Max Eyth Im Strom unsrer Zeit Erster Teil Wanderbuch eines Ingenieurs In Briefen von Max Eyth Einführung Die Entwicklung der Dampfmaschine ist die Schule gewesen, in der die moderne Industrie großgewachsen ist, und der Missionar, der von ihrer Geburtsstätte ausziehend den Samen über Europa verbreitet hat, ist der englische Monteur, der bei jeder Lieferung einer Dampfmaschine vertragsmäßig mitgeschickt wird und mit seiner Maschine in den Dienst des Käufers übergeht. Der englische Monteur im »Schneider von Ulm« ist ein Beispiel. Nirgends fiel dieser Samen auf so fruchtbaren Boden wie in Deutschland. Die theoretische Behandlung der Technik war ein spezifisch deutsches Talent, und gleichzeitig mit den neuen Maschinenfabriken, die es ihren englischen Vorbildern, wenn auch nicht so bald an Unternehmungsgeist und Kapitalkraft, so doch an Gediegenheit und Vielseitigkeit gleich und zuvortun konnten, wuchsen überall die technischen Hochschulen auf. Ihre ersten Erfolge empfindet der junge Eyth schon am eignen Leibe, und ihre vollen Triumphe beginnen sich erst in unsern Tagen zu entfalten, da die Technik sich immer mehr zur Wissenschaft verfeinert und den alten Praktikern, die sie geschaffen haben, längst entwachsen ist. Gerade in der Zeit, in der Eyth seine Lehrjahre in den heimischen Werkstätten durchlebte, setzte eine Rückströmung ein. Es begannen aus der jungen deutschen Schule Ingenieure hervorzugehen, denen ihre gründliche wissenschaftliche Vorbildung sogar in England eine Überlegenheit sicherte, die bald gefühlt wurde und den Schrei nach systematischem Unterricht auslöste, der noch in unsern Tagen nicht ganz verstummt ist. Eyth war einer der ersten, den die Sehnsucht, das Heimatland des Maschinenbaues kennen zu lernen, über die See trieb, und in demselben Briefe, in dem er unter dem frischen Eindruck der himmelstürmenden jungen amerikanischen Industrie das bedächtige Nachhinken der deutschen Schulweisheit hinter der schaffenden Arbeit der Angelsachsen bespöttelt, bemerkt er mit Erstaunen, daß er mit den Resten chemischer Kenntnisse, die er aus dem Kolleg daheim mitgebracht hat und längst mit anderm Schulkram in der Rumpelkammer seines Gedächtnisses begraben wähnte, unter den amerikanischen Zuckersiedern als Lehrmeister auftreten kann. Solche halb unbewußte Wahrnehmungen sind es gewiß nicht zum kleinsten Teil, die sein eigentümliches Wesen geformt haben. Das Gefühl, trotz der praktischen Überlegenheit der ausländischen Technik, in deren Welt und Wesen er sich einzuleben hatte, doch einer höheren Kultur anzugehören, bewahrte ihn davor, wie es so vielen andern in ähnlicher Lage ergangen ist, Engländer oder Amerikaner zu werden. So mag es gekommen sein, daß dieselben Anlagen und dieselbe Schulung, die ihm seine Erfolge als Ingenieur sicherten, ihn gleichzeitig daran gehindert haben, ein typischer großer Ingenieur zu werden. Solange er im Dienst fremder Unternehmer stand, brachten es die Umstände mit sich, daß seine technische Arbeit der Lösung von mehr sekundären Aufgaben galt, wie sie sich jedem selbständig denkenden Ingenieur in der Praxis des Geschäftslebens beständig stellen. Obgleich die Liste seiner technischen Erfindungen und Konstruktionen, die er bei Gelegenheit seines Abschiedes von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft selbst mitgeteilt hat, eine stattliche Reihe ausmacht, findet sich doch keine grundlegende Neuerung darunter, die seinen Namen trägt. Als er dann mit ungebrochenem Unternehmungsmut und überreich an wertvollen Erfahrungen in die Heimat zurückkehrte, zeigte es sich, daß sein Ehrgeiz, für sich als Techniker weitere Lorbeeren zu erringen, schon gestillt war. Er ging ganz in der neuen Lebensaufgabe auf, die ihm anfangs wie eine kurze Episode erschienen war. Und auch aus seinem Wirkungskreis in der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft sehen wir ihn freiwillig scheiden, um endlich als Dichter seine Tage zu beschließen. Daß er seinem Vaterlande so besser gedient hat, als wenn er eine der zahlreichen glänzenden Anerbietungen angenommen hätte, die ihm bei seiner Heimkehr gemacht wurden, kann niemand bezweifeln. Aber auch die Zunft der Techniker darf ihn mit größerem Stolze zu den ihren zählen, als wenn er bloß die Zahl der bedeutenden Erfinder und Unternehmer vermehrt hätte, denn er ist ihr ein seltenes Vorbild eines Mannes, der mit gewaltiger praktischer Leistungsfähigkeit eine echte vielseitige Geistesbildung verband. A. du Bois-Reymond. Als wir Max Eyth im Jahre 1886 kennen lernten, lagen die Lehrjahre und die Wanderjahre, die er in diesen Briefen so unvergleichlich schildert, schon hinter ihm – er widmete sich, von Bonn aus, der Gründung seiner Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft –, die Meisterjahre hatten begonnen! Unsre Freundschaft mit ihm wurde gerade durch diese Reisebriefe angebahnt. Mein Vater, Sebastian Hensel, der sie mit Entzücken gelesen hatte, schrieb an Eyth. Eyth antwortete und besuchte uns, als er bald darauf nach Berlin kam. Daraus entwickelte sich dann allmählich eine feste Freundschaft, und in den Zeiten seiner Abwesenheit von Berlin ein regelmäßiger Briefwechsel mit meinen Eltern und später mit mir. Es war für unsre Freundschaft vom größten Wert, daß wir Eyth durch diese wundervollen Briefe an die Seinigen schon einigermaßen kennen gelernt hatten, ehe der persönliche Verkehr begann, denn er gab sich schwer, so offen, so unbefangen heiter er aus der Fülle des Erlebten mitzuteilen schien. Es war einer seiner Glaubenssätze, über den wir in späteren Jahren oft, scherzhaft und ernsthaft, gestritten haben, daß leichter fremde Nationen einander nahekommen, miteinander vertraut werden könnten, als Norddeutsche und Süddeutsche. Und das Schwabentum war in ihm bei all seinen Wanderungen auf beiden Halbkugeln (für die er Gott zu danken pflegte) ganz unvermischt geblieben, und diese starke Lokalfarbe des vielgereisten und weltgewandten Mannes bildete einen der merkwürdigsten Gegensätze, in denen ich immer den großen Reiz seiner Persönlichkeit und eines der Hauptgeheimnisse seiner ungewöhnlichen Erfolge gesehen habe! Wer noch das Glück gehabt hat, ihn zu kennen, wird mir darin recht geben, die Freunde, die seine Bücher ihm erworben haben, werden, was ich meine, auf jeder Seite der vorliegenden Briefbände bestätigt finden: das schwäbische Gemüt und die englische Zähigkeit, die deutsche Poesie und die englische Energie und Geschäftsklugheit, das warme Herz und der kühle Kopf, der Wahlspruch des Mannes: »Dem Phlegma gehört die Welt«, und der Lieblingsvers desselben Mannes – schon als er ein sanftes Büblein von drei Jahren und zwei Fuß zwei Zoll Größe war: »Und wenn die Welt voll Teufel wär!« – die tiefe Religiosität, der rastlose Tatendrang – und der Hang zu träumerischer Mystik, zu buddhistischer Weltflucht – und besonders: die schwieligen Hände des Technikers und der Schulsack des schwäbischen Humanistensohnes! Dieser letzte Gegensatz scheint mir der merkwürdigste und wichtigste, und hätte Eyth das im Grunde nicht selber geahnt, seine Ausfälle auf die humanistische Bildung würden wohl kaum so zahlreich und herzhaft sein. Durch die buntwechselnden Bilder dieser Briefbände hindurch habe ich mit Rührung und Behagen diese widerspruchsvolle Harmonie seines Wesens verfolgt. Gleich sein erstes technisches Abenteuer in der Sägemühle zeigt das warme Herz, was dem kühlen Kopf die Arbeit diktiert, »weil der Sägemüller mit seiner Frau und vier netten Kinderlein bankrott geworden wäre, wenn die Maschine hätte aufgegeben werden müssen, war ihm die Sägemühle fast zur Herzenssache und Gewissenssache geworden, und er hatte seine Finger verklopft und verhämmert, hauptsächlich deshalb«. – Und bei dem zweiten Abenteuer, da der junge Kesselschmied, unter seinen rinnenden Kesseln liegend, an Schillers Flucht denkt, zwischen den mathematischen Berechnungen Scharaden reimt, außer den Kesseln Verse schmiedet – wie deutsch ist dieser junge Mann, der seinen Landsleuten ihr Träumen und Dichten gar nicht streng genug vorhalten kann! Bald kommt er dann nach England mit der Losung, die ihn nie im Stich läßt: kühl! Wirklich bewunderungswürdig ist die kühle Ruhe, mit der der Fünfundzwanzigjährige die – wie es zuerst scheint – aussichtslose Stellungsjagd in diesem überwältigend großartigen, lärmenden, atemlosen, neuen Leben betreibt, mit der zähen Ausdauer und leidenschaftslosen Energie, die ihm gleich an den Engländern so imponieren; aber so oft er einen Knopf an seine Hosennaht und auf dem Knopfschächtelchen liest: »Zwinksche Apotheke in Göppingen, Herrn Pastor C.s Söhnle, täglich zwei Eßlöffel voll!« schlürft er »Ludwig Richtersche Bilder von Ruhe, Gemütlichkeit und lieblichem Kindergeschrei – unklugerweise täglich zwei Löffel voll!« Aber das ist es eben – schon der junge Mensch versteht sich darauf, die Dinge auseinanderzuhalten und richtig zu bewerten. Das »Jedes zu seiner Zeit« ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn er, während der Londoner Ausstellung, einen impertinenten Artikel in der »Times« findet, in dem die Freude der Deutschen an Spielsachen lächerlich gemacht wird, so eilt er zu seinen Landsleuten und liest den würdigen Herren, die durch das andachtsvolle Spielen mit einer aufgezogenen Maus den Spott hervorgerufen haben, den Artikel vor. Von derselben Ausstellung schreibt er: »Die Abende und Nächte brachte ich mit Fowler und andern großen englischen Ingenieuren zu und lernte dabei in der Tat vieles, was man in Büchern und Studierstuben nicht lernt. Bei solchen Leuten wird einem der Unterschied zwischen dem deutschen Dichten und Trachten, zwischen Beobachten und Handeln, zwischen Vergangenheit und Zukunft fast etwas unangenehm klar. Ich gebe mir alle Mühe, mich von dem urdeutschen Fehler, das Fremde mit günstigen Augen zu betrachten, möglichst freizumachen. Aber wo finden wir einen Maßstab, um derartige Vergleiche unparteiisch zu halten? Keine plastischere Illustration kann ich mir denken als den Fowlerschen Stand in der Weltausstellung. Hier steht die wuchtige Maschine und die wunderlichen Werkzeuge, die jetzt schon Hunderten ihr Brot verschaffen und Tausenden in allen Weltteilen dienen werden, das Produkt einer energischen Jugendkraft – im Grunde eines Lebens; auf dem Ehrenplatz des Standes steht auch das Produkt eines Lebens, eines jahrelangen gründlichen Studiums; hier stehen die Pflüge und wundersamen Geräte, die teilweise vor tausend und zweitausend Jahren schon vergessen waren. Und es ist immer das erste Zeichen, woran ich den Deutschen von einem Engländer unterscheide: der eine bleibt vor der Sammlung stehen und betrachtet Stück für Stück, wie's die Väter gemacht, der andre mustert die Maschinen, mit denen wir und unsre Enkel arbeiten werden!« Und keine bessere Illustration zu der glücklichen Mischung deutscher und englischer Vorzüge konnte es geben, als daß dieser begeisterte Ingenieur Fowlers doch so viel deutsches Verständnis für die historische Pflugmodellsammlung des Hohenheimer Professors hatte, daß er im Schweiße seines Angesichts gearbeitet hatte, um ihr einen würdigen Platz auf der Ausstellung zu sichern. Und nun geht es in die Welt hinaus, die schon des kleinen Knaben heimliche Sehnsucht gewesen war, zu der Zeit, da er die Ränder seiner Schulhefte durch seltsame Figuren entweihte, in denen der entrüstete Lehrer nicht die uralte Rätselbildung der Sphinx erkannte – nun geht es nach Ägypten! Sein Motto »kühl« läßt ihn fast auch im Stich bei dem Auf und Ab der ersten Verhandlungen, während deren er sich wieder und wieder bereithalten darf, sofort nach Ägypten oder Indien abzureisen, um dann doch wieder in Leeds bleiben zu müssen. Endlich aber wird es ernst, und er fährt »an der Küste Griechenlands hinunter. Alles, vom Schäferleben Arkadiens bis zur Schlacht von Navarin herab, voll gewaltiger Erinnerungen, mit denen man die deutsche Jugend großsäugt, oder kleinsäugt? Ich weiß es nicht; – und alles tot!« so schreibt er wenigstens – aber waren ihm diese Erinnerungen tot? Nur wenige Tage später heißt es: »Wie soll ich Euch auf einem Blättchen Postpapier auseinandersetzen, was ich seitdem gesehen, gehört, gefühlt und geschmeckt habe – vom rauhen und realen Meißelschlag am zerbrochenen Dampfpflug bis zu dem einsamen Träumen im Schatten des Obelisken von Heliopolis, vom widerlichen Intrigieren in dem Hofstädtchen eines Paschas bis zu dem ergreifenden Beten eines Arabers in der öden, unabsehbaren Wüste?« – Wie bezeichnend ist diese Gegenüberstellung. Nur wenige Wochen später heißt es zwar wieder: »Hätt' ich was Rechtes gelernt! Warum jagt ihr, ihr Mütter, Großmütter und Tanten Deutschlands den strebsamen Sprößling der Familie mit einem kränkenden ›Küchenmichel‹ aus der Küche hinaus, so oft er instinktmäßig die Bedeutung eures Berufes anerkennt? Eine Stunde in der Küche ist nützlicher als zehn im Cornelius Nepos. Und warum brandmarkt man das Wichsen eines Stiefels mit Verachtung? Es kann unter Umständen schwerer ins Gewicht fallen als der schönste Hexameter.« – Aber würden Eyths Briefe, und gar erst seine Bücher, wohl diesen großen, ganz eigentümlichen Reiz haben, wenn er Kochen und Stiefelwichsen ohne Hexameter und Cornelius Nepos betrieben hätte? »Die heutige Menschheit würde in einen bodenlosen Abgrund versinken, wenn die Jugend auf dem Wege zum Jahrmarkt des Lebens nicht den stillen Tempel des erhabenen klassischen Altertums durchschritte,« sagt Jean Paul (Levana), und man möchte dieses schöne Wort heute tiefer hängen! Heute, da der Jahrmarktsstandpunkt und -maßstab so verbreitet ist, daß man immer wieder die Frage hören muß, was denn das humanistische Studium den jungen Leuten für ihr späteres Leben nutze! Eyths Leben und Eyths Werke sind die beste Antwort auf diese banausische Frage – um so überzeugender, weil er selbst so wenig überzeugt ist oder scheint, weil er, wie gesagt, jede Gelegenheit ergreift zu scherzhaften oder ernsthaften Ausfällen auf die philologische Umgebung und Anschauungsweise, aus der er hervorgegangen ist, auf deren Grunde er aber viel fester wurzelt, als er selber ahnt, wenn er zum Beispiel schreibt: »Wie himmelweit fühle ich mich von der Welt entfernt, in der ich doch eigentlich geboren bin, wie unbegreiflich wird mir's allmählich, was bei Euch Geist und Gedanken bewegt, Kraft und Leben verzehrt! Eine Charakterschilderung Agamemnons! Ich verstehe, wie man über den historischen Wallenstein, über Nero und Themistokles Bücher schreiben kann, über Agamemnon, über den Mythus, das Gedicht eines längst vergessenen Jahrtausends – nein! Warum nicht Erbsen durch ein Nadelöhr werfen?« Was er verurteilt, ist nicht die Methode, sondern ihre Auswüchse. Klarer geht das aus einem andern Briefe hervor, in dem er schreibt: »Es ärgert mich immer, daß so wenige unsrer deutschen Gelehrten imstande sind, solche Bücher (Tyndalls Fragmente) zu schreiben, daß sie nicht von ihren Kathedern herunter wollen, daß sie nicht merken, wie langweilig sie da droben, in ihrer bornierten Unfehlbarkeit, erscheinen. Es ist das Dozieren und Dozierenwollen, was das Volk an Leib und Seele ruiniert und was ihnen den Stil und Stoff verdirbt. Denn uns, die wir unten stehen, fehlt der Glaube.« Tyndall zeigt uns auf jeder Seite, nicht wie er lehrt, sondern wie er lernt; nicht bloß die glänzenden Resultate seiner oder fremder Arbeit, sondern auch die hundert unüberwundenen Schwierigkeiten, die den Weg der Wissenschaft im Labyrinth der Natur umlagern, und schämt sich nicht, die Grenzen – nicht des menschlichen (denn wer weiß, wo diese in 3000 Jahren sind), sondern des Tyndallschen Begreifens zu zeigen, wo immer er ihnen begegnet! Gerade das ist es nun, was Eyths erste literarische Versuche auszeichnet. Er zeigt uns – in einem hübschen novellistischen Rahmen – die Resultate seiner eignen und fremden Arbeit auf technischem Gebiet, und macht zugleich auch dem Laien klar, wo die Schwierigkeiten liegen, die zu überwinden waren. Er hat damit ein für Deutschland noch fast ganz brachliegendes Feld seiner literarischen Pflügerarbeit erschlossen; mir wenigstens sind, außer den sehr viel unbedeutenderen Skizzen von Max Maria Weber (Vom rollenden Flügelrade, Schauen und Schaffen) keine ähnlichen Bücher wie Eyths »Hinter Pflug und Schraubstock« bekannt geworden. Aber seinen Roman: »Der Kampf um die Cheopspyramide« haben wir viel korrespondiert, und ich habe die meisten seiner Briefe, die sich darauf beziehen, hier veröffentlicht, weil sie einen hübschen Einblick geben in seine Art zu arbeiten: die erstaunliche, methodische Gewissenhaftigkeit, mit der jedes, auch das scheinbar unbedeutendste Detail ergründet wurde! Es existieren dicke Aktenstücke über jedes seiner Bücher. Das zum »Schneider von Ulm« beginnt mit einem genauen Journal, was der damals fast siebzigjährige Geheime Hofrat über seine Lehrzeit bei dem würdigen Ulmer Schneidermeister geführt hat. Jeder Stich, den er gelernt hat, ist zierlich darin aufgezeichnet und beschrieben, die Gespräche der Mitgesellen notiert. Als ich ihn das letztemal in Ulm besuchte, zeigte er mir, nicht ohne eine kleine, berechtigte Eitelkeit, das Probetuch, auf dem er die verschiedenen Stiche, Knopflöcher und so weiter geübt hatte. Er arbeitete eben nicht wie der Deutsche in dem bekannten Vergleich, der sich das Kamel aus der Tiefe der sittlichen Anschauung konstruiert, sondern wie der Engländer, die in die Wüste geht und das Kamel dort zeichnet. Einen andern der vielen Widersprüche, die Eyths so harmonisches Wesen bildeten, kann man in den Briefen über die Cheopspyramide und vielen andern finden. Eyth, der einen so stark entwickelten Familiensinn hatte, der alle eignen Lebens- und Reisepläne aufgab, um bei seiner alten Mutter zu bleiben, der überall an fremdem Familienleben gemütlichen und verständnisvollen Anteil nahm, der eigentlich kein Weihnachtsfest vorübergehen läßt ohne einen Anflug von deutscher Sentimentalität, den er unter allerlei Masken, doch gar nicht verbergen kann. Eyth konnte Ausfälle auf Liebe und Ehe ebensowenig unterdrücken wie solche auf humanistische Bildung und Philologie, und aus demselben Grunde, wie mir scheint! Fast spaßhaft wirkt ja seine Entrüstung über die unschuldigen Liebespaare, die ihm selber in das weit gespannte Garn seiner Pyramidengeschichte gelaufen sind – wie es scheint, gegen seinen Willen! Und – um mit einem letzten Widerspruch zu schließen – Eyth, der friedlichste Mensch, in seinem persönlichen Leben, der Hunderte von Freunden gehabt hat und gewiß keinen Feind, war der überzeugteste Kriegsgläubige, der mir je begegnet ist! Es stand für ihn unumstößlich fest, daß die Menschheit ohne Kriege nicht leben könnte, noch sollte, noch jemals würde, und er pflegte meine entgegengesetzte Ansicht sehr anmutig ins Lächerliche zu ziehen, meistens in Briefen an unsern jüngsten Sohn, seinen Paten, von denen ich einige folgen lasse, weil sie Eyth von einer besonders liebenswürdigen Seite zeigen. Denn das ist, was ich möchte: Max Eyth hat vielen so viel gegeben. Seinem Vaterland, an dem er mit starker Treue hing, hat er durch die Gründung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft ein wirklich wertvolles Geschenk geben dürfen. Den deutschen Landwirten hat er gezeigt, was man aus eigner Kraft, ohne Staatshilfe erreichen kann. Hunderten, Tausenden haben seine Bücher Freude und Belehrung gebracht – hier möchte ich ihn nun, im persönlichen Verkehr mit nahen Freunden, von Seiten zeigen, die nicht viele gekannt haben, aber von vielen gekannt zu werden verdienen. Als ich, am Morgen nach seinem Begräbnis, durch das sonnenbeglänzte schöne Schwabenland fuhr, das einer reichen Ernte entgegenreifte, als ich überall die Schnitter an der Arbeit sah und die Obstbäume in den goldenen Feldern ihre schwerbeladenen Äste niederbeugten, da mußte meine tiefe Trauer um den Tod des Freundes dem Gefühl ebenso tiefen Dankes weichen für die reiche Ernte dieses Lebens! Wo immer er ins volle Menschenleben hineingegriffen hatte, da hatte er die reifen Früchte gebrochen und die vollen Garben gebunden. Und sein Vermächtnis an uns andre, die wir noch weiter im Lichte dieser goldenen Sommersonne wirken durften, schien mir in Goethes Worten zu liegen, wie auch in der wunderbaren Übersetzung, die Carlyle für sie gefunden hat: Wir heißen euch hoffen – und work and despair not! Potsdam, Herbst 1909. Lili du Bois-Reymond. Einleitung Wie man vor einem halben Jahrhundert Ingenieur wurde Aus der Kinderzeit. Einen gebahnten, mit Ecksteinen, Wegzeigern und Warnungstafeln versehenen Weg wie heute gab es damals noch nicht. Die meisten begannen damit, an einem halbverbrannten, halbzerfaserten Strick eines Blasebalges zu ziehen und gelegentlich vom Obergesellen eine Ohrfeige zu erhalten, wenn sie beim behaglichen Schein des Schmiedefeuers darüber einnickten. Auf der Wanderschaft mochte sie dann der Gott, der Eisen wachsen ließ, in die Werkstatt eines strebsamen Schlossers führen, der sich mit dem kühnen Plane trug, eine Dampfmaschine zu bauen. Vielleicht stand er schon nachdenklich vor dem ersten, reichlich mit Löchern und Blasen geschmückten Gußstück der künftigen Maschine und überlegte sich, ob er es wegwerfen müsse oder von dem neuen Gesellen ausflicken lassen könnte. War der Geselle ein geschickter Bursche, so begann er zu bohren und zu meißeln, zu feilen und zu schaben, und wurde schließlich einer der großen Ingenieure der vorvorigen Generation: ein alter Borsig, ein alter Hoppe, ein Riedinger, ein Kuhn und wie sie alle hießen. Andre begannen anders und wurden zumeist kleinere, wenn auch gelehrtere Ingenieure. Man zerbrach sich in ihren Kreisen den Kopf nicht wenig: weshalb die Dinge sich so wunderlich gestalteten und nicht sie die größeren, die Schlosserlehrlinge die kleineren wurden; aber mit geringem Erfolg. Man verstand nämlich damals in Deutschland den Unterschied zwischen Wissen und Können noch weniger als heutzutage. Schließlich mußte man sich mit dem Gedanken trösten, daß der schulgerecht gebildete Ingenieur doch auch dazu gehöre, ja, ohne ihn nicht viel ausgerichtet werden könnte. Es ist dies mit der Zeit wesentlich anders und besser geworden. Wohin wir noch gelangen werden, wenn einmal eine genügende Anzahl von Doktoren der Ingenieurgelehrsamkeit in die Zahngetriebe der Technik eingreifen werden, ist gar nicht abzusehen. Von einem dieser Art erzählt das vorliegende Buch; allerdings nicht von einem Doktor: dieses Zöpfchen ist erst später Mode geworden. Und da solche Leute sich notgedrungen an ein einigermaßen geordnetes Denken gewöhnen mußten – von Logik brauchten sie nichts zu verstehen, denn diese, soweit sie für ihr Schaffen nicht hinderlich war, stellte sich von selbst ein –, will ich wenigstens andeutungsweise mit dem Anfang beginnen. Meine Kinderjahre verlebte ich in Schöntal, einem kleinen Nestchen von wenigen Häusern in einem waldreichen Winkel an der Jagst, im weltabgeschiedensten Teil Württembergs. Dort steht der stattliche Bau eines früheren Zisterzienserklosters, in welchem heute eines der vier evangelischen Seminarien des Landes untergebracht ist, das gegen vierzig junge Leute im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren beherbergt. Mein Vater war daselbst als Professor tätig, sein Lieblings- und Berufsstudium Griechisch und Geschichte, und ich zunächst sein einziges, nicht allzu hoffnungsvolles Söhnchen. Mein Großvater war Professor am Gymnasium zu Heilbronn, der nächsten, etwa sechsunddreißig Kilometer entfernten Stadt. Seine Spezialität war Lateinisch und Hebräisch. Bei ihm durfte ich meine Ferien zubringen. Das war die Luft, in der ich aufwuchs; und doch wird es mir schwer, über die Poesie jener grünen Klostereinsamkeit mit Stillschweigen wegzugehen. Die Zöglinge zu Schöntal sind die heranwachsenden Geistlichen Württembergs. Lange ehe ich alt genug war, in das Seminar einzutreten, lag es schon aus diesem Grunde in dem Plan meiner Erziehung, daß ich den Weg beschreiten sollte, den Vater und Großvater gegangen waren, und den jede fromme Mutter ihrem Erstlinge wünscht. Die Wahl zwischen Theologie und Philologie stand mir frei. Ich wußte es selbst nicht anders, so sauer es mir fiel, die anfänglich so trockene und steinichte Straße des klassischen Wissens emporzuklettern. Bei diesem Punkte wird mir das Stillschweigen fast zur angenehmen Pflicht. Wie alles anders kam, als es die treue Fürsorge meiner Eltern geplant hatte, gehört zu den Geheimnissen von Natur und Leben, die noch kein Forscher zu ergründen vermochte. Auch ich will nicht versuchen zu erklären, wie der Trieb erwachte, der mich unwiderstehlich auf eine Bahn drängte, von der man in meiner ganzen Umgebung kaum eine Ahnung hatte, noch werde ich erzählen, wie sich eins ans andre fügte, bis ich meinen Weg gefunden hatte. Nur andeuten möchte ich, wo und wie der erste Funke des neuen Feuers, des Geistes unsrer Zeit, auf mich fiel, um bald zur hellen Flamme zu werden, die mich durch ein langes, nicht müheloses Leben warmgehalten hat. Ein schmaler, waldiger Bergrücken trennt bei Schöntal das Jagst- vom Kochertal. Das nächste am Kocher gelegene Dörfchen ist Ernsbach, wo seit alter Zeit, von der Wasserkraft des kleinen Flusses getrieben, ein Eisenhammer in Tätigkeit ist: die einzige Spur industriellen Lebens, die weit und breit in jener von allem Verkehr abgeschnittenen Gegend anzutreffen war. Ich mochte neun Jahre zählen, als ich meinen Vater bei einem Besuch des Besitzers jenes bescheidenen Hammerwerks begleiten durfte und mit weitaufgerissenen Augen die Wunder anstarrte, die mir dort zum erstenmal entgegentraten. Der dickköpfige, eifrige Hammer, das sprühende Eisen, das geheimnisvolle, keuchende Zylindergebläse, das ganze Leben und Lärmen in der schwarzen Werkstätte erfüllte mich mit einem wunderlichen Gemisch von Schauder und Entzücken. Ich wußte nicht, was ich mit den wirren Gedanken in meinem kleinen Kopf und mit dem mächtigen, tatendurstigen Gefühl in meinem kleinen Herzen anfangen sollte und ging an der Seite meines Vaters, dem ich nicht erklären konnte, was ich selbst nicht verstand, schweigend durch den Wald, den wir auf unserm Heimweg zu durchqueren hatten. Er dachte wohl, daß dieser Besuch nicht wiederholt werden dürfe, denn beim Konstruieren von Cornelius Nepos am folgenden Morgen war ich vernagelter – dies war der übliche Kunstausdruck – als je. Ich allerdings dachte anders. Vierzehn Tage später folgte auf eine häßliche Regenwoche an einem Sonnabend der erste sonnige Frühlingsnachmittag. Diese Nachmittage waren gewöhnlich den Vorbereitungen auf die Lektionen der kommenden Woche gewidmet. Mein guter, für meine körperliche und geistige Entwicklung stets besorgter Vater riet mir, den Cornelius Nepos mit in den Wald zu nehmen und dort, das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend, die auf Seite 28 bis 33 unterstrichenen Wörter meinem Gedächtnis einzuprägen. Ich gehorchte mit verdächtiger Bereitwilligkeit, legte den Nepos unter einen mir wohlbekannten flachen Stein am Waldsaum, wo ihm nichts geschehen konnte, und lief gebückt wie ein von Hunden gehetztes Rehböcklein durch das Dickicht den Berg hinan. Es verfolgte mich niemand als das böse Gewissen, und selbst dieses gab die Verfolgung auf, als ich am oberen Bergrande aus dem Gebüsch trat und nun behaglich über Wiesen und Felder schlenderte, ja sogar gelegentlich stillstand, um die schmetternden Lerchen im Blau des Himmels zu suchen. Dann ging's wieder durch den Wald, fast eine Stunde lang. Den Weg hatte ich mir genau gemerkt und zögerte keinen Augenblick, wenn mir auch in einer Schlucht, wo der zum Versinken schmutzige Pfad einen rauschenden Bach kreuzte, etwas bange wurde. Der Wald war doch länger, wenn man allein ging, als ich mir in meinem Eifer vorgestellt hatte. Ich rannte zuletzt wieder, aus Besorgnis, das Ende nie zu erreichen. Doch endlich und plötzlich wurde es helle. Ich stand am Rand der mit schlechtgepflegten Weinreben bepflanzten, steil abfallenden Berghalde des Kochertals und dort unten, im Grün fast begraben, lag das Ziel meiner kindlichen Sehnsucht. Ein liebliches Bild: das Dörfchen mit den braunen Dächern an dem kleinen, da und dort aufblitzenden Flüßchen, die schmale Talsohle in frischem Wiesengrün, jenseits die schroff ansteigenden Hügel, bedeckt von waldumkränzten Feldern, darüber am Horizont die blauen Langenburger Berge, aus unbekannter sonniger Ferne herüberwinkend. In der ganzen idyllischen Landschaft fesselte mich jedoch nichts als dort unten, am Ende des Dorfs, ein trüber, braungrauer Fleck – schmutzig hätten ihn andre wohl genannt –, hinter dem einige größere Gebäude kaum zu erkennen waren. Es war Rauch, der schwer und dick aus zwei plumpen kurzen Schornsteinen quoll, der Rauch meiner Hammerschmiede. Ringsum lag alles in nachmittäglicher Stille. Man hörte die Grillen zirpen, und zwei Pfauenaugen tanzten am nächsten Steinriegel auf und ab, ohne mich zu reizen. Ich legte mich hinter einem Dornbusch auf die Lauer, ja ich drückte das Ohr kunstgerecht auf den Boden, wie ich's aus Indianergeschichten gelernt hatte. Doch blieb dieses Verfahren ohne Erfolg. Plötzlich aber pochte es unten im Tal laut genug: »Tapp, tapp, tapp, tapp,« hastig, dumpf, zwei Minuten lang. Wie mich's rief und lockte! – Dann kam eine lange Pause, als ob mein Freund auf Antwort wartete. Hätte er hören können, wie mein kleines Herz klopfte, der gutmütige, trutzige, dickköpfige Hammer! – Jetzt rief er wieder: »Tapp, tapp, tapp, tapp!« Diesmal nur kurz, wie wenn er vorhin etwas vergessen hätte. – Darauf folgte eine schier endlose Stille. War er mit allem fertig? Hatte er mir nichts mehr zu sagen, der arbeitslustige Geselle? – O nein; es ging wieder los: fünf ganze Minuten lang, als könnte er nicht mehr aufhören, wie toll vor Eifer: »Tapp, tapp, tapp!« Er dachte wohl gar nicht mehr an mich; er war zu sehr beschäftigt! – Das war ein andres Schaffen, als wenn ich Wörtchen aus dem Cornelius Nepos klaubte, um sie wieder zusammenzusetzen wie in einem Geduldspiel. – Tapp, tapp, tapp! – Ein wenig einförmig, ja! Aber das Feuer, mit dem der brave Hammer draufklopfte, und das Wasserrad und das Zahngetrieb, die ihm halfen! – Wie der rote Eisenklumpen sich dabei dehnen und strecken mochte! Das konnte ich allerdings nur vermuten, aber ich sah es so deutlich wie den Hammerkopf, der vor Eifer so rot wurde wie das spritzende Eisen selbst. – Jetzt wird der runde Klotz viereckig, und der viereckige länger und länger; er wird schon eine Stange, die man zu allem brauchen kann, was das Herz begehrt – zu einer Wagenachse, zu einem Blitzableiter, wer weiß zu was noch! – Das fühlte das Hämmerchen wohl; kein Wunder, es war so eifrig. Wüßte ich, zu was man den Cornelius Nepos brauchen kann, wer weiß, ob ich nicht ebenso eifrig wäre! Aber das konnte ja kein Mensch wissen! – »Tapp, tapp!« rief ich laut dem Hammer in seiner eignen Sprache zu. Sie war so viel leichter und lustiger zu erlernen als die des Nepos. »Tapp! tapp! tapp!« »Tapp, tapp, tapp,« äffte eine rauhe, höhnische Stimme über mir, und eine schwere Hand legte sich auf meine Schulter. »Was der Kuckuck treibst denn du da, Bub'! Woher bist du? Wem gehörst du? Rede gestanden! Mit tapp, tapp ist bei mir nichts zu machen.« Ich war ein kleines erschrockenes Bürschchen von kaum neun Jahren, verschmiert und verspritzt bis über die Ohren, denn in den aufgefahrenen Waldwegen hatte das Wasser fußtief gestanden. Zitternd sah ich an einem »Landjäger« hinauf, der seinen fürchterlichen Schnurrbart drehte und das Gewehr klirrend auf den Boden stieß. Es wollte mir nichts einfallen. Auch fühlte ich, daß der Mann mich nicht verstanden hätte, wenn mir auch alles Erdenkliche eingefallen wäre, selbst wenn ich ihm gesagt hätte, daß von drunten im Tal mein bester Freund heraufsignalisiere und gerade jetzt aufs emsigste drauflostappe. »So – aus Schöntal bist du! Dem Professor Eyth gehörst du,« schnauzte der Mann. »Dummheiten gemacht! Durchgebrannt! Schon gut! – Auf dem Weg nach Schöntal bin ich selbst. Na, na! Gut, daß ich dich erwischt habe. Dein Vater wird dir schon die Lust an dem Tapp, tapp austreiben. Rechtsumkehrt! Vorwärts marsch!« Der Unhold hatte kein Erbarmen. Wie ein ausgewachsener Verbrecher marschierte ich auf dem langen Rückweg vor dem Vertreter der Staatsgewalt her, manchmal leise schluchzend, streckenweise in stummem Jammer mein gräßliches Schicksal betrachtend. Als wir in der Abenddämmerung Schöntal unter uns sahen, legte ich mich aufs Bitten: »Lassen Sie mich los, Herr Landjäger! Wenn mich die andern Buben sähen! Ich gehe ja schon von selbst heim!« Es half nichts. Höhnisch lächelnd richtete er die Mündung seines Gewehres auf meine gefährdete kleine Rückseite und donnerte sein: »Vorwärts marsch!« laut genug für drei Raubmörder. Unter dem Tor des Klosterhofs begegneten uns meine sämtlichen Schulfreunde, drei Mann hoch, jeder mit einem Cornelius Nepos unter dem Arm. Sie schlossen sich staunend, wenn auch etwas verschüchtert, der unerhörten Prozession an. An einem wohlbekannten Fenster des Klosterbaus glaubte ich für einen Augenblick meine Mutter zu sehen, die aber, wie mir schien, mit einer Gebärde unsäglichen Schmerzes sogleich wieder verschwand. Natürlich, dachte ich, verzweifelnd, sie holt den Vater. »Vorwärts, vorwärts!« brummte mein Henker. Kein Wunder, daß mich das überwältigende Elend völlig betäubte. Ich lief jetzt, so daß der Landjäger Mühe hatte, mir zu folgen, und sah und hörte nichts mehr. Nur in meinen Ohren summte es lauter als je: »Tapp, tapp, tapp, tapp!« Es war ganz deutlich und tröstlich dazu. Wie wenn mein lieber neuer Freund mich in all diesem Jammer nicht verlassen wollte. Als mich der Ortsvorsteher, Klostermüller und Bäcker zugleich, unter seiner Backstubentüre stehen sah, lachte er hellauf und hieß den Herrn Landjäger zu meinem freudigen Erstaunen ein Rindvieh. Zu mir aber sprach er: »Mach daß du heimkommst, Büble, und laß dich waschen. Richt auch einen schönen Gruß an deinen Vater aus; er soll dich das nächstemal bester hüten.« Tapp, tapp, tapp! Wie ich lief! Mein Vater begegnete mir schon auf halbem Wege und ließ mir nicht Zeit, den Gruß auszurichten. Tapp, tapp, tapp! Nur eins freute mich heimlich, selbst in der Bitternis dieser Stunde: Mein Cornelius Nepos mußte heute die ganze kalte Nacht unter einem Stein im Wald zubringen. Tapp, tapp, tapp! Ob ich auf der Bergkante über dem Kochertal oder erst im weiteren Verlauf jenes Nachmittags Ingenieur wurde, weiß ich nicht genau. Aber an jenem Tag geschah's, und das Tapptapp meines fernen eisernen Freundes ist mir eine Art Wahlspruch geworden, der sich in guten und bösen Zeiten leidlich bewährt hat. Allerdings kam später noch einiges andre dazu. Zunächst jahrelang das unablässige Bestreben, kleine Eisenhämmer aus Holz zu bauen, die, wenn sie an heimlichen Bächlein aufgestellt waren und zu klopfen anfingen, von andern bösen Buben entdeckt, bewundert und dann mit Steinwürfen zerstört wurden. Ernster wurde die Sache, als ich, noch etwas zu jung, im Seminar neben den vollwertigen Zöglingen hospitieren durfte und von Cornelius Nepos zu Ovid und Horaz aufgestiegen war. Eine gütige Vorsehung muß es gewollt haben, daß einer der Unterlehrer der Anstalt Mathematiker war und die Wärme einer trockenen Begeisterung für die einzigen Wahrheiten, die nie angezweifelt werden können, fühlbar um sich verbreitete. Diesem Manne verdanke ich mehr als das stille Glück meiner reiferen Knabenjahre. Schon nach den ersten Lektionen war mein Entzücken über das, was sich mir hier auftat, grenzenlos. Freudig-schlaflose Nächte lang schob ich gerade Linien und Kreisbögen und später Ellipsen und Hyperbeln im Kopfe hin und her, um selbsterfundene Probleme zu lösen, und mit jedem Tag mehr versank für mich die klassische Welt in schönem, wesenlosem Scheine. Obgleich Philologe von altem Schrot und Korn, war mein Vater ein ungewöhnlich verständiger Mann, dem ich das Beste verdanke, was der Mensch dem Menschen geben kann: meine Freiheit. Er glaubte jetzt zu wissen, was mit mir anzufangen sei, ließ die alten Zügel am Boden schleifen und dem jungen Füllen seinen Lauf. Darauf folgte das Polytechnikum der fünfziger Jahre: Theorien auf gründlicher mathematischer Unterlage, und ein etwas nebliger Ausblick in die ferne Praxis. Die damals nur halb studentischen Freuden der Jugend zügelte ein ernstes und lebhaftes Gefühl, daß wir jungen Leute einer großen Zukunft entgegengingen, von der die Alten um uns her, die uns im allgemeinen mitleidig belächelten, keine Ahnung hatten. Dann nach der feucht-fröhlichen Studienzeit ging es mit zusammengebissenen Zähnen durch ein herbes Jahr am Schraubstock, unnötig gequält, heilsam verhöhnt, wund an Leib und Seele. Man fühlte sich zu alt für das kleine Elend des Tages und schämte sich dabei, daß es manchmal so groß erschien. Aber man verlor trotz Rauch und Ruß, trotz Schweiß und Schwielen nicht den Ausblick in die unbekannte Zukunft mit ihrer Arbeit und ihrer Größe und ihren glücklich gelösten Aufgaben, und hielt aus. Allerdings klang der Ruf ins Zeichenbureau wie eine Erlösung, denn man fühlte zu schmerzlich, daß man doch nie ein tüchtiger Schlosser geworden wäre. Nun aber brachte rascher und rascher jeder Schritt eine kleine Tat, ein Werk, das man sehen und greifen konnte, ein losgelöstes Stück des eignen Ichs, das fortwirkte, wenn man es selbst schon längst vergessen hatte. Damit schließe diese Einleitung. Was mir später ein buntes Leben brachte, auf das ich heute mit wehmütiger Freude zurückblicke, erzählen, allerdings nur andeutungs-, immer nur bruchstückweise, die folgenden Auszüge aus Briefen und Aufzeichnungen, die meist mitten im Sturm der Arbeit entstanden. Mit wehmütiger Freude, sage ich, denn sie zeigen mir nur zu deutlich das Vergängliche im eignen Fühlen und Denken, und dem Leser von heute, wie alles in einer kurzen Spanne Zeit anders werden kann. Doch mag es auch manchen, wie mich, erfreuen, in einer Stunde der Muße einen Blick auf den Weg zu werfen, den wir Ältere seinerzeit hoffnungsvoll gegangen sind, und der unsre Hoffnungen, wenn wir heute um uns blicken, nicht zuschanden werden ließ. Erster Teil In Deutschland und England Nicht jedem ist es beschieden, seine Lebensaufgabe ambulando , hier richtiger und deutsch gesagt wandernd, zu lösen. Nicht jedem wäre es wohl dabei. Der alte fromme Spruch: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt,« erfreut sich nicht der allgemeinsten Anerkennung. Doch gibt es glücklicherweise Naturen, denen es aus der Seele gesprochen ist, und doppelt glücklicherweise sind sie so notwendig für das Gedeihen der Menschheit als die seßhaftere Gattung. Zu der letzteren gehörte ich nicht. So kommt es, daß die folgenden Mitteilungen – Briefe und Bruchstücke aus Briefen – schon äußerlich von der unruhigen Bewegung der Zeit erfaßt scheinen, deren Strömung wir um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland zu spüren begannen. Strohhalme zeigen, wie der Wind weht. Solche Strohhalme wehten auch durch mein junges Leben. Ich wußte zurzeit kaum, wie klein sie waren; ich wußte noch weniger, was sie bedeuteten. Beides ist mir seitdem klarer geworden, und deshalb mögen sie ihre Stelle unter Erinnerungen behalten, die manchem klein und bedeutungslos erscheinen dürften. Sie bezeichnen den Mann – einen unter Tausenden – und die Zeit, die im Werden waren. 1. Stuttgart-Berg, den 6. Mai 1859. »Alles begegnet dem, der wartet.« Auch ein Zeichner wird schließlich in die Welt hinausgeschickt, wenn er sie lang und sehnsüchtig genug durch die mattgeschliffenen Scheiben seines Bureaus betrachtet hat. Seit gestern bin ich von meiner ersten technischen Geschäftsreise zurückgekehrt, freudig erregt und hochbefriedigt. Schon das Ziel: Unterweißach, Oberamt Backnang, Königreich Württemberg, acht volle Stunden von Berg, nur auf Wegen zu erreichen, die meines Wissens noch kein Techniker betreten hat, war meiner Tatkraft und Erfahrung würdig. Denn je unerfahrener ein Pionier ist, um so mutiger wird er an seine Arbeit gehen, das fühle ich jetzt schon. In Unterweißach weiß man noch nichts vom neunzehnten Jahrhundert und seinen industriellen Zielen. Ein unterschlächtiges Wasserrad in einem meist vertrockneten Bach ist der Gipfel seiner mechanischen Begriffe, eine Dampfmaschine Teufelswerk. Auch der Sägemüller, zu dem ich geschickt wurde, teilte diese Auffassung, denn er hatte sich mit einer alten oszillierenden kleinen Maschine betrügen lassen, die er uns klagend ans Herz legte. Sie wollte sich kaum rühren, geschweige denn sägen. Um so mehr rührte mich der Mann, seine Frau und vier minimale Kinder, die sämtlich bankrott gewesen wären, wenn die Maschine hätte aufgegeben werden müssen. Sie selbst war unschuldig, nur zu schwach und zu alt für ein Sägegatter. Eine teure Reparatur und die Anwendung höherer Dampfspannung waren Auskunftsmittel, an die ich mich nicht herangewagt hätte, wenn die Würmchen nicht gewesen wären. So aber dachte ich wie einst Eberhard im Bart: ›Attempto!‹ und ließ machen, was zu machen war. Beim Montieren an Ort und Stelle hatte ich selbst Hand anzulegen, stets umgeben und ermuntert von den kleinen, drei- bis siebenjährigen Sägmüllern. Hauptergebnis: zerschlagene Finger; weshalb ich auch mit meinem Hilfsmonteur vortrefflich auskam, dem dies viel Spaß machte. Meine stillen Sorgen in betreff des Erfolgs wußte ich gut zu verstecken, wenn ich auch manchmal schauernd an dem Eichblock vorüberging, welchen der Sägmüller als Probestück bereithielt und demgegenüber das Maschinchen aussah wie ein Zwerg. Am Mittwoch vor acht Tagen konnten wir zum erstenmal Dampf machen. Ich übernahm das Heizen – eine Kunst, die ihre überraschenden Schwierigkeiten hat. Ganz Unterweißach rannte natürlich zusammen, als der einzige Schornstein im Umkreis von drei Meilen zu rauchen anfing. Wir jagten aber alles mit ausgesuchter Grobheit wieder zum Tempel hinaus. Der erste Versuch sollte im engsten Familienkeis stattfinden. Er verlief nicht ganz unbefriedigend. Die Maschine drehte sich wenigstens, was sie früher nicht getan hatte. Doch wuchsen meine Sorgen in betreff des Eichblocks. Wir stellten wieder ab, um eine Patentsteuerung zu entfernen, welche Kohlen zu ersparen vorgab. Mit solchen Feinheiten wollte der Eichblock jedenfalls nichts zu tun haben. Zwei Tage später war Generalprobe. Die Maschine lief wie besessen. Ich hängte aber auch Backsteine an die Sicherheitsventile, wie dies in Amerika gebräuchlich ist. Zuerst sägten wir ein tannenes Stämmchen. Der Erfolg war über Erwarten gut. Dann kam – es war um vier Uhr abends – der Eichblock an die Reihe. Um neun Uhr war er gesägt. Mit seiner Wasserkraft hätte der Mann zwei bis drei Tage dazu gebraucht. Meine Aufgabe war gelöst. Ihr könnt Euch denken, daß ich den folgenden Morgen mit leichtem Herzen Unterweißach den Rücken kehrte, fast als hätte ich neben der gelungenen Arbeit ein gutes Werk getan. Während ich Tag für Tag über meines Sägmüllers Knirpslein stolperte, war mir die Sägmühle fast zur Herzens- und Gewissenssache geworden. Jetzt erst fühlte ich dies deutlich. Orgelpfeifenartig geordnet umstanden die Kleinen die alte Postkutsche, um »den Herrn Schenier« abfahren zu sehen. Das Kleinste heulte laut. Seinetwegen hatte ich mir die Finger zerschlagen und die Hände verbrannt. So findet das Gute manchmal schon in dieser Welt seinen Lohn. 2. Berg, den 26, Oktober 1859. Zeichnen ist unter Umständen ein tiefes, stilles Vergnügen, Konstruieren ein hoher, aufregender Genuß. Ich bin um eine weitere Erfahrung reicher: Selbst eine Winterreise nach einem halben Jahr seßhaften Bureaulebens erwärmt das Blut. Ihr wundert Euch, was mich so spät im Jahr nach dem Schwarzwald trieb. Auch das müssen wir noch lernen: Dem Ingenieur blüht kein Frühling; auch kennt er keinen Winterschlaf. Sonne, Mond und Sterne dürfen ihn nicht aufhalten. Fährlichkeiten zu Wasser und zu Land sind sein tägliches Brot. Laßt mich erzählen! Zu Steinen im Wiesental steht seit einem Jahre in einer der Spinnereien des Oberst Geigy von Basel eine von uns gelieferte Wolfsche Dampfmaschine mit drei gewaltigen Kesseln. Die Garantiezeit ist am Ablaufen und deshalb der Zeitpunkt kritisch. Unsre Arbeiter hatten sich voriges Jahr mit den Direktoren, Spinnmeistern und andern Personen der Spinnerei überworfen und dadurch mißliche Verhältnisse auf die Spitze getrieben. Nun will es das Unglück, daß ein Teil der Maschine bricht. Die Besitzer sind außer sich. Man schickt spornstreichs unsre besten Monteure. Der Schaden ist nach einer Woche behoben, aber, wie nichts allein kommt, so laufen wenige Tage später die kläglichsten Berichte in betreff der Dampfkessel ein, die in unerklärlicher Weise rinnen sollen. Man munkelte schon von neuen Kesseln, die man verlange, ein Verlust von zehntausend Gulden für die Fabrik! Um neun Uhr kam der letzte bedrohliche Brief. Die Sache war rätselhaft. Man vermutete, daß ein Teil der Einmauerung vergessen worden sei, wodurch die Kessel ungleich erhitzt und durch die ungleiche Ausdehnung der Bleche das Rinnen verursacht werden konnte. Um elf Uhr war ich im Schnellzug. Meine Hoffnung war, durch Änderung des Mauerwerks dem Übel abhelfen zu können. Freilich, eine solche Reise macht man immerhin mit einem andern Gefühl als dem einer Ferienreise. Ich durchfuhr das lange badische Land, war eine kurze Viertelstunde in Basel und kam noch bis Lörrach im Wiesental, wo ich übernachten mußte. Den andern Morgen war in Steinen mein erster Gang nach dem Maschinenhaus. Nur einer der Kessel war in Tätigkeit. – O meine Lieben! Kaum fang' ich an, Euch meine Not, meinen Kampf und meinen Sieg zu schildern, so geht der Jammer von neuem los. Soeben kommt ein Eilbrief mit der Nachricht, einer der Kessel fange aufs neue an zu rinnen. Morgen früh bin ich abermals auf dem Weg nach Basel. 3. Steinen, den 29. November 1859. Ein Tischchen und einen Stuhl, Tinte, Feder und Papier, mehr braucht's nicht, um auch in einem Kesselhaus einen Brief zu schreiben oder selbst ein rührend Liedlein zu singen. Hab' ich doch gestern sogar an meine Freunde in Berg ein solches wohlverschlossen einem gewissenhaften Kesselbericht beigelegt, so daß der Herr und Meister unsers prosaischen Daseins selbst die Güte haben mußte, dieses Fünklein aus verachteten idealen Regionen an der richtigen Stelle abzuliefern, ohne zu wissen, was er tat! O, verlaß mich nicht, du schöne Welt über dem wechselnden Mond, wenn ich in einem Heizzug meiner Kessel liege, der zwei Fuß breit und dreizehn Zoll hoch sein mag, und mir dort die heißen Tropfen in den Nacken fallen. Verlaß mich nicht, wenn mein Gewissen anfängt über dich zu schelten und zu fluchen, und wenn ich selbst dich treulos verlasse. Wahr ist's, ich stehe knietief im kräftigenden Schmutz des praktischen Lebens und lerne Kummer und Sorgen auf dem Brot essen. Zum Glück wächst hier ein Wein, der selbst Pumpernickel hinunterspült. Auch machen eine andre Luft, andre Berge, andre Menschen um mich her vieles erträglicher. Als ich zum erstenmal hierherkam, fand ich, daß der vermutete Fehler bei der Einmauerung nicht gemacht worden war. Ich stand somit der schwierigen Aufgabe ziemlich ratlos gegenüber und mußte es wagen, auf eigne Faust zu handeln. Verhaltungsmaßregeln einzuholen – das dauerte zu lang. Ich schrieb daher, was ich zu tun gesonnen sei, und erhielt, einen Tag nachdem mein Plan ausgeführt war, die Erlaubnis, dies zu tun. Das Ergebnis schien überaus günstig. Selbst der schlimmste Kessel ließ nach seiner neuen Einmauerung nichts mehr zu wünschen übrig und Oberst Geigy hatte schließlich die Güte, selbst mit mir nach Basel zu fahren, um mich in freundlichster Weise loszuwerden. Die persönlichen Verhältnisse hatten sich nämlich in den Tagen meines Hierseins geändert. Entweder sehe ich die Welt noch mit zu naiven Augen an, oder liegt der Fehler an den Schilderungen, die mir gemacht worden waren. Ich fand jenes böswillige, schadenfrohe Geschlecht von Maschinisten, Spinnmeistern und Direktoren nicht, mit dem ich zu kämpfen gesonnen war. Im Gegenteil erhielt ich fortwährend Beweise von wirklich freundschaftlicher Teilnahme, wie man sie hinter geschäftlichen Beziehungen gewöhnlich nicht suchen darf. In Berg legte ich große Ehre ein mit meinem Siegesbericht und war bereit, mich aufs neue in stille Freuden am Reißbrett zu vertiefen. Da war's just wieder Samstag. Ich hatte schon mein Handwerkszeug zusammengepackt, um mit dem Gefühl der erfüllten Pflicht heimzugehen, als die Schreckenskunde eintraf. Das Ende einer langen qualvollen Besprechung, obgleich mein Herr und Meister in der Verzweiflung außerordentlich höflich war, bildete den Beschluß, daß ich morgen, statt auf den Hohenstaufen, wie ich vorgehabt, abermals nach Steinen müsse. Nun war es erst recht keine Luftfahrt, die mich hierher brachte. Das trübe Novemberwetter, das winterliche Tal, und mehr als dies die ungewisse Zukunft der nächsten Woche, der ich amtshalber mit zuversichtlicher Miene entgegensehen mußte, fröstelten mir durch Leib und Seele. Der Oberst war in Basel. Der Hauptmann, sein Schwiegersohn, leitete mit mir die neuen Veränderungen ein, bis der alte Herr zurückkam, dem ich sogleich meine Aufwartung machte und der, wenn man berücksichtigt, daß wir unter der Traufe von drei rinnenden Dampfkesseln standen, in persönlicher Beziehung nicht liebenswürdiger hätte sein können. Mein Hauptumgang aber war damals und ist jetzt wieder ein junger Angestellter der Fabrik, namens Bohni, ein Schweizer, wie ich noch keinen von gleicher Herzensgüte und Gefälligkeit getroffen habe. Die Musik und ein Ausflug nach einer prächtigen Ruine der Umgegend führte uns zusammen und leitete ein Verhältnis ein, das mir einen gewissen Trost gewährt in der Trübsal dieses Lebens. Denn brauchen konnt' ich ihn. Als der neu eingemauerte Kessel geheizt wurde, rann er zum Verzweifeln. Sogleich wurde ein Bube mit einem Telegramm nach Lörrach abgeordnet, um einen tüchtigen Kesselschmied herzubekommen. Abends, unter dreimal ungünstigeren Verhältnissen, hörte das Rinnen auf. Sogleich fuhr ich selbst nach Lörrach und bestellte den Kesselschmied wieder ab. Den andern Tag rann der Kessel wieder, nachmittags wieder nicht, abends wieder ein wenig, nachts gar nicht und so fort, bis mir schließlich der Verstand stillzustehen drohte. So ging's die ganze letzte Woche fort. Ich hing dabei zwischen Furcht und Hoffnung, wobei ich mir nach und nach Erklärungen für das Unerklärliche konstruierte und der Kessel sich langsam zu bessern schien. Jetzt hoffe ich wieder. Vielleicht war es nur eine Kinderkrankheit junger Kessel. Vielleicht haben auch Kessel vorübergehende Nervenzustände, die kein Mensch berechnen kann. 4. Steinen, den 12. Dezember 1859. Immer noch in der Verbannung! Immer noch rauscht und schnaubt hinter mir, wenn ich schreibe, die Dampfmaschine mit ihren hundert Pferden; immer noch weiß ich nicht genau, wann ich wieder im alten Neste sitzen werde, in dem mir's nachgerade doch wohler wäre als hier. Es ist ein verzweifeltes Problem, diese Kesselgeschichte! Ich habe zwar jetzt, nach dreiwöchiger Beobachtung, für alle sinnverwirrenden Erscheinungen meine Erklärung; ob aber die einzig noch möglichen Mittel Abhilfe bringen werden, das muß ich zwar mit frecher Stirne behaupten, im stillen steht es mir aber frei, mich nach Belieben von allen Furien des Zweifels und der Sorge quälen zu lassen. Dabei bin ich trotz alles Sorgens nicht beschäftigt, wie ich wünschte, und manchmal beschleicht mich die unangenehme Frage, ob es Pflichterfüllung sei, tagelang untätig auf das Fallen eines Tropfens zu warten. Dann skizziere ich Ruinen der Umgegend, löse mathematische Aufgaben, oder mache gar – ich gesteh's mit Erröten – Verse, die sich beim taktmäßigen Keuchen der Maschine wie von selbst einstellen. Der tiefere Grund hierfür liegt jedoch anderswo. Mein neuer Steinener Freund Bohni hat eine leidenschaftliche Vorliebe für alles, was poesieartig aussieht. Um ihm ein kleines Andenken für seine unermüdliche Gefälligkeit zu hinterlassen, schrieb ich einige meiner früheren Sachen zusammen. Dabei hat sich der alte Adam wieder ein paarmal in seinem Grabe umgedreht. Es hat mich ordentlich gewundert. Und das Ergebnis war folgende Einleitung zu dem dünnen Heftchen. Ich bin kein Dichter Ich bin kein Dichter und ich kann's nicht fassen, Wie man das Heiligste, was man empfunden, Wie man sein Lieben all und all sein Hassen Kann dastehn sehn, in Saffian gebunden. Selbst nicht um Ruhm und Ehre möcht' ich werben Mit dem, was ich in stiller Nacht gelitten, Mit meiner Liebe Blühn, mit ihrem Sterben Und mit des Herzens heimlich leisem Bitten. Ich bin kein Dichter, kann nicht Handel treiben Mit dem, was mir die Musen freundlich gaben; Verschlossen soll mein Herz und einsam bleiben, Bis man's mit seinen Blüten wird begraben. Doch nein! – Ich will die frohen und die herben, Will jedem gerne meine Lieder schenken, Kann ich damit ein treues Herz erwerben Und, wenn ich geh', ein freundliches Gedenken. – Der Rückfall erklärt sich. Gestern habe ich in Hausen Hebels Geburtshaus und den Talschluß des Wiesentals besucht. Eine herrliche Gegend trotz des Dezembers, wenn gleichzeitig meine drei Kessel einen guten Tag haben. »Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten!« Eben fängt der beste des eisernen Kleeblatts an, wie eine Dachtraufe zu tropfen! O Weihnachtszeit, allen Menschen ein Wohlgefallen, wie wird dir's diesmal ergehen? 5. Steinen, den 19. Dezember 1859. Vom Feldberg und vom Belchen herunter wirbelt der Schnee und tanzt mir bösartig vor dem Fenster und der Nase herum, eh' er meinen Sonntag zudeckt und meinen Christtag dazu. Heute kamen Eure Weihnachtsbriefe; ich habe damit Kirche gehalten nach meiner Art und geweint mit den Weinenden. Doch ist das nicht eigentlich meine Art und soll's nicht werden. »Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern! An drei Kesseln stirbt die Liebe nicht!« Mit einer Weihnachtsfeier zu Hause ist alles aus. Ich bekomme über die Feiertage vier Kesselschmiede zu überwachen, von denen bereits zwei hier sind, um einen Tag nach ihrer Ankunft krank zu werden. Es ist, als ob alles verhext wäre. Von Berg erhalte ich Briefe, bald mit dem Motto: »Verlieren Sie nur den Mut nicht!« bald mit der Mahnung: »Den Kopf nicht zu verlieren,« – aber stets mit dem Kehrreim: »Bleiben Sie, bis alles in Ordnung ist!« Und wenn Ihr am Samstagabend zusammensitzt im kleinen Stübchen und das große Zimmer schon ein verschlossenes Kinderparadies ist – wenn man vielleicht die Frage bespricht, ob zum altgewohnten Weihnachtsgesang das Klavier herauskommt, oder Ihr hinein – wenn morgens die Glocken läuten, und die Magd das frühe Einheizen vergißt, und all die gewohnten Ungewöhnlichkeiten angenehm fröstelnd durch Leib und Seele gehen: steh' ich vielleicht hier im öden stillen Maschinenhaus, lasse Nieten warm machen und hauche die Blumen von den Scheiben, wenn ich einen Augenblick Zeit zum Träumen habe. – Ihr müßt darüber nicht traurig sein. Denket an mich, aber vergnügt. Das ist das Leben. Ich wollte es nicht anders, und es ist mir lieb, daß es so ist. Aber ich muß zu meinen Kesselschmieden zurück. Ich vermute und hoffe, daß ihre Krankheit nichts ist als ein ungeheurer Katzenjammer. Sie waren den Markgräfler noch nicht gewöhnt. Das ist schon wieder ein Trost. Tausend Grüße! Hängt sie an den Christbaum, wenn ihm die Nadeln abfallen! 6. Steinen, den 31. Dezember 1859. Schon seit einer Woche fühlte ich, daß die Last der Verantwortung, die seit zwei Monaten auf mir lag, lächelnd nicht mehr viel weitergeschleppt werden konnte. Und lächeln mußte ich, sonst war alles verloren. So kam mir endlich auf meine dringende Bitte unser Bureauchef und Oberingenieur besuchsweise zu Hilfe. Not schweißt groß und klein zusammen. Unsre heimlichen Beratungen boten ein Bild rührender Eintracht. Wenn wir allein waren, jammerten wir mit vereinten Kräften über den Oberst, über uns, das Wiesental und die ganze Welt. Standen wir unsern Gegnern gegenüber, so machten wir ein möglichst keckes Gesicht, als ob alles so sein müßte. Drei bis vier Tage blieb er da, machte mit dem Hauptmann, seinem Landsmann und Busenfreund, ein paar Ausflüge, tröstete mich, so gut er konnte, und fuhr wieder ab. Der Christabend, der erste, den ich in der kühlen Fremde verlebte, war die Wehmut selbst. Ich sah Weihnachtsbäume mit ihren Lichtern durch Türspalten und durch halbgeöffnete Läden, als ich aus der Fabrik kam. Während man in der Frühe bei Euch das Fest einläutete, stand ich am öden Maschinenhaus und traf Vorbereitungen für das widerwärtigste aller Geschäfte. Man feiert Weihnachten in der Schweiz und ihrer Umgegend nicht wie bei uns, und so hatte der Magistrat von Steinen das Arbeiten selbst am Festtag erlaubt, das sich unter den obwaltenden Umständen kaum vermeiden ließ. Die dröhnenden Hammerschläge klangen hoffentlich in der Ferne wie ein etwas wunderliches Glockengeläute. Jedenfalls ist noch nie das ora et labora so verwirrt durch ein Schneegestöber geschmettert worden wie von uns an diesem trübsten aller Christtagsmorgen. Und doch scheint der Segen des Himmels darauf zu ruhen. Der letzte Versuch einer Radikalkur hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Damit liegt das alte Jahr mit seinen Freuden und Leiden hinter uns. Nun muß sich alles wenden. 7. Berg, den 22. Januar 1860. Meine letzte Woche in Steinen machte das Briefschreiben zur Unmöglichkeit. Wie Menschen hatten auch die Kessel das neue Jahr mit guten Vorsätzen begonnen, die sie, anders als Menschen, bis heute gehalten haben. Alles lief wie am Schnürchen, so daß ich mich, vielleicht mehr als billig, der Geselligkeit widmen konnte. Ich hielt dies halb und halb für meine Pflicht, da die gute Laune um mich her in manchen widerwärtigen Punkten auch geschäftlich von Nutzen war. Dabei wurde ich, ohne mir schmeicheln zu wollen, fast der Hahn im Korb von Steinen. Kaum ein Tag verging, ohne daß ich schon morgens Billette antraf, die entweder eine Einladung oder die Auflösung meiner gestrigen Scharade – diese Spielerei wurde zur förmlichen Manie – oder etwas Ähnliches enthielten. Es war eine phäakische Woche! Sie schloß mit einem festlichen Abschiedsforellenessen bei dem einst gefürchteten Hauptmann. Höchst überrascht wurde ich hier durch die poetische Erwiderung auf ein Gedicht, das ich meinen Freunden in Berg geschickt und das also begonnen hatte: Fort von Steinen, fort von Steinen Führe gnädig Du die Deinen, Gott, der Eisen wachsen ließ, Wo ein Oberst und ein Hauptmann Mich in grauser Wut, so glaubt man, Lieber gleich in Stücke riß'. Fort von Steinen, fort von Steinen, Wo dem Zeichner unter Weinen Fast das müde Herze bricht, Wo als bied'rer Maurermeister Er und hundert böse Geister Mit der Stang' im Nebel ficht! u. s. w. Dieses Karmen war schließlich in die Hände des Zeichenmeisters gefallen, wie wir unsern Bureauchef zu nennen pflegten, der es seinem Freunde, dem Hauptmann in Steinen, zusandte! Zu meinem nicht geringen Entsetzen begann nun bei obbemeldetem Forellenessen plötzlich dieser Herr: »Fort von Steinen, fort von Steinen!« In der Folge aber nahmen seine Verse eine Wendung, die mich förmlich rührte. Der Abschied fand morgens drei Uhr statt, an den Postwagen kamen noch der junge Geigy, der Hauptmann, der Doktor und verschiedene andre Scharadenlöser, um mir das Geleite zu geben. Wem mein Gehen wirklich weh tat, das war mein guter Bohm, von dem ich im Strudel der letzten Woche am wenigsten gehabt hatte. Zum ewigen Andenken besorg' ich ihm auf seinen besonderen Wunsch eine Äolsharfe, bei deren Klagen er meine Gedichte lesen will. Vierzehn Tage sind seitdem verflossen. Sie waren ein Wirbeln von der Szylla in die Charybdis, in geschäftlichen Dingen. Doch habe ich Zeit gehabt, mich wieder anzugewöhnen, was nicht abging ohne ein paar Augenblicke – fast muß ich sagen: des Heimwehs nach dem lieben, fröhlichen Steinen, dem ich wohl den besten Teil meines Dankes für immer schuldig bleiben werde. Im Frühjahr 1860 kamen die ersten Berichte über die Lenoirsche Gasmaschine aus Paris und veranlaßten nicht wenige Maschinenfabrikanten, sich auf dieses Gebiet zu wagen. Die Zuversicht und der überschwengliche Enthusiasmus der Franzosen setzte auch unser schweres deutsches Blut in Bewegung. Wir wissen sie heute besser zu beurteilen. Auch mein Herr und Meister Kuhn glaubte die neue Via triumphalis ohne Verzug einschlagen zu müssen und erwählte mich dazu, sie für ihn zu pflastern. Er wußte, daß es mir an dem nötigen Feuereifer hierfür nicht gebrach. Man baute im Fabrikhof eine fensterlose Bretterbude, zu der, nahezu bei Todesstrafe, niemand außer mir und zwei Monteuren Zutritt hatte. Dort wurde die neue Maschine zusammengestellt und in der Dämmerung einer Sommernacht, nachdem die Fabrik von allem, was Odem hat, verlassen worden war, zum erstenmal versucht. Es war eine unvergeßliche Stunde. Gasmaschinen jener Zeit mußten ein- oder zweimal von Hand gedreht werden, ehe sie in Gang kommen konnten. Dies verlangte schon die Theorie. Dagegen waren wir in völligem Dunkel darüber, ob bei der nun zu erwartenden Explosion der eingesaugten Gase ein Druck von einer oder von fünfzig Atmosphären entstehe, ob die Maschine sich wie eine tollgewordene Kanone oder wie ein toter Eisenklumpen benehmen würde. Dazu die knisternde elektrische Zündung, von der wir alle nichts verstanden. Es war dämonisch. – Die Türe der Geheimbude wurde weit geöffnet, um sich im entscheidenden Augenblick wenn möglich retten zu können. Kuhn stand im Freien, in der, wie er hoffte, sicheren Entfernung von fünfzehn Schritten. Fünfzehn Schritte hinter ihm stand seine treue, aber neugierige Frau, die ihren Gatten in dieser ernsten Stunde nicht verlassen wollte. Ich und einer der zwei Monteure waren bereit, uns zu opfern und drehten das Schwungrad. Bei der zweiten Umdrehung sollte der Theorie nach die erste Explosion erfolgen, die Maschine zu laufen beginnen oder alles zertrümmern. Nichts dergleichen geschah. Wir drehten in banger Erwartung fünf-, sechsmal. Unser Mut wuchs. Wir drehten mit aller Kraft und schneller. Bei der zehnten Umdrehung erfolgte ein furchtbarer Knall, den ein mephitischer Geruch begleitete. Das Schwungrad entriß sich unsern Händen; die Maschine machte zwei zuckende Umdrehungen und blieb dann stehen, als ob nichts geschehen wäre. Wir aber gingen nachdenklich und etwas erleichtert nach Hause, denn alles weitere Drehen hatte keine andern Folgen, als daß der ganze Fabrikhof nach Gas roch. Am folgenden Morgen aber bekam ich die Weisung, unverzüglich nach Paris abzureisen und die dortigen Maschinen, wenn irgend möglich, in Augenschein zu nehmen. So jung ich war in den Schlichen dieser Welt: ich verstand meinen Herrn. 8. Paris, den 12. September 1860. Aus drei bis vier Tagen sind zehn geworden, und meine Furcht, Paris nur im Fluge sehen zu können, war unbegründet. Ich wäre bald auf den Boulevards so heimisch geworden wie in den Fabrikvierteln des Faubourg St. Antoine oder im Quartier latin, dem eigentlichen Tummelplatz meiner Leiden und Freuden. So groß sie ist, findet man sich doch in dieser Weltstadt leicht zurecht, und nie habe ich es hier bereut, manchmal auf Irrwege geraten zu sein. Denn Paris ist schön. Man begreift es, wenn man nach St. Cloud oder Versailles fährt, unter sich das Riesenwerk der Menschenhände mit den Bögen, Toren und Kirchen, mit den sonnigen Hügeln des Montmartre, des Père Lachaise, mit der Seine und ihren Brücken, alles durchwoben von dem Grün ausgedehnter Gärten und Parke, dem Bois de Boulogne entlang. Ja, man begreift es, warum die Franzosen stolz sind auf ihr schönes Frankreich. Dazu die liebenswürdige Art der Leute dem Fremden gegenüber, die heiter-leichtsinnige Weise, mit der uns selbst das Laster entgegentritt, die quecksilberne Lebendigkeit dieser elastischen Naturen! Der gute Deutsche, über dem alles »schwer« wird, der an seinen Tugenden schleppt wie an seinen Fehlern, fragt sich nach ernstem Nachdenken vergeblich: »Wie ist's möglich?« Aber wie soll ich's anfangen, aus dem erschöpfend Vielen, das ich gesehen, das Beste herauszugreifen? Ob hier der Telegraphenstil am Platze wäre? Sei's um einen Versuch! Samstag mittag von Berg abgefahren. Gesellschaft: unnötige Geschäftssorgen. In Straßburg einen Blick auf die neue Rheinbrücke und das alte Münster; keine Zeit für einen zweiten. Von hier erste Klasse. Nacht. Morgendämmerung. Festungswerke von Paris. Unbehaglich. Erstes Französisch auf französischem Boden. Erfolg: Fiaker, Hotel Violet, deutsche Kellner, dunkles Stübchen, glänzend ausgestattet. Nein! Der Stil behagt Euch so wenig als mir. Fallen wir in den alten Ton zurück. Es war Sonntag und deshalb geschäftlich nichts zu machen, als Empfehlungsbriefe auszutragen. Diese brachten mich in die Gesellschaft etlicher Landsleute, welche mich in das Allgemeinste des Pariser Lebens einführten. Man ließ mich die Boulevards anstaunen und Hummern frühstücken und ergötzte sich an meinem Ergötzen. Dann fuhren wir nach St. Cloud, wo sich gegenwärtig der Kaiser aufhält und ein Cannstatter Volksfest im Gange ist. Die Wasserwerke sprangen, und in den herrlichen Anlagen bewegte sich eine halbtolle, jubelnde Volksmenge, der man die Gewitterschwüle, die »Er« von jenem zierlichen Schlößchen aus über ganz Europa heraufzuzaubern weiß, nicht anmerkte. Seiltänzer und Gaukler tanzten und schrien wie bei uns. Das lärmende Treiben um mich her, all das Ungewohnte und Fremde, und das Ungewisse meiner geschäftlichen Aufgabe lastete mir jedoch wie ein Alp auf dem Herzen. Beruhigend wirkten dagegen die prachtvollen Riesenbäume, die sich über dem lärmenden Bilde wölbten. Die stille Natur hat selbst hier ihre segnende Kraft nicht ganz verloren. Später machte man mir begreiflich, daß für einen ersten Tag in Paris eine unerläßliche Pflicht zu erfüllen sei: der Abend schloß mit den Champs Elysés und mit Mabille, seinen künstlichen Beeten und Teichen, seiner Musik, seinen Tänzen und der ganzen künstlichen Gaslichtpracht der Weltstadt. – – »Entrez!« – – Ich wurde nämlich, nicht zu meinem Bedauern, mitten in der letzten Zeile von einem jungen Zivilingenieur unterbrochen, der, meine Hilflosigkeit vermutend, der Firma G. Kuhn zu Berg seine Dienste anbot, und hatte einige Mühe, ihn wieder hinauszukomplimentieren. Es ist dies mit viel Höflichkeit gelungen, so daß ich in geschäftsmäßigerem Tone fortfahren kann. In der Rue Roußlet, in einem abgelegenen Viertel auf dem jenseitigen Seineufer, stand der Gegenstand meiner Sehnsucht und meiner Furcht – die neuerfundene Lenoirsche Gasmaschine. Als ich endlich das Haus fand, hieß es: die Maschine sei nur von drei bis sechs Uhr zu sehen. Also hatte ich abermals Zeit zu vergeuden. Der Jardin des Plantes lag, wenn auch nahezu drei Viertelstunden entfernt, doch von allem Sehenswerten mir am nächsten. Es war eine wohltuende Stunde, nach dem bunten Treiben der Straßen plötzlich unter Zypressen und Pinien, zwischen Damhirschen und Lamas, zwischen Nilpferden und Eisbären zu wandeln. Die gewaltigen Bestien haben etwas Possierliches, wenn ein Gitter zwischen uns und ihnen ist. Was den Jardin des Plantes allen ähnlichen Anstalten gegenüber auszeichnet, ist die Menge von Raum, die jedem Tiere zu Gebot steht. Man ist halb in der Natur. Darauf zurück in die Rue Roußlet. Die Maschine, von einer Masse Neugieriger umringt, arbeitete scheinbar anstandslos. Allerdings wurde auch, wie man sehen konnte, keine wesentliche Kraftleistung von ihr verlangt. Auch sah ich nach kurzer Beobachtung, wo der Fehler lag, der in Berg zu einem vorläufigen Mißerfolg geführt hatte. Um es kurz zu machen, ich habe den Zweck meines Aufenthalts mehr als genügend erreicht, habe mit den nicht immer ganz ritterlichen Waffen unsrer argen Zeit eine Schlacht gewonnen und trage die Maschine im Kopf davon. Sie ist, wenn man will, glücklich gestohlen! Ihr schüttelt den Kopf? Ich auch. Hat jeder Stand vielleicht seine eigne Ethik? Ich fühle mich noch zu jung und zu siegesfroh, und überdies noch zu sehr in Paris, um diese Frage zu erörtern. Zweimal war ich im Louvre, halb betäubt von dem Reichtum des Schönen und Großen aller Zeiten. Die Stiere von Ninive und die Sphinxe Ägyptens, die Panzer und Schwerter der Gallier und der Deutschen, die Kunstschätze Roms und Griechenlands, die Werke Raphaels und Tizians und die ganze üppige Pracht unsrer Zeit: das ist zuviel auf einmal. Um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, flüchtete ich auf den Pere Lachaise; aber auch dort wimmelt es vom Großen, das war. Wie gewonnen, so zerronnen! Die Spionenfahrt nach Paris führte zu nichts Gutem. Das Triumphgefühl, mit dem ich die Stadt des Lichts und des Gases verlassen hatte, veranlaßte allerdings den Bau einer zweiten Maschine, die sich ähnlich wie die Lenoirsche betrug. Das ganze, heute glänzend gelöste Problem lag jedoch noch zu sehr in den Windeln, um auf diesem Wege zum Ziel gelangen zu können, und erst später lernte ich als eine unumstößliche Wahrheit erkennen, daß man Erfindungen nicht macht, indem man um die Bude andrer herumschleicht. Es war dies meine letzte größere Arbeit in Berg. Der kurze Ausflug nach Paris hatte mir die Augen für die Welt geöffnet, die jenseits der Grenzpfähle meiner Heimat lag. Koste es, was es wolle, ich mußte mehr von ihr sehen. Während des Winters reiften meine Pläne. Ende März löste ich die Verbindung, die mir bis dahin eine befriedigende Stellung geboten hatte, und ging hoffnungsvoll, mit dem Gefühl, eine unabweisbare Pflicht zu erfüllen, einer Ungewissen Zukunft entgegen. Meine Pläne? Sie waren einfach genug: Hinaus; lernen und lernend schaffen war mein erster und letzter Gedanke. Alles andre mußte sich finden. 