August Wilhelm Grube Geographische Charakterbilder. Erster Teil. Arktis – Europa Bearbeitet und herausgegeben von Dr. Hans Stübler Zweiundzwanzigste Auflage Mit 5 Dreifarbendrucken, 8 Tonbildern und 2 Kartenskizzen Leipzig Friedrich Brandstetter 1921 Alle Rechte vorbehalten. Altenburg Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel \& Co. Vorworte Vorwort zur ersten Auflage. Wie der eigentliche Wert und die Bedeutung der als Wissenschaft wiedergeborenen Geographie darin besteht, daß sie die Erde als ein Organ des Menschenlebens kennen lehrt, das die menschliche Wirksamkeit ebenso bedingt, wie es von dieser bedingt wird: so besteht der eigentliche geistige Gewinn, den unsere Schüler aus dem geographischen Unterrichte ziehen sollen, darin, daß sie einen Blick bekommen für die Wechselwirkung des Erd- und Menschenlebens und in dieser Anschauung ihr eigenes Weltbewußtsein entwickeln. Dieses Ziel kann aber nur dann erreicht werden, wenn wir die Fundamente des geographischen Lehrganges so anlegen, daß sie alle auf ihre gemeinsame Spitze, die Kulturgeographie , die Richtung bekommen, daß die einzelnen Teile des geographischen Lehrstoffes hierin ihren Mittelpunkt, ihre vereinende und belebende Seele finden. Dies ist nun freilich leicht gesagt, doch schwer zu machen. Die Volksschule und das Jugendalter bis zum 14. Jahre überhaupt bewegt sich auf der psychologischen Stufe der Anschauung, und da ist es unmöglich, die Gesetze der Wechselbeziehung zwischen Natur und Mensch in wissenschaftlicher Allgemeinheit als solche – etwa wie sie Kohl in seinem Buche: »Über den Verkehr und die Ansiedlungen der Menschen« zusammengestellt hat – zum Bewußtsein zu bringen, so gründlich auch zuvor die mathematische, physikalische und was man politische Geographie nennt, die Hilfswissenschaften der Geschichte, Naturkunde usw. absolviert sein mögen. Wir werden so lange vergebens danach ringen, jene oberste Spitze des geographischen Lehrgebäudes zu erreichen, als es an geographischen Charakterbildern fehlt, welche das Menschenleben mit seiner Sitte, Geselligkeit, Religion, Staatsverfassung im Reflex des Grundes und Bodens, auf dem es erwachsen, des Klimas, in dem es sich bewegt, der Tier- und Pflanzenwelt, die es umgibt , vor die Anschauung stellen, und auf konkretem Wege das geographische Gesetz zur Darstellung bringen. Diese »Charakterbilder« müssen einerseits ganz individuelle, für sich abgerundete Einzelbilder sein, und andererseits in einem inneren Zusammenhange zu dem Lehrgänge stehen, indem sie geographischen Hauptexistenzen zum Vorwurf nehmen, typisch in dem Besonderen das Allgemeine darstellen, also Gattungsbilder sind. Die menschliche Kultur in der Polar- wie in der tropischen Zone, in ihrem Embryo bei dem Australneger wie auf ihrem Gipfel europäischer Zivilisation, in der nordamerikanischen Ansiedlung und in der englischen Weltstadt usw. prägnant und lebendig zu schildern, das ist ihr Zweck, und sie unterscheiden sich dadurch von den bloßen »Landschaftsbildern«, die schon in früheren Kursen (bei der sogenannten physikalischen Geographie) herangezogen werden können, daß sie auf jedes Landschaftsbild den Menschen stellen, der, im Vordergrund stehend, den Hintergrund erklärt und verständlich macht und zugleich von demselben die Beleuchtung und das Relief empfängt. Eben darum aber, weil sie den Menschen und die Natur in ihrer Einheit auffassen, müssen Naturkunde und Naturlehre, welche überwiegend auf das Physische den Ton legen und als Elemente der physikalischen Geographie behandelt werden müssen, sowie die Geschichte, welche die Kulturstufen der Menschheit im Nacheinander der Zeit anschaulich macht und überwiegend auf das Ethische den Ton legt, vorhergegangen sein – sie bilden die einzelnen Momente, welche die Kulturgeographie als der letzte Kurs in eins zusammenfaßt. Darum haben die Kulturbilder auch eine tüchtige Vaterlandskunde zur Voraussetzung, und die Zeit wird hoffentlich nicht mehr fern sein, wo ein Vaterländisches Lesebuch in keiner Volksschule fehlen wird. Da meine »Charakterbilder« einen gründlichen geographischen Unterricht fordern und methodisch gewandte Lehrer voraussetzen, so brauche ich wohl kaum bemerklich zu machen, daß nicht mit den komplizierten Kulturverhältnissen Europas der Anfang gemacht werden darf, sondern mit den einfachsten einer Polarzone, einer Wüstennatur, einer Steppe, wo das Wechselverhältnis zwischen Boden, Pflanze, Tier und Mensch leicht in die Augen springt. Wenn ich Verwandtes zusammenstellend doch im allgemeinen den Rahmen der Erdteile beibehalten habe, so mag man das entschuldigen, da diese Anordnung das Aufsuchen des jedesmal Notwendigen nicht eben erschweren wird. Indem ich viel entschiedener die ästhetische Rücksicht verfolgt habe, als es bisher in ähnlichen Werken geschehen, so habe ich auch überall ein in sich vollendetes, abgeschlossenes Gemälde – nicht bloße Exzerpte – aufgestellt. Dabei habe ich aber soviel als möglich die lebendige Schilderung des Reisenden unverändert gelassen, da jede Darstellung um so eingreifender wirkt, als sie von der lebendigen Persönlichkeit getragen wird. Daß ich überall bedeutende Persönlichkeiten herangezogen, solche, die mit wahrhaft historisch-geographischem Sinne geschrieben, und daß ich nur klassische Darstellungen ausgewählt habe, das hielt ich für eine der Hauptrücksichten, die ich beim Entwurf der Arbeit nehmen mußte. Daß ich auch aus der fremden Literatur Wertvolles benutzt habe, namentlich aus der englischen und französischen, die an charakteristischen gelungenen Reiseskizzen sehr reich sind, wird man gewiß billigen. Wo mir die Übersetzung nicht genügte, habe ich mit besonderer Rücksicht auf die ästhetische Abrundung von neuem übersetzt, zugesetzt, weggelassen, anders gruppiert, wie es der Zweck des Buches erheischte. Je weniger dabei meine Arbeit auffällt, desto lieber soll es mir sein. Man wird vielleicht schon nach zwei Dezennien wunderbar finden, wie es »einst« möglich war, daß vierzehnjährige Schüler wohl die Namen russischer Flüsse und Provinzen aufzuzählen wußten, aber von der russischen Kirche und dem griechischen Ritus kein Wort gehört hatten, und wie der