den syrischen Küsten empfanden eine Bedrohung – und der Sultan sah sich veranlaßt, die englische Regierung zu ersuchen, seine Untertanin (die nach allen Scheidungen ihrer europäischen Ehen wiederum Engländerin geworden war) wegen Beunruhigung seiner syrischen Gebiete nach England zurückzurufen. Das aber war nicht Lady Janes Sache. Der Orient gehörte ihr. Was sollte sie in England? – in Europa? Sie wollte in Syrien bleiben und fand auch hierzu das Mittel – ein Mittel, das ihr jedenfalls weder neu noch fremd war: sie heiratete den großen Scheich El Mesuel und wurde Untertanin des Großherrn in Stambul. Aber sie versprach auch, zu El Mesuels Harem zu gehören und nicht andere Stämme beherrschen zu wollen. Und dieses Versprechen hielt sie – ohne doch ihren Einfluß zu verlieren. In den Ruinen von Palmyra schlug der Scheich El Mesuel seinen »festen« Wohnsitz auf (soweit solches Beduinen überhaupt möglich ist). Als aber Madame Digby El Mesuel älter wurde, zog sie stets für einige Monate in den Palast, den sie in Damaskus besaß, da war es doch etwas ruhiger als in den Ruinen von Palmyra. Da ließ ihr auch der Scheich »europäische Freiheit« – und die andern Damen seines Harems blieben in der Wüste. Er scheint ein rücksichtsvoller Herr zu sein, der sich wohl selten den Wünschen seiner »ersten Gattin« widersetzt haben dürfte. Das ist allerdings gegenüber Lady Jane überhaupt schwierig gewesen, denn als ich mit ihr den Stall in Damaskus betrat, wo etwa 25 Pferde standen und zahlreiche arabische Diener dabei, bemerkte ich in ihren Zügen einen merkwürdigen Ausdruck von Hoheit, den ich besser mit »Gewalt« bezeichnen will. Wie sie sich aufrichtete, die damals 62jährige Frau, wie es »in die Diener fuhr« und wie die Pferde unruhig wurden! – es lag etwas in dieser Gestalt, diesem königlichen Haupt, diesen Blicken, das fast auch »in mich fuhr«. Lady Digby El Mesuel hatte sich in ihrer Kleidung »ungefähr« der arabischen Tracht angepaßt. Zu ihrem dunklen Haar, den großen braunen Augen und fast schwarzen Augenbrauen (das alles durchaus nicht an England erinnerte, wie auch nicht die sehr weiße Gesichtsfarbe) stand ein kleines orangefarbenes Tuch von Wolle gut, das sie ganz eigenartig – fast wie eine Mütze – auf ihrem Kopfe drapiert hatte. Und als Zeichen ihres »Arabertums« befand sich an ihrer linken Schläfe und rechts am Rand ihres energischen Kinns ein ganz kleiner blauer tätowierter Stern. Sie trug auch eine weite Jacke von braunem Wollenstoff, wie sie die türkischen Frauen tragen, doch keine Pumphosen, sondern einen bis auf die Füße reichenden einfachen braunen europäischen Rock, dazu rote, spitze Lederschuhe; auf den Fingern aber wundervolle Ringe. Als sie mir oben in ihrem »europäischen« Salon ihre Bilder und entzückenden Kunstsachen von großem Werte zeigte, flimmerten die Edelsteine an ihrer Hand derartig, daß ich ganz zerstreut wurde. Sie war glücklich, mit mir über Malerei und Kunst sprechen zu können. »Es ist so selten, daß ich hier jemand finde, der mich versteht«, sagte sie sehr warmherzig. Unvergeßlich bleibt mir aber die Wendung, die unser Gespräch nahm, als ich die Bemerkung machte, daß sie das Entbehren der Kunst doch wohl bisweilen nach Europa zöge. »Der Anblick eines Fiakers oder der Pfiff einer Lokomotive würde mich töten!« sagte sie mit einer Betonung von Haß und einem Blick, der mir den ganzen Abgrund öffnete, der diese merkwürdige Frau von der europäischen Kultur trennt. Sie liebte zweifelsohne ihren »Salon«, doch so wie jemand in Europa seine Sammlung orientalischer Fayencen lieben kann. Sie war vollkommen die »Königin von Palmyra« geworden, das hatte ich in ihrem – Stall bemerkt. Ob sie wohl bisweilen ihre Sklaven – denn ihre Diener waren tatsächlich nach dem Gesetz des syrischen Landes ihre Sklaven – prügelte? Ich leugne nicht, daß ich es für sehr möglich halte. Aber daß ihr Herr und Gebieter, der Scheich, es wagen würde, seine schwere braune Hand gegen sie zu heben, möchte ich bezweifeln. Und doch will ich nicht darauf schwören. Vielleicht ist sie nur bei diesem fünften Gatten geblieben, weil er es gewagt hatte. Denn es ist diese Dame in keiner Weise mit einem Maßstabe zu messen, der die Maße der europäischen Staaten anzeigt. Sie interessierte mich ganz außerordentlich. Ich glaube besonders, weil etwas in der schroffen Trennung von allem Zwang europäischer Art in mir anklang: meine Verzweiflung, als ich in den Zwang des militärischen Rockes geraten war. Nach Palmyra auszuweichen vermochte ich damals natürlich nicht. (Schon deshalb nicht, weil ich keine Lady Jane war, die ihre Familie im Stich ließ.) Aber als ich mich aus dem »ersten und elegantesten Regiment der Christenheit«, dem Regiment der Gardes du Corps plötzlich in das kleine, verschneite Städtchen Weilburg a.d.Lahn vor zwei Jahren vergrub und (unter Qualen!) Griechisch, Lateinisch und Mathematik wieder bei langweiligen Professoren lernte und das Abiturium machte, da haben viele »ein starkes Bestreben, sich zu bilden« darin zu erkennen geglaubt – aber sie irrten: es war eine Auflehnung gegen einen Zwang äußerer Formen, die innerlich zu einer Unerträglichkeit geworden waren. Auch ich machte mich frei, doch wie ein Mann es vermochte. Sie ging ihren Weg – ihren sehr seltsamen Weg, denn in ihrer Natur verflochten lag das, was die Griechen δαιμσν nennen. Wir haben es etwa mit »dämonisch« bezeichnet. Nachschrift. Eine sehr dumme Redensart ist, wenn sich zwei Menschen in fernen Orten begegnen oder weitliegende Anknüpfungspunkte zwischen sich entdecken: »Wie klein ist doch die Erde!« Dem lieben Gott mag sie allerdings klein erscheinen, aber für uns dumme Menschen ist sie gerade groß genug. Immerhin kann man bisweilen durch fernliegende Zusammenhänge seltsam berührt werden – und deshalb will ich folgendes Begebnis hier verzeichnen. Ich war im Herbst 1873 zum Besuch bei lieben Verwandten und Freunden in Schlesien. Kurz vor dem Essen war ich angelangt; wir saßen etwa acht Personen um den Tisch. Ich saß zwischen der Hausfrau und ihrem Bruder, meinem Freunde Eberhard Dohna, der mich im vergangenen Jahre so treulich während meiner schweren Erkrankung in Kairo gepflegt hatte. Zwei Herren an dem Tisch waren mir fremd, man hatte uns kurz vor Beginn des Diners einander flüchtig vorgestellt. Die Unterhaltung wendete sich im Lauf des Essens dem Orient zu, und ich erzählte mit gewohnter Lebhaftigkeit allerhand lustige Begebenheiten von meiner Reise – und zwar laut, allein sprechend. Ich sprach auch zufällig das Wort »Damaskus« aus und erhielt dabei plötzlich von meinem guten Eberhard einen auffallenden Stoß unter dem Tisch. Irgend etwas Besonderes mußte ihn dazu bewogen haben, und ich brach die Erzählung unauffällig ab. Sofort flüsterte er mir leise und eindringlich ins Ohr: »Sprich um Gottes willen nicht von der 'Königin von Palmyra'! – rechts neben Toni Die Hausfrau, Gräfin Saurma geb. Gräfin Dohna. sitzt ihr Sohn.« Ich hielt Eberhards Bemerkung für einen Scherz – aber er sah so tiefernst aus, daß ich vorzog, von Damaskus zu schweigen. Der Nachbar Tonis war der Baron Heribert von Venningen, der Verwandte eines Laskowitzer Vetters, den dieser zur Jagd hierher mitgenommen hatte. Tatsächlich der 1833 geborene Sohn der »Königin«! »Wie klein ist doch die Erde!« – hätte ich fast gesagt. Abd el Kader. Damaskus, 23. November 1871. Hatte ich von der Existenz der »Königin von Palmyra« erst in Damaskus selbst etwas vernommen, und hatte mich dieses allerdings in eine wohlberechtigte Neugierde versetzt, so befand sich doch meines Wissens noch eine andere Persönlichkeit in Damaskus, deren Heldentum in meiner Kindheit in aller Munde war. Es war darum mein stiller Wunsch, diesen fast sagenhaft umwobenen Helden zu sehen. Abd el Kader, den Führer und Herrscher über viele Araber- und Kabylenstämme in Algier, der nach der nominellen Eroberung Algiers durch die Franzosen 1830 – noch unter der Regierung König Karls X. von Frankreich – seit 1832 einen kühnen Guerilla-Krieg führte, der es den Franzosen nicht ermöglichte, »ihr« Algier unter französische Verwaltung zu stellen. Abd el Kader hatte sogar 1836 einen Sieg erfochten, der die gesamte Franzosenherrschaft in Algier in Frage stellte. Das Unglück traf ihn erst 1844. Er wurde in einer Schlacht geschlagen und 1847 gefangen. An alle diese Ereignisse knüpften sich die sagenhaften Erzählungen, die mich als Knaben entsetzlich aufgeregt hatten. Abd el Kader war bis 1852 in Frankreich gefangen gehalten worden. Dann ließ man ihn frei – und er zog in das Paradies aller Araber, nach Damaskus. Darum war fast meine erste Frage an den freundlichen italienischen Konsul Castelli: »Ist Abd el Kader in Damaskus? – lebt er noch?« – Certainement «, war die Antwort, – »aber leider ist er, wie ich höre, verreist.« Ich war sehr niedergeschlagen und mußte nun wohl meinen Helden in meiner Erinnerung begraben, ohne ihn gesehen zu haben. Da ließ mir am Vorabend des für unsere Abreise bestimmten Tages, am 22. November, Konsul Castelli sagen, »Abd el Kader sei zurückgekehrt; er (Castelli) habe geglaubt, mir einen Gefallen zu erweisen, indem er eine Anfrage an ihn gerichtet habe, ob er mich empfangen wolle und habe die Antwort erhalten, er würde sich freuen, mich – einen preußischen Offizier – morgen nachmittag zu empfangen«. Ich umarmte in Gedanken Mr. Castelli – und seine hübsche kleine Frau – und begab mich nach meinem Abschiedsgesuch bei der »Königin von Palmyra« in das Haus Abd el Kaders. Alle Türen, die in Damaskus von der Straße in ein Haus (d. h. in den schönen großen, mit Wasser beplätscherten Hof) führen, sind so niedrig, daß man fast hindurchkriechen muß. (Sicherheitsmaßregel gegen Überfall.) Ich kroch also, sehr würdig von meinem Dragoman Elias Abbas begleitet, durch die Tür, wo mich mit vielen Salams mehrere Araber empfingen und mich unter unaufhörlichen Verbeugungen in ein zu ebener Erde an dem Marmorhof gelegenes großes Gemach geleiteten, in dessen Mitte der alte »Brigand« – wie ihn die Franzosen nannten – stand und mir bei meinem Eintritt unter den üblichen arabischen Begrüßungsformen entgegen ging. Er lud mich ein, mich neben ihn zu setzen (sehr unbequem auf einem Divan am Boden) und wir begannen, uns in französischer Sprache, die er leidlich fließend beherrschte, zu unterhalten. Der alte, noch sehr rüstige Mann von etwa 65 Jahren glich durchaus den vielen Bildern, die ich von ihm kannte. Er war völlig in Weiß gekleidet und sah mit seinem fast weißen, langen Bart und seinen dunklen, großen, fragenden Augen, die unter dem grünen Turban glühten, imposant aus. »Sie haben den Krieg in Frankreich mitgemacht? Bei welchem Regiment? Kennen Sie Moltke und Bismarck? Waren Sie in Paris? Wie steht es dort aus? Was sagte man in Deutschland, als der Kaiser gefangen wurde? Schlugen sich die Franzosen gut? Worin waren Sie ihnen hauptsächlich überlegen? Glauben Sie, daß Sie den Franzosen genug mit dem Elsaß weggenommen haben? Weshalb nicht mehr?« – so gingen die Fragen und meine Antworten hin und her. Unleugbar war es ihm eine große Befriedigung gewesen, den Erbfeind geschlagen zu sehen. Aber zu meinem Erstaunen sagte er, als wir von Sedan sprachen. » Pauvre homme! – au fond c'est un honête homme! « (Mir fiel dabei ein, daß ihm Napoleon nach der Gefangenschaft von fünf Jahren 1852 die Freiheit geschenkt – wenn auch nicht die Erlaubnis erteilt hatte, nach seiner Heimat zurückzukehren.) »Man hat in Deutschland ein falsches Bild von dem Kaiser Napoleon«, sagte er. »Er soll ein Verschwörer, ein politischer Intrigant sein – weiter nichts. » Mais je vous dis «, schloß er, » c'est un homme instruit, un homme, qui a écrit l'histoire de César lui-même. « Ich war starr! – Das war der große Räuberhauptmann und Halsabschneider, der kühne Feldherr und verschlagene Bandenführer, der durch seine Hinterlist und Schlauheit, durch seinen persönlichen Mut ganz Frankreich während mehr als zehn Jahre in Schach gehalten hatte? Er hatte wohl gar zum Schluß noch Sympathien für Frankreich? – Das war allerdings nicht der Fall. » Les Français n'ont pas un bon caractère, ils sont trop orgueilleux pour être bons et raisonable «, sagte er. » Les Allemands sont plus droits et plus simple – je préfère les Allemands «, schloß er mit einer orientalischen, lächelnden Verbeugung, die ich ihm ebenso höflich zurückgab. Ich kann nicht leugnen, daß Abd el Kader mich in namenloses Staunen versetzt hatte. Er war absolut jemand anders als ich erwartete – aber dennoch erschien er mir als die bedeutende Erscheinung, die er in der Geschichte darstellte. Ich glaube, man vergißt zu leicht, daß ein Haudegen nur wirklichen Erfolg haben kann, wenn er auch Geist besitzt. Nachdem ich zahllose Tassen Kaffee aus reizenden kleinen Täßchen getrunken und an der infamen Nargileh aus Höflichkeit gesogen hatte, bis mir speiübel war, empfahl ich mich von dem berühmten Abd el Kader, der mich bis zur Tür am Hof begleitet hatte. Mein Eindruck war, wie gesagt, ein anderer, als ich erwartet hatte. Aber wie er fragte, wie er antwortete, wie er gerecht die Dinge abwog – das alles imponierte mir, und ich war eitel genug, zu hoffen, daß er mich nicht für einen jungen Schafskopf gehalten habe. Wer weiß? Ich hatte noch vor dem Aufbruch von Damaskus Gelegenheit, Konsul Castelli zu sehen und sagte ihm offen, daß Abd el Kader mir durchaus nicht den Eindruck des Kabylenhäuptlings gemacht habe. »O nein«, sagte Castelli, »er ist ein Mann von hoher Intelligenz und Bildung. Er stammt aus einem Priestergeschlecht und hat sogar ein Buch geschrieben, das in der arabischen Welt Aufsehen gemacht hat. Ich besitze die Übersetzung davon. »Rappel à l'intelligent, avis à l'indifferent« . Das war das Letzte, was mir der gute Castelli sagte. Kurz darauf ritten wir zum Jerusalemer Tor hinaus, wo auf einer endlosen grünen Wiese mindestens zweihundert Kamele grasten, alte und junge. Ein junges Kamel begann bei dem Anblick der Karawane plötzlich zu springen – aus Vergnügen oder Übermut, und zwar mit allen vier Füßen zugleich. Dieser Ausdruck der Freude wirkte auf alle 200 Kamele ansteckend – und alle folgten dem Beispiel. Der Anblick war so grotesk komisch, daß wir halten blieben und wohl eine viertel Stunde ohne Pause lachten, bis uns die Tränen über die Backen liefen. Abschied vom heiligen Grabe 8. Dezember 1871. Frühmorgens, lange ehe unsere braven Rosse vor dem Hospiz standen und Elias Abbas mit seiner unnachahmlichen Würde seine Morgenverbeugung gemacht hatte, war ich zu der Grabeskirche gegangen, um noch zum letztenmal den Zauber dieses heiligen Ortes zu empfinden – für den meine braven Landsleute absolut nicht zu gewinnen sind. Sie fühlen sich durch das »Äußerliche«, das in der Kirche und am heiligen Grabe hervortritt, »verletzt«, weil sie die Bedeutung der Anbetungsformen so vieler Konfessionen, die sich hier zusammenfinden, nicht kennen – und nicht einmal kennen wollen – und besonders, weil sie auch die Grabesstelle nicht anerkennen – mit anderen Worten »alles für Humbug« erklären. Ich stehe auf einem absolut anderen Standpunkt. Wenn irgendein »biblischer Ort« echt und begründet in dem heiligen Lande ist, so ist es die Stelle des Grabes Christi. Als Christus am Kreuze starb, war seine Gemeinde begründet. Sie ist niemals aus Jerusalem – jedenfalls nicht aus Palästina – verschwunden, und die Stelle, wo der Heiland begraben wurde, war und blieb ein Heiligtum, das nicht in Vergessenheit geraten konnte. Nur periodenweise fanden Christenverfolgungen statt, niemals aber während der Dauer von Jahrhunderten. Während der Herrschaft der Moslems ist das Grab Christi ebensowenig zerstört worden, wie das Grab Abrahams in Hebron (das wohl zu weit von der christiichen Zeitrechnung entfernt ist, um authentisch sein zu können), denn Abraham ist den Moslems ein Heiliger und Christus ist ihnen ein »Prophet« – wenn ihnen auch die Völker, die sich nach ihm nennen, »Christenhunde« sind, Feinde ihres Propheten Mohammed, nicht ihres Gottes Allah. So wenig wie das Grab Mohammeds von dem Jahre 632 an bis jetzt nicht vergessen ist, so wenig kann die Grabesstelle Christi vergessen worden sein. Anders wird es sich mit der Kreuzigungsstelle verhalten, die sich gleichfalls unter demselben Dache der Grabeskirche befindet, kaum weiter als 26 bis 30 Schritte, und das ist denn doch mehr als unwahrscheinlich. Daß nun aber vor der großen Tür der Grabeskirche ein türkischer Soldat mit einigen Kameraden Wache hält und abends die Tür wie ein »Hausmeister« verschließt, ist ein Sultans-Herren-Recht, der im übrigen jeglichem christlichen Bekenntnis die Ausübung seiner kirchlichen Gebräuche gestattet. Ich meine, daß, wenn die Grabeskirche z. B. im Besitz des russischen Zaren sein würde, kaum den Katholiken und Kopten ihre Zeremonien am Grabe des Heilands gestattet sein würden. Mich hat alles das nicht gestört. Auch nicht diese große byzantinische Kirche mit ihren Nebenkapellen, durch Gold, Bilder, Ampeln, Leuchter fast erdrückt, denn alles ist in ein schimmerndes Dämmerlicht getaucht, aus dem in feierlichem Gange unablässig die Prozessionen der Gläubigen der ganzen Christenheit zu der Grabkapelle in der Kirche wandeln, leise Gebete murmelnd, die Räuchergefäße schwingend; phantastische ernste Gestalten von wunderbarer priesterlicher Schönheit, wie die Armenier und Griechen – in goldstrahlenden Gewändern der römisch-katholischen Priesterschaft –, und dazwischen, seltsam singend, Riesen in schneeweißen Gewändern und weiße Turbans auf den Köpfen über den schwarzen Negergesichtern: die Kopten und Abessinier. Alles zieht zu dem engen Raum der Grabeskapelle, wo der Stein, der das Grab deckt, nicht zu sehen ist unter Blumen und goldenen Kränzen, und wo die brennenden goldenen Ampeln aus alter und neuer Zeit so eng den Raum erfüllen, daß nur das matte gelbe Licht der Ölflämmchen und Wachskerzen, die über dem Grabe schweben, funkeln. Aber alle, die an die breite Öffnung der Tür treten, erfüllt ein tiefer Ernst, und sie verharren in Schweigen – wie ich – und beugen die Knie und das Haupt. Man sagt, daß die vereinigten Gedanken vieler Menschen eine Kraft darstellen. Nun, hier vereinigte sich seit Jahrhunderten ein Strom von gleichen Gedanken. – Doch welcher Gedanken? Liebe? Dank? – oder Wunsch? Ich glaube, daß, wenn sich alle Gedanken, die hier zu Gott und dem Heiland aufsteigen, zu einer einzigen Kraft vereinigten, es die Kraft eines gewaltigen Wunsches ist; denn stärker als alles, was das Herz erfüllt, wenn es zu Gott spricht, ist der Wunsch nach Erfüllung dessen, was das gequälte Herz des einzelnen beseelt – mehr irdische als ewige Dinge –, doch wohl in seinem Grundton Wunsch nach Frieden für das Herz. Der hier in diesem Grabe, an dieser Stelle ruhte und die Pforten des Grabes sprengte, sprengte sie mit seinem Frieden – und er verhieß uns auch den Frieden der Seele. Ist aber das, was ich hier als eine durch gemeinsame Gedanken wirkende starke Kraft empfand, tatsächlich der Wunsch der pilgernden Menschheit nach Frieden der Seelen? Es war alles in allem mehr der Eindruck einer Klage-Kraft, den ich hatte – der aber ein dem Heiligen Grabe entströmender Liebesgedanke eine unbeschreibliche Weihe verlieh. Niemals werde ich das Heilige Grab vergessen. Die Äußerungen des Unwillens, Ärgers, Mißverstehens, selbst aus geistlichem Munde von Persönlichkeiten, die mir wert sind, können mir nicht den innerlichen Eindruck rauben, den ich von dem Heiligen Grabe bei meinem Abschied von Jerusalem mit mir nahm. Ein gefährlicher Ausflug Kairo, Dezember 1871. Ich lernte hier einen jungen Marquis Castrillo aus Xeres kennen, mit dessen Bruder Duc de St. Lorenzo und Freund Marquis Alventos ich im Herbst 1869 in Biarritz viel verkehrt hatte. Er ist passionierter Jäger, und wir verabredeten eine Partie de chasse mit einem arabischen Jäger nach Fayum. Dieser Abenteurer, der sich für einen arabischen Dragoman ausgab, hatte uns vorgelogen, in zwei Tagen könnte man gut eine Hyäne oder einen Wolf erlegt haben und nach Kairo zurückgekehrt sein.   29. Dezember 1871. Wir hatten uns daher keine Provisionen mitgenommen und brachten zunächst einen ganzen Tag auf der Eisenbahn nach Fayum zu. Auf einer Station blieben wir sogar 4 Stunden liegen, das war am Nil, dessen Ufer dort dicht mit Palmen bestanden sind. Wir benutzten die Zeit, um ein Dutzend wilder Tauben zu schießen, die zu Tausenden auf den grünen Feldern waren. (An den folgenden Tagen waren diese, ohne Salz geröstet, unsere einzige Nahrung.) Vor Fayum, in der Wüste, wurde ein Wolf durch den Zug verscheucht und unsere Jagdlust durch dieses unglückselige Tier, das wir hätten aus dem Fenster des Kupee erledigen können, erreichte ihren Höhepunkt. Am Abend wanderten wir durch die Stadt, die zirka 50 000 Einwohner, Araber, aber keinen Gasthof hat. In einem verlassenen arabischen Hause ohne Fenster und Türen breiteten wir unsere Decken am Boden aus und versuchten zu schlafen, woran uns jedoch 500 Flöhe, Wanzen und Käfer, die man krabbeln hörte, verhinderten. 30. Dezember 1871. Am nächsten Morgen bestiegen wir die uns von dem Dragoman beschafften Esel, nachdem uns auch dieser (der sich Hassan nannte) noch einen alten Ibrahim, der vizeköniglicher Forsthüter ist und zu seiner Legitimation einen Strick mit zwei Dutzend aufgefädelten Wolfsohren vorgezeigt hatte, engagiert hatte. Die Esel hatten kein Zaumzeug und als Sattel lagen unsere Decken lose auf ihren Rücken. Mit der Flinte vor sich nahm man einen etwas wackligen Sitz ein, und bei dem Passieren der zahllosen kleinen beweglichen Strauchbrücken stürzten wir natürlich alle Augenblicke zu Boden oder in grundlosen Schlamm. Bald hatten wir die mit Baumwolle und Zuckerrohr bestellten Felder passiert, und in den sumpfigen Wiesen, dicht am Rande der Wüste, erlegten wir nun die unglaublichsten Sumpfvögel. Weiße Reiher, Schnepfen-Arten, sonderbare Strandläufer. Von wilden Tieren war aber weit und breit nichts zu sehen. Dagegen begegneten wir so unheimlichen Banditengestalten, bewaffnet bis an die Zähne, daß wir stutzig wurden. Der Dragoman kannte, wie sich herausstellte, nicht die Gegend, aber befand sich im engsten Einverständnis mit dem sogenannten Forstaufseher Ibrahim, der ein noch größerer Halunke zu sein schien als Herr Hassan. Sie hatten unaufhörlich miteinander zu tuscheln und sich Zeichen zu geben. Es wurde Abend – und wir ritten immer noch weiter, auf unseren Eseln, die übrigens große, stattliche Tiere waren, balancierend, an den steilen, gelben, spärlich mit grünem Kraut bewachsenen Bergwänden der Wüste entlang, die die weiten Sumpfflächen der Landschaft Fayum begrenzten. Aber weit und breit zeigte sich kein Wolf, keine Hyäne. Hingegen bemerkte ich zweimal, daß oben auf der Höhe zwischen den gelben Steinen braune Gesichter mit Kopftüchern, wie sie die Beduinen tragen, zu uns hinunterspähten, allerdings nur für Augenblicke. Ich teilte es Castrillo mit und sagte ihm, er möge aufpassen, aber er hatte nur Augen für den Sumpf und war so aufgeregt, wie Südländer stets auf der Jagd, daß er mir erklärte, ich müsse mich getäuscht haben. Schließlich wurde ich selbst zweifelhaft an meiner Beobachtung. Da es mittlerweile zu dunkel wurde, machten wir halt, um uns für die Nacht einzurichten. Das war greulich. Die gerösteten, angebrannten Tauben ohne Salz waren ekelhaft. Aber es gelang doch zu schlafen, denn wir waren totmüde nach dem Balancieren auf den Eseln.   31. Dezember 1871. Als ich im Dämmerlicht erwachte, schnarchte Castrillo neben mir –- aber Hassan und Ibrahim waren nicht zu sehen. Ich wurde sofort sehr wach und sprang auf: tatsächlich, wir waren allein, und es war noch so dunkel, daß man kaum um sich sehen konnte. Ich weckte Castrillo, der sich aufsetzte, die Augen rieb und hastig fragte. » Où sont-ils? « (Er meinte natürlich die Hyänen, Wölfe – oder gar die Löwen, die er auch hier erwartet hatte.) »Ja, das weiß ich natürlich nicht«, sagte ich, »aber daß die beiden Schurken irgend etwas im Schilde führen, ist jetzt ganz klar. Vielleicht schon in den nächsten Augenblicken. Ich sagte Ihnen, daß wir von Wegelagerern beobachtet würden, was Sie mir nicht glauben wollten – nun wird wohl mit diesen ein Rendezvous stattfinden, und wir tun gut, uns vorzusehen.« Castrillo hatte endlich begriffen, um was es sich handelte. Er spannte den Hahn seiner Büchse und sah wild um sich. Aber es war in der Dämmerung nichts zu erkennen. »Kommen Sie«, sagte ich, »wir wollen unsere Decken hinlegen, als lägen wir noch darin, und uns hinter jene Steine postieren, um abzuwarten, was nun geschehen wird.« Bald sahen wir zwei dunkle Gestalten heranschleichen, die sich mit äußerster Vorsicht unserem Lagerplatz näherten. Wenn es Hassan und Ibrahim waren, was wollten sie? Ganz in der Nähe unserer Decken stutzten sie. Augenscheinlich hatten sie entdeckt, daß wir unsere Schlafplätze verlassen hatten. » Ne boujez pas «, rief ich, die Büchse an der Backe, » si vous boujez, je fais feu! « Wir sprangen vor mit den erhobenen Gewehren – und beide warfen sich auf die Knie. Sie schworen bei den Propheten und Allah, »der sie blind machen solle, wenn sie nicht die Wahrheit sagten«, daß sie nur gegangen seien, Hyänen zu suchen. Das war eine offenbare Lüge, denn in der Dunkelheit war keine Hyäne zu sehen – und hätten sie uns etwa zu Schuß bringen wollen, so mußten sie uns geweckt haben, um mit ihnen zu gehen. Aber was hatten die Kerls getan? Das war die Frage. Wollten sie sich überzeugen, ob wir schliefen und dann ihren Spießgesellen ein Zeichen geben, um uns zu überfallen oder hatten sie für den kommenden Tag eine Verabredung getroffen? Wahrscheinlich war Ibrahim die Mittelsperson, Hassan hingegen der Anstifter des Unternehmens, denn er kannte augenscheinlich nicht die Gegend. Aber Castrillo, der lange in Algerien unter den Arabern gelebt hatte und arabisch sprach, erklärte mir, wir müßten unbedingt den Scheich des nächsten Dorfes um Gastfreundschaft bitten, um nicht in der hereinbrechenden Dunkelheit des nun angebrochenen Tages unter die Beduinen zu geraten. Wir machten uns, sobald wir um uns sehen konnten, auf den Weg. Das war ein unheimlicher Ritt. Die beiden »Führer« schritten voraus, wir ritten mit gespannten Büchsen hinterher. Bei dem ersten Zeichen, das sie geben würden, bekämen sie eine Kugel durch den Kopf – das hatten wir ihnen auch bei Allah geschworen. Im Dorfe Nbaschi ritten wir nach etwa acht Stunden zum Erstaunen der Bevölkerung direkt in den Hof ihres Scheichs Ali und verlangten diesen zu sprechen. Der Scheich, ein älterer Mann mit einem tollen Galgengesicht, erschien, und wir sagten, daß wir vornehme, jagende Herren seien, die in Europa viel zu sagen hätten. Wir überreichten ihm mit vielem Salaam unsere hübschen Taschenmesser, Ledergurte und einige Goldstücke als Gastgeschenke. Er führte uns darauf – Gott sei Dank! – in ein Zimmer, das nach Süden hin offen war und in dessen Strohmatten (auf denen wir auch die Neujahrsnacht zubringen sollten.) wiederum die Plage des Orients, Tausende von Flöhen hausten. Castrillo führte die Unterhaltung auf arabisch, während wir Kaffee tranken und Nargileh rauchten, und so bot uns der Scheich denn endlich ein Essen an. Wir aber hatten damit unser Ziel erreicht, denn ein Fremder, der im Hause des Arabers eine Mahlzeit einnimmt ist gefeit gegen jegliche Gefahr. Aber es fanden sich im Laufe der nächsten Stunden etwa zwanzig Beduinen ein, die ringsum schweigend an der Erde Platz nahmen. Phantastische, wilde, schöne Menschen mit eisenharten Augen. Ich sprach Bedenken gegen Castrillo aus, der mich jedoch beruhigte und mir sagte, daß diese wilden Kerls nur gekommen seien, um die hohen Gäste ihres Freundes zu ehren. Bald erschienen nun auch zwei Neger, die einen kleinen Tisch in der Höhe eines Stuhles vor uns stellten, und auf diesen wurde ein enormes Tablett mit einer Hammelkeule, Suppe und einer nicht zu beschreibenden Dégoutance – einer klebrigen Masse – gestellt. Wir nahmen um den Tisch Platz, arabisch am Boden mit gekreuzten Beinen sitzend, und mir knackten die Knie. Der Scheich schlug die Ärmel zurück, ein schwarzer Diener brachte Wasser, in dem wir unsere Finger abspülten, mit denen wir essen sollten, und das Mahl begann. Der alte Ali zerriß eine Zitrone und preßte den Saft in die Bouillon; jeder ergriff einen Holzlöffel und gemeinsam wurde das fürchterliche Gepansch aufgegessen. Jetzt fiel der Scheich über die Hammelkeule her und riß mit den Nägeln die Fleischstücke herunter, die er lächelnd in Häufchen vor uns auf den Teller legte, und die wir in unserem Heißhunger – denn wir hatten während unseres Rittes von acht bis neun Stunden nichts gegessen – wirklich verzehrten. Ein gleiches geschah mit Reis und Rosinen und der vorhin erwähnten klebrigen Masse. Ich hatte einige Anwandlungen von Übelkeit, bezähmte mich jedoch und unterwarf mich schweigend den Gebräuchen der Moslem. Die Unterhaltung bestand aus Schmeichelreden, die man sich gegenseitig hielt. der andere war vornehmer, mächtiger als man selbst, die Sitten der Europäer, der Araber waren vorzuziehen. Am wirksamsten war jedoch mein Wort, als ich den alten sechzigjährigen Banditen für dreißig Jahre hielt. Endlich war die Mahlzeit beendet und ich reckte meine armen Knie. Der Scheich aber brachte uns selbst – eine unerhörte Höflichkeit! – das Wasser zum Reinigen der Finger, an denen Reis und Fleischreste klebten, die meist unter die Nägel gekrochen waren. Nachdem der Kaffee getrunken war, wickelten wir uns in unsere Decken, um einer entsetzlich flohreichen Nacht entgegenzugehen. Doch waren es nicht allein die Flöhe, die mich störten, es war das unheimliche Gefühl, mich in der Gewalt einer Räuberbande zu befinden. Was mochten Ibrahim und der verruchte Hassan für Pläne geschmiedet haben? Vielleicht doch schließlich noch eine Verschwörung mit Scheich Ali – trotz aller arabischen Gastfreundschaft? Durch das offene Fenster des nicht großen Raumes mit seinen Divans, die aus Strohsäcken bestanden, über die Teppiche gelegt waren, schien der Vollmond herein. Er beleuchtete tageshell den weißen kleinen »Schloßhof«, der von Lehmgebäuden eingefaßt war. Durch das weiße Tor, durch das wir geritten waren, als wir Schutz suchten, gingen langsam in ihrer weißen Kleidung mit den endlos langen Flinten auf dem Rücken hohe Gestalten hin und her. Ihr blauschwarzer Schatten wandelte, sich grell abzeichnend, an den Wänden mit ihnen. Bisweilen sprachen zwei, auch drei von ihnen lange und leise miteinander. Was mochten sie reden? Ich hielt meine Uhr in der Hand und erwartete Mitternacht. Ich hielt sie in der linken Hand, denn die rechte hielt immer den Revolver. Ebenso wie die Rechte des spanischen Granden, der deshalb wohl auch nicht allzu fest an die von ihm verkündete arabische Heiligkeit des Gastes zu glauben schien. Dafür war er aber allerdings fest eingeschlafen, was mir nicht glückte. Doch nicht etwa aus Angst. Meine Gedanken weilten daheim bei den geliebten Eltern, die bei den Geschwistern in Straßburg im trauten Kreise der stillen Häuslichkeit das neue Jahr erwarteten – sie konnten nicht ahnen, welche Neujahrsnacht ich durchlebte, welche romanhafte, phantastische Mondscheinnacht in der tiefen Einöde der riesigen Sümpfe des Fayums, aus denen das »Castell« Alis sich über dem Dorfe Nbaschi auf einer fast kreisrunden Berghöhe erhob. Niemals werde ich je eine solche Neujahrsnacht wieder erleben! – so hoffte ich, wenn auch meine langgehegte Sehnsucht nach einem »wirklichen« Abenteuer glänzend dadurch befriedigt wurde. Der Scheich hatte uns versprochen, Wächter aufzustellen, die uns die etwaige Ankunft von wilden Bestien der Wüste am Wasser melden sollten – doch wir wurden nicht gerufen, und ich geriet am frühen Neujahrsmorgen über diese neue verfehlte Jagdpartie in so großen Ärger, daß ich mit Castrillo beschloß, direkt nach Kairo zurückzukehren. 1. Januar 1872. Noch vor Sonnenaufgang um 6 Uhr brachen wir auf. Scheich Ali hatte uns Pferde gegeben – wir ihm je einen Napoleon für seinen Leibsklaven feierlich überreicht – und eskortiert von zehn prachtvollen Beduinen ritten wir zum Tor hinaus. Um ½ 7 Uhr ging die Sonne blutrot hinter Palmen auf. Nach einem Ritt durch die Sümpfe und am Wüstenrand entlang von annähernd zehn Stunden, der wieder reich an Unfällen aller Art war, langten wir in der Stadt Fayum gegen Abend an. Der Zug nach Kairo war aber bereits abgegangen, und wir waren gezwungen, bis zum nächsten Morgen dort zu bleiben. Unseren Bemühungen gelang es jedoch, den einzigen Europäer, einen Franzosen, Mr. Lombard, aufzutreiben und ihn um Gastfreundschaft zu bitten. In reichem Maße wurde uns diese zu teil. Seine nette Frau kochte uns mit der Negersklavin ein Abendessen und, nachdem noch sein Bruder, der in der Nähe der Stadt ein Landgut und Baumwollenfelder besitzt, gekommen war, tranken wir mit Rotwein auf ein glückliches neues Jahr. Wir erzählten Lombard unsere Schicksale in Nbaschi und wunderten uns über die plötzliche ernste Miene, die er annahm. »Scheich Ali ist der erste Brigand des Landes!« rief er aus. »Vor zehn Jahren hat er aus Rache eine Frau mit drei Kindern und einen Diener ermorden lassen; seine Helfer wurden gefangen, er entzog sich durch Bestechung der Gerechtigkeit. Vor drei Jahren wurden zwei Europäer ermordet, im vergangenen Jahr ein Türke. Das Gouvernement hat ihm darauf die Würde eines Regierungs-Scheichs verliehen, um ihn durch seine offizielle Stelle an neuen Schandtaten zu verhindern – hierzulande ein ganz gewöhnliches Mittel. Daß er sie nicht zur Jagd in der Nacht wecken ließ, war zu Ihrer Sicherheit, die ihm, nachdem Sie gemeinsam in seinem Hause gegessen hatten, heilig sein mußte.« Das war allerdings eine leidlich überraschende Mitteilung! Der Gedanke, daß dieser scheußliche Kerl mir Hammelstücke mit seinen blutbefleckten Händen abgerissen und auf den Teller gelegt hat, ist grauenhaft. 2. Januar 1872. Nachdem ich bei Lombards, auf dem Fußboden auf Decken liegend, wiederum eine wanzenreiche Nacht verbracht hatte, führte uns endlich der Zug dem heimatlichen Kairo zu; auch dieses Mal mußten wir vier Stunden in der bewußten Station am Nil sitzen. Jetzt aber vertrieb uns ein arabischer Sänger die Zeit, der vom Sultan sang, der seine Schätze verläßt, um sich die Liebe eines Gallas-Mädchens zu erwerben. In Kairo fand ich Herrn von Bonin, einen guten Bekannten von mir, meinetwegen sehr beunruhigt vor, weil er zufällig im Hotel von einem Herrn Kauffmann, der schon viele Jahre in Kairo ein Geschäft betreibt, gehört hatte, daß unser »arabischer Jäger« Hassan gar kein Araber sei, sondern ein übelberüchtigter Malteser, der mit dem Verschwinden zweier europäischer adliger Herren, von denen einer ein ungarischer Graf gewesen sei, im Zusammenhang gestanden haben sollte. Diese Herren seien von einer Jagdpartie im Fayum nicht zurückgekehrt. Ich ging infolgedessen zu Herrn Kauffmann und fragte ihn nach Hassan. Er sagte mir, daß wir wohl nur unserem schnellen Entschluß, nach der »Höhle des Löwen« Ali geritten zu sein, unser Leben verdankten, um so mehr, als dieser, kürzlich zu einem vizeköniglichen »Beamten« ernannt, es doch wohl nicht gewagt haben würde, wieder durch einen Mord von sich reden zu machen. Ich war wütend, dem Schurken Hassan nicht an den Hals kommen zu können. »Prügel«, sagte Herr Kauffmann lakonisch, »haben Sie niemand zur Hand?