9. Köln, den 22. April 1861. Bis Heidelberg kennt Ihr mein odysseisches Geschick. Von dort bis Mainz führte mich die Bahn in einer aus Neugier und Wehmut gemischten Stimmung. Sie hielt an, während ich auf dem höchsten Punkte der Festung einen herrlichen Abend genoß, unter mir den Dom und den stolzen Rhein, hinter mir die Heimat, und vor mir die blaue Zukunft. Schließlich wurde ich von meinem unanfechtbaren Posten, den ich, ohne es zu ahnen, ungebührlicherweise eingenommen hatte, durch einen österreichischen Feldwebel hinuntergemaßregelt – in den »Schwarzen Bären«, wo ich wohnte. Dort stärkte eine deutsche Gouvernante, die, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, nach Glasgow reist, meinen etwas gesunkenen Heldenmut. Ein würdiger Schluß des ersten Tages. Blau und freundlich wie der Frühling kam der zweite und mit ihm die Fahrt nach Bonn. Wozu soll ich Euch beschreiben, was unbeschreiblich ist? Ich verstehe jetzt die ewig jungen Lieder vom »deutschen Rhein«. Der Besuch der Friedrich-Wilhelmshütte bei Siegburg, von Bonn aus, war die erste vorbereitende Lektion, die mir die Industrie gab. In Köln, das von Deutz aus auf der herrlich gelegenen Rheingitterbrücke erreicht wird, faßte ich in einem schlichten Kneipchen »Zu den vier Jahreszeiten« Posto und hatte noch Zeit genug, die halbe Stadt zu durchlaufen und im Dom eine Messe anzuhören. Köln ist eine prächtige Stadt. Die innige Verschmelzung des froh-geschäftigen Geistes der Gegenwart mit dem ruhigen Ernst der großen Vergangenheit – das bringen nur die Deutschen zustande, wenn sie sind und werden, wie sie sein sollen. – Abends zeigte es sich, daß ich in das bescheidene Absteigequartier der Frommen des Landes geraten war. Ein Herr P. aus Düsseldorf äußerte alsbald ein ungeheucheltes Vergnügen, in mir einen Bekannten und gar ein Patenkind Albert Knapps zu finden, und rasch war die Freundschaft fertig. Übrigens war es ein herzensguter Mann, der mich einen halben Tag lang in Köln umherführte und mit einer Unzahl Adressen versah, die ich nicht brauchte. Der folgende Tag war der »Maschinenfabrik Köln« gewidmet. Gegen Abend führte mich der Zufall in die Hände eines junges Mannes, der hier auf eigne Faust kalorische Maschinen baut und meine Kenntnisse über diesen kitzligen Punkt wesentlich bereicherte. Am Samstag gelang es mir, in die sonst nicht zugängliche Spinnerei und Weberei der Kölner Aktiengesellschaft einzudringen. Der Sonntag galt dem Dom, den ich vom Wirbel bis zur Zehe gründlich durchforschte, wobei mir ein Ingenieur, der das eiserne Dach des Riesenbaus aufgestellt hatte, schätzbare Führerdienste leistete. Endlich am Montag ging's weiter, einer anstrengenden Woche entgegen, die durch einen Besuch von Düsseldorf freundlich eingeleitet wurde. Hütten und Hochöfen in Hochdahl sowie eine Marmorschleiferei im Neandertal hielten mich einige Stunden auf. Erst in tiefer Nacht kam ich in Elberfeld an. Dort war trotz der entwickelten Weberei-, Spinnerei- und Tuchindustrie wenig für mich zu holen. Auf den Rat eines Freundes gab ich auch den Ausflug nach Solingen, Remscheid und Lennep auf und fuhr nach Hagen, wo ich noch in später Stunde einen Landsmann auftrieb. Hier befindet man sich nun in einem wahren Nest der Eisenindustrie, und mein freundlicher Führer ließ sich 's nicht verdrießen, mit mir zwei Tage herumzustreifen. Nachdem Hagen erledigt war, besuchten wir mittags noch das herrlich gelegene Limburg, Schloß und Blechwalzwerk. Gegen Abend trennten wir uns in Mitten. Ich fuhr nach Dortmund, um mich von dort zu Fuß nach Horde auf den Weg zu machen. Dies ist eine der großartigsten Anlagen in Deutschland. Mit achtungsvollem Staunen näherte ich mich den vier qualmenden Hochöfen, dem tosenden, sausenden, klopfenden Puddel- und Walzwerk. Denket Euch aber mein Vergnügen, als ich erfuhr, daß ein alter Schulkamerad sich zur Übernahme württembergischer Eisenbahnschienen seit einem Monat hier aufhalte! Er war rasch gefunden, worauf wir uns in den weitläufigen Werken der Hermannshütte gewissenhaft die Beine müde liefen. Natürlich übernachtete ich in Horde und zog erst des andern Morgens nach Dortmund zurück. Nachdem ich hier zwei große, traurig stillstehende Werke gesehen – warnende Beweise, wie schlecht die Zeiten sind –, besuchte ich einen Zivilingenieur, an den ich von Elberfeld aus empfohlen war. Dieser war elf Jahre in Amerika gewesen und stand im Begriffe, dorthin zurückzukehren. Er sprach mir lebhaft zu, ihm zu folgen: ein Schreckschuß für Euch, meine Lieben! Dann ging's – an Essen vorbei; denn die Geschichtchen, wie unmöglich es sei, die Kruppschen Werke zu Gesicht zu bekommen, hatten mich auf jeder Station verfolgt und mir alle Lust benommen, auch nur einen Versuch zu machen. Am Abend war ich in Oberhausen. Ein fast unheimlicher Ort! Mitten in öder Heide eine Anzahl weit zerstreuter palastähnlicher Gebäude mit himmelhohen Schornsteinen, Zechen, Zinkfabriken, Eisenwerken. Es war zu spät, um noch etwas Nützliches zu unternehmen. Ein Gang bei wunderbar klarem Himmel über Heidekraut, das in allen Richtungen von Schienen durchschnitten ist, durch Eichenwälder, hinter denen die Hochöfen sausen, war mir für eine Stunde wenigstens ebensoviel wert. Andern Tags fuhr ich nach Sterkrade. Empfehlungsbriefe von der Saline Friedrichshall verschafften mir die beste Aufnahme. In der Maschinenfabrik lernte ich eine Großartigkeit der Verhältnisse kennen, die man bei uns in Schwaben umsonst sucht. Mit einer Empfehlung für Oberhaufen ausgestattet, besichtigte ich nachmittags auch die dortigen Hochöfen und Puddelwerke sowie ein prachtvolles neues Walzwerk. Dann war's wieder Sonntag. Morgens fuhr ich nach Ruhrort, wo die großartige Hütte der Gesellschaft Phönix in voller Tätigkeit war und mit Hilfe meiner allmählich erstarkenden Unverfrorenheit gründlich durchstöbert wurde. Noch abends erreichte ich Köln, herzlich müde, denn Ihr könnt Euch vorstellen, daß mir bei allem, was ich sah, fast keine Minute übrigblieb, um an Ruhe zu denken. War ich nicht in Fabriken selbst, so mußte notiert und skizziert werden. Dabei blieb vieles in der Feder stecken, das ich jetzt noch nachzuholen suche, ehe ich den nächsten Schritt mache. Von Euch werde ich vor Lüttich keine Nachrichten erwarten dürfen; vielleicht nicht, ehe ich in London den müden Kopf aufs Pflaster lege, obgleich Ihr mir zu erzählen hättet, wie der Mai in Euer stilles Tal einzog. Bei mir zieht sich vielleicht der April tief in den Herbst hinein mit seinen Stürmen, seinen Nebeln und, wie ich hoffe, auch mit seinen Sonnenblicken! Des bloß beschaulichen Wanderlebens war ich an der deutschen Grenze schon halb müde. Ich wollte mitarbeiten, wo ich andre schaffen sah. In den wimmelnden Berg- und Hüttenwerken um Lüttich, den weltberühmten Werkstätten von Seraing reifte dieser Wunsch zum Entschluß. Mit dem Wollen aber war ich natürlich noch lange nicht am Ziel. Ein Aufenthalt von mehreren Wochen in Belgien, wo ich Lüttich, Brüssel, Gent, Brügge und Antwerpen be- und absuchte, gab mir hierüber die erste, etwas bittere Belehrung. Doch ließ ich's mich nicht verdrießen. Selbst der Weg von Tür zu Tür der großen und kleinen Fabriken, an denen ich anklopfte, bot so viel des Herrlichen aus einer großen und reichen Vergangenheit und des mir Neuen aus der Gegenwart, daß ich die Enttäuschungen des Augenblicks leichten Herzens ertrug. Lag ja auch noch eine ganze Welt vor und nur erst die eigne Heimat hinter mir. Dabei schien der Horizont immer weiter zu werden; immer mehr zog mich jener unerklärliche Naturtrieb des Schwaben in die blaue Ferne. Auch wurde mir mit jedem Tage klarer, daß ich mich nicht auf einer Studienreise, sondern auf einer Lebensreise befand. Ein Umkehren aber gibt es bekanntlich auf Lebensreisen nicht. 10. Antwerpen, den 5. Mai 1861. Langsam segelt vor meinem Fenster ein Dreimaster vorüber; das Dampfboot, das mich vermutlich nach London bringen wird, liegt mir vor der Nase, der Regen schlägt ans Fenster, und es will Dämmerung werden vor der Zeit. Dort über der grauen Fläche ohne Horizont, die das breite Band der Schelde noch eine Strecke weit durchzieht, muß das Meer liegen, und hinter dem Meer meine Hoffnungen, meine Sorgen, mein Glück. Wir werden es ja erleben! Soeben bin ich in Antwerpen angekommen. Während Ihr mich vielleicht schon jenseits meines Rubikon glaubtet, kreuzte ich noch durch die Straßen von Gent und Brüssel und machte Versuche mit verdeutschtem Französisch. Ich würde dies auch hier tun; da es aber regnet, denke ich der Heimat und Eurer, habe ich in einem bescheidenen Stübchen den Tisch ans Fenster gerückt und bin nach einer halben Stunde wie zu Hause. Man lernt es, sich rasch heimisch zu fühlen. Nur in den ersten acht Tagen habe ich in der Fremde »gefremdelt«. Mit Seraing war ich am Schluß der Woche fertig. Man hatte dort mehr Leute, als man in diesen schlechten Zeiten brauchen konnte. Am Sonntag fuhr ich über Mecheln durch das landschaftlich reizlose, wellenförmig flache Land nach Brüssel. Da es zwei Uhr wurde, bis ich mich in meinem Gasthof zurechtgefunden, blieb mir nur übrig, die sonntäglich erregte Stadt zu besichtigen. Das Museum, Kirchen und Paläste beschäftigten mich bis in die tiefe Dämmerung. Brüssel liegt schön auf hügeligem Grunde, ist voll Leben in seinen Straßen, die überall den Reichtum vergangener Tage oder den Luxus von heute zeigen, in der Tat ein kleines Paris, nur ohne dessen herrliche Umgebung. Montag früh suchte ich, mein Empfehlungsschreiben in der Hand, Herrn Vilain, den Chef du département de l'industrie , im Ministerium des Innern auf. Ein freundlicher alter Mann, der mich mit einem weiteren Brief an Herrn de Grave, Chef du governement provincial , in Gent weiterbeförderte. Ähnliche Erfolge begleiteten mich durch ganz Belgien. In Gent kam ich mitten in einen Arbeiteraufstand hinein. Die ganze Stadt war in Aufregung, die meisten Fabriken standen still. Nichts ahnend, Baedeker in der Hand, durchstreifte ich noch am späten Abend die Fabrikviertel, in denen 45 000 Menschen mit Weben, Spinnen und Spitzenklöppeln ihr Leben fristen, und wunderte mich über die wilde Gebärdensprache, sonderlich der Damen; doch verfehlte ich zu meinem Bedauern den nicht unblutigen Zusammenstoß der Hauptbanden mit der Garde civile der Stadt. Gent im allgemeinen gefiel mir bester als irgendeine Stadt Belgiens; – alles erscheint offen und geräumig, frei und selbstbewußt. Selbst der Arbeiterschlag ist kräftiger als die Wallonen Lüttichs. – Zum erstenmal versah sich hier der Kellner des Gasthofs in meiner Person und quartierte mich im ersten Stock ein, was mich nicht wenig erschreckte. Es stellte sich jedoch nachträglich als nicht so gar gefährlich heraus. In Mr. de Grave fand ich einen liebenswürdigen jungen Herren, der mir mehr als eine Stunde widmete. Unsre meist französisch, oft aber auch englisch geführte Unterhaltung war possierlich genug. Übrigens mache ich reißende Fortschritte und kann die Anerkennung, die mein Französisch selbst bei den hervorragendsten belgischen Beamten findet, nicht genug rühmen. Der Schlüssel zu meinem Geheimnis besteht darin, daß ich mir im Lauf der Zeit eine unerschütterliche Schamlosigkeit in betreff etwaiger Schnitzer erworben habe. Tage vergingen mit dem Verbrauch und in Erwartung weiterer Empfehlungsbriefe, mit der Besichtigung von Maschinenfabriken, Spinnereien, Industrieschulen. In liebenswürdiger Weise wurde mir überall erklärt, daß man Fremde im allgemeinen und mich insbesondere nicht brauche. Abends spielte dann zum Trost de Grave Domino mit mir, was ganz Belgien zu tun scheint. Schließlich hatte er – der Mann war so liebenswürdig, daß ich's ihm fast glaubte – und ich meine letzte Hoffnung auf die Fabrik eines Herrn Scribe gesetzt und suchte ihn selbst auf, um ihn auf den Schrecken meines Besuchs vorzubereiten. Ich erwarte meinen Gönner diese Zeilen schreibend. – – Nachschrift. Der Abend ist schön geworden, und Mr. Scribe blieb unerschütterlich. Einen letzten Blick auf Antwerpen, auf Belgien, auf das kontinentale Europa werdet Ihr mir gönnen. Damit endet dieser Brief plötzlich, wie meine belgischen Hoffnungen. In zwei Stunden geht das Boot. Ich werde meinen Geburtstag mit der Seekrankheit einleiten; denn der Horizont hängt voll schwarzer Wolken. 11. London, den 18. Mai 1861. Haltet mich nicht für verschollen. Ich habe hier so sehr alles Gefühl für räumliche und zeitliche Verhältnisse verloren, daß es mir in der einen Stunde vorkommt, als hätte ich erst gestern Antwerpen, vorgestern meine Heimat verlassen, in der andern, als sei ich an der Themse zu Hause, als läge eine bunte Ewigkeit zwischen mir und den Tagen an Neckar und Jagst. Ihr wollt von der Überfahrt und den ersten Stunden in England hören. Gut. Was Tausende erzählt haben, kann auch ich erzählen. Szene: Antwerpen; Abendsonnenschein durch zerrissenes Gewölk, das über die bewegte Schelde hinjagt. Mein Gepäck war »besorgt und aufgehoben«. Matrosen zogen mit ohrenzerreißendem und herzbeklemmendem Singen die Brücke zurück, und das Festland lag hinter mir. Zwar noch nicht ganz. Denn der immer breiter werdende Fluß, dessen Ufer schließlich völlig untertauchen, trägt den Dampfer noch volle vier Stunden, ehe das peristaltische Schaukeln beginnt, welches in Herz und Magen jenes erhebende Gefühl erzeugt, womit der gute Deutsche und speziell der poetische Schwabe das Meer begrüßt. Die See ging, wie die Matrosen behaupteten, nicht hoch; doch wurde es bald unmöglich, über das Verdeck zu kommen, ohne sich zu halten. Eine Viertelstunde »hatte ich's getragen, trug's nicht länger mehr«, und ergab mich in mein Geschick. Als ich des andern Morgens nach einer qualvollen Nacht auf das Verdeck gekrochen kam, waren wir in die Themse eingefahren. Das Schiff ging wieder ruhig, und die ersehnten, trüben Nebelbilder lagen vor mir. Eine fröstelnde, beklemmende Fahrt, den Fluß hinauf. Reizend konnte ich die Ufer, die – grau in grau – vor mir auftauchten, die Schiffe, die schlaftrunken vor Anker lagen oder langsam anfingen sich zu bewegen, keineswegs finden. Die neue Welt, in die ich mit entsetzlich leerem Magen eintrat, begann damit über mir, nach Art der Deutschen, »schwer« zu werden. Dann kamen die Vorposten der Stadt, Greenwich, die Docks, ein buntes Gewimmel von Linien, die jeder Anordnung eines nach einem Bilde suchenden Auges Trotz bieten – alles still und lautlos – alles grau in grau. Jetzt taucht die Stadt selbst aus dem Nebel; der Strom wird enger; man nähert sich den London- und Katharinendocks; der Tower zeichnet sich bedrohlich in das Grau der Luft; da und dort steigt der Qualm der Kamine grauer als das übrige Grau empor und bildet eine trübüberwaschene Wolke. Es ist mittlerweile sechs Uhr geworden. Das Riesenungetüm fängt an sich zu regen; ein Summen, ein schwellendes Brausen trifft das Ohr, und durch die Bögen der eben erscheinenden Londonbridge saust der erste Flußdampfer mit einer geschäftigen Schnelle, von der die Neckardampfschiffahrt bis jetzt noch nicht geträumt hat. Man landet. Wieder heulen die Matrosen an den Seilwinden ein Lied von der Qual der Arbeit, wie es scheint. Ich gebe einem munteren Belgier die Hand zum Abschied, der mich in den trübsten Stunden der vergangenen Nacht mit freundlichem Rat und wohlgemeinten Kalauern getröstet hatte. Er wird in Paddington wohnen, ich in Pentonville. Wir werden uns deshalb schwerlich in diesem Leben wiedersehen. Jetzt stürzen die Gepäckträger über die angesetzte Landungsbrücke. Ich sehe meine sieben Sachen in vierzehn Händen. Ein Glück ist's, daß ich mir für den Rest meiner Lebensreise die eine Silbe: »kühl« zum Losungswort erkoren habe. Fünf Minuten später sitze ich in einem niedlichen »Cab« und zähle ruhig die Häupter meiner Lieben: Sieben! – Der Kutscher hat mein »Middleton Square Pentonville« verstanden, wie ich aus einem behaglichen Grunzen schließe, das vermutlich besser Englisch ist als meine noch so deutliche Aussprache. Mrs. Bitter, das würdige Haupt der kleinen Kolonie von Fremdlingen, in der ich zunächst Aufnahme suchte, hatte kein Zimmer frei. Ich wurde in einem benachbarten Hause untergebracht, schickte mich aber rasch in Land und Leute. Vergangenen Samstag fand mein Umzug in das eigentliche Bittersche Haus statt, wo ich nun in einem freundlichen, einfachen Zimmer meine ersten Londoner Leiden und Freuden durchleben werde. Die Fenster gehen auf den stillen, grünen Platz, zwischen dessen knospenden Bäumen die in echt englischem Stile gehaltene Kirche von Pentonville hervorragt. Wenn nicht drei Drehorgeln vor dem Fenster spielen und etliche verkommene Söhne Italiens oder Schottlands unter gräßlichem Getöne von Schalmeien und Dudelsäcken einen Nationaltanz aufführen, so glaubt man kaum, daß man sich in London befindet und ohne Eisenbahn nicht ins Freie gelangen kann. Zum Glück ist Middleton Square nicht der einzige Smaragd dieser Art. Die grünen Plätze mitten im Häusermeer und namentlich die gewaltigen Parks im Westen sind eine unbezahlbare Eigentümlichkeit der Riesenstadt, in der ich mich seit einer Woche mit leidlichem Erfolg zurechtzufinden suche und staunend sehe, was tausend andre vor mir angestaunt haben: die Parlamentshäuser und das Britische Museum, den Zoologischen Garten und den Kristallpalast, Westminster und die Bank von England – das Herz von Land und Volk –, die Themse mit ihren Brücken, und die Docks mit ihren Schiffen, und den tosenden Verkehr, der all das verschlingt. Wundern würde es mich nicht, wenn er auch mich verschlänge. 12. London, den 30. Mai 1861. »Arbeit« im Sinn des wandernden Handwerksburschen habe ich noch nicht, wenn auch genug zu tun. Es wird immer unwahrscheinlicher, daß ich sie in London finden werde. Meine Empfehlungsbriefe scheinen eher abschreckend zu wirken. Daß ich nicht sogleich eine im Geldpunkte befriedigende Stellung erhalten werde, ist vorauszusehen. Aber das wird sich machen, wenn ich nur einmal zum Anbeißen komme. Vielleicht wäre ich am Ziel, wenn ich gewußt hätte, was ich heute weiß. Häufig fragt man mich nach Zeichnungen. Hätte ich, anstatt meine Zeugnisse mitzunehmen, die niemand sehen will, ein paar saubere Blätter ausgeführt und dabei zwei Wochen länger unser klösterliches Stilleben genossen, so brauchte ich vermutlich jetzt nicht länger betteln zu gehen. Um wenigstens in Zukunft der Frage nach meinem Können zuvorzukommen, entlehnte ich Brett und Reißschiene und malte eine Gasmaschine, mit der ein mir geneigter Herr Becker, der Direktor einer Fabrik optischer Instrumente, weiter operieren will. Die Zeichnung wäre zu Hause billiger geworden, obgleich sie mich nur drei Tage kostete. Das Leben in London hat Häkchen, an denen die Rockschöße eines armen Deutschen übel hängen bleiben. Für Kost und Logis bezahle ich wöchentlich, wie jeder andre im Haus, anderthalb Pfund. Dann habe ich noch nichts gesehen, habe keine Wäsche bezahlt, bin barfuß und barhaupt. Nun rechnet! Ändern läßt sich hieran zurzeit nichts. Sobald ich eine Stelle habe, streck' ich mich, geh's wie's will, nach der Decke. – Mit Londons allgemein menschlicher Seite bin ich nun bald zu Ende. Aber was will das heißen, wenn man fünf Stunden im Britischen Museum war, wenn man einen Tag im Kristallpalast herumlief oder der Probe wegen die Riesenstadt von einem Ende zum andern durchrannt oder durchfahren hat? Das Ergebnis ist ein Gefühl der Betäubung, der Verzweiflung an sich selbst, an seinem eignen Können und Wissen, diesen Schätzen der ganzen Menschheit gegenüber. Es tat mir ordentlich wohl, als ich mich unlängst in den grünen Wäldern des Parks von Richmond verirrte, wo ich Pembrokelodge, die Villa Earl Russels, und dort einen Freund und Landsmann aufsuchte. Diese Parks, diese Bäume sind riesenhaft, aber sie sind doch noch menschlich groß. Auch Earl Russel, ein kleines Männchen inmitten einer großen Familie, ist keine überwältigende Gestalt. In den letzten Tagen sind wieder ein paar Versuche, eine Stelle zu finden, glücklich gescheitert. Es gehört dies zu meiner derzeitigen Berufstätigkeit und stärkt Mut und Geduld. Selbst in der Geographie kann der Mensch Trost suchen und finden; er darf nur wollen. Der Westen der Erde ist groß und steht jedem offen, der im Osten keinen Platz mehr findet. 13. London, den 4. Juni 1861. Eine vorläufig dunkle Geschichte! Ob der Tag dämmern will? Montag vor acht Tagen kam ich abends mit Kopfweh, ohne das ich den Kristallpalast nie sehen kann, von Sydenham zurück. Ich fand ein Billett von Becker vor, der mich bat, abends um acht Uhr einen Mr. Johnson im Great-Western-Hotel bei der Paddingtonstation aufzusuchen. Ich hatte dorthin eine volle Stunde zu fahren und kam daher eine halbe Stunde zu spät. Nichtsdestoweniger fand ich ein klug aussehendes Männlein, das auf seinem Mahagonitisch eine große Menge kleiner Papierschnipfelchen pünktlich und geduldspielartig um sich herumlegte. – »Mr. Johnson!« – »Mr. Eyth, recommanded by Elliot Brothers.« – Ein ernstfreundlicher Blick nach dem nächsten Stuhl, den ich besetzte, ein noch ernsterer und väterlich liebevoller Blick auf das Geduldspiel: dann begann die Erklärung. »Ich habe ein großes Werk vor, Mr. Eyth, ein Werk, welches das ganze bestehende Eisenbahnwesen umzustoßen bestimmt ist.« – (Mein Herz flog dem alten Männlein zu; denn das Umstoßen war von jeher meine Freude.) – »Ich weiß, daß ich meine Gedanken nur langsam zur allgemeinen Anerkennung bringen kann. Aber das tut nichts. Ich werde Sie überzeugen.« – ›Das kommt auf die Bezahlung an!‹ dachte ich trotz meiner steigenden Begeisterung. – »Sie werden andre überzeugen!« – Ich wiederholte den nichtswürdigen Gedanken, denn die englische Luft hat mich schon gründlich entsittlicht. – »Kurz und gut, Mr. Eyth; ich werde neue Eisenbahnwagen bauen!« Das war ein kalter Schlag; denn ich hatte zum mindesten eine Flugmaschine erwartet. Doch ließ Mr. Johnson mir nicht Zeit, mich zu erholen, und führte mich trotz der steigenden Dämmerung nach dem Great-Western-Bahnhof, wo wir gemeinschaftlich unter Kohlen- und Menschenwagen herumkrochen, bis wir uns selbst nicht mehr sahen. Des andern Tages wurden bei Elliot Brothers etliche roh ausgeführte Modelle ausgepackt, die Herrn Johnsons Pläne verdeutlichten und mich zum Ankauf eines Reißbretts hinrissen. Drei Tage waren sodann im Great-Western-Hotel große Beratungen über das, was ich – und was ich nicht gezeichnet hatte, wobei wir uns trotz ernster sprachlicher Schwierigkeiten mehr und mehr verständigten. Ich gestehe, ich hatte von jeher auf den Eisenbahnwagenbau mit einer, wie mir schien, verdienten Verachtung herabgesehen. Glücklicherweise wird alles interessant, womit man sich ernstlich beschäftigen muß. So kam's auch hier. Nach drei Tagen war ich mit Leib und Seele bei der Sache. Kein Hundekarren fuhr an mir vorüber, den ich nicht in eine der vierzehn Klassen einreihte, welche ich mit deutscher Gründlichkeit skizziert und numeriert hatte. Während ich sonst bei einem Spaziergang durch die City das unbeschreibliche Wagengewimmel leichten Sinnes vom Gipfel eines Omnibus überflog, gehe ich jetzt gerne zu Fuß, und mein Blick hängt hier an dem triefenden Ölnapf unter dem Bauch eines Lastwagens, sucht dort unter den zitternden Federn eines Cabs, unter dem pfeifenden Drehzapfen eines Omnibusses Gedanken, Glück, Geld und Ruhm. Während ich sonst auf der Eisenbahn nicht vom Fenster wegzutreiben war und gern die ganze Welt im Vorüberfluge aufgesaugt hätte, sitze ich jetzt mit halbgeschlossenen Augen auf meinem Platz und sortiere die Püffe, die er mir hinterrücks versetzt; denn es sind dreierlei, welche die leidende Menschheit von diesen ganz erbärmlich unzulänglichen Beförderungsmitteln der Gegenwart zu erdulden hat. Am Samstag waren meine Studien so weit gediehen, daß es Mr. Johnson klar wurde, welche Vorarbeiten seine Aufgabe erfordere. Bis zum 4. September wollte er zum mindesten ein Modell, wenn nicht einen fertigen Wagen in Manchester ausstellen. Dazu gehörte zweifellos eine jüngere Kraft. Zunächst verabschiedete er sich, um zu Hause, in Little Malvern, das Nötige für einen längeren Aufenthalt in London zu ordnen. Am Donnerstag wollte er zurückkommen und dann auch meine Stellung zur Sache regeln. Statt dessen bekam ich am Montag einige Zeilen, »daß er am Donnerstag nicht kommen werde«. Darauf folgte ein Brief, »daß er erst Donnerstag über acht Tage Malvern verlassen könne«. Mittlerweile hatte mir ein Freund geschrieben, »ich solle mich so rasch als möglich in Manchester einfinden, wo er hoffe, mir eine Stelle verschaffen zu können«, und meine Bedrängnis wuchs. Der Donnerstag kam; statt Johnsons aber ein dritter Brief: »ich möchte die fertigen Zeichnungen nach Malvern schicken; er komme am Dienstag!« Dieser neue Wunsch hatte in dem großen London etwas Beunruhigendes. Ich schickte auf den Rat meiner welterfahrenen Umgebung nichts, sondern schrieb, daß ich, um Zeit zu gewinnen, bereit sei, selbst zu kommen. Vierter Brief: er werde sicher am nächsten Dienstag erscheinen und bitte wiederholt um die Zeichnungen. Der Brief war so freundlich, daß ich, von diesem Eindruck überwältigt, die Hälfte meiner Arbeiten zusammenpackte und fortschickte. So weit sind wir heute. 14. London, den 26. Juni 1861. Die Johnsoniade nimmt ihren Fortgang. Ihr Held erschien schließlich, nachdem ich in der Zwischenzeit drei Projekte ausgeklügelt und aufgezeichnet hatte, welche dem etwas verschwommenen Grundgedanken Johnsons eine einigermaßen praktische Form gaben. Ein Tag verging mit der Auseinandersetzung meiner Auffassung der Sache, zu der ich ihn schließlich bekehrte, wogegen sich zur Besprechung meiner Privatangelegenheiten keine Zeit mehr fand. In deutscher Weise mit meinem Siege befriedigt, kam ich mit dem Vorsatz und Auftrag nach Hause, aus meinen verschiedenen Vorschlägen einen neuen Plan herauszugestalten, was im Sturm unternommen und ausgeführt wurde. Damit verging die Woche. Nun aber rückte ich Johnson entschieden zu Leibe, weil ich wegen einer so zweifelhaften Geschichte meine Abreise nach Manchester nicht länger verschieben wollte. Er verlangte zweierlei Vorschläge – einen für eine Anstellung bis zur Ausstellung in Manchester, und einen zweiten für ein ganzes Jahr. Im ersten Falle verlangte ich zwanzig Pfund, im andern sechzehn Pfund monatlich und die nötige Sicherstellung gegen eine einseitige Auslösung des Vertrags. Johnson erklärte, daß er den Geldpunkt durchaus nicht als hinderlich betrachte. Nur sei er noch nicht entschlossen, ob er in seinem Alter überhaupt mit dem großen Werk vorangehen solle; im Lauf des Tages erwarte er gewisse Modelle, welche diese Frage entscheiden würden. Ich möchte deshalb abends acht Uhr wieder anfragen. Das tat ich denn. Statt Johnson fand ich aber nur einen Brief, mit welchem er ohne Angabe eines Grundes erklärte: »Daß er bedauere, meine Anträge nicht annehmen zu können. Montag, um fünf Uhr nachmittags, werde er bei Elliot Brothers sein, um meine Rechnung zu begleichen.« Ich hatte ihm am Morgen die letzte meiner Zeichnungen übergeben. War der gute alte Herr am Ende doch schlauer, als er aussah? Mit einer Spannung, als ob ich ein neues Blatt in dem ergreifendsten Roman aufzuschneiden hätte, sah ich der weiteren Entwicklung entgegen. Johnson gibt es in London mehr als Müller in Berlin. Zur Stunde weiß ich noch nicht, wer und was der meinige ist. Es ist deshalb natürlich, daß ich nicht bis fünf Uhr warte, um am Ende das leere Nest zu finden, sondern nach dem Frühstück ohne Verzug das Great-Western-Hotel aufsuchte. Mit Befriedigung entdeckte ich den alten Herrn an seinem gewohnten Kaffeetischchen, wo er heute vor drei Wochen sein und mein Geduldspiel ausgekramt hatte. Zum Abschluß, selbst zu einer Erklärung war er aber nicht zu bewegen, sondern vertröstete mich hartnäckig auf heute abend bei Elliot. Ich schreibe diese Zeilen, um mir die Zeit zu kürzen, aber es ist, als ob es heute nicht Abend werden wolle. Ganz unterkriegen soll mich dieser Kampf ums Dasein nicht. Neben demselben lief doch auch manches her, das Auge und Ohr, Kopf und Herz erfreute: ein Ausflug nach Hastings, wo ich zwischen Hummern, Muscheln und toten Fischen das Glück eines Seekrebses kostete, ein Besuch im Deutschen Nationalverein, wo ich Kinkel schön und wirkungslos über die deutsche Kleinstaaterei auf der kommenden Weltausstellung sprechen hörte, der Riesenbrand der Cotton Wharfs in Tooley Street, der heute, nach acht Tagen, noch nicht gelöscht ist. Bei dieser Gelegenheit genoß ich zum erstenmal das Vergnügen, in einem Londoner »Mob« mitzuwirken, indem ich im Flammenschein von einem Dutzend brennender Riesengebäude nachts um ein Uhr zweimal die von Zuschauern überfüllte Londonbrücke passierte. Man macht sich keinen Begriff davon, wenn man's nicht an den halbgebrochenen Rippen selbst gespürt hat, wenn Menschen sich zu erdrücken suchen. Alles, was ich bis jetzt von England gesehen habe, geht ins Riesenhafte. Es lohnt sich deshalb wohl auch, eine riesenhafte Geduld zu pflegen, um hier an ein Ziel zu kommen. Das, meine Lieben, sei zum Schluß mir und Euch empfohlen. 15. London, den 2. Juli 1861. Auch der überstürzteste Zusammenbruch braucht seine Zeit. Montag, nachmittag um vier Uhr, trat ich bei Elliot Brothers ein und fand Becker und Johnson mit feierlicher Miene im Allerheiligsten des Geschäftslokals sitzen. Johnson begann nun zu meinem alle Grenzen übersteigenden Erstaunen eine förmliche Anklage gegen mich zu begründen, die auf folgender Auffassung folgender Verbrechen beruhte. Ich hatte am Samstag, vormittags, Johnson mit meinen Vorschlägen für eine längere Anstellung die letzten Zeichnungen, die ich im Laufe der drei Wochen gemacht hatte, eingehändigt. In der Hoffnung, daß die Feststellung unsers Verhältnisses nun endlich stattfinden werde, hatte ich aber auch die Zeichnung einer von mir während der letzten Wochen erdachten selbsttätigen Wagenkupplung mitgebracht, dieselbe jedoch, als ich abermals auf den Abend vertröstet wurde, vorsichtigerweise wieder mitgenommen, um sie ihm nach Abschluß unsers Vertrags einzuhändigen. Da ich Johnson nicht näher kannte und durch sein Zögern mißtrauisch geworden war, schien mir dies nicht mehr als vernünftig zu sein. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der gute alte Herr war durch dieses Mißtrauen dermaßen gekränkt, daß die unmittelbare Folge der Absagebrief war, den ich am Samstag abend erhalten hatte. Nun klagte er mich feierlich an, daß ich den Versuch mache, »auf eine unredliche Weise ihm das zu entziehen, was er als sein Eigentum ansehe; denn er habe sich nie geweigert, meine Zeit und Arbeit zu bezahlen!« Bezahlt hatte er allerdings auch noch nichts. Aber was half der Einwurf? Der Mann spielte den Gekränkten gut; vielleicht war es ihm wirklicher Ernst. Jedenfalls konnte er tun und lasten, was er wollte. So folgte ich Beckers Rat, der ihn als einen reichen Sonderling kannte, und beschloß, ihm die Kupplung zu überlassen, die im Augenblick für mich völlig wertlos ist. Nach etlichen Zwischenfällen, gegenseitigem Verfehlen und dergleichen, die bei dem kritischen Stand der Dinge das Interesse hübsch wach erhielten, fand ich ihn gestern abend im Great-Western-Hotel und kramte sieben Kupplungen vor ihm aus. Der Gedanke hatte nämlich sieben Wandlungen durchgemacht, bis die letzte endlich meinen Ansprüchen und, wie ich hoffe, denen der Praxis entsprach. Auch mein wunderlicher Gönner schien erfreut. Gegen meine Rechnung hatte er nichts einzuwenden. Elliot Brothers werden auf seine Kosten ein Modell der Idee ausführen, die – wofür ich Johnson dankbar bin – unter meinem Namen weiterleben soll; – mein erstes Werk in England. Nachschrift. Ende gut, alles gut! Soeben habe ich mein Geld bei Johnsons Bankier geholt. Ein behagliches Gefühl! Und wie einfach das geht! Die Johnsoniade hat meinen bisherigen Londoner Aufenthalt gerade gedeckt. Mit diesen Zeilen geht ein Brief nach Manchester ab. Ob ich dort, ob in Birmingham, ob in Leeds, ob in Glasgow oder Edinburg mein Haupt niederlege, weiß der liebe Gott. Vorderhand weiß ich nur so viel, daß die Zeit, es niederzulegen, noch nicht gekommen ist. – 16. London, den 11. Juli 1861. Noch immer »London«, wie Figura zeigt – aber zum letztenmal für einige Zeit; denn heute halte ich großen geistigen, morgen großen leiblichen Packtag, übermorgen sollen Leib und Seele nach Manchester befördert werden, um zweifellos vom Regen in die Dachtraufe zu kommen. Das Hausierengehen mit Empfehlungsbriefen ist – der Himmel weiß es! – der schwerste Teil meines schweren Berufes. Doch wozu soll ich Euch alle Bewegungen der sonst so gefühllosen Knorpelsubstanz, die bei mir das Herz vertritt, zergliedern, wenn ich eintrat in den fürstlichen Park einer Villa, die einem König meiner Welt gehört – oder in das stillgeschäftige Arbeitszimmer eines Zivilingenieurs – oder in den prunklosen, kohlen- und eisenbestaubten Empfangsraum einer Fabrik? Überall fand ich jedoch eine gewinnende Höflichkeit, die wir Deutsche erst noch lernen müssen, überall dieselbe geschäftige Zuvorkommenheit auch dem armen Teufel gegenüber, der nichts zu bieten hat als seinen Kopf und seine Arme – und was ist das in einer Welt, wo man nach Tausenden von Armen und Köpfen und nach Millionen von Pfunden rechnet? Mit deutscher Gewissenhaftigkeit wollte ich keinen meiner Briefe unbenutzt lassen; der unscheinbarste konnte mich ans Ziel führen. Den wichtigsten aber, an Mr. Alfred Tylor, den Besitzer einer alten, aber in voller Blüte stehenden Metallgießerei und Maschinenfabrik im Herzen Londons, hatte ich auf zuletzt aufgehoben. Es ist doch etwas um den Instinkt! Ich suchte mich durch die fleischgefüllten Gassen um Newgate mit dem Bewußtsein, daß sich hier mein Londoner Schicksal entscheiden werde. Meinen Empfehlungsbrief hatte ich in gewohnter Weise so in die linke Rocktasche gesteckt, daß er im entscheidenden Augenblick mit einem sicheren Griff zu erreichen war; »ich hatte keinen zweiten zu versenden!« Der Holunderstrauch fehlte. Zwischen zwei Haufen alten Messings spielte sich die Szene ab. Mr. Tylor war natürlich beschäftigt bis über die Ohren, hier von einem Kommis, dort von einem Eisenhändler, hier von zwei spanischen Granden, die ein Kupferbergwerk anzubieten hatten, dort von dem untersten Tagelöhner seiner Fabrik, der nicht entlassen sein wollte, angesprochen, gefragt, gebeten. Und dann kam ich und brachte abermals nichts als meinen Kopf und meine Arme und einen langen Brief vom Direktor der Zentralstelle für Handel und Gewerbe zu Stuttgart, Königreich Württemberg, Germany! Trotzdem war die Folge dieser Zusammenkunft eine Einladung für den folgenden Abend nach Stoke-Newington, wo Tylor wohnt. Dort sah ich zum erstenmal etwas vom häuslichen Leben einer reichen englischen Familie, sah Mrs. Tylor, ihr blitzendes Teegeräte und ihre reizenden Kinder, das herrliche Grün des Rasens im Garten, die reiche Behaglichkeit eines englischen Salons und eine Landsmännin aus Nassau, in die ich mich nicht verliebte. Nebenbei wurden Empfehlungsbriefe für mich geschrieben und musiziert. Mrs. Tylor war entzückt, als ich die Melodie eines Liedes spielte, das sie einst in Deutschland gelernt hatte und das nach ihrer Erinnerung anfing: »Wenn die Salben heimwärts ziehen!« Des andern Tags hatte ich neun neue Empfehlungsbriefe in der Tasche und begann dankbar die saure Wanderung von vorn. Aber wozu soll ich niederschreiben, was fast nutzlos vorüberging? Ich sah die schwarzen, verrauchten Gießereien, das Gewirr der Werften im Osten und Süden der Stadt, sah die Schiffsbauanstalten in Greenwich, Deptford und Blackwall, sah die engen, düstern Werkstätten in der City und bin nun wieder auf dem alten Fleck, fast so klug wie zuvor. Von Mr. Tylor erhielt ich gestern noch einen sehr freundlichen Brief, worin er mir vorschlägt, wenn ich im Norden nicht glücklicher sein sollte, nach London zurückzukehren und dann, bis sich etwas finde, etliche Abende der Woche in seinem Hause zuzubringen, um ihn Deutsch zu lehren. Seinem bisherigen »Professor« habe er ein Pfund die Woche gegeben. Damit wäre, wenn ich wirklich ohne Erfolg von Manchester, Leeds, Lincoln, Birmingham und so weiter zurückkäme, meinem Dasein eine Stütze geboten, die sich zu einem lebendigen Baum auswachsen könnte. Middleton Square verlasse ich ungern; ein gebildeter Umgang Tag für Tag tut gut. Übrigens haben wir seit acht Tagen ein Mecklenburger Pfarrtöchterlein im Hause, das sich bemüht, etliche deutsche Teerosen in unser irdisches Leben zu flechten. Aber mein Weg geht nun einmal nicht über Blumen. Nachschrift. Ich kann nicht unterlassen, Dir, liebe Mutter, nachträglich mitzuteilen, daß soeben, bei der ersten großen Packerei und Nachprüfung meines fahrenden Eigentums, nicht nur alles noch vorhanden ist, sondern daß ich sogar einen Strumpf zu viel habe. Ich werde mich hüten, dieses Wunder erklären zu wollen. Jedenfalls liegt ein sichtlicher Segen auf meinem Koffer. 17. Manchester, den 26. Juli 1861. Seit einer Stunde bin ich von Leeds zurück, und wieder liegt ein Stück blühenden Lebens hinter mir, das für den Augenblick kein greifbares Früchtlein ansetzen will. Doch sind mir wenigstens nicht alle Hoffnungen zu Wasser geworden. Die Fahrt mit der Great-Northern-Railway nach Manchester bietet wenig Interesse. Es ist immer das gleiche, wellenförmige, frischgrüne Land, das dem schon an den Londoner Häuserhorizont gewöhnten Auge immerhin wohltut. Auf halbem Wege machen Schornsteine den Bäumen das Bild streitig. In Sheffield traute ich meinen Augen kaum. Es war die erste Zitadelle des großen industriellen Festungsvierecks: Leeds, Sheffield, Manchester und Liverpool. Trotz des sonst heiteren Tages war von einem Horizont keine Rede. Im dunkeln, träge bewegten Grau der ganzen Rauchmasse standen ohne sichtbaren Boden schwarzgräuliche Nadeln, die letzten Schornsteine, die das Auge in dem Qualm erreichen konnte. Man durchschneidet sodann, etwas aufatmend, die albartigen Berge von Nord-Derbyshire und ahnt an neuem Qualm, an einer unzähligen Menge neuer Kamine, daß Manchester nahe sein müsse. Mein Freund und früherer Zeichengenosse Gutekunst empfing mich mit aller erdenklichen Freundlichkeit. Er rechnete darauf, daß ich bei Withworth ankommen werde, und so fing auch ich an, ernstlich zu hoffen. Wir dachten schon ans Klaviermieten und dergleichen Allotria; doch als ich mich am Montag vorstellte, war die gewohnte Vertröstung auf die Zukunft das einzige, was ich davontrug. Die Verzögerung durch Johnson hatte mich um die Stelle gebracht. Am gleichen Tage begann zu Leeds die große Jahresausstellung der Royal Agricultural Society of England. Mit wahrem Galgenhumor fragte ich mich: Warum nicht den Bauern nachlaufen, wenn die Maschinenbauer nichts von mir wissen wollen? und fuhr mit federleichtem Gepäck nach Leeds. Von Leeds wußte ich nichts, als daß ein Bruder eines Schulfreundes in einer dortigen Fabrik Zeichner war. Mit Mühe fand ich seine Wohnung. Er selbst war nicht zu Hause. So ließ ich getrost mein Gepäck in seinem Zimmer und wanderte ans andre Ende der Stadt, nach dem Ausstellungsplatz. Staunend suchte ich mich in dem mir völlig neuen Gebiete landwirtschaftlicher Maschinen zurechtzufinden. – Als ich am Abend satt war und mich nach Blackbullstreet zurückgesucht hatte, war mein noch unbekannter Freund Diefenbach, auf dem meine Hoffnung auf ein Nachtlager beruhte, noch nicht zu Hause. Mit Mühe machte mir seine Hausfrau deutlich, daß Herren aus Deutschland ihn wohl vor Mitternacht nicht zurückkommen lassen würden. Nun machte ich mich selbst auf den Weg und fragte bis neun Uhr in jedem erträglich aussehenden Wirtshaus nach einem bescheidenen Stübchen. Von neun Uhr an – denn alles war besetzt – sah ich mir Privatwohnungen an. Mit mißtrauischen Augen betrachteten mich alte Mütterlein und brummige John Bulls, in deren Allerheiligstes ich infolge von ausgehängten Zetteln eindrang. Schließlich – nach zehn Uhr – hatte mich die Verzweiflung und mein guter Stern in ein über alle Maßen unansehnliches Kneiplein geführt, wo man mir halb auf einem Sofa, halb auf einem Schragen in einem großen, schwarzgetäfelten Zimmer eine Art Bett aufschlug. Unter dem Absingen englischer Schnapstrinklieder, die aus dem Erdgeschoß heraufdrangen, mein Geld unter dem Kopf, schlief ich indessen vergnügt ein. Gegen Morgen wurden mir die Fenster eingeworfen; »Trunkenbolde« – sagte mein rechtlicher Wirt stoisch, als ich ihm mitteilte, daß zwei Steine in meiner Stube liegen und drei Scheiben zerbrochen seien; ich selbst war während des Attentats nicht aufgewacht. Es gefiel mir übrigens bei den Leuten, wenn sie auch eine etwas wunderliche Wirtschaft führten. Ich hätte kaum besser aufgehoben sein können und brauchte ja weiter nichts als ein Tischchen, auf dem sich acht Tage lang Ausstellungsskizzen machen ließen. Diefenbach fand ich am zweiten Tage am Krankenlager eines Mecklenburgers, der die Kost von Yorkshire nicht vertragen konnte. Ein lieber Mensch, der tut, was in seinen Kräften steht, einem Landsmann die fremde Welt erträglich zu machen. Mittlerweile kam infolge meiner Anzeige im »Engineer« eine Anfrage aus Rhaydera in Wales, wo auf einem Eisenbahnbureau eine untergeordnete Zeichnerstelle frei war. Ich schrieb, daß ich bereit sei, einzutreten; nur möge man mir fünf Tage Frist geben. Ich wollte doch erst mein Glück in Leeds und Manchester versuchen. Darauf kam prompt die Nachricht, daß »die Stelle besetzt sei, da man aus Mr. Tylors gütigem Schreiben ersehen habe, daß ich mehr Ingenieur zu sein scheine als Zeichner!« Daß ich kein Esel bin, ist sichtlich ein Hindernis, irgendwo anzukommen. Sobald die Leute merken, daß ich schon etwas geleistet habe und noch etwas zu leisten wünsche, ist das anfängliche Entgegenkommen meist wie abgeschnitten. Das ist nicht so dumm, als es aussieht, aber traurig. Auch zu Diefenbach, der gleichfalls zehn Wochen lang vergeblich auf der Suche war, sagte ein Fabrikant: »Wir mögen keine deutschen Zeichner; wenn man ihnen sagt, sie sollen etwas so oder so zeichnen, fragen sie sicher, ob man's nicht auch anders machen könne. Unsre Engländer zeichnen, ohne nach dem Warum zu fragen. Das ist bequemer.« Und so trug ich denn auch in Leeds nach der Ausstellung meine Empfehlungsbriefe da- und dorthin, wäre in zwei Fabriken fast angekommen, kam aber in keiner an und bin wohlbehalten wieder hier. Nur an einer Stelle tat mir's leid, mit einem Kanzleitrost abziehen zu müssen. Tylor hatte mir einen Brief an den Erfinder der Dampfpflüge, einen Herrn Fowler, gegeben. Ich fand ihn in einem Stoppelfeld vor einem zerbrochenen Gerät von rätselhaftem Aussehen, voll Mut und Feuereifer. Das Stoppelfeld gefiel mir nicht: aber der Mann und das Geräte. Doch das sind jetzt eitle Träume, die am besten nicht weitergeträumt werden. 18. Manchester, den 11. August 1861. Der große Wurf, der mich über das Hungersterben hinausheben soll, ist noch immer nicht gelungen. Ohne damit Zeichen von Mutlosigkeit oder Ungeduld geben zu wollen, denn meine Zähigkeit reicht genau soweit als mein Kredit, darf ich doch andeuten, daß mich mein alter Freund Unstern getreulich begleitet. Wäre ich vor sechs Monaten gekommen, sagt man mir, so hätte ich wohl nicht vier Wochen warten und suchen müssen. Aber die Wirren in Amerika und das auf der Napoleonschen Schwertspitze zitternde Gleichgewicht hierzuland haben auch in England eine Geschäftsstockung hervorgebracht, wie man sie seit Jahrzehnten nicht kannte. So bin ich nahezu mit meiner Wanderung durch die Fabriken Manchesters zu Ende und kann als Hauptergebnis volkswirtschaftliche und politische Betrachtungen auch in leidlichem Englisch anstellen. Was die Industrie Gutes und Böses leistet, lernt man in Manchester kennen. Den Hauptreichtum des Bezirks erzeugen die Millionen Spindeln seiner Baumwollindustrie. Reichtum! Nirgends in England habe ich bis jetzt eine so bleiche, kranke, von Elend und Unglück angefressene Bevölkerung gesehen, wie sie hier aus den niederen, rauchigen Häusern herausgrinst oder auf den engen, staubigen Gassen der ärmeren Viertel herumliegt. Freilich ist das nur die Hefe des Volks, aber die Hefe umfaßt drei Viertel des Ganzen. Wenn die Engländer, selbst die ärmsten, nicht jenen eigentümlichen Reinlichkeitssinn in betreff der Wohnungen hätten, der nach unten hinsichtlich des Körpers und der Kleidung nur zu rasch verschwindet, es wäre ein Bild bodenlosen »Fortschritts«! Töricht wäre es trotzdem, der Industrie einen Vorwurf daraus zu machen. Sie ist und bleibt das einzige Mittel, die 500 000 Menschen hier, die Millionen in England auch nur auf dieser Stufe des Lebens zu erhalten. Nicht die Industrie hat das Häßliche geschaffen, das ihr anhaftet. Es ist eine Zukunft denkbar, in der sie sich auch aus diesem Schmutz herausarbeiten wird. Durch Mr. Tylor bin ich wieder mit Fowler in Verbindung getreten, der kürzlich in Leeds drei Preise bekam und jedenfalls auf der kommenden Weltausstellung in London eine Rolle spielen wird. Ich habe, da auf seinem Zeichenbureau nichts zu machen ist, mich als Arbeiter angeboten und warte täglich auf Antwort. Es wird mir wunderlich vorkommen, wieder Feile und Hammer zur Hand zu nehmen. Aber ich werde ruhiger dabei sein, als wenn ich Aufsätze schreibe. Und blaue und rote Hemden sind hier billig. Ganz bin ich die deutsche Erbsünde des Schriftstellerns noch nicht los geworden. Doch – ein gutes Zeichen – fällt mir's von Tag zu Tag schwerer. Ein Professor der Realwissenschaften zu Stuttgart hat es eben auch bequemer. Er nimmt ein Häuflein Bücher; das ist auch eine Welt, »das ist seine Welt!« Sie hat das Gute, daß man sie übersehen kann, daß sie sich nicht in unendlichem Reichtum vor ihm ausdehnt und ihn mit des Nichts durchbohrendem Gefühl erfüllt, wie es die wirkliche Welt jedem ehrlichen Kerl zu leide tut. Dann sagt er sich: »die Hauptsache ist der Stil!« und geht munter ans Werk. Ich armer Teufel, der ich mitten im Hanfsamen sitze, suche umsonst nach dem Stiel, an dem ich diese runde Welt, die sich vor meinen Augen dreht, packen könnte, und »bilde mir nicht ein, ich könnt' was lehren!« – 19. Manchester, den 5. September 1861. (An meine Schwester.) So oft ich einen Knopf an meine Hosen nähe – und das geschieht gegenwärtig häufiger: denn ich fange an, aus dem Leim zu gehen –, denke ich an die stillen, friedlichen Sonntage, die ich bei Euch zubringen durfte. Denn mein Nähapparat befindet sich in einem Pulverschächtelchen von echt schwäbischem Gepräge, worauf gedruckt zu lesen: »Zwinksche Apotheke in Göppingen« und geschrieben: »Herrn Pfarrer C.'s Söhnle, täglich zwei Löffel voll.« Muß nicht schon das bloße Dasein dieses Schächtelchens gegen englische Herzverhärtung wirken? Muß es nicht im Lande des Rauchs und Nebels den ganzen Ludwig Richterschen Hausapparat in Bewegung setzen mit seinen warmen, sonnigen Bildern Von Ruhe, Gemütlichkeit und lieblichem Kindergeschrei? Es tut's, und auch ohne das schwere Ereignis eines Knopfbruchs kommen diese Bilder manchmal, und ich schlürfe sie ein – unklugerweise! – mit der ganzen wehmütigen Behaglichkeit des süddeutschen Gemüts, »täglich zwei Löffel voll«. Doch sorgt auch meine englische Umgebung dafür, daß ich in Ruß und Rauch nicht ganz untergehe. Du kennst wohl die kläglichen Briefe, die ich in den letzten Monaten den Eltern schreiben mußte, um ihren Glauben an mich und meinen Kredit bei ihnen aufrechtzuerhalten. Aber auch Lichtblicke hat das hiesige Leben in einiger Entfernung von Manchester, und von Zeit zu Zeit gestatte ich mir ein Ausflügchen in den Sonnenschein jenseits des Rauchmeers dieser Riesenstadt. Dazu würdest Du wohl eine Fahrt in die Kohlengruben und Eisenwerke von Lowmoor nicht rechnen. Ihr wißt eben nicht, wie verwöhnt Ihr seid. Dagegen würdest auch Du die Küste von Nordwales, Anglesea, Bangor und Holyhead gelten lassen. Du machst Dir keinen Begriff davon, wie schön England sein kann, wenn die Sonne auf sein feuchtes Grün scheint, und auch im Sturm, an der richtigen Stelle; zum Beispiel an der Nordwestküste von Anglesea, wo die zerrissenen Granitfelsen senkrecht in die See fallen. Es war ein frischer, windiger Nachmittag, als mein Freund Gutekunst und ich an den Bergen hinter Holyhead hinaufstiegen, um uns den Kohlenstaub von Manchester aus den Lungen fegen zu lassen. Vom Gipfel der kahlen Höhe überblicken wir ein Stück der großen Insel. Dann auf der andern Seite des Gebirgsstocks von Hang zu Hang herabkletternd – unter uns, oft fast senkrecht, die tosende Brandung, welche tiefe Höhlen ins Gestein wühlt –, fanden wir uns einem der isoliert auf einem Meerfels erbauten Leuchttürme gegenüber. Die Großartigkeit dieses Bildes übersteigt die Kraft einer schlechten Stahlfeder. Es fing schon an zu dämmern, als wir im scharfen Zickzack an den Felswänden wieder hinabstiegen, um auf den Weg zu gelangen, welcher nach dem Eiland führt. Die heranrollende Flut und ein furchtbarer Seewind trieb die Wogen haushoch an den zerrissenen Klüften zu unfern Füßen empor. Wie junge Hunde bellend, ein grausiges Geschrei im Pfeifen des Windes und im schwellenden Getöse der Wasser erhebend, hingen die großen, weißen Seemöwen, die in unzähliger Menge in jenen Felsenlöchern nisten, ruhig schwebend über den schwarzen Abgründen, und das ganze Bild lag vor uns ohne Horizont, in der öden Ferne ruhiger und ruhiger werdend und sich im Nebel verlierend, der unmerklich, aber unerbittlich, Felsen und Wasser, Möwen und Menschen verschlang. Am folgenden Tag fanden wir ein Gegenstück zu diesem ossianischen Naturgemälde in dem lieblichen Bangor, wo hoch über dem Meeresarm die berühmte Britanniabrücke Anglesea mit Wales verbindet und Land und See sich zum sonnigsten Bilde vereinigen. Du siehst, es ist nicht alles Ruß und Rauch in meinem Leben. Auch lerne ich hier, daß eine Stunde Sonnenschein mit einem Tag voll Nebel nicht zu teuer bezahlt wird. Ist dieses Körnchen Lebensweisheit nicht eine Reise nach England wert? Übrigens sei es dem Himmel getrommelt und gepfiffen, endlich habe ich einen Stein gefunden, auf dem ich mein Haupt niederlegen kann. Derselbe befindet sich in Leeds, wohin ich übermorgen aufbreche. Der Anfang verspricht einiges. Leeds ist der Mittelpunkt des englischen Landmaschinenbaus, eine gewaltige Stadt nach deutschen Begriffen, in der Mitte der Kohlen- und Eisendistrikte von Yorkshire. Mr. Fowler, mein neuer Herr und Meister, ist ein noch junger, liebenswürdiger Herr, Quäker, Besitzer einer erst im Entstehen begriffenen Maschinenfabrik, Erfinder der Dampfpflüge, die auf den letzten Ausstellungen der Royal Agricultural Society of England in Warwick und Leeds die ersten Preise davontrugen, und ein mit aller Welt verkehrender Mann. Bei ihm werde ich in den nächsten Tagen meine mir noch selbst unbekannte Kunst im Pflügen versuchen. Für das Frühjahr stehen mir Ausflüge nach Frankreich oder Deutschland in Aussicht, und während der kommenden Weltausstellung soll ich in London sein. In betreff der Zeit bin ich nicht gebunden, wenn je, was jedoch nicht zu vermuten, sich mittlerweile etwas Besseres zeigen sollte. Die Bezahlung ist nicht glänzend, aber anständig – besser, als ich sie bei der Masse brotloser Zeichner, Ingenieure und Kaufleute in der gegenwärtigen Zeit erwarten durfte. Dagegen habe ich die Verpflichtung einzugehen, von meinen bei Mr. Fowler erworbenen Kenntnissen keinen ihm nachteiligen Gebrauch zu machen. Daß ich später nichts heimlich pflügen werde, glaube ich auch ohne ausdrückliche Abmachungen. Damit wäre der große Schritt getan, der mich aus dem uferlosen Salzwasser aufs Trockene setzt. Mr. Fowler fragte mich zum Beginn der Verhandlung, vermutlich infolge meines achtunggebietenden Schnurrbarts, ob ich verheiratet sei? Als ich aber im Vollgefühl meiner Freiheit ihn mit verächtlichem Lächeln des Gegenteils versicherte, fagte er, allerdings auf Englisch: »Drum – Sie haben viel zu reisen!« Da hob sich mein Herz, und ich betete, pharisäisch auf alle entzündlichen Herzen herabblickend: »Ich danke dir, Gott, daß du mich nicht verheiratet hast!« Echt englisch war auch, wie die Verbindung mit Fowler eingeleitet wurde und zu diesem hocherfreulichen Ergebnis geführt hat. Mein treuer Freund und Gönner, Mr. Tylor, schrieb an Fowler, als Quäker dem Quäker, es doch mit mir zu versuchen. » He is open to conviction! « »Er ist bekehrungsfähig.« Zur Dampfpflügerei werde ich mich nun allerdings bekehren lassen müssen. Ob ich Quäker werde, mein lieber Mr. Tylor, möchte ich bezweifeln. 20. Leeds, den 22. September 1861. Die ersten vierzehn Tage sind vorüber. Ich fange an, die Schwielen, die sie mir eingebracht haben, mit etwas geringerem Erstaunen zu betrachten. Es wird nun, so Gott will, für ein paar Monate alles seinen geraden wenn auch nicht glatten Weg gehen; ich werde weniger Mannigfaltiges zu berichten haben als bisher, und manchmal einen trüben Sonntag finden, an dem ich Euch mit gewünschter Genauigkeit schreiben kann, wieviel Hemden ich wöchentlich verschwärze und was sonst noch mein nur allzu deutsches Herz beschwert. Eure Vermutung, daß ich in einer meinem bescheidenen Gehalt minder entsprechenden Weise genötigt sein werde, den Gentleman zu spielen, ist grundlos. Es sind mir vielmehr durch das Gegenteil einige Unkosten erwachsen, indem mein erster Gang einem Kleiderladen galt, in welchem ich einen englischen Arbeiteranzug erstand; der zweite einem Schwarzwälder Ührchen, des ebenso ungentlemanmäßigen Weckers wegen. So ausgerüstet sah ich mutig dem Schicksal entgegen, und mein einziger stiller Kummer war, daß und ob ich meine Meißel selbst zu machen habe? Denn Schmieden ist und bleibt mir ein Greuel, seit mir vor Zeiten mein erster Meißel aus der Zange sprang und ein Stück aus der Nase riß. Die Arbeitszeit in englischen Maschinenfabriken ist zehn Stunden, zwei weniger als in den meisten süddeutschen, von 6 – 8, von 8 ½; – 12 und von 1 – 5 ½; Uhr. Gewöhnlich arbeiten die Leute dann noch abends von 6 – 8 bei erhöhtem Lohn. Ich wollte dies nicht tun, um meine Abende für technische und sprachliche Studien frei zu halten. Ein boshaftes Geschick mußte mich aber einer Arbeitergruppe zuteilen, die mit einer drängenden Arbeit betraut war, und so hatte ich das Vergnügen, gleich in der ersten Woche, in der mir noch alle Rippen krachten, »Überzeit« arbeiten zu dürfen. Ein leichtes gastrisches Fieber, das ich gleichzeitig mit mir herum trug, vielleicht die Folge der ungewohnten Kost, machte dies nicht angenehmer. Doch erhielt mich eine Schlossersportion Rhabarber auf den Beinen. Die Hand, der treue, von den Gelehrten, welche sie nicht zu gebrauchen wissen, so oft verachtete Knecht, verlernt nicht so schnell als der Kopf. Mit Vergnügen bemerkte ich dies gleich am ersten Tage, und mit Stolz empfand ich's, als mich mein Obermonteur, dem ich scheint's nur als ein herumbestelnder Gentleman vorgestellt worden war, fragte: » It seems, you have been in the trade before? « (»Es scheint, Sie gehörten zum Handwerk?«). Übrigens bekommt man die Meißel geschmiedet. Zwei Monate Werkstattleben werden mich nicht gereuen. Vieles in den hiesigen Arbeiterverhältnissen, das mir neu ist, hätte ich nie auf einem andern Wege erfahren, vor allem die Tatsache, wie gering der Unterschied in der Art des Arbeitens ist, in dem wir in Deutschland häufig und fälschlicherweise das Übergewicht der englischen Industrie suchen. Manchmal sieht man von unten, z. B. vom Schraubstock herauf, tiefer in die Verhältnisse hinein als von oben. Auch in sprachlicher Beziehung ist der Schraubstock kein schlechter Lehrmeister. Ich lerne das Englisch verstehen, das ich brauche. Endlich, wenn ich je wieder in mein vielgelehrtes Vaterland zurückkomme, kann ich den Leuten ein paar rauhe Hände zeigen, die englisches Eisen gemeißelt und englischen Boden gepflügt haben. Das macht trotz allem Eindruck in der Heimat der Theorien und der Schulweisheit. Im übrigen führe ich ein einfaches Leben. Ich schlafe, frühstücke, esse zu Mittag und zu Nacht in einem und demselben Haus, bei einem Porträtmaler, der heimlich auch Zimmer anstreicht. Für Wohnung und Kost, Heizung, Wäsche, Licht und Bedienung bezahle ich ein Pfund wöchentlich und habe für Kleider, Schuhe, Vergnügen und Bier ein halbes Pfund übrig und keine Zeit dazu. Doch habe ich mir seit gestern ein Piano gemietet. Harte Zeiten kann ich nicht aushalten ohne Musik. 21. Wirtschaft zum Ochsen. Hatham, Hertfordshire, den 30, Oktober 1861. »Der Wind hat ein Klagelied gepfiffen, der Regen hat Tränen geweint« (ich habe aber seit zwei Tagen ein Regenmäntelchen!); »doch hat auch die Sonne manchmal ihm auf den Pflug gescheint!« So, eine wandelnde Parodie deines schönen Gedichts von den Glocken zu Speier, arbeitete ich mich auf den Feldern von Middlesex, bei Bedford, vom Heizer und Wasserträger durch alle Stufen der Dampfpflügerei empor, war nahezu auf der höchsten angelangt und steuerte meinen Pflug leidlich durch Dick und Dünn, als vergangenen Donnerstag um die vierte Stunde der sogenannte Anker, ein Pfeiler und Eckstein der ganzen Anstalt, zusammenbrach. Wie's so geht – des andern Morgens kam ahnungslos und ungeahnt mein wackerer Mr. Fowler daher, um unser Treiben wohlgefällig zu betrachten, nicht aber, um seinen Quäkergleichmut auf die Probe zu stellen; was geschah. Der Regel gemäß, seitdem ich pflügen lerne, hatte ich überaus schmutzige Hände, als er mir die seinen entgegenstreckte. Dies warf ein günstiges Licht auf mich und brachte mir eine freundliche Lobrede sowie zehn Pfund rückständigen oder noch zu verdienenden Tagelohn ein; denn das einzig Klare an der Rechnung war mir, daß ich sie brauchte. Sodann erklärte er mir, daß ich nun auf ein Feld versetzt zu werden verdiene, wo das Pflügen größere Schwierigkeiten darbiete, und daß er namentlich wünsche, mich vierzehn Tage im Regen arbeiten zu sehen; »das sei besonders interessant!«, was ich zugab. So packte ich denn mein Ränzlein und nahm von Bedford, von meinen Mitknechten und von meinem Freund und zeitweisen Vorgesetzten, Mr. Hull, fröhlich gerührten Abschied. Hier muß ich nachtragen. Mr. Hull ist Fowlers Vetter, der Sohn einer reichen Quäkerfamilie in Uxbridge, in dessen Umgebung er mietweise dampfzupflügen versucht. Zu ihm wurde ich vor vierzehn Tagen gewissermaßen in die Lehre geschickt und fand in ihm einen liebenswürdigen jungen Mann, der mich alsbald mit Büchern versorgte. Erstaunter war ich, als er mich am Samstag vor acht Tagen nach Uxbridge abholte und mir so Gelegenheit bot, das Leben einer Quäkerfamilie kennen zu lernen. »Wo rohe Kräfte sinnlos walten«, da mag der Reichtum seine Gefahren haben und hat für einen vernünftigen Menschen keinen besonderen Reiz. Wo ihn aber Bildung, oder Sitte, oder Menschenliebe, oder Religion, oder alles zusammen im rechten Geleise halten, da liegt in ihm etwas beneidenswert Anziehendes. Die Frau und Mutter des Hauses, ein echt englischer Typus, fein, fast noch schön in ihren alten Tagen, herzlich und lebhaft, zwei hochaufgeschossene Töchter – doch genug! Zwei Tage lang war ich Gast im Hause, besuchte die stillen, schmuck- und formlosen Meetings der » friends « und zog am Montag meiner Wege mit aufrichtiger Hochachtung vor Leuten, die mir, wo ich ihnen bis jetzt begegnete, stets dieselbe würdige und liebenswürdige Seite gezeigt haben. Mr. Tylor hat am Ende doch recht: Ich werde mehr und mehr » Open to conviction «. Bluntsfarm, mein jetziger Aufenthalt, eine vieh- und fast herrenlose Wirtschaft, liegt ganz zwischen Wald und Feld, drei englische Meilen von jedem irgend bewohnbaren Schuppen oder Stall entfernt. Daraus ergab sich, daß ich in der Grafschaft Essex pflüge und in Hertfordshire wohne. Zurzeit befinde ich mich in letzterer, in einem gemütlichen Stübchen, wie man sie nur in englischen Dorfwirtshäusern trifft, im vollen Genuß der strahlenden Wärme englischer Kaminpoesie. Zwei Haustöchterlein unterbrechen mich abwechslungsweise, indem sie die Katze das eine Mal hereinlassen, das andre Mal wieder hinausjagen. Morgens früh, etwas vor sechs Uhr, in grauer Morgendämmerung, gehe ich den nächsten Weg dem Pfluge zu, über den stillen Kirchhof von Hatham, vorbei an einem alten, gut gotischen Kirchlein, das zwischen Platanen und echten Zedern fast begraben liegt, und wenn die Sonne blutrot über Essex aufsteigt, habe ich glücklich das flache Hochland und meine Bluntsfarm erreicht. Dann beginnt die moderne Idylle sich zu regen. Es nebelt; der schwarze Qualm unsrer Maschinen ist von den grauen, treibenden Wolken kaum zu unterscheiden; unser Maschinist pfeift, und hinter dem Walde antwortet ein zweiter Pfiff; nicht das Echo, sondern eine weitere Lokomobile, die ein noch wunderlicheres Instrument als das unsrige langsam über die Stoppeln zieht. Dort drainieren sie nämlich mit Dampf; auch eine Erfindung unsers genialen Fowlers! Fünf Minuten vergehen und durch die Morgenstille, die das leise Schwirren unsrer Drahtseile noch nicht unterbricht, tönt fernher von der nächsten Farm ein dritter Pfiff; dort setzt sich eine Dampfmaschine in Bewegung, die Berge gedroschenen Strohs um sich herwirft. So werden sich die Idyllen der Zukunft wohl überall gestalten. Aber anstatt das Bildchen in niedliche Verse zu bringen, gehe ich morgens und abends meinen Weg mit gesenktem Haupte und dichte und trachte, wie ich meine selbsttätigen Seilträger gestalten muß, um sie dem Vorhandenen ebenbürtig an die Seite stellen zu können. Es ist mein erster Gedanke auf diesem Gebiet. Schritt für Schritt bin ich seit vier Wochen gegangen; noch ist der letzte nicht getan, aber er wird getan werden und könnte weiterführen, als ich zu hoffen wage. 22. Leeds, den 29. November 1861. Bewegte Zeiten! Zum Glück, vielleicht auch zu meinem Schaden habe ich mich in den philisterhaften Grundsatz hineingearbeitet, das Nächstliegende für das Wichtigste zu nehmen, und so will ich unbeirrt mit Hatham fortfahren, wo ich im letzten Brief steckenblieb. Ja, »steckenblieb« in mehr als einem Sinn, ganz abgesehen vom Morast, in dem ich manchmal buchstäblich Gefahr lief, die Stiefel zu verlieren. Das Unglaubliche hat sich ereignet, daß ich mich um ein Haar sterblich verliebt hätte. Vielleicht hab' ich's. Wer kennt sich selbst in diesem Zustand? Die »moderne Idylle«, die bis Hatham in Rauch, Dampf, Nebel, Regen und Schnee recht kühl dahinlief, bekam plötzlich Hände und Füße und ein über die Maßen liebliches Gesichtchen. Mir gegenüber brauche ich keine Entschuldigung. Der Welt gegenüber sage ich mit Stolz, daß es die schönste Engländerin ist, die ich je, von Kent bis Lancastershire, gefunden habe. Es kam bis zum Austausch von Haarlöckchen; schwarz und rot, die schwäbischen Landesfarben. Was, bei allen alten Göttern, ließe sich dagegen einwenden? Es waren rauhe Tage in Hertfordshire trotzdem! Morgens vor dem Grauen des Tages heraus, eine Stunde Wegs durch den fröstelnden Nebel, durch Schneefall oder strömenden Regen nach dem Gute. Die Tagesarbeit: Stunde um Stunde auf dem Pflug sitzen und steuern, oder durch den von der Maschine fußtief zerwühlten Kot waten, gelegentlich förmlich darin liegen und mit den nassen, schmutzüberzogenen Werkzeugen hantieren, wenn etwas gebrochen war; das Frühstück und Mittagessen in einem elenden Kneiplein, eine Viertelstunde vom Gut; war's ein Regentag, von den Knien abwärts – ein Vorteil des Regenmäntelchens – stets naß zum Auswinden, und so den lieben langen Tag feldauf und -ab, bis die Dämmerung gnädig die Signale unsichtbar machte; dazu keine andre Gesellschaft als die rohesten Bauernjockel, deren einziges Gefühl ein dumpfer Haß gegen den » foreigner « zu sein schien. Ja, es war eine Idylle, die sich in kein mir bekanntes Versmaß bringen lassen wollte. Mit jedem Tag wurde ich daher froher, wenn die Sonne drunten war und ich im Geschwindschritt meinem gemütlichen Kaminfeuer zusteuern konnte, wo ich wußte, daß ich nicht lange allein bleiben würde. Aber schwere und heitere Stunden – das Schaffen im halbgefrorenen Kot und das Spielen mit heißen Kastanien nahm sein Ende, und gegen Schluß der vierten Woche schrieb ich der Verabredung gemäß nach Leeds, daß ich nun genug wisse. Sie hing ihr Köpfchen tief und kutschierte eigenhändig unsre beiden abschiedschweren Herzen nach der nächsten Eisenbahnstation. Damit endete Leid und Freud von Hatham für immer. Nun folgten in London ein paar Tage aufregender moderner Romantik, die ich noch nicht ganz verwunden habe. Mr. Fowler, freundlich wie immer, fragte mich, wie mir's gegangen, und schloß, als spräche man von einem kleinen Ausflug nach Wakefield: »Gut, Herr Eyth! Sie können sich bereithalten, in vierzehn Tagen nach Ägypten aufzubrechen; hätten Sie Lust?« Wie ein elektrischer Schlag fuhr mir's durch Leib und Seele. Mein schlechtes Englisch wollte im ersten Augenblick nicht ausreichen, die himmelhoch jauchzende Freude auszudrücken. Aber ich glaube, sie war genug sichtbar, und so kam die Sache nach einer Stunde nahezu zum Abschluß. Zwei Dampfpflüge mit den dazugehörigen Maschinen müssen nächste Woche in Liverpool eingeschifft werden. Es schien nur noch fraglich, ob ich den Seeweg mit den Maschinen oder zu Land über Triest gehen sollte. Die Maschinen gehören dem Oheim des Vizekönigs; das Feld, auf dem sie zu arbeiten haben, liege am Fuß der Pyramiden, und Miß Bitter, die meine Begeisterung teilt, bestellte bereits Steine von Memphis und Thebä und womöglich ein Stück von der Memnonsäule, das morgens noch klinge. Allerdings zeigte sich auch alsbald eine Schwierigkeit. Der Pascha wollte seine Engländer ein Jahr lang behalten, und ich sollte zur Weltausstellung im Mai zurück sein. Der Gedanke, daß es zu schön wäre, wenn der Plan zur Ausführung käme, ließ mich keine Ruhe finden. Und es wäre zu schön gewesen! Nach zwei Tagen waren die Würfel gefallen; ich hatte verloren. Mr. Fowler fand es freundlicherweise der Mühe wert, mir etliche Trostworte zu spenden, mit denen er mich nach Leeds zurückschickte. Und da bin ich nun wieder, halb verliebt, halb mich sehnend nach den Palmen des Ostens, nach wie vor inmitten eines wunderbar gestalteten Haufens von Unrat, in welchem die ewige Allmacht den lebendigen Odem nicht noch ganz hat ausgehen lassen. In technischer Beziehung ist es vielleicht ein Glück, daß mir Ägypten entwischte. Fowler denkt so und hat wahrscheinlich recht. Bei Mrs. Bitter, wo noch immer mein Absteigequartier war, wenn mich der Weg durch London führte, hatte ich im Laufe des Jahres einen Herrn Lobscheid, einen deutschen Missionar, kennen gelernt, der in halb politischer Mission aus China zurückgekehrt war und sich bemühte, Sympathien und namentlich auch Leute für die damals in vollem Siegeszug vordringende Taipingrebellion zu werben. Er hatte auch mir Anträge in diesem Sinne gemacht, und meine Verhandlungen mit ihm hatten sich durch den ganzen Sommer und Herbst hingezogen. Natürlich hatten meine Eltern gegen diese phantastischen Pläne die ernstesten Bedenken, während mich die abenteuerlichen Schilderungen Lobscheids lebhaft anzogen. Auf diese Verhältnisse bezieht sich der letzte Brief aus dem vielbewegten Jahr, das mich im dunkeln Drange nach einer Lebensaufgabe noch zu keinem Ziele geführt hatte. 23. Leeds, den 26. Dezember 1861. Ihr schickt mir ein gewaltiges Weihnachtspaket, das, wie ich wohl sehe, die alte Liebe gefüllt hat. Auch ich schicke Euch diesmal ein gewichtigeres Päckchen, das Euch freuen wird, so unscheinbar es aussieht – eine Entsagung. Wenn ich mich je einmal entschließen muß, einer gewitterschweren Zukunft mit all ihren Gefahren und Wechselfällen entgegenzugehen, so will ich wenigstens hinter mir blauen Himmel haben, will, wenn ich mir die teuersten Beziehungen des Lebens in Erinnerung rufe, nicht auch da noch von dem Gedanken gequält sein, daß alles auf Erden nur Jammer und Elend und Kampf ist. Etwas muß der Mensch haben, mit dem er die Dämmerstunden ausfüllt; und Ihr lasset mir keine Wahl . Es ist unnötig, die Sache noch einmal zu erörtern. Es waren nicht die glänzenden Versprechungen, die mich anzogen, noch sind es die Schilderungen von dem entsetzlichen Zustande Nankings, die mich abhalten würden; auch verspüre ich nicht den mindesten jugendlichen Drang, für Humanität mittels Dampf zu wirken. Es war einfach der Blick auf mein vergangenes Leben, auf die Verhältnisse um mich und hinter mir, vielleicht halbverzweifelnder Egoismus, der mich einem solchen Entschlusse in die Arme trieb und noch treibt. Und neben all dem war ich wirklich von Herzen froh, etwas gefunden zu haben, hinter dem dieser Egoismus sich vor sich selbst verstecken konnte, vielleicht nur ein Wort, ein Klang, vielleicht (das wissen wir alle nicht) doch etwas mehr. Was bietet sich mir hier? Wenn ich mein Glück, meinen Lebenszweck nicht unter Gefahren und Kämpfen im fernen Osten suchen soll: wer bürgt für meinen Lebensgang in Europa? Gehen vor unsern Augen nicht hundert tüchtige Kräfte ruhmlos zugrunde, keineswegs im Kampfe mit dem Leben, sondern im Kampfe gegeneinander? Muß man nicht drei Viertel seiner Kraft darauf wenden, um nur die Erlaubnis zu erhalten, das letzte Viertel wirklich in nützlicher Weise verwenden zu dürfen? Das Arbeiten war meine Freude, seit ich weiß, wozu Adam sein steinichtes Feld erhielt; aber der Kampf mit Stahl und Eisen, mit Gas und Dampf, der mir das Herz fröhlich schlagen machte, ist beim Licht betrachtet das Wenigste. Die Hauptsache ist ein widerwärtiges, peinliches Ringen mit den Menschen um uns her, in der Schule um den ersten Preis, in der Fabrik um die erste Stelle. Wie soll es enden, wenn stets zweihundertfünfzig Leute nach einem Apfel greifen? Ich sehe keine so große Kluft zwischen dem offenen, blutigen Kampf, dem Arbeiten und Bauen aus dem rohen und reichen Material, dem ich in China näher getreten wäre, und dem stillen, heimlichen Ringen, worin jeder bei uns die Lebenskraft des Nächsten untergräbt und vergiftet. Ich verspreche mir nicht viel Angenehmes vom Leben, weder hier noch dort; gekämpft muß sein; aber ich hätte herzlich gerne einmal die andre Fechtart versucht. »Unsre Betrachtung wird immer trauriger!« wie der selbsterkenntnisvolle Pfarrer predigte – und über China habe ich noch nichts geschrieben. Den Entschluß zu fassen hat mich etwas gekostet; ihn aufzugeben kostet mich fast noch mehr. Ich habe im vergangenen Jahre viel gesehen von den Zuständen unsrer sozialen Welt; 's ist kein Wunder, daß sie wie ein Londoner Novembernebel auf mir liegen. Dahinter aber sah ich immer die blaue Heimat, die soll und wird mir nicht verschwinden. 24. Leeds, den 8. Januar 1862. Diesmal im Sturmschritt des Geschäftslebens! Acht Tage Arbeit im alten Stil lagen vorgestern hinter mir, jede Nacht skizziert, gezeichnet, gerechnet und gewaltige Massen Gummi zerrieben. Das Jahr der großen Ausstellung war angebrochen. Ich aber dachte: ›Jetzt oder nie!‹ nahm mein bescheidenes deutsches Herz in beide Fäuste und fragte Mr. Fowler, ob er zu sprechen sei? Durch meine geheimnisvolle Miene erschreckt, beschied er mich auf den Abend in seine Villa. Dort legte ich ihm meine selbsttätigen Seilträger vor, und nach zwei Stunden des Erklärens und Erwägens war der Sieg gewonnen. In acht Tagen, sobald ich mit den Detailzeichnungen im reinen bin, sollen die Maschinenteile für die erforderlichen Versuche angefertigt werden. Damit wird der Kampf nicht bloß mit Dingen, sondern vor allem mit Menschen beginnen. Er ist in dem erfinderischen England so hart als irgendwo. Selbst unser Beruf, welcher dem Fortschritt sein Dasein verdankt, ruht auf konservativem Grund, der für alles Neue schwer zu bewegen ist. Wir werden auf viel Widerstand stoßen – meinte auch Fowler –, aber wir wollen sehen, daß wir's durchfechten! 25. Leeds, den 25. Januar 1862. Ihr fragt, was selbsttätige Seilträger seien. Leider lassen sie mir Zeit, dies deutlich zu machen. Die den Pflug ziehenden Drahtseile sollten der Reibung wegen nicht am Boden schleifen und werden von Rollen getragen, welche sich auf kleinen Wagen befinden. Diese Wagen müssen, wenn der Pflug herankommt, weggezogen und hinter demselben wieder untergeschoben werden. Es geschieht von zwei Jungen, die den lieben langen Tag vor und hinter dem Pflug herlaufen müssen: Ich selbst spielte den einen dieser Burschen ein paar Tage lang, wobei ich mir einbildete, auf diese Weise meine erste Lektion im Dampfpflügen zu erledigen. Dabei kam mir der Gedanke, diese Wägelchen könnten ihr Geschäft recht wohl allein besorgen, und quälte mich so lange, bis der Plan zu selbsttätigen Seilträgern fertig war. Ging es wie in einem Roman, so wären sie selbst jetzt fertig und würden morgen zum ersten Versuch aufs Feld geführt. Aber »das Leben« geht langsamer und häufig kreuz und quer. So hat eine längere Abwesenheit Fowlers und manches andre die Sache verzögert, so daß erst morgen ein ernsthafter Anfang gemacht werden kann. Doch hat sich meine Stellung in und außerhalb der Fabrik durch all das wesentlich geändert. Vor einigen Tagen brachte ich wieder einen Abend bei Mr. Fowler zu, der, als wir ums Kamin beisammen saßen, in seiner gewohnten freundlichen Weise anfing: »Na, Herr Eyth, die sechs Monate in London werden Ihnen langweilig werden!« Damit wußte ich endlich bestimmt, daß ich während der ganzen Ausstellung dort sein werde. »Es tut mir leid, aber Sie haben des Tags nur sechs Stunden zu tun und können sich dann die andern Sachen betrachten. Später haben wir genug Arbeit für Sie. Wenn sich der Handel mit Österreich, wie ich hoffe und sehe, entwickelt, habe ich im Sinn, in Wien oder Pest eine Filiale zu begründen, welche die Reparatur der in Deutschland stehenden Maschinen zu besorgen hätte. Mit der Leitung dieser Anstalt würde ich Sie betrauen.« Der Horizont weitet sich, nicht wahr? Mit solchen Ausblicken in die Zukunft läßt sich die Gegenwart ertragen, auch wenn die Seilträger noch monatelang auf sich warten lassen sollten. 26. Leeds, den 11. Februar 1862. Sie hat mein Blut tüchtig in Wallung gebracht, diese Seilträgerei, bis ich den Verlauf der Dinge mit Ruhe abwarten lernte. Der leitende Zeichner auf unserm Bureau und deshalb leider vorläufig nicht mein Freund, hat mich klugerweise derart mit Geschäften überhäuft, daß ich keinen Strich in der mir so wichtigen Sache machen konnte. Auf diese Weise hatte er für den Augenblick gesiegt. Nach vierzehn Tagen des Zuwartens, die mich halb wütend machten, sprach ich mit Mr. Fowler, der mir aber auch, mit großer Freundlichkeit, auseinandersetzte, daß gegenwärtig, wo so viel zu organisieren sei, wo der herannahende Frühling, die Ausstellung und so weiter alle Kräfte in Anspruch nehmen, neue Pläne notgedrungen zurückstehen müßten. Da ich nun keinen so harten Kopf habe, um durch jede Wand rennen zu können, so wurde ich melancholisch und wäre es noch, wenn sich nicht seit der Zeit wieder allerhand zu meiner Aufheiterung ereignet hätte. Mit der Patentfrage steht es nämlich so: die ursprünglichen Patente für das Fowlersche Pflugsystem, zwölf bis fünfzehn an der Zahl, sind von Fowler, Greig, Burton und Head genommen, da nach englischem Gesetz ein Patent nur auf den Namen des wirklichen Erfinders gegeben wird. Head, ein früher mit Fowler arbeitender Ingenieur, ist seit etlichen Jahren von demselben getrennt in London. Dieser Herr ist nun der Erfinder von älteren selbsttätigen Seilträgern, die mißlangen. Seine Patentspezifikation lautet aber so, daß Head den Gedanken selbsttätiger Seilträger an sich, ganz abgesehen davon, wie man ihn ausführt, patentiert zu haben glaubt. Ist dies richtig, so ist er berechtigt, nicht nur mir jedes Patent zu verwehren, sondern selbst die Ausführung und den Verkauf meiner Erfindung zu unterdrücken. Das ist alles sehr wunderlich, aber es ist gesetzlich nicht umzustoßen. Head war nun hier und erklärte mir mit englischer Ruhe: »Sehen Sie, wenn Sie die Sache zuwege bringen, möchte ich gern einiges Geld damit verdienen. Es ist allerdings billig, daß Sie auch etwas davon haben. Ich will Ihnen die ersten zwanzig Pfund geben, die sie mir einbringt. Sind Sie zufrieden?« – Zufrieden war ich nicht, hoffe aber, daß Fowler mir zu meinem Recht verhelfen wird; dem Mann würde ich mein Seelenheil anvertrauen. Was die Verzögerung anbetrifft, so tröstete mich Burton, der Erfinder der Klappentrommel: Auch er habe drei volle Jahre gewartet, ehe man seine Erfindung ausgeführt habe, auf der heute das ganze Fowlersche Einmaschinensystem beruht. Solamen miseris ! Auch trösten mich manche Nebenwirkungen meiner Seilträger. Seitdem sie – noch nicht auf der Welt sind, werde ich herbeigezogen, so oft es etwas Neues zu konstruieren gibt. Das ist eigentlich alles, was ich brauche, um glücklich zu sein. Die jüngste dieser Aufgaben hat mich ein paar schlaflose Nächte gekostet; aber Mr. Fowler rief auch im ersten Eifer des Gefechts: »Das ist Gold wert!