geographische Unterricht wohl die Namen sämtlicher Residenzstädte auf dem weiten Erdenrund dem Gedächtnis einprägte, aber das Wesen und die Bedeutung auch nicht einer zur Anschauung brachte. Es ist indes hohe Zeit, daß die Errungenschaften, welche die Wissenschaft durch den Genius Karl Ritters gewonnen, auch den niederen Schulkreisen zugute kommen. Dies wird mit Erfolg aber erst dann geschehen, wenn wir, über die abstrakte Scheidung des geographischen Lehrstoffes in topische, physikalische und politische Geographie hinausgehend, die lebendige Einheit der Kulturgeographie zu gewinnen trachten. In der Hoffnung, mit dieser Arbeit einen nicht unwichtigen Beitrag zu der Methodik des weltkundlichen Unterrichts geliefert zu haben, und im Bewußtsein der Schwierigkeit einer Aufgabe, die auf einem noch wenig betretenen Felde gelöst werden mußte, empfehle ich meine »Charakterbilder« den Freunden der Geographie zur gütigen Aufnahme, wie den sachverständigen Methodikern zur nachsichtsvollen Beurteilung. Hard bei Bregenz, im Januar 1850. A. W. Grube.   Vorwort zur zwanzigsten Auflage. Das Vorwort August Wilhelm Grubes (1816–1884) verleugnet nicht den Einfluß Harnischs , seines Seminardirektors in Weißenfels, der den Basedowschen Konzentrationsgedanken einer Weltkunde aufgenommen hatte, die Geschichte und Naturkunde in sich vereinigte (1827), die den Realunterricht auf der Oberstufe der Volksschule zu einer Einheit verschmelzen sollte. Dieser Gedanke erwuchs aus der Tatsache, daß die Geographie als Wissenschaft zu den Natur- und Geisteswissenschaften reiche Beziehungen unterhält, er barg aber die Gefahr in sich, daß die Schulgeographie ihre Selbständigkeit einbüßte und als Weltkunde sich im blauen Dunst der Allgemeinheit verflüchtigte. Dieser vorwiegend pädagogische Gesichtspunkt mußte als überholt bei einer Neubearbeitung fallen gelassen werden. Geographisch ließ sich Grube von Karl Ritters Anschauungen leiten: seine Charakterbilder sollten den Blick vergleichend richten auf die Zusammenhänge von Erde und Leben, besonders Bodengestalt, Klima und Menschengeschichte. Und dieser Gedanke ist auch heute noch lebendig, – doch so lebendig, daß er gewachsen ist und andere Gestalt angenommen hat. Denn Ritter (und damit Grube) betrachteten die Geographie wesentlich als deduktive Wissenschaft, die zu erweisen habe, daß die Erde das Erziehungsheim der Menschheit sei, in dem sie ihrer göttlichen Bestimmung entgegenreife. Die heutige Geographie ist über Peschel, v. Richthofen nach der naturwissenschaftlichen, über Ratzel nach der mehr ins politische und wirtschaftliche Leben eingreifenden, geschichtlichen Seite eine induktive Wissenschaft geworden ihrem Forschungswege nach, die Tatsachen sammelt, sichtet und daraus erst ihre Schlüsse zieht. So konnte Grube zu der ihm eigenen Forderung der Charakterbilder kommen, das sind »Gattungsbilder der menschlichen Kultur aller Stufen«, wie sie sich durch die Verschiedenheit der geographischen Bedingungen herausgebildet haben. Es waren »abgerundete Gemälde, in deren Vordergrund der Mensch stand und den Hintergrund erklärte, während er zugleich von demselben die Beleuchtung und das Relief empfängt«. Es waren eben Bilder – denen nur insofern Leben zukam, als sie sich des Mittels des lebendigen Wortes bedienten, es haftete ihnen noch sehr die Auffassung der Geographie als Erdbeschreibung an. Wir verlangen heutzutage Schilderungen , die in den Landschaften der Erde, in der Formenwelt des Erdbodens, wie in der Welt des Wassers und der Luft, die auch in der Lebewelt ein Gewordenes und ein Werdendes sehen. Der Entwicklungsgedanke ist es, der aus dem Bilde , der Beschreibung , eine Schilderung macht. Damit mußte die anthropozentrische Enge der Anschauung Grubes gesprengt, es mußten Schilderungen auch von Natur landschaften als geographischer Charaktere aufgenommen werden, in denen die menschliche Kultur noch zurücktritt. Denn gerade sie wirken auf Sinn und Geist des Menschen am stärksten, weil in ihnen die unberührte Schönheit der noch ungebändigten Natur zu uns redet, und doch aus ihnen zugleich die Forderung heraus klingt: Füllet die Erde und macht sie euch Untertan! Die Schilderung der Völker und ihrer Kulturverhältnisse ist eine Aufgabe der Ethno graphie. Sie konnte in der neuen Auflage um so eher zurücktreten, als der Verlag ihr in dem Sammelwerk von Leo Frobenius, Geographische Kulturkunde – eine eigne Stätte geschaffen hat. Ich wollte in diesem Sinne Grubes Charakterbilder zu einer Sammlung guter erdkundlicher Schilderungen aus allen Teilen der Erde machen. Der Form nach sind es Reiseschilderungen , entnommen den Werken unserer besten Forscher, sie tragen die frische Stimmung des Erlebten in sich, sie zeigen die Mühsal und die Erfolge der Entschleierung des Erdantlitzes, sie packen durch das persönliche Gepräge. Es sind auch Landschaftsschilderungen , die nach der wissenschaftlichen Erarbeitung der erdgeschichtlichen und klimatischen Grundlagen eines Erdstrichs seine Erscheinungen danach gruppierten und zusammenfassend in knapper Darstellung wieder aufbauten; hieran fehlt es in unserer neuen Literatur freilich sehr, besonders für Europa, obwohl hier durch Geographen, wie Passarge, Wegener und andere schon wieder gute Anfänge da sind. In vielen Fällen aber war ich noch auf die ältere Literatur angewiesen, die ich nur überarbeiten konnte, um Fehler auszuscheiden und Übersehenes nachzutragen. Endlich finden sich auch Stimmungsschilderungen , die den rein menschlichen Eindruck einer fremdartigen Natur festzuhalten suchten, die also mehr künstlerischen als geographisch-wissenschaftlichen Charakter tragen. Es liegt in der ganzen Art dieses Werkes, daß es aus den Werken von Forschern, Gelehrten, Künstlern Anleihen machen mußte – ich ließ es mir angelegen sein, mich diesen Mitarbeitern gegenüber wenigstens insofern dankbar zu erweisen, als ich auf möglichst genaue Quellenangabe hielt. Dem Buche sind eine Anzahl malerischer und photographischer »Charakterbilder« beigegeben worden, die der lebendigen Anschauung dort weiterhelfen sollen, wo das schildernde Wort mit seiner Kraft nicht ausreicht, aus allen Winkeln der Vorstellungswelt