« Mir fiel mein riesengroßer Neger Mahmud ein, der mich in meinem Zimmer seit meiner Ankunft bediente. Er verstand einige Worte französisch, und mein Gebärdenspiel dazu genügten vollkommen, daß er ein schönes blankes 5 Frank-Stück lachend und verständnisvoll in die Tasche seines langen weißen Hemdes steckte und als er ging, grimmig mit den Augen rollte und seine Faust ballte. Nach einigen Tagen trat er frühmorgens an mein Bett und führte mir so lebendig vor, wie und wohin er Hassan verhauen hatte, daß mir geradezu Angst wurde, er werde, um ganz deutlich zu sein, die Prozedur an mir selbst auch noch vornehmen. Aber er schöpfte nach Abschluß seiner Schaustellung tief Atem, holte sein 5 Frank-Stück aus der Tasche und verließ grinsend das Zimmer. Hassan war verschwunden. Nach der bösen Tracht Prügel, deren Provenienz ihm durch das Erscheinen Mahmunds aus dem Hotel du Nil klargeworden war, dürfte er Verdacht geschöpft haben, daß noch weiteres auf sein schuldbeladenes Haupt gehäuft werden könnte. Vizekönig Ismael von Ägypten und die Perlen der Counteß of Dudley Kairo, Januar 1872. Ich war nach einer abenteuerlichen Seefahrt von Syrien nach Alexandrien Näheres schildern meine »Reisebriefe aus dem Orient«. und nach einem Quarantäneaufenthalt in der dortigen Cholerastation von acht höchst fatalen Tagen endlich am 23. Dezember 1871 in Kairo eingetroffen. Dort hatte ich mir ein Rendezvous mit meinem lieben Jugendfreunde, Vetter und Regimentskameraden, Grafen Eberhard Dohna, gegeben. Er langte daselbst am 5. Januar 1872 an. Da wir die Absicht hatten, uns einige Zeit dem Zauber Ägyptens hinzugeben, hielten wir es – zwei Nobiles sehr vornehmen Namens und nicht nur preußische Offiziere, die den soeben verflossenen Krieg gegen Frankreich mitgewonnen hatten, sondern sogar dem »ersten Regiment der Christenheit«, dem Regiment der Gardes du Corps in Potsdam, angehörten – für »passend«, Ismael Pascha (wenn er auch nur ein »Vizekönig« war) unsere Aufwartung zu machen. Denn er hatte immerhin unlängst (1869) den Suezkanal durchstochen (was ihm viel Geld gekostet, aber ihm zugleich auch unermeßlich viel Geld einbrachte). Er hatte auch halb Europa mit seinen Souveränen und Notabilitäten zu der Eröffnung des Kanals geladen und, durch seinen orientalischen Glanz geblendet, sogar die Kaiserin Eugenie als seinen Gast dabei bewirten dürfen. Der deutsche Generalkonsul, Herr Jasmund, machte dem Vizekönig Ismael unsere Absicht kenntlich, und wir erhielten ein außerordentlich höfliches Schreiben des Hofmarschalls, der uns mitteilte, daß » son auguste maître « sich freuen werde, uns am 9. Januar zu empfangen. Der Vizekönig residierte im Palais Abdin zu Kairo. Die schwarze nubische Wache in ihrer roten pumphosigen Pracht trat ins Gewehr, als wir in unserem sogenannten »eleganten« Wagen des Hotel du Nil , den Kawassen des Generalkonsulates auf dem Bock, vorfuhren. Mit jener uns so fremden Höflichkeit des Orientalen (die mir doch aber immer wie »wirkliche« Höflichkeit erschienen ist) wurden wir empfangen. Diese Höflichkeit empfindet der Europäer von subjektiver Charakteranlage »dienerhaft«, der objektive Europäer (zu dem ich mich rechne) als einen Ausdruck edler Volksgesinnung und traditioneller guter Form, nämlich Ehrung des Gastes; der ein Haus von guten Sitten betritt, Anerkennung der Würde, die ein Ausfluß der von Allah dem Begnadeten verliehenen Macht ist. Ich habe mir oft im Orient gesagt: für welche Barbaren müssen uns diese Moslems halten; wenn wir, scheußlich angezogen, neugierig umhertretend, und ohne Begrüßung in Häuser und Läden hineinschreiten. Die Moslems haben sich, angesichts der europäischen Kanonen, das alles gefallen lassen – müssen, nur eins allerdings duldeten sie nicht: das Betreten ihrer Gotteshäuser, der Moscheen, mit Stiefeln. »Man tritt in kein Heiligtum mit dem Schuhwerk, das den Straßenschmutz berührt« – hier hatten sie tatsächlich ein Veto eingelegt, das jenen Zug des Fanatismus trug, der auch eine Schönheit edler Tradition sein kann, weil er hier für »das Ewige« kämpft. Aber hier hatte auch der Europäer klug »gestoppt« – er zog die Stiefel aus oder dicke Moscheen-Filzpariser über die Stiefel. (Doch nur aus Angst: denn er würde Prügel »besehen«.) Kurzum, der Zeremonienmeister, Hofmarschall Seiner Hoheit des Vizekönigs, Ceki Bey, schritt nach unzähligen Salams neben uns her und hinein in den Palast, mit der Hand (sich immer dabei verneigend) den Weg weisend, denn um Allahs willen, er hätte nicht vorausschreiten dürfen! Die Tür Sr. Hoheit, vor der bei unserem Nahen zwei als französische Kammerdiener verkleidete braune Ägypter mit träumerischen braunen Augen standen, wurde aufgerissen. Ismael Pascha, aus dem Stamm des großen (verruchten) Mehemed Ali, stand mit dem roten Fez vor uns, in dem bekannten schwarzen, einreihigen, bis zum Hals zugeknöpften türkischen »Gesellschaftsrock«, unter dem die leise gekrümmten orientalischen O-Beine herausragten und die anscheinend sehr neuen und sehr engen Pariser Lackstiefel drückend leuchteten. Er hatte ein blasses, dickliches, doch intelligentes Gesicht, ein schwarzes Schnurrbärtchen über den etwas schwülstigen Lippen und kluge, braune, unruhige Augen. Er machte, obgleich er die »50« überschritten hatte, einen noch frischen Eindruck. Nach einem angedeuteten orientalischen Salam reichte er uns mit liebenswürdigem Lächeln die dickliche Hand zum europäischen Gruße, hieß uns in geläufigem, durchaus eleganten Französisch willkommen und bat uns Platz zu nehmen. Der nicht große Empfangssalon war ringsum von sehr niedrigen, sehr breiten Divans eingefaßt, die den Eindruck riesiger Kissen machten; gegen die Wand lehnten schwellende weiche Kissen, alles mit prachtvollen orientalischen Seidenstoffen bezogen. Am Boden lag ein Smyrnateppich, so weich, daß man glaubte einzusinken. Die weißen Wände, in Stuck mit edelsten maurischen Arabesken bedeckt, zeigten zwischen diesen Linien matte Vergoldung. Bilder kennt der Orientale nicht (irgendein Koranspruch spricht dagegen), darum machen die Wohnräume des Orientalen dem Europäer stets einen kahlen Eindruck – wenn nicht Spiegelglas hilft, in dem man sich erfreut erblickt. Wir nahmen Platz, und in demselben Augenblick öffnete sich wieder die Tür. Drei Sklaven von brauner Hautfarbe erschienen. Schöne, sanft dareinblickende Gestalten, rot pumphosig bekleidet mit fast durchsichtiger weißer Jacke über reich mit Gold gestickter Weste und Leibgurt, den arabischen Fez mit der dicken, dunkelblauseidenen Quaste auf dem schwarzen Haar. Jeder der drei trug einen langen Tschibuk (arabische Tschibuks, wohl um eine Kopfhöhe länger als die langen Kerls selbst) und in der linken Hand ein goldenes Tellerchen. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß es so lange Weichselrohre gibt. Sehr sorgsam wurden diese, als wir saßen und der angezündete Pfeifenkopf – recht weit von uns – auf dem goldenen Tellerchen ruhte, uns entgegengehalten und das lange Bernsteinmundstück, das von drei, mit herrlichen Diamanten besetzten Ringen umschlossen war, mit tiefer Verbeugung in die Nähe unserer Lippen geführt. Ich ergriff das Marterwerkzeug mit Todesverachtung, denn ich würde eine unerhörte Unhöflichkeit begangen haben, wenn ich Ismael Pascha mitgeteilt hätte, daß ich »Nichtraucher« sei. (Es würde ungefähr den Eindruck gemacht haben, als würde ich behaupten, daß ich niemals die natürlichsten Bedürfnisse befriedige.) Der Rauch, der durch ein derartig langes Rohr hinaufgesogen werden muß, erkaltet unterwegs, wenn auch nicht so sehr, wie in der entsetzlichen Nargileh, immerhin aber genügend, um den Eindruck zu erwecken, den man in Nase und Mund empfindet, wenn man morgens in ein nichtgelüftetes Zimmer tritt, in dem bis Mitternacht viele Studenten rauchten. Die Unterhaltung begann mit jenen, Teilnahme andeutenden Fragen, woher man kam, wohin man reise – und die Antworten: wie zauberhaft Ägypten sei, wie liebenswürdig die Bevölkerung (worauf eine höflich dankbare Neigung des vizeköniglichen Hauptes erfolgte). Dann natürlich der Krieg: Wie und wo, zu Pferde, zu Fuß, verwundet? – Nein (eine Handbewegung des Vizekönigs nach oben – Allah sei gelobt). Wir beide lächelnd dankend. Und Bismarck. Ah quel homme !! – Kennen Sie Bismarck? Ja, unsere Familien befreundet – viel im Hause bei ihm. Wie interessant. Die Gefangenschaft Napoleons – welches Schicksal! Die Kaiserin noch vor so kurzer Zeit hier – avec tout son charme ! (Ismael Pascha schüttelte langsam den Kopf, schnalzte mit der Zunge und hob einen Arm in die Höhe.) »Und ich sah dann die Tuilerien brennen!« »Ist es möglich! – quel spectacle! – une abomination ! – ja das Volk – das Volk!!« (Er runzelte die Stirn – eine Pause.) »Mein Vetter«, ich zeigte auf Eberhard, »war bei Sedan und assistierte der Gefangennahme Kaiser Napoleons«, und Eberhard sah mich entsetzt an, denn das war eine Unwahrheit. In diesem Augenblick kam einer der fürchterlichen Tschibukbringer hinter einem geheimnisvollen Vorhang hervorgestürzt und setzte meinen Tschibuk wieder in Brand, der zu meinem Entzücken ausgegangen war. Ich hätte den Kerl prügeln können! » Ah, ce pauvre Empereur !«, sagte der Vizekönig – und ich machte mich bereit, Eberhard zu Hilfe zu kommen, als mit einer unbeschreiblich tiefen Verbeugung der Hofmarschall eintrat und die Meldung machte, »daß der Earl und die Counteß of Dudley soeben vorgefahren seien, um Sr. Hoheit einen Besuch zu machen.« Ismael erhob sich, reichte uns sehr herzlich die Hand, bedauerte, die so interessante Unterhaltung jetzt nicht fortsetzen zu können ..., bald wiedersehen ..., eine Dame nicht warten lassen ... und wir verließen zusammen den Salon. Eberhard stellte mich wegen meiner Behauptung zur Rede, daß er den Kaiser Napoleon gefangen genommen haben sollte. Ich erwiderte, daß ich solches nicht behauptet habe. »Ich wollte nur gewaltsam die Schleusen deiner Beredsamkeit öffnen – und hören, in welcher Form du dich aus meiner kleinen Unwahrheit herauslügen würdest. Weshalb griffst du nicht öfter in die Unterhaltung ein? Das ärgerte mich. Du bist doch sonst so beredsam.« »Hast du denn nicht bemerkt, daß ich fürchterliche Bauchschmerzen habe?« sagte er, mich tief vorwurfsvoll anblickend. »Ich sagte dir schon während der Fahrt, daß ich mich nach dem süßen Gelee, die der Kerl in der Muskie ausbot, schlecht fühlte.« »Von diesem Zeug etwas zu sich zu nehmen, bist aber wirklich nur du imstande.« rief ich aus. »Ich habe noch die Cholera-Quarantäne von Alexandrien im Magen und du frißt Rachatlucum! – oder wie sonst das fürchterliche Zeug heißt. Ich würde mich wahrhaftig nicht wundern, wenn du die Cholera bekämst.« Eberhard wurde sehr schweigsam – aber als wir in unserem Hotel du Nil anlangten, wieder bezaubert durch den Palmengarten, in dem unser Eßsaal lag, als die bewegliche phantastische orientalische Welt sich um uns breitete, hatte er die Gefangennahme Napoleons und seine Bauchschmerzen völlig vergessen. Er besaß den besten Magen, den jemals ein Mensch besessen hat.   Mein guter Eberhard schrieb fast täglich an seinen alten Vater Landhofmeister Graf Richard zu Dohna auf Schlobitten, geb. 1807, Witwer von Gräfin Mathilde Waldburg. – seine Mutter hatte er bereits in früher Jugend verloren. War er auch nicht das, was man einen »feinen Stilisten« nennt, so besaß er doch in hohem Maße die Gabe einer lebendigen Darstellung, wie er denn auch glänzend und fein beobachtete und zu erzählen verstand. Ich lasse darum als Schilderung der auf unsere Audienz bei dem Khediven folgenden Tage einiges aus seinen Briefen im Wortlaut folgen. Kairo, 12. Januar 1872. »... Mesdames les princesses sollen sehr schön sein, doch hat kein europäischer Sterblicher ihr Antlitz geschaut, es wird also immer ein mystisches Dunkel darüber schweben. In den Wagen sieht man zuweilen eine weiße Hand und ein Paar, durch weiße Schleier blitzende Augen. Vorgestern sahen wir in der italienischen Oper »Othello«, den »Mohren von Venedig«; gestern im französischen Theater eine höchst komische Vorstellung, bei der die Schauspieler zum Teil in den Logen saßen und von da mitspielten. Es waren in der königlichen Loge, die das Wappen des Khediven trägt, Kinder des Vizekönigs. Ein zehnjähriger Sohn und eine ebenso alte Tochter, la princesse Fatimé , mit einem sehr blassen Gesicht. Das Kind hatte ein sehr großes Medaillon mit riesenhaften Brillanten und eine ebensolche Brosche. Als Begleiterin war eine reizende neunjährige Kaukasierin bei ihr, eine Sklavin mit schönem, offenem Haar. Prinzessin Fatimé trug ein schwarzes Samtkleid mit weißen Straußfedern garniert. Mehrere Logen sind mit weißem Tüll, worauf große Blumen gestickt sind, besponnen, dahinter die Damen des Harems. Im französischen Theater ist statt dessen ein feines Goldgitter, aber undurchdringbar. Für Vergnügungen jeder Art ist hier gesorgt. Wir fahren jetzt gleich auf den Korso und abends zu dem Hippodrom. 14. Januar 1872. Der Großherzog von Mecklenburg Friedrich Franz II., geb. 1822, verm. mit Prinzessin Augusta Reuß. Der Großherzog war ein Freund meiner Eltern. Er gehörte auch à la suite zu meinem Regiment. ist vorgestern, d. h. am 12. Januar, hier angekommen. Wir hatten bereits gestern früh 9 Uhr Audienz bei ihm, er war ungemein liebenswürdig und gütig zu uns. Wir klopften an seine Tür und baten, direkt hineinfragend, um Audienz, da wir die Ehre hatten, von ihm genau gekannt zu sein. Tags darauf, am 14., lud uns der Großherzog zum Diner zu sich ein, wo wir uns herzlich amüsierten. Er hatte nette und komische Araber-Offiziere bei sich, die ihm als Ordonnanzoffiziere vom Khediven beigegeben waren. Die Großherzogin dinierte im Harem, doch bewunderten wir vorher ihre schöne Toilette und ihre vielen Juwelen, die sie zu dieser Gelegenheit angetan hatte. Den folgenden Tag dinierten wir wieder bei den großherzoglichen Herrschaften. Wir wußten viel von unseren Erlebnissen, Jagdgeschichten und Einkäufen in den Bazars zu erzählen. Gestern, Sonntag, den 13. Januar, war das berühmte Wettrennen in der Wüste. Es war ein recht belustigendes Fest. Wir waren in das herrliche Zelt des Vizekönigs eingeladen, wo wir alle nur denkbaren Delikatessen und frappierten Champagner bekamen. Als der Vizekönig mit dem Großherzog und der Großherzogin herausgefahren kam, wurde überall "Hoch" geschrien. Sie fuhren vierspännig mit Postillionen vom Sattel, nach dem Modell der Pariser Kaiser-Equipage. Die Postillione, verwegen aussehende Araber, schlenkerten mit den Armen und knallten mit ihren kurzen Peitschen – sehr elegant. Vor den Equipagen her ritt eine Leibgarde, aus etwa hundert Reitern bestehend, wild im gestreckten Galopp durcheinander jagend. Lauter dunkle Beduinen mit fliegenden weißen Gewändern und mit Waffen aller Art überladen. Sie sahen wahrhaft imposant aus, und jeder hatte einen stattlichen Sitz zu Pferde; die langen Tigerdecken als Schabracken hoben sich auf den reizenden Schimmeln vorteilhaft ab. Es waren nachher mehrere recht interessante Rennen. Zuerst ein Kamelrennen. Nachher liefen einige entzückende Araber-Schimmelhengste. Sie zeigten eine Grazie wie Rehe und flogen über den tiefen Sand dahin, als ob es ihnen ganz egal wäre! Lebe wohl! Tausend Grüße an alle Lieben daheim. Wie immer Dein (gez.) Eberhard.« In dem Zelt des Khediven traf bald nach uns in einem vizeköniglichen Wagen, da sie Freunde und Gäste des Khediven waren, der Earl und die Counteß of Dudley ein. Ich war sprachlos, als Lady Dudley aus dem Wagen stieg, denn eine so blendende Schönheit hatte ich wohl kaum jemals gesehen. Groß, schlank, blond, dunkle Augenbrauen über veilchenblauen Augen, einen roten, merkwürdig schön geformten Mund und im Lächeln wunderbar weiße Zähnchen zeigend, ein klassisches Profil und ein charaktervolles Kinn – und alle diese Schönheit in einer duftigen rosa Sommertoilette mit leichtem weißen Umhang, einen weißen Strohhut mit Rosen im Haar und einen riesengroßen weißseidenen Sonnenschirm mit ihren in lange, rehbraune Handschuhe gesteckten Händen haltend. Ich bat den überhöflichen Hofmarschall des Khediven, Ceki Bey, der auch heute wieder in dem prachtvollen, reich mit bunten Stickereien bedeckten Zelt die Gäste empfing, uns der schönen Lady vorzustellen, die wie lauter Sonnenschein lächelte und sagte, sie wisse alles. »daß wir den Krieg mitgemacht, bei der Gefangennahme Napoleons gewesen seien (o weh.), Bismarck genau kennen – und daß wir ihr ganz genau davon erzählen müßten .« – (Also hatte ihr am letzien Mittwoch, unmittelbar nach unserer Audienz, Ismael Pascha alles geklatscht.) Doch wurde unsere Unterhaltung durch die Ankunft des Khediven und der großherzoglichen Herrschaften von Mecklenburg unterbrochen und bald durch die buntfarbigen Rennen auf andere Dinge gelenkt. Den würdigen Earl of Dudley lernten wir selbstverständlich auch kennen – (wenn ich auch dazu behaupten muß, daß es mir wahrscheinlicher sei, daß Lady Dudley den Earl und nicht den Dudley geheiratet habe). Er sah ziemlich seltsam aus, dieser ältliche, merkwürdig coiffierte Mann, der sich zwei lockenartige Gebilde, über den Ohren hängend, arrangiert hatte. Doch muß ich sein Geheimnis verraten, denn dieses Geheimnis ist wert verraten zu werden. Lord Dudley war einst ein gefährlicher Herzensbrecher und man behauptet, er sei schön gewesen (o, wie werde ich dann einmal aussehen, wenn ich alt bin!). Er hatte in Konstantinopel als junger Herr eine kaukasische Haremsdame im kaiserlichen Wagen und auch zufällig bei Promenaden an den »süßen Wassern« gesehen. (Wohl wenig mehr als ihre Zauberaugen und die Form des herrlichen Kopfes durch den weißen Schleier.) Gewohnt »bemerkt« zu werden, glaubte er, daß die Schönheit sich in ihn, den blonden Nordländer, verliebt habe. Sehr reich und an Abenteuer gewöhnt, fand er mit englischen Pfunden den Weg zu dem entsprechenden Haremswächter und schlich in einer dunklen Nacht an der Hand des Verräters durch die Gärten von Dolmabagtsche in das Paradies des Großherrn. Freunde, denen er sich anvertraut hatte, warnten ihn dringend, doch vergebens, obgleich auf das Betreten des Harems durch einen Unberufenen Todesstrafe stand. So konnte er dem Himmel auf den Knien danken, daß man ihm (aus Angst vor England) nur beide Ohren abschnitt. Daher die merkwürdige Lockenfrisur des Earls, die allerdings das Vorhandensein seiner Ohren vortäuschte. (Ich vermochte leider nicht nachzusehen, ob die Geschichte wahr sei. Doch hörte ich von allen Seiten das Faktum glaubwürdig bestätigen.) Jedenfalls sah der Earl of Dudley infolge seiner Coiffüre so sonderbar aus, daß der stutzerhaft gekleidete Mann kaum auf den Gedanken dieser schauderhaften Schmachtlocken verfallen sein konnte, wenn ihm nicht tatsächlich die Gehörmuscheln auf grausame Weise entrissen – und vielleicht der schönen Kaukasierin zum Frühstück in Butter geröstet und paniert serviert worden wären. Der Vizekönig hatte bei seinem Besuch in England eine Zeitlang bei Jagden und allerhand Belustigungen in Dudley castle, Himley Hall, Witley court usw. – auf den zahllosen Schlössern und Landsitzen des Earls – zugebracht. Als einer der reichsten Grundherren der vereinigten Königreiche besaß der Earl die Mittel, um selbst einem Herrscher über Ägypten – bis zu einem gewissen Grade zu imponieren. Doch am meisten dürfte ihm die Counteß of Dudley imponiert haben, die wohl als Eindruck seinen ganzen Harem über den Haufen geworfen hatte. Das Ehepaar Dudley hatte selbstverständlich ein höchst elegantes Palais in Kairo von dem Khediven als Quartier erhalten – mit orientalischer Bedienung, vizeköniglicher Equipage und Aufmerksamkeiten ohne Ende für den Aufenthalt in Ägyptens Hauptstadt und die Nilfahrt –, auch war sein sehr eleganter Ordonnanz-Offizier, der auch als Adjuiant figurierte, Masur Bey, dem Ehepaar während seines Aufenthaltes in Ägypten als Begleiter »attachiert« worden. Nach einem recht lange hingezogenen Aufenthalt rüstete sich nun die schöne Counteß zur Abreise. Die duftigen Toiletten für alle Tageszeiten, für große, mittlere und kleine Feste und Diners, für Gardenparties und Pyramidenbesteigung, Rennen usw., usw., waren in Koffern, die zwei Wagen füllten, sorgsam verpackt, und das Ehepaar, das zusammen nur zwei Ohren besaß, nahm von dem Personal Abschied, das sie in ihrem eleganten Palais bedient hatte. Beide schritten die Treppe hinab, unten tönten laute Rufe. »Platz – der Khedive!« Ismael war in seinem Phaeton erschienen, nochmals Lebewohl zu sagen, nochmals der schönen Lady die Hand zu küssen. (Mohammedanisch eine ganz unwürdige Handlung.) Man stand an dem Wagen bei dem Portal. Plötzlich erscheint, die Treppe fast hinabstürzend, schreckensbleich die Kammerfrau der Counteß. »Ich hatte den Schmuckkasten mit den Perlen oben im Vorzimmer auf den Tisch gelegt – das Vorzimmer nicht verlassen – zog mir nur die Handschuhe an – habe mich wohl einen Augenblick abgewendet, nur einen Augenblick. Doch als ich die Tasche ergreifen will – ist sie verschwunden!« »Oh.« – sagte der Earl of Dudley und schien aus alter Gewohnheit eines seiner verlorenen Ohren fassen zu wollen. Auch die schöne Counteß sagte »Oh!«. Doch schien der Khedive durch diesen unangenehmen Zwischenfall, der sich in der Eile der Abreise nicht aufklären ließ (denn der Extrazug nach Alexandrien wartete bereits dampfend, und der große Ostindienfahrer, auf dem die besten Plätze für Alexandrien - Bordeaux belegt waren, wartete – nicht), weniger impressioniert zu sein als Lady Dudley. »Es waren sehr schöne Perlen, wie ich mich erinnere«, sagte er in bedauerndem Tone, »doch«, setzte er in höflich-chevalereskem Tone hinzu, »gehört es zu den Pflichten des Hausherrn, der für die Taten seines Personals gegenüber so verehrten Gästen verantwortlich ist, für den Ersatz zu sorgen.« Er machte gegenüber der schönen Counteß eine ritterliche Verbeugung. »Oh!« sagte der Earl auffallend abwehrend, »es ist ein alter Familienschmuck, den man in England kennt, von sehr großem Wert. Ein Ersatz ist daher nicht möglich. Und schließlich der Diebstahl – der wäre in London und unterwegs ebenso zu erwarten als hier.« »Man kennt den Schmuck in England?« rief der Khedive lebhaft aus,»das ist mir sehr angenehm. So werde ich davon eine Abbildung erhalten können – und der Größe der Perlen glaube ich mich zu erinnern ....« Masur Bey – mit seinen traurigen braunen Taubenaugen – trat, sich tief verbeugend, zu der Gruppe. »Es ist unmöglich, den Schmuck vor der Abreise wiederzufinden, aber, ich muß leider darauf aufmerksam machen: es ist die höchste Zeit, den Wagen zu besteigen, wenn die Herrschaften noch den Anschluß in Alexandrien erreichen wollen.« ... »Oh ja«, sagte Lady Dudley unruhig und sah nach der Uhr, »das ist absolut nötig.« »Die Polizei ist bereits benachrichtigt«, fuhr der schöne Masur fort, »eine sehr hohe Belohnung ist ausgesetzt, ich zweifle nicht, daß es gelingen wird, den Schmuck zu finden.« »Er wird gefunden«, sagte der Khedive mit starker Betonung, »wenn ich auch leider Mylady bitten muß, sich zu gedulden.« Unter dem Eindruck, den Zug nicht versäumen zu dürfen, des gestohlenen Schmuckes, der weinenden Kammerfrau, der orientalischen, nicht endenwollenden Freundschafts-, Abschieds-, Bedauerns- und Höflichkeitsbeteuerungen wurde der würdevolle Earl einigermaßen ungeduldig – nur Mylady nicht. Als habe sie niemals einen Schmuck besessen, nahm sie so gütig, ruhig und mit einem Zauber von Grazie Abschied von Ismael, daß Masur Bey – dem ich alle diese Mitteilungen verdanke Während meiner schweren Erkrankung, kurz nach diesen Ereignissen, kam Masur von Zeit zu Zeit im Auftrag des Khediven, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ein anfragendes Telegramm des großen Bismark an das deutsche Generalkonsulat hatte allgemeine »Teilnahme« in Kairo erweckt und mir während meiner Rekonvaleszenz die herrlichen Gärten des Khediven mit reifen Mandarinenbäumen zur Erholung eröffnet. – sich in anbetender Bewunderung gar nicht zu fassen vermochte. Noch weniger aber wohl Ismael, der Khedive, dessen gesamter Harem in Tränen über die befürchtete Treulosigkeit des Herren und Gebieters geschwommen haben wird, der sich an eine Giaur (Ungläubige) fortgeworfen habe. Denn es wird nirgends auf der ganzen Erdoberfläche soviel geklatscht als in den Harems der Großen des Orients. Grüßend war der Khedive in seinem Phaeton mit den vor- und nachreitenden, wild galoppierenden roten Gardisten kaum entschwunden, als auch der Earl und die Counteß of Dudley ihren Wagen mit Masur Bey bestiegen. Die beiden Sais, die auf ihren Stab gelehnt, der Abfahrt warteten, sprangen flüchtig wie Rehe vor die Pferde und schrien, als im Galopp die Fahrt begann, voraneilend ihr » schimalek!« »jaminek!« »reglek !« (rechts – links – geradeaus!) den entgegenkommenden Fuhrwerken, Reitern zu Pferde oder Esel, Kamelen mit Lasten und Menschen aller Art und Farben entgegen, ihnen damit befehlend, nach welcher Seite sie auszuweichen hätten. Der Wagen der laut schluchzenden Kammerfrau (die der Kammerdiener des Earl neben ihr in sehr auffallender Weise zu trösten suchte) folgte der bestohlenen Herrin zum Bahnhof. Das Ehepaar Dudley war – entsprechend dem Charakter des edlen Volkes, dem es entsprossen war – ruhig, doch zu ruhig für Masur Bey, dem dieser Diebstahl weniger Eindruck gemacht hatte als die Bemerkung seines Herrn und Gebieters, »daß dieser (der Khedive) sich für die Verschuldung seines Personals haftbar fühle und daher die Familienperlen der Dudleys ersetzen werde«. Denn wer war »das Personal«? Hatte er, Masur, nicht den Auftrag erhalten, für die Freunde seines Herrn das Palais instand zu setzen, das Personal zu bestimmen usw.? So werde denn er wohl »das Personal« sein, das dem Khediven haftbar war. Allah, der ihm sein »sauer« (?) erworbenes Vermögen gab, wolle es ihm gnädig erhalten! Über die Art, wie er es sich vielleicht erhalten könne, grübelte er auf der Rückfahrt, was sich äußerlich dadurch dokumentierte, daß er oft an seine schöne Nase faßte. Denn dieser prominente Gegenstand scheint, mehr als der Mensch ahnt, im Zusammenhang mit unserer Gedankenwelt in ernsten Stunden zu stehen.   Ich aber folge nun dem edlen Dudley, der »sich zu Schiff nach Frankreich begab« (siehe Schiller »Maria Stuart«, letzter Akt, letzte Szene), zunächst in den Salonwagen, den er, allein mit seiner Gattin, bestieg. Allerdings bin ich nicht in der Lage, eine Unterhaltung wiederzugeben, die bei geschlossenen Türen und ratternden Bahnrädern zwischen zwei Ehegatten stattfand. Doch bin ich in der Lage, im Interesse derjenigen, denen dieses Erinnerungsblatt gewidmet ist, den Inhalt der Unterhaltung anzugeben, auch ohne daß ich körperlich hätte lauschen können. Ich bin durch die Entwicklung, die der Diebstahl später nahm, rückschauend durchaus fähig, die Unterhaltung zwischen dem Earl und der Counteß Dudley ungefähr zu konstruieren. Der Earl, als die Tür des Waggons sich schloß und der letzte winkende Gruß mit Masur Bey und einigen sich tief verbeugenden braunen Kammer-Sklaven ausgetauscht war, ließ sich in einen der Fauteuils fallen und sagte mit starker Betonung: » What a dreadful matter !« – und die Gattin bemerkte mit einem durchaus nicht resigniertem Seufzer: »– and what a dreadful croaking !« Beide aber hatten recht mit diesem Klagelaut, denn ich will nun mein Geheimnis verraten: Die Perlen waren unecht!... Das Ehepaar war mit der Entdeckung des Diebstahls und der zugleich erfolgten Erklärung des Vizekönigs, vollen Ersatz durch einen ebensolchen (natürlich echten!) Perlenschmuck zu leisten, in eine außerordentlich peinliche Lage geraten. Denn: 1. konnten sie nicht in dem Augenblick des Bekanntwerdens des Diebstahls (was in Gegenwart des Khediven und verschiedener anderer Personen eintrat) öffentlich erklären, daß die Counteß of Dudley, eine der ersten Damen Englands, die als Gast des Vizekönigs in einem Palais desselben wohnte, erklären, daß sie falschen Schmuck trage. 2. Die Sitte, eine Nachbildung des echten Schmuckes zu tragen und den echten Schmuck daheim in einem eisernen Safe aufzubewahren, war eben erst in England und Frankreich erfunden worden – nachdem ein ganz berühmtes Haus in Paris Fabrikate an Schmuckimitation lieferte, die tatsächlich täuschen konnten. 3. Öffentlich zu erzählen, daß der echte Schmuck zu Hause in einem »Safe« ruhe, würde rettungslos als eine Lüge gelten – zum Lachen! Aber auch: 4. Wenn Mylady nun an den Vizekönig schriebe, daß dieses tatsächlich der Fall sei – würde er es glauben? Orientalischen, so reichen Herrschern wie dem Khediven, würde der Gedanke höchst sonderbar erscheinen – ja unwürdig und unpassend für eine vornehme Dame –, sich wie eine Almée, eine nubische Tänzerin, mit Glasperlen zu behängen. Nein! – dieses Eingeständnis würde einen höchst fatalen Abschluß des glänzenden Aufenthaltes in Kairo bilden: einen lächerlichen, schäbigen Abschluß – unwürdig der Counteß of Dudley und ein Spott durch ganz England. – 5. Der Earl neigte mehr dazu, dem Khediven zu schreiben. Er war trotz seines Reichtums Geschäftsmann. Weshalb sollte ein Finanzmann sich nicht gegen Diebstahl großer Werte schützen? Das »Wie« war einerlei. 6. Mylady meinte etwas spöttisch. »Das ›Bankhaus‹ Dudley werde sich im Ausland übel diskreditieren, wenn es bekannt werde, daß die Gattin des Chefs nicht einmal riskieren könne, echte Perlen zu tragen, die man stehlen könnte.« 7. Der Earl replizierte, »daß das Akzeptieren des Ersatzes des falschen Schmuckes durch echten – jedenfalls unmöglich sei. Man dürfe sich nicht, um die Toiletteneitelkeit Myladys zu schonen, auf Kosten eines ›Khediven‹ bereichern. Auch werde es durch die Pariser Firma, welche die Imitation lieferte, bekanntwerden, daß die Perlen unecht seien, denn es sei nicht ausgeschlossen, daß bei der engen Verbindung Kairos mit Paris der Diebstahl dort in den Journalen gemeldet werde. Es frage sich doch, ob das Ansehen des ›Bankhauses‹ Dudlev (wie Mylady beliebt habe, the castle of Dudley zu nennen!) weniger litte, wenn man eingestehe, daß die Perlen unecht waren, als wenn es bekannt würde, daß der Khedive der Counteß of Dudley einen echten Perlenschmuck von großem Wert gewidmet habe.« 8. Mylady boudierte, indem sie durch das Fenster auf die weiten Wiesenflächen hinausblickte, wo allerhand auf der Landstraße, die sich neben der Bahn Kairo - Alexandrien hinzieht, zu sehen war. Züge von lasttragenden Kamelen, seltsame Fuhrwerke mit Büffeln bespannt, reisende Araber mit verschleierten Frauen zu Pferde usw. – nicht die riesigen Schwärme von wilden Tauben, Enten, Gänsen zu vergessen und die durch den Zug aufgescheuchten Reiher, Kraniche, Pelikane, die sich schwerfällig auch entschlossen hatten, die Flucht zu ergreifen. Mylady war verstimmt. »Man müsse vor allen Dingen warten, ob der Diebstahl etwa entdeckt und sie mit ihrer ›Imitation‹ für die sie sich nur auf Drängen Mylords entschlossen habe. – für alle Zeit an den Pranger gestellt werden würde.« sagte sie. Mylord zog nur seine Schultern in die Höhe und las, ohne weitere Bemerkungen, in der »Times« weiter, hinter deren ungeheuren Blättern er fast gänzlich verschwunden war. »Und wenn durch die möglichen Nachrichten der Pariser Journale ganz Kairo erführe, daß der Schmuck Myladys ›falsch sei‹ – äußerte, ziemlich ungeduldig in die Reflexionen Myladys einfallend, der Gatte. » You are very unkind « – bemerkte noch Mylady recht bitter, legte ihren schönen Kopf gegen die Polsterung des Fauteuils und schloß die Augen.   Nach dieser Expedition meiner Gedanken zu dem Earl und der Counteß of Dudley, die ich willkürlich in die Form eines Zwiegespräches gekleidet habe, weil ich mir einbilde, die Gedanken, die das edle Ehepaar bewegten, in solcher Form am eindrucksvollsten schildern zu können, begebe ich mich wiederum zurück in die Realität meiner eigenen Erlebnisse nach Kairo. Ich war in der Woche, die auf die von Eberhard geschilderten Pferde- und Kamelrennen in der Wüste folgte, schwer an einem Fieber erkrankt, das sich zu einem bösen Typhus entwickelte. Meine Eltern hatten die weite Reise nicht gescheut, um in meiner Nähe zu sein, mich zu pflegen und den treuen Eberhard abzulösen, der bis zu ihrer Ankunft über mir wie ein Mittelding zwischen Engel und Wartefrau in rührender Weise nicht von meinem Bette gewichen war. Die Teilnahme an meinem Ergehen war eine allgemeine, was ich ehrlich genug bin, nicht dem Werte meiner jugendlichen Persönlichkeit zuzurechnen, die den Machthabern über Ägypten und den Generalkonsulaten europäischer Großmächte völlig »schnuppe« war, sondern der bereits erwähnten Nachfrage »Bismarcks« verdanke, sowie der Tatsache, daß der Bruder meines Vaters, Graf Fritz Eulenburg, als Minister des Innern Bismarcks »rechte Hand« sein sollte. Erst Ende März konnte ich Kairo verlassen – halb geröstet in der Glut der ägyptischen Sonne, der die Europäer schon im Februar entfliehen. Während meiner langen Rekonvaleszenz war unser deutscher Generalkonsul, Herr von Jasmund, und seine Gattin ein angenehmer Verkehr, doch erschien auch feierlich Ceki Bey, um Erkundigungen einzuziehen, und Masur Bey saß oft bei mir, nachdem ich das Bett verlassen durfte und mich, lang hingestreckt auf einer Art Chaiselongue von Strohgeflecht, auf der Veranda unter dem Palmendach des Gartens erholen konnte. Ich fragte ihn auch bisweilen nach dem berühmten Halsband der Lady Dudley – aber er zog immer bedauernd die Schultern in die Höhe und sagte mit jenem kummervollen Ausdruck in seinen großen braunen Augen, die den Eindruck eines unendlich gütigen Kindes machten. » Ah – très triste – pas trouvé! .« Dieser Masur Bey war, wie mir Herr von Jasmund erzählte, Armenier von Geburt und als armer Knabe, verwaist, bei der Dienerschaft eines vornehmen ägyptischen Hauses untergekommen. Seine große Intelligenz und sein schönes Äußere hatten ihn emporgehoben; er war in die Armee eingetreten und schnell befördert warden. Durch Protektion von verschiedenen Seiten (man behauptet, besonders von weiblicher Seite) hatte er es bis zum Ordonnanz-Offizier des Khediven gebracht. Im Palais nun auch von Ceki Bey protegiert, war er während der Feierlichkeiten bei Eröffnung des Kanals von Suez 1869 bei dem Verkehr mit ausländischen Notabilitäten verwendet worden. Er sprach leidlich französisch und auch englisch. Eines Tages, da ich mich wunderte, daß Masur Bey eine ungewöhnlich lange Pause in seinen Besuchen hatte eintreten lassen, erzählte mir Herr von Jasmund, es kursierten abenteuerliche Gerüchte über ihn, die anscheinend aus dem Abdin-Palast stammten. Er sei verhaftet und »fortgebracht« worden. – Dieser Ausdruck trug hier einen vieldeutigen Charakter. Bisweilen bedeutete es Verbannung nach den nubischen Provinzen, bisweilen Kerker, auch Ketten (travail forcé) , bisweilen auch Transport aus dieser Erde hinaus – durch einen sanften Erstickungstod (ein sehr beliebtes Mittel, um »eine Reise anzutreten«). Erst kurz vor meiner Abreise von Alexandrien, wo ich mich eine Zeitlang mit meinen Eltern aufhielt, um an dem Meeresufer in dem großen schönen deutschen Krankenhause Kräfte für die Seefahrt nach Korfu zu sammeln, erfuhr ich Näheres. Wir hatten vom Khediven die Erlaubnis erhalten, uns in seinen dortigen schönen Gärten zu ergehen und von den Orangen- und Mandarinenbäumen nach Belieben zu naschen. Hier erfuhr ich bei einem Spaziergang »Näheres« von Masur durch Herrn von Jasmund: Die Perlen der schönen Counteß of Dudley waren sein Verhängnis geworden! Die raffinierte Abenteuerlichkeit dieses Diebstahls wäre wert, in einem Kriminalroman verwertet zu werden. Sie spricht allerdings nicht für den Charakter des liebenswürdigen Masur Bey, wohl aber für seinen Verstand und mehr noch für seine armenische Schlauheit. Masur Bey hatte bei den »großen Gelegenheiten«, da Lady Dudley ihren Perlenschmuck anlegte, diesen mit Recht bewundert. Von dem Khediven beordert, für die »Agrements« seiner Gäste zu sorgen und die Aufsicht über das kleine Palais zu übernehmen, hielt er sich dort viel auf. Er hatte speziell auch die ägyptische Dienerschaft unter seinem Befehl. Ein ihm völlig ergebener, vertrauter Diener (der zu den seltsam schleichenden, unhörbar sich bewegenden Gestalten gehörte, wie man sie nur im Orient sieht) war – angestiftet durch Masur – der unglücklichen Kammerfrau unbemerkt nachgeschlichen und hatte ihr die Tasche mit dem Schmuck in dem Augenblick der Abreise ihrer Herrschaft geraubt. Hatte er nun zunächst nur die Absicht gehabt, den Schmuck der Counteß of Dudley an sich zu bringen, so ergaben sich für ihn jedoch aus dem Diebstahl allerhand seltsame, nicht vorauszusehende und schwer zu überwindende Komplikationen. Armenier sind jedoch das Volk, das an Schlauheit – und Gewissenlosigkeit – alle anderen übertrifft. Als Stufenleiter nennt man hier: 1. Juden, 2. Griechen, 3. Malteser, 4. Armenier – »aber die Armenier sind die größten unter ihnen«. Ich gebe zu, daß ich auch bei mir zu Hause erlebte, daß Leute mit Taubenaugen, denen die Herzensgüte von dem Antlitz strahlte, – gestohlen haben. Doch dürfte es, wie ich zur Ehre meiner Landsleute annehmen will, nicht so häufig sein als in Armenien. Jedenfalls aber war ich sprachlos, daß es gerade Masur Bey sein mußte, der die Perlen stahl! Was ergab sich nun, als er nach der Bergung seines »Schatzes« entdeckte, daß er falsch sei? Der kluge Masur entwarf sofort, nachdem ihm (infolge »der grausamen Härte des Schicksals«, daß die Perlen der Lady Dudley unecht waren) das Geschäft durch die Finger geglitten war, einen neuen Schlachtplan, der darauf basierte, daß der Khedive der schönen Engländerin einen Ersatz zugesagt hatte, der selbstverständlich echt sein mußte. Niemand wußte bis zu dem Augenblick, da Masur den Schmuck in den Händen hatte, daß Lady Dudley unechte Perlen trug. Er kalkulierte in seinem schlauen armenischen Hirnkasten folgendermaßen: 1. Tiefes Schweigen muß walten, bis nach etwa drei Monaten der tatsächliche Verlust der Dudleyschen Perlen angenommen wird und der Khedive den Befehl gibt, einen Perlenschmuck aus großen Perlen zusammenzustellen. 