« Nun wird die Sache ausgeführt. Der erste Zeichner, mein Widersacher von Amts wegen, verspricht zwar in zwei Tagen eine zweite Lösung des Problems zu bringen, mit der er mich vermutlich aufs Haupt schlagen werde. Das wird sich ja zeigen! Für meine technischen Freunde sei bemerkt, daß es sich hierbei um den Wickelapparat der horizontalen Seiltrommeln des Zweimaschinensystems handelte, der bis zur Gegenwart wesentlicher Teil dieser Gattung von Dampfpflügen geblieben ist, während die Seilträger, auf die ich zu jener Zeit so große Hoffnungen gesetzt hatte, nie von Bedeutung geworden sind. 27. Leeds, den 22. März 1862. Meine Stunden in Leeds sind gezählt; ich werde in London sitzen, ehe man die Hand umdreht. Die Vorbereitungen zur Ausstellung, die wie üblich viel zu lang hinausgeschoben wurden, liegen seit drei Wochen hart auf meinen Schultern. Ein Schreiben von »Her Majesty´s Commissioners«: .. »daß dem Gesuch um Verlängerung der Einlieferungszeit unsrer Gegenstände nicht entsprochen werden könne«, brachte Leben in die Sache. Jetzt galt es, innerhalb drei Wochen Entwurf und Zeichnungen für eine künstlerisch wirksame Tribüne zu machen, die dunkel in Mr. Fowlers Hinterhaupte schlummerte, dieselbe zu bauen, anzustreichen, auseinanderzunehmen, nach London zu schicken und dort zwischen den sich aufstauenden Schätzen der Welt würdig aufzustellen. Nachdem ich mit ein paar Skizzen – keiner meiner englischen Freunde kann skizzieren, außer Punch – bewiesen hatte, daß ich weiß, was man will, überließ man mir alles, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Nun errichte ich einen gotischen Tempel, der wundersam ins Bauwerk verwoben einen Balancierpflug trägt und neben den nötigen Bureauräumen die Preise birgt, die Fowler in England, Frankreich und Deutschland errungen hat. Ägypter, Tataren und Sandwichsinsulaner werden diesen Bau genügend bewundern, hoffe ich. Auch die deutsche und französische Übersetzung unsers Katalogs wird in den nächsten Tagen beendet sein. Bis jetzt wenigstens hat mir die angefochtene Vielseitigkeit unsrer deutschen Erziehung im Lande der großartigen Einseitigkeiten noch nicht viel geschadet. 28. London, den 15. April 1862. Es ist Nacht und geht auf zwölf; der erste Augenblick, den ich seit zehn Tagen für mich habe, und dieser nicht ohne hundert störende Gedanken an Packträger und Weltenglück, Eisenbahnwagen, Karrengäule, Maler, Schreiner und Schlosser, Rechnungsabschlüsse, Patentbeeinträchtigungen und Gipsfigurenhändler! Das Haus schläft, Middleton Square schläft, drei Viertel von London schläft, und ich hätte eigentlich auch ein Recht dazu. Wo und wozu soll ich auch anfangen, Euch auf einem Oktavblättchen zu beschreiben, was die Menschheit seit etlichen tausend Jahren fertiggebracht hat und hier zusammenschleppt? Von morgens früh bis in die späte Nacht ist's ein Jagen und Treiben, das jeder Phantasie spottet; die trockenen Engländer tun's ruhig, die Franzosen tun's zappelnd, und die Deutschen mit zornbebenden Nerven und triefender Stirne. Doch sind meine lieben Landsleute die letzten, und wenn auch alles andre bis zum 1. Mai fertig wird, so wird doch der Zollverein seine unrühmliche Sonderstellung wahren. Heute konnte ich eine halbe Stunde ersparen und rannte in den entgegengesetzten Flügel des Riesenbaues, um meinem Vaterland einen Besuch abzustatten, über messingene Löwen und Apostel aus Terrakotta, über Armstrongkanonen und Mähmaschinen, über Porphyrsäulen, Glocken, Orgeln, Mahagonistämme, Schiffsanker, Seehundsfelle, Kölnischwasser-Springbrunnen, Seifenkandelaber, Bessemer Stahlplatten und dunkle, nicht zu enträtselnde Gerüste aller Art wand ich mich durch die lärmenden Gebiete von Jamaika, Kuba, Ceylon, England, Frankreich, Belgien und Skandinavien durch, bis ich in ein stilles Viertel kam, wo, wie vergessen, aber zur Turmhöhe aufgebeugt, Kiste an Kiste stand und darauf das Wappen meines großen sowie das meines kleinen Vaterlandes prangte. Die einzige Stunde, die ich am vorigen Sonntag ersparen konnte, verwandte ich zu einem Besuch bei Direktor von Steinbeis, der mir von jeher so vieles Wohlwollen gezeigt und so manchen Empfehlungsbrief geschrieben hat. Der wackere Mann ist krank vor Elend und Kampf und Arbeit. »Alles, was die Preußen bis jetzt zustande gebracht haben,« klagte er, »ist, unsern Tischbeinen schwarz-weiße Hosen anzuziehen! Natürlich muß ich sie gleich wieder ausziehen lassen!« Mein Tempel ist halb fertig und findet bereits allgemeine Anerkennung. Ich hoffe, er wird in der englischen Agrikulturabteilung ohne Nebenbuhler dastehen. Unser Nachbar, Fowlers Hauptgegner in England, Mr. Howard, ist erbost. Dies ist ein gutes Zeichen. Alles um mich her macht mir viel Spaß, Freude, Stolz, Arbeit, Mühe und Demütigung. Denn es ist unglaublich, wie vieles in der Welt ist, von dem man nichts gewußt hat, und das man nicht versteht. So feiern wir im frommen England – »die stille Woche!« 29. London, den 27. April I852. Ob ich am Ende doch Nerven habe? Geschäftssorgen können in meinen Jahren an der ersten buchstäblich schlaflosen Nacht doch nicht schuld sein, wenn sie mich in den letzten vierzehn Tagen auch von verschiedenen Seiten angriffen. Ich war nämlich gleichzeitig Schriftsteller, Übersetzer, Setzer (letzteres jedoch nur in Messingbuchstaben), Maler, Lackierer, Glaser, Schreiner, Schlosser, Tapezier, Maschinenwärter, Zeichner, Ingenieur, Laufbube, Gerichtszeuge, technischer Sachverständiger, Dolmetscher, Agent, Spediteur, Tagelöhner, Kaufmann und Dichter. Daß ich mich selbst besungen habe, wird mir unter obwaltenden Umständen verziehen werden. Der östliche Anbau des Hauptgebäudes der Ausstellung, in welchem wir von der englischen Landwirtschaft hausen, ist nahezu eröffnungsfähig. Ich wäre gestern vollständig ins reine gekommen, hätte nicht mein liebes Vaterland mir einen Streich gespielt, oder ich ihm. Direktor von Steinbeis fragte mich vor einigen Tagen, ob Fowler nicht geneigt wäre, eine Sammlung von hundert Pflugmodellen aller Nationen aus Hohenheim irgendwie in der englischen Abteilung aufzustellen, da die Württemberger schlechterdings keinen Platz dafür fänden. Die Kiste lag hoffnungslos im westlichen Anbau. Im stillen war ich voller Jubel; denn ich hatte unter meinem Tempel den prächtigsten Raum für die hübsche Sammlung und nur die eine Sorge, die deutschen Kommissäre möchten ihren kühnen Entschluß nach einer halben Stunde bereuen. Rasch nahm ich deshalb Leute und Pferde und führte meine Beute im Triumph herüber, packte alles aus, zerschlug die Kiste und begann damit, das erforderliche Gestell aus schwäbischen Brettern aufbauen zu lassen. Dies ahnt Deutschland heute noch nicht, trotz der vielen Wappen, welche die schlaue Zentralstelle auf das Holz gebeizt hatte, um jeden Diebstahl unmöglich zu machen. Die Reue in Gestalt des Herrn Assessors Gaupp kam denn auch bald genug, und ich konnte den Sturm nur durch Anbringung mehrerer schwarzroter Fahnen und auf besonderes Verlangen, da ich mich gegen das Annageln eines württembergischen Wappens sträubte, einiger messingener W beschwören. Fowler, der mich fast täglich besucht, war über die neue Erwerbung entzückt, und die Württemberger müssen es schließlich mit sauersüßem Gesicht als Gefälligkeit betrachten, daß man ihnen einen der interessantesten Gegenstände entführt hat. Im übrigen steigt die Ausstellungsverzweiflung ins Riesenhafte. Noch drei Tage! Der Festzug, der durch den Torweg in der Cromwell Road eintreten soll, naht so gewiß als der Tod; die Löcher und Mauerdurchbrüche, durch welche Kisten ein- und ausgebracht werden, fangen seit gestern an enger zu werden und müssen bis übermorgen verschwunden sein. Meyerbeer ist hier und Auber, mit Pauken und Trompeten; Standarten, Staatskarossen und Eröffnungsreden in Glace stehen vor der Türe, und wie sieht's innen aus! Die Engländer mit ihrer ruhigen Geschäftigkeit sind am weitesten. Da geht's im gemessenen Schritt vorwärts, ob der Lordmayor am Tore pocht oder der Kaiser von Frankreich. Glaubt Ihr, ich könne meine Tischler bewegen, nach sieben Uhr abends noch einen Hammer aufzuheben? Am trostlosesten scheint es in dem lebhaftesten Viertel zu sein, bei den Franzosen. Drum bleibt es eben überall wahr: »Dem Phlegma gehört die Welt.« Ist's auch nicht so schlimm wie bei den Franzosen, so kann man doch nirgends so gut lernen, was »verzwatzeln« heißt, als in der deutschen Abteilung. Die vaterländischen Einheitsbestrebungen gipfelten in dem Beschluß: »die verschiedenen Kommissäre mögen die rühmliche Idee kollegialisch zu verwirklichen suchen«. Damit war der kleine industrielle Bundestag begründet. Zuerst waren die Preußen auf dem Platz. Dann kamen die andern, und die »kollegialische« Tätigkeit begann. Nach zwei Wochen war deren Ergebnis die allgemeine Überzeugung, daß es ganz unmöglich sei, »kollegialisch« die Einheit Deutschlands zur Darstellung zu bringen. Somit sollte jedem Ländchen seine Anzahl von Quadratfuß zugeteilt werden. Damit begann ein heißer Territorialkampf, in welchem, wie ich vermute, das Übergewicht preußischer Militärmacht über Württembergs Intelligenz zugunsten der ersteren entschied, weshalb man »hierseits« die Preußen mit voller Herzensüberzeugung »den unfähigsten Volksstamm Deutschlands« nannte. Ein kleiner Saal wird dennoch als »Vereinigtes Deutschland« behandelt. Dorthin stellt man, was sonst nirgends Platz hat, entbehrlich oder zu schlecht erscheint. Dort wütet denn auch die deutsche Eintracht unbeeinträchtigt. Wo ein Württemberger seine Klaviere hinstellen will, hat bereits ein Sachse seine Lederhandlung errichtet; wo ein Preuße mit Zucker- und Teebüchsen prunkt, will ein Bayer die Welt mit einem Riesenbierfaß ergötzen. Und bei all dem arbeiten sie alle mit übermenschlichem Eifer: die Assessoren schwitzen, und die Assistenten verzweifeln, die Direktoren werden krank vor Anstrengung, und zahlreiche Doktoren haben die Köpfe verloren und geben sich die erdenklichste Mühe, längst geleerte Kistchen zu öffnen, weil das »leer« nicht auf der Seite steht, die ihnen zugekehrt ist. Stellt Euch mit mir unter den westlichen Dom – der den Preußen gehört – mitten zwischen den braunen Tiger, welcher sich mit einem nackten Neger aus Gußeisen am Boden balgt, und den bronzenen Fechter, dessen mächtige Schenkel in packpapierenen Hosen stecken und der hoch um die geballte Faust einen Zettel trägt mit der Aufschrift: »To her Majesty´s Commissioners. Zollverein. Door D. Cromwell road« – und schaut nach Osten. Vor uns dehnt sich ein riesiger Raum, verschwimmend in bläulichem Nebel, in welchem der Reichtum und die Geisteskraft von sechs Jahrtausenden ihre Schätze aufhäufen und ausbreiten. Wie groß ist die Menschheit in ihren Werken und wie possierlich sind die Menschlein in ihrem Tun! Das habe ich dort schon oft mit leisem Schauder und mit hellem Lachen empfunden, ehe ich meiner eignen Abteilung wieder zueilte, um vielleicht einen Fuhrmann mit steinerweichenden Bitten zu bewegen, mir einen Haufen alter Bretter fortzuschaffen, die mir im Wege liegen. 30. London, den 6. Juni 1862. Wie die Zeit fliegt! Mehr als ein Monat ist seit der Eröffnung der Ausstellung verflossen, und ich habe nicht einmal oberflächlich alles gesehen und muß selbst in meinem eigensten Gebiet jeden Tag wieder Neues finden! Allerdings die sechs Arbeitsstunden, die mir Mr. Fowler in Aussicht stellte, dehnen sich zu acht einer erschlaffenden Tätigkeit aus. Wie ein Star fünfzigmal das gleiche auf französisch, englisch, deutsch oder auch italienisch zu erklären, ist härtere Arbeit, als im Feld fünfhundertmal auf und ab zu pflügen, wobei man doch eine Furche hinter sich und Schwielen in den Händen sieht. Doch – »jemand muß es tun!« – dies ist der eine, und dann ein Gang durch die Schätze dieser Welt ist der zweite, tröstlichere Gedanke, welcher mich auf meinem Posten hält. Seit etlichen Tagen fangen die Räume an sich zu füllen, und Tausende wogen auf und ab von Dom zu Dom unter der buntbemalten Wölbung des Schiffs, oder unter den Glasdächern der Seitenbauten. Gestern waren um vier Uhr achtzigtausend Leute unter einem Dach und bewegten sich trotz der babylonischen Sprachverwirrung friedlich summend durcheinander. Wäret Ihr hier, wir kämen auf unserm ersten Gang vom östlichen Dome aus, unter dem ein prachtvoller Springbrunnen haushoch parfümiertes Wasser speit und ein Drache dem Ritter Georg Londoner Eau-de-Cologne ins Gesicht spritzt – wir kämen kaum an den riesigen Armstrongkanonen vorüber, ohne sogleich auf selbsterwählten Irrwegen in die englische Marineabteilung einzubiegen. Man kann sich nichts Unterhaltenderes denken. Modelle ziehen den Menschen unwiderstehlich an. Stehen die Riesenwerke von Penn oder Withworth oft minutenlang unbeachtet, so ist sicher stets ein dichtes Gedränge um das Modell derselben Schiffsschraube, die in natura fast niemand beachtet. Woher kommt das? Ist es der uralte Spieltrieb, der unbewußt so viel Großes geschaffen hat? Hier sind wir in einem wahren Paradiese für diese kindliche Neigung im Menschen. Da steht der große »Warrior«, das erste Panzerschiff Englands, und ist nur sechs Schuh lang. Da stehen Schiffe der alten Römer, zum Vergleich neben den eleganten Booten der Gegenwart und den wunderlichen Geschöpfen der Zukunft. Schrauben und Schaufelräder, Segel und Mäste, berühmte Wracks und unsinkbare Schiffe, Brander und Rettungsboote liegen in niedlicher Reihe nebeneinander, zuweilen reichlich bemannt mit Matrosen aus Kork. Dann sind Docks zu sehen, trockene und nasse, schwimmende und feste, Schleusen und Kanäle und eine Reihe von Leuchttürmen mit den sie umgebenden Felsenpartien oder Sanddünen. Wie ein alter Bekannter grüßt mich hier das Modell des Nordstakes bei Holyhead, in dessen grausig-herrlicher Umgebung ich vor einem Jahr schwelgte. Aber es wird Abend. Ich bin müde und satt all des Großen und Herrlichen um mich her und gehe deshalb in die deutsche Abteilung. Der Zollverein liebt die Kinder, worüber sich die herzlose »Times« nicht genug wundern kann. Sie erzählt mit englischer Unverschämtheit und trauriger Naturwahrheit: »Wer von Deutschland nur diese Abteilung gesehen, könnte in der Tat die Deutschen für eine Nation großgewachsener Kinder halten. Die Freude an hübschen oder wenigstens billigen Spielsachen scheint sich durchaus nicht auf die eigentlichen Kinder des Landes zu beschränken. Unlängst sahen wir in der deutschen Ausstellung acht langbärtige Herren einer durch ein Uhrwerk bewegten Maus nachrennen – nachrennen, sagen wir, jubelnd und frohlockend, wie es wohl den Knaben und Mägdlein ansteht, welche sie vermutlich in den Kinderstuben zu Augsburg und Nürnberg zurückgelassen. Möge der deutsche Stamm noch lange diese erfrischende Heiterkeit, diesen kindlichen Sinn bewahren!« Ich eilte mit diesem Blatt zu meinen Landsleuten und las dem aufmerksamen Publikum die Geschichte vor. Unglücklicherweise war der Besitzer der Maus auch unter meinen Zuhörern und geriet in keinen geringen Zorn, den ich mit der Bemerkung nicht beschwichtigen konnte, daß ein kindliches Herz keine Schande sei. So geht der Tag zur Neige, und wenn ich in der Frühe auf geistigen Raub ausgegangen, mittags redlich gearbeitet und abends mich genügend geärgert habe, dann findet mich die Dämmerung häufig in dem allmählich leer werdenden bayrischen Viertel; die deutsche Natur kommt schließlich doch zum Durchbruch, und ich sehe nach all den Wundern der Erde mit Behagen »Münchner Bilderbogen« an und erfrische mein Gemüt an den herrlichen Variationen des Verses: »Wenn der Mops aus dem Napf die Wurst verschlingt, Und der Storch mit dem Frosch übern Napf wegspringt.« – – Sinniger läßt sich das Treiben um mich her nicht schildern. Bin ich nicht müde genug, um in derartigen Tiefen Erquickung suchen zu müssen, so genügt ein Gang durch die Gemäldegalerie, mich in die Heimat zurückzuversetzen. Die Räume haben sich bereits entleert, und an das Gedränge von Tausenden gewöhnt, ist man ordentlich allein, wenn vielleicht nur noch hundert oder zweihundert Personen sich um die Bilder drängen. Dort schreitet Nero düster über die Trümmer von Rom – hier liegt Egmont in seinem Blut – dort ist Dantes »Göttliche Komödie« in zwölf kühnen Skizzen verkörpert – hier steht Goethes Faust oder Shakespeares Richard leibhaftig vor uns. Der Bau der Pyramide und die Zerstörung des Malakows, der stille Gebirgssee der Alpen und der Hurrikan im heißen Süden, der betende Araber in der Wüste und Franklins eingefrorene Fregatte, alle Zeiten, alle Himmelsgegenden, alle Kräfte des Menschen haben hier oben im Reiche der Phantasie geschaffen wie drunten im Reiche des Verstandes. Ein Turm von Babel, der Völker und Zeiten vereinigt, scheint endlich fertig geworden zu sein nach vier- oder fünftausend Jahren. Aber wann werden die Millionen aufhören zu bauen? Und was wird der große Geist heute tun, der damals ihre Sprachen verwirrte? Doch nicht alle Abende enden mit diesem Pathos. Manchmal bin ich auch im engen Stübchen der württembergischen Kommissionen zu finden, schlau mit einem Vertrauten eine der ausgestellten Neckarweinflaschen entkorkend. Wir trinken auf das Wohl der fernen Heimat in Ermangelung von Gläsern aus Gugelhopfnäpfchen, ausgestellt von Maier oder Müller in Gmünd oder Aalen. »Ein jeder Stand hat seine Bürde, ein jeder hat auch seine Lust!« 31. London, den 29. Juni 1862. Trotz des bunten Allerleis der äußeren Umgebung drückt mich die einförmige Ausstellungstätigkeit schwer. Eine willkommene, wenn auch kurze Unterbrechung verschaffte mir nach homöopathischen Grundsätzen eine andre Ausstellung, die der Royal Agricultural Society zu Battersea, im Südwesten Londons, mit der ein Preis- und Wettarbeiten von zehn verschiedenen Dampfpflugapparaten verbunden war. Es endete, wie wir ja nicht anders erwarteten, mit einem vollständigen, wenn auch nicht mühelos errungenen Sieg der Fowlerschen Geräte. Die Abende und Nächte dieser heißen Woche brachte ich mit Fowler und andern englischen Ingenieuren zu und lernte dabei vieles, was man in Büchern und Studierstuben nicht lernt. Unter solchen Leuten wird einem der Unterschied zwischen dem deutschen und englischen Dichten und Trachten, zwischen Denken und Handeln, zwischen Vergangenheit und Zukunft unangenehm klar. Ich gebe mir redlich Mühe, mich von der deutschen Erbsünde, das Fremde anzustaunen, nach Möglichkeit zu befreien. Aber wo finden wir einen Maßstab, um bei solchen Vergleichen ohne Voreingenommenheit urteilen zu können? Der Fowlersche Stand in der Weltausstellung bietet mir täglich eine greifbare Darstellung dieses Verhältnisses. Hier stehen gewaltige Maschinen und Geräte, die Schöpfung einer energischen Jugendkraft unsrer Zeit, und daneben, auf dem Ehrenplatz des Standes, die Ergebnisse jahrelanger Studien der Vergangenheit, wunderliche Werkzeuge, die teilweise vor tausend Jahren schon vergessen waren. Nun ist es immer das erste Zeichen, woran ich den Deutschen von einem Engländer unterscheide: der eine bleibt vor der Sammlung stehen und betrachtet Stück für Stück die Geräte, die unsre Urväter gebraucht haben, der andre mustert die Maschinen, mit denen wir und unsre Enkel arbeiten werden. Für sie hat jener kaum mehr als ein verständnisloses Staunen; mit herablassendem Lächeln geht dieser an den alten Sachen vorüber! Wegen zweier Dampfpflüge für Deutschland stehen wir gegenwärtig in ernstlicher Unterhandlung. Wenn irgendwo, sollte auch in Hohenheim ein derartiger Apparat aufgestellt werden, um die jungen Landwirte an den entsetzlichen Anblick dieser harmlosen Höllenmaschinen zu gewöhnen. Aber ich befürchte, man wird lieber ein paar altägyptische Pflüge in natürlicher Größe ausführen lassen, in der Hoffnung, auf billigerem Wege dieselbe Wirkung zu erzielen. 32. London, den 24. Juli 1862. Die lieben Landsleute! Es wimmelt von Mayern, Maiern und Meiern; Häberle und Häufle, Stengle und Steinle machen die Straßen in Brompton unsicher. Briefe erreichen mich von allen Seiten, in denen ich um Ratschläge und Wohnungen gebeten werde. Bescheidenere Bekannte wünschen gewöhnlich, am Bahnhof oder vom Schiff abgeholt zu werden, »ohne den Tag der Ankunft näher angeben zu können!« Dazu statten mir gegenwärtig zwei hohe Herren täglich längere Besuche ab, um mein technisches Urteil über hundert Sachen zu vernehmen, die ich nicht verstehe. Derartige Urteile abzugeben lernt man mit der Zeit. Der eine ist eine historische Persönlichkeit, nämlich der Verteidiger von Sebastopol, Prinz Wasiljekow, der andre ein freundlicher Kroate mit roter Nase und der redlichen Absicht, einen Dampfpflug zu kaufen. Überdies habe ich in letzter Zeit die persönliche Bekanntschaft der Prinzen von Preußen, der japanischen Gesandtschaft, Said-Paschas, des Vizekönigs von Ägypten, des Gouverneurs von Algier, verschiedener Granden von Spanien und mehrerer Herren aus dem Oberamt Böblingen gemacht. Sonst bin ich wohl und gesund, genieße von Londons Leben nur einen Dezimalbruch und sehne mich nach grünen Wäldern und frischer Luft. 33. London, den 15. August 1862. Ja, ich bin's herzlich müde, das bunte Gewirr. Man verliert, wie in London überhaupt, den Begriff von Groß und Klein unter dem tausendfach Bewundernswerten und millionenfach Gewöhnlichen. Der Mensch sieht eben alles, was er sieht, nur in sich. Eine gewisse Menge saugt er ein, dann hat auch das Saugen ein Ende. Und ich bin voll – nächstens. Ich wollte, ich könnte nach der Ausstellung aufpacken und mit einem Pflug an die stillen Ufer der Wolga ziehen, in einer Kosakenhütte wohnen und abends über die weite, flache Steppe sehen, auf der sich nichts regt, soweit das Auge reicht, als vielleicht, scharf gezeichnet in die Glut der untergehenden Sonne, ein paar einsame Schafsköpfe. Denn Ruhe brauch' ich. Der Beginn des Drucks meines Volckmars regt mich trotz allem noch ein wenig an. Wie weitab liegen mir »des Ahnherrn Waffen«, wenn ich die Verhandlungen über Armstrongkanonen und Panzerplatten verfolge! Wie weitab Sophokles und Horaz, in dessen ungewohnter Zunge mir letzthin etliche Zeilen aus Deutschland zukamen! Welch eine Kluft liegt zwischen der Welt, die in meiner Heimat des Menschen Dichten und Trachten hinüberzieht in vergangene Jahrtausende, und der meinen, wo mit demselben Ernst, mit derselben nie ermüdenden Tatkraft des menschlichen Geistes gebaut wird für die Gegenwart und gedacht für die Zukunft! So groß und schön sich das ansieht, so hat es doch auch seine Unannehmlichkeit. Der einzelne steht klein, kaum bemerkbar im Gewühl der Massen. Er ist ein Tropfen, selbst wenn er kein Tropf ist. Was hilft aber das unangenehme Gefühl? Das Kleine muß getan werden, damit das Große werde. Und so, nachdem ich morgens mein Scherflein für Dingler ausgelegt, stehe ich gegen Mittag zwischen meinen Pflügen, empfange Fürsten und Bauern und predige ihnen zum tausendstenmal, zu was der Dampf auf der Welt sei, nämlich zur Erlösung von Ochsen, Pferden, Leibeigenen und Sklaven. Vor allem aber geben mir meine Landsleute noch immer zu tun. Unglücklich werde ich nicht sein, wenn allmählich die »Schwalben heimwärts ziehen«. Nach der ersten stürmischen Begrüßung ist es gewöhnlich meine Aufgabe, für ihres Leibes dringendste Notdurft zu sorgen. Dann wären sie dankbar, wenn ich ihnen zu einem guten Schluck Ulmer Bier verhelfen könnte. Was sie in ziemliche Verwunderung setzt, ist, daß ich nicht jeden Abend in der Lage bin, mit ihnen Tingeltangel und Theater, Kunstreiter und Wachsfiguren zu besuchen, und daß ich überhaupt nicht des Grades von Erhebung fähig zu sein scheine, die sie bei der Begegnung eines Landsmannes in London empfinden. Wohl gibt es Ausnahmen, die mich deshalb doppelt freuen. Woche um Woche vergeht mit Kommen und Gehen, mit Erscheinen und Verschwinden. Das Ganze ist ein mächtig murmelnder Strom, den ich vorüberfließen sehe, während ich selber mitschwimme. Was dann ? frage ich mich gegenwärtig manchmal im stillen. Nach meinem Vaterländchen zurückzukehren habe ich vorläufig keine Veranlassung. Die Deutschen würden ja gern Dampfpflüge kaufen, wenn nur das Bezahlen nicht wäre. Überhaupt hat die Ausstellung nicht so unmittelbar auf die Entwicklung eines ausgedehnten Welthandels gewirkt, als man in sämtlichen Zweigen der Industrie erwartete, und die Dampfpflüge machen keine Ausnahme. Daß ich in dieser Richtung Arbeit finden werde, ist keine Frage; wie sie sich in den nächsten Jahren lohnen wird, ist aber auch von Bedeutung und ein zweifelhafterer Punkt. Trotzdem ich sicherlich in vieler Beziehung mit meinem Schicksal zufrieden sein kann, liegt die Zukunft doch vor mir so ungewiß, so nebelig wie immer! Das ist das Leben! »Sorget nicht für den kommenden Tag!« Werde ich mich endlich auch daran gewöhnen? Wie sich in damaliger Zeit – der Zeit vor 66 und 70 – in einem jungen, begeisterungsbedürftigen Sinn die Welt widerspiegelte, mag hier stehenbleiben, vor allem, um zu zeigen, wie gründlich seit vierzig Jahren unsre Auffassung des Verhältnisses von Deutschland und England und diese selbst sich geändert haben. 34. London, den 5. September 1862. Geschäftlich Mitteilenswertes weiß ich heute nicht zu berichten. Deutschland macht mit Dampfpflügen, wie mit allem, höchst bedächtlich voran. Araber, Neufundländer (nicht die Hunde!), die Schwarzen vom Kongo steuern unsre Maschinen lustig über ihren heimatlichen Boden hin und pflanzen Zuckerrohr, Arrowroot und Mais in das tiefere Saatbett dampfgepflügter Felder; der deutsche Bauer wird jedoch »vorderhand« von »zuständiger Seite« für unfähig erklärt, mit dem »komplizierten« Apparat näher vertraut gemacht werden zu können. O Deutschland, Deutschland! wo sind die Früchte deiner Gelehrsamkeit und deiner Denkerstirne? Was wird aus der Saat deiner Volkserziehung und deiner Tausende von Kleinkinderschulen? Es ist wahr, die Bauern von Oxfordshire können nicht schreiben, und die Rekruten aus der Bretagne kaum lesen, doch regieren die einen mit Säbel und Kanone die halbe Welt, und die andern führen Maschinen über die Felder der andern Hälfte, machen Gold aus Kohlen und regieren, was mehr ist, sich selbst . Das politische Leben dieses merkwürdigen Volkes wird mir mit jedem Tage ein Gegenstand größerer Bewunderung. Trotz der Ausstellung fand ich Zeit, mich mit den Weltanschauungen der verschiedenen Parteien des Landes leidlich bekannt zu machen, und der Sommer war ja an Ereignissen reich genug, um die Presse in gehöriger Bewegung zu erhalten. Die für uns Deutsche fast unfaßliche Freiheit, womit jede öffentliche Handlung, ob sie nun Palmerston oder ein Telegraphenjunge verübt, kritisiert wird, aber auch ein feiner Takt und eine instinktive Rechtlichkeit, mit der man diese Freiheit handhabt, liegt breit und solid unter jeder Parteifarbe. Egoismus ist der Grundzug einer gesunden Volksentwicklung, aber ein gesunder Egoismus sieht im Glück des Nachbarn kein Unglück. Dies ist der ausgesprochene Grundsatz der englischen Presse und das Streben der englischen Politik, soweit sie vom Volksgeist getragen wird. Und wo so, wie hier, jede Handlung unter den Augen von Millionen vor sich geht, kann nicht allzuweit vom Wege des Rechts abgewichen werden. Denn was man auch über den Menschen sagen mag: nimm die Millionen eines gesunden Volks zusammen, lehre sie ihre Freiheit gebrauchen und sie werden den rechten Weg finden, den Gott seiner Menschheit vorgeschrieben hat. Schade, daß England eine Insel sein und wohl auch bleiben muß! 35. London, den 22. Oktober 1862. Noch weiß niemand, wann wir mit unsern Pflügen und Maschinen, mit Kohlenblöcken und Pommadebüchsen aufzupacken haben, und wann wieder die bodenlose Verwirrung beginnen soll, in der diese schön geordnete Welt selbstbeweglich wird und jedes Ding seine eigne Straße zieht. Das Schließen der eigentlichen Maschinenabteilung ist auf den 1. November festgesetzt. Dies bringt mich zur Verzweiflung und zum regelmäßigen Aufstehen in der grauesten Morgendämmerung des englischen Oktobers. Denn wieviel habe ich noch zu sehen, zu lernen, zu skizzieren und zu berichten, ehe das ganze Zauberschloß von Wissen und Können unwiederbringlich verschwindet! Als ich gerade meinen von der Zentralstelle für Gewerbe und Handel zu Stuttgart gewünschten Aufsatz über Pissoirs zusammenpackte, kam ein Päcklein aus derselben Gegend, kostete drei Schilling sechs Pences und war mein Volckmar . Was soll ich mehr sagen, als daß das Vaterherz sich nicht verleugnen konnte, daß ich die Kataloge der Tylor und Jenning, der Wasserklosettkünstler, auf die Seite warf und eine halbe Stunde in meinem alten Leben las? Sechs Jahre sind's, seit ich die ersten Reime dazu schmiedete; wie anders sieht's um mich und in mir aus! Der Strom des Menschenlebens zieht schnell dahin, zieht unwiderstehlich. Sechs weitere Jahre – wo wird das Schifflein dann schwimmen? 36. London, den 15. November 1862. Mit Trompeten und Pauken, mit Orgeln und Glocken haben sie das God save the Queen gespielt und Hurra dazu geschrien, daß die Dome zitterten. Dann fing es an zu dämmern, der Nebel wurde dicker in den bunten Säulen- und Bogengängen; doch das summende Gewimmel, das um Statuen und Trophäen, über Galerien und Treppen wogte, summte ruhig weiter; denn der Nebel ist sein Element. Später fingen, wie täglich seit sieben Monaten, die Glocken an zu schlagen, dumpf und schrill, in wirrem Durcheinander, um die Leute zum Hinausgehen anzuhalten, hatten aber, wie immer, nur den Erfolg, dichtes Gedränge um die Glockenstühle zu ziehen, das sich an der Glockenmusik weidete wie an Mendelssohns »Lieder ohne Worte«; denn ein englisches Trommelfell braucht starken Tabak, um gekitzelt zu werden. Schließlich begann die Stimme des Gesetzes in allen Ecken laut zu werden und in drohendem Crescendo zu rufen: »Bitte hinaus! Hinaus, mein Herr! Nicht diesen Weg! Bitte hinaus! Hin–aus!!« bis es zog oder vielmehr schob, und der Strom hinausfloß, langsam und zäh, und die wuchtigen Torflügel sich schlossen – zum letztenmal für die große Ausstellung von 1862. Damit schlossen auch die sieben interessantesten Monate meines bisherigen Lebens, die ich im Schweiße meines Angesichts in vollen Zügen genießen durfte. Derartiges kommt nicht alle Tage. Der Abschied von London ist mir ziemlich gleichgültig; ich habe von seinen Freuden nichts zu verspüren vermocht. Freilich ist eine englische Provinzialstadt im Norden mit ihrem Nebel und Rauch auch nicht verlockend, und ein Aufenthalt von drei Regentagen in Leeds – vor zwei Wochen – fiel mir einigermaßen auf die Nerven. Aber ein gesundes Menschenherz ist aus Kautschuk und durch keine gewöhnliche Säure angreifbar. 37. Smiths Cottage, Blackbull Street, Hunslet, Leeds, den 2. Dezember 1862. Dies also wäre meine Adresse für den Winter. Ich sitze warm im neuen Neste und hätte es in der Tat nicht besser treffen können, wie aus der Tatsache erhellt, daß meine Pantoffeln bereits in dem nämlichen Kasten mit den übrigen Pantoffeln des Hauses stehen und mit ihnen auf dem vertraulichsten Fuße leben. Die letzten Tage in London wurden durch ein Zwischenspiel bewegter, als sich vermuten ließ. Ägypten scheint mir auf allen Wegen und Stegen aufzulauern, und immer bleibt es eine Luftspiegelung. Es wurde nämlich von dem dampfpflügenden Pascha bei Kairo telegraphisch jemand verlangt, der seinen widerspenstigen Pflug drei Monate lang in Ordnung halten sollte. Fowler telegraphierte nach London, daß er mich für den geeignetsten Mann halte und daß ich in vier Tagen auf dem Wege nach Marseille sein sollte. Ich erklärte mich natürlich mit Händen und Füßen bereit. Unglücklicherweise muß in denselben Tagen unser erster Zeichner, mein früherer Widersacher, erkranken, und so hieß es nach zwei Tagen freudiger Erwartung: »es sei ganz unmöglich, mich gerade jetzt fortzulassen; ohnedies sei es kein Posten, der für meine Fähigkeiten passe; man habe andres mit mir im Sinn, Dinge, die für das Geschäft und für mich selbst von größerer Bedeutung seien als ein paar Pflüge in Ägypten,« und was der blauen Tröste mehr waren. Worauf ich mich umdrehte und mein Säcklein wieder umpackte. Nachdem man mich in dieser Weise beruhigt sah, schickte man einen Vetter unsers Fabrikdirektors Greig nach Ägypten. Das wäre nun soweit alles recht gut und schön. Ein ruhiger Winter hier nach der Ausstellung zur Verdauung und Verwertung des Verdauten ist goldeswert. Über Projekte und Erfindungen ein andermal! Der Himmel ist zur Zeit nicht blau genug. Sie haben mir überdies wieder weisgemacht, daß ich auf die Seilträger kein Patent nehmen könne. Macht nichts; das Leben und seine Hoffnungen sind wie die Hydra; zehn Köpfe für jeden, der abgeschlagen wird! 38. Leeds, den 15. Dezember 1862. »Keine Ruh bei Tag und Nacht!« Es liegt wieder alles mögliche in der Luft. Heute sollte es sich entscheiden, ob ich in etwa acht Tagen auf dreizehn Monate nach Ostindien abreisen soll, will und kann. Ich hätte über Ägypten zu gehen, dort nach unsern Pflügen zu sehen und über den Stand der Dinge heimzuberichten. In Indien, wo mit zwei Leuten, die sodann zu bleiben hätten, zuerst zwei Dampfpflüge in Gang zu setzen sind, müßte ich etwa vierhundert englische Meilen nördlich von Kalkutta für die weitere Anwendung der Dampfkraft zur Baumwollenkultur sorgen und mich vollständig in diese Aufgabe einarbeiten. So weit die Fernsicht. Behagt sie Euch? Mir gefällt sie über die Maßen! Bedenkt: mit dem Himalaya im Hintergrund! In London sitzen augenblicklich drei Herren beisammen, die, wie weiland die Parzen, an meinem Schicksalsfaden spinnen. Kurz vor Fabrikschluß traf heute die Nachricht ein, er sei bezüglich Indiens am Abreißen, wenn nicht schon abgerissen. Wenn ich hier nichts lerne, so lerne ich Geduld. 39. London, den 26. Dezember 1862. Eine Weihnachtsfreude – ob für Euch, ist freilich eine andre Frage: Meine Reise nach Indien ist nahezu eine Tatsache der Zukunft geworden. Die Plantage, um die es sich handelt, ist nach Angabe des hier befindlichen Besitzers »harter, trockener, steinfreier Boden«, es ist keine Baumwollen-, sondern eine Indigopflanzung. Die Maschinen gehen nächste Woche, natürlich den Seeweg, und mit ihnen ein Arbeiter. Ich gewinne dadurch einen Vorsprung von etwa zweieinhalb Monaten. Ein Monat wird nötig sein, um meine hiesigen Arbeiten zu beenden. Ungefähr drei Wochen sind auf Ägypten zu rechnen, und so hoffe ich etwa zehn bis zwölf Tage für die Heimat erübrigen zu können, in denen ich auf lange Zeit zum letztenmal deutsche Leute, deutsche Lieder und deutsche Liebe genießen werde – vielleicht auch Reitstunden und Schießübungen. Und dann geht's vorbei an den Pyramiden und am Sinai. In Kalkutta treffe ich unsre Maschinen, die zunächst dreihundert Meilen mit der Bahn befördert werden sollen, und sodann weitere hundert Meilen über Land ohne Wege und über Flüsse ohne Brücken zu bringen sind. Auf der Indigopflanzung bleibe ich sechs Wochen, um alles hübsch in Gang kommen zu sehen, und vielleicht weitere sechs oder acht Wochen, um sonstige Verwendungen der Maschinen aufzufinden und einzuleiten. Dann habe ich auf Baumwollenpflanzungen zu sehen, wie man für die Wolle ackert, wie sie wächst und wie man sie sammelt. In betreff des letzteren wird mir empfohlen, eine Baumwollenerntemaschine zur Welt zu bringen, die eine große Zukunft habe, wenn sie nur erst erfunden wäre. Könnte ich ein paar Dampfpflüge an den Mann bringen, so wäre dies erwünscht. Nebenbei möge ich auf die Einführung von Straßenlokomotiven zur Beförderung der Baumwolle aus dem Innern nach Wasserstraßen oder Eisenbahnen hinarbeiten. – Von all diesen Dingen spricht man mit einer Ruhe und Bestimmtheit und spielt dabei mit Millionen wie bei uns über einen Feldweg zwischen Schöntal und Berlichingen. So ist's, wenn man ein großes Volk ist! Die Leute hier beneiden mich fast ohne Ausnahme um die Aussicht, in eine derartige selbständige Stellung zu kommen. In solchen Dingen sind junge Engländer so sanguinisch, als irgend heißblütige Südländer es sein können. Ich selbst tue mein möglichstes, mir keine leeren Hoffnungen, vorzuspiegeln. Was mir sicher dünkt, ist eine große, interessante Reise. Alles übrige ist das Werk der Verhältnisse, denen in die Speichen zu fallen ich zu schwach bin. Mein Pflug ist der erste, der nach Indien geht. Ich habe die Ehre, die Urheimat der Germanen als Pionier der Dampfkultur zu betreten. Pioniere ernten manchmal den Ruhm, sicher aber die Mühen und Sorgen ihres Berufs. Kann übrigens ein Mann mehr verlangen, seitdem Adam in der Nähe meines künftigen Arbeitsfeldes auf seinen Distelacker gesetzt wurde? 40. London, den 5. Januar 1863. Halte ich Eure Briefe gegen die meinen, so wird mir eins klar: in unsern deutschen Verhältnissen mit ihrem geregelten Gange werden die Bewegungen des inneren Lebens ungeduldiger als die des äußeren, und das Äußere muß das Innere in Schranken halten. Hier ist's umgekehrt, und was ich mir zu Hause kaum hätte träumen lassen: in diesen äußeren Stürmen wird das Herz ruhig und geht entschlossener, wo ein eigner Entschluß nötig ist, oder geduldiger, wo nichts zu ändern ist, seine Wege. Die Adresse zeigt Euch, daß der erste Schritt der großen Reise unerwartet schnell gemacht wurde; vielleicht auch der letzte für ein paar Monate, und wer weiß, was dazwischen wieder geschieht? Am 2. Januar frühstückte ich mit Mr. Fowler; die verschiedenen großen Pläne wurden durchgesprochen und meine Abreise auf die nächste Woche festgesetzt. Den andern Morgen kam ein Telegramm aus Ägypten, das mich veranlaßte, in vier Stunden von Leeds Abschied zu nehmen, mein Haus zu bestellen und mich in einen Schnellzug zu setzen. In London hatte ich meinen Indier zu sprechen, dessen Land ich pflügen, bewässern und trocknen soll. Hier stellte sich nun das Folgende heraus. Die schon vor acht Tagen erwartete Post von Kalkutta sollte einen Brief bringen, welcher entscheidet, ob ein zweiter Dampfpflug auf seinen Baumwollgütern nötig ist. Wird dies bejaht, so hat der bestellte Apparat und ich sogleich nach diesem Gute aufzubrechen und der andre nachzukommen. Wird es verneint, so wird für die Indigopflanzung der bestellte Pflug erst Ende August, meine Abreise also nicht vor April oder Mai notwendig sein. So hängt die Geschichte wieder, und ich sitze hier. – – Soeben kommt ein Telegramm von Malta, daß die Kalkuttapost in vier Tagen ankommen werde. So viel für heute. Kommt ein Ja von Kalkutta, so sehen wir uns gerade lange genug, um Abschied zu nehmen. Kommt ein Nein, so geht's vermutlich wieder in den Norden. Verzeiht mein Geschmier! Aber Studien in der Kalligraphie liegen mir ferner als Hindostan. Dies ist nicht zu ändern. 41. Leeds, den 13. Januar 1863. Der Sturm bläst noch immer aus verschiedenen Richtungen; mein Schifflein schwankt bedenklich; wer weiß, wann's umkippt? Die Wartetage in London gaben mir etwas Ruhe. Mittlerweile kamen neue Telegramme von Ägypten, wo, wie es scheint, energisches Eingreifen nötig ist, wenn nicht alles aus den Fugen gehen soll. Die Engländer, die wir dort haben, ungebildete und allem nach ungeschickte Leute, können mit dem Pascha und den eingeborenen Wilden nicht auskommen, und jeder Neugeschickte machte bis jetzt die Verwirrung schlimmer, indem die auf dem Platze Befindlichen sofort gegen den Eindringling Front machen. Im Augenblicke scheint niemand zu wissen, wer Koch oder Kellner ist. Dieser Augiasstall sollte nun so rasch als möglich ausgefegt werden; denn die Welt schreit nach Baumwolle, und die Baumwolle nach gepflügtem Land. So wurde mir und einem Herrn Carey vorgestern nachmittag in unserm Londoner Bureau mitgeteilt, daß man vor 4 Uhr 30 ein Telegramm von Leeds erwarte. Die Post für Ägypten verlasse London abends um acht ein halb. Mit derselben habe entweder Carey oder ich nach Alexandrien abzureisen. Hiermit tritt also eine weitere Person auf die Bühne. Carey, ein besonderer Schützling von R. Fowler, ist zwar weder Ingenieur noch Arbeiter, dagegen »Gentleman«; ein netter Bursche, der lebt und leben läßt und mit mir wie mit jedermann auf dem besten Fuße steht. Wir beide warteten nun bis gegen vier Uhr geduldig auf das entscheidende Telegramm. Es lautete: »Niemand zu gehen in dieser Woche.« Vierundzwanzig Stunden später wurde ich angewiesen, nach Leeds zurückzukehren, was geschah. Und hier erst wurde mir das ganze Spiel klar, und ich sah mit einigem Erstaunen, daß die Welt überall rund ist. Morgen kommt die verspätete indische Post. Dann muß sich die Frage entscheiden. Es ist das drittemal, daß sie mich auf dem Wege nach Ägypten haben – das xtemal, daß man mich mit freundlichen Versprechungen munter erhält. Soll das so fortgehen? Diese Frage gibt der Sache eine ernste Wendung. Ich wollte, Ihr wäret etwas näher; denn in kritischen Augenblicken ist es nicht leicht, den Nagel auf den Kopf zu treffen, und nichts ist teurer in der fremden Welt als ein guter Rat. Geht schließlich Carey – denn man hat zweifellos das Recht, zu schicken, wen man will –, so bleibt mir das Zeichenbureau. An ein rasches Vorwärtskommen ist dort nicht zu denken. Die Zeiten sind im allgemeinen gedrückt, auch unser Geschäft geht verhältnismäßig schwach. Es gibt nur ein Ding, das billiger ist als Menschen fleisch , und das ist Menschen hirn . Ein andrer Weg steht mir offen, ich gehe und werfe mich eine Zeitlang auf das mir verhaßteste aller verhaßten Handwerke und – schreibe. Die Sache hat etwas für sich. Hier im Geschäft bleibt mir keine Zeit, meine Ausstellungsschätze auszubeuten. Für vier bis sechs Monate würden sie mir sicher Arbeit und Verdienst geben. Was tun? So wäge ich seit vorgestern verdrießlich hin und her, lege Gewicht auf Gewicht in die beiden Schalen und sehe das Zünglein zittern. Ich kann Euch nicht all diese Gewichte und Gewichtchen vorweisen; einige derselben sind ziemlich schwer. Das ist »das Leben«. – Aber so oder so – es gilt mit frischem Mut meinen Weg weiterzumarschieren. Gott verläßt keinen Deutschen nicht!« Nachschrift. Ich erbreche den Brief wieder. Soeben kommt Nachricht von London. Mein Fahrschein nach Alexandrien ist gekauft. Ich reise Samstagabend Zweiter Teil In Ägypten und Syrien Mit dem Maßstabe des heutigen Weltverkehrs gemessen, folgten auf den letzten Brief vierzehn Tage ohne nennenswerte Erlebnisse. Für mich sind sie zwei unvergeßliche Wochen geblieben. Der plötzliche Abbruch meines Aufenthalts in England, der rasche Abschied in der alten Heimat, die Fahrt über den schneebedeckten Brenner, die zwischen Innsbruck und Verona noch mit der Post gemacht werden mußte, das sonnige Triest, wo um Miramar schon die Mandelbäume blühten, die ahnungsschwere Frühlingsluft, die aus dem Süden heraufweht, die dunkelblaue See, aus der die rosigen Berge Dalmatiens und Griechenlands auftauchten, und die ganze Zukunft mit ihrem stillen, geheimnisvollen Leben, die wie körperlich vor mir lag – all das mußte ein junges Herz zum Zerspringen schwellen und bewegt noch heute mein altes. Ich vergesse nie, wie ich in kindischer Freude auf dem kurzen Bugspriet des Dampfers reitend an Kap Matapan vorüberfuhr und Europa Lebewohl zuwinkte, bis mich der Kapitän von meinem unbezahlbaren Sitz herunterjagte. 42. Alexandrien, den 4. Februar 1863. Die eingetauchte Feder, mit der ich versprochenermaßen von Bord ans Ufer trat, um meine glückliche Ankunft auf afrikanischem Boden zu melden, ist mir bei der ersten Berührung mit dem Lande der Magier vertrocknet. Aber ich tauche sie jetzt, vierundzwanzig Stunden später, und, wie ich hoffe, mit besserem Erfolg, in ägyptische Tinte. Verführerisch ist es, mich ohne Verzug in eine Beschreibung des gestrigen Tages zu vertiefen. Doch ich habe meine deutsche Ordnungsliebe noch nicht ganz abgestreift und will beginnen, wo ich den ersten schwülen Hauch des Morgenlandes verspürt zu haben glaube. Das war abends sechs Uhr, in der Bucht von Korfu. Unser Schiff, die wackere »Bombay«, hatte Kohlen eingenommen, und die Mehrzahl der Schiffsgesellschaft die paradiesische Insel durchstreift, soweit es die Zeit erlaubte. Jetzt wurden die Anker gelichtet und langsam fuhren wir dem dämmernden Süden zu, rechts von uns die grünen Hügel der Insel, links, noch in der Glut der untergegangenen Sonne, die kahlen Felsberge der türkischen Küste. Vielleicht hatte der süße Kephalonier einiges damit zu tun, den man nicht trinken darf wie deutsches Bier: das große, stille Bild ringsumher erschien mir überirdisch schön. Unbeschreiblich war es sicherlich, selbst im Verschwinden. Die Sprache, auf die wir uns, gegenüber dem Gorilla, soviel zugute tun, ist in der Tat das Schwächste an uns schwachen Menschen; sie läßt uns schon im Stiche, wenn wir nichts zu schildern haben als einen im Mondschein liegenden Hasen, eine tiefe, spiegelglatte See und einen noch tieferen, wolkenlosen Himmel. Nach diesem wortlosen Gefühlsausbruch war ich Barbar genug, schlafend wie einst Odysseus am unvergeßlichen Ithaka vorbeizufahren! Des andern Morgens fuhren wir an der Küste Griechenlands hinunter, bis abends das Kap Matapan in der Dämmerung verschwand. Das Ganze erschien mir wie eine schöne landschaftliche Leiche: braune, kahle, leblose Berge, manchmal eine braune, kahle, leblose Insel, alles, vom Schäferleben Arkadiens bis zur Schlacht von Navarin herab, voll gewaltiger Erinnerungen, mit denen man die deutsche Jugend groß – oder klein säugt? Ich weiß es nicht; – und alles tot! Wir berührten fast die Mauern von Methoni, aber es war unmöglich, einen sterblichen Menschen in dieser Steinhaufenstadt zu entdecken. Schön und den ganzen Tag sichtbar war nur die Kette des Taygetos mit ihren schneebedeckten Kuppen, der blaue Himmel und die schwärzlichblaue See. Wieder wurde es Nacht und wieder Tag, und ziemlich fern im Morgendufte lagen Kreta und die letzten Schneeberge, die ich für einige Zeit sehen werde. Doch war die ganze Insel mit dem gewaltigen Ida zu fern, um einzelnes unterscheiden zu können. Gegen Mittag verschwand auch sie, und nun hatten wir uns für zwei Tage mit Luft und Wasser zu begnügen. Die Gesellschaft an Bord war nicht verführerisch. Eine niedliche Engländerin; aber der Schatz wurde von einem grimmigen Drachen bewacht, die Reise war kurz, und die Seekrankheit lang. In Korfu vermehrte sich das Reisepublikum um eine Gruppe Mekkapilger und eine junge italienische Familie mit Kind und Magd. Sie waren von Anfang bis zum Ende todkrank und kamen nie zum Vorschein. Man hörte nur manchmal einen Höllenlärm in der Kajüte, in die sie sich eingeschlossen hatten, wo der junge Italiener den Jüngsten – unter heftigem Widerspruch der Gattin und Mutter – zu prügeln pflegte, wenn er sich jammernd erbrach. Gegen vier Uhr des sechsten Tages stand unsre ganze Gesellschaft auf den Zehenspitzen, um nach dem ersehnten Lande auszuschauen. Da erschien ein kleines, dunkles Fleckchen am Horizont, der Leuchtturm von Alexandrien, das erste Stückchen Afrika, das ich je gesehen! Dann kamen etliche leichte weiße Punkte in Sicht: das Harem und der Palast des Vizekönigs. Aber wir waren doch zu spät gekommen. Die Einfahrt in den Hafen ist so schwierig, daß sie nur bei Tage gewagt werden kann, und so hatten wir noch eine Nacht an der Küste auf und ab zu fahren. Mir tat es kaum leid; denn diese Nacht war wunderbar schön. Der Vollmond malte in die nahezu schwarze Meeresfläche eine goldkäfergrüne Straße. Gespenstig weiß lag in der nächtlichen Dämmerung die Stadt und fast unkenntlich die niedere Küste des Deltas. Am andern Morgen, als ich in aller Frühe auf das Verdeck eilte, liefen wir schon mit vollem Dampf, einen weiten Kreis beschreibend, den Masten- und Palmenwäldern entgegen, die uns gestern aus dem gelben Abendhimmel gewinkt hatten. Die Anker rasselten nieder; mein Koffer war der erste, der dem Schiffsbauch entstieg und in die Hände der Araber, Fellachin, Zigeuner und Äthiopier fiel, die in Scharen herbeiruderten und das Deck erkletterten. Ich hatte mich einem Mohren anvertraut, saß mit meinem gesamten Gepäck, eh' ich mich dessen versah, in einem Kahn und ruderte dem Ufer zu, aber bereits nicht mehr mit meinem Mohren, den andre hinausgeworfen hatten, sondern mit einem braungelben Kinde der Wüste. Die Fahrt zum Ufer dauerte fünfzehn Minuten. Man hat Zeit, sich zu sammeln, die sanften, weiblichen Züge der Fellachin, die uns rudern, die Palmen über des Vizekönigs Palast, die ägyptische Flotte mit Stern und Halbmond zu betrachten und sich auf neue Kämpfe vorzubereiten. Wir stoßen ans Land. Vier braune Kerls reißen sich um das schwere Gepäck, andre rennen bereits mit Schirm und Reisesack davon. Man bezahlt die Hälfte von dem, was für das Boot verlangt wird, unter dem leidenschaftlichen Widerspruch des Bootführers, und hat viermal zuviel bezahlt. Im Zollhaus feiert man ein fröhliches Wiedersehen mit seinem Regenschirm und sieht schwarze äthiopische Hände lüstern in europäischem Weißzeug wühlen. Nun folgt ein kurzer Kampf um den Esel oder vielmehr der Esel um den Reisenden. Halb verzweifelnd, halb wütend werfe ich mich auf das erste beste Vieh, das mich auf die Füße tritt, und fort geht's im Trab durch ein Gewinde gräßlicher Gassen, drei gepäckschleppende Fellachin voraus, hinter mir den schreienden Eseljungen, nach dem Peninsular und Oriental Hotel. Ich war der erste unsrer Gesellschaft, der in dieser Weise von Ägypten Besitz nahm und nach kurzer Frist, vergnügt wie ein Kind mit einem neuen Bilderbuch, wieder in die Weite ritt. Mein Eselbube ist ein Zigeuner und spricht eine feine Mischung von Englisch und Arabisch. Ich bezahle ihm zwei Schilling des Tags, wofür er Wegweiser, Dolmetscher und Treiber ist, und habe das Vieh noch extra. Zuerst ging's der Pompejussäule zu. Der Weg führt durch den europäisch zugeschnittenen Teil der Stadt an das »Niltor«, hieraus durch Gärten und einen herrlichen Palmenwald und durch einen Teil der armen Erdhüttenvorstädte einer kahlen Anhöhe zu. Dort steht das schöne, einsame Denkmal. Gegen Norden übersieht man die arabischen Friedhöfe und die weißen, schattenlosen Gebäude der Stadt, östlich und südlich liegen Palmenwälder und Gärten unter Sykomoren und Akazien; den Hintergrund bildet der blaue Mareotis. Alles ist still und heiß, und nur die Steine sprechen. Von hier ging's zur »Nadel der Kleopatra«, die östlich von der Stadt zwischen Kalkgruben steht und an deren Sockel zwei zerbrochene Eisenbahnräder lehnen! Der Vordergrund: Bruchsteine, Mörtel, Richtscheite, Zaunpfähle und verfaultes Gebälk, ist eine Düngerstätte moderner Kultur, der Hintergrund eine Bauhütte! Die Neugier wollte nicht ruhen. Ich schlug noch ein Blatt in dem alten, mir so neuen Bilderbuch um. In den Katakomben wurde es Abend. Dann kam der Glanzpunkt des Tages, denn gestern war der neue Vizekönig aus Konstantinopel zurückgekommen. Meinen Ritt durch die festlich beleuchtete Stadt werde ich nicht so leicht vergessen. Das Volksgewühl von Paris und London ist einförmig, verglichen mit der bunten Mannigfaltigkeit des orientalischen Straßenlebens. Im europäischen Viertel auf dem Mohamed-Ali-Platz, wo mein Gasthof und die Konsulate stehen, wogte zwischen springenden Wassern und steigenden Raketen, zwischen aufgeputzten Lichtgerüsten, knallenden Feuerrädern und gegeneinander tobenden Musikbanden eine summende, schreiende, jubelnde Menschenmasse, vom schwarzen Äthiopier bis zur marmorweißen Engländerin, vom braunen, halbnackten Zigeuner bis zum Yankee im dunkeln Gehrock; Rot, Blau, Grün, Gelb und Schwarz wirbelten durcheinander, betäubend und verwirrend für die stärksten Nerven. Noch dichter war das Gedränge in den orientalischen Vierteln. Kaum konnte sich mein Esel durch den türkischen Basar durchdrängen, wo man auf der Straße in Läden und in Läden auf der Straße zu stehen glaubt. Von dort suchte ich meinen Rückweg durch die ärmsten, abgelegensten Gäßchen, die oft kaum zwei Meter breit sind – geheimnisvolle, halbbeleuchtete Löcher da – stockfinstere Nacht dort – gespenstige, weiße Gestalten, lautlos den verödeten Weg kreuzend – ein lebendiges Schattenspiel! Müde und matt kam ich nach Hause. Heute überzeuge ich mich nach langem Kampf mit meiner Feder, daß es unbeschreiblich bleibt, was ich in diesen zehn Stunden gesehen habe. Soeben erhalte ich Briefe von London: bis Ende Mai muß ich in Kalkutta sein. 43. Kairo, den 21. Februar 1863. Die Welt wird fremder mit jedem Tag. Wie soll ich Euch erzählen, was ich seitdem gesehen, gehört, gefühlt und geschmeckt habe – vom rauhen und realen Meißelschlag am zerbrochenen Dampfpflug bis zu dem einsamen Träumen im Schatten des Obelisken von Heliopolis, vom widerlichen Intrigieren am Hofstätchen eines Paschas bis zu dem ergreifenden Beten des Arabers in der Wüste? Die Eisenbahnfahrt von Alexandrien nach Kairo kostet ungefähr sieben Stunden und würde sich ziemlich einförmig ansehen, wäre man nicht auf dem geheimnisvollen Boden Innerafrikas, aus dem das Nildelta besteht. Die dunggedeckten Erdhütten der ägyptischen Dörfer, welche von Biber- und Ameisenbauten übertroffen werden, Städtchen von ähnlicher Bauart, mit ihren halbzerfallenen Stationshäusern bilden einen eigentümlichen Gegensatz zu der grünen und immer grüner werdenden Ebene. Lange Reihen sandfarbener Kamele, Gruppen sandfarbener Fellachin und Scharen grauer, aber dennoch sandfarbener Esel beleben die stille Fläche. Palmenwäldchen, wilde Feigenbäume, lange Sumpfstrecken und der gelbe, scharf begrenzte Rand der Wüste vollenden das Bild. In Kairo stieg ich zunächst im Indian Family Hotel ab, wo man in englischer Weise lebt und zahlt. Seit etlichen Tagen habe ich jedoch bei einem englischen Schneidermeister Wohnung gefunden, in der ich mich zwei Monate lang behaglich genug fühlen werde. Den ersten Tag widmete ich der Aufgabe, einen Überblick über die Stadt und ihre Umgebung zu gewinnen. Der europäische Teil derselben besteht wesentlich aus der Esbekyie, einem großen Platze, dessen Mitte verwilderte Gärten bilden, in welche ägyptische, griechische, italienische und französische Cafés eingebaut sind, während die wenigen europäischen Gasthöfe und eine Reihe düsterer Koptenhäuser den Platz umschließen. Von demselben führt eine lange, enge Straße, die Muski, in das Stadtinnere. Französische Photographen, englische Schneider und Schuhmacher, griechische Geldwechsler, italienische Cafétiers, deutsche Bäcker sind hier zu finden. Die Häuser, stets halb im Bau, halb im Zerfall begriffen, zeigen einen schlechten, halb europäischen Zuschnitt. Die Gasse selbst ist immer zum Erdrücken voll von Eseln und schreienden Eselsbuben, von Kamelen, von Karren, Wagen und Menschen aller Nationen. Ein Teil der Straße ist mit zerlumpten Matten bedeckt, der Boden ungepflastert, das Ganze ebenso fremdartig als anziehend: ein richtiger Torweg ins Innere des Orients. Schlimmer wird es, wenn man am Ende der Straße um eine zerfallene Moschee biegt und nun in der eigentlich orientalischen Stadt weitergeht. Wunderlich windet sich der Weg durch die hohe, regellose Häusermasse, vorbei an Läden und Moscheen, die in Trümmern liegen, oder an prachtvoll reichen Minaretts, durch das bunte, schreiende und lärmende Gewühl einer bald halbnackten oder in Lumpen gehüllten, bald in kostbarer Seide daherwandelnden Bevölkerung. Nach drei Minuten ist uns jede Himmelsrichtung verloren gegangen und in süßer Betäubung überläßt man dem Instinkt des Esels die Verantwortlichkeit, zwischen zwei Kamelen zerdrückt oder von einem der leise im zolltiefen Staub hinrollenden Wagen überfahren zu werden. Der Eselbube ist glücklicherweise vom Zauber des Orients weniger berauscht und schleudert seinen Herrn mit einem scharfen Schlag auf des Esels Hinterviertel in die nächste Seitengasse. Zwischen hohen, düsteren Häusern begegnet man hier nur dann und wann einem verhüllten Weibe, einem schläfrigen Fellah oder einem schlafenden Hund. Wenn man die Beine in den Steigbügeln ausstreckt, streift man mit den Fußspitzen fast buchstäblich beide Seiten der Straße. Aber wieder nimmt das Gedränge zu; man befindet sich in einer andern Hauptader dieses wunderbaren Ungeheuers. Hier haben die oberen Stockwerke der Häuser jene Erker und käfigartigen Ausbauten, teilweise voll reicher Schnitzereien in Holz, teilweise nur aus einfachem Gitterwerk bestehend, hinter dem man die brennend schwarzen Augen wiederfindet, die uns gelegentlich auf der staubigen Straße das Leben hinter Schleiern und Tüchern verraten. Langsam zieht sich der Weg in die Höhe. Der Staub wird tiefer, die Sonne glühender. Man reitet zwischen weißgrauen Festungsbauten, die, wie alles, halb zerfallen, halb unausgebaut sind. Durch drei Tore, über drei Gräben gelangt man in die Zitadelle, und vor uns steht die Moschee Mohamed Alis, deren himmelhohe, nadeldünne Minaretts von Alabaster stets das erste sind, was von Kairo sichtbar wird. Ohne es zu wissen, hat man einen Berg erstiegen. Kairo liegt zu unsern Füßen. Ich war nicht vorbereitet auf einen solchen Anblick. Unmittelbar unter den senkrechten Mauern der Zitadelle liegt die Stadt – ein weißgraues und graubraunes Gewirr von Häusern, von Kuppeln, von Minaretts, über Hügel sich hinziehend und hohe Sandberge oder Trümmerhaufen umgehend. Weiter hinaus in blaugrünen Tinten erheben sich die Palmen- und Sykomorenwäldchen, die Feigen- und Orangengärten gegen Alt-Kairo, gegen Bulak und Schubra. Dann kommt ein breiter Silberstreifen, mitten durch das Grün der Felder sich hinausstreckend in die blaue Ferne, die sich unermeßlich gegen Norden auszudehnen scheint. Und scharf begrenzt wie das Meeresufer lagern sich im Westen die gelben Hügel der Wüste, wunderbar belebt durch die Pyramiden von Giseh und durch kleinere Gruppen jener geheimnisvollen Reste einer noch immer nicht enträtselten Vorzeit. Denket Euch über dieses Bild mit seinem Reichtum an Formen und einfachen, bestimmten Farben den tiefblauen Himmel, die glühende Sonne, deren Lichtstrom einen breiten goldenen Streifen des Ganzen verschlingt, und die Stille, die aus der nahen Wüste herüberzuwehen scheint, und Ihr habt Kairo von seiner glänzenden Seite. Den folgenden Tag hatte ich in Schubra meine erste Audienz bei Halim-Pascha, der auch anderwärts großartige Besitzungen haben soll. In Schubra allein stehen gegen zwanzig Dampfmaschinen, die pflügen, Wasser schöpfen, Zuckerrohr zermalmen, Baumwolle reinigen. Halim selbst, ein kleiner, lebhafter, leicht gebräunter Herr, der fließend Französisch spricht, gefällt mir ausnehmend wohl. Er sieht aus, als ob sich mit ihm leben ließe. Bei der zweiten Zusammenkunft stellte er mich seinem Chefingenieur vor, einem großen, schweigsamen Engländer namens Hollier, bei dem ich sogleich etliche Verbesserungen unsrer Baumwollenkultivatoren bestellte, die in vierzehn Tagen im Gange sein sollten. Dazu machte mein Kollege allerdings ein Gesicht wie ein großes Fragezeichen. Einige kleine Unglücksfälle, welche unmittelbar vor meiner Ankunft unsre Maschinen trafen, machen mir jedoch viel Kummer, da ich entschlossen bin, das Mühlwerk um jeden Preis im Gange zu erhalten. Das bedenklichste hierbei sind die englischen Arbeiter, die hier Gentlemen spielen wollen und alles tun, um ernstliche Arbeit zu vermeiden. Diese Komödie läßt mir einen baldigen Abschied von Ägypten erwünscht scheinen. In Indien, wo ich mit neuen Leuten anfange, ist die Lage eine andre, und ich werde dafür sorgen, daß sie es bleibt. Ein Wunder ist es deshalb nicht, wenn ich die prachtvolle Sykomorenallee zwischen Schubra und Kairo zuweilen mit etwas schwerem Herzen durchreite. So schön der Frühling ist und der Nil, der in der Abendsonne brennt, und die Pyramiden, welche von drüben violett auf goldenem Grunde herüberwinken: es liegt ein Gifthauch in der Luft Ägyptens, der mir manchmal bis in die Knochen dringt. Ist es der Moder von sechstausend Jahren, den die Staubwolken aufwirbeln, ist es das Rosenöl in den türkischen Basars, das man mit Gold aufwiegt? Vorige Woche, nach einer kräftigen Auseinandersetzung mit meinen Engländern, die sich – so verworren sind die Verhältnisse! – hinter den Pascha verstecken, für welchen ich ihnen die Köpfe zurechtsetzen soll, habe ich etwas gefremdelt in dieser neuen Welt. Doch ging's mit einem gesunden Schlafe vorüber, und ich sehe wieder fröhlicher in die sonnenglühende Zukunft. Ein wackerer Deutscher forcht sich nit. 44. Kairo, den 17. März 1883. Einen Ritt nach dem einsamen Obelisk von Heliopolis, ein Frühstück unter der Riesensykomore, in deren Schatten Maria mit dem Jesuskindlein geruht, selbst meine erste Besteigung der Cheopspyramide bei Giseh – das ich alles in den letzten Wochen erhaschte, um in meine künftige indische Welt ein Stückchen Ägypten mitzunehmen – kann ein Reisehandbuch besser wiedergeben als ein flüchtiger Brief mit seinen Augenblicksaufnahmen. Es war des Schönen und Herzbewegenden fast zu viel. Doch hoffe ich, in den übrigen Tagen meines hiesigen Aufenthalts noch eine reiche Blumenlese unter Mumien und Königsgräbern zu halten; denn ich kann nichts dafür, daß ich nicht bloß Ingenieur bin, sondern auch ein Deutscher. Lieber gebe ich Euch heute ein Bild meines Alltagslebens mit seinen Sorgen, Mühen und Freuden. Morgens um sechs Uhr lasse ich mich wecken, zunächst um das Vergnügen des Wiedereinschlafens zu haben. Denn zehn bis fünfzehn Meilen täglicher Eselreiterei, Meißeln und Hämmern, Zeichnen und Umherstolpern auf frischgepflügten Feldern, gefolgt von einigen Stunden nächtlichen Kampfes mit Moskitos, machen die Morgenruhe genußreich. Um sieben Uhr wird gefrühstückt. Haus und Hausleute sind, was man in Kairo irgend erwarten kann, wo sich nicht immer die feinste Welt Europas zusammenfindet. Während ich oben Kaffee, Fleisch und Brot genieße, stärkt sich unten mein Esel mit Klee und mein Eseljunge, den ich schon seit vier Wochen nicht seiner Geschwindigkeit, sondern seiner Geduld und Langmut wegen im Dienst habe, mit dem Bewußtsein eines guten Muselmans. Denn es ist Ramadan, und die ärmeren Ägypter bringen buchstäblich dreißig Tage lang nichts über den Mund, solang die Sonne am Himmel steht. Die Reichen gehen in ihr Kämmerlein und essen im Verborgenen. Dann folgt der Ritt nach Schubra, welcher, je nachdem ich gelaunt bin, drei bis fünf Viertelstunden beansprucht. Der Himmel ist stets und unverändert blau, die Luft frisch und bewegt, die Straße drei Zoll tiefer Staub, die Sykomoren und Akazien, die sich über dem breiten Weg wölben, geben reichlichen Schatten, die Kleefelder sind grüner als alles Grün in der Welt, und meine Gesellschaft Hunderte von Eseln und viele Dutzende von Kamelen. Das Bild, das in der Nähe von Schubra sich recht hübsch ausnimmt, indem dort der Nil die Straße berührt und die Pyramiden sichtbar werden, war mir indessen nach drei Tagen ein ziemlich gewohntes, und ich begann zu denken, was ich eigentlich denken sollte? Denn ich fand bald, daß die Sorgen des Geschäfts die unzweckmäßigste Unterhaltung sind für einen Morgenritt dieser Art. Was ich in geschäftlicher Beziehung hier brauche, sind Entschlüsse, die nicht mehr als zwei Minuten kosten, und rasches Handeln. Wozu also langes Sorgen? So lasse ich mit Behagen wachen Träumen die Zügel schießen und mache Pläne für orientalische Heldengedichte, in denen die trockene Kultur des Westens über die Märchenwelt des Ostens triumphiert oder umgekehrt, bis sich in der Nahe von Schubra ein Häufelpflug meiner Phantasie bemächtigt, den ich erfinden und Halim-Pascha bestellen sollte. Schon in beträchtlicher Entfernung vom Feld, auf dem gepflügt wird, belehrt mich das regelmäßige Pfeifen der Maschinen, daß keine Ursache zum unmittelbaren Kampfe mit den Elementen vorhanden ist. Ich reite deshalb vorerst zu dem Hause des prinzlichen Ingenieurs, dessen Frau mir stets einen freundlichen Empfang bereitet. Die Leute sind recht artig eingerichtet, besitzen ein Harmonium und ein gutes Klavier, und wenn ich bis zu später Stunde in Schubra beschäftigt bin, finde ich Tee und ein willkommenes Nachtlager im Hause. In unmittelbarer Nähe des Wohnhauses befinden sich die Reparaturwerkstätten des Gutes, die ich in fortwährender Tätigkeit erhalte, nicht weil eine ungewöhnliche Gebrechlichkeit der Dinge durch meine Ankunft herbeigeführt worden wäre, sondern weil ich, dem Wunsche des Prinzen entsprechend, Versuche verschiedener Art einzuleiten habe. Dabei wird mir nach und nach klar, wieviel ein arabischer Schlosser und ein ägyptischer Schmied zu leisten vermögen. Diese Leute sind willig, aber ihr Fleisch ist schwach, und infolge des Ramadans schlafen sie, sobald man ihnen den Rücken kehrt. Auch komme ich hier des Tages zehnmal in die Lage, dem Schlosser die Feile und dem Schmied den Hammer aus der Hand zu nehmen und auf diese Art zu sagen, wie man das Eisen anpackt. Es war dies nach meines Freundes und Gönners, Oberstudienrat K.s, Ansicht das Ideal, das dem jungen Techniker vorschweben sollte, nach meiner reiferen Erfahrung die Phantasterei eines Gelehrten. Nun bekommt in diesem Lande der Wunder der Gedanke doch eine gewisse Bedeutung! – Hinter den Werkstätten erbaute ich mir ein Zeichenbureau aus einem dreibeinigen Tisch, wo ich täglich versuche, prinzlichen Gedanken eine einigermaßen ausführbare Form zu geben. Gegen zehn Uhr bin ich bei den Dampfpflügen im Felde, um zehneinhalb erscheint der Prinz, der mit einem stereotypen: » Comment vous portez-vous? « die Unterhaltung eröffnet. Er ist der Sohn des großen Mohamed Ali, Oheim des verstorbenen Vizekönigs (Said), des gegenwärtigen (Ismael) und des künftigen (Mustafa); nichtsdestoweniger ist er jünger als diese drei und kommt erst nach Mustafa selbst auf den Thron, indem stets der Älteste der Familie Vizekönig wird. Er wurde in Paris erzogen und soll sogar auf den Barrikaden für die Republik gefochten haben, aber ebendeshalb rasch eingeheimst worden sein. Soweit ich ihn kenne, ist er ungewöhnlich unternehmungslustig, voll Interesse für alles Wissenswerte, zurückhaltend, wenn er spricht, sehr aufmerksam, wenn er hört. Seine Umgebung ist türkisch gekleidet, er selbst europäisch, mit Ausnahme der Pantoffeln, in denen er auch im Felde erscheint. Seine Umgangsformen, abgesehen von einer gewissen Neigung, sich überall auf den Boden zu setzen, sind durchaus französisch-englisch. Er spricht mit mir nur Französisch, soll aber, wie man mir warnend sagte, auch das Englische recht wohl verstehen. Natürlich hat er, wie der beste Despot, wohlbezahlte Spitzbuben in seiner Nähe, mit denen ich meinen ersten Strauß auszufechten hatte. Ich ging ohne Diplomatie den geraden Weg. Die Verhältnisse verlangen derbe Mittel. Seit vierzehn Tagen sind meine zwei Hauptgegner entlassen. Das Geschäft dieser Bande, den guten Ruf und die Leistungsfähigkeit der Fowlerschen Maschinen so gründlich als möglich zu zerstören, war halb geschehen, als ich kam, so daß der Prinz die Absicht hatte, Geräte im Wert von dreitausend Pfund Sterling wieder zurückzuschicken. Das Blatt hat sich nun aber gewendet, so daß ich bereits für die doppelte Summe weitere Bestellungen auf das Pflugsystem erhielt, das vor vier Wochen nahezu verurteilt war. Gewöhnlich bin ich bis nach sechs Uhr auf dem Felde, oder zwischen den Werkstätten und dem Felde hin und her reitend beschäftigt. Selten vergeht ein Tag ohne energisches Eingreifen in die landesübliche Arbeitsweise. Die Fellachin sind intelligente Burschen, aber – man schiebt freilich alles auf den Ramadan – sie sind faul. Die weißen und roten Turbane fühlen sich auf Pflug und Maschine nicht heimisch, und der Wasserträger, der mit seinem Geißhautschlauch den Tender füllt, kommt fast immer zu spät, wofür er vom »Nasir« (dem Verwalter des Guts) ohne viel Aufhebens seine Tracht Prügel erhält. Im Mondenschein reite ich dann dem Sirius entgegen, durch die finstere Sykomorenallee zurück, unter dem Bellen der wilden Hunde, das um Kairo nie verstummt, und preise mein Geschick, wenn mein Esel nicht dreimal in der Dunkelheit zusammenbricht. Geschieht dies, so wartet er ruhig, bis ich über seinen Kopf hinweggestiegen bin. Wir sind beide darauf eingeübt. Daß ich nach solchen Tagen, wenn ich abends müde die Haut mir vom Gesicht ziehe, nicht sehr schreibselig gestimmt bin, werdet Ihr begreifen. Auch die Nächte werden schwül, und über meinem einfachen Leben wie über der Politik der Großen, mit denen es mich hier zusammenführt, brütet die heiße Luft des Morgenlandes. Vorgestern hat man, wie es heißt, eine Verschwörung gegen den Vizekönig Ismael-Pascha entdeckt, an deren Spitze sein Bruder Mustafa stehen soll. Es ist eine düstere Welt, trotz allem Sonnenschein. 45. Kairo, den 6. April 1863. Ein paar Zeilen; denn meine Minuten sind gezählt, und der Kamsin hat mein Tintenfaß nahezu trockengelegt. Aber doch wird Euch mit diesen Zeilen ein Stein vom Herzen fallen, weil mir einer an den Hals gehängt ist. Der Strohhalm meiner Hoffnungen, auf dem ich nach Indien zu segeln im Begriff stand, ist gestrandet. Das Nabobwerden hat ein Ende; ich sitze fest im ägyptischen Sand. Hingegen bin ich Ingenieur en cheft Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Halim-Pascha, des künftigen Vizekönigs (wenn wir's erleben), und somit künftiger Chefingenieur von Ägypten; denn » l'état c'est moi « ist hierzulande der berechtigte Wahlspruch der Vizekönige. Jedenfalls bin ich neugierig, wie lange das Vergnügen dauern wird. Ein ehrlicher Kerl hat einen schweren Stand im Land Ägypten, wie schon der tugendhafte Joseph erfuhr, und mit der Stunde, in der ich meinen Vertrag unterschrieb, beginnt ein von allen Mächten der Finsternis und mit all ihren Mitteln geführter Kampf ums Dasein. Doch, was Ihr vielleicht nicht mehr so genau wißt, und ich selbst kaum zu gestehen wage: der Lieblingsvers kirchlicher Poesie des sanften Bübleins von drei Jahren und zwei Fuß zwei Zoll Länge war damals und ist heute wieder: »Und wenn die Welt voll Teufel wär'.« – Wie das alles kam, wie ich in Übereinstimmung mit Fowler, dem nichts lieber ist als mein Hierbleiben, meinen indischen Vertrag mittels zweier Telegramme löste, wie in den letzten Wochen alles, außer mir, auf den Schlag gepaßt hatte, wie ich jetzt in gewissen Kreisen als der abgefeimteste Spitzbube erscheine, und die Leute höflich sind mit Galle im Herzen, wie selbst Halims Harem bis ins Innerste erregt ist (dies ist kein schlechter Witz, sondern der gefährlichste Punkt für mich) – das alles kann ich jetzt nicht beschreiben; denn die gezählten Minuten sind nächstens zu Ende. Seit ein paar Stunden bin ich von Alexandrien zurück, wo der auf drei Jahre lautende Vertrag festgestellt wurde. In ein paar weiteren Stunden bin ich wieder auf dem Wege den Nil hinab, in einem »meiner« Dampfer nach Theranis, wo mich zerbrochene Maschinen und ein geschäftliches Chaos erwarten: das A und O ägyptischer Zustände, jetzt vielleicht auch mein Anfang und Ende. Trotzdem fühle ich mich schon fester im Sattel. Der erste Versuch mit einem für die hiesige Baumwollkultur geeigneten Pflug, den ich in den letzten Wochen notdürftig herrichten ließ, verlief über Erwarten gut. Was Euch aber am meisten ergötzen wird, ist, daß ich nächsten Sommer nach England soll, um Ankauf und Anfertigung neuer Maschinen zu leiten. Dann geht's an den ersten Katarakt, wo mein Prinz fünftausend Hektar Wüste in einen grünen Garten verwandeln will. Und wenn die Welt voll Teufel wär'! 