die schaffenden Geister heranzurufen, mit Lust ein Innenbild zu schaffen, dem gleich, das der Schilderer mit leiblichem Auge draußen sah in all seinem Leben und Weben. Auch in diesem Bilderschmuck zeigt das Buch, daß es nicht nur wissenschaftliche Erdkunde vermitteln, sondern auch künstlerisch die Schönheit der Erde künden will allen, die ihre Erdheimat lieben. Möge das Buch auf der Oberstufe des erdkundlichen Unterrichts, wo der Lehrer voraussetzen kann, daß die Schüler einer Schilderung zu folgen vermögen, weil sich mit jedem Wort eine Fülle anschaulicher Vorstellungen bei ihnen bildet, sich als wertvoll erweisen; mögen Grubes Charakterbilder auch im neuen Gewand ein Lieblingsbuch unserer Jugend sein, ein Buch, das in ihr die Lust am beobachtenden Wandern und Reisen, der besten Methode des geographischen Unterrichts, anregt, ein Buch, an dessen Hand sie auch in spätem Jahren noch gern Gedankenreisen in alle Welt macht. Endlich noch ein Wort über die äußere Einteilung des Werkes: Der vorliegende erste Band enthält Schilderungen aus der Arktis , aus Europa und Afrika , der zweite soll Nord - und Südamerika , Asien und Australien und die Antarktis , der dritte das deutsche Vaterland in »Charakterbildern« schildern. Daß dabei auch die Meere berücksichtigt werden, zeigt schon der erste Band. Grube hatte seiner Einteilung einen pädagogischen Gesichtspunkt zugrunde gelegt: den der psychologischen Nähe – er begann »mit den einfachsten Kulturverhältnissen der Polarzone« und stieg auf »bis zu den komplizierten Europas«. Ich habe bei der weiteren Auffassung des Begriffs »Geographisches Charakterbild« die räumliche Gliederung Ratzels nach 6 Erdteilen – je 3 Nord- und 3 Süderdteilen – vorgezogen. Der Plan des Ganzen ist also folgender: Band: Arktis, Europa, Afrika. Band: Nordamerika, Südamerika, Asien, Australien (Ozeanien), Antarktis. Band: Deutschland. Innerhalb dieser Ordnung sind die Bilder wiederum räumlich zu Gruppen zusammengefaßt, obwohl hier die Abgrenzung und Bezeichnung manchmal schwierig war – lediglich zur bessern Übersicht. Grubes Gliederung erschwerte das Aufsuchen, zudem war sie durch die wiederholte Bearbeitung, durch Hinzufügungen fast nicht mehr zu erkennen. Sie läßt sich auch pädagogisch nicht halten, weil das räumlich Ferne nicht das psychologisch Nächste sein kann. Dem Schlußwunsche Grubes in seinem Vorwort zur ersten Auflage schließe ich mich bei der Herausgabe der zwanzigsten von Herzen an. Bautzen , im Oktober 1906. Dr. Hans Stübler.   Zur zweiundzwanzigsten Auflage. Am 16. Dezember 1916 – mitten im schweren Ringen Deutschlands um sein Dasein – konnten wir den hundertsten Geburtstag August Wilhelm Grubes feiern. Schulinspektor Oppermann -Braunschweig widmete ihm im 2. Heft des Geographischen Anzeigers (Gotha-Perthes) ein Wort des Gedankens, auf das hier verwiesen sei. Die neue Auflage ist ein durch die Ungunst der Zeit verspätetes Geburtstagsgeschenk zu jenem Gedenktage. Sie ist wiederum erweitert und durchgearbeitet und kommt, soweit sie die außerdeutschen Länder behandelt, in drei handlicheren Bänden heraus, die aber die alte, seit der 20. Auflage bewährte, oben dargestellte und begründete Einteilung des ganzen Stoffgebietes beibehält. Es entfallen nun auf den Band: Arktis und Europa , Band: Afrika und beide Amerika , Band: Asien , Australien (Ozeanien) und Antarktis . Den Veränderungen der Weltlage ist Rechnung getragen, aber es konnte nicht die Absicht des Herausgebers sein, zu verleugnen, was Deutschland in der Welt geleistet hat: Wahrheit bleibt Wahrheit, und Recht muß Recht bleiben, wenigstens im deutschen Gewissen! Bautzen, im März 1921. Dr. Hans Stübler. Zur Einführung. Unsere Erde. (Versuch einer Charakterskizze.)     Herrn Professor Dr. Karl Sapper gewidmet vom Herausgeber.     Das Antlitz der Erde – denn wir kennen eigentlich kaum mehr von ihr als ihr Antlitz – ist durch die erdkundliche Forschung fast in allen Teilen entschleiert, wir sind heute in der Lage, die wesentlichen Züge darin zu überschauen; sie zu deuten freilich, das ist noch nicht einwandfrei möglich und soll auch hier nicht versucht werden. Seit der weitgereiste Nürnberger Martin Behaim (1459–1506) zwischen 1491 und 1493 den ersten Erdapfel anfertigte, das erste anschaubare Bild unserer Weltheimat, ist durch die Arbeit vieler Geschlechter der »Globus« so vervollkommnet worden, daß er ein recht getreues Abbild der Gesamterde vermitteln kann. Wie den Griechen einst der Mensch das Maß aller Dinge war, wie sie die Erde und ihre Erscheinungen und Kräfte unter den Bildern gesteigerter Menschlichkeit sahen und verehrten und so von innen heraus zu einer einheitlichen Lebensanschauung aufstiegen – so sollte es Deutschlands und seines Volkes Menschheitsaufgabe sein, ein lebensvolles Bild der Muttererde, auf der wir Menschen unser Leben zubringen, im Bewußtsein zu tragen und erd- und daseinsfreudig die Erde selbst zum Maße aller Dinge Vergleiche Jean Pauls Ausspruch: Wäre die Erde um die Hälfte verengert, so wäre auch die Zeit ihrer moralischen – und physischen – Entwicklung um die Hälfte verkürzt. zu machen; denn unsre Welt anschauung ist in hohem Grade abhängig von unsrer Erd anschauung. So könnten wir die verlorne Einheit des Lebensgefühls, die Friedrich Hölderlin , der große schwäbische Prophet der Griechheit, rückschauend in jene glücklichen Zeiten des Altertums leidenschaftlich ersehnte, die auch Friedrich Nietzsche vom Menschen her wiedererringen wollte, in einem umfassenderen Sinne gewinnen, als sie jenem Urvolk eigen war. Denn wir Deutschen sind mit unserm heißen Wandertriebe, mit unsrer Gabe des Einfühlens in fremde, andre Art, mit unserm Streben nach weltumfassender Betrachtung dazu wie geschaffen, diese letzte und höchste Aufgabe wahrer Erdkunde zu lösen. Schon haben Dichter und Denker, wie Max Dauthendey , der als Opfer seiner Erdliebe, im fernen Inselindien durch den Weltkrieg festgehalten, starb, wie Keyserling in seinem Tagebuch eines reisenden Philosophen diesem weltweiten Erlebnis des Erdgefühls Ausdruck gegeben. Aber erst, wenn eines ganzen Volkes gesammelte Stoßkraft davon ergriffen würde, könnte dies neue, seelische Erleben