Herzliche Grüße Geschichten von Stefan Großmann Berlin 1909 Verlag: Buchhandlung Vorwärts Berlin SW. 68 (Hans Weber) Inhaltsverzeichnis Herzliche Grüße Ein nächtlicher Ruf Sünde Der Verteidiger Debatte über das Beten Viehmarkt Mittelschule des Lebens Reisende Der Staatsanwalt Duncker Freundschaft Kohn Die Hinrichtung Sommer Ein rücksichtsvoller Mensch Straßenleben Ein Witz Die Torte Die Liebe Spaziergang Ich gehöre nicht zu denen Ideale Die Equipage und das Fenster Praxiteles oder Ostersetzer Herzliche Grüße In den Junitagen fing es an (und dauerte so fort bis Anfangs August), daß immer wieder ein regelmäßiger Besucher des Café Europa sich zur großen Kredenz begab, in der die Kassiererin saß, und ihr mit selbstgefällig gemütlichem Lächeln sagte: »Also, Fräulein Louisi, heute sehen Sie mich für sechs Wochen zum letztenmal. Richten Sie sich ein paar Tränen her, morgen fahr ich fort . . . .« Das Fräulein Louisi hatte alle »ihre« Gäste gern. So wie ein Herr das drittemal hintereinander ins Café Europa kam, bekam er beim Weggehen nicht nur einen Guten Tag- oder Gute Nacht-Gruß mit auf den Weg, sondern auch ein sanftes Lächeln auf den Lippen des Fräulein Louisi, ein herziges Neigen ihres Kopfes und einen aufmerksamen Blick aus ihren großen braunen Augen, der dauerte, bis die Glastür des Cafés geschlossen war. Das waren im Tag gewiß mehr als dreihundert sanfte Kopfnicken und aufmerksame Blicke, und dafür verdiente sie es schon, daß die Gäste sie durchwegs nur »Fräulein Louisi« nannten. Die dreihundert sanften Grüße wurden belohnt. Jeden Tag beugten sich wohl an zwanzig sehr fein gekleidete Herren – das Café Europa war ein sehr nobles Café, in dem nur Professoren, Privatiers, Ministerialbeamte, Geldverleiher und dergleichen vornehme Welt verkehrten – über die Budel, hinderten Fräulein Louisi am Aufschreiben, Einschänken der Liköre und Austeilen der Zuckerportionen, um dafür die bedeutungsvolle Frage zu stellen: »Na, wie geht's Ihnen denn heute?« Fräulein Louisi antwortete immer sehr lieb, mit einem sozusagen in Worte übersetzten sanften Neigen des Kopfes. Das hieß: »O danke, sehr gut.« Kamen im Winter, etwa nach dem Konzert, Damen in rauschenden und blendenden Theatertoiletten mit ihren Begleitern Nachts ins Café, so zogen sie bald ihre Lorgnons hervor, um die blasse Kassiererin mit dem schönen kastanienbraunen Haar zu begucken, vor der alle Augenblick sich ein Herr über die Budel der Kredenz hinlümmelte, um eine sehr wichtige Frage an sie zu richten und sie im Anschreiben und im Verteilen der Zuckerportionen zu stören. Es lag viel Bösartigkeit in diesem Begucken seitens der Damen, sie schienen dem sanften Fräulein Louisi nicht einmal die Frage: »Na, wie geht's Ihnen denn heute?« zu gönnen. Seit sechs Monaten kam nun Fräulein Louisi jeden Mittag um 12 Uhr ins Café herunter (die Wohnung war im vierten Stock desselben Hauses), immer in einer lichten, frischen Bluse mit breitem Matrosenkragen, der über ihren zarten Schultern andeutend lag, das reiche kastanienbraune Haar zur Krone aufgesteckt. Wenn man sie da Mittags genauer ansah, wie es etwa der Mediziner Korde, oder der Ministerialsekretär Drucker oder der Leutnant Hollitscher taten, so merkte man, wie ihr Gesichtchen in Folge dieser ewigen grünlichgelben Gaslichtatmosphäre den rosigen Teint immer mehr verlor. Aber Nachmittags war es, wenn die vielen Gäste kamen, schon wieder so heiß und dumpf im Café, daß Fräulein Louisis Wangen wieder ein Bissel rot wurden, wenn es auch kein ganz gesundes Rot war. Ende Juni hörten die Belagerungen der Budel vor der großen eichenen Kredenz, in der die kleine Kassiererin saß, allmählich auf. Die Herren sagten mit selbstgefälligem Lächeln: »Also richten Sie sich ein paar Tränen her, ich gehe auf Ferien!«, und Fräulein Louisi ersuchte ihre Freunde nur, indem sie mit ihren großen Augen noch viel inniger bat, wie mit ihrer sanften Stimme: »Bitte schicken Sie mir Ansichtskarten!« So lag das Café an den Sommertagen recht leer und still da. Die Zeitungen, sonst unauffindbar, an hundert Tischen verstreut, lagen alle vernachlässigt auf einem riesigen Haufen; die Kellner standen stundenlang vor den Spiegeln und studierten, ob sie gut rasiert waren, oder wie sie aussehen, wenn sie gähnen oder ein Auge schließen. Die Kassiererin aber saß bei Tag ganz in die Ecke der großen eisernen Kredenz gedrückt und las Romane. Abends, wenn die Hitze allzu unerträglich war, nahm sie einen Sessel, stellte ihn auf die Gasse hinaus und blieb hier bis zwei Uhr nachts sitzen, um wenigstens die frische Luft der Gasse einzuatmen. Der Mediziner Korde, der Ministerialsekretär Drucker, der Leutnant Hollitscher und alle anderen Lieblingsgäste waren schon weg. Aber sie meldeten sich. Jedesmal Mittags, wenn Fräulein Louisi ins Lokal kam, lag schon eine oder die andere Ansichtskarte da. Der Mediziner Korde sendete die »herzlichsten Grüße« aus Gastein. Das war eine wunderbare Ansichtskarte: Zwischen Felsgestein und Gerolle stürzt wild schäumend, in toller Aufregung, der Wildbach Gastein zischend und quirlend herunter. Der Wasserfall beruhigt sich, der wilde Bach wird sanfter, ein schmaler Holzsteg – »Wie leicht man da ausrutschen kann,« sagte Fräulein Louisi zum Markör Franz – führt über das besänftigte Wasser. Von drüben aber winkt in reiner Weiße, von greller Sonne beleuchtet, ein großes dreistöckiges Hotel herüber, dem man es von außen ansieht, daß seine Treppen mit Teppichen belegt sind . . . . Mit ihren großen, noch viel größer werdenden Augen sah sich Fräulein Louisi diese Ansichtskarte an. Erst als der Zahlmarkör Franz sagte: »Fräul'n, gestern Nachts hab'n S' Ihna g'irrt bei der Abrechnung,« da erwachte sie. Ministerialsekretär Drucker sendete »dem herzigen Fräulein Louiserl die herzlichsten Grüße aus Traunkirchen«. Auf dieser Karte war der Gmundener See abgebildet. In Ruhe lag der See da, von schwachen Brisen leicht gerippt, silbern glänzend. Vor dem See standen die schattigen, breiten, über und über belaubten alten Bäume der Gmundener Promenade. Von drüben her, vom rechten Ufer des Sees, glitzerten die lichten Häuser und die roten Dächer von Traunkirchen herüber. Auf dem ruhigen See ruderten zwei Boote . . . . Diese Karte kam am Abend. Wie Fräulein Louisi Nachts sich den Sessel auf die Gasse vor die große Glastür stellte, sah sie sich die Gmundener Karte nochmals an. Unwillkürlich mußte sie sich vorstellen, wie es wäre, wenn sie heute Nacht bei diesem schön gestirnten Himmel in den Gmundener See hinausrudern könnte . . . . »Fräulein Louisi,« sagte in diesem Moment der Markör Franz, »eine Ansichtskarte ist noch da, sie ist hinuntergefallen, drum haben Sie s' übersehen.« Er reichte sie hin. Fräulein Louisi nahm die dritte Karte, wollte »Danke« sagen, merkte aber sofort, daß ihr etwas förmlich in der Kehle stecke, daß, wenn sie ein Wort sagte, ihr ein Schluchzen in die Kehle komme. So nahm sie schweigend die Karte. Aus »Etterek in Slavonien« war sie datiert, und was man auf der Ansichtskarte sah, das war nur ein endloser, dichter Eichenwald, der über einer Hügelkette hinzog. So dicht schien hier das Laub der Eichenkronen, daß man spürte, wie kühl und schattig und lautlos es unter diesem Blätterdache war. Schwarz und finster starrte einem der Waldesanfang entgegen, undurchdringlich und lichtlos . . . Drinnen im Café rief jetzt jemand heraus: »Fräulein Louisi, wissen Sie vielleicht, wo der zweite Teil des Adreßbuches ist?« Aber das sonst so pünktlich antwortende kleine Fräulein gab diesmal keine Antwort! Von drinnen wurde nicht mehr angefragt, das Adreßbuch war offenbar gefunden worden. Eine halbe Stunde lang saß sie unbeweglich, mit geschlossenen Augen da. Eine Träne rutschte ihr langsam über die Augenwimpern und fiel gerade auf das schön geschwungene »H« der »Herzlichen Grüße« des Leutnants Hollitscher. Ein nächtlicher Ruf Ein Geheimnis ist die festeste Klammer zwischen zwei Menschen. Natürlich meine ich mit dem Wort Geheimnis nicht etwa ein so schofles Großstadtgeheimnis, das alle Welt »unter uns gesagt« kennen lernt. Auch nicht eine Sache, die man eine Zeitlang aus Gefälligkeit für irgend jemanden nicht weitersagt, und dann vergißt. Geheimnisse, echte Geheimnisse, das sind Dinge, die man einmal durch irgend einen verhängnisvollen Zufall auf dem Grunde der Seele eines anderen ein paar Sekunden lang sah und nie wieder! Daß man solche Momente nicht vergißt, ist selbstverständlich, und daß man niemals von ihnen eine Silbe redet, ist noch viel selbstverständlicher. Ein solches Geheimnis will ich heute lüften. Einen ganz geheimen Punkt aus dem Leben des Schuldirektors Anton Hoferer und seiner Frau Auguste . . . Ach, wird jetzt irgend ein vorschneller Unterbrecher spötteln, deshalb die spannende Einleitung, damit wir jetzt eine Schulanekdote anhören? . . . . Ja, eben deshalb, doch ist es keine Schul-, sondern eine Lehreranekdote. Du gähnst? Du sagst: »Na, das kann ein recht fades Geheimnis werden. Soll man's wirklich lüften?« Nun, abgesehen davon, daß diese Lehrergeschichte in kein Lesebuch paßt, muß ich sie erzählen, denn sie enthält einen so großherzigen, rechtzeitigen, genialen Frauenstreich, daß man sie schon deshalb erzählen muß. Schon deshalb, damit ihr eine Ahnung kriegt, was für ein wunderbarer Kerl die alte Schuldirektorsgattin Auguste Hoferer gewesen ist. Natürlich, wie sie jung war. Damals hieß sie noch Auguste Fürnkranz und wohnte bei ihrem Papa in der Volksschule am Tabor in Wien. Daß ihr Vater auch Volksschuldirektor war, wißt ihr ja. Hoferer war damals noch provisorischer Unterlehrer. Er kam zuweilen abends in die Schule am Tabor (er selbst unterrichtete in einem weit entfernten Bezirk) und blieb zum Abendessen beim Direktor Fürnkranz. Der hatte ihn gern, denn Hoferer war damals ein milchweißes, zartes, dreiundzwanzigjähriges Bürscherl, mit einem ganz kleinen, hellen Schnurrbärtchen und prachtvollen dunklen Augen in dem germanisch lichten Gesicht. Hoferer kam, weil er sich gleich beim zweiten oder drittenmal in die »Gusti« fürchterlich verliebt hatte. Natürlich hätte er sie am liebsten vom Fleck weg geheiratet, aber, ihr wißt ja, »ein provisorischer Unterlehrer« . . . Sie, die Gusti, war gerade so verbrannt wie er, und was das schönste war, der alte Fürnkranz war ganz selig über dieses Paar. So, nur so konnte er sich den Mann für die Gusti vorstellen! Einen frischen, jungen Kerl, der von Kummer und Nervosität noch nicht voll Falten war, einen schwärmerischen, lieben Kerl, kuragiert, aber doch kein Frechling, einen schlanken, ausgeturnten Burschen, dem Auge ein Wohlgefallen, und dabei eine tapsige, generöse, geduldige Seele . . . Die Besonnene in der ganzen Familie war die alte Fürnkranz, die wie so viele gute alte Weiber, die vernünftigen Spießerbedenken mit Geschicklichkeit verteidigte. »Bis Sie wenigstens definitiver Unterlehrer sind!« sagte sie mit Entschiedenheit, und dabei sollte es bleiben. O Gott, das dauerte . . . . Fürchterlich viel Zeit ließ sich der hohe Gemeinderat, ehe er einige Beorderungen von provisorischen Unterlehrern vornahm. Und dann war Hoferer erst nicht drunter. Warten ist überhaupt eine martervolle Beschäftigung, aber auf eine Frau lange warten, dabei kommt am Ende meist etwas recht Ekliges heraus. Ich sage euchs offen, einen Mann, der auf seine Frau etwa ein paar Jahre lang »wartet«, für den hab' ich eigentlich nur ein Gefühl, als müßte ich vor ihm ausspucken, übrig. Eine wirkliche Liebe kann man nicht für ein paar Jahre lang in den Eiskeller legen. So ein vorsichtiger Beamter, der sechs, acht Jahre seiner schönsten Jugend, bis er die richtige Rangstufe erreicht, »wartet«, der fängt vielleicht mit einer reinen, großen Leidenschaft an, aber er steckt bald in der ekelhaftesten Verlogenheit oder in den unreinlichsten Erniedrigungen drin. Ein langer Brautstand pumpt gerade das beste aus dem Inneren der jungen Leute heraus, das Frische, das Naturgewaltige, den stürmisch unbeirrten Trieb. Was übrig bleibt, ist ein dürftiges Bißchen geschickte Berechnung, verbrämt mit einem unreinen Spielen und Reizen . . . Jede Zärtlichkeit wird da so fürchterlich bewußt, jede Hingebung so infam vorbereitet und so niederträchtig abgebrochen. Ah, Pfui, als Liebe beginnen diese vernünftigen Brautstände, als Lüstelei enden sie! Haltet ihr den Schuldirektor Hoferer für ein Genie? Ich auch nicht. Damals hatte er die Frische, den hübschen Habitus der Jugend, er hatte auch die gutmütige Anhänglichkeit des Verliebten, aber ohne seine Frau wäre er vielleicht niemals zu den zwanzig Jahren seiner beispiellos glücklichen Ehe gekommen, deren Abglanz noch heute auf seinem guten, rosigen weißhaarigen Schädel liegt. Nämlich, er sah ein, daß Frau Fürnkranz mit ihrer Mahnung recht hatte: »Bis Sie nur erst wenigstens definitiv sind!« Er hätte sich auf ein Haar ins Warten ergeben! Zwar jeden Abend wurde es ihm fürchterlich schwer. Stand er so im Vorzimmer mit seiner Braut – von den andern hatte er sich schon im Speisezimmer verabschiedet – und umarmte sie in der Dunkelheit, so gab es manchmal Momente, wo er vor Sehnsucht fast umsinken wollte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe, er preßte sich an ihren Körper, er küßte sie, daß er ihre harten Zähne an den seinen fühlte . . . »Gusti!« rief dann endlich Mama Fürnkranz vom Speisezimmer hinaus. Sie rissen sich von einander los, und er stieg wie ein Betrunkener hinunter. Daß er die Hände geballt hatte – auf dem ganzen langen Weg vom Tabor bis auf die Landstraße –, das wußte er nicht einmal . . . . Solche Wartezeit ist Gift. Eine junge Leidenschaft will hinauf oder hinunter, will verbrennen oder verlöschen; knurrend warten wie ein demütiger Mops, das kann sie nicht! . . . In den meisten Fällen, wer weiß das nicht? verschaffen sich die Männer schließlich klägliche Erleichterungen. Mit derlei Hilfsmitteln läßt sich dann der keusche Brautstand freilich einige Jahre lang tragen. Aber Herrgott, was ist aus ihm geworden? Das Schulhaus am Tabor lag am Ende der Häuserreihe. Punkt neun Uhr stand Hoferer allabendlich im Speisezimmer auf, fünf Minuten später rief Frau Fürnkranz »Gusti« ins Vorzimmer, und gleich drauf ging er beim Haustor hinaus. Da gingen gewöhnlich Mädeln mit ihrem Schatz spazieren. Seit einer Woche begegnete dem Unterlehrer mitten auf dem menschenleeren Heimweg ein junges Frauenzimmer, das eine lange Strecke durch dieselben Gassen wie er ging, das sich zuweilen nach ihm umdrehte und ihm direkt ins Gesicht schaute. Die ersten Male hatte er sie kaum bemerkt, eines Tages war sie aber im Licht einer Laterne so absichtlich stehengeblieben, daß er ihr ins Gesicht sehen mußte. Er erkannte sie . . . . Es war ein ehemaliges böhmisches Dienstmädchen aus dem Schulhause, das aber jetzt ganz großstädtisch gekleidet daherging. Er ging weiter. – – Am nächsten Abend, Punkt neun Uhr, sagte er wieder im Speisezimmer Adieu. Im Vorzimmer umarmte er die Gusti. »Ich erstick'«, flüsterte sie atemlos. Plötzlich nahm er ganz behutsam ihre Hände, legte sie sich auf die Wangen und blieb einige Sekunden regungslos stehen. »Was hast Du?« fragte sie fast bestürzt. Da drückte er sie wieder wie ein Rasender an sich . . . . Frau Fürnkranz rief. Aber Gusti kam nicht. Sie wagte sich nicht aus seinen Armen zu rühren. »Gusti!« rief Frau Fürnkranz heute ein zweitesmal. Jetzt erwachte er, ließ sie los und ging. Die Tür fiel zu . . . . Sie trat zurück ins erleuchtete Zimmer. Vater und Mutter waren gut genug, sie jetzt nicht viel zu fragen. »Ich geh' heut zeitlicher schlafen,« sagte sie leise. »Geh', Kinderl, geh gleich,« erwiderte der Direktor. Sie gab dem Vater einen Kuß, der Mutter einen Handkuß und ging. Durchs Vorzimmer sollte sie in ihr Schlafzimmer gehen. Aber wie sie da plötzlich wieder im Dunkel stand, wo sie vor einigen Sekunden in seinem Arm gelegen, da überkam sie plötzlich eine namenlose Angst, Sehnsucht, Verwirrung. Mit einem Male hatte sie ihren Hut gepackt, die Türe leise aufgeklinkt und war draußen . . . . Auf der ausgestorbenen Landstraße ging er schnell vorwärts. Sie sah ihn und wußte nicht, sollte sie laufen oder stehen bleiben? Ihn rufen oder ganz still bleiben? . . . Plötzlich, was sah sie da? Drei Schritte neben ihm ging eine Frau. Sie lief ein Stück nach vorn, dann aber fürchtete sie sich, gehört zu werden, und schritt ganz sachte vorwärts. Im Lichte einer Laterne bleibt das Frauenzimmer stehen. Er sieht sie einen Augenblick an, senkt dann den Kopf, und geht weiter. Nun beginnt das Frauenzimmer schneller zu gehen, mit frech gehobenen Röcken, sich jeden Augenblick umwendend, so recht wie eine . . . Jetzt ist das Weibsbild vor ihm. Gusti merkt, wie er nun langsam den Kopf hebt, sie sieht, wie er die Gestalt des Frauenzimmers von oben bis unten betrachtet . . . prüft . . . zuerst das Gesicht, dann die Waden . . . . Todesangst steigt ihr in die Kehle . . . . Jetzt geht das Frauenzimmer langsamer, aber so, daß er, wenn er absichtlich nicht ausweicht, knapp an ihr vorbeikommen muß! Sie sieht, die Dirne hat den Kopf zu ihm gewendet, ein einladendes Wort auf den Lippen . . . Langsam, ohne von der Linie abzuweichen, nähert sich ihr Hoferer. In der nächsten Sekunde . . . » Anton! « Der Ruf gellt über die Straße. Hoferer fährt, denn er erkennt die Stimme, tief erschreckt zusammen, blickt und läuft zurück . . . In dieser Nacht ist die Direktorstochter nicht nach Hause gekommen . . . . Vierzehn Tage später haben sie geheiratet. Im nächsten Jahre wurde er dann definitiv . . . Von dieser nächtlichen Szene ist zwischen den Gatten niemals die Rede gewesen. Ich glaube er hat nie geahnt, wie scharf sie in dieser Nacht gesehen hat! Und doch hat dieser kurze nächtliche Ruf sein besseres Ich erst ordentlich zum Bewußtsein gebracht. Vielleicht gar, ich habe die großen Vermutungen gern, sind durch diesen beherzten, genial rechtzeitigen Ruf zwei Schicksale erst fest begründet worden. Sünde Vor den Richtern steht ein Angeklagter, der betrogen hat. . . . »Sie legen keine Reue an den Tag,« sagte der erste der Richter hart, »Sie geben sich nicht einmal die Mühe, Ihre Verbrechen zu begründen und so um Nachsicht zu bitten«. Der Betrüger bleibt stumm. Eine Betrogene wird in den Gerichtssaal hereingeführt. »Dieser armen alten Frau haben Sie ihre mühselig ersparten Gulden, die sie in schwerer Arbeit erdarbt hat, mit denen sie sich für die Tage der Gebrechlichkeit schützen wollte, leichtsinnig herausgelockt. Verachten Sie sich nicht selbst?« Die alte Frau wankt hinaus, der Betrüger bleibt stumm. Eine junge Person in schwarzem Kleid wird hereingebracht. Schluchzend sagt sie: »Er hat mein Kind auf dem Gewissen. Er bestahl mich, während ich im Wochenbett lag. Die Milch verdarb mir in der Brust und ich hatte kein Geld mehr für eine Amme. Auf dem Lande haben sie mir dann mein Kind umgebracht.« »Packt Sie nicht die Scham?« fragte der Richter. Der Betrüger bleibt stumm. Die Weinende wird hinausgeführt. Nun wurde der Abschiedsbrief eines Kaufmannes verlesen, den der Betrüger hinters Licht geführt hatten »Ich muß sterben,« stand darin, »denn ich war schon daran gewöhnt, das Leben in dem Geschäftsladen, den einst mein Urgroßvater errichtet hat, zu verbringen. Er hat mein Geschäft ruiniert; ihm danke ich die Kugel, die ich mir jetzt ins Herz schieße.« »Noch ein Menschenleben!« sagte der Richter bedeutungsvoll. »Bereuen Sie noch nicht?« Der Betrüger bleibt stumm. »Die anderen Zeugen sind eigentlich nebensächlich,« meinte der Richter. »Unser Urteil steht fest. Es handelt sich auch nur mehr um weniger schwere Verbrechen.« Alle Zeugen entfernten sich. Nur ein Rentier blieb im Saale und bestand darauf, vernommen zu werden. Dieser Zeuge sagte im Tone des Bedauerns: »Mir ist recht geschehen. Er hat mir vor zweiundzwanzig Jahren einen mittelgroßen Betrag entlockt. Damals wußte ich noch nicht, wie die Menschen sind. Ich war noch ein ganz unerfahrener Mensch, ein Idealist, ein grüner Junge und Träumer. Man lernt ja . . .« Da fiel der Betrüger vor seinen Richtern auf die Knie und schrie: »Verdammt mich für lebenslang! Schickt mich in den finstersten Kerker!« Erstaunt fragte der Richter: »Plötzlich bereuen Sie? Jetzt?! Und gerade diesem Manne haben Sie einen verhältnismäßig geringen Schaden zugefügt!« Da errötete der Betrüger sogar und gestand: »Dies ist meine gemeinste Tat gewesen! . . . O, man soll sich auch die Opfer seiner Sünden aussuchen . . . Es gibt Menschen, denen man einen Dienst erweist, indem man sich an ihnen versündigt. Vor zweiundzwanzig Jahren habe ich diesen Mann um ein Geringes betrogen, aber keiner hat größere Zinsen aus diesem meinem Verbrechen gezogen als er. Meine Sünde ist seine erträgnisreichste Spekulation geworden. Seither ist er kein Träumer mehr, kein grüner Junge, kein Idealist. Seither ist ihm kein leidender Mensch vor Augen getreten, dem er nicht lächelnd geantwortet hätte: Schon gut, ich kenne das . . Vor zweiundzwanzig Jahren . . . So sind die Menschen! Man hat seine Erfahrungen! Was habe ich gesündigt an allen, die vor seine Tür traten! Ich habe diesem Manne zu den wucherischesten Wucherzinsen verholfen. Meine Sünde hat ihn gerechtfertigt! O . .