2. Die Möglichkeit, diesen Schmuck an sich zu bringen, kann jedoch nur bewerkstelligt werden, wenn Masur die Postsendung zu besorgen erhält, die sicherlich von Alexandria aus durch die englische Post erfolgen werde. Und zwar mußte dieses ihm ein Leichtes sein, da er stets für extraordinäre Aufträge des Khediven in Anspruch genommen wurde. Bliebe jedoch die Empfangsanzeige von der Londoner Post aus und langte kein Brief von Lady Dudley an, so müßte sich der Verdacht auf ihn allein lenken, da er der Einzige war, der das Versprechen des Khediven gehört hatte. Das aber würde er in den Kauf nehmen, wenn er lediglich den Schmuck des Khediven für sich haben und unmittelbar nach dem »Erwerb« desselben hätte verschwinden wollen. Doch beabsichtigte er keineswegs seine Stellung aufzugeben. Es müsse daher die englische Dame von dem Khediven tatsächlich eine Sendung erhalten. Diese könnte aber nur in der Imitation eines Perlenschmuckes bestehen – denn die schöne Engländerin kann glauben, auf irgendeine Weise sei bekanntgeworden, daß ihr Schmuck falsch war und der Khedive sende ihr deshalb nun auch eine Imitation. Je schöner aber die Imitation wäre, um so länger würde die Lady getäuscht werden und um so länger hätte auch er Zeit, den echten Schmuck zu verwerten, ohne daß Unruhe entstünde. Er hätte dann auch Zeit, für alle Fälle seine Flucht vorzubereiten. Denn würde z.B. durch einen Brief der Lady Dudley dem Khediven bekannt, daß eine Imitation in London eingetroffen sei, nicht aber sein echter Schmuck, so lenke sich wohl in erster Linie der Verdacht auf ihn, falls er – worauf er rechnete – die Sendung nach Alexandria gebracht haben sollte. Sobald Masur diesen Plan erwogen hatte, bestellte er einen, dem Perlenschmuck der Lady Dudley ähnlichen Schmuck in Paris, und zwar bei derselben vorzüglichen Firma, die die Imitation für die Lady angefertigt hatte – denn der Name der Firma befand sich in dem Etui. Einige Perlen der Imitation hatte er (selbstverständlich ohne seinen wahren Namen zu nennen) nach Paris gesandt, mit dem Auftrag, die Perlen der anzufertigenden Imitation größer zu machen – ebenso wie das Schloß von Diamanten und Saphiren in Straß-Steinen. So war denn etwa zu der Zeit, da der Khedive der Meinung war, den an die Counteß of Dudley versprochenen Ersatz zu leisten, auch die Pariser Imitation in Masurs Händen. Der »echte« Ersatzschmuck des Khediven war den Vorräten des Harems und dem »Schatz« des Vizekönigs entnommen und das Kollier hergestellt worden. Bei dem ungeheuren Luxus, der an diesem Hofe – wohl einem der reichsten der Welt – mit Edelsteinen und Perlen getrieben wurde Mein Vetter, Graf August Eulenburg, der bei der Eröffnung des Suezkanals 1869 den deutschen Kronprinzen Friedrich nach Kairo als Hofmarschall begleitet hatte, wurde vor der Abreise gefragt, ob er einen Orden oder ein Andenken für seine Gattin vorzöge. Er bat um das letztere und erhielt ein sehr schönes Perlenkollier von fünf Reihen, das einen großen Wert nach unseren Begriffen darstellte und von ganz Berlin bewundert wurde. , machte das keine Schwierigkeiten. (Es bedarf keines Hinweises, daß der Besitz dieses Schmuckes dem Inhaber ein recht ansehnliches Vermögen bedeutete – und dieser Erwägung hatte sich auch Masur angeschlossen.) Es handelte sich also nun für ihn darum, die Sendung nach London zu vertauschen, was ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitete, da der Schmuck durch eine zuverlässige Persönlichkeit (d. h. Masur Bey) bis auf den Indian-Steamer nach Alexandria gebracht und dort der Wert versichert werden sollte. Der Earl of Dudley aber war benachrichtigt worden, das Schmuckstück in Liverpool in Empfang nehmen zu lassen. So kehrte denn Masur Bey sehr befriedigt von Alexandria zurück ...   Der Abschluß dieses geradezu »großartig« fein erdachten »Spieles« fand in einer alle Teile sehr überraschenden Form statt. 1. Der Earl of Dudley Castle bekam einen hochroten Kopf und kratzte sich da, wo er einstens zwei Ohren hatte. Er übergab mit einem unzweideutigen »grimmen« Blick Mylady das Etui, die es öffnete – und einen Ruf des Erstaunens ausstieß, so herrlich funkelte dieser Pariser Schmuck ihr entgegen: » Splendid indeed! « Mylord fragte nur kurz, was nun zu geschehen habe? Mylady bemerkte, »daß ihr irgendeine Antwort einfallen werde«. Nach einigen Tagen trat Mylady in einer Art verschleierter Verlegenheit zu ihrem Gatten, der dazu sein Pincenez abgenommen hatte. Sie sagte: »Ich vermute, daß die Perlen unecht sind; sie sind zu gleichmäßig schön.« »Imitation!« bemerkte der Earl wegwerfend – (doch wohl sehr erstaunt). » O yes: fancy pearls! « sagte Mylady, ärgerlich auflachend, und erklärte, sie werde sofort anspannen lassen und zu Emanuel fahren (ihrem Juwelier), um ihn zu fragen. Sie hatte sich nicht geirrt: der Schmuck war eine vorzügliche Pariser Imitation. Überdies verletzte sie, daß er an die Adresse der Counteß of Dudley nur »im Auftrage Sr. Hoheit des Vizekönigs« gesandt worden war – daß also kein »persönlicher Brief« als Begleitung eingetroffen war. Der unechte Schmuck und der fehlende Brief – auch auf den letzteren hatte Mylady einige Zeit vergeblich gewartet – verstimmte sie sehr. Mehr jedoch den Earl, der die ganze Sendung »unfair und impertinent« fand. Wäre der Schmuck des Khedive echt gewesen, so war er längst entschlossen, denselben zurückzuschicken und ihm zu schreiben, »daß die Imitation der Perlen seiner Gattin auf seinen ausdrücklichen Wunsch angefertigt worden sei: das Original aber in seinem Safe ruhe«. Das würde der Khedive begreifen und höchst verwundert sein, warum man ihm nicht eher mitteilte, daß der gestohlene Schmuck falsch war. Aber – Launen der Frauen würde ein orientalischer Herrscher noch eher verstehen als ein Europäer, da er deren mehrere besitzt. Was aber nun schreiben? Sollte man die Sendung der Imitation als einen Scherz behandeln? Vor allen Dingen mußte Mademoiselle Adèle (die »Kammerfrau«) auf ihr Gewissen gefragt werden, ob sie in Kairo irgend jemand verraten habe, daß Myladys Schmuck unecht sei. Doch Mademoiselle schwor bei den Augen » de sa pauvre mère und bei allen Heiligen«, sie habe niemals verraten, daß der Schmuck unecht sei. Wie aber konnte dann der Khedive darauf kommen, eine Imitation zu senden? Das war völlig unverständlich! – Jedenfalls würde es ein sehr schlechter – sogar ordinärer – Witz sein, wenn man einen echten Ersatz vorher angekündigt, d. h. versprochen hatte.   Während die Stimmungen und Überlegungen des Ehepaares aus dem englischen Hochadel ohne Zweifel diesen Charakter trugen, befand sich Masur Bey, lächelnd wie immer und alle weiblichen Wesen mit seinen halb träumerischen, halb brennenden Augen bezaubernd, im Besitz des herrlichen Schmuckes, der dem Harem entnommen und bei dem ersten Hofjuwelier in Kairo »montiert« worden war. Er hielt den Zeitpunkt nun für gekommen, den Schmuck in bares Geld umzusetzen, wagte jedoch nicht, durch einen Verkauf einzelner Perlen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch diese Schwierigkeiten hoffte er jedoch durch seine geistigen Auskunftsmittel bald zu überwinden, denn es gab ausländische Händler aus allen Weltteilen, die »ohne Nachfrage« auch die wertvollsten Schmuckstücke in Kairo kauften. Hingegen besaß solche armenischen Auskunftsmittel der aalglatte braune junge Mensch, der auf seinen nackten Füßen hinter Mademoiselle Adèle hergeschlichen und ihr den falschen »Familienschmuck der Dudleys« gestohlen hatte, nicht. Er hatte, trotz Masurs Warnung, einen solchen Verkauf vorgenommen, nachdem er durch seinen Herrn für seine Beihilfe mit einigen größeren Perlen belohnt worden war. Sein Unglück wollte es, daß er bei diesem Verkauf von einem Offizier des Khediven betroffen wurde und nach einem Verhör zur Bestrafung kam, »weil er über die Provenienz der Perlen nicht einwandfreie Auskunft gab«. Bei der Bastonade gestand er zu allgemeinem Erstaunen heulend, daß Masur Bey ihn dazu angestiftet habe, den Schmuck der schönen Dame aus England zu stehlen. Die schmerzhafte Prozedur war auf einem der Höfe des Palais Abdin vollzogen worden – und noch ehe der gelenkige junge braune Mann sein erstaunliches Bekenntnis machte, schritt der kluge Masur Bey schon, gemächlich eine Zigarette rauchend, zu dem Hauptportale hinaus, wo die beiden großen Neger von der Leibgarde vor ihm straff die Gewehre präsentierten. Er stieg auch gemächlich in einen auf dem Platz haltenden Fiaker – flüsterte dem Kutscher etwas zu, worauf dieser wild auf die beiden Pferde einhieb und in dem Gewirr der ungezählten schmalen Gassen Kairos verschwand. An der Ecke einer dieser Gassen sprang Masur hinaus und eilte durch einige Höfe in ein gewisses kleines Absteigequartier, das er wohl für die Zwecke seiner Liebesabenteuer gemietet hatte. Dort suchte man ihn, fand jedoch nur seine Uniform – und nicht die Perlen des Khediven! Herr von Jasmund aber erzählte mir auch, daß kurz vorher ein Brief der Counteß of Dudley an den Khediven angelangt sei, dessen Inhalt er Ceki Bey mitgeteilt habe. Ceki wiederum erzählte Herrn von Jasmund, daß an Lady Dudleys »Dank« für die Sendung die Bemerkung geknüpft sei, »sie habe nicht gewußt, daß Se. Hoheit ein so genauer Kenner falscher Perlen sei«. Weder er noch der Khedive verstünden, was diese Bemerkung sagen solle? Da der echte Perlenschmuck des Khediven in London sei, so habe die Bemerkung der Lady keinen Sinn. Doch hatten diese Worte der schönen Counteß einen Stachel in dem Herzen und ein Fragezeichen in dem Kopfe des Vizekönigs zurückgelassen. Nachdem nun aber auf den Brief Myladys keinerlei Antwort des Khediven baldigst erfolgte, die um eine Erklärung der Äußerung Myladys gebeten hätte, war der Verdruß Mylords so sehr angeschwollen, daß dieser Zustand zu einer Explosion führen mußte. Durfte sich so ein hellbrauner Pyramidenmensch gegenüber einer der ersten Damen des vereinigten Königreiches erlauben, ihr einen falschen Perlenschmuck zu schicken? – denn der Khedive konnte nicht wissen, daß der gestohlene Schmuck eine Imitation war, und hatte einen Ersatz zugesagt, der sich auf einen echten Schmuck bezog. So mußte er denn auch einen echten Schmuck schicken, den er, der Earl of Dudley Castle, sofort mit einer Erklärung der Sachlage zurückgesandt haben würde – oder der Pyramidenherr hätte nichts schicken sollen; damit würde man sich gern abgefunden haben, denn mit einem Versprechen nähmen es »Wilde« wohl noch weniger genau als Europäer. Kurzum: der Earl of Dudley Castle setzte sich an seinen Schreibtisch (ohne Mylady davon zu sagen) und teilte dem Khedive mit, »daß der Familienschmuck der Dudleys in seinem Safe zu London, Carlton gardens, ruhe, und er, den Khedive, bäte, ihm baldigst mitzuteilen, weshalb er seiner Gattin eine Pariser Imitation gesendet habe, deren Anschaffung der Counteß of Dudley nach keiner Richtung hin die geringsten Schwierigkeiten verursacht haben würde«. Die Konsequenz, die sich aus diesem »ziemlich« geharnischten Briefe des Earls im Palais Abdin ergab, war ein maßloses Erstaunen Sr. Hoheit. Der Familienschmuck ruhe in Sicherheit in London? Er selbst habe eine Imitation geschickt? Lady Dudleys Schmuck war aber doch in Kairo gestohlen worden? Stand etwa diese unfaßliche Geschichte mit dem Geständnis seines Dieners in Zusammenhang – etwa mit Masurs Flucht? Welche Perlen hatte jener Diener verkauft, wenn Lady Dudleys Perlen im Safe zu London ruhten? – Und er selbst sollte Imitationen nach London geschickt haben?? Ein dunkles Ahnen zog durch seine ägyptische Seele, die nach einem gesegneten Alter von 55 Jahren (er war 1816 geboren) so manches in dem Schatten der Pyramiden am heiligen Nil erlebt hatte, – so manches, von dem man nicht gern spricht. Wo ist Masur? – das war jetzt die Frage. »Ich werde diejenigen, die ihn laufen ließen, hängen lassen« – dürfte er bei sich beschlossen haben. Said Pascha war sehr böse. Ceki Bey hatte viel Ungelegenheiten und fühlte sich selbst nicht mehr sicher. Herr von Jasmund, der in Ceki einen Vertrauensmann wegen seiner dienstlichen Berichterstattung nach Berlin besaß, empfand den eingetretenen Zustand gleichfalls recht peinlich. Die Depeschen, geheime Sendboten aus dem Palais Abdin flogen, gingen und ritten nach allen vier Himmelsrichtungen, die vizeköngliche Polizei von ganz Ägypten war mobilisiert, auch Konstantinopel telegraphierte an die Hauptstädte und Grenzen des großherrlichen Reiches – wo ist Masur?? Masur war, mit dem herrlichen Perlenschmuck aus dem Schatze des Khediven in den Falten eines persischen Leibgurtes, bei einer Karawane von Mekkapilgern an den Ufern des Roten Meeres gesehen worden – das war die letzte Nachricht. Dann kam noch ein Gerücht, mit dem man sich wohl für immer genügen lassen mußte: »er sei zu Schiff nach Indien«. In alten Schlössern Jagd und Spuk. I. Bebenhausen, November 1891. Als ich 1890 zum Gesandten in Stuttgart ernannt wurde und dem etwas seltsamen König Karl sowie seiner unbeschreiblich schönen, hoheitsvollen und liebenswürdigen Königin Olga – Tochter des Kaisers Nikolaus I. von Rußland – vorgestellt worden war, begrüßte mich auch der Neffe des kinderlosen Königspaares, Thronfolger Prinz Wilhelm von Württemberg. Er hatte, gleichaltrig mit mir, in den Jahren 1868 und 1869 in Potsdam bei den Gardehusaren seine freundschaftliche Gesinnung zu dem Hause Preußen als Leutnant dokumentiert, während ich zu jener Zeit dem Regiment der Gardes du Corps als Leutnant angehörte. Das hatte uns damals bisweilen zusammengeführt. Er aber, in Erinnerung jener glücklichen Zeiten, begrüßte mich nun als alten »Kameraden« überaus herzlich, und ich fühlte mich in dem Verkehr mit dieser schlichten, offenen und liebenswürdigen Natur ebenso wohl, als mich seine reizende und gütige Gattin anzog. Sie ist eine Prinzessin von Schaumburg-Lippe, geboren 1857, und zwar seine zweite Gemahlin, nachdem er die erste, eine Prinzessin von Waldeck, 1862 durch den Tod verloren hatte – ebenso wie einen kleinen Sohn aus dieser Ehe. Die Gerüchte, daß er vergiftet sei, wollen nicht verstummen, denn die zweite Ehe des Prinzen ist kinderlos, und aus der ersten Ehe hatte er nur eine Tochter. Die Ehe König Karls war gleichfalls kinderlos, und so mußte die Krone Württemberg einst an die katholische herzogliche Linie fallen. Jesuiten sollten bei dem Tode des kleinen Prinzen die Hand im Spiel gehabt haben, um dieses alte deutsche Fürstenhaus der römischen Kirche zu gewinnen. Quälen den armen Prinzen Wilhelm auch solche Gedanken? Einen überaus scharfen Gegensatz zu der katholischen Kirche habe ich allerdings bei ihm konstatiert. Am 6. Oktober 1891 war König Karl gestorben und Prinz Wilhelm König geworden. Der »hoch«selige König Karl war niemals Jäger gewesen. Abstammend von einem überaus waidgerechten Fürstenhause, dessen kapitale Hirsche und Hauptschweine der unsterbliche Riedinger in seinen weltberühmten Kupferstichen alle verewigt hat, war es König Karl sein Leben lang völlig gleichgültig gewesen, wieviel »Enden« ein Hirsch auf seinem Kopfe trug. Darum lag die hohe Jagd in den berühmten Forsten von Bebenhausen völlig darnieder. Es handelte sich nur darum, die Erträge daraus nach Möglichkeit zu steigern, und die Wahl des Forstpersonals erfolgte lediglich nach »botanischen« Grundsätzen. Prinz Wilhelm hatte, ebenso wie seine Gattin, die Prinzessin Charlotte, Interesse für die Jagd, und Hofmarschall von Plato, ein Korpsbruder des Prinzen, liebte die Jagd bei weitem mehr noch als sein prinzlicher Herr. Er hatte diesem den Gedanken suggeriert, ihn zu seinem Oberjägermeister zu machen, wenn dem König Karl die letzte Stunde geschlagen haben würde. Ich war im Frühjahr 1891 zum Gesandten in München ernannt worden. Dort erhielt ich bereits im November eine Einladung zu einer »Hofjagd« in Bebenhausen. Mir konnte es nur recht sein. Denn es wurde mir dadurch die große Freude zuteil, »das junge Königspaar«, dem ich herzlich zugetan war, baldigst wiederzusehen. Ein nachfolgender heiterer Brief, den ich an Kaiser Wilhelm richtete, gibt von der guten Stimmung Kunde, in die mich die »Hofjagd« des Herrn Oberjägermeisters von Plato versetzt hatte. München, 24. November 1891. Ew. Majestät melde ich untertänigst, daß ich von Bebenhausen und Stuttgart wieder heimgekehrt bin. Der König hatte mich zum 19. eingeladen, und ich traf in Gesellschaft des Oberhofmarschalls Wöllwarth mittags in Tübingen ein, wo wir im Gasthof »Zur Traube« – dem Sammelplatz der Studenten – ein Mittagsmahl einnahmen, das aus zentnerschweren »Spätzle« und Rindfleisch mit Mostrich bestand. Der dicke, stets betrunkene und derart ungewaschene Wirt, den man nur mit Grauen betrachten konnte, setzte sich uns gegenüber und redete, soweit seine Trunkenboldenhaftigkeit dieses gestattete, im wildesten Schwäbisch auf uns ein. Wöllwarth fand das alles nicht merkwürdig, da er in Tübingen studiert hat. Auch König Wilhelm hatte in Tübingen studiert. Im vergangenen Jahre, als ich mit ihm einen Ausflug nach Tübingen machte, hatte ich in dieser selben Kneipe des »Corps der Schwaben« mit ihm im Kreise der alten Kommilitonen einen »Salamander« gerieben – und auch schon damals hatte mir die »ungewaschene« Höflichkeit des Schwabenwirts einen tiefen Eindruck gemacht. Nach dem Essen fuhren wir durch ein weites bucheneingefaßtes Tal nach Bebenhausen. Wie ein Bild aus dem Mittelalter stieg nach halbstündiger Fahrt der wunderbare Gebäudekomplex des alten Klosters, sich etwas über die grüne Talsohle erhebend und von verschiedenen Türmen aller Art gekrönt, vor uns auf. Zwischen den Gebäuden windet sich im Kreise die Straße hinauf, bis man vor den niedrigen Türen aus gotischer Zeit hält, die zu den Refektorien, Gängen und Klosterzellen führen. Der verstorbene König, der gelegentlich eines Ausflugs bei schlechtem Wetter in Bebenhausen übernachtet hatte, beschloß, das merkwürdige Bauwerk vor dem Verfall zu schützen und begann die Restauration, die während zwanzig Jahren fortgesetzt wurde. Es läßt sich nicht alles Wunderbare aufzählen, das das Kloster enthält, und es ist schwer zu sagen, ob das Sommer-Refektorium, das täuschend dem neurestaurierten Saal des Marienburger Hochschlosses gleicht, ob das Winter-Refektorium, die Kirche, der Speisesaal oder der Klostergarten mit seinem gotischen Säulengang, der ihn im Viereck umschließt, das Merkwürdigste ist. Ich zog mich, darüber nachzudenken, in meine Zelle zurück, als der König bei mir eintrat, der mit der Königin und dem Riesenkind, Prinzessin Pauline, direkt von Stuttgart nach Bebenhausen im Wagen gefahren war. Es waren erst wenige Wochen seit dem Tode des Königs Karl vergangen, seit dieser hier in Bebenhausen schwer erkrankte, aber König Wilhelm, der nur einmal flüchtig das Kloster als Gast seines Onkels sehen durfte, nahm mit der Königin ohne Sentimentalität davon Besitz, um die Hirsche des Reviers mit Krieg zu überziehen. Die Königin, in ihrer liebenswürdigen Natürlichkeit und Einfachheit, sah sich das wunderbare Haus wie ein Kind an, dem man zum Geburtstage etwas aufbaut, freute sich über Teller, Messer, Gabeln und alte Kästen, Waffen, Majoliken und Geweihe, ohne den Gedanken zu haben, daß sie vielleicht zu hoch stände, um soviel Erstaunen zu zeigen, oder daß sie in zu tiefer Trauer sei, um sich so laut freuen zu können. Nach dem Diner in dem prächtigen, waffengeschmückten Eßsaal wurden so unmenschlich viel Zigarren geraucht, daß ich bei der Nachttoilette sogar mein Unterjäckchen zum Fenster meiner Klosterzelle in die naßkalte Novembernacht hinaushängen ließ, um es zu lüften. Denn von dem Entsetzen, das ein Nichtraucher am nächsten Morgen beim Geruch kalten Rauches in den Kleidern empfindet, kann sich ein Raucher keine Vorstellung machen. Das kommt gleich nach den Düften einer Leimfabrik. Ehe sich die Majestäten zur Ruhe begaben, wurde ein Rundgang durch die Säulengänge und den Garten gemacht, der durch elektrische Beleuchtung ein märchenhaftes, ganz unwahrscheinliches Aussehen erhält. Der König war, wie alle, entzückt und sprach mehrfach die Hoffnung aus, Bebenhausen Ew. Majestät einmal zeigen zu können. Ich aber versprach dem König, Ew. Majestät eine begeisterte Schilderung zu entwerfen und habe nun dieser, um nicht mit Baedeker verglichen zu werden, die Worte »märchenhaft« und »unwahrscheinlich« beigefügt. Am nächsten Morgen vereinigte das erste Frühstück die Jagdgenossen im kleinen Eßzimmer der Äbte. Lauter liebenswürdige schwäbische Männer in verschiedenen Hosen, worunter der baumgroße, mit studentischen »Abfuhren« bedeckte Forstassessor von Bebenhausen, Herr von G., meinem Gefühl nach in der langen schwarzen Tuchhose mit spinatgrüner Bise und Strippen am zweckmäßigsten für die Jagd und am geschmackvollsten bekleidet erschien. Als wir nachher zwischen zwei Trieben 1-1/4 Stunde lang einen aufgeweichten Lehmberg hinaufschritten, wobei unsere Tritte im Erdreich Saugetöne hervorriefen, schwitzte der Forstassessor wie ein Braten, da er wegen der Strippen nur ganz langsam die Beine wieder aus dem Lehm herausbekam. Dadurch zurückbleibend, erhielt er den letzten Platz und so die Gelegenheit, an dem einzigen geweihten Hirsch vorbeizuschießen, der den ganzen Tag über gesehen wurde. Ich saß in dem schönen Buchenwald mit einer fortwährend gesteigerten Unruhe, irgend etwas zu Gesicht zu bekommen. Die Hoffnung, etwas zu schießen, hatte ich bald aufgegeben – aber meine Hoffnung, Wild zu sehen, schrumpfte schließlich in den Wunsch zusammen, wenigstens einen Vogel, einen Käfer – wenn auch nur eine kleine Baumwanze – zu erblicken. Ich hätte das Tier wirklich liebgehabt. Aber nichts regte sich in der Totenstille des Waldes – bis auf den Forstassessor, der in einiger Entfernung auf seinem Stand mit einer jungen Buche, die er entwurzelt hatte, den Versuch machte, den Lehm zwischen den Strippen und den Stiefeln herauszubohren. Erst gegen Ende der Jagd, am Abend, waren zwei Schüsse gefallen, und es machte sich eine gewisse Unruhe bemerkbar. Dann ging es wie ein Lauffeuer von Stand zu Stand. »Der Erbgraf Quadt hat etwas geschossen!« Ich bemerkte geschwenkte Hüte und freudige Bewegung und sah bald den Grafen stehen, der eine Art Gratulationscour entgegennahm. Vor ihm ruhte das Opfer: ein armes Alttier mit zwei Schüssen »im Bauch«. Abends zum Souper hatte der König den »neuen Jagdanzug« befohlen, die Nachbildung eines Kostüms, das bei Herzog Philipp von Württemberg in Gmunden üblich war. Ich hatte von dieser Anordnung nichts vorher erfahren und konnte darum die Überraschung ganz auf mich wirken lassen. Die Herren erschienen in kurzer, spinatgrüner Jacke mit gleichfarbigen Samtaufschlägen, hoher grüner Weste mit Hirschhakenknöpfen, schwarzer Krawatte, hellgelben Kniehosen, grünseidenen Strümpfen und Schnallenschuhen, dazu hatte der Oberjägermeister von Plato ein lila Gesicht mit hellblauem Kneifer und graumelierten Igelhaaren. Ich war tief erschüttert durch diesen Anblick und die sieben Schwaben, die sich außerdem noch in dieser Tracht befanden, denn sie entwickelten die abenteuerlichsten Beinformen. Südamerikanische Wellensittiche mit gestutztem Schweif sehen so aus. Der Gedanke war ja nicht übel, aber zu einem so gewagten Kostüm gehört ein eleganter Habitus und ein eleganter Schneider. Beides war erschreckend abwesend. Am zweiten Jagdtage wiederholten sich die Bemühungen des Forstassessors von Bebenhausen, die Lehmberge mit seinen Strippenhosen zu erklimmen, und das einzige lebende Wesen, das ich dieses Mal zu Gesicht bekam, war zu meinem höchsten Erstaunen ein Achtender, der mit Windeseile einen Berghang hinabtobte und dem ich nun zum höchsten Erstaunen der Nachbarn – und auch meines eigenen – eine Kugel mitten auf das Blatt setzte. Die Gratulationscour, die jetzt begann, kann ich nur mit den Glückwünschen vergleichen, die ich zu meiner Hochzeit erhielt. Spät am Abend trat ich die Heimreise über Stuttgart an – bei bester Stimmung und voller Dankbarkeit für die liebenswürdigen Majestäten, deren Güte, Natürlichkeit und Herzlichkeit jedermann gewinnen müssen. Wenn ich es mir nicht versagen konnte – bei meiner unwiderstehlichen Neigung, mich an der Komik des Lebens zu erfreuen –, Ew. Majestät die heiteren Seiten dieses Bebenhausener Aufenthaltes zu schildern, so möchte ich auch nicht den leisesten Schein von Undankbarkeit erwecken, die gewiß nicht zu meinen Eigenschaften gehört, und bitte deshalb Ew. Majestät alleruntertänigst, diese Schilderung höchstens im intimsten Kreise – und ohne Hinzuziehung von Untertanen König Wilhelms erwähnen zu wollen. (gez.) Philipp Eulenburg. Es führte mich mein Weg im Herbst des folgenden Jahres von München wiederum zur Hofjagd des Oberjägermeisters von Plato nach Bebenhausen. Ich entnehme meinen Tagebuchnotizen die folgende Darstellung: 30. November 1892, Stuttgart. Ich besuchte vormittags meine Freunde; Baronin Reitzenstein und Gatten, und freue mich, die liebenswürdigen Menschen wiederzusehen. Ebenso den guten Fürsten Karl Urach, der sehr erfreut über dieses Wiedersehen ist. Nachher spreche ich bei Okoliczani vor, der mir wieder vorjammert, daß er als österreichischer Gesandter in dem elenden Stuttgart seine Begabung eintrocknen lassen muß. Bei unserem Gesandten Saurma frühstückte ich und fahre um 1 Uhr nach Tübingen, von dort im königlichen Wagen nach Bebenhausen. Auf der Bahn treffe ich zu meiner Freude den Fürsten Hohenlohe Langenburg und den kommandierenden General von Lindequist, den ich recht gern habe. Beide sind, wie ich, zur Jagd nach Bebenhausen geladen. Der König begrüßt mich in dem herrlichen Schlosse voller warmen Freundschaft, und wir versinken sofort in allerhand interessante Gespräche. Dann begebe ich mich zum Diner um 7 Uhr. Danach lange Unterhaltung mit der Königin, Prinzessin Pauline und ihrer reizenden Hofdame Gräfin Degenfeld. Ich werde zum Flügel geschleppt und muß endlos meine Balladen und Lieder singen. Bebenhausen, 1., 2. und 3. Dezember 1892. Die Jagden beginnen morgens um 1/2-9 Uhr bei stetig gutem Wetter. Zum Jagdfrühstück kommen die Königin mit Hofdame Degenfeld und Prinzessin Pauline. Die Königin bezaubert durch ihre schönen Züge, doch mehr noch durch ihr einfaches, natürliches Wesen, das niemals würdelos wird. Ihre Freude an Musik und anregender Unterhaltung, die sich auf andere Gebiete erstreckt, als auf die Realitäten eines königlichen Hofes, ist sehr wohltuend. Überhaupt ist dieses Königspaar ohne jegliche Faxen und Gebärden eine Wohltat. Daß ich jeden Abend nach dem Diner und der immerhin recht ermüdenden Jagd viel musizieren muß, ist eine Art »Arbeit«, die ich aber gern verrichte, da ich der guten Königin unendliche Freude damit mache. Das männliche Publikum in seiner papageiartigen Jagd-Hoftracht steht abseits, bespricht die Jagderlebnisse und findet mich jedenfalls unbequem mit meinen Geräuschen am Klavier. Zwei Abenteuer erlebte ich. Ein sehr reales und ein sehr geistiges. Das reale am ersten Jagdtag, das geistige am zweiten. Wir frühstückten um die Mittagszeit im Walde in einem Zelt. Die Königin und Gräfin Julie Degenfeld hatten sich dazu eingefunden und wollten den Schluß der Jagd erleben; die Königin war so liebenswürdig, mich auf meinen Stand zu begleiten. Wir standen einsam auf einem schmalen Fahrweg, der an einer mit Niederwald bewachsenen Berglehne entlang führte. Vor uns stieg das Terrain auf, bedeckt mit Buchengebüsch in Manneshöhe. Ich hatte meinen Leibjäger sich vor mir mit meiner Munition an der Berglehne in dem Buschwerk setzen lassen. Ich stand dicht neben der Königin, die Büchse gespannt in der Hand. Wir sprachen ganz leise miteinander, um das nahende Wild nicht zu vertreiben. Das Signal war gegeben, der Trieb hatte begonnen, der sich uns entgegenbewegte. Nichts war zu hören – es sollte nur auf Hirsche geschossen werden. Ganz leise fragte mich die Königin. »Ich hörte oft von ›Kugelpfeifen‹ sprechen, was versteht man darunter?, ist das ein Ausdruck des Jägerlateins?« »Nein«, antwortete ich, »das Wort beruht auf dem Geräusch, das die fliegende Kugel macht. Schlägt sie an einen Stein oder prallt sie von einem harten Gegenstand ab, so saust sie in hohem Bogen weiter, eine Art leise heulenden Ton erzeugend. Das sind ungefährliche Kugeln. Gefährlich sind die Kugeln, die dicht bei uns vorbeisausen und deren Geräusch, wenn sie uns fast berühren, ein ganz kurzer Ton ist, der leise so lautet, als wenn wir mit den Lippen kurz ›ps‹ sagen.« Ich hatte kaum diese Erklärung gegeben, als, gleichsam wie eine Bestätigung der Richtigkeit meiner Worte, der verräterische kurze Laut in Verbindung mit einem Schuß, der weit vor uns fiel, deutlich vernehmbar war: »ps!« Wir fuhren auseinander, und ganz entsetzt sprang mein Leibjäger aus dem Gebüsch zu uns hervor. »Nun«, sagte ich, »da wir noch lebendig sind, so wollen wir in Ruhe das Weitere abwarten. Ich denke, daß nicht jede Kugel wieder zu uns herübersausen wird! Aber ich muß gestehen, daß ich die Sache ziemlich ›merkwürdig‹ finde!« Die arme Königin war sehr blaß geworden, und unsere Unterhaltung wollte nicht recht wieder in Gang kommen. Ich schäumte innerlich vor Wut über Herrn von Plato, der die Anordnung der Triebe und die Anstellung der Schützen besorgt hatte. Ich malte mir den ganzen Tag die schrecklichen Möglichkeiten aus, die sich durch einen »Treffer« hätten ergeben können: die Königin erschossen neben mir! – Wer hat sie erschossen? Weshalb stand sie allein neben mir? Ein furchtbares Drama für ganz Deutschland – für Württemberg, für den König! Ich empfinde jetzt, da ich dieses niederschreibe, bis zum größten Unbehagen wieder diese Gedanken. Nach dem Abblasen des Triebes wanderten wir zu dem angesagten Rendezvousplatz, vermieden aber, von dem Vorfall zu sprechen, um nicht unliebsame Erörterungen hervorzurufen. Doch versagte ich es mir nicht, im strengsten Vertrauen dem Herrn Oberjägermeister davon Kenntnis zu geben, um zu verhindern, daß der betreffende Schütze künftig wieder mit der Kugel in den Trieb hineinschießt. Wenn es Herrn von Plato möglich gewesen wäre, noch blauroter zu werden, als die Natur sein Angesicht bereits gefärbt hätte, so wäre es sicherlich bei meiner Mitteilung geschehen. Ich ersuchte ihn in sehr deutlicher Form, den Schützen sofort festzustellen und zu verwarnen. Das zweite Abenteuer war ein geistiges, da man einen Spuk nicht gerade als materiell bezeichnen kann. Dieser Spuk war gottlob recht harmlos und entschieden angenehmer als der Spuk von Sigmaringen, der mir 1890 die ganze Nachtruhe störte Siehe S. 200. . Das uralte Kloster Bebenhausen enthält verschiedene Höfe. An seiner Innenseite befinden sich im ersten Stockwerke lange Gänge mit großen Fenstern nach der Hofseite, beziehungsweise nach den reizenden Gärtchen, zu denen die Höfe umgestaltet sind. Die Türen führen zu den einzelnen Zellen, die untereinander keine Verbindung haben. Diese Zellen sind jetzt als Gastzimmer hergerichtet. Auf meinem Gang befand sich, einige Zellen von der meinen entfernt, auch das Zimmer meines Leibjägers. Es war im Schummerlicht, nach der Rückkehr von der Jagd, als ich mich ausziehen wollte, um etwas zu ruhen. Ich trat aus meiner Tür auf den Gang, der völlig leer war, um Emanuel Mein langjähriger Leibjäger. zu rufen, als ich am Ende des Ganges eine schwarze Gestalt bemerkte, die langsam auf mich zugeschritten kam. Es lag mir so fern, an einen Spuk zu denken, daß ich mir den Kopf zerbrach, ob die langsam schreitende Gestalt ein Mann oder eine Frau sei. In einer der Türen, in nicht großer Entfernung, verschwand die Figur in dem Augenblick, als Emanuel aus seiner Zelle trat, um zu mir zu kommen. Ich hatte plötzlich ein eigentümliches Empfinden, ging ihm entgegen bis zu der Tür, vor der die Gestalt verschwunden war, und fragte ihn, ob er hier jemand gesehen habe. Er sagte, daß er im Augenblick des Hinaustretens einen schwarzgekleideten Menschen gesehen habe, doch sei dieser plötzlich verschwunden gewesen. Ich wollte nicht eine Geschichte aus meiner Beobachtung machen und schwieg. Doch merkte ich mir die Tür der Zelle, durch die anscheinend die Gestalt verschwunden war. Ich sagte Emanuel, er möge anklopfen und fragen, »wo der Fürst Hohenlohe« wohne, und ging zurück. Er meldete, daß niemand geantwortet habe und die Tür verschlossen sei. Abends, nach dem Diner, saß ich mit der Königin und Gräfin Degenfeld allein auf einem Etablissement bei dem Flügel. Ich begann sehr vorsichtig (da ich mich nicht blamieren wollte) von den Klostergängen zu sprechen und speziell von dem meinen: ob da außer mir noch andere Gäste wohnten? Das wurde verneint. An der Stelle, wo der Gang an der Ecke des Hofes sich wendete, habe die Königin zwei Zimmer. Plötzlich fragte die Königin, mich mit einer gewissen Neugierde betrachtend. »Weshalb erkundigen Sie sich nach den Bewohnern Ihres Ganges? Haben Sie dort jemand gesehen?« Ich lachte und meinte, es sei wohl irgendein Dienstbote gewesen, den ich in eine Zelle treten sah, sonst habe ich niemand erblickt. »Wahrscheinlich schwarz«, sagte die Königin zu meinem Erstaunen. »Können Sie mir die Zelle bezeichnen, in die die schwarze Gestalt ging? – Ich will Ihnen offen sagen, daß ich weiß, wen Sie gesehen haben.« »Wer war es?« »Ich weiß es nicht«, antwortete die Königin ziemlich belustigt. »Ich weiß eben nur, daß diese Gestalt vorhanden ist, denn ich sah sie öfters, sogar einmal mit meinem Bruder zusammen, denn sie trat in mein Zimmer, dort bei dem Gang, wo Sie wohnen, und verschwand plötzlich vor unseren Augen.« Ich fragte weiter, ob die Königin und ihr Bruder die Gesichtszüge der Gestalt erkannt hätten? Die Königin erklärte, es habe wie schwarzer Schleier ausgesehen, während die Kleidung wohl die eines Mönches gewesen sei. Das stimmt allerdings genau mit dem überein, was ich gesehen hatte. »Was ist denn aber in jener Zelle, vor der ich mit meinem Jäger stand?« »Nichts. Die Tür ist stets verschlossen. Altes Gerümpel liegt darin, und einen Ausgang hat die Zelle nicht. Wir sind nicht die einzigen, die jene Gestalt sahen, und man hat Wache gestanden vor der verschlossenen Tür, bis eilig der Schlüssel geholt war. Aber man konnte natürlich nichts entdecken. Wir haben uns längst daran gewöhnt, und niemand spricht jetzt mehr von der Gestalt. Sie ist uns gleichgültig geworden, da sie harmlos ist und nur hin und wieder das Gespräch sich ihr zuwendet. Aber der König liebt nicht, daß man davon spricht. Ich finde nichts dabei. Glauben oder Nichtglauben, darum handelt es sich, und jeder kann das halten, wie er mag.« Ich hatte auch nichts dagegen einzuwenden, schlief in meiner Zelle vortrefflich und ohne jede Störung.   II. Sigmaringen, 26. November 1890. Minister Mittnacht ladet mich zu der Eröffnung der Bahn von Stuttgart nach Tuttlingen-Sigmaringen ein, und ich fahre morgens mit ihm und den Ministern bei vielem politischen und nichtpolitischen Geschwätz ab. Frühstück auf dem Bahnhof in Tuttlingen. In Sigmaringen habe ich mich bei dem Fürsten zum Besuch angesagt und werde sehr freundlich von ihm im Schlosse aufgenommen. Großes Diner mir zu Ehren. Die Fürstin (geb. Prinzessin von Portugal) ist nicht anwesend, jedoch lerne ich die völlig taube Mutter des Fürsten kennen. Sie interessiert mich, weil sie die einzige noch lebende Schwester Kaspar Hausers ist. (Tochter des Großherzogs Karl von Baden und Stephanie Beauharnais, Adoptivtochter Napoleons). Fürst Leopold ist im Gegensatz zu seinem Vater, dem Fürsten Anton, der seinerzeit als preußischer Ministerpräsident eine politische Rolle spielte und 1885 starb, eine etwas weiche Natur. Solche pflegen liebenswürdiger zu sein als die harten, und in der Tat ist Fürst Leopold, dem ich in Berlin und Potsdam öfters, doch nur oberflächlich, begegnete, ein äußerst liebenswürdiger Mensch – zugleich der aufmerksamste Wirt, den man sich denken kann. Es machte ihm Freude, mir die schönen Räume und Kunstschätze des großen, alten Schlosses zu zeigen, und er geleitete mich, nachdem wir endlos nach dem Diner über brennende politische Fragen geredet hatten, freundlich zu meinem Quartier, das mir einen sehr behaglichen Eindruck machte. Leider wurde das Behagen, das ich beim Betreten des Zimmers empfand, bald gestört, und zwar in so eigentümlicher Weise, daß ich es für wert hielt, mir auf der Heimreise am folgenden Tage die Vorgänge aufzuzeichnen, die in mir – ich will es nicht leugnen – einen starken Eindruck hinterlassen haben. An einem langen Gang in einem der Flügel des uralten, in vielen Winkeln gebauten Schlosses lagen die Zimmer, die ich bewohnte. Eine Tür führte von dem Gang in meinen Salon, von diesem eine Tür in mein Schlafzimmer, das keine Tür zu dem Gang besaß, sondern nur die Tür zu dem Salon und eine, die zu dem danebenliegenden Zimmer meines Leibjägers Emanuel Bartsch führte. Da wir ganz allein in dem Flügel, oder in der ersten Etage, wohnten, so gab ich Emanuel den Auftrag, sowohl seine Tür als die Tür, die von dem Salon auf den Gang führte, zu verschließen und die Schlüssel im Schloß steckenzulassen. Ich legte mich müde zu Bett. Emanuel schlief in der Nebenstube. Auf meinem Nachttischchen standen zwei silberne Leuchter, die ich angezündet hatte, und Schwefelhölzer in einer Metallbüchse. Ich las Zeitungen und löschte, als ich die Blätter durchgesehen hatte, die Lichte. Kaum war dieses geschehen, hörte ich Tritte in meinem Salon, zu dem die Tür offen stand, und es trat jemand in mein Zimmer, den ich bei tiefer Dunkelheit nur hören, nicht sehen konnte. Ich rief, ziemlich erschreckt, doch in der Meinung, daß Emanuel die Tür zu dem Salon zu verschließen vergessen oder doch versehentlich nicht vollkommen abgeschlossen habe. »Wer ist da? Was wollen Sie?