der Erde selbst als eines Übergewaltig-Großen und Übergewaltig-Schönen und doch für Menschengeist Faßbaren der Entwicklung, der Förderung der Menschheit dienen. Seit der große italienische Gelehrte Galilei (1564–1642) 1610 mit Hilfe des Fernrohrs die Bewegung der Weltkugeln im Räume, die der Ostlanddeutsche Niklas Koppernigk aus Thorn (Kopernikus 1473–1543) gelehrt hatte, wirklich sah, ist es möglich geworden, daß fast jedermann irgend einmal Gelegenheit hat, etwa am Bilde des Jupiters mit seinen Monden, die frei schwingenden Körper im All zu beobachten und die gewonnene unmittelbare Anschauung auf die Erde selbst im Geiste zu übertragen. So ist das Kugelbild unseres Wohnsterns Allgemeingut geworden. Nicht so allgemein und lebhaft bewußt aber ist das Größen bild dieser Kugel. Zwar wissen viele, daß der Äquatordurchmesser der Erde mit 12 756 km dem der Venus mit 12 037 km ziemlich nahe kommt, aber wer hat eine Vorstellung von diesen Weltgrößen? Erst wenn man sich die Sonne und die Planetenkugeln einmal in einem einheitlichen Maßstab nachbildet und auch ihre Entfernungen in demselben Maßstab wirklich abmißt – ich schlug einmal 1 : 2 Milliarden vor –, gewinnen diese Größen menschlich-anschaubare Gestalt. Dann ist die Sonne (wenn auch nur als Scheibe dargestellt) eine Kugel von 70 cm Durchmesser, und 75 m von ihr entfernt schwimmt im Räume ein Kügelchen von 6,3 mm Durchmesser – unsre Erde! Unsre Erde mit ihrer Lufthülle, all ihren Meeren und Ländern, mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen, ihrem Leben! Wie verschwindet Menschensein und -werk schon allein im Sonnenbereich – und vollends, wenn wir bedenken, daß dieses Reich nur eins ist unter Tausenden im All! Aber auch das Maß unsrer Erd kenntnis – soweit sie auf unsrer unmittelbaren Anschauung beruht – ist recht bescheiden, wenn wir es ins Verhältnis zur Kugelgröße des Erdkörpers setzen. Die neuere Luftkunde ist mit ihren Fahrzeugen etwa 10 km hoch ins Luftmeer emporgedrungen, sie hat unbemannte Versuchsballone mit großem Auftriebe und ausgerüstet mit einer Anzahl sehr sorgfältig gearbeiteter Meßgeräte bis über 30 km hinaufgeschickt. Was bedeuten aber diese Größen gegen die errechnete Höhe des Luftmeers von 200 km – oder gar gemessen am Erdhalbmesser zu 6378 km? Und noch geringfügiger ist unser Eindringen in die Meere – die Senklote des deutschen Vermessungsschiffes Planet maßen die größte Tiefe der Weltmeere im Philippinengraben bei 9788 m – und erst recht in die Erdfesten in dem Bohrloch von Czuchow in Oberschlesien, das 2270 m niedergebracht wurde! Die Lufthülle stellt unzweifelhaft ein wesentliches Merkmal unsrer Erde dar. In einer Zeit, wo sich der Wunsch Goethe-Fausts erfüllt hat und »zu des Geistes Flügeln sich doch der körperliche Flügel gesellt hat«, wo es schon etwas Alltägliches geworden ist, daß »über uns im blauen Raum verloren« mit Lerche und Adler die Flieger ihre Zirkel ziehen, kann das Bild dieses Luftmeers auch genauer gezeichnet werden als vordem. Die alles beherrschende Schwerkraft hat das Gasgemisch, das wir Luft nennen, nach der Schwere geordnet, wie man das ja auch nach Svante Arrhenius für das Erdfeste annimmt. Gegen den Weltraum liegt von 70 km an eine Wasserstoffhülle (spez. Gew. 0,069), darunter eine Stickstoffhülle (spez. Gew. 0,972). In dieser wiederum nimmt der Sauerstoff gegen den Grund des Luftmeers bis 20 v. H. zu und ermöglicht der bunten Lebenshülle das Dasein. Die Witterungsvorgänge – Wolken und Winde – haben nur einen verhältnismäßig kleinen Spielraum darin, sie reichen nur etwa 10 km hinauf. Durch die unbemannten Versuchsballone ist aber eine neue Tatsache festgestellt worden: unsere Lufthülle ist ein wunderbarer Wärmeschutz gegen den überkalten (-273° C) Weltraum. Ein Wärmemantel legt sich schützend um die ganze Erdkugel – und während in den Äquatorialgegenden am Grunde des Luftmeers eine Mittelwärme von + 25° C herrscht, stockt in 16 km Höhe in der Lufthülle die regelrechte Abnahme bis zu -70° C, und es wird eine ständige langsame Zunahme beobachtet. Dieselbe Erscheinung der »Temperaturumkehr« tritt über den Polargegenden schon in 8-9 km Höhe bei -50° C ein, während dort z. B. Spitzbergen am Grunde des Luftmeers ein Jahresmittel von -10° C hat. Es ist also schon bei 12 km Höhe über Spitzbergen wärmer als über Singapur! Unsre Muttererde ist auf diese Weise gegen die Weltraumkälte von -273° C wie durch ein Treibhausfenster abgeschlossen. Man kann in demselben Sinne wie von der Lufthülle nicht von einer Wasserhülle der Erde sprechen. Sie ist nicht geschlossen und läßt sich nur im Zusammenhange mit den daraus hervorragenden Teilen der festen Erdkruste betrachten, die sie mit dem Adernetz der Ströme, Flüsse und Quellen durchdringt. Der wesentlichste Zug beider ist die Tatsache, daß alles Land der Erde Insel ist. Insofern war die Weltansicht der Griechen und der alten Völker überhaupt, die eine vom Okeanos umringte Erdscheibe annahm, vollkommen richtig. Man denke sich nur einmal das Umgekehrte: einen Planeten, auf dem alles Wasser See ist, wie es auf dem kleinen Mars tatsächlich zu sein scheint, um die Bedeutung dieser Tatsache für die Entwicklung des Lebens, insonderheit des Menschenlebens, zu erfassen. Daran reiht sich ein Zweites: Das Übergewicht der Wasserflächen der Erde über die Landflächen. Die heutige Verteilung beider zeigt dem genauer Betrachtenden ein ziemlich regelmäßiges Bild, in dem sich vielleicht (wie in manchem andern ähnlichen Zuge) ein noch unbekanntes Bildungsgesetz abspiegelt. Nansen hat eine arktische Tiefsee nachgewiesen, Scott und Amundsen entdeckten ein antarktisches Hochland . Der nördlichen Inselflur rings um das Polarmeer, die am dichtesten im nördlichsten Nordamerika ist, steht das fast inselfreie südliche Eismeer zwischen 45° und 66½° s. Br. gegenüber. Drei Weltmeere zerlegen die Landmassen so, daß drei nordsüdlich gerichtete Landstreifen entstehen: die beiden Amerika, Europa-Afrika, Asien-Australien. Doch ist die Trennung zwischen den letzten beiden Streifen heutzutage durch das indische Weltmeer nicht so vollkommen wie zwischen den übrigen. Der Indische Ozean ist eigentlich nur ein halbes Weltmeer. Diese