« Die Richter verhängten über den gemeinen Betrüger die schwerste Strafe. Der Verteidiger Vorige Woche sah ich den Verteidiger Doktor Berger im Gerichtssaal. Diesen Mann im Verteidigerstuhl sehen, das ist für mich ein größerer Genuß als die spannendste Theatervorstellung. Schon wie er der Verhandlung zuhört, bald über seinen Tisch gelagert, den Kopf weit vorgestreckt, bald wieder aufspringend, nervös hinter den Schranken auf- und abtrabend, zuweilen scheinbar ein gelassener Zuhörer, der in die Luft schaut, im entscheidenden Augenblick aber mit seiner Zwischenfrage wie ein Tiger auf den ahnungslosen Zeugen hinstürzend, schon dieses Schauspiel regt mich immer an. Ich lächle nachher freilich, wenn ich daran denke, wie leidenschaftlich er sich für jeden seiner Spitzbuben ins Zeug legt, ich belächle mich selbst, weil ich von der bannenden Energie dieses Mannes immer wieder, wenigstens für Stunden, gefangen genommen werde. Aber ich gestehe, daß mir dieser Verteidiger eben wegen der Wut, wegen der bohrenden Leidenschaft, mit der er sein Gewerbe treibt, gefällt. Ach, armselige Tröpfe, die ihre spärliche Kraft hinter skeptischen Witzen verbergen, gibt es genug, Leute, die so närrisch mit Leib und Seele ihrem Amte hingegeben sind, leider nur ganz wenige . . . Vorigen Dienstag verteidigte der Doktor Berger einen Mann, der sein eigenes Geschäft in Brand gesteckt hatte, um die Versicherungssumme einzuheimsen. Ich fand ihn wieder hinreißend. So kurios ich nachträglich die Gedanken seiner Verteidigungsmethode finde, im Moment mußte ich mitgehen. Vor allem bewies er den Richtern mit aller Gemütlichkeit, daß es ein gutes Recht jedes Versicherten ist, sein Hab und Gut in Brand zu stecken. Jahrzehntelang zahlt da ein Kaufmann, so folgerte der Verteidiger, regelmäßig soundsoviel jährliche Feuerversicherungsprämie, nie geschieht etwas, der Kaufmann lernt die Assekuranzgesellschaft gar nicht kennen, mit der er seit Jahr und Tag in Geschäftsverbindung steht. Ist er als gewissenhafter Geschäftsmann nicht geradezu verpflichtet, einmal zu revidieren, wie die Anstalt arbeitet, kulant oder schnöde, gewissenhaft oder leichtfertig? . . Der Verteidiger wurde immer hitziger: Es ist beinahe ein gutes Recht jedes langjährig Versicherten, einmal seinen Brand zu haben. Dabei bleibt es ja das Recht der Assekuranzgesellschaft, nach der Ursache des Brandes zu forschen und eventuell nicht einen Heller auszuzahlen. Der Brandstifter handelt, wenn die Assekuranzgesellschaft richtig vorgeht, eigentlich bloß auf sein eigenes Risiko. Seine Waren verbrennen. Ob er was kriegt, ist zweifelhaft . . . Nach einer Pause fuhr der Verteidiger mit leiser Stimme fort: Und schließlich, die Versicherungsgesellschaft muß wissen, daß viele Versicherte den Kitzel fühlen, ihr Eigentum in Brand zu stecken. Das müssen die Versicherungsanstalten wissen, und weil sie es wissen, berücksichtigen sie das auch in ihrem Prämientarif! Es ist statistisch nachgewiesen, daß der Prozentsatz der Brände bei versicherten Betrieben ein höherer als bei unversicherten ist. Sind aber auch die selbstgelegten Brände bei der Berechnung der Versicherungsprämie schon von vornherein in Kalkül gezogen, dann müssen die Anstalten selbstverständlich dieses Risiko auch auf sich nehmen. Sie sollten also auch in solchem Falle zahlen . . . Das erklärte Doktor Berger den Geschworenen mit aller Eindringlichkeit. Als er meinte, daß die Gedankenkette in ihren Gehirnen genügend festgehakt war, setzte er wieder nach einer Pause mit ganz veränderter Stimme hinzu: ». . . Die Assekuranzgesellschaften zahlen dem Brandstifter nichts. Noch mehr, diesen alten, verzweifelten, gebrochenen Kaufmann, der seine Versicherungsgelder und sein ganzes, Tausende Gulden wertes Warenlager verloren hat, setzt man noch auf die Anklagebank!« Empört brach er ab und setzte sich in seinen großen Verteidigerstuhl. Er meinte, seine Argumente seien so überzeugend, daß er jetzt schweigen müsse . . . Ein Zeuge wurde in der Verhandlung vernommen, der Buchhalter des Angeklagten, der diesem zwanzig Jahre lang gedient hatte. Nachts hatte die Feuersbrunst gewütet, am anderen Morgen hatte dieser alte Buchhalter zu zwei Nachbarn gesagt: »Den Brand hat der Chef selbst gelegt, weil er vor dem Konkurse steht.« Infolge dieser Aeußerung, von der die Versicherungsgesellschaft erfuhr, wurden Nachforschungen angestellt. Es kam zu Tage, daß der Chef einzelne Warenballen sogar in Petroleum getränkt und Nachts heimlich im Vorübergehen durch das Guckloch der Rollbalken brennende Zündhölzer hineingeworfen hatte. Der Buchhalter war mit seiner Aussage fertig. Der Verteidiger, der die ganze Zeit stumm dagesessen war, fuhr jählings von seinem Sitz auf, als der Zeuge abtreten wollte. »Wie lange waren Sie beim Angeklagten beschäftigt?« »Sechzehn Jahre.« »Wie groß war Ihr Gehalt?« »Hundertfünfzig Gulden.« »Ein sehr anständiges Gehalt für einen Buchhalter!« sagte Doktor Berger mit sichtlicher Befriedigung. Der Zeuge zuckte die Achseln: »Ich habe es schwer verdient.« »Davon ist nicht die Rede,« unterbrach der Verteidiger den Buchhalter; »aber halten Sie es für die Pflicht eines Angestellten, der sechzehn Jahre in einem Hause tätig war, Nachbarn, fremden Leuten, ja Konkurrenten mitzuteilen, daß der Chef vor dem Konkurs steht?« Der Zeuge blickte ganz verdutzt drein. Sofort benutzte der Verteidiger den kurzen Moment der Stille, um in noch schärferem, höhnischen Ton die Frage zu wiederholen. Der Zeuge war noch immer ganz eingeschüchtert. Der Verteidiger benutzte diese Augenblicke und warf ihm im Ton überlegener, verhaltener Entrüstung den vorwurfsvollen Satz zu: »Sie waren ihrem Chef wohl nicht gerade freundlich gesinnt. Sagen Sie ruhig, Sie wollten ihn ins Kriminal bringen!« Jetzt wurde der Buchhalter zornig: »Ein reeller Kaufmann ist er nie gewesen!« »Schon gut,« unterbrach ihn rasch der Verteidiger, der eine eingehendere Begründung verhindern wollte, »danke. Ich wollte nur Ihre Gesinnungen für den Mann, der sechzehn Jahre lang Ihr Chef war, feststellen!« Die Gedankenkette des Verteidigers hatte sich in den Hirnen der Geschworenen nicht eingehakt. Der Brandleger wurde mit zehn gegen zwei Stimmen schuldig gesprochen und bekam fünf Jahre schweren Kerkers. Gestern nachts sah ich den Doktor Berger in der menschenleeren Donaustraße. Er ging ganz allein den Donaukanal entlang und schon in der Entfernung bemerkte ich an heftigen Bewegungen seiner Arme, an dem ruckweisen Heben des Kopfes, daß er in Erregung mit sich selbst sprach. Näherkommend, hörte ich, wie er gegen sich selbst Schimpfworte ausstieß: »Ich . . . Esel! Ich . . . Schuft! Ich will mir einbilden, daß ich den Leuten helfe! . . Ich?! . . . Ich Rindvieh!« Er war so erregt, die nächtliche Umgebung, der Donaukanal, die Selbstvorwürfe, die ich anhörte, stimmten mich einen Moment lang für den Verteidiger fast besorgt, so daß ich auf ihn zutrat und ihn begrüßte. Er reichte mir die Hand und im nächsten Augenblick sprudelte er schon hervor: »Ah richtig, Sie waren ja auch dabei, Sie haben den Brandlegungsprozeß mitangehört! Sehen Sie, diesen Angeklagten habe ich auf dem Gewissen! Jawohl, ich! Ich! Meinethalben muß der Mann fünf schreckliche Jahre lang in Stein neben Einbrechern und Trunkenbolden sitzen! Ich, ich, ich bin schuld daran.« Verwundert fragte ich: »Sie? Sie haben sich doch die größte Mühe gegeben, ihn freizukriegen.« »O, ich Esel!« schrie der Verteidiger. »Wie konnte ich diesen Buchhalter auslassen? . . . Auf diesen Mann hätte ich mich stürzen sollen!« Plötzlich begann er leise zureden: »Dieser Buchhalter hat ihn gehaßt! Dieser Kerl hat seinen Chef angezeigt! Haben Sie bemerkt, wie haßerfüllt er vor Gericht ausgesagt hat! . . . Ich hätte ihn fragen sollen, wo er selbst in der Nacht war, in der der Brand ausgebrochen ist! Ich wette darauf, es wäre ihm so schnell keine Antwort eingefallen!« Ich trat einen Schritt zurück: »Halten Sie es denn für möglich, daß der Buchhalter den Brand gelegt hat?« »Nebensache,« erwiderte er wegwerfend. »Aber in den Geschworenen hätte ich die Frage anregen sollen. Dazu war ich verpflichtet.« Ich schüttelte den Kopf: »Der Kaufmann hat zweifellos selbst das Feuer gelegt.« Da schrie der Verteidiger: »Wir sprechen davon, wie ich dem Manne hätte das Zuchthaus ersparen können. Davon allein! Ich hätte die Stimmung gegen den verräterischen Buchhalter irgendwie ausnutzen sollen!« Unwillkürlich mußte ich lächeln. Als er es bemerkte, rief er mir zu: »Adieu! Ich habe die Ehre, ich muß zurück!« und rannte davon. Im Nu war er weit fort von mir und als ich mich nach ihm umsah, bemerkte ich, wie der einsame Mann noch immer heftig mit sich redete, und ich glaubte zu hören, wie er sich zerknirscht zurief: »O, ich Esel!« Ich muß gestehen, dieser Verteidiger, der sich in Selbstquälereien marterte, weil er einen Zeugen nicht genug verdächtigt hatte, hat Eindruck auf mich gemacht. Fürsorglicher kann man an seine Verbrecher nicht denken! Debatte über das Beten Die ganze Familie sitzt nach dem Abendessen um den Tisch herum. Vater, Mutter, ein Onkel, zwei Tanten, zwei Schwägerinnen, ein junger Neffe und die kleine, zehnjährige Tochter. Dann und wann klingt von der Straße her der Lärm einer Musikkapelle herauf. » Gebete ,« sagt die Tante , während sie strickt, »müssen vom Herzen kommen.« »Lächerlich,« erwidert der junge Neffe . ». . . Darf ich mir übrigens eine Zigarre anstecken? . . . Gebete rauben einem nur die Zeit, die man gleich für die Sache, wegen der man betet, verwenden sollte.« »Du weißt eben noch nicht,« antwortete die Tante , »wie wohl es zuweilen tut, gute Worte vor sich hinzusagen . . . Uebrigens ist es ein bißchen kalt herinnen. Darf ich frische Kohle in den Ofen legen?« Der dicke Onkel sagt gleichmütig: »Ich kann da nicht mitreden, ich habe seit zwanzig Jahren nicht gebetet. Wenn man wie ich so viel im Geschäft zu tun hat, denkt man an solche Sachen nicht. Uebrigens darf ich nun wohl auch rauchen?« »Die Tante hat aber selbst zugegeben,« eiferte der Neffe , »daß das Beten meist nur eine bloße Freude an angenehmen Worten ist. Es ist eine Beschäftigung für Invaliden. Wenn man schon gar nichts mehr tun kann . . .« »Ich finde,« flüstert eine ästhetische Schwägerin , »das Beten ist aus der Mode gekommen, weil die Gebettexte schon ziemlich veraltet sind. Man sollte bei Dichtern neue, ganz moderne Gebettexte bestellen.« Die Männer rauchen. Vom Ofen strömt ununterbrochen Hitze in das kleine Zimmer. Der boshafte Neffe sagt lächelnd: »Am schönsten sind die Gebete für sich selbst. Wenn man gerade etwas nötig hat. Ungefähr wie die Tante vor Weihnachten, wenn sie vor dem Wäscheschrank steht, die Stücke zählt und überlegt, was sie sich denn heuer wünschen soll.« Die Tante findet diese Witze gemütlos: »Dir ist eben noch nie irgendeine Sache dringend am Herzen gelegen. Ich, wenn mir jemand so leid tut, daß ich nachts nicht schlafen kann, weil ich ihn fortwährend im Finstern vor mir sehe, ich muß für ihn beten, dann werde ich langsam ruhig. Für mich ist das Beten . . .« »Ein Schlafmittel,« fällt der Neffe ein. Alle lachen. Mit dem witzigen Neffen wagt keiner mehr zu streiten. Es wird still um den Tisch. Da sagt die ästhetische Schwägerin, zu dem kleinen Nichtchen sich herunterbeugend: »Na, du Engerl, was sagst denn Du dazu?« Die Kleine wird verlegen, weil alle plötzlich auf sie sehen. Ablenkend sagt der Vater: »Sie ist schon müde, sie gehört längst ins Bett. Ich werde sie hineintragen.« Er hebt das Kind vom Sessel und trägt es in das dunkle Kinderzimmer. »Vater,« sagt das kleine Mädchen während des Auskleidens, »hast Du auch den ganzen Abend die Musik vom Eislaufplatz herübergehört?« »Manchmal.« Das kleine Mädchen liegt schon unter der Decke. Der Vater hat schon seinen Gutenachtkuß und will wieder hinüber . . . »Vaters ruft das Kind aus seinem Kissen, »darf ich Dir noch einen Wunsch sagen?« Im Finstern beugt sich der Vater zu dem kleinen Mädchen herunter, so daß er dessen erhitzte Wangen spürt. »Ich wäre heute abend so gern Schlittschuh gelaufen.« »Du kannst es ja gar nicht,« sagt der Vater erstaunt. »Liebes Vaterl! Aber ich könnte es gewiß sehr gut . .« Lächelnd sagte der Vater: »Ich werde Dich's lehren lassen! Gute Nacht!« Noch ein Kuß. Durchs finstere Zimmer geht der Vater zu den Gästen zurück. Ehe er die Tür ins lichterfüllte, qualmige Speisezimmer öffnet, bleibt er stehen, weil er in Gedanken das Mädchen auf dem Eise sieht, dahinfliegend, mit gelenken Gliedern, mit geröteten, blutdurchpulsten Wangen. » Sehnsucht ist Gebet genug ,« will er drüben an der Tafelrunde sagen. Aber die Debatte über das Beten ist längst geschlossen. Viehmarkt Der Personenzug hält abends in der Station Dobrau, wo heute Viehmarkt gewesen ist. Im Nu sind die Waggons dritter Klasse überfüllt. Bauern steigen mit schweren Röhrenstiefeltritten ein und eine Menge Viehhändler, die vorsichtiger und unsicherer auftreten. . . . Im letzten Waggon, einem miserabel beleuchteten, von Tabakrauch und Heizungsdampf angefüllten Coupé, sitzen fast nur Viehhändler. Eine trübselige, niedergeschlagene Stimmung herrscht im Coupé. Regen klatscht an die Fenster, der Fußboden des Waggons ist naß und schmutzig. Oeffnet einer die Waggontür, so weht scharfe, feuchte Luft in die stickige Atmosphäre herein. Die Händler mummen sich fester in ihre Winterröcke und Pelze . . . Endlich hörte man draußen das helle Trompetensignal des Kondukteurs und der Zug verläßt Dobrau . . . »Schade um den Tag,« sagte ein alter Viehhändler in großem Pelz ärgerlich. Gegenüber nimmt ein anderer das Gespräch auf: »In Dobrau ist immer das schlechteste Vieh. Alte, magere Kühe, die teurer sind wie anderswo schöne, junge Ochsen . .« »Es war schon voriges Jahr nichts los,« beginnt ein dritter, ein kleines, mageres Männchen; »ich hab meinem Vater gesagt: »Vater,« hab ich gesagt, »es ist unnütz, nach Dobrau zu fahren, lauter teure, alte Kühe sind dort!« . . . Nein, ich mußte hinfahren. Wenn ich für dieses Geld nach Brünn fahre, kann ich mir einen angenehmen Tag und eine angenehme Nacht machen. Dazu hat man nicht das Herz Geld auszugeben, aber um alte, teure Kühe anzuschauen und sich im Regen und in der Kälte krank zu machen, dazu hat der Vater das Herz.« Die Stimme des Klagenden erstirbt in mißmutigem Flüstern . . . Es wird still im Waggon und da hört man plötzlich in der hintersten, finstersten Ecke den Viehhändler Wolf mit einem Bauer leise sprechen. »Hundertundzwanzig Gulden in Gottesnamen,« sagt Wolf angelegentlich, so daß er gar nicht wahrnimmt, daß ihm jetzt alle neugierig zuhören; »so ein Geschäft macht man ohnedies nur, damit man nicht ganz umsonst den weiten Weg gefahren ist. Aber nicht einen Kreuzer mehr! Es ist nur wegen eines nächsten Males . . .« Alle horchen neugierig auf die Antwort des Bauern hin. Der qualmt den Rauch seiner Pfeife vor sich hin und gibt keine Antwort. »Ich möchte das nicht dafür geben,« mischt sich aus der Entfernung der Viehhändler mit dem großen Pelz ein. »Laß ihm die alte Kuh!« rufen andere Wolf zu. Die Viehhändler fühlen sich augenblicklich als Brüder, die zu einander halten müssen. Aber Herrn Wolf ist die Störung nicht angenehm. »Mischt euch nicht ein,« sagte er verdrießlich; »wir sind schon so gut wie einig.« Von nun ab wird das Gespräch in der hintersten, finstersten Ecke des Waggons so leise geführt, daß kein Dritter eine Silbe versteht. Der Regen klatscht noch heftiger an die Fenster. Dunkelste Nacht ist über die Gegenden draußen gesunken und wenn man das angelaufene Fenster abwischt, um hinauszuschauen, blickt man nur in blauschwarze Finsternis, aus der dann und wann ein gelbes Lichtchen herausstrahlt. Der kleine, magere Viehhändler, der mit seinem Vater nicht zufrieden ist, hat sich neben den Viehhändler mit dem großen Pelz gesetzt. Auch die beiden flüstern so geheimnisvoll, daß die anderen nichts davon verstehen. Je länger sie miteinander sprechen, desto stiller werden die anderen. Endlich hört man das kleine magere Männchen fragen: »Und woher weiß ich denn, ob er mir sie gibt?« »Lächerlich,« flüstert der mit dem großen Pelz voll Geringschätzung, »er wird froh sein, daß er sie aus dem Hause bringt.« Der Viehhändler Wolf unterbricht die Verhandlungen mit dem Bauer, um ein paar Worte von jenem Geschäft, das da drüben geschlossen wird, zu erhaschen. »Ich weiß nicht, was Sie da noch viel überlegen,« fährt der Viehhändler mit dem großen Pelz fort; »sind Sie froh, daß Sie nicht zu spät kommen! Gerade für Sie ist das etwas Passendes. Ich habe übrigens schon einmal im Gespräch die Sache angebahnt . . .« »Ob sie nur gesund ist? Sie ist so mager,« flüstert das kleine Männchen besorgt. »Gesund? Lächerlich! Wissen Sie, was für eine Kost in dem Haus ist? . . . Aber, wenn die Sache zustande kommt, kriege ich drei Prozent!« Tiefe Stille im ganzen Coupé. Alle spüren: Die beiden stehen schon vor dem Abschlusse! »Kommen Sie Samstag hin!« rät der Händler im Pelz, »sehen Sie sich sie an; Sie bilden sich nur ein, daß sie so mager ist, sprechen Sie mit dem Alten und in vier Wochen können Sie – Hochzeit machen.« »Ah so!« stößt der Händler Wolf unwillkürlich aus und wendet sich wieder zu seinem Nachbarn. Auch die anderen Viehhändler hören nicht länger zu . . . In Wißnitz hält der Zug. Das magere Männchen steigt aus. »Also Samstag,« flüstert ihm der große Pelz zu. »Sie werden sehen, die Familie wird Ihnen gefallen . . .« Mittelschule des Lebens Aus dem Tagebuch eines aufrichtigen Bourgeois Schade, daß ich kein berühmter Mann bin. Es gibt nämlich eine Frage, betreffs derer ich mich sehr gern interviewen ließe. Ich glaube der einzige Erwachsene zu sein, der die Frage der Mittelschulreform richtig formuliert hat. Da wird immer herumgestritten, ob die Gymnasiasten Griechisch lernen sollen oder nicht, ob die humanistischen Studien als Sockel wahrer Bildung unerläßlich seien, welchen Wert hingegen das Studium der Naturwissenschaften habe usw. Ich unterschätze diese Probleme nicht. Aber was bleibt uns denn in Wirklichkeit von unserer ganzen Mittelschulbüffelei? Ist denn das bißchen Griechisch oder ein bißchen Physik von Bedeutung? Ist's nicht im Grunde gleichgültig gegenüber der höheren Wissenschaft, der Lebenswissenschaft, die uns in der Mittelschule beigebracht wird: der Kunst, zu schwindeln! Wer – ich richte diese Frage an alle gewesenen oder seienden Mittelschüler – wer hat im Gymnasium oder in der Realschule nicht geschwindelt? Und wie, wie haben wir alle geschwindelt! Von den gemeinen Künsten des »Einsagens« bis zu den okkulten Wissenschaften der von uns approbierten Lehrbücher, eine ganze Skala gewöhnlicher und raffinierter, grober und frecher, heimlicher und kühner, offener und versteckter Schwindelei! Das, meine Herren, ist – abgesehen von dem bißchen Wissen – die große Errungenschaft der Mittelschule. Die Schüler werden für das Leben vorbereitet; sie lernen schwindeln. Sie lernen schwindeln und lernen die Moral des bürgerlichen Schwindelns, welche heißt: »Du darfst nicht ertappt werden!« Sie lernen, daß dem nicht erwischten Schwindler der Vorzug blüht, und der Ertappte fällt durch! Sie lernen, daß die große Kunst des Schwindlers in der Keckheit besteht, und daß wichtiger noch als die Fähigkeit des Schwindelns die Kunst, ein ehrlicher Mann zu scheinen , ist! Sie lernen, daß der wirklich vollendete Schwindler vor allem die Fähigkeit des frechen Leugnens haben muß. Sie lernen allmählich, daß es eine unerläßliche, stumme Solidarität der Schwindler gibt, daß ein Schwindler sich immer auf den anderen, als den, »der es gesehen hat, daß ich nicht . . .« beruft und daß heute Du beschuldigt, morgen Du wieder Eideshelfer bist, daß wir also schon deshalb einig sein müssen. Die tiefste Frage der Mittelschulreform muß deshalb so formuliert werden: Unter welchem System wird die Fähigkeit des Schwindelns zu einer höheren Fertigkeit ausgebildet? Nebenbei gesagt, bin ich deshalb unbedingt für die Beibehaltung der humanistischen Fächer. Was soll mit all den Grammatiken geschehen, in welche durch Generationen statt des gedruckten griechischen Textes die eingeklebten Seiten mit den geschriebenen deutschen Uebersetzungen kunstvoll eingefügt sind? Nein, eine wahre Hochschule der moralischen – wie soll man's sagen – Elastizität ginge mit der Abschaffung des Griechischen verloren! Bleiben wir bei den bewährten, alten Systemen! Nichts ärgert mich aber mehr als der Feldzug hypermoderner Historiker gegen das Auswendiglernen der Jahreszahlen im Geschichtsunterricht der unteren Klassen! Hier steht direkt die »Kultur der sträflichen Hilfe« in Frage. Ah, wenn ich mich erinnere, wie mir einmal zumute war, als ich nach der Jahreszahl der Krönung Rudolfs von Habsburg gefragt wurde! Unnötig zu sagen, daß ich sie nicht wußte. Heute ist diese Jahreszahl die einzige, die ich nie vergessen werde. Ich stand da auf dem Podium und schwieg . . . Eine entsetzliche Pause.. Der Professor sah mich an, unbeschreiblich! Die Stille wurde immer furchtbarer. Der Professor öffnete den Salonrock, griff in die Brusttasche, wo der »kleine Katalog« ruhte. Um mir die ganze Verworfenheit meiner Unwissenheit klar zu machen, fragte der Professor: »Wer weiß das?« Es erhob sich eine Unzahl Tertianerhände. »Eine Unzahl,« so sah's der Laie, der Professor. Der geprüfte Schüler sah tiefer. Unser Klassenzimmer war in drei Abteilungen eingeteilt. Zwei Wandelgänge für den herumgehenden Lehrer lagen zwischen den Abteilungen. Nochmals setzte der Professor den Dolch an die Brust: »Nun?« Aber in diesem Moment hatte ich bereits gezählt, zwölf Hände in der ersten Abteilung, sieben in der zweiten, drei in der dritten. »1273,« entgegnete ich schüchtern. Der Professor war entwaffnet. »Das hat lange gedauert,« murmelte er ärgerlich, weil er sich beinahe enttäuscht fühlte, und ließ den Kleinen Katalog wieder in die lichtlosen Tiefen der Brusttasche versinken. Und auf die Jahreszahlen sollen wir verzichten? Auf die Jahreszahlen, denen wir die findigsten fliegenden Organisationen der heranwachsenden Jugend verdanken? Niemals ist unsere Klasse nach einer Jahreszahl gefragt worden, ohne daß einige Schüler in den drei Abteilungen aufzeigten, weil sie plötzlich »hinausmußten«, oder weil vom letzten Kandelaber angeblich Gas ausströmte und was dergleichen wichtige Anzeigen sonst noch sind! Nein! Der Geschichtsunterricht in dieser Form muß beibehalten werden! Er ist unersetzlich! Ungeheuer geschärft wird das Gehirn des Kindes durch den Mathematikunterricht! Es ist von sensationslüsternen Autoren oft beschrieben worden, wie unsäglich die Sträflinge beim Spaziergang im Hofe der Strafanstalt darunter leiden, daß sie miteinander nicht reden dürfen, und wie doch immer wieder auf eine höchst bewundernswerte Weise Verständigungen zwischen den Sträflingen zustande kommen! Aber was ist diese Klopfsprache in den preußischen Gefängnissen gegen die Künste, die während der »Schularbeit« in der Mathematikstunde entwickelt werden! Unser Professor hatte Argusaugen. Kein Gefangenaufseher kann wachsamer sein. Er ging durch die zwei Wandelgänge des Zimmers und drehte sich immer gerade in dem Moment plötzlich um, da man ihn in den Anblick des schönen gelben Schwammes vor der »Tafel« vertieft dachte. Er vollführte plötzlich, um unter die Bank zu schauen, eine Kniebeuge, die man dem kleinen behäbigen Herrn gar nicht mehr zugetraut hätte. Dann wieder konnte er viertelstundenlang auf dem Podium stehen und einen Einzelnen, Verdächtigen, ununterbrochen scharf ins Auge fassen. Aber was half's? Wir saßen da, über das Heft gebeugt, und konnten über drei Bänke abschreiben. Dabei in einer Haltung! Tadellos! Kein Staatsanwalt konnte es bemerken! Wir saßen da, über das Heft gebeugt, und gaben mit dem Fuß dem Vordermann, der schon fertig war, einen Stoß. Eine Minute später steckten die »richtigen Resultate« in dem Röhrenstiefel drin. Vierzig Sekunden später waren sie abgeschrieben. Eine Minute später mußten wir uns am Halse rückwärts kratzen, wobei die richtigen Resultate, von unserem Rücken gedeckt, auf das Pult des Hintermannes fielen. Akrobaten und Fernseher – das wurden wir, dank der Mathematikstunde! Es gab – um nicht zu übertreiben – in jeder Klasse zwei, drei gemiedene Musterknaben, die nicht schwindelten. Es ist auch im Leben nichts Rechtes aus ihnen geworden! Einem von ihnen hat die ganze Klasse einmal furchtbar mitgespielt. Es war bei einer mathematischen Schularbeit. Er hatte drei von den fünf Exempeln gelöst. Das vierte und fünfte brachte er nicht fertig. Er saß da, der flachsblonde Junge, zerbiß den Federkiel und bekam ganz stille Tränen in die Augen. Seine ganze Umgebung war dank der lebendigen Korrespondenz längst fertig. Dem Nachbar des Flachsblonden, einem Knaben in brauner Samtbluse, fiel mit großem Lärm das »Federpennal« hinunter, wodurch das offizielle Recht zum Unter-die-Bank-Kriechen erworben war. Sofort kroch er hinunter, holte das Pennal, zerrte den Flachsblonden am Rock, wollte ihm die richtigen Resultate in die Hand drücken. Der Flachsblonde zog die Hand aufs Pult hinauf. Der Moment, der zum Pennalaufheben nötig ist, war um. Der Nachbar mußte wieder emportauchen . . . Der Vordermann schlug sein zugeklapptes Heft wieder auf, damit der Flachsblonde einen Blick hinwerfen könne. Der bemerkte es und sah auf die andere Seite. Es läutete. Die Hefte wurden abgesammelt. Der Flachsblonde hatte nur drei von fünf Aufgaben gelöst. Der Professor geht, die Theken unterm Arm ins Konferenzzimmer. Die ganze Nachbarschaft steht um den Flachsblonden versammelt. »Warum hast Du's nicht abgeschrieben?