« Keine Antwort. Ich wiederholte bei der vollkommenen Stille ziemlich dringend die Frage, hatte dabei die Zündholzschachtel ergriffen und machte Licht – doch alles war leer, kein Mensch vorhanden. Einigermaßen erstaunt und in der Meinung, daß vielleicht irgendein Schall aus einer anderen Etage den täuschenden Laut hervorgerufen habe, stand ich doch auf, ging in das Nebenzimmer und untersuchte das Schloß. Die Tür war vollkommen und gut verschlossen, der Schlüssel steckte in dem Schlüsselloch. So legte ich mich denn ziemlich ärgerlich von neuem ins Bett und ergriff wiederum die Zeitungen, da ich vollkommen wach geworden war. Doch nachdem ich wieder das Licht ausgelöscht und mich umgewendet hatte, um nun endlich zu schlafen, wurde ich abermals durch Tritte gestört – und zwar dicht neben meinem Bett. Ganz besonders aber wurde ich dadurch erschreckt, daß sich jemand, seltsam klappernd, scheinbar an meinen Leuchtern und den Zündhölzern zu schaffen machte. Ich zauderte, ob ich danach fassen sollte und rief, recht arg beunruhigt, laut. »Wer ist da! – Was wollen Sie?« Da aber hatte ich auch die Zündhölzer gefaßt, und die Flamme leuchtete auf. Ich hatte ein Gefühl des Schreckens, als müsse ich nun irgendeine unerklärliche Gestalt neben mir stehen sehen – doch nichts, absolut nichts war sichtbar. Das Zimmer unberührt, alles stand an seinem Platze. In einem feigen Gefühl, daß sich jemand in irgendeinem Winkel des Zimmers oder hinter einer Gardine könnte verborgen haben, rief ich laut. »Emanuel.«, und sehr verschlafen erschien mein Leibjäger in der Tür. »Hast du deine Tür nach dem Gang verschlossen?« fragte ich. »Jawohl.« »Hier höre ich zum zweitenmal Schritte, die aus dem Salon kommen. Es kann irgendeine Katze, ein Marder oder eine Ratte sein. Mir ist es lieber, du legst dich in den Salon aus ein Sofa, ziehe dir deine Kleider an, damit du nachsehen kannst, sobald ich rufe oder du etwas vernehmen solltest.« Der treue Emanuel untersuchte jeden Winkel des Zimmers und legte sich auf das große grüne Samtsofa in dem Salon nieder. Ich löschte meine Lichter aus. Dasselbe tat er in dem Salon, und ich legte mich nun in etwas gemütlicherer Stimmung auf das Ohr. – Plötzlich hörte ich im Salon laut Emanuels Stimme. »Halt. Wer ist da?« – dann wurde ein Licht angesteckt, während ich wieder neben mir Schritte am Bett fühlte und hörte, die ich für Emanuels Schritte hielt, doch sobald der Lichtschimmer durch die Tür fiel, war alles neben mir still, und kurz darauf kam dieser entsetzt in meine Stube gestürzt. »Durch die Tür kam es gegangen«, rief er, »an mein Sofa – als wollte es den Tisch fortziehen – und dann ging es hier hinein –, wer war es denn?« »Die Tür zum Gang war doch sicher zugeschlossen?« fragte ich, ziemlich unangenehm berührt durch seinen Schreck. »Fest verschlossen.« »Nun«, fuhr ich fort, »so will ich etwas anderes versuchen. zünde alle Lampen an, die in dem Salon, in meinem Schlafzimmer und in dem deinen stehen, damit wir den Kerl sehen, wenn er kommt – oder uns doch überzeugen können, daß das Geräusch von anderer Stelle herrührt.« Das geschah. Bei hellem Lampenlicht schlief ich allmählich ein. Emanuel gleichfalls auf seinem großen grünen Samtsofa, und alles unheimliche Gehen, Rühren und Klappern war verstummt – Geister, die das Licht scheuen. Am folgenden Morgen früh mußte ich meine Rückreise antreten. Ziemlich verschlafen und übernächtig trank ich meinen Kaffee, als mich der Hofmarschall abholte, um mich zu dem Wagen zu geleiten, der mich zu der Station fahren sollte. Wir sprachen von diesem und jenem, aber ich war rücksichtsvoll genug, den Spuk nicht zu erwähnen. Als wir hinaustraten, blickte ich zu dem Schloß hinauf, den hohen Bau nochmals betrachtend. »Dort erkenne ich meine Fenster, in dem grauen Flügel. Mit dem hohen Dach sieht er eigentlich ganz aus, als müsse dort ein Spuk hausen«, sagte ich lachend. »Sie haben gar nicht so unrecht«, antwortete Herr von Buddenbrock. »Es geht dort die ›böse Landgräfin‹ um, wie man behauptet.« »Eine böse Landgräfin?« fragte ich neugierig. »Was hat sie verbrochen?« »Sie soll ihren Gatten vergiftet haben. Mit Kompott.« »Mit Kompott?« fragte ich heiter. »Weiß man denn das so genaue« »Ja, deshalb soll sie sich jetzt immer in der Gegend der alten Speisekammer zu schaffen machen, die dort an dem Gang liegt, wo Sie wohnten. Sie klappert mit Porzellan herum, wie die Reinemachefrauen behaupten, die erklärt haben, unter keinen Umständen in die Speisekammer zu gehen und auf den Gang, da sie dieselbe sogar gesehen haben. Faktum ist, daß die Speisekammer ›verboten‹ ist. Doch das war vor meiner Zeit.« Ich bestieg den Wagen um eine Erfahrung reicher – und doch stark beeindruckt durch die böse Landgräfin. Denn an meinem Spuk war kein Zweifel möglich, und die Landgräfin trat nun unheimlich dazu. Das Klappern an meinem Nachttisch hatte eine verteufelte Ähnlichkeit mit Porzellan, das sich nicht auf dem Tischchen befand, denn Leuchter und Zündholzbehälter waren von Metall. III. Sigmaringen, 27. November 1890. (Caspar Hauser.) Ich vermag nicht von Sigmaringen zu scheiden, ohne mich nochmals der alten, stocktauben Fürstin Josephine zuzuwenden. Als Tochter der berühmten Stephanie Beauharnais, Adoptivtochter Napoleons, hat diese badische Fürstentochter ebensoviel napoleonische Tradition dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen zugeführt als der Großvater des Fürsten Leopold, Fürst Carl, der die Tochter Murats heiratete. Erst durch die Ehe des Fürsten Leopold mit einer Prinzessin von Portugal hat die napoleonische Tradition andere Wege beschritten, doch immer noch für ein Haus Hohenzollern recht exotische. Was jedoch mein besonderes Interesse bezüglich der alten Fürstin erregte, war der Umstand, daß mir ein Porträt des Caspar Hauser, das sich im Besitz der alten Baronin Wendelstadt befand, lebhaft wieder in Erinnerung gebracht wurde, als ich vor der alten Fürstin stand. Es waren dieselbe Stirn, dieselben Augen, dasselbe Kinn. Ich wurde tatsächlich durch diesen Eindruck in meiner Auffassung sehr bestärkt, daß der unglückliche Caspar Hauser der geraubte Prinz von Baden war. Ich lasse darum die kurze Aufzeichnung, die ich von einer seltsamen Episode, Caspar Hauser betreffend, machte, hier folgen – unter dem Eindruck, seiner Schwester die Hand geküßt zu haben. Ich darf wohl im allgemeinen voraussetzen, daß die Geschichte von Caspar Hauser – eine der seltsamsten, die in diesem Jahrhundert spielten – in großen Zügen bekannt ist. Sie begann damit, daß ein junger Mensch, gesund, gut gewachsen, 1828 vor den Toren Nürnbergs erschien, der nicht sprechen gelernt hatte, daher keine Angaben machen konnte, woher er kam, auch nicht die Fragen zu verstehen schien, die man an ihn richtete. Er war dürftig gekleidet und benahm sich wie ein Kind von vier bis fünf Jahren. Die Stadt übernahm ihn, gab ihn einem Bürger zur Pflege und verlieh ihm den Namen Caspar Hauser. Bald stellte sich heraus, daß der junge Mensch, der etwa vierzehn Jahre zählen mochte, als er erschien, durchaus gesunden Verstand hatte, leicht lernte und nach etwa einem Jahr fähig war, Mitteilungen über seine Vergangenheit zu machen. Er schien bei Bauersleuten, völlig getrennt von anderen Menschen, aufgewachsen zu sein, erinnerte sich aber auch, einmal in ein Schloß gebracht zu sein. Das Mysterium erregte allgemeine große Aufmerksamkeit, und es begannen Forschungen, um bei den deutschen Fürstenhöfen etwaige verschwiegene Geburten oder ein sonstiges Verbrechen zu entdecken. Der sächsische Hof wurde zunächst verdächtigt, ohne irgendeine Wirkung damit zu erzielen. Bald nachdem man den badischen Hof verdächtigte, wurde jedoch auf Caspar Hauser ein Mordanschlag in Nürnberg verübt. Ein solcher wiederholte sich und gab nun Veranlassung, daß der unglückliche junge Mann nach Ansbach in sichere Verwahrung dem bekannten Kriminalisten Feuerbach übergeben wurde, der sich mit größter Liebe Caspars annahm. Am 14. Dezember 1833 wurde Caspar Hauser im Schloßpark zu Ansbach tödlich verwundet und starb drei Tage darauf. Die Aufmerksamkeit war in immer verstärktem Maße auf das Haus Baden gelenkt worden, und zwar, weil der Großherzog Carl (1806 vermählt mit Stephanie Beauharnais) nur zwei Töchter besaß, während der Erbprinz gleich nach der Geburt 1812 gestorben sein sollte. Durch diesen traurigen Fall waren nunmehr, da der Großherzog keinen Bruder hatte, ebensowenig wie die Brüder seines Vaters Kinder besaßen, erbberechtigt geworden die Söhne des Großherzogs Karl Friedrich († 1811) aus dessen zweiter nicht ebenbürtiger Ehe mit Freiin von Geyer (zur Gräfin Hochberg erhoben). Es folgte demgemäß deren ältester Sohn Karl Leopold Friedrich (geb. 1790, † 1852) als Großherzog nach dem Tode seines Stiefbruders, des Großherzogs Karl, 1818. Diese Thronbesteigung trat also infolge des Todes des kleinen, bei der Geburt gestorbenen Sohnes der Großherzogin Stephanie ein, und die Nachkommenschaft der Gräfin Hochberg war dadurch regierungsfähig geworden. Es war aber bekannt, daß diese Dame Hochberg zu den intrigantesten, bösartigsten Geschöpfen ihres Geschlechtes gehörte. Sollte es ihr etwa gelungen sein, den unglücklichen kleinen Erbprinzen zu beseitigen? Es hatten sich tatsächlich allerhand merkwürdige Vorgänge bei der Geburt des Prinzen abgespielt, und die Mutter war überzeugt, daß man ihr das Kind geraubt habe. Die sehr anrüchige Figur eines Hauptmanns von Hoininger wurde dann genannt. Vielleicht hatte der Anschlag der Gräfin, deren Werkzeug Hoininger war, auf Tod des kleinen Erbprinzen gelautet – und Hoininger hatte es vorgezogen, das Kind zu verstecken, um es als Erpressungswaffe zu benützen. Mit dem Augenblick aber, da die Aufmerksamkeit ganz Deutschlands sich auf Baden richtete, hatte er, da er sich bedroht fühlte, zu der Mordwaffe gegriffen. Zu der Zeit, als sich die Tragödie im Schloßpark zu Ansbach 1833 abspielte, befand sich der kürzlich verstorbene Württembergische Premierminister Freiherr von Varnbüler (Vater meines Freundes Axel) Axel Freiherr von Varnbüler bis 1918 Württembergischer Gesandter in Berlin. als Student in Berlin. Von ihm persönlich vernahm ich die folgende Erzählung, als ich einst in Hemmingen das Gespräch der unaufgeklärten Geschichte des unglücklichen Caspar Hauser zuwandte. Der Minister hatte sich zu seiner Studentenzeit bei Beginn der Weihnachtsferien von Berlin nach Hemmingen mit der Fahrpost begeben, die oberhalb Ansbachs bei der Poststation an der Landstraße eine Rast machte. Varnbüler benutzte diese Zeit zu einem kleinen Gang auf der Landstraße und setzte sich bei einem Feld in den Graben, wo man einen weiten Überblick bis zu der Stadt und dem Schloßgarten hatte, der unten an die Felder grenzte. Plötzlich sah er einen Menschen auf einem zum Teil an den Abhängen verborgenen Fußweg hinauf in der Richtung zu der Landstraße laufen, und zwar so schnell, daß sich Varnbüler Gedanken darüber machte. Der Mann hatte ihn nicht gesehen, da nur Varnbülers Kopf über den Grabenrand hinausragte. In dem Augenblick, als der Mann ganz in der Nähe Varnbülers an den Graben trat, bemerkte er, daß er den Menschen kenne, doch sich nicht erinnere, wer er sei. Dieser richtete den Kopf zur Seite und trug, als er ihn wieder gegen Varnbüler hinwandte, völlig veränderte Züge. Hierauf schritt der sonderbare Mensch auf ein nahes Dorf zu. Gleich darauf mußte Varnbüler sich für die Weiterfahrt an die Poststation begeben und setzte die Reise nach Stuttgart und Hemmingen fort. Einige Tage später brachten die Zeitungen die allgemein große Aufregung hervorrufende Nachricht, daß der arme Caspar Hauser im Schloßpark zu Ansbach ermordet worden sei. Selbstverständlich fiel Varnbüler der mysteriöse »Läufer« ein, immer noch ohne sich erinnern zu können, an wen ihn dessen Züge erinnert hatten. Erst nach längerer Zeit, als bei gewissen geheimen Untersuchungen des Falles die Persönlichkeit des Hauptmanns von Hoininger genannt wurde, fiel ihm plötzlich ein, daß dieser die Persönlichkeit gewesen sei, an die ihn der laufende Mann in Ansbach am Tage des Mordes erinnert habe. Varnbüler hatte viel in Karlsruhe verkehrt, einigemal den Hauptmann gesehen und ihn auch flüchtig kennen gelernt, der im allgemeinen wegen seines Wesens und allerhand mysteriöser Geschichten gemieden wurde. Auch erinnerte er sich, damals gehört zu haben, daß dieser eine große Gabe der Verstellung besaß. Die Untersuchungen in Karlsruhe führten jedoch zu keinem greifbaren Abschluß. Darum hielt es auch Varnbüler nicht für angezeigt, eine Mitteilung zu machen, die schließlich doch auf einem Irrtum beruhen konnte. Die bis in die heutige Zeit fortgesetzten Publikationen über Caspar Hauser wurden auffallenderweise stets von unbekannter Seite aufgekauft. In denen, die ich mir anschaffen konnte, wurde nicht nur der Raub des Erbprinzen in einwandfreier Form dargestellt, sondern jedesmal auch der Hauptmann Hoininger als »der große Unbekannte« bezeichnet, der allein in Frage kam, das Verbrechen begangen zu haben. Auffällig war die Haltung, welche die badische Regierung gegenüber Hoininger einnahm, der schließlich unter einer Art Schutz derselben lebte. Daß die Mitglieder des von mir so verehrten Hauses Baden bei den andauernden Verlusten in der Familie und dem augenscheinlichen Zusammenschmelzen ihrer Mitgliederzahl unter dem Bann der Gedanken an eine Schicksalsverfolgung stehen, ist erklärlich. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß dieser Druck sich im Laufe der Jahre verlieren möge. IV. Begegnung mit Graf Zeppelin. Hemmingen, 29. Dezember 1890. Sehr lustige große Hasenjagd bei meinem Freunde Axel von Varnbüler. Mein Nachbar während eines langen Triebes ist General Graf Zeppelin, den ich vom Kriege 1870 in Straßburg kenne. Er hatte sich damals durch einen waghalsigen Rekognoszierungsritt berühmt gemacht. Heute erschreckte er mich in seiner aufgeregten Weise durch die genaue Schilderung eines lenkbaren Luftschiffes, das er erfunden haben wollte. Er hatte sich vor Beginn des Triebes auf meinen Stand begeben und begann sofort, bis in die Details gehend, mir die Konstruktion auseinanderzusetzen, die zu der Lösung des Problems eines lenkbaren Luftschiffes führen müsse. Vor lauter Schrauben, Rädern und Steuervorrichtungen in geheimnisvollen technischen Ausdrücken, die ich natürlich nicht verstand, schwindelte mir – wohl schon aus dem Grunde, weil ich bereits als Knabe gegen jedwede Maschine mit Ölgestank eine tiefinnerliche Abneigung empfand und mich auch später mein Schicksal sehr abseits von Maschinen führte. Jetzt aber wurde mir plötzlich unheimlich zu Mut. Zeppelin rollte merkwürdig mit den Augen und zeigte mir mit seiner geladenen Doppelflinte allerhand Linien und Richtungen, die sich auf das Luftschiff bezogen, was mir plötzlich nicht etwa den mythologischen Ikarus, sondern den Besuch eines Irrenhauses bei Leipzig in Erinnerung brachte, wohin mich, leider, ein Studienfreund geführt hatte, der dort einen »vollkommen ruhigen« Onkel besuchen wollte. Der Aufsichtsarzt hatte mir bei dieser Gelegenheit zwei Verrückte gezeigt, die eifrig an einem »Luftschiff« bauten, und dazu bemerkt. »Gerade dieser Wahnsinn kommt oft vor.« Zeppelin war weit davon entfernt, mich an den »ruhigen« Onkel in Leipzig zu erinnern. Mit rollenden Augen und der als Metermaß verwendeten geladenen Doppelflinte schien meine Lage andauernd bedroht. Die beiden emsigen Luftschiffbauer in Leipzig aber erschienen mir im Vergleich mit Zeppelin als reine Engel. Unterdessen waren einige Schüsse auf dem rechten Flügel gefallen. Sollte ich wagen, Zeppelin in seiner Beschreibung der inneren Gewichtsverteilung des Luftschiffes zu unterbrechen? Er würde mich vielleicht ohne weiteres totschießen. Da erschien wie ein Götterbote des Himmels – ein Hase, und zwar nahm dieser die Richtung auf den von Zeppelin verlassenen Stand. Man sah ihn die Berglehne, unbeirrt durch das Geschrei der Treiber. »Gela! Gela«, in gerader Linie hinauf eilen. Ich faßte Mut und Zeppelin an den Arm. »Sehen Sie! – der Hase. – genau die Richtung auf Ihren Stand .« rief ich. »Wer?« – fragte Zeppelin, wild um sich blickend. »Ein Hase.« »Wo?« »Vor Ihrem Stand.« »Donnerwetter!« rief Zeppelin, faßte waidgerecht seine Flinte, stürzte fort und schoß an dem Hasen vorbei. »Donnerwetter!« murmelte ich nun still für mich, »wenn Zeppelin Miene macht, zu mir zurückzukehren, schützte ich Bauchschmerzen vor und verschwinde.« Aber er kam nicht. »Sage mir um Gottes willen, Axel«, redete ich nach beendetem Triebe meinen Freund an, »ist Zeppelin verrückt – oder was fehlt ihm?« »Ach«, erwidert Axel in seiner langsamen eindringlichen Art und mit jenem, ihm eigentümlichen melancholischen Augenaufschlag von unten nach oben, »hat er dir auch ... ...« »Von dem Luftschiff.« »Ja. Es ist fürchterlich. Wir müssen alle heran.« »Ist er denn närrisch geworden?« »Ach, weißt du – wer ist nicht verrückt? Wenn ich hier meine Nachbarn mit Zeppelin vergleiche – –« »Bauen die auch Luftschiffe?« Axel lachte. »Ich will dir sagen, Axel: mehr oder weniger bauen wir alle Luftschiffe. Aber mit einer geladenen Doppelflinte erscheint mir Zeppelins Tätigkeit doch – zu eindrucksvoll.« – – Einige Jahre später, es war in dem Jagdhaus Rominten, saß ich neben Kaiser Wilhelm II. in kleinem Kreise an der Abendtafel. Der Kriegsminister hatte vormittags Vortrag gehalten und war wieder abgereist. Ich hörte von den Adjutanten den Namen Zeppelin aussprechen. »Ja, Zeppelin«, sagte der Kaiser, als ich fragte, ob von ihm seitens des Kriegsministers die Rede gewesen sei, »das ist eine üble Sache. Immer wieder hat er einen Beitrag vom Kriegsministerium für seine Versuche beantragt und erhalten. Das hat nun ein Ende. Die Versuche des Kriegsministeriums sind viel aussichtsvoller. Zeppelin ist ja halb verrückt mit seinem Projekt. Er tut mir leid – aber immer wieder für eine, durch das Kriegsministerium als völlig aussichtslos erklärte Sache Geld zahlen, ist Unsinn.« Ich schwieg. Zeppelin tat mir auch leid. Mir fiel wieder Leipzig ein. Der »ruhige Onkel« meines Studienfreundes Burghard war entschieden glücklicher als Zeppelin. Was sollen wir Menschen auch in der Luft machen? Wir gehören auch nicht zum Wasser, denn wir haben weder Flossen noch Flügel, sondern Beine und Arme. – Doch Zeppelin schien anderer Ansicht zu sein.   Zwölf Jahre später. Es erübrigt sich, von Zeppelins Erfolgen zu sprechen. Daß ich ihn nicht bei der Hasenjagd in Hemmingen »erkannte«, verzeihe ich mir. Mir fehlt der Sinn für Mechanik. Ich bin ein »Naturmensch« – wenn auch kein Wilder. Am Hofe von England Tagebuchnotizen. 27. Juli 1893. Ich treffe um ½9 Uhr früh in Kiel ein und begebe mich sofort auf die »Hohenzollern« und begrüße den Kaiser. Um 11 Uhr geht die Fahrt an. Der Tag ist schön, die See ruhig. Es wird auf Deck promeniert, und ich spreche viel den Kaiser. Die für Cowes mitgenommene Matrosenkapelle spielt zu den Mahlzeiten. In der Reisegesellschaft haben sich einige Veränderungen gemacht: die Adjutanten Seckendorff und Hülsen sind durch Arnim und Helmuth Moltke abgelöst. Dazu ist Kapitän Siegel gekommen. Die Kaiserin war abends vorher nach Wilhelmshöhe abgereist. Die Fahrt geht durch den kleinen Belt zwischen den dänischen Inseln hin. Die hübsche Landschaft bei sonniger Beleuchtung, die Städte und Orte am Ufer bieten ein abwechselndes, anziehendes Bild. Später geht die Fahrt an der Küste Jütlands hin. Abends wird eine große Zitherpartie mit dem Kaiser arrangiert. Ich spiele das Harmoniflüte dazu. 28. Juli 1893. Um 5 Uhr kommt Emanuel Der Leibjäger. an mein Bett, da es stark schaukelt. Ich bleibe noch bis 7 Uhr liegen und stehe dann auf. Der Kaiser ist auf Deck. Es war ihm auch nicht wohl. Wir wanderten auf und nieder, und ich legte mich dann auf eine der vielen Chaiselonguen von Rohr, wo ich stundenlang liegenblieb. Um 1 Uhr frühstückte ich auf Deck mit dem Kaiser und Görz. Nachmittags wurde es mir langsam besser, so daß ich schließlich am Abendessen um 8 Uhr teilnehmen konnte. Fast alle litten an der schwankenden Bewegung des Schiffes. Die Bewegung war um so fataler, als eigentlich kein Seegang war. Wir hatten nur an der Nordspitze von Jütland Wellen. Später, als wir die ganze holländische Küste entlangfuhren, war nur geringe Dünung. Der Abend mit Mondschein bei klarem Himmel und mit den zahllosen Leuchtfeuern in Holland wäre herrlich gewesen, wenn nicht das ewige Ankämpfen gegen Übelkeit schließlich die Nerven ganz heruntergebracht hätte. 29. Juli 1893. Ich erwache nach einer herrlich ruhigen Nacht. Das Schaukeln hatte nachgelassen. Beim Aufstehen ließ der Kaiser sagen, daß die englische Küste sichtbar sei. Ich ging auf Deck und sah Dover in seiner malerischen Lage auf den Kreidefelsen, vom alten Castle überragt. In der Nähe auf einer Sandbank blickten drei Masten eines gescheiterten Schiffes aus dem Wasser. Das Wetter war ruhig und ein wenig nebelig. Von Dover langten auf einem Kutter Botschafter Graf Hatzfeld und Legationsrat Graf Metternich an. Wir frühstückten und promenierten bei den Klängen der Marinekapelle an Deck mit dem Kaiser. Der Kurs ging an der englischen Küste entlang. Folkestone, Brighton wurden sichtbar. Um 1 Uhr wird gefrühstückt. Um 3 Uhr fahren wir zwischen zahllosen Schiffen und Yachten bei Osborne vorüber, das auf der Höhe der Insel Wight liegt, nach Cowes, wo wir vor Anker gehen. Die deutschen Kriegsschiffe salutieren. Es ist ein herrlicher Anblick – die schöne grüne Insel mit allen Fahrzeugen davor. Bald nach der Ankunft erscheinen der Herzog von Connaugh und der Prinz von Wales. Der Kaiser empfängt sie, als englischer Admiral angezogen, und stellt uns vor. Im Lauf des Nachmittags kommen allerhand Engländer zur Meldung an Bord. Der Kaiser fährt zur Königin. Ich fahre mit August Eulenburg und einigen Herren ans Land, um uns einzuschreiben. Die Insel ist reizend. Es liegen zahllose Landhäuser im Grünen. Am schönsten aber ist der Park von Osborne und der des Landsitzes des Herzogs von Bedford Noris Castle. 30. Juli 1893. Herrlicher Tag und festliche Beleuchtung. Um 1/2 11 Uhr ist Gottesdienst an Bord, den der Kaiser abhält. Die Musik spielt dazu Choräle. Dann segeln wir bei ziemlich starkem Wind mit dem »Meteor«, der sehr hübsch, mir aber für den Kaiser zu unsicher scheint. Um 1 Uhr frühstücken der Herzog von Connaught und die Herzogin (Tochter des Prinzen Friedrich Carl von Preußen), Prinz Christian von Holstein (Schwiegersohn der Königin) und dessen Tochter bei uns. Später fahre ich an Land und besuche den geistreichen Botschafter Hatzfeld, der leider recht elend ist. Zum Diner bin ich mit dem Kaiser und dem Prinzen von Wales auf der Yacht »Osborne«. Der Herzog von Connaught, Prinz Eduard Sachsen-Weimar Vetter des Großherzogs Karl Alexander von Weimar, geb. 1823. In englischen Diensten General. Verm. morganatisch mit der Tochter des Herzogs von Richmond, worüber die Königin wütend war und sie zur Prinzessin von Sachsen erhob, da sie sich in Weimar nur Gräfin Dornburg nennen durfte. und Prinz Heinrich Battenberg Gatte der jüngsten Tochter der Königin, Beatrice. Persönlich mit mir seit 1873 in Darmstadt bekannt. Ein sehr liebenswürdiger Mensch. nehmen daran teil. Die Prinzessin von Wales ist noch nicht hier. Ich sitze neben Prinz Weimar und einem englischen Lord, mit dem ich mich recht gut unterhalte. Der alte Eduard Weimar, Oberstkommandierender a. D., ist ein vortrefflicher, alter und braver General, der kaum mehr deutsch versteht. Der Prinz von Wales ist sehr liebenswürdig zu mir. Connaught ist ganz charmant und bei weitem der netteste der männlichen Königsfamilie. Nach dem Diner spielt die Kapelle der »Hohenzollern« auf der »Osborne«. Eine Depesche aus London, durch Sir Ponsonby, den Sekretär der Königin, an den Prinzen von Wales gebracht, fällt wie eine Bombe in die Gesellschaft: Frankreich scheint England den Krieg erklären zu wollen. Ich befand mich sofort mit Wales in sehr schlimmer politischer Unterhaltung. Wir kehren nach der »Hohenzollern« zurück und halten mit dem Kaiser bis 2 Uhr nachts Rat. Metternich (erster Sekretär der deutschen Botschaft), Kiderlen und ich. Ich schlafe wenig. Alles sieht sehr ernst aus. Memorandum zum 30. Juli 1893. Die brennende Politik. Der Kaiser ging sogleich nach der Rückkehr auf die »Hohenzollern« mit mir in seinen Salon und hatte völlig die Nerven verloren. Ich habe ihn eigentlich niemals so fassungslos gesehen und mußte alle Gedanken zusammennehmen, um ihn mit vernünftigen Argumenten zu beruhigen. Es war nach dem Besuch der französischen Flotte in Kronstadt der zweite große Choc, der sich infolge der Nichterneuerung des Geheimvertrages mit Rußland einstellte. Das Vorgehen der Franzosen in Siam, die Besetzung des Mekong-Ufers durch sie, die Stellung des Ultimatums an Siam kann nur bedeuten, daß Frankreich seine Machtsphäre in Hinterindien ausdehnen will, und zwar in Anlehnung an Rußland, das Indien im Norden bedroht, während Indien hier von Süden her bedroht erscheint. Der Kaiser erklärte, »daß Englands Flotte schwächer als die Flotten von Frankreich und Rußland zusammen sei. Auch mit Hilfe unserer kleinen Flotte bliebe England schwächer. Die Franzosen wollten jetzt nun Rußland zu einer Aktion treiben, was bei der feindlichen Haltung Kaiser Alexanders gegen ihn glücken könne. Unsere Armee sei nicht stark genug, um gegen Frankreich und Rußland zu fechten. Die Franzosen hätten sich den Zeitpunkt geschickt ausgesucht. Untätig abzuwarten, daß die Wellen einem über den Kopf zusammenschlügen, sei unmöglich. Das ganze Prestige Deutschlands ginge verloren, wenn man nicht eine führende Rolle übernähme – und ohne eine Weltmacht zu sein, sei man eine jämmerliche Figur. Was soll man tun?« Ich sagte dem Kaiser, daß in diesem Augenblick die Krankheit Hatzfelds ein Pech sei, weil man nicht mit ihm beraten könne, aber es sei immerhin kein Grund vorhanden, um zu verzagen. Besonders weil ich in der Lage gewesen sei, die Wirkung der bedrohlichen Nachrichten auf sehr maßgebende Persönlichkeiten, wie den Prinzen von Wales, beobachten zu können, nicht minder als auf den Zügen Ponsonbys, der geradezu erschüttert ausgesehen habe – von den anderen allen gar nicht zu reden. Danach sei ich der Meinung, daß England nicht kämpfen, sondern abwarten wird. Vorderhand seien wir Zuschauer, und glückte uns eine solche Rolle im Kriege der anderen Mächte, so würden wir nicht schlecht dabei fahren. Vor allen Dingen solle der Kaiser sich nicht hier für irgend bindende Erklärungen einfangen lassen, sondern möglichst schweigsam die Äußerungen der Engländer mit einem wohlwollenden Lächeln anhören. Im übrigen dürfte ich wohl jetzt Kiderlen und Metternich holen. Ich zweifele nicht daran, daß sie, ohne daß ich mit ihnen gesprochen, auf meinem Standpunkt stehen würden. Das geschah. Kiderlen blies in meine Flöte und Metternich (englischer als alle Engländer, die ich heute sprach) glänzte durch absolutes Schweigen sowie durch eines der »bedeutendsten« Gesichter, die er bei solchen Gelegenheiten zu machen in der Lage war. Als sie gingen, schien der Kaiser ruhiger. Aber er sah miserabel aus – blaß und nervös an den Lippen kauend. Er fühlte sich, mit seinem großen Schriftstrara hier angelangt, plötzlich in eine bescheidene Enge getrieben und politisch ausgeschaltet. 31. Juli 1893. Ich fahre um 10 Uhr mit dem Kaiser und Admiral von Senden auf die neue Segeljacht des Prinzen von Wales »Brittania«. Die Yacht ist etwas größer als der »Meteor«. Das »Race« begann gegen fünf Yachten gleicher Größe. Drei blieben bald zurück, und die »Brittania« kämpfte mit Lord Dunravens »Valkurie« und einem Amerikaner. Fünfzig Seemeilen wurde gefahren, und die »Brittania« siegte. Die Aufregung solcher »Segel-Races« ist außerordentlich groß. Aber ganz erstaunlich ist die Geschicklichkeit des Manöverierens der Mannschaften. Das ewige Umlegen des Segels, das schnelle Überlegen des Schiffes von einer Seite zur anderen macht den Aufenthalt an Bord nicht bequem, und ich habe mich um den lebhaften Kaiser so geängstigt, daß ich mehr tot als lebendig nach 4 Uhr wieder an Bord anlangte. Es ist eine schwere Verantwortlichkeit, die Senden auf sich lud, als er den Kaiser zu dieser Segelei brachte. An Bord der »Brittania« war nur Wales, Mr. Jung (der eine Nordpolexpedition machte, ein alter Herr), ein Spiritusfabrikant, Mr. Jameson (der geschickteste Segler Englands, aber ein anrüchiger Mann, über den die Aristokratie außer sich ist), Adjutant Fortescua, der Kaiser und ich. Der Kaiser blieb immer oben, und da Wales von 10 bis 4 Uhr unaufhörlich frühstückte, mußte ich stundenlang tête-à-tête mit ihm sitzen. Ich habe ihn gründlich kennengelernt. Ein kluger, liebenswürdiger, aber sehr verschlagener Mensch mit ganz üblen Verbrecheraugen – nicht unser Freund. Die Politik spielte eine große Rolle in unserer Unterhaltung. Die Aufregung über die drohende Kriegsgefahr mit Frankreich hatte sich nicht gelegt. Gott sei Dank traf bei der Ankunft in Cowes ein Brief von Lord Rosebery Minister des Äußeren. ein, der die Lösung brachte. Um 8 Uhr fuhren wir zu der Königin nach Osborne Castle – in Gala. Wagen mit alten verbrauchten Pferden fuhren uns durch den schönsten Park der Welt auf der Allee entlang, die aus Araukarien, Zedern, Steineichen und Zypressen bestand. Im Schloß Versammlung in einem Salon mit der zahlreichen englischen Königsfamilie. Meine Vorstellung bei den Prinzessinnen erfolgt durch Battenberg und durch Connaught. Lange Unterhaltung mit der Herzogin von Connaught. Die Königin erscheint in der Tür, macht einen Knix, den alles erwidert – und verschwindet. Wieder Unterhaltung. Ich erhalte mein Placement und den Auftrag, die schöne Marchioness of Ormonde, Tochter des Herzogs von Westminster, zu führen und neben Prinz Christian von Holstein Bruder des »Augustenburgers« (Herzog Friedrich, Prätendent in Holstein 1863). Prinz Christian, geb 1831, war ebenso wie mein Vater 1860 Rittmeister bei den III. Garde-Ulanen in Potsdam, also mir aus der Jugendzeit sehr wohl bekannt. zu setzen, der, wie alle Schwiegersöhne der Königin, den Hosenband-Orden trägt Ich glaube, daß man in England nur deshalb bei Hof und feierlichen Gelegenheit Kniehosen trägt, um das blaue Strumpfband mit goldener Schnalle am linken Knie zu zeigen. Hat man aber so scheußliche Beine wie der alte Christian, so wäre es besser, die Aufmerksamkeit nicht durch ein blaues Band darauf zu lenken. . Man wandert durch drei Säle in den indischen Speisesaal. Decke und Wände aus weißem Stuck, von Indern gearbeitet. Elektrisches Licht in den goldenen Tafelaufsätzen – sehr prächtig. Ich sitze zwischen Lady Ormonde und der Hofdame der Königin, Lady Mac Haviel – zwei höchst liebenswürdigen und schönen Damen. Es wird von gepuderten Dienern in roten Röcken und weißen Strümpfen serviert, dazu vier Inder und vier Schotten in Nationaltracht. Vortreffliches Dessert. Die Königin im schwarzen Samtkleid mit dem blauen Band des Hosenbandordens, weißem Schleier und prachtvollen Diamanten, auch kleinen Diamantlilien in dem weißen toupierten Haar. Sie steht auf und sagt. » I propose to drink to my dear grandson. « Alles steht auf und murmelt: » The german Emperor. « 5 Takte (!) »Heil dir im Siegerkranz« werden gespielt, und man setzt sich. Sofort steht der Kaiser auf, sagt » The Queen .