46. Auf einer Sandbank im Damiettearm des Nils, zehn Meilen unterhalb Benhas, den 24. April 1863. Wir sitzen fest! Das drittemal auf dieser Fahrt nach Theranis. An ein Loskommen ist nicht zu denken, solange sich der Wind nicht dreht, der scharf aus Norden bläst, sagen die Bootsleute, und versuchen es nicht einmal, die Dahabie flott zu bekommen. Seit vierundzwanzig Stunden sehe ich einem milden Hungertod entgegen, so oft ich aufhöre, an meiner Feder zu kauen. Das hat allerdings schon größere Männer gerettet als mich. Ich ergreife sie deshalb zum zehntenmal, um Euch ausführlicher zu erzählen, wie und wo ich in anderm Sinne gestrandet bin. Das »wie« wird mir selbst nur stückweise klarer. Halim-Paschas Bankiers in Alexandrien und Kairo sind eine alte englische Firma, Briggs \& Co., deren Hauptleiter zurzeit ein Herr Roß ist. Diesem teilte der Pascha seinen Wunsch mit, mich hierzubehalten, nachdem er mich seit Wochen in verschiedenen Lagen und mancherlei Aufgaben gegenüber geprüft habe. Briggs \& Co., die selbst ein großes Interesse an dem geschäftlichen Erfolg der Unternehmungen Halims haben, telegraphierten an Fowler, mit dem Bemerken, daß infolge des Amerikanischen Krieges und der wachsenden Baumwollnot Ägypten vor einer großen Zukunft stehe und daß es für Fowler von hohem Wert sei, einen tüchtigen Ingenieur hier zu haben, der für die Einführung der Dampfkultur wirke. Dies leuchtete Fowler ein, der sofort einen Stellvertreter für mich nach Indien absandte. Ich hatte nur noch zu den Vertragsbedingungen ja zu sagen, die etwa zweimal so günstig sind, als was mir die Indier boten, und mit meinem hiesigen Vorgänger, Herrn Hollier, welcher natürlich ein sehr schwarzes Gesicht macht, das Arbeitsfeld zu teilen. Ich übernehme alles, was die Landwirtschaft berührt, er, was übrigbleibt. Er ist ein nicht allzu gutmütiger, beschränkter Mensch und trinkt. Das Gefährliche war und ist heute noch seine sehr kluge Frau, die in Halims Harem ein und aus geht und alles getan haben soll, mir den Weg nach Indien zu erleichtern. Die ganze Schiffsmannschaft schläft auf dem Deck der Dahabie und rührt sich nicht. Ich schäle meine letzte Apfelsine und fahre fort. – Mein künftiger Wohnsitz Schubra, Choubrat, Shoobra; wie Ihr wollt, liegt vier englische Meilen nördlich von Kairo hart am Ufer des Nils, fast genau an dem Punkte, wo das Delta beginnt. Es ist ein kleines Dorf mit einem griechischen Kneiplein, mit dem Palast und Harem des Paschas, mit schönen, im ganzen Orient berühmten Gärten und mit einem großen Landgute. Außer Schubra besitzt der Prinz ähnliche Güter in allen Teilen des Landes, von El Mutana, sechzig Meilen unterhalb des ersten Katarakts, bis Theranis, fünfzehn Meilen oberhalb der Damiettemündung des Nils, die zusammen über hunderttausend Hektar ausmachen sollen. Nun gehören zum Betrieb der Güter eines ägyptischen Paschas zwei Dinge, nämlich Maschinen, um das Land zu bebauen, das zu dünn bevölkert ist, und abermals Maschinen, um das Wasser herbeizuschaffen, welches allein das Land davor bewahrt, eine Wüste zu werden. Diese Tatsache führte seit Jahren zu einer regen Ausfuhr englischer Maschinen und Leute nach Ägypten, welch letztere – häufig nichts weiter als frühere Maschinenwärter – sich zum Teil in glänzende Stellungen hineinarbeiteten und sich darin erhielten, wenn sie geschickt genug waren oder wo sich das Urteilsvermögen der großen Gutsbesitzer des Landes in bescheidenen Grenzen hielt. Prinz Halim ist der unternehmungslustigste und wohl auch der intelligenteste dieser fürstlichen Industriellen und Landwirte. Seit etlichen Jahren strömten kostspielige Maschinen, Pumpen, Zuckermühlen, Gasfabriken, Baumwollengins, Dampfpflüge und dergleichen den Gütern dieses Prinzen zu. Aber niemand war da, dieselben in Gang zu setzen. Mißglückte Anlagen wurden die Regel; die Verwirrung nahm überhand. Es gelang mir, einiges bereits verloren Geglaubte zu retten. Der Prinz soll ein anerkanntes Geschick besitzen, den Weizen vom Stroh unterscheiden zu können, und sprach den Wunsch aus, man möge mich auf irgendwelche Weise in Ägypten halten. Dies geschah nicht ohne ein fast komisches Zwischenspiel, worüber ein andermal. Mein Vorgänger, der außer dem Betrieb zweifelhafter, aber lohnender Nebenerwerbe wenig versteht, bleibt, aus Rücksicht auf seine zehnjährige Dienstzeit, Wasserpumpendirektor. Ich gönne ihm dies von Herzen, so lange mir seine geschickte Frau mit ihren Haremsbeziehungen nicht den Hals bricht. Aber auch das sollte mich nicht allzusehr grämen. Um eine Lebenserfahrung reicher werde ich seinerzeit Ägypten jedenfalls verlassen. Ich müßte schon längst in Theranis sein, wo ein Dampfpflug auf mich wartet, allein die Abreise verzögerte sich wegen der Ankunft des Sultans in Kairo, der, wie Prinz Halim erwartete, namentlich auch seine Dampfpflüge einer Besichtigung würdigen sollte. Drei Tage lang standen wir unter vollem Dampf geduldig im Feld, bereit, beim ersten Zeichen der Annäherung Seiner Majestät draufloszupflügen. Ein echt türkisches oder russisches Manöver! Hier und da zeigte sich wirklich auch ein Wesir in grüner Seide, ein Zigarrenträger in Gold oder sonst ein »konstantinopolitanischer Schnupftabaksdosenverwalter«. Der Sultan aber kam zum großen Ärger des Prinzen, dessen Steckenpferd seine Landwirtschaft ist, nicht, sondern begnügte sich, in den Gärten des Harems Kaffee zu schlürfen. Aber es regt sich über meinem Kopf. Der Reis weckt seine acht Matrosen. Der Wind hat sich gedreht. Sie ziehen und schieben und rufen laut nach Allah. Ich muß doch nachsehen. Es scheint, wir sind wieder in Bewegung. 47. Kairo, den 22. Mai 1863. Mein Aufenthalt in Theranis war kürzer als ich erwartet hatte. Der dortige dritte Dampfpflug im Lande arbeitet seitdem lustig drauflos. Doch hatte ich Not genug in mancher Beziehung; das bloße Auftreiben der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse war nicht die geringste Schwierigkeit. Das Gut liegt drei Meilen vom Nil auf dem rechten Ufer des Damiettearms. Die Maschine war aber, ehe ich ankam, unüberlegterweise am Nilufer selbst zusammengestellt worden. Zwischen dem Gut und diesem Punkte zieht sich ein breiter und tiefer Nilkanal hin, über den ich deshalb eine Notbrücke zu bauen hatte, keine kleine Aufgabe in dieser grünen, fruchtbaren, aber völlig holzlosen Wildnis! Indessen war's ein interessanter Augenblick, als die schweren, dampfgetriebenen Räder der Maschine das gefährliche Balkengerüst berührten. Die hundert Fellachin, die zuvor mit gewohntem Geschrei das fremdländische Untier begleitet hatten, verstummten plötzlich. Jedes Krachen des Gebälks, jeder Atemzug der Maschine war hörbar. Dies sind Augenblicke im Dasein eines Ingenieurs, die dem Stürmen einer Batterie nichts nachgeben. Drei Leben hingen an ein paar Holzfasern. Ich hielt das Steuerrad in der Hand und sah, wie die Vorderräder langsam über die beiden vollständig freiliegenden Balken hinschlichen, aus denen der Hauptteil der »Brücke« bestand. Eine falsche Bewegung meines Rades hätte Menschen und Maschine in die trüben Wasser zu unsern Füßen gestürzt. Mitten über dem Kanal ließ ich halten, um – ich gestehe es – meine Nerven ein wenig zu beruhigen. Dann ging's wieder vorwärts, langsam, ruckweise, und als die Vorderräder das andre Ufer berührten, ließ plötzlich und leichtsinnig genug mein Maschinenwärter den Dampf voll in die Zylinder strömen, so daß unter laut ausbrechendem Jubelgeschrei der Araber die Maschine mit gefährlichem Schwanken und unziemlicher Eile auf festen Boden rannte. Ich sprang herunter und dankte Gott im stillen, während mich der Nasir von Theranis umhalste und sein »kattar cherak!« (»danke«) wohl zwanzigmal wiederholte. Vor einigen Tagen erfuhr ich zum erstenmal, was ein regelrechter Kamsin ist. Keine Kleinigkeit. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich auf freiem Felde oder die Leute in Kairo mehr zu bedauern waren. Während des Hauptsturms war ich im Begriff, nach meinem gewohnten Badeplatz zu reiten. Die heißen Stöße des Windes, die, selbst wenn sie keinen Staub mit sich führen, jeden nach Luft zu schnappen zwingen, brachten schließlich meinen Esel zum unbeweglichen Stillstehen. In den kühlsten Zimmern war die Temperatur 32 Grad Reaumur, die Sonne verschwindet fast gänzlich, der Himmel wird weißlichgrau und ein trüber, gelbglühender Fleck deutet an, wo der schreckliche König des Tages steht. Sogar die Nacht war nicht viel besser. Am Morgen kam jedoch ein frischer, lustiger Nordwind, und die Natur hob den Kopf wieder. Nur die Akazienalleen sahen aus wie bei uns im November, und die dürren Blätter wirbelten im Staub. 48. Kairo, den 21. Juni 1863. Die Sonne scheint, wie zu Diodors Zeiten, in den Brunnen von Syene und steht fast senkrecht über meinem rotglühenden Schädel. Es ist ein eigentümliches Schlemihlgefühl für einen Deutschen, wenn er mittags, während der Esel in der Mitte eines busch- und baumlosen Platzes aus natürlichen Gründen stehenbleibt, nach dem eignen teuern Schatten sucht. Zuerst ein scheuer Blick hinab zwischen den langen Ohren des grauen Leidensgefährten – sodann einer, ebenso erfolglos, nach hinten – darauf hinunter am linken und schließlich am rechten Steigbügel; aber überall dieselbe gelbglühende, schattenlose Sandfläche, tot, brennend, unberührbar. Eier werden hart in der Sonne, und wenn man an einem Fellahmetzger vorüberkommt, der schlafend neben dem halben Büffel liegt, den er an einem wilden Feigenbaum aufgehängt hat, so hört man das Zischeln des Fleisches und sieht ein Räuchlein aussteigen, wo ein Sonnenstrahl den appetitlichen Kadaver berührt. Doch haben wir den Gipfel des Elends jetzt erreicht; in sechs Wochen liegt die vertrocknete Welt unter Wasser. Mein Auszug aus Kairo steht bevor, mein Haus in Schubra ist fertig. Staub und Schutt wurden schon vor mehreren Wochen ausgefegt; sie häufen sich indessen wieder an, ohne auf irgendwelchen Widerstand zu stoßen. Mein liebenswürdiger Prinz ersuchte mich, ihm eine Liste des einem Europäer notwendigen Hausrats anzufertigen, und meine Junggesellenwünsche waren rasch in niedlichem Französisch Seiner Hoheit unterbreitet. Den Befehl, die Sachen herbeizuschaffen, erhielt alsbald der anwesende Nasir und damit ich die stumme Weisung, eine mehr als europäische Geduld zu entfalten. So habe ich denn noch immer das Vergnügen, den Bewohnern der Schubrastraße als Uhrwerk zu dienen, und zugleich die beste Gelegenheit, mich gründlich zu akklimatisieren. Denn ich genieße Sonne, Wind und Staub wie wenige im Lande, und bin eine Autorität geworden, wenn es sich um Esel handelt, deren Gemütsleben eines meiner Lieblingsstudien geworden ist. Als ob ich Zeit zu Nebenstudien hätte! Vor vierzehn Tagen kamen zwei neue Dampfpflüge, eine ganze Gasfabrik und vierzig Baumwollenreinigungsmaschinen an, die alle aufgestellt und in Tätigkeit gesetzt sein wollen. Eine kleine Maschinenfabrik ist unterwegs, in der ich Werkführer, Konstrukteur und Direktor zu sein habe. Und das ist nur die Hälfte des Wergs an meiner Kunkel. Vor drei Wochen hatte ich meine erste Audienz beim Vizekönig, der nach den Erfolgen unsers diesjährigen Pflügens in Schubra sich nun auch der Dampfpflügerei ergeben will. Die Ursache meiner Einführung war jedoch eine andre. Natürlich kennt Ihr weder die englischen noch die ägyptischen Dreschmaschinen, wenn, was ich nicht weiß, letztere nicht von Herodot beschrieben wurden. Der Vizekönig aber kennt beide, mag die englischen nicht und möchte die ägyptischen mit Dampf treiben. Dies veranlaßte ihn, etwas erfinden zu wollen, und da die Geburtswehen Seiner Hoheit sehr schwer sind, so wurde ich als eine von Halim-Pascha aufs beste empfohlene Hebamme herbeigeholt. Die Ehre ist groß; die Aufgabe aber nicht klein und gefährlich. Ist das Kind eine Mißgeburt oder kommt es tot zur Welt, so ist dies selbstverständlich mein Fehler. Dabei wird mir zum erstenmal recht klar, wie schwer es ist, mit großen Herren Kirschen zu essen. Vorläufig ist jedoch für mich und Fowler diese Verbindung mit dem Vizekönig von entscheidender Bedeutung. Es hat dies ebensoviel Erfreuliches als Bedenkliches. Nirgends versteht man die Warnungen des Alten Testaments, das unter diesem Himmel geschrieben wurde, so gut als hier, wo noch immer die Luft weht, die vor dreitausend Jahren geweht hat, und Fürstengunst in tägliche Schwankungen versetzt. »Wehe dem Menschen, der sich auf Menschen verläßt und hält Fleisch für seinen Arm!« O Freiheit! Freiheit! Hier in dieser schwülen Atmosphäre des Despotismus und der Laster, die er erzeugt, lernt man verstehen, welchen Fortschritt die Menschheit in etlichen Jahrtausenden gemacht hat. In Deutschland, wenn mir auch die Theorie zusagte, hatte ich meine Zweifel, ob dieser Fortschritt so gar viel zu besagen habe. In England ahnt man, wenn auch in Nebel gehüllt, die große Wahrheit. Im Orient, in den Kreisen besonders, die mit europäischem Luxus und europäischer Politur aufgeputzt sind, in Ländern wie Ägypten, wo man täglich mit der Nase auf ein vergangenes Jahrtausend stößt, wird sie uns sonnenklar. 49. Thalia, den 10. August 1863. Prrr! ein ander Bild! Wenn Euch mein Leben aus hundert unzusammenhängenden Stückchen zu bestehen scheint, so wäre dies ein Beweis, daß ich richtig schildere. Könnte ich alle aneinanderreihen, so würde es nur noch zerfetzter erscheinen. Begnügen wir uns mit dem letzten! Von Thalia, einem mir bis vor kurzem noch unbekannten großen Gute des Prinzen, war die Nachricht angelangt, daß die Bestandteile unsrer neuesten Dampfpfluglokomotive nicht nur angekommen, sondern auch ausgeladen seien, und zwar so, daß der steigende Nil sie zu überschwemmen drohe. So war meine plötzliche Abreise, ein plötzliches Zusammenstellen der Maschine und eine plötzliche Flucht mit ihr aus dem Bereich der Wassersnot dringend notwendig geworden, und der Nil hatte für Euch eine Skizze meiner Wohnung in Schubra und die glühende Beschreibung der »Fantasia« zu Ehren des Nildurchstichs in Alt-Kairo mit einem Schlage hinweggeschwemmt. » Très bien, Mr. Eyth, demain matin, s'il vous plaît !« endet der Prinz mit gewohnter Höflichkeit die Besprechung dieser Verhältnisse und sieht mich in unwürdiger Hast, denn es ist schon sehr spät für alles, was heute noch geschehen muß, seinem Marmorkiosk entfliehen. Sechs arabische Schlosser und Maschinenwärter sind durch meinen Kawassen rasch zusammengetrommelt, wehren sich aber einstimmig gegen ihre Abreise. Der gewöhnliche Vorwand ist, daß sie kein Brot hätten. Nachdem es gelungen, sie zu überzeugen, daß das Brot auch bei Nacht gebacken werden könne, versprechen sie endlich, morgen bei Tagesgrauen auf dem Boot zu sein – »inschallah!« (»wenn es Gottes Wille ist!«) – ein unter Umständen ebenso frommer als bedenklicher Beisatz. Ich selbst reite nach Kairo, kaufe Tee, Zucker, Spiritus, packe Bett, Kochapparat, Leuchter und Lichter zusammen und vergesse natürlich die Zündhölzchen. Ein gutes Haus, hatte mir Halim-Pascha gesagt, werde ich in Thalia finden. Am Morgen lag der niedliche Dampfer für mich bereit, und gegen elf Uhr fuhren wir endlich ab; neben mir meine Schlosser, mein Dolmetscher und mein Kawaß. Es war eine wunderliebliche Fahrt auf dem mächtigen braungelben Strom, der da und dort den Kamm seiner Dämme berührte und einen freien Blick auf die herrliche Landschaft gestattete; nach Süden mit ihren Felsbergen und Pyramiden, nach Osten mit den Dörfern zwischen grünen, noch nicht überschwemmten Feldern und den zierlichen Palmenhainen am Horizont, nach Norden die scheinbar meerartig sich ausdehnende Wasserfläche, stets belebt von den blendenden Segeln der Nilboote, und im Westen endlich die gelbe, lautlos glühende Wüste, die sich mehr und mehr dem Flusse zudrängt, bis man sie endlich nach dreistündigem Fahren bei Thalia förmlich von den Wellen des Nils bespült sieht. In der reißenden Strömung flog das Boot den Fluß hinunter. Thalia liegt auf dem rechten Ufer des Nilarms von Rosette, etwa fünfzehn Stunden unterhalb Kairo. Auf der andern Seite des Stroms, dem Gute gegenüber, befindet sich in der ansteigenden Wüste ein kleines Jagdschloß Halims, von wo aus er Gazellen zu jagen pflegt. Das Gut selbst steht unter einem Bei, der mich am Ufer empfing und alsbald zum Nachtessen einlud. Mit Ausnahme des Prinzen ist er der anständigste Türke, dem ich bis jetzt begegnet bin, und da ich in arabischen Tischgebräuchen bereits eine gewisse Gewandtheit besitze, so kamen wir vortrefflich miteinander aus. Diese Art zu essen hat etwas ungemein Gemütliches. Man setzt sich im Kreis um ein riesiges Kaffeebrett, auf dem für jeden Gast ein rundes arabisches Brot liegt, das als zeitweiliger Teller dient. Ein Schwarzer oder Brauner bringt ein Wasserbecken, in dem man sich unter vielen Höflichkeitsbezeugungen die Hände wäscht. Sodann bringt ein andrer eine Platte mit einem mächtigen Kapaunen, der in Flädchen eingehüllt ist, oder eine ähnliche kräftige und stets sehr gut gekochte Fleischspeise. Man reißt dem Geschöpf nun nach Kräften Stücke aus dem Leib, wie's gerade kommt, und führt sie ohne weitere unnötige Vermittlung zum Munde. Hier und da legt mir auch mein Gastwirt mit einladendem Lächeln die Beute eines besonders kühnen Griffes auf mein Brot, was ich dankend anerkenne. Und so verschwindet allmählich der Kapaun und macht einer Reihe kleinerer Gänge Platz, bis eine Schüssel Reis den Schluß andeutet und man sich abermals die Hände wäscht, um Kaffee zu trinken. Da mein »Haus« noch nicht ausgekehrt war, schlief ich in der ersten Nacht an Bord, vollständig im Freien auf offenem Nil. Abends ist dies nach den glühenden Tagen der gegenwärtigen Jahreszeit angenehm; morgens aber läßt die Sache zu wünschen übrig. Es wird empfindlich kühl, und der Taufall ist bedeutend. Was jedoch Millionen meiner braunen Mitmenschen ertragen, ertrage ich wohl auch. Dann folgte ein Tag voller Arbeit, währenddessen ich kaum Zeit fand, zuweilen einen Blick auf die reizende Umgebung zu werfen. Vom Nil bespült, unter dichten Sykomoren lag neben einer schlichten Dorfmoschee unsre Maschine, die sich allmählich auf ihre Räder erhob, was nicht ohne viele Anrufungen des Propheten abging. Einer der Hauptschreier sang bei jeder heftigeren Anstrengung den etwas anzüglichen Vers: »Mögen deine Gläubigen ihr Tun bereuen!« Doch finde ich im allgemeinen die Araber willig und gutartig genug. Als gegen Abend die Sonne hinter den Bergen der nahen Wüste untersank, freute ich mich herzlich auf eine vernünftige Ruhe in meinem »Haus«, das ich aber noch nicht gesehen hatte. Müde und erwartungsvoll folgte ich etlichen sechs dienstbaren Geistern, die meine sieben Sachen davonschleppten. Wir erreichten das »Haus«. Von außen, obgleich nur aus Backsteinen von an der Sonne getrockneter Erde erbaut, sah es in der Dämmerung nicht so übel aus. Die eine Hälfte, zur Schreibstube eingerichtet, war verschlossen; die andre, die mir dienen sollte, war ein ziemlich großes viereckiges Gemach mit nackten Wänden und nacktem Boden aus Nilschlamm. Allerdings war dieser Raum ausgekehrt, aber auch völlig leer. Mit durch die Müdigkeit gesteigerter Entrüstung wandte ich mich an den Nasir, der das Ganze mit Wohlgefallen betrachtete, und verlangte heftig irgend etwas, um darauf zu sitzen, zu stehen oder zu liegen. Besänftigend berührte der gute Mann meinen Arm, und vier der braunen Kerls verschwanden. Mein Dragoman begann auszupacken und machte Licht, um die trostlose Einsamkeit zu beleuchten. Mittlerweile kamen die Araber zurück und schleppten zu meinem Erstaunen den Flügel des Haustors, einen halben Spitzbogen bildend, zur Tür herein, worauf sie sich abermals entfernten und vier Wurzelstumpen verstorbener Palmbäume stöhnend herbeibrachten. Auf die Stumpen wurde das Tor gelegt, über dieses eine Schilfmatte gebreitet, und abermals sah mich mein arabischer Freund mit strahlenden Augen an und suchte in den meinen nach dem Ausdruck der Befriedigung. Nun schob ich mit einiger Mühe die dunkle Schar meiner Beobachter und Mitarbeiter zur Tür hinaus und begann Tee zu machen. Mein Dragoman, der etwas kochen kann, schlug draußen am Nilufer Eier ein, und meine Stimmung hob sich. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß die Haustür wirklich zur Hälfte verschwunden war und daß von der Befestigung eines Moskitovorhangs keine Rede sein konnte, richtete ich mich auf meinem Bett so bequem als möglich ein und begann mit schauderndem Behagen eine jener meisterhaften Schilderungen von fröstelnden Novemberabenden in London zu lesen, wie sie nur mein derzeitiger Freund und Liebling Dickens zu geben vermag. Es war eine gespenstige Nacht. Nichts unterbrach die Stille als das Murmeln des Nils, das leise Rauschen der Sykomoren in der noch schwülen Nachtluft und das laute Quaken von tausend Fröschen in den Pfützen hinter dem Haus. Dann kam eine schwarze Spinne schwebend von der Decke und gaukelte um mein Licht. Dann stürzten vier dickleibige Nachtschmetterlinge mit Geschwirr auf mein Buch, liebend oder mordend. Dann kamen große schwarze Käfer und kleine braune. Dann wollte eine dünne schwarze Katze zum Fenster herein; und als ich nach der offenen Stubentür sah, stand dort eine lautlose, weiße Gestalt, mit dunkeln, glühenden Augen mich betrachtend – ein Schakal, um mich in seinem Revier zu begrüßen. Es freute mich. Ich erinnerte mich der Gastfreundschaft des Arabers und richtete mich auf, um ihm ein Stück Brot zuzuwerfen. Aber, o Schrecken! – tausend und abertausend Ameisen lustwandelten emsig über den Restchen meines Tees, über meine Matte, über mein Bett und tausend und abertausend andre quollen noch immer aus einem der Baumstumpen hervor, auf denen mein ganzes Dasein beruhte. Habt Ihr genug? Ich hatte es, und zum Schlafen kam ich nicht viel in jener ersten Nacht. Aber man lernt alles in Ägypten, selbst das Schlafen auf Ameisennestern. 50. Kairo, den 30. August 1863. Ein Wort vom Geschäft. Es ist mir überhaupt rätselhaft, wie ich es fertig bringe, noch von irgend etwas anderm zu schreiben. Was ich in allen Richtungen an Unfertigem und Halbzerfallenem aufzustellen und einzurichten finde, könnte mehr als ein Tintenfaß und eine Menschenkraft aufsaugen. Und das reißt nicht ab! In zwei Monaten erwarte ich gegen zweihundert weitere große Kisten mit Maschinenteilen aller Art, die insgesamt in sechs bis acht Wochen ihre wunderlichen Arme und Beine in geordnete Bewegung setzen sollen. Sechs neue Dampfpflüge für Kassr-Schech, einen zehn Quadratmeilen großen Landstrich im nördlichen Delta, um auch dort »einen Anfang zu machen«, wie Halim sagt. Da gilt's aufpassen und sich regen. Fowler schreibt mir entzückte Briefe, die von der Anerkennung meiner »Ausdauer, Geschicklichkeit und Talent« sprudeln. Davon fällt unleugbar viel auf Rechnung einer großen Seuche unter den ägyptischen Ochsen, für die der Dampfpflug Ersatz schaffen muß. Was für mich übrigbleibt, tut mir wohl und freut mich insofern, als ich mich Fowler gegenüber aufrichtig verpflichtet fühle. So haben wir uns wenigstens nicht ineinander verrechnet. 51. Schubra, den 22. September 1863. Der Mond scheint durch das offene Fenster. Draußen liegt die Welt in seinem grünen Lichte und ihren schwarzen Schatten, und durch die Einsamkeit tönen die hundert Stimmen einer ägyptischen Nacht. Grillen zirpen tausendfältig im Klee und in den üppigen Baumwollenfeldern, Hunderte von Fröschen schreien aus Zuckerrohr und Reis und kühl schauert der Wind, der vor wenigen Stunden den Sinai gestreift und die Fluten des Roten Meeres gekräuselt hat, in den mächtigen Sykomoren, die meinen Horizont begrenzen. Die Berge von Kairo sind in der Dämmerung kaum noch zu erkennen; die Pyramiden sind für heute versunken. Ein üppiger, geheimnisvoller Garten, soweit das Auge reicht, und darüber ein Sternenhimmel – »von überirdischer Klarheit«, müßte ich sagen, wenn ich in Deutschland wäre. Aber die alte Heimat liegt mir ferner als sonst; ich schreibe heute die ersten Zeilen aus meiner neuen. Man erlebt alles im Laufe der Zeit! Mein vielbesprochenes Haus in Schubra ist fertig geworden. Freilich fehlten noch ein paar Stufen der Eingangstreppe; auch das Kamin hört vor der Zeit auf und erinnert vorläufig noch an die Ruinen, »die sich die alten Ritter zu bauen pflegten«. Nichtsdestoweniger rückten allmählich Stühle, Tische, Betten und Diwans an, und außer dem großen, landesüblichen Filtrierkrug für das Nilwasser ist alles vorhanden, was ich aus der offenen Hand meines Paschas zu erwarten hatte. In derselben Woche kam sogar von Alexandrien das ersehnte Klavier, um seinen Einzug in meiner Villa zu feiern. Worauf ich mein Herz und meinen Geldbeutel unter den Arm nahm und auf den Markt ging. Der Einkauf von Löffeln, Kochgeschirren, Tellern, Bettüberzügen und dergleichen bot wenig Genuß, aber um so mehr Mühe. Sodann wurde ein arabischer Koch geworben, der vereint mit meinem Kawassen und Dragoman die Stubentüren zu waschen begann, während zehn junge Araber den Mauerschutt mit nicht übermäßiger Pünktlichkeit aus den Fenstern warfen und drei Scheiben zerbrachen, wofür sie ein Backschisch beanspruchten. Wie manchmal in diesem Lande der Barbarei, worin ich ein Stück Kulturleben zu vertreten habe, liegt mir der Seufzer nahe: »Hätt' ich was Rechtes gelernt!« Warum jagt Ihr, Mütter, Großmütter und Tanten Deutschlands, den strebsamen Sprößling der Familie mit einem kränkenden: »Küchenmichel!« aus euerm Heiligtum, so oft er instinktmäßig die Bedeutung eures Berufes anerkennt? Eine Stunde in der Küche ist nützlicher als zehn im Cornelius Nepos. Und warum brandmarkt man das Wichsen eines Stiefels mit Verachtung? Es kann unter Umständen schwerer ins Gewicht fallen als der schönste Hexameter. Schließlich sahen aber doch vier Zimmer mit Portieren und Vorhängen, mit ihren noch etwas primitiven Möbeln und ihrem gänzlichen Mangel an Bilderschmuck so wohnlich und heiter aus, als die liebe Sonne und die tiefgrüne Welt draußen sie zu machen vermochten. Die Zeit war da, mich einzunisten. Meine Erfahrungen im Haushalten in halb arabischer Art liegen noch im Schoße der Zukunft. Vorderhand habe ich nur zu berichten, daß der bereitwillige Koch auf mein dringendes Verlangen nach einer Teetasse mir vor einer Stunde mit der Rasierschale aufwartete. Trotz der erlangten Seßhaftigkeit lebe ich nach wie vor wie ein Nomade. Binnen kurzem erwartet mich in Kassr-Schech ein förmliches Zeltleben, und bis vor kurzem verlebte ich meine Zeit mehr auf dem Wasser als auf dem Lande, denn die Nilfahrten nach Thalia und Theranis nehmen kein Ende. Mein kleiner Dampfer schießt emsig den randvollen Strom auf und ab, der gegenwärtig einen großartigen Anblick darbietet. Theranis erreichte ich früher in sechs Tagen, jetzt in zehn Stunden der lustigsten Fahrt, die man sich wünschen kann; denn die ganze Natur atmet auf und glänzt in neuem, dunkelm Grün; ein wahres Paradies, dem selbst das Getrieb und Gewirr meiner Maschinen nichts anhaben können, noch wollen. Sie haben es ja schaffen helfen. – – 52. Schubra, den 15. Oktober 1863. Seit dem Durchstich des großen Kanals bei Alt-Kairo verschlingt der Nil all unser Dichten und Trachten. Bei Schubra und überall, wo Dämme und Kanäle in Ordnung sind, merkt man hiervon wenig. Die großen Pumpmaschinen der Umgegend hörten auf zu rauchen, da und dort füllt sich ein Gräbchen, da und dort schlängelt sich ein dickgelbes Bächlein am Weg hin, da und dort verwandelt sich ein steinhart ausgetrocknetes Feldstück in einen See. Nach drei Tagen erscheint an derselben Stelle die nasse, schwarzbraune Erde wieder, die sich nach abermals drei Tagen in eine grüne Fläche verwandelt. Jedes Feld kann in dieser Weise beliebig lang unter Wasser gesetzt werden, und das künstliche Kanalsystem, das Hin- und Herleiten des Wassers läßt es oft wirklich so erscheinen, als würde das harmlose Element durch irgendwelche schlaue Kniffe den Berg hinaufbetrogen. Steigt dagegen der Nil höher als gewöhnlich, wie in diesem Jahr, so hört die Gemütlichkeit auf. Zwischen den Hauptdämmen wälzt sich dann ein braunes Meer dem großen blauen zu. Auf den Dämmen liegen Tausende von Fellachin, mit Schaufeln und Strohkörbchen bewaffnet, um wieder einen Zoll Erde aufzuschütten, wenn das geheimnisvolle Ungetüm um einen weiteren Zoll zu wachsen droht. Aus dem unteren Delta herauf hört man von weggerissenen Dörfern. Selbst in der Nähe von Kairo ist uns vorige Woche eine Insel mit hundertfünfzig Hektar Baumwollenpflanzung untergegangen! Mit liebevollerer Besorgnis als diese großen verfolgt Ihr meine kleinen persönlichen Angelegenheiten. Die Geschäfte ließen mir während der letzten Wochen Zeit, mich als Hauseigentümer und Familienvater ohne Familie in Schubra einzuleben. Zuvörderst mein Hofstaat! Er besteht vorläufig, mit dem Rechte der Kooptation, aus folgenden Gliedern: Erstens: I myself . »Ganz Genua kennt meinen Gang,« heißt's im Fiesko. Brauche ich mehr zu sagen? Sodann mein Dragoman, Abu-Sa, ein gutmütiger, dicker Kerl, Kopte von Rasse und Glauben, der mich viel ärgert um seiner Faulheit willen. Nebenbei lehrt er mich Lesen und Schreiben, was ihn einschläfert, so daß ich unlängst genötigt war, ihm eine Ohrfeige zu geben, als er mir etliche unverzeihliche Schnitzer hingehen ließ. Drittens mein Schreiber Chalil. Er ist vom Diwan – der Verwaltungsbehörde – angestellt und hat für mich täglich Dutzende von Briefen zu schreiben, die ich blindlings unterzeichne; denn das Lesen ohne Vokale hat seine Haken. Er gehört weniger zum Haushalt, aber sonst zu allem. Man sollte nicht glauben, wie das Schreibereiwesen auch hier in Blüte steht. Ferner: mein Läufer, auf Arabisch »Sais«, Ali. Ein netter Bursche und treuer Kamerad meines Esels. Er hat unter anderm die Briefe, die Chalil schreibt, bei Pontius und Pilatus herumzutragen, bis sie um sechs Schuh verlängert wieder zurückkommen, ohne der Sache, die sie betreffen, genutzt oder geschadet zu haben. Endlich mein Koch Hassan, ein Vetter Alis, von diesem empfohlen. Diese zwei Kerls bestehlen mich systematisch. Es ist ein wahrer Genuß, sie zu beobachten und die Versicherungen ihrer unwandelbaren Ehrlichkeit und Treue entgegenzunehmen. Das plötzliche Verschwinden von fünf Pfund Öl oder von einem Korb Kartoffeln, das Fehlen von zwei Pfund Reis, wenn man für das Doppelte bezahlt hat, das koranwidrige Leerwerden einer Flasche Wein bringt sie nicht im geringsten aus ihrer treuherzigen Fassung. Sie wegzujagen wäre lächerlich, da das nächste Paar die althergebrachte Sitte in genau derselben Weise pflegen würde. Nachts verringert sich der Haushalt und besteht nur aus mir im ersten Stock und meinem Esel im Erdgeschoß, da es Brauch ist, daß die Köche nach Hause gehen, um ihren Raub bequemer in Sicherheit bringen zu können. Eine schöne Sitte, die mir viel Verdruß erspart! Morgens jedoch, kurz vor Sonnenaufgang, erscheint der Küchengeist wieder und klopft mich aus meinen Träumen oder unterbricht den ungleichen Kampf mit einem Dutzend Moskitos, woran Schubra überreich ist. Ich beobachte mit stetem Genuß, wie die ewig klare Morgensonne die ersten rotgelben Lichtstreifen in meine grüne Umgebung wirft. Die Natur atmet gegenwärtig in vollen Zügen auf, die schwere Zeit des Jahres ist vorüber und eine Art Frühlingsschimmer liegt auf der neubelebten Welt. Freilich ist's nicht jener Tier und Mensch erschütternde Übergang in einen deutschen Frühling. Dann, eingedenk meines und des alten Mönchslebens, setz' ich mich auf meinen Balkon und lese, die Pyramiden vor Augen, ein Kapitel aus einem Neuen Testamentchen, das ich einst in London erhandelte. Sonnenaufgang, Morgenstille – aber Ihr kennt das ja auch. Schäfers Sonntagsmorgen von Uhland, in einer wunderlichen Übersetzung. Das Frühstück, Tee und ein primitiver Eierkuchen, übersteigen die Kräfte des Kochs nicht. Nach demselben beginnt die Arbeit des Tages, von der ich vielleicht schon zu viel geschrieben habe; denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, heute wie vor ein paar Jahrtausenden. Für heute aber möge es genug sein. Es ist nicht mein letzter Brief aus meinem neuen Heim. 53. Schubra, den 28. Oktober 1863. Im großen stockten die Geschäfte, im kleinen sind sie zum Ersticken. Zuerst vom Ersticken! Während des Morgens statte ich gewöhnlich Halim-Pascha einen Besuch ab. Mein Verhältnis zu ihm bleibt fortwährend ein gleich gutes. Aber auch täglich sehe ich Beispiele, wie wenig man sich auf diese Herren verlassen kann, selbst wenn sie zu den besten gehören. – Sodann muß ich nach jedem Bolzen, nach jedem Backstein selbst sehen, muß Maurer, Bauführer, Schlosser, Schmied und Ingenieur in einer Person sein, wenn wir vorwärts kommen wollen. Dafür hat man allerdings auch ein andres Gefühl, wenn etwas fertig geworden ist, als in Europa. Nun von der Stockung! Ihre Hauptursache liegt am Nil, der unmäßig groß ist, bedeutende Strecken der Eisenbahn zerstört hat und das Land in allgemeine Unordnung bringt. Sonst hätte ich wohl das angedrohte Zeltleben in Kassr-Schech bereits begonnen; denn in Alexandrien liegen Kisten und Kasten genug für mich. Dort soll die Verwirrung bodenlos sein. Ägypten scheint in diesem Jahr, neben dem Nil, auch von englischen Maschinen förmlich überschwemmt zu werden. Die Dampfer in Liverpool, von allen Seiten gedrängt, nehmen alles, was ihnen gerade am nächsten liegt, ohne Ansehen der Person, der Kisten und ihrer Bestimmung, an Bord und laden es ebenso sorglos in Alexandrien aus, so daß die Not und der Jammer der hiesigen Ingenieure grenzenlos zu werden droht. Von Alexandrien nimmt dann jeder, was ihm zu gehören scheint, schleppt es in den einen oder andern abgelegenen Winkel des Landes und hat schließlich ein halbes Dutzend Röhren zuviel und sechs Räder zu wenig im Schlamm des Deltas liegen, während ein andrer in Oberägypten sich über seinen Überschuß an Rädern und seinen Mangel an Röhren verwundert. Ich freue mich schon längst auf meinen Anteil an dem allgemeinen Jammer. Denn ein »wackrer Deutscher fürcht' sich nit«! 54. Schubra, den 18. November 1863. Vor meinem Abscheiden aus dieser Welt, das heißt, ehe ich nach Kassr-Schech gehe, das zwanzig Meilen jenseits aller menschlichen Kultur liegt, eine erfreuliche und einige trübselige Nachrichten! Auf der Leiter menschlichen Ehrgeizes bin ich um eine Sprosse weiter geklettert und teile den Platz mit etlichen tausend Narren, etlichen hundert Unglücklichen und etlichen wenigen großen Männern des Jahrhunderts. Mein erstes englisches Patent ist gesichert. Es betrifft die früher schon berührte Pumpe. Denket Euch einen vierundzwanzig Fuß langen und mehr als schuhdicken eisernen Elefantenrüssel und einen dampfgetriebenen Elefanten, der von Brunnen zu Brunnen läuft, seinen Rüssel in dieselben hineinstößt und jeden in einer Stunde aussäuft, so habt Ihr den Grundgedanken der Erfindung, die jedoch nur für ägyptische Verhältnisse von Bedeutung werden kann. Im übrigen ist die ganze Welt krank, die Folge des übergroßen Nils, der jetzt zurücktritt und Sümpfe und Pfützen hinterläßt, in deren Ausdünstung wir schmoren. Auch mich hat's etwas gepackt. Ein fremdes Klima verlangt nun einmal seinen Zoll. Indessen lag ich nicht zu Bett, sondern fühlte mich nur gründlich verstimmt in Leib und Seele, quälte meine Leute mehr als gewöhnlich und fühlte mich von denselben außergewöhnlich gequält. Das ganze Land scheint mir nicht besser dran zu sein. Zivilisation und Barbarei, fieberhafte Unternehmungen und unüberwindliche Faulheit, der alte Fanatismus, der, weil er nicht mehr morden kann, betrügt und stiehlt, und der modern-christliche Unglaube, der in größerem Stil raubt und plündert, wo etwas zu holen ist, all diese widersprechenden Elemente liegen sich brüderlich in den Haaren. Amerikanische Industrieritter und englische Stallknechte, griechische Spitzbuben und französische Komödianten, deutsche Trunkenbolde und italienische Apotheker und Giftmischer auf der breiten Grundlage von Arabern und Kopten, bei denen jedes Wort eine Lüge ist und jede Handlung ein Diebstahl, ein Versuch, zu bestechen oder bestochen zu werden – das sind die Elemente dieser Gesellschaft. Recht hübsch und bunt für einen Vergnügungsreisenden. Aber leben und arbeiten mit diesem Volke ist so leicht nicht. Nach Jahrzehnten, wenn die Flut der eindringenden Zivilisation sich zu legen beginnt, wenn Arbeit und Verdienst ihr Gleichgewicht gefunden haben, wird sich das alles vielleicht besser gestalten. Aber bis dorthin, so Gott will, bin ich längst über Berg und Tal. Spürt Ihr die Sumpfluft, die durch diese Blätter zieht? 55. Mahallet-el-Mesir, den 25. Dezember 1863. Es ist Christtag bei Euch. Gestern abend, als ich dem trüben Abendrot entgegen, denn auch der ägyptische Himmel ist nicht ewig blau, vom Nilkanal meinem Nachtquartier zuritt, dachte ich an die tausend Lichter, die nach wenigen Stunden in der Heimat brennen werden, um tausend und abertausend frohen Herzen zur Freude zu leuchten, während ich hier, so nahe der großen heiligen Vergangenheit, nur eine ärmliche Moschee und einen Abend mit zwei Talgkerzen vor mir sah. Und heute früh, als ich in erbarmungslosem Geschäftsdrang der Morgendämmerung und meinen sechs Schornsteinen entgegenging, die den meerähnlichen Horizont des Deltas auf Meilen überragen, obwohl sie keine sechs Meter hoch sind, da war mir's, als müßte ich das feierliche Glockenläuten hören, das Euch jetzt, vielleicht noch in tiefer Nacht, aus dem Schlafe aufweckt zum alten, treugepflegten Familienbrauch. Aber die Welt um mich her blieb still und tot. Ich seh' es Euch an, wie Euch dieses Geständnis einen wehmütigen Stoßseufzer auspreßt. Ich habe es selbst, erst in den letzten Jahren einsehen gelernt, wie sich menschliches Machwerk, Sitte und Gewohnheiten bis in die innersten Tiefen des Herzens einnisten. Was ist unser Christfest mehr? Die Kopten feiern die Geburt des Heilandes in zehn, die Syrer in achtzehn Tagen. In England wünscht man sich nicht »gesegnete«, sondern »lustige« Feiertage; in Frankreich und Italien ist Weihnachten ein Fest, das niemand sonderlich beachtet. In Deutschland nur hängen sich alle kindlich-religiösen Erinnerungen an diesen Festtag, und darum verletzt es unser Gefühl, wenn wir ihn brechen. Aber auch nur dieses. Und was ist Gefühl mehr als das ewig Schwankende, ewig Irrende in uns, über dem, unbewegt von unserm Wissen und Glauben, die ewige Wahrheit stehen sollte und steht. Es scheint von jeher eine der Aufgaben meines Unsterns gewesen zu sein, mir den Genuß der Weihnachtsfeiertage zu verderben. Vor drei Jahren stand ich seufzend und dichtend bei meinen tropfenden Kesseln im Schwarzwald; vor zwei Jahren war ich so einsam und allein in Leeds, diesem Muster einer schwermütig-schmutzigen Fabrikstadt, als man es sein kann in fremdem Lande; desgleichen im vorigen Jahr, und heute bewohne ich eine Lehmhütte, benutze eine Maschinenkiste als Tisch und muß nachts mein Feldbett drei-, viermal verstellen, weil das Dach aus Maisblättern einem Winterregen im nördlichen Delta nicht standhält. Es waren tolle Wochen in dieser Wildnis, in der jetzt fünf neue Dampfpflüge bereitstehen, die Frühjahrsarbeit in Angriff zu nehmen. Anfänglich glaubte ich fast, sie würden mir das Leben kosten, doch kehre ich gesünder aus den Deltasümpfen zurück, als ich sie betreten hatte. Und rascher als ich erwarten und fast wünschen konnte. Denn ich schließe diesen Brief in Schubra. Vor zwei Tagen erhielt ich nämlich plötzlich die Weisung, zurückzukommen, weil hier alles drunter und drüber gehe. Es ist so gefährlich nicht, wie ich heute wahrnahm, so daß ich übermorgen nach Thalia dampfen kann, um dortige Maschinen zu montieren. Dann geht's vermutlich zurück nach Kassr-Schech; worauf Schubra wieder mechanisch demoralisiert sein wird, und so in infinitum . Meine unerwartet rasche Rückkehr von Kassr-Schech ist im wörtlichsten Sinn zu verstehen. Von Mahallet el Mesir nach Tanta, der nächsten Bahnstation, sind es acht Wegstunden, die ich auf einem feurigen Araber zurücklegte. Ihr wißt, wie es mit meiner Reitkunst bestellt war, als ich Ägypten betrat. Eine Stunde vor Tanta ging die Bestie, ihren gewohnten Stall witternd, mit mir durch und rannte mit wahnsinniger Geschwindigkeit über Stock und Stein der Stadt zu. Zuerst flog mein Hut, dann mein Taschentuch, dann ein Messer ins Weite. Längst hatte ich meine Reisegesellschaft aus dem Gesicht verloren, mit Ausnahme meines Dragomans, dessen Tier plötzlich denselben Drang verspürte und wie wütend hintendrein keuchte. Es war ein Wettrennen in bester Form. Da ich merkte, daß mein Rennen immer toller wurde, je lauter der andre galoppte, so schrie ich Abu-Sa zu, seine Rosinante um des Himmels willen anzuhalten. »Ich kann nicht, ich kann nicht!« war die verzweifelte Antwort und weiter ging's, »daß Kies und Funken stoben«. Noch stand ich in meinen schifförmigen Steigbügeln; als jedoch auch Streichhölzer aus meinen Rocktaschen flogen, dachte ich mit Ergebung: »Jetzt gute Nacht! Das nächste bist du!« Doch zum guten Glück war ich's nicht. Meines Dragomans Gaul gab das Rennen verloren und hielt still. Etliche hundert Schritte weiter fiel's dem meinigen ein, sich nach seinem Freund und Spielgenossen umzusehen, und triumphierend setzte ich mich wieder zurecht. So geht's, wenn man in der Jugend »nichts Rechtes« gelernt hat. 56. Schubra, den 1. Februar 1864. Ein Wort vom ägyptischen Küchenpersonal, zum Trost für deutsche Hausfrauen! Nachdem mein alter Koch genug Holz, Lichter, Kleidungsstücke und schließlich meine Uhr gestohlen hatte, glaubte er seine Pflicht erfüllt zu haben und verließ mich plötzlich. Einen neuen zu bekommen ist, solange die Nilreisenden schwärmen, überaus schwer. Man wendet sich an den »Schech der Köche« in Kairo, der die Verpflichtung hat, dem Bittsteller gegen ein gutes Backschisch behilflich zu sein. Er schickt zunächst den schlechtesten Kerl, den er zur Verfügung hat, und den man nach zwei Tagen zur Türe hinauswerfen muß. Worauf man dem Schech ein zweites Backschisch bezahlt und den Zweitschlechtesten erhält. Abermaliges Hinauswerfen. Abermaliges Backschisch, das den in moralischer und kochlicher Beziehung dritten Mann von hinten zum Vorschein bringt. So weit wäre ich jetzt mit Not und Mühe gelangt. Obgleich nun Nummer drei nichts weniger als ein Künstler in seinem Fach ist, werde ich ihn doch vermutlich behalten, da er mich durch Heiterkeit, womit er verbrannte Suppen auf den Tisch stellt oder Teller zerbricht, ergötzt. Nahezu eine Woche war ich ganz ohne Koch. Die Sorgen um das tägliche Brot wurden drückend. Die Vergnügungen der Arbeit müssen hierzuland die fehlenden Genüsse des Lebens ersetzen. Vor einigen Tagen durfte ich wieder zehn neue Maschinen bestellen und werde somit im nächsten Sommer fünfundzwanzig Stück für Dampfkultur im Gang haben. Der Vizekönig, der auf meine Veranlassung vor einem Vierteljahr den ersten Pflug bekam, treibt's natürlich großartiger, ist aber im Augenblick in schweren Nöten, da bei ihm von Anfang an niemand die Sache in die Hand zu nehmen verstand und daher Leute und Maschinen in bodenloser Verwirrung fast untergehen. Vor einer Woche ist endlich ein Mann eingetroffen, der Geschick und Tatkraft zu haben scheint, den muselmännischen Augiasstall auszufegen. Auch ein Deutscher, den Fowler auf einer Ausstellung in Hamburg aufgelesen haben soll. Wie mir mein neuer Herr Kollega, R. Toepffer aus Stettin, erzählt, ist man in England voll meines Ruhmes, was ich mich nicht enthalten kann, Euch mitzuteilen, selbst auf die Gefahr hin, als eitler Tropf zu erscheinen. Fowler hat infolge der ägyptischen Bestellungen seine Fabrik um das Dreifache vergrößert, und der Vizekönig, der nicht warten will, hat die Vergrößerung bezahlt. Was gegenwärtig besonders wirkt, ist, daß ich im barbarischen Ägypten der erste bin, der es fertig bringt, mit Erfolg bei Nacht zu pflügen. Dies geschieht seit vier Wochen in Schubra, um die Felder für die Aussaat der Baumwolle fertig zu bekommen. Im Mondschein und Fackelglanz sieht die Sache dämonisch aus. Nur schade, daß der Reiz der Romantik so bald verschwindet und schließlich nichts andres übrigbleibt als ein weiteres Stück rastloser, harter Arbeit. Mit Halim-Pascha stehe ich fortwährend auf dem besten Fuß. Ich wundere mich oft, wo der Mann inmitten dieser trägen Umgebung seine Lust am Schaffen her hat. Wir haben hier eine landwirtschaftliche Maschinenwirtschaft ins Leben gerufen, wie sie meines Wissens nirgends sonst in der Welt existiert. Lachend, aber ernsthaft droht er mir für den nächsten Herbst mit den Katarakten, in deren Nähe er große Ländereien besitzt. Vorgestern sagte er: »Er habe im Sinn, von der türkischen Regierung die Konzession für etliche fünfzehntausend Hektar besten, aber völlig unkultivierten Bodens hinter Jaffa zu erbitten, die durch Dampf in einen Garten verwandelt werden könnten.« So hätte ich Aussicht, meine Maschinen ins Gelobte Land zu führen, ein Kapitel alttestamentlicher Poesie, wie sie nur das Leben unsrer Zeit zu dichten vermag! Daß mir hierbei manchmal das Herz im Leibe hüpft, selbst wenn mein Mittagessen kalt ist oder mir die Hosen gestohlen werden, begreift Ihr wohl. Eine Reise hinauf an die Grenze Nubiens, oder hinab ans tote Meer – das ist's gerade, was ich brauche; denn ich weiß nun, wie das Delta aussieht. Dabei überall diese wunderbaren Gegensätze: die kühnen Werke der modernen Welt, die träumerischen Reste der begrabenen Jahrtausende! Ist's nicht hübscher, das alles, trotz seiner kleinen und oft recht großen Mühen und Nöten, zu durchleben, als zu Hause ein Buch darüber zu schreiben? 57. Schubra, den 8. März 1864. Als ob es uns im Alltagsgetriebe an Kopfarbeit fehlte! – Soeben bin ich mit dem Entwurf eines neuen, natürlich dampfgetriebenen, Gerätes fertig geworden, das die Baumwollfelder in die üblichen Längsbeete zu legen bestimmt ist. Wenn es gelingt, wird ein einziger derartiger Apparat jeden Tag die Arbeit von etwa fünfzehn Paar Ochsen und zweihundertfünfzig Leuten ersetzen. Die Sache ist für Ägypten von großer Wichtigkeit, da die einzige ernstliche Schwierigkeit für den gegenwärtig unglaublich einträglichen Baumwollenbau in dem Mangel an Leuten und Tieren besteht. Auf den Wunsch und natürlich auf Kosten des Prinzen werden nun mit der größten Eile die nötigen Vorbereitungen für die Ausführung der Maschine getroffen, die ich noch in diesem Jahre versuchen zu können hoffe. Auch die vizekönigliche Dreschmaschine regt sich wieder und in etlichen Monaten, wenn der Jammer mit den alten ägyptischen Ochsendreschkarren wieder beginnt, werde ich vermutlich damit in voller Tätigkeit sein. Dagegen suchen sie mir bezüglich meiner Elefantenrüsselpumpe zu beweisen, daß das Patent auf Hindernisse stoße, weil irgendeine andre unbekannte Größe einen andern unausgeführten Gedanken, der dem meinen ähnelt, in unbekannter Vergangenheit patentiert habe! 58. Schubra, den 23. April 1864. Ein längerer Aufenthalt in Thalia zusammen mit Halim-Pascha war reich an fremdartigen Eindrücken und Ausblicken. Das beiliegende Billett, welches mich dahin rief, zeigt, daß die kalligraphischen Studien selbst eines Paschas und Vizekönigs in spe nicht immer von Erfolg begleitet sind. Zeltleben in der Einsamkeit dieser Halbwüsten bringt uns Menschen näher, selbst wenn sie orientalische Fürsten sind. Einen Abend, den ich bei dieser Gelegenheit allein mit Halim zubrachte, werde ich nicht leicht vergessen. Nachdem die Kapitel der Baumwolle und Steinkohle erschöpft waren, sprachen wir in der unbefangensten Weise über Leibeigenschaft, Konstitutionen, Sozialismus, Freiheit und schließlich über Christentum und Islam. Dazu der lauschende mondbeglänzte Nil, auf der einen Seite das Ufer in schwarzem Sykomorenschatten, auf der andern die Wüste in ihrer ewigen starren Ruhe – es war so übel nicht. – Selbst meine gestickten Pantoffeln hatten um dieselbe Zeit die Ehre, in das Innere des fürstlichen Harems einzudringen, leider aber ohne daß ich in ihnen stand. Morgen steht mir ein bedeutsamer Tag bevor, an dem wir in Schubra das erste ägyptische Wettdampfpflügen veranstalten, wobei ich einen beträchtlichen Zusammenlauf von Paschas, Beis, Schechs und gemeinen Fellachin erwarte. Es handelt sich um den Wert der Fowlerschen und Howardschen Pflugsysteme für ägyptische Verhältnisse. Natürlich werde ich, obgleich von Amts wegen neutral, meinem alten Meister zur Seite stehen, soweit dies recht und billig ist. Ich hoffe, die Geschichte ist nur das Vorspiel einer andern, die mir seit einiger Zeit im Kopf herumgeht. Ich möchte in Schubra oder Kairo eine landwirtschaftliche Maschinenausstellung veranstaltet sehen und fange an, Halim-Pascha für die Sache zu interessieren. Es wäre heilsam für Land und Leute. 59. Schubra, den 26. April 1864. Zwei Schlachttage und ein glorreicher Sieg! Mit drei Jahre alten Maschinen, von denen die eine durch einen Sturz ins Wasser schwer verwundet war, mit einem Haufen Halbwilder, von denen die meisten erst seit einem Jahr wissen, was Kohle ist, hatte ich mich gegen die neuesten Maschinen von Howard, bedient von fünf zu diesem Zwecke auserwählten Leuten englischer Herkunft, zu wehren. Der Wellingtonsche Gedanke: »Was werden sie in England sagen, wenn du geschlagen wirst?« hat mir ein Waterloo erfochten. Zu einer genaueren Beschreibung habe ich keine Zeit. Gestern wurde kultiviert. Meine Araber, durch ein Backschisch fanatisiert, stürzten wacker in den Kampf, und die alten Maschinen rasselten wie besessen. Die Sicherheitsventile hatte ich etwas Weniges zugeschraubt, so daß wir bald einen schönen Vorsprung gewannen. Aber auch die Engländer schraubten ihre Ventile fester. Nach einer Stunde flog ihnen ein Bleipfropf aus der Decke der Feuerbüchse, und der Dampf löschte unter gewaltigem Brausen ihr Feuer aus. Damit war der Kampf vorläufig zu Ende, indem überdies eine Stunde vollständig genügte, die Leistungsfähigkeit der Maschinen festzustellen. Wir hatten 2,4 Acker aufgebrochen, während die andern sich mit 1,16 begnügten. Halim-Pascha, der anfänglich der Würde halber den gänzlich Unparteiischen zu spielen versuchte, und meinen Gegnern alle möglichen Vorteile: die Wahl des Feldes, des Ackergerätes, der Aufstellung und so weiter eingeräumt hatte, konnte seine Freude nicht mehr verbergen und feuerte gegen das Ende selbst meine Araber durch Versprechungen an, ihre Pflicht »für König und Vaterland« zu tun! Heute spielt der zweite Akt, das eigentliche Pflügen. Das Ergebnis nach eineinhalbstündiger Arbeit war ein noch günstigeres, trotzdem ich durch das Brechen einer Schraube zehn Minuten verlor. Was mich am meisten freut, ist, daß der Sieg von meinen arabischen Truppen erfochten wurde. Meine hiesigen Berufsgenossen sind nämlich nicht wenig erbost auf mich, weil ich für die Bildungsfähigkeit der Rasse einstehe. Jetzt sehen sie's! Die Möglichkeit ist bewiesen. Mehr verlange ich vorderhand nicht. Meine Araber aber kauften sich noch an dem gleichen Abend europäische Hosen, in denen sie auf dem Feld umherstolzierten, wahrhaftige »Siegeshosen«! Ich selbst fühle mich halbtot geschlagen vor Ermüdung. 60. Schubra, den 18. Mai 1864. Schon im Altertum soll es vorgekommen sein, daß Mordwaffen aus Pflugscharen geschmiedet wurden. Sollte ich ähnliches erleben? Nach dem Wettpflügen schickte ich infolge einer früheren Bitte des Redakteurs einen so neutral als möglich gefärbten Bericht über die Prüfung an die » Egyptian Times «. Um dieselbe Zeit war Delano, der Howardsche Agent, der den Redakteur persönlich kennt, in Alexandrien, wo das Blatt gedruckt wird. Mein Aufsatz erschien als »Korrespondenz«, in schändlicher Weise abgeändert. Der Gedanke, daß Delano an dem Schurkenstreich, der in Kairo nicht wenig Aufsehen erregte, beteiligt war, lag nahe. Ich ging ihm deshalb zu Leib und verlangte sein Ehrenwort, daß er nichts damit zu tun gehabt habe. Dies verweigerte er mit gut gespielter Entrüstung. Worauf ich ihn einen Schuft hieß. Da er nun keine ritterliche Natur ist, so schien der ganze Handel damit sein Ende erreicht zu haben. In meiner Abwesenheit jedoch gab er mir, wie ich hörte, das Kompliment heim, und da der Streit sich im ersten Gasthof Kairos abgespielt hatte und wir überzeugt waren, daß Afrika und Europa die Augen auf uns gerichtet hielten, so mußte etwas geschehen. In England, Deutschland, Frankreich wäre mir nun ohne Zweifel der Weg des Gesetzes offen gestanden. Nicht so hier. »Auf sich selber steht man ganz allein da!« Weshalb ich mich kurz entschloß, zu Halim-Pascha ging und ihm mitteilte, daß ich mich, wenn er gütigst erlaube, mit Delano schlagen werde. Der Pascha meinte, das gehe gegen diejenigen Landesgesetze, die ein Europäer nicht zu halten brauche. Er wolle mir deshalb nichts in den Weg legen. Im stillen machte ihm die Sache sichtliches Vergnügen. Mein Sekundant ging somit ab. Zuvor aber hatte einer meiner Freunde auf eigne Faust sich den Scherz erlaubt, in Shepheards Hotel zu munkeln, daß ich ein verzweifelt guter Pistolenschütze sei. Das Ergebnis übertraf seine Erwartungen. Delano gab sofort sein Ehrenwort, daß er an der Veränderung des Aufsatzes vollständig unschuldig sei. Ohne Beweise mußte ich natürlich glauben, was niemand glaubte, und mich mit einer kühlen Versöhnung, mehreren Champagnerflaschen, die ich zu bezahlen die Ehre hatte, und dem Triumph eines unblutigen Sieges begnügen. Der Redakteur schreibt mir nun, daß alles nur Druckfehler seien und daß er gerne bereit sei, dieselben zu berichtigen, wenn ich dafür seine gewöhnliche Anzeigetaxe – sechs Pences die Zeile – bezahle. Wie kann man mit einer solchen Menschenwelt anders fertig werden, als indem man ihr die Pistole auf die Brust setzt? Aber seid außer Sorge! Mit dem Redakteur schieße ich mich nicht. Es ist billiger, den Kerl zu bezahlen. Mit den übrigen hiesigen Engländern lebe ich seitdem auf einem heiteren Kriegsfuß. Es gibt Dinge, bei denen selbst die Gewissen zweier Nationen sich nicht begreifen. Man muß das erlebt haben, um es zu verstehen. Was die eine für die natürlichste Pflicht der Ehre hält, erscheint der andern eine unbegreifliche Narrheit. Welche hat das Recht, über die andre zu Gericht zu sitzen? Wer soll entscheiden? 61. Schubra, den 30. Mai 1864. Dankbar muß ich dafür sein, daß mir mein arbeitüberfülltes Wanderleben nilauf, nilab doch auch mancherlei Allotria zuführt, die Geist und Sinne munter erhalten. Soeben komme ich von Thalia zurück, das ich selten besuche, ohne mich mit der einen oder andern wunderlichen Beute zu belasten. Die Wüste, welche das Gut berührt und es manchmal an einzelnen Stellen mit ihrem glänzenden Sand überflutet, so daß man Felder findet, bei denen nur noch die sonnegedörrten Ähren aus dem Boden ragen, erhält auch dem mühsam bebauten Boden etwas von der ursprünglichen Wildheit Libyens. Die Fußspuren der Wölfe und Hyänen, das nächtliche Geheul des Schakals, welche rudelweise im Mondschein schwärmen, haben etwas Wohltuendes für das europamüde und kulturüberdrüssige Herz, das ich – nicht habe. Freilich erreichen auch die Flöhe dieses Distrikts eine seltene körperliche Entwicklung und verbinden mit ihrer gewöhnlichen schlauen Gewandtheit die Gefräßigkeit von Raubtieren. Meine diesmaligen Errungenschaften sind ein junger Adler und zwei kleine, lieblich gestreifte Wildschweine. Alle drei werden die ersten Zöglinge meiner neubegründeten »Erziehungsanstalt für afrikanische Säugetiere« bilden, worin der Adler als außerordentlicher Schüler sogut Platz finden wird als seinerzeit ein Jude im protestantischen Seminar zu Schöntal. Morgen früh bin ich wieder auf dem Weg nach Mahallet el Mesir, wo nicht nur eine Maschine, sondern auch ein Maschinenwärter in Stücke gegangen ist. Übermorgen soll ich, koste es, was es wolle, wieder hier sein, um auf einer Insel, Schubra gegenüber, die nach Wasser schreit, eine Zentrifugalpumpe in Gang zu setzen, welche Hollier, der Pumpen-Baschmahandi, in einer Weise aufgestellt hat, daß sie nicht einen Tropfen Wasser gibt. Dann geht's nach Theranis, um eine sechzigpferdige Pumpe mit Ventilen zu versehen, dann – doch weiter zu rechnen ist Wahnsinn, da ich morgens nie weiß, wo der Stein liegt, auf dem ich abends mein Haupt niederlege. Hollier, der entschlossen zu sein scheint, sich totzutrinken, wie so viele seiner Landsleute, ist abgedankt, was er reichlich verdiente. Ich bin Monarch – Dampfpflüge, Dreschmaschinen, Werkstätten, Gasfabrik, Pumpen, Dampfschiffe, Baumwollengins, Zuckerfabriken – alles ist mein. Auch habe ich jetzt ein arabisches Pferd, drei Kawassen, zwei Esel, zwei Schreiber! Was fehlt mir noch, um glücklich zu sein? Hätte ich Zeit – es wäre am Platz, mit Hauffs Großvater im »Bremer Ratskeller« einen Schalttag zu halten. Vor dreizehn Jahren um diese Zeit verließ ich die liebe Heimat, Demosthenes und Horaz, voll Begeisterung für ein Ziel, von dem ich selbst keine Ahnung hatte. Vier Jahre später stürzte ich von idealen Höhen der Hochschulträume herab in das Schlosserlehrlingselend und tat einen schweren Fall. Wieder vier Jahre später schnitt ich meinen Wanderstab und begann mit etwas bänglichem Gefühl, aber mit dem Mut der Verzweiflung, das Handwerksburschenleben unsrer Zeit. Und abermals nach vier Jahren – Wüstensand – Nilschlamm – fern von allem, was mir teuer ist – einen Haufen Sorgen und ein Häuflein Gold! Sollte das das Ziel sein? 62. Schubra, den 21. Juni 1864. Briefe schreiben in dieser Jahreszeit ist ein qualvoll gutes Werk, das mir hoffentlich in einem besseren Jenseits angekreidet wird. Denn die Tinte trocknet unterwegs in der Feder, wenn ich einen großen Buchstaben langsam zu Papier bringe. Beeile ich mich aber, so hängen schwere Schweißtropfen damoklesartig über ihm an meiner Nase. In Kairo hatte man im Innersten der Häuser in den letzten Tagen 40-42 Grad Celsius. In der Sonne war die Hitze nicht mehr meßbar. Eine Nachmittagsfahrt in einem gepolsterten Eisenbahnwagen ist ein dem Fegfeuer entsprechender Genuß, den selbst der Araber, der glückliche Sohn der Sonne, nur unter stöhnenden Seufzern erträgt. Vergangene Woche war ich allerdings in Alexandrien, das um etliche acht Grad kühler ist. Halim-Pascha jedoch, der früher um diese Jahreszeit nach der Seestadt zog, straft sich und seinen ganzen Hofstaat diesmal mit einem hartnäckigen Aufenthalt in Schubra, und zwar aus ganz besonderen Gründen. Der Vizekönig und wir – das heißt Halim-Pascha – sind sich nämlich nach einem vollen Jahr wunderbaren Friedens in die Haare geraten. Die Ursache war daß Ismael eine Anzahl Dörfer, die Tussum-Pascha, dem Sohn des vorigen Vizekönigs Said, dem Pflegesohn Halims, gehörten, einfach annektierte. Worauf der große Neffe und der kleine Onkel sich nicht fein die Meinung sagten, und Halim die Präsidentschaft des Staatsrats, die er bisher innegehabt hatte, niederlegte. Hiermit war das Land in zwei Parteien gespalten, von denen die eine übermütig auf die Gegenwart, die andre sehnsüchtig in die Zukunft blickt; jede wünscht jedoch dem Haupte der andern aufrichtig eine gelinde Dosis Rattengift. Man sprach auch von einer Anklagereise Halims nach Konstantinopel, von der Abberufung Ismael-Paschas, von der Zurückberufung Mustafa-Paschas aus Paris und dergleichen. Von all dem ist im Augenblick nur so viel gewiß, daß Halim-Pascha in Schubra schwitzt, weil sich Ismael-Pascha in Alexandrien abkühlt. Für mich hat die Sache vorläufig keine persönliche Bedeutung. Allerdings habe ich jetzt keine Aussicht, Bei zu werden, selbst wenn ich die wunderbarste Baumwollensäe- oder -erntemaschine erfinde. Mein Streben nach orientalischen Roßschweifen ist jedoch gering, so daß ich selbst die Zeit nicht berechne, in der wir Vizekönig werden müssen, womit sich gegenwärtig Hunderte im stillen beschäftigen. Das Nomadenleben spinnt sich indessen ohne Unterbrechung weiter. Ein ewiges Mancherlei ist schließlich auch ein Einerlei. Heute neben einer brillanten Italienerin oder einer lieblichen Tochter Albions im Eisenbahnwagen oder an der besten Gasthoftafel Alexandriens, morgen mit drei oder vier Arabern in einer Nußschale von Boot und im träumerischen Mondschein zwischen Mansura und Damiette den Nil hinabtreibend, heute hoch zu Roß durch die gedörrten Reisfelder des unteren Deltas sprengend, morgen auf dem demütigen Füllen der Eselin zwischen Schubra und Kairo Heilbronner Tagblättchen studierend, heute von dem ersten Fabrikanten Englands mit Schmeicheleien überhäuft, morgen von dem zweiten ohne jegliche Schmeicheleien bestohlen, heute voll weltumstürzender Pläne, morgen an aller Welt verzweifelnd – hätte ich vor vier Jahren nur ein Zehntel von dem erlebt, was mir hier jeder Tag bringt, ich hätte Bände nach Hause geschrieben. Und jetzt weiß ich kaum, was ich Euch schreiben soll und was nicht? Mein letzter Aufenthalt in Mansura hat ein hübsches Stückchen Spitzbüberei aufgedeckt. Als ich den Plan meiner Elefantenrüsselpumpen ausgearbeitet hatte, wurde derselbe – durch wen, weiß ich nicht – einer bekannten großen Firma vorgelegt, die sich höchst ungünstig über den Gedanken aussprach. Dies führte damals zu einem lebhaften Meinungsaustausch mit Fowler und brachte mich sogar in eine etwas schiefe Lage Halim-Pascha gegenüber. Mein Erstaunen war deshalb nicht gering, als ich in Mansura drei soeben für einen gewissen Rachib-Pascha angekommene Pumpen von jener Firma vorfand, die bis in die kleinsten Einzelheiten meinem Plane entnommen sind! Das war denn doch etwas stark. Seit einer Woche schlage ich nach Kräften in Ägypten Lärm und bin soeben im Begriff, auch in England die Alarmtrommel zu rühren. Bezüglich der Duellgeschichte konnte ich natürlich von Eurer Seite keine Nachsicht erwarten. Und doch bleibt richtig: was einem Götz von Berlichingen moralische Pflicht war, ist je nach Umständen bei einem Geheimen Kanzleirat Sünde und Dummheit; was in Stuttgart mit Recht von dem sittlichen Gefühl verworfen wird, kann in Kairo, in Kalifornien ein unveräußerliches Menschenrecht sein. Wir berühren hier den unvermeidlichen Zwiespalt, in den sich jeder zivilisierte Mensch in einer halbwilden Welt versetzt fühlt. Mit Pflichten streiten Pflichten, und niemand gibt es, der aus diesem Kampf die Seele hätte rein davongetragen! Ja, das wilde Leben, dem ich mich in die Arme geworfen, hat sein Häkchen! Und wenn ich nach Jahr und Tag vielleicht auf einen Atemzug wieder Albluft genieße oder Jagstwasser trinke, finde ich die alte liebe Heimat wie anders! Großgewachsen, fremdgeworden, aufgeheiratet, tot. – Meine rechte Heimat wird Ägypten nie. Es ist mir zu warm. Ein Gutes hat diese halbtropische Luft trotz allem: so oft eine Hoffnung abfällt, treibt eine andre nach. 63. Schubra, den 21. Juli 1864. Alltägliches, das auch durchlebt sein will! Die Verhältnisse in Schubra sind derzeit fast possierlich. Mein Vorgänger Hollier, dessen Haus ich in Besitz nehmen soll, weigert sich hartnäckig, den Platz zu räumen, obgleich er nichts mehr zu tun hat. Seine Frau hat das Harem mit Erfolg bearbeitet, Halims Mutter wurde jedoch mit ihrer Fürsprache diesmal zurückgewiesen. Seit einiger Zeit werde ich vom feindlichen Lager mit allen erdenklichen Mitteln der Höflichkeit und Zuvorkommenheit bestürmt, Geduld zu haben, was mich in eine mißliche Lage bringt, da es eine Unmöglichkeit ist, unter solchen Umständen gegen Frauen grob zu sein. Mein nächster Nachbar, der den Zwillingsbruder meines Hauses bewohnt, ist endlich auch mit Kind und Kegel eingezogen. Es ist der Oberhofgärtner Halims, das Kind eine blühende, erstaunlich entwickelte Schönheit nach englischem Zuschnitt von fünfzehn Sommern; der Kegel ein kleiner Junge von sieben Jahren, den ich mit der Geschichte des Zyklopen in den dritten Himmel erhebe. Bei seinem Schwesterchen komme ich auf der gemeinschaftlichen Zinne unsers Hauses unter dem funkelnden Sternenhimmel des Südens mit Schneewittchen und Dornröschen in englischer Bearbeitung fast ebensoweit. Für die folgenden Jahre habe ich mich in betreff eines etwaigen breach-of-promise-case erkundigt und zu meinem Ärger gefunden, daß man sogar in Ägypten nicht sicher ist. Die Aussicht auf eine etwas ruhigere Zeit und namentlich auf einen Ausflug nach dem Sinai verschwindet wieder, da ich eine Masse neues Werg an der Kunkel habe: eine Kamelsfutterschneidmaschine, wassergefüllte Walzen zum Schollenbrechen, allerhand Baumwollgeräte. Dazu kommt ein entsetzlicher Mangel an Leuten. Ein Teil wurde vom Vizekönig durch eine unerwartete Konskription entführt, ein andrer zu Dammarbeiten gepreßt; die größere Hälfte ist einfach durchgebrannt, um dieser Szylla und Charybdis zu entgehen. 64. Schubra, den 31. September 1864. Es ist nur recht und billig, daß auch ich dem alten Rah, dem Sonnengott Ägyptens, um diese Zeit des Jahres meine Opfer bringe. Ich war ein paar Tage lang krank und finde, daß das sein Gutes haben kann. Man vereinsamt und vertrocknet zu sehr in dem unablässigen Geschäftstrubel. Ihr in dem stillen Kloster mit Sophokles und Homer und einer Anzahl strebsamer Jungen, ich in Schubra und Kassr-Schech mit Dampfmaschinen und Baumwollenfabriken und einem Haufen Halbwilder – wer ist wohl weniger in der großen Welt? Man mag laufen, so weit man will, man sieht überall nur seinen eignen Horizont. Und bei meiner Art von Beschäftigung, die Körper und Geist Tag und Nacht umtreibt, ist's leichter und gefährlicher, sich unter den Dornen zu verlieren. Da kommt denn ein Unwohlsein. Das eiserne Mühlwerk, das ohne Erbarmen alte gute Erinnerungen zermalt und zerreibt, steht auf ein paar Tage still. Und man merkt in dieser Stille plötzlich, daß man eigentlich doch auch ein Mensch war, und steht mit halbvergessener Wehmut, wohin man treibt, 's ist ein wahrer Segen. – Äußerlich ist allerdings ein Unwohlsein in Ägypten kein Vergnügen. Den Abend, an dem ich mir mit großer Gewandtheit selbst acht Blutegel ansetzte und schließlich, da ich mit dem Stillen des Blutes nicht zustande kommen konnte, meine Stirne mit Schreinerleim verklebte, benutzte mein Koch, um mit einem Teil meiner Habe durchzubrennen, so daß ich zunächst ohne Nachtessen und Frühstück zu vegetieren hatte. Wer weiß, wie es gegangen wäre, wenn nicht mein fauler Dragoman eine ungewohnte Anwandlung empfunden hätte, nach seinem verschwundenen Herrn zu sehen. Doch Tier und Menschen beginnen jetzt wieder aufzuatmen; die welkgebrannten Blätter, die halbverdorrten Felder färben sich um den schwellenden Nil in unbeschreiblicher Herrlichkeit; die Abende und Morgen mit der frischen, reinen Luft, die Nächte mit ihrer wundervollen Sternenpracht und ihrem tausendfachen Gezirpe, Gequack und Gesang (Singvögel im deutschen Sinne gibt es freilich nicht) sind nahezu paradiesisch, und Schubra ist vielleicht der beste Ort, dies alles zu genießen. Aber allerdings, wenn man, wie eine kleine Vorsehung, das Wasser, das diese Welt so grün macht, selbst pumpen muß, nimmt sich alles etwas anders aus. Wie muß es der großen Vorsehung oft zumut sein, wenn sie ihre Welt betrachtet, in die sie liebevoll so viel Wasser pumpt, oft genug ohne Erfolg! Nun möget Ihr einmal heruntersteigen von den Geisteshöhen, auf denen Ihr zu Hause seid und mich bei einem Fuhrmannsgeschäft begleiten, bei dem ich mich zu Hause fühlen muß, ob mir's behagt oder nicht. Das größte Stück meiner neuen Reparaturwerkstätte lag schon seit Monaten in Bulak, der Hafenstadt Kairos, etwa fünf Viertelstunden von Schubra. Es ist eine Stoßmaschine, im wesentlichen ein einziger Klotz von Gußeisen, zehn Fuß lang, etliche acht Fuß hoch, drei Fuß breit, der zehntausend Kilogramm wiegt. An sein Heranschaffen mit Gespannen war gar nicht zu denken; denn sobald ein ägyptischer Ochse merkt, daß etwas auf dem Wagen liegt, den er zu ziehen hat, so gibt er sich nur noch den Schein, dies zu tun. Spannt man aber ein paar Dutzend vor, so bringt keine Erdenmacht die Untiere dazu, auch nur meiner Richtung zu stehen. Die Hälfte mindestens streckt die schwarzen Köpfe dem Wagen zu. – Gut; ich wartete also, bis das Dampfpflügen vorüber war und fuhr sodann mit einer meiner Maschinen nach Bulak, zuerst die Sykomorenallee hinauf, mit dem gewöhnlichen Schweif jubelnder Kinder Sems und Hams, jung und alt, durch die Vorstadt Kairos, dann vorbei an staubbedeckten Moscheen und durch die verzweifelt engen Gassen von Bulak selbst, wo mein Maschinenwärter zum erstenmal – wir hatten die Straße früher schon öfter mit Glück passiert – einen kleinen Kaufladen umfuhr, endlich in den Hof des vizeköniglichen Arsenals, woselbst das plumpe Sorgenkind lag. Nach dem üblichen Austausch langer Briefe, die ich zum Glück noch immer nicht lesen kann, sondern nur unterzeichne, war es mir gelungen, vom Arsenal den erforderlichen Wagen zu erhalten. Er gefiel mir schlecht genug; denn obgleich von gewaltiger Größe, wackelten die ausgelaufenen gußeisernen Räder wie betrunken um ihre Achsen, und mit Neid betrachtete ich ein neueres, noch größeres Exemplar, das müßig im Hofe stand. Aber meine Bitten und meine Berufung auf die Festigkeitslehre halfen nichts; ich war genötigt, zu nehmen, was man mir überlassen wollte, und mittels eines Kranens stellten wir den Gußblock auf das stöhnende Fuhrwerk. Des andern Morgens wurde die Maschine angekuppelt und schleppte ordentlich majestätisch das eiserne Ungetüm hinter sich drein zum Arsenal hinaus. » Tor taib kedir !« (»ein guter Ochse!«) bemerkte ein kluger Araber, der mit stummem Erstaunen den kleinen Zug um die nächste scharfe Ecke verschwinden sah, die um ein Haar mitgenommen wurde. Ich selbst wurde durch das Unterzeichnen zahlreicher Bescheinigungen wegen Übernahme des Wagens und Entführung meiner Stoßmaschine eine Viertelstunde lang aufgehalten. Als ich nachgeritten kam, fand ich hinter Bulak die Maschine ruhig und ernst, aber bewegungslos in der Mitte eines aufgeregten Menschengedrängs stehen. Niemand befand sich auf derselben; die Ventile bliesen wie wahnsinnig ab; das Geschrei der Bevölkerung erstickte jedoch den Warnungs- und Schmerzensruf des gequälten Kessels. Mit Mühe brach mein Kawaß mir Bahn. Endlich entdeckte ich im Mittelpunkt des Aufruhrs meinen Maschinisten, der mit blutüberzogenem Gesicht einen seiner Landsleute durchwalkte. Ein paar Gertenhiebe nach links und rechts tun in solchem Falle Wunder und schienen den Streitfall zur allgemeinen Befriedigung beizulegen. Einer der Eingeborenen hatte den Versuch gemacht, mit der Schmierölkanne, welche zufällig von der Maschine gefallen war, davonzulaufen, woraus sich das Weitere entwickelt hatte; denn meine Maschinenwärter glauben unser Maschinenöl allein stehlen zu dürfen. Die Straße von Bulak nach Schubra ist vielleicht die beste in Ägypten: ein fester Erddamm unter dem Schatten mächtiger, alter Bäume; keine Möglichkeit, den Fuß an einen Stein zu stoßen, denn es gibt keinen. So ging's ohne Anstand vorwärts. Die Maschine, »der gute Ochse«, schleppte ohne ein Zeichen von Unbehagen ihre zweihundert Zentner auf dem schwankenden Gestelle hinter sich her. Unsre Werkstätte liegt jedoch etwa anderthalb englische Meilen hinter Schubra, und mit ahnungsvollem Grauen blickte ich in die Zukunft. Wir hatten drei oder vier kleine Kanäle und vor allem die Eisenbahn zu kreuzen, deren hoher Damm das Gut durchschneidet, und dann eine halbe Meile auf einem frisch aufgeworfenen Erddamm hinzutreiben, welchen nie etwas andres als der leichte Fuß der lastbaren Eselin gedrückt hatte. Der erste der Kanäle ist mit Eisen überbrückt, indem das Wasser in einer gußeisernen Röhre von einer Seite des Wegs auf die andre geleitet wird. Diese ragt um etwas über die Wegfläche hervor. Die Straßenlokomotive überschritt die Röhre ohne Anstand. Nun kam der Karren. Krachend stiegen die Vorderräder auf die Röhre und glücklich sanken sie auf der andern Seite hinunter. ›Gewonnen!