drei Landstreifen sind durch den Quergürtel der Mittelmeere zwiegeteilt, so daß je einem Nord- ein Süderdteil entsprechend gegenübersteht. Diese sechs Erdteile oder Weltinseln tragen wiederum gewisse gemeinsame Züge. Während die Norderdteile die Neigung haben, in ihrer Ausbreitung nach dem Nordpol hin zuzunehmen, spitzen sich die drei Süderdteile südpolwärts zu. Die beiden Amerika zeigen diese Gesetzmäßigkeit am schönsten. Eine weitere ist die Verschiebung der Nord- und Süderdteile gegeneinander in der Richtung der Erdumwälzung um etwa 40 Längengrade. Auch diese Eigenart zeigt Nordamerika-Südamerika am deutlichsten. Die Anordnung der Landmassen auf der Erdkugel gleicht in dieser seltsamen Verschrobenheit gegeneinander gewissen bunten Glaskugeln, mit denen wir als Kinder spielten, deren Herstellung wohl auch auf einem Drill der noch weichen Glasmassen beruht. Für unsre Erdkugel können wir nur die Tatsache feststellen; aber das Bildungsgesetz, das ihr zugrunde liegen mag, ist uns noch unbekannt. Die drei quertrennenden Mittelmeere liegen nicht in derselben Breite; nur das austral-asiatische schneidet der Äquator, das amerikanische ist bis zum nördlichen Wendekreis, das europäisch-afrikanische gar bis 36° nach Norden verschoben, das entspricht jenem Ausbreitungsgesetz der Landmassen nach Norden. Wir folgen in der Anordnung der Charakterbilder in diesem Werke dieser regelmäßigen Anordnung. Hier sei aber weiterhin mit wenigen Worten noch auf gewisse Stileigentümlichkeiten im Aufbau der sechs Weltinseln hingewiesen. Jede trägt da ihren besonderen Wesenszug. Europa ist das Land der vorwiegend ostwestlich gerichteten Kettengebirge, die im Atlas nach Afrika, im Kaukasus nach Asien hinübergreifen. Afrika zeigt starren Schollenbau mit Bruchstufen und Gräben . In der Jordanspalte greift dieser Wesenszug nach Asien hinüber. Asien hat als größter Erdteil ein Doppelgesicht; von Randketten eingefaßte Hochländer mit gedrungenen Scharungen in Armenien, den Pamiren, Hinterindien ziehen, von West nach Ost sich immer breiter und gewaltiger auch in der Höhe aufbauend, durch den ganzen Erdteil. Ost asien aber nimmt einen entfernt ähnlichen Zug auf, der schon im nördlichsten Nordamerika mit den Aleuten einsetzt: wunderschön geschwungene Inselranken hängen sich wie Perlenschnüre an Halbinseln oder festlandnahen Inseln in regelmäßigem Wechsel auf, bis sie in der Sundaranke diese Stileigentümlichkeit nach Australien hinübertragen. Den beiden Amerika sind die wunderbar langgestreckten Meridionaldoppelketten (»Cordilleren«) mit den dem innerasiatischen Bau äußerlich vergleichbaren eingeschlossenen Hochländern eigentümlich. Australien-Ozeanien endlich zeigt im Festland Cordillerenbau, in den Inseln aber drei weitgeschwungene Bögen in ostasiatischer Art, die in der Antillenranke bis in den Atlantischen Ozean hineinschwärmen. Die den »Cordilleren« und Inselranken angeschmiegten ozeanischen Gräben, die untermeeriscnen Höhenrücken, wie zum Beispiel der S-förmige mittelatlantische, zeigen, daß auch die Weltmeere in ihrem Baustil sich den benachbarten Festländern anpassen. So stellt sich das Erdbild als ein wundervoll mannigfaltiger und doch gesetzmäßig, wie von Künstlerhand gestalteter Januskopf dar, dessen Anblick uns jeder gute »Erdapfel« oder Globus vermitteln kann, dessen Wesenszüge sich jedem, der sie einmal mit Verständnis gelesen, tief in die Seele einprägen und trotz ihrer Abgezogenheit es vermögen, das Preislied von der Schönheit der Erde darin zum Anklingen zu bringen. Diese Schönheit aber, die auch unser Gefühl ergreift, leuchtet am hellsten und farbigsten auf, wenn wir uns der dünnen Kugelschale des Lebens zuwenden, die die Erdkugel am Grunde des Luftmeers bis in die Tiefen der Weltmeere, am lieblichsten aber über den Landmassen umkleidet. Beweglichkeit ist das Kennzeichen alles Lebens. Unscheinbar erscheint uns die Beweglichkeit der Pflanzen in ihrem Wachstum allüberall, »lebhafter« schon in der Tierwelt; am beweglichsten und regsamsten aber ist überall der Mensch selbst, in dem sich die Lebenskraft der Erde, wenn man davon sprechen darf, am gewaltigsten bis jetzt offenbart hat. Er füllte die Erde und machte sie sich Untertan – und auch diese unendliche Mannigfaltigkeit des menschlichen Ringens mit den Gaben und Kräften der lebendigen Erde versucht unser Buch in Einzelbildern darzustellen, um der seelischen Erfassung der Erdheimat zu dienen: denn alle Erdkunde soll frohe Kunde von der Größe und Schönheit der Erde sein. I. Bilder aus der Arktis. 1. Die nordwestliche Durchfahrt. – 2. Die Suche nach dem offenen Polarmeere. – 3. Die nordöstliche Durchfahrt. – 4. Zum Nordpol. – 5. Nordenskjöld und Nansen auf dem Inlandeise Grönlands. – 6. Im Eisfjord auf Spitzbergen. – 7. Im nördlichen Polarmeer. Zugleich mit der Auffindung der Neuen Welt und der Seewege nach Indien setzt die neuere Nordpolarforschung ein, weil die Spanier und Portugiesen die neugefundenen Seewege aus dem Atlantischen Ozean in den Indischen und in den Pazifischen Ozean für Schiffe anderer Staaten sperrten, um die Handelsherrschaft sich zu wahren. Denn die Unternehmungslust besonders der Engländer und Holländer suchte nun auf neuen Wegen um die Norderdteile herum den eigennützigen Gegnern ein Schnippchen zu schlagen, da die neuen Straßen nach Nordwesten und Nordosten, um Nordamerika und um Nordasien herum, den Weg nach Indien abzukürzen versprachen und vor den eifersüchtigen Mitbewerbern sicher waren. Diese rein praktischen Beweggründe führten zwar nicht zu dem erwünschten Ziele, dienten aber einerseits der wirtschaftlichen Erschließung des Nordpolargebiets als vor allem andererseits der wissenschaftlichen Erforschung und kartographischen Festlegung der bisher ganz unbekannten arktischen Gebiete. Mehr und mehr wurden wissenschaftliche Absichten aller Art die Triebfedern der kühnen Erkundungsfahrten und Vorstöße gegen die nördliche Eiskappe unseres Planeten, und dieser ideale Zug des Erkenntnistriebes feierte dabei Sieg auf Sieg, wenn sich auch nicht leugnen läßt, daß eine Art Sportleidenschaft, die um jeden Preis den Pol selbst erzwingen will und sich der hohen Zahl der erreichten Grade