« Alles steht auf, jeder murmelt für sich. » The Queen « – und setzt sich wieder. Als sich das Essen zum Ende neigt, verschwinden zwei Schotten von der Dienerschaft und kehren mit dem Dudelsack unter dem Arm zurück. Einer hinter dem anderen marschierend, in genauem Takt, fürchterlich kreischende Töne spielend. Sie marschieren dreimal um die Tafel, gehen hinaus und kommen zurück, um das Dessert weiter zu servieren. Man steht auf. Der Kaiser reicht der Königin den Arm. Sie ist nicht größer als ein Kind von dreizehn Jahren. Sehr dick, sehr rot, stützt sich auf einen Stock. Sie reicht dem Kaiser, der englische Admiralsuniform trägt, bis an die Brust. Man geht in den Salon zurück, wo sich die Königin auf einen kleinen Fauteuil am Kamin setzt, der auf einer Erhöhung steht. Um sie herum, auf der Erhöhung und daneben, waren hohe grüne Gewächse, Lorbeer und dergleichen, aufgestellt. Die Erhöhung war so hoch, daß die kleine dicke Dame sitzend mit ihrem Kopf sich etwa in der Höhe des Kopfes des mit ihr Sprechenden befand. Ihr schwarzes Samtschleppkleid hing ein wenig herab, so daß man den Eindruck einer gewissen Größe empfand. In großem Kreise steht alles herum. Lady Ampthill (Tochter des Herzogs von Bedford, die frühere Botschafterin in Berlin, jetzt Oberhofmeisterin) tritt an die Königin und flüstert ihr den Namen desjenigen zu, der mit ihr sprechen sollte. Ich bin in langer Konversation mit der Herzogin von Connaught begriffen, die einen herrlichen indischen Schmuck von Smaragden und Perlen trägt. Lady Ampthill holt mich, und ich mache der Königin mein Kompliment, wie auf dem Theater stehend. Die Natürlichkeit und die Leichtigkeit, mit der sie nach der äußerst höflichen Verbeugung die Unterhaltung begann, überraschte mich. Sie begann mit den sehr höflichen Worten, daß sie viel von mir gehört habe. Sie sprach deutsch wie eine Deutsche – und unleugbar liebenswürdig. Sie sprach von des Kaisers Interessen für die Marine, seiner Yacht – natürlich auch von meiner Musik (sehr beliebtes Thema von Prinzessinnen), von München, von der schönen Natur. Ich pries die herrliche Lage von Osborne. Sie sagte, ich müsse den Park gründlich sehen, den sie selbst angelegt habe – auch die Insel Wight. Sie sagte auch, daß die Kaiserin Friedrich ihr viel von mir gesprochen habe usw. Wir sprachen »ganz gemütlich«, und doch lag in der Art der Königin zu sprechen eine gewisse Herbheit, eine Betonung, die mir das Gefühl erweckte, daß mit ihr nicht gut Kirschen essen sei. Die kleine dicke, leidlich böse Frau ging mich gar nichts an und stellte sich mir daher nur als solche dar – und allerdings als das Phänomen, daß alles um sie herum vor ihr zitterte, tatsächlich alles, besonders ihre gesamte weitausgedehnte Familie und Verwandtschaft. Das aber erregte in mir bei ihrem Anblick eine gewisse Komik. Ich hatte keine Veranlassung, mich vor ihr zu ängstigen, wie alles um sie herum. Ich war in der glücklichen Lage, sie lediglich menschlich zu betrachten, lediglich menschlich mit ihr zu sprechen. Und ich glaube, daß sie das empfand, denn sie unterhielt sich lange mit mir, zu lange, so daß ich die Ungeduld der Hofschranzen hinter meinem Rücken fühlte. Natürlich war die ganze anwesende Gesellschaft (einige dreißig Personen) daraufhin grenzenlos liebenswürdig und höflich mit mir, und ich mußte lachen, daß mich alle Herren auf meinen Orden anredeten, dessen schlichtes schwarzes Band zum silbernen Nordstern ihnen gewaltig imponierte. Die Engländer haben nur Geschmack in bezug auf ihre Kleidung, daher spielt diese auch bei den Herren eine so überaus große Rolle. Uns deutschen Männern fehlt dieser Geschmack, doch gemeinsam mit dem Engländer haben wir das Gefühl dafür, uns »ordentlich anzuziehen«. Letzteres erhält hier in England aber seinen Ausdruck durch eine merkwürdige Uniformität der Mode und spielt nun auch eine, den Deutschen in Erstaunen setzende Rolle. Während des Diners machte ich die Beobachtung, daß der Kaiser – sonst so frisch und munter und stets die Unterhaltung führend – neben der alten Königin in seinem Wesen, seiner Haltung, seinem Gesichtsausdruck mindestens wie ihr kleiner Enkeljunge aussah und auch in seiner Art zu antworten (denn die Königin anzusprechen, schien er gar nicht zu wagen), eine Art kindlicher Devotion zeigte, die mich fast rührte (wenn sie mich nicht geärgert hätte). Es war doch wohl die gewisse »Familienangst«, von der ohne Ausnahme der ganze Clan Koburg beherrscht war, und ich begreife es bis zu einem gewissen Grade, wenn ich mir einen eisig-harten Blick vergegenwärtige, der stets eintritt, sobald die Königin aufhört zu sprechen und um sich blickt, und ich mir die Machtfülle zugleich vorstelle, die diese kleine dicke Dame in sich verkörpert. Machtfülle bezüglich Stellung- und Ehrenausteilung und Machtfülle des großen Geldbeutels, aus dem die ganze englische Königsfamilie und das Heer der Hofchargen gespeist wird – des Geldbeutels, den sie sofort zuschnürt, wenn eine von ihr abhängige Persönlichkeit ihr Mißfallen erregt oder sich ihre Sympathie verscherzt. Mein Freund Lecomte, der bei der französischen Botschaft nun schon seit einer Reihe von Jahren arbeitet und genau durch private Beziehungen bei Hofe orientiert ist, erzählte mir, daß mit Zittern und Zagen jeden Morgen um 11 Uhr die ganze Familie der Königin am Fenster steht oder sitzt, um zu sehen, ob etwa ein gewisser bekannter Lakai der Königin mit einem Billett erscheint – oder ob der Kelch vorübergeht. Denn zwischen ½10 und ½11 Uhr schreibt die Königin ihre Billetts, in denen sie mitteilt, was ihr am vergangenen Tage »unangenehm aufgefallen‹ sei – und woran sich kleine Strafen knüpfen, die bisweilen sehr fühlbar sind. In diesem Frühjahr hatte der Herr Schwiegersohn, Prinz Christian von Holstein, Gatte der Prinzessin Helene, der mit dem Titel eines Gouverneurs und Jägermeisters in Windsor-Park das dazu gehörige Haus Cumberland-Lodge bewohnt, die Königin durch irgend etwas geärgert. Sofort entzog sie ihm die Wagenpferde – und da dieses Ehepaar vollkommen materiell von der gestrengen Mama abhängig war, so mußte es nun zu Fuß gehen, und das dürfte sogar noch jetzt andauern. Während ich bei dem Diner meine Beobachtungen anstellte, bemerkte ich auf einmal, daß meine schöne Nachbarin, die Marchioness of Ormonde, während sie mit mir sprach, fast immer zu der Königin hinüberschielte und einmal mitten im Satz die Unterhaltung plötzlich abbrach, Messer und Gabel wie erstarrt auf den Teller sinken lassend. Ich folgte ihrem vergeisterten Blick und entdeckte, daß die harten Augen der Königin, die uns schräg gegenübersaß, auf Lady Ormonde ruhten. Ich bin überzeugt, daß die Königin nichts Tadelnswertes an meiner ebenso vornehmen wie liebenswürdigen Dame finden konnte, die überdies allgemeine Achtung genoß, aber es war eben die Angst, »das Schicksal«, das sich in diesem Blick ausdrückte, wie die paura der Italiener, die nicht als eine Feigheit, sondern als eine Art berechtigte körperliche Erscheinung angesehen wird. Lady Ormonde als unabhängige Peeress und Herzogstochter brauchte schon deshalb nicht einen etwaigen Zorn der Königin zu fürchten. Ich verbiß mir die sehr naheliegende Bemerkung, »daß es doch wohl nur ihre Schönheit sei, die die Königin bewundert habe«, mußte aber konstatieren, daß die schöne Frau mindestens während zehn Minuten noch zerstreut meiner Unterhaltung folgte, und ich mußte zu meinem Erstaunen auch meine linke Nachbarin, die reizende Lady Mac Haviel, in Zerstreutheit ertappen, wohl nur aus Angst, daß der Blick der Königin von Lady Ormonde nun zu ihr hinübergleiten werde! Als Erscheinung hatte die Königin allerdings an der Tafel in dem schwarzen Samtkleid mit dem blauen großen Band des Hosenbandordens, dem strahlenden Diadem und dem weißen Spitzenschleier etwas Imposantes, denn sie saß auch hier höher als die anderen, und hinter ihr standen regungslos zwei alte bärtige Inder in buntseidenen Gewändern und Turban mit Agraffe, die den Rang von »wirklichen Geheimen Räten« haben und zur Betonung der Würde einer Kaiserin von Indien nicht fehlen dürfen – Erscheinungen mit blitzenden Augen und stolzen Zügen. Neben ihnen noch zwei alte Hofbediente in goldgestickten Uniformen, die gleichfalls nichts zu besorgen hatten, als den Ausdruck ihrer Würde strahlen zu lassen. Dieser gesamte Aufbau erinnerte bis zu einem gewissen Grade an eine Sultanerscheinung, und rechne ich die allgemeine Angst dazu, so bewundere ich schließlich doch diese kleine dicke Frau mit den Hängebacken, die oft genug den entscheidenden Sitzungen des Ministeriums präsidierte und ihre Meinung entscheidend in die Wagschale großer politischer Fragen warf. Tagebuch. 1. August 1893. Der Lord-Kommandant der Flotte von Portsmouth, der sehr liebenswürdige Earl of Clanwilliam, hat uns ein Torpedoboot zur Verfügung gestellt, mit dem wir früh um 7 Uhr von der »Hohenzollern« nach Southampton fahren. August Eulenburg, Görz und ich. In London, wo wir nach einer Fahrt von zwei Stunden durch hübsches grünes Land eintreffen, empfängt mich der gute Lecomte, der noch erster Sekretär bei der französischen Botschaft ist, unverändert nett und sehr erfreut über meinen Besuch. Wir essen zusammen in einem Restaurant und fahren spazieren, besuchen dann die unbeschreiblich schöne Westminster -Abbey mit ihrem Wald von Denkmälern und merkwürdigen Erinnerungen und fahren zum Abend in einen Vergnügungspark, wo die Bastille in natürlicher Größe mit der davorliegenden Straße aufgebaut ist. Es wird dann die Flucht eines Gefangenen dargestellt, der sich von oben aus dem Fenster hinabläßt, woran sich ein Kampf und sodann die Erstürmung anschließt –- mit anhaltendem Schießen. Nach dieser wirklich interessanten Schaustellung gingen wir zu einem großen Bassin, aus dem ein schräger Berg (den Niagarafall vorstellend) aufsteigt, in der Höhe eines mindestens dreistöckigen Hauses. Von dieser Höhe, zu der man auf schwindelnden Treppen hinaufsteigt, rollen kleine Boote auf Rädern mit toller Geschwindigkeit hinab in das Bassin. Durch das Aufschlagen der Boote auf das Wasser entstehen hohe Wellen, auf denen das Boot wie in wilden Galoppsprüngen in einer Wolke von Schaum vordringt und zum Ufer schwimmt. Echte Indianer in Nationaltracht lenken die Boote hinunter mit wildem Kriegsgeheul. Ich habe selten etwas Amüsanteres gesehen und niemals etwas Verrückteres, aber es war ein Hauptvergnügen hinunterzufahren. Diese Fahrt ist jetzt der große Sport der englischen Gesellschaft und besonders aller Damen (!!), wenn sie auch naß werden von oben bis unten. Erst um 12 Uhr nachts kehrte ich nach Hause zurück, denn es war auch sehr lustig, am Ufer des Bassins die vor Aufregung verzerrten Fratzen der englischen Sporting-Misses mit ihren offenen Mäulern und Raffzähnen zu sehen. Die meisten von ihnen schrien wie am Spieß – wiederholten aber immer von neuem die Indianerfahrt, die übrigens einer großen Geschicklichkeit des steuernden Winetu oder Chingakgok bedurfte, um beim Aufschlagen des Bootes nicht umzuwerfen. 2. August 1893. Ich machte früh einen Gang in den Hydepark, an dem mein Hotel liegt, und amüsierte mich über die mittelmäßigen Pferde, schlampigen Reiter und Reiterinnen in ihren ganz beliebigen, kaum für das Reiten adjustierten Anzügen, also völlig anders als was in Deutschland für englisch gilt. Um 12 Uhr holte mich Lecomte ab, um die herrliche, nur auf besondere Einladung zugängliche Gemälde- und Waffensammlung von Sir Richard Wallace (dem illegitimen Sohn und Erben des sehr reichen Lord Hertford) zu sehen. Wallace starb vor einigen Jahren. Seine Witwe wird die Sammlung an Paris (wo er auch ein Palais besaß) und an London geben. Alle berühmten Meister der Alten sind in herrlichen Bildern vertreten. Dazu die berühmtesten modernen Meister (unter anderen zwanzig Meissoniers ). Der Reichtum der Waffensammlung ist geradezu fabelhaft. Wir trafen dort einen Lord Sommerset-Beauford, einen sehr vornehmen und sehr reichen Junggesellen, und die Marchioness of Shrewsbury, die Witwe des »ersten« Grafen Englands, eine Frau, die einst die Schönste von England genannt wurde, von der aber leider nur die Koketterie übrigblieb. Sie ist die Mutter der Lady Londonderry (der Gattin des reichsten Lords Englands), die nun auch die schönste Frau Englands sein soll. Ich finde es allerdings durchaus nicht. Ich lernte sie in Osborne kennen mit einem Diamantenschmuck, der einen Wert von mehreren Millionen darstellte. Lord Sommerset lud uns und Lady Shrewsbury mit ihrer reizenden kleinen Enkelin von siebzehn Jahren zum Frühstück in sein sehr elegantes Haus. Dazu kam noch Oberst Slade von der englischen Botschaft in Rom. Es war recht lustig und angenehm – und höchst originell in dem vollkommenen sans gène , trotz neuer Bekanntschaft. Gegen Abend fuhr ich zur Westminster-Abbey, die mich in dieser matten Beleuchtung von neuem entzückte. Um 8 Uhr machte ich mit Lecomte, Görz, Cuno Moltke und Hülsen eine Partie in die Earlscourt Exhibition, wo wir von Lecomte zum Essen geladen waren. Nachher wurde wiederum die Erstürmung der Bastille gesehen und die tolle Niagara-Indianer-Wasserfahrt gemacht. Erst um Mitternacht kehrten wir nach Hause zurück. Das Wetter ist immer herrlich. 3. August 1893. Ich fahre morgens in den Tower, den ich nicht kannte. Die Fahrt bis dort durch die City war sehr mühsam wegen ewigen Encombrements von Wagen. Der Tower enttäuschte mich. Nur das Bewußtsein, an so unendlich erinnerungsreicher Stelle zu sein, war mir etwas wert. Die Kronjuwelen aber interessierten mich, da ich Edelsteine liebe. Um 1 Uhr fahren wir: Lecomte, Görz, Cuno Moltke und Georg Hülsen, nach Windsor mit der Bahn. Wir haben eine besondere Erlaubnis von dem Kammerherrn der Königin und werden entsprechend honoriert und überall eingelassen. Wir besuchen zuerst die St. Georges-Chapel, ein großes Meisterstück alter Gotik mit den Wappen aller Ritter des Hosenbandordens an den Wänden. Sodann die Grabkapelle des Prinz Consort Albert, eine von Pracht und schlechtem Geschmack strotzende Kapelle. Nachher findet die Besichtigung des Schlosses von Windsor statt. Es ist ein sehr uraltes Castle – wohl aus der Römerzeit stammend – und wurde von Wilhelm dem Eroberer als festes Schloß bewohnt. Es befand sich völlig in Verfall, als die Königin Viktoria und ihr Prince Consort den Beschluß faßten, es zu ihrer Residenz und zum Sommersitz auszubauen. Dieser innere und äußere Ausbau gehört keinem Stil an, bis auf das äußere Bild, in dem der beliebte Tudorstil festgehalten wurde, den bereits die festungsähnliche Anlage Windsors darstellte. Keinem Stil gehört der Um- und Ausbau deshalb an, weil die Epoche, die (französisch gedacht) Louis Philippe und Second Empire, d. h. etwa die Jahre 1835 bis 1860 umfaßt, ein nichtssagendes Konglomerat von Stilen darstellt. Man kann in der Ausgestaltung und dem Mobiliar der Räume alles finden: Biedermeier, Rokoko, Gotik – verarbeitet zu sonderbaren Mischungen großer Scheußlichkeit, doch bequem. Die großen Sofas, Fauteuils und Stühle waren immerhin gemacht, um darauf zu sitzen. Genau in den genannten Jahren, d. h. hier 1840 bis 1860, könnte man also diesen Stil Queen Viktoria- and Albert-Stil nennen, denn hier feierte die Geschmacksrichtung dieses jungen Ehepaares (es hatte 1840 geheiratet) seine Triumphe. Mit den denkbar größten Geldmitteln wurde die Burg Wilhelms des Eroberers (Herzogs von der Normandie, der sich 1066 in Westminister zum König von England krönen ließ) ausgebaut, hergerichtet und – was das Schlimmste ist: möbliert. Hierzu möchte ich nur nennen. die Bibliothek, bestehend aus gelben Schränken mit leichter Verzierung, in die alle vorhandenen kleinen Originalporträts von Holbein der gesamten englischen Aristokratie aus der Zeit Heinrichs VIII. eingelassen sind. Rücksichtslos auf Farbe und Stimmung der herrlichen Porträts, die durch das glatte rötlich-gelbe Holz geradezu vernichtet sind – ganz abgesehen davon, daß alle ursprünglichen Rahmen tatsächlich vernichtet wurden. Noch ein anderes Kuriosum ist hier zu schildern, das nach sehr vielen Richtungen sehr sonderbar ist. Zunächst will ich bemerken, daß wohl sehr wenige Menschen eine lebensgroße Marmorgruppe zweier Figuren in einem Mahagonischrank gesehen haben dürften. Man tritt in Windsor-Castle in das große Vestibül – die Vorhalle –, aus der eine große Marmortreppe in das obere Stockwerk führt. Neben der Sohle der sich hinaufwindenden Treppe steht ein riesiger, sehr opulent ausgestatteter Mahagonischrank, dessen Zweck nicht sofort erkennbar ist. Jedenfalls habe ich niemals in einem Schloß mitten auf dem Flur, und zwar von Blattpflanzen umgeben, einen Mahagonischrank gesehen. »Was ist da?« fragte ich, und der ernsthafte Führer schritt mit einem Schlüssel darauf zu, schloß die beiden Türen auf – und zu meinem maßlosen Erstaunen saß eine zierliche weibliche weiße Marmorfigur in griechischer dürftiger Gewandung auf einem Postament und eine große männliche Figur, gleichfalls in griechischer Gewandung, sehr wenig bekleidet, hatte zärtlich den Arm über die junge Dame gelehnt und das schöne Haupt über sie gebeugt. » Her Majesty the Queen and the prince Consort «, sagte der ernsthafte große Schloßbeamte, machte die Türen des verdächtigen Mahagonischrankes wieder zu, schloß ab und steckte den Schlüssel bedächtig in die Tasche. Ich war sprachlos. »Wer hat den großen Schrank ...?«, fragte ich bescheiden. » Her Majesty «, sagte der ernste Beamte, als ob das alles ganz selbstverständlich sei. Die arme alte dicke Königin! So hat sie allerdings wohl niemals ausgesehen, so niedlich (wenn auch vielleicht so zärtlich): eine junge Nymphe, ein wenig traurig. Ich glaube, daß es etwa bedeutet Hektors Abschied von Andromache: »Will sich Hektor ewig von mir wenden« – dazu ist aber Andromache nicht traurig genug. Es kann eher heißen: ein großer junger Grieche will eine kleine Venus küssen, die er irgendwo gefunden hat. Jedenfalls hat » Her Majesty « diese Porträtdarstellung später einmal »zu intim« gefunden und deshalb – einen Mahagonischrank bestellt. Abgesehen von diesem, immerhin erfreulichen Vorgang einer durch Mahagoni ausgedrückten Sittsamkeit bleibt die Aufstellung der Schloßbesitzer in dieser zärtlichen Stellung und in griechischer Kleidung (soweit von Kleidung die Rede sein kann) im Haupteingang eines alten Castles von Wilhelm dem Eroberer eine Groteske. Der Ideengang, das Griechentum – und zwar in dieser zärtlichen Form – in Verbindung mit Wilhelm dem Eroberer zu bringen, kann eigentlich nur durch eine historische Verwechslung erklärt werden. (Vielleicht 1000 Jahre vor und nach Christi Geburt.) Aber ganz abgesehen von den erschütternden historisch-stilistischen Irrtümern bleibt doch der Gedanke entzückend. als Hausherr und Hausfrau die eintretenden Gäste sofort in Marmor, griechisch, zu begrüßen und ihnen damit anzudeuten, wie innig das Familienleben in diesem Hause ist. Ich habe niemals in meinem Leben etwas ähnliches erlebt. Es ist ein ganz einzig dastehender Vorgang, von welcher Seite man ihn auch betrachten möge. Er wird mir immer wieder von neuem allerhand köstliche Anregungen geben, denn er liegt so erfrischend ganz außerhalb der Gedankenmöglichkeiten, in denen wenigstens ich mich bisher zu bewegen imstande war. Ich habe es deshalb für nicht ganz unangebracht gehalten, diesem Vorgang bei meiner Rückkehr nach Liebenberg eine längere Betrachtung zu widmen, als sie der Form und dem Umfang dieser, an meine Mutier gerichteten Tagebuchbriefe aus England entsprechen. Ich meinte, daß der Vorgang, auch abgesehen von allen überraschenden Gedanken und Empfindungen, die darin zum Ausdruck kommen, der Erwägung Raum gibt, daß man nach England reisen muß, um derartiges zu sehen – oder besser gesagt: zu erleben. Es mag auch diese Betrachtung als ein Beleg für meine bereiis gemachte Bemerkung gelten, daß den Engländern völlig der Sinn für das abgeht, was wir mit Geschmack bezeichnen, daß sie nur den Geschmack für Kleidung und Parkanlagen haben, für andere Dinge, die der Welt der Kunst angehören, mit ganz geringen Ausnahmen nicht. Sie haben den Sinn für Kunstsammlungen, dies wohl aber, weil damit ein materieller Wert verbunden ist. Windsor ist wirklich scheußlich. Wir gingen während zwei Stunden durch die Säle und Galerien – hin und wieder herrliche Gemälde, meistens Porträts, bewundernd, sonst aber ganz verzweifelt über den Anblick dieser hellgelben Gotik aus den vierziger Jahren – wirklich unerträglich. Nur der Blick von der Terrasse, den Söllern und Balkonen auf den riesigen Park ist unvergleichlich schön: der Eindruck einer herrlichen grünen Landkarte mit riesigen Alleen, Wiesenflächen und der sich schlängelnden, hier so lieblichen Themse. 4. August 1893. Um 1 Uhr treffe ich auf der Bahn mit Görz und Cuno Moltke zusammen, um nach Cowes zurückzufahren. Sie wohnten im Hotel Albemarle, ich im Alexander-Hotel, um näher von Lecomtes Wohnung zu sein, der sehr beschäftigt ist, denn Siam ist im Gange. Bei heftigem Sturm fuhren wir von Southampton nach Cowes hinüber, wo alle buntbeflaggten Schiffe und Jachten auf grünem Meer mit dem Hintergrund eines stahlgrauen Himmels einen entzückenden Anblick gewährten. Ich meldete mich bei dem Kaiser, der höchst lustig und wohl ist, zog mich um und fuhr allein mit ihm zum Diner bei dem Prinzen von Wales auf der Yacht »Osborne« Ein Diner en famille – und daß ich allein mit dem Kaiser Gast war, war ziemlich auffallend. Ich führte Prinzessin Maud Die nachmalige Königin von Norwegen. (Tochter des Prinzen) und saß neben der bildschönen und liebenswürdigen Prinzessin von Wales, mit der ich mich vortrefflich unterhielt, wenn sie auch sehr taub ist. Es ist unglaublich, daß sie Mutter erwachsener Kinder ist, denn sie sieht wie ein junges Mädchen aus. Die Herzogin von York (geb. Teck, eben, seit 6. Juli verheiratet) ist gleichfalls bildhübsch und nicht minder Prinzessin Maud; dazu sind die Damen sehr elegant, so daß das Gesamtbild außerordentlich angenehm wirkte. Die Prinzessin von Wales, die in einem dunkellila Samtkleid mit herrlichen Perlen erschienen war, erinnerte sich sehr genau meines Schwiegervaters Graf Sandels war damals kommandierender General und residierte in Helsingborg. Seine Tochter Augusta war seit 1875 die Gattin Philipps zu Eulenburg. , von Helsingborg her, wo sie als dänische Königstochter in Kopenhagen Nachbarin war – auch Augustas. Der Prinz von Wales war wieder sehr vertraulich mit mir, und die Politik spielte natürlich eine Rolle in unserer Unterhaltung. Nachmittags fand in dem reizenden Salon des Schiffes die Vorführung von entzückenden japanischen Hunden und eines schrecklichen alten Pudels statt sowie des Lieblings der Prinzessin, eines chinesischen Hundes. Dann zog ich mich schnell in einer Kabine um und fuhr mit dem Kaiser und Wales zum Klub, von wo aus wir das Feuerwerk besehen wollten, das den Abschluß der Cowes-Woche bildet. Es war zauberhaft schön. Alle Schiffe illuminiert bis über die Masten, und dazu das Feuerwerk, das etwa 200  000 Mark kostete! – eine wahre Sünde! – aber ein herrlicher Anblick auf dem glitzernden Meer. Im Klub lange Unterhaltung auf der Terrasse mit der Marchioness of Ormonde-Westminster und der Marchioness Londonderry-Shrewsbury, den bekannten Schönheiten Londons, denen Wales sehr huldigt. Dann entdeckte ich unter der Damenmenge plötzlich im Pavillon Mrs. Helyard Die Gattin eines englischen Legationssekretärs in München, Freundin der reizenden Mrs. Cotton, die in München malte – auch ein Porträt von mir nicht ohne Talent zustande brachte. mit Mrs. Cotton. Ich arrangierte ihnen die Besichtigung der »Hohenzollern« für den nächsten Tag. Nach einer Stunde Aufenthalt im Royal-Klub endlich Rückkehr auf die »Hohenzollern«, die bei Mondschein in elektrischem Licht herrlich strahlte. 5. August 1893. Ich hatte mich mit Görz beurlaubt, um die Insel Wight zu sehen. Wir fuhren mit der Bahn von Cowes nach Ventnor. Die Insel ist im Innern nicht bemerkenswert, an der Küste jedoch herrlich. Wir nahmen in Ventnor einen Wagen und fuhren auf die steilen Höhen des Ufers, die von Kreidefelsen, wie bei Saßnitz, gebildet sind. Am Abhang des Randes liegen hübsche Miethäuser in grünen Gärten. Allenthalben wachsen Steineichen und immergrüne Büsche und wuchern Efeu und große Sträucher von blühenden Fuchsien, die hier zu Haus zu sein scheinen. Ventnor selbst macht einen südlichen Eindruck, etwa wie ein Ort am Mittelländischen Meer. Wir fuhren über das reizend im Grünen gelegene Bernchurch mit poetischer Kirche und Friedhof nach Shanklin, einem anderen Badeort, der ähnlich wie Ventnor liegt. Hier verließen wir den Wagen und wanderten durch den Shanklin- Chine, eine Schlucht, die zum Strande führt. Mit ihren Ranken und immergrünen Bäumen, den großen Farren und Schlinggewächsen macht diese Schlucht fast einen tropischen Eindruck. Da wir aber leider nur wenig Zeit für die Partie hatten, mußten wir zum Zug eilen. Den sonnigen Strand entlang, bei den Badehütten vorüber, liefen wir den Weg zu der Station hinauf. Görz vergoß Ströme von Schweiß und war ganz außer sich. Der Zug hatte glücklicherweise Verspätung, und so kamen wir rechtzeitig zu der Abfahrt. In Cowes trafen wir dann um 4 Uhr ein. Um 5 Uhr fand große » party « auf der »Hohenzollern« statt. Das Deck war hübsch mit Fahnen dekoriert. Fünf bis sechs Tische (mit Blumen in schönen Silbervasen) standen bereit für den Tee. Man war im Überrock und trug die blaue Klubmütze. Es erschienen Herzog und Herzogin von Connaught, Herzog und Herzogin von York (die Neuvermählten), Prinz und Prinzessin Battenberg, Prinz Eduard von Sachsen, Prinzessin Louise mit ihrem Gemahl Marquess of Lorne, Marquess und Marchioness Ormonde, geb. Westminster, Lady Gerard, Earl of Clanwilliam mit Frau, kommandierender General, Töchter und Sohn Lord Guilford, der soeben von der bei Tripolis in Syrien am 23. Juni untergegangenen »Victoria« kam – wie durch ein Wunder gerettet. Er war Ordonnanzoffizier bei dem Chefadmiral Tryon. Das große Panzerschiff überschlug sich nach einer gewaltigen Kollision mit dem Panzer »Camperdown«. Er sah es über sich stürzen, wurde in einen Strudel hinabgerissen, plötzlich emporgeschleudert, geriet in einen Haufen Matrosen, mit denen er wieder versank und wurde dann durch den Luftdruck eines unter dem Wasser explodierenden Kessels wieder hinaufgeschleudert und gerettet. Admiral Tryon (gerühmt und bewundert) war ein gefährlicher Säufer sein Leben lang. Sein besoffenes Kommando verursachte die Katastrophe. Er mit 22 Offizieren und 238 Mann kamen um. Lord Guilford gestand es mir, zitternd vor Erregung. Weitere Gäste waren Lord und Lady Waterfort, Marquis und Marquise Martinengo, aus Sizilien mit ihrer Yacht hier angelangt, Bekannte des Kaisers aus Rom. Die Marquise ist Palastdame der Königin von Italien, eine hübsche, sehr elegante Frau, Fürstin Doria, Tochter des Herzogs von Newcastle, eine kleine einfache blonde Frau, sehr angenehm und nett. Sie gab bei Anwesenheit des Kaisers in Rom das große Fest in ihrem berühmten Palazzo Doria. Ich saß mit den Prinzessinnen Louise und Beatrix (Battenberg) an einem Tisch und unterhielt mich vortrefflich, besonders mit der charmanten Prinzessin Louise, die künstlerisch sehr gut veranlagt ist. Sie schuf das Denkmal der Königin, das vor dem Kensington-Palace steht. Ich muß hierzu in Paranthese eine kleine Geschichte erzählen. Es ist kein Geheimnis, daß die alte Königin geizig ist. Sogar sehr geizig – nehmen wir an im Interesse ihrer vielen Kinder. Prinzessin Louise hatte den Erben des Herzogs von Argyll geheiratet – der alte Herzog aber wollte durchaus nicht sterben. So wurde denn der Marquess of Lorne alt, Prinzessin Louise blieb nicht jung – und das Ehepaar lag auf der Tasche der Königin, fast so schwer wie die Ehe Christian von Holstein (Prinzeß Helene). Während sechs Jahren war der Marquess of Lorne Vizekönig von Kanada. Da half das glänzende Gehalt. Aber weil er nicht ewig in Kanada bleiben konnte, entstand nach der Heimkehr wieder der alte Druck auf den großen Pompadour der Königin. Eines Tages entdeckte die Gemeinde von Kensington in London, daß die Königin, da sie im Schloß zu Kensington geboren war, noch immer kein Denkmal im Kensington-Park habe. Man sammelte; ein schönes Geld kam ein, und man übergab der Königin die Summe mit der Bitte, den Künstler zu bestimmen. Da fiel der Königin ein, daß ihre Tochter Louise sehr gut malt, wahrscheinlich auch modelliert, denn sie war unleugbar genialisch. So nannte die Königin den Künstler. Louise, Marchioness of Lorne, und diese ging hurtig an die Arbeit. Das Denkmal, das sie zuwege brachte, war durchaus nicht schlecht. Der Schlußakt dieses Dramas aber scheint mir fast noch besser zu sein als das Denkmal. Die Königin händigte der Prinzessin Louise die ausgesetzte Summe ein – gab ihr aber während zwei oder drei Jahren keine Zulage. Allerdings hatte die Prinzessin die Freude der Arbeit gehabt, auch die Freude einer Anerkennung. Was aber der Marquess of Lorne gesagt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er nicht den alten Herzog von Argyll totgestochen, um sich zu retten – denn der lebt immer weiter. Ich kehre nun zu der » party « auf der »Hohenzollern« zurück. Die Damen erschienen in kurzen Promenadekleidern, weiß oder marineblau, mit kurzen Paletots in gleicher Farbe oder in gelblichem Tuch. Sie trugen fast alle Matrosenhüte mit buntem Band. Gegen 8 Uhr war das Fest zu Ende. Der Hauptmoment, der Clou des Festes, bestand in dem Erscheinen der Königin auf der Yacht »Alberta«. Sie wollte die »Hohenzollern« sehen, kann jedoch nicht die Treppen hinaufsteigen und umkreiste uns deshalb dreimal. Es wurde auf den deutschen Kriegsschiffen geschossen. Die Musik spielte: » God save the Queen « und die Matrosen riefen Hurra. Die Königin saß in einem schwarzen Kleide, ein weißwollenes Tuch um die Schultern und einen großen schwarzen heruntergeklappten Strohhut auf dem Kopfe, auf Deck und grüßte freundlich hinüber. Ich gäbe viel darum, zu wissen, ob sich die Inder so ihre Kaiserin vorstellen! Beatrice Battenberg mit ihren Kindern war von Bord der »Hohenzollern« gegangen, um die Königin zu begleiten. Auf dem Hinterdeck der »Alberta« standen Offiziere in roten gestickten Uniformen, salutierend, dazwischen Inder und Schotten. Es war ein hübsches, festliches Bild. Die Engländer, die ihre Königin fast niemals sehen, waren sehr aufgeregt und präokkupiert. Der Kaiser fuhr gegen 8 Uhr zum Familiendiner bei der Königin. Nach 10 Uhr kehrte er auf die »Hohenzollern« zurück, wo ich noch eine Stunde mit ihm zusammensaß. Es war Nacht geworden. Wir tranken, bei spärlicher Beleuchtung auf den bequemen großen Rohrsesseln sitzend, ein Glas Bier, während die unvermeidliche Erörterung der politischen Lage erfolgte, die trotz der Mitteilung Lord Roseberys, daß eine momentane Entspannung eingetreten sei, immer noch nicht geklärt erschien und dem Kaiser Kopfzerbrechen verursachte. Mehr als mir, denn ich sah momentan keinen europäischen Konflikt vor mir. Bei einer in kolonialen Fragen sich abspielenden Interessenpolitik Englands, Frankreichs und Rußlands, deren Mittelpunkt in Indien lag, sah ich – gottlob – keine Bedrohung unserer Interessen. Vor allen Dingen wollen wir doch einmal, nach unserer glücklich unter Dach gebrachten Militärvorlage, die Armee verstärken und reorganisieren – dann läßt sich ja nachher meinetwegen auch einmal über Siam sprechen. Aber wenn zugleich und zu dem »sich in den Armen liegen in Cowes« der verdrehte Senden eine Kriegsflotte baut, so möchte ich wirklich wissen, mit was ich den Kaiser politisch beruhigen soll – und schließlich, womit ich mich noch beruhigen soll. Es ging hin und her bei der Unterhaltung, und es war mir recht unangenehm, daß die Herren aus der kaiserlichen Umgebung, hin und wieder zu uns hinüberlugend, nicht stören wollten. Ich konnte sie natürlich nicht rufen. Nun kam aber die Unterbrechung, wenn auch von anderer Seite. In der Dunkelheit zwischen den Yachten aus aller Herren Länder – viele Hunderte –, die in Form von langen Straßen vor Anker lagen, hörte man fast unaufhörlich Ruderschlag oder das stoßweise Dampfen der kleinen Pinassen, die späte Bordbewohner in ihre Kombüsen brachten. Plötzlich erhob sich in einiger Entfernung ein fürchterliches Schimpfen und Lärmen. Dazwischen das Dampfen einer Pinasse. Dann wieder verstummte alles. Nach kaum fünf Minuten wiederholte sich dasselbe an einer anderen Stelle. Nach weiteren fünf Minuten wieder noch an anderer Stelle – dazwischen tiefes Schweigen. Da es weiter so fortging, wurden wir unruhig und der Kaiser schickte eine Pinasse mit einem Offizier, um zu hören, was es gab. Nach einiger Zeit kehrte dieser zurück – und das sonderbare plötzliche Lärmen war verstummt. Der Offizier meldete, »es sei von unserem deutschen Kreuzer ein Seekadett mit zwei Mann der Besatzung der Pinasse an Land gewesen. Bei der Rückfahrt sei ein kleiner Defekt an der Maschine eingetreten, der die Gefahr einer Explosion zeigte. Darauf seien die beiden Heizer über Bord gesprungen und von fremden Schiffsleuten aufgenommen worden. Der Kadett, der steuerte, habe nun versucht, zugleich auch noch die Maschine in Gang zu halten, soweit das möglich war. Hierbei sei er unter das Bugspriet einer Yacht geraten und der Schornstein habe sich dabei umgelegt und ihn eingeklemmt. Nun sei die Pinasse ohne Steuerung weitergefahren, habe verschiedene Schiffe angerannt, und da niemand ihn verstanden habe, sei die Pinasse mit Stangen und Haken von den Schiffsleuten fortgestoßen. Natürlich habe die Pinasse, weil keine Steuerung vorhanden war, zugleich die Feuerung aber funktionierte und der Kadett sich nicht rühren konnte, verschiedene Schiffe angerannt – bis zufällig ein deutsches Ruderboot die Lage des Kadetts entdeckte und die Pinasse zu ihrem Kreuzer gebracht habe.« Der Kaiser war begeistert. »Der Bengel ist wirklich großartig! – Er muß sofort eine Belobigung von mir erhalten – auch die Medaille. Natürlich müssen die beiden anderen Leute eingesperrt werden, sobald sie sich wieder melden. Aber das muß ich sagen: eine solche Courage, ein solcher Schneid, wie ihn der Bengel hatte, bei der Gefahr der Explosion zu versuchen, erstens die Feuerung in Gang zu halten, zweitens auch noch steuern zu wollen, um die Pinasse nach Hause zu bringen – das muß hier bekanntwerden. Clanwilliam wird Augen machen!« Der Offizier stand immer stramm. »Na also: – die Belobigung. Gute Nacht!« Der Kaiser begrüßte die neugierig herbeigeeilten Fahrtgenossen und ging mit jenem Schritt, der seine gute Stimmung kennzeichnete, zu Bett. Auch ich begab mich zur Ruhe, war jedoch noch nicht ausgezogen, als an meine Kammertür geklopft wurde und ein paar Herren vom Gefolge eintraten. »Das ist eine schöne Geschichte!« tönte es mir lachend entgegen – und doch lag eine gewisse Unruhe in den Zügen. »Es kam eben«, so lautete die Mitteilung, »von dem Kreuzer ein Leutnant, der Senden sprechen wollte. Das Pinassen-Abenteuer hat sich anders aufgeklärt. Der Seekadett und die beiden Leute hatten sich an Land schwer besoffen. Bei der Heimfahrt steuerte der Kadett und fuhr unter ein Bugspriet, der Schornstein legte sich um, der Kadett war aufgesprungen, stolperte und wurde unter den umgelegten Schornstein geklemmt. Die Feuerung geriet in Unordnung, der Dampf schlug an verkehrter Stelle hinaus und die beiden anderen Leute, schwer betrunken, sprangen aus Angst vor einer Explosion über Bord. Das wurde durch die Aussage des einen, der sich eben wieder an Bord des Kreuzers gemeldet hat, festgestellt. Natürlich hat die Pinasse, die wie ein wildes Tier ohne Steuerung gegen die verschiedenen Yachten antobte und mit Stangen und Rudern fortgestoßen wurde, allerhand Schaden angerichtet, der noch Ersatzansprüche zur Folge haben wird. Denn die Pinasse führte zum Überfluß auch noch die Kriegsflagge am Heck! – trotz der Dunkelheit! – und es war von den angerannten Dampfern festzustellen, wer das wilde Fahrzeug war.« Ich kann nicht leugnen, daß mir die Sache fatal war. Mir tat der Kaiser leid, denn sein Flottenstolz hatte angesichts des »heldenhaften« Kadetten freudig aufgeleuchtet. Die Komik der Geschichte war allerdings groß, aber die Enttäuschung für den Kaiser doch wohl noch größer. Da ich von Sendens Seite (an den diese veränderte Meldung soeben gelangt war) nur immer das Ungeschickteste erwarten konnte, zog ich schnell meinen Rock an und eilte zu ihm. Er war natürlich im Begriff, dem Kaiser, der womöglich schon im Halbschlummer lag, das Ereignis zu »melden«. Ich machte Senden darauf aufmerksam, daß folgendes vorlag: 1. falsche Meldung des Kommandanten des Kreuzers, 2. die falsche Meldung, überbracht von unserem Hohenzollern-Leutnant, 3. die Verantwortlichkeit für die falsche Meldung seitens des Admirals Senden, der über den Kommandanten des Kreuzers stand, 4. die falsche Meldung des Kadetten, 5. die Besoffenheit der Pinassenbesatzung, 6. die Beschädigung an kaiserlichem Marine-Eigentum, 7. die Beschädigung fremder und »befreundeter« Fahrzeuge, 8. die Führung der Kriegsflagge bei einem besoffenen Abenteuer, 9. die Führung der Kriegsflagge bei Nacht – – »Ach, lieber Eulenburg«, unterbrach mich der unglückliche Senden, »hören Sie bitte auf. Es hilft ja nichts – ich muß es eben doch an Se. Majestät melden!« »Nein, lieber Senden«, erwiderte ich sehr bestimmt, »daß werden Sie nicht tun, denn der Kaiser hat sich eben niedergelegt und wird die ganze Nacht nicht schlafen, wenn Sie kommen. Ich schlage Ihnen vor, sofort einen Brief an den Kommandanten des Kreuzers zu schreiben und diesen zu beauftragen, Ihnen die Meldung schriftlich zu machen. Dann können Sie morgen nach dem ersten Frühstück, wenn der Kaiser sein Beefsteak verzehrt hat, ihm den Brief übergeben. Das ist der beste Augenblick, denn die Ordensverleihungen und Belobigungen des armen Kadetten (der wohl einen Tag eingesperrt werden dürfte), die der Kaiser noch etwa vor dem Frühstück beschließen wollte, gehen durch Ihre Hand und können sistiert werden.« Senden sah mich mit seinen großen braunen schielenden Augen verdächtig an – zögerte etwas und ging dann schweigend schlafen. Eine halbe Stunde später war die ganze »Hohenzollern« nach dem »unerhört mutvollen« Ereignis in tiefen Schlaf versunken. Der Kaiser erwähnte den Vorgang niemals wieder. 6. August 1893. Sonntag. Ich habe morgens mit dem Kaiser wieder ein langes mühsames politisches Gespräch. Er ist glücklich, daß ich »in die Intimität« seiner englischen Verwandten kam und behauptet, daß ich »den Vogel abgeschossen habe«. Das sei ihm sehr wichtig und erfreulich. Jedenfalls waren für mich diese Begegnungen interessant, aber ich kann nur sagen, daß ich den heutigen Tag begrüße, der der letzte sein wird, die hohe Verwandtschaft zu »genießen«. Jeden Tag zu Hause oder in Liebenberg genieße ich mehr. Auch über das Interesse an der »historischen« Persönlichkeit bin ich durch mein Leben in »historischen« Kreisen längst hinaus, und die Menschen in königlicher Gestaltung müssen doch immer erst den Beweis erbringen, daß sie auch würdig und angenehm sind. Da aber macht man doch manchmal recht sonderbare Erfahrungen! Um 11 Uhr ist Gottesdienst, den der Kaiser abhält. Dann fahre ich allein mit ihm an Land zu dem Botschafter Hatzfeld, der noch immer krank ist. Dort interessante politische Gespräche. Um 1 Uhr fahre ich wieder allein mit dem Kaiser auf die Yacht zu Marquess und Lady Ormonde, wo wir frühstücken. Es sind nur Ormondes, die Schwester der Lady (jüngste Tochter des Herzogs von Westminster), Lady Gerard (eine immens reiche, vornehme und angestrichene Lady mit schönen Zügen – aber nicht so schön wie Lady Ormonde), ein junger Lord Winchester und ein Lord Wincroft dort. Wir essen ein, nach englischen Begriffen, sehr gutes Luncheon in der reizenden Eßstube der schönen Yacht. Beim Kaffee erhalte ich einen Brief von Prinzessin Louise (Lorne), die mich zu sich einladet, um mir den, allen Sterblichen verschlossenen Park von Osborne zu zeigen. Ich verabschiede mich und fahre zur Landungsstelle, wo mich ein Wagen erwartet, der mich zu dem entzückenden Haus der Prinzessin fährt, in dessen Garten sie mit unendlich viel Verstand und Geschmack waltet. Sie zeigt mir selbstgemalte, auffallend gute Aquarelle, Darstellungen aus Kanada, wo ihr Gatte während sechs Jahren Vizekönig war. Nachher fahre ich mit ihr und Lorne im Park spazieren, der wirklich herrlich ist. Auf der Terrasse gehen wir spazieren und haben eine überraschende Begegnung mit der Königin in einem Rollfauteuil. Sie hat wieder den großen runden Hut auf, ist auffallend freundlich, spricht von ihrem geliebten Park, von Malerei, fragt nach München und meiner Familie und hat einige gute Worte für den Kaiser (ohne bösen Blick). Der Park ist dadurch merkwürdig, daß er nur immergrüne Bäume und Büsche enthält. Alles aber ist wuchernd gewachsen: riesige Tujas, Steineichen, Korkeichen, Pinien, Lorbeer, Myrten usw. An den großen Mauern der Terrasse ist Tulpenbaum als Spalier gezogen. Es führte zu weit, die Schilderung dieses wunderbar schönen Parkes zu geben, der sich in sanften Abhängen vom Schlosse zu dem Meer hinzieht – und alles von der Königin gepflanzt und geschaffen! Die liebenswürdige Prinzessin war unermüdlich, mir jedes zu erklären und zu zeigen. Der Marquess of Lorne ist ein sehr angenehmer und gebildeter Mann. Er lebt jetzt als Privatmann, da er wegen Kränklichkeit seines alten Vaters, des Herzogs von Argyll (dessen Erbe er ist) an die Geschäfte der Güter gebunden ist. Um 5 Uhr mußte ich zurück sein, da Familie Wales zum Tee erscheinen sollte. Sie kam vollzählig mit zwei Töchtern und Yorks, dazu Connaughts. Ich saß mit Wales und der Herzogin York zusammen. Die junge schöne Frau ist herzlich langweilig (hoffentlich nicht dumm, denn ihr Vater, der Herzog von Teck, ist zwar ein »guter Kerl«, doch reichlich beschränkt) Er ist ein Sohn des Prinzen Alexander von Württemberg und einer Gräfin Rhédey (morganatisch vermählt), der den Titel Fürst von Teck erhielt. Als die Prinzessin Mary, Tochter des Herzogs von Cambridge, des Onkels der Königin Viktoria, 1866 heiratete, wurde er zum englischen Herzog mit dem Titel Hoheit ernannt. Ein sehr hübscher und eleganter Mann. Seine Tochter Mary wurde die Gattin des Herzogs von York – Erbe des Krone Englands. , aber sie ist freundlich und nett, und die Lieblingsnichte meiner lieben alten Großherzogin von Strelitz, geb. Cambridge. Um 7 Uhr trennte man sich. Der Kaiser fuhr zur Königin zum Essen, nur mit dem Adjutanten vom Dienst, was zufällig Cuno war, der nach dem Essen der Königin vorgespielt hat und große Begeisterung erregte. Ich wollte zu Hatzfeld, der aber wieder elend wurde und mir absagen mußte. Die Herren von der Botschaft: Graf Metternich, Rücker-Jänisch, Erbprinz Hohenlohe-Langenburg und Herr von Eckardtstein aßen mit uns an Bord. Dann kam der Kaiser und wir blieben bis ½1 Uhr zusammen. 