‹ dachte ich. Das gleiche dachte auch mein Maschinist, und in seiner Herzensfreude stößt er den Regulator weiter auf. Die Maschine keucht vorwärts, über die zweite Röhre setzend; in diesem Moment berühren die Hinterräder des Karrens die erste – sie steigen – sie krachen – und bums! mit einem markdurchdringenden Ruck, dem ein dumpfer Schlag folgt, ist das Tagewerk vollendet. Der Wagen ist über der Brücke, hat aber die Hinterräder samt ihrer Achse zurückgelassen, und sämtliche Gesetze der Statik verhöhnend, steht die Stoßmaschine auf dem zusammengesunkenen Gestell. Der Weg ist durch sie versperrt; sie ist sogar frech genug, dem Pascha, der eine Viertelstunde später natürlich gerade diesen Weg nahm, das Recht auf seinem eignen Gut streitig zu machen. Zweihundert Zentner wiegen selbst einen Pascha auf. Kranen gab es hier auf offenem Felde natürlich nicht. Aber fünfzig schreiende Fellachin, am Ende eines Riesenhebels aufgehängt, haben schon vor viertausend Jahren dieses Land zum Wunder der Welt gemacht. Genau dasselbe sinnreiche Prinzip hob das Hinterteil meines Wagens samt dem daraufstehenden toddrohenden Klotz Zoll um Zoll wieder in die Höhe, und nach zwei Tagen standen die alten Räder mit einer neuen Achse wieder säuberlich an ihrem Platz. Nur dreihundert Schritte von dem Orte dieses ersten Unglücks kreuzt der Weg den Eisenbahndamm. Bis dorthin ging am dritten Tag die Reise, während zugleich ein ausführlicher Brief an die Bahnverwaltung abgesandt wurde, um ihr anzuzeigen, daß ich am folgenden Morgen die Schienen kreuzen und vermutlich zusammenreißen werde, weshalb ich anheimstelle, sämtliche Züge zwischen Kairo und Kaliub bis auf weiteres einzustellen. Da Ägypten noch keine Bahnwärter kennt, so war dies von meiner Seite ein Akt der Menschlichkeit, der seine Anerkennung fand. Des andern Morgens kam eine Lokomotive von Kairo, hielt an der betreffenden Kreuzungsstelle und brachte den Eisenbahnbetriebsingenieur der Linie Kairo-Alexandrien und die erfreuliche Nachricht, daß sämtliche Züge in der Tat eingestellt seien und daß demnach ein Zusammenstoß mit meiner Stoßmaschine nicht wahrscheinlich sei. Nun befindet sich vor dem Eisenbahndamm ein weiterer Wasserkanal, der aber mit Erde und Holz überbrückt und nur etwa vierzig Zentimeter tief ist. Die Maschine mit ihren breiten Rädern passierte ihn mit vollem Dampf, indem sie zugleich mit aller Kraft ansetzte, um die steile Böschung hinaufzukeuchen. Schwer und emsig humpelte der Lastwagen hintendrein. Die Vorderräder berühren das Brückchen, und wie durch Butter sinken sie in den eingeweichten Boden. Aber der Dampfmaschine ist es Ernst. Ein momentanes Stocken, ein Gleiten der Räder, ein Ruck und sie schießt wie besessen die Böschung hinauf. Hinter ihr drein tanzt das halbzerrissene Vordergestell des Wagens, während dieser selbst ruhig, nur auf seinen Hinterrädchen ruhend, sich in die Erde bettet. Der Wagen war nun in einem Zustand völliger Wiederherstellungsunfähigkeit, was durch Expreßboten an das Arsenal berichtet wurde. Zugleich bat ich dringend um das bessere Fuhrwerk, das ich von Anfang an verlangt hatte, ein Gesuch, das nun ohne weiteres bewilligt wurde. Das Kreuzen der Bahn wagte ich nach den gemachten Erfahrungen selbst nicht mit dem neuen Wagen, da sich überdies voraussehen ließ, daß die Maschine kaum imstande sein werde, denselben die steile Böschung hinaufzuschleppen. Ich stellte sie deshalb auf die andre Seite des Dammes, so daß sie abwärts fuhr, schlang lange Ketten um das Gußstück, die dasselbe über die Bahn weg mit der Maschine verbanden, baute mittels Balken eine Holzbahn, schaffte eine genügende Anzahl alter gußeiserner Gasröhren herbei, die als Walzen dienen sollten, und schickte, nachdem dies alles vorbereitet war, wieder nach Kairo, um die Bahnzüge aufzuhalten. Es war ein Tag heißer Arbeit. Drei- oder viermal brachen die stärksten Ketten, die ich zur Verfügung hatte. Langsam, Zoll für Zoll zerrte die Maschine den Gußklotz vom gebrochenen Wagen auf die Holzbahn. Fuß um Fuß rollte er auf den untergelegten Röhren die Böschung hinauf; mehr als einmal waren wir nahe daran, den Block umzuwerfen. Ehe es Mittag wurde, war ich vom Kommandieren ganz heiser, aber die Eisenbahngeleise lagen auch hinter uns. Vorsichtig rückten wir auf der andern Seite die Böschung hinunter, während uns auf der wieder klaren Bahn Zug auf Zug fast über den Schwanz fuhr. Ich glaube, ich rettete während dieses Tages mehr als einem Fellah durch einen kräftigen Stoß das Leben. Gegen Mittag werden diese Kerls tappig wie Fledermäuse. Am Abend aber, fast mit der letzten Bewegung, welche die Maschine machte, verlor doch einer meiner Leute zwei Zehen, über die eine unbarmherzige Walze weglief. Auch diese Kämpfe kosten ihr Blut. Nun kehrte die Dampfmaschine nach Bulak zurück. Der Gußklotz lag indessen glücklich in einem Baumwollenfeld, bis wir den neuen Wagen herbeigeschafft hatten. Nach anderthalb Tagen war derselbe ohne weiteres Abenteuer an Ort und Stelle. Wie nun aufladen? Der neue Karren, aus Riesenbalken gebaut, aber noch immer für unsre Wege mit viel zu schmalen gußeisernen Rädern versehen, war ziemlich hoch. Somit stellte ich ihn zunächst vor das Gußstück und grub ihn bis an die Achsen in den Boden. Dann wurde eine geneigte Ebene aus Holz konstruiert und die Dampfmaschine wieder mit Ketten an das Gußstück gespannt, so daß der Wagen zwischen Klotz und Maschine zu stehen kam. Und nun ging's wieder an ein zollweises Zerren und Ziehen, das Gußstück marschierte die schiefe Ebene hinauf und setzte sich nach etlichen kleinen scherzhaften, aber lebensgefährlichen Schwankungen behaglich auf seinen krachenden Triumphwagen. Der nächste Tag fing denn auch wirklich mit einem Triumphzug an. Eine halbe Meile weit ging alles wie auf Geleisen. Noch fünfhundert Schritte und wir waren zu Hause. Diese Strecke aber bildete jener neu aufgeworfene Dammweg, der mich schon längst mit geheimem Schaudern erfüllt hatte. Kaum waren wir fünf Meter auf dem scheinbar festen Boden vorwärts gekommen, so waren auch schon alle vier Räder bis an die Achsen versunken. Und nun ging's wieder zwei Tag lang an ein Kommandieren und Schreien, an ein Lüpfen und Heben, Steine unterlegen, Balken zerquetschen, Herausarbeiten und Einsinken, das kein Ende zu nehmen schien, und selbst die Maschine versuchte schließlich, trotz ihrer zwei Fuß breiten Räder, vor Unmut sich selbst zu begraben. In zwei Tagen derart dreißig Schritt zu gewinnen, während zwanzig andre Arbeiten auf mich warteten, das durfte nicht so fortgehen! Da fiel mir ein, daß vor drei Jahren ein großer Kessel auseinandergeschlagen worden war und seine Bleche in irgendeinem Winkel von Schubra zu finden sein dürften. Und sie wurden gefunden, genau zehn Stück. Vier aneinandergelegt gaben die Wagenlänge, vier Mann konnten eins schleppen. Hier winkte ein Rettungsmittel. Den Tag darauf stand mein Karren auf seiner neuen Blechbahn. – Vier Mann auf jeder Seite – vorwärts! – halt! – das hinterste Blech vorgelegt! – vorwärts! – halt! – das hinterste Blech vorgelegt! – vorwärts! – halt! – und so fort ad infinitum . Es ging jetzt über den Damm wie über einen Tanzboden, und nach ein paar Stunden dampfte die Maschine leicht und sicher, als ob nichts geschehen wäre, als hätte man ihr zum Beispiel nicht zweimal während der letzten Tage den Zughaken rein aus dem Leibe gerissen, durch das Tor der neuen Fabrik. – Weiß der Himmel, trotz allem »ein guter Ochse«! – Ich schreibe dies alles, um Euch eine Skizze meines Arbeitens zu geben, wie es sich in hundertfacher Mannigfaltigkeit fast täglich wiederholt. Der Kampf mit dem Stoff hat etwas Urwüchsiges in diesem Teil der Welt. Ohne die natürliche, langsame Entwicklung einer gesunden Kultur als Grundlage soll unsre europäische Zivilisation in diesem Boden blühen, wachsen und Früchte tragen. Ein deutscher Techniker hätte mir vermutlich den weisen Rat gegeben, erst geeignete Wege zu bauen, ehe ich gewaltige Lasten mit Straßenlokomotiven befördere. Weiser Mann! Diese Maschinen und Gußklötze müssen erst die Mittel schaffen und die Kräfte erzeugen, die alsdann Straßen bauen werden, wie du sie verlangst! – Das ist die ernste Seite der Sache. Die komische kam nach. Eine Woche später entdeckte ich, daß mir die Arsenalbeamten eine falsche Stoßmaschine aufgeladen hatten. Meine eigne, die dreimal kleiner war, die ich aber nie zu sehen bekam, liegt vermutlich irgendwo in Oberägypten auf vizeköniglichen Gütern begraben. Aber niemand machte je den Versuch, mir das übrigens sehr nützliche Ungetüm wieder abzunehmen; niemand scheint es je vermißt zu haben. 65. Schubra, den 18. Oktober 1864. Ein ander Bild: eine Art Seegefecht, eine Wasserschlacht, die vier Tage dauerte und mit einem heiß erkämpften Sieg endete. Eine hundertpferdige Pumpe, welche die Felder von Schubra bewässert, die erste und älteste im Lande, brach vor acht Tagen plötzlich zusammen. Ihr Saugventil, gegenwärtig sechzehn Fuß unter dem Wasserspiegel des Nils, ist im Fall von Reparaturen durch ein eisernes Tor zugänglich, das natürlich, wenn die Pumpe arbeitet, mittels Schrauben hermetisch verschlossen bleibt. Dieses Tor wurde durch den Wasserdruck aufgesprengt; das Wasser füllte alsbald den Schacht, in dem das Pumpwerk steht, und machte den Schaden zunächst unzugänglich. Die ganze Baumwollernte des Gutes hing nun davon ab, in kürzester Zeit die Maschine wieder in Betrieb zu setzen. Es wäre nutzlos, Euch mit Einzelheiten zu quälen; genug, daß ich seit drei Tagen mehr Fisch als Mensch, mehr unter als über dem Boden war, und daß es mir nicht unangenehm ist, aus dem Gewirre von Röhren, Klappen, Hahnen, Stangen und Säulen, alle blitzend in Schleim und Wasser, aus dem Schlagen, Triefen und Plätschern provisorischer Pumpen, die aus jeder unmöglichen Ritze in allen möglichen Richtungen boshafte Wasserstrahlen zu senden wußten, aus der etwas zu nahen Gemeinschaft mit meinen braunen, pustenden, nacktbeinigen Gesellen, welche mir im flimmernden Halbdunkel bald auf den Kopf stiegen, bald zwischen den Beinen heraufkamen – aus all dem heraus und wieder in trockenen Kleidern zu sein. Ihr klagt für mich über dieses Leben, das freilich anders gestaltet ist als eine Musterlaufbahn in der Heimat, bei welcher die Hauptaufgabe darin besteht, das wohlausgefahrene Geleise nicht zu verlassen. Sollte ich diesem Leben ausweichen, weil nicht alles gebahnt und gebohnt ist, wie wir es zu Hause gewöhnt sind? Nein! Ein Soldat, der Ehr' im Leibe hat, sucht sich keinen »bessern Platz«, wenn ihn das Schicksal an die Spitze seiner Kolonne gestellt hat. Mit Gold wird meine Arbeit vielleicht nicht aufgewogen. Andre finden leichtere Wege, sich Schätze zu sammeln, die »Rost und Motten fressen«! Dagegen habe ich mehr als abermals tausend andre, und mehr als ich brauche. Die Unzufriedenheit findet freilich nie ihre Grenze, und es gibt Leute, die aus meiner Stellung mehr gemacht und weniger gearbeitet hätten. Jeder nach seiner Art. Das »Leben« ist und bleibt ein Sturm hier wie überall, ein mörderisches Jagen, Schreien, Treiben und Stoßen. Tausende fallen, ehe die Schanze erstürmt ist. Hunderte kommen hinauf, jubelnd und blutend! Und die Schanze ist schließlich nichts als ein jämmerlich zerrissenes Stückwerk und gehört keineswegs dem jubilierenden armen Teufel, der Leib und Leben dran gewagt hat. Morgen geht's weiter! Laßt ihn fortkämpfen! Es bleibt ihm das Gefühl der erfüllten Pflicht, das ist genug, und die Erinnerung, daß er mitgekämpft hat »als Soldat und brav«. – 66. Schubra, den 9, November 1864. Der Nil sinkt. Seine hundert Inseln heben da und dort ihre weißen Kämme aus der gelben Fläche. Die Felder, gestern unter Wasser, bedecken sich heute mit üppigem Grün. Hartnäckig kämpft noch die tödliche Sonne mit dem frischen Ost, der vom Sinai und Syrien herüber der Natur ihr neues Leben einbläst. Alles regt sich. Kamel und Ochse keuchen am tausendjährigen Pflug oder beginnen aus den alttestamentlichen Josephsbrunnen Wasser zu schöpfen. Meine Maschinen sind im Feld und brechen mit gewohnter Emsigkeit durch die feuchte Erde, während die Baumwolle noch schneeflockenartig in meilenlangen Strecken an den Büschen hängt, tausendstimmiges Kindergeschrei die Erntetätigkeit verkündet und Züge von Kamelen den kostbaren Stoff den Ginfabriken zuschleppen – reges, heiteres, sonniges Leben, worin Frühling und Herbst, Ernte und Saatzeit sich mengen. In Alexandrien, wo ich einige Tage mit der Absicht zubrachte, in das Gewirr ankommender Maschinen, soweit sie mich angehen, Ordnung zu bringen, sieht es anders aus. Die mehrere Hektar großen Landungsstellen im »Arsenal« sind ein Chaos von zerbrochenen Kisten, Kesseln, Kaminen, Stahl-, Guß- und Schmiedeeisenstücken aller und jeder Gattung. Wochenlang stehen Züge, beladen mit Maschinen auf den unter Bergen von Geräten verschwindenden Geleisen und können aus Mangel an Lokomotiven nicht befördert werden. Vom Bahnhof durch die Stadt bis zu den Docks find die engen Straßen bestreut mit Maschinenteilen: hier ein riesiger Dampfkessel, unter dem noch die Spuren eines zusammengebrochenen Wagens zu entdecken sind, dort eine Baumwollenpresse, unter Schmutz und Staub halb begraben, und offenbar als unrettbar aufgegeben, dort endlich eine geborstene Kiste, deren Inhalt: niedliche Regulatoren, Exzenter, Schmierbüchsen und so weiter, der frohlockenden arabischen Schuljugend ohne Schule zur Beute wird! Und dies ist der Weg, auf dem wir Ingenieure Land und Leute der Kultur entgegenführen sollen! 67. Schubra, den 11. Dezember 1864. Bei der Rückkunft von meinem letzten Aufenthalt im untern Delta traf mich eine erschütternde Nachricht. John Fowler ist tot. Es ist ein fürchterlicher Schlag für die Steam-plough-works . Mr. Greig, der Hauptgeschäftsführer der Fabrik, ist zurzeit unglücklicherweise in Oberägypten. Ich werde telegraphisch gebeten, ihn zu holen, was aber nicht möglich ist, da man nicht einmal weiß, wo er sich gerade befindet. Ihr beklagt Euch, daß in meinen Briefen so manches Erlebnis beginnt, dessen Schilderung nie zu Ende kommt. Die Ursache liegt nicht an mir, sondern am Leben selbst, das sich nichts daraus macht, tausend Fäden anzuknüpfen und wieder fallen zu lassen. Der Tod J. Fowlers ist auch ein solch abgerissener Faden. Eine Natur voll Lebenskraft, innerlich und äußerlich vom edelsten Bau, die sich mit einer seltenen Ausdauer durch alle geistigen und materiellen Schwierigkeiten, womit ein großer neuer Gedanke zu kämpfen hat, durchgearbeitet und in dem Augenblick, in welchem die hoffnungsvollen Früchte zu reifen anfangen, unerbittlich hinweggerafft wird, ist eines jener bitteren Rätsel, die der Mensch nie lösen wird. Fowler war nur achtunddreißig Jahre alt. Die unausgesetzten Sorgen und Anstrengungen hatten seine Gesundheit sichtlich erschüttert, so daß die Ärzte darauf bestanden, daß er sich Erholung verschaffen müsse. Zu diesem Zweck ging er auf die Güter eines Verwandten und brach auf einer Fuchsjagd den Arm. Vierzehn Tage lang schien alles gut zu gehen. Ein Starrkrampf endete jedoch plötzlich, in fünfzehn Minuten, sein Leben! 68. Schubra, den 31. Dezember 1864. Auch einmal eine Abwechslung: – Weihnachtsferien! Und zur Nachfeier will ich ein paar Abende dazu benutzen, Euch nach Behagen davon zu erzählen. Nur Bruchstücke, wie ich es ja mit allem halten muß, was ich hier denke, rede oder schaffe. An der hervorragendsten Ecke, die man passiert, wenn man zu Kairo von dem großen Platze der Esbekiye nach der Hauptstraße, der Muski, einbiegt, steht ein Kneiplein, in welchem ein gewisser Meier deutsches Bier schenkt (zu achtzehn Kreuzer den Schoppen; höre es, Ulm, und preise dich glücklich, München!), das dem sinnigen Deutschen aber dennoch ein Trost ist in der Wüste des Daseins, dem fashionablen Engländer und Franzosen ein Rätsel, dem gläubigen Muselmann ein Stein des Anstoßes und Ärgernisses. Letzteres sogar meinem Esel, wenn er im Geschäftstrab die Muski herunterkommt und sich unversehens, aber regelmäßig, in seiner emsigen Pflichterfüllung gestört findet. Denn diese gesegnete Ecke ist der Sammelplatz von gewaltigem Wissen, tiefer Gelehrsamkeit, abenteuerlichen Unternehmungen und weltbewegenden Plänen. Die Worte: »Ramses II. – Subjektivität – Numulitenkalk – Menschenwohl« werden daselbst häufiger gehört als an irgendeinem andern Ort des einstigen Reichs der Pharaonen und des künftigen der Baumwolle. So war es denn an einem Tage der ersten des Dezembers, als ich die verhängnisvolle Ecke wieder einmal zu passieren hatte. Der Druck der Arbeit lag schwer auf mir; denn seit nahezu zwei Jahren hatte ich unausgesetzt an demselben Karren gezogen und dazu meist bergauf oder im Nilschlamm. Es war so weit gekommen, daß ich vorbeigeritten wäre, ohne eine Regung zwischen Herz und Magen zu verspüren; ein böses Zeichen für einen Deutschen! Doch ein müder Seitenblick – ich weiß nicht, war's ich oder der Esel? – entschied mein Schicksal und gab mich der Menschheit wieder. O du treues Langohr, das im kritischen Augenblick von selbst stehen blieb, gibt es denn wirklich noch Esel vom Geschlechte Bileams? Durch die Glasfenster zeigte sich der berühmte afrikanische Forscher und Reisende v. Heuglin, dem ich einige Tage zuvor vorgestellt worden war. Er war vor einigen Tagen von Chartum gekommen und hatte die Reste der verunglückten Tinneschen Expedition zurückgebracht. Madame Tinne und ihre Kammerjungfer, die beide, wie die Welt weiß, in Chartum gestorben sind, standen mit dem übrigen Gepäck: Vögeln, Steinen und Tieren, noch in Suez, und Heuglin machte soeben die nötigen Vorbereitungen zur Überführung der stummen Karawane nach Kairo. Ganz um die gleiche Zeit war aus einer andern und bessern Welt, aus dem lieben Schwabenlande, auch Professor Fraas in Ägypten angelangt, um von hier aus die Nilländer geologisch zu durchwühlen, und arbeitete bereits mit unermüdlicher Emsigkeit und einem Hammer, der, wie er glaubt, besser ist als alle andern Hämmer der Welt, in den Eingeweiden des Mokattam. Als einem erfahrenen Techniker des Landes wurde mir die Ehre zuteil, in diesen Hammer einen neuen Stiel machen zu dürfen, aber zu meiner Schande sei es gesagt, daß ich Professor Fraas' Begriffe in betreff eines geologischen Hammerstiels nur unvollkommen zu verwirklichen vermochte. »Kurz, übermorgen muß ich unfehlbar nach Suez, um unser Gepäck in Empfang zu nehmen!« schloß Heuglin eine längere Auseinandersetzung. »Professor Fraas wird mich jedenfalls begleiten. Wissen Sie was? Gehen Sie auch mit!« Der letzte Tropfen meines zweiten Glases schoß mir die Luftröhre hinab. Der Gedanke kam vom Himmel und traf mich wie ein Blitzstrahl. Vermutlich machte es der Blutandrang gegen das Gehirn: ich sah in einem magischen Zauberspiegel Ruhe, Leben und Freiheit mit einem Male mir winken. Aber ich war dem Ersticken nahe. »Trinken Sie noch einen Schoppen!« sagte Heuglin mit der Miene eines wohlwollenden Hausarztes. Dieser Schoppen und der nächste entschieden die Frage. Als ich am Abend im Schatten der Sykomoren nach Schubra ritt, war der Entschluß gefaßt, lieber die halbe Zukunft Ägyptens in die Luft fliegen zu lassen, als mir noch länger die wohlverdienten Feiertage zu versagen. Den folgenden Tag darf ich übergehen. Mein böser Dämon richtete natürlich alles erdenkliche Unheil an, um mir die Freude zu vergällen. Schon war mein Gepäck auf dem Weg nach Kairo, als noch zwei Araber herbeistürzten (sie kommen immer zu Zweien, wenn es ein Unglück zu verkünden gibt, um sich gegenseitig als Blitzableiter zu dienen): das Steuerrad eines in Arbeit befindlichen Dampfpflugs sei gebrochen. »Söhne von Hunden,« ermahnte ich sie nach Landessitte, »warum nehmt ihr nicht den zweiten, der im anstoßenden Felde steht?« – Stille. Verlegenes Geflüster. – »Nun, was gibt's?« – »Der zweite ist krumm.« – »Krumm!?« – »Vorige Woche, Du weißt es, o Baschmahandi, hatten wir die Bahnlinie zu überschreiten. Unversehens, o Herr, kam ein Zug und erfaßte das hintere Ende des Pflugs und warf ihn um. Darauf sahen wir, daß er krumm war. Nicht sehr! Beim einzigen Gott, nicht sehr!« – »Warum in Teufels Namen sagt ihr das nicht zur Zeit? Dann wäre der Schaden wieder gutgemacht!« »Ja Salaam!« – im Ton sprachlosen Staunens ob der unerhörten Weisheit des Baschmahandis. – Ich übernachtete in Shepheards Hotel in Kairo, um vor weiteren Verfolgungen sicher zu sein, und schlief den Schlaf des Spitzbuben, der glücklich seinem Galgen entronnen ist, ein Schlaf, der dem des Gerechten ähnlich sein muß; denn er war süß. Und jetzt sind wir dank der Eisenbahn in Suez. Von den folgenden acht Tagen aber schneide ich nur einen einzigen heraus; mehr darf ich der allzu willigen Feder nicht erlauben. Den ganzen ersten Tag, an dem wir die Mosesquelle besuchten, lag der Ataka vor uns. Für mich war der Berg, der sich von Westen her in die Bucht von Suez zu stürzen scheint, von unwiderstehlicher Höhe, für Professor Fraas bezaubernd steinig. Nun befinden sich aber auf den Bergen der Arabischen Wüste nicht wie auf denen der Schweiz Sennhütten und Gasthäuser, auch sind Führer unbekannt; denn es fällt vernünftigen Menschen niemals ein, diese nackte, kahle Gebirgsmasse zu erklettern. Wir beluden uns deshalb frohgemut mit einem kräftigen Frühstück innerlich und einem Abendbrot äußerlich, nahmen zwei Esel mit den dazugehörigen Knäblein und ritten am Saume der Wüste und des Meeres entlang den Bergen zu. Der Tag war herrlich. Das Rote Meer lag ruhig wie ein Spiegel vor uns, der Boden wimmelte von Muscheln, zum Ärger meines Esels, den ich damit belud, und die blauen Massen der noch beschatteten Berge erhoben sich höher und höher vor uns. Nach anderthalb Stunden waren wir an dem Gerölle angekommen, das den Fuß des Gebirges bildet. Hier ließen wir die Esel zurück, mit der strengen Weisung, zu warten, bis wir herabkämen. Vor uns lag ein mächtiger Vorberg, schroff und rauh anzusehen, hinter dem sich zur Rechten eine Schlucht öffnete. Sie schien eine Möglichkeit zu bieten, unser Ziel zu erreichen. Da in einer derartigen Landschaft weder Mensch noch Tier, weder Baum noch Strauch einen Maßstab abgeben, so täuschen die Entfernungen ganz erstaunlich. Statt einer halben Stunde, wie ich es geschätzt hatte, brauchten wir anderthalb, um an den Eingang dieser Schlucht zu gelangen. Das Bett eines trockenen Gebirgsbachs führte uns nun langsam aufwärts und in wunderlichen Windungen in die Eingeweide des Bergs. Nach kurzer Zeit jedoch schloß eine senkrechte Felswand unser Tal, worauf ich zu zeichnen und Fraas eifrig Steine zu klopfen anfing. Letztere Beschäftigung führte meinen Freund den Abhang des Vorbergs hinauf. Das verwitterte, zackige Gestein bot für Hand und Fuß genügend Halt, so daß wir nach einer weiteren Stunde, an dachgähen Hängen emporkletternd, seinen Gipfel erreichten. Hier jedoch wurde es uns erst klar, was noch zu tun war. Wir hatten kaum ein Drittel des eigentlichen Berges erstiegen. Nach hinten senkte sich der Vorberg etwas hinab, und wir erreichten nun die um eine mächtige Terrasse höhere Fortsetzung unsrer alten Felsschlucht. Anderthalb Stunden verfolgten wir dieselbe. Berge auf Berge schienen vor uns aufzuwachsen. Manchmal stand zu unsern Füßen ein verkümmerter Kamelsdorn; sonst war alles tot, starr und still. Von den höchsten Höhen herab liefen einzelne Bergzüge mit messerscharfen Kanten, während die dazwischen liegenden Schluchten aus unübersteiglichen Abstürzen gebildet schienen. Die Kante eines dieser Höhenzüge bot eine Möglichkeit, das obere Tafelland zu erreichen. Drei Viertelstunden ging's, meist auf Händen und Füßen, doch immer wesentlich unterstützt durch die Natur des zackigen Gesteins, aufwärts. Rechts und links fielen die Hänge fast senkrecht in die Tiefe, und es kostete nur einen Fußtritt, um mächtige Blöcke »mit Donnergepolter« nach dem einen oder andern Schlunde zu senden. Endlich war die Höhe erreicht: eine steinige, wellenförmige Ebene, vorderhand ohne Aussicht. Wir gingen wieder ostwärts, und abermals drei Viertelstunden brachten uns an die Kante des Gebirgsstocks. Im gelben Sonnenlicht, in unabsehbare Ferne sich erstreckend, lagen vor uns die Berge von Syrien und Arabien. Nach rechts erhob sich der Serval, hinter dem die Spitzen des Sinai vorragten; nach links verflachten sich die Berge in die Wüste, die in ihrer unendlichen Ausdehnung, von Wolkenschatten durchzogen, leb- und lautlos vor uns lag. In wunderbarem Gegensatz zu dem Gelb dieses Teils der Landschaft lag landkartenartig unter uns das tiefblaue Rote Meer, das in grünen Lichtern seine Korallen und Untiefen durchschimmern ließ und im Südosten eine kurze, scharfe Horizontallinie zog. Dort unten, bedenklich klein, lag Suez und wie Pünktchen das Dutzend Dampfer in seiner offenen Reede; dort, ein schwarzes Fleckchen, die Oase Ain Musa, die wir gestern besucht hatten. Weiter rechts endlich vier Gebirgszüge, zu Ägypten gehörig, in den zartesten Tinten von Blau in Braun übergehend, bis sie die gewaltigen Felsmassen unsers Ataka berührten. Und diese Einsamkeit, diese großartige Stille! Dreißig Schritte von uns saß auf einem vom Berge losgelösten Felspfeiler regungslos ein Seeadler. Ein andrer hing schwebend zwischen uns und der Wüste drunten: die einzigen Spuren von Leben in dem ganzen Bilde. Es wurde halb vier, und die mitgebrachten Erfrischungen waren mehr als willkommen. Die leere Flasche Wein, die jetzt ein hineingezwängter »Schwäbischer Merkur« ausfüllte, wurde monumental zwischen etlichen Felsblöcken aufgestellt. Ohne Skizze konnte ich mich nicht losreißen; dann aber ging's zurück. Es war schon ein Viertel nach vier. Fraas hatte recht, einen näheren Heimweg zu versuchen; denn die Sonne hatte nur noch eine Stunde bis an den Horizont. Anstatt die drei Viertelstunden auf der Hochebene zurückzugehen, um den Berggrat zu finden, auf dem wir heraufgekommen waren, bogen wir nach kurzer Zeit in einer vielversprechenden Mulde rechts ab. Dieselbe führte uns glücklich an einen senkrechten Absturz von etlichen hundert Fuß, von dessen Rand man einen prächtigen Blick in das etwa 1500 Fuß unter uns liegende Felstal tun konnte, der aber sonst in jeder Beziehung unerwünscht war. Links wieder hinaufklimmend, kamen wir jedoch bald auf einen andern Grat, der abwärts führte, und dem entlang wir unsern Weg fortsetzten. Die Schwierigkeiten wuchsen. Stellenweise war das Gestein gefährlich verwittert, und das dumpfe Gepolter der nach beiden Seiten in die Tiefe hinabrollenden Steine hatte alles Anziehende verloren. Einmal, als die Schneide, worauf wir öfters in buchstäblichem Sinne ritten, den Einfall bekam, sich kamelsrückenartig aufzubäumen, suchten wir uns seitwärts in horizontaler Richtung um den Höcker herumzuschleichen. Dabei kam ich auf meine Orangen zu sitzen und rettete mich und sie nur mit knapper Not auf den sicheren Grat zurück. Endlich war eine Art Talsohle erreicht. Zwischen uns und der Ebene lag aber noch immer die gewaltige Felstreppe, die wir am Morgen durch Besteigen des Vorbergs mit nicht wenig Mühe umgangen hatten. Nach kurzer Zeit und bereits in tiefer Dämmerung erreichten wir eine Schlucht, die mit der am Morgen benutzten parallel laufend steil abwärts führte. Zehn Minuten später standen wir am Rande eines Abhangs, der, entsprechend demjenigen in der alten Schlucht, das weitere Vordringen unmöglich machte. Doch war es noch nicht so dunkel, um nicht zu bemerken, daß er bei weitem weniger hoch und daß namentlich, wenn man sich rechts an die Bergwand schmiegte, der Fuß des Absturzes zu erreichen war. Dies gelang denn auch ohne große Schwierigkeit. »Hurra!« – rief Fraas – »das war die letzte große Felstreppe. Wir sind auf der Sohle der Wüste!« – Das Gefühl sagte mir jedoch, daß wir noch nicht soweit herabgestiegen, als wir am Morgen heraufgekommen waren, was sich zunächst darin kundgab, daß sich die Talsohle eine halbe Stunde lang in Staffeln von etwa vier Fuß Höhe hinabzog. Infolge der Dunkelheit konnten wir jetzt nur noch auf allen Vieren weiterkommen. Fraas war eine gute Strecke voraus. Das Rollen der Steine und die äußerste Aufmerksamkeit, die der Weg erforderte, verboten jede Unterhaltung. Plötzlich, während ich mich über eine Staffel hinabließ, bemerkte ich, daß es vor mir ganz stille geworden war. Die Felsen nahmen zu gleicher Zeit eine eigentümliche, gespenstige Weiße an. Eine Minute brachte mich an die Seite meines Leidensgenossen. Da saß er auf einer hellen, glattgewaschenen Felsplatte. Sie war vielleicht zehn Fuß breit. Rechts und links schossen in schwarzen, senkrechten Massen die Berge empor. Unter der weißen Kante lag's tief – tief – ein schwarzblaues, undurchdringliches Nichts. Bis hierher und nicht weiter! Ein Stein flog hinab; eins! – zwei! – drei bums! Das macht etwa vierunddreißig Meter senkrechte Höhe. »O Professor,« brach mein Freund in lauter Klage aus, »warum bist du nicht zu Hause geblieben?« Ans Zurückfinden war nicht zu denken. Ein Schritt weiter, und der bleiche Tod grinste uns entgegen. Schwarze, himmelanstrebende Berge zu beiden Seiten, eine schwarze Höllentiefe vor uns und Todesstille rings umher! Wir legten uns nieder. Was konnten wir anders tun? Die eine meiner zerquetschten Orangen wurde geschält und brüderlich geteilt. Die andre sollte unser Frühstück ausmachen, wenn der Mondschein keine besseren Aussichten eröffnete. Drei Viertelstunden lang lagen wir in unruhigem Halbschlummer, von dem so viel gastlicheren Hasenberg bei Stuttgart träumend, auf unsrer Platte. Dann zitterten matte Lichter um die Felsen über uns. Der Mond ging auf. Wir sahen. Die Lage schien fast hoffnungslos. Vor uns blieb's bergetief wie zuvor. Zur Rechten schossen die Felsen empor, daß an kein Erklettern zu denken war. Nur zur Linken war es möglich, die schwarze, schroffe Kante zu erklimmen, die in unbeträchtlicher Höhe den Horizont bildete. Dort oben war es wieder möglich, zu hoffen. Indem wir uns gegen das Gestein preßten, ging es auf einem fußbreiten Felsband in horizontaler Richtung weiter. Wir sorgten beide immer nur für den nächsten Schritt. Von Zeit zu Zeit anhaltend, mit dem Rücken gegen die Bergwand gestützt, nahm ich mir Zeit, die wilde, mondbeglänzte Landschaft zu betrachten. Die Wüste und das Meer lagen vor uns, die Lichter von Suez, wie Sternchen sichtbar, in weiter Ferne. Etwa hundert Meter unter unsern Füßen begann das Trümmergestein, das sich gegen das Meer hin verflachte. In nächster Nähe starrten uns die wildesten Schatten, die groteskesten Felsformen entgegen, und das sanfte Mondlicht trug nichts dazu bei, die Schrecken des Bildes zu mildern. Der Anblick ließ mich für Augenblicke das Mißliche unsrer Lage völlig vergessen. Da rief Fraas: »Ich sehe einen Weg!« Er war zehn Schritte hinter mir und schien plötzlich senkrecht hinabzutauchen. Es war der einzige Augenblick, in dem mir wirklich angst wurde. Von meinem Standpunkte aus hatte es den Anschein, als ob er unfehlbar mit dem nächsten Tritt in die Tiefe stürzen müßte. »Um Gottes willen, halten Sie!« rief ich ihm zu. »Es ist dort keine Möglichkeit!« Aber er verschwand. Ich lehnte mich zurück und lauschte. Manchmal polterte ein Stein hinab; dann wurde es wieder stille. Nach einiger Zeit hörte ich eine Stimme unmittelbar unter meinen Füßen: »Kommen Sie, ich bin unten!« Wie sodann bei einem anderthalbstündigen Marsch über das höllische Geröll meine Stiefel ihre Sohlen verloren, wie Fraas am Strande des Meeres die letzte Orange verzehrte, wie von unsern Eseln keine Spur mehr zu finden war, und wie wir uns zwei Stunden lang durch den Wüstensand nach Suez schleppten und uns auf dem Wege mit Phantasien unterhielten, die sich hauptsächlich um Milchtöpfe, gebrannte Suppen und Würste drehten, wie wir um halb ein Uhr ankamen und zunächst eine Flasche Champagner tranken, auch daselbst erfuhren, daß drei Mann und drei Esel ausgezogen waren, uns zu suchen, die sodann am andern Morgen mit dem Bericht zurückkehrten, daß wir tot seien – all das möchte ich in dem Wort zusammenfassen, das mir Fraas am andern Morgen aus dem Bett zurief, dem er selbst sich erst nachmittags entwand: »Eyth, Sie verdienten ein Geologe zu sein!« 69. Schubra, den 3. Februar 1865. Sich mit Maschinen und allen vierundsechzig Elementen herumzuschlagen, will nichts sagen. Aber an der Menschen Faulheit und Verkehrtheit bricht sich des Menschen Kraft. Nichts macht den »edeln Araber« so wütend, als wenn man ihn aus seiner natürlichen Trägheit aufzurütteln sucht. Du magst ihm seine Spitzbübereien nachweisen, er lächelt und sagt: »malisch!« (»Es macht nichts!«) Du magst ihn unschuldig prügeln: er nimmt's mit Ergebung in den Willen Allahs hin und küßt dir die Hand. Aber wenn du so unvernünftig bist, zu verlangen, daß er seine Pflicht tun soll, ohne geprügelt zu werden, dann wird er bösartig. Unter solchen Prüfungen mit der längst verlorenen Geduld weiterarbeiten, ist oft fast mehr als ein Christ zu leisten imstande ist, und es ist nur natürlich, daß auch die meisten Europäer nach etlichen Jahren vergeblichen Kämpfens sich entschließen, mit dem Strome zu schwimmen. Nur statt Hunderten ein Beispiel! Mein Baumwollenpflug, nach welchem sich Halim-Pascha so sehr sehnt als ich, liegt seit drei Monaten in Alexandrien. Zweimal war ich selbst dort, um ihn vom Schiff aufs Zollamt und vom Zollamt auf die Eisenbahn befördert zu sehen. End- und zahllos sind die Briefe, Boten, Telegramme, die in letzter Zeit nach Alexandrien gingen, um die Überführung zu fördern, und bis auf den heutigen Tag ist es nicht gelungen, mehr als drei Räder des Apparats nach Schubra zu bekommen, über zweihundert Kisten mit Maschinen liegen in dieser Weise derzeit für uns in Alexandrien, teils im Straßenkot, teils unter Baumwollensäcken begraben. Aus diesem Chaos eine Welt zu bauen, ist keine kleine Aufgabe. Dazu die hundert sich streitenden Interessen von Fabrikanten, Agenten, Kaufleuten und Bankiers, welche dem gequälten Ingenieur heute Anerbietungen machen, die dem Bestechen so ähnlich sehen wie ein Ei dem andern, während sie morgen bereit sind, ihn um den ehrlich erworbenen Schweiß seines Angesichts zu betrügen. In einem fauligen Wassertropfen kann's nicht toller zugehn! Wenn ich dann in Freundesbriefen von meinem Glück und meiner beneideten Stellung lese! Und doch, wünschte ich mir was andres? Wenn ich heute davonliefe, würde ich nicht morgen schon mit allen Kräften danach streben, mich auf einem ähnlichen Schlachtfeld herumschlagen zu können? 70. Schubra, den 8. März 1865. Eine hochinteressante amtliche Besichtigung vizeköniglicher Güter, die Ismael-Pascha gegen unsern Distrikt um Kassr-Schech umtauschen möchte, führte mich während der letzten vierzehn Tage nach Oberägypten. Aus dem Austausch aber wird nichts, wenn mein Bericht ihn verhindern kann. Wir haben um Kassr-Schech unsre Felder, Maschinen und Fabriken nicht gerade in musterhafter, aber doch in leidlicher Ordnung. Dort oben aber ist's fürchterlich. Es ist die zweite Nacht, die ich seit vierzehn Tagen unter einem Dache schlafe. Morgen geht's wieder fort, um in Beramun, einem neu einzurichtenden Gut bei Damiette, vermutlich das Leben eines Halbwilden, ein tinten- und federloses Dasein fortzusetzen. Vorgestern ersuchte mich Halim-Pascha, die Geschäfte so einzurichten, daß ich ihn anfangs Juli in England in Empfang nehmen könne, um ihn durch das Labyrinth der dortigen industriellen Welt zu geleiten. Dabei lächelte er gnädigst und erwartete sichtlich, daß ich, wie ein hölzerner Nürnberger Hanswurst, dem man an seiner Herz- und Nervenschnur zieht, die Füße jubelnd über den Kopf zusammenschlagen werde, worin er sich getäuscht fand. Denn wenn mich auch kleine Glücks- und Unglücksfälle noch in jugendlich ungebührliches Feuer zu versetzen pflegen, lerne ich doch nachgerade, bei großen eine stoische Ruhe zu bewahren. Ich gab ihm das gnädige Lächeln mit einem kleinen Aufschlag wieder heim, verbeugte mich und zog mich mit einem arabischen: Zu Befehl, Herr Oberst! zurück. Hinter dem nächsten Olivenbusch soll ich jedoch die oben erwähnte ausdrucksvolle Bewegung des Nürnbergers mit Erfolg ausgeführt haben. Ihr dürft nicht unglücklich werden, wenn die ganze liebliche Fernsicht sich wieder als Luftspiegelei erweist. Das Geschick ist in Ägypten der launenhafteste aller Tyrannen, und nichts ist gewiß, als was man zwischen den Fingern hält. Selbst die Bewegungen der Fürsten dieses wunderlichen Landes scheinen das Spiel einer dunkeln Gewalt zu sein. Wer nie an ein Schicksal geglaubt hat, kann es hier lernen. Übrigens scheint mein Unstern, der immer noch manches heitere Geschichtchen erfindet, sich ganz besonders mit meinem vielbesprochenen Baumwollenpflug zu beschäftigen. Die letzte Ladung Kisten, die endlich zu Wasser von Alexandrien nach Schubra abgegangen war, ist neueren Forschungen zufolge auf dem Nil untergegangen. Eine Truppe Fellachin brach deshalb gestern mit Seilen und Stangen auf, um die nötigen Rettungsversuche anzustellen. Wenn es nicht gegen meine Grundsätze verstieße, würde ich aus der Haut fahren; denn die diesjährige Baumwollpflanzzeit wird nun unfehlbar ohne den unentbehrlichen Beistand meines Pfluges vor sich gehen. 71. Schubra, den 16. März 1865. Ihr beklagt Euch über die trübe Stimmung meiner letzten Briefe. Was sie hervorrief, ist glücklicherweise heute vergessen: ein leeres Herz vielleicht; ein leerer Magen wahrscheinlicher; ein müde gehetzter Geist möglicherweise; ein müde gerittener Leib fast sicherlich. In einer Sinekure sitze ich nicht und habe härter zu arbeiten, mehr zu verantworten, als in Europa von einem Menschen verlangt wird. Dies liegt in den Verhältnissen. Der tröstliche Blick ins Große erstickt im unvermeidlichen Detailkram: eine Folge der unorganisierbaren Organisation aller orientalischen Wirtschaft. »Mit Pflichten streiten Pflichten!« sagt mir fast jede Stunde des Tags, besonders in dem Verhältnis zu den Leuten über, um und unter mir. Heute jammern meine Araber, daß sie zu schlecht bezahlt seien, und im nämlichen Augenblick schreibt mir die Verwaltung, daß ich unsinnig bezahle. Heute fangen meine Europäer an zu rebellieren, weil man verlangt, daß sie ihre vertragsmäßigen Arbeitsstunden einhalten; morgen kommt eine ganze Bande aus Oberägypten zurück, weil man sie wie die Hunde behandelt hat. Heute beklagt sich eine große Firma in England, daß ich ihre Vortrefflichkeit nicht gehörig beachte; morgen findet eine zweite, daß ich die erste zu sehr bevorzuge. Heute bietet mir ein Bankier, mit dem ich schand- und ehrenhalber keine Geschäfte machen kann, acht Prozent Provision; morgen will mir die Trading-Company ein einziges nicht bezahlen. Heute habe ich mit Mühe und Not vierzig oder sechzig Fellachin zu einer Arbeit zusammengetrommelt, und morgen, wenn sie anfangen sollen, treibt der Vizekönig die ganze Herde in seinen Stall. Kann man da immer lustig sein? Aber deshalb die Flinte ins Korn werfen? Nein! Solange meine Gesundheit standhält (und ich sehe so rot aus wie ein Feuerstehler), denke ich nicht daran. Ob ich freilich am Ufer des Nils meine Heimat finde, ist eine andre Frage. Ein Grab – das wäre ja möglich und kein allzu großes Unglück. Im Lande der Mumien schläft sich's nicht schlecht, seit undenklichen Zeiten! 72. Schubra, den 7. April 1865. Der Tag ist hart mit mir umgegangen, so daß ich mich in diesem Augenblick nach einem zwölfstündigen, nur halbwegs gelungenen Versuch, in einer englischen Korndreschmaschine ägyptische Saubohnen zu dreschen, selbst so zerdroschen fühle, wie es ein redlicher Mensch an einem Samstagabend nur irgend wünschen kann. Dagegen ist mir gestern ein Früchtlein in den Schoß gefallen, das lange genug zu reifen gebraucht hat und mich deshalb doppelt freut. Mein Baumwollpflug ist endlich zur Welt gekommen und lebt. Laßt Euch einmal etwas von landwirtschaftlicher Technik erzählen! Nachdem ein Feld in gewöhnlicher Weise gepflügt ist, müssen für die Baumwollenkultur parallele Gräben im Abstand von vier Fuß gezogen werden, durch die das Wasser geleitet wird, damit sich die Pflanze einbilde, sie wachse an einem Bach. Diese Gräben werden nach Landesbrauch mit dem gewöhnlichen Pflug gezogen und dann mit der Haue bearbeitet, so daß niedliche Beete entstehen. Ein paar Ochsen machen etwa fünf Morgen im Tag, während zum Häufeln und Herrichten der Beete für den Morgen die Tagesarbeit von sieben bis zehn Fellachin erforderlich ist. Diese zu ersparen, war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte. Das neue, von den Dampfpflugmaschinen gezogene Gerät besteht aus drei an einem Rahmen befestigten Häufelpflügen, die im Abstand von je vier Fuß drei Gräben von der nötigen Tiefe ziehen. Zwischen denselben stecken auf einer gemeinschaftlichen Achse etwa drei Fuß hohe Scheiben, deren zackige Radreifen auf den aufgeworfenen Boden drücken, die großen Schollen zerbrechen und dem Beet die Form geben, die für die vollkommenste gehalten wird. Die Maschine ist, wie hieraus zu sehen, über zwölf Fuß breit, und eine der Hauptschwierigkeiten war, solche Vorrichtungen zu treffen, daß sie leicht gesteuert und an den Enden des Feldes von einem Mann umgewendet werden kann. Ihr wißt, welche Geduld es kostete, dieses Ding in England bauen zu lassen und es nach Schubra zu bekommen, wo ich es endlich vor drei Wochen am Nilufer zusammenstellen konnte. Halim-Pascha, der sich aufs äußerste für die Sache interessierte, war anfangs nicht aus dem Wege zu bringen. Kaum war die Maschine montiert, so wurde nach einer Straßenlokomotive geschickt, um sie unter seiner eignen Leitung ins Feld zu schleppen. Dasselbe war etliche Meilen entfernt, und die Wege kaum gangbar. An einer Stelle, wo, von Bäumen eng begrenzt, die Straße einen scharfen Winkel bildet, so daß die Lokomotive, indem sie um die Ecke bog, förmlich senkrecht zur Richtung des Riesenpflugs zog, sollte letzterer für diesmal sein Ziel erreichen. Das Gestell gab nach und, mächtige Winkeleisen wie Weiden abbiegend, brachen die Vorderräder zusammen. Worauf Halim-Pascha eiligst nach Hause fuhr. Mir war es eigentlich recht, denn der Unfall, der an sich nicht viel zu bedeuten hatte und der durch ein paar Verstärkungsplatten für immer vermieden werden konnte, ließ mir Zeit, eine Anzahl von wesentlichen Abänderungen zu treffen, ohne die ich höchst ungern die eigentliche Prüfung vorgenommen hätte. Vierzehn Tage später stand denn der Pflug wieder im Felde, und nach etlichen Minuten ritt ich frohen Herzens zu Halim, um ihn zu holen. Schnurgerade zog der mächtige Apparat seine fußtiefen Furchen durch den Boden; die Beete hinter ihm lagen so glatt und leicht da, wie Ägypten sie seit Pharaos Zeit noch nicht gesehen hatte, an den Enden drehte sich das Ding, von einem kleinen Jungen gehandhabt, und obgleich ich es nur langsam laufen ließ, wurden doch in einer Stunde mit Leichtigkeit dreieinhalb Morgen gemacht. Tut acht Paar Ochsen und dreihundertundsechzig Mann täglich. Der Erfolg war so durchschlagend, daß mich Halim-Pascha aufs wärmste beglückwünschte und nicht müde wurde, das Feld auf und ab zu rennen und seine Mamelucken, Verwalter und wer sonst zur Hand war, auf die Vorzüglichkeit der Sache aufmerksam zu machen. Ich war halbtot am Abend, denn eine derartige Sache glücklich durch ihre technischen Schwierigkeiten durchzuschlagen, ist bei den hiesigen halbwilden Verhältnissen kein Spaß. Doch war unter solchen Umständen auch das Gefühl des Halbtotseins ein so erfreuliches, daß ich mir alsbald einen Feier- und Festtag vergönnt hätte, wenn die Saubohnen nicht gedroschen werden müßten. 73. Schubra, den 4. Mai 1865. Wir haben böse Zeiten. Mit dem Fall von Richmond stürzt das Glück der Leute zusammen, die auf den Sand der ägyptischen Baumwollenglanzperiode gebaut haben. Neben denen, die sich in den letzten Jahren vom Pferdeknecht und Kammerdiener zu Millionären aufgeschwungen hatten und ihren Zusammenbruch nach dem Sprichwort verdienen: »Wie gewonnen, so zerronnen!« werden andre mitgerissen, die allgemeines Bedauern erregen. Nur als Maßstab führe ich an, daß in Alexandrien ein erst drei Jahre altes Haus eine ungedeckte Schuldenlast von 1 100 000 Pfund aufweist! Halim-Pascha, der die Hauptmasse seiner diesjährigen Baumwolle auch noch nicht verkauft hat, macht, wie das ganze übrige Land, ein böses Gesicht. Wie's überhaupt weitergehen soll, weiß niemand. Auch am politischen Horizont ziehen bedrohliche Wetterwolken hin. In Oberägypten ist, wie man sagt, infolge zu großer Bedrückung der Fellachin ein Aufruhr ausgebrochen. Durch Hängen, Köpfen und Dörfer-dem-Boden-gleich-machen sei es geglückt, die Ruhe wiederherzustellen. Am Hofe zu Konstantinopel intrigiert der Vizekönig gewaltig, um eine Änderung der Erbfolge zugunsten eines seiner eignen Jungen zustande zu bringen. Dieser böse Plan fand jedoch bis jetzt in Frankreich und England entschiedenen Widerstand, so daß er durchfiel. Gegen Ende Mai ist nun Ismael-Pascha nach Konstantinopel berufen, und Halim-Pascha hat die Regentschaft zu übernehmen, ein Wölkchen, das unsre englisch-deutsche Lust- und Geschäftsreise bedroht. Sie wird sich dadurch jedenfalls um einen Monat verschieben. Doch braucht Ihr noch keine Angst zu haben. Dies dürfte erst später nötig sein. 74. Schubra, den 16. Mai 1865. Meinen Geburtstag feierte ich zu Sakkara in der Stille der Wüste und des vierten Jahrtausends vor Christi Geburt. Es war ein reicher Tag voll wunderlicher Genüsse, die leider nichts gewinnen, wenn man sie auf Papier streicht. Nur zweimal zehn Minuten will ich für Euch aus den vierundzwanzig Stunden ausschneiden, von denen ich die einen über, die andern unter der Erde verlebte. Ihr könnt Euch danach vorstellen, was der Tag mir sonst gebracht hat. Das seit Stunden sichtbare Ziel eines langen Rittes ist erreicht. Es ist elf Uhr. Die Sonne brennt glühend in dem gelben Sand, müde stolpern die Tiere den kleinen Abhang hinan, auf dem das vielleicht älteste Bauwerk des ältesten Ägyptens steht. Die berühmte Staffelpyramide erscheint, wenn man an Giseh gewöhnt ist, klein, der Eingang ist verschüttet; dagegen zeigt sie das völlig Eigenartige, daß sie sechs, vielleicht sieben große Terrassen bildet und deshalb an chaldäische Formen erinnert. Das Steinwerk ist in zertrümmertem Zustand und sieht in der Nähe dem Schuttberg eines Steinbruchs nicht unähnlich. Mein erstes war, den Gipfel zu erklettern, was ohne Mühe von der nordwestlichen Ecke aus gelang. Die Rundschau ist hier fast großartiger als die von der großen Pyramide von Giseh, welch letztere gewissermaßen den Grenzstein des Gebiets von Memphis bildet. Hier steht man mittendrin. Eine gelbe Fläche, von Schutt und Wüstensand bedeckt, liegt um den Fuß der Pyramide. Dieses kleine Tafelland, auf dem da und dort Schädel und Knochen schimmern, scheint seit Jahrtausenden von menschlichen Ameisen förmlich durchwühlt worden zu sein und ist die unerschöpfliche Fundgrube der heutigen Altertümler. Nordwestlich, in der Entfernung von einem Kilometer in der Wüste, erscheint ein dunkles, niederes Gebäude – die derzeitige Wohnung Marettes, des französischen Ägyptologen, der für die Regierung Ausgrabungen vornimmt. Links davon, kaum erkennbar an einer zwar modernen, aber höchst primitiven Windevorrichtung, ist der Eingang in die vor kurzem entdeckten Apisgräber. Rechts – etliche weiße Fleckchen lassen den Punkt erkennen – befindet sich der neu ausgegrabene Tempel, dessentwegen ich eigentlich gekommen war. Gegen Osten, vom Fuß unsrer Pyramide bis zum Absturz des Tafellandes gegen das Niltal hin, ziehen sich wellenförmige Sandhügel, Reste kleinerer zertrümmerter Pyramidchen und Grabbauten (Mastabas), neben zahllosen, im Sand trichterförmig erscheinenden Eingängen zu Gräberschachten verschiedener Art. In den Felsabstürzen nach der Talseite hin befinden sich Gräber von Ibismumien, von denen ich schon in Kairo gehört hatte. Dies alles liegt im Vordergrund unsers Bildes. Im Mittelgrund stehen nördlich auf einem ähnlichen Tafelland die drei Pyramiden von Abusir, hinter denen sich endlich die Riesen von Giseh erheben: ein immer großes Bild in seiner Einfachheit der Formen und der ruhigen Verteilung von Licht und Schatten. Nach rechts schweifend sieht das Auge durch die nördliche Öffnung des Niltals in blaugrüner Ferne noch ein Stückchen Deltaland, das östlich vom Mokattam und den kaum erkennbaren Minaretts von Kairo abgegrenzt ist. Die gelben Höhen des ersteren, ein langgestreckter, nach Osten sich senkender Tafelberg mit steilen Abstürzen gegen den Nil hin, allmählich in weit ausgebauchtem Bogen in die Berge von Turra übergehend, bildet mit diesen den malerischen östlichen Horizont. Zwischen diesen Bergen und uns liegen in breiten grünen Streifen das Niltal mit den dunkeln, zierlichen Gruppen seiner Palmen, den grünen Klee-, Zuckerrohr- und Baumwollen- sowie den bereits gelben Kornfeldern, und da und dort, halb versteckt hinter Palmen, seine braunen Fellahdörfer. Diese Fläche, ein Idyll, nur von Ziegen und Kamelen belebt, bedeckt heute das große Memphis, die Hauptstadt eines längst verschwundenen Weltreichs. Nach Süden hin verflachen sich die Wüstenufer des Tals vollständig, und man könnte sich ebensogut einbilden, in dieser Richtung dem Meere entgegenzusehen. Weiter rechts, südwestlich, erscheinen endlich die Pyramiden von Daschur, und von hier bis hinüber nach den Gisehpyramiden, in der nach Westen gerichteten Hälfte des weiten Gesichtskreises, unterbricht nichts die einförmige, nur von fliegenden Wolkenschatten bewegte, unabsehbare Wüste. Im totesten Wüstensande fand ich das zweite, lebendigere Bild, das ich hier einfügen möchte. Trotz des lauten Widerspruchs meines Eselsjungen, der schon am lichten Tag Gespenster fürchtete, kämpften wir unsern Weg durch Sand, Lumpen, Mumienknochen und Scherben nach der Stelle, wo ich schon vor zwei Jahren Ibismumien gefunden hatte, denn ich hätte gar zu gern einige dieser wunderlichen Töpfe mitgenommen. Der Eingang in die Höhlen liegt in den östlichen Felsenabhängen des Tafellandes und war von Sand dermaßen verweht, daß nur ein vierzig Zentimeter hohes Loch übrigblieb, hinter dem ein steiler Gang abwärts führt. Ungefähr fünf Meter von diesem Eingang entfernt erreicht man einen senkrechten Schacht, in welchem man, die Beine gegen die entgegengesetzten Wände spreizend, nicht ganz ohne Gefahr hinabzusteigen hat. Ein seitliches Loch im Grunde dieses Schachts führt in eine kleine Kammer. In dieser bemerkt man, nachdem man sein Licht, das die Fledermäuse beharrlich wieder auslöschen, zwei- oder dreimal angezündet, daß der Boden aus den regelmäßig aufgeschichteten Töpfen von Hunderten von Ibismumien besteht, deren zarte Gebeinchen in Lumpen eingewickelt in diesen tönernen Särgen stecken. Gibt es einen Wahnsinn, den die Menschheit noch nicht ersonnen – nein, den die Menschheit nicht jahrhundertelang mit Andacht gepflegt hat? Wieviel von dem, was wir tun und treiben, wird in tausend Jahren gleichfalls Wahnsinn heißen! Vielleicht in diesen Löchern herumzuschlüpfen auch! Als ich auf dem Rückweg das Tageslicht wieder erblickte und die geneigte Ebene hinaufkroch, kam ich in eine der minder angenehmen Lagen, durch welche altertümelnde Diebsgelüste nicht selten bestraft werden. Der Boden des unter fünfzig Grad aufsteigenden Gangs bestand aus leichtem Wüstensand, die Decke, die meinen Rücken fast berührte, trotzdem ich auf dem Bauche lag, aus dem natürlichen Felsen. Den Kopf hatte ich zwar bereits in der Luft außen; aber jede weitere Bewegung, um mich mit Händen und Armen vorwärts zu arbeiten, schaffte nur einen Haufen Sand mehr unter Brust und Leib, so daß ich mich nach einer Minute nutzloser Sisyphusarbeit zwischen Decke und Boden völlig festgerammt fand und mich jede fernere Bewegung, selbst die kleinste, nur noch fester einkeilte. Mein Eselsjunge, den die Gespensterfurcht abgehalten hatte, mich zu begleiten, wartete am Fuß des Abhangs auf mich, ich in meinem Ibismumiengrab auf ihn. Endlich, da seine Geduld weit größer war als die meine, mußte ich mich dazu bequemen, ihm zu rufen. Um ganz sicher zu gehen, holte er zunächst zwei Fellachin aus einem benachbarten Kleefeld. Diese packten mich um ein Backschisch an den Armen und zogen mit Zurücklassung eines Rockzipfels und, nach meinem Gefühl zu schließen, eines guten Stücks meiner Rückenhaut den verunglückten Altertumsforscher samt zwei Ibissen glücklich heraus. Nun aber sagt nichts mehr von Gefahren im Umgang mit Maschinen, vor denen mich ein Leben der Wissenschaft bewahrt hätte. 75. Schubra, den 17. Juni 1865. Die Vorbereitungen für die europäische Reise nehmen ihren erfreulichen Fortgang. Halim hält Rundschau auf seinen sämtlichen Besitzungen, wobei ich das Vergnügen habe, ihn zu begleiten, um die Bedürfnisse der einzelnen Güter feststellen zu helfen; zwei Wochen, die mich in die engste, stündliche Berührung mit dem Fürsten brachten und mir einen nur selten gestatteten Einblick in ein Stück orientalischen Lebens und Denkens gewährten. In den ersten Tagen sollte ich zunächst allein mit meinen Kawassen ein paar Güter besuchen, um schließlich in Kassr-Schech mit dem Pascha zusammenzutreffen. Von Kairo ging es mit der Bahn nach Mansura, von da in Booten nach Beramun, fünfzehn Meilen unterhalb Mansura auf der rechten Nilseite. Tags darauf erreichte ich zu Pferd Kassr-Demelasch, landeinwärts auf dem linken Ufer. An beiden Plätzen sind Pumpen und Pflüge im Gang. Der dritte Tag war zu einem Ritt von Kassr-Demelasch nach Kassr-Schech bestimmt, eine Strecke, die mich elf Stunden im Sattel hielt, was durch die schattenlose Ebene des Deltas in der Junihitze Ägyptens kein Genuß ist. Auch sind arabische Sättel mit ihren hohen, aus Holz gezimmerten Rücken nicht geeignet, einem Reiter das Dasein zu versüßen, besonders wenn das Pferd galoppiert. Die Rücklehne versetzt alsdann bei jedem Ausschreiten des Tiers dem Reiter einen Stoß, der ihn mit erhöhter Geschwindigkeit dem Pferde voransendet. Dies dauert natürlich nur einen Moment. Ehe der Glückliche jedoch vom Pferde gewissermaßen eingeholt wird und in den Sattel zurücksinkt, kommt die meuchlerische Lehne aufs neue und wirft ihn mit der Härte und Unerbittlichkeit des Geschicks zwischen die Ohren des Gauls. Diesem lieblichen Tag folgte eine Nacht in einem zierlich aus Lehm gebauten Hause, das mit kirschenkerngroßen Flöhen derart bevölkert war, daß ich buchstäblich keine Viertelstunde schlafen konnte. Die Sache war ein naturgeschichtliches Wunder. Ich schwamm in meinem Blute; daß ich lebendig aus dieser Löwengrube hervorging, ist mir noch heute unerklärlich. Vor mir bewohnten das Zimmer zwei neu angekommene jugendliche Tscherkessen. Es darf deshalb mit Recht angenommen werden, daß diese Tiere nicht ägyptische Flöhe waren, welche zwar zahlreich, aber nicht so wild sind, sondern daß sie einer noch ungezähmten kaukasischen Gebirgsrasse angehörten. Tags darauf kam Halim-Pascha an, schlug sein Lager bei Mahallet-Mesir auf, ließ mich holen und bürgerte mich in seinem Nachbarzelte ein, das ich mit dem einzigen noch anwesenden Europäer, einem Löwenjäger namens de Tanion, teilte. Das Lagerleben dauerte eine Woche, während welcher das Lager dreimal wanderte und ich, um etliche Zeichnungen zu holen, dazwischen einen Parforceritt nach Kairo und zurück zu machen hatte, der meiner jungen Reitkunst alle Ehre brachte und für den mir Halim-Pascha sein eignes Leibpferd, einen Vollblutaraber der edelsten Rasse, gab. Auf einem solchen Tiere stundenlang über Stoppeln, Kanäle und endlose Baumwollenfelder immer in geradester Richtung dem fernen Ziele zuzufliegen, ist wirklich ein Hochgenuß! Die einzelnen Tage hatten einen äußerst geregelten Verlauf. Mit der Sonne um drei Viertel auf fünf wurde das Lager rege: ich und de Tanion gingen dem nächsten Kanal zu, um uns zu waschen, während die Mamelucken das Frühstück rüsteten, das in Stoff und Menge einem englischen nichts nachgab, aber bedeutend feiner zugerichtet war. Um sechs Uhr setzte sich gewöhnlich ein bunter Zug in Bewegung: Halim, Rames-Bei, Schaker-Bei, der Verwalter von Kassr-Schech – diese auf buntgesattelten, mit silbernen und goldenen Ketten behangenen Kamelen, de Tanion, ich und ein wirrer Haufe Mamelucken auf Pferden. Es galt entweder eine entfernte Pumpe zu besichtigen, einen neuen Kanal auszustecken oder den Plan für eine Werkstätte oder für das kleine eiserne Palais, das Halim hier errichten lassen will, festzulegen. Dabei hilft mir der Prinz mit Schnur und Wasserwage wie der eifrigste Handlanger, oft zum großen Mißfallen seines Gefolges, das natürlich dann genötigt ist, hinter seinem Herrn und Gebieter her gleichfalls mit einem unnötigen Bindfaden oder einem Richtscheit, das niemand braucht, feldauf und -ab zu rennen. Gegen ein Uhr erreicht man das Lager wieder, um zu Mittags essen. Halim-Pascha, de Tanion und ich sitzen zusammen auf arabisch um das mächtige, auf einem Schemelchen stehende Kaffeebrett, das den Tisch vorstellt. Die Speisen sind halb französisch, halb arabisch, einfach, aber ausgezeichnet fein zubereitet, die Weine trotz des Korans vorzüglich. Dem Essen folgt eine Stunde Geplauder, darauf zwei Stunden Siesta. Dann setzt sich die Karawane abermals in Bewegung, um die am Morgen angefangene Arbeit zu vollenden oder Felder zu besichtigen, die Fellachin im Gebrauch von Guano zu unterrichten und dergleichen, bis es sieben Uhr wird, und man unter Geschäftsgesprächen im Abendschatten der Zelte das Nachtessen erwartet. Nach demselben bis gegen zwölf Uhr gemütliches Geplauder, gewöhnlich nur zwischen dem Prinzen und uns beiden, hier und da jedoch auch unterbrochen durch den Besuch eines Schechs aus der Nachbarschaft, dem der Prinz alsbald die chemische Zusammensetzung des Wassers oder Liebigsche Theorien beizubringen sich bemüht, wobei sich nicht selten possierliche und oft wahrhaft rührende Szenen abspielen. Diese Gespräche waren mir stets hochinteressant. Halim-Pascha ist der liebenswürdigste Gesellschafter. Seine Teilnahme für alles allgemein Menschliche vom Begriff Gottes bis zu Bubengeschichten aus seiner Pariser Zeit läßt den Stoff nie ausgehen. Gleich der erste Abend wurde mit der Frage an mich eingeleitet, was meine Idee von Gott sei? und wir stritten uns bis nachts um ein Uhr über diesen nie zu ergründenden Gegenstand. Halim ist, wie es bei einem gebildeten Moslem fast selbstverständlich scheint, Materialist oder, wenn man will, Pantheist. Ich verteidigte meinen Glauben an einen bewußten Gott, wobei ich die französische Grammatik nicht schonte. Von gegenseitigem Überzeugen ist natürlich bei derartigen Streiten, wie in Deutschland am Neckar, so auch am Nil in Ägypten nicht die Rede; wir sind überall Menschen. Doch gibt es auch gebildete Moslems genug, die auf meiner Seite stehen, und Halim erzählte selbst, wie er sich mit Fuad-Pascha vor einigen Jahren in Schubra herumgestritten habe, der ein entschiedener Spiritualist sei. Um ihn vom Wert der Materie gründlich zu überzeugen, ließ er den türkischen Minister drei Stunden lang aufs Mittagessen warten, bis derselbe endlich erklärte, alles zugeben zu wollen, nur um ein Stück Brot zu bekommen. – Auch die Frage der Vielweiberei wurde verhandelt. Halim gab hier nach, sagte jedoch am Schluß: »Er für seine Person müsse nichtsdestoweniger gestehen: – je mehr Weiblein, um so besser!« Was nicht alles in diesen sechs Abenden in Kassr-Schech abgehandelt wurde – Weltentstehungstheorien und Haremsgeschichten, Nationalitätsprinzipien und Religionsfragen, Studentenstreiche der Vergangenheit und reformatorische Gedanken eines zukünftigen Königs; ich werde sie nicht leicht vergessen, diese Nächte mit ihrem strahlenden Mondlicht und dem leisen Zirpen der tausend und abertausend Tierchen in dem weiten Gefilde, in das das unsre harmonisch einstimmte. – 76. Schubra, den 29. Juni 1865. Ich habe meine Harfe an die Weiden des Nils gehängt, um zu weinen. Draußen im Schatten der Orangen hat es 38 Grad Reaumur, und des Seufzens ist kein Ende. Die ganze Welt wird gelb und dürr wie die Wüste, und wäre ich irgend etwas wie ein Prediger in derselben, so würde ich zu meinem heutigen Texte die Worte wählen: » 's ist alles eitel! « Denn das heimlich Gefürchtete, bange Geahnte wird wahr. Nach Europa, in die Heimat komme ich in diesem Jahr nicht. Die finstern Mächte, welche die verwirrte Menschheit regieren, haben sich mit den dunkeln Gewalten einer noch unergründeten Natur verschworen, den schönen Plan zu zerstören, und es ist ihnen gelungen! Leider wißt Ihr schon aus den Zeitungen, daß die Cholera bei uns ausgebrochen ist. Während Kairo bis jetzt noch nahezu frei blieb, hat sie in Alexandrien förmliche Verheerungen angerichtet, die ihre Ursache vor allem in einem lächerlichen Schrecken haben, welcher die Bevölkerung ergriffen hat. Das wirkt seit Menschengedenken auf die Verdauungsorgane. Der Vizekönig selbst war einer der ersten, der Land und Leute im Stich ließ, um auf offener See in achtungsvoller Entfernung den Verlauf der Dinge abzuwarten. Unter diesen Umständen wäre Halim-Pascha der rechtmäßige Regent gewesen. Aber mit der Begründung, daß Halim ja nach England wolle, in Wirklichkeit jedoch, um ihn nach Kräften zu ärgern, machte der Vizekönig einen der kleinen, nicht zur Familie gehörigen Paschas, den Kultminister Scheriff, zum Regenten. Jetzt aber wollte, wie mir scheint, um den Vizekönig zu ärgern, Halim erst recht bleiben. Mittlerweile hatten aber auch seine Frauen Kunde von der Cholera erhalten und fielen ihm dutzendweise zu Füßen. Das Wehgeschrei der Schönen soll herzzerreißend gewesen sein, und damit erhielt die Sache abermals eine andre Wendung. Vor drei Tagen ist auch er nach Syrien abgereist, um in Beirut ein kleines Palais für »ces dames-là« , wie er sich mir gegenüber entrüstet ausdrückte, einzurichten, und in einer Woche packt das ganze Gesindel von Eunuchen, Mamelucken, Sklaven und Sklavinnen auf, um ihrem Herrn nachzuziehen. Dort aber, in einem fremden Land und unter fremden Leuten, kann Halim »ces dames-là« nicht allein lassen; die gute Jahreszeit und auch eine gute Summe Geld, die für Europa bestimmt war, geht verloren, und der schöne Plan, der ein Jahr lang unsre Freude und unsre Hoffnung war, verschwindet wie eine Luftspiegelung in der glühenden Ferne. 77. Schubra, den 7. Juli 1865. Unser neuer Regent Scheriff-Pascha hält die Cholera nicht auf. Vor drei Tagen starben in Kairo 380, gestern 430 Menschen. Alexandrien sei ausgestorben. – In Schubra beweist die reinere Luft ihren wohltuenden Einfluß. Wir hatten vielleicht acht bis zehn Fälle, von denen nur drei tödlich ausfielen. Einer der gefährlicheren traf meine Nachbarin, die englische Gärtnersfrau, die aber jetzt außer Gefahr ist. Zu meinen mannigfachen Berufszweigen gehört nun auch der des Arztes und Apothekers. Ich erfreue mich einer glänzenden Praxis, besonders da ich die Medizin umsonst verkaufe. Es kam so weit, daß gestern sich einer mit Ohrenweh als »cholerakrank« vorstellte. Dem Mann gab ich mit bestem Erfolg reinen Cayennepfeffer, als Pulver zu nehmen. Er kam nicht wieder. Der allgemeine Schrecken grenzt ans Komische. Alles flieht. Aus Alexandrien sollen 40 000 Europäer abgereist sein. Die Dampfschiffahrtsgesellschaften haben ihre Preise verdoppelt und Plätze zweiter Klasse nach Marseille wurden unter der Hand mit 8000 Franken bezahlt. Die Bankiers waren die ersten, welche das Land im Stiche ließen. Schließlich liefen auch die Eisenbahnbeamten und Telegraphisten davon. Das ist eine Welt! Ich befinde mich ziemlich wohl. Für den Fall, daß mir irgend etwas Ernstliches zustoßen sollte, was ja inmitten eines solchen Sturmes in der Hand Gottes liegt, ist ein Vizebriefschreiber ernannt. 78. Schubra, den 14. Juli 1865. Das Schlimmste ist vorüber. Etliche zehn meiner Bekannten sind tot, die andern zumeist auf der Flucht. Von meinen hiesigen europäischen Assistenten und Arbeitern bin ich im Augenblick allein noch übrig. Dies ist richtiger, als es klingt. Und noch immer bin ich ganz wohl und kann's brauchen. Denn wir stehen in den kritischen Wochen, in denen das Stehenbleiben einer Pumpe einen Schaden von Tausenden von Pfunden anrichten kann. Doch ist der Nil bereits drei Fuß gestiegen, und die Hitze hat etwas nachgelassen. Die Cholera sah ich natürlich zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht. Eigentümlich ist, wie die größere Zahl der Fälle neuerdings verlaufen. Meist ohne alles Erbrechen treten Krämpfe ein, die häufig in einer bis zwei Stunden dem Leben ein Ende machen. Das einzige Mittel von einigem Erfolg ist Einreiben mit Alkohol geblieben. Als bestes Schutzmittel hat sich deshalb eine Anzahl Türken und Araber in der Angst zu Tode getrunken, selbst auf die Gefahr hin, einem bösen Empfang in ihrem Paradies entgegenzugehen. Schlimmer als heute waren die ägyptischen Plagen vor viertausend Jahren wohl auch nicht. 79. Schubra, den 20. Juli 1865. Wahrhaftig, es war eine Schlacht, grausiger als gewöhnlich, ohne Lärm, ohne Pulverdampf, ohne Kanonendonner. Und wie nach einer Schlacht zählen wir jetzt unsre Toten. Viele Flüchtlinge fangen an, zurückzukehren, um so mehr, als Suez, eines der Hauptquartiere dieser Unglücklichen, jetzt in der besten Totenblüte steht. Aber dem Tode selbst ist jetzt der Stachel fast genommen. Denn wie an alles, gewöhnt sich der Mensch auch an die Cholera. Sonst wenig Neues. Nach der Aufregung, die fast allen geschäftlichen Verkehr niederschlug, ist eine allgemeine Erschlaffung eingetreten, welche auch mich ergreifen würde, wenn ich Zeit dazu hätte. Halim-Pascha soll in Syrien einen großen Jagdfeldzug unternommen haben. Ich wollte, er käme bald wieder. Er ist einer von den Menschen, die ihre Umgebung frisch und munter erhalten, und das kann man zur Zeit brauchen. In Ermanglung der Möglichkeit, verschiedene Pläne technischer Natur während seiner Abwesenheit weiter zu verfolgen, habe ich mich darauf gelegt, Arabisch schreiben zu lernen, eine Kunst, die Ihr mir vermutlich schon längst zugetraut habt. Denn der Deutsche fängt sein Dasein mit Tinte an: – »ich schreibe, also bin ich!« – und eine Sprache zu sprechen, ohne sie zu schreiben, ist weit unverzeihlicher als das Umgekehrte. Hier jedoch ist's anders, und ich hoffe bald von Eingeborenen und Fremden mit berechtigtem Staunen betrachtet zu werden. Es ist aber auch ein elend und jämmerlich Ding, dieses Lesen ohne vernünftige Vokale. 80. Schubra, den 14. August 1865. Einen aufregenden Nachmittag habe ich damit zugebracht, Pistolen, Tubusse, Reisetaschen und Reiseflaschen, Patronen und Bussolen, Schuhe und Hüte einzukaufen. Übermorgen liegt Ägypten und Afrika hinter mir. Doch ist das schöne Ziel nicht das heimatliche Schwaben, sondern Asien, Syrien, der Libanon und zunächst, um endlich zur Sache zu kommen: Beirut. Halim-Pascha, der eine große Vorliebe für Syrien mitgebracht hat, kam nämlich auf den Plan zurück, die Hafenstadt von Damaskus, das Alexandrien Syriens, das gegenwärtig an dem empfindlichsten Wassermangel leidet, mit Trink- und Waschwasser zu versorgen. Die nötige Konzession erhielt er natürlich leicht, und nun erwartet die hohe Pforte baldigst unsre Mitteilungen über das, was sie konzediert hat. Es handelt sich zunächst um die Frage, woher das Wasser nehmen und wie nach Beirut bringen? Die Antwort hierauf, die Ausarbeitung von Plänen, Kostenüberschlägen und, wenn nichts dazwischenkommt, die Ausführung der Sache ist mir gestern huldvollst übertragen worden. Hätte ich je zu träumen gewagt, als ich mir einst die Finger am Schraubstock zerschlug und den Bauernjungen im Feld um seinen blauen Himmel beneidete, wohin mich das noch führen sollte: daß ich mir einen Weg auf den Libanon feilte und eine Straße nach Der-el-kamar, ins Herz des Drusenlandes, meißelte? Die Märchenwelt des Orients lebt noch, und wenn auch die Tage brennend heiß sind und mir skalpweise die Haut abziehen: die Nächte – »tausendundeine Nacht« – sind um so lieblicher. Und sehe ich nicht mit der Morgenröte im dämmernden Osten abermals ein Stück der weiten Welt und ihrer Wunder? Das darf schon mit Schweiß und Blut bezahlt werden. Es wird mir gut tun an Leib und Seele. Mit Rückert aber – da ich selbst das Dichten, wie früher schon das Philosophieren aufgegeben habe (und es ist mir um beider willen ein gutes wohler) – mit Rückert werde ich übermorgen singen: »Und das Büblein hat sich aufs Wasser gesetzt und hat gesagt: so gefällt mir's jetzt! « 81. Beirut (im Lande der Philister), den 10. September 1865. Durch Fährlichkeiten zu Wasser und zu Land, durch Hitze und Kälte, Hunger und viel Durst, über Berge und Täler, durch Wüsten und Sümpfe habe ich mich in den letzten Wochen geschlagen und noch ist mein syrischer Feldzug nicht zu Ende. Ich benutze einen der seltenen Abende, an denen ich auf zivilisiertem Stuhle vor einem gebildeten Tische sitze, Euch wenigstens ein Lebenszeichen zukommen zu lassen. Am 19. August brach mein Expeditionskorps von Kairo auf: »Partant pour la Syrie!« Es bestand aus sechs Köpfen: einem Griechen, Mr. Zucco, der das kaufmännische und diplomatische Element vertrat, mir, dem technischen Oberhaupt, und Sadik-Efendi, einem in Paris erzogenen ägyptischen Ingenieur, der mir als Assistent beigegeben war. Jeder von uns dreien hatte sich einen Chaddam oder Leibdiener beigelegt: macht die achtunggebietende Zahl von sechs Mann. In Alexandrien begaben wir uns sofort an Bord des Lloyddampfers »Afrika«, der den folgenden Morgen, mit dem Deck voll Araber, Zigeuner und Türken, in der ersten Kajüte aber nur mit uns und einer Diakonissin, bei Sonnenaufgang auslief. Herrliches Wetter; gnädige Seekrankheit. Am folgenden Morgen schon legten wir in Jaffa an, das, ameisenhaufenartig aufgebaut, nicht sonderlich verlockend aussieht. Den Nachmittag ging's an der Küste von Palästina hinauf, deren gelbe Hügel, allmählich höher ansteigend, gegen Sonnenuntergang gegenüber von Akka und dem Berge Karmel einen malerischen Anblick bieten. Dort legte das Schiff abermals an, etliche Reisende waren verhindert auszusteigen, da der ganzen Küste entlang die Choleraangst auf eine lächerliche Weise grassierte. In der Nacht ging's weiter, und morgens befanden wir uns ruhig vor unserm Ziel, auf der Reede von Beirut. Ich übergehe einen Anstandsbesuch bei dem staatlich beglaubigten Spitzbuben und Gouverneur der Stadt. Die Regierung und das Beamtentum in Syrien sind sichtlich schlechter als in Ägypten. Es dreht einem wirklich das Herz im Leibe um, diese Wirtschaft mitansehen zu müssen. Die Geschichtchen, die über amtliche Schwindeleien erzählt werden, überschreiten das Unglaubliche. Alles, was wir von der Regierung erhalten konnten und wollten, war das Versprechen, uns keine Hindernisse in den Weg zu legen, das mit vielen »Salaams« gegeben wurde. Ja sogar Zelte und Soldaten wurden uns zur Verfügung gestellt, die wir später benutzten. Die Lage Beiruts ist herrlich. Auf einem mit Gärten und Maulbeerpflanzungen bedeckten Doppelhügel, der, vom Gebirg getrennt, durch das Tal des Nahr el Berut sich ins Meer vorschiebt, liegt die Stadt mit ihren mittelalterlichen Türmen und Festungswerken, ein Bild malerischer Verwirrung. Den Hintergrund bilden die massigen Berge des Libanon, die, nach unten mit spärlichem Grün bedeckt, oben ihre goldgelben Felsenkämme dreitausend Meter über den blaugrünen Meeresspiegel erheben. Unser erster Entdeckungsritt ging zur Quelle des Nahr el kelb (des Lykus der Alten), der sich etwa zweieinhalb Stunden nördlich von Beirut ins Meer ergießt. Bis an seine Mündung geht es am Fuß des Gebirgs dem Meer entlang; ein heißer, wenn auch überaus lieblicher Ritt. Ein felsiges, wildromantisches Vorgebirge verdeckt den Eingang des Flußtals. In die Felsen dieses Berges haben die Eroberer Syriens von Ramses II. bis auf Napoleon III. Gedenktafeln eingegraben. Dann geht es zwischen zwei Felsbergen, die kaum dem Flüßchen Raum lassen sich durchzudrängen, in das Innere des Gebirgs. Das Tal ist tief und kühl. Eine üppig wilde Vegetation von Binsen, wilden Reben, Lorbeer und Buchsbaum bedeckt den Fuß der Berge, während jedes Fleckchen der Talsohle mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. In regelmäßigen Entfernungen trifft man Mühlen, in welche das Wasser zum Dach eintritt und eine primitive Turbine treibt, an deren Schaft der Mühlstein steckt. Die Kanäle für diese Mühlen schmiegen sich lange Strecken weit an die Wände des Tals an, und die Mauerzinne dieser Kanäle, die oft zehn Meter hoch über der Talsohle fortlaufen, ist manchmal der einzig gangbare, schwindelnde Weg. Weiter oben, mehrere Stunden von der Mündung, werden die Schwierigkeiten in der Tat groß, und auf Händen und Füßen erreichten Sadik und ich endlich eine Felsgrotte, aus der kühl und gewaltig die Quelle des Flusses hervorbricht. Ein wildes Bild! Hinter uns türmten sich Felsen über Felsen – vor uns, mit Pinien bewachsen, schossen die Berge in die Höhe – hoch oben, kaum erkennbar, ein Kloster, und da und dort an den felsigen Berghängen weiter unten ein kleines Maronitendörfchen. Den Heimweg machten wir über das Gebirge. Nichts ist erstaunlicher als die ziegenhafte Gewandtheit dieser syrischen Pferde. Auf- und Absteigen ist freilich das Geschäft des Tags, und häufig kriecht man, den Zügel um den Arm geschlungen, dem treuen Tiere auf allen Vieren voran, während es sozusagen auf den Hinterbeinen hintendran kommt, ein Bildchen, das die umgekehrte Welt plastisch verwirklicht. Auch kommt es vor, daß man sich, wenn man geschickt genug ist, plötzlich auf dem Bauch des Pferdes sitzend findet anstatt auf dem Rücken, und einmal fiel uns eines der Tiere in einen kleinen Abgrund hinunter, aus dem wir es nur durch Zusammenbinden sämtlicher Sattelgurten und Zügel und mit dem Beistand etlicher Hirten herausziehen konnten. Worauf es sich schüttelte, das Loch aufmerksam betrachtete und ruhig seinen Weg fortsetzte. Die nächsten Tagen vergingen mit ähnlichen Forschungsausflügen nach andern Flußquellen (Nähr Antelias, Nahr el Berut, Ain Hamanah), und dann begann die eigentliche Arbeit des Nivellierens und Vermessens. Hierzu wurden zwei große Zelte, unsre ägyptischen Diener und fünf Mann der türkischen Armee requiriert. Ein sechster Soldat hatte täglich in die Stadt zu reiten, um uns den nötigen Mundvorrat zuzuführen. Die erforderlichen Instrumente hatte ich natürlich mitgebracht. Mein arabischer Efendi erwies sich in hohem Grade brauchbar. Daneben ist er ein guter Kamerad und ein gebildeter Mensch, der mir nicht wenig über die Vor- und Nachteile von zwei Frauen zu erzählen weiß, die bis auf weiteres sein Harem zieren. Im übrigen läßt er sich gern in theologische und soziale Streitfragen ein, bei denen der nüchterne Rationalismus des Islam einem gläubigen Christen nicht wenig zu schaffen macht. Nun ist aber Nivellieren im August in Syrien kein Spaß. Schlucht auf und ab, an den kahlen, glühenden Bergwänden des Libanon hin, durch die dumpfig brütenden, naßheißen Talgründe, mittags unter halbverdorrten Bäumen und Felsen einen Quadratfuß Schatten suchen, abends stundenlang nach den Zelten den Weg zurückklettern, die Instrumente an Punkten aufstellen, auf denen man kaum selbst Platz zum Stehen hat, stundenlang in Flußbetten von Stein zu Stein springen und jede halbe Stunde doch wenigstens einmal bis an die Knie ins Wasser fallen: es hat mich buchstäblich alle zwei Tage ein paar Stiefel gekostet, von der eignen Haut gar nicht zu sprechen! Übrigens wurde am zweiten Tag bereits mein Diener Ali fieberkrank und blieb im Zelte liegen. Am vierten, gegen Mittag, nachdem ich schon den Abend zuvor ein eigentümliches Vorgefühl verspürt, blieb ich vor einer gewaltigen Schlucht ebenfalls stehen. Den Berg hinunter ging es noch; dort aber hatte meine Kraft ein Ende, und ein nach einiger Zeit vorüberziehender mitleidiger Esel brachte mich vollends zu unsern Zelten. Ein Bote ging ab, um Pferde herbeizuholen, die nach ein paar Stunden, welche ich von Kopfweh halbbetäubt und vom Fieber geschüttelt auf Kamelstaschen zubrachte, ankamen. Sadik-Efendi, dem angst wurde, trieb zur Rückkehr, und ich setzte mich, sogut es ging, aufs Pferd. Den Ritt dem glühenden Meeresufer entlang will ich sobald nicht vergessen. Ich war kaum imstande, mich im Sattel zu halten, und Pferd und Meer, Sand und Sonne drehten sich mit mir im Kreise. Doch nahm auch das ein Ende. Nach dritthalb Stunden lag ich im Bett, und ein junger preußischer Arzt mit einer vertrauenerweckenden silbernen Brille sagte mir, was ich nur zu wohl wußte, daß ich Fieber habe und wahrscheinlich an einem kleinen Sonnenstich leide! – Fünf Tage später konnte ich in der Schlucht weiterarbeiten, vor der ich stehen geblieben war. Nun aber ging alles aufs beste. Ich zerreiße mein Paar Stiefeln in der von Allah bestimmten Zeit, erfreue mich der herrlichen Natur mit ihren Felsen, Palmen und Lorbeeren, der einsamen Mondnächte in den wilden Schluchten, mit dem Geheul eines Wolfs in dem gegenüberliegenden Berghang oder der fernen Brandung des Meeres in den Ohren, und führe ein wahres Zigeunerleben, in dem, wie in den bezauberndsten Kindermärchen, auch der mittelalterliche Mönch nicht fehlt, der uns den verlorenen Weg zeigt oder einen Trunk Wasser anbietet. Heute abend werden wir abermals das Zelt gegen das allerdings behaglichere Hotel de l'Europe vertauschen, um sodann die letzte Möglichkeit, den Nahr el Berut, zu untersuchen. Drei Tage sollten hierzu hinreichen, und dann geht's auf dem Rückweg zur Erholung wahrscheinlich nach Jerusalem und an das Tote Meer. Denn ich weiß, was mich in Schubra erwartet. Dort wie hier bin ich nicht auf Rosen gebettet; aber es wäre mir auch nicht wohl, wenn es anders wäre. Die Pferde sind eben angekommen. Ich lege ein Lorbeerblatt vom Libanon bei. Wenn ich es nicht verdient habe, erbeutet habe ich's jedenfalls. 