« fragten sie. – »Ich hab' Dir das Heft hingehalten!« ruft einer. – »Ich wollte Dir unter der Bank die Resultate geben,« der in der braunen Samtjacke. »Ich schwindle nicht!« erklärte der Blonde. »So? Was tust Du denn?« »Wenn ich's nicht kann, bete ich.« »Beten! Um was denn?« »Um Gottes Hilfe!« Aber da kann sich die kleine braune Samtjacke, die früher unter die Bank gekrochen war, nicht mehr halten: »Das ist doch zu . . . Wenn ich Dir die Resultate unten geben will, siehst Du denn das nicht ein: das ist doch Gottes Hilfe! « Alle stimmten ihm zu: »Natürlich! Der liebe Gott wollte Dir helfen. Zweimal sogar! Was hätte denn der liebe Gott noch alles tun sollen? Du hast seine Hilfe keck von Dir gewiesen.« Da es ihm alle zuschreien, kommen dem Frommen, der Gottes Beistand hochmütig von sich wies, wirklich die Tränen. In der Geographiestunde, die jetzt beginnt, sitzt der Flachsblonde ganz unaufmerksam da. Seine Gedanken fliegen aufwärts, den lieben Gott um Verzeihung zu bitten. Reisende Durch die Nacht poltert der Personenzug Bodenbach-Wien. Draußen ist abscheuliches Herbstwetter, es regnet, ein widriger Wind klatscht den Regen an die Waggonfenster. Flachland links und rechts von Bahndamm, weit und breit kein Licht, weitgedehnte schwarze Flächen, die nur vom Lichte der beleuchteten Waggons und vom funkelnden Sprühregen der glühenden Kohlenfunken der Lokomotive sekundenlang schwach beleuchtet werden. In Abständen von halber Stunde zu halber Stunde hält der Zug vor kleinen, halbfinsteren Bahnhöfen, auf denen keine Menschenseele zu sehen ist. Eine Bäuerin, mit Körben beladen, steigt hier zuweilen aus, eine andere ringt sich aus dem Bahnhofsdunkel heraus und erklimmt, vom Kondukteur gestützt, mühsam die Waggonstufen. Im nächsten Moment ein Zuschlagen der Coupétüren, ein kurzes Hornsignal des Kondukteurs, und langsam beginnt die Lokomotive wieder zu poltern: der Zug fährt wieder . . . Die Coupés I. und II. Klasse sind verdunkelt, die Türen bleiben geschlossen, die Vorhänge sind heruntergelassen, kein Laut dringt von dort heraus. Dagegen wird in der III. Klasse laut gelärmt und gesprochen. Enggedrängt sitzen die Passagiere auf den harten Holzbänken nebeneinander. Im Tabakrauch, der den Waggon erfüllt, kann man nur gerade sein Visavis auf der Bank gegenüber sehen. Eine miserable Oellampe blinzelt spärlich vom Plafond herunter. Aus der finstersten Ecke dringt auf einmal ein hartes, immer lauter werdendes Geräusch, regelmäßig wie das Lärmen einer schweren Holzsäge. Eine alte Bäuerin ist, über ihre Körbe gebeugt, fest eingeschlafen und schnarcht. Sofort beginnt ein junger Bursch, der eine Soldatenkappe auf dem Kopf trägt, neben ihr noch lauter zu schnarchen. »ch . . ch . . ch . .« tönt es schnarchend durch das Coupé und jedesmal, wenn der Junge das Schnarchen der Alten durch ein tieferes Brummen zu übertönen trachtet, lacht die ganze Gesellschaft. Infolge des lauten Gelächters wacht die Bäuerin auf, erhebt schwerfällig den Kopf von ihren Körben und schaut verschlafen um sich. »Schlafen S' nur weiter, Mutterl«, sagt der Bursch mit der Soldatenkappe gutmütig, es tut ihm leid, daß er jetzt plötzlich um seine komische Rolle kommen soll. Aber die Bäuerin wird dadurch, daß jemand mit ihr redet, noch munterer. »Ich beneide diese Frau,« sagt ein junger Mann mit schön gezwirbeltem Schnurrbart und hohem Stehkragen zu seinem Visavis, »um diesen gesunden Schlaf. Ich kann in der Eisenbahn nicht schlafen. Gestern bin ich Schlafwagen zweiter Klasse von Leipzig nach Aussig gefahren, umsonst; die Schlafwagengesellschaft ist übrigens unverschämt teuer. Daß der Staat nicht . . .« »Und diese Verpflegung!« erwidert das Visavis, ein älterer Herr, auch in halbnobler Stadtkleidung. »So ein Souper im Speisewagen kostet ein Heidengeld, und ich versichere Ihnen, im »Schwarzen Adler« in Neu-Bistritz bekomme ich das besser und um ein Drittel des Geldes.« »O!« erwidert der junge Reisende mit dem aufgezwirbelten schwarzen Schnurrbart, »in Neu-Bistritz ist man überhaupt gut aufgehoben. Besser noch wie beim »Schwarzen Adler« sind Sie beim »Kaiser von Deutschland« aufgehoben. Uebrigens ist dort ein Stubenmädel, ein siebzehnjähriges Mädchen, aber schon ganz entwickelt, blond, stark, von einer Leidenschaft . . .« »Ich bin nicht mehr für die Stubenmädel,« erwidert der Grauhaarige. »Wissen Sie, wenn man, wie ich, fünf Monate im Jahr in Frankreich reist, wird man verwöhnt.« Der Zug hält. »Spodinec!« ruft draußen der Kondukteur. Wieder ein stockfinsterer Bahnhof . . . Die Coupétür wird aufgerissen, ein Strom naßkalter Nachtluft dringt in die dicke Tabak- und Dampfluft des Coupés. Ein Bauer, die Pfeife im Munde, ein Paket unterm Arm, stapft herein. Langsam setzt sich der Zug wieder in Bewegung. »Heuer war ich drei Monate in Paris,« fängt der ältere Reisende wieder an. »Ueber die Pariser Weiber geht halt doch nichts. Wissen Sie, so ein Abend in den Folies bergères. Wenn Ihnen da so ein Frauenzimmer entgegenkommt, in schwerem Seidenkleid, mit Diamanten geschmückt, dekolletiert und dabei gar nicht so anspruchsvoll . . . . Sie begreifen, daß man da den Sinn für Stubenmädchen in Neu-Bistritz verliert . . .« »Nun,« erwidert der Jüngere, etwas geärgert: »Nach Paris komme ich nicht, ich halte den französischen Markt für uns nicht für ergiebig, aber ich bin doch eine Woche in Leipzig, die andere in Berlin, die dritte in Hamburg. In punkto Weib, hehehe, kann man da auch einiges sehen.« Rückwärts beginnt die Bäuerin, deren Kopf wieder auf die Körbe gesunken ist, zu schnarchen. Langsam und vorsichtig fängt der Bursche mit der Soldatenkappe wieder an, lustig mitzuschnarchen . . . »Herr Kollega,« fragt der Aeltere, »wo ist man denn in Hamburg am besten aufgehoben?« »In Hamburg . . .« erwidert der Reisende mit dem hohen Stehkragen und dem aufgezwirbelten Schnurrbart, ». . . ich bin jetzt längere Zeit nicht dort gewesen. Zu meiner Zeit war der »Kronprinz Friedrich« das beste. Alles elektrisch beleuchtet, table d'hôte, Aufzug, sehr schöne Zimmer zu Mark 1,50.« Plötzlich sieht er auf die Uhr. »Um 3 Uhr 20 Minuten sind wir in Drobran, ich muß mich fertig machen . . . Ich steige nämlich in Drobran aus.« Er räumt seinen Handkoffer hinunter, eine kleine Musterkassette und eine große Schachtel. Dann nimmt er wieder Platz. »Ich werde in Drobran erwartet, denn von dort aus muß ich noch zwei Stunden mit der Kalesche fahren nach Wißnitz.« »Wißnitz?« nickt der Aeltere kundig. »Da sprechen Sie wohl bei Leopold Winkler und Sohn vor?« »Stimmt. Von Wißnitz fahre ich dann nach Hosteletz und Preblau nach Kunschitz. Und Sie, Herr Kollega?« »Zwei Stationen weiter, nach Fiala.« Der Zug hält. »Drobran!« ruft der Kondukteur. Der junge Reisende will die Coupétür öffnen. Es geht nicht. Wütend läßt er das Waggonfenster hinuntersausen und ruft in die Nacht hinaus: »Kondukteur, öffnen!« Grüßend steigt er mit all seinen Paketen aus. Man hört seine Schritte draußen, man hört ihn laut rufen: »Ja, ist denn nicht der Wagen nach Wißnitz da?« Tiefe Stille. Im nächsten Moment hört man ihn tschechisch schreien. Wißnitz ist das einzige Wort, das man versteht . . . Der grauhaarige Reisende beugt sich beim Fenster hinaus. Eben will er den Kollegen fragen, ob vielleicht . . . Da gibt der Kondukteur das Signal, der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Dort hinten in tiefster Finsternis liegt schon der Bahnhof von Drobran, wo der Reisende wütend auf- und abgeht und schreit: »Ja, zum Teufel, ist denn kein Wagen nach Wißnitz da?« . . . »Es geht eine zu kalte Luft herein,« sagt der grauhaarige Reisende und schließt das Waggonfenster wieder. Nun sitzt er da und hat keinen Gesprächspartner. Die Bäuerin, die auf ihren Körben schläft, ist inzwischen wieder wach geworden und der Bursche mit der Soldatenkappe lacht ihr ins Gesicht. Endlich sagt der Reisende zu ihm: »Setzen Sie sich daher, wo der Herr, der ausgestiegen ist, gesessen ist, da sitzen Sie bequemer.« Der Bursche tut's. »Rücken Sie jetzt ein?« fragt der Reisende auf die Kappe deutend. »Ah, woher! I haa' schon 'dient. i fahr' nach Wien.« »Hat's Ihna g'fall'n in Wien?« Unwillkürlich versucht der Reisende wienerisch zu reden. »Na ja, 's tuat's, i bin schon als klaner Bua hinkommen.« Der Reisende schweigt. Endlich sagt er: »Was würden Sie erst zu Paris sagen. Wien ist ja nichts im Vergleich zu Paris. Wenn man so ein paar Monate im Jahr mitten im Trubel von Paris lebt, da lernt man erst das Leben genießen . . .« Aber in der zweiten Station, in Kralinec, muß auch der Pariser Lebemann aussteigen, mitten in der Nacht, im Regen, ohne eine menschliche Seele im Bahnhof zu finden, den finsteren Weg zum Ort stolpern und eine Stunde lang läuten, ehe er den Hausknecht des »Hostinec Klapka« wach bringt . . . Der Staatsanwalt Duncker Am Stammtisch im Hotel Continental fehlte heute ein alter Stammgast, der Staatsanwalt Duncker. Er fehlte, aber sein Geist ging um, schlüpfte in alle Gespräche, beschattete jede nachdenkliche Pause in der vielstimmigen zwanglosen Diskussion, lebte in den kleinen, banalen Stoßseufzern, wie: »Ja, ja, das Leben ist nicht so einfach . . .« oder: »Na ja, einmal packt's jeden . . .« Er fehlte heute, der Staatsanwalt Duncker, aber niemals hatte er seinen Freundeskreis so beherrscht, wie gerade heute . . . »Eigentlich wissen wir alle miteinander«, sagte schon gegen Mitternacht der Apotheker Zwölfinger, »nicht, was für ein Mensch er war. Hier bei uns war er das Gemütlichste, das man sich denken kann! Nicht? Nichts hat's gegeben, was er nicht menschlich verstanden hätte! Und dabei hat er doch in der ganzen Stadt als ein eisigkalter Mensch, sozusagen als Bluthund gegolten.« Stürmisch unterbrachen einige den Apotheker. »Ich möchte bitten,« erklärte der Hotelier dezidiert, »daß vom Duncker überhaupt nicht in so einem Tone geredet wird! Ich weiß es, ich hab' ihn gekannt, ich bin jahrelang Abend für Abend an seiner Seite gesessen, ich hab' ihn täglich um ein Uhr nach Hause gebracht. Da war er ganz aufrichtig; wenn wir so nachts durch die stillen Gassen zu seinem Hause geschlendert sind, da hat er nicht Komödie gespielt. Und was war er da für ein einsamer armer Teufel, der für einen herzlichen Gutenachtgruß dankbar war! Wie oft ist er da plötzlich nachts mitten auf dem Ringplatz stehen geblieben, hat sich emporgereckt, so daß seine lange, magere Gestalt fast einen riesenhaften Zug bekommen, und hat gesagt: »Na, ich dank' schön, wie muß dem Kerl heut in der ersten Nacht nach seiner Verurteilung zu Mute sein!« Wißt Ihr, daß es vorgekommen ist, daß er einmal nachts den Rappel bekommen hat, sich das Gerichtstor aufsperren zu lassen, daß er mit einer kleinen Handlaterne über die finsteren Gerichtskorridore ging, durch die Höfe des Gerichtsgebäudes, vorbei an den fürchterlichen vierstockhohen schwarzen Mauern, bis er in einen Hof kam, wo »seine« Fälle waren! Und da ist dieser – wie sagtest Du? –, dieser eisigkalte Mensch, dieser – es ist zu dumm –, dieser Bluthund ein paar Minuten lang lauschend still gestanden und hat gehorcht, ob er nicht aus einer Zelle, an die er gerade dachte, einen Laut vernimmt, vielleicht ein Stöhnen, vielleicht einen Seufzer, vielleicht die Geräusche eines armen Teufels, der nicht schlafen kann und unruhig auf und ab durch seine Zelle trabt!« Einen Moment schwiegen alle . . . »Weißt Du, Pühringer,« begann der Arzt des Stammtisches vorsichtig, »das beweist vielleicht nur, wie leidenschaftlich er sein Amt ausgefüllt hat. Er trank förmlich mit Gier seine Fälle! Sie ließen ihn nicht los! Glaubst Du nicht, daß, wenn er so in der Nacht zufällig ein Geständnis erlauscht hätte, ihn das am glücklichsten gemacht hätte? Wie hätte er das mit der unheimlichen Gebärde des Allwissenden dem Angeklagten tagsdrauf vorgehalten!« »Nein! Nein!« schrie der Hotelier ganz aufgeregt, »da sieht man, wie wenig Ihr alle ihn gekannt habt. Nicht eine Silbe hätte er davon verraten! Vor allem hätte er nie eingestanden, daß er in seiner freien Zeit an »seine Fälle« denkt, und faktisch hat er da gar nicht als Staatsanwalt an sie gedacht! Nicht ein Wort hätte er je verlauten lassen! Das war ja sein größter Ehrgeiz, daß niemand im privaten Leben ihm je den Staatsanwalt anmerkt. Deshalb hat er immer den Feschen gespielt, deshalb hat er sich gekleidet wie ein Fiaker, deshalb ist er gegen Mädeln immer gar so galant gewesen, deshalb ist er jeden Abend bei uns hier gesessen, deshalb war er ja so riesig gemütlich. Nein, mein lieber Doktor, Du hast ihn eben nicht gekannt . . .« »Sag' einmal, Pühringer,« erwiderte der Arzt ganz ruhig, »hast Du ihn einmal bei Gericht gesehen?« »Nein! Ich glaub', er hat es nicht gern gehabt, wenn jemand als Zuschauer wie ins Theater zu Gericht gegangen ist.« »Schön! Dann kannst Du über ihn auch nicht mitsprechen. Denn ich hab' ihn dort gesehen, ich hab' ihn dort gehört und ich sag' Dir, er war bei Gericht ganz ein anderer als hier! Es war, als entstünde dadurch, daß er die Amtskappe aufsetzt, plötzlich ein völlig anderer Mensch aus ihm! Man hat seinen Augen nicht getraut! Das ist so weit gegangen, daß er seine besten Freunde, wenn er ihnen im Gerichtskorridor zufällig begegnet ist, ansah, als kenne er sie nicht. Wie er da nur gegrüßt hat, wie steif, wie amtlich, zwei Finger flüchtig an der Kappe! Ueber einen hinweggesehen hat er da. Seine besten Freunde, in den Räumen des k. k. Kreisgerichtes waren sie Luft für ihn, Luft! Selbstverständlich hat er zu mir, wenn ich bei Verhandlungen als Sachverständiger war, »Sie« gesagt, aber wie ausgesucht und formell, höflich hat er mit mir verkehrt! Wirst Du's glauben, daß er in den Pausen so einer Verhandlung, während der Gerichtshof beraten, während sonst Verteidiger, Journalisten, Sachverständige plaudernd bei einander stehen, daß er da niemals mit irgendwem auch nur ein Wort geredet hat? Da hat er sich vor ein Fenster gestellt, die Hände in die Hosentaschen gesteckt und gedankenlos in den Hof geschaut. Erst, wenn nach einer Stunde die Tür, aus der die Richter kamen, knarrte, hat er sich wieder umgedreht. Und wie hat er in den Verhandlungen gefragt, geredet, dazwischen gerufen! Kein Elend, das ihn gerührt, keine Jugend, die ihn ergriffen hätte, keine Ergriffenheit, die er nicht durch ein eiskaltes Witzwort zur Komödie gestempelt hätte! Nein, wenn man ihn dort gesehen hat, bei der Arbeit, da begreift man die Worte schon, die Zwölfinger früher erwähnt hat! Da war er fürchterlich.« Lange wurde hin und hergestritten. So laut und leidenschaftlich wurde der Streit geführt, daß mancher von der Tischrunde trotz aller Anstrengungen nicht zu Wort kommen konnte. Es war schon über halb zwei Uhr nachts, als plötzlich der alte weißhaarige Realschuldirektor Kupka mit seiner leisen, langsamen, vielleicht deshalb so achtunggebietenden Stimme das Wort nahm: »Ich habe ihn einmal in einer Stunde gesehen, wo die zwei Menschen in ihm rauften, der Mensch mit der Amtskappe und der Mensch ohne Amtskappe. Es ist lange her, von Euch weiß es keiner, und dieser Tag hätte ihn leicht ganz aus seiner Bahn werfen können . . . Ich war damals Geschworner in dem berühmten Mordprozeß Casani. Dieser Casani war ein junger, bildschöner Mensch, ein Tunichtgut, der einmal Geld besessen und seine weißen Hände für zu wohlgepflegt hielt, um sie durch Arbeit zu beschmutzen. Wegen seiner Schönheit, mehr noch wegen seines sanften, weibischen Wesens hatte er große Erfolge bei den Weibern, so daß ihm immer fünf oder sechs gleichzeitig nachrannten. Er nahm sie alle – die hübschen nämlich –, er machte sie schwanger, nahm von ihnen Geld, und wenn kein Geld mehr herauszulocken und die Stunde der Niederkunft oder unangenehme Eifersuchtsszenen herannahten, schüttete er ihnen ein wenig Zyankali in den Morgenkaffee, und die Sache war erledigt. Ich habe trotzdem für Freisprechung gestimmt, weil mir der junge Kerl trotz aller Greuel, die er begangen, wie ein unerwachsener, blind handelnder Knabe vorkam. Es kam mir vor, als wüßte er gar nicht, was das bedeutet: Mord! Eine so kuriose Gleichgültigkeit für die Frage: Tod oder Leben? beseelte ihn. Deshalb leugnete er auch nichts, deshalb schien es ihn gar nicht zu interessieren, ob er gehenkt wird oder nicht. Er verstand nicht, was er begangen hatte. Für ihn lag die Sache so: Die Weiber waren »unangenehm«, das Unangenehme war er gewohnt, aus seinem Leben selbstverständlich zu beseitigen. Tod? Was ist das? Mord? Was ist das? »Es hat den Mädeln nicht so weh getan als mir die drei Stunden Leibring in der Dunkelzelle«, sagte er in der Verhandlung gleichmütig. Duncker ist in der Verhandlung nur so losgegangen. O, er wollte die Regungen des Gewissens in diesem naiven Burschen schon hervorkitzeln! Je harmloser Casani sich gebärdete, um so dräuender, donnernder ging Duncker los. Mit einer leidenschaftlichen Ergriffenheit sondergleichen nagelte er den schamlosen Zynismus dieses – Knaben an! Er hatte Erfolg, mit zehn gegen zwei Stimmen wurde Casani zum Tode verurteilt. Als man's ihm mitteilte, nahm er es höflich zur Kenntnis, verbeugte sich einmal tief vor den Richtern, einmal noch tiefer vor den Geschwornen und ließ sich lautlos in die Zelle geleiten. Im Saale begann damals manche ehemalige Geliebte des schönen Jünglings laut zu schluchzen . . . Zur Hinrichtung bin ich gegangen. Ich habe auch alle meine Kollegen gezwungen, hinzukommen, denn ich finde nichts erbärmlicher, als seinen Namen unter ein Todesurteil zu schreiben und dann nicht die Courage zu haben, die Exekution mitanzusehen. Vielleicht sollten die Richter auch selbst die Henker sein, denn aus dieser bloß schriftlichen Courage zum Verurteilen, aus dieser elenden »Arbeitsteilung«, wonach schließlich der Richter den Henker und der Henker den Richter verachten darf, erwächst alles Unheil. Also ich zwang mich, hinzugehen. In einem kleinen Hof sollte die Hinrichtung stattfinden. Fürchterlich hohe schwarze Mauern ragen in die Luft, so daß kaum ein Stück Himmel hier sichtbar ist. Der Hof ist dreieckig. In einer Ecke stand der Galgen, der übrigens ganz anders aussieht, als man gemeinhin glaubt. Er ist kaum mannshoch gewesen, nicht aus Holz, sondern aus gebogenem Eisen . . . Die Armesünderglocke begann zu läuten. Namenlos bange Sekunden vergingen. Da trat Casani, vom Geistlichen und von den Henkersknechten gefolgt, aus seiner Zelle. Vier Schritte hatte er bis zum Galgen zu gehen. Und hier, in diesem Moment schien es, als sei der Knabe plötzlich erst zum Bewußtsein seiner Lage und seiner Taten erwacht. Er sah den Galgen und wurde kreideweiß. Die Augen traten ihm aus den Höhlen, er klapperte, Beben kann man das nicht mehr nennen. In dieser Minute – ich könnte es heute noch beschwören! – erwachte Casani erst aus seinem Traumdasein. Und da sah er eine Sekunde lang um sich, mit einem Blick, in dem eine unermeßlich tiefe, dringende Bitte lag, mit einem Blick, der eine namenlos heiße Bitte: »Laßt mich leben!« vortrug. Diesen Blick fing der Nächststehende – Duncker – auf. Eine Sekunde darauf stürzte Casani blitzschnell an Dunckers Brust und alle Schuld, die ganze Vergangenheit, seine ganze gräßliche Todesangst und seine ganze Lebenssehnsucht lösten sich in einem unbeschreiblichen Schluchzen an Dunckers Brust auf. Duncker hatte ihn aufgefangen. Die Henker wollten Casani wegziehen, aber da geschah das Merkwürdige: Mit einer wütenden Gebärde, mit einem durchbohrenden Blick, wie er ihn sonst nur in den leidenschaftlichsten Staatsanwaltsmomenten hatte, wies Duncker sie von sich. Und er legte seine Arme über den schönen, dem Tode verfallenen Körper des Jünglings, und er flüsterte dem tief Schluchzenden Worte der reinsten Liebe ins Ohr, und er hielt ihn fest und treu in den Armen wie ein Vater seinen teuersten Sohn. Alle waren starr vor Staunen. Die Henker wagten sich nicht mehr in die Nähe. Die Gerichtsräte warteten eine, warteten zwei Minuten. Endlich ging der Gerichtspräsident, ein Kerl, dem jede Ehrfurcht abging, auf Duncker zu und flüsterte ihm halblaut ins Ohr: »Wissen Sie, daß Sie momentan einen Dreihundertvierzehner, eine Einmengung in eine Amtshandlung, begehen?« Duncker verstand die Worte nicht, aber er ließ die Hände von dem Jüngling. Ein Wink des Präsidenten genügte, und die Henker traten vor . . . Schaudernd wendeten wir uns ab . . . Duncker ist am selben Tage noch auf Urlaub gegangen. »Erholung von der anstrengenden Tätigkeit der letzten Monate«, hieß es in den Zeitungen. Er hat ein halbes Jahr gebraucht, um diese eine Minute in sich selbst in den Hintergrund zu drängen. Aber ich sage euch: Ein friedloser Mann ist er sein Lebtag geblieben . . .