7. August 1893. Wir gehen früh um 8 Uhr in See mit Kanonensalut und üblichem Lärm. Die Fahrt ist bei herrlichem Sonnenschein still und ruhig, und wir fahren sanft an der lieblichen grünen englischen Küste hin. In Dover verläßt uns der Lotse. Die französische Küste wird sichtbar, gegen Abend Holland. Der Tag vergeht in Gesprächen und Beschäftigungen aller Art. Abends ist wieder Zitherkonzert mit dem Kaiser. Briefe und Depeschen für den Kurier, den wir am folgenden Tage treffen sollen, werden erledigt und viel von Politik mit dem Kaiser gesprochen. 8. August 1893. Nach einer ideal stillen Nacht langen wir früh um 9 Uhr vor Helgoland an. Die Admiräle Hollmann, von Valois und Mensing kommen an Bord. Um 11 Uhr gehen wir an Land, von den Badegästen stürmisch begrüßt. Die neuen Befestigungen werden besichtigt. Man fährt in einem Tunnel auf die Höhe der Insel, und es findet das »Anschießen« einer großen, oben aufgestellten Kanone statt. Das Geschoß fliegt 15 000 Meter, d. h. über 1-1/2 deutsche Meilen, und braucht unendlich lange Zeit, bis es auf dem Meer aufschlägt. Nach zwei unangenehm dröhnenden Schüssen gehen wir durch die Kasematten zum Haus des Gouverneurs Admiral Mensing. Es findet ein Essen um 1 Uhr statt. Man bleibt bis 1/2-5 Uhr zusammen und wandert alsdann durch die Stadt zum Strand. Rudolf Lindau und Begas, der jetzt am Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. arbeitet, werden zu Tisch geladen, sie sind zur Kur auf Helgoland. Aus Berlin sind allerhand Nachrichten eingegangen, die viel Arbeit mit dem Kaiser machen. Er ließ mich sogar aus dem Bad herausholen. 9. August 1893. Herrliche Fahrt auf der spiegelglatten Nordsee. Kein Land sichtbar, wir steuern auf Skagen zu. Der Tag wird erzählend, schreibend, essend und ruhend verbracht. Es ist einer der seltenen stillen Tage auf offener See, wo mich keine Bewegung belästigt. 10. August 1893. Ich erwache vom Stillstehen des Schiffes. Wir sind im großen Belt in Nebel geraten und müssen abwarten, bis alles klar ist. Das dauert zwei Stunden. Es wird viel geläutet und gepfiffen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Nach dem Frühstück geht es weiter. Um 11 Uhr begegnen wir (natürlich sehr absichtlich) der Flotte, die leider ein Angriffsmanöver mit fürchterlichem Schießen macht, so daß einem die Ohren gellen. Admiral Schröder kommt an Bord zum Essen und die üblichen unerträglichen Marinegespräche beginnen. Wir fahren langsam mit der Flotte nach Kiel. Kein Lüftchen regt sich. Nachmiitags 4 Uhr trafen wir im Kieler Hafen ein. Prinz Heinrich, der das Panzerschiff »Sachsen« kommandiert, kam an Bord und erzählte entsetzliche Details von der Explosion des Geschosses an Bord der »Baden«. Wir aßen im Kreise der Marine. Es herrscht große Hitze an Land.   Am 14. August morgens erfolgt die Ankunft in Berlin mit dem kaiserlichen Sonderzug.   Am 16. August kehre ich nach Liebenberg zurück, wo ich bis zu meiner Rückkehr nach München am 23. August einige glückliche Tage im Kreise meiner Frau und Kinder verlebe und mich eifrig der Verwaltung und Beaufsichtigung der Bauten annehme. Der Wiederaufbau der durch Blitz zerstörten Kirche und die großen Veränderungen und notwendigen Anlagen von Straßen und Wegen, die durch den Bau der Chaussee nach Bahnhof Löwenberg bedingt sind, erfordern meine größte Aufmerksamkeit. Es sind Änderungen, die wohl durch Generationen hindurch die Gestaltung Liebenbergs bestimmen werden. Aussee und Ischl 1895 (Fürstin Maria Hohenlohe. Carmen Sylva.) Ich war am 29. Juli 1895 abends von einer vierwöchentlichen Reise mit Kaiser Wilhelm aus Schweden zurückgekehrt, endlich im Kreise meiner Familie in Liebenberg wieder angelangt, und wollte dieses Glück nun in Ruhe genießen, das mir mein unruhiges dienstliches Leben immer störte. Zwei Tage waren vergangen. Am 1. August 1895 trifft das folgende Telegramm von dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe aus Aussee im Salzkammergut an mich ein: Minister Graf Goluchowski wird mich am Sonntag, 6. August, hier besuchen. Sind Sie der Meinung, daß ich durch Sie Information erhalten würde, die mir für meine Unterredung mit Goluchowski wertvoll wäre, so würde ich Sie bitten, vor Sonntag hierherzukommen. Können Sie heute, Donnerstag, von Berlin abfahren, so sind Sie Freitag abend oder Sonnabend früh hier.« Allerdings hatte ich ihm wichtige Information zu geben. – Und meine ersehnte Ruhe, mein Glücksgefühl im Kreise der Meinen schwand wieder wie ein Phantom vor meinen Augen dahin ... Aus Briefen an den Kaiser. Hallstadt (am Hallstadter See), 4. August 1895. ... Der Kanzler holte mich gestern mittag auf dem Bahnhof in Aussee ab, während alle Berge voll Wolken hingen. Er sah sehr frisch und wohl aus und hat während seines hiesigen Aufenthaltes drei Pfund zugenommen, an welcher Stelle, konnte ich nicht sehen. Leider hustet er noch und hat vor einiger Zeit einen recht bedenklichen Asthmaanfall überstanden. Geistig war er äußerst regsam, und wenn man sich momentan einbildete, er sei altersschwach, zerstreut, abwesend, so bewies er durch seine Antwort, daß er dann erst recht scharf aufgepaßt hatte. Er wohnt in einem ehemaligen Bauernhaus, das die Fürstin durch ländliche rote Kattunbespannung und eigenhändige Jagdtrophäen – von Bärenpranken und Elch bis zur Gemse –– ausgeschmückt hat. Dazu wimmelt es, gackert es und girrt es ringsherum von Hühnern und Tauben, die ihr aus der Hand fressen, obgleich sie dabei ein bitterböses Gesicht macht. Sie eilt treppauf, treppab und stürzt alle fünf Minuten in das Arbeitszimmer des Fürsten. Sie unterbricht unsere Unterhaltung über Dardanellen, Rußland und Salisbury durch französische Fragen, die sich auf Frühstück, den dicken Bastard von Wachtelhund und Dachs, namens Zanker, beziehen oder in ein scharfes Klagegebelfere über die Russen ausartet, die sie nach wie vor beim Verkauf ihrer Güter betrügen. Schweigsam wie immer läuft die dicke Tochter Elisabeth hinter ihr her. Wenn der gute Fürst unter solchen Umständen trotzdem drei Pfund zugenommen hat, so muß er wohl eine Vitalität haben, die anscheinend größer ist als diejenige von Eurer Majestät und mir zusammengenommen. Ich habe die allerhöchsten Aufträge neben dem Schreibtisch des Fürsten sitzend und trotz der französischen Unterbrechungen durch die Fürstin richtig ausgeführt. ... Anderes, was der Reichskanzler und ich miteinander verhandelt haben, hat wenig Interesse für Eure Majestät, ebensowenig als eine vergiftete Wurst, welche ich auf dem Wege nach Aussee, von Hunger getrieben, verzehrt hatte. Noch vertieft in bulgarische Mordtaten, wurde ich bei dem Mittagsmahl von unerhörten Koliken mit Schüttelfrost ganz plötzlich überfallen und flüchtete mich mit dem unangenehmen Gefühl ins Bett, unter den Fittichen der Fürstin und bei dem unaufhörlichen Girren der Täuberiche an meinem Fenster sterbenskrank zu werden. Der Vorteil, den mir dieser Zustand dadurch brachte, daß ich die Abendstunden am Kamin bei den Klageliedern der Fürstin vermeiden konnte, wog nicht die Unannehmlichkeit auf, lästig zu werden und mich krank in einem fremden Hause zu befinden. Der gute Fürst begleitete mich die Treppe hinauf zu meinem Zimmerchen. »So leid es mir ist, daß Sie erkrankten, möchte ich Ihnen doch zu Ihrer Beruhigung sagen, daß meine Frau glücklich ist, wenn sie jemand kurieren kann«, sagte er mit dem sarkastisch-freundlichen Lächeln, daß ich so gern an ihm sehe. Die Fürstin fand sich auch sofort an meinem Bette ein. Hinter ihr her trugen zwei Dienstboten eine Art verdeckte Bundeslade, die sie am Fußende meines Schmerzenslagers niedersetzten. » Voilá «, sagte sie nur, und begann dann ein Verhör über meine Zustände, das an Gründlichkeit einem Leibarzt Ehre gemacht haben würde. Sie war rührend in ihrer mütterlichen Sorgfalt. Die Nacht war grauenvoll, da die Tauben der Fürstin auf dem kleinen Balkon meines Zimmers ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten und ich immer zweifelhaft war, ob das Girren, das ich hörte, auf dem Balkon oder in meinem Bauch stattfand. Schon früh am Morgen trat mein Leibarzt wieder an mein Bett. » Guéri? « fragte sie mit einer Zuversicht, die mich stärkte. » Oui, guéri .« sagte ich. Denn tatsächlich war die Macht der giftigen Wurst an den Mixturen der guten Fürstin gescheitert. »Ich wußte es«, fuhr sie fort. Es sind Kräuter, die hier die Landleute gebrauchen. Wenn man so dumm ist, einen Stadtdoktor zu konsultieren, stirbt man jedesmal. Je connais ça « In der Nacht um 2 Uhr war die Besserung eingetreten, und ich konnte heute früh unter den Segenswünschen der Fürstin abreisen, welche mir alle diejenigen Nahrungsmittel mitgeben wollte, mit denen man allenfalls auch eine Kanone laden könnte. Ich fuhr sehr eilend davon, weil ich nicht mit Graf Goluchowski zusammentreffen wollte, der seinen Besuch für heute angefagt hatte. Es erschien mir richtiger, die Phantasie der Hundstagspresse durch meine Anwesenheit bei dieser Entrevue nicht noch mehr anzuregen, als es bereits der Fall ist. Morgen um ½ 1 Uhr empfängt mich Kaiser Franz Joseph, nachher werde ich bei ihm essen. 6. August 1895. An den Kaiser. ... Nach meiner Ankunft in Ischl begab ich mich in die kaiserliche Villa –ein mit Jagdtrophäen des Kaisers geschmücktes einfaches Landhaus in sehr hinter Bäumen versteckter Lage am Fuße eines bewaldeten Berges, der zum Park gehört und auf dem die Kaiserin als perpetuum mobile spazierengeht. In der Villa rüstete man sich zum Empfang der rumänischen Herrschaften, die zu meinem Schrecken gleichzeitig mit mir in Ischl eintrafen. Politisch war mir der Konflux von Österreich, Rumänien und dem Vertreter Eurer Majestät zu auffällig – privatim war mir die Begegnung mit der Königin (wegen eines von mir nicht beantworteten Briefes!) sehr fatal – er stellte wenigstens meine gesellschaftliche Routine auf die Feuerprobe. Der Kaiser empfing mich in seinem Arbeitszimmer so sehr ohne Zeremoniell, daß ich nach Beendigung der Audienz nicht einmal einen Lakaien fand und deshalb auf einen falschen Gang geriet, durch den ich in das Turnzimmer der Kaiserin gelangte. Gott sei Dank hing ihre apostolische Majestät nicht mit dem Kopfe nach unten am Reck – das Zimmer war leer, und ich kam ungesehen hinaus. Der Kaiser war unendlich freundlich, gütig und vertraulich. Er sprach auch so offenherzig über alle Fragen mit mir, daß es mich beglücken mußte. ...Ich war am Tage des Empfanges zur Hoftafel geladen. In dem kleinen Eßsaal konnte die Gesellschaft höchstens aus zwanzig Personen bestehen, und so waren nur die notwendigsten Hofchargen befohlen. Man versammelte sich in einem winzigen Vorzimmer. Die Kaiserin erschien jugendlich schlank, graziös, lächelnd, das schöne braune Haar ohne eine Spur ihres Alters und ihres Schicksals. Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid ohne Schmuck. Die hohe Frau schritt sofort auf mich zu und sprach in ihrer flüsternden Sprache über die Dichtungen von Carmen Sylva, die sie unendlich hochstellt. Der Kaiser, Prinz und Prinzessin Leopold von Bayern, Erzherzog Ludwig Viktor, Erzherzog Franz Ferdinand und Erzherzogin Valerie waren anwesend, dazu das rumänische Gefolge sowie Generaladjutant Graf Paar, Oberhofmeister Graf Bellegarde, Hofdame Gräfin Mikes und Graf Goluchowski. Jetzt wurden die Türen geöffnet, und König Karl mit der Königin traten ein. Die Königin mit ihrem stark geröteten Gesicht, den glänzend weißen Zähnen und dem sonnenstrahlartig von dem Kopf aufstrebenden, kurz beschnittenen grauweißen Haar, dazu ein hellila Seidenkleid mit Spitzen, das eine kurze Taille hatte ( à l'enfant , glaube ich, nennt man das), war so absolut genau das Bild der Marquise de Pompadour im Affenthater – des großen weißen Pudels, dem der kleine, scheu um sich blickende Affe die Schleppe trägt –, daß ich meine Fassung erst wieder fand, als sie zärtlich von den langen Armen der Kaiserin umschlungen wurde. Aber kaum war diese zärtliche Zeremonie beendet, so setzte die Königin herausfordernd ein Pincenez auf, grüßte freundlich das Gefolge und schritt direkt auf mich zu, mit hörbarem Ruck stehenbleibend. Wurde sie noch röter oder wurde sie blau – das weiß ich nicht. Aber es war eine grelle Farbe, die vor meinen Augen war, als sie mit einem entzückend weichen Organ sagte: »Wir kennen uns lange – Sie wissen von mir, und ich singe Ihre Lieder.« Ich machte eine sehr triviale Verbeugung und eine noch trivialere Phrase. Ich hasse es, absichtlich eine geistreiche Bemerkung zu machen, und wollte es auch durchaus vermeiden, innerhalb der ersten Minute unserer Bekanntschaft, mit Carmen Sylva auf dem Pegasus zu reiten. Leider fand dieses dennoch annähernd statt. Die Königin war krampfhaft geistreich empfindsam – wegen eines Briefes, den ich nicht beantwortete, von dem sie nicht wußte, ob ich ihn erhielt, wonach sie andererseits auch nicht fragen konnte Der hier erwähnte Brief der Carmen Sylva ist der einzige, den P. Eulenburg von ihr erhielt. Er war von durchsichtiger Anonymität und so exaltiert, daß P. Eulenburg es vorzog, in nicht zu beantworten. Erst nach diesem Brief lernte er sie in Ischl kennen und hat sie nie wiedergesehen. Eine, vielleicht von ihr erwünschte, Korrespondenz hat ebenfalls nicht stattgefunden, wie E. Wolbe in seinem Buch »Carmen Sylva« (Verlag Köhler u. Amelang, Leipzig) völlig unrichtig behauptet, wobei er es sogar noch fertigbringt, diese erdichtet Korrespondenz mit Details auszuschmücken! Der Herausgeber. –, eine starke Verlegenheit, die andere Menschen verstummen läßt, führte sie, der jeder Ausdruck jeden Moment zu Gebote steht, eigentümlich gewaltsam hinaus aus dem Konventionellen der Situation. Ich muß gestehen, daß mich dieses »zurhandsein« eines wirklich geistreichen Materials in einer nicht leichten Minute in große Bewunderung versetzte. Nur eine hochbegabte Frau ist imstande, in einem solchen Augenblick und von jedermann beachtet, ein solches Feuerwerk von Gedanken abzubrennen, die wirklich Gedanken waren und völlig natürlich, ungekünstelt zutage traten. Das einzig Unbemessene war die Dauer. Ich sah Kaiser und Kaiserin unruhig werden, den Haushofmeister die Türen zum Eßsaal öffnen – da bemerkte sie meinen zerstreut werdenden Blick und brach ab; so wie eine schnell ausgegossene Karaffe plötzlich leer wird. Sie begrüßte nun mit eigentümlicher Grazie die Erzherzoginnen, und man ging zum Essen. Die Kaiserin und die Königin sich freundschaftlich umschlungen haltend wie zwei Pensionsfreundinnen, die sich beobachtet fühlen – denn man führte sich nicht. Bei der Tafel saßen die beiden hohen Frauen zusammen in der Mitte, Kaiser Franz Josef und König Karol daneben, dann die übrigen Herrschaften. Ich hatte die rumänische Obersthofmeisterin Madame Mavrogeni neben mir, eine Tante des Königs von Serbien, eine wirklich vornehme Dame, die, wahrscheinlich, um dem Hof ein gutes Air zu geben, stets auf Reisen mitgenommen wird. Zu Hause tut sie keinen Dienst. Die erste Hofdame der Königin, Madame X., ist eine liebenswürdige, gut aussehende Dame, die viel lacht, um ihre guten Zähne zu zeigen. Nach den Lokalzeitungen soll ich ihr den Hof gemacht haben, aber sie dürfte hiervon nichts gewahr geworden sein. Man nennt sie in Rumänien »die Mutter des Kabelkindes«. Das hat folgende Bewandnis: Ihr Mann ließ sich in einer hohen Stellung verleiten, eine Kasse anzugreifen, die nicht ihm gehörte. Er ging deshalb für einige Jahre nach Amerika. Nach einer Trennung von eineinhalb Jahren erhielt er eine Depesche seiner Gattin des Inhalts: »Ich habe die Freude, dir mitzuteilen, daß ich Mutter geworden bin.« Als korrekter Gatte antwortete er: »Ich hoffe zur Taufe unseres Kindes zurück zu sein.« Was auch geschah. Die Ehe soll sehr glücklich sein. Von der Kasse spricht kein Mensch mehr. Abends wurde in dem kleinen Theater, das mit Tannenzweigen und roter Seide allerliebst dekoriert war, das Lustspiel »Zwei glückliche Tage« gegeben. Man saß wie auf dem Präsentierteller und wurde von einem erschreckenden Bataillon von Judenweibern begafft, die hier in Sommerfrische sind. Diese selben zweihundert fetten Judenweiber begrüßten »als Überraschung« in der obersteierischen Tracht den Kaiser und die Herrschaften an der Promenade, als am folgenden Tag ein Ausflug auf den Schafberg gemacht wurde. Es war ein Anblick, um Steine zu erweichen. Besonders wenn man sich vorstellt, daß sie alle von Koschat sangen »Verlassen, verlassen, verlassen bin i«. – Am folgenden Tage hatte ich bei den rumänischen Majestäten um eine Audienz gebeten, wurde aber von jedem der Majestäten besonders empfangen. Die Königin war ganz allein – wieder à l'enfant in hellila –, und ein neues geistreiches Feuerwerk wurde abgebrannt. Ich kann nicht leugnen, daß der Zauber der merkwürdigen Frau ein ganz eigener ist, und daß ich soviel Begabung bewundern muß. Friederike Kempner Eine sehr naive schlesische Dichterin, deren poetische Ergüsse vielfach zitiert und belacht wurden. sagt einmal: »Im Schatten der Palme dort riesengroß erblühet die Wundermimos'« davon hat die Königin etwas. Sie ist eine »Wundermimose«. Nach einer Unterhaltung, in der ich alle geistigen Vorgänge erfuhr, welche die Königin von der ersten Konzeption eines Gedichtes bis zu seiner Fertigstellung durchzukämpfen hat, wollte sie mir vorlesen, aber es waren nur zwei Missales da, die sie selbst geschrieben und selbst gemalt hatte. Sie malt seit ihrer Krankheit, und zwar erstaunlich phantasievoll und begabt, so wie wohl alles von Begabung zeigt, was sie beginnt. Aber der Mangel an Technik ist zuweilen erschreckend, und ich begreife wohl das Urteil der Maler, welche ihr sagten. »Wir kritisieren nicht, weil wir die Kindlichkeit stören würden.« Es ist nämlich manches schauderhaft. Erzherzog Ludwig Viktor unterbrach unsere Unterhaltung für einen Augenblick, dann setzte die Königin ihren Vortrag weiter fort. Der Erzherzog war ganz hingerissen: » C'est magnifique! – wie deliciös! Ah, mais quel talent! Eure Majestät sind bewunderungswürdig – welcher Farbensinn – oh, c'est magnifique! « Jetzt schickte der König nach mir. Er hatte über die Länge der Audienz die Geduld verloren. Was wir sprachen, habe ich Eurer Majestät bereits untertänigst gemeldet. Mit diesem Tag war meine offizielle Aufgabe erfüllt. Der Eindruck, den mir die neue Bekanntschaft der Königin brachte, war interessant, aber nicht angenehm. Die maßlose Eitelkeit der hohen Frau verletzt. Diese beherrscht sie ganz, was auch wieder Friederike Kempner so wirkungsvoll ausspricht: »Die gelben Blätter der Geschichte fallen, das eine, Prinz, es ist ganz voll von Dir!« Ich besuchte nun meine alte Freundin, die Fürstin Dietrichstein, sprach lange mit Goluchowski und anderen Leuten, horchte hier und dort und verließ Ischl, nachdem ich noch der Baronin Kiß, alias Frau Schratt, einen längeren Besuch abgestattet hatte. Sie sieht täglich beide Majestäten, auch die Erzherzoginnen. Es schien ihr mein Besuch zu schmeicheln, und sie begann in ihren Mitteilungen vertraulicher zu werden. Es ging aus ihren Erzählungen hervor, daß das ausschließliche Thema der Konversation Ferdinand von Bulgarien und die Lage in Sofia ist. Diese Nachbarschaft ist in der Tat unendlich unbequem geworden. (gez.) Philipp Eulenburg. Die Majestäten von Berlin und Rom in Venedig 1896 Tagebuchblätter. Venedig, 11. April 1896. Nachdem ich mich im Palazzo Reale bei den eben eingetroffenen Majestäten von Italien eingeschrieben und einen Haufen Visitenkarten für die Umgebung gelassen hatte, erhielt ich – sehr aufmerksamerweise – sofort eine Einladung zum Frühstück. Ich begab mich mit Bülow Bernhard von Bülow, damals Botschafter in Rom. in den Palazzo, und Bülow stellte mich den Anwesenden vor. Dann erschienen die Majestäten. König Umberto begrüßte mich fast zärtlich als guten Freund, indem er zugleich die Augen wild über den großen Schnurrbart rollte, und stellte mich der Königin Margaritha vor, die mich sofort bezauberte. Wir setzten uns an die mit herrlichen Blumen dekorierte Tafel. Mein Platz war neben der Königin, und es dauerte nicht fünf Minuten, so waren wir in ein großes Gespräch über Kunst, Musik und Poesie so sehr vertieft, daß ich fast vergaß, zu essen. Die Königin ist die geistvolle Tochter des Herzogs von Genua und der Prinzessin Elisabeth von Sachsen, Tochter König Johanns, der durch seine Übersetzung der Divina Comedia des Dante sich einen bekannten Namen in der deutschen Literatur erworben hat. Sie spricht deutsch wie eine Deutsche und hat die Seele ihres Großvaters Johann, den ich als Knabe 1861 auf der Schule in Dresden noch auf Paraden gesehen habe. Seine Enkelin hat einen unleugbar schönen Kopf. Die Nase erinnert allerdings ein wenig an den Großvater. Ich stehe vollkommen unter dem Charme dieser Königin, ihrer Unterhaltung, ihrer Liebenswürdigkeit, ihrer Grazie und ihres schönen geistvollen Kopfes. Kaum war ich nach Schluß des Dejeuners mit meiner Gondel zum Hotel gefahren, erschien in schleunigem Tempo eine königliche Gondel, die mir den Brief des liebenswürdigen Adjutanten des Königs überbrachte, in dem er mir mitteilt » Excellence, j'ai l'honneur de Vous annoncer que le Yacht Impérial est en vue et qu'il arrivera à Venise vers les 2½ heures. Vous pourriez Vous trouver au Palais quelques minutes au paravant. De votre Excellence le tout dévoué. Georgio Voglia .« Ich fuhr sofort in der Gondel des Adjutanten zum Palazzo – doch war die Eile nicht so groß. Meine königliche Gondel ließ ich im Hotel für meine Mutter Die Mutter hielt sich gleichzeitig in Venedig auf. , damit sie bequem zum Giardino publico gelangen konnte, um die Einfahrt der »Hohenzollern« zu sehen. Ich fuhr mit Bülow. Etwa um ½4 Uhr setzten wir über, nachdem das Salutschießen vorüber war, freudig von den Majestäten und dem ganzen Gefolge begrüßt. Nach der Begrüßung durch König und Königin auf der »Hohenzollern«, die kurz nach meiner Ankunft erfolgte, fuhren unsere Majestäten zum Palazzo reale und kehrten dann nach der »Hohenzollern« zurück. Alles ging an Land. Ich machte eine Gondelfahrt mit dem Kaiser, die jedoch ziemlich mißglückte. Man wurde derart von neugierigen Gondelleuten verfolgt und mit Evivas angeschrien, daß wir es aufgaben. Danach fuhr ich zum Hotel, mußte mich jedoch bald zum Diner im Palazzo reale umkleiden, das um 20 Uhr – d. h. 8 Uhr – stattfand. Es war sehr elegant, hielt sich aber mehr im Charakter der »Familiarität« – nicht das ganze italienische Gefolge aß mit an der Tafel. Nach dem Diner war allgemeine und sehr lebhafte Unterhaltung in den angrenzenden Räumen bei offenen Fenstern. Der Blick auf den erleuchteten Markusplatz war bezaubernd. Eine laute Menge wogte darauf hin und her, bisweilen in Eviva ausbrechend, wenn die Majestäten sich an einem Fenster zeigten. 12. April 1896. Für den heutigen Abend war große Paradetafel angesetzt mit Beleuchtung und Serenade. Der italienische Hof ist berühmt »elegant«. Die Freude des Italieners an Äußerlichkeiten erhält natürlich bei dem reichen Hofe und dem Wunsch zu imponieren einen ganz besonders raffinierten Ausdruck. Mir war (wie immer!) die große goldbedeckte Botschafteruniform sehr unbequem, die sich mit dem Großkreuz und dem breiten, leuchtenden grünen Bande des italienischen Mauritius- und Lazarusordens höchst prächtig ausnahm. Aber die Freude, mit der mich meine Mutter betrachtete, machte schließlich doch auch mir Freude – weniger das Anstarren der Hotelgäste und des Personals, das hinter mir herlief. Die lange Prunktafel im Palazzo reale war sehr entzückend: ein Blumenteppich, auf dem goldene Prunkgefäße standen mit zierlich durchsichtigen Buketts. König Umberto saß zwischen der Kaiserin und Frau von Bülow, ihm gegenüber Königin Margaritha zwischen dem Kaiser und mir. Bülow hatte darauf gedrungen, daß ich den Rang vor ihm während dieser Tage einnehmen solle, der ihm als akkreditierter Botschafter am hiesigen Hofe zukam. So hatte ich die Freude, neben der Königin zu sitzen und während der langen Festtafel mich herrlich mit ihr unterhalten zu können. Sie entzückte mich von neuem durch ihren Geist und ihre Kenntnisse. Meinetwegen hätte die lange Speisefolge noch länger andauern können. Ich lasse sie hier folgen und füge auch den Wortlaut der feierlichen Einladung bei, die ich empfing. Einladung. Il Gran Maestro di Ceremonie (Graf Gianotti) e la Dama d'Onore della Regina (Marquise Villamarina) d'ordine delle Loro Maestà hanno l'onore d'invitare S. E. il Conte Eulenburg Ambassadore di S. M. l'imperatore di Germania al pranzo di Corte per il giorno di. Domenica 12. Aprile 1896 alle ore 20. In caso d'impedimento si prega darne avviso. (in uniforme) Diner du 12. Avril 1896. Menu. Huîtres. Potage-Consommé à l'Impérial Darne de saumon, sauce Béharnaise Filet de boeuf à la Cussy Poulardes du Mans à la Périgord Epigrammes de gibier à la Talleyrand Suprêmes de fois-gras à la Benvenuto Punch à la Romaine Asperges en branches, sauce Maltaise Faisans rôtis. Salade à la Brunswich Buiscuit Vénitien aux abricots Dessert Glace – Créme à l'Italienne. Gräfin Morosini. Der Kaiser behielt mich den ganzen Tag bei sich. Ich konnte nur für ganz kurze Zeit nachsehen, wie es meiner Mutter ging, die sich mit ihren 72 Jahren nicht überanstrengen durfte, was bei der Lebhaftigkeit ihres Geistes, ihrer Eindrucksfähigkeit, ihrer warmen Empfindung und hohen Begeisterung für alles Schöne gerade in diesen Tagen und in dieser Umgebung zu befürchten war. Die leidige, jetzt so unerquickliche innere Politik, die andauernden Ministerkrisen und widerlichen Machenschaften aufgeregter und intriganter politischer Persönlichkeiten veranlaßten den Kaiser zu langen Aussprachen mit mir. Auch die unerträgliche Affäre Kotze, die gerade in diesen Tagen durch das Duell, in dem Kotze Schrader erschoß, eine aufregende Wendung erhielt, tat das Ihrige dazu. Es war daher eine Erholung, als der Kaiser mir sagte, er wolle mit mir der Gräfin Morosini einen Besuch machen. Eine Gondel wurde herbeigerufen, und ohne von dem lauernden Publikum erkannt zu werden (denn wir stiegen die Treppe an Backbord, nicht die mit rotem Teppich belegte Kaisertreppe an Steuerbord hinab, die von allerhand Publikum in Gondeln belagert wurde), fuhren wir auf Umwegen durch dunkle, malerische Kanäle und Canalettis zu dem Palazzo Morosini am Canale grande. Es ist soviel von den Huldigungen geredet worden, die der Kaiser dieser herrlich schönen Frau zuteil werden ließ – Huldigungen, die auch nicht die liebe gütige Kaiserin vollkommen innerlich zu überwinden vermochte –, daß ich hier einmal einige Worte von der Gräfin und dem Kaiser sagen will. Zunächst will ich feststellen, daß die Gräfin Palastdame der Königin Margaritha ist, in glücklicher Ehe mit dem Grafen Morosini lebt (der dem berühmten Dogen-Geschlecht Venedigs entsprossen ist) und daß ihrem Rufe nicht das Geringste anhängt. Man hatte telefoniert, daß der Kaiser kommen werde. Der Gatte war nicht zu Hause. (Ein rötlichblonder Mann von freundlichem Wesen, der Venedig nicht liebt und dem Rennsport (!!) auf seinen Besitzungen im Lande huldigt, statt sich mit Segelsport zu befassen.) Aber der Vater der Gräfin war anwesend und begrüßte uns unten an den breiten Stufen des Palazzos, die in den Kanal münden. Ich kannte ihn bisher nicht – den Senatore Balbo von Genua –, dem ich gern einen purpurfarbenen Damastmantel umgehangen hätte, wie wir sie auf Tizians Gemälden kennen. Denn eine hohe, vornehme Gestalt stand vor uns, mit fast weißem, lockigem Haar, schwarzem, kurzgehaltenem Vollbart und kühnem, schwarzem Schnurrbart. Weiß-gelbliche Hautfarbe hatten seine edlen Züge und roten Wangen. Unter der hohen Stirn leuchteten zwei dunkle Imperator- Augen. Der edelste Typus einer Longobardenfürstengestalt. Wir schritten mit ihm die weißen Marmorstufen hinauf, und oben stand allein, lächelnd, die Gräfin. Sie machte, als der Kaiser nahte, eine tiefe Verbeugung, doch so ungezwungen, als mache eine Königin der anderen ihre Reverenz, denn sie ist das als Frau, was der Vater in seiner Erscheinung als Mann ist, eine königliche Frau; fast groß zu nennen mit breiten Schultern und freiem Hals, auf dem sich in weicher Grazie der herrliche Kopf mit dem energischen und doch zart geformten Kinn in wundervollem Ebenmaß des Ovales aufbaut. Die leicht gebogene Nase schmiegt sich in reizender Form an die klare Stirn, auf die in geradezu zauberhafter Linie die dunklen Augenbrauen gezeichnet sind. Und doch meint man nur die wunderbaren hellbraunen Augen zu sehen, die ebenso freundlich lächeln, wie die roten Lippen, die beim Sprechen lauter Perlenzähne zeigen. Ich habe in meinem Leben sehr selten ein so vollkommenes Bild weiblicher Schönheit gesehen. Viel aber sprach der Eindruck mit, daß die Lieblichkeit des Ausdruckes dieser Züge das Gefühl zugleich erweckten, diese königliche Gestalt mit der königlichen Haltung des Kopfes werde von einem Augenblick zum anderen sich aus der Lieblichkeit zu tragischem Ernste, zu einem niederschmetternden Zorne wandeln. Das war ungefähr die berühmte Gräfin Morosini, so wie ich sie sah und wohl viele andere auch. Niemand aber vermochte sich wohl je dem Eindruck ihrer Schönheit zu entziehen. Darum waren auch die weiblichen Zungen allerorts in unablässiger Tätigkeit, sie zu schmähen, ihr »etwas anzuhängen«, denn nichts verzeihen Frauen so schwer als Schönheit einer anderen, und darum lag es auch nahe, einem kaiserlichen Besuch, einer noch so harmlosen Huldigung der »Schönheit als solcher« unlautere Motive beizulegen und Geschichten zu erfinden, die lächerlich wären, wenn sie nicht soviel Bosheit enthielten. Wir saßen, wie im vergangenen Jahre, an dem kleinen Teetischchen, die Gräfin, der Senator (aus der Zeit des großen Doria von Genua!), der Kaiser und ich. An dem großen Fenster stand das Tischchen, und man sah in den Garten hinaus auf Zypressen. An den Wänden hingen alte Ölgemälde, rotseidene Möbel standen auf dem großen persischen Teppich. Der Kaiser erzählte von Taormina, von dem Ätna und der Seefahrt. Wie wenig ihm Ragusa gefallen habe und die berühmte Bocca di Cattaro, von der Kunst, mit der »Hohenzollern« in Venedig zu landen – kurzum, die Unterhaltung war maritim. »Ah« und »Oh« sagte die Gräfin öfters und lachte herzlich wie ein Kind, wenn der Kaiser eine lustige Episode von »bewegter See« erzählte. Aber sie sprach wenig: der Kaiser hatte das Wort. Man sprach französisch. Die Gräfin wie eine Französin, der Senator wie ein Genueser – wenn er überhaupt sprach. Man lobte den Tee, die guten kleinen Kuchen. Ich erlaubte mir zu fragen, ob das Kleid aus London oder aus Paris sei, denn Farbe und Schnitt machten mich zerstreut. Darüber lachte sie reizend und sagte: »Aus Paris.« Und sie behauptete, sie habe gleich bemerkt, daß ich immer das Kleid betrachtet habe – was ich natürlich bestritt. Ich sagte aber, daß ich das ungeheure Raffinement dieser Einfachheit bewundere, worüber sie noch mehr lachte. Man redete weiter, scherzte über solchen und anderen »Unsinn«, versprach bald wiederzukommen, und hatte sich schließlich und im Grunde gar nichts gesagt, weder die Gräfin, noch der Kaiser, noch der Senator, noch ich. Aber alles war befriedigt, und man trennte sich nach dem üblichen Handkuß, als wären wir alle alte Freunde. Das war einer jener Besuche Kaiser Wilhelms bei der Gräfin Morosini, über die sich abenteuerliche Gerüchte wie lauter Spinnweben breiteten. Einer jener Besuche, wie sie alle ohne Ausnahme waren; und ich schrieb dieses in einer müßigen Stunde nieder, um den Kaiser zu zeichnen, wenn er einer schönen Frau huldigt. 13. April 1896. Ich mußte mich schon vormittags auf die »Hohenzollern« begeben, um eine Fahrt in der Gondel mit Kaiser und Kaiserin zu machen, die ziemlich geräuschvoll verlief, da die Majestäten oft erkannt wurden. Um 1 Uhr fand ein sehr elegantes Frühstück auf der »Hohenzollern« zu Ehren der Italiener, doch in ganz kleinem Kreise statt. Der König erschien nur mit Graf Gianotti und einem Adjutanten und die Königin mit der Marquise Villamarina, dazu auch Rudini. Natürlich machte es dem Kaiser besondere Freude, nach dem Essen den Italienern das Schiff von oben bis unten und von vorn bis hinten zu zeigen. Blitzblank und herausgeputzt, ein freundlicher Anblick – besonders für Italiener, bei denen die Dessous der Dinge unter allen Umständen »schmudlich« sind. Nach meinem Gefühl paßte das große weiße Ungetüm der »Hohenzollern« wenig nach Venedig. Jede Gondel war mir sympathischer – und sollte es schon ein Kaiserschiff sein, dann wäre eben nur der Bucentaur der Dogen am Platze. Trotz alledem war es gemütlich, und die liebenswürdigen Gäste taten auch so, als schmeckte ihnen das Dejeuner (bei dem ich unaufhörlich Konserven witterte). Über das deutsche Menü amüsierte sich meine Nachbarin, die es natürlich verstand, wenn sie auch über die »Kraftbrühe mit Einlage« stolperte. Nach dem Essen erhielt der Kaiser ein Telegramm mit der Meldung, daß Kotze Schrader im Duell erschossen habe Zeremonienmeister von Kotze war als mutmaßlicher Verfasser der anonymen Briefe, die seit vier Jahren die Berliner Hofgesellschaft beunruhigten, verhaftet worden. Nach seiner Freisprechung erschoß er im Duell Herrn von Schrader, einen seiner vielen Feinde, die, selbst verdächtigt, ihn als bequemstes Opfer ausersehen hatten. P. Eulenburg hat eine Aufzeichnung über diesen mysteriösen »Fall Kotze« hinterlassen, die aber erst später mit dem politischen Nachlaß veröffentlicht werden kann. Der Herausgeber. ! Herzschuß. Große Aufregung. Am Nachmittag fand ich noch Zeit, im Hotel zu packen und Abschied von meiner Mutter zu nehmen, die in merkwürdiger Frische diese bunten schönen Tage verlebt hatte. Abends fahre ich im Sonderzug mit den Majestäten nach Wien. Die Eröffnung des »Eisernen Tores« September 1896 Das Eiserne Tor. September 1896. Eines der bedeutendsten Ereignisse auf dem Gebiet europäischer Wirtschaftspolitik – man kann wohl sagen auf dem Gebiet der Weltwirtschaftspolitik – war der Durchbruch durch die in der Donau liegenden Klippen bei Orsowa, die den freien Verkehr auf der Wasserstraße der Donau bis zum Schwarzen Meer hinderten. Es war eine Arbeit vieler Jahre, dieses Hemmnis zu beseitigen, das schließlich durch Sprengung eines Kanals neben diesen in der Donau liegenden Klippen herbeigeführt wurde. Die Eröffnung dieses Weges wurde in das Jahr des tausendjährigen Bestehens des ungarischen Reiches verlegt und stellte tatsächlich ein Ereignis dar, das erlebt zu haben, zu den größeren Eindrücken in einem Menschenleben gerechnet werden kann. Der in Szene gesetzte Apparat war auch der Bedeutung entsprechend, und um so eindrucksvoller, als die Freude an Prunk, sowohl der Ungarn als der Rumänen und Serben, zu einer fast übermäßigen Entfaltung kam. Die Öffnung des Eisernen Tores berührte in erster Linie die drei Monarchien, deren Grenzen bei Orsowa sich fast berührten. Da aber die Donau Anspruch erheben kann, auch ein deutsches Gewässer zu sein, konnte die deutsche Regierung nicht bei den Feierlichkeiten fehlen, und so war ich, als Deutschlands Vertreter in Österreich-Ungarn, ausdrücklich zu den Feierlichkeiten delegiert worden. Mein guter unentbehrlicher Sekretär Kistler und mein treu mich pflegender Leibjäger Emanuel Bartsch begleiteten mich. Um aber auch wieder einmal eine Reise (wenn sie auch von kurzer Dauer war) mit meinem, seit unserer Kindheit treuen Freunde und Vetter, dem Grafen Eberhard Dohna zu machen, der mich 1871/72 nach Ägypten und 1884 nach Spanien begleitete, hatte ich ihm den Vorschlag gemacht, die Feierlichkeiten in Orsowa mit mir zu erleben – als Zuschauer. Denn meine offiziellen Funktionen traten doch nur zu gewissen Stunden und Zeiten der beiden »Eröffnungstage« in Erscheinung. Ich hatte Eberhard den Vorschlag gemacht, um in größerer Ruhe die Reise von Wien nach Orsowa zu machen und zugleich seine liebe anregende Gesellschaft besser ausnützen zu können, das Dampfboot von Budapest aus zu nehmen, nicht den Kurierzug bis Orsowa zu benützen, der in diesen Festtagen unerträglich gewesen wäre. Allerdings brauchte man zu der Dampfbootfahrt zwei Nächte und fast zwei Tage. Dafür aber hatte man schöne Ruhe und ein volles Genießen der Donau, die uns Deutschen immer noch recht fremd und meist nur als »die schöne blaue Donau« bei Wien bekannt ist. Tagebuchnotizen. 