82. Jerusalem, den 26. September 1865.. Mit dem Lloyddampfer »Maximilian« kam ich in Jaffa an, um meine Pilgerfahrt anzutreten. Ich glaubte schon der einzige »fromme Pilger« zu sein. Doch im Landungsboot zeigte sich, daß der Archimandrit der russischen Gesandtschaft in Konstantinopel desselben Wegs zu ziehen gedachte. Ein sogenanntes »English Hotel« fand ich Choleraangst halber geschlossen, und so befand ich mich eine Stunde später nach vielem Treppensteigen in dem Franziskanerkloster der Stadt einem gemütlichen Bruder und, weil es Freitag war, einem frugalen Mahle gegenüber, unter den schweren Kreuzgewölben des römischen Klosterstils. Schon nach wenigen Minuten stellten sich Dragomans und Pferdeverleiher in Menge ein. Man sagte mir, daß die österreichische Post noch mit Sonnenuntergang abgehe und morgen um neun Uhr in Jerusalem sein werde; nichts sei klüger, als sie zu begleiten. Die österreichische Post besteht aber nicht etwa aus einem Eilwagen, sondern aus einem Mohren, einem Gaul und einer ledernen Tasche. Obgleich noch halb seekrank, entschloß ich mich, den Vorschlag anzunehmen. Zwei Pferde erschienen. Auf dem einen mein Koffer und mein Reitknecht, auf dem andern ich, so ging's um fünf Uhr, der »Post« voraus, in den herrlichen Abend hinein. Zuerst, über den Hügel von Jaffa hin, kommen grüne Gärten, von mannshohen Kaktusbirnstauden eingehegt, dann Felder, Heiden, kahler und kahler werdend, da und dort ein Dorf im Schatten von Oliven- und Feigenbäumen, endlich Steine, Kalkfelsen, Sand und halbe Wüste. Nach einer halben Stunde holte ich die russische Geistlichkeit mit ihrer Karawane von Packpferden und Kawassen ein. Der würdige Archimandrite sprach drei Worte Deutsch und weitere drei Französisch, war aber die sanftmütige Höflichkeit selbst. Es war finstere Nacht, als wir uns nach zwei Stunden Ramleh näherten, dem einzigen größeren Orte zwischen Jaffa und Jerusalem. In dem dortigen griechischen Kloster hatte mein hochwürdiger Reisegenosse im Sinn, einige Stunden zu schlafen, und da die Post mich noch nicht eingeholt hatte oder der österreichische Mohr bei Nacht vielleicht gar nicht sichtbar war, so ließ ich mich gerne überreden, zur Abwechslung unter die Fittiche der griechischen Kirche zu kriechen. War des Archimandriten Französisch auch mangelhaft, der Tee, den er mir in jener Nacht braute, machte seinem Herzen, seinem Vaterlande und seiner Kirche alle Ehre. Um zwei Uhr ging es weiter. Sternenhimmel. Öde, stille Wildnis. Der Weg war etwas hügelig und geht streckenweise über bloßgelegte weiße Kalkfelsen, ein unangenehmes Reiten in der Finsternis. Endlich dämmert der Tag, und wir erreichen mit dem ersten Schimmer einen elenden Khan (syrisches Wirtshaus), wo außer Kaffee und Arak selbst um ein beträchtliches Backschisch nichts zu haben ist; er liegt am Eingang eines Felsentals, das uns in die Berge von Judäa hinaufführt. Hier auf einer alten Römerstraße, deren fester Bau und halsbrechende Eigenart den Rossen und Reitern des alten Roms alle Ehre machten, geht es nach kurzer Rast weiter. Bald, von dem Kamm der mit Dorngestrüppe bedeckten Hügel aus, erscheint das ferne Meer und Jaffa in unserm Rücken, bis man in ein zweites tiefes Tal hinuntersteigt, wo bei einem Dorf eine zerfallene Kirche aus Kreuzfahrerzeiten steht. Abermals ein Khan, Kaffee, Arak und Trauben. Und wieder geht es aufwärts, der Wasserscheide zwischen dem Toten und Mittelländischen Meere zu. Oben ein Wartturm, plump und schwer, ringsum kahle, felsige Täler, dann noch ein Warttum, und noch einer, und als der vierte erscheint, ruft der landeskundige Führer des Archimandriten: »Jerusalem!« Nach wenigen hundert Schritten liegt die Nordwestseite der heiligen Stadt vor uns. Den Vordergrund bildet eine nach Süden sanft abfallende Ebene, mit Geröll und Steinen und spärlichen Oliven bedeckt. Links auf derselben stehen die stattlichen Gebäude des russischen Konsulats. Rechts ist das »Tal Hinnom«, das sich nach Süden rasch vertieft. Von der Stadt sieht man fast noch nichts als die stattlichen Mauern, die sich über den Berg Zion hinziehen, den man in seiner ganzen Länge vor sich hat. Ungefähr in der Mitte der uns zugekehrten Westseite der Stadtmauer erhebt sich der »Turm Davids«, die jetzige Zitadelle der Stadt. Die Nordseite verschwindet hinter dem Rücken des Hügels, von dem wir herabkommen. Links im Hintergrund endlich ist der Ölberg mit der Himmelfahrtskirche auf seiner Höhe, rechts, Zion überragend, der »Berg des bösen Rats«, und zwischen beiden, einen vollen Blick in das Gebirg über dem Toten Meere gestattend, die tiefe Schlucht des Kidron. Gelb und grau und dunkelgefleckt, wo Oliven die graslosen Abhänge bedecken, würde das Bild im brennenden Sonnenlicht ohne jene Fernsicht öde und trostlos erscheinen; aber eben die Fernsicht, die örtliche der Wirklichkeit, und noch vielmehr die zeitliche, geistige, bringt die gewaltige Wirkung hervor, die seit mehr als tausend Jahren von Millionen Menschen auf dieser Stelle empfunden wurde – einer Stelle, wo der arme mißhandelte Pilger, der kühne Kreuzfahrer und der Reisende von heute in stiller Andacht aufatmen, und wo selbst der Zweifler aller Zeiten sich kaum erwehren kann, sein »Jerusalem!« zu rufen. Was soll ich nun schreiben das nicht schon hundertfältig besser und ausführlicher geschrieben worden wäre? Seit zweitausend Jahren haben Dichter und prosaische Menschen, Künstler und Gelehrte, Geistliche und Laien, Baumeister, Naturforscher und Philologen der Welt erzählt, wie Jerusalem aussieht. Von Kindesbeinen an haben wir uns aus all dem ein Bild geschaffen. Nichtsdestoweniger findet fast jeder neue Pilger, wie falsch dieses Bild ist, wie sehr sein »erster Eindruck« hinter seinen Erwartungen zurückbleibt oder dieselben übertrifft. Dem einen ist Jerusalem zu schlecht, dem andern zu gut, dem einen zu kalt, dem andern zu heiß, dem einen ist Moria zu bergig, dem andern Zion nicht hoch genug; der eine kann sich über die erbärmlichen Zustände, in denen er Häuser und Straßen, Menschen und Tiere, Berge und Täler, ja selbst das Wetter findet, nicht beruhigen, während der andre – In meinem Zimmer liegt eine englische Bibel, nach englischer Weise dem Gasthof für den Gebrauch der Reisenden geschenkt; auf dem ersten Blatt steht auf Deutsch eingeschrieben: »O du schönes Jerusalem! Luise Weber. Leising! Sachsen 1863.« – Es kommt wohl daher, daß ich den Anblick orientalischer Städte mit ihren engen Gassen, ihrem Staub und Schmutz und ihren Trümmerhaufen gewohnt bin – mir gefällt die Stadt: die zinnengekrönte Mauer, die Häuser mit Hunderten von kleinen Kuppeln, die das fehlende Bauholz ersetzen müssen, das Auf und Ab der Gassen, und vor allem die tiefen schluchtartigen Täler von Josaphat und Hinnom. Nur ein Umstand, aber gerade dieser im Zusammenhang mit dem Angelpunkt, um den sich für uns die ganze Bedeutung der Stadt dreht, berührte mich in unangenehmer Weise. Mit allem Suchen und Forschen, Behaupten und Widerlegen in betreff der heiligen Orte sind wir endlich so weit gekommen, daß wir gar nichts mehr wissen. »Der Glaube versetzt Berge.« Kann man sich wundern, wenn er die Mauer des Herodes etwas wunderlich zieht, um seine Grabeskirche, die freilich jetzt mitten in der Stadt steht, vor das Tor hinauszubekommen? Tut der Unglaube nicht noch Größeres, wenn er Zion nach Moria und Moria nach Zion versetzt, Golgatha auf die Tempelstätte legt und mit dem Tempel, nach einer kleinen Verlegenheitspause, gen Südwesten wandert? Es wäre fast komisch, wenn das Spielzeug, womit fromme Phantasie, oft auch Gelehrteneitelkeit und noch öfter konfessioneller Haß und Neid zu spielen pflegen, ein andres wäre. Ebenso lächerlich würde es sein, wollte ich mir in zehn Tagen eine bestimmte Ansicht selbst herausklügeln und sie Euch als das Neueste und deshalb Beste mitteilen. Ich habe keine neue alte Mauer gefunden und sehe es den Steinen nicht an, ob Salomo oder Herodes sie aufgebaut, Titus oder Nebukadnezar sie umgeworfen hat. Wo sich so viel Scharfsinn in den Haaren liegt, ziehe ich mich gern zurück und mache in der Entfernung friedlich und bescheiden eine Skizze des Schlachtfeldes, auf dem der Streit tobt. Kehren wir zurück in die Welt von heute. Vor allem braucht man in derselben eine Wohnstätte. Gegen die Gastfreundschaft der Klöster sträubte sich mein protestantischer Magen. Es gibt zurzeit zwei Gasthöfe in Jerusalem, das Hotel von Damaskus und das Mediterranean Hotel, die beide seit Monaten völlig leer stehen. Letzteres wird von einem guten Altbayern in schwäbischer Mundart regiert und hat die Ehre, mich in seiner einsamen Größe zu beherbergen. Beide kennen die Allerweltsschablone noch nicht, sind aber gute, winklige Häuser mit kleinen Zimmerchen unter Kreuzgewölben, mit Treppen auf und ab und einem Dach, auf dem man über Kuppeln stolpert und den ersten erstaunten Blick auf das Innere der Stadt wirft. Mein Hauptgang am folgenden Tag galt natürlich der heiligen Grabeskirche. Es war Sonntag. Doch wurde ich durch nichts gestört und ging meiner Wege ungehindert durch die bunt durcheinandergewürfelten Gebiete der vier Konfessionen: Lateiner, Griechen, Kopten und Armenier; obgleich ich nach Geburt und Überzeugung nur ein kleines Kapellchen für die »ketzerischen Fürsten«, in welchem Staubbesen, Leitern und andres frommes Handwerkszeug steht, beanspruchen konnte. Von Rechts wegen gehöre ich in dieses Besenkabinett. Von Rechts wegen sollte ich mich auch mit Entrüstung von dem Stein abwenden, auf dem nach römischer Tradition der Leib des Heilandes gesalbt wurde oder von dem Riß im Felsen, in welchem nach griechischem Glauben das Kreuz gestanden hatte; denn es ist ja nahezu gewiß, daß weder das eine noch das andre wahr sein kann und überdies ist immer ein Stein Stein und der Geist Geist. Aber es hilft alles nichts, selbst vor der Kaaba in Mekka, der sich Millionen Menschen zuwenden, wenn sie beten, fühle ich eine gewisse Verehrung. Die Berührung mit so vielen Arten von Gläubigen, vom schottischen Presbyterianer herab fast bis zum Fetischdiener, muß es machen. Sind sie nicht alle Menschen wie ich? Soll ich sie geringer schätzen, weil sie einen andern Weg gegangen sind oder geführt wurden als ich? Niemand kann einen Stein verachten, aber achten kann ich ihn um ihretwegen, um der Millionen meiner Mitmenschen willen, die ihn verehren. Tausende denken und fühlen anders. Aber in diesen Sachen hat jeder Mensch sein eigenstes Recht und kein Mensch dasjenige, den andern zu richten. Der Eindruck, den die Grabeskirche macht, war für mich ein ergreifender, und der Reichtum von Gedanken aller Art, den ein Gang unter diesen feierlichen, reichgeschmückten Gewölben und Kuppeln hervorruft, umgeben von einer Volksmenge aus allen Nationen, vom halb beduinenhaften Maroniten bis zum feierlichen Engländer, vom schwarzen Abessinier, der bescheiden und verlegen nach seinem Kapellchen sucht, bis zum Archimandriten aus Sibirien, welcher stolz in seinen goldschimmernden Chor tritt, ist überwältigend. Selbst all das Wunderbare und Wunderliche, vom Opfer Isaaks bis zur Auferstehung des Herrn, das Geschichte oder frommer Betrug hier zusammendrängt, vermag hieran nichts zu ändern. Hundert bessere Federn haben übrigens all das vor mir beschrieben und werden es nach mir beschreiben. Mein Brief soll kein Buch werden. Ausflug folgte jetzt auf Ausflug; Skizze auf Skizze füllte meine Zeichenmappe. Ich bin versucht, die Bildchen aufzuzählen. Aber was könnte ich damit bieten, als Worte ohne Form und Farbe. Und schließlich werdet Ihr sie, so Gott will, doch einmal zu sehen bekommen. Aber auch damit kann ich Euch nicht geben, was ich als unveräußerlichen Schatz aus Jerusalem mitnehme: ein Stück gelebtes Leben, das das Innerste in uns berührt. Ein viertägiger Rundritt soll meinen Aufenthalt in Palästina beschließen: Jerusalem, Bethanien, Jericho, Jordan, Totes Meer, Kloster Mar Saba, Hebron, Bethlehem, Jerusalem. Hier stellten sich aber zwei kleine Schwierigkeiten ein. Ich scheine nämlich in einem gewissen magischen Zusammenhang mit der Cholera zu stehen, infolgedessen sie ausbricht nicht nur, wo ich mich befinde, wie in Beirut, sondern auch wo ich hingehen will. So wurde am zweiten Tag meiner Ankunft verkündigt, daß zwischen Hebron und Jerusalem vier Tage Quarantäne zu halten sei. Damit fiel dieser Teil des Planes von selbst weg. Der zweite Punkt war, daß am ersten Tag meiner Ankunft ein Räuber, der Schech der Taamreh-Beduinen, die in den Gebirgen Moabs wohnen, aber die Straße von Mar Saba beherrschen, in Bethlehem gefangen worden war und wahrscheinlich gehenkt wird. Deshalb war dieser Stamm in großer Aufregung, und es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß die Leute den nächsten besten Europäer als Geisel abfassen dürften, eine etwas unangenehme Aussicht für den Betroffenen! Vorerst besuchte ich den preußischen Konsul Dr. Rosen, einen liebenswürdigen und hochgelehrten Herrn. Dieser nahm die Sache leichter, mein Dragoman mietete vier Beduinen vom Stamm Niseria, durch deren Gebiet hauptsächlich unser Weg führt, und soeben bin ich von einem der lohnendsten und interessantesten Ausflüge zurückgekehrt, die der Mensch machen kann. Die Hitze war freilich fürchterlich, und acht bis zehn Stunden täglich im Sattel ist mehr, als man zur Verdauung nötig hat. Mit Steinen und Blumen, Jordanwasser und Sand vom Toten Meer, Kreuzen und wunderbaren Angriffs- und Verteidigungsprügeln der Eingeborenen, wie auch mit etlichen fünfzig Skizzen reich beladen kehrte ich nach Jaffa zurück. Ich wollte nur, ich könnte Euch einen Teil davon zutelegraphieren. 83. Schubra, den 18. Oktober 1865.. Die große asiatische Geschäfts-, Vergnügungs- und Pilgerreise liegt hinter mir. Ich fand etliche dreißig minder erbauliche Geschäftsbriefe vor, deren gereizte Stimmung über mein langes Schweigen einem chorartigen Crescendo gleicht, bis sie mich endlich zornig fragen: »ob ich an der Cholera gestorben sei?« – Es ist mir gleichgültig. Der alte, liebenswürdige Poet, der vielleicht nach einer Reise von Darmstadt nach Wiesbaden so inniglich auf dem Heimweg sang: »Wem Gott will rechte Gnad' erweisen, den schickt er in die weite Welt!« wird zu allen Zeiten recht behalten. Aber sauer machen sie einem die Gnade doch manchmal. Dafür kann ich jetzt in allen denkbaren Lagen und Stellungen gehen, stehen, essen, trinken und schlafen; mehr als einmal hat mir ein Stein als Kissen gedient, und zweimal mußte ich, wenn auch innerlich wohlwollend, auf lebende Mitmenschen schießen. In Alexandrien wurde unser Boot drei Tage in Quarantäne gehalten. Da wir diese liebliche Pause auf dem Wasser abzumachen hatten, konnte ich mich nicht, wie zwischen Jerusalem und Jaffa, mit dem Revolver in der Hand durch die Polizeisperre schlagen. Indessen war das Schiff mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet. Drei lustige französische Choleradoktoren, welche den Orient auf Regierungskosten bereisen, ein halbes Dutzend syrischer Frauen von überwältigender Schönheit, in Seide und Samt und köstliche Leinwand gekleidet, ein alter, fuchsköpfiger französischer Ingenieur, der mit allen erdenklichen Mitteln mir meine Aufnahmen der Umgebung von Beirut abzuschwindeln versuchte, und seine junge, schwarzköpfige Tochter, die schändlicherweise mit dem alten Fuchs unter einer Decke spielte – dies war die Gesellschaft. Der Mann bekam die Höhenmessungen und ich fand mit Entsetzen, wie jung ich noch bin in meinem Alter! Doch war die Zeit nicht verloren, die ich in etwas ruhigerer Gesellschaft allerdings besser hätte ausnutzen können. In Alexandrien lebt ein Mr. Valenti, ein Grieche, früher Halims Hauptagent in nichtenglischen Dingen, halb Kaufmann, halb Höfling. Dieser hat einen jüngeren Geschäftsteilhaber, den bereits erwähnten Mr. Zucco, ebenfalls Grieche, ebenfalls Kaufmann, ebenfalls Höfling. Letzterer war mit Halim-Pascha in Beirut gewesen und hatte es übernommen, von dortigen Freunden angeregt und mit dem ganzen technischen Unverstand eines Bankiers ausgestattet, Halim für den Plan der Beiruter Wasserleitung zu begeistern. Dies gelang ihm so weit, daß Halim die Konzession von der türkischen Regierung forderte und erhielt. Jetzt erst begann man zu untersuchen, um was es sich eigentlich handle. Ich habe nun im Schweiß meines Angesichts fünf Pläne ausgearbeitet, was in einer Gegend, von der auch nicht die geringste vernünftige Karte existiert, keine kleine Arbeit war. Der einzige vorhandene Stadtplan Beiruts selbst befindet sich in Stambul; ich mußte also auch diesen machen. Das billigste und vernünftigste meiner Projekte kommt auf 60 000 bis 70 000 Pfund Sterling, eine Summe, welche die kindlichen Vermutungen der Herren Bankiers wesentlich übersteigt. Halim-Pascha kann selbst nicht so viel Geld an die Sache rücken, da er das seine in Ägypten braucht. Außer ihm bekommt aber niemand die Konzession. Valenti möchte daher unter Halims scheinbarer Leitung eine Aktiengesellschaft gründen, die das Wasserwerk ausführen würde. Nebenbei behauptet er, daß man ohne mich sich auf die Sache nicht einlassen könne; ich müsse nach Beirut übersiedeln, wogegen mir ein Anteil an dem künftigen Gewinn des Unternehmens zugesichert werden sollte. Halim dagegen sagt, es sei unmöglich, mich in Ägypten zu entbehren. Zucco meint, ich könnte ja hin und her reisen. Und ich, wenn auch etwas höflicher als in diesen Worten, deute an, daß letztere Ansicht die dümmste sei, welche das Trio bis jetzt ausgeheckt habe. So weit sind die Verhandlungen bis jetzt gediehen. 84. Schubra, den 19. November 1865. Nun sitze ich wieder fest im gepriesenen Land der Fleischtöpfe. Aber zerfallene Tempel und Hundemumien allein machen nicht glücklich, und eine Junggesellenwirtschaft, die auf eignen Füßen stehen muß, ist auch hier kein Paradies. Ich habe Rheinwein und Champagner im Haus, aber es gibt Tage, in denen nicht bloß das tägliche Brot, sondern sogar das tägliche Wasser in Frage steht. Ich habe einen Leibkoch, aber der Kerl ist unter dem dritten Breitegrad auf die Welt gekommen, und ein sanfter Kannibalismus drückt sich nur zu deutlich in seinem Können aus. Es glänzt entschieden nicht alles, was Gold ist, und verwöhnt kommt nicht leicht ein Europäer aus dem weichlichen Orient zurück, wenigstens kein Ingenieur. Auch im übrigen geht's schlecht. Die Baumwollenernte dieses Jahres ist mißraten. Ein kleiner, fast mikroskopischer Wurm hat die Knospen angefressen, die nun von den sonst prachtvollen Stöcken halbreif abfallen. Der Vizekönig schickt die Leute schiffsladungsweise nach Europa zurück und läßt Fabriken und Maschinen verrosten. Auch dieses Fieber ist ansteckend. Es hat mich ernsthafte Auseinandersetzungen selbst bei Halim-Pascha gekostet, wenigstens das Angefangene vollenden und das im Gang Befindliche erhalten zu dürfen. Doch hat Halim das Gute, mit sich reden zu lassen, was bei seinem Neffen, dem Vizekönig, nicht der Fall sein soll. Seit drei Wochen ist mein Pascha in Gata, einem Jagdschlößchen in der Wüste, dreißig Meilen nördlich von Schubra. Geschäftshalber mußte ich ihn dort aufsuchen. Nach einem Duett in Moll über den Stand der Baumwolle hatte ich zum erstenmal die Ehre, mit Seiner Hoheit Schach zuspielen und schlug ihn zu meinem unverhohlenen Jubel – er gilt für eine Kraft auf dem Brett – im ersten Spiel, wurde aber im zweiten meinerseits glücklicherweise glänzend geschlagen. Ich schreibe dies nur als Beweis, daß nach drei Jahren mannigfacher Leiden und Freuden das gegenseitige Verhältnis nicht viel zu wünschen übrigläßt, namentlich da Halim trotz allem nie vergißt, daß er ein Prinz ist, und ich nach jedem derartigen Zusammensein mit erneuter Gewalt fühle, daß ich à la Marquis Posa außerstande wäre, ein Fürstendiener zu werden. Eine andre Frage tritt allmählich in den Vordergrund. In drei Monaten ist mein Vertrag abgelaufen. Was tun? Halim-Pascha – das weiß ich – wünscht das Verhältnis nicht zu lösen. Ich glaube sogar, daß diese Lösung ihn sachlich in keine kleine Verlegenheit setzen würde und daß er dies weiß. Nun sind aber, seitdem das Baumwollenfieber vorbei ist und eine verunglückte Ernte schwer auf dem Land lastet, die Aussichten für männiglich weit weniger günstig als vor einigen Jahren. Soll ich nun trotzdem den Bogen straffer zu spannen suchen und bleiben, wenn dies gelingt? Soll ich, wie ein rücksichtsvoller, arbeitslustiger Mensch, unter den alten Bedingungen bleiben, die an sich immerhin nicht schlecht sind? Soll ich fortlaufen und in einem andern Teil der Welt eine ähnliche Fieberzeit aufsuchen, wie ich sie hier erlebt und genossen habe? Das sind wieder einmal Lebensfragen! 85. Schubra, den 5. Januar 1866. Prosit 's Neujahr! Wie es bei Euch angebrochen, hell oder trüb, weiß oder grün, leid- oder freudvoll, kann ich in der Entfernung kaum wissen. Bei mir beugen sich die Zitronen- und Pomeranzenbäume unter ihrer goldenen Last; die Klee- und Kornfelder stehen im frischesten Schmuck der ruhelos schaffenden Natur; der Himmel, wenn auch nicht ewig blau, ist für gewöhnlich hell und klar, und die wunderbar übertünchten Totengräber Ägyptens glänzen in ihrer alten Pracht. Aber drei Jahre haben mich aufgeklärt über diese ewige Schönheit. Ich weiß jetzt, was unter der Decke steckt und trete das neue Jahr nicht mit dem alten Mut an. Und es ist, als ob sich auch außer mir manches wenden wollte. Ich schrieb schon des öfteren von der Mißstimmung zwischen Halim-Pascha und dem Vizekönig. Dieselbe steigerte sich in der letzten Zeit zur förmlichen Kriegführung, und da der Vizekönig Gewalt und Geld auf seiner Seite hat, so ist das Ende des Streites abzusehen. Dazu kommt, daß Halim-Paschas Recht eine Achillesferse hat. Diese liegt in Oberägypten. Dort, auf seinen Gütern in El Mutana, ist ein Franzose Verwalter. Diesen Mann halte ich für einen der größten Spitzbuben des Landes. Er verbindet mit der Schlangenhöflichkeit seines Volkes die Barbarei und Grausamkeit des inneren Afrikas, ist der Bigamie angeklagt, läßt seine erste Frau verhungern, treibt in Oberägypten Sklavenhandel und setzt bei uns hier unten die frechsten Hofintrigen in Bewegung; kurz, ich hasse den Menschen, und er weiß es. Dort nun griff die Regierung Halim-Pascha zuerst an. Weil, wie sie behauptet – und es ist wohl möglich, daß es wahr ist –, der Franzose einen großen Teil jener Güter den durch Stockprügel erweichten Schechs der Umgegend zu einem Spottpreis abgekauft habe, erklärte der Vizekönig, daß er die Güter konfisziere. Halim wandte sich an die öffentliche Meinung. Eines der ägyptischen Blätter besprach die Sache freimütig. Der Vizekönig entzog demselben die Erlaubnis des Erscheinens, ließ aber den Plan fallen. Hingegen wurden nun von sämtlichen andern Gütern meines Paschas alle Leute weggezogen, die nicht förmlich Halims Leibeigene sind. Thalia steht verlassen; die Baumwolle verfault auf den Feldern. Leute, die ich seit drei Jahren zu Maschinenwärtern und Dampfpflügern herangezogen habe, werden gezwungen, als Karrenbauern oder Erdarbeiter am Suez- oder Moezkanal zu arbeiten, und ich habe mir neue heranzuschulen. Bei der Zahl unsrer Maschinen ist dies keine kleine Arbeit und läßt mich meines Lebens nicht froh werden. Verargen kann ich's Halim-Pascha nicht, wenn er unter solchen Umständen die Freude an seinem Ingenieurwesen verliert. Mehr oder weniger ist alles derartige bei solchen Herren eine Spielerei im großen. Ist das Spielzeug neu, oder läuft es gut, oder bewundern es die Nachbarn, so wird eifrig weitergespielt. Kommt's aber anders, so wirft man's beiseite. Warum nicht? – Halim-Pascha ist ein Mann voll guter Absichten, aber nicht ohne Launen und kein Freund von Pech und harten Brettchen. Seine Hauptbeschäftigung wurde plötzlich der Fischfang, bei dem er und sechs Mamelucken den Tag über, wenn sie fleißig sind, einen Taler verdienen. Es ist möglich, daß diese Schwierigkeiten durch irgendwelche Wendung des Schicksals beseitigt werden, und in einem Lande, in dem der allgemeine Ton des Lebens ein gesünderer ist, würde es eine Schwäche sein, eine Stellung wie die meinige wegen einer augenblicklichen, wenn auch ziemlich tiefgehenden Unbehaglichkeit aufzugeben. Hier aber – Es ist zehn Uhr. »Keine Ruh bei Tag und Nacht!« Vier Maschinen pfeifen in der »mondbeglänzten Sternennacht« alle zwei Minuten ihre antwortenden Signale draußen. Und morgen früh finde ich wahrscheinlich ein zerrissenes Drahtseil, einen zerbrochenen Pflug, einen dem Platzen nahen Kessel zum Frühstück. 86. Schubra, den 24. Januar 1866. So geht's! – Obgleich ich meine mir selbst noch unklaren Absichten nur vertrautesten Bekannten mitgeteilt hatte, schickte soeben Halim-Pascha nach mir. Er spielte Billard, und sein Hofstaat stand mit pflichtschuldiger Bewunderung um ihn. Ich dachte an nichts Schlimmeres, als daß eine Schraube im Harem losgegangen oder daß er eine selbsterfundene Fischangel geschmiedet haben wolle. Anstatt dessen kam er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit auf mich zu, packte mich am Rockknopf, eine ihm eigentümliche Gewohnheit, und rief: »Ist es wahr, daß Sie mich verlassen wollen, Herr Eyth?« – Da war die Bescherung! Doch habe ich mir schon längst abgewöhnt, überrascht zu werden, und sagte ruhig: »Ja, ich erwarte nur Briefe aus England, um Eurer Hoheit die Sache mitteilen zu können!« – Worauf sich eine düstere Wolke über sein Gesicht zog. »Immer reisen, nicht wahr? immer wandern!« »Nein, Hoheit; geben Sie mir nur drei Tage Zeit und gestatten Sie mir dann, Ihnen meine Pläne vorzulegen.« – »Gut, ich hoffe nur, daß Sie mich nicht sitzen lassen, ehe wir jemand gefunden haben, der Ihre Stelle übernehmen kann.« – »Ich werde meinen Platz nicht verlassen, Hoheit, ehe Sie in dieser Beziehung vollständig befriedigt sind.« Worauf ich in Gnaden entlassen wurde. Reisen, wandern! – Warum wollet Ihr mit Gewalt von Schöntal nach Blaubeuren? Warum ich von Ägypten nach Japan? Noch haben die blauen Berge ihre magnetische Kraft nicht verloren, und noch hat der Vogel sein Nest nicht gefunden. Es gibt Vögel, die nie eins finden. 87. Schubra, den 6. Februar 1866. Extrapost! – Um jedoch alle und jede romanhafte Spannung im Keim zu ersticken, sei ihr Inhalt vorausgeschickt: »Ich bleibe im Lande und nähre mich redlich!« Vorgestern kam ein Brief von Robert Fowler, dem jetzigen Haupt des Hauses, der mir für die nächste Post einen ausführlicheren verspricht. Er habe Arbeit genug für mich und ein Dutzend meinesgleichen, ist der kurze Inhalt des kurzen Schreibens. Ich überlegte eine Viertelstunde, ob ich das längere abwarten solle. Doch meine eigne Unentschiedenheit wurde mir nachgerade unbehaglich. So griff ich denn nach dem Würfelbecher meines Schicksals, schüttelte ihn und warf. – Da lag die Entscheidung! Ich spreche in Gleichnissen. In Wirklichkeit aber verhielt es sich kaum anders: ein Schütteln, eine Wallung, ein Gedanke entscheidet unser Wollen. Dann allerdings beginnt auch die äußere Welt mitzusprechen und macht ihre Striche durch unsre Rechnung. Ich schrieb an Fowler, ich sei, wenn ich Ägypten verlasse, nach kurzen Ferien bereit, in irgendwelchen neuen Weltteil abzusegeln. Er will mir die Wahl lassen zwischen Mexiko, dem Mississippi und Ostindien. Herz, was willst du mehr! – Nun aber erhob das alte Fatum des Morgenlandes seine Stimme, und es kam anders. Vor einer Stunde verließ ich Halim. Ich kann unser Gespräch fast wörtlich mitteilen, denn es war kurz, bündig und entscheidend: Ich: Hoheit, ich bedaure lebhaft, daß Sie auf anderm Wege bereits von meiner Absicht gehört haben, Ägypten zu verlassen. Da mein Vertrag in zwei Monaten zu Ende geht, wird es an der Zeit sein, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Halim: Ja, sagen Sie mir, was ist denn eigentlich der Grund? Ich verstehe dies nicht. Ich: Teilweise sind es Gesundheitsrücksichten. Halim: Ach, wenn das alles ist! Gehen Sie alle Jahre ein oder zwei Monate nach Europa – oder je das andre Jahr! Ich: Wünschen Ew. Hoheit, daß ich hierbleibe? Halim: Ich wünsche es lebhaft. Ich bin außerordentlich zufrieden. Mein Maschinenwesen – alles geht vortrefflich. Ich (mit melancholischem Kopfschütteln): Ich weiß nicht, ich habe im Gegenteil den Mut so ziemlich verloren. Trotz aller – Halim: Ah bah! So geht es jedermann in Ägypten! Sie gehen diesen Sommer nach Europa und nachher so oft Sie wollen, und wir machen einen neuen Vertrag mit den nötigen Änderungen. Wie viel wollen Sie? Ich: Hoheit, ich habe daran wirklich nicht gedacht. Überdies sind im Augenblick die Aussichten des Landes nicht sehr günstig für einen derartigen Vorschlag meinerseits. Halim: Ach, das hat hier nichts zu sagen! Wie viel wollen Sie? Ich (abermaliges nachdenkliches Kopfschütteln): Es wäre mir angenehmer, wenn Ew. Hoheit einen Vorschlag machten. Halim: Gut! Schreiben Sie unsern Vertrag selbst und lassen Sie die Ziffer des Gehalts aus. Ich will das ausfüllen. Ich: Ich bin Ihnen sehr verbunden, Hoheit! – Ein Kopfnicken; eine Verbeugung arabischen Stils und aus war die Audienz! Mit der Entscheidung aber ist mir der Mut wieder gekommen; ich habe meine Pflugschar mit einem frischen Anlauf in den alten Boden gestoßen und sehe ruhigen Blutes neue Pläne im Blühen, alte im Verdorren, und trotz allem und allem da und dort eine Frucht, gleich einer goldgelben Orange im grünen Gezweig. 88. Schubra, den 4. März 1866. Es ist nunmehr entschieden, gesandelt und gesiegelt, und meine Freiheit auf weitere zwei Jahre verkauft. Das heißt, jeden Augenblick kann Halim Pascha zu mir sagen: »Von heute über drei Monate können Sie mit Ihren Pumpen, Dampfpflügen, Wasserleitungen, Hanf-, Flachs-, Baumwollen- und Sägemühlen, Schnaps- und Ziegelbrennereien, Salz- und Zuckerfabriken, Straßenanlagen, Kanalbauten, Dampfschiffen und all dem Zeug zum Kuckuck gehen, woher Sie ohne Zweifel gekommen sind!« Aber auch ich kann Seine Hoheit mit einer dreimonatigen Kündigung unter Schmach und Spott entlassen, so oft mir solches rätlich erscheint. Im übrigen hat sich nichts in meiner Stellung geändert. Ich war und bleibe unumschränkter, oberster Baschmahandi über unser ganzes Gebiet am untern Nil, kann aber vertragsmäßig in Oberägypten nicht mißbraucht werden, ein Punkt, auf dem ich bestand, da die französische Wirtschaft dort oben von Tag zu Tag bodenloser wird. Der leere Raum aber, den ich für meinen Gehalt gelassen, ist seit vorgestern ausgefüllt. » Voilà votre contrat, Mr. Eyth! « sagte der Prinz, im Stil der Mühlbach freundlich lächelnd, und zog denselben aus der linken Rocktasche– » le sens est excellent, mais le français est horrible! « – » Ah !« erwiderte ich, » c'est le français de votre Trading Company, Monseigneur! « – » Eh bien! Avez vous un crayon? « – » Oui, Altesse! « – » Donnez le! « – Und er malte ein niedliches – in den hoffnungsvollen leeren Raum. Wir können zufrieden sein, nicht wahr? Meine Feinde hatten bereits ein kleines Spottchörchen für meinen Abschiedstag eingeübt und meine Freunde mit seltener Einmütigkeit mein bewegliches Eigentum: Klavier, Noten, Karten, Zeichnungen, Bücher und was ihnen irgend des Besitzes wert schien, unter sich verteilt. Mit dem Entschluß, meinen Posten gegen Freund und Feind aufs neue zu behaupten, geht es im alten Geleise wieder munter vorwärts. Sadik-Efendi, mein syrischer Assistent, ist Baudirektor in Schubra geworden. Es geschieht jetzt auch auf diesem Gebiet, was ich will, und was not tut. So schreitet ein hundertpferdiges Pumpwerk, das nach meinen Plänen für Schubra errichtet wird mit ungewohnter Schnelligkeit vorwärts, wurde vor drei Wochen angefangen und muß fertig werden, ehe ich in Ferien gehe. Sonst brauchte man zu ähnlichen Arbeiten hierzuland zwei bis vier Jahre. Mein Dampfbaumwollenpflug arbeitete vortrefflich und ruht zur Zeit auf seinen Lorbeeren aus. Die Beiruter Aussichten verdüstern sich allerdings. Wenn wir den alten Lykos, den ich brauche, nicht haben können, weil man Aufstände der Maronitendörfer befürchtet, denen dadurch das Wasser genommen würde, so will ich nichts damit zu tun haben. Das Ganze würde dann nur dazu dienen, etlichen griechischen Spekulanten eine halbe Million Franken von Halim-Paschas Geld in die Tasche zu spielen. Diese Herren sind daher auch über meinen kühlen Eifer bitterböse. Die hierzulande ungewohnte Offenheit, womit ich meine Ansichten ausspreche, erregt häufig ein komisches Entsetzen, das Halim-Pascha höchlich belustigt und ihn, auch wo unsre Auffassungen nicht übereinstimmen, noch nie beleidigt hat. 89. Schubra, den 4. März 1866. Sic transit gloria mundi! Meine ägyptische Laufbahn ist zu Ende. – Ein wenig Geduld! Ich muß Atem holen, um dies zu erzählen. Die bis jetzt für mich unaufgeklärte Trennung Halims von der Trading-Company und die hiermit eintretende Geldklemme zeigte ihre Folgen zunächst vor vierzehn Tagen, indem ich über hundertfünfzig Leute, Europäer und Araber, zu entlassen hatte. Der Prinz benahm sich hierbei mir gegenüber mit der alten liebenswürdigen Freimütigkeit, und ich tat mein möglichstes, die Neugestaltung der Dinge nach seinem Sinne ins Werk zu setzen. Aber in den höchsten Regionen, in die mein sterbliches Auge auch jetzt noch nicht zu dringen vermag, brütete das Unheil weiter. Durch finanzielle Winkelzüge, die der Vizekönig leitet, wurde, wie es scheint, Halim-Pascha aufs Äußerste getrieben, und der alte Plan, ihn auszukaufen, tauchte wieder auf. Um etwa die Hälfte der Summe, die Ismael-Pascha im vorigen Jahr für etwa ein Drittel der Güter geboten hatte, übernimmt er nun nahezu alles! Meinem armen Halim bleibt nichts als Schubra, das verzweifelte El Mutana und ein Haufen Geld, um seinen Haufen Schulden zu bezahlen. Dies alles trug sich im Lauf der letzten Tage zu, ohne daß ich etwas Wesentliches damit zu tun gehabt hätte. Gestern nun schickte der Prinz nach mir. Ich fand ihn in der Mitte jener mir nur zu wohl bekannten Zöllner und Sünder, die ihn seit Wochen umlauern. Er stand auf und nahm mich auf die Seite. Es war eine Szene, die an Napoleon zu Fontainebleau gemahnte. Er fügte, daß ihm nichts mehr bleibe als Schubra, daß er genötigt sei, seine Unternehmungen sämtlich einzustellen oder wenigstens aufs äußerste einzuschränken, daß, so schmerzlich es ihm sei, er unter diesen Umständen mich– –. Es fiel ihm offenbar sauer, der langen Rede kurzen Sinn, den ich natürlich alsbald begriff, in das entscheidende Wort zu fassen. So half ich nach und sagte, daß ich jeden Augenblick bereit sei, meinen neuen Vertrag in seine Hände zu legen. Dabei und einem stillen Händedruck blieb's. Ich fahnde nun nach einem Techniker, der die verkümmerte Stellung des künftigen Baschmahandis von Schubra übernimmt, bleibe noch drei Wochen, um das neue Pumpwerk in Gang zu bringen, und stürze mich dann wieder frei wie ein Vogel und munter wie ein Fisch in das Meer der wogenden Welt. Wenn es einmal geschieden sein mußte – trauriger für Halim-Pascha und schöner für mich hätte es nicht kommen können. Machet Euch keinen Kummer um die abgeschlossene Vergangenheit und die Ungewisse Zukunft! Mit fliegenden Fahnen und unter dem Donner und Gebrause meiner friedlichen Geschütze werde ich meinen Abzug halten. Und dann auf Wiedersehen! 90. Schubra, den 17. April 1866. Begierig bin ich in der Tat, ob ich mit heiler Haut und lebendiger Seele unter den ringsum stürzenden Trümmern hervorkomme oder nicht. Die Verwirrung und Bestürzung ist unbeschreiblich, und in diesem Chaos eine größere technische Arbeit im Sturm zu Ende zu bringen, ist kein Kinderspiel. Es ist kaum möglich, Euch meine gegenwärtige Lage zu schildern. Was die Europäer betrifft, so wurde ein Teil dieser Leute mit den verkauften Gütern dem Vizekönig zugewiesen, der sie auf Grund ihrer Verträge mit Halim übernimmt. Diese strömen nun sämtlich herbei und wollen sich's nicht gefallen lassen. Andre mußte ich alsbald entlassen. Von diesen wollen die einen entweder sogleich gehen, aber soviel Geld als freundliche Bereitwilligkeit herausbekommen, die andern weigern sich, ihre Posten zu verlassen. Auf allen Gütern, – außer Schubra, steht jede Arbeit vollständig still. Auch hier ist der Schrecken in die gewöhnlichsten Tagelöhner gefahren. Wie im Nu war der Schwarm zerstoben. Für zwei, drei Tage war kein Mensch an die Arbeit zu bringen. Mit unendlicher Mühe gelang es mir, ein paar Getreue um mich zu sammeln, die stündlich zu entwischen versuchen. Natürlich ist die Autorität, deren ich mich seit drei Jahren in unumschränkter Weise erfreute, mit einem Schlage dahin, und wenn auch die Leute, solang sie mich im Gesichte haben, die alten Formen wahren, ja sogar wirkliche Beweise einer gewissen Anhänglichkeit an den Tag legen – gutherzige Spitzbuben sind's! –, so ist doch, sobald ich den Rücken kehre, Hopfen und Malz verloren. So bin ich denn großenteils mein eigner Arbeiter. Daß ich mich nach dem Ende dieses Zustandes sehne, brauche ich nicht zu sagen. Morgen probiere ich zum erstenmal mein Pumpwerk, worauf noch etwa zehn Tage harter Arbeit auszuhalten sind. Und was dann? Ob ich auf einen Augenblick nach Athen gehe, um von dort aus das delphische Orakel zu befragen? Und was dann? Das ist nicht klar und hat's auch nicht zu sein. Ruhe brauch' ich. Wie lang ich die Ruhe aushalte, ist die einzige Frage, die mich zu ängstigen anfängt. 91. Schubra, den 17. Mai 1866. Mein letzter Brief von Schubra, wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt. Die Pumpen laufen und geben eine Wassermenge, die einen steinernen Kanal, der für sie gebaut war, beim ersten Versuch vollständig über den Haufen warf. Auch ich sollte laufen, und es ist mir zu Mut, als ob ich mehr als steinerne Kanäle über den Haufen werfen könnte. Aber in Ägypten ist eine Woche wie ein Tag, und ein Tag wie eine Woche, und wenn der Mensch nirgends an das Fatum glauben kann, das den Eigenwilligsten ruhig seine Wege führt, so muß man ihn hinterher schicken. Halim-Pascha, der in die Wüste entflohen ist und Gazellen jagt, die Pumpen aber doch sehen möchte, läßt mich soeben bitten, eine weitere Woche auf seine Rückkehr zu warten. Er könne nicht vor Sonntag zurückkommen. Also wieder eine Woche hingehalten! Das Unglück ist natürlich nicht groß. Mir wird nur – ein natürliches Gefühl! – mit jedem Tage unbehaglicher zumute. Das ganze Geschäft ist ein Schatten von dem, was es war. Bei den wenigen noch übrigen Arbeitern ist von Energie und gutem Willen keine Rede mehr, und ich selbst muß mir alle Gewalt antun, um nicht ähnliche Zeichen des Verfalls blicken zu lassen. Doch gelang mir's bis jetzt, wenigstens den bösen Schein zu meiden. Es war ein förmlicher Kampf um meine Stelle, der noch einmal meine ganze Tätigkeit in Anspruch nahm. Noch ist jetzt mein Kandidat siegreich eingeführt. Was mich freut, ist, daß Halim mit meiner Wahl sehr zufrieden ist und sich vor einigen Tagen mir gegenüber aufs Anerkennendste aussprach. Etliche Male habe ich mir die Frage vorgelegt, ob ich nicht am Ende selbst lieber bleiben und mein künftiges Geschick für immer mit Halim-Paschas Schicksal verbinden wollte. Ich könnte angenehm leben, soweit dies in Ägypten möglich ist, und würde im übrigen auf die Zukunft bauen. Mein Gehalt wäre natürlich immer noch mehr, als mir vielleicht in Europa zu Gebote steht, und so hätte die Sache einiges für sich. Aber geistig wäre ich geliefert. Dieser Gefahr möchte ich mich doch nicht aussetzen. Und so lasse ich denn meinen Orangengarten und den Nil, die Wüste und mein arabisches Roß und gehe wieder einer nebligen Zukunft entgegen, um den alten Kampf mit dem Leben von neuem aufzunehmen. Das Los des Mannes! Glaubet nicht, daß mich dies auch nur einen Augenblick geärgert oder bekümmert hat. Die Erde hat zwei Halbkugeln; das ist ein Trost. Abschiedsbesuche und -feste sind in vollem Schwung. Ich lasse mehr gute Freunde und Freundinnen hier zurück, als ich mir träumen ließ. Und noch eins, das bedenklicher hätte werden können als alles andre – seit sechs oder acht Wochen habe ich meine ganze Energie nötig, um nicht verliebt zu werden. Zeitgemäß – nicht wahr? Aber so erriet ich's immer. Doch hoffe ich, mich noch aufs Trockene zu retten. Über meinen Reiseplan nur so viel: Ende nächster Woche Abreise von Alexandrien nach Triest. Aufenthalt in Venedig drei Tage, ebenso in Wien, wenn keine Batterien im Wege stehen, und dann auf Flügeln der Sehnsucht – heim! Etwa am zehnten Juni könnte ich am Horizont aufsteigen und bei hellem Wetter mit bloßem Auge hinter einem schwäbischen Bierglas gesehen werden. Aber alles hängt von allem ab. 92. Triest, Samstag früh. In diesem Augenblick berühre ich wieder vaterländische Erde; was sollte ich weiter schreiben? Dritter Teil In den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika Eine wohlverdiente Ferienzeit von mehreren Monaten, in denen ich mich seit Jahren zum erstenmal wieder dem Gefühl unbeschränkter Freiheit hingab, folgte auf den schwülen Kamsin, in dem ich Ägypten verlassen hatte. Venedig, Wien, München, Paris, eine Leib und Seele erquickende Fußwanderung durch die Urkantone der Schweiz und das Berner Oberland, vor allem aber während der ernsten Kriegswochen des Jahres 1866 der Aufenthalt in der schwäbischen Heimat, wo man mir als einem halbverwilderten Ägypter fast verzieh, daß ich die Preußen für unsre besten Freunde hielt, das alles, so schön es war, führte mich schließlich zurück, wohin ich gehörte – zur Arbeit. Ist sie es ja doch, die im Strom unsrer Zeit dem Manne Halt und Richtung gibt. Deshalb übergehe ich das Spiel jener Tage und fahre fort, wo sie aufs neue ernstlich in mein Leben eingreift. 93. London, den 30. September 1866. Da wäre ich also wieder! Es ist elf Uhr vormittags. Die Stadt, die während sechs Tagen der Woche in dumpfem, ununterbrochenem Brausen ertönt, liegt stille. Der gelbbraune Nebel, der mich nicht bis zum Ende der kurzen Straße sehen läßt, hüllt die halbschlummernde Welt ein, und die Sonne macht keinen Versuch, ihn zu durchbrechen; denn es ist Sonntag. Eine eigentümliche melancholische Ruhe liegt über allem ringsum, wohltuend, wie die Stille eines Kreuzgangs nach dem schreienden, rennenden, raufenden Leben eines Viehmarktes. Die englischen Sonntage sind aus einem Guß mit dem englischen Leben, eine seiner Notwendigkeiten, so daß sie jedem lieb sein müssen, der in diesem Lande heimisch geworden ist. Freilich aber nur in England. Versetze sie in den sonnigen Süden, in unser gemütliches Deutschland, so werden sie ein Unding, ein Unrecht am Charakter von Natur und Volk. Wie vorauszusehen – die Spielereien und das Bummlerleben, das ich von Paris mitbrachte, ist in London rasch dem Ernst der Arbeit gewichen. Eine halbstündige Besprechung mit Robert Fowler, der jetzt an der Spitze des Hauses steht, brachte dies zuwege. »Haben Sie Lust, nach Amerika zu gehen?« begann er. Und dann ging's Schlag auf Schlag. Die Vereinigten Staaten sollen der Dampfkultur erschlossen werden, Nord und Süd. Es läßt sich zwar nicht voraussagen, inwieweit dies möglich ist. Der erdrückende Zoll, der Geldmangel im Süden und manches andre sind bedenkliche Punkte. Aber die Sache ist eines ernsten Versuches wert. Wie lang ich drüben bleibe, weiß der Himmel. Geht's schlecht, so bin ich in einem Jahre wieder zurück; geht's gut, in zwei Jahren. Übrigens mache ich mir keine übermäßigen Hoffnungen. Ein Vorteil ist mir sicher – daß ich die andre Hälfte der Erdkugel zu Gesicht bekomme und nach dem ältesten nun das neueste Land der Welt kennen lernen soll. »Wiewohl im Laufe dieser Welt dem Herzen nichts so sauer fällt als Scheiden!« 94. Leeds, den 20. Oktober 1866. Die alten Steam-plough-works sind fast nicht mehr wiederzuerkennen. Sie haben infolge des ägyptischen Baumwollfiebers eine gewaltige Ausdehnung gewonnen. Die Aufgabe ist nun, genug Arbeit für die Fabrik aufzutreiben, und deswegen bin ich in zehn bis zwölf Tagen auf dem Wege nach Neuyork. Wäre John Fowler nicht tot, dessen Einfluß in den besten Kreisen der englischen industriellen und landwirtschaftlichen Welt viele Tausende wert war, von seiner technischen Bedeutung nicht zu reden, so wäre die Sache nicht so gefährlich. Ohne ihn könnten kritische Zeiten eintreten, denen man gerne vorbeugen möchte. Ein neues, vielversprechendes Kapitel scheint seinen Anfang nehmen zu wollen. Vor einigen Tagen kam ein Baron van Havre, ein Belgier, aus Amerika, um Versuchen mit einer Vorrichtung zum Schleppen von Schiffen auf Kanälen und Flüssen – eine neue Anwendung von unsers Burton Klappentrommel – beizuwohnen, die einer seiner Freunde bestellt hatte. Ein sinnreicher Gedanke. Doch fehlt es den Erfindern offenbar an der technischen Fähigkeit, ihn zur Ausführung zu bringen. Ich hatte die Versuche zu leiten, da Greig verreist und Burton krank war. Das Ergebnis ließ viel zu wünschen übrig. Ich schlug eine andre Ausführung vor, die von van Havre mit Begeisterung begrüßt wurde. Die Sache liegt jetzt in meinen Händen. Der erste Apparat geht zwar nach Amerika. Drüben soll ich, anstatt sofort nach Neuorleans zu gehen, vorerst auf dem Eriekanal die Sache soweit möglich einleiten. Mein neuer Plan wird dann für nächstes Frühjahr ausgeführt und wenn ich wieder nach Neuorleans zurückkomme, weiter verfolgt werden. Natürlich ist auf solche Entfernungen nichts mit Sicherheit bestimmbar. Aber Ihr seht wenigstens, daß mein Rädlein wieder zu spinnen anfängt. Dazu hilft mir auch heute noch manches aus der alten Heimat. Was der Fabrik fehlt, was überhaupt der ganzen englischen Industrie zu fehlen scheint, ist die Wissenschaft des Handwerks. Viele Tausende werden alljährlich in England für Versuche vergeudet, wo eine einfache Berechnung, eine richtige Anwendung physikalischer oder selbst geometrischer Lehrsätze die Frage sicher entschieden hätte. Oft genug führt dieser Weg des Experimentierens zum praktischsten Ziel. Man muß aber reich sein, ihn zu gehen. 95. Neuyork, den 25. November 1866. So haben wir's endlich dahin gebracht, daß ein Weltmeer zwischen uns flutet! Mehr Wasser, als ich erwartete, manchmal eine heillose Zugluft, Regen und Kälte und eine Reihe andrer Annehmlichkeiten, die mich wehmütig an das sonnige Mittelmeer erinnerten, auf dem ich ein so ausgezeichneter Matrose geworden zu sein glaubte. Kein Blütengarten wie Korfu, kein träumerisches Ithaka, keine Pinien, keine Tempel – Wasser, Wasser, wogend und rauschend, verdampfend und in kalten Schauern zurücksinkend, ohne Vergangenheit und Zukunft, heute wie gestern das einförmige, bewußtlose Walten der Elemente des Chaos soweit das Auge reicht in Zeit und Raum! Meine gereizte Stimmung gegen den hochgepriesenen, vielbesungenen Ozean wird sich wieder geben, ist aber zurzeit berechtigt. Wenn mich einer vierzehn Tage lang schüttelt und schaukelt, mit Salz anspritzt und mit Wasser übergießt, mir jede unschuldige Lebensfreude verdirbt und die nötigsten Existenzmittel entzieht, nachdem ich sie schon im Magen habe – kann der erwarten, daß ich ihm noch eine Lobrede halte? Der 9. November, mein letzter Tag in London, wurde mir nicht schwer. Gegen zehn Uhr befand ich mich in Nebel und Nacht auf dem Wege nach Liverpool. Es war kalt, und die Welt sah melancholisch genug drein. Ein französischer Flüchtling, der sich seit dem Staatsstreich in der Welt herumtreibt, teilte mit mir den Wagen und hatte eine lebendige Katze unter dem Überzieher, an welcher sein Herz hing. »Der Mensch muaß a Freud' han!« Ich dachte an die Zeit vor vier Jahren, als ich in einer ähnlichen Nacht von Leeds aus meine indischägyptische Reise antrat. Damals ging ich mit weniger Entschlossenheit, weniger Mut und Zuversicht und einem schweren Herzen. Der liebe Gott war in Ägypten wie in England. Er wird wohl auch in Amerika sein. Aber eine Katze sollte ich das nächstemal doch auch mitnehmen! Das fehlt mir. Ankunft in Liverpool morgens früh um drei Uhr. Um acht Uhr aufs Boot, das rauchend im undurchdringlichen Nebel der Mersey begraben lag. Die »Afrika« ist ein altes, schwerfälliges Schiff der Cunardlinie, für dreihundert Passagiere. Ich bekam meine Kajüte, die für zwei berechnet ist, allein. Auf dem Deck ist ein eleganter Salon, worin fünfmal des Tags gegessen wird, auch ein Rauchzimmer. Das flache Dach des Salons ist der gewöhnliche Aufenthalt der Reisenden erster Klasse, die sich gerne in der ruhigeren Mitte des Schiffs um den gewaltigen Rauchfang gruppieren und daselbst alle Stadien der Seekrankheit, von dem sauersüßen schlechten Witz über des Nächsten Leiden bis zur eignen Verzweiflung an Gott und Welt, zur Darstellung bringen. Um neun Uhr wurden die Anker gelichtet, und auch der Nebel lichtete sich, während wir gegen Mittag an der schönen Küste von Nordwales hinfuhren, wo mich meine alten Bekannten, Conway, der Snowdon und Penmeanmawr, begrüßten. Gegen Abend fegte ein lebhafter Südwest zunächst die Damen vom Deck. Holyhead gegenüber wurde der Wind zum Sturme, so daß es unmöglich war, den Liverpooler Lotsen, der gewöhnlich hier das Schiff verläßt, ans Land zu setzen. Um neun Uhr war alles Sterbliche todkrank. Die Wogen brachen sich über den Radkästen, der Schornstein war bis zum Gipfel mit Salz überzogen, und auf dem Deck rollte das Wasser knietief hin und her. Beim Nachtessen flogen Rostbeef, Flaschen und Teller auf den Boden, und man hatte ordentlich Mühe, zu zielen, wenn man glücklich durch eine Türe kommen wollte. Der Morgen war naß und stürmisch, wenn auch etwas besser als die Nacht, wie ich mir sagen ließ; denn ich lag, mit Händen und Füßen mich anklammernd, im Bett. Damit waren die Freuden des Ozeans würdig eingeleitet. Während der nächsten Tage beschränkte ich mich darauf, die Seekrankheit zu studieren, wozu mir die stöhnende und krächzende Stille meiner Kajüte reichlich Gelegenheit bot. Die fühlbaren Bewegungen des Schiffs, wenn man am zweiten oder dritten Tag das philosophische Gleichgewicht so weit wiedergefunden hat, um beobachten zu können, und halb verhungert, doch unfähig zu essen, in dem nicht gemachten Bette diagonal ausgestreckt daliegt, die Füße gegen das eine, den schmerzenden Kopf gegen das andre Längenbrett der Karthäuser Bettstätte gepreßt – diese Bewegungen sind wesentlich drei. Die erste ist das Aufundabgehen, das sogenannte Stampfen des Schiffes, das dich alle vier bis sechs Sekunden mit leiser Gewalt, deren Sanftmut wütend macht, eine unbestimmte Anzahl von Metern hinauf und hinunter wiegt. Manchmal schätzest du die Bewegung auf zwölf Meter, manchmal nur auf zwei, immer aber ist sie um einen Meter größer oder kleiner, als du erwartet hast, und diese getäuschte Hoffnung ist eine der Hauptqualen der Seekrankheit. Unabhängig hiervon ist eine schaukelnde Bewegung um die Längenachse des Schiffs, das sogenannte Rollen, das mit derselben sanften Gewalt deinen hülflosen Leib von der einen auf die andre Seite und dann wieder zurückzuwälzen sucht. Die erste dieser zwei Bewegungsarten ist im allgemeinen vorherrschend, doch manchmal wird es auch die zweite, und häufig vereinigen sich beide zu einem nur dem höchsten stereometrischen Gefühlssinn verständlichen Zwilling, wie folgt: auf, mit einer Drehung nach dem linken Ohr – ab, mit der Drehung nach rechts – auf, links – ab, rechts – auf, links – ab, rechts – wobei man die Empfindung hat, durch den Urbrei des Weltalls geschraubt zu werden. Die dritte Bewegung ist ein fortwährendes nervöses Zucken in der Längenrichtung des Schiffs und wird durch die Gewalt der Maschine und der Segel, die den ganzen Bau durchzittert, hervorgerufen. Diese, obgleich im Getäfel der Kajüten und Gebälke des Schiffs überall und fortwährend hörbar, ist doch die harmloseste der drei Wasserfurien. Sie macht den Eindruck, wie wenn sich unter dem Bett ein großer Hund, den die Flöhe wahnsinnig gemacht haben, unablässig kratzte. Was aber krank macht, ist etwas ganz andres. Es ist das Trägheitsmoment, das Gesetz, wonach ein Körper die ihm mitgeteilte Bewegung beizubehalten sucht, bis andre Ursachen ihn in Ruhe oder in eine veränderte Bewegung versetzen. Du legst deinen müden Kopf aufs Kissen. Das Kissen mit dem ganzen Schiff hebt sich – sanft, langsam, unwiderstehlich; du fühlst den erhöhten Druck von unten und ergibst dich in die Auffahrt. In der Mitte geht es rascher, mit einem phantastischen Schwung. Schiff, Kissen und Kopf sind in gleichförmiger, gewaltiger Bewegung. Plötzlich fühlst du den Druck zwischen Kissen und Kopf geringer werden. Noch scheint der Kopf aufwärts zu fliegen; Kissen aber und Schiff sind bereits auf dem Rückweg – sanft, fast unmerklich, und doch ist dir's, als komme der Kopf, der nur noch federleicht das Kissen berührt, fast nimmer nach in dem gewaltigen Schwung nach unten. Ab – ab – bis plötzlich (und dieses Gefühl unbewußter physischer Überraschung muß erlebt sein, um es zu verstehen) das Kissen dem Kopfe entgegenkommt und ein mächtiger, unwiderstehlicher Druck von unten die Aufwärtsbewegung wieder einleitet. Was nun zwischen Kopf und Kissen vorgeht, geht selbstverständlich auch zwischen dem übrigen Körper und der Matratze, und in umgekehrtem Verhältnis zwischen Körper und Decke vor, die beim Aufschwung schwer, beim Abschwung desto leichter über dir liegt. Doch nicht genug. Bald beginnt auch im Innern des Körpers das dämonische Atemholen wachgewordener Kräfte. Du spürst dein Gehirn als etwas Getrenntes von dir gegen die obere und untere Schädelwandung abwechselnd andrücken. Auch dein Magen, den du bis jetzt vielleicht nur dem Namen nach gekannt, wird ein zweites Ich und hebt und senkt sich innerlich in dem wechselnden, unberechenbaren Takt, den Schiff, Kissen, Kopf und Gehirn einhalten. Du hast dich vielleicht fünfmal erbrochen; sonst würdest du im Magen die letzte Bouillon ganz sicher als ein drittes Ich empfinden, das zwischen den Magenhäuten genau dieselben sanftgewaltigen, auf und ab atmenden Bewegungen macht wie der Magen in dir und du im Bett, und das Bett in der Kajüte und die Kajüte im Schiff – alle im Takt, nur jedes um den Bruchteil einer Sekunde hinter dem andern drein. Und alles um dich her nimmt an dem grausamen Spiel teil, bis auf das Handtuch, das in langsamen Schwingungen dir gegenüber am Nagel baumelt. Selbst das Geheimnis der Prädestination spielt mit. Es gibt Landratten, die ungestraft den Atlantischen Ozean kreuzen, aber auch alte, wettergebräunte Matrosen, die noch immer krank werden. Es gibt Schwächlinge, die wochenlang sich lächelnd schaukeln lassen, und starke Männer, die in sechs Stunden unter entsetzlichen Qualen den Geist und die letzte Spur des gestrigen Frühstücks aufzugeben bereit sind. Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich das Schicksal der erwähnten Matrosen und starken Männer heldenmütig teilte. Die Schiffsgesellschaft bestand fast ausschließlich aus Amerikanern, die sich den Sommer über in Europa herumgetrieben hatten, um mit der Überzeugung zurückzukehren, mit der sie gekommen waren: daß die United States der absolute Superlativ von allem Denkbaren seien. »The greatest country – the finest cities – the best citiziens – the strongest army – the richest people of the world.« Doch waren die Leute höflich, mitteilsam und ließen mit der größten Gutherzigkeit ihre politischen und sozialen Glaubensartikel anzweifeln und angreifen. Näheren Anschluß verhinderte der grämliche Neptun. Das Wetter blieb trüb und kalt, der Wind fortwährend Südwest und West, so daß wir erst am elften Tag unter strömendem Regen in den Hafen von Halifax einfuhren, wobei unser Dampfer mit einem Zweimaster in Kollision geriet, dem er den halben Bugspriet wegriß. Die Lage des Hafens mag bei schönem Wetter hübsch sein, aber nicht zu vergleichen mit dem von Boston, das trotz des Schneegestöbers, welches uns empfing, ahnen ließ, was es an einem schönen Sommertag zu bieten vermag. Seitdem ich festen Boden unter mir fühle, bin ich wieder ein Mann. Das Wetter ist herrlich, kalt und frisch wie in Deutschland, und alles läßt sich vorderhand gut an. 96. Neuyork, den 16. Dezember 1866. Boston, Neuyork, Baron de Mesnil und van Havre, eine Taschendieberei der schlauesten Art, der Hudson und Buffalo, Niagara und Delaware, Regen und Schneegestöber, Kanalboote im Eis und Maschinen im Schnee begraben, acht Tage lang in einem Wetter, in dem man keinen Hund vor die Türe jagt – wie ich diese drei Wochen brieflich verarbeiten soll, ist mir völlig unklar. Dabei der sausende Hurrikan des täglichen amerikanischen Lebens! Es bleibt nichts übrig, als wie bei einem überlasteten Schiff den größeren Teil der Ladung über Bord zu werfen. Ohne in dem Schneegestöber Bostons eine Minute zu verlieren, fuhr ich noch am Tage meiner Landung nach Neuyork. Für das patriotische Empfinden eines Schwaben ist es schmeichelhaft, sofort zu bemerken, daß sämtliche amerikanische Eisenbahnwagen nach württembergischem System zweiter Klasse gebaut sind. Dritte und erste Klasse gibt es nicht. Trotz des unfreundlichen Wetters machten die niedlichen Häuser, die freundlichen Dörfer und Städtchen, die hügeligen, von Wäldern, Bächen und Seen belebten Landschaftsbilder von Massachusetts einen wohltuenden Eindruck. Auch unterhielt ich mich mit meinem Nachbar, den ich für einen angehenden Advokaten oder höheren Sprachlehrer hielt, aufs beste über Konstitution und Sklavenfrage, Beduinen und Indianer, Panzerschiffe und Zündnadeln. Derselbe war aber, wie sich später herausstellte, ein Schuhmacher. Nachts um zwölf Uhr kam ich in Neuyork an und fuhr nach dem Fifth Avenue Hotel. Seine fünf- oder sechshundert Zimmer waren besetzt, und ich bekam ein Bett in einem kleinen, eleganten Tanzsaal, in welchem im Laufe der Nacht noch ein aus dem fernen Westen vom Indianerschießen zurückgekommener Offizier einquartiert wurde, der, von einem Wolfshund begleitet, ein Bett aus Büffelfellen selbst mitbrachte und neben mir auf dem Boden sein Lager aufschlug. Mit einem Stadtplane bewaffnet, machte ich mich den folgenden Tag auf den Weg. Das Wetter war klar und sonnig, und die merkwürdige Inselstadt erschien in ihrem ganzen Glanz. Broadway mit seinen prächtigen Läden und seiner unabsehbaren Länge, die fünfte Avenue mit ihren Palästen, der Hudson und Eastriver mit ihren Dampfern und Segeln und ihrem Gewimmel von Masten und Rahen – von all dem ist in hundert Büchern zu lesen. – Nur ein Erlebnis dieses ersten Tages im freien Amerika möchte ich nicht übergehen, denn es machte mich wochenlang nachdenklicher, als ich es sonst zu sein pflege. Ich war mitten im Gewimmel von Menschen und Fuhrwerken in der Nähe der Landungsplätze für europäische Seeschiffe, als ich plötzlich etwas zwischen meinen Füßen fallen fühlte. In demselben Augenblick streifte mich ein Mann, der rasch weiter ging. Ein zweiter rief mir gleich darauf zu: »Sie haben Ihre Brieftasche verloren!« Natürlich sah ich ohne Verzug nach, fand aber Brieftasche und Geldbeutel an ihrem Platz. Nr. 2 hatte mich erreicht, begrüßte mich mit der wohlwollendsten Freundlichkeit und wiederholte seine Behauptung: »er habe Nr. 1 eine Brieftasche aufheben sehen«. Rasch rannte er dann dem Manne nach, den er einholte und zurückbrachte. Nach einigem Zögern zog Nr. 1 in der Tat eine Brieftasche hervor, die zwar nicht die meinige war, aber, wie sich bald erwies, mehr als tausend Dollar in Gold und Papier enthielt. Der Finder, sichtlich in Eile und ärgerlich, behauptete: »er reise in einer halben Stunde ab und gebe das gefundene Geld nicht her«. Nr. 2, der das Aussehen eines ehrlichen Schmieds hatte, sagte: »ich möchte doch die Brieftasche zu mir nehmen und ihm zum Finderlohn verhelfen«; zugleich bot er Nr. 1 fünf Dollar als Abschlagszahlung an. Nr. 1 erklärte aber: »er gebe seinen Fund nicht unter fünfundzwanzig Dollar auf«. Unter fortwährenden Versicherungen meinerseits, daß mich die Sache nichts angehe, wollte mir Nr. 2 die Brieftasche aufdrängen. Wenn das Geld Geld ist, dachte ich schließlich, kann ich ja nichts riskieren und mache den Verlierer glücklich. Sobald Nr. 2 meine Zweifel bemerkte, stürzte er in den nächsten Kaufladen, wechselte eine Fünfzigdollarnote ein, die er aus der Brieftasche genommen hatte, und legte das gewechselte Geld in dieselbe zurück. Ich sah dies durch die Fensterscheiben des Ladens, vor dem wir standen. Es schien alles in Ordnung zu sein. Ich gab nun dem Finder seine verlangten vier Pfunde, auf denen er bestand, in gutem englischen Gold, das ich noch in der Tasche hatte; Nr. 2 schloß die Brieftasche, ich steckte sie zu mir, und er versprach, abends in mein Hotel zu kommen. Dann trennten wir uns unter der Versicherung gegenseitiger Hochachtung. Als ich aber zu Hause ankam und die Brieftasche zum Zweck der Beschreibung für die Anzeige des Fundes hervorzog und untersuchte, enthielt sie – zwei alte Zeitungen. Die beiden Spitzbuben hatten, während ich den einen aus meinem eignen Beutel bezahlte, das angeblich gefundene Ding gegen ein ganz gleich aussehendes ausgetauscht! Es ist wohl verzeihlich, wenn ich an jenem Abend unter den menschenfeindlichsten Gesinnungen einschlief und in meinen Träumen mir vornahm, jeden Yankee nach Möglichkeit zu bestehlen. Mit einiger Mühe fand ich am folgenden Tag Baron de Mesnil und van Havre. Ein eigentümliches Paar Menschen, über die ich mir noch kein Urteil zu bilden erlaube. Beide sind Attachés der belgischen Gesandtschaft in Washington. Ihre Schleppmaschine soll sobald als irgend möglich auf dem Eriekanal, welcher Buffalo und den Eriesee mit Albany und dem Hudson verbindet, zeigen, was sie zu leisten vermag. Die Maschine war schon in Neuyork angekommen. Drei Tage später waren wir und sie an den Ufern des Eriesees. Nun aber begann die Not. Die Angaben, nach denen die ganze Maschinerie gebaut war, erwiesen sich sämtlich als falsch. Die Schiffe waren zu groß, die Schleusen zu eng, die Brücken zu nieder, van Havre machte de Mesnil, de Mesnil machte van Havre Vorwürfe, und beide sahen fragend auf mich, ihre einzige Hoffnung. Die Kanal- und Regierungskommissäre der Staaten Neuyork und Pennsylvanien, die Kanalingenieure, die Kapitäne und Bootsleute, die Pferdetreiber und, fast schien es, selbst die Tausende von Pferden und Maultieren, die abgeschafft werden sollten – alles lauerte auf den großen Augenblick, in welchem sich unser Boot in Bewegung setzen sollte. Um mich zu ermutigen, erzählte man mir täglich die Geschichte von diesem und jenem, der sich mit der gleichen Aufgabe zugrunde gerichtet hatte, und Regen und Sturm, Eis und Schneegestöber, welche der Nord über den kalten, meerartigen See herüberbrachte, waren die freundliche Zugabe zu allem übrigen. Was war zu machen? Zugreifen, wo es möglich war! Ich trommelte Arbeiter, Zimmerleute und Schlosser zusammen. Zehn Tage später war das Boot mit einer Maschine versehen, die wenigstens durch Schleusen und unter Brücken hindurchkommen konnte und eine Meile Drahtseil im Eriekanal versenkt. de Mesnil und van Havre waren dankbare Leute. Um mich körperlich und geistig aufrechtzuerhalten, gingen wir vor acht Tagen über den Sonntag an den Niagara. Wir kamen am späten Vorabend in Niagarafalls, dem Städtchen, das auf dem Tafelland über den Fällen im Entstehen begriffen ist, an und ließen uns noch in finsterer Nacht an die oberen Stromschnellen führen. Nur die weißen, tanzenden Gipfel der Wogen, welche dem Fall zueilten, waren durch die Dunkelheit hindurch zu unterscheiden. Die Luft war mit zerstäubtem Wasser gesättigt und von dumpfem, vielstimmigem Brausen erfüllt. Früh am folgenden Morgen begannen wir eine Rundfahrt zu Wagen, die uns zuerst an und über die kühne Drahtseilbrücke brachte, deren Bau damit begonnen hatte, daß ein Faden an einem Pfeile über den tief unten zwischen senkrechten Felsenufern tosenden Strom geschossen wurde. Auf der kanadischen Seite wieder hinauffahrend, kamen wir vor die zwei durch die Gaiseninsel getrennten Fälle, die hier in ihrer ganzen gewaltigen Ausdehnung erscheinen, und gelb, weiß, wassergrün und kristallhell, selbst ohne Sonnenschein und mit den vom Herbste entlaubten Ufern einen Anblick darbieten, den keine Phantasie erreicht. Indessen, überwältigender noch als das Ganze sind die Einzelheiten, wenn man am Fuße des Falls, den man mittels einer Wendeltreppe von etlichen hundert Stufen erreicht, zwischen den herabhängenden Wasserschleier und die triefenden, hundert Fuß hohen Felsen tritt, und sich in der tosenden Höhle mit kristallenen Wasserwänden an haushohe Eiszacken anklammert, oder nur einen Schritt von dem Rand des Absturzes entfernt, in die dampfende Tiefe hinabsieht. Die Schönheiten der Gaiseninsel, mitten zwischen beiden Fällen, mit ihren urweltlichen Bäumen, mit ihren Bächen und Wasserfällchen unter überhängenden Fichten und Eichen, mit ihren schwindelnden, von den beiden Hauptfällen umbrausten und bestaubten Felsenabstürzen findet man auf dem Erdenrund nicht leicht wieder. Doch zurück nach Buffalo! Drei Tage später war endlich Schiff und Maschine bereit und bewegten sich. Alle Zweifel, die ich selbst noch im stillen gehegt hatte, waren nach einer halben Stunde geschwunden, de Mesnil und van Havre strahlten, die anwesenden Bootsleute und Ingenieure schüttelten sich die Hände. Aber es war ein eisigkalter Tag. Nach anderthalb Stunden war das Öl in den Lagern gefroren; es war unmöglich, weiterzuarbeiten. So weit war jedoch alles gut. Nur hatten die Kanal- und Staatskommissäre die Sache nicht gesehen; die große Vorstellung sollte erst noch stattfinden, de Mesnil telegraphierte nach allen Seiten. Am folgenden Tag erhob sich ein unerhörter Schneesturm. Der Schnee lag vier Schuh tief in den Straßen, meine Maschinen waren förmlich begraben, und der Kanal ein weißer, dicker Brei. Noch wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben und stellte Kohlenbecken auf, um die Maschinerie während der Vorstellung unter Feuer zu setzen und auf diese Weise das Schmieröl flüssig zu erhalten. Zwei Kommissäre, abgehärterter als die andern, kamen den folgenden Tag. Die Maschine zog an, das Boot krachte durch die Eisdecke, blieb aber nach drei Minuten unrettbar im Eise stecken. Und damit war die Sache auf das nächste Frühjahr verschoben. Ich bin seit gestern wieder hier in Neuyork, bereit, aus dem Gebiet der Eiszapfen in das der Palmen überzusiedeln. 97. Neuorleans, den 30. Dezember 1866. Neuyork, Philadelphia, Pittsburg, Columbus, Cincinnati, Louisville, Rom, Memphis, Granada, Canton, Neuorleans; acht verschiedene Eisenbahnen und eine Dampferlinie, alles zusammen 1458 englische Meilen, eine Linie durch die Staaten Neuyork, Neujersey, Pennsylvanien, Ohio, Indiana, Kentucky, Tennessee, Mississippi, Luisiana, durch zehn Breitegrade und fünfzehn Längengrade. » It's a great country! « (»'s ist ein großes Land!«) das dritte Wort jedes echten Amerikaners spür' ich in allen Knochen. Es ist mir zumut wie nach einer fürchterlichen Geographiestunde, nur ganz anders. Während Bücher und Katheder bloß eine Reihe von unzusammenhängenden Namen zu geben vermögen, gaben mir die letzten Tage ein gewaltiges Bild mit Bäumen Menschen und Tieren, mit Eisenbahnen und Dampfschiffen, Sümpfen, Bergen, Wäldern, gaben mir einen bunt kolorierten Streifen mitten durch den großen Weltteil, der leb- und farblos vor mir lag, als ich in Boston ans Land stieg. Die Bahnen sind gegen den Süden hin unglaublich schlecht. Hölzerne Schwellen, roh, wie sie der Holzspälter im nächsten Walde liefert, liegen in beliebigen Abständen der Bahn entlang, gefährlich weit voneinander auf festem Boden, in Sümpfen etwas enger. Das Sumpfwasser spritzt zwischen denselben empor, wenn der Zug über sie hinbraust. Zum Glück gibt es ein Landesgesetz, das keinem Zug eine größere Geschwindigkeit als zwanzig englische Meilen in der Stunde gestattet. Dies ist nichts Außerordentliches und wird in England, wo die Züge sechsunddreißig bis fünfundfünfzig Meilen machen, weit übertroffen. Die Größe der zurückzulegenden Entfernungen verleiht dagegen dem Leben auf einer amerikanischen Eisenbahn seinen eigentümlichen Charakter. Man saust und jagt, aber man saust und jagt nicht aneinander vorbei und auseinander wie auf den kleinen Strecken in der Heimat. Man ist tagelang beisammen, man ißt, trinkt und hungert vereint, man geht zu Bett und steht auf, erzählt sich Lebensschicksale und Rauchzimmergeschichten, kurz, es wäre wieder etwas von der alten Postkutschenromantik gerettet, wenn das Klima der Romantik nicht so gar zuwider wäre. Es war nachts zehn Uhr, als ich Neuyork verließ. Ich hatte ein Billett bis Neuorleans in der Tasche, das mich ohne jede weitere Bemühung sicher durch die acht verschiedenen Eisenbahngebiete führt und mir in jedem Neste jeden beliebigen jahrelangen Aufenthalt gestattet. Schon im Gasthof zu Neuyork wird mein Gepäck von einem Eisenbahnbediensteten abgeholt, und ich erhalte zwei Blechmarken, die meinen Koffer vorstellen. Will ich den Tag darauf in Cincinnati aussteigen, so gebe ich diese Marken dem Gepäcksschaffner und finde meine Koffer in dem Hotel oder Haus, das ich ihm bezeichne, fast noch früher, als ich selbst dort bin. Ebensogut aber kann ich sie nach Neuorleans vorausgehen lassen, und das erste, was mir eine Woche später in Neuorleans in die Augen springen wird, sind abermals meine Koffer, in der Empfangshalle des Hotels, das ich gewählt hatte. Man hat bei uns keinen Begriff davon, wie sicher und regelmäßig und ohne unsre gewohnheitsmäßige Angst und Not um das liebe Eigentum dies alles vor sich geht. Ein kindliches Vertrauen in die Ehrlichkeit der ganzen Welt scheint jedermann zu beseelen – gewiß ein merkwürdiger Zug in Amerika! Ich bezahle einen Dollar für ein Bett und begebe mich in den Schlafwagen. Die Betten sind bereits aufgeschlagen. Das hintere Drittel des Wagens ist mit einem großen Vorhang abgeschlossen; dort befindet sich die Damenwelt. Daß diese Betten ein Ideal von Behaglichkeit seien, läßt sich gerade nicht behaupten. Man hat eine gewisse Neigung, mitten in einem aufregenden Traum seine Nase gegen den Rücken des Obermanns zu schlagen, man ärgert sich wohl auch über ein fremdes Bein, das, von oben kommend, den süßesten Schlummer unterbricht. Auch die Luft ist morgens mehr für Chemiker als für gewöhnliche Sterbliche von Interesse. Doch verglichen mit einer Nachtfahrt von Wien nach München oder von Straßburg nach Paris, bei der sich der arme Leib stundenlang umsonst quält, sich den marterwerkzeugartigen Sitzen anzupassen, ist die Einrichtung schätzenswert. Man hat wenigstens in der Frühe das wohltuende Gefühl, mittelmäßig geschlafen zu haben. Gewöhnlich geht man dann auf eine halbe Stunde in den nächsten Wagen, um dem Schlafwagen Zeit zu lassen, sich zusammenzufalten, und sieht die Sonne, die gestern hinter den wilden Höhen von Pennsylvanien unterging, durch das wirre Waldgestrüpp von Tennessee wieder aufsteigen. Station um Station erscheint und verschwindet, kleine Nestchen mit großen Namen, große Städte, von deren Dasein wir bisher nur eine dunkle Ahnung gehabt hatten, fliegen an uns vorüber. Es wird neun Uhr; ein Junge erscheint mit den neuesten Zeitungen. Ein andrer kramt eine ganze Bibliothek leicht verdaulicher Reiseliteratur aus und legt jedem Mitfahrenden ein Buch in den Schoß, indem er so seinen Vorrat in dem ganzen Zug verteilt. Nach einer halben Stunde kommt er wieder, um seine Bücher einzusammeln. Mancher hat mittlerweile eine Geschichte angefangen und kauft deshalb das Buch. Auch hier zeigt sich der wunderliche Zug von Vertrauen in die Ehrlichkeit des Publikums. Nichts wäre leichter, als diese Bücher in der Stille einzustecken. Mindestens alle zwei Stunden erschallt die laute Aufforderung, sein Leben gegen Unfälle zu versichern. »Dreitausend Dollar für zehn Cents der Tag! Gentlemen, versichern Sie Ihr Leben! Dreitausend Dollar für zehn Cents!