« Freundschaft Jeden Morgen saßen die beiden Freunde im Stadtpark auf der Bank unter der Kaiserlinde und ließen die alten Frauen, die Kinder, die Arbeiter und die jungen Mädchen an sich vorüberziehen. Sie sahen in die Gesichter der Leute, sie lachten über die Gangart der Vorüberziehenden, sie erlauschten einige Worte der Passanten und ein Blick genügte den Freunden, um sich über alle Wunderlichkeiten, die sie miteinander sahen, zu verständigen. Eines Tages kam eine junge Frau vorüber, die hatte dunkles, rostbraunes, wenn die Sonne daraufschien, aufleuchtendes Haar. »Das ist jetzt in Mode!« lachte der Jüngere, »rotblondes Haar wird heuer nicht mehr getragen. Jetzt färben sich alle das Haar rostbraun. Ist es nicht zu dumm, daß die Weiber sich ihre Haare wie auf ein gemeinsames Kommando verändern?« »Ich finde es schön,« sagte der Aeltere sorglos, »vielleicht ist es echt.« Eine Woche später saß der ältere Freund allein auf der Bank unter der Kaiserlinde. Die Frau mit dem rostbraunen Haar und der jüngere Freund standen vor dem Tore des Stadtparks. »Bitte,« sagte er zu ihr, »gehen wir nicht durch den Stadtpark!« »Warum nicht?« fragte sie verletzt. Er wurde rot im Gesicht und sagte schnell: »Ich will die bösen Schwätzereien der Leute nicht hören.« Da erinnerte sie sich ganz deutlich an die boshaft zwinkernden Augen, an das gemeine Gesicht des älteren Freundes, der damals an jedem Morgen mit dem jüngeren auf der Bank unter der Kaiserlinde zu sitzen pflegte. Später sagte sie einmal: »Es ist mir unverständlich, wie ein Mann wie Du mit so einem gemeinen, tückischen Menschen verkehren konnte.« Er strich ihr besänftigend über das schöne rostbraune Haar. Sie schwieg eine Weile. Plötzlich fragte sie: »Haben Dir meine Haare schon damals gefallen?« »Deine Haare waren das Erste, was ich an Dir sah. Jeden Morgen wartete ich auf den Moment, wo sie am Anfang der Allee aufleuchteten.« Plötzlich bekam ihr Gesicht einen bösen, fanatischen Zug. »Ich wette darauf«, rief sie, »daß dieser Mensch nicht einmal meine Haare für echt hielt!« »Ja«, sagte er ruhig, »er hatte ein Talent, dem andern Eindrücke zu zerstören und Schönheiten zu verekeln.« Von diesem Tage an brauchten sie über den Freund nichts mehr zu reden. Nach langer Zeit saßen die beiden Freunde wieder am Morgen beisammen auf der Bank unter der Kaiserlinde. Eine junge Frau mit rostbraunen Haaren ging am Arm eines fremden Herrn vorüber. »Du hast wirklich recht,« lachte der jüngere ganz überzeugt, »Du hast schon vor langer Zeit gesagt, daß es nichts Dümmeres gibt, als wenn sich die Weiber plötzlich wie auf ein Kommando ihre Haare rostbraun färben.« »Habe ich das gesagt?« antwortete der andere sorglos, »ich finde rostbraunes Haar sehr schön. Vielleicht ist es echt.« »Du bist doch wirklich ein tückischer Bursche,« wollte der andere sagen. Aber er redete über die ganze Sache lieber gar nichts und blieb nur einfach aus dem Stadtpark weg! Kohn Der Regisseur sitzt spät Abends bei der Lampe in seinem Arbeitszimmer. Da läutet es, dann tritt das Dienstmädchen ein und sagt mit entschuldigendem Lächeln: »Der häßliche kleine Mensch ist schon wieder da.« Der Regisseur schaut aus seinen Papieren auf und erwidert sehr ärgerlich: »Ich bin nicht zu Hause!« »Er ist das viertemal da,« wagt das Mädchen leise einzuwenden, »und er hat auf der Straße gewartet, bis im Arbeitszimmer Licht wurde.« »Ich bin nicht zu Hause!« Der nächste Tag geht zu Ende, der Regisseur sitzt spät Abends wieder vor seinem Schreibtisch und das Mädchen meldet plötzlich, daß der häßliche kleine Mensch schon wieder draußen ist und vorgelassen zu werden wünscht. »Wie heißt er denn überhaupt?« fragte der geärgerte Regisseur. Das Mädchen verschwindet, kommt nach einigen Augenblicken wieder herein und sagt wieder mit einem mitleidigen Lächeln: »Siegfried Kohn.« Der Regisseur überlegt: »Fragen Sie ihn, was er eigentlich will.« Das Stubenmädchen huscht noch einmal ins Vorzimmer und schnell wieder herein: »Er will zum Theater, der Herr Regisseur möchten ihn nur einmal zehn Minuten lang anhören.« Dabei lächelt das Mädchen wieder so gütig mitleidig und ihre Augen bitten für den häßlichen armen Kerl, der schon das fünftemal da ist. Siegfried Kohn wird in das Arbeitszimmer eingelassen. Er tritt in das halbdunkle Zimmer, das nur von der Lampe auf dem Schreibtisch erhellt wird. Der Regisseur ist in seine Arbeit ganz vertieft (er ist ja noch immer Schauspieler) und läßt den Menschen ein paar Minuten lang an der Tür harren. Plötzlich besinnt er sich (alle Schauspieler»besinnen« sich »plötzlich«) und sagt mit seinem klangvollsten Bariton: »O, verzeihen Sie, ich stecke mitten in der Vorbereitung unserer nächsten Première.« Jetzt faßt der Regisseur Herrn Siegfried Kohn ins Auge. Herrgott, dieser Bursche will zur Bühne! Er reicht dem Regisseur kaum bis zu dem Bauch, das ist ja beinahe ein Zwerg, und noch dazu ein Zwerg mit kurzen, nach außen gebogenen Beinchen, mit schlaff herunterhängenden Schultern, die eine noch tiefer als die andere. »Sie wollen zur Bühne? . . . Herr!!« Siegfried Kohn steht noch im Halbdunkel an der Tür. Es entsteht eine kurze, bange Pause. Dann hört man aus dem Dunkel die bebende Stimme eines furchtbar erregten Menschen: »Wenn Sie mich nur zehn Minuten anhören wollten!« Der Regisseur erhebt sich von seinem Arbeitstisch, geht langsam in die Mitte des Zimmers und dreht schnell den kleinen Hahn an der vielbirnigen elektrischen Lampe auf. Jetzt steht Siegfried Kohn im grellen Lichte des Raumes da, der plötzlich weiter und größer geworden zu sein scheint – und Siegfried Kohn noch kleiner. Der Regisseur blickt dem Wartenden mit frecher Neugier ins Gesicht. Herrgott, was für ein Gesicht! Eine ganz absurde, eine geradezu ungeheuerliche Nase sitzt in diesem unrein gefärbten Gesicht, unter ihr ein aufdringlich roter, viel zu üppiger Mund. Die Ohren stehen ein wenig zur Seite und das schwarze Kopfhaar ist wollig und kraus. Der Regisseur will ganz brüsk wiederholen: »Sie wollen zur . . .« Aber da schaut er dem kleinen vor Aufregung bebenden Siegfried Kohn in seine heiß strahlenden, brennenden Augen. Der Regisseur nimmt wieder in seinem Arbeitssessel Platz und schaut sinnend (wie große Künstler »sinnen«) zu Boden. Die leise Stimme Siegfried Kohns unterbricht die Stille: »Ich weiß, was Sie sagen wollen . . . mein Exterieur . . . ich habe ein unglückliches Aeußeres. Ich weiß, aber, bitte, hören Sie mich zehn Minuten an!« »Hat es denn einen Sinn?« fragt der Künstler. Siegfried Kohn zittert: »Herr Regisseur! . . . Zehn Minuten! Fünf Minuten! Hören Sie mich nur einmal an . . . Ein Künstler wie Sie sieht ins Innere! Ich weiß ja, daß ich ein unglückliches Exterieur habe, jedoch . . . Hören Sie mich fünf Minuten an, dann erst urteilen Sie.« Bei den Worten »Ein Künstler wie Sie« senkt der Herr Regisseur das Haupt, offenbar wieder in tiefes Sinnen versunken, dann gibt er Siegfried Kohn mit der rechten Hand ein Zeichen: »Bitte, sprechen Sie etwas vor!« Dann dreht der Künstler dem Bittenden den Rücken und vergräbt sein Haupt in seinen Händen. Siegfried Kohn flüstert: »Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie zuerst den großen Luster auslöschen wollten.« Diese Aufforderung kränkt den Künstler. Wenn er dies für richtig gehalten hätte, dann würde ihm dieser Gedanke wohl selbst gekommen sein, und so sagt der Regisseur ein bißchen unwillig: »Ich lausche Ihnen ja, wie Sie sehen, mit geschlossenen Augen.« Und er vergräbt sein Antlitz wieder in den Händen. Es ist ganz still. Dann hört man Siegfried Kohn fragen: »Tasso? Monolog im Gefängnis?« Der Künstler, schon in der Stellung des tiefen Lauschers, nickt nur. Siegfried Kohn beginnt zu sprechen. Das erste, was sich der Regisseur sagt, ist: Merkwürdig, er jüdelt nicht! . . . Leise hat der junge Mensch begonnen, mit mattgefärbter monotoner Stimme; aber diese Monotonie zittert, so daß der Zuhörer jeden Augenblick das Gefühl hat: Nun bricht er los! Der Regisseur sagt sich: Merkwürdig, er deklamiert nicht! . . Immer tiefer vergräbt der Künstler sein Haupt in die Hände. Die Stimme des jungen Menschen wird farbiger und voller, das unterirdische Zittern in dieser Stimme immer aufregender, und die Kraft, mit der diese Erregung gebannt und zum Schweigen gebracht wird, wächst siegreicher herauf. Allmählich hat die Stimme ihr monotones Grau verloren und (so scheint es dem mit geschlossenen Augen Lauschenden) goldiger Glanz strahlt aus diesen Worten. Jetzt kommt der Sprecher zu den Versen: Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du! Geliebte Fürstin, du entziehst dich mir! In diesen trüben Stunden hat sie mir Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt. Hab' ich's um sie verdient? Jetzt wird die Stimme ganz dunkel. Dem Lauscher mit geschlossenen Augen scheint es, als schimmere sie tief dunkelblau. Und selbst bei den Worten: »Auch du! Auch du!« läßt sich der bebende Sprecher nicht los und der Hörer fühlt die straff gespannten Zügel einer ungeheuren Selbstbeherrschung. Die Stimme wird wieder hell und goldschimmernd: Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang Ein unaussprechliches Gefühl die Brust! Jetzt aber zieht, tief schwarz und dunkel grollend, Gewitterhimmel über die Stimme des Sprechers. Immer schwärzer, schwarz bis ins Tonlose, beklemmend in ihrer atemlosen Beherrschtheit schweben die Verse durch die Luft. Jetzt beginnt es unheimlich zu wetterleuchten und endlich – endlich! endlich! – bei den Versen: Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn, Laß hier dich nicht umnebeln! Ja, auch Sie! Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum; Ich glaub' es wohl, und möcht es mir verschweigen, Auch Sie! Auch Sie! entschuldigen sie ganz. Allein verbirg dir's nicht: auch Sie! »Auch Sie!« da erst, bei dem schrillen Verzweiflungsschrei: Auch Sie! Auch Sie! – da ist es, als hätte der Blitz in diese schwarze Stimme eingeschlagen und sie plötzlich unheimlich erhellt. Der Regisseur sitzt da, die Augen geschlossen, mit der Hand bedeckt, er ist förmlich aus seinem Raume gehoben und hinübergetragen in Tassos einsamen Arrest . . . Der Sprecher schweigt. Der Regisseur regt sich nicht. Wie er sich endlich umdreht, sieht er vor sich – Torquato Tasso? – nein, Herrn Siegfried Kohn, der ihm bis zum Bauche reicht, Siegfried Kohn mit krummen Beinen, Siegfried Kohn mit abstehenden Ohren, Siegfried Kohn mit Wollhaaren, Negerlippen und einer ganz absurden Nase . . . Der Bittsteller sieht mit seinen melancholisch glänzenden Augen den Schweigenden an. »Soll ich zur . . .« haucht der Erregte. Der Regisseur schaut ihn an: »Sie sind jedenfalls ein . . .« Aber er vollendet den Satz nicht und sagt nur: »Ich danke Ihnen . . . Herr Kohn!« Eine Pause. Die Augen des kleinen häßlichen Menschen irren bebend durchs Zimmer: »Soll ich . . .« Das Schweigen des Regisseurs enthält schon eine fürchterliche Entscheidung. Da haucht Siegfried Kohn noch einmal: »Gerade ein so tief innerlicher Künstler wie Sie muß sich doch über das Aeußerliche hinwegsetzen können.« Nach dem Wort»tief innerlich« wird der Regisseur lebendig, klopft dem schon ganz verkrümmt und melancholisch dastehenden Jünger mit burschikoser Lässigkeit auf die Schulter und sagt aufmunternd, wie eben wahrhaft große Künstler zuweilen sind: »Junger Mann, Sie sind ein Talent. Aber vielleicht verlegen Sie sich mehr auf das Komische.« Siegfried Kohn sieht den Regisseur mit brennenden Augen an, dann greift er wortlos nach der Klinke und geht schnell hinaus, recht unartig, ohne ein Wort des gebührenden Dankes. Die Hinrichtung Ein dreieckiger Hof des Wiener Landgerichts. Endlos hohe Mauern, nur ein kleines Stück blauer Himmel. In der Ecke des Dreiecks ein Galgen. Große Kastanienbäume, die schon blühen. Wie der Vorhang in die Höhe geht, ist noch alles leer. Hinter der Szene hört man kommandieren: »Vorwärts . . rrrsch«. Es marschiert eine Kompagnie Soldaten unter Führung eines Leutnants ein, die sich in gerader Linie in der Mitte des Hofes als Spalier aufstellen . . . Leutnant (kommandierend): Halt! – – – Gewehr bei Fuß – – – Rrruht! (Die Soldaten stellen sich bequem her und plaudern.) Der Leutnant (gähnend): Silberer! (Der Korporal tritt näher.) Wir haben ja noch Zeit? Wann geht's denn an? Der Korporal: Melde gehorsamst, halb sieben, Herr Leutnant. Der Leutnant (noch heftiger gähnend, sich reckend): Ich bin gestern so spät z'Haus kommen . . . Ich geh noch da hinüber in das Kaffeehaus auf einen Schwarzen, ich bin zu müde. Das wird mich erst a bissel lebendig machen. (Ab.) Der Korporal (geht auf und ab, tritt dann vor den Rekruten Wozilka): Na, is Ihnen schon besser, Wozilka? Rekrut Wozilka (böhmakelnd): Melde gehorsamst, nein, Herr Korporal. Der Korporal (wohlwollend): Sie hätten sich in der Kantin einen ordentlichen Rostopschin kaufen sollen.. Na, ich wer' sehen, vielleicht find ich hier etwas . . . Ich wer' nachschauen . . . (Ab.) Der Rekrut neben Wozilka (das Böhmakeln nachahmend): Na, heut wird traurige Tag in Preblau sein. Wos, Wozilka? Rekrut Wozilka: Gebts Ruh! Andrer Rekrut neben Wozilka (auf den Galgen zeigend): Da schau her, Wozilka, grad vis-à-vis steht er. Sixt es und da daneben is die Tür von der Armensünderzell. Da kommt er aussi. Sixt es und sein erschter Blick, wenn er aufschaut, sieht er – Di'. Serwas, an Landsmann! Der Schrocken!! Erster Rekrut neben Wozilka: Kennst'n gut? Rekrut Wozilka (weinerlich): Loßt mi schon in Ruh – – ich hob ihm Lebtog nich gesehen. Erster Rekrut: Das kann a jeder sag'n. Zweiter Rekrut (plötzlich): Jessas, Wozilka, da schau her . . . (aufs Zellenfenster zeigend) Da hinterm Gitter – – – schaut da net aner aussi . . . Ganz a weißes G'sicht . . . Wozilka, mir scheint, er erkennt Di! . . . Rekrut Wozilka (der nicht aufzuschauen wagt, weinend): Gebts ein Ruh . . . Er kennt mich gar nich. Der Korporal (ist gestärkt zurückgekehrt. Alle drei Schritte macht er behaglich): Ah, das stärkt! Ah . . . (Zu dem Kreis um Wozilka tretend.) Gebts ihm schon Ruh, dem Wozilka . . . Ach, das stärkt . . . Er hat sich eh die ganze Nacht umg'wälzt. Hast nicht g'schlafen, Wozilka? Rekrut Wozilka: Melde gehorsamst, nein, Herr Korporal. Der Korporal: Ah, das stärkt . . . Warum denn, was geht der Delinquent denn Dich an. Rekrut Wozilka (mühsam): Melde gehorsamst, Herr Korporal, den De . . den Delingwent ise Landsmann von mir. Der Korporal: Kennst ihn denn? Rekrut Wozilka: Nein. Aber sein' Mutter. (Pause.) Der Gefangenhausaufseher (tritt ein): Kann ich die Leute schon hereinlassen? Der Korporal: Sofort! (kommandierend) Habt acht! Der Gefangenhausaufseher (öffnet zwei breite Torflügel. Eine Schranke verhindert noch den Einlaß): Aber bitte, doch nicht so zu drängen, meine Herrschaften! . . . Da laß ich gar niemanden herein. Es kann ja alles in schönster Ruhe vor sich gehen . . . Es ist ja eh noch gar nichts los . . . Bitte nicht zu drängen, Sie sehen noch gar nichts . . . (Er öffnet die Schranken. Das Publikum strömt wütend herein und nimmt hinter dem Militär wieder Aufstellung . . Während der ganzen Szene kommen immer neue Zuschauer herein.) Ein dicker Greisler: Na also! Da ham ma jo no ganz a guats Platzerl derglengt. (Den Schweiß von der Stirne wischend.) Na, war das a Drängerei. Wia der Tschar kommen is, is net ärger zuaganga. Ein Geschworener (unzufrieden): Und was hab'n wir davon? Da steht so ein großmächtiger Lackl vor einem und man sieht gar nichts. Soviel Rücksicht könnt das Militärkommando auch noch haben und zu so einer Sache lauter kleine Soldaten, die einem nicht die Aussicht verstellen, aussuchen. Ein junger Mann (der bisher den Soldatengesprächen gehorcht hat, wispelnd): Sehens den großen Rekruten da? meine Herren, das ist ein Landsmann vom Delingwenden. Rufe: Ah? . . . Gengan S'? . . . Der da? – – (Es wird stille, man hört die Soldaten reden.) Erster Rekrut (zu Wozilka): Bin neugierig, ob er Dich gleich erkennen wird? (Rekrut Wozilka glotzt vor sich hin.) Zweiter Rekrut: Wozilka, soll ich pst, pst machen, wenn er kummt? Der Gefangenhausaufseher (wie ein Herrscher durch das Gedränge gehend, energisch): Bitte sich ruhig zu verhalten! (Ein Bauer kommt herein.) Geschworener (ihn begrüßend): Ah, Herr Svozil? Sie waren ja Zeuge im Prozeß? Sind Sie eigens hereingefahren? Der Bauer: Beinah hätt ich kein' Karten mehr kriegt. Stellens Ihnen vor, ich geh gestern zum Herrn Landesgerichtsrat: »Herr Präsident«, sag ich, »ich bitt schön um eine Eintrittskarten zur Hinrichtung.« »Jo«, sogt er, »da hätten Sie früher kommen sollen, mir hab'n Sie keine Karten mehr.« Drauf sog ich: »Zur Verhandlung ham's mi gleich gebraucht. Nadirrlich . . . Aber jetzt wer ich nicht zuglossen! Was hätten S' g'sagt, wenn ich damals mich nicht gemeldet hätt?« Da hat er g'sagt: »Na also, weil Sie's sind, da ham Sie die letzte Korte« . . . Ein Milchmeier: So? Sie haben auch die letzte? Mir hat er auch g'sagt, das is die letzte Karte, (schmeichelnd) na ja, ich bin der Kousin von ihm. Der Greisler: Vom Landesgerichtsrat? Der Milchmeier (verletzt): Na, von . . . ihm. (Alle drängen sich um ihn: Gengan S', derzähln S'. Is wahr?) Der Greisler: Löcherlich. Er is ja a Böhm . . er is ja aus Preblau, Sie wolln sich ja nur patzig mach'n. Der Milchmeier: Na, also Sö san der Kusön! Der Greisler: Besser kenn i'n scho wia Sie. Die Wochen vor dem Attentat is er bei uns im Haus gewesen und hat um Arbeit g'fragt. (Es wird stille.) Z'erscht is er in Lad'n treten. Da war nur mein Weib drin. Die is glei' derschrocken, sechse war scho und finster, und ruft mi aus der Wohnung heraus. Da is er gleich dasig g'worden. Der junge Mann (erregt): War er denn vorher keck? Der Greisler: Dazu is er gar net kommen. Ich frag ihn: Was wolln S' denn? Er sagt ganz demütig: I bitt, i suach a Arbeit? Ja, sag i, was san S' denn? Hausknecht, sogt er ganz stad. Ham S' Zeugnisse da? frag i ihn glei'. Na, sagt er no dasiger, i war krank . . . Die Brüaderln kennan ma schon, er hat eh so gut quisi quasi ausg'schaut und wia er sagt, daß er keine Zeugnisse g'habt, hab ich scho g'wußt, was für an i vor mir hab. Na, sag i, solche Leut kennan ma schon. Glaub'n S', er is aussi ganga? Na! Stehnblieben is er und hat g'sagt: Wanns vielleicht an Löffel warme Suppen haben? I hab seit drei Tag nix Warm's im Mag'n g'habt . . . – – Ah, die Pfiffe kenn ma scho. Wann ich mi jetzt umdrah, hab i man denkt, so haust ma g'schwind an Hammer am Schädel. Na, sag ich ganz grob, schaun S' nur, daß S' weiter kommen . . . Er geht. Aber am andern Morgen, in aller Fruah, kommt mein Weib, die's G'schäft aufg'sperrt hat, zu mir und schreit: Du, in Hof, in der Hundshütt'n schlaft der Kerl von gestern Abend. I spring auf, weck die Hausmeisterleut, mir drei gehn zur Hundshütt'n. Richtig, hat er si da einigwälzt und schnarcht. Sö, sag i, da is ka Hotel! Aufsteh'n! . . . Hat der a G'sicht g'macht, wie man auf'gweckt ham. Wie a narrischer Kater hat er drein g'schaut . . . Der junge Mann: War das vor dem Mord? Der Greisler: No natürli. Ich hab ihn damals schon an Wachter übergeben wollen. Da hat ma mein Weib zuagredt. Geh, wos gehts Di an? Schaffst Dir an Feind am Hals . . . Hätt i damals net nachgeben, wer weiß, wo wir heut wären. Der Gefangenhausaufseher: Ruhe! Wenn ich bitten darf! Der Geschworene (auf einen Herrn im Salonrock zutretend): Ah, Herr Gemeinderat sind auch da? Der Gemeinderat (sich umschauend): Man sollte doch meinen, daß für die öffentlichen Funktionäre ein reservierter Raum, eine eigene Tribüne eingeräumt ist . . . Der Geschworene: Leider . . . Der Gemeinderat (empört): Wenn der Herr Bürgermeister einmal kommen sollte, kann er da auch nur mitten in der Masse Platz finden? Das ist ja unglaublich . . . Da wird sich ja künftighin gar kein Vertreter der Gemeinde bereit finden, herzukommen. Da wird die Gemeinde eben darauf verzichten, daß einige von ihren Räten anwesend sind . . . Der Geschworene (beschwichtigend): Bitt Sie, man geht ja sowieso ungern her . . . Ich wollt anfangs gar nicht gehen, aber schließlich, wir Geschwornen haben das »Schuldig« gesprochen, wir haben also gewissermaßen die Pflicht, hier zu sein. Ich wollt nicht hergehen. Aber da hat meine Frau gesagt: Entweder-oder. – Wannst ihn verurteilt hast, so geh hin. Zu was hast ihn denn verurteilt, wannst net zur Hinrichtung gehst? . . . Bitt Sie, ein G'schäftsmann, wie ich, will seine Ruh haben. Einmal in sein Leben ist man Geschworner, da muß man halt seine Pflicht ganz ausfüllen . . . Ein großer Herr mit schwarzen Handschuhen (kommt herein und ruft): Sind die Herren von der Presse schon da? (Da sich niemand meldet, verschwindet er wieder.) Der Gemeinderat: Weil Sie sagen, Ihre Frau – die meine wär sogar hergekommen. Eigentlich ist es ungerecht, daß die Weiber nicht hereindürfen. Ich sag so: Wann die Weiber ermordet werden, dann sollens auch zuschauen dürfen! Der Geschworene: Sehr richtig, Herr Gemeinderat. Es ist aber nur wegen der Aufregung . . . Haben Herr Gemeinderat draußen beim Eingang in der Landesgerichtsstraße nicht dieses verrückte Weibsbild gesehen? Da is eine Zeugin im Prozeß gewesen, ich glaub, die hat zartere Beziehungen zu . . . dem da (auf die Zelle zeigend) drin g'habt. Einmal is sie heute schon von der Polizei wegg'führt worden. Weiß der Teufel, wie sie wieder hergekommen is. Ham Sie's ang'schaut, Herr Gemeinderat? Sie steht vor dem Tor und jeden, der hineingeht, starrt sie an, wie eine Irrsinnige . . . Wenn sie die da hereinlassen, na, ich danke für den Skandal. Der Gemeinderat: Na, es sind ja net alle Weiber so hysterisch. Der Geschworene: Stimmt, Herr Gemeinderat, stimmt. Aber die männliche Entschiedenheit geht ihnen halt doch ab. Wir stehen da, schauen zu und wanns fertig is, gehn ma in aller Ruhe nach Haus . . . Die Weiber ham sich halt nicht so in der Hand . . . (Der Leutnant tritt rasch ein. Der Korporal tritt auf ihn zu.) Der Korporal: Melde gehorsamst, Herr Leutnant, der Rekrut Wozilka bittet, ihn nach Hause zu schicken. Der Leutnant: Ach was, jetzt? Lassen Sie ihn antreten. (Rekrut Wozilka tritt salutierend vor.) Der Leutnant: Was willst Du? Nach Hause? Jetzt? Hast vielleicht Angst? Rekrut Wozilka (unsicher): Melde gehorsamst, nein, Herr Leutnant. Der Leutnant: Also warum? Rekrut Wozilka (weinerlich): Melde gehorsamst, Herr Leutnant, den De . . . den De – – lingwend ise Landsmann von mir. Der Leutnant: Unsinn! Ein Mörder ist überhaupt kein Landsmann! Du hast Angst! Was wirst Du denn einmal im Ernstfall tun? (Rekrut schweigt.) Der Leutnant: Na rede! . . Wenn Du dem Feinde gegenüber stehst. Rekrut Wozilka (weinerlich, stockend): Melde gehorsamst, der Feind . . . ise kein . . . Landsmann. Der Leutnant (überhörend): Dageblieben! Abtreten! (tritt auf den Aufseher zu): Na, wie lang (gähnend) dauert denn das noch? Der Gefangenhausaufseher: Ja, heut' ham ma unser G'frett . . . (Es bildet sich sofort ein Kreis von Neugierigen um die beiden.) Der Leutnant (ärgerlich): Was is denn? Der Gefangenhausaufseher (geringschätzig): Bitt Sie gar schön, der da (auf die Zelle zeigend), das ist ja a Patzen, kein Mann. Die ganze Nacht bet er mit dem Pater zusammen. Unser geistlicher Herr halt g'wiß etwas auf Bußfertigkeit und Reue, aber wie er die ganze Nacht zusammen mit ihm vor der Maria gekniet ist, hat er so an Schlaf kriegt, daß er auf a halbe Stunde sich hat niederlegen wollen. Glauben S', er hat's zulassen? Auf die Knie is er gefallen, gejammert hat er, daß ma's im ganzen Haus g'hört hat, an den Kittel vom geistlichen Herrn hat er sich geklammert und g'schrien hat er: »Net weggehen! Net weggehen!