22. September 1896. Nachdem sich am gestrigen Tage Eberhard Dohna in Wien eingefunden und ich nach Erledigung einer Flut von Arbeit mit ihm den Abend im Burgtheater angenehm verlebt hatte, traten wir heute früh um 9 Uhr die Reise nach Pest in der Bahn an. Wir stiegen im Hotel »Hungaria« ab, und ich begab mich sofort zum Ministerpräsidenten, Baron Bánffy, mit dem ich allerhand politische Fragen zu besprechen hatte. Er ist ein mehr »gerissener« als kluger Mann. Ein Ungar des blonden Typus, ohne das aristokratische »Air« der vornehmen Magyaren, das sehr besticht. Da er in Gala sich einen himmelblauen Seidendamast zu dem rotsamtenen Mantel gewählt hat, nehme ich an, daß er unter dem Pantoffel seiner Gattin steht, die für ihren geliebten dicklichen Gemahl mit dem schlau-lächelnden, runden, blassen Gesicht und dem spärlichen, blonden, straffen Haupthaar dieses bezaubernde Gewand gewählt haben dürfte, denn ein Mann käme nicht darauf. Ich habe jedenfalls noch niemals einen Ministerpräsidenten in Himmelblaudamast gesehen – könnte mir auch z. B. den alten kleinen Reichskanzler Hohenlohe nicht recht darin vorstellen. Nachdem ich noch bei verschiedenen Granden des Reiches Ungarn, die sich fast ohne Ausnahme auf ihren Landsitzen befanden, Karten abgegeben hatte, aß ich mit Eberhard und Kistler im Hotel, und es fand sich der liebenswürdige junge Graf Laslo Szápáry dazu, der sich zufällig im Hotel aufhielt. Um ½10 Uhr abends wanderten wir zu dem Dampfboot, wo uns bereits Emanuel erwartete, der unsere Kabinen behaglich hergerichtet hatte. Der Kapitän hatte uns seine besten Kabinen reserviert und begrüßte uns »untertänigst«, als wir seinen Dampfer betraten. Dann begann die Fahrt. Von Mondlicht umflutet, stand die hohe Burg gegen den Sternenhimmel, und an beiden Ufern der Donau spiegelten sich tausende Lichter in dem unruhig glitzernden Wasser, das von den stolzen Bogen der mächtigen Brücke, die Pest mit Ofen verbindet, überwölbt ist. Solange wir uns in der Nähe der Stadt bewegten, konnten wir uns nicht von dem zauberhaften Anblick trennen. Dann aber sanken die Ufer in Nacht; man hörte nur noch den mir von den vielen Seefahrten so bekannten Schiffslärm, und wir zogen uns recht müde in unsere Schlafkammern zurück. 23. September 1896. Ich hatte nicht gerade gut geschlafen, aber es ging doch an, vor allem erwartete mich ein herrlich ruhiger Tag; keinerlei Störung, Depeschen oder sonstige politische Überraschungen vermochten mich hier zu erreichen, ein Gefühl, das allein schon wie Balsam auf die Nerven träufelt. Wir frühstückten sehr gemütlich um 8 Uhr in dem »Salon« auf Deck und schwatzten vergnügt. Die übrigen Passagiere waren zumeist Ungarn, die in die Provinz fuhren. (Pustaartige Leute mit gewichstem Schnurrbart und Frauen, die nicht einmal den Versuch gemacht hatten, für »vornehm« gehalten zu werden.) Das Wetter war schön und die Luft prachtvoll, die Fahrt auf der breiten Donau interessant und abwechselnd. Städte mit niederen weißen Häusern, überragt von sehr hohen weißen Kirchen im Jesuitenstil, weite, grüne Wiesenflächen mit Viehherden, Fahrzeuge aller Art, viel Bauholztransporte, hin und wieder ein Schloß mit Park, auch Wälder, und in der weiten Ferne lichtblaue sanfte Bergketten. An den Landungsplätzen sieht man viel interessantes Volk in malerischen Trachten, und Eberhard machte herrliche Bemerkungen dazu, die Charakteristik in seiner eindringlichen Art hervorhebend. So gab es viel zu lachen, und der Tag verfloß in angenehmster Weise. Das Diner war nicht gerade hervorragend, aber Eberhard aß alles auf. Dann machten wir einen sehr geruhsamen Nachmittagsschlaf, nachdem wir noch an der Station Vucovar unsere Briefe abgegeben hatten. Das ist die ungarische Herrschaft, die dem Vater des jungen Grafen Eltz gehört, der als Attaché zu meiner Botschaft in Wien kommandiert ist. Erzählend, schwatzend, betrachtend und hin und wieder Kaffee trinkend, floß der Tag so ruhig hin wie die Donau, die uns sanft und freundlich trug. Doch hätten wir gegen Abend fast einen » accident « gehabt. Es war bereits dämmerig geworden. Die Donau war an dieser Stelle nicht übermäßig breit. Ein Dampfer kam uns entgegen, und unser Kapitän stand auf seiner kleinen Kommandobrücke, von der er seine ungarischen Steuerbefehle hinabrief. Der Kapitän hatte nicht bemerkt, daß der Dampfer, der uns entgegenkam, etwa vier mit Holz beladene große Kähne hinter sich herschleppte, die genau in Linie hinter ihm schwammen und durch den Körper des Dampfers verdeckt waren. Plötzlich, schon in der Nähe unseres Schiffes, machte jener Dampfer eine Seitenbewegung, um auszuweichen, und natürlich blieben die an langen Seilen hinter ihm hergeschleppten Lastkähne noch in gerader Fahrt, so daß wir, da wir schnell fuhren, auf diese aufgelaufen wären, wäre nicht im kritischen Augenblick das deutsche Kommando »Donnerwetter, rechts!« erklungen. Wir konnten uns bald zur Ruhe begeben. Ich erinnere mich nur, daß ich einmal erwachte, weil der Dampfer hielt und am Ufer eine lebhafte Unterhaltung stattfand, aus der ich das Wort »Papusch« öfters heraushören konnte. Morgens sagte mir der Kapitän auf meine Frage, daß es in Belgrad gewesen sei, wo eine große Ladung serbischer Schuhe ausgeladen wurde. Also weiß ich nun, woher das Wort »Papuschen« stammt, mit dem mein seliger Vater stets die Morgenschuhe oder Pantoffeln bezeichnete. 24. September 1896. Ich lag noch gänzlich verschlafen in meinem schmalen Bett, als ich laute Stimmen vor meiner Tür hörte und dann das norddeutsche Organ unseres deutschen Gesandten am Hofe zu Belgrad, Herrn von Wäcker-Gotter, erkannte, der mich zu sprechen wünschte. Mein Himmel! – dachte ich bei mir – also auch hier Depeschen und Politik! Aber als auf das Anpochen der, leider stets pikierte, aber kluge Mann, den ich recht gern hatte, eintrat, verklärte sich mein Blick, denn er brachte mir einen Riesenkorb voller herrlicher Trauben. »Ich werde Sie doch nicht durch Semendria fahren lassen, das zu meinem serbischen Gebiet gehört, ohne Ihnen Semendria-Trauben zu bringen, die berühmtesten der ganzen Erde!« sagte er. »Das ist ja rührend liebenswürdig! – aber wann sind Sie denn aufgestanden?« fragte ich. »Früh!« sagte er lachend, »was tut das? Ich wollte doch zeigen, daß ich Ihrer gedacht habe.« Ich zog mich eilend an, rief Eberhard durch die Holzwand zu, schnell aufzustehen, man habe uns eine Delikatesse gebracht, die man nur hier essen kann – und in zehn Minuten saßen wir mit dem braven Wäcker draußen auf Deck, sprachen eiligst von den wichtigsten Dingen und aßen Trauben von einer Güte, wie ich sie tatsächlich niemals in meinem Leben vorher oder nachher aß. Doch bald tönte die Schiffsglocke, und der gütig- pikierte Wäcker-Gotter verließ uns, seinen Hut noch am Ufer schwenkend. Boshaft war er jedenfalls nicht – wie das »liebenswürdige« Auswärtige Amt behauptet. Einige Stunden später legten wir in Basiasch an, wo ich im Oktober 1871 auf dem Wege nach Konstantinopel, mit der Bahn von Pest kommend, auf das Dampfboot zwei Tage wartete, das mich nach Rustschuk bringen sollte: ein trauriges ödes Nest. Dann aber passierten wir die herrlichen hochragenden Felsen des Passes von Kasan, durch die sich die wahrhaft blaue Donau eine Straße »durchgewaschen« hat, die zu den schönsten Wasserwegen gehört, die ich kenne und die sich nur mit den herrlichsten engen Fjorden Norwegens vergleichen läßt. Ach, wie schwindet dagegen der arme Rhein bei der Lorelei, die als »wildromantische« Gegend von der deutschen Jugend gerühmt wird! Nachmittags langten wir vor Orsowa an, nachdem wir die kleine – noch vor wenigen Jahren türkische – Insel Adah-Kaleh passiert hatten, wo 1871 noch türkische Soldaten Wache standen. Jetzt sah es friedlicher, aber nicht weniger bunt dort aus, und ich beschloß, von dem berühmten Herkulesfürdö (Herkulesbad), wohin wir uns zur Nacht begeben wollten, einen Ausflug nach der Insel zu machen. Orsowa, das schon im Flaggenschmuck wegen der bevorstehenden Festlichkeiten prangte, liegt hart an der Donau, die hier zwei Felsberge durchschneidet. Der Bahnhof liegt etwa zwanzig Minuten von dem Landungsplatz entfernt, und nach halbstündiger Bahnfahrt, die sich in einem anscheinend fruchtbaren Hügelland zu dem Gebirge von mittlerer Höhe auf dem linken Donauufer hinzieht, gelangt man zu der Station Herkulesbad. Von hier hat man noch eine Wagenfahrt von etwa einer halben Stunde zu machen bis zu dem engen Tal, in dem das Bad liegt. Wir wurden an der Station von dem obersten Badekommissar, einem Herrn von Vest, empfangen, der mich in seinem Wagen als »offizielle Notabilität« zu der für mich bestimmten Wohnung geleitete. Die von Wien aus von mir bestellten Zimmer in dem großen Hotel hatte er nicht für mich passend erachtet und führte uns in ein höchst gemütliches Privathaus in der Nähe der großen Kurpromenade, wo wir das Parterre bezogen. Unser erster Gang führte uns zu der Kurpromenade, den Badehotels und dem Kurhaus, die alle, fest eingezwängt, in dem engen Felstal liegen, durch das ein schmales Flüßchen fließt. Die Höhen der Felsen sind bewaldet, und es führen dort, nachdem man auf Treppen und steilen Wegen die Höhe erklommen hat, anmutige Promenadenstege durch die Wälder. Das Bad ist unzweifelhaft eines der schönsten, das ich kennenlernte. Herr von Vest, ein Schweizer, der in Ungarn die Staatsangehörigkeit erwarb, ist ein gebildeter, sehr angenehmer Mann, der sich in der liebenswürdigsten Weise unserer annahm und uns durch manche interessante Badeerlebnisse unterhielt. Ein Erlebnis, das ihn sehr entrüstete, unterhielt mich so sehr, daß ich es zur Erinnerung an Herrn von Vest hier wiedergeben will. Es betraf den bekannten großen Pariser Schwindel-Unternehmer Arton, der im Zusammenhang mit Mme. Humbert stand, die halb Paris betrogen und sich ungezählte Millionen erworben hatte, bis sie entlarvt wurde. Mr. Arton hatte sich beizeiten von Paris entfernt und war unter einem falschen Namen und mit einer Pseudo-Gattin in Herkulesbad gelandet. Er wollte durch Stauung des Flusses einen großen Teich am Kurhaus schaffen und die Konzession für den Bau einer Spielbank durch Bestechung erlangen. Bei der Lage des Bades an den Grenzen dreier gern und viel spielender Reiche mußte diese Bank eine Quelle von Verdienst werden. Eines Nachmittags ging Mr. Arton allein spazieren – und kehrte nicht wieder. Die »Gattin«, am Abend sehr beunruhigt, meldete dieses den Behörden, doch jedes Forschen blieb vergebens. Da meldete sich ein Revierjäger, der behauptete, einen Dachshund zu besitzen, welcher den Verschwundenen sicherlich aufspüren werde, – doch müsse der Dachshund irgendein Kleidungsstück vorgelegt bekommen, das der Verschwundene auf dem bloßen Leibe getragen habe. Mme. Arton suchte, fand jedoch nur ein Paar unbeschreiblich schmutzige Unterhosen des dicken Mr. Arton. »Die sein schön!« rief der Jäger begeistert aus, und der Hund Schnupperl wurde angefeuert, sich mit den Unterhosen zu beschäftigen – was er zunächst mit einigem Widerwillen ablehnte. (Der brave Schnupperl!) Dann aber wurde Schnupperl gewaltsam in die Unterhosen hineingesteckt, was ihm nach einiger Zeit zu behagen schien, denn er kratzte viel herum und legte sich dann darin zur Ruhe. (Pfui Schnupperl!) »Dös is recht!« sagte sein Herr. »Nun is er halt in seiner Nosen so ang'füllt mit denne Schweiß von dem Herrn, daß er ihn überall spüren tut – und wär' er im Himmel beim lieben Herrgott!« Herr von Vest, der diesen Operationen beiwohnte, war noch ganz erschüttert, nicht minder von Schnupperls Tätigkeit, als von der Wäsche des Mr. Arton – »der sonst auffallend elegant gekleidet gewesen sei«. Nun aber geschah es, das Schnupperl, der sich zunächst knurrend widersetzte, als man ihn aus der Hose herausziehen wollte, sehr unruhig draußen auf den Wegen hin- und herlief, die Nase stets am Boden hielt und, nachdem eine der Brücken überschritten war, plötzlich eilend davonstürzte. Da es dunkel geworden war und nur der Jäger eine Laterne trug, war es unmöglich, dem Hunde zu folgen. »Er wird scho laut werden«, sagte der Jäger und blieb hin und wieder stehen, um zu lauschen. Plötzlich vernahm man die Stimme des bellenden Hundes – in weiter Ferne. »Dös is mei Schnupperl!« rief der Jäger und eilte mit seiner Laterne voran, einen der Treppenwege hinauf zum Wald, während die anderen langsam folgten. Doch blieb Schnupperl unentwegt bei seinem Bellen, und man vermochte dem Laut nachzugehen, da er anscheinend an derselben Stelle verblieb. Endlich hatte man Schnupperl erreicht, aus dessen Gebell ein klägliches Geheul geworden war. Er stand oben abseits von dem Weg, der durch den Wald über die Schlucht führte. Der Jäger hatte ihn entdeckt, hart am Abgrund – und Schnupperl war von der Stelle nicht abzubringen. »Der Herr is abstürzt«, sagte der Jäger, »er wird wohl drunten im Wasser liegen.« Aber Mr. Arton war nicht abgestürzt – man fand die Leiche nicht. So verging die Nacht. Man wollte am nächsten Morgen weitersuchen – aber der kleine Dachshund war nicht von der Stelle zu bringen, denn er stand so hart an dem Rand des Felsens, daß man nicht wagen konnte, an den Hund heranzutreten. Am nächsten Morgen wurde das Geheimnis offenbar: Mr. Arton hatte sich wohl oben im Walde verirrt und war allerdings in die Schlucht gestürzt. Doch war er auf halber Höhe in den Zweigen einer starken Tanne hängengeblieben, die, sehr buschig gewachsen, aus einer Felsenspalte herausragte. Dort hing er – anscheinend tot. Leute hatten am Abend in der Ferne Geschrei gehört. Nach unsäglichen Mühen wurde der dicke Mr. Arton aus seiner schrecklichen Lage befreit. Der Revierjäger, ein ungewöhnlich starker Mann, ließ sich selbst an ein Seil anschnüren und holte ihn hinauf, auch rief der anwesende Arzt ihn bald wieder ins Leben. Mr. Arton hatte eine bedeutende Kopfwunde, war sonst aber heil. Ganz Herkulesbad sprach natürlich von dem Herrn, der in der Tanne hing, und das war selbstverständlich dem »Ehepaar« höchst unangenehm. Einige Tage darauf war es sehr heimlich abgereist. Doch hatte Mr. Arton dem tapferen Jäger ein Andenken hinterlassen. Die Wirtsleute sollten ihm das versiegelte Päckchen und ein zusammengeschnürtes Paket geben. Der Jäger fand in dem versiegelten Päckchen eine Uhr – von Nickelmetall! etwa im Wert von drei bis vier Gulden! – und in dem Paket die bewußten – Unterhosen!! mit einem Zettel: »In dankbarer Erinnerung an den treuen Hund.« Herr von Vest wurde bei diesem Schluß der Erzählung rot vor Wut. »Dieser hundsgemeine Jude!« rief er aus. »Daß man diesen elenden Schuft nicht auf der Tanne hängen ließ, ist wahrhaftig eine Sünde! – und der Hohn mit der Unterhose, dafür allein schon sollte er gehenkt werden.« Ich teilte allerdings die Wut des vortrefflichen Vest, doch mehr bezüglich der Gemeinheit, drei Gulden in Form einer Uhr zum Lohn für eine schwierige und mit Gefahren verbundene Lebensrettung zu stiften, als bezüglich der Hose. »Wieso?« fragte der empörte Herr von Vest. »Weil der geizige Jude eine verhältnismäßig neue Hose für ein Wertobjekt ansieht, das einem Jäger aus dem Ungar-Volke imponieren könnte, da dieser keine Unterhosen trägt.« »Und der Schmutz?« »An den hat vielleicht Mr. Arton gar nicht gedacht. ›Schmutz – wie haißt! – Schmutz?‹ würde er wohl geantwortet haben, wenn man ihn deswegen interpelliert hätte. Die Ansichten über Schmutz sind sehr geteilte.« »Das ist mir allerdings nicht in den Sinn gekommen«, schloß Herr von Vest, »aber – wenn ich es mir überlege: Sie mögen recht haben!« Nachmittags mußte uns Herr von Vest, den wir zum Essen eingeladen hatten, die Unglücksstelle zeigen. Zunächst von unten, sodann oben – ein schauderhafter Gedanke, an der Tanne über dem Abgrund zu hängen! –, und dafür drei Gulden und eine alte Unterhose als Belohnung für die Rettung, wenn man Millionen (gestohlen) hat und eine internationale Spielbank erbauen will Noch ein zweites Mal bin ich – in einer weit von hier befindlichen Gegend – an das »Ehepaar« Arton erinnert worden: Baron Brenner, mit dem ich in verwandtschaftlichen Beziehungen stehe, besitzt die Herrschaft Merkenstein mit dem Gut Gainfarn, das mit Böslau bei Wien in Verbindung steht. Eines Tages fuhr ich mit Brenners von Böslau nach Merkenstein, dessen altes Schloß seit den Türkenkriegen in Trümmer liegt. Doch haben sich die Vorbesitzer Brenners ein kleines Schlößchen in reizender Lage am Wald gebaut. Dieses recht einsam gelegene Gebäude stand leer, und Joachim Brenner, den ich fragte, ob er das Schlößchen nicht auch gelegentlich bewohne, sagte mir, daß er es gelegentlich vermiete; doch habe er jetzt Unglück damit gehabt. Ein belgischer Baron mit seiner Gattin hatten es gemietet, lebten dort ganz still, und seien dann plötzlich verschwunden – ohne irgendeine Nachricht zu hinterlassen. Kurz darauf sei die Wiener Polizei erschienen und habe den berüchtigten Mr. Arton gesucht, der von der Pariser Polizei gesucht werde, denn er sei einer der Hauptagenten der berühmten Mme. Humbert, die die Pariser Gesellschaft aus allen Ständen um Millionen betrogen habe. Man hatte ihm (Brenner) jetzt erzählt, daß Arton in Belgien verhaftet worden sei. Ob es wahr sei, könne er nicht kontrollieren. Arton, der sich auch Baron de Arton nenne, hieße eigentlich Aron Hirsch (er könne auch Löwe oder Bär heißen, es sei jedenfalls ein deutscher jüdischer Tiername) und soll aus Galizien stammen. P.E. ! Nach der Rückkehr besichtigten wir das Bad. Das große Bassin ist in seinen Hauptbestandteilen noch altrömisch. Es finden sich an den Steinen sogar noch einige Skulpturen aus jener Zeit, wie z. B. die Figur eines Herkules. Daß mein Freund, der Kaiser Trajan, hier in diesem Bassin gebadet hat, erfreute mich besonders. Er regierte von 98 bis 117 und unterwarf die Dacier, die hier lebten; in die Felsen an der Donau hat er bei Orsowa eine Straße meißeln lassen und eine Gedenktafel in den Stein gesetzt, die seine Taten verkündet. Daß ich den Kaiser Trajan, diesen bedeutenden und vortrefflichen Mann, meinen Freund nenne, hat seine eigene Bewandtnis, und so will ich mir aus diesen Tagebuchblättern den Sprung hinaus in Form einer Paranthese gönnen, um diese Freundschaft zu erklären. Mein lieber alter Freund Fritz von Farenheid, der 1885 starb, Herr des herrlichen Beynuhnen in Ostpreußen, in dem er seine berühmte Sammlung von Gemälden und Skulpturen aus der Blütezeit italienischer Malerei und der klassischen Zeit der Plastik aufbewahrte, hatte mich besonders warm in sein Freundesherz geschlossen. Als ich einst mit ihm die herrlichen Räume durchwanderte, entdeckte ich eine Marmorbüste, den Kopf eines alten Mannes unter einem Tisch, gewissermaßen versteckt. »Weshalb«, fragte ich Farenheid, »hast du diese Büste so sehr versteckt, daß man kaum erkennen kann, wer es ist?« »Ach«, sagte er seufzend, »das ist eine Originalbüste des Kaisers Trajan, die ungezählte Jahrhunderte in einem Wasser gelegen hat, das eisenhaltig war: der Kopf ist mit braunen Flecken bedeckt, die sich leider nicht entfernen lassen – ich habe mein Möglichstes versucht, es ist alles vergebens.« »Willst du mir erlauben, auch meinerseits einen Versuch zu machen?« fragte ich, »ich weiß in München einen Mann, einen Chemiker, der alle Flecken der Welt – mit Ausnahme der Flecken, die dem Menschen auf seiner Seele haften – entfernt.« »Nun«, antwortete lachend mein alter Freund, »wenn du diese Flecke fortbringst, kannst du die Büste zur Belohnung behalten!« »Das will ich nicht.« erklärte ich kategorisch, »denn es wäre mein Stolz, etwas für Beynuhnen geleistet zu haben.« Einige Tage später reiste ich nach München zurück, den Kaiser Trajan in einem Kistchen als Gepäck. In München hatten vor einiger Zeit boshafte Schüler des Polytechnikums nachts das weiße Marmorstandbild des berühmten Justus Liebig mit einer ätzenden Säuren begossen, und ganz München seufzte unter dem Druck dieser Bosheit. Das Denkmal erhielt nun eine Holzhülle, und darunter operierten monatelang chemische Gelehrte, um Herr über diese, anscheinend tief eingedrungene Säure zu werden. Eines Tages aber wurde die Hülle abgenommen – und der alte Liebig erglänzte wie eine weißgewaschene Jungfrau fröhlich und stolz wiederum im Sonnenlicht auf den Promenadenanlagen der guten Stadt München. Wer aber war der Fleckaufsauger, der Säurevertilger, der Reiniger Justus Liebigs und der beschmutzten Stadt München? – Pettenkofer, »unser« Pettenkofer. Ich ging also zu dem berühmten Pettenkofer, den Kaiser Trajan im Arm. Er schüttelte ernst das liebenswürdige Haupt, doch schwebte schließlich ein verheißungsvolles Lächeln über sein Antlitz, als er mit einem Vergrößerungsglase die roten und braunen Flecke wie ein Arzt examiniert hatte. Es vergingen wiederum einige Monate – und Pettenkofer bat mich zu sich. Auf dem Tisch stand das alte Gesicht des Kaisers Trajan, ohne jeglichen bösen Hautausschlug – ernst und würdig. Bald darauf erhielt ich den Besuch meines lieben Farenheid in München, und triumphierend zeigte ich ihm mein gelungenes Werk. Er war begeistert. – Aber unter keinen Umständen wollte er den alten Kaiser Trajan nach Beynuhnen zurücknehmen. »Du hast ihn ›neugeboren‹ – ich habe mein Versprechen gegeben, daß er dein Eigentum sein solle, wenn du ihn von der Schmach befreien würdest, die auf seinen Zügen lag – ich nehme ihn nicht zurück und bin glücklich, wenn du eine Freude an ihm hast.« So kam es, daß der alte Trajan mein Freund wurde. Er erinnert mich an meinen guten alten Farenheid – an glückliche Zeiten in München, und er gab mir Ursache, mich mit seiner Geschichte näher zu beschäftigen, die mich um so mehr mit Hochachtung erfüllte, je tiefer es mir vergönnt war, Vergleiche zwischen ihm und den vielen anderen Herrschern ziehen zu können, deren geistige Berührung in mir schließlich doch leider nicht jenen Hauch der Andacht zu erwecken vermochte, der sich um »Majestäten« wie ein Dunst von Hoheit breiten soll. (Dazu ist es nämlich nötig, daß man sie aus einer gewissen Entfernung schaut!) Doch ich kehre nun zu dem Herkulesbade zurück, wo ich vor meinen geistigen Augen den alten Kaiser Trajan in dem großen Bassin allein baden sah, während ihm von seiner langen großen Nase das Wasser abtropfte, in das er untergetaucht war – obgleich ihm sein Badearzt entschieden abgeraten hatte, es zu tun. Aber der alte Trajan hatte einen sehr festen Willen und wollte untertauchen. »Sie wissen doch«, sagte ich zu Herrn von Vest, »daß der Kaiser Trajan hier gebadet hat?« »Nein«, erwiderte Herr von Vest erstaunt, »das wußte ich nicht, aber es interessiert mich sehr.« Es war ein herrlicher Abend; eine Feststimmung in Erwartung der Feierlichkeiten der nächsten Tage lag ausgebreitet über dem schönen Ort, seinen Wäldern und Wassern, seinen mit tausenden von Blumengirlanden geschmückten Gebäuden. Daß ich mir in meinem hastigen, unruhigen Leben diese Ruhetage in Gesellschaft meines treuen Jugendfreundes Eberhard gegönnt hatte, empfand ich wie ein Geschenk. Und da man sich Geschenke nicht selbst zu machen pflegt, dürfte diese Gabe wohl gütige Gedanken geweckt haben, über deren Ursprung zu grübeln müßig ist. Wir soupierten diesen Abend allein. Eberhard, Kistler und ich. Es wurde geschrieben, geschwatzt und zeitig zur Ruhe gegangen, denn wir wollten morgen früh nach Orsowa und Ada-Kaleh fahren. 25. September 1896. Die kleine Felseninsel Ada-Kaleh liegt schräg gegenüber dem Städtchen Orsowa mitten in der Donau. Flach wie ein großes schmales Floß scheint sie zu sein, doch trägt sie an den beiden Spitzen Erhöhungen: kleine, spitze, halbzertrümmerte Bastionen, wie Lünetten des Vaubanschen Systems, die aus der türkischen Zeit stammen. Diese Lünetten sind stromaufwärts sowohl als Schutz bei Hochwasser, wie auch als Emplacement von Kanonen gedacht, stromabwärts nur als Verteidigung. Die Insel wird in etwa acht Minuten auf der Längsseite zu durchschreiten sein, in kaum vier Minuten auf der Querseite. In der Mitte liegt ein kleiner, aus wenigen Häusern bestehender Ort, an dem sich schmale grüne Gärtchen lehnen. Auch gibt es in dem kleinen Ort sogar eine Straße – und einen Basar. Über den Türen sind Veranden, über und über mit Weinranken bezogen; doch das Seltsamste sind einige himmelhohe Balsampappeln, die auf der Insel stehen, als wollten sie über das kleine Zeug unter ihnen spotten. Seltsamer aber noch erschien es mir, daß sich Weinranken bis hinauf in die himmelhoch das winzige Dörfchen überwölbenden Kronen der Pappeln zogen und herrliche große Trauben – Semendria- Trauben – an dem Stamm und in den Blätterkronen hingen; unerreichbar den Bewohnern Ada-Kalehs, die mit ihrem roten Fez und ihren Pumphosen mit übergeschlagenen Beinen vor den Häusern ihre Tschibucks rauchten und uns bei dem kleinen Basar eine Tasse Kaffee anboten, auch kleine bunte Sachen, Perlstickereien und häßliche Täßchen. Dafür saß aber oben in den Kronen ein Schwarm unruhiger Dohlen, die sich an den Beeren der herrlichen, unerreichbaren Trauben delektierten und sich darum mit schrillem Geschrei zankten. Es war außer uns niemand von Orsowa zu der Insel auf dem Boot übergesetzt. So empfand ich auf diesem, von der blauen Donau umrauschten, lieblichen, stillen Eiland ein ganz merkwürdiges Gefühl von Zufriedenheit – einen Wunsch, hier bleiben, wohnen zu dürfen, schreibend und komponierend, im stillen, behaglichen Kreise meiner Lieben alle! Törichte Wünsche – ausgelöst unter der Last meiner erdrückenden Arbeit, meines mühe- und verantwortungsvollen Berufs und einer durch das Übermaß dieses Lebens schwankend gewordenen Gesundheit. Eberhard verstand mich in meinem Entzücken und mit meinen Wünschen, aber er behauptete, daß keine Köchin hier zu halten wäre, wenn sie für jedes Kotelett auf einem Boot durch die gefährlichen Strudel der Donau nach Orsowa übersetzen müßte. Auch sei es bei Hochwasser nicht gerade angenehm, auf die Pappeln flüchten zu müssen – trotz der schönen Weintrauben. Wir kehrten zu Mittag nach Mehadia zurück. Nachmittags machten wir schöne Spaziergänge, schrieben viel und wollten uns angesichts der zu erwartenden Festlichkeiten einen stillen, behaglichen Abend gönnen. Doch wurden wir durch Musik einer marschierenden Truppe gestört und traten neugierig hinaus. Im Dämmerlicht sahen wir eine Kompanie ungarischer Fußtruppen mit ihren engen blauen Hosen und hohen Mützen im Geschwindschritt vorüberziehen. Noch während wir in der Tür standen, trat Herr von Vest zu uns. »Es ist wirklich, um aus der Haut zu fahren!« rief er aus. »Man muß doch hierzulande bisweilen an jeglicher Vernunft zweifeln!« »Was läßt Sie denn aus der Haut fahren?« fragte ich. Der Gute war tatsächlich sehr erregt. »Wenn es den Herren recht ist, so gehen wir hinein«, sagte er. »Nicht für jedermanns Ohren eignet sich die Veranlassung meines Ärgers.« Wir nahmen in unserem behaglichen Wohnzimmer Platz. »Ich will Ihnen im strengsten Vertrauen mitteilen«, begann Herr von Vest, »daß Meldungen von der Geheimpolizei eingetroffen sind, die von einem geplanten Attentat auf die drei Monarchen sprechen. In welcher Form, ist nicht bekannt. Man soll auf die Möglichkeit von Sprengungen achtgeben, daher auf den Kursaal ein Auge richten und diesen beizeiten bewachen. Ich suchte den Hauptmann auf, der die während der Feierlichkeiten nach Herkulesbad kommandierte Kompanie befehligt, und machte ihn im Vertrauen auf die eingegangenen Meldungen aufmerksam – erwähnte dabei, da er sich nicht recht vorzustellen fähig war, wie der Kursaal, der an einem Anberg erhöht und frei gelegen ist, bedroht sein könnte, daß es immerhin auch möglich sei, auf unterirdischem Wege hinzugelangen und Sprengmaterial zu befördern. ›Unterirdisch?‹ sagte der Herr Hauptmann in höchstem Erstaunen, ›ein Tunnel??‹ – ›Ja‹, erwiderte ich, ›es könnte immerhin möglich sein, einen Schacht – oder nennen Sie es auch einen Tunnel – anzulegen.‹ Vormittags hatte der Hauptmann einige 20 Mann in der Nähe des Kurhauses aufgestellt – sehr auffallend. Das mag noch gelten. Jetzt aber, da es Abend wird, marschiert die ganze Kompanie mit klingendem Spiel in die Quartiere. Ich höre die Musik, eile herbei – halte den Hauptmann auf und frage, weshalb jetzt, gerade wo eine Wache wichtig erscheint, die Soldaten die Gegend des Kurhauses verlassen? – Wissen Sie, was der Mensch mir antwortete?: ›Bei Tag kann man wohl einen Tunnel graben – aber bei der Nacht?? – Servus! Hob' die Ehr'!‹ – und er marschiert weiter; dreht sich nur noch einmal im Gehen nach mir um und pocht sich dabei mit dem Finger an seine Stirn! – so ein ...« Ja, ich begriff allerdings den Ärger des armen Herrn von Vest, der als oberster Leiter des Bades verantwortlich für den ungestörten Verlauf der Monarchenversammlung ist und durch die keineswegs angenehme Mitteilung der Geheimpolizei unruhig geworden war. Wir begleiteten ihn bei herrlichem Mondschein durch den dunklen, geheimnisvoll schattenhaften Kurpark bis zu seinem Büro. Er wollte, wenn man auch hier »bei der Nacht« anscheinend keinerlei gefahrdrohende Unternehmungen zu befürchten hatte, doch die ihm verfügbaren Leute als Wachen patrouillieren lassen, während der Hauptmann mit seiner Kompanie in den Kantonnements den Schlaf der »Gerechten und Weisen« schlief. 26. September 1896. Es war ein schöner Gebirgs-September-Morgen, den wir nach unserem Frühstück während eines Ganges an dem Ufer des kleinen Flusses genossen. Die Sonne stieg leuchtend über die Waldberge, und überall glitzerte Tau im Grase. Die Landleute trugen ihre Sonntagskleider, und die Kurgäste sahen neugierig aus. Im Kurhause wurde an den Wänden des Festsaales rotseidener Damast befestigt, um ihn zum Prunkgemach für drei Könige umzugestalten, die morgen dort Reden halten werden. Es gingen mehrere Soldaten mit geschultertem Gewehr vor dem Kurhause auf und nieder, da vielleicht ein »Tunnel« gegraben wird, denn es ist jetzt heller Tag. Nach dem Frühstück zog ich meine große goldgestickte Botschafteruniform an, und mein Leibjäger in Gala mit Federhut und sonstiger Pracht geleitete mich feierlich zu dem Wagen, der mich zum Bahnhof bringen sollte. Meine offizielle Tätigkeit begann, und ich empfand mich in dieser Verkleidung draußen in Gottes herrlicher Natur als ein wandelnder Mißklang. Die Natur verträgt einen nackten Menschen – nicht aber einen einzelnen glanzvoll ausstaffierten. Eberhard und Kistler begleiteten mich, und wir trafen in Orsowa ein, kurz bevor Kaiser Franz Joseph anlangte. Wir hielten uns in der Nähe des Bahnhofs in unserem Wagen auf und sahen den feierlichen Empfang des »Königs von Ungarn«. Mit dem Oberzeremonienmeister Grafen Hunyadi (für den einst die Kaiserin Elisabeth sehr »schwärmte«), dem Oberküchenmeister Grafen Wolkenstein und den beiden alten Flügeladjutanten, Graf Paar und Baron Bolfras, stieg der Kaiser als ungarischer General in prächtiger roter, goldgestickter Uniform aus dem Salonwagen. Solche Empfänge sind immer dieselben und zeigen immer dasselbe neugierige Publikum. Sie sind – um nicht gerade zu sagen »eine Affenkomödie«, doch wohl aber damit geistesverwandt, und ich gestehe, daß ich jedesmal »sittlich leide«, wenn ich, in einem goldenen Rock, dazugehöre. Nur eine Ausnahme gibt es, das sind große Empfänge und Festlichkeiten im Auslande, und daher boten auch hier die Volkstrachten im Feierkleide der Südungarn, Serben und Rumänen ein interessantes, buntes Bild, umrahmt von den Felsen und der Waldlandschaft am Ufer der Donau. Eberhard und Kistler, die sich in Zivil bewegen konnten, waren begeistert. Ich weniger, da ich, in meinem Wagen sitzend, von dem Leibjäger Emanuel mit dem Federhut bewacht, den Charakter einer »Sache« trug, die auch besehen wurde. Der Kaiser war bei seiner Ankunft empfangen worden von dem gesamten ungarischen Ministerium, von Deputationen des ungarischen und österreichischen Reichsrates, von den Bischöfen und der Geistlichkeit, von den Militärbehörden, den Zivilbehörden von Orsowa, den Vertretern der Bauleitung der Regulierung des Eisernen Tores, von den Deputationen des Komitates Krasso-Szöreny, zu dem Orsowa gehört – auch der Stuhlrichter des Komitates fehlte nicht –, usw. usw.! – und alle diese Menschen mit wichtiger Miene und bunt gekleidet sprach der gütige alte Kaiser an, wenn er auch nur sagte: »Freut mich, Sie zu sehen«, »Schöner Tag heute«, »Hoffentlich regnets nit morgen« und ähnliches, so hatte er doch einen jeden beglückt und niemand vergessen. Eine große Monarchentugend ist es, wenig, aber allen etwas zu sagen. Auch wenn dieses Lexikon von Gemeinplätzen hundert Bände umfaßte. Denn drei geistvolle Sachen zu sagen und zehn Leuten nichts, ist durchaus nicht geistvoll, sondern dumm – notabene : seitens eines Monarchen. Einem anderen Sterblichen würde ich hingegen dringend dazu raten. Ich brauchte mich nicht an diesem Empfang zu beteiligen, weil der Kaiser mich nach Einkehr in seinem Quartier, dem großen, sehr hübsch in einem Garten gelegenen Forsthause, »separat« empfangen wollte – und nachher die etwa anwesenden Diplomaten der anderen Staaten gemeinsam. Es verging einige Zeit, ehe sich die kaiserliche Equipage (unter so lautem, großen »Eljén!« der Völkerschaften, daß sämtliche Pferde wild wurden) in Bewegung setzte. Ich folgte langsam, um dem armen alten Herrn Zeit zu lassen, sich etwas am Waschtisch zu erholen. Unsere Unterhaltung bewegte sich, abgesehen davon, daß der Kaiser meine besondere Delegierung als Vertreter Deutschlands liebenswürdig begrüßte, durchaus in unpolitischen Formen, und da der Kaiser nicht politisch wurde, war ich froh, ihm die Geschichte von Herrn Arton und Schnupperl erzählen zu können, was ihn sichtlich erfrischte. Als ich heraustrat und durch die versammelten Großwürdenträger im Vorzimmer schritt, machte ich allerdings ein Gesicht, als ob Österreich beabsichtigte, Konstantinopel zu besetzen. Dann aber bestieg ich meinen Wagen, traf an der Bahn Eberhard und Kistler und fuhr in behaglicher Stimmung mit ihnen nach Herkulesbad zurück. Unterwegs war es sehr heiß in dem Kupee. Ich zog mir die Uniform aus, setzte mir den Dreimaster mit Federn quer auf den Kopf und lehnte mich, als der Zug langsam eine Station verließ, mit gekreuzten Armen in Hemdsärmeln und einem sehr bösen Gesicht zum Fenster hinaus. Eberhard (für den ich diesen Scherz inszeniert hatte) rief ganz entsetzt aus. »Du bist doch immer noch so kindisch wie früher. Was müssen nun die Leute von dir denken?« Aber er verstummte, als er sah, daß der Stationschef salutierte, alle Leute sehr ernst grüßten und ein Posten das Gewehr anfaßte. Es wurden ja soviel Könige erwartet. »Siehst du wohl, Eberhard«, konnte ich ihm erwidern, »nur so imponiert man. Du hast nun kennenlernen, was ›Mache‹ ist. Auf der nächsten Station werde ich, in Uniform und den Federhut ordnungsmäßig auf dem Kopf, freundlich und sehr sichtbar am Fenster sitzen. niemand wird mich grüßen.« Ich gewann die Wette glänzend, und Eberhard sagte nur: »Du hättest aber ebensogut das vorige Mal Prügel bekommen können.