« – Ein Eisenbahnwagen die Kartause; »dreitausend Dollar für zehn Cents« das Memento mori unsrer Zeit! Ich begreife wohl, daß Lenau wieder umgekehrt ist! Mittlerweile zeigt sich ein mit Teilnahme beachteter Anschlag über der Wagentüre: »Dieser Zug frühstückt in Bagdad!« und bald darauf erscheint das aus fünf Häusern in einem verbrannten Wald bestehende Bagdad. Alles stürzt in verworrener Eile hinaus, über einen im Weg stehenden Zug hinein, dem wilden Getöse entgegen, das ein Hammer auf einem Blechschild erzeugt, welcher hier die sanftere Eßglocke vertritt. Der Tisch ist gedeckt und mit Platten besetzt, die Omeletts, Rostbeef, Schweinefleisch, Bratwürstchen, Kartoffeln, Schinken, indische Maiskuchen und so weiter enthalten. Jedermann reißt an sich, was er bekommen kann und steckt unbefangen seine Gabel in des Nachbars Braten. Freundschaften, die man in der verflossenen Nacht gestiftet, sind vergessen, Feindschaften werden mit Erbitterung erneuert. Niemand spricht ein Wort; man fühlt, daß es einen Kampf auf Tod und Leben gilt, jeder gegen jeden. Auch Tee und Kaffee sind zu haben, aber sie verfehlen ihre besänftigende Wirkung. Nach vier Minuten stürzt der Schwarm wieder hinaus, Mann für Mann einen Dollar an der Türe zurücklassend. Mein Nachbar, der mir während des Essens die besten Brocken fast aus den Zähnen gerissen hat, wirft mir, in einer Backe eine halbe Bratwurst, in der andern ein Stück Apfelkuchen, einen verschmitzt lächelnden Blick zu und nimmt dann den Faden der Freundschaft und des Gesprächs wieder auf, als wäre nichts geschehen. Außer den Fütterungszeiten benimmt sich die sehr gemischte Gesellschaft der amerikanischen Eisenbahnen erstaunlich anständig. Von betrunkenem Geschrei, von lautem Fluchen und Streiten ist nie etwas zu hören. Eine gewisse Trennung der Stände macht sich nur insofern geltend, als sich ganz von selbst die ärmeren Leute in den vorderen Wägen zusammenfinden. Die Reichen sitzen hinten, wo man seines Lebens sicherer sein soll. Auch in den Nordstaaten ist der erste Wagen hinter der Lokomotive als Puffer der Weißen für die Schwarzen bestimmt. Je weiter man nach Süden vordringt, um so schlechter werden die Bahnen, um so zäher die Beefsteaks, um so kleiner die Züge. Die Spuren des Kriegs, wenn auch äußerlich verschwunden, sind tief in das Fleisch des Landes eingegraben, und der höfliche, aber bittere Ton, womit die großen Tagesfragen, vor allem die Sklavenfrage, bei jeder Gelegenheit verhandelt werden, zeigte mir, sobald ich die Grenze von Kentucky überschritten hatte, wieder einmal recht deutlich, wie schwer es ist, über scheinbar sonnenklare Dinge gerecht zu urteilen, wenn man sie nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Aber wo will das hinaus? Wann und wie soll ich auf diese Weise von meinen eignen Erlebnissen erzählen: wie mir die Quäker in Philadelphia behagen, wie mir die ganze Reise gefallen, wie ich zwei volle Tage, als Christtagsfeier, in der Mammuthöhle von Kentucky gesteckt, wie es in Neuorleans schneit, wie ich für General Taylor, einem früheren konföderierten Heerführer, Kanal-Schleppmaschinen entwerfe und mit General Longstreet, einem berühmteren Helden des Bürgerkriegs, eine Baumwollensäemaschine erfinde, wie mein Dampfpflug leider noch nicht angekommen ist, und wie ich bei all dem über den Erfolg meiner hiesigen Mission noch immer in großen Zweifeln bin? – 98. Neuorleans, den 6. Januar 1867. Schneegestöber seit zwei Tagen! Es kann nämlich in der Neuen Welt selbst unter dem 30. Breitegrad schneien. Alles Leben steht fröstelnd still im »sonnigen Süden«. Und wer weiß, wann mir wieder eine solche Gelegenheit entgegenkommen wird, des deutschen Winterabendgeplauders zu gedenken. Sie soll nicht ungenutzt vorübergehen. Die Fahrt, die mich aus dem kühlen Norden in den kaum weniger winterlichen Süden gewirbelt hat, gibt Stoff genug zum Plaudern. Zum Beispiel: Am dritten Tag, von Neuyork gerechnet, kam mir in der wilden Öde der halbverbrannten Wälder von Kentucky der Gedanke, auszusteigen und meine Weihnachtsfeiertage auch einmal unter der Erde zu feiern. Das war zehn Minuten vor der Station »Cavecity«, die aus ein paar Blockhäusern und, eine Meile waldeinwärts, aus dem »Höhlenhotel« besteht, wie ich nach längerem Suchen später entdeckte. Ich bereue es nicht. Es ist beruhigend für das ganze künftige Leben, wenn man sich sagen kann, einen Superlativ genossen zu haben. Zwei Tage lang kroch ich in der größten Höhle der Welt – der Mammuthöhle – umher und habe weit nicht die Hälfte derselben ausgekrochen. Das Ganze hat überhaupt noch kein Mensch gesehen, wie mir der Höhlengastwirt schon am Abend meiner Ankunft mit Stolz versicherte. Ich glaubte ihm später aufs Wort. Bewaffnet mit einer Laterne, drei Öllampen, einem Dutzend bengalischer Lichter, mit Kompaß und Skizzenbuch, vor allem aber mit einem Korb voll Eßwaren und Weinflaschen, denn unser wissenschaftliches Streben war von solider Natur, machten wir uns am folgenden Morgen um acht Uhr auf den Weg. Wir waren nur zu dritt: neben mir der Führer und ein zweiter Höhlendilettant, der wie ich in Cavecity den Zug verlassen hatte und drei Tage lang mein hilfsbereiter Begleiter blieb. Wir konnten die Höhleneinsamkeit und das stille Schaffen dieser unterirdischen Welt in ihrer ganzen Gewalt auf uns wirken lassen. Doch es lohnt sich kaum, all die Gänge, Kammern und Hallen zu nennen, die wir kletternd und gehend, watend und rudernd, aufrecht, gebückt, auf Händen und Füßen und auf dem Bauch kriechend durchforschten, die grotesken Auswaschungen des Gesteins, mit ihren übrigens spärlichen Stalaktitgebilden zu beschreiben und die wunderlichen Namen aufzuzählen, welche die nicht allzu lebendige Phantasie der Amerikaner den einzelnen Teilen der Höhle gegeben hat. In vielen der Kammern und Gänge finden wir noch das Wasser in voller Arbeit, Schachte vertiefend, Hallen erweiternd, Dome erhöhend. Quellen rieseln von den Decken aus hoch emporgefressenen Nischen und sammeln sich in dunkeln, unerforschten Teichen, deren Zusammenhang mit den Wassern der Oberwelt nur durch das entsprechende Steigen und Fallen derselben erkannt wird. Mit den Tälern draußen unter blauem Himmel sanken auch die Wasseradern und Teiche dieser Unterwelt tiefer und tiefer. Was vor Jahrtausenden ein Wasserbecken war, bildet heute nur noch einen schwachen unterirdischen Zufluß zu tiefer gelegenen Hohlräumen und wird bald, das heißt nach etlichen weiteren tausend Jahren, eine trockene Halle bilden, die nur an der eigentümlichen Form der abgewaschenen Wandungen, an dem geflößten Schlamm, an dem hereingespülten Sand oder Lehm verrät, was einst in ihr vorgegangen. Dies ist in aller Kürze die Geschichte des Höhlengewirrs, das den Kalk eines mächtigen Gebirgsstocks in dieser wunderlichen Weise zerklüftet. Von den Eindrücken, die man aus der unterirdischen Welt heraufbringt, möge nur einiges Wenige als Beispiel dienen: Etwa eine Stunde vom Eingang biegen wir um eine scharfe Ecke, von wo aus sich die Haupthöhle scharf nach Osten wendet. Ausschwitzungen von schwarzem Gips überziehen fast die ganze nahezu wagerechte Gewölbdecke des etwa fünfzehn Meter breiten Gangs und geben ihr im Gegensatz zu den senkrechten Wänden ein tief dunkelblaues Aussehen. Der Führer, der hier einen Witz zu machen pflegt, nimmt uns die Lampen ab und entfernt sich mit denselben, in eine Felsenspalte versinkend. Die Wirkung ist großartig. Noch sind die Wände matt beleuchtet und werfen wildgezackte Schatten in ihre Nischen und Mulden. An der Decke aber, die wie der Himmel in tiefer Nacht aussieht, erscheinen blinkende Sterne, welche ihr unsicheres Licht wie aus unendlicher Ferne in dieses entsetzliche Felsental herabwerfen. Es gehört keine Phantasie dazu, dies zu sehen. Es erfordert im Gegenteil die ganze Kraft der Überzeugung, zu glauben, daß wir nicht den blauen Nachthimmel, sondern eine Steindecke fünfzig Fuß über unserm Kopfe anstarren. Doch der Hauptwitz kommt erst. Der Führer versinkt in einem andern unterirdischen Gang, und der Schatten des Felsens, der uns sein Licht verbirgt, stiehlt sich über den scheinbaren Himmel. Die Sterne verlöschen. Es wird stockfinstere Nacht. Und diese Stille! Ich höre die Uhr in meiner Westentasche picken. Mein Begleiter flüstert – und sein erster Laut schlägt wie ein Hammerschlag in das stumme Nichts um uns –, »er höre sein Herz klopfen«. Mein neuer Freund hat Poesie im Leibe, obgleich er Wagner ist. Plötzlich in weiter, weiter Ferne ertönt das Krähen eines Hahns. »Hallo!« sage ich und will noch etwas hinzusetzen; aber ein Echo, das gleichfalls, nur zehn Schritte von mir, mit einem gespenstigen Seufzer »Hallo« antwortet, geniert mich, und ich bleibe still. Wieder ein Hahnenschrei und dann hört man die erwartete Sonne heranstiefeln. Erst dämmert es hoch oben über einem zackigen Gebirgshorizont; heller und heller steigt die Morgenröte über der wilden Landschaft empor, die sich da und dort in graulichen Umrissen aus dem Dunkel herausschält. Die östlichen Bergkuppen glühen, und ah! – da erscheinen drei Öllampen vierzig Schritte von uns hinter einem Felsblock! Der historische Grund, auf dem wir dies erlebten, ist die »Sternkammer«. Die Sterne werden durch das stellenweise Losspringen der schwarzen Gipsdecke erzeugt, hinter der sich Glaubersalz gebildet hat, dessen weiße, zutag tretende Plättchen die Täuschung hervorbringen. Eine Eigentümlichkeit der Höhle sind die sogenannten »Dome«; senkrechte Auswaschungen des Gesteins von oft unbekannter Höhe und Tiefe. Der schönste derselben ist der Goriasdom, welcher durch einen Nebengang erreicht wird, der von der Haupthöhle rechts abzweigt. Eine Leiter führt in einen engen Spalt hinab, der sich nach einiger Zeit zu einem sechs Fuß breiten, vielfach gewundenen Gang ausweitet. Ein Steg trägt uns sodann über einen Schacht ohne Namen, bis wir schließlich in der linken Wand eine Öffnung erblicken, die mit einem Balkonfenster verglichen werden könnte, wenn nicht alle Vergleiche aus der Oberwelt in diesem Reiche der Nacht irreleitend wären. Eine andre Öffnung erlaubt dem Führer, ein bengalisches Licht in den Schlund zu werfen, von dem wir tatsächlich nur durch eine dünne, durchbrochene Wand getrennt sind. Welcher Anblick! Gräuliche Felsenzacken werfen zuckende Schatten nach oben und unten. Von den nassen hervorstehenden Spitzen fallen perlende Tropfen in das unendliche Dunkel. Verwirrt starren wir in das Ding ohne Boden und Decke. Von unten flackert es auf, matter und matter, bis endlich das ganze dämonische Traumbild wieder in Nacht versinkt. Wir hören nur noch das einsame Tropfen der Steine und fragen uns mit leisem Schaudern, was oben und unten war. Nun auch einiges von den Gewässern, den eigentlichen Schöpfern dieses Höhlengewirrs. Das erste Wasserbecken, dem wir begegnen, liegt in einer Spalte, die sich in einer Breite von sechs Metern an der Wand auf unsrer linken Seite hinzieht. Der Boden der Höhle, der sich mehr und mehr senkt, ist hier mannigfach durch Spalten zerrissen und das Vordringen beschwerlicher. Doch läßt die wilderhabene Szenerie den Gedanken an die kleinen Unannehmlichkeiten der Wanderung kaum aufkommen. Die Stelle heißt das Tote Meer. Der nun folgende »Styx« ist ein fünfzig Meter langer Teich, von einer natürlichen Felsenbrücke überspannt, über die wir auf das andre Ufer des Wassers gelangen. Die Höhle, deren Decke nahezu horizontal zu bleiben scheint, gewinnt hier an Höhe, indem wir allmählich den dunkeln Wasserspiegeln unter uns näher kommen. Endlich erreichen wir das finstere Ufer der »Lethe«, welche die ganze Breite der Höhle einnimmt und über der sich in einer Höhe von dreißig Metern in undurchdringlicher Finsternis die Decke des Gewölbes schließt. Ein merkwürdiger Anblick, diese stillen, regungslosen Wasser, die stummen Felsenwände und das tiefe Dunkel, in dem sich vor uns Wasser und Felsen verlieren. Ein rohgezimmertes Boot liegt am Strand. Das Klatschen der Ruder im Wasser hallt dumpf über dem schwarzen Spiegel, der in ungewohnter Bewegung zittert. Die drei Lämpchen schauen uns aus der unergründlichen Tiefe, über die wir gleiten, zitternd entgegen; jeder Ton wiederholt sich aus einer unerwarteten Nische. Nach wenigen Ruderstößen ist das Ufer aus dem Gesicht verloren, und wir gleiten fast lautlos zwischen den senkrechten naßbraunen Felsenwänden dem undurchdringlichen Dunkel entgegen. Bekannt sind diese Höhlenwasser durch die augenlosen Fische und Krebse, die in denselben leben. Beide sind vollständig weiß. Die Unterwelt kennt keine Farben. Der Eindruck der stillen, feierlichen Fahrt ist ein erhabener. Lautlos bewegt sich das Boot den Wänden entlang. Manchmal nur hört man einen Tropfen fallen und sieht plötzlich vor sich in der Nacht das Spiegeln der sich folgenden Wasserringe, die er erzeugt. Die starren, wunderlich gestalteten Wände scheinen leblos, und doch fühlt man sich im Innersten der ewigen, still schaffenden Natur, in der lautlosen, aber nie ruhenden Werkstätte der Jahrtausende. Die Mammuthöhle mit ihrer trockenen, gesunden Luft, mit ihren geräumigen Gängen, mit ihren unerforschten Geheimnissen in jeder Richtung ist wohl die einzige, soweit ich Höhlen kenne, die man nicht mit einem aufatmenden Gefühl freudiger Erlösung verläßt. Wie fast jede andre Höhle, verwirklicht aber auch sie kaum die außerordentlichen Vorstellungen, die sich die jugendliche Phantasie so gern von Höhlen bildet; denn ihre gewaltige Größe macht sich eher den Beinen bemerklich als dem Auge. Dagegen gibt sie, wie wenige Höhlen, ein wunderbar vollständiges Bild der Tätigkeit der Natur, die noch heute an diesem ihrem Lieblingsmeisterwerk im Höhlenbau schafft und neue Kammern, neue Schachte und neue Gänge auswühlt zum Ergötzen künftiger Jahrtausende. 99. Neuorleans, den 3. Februar 1867. Ein Monat harter Arbeit, voll kleiner, bunter Zwischenfälle, die das Blut warm halten, was nun kaum mehr nötig wäre. Ob er gute Folgen haben wird oder nicht, läßt sich noch nicht voraussehen. Allzu hoffnungsvoll bin ich nicht. Es ist mir, als hätte ich einen Tropfen Blut ins Meer gegossen, um es rot zu färben; so entsetzlich weit und groß ist hier alles. Die Leute, mit denen ich in unmittelbarer Geschäftsverbindung stehe, sind vor allem die Herren Longstreet, Owen \& Cie. General Longstreet ist ein einhändiger Soldat der konföderierten Armee, ein schlichter, ehrlicher Biedermann. Er gehört zur Aristokratie Luisianas und ist als tapferer Heerführer berühmt geworden. Seine zwei Geschäftsteilnehmer sind junge Leute, die, der eine als Major, der andre als Hauptmann, den Krieg mitgemacht haben. Heute sind sie wieder Bankiers und Baumwollenhändler und bilden zusammen eines der achtbaren Häuser der Stadt. Nächst schätzenswert unter meinen Bekannten ist General Taylor, der liebenswürdigste Mann von Neuorleans, der ebenfalls eine Rolle in der Rebellion gespielt hat und jetzt einen Kanal verwaltet, welcher die Stadt mit dem mexikanischen Golf verbindet. Soweit bin ich in die Hände der alten Rebellen und Sklavenhalter gefallen, die in ihrer gegenwärtigen Verfassung heldenmütiger Ergebung etwas förmlich Rührendes haben. Zu der entgegengesetztesten Partei gehört Freund Forstall, Quäker und Baumwollpflanzer, der schon vor dem Krieg, wenn auch ohne Pulver, mannhaft für freie Arbeit focht. Meine Maschinen kamen am 5. Januar an. Mit demselben Schiff sollte einer von Fowlers besten Arbeitern abgeschickt werden, um mir für die rauheren Arbeiten zur Verfügung zu stehen. Das Schiff brachte jedoch weder einen Arbeiter noch einen Brief, und ich war mit meinen vierunddreißig Kisten voll Maschinen allein. Klagen, schimpfen, nach England schreiben waren nutzlos. Nachdem ich das zweite eine Viertelstunde lang getan, beschloß ich, mich so gut als möglich durchzuschlagen, und zeigte zunächst der Welt in vier Zeitungen an, daß ein Dampfpflug angekommen sei. Alsbald erschienen mit der Behendigkeit der Amerikaner Leute, die denselben ohne weiteres auf ihre Farmen nehmen wollten, um ihn dort einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen. Namentlich war ein Mr. Lawrence, Zuckerplantagenbesitzer dreißig Meilen unterhalb der Stadt, sehr dringend. Auch Mr. Forstall wollte ihn hundertundzwanzig Meilen flußaufwärts schicken. Allein Longstreet und ich lehnten diese Anerbieten höflich ab. Die erste Schwierigkeit bot die Zollfrage. Sie wurde, um keine Zeit zu verlieren, nach acht Tagen dadurch gelöst, daß ich unter Vorbehalt die Summe von 4200 Dollar auf den Zollamtstisch legte. Auch ein Yankee war durch die ersten Anzeigen herbeigelockt worden, ein Mr. Stone, der »aus Interesse für die Sache« mir seine Dienste als Mechaniker anbot. Einen zweiten Schlosser bekam ich aus einer hiesigen Fabrik. Ferner wurde ein Irländer und sechs Neger als Helfershelfer aufgetrieben. Letztere bekommen für das Hin- und Hertragen von Gegenständen zweieinhalb Dollar den Tag, ein Verdienst, mit dem ein deutscher Professor zufrieden ist. Das Ausladen des Schiffs dauerte bis zum 14. Januar, worauf ich natürlich alsbald anfing, die Maschinen zusammenzustellen. Sechs Tage nachher waren die zwei Lokomotiven, die Pflüge und Kultivatoren bereit, sich auf den Weg zu machen. Da keine Kranen zur Verfügung standen, so war die Arbeit manchmal keine leichte, und meine Finger am Schluß der Woche zum Klavierspielen ungeeignet. Wieder ein Trompetenstoß in den Zeitungen. Außerhalb der Stadt, etwa sieben englische Meilen vom Landungsplatz der Frachtdampfer, liegt der Fairground, das heißt der Ausstellungsplatz der Landwirtschaftsgesellschaft von Luisiana, die ihn mir durch Longstreets Vermittlung als passendes Arbeitsfeld anbot. Dorthin setzte sich demgemäß ein Zug, bestehend aus der Hälfte der Geräte: einer der Straßenlokomotiven, dem Sechsfurchenpflug und dem Kultivator, in Bewegung. Als Steuermann war ich selbst auf der Maschine, wie ich denn auch später in Ermanglung eines besseren Mannes selbst auf dem Pfluge zu sitzen hatte, wozu neben den Erinnerungen an Berg-Stuttgart und Leeds auch etwas Philosophie gehörte. Das Rennen und Getümmel des Volks war sehenswert. Es war die erste Maschine dieser Art in Neuorleans. Im Mittelpunkt der Stadt, in den verhältnismäßig engen Straßen, namentlich aber infolge der Ungeschicklichkeit meines Maschinenwärters, der natürlich an diese Art von Geschäft nicht gewöhnt war und den Kopf ein wenig verloren hatte, geriet die Maschine in eine tiefe Straßengosse. Nachdem mir die Unmöglichkeit, sie aus dieser Lage je wieder herauszubringen, von dem teilnehmenden Publikum minutenlang mit aller Bestimmtheit erklärt worden war, fuhr ich weiter und erreichte, etliche kleine Brückchen zusammenbrechend, mittags glücklich das offene Feld und den Fairground. Den Tag darauf dampfte die zweite Maschine mit einem ähnlichen Zug durch andre Straßen, namentlich mit Berücksichtigung der Zeitungsbüreaus und ohne irgendwelchen Unfall, nach ihrem Bestimmungsort. Am Mittwoch machte ich meinen ersten Pflugversuch. Der Boden, ein alter Swamp, und wenn je, seit zwanzig Jahren nicht bearbeitet, bot keine kleinen Schwierigkeiten dar. Noch schlimmer war die völlige Unkenntnis meiner sämtlichen Leute in der Bedienung der Maschinen. Doch pflügte ich ein paar Morgen, ohne einen allgemeinen Zusammenbruch zu erleben, und vertraute für den folgenden großen Tag auf eine gütige Vorsehung. So erschien denn auf besondere Einladung die ganze Geld- und Geburtsaristokratie Luisianas, die Generale Bragg, Taylor, Longstreet, Colonel Johnson, Lawrence u.s.w., die ganze Presse und eine Anzahl unbekannter Größen zweiten Grades ließen sich vorpflügen, hielten Reden und frühstückten mit gutem Appetit auf Kosten von John Fowler \& Co., wie solches alles in den »New-Orleans-Times« und andern Zeitungen zu lesen ist. Am folgenden Tag begann die öffentliche Ausstellung und eine Woche von Zwischenfällen aller Art. Stone, ein kluger, älterer Mann, der mir redlich hilft, wurde am dritten Tag krank. Mein Irländer, den ich zum Pflüger heranbilden wollte und der gerade anfing nützlich zu werden, verschwand mit seinem ersten Wochenlohn spurlos. Einen halben Tag lang hatte ich und ein Schlosser die zwei Maschinen und den Pflug allein zu bedienen, und trotz alledem wurde gepflügt. Aber am Mittwochabend wurde mir klar, daß es, wenn es noch ein paar Tage so fortgegangen wäre, nicht lange mehr gedauert hätte. Dazu regte sich auch bald neben Anerkennung und Bewunderung eine entschiedene Gegenströmung. Zweimal wurden mir Eisenstücke zwischen Zahnräder gesteckt, um einen Zusammenbruch der Maschinen herbeizuführen, so daß schließlich ein Geheimpolizist aufgestellt werden mußte, der die Maschinen bewachte. In einer Zeitung wurde sogar öffentlich zum Widerstand gegen » John Bull's intrusion on American soil « aufgefordert. Halbkrank vor Ermüdung packte ich schließlich zusammen. Die Ausstellung war gelungen, soweit dies unter den gegebenen Verhältnissen möglich war. Heute bin ich wieder wohl und erwarte die Dinge, die da kommen sollen. Zwei Schwierigkeiten stehen einem günstigen Ergebnis entgegen. Erstlich haben die Ansässigen kein Geld, und die Herren vom Norden tun alles, die vom Süden nicht so bald wieder aufkommen zu lassen. Zweitens sind die Maschinen für die Kultur von Zucker und Baumwolle, wie sie hier landesüblich ist, nicht ganz geeignet. Wir haben neue, eigentümliche Geräte zu erfinden, um den hiesigen Pflanzern mundgerecht zu werden. Das aber erfordert Zeit und Geld, Geduld und Ausdauer. Was die Gesundheitsverhältnisse des Landes betrifft, so fand ich eine alte Erfahrung auch hier bestätigt. Der Ruf eines schlechten Klimas ist immer übertrieben, manchmal ganz unverdient. Woher dies kommt, ist erklärlich: »Der Tod ist der Sünde Sold,« und krank werden Menschen überall. Es ist aber bequem und schmeichelt der Eitelkeit, Krankheiten, deren Ursachen in der eignen Natur oder öfter noch in der unvernünftigen Lebensweise liegen, auf das »Klima« zu schieben. Ferner verbreitet sich die Nachricht, daß fünf Leute an Cholera oder gelbem Fieber gestorben sind, zehnmal weiter und nachdrücklicher, als daß fünfhundert Gesunde die fünf Gestorbenen zu Grabe getragen. Auch klingt »Schleimfieber in Ulm« nicht halb so tragisch als gelbes Fieber am Mississippi, und doch ist es ebenso schlimm. Leute, die dreißig, vierzig Jahre lang hier gewohnt haben, sagen, daß es, seit die steigende Kultur Luisiana trockener gelegt hat, kaum eine gesündere Stadt gäbe als Neuorleans. Ein Bayer, der in der Nähe des Fairgrounds eine Wirtschaft hält, erzählte mir, mit Ausnahme eines Nasenbeinbruchs habe ihm nie etwas gefehlt. Der Arzt, der ihm die Nase eingerichtet, habe ihm gesagt, »er habe auch entschieden gelbes Fieber«; – »Den hob' i aber die Trepp' 'nunterg'jogt!« – 100. Neuorleans, den 18. Februar 1867. Nach der Aufregung und Arbeit meiner Ausstellung kam für mich und auch für das liebe Publikum ein kleiner Rückschlag, der erwartet und nötig war, um unser gegenseitiges Verhältnis festzustellen. In verschiedenen Zeitungen erschienen Aufsätze gegen die Dampfpflügerei. Ich setzte mich zunächst hin und schrieb Entgegnungen, die, wie ich allseits vernehme, mit Wohlgefallen hingenommen wurden. Dann kamen wieder Leute aus Luisiana, Texas, Mississippi und Alabama, die dampfgepflügt haben wollten, dieser hundert, jener sechshundert, der dritte tausend Hektar; aber einen Dampfpflug kaufen wollten sie nicht. Tatsache ist nämlich, daß das vergangene Mißjahr, die Folgen des Krieges und die Regierungsmaßregeln der Politiker aus dem Norden die Südstaaten an den Bettelstab gebracht haben. Pflanzer, die vor fünf Jahren ihre zehn- bis fünfzehntausend Dollar jährlich verdienten, stehen heute auf ihren unbebauten Gütern und sind oft nicht imstande, die Maultiere anzuschaffen, die sie für den diesjährigen Anbau bedürfen. Selbst die Reichsten haben sich auf die nächste Ernte zu vertrösten und suchen, sogut es geht, mit den alten Mitteln wenigstens einen Teil ihrer Besitzungen zu bestellen. Unter diesen Umständen mag ich so gut dampfpflügen als ich will und kann, der Dampfkultur im großen Eingang zu verschaffen, ist hier ein Kampf gegen die Unmöglichkeit. Den Leuten aber mietweise dampfzupflügen, ist weder meine noch Fowlers Absicht. Dies muß durch einheimische Gesellschaften geschehen. Ich wies deshalb sämtliche Anträge dieser Art ab, mit Ausnahme den eines Herrn A. Marshall, des reichsten Pflanzers in der Nähe, dem ich ein paar hundert Acker um den »selbstkostenden« Preis pflüge, um die Ungläubigen mit einer handgreiflichen Tat aufs Maul schlagen zu können. Mr. Marshall ist ein Mann mit weißen Haaren und ein Gentleman. Vor dem Krieg hatte er sieben Plantagen, jetzt hat er nur noch zwei im Betrieb. Sein nächstes Gut ist etwa fünfzehn Meilen vom Ausstellungsplatz, wo meine Maschinen standen. Das erste war somit, dieselben an Ort und Stelle zu schaffen, und heute vor acht Tagen setzte ich sie demgemäß in Bewegung. Nun geschah aber etwas Unerwartetes. Um den ganzen Ausstellungsplatz läuft ein breiter Kanal, der am Haupteingangstor mittels einer etliche zwölf Meter breiten hölzernen Brücke überspannt ist. Die Hälfte dieser Brücke, in der Richtung ihrer Breite, ist ein neuer, die andre ein acht Jahre alter Bau; beide sehen sich aber vollständig gleich. Bei meiner Einfahrt in den Park fuhr ich zufällig auf der neuen Hälfte, bei der Ausfahrt ebenso zufällig auf der alten, und als meine erste Maschine, die ich selbst steuerte, in der Mitte des Grabens angelangt war – krach! versank Brücke und Maschine in einem allgemeinen Welteneinsturz. Die zwei Neger, die ich als hoffnungsvolle Zöglinge oben hatte, sprangen wie Riesenfrösche ins Wasser, das übrigens nicht tief ist. Ich selbst blieb auf der Maschine, die mit ihren Vorderrädern das jenseitige Ufer erreicht hatte, während sie mit den gewaltig arbeitenden Hinterrädern in einem Chaos von gebrochenen Balken und Planken, Wasser und Kot herumwühlte. »Kühl!« ist unter solchen Umständen mein Wahlspruch, der mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen hat. Ich stellte die Maschine ab, riß das Feuer heraus und ließ den Dampf zu jedem Loch ausströmen, das zu öffnen war. Dann sprang auch ich herunter, oder besser gesagt, kletterte hinauf, und betrachtete den Schaden. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: im Laufe der zwei folgenden Tage zog ich mit Hilfe der zweiten Maschine die erste aus ihrer unbequemen Lage. Es war eine Höllenarbeit, da ich, wie Ihr wißt, allein bin und Nigger wie Weiße des Landes mit derartigen Kunststücken noch nicht umzugehen wissen. Dabei fing es an zu regnen und regnet seit fünf Tagen fast unausgesetzt, so daß die Straßen in einem Zustand sind, der es vorläufig zur Unmöglichkeit macht, Mr. Marshalls Gut zu erreichen. Über dem Graben bin ich, aber ehe es weiter geht, muß auf ein paar Tage menschliches Wetter eintreten, das ich leider nicht selber machen kann. Dies ist unangenehm, doch hat es auch sein Gutes. Es gab mir Zeit, den Plan für Seilschiffahrt auf General Taylors Kanal auszuarbeiten und vorzulegen. An sich ist die Sache nichts Großes, da der Kanal nur sechs Meilen lang ist. Aber an ihren Folgen dürfte sie von Bedeutung werden; denn eine bessere Gelegenheit, den Gedanken praktisch zu erproben, wird sich nicht leicht finden. Sodann wird General Longstreets und meine, mit vereinigten Kräften geborene amerikanische Baumwollensäemaschine soeben im Modell ausgeführt. Doch glaube ich nicht, daß damit viel Geld zu verdienen ist. Im übrigen fange ich an, in Neuorleans zu Hause zu sein, ohne mich sonderlich zu Hause zu fühlen. Wenn auch die Leute im Süden um ein Gutes höflicher sind als die Yankees, so konnte ich doch bis jetzt noch niemand finden, an den ich mich enger anschließen möchte. Der Ton in den großen Hotels ist, wie im Norden, eiskalt und langweilig, wenn er nicht alle vier bis fünf Wochen durch einen Revolverschuß unterbrochen wird. Am Tag nach meinem Auszug aus dem St.-Charles-Hotel, dem ersten der Stadt, erschoß ein »Richter« aus Texas seinen Bekannten, einen Senator aus Alabama, die beide im Hotel wohnten, in dem Salon, in welchem ich gewöhnlich meine Zeitungen lese. Der reiche Owen erklärte mir dieses etwas rasche »richterliche« Verfahren als »doch nicht so ganz ohne! Es veranlasse die Gesellschaft, einen höflichen Ton im gegenseitigen Umgang aufrechtzuerhalten«. Glacéhandschuhe und Revolver! Der meine ist vorderhand noch im Koffer. Auch die meinen! Das Wetter will noch nichts vom Frühling wissen. Der Unterschied zwischen Kairo und hier ist erstaunlich. Die Umgegend bietet soviel als nichts. Alles ist flach; in den Swamps ein wüstes Gewirre von vertrockneten Pflanzen, Dornen und Disteln. Das einzig Eigentümliche sind die Sykomoren und Hickorybäume, die mit Girlanden eines seltsamen, dunkelgrünen Mooses behängen sind, das ihnen etwas wehmütig Malerisches gibt. Letzten Sonntag zeichnete ich auf einem einsamen Ausfluge nach dem Pont Chartrain, einem lagunenartigen See im Osten der Stadt, ein paar dieser gewaltigen Riesen aus einer verschwundenen Zeit. Es tat mir wohl, nach all dem Sorgen, Jagen und Treiben wieder einmal ein Stück Natur, so flach es war, mit Ruhe genießen zu können. Ein Spaziergang am Mississippiufer hinauf, wenn der gewaltige Strom die klare, goldene Abendröte in allen Farben widerspiegelt und die stattlichen Flußdampfer, diese Archen Noahs des neunzehnten Jahrhunderts, majestätisch farbige Ringe und Streifen durch das Gold ziehen, ist im Monat Februar immerhin besser und gesünder, als im Schneewasser stampfen und Katarrhe pflegen. 101. Neuorleans, den 10. März 1867. »Zieh, Schimmel, zieh,« und so weiter. Dies ist vorderhand der tägliche Kehrreim meines Daseins, und wenn der Karren im Dreck stecken bleibt, ist nicht immer der Schimmel schuldig, sondern manchmal auch der Weg. Harte Zeiten! Der Dampfpflug erreichte nach manchem kleinen Abenteuer schließlich Mr. Marshalls Plantage bei Carolten und begann, bemannt mit einer ausgewählten Truppe wollhaariger Neger, seine regelrechte Arbeit. Es ist keine geringe Aufgabe, diese Kerls und meine Maschinen zusammenzugewöhnen. In Ägypten war's manchmal schlimm genug. Dort aber hatte ich wenigstens die Leute unter dem Daumen, und wenn sie nicht ziehen wollten, so waren Mittel vorhanden, sie in freundlicher Weise auf ihre Pflichten gegen die Menschheit aufmerksam zu machen. Hier, mit den freien Sklaven von gestern, hat dies völkerpsychologische Schwierigkeiten ungewöhnlicher Art. Während der ersten Woche wohnte ich vollständig auf dem Gut und teilte mit Mr. Marshall das einsame Herrenhaus. Ein silberhaariger feiner Herr, der während des Kriegs durch die Negerbefreiung tausenddreihundert Sklaven, das heißt ein Vermögen von sechshundertfünfzigtausend Dollar, verloren hat. Jetzt beginnt er seine zerrütteten Verhältnisse wieder zu ordnen. Er ist einer der Wenigen, die aus dem allgemeinen Ruin etwas gerettet haben, und ernstlich versuchen, sich über die verzweifelte Stimmung des Landes zu erheben und den Kampf des Lebens mit den dem Südländer so ungewohnten Waffen einer neuen Arbeitsweise aufzunehmen. Es ist in der Tat nicht alles Gold, was glänzt, auch im moralischen Sinne, und die plötzliche, vom Norden erzwungene Befreiung der Schwarzen hat ihre für uns Europäer kaum verständlichen tiefen Schattenseiten – für die Schwarzen ebensosehr als für die Weißen. Seit drei Tagen haben wir tropisches Regenwetter, verbunden mit einer kalten, nebeligen Luft, die nicht viel hinter London zurückbleibt. Die allgemeine trübselige Stimmung erhielt bei mir noch einen besonderen Nachdruck durch einen Schicksalsschlag, »damit ich auch weiß, warum ich heule!« Mein erster Brief an Fowler aus Neuorleans vom 31. Januar, der größte, den ich in meinem Leben geschrieben, mit Zeichnungen, Beschreibungen und Bestellungen für die Pariser Weltausstellung bezüglich einer Seilschiffahrtsmaschine, die in meinem, de Mesnils und Fowlers Namen ausgestellt werden sollte – dieser Brief wollte in London nicht ankommen. Auf mehrfache Anfrage beim Postamt erhielt ich vorgestern die tröstliche Kunde, daß die ganze Post am 4. Februar zwischen Cincinnati und Neuorleans in einem fürchterlichen Schneesturm verloren gegangen sei. Die Bestellungen waren auf meine Zeichnungen begründet, für die zugleich Patente genommen werden sollten. Gestern und vorgestern kopierte ich nun zähneknirschend die alten Sachen und schickte sie heute einem neuen Schnee- oder Seesturm entgegen. Aber natürlich für die Ausstellung ist es jetzt zu spät, und selbst für die nach Neuyork bestellten Maschinen sind zwei kostbare Monate verloren. »Unstern, diesem guten Jungen« – siehe Uhland. Ja, er regte sich in den letzten Wochen wieder gewaltig, »Unstern«, der alte, frevelhaft heraufbeschworene Kobold meiner Flegeljahre. Fürs erste schrieb mir Halim-Pascha in betreff meines Nilprojektes. Ein liebenswürdiger Brief, aber natürlich den Verhältnissen entsprechend, welche derzeit in Ägypten die traurigsten sind. Der Vizekönig geht Halim jetzt mit einem gefälschten Schreiben zu Leibe, worin Halim die Schechs der Sinaihalbinsel zu Hilfe ruft und den Vizekönig zu vergiften verspricht. Überdies stehen die Finanzen des Landes so, daß unter der gegenwärtigen Regierung an kein großes Unternehmen mehr gedacht werden kann. Halim vertröstet daher mich und sich auf eine bessere Zukunft. Wer weiß, ob sie jemals für ihn kommen wird. Sodann hatte ich den Plan für General Taylors Kanal technisch und finanziell ausgearbeitet und war meiner Sache sicher. Die Seilschiffahrt würde den Unternehmern fünfzig Prozent Betriebskosten ersparen, und ich war bereit, mit Fowlers Zustimmung dieses Ergebnis zu gewährleisten. Aber General Taylor hat kein Geld, und was er hat, kann ihm, wie auch meinem besonderen Freund, General Longstreet, jeden Augenblick mit Beschlag belegt werden. Vor allem aber hat er kein Vertrauen in das Bestehen dieser Welt unter einer Yankeeregierung und will nichts tun, dem erwünschten allgemeinen Untergang vorzugreifen. Das schlimmste von allem ist, daß mein Dampfpflug so gut geht als nur irgend möglich und ihn jedermann mit staunender Bewunderung betrachtet, daß die sachverständigsten Pflanzer ihre höchsten Erwartungen für übertroffen erklären und daß trotz alldem keiner weder Mut noch Geld hat, anzubeißen. Es muß sich jetzt entscheiden. Kann ich auf zwei Monate lohnende Arbeit für den Pflug bekommen, so bleibe ich hier und zeige den Leuten, wie man nicht bloß den Boden umdreht, sondern auch Geld damit verdient. Wo nicht (denn die Pflugzeit ist eigentlich vorüber), so schüttle ich den Staub von meinen Füßen und überlasse Luisiana, das beste Land in der Welt für einen Dampfpflug, seinem Schicksal. 102. Neuorleans, den 18. März I867. Auch mit den freien Negern habe ich meine liebe Not. Halb Mensch, halb Affe – diese Geschöpfe sind dazu geschaffen, ein weißes Gemüt zur Verzweiflung zu bringen. Ihre neugewonnene Stellung gibt ihnen das Schlimmste im menschlichen Charakter; die Anmaßung der Dummheit, und ihre ehemalige Lage hat ihnen Tatkraft und Verständnis genommen, die in einem Leben in Freiheit erforderlich sind. Ich war nicht imstande, mit ihnen den Pflug vor neun Uhr morgens in Gang zu bringen. Zum Mittagessen mußten anderthalb bis zwei Stunden vertändelt werden, und nur abends arbeiteten die Geschöpfe wie weiße Leute, indem die Trägheit selbst sie verhindert aufzuhören, wenn sie einmal im Zuge sind. Mein Blut beginnt zu kochen, wenn ich manchmal an die europäische Negersentimentalität à la Onkel Toms Hütte denke. Das Pflügen geht indessen seinem Ende zu. General Longstreet ist plötzlich wieder aufgetaut und mit dem Finanzminister des Staats, der ein unternehmender Mann zu sein scheint, zu uns nach Carolten herausgekommen. Am folgenden Tag hatte ich einen Arbeitsplan für eine Gesellschaft auszuarbeiten, die nächsten Herbst mit drei Dampfpflügen in und um Neuorleans in Tätigkeit treten soll. Die Sache war in drei Tagen geregelt und hängt nur noch an einem »Wenn!« Bei dem Kongreß sollte an einem der letzten Tage ein Gesetz durchgehen, wonach unsre Pflüge auf zwei Jahre zollfrei eingeführt werden dürfen. Ist dies geschehen – ich erwarte täglich die Nachricht –, so ist ein guter Anfang gemacht. Wo nicht, so gebe ich die Hoffnung auf, hier etwas leisten zu können. Übrigens regnet es fast unablässig. Seit zehn Tagen sind wir von Neuyork abgeschnitten, da ganz Amerika unter Wasser steht. Vier oder fünf Eisenbahnzüge liegen in verschiedenen Teilen des Landes in uferlosen Seen. Ohne diese kleine Schwierigkeit wäre ich morgen auf dem Weg nach dem Norden. 103. Springfield (Illinois), den 6. April 1867. Eine Entdeckungsreise, wie ich fürchte, ohne große Entdeckungen! Neuorleans verließ ich mit dem Gefühl, daß vorläufig das Mögliche geschehen sei, daß ich aber in spätestens vierzehn Tagen zurückkehren werde. Ich gab deshalb auch meine Wohnung nicht auf, in der ich den größeren Teil meiner beweglichen Habe zurückließ. Mein Ziel war zunächst St. Louis, die Haupt- und Hafenstadt von Missouri, die ich mit der Bahn in etlichen sechzig Stunden ohne weiteren Unfall erreichte. Die Fahrt das Mississispital heraus bietet landschaftlich äußerst wenig Anziehendes. Mit Luisiana verschwinden die moosbehangenen Eichen und die fächerförmigen Palmetten der Sumpflandschaften des Südens. Der wellenförmige gelbe Lehmgrund ist mit unabsehbaren Wäldern bedeckt, in deren Lichtungen vernachlässigte Baumwollen- und Maispflanzungen, ärmliche Blockhäuser und weitangelegte leer aussehende Städtchen mit grotesken Namen erscheinen und verschwinden. Die Frage: »Was werden wir essen?« ist bis Kairo eine brennende; denn die Bahnhofspeisetische in Mississippi und Tennessee sind ein treues Bild der allgemeinen Not des Landes. In der Nähe von Kolumbus (Kentucky) war selbst von der Bahnlinie nichts mehr zu sehen. Die Schienen lagen schuhtief und meilenweit unter Wasser und waren oft auf der einen Seite dermaßen gesunken, daß man im Wagen kaum noch stehen konnte, ohne sich zu halten. Der hohe Wasserstand des Mississippi und mannigfache Dammbrüche veranlaßten diese nicht gerade erbaulichen Zustände. – Nach einer Fahrt von etwa vierzig Stunden betritt man in Kolumbus einen Dampfer, der in drei Stunden Kairo erreicht – eine wohltuende Unterbrechung. Die Ufer des Flusses, obgleich auch hier noch ganz flach, müssen mit ihren hohen, stattlichen Wäldern einen prachtvollen Anblick gewähren. Jetzt natürlich ist noch alles kahl; auch ist mir der Unterschied zwischen dem Kairo der Alten und der Neuen Welt schmerzlich aufgefallen, obgleich man kaum Zeit hat, sich desselben bewußt zu werden. Fort geht's, durch Sümpfe und Wälder, meilenweit im Wasser und dann allmählich auf die höher gelegene Ebene der Prärien von Illinois empor. In Odin, dem Kreuzungspunkt der südnördlichen und ostwestlichen Haupteisenbahnlinien des Staates, gibt es den ersten und einzigen Aufenthalt von etlichen Stunden. Es ist eine jener nagelneuen Präriestädte, die man, ehe das erste Haus gebaut ist, damit beginnt, Meilen künftiger Straßen auszustecken. Alles ist neu, alles auf die Zukunft berechnet; kein Hintergrund, räumlich und zeitlich! Die gute, deutsche Vergangenheitsduselei fühlt sich unglücklich in einer solchen Welt. Dafür unterhielt mich ein Neuyorker Advokat mit Bank- und Aktienschwindelgeschichten neuesten Gepräges, Dinge, die einem europäischen Ohr fast so unglaublich klingen, als daß die Stadt, in der wir uns befinden, vor fünf Jahren noch aus fünf Häusern bestanden habe. Wir kamen in St. Louis nachts um ein Uhr an. Der Gasthof, in dem wir zu wohnen beabsichtigen, das Lindellhouse, einer der größten der Welt, stand in lichten Flammen. Ein großartiger Anblick, einen Palast mit einer Front von etlichen hundertundfünfzig Fenstern zum Himmel emporprasseln und dann zusammenstürzen zu sehen! St. Louis ist auf hügelförmigem Grund dem Mississippistrom entlang gebaut und erstreckt sich mit seinen geschmackvollen Landhäusern tief gegen Westen. Die deutschen Einwanderer bilden die Mehrzahl der ursprünglichen Bevölkerung, weshalb man hier mehr schlechtes Englisch und weniger Deutsch zu hören bekommt als anderswo. Doch bilden unsre Landsleute im ganzen Westen ein Element, auf das wir stolz sein dürfen. Sie haben dem Charakter der dortigen Amerikaner ein eigentümliches Gepräge aufgedrückt, das ihn von dem der Yankees bis in die Bartform hinaus unterscheidet. Den Deutschen findet man freilich in dieser Gestalt nur noch tief unter der Oberfläche, wo sich im Farmer und Kaufmann etwas von dem alten Pedanten zeigt, vom Festhalten durch Dick und Dünn an einer vorgefaßten Idee, aber auch vom stetigen, umsichtigen Vorwärtsschreiten nach einem bestimmten Ziele. Hart arbeiten ist die Lust dieser Leute und viel mißbraucht werden ihr Los fast in der ganzen Union. Mit den Dampfpflügen ist es in der nächsten Umgebung von St. Louis nichts. Wo Deutsche sind, sind die Güter klein und zerstückelt und meist mit Mühe dem Urwald abgezwungen. Ein kurzer Ausflug nach Nordmissouri überzeugte mich davon. So ging ich denn vor einigen Tagen nach Springfield, »der Präriestadt«, wie die Hauptstadt von Illinois genannt wird, und fuhr oder ritt auf einem Dutzend Präriefarmen umher, die für Dampfpflüge wie geschaffen scheinen. Hier im fernen Westen bin ich nun ganz ohne Einführungen und Empfehlungen und habe im vollsten Sinne des Worts den Kampf des Pioniers zu kämpfen. Doch sind die Leute fast ohne Ausnahme freundlich, zuvorkommend und bereit, einem weiter zu helfen, wie man's in Europa selten findet. Morgen gehe ich nach Chikago, wo der Präsident der Illinois-Zentral-Rail-Road, wie er mir schreibt, das seiner Bahn gehörige Prärieland aufgebrochen haben möchte. Dann – – doch wozu Pläne für die Zukunft, in einem Land, das nur die Gegenwart kennt? 104. Buffallo, den 17. April 1867. Wieder auf dem Wasser! Der Niagara rauscht in der Nähe, wird aber übertönt von dem Dollargelispel der Yankees, das mir tagaus, tagein in die Ohren summt. Anfangs nächster Woche werde ich große Vorstellung geben, wenn alles gut geht. Im übrigen sehe ich wieder eher einem Schmied, Taucher und Bootsmann ähnlich als einem Ingenieur der Alten Welt. Euch von Chikago und meinen letzten Reiseabenteuern, die keine waren, zu erzählen, lohnt sich nicht. Wenn man jemand den unwiderstehlichen Drang in die Ferne austreiben will, so setze man ihn in einen amerikanischen Eisenbahnwagen und lasse ihn die Union in allen Richtungen durchkreuzen. Hilft dies nicht, so stecke man ihn in ein Narrenhaus. Eine Stadt genau wie die andre, ein Gasthof wie der andre, dieselben Speisekarten, dieselben Bergrücken, das heißt gewöhnlich keine, dieselben Ebenen, Wälder, Flüsse und Bäche, man mag hingehen, wohin man will. Überall Neues, Unfertiges; möglicherweise eine aufkeimende Kultur, jedenfalls eine zerstörte Natur. Die Prärien –?! Ich habe den Präriestaat von einem Ende zum andern gesehen und bin seiner unbeschreiblichen Trostlosigkeit in wenigen Tagen fast erlegen. Chikago ist allerdings eine Stadt voll des merkwürdigsten Lebens. Das ist ein Wogen und Treiben, Keimen und Wachsen, das in der Alten Welt undenkbar wäre. Aber alles nur Massenbewegung, nur Stoffwechsel; der Geist in dem Riesenjungen will so gar nicht Schritt halten mit der strotzenden Entwicklung seiner Glieder! Und die äußere Natur selbst, die in der Alten Welt mitten im geschäftigen Treiben der Menge an ihren träumerischen poetischen Überlieferungen festhält und den Frühling begrüßt und mit dem Herbst trauert, scheint hier den Kampf gegen den trockensten Realismus aufgegeben zu haben und sieht vom Golf von Mexiko bis an den Erie, von den Alleghanis bis an die Felsenberge Dakotas, so verzweifelt geschäftsmäßig langweilig, welschkorn- und bohnenartig aus, daß man's dem Geschlecht, das auf diesem Grund und Boden aufwächst, kaum verargen kann, wenn Geborenwerden, Geldmachen und Sterben ihre ganze Geschichte bildet. Wenn das Obige ein Stimmungsbild geworden ist, so hat es meine Verstimmung richtig getroffen. 105. Philadelphia, den 4. Mai 1867. Mein Aufenthalt in Buffalo war vom ersten bis zum letzten Tag harte Arbeit, doch ist sie, wenn nicht alles trügt, nicht ins Wasser gefallen. Ohne eine kurze Einleitung kommen wir jedoch nicht mehr weiter. Laßt mich ein kleines Geschäftsbild photographieren. Bitte, jetzt recht freundlich! Die Bewegung von Waren auf Flüssen und Kanälen ist trotz der Eisenbahnen noch immer die billigste und der Masse nach eine ungeheure. Auf großen Flüssen ist die bewegende Kraft längst der Dampf geworden, auf kleinen jedoch und vor allem auf Kanälen sind es bis heute noch Maultiere und Pferde, von Heilbronn am Neckar bis Chikago am Illinoiskanal. Ursache: die einzige Form, worin Dampf bis jetzt auf dem Wasser angewendet wurde – in Schrauben- und Raddampfern –, ist in seichten Flüssen und engen Kanälen teurer als Pferdekraft und nicht unter allen Umständen technisch anwendbar. In Amerika ist der Verkehr zwischen dem Westen, der seine unübersehbaren Massen von Naturprodukten zu verkaufen und dagegen sämtliche Erzeugnisse der Industrie zu kaufen hat, und dem Osten, welcher sich in der umgekehrten Lage befindet, ein riesiger. Die Anzahl und Länge der Kanäle von Westen nach Osten mit ihren Zweigen gegen Süden und Norden, das Pulsieren in diesen Adern des Weltteils läßt sich mit unsern kleinen Verhältnissen in Europa gar nicht vergleichen. Millionen Tonnen schwimmen jeden Sommer vom Erie nach Neuyork, vom Michigan nach dem Mississippi. Tausende und aber Tausende von Barken und Booten rüsten sich in diesem Augenblick zur Arbeit, die sieben Monate lang weder durch Sonn- noch Feiertage, Sturm oder Regen, Tag oder Nacht unterbrochen wird. Hunderttausende von Pferden schleppen diese Boote den mühseligen Leinpfaden entlang und erliegen tausendweise der harten Arbeit. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß die schlauen Yankees ihren Scharfsinn und Geldbeutel schon vielfach angestrengt haben, um sich den Dampf auch auf ihren Kanälen dienstbar zu machen. Die wunderlichen Pläne und Versuche, die unter diesen Verhältnissen ausgeheckt wurden, sind ein Beweis, von welcher Bedeutung die Sache ist. Unter denselben erreichte in Europa nur die Kettenschiffahrt eine gewisse, bis heute noch immer fragliche Bedeutung und kämpft mit technischen Schwierigkeiten mannigfachster Art. Vor einigen Jahren brachte sodann ein Franzose namens Bouquié einen vielversprechenden Gedanken zur Ausführung, indem er die Kettentrommeln auf dem Schlepper durch ein Kettenrad ersetzte. Beiden Systemen gemeinsam ist die durch die ganze Kanallänge liegende Kette, an der sich das Schiff fortzieht. Mein vielerwähnter Freund, Baron de Mesnil, ein blonder, aristokratischer Belgier, lernte Bouquié in Paris kennen und begeisterte sich für die Einführung seines Systems. Sein Landsmann Baron van Havre, ein guter, runder Flame, schwarzhaarig, soweit er noch Haare hat, die ihm, wie er behauptet, infolge dieser Angelegenheit ausgefallen sind, lebens- und liebeslustig, erregbar wie de Mesnil, ist sein Teilhaber, Leidens- und Freudengefährte. Beide sind von Handwerk weder Techniker noch Geschäftsleute, sondern Diplomaten bei der belgischen Gesandtschaft in Washington; beide haben die Welt gesehen und genossen von San Franzisko bis Teheran, van Havre hatte zu Paris in einem Buche die Notiz gefunden, daß der Eriekanal einen Verkehr von jährlich drei Millionen Tonnen habe, worauf sich beide nach Washington versetzen ließen. Mittlerweile hatte de Mesnil mit Bouquié Streit bekommen. In dem Drange, sich von dessen Patenten loszumachen, kam er auf unser clip-drum, die eigentümliche, von Burton erfundene Klappentrommel, womit noch vor kurzem beim Dampfpflügen das Seil in Bewegung gesetzt wurde. In Leeds wurde, wie Ihr wißt, die Sache mir übergeben, und so kam die Tauerei, das Schleppen von Schiffen an einem ruhenden Drahtseil, zur Welt. Nach den Versuchen auf dem Eriekanal im vergangenen Dezember, die in Eis und Schnee ihr Ende fanden, war de Mesnil nach Europa zurückgekehrt, wo er sich noch heute befindet, van Havre schickte mir vor drei Wochen ein Telegramm nach St. Louis, in dem er mich dringend bat, in Buffalo die Sache wieder aufzunehmen. Dort erwarte er mich »avec impatience«. So kam ich von Chikago wieder nach Buffalo; van Havre war jedoch nicht zu finden. Er lag unwohl in Washington. Zum Glück war er auch nicht nötig. Die Maschinen mußten vorerst wieder instand gesetzt werden. Vor allem war das Drahtseil, das wir im Kanal hatten liegen lassen, während des Winters von einem Schraubendampfer erfaßt, eine Viertelmeile weggeschleppt und dann zerrissen worden. Man mußte es auffischen, flicken und wieder legen. Auch brauchte ich Zeit zu gewissen Änderungen der die Klappentrommel in Tätigkeit setzenden Maschinenteile, die ich in einer Buffaloer Fabrik ausführen ließ. Nach einigen Tagen erschien van Havre. Seine Ungeduld war keine Phrase und ließ mir keine Ruhe. Ehe die erwähnten Änderungen, sogenannte Preßrollen, die das Seil zwischen die Klappen der Trommel drücken, um sein Gleiten zu verhindern, angebracht werden konnten, mußte ein Versuch ohne dieselben gemacht werden. Das Schiff bewegte sich, aber das Seil glitt, van Havre war untröstlich. Die Sache, an der sein Herz hing, schien verloren. Dann verschafften mir drei Schneesturmtage die Zeit, das unumgänglich Notwendige zu tun. Wie oft er mich während dieser drei Tage fragte, ob ich denke – ob ich gewiß glaube – ob ich überzeugt sei – ob ich wenigstens hoffe – ob ich's für wahrscheinlich halte und für wie wahrscheinlich, daß meine Rollen dem Jammer abhelfen würden, bin ich nicht zu zählen imstande. Ein stoisches Schweigen war meine Antwort. Die Tatsache war, ich wußte es selbst nicht. Versuche brauchte man ja nicht zu machen, wenn man wüßte, was sie ergeben. Schließlich waren die Rollen fertig, van Havre aber auch in fieberhafter Aufregung. Ich habe unter ähnlichen Umständen schon zu oft den Anlaßschieber einer Maschine geöffnet, um es nicht auch diesmal mit der Ruhe eines Fatalisten zu tun. Die ersten schweren, keuchenden Stöße des Dampfes sagten mir alles. Die Klappen faßten das Seil mit eisernem Griff; langsam setzte sich das schwerbeladene Schiff in Bewegung, rascher und leichter dampfte die Maschine, und jetzt schossen wir mühelos dem Strom entgegen, durch schwimmende Eisfelder brechend, unter der ersten Brücke durch. Der Erfolg war glänzend, van Havre wartete nicht, bis wir am Ende unsrer Meile angelangt waren. Er stürzte ans Ufer, um die Telegraphen der halben Welt, den atlantischen nicht ausgenommen, in Bewegung zu setzen. Abends wurde wie billig etwas Sekt getrunken, und dann in Buffalo, Neuyork, Philadelphia, Washington und Pittsburg Zeitungssturm geläutet. Darauf folgte nach mehrtägigem allseitigem Beglückwünschen der gewöhnliche Rückschlag der öffentlichen Meinung – der ewige Kampf, den alles Neue mit dem Alten zu kämpfen hat. Der Eriekanal gehört dem Staat. Die Erlaubnis, ein Drahtseil in den Kanal zu legen, hat von einer Körperschaft, den Kanalkommissären, erteilt und von der Abgeordnetenkammer des Staats bestätigt zu werden. Das Seil hindert niemand, aber die Erlaubnis ist natürlich für den, der sie bekommt, goldeswert. Es braucht nun nicht verschwiegen zu werden, denn es ist weltbekannt, daß in Amerika das Beste wie das Schlechteste um Geld zu haben ist. »Business, Sir!« In Deutschland würde man unverblümt von Bestechung sprechen, »denn die deutsche Sprak ist eine grobe Sprak«, wie schon Lessing bemerkte, der sie leidlich verstand. Und so wurde denn allabendlich Kriegsrat gehalten. Die große Frage war vor allem diese: Wen ? Und dabei handelte es sich einzig um hochgestellte, verantwortliche Beamte des Staats, von denen nichts verlangt wurde, als ihre Pflicht zu tun! Wen also? Mit wieviel ? Wie ? Van Havre, der mit der Türe zum Hause hineinfällt, wo es irgend angeht, eine Politik, die in Amerika die erfolgreichste ist, machte schließlich den Zweifeln ein Ende, indem er zu Alberger, dem in Buffalo wohnenden Kanalkommissär, ging und also sprach: »Sie sind ein ehrlicher Mann – gegenseitiges Lächeln –, aber Ihre Kollegen sind ohne Zweifel Spitzbuben! Dies ist in der Tat weltbekannt. Sie, Herr Alberger, sind uns freundlich entgegengekommen. Unsre Schleppgeschichte ist vermutlich von unberechenbarem Nutzen für den allgemeinen Verkehr. Wenn sie je mißlänge, so schaden wir niemand als uns selbst. Sie würden uns deshalb die Konzession ohne weiteres geben. Ihre Kollegen aber nach ihrer Art. Als Fremde wissen wir nun in der Tat nicht, wen wir zu schmieren haben und wieviel Öl dazu nötig ist. Tun Sie uns den Gefallen, die Sache in die Hand zu nehmen! Nennen Sie die Summe, die Sie für genügend halten, und wir stellen Ihnen dieselbe morgen zur Verfügung!« – Glaubt Ihr nun, Herr Alberger habe unsern Herrn van Havre die Treppe hinuntergeworfen, wo sie am steilsten ist? Mit nichten. In aller Ruhe und mit stehendem Lächeln, dem sichern Zeichen des Verstandenseins, wurde tagelang hin und her verhandelt. Alberger bleibt unser Freund und Berater, die Konzession ist soviel als gesichert. Das ist die Art, wie man in einer Republik regiert und regiert wird! 106. Buffalo, den 20. Mai 1867. Die Ankunft der neuen Schleppmaschine, welche nach meinen Zeichnungen in Leeds gebaut wurde und im Modell noch glücklich in die Pariser Weltausstellung gelangte, brachte mich gestern abend wieder nach Buffalo, wo ich morgen die Vorbereitungen zu einer weiteren Reihe von Versuchen beginne. Es scheint fast, als sollte ich auf amerikanischen Wassern festeren Fuß fassen als auf amerikanischem Land. Die Landfrage hat mich inzwischen auf vierzehn Tage nach Philadelphia, Washington und Neuyork geführt. Washington fand ich nicht nach meinem Geschmack. Das Abc der Straßen, dessen Trostlosigkeit fast in allen andern Städten des Ostens wenigstens durch ein paar alte Viertel gemildert ist, in welchen die Vorfahren des jetzigen Geschlechts ihrem Freiheitssinn in der Gestalt krummer Gassen Ausdruck verliehen, ist in Washington in seiner ganzen entsetzlichen Blüte zu genießen: Eine Linie durch das Kapitol von Ost nach West; eine zweite von Süd nach Nord. Von der ersten gerechnet: Straße 1, 2, 3 und so weiter bis 27 West, und Straße 1, 2, 3 bis 27 Ost. Von der zweiten an: A, B, C, bis W Nord und A, B, C bis W Süd. X, Y, Z fällt in den Potomak, ist aber auf dem Stadtplan auspunktiert für künftige Pfahlbauern. Nun aber kommt das Schlaue! Nachdem der große Washington oder sein Stadtbaumeister diesen geistreichen Plan so weit fertig hatte, muß ihm doch der Gedanke gekommen sein, daß das System sich zwar bequem, aber langweilig mache. Er zog deshalb diagonal durch das Kapitol vier weitere Linien, die unbarmherzig durch die schönen Quadrate schneiden; und dann eine Reihe Parallelen mit denselben in Entfernungen von sechs Häuserquadraten des Urplans. Auf diese Weise bildet das Kapitol den Mittelpunkt einer wunderbaren Straßensonne, die Schnittpunkte der wage- und senkrechten mit den diagonalen Linien aber eine Anzahl völlig gleichartiger Straßensterne zur vollständigen Verwirrung etwaiger Feinde des Landes. Es ist Mannheim in Karlsruhe hineingebaut. Trotz des Abc und 1, 2, 3 findet kein Mensch seinen Weg, und ist man je so glücklich, West- H -Straße erreicht zu haben, die man seit einer Stunde gesucht hat: der nächste Stern ist sicher, den aus Ärger analphabetisch gewordenen Wanderer nach M oder D hinauszustrahlen! Nächst den Straßen umfaßt die Stadt ein halbes Monument, fünf Gebäude, eine Unzahl von backsteinernen Wohnkästen und eine große Menge Lehmgruben. Da sie von hinten angefangen wurde und erst halbfertig ist, so existiert die vordere, schönere Hälfte im Osten des Kapitals noch gar nicht. In gerechtem Grimm kehrt das Kapitol der bewohnten Hälfte den Rücken zu, was jedoch die unbewohnte nicht lebendiger macht. Washington ist die einzige amerikanische Stadt, die nicht wachsen will. Es ist dies eine merkwürdige Tatsache, wenn man vom Gipfel des Kapitols die herrliche Lage betrachtet, die wie gemacht scheint für eine Weltstadt. Das Kapitol ist unstreitig schön. Die Summen, die es gekostet, hätten vielleicht mit größerem Vorteil verwendet werden können; die weiße Riesenkuppel, von einer Statue der Freiheit gekrönt, mag für den Unterbau zu hoch sein; die Verschwendung von Gold im Innern macht nicht den Eindruck, als sei besonders viel geschehen für Kunst und Geschmack; immerhin bietet der Bau mit seinen korinthischen Pilastern und seinem schimmernden Marmor einen stolzen, prächtigen Anblick dar. Das zweite Gebäude von Bedeutung ist ein Marmorhaus in ionischem Stil, das Schatzhaus ( treasury ), worin sehr unklassische Greenbacks verfertigt werden. Zwischen beiden befindet sich ein dorischer Marmorbau, das Patentoffice, das schönste und reinste von den dreien, und für mich, seines Inhalts wegen, das anziehendste. Das Postoffice in korinthischem Stil ist das vierte, und das Haus des Präsidenten in einem einfachen Grasgarten und in keinerlei Stil das fünfte der Gebäude. Das halbe Monument endlich ist ein aufgemauerter Obelisk von künftig sechshundert Fuß Höhe, der jetzt vielleicht zweihundert Fuß hoch ist, das Washingtonmonument heißt und das Scheußlichste zu werden verspricht, was bis jetzt in monumentalen Bauten geleistet wurde. ›Gehe hin nach Ägypten, du Fauler, und lerne, was ein Obelisk ist,‹ sollte auf jedem Backstein eingebrannt sein, aus dem dieses Denkmal der Gedankenarmut und Scheingröße erbaut wird. Fast hätte ich das Smithsonium vergessen, ein in rotem Sandstein und romanischem Stil ausgeführtes klösterliches Schloß oder burgartiges Kloster, eine architektonische Mißgeburt amerikanischen Geschmacks. Es enthält neben Naturalien aller Art die Beamten und Gelehrten eines wissenschaftlichen Instituts, das noch berühmt werden kann; hübsch für Amerika, aber vorläufig kaum zu vergleichen mit den großen staatlichen Sammlungen der Alten Welt. Und das ist nun wirklich alles, was zu sehen ist. Das Treiben auf den Straßen hat etwas von der Schläfrigkeit, die überall auf dem Bureauleben des Beamtentums lastet. Und doch konnte ich mich fünf Tage lang nicht losreißen. Das Patentmuseum ist in der Tat einzig in seiner Art, und jeden Morgen eilte ich mit frischem Mut in dieses Schauerbad von mühevoll ausgearbeiteten und kühn gedachten, von genialen und wahnwitzigen Ideen, obgleich ich sicher war, am Abend wie ein Blödsinniger herauszukommen. Ich dankte meinem Geschick, das mich zwang, hier eine Woche lang auf meinen famosen Freund Olcott zu warten. Es ist derselbe etwas allzu geschickte Parlamentarier, der um eine runde Summe Geldes die Aufhebung des Zolls auf Dampfpflüge für uns durchgebracht hatte. Ein ähnliches Gesetz für die Maschinen zur Seilschiffahrt wäre höchst wünschenswert. Ich fragte deshalb an, nicht etwa verblümt und in zarten poetischen Umschreibungen, sondern ganz offen und einfach: »Sagen Sie mal, Oberst, wie hoch würde uns ein solches Gesetz kommen?« – »Well, das kann ich Ihnen in der Tat im Augenblick nicht sagen. Würden Sie vorziehen, die Sache mit einer runden, festen Summe abzumachen? Oder wollen Sie mir vielleicht Prozente auf eingeführte Maschinen zusichern?« – »Das ist uns im ganzen gleichgültig.« – »Schön! Sehr gut! Lassen Sie mir eine Woche Zeit. Dann werde ich in der Lage sein, Ihnen über die Möglichkeit, die Schwierigkeiten und den Preis eines solchen Gesetzes bestimmte Angaben zu machen!« – Das sind die Gesetzgeber einer Republik! Ich hatte als Junge einmal eine Zeit, wo ich um eine Republik betete. Aber »Peter in der Fremde« sieht so manches, was »Peter zu Haus« nicht ahnen kann. Die Tyrannei eines einzelnen oder einer durch die Geburt privilegierten Klasse ist schlimm; die Tyrannei des Besitzes ist schlimmer, obgleich vielleicht berechtigt in der Welt, in welcher wir leben; aber die Tyrannei der Masse, die nach Besitz ringt, ist das Schlimmste. Sie hat und sie kennt kein Recht. 107. Neuyork, den 25. Mai 1867. Manchmal können auch Tage des ungeduldigsten Wartens ein Segen sein. Ich genoß diesen Segen in Washington in doppelter Weise, denn ich hatte nach der einen Seite hin auf meinen Oberst O. zu warten, nach der andern die Ankunft des neuen Schleppzeugs in Buffalo, das irgendwo zwischen Neuyork und dem Erie stecken geblieben zu sein scheint. So konnte ich in den letzten Tagen das einzig greifbare Ergebnis meines Aufenthalts in Washington, meine Studien im Patentoffice, ordnen und versuchen, aus der verwirrenden Masse der Einzelheiten ein allgemeines Bild des amerikanischen Erfindens herauszuschälen. Woraus ein dickleibiger Aufsatz geworden ist, mit dem ich Euch wohlweislich verschonen werde. Das Patentgesetz der Vereinigten Staaten verlangt, daß jede Patenteingabe von zwei Zeichnungen und einem aus hartem Holz oder Eisen verfertigten Modell der Erfindung begleitet sei. Letzteres soll womöglich ein »working model«, das heißt ein wirklich in Tätigkeit zu setzendes Modell sein; jedoch soll keine seiner Abmessungen die Länge von zwölf Zoll überschreiten. Diese kurze, scheinbar unwesentliche Verordnung hat sich in mancher Hinsicht von hohem Werte erwiesen. Mittels des Modells wird nicht nur der Kommission, welche über die Erteilung des Patentes entscheidet, das Verständnis der Sache wesentlich erleichtert, sondern werden auch Zweideutigkeiten und Unklarheiten der Beschreibung, oft auch der Zeichnungen, nahezu unmöglich gemacht. Selbst der Erfinder wird genötigt, sich von der praktischen Möglichkeit seiner Idee vollständiger zu überzeugen, ehe er die Regierung mit eingebildeten Rechten behelligt. Wir suchen deshalb in amerikanischen Patentberichten umsonst nach dem Perpetuum mobile und andern Maschinen, welche die Gesetze der Natur über den Haufen werfen, wie sie zum Beispiel in England noch alljährlich in reicher Menge erscheinen. Anderseits lag in dem erwähnten Gesetz eine schwerlich vorausgesehene Schwierigkeit. In Form von Papierbündeln lassen sich die Gedanken früherer Zeiten gar bequem ad acta legen; bestehen aber neben diesen papiernen Schätzen die Dokumente aus etlichen hunderttausend Modellen, zwölf Zoll in jeder Richtung messend, und vermehrt sich diese Sammlung mit der Schnelligkeit von einem Vierteltausend die Woche, so muß es einer bedrängten Verwaltung wohl bange werden, was mit dem unversieglichen Gedankenstrom eines rastlosen Volkes anzufangen sei. Selbstverständlich war es aussichtslos, mit dem raschen Überblick, den ich mir gönnen konnte, ein übersichtliches Bild des Ganzen gewinnen zu wollen. Es ist dies eine physische Unmöglichkeit. Noch ist das Gebäude, welches für die Sammlung und ihren anschwellenden Reichtum bestimmt ist, nicht vollendet, kaum ist der letzte der Schränke mit Glastüren versehen und bereits ist jeder Quadratzoll des Raumes, der für dieses Jahrhundert ausreichen sollte, gefüllt. Die wöchentliche Anzahl gewährter Patente schwankt zwischen hundertfünfzig und dreihundert und ist in fortwährendem Wachsen begriffen. Deshalb ist auch der Überblick, den wir uns heute verschaffen, morgen in seinen Einzelheiten fast wertlos. Darin liegt ein gewisser Trost für den Mißerfolg des Tages. Doch bleibt der allgemeine Eindruck, daß der Erfindungsgeist in Amerika ein wesentlich verschiedener ist von dem, der in der Alten Welt schafft. Nicht die Not allein macht erfinderisch. Es gibt eine Lust am Erfinden, die von der Not unabhängig ist. Aber nur die Not reift Erfindungen. Wenn auch da und dort ein Gedanke wie vom Himmel gefallen scheint, er bleibt jahrzehnte-, jahrhundertelang ein unfruchtbares Nichts, bis das Bedürfnis ihm die nötige Gestalt verleiht. Wir werden deshalb in den eigentümlichen Grundbedingungen des amerikanischen Lebens die Ursachen und das Charakteristische des Unterschieds suchen müssen. Der Mensch mit den Bedürfnissen einer alten Kultur tritt hier in unmittelbare Berührung mit der materiellen Welt in ihrer ursprünglichsten Form. Der Urwald und die Prärie müssen noch täglich dem Indianer und der einsam herrschenden Natur abgerungen werden. Das Leben des neunzehnten Jahrhunderts stößt gewaltsam auf die Verhältnisse des ersten ägyptischer oder chaldäischer Zeitrechnung. Selbst in Städten wie die Handelsplätze des Ostens, welche äußerlich den reichsten der Alten Welt nichts nachgeben, fühlen wir auf jedem Schritt diesen Zusammenstoß und den Einfluß des wilden Westens, der mit seinen Bedürfnissen und Hilfsmitteln mitten in diesem Kampfe steht. Die erste Aufgabe der amerikanischen Technik ist, ihm die wirksamsten Waffen hierfür in die Hand zu geben. Teilweise auf derselben Grundlage entwickelt sich eine andre bewegende Kraft. Es ist die Freiheit, in der sich jeder Amerikaner jeder Aufgabe des Lebens gegenüber fühlt. Der Schneider von gestern ist heute Präsident der Vereinigten Staaten, der Fleischer Doktor der Medizin, der Schuhmacher Ingenieur. Im Felde der Technik bietet diese Freiheit, welche in andern Gebieten der Mittelmäßigkeit und dem Schwindel Tür und Tor öffnet, geringere Gefahren. Trugschlüsse auf dem Gebiet der Nationalökonomie können ein Land zugrunde richten, ehe sie erkannt werden, Quacksalber und Winkeladvokaten ein Gemeinwesen physisch und moralisch vergiften und dabei in Ehren zu Grabe gehen. Eine Sünde gegen die Hydraulik straft sich hingegen rasch, und ein Verbrechen gegen die Festigkeitslehre schlägt den Missetäter tot, ehe es vollständig begangen ist. So bleibt in dieser Hinsicht für die erfindende Technik der Gewinn, die praktische Erfahrung in allen Gewerbszweigen, welche dem europäischen Ingenieur mehr oder weniger fremd sind, in ihrem Dienste tätig zu sehen. Ein kecker, durch nichts Hergebrachtes gebundener Mut und eine ins Unendliche sich verzweigende Mannigfaltigkeit charakterisieren deshalb vor allem den Erfindungsgeist der Yankees. Sodann sind es, wie in jedem andern Lande, eigentümliche Richtungen, welche die Technik mit Vorliebe verfolgt. Sie ergeben sich aus den physischen oder sozialen Verhältnissen des Landes. Das gewaltige und durchaus eigentümliche Verkehrsleben auf dem durch keine Rassen- und Sprachgrenzen geteilten Festlande schuf die amerikanischen Dampfschiffe und Eisenbahnen in der ihnen eignen, von den entsprechenden europäischen Verkehrsmitteln grundverschiedenen Form. Der Mangel an Arbeitskräften auf dem Gebiet der Landwirtschaft entwickelte die landwirtschaftliche Technik zu überraschender Vollkommenheit. Die in den sozialen Verhältnissen liegende Schwierigkeit, weibliche Arbeit in genügendem Grade zu erhalten, führte auf die Nähmaschine, die Waschmaschine und die hundert kleinen Vorrichtungen, welche in Küche, Haus und Keller die härteren Arbeiten erleichtern und verringern. Das rasche Entstehen der Städte und das durch die Natur reichlich gebotene Material entwickelte die Holzbearbeitungsmaschinen und so fort. Auf der andern Seite drängt der unendliche Reichtum des Landes nicht, wie in Europa, zu der auf die höchste Stufe getriebenen Vervollkommnung der Hilfsmittel, und vor allem fehlt dem Amerikaner die wissenschaftliche Grundlage, mittels deren allein diese Vollkommenheit erreicht werden kann. Auf welcher Seite des Atlantischen Ozeans die Erfindungskraft tätiger arbeitet, muß vorläufig wohl unentschieden bleiben. Der erste Eindruck täuscht allzuleicht. Auch der Amerikaner, der in Europa ankommt, fühlt sich in einer neuen Welt. Was die Priorität großer Gedanken betrifft, so kommt Amerika bei näheren Forschungen gewöhnlich schlecht weg; denn jede große Idee taucht im Laufe der Zeit zehnmal auf, ehe sie zur lebensfähigen Erfindung wird; Amerika ist aber zu jung, um sich mit der Alten Welt messen zu können. Wer die erste Turbine, das erste Dampfschiff, die erste Mähmaschine erdacht hat, sind selbst in der alten Welt nie ganz zu entscheidende Fragen. Während hier in Amerika der Geist des Erfindens mehr ins Breite, Mannigfaltige arbeitet, erscheint er drüben konzentrierter; ist er hier vielleicht schöpferischer, so ist er in Europa entwickelter. Jedenfalls ist er hier wie dort kein Maßstab für das Geleistete. Der Gedanke ist nur ein Teil der Erfindung, ein viel unbedeutenderer, vom praktischen Standpunkt aus, als man gewöhnlich annimmt. Auf dem ganzen zehn Millionen Quadratkilometer umfassenden Gebiete der Vereinigten Staaten haben wir zu suchen, was dieser Geist, dessen Geburtsstätte ich in den drei Stockwerken des Patentamtes bewunderte, wirklich zu schaffen imstande war, wenn wir uns ein richtiges Bild von der amerikanischen Technik, verglichen mit derjenigen der Alten Welt, machen wollen. 108. Albany, N.