und Minuten freut, manchmal dabei eingeschlichen ist.   1. Die nordwestliche Durchfahrt Quellen für 1-3: J. Löwenberg, Die Entdeckungs- und Forschungsreisen in beiden Polarzonen. Prag 1886 (F. Tempsky). – K. Hassert, Die Polarforschung. Leipzig 1902 (B. G. Teubner). durch die arktische Inselwelt Amerikas zum Stillen Ozean bemühten sich besonders die Engländer zu finden. Die Land- und Meernamen, die die Karte in diesem Gebiete nennt, halten die Erinnerung an die kühnen englischen Seefahrer fest. Die vorbereitenden Fahrten eines Martin Frobisher 1576/78 (vgl. Frobisherbai auf Baffinland), eines John Davis 1585/87 (vgl. Davisstraße), der den englischen Walfang in jenen Gegenden ins Leben rief, eines Henry Hudson 1607/11 (vgl. Hudsonstraße und -bai), eines William Baff in 1612/16 (vgl. Baffinsbai und -land) und anderer klärten die Polargegenden Nordamerikas auf, ohne doch die Durchfahrt zu finden. Die Lösung der Aufgabe wurde erst im Anfange des 19. Jahrhunderts, besonders auf das Betreiben John Barrows hin (vgl. Barrowstraße als Fortsetzung des Lancastersunds) wieder aufgenommen, und der englische Staat machte die Polarforschung zur Nationalsache. Ein Preis von 400 000 Mark wurde für die Auffindung der nordwestlichen Durchfahrt, eine Belohnung von 100 000 Mark für die Erreichung des 110. Grades westlicher Länge von Greenwich ausgesetzt. Edward Parry war schon 1818 als Begleiter von John Roß an die Tore der nordwestlichen Durchfahrt gelangt, und das Vertrauen der englischen Admiralität setzte ihn 1819 in den Stand, an der Spitze zweier stattlicher Segelschiffe »Griper« und »Hekla«, begleitet vom jüngeren Roß, Sabine und Beechey, die Flagge Englands so weit zu tragen, als es ihm die eigene Kraft und die Umstände gestatten würden. Am 8. Mai 1819 lichtete er die Anker, erreichte glücklich die Baffinsbai, wo er mit Glück die Zusammenstöße mit den mächtigen, schwimmenden Eisbergen vermied, und warf am 1. August Anker im Lancastersund , der ersten Station auf der Nordwestlinie. Wo ein Jahr vorher Wolkengebilde dem älteren Roß ein hemmendes Gebirge vorgetäuscht hatten, fand er eisfreies Wasser, und mit geblähten Segeln fuhr er in ein die zweite Station seiner Route, die Barrowstraße . Hier verzögerte sich zum ersten Male seine unter so günstigen Zeichen begonnene Fahrt durch vorgelagerte Eismassen. Er versuchte nach Süden auszuweichen, fand aber denselben widerstandsfähigen Feind, und außerdem drohte die Magnetnadel ihren Dienst zu versagen; befand er sich doch, ohne es zu ahnen, in der Nähe des magnetischen Nordpols. Mit kühnem Mut zwang er seine Fahrzeuge wieder westwärts, drang glücklich in den Melvillesund ein, gewissermaßen den Binnenhafen der nordwestlichen Durchfahrt. Schon hatte er den 110. Grad w. Gr. erreicht und damit den Preis von 100 000 Mark errungen, als ihn der arktische Winter nötigte, an der Südküste der Melville-lnsel den sogenannten Winterhafen aufzusuchen. Er war hier zehn volle Monate festgebannt im Eise, sah am 15. November 1819 die Sonne zum letztenmal untergehen, um 84 Tage die teure Himmelsbotin nicht wieder zu begrüßen. Mit Willenskraft und richtigem Blick suchte er seine Mannschaften in der so notwendigen Tätigkeit zu erhalten, überdachte die Fahrzeuge gegen Sturm und Kälte, ließ Boote und Tauwerk an Land bringen und sorgte in seiner großen Familie für Arbeit wie für Unterhaltung. Erst am 15. August 1820 wurden seine Fahrzeuge befreit aus der Eispresse, und sofort begann die Fahrt nach Westen; doch es sollte ihm nicht vergönnt sein, auch die letzte Strecke der Nordweststraße zu durchfahren; vor Banksland stand ihm die Eisbarre ohne jede Öffnung drohend im Wege und nötigte ihn zu eiliger Heimkehr. Die ganze Inselflur der amerikanischen Arktis wurde später ihm zu Ehren Parry-Archipel getauft. Obwohl der große Forscher in den Jahren 1821 bis 1823 die Lösung seiner Aufgabe in niederen Breiten versuchte, der Hudsonstraße auf den Schiffen »Fury« und »Hekla« folgend, sollte ihm die Lüftung des Schleiers auch an dieser Stelle nicht vergönnt sein. Auch eine dritte Fahrt 1824 war nicht vom Glück begünstigt. Von der irrigen Ansicht ausgehend, daß das Eis im höchsten Norden eine zusammenhängende, glatte Decke bilde, wollte Parry den Nordpol selbst erobern, und mit ungeschwächter Begeisterung warf er sich auf die Verwirklichung dieses neuen Gedankens, den er auf anderem Wege mit Hilfe des Schlittens auszuführen suchte. In Gemeinschaft mit Clark, Roß und Crozier stach er am 4. April 1827 mit der »Hekla« abermals in See und befand sich am 19. glücklich in Hammerfest, wo er acht Renntiere an Bord nahm. In nördlicher Fahrrichtung erreichte er im Kampfe mit widrigen Winden Spitzbergen; als jedoch die Reise nach dem Pol zu angetreten werden sollte, war die Jahreszeit (der arktische Sommer) schon zu weit vorgerückt. Er ließ die Renntiere samt dem Schiffe zurück, belud die Schlitten, die gegebenenfalls ebensogut als Boote verwendet werden konnten, für 71 Tage mit Vorräten und trat am 22. Juni seinen Marsch nach dem Pol an. Auf der ersten Strecke von 40 Stunden war das Eis glatt wie ein Spiegel, und man kam rasch vorwärts. Doch als man den Rand dieser Fläche überschritt, zeigten sich bereits die Wirkungen des warmen arktischen Sommers: das Eis war zerrissen, rauh, an manchen Stellen dünn und weich, von Kanälen durchschnitten, so daß der Vormarsch, besonders das Ziehen der Schlitten ungeheuer erschwert war. Man reiste nur bei Nacht, da bei Tage der Schnee das Auge zu sehr blendete; am Morgen wurde dann der Tag mit dem Abendgebet beschlossen, und sieben Stunden gab man sich einem erquickenden Schlafe hin auf treibenden Eisschollen. Zu den vorigen Beschwerden gesellte sich bald der Regen; oft hatte man in vier Stunden angestrengtester Arbeit nicht eine halbe Stunde Weges zurückgelegt; am 25. Juni war man unter 81° 13' n. B., am 29. desselben Monats unter 81° 23', am 23. Juli unter 82° 45' und am 26. Juli gar unter 82° 40' 23". Man war also auf dem nach Süden abtreibenden Eise rückwärts getrieben worden. 