« . . . Der Leutnant: Ja, da waren der Waniek oder der Schlossarek doch andre Kerle! Der Gefangenhausaufseher (stolz): Ja, die! Wie der Waniek da in den Hof herausgetreten ist, erinnern S' sich noch, Herr Leutnant, wie er die Leut g'sehen hat, hat er sich hing'stellt, habt acht, stramm und hat salutiert . . . Na und der Schlossarek. Erinnern S' sich, wie der vom Galgen her noch g'schrien hat: »Könnt's mi alle gern haben« . . . Entschuldigen, Herr Gemeinderat, daß i mich so gemein ausdrücke, aber wahr is. Der Gemeinderat: Ah, wir sind ja nicht so verwöhnt. (Plötzlich läuft eine Bewegung durch die Massen. Alle blicken nach der Ecke. Man hört Rufe: »Nicht auf die Zehen stellen!« – »Hüte herunter!« – Einige kraxeln rasch auf die Bäume hinauf. Die Rückwärtigen murren: »Was is denn?« . . . »Is er schon da?« . . . »Aber nein« . . . »Was macht er für ein G'sicht?« (Der Aufseher, der im ersten Moment der Aufregung rasch nach vorne gegangen ist, kommt zurück.) Der Gefangenhausaufseher: Nichts ist! Nur ein Rekrut ist ohnmächtig geworden. (Der Leutnant geht zur Kompagnie. Vier Soldaten tragen Wozilka fort.) Der Herr mit den schwarzen Handschuhen (taucht wieder auf, fragend): Sind die Herren von der Presse schon da? Der Polizeikommissär (tritt ein, auf den Gefangenhausaufseher zutretend): Hab die Ehre . . . Wie kann man denn so viel Karten ausgeben, Herr Aufseher! (Die Berichterstatter treten ein. Polizeikommissär, Gefangenhausaufseher, Gemeinderäte wechseln Händedrücke.) Erster Berichterstatter (alter Mann): Ich geh wieder, meine Herren, ich schreib mein Bericht fertig. Der Gemeinderat: Da müssen S' doch dableiben. Erster Berichterstatter (achselzuckend): So viel Tausender möcht ich haben, wie ich schon Hinrichtungen gesehen hab. Heute mach ich den Bericht packender, wie die ganze Sache eigentlich is. Der Polizeikommissär: Da kommen sie wahrscheinlich nur her, um zu sehen wer da ist. Erster Berichterstatter (sein Notizbuch ziehend, lächelnd): Man sah u. a. Herrn Polizeikommissär Lück, Herrn Gemeinderat Striegl und zahlreiche Anverwandte des Delinquenten. Na, ich geh. Wenn etwas Besonderes los ist, Herr Kollege, so erzählen Sie mir's ja. Ich bin drüben im Kaffeehaus. Der Polizeikommissär (zum zweiten, jungen Berichterstatter): Ist es nicht ein Skandal, daß wir da mitten im Gedränge stehen müssen? Wir sind doch sozusagen amtlich hier. Aber der Herr Vorsitzende, der Herr Staatsanwalt, der Herr Verteidiger – die, ja, dürfen vorne vor dem Kordon Platz nehmen. (Vertraulich und giftig.) Was fangt er denn an, der Herr Präsident, wenn ich ihm die Kerle nicht einfang?! He?! Das ist keine Kunst, im Präsidentenfauteuil zu sitzen und über den armen Hascher Witze machen, damit nur recht viel »Heiterkeit« im Bericht steht. Aber er soll amal, wie ich, mit vierzig Agenten in einer Nacht ganz Favoriten durchstöbern. Er soll amal, wenn ma den Kerl schon endlich hat, das erste Polizeiverhör mit ihm aufnehmen. Wann alles noch ganz unsicher is, wann der Kerl noch frech ist, wann der Kerl noch leugnet . . . Bitt Sie, dann im Gericht, da ham ma ihn schon ganz matsch gemacht, da is keine Kunst mehr, was herauszukriegen. Und was is der Dank dafür? Wann man schon derwischt hat, wer erfährt davon? Ah, ja, vom Vorsitzenden steht jeder auswendig g'lernte Verhandlungswitz drin, die ganze Red' vom Verteidiger is im Bericht. Aber unserans? Der Gemeinderat (unterbricht das vertrauliche Gespräch): Herr Kommissär, habe die Ehre. Sind auch da? Na, wann der (deutet auf die Zelle) Sie im letzten Moment sieht, kriegt er noch an Zorn. Durch Sie ist er ja eigentlich erst gefangen worden. Der Kommissär (mit vorsichtigem Selbstgefühl): Ja, ich habe schon einige Herrschaften hierhergebracht. Der Gemeinderat: Den Waniek auch? Der Kommissär (aufzählend): Waniek, Schlossarek, Schenker, Opletal, Hummel, Dolezal . . . lauter Bekanntschaften von mir. Na und was is der Dank dafür? (verbissen) Was is der Dank dafür? Da mitten im Gedräng muß man stehen. Froh sein muß man, daß man überhaupt noch eine Karte vom Herrn Präsidenten kriegt! (verbissen) Das nächste Mal, wenn ein Mord vorkommt, werde ich einfach dem Herrn Präsidenten sagen: »Aber bitte, bitte, probieren Sie's einmal! Finden Sie ihn einmal! . . . Ich bin ja nur eine Nebenfigur! Bitte sehr . . . Der Herr mit den schwarzen Handschuhen (taucht wieder auf): Ist hier ein Herr von der Presse? Der Berichterstatter: Sie wünschen? Der Herr mit den schwarzen Handschuhen (sich vorstellend, sehr devot): Ich bin nämlich . . . (ganz leise den Namen murmelnd. Der Berichterstatter weicht zurück). Ich wollte die Herren von der Presse nämlich bitten . . . diesen Chronometer (ihn aus der Tasche ziehend) zu benutzen. Durch mein neues Verfahren, wenn die Herren von der Presse so freundlich sein wollen, das zu konstatieren, darf die Exekution nicht länger als 2 Minuten 35 Sekunden dauern. Mein Verfahren ist nämlich viel humaner, wie das von meinem Vorgänger . . . Mein Vorgänger war so unhuman, die Stricke auch zwischen die Beine, hier (auf dem Körper des Journalisten illustrierend) . . . Der Berichterstatter (entsetzt zurückweichend): O, ich danke, ich kann mir das schon vorstellen . . . Der Herr mit den schwarzen Handschuhen: Verzeihen Sie! . . . Das war natürlich riesig unhuman. Der Gefangenhausaufseher (auf ihn zutretend, leise): Es ist die höchste Zeit. Der Herr mit den schwarzen Handschuhen (im Abgehen): Also 2 Minuten 35 Sekunden . . . Wenn ich bitten darf . . . im Bericht . . . 2 Minuten 35 Sekunden (am Ausgangstor) – – und eine viel humanere Methode. (Es entsteht wieder Bewegung unter den Zuschauern. Ein schriller Ruf: »Er kommt.« – – Wieder Geschrei: »Hüte herunter.« – – »Die Vorderen sollen sich bücken.« Wieder klettern einige auf die Bäume. Rückwärts schwingen sich die Leute auf die Schultern der Nebenmänner. Plötzlich – – tiefe Stille! Langsam beginnt die helle Armensünderglocke zu läuten: Bim, bam, bim, bam.) Sommer Ein Dichter erzählte: »Drei Jahre lang war ich Maschine. Stand um 6 Uhr früh auf, aber nicht um mich am goldblauen Morgen zu berauschen, sondern um durch die Königstraße, Leibnizgasse über den Wagnerplatz durch die Kolumbusstraße vor jenes fünfstöckige Haus zu kommen, in dem die Bureaus der Kommerzialbank lagen. Jeden Nachmittag, um 5 Uhr, trat ich mit einem aus tiefer Brust aufsteigenden Atmen der Befreiung aus dem schattigen, breiten Torflur. Ach, es ist schwer, acht Stunden im Tage nur Maschine zu sein, vier Stunden zum Erwachen aus dem Maschinenzustand zu brauchen und nur drei Stunden lebendig zu sein . . . »Zum Glück übersiedelte die Kommerzialbank. Von der Kolumbusgasse hatte ich noch ein Stück weiter an jedem Morgen zu marschieren. Die Donaubrücke lag in der Mitte dieses Stücks. Kam ich an frischen, goldblauen Sommermorgen hier über die Brücke, dann sah ich bis hinüber in die letzten Gipfel des Wienerwaldes. Ein zarter grausilberner Dunst, mild wie der weiße Schimmer über einer blaureifen Pflaume, lag über den waldigen Gipfeln. Grell brannte das Gelb der Felder herüber. . . . »Dieser Punkt auf der Donaubrücke hat mich meine Karriere gekostet. Ich wäre heute (bei meiner unzweifelhaften kommerziellen Begabung) Direktor der Bank, hätt' ich nicht an jedem Sommermorgen dem ziehenden Locken der grüngrau bewaldeten Gipfel widerstehen müssen. Dieser Punkt, mitten auf dem Arbeitsweg, hat meine Karriere zerrissen. Ich bin zu lang hier stehen geblieben, ich bin »unpünktlich« geworden. Je goldener der Sommermorgen, desto tiefer hab' ich mich verschaut. Am Ende entlief ich dem Wege durch die Königstraße, durch die Leibnizgasse, über den Wagnerplatz und die Kolumbusgasse. Aber den Punkt auf der Höhe der Donaubrücke behielt ich und den blaugrau schimmernden Höhen bin ich näher gekommen. . . . »Laßt keine Gipfel in die Wege zu den Werkstätten gucken! Verrammelt alle Aussichten vom Großstadtgassengewirr in sonnige Berge! Es könnten zu viele – wie sagt man doch? – vom Wege irren! . . . Ein rücksichtsvoller Mensch Freundschaft ist bekanntlich Langeweile zu zweien. Gestern abends bin ich so, höchst freundschaftlich, mit meinem alten Schul- und Lebenskameraden Gutmann im Wirtshaus beisammengesessen. Es wurde elf Uhr Nachts und auf der Basis unserer gemeinsamen Trägheit feierte unsere Freundschaft ein ausgedehntes Fest. Die Nachrichten, die wir uns mit halbem Interesse zu berichten hatten, waren erschöpft, die Meinungen, in denen wir noch übereinstimmten, waren besprochen, jetzt saßen wir ziemlich einsilbig da und es bestand sogar die Gefahr, daß wir von den Dingen zu reden anfingen, die einer am anderen nicht mehr begriff und deshalb verachtete. Zum Glück geschah da etwas, das den Krieg – gibt es einen böseren als zwischen Freunden? – verhinderte. In dem ziemlich schwach besetzten Speisesaal saß ein junger Mann schon seit einer Stunde an einem Tische. Plötzlich rannte ein junges Frauenzimmer durch die klirrende Glastür in den Saal herein. Die Blicke der Wirtshausgäste flogen ihr sogleich zu, wie das schon so ist, wenn ein weibliches Wesen einen Speisesaal betritt. Sie sah nicht übel aus. Ein zartes, schlankes Mädchen, nur ein bißchen zu bunt, zu lärmend gekleidet. Offenbar war sie in Zorn oder sonst in hitziger Erregung, jedenfalls sah man an ihrem festen Gange, daß sie nervös, sehr nervös war. Sie steuerte direkt auf den Tisch zu, an dem der junge Mann allein saß. In diesem Moment geschah etwas, was sogleich alle Gespräche an allen Tischen verdrängte. Der junge Mann, übrigens in ziemlich schofler Kleidung, erblickte das Mädchen, stand blitzschnell auf, war mit einem Sprunge bei ihr und – ein scharfer Klatsch! – eine brillant gezielte Ohrfeige brannte schon auf der Wange des Mädchens. Im nächsten Moment saß niemand von den Gästen mehr an den Tischen, die Herren waren empört aufgesprungen, die Damen, ein wenig gelassener, trippelten herzu. Ein dichter Kreis von Menschen stand um die beiden und mitten zwischen ihnen mein guter, behäbiger Freund Gutmann, hochrot im Gesicht, schwer schnaufend vor Zorn. »Eine Dame! Wie kann man nur eine Dame . . .« schrie er. Und von rückwärts fielen die Frauen gleich ein: »An einer Dame sich vergreifen! Unglaublich!« Durch die Zustimmung noch couragierter gemacht, schrie Gutmann: »Wie können Sie sich nur unterstehen? Ordinärer Mensch!! Gemeinheit!!! Eine Dame! In einem öffentlichen Lokal!! Unerhört!!!« Wahrscheinlich wäre der junge Mann jetzt sofort geprügelt und gelyncht worden, wenn nicht der Wirt sich kategorisch ins Mittel gelegt hätte, mit der Aufforderung: »Zahlen Sie Ihre Rechnung!« Noch ganz bleich, am ganzen Leibe zitternd, zog der junge Mann folgsam seine Börse und gab wortlos so viele Münzen heraus, als der Kellner von ihm begehrte. Aber all die Menschen um sich schien der Mensch nicht zu sehen, das Entrüstungsgeschrei schien er nicht zu hören, er schaute nur mit vergrößerten Augen auf das Mädchen hin, das sich unter seinen rasenden Blicken zu ducken schien. Gutmann wurde immer couragierter: »Entschuldigen Sie sich wenigstens!« schrie er drohend. Aber da drängte ihn das Mädchen zur Seite, reichte dem jungen Manne seinen Hut und Rock und flüsterte ihm zu: »Komm' doch!« Im Nu war das Pärchen verschwunden. Auf der Gasse, so erzählte dann der Kellner, half sie ihm noch in den Mantel, und als er mit riesigen Schritten davonzulaufen begann, da rannte sie ihm noch nach, so gut sie konnte. Wie die Sache ausging, das hat der Kellner leider nicht mehr mitansehen können. Die Stammgäste aber hatten, Gott sei Dank, für den Abend ausgesorgt. Sie heimsten die Zinsen der Erregung der anderen behaglich ein. Da saßen sie, und in ihr schweres, dumpfes Sumpern war wenigstens ein Funke von der Elektrizität der zwei Entschwundenen gefahren. Davon zehrten sie jetzt, bis sie allmählich wieder stumpf und träge wurden. Nur mein lieber Freund Gutmann wollte sich nicht beruhigen. »Ich kann so etwas nicht sehen,« sagte er noch mit beinahe funkelnden Augen. »Aber dem Mädel scheint die Sache nicht einmal so gräßlich gewesen zu sein,« erwiderte ich. »Wer weiß, was sie angestellt hat.« »Angestellt oder nicht, es ist eine unerhörte Roheit!« schrie Gutmann. Vergebens suchte ich auf die kuriose Haltung der Mißhandelten hinzuweisen: »Wer weiß, wie billig die davongekommen ist.« Gutmann sah mich fast bestürzt an: »Ja, bist Du denn auch ein so verrohter Patron? Siehst Du denn nicht ein, daß es eine Rücksichtslosigkeit sondergleichen ist, jemandem in einem öffentlichen Lokal . . . in . . . einem . . . öffentlichen . . . Lokal . . . eine Ohrfeige zu geben? Noch dazu einer Frau?« Das sah ich natürlich ein und so etwas würde mir natürlich nicht einfallen. »Aber deshalb sind solche spontane Brutalitäten in manchen Fällen doch nicht das Aergste. Wahrscheinlich ist dieser junge Mann dem Frauenzimmer auf eine ganz besondere Niederträchtigkeit draufgekommen. Seine Fassungslosigkeit, diese unwillkürliche Ohrfeige beweist vielleicht nur, wie gern er sie hat. Deshalb ist auch sie die erste gewesen, die sich damit abgefunden hat.« »Unsinn!« rief Gutmann, »einer Frau gegenüber und überhaupt jedem gegenüber, ist Rücksicht das erste!« Es dauert gut eine halbe Stunde, bis Gutmann wieder seine ganze Ruhe fand. Erst gegen eins – die Gäste hatten sich schon verflüchtigt, wir waren die letzten – stellte sich die alte gemütliche Freundschaftsvertraulichkeit wieder ein . . »Nein, nein, Du hast ganz unrecht,« sagte er jetzt lächelnd, mit seiner ausgepolsterten Hand auf meinen Rücken klopfend, »Rücksicht ist das erste, was wir den Frauen schulden! Ein Mann darf sich nicht hinreißen lassen. Zu diesem Zwecke hat uns der Herrgott ein Gehirn beschert, uns Männern. Dieser aufgeregte junge Mann war ein Laffe.« Ich widersprach nicht, es war übrigens schon nach eins. Mir hatte der erregte junge Kerl sehr gut gefallen, um seines zuckenden Zornes willen konnte ich ihm sogar die Rücksichtslosigkeit vergeben. Gutmann schien etwas von meinen Gedanken zu erraten, denn plötzlich sagte er mit seinem vertraulichsten, zwinkernden Freundeslächeln: »Falsch, ganz falsch! Der Mann ist verpflichtet, immer rücksichtsvoll zu bleiben. Wenn Du einmal verheiratet sein wirst, wirst Du das schon einsehen!« Wenn Gutmann um diese Zeit auf seine Ehe zu sprechen kam, dann gab es kein Entrinnen mehr. Vergebens nahm ich alle meine Behauptungen zurück und wiederholte, daß ich ein entschiedener Gegner des Ohrfeigens von Frauen sei. »Nein, nein, nein . . . Das ist nicht so . . . Du verstehst mich noch nicht,« fing er an, »zur Rücksicht auf die Frau muß man sich erziehen; das eine sind wir ihnen schuldig, zumindest. Siehst Du, ich bin jetzt seit vierzehn Jahren glücklich verheiratet. Habe zu Hause zwei Kinder! Seit zwölf Jahren habe ich daneben, Du weißt es ja sowieso, es geht nicht anders, immer noch ein Verhältnis, stabil oder vorübergehend. Was hab ich mit der Gusti durchgemacht! Sie hat drei Kinder von mir, sie hat fünf Wochenbetten durchgemacht. Jetzt bin ich jedes Jahr im Sommer drei Wochen mit der Toni in Tirol. Was hab ich mit der Choristin alles erlebt, mit dem Luder, das dann krank wurde! . . . Na, und siehst Du. Und meine Frau weiß nicht das davon!« Dabei zeigte er mir seine schwarzen Fingernägel. »Ja, mein Lieber,« sagte er jetzt fast triumphierend, »das ist eine Leistung! »Dieser Dressur zur peinlichsten, genauesten Rücksicht verdanke ich es, daß meine liebe Frau sich wahrhaft glücklich fühlt!!« »Hm, hm.« »Jawohl, sie ist wahrhaft glücklich! Und sie wird, so Gott will, bis an ihr Ende glücklich bleiben; ich werde die Rücksicht gegen die Frau bis an ihr Grab zu wahren wissen!« Gott weiß, wie rücksichtsvoll auch diese Frau gegen ihren Mann ist, dachte ich. Straßenleben Niemals haben die Menschen so viel in den Straßen gelebt! In den Märchen lebten die Menschen in dichten, einsamen Wäldern, in der Vergangenheit lebten sie in ihren Schlössern, Burgen oder in den uralten, ruhevollen Bürgerstuben. Aber auf der Straße, auf der unruhigen, massendurchfluteten, brausenden Straße haben sie nie gewohnt. Gewiß gab's auch ehedem arme Teufel, deren Dasein aus allen Geleisen geworfen war und die frierend, dürstend über die Landstraße zogen. Aber das war nicht so trostlos, so jämmerlich wie heute. Rechts und links von den Landstraßen dehnten sich grünende Wiesen, wallende, gelbe Felder. Es lag freier Horizont, Licht, Luft, ein unermeßlicher Himmel lag über allen Straßen. Unsere Straßen sind düster geworden. Fürchterliche Mauern schroffen irrsinnig in die Höhe, keine Straße führt mehr ins Freie, nur in neues Häusergewirr. Und durch alle Gassen ziehen Menschen, die einander fremd sind; Menschen, die täglich des gleichen Weges ziehen und doch einander fremd sind! Menschen, die nur ein paar Sekunden, ein paar Blicke für einander Zeit haben. O, die Straße hat die Seelen abgestumpft! Wir alle haben das Aneinander-Vorübergehen gelernt und damit diese verfluchte Vergeßlichkeit der Eindrücke. Hier schreitet ein junges Mädchen an dir vorüber, deren Auge dir die Seele versengt. Du siehst die Schwebende mit einem bewundernden Blicke an, plötzlich spürst du ein erlösendes, erwachendes Freudegefühl in deinem Innern, du siehst ihr dankbar nach! . . . Da klingelt ein Omnibus, da schreit dich ein Kutscher zornig an, da tutet dir ein Automobil in die Ohren. Rasch gehst du weiter, drüben begegnet dir ein Krüppel ohne Beine, der auf Krücken schwer atmend forthüpft oder – wohin ist längst die schwebende Schöne? – ein Mann, der dich grüßt und dem du dankst, ohne zu wissen, wer es war. »Zum Teufel, ich erinnere mich nicht.« – Ich erinnere mich nicht! Dies ist das Wappenwort der Straße. Wir sehen so viel und erinnern uns an so weniges. Strahlende Auslagenfenster, blitzende Lichtinschriften an den Dächern, Zettel, die uns in die Hand gedrückt werden, Dinge, die uns zugerufen werden, Plakate an den Wänden, die uns zuschreien, Freunde die uns grüßen, Freunde, die wir nicht erkennen, alles, alles ist im Nu vergessen. Und doch leben Hunderttausende in den Straßen. Ich meine: Sie gehen nicht durch das wüste Gelärm, sondern sie leben in ihm. Das Reich der Straße ist ein wenig breiter als der Raum zwischen zwei Trottoirs. Zur Straße gehört noch das Parterre der Hausfluren: die Hauseinfahrten, wo wir im Gewitterregen warten, die Kaffeehäuser, wohin die Heimlosen täglich flüchten und dort sinnlos herumlungern, die Automatenrestaurants, wo wir schnell des Magens Mahnung stopfend befriedigen, oder die großen, überfüllten Wirtshäuser, wo wildfremde Menschen an einem Tisch zur Mahlzeit sitzen. Zur Straße rechne ich noch all die Vergnügungslokale, wo Menschen »sich zerstreuen«, alle die schreienden, lärmenden, grellen Unterhaltungen für jedermann, all die Lokale, in denen fremde Menschen zum »Unterhalten« gezwungen werden, indem sie derb gekitzelt werden. Gekitzelt in Unterleibsgegenden, gekitzelt in patriotischen Gehirnpartien, gekitzelt mit blöden Allerweltsspäßen. Das alles noch ist Straße. Straße, wo jeder nur »ein Passant« ist, ein Vorübergehender, nicht du, nicht ich, nur ein Durchschnittsgeschöpf, das behandelt, unterhalten und gekitzelt wird, einer wie alle. Zur Straße rechne ich die Zeitungen, die in allen ihren Rubriken schreien wie die Kutscher bei den Kreuzungsstellen, wie die Plakate an den Mauern, wie die elektrischen Inschriften Nachts auf den Dächern der Großstadtstraßen. Hier, auf einstmals weißem, unversehrtem, nun über und über beschwärztem Papier scheint der ganze irrsinnige Lärm der Großstadtstraßen interniert, und dem Leser, der die Zeitung in die Hand nimmt, schwingt sogleich der trübe Dunst, die brausende Unruhe einer ganzen Stadt entgegen. Sinnbild der Straße aber bist du, Mädchen, dessen Auge und Gang und Kleidung locken soll wie eine aufregende Zeitung, kitzeln soll wie das zotige Lied der Brettlsängerin. Die Liebe selbst kriecht allabendlich mit zehntausend grellen Mädchen aus heimlichen schwarzen Verstecken hinaus auf die Straße. Die vielen, die nur auf der Straße leben, holen sich auch die Liebste von der Straße weg. Aber die Liebe hat die gräßliche Hast der Straße und ihre fürchterliche Vergeßlichkeit erlernt. Wer, der jahrelang auf der Straße gelebt, kennt am Ende auch nur eine aus der langen, langen Reihe der Straßenmädchen, die er geliebt? »Ich erinnere mich nicht mehr.