-Y., den 23. Juni 1867. Seit einem Monat quälen wir uns mit dem ersten Schritt zur Einführung der Seilschiffahrt auf dem Eriekanal. Die Erlaubnis, auf seinen Grund ein Drahtseil zu legen, hängt von den drei »Kanalkommissären« und dem »Kanalboard« ab, einer Wirtschaft, die »Stein erweichen, Menschen rasend machen kann«. Das »Kanalboard« besteht aus zehn vom Volke des Staats Neuyork erwählten Bürgern, die alle Monate einmal die Kanalverhältnisse besprechen und die »Kanalkommission« beaufsichtigen. Die letztere hat die staatlichen Kanäle in technischer und finanzieller Beziehung zu verwalten. Das Amt erfordert daher drei nach diesen beiden Richtungen hin durchaus gebildete Männer von strenger »republikanischer« Rechtlichkeit, da Bau und Erhaltung der Kanäle Millionen der öffentlichen Gelder beanspruchen. Nichtsdestoweniger wird die Besetzung dieser Posten von dem souveränen Volk als reine Parteifrage behandelt und mit jedem Umschwung der politischen Launen der Massen ein andres Beamtenkorps eingesetzt, welches gewöhnlich das alte an Unfähigkeit und vor allem an Gier übertrifft, die kurze Frist, die ihm vergönnt ist, zum eignen Vorteile nach Kräften auszunutzen. Ein Blick in dieses Getriebe genügt, um einen einfachen Menschen an der Menschheit verzweifeln zu lassen. Unsre neue Maschine kam Ende Mai in Neuyork an. Die Kanalkommissäre wollten, wie billig, von der Brauchbarkeit und dem Nutzen der Seilschiffahrt überzeugt sein, ehe sie die Konzession gewähren zu können glaubten. Die Maschine wurde deshalb nach Buffalo geschickt, dort auf einem gemieteten Boot aufgestellt, mein »transatlantisches« Kabel wieder versenkt und die Geschichte in Bewegung gesetzt. Es ist an sich eine interessante mechanisch-psychologische Aufgabe, das Trägheitsmoment des lieben Publikums zu überwinden. Wie bei einem gewaltigen Schiff, scheint es fast unmöglich, die Muffe in Bewegung zu bringen. Trotz Aufbietung aller Kräfte ist nichts fühlbarer als der tote Widerstand; erst nach und nach wird eine leise Bewegung bemerklich, die sich, mit jeder Minute wachsend, schließlich ohne weitere Kraftanstrengung nahezu selbst erhält. So ging es uns in Buffalo. Anfänglich hielt es schwer, selbst die Leute, deren Leben von der Kanalschiffahrt abhängt, dahin zu bringen, unsre Versuche auch nur anzusehen. Später lief die halbe Stadt, der Gemeinderat, die Handelskammer, die Kanalbeamten, die Zeitungen, und unser Sieg schien gesichert. Der Stadtrat und die Handelskammer faßten Entschließungen, welche die alsbaldige Einführung des Systems empfahlen. Die Kanalkommissäre aber nicht also. Der in Buffalo war zwar wohlgesinnt, besaß aber nur ein Drittel der Staatsgewalt, die in den Händen dieser Körperschaft liegt. Der einzige Weg zum Ziele schien daher ein Angriff in Albany, der Hauptstadt des Staates Neuyork, wo der Kanal in den Hudson mündet und die andern Herren sowie die Kammer der Abgeordneten hausen. Dort mußte die Schlacht von Buffalo nochmals geschlagen werden. Hierzu hatten wir siebzehn Tage Zeit, denn auf dem Hudson-Delaware-Kanal, der in den Kohlendistrikten Pennsylvaniens seinen Anfang nimmt, mußte vor Ablauf von drei Wochen eine ähnliche Vorstellung gegeben werden. Mitte Juni war überdies die monatliche Sitzung des Kanalboards des Eriekanals. Auch deshalb hatte um diese Zeit unser Schleppzeug in Albany im Gang zu sein, wenn nicht wieder Monate verloren werden sollten. van Havre, dem die widerwärtige Tätigkeit in Buffalo zum Tode entleidet war, glaubte auf acht Tage nach Washington gehen zu »müssen«, wenn er am Leben bleiben sollte. Unsre ziemlich bedeutenden Rechnungen in Buffalo sollten durch einen Wechsel von Neuyork aus bezahlt werden und ein andrer Wechsel sollte mich in Albany direkt bei meiner Ankunft erwarten, da wir nahezu unsre sämtliche Barschaft in den unzähligen kleinen und größern gelegentlichen Ausgaben aufgebraucht hatten, die in der Natur solcher Unternehmungen liegen. Nachdem diese Pläne besprochen waren, reiste van Havre ab, und ich packte meine Maschinen mit der äußersten Geschwindigkeit zusammen. Einen Versuch der Polizei, dieselben im Augenblick der Abfahrt infolge eines Zollmißverständnisses mit Beschlag zu belegen, das mich einen unbezahlbaren Tag kostete, kann ich nur berühren. Eine Nachtfahrt brachte mich nach Albany, wo ich zunächst die maßgebenden Kanalleute aufzusuchen hatte, die über eine Oberfläche von etlichen vierzig Quadratmeilen zerstreut wohnen, was mir das Vergnügen eines Treibjagens mittels Eisenbahnen, Booten und Pferden gewährte. Die Nacht darauf kamen meine Maschinen an, und nun begann ein toller Kampf; denn van Havres Wechsel, der nervus rerum gerendarum, wollte nicht erscheinen. Ich hatte noch sechzig Dollars in der Tasche. Die Fracht für die Maschinerie betrug achtzig Dollar. Die Bahnverwaltung wollte die Maschinen ohne Bezahlung nicht herausgeben, und jeder Tag, jede Stunde begann kostbar zu werden: denn am 18. mußte ich schlechterdings fertig sein. Ich telegraphierte nach Washington, Philadelphia und Neuyork um Geld. Das Haus in Philadelphia mit dem die Fowlers in Verbindung stehen, schickte umgehend einen Wechsel von zweihundert Dollar, da jedoch die Firma in Albany nicht genügend bekannt war, mußte ich ihn wieder zurücksenden und um bares Geld bitten, van Havre telegraphierte, daß sein Bankier den versprochenen Wechsel geschickt zu haben behaupte. Drei Wochen später stellte sich heraus, daß derselbe aus Versehen nach Buffalo gegangen war. Es war Freitag, und der 18. war am folgenden Dienstag. Ich machte jetzt verzweifelte Versuche, meine Uhr zu verpfänden, eine Situation, in die ich in diesem Leben noch nie gekommen war, konnte aber kein Pfandhaus finden und hatte, als Neuling, meine Bedenken, nach einem solchen zu fragen. Am Freitagabend nahm die Bahnverwaltung so weit Vernunft an, daß man wenigstens mit der Montierung auf dem Boot, das ich indessen auf Treu und Glauben gemietet hatte, beginnen konnte. Ich ließ das Drahtseil, das vierhundert Dollar wert ist, als Pfand zurück und bekam dafür die Maschinenteile heraus. Wie aber Unglück selten allein kommt – während des Montierens, bei dem ich natürlich im Drang des Augenblicks nach Kräften Hand anlegte, muß mir meine Brieftasche aus der Tasche gefallen sein, und als ich abends meine acht Arbeiter bezahlen wollte, fand sich, daß ich nicht mehr einen Cent besaß. van Havre sollte an diesem Abend ankommen, kam aber nicht. Auch Geld von Neuyork, das möglicherweise hätte da sein können, tauchte nicht auf. Überdies befand sich jeder Nachweis über meine Persönlichkeit, ohne den ein Wechsel nicht zu versilbern ist, in der verlorenen Brieftasche. Mit dem Mute der Verzweiflung kündigte ich trotz alledem in den Abendzeitungen an, daß am Dienstag die Seilschiffahrtsversuche beginnen werden. Am Sonntag aber »war ich stille nach dem Gesetz« und wußte warum. Es ist ein eigentümliches Gefühl, im ersten Hotel einer Stadt wildfremd und ohne einen roten Heller zu sitzen. Montag früh kam das Geld von Neuyork. Eine Stunde später war ich im Besitz meines Drahtseils. Drei Stunden nachher war alles an Bord und eben, als wir im Begriff waren, den Kanal hinauf nach dem mir angewiesenen Platze zu segeln, kam auch van Havre von Washington mit vollen Taschen. Am Dienstagnachmittag war ich bereit. Das Kanalboard kam jedoch nicht. Die Herren waren zur Zeit selbst in der größten Not. Der Hauptkanal war im Lauf der letzten vierzehn Tage infolge der bodenlosen technischen Verwaltung an vier oder fünf Stellen gebrochen, die Schiffahrt nahezu eingestellt und das ganze Land schrie Mord und Brand. In den Zeitungen wurden die Kanalkommissäre behandelt, wie es nur in amerikanischen Zeitungen möglich ist. »Spitzbuben, Schufte, unfähige Esel«, waren ihre mildesten Titel in den Oppositionsblättern, und »bedauerliche Nachlässigkeit, wirklich unverantwortliche Fehler« der wehmütige Ton ihrer eignen Organe. So gelang es denn erst am letzten Tag ihres Zusammenseins, sie mittels Champagner und Droschken an Ort und Stelle zu locken, wo sie dann nach den Leiden der letzten Tage sich gütlich taten, ihre hohe Zufriedenheit mit unserm Tun aussprachen und die Konzession am 9. Juli, ihrem nächsten Sitzungstage, zu geben versprachen. Morgen gehe ich an den Hudson-Delaware-Kanal. van Havre geht natürlich wieder auf ein paar Tage nach Washington, wohin ihn Herzensangelegenheiten ziehen, und läßt mich allein zappeln. Trotzdem ist er ein liebenswürdiger Kamerad, mit dem, oder richtiger gesagt, für den ich gerne arbeite. Im Süden will's mit den Dampfpflügen noch nicht vorwärts gehen. Luisiana hat in den letzten Monaten unsäglich gelitten. Die Dammbrüche haben die nächste Zuckerernte nahezu vernichtet. Mississippi und Alabama ist nicht viel besser daran und die täglich aufgeworfene Frage ist, wie Tausende und aber Tausende von Menschen wenigstens vom Hungertod gerettet werden können, dem sie im Südosten tatsächlich erliegen. Die unmittelbare Folge hiervon war, daß die Dampfpfluggesellschaft, welche Longstreet begründet zu haben glaubte, wieder zerfiel und die drei Pflüge bis auf weiteres nicht bestellt werden. Eine bittere Pille! Was greifbare Erfolge betrifft, war all mein Arbeiten in Amerika bis jetzt soviel als weggeworfen: das Wegwerfen des Säemanns, der seine Körner auf einen fast unbekannten Boden streut. Meine Freunde in England sind sich zum Glück vollständig klar darüber, daß wir mitten in einem Versuch stehen, und schreiben in der freundlichsten und ermunterndsten Weise, ich möge nur den Mut nicht verlieren, überdies bin ich allmählich auf der Stufe des Arbeitens und Schaffens angelangt, auf welcher die getäuschten Hoffnungen von heute und die übertroffenen Erwartungen von gestern wenig entscheiden. In engeren Verhältnissen ist dies anders. Ein Sieg, eine Niederlage bringen dort gewöhnlich die Frage zum Austrag. In dem Krieg, in dem ich hier lebe, wechseln beide unaufhörlich und eine der großen Aufgaben ist, ein kühles Urteil über ihren Wert zu bewahren und beide nicht zu überschätzen. 109. Honesdale (Pennsylvanien), den 8. Juli 1867. Manchmal ist mir doch, als sollte ich diese Schlepperei nicht mehr weiterschleppen. Das Widerstreben gegen alles, was aus der Alten Welt und namentlich aus England kommt, ist hier im Norden eine förmliche Macht, gegen welche es nahezu unmöglich ist anzukämpfen. Neue, erst in der Entwicklung begriffene Gedanken können unter solchen Umständen nicht gedeihen. Sie brauchen, wie jedes junge Pflänzchen, neben der mühevollen Pflege auch einen Boden und ein wenig Sonnenschein zum Wachsen. Daß die Sache selbst im Laufe der Zeit Wurzel fassen wird, davon bin ich überzeugt. Jetzt aber geht sie durch jene Feuerprobe, die jede Erfindung durchzumachen hat und die bei tiefgreifenden Neuerungen nur zu oft eine halbe Lebenszeit, wenn nicht mehr, von verlorener Arbeit und getäuschten Hoffnungen verschlingt. Es ist nicht zu erwarten, daß es uns besser gehen sollte als andern. de Mesnil ist noch immer in Europa. Er wird täglich zurückerwartet. Mittlerweile habe ich auf dem Hudson-Delaware-Kanal Vorstellungen gegeben und wenigstens zweitausend Dollar erobert, die ein paar weitere Versuche bezahlen können. Nebenbei hatte ich wieder mit der Regierung der großen und unteilbaren Republik zu tun. Oberst Olcott, das Kongreßmitglied, das uns zum Preis von x Dollar Zollfreiheit für Dampfpflüge erstritt, hat die viertausendzweihundert Dollar, die ich in Neuorleans als Eintrittsgeld für den dortigen ersten Pflug bezahlen mußte und die wir infolge des Gesetzes zurückbekommen sollten, mit strategischem Geschick in seine eigne Tasche laufen lassen, weshalb ein Prozeß anhängig ist, um sie wieder herauszubekommen. Dies ist jedoch hierzulande kein Hindernis, mit ihm wegen der Schleppmaschinen in neue und ähnliche Verhandlungen zu treten! Um y Dollar will uns nun der tapfere Oberst auch dieses zweite Gesetz durchsetzen. Die naive Bestechlichkeit, das landesübliche Backschisch des Orients wird fast erträglich in dieser Welt republikanischer Tugenden. Samstag vor acht Tagen kam ich hier an. Honesdale ist ein kleines, niedliches, kohlengeschwärztes Städtchen in wilder, waldiger Gebirgsgegend, bei dem der »Hudson-Delaware-Kanal« seinen Anfang nimmt und sich alsdann in Schlangenwindungen dem hundert Meilen entfernten Hudson zuwindet. Der Verkehr auf diesen Kanälen ist unglaublich. Täglich verlassen 60–70 Schiffe, mit Kohlen beladen, das Dörfchen und 60–70 kehren von Rondout oder Neuyork zurück. 3–4000 Pferde sind acht Monate lang beschäftigt, um gegen zwei Millionen Tonnen Kohlen nach dem Osten zu bringen. Bloß die Taue, an welchen die Pferde ziehen, kosteten in den letzten zehn Jahren viermalhunderttausend Dollar. Auf meine Versuchsmaschinen mußte ich hier zunächst zwei Tage lang warten, die der Himmel dazu benutzte, mir einen wunderlichen Wink zu geben. In der Abenddämmerung hatte ich in dem kleinen, einsamen Gasthof Klavier gespielt, um mir die Zeit und die etwas trübe Stimmung zu vertreiben. Da erschienen am folgenden Morgen drei schwarzgekleidete Herren, die mich feierlich einluden, die Stelle des vor vierzehn Tagen verstorbenen Organisten der Baptistengemeinde des Ortes zu übernehmen. »Nennen Sie Ihren Preis. Wir brauchen einen Mann wie Sie!« schloß der höfliche Sprecher. Recht befriedigend verliefen sodann die Versuche auf dem Kanal, so daß ich jedenfalls noch nicht Baptistenorganist zu werden brauche. Nur zittern die Quäker in Philadelphia, in deren Hände die Entscheidung liegt, noch zu sehr vor den hohen Summen, um die es sich handelt, wenn die Seilschiffahrt auf ihrem Kanal vollständig eingeführt werden sollte. – 110. Neuyork, den 21. Juli 1867. Die Sache macht Fortschritte! Am letzten Tage der Versuche von Honesdale kam de Mesnil in Neuyork an. Am folgenden Tag hatten die Kanalbehörden des Staats ihre Monatssitzung. Er und van Havre eilten daher nach Albany, um unser Konzessionsgesuch für den Eriekanal zur Entscheidung zu bringen. Der Tag war für jeden Unbeteiligten ein Lustspiel. Die Politik der Gegenpartei bestand darin, unsre Angelegenheit überhaupt gar nicht zur Beratung kommen zu lassen, van Havre, die Pfeife im Mund, belagerte daher während der Morgensitzung das Vorzimmer des Sitzungssaals und packte jedes der Mitglieder, das sich herauswagte, mit der nur ihm eignen derben Zutraulichkeit an, die übrigens dem Yankee zusagt, »Damn me, Sir, it´s a free country! Let's have a chance!« – oder: »Look here, Sir, if you don´t give us that concession, the State of New-York ought to be kicked out of the Union!« – Nachmittags, als mit jeder Minute die Wahrscheinlichkeit einer Entscheidung abnahm, ging van Havre ohne weiteres in den Sitzungssaal und fing an, trotz alles Widerspruchs des Vorsitzenden, so oft eine Pause eintrat, seine Angelegenheit vorzubringen. Unter allgemeinem Gelächter und Aufruhr wurde um fünf Uhr abends die Entschließung angenommen, die uns das Recht gibt, auf allen Kanälen des Staats Neuyork die nötigen Drahtseile zu legen und unser Schleppsystem entweder selbst oder durch Gesellschaften in Ausführung zu bringen. Leider muß dieser Beschluß von der Abgeordnetenkammer des Staats bestätigt werden. Was das noch kosten wird, weiß der Himmel. de Mesnil hat während des Winters und Frühlings in Europa tüchtig vorgearbeitet und mittels des gesellschaftlichen Einflusses, der ihm in Belgien zu Gebot steht, dort seine erste Gesellschaft für die Einrichtung des Systems auf der Maas zustande gebracht. Hier scheint es schwieriger zu sein, größere technische Unternehmungen einzuleiten, als man bei der sprichwörtlichen Unternehmungslust der Amerikaner glauben sollte. Der erste Gedanke eines Yankees, dem man vorschlägt, etwas dieser Art in die Hand zu nehmen, ist: wie er einen Engländer dran kriegen kann, ihm das nötige Geld zu leihen. Doch genug von Geschäften! Ich fürchte, meine Briefe fangen an, amerikanisch zu schmecken. Alles Geldfragen, und »Erlisten, Erraffen« der einzige belebende Gedanke. Aber wenn ich auch mit den Wölfen heule, werde ich doch wohl nie lernen, ihr Geheul besonders angenehm zu finden. 111. Neucastle (Delaware), den 30. Juli 1867. Gestern fuhr ich von Philadelphia nach dem niedlichen Landstädtchen, in dem ich heute an einem dreibeinigen Tischchen schreibe, um den Präsidenten des Delaware-Chesapeake-Kanals aufzusuchen, der gleichzeitig an mir vorüber nach Philadelphia gefahren ist. So liegt nichts im Weg als ein kleiner Ärger, mich philosophischen Betrachtungen über Land und Leute hinzugeben, denn es ist jetzt das klügste, den würdigen alten Herrn hier zu erwarten. Mehrere der pennsylvanischen Kanalgesellschaften haben nämlich erklärt, nicht abgeneigt zu sein – wie vorsichtig die Herren sich ausdrücken! –, auf einem geeigneten Kanal gemeinsam einen Versuch mit Seilschiffahrt in großem Maßstab zu machen. Mr. Grey, der obbemeldete Präsident, soll für unsre Sache eingenommen sein, und sein kleiner Kanal ist wie gemacht für ein derartiges Vorgehen. Unglücklicherweise aber besteht ein Vertrag, der einer andern Gesellschaft bis zum nächsten März das ausschließliche Recht gibt, sämtliche Schiffe auf demselben zu schleppen, so daß uns die letztere den Plan bis auf weiteres verbieten kann. Diesen Knoten möchte ich nun zunächst mit Hilfe des Kanal-Präsidenten lösen, der dies wohl fertig bringen dürfte. Im allgemeinen gefallen mir die Leute in Pennsylvanien weit mehr als die in Neuyork. Weniger Schwindel und politischer Humbug, mehr ernstes, ehrliches Geschäft, auch mehr von jenem allgemein menschlichen Ton, der nicht ganz und gar in Eisenbahnprojekten erstickt. Philadelphia selbst in seiner ziegelsteinernen Einfachheit und ruhigen Geschäftstätigkeit bietet einen auffallenden Gegensatz zu dem heitern, glänzenden, gierigen und leidenschaftlichen Neuyork. Es geht uns wohl mit den Städten eines fremden Landes wie mit den Gesichtern eines fremden Volkes. In den ersten Wochen sehen sich alle Leute gleich und erst nach und nach treten die Züge jedes einzelnen aus dem Nationalgesichtsmodell heraus. So beginnen mir auch allmählich die besonderen Unterschiede von Neuyork und Philadelphia, Cincinnati und Chikago, Memphis und Neuorleans, die sich anfänglich nur unterschieden wie die Eier einer Henne, bemerklich zu werden. Aber trotzdem bleibt der Eindruck, daß wohl in keinem Lande der Welt das einzelne so wenig Eigentümliches bietet und nirgends so wenig Seele in dem Wollen und Schaffen, dem Wachsen und Bauen des Volkes tätig zu sein scheint als hier. 112. Philadelphia, den 20. August 1867. In den letzten Wochen war ich abwechslungsweise in Neuyork, Philadelphia, Lambertsville, Trenton, Bordentown, Neucastle, Neuwark, Wilmington, sämtlich Städte und Städtchen in Pennsylvanien, Neujersey und Delaware, um die erforderlichen Kanalgesellschaften zu dem geplanten gemeinschaftlichen Vorgehen zu bewegen. Die Bearbeitung der acht Kanalpräsidenten ist kein Kinderspiel. Zunächst darf der unbekannte Ausländer herzhaften Widerspruchs sicher sein. Es braucht einige Zeit, bis sich die Leute nur die Mühe nehmen, unsre Pläne anzusehen. Geschieht dies endlich, so schauen sie ein wenig auf und werden höflicher. Sobald sich aber die Sache als etwas Neues, noch nicht Erprobtes darstellt, tritt ein Rückschlag ein. Die Geschichte der Erfolge unsrer bisherigen Versuche ist kaum imstande, wieder einige Wärme zu erzeugen. Mittlerweile hat sich doch das eine oder andre der greisen Häupter so weit vergessen, die Idee für »beachtenswert« zu erklären. Von dieser günstigen Wendung, in etwas aufgefrischter Form, werden die andern schleunigst benachrichtigt. Die allgemeine Temperatur steigt ein wenig, und unter scheinbar günstigen Umständen wird der Plan des gemeinsamen großen Versuchs berührt. Darauf plötzliche, entsetzliche Kälte und allgemeiner Stillstand des Fortschritts. Geduld. Einige Zeit ist nötig, um den erschütternden Eindruck des Schlags verklingen zu lassen. Indessen wird der günstigste Kanal für das Experiment ausgewählt und der Präsident Z eines andern entfernten Kanals auf die Vorteile desselben aufmerksam gemacht. Der Präsident Z hat nichts dagegen, wenn die Erfindung auf dem Kanal des Präsidenten A probiert wird, solange man nur ihn selbst in Ruhe läßt. Die Präsidenten U, V, W, X, Y werden von der Ansicht des Präsidenten Z benachrichtigt und nicken die Köpfe, die Präsidenten B, C und D gleichfalls, jedoch unter Kopfschütteln. Der unschuldige Präsident A bleibt vorderhand im Dunkeln. Z, der energische Mann, spricht sogar die Ansicht aus, daß sein Aufsichtsrat »wahrscheinlich« oder »vielleicht« ein solches Vorgehen unterstützen würde, namentlich wenn andre Kanäle sich dabei beteiligen wollten. Die andern Präsidenten denken, daß ihre Aufsichtsräte möglicherweise derselben Ansicht sein dürften. Jetzt ist es Zeit, den Präsidenten A vorsichtig zu benachrichtigen. Der Mann ist versteinert und aus dem ersten Schrecken fängt er leidenschaftlich an, den Kanal des Präsidenten Z zu empfehlen und eine Beisteuer von zweitausend Dollar zu versprechen, wenn man seinen Kanal in Ruhe lasse. Schleunigst werden wieder die andern von diesem großmütigen Anerbieten benachrichtigt, das ein sicherer Beweis ist, wie sehr sich Präsident A von den Vorteilen unsers Systems überzeugt hat. Großer Rückschlag, denn die Erwähnung einer runden Summe war gefährlich, und so windet sich die Sache in Schlangenwindungen ins Endlose. Wenn sonst nichts draus wird, wird doch eine Komödie draus. Man glaubt nicht in Amerika zu sein, dessen kecker Unternehmungsgeist in der Alten Welt zum Sprichwort geworden ist. Aber die Menschen sind sich überall verzweifelt ähnlich. Indessen schloß ich gestern den ersten Vertrag bezüglich dieses Plans mit einem der pennsylvanischen Kanäle, dem Raritan, schwarz auf weiß ab. Ein greifbarer Sieg wenigstens ist gewonnen; die folgenden sind hoffentlich leichter. 113. Neuyork, den 8. September 1867. Eine fast zermalmende Niederlage! Unsre Eriekanaltruppe, de Mesnil und van Havre, kam gestern mit hängenden Köpfen von Albany zurück, zwischen Wut und Weltschmerz schwankend. Die Abgeordnetenkammer weigert sich, der Entschließung des Kanalboards beizutreten, der große Sturm auf den Staat Neuyork ist für den Augenblick schmählich abgeschlagen. van Havre stürzte nach Washington, um sich als junger Ehemann in den Armen der Liebe zu trösten; de Mesnil rauft sich seinen blonden Bart aus und geht nach Neuport, um Seebäder zu gebrauchen. Beide schimpfen auf einen alten Herrn in Buffalo, der den ganzen Feldzugsplan für sie entworfen habe, in unparlamentarischen Ausdrücken, und dieser wird vermutlich in seinen Kreisen die beiden Belgier in ähnlicher Weise mit Liebkosungen überschütten. Mittlerweile hatte ich in Philadelphia freie Hand gehabt. Der Aufsichtsrat des Raritankanals hatte seinem Direktor Vollmacht gegeben, das Nötige mit mir zu vereinbaren. Nach einer langen, befriedigenden Beratung unterzeichnete der Herr den Vertrag für den großen Versuch und ich einen Sondervertrag in betreff der Einführung des Systems auf dem Raritankanal, demzufolge der Kanal im Fall eines günstigen Ergebnisses nicht mehr als 40–50 000 Dollar an de Mesnil zu bezahlen hat. Der Schuylkillkanal war der nächste in der Reihe. Dessen Präsident, ein liebevoller alter Herr, ein vollständiges Gegenstück des Neuyorker Yankeetums, ist mit dem ganzen Plan einverstanden und verspricht, noch in dieser Woche die nötigen Formsachen zu erledigen. Dies gibt uns die beiden wichtigsten Kanäle des Staats, und so ist fast kein Zweifel mehr, daß wir hier an ein Ziel kommen werden. Was damit gewonnen wird, ist wenig genug. Nur die Möglichkeit, zu zeigen, was uns selbst noch in manchen Punkten unklar ist. Es ist jedoch das einzig richtige, der einzig mögliche Weg, vorwärts zu kommen, indem gewisse praktische Fragen auf keine andre Weise beantwortet werden können als durch einen derartigen Versuch in großem Maßstab. Der Verkauf eines der Fowlerschen Patente, den ich einzuleiten suchte, unterbrach diese Verhandlungen und führte mich auf etliche Tage nach Nordpennsylvanien in die merkwürdigen Kohlendistrikte des Lukawanatals. Die Fahrt von Delaware hinauf ist um diese Jahreszeit ein Hochgenuß. Die Bahnen in diesen Bezirken, die über Berg und Tal, durch Sumpf und Wald hinlaufen wie Feldwege in Deutschland, bieten eine Reihe von Aus- und Fernsichten, von wilden, ungestörten Naturbildern, wie man sie von den Fenstern eines Eisenbahnwagens in Europa kaum zu sehen bekommt. Und wenn auch im allgemeinen das Einförmige der amerikanischen Landschaften sich selbst in diesen Bergen nicht verleugnet, so ersetzt doch das prachtvolle, üppige Grün der Wälder, das förmlich mauerartig Massige des Baumschlags dem Auge, was es an kecken, mannigfaltigen Formen vermißt. Verglichen mit englischen Kohlen- und Eisendistrikten mit ihren kahlen, melancholischen Wellenhügeln, mit ihren ewigen Nebeln und ihrem nie sich hebenden Rauch und Ruß sind diese amerikanischen Minengegenden wahre Paradiese. Begraben in grünem Waldesdickicht, liegen an den gewaltigen Bergabhängen oder in kaum zugänglichen Felstälchen die Schachtöffnungen. Durch fast undurchdringliches Gestrüppe von wildem Lorbeer, Stechpalmen, Eichen und Fichten drängen und schlängeln sich die unbegreiflichsten Eisenbahnen über Berggrate und, mit den ungezähmten Waldbächen in die Wette, durch Schluchten, in die man nur von Zweig zu Zweig sich schwingend hinunterkommt. Das Ganze ist eine solch wunderliche Mischung von wilder, ungestörter Natur und emsigem, geschäftigem Menschentreiben, wie sie eben nur in Amerika möglich ist. Selbst unter dem Boden haben diese pennsylvanischen Bergwerke ein menschlicheres Aussehen. Die Minen im Lukawanatal, in welchem Scranton liegt, sind nur hundertsiebzig bis dreihundert Fuß tief, und sämtliche Schachte, die ich besuchte, haben sechs bis acht Fuß dicke Flöße, so daß Maultiere und Menschen unvergleichlich besser daran sind als die meisten ihrer europäischen Leidensgenossen. Im Schuylkilldistrikt sind die Flöße teilweise von einer Stärke von fünfzig bis sechzig Fuß, was des Guten beinahe zuviel ist. Mit Oberst Olcott und seinen viertausend Dollar geht's noch nicht besser. Der Mann gibt nichts heraus, der Rechtsstreit ist im Gang; da jedoch die meisten Kongreßmitglieder sich und den Staat öffentlich und im Verborgenen bestehlen, so macht ihm das keinen Kummer. Eine so schamlose, alle Zweige des Lebens durchdringende Korruption, wie sie ein republikanisches Regierungssystem zur Entwicklung bringen kann, habe ich wirklich unter zweibeinigen Menschen nicht für möglich gehalten. Und was das Wunderbare an der Sache ist: je republikanischer, je allgemein-stimmrechtlicher, um so scheußlicher wird das Ergebnis der Selbstregierung. Pennsylvanien ist republikanisch, aber doch mit gewissen Beschränkungen, und die Interessen des Staats sind in den Händen der Kanal- und Eisenbahngesellschaften, welche die Masse beherrschen. Der Staat ist ein republikanischer; sein öffentliches Wohl liegt in den Händen von ein paar Dutzend Politikern und Schreiern, welche Volk, Kanäle und Eisenbahnen bestehlen wie die gemeinsten Spitzbuben. Neuyork (Stadt) ist republikanisch bis zur äußersten Grenze der Möglichkeit (man nennt diese Färbung hier »demokratisch«), und der letzte Kongreßmann, den die Stadt nach Washington schickte, ist buchstäblich ein versoffener Spieler. »Freiheit, die ich meine!« – Das Auswanderungsfieber von drüben ist bei den hier herrschenden Zuständen eine schwer erklärliche Erscheinung. In Bewegungen dieser Art sind die einzelnen mit ihrem Wollen und Wissen nicht mehr als Atome eines aufgelösten Kristalls. Sie folgen dunkeln Gesetzen, die sie ebenso oft zum Untergang als zum Leben drängen und die oft Jahrhunderte später kaum erkennbar werden. Wie ist die Völkerwanderung erklärlich, oder die Kreuzzüge? Die modernen Goten, Sueven oder Vandalen ziehen heute nach Westen, nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen, und werden sich ohne Zweifel den Kopf auf den friedlicheren Riesenschlachtfeldern der Neuen Welt so übel zerschlagen als einst ihre Vorgänger auf denen der Alten. Wohl denen, deren Schädel hart genug ist! 114. Philadelphia, den 16. September 1867. Die Trauben hängen wieder etwas höher, sauer sind sie noch immer. Für meinen Versuch auf dem Chesapeakekanal hatte ich schließlich vier Gesellschaften vereinigt und war siegesgewiß. Gray, der Präsident des Chesapeake, hatte versprochen zu tun, was der Raritankanal empfehle, und dieser war der erste, der meinen Vertragsentwurf unterzeichnet hatte. Nun ging ich wieder nach Neuyork und fand die Leute des Morriskanal geneigt, das fünfte Rad an meinem sechsräderigen Karren zu bilden. Der Chesapeake selbst, von dem schließlich das Ganze abhing, sollte nämlich das sechste bilden. Ihr könnt Euch deshalb mein Entsetzen vorstellen, als Gray mir bei meiner Rückkehr nach Philadelphia erklärte, nach reiflicher Überlegung wolle er und sein Kanal nichts mit der Sache zu tun haben. Die Pferde seien ihm gut genug. Er glaube, daß unsre Erfindung vorteilhaft sein könne. Er habe aber keine Veranlassung, sich mit Verbesserungen, namentlich andrer Kanäle, zu befassen. Ich hätte den Mann totschlagen können! Die Arbeit von zwei Monaten war mit einem Schlage vernichtet, eine Arbeit der widerlichsten Art, die ich ausschließlich infolge der Zusage Grays begonnen und glücklich zu Ende geführt hatte. Aber was war zu machen? Ohnedies ist der Mann alt und stirbt vermutlich bald von selbst. An jenem Abend las ich in einem Buch über pennsylvanische Steinkohle, daß ein Oberst Schuhmacher, der mit unendlicher Mühe die erste Wagenladung Kohle aus den Alleghanybergen nach Philadelphia gebracht hatte, schon am folgenden Tage durchgehen mußte. Der Bösewicht sollte festgenommen werden, weil er »schwarze Steine als Brennstoff zu verkaufen suche«. Ich hätte mich kaum gewundert, wenn mir Ähnliches widerfahren wäre. Eines fühlte ich deutlich: mit Erde und Wasser, Stein oder Stahl war ich bereit, mich bis zum letzten Atemzug herumzuschlagen, das Zusammentrommeln von Geld und Leuten jedoch ist nicht mein Geschäft. Auf diese Andeutungen hin kam van Havre aus Washington und de Mesnil aus Neuyork, um mich zu beruhigen. Ehe sie jedoch erschienen, hatte ich bereits wieder einen Faden angesponnen. Ich konnte die Sache nicht ruhen lassen. Der Schuylkillkanal versprach, einen Versuch in seinen Wassern zu unterstützen, wenn ein oder zwei andre Kanäle sich dabei beteiligten. Die Aussichten hierfür sind nun wieder günstig, und nächsten Mittwoch wird eine Versammlung stattfinden, um näheres zu bestimmen. »Noch ist Polen nicht verloren!« Um mich im Gang zu erhalten, schlagen mir nun die Mesnil und van Havre vor, als förmlicher Teilnehmer an dem Unternehmen mit ihnen zusammenzugehen. Während sie hauptsächlich für das Geld sorgen wollten, hätte ich Arbeit und Gedanken zu liefern, eine Stellung, die mich jedoch nicht verhindern sollte, nebenher zu treiben, was ich für gut fände. Die Sache verdient überlegt zu werden. Mittlerweile habe ich die Pläne für die belgischen Schleppboote, die auf mehreren neuen Patenten beruhen, nach England geschickt. Wenn das erste Boot gut ausfällt, so erhält Fowler vertragsmäßig die weiteren Bestellungen für Belgien. Das ist wenigstens etwas. 115. Neuyork, den 10. Oktober 1867. Die vergangene Woche lebte ich zurückgezogen in Neujersey, in Entwürfen und Patentspezifikationen begraben. Mein Vertrag mit de Mesnil ist abgeschlossen. Mit der Seilschiffahrt geht es täglich wunderbarer. Ein Mr. Lane aus St. Louis tauchte plötzlich auf und will mit andern reichen Leuten seiner Art eine »General-American-Steamtowing-Company« gründen, bei der man es nicht unter zwei bis zwölf Millionen Dollar tun wird. Wir entwerfen bereits eifrig Statuten, Aktienformulare und andres Zubehör. Allzuviel Vertrauen in die Sache habe ich nicht. Sie scheint plötzlich einen zu großartigen Aufschwung nehmen zu wollen. Doch zu anderm, Bescheidenerem, Erfreulicherem! Vor drei Tagen bekam ich von Mr. Lawrence aus Neuorleans eine Bestellung auf drei Dampfpflüge für seine drei Plantagen und werde daher Ende November, wenn mit dem ersten Frost das gelbe Fieber aufhört, dorthin abgehen, um nochmals den Dampfkulturkampf zu beginnen. Das ist Balsam auf viele Wunden. Wir werden zwar aus Luisiana kein Ägypten machen, doch habe ich nun zustande gebracht, was seit Jahren keiner meiner Vorgänger, die sämtlich unter erfolglosen Versuchen zusammenbrachen, auszurichten vermochte. Bei meiner Abreise von England sagte mir Mr. Greig, der jetzt Teilhaber von Fowler \& Co. ist, »wenn ich im ersten Jahre drei Pflüge in Gang bringe, dürfe ich mir Glück wünschen«. Ich kam damals aus Ägypten und sagte: »Wenn ich nicht zehn in die Südstaaten verpflanze, so springe ich in den Atlantischen Ozean!« Drei sind gesichert, nur drei! Trotzdem werde ich mich hüten, in das Meer zu stürzen, und mich mit den Glückwünschen meiner bescheideneren Freunde begnügen. 116. Neuyork, den 28. Oktober 1867. de Mesnil ist nach Belgien abgereist. Seine Absicht ist, Schleppdampfer nach meinen letzten Zeichnungen in England zu bestellen und im März auf der Maas zu versuchen. Die dortige Gesellschaft hat nunmehr die Konzession, ein Drahtseil zwischen Lüttich und Namur zu legen, wirklich erhalten. Etwas näher lerne ich das amerikanische Leben auch von andrer Seite kennen, ohne ihm mehr Geschmack abzugewinnen. Die Theatersaison Neuyorks, welche für das Glänzendste gilt, was hierzulande in dieser Hinsicht zu haben ist, erscheint mir wie eine Nachäfferei der geschmackloseren Seite der europäischen Bühnen. Aller Prunk, aller Aufwand ist nicht imstand, den Eindruck, als ob man das Ding aus zweiter Hand bekäme, zu verwischen. Das amerikanische Leben ist sicherlich voll origineller Züge, aber auch nicht eine Spur von Originalität, mit Ausnahme vielleicht der niederen Komik der Niggerminstrels, verliert sich in das Gebiet der Kunst. Dieser Geschmack für Musik! Und diese Malerei! Und dabei die ewige kindische Selbstbewunderung, mit der die Zeitungen und das ganze, mit Blindheit gesegnete Publikum die kleinste Regung und die verrücktesten Verirrungen eines geistigen Lebens in dem jungen Riesenleib begrüßen, dessen hervorragendste Eigenschaften harte Knochen und eine lederne Haut zu sein scheinen! Ich prüfe mich manchmal, ob meine wachsende Abneigung gegen Amerika und die graubraune Farbe des ganzen Weltteils davon herrühre, daß die widerspenstigen Yankees nicht Dampfpflüge kaufen wie meine guten Ägypter. Ich fühle mich aber unschuldig. Es ist ja möglich, daß der wohlgemischte Auswurf Europas noch das große Volk wird, das es zu sein vermeint. Erstaunlich ist zweifellos, was es erreicht hat. Vorderhand aber liegt seine Größe noch in der räumlichen Ausdehnung und einer unberechenbaren Zukunft. Dein Seufzer über den Ozean herüber: »Ach, ich hab' eine Tinte wie kein Mensch in der Welt!« findet sein Echo auf dieser Seite des Atlantischen Meeres. Oh, auch ich habe Hemdknöpfchen wie keine Seele auf Erden. Und die Socken, die man hier kauft, platzen beim ersten Hineinschlüpfen, und die berühmtesten Waschmaschinen verwandeln mit Dampfesgeschwindigkeit ein unreines Hemd in einen reinen Lumpen. Wagt man sich mit neugekauften Stiefeln in die Straße, so ist man sicher, seine Absätze auf dem Trottoir zusammensuchen zu müssen. Und das ist alles patentiert! 117. Neuorleans, den 8. Dezember 1867. Seit drei Tagen bin ich wieder hier und begrüßte mit Freuden drei Viertel meines Eigentums, das ich bei meiner Abreise im letzten März im Stiche gelassen hatte, und mottenzerfressen, sonst aber wohlverwahrt wiederfand. Jetzt habe ich umgekehrt einen Teil in Philadelphia, einen andern in Neuyork, einen vierten in London und den letzten bei Euch liegen. Etliche Kleinigkeiten sind auch noch in Leeds und einiges in Kairo. Ihr wundert Euch, wie diese Art von Wirtschaft eigentlich geführt wird und wie ich meinen wertvolleren Besitzstand erhalte. Ich wundere mich auch; die Sache ist aber einfacher, als sie aussieht, und besteht wesentlich aus einem kindlichen Vertrauen in eine gütige Vorsehung, welche auch die Koffer auf der Eisenbahn nicht vergißt, und einem unbegrenzten Glauben an die Ehrlichkeit des abgefeimtesten Volkes der Welt. Die Erfahrung zeigt, daß auch in diesem Falle der Glaube Wunder wirkt und bis zu einem gewissen Grad selig macht. Ich hätte diesmal gern meinen Weg durch die Südoststaaten genommen, Richmond, Atlanta und Mobile berührend. Da ich jedoch in Illinois nach meinem dortigen Erstlingspflug sehen wollte, so blieb ich in einem ähnlichen Geleise wie das letztemal – durch Maryland, Westvirginien und Ohio nach Cincinnati; dann über Indianapolis und Lafayette nach Dekatur. Dort, im Staat Illinois, lebt nämlich der besagte Pflug, der jetzt einem General Walker gehört. Als ich morgens um vier Uhr in Dekatur ankam, war die ganze Welt in einen entsetzlichen Schneesturm verwickelt, und die drei Tage, die ich in dem geographischen Zentrum von Illinois zubrachte, waren bitterkalte, regelrechte Wintertage. General Walker, ein alter Soldat der Konföderierten, der nach einem bunten Leben in Texas und Mexiko das Schwert mit dem Pflug vertauscht hatte, war erst vor kurzem in den Besitz der Maschine gekommen, da wegen der Fieberepidemie die Mississippischiffahrt zwei bis drei Monate lang vollständig unterbrochen war. Der heranrückende Winter ließ ihm nur eine Woche Zeit, seine ersten Versuche auf dem ihm und uns neuen Boden zu machen, deren Ergebnis jedoch zu den besten Hoffnungen für das nächste Frühjahr berechtigt. Was sonst das Leben in Illinois betrifft, so machte der sogenannte »Gartenstaat« der Union auf mich einen noch trostloseren Eindruck als im vergangenen Frühjahr, was viel heißen will. Eine Prärie, in ein unabsehbares Feld abgestandener Welschkornstöcke verwandelt, am fernen Horizont mit einem graubraunen Waldsaume verbrämt, dessen schnurgerade Linie hier und da unterbrochen ist, um die Welschkornperspektive ins Unendliche fortzusetzen, das ist ein Bild, wie es Dante in seiner »Hölle« nicht zu erfinden vermochte. In diesem Paradiese stehen sogenannte Städte in ungefähr gleichen Abständen, eine wie die andre, die Straßen buchstäblich genau nach Nord und Süd, Ost und West gerichtet, häufig von zwei Eisenbahnen berührt, die sich genau in der Mitte der Stadt unter einem genau rechten Winkel schneiden. Jedermann sieht jedermann schon meilenweit kommen und jedermann sieht jedermann gleich. Diese Städte haben alle zehntausend Einwohner und vergrößern sich sämtlich mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Alles baut Welschkorn, alles ißt Welschkorn, und der scheinbar einzige Gedanke von jedermann ist Welschkorn. Die Häuser haben die dünnstmöglichen Bretterwände. Alles ist neu und weiß angestrichen, und alles zerbrochen. Der Waschstand hat drei Beine, der neue Strohsessel ein zerrissenes Netz, die Türschnallen liegen auf dem Boden, der Wind pfeift durch tausend Ritzen aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer, manchmal auch umgekehrt. Die neuen Öfen haben noch keine Röhren, und der Abort ist ein gesonderter Pavillon, eine halbe Meile Süd-Süd-Ost vom Mutterhaus. Denn alles wird nach den Himmelsgegenden angegeben, und man muß ein halber Seemann sein, um sich zurechtzufinden. »Wo ist die Post?« – »Vier Blocks (Häuserviertel) Süd, sieben West!« – »Haben Sie meinen Hund nicht gesehen?« – »Er lief eben an mir vorbei, ging Nord-Ost!« Und die Menschen scheinen wie überall dem Lande angepaßt zu sein. Nichts Öderes, Flacheres, Leereres als eines dieser stummen Mittagessen in einem dieser stummen Gasthöfe. Das alles ist freilich nur der erste Eindruck, und der Unternehmungs- und Erfindungsgeist der Leute von Illinois, der in Chikago hervortritt, steht in merkwürdigem Widerspruch zu diesem peinlichen Bild geistiger und physischer Flachheit. Durch Mississippi und Luisiana flog ich natürlich. Die mitteilsamere Natur der Südländer gab mir jedoch Gelegenheit, schon während der Fahrt einiges von dem augenblicklichen Zustande des Landes zu erfahren. Das letzte Jahr hat leider die Verhältnisse nicht gebessert. Alles liegt vollständig danieder. Die »Rekonstruktion des Südens«, das heißt die Sicherung der Herrschaft der republikanischen Partei mit Hilfe einer auf Bajonette gestützten Negerherrschaft, fängt an, bittere Früchte zu tragen, nicht bloß für den Süden, sondern für die ganze Union. Die Schwarzen wollen lieber verhungern, als um Löhne arbeiten, die bei den gegenwärtigen Preisen von Baumwolle und Zucker möglich sind, und so liegen die schönsten Güter Mississippis brach. Jeder Ballen Baumwolle, der geerntet wurde, ergab in diesem Jahr für die Pflanzer einen runden Verlust. Die Neger können das nicht begreifen, die radikalen Demagogen schüren die bittere Stimmung, die natürlich auf der andern Seite auch keine süße ist, und so wird die Frage eines Rassenkriegs zurzeit mit mehr Ernst verhandelt wie je zuvor. – Und dabei soll ich im Frieden dampfpflügen! 118. Neuorleans, den 29. Dezember 1867. Vor ein paar Tagen habe ich auf eine Eisenbahnkarte meine amerikanischen Kreuz- und Querzüge in Farben eingetragen. Das Bild sieht auf dem Papier bunt genug aus, in Wirklichkeit ist es fast aschgrau. Süden und Norden, Osten und Westen dieses unermeßlichen Landes sind nur durch leise Schattierungen in Neutraltinte voneinander zu unterscheiden, und der tote Wasserspiegel seiner Menschheit wird trotz der Stürme und Strömungen, welche mit der unvernünftigen Gewalt der Natur ihn bewegen, kaum da und dort merklich gestört. Es ist sicher die wunderlichste Erscheinung der Welt: die bunten Charakterfarben, die von allen Nationen der Erde in diesen Riesentopf geworfen werden, lösen sich nach wenigen Jahren auf in dem allgemeinen, trüblichgelben Grau. Nichts bleibt original, nichts individuell, und die erste Eigentümlichkeit des fertigen Yankees ist der Mangel eines persönlichen Charakterzugs. Was er tut und denkt, ist Zweck. Des Menschen Leib und Seele sind eine Maschine zur Gewinnung von Welschkorn, Eisenbahnaktien und Geld, vor allem Geld. Jeder hat genau dasselbe Ziel, jeder fast genau dieselben Mittel. Die Spuren andrer Gedanken, die hier und da auftauchen, sind importiert, und wenn sie je in dem seichten Boden Wurzel fassen, sind sie nach wenigen Wochen von dem grauen Staub des amerikanischen Lebens fast zur Unkenntlichkeit entstellt. Das ist der Eindruck, der mir bleibt, nachdem ich das Land ein Jahr lang fast in allen Richtungen durchkreuzt habe. Verloren ist deshalb dieses Jahr nicht. In einer Wüste wachsen keine Blumen; trotzdem ist es interessant, durch eine Wüste zu reiten. Ein Glas Wasser ist eine triviale Erscheinung; trotzdem ist der Atlantische Ozean sehenswert. Ungeachtet der allgemeinen Nüchternheit und ertötenden Farblosigkeit bietet das amerikanische Leben mit seinen einfacheren, aber gewaltigen Bewegungen des Studierenswerten übergenug, zerstört emsig alte Vorurteile und zertrümmert gründlich junge Ideale. Nur muß man sich hüten, was man hier gelernt und gesehen hat, drüben anwenden zu wollen. Und das Sichdaheimfühlen für einen Menschen, der nicht die Brücke hinter sich abgebrochen weiß, der nicht den amerikanischen Boden mit dem festen Willen betritt, ihn zur Heimat zu machen, ist sicherlich eine geistige Unmöglichkeit. Ich war in den Bergen von Beirut und am Ufer des Nils mehr daheim, als ich es hier jemals sein werde. Im allgemeinen sind die Aussichten und Verhältnisse zurzeit schlechter als je zuvor. Die riesige Schuldenlast des Landes, die zerrütteten Eigentums- und Arbeiterverhältnisse, die Rassenfrage und die entsetzliche Wirtschaft der Berufspolitiker scheinen dem Volk im Süden alle Hoffnung auf Rettung genommen zu haben. Im besonderen bin ich besser daran als vor einem Jahr. Mr. Lawrence, einer der reichsten und angesehensten Zuckerpflanzer des Staates, Besitzer von drei prachtvollen Plantagen, ist voll Feuer für meine Dampfpflüge. Dies gibt mir einen Stützpunkt, von welchem aus trotz aller Schwierigkeiten das Land ohne größere Geldopfer erobert werden könnte. Am 7. Januar beginnt der sogenannte Statesfair, eine landwirtschaftliche Ausstellung, an der ich mich heute entschloß teilzunehmen, obgleich ich nicht weiß, ob noch alles an einem Pflug in Ordnung ist, der seit drei Jahren in Neuyork stand, ohne gebraucht zu werden, und ob ich ihn rechtzeitig hierher bekommen kann. Aber ohne Wetten und Wagen geht's nun einmal nicht. Ein großer Hemmschuh, der mir die Hälfte der Schaffensfreude nimmt, ist die verzweifelte Zollfrage. Nächsten Juli wird für uns das allgemeine Zollgesetz wieder in Kraft treten und alle weitere Mühe nutzlos machen. Doch auch in dieser Richtung ist noch nicht alles verloren. In den letzten Wochen habe ich einen Pflug für Zuckerkultur konstruiert, dem man hier eine große Bedeutung beilegt. Lawrence hat ihn sogleich bestellt, und Longstreet behauptet, Luisiana sei ohne dieses Gerät nicht zu retten. Der General soll in wenigen Tagen begnadigt werden, und geht dann nach Washington, um den Präsidenten und andre Würdenträger des Nordens zu besuchen. Mit einer Zeichnung meines Zuckerpfluges glaubt er bestimmt, eine Verlängerung der Zollfreiheit auf zwei oder drei Jahre erwirken zu können. Das wäre so übel nicht, selbst wenn der Zuckerpflug Luisiana schließlich auch nicht rettet. So geht es auf und ab, und wird so gehen im neuen wie im alten Jahr. Das Ergebnis des alten, in Dollar und Cents ausgedrückt, war kein glänzendes. Wie konnte es unter den Verhältnissen, mit denen ich zu kämpfen hatte, anders sein? Aber an technischer und namentlich an allgemein menschlicher Weisheit habe ich ein rundes, wohlgefülltes Säckchen auf die Seite gebracht. Lehrzeit! Wäre es nicht unrecht, mich zu beklagen? 119. Neuorleans, den 20. Januar 1868. Drei Tage vor Weihnachten kam der Schoner mit dem alten Neuyorker Dampfpflug hier an, und die Herren der Landwirtschaftsgesellschaft von Luisiana bestürmten mich in amtlicher Form, denselben auf ihre Ausstellung zu bringen. Ich verlangte einen Ehrenpreis von 500 Dollar, um die Unkosten zu decken. Dazu wollten sie sich jedoch nicht verstehen, da ihre Preisliste bereits veröffentlicht sei und sie dieselbe zugunsten einer aus England stammenden Maschine nicht abändern könnten, ohne das Nationalgefühl der Yankees allzu bitter zu verletzen. Hingegen sei ein Preis von 250 Dollar für die beste Straßenlokomotive, einer von 50 Dollar für den besten »Gangpflug«, der von Dampf gezogen werde, einer für eine Maschine zum Dämmemachen und einer (von einem Privatmann) für das nützlichste Gerät für Pflanzer überhaupt, ein Preis, den aber nie jemand bekomme, meinen Maschinen zugänglich. Man kann nun zwar den Yankees nicht über den Weg trauen. Wenn ich aber die Möglichkeit vor mir sehe, mich entweder drei Wochen lang zu quälen oder drei Wochen nichts zu tun, so ist mein Los entschieden. Selbstquälerei ist nicht immer die richtige Politik. Voreilige Pioniere zerstoßen sich gewöhnlich den Schädel an den Wänden, durch welche die Nachzügler der Zivilisation behaglich durchspazieren. Aber zu helfen ist mir nicht. Am Samstag nach Weihnachten waren Kisten und Kessel aus dem Schiff; ich konnte an die Arbeit gehen. Es war kein Augenblick Zeit zu verlieren. Ein paar Regentage konnten mich möglicherweise vom Ausstellungsplatz förmlich abschneiden. So begann es denn auch am Sonntag zu regnen, am Montag arbeiteten wir in strömendem Regen, bis es die Leute nicht mehr aushielten. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag waren erträglich. Die Maschinen machten sich allmählich auf die Beine. Freitagabend, nach einer Neujahrswoche, wie ich noch keine erlebt habe, waren wir reisefertig. Am Samstag dampften meine zwei Lokomotiven, umgeben von dem gewöhnlichen Ehrengeleite von Gassenjungen beiderlei Geschlechts, nach dem fünf Meilen entfernten Ausstellungsplatz. Alles ging in den ersten drei Tagen recht brav, obgleich am zweiten mein Fuß von einem Hinterrad der Maschine nicht übel zerquetscht wurde, so daß ich vier Tage lang ohne Stiefel herumhüpfte, eine für Feldarbeit in nassem Wetter selbst in Luisiana nicht sehr geeignete Ausstattung. Dann aber setzte ein regelrechter Landregen die ganze Festlichkeit unter Wasser, es kamen ein paar Tage der Trübsal, in denen wir mehr schwammen als pflügten, und unsre Maschinen manchmal bis an die Achsen einsanken, auch verschiedene Wetten gemacht wurden, daß wir aus gewissen Lagen nie wieder herauskommen würden. Auch begann jetzt der patriotische Widerstand der Yankees sich mit Macht zu regen. Und nachdem uns die Preisrichter gar die zwei Hauptprämien zugesprochen hatten, wurde der Dampfpflug von allen Seiten bitter angegriffen und von den Zeitungen, in denen ich keine Anzeigen bestellt hatte, nach Kräften bespöttelt und beschimpft. Wegen der fortwährend schlechten Witterung wurde die Ausstellungsdauer verlängert. Es blieb aber beim alten. Kalte Regenschauer, bodenlose Wege, eingemummte Damen und schnatternde Herren, umgedrehte Regenschirme, aufgeschlagene Hosen, schnupfendes Publikum und hoffnungslose Direktoren, welche umsonst Barometer und Thermometer um Gnade anflehten – so fing die Ausstellung an und so hörte sie auf. Nichts war bei derselben so deutlich als der traurige Zustand des ganzen Landes, das sich von den Folgen des Kriegs nicht zu erholen vermag und unter dieser Regierung mit jedem Monat tiefer zu sinken droht. Überall dasselbe Lied: Neger, die lieber verhungern als arbeiten; Weiße, die nie arbeiten gelernt haben und denen die erste Lektion allen Mut genommen hat; nirgends Geld – das war eine alte Geschichte; nirgends Kredit – und das ist neu und den Leuten entsetzlich; denn selbst das tägliche Brot der Arbeiter muß bis zur nächsten Ernte, für die noch nicht gepflanzt ist, auf Kredit genommen werden. Wie lange soll ich unter diesen Umständen noch aushalten? Das ist die Frage. Heute früh kam Lawrences neuer Dampfpflug an. Ist dieser anständig im Gang, so möchte ich am liebsten meine Rechnung mit Amerika abschließen. Gegen große, gewaltige Bewegungen, wie sie ein Volksleben hervorruft, ist es nutzlos, sich mit unsern kleinen Kräften zu stemmen. Der Mut wird zur Narrheit, wenn er gegen Windmühlen Krieg führt. Ärgerlich und unangenehm bleibt es deshalb doch, den Retirierschimmel satteln zu müssen. De Mesnils Briefe aus Belgien sind bald »himmelhoch jauchzend«, bald »zum Tode betrübt«. Erfinden ist keine Hexerei und ein großes Vergnügen; Erfindungen ins praktische Leben einführen, ist dagegen eine bitterböse Aufgabe, auch in Europa. Der Gedanke der Seilschiffahrt wird mit der Zeit sich Bahn brechen; daran ist kein Zweifel. Das Zweifelhafte ist bloß, in wessen Tasche schließlich der Nutzen wandert, und ob wir's erleben. 120. Magnoliaplantage, den 2. Februar 1868. Der »Fair« ging in Regen und Sturm zu Ende; meine Versuche, den Ausstellungsplatz nachträglich umzupflügen, zerflossen in Wasser, und die Ankunft von Lawrences Maschine gab meinen Arbeiten, Gott sei Dank, eine praktischere Richtung. Magnoliaplantage ist auf keiner Eurer Karten zu finden. Von Neuorleans bis an die Mündungen des Mississippi, soweit das Land kultivierbar ist, beträgt die Entfernung etwa 150 Kilometer. Der Fluß mit seiner gelben Wassermasse, in der, wie vorsintflutliche Ungeheuer, langsam die ausgerissenen Baumstumpen von Kansas und Missouri dem Meere zutreiben, bildet sozusagen den Rückgrat des werdenden Deltas. Auf seinen beiden Ufern reiht sich Plantage an Plantage, die Vorderseite dem Strom zugekehrt und nach hinten abfallend. Die Breite der Güter senkrecht zur Flußrichtung ist zwei bis drei Kilometer und ihre hintere Grenze ein fortgesetzter Gürtel des nie gelichteten Urwaldes, der sich, fußtief im Wasser stehend, in undurchdringliche Sümpfe und brackische Lagunen verliert. Magnolien und Hickorybäume, Sykomoren und Eichen der struppigsten Art mit jetzt dürren Girlanden von Schlingpflanzen und dem Luisiana eigentümlichen Baummoose behangen, geben selbst im Winter diesen Sumpfwäldern einen ungewöhnlichen Charakter und bilden die sogenannten Swamps, in denen Alligatoren und Schlangen jeder Art noch so heimisch sind wie vor Jahrhunderten. Entlang der Flußseite zieht sich, parallel mit dem Ufer, die etliche acht Fuß hohe »Levee«, ein mit Pfahlwerk verstärkter Erddamm, hinter dem sich eine breite, meist wohlgepflegte Straße befindet. An derselben steht in einem Garten, von Orangenbäumen, Bananen, Aloes und Kaktussen umgeben, das Herrenhaus – ein einfacher, wohlgepflegter Holzbau, auf Steinpfeilern ruhend und mit breiter Veranda nach vorn und hinten versehen. Ein oder zwei ähnliche Häuser für die Mechaniker, Aufseher und für gelegentliche größere Besuche sind halb im Gebüsch versteckt, hinter dem das hohe Dach und die rauchenden Kamine der Zuckerfabrik hervorragen. Die Felder sind in Vierecken ausgelegt, deren Grenze von weiten Feldwegen und einem System von Kanälen gebildet wird, die das Regenwasser natürlich nicht dem höher gelegenen Fluß, sondern dem urwäldlichen Swamp zuführen. Etwas abseits vom Zuckerhaus befindet sich eine Gruppe kleiner, weißer Häuschen, die in früheren Zeiten von den Sklaven des Guts bewohnt wurden und jetzt den schwarzen Arbeitern vermietet werden. Dies ist der Charakter dieser Plantagen, die sich ohne Unterbrechung von Neuorleans bis Fort Jackson, dem Endpunkt des bewohnbaren Landes nach der See hin, aneinanderreihen. Trotz der scheinbaren Einförmigkeit der Umgebung, die durch kein Dorf, durch keinen Hügel, selbst durch keinen Wechsel der Feldfrüchte unterbrochen wird, ist das Pflanzerleben, wenn man mit einer geregelten Tätigkeit gesegnet ist, keineswegs ein trauriges. Ich fühle mich nach den widerwärtigen Sorgen, nach dem Gehetze und Humbug der Ausstellung recht behaglich in dem abgeschlossenen Kreise bestimmter Pflichten. E. Lawrence, der Besitzer von Magnolia, ist einer der wenigen Leute, denen die letzten Jahre den Mut nicht genommen haben. Er ist entschlossen, den Kampf mit den Mitteln, die ihm geblieben sind, aufzunehmen, wenn auch die Schwierigkeiten unter einer Regierung, welche die Vernichtung dieser Gesellschaftsklasse als die Rettung ihrer politischen Machtstellung ansieht, fast erdrückend sind. In Neuorleans, wo seine Familie lebt, besitzt Mr. Lawrence ein Haus, das in seiner Ausstattung noch lebhaft an die fürstlichen Zeiten der alten Sklavenaristokratie erinnert. Hier auf Magnolia dagegen ist alles einfach, aber höchst behaglich eingerichtet. Seit meine Maschinen angekommen sind und ihre Kamine über die Felder hin sichtbar werden, fangen auch Lawrences Nachbarn an, ihrem Kopfschütteln eine andre Richtung zu geben, und wenn der Erfolg mit den für Luisiana allerdings noch nicht ganz passenden Geräten, die mir augenblicklich zu Gebot stehen, erträglich ausfällt, so wird meine Prophezeiung doch noch zur Wahrheit: daß Luisiana das beste Land für den Dampfpflug werden muß, das ich kenne. Soeben komme ich von einem Besuch bei unserm Nachbar, dem größten Zuckerpflanzer Luisianas, einem Mr. B. Johnson, zurück. Der Mann ist ein scharfer, schlauer, vorsichtiger Kopf, der sich vor etlichen Monaten eher gegen als für die Dampfpflügerei aussprach. Jetzt ist er auf dem besten Wege der Bekehrung und wird vermutlich der nächste Dampfpflüger des Staates werden. Der Barometer steigt in allen Richtungen. Politisiert wird natürlich in diesen Kreisen immer und gewaltig. Es sind die Männer, die vor dem Krieg als die Häupter der demokratischen Partei das Staatsschiff der Union leiteten, wenn nicht die Steuerleute selbst, so doch die Matrosen, und das freie, kecke, selbständige Urteil, der gesunde, praktische Blick dieser großen Bauern und Zuckersieder hat etwas ungemein Erfrischendes, auch wenn man mit ihren Ansichten nicht übereinstimmt. 121. Magnolia, den 23. Februar 1868. Seit mehr als einem Jahre fühle ich mich zum erstenmal wieder fast wie zu Hause. Das Fremdeln ist natürlich für mich ein überwundener Standpunkt und ein Bett, worin ich drei Minuten gelegen, ist mir so angenehm als mein eignes. Trotzdem bleibt bei dem Leben in Gasthöfen, auch wenn ich monatelang in dem gleichen Hause wohne, immer ein Gefühl des Alleinseins unter Fremden, das keine Behaglichkeit aufkommen läßt. Die stets wechselnden teilnahmlosen Gesichter, das maschinenmäßige Arbeiten der Dienstleute, die eleganten Räumlichkeiten, in denen alles zu finden ist, was man braucht, und auch nicht ein Bindfaden mehr – all das ist mit daran schuld. Hier bin ich endlich wieder einmal in einem Haus, das wie ein Daheim aussieht, mit einem bestimmten Kreis von Pflichten, mit einer kleinen Gruppe von Leuten um mich her und, was das Beste ist, mit einem Horizont, der sich da und dort zu lichten anfängt. Lawrences Dampfpflug ist seit kurzem in voller Tätigkeit. Das Ergebnis der ersten Woche war in hohem Grad befriedigend. Der Pflug, den ich für Luisiana hatte bauen lassen, übertrifft alle Erwartungen. Es handelt sich jetzt darum, eine Reihe von Geräten ausschließlich für die Zuckerrohrkultur anzufertigen. Den Anfang machte ich vergangene Woche mit der Konstruktion eines sogenannten Ratoonpfluges, den ich soeben für Lawrence in England bestellen durfte. Andre Pläne sind im Werden. Auch ich fühle mich wieder im Werden. Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zielen. Gestern haben wir fünf junge Alligatoren gefangen. Auf den Vater der Familie soll morgen Jagd gemacht werden. Harmlose Erheiterungen dieser Art sind fast alles, was wir in der Stille unsers ländlichen Aufenthalts zur Zerstreuung auftreiben können. Auch verirre ich mich gerne an ruhigen Sonntagnachmittagen in den Swamps, dem feuchten Hinterland der Plantage. Man kann dieses Vergnügen beliebig lang genießen. Trotz des Winters sind die Palmetten, die Moose und die dürren Schlingpflanzen, welche aus den dunkelbraunen Sümpfen herauf über Eichen, Sykomoren, Hickorybäume und Magnolien kriechen, ein Anblick, der ein paar Stunden des Herumirrens wohl aufwiegt. 122. Magnoliaplantage, den 6. März 1868. Der erste Pflug ist nun eingebürgert auf amerikanischem Boden! Denn der in Illinois hat bis jetzt nur schwache Lebenszeichen von sich gegeben und ist in Händen, die mir ernstlich für ihn bange machen. Der hiesige dampft und pufft seit vier Wochen ernsthaft und ehrlich darauf los und zieht seine sechzehn Zoll tiefen Furchen für die nächste Zuckerrohrernte mit stoischem Gleichmut. Die Neger, mit denen ich anfangs keine kleine Mühe hatte, denn die Kerls sind keine gutherzigen Ägypter, beginnen die Sache zu begreifen, und Mr. Lawrence, der mit sichtlichem Bangen den ersten Tagen der Arbeit entgegengesehen hatte, weil seine ganze Hoffnung für die Zukunft der Zuckerkultur auf seinen Gütern an diesen Versuchen hing, behauptet, glücklich zu sein. Wegen der Zollfrage, die für uns eine Lebensfrage ist, wird in Philadelphia, Washington und England gewühlt, doch ist ungewiß, was dabei herauskommen mag. Wenn Luisiana im Kongreß vertreten wäre, hätte die Sache wohl nicht die geringste Schwierigkeit. Mit Longstreet, Burnside, Taylor und den Interessen des ganzen Staats auf unsrer Seite würde eine solche Kleinigkeit ohne Widerstand durchgehen. So aber haben wir die hirnwütigen Schufte der radikalen Partei – Ihr seht, welche Fortschritte in Politik und Landessprache ich hier mache – gegen uns, die jede Maßregel für das Erstarken des Südens aus politischen Gründen vereiteln, und wenn sie damit zehnmal ins eigne Fleisch schneiden. Es ist weit gekommen in diesem vielgerühmten Freistaat. »Der absoluteste Despotismus ist besser als eine Republik, worin der Schlechte wie der Gute, der Reiche wie der Arme, der Scharfsinnige wie der Tölpel genau die gleiche Macht haben!« – Das ist ein Ausspruch, den man hier täglich und stündlich zu hören bekommt. Ihr habt drüben, unter Euerm Karl »dem Guten«, keinen Begriff mehr von dem, was es heißt, schlecht regiert zu sein. Geht nach Syrien oder Washington und seid dankbar, daß Ihr Württemberger seid und vielleicht einmal Preußen werdet! 123. Magnolia, den 25, März 1868. Lawrence wollte zur Ehre der Einführung des Dampfpfluges ein kleines Fest geben und hatte den General Hancok, den derzeitigen Diktator von Luisiana und Texas, sowie die unvermeidlichen Zeitungsschreiber dazu eingeladen. Unglücklicherweise wurde Hancok am Sonntag plötzlich nach Washington berufen und so fiel dieser Plan ins Wasser. Am Mittwoch beendeten wir sodann das eigentliche Frühlingspflügen. Den folgenden Tag bestellte Mr. Lawrence einen weiteren Dampfpflug, um die Hälfte größer als die größten, die wir bisher gebaut haben. Die Verhandlungen hierüber, meine Telegramme, Briefe und Skizzen nach England mußten im Sturm verschickt werden. Es wird gerade reichen, die neuen Maschinen vor Juli, dem Ende unsrer Zollfreiheit, hereinzubringen. Im letzten Brief schreibt mir Fowler auf meine Schilderungen der hiesigen Verhältnisse hin: » You have done wonders under difficulties . Ich denke wie Sie, daß wir für den Augenblick die Sache in Amerika nicht weiter forcieren sollten. Wir haben alle unsre Pflicht getan.« Lawrences neue Bestellung ändert den Stand der Dinge ein wenig. Alles, was wir brauchen, ist Zeit und eine Verlängerung der Zollfreiheit. Das Konstruieren von besonderen Geräten für die Zuckerkultur ist keine Hexerei und im besten Gang. Ich habe nun eine Eingabe an den Kongreß abgefaßt und drucken lassen, worin die hiesigen Pflanzer und so weiter um eine weitere Ausdehnung freier Einfuhr für Dampfpflüge auf drei Jahre bitten. Lawrence und ich lassen sie in Luisiana kreisen, Longstreet in Alabama, General Walker in Illinois, Tatham im Nordosten. Die Forderung ist so vernünftig und von allgemeinem Nutzen; sie berührt nicht in einem einzigen Punkte die Interessen hiesiger Fabrikanten, daß sie wohl in jedem andern Land ohne Anstand durchginge. Hier im freien Amerika wird es schließlich wieder auf ein geschicktes Schmieren hinauslaufen, ohne das in Washington kein Schiebkarren in Gang zu setzen ist. Auch auf dem Wasser, bei der Drahtseilschiffahrt, regt sich der Frühling. Faulkner von Neuyork verlangt Pläne für einen Übergang über den Mississippi im hohen Norden (Minnesota-Eisenbahn) nach unserm System und will wissen, wann ich hinaufkommen könnte, um die Sache zu leiten. Die Pläne habe ich geschickt; über mein Kommen mußte ich vorläufig noch etwas verschwommen antworten. Von de Mesnil werde ich mit Briefen überschüttet. Auf der Maas müssen sie erfolgreiche Probefahrten mit einer kleinen Versuchsmaschine gemacht haben und Fowler soll nun die richtigen Schleppdampfer nach meinen Zeichnungen bauen. Auf der Newa handelt es sich um einen Schleppdampfer von hundert Pferdekräften, für den ich nur Skizzen senden konnte. Die Zeichnungen des Nilkataraktenbootes sind zu meiner Einsicht auf dem Wege hierher. An der Spree dagegen zeigen sich Hindernisse. Die preußische Patentkommission hat uns die Patente verweigert, da die Erfindung weder neu, noch nützlich sei. Diese Berliner –! Die Sache ist so nickelnagelneu, daß sich Amerikaner und Engländer erst langsam an den Gedanken gewöhnen müssen; die Berliner aber wissen das natürlich alles schon! Ich werde versuchen, den dortigen hochweisen Rat von der Unrichtigkeit seiner Auffassung zu überzeugen. Vermutlich liegt die Schwierigkeit an einer Verwechslung mit Vorrichtungen, die da und dort bei Fähren angebracht wurden, die aber, was Mittel und Zweck betrifft, völlig verschieden wirken. Höchst wahrscheinlich ist die Ursache der Verweigerung ein in Preußen fast ausgesprochener Grundsatz, Ausländern, wenn irgend möglich, Patente nicht zu erteilen. Eine feine Politik, namentlich einem Ausländer wie mir gegenüber. 124. Magnolia, den 10. April 1868. Vermutlich erschreckt Euch das »Magnolia« mit jedem Monat mehr. Aber trotz der letztjährigen Epidemie beharre ich bei der Behauptung, daß während neun Monaten das Landleben in Luisiana so gesund ist als irgendwo, und auch die drei Monate im Spätsommer nicht schlimmer sind als drei Wintermonate in nördlicheren Breiten. Lawrence behauptet, daß es das gesündeste Klima der Welt sei, was allerdings jeder Amerikaner von seinem jeweiligen Wohnsitz glaubt. Den Gedanken von der Tödlichkeit der Swamps, der sich in Europa festgesetzt hat, weil jeder Reisende seine überstandenen Gefahren in das bestmögliche Licht zu stellen liebt und ein Fieber mit etwas Chinin dem Gemälde den tropischen Anstrich gibt, den es vielleicht sonst nicht hätte – diesen Gedanken dürft Ihr getrost dem glücklich geretteten Reisenden selbst überlassen. Die Grenze der Magnoliaplantage nach der vom Mississippi abgekehrten Seite bildet ein Kanal und ein Damm, hinter dem das Buschwerk wie eine Mauer aufsteigt. Von diesem Kanal bis zum Meer sind es etwa zwölf bis fünfzehn Meilen (ich verstehe hierunter immer nur englische Meilen), der ganze Streifen Landes ist mit Urwald, Urschilf und Urbinsen bedeckt und in allen Richtungen von sogenannten Bayous durchzogen. Dies sind flußbreite, natürliche Kanäle, die in den wunderlichsten Schlangenwindungen verirrtes Mississippiwasser dem Golf zuführen. Die Höhenlage des Bodens in den Swamps ist verschieden. Große Strecken sind beständig knietief unter Wasser, andre sind trocken und werden nur bei hohen Fluten und anhaltendem Südwind überschwemmt. Wieder andre, vermutlich infolge von jetzt veränderten Wasserströmungen des deltabildenden Flusses aufgestaut, liegen sogar über dieser Grenze und sind mit dichten Urwäldern bedeckt, in denen die Lebenseiche (live-oak) , die eigentümlichste unter den Eichen Luisianas, die große Rolle spielt. Ein solcher Wald, fünfundzwanzig Meilen lang und etwa drei Meilen breit, liegt südlich von Magnolia. In seinem Innern sollen sich, wie ich hörte, bedeutende alte indianische Totenhügel befinden, die mir als würdiges Ziel eines längst beabsichtigten Ausflugs erschienen. Die Vorbereitungen hierzu waren einfach genug. Sobald von der Sache gesprochen wurde und meine Dampfpflugniggers vernahmen, daß ich in freigebiger Weise für den nötigen Whisky sorgen werde, erboten sie sich leidenschaftlich, mich als Bootsleute und Wegweiser zu begleiten. Samstagabend jedoch, als wir den großen Nachen des Guts auf einem Wagen vom Fluß in den Kanal brachten, sagten sie mit hängenden Köpfen, daß es recht gut wäre, wenn einer ihrer Freunde, ein gewisser Washington, an der Expedition teilnehmen würde, da er der einzige Sterbliche sei, der den Weg nach den Indianerhügeln kenne. Schließlich ergab sich, daß Washington zwar den Weg nicht selber wußte, aber einen dritten Schwarzen, einen Squatter in den Swamps, kannte, mit dessen Hilfe wir ohne Zweifel die berühmten Hügel erreichen würden. Ein Essigkolben voll Whisky, zwei andre voll Wasser, Flinten und Revolver, Brot und Schinken, und mein Skizzenbuch waren am folgenden Morgen, der einen Tag voll südlichen Frühlingssonnenglanzes einleitete, rasch beisammen. Das Zusammentrommeln der Leute nahm mehr Zeit in Anspruch. Noch saßen wir um sieben Uhr in dem großen Boote, das uns zunächst nach der »Chainea« , wie der Distrikt genannt wird, bringen sollte. Der künstliche Kanal, der die Regenwasser der Plantage dem eine Meile weit entfernten Bayou zuführt, lag nach kurzer, etwas mühseliger Fahrt hinter uns, und wir bogen mit entfaltetem Segel in das spiegelglatte Gewässer ein, das sich durch die mit hohen Binsen und Riedgras bedeckten, kaum betretbaren Prärien hinschlängelt. Meilenweit bieten die Ufer nichts als diese Binsengräser, hinter denen da und dort ein halbverkohlter Baum seine Äste emporstreckt. Der Horizont ist nach allen Seiten vom Waldsaum der höher gelegenen Swamps begrenzt. Große wie kleine Fische schnellen über den sonnigen Spiegel, während alle Arten von Vögeln uns vom Ufer aus neugierig betrachten und ein gelegentlicher Schuß nur selten imstande ist, sie aus ihrer vertrauensvollen Sicherheit aufzuschrecken. Kaum unterscheidbar von einzelnen Baumstämmen, welche nahezu regungslos der langsamen Strömung folgen, erscheinen hier und da die braunen, wie mit Rinde bedeckten Köpfe und Rücken der Alligatoren, die bei unserm Näherkommen lautlos, fast ohne einen Ring im Wasser zu hinterlassen, verschwinden oder auch, plötzlich lebendig werdend, uns auf lange Strecken vorausschwimmen und in dem grünen Schatten der Binsen den Silberstreifen einer rasch und lautlos sich fortpflanzenden Welle ziehen. Es ist nicht leicht, dieser Bestien habhaft zu werden, trotzdem sie harmloser Natur sind, und die gräßlichen Bilder von Alligatoren, die mit einem Negerbein im Maul frohlockend das Weite suchen, eben auch nur eine jener beliebten amerikanischen Reiseskizzen europäischen Ursprungs sind. Mehrere unsrer Schüsse, die nicht fehlten, hatten bloß das augenblickliche Versinken des getroffenen Tieres zur Folge, und nur einmal kamen wir einem jungen, etwa fünf Fuß langen Burschen auf zwanzig Schritt nahe, der sich auf einem im Wasser liegenden Baumstamm sonnte. Eine Kugel traf ihn in den Kopf. Der überraschte Alligator machte einen wunderbaren Sprung, vier Fuß hoch, in die Luft und fiel dann wie ein Block ins Wasser. Aber all unsre Versuche, der Leiche habhaft zu werden, waren vergeblich. Sie war ins Bodenlose gesunken und erscheint erst einen oder zwei Tage später wieder an der Oberfläche. Nach einer Fahrt von anderthalb Stunden wurden die Ufer des Bayous waldig, und die alten, verrotteten Eichenstämme, die fast wagerecht über das Wasser hinliegen und deren senkrecht stehende Riesenzweige zu neuen Bäumen heranwachsen, die Schlingpflanzen und Moosgirlanden, welche, von den Zweigen herabhängend, langsam vom Wasser bewegt werden, die als einzelne Pflanze steifen Palmettos, deren gewaltige Fächer jedoch, in vornehmen Gruppen vereinigt, eine gewisse künstlerische Ordnung in das bodenlose Pflanzenlabyrinth bringen, geben Bilder von überraschender Mannigfaltigkeit. Aber all dies wurde auf dem Spaziergang durch den eigentlichen Wald nach den indianischen Grabhügeln übertroffen. Drei von unsrer Partie, mit breiten, beilartigen Zuckerrohrmessern bewaffnet, hatten den Weg durch das fast undurchdringliche Dickicht zu hauen, während die andern sämtlich im Gänsemarsch mit Flinten und Schießbedarf und – was noch wichtiger schien – mit dem Wasser- und Whiskykrug folgten. Eine halbe Stunde, nachdem wir die Hütte des Squatters, der uns führte, verlassen, zeigten sich noch Spuren von menschlicher Tätigkeit: kleine Lichtungen, von grünen Mauern umschlossen und mit weißblühenden Brombeeren mannshoch überwuchert, verkohlte Stämme alter Waldriesen mit Schlinggewächsen malerisch behängt; dann aber hörte alles auf, und der Urwald in seiner jungfräulichen Pracht lag vor uns. Den Boden bedeckten Palmetten, Brombeerstauden und wilde Rosen, Gras und Schilf mit Gruppen blauer Waldlilien, von den spärlichen Sonnenstreifen manchmal prächtig beleuchtet Aus diesem Gewirr der unteren Welt schossen wie Pfeile die schlanken Rohre des Zuckergrases empor, die zwanzig und fünfundzwanzig Fuß über unsern Köpfen ihre zierlichen Fliederbüschel schwenkten, oder wanden sich, oft haushoch frei hängend und erst in den hohen Zweigen der Eichen ihren Halt findend, die mancherlei Schlingpflanzen dieser unerschöpflich üppigen Pflanzenwelt. Die gewaltigen Pfeiler des ganzen Baues bildeten die Lebenseichen, ihre riesigen Zweige bedeckt von grünen Ranken und behängt mit den langen, sanft schwingenden Festons des silbergrauen hängenden Mooses, während da und dort, vom Blitz getroffen oder von Sturm und Alter niedergedrückt, eine Rieseneiche, die alles um sich her zusammengebrochen hatte, niedergestürzt dalag und ein wahres Kletterlabyrinth von Zweigen darbot, von denen aus eine kleine Fern- und Übersicht, wenigstens auf etliche Schritte, in diese stille, grünschattige Welt voll wunderbaren Lebens gewonnen werden konnte. Eines der schönsten Waldbilder dieser Art fanden wir beim Durchkreuzen eines kleinen versumpften Bayous, über den ich, teils auf dem Rücken unsers Führers, teils von Baumstamm zu Baumstamm springend, setzte. Das schwarzbraune Wasser, voll modrigen Lebens, worin sich Schlangen von Finger- bis zu Mannslänge bewegen, ist fast begraben in niederem Schilf und fetten, wachsartigen Wasserpflanzen. Umgestürzte Baumstämme, mit Schwämmen und Orchideen überwachsen, strecken ihre Äste aus dem feuchten Grab. Dicht wie Mauern steht auf beiden Seiten der Wald, der mit dem Sumpfschilf wie aus einem Stücke gehauen scheint. Tritt man aus dem dunkeln Innern, so zeigt sich die Lichtung in hellem Sonnenschein wie eine grüne Feengrotte mit einer tiefblauen Kristalldecke. Die einzigen lebenden Wesen sind ein paar große gelbschwarze Schmetterlinge, welche um die nächsten Waldlilien kreisen, und eine kleine, hellgrüne Schlange, die, von dem Zweig herabhängend, auf welchem mein Skizzenbuch liegt, den Eindringling mit klugen, neugierigen Äuglein betrachtet. Von den Moskitos nicht zu sprechen und den Wasserspinnen und andern ähnlichen Kleinigkeiten, ohne die ein irdisches Paradies nun einmal nicht gefunden werden kann. Die »Indian Mounds« erwiesen sich nicht sonderlich interessant. Es sind Hügel, von denen der größte, pyramidenförmig aufgeworfene, etwa 50 Fuß hoch sein kann, während die andern, 25-35 Fuß hoch, einen flacheren Gipfel darbieten – die einfachen Grabhügel eines Volkes, das durch Jahrtausende sich nicht über die ersten Stufen des schlichtesten Jäger- und Fischerlebens zu erheben vermochte und dessen letzte Gräber selbst kaum noch ein halbes Jahrhundert überdauern werden. Sie waren derart mit Gestrüppe überwachsen, daß wir nur mit der größten Mühe auf dem Gipfel des höchsten einen bescheidenen Lagerplatz klären konnten, auf welchem der mühevoll herbeigebrachte Branntwein getrunken wurde. Der Squatter, angeregt von den Feierlichkeiten des Augenblicks, der ihm einen Viertelliter Feuerwasser gebracht hatte, gab uns ein paar alte, wunderliche Kreolenlieder zum besten, und meine Nigger ergaben sich einem Tanz, der die alten Indianerknochen unter unsern Füßen grausam in ihrer Ruhe gestört haben mag. Eine halbe Stunde später war es still auf dem Grabhügel; die niedergeschlagenen Stauden und Binsen richteten sich auf; der Urwald und die Toten hatten ihren Frieden wieder. 125. Neuyork, den 6. Mai 1868. Nur ein paar Worte, im Sturm der Abreise! Hättet Ihr's gedacht, daß ich auf den indianischen Grabhügeln für immer vom amerikanischen Süden Abschied genommen, daß ich in den Swamps von Luisiana auch dem Norden der großen Republik mein Schwanenlied gesungen habe? Ich nicht! Und doch war es so. Als unsre kleine Truppe am Abend müd und hungrig Magnolia wieder erreichte, lag ein Telegramm aus London auf meinem Teller, das mich eines Besseren belehrte. Seit gestern bin ich wieder im kühlen Norden, auf dem Weg nach dem alten Osten, und habe seit einer Stunde meinen Fahrschein für London in der Tasche. Morgen liegt Neuyork und ein halber Weltteil und, trotz allem und allem, ein schönes Stück meines Lebens hinter mir. Manchem, der heute in jugendlicher Frische Amerika betritt, manchem andern, der in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat gefunden, allen, die auf kurze Wochen die bestrickende Gastfreundschaft des reichen Landes genossen haben, mögen die Stimmungsbilder, welche sie in den obigen Briefen fanden, zu düster erscheinen. Den reiferen Mann muß die Schilderung von Zuständen, die mir am Schluß der sechziger Jahre entgegentraten, da und dort an die Schillerschen Worte erinnern: »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort.« Diese Schilderungen haben auch zu jener Zeit, in der namentlich in Deutschland die große Republik noch vielfach das Ideal politischer und gesellschaftlicher Träume war, unangenehm überrascht und da und dort lebhaften Widerspruch gefunden. Später, als sich auch bei uns die Stimmen mehrten, welche aus eigner Erfahrung sprachen, wurde vieles als wahr erkannt, das anfänglich unglaublich erschienen war. Auch heute wieder haben solche Zweifel an der Richtigkeit des Mitgeteilten eine gewisse Berechtigung. Die Jahre nach dem langwierigen und blutigen Bürgerkrieg hatten Verhältnisse geschaffen, die nicht als normal gelten dürfen. Das Volk war in breiten Schichten verroht, das politische Leben, namentlich im Süden, wo die Rassenfrage alles ruhige Urteil verwirrte, aus Rand und Band; der alte Wohlstand vernichtet, Neues noch nicht geschaffen; das Land blutete aus offenen Wunden, die da und dort brandig zu werden drohten. Kein Wunder, daß all dies dem Neuling, der dem friedlichen Pflug wieder Bahn zu brechen suchte, Eindrücke hinterließ, die eine unbefangene Beurteilung von Land und Leuten, und vor allem den Blick in die Zukunft erschwerten. Ein Menschenalter ist seitdem über jene Zustände hingegangen. Wir wissen jetzt besser, was fünfunddreißig Jahre bei einem mitten im Dampfgetrieb unsrer Zeit stehenden Volk schaffen und verwischen können. Unendlich vieles hat sich geändert, und vieles ist besser geworden. Die Verzweiflung, welcher die Hälfte des wieder vereinigten Freistaats zu erliegen schien, ist vergessen. Eine Sinneswandlung, die damals Millionen für undenkbar erklärten, hat sich wie von selbst vollzogen, und auch äußerlich verfolgen andre Kräfte andre Ziele. Was die Lebenskraft eines Volkes selbst am Rande des Abgrunds zu schaffen vermag, läßt sich nie ermessen, nie voraussehen. Um dieser Wahrheit willen, in der so viel Hoffnungsvolles liegt, mögen auch die obigen Skizzen aus dem amerikanischen Leben der sechziger Jahre in ihrer ursprünglichen Form heute noch für sich sprechen.