35 Tage hatte man sich übermenschlich abgemüht, den Pol zu erreichen, doch vergeblich. Unverrichteter Sache zwar, doch wohlbehalten, kehrte Parry zurück. Er hatte wenigstens den Erfolg, dem Pole so nahe gewesen zu sein, wie niemand vor ihm. Die englische Admiralität verweigerte in Zukunft die Mittel zur Erreichung eines als Hirngespinst erkannten Zieles und zog 1828 auch den Preis für die Auffindung der nordwestlichen Durchfahrt zurück. Doch jetzt tat die Privatunternehmung das ihrige. Der ältere Roß (John) rüstete mit Hilfe des reichen Privatmannes Felix Booth den Raddampfer »Victory« aus, um die nordwestliche Durchfahrt zu suchen. In Begleitung seines Neffen James Clarke Roß trat er am 29. Mai 1829 seine (zweite) Reise nach den arktischen Gegenden an. Nachdem er an der grönländischen Küste die Schäden der »Victory« ausgebessert, drang er durch den Lancastersund und die Barrowstraße; doch die Eisbarre zwang ihn, südwärts in die Prinzregentstraße abzubiegen. Er fand hier zu seiner Freude die 1824 von Parry als Wrack zurückgelassene »Fury« mit gut erhaltenen Lebensmitteln und Booten. Am 1. Oktober war er bis zum 70. Grad südwärts gelangt, als ihm auch hier Eismassen ein Ziel setzten. An der Ostküste einer nach Norden vorragenden Halbinsel des nordamerikanischen Festlandes, die er nach seinem Gönner Boothia Felix nannte, richtete er sich für den Winter ein; denn zwei volle Jahre hielt ihn das Eis gefangen; zwei Winter, in denen das Thermometer bis -50° R = 62 ½° C. fiel. Bei den Wanderungen über die schmale Halbinsel, die er mit geringen Vorräten und wenigen Gefährten unternahm, entdeckte er den durch Beobachtungen an der Magnetnadel vorher berechneten » magnetischen Nordpol « der Erde, jene Stelle, wo die Inklinationsnadel senkrecht steht. Sie liegt unter 70° 5' 17" n. Br. und 96° 46' 45" w. L. in einer trostlos öden Strecke der Westküste von Boothia Felix; er hißte an diesem für die Wissenschaft wichtigen Punkte die englische Flagge. Zwar gelang es, im Herbst 1831 die »Victory« aus der Eispresse zu befreien, doch unmöglich war es dem alten Seehelden, sie über die westliche Spitze der Halbinsel Boothia Felix hinauszubringen. Er mußte endlich die treue Gefährtin im Stich lassen und trat mit seinen Leuten die Wanderung an über Eis und Felsland nach jener Stelle, wo die »Fury« von Parrys Expedition lag. Hier verbrachten die Nordpolfahrer den vierten arktischen Winter in jenem furchtbaren Klima. Im Sommer 1833 endlich zwängte man sich mit den Booten der »Fury« durch bis zum Lancastersund, hoffend, daß Gott die Mutigen nicht verlassen werde. Ein Schiff zeigte sich, doch vergebens waren alle Anstrengungen, sich bemerklich zu machen. Nach langem, langem Warten erschien ein zweites, das sofort ein Boot aussetzte, sie aufzunehmen. Kein Mensch vermutete, in diesen bärtigen, von Schmutz starrenden, in Eisbärenfelle eingehüllten, bis auf die Knochen abgezehrten Gestalten europäische Landsleute zu finden. »Die ›Isabella‹ von Hull, einst von Kapitän Roß befehligt,« so rief der Steuermann den Ankömmlingen entgegen. 1818 hatte John Roß auf der Isabella seine erste Polarfahrt gemacht. »Der Kapitän Roß bin ich selbst, und das ist die Mannschaft der ›Victory‹«, entgegnete der erstaunte Seeheld. Der Steuermann starrte ihn ungläubig an; Roß hielt er längst für tot, und die »Isabella« war ausgesandt, die Spuren der Verschollenen zu suchen. So fügte es die gütige Vorsehung, daß die beiden Roß nach 4½jährigern Begrabensein im Eise des Nordens die Küsten Altenglands wieder erblickten. Der Gedanke einer nordwestlichen Durchfahrt ließ trotz der bittern Enttäuschungen die Gemüter nicht zur Ruhe kommen, und die Frage darnach kam wieder in Fluß mit John Franklin , der 1845 mit den Schiffen »Erebus« und »Terror« England verließ. Er war damals 59 Jahre alt und hatte Entdeckungsreisen in Australien und im arktischen Amerika schon ausgeführt. Den tüchtigen französischen Kapitän Crozier zur Seite, mit 129 Schiffsleuten und Vorräten für drei jähre, so ging er am 26. Mai mit großen Hoffnungen in See. Von Walfängern aus der Baffinsbai erhielt man von ihm Berichte aus dem Juli 1845. Es waren die letzten, die man überhaupt von ihm empfing. Als nach drei Jahren noch keine Nachricht über seine Unternehmung eingegangen war, legte sich die bange Ahnung, daß ihm irgendein Unglück zugestoßen sein müsse, beängstigend auf alle Gemüter. Doch nicht dumpfe Verzweiflung machte sich breit, sondern ein tatkräftiger, rühmlicher Wetteifer, der kein Opfer scheut, den Unglücklichen womöglich Rettung zu bringen, oder mindestens Gewißheit über ihr Schicksal zu schaffen. Man mußte den Vermißten auf dem Wege folgen, der sich nach ihrer Aufgabe vermuten ließ. Drei Möglichkeiten lagen vor: entweder mußte man sie in den Sunden der nordwestlichen Durchfahrt und ihrem Inselgewirre oder an Amerikas Nordküste oder endlich in der Nähe der Beringstraße suchen. Und aus diesen Umständen erklären sich die zahlreichen Arktisfahrten, die zwar wenig über Franklins Schicksal, viel dagegen für die Wissenschaft ergaben, und die über dreißig Jahre lang den edelsten Wetteifer der Engländer und Amerikaner im Dienste der Menschlichkeit bekundeten. Im Jahre 1850 waren nicht weniger als 16 Schiffe zur Aufsuchung Franklins unterwegs. Dampfkraft und Pulver sollten ihnen den Weg durch die Welt von Eis bahnen helfen, Kanonendonner den Vermißten Rettung verkündigen, kleine Luftballons sollten Tausende von bedruckten Papierstreifen durch die Lüfte tragen und ihnen die Kunde naher menschlicher Hilfe bringen. Doch nur gering waren die Erfolge der gewaltigen Anstrengungen; von Franklins Leuten fand man nur das letzte Winterlager und drei Gräber auf der kleinen Beecheyinsel am Eingange der Barrowstraße. Unter den 16 Schiffen, welche im Jahre 1850 ihre Tätigkeit begannen, war besonders der ›Investigator‹ unter Mac Clures (spr. mäkluhr) Führung glücklich, insofern er zwar nicht Franklin, wohl aber die von diesem und so manchem andern vergeblich gesuchte nordwestliche Durchfahrt fand. Mac Clure war der erste Offizier Sir Richard Collinsons , des Befehlshabers der ›Enterprise‹, und beide wollten von der Beringstraße aus, wo zwei Stationsschiffe mit Vorräten ihrer harrten, nach den arktischen Inseln Amerikas vorgehen. Die beiden Schiffe hatten jedoch ganz verschiedene