« Aber Tausenden Menschen der Straße gibt auch diese Liebe ihr dauerndes, gräßliches Erinnerungszeichen. Auch die Liebe der Straße will unvergessen sein! . . Leben nicht auch wir Stilleren unser Leben im Straßenlärm? Frühmorgens, auf! aus der süßen Stille des Schlafes jäh geweckt: Hinaus in die Arbeit! Ehe wir noch recht wach sind, stehen wir auf der Straße. Eine halbe Stunde des Weges! Hunderttausende können es sagen, daß diese Stunden des Weges in die Arbeit und von ihr die einzige freie Zeit für ihre Hirne und Herzen sind. Hier können sie an sich denken, hier knallt keine Peitsche irgend eines Arbeitszwanggedankens hinter ihnen, hier werden Ferienträume und Sommerhoffnungen geträumt, hier werden Kindersorgen bedächtig erwogen, hier werden Fragen an die Geliebte konzipiert! Auf der Straße! Zwischen der Arbeit! Selbst die stillen Stunden der Menschen mußten auf die Straße flüchten! Bis in die Nacht hinein wird diesem menschenfresserischen Götzen Arbeit geopfert. Was ward dem einzelnen belassen? Nur das bißchen Weg zur Arbeit, das bißchen Freiheit nach der Arbeit. Das aber ist Straße, denn die Menschen sind heimlos geworden. Selbst alle Hoffnung, alle Sehnsucht der Menschen, sie ist auf die Straße geflohen, in die tausendköpfigen Versammlungen, in die hunderttausendköpfigen Vereine, in die geistige Welt der Straße, die Politik heißt. Zuweilen aber schließt einer die Augen und denkt an den blauen Himmel, von dem in enge Straßen nur selten ein erbärmliches kleines Stück gucken kann, an die Waldesstille, von der in den Märchen die Rede war, an die ruhevollen, alten Bürgerstuben, an denen das Herz unserer Väter hing. Eine Sehnsucht nach stillen Stunden überfällt uns: Fort von der Straße . . . Ein Witz Der Kutscher Ignaz Freißler geht abends, schon nach neun, am Kanal spazieren. Die Hände hat er in den ledernen Hosen stecken und seine genagelten Röhrenstiefel plumpsen laut durch die Stille des Abends. Er geht jetzt schon gut eine Stunde lang immer den Kanal entlang und an manchem Polizisten, der ihn mißtrauisch genau ansah, ist er vorbeigekommen. Vielleicht sieht man es dem Freißler an, daß er vollständig blank ist. Nicht einmal Geld für seine Pfeife hat er in der Hosentasche, nicht einmal rauchen kann er. Er trampelt weiter und weiter und das gleichmäßige Schreiten, das Widerhallen seiner derben Schritte, die maschinenmäßige Bewegung tun ihm gut, die Musik des Marschierens beruhigt ihn. Er kann aus diesem Tempo gar nicht heraus und schreitet weiter, klippklapp, klippklapp, klippklapp . . . Schon malen sich die gelben Lichter der Laternenreihe im dunklen Spiegel des Kanals. Plötzlich bleibt Freißler stehen. Er hat soeben einen kuriosen Lärm gehört, einen quietschenden, schrillen Schrei und dazu eine andere, schwere Stimme, die etwas wie einen Fluch murmelt. Im nächsten Augenblick beginnt der Kutscher in der Richtung, aus der die Schreie schrillten, zu laufen. Ehe er noch etwas wahrnehmen kann, hört er plötzlich das Geräusch eines schweren Gegenstandes, der klatschend ins Wasser fällt. Einige Sekunden später erblickt er im Laternenlicht einen kleinen, dicken Kerl, der einen Haufen Weiberkleider über die Achseln geworfen hat und mit gieriger Hast eine Börse öffnet und nachzählt, wie viel . . . Freißler springt hin. Aber da hat ihn der Bursche eben bemerkt, ist schon auf und davon und seine genagelten Röhrenstiefel klirren schnell übers Pflaster. Mitten im Nachlaufen wird Freißler durch einen schrecklichen Laut gestört, der vom Wasser her tönt. Herrgott, da ertrinkt eine vielleicht . . . Der Kutscher hält inne, schaut zum Kanal hinüber, im Laternenlicht sieht er da plötzlich das gelbe Gesicht eines Mädchens, das auf dem Wasser treibt. Der Mörder ist indes schon wer weiß wo . . . Der Kutscher tritt an den Kanal, ruft, schreit. Kein Mensch hört ihn hier in der Stille. Er schaut hinüber, dorthin, wo der dunkle Pack im Wasser schwimmt. Nichts ist im Schwarz der Nacht zu sehen. Oder doch? Jetzt? Ja, da im Lichtstreif der Laterne sieht er wieder das gelbe, von nassen Strähnen halb überdeckte Gesicht einer Frau, die sich nicht mehr regt, nicht mehr wehrt und nicht mehr schreit. Was dort treibt, ist eine Leiche. Stumm steht Ignaz Freißler da, bis er nichts mehr im Kanal ausnehmen kann. Dann dreht er sich um und geht mit seinen schweren Röhrenstiefelschritten zurück. Kein Mensch begegnet ihm. Kein Polizist ist jetzt zu sehen. Soll er zur nächsten Wachstube? Nichts ist ihm verhaßter als Polizeibureau und Protokolle. Was braucht er den Herren zu helfen? Sollen den Halunken selber suchen! Uebrigens ist es schon spät nachts und er ist jämmerlich müde. Die Hände des Kutschers stecken noch tiefer in den Hosentaschen und seine Schritte hallen noch schwerer durch die Nacht, klippklapp, klippklapp. Am nächsten Morgen steht der Kutscher Freißler wieder vier Stunden im Bureau der Arbeitsvermittlung. Vergebens. Keine Arbeit. Seine Pfeife steckt noch immer kalt im Rocke; die paar Heller für Tabak sind nicht aufzutreiben. Vor dem Schalter warteten noch vier Dutzend Schwerfuhrwerker mit ihm. Mürrisch und wortlos steht Freißler in der Ecke. Von Zeit zu Zeit fliegt das Fenster am Schalter des Beamten rasselnd in die Höhe, eine Nummer wird überlaut in die Menge der Wartenden hinausgerufen. Jeder sieht sich seinen kleinen, schmutzigen Pappendeckel an, auf dem die eigene Vormerkziffer steht, und von den fünfzig stecken neunundvierzig mißmutig ihre schmierige Nummer wieder ein. Plötzlich, nach zehn Uhr vormittags, tritt eine Polizistenpatrouille in den Warteraum. Ein Wachmann postiert sich breit versperrend vor die Ausgangstür, ein Kommissär mit einem Detektive zur Seite stellt sich in die Mitte der Kutscher und mustert ein Gesicht nach dem anderen sekundenlang. Die Kutscher haben keine Ahnung, was die Untersuchung soll. Der Kommissär ist nicht gelaunt, seinen Besuch zu erklären. Fällt ihm gar nicht ein, den Kerlen erst eine Geschichte zu erzählen, was übrigens vielleicht auch unklug wäre . . . Plötzlich öffnet der Detektive den Mund: »Alle, die Röhrenstiefel tragen, treten zur Seite!« Vierundzwanzig von den fünfzig sondern sich ab. Noch immer stumm geht der Kommissär herum, jetzt ganz in die Stiefel versunken, die er ununterbrochen bestarrt. Noch einige durchdringende Blicke in die Gesichter der Kutscher, plötzliches Umdrehen nach einer Gruppe, die mit Lachen herausplatzt, und dann entfernt sich das lebendige Vorhängschloß, der Polizist, von der Tür. Der Kommissär geht ab, hinter ihm der Detektive, und der Wachmann schließt draußen die Tür. Jetzt erst merkt man die Totenstille, die durch den unerklärlichen Besuch im Warteraum entstanden war. Jetzt zischen die Gespräche auf. Das Schalterfenster des Beamten fliegt in die Höhe, aber diesmal geht sein Ausruf im Gesurre der erregten Kutscher unter. Was haben die wollen? Wen haben die gesucht? Was ist geschehen? . . . Nur einer schwatzt nicht mit. Das ist der Ignaz Freißler, vor dem plötzlich das grausige Abenteuer von gestern abend steht und der sich jetzt im Zimmer umsieht, ganz wie der Kommissär, einem jeden ins Gesicht starrend, ob er den wieder erkenne, den er gestern nacht, Weiberkleider über die Achsel gehängt, die Geldbörse gierig durchstöbernd, einen Moment lang im Lichte der Laterne gesehen hat. Ein kleiner Knirps war es, wahrscheinlich ein Kutscher. Da hatte der Kommissär schon recht. Einer mit Fuhrwerkerstiefeln ist es gewesen . . . »Vierundachtzig!« schreit der Beamte vom Schalter. Da erwacht Freißler und zieht seine Nummer heraus. Richtig, er ist's. Er hat Arbeit gefunden. »Na, daß Sie sich endlich melden!« murrt der Beamte. Melden! Jetzt fällt dem Freißler wieder ein, daß er eigentlich noch eine Meldung zu erstatten hätte. Nachmittags will er aufs Polizeibureau schauen. Zuerst muß er seine Arbeit haben. Seine Pfeife wieder anzünden! Dann ist noch immer Zeit. Viel nützen wird seine Aussage ohnehin nicht. Freißler hat die Adresse seines neuen Herrn in der Tasche. Er tritt gut gelaunt und froh aus der Arbeitsvermittlung heraus. In diesem Augenblick, beim ersten Schritt ins Freie, wird er verhaftet. Der Kommissär hat draußen schon auf ihn gelauert. Freißler ist wütend. Jetzt hopp genommen werden, das heißt die noch nicht gefundene Arbeit schon wieder verlieren, sich frisch vormerken müssen, fünfzig Stellenbesetzungen wieder abwarten müssen, drei Wochen hungern. Die Pfeife soll also heute wieder nicht angezündet werden! Zornig wehrt er sich gegen seine Verhaftung. »Sie werden schon wissen, wozu wir Sie brauchen«, sagt der Kommissär ganz höflich. Der Weg zum Kommissariat ist endlos. Ein dichter Haufe von blödsinnigen Müßiggängern marschiert hinter ihnen her. Die Wachleute haben Freißler mit eisernem Griffe an den Armen gefaßt. »Herr Kommissär! Die Wachleute zwicken mir ja die Haut vom Arm!« Sofort gibt der Kommissär den Auftrag, den Kutscher milder anzufassen. Immer größer wird der Zug und noch immer ist die Gasse nicht zu sehen, wo das Kommissariat ist. Jetzt hört der Kutscher eine Stimme hinter sich: »Jesus, der Herr Freißler!« Jemand hat ihn erkannt. Er will sich umdrehen, aber das lassen die Wachleute nicht zu und ihr Griff wird wieder eisern. »Bedaure,« antwortet der Kommissär auf die Beschwerde, »Sie gehen zu unruhig. Es sieht ja aus, als wenn Sie sich nach Sukkurs umsähen.« Stumm geht Freißler daher. Das Geschwätz seines Gefolges dringt bis zu ihm: Wegen was haben sie ihn denn gefaßt? Ist das der Einbrecher von der Rotensteingassen? Aber was fallt Ihnen denn ein, den haben sie ja schon längst! Schau'n S' nur, wie der dreinschaut! Jesus, vielleicht ist das der, der die alten Eheleut in der Engelgassen umgebracht hat? Aber, aber, der Herr Freißler is ja ein braver Mensch, vielleicht is was Politisches. Sie suchen ihn ja schon seit fünf in der Fruh! Na, na, da steckt was Aergeres dahinter. Schau'n S' nur, was der für einen bösen Blick hat! Immer lauter, immer frecher, immer sicherer wird das Geschwätz der Nachläufer. Plötzlich wird's dem Kutscher zuviel und in einer Laune, die er später nicht mehr verstehen konnte, schreit er den Leuten mit schiefem Lächeln zu: »Was wollts denn? Den Mörder vom Kanal haben sie!« Der kleine Kommissär erbleicht vor Aufregung, selbst der Detektive zuckt vor Erregung zusammen. Die Wachleute umklammern mit dreifacher Lust den Kutscher. »Sie haben es gehört, meine Herren.« Der zapplige Kommissär wendet sich höchlichst aufgeregt an die Herren Mitmarschierer in der ersten Reihe: »Ein Geständnis!« . . Freißler lächelt den ganzen Weg. Das belustigt ihn wirklich, daß alle jetzt ihn für den Mörder vom Kanal halten. Er zittert, ganz voll von einer ganz merkwürdigen Fröhlichkeit, und er empfindet es als eine brillante Rache für seine ungerechte Verhaftung, daß er die Herren jetzt so saftig foppen kann. Eine eigentümliche Lust treibt ihn, dem Herrn Kommissär, der atemlos lauschend neben ihm geht, zu erzählen, wie er gestern abend am Kanal spazieren gegangen ist, lang, lang, wie er bis in ganz verlassene, nächtliche Gegenden geschritten. Ein kitzliger Schauer überfällt ihn, als er dem Kommissär – die gröhlende Menge immer hinter sich – schildert, wie gelb die Leiche im Kanal ausgesehen, wie schrecklich ihr halberwürgter Schrei durchs Dunkel geschrillt . . . Der Kommissär trippelt, gierig auf jedes Wort lauschend, dicht neben ihm her. Von dem enteilenden kleinen Kerl erzählt Freißler nichts. Gerade nicht! Daß er den noch verschweigt, ist seine Rache, auf dem Kommissariat da werden sie dann spitzen! Der Polizei, die ihm die neue Arbeit ruiniert, brauchte er eigentlich überhaupt nicht zu helfen. Und wie gottsjämmerlich werden sich die Herren Polizeikommissäre blamiert haben, wenn erst der wirkliche, der kleine Mörder gefunden sein wird! Der Verdacht der Esel hinter ihm belustigt den Kutscher. Schleppt mich nur durch die Gassen, denkt er mit seinem schiefen Lächeln, eure Wohlmeinung, ihr Trottel, ist mir ganz gleichgültig! Ihr werdet mich alle noch um Entschuldigung bitten, ich bin ja doch der einzige, der Licht in die Geschichte bringen wird! . . . Da plötzlich sieht der Kutscher auf seine Stiefel hinunter. Mit Entsetzen bemerkt er jetzt auf dem Rist einen großen, rotbraunen, von erstarrtem Blut herrührenden Fleck. Jetzt erst fällt ihm ein: Wenn sie den anderen nicht erwischen! Und nun erst sieht er die ganze Vermessenheit seines Witzes von früher . . . Dem großen Kerl treten plötzlich Tränen in die Augen. Er will dem Kommissär doch noch schnell sagen, daß das ganze nur ein unglaublich blöder Witz war, aber in der Kehle sitzt ihm eine dicke Kugel. Kaum aufatmen kann der Freißler. Der aufgeregte Kommissär neben ihm entwirft indes schon seine Aussage: ›Unter Zeichen sichtbarer Erregung legte der Inkulpat während der Eskorte folgendes Geständnis ab:‹ Der Vorsitzende drängt sein Resumee in ein paar Schlußsätze: »Fassen Sie alle Umstände zusammen. Einen eigentlichen Tatzeugen haben wir allerdings nicht. Hingegen ist durch die Aussagen der Wachleute erwiesen, daß sich der Angeklagte an jenem Abend in der kritischen Gegend bewegt hat, und zwar stundenlang und ohne irgendwie erklärliche Begründung. Fassen Sie ins Auge, daß er sich in großer Notlage befand und im Besitz der Ermordeten mit Sicherheit größere Geldmittel und Schmuck vermuten durfte. Bedenken Sie endlich, daß sogar auf seinen Schuhen Blutspuren gefunden wurden, deren chemische Untersuchung genau dieselben Resultate ergeben hat wie die Untersuchung der Blutlachen am Tatort, am Kanal. Uebrigens hat auch der große oder eigentlich der kleine Unbekannte, den der Angeklagte als den Mörder bezeichnet, genagelte Röhrenstiefel getragen. Merkwürdigerweise haben die Fußspuren vom Tatort gerade zur Wohnung Freißlers geführt. Erwägen Sie ferner, daß der Angeklagte selbst zugibt, Zeuge des Mordes gewesen zu sein, daß er es aber unterließ, eine Anzeige zu erstatten, und würdigen Sie vor allem das Wichtigste, das Geständnis des Angeklagten, das er sofort nach seiner Arretierung, wie aus der Aussage von sechs Zeugen hervorgeht, abgelegt hat, ein spontanes, ganz ungezwungen abgelegtes Geständnis, das der Angeklagte später allerdings wieder zurückgezogen hat, mit der Erklärung, er habe nur das Bedürfnis gehabt, sich mit den Behörden einen Witz zu erlauben. Ich überlasse es nun Ihrem Ermessen, zu entscheiden, ob es wahrscheinlich ist, daß ein Mensch in so verzwickter, gefährdeter Situation Freude an derlei riskanten »Foppereien« (das Wort sprach der Präsident ironisch aus) haben kann.« Der Kutscher Ignaz Freißler wurde natürlich schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Weil Mörder, die nicht durch Tatzeugen überwiesen sind, gewöhnlich nicht gehängt werden, ist er zu lebenslänglichem Kerker begnadigt worden. Die Torte Das Kontor des Buchhalters war heute mit Blumen geschmückt. Wo sonst eine dicke Lage Löschpapier auf dem Schreibtisch lag, da war heute eine blühweiße Serviette ausgebreitet, in deren Mitte eine großmächtige Torte stand, auf der – zwischen einem süßen Kranz von eingemachten Früchten – mit weißem Zucker die Worte aufgetragen waren: Unserem lieben Buchhalter Leopold Kaden zur Feier seines 40. Amtsjahres Auf dem Tisch, wo gestern das Kopierbuch gelegen, stand heute ein großer Korb, voll mit roten und grünen Papierschnitzeln, aus denen sechs hohe Flaschenköpfe pikant hervorlugten. Die Tür war mit Tannenreisig geschmückt. Auch über die Geschäftsbücher, die auf den Stehpulten lagerten, waren weiße Tücher gebreitet; hier wurden die Geschenke aufgestellt: Zigarrenkisten, eine Schachtel mit einer verheißungsvollen Lederbrieftasche, ein Stock mit schwerem Silbergriff und weiß der Teufel was noch. Herr Kaden saß einigermaßen ermüdet in seinem breiten Schreibtischsessel. Nun, er war gerade kein Freund der feierlichen Ansprachen. Es kam ihm ziemlich kurios vor, daß da plötzlich das gesamte Personal, Kontoristen, Magazinsleute, Diener, alles in allem vierundneunzig Personen mit dem Chef an der Spitze, um ihn herumstanden, ihn angafften und in ihn hineinredeten . . . . . »Was stehen Sie denn da herum?« hätte er den jungen Angestellten am liebsten wie sonst zugerufen: »Jetzt ist Geschäftszeit!« Oder: »Hier ist kein Salon zum Plaudern!« Uebrigens hat das auch an Werktagen die jungen Leute am Weiterplaudern nicht gehindert, sie wußten, daß alle diese Mahnungen nur zur Einlullung des eigenen Gewissens gesprochen wurden. Am Ende stand der alte Buchhalter gewöhnlich bei ihnen und tratschte mit . . . . . Der Chef selbst stand an der Spitze der vierundneunzig Leute vor ihm. Und Kaden mußte als der einzige sitzen, er mußte als der einzige stillhalten, die anderen durften von Zeit zu Zeit »Bravo!« oder »Hoch!« rufen, er mußte wortlos in dem breiten Schreibtischsessel sitzen bleiben und warten, bis die Reden abgelaufen waren. Der Schweiß rann ihm hinunter, als der Chef immer wieder von seiner unermüdlichen Arbeitskraft, seiner absoluten Verläßlichkeit, von diesem Muster redlicher Pflichterfüllung sprach. »Dieser Mann«, rief der Chef mit Pathos, »hat ein Leben redlicher, harter Arbeit hinter sich! Was er besitzt, seine Stellung . . . seinen guten Namen . . . seine allgemeine Beliebtheit . . . er hat es seinem grenzenlosen Fleiß, seiner makellosen Redlichkeit, seiner Liebe zur Arbeit, seiner Arbeit, nur seiner Arbeit zu verdanken!« Ganz irritiert saß der alte Buchhalter da und sah vor Verlegenheit bloß immer auf seine alten, übereinandergelegten, faltenreichen Hände . . . . . Kaum hatte der Chef geendigt, so begann der Prokurist »im Namen der Kollegen«, hüstelnd, räuspernd, steckenbleibend. Nur »einige aus dem Herzen kommende Worte« wollte er sagen, aber sie nahmen kein Ende, weil er sie schlecht auswendig gelernt hatte. Dann sprach noch ein Praktikant, der sich einbildete, Talent fürs Theater zu haben, ein Gedicht »im Namen der Jugend«. Da hätte Kaden nun zwar lächeln dürfen, aber der Jüngling deklamierte so leidenschaftlich, daß er ihn nicht stören wollte. Dann kam die Geschenkebesichtigung. Zu jedem Päckchen mußte er »Ah! Das ist aber wirklich hübsch!« sagen, denn er wollte niemanden kränken. Am Schluß kam das Händeschütteln. Jeder von den vierundneunzig Leuten mußte ihm noch etwas besonders Herzliches oder Lustiges sagen und er konnte nicht abbrechen, denn am Schluß kamen die kleinen Schreiber, die Diener und die Hausknechte, und gerade mit denen war er während der 40 Jahre immer auf bestem Fuß gestanden. Endlich, endlich konnte er das Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen, nachdem die »Gratulationshorde«, wie er sagte, zu ihren Schreibtischen und sonstigen Arbeitsplätzen zurückgekehrt war. Nur der alte Kamerad, der Prokurist, war geblieben. »Mir brummt der Schädel ein wenig!« sagte Kaden erschöpft, »ich vertrag' es nicht, daß vierundneunzig Leute fortwährend auf mich sehen!« . . . »Leopold!« antwortete der Prokurist, »da gibt es nur ein Gegenmittel. Wir kosten den Wein.« Während der andere die erste Flasche entkorkte, wehrte sich der Buchhalter: »Nein, ich kann nicht arbeiten, wenn ich Vormittag einen Wein trinke.« »Es ist Klosterneuburger Stiftswein«, erklärte der Prokurist, ohne sich stören zu lassen, und schenkte die Gläser voll. »Schau, wie hell, goldhell!« »Nein, wirklich, ich kann nicht mehr arbeiten . . .« »Aber Kaden, Freund, Jubilar, was fällt Dir ein, Du wirst doch heute nicht arbeiten . . . Prosit!« Sie tranken mit gutem Zug, der Prokurist schnalzte noch mit der Zunge, wog einen Proberest auf der Zunge, prüfend, ehe er mit Behagen sagte: »Delikat!« »Willst Du ein Stück Torte?« Der Buchhalter erinnerte sich jetzt an seine Wirtspflichten. »Torte?« erwiderte der Prokurist. »Von der Jubiläumstorte? Was fällt Dir ein, die wirst Du doch nicht anschneiden! Sie sieht doch so hübsch aus, Du würdest ja die Zuckerschrift ruinieren! Nein, danke, laß sie ganz!« Der Buchhalter brummte etwas. Der andere verstand es nicht. Den einen Satz: »Natürlich auch nur zum Bewundern, nicht zum Zugreifen!« überhörte er gänzlich. Sie tranken. »Ja, meine Rede!« gestand der Prokurist . . . »Bin ich froh, daß ich jetzt wieder zehn Jahre Ruhe habe. So was ist schwer zu lernen . . . Der Chef ist das freilich gewöhnt. Wenn er mit seiner Großartigkeit »Guten Morgen, meine Herren!« sagt, ist das schon eine halbe Rede!« Der Buchhalter machte jetzt ein ziemlich fideles Gesicht. Kein Gedanke an die Arbeit mehr! »Seine Reden sind aber auch nur Wasser«, sagte er lächelnd. Das Lächeln blieb auf dem geröteten Gesicht des alten Herrn. »Nun?« fragte der Prokurist, der mehr zum Tiefsinn neigte. »Ein kleines Gläschen noch!« bat der Buchhalter, »und dann werde ich Dir etwas sagen, Du wirst spitzen!« . . . Der Prokurist schenkte ein, sie tranken. Das Gesicht des rotbackigen, weißhaarigen Buchhalters wurde noch lustiger. »Weißt Du, was ich mir gedacht habe, wie der Chef so fortwährend von bewährter Treue und erprobter Redlichkeit und allen meinen Tugenden redete? Soll ich Dir's sagen? . . . Ganz entre nous. Ich möchte so gern einmal eine kleine, ganz kleine . . Defraudation erlebt haben.« Der Prokurist starrte mit seinen tiefsinnigen Blicken den Buchhalter an. »Ja wirklich«, flüsterte Kaden lachend, »das wünsch' ich mir seit vierzig Jahren! Eine leichte, gelungene . . . erschrick nicht! . . . Dieberei! . . . Ich kann's natürlich nicht, ich hätte zu viel Angst, ich bin zu offen und zu schwerfällig. Ich fürchte mich vor dem, was die Leute sagen würden, und vor meinen Gewissensbissen! Aber das ist eigentlich mein geheimer Wunsch während der vierzig Jahre gewesen: Wenn ich nur die Courage zu einer kleinen Dieberei aufbrächte!« Herr Kaden lachte froh, er freute sich, daß er jetzt wenigstens den Mut zu diesem Geständnis aufgebracht hatte. Aber der Prokurist betrachtete ihn mit wirklich beklagenden Blicken. Erst die Aufforderung, noch ein Gläschen zu sich zu nehmen, weckte ihn aus trüben Seelenforschungen. »Du verstehst das nicht,« schwatzte der rotbackige alte Kaden, dessen Augen jetzt aufgeregt glänzten, »und es wäre mir heute vielleicht nicht eingefallen, wenn mich der Chef nicht darauf gebracht hätte. Meine Beliebtheit habe ich mir mit saurer Arbeit verdient! Wie viele Jahre zahle ich für diese Torte?! Für diese Torte, die ich auch nur bewundern und nicht verzehren soll! . . .« schrie er jetzt, zornrot im Gesicht. Im nächsten Moment aber kam schon wieder ein kleines, besänftigendes Lächeln über sein Gesicht: »So eine leichte, kleine Dieberei ist doch was viel Vornehmeres! Nicht? Man muß keine schwere Lastfuhr Arbeit jahrelang vor sich hertreiben. Ein kleiner, leichter, eleganter Griff und . . man kostet wenigstens einmal die Torte . .« »Kaden!« rief der andere bestürzt und erhob sich pathetisch, »vergiß nicht, daß ich zwar Dein Freund, aber auch der Prokurist des Hauses bin!« Doch der Buchhalter, der ganz ausgezeichnet gelaunt war, puffte den Prokuristen bloß gemütlich in die Seite: »Bleib doch sitzen . . . Wir plaudern ja nur so . . . Jetzt bin ich endlich ein bißchen in Festlaune, da wirst Du tragisch!« »Ich will Deine Worte der gehobenen Jubiläumsstimmung zuschreiben«, sagte der Prokurist fast mit dem großartigen Tonfalle des Chefs. Nachdem er noch ein Gläschen getrunken hatte, versank er in wortlos tiefsinniges Schweigen . . . Die Jubiläumstorte aber blieb intakt, bis sie altgebacken und ungenießbar wurde . . . Die Liebe Nein, du lieber Gott«, antwortete der alte Mann, »niemanden, auch Dir nicht, will ich es erklären, was Liebe ist. Den Millionen wird's ewig bloß ein Wortgeräusch sein und die anderen brauchen keine Erklärungen.« – »Aber ich bin jung,« bat das junge Mädchen, »mir sag's! Ich will es, ich muß es für die Zukunft wissen.« Der alte Mann verzog verächtlich den Mund: »Es laufen schon so viele blödsinnige Definitionen in der Welt herum und alle sind vielleicht einmal wahr gewesen.« – »Sag's!« bettelte das Mädchen, »ist das schon Liebe, wenn beim Blick des anderen mein Herz schneller zu schlagen beginnt?« »Kann sein,« erwiderte der Alte wortkarg. – »Sag's!« rief das Mädchen begierig, »ist das schon Liebe, wenn meine Hand danach zittert, dem anderen durch das Haar zu fahren?« »Möglich!« – »Sag's!« schrie das Mädchen noch erregter, »ist das Liebe, wenn man Vater und Mutter und Heimat und Freunde mit einem Schlage vergißt?« »Zuweilen!« – »So rede! Ich sehe es an Deinem bleichen Gesicht, alter Mann, Du weißt es! Sag', ist das Liebe, wenn man in einer Sekunde dem Tod begegnet, ihm fest die Hand gibt und ihm schon in der nächsten Sekunde hunderttausend Meilen fern, ferner als je ist? Ist das die Liebe?« »Oft!« Da ging das Mädchen auf den alten Mann zu und nahm seinen alten, mageren, bleichen Kopf, legte ihn auf ihre Schulter, bedeckte ihn mit ihren sanften Händen und fragte: »O, sag' es mir! Du weißt es! Ist dieses zehrende Fieber, diese lechzende Sehnsucht die Liebe?« Da wurde der alte Mann mitleidig und er sagte: »Kind, wie soll ich das wissen? . . . Ich habe so Vieles gesehen, das aussah wie Liebe und es war nur die Abenteurerlust kühner Jugendseelen . . . Nur einmal, im Vorübergehen, sah ich bei zwei Menschen, was Liebe ist, dort wußt' ich's ganz sicher.« Der alte Mann hielt inne. – »Starben sie miteinander?« fragte das Mädchen, »kämpften sie gegen eine ganze Welt?« »Liebes Kind,« antwortete der Alte, »da würde ich noch nicht sagen: Es ist sicher!« – »Also sprich!« »Du wirst mir nicht glauben, Kind, es klingt nicht genug großartig, es sah zu unscheinbar aus.« – »So?« sagte sie schon ein bißchen enttäuscht. »Höre: Ein Mann kämpfte einen ganzen Tag lang für etwas, das in seinem Herzen lebte.« – »Für Sie?« »Nein. Sagen wir für eine fixe Idee, die in ihm brannte. Ich habe ihn am Abend dieses Kampfes gesehen. Er wurde geschlagen. Er stand da und die hundert leidenschaftlichen Kämpfe des Tages schwirrten noch durch seine Seele. Sein Hirn glühte noch, aber in seinem Herzen war es plötzlich totenstill geworden. Die Gedanken irrten noch wie rasende Tiger im Käfig seines Hirns herum, nicht zu besänftigen! Er stand noch immer da in Kämpferpositur und schwang wie ein Besessener den Säbel und stritt noch weiter und kämpfte und stieß in die Luft . . . und wußte noch gar nicht, daß er längst besiegt war und daß der andere längst gehobenen Hauptes abgezogen war.« Das Mädchen flüsterte: »War er wahnsinnig geworden?« »Höre! Die Freunde standen ganz nahe um ihn. Anfangs riefen sie ihm zu: »Aber es ist ja schon alles aus!« Doch als sie sahen, daß ihre Stimmen gar nicht bis zu ihm drangen, senkten sie fassungslos die Köpfe und vielleicht weinten sie . . .« – »Nun?« »Da kam sie, die er liebte. Und sie nahm ihn wie ein krankes Kind und führte ihn zu einem Wagen und setzte ihn hinein. Sie sah ihn nur einmal an mit ihren besorgten Augen und sie drückte nur einmal seine Hand und sie ließ es nur zu, daß er stumm atmend den fiebernden Schädel auf ihrer Brust ausruhen ließ . . . Plötzlich, ehe er wegfuhr, öffnete er den Wagenschlag und rief den Freunden mit munterer Stimme zu: »Also werden wir das nächste Mal siegen.« Sein Herz begann wieder zu schlagen und die rasenden Gedanken legten sich zur Ruhe.« Der alte Mann schwieg. Kleinlaut fragte das Mädchen: »Und das soll sie gewesen sein? Ganz sicher? Das?« – »Ja,« sagte der alte Mann langsam . . . »Frieden gießen in ein irres Hirn! . . . Das war sie ganz gewiß?« Spaziergang Die Leute halten den Herrn kaiserlichen Rat Reichenberger für Gott weiß was für einen Viveur oder Genüßling, weil er sich auf der Straße hinter jedem schlanken Weibsbild umdreht. Er geht an jedem Nachmittag nach Bureauschluß (und der Herr kaiserliche Rat schließt schon sehr früh am Nachmittag sein Bureau) langsam, behaglich, im Pelz oder im Sommerjackett durch die belebtesten Straßen. Zwei Stunden mindestens bummelt er so ganz ziellos durch die Stadt. Er ist durchdrungen davon, daß er diesen paar Stunden im Freien seine lustigen roten Backen verdankt, die ihm ein ganz lebensfrohes Gesicht geben, namentlich seitdem sein Backenbart vom Hellblonden ins Silberweiße übergeht. Ein so alter Spaziergänger fühlt sich auf der Straße gewissermaßen zu Hause. Die Kutscher grüßen Herrn Reichenberger, trotzdem der kaiserliche Rat noch nie einen Mietwagen benutzt hatte. Die Kokotten, die ihm als einen ebenso regelmäßigen Spaziergänger jeden Tag begegnen, lächeln ihn an, trotzdem er immer an ihnen vorübergegangen ist, freilich mit einem freundlichen Blick des Wohlgefallens für die jungen, ungeschminkten, nicht so grellen auch unter diesen Weibsbildern. An Sommertagen lümmeln die Besitzer der Geschäftsläden gelangweilt vor den Türen und sind sehr geehrt, wenn der Herr kaiserliche Rat im Vorbeigehen ein paar nette Worte an sie richtet. Dann fragt der Juwelier nach dem Befinden des Herrn Reichenberger selbst. Die zweite Frage gilt gewöhnlich dem ältesten Sohn des kaiserlichen Rates, der als Militärarzt in Bosnien domiziliert, die dritte Frage gilt dem jüngsten Herrn Reichenberger, dem, der heuer im Sommer die Matura bestanden hat. An den ersten lauen Frühlingstagen kommt es vor, daß die Spaziergänge des Herrn kaiserlichen Rates drei und vier Stunden dauern. Einmal ist er im vorigen März auf der Straße mit einem blutjungen Putzmachermädel, das eine enorm große Schachtel am mageren Arm hängen hatte, ins Gespräch gekommen und ist mit der amüsanten Kleinen bis nach Döbling gewandert. Die Idioten und Philister meinen, daß der alte Herr so einem jungen Mädel allerhand ungehörige und unanständige Geschichterln erzählt, um so sich und ihm die Zeit zu vertreiben. In Wirklichkeit stellt er nur geschickt ein oder die andere menschliche Frage. Man kommt unversehens ins Plaudern. Herr Reichenberger fragt gemütlich mit dem stillen Humor, den nur gute alte Leute haben, was denn heute Mittag zu essen am Tisch gestanden sei. Ganz von selbst ergibt sich dann das Geständnis, daß Fleisch nur zweimal in der Woche des Putzmachermädels auf den Tisch kommt, weil sechs Geschwister noch da sind, viere noch in der Schule, die zwei größten Mädels schon in der Arbeit. Abends ist immer nur Butterbrot und höchstens, wenn's kalt ist, Tee dazu. Aber nach dem Nachtmahl, da sitzen alle um den Tisch herum, die sieben Geschwister und der Vater (die Mutter ist meistens müde und schlafen gegangen) und dann liest der Gustav, der Bub', der in die Gewerbeschul' geht, vor. Entweder den Roman aus der Zeitung oder aus einem Buch, das er vom Verein hat. Manchmal, klagt das Putzmachermädel, werden leider den ganzen Abend nur Witze gemacht. Der kaiserliche Rat geht daneben und hört dem frohen Kind zu. Wenn er abends auf der Straße stände und, wie ein Gassenjunge durchs Fenster in die Parterrewohnung hineinguckte, wo die sieben Geschwister mit dem Vater nach dem Nachtmahl sitzen und über dumme Witze lachen, dann könnte er die Leute nicht deutlicher vor sich sehen als jetzt, während die schlanke Kleine schwätzt und schwätzt . . . Damals ist Herr Reichenberger bis nach Döbling mitmarschiert, soviel Spaß hat ihm das Geplauder des Putzmachermädels bereitet. Ein anderes Mal hat er auf der Straße ein richtiges Onkelverhältnis mit einem sechsjährigen Jungen angefangen, der aus purer Ausgelassenheit den großen alten Herrn plötzlich von rückwärts angefaßt hatte, um ihn mit seinen Kinderhändchen vorwärts zu schieben. Im ersten Moment hatte sich Herr Reichenberger zornig umgedreht, denn nichts ist ihm so verhaßt, als auf der Straße gestoßen oder gedrängt zu werden. Da krabbelte der Knirps aber schon ganz frech zwischen seinen Beinen. Die alte Frau, der der Bub entwischt war, entschuldigte sich viele Male: »Nein, so eine Keckheit. Wart' nur, Xandl, Du wirst es zu Haus kriegen.« Weil das ein bißchen drohend klang, nahm sich der kaiserliche Rat des Jungen an, holte ihn mit einem geschickten Griff aus dem Versteck im Pelz herauf, nahm den Jungen an der Hand und kam natürlich bald in ein ganz vertieftes Gespräch über die Dummheit der Lehrer, über die Güte von gebratenen Aepfeln und über die Schönheit von Glaskugeln. Der Herr kaiserliche Rat hat dann mit dem Jungen zusammen in einem Laden lichtblaue, grüngelbe und graurote Glaskugeln von verschiedener Größe ausgesucht, die musterhaft glatt geschliffen waren und in ihrer leuchtenden Vielfarbigkeit ganz wunderbar schnell über den Fußboden rollten. Herr Reichenberger ist an diesem Abend um eineinhalb Stunden später als sonst nach Haus gekommen. Aber die roten Backen in seinem frischen Greisengesicht waren an diesem Abend noch fröhlicher rot. Heute abend hat den Herrn kaiserlichen Rat ein merkwürdig glühender Abendhimmel verführt. Die Sonne war gesunken, aber sie färbte im Untergange noch den Horizont. Ganz hell, beinahe zitronengelb im Osten, durchsichtig lichtblau im Westen, schimmerte ein dicht aneinander gefügtes Heer von flockigen Schäfchenwolken im zartesten Orange mitten am Himmel. Aber immer wieder schnitten die klobigen Umrisse der Zinskasernen das leuchtende Himmelsbild auseinander, dort, wo es am leuchtendsten war. Herr Reichenberger ging und ging durch das verdammte finstere Gassengewirr einer Lichtung entgegen, einem Ort zu, wo die Aussicht frei war. Er hatte es eilig, denn er fürchtete, es werde ganz Abend geworden sein, ehe er seinen vorörtlichen Aussichtspunkt erreichen konnte. Das Zitronengelb am Himmel wurde schon dünner, das Graublau dichter und nächtlicher und die orangefarbenen Schäfchen wurden allmählich weiß. Das ist ein Grund zur Eile. Aber als hätte der leuchtende Herbstabend alle Leute auf die Straße getrieben, so waren heute abend alle Gassen voll mit Menschen und natürlich mit Leuten, die nur im Wege standen, die in festgefügten Gruppen die Wege versperrten, oder, Arm in Arm, die Breite des Trottoirs besetzten. Freilich, man war schon in der Vorstadt, nach Feierabend. Niemals hat der Herr kaiserliche Rat so oft ausweichen müssen, niemals sind so viel Menschen in ihn hineingerannt, niemals war ein so unangenehmes Gedränge wie an diesem Abend mit dem leuchtenden Untergang. Er erreichte den Aussichtspunkt nicht mehr. Es wäre zu spät geworden, er fühlte sich ein klein wenig matt und kehrte um. Wie Herr Reichenberger durch die Hauptstraße des achtzehnten Bezirkes wanderte, da fiel es ihm auf, wie viel um ihn herum gelacht wurde. Er selber konnte die Ursache dieses freundlichen oder spöttischen Gelächters nicht sein, ihn regardierte niemand, seinetwegen drehten sich die Frauenzimmer nicht um, seinetwegen blieben sie nicht stehen, ihm sahen sie nicht nach. Sofort mußte erforscht werden, was los war. Und da entdeckte er plötzlich sechs Schritte vor sich . . . er war starr vor Staunen . . . seinen jüngsten Sohn, der, der im Sommer die Matura gemacht hatte, Arm in Arm mit einem Mädchen. Die Beiden gingen daher, wie nur ganz junge Menschen auf der Straße gehen können, total versunken ineinander, ohne eine Spur von Erinnerung, daß ihnen die ganze Welt zusah. Die anderen Leute mußten stehen bleiben und die Jungen begucken. Der achtzehnjährige Bursch' sprach und sprach in das siebzehnjährige Mädel hinein und das Mädel kicherte eine Zeitlang halblaut vor sich hin, bis es mit einem klingenden Gelächter nicht länger haushalten konnte. Aber der Bursch (der übrigens die frischroten Backen seines Vaters hatte) faßte das Mädchen um den runden Arm, ganz dicht unter der Schulter, an einer sehr innigen Stelle, und redete nun noch erhitzter auf sie los. Niemanden schaute das Mädchen an, ihre fiebrig flackernden Augen versanken im Anblick des schlanken Jungen neben ihr . . . Die Weiber blieben stehen, wenn das Paar vorüberkam. Je älter die Weiber waren, desto unanständiger fanden sie diese . . . man kann's nicht anders nennen . . . diese nackte Liebespromenade. Männer kamen vorbei und verzogen die Mäuler zu ganz infamen Gelächtern. Gassenjungen auf dem Fahrweg faßten sich unterm Arm, neigten einander parodistisch-zärtlich die Köpfe zu, schlugen sie krachend aneinander und übertrieben schwatzend das intime Getuschel. Das Paar ging weiter durch das Gewühl und sah sich an . . . Der Herr kaiserliche Rat kam ganz nahe. Er konnte die dringende, hinter Heiterkeit zitternde Stimme seines Jungen hören, er konnte mitten im Lachen des Mädchens einen großen und ernsten Blick gewahren, der seinem werbenden Sohn galt. Herr Reichenberger blieb zurück. Um keinen Preis hätte er hier horchen oder auch nur auffangen wollen, was hier leicht zu erhaschen war! . . . Das Mädchen hatte jetzt ihren Arm aus seiner Hand lösen wollen. Da fing der Vater einen Blick des Sohnes auf, einen Blick aus so ernsten, so strahlenden, so flehentlichen Augen und dann ein kurzes unwillkürliches Augenschließen des Mädchens, ein gütiges banges Lidersenken . . . Der Arm des Mädchens blieb weiter in der Hand des Jünglings . . . Nichts als diesen Augenblick des Lidersenkens hatte der Vater gesehen (vielleicht auch noch den schwebenden Schritt des Mädchens wahrgenommen) und plötzlich rief es in ihm »Ja« zum Willen des Sohnes. Ein feierlicher Wunsch regte sich in dem Vater. Etwas, das er zu sagen oder zu gebärden nie gewagt hätte, ein Segen . . . Ganz nah hält sich der Herr kaiserliche Rat zu dem jungen Paar. Dann treibt ihn sogleich wieder die Angst, zu nahe zu sein, zurück, so daß er seine Kinder fast aus den Augen verliert. Bald ist er so froh gelaunt, daß er Lust bekommt, das Paar anzusprechen, dem lieben Mädchen in die Augen zu sehen und ihm zu sagen: Ich sage ja zu Euch, ja, ja! . . . Im nächsten Moment fürchtet er sich vor seiner blödsinnigen Gutmütigkeit, die dem Sohn vielleicht ein sehr nettes erstes Abenteuer für ewig oder auch nur für länger als gut ist, an den Hals hängen könnte. Plötzlich fällt ihm ein, daß der Junge nicht einmal Geld genug bei sich hat, um Beiden ein Nachtmahl zu kaufen. Dann lacht er über sich selbst, daß er den jungen Leuten jetzt Nahrungssorgen zumuten könnte. Wenn nun ein neidisches Weibsbild stehen bleibt und die jungen Leute begafft, wird der kaiserliche Rat wütend. Dann geht er, scheinbar ahnungslos, von der entgegengesetzten Seite auf die Gafferin los, tritt ihr wie unversehens gröblich auf die Zehen, entschuldigt sich ganz ergebenst und lacht beglückt in sich hinein, wenn die blöde Gafferin ihre Aufmerksamkeit sogleich nur mehr ihrer schwer verletzten Zehe zuwendet. Den Gassenjungen, die das Paar höhnend kopieren, kann er glücklicherweise ein bißchen Zuckerwerk anbieten, das er immer im Ueberrock trägt. Mit ein paar Hellern vertreibt er sie ganz. Mannsleute, die mit infamem Lächeln an den Kindern vorbeigehen, stößt der Herr kaiserliche Rat, wenn die Leute stehen bleiben und wenn das Lächeln gar zu eklig ist, unbarmherzig zur Seite, natürlich mit der allerhöflichsten Bitte um Verzeihung . . . So geht der Vater hinter seinem Sohn und der, die zu seinem Sohn gehört. Ohne daß es irgendwer bemerkt, schafft er die Gaffer und Neider und Lausejungen beiseite, verdrängt still und schützend alle, die die Versunkenen wecken könnten . . . . Das Hellgelb, das Grünblau, das Orangerot erlischt am Himmel. Es wird sehr dunkel. Da biegt der kaiserliche Rat in eine lange, schlecht beleuchtete Gasse ein und geht sehr nachdenklich, ganz allein, den leeren Weg weiter. »Ich gehöre nicht zu denen, die sich foppen lassen . . .« Den Hoflieferanten Kinzel, diesen zaundürren Herrn mit dem Gesicht wie aus gelbem Leder und der furchtbaren Stirnfalte zwischen den Augenbrauen, diesen verbissenen, ewig grantigen Menschen habe ich gekannt, als er verliebt war. Er war damals erst zwei oder drei Jahre in Wien. Sie wissen ja, er ist ein Bregenzer, damals war sein Gesicht noch jung, frisch, gar nicht gelb und die schauerliche Wutfalte auf der Stirn war noch nicht da. Er ist um die Gouvernante in dem Hause herumgeschlichen, wo ich, schon damals habe ich Bengels dressiert, Hauslehrer war. Das war ein Frauenzimmer, mit der man nicht über die Straße gehen konnte. Nicht, daß sie grell gekleidet gewesen wär', im Gegenteil, immer ganz einfach, englisch, schwarz, weißer Kragen, weiße Manschetten. Aber sie war so schön, so unerhört schön, sie ist so hoch und siegreich einhergegangen . . . Na, ich bin ganz gern mit ihr über die Straße gegangen. Mir hat's Spaß gemacht, daß alle, aber auch alle Leute unwillkürlich stehen bleiben und sie anschauen mußten. Es war wirklich wie irgend eine geheimnisvolle Wirkung. Wenn sie herankam, da blieben, glaub' ich, sogar die Leute, die vor ihr gingen, stehen und bildeten ehrerbietig Spalier. Wir haben sie im Scherz »Majestät« genannt. Im Scherz? Wer sie sah, mußte ihr huldigen, und die Straßen, durch die sie ging, empfingen wirklich ihre Ordnung von dem Tempo und der Richtung ihrer Schritte. Die langweiligsten Schacherer hielten in ihren Gesprächen inne und stießen sich unbemerkbar mit dem Ellbogen in die Seiten, wenn die Majestät passierte . . . »Na, hör' schon auf! . . . Du wolltest von Kinzel erzählen!« Ja, richtig, Kinzel. Der Kerl ist auf der Straße nie mit ihr zu sehen gewesen. Wenn sie denselben Weg gehen, zum Beispiel ins Theater, dann sagte er ihr oben in der Wohnung adieu und traf sie erst wieder im Theater . . . Wenn ich mit ihr gegangen bin, dann hab' ich mir eingebildet, daß ich selber gewissermaßen . . . Ihr könnt euch das natürlich nicht vorstellen . . ., daß ich selber etwas vom Glanze ihrer Schönheit abkriege. Man ist anders gegangen neben ihr, leichter, höher . . . und sicher hat jedes Gesicht bei ihr einen anderen Ausdruck gekriegt! »Du wolltest von Kinzel erzählen!« Ja, selbst dieses gelbe Ledergesicht hat zu strahlen angefangen neben ihr. Allerdings, fünf Minuten von ihr fort, und es wurde gelb . . . Er war damals gerade auf dem Wege zum Reichwerden. Auf die Majestät hat er riesig gewirkt, wahrscheinlich wegen seiner Zurückhaltung. Bei uns anderen Burschen war es so selbstverständlich, daß wir sie liebten. Der Kerl sträubte sich mit Händen und Füßen, riß sich plötzlich los, verschwand, wurde plötzlich wieder an ihr Ufer gespült und konnte nicht weg! Das fesselt die Weiber immer am meisten. So einer, der eigentlich nicht will und doch muß! Ich könnte darauf schwören, daß sie auf seinen Heiratsantrag gewartet hat, direkt gewartet! Natürlich hat sie nichts erkennen lassen, dazu war sie viel zu . . . majestätisch, sie hat ja wirklich den Männerfang nicht nötig gehabt. War froh, wenn sie sie los wurde. Wie ja überhaupt die wirklich schönen Weiber, die majestätischen, sich um die Wirkung auf Männer nicht kümmern, weil sie es nicht nötig haben. »Kinzel!« Ja, Kinzel, das Gelbgesicht, verschwand eines Tages und kam nicht wieder. Es war der schwerste Schlag, den die Majestät in ihrer Jugend erlebt hatte. Es war die ganz unerwartete, für unmöglich gehaltene Niederlage eines Souveräns . . . Ohne sich zu erklären, ohne sich zu entschuldigen, blieb der Rohling plötzlich weg und zog für ein Vierteljahr nach Bregenz! Sein Papa führte ihm derweil das Wiener Geschäft. Die Folge dieser Flucht war, daß die Majestät noch schöner wurde. Ihr Antlitz bekam jetzt einen Zug von Sanftmut, ihr Blick einen Schimmer von Sehnsucht . . . »Und Kinzel?« Bekam seine heutige Visage. Seit damals hat er sich nicht viel verändert. Ich habe ihn vier Wochen nach seiner feigen Flucht in Bregenz gesucht. Ich habe mich, wofür ich mich heute noch ohrfeigen könnte, in Erinnerung an ihr sehnsüchtiges Gesicht soweit vergessen, den Kerl zu fragen, warum er sie nicht heiratet. Und wissen Sie, was seine Antwort war? Mit einem verflucht schlauen Tiroler Lächeln sagte er: »Ah, ich laß mich nicht foppen!« Erst habe ich das nur als Gemeinheit empfunden, dann aber habe ich begriffen, daß er vor lauter Spintisieren über die Majestät bei einem ganz verrückten Ende herausgekommen war. Allerdings, mißtrauisch ist das Luder sogar noch in der Liebe gewesen. Er wollte mir das erklären, daß er »sich nicht foppen läßt«, stellte sich vor mich hin und sagte: »Schön bin ich nicht, das weiß ich. Ihr alle, die um sie herumscherwenzelt, seid hübscher, vielleicht auch interessanter, ich bin ja nur ein Kaufmann. Ihr könnt großartig mit ihr reden, ich bringe in ihrer Nähe keine drei Sätze heraus. Warum sollte ich der Richtige für sie sein? Ich bin es nicht! Nein, ich nicht! . . . Oder vielleicht, weil ich Geld hab'? Hehehe, ich überleg' alles ganz ruhig; nein, mein Lieber, ich laß mich nicht foppen!« Ich habe nichts gesagt. Innerlich hab' ich den Kerl mit seinem widerlichen und feigen Mißtrauen angespien. Er hat sich nicht foppen lassen. Ein Jahr darauf hat er irgend eine manierliche runde Gans geheiratet und seitdem ist sein gelbes Ledergesicht nicht mehr licht und froh geworden. Er ist reich geworden, hat eine Fabrik, die Zehntausende jährlich abwirft, hat fünf Kinder, kleine gelbe Dickhäuter, hat eine Villa in Hütteldorf und ist immer grantig. Vor zwei Jahren hat er mich aufgesucht, damit ich seine Buben unterrichte. Ich sollte ihn um neun Uhr abends in seiner Wiener Niederlage abholen. Ich kam um viertel zehn. Er war nicht nur noch da, nein, er bat mich, daneben ins Café zu gehen, in einer halben Stunde werde er kommen. »Sperren Sie denn nicht zu? Ihre Angestellten sind ja schon fort.« »Meine Angestellten«, erwiderte er grantig, »die haben es gut. Sehr gut sogar. Arbeiten ihre Zeit, ohne rechte Kontrolle, wie es ihnen paßt, und ich kann mich dann abends, nach Geschäftsschluß, herstellen und revidieren. Stichproben allein dauern eine Stunde.« »Da kommen Sie aber sehr spät nach Hütteldorf hinaus.« »Ich? Gar nicht. Nur Sonntag. Unter der Woche wohne ich in der Stadt, zwei Gassen weit. Ah, ich komme nicht dazu, einen gewöhnlichen Abend in Hütteldorf zu verbringen. Das Geschäft wird, wenn man nicht gut acht gibt, sofort demoralisiert. Man kann ohnehin nicht überall seine Augen haben. Wissen Sie, aber mich von meinem Personal foppen zu lassen, das paßt mir doch auch nicht!« Sein giftiges Tiroler Lächeln hatte er in diesem Moment wieder. Und so rackerte er sich täglich ab, bis spät in die Nacht, revidierte, kontrollierte, rechnete nach, machte Stichproben im Warenlager. Mit einem Worte: ließ sich nicht foppen. Von dem schönen Landhause in Hütteldorf hatte er nichts, da draußen langweilte sich seine dicke Frau, die ihn allerdings nie gefoppt hat. Es gibt aber jemanden, den er gefoppt hat. Ich meine nicht die Majestät. Die hat den Lederzwerg verschmerzt. Aber es gibt jemanden, den er ganz infam gefoppt hat, verbrecherisch gefoppt! Das sind seine Kinder. Es sind Erzeugnisse, bei denen einem angst und bange wird. Schmale, zaghafte, tiefernste Kinder. Wenn ich den ältesten Buben, der jetzt dreizehn Jahre alt ist, ansehe, da könnte ich den Alten sofort lebenslänglich einsperren lassen. »Warum ißt du nichts?« fragt ihn die Mutter bei Tisch. »Ich hab' keine Lust,« sagt der ernste Bub. Nachmittags sagt die Mutter zu dem Jungen, der in einer Ecke sitzt: »Geh' hinunter in den Garten und spiel' mit den anderen.« Der Bub verzieht den Mund und seine ernsten Augen sagen: »Ich hab' keine Lust.« Zum Glück ist die Mutter eine Gans. Mir gibt's einen Stich, wenn ich die ewige Antwort des Buben höre: »Ich hab' keine Lust.« Nein, er hat keine Lust, in keinem Augenblick seines Lebens, und er kann keine haben, er ist einer verbrecherischen Nacht lustlos entstanden . . . Gestern, Sonntag abends hat der Vater den Dreizehnjährigen zu sich rufen lassen. Die Falte zwischen den Augenbrauen war ganz dick und sein Gesicht noch gelber als sonst: »Du lernst schlecht, Du bist in der Schule unaufmerksam, Du wirst durchfallen!« Der Junge schweigt. »Dreimal habe ich Dich schon ermahnt. Ich frage Dich: Warum geht es nicht vorwärts?« Nach einer Pause flüstert der Bub: »Ich hab' keine Lust . . . zum Gymnasium.« Merkwürdigerweise fährt der Vater fort, ohne die Antwort zu beachten: »Du siehst auch nicht gut aus, Du bist blaß, Du hast keinen Appetit, Du bist fortwährend müde, immer schleichst Du Dich, wie man mir sagt, von den anderen weg. Was treibst Du, wenn Du allein bist?« Das Kind sieht mit traurigen Augen zu seinem Vater auf. »Stell' Dich nicht so unschuldig!« sagt der Vater streng; »mich wirst Du nicht foppen. Du treibst im geheimen Sachen, die Dich ruinieren! Von heute an werde ich jeden Morgen Dein Bett und Dein Nachthemd ansehen lassen. Und wehe Dir, wenn ich entdecke . . .« Das Kind sieht nur mit traurigen, erstaunten Augen zu seinem Vater auf. In der Stunde, mitten im Griechischen, hat mir der Bub von dieser Unterredung erzählt und mich gefragt, während seine ernsten Augen ganz groß wurden: »Sagen Sie, was hat der Vater eigentlich gemeint?« »Unsinn,« sagte ich, und fuhr dem zarten Buben langsam über die Haare. Aber Abends habe ich ihn in eifrig-heimlichem Gespräch mit dem Hausmeistersohn gesehen. Der Junge wird sich um die Erklärung nicht foppen lassen. Ideale Der Advokat Dr. Metzner hatte das Prinzip, mit allen Gerichtspersonen, vom Präsidenten angefangen bis hinab zum letzten Schreiber, in eine persönliche Beziehung zu treten. Er hatte nicht viel Methoden zu diesem Zwecke, ein paar Fragen für die jeweiligen Jahreszeiten genügten ihm schon. »Ja, die Feiertage stehen vor der Tür«, pflegte er bei Gerichtsverhandlungen im Dezember zum Staatsanwalt zu sagen, während der Gerichtshof über das Urteil beriet. Begegnete ihm im Februar ein junger Gerichtsbeamter auf dem Korridor, so stellte er stets die liebenswürdige Frage: »Angenehmer Fasching heuer?« Im April pflegte er zu sagen: »Gott sei Dank, der Frühling steht vor der Tür.« Vom Mai bis in den Oktober dienten ihm der Sommer, Sommerreisen, Sommerurlaub, Sommerfrische zum Anknüpfungspunkt. Es ist gut, dachte er, wenn man einen sozusagen rein menschlichen Kontakt mit den Richtern hergestellt hat. – Und nicht nur mit den Richtern, auch mit den Kanzleibeamten der Gerichte, die ja schließlich auch oft ein Wort dreinzureden haben bei den Ausschreibungen der Verhandlungen, bei der Akteneinsicht, bei der Protokollverfassung usw. Ein alter Bekannter des Advokaten Metzner ist der Gerichtskanzlist Schönbauer. Der Advokat hat jedes Jahr zehn-, zwölfmal beim Landesgericht zu tun und immer hält er mit dem Kanzlisten ein kleines Gespräch. »Nun, Herr Schönbauer,« fragte er den Kanzlisten einmal im April, »wir sind schon mitten im Frühling. Voriges Jahr haben Sie ja gar keinen Urlaub gehabt! Was werden Sie denn heuer tun?« Der Kanzlist ist ein bißchen beschämt, weil er voriges Jahr solche Geldnöten hatte, daß er seinen vorschriftsmäßigen Urlaub gar nicht brauchen konnte. Aber heuer! »Wissen Sie, was ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe? Für unsereinen ist es ja schwer, Ferienreisen zu machen. Man hat seine Familie, eine Frau, drei Kinder, die in die Schule gehen. Da kommt die Fahrt sehr teuer. Heuer, wissen Sie, was ich heuer tue? Heuer übersiedle ich gleich anfangs Mai mit meiner Familie in die Umgebung von Wien. Da nehm' ich mir im Kahlenbergerdörfel eine kleine Wohnung mit Küche. In der Früh marschiere ich mit den Kindern täglich herein, das ist sehr gesund, abends um sechs Uhr kann ich draußen sein. Da setze ich mich in den Garten oder gehe bergaufwärts im Walde spazieren. Da habe ich dann ganz Wien unter mir liegen . . . Aber eine Kegelbahn muß dabei sein! Es geht nichts über eine gemütliche Kegelpartie an einem schönen Sommerabend. Glauben Sie mir's, wenn ich mich nur daran erinnere an dieses freundliche Donnergeräusch von umfallenden Kegelfiguren, wird mir schon wohler . . .« »Gewiß,« beeilte sich der Advokat ihn zu unterbrechen, »in der Nähe von Wien ist der angenehmste Sommeraufenthalt . . . Apropos, wann wird denn endlich die Verhandlung im Prozeß Zwirzina angesetzt werden?« Im Juni war die Verhandlung über den Fall Zwirzina noch nicht angesetzt, der Advokat Metzner erkundigte sich hierüber, als er eines Tages an der Kanzlei des Landesgerichtes vorbeikam. Er drückte dem Kanzlisten Schönbauer, als er ihn sah, herzlichst die Hand und fragte ihn voll Interesse, wie es sich denn draußen im Kahlenbergerdörfel wohne? »Das war ein verfehlter Plan,« erklärte der Kanzlist entschieden, »es sind nur lauter große Wohnungen dort zu kriegen. Und nirgends ein hübscher Garten. Dabei hat man den ganzen Lärm der Großstadt unter sich und die vielen Wirtshäuser für die Wiener Ausflügler. Das ist keine Ruhe, das ist keine Erholung. Den ganzen Abend das Singen und Dudeln fremder Leute, ja sogar das Kegelspielen. Sie wissen, ich bin ein Freund davon – wenn man es aber bis Mitternacht anhören muß, ist es einem doch zuwider. Nein, ich gehe im Juli mit meiner Familie auf drei Wochen nach Oberösterreich. An einen der kleinen Seen. Da wohnen wir zu Spottpreisen in einem Bauernhaus, haben den See vor uns, wo die Kinder baden und schwimmen und rudern können. Ein größeres Wasser gehört zum Sommeraufenthalt. In drei Wochen können sich die Kinder da besser erholen als während eines Jahres im Kahlenbergerdörfel. Nicht?« »O gewiß,« erwiderte der Advokat etwas ungeduldig, »aber ich habe in fünf Minuten eine Verhandlung. Ich wollte Sie im Vorbeigehen nur fragen, wann denn endlich der Fall Zwirzina verhandelt wird?« Im August fand die Verhandlung gegen Zwirzina statt. Der Advokat gewann den Prozeß, vergaß aber, sein Kostenverzeichnis beizulegen, und mußte deshalb nach der Verhandlung in die Kanzlei gehen, um es dort nachträglich zu deponieren. »Wie?« rief der Advokat gleich beim Eintreten, »Herr Schönbauer, Sie sind in Wien?« »Meine Frau ist krank geworden«, sagte der Gerichtskanzlist etwas verlegen. »Wie schade!« erwiderte der Advokat. »Ich komme übrigens nur her, weil ich das Kostenverzeichnis in den Akt Zwirzina zu legen vergessen habe. Nicht wahr, Sie tun mir die Gefälligkeit und legen es ein? Ja? Schön. Danke. Und was ist's mit dem Rest des Sommers? Sie werden doch nicht ganz hier bleiben?« »O nein,« antwortete Schönbauer, »ich habe vor, anfangs September mit meinem ältesten Buben eine Fußtour nach Tirol zu machen. Ist das nicht eine glorreiche Idee? Aufrichtig gesagt, die Krankheit meiner Frau hat mich schon etwas zu viel gekostet, da kann ich nur den einen Buben mitnehmen. Aber . . . Gehen, Gehen ist das Allergesündeste für mich! Bitt' Sie, wenn man so das ganze Jahr im Bureau zwischen Akten und Protokollen hockt. Aber jetzt, im Herbstanfang durch die Tiroler Berge zu marschieren, durch die gelben und roten Wälder, jetzt, im September! Es ist auch nicht mehr heiß. Und was braucht man denn auf so einer Tour durchs Stubaital? Da schläft man im Dorfwirtshaus, trinkt Milch und ißt Obst. Einen Pappenstiel wird mich das kosten! Die Bahnfahrt krieg ich ja ermäßigt!« »Viel Glück auf die Reise, und bitte, vergessen Sie auch mein Kostenverzeichnis nicht!« sagte der Advokat sehr herzlich und empfahl sich. Der Fall Zwirzina war erledigt. Nun verreiste der Advokat, kam erst im Oktober zurück, aber erst im Winter, im November, hatte er wieder im Landesgericht zu tun. Der Gerichtskanzlist Schönbauer begegnete ihm dort, grüßte ihn, blieb aber bei ihm nicht stehen. Was hat er, dachte der Advokat, der auf die Aufrechthaltung aller seiner Beziehungen Gewicht legte. Er folgte ihm in die Kanzlei. »Jetzt haben wir uns lange nicht gesehen,« sagte der Advokat nach der Begrüßung; »na, wie ist damals die Tiroler Fußtour verlaufen?« »Was?« »Die Fußtour, die Sie im September mit Ihrem Sohn machen . . .« Etwas wortkarg erwiderte der Kanzlist: »Ach, die ist zu Wasser geworden. Ich habe eine Nebenbeschäftigung für die Abende bekommen und die mußte ich gleich antreten.« »Es hat ohnedies fortwährend geregnet«, sagte der Advokat zuvorkommend. Der Kanzlist taute ein bißchen auf: »Das war überhaupt eine närrische Idee von mir. Marschieren? Ich?! Marschieren?! Ich werde schon müde, wenn ich in der Früh die Viertelstunde ins Bureau gehen muß. Das hat mir damals mein Bub eingeredet, aber ich hab' mich rechtzeitig besonnen: dazu bin ich nicht mehr jung genug. Ich kann auch nicht mehr in diesen Dorfwirtshäusern auf Stroh schlafen, ich kann nicht stundenlang aufs Mittagessen warten und überhaupt, ich bin schon viel zu kaput für solche Sachen . . .« Der Advokat nickte zustimmend: »Ja, das ist nichts mehr für uns!« Da taute der Kanzlist noch mehr auf und sagte: »Wissen Sie, ich bin ja ein Naturfreund; in der Stadt ist's ja gräßlich! Aber ich hab' mir vorgenommen, heuer, wenn der Winter zu Ende ist, wird endlich ein alter Plan von mir durchgeführt. Gleich anfangs Mai wird aufs Land gegangen, und zwar in die Nähe von Wien. Heuer will ich das endlich durchführen. Für unsereinen ist es ja unmöglich, weite Ferienreisen zu machen, da kommt die Fahrt gleich zu teuer. Aber schon im Winter werde ich mich genau umschauen, ob es nicht da am Kahlenberg doch irgend eine billige kleine Wohnung gibt. Da kann die Frau draußen die Wirtschaft führen; das kommt nicht teuer und da kann ich jeden Abend hinausfahren, setze mich in meinen Garten oder spiele Kegel . . .« Der Advokat, der auf die Aufrechterhaltung aller seiner Beziehungen Gewicht legte, hütete sich, den Kanzlisten zu unterbrechen. Die Equipage und das Fenster Jeden Tag fährt der Kaiser von Oesterreich von der alten Burg in sein freundliches Schlößchen Schönbrunn. Punkt fünf Uhr jagen die rassigen Rösser der Kaiserlichen Equipage vom Burgring über die Mariahilferstraße. Der alte Herr liebt es, in offenem Wagen zu fahren und während der zwölf oder fünfzehn Minuten, die zur Fahrt nach Schönbrunn nötig sind, ist der Kaiser inmitten seines Volkes. Er hat da nichts zu tun, als im Wagen zu sitzen und die Untertanen zu beobachten, wie höflich oder herzlich sie ihn grüßen. Da neigt er sich dankend nach rechts und legt dankend die Finger an die Offizierskappe, dann nach links, dann wieder nach rechts und dann wieder nach links. O, so eine Viertelstunde lang von jedem Vorübergehenden gegrüßt werden, das tut wohl! . . . Und wie nett können die alten Wiener grüßen! Sie lüften den Hut und behalten ihn fünf oder zehn Sekunden ganz ehrfurchtsvoll in ihren greisen Händen. Längst haben die flinken Rosse die Equipage schon ein weites Stück fortgerissen, aber der grüßende Altwiener steht noch immer mit großen Augen, den Hut in der Hand, da. Kinder winken dem 75jährigen Kaiser mit weichen Patschhändchen zu und junge Mädchen winken freudig mit farbigen Sonnenschirmen, ganz wider die respektvolle Sitte und eben darum wohltuend herzlich. Das ist so gewesen bis . . . . . . . . Ja, denkt Euch, im November 1905 verzichtete der Kaiser von Oesterreich plötzlich auf seine offenen Equipagenfahrten nach Schönbrunn. Ich weiß nicht, was vorgefallen war. Das rohe Leben hat vielleicht einmal in die Mariahilferstraße, punkt fünf Uhr nachmittags, einen Menschen hingeschleudert, der den breiten Hut trotzig auf dem Kopfe behielt, obwohl die Schutzleute schon von weitem mit ausgestrecktem Arm winkten: »Platz! Platz! Der kaiserliche Wagen!« Vielleicht haben sich sogar einige solcher Rohlinge in die ersten Reihen des Begrüßungsspaliers eingeschlichen. Herrgott, da fuhr der alte Kaiser wie immer seit vierzig oder fünfzig Jahren durch sein Volk, bereit, nach rechts zu danken und nach links, aber . . . Da standen plötzlich etliche Frechlinge, die ihn ganz direkt anglotzten und doch keinen Finger rührten, keinen Arm hoben und nicht einmal das bedeckte Haupt neigten!! Diese Viertelstunde, von fünf Uhr nachmittags bis ein Viertel Sechs, war die Quelle, die den greisen Monarchen täglich innerlich gelabt hatte! Wenn die alten Herren ihre Glatzen entblößten, wenn die Kinder ihm ihre Patschhändchen, die Mädchen die bunten Sonnenschirme jubelnd entgegenstreckten, ahnte er etwas von den Gefühlen Eberhards, des Württemberger Herzogs, der sein Haupt im Schoße jedes Untertanen betten und dort ausruhen konnte. Und nun raubten ihm Rohlinge noch die kurze Viertelstunde inmitten seines Volkes. Der Geschichtsschreiber muß hier einfügen, daß am 28. November 1905 der erste Beamte des Kaisers ein neues Wahlgesetz mit gleichem Recht für alle Bürger des Reiches ankündigte. Am 30. November fuhr die offene Equipage wieder durch die Mariahilferstraße, sogar in behaglichem Tempo und, siehe da, die Kinder mit den lieben Patschhändchen und die Mädchen mit ihren Schirmen winkten wieder und die alten Herren hielten ganz andächtig fünf Minuten lang ihren Hut bis an die Erde. Seine Majestät konnte wieder nach rechts danken und nach links, und die grußlos glotzenden Rohlinge waren plötzlich wieder aus der ersten Reihe verschwunden . . . . So ist alles wieder gut seit dem 28. November 1905. Jeder hohe Herr will ein Viertelstündchen im Tag unter seinem Volke weilen! Wir Oesterreicher haben die offene Equipage und Ihr Preußen, he, was habt denn Ihr? Na, so denkt doch mal nach, Ihr müßt doch auch dergleichen haben! »Ja, wir . . . hm . . . hm . . . Kaiser Wilhelm der Erste hatte ein Schloßfenster Unter den Linden, wo er gerne gestanden ist und sein Volk begrüßt hat.« Ein Schloßfenster . . . Hm, hm . . . Eine offene Equipage liegt für den danebenstehenden Bürger eigentlich näher als so ein entferntes, noch dazu verschlossenes Fenster! . . . Na, immerhin, ich wollte mir das Fenster, von dem aus der alte Wilhelm einst sein Volk gesehen, einmal betrachten. Am Sonntag, den 21. Januar 1906, machte ich mich, da ich gerade in Berlin war, auf, um es mir anzusehen. Aber als ich das Schloß endlich von weitem sah, da merkte ich, daß rings um das Schloß kein einziger Bürger zu sehen war. Bloß Uniformen, glitzernde Helme, blanke Offiziersknöpfe, schillernde Gewehrläufe, und sonst von Menschen befreite, förmlich rasierte Wege. Leere, Leere, Leere, begrenzt von Schutzmannsketten! »Nicht weiter! Abgesperrt!« schrie mir, als ich weiter wollte, plötzlich ein Schutzmann zu, »durch den Kordon darf niemand!« »Herr,« rief ich, »ich will das Fenster sehen, durch das der Kaiser sein Volk sieht oder sah oder durch das wenigstens einstmals . . .« »Abgesperrt!« schrie mir der Schutzmann zu. Praxiteles oder Ostersetzer Eine Prager Skizze Jedermann kennt die Gedichte des Poeten Alfred Beatus aus Prag. Auch du kennst sie! Erinnere dich nur! Aber ja, du mußt sie kennen. Zum Beispiel jenes herrliche Gedicht, das Alfred Beatus den Zuständen einer erst dreimonatigen Ehefrau gewidmet hat. Herrgott, das mußt du doch kennen! Alfred Beatus hat nichts Sinnigeres gedichtet. Die junge Ehefrau wird eines Tages gewahr, daß ein junges Leben in ihr webt. Herrgott, daran erinnerst du dich nicht? Du bist wirklich ein seelenloser Klotz ohne tieferes Erinnerungsvermögen . . . Die junge Frau sagt's ihrem Manne. Der ist gerührt, muß aber nichtsdestoweniger in fünf Minuten ins Amt. Ein Vormittag angefüllt mit Akten, Kommissionen, Konferenzen. Aber um punkt zwölf wird die Arbeit abgeschnitten; schnell wird in den Ueberrock geschlüpft, der Zylinder aufgesetzt (um 1,25 Grad schiefer nach links als an einem gewöhnlichen Tage), Ecke des alten Graben werden zwei Rosen gekauft für die junge Frau (wie an gewöhnlichen Tagen), aber plötzlich in der Herrengasse vor einem Kunstgeschäft fällt Beatus etwas besonders Sinniges ein. Er tritt in den spiegelnden Laden und kommt bald mit einem sorgfältig verhüllten Paket heraus. Zu Hause: Besonders zarte Begrüßung, nicht bloß der schon traditionelle Rosendank, und am Schluß die überraschende Enthüllung des Packets. Es ist ein Apollo von Belvedere . . . Die junge Frau versteht, wird vor Freude rot und denkt in ihrer Hoffnung wirklich: Ich werde ihn täglich ansehen, vielleicht wird der kommende ihm ähnlich. Aber, wenn es eine Sie ist? Na, morgen ist auch noch ein Tag und morgen Mittags bringt er die Venus von Milo mit. Nächste Woche findet die junge Frau die Mileserin und den Apollo ein bißchen zu klassisch. Schad't nix! Er bringt ihr den sterbenden Gallier, was ihr wieder wegen des Sterbens nicht ganz recht ist. Die Aphrodite von Praxiteles gefällt ihr wunderbar, nur schade, daß sie die Hand so unanständig-auffällig vorhält; riesig leid tut es ihr, daß dem schönen schlanken Hermes mit dem Dionysosknaben die Arme fehlen und daß er auch von den Beinen nur die reizenden Oberschenkel hat. Allmählich hat die junge Frau eine riesige Sammlung von Gipsabgüssen. In ihrem Schlafzimmer sieht das schönste Griechenland auf sie hernieder. Sechs Monate lang! Und je näher der große Tag der jungen Frau heranrückt, desto mehr Griechen warten schon auf den Ankommenden . . . Herrgott, dieses Gedicht kennst du nicht? Es ist das Schönste, das Lieblichste, was Alfred Beatus je gedichtet hat. Leider steht nicht drin, ob es ein Bub oder Mädel geworden ist und ob der Bub oder das Mädel mehr ins Klassische oder mehr in die raffinierte Dekadenzperiode der griechischen Skulptur hinüberscheangelt. Wenn ich das nächstemal nach Prag komme, werde ich mich danach erkundigen. Konnexionen genug hab' ich in Prag. Die Prager Deutschen sind ja eine Familie. Ich werde mich bei Stern und Singer erkundigen, was an dem Gedicht von Alfred Beatus eigentlich Wahres ist und wie die Sache eigentlich ausgegangen ist . . .   Ich führe in meinem Geschäft einen ganz neuen Artikel, der sehr guten Absatz findet: Filzsohlen mit Asbestunterlage. Unverwüstlich! 126000 Stück innerhalb vierzehn Tagen abgesetzt!! Richtig, was ich erzählen wollte. Auf der Tour berühre ich Prag. Ich komme wie gewöhnlich zu Stern und Singer, mache einen sehr hübschen Abschluß, übertrage ihnen für Prag die Generalvertretung meiner Filzsohlen mit Asbestunterlage und komme abends in die Familie. Sie wissen, die Kinder der Kompagnons haben sich geheiratet. Riesig gemütlich bei den Leuten. Großartiges Essen! Wissen Sie, noch nach der alten Schule. Keine modernen Experimente und Verkleidungen. Aber eine Gans wird da serviert, groß wie ein Bär und braun und glänzend, mit Aepfeln gefüllt . . . Richtig, also, was ich erzählen wollte. Die Kinder sind ungemein gebildet. Dabei nicht so anspruchsvoll, wie es sonst zu gebildete Kinder oft sind. Mit dem alten Stern habe ich gerade einen Hauptabschluß auf 1898er Sliwowitz gemacht, während die Tochter auf dem Pianino ein wunderschönes Stück gespielt hat. Wenn man so gemütlich beisammen sitzt, nicht pressiert, nicht gezwungen, fallen einem oft die günstigsten Abschlüsse ein. Ein anderes Kind als diese Olga hätte sich geärgert, weil wir im Gespräch unwillkürlich ein bissel lauter geworden sind; sie hat sich nicht einmal umgedreht am Klavier. Das ist ein so kluges Mädchen. Kunst ist Kunst, das weiß sie; aber das Geschäft muß auch sein! Wärst du nicht ein so leichtsinniger und hochnäsiger Mensch – dreh' dich nicht um, dich selber mein' ich –, das wäre wirklich ein Mädchen für dich, ein Mädchen, sag' ich dir . . . Schon gut. Ich weiß . . . Ich sag' schon nichts mehr! Was hab' ich erzählen wollen? Ja. Also, da waren vielleicht zwanzig Personen um den Tisch. Wie der Sliwowitzabschluß mit dem alten Stern fertig war. Wir halten gerade bei einem Mohnfladen, wie man ihn nur in Prag essen kann, deliziös geradezu. Da frage ich Fritz, den zweiten Sohn von Singer, ob er sich an das Gedicht von Alfred Beatus erinnert. Das von der jungen Frau usw. Fritz, der selber dichtet und Freitag abends sehr oft bei Beatus oben zu Gaste ißt, sagt gleich: »Natürlich, das mit den vielen griechischen Statuen. Aber da haben Sie ja die Helden des Gedichtes.« Dabei zeigt er auf das andere Ende des langen Tisches. Ich frage: »Was?« Weil ich nicht gleich verstehe, da sagt mir der alte Stern: »Die Herrschaften, auf welche sich das Gedicht bezieht, sind hier; sie sitzen oben am anderen Tischende. Wenn Sie mit Ihrer Portion Mohnfladen fertig sind, nicht noch eine zweite wollen, können Sie sich mit den Herrschaften persönlich über das Gedicht unterhalten.« Ich antwortete Herrn Stern leise, daß ich doch zuerst noch eine Portion Fladen wünsche. Dieser Fladen! Ich sage Ihnen, da ist drin: Mohn und Zibeben, Powidl, Aepfel, Marillenmarmelade, Nüsse . . . Ja, richtig, was ich eigentlich erzählen wollte: Also später setze ich mich zu dem Ehepaar Ostersetzer. Ich sehe schlecht, habe sie also von meinem früheren Platze nicht gut anschauen können. Die junge Frau, sah die aus! Mager, klein, verhutzelt, mit krummem Rücken, Lederteint, ein dünnes Schweiferl Haare, und die Nas'! Aber dafür – Reformkleid! Und er, der Herr Ostersetzer! Mit borstigen, ungewaschenen schwarzen Haaren. Den Kopf hat er vor Faulheit immer auf die Seite fallen lassen. Zwei melancholische Jammerfalten von der Nase über die Mundwinkel bis zum Kinn. Und eine Nase! Nein, diese zwei Nasen!! Weißt du, ich bin kein Antisemit, aber so verwelkt in der Jugend, so häßlich . . . na, ich will nichts sagen, es könnt' mir im Geschäft schaden. Du weißt, ich habe vorgehabt, zu fragen, ob die griechischen Statuen während der neun Monate was genützt haben. Aber wie ich Herrn und Frau Ostersetzer sah, da hab' ich gewußt, daß der Apollo vom Belvedere und die Venus von Milo und die Abgüsse nach Praxiteles, mit einem Worte, daß die ganze Sammlung ganz vergebens angelegt war . . . Andererseits ist es von den Leuten gewiß sehr schön, daß sie neun Monate lang Tag für Tag versucht haben, ihr eigenes Bild durch schönere zu verdrängen. Leider genügen die Statuen nicht! Gegen die Familie Ostersetzer kommt Praxiteles nicht auf!