« »Darin liegt eben das Geheimnis der Mache«, erwiderte ich auf seine durchaus treffende Bemerkung, »daß man eben nicht Prügel bekommt. Die Menschen dürfen nicht merken, daß es Mache ist – sie müssen dem Bluff unterliegen, darauf kommt es an. Und ich will dir verraten, daß das Geheimnis guter Politik im Bluffen liegt, bzw. daß man fein unterscheidet, was Bluff und was Ernst ist. Der Stationschef, der salutierte, darf z. B. niemals in die Diplomatie aufgenommen werden. Ebensowenig wie der gestrige Hauptmann, der die Ansicht vertritt, daß ›bei der Nacht kein Tunnel gebohrt werden kann‹. Ich werde morgen, wenn ich Goluchowski spreche, als treuer Bundesgenosse Österreichs, ihn vor diesen beiden Herren warnen.« Eberhard konnte so herrlich lachen wie kein anderer. Aber schließlich sagte er doch in seiner drollig-ernsten Art: »Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn du noch ein einziges Mal den Federhut quer aufsetzt, ich keine Reise jemals mehr mit dir unternehme.« Ich versprach ihm Besserung, und wir verlebten einen sehr gemütlichen Abend in Herkulesbad mit Herrn von Vest, der allerdings angesichts der morgigen Verantwortung im Kurhause hin und wieder in ein plötzliches Nachdenken verfiel. Besonders auch, weil es seit unserer Rückkehr nach Mehadia in Strömen regnete. 27. September 1896. Das Wetter hatte sich gottlob wieder aufgeklärt, und heute ist also der große Tag, der den Verkehr auf der Donau mit großen Dampfern bis zum Schwarzen Meer der Schiffahrt ermöglicht. Das Hemmnis des Eisernen Tores – die Felsensperre – ist beseitigt, und das oft mit großen Schwierigkeiten verbundene Umladen der Waren in kleinere Schiffe, dem das erneute Verladen wiederum in größere Schiffe folgen mußte, ist beseitigt. In der Tat ein großer Tag für die Donau-Monarchien. Die Könige von Rumänien und Serbien sind morgens in Orsowa eingetroffen und von Kaiser Franz Joseph empfangen worden. Ich lasse hier das offizielle, mir übergebene Programm für die Festlichkeiten folgen. Programm für die feierliche Eröffnung des Schiffahrts-Kanales am Eisernen Tore 1896 Sonntag, den 27. September. 10 Uhr vormittags: Abfahrt des Schiffes Sr. k. u. k. apostolischen Majestät. – Bis zur Mündung des neuen Schiffahrtskanals am Eisernen Tor fährt als Lotsenschiff der Dienstdampfer der technischen Bauleitung voraus. Demselben folgt als erstes das Ihre Majestäten an Bord führende Schiff; an dieses reihen sich in Intervallen von je zehn Minuten die Dampfer mit den übrigen Festteilnehmern und Gästen. (Fahrtdauer bis zum Kanal fünfzehn Minuten.) Vor der Mündung des Kanals bleibt das Lotsenschiff zurück, und das Ihre Majestäten an Bord führende Schiff fährt, nachdem es die über den Kanal gespannte, mit Blumengirlanden gezierte Sperrlinie durchrissen hat, als erstes in den Kanal. Von diesem Augenblick an bis zur Beendigung der Talfahrt durch den Kanal hat die Salut-Batterie Kanonenschüsse abzugeben. Während dieser Zeit nimmt der Bischof von Csánad unier Assistenz der übrigen Bischöfe mittels kurzen Segensspruchs die Weihe des Kanals vor. Se. k. u. k. apostolische Majestät geruhen sodann, den Kanal für eröffnet zu erklären und auf das Gedeihen des Werkes einen kurzen Toast zu sprechen. Sr. k. u. k. apostolischen Majestät sowie Ihren Majestäten, dem Könige von Rumänien und dem Könige von Serbien werden hierzu vom k. ungarischen Handelsminister für diesen Anlaß angefertigte, mit Champagnerwein gefüllte Goldpokale überreicht. (Dauer der Durchfahrt des Kanals in der Talfahrt vier Minuten.) Nach erfolgter Durchfahrt des Kanals wenden die Schiffe und treten wieder durch den Kanal in gleicher Ordnung wie beim Eintritt in denselben die Bergfahrt an, während welcher Zeit die von Ihren Majestäten gewünschten Aufklärungen über das Regulierungswerk erteilt werden. (Dauer der Wendung des Schiffes und der Bergfahrt im Kanal zirka 20 + 30 = 50 Minuten.) Über den Kanal hinaus setzen die Schiffe die Bergfahrt bis zum oberen Ende der Kasan-Enge fort, woselbst sie wieder wenden. (Dauer der Fahrt 2 + 1 = 3 Stunden.) Um 11 Uhr: Während der Fahrt Dejeuner am Schiffe Sr. k. u. k. apostolischen Majestät. Um 2 Uhr nachmittags: Landung in Orsowa an der Abfahrtstelle. Von hier Fahrt mittels Wagen zum Orsowaer Bahnhofe.   Gegen 9 Uhr früh hatte ich mich (wieder in der beliebten Gala) nach Orsowa und an Bord des Dampfers »Ferencz Jószef« begeben, wo ich die drei Monarchen an Deck promenierend und sitzend fand, eifrig mit den ungarischen und österreichischen Staatsmännern konversierend. Diese hattten sich fast vollzählig eingefunden. Mein Freund Goluchowski, als auswärtiger Minister im Vordergrund aller, in eifriger Unterhaltung mit König Carol von Rumänien, bei dem er vor seiner Ernennung zum Minister mehrere Jahre als Gesandter akkreditiert war. Ihn begleiteten der Sektionschef Graf Scéçsén, der ein kluger und langweiliger Mann ist, und Karriere machen wird, sowie der Sektionschef Herr von Doczi, Ungar (Jude gewesen), liberal und »gerissen«, wohl der einzige wirklich sehr begabte Beamte des Ministeriums (ob zuverlässig, lasse ich dahingestellt, dafür äußerst witzig und unterhaltend). Auch war der kluge, ruhige und überlegte gemeinsam österreichisch- ungarische Finanzminister Benjamin von Kálley anwesend, ein Ungar, geborener Staatsmann von Bedeutung, den ich besonders auch im persönlichen Verkehr schätzte, ferner der Minister des Innern, Graf Badeni, der kluge, glatte Pole, der auf dem politischen Parkett trotz aller Gewandtheit ausrutschen dürfte, auch der Kriegsminister Graf Welsersheim, ein vortrefflicher, liebenswürdiger Mann, Minister Herr von Gautsch, sehr elegant, liberal und klug (doch wohl kaum über die Grenzen Österreichs hinaus). Die ungarischen Minister waren vollzählig anwesend: der kluge, blonde Ministerpräsident Baron Bánffy in seinem blauen Staatskleid, die Minister Perzel, Josika, Erdely, Lukas, Wlassics, Daniel und Fejervary bilden jedenfalls eine Gruppe von Staatsmännern, die ernst zu nehmen sind – Köpfe, die schnell verstehen und niemals eine Antwort schuldig bleiben, wenn auch einige stark nach der Pußta riechen. Baron Josika ist ein ungewöhnlich liebenswürdiger und gebildeter Mann, der Kriegsminister Baron Fejervary sieht wie ein Held aus mit seinen kühngeschnittenen Zügen und bezaubert jeden, mit dem er spricht, denn er ist nicht nur ein Held, sondern auch liebenswürdig und klug zugleich. Mit König Carol hatte sich auch der österreichische Gesandte Baron Ährenthal eingefunden, einer der klügsten und gebildetsten Diplomaten, die Österreich besitzt. Er war lange Zeit Botschaftsrat bei der Botschaft in Berlin und Petersburg, und ich kenne ihn genau. Auch weil er meine Freundin, Gräfin Mimi Wolkenstein, verwitwete Gräfin Schleinitz in Berlin (Gattin des bekannten Hausministers) anbetet. Er ist politisch sehr russisch und in seinen Deduktionen doch eher gelehrt als nüchtern praktisch. Jedenfalls ein Mann der Zukunft. Seine Art erinnerte mich zu sehr an österreichische Hofräte, und mir ist der österreichische »Kavalier« doch lieber. Dem serbischen König Alexander hatte sich der österreichische Generalkonsul in Belgrad, Baron Schießl, angeschlossen. Ein höchst liebenswürdiger, verständiger und kluger Mensch, der überall seine Stelle gut ausfüllen wird, ohne gerade als Adler sich schließlich auf dem Sessel eines Ministerpräsidenten niederlassen zu können. Von dem diplomatischen Korps waren die Chefs eingeladen, soweit diese sich zu dieser Zeit in Wien befanden. Mein Freund Graf Nigra von Italien – alle weit überragend an Verstand und Bildung, eine historische Figur –, von England Sir E. Monson, langweilig, doch eigentlich sympathisch und freundlich, wenig aktiv, friedlich, alt. Von Rußland, den Grafen Kapnist vertretend, Graf Benkendorf, Bruder der Fürstin Natalie Hatzfeld-Trachenberg, Deutschenfresser – so wie Juden, die Christen wurden, Judenhasser werden –, ein Mann, vor dem man sich in Deutschland hüten soll, wenn es zu Konflikten kommt. Falsch und hochmütig, eine böse Mischung. Frankreich war nicht vertreten. Nigra zog sich, wie alle Großwürdenträger, aus der geheiligten Nähe der drei Monarchen bald zurück. Er sagte mir in seiner feinen sarkastischen Weise als er ging: »L'Allemagne est la mère du Danube – tachez de railler vos enfants sous les ailes maternelles! J'ai proposé à nos collègues, de nous retirer dans notre cabines, pour épargner l'aspect de figures impénétrables aux jeunes mariés hongrois-balcaniques.« So blieb denn ich als bevollmächtigte »deutsche Mutter der Donau« bei den »anliegenden« drei Königen mit Goluchowski und dem rumänischen Ministerpräsidenten Demeter Sturdza. Der serbische Finanzminister, der den äußeren Dienst vertrat, Popovics, ein verlegener Mann, hatte sich aus irgendeinem Grunde gedrückt. Goluchowski, der sonst bei festlichen Gelegenheiten in dem goldbestickten Ministerrock, den so gut gepflegten, blondgrauen Backenbart sorgsam zur Seite gebürstet, mit den großen veilchenblauen Augen die ganze Umgebung lächelnd zu beglücken pflegte, sah merkwürdig ernst aus, als ich mich auf dem »Ferencz Jószef« einfand. Ich trat nach den erledigten Formalitäten der Vorstellung und Begrüßung mit der Frage auf ihn zu, ob er sich unwohl fühle? »Ihre Frage erleichtert mir die Bitte, die ich Ihnen eben aussprechen wollte, lieber Freund«, sagte er. »Kommen Sie mit mir in meine Kabine, ich muß Sie sprechen.« Also es ging etwas Ernstes vor. Das war mir klar, und ich fragte nicht weiter. Als wir die Kabine betreten hatten, schloß er die Tür ab und setzte sich neben mich auf das Sofa. »Ich bin nicht imstande, länger allein zu tragen, was ich eben erfuhr.« begann er. »In dem Augenblick, als ich das Dampfboot betrat, meldete mir der Chef der Geheimpolizei, daß er soeben erfahren habe, es seien zweihundert Kilo Dynamit verschwunden, die von Vorräten zurückgeblieben waren, welche man zu den Felssprengungen in der Donau brauchte. An welchem Tage diese Masse Dynamit gestohlen wurde, ist nicht festzustellen. Es können vierzehn Tage seitdem vergangen sein. Wohin dieses Dynamit gebracht, wie es verwendet worden ist, ist gleichfalls unbekannt. Sie begreifen ...« »Ja, ich begreife vollkommen!« unterbrach ich ihn. »Wir können in einer kleinen halben Stunde in die Luft fliegen – oder auch schon eher. Daß Sie so gütig sind, mich auf mein Ende vorzubereiten, ist eine Freundestat – aber schauderhaft ist die Sache allerdings, und ich verstehe, daß Sie nicht gern ohne Ansprache bleiben wollen.« »Was, um Gottes willen, soll ich tun? – Ich trage eine entsetzliche Verantwortung: entweder melde ich dem Kaiser die Sache in der Hoffnung, daß er das Schiff verläßt – was er aber nicht tut – oder wir fliegen in die Luft, und ich trage die Schuld, weil ich nichts meldete und Hunderte von Menschenleben opferte.« »Wer sagt Ihnen denn«, wendete ich ein, »daß der Kaiser, wenn er an Land geht, nicht auf dem Wege zum Bahnhof oder nach Herkuslesbad oder sonstwo in die Luft gesprengt wird? Ich meine, wir behalten die Sache für uns – und warten ab. Es ist immer noch die Möglichkeit vorhanden, daß das Dynamit zu anderen Zwecken gestohlen ist, als zu einem Attentat.« »Lieber Freund, das finde ich naiv.« sagte Goluchowski ärgerlich. »Ich möchte wirklich wissen, wie man auf den Gedanken kommen könnte, zweihundert Kilo Dynamit zu stehlen, ohne die Absicht zu haben, ein Attentat zu verüben.« »Ich gebe zu«. erwiderte ich, »daß, wenn ich Anarchist wäre, mich drei Monarchen auf einem Schiff in eine fieberhafte Aufregung versetzen würden! – Aber ich frage nun auch. Was sollen wir tun? Es ist eine infame Situation. Denken Sie auch an die internationale Blamage, wenn die Monarchen nicht die Eröffnung vornehmen, alles verängstigt an das Ufer strömt und nachher – sich gar nichts ereignet! Oder wollen Sie diese Verantwortung auf sich nehmen?« »Das ist es ja!« rief Goluchowski aus. »Sie verstehen nun, weshalb ich mit Ihnen reden wollte: es ist eben nichts zu machen – aber unter dem Druck dieser infamen Explosionsmöglichkeit zu schweigen – das war nicht möglich. Einem meiner Landsleute mich anzuvertrauen, wagte ich nicht, ich wäre seiner Verschwiegenheit nicht sicher gewesen, denn wo würde dieser Landsmann seine ›Pflicht‹ gesucht haben?« Jetzt entstand eine gewisse Unruhe draußen an Deck. Es schien, daß die Abfahrt des Dampfers vorbereitet wurde, und wir erhoben uns. »Können Sie schwimmen?« fragte ich Goluchowski. »Ja«, antwortete er. »Weshalb?« »Ich bin ein absolut sicherer Schwimmer. Das Wasser trägt mich besser als irgendeinen anderen. Wir wollen uns jetzt möglichst nahe bei dem Kaiser aufhalten. Bei einer Explosion ist immer noch die Möglichkeit gegeben, nicht direkt in den Himmel zu fliegen. Aber das Schiff kann schnell sinken. Wenn wir beide darauf vorbereitet sind, werden wir vielleicht noch in der Lage sein, den Kaiser aus der Donau zu retten.« »Gut«, sagte Goluchowski. »Es ist wenig, aber doch etwas! Man hat das Gefühl, doch irgend etwas tun zu können. Also gehen wir!« » Ut aliquid fecisse videatur , sagt der Lateiner«, fügte ich hinzu, mich zu einem Lächeln zwingend, als wir hinaustraten. Und wir begaben uns schleunigst an den Bug des Dampfers, wo wir uns ganz in der Nähe des Kaisers aufstellten. Ich machte eine recht zerstreute Unterhaltung mit König Carol, in die sich auch der Kaiser mischte. So stand er mir denn sehr nahe – und ich überlegte, wie wichtig es sei, ihm im Wasser den schweren Umhang seiner ungarischen Husarenuniform abzureißen. – Ich entdeckte zugleich bei diesem Gedankengange, daß ich doch wohl nervös geworden sei. Wer aber wäre es in meiner und Goluchowskis Lage nicht geworden? Die Gedanken springen unwillkürlich von den äußeren Dingen auf die innerliche Bewegung. König Carol hatte mich schon vorher, sobald er mich sah, sehr freundschaftlich begrüßt, und ich freute mich, ihn demnächst in aller Ruhe, während der Fahrt durch den herrlichen Kasan-Paß, genießen zu können. Das wird nun aber eine sonderbare Ruhe werden. Dem Serben-König hatte mich Goluchowski vorgestellt. Der arme Junge schwatzte jetzt nun auch plötzlich allerhand gleichgültiges Zeug in mich hinein, und ich sah mich hilfesuchend nach seinem Popovicz um, der jedoch verschwunden blieb. Nun setzte sich der »Ferencz József« langsam in Gang – ich sah Goluchowski an, der ziemlich nervös töricht lächelte. Wir standen ganz vorn am Bug, dazu hatten sich noch der ungarische Handelsminister und die Repräsentanten der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaften: der Österreicher Baron Banhans, der Ungar Graf Emerich Széchényi und zwei andere Herren gesellt, um die nötigen Erklärungen zu geben. Doch handelte es sich in erster Linie nur um den feierlichen Akt der Eröffnung des Kanales. Hierzu erschienen wie Götter aus der Märchenwelt plötzlich die, wohl in dem unteren Schiffsraume versteckt gehaltenen Bischöfe. Und zwar der römisch-katholische Bischof von Czásnad (zu dessen Diözöse Orsowa gehört), der griechisch-orthodoxe Bischof von Temesvar, der griechisch-rumänische Bischof von Karansebes und der griechisch-katholische Bischofsverweser von Lugos. Alle in ihrem kostbaren Ornat, die Mitra auf den ehrwürdigen, weißbärtigen Köpfen, strahlende Edelsteinkreuze an der Brust und rotgekleidete Chorknaben mit Weihrauchgefäßen voran – ein wunderbar malerischer Anblick. Die drei Monarchen taten sehr fromm, als sich die alten Bischöfe vor ihnen verneigten und der römisch-katholische Bischof von Czásnad an die äußerste Spitze des Dampfers trat. Jetzt verlangsamte das Schiff noch mehr die Fahrt, denn dicht vor uns zeigte sich die Einfahrt in den von hohen Steinmassen begrenzten Kanal, an dessen Eingang sich zwei weiße, nach oben spitz zulaufende Türme erhoben, auf denen die ungarische Standarte wehte. Die Türme aber waren mit einer breiten Rosengirlande – selbstverständlich künstlicher Riesenrosen – verbunden, die das Schiff mit seinem Bug zerriß, während Kanonendonner am Ufer ertönte, der an den Felswänden widerhallte. Da sowohl mein Freund Goluchowski als auch ich den Ort für eine Explosion am geeignetsten an dieser engen Stelle gehalten hatten, wirkte der plötzliche Knall der Kanonen nicht gerade beruhigend; doch wurde die Aufmerksamkeit zu sehr auf die Zeremonie der Weihe gerichtet, um durch das momentane Erschrecken bedenkliche Folgen an unserem Leibe gespürt zu haben. Der würdige römisch-katholische Bischof von Czásnad (der einzige ohne weißen Vollbart, aber mit merkwürdig durchgeistigten Gesichtszügen) erhob die Hände mit den lilaseidenen Handschuhen und dem blitzenden Bischofsring zum Segen und sprach mit lauter Stimme ein paar Worte ungarisch dazu, die klangen, als fluchte er Gott und uns allen. Die Rosengirlande zerriß – und aus den weißen Türmen erscholl ein ohrenzerreißendes »Eljen« von lauter menschlichen Köpfen, die plötzlich durch die Wände der Türme durchbrachen. Das war nun allerdings nicht in dem Programm vorgesehen. Die Türme aber waren innerlich ein Holzgerüst und dieses mit weißangestrichener Pappe bekleidet. So war es begreiflich, daß die Arbeiter im Innern emporgeklettert waren und sich mit ihren Messern die für ihre Köpfe erforderlichen Löcher hineingeschnitten hatten, um an der Eröffnungsfeierlichkeit teilzunehmen. Zur Türkenzeit sah wohl hin und wieder ein Tor bei dem Einzug eines siegreichen Paschas in eine eroberte Stadt so aus – doch schrien damals die armen Köpfe nicht. Sehr erschüttert waren die anwesenden Veranstalter dieses Aufbaues über diese Enthüllung, die ein grausames Bild von Humbug gab, doch war ich recht zufrieden mit der lustigen Wendung der Dinge in einem Augenblick, der allzu traurig hätte enden können. Wohl war die Fahrt durch den schmalen Kanal erst begonnen. Es verflossen noch bange Minuten während der Durchfahrt und der kurzen Eröffnungsrede des Kaisers, die dadurch eine besondere Weihe erhielt, daß der ungarische Handelsminister, als »Oberster über alle Veranstaltungen bei der Feier der Eröffnung des größten Handelsweges der Donaumonarchie«, dem Kaiser einen prunkvollen goldenen Deckelpokal, mit Ungarwein gefüllt, überreichte, aus dem er bei diesem großen Akte einen Schluck trinken sollte. Das geschah – sodann trank König Carol daraus, dann König Alexander, der ihn mir reichte, als der »deutschen Donau- Mutter«, wie Nigra sagte. Aber das ging nicht ohne Konvulsionen ab, und zwar folgendermaßen: Der arme König Alexander (der etwa wie ein junger Ladengehilfe aus Berlin-Osten namens Isaak Jacobsohn aussieht) war als serbischer Husarengeneral sehr prunkvoll bekleidet. Gelbe Stiefel, rote Hosen, blaue Uniform mit Dolman über der linken Schulter, hohe Tartarenmütze von weißem Lammfell mit glänzender Agraffe und Reiherfeder, krummer goldener Türkensäbel mit goldenem Wehrgehäng (der gelegentlich – und auch jetzt – zwischen die dem Säbel nahe verwandten Beine geriet), ein Kneifer an Gummiband auf der Knorpelnase, der bei dem Schluck Ungarwein in den Pokal fiel, eine erschreckte dicke Hand in engem Glacéhandschuh, die den ihm zur Betrachtung gereichten Deckel des Pokals an den Boden schleuderte, während der Säbel ihm, da er sich eifrig und höflich bückte, um ihn aufzuheben, wiederum zwischen die Beine geriet – das waren ungefähr die Konvulsionen, unter denen ich nun meinerseits auf das Wohl des deutschen »Kindes«: die Donau, trinken sollte. Unter Assistenz von vier Bischöfen in Ornat, acht Chorknaben, einem Kaiser und einem König gestaltete sich die »Darbietung« des jungen Alexander außerordentlich wirksam. Besonders im Hinblick auf den Umstand, daß wir alle in einem solchen Augenblick hätten in den Himmel fliegen können. Der liebe Gott würde sich schön gewundert haben. Aber noch während dieses »Intermezzos« hatte der »Ferencz József« den Kanal glücklich passiert. Er machte nun eine langsame Wendung, kehrte denselben Weg zurück und begann die »Bergfahrt«, um die Herrlichkeiten der Donau, wo sie sich den Paß bei Kasan geschaffen hat, zu bewundern. Je weiter wir uns von Orsowa entfernten, um so mehr schwanden die Explosionsgefahren. Es war doch wohl unwahrscheinlich, in dieser Gegend Minen oder sonstige »Überraschungen« in der Donau anzubringen, wo der Strom verhältnismäßig schmal und die Schifffahrt belebt ist. Goluchowski und ich setzten uns daher vorderhand einmal aufatmend an den kaiserlichen Frühstückstisch in Gesellschaft von etwa vierzehn Personen. Es wurde von Lakaien aus der Wiener Burg serviert. Nach den überstandenen Aufregungen war bei mir eine Reaktion eingetreten, die sich in Heißhunger äußerte, und ich bemerkte, daß Freund Goluchowski sich in der gleichen Lage befand. Er saß dem Kaiser gegenüber, der von den beiden Königen flankiert wurde, neben denen wiederum die beiden größten ungarischen Würdenträger saßen. Ich befand mich zwischen Goluchowski und dem Ministerpräsidenten Graf Badeni sehr gut plaziert. Zwischen zwei Polen wird man sich niemals langweilen (und noch weniger zwischen zwei Polinnen). Polen aus dem hohen Adel, die in Paris zu Hause sind, wie z. B. Goluchowski, der sogar mit einer Prinzessin Murat verheiratet ist; besitzen immer eine glänzende Gabe der Konversation. Zu Hause bei sich ist der Unterschied zwischen dem Glanz ihrer Schlösser und ihres Lebens gegenüber der entsetzlichen Armut der Bevölkerung, für die nichts getan wird, so entsetzlich, daß ich z. B. von dem berühmten Schloß Lançut, das dem Grafen Potocci und seiner berühmten Gattin Betka, Prinzessin Radziwill, gehört, geradezu empört und degoutiert heimkehrte. Und doch war ich glänzend und liebenswürdig dort aufgenommen worden. Die Fahrt von annähernd drei Stunden durch den Paß von Kasan und zurück war leidlich ermüdend, denn meine langen Unterhaltungen mit dem Kaiser und König Carol führten rettungslos in die große Politik. Doch interessierte mich auch vieles. In dieser Hinsicht besonders eine sehr eingehende Aussprache mit dem rumänischen Ministerpräsidenten Demeter Sturdza, der in Heidelberg studierte und seinen Sohn in Berlin erziehen läßt. Es geht klar daraus hervor, wie fest Sturdza, der seit der Übernahme des Thrones von Rumänien durch den damaligen Prinzen Karl von Hohenzollern bis jetzt, die treueste Stütze des Königs ist. Deutsch bis in die Knochen, und ein bedeutender Staatsmann, mit dem sich reden läßt, ohne daß man über vorgefaßte Meinungen stolpert oder befürchten muß, mißverstanden zu werden. Mit König Alexander kam ich nicht vom Fleck. Erst als ich auf Ronacher Das berühmte und in der Tat ausgezeichnete Café chantant in Wien. überging, taute er auf. Dort hatte er sich stets ausgezeichnet unterhalten. »Ja, wenn es in Belgrad einen Ronacher gäbe! – Aber es ist nicht leicht, so oft nach Wien zu fahren, als man möchte. Hin und wieder glückt es ja«, setzte er, vertraulicher werdend, hinzu, » mais vous savez – Mr. Simitsc Simitsch, der serbische Gesandte in Wien. il est un homme serieux. Il a sa police à soi et ce n'est pas facile de le tromper. « Der junge, sehr elegante Adjutant, den er bei sich hatte, Capitain Maschin Dieser, der später Militär-Attaché in Wien wurde und auch in der deutschen Botschaft verkehrte, ist der Mörder Alexanders. , dürfte allerdings eher sein Vertrauter bei seinen Eskapaden nach Wien gewesen sein, als der brave Simitsch, der nicht nur un homme serieux , sondern auch ein recht gescheiter, angenehmer und gebildeter Mann ist. Mir war er nur deshalb etwas lästig geworden, weil ich ihm durchaus eine deutsche Prinzessin als Gattin für den jungen Alexander besorgen sollte – und ich sehr wohl wußte, daß sich nicht so leicht eine Dame aus guter Familie dazu hergeben würde. Wie oft wanderten meine Gedanken in dem Paß von Kasan bei den herrlichen steilen Felswänden, an denen die blaue Donau mild vorüberrauscht, zurück zum Herbst 1871, als ich mit Begeisterung diese gewaltige Natur schaute. Damals, 24 Jahre alt, lag das Leben schleierhaft vor mir. Mein Hoffen und mein Sehnen war die Kunst. Was würde ich damals gesagt haben, wenn mir jemand prophezeit hätte: »Das nächstemal wirst du mit einem Kaiser und zwei Königen als Botschafter des deutschen Reiches hier fahren, und du sorgst dich um den Verbleib von zweihundert Kilo Dynamit.« Ich würde doch nur gesagt haben. »Mein Herr, reden Sie nicht solchen Unsinn.« Das Dynamit kam mir leider heute immer noch nicht aus dem Sinn. »Hier sind wir nun ziemlich sicher«, sagte ich zu Goluchowski. »Aber ich kann nicht leugnen, daß mir Herkulesbad heute abend nicht ganz geheuer ist.« »Inwiefern ist Ihnen Herkulesbad unheimlich?« fragte Goluchowski, schnell aufblickend. »Der Direktor des Bades, Herr von Vest, muß irgendwie von dem Diebstahl etwas läuten gehört haben. Er war sehr beflissen, für die Sicherheit des Festsaales zu sorgen, und die Anlage eines unterirdischen Zuganges zu der Basis des Saales schien ihm immerhin möglich.« »Und das erzählen Sie mir jetzt erst?« sagte Goluchowski ziemlich unruhig. »Hatten Sie denn nicht genug mit der Sorge einer Sprengung im Kanals Was konnte Ihnen Herkulesbad damals sein, da wir doch dachten, im Kanal in die Luft zu fliegen?« »Nun, jedenfalls bitte ich Sie«, sagte Freund Goluchowski sehr eifrig, »mir sofort bei Ankunft in Herkulesbad Herrn von Vest zu zeigen.« Mit diesem neuen Alpdruck trafen wir auf der Station Herkulesfürdö ein, nachdem die Landung in Orsowa ohne jeglichen Zwischenfall glücklich und sehr geräuschvoll vor sich gegangen war. Es war ½4 Uhr, als wir dem Sonderzug entstiegen, um den Weg von der Station zum Bade im Wagen zurückzulegen, was eine kleine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Der Weg führt durch ein mit Mais und anderen Feldfrüchten bestelltes Gelände zu der Bergschlucht von Mehadia. Die Chaussee ist mit schönen hohen Ebereschen besetzt, aus derem dunklen Laub feuerrot die Früchte leuchteten. Es war eine endlose Wagenreihe; ich saß mit Goluchowski in einer offenen Halbchaise. Schon unmittelbar hinter der Station beginnend, stand hinter jedem zweiten Baum auf der rechten Seite des Weges ein Infanterist mit den ungarischen engen blauen Hosen, die hohe blaue Mütze auf dem schwarzen Haar und das Gewehr bei Fuß. Die Bäume deckten natürlich nicht den Mann, aber sobald ein Wagen sich näherte, schlichen die Soldaten vorsichtig auf die andere Seite des Baumes und lugten mit dem braunen Gesicht hervor, während natürlich ein Bein, ein Arm, ihre Rückseite und das Gewehr auf der Kehrseite der schmalen Eberesche sichtbar wurde. Ich erkannte in dieser Maßnahme sofort die geistvolle Anordnung meines Hauptmannes aus Herkulesbad mit dem »Tunnel bei der Nacht«. Er hat für die Sicherheit der Straße zu sorgen gehabt, »ohne daß Se. Majestät es gewahr werde«, und daher den Befehl erlassen, »jeder Mann hat sich hinter den Baum derart zu postieren, daß ihn Se. apostolische Majestät und das Gefolge nicht ›derschauen‹ kann – bei fünftägigem Arrest«. Ich aber habe auf dem ganzen Wege nicht einen einzigen Baum »derschauen« können, der nur annähernd den Umfang gehabt hätte, auch nur einen zehnjährigen Knaben zu verbergen. Und doch war ich dem Herrn Hauptmann dankbar für seine geistvolle Anordnung, denn die um den Baum herumlugenden braunen, halb neugierigen, halb scheuen Zigeunergesichter waren ein ebenso kostbarer Anblick, als auf der anderen Seite des Stammes die kunstvollen Bemühungen der blauen Beine, sich zu verbergen. Wir langten, dank der gelungenen »Sicherungen«, sehr heiter im Bade an, und ich fuhr mit Goluchowski zu dem Festsaal, wo wir Herrn von Vest trafen, der uns glaubte die Versicherung geben zu können, daß ein Dynamit-Attentat wohl kaum zu erwarten sei. Er machte jedoch die Andeutung, daß ihm von einem gewissen »Diebstahl« durch die Geheimpolizei Nachricht zugegangen sei, was ihn sehr beunruhigt habe – und noch beunruhige. Er werde erst zufrieden sein, wenn er die Nachricht erhalten habe, daß der Kaiser glücklich in Wien wieder eingetroffen sei. Nach dieser Aussprache begab ich mich in mein Quartier, wo ich von Eberhard und Kistler freudig begrüßt wurde. Sie hatten, dank der Bemühungen des liebenswürdigen Herrn von Vest, mit dem sie nach Orsowa gefahren waren, vom Ufer aus die Durchfahrt des Kaiserschiffes zwischen den weißen, mit menschlichen Köpfen geschmückten Türmen gesehen und durch ihre guten Gläser sogar die Monarchen und Bischöfe beobachten können. Die freie Zeit bis zu dem Festmahl um 6 Uhr benutzte ich, nach Ablegung meiner goldgestickten Löwenhaut, um mich bequem auf dem Sofa auszustrecken – in dem behaglichen Gefühl, daß ich wohl kaum mit diesem in die Luft fliegen würde. Wenn es nun auch von meiner Wohnung bis zu dem Festsaal nicht weit war, benutzte ich doch gegen 6 Uhr einen Wagen. Denn, wie ich bereits bemerkt habe, war es nicht mein Fall, in voller goldener Pracht und den federgeschmückten Dreimaster auf dem Haupte, durch eine neugierige Menschenmenge zu schreiten. Schon aus diesem Grunde wäre ich völlig ungeeignet, ein Herrscher zu sein; denn daß die meisten Herrscher behaupten, es ebenfalls nicht zu lieben, sich öffentlich als solche zu zeigen, ist doch nur bis zu einem gewissen Grade der Wahrheit entsprechend. Fast allen solchen Herren ist es sehr fatal, »nicht beachtet« zu werden. Für das berühmte »incognito« sind sie wirklich im Grunde nur dann eingenommen, wenn sie irgend etwas unternehmen, was ein elender Staatsbürger auch gern incognito unternimmt. In dem prunkvollen Kursaal mit seinen roten Seidendamastwänden und der mit herrlichen Blumen in kostbaren, kaiserlichen, silbernen Prunkgefäßen geschmückten Tafel fand ich alles in Gala versammelt, bis auf die drei Herrscher, die kurz nach mir erschienen. Der Kaiser nahm wieder den Platz in der Mitte des Tisches zwischen den beiden Königen ein. Ich saß neben König Carol, zu meiner besonderen Zufriedenheit, einen so klugen und liebenswürdigen Nachbar während der langen Sitzung zu haben, die uns rettungslos Reden bescheren würde, die ich wegen der großartigen Selbstverständlichkeit ihres Inhaltes hasse. Links neben dem Kaiser saß nicht, sonderen krümmte sich im Hinblick auf seine Rede der unglückliche Alexander mit seiner vor Angst erblaßten Knorpelnase. Gegenüber dem Kaiser saß Goluchowski – auch etwas blaß seit den Mitteilungen des Herrn von Vest über einen möglichen Tunnel. Rechts von ihm Sturdza, links der arme Popowicz, der mit nervösen Blicken seinen erschütterten Monarchen musterte, der sich aus Aufregung die Bissen immer neben den Mund stieß. Nach dem » Zéphyr de poulardes à la Rossini « erhob sich der Kaiser und alle mit ihm. Einer der beiden hinter ihm stehenden Hoflakaien (die für diesen Dienst speziell abgerichtet sind) legte ihm die mit sehr großen Buchstaben aufgeschriebene Rede auf den Teller, auf die der Kaiser durch seinen, hierzu aufgesetzten Kneifer hinabblickte. Sobald das (wegen der großen Buchstaben nur wenig enthaltende) Blatt abgelesen ist, zieht der links stehende Lakai dasselbe mit affenartiger Geschwindigkeit fort und der Lakai rechts schiebt mit der gleichen Schnelligkeit das zweite an dieselbe Stelle. Der Kaiser ließ die Nachbarn von der Donau leben. Sofort danach erhob sich König Carol, ein Meister der Rede, der vorher nicht im mindesten »gemaikäfert« hatte, sondern in völliger Ruhe, ohne jede Präokkupation, seine Konversation mit dem Kaiser und mir machte. Er sprach glänzend in meisterhaftem Französisch und Sturzda, dem ich leise zunickte, erwiderte verständnisvoll lächelnd den Gruß. Dem König aber sagte ich mit Wärme Schmeicheleien – die eben keine Schmeicheleien waren, sondern zu wahr, um dem gütigen König nicht Freude gemacht zu haben. Dann aber nahte die Schreckensstunde für Alexander – die Folterkammer, das Alpdrücken, das Hals- und Beineabschneiden. O, armer junger Alexander, wenn ich dich hätte retten können – aber du warst hier König an der Donau und nicht bei Ronacher in Wien, du mußtest reden. Er stand auf. (Popowicz erbleichte wie der Tod.) » Votre Majesté Imperiale « begann Alexander Milanowitsch, » Votre Majesté – daigna, – Votre « – (aus. Pause). » Ce – solonel, – ce solonel « – (aus. Pause). Votre Majesté! – (aus. Pause). Popowicz flüstert ziemlich laut über den Tisch: » à la santé de Sa Majesté –«). Popowicz wiederholt eiwas lauter: » à la santé de Sa Majesté. « Alexander schweigt. Popowicz (noch lauter). » à la santé de –«. Alles blickt stumm auf die Teller. Ich fühle, daß mir übel wird. Alexander (mit flehenden Blicken zu Popowicz). » à – la – santé de Sa Majesté l'Empereur et Roi! « Alles ruft in einem Erlösungston: »Hurra! Hurra! Hurra!« Aber alles sinkt auch erschöpft auf die Stühle zurück, und Popowicz, ganz über seinen Teller gelehnt, schlingt sofort mit solchem Eifer ein (glücklicherweise!) ihm noch von dem »Zephir« der Poularde auf dem Teller verbliebenes Stück mit Hilfe von Messer und Gabel hinunter, daß man glauben könnte, es ginge ihm die ganze Rede und der ganze Alexander gar nichts an, als sei er nur unbeschreiblich hungrig. Und ich hielt das auch durchaus für möglich, denn vor der Rede hatte er vor serbischer National-Todesangst kaum »einen Happen« gegessen. Nach dieser fürchterlichen Anspannung der gesamten Festversammlung lag einen Augenblick Todesstille über der hohen, hier vereinigten Gesellschaft – dann aber brauste eine derartige, krampfhafte Unterhaltung los, daß der alte Kaiser erstaunt um sich sah. Er war das an seiner Tafel nicht gewohnt, wo eine Langeweile und Stille zu herrschen pflegte, die an Begräbnisse erinnert. Ich begrüßte es wie eine Erlösung, als der alte gütige Kaiser mit einer »allgemeinen« Verbeugung das große Fest beschloß. Er reichte mir gütig die Hand, als er bei mir vorüberschritt, König Carol drückte sie mir innigst, und der arme Alexander vergaß es. Ein Lied, daß ich in jungen Jahren dichtete und sang, endigt: »Ich habe schier vergessen, wo Erd' und Himmel sind.« Das wird wohl ungefähr der Zustand des armen Alexanders vor, bei und nach seiner Rede gewesen sein. Um 8 Uhr verließen die drei Monarchen im Wagen Herkulesbad, und um ½9 Uhr eilten sie in ihren Sonderzügen mit ihrem großen Gefolge den drei Residenzen zu. Als ich in meine Wohnung zu Eberhard und Kistler gekommen war, legte in stürmischer Eile mein guter Emanuel die Wahrzeichen meiner Würde in den Koffer, während Herr von Vest mir mit feierlicher Miene im Namen der Kurverwaltung ein prächtiges Album mit kostbarem Einband, enthaltend eine Sammlung großer Photographien von Herkulesbad, überreichte, das eine Bereicherung der Liebenberger Bibliothek bilden wird. Meine Reiseroute stellte sich nach Kistlers Entwurf folgendermaßen dar: Sonntag, 27. September 1896, abends 9 Uhr, Abreise von Herkulesbad. Nach ununterbrochener Reise Ankunft Mittwoch, 30. September 1896, nachmittags 2 Uhr, in Rominten. Doch sollte diese Fahrt nicht in dieser Weise verlaufen. Ich erkrankte unterwegs an einer bösen Ruhr und mußte mehrere Tage in Wien liegen. Am 1. Oktober traf ich in Liebenberg ein mit den Berichten, die ich am 4. Oktober dem Kaiser in Hubertusstock abstattete, und damit hatte meine Mission nach dem »Eisernen Tor« ihren Abschluß erreicht. (gez.) Philipp Eulenburg. Nachschrift 1903. Das Verschwinden der zweihundert Kilo Dynamit blieb immer ein Rätsel. Wahrscheinlich ist ein Teil nach Konstantinopel gewandert, wo in der Folge die entsetzlichen Massakers gegen die Armenier durch Sultan Abdul Hamid veranlaßt wurden. Damals fanden Sprengungen in armenischen Banken und Häusern durch Dynamit statt. Eine andere Version besagt, daß tatsächlich eine Mine in dem Kanal am 27. September 1896 gelegen habe, aber durch die starke Strömung fortgeschwemmt worden sei. (Oder sollte die Gefahr durch den Segensspruch des Bischofs von Czánad beseitigt worden sein, dessen Flammenaugen an einen Propheten erinnerten, der Wunder verrichtet?) Der arme König Alexander von Serbien, geb. 1876, wurde am 29. Mai 1903 ermordet. An der Spitze der Mörder, die den unglücklichen König auf wahrhaft bestialische Weise mit seiner Gattin umgebracht hatten, stand Oberst Maschin, Vetter der Königin Draga Maschin. Es war der gleiche, der den jungen König als Adjutant 1896 zum »Eisernen Tor« begleitet hatte und als Militärattaché in Wien in meinem Hause verkehrte. Sogar bei Tisch saß er einmal neben meiner Gattin! In jener Mordnacht hatte sich das Königspaar, nach Entdeckung des geplanten Anschlages, in einem Wandschrank versteckt – Maschin fand die Unglücklichen dort und brachte sie eigenhändig durch Revolverschüsse allmählich um. Die Mordgesellen warfen sodann die Leichen zum Fenster hinaus in den Garten, wo sie morgens früh noch Lebenszeichen gaben, ohne doch nochmals zur Besinnung gekommen zu sein.