Geschwindigkeit, und so kam es, daß, als Mac Clure in Honolulu (Hawaiiinseln) eintraf, Collinson diesen Hafen bereits verlassen hatte. Um nicht von der Ehre der Entdeckung ausgeschlossen zu sein, nahm Clure einen viel geraderen Weg nach der Beringstraße, fand aber seinen Admiral Collinson nicht vor und machte sich allein an die Lösung der Aufgabe. Am 2. August 1850 umfuhr er Kap Barrow (Nordküste Amerikas), am 9. September erreichte er nach unendlichen Mühen in jener Einöde des Polareises die Südspitze der Insel Banksland, und von hohem Bergesgipfel erblickte er die zwischen Banks- und Prinz-Albertland hindurchführende Prinz-Walesstraße, die in den Melvillesund mündet. Es gelang ihm nicht, in demselben Jahre die Straße ganz zu durchfahren; 7½ geographische Meilen vom Melvillesund entfernt, mußte er inmitten gewaltiger Packeismassen überwintern. Die Winterzeit benutzte er, um auf dem Schlitten sich seiner Entdeckung zu vergewissern. Doch seine Hoffnung, im nächsten Sommer den »Investigator« vollends zum Melvillesund vorzuschieben, erfüllte sich nicht, weil das Eis sich nicht in Bewegung setzte. Er fuhr rückwärts, um auf der Nordseite von Banksland durch die Banksstraße, die wohl nach ihm auch Mac Clurestraße genannt wird, seine Entdeckung vollständig zu machen. Doch nur mit Pulversprengungen war es möglich, vorwärts zu dringen, und schon am 24. September 1851 fror er wiederum ein, um sich nun volle zwei Jahre aus jenen Eismassen nicht wieder zu entfernen. Auch von hier aus erreichte er auf Schlitten den Melvillesund, fand eine Urkunde von Leutnant Clintock, die ein Jahr früher dort niedergelegt war, und schloß seinerseits ein Schriftstück bei. Als die Vorräte mehr und mehr schwanden, die Zuteilungen für die Mannschaften immer kleiner werden mußten und auch der dritte Sommer keine eisfreie Straße herstellte, da wurde seine Lage verzweifelt. So kam es, daß in einer Beratung am 30. März 1853 beschlossen wurde, daß 26 Mann den Weg übers Eis ostwärts nach der Barrowstraße, sechs dagegen die Richtung südwärts nach dem Mackenzie nehmen sollten, um wieder in bewohnte Gegenden zu gelangen. Der 15. April sollte der Tag des Aufbruches sein. Am 5. hatte Mac Clure seine Briefe geregelt, am 6. aber erscholl plötzlich der Ruf: »Leutnant Pim vom ›Herald‹«. Dieser gehörte einer vom Osten vordringenden Expedition an (Kellet), welche Mac Clures Urkunde auf der Melvilleinsel gefunden hatte. Pim war mit Hundeschlitten zu Hilfe gesandt worden. Mac Clure ließ sein Schiff im Stich und vollendete so 1853 die Durchfahrt nach dem Atlantischen Ozean auf den Schiffen seiner Retter. So war das Rätsel der lange gesuchten Nordwestdurchfahrt fast gelöst . Mac Clure erhielt dafür 200 000 Mark. Collinson aber hatte mit seinem großen schwerfälligen Schiffe die Viktoriastraße und damit in der Nähe von Boothia Felix den dritten Anschluß an die alten Entdeckungen gefunden, da er aber sein Schiff als braver Seemann nicht aufgeben wollte, kehrte er durch die Beringstraße zurück, ohne die Durchfahrt zu vollenden. Obwohl er ihre Möglichkeit auch nachgewiesen hatte, erhielt er nichts von dem ausgesetzten Preise. Von Franklin freilich wußte man blutwenig. Auf die dringenden Bitten der Gattin des unglücklichen Nordpolfahrers setzten sich 1853 Kapitän Inglefield und Elisha Kane, ein Arzt, an die Spitze einer von dem Amerikaner Grinnell ausgerüsteten Unternehmung, um in dem vermuteten offenen, eisfreien Meere, nördlich von der Baffinsbai, die Forschungen fortzusetzen. Glücklich gelangte die kleine Zahl mutiger Männer in den Smithsund an Grönlands Westküste (78°) und von hier aus auf Schlitten bis zum 82.° n. Br.; die Küstenstrecken mit ihren durch herabhängende Gletscher ausgefüllten Fjorden wurden genau untersucht und aufgenommen, die Tier- und Pflanzenwelt, sowie die Temperatur, die Eisbildungen jener Breiten genau erforscht, doch eine Spur der Vermißten suchte man vergebens. Ihr Schicksal wurde durch John Rae aufgehellt, welcher 1853 auf Boothia Felix mit Vermessungen tätig war: nach den Berichten dortiger Eskimos waren im Frühling 1850 gegen 40 weiße Männer an der (westlich von Boothia Felix gelegenen) König-Williamsinsel gesehen worden, welche mit einem Boote und Schlitten nach Süden zogen. Von ihnen waren später 35 als Leichen in der Nähe des Back- oder großen Fischflusses gefunden worden. Rae brachte auch aus den Händen der Eskimos Gegenstände mit, die sicher einst Eigentum der Franklinschen Expedition gewesen. So stand denn endlich fest, daß Franklin nicht nach Norden und Westen vorgedrungen war, sondern daß er den Weg nach Süden, nach den Stationen der Hudsonsbailänder gesucht. Daraufhin fand am 6. Mai 1859 Leutnant Hobson vom »Fox«, der unter der Führung von Mac Clintock von Franklins Gattin ausgesandt war, auf Point Victory der Nordwestküste von König-Williamsland unter einem Steinhaufen eine Blechbüchse mit einem Schriftstück folgenden Wortlautes: »Ihrer Majestät Schiffe ›Erebus‹ und ›Terror‹ überwinterten im Packeise am 28. Mai 1847 in 70° 5' n. Br., 98° 23' w. Gr. Überwinterten 1846-47 auf Beecheyinsel in 74° 43' 28" n. Br., 91° 39' 15" w. Gr., nachdem sie im Wellingtonkanal bis 77° hinaufgefahren und an der Westseite der Cornwallisinsel zurückgekehrt waren. Sir John Franklin kommandiert die Expedition. Alle wohl!« Die Umschrift lautete: »25. April 1848. Ihrer Majestät Schiffe ›Erebus‹ und ›Terror‹ wurden am 22. April 1¼ geographische Meilen nordnordwestlich von hier verlassen, nachdem sie seit dem 12. September 1846 eingefroren waren. Die Offiziere und Mannschaften, bestehend aus 105 Mann, unter dem Befehl von Kapitän Crozier, landeten hier in 69° 37' 4" n. Br. und 98° 4' w. Gr. Dieses Papier wurde durch Herrn Irving unter dem Steinhaufen gefunden, von dem man vermutet, daß er von Sir James Roß 1831 eine geographische Meile nördlich erbaut sei. Hier wurde es niedergelegt durch den verstorbenen Kommandeur Gore im Juni 1847. Sir James Roß' Steinhaufen war nicht mehr vorhanden, dieser Bericht aber da niedergelegt, wo derselbe stand. Sir John Franklin starb am 11. Juni 1847, und der ganze Verlust durch Tod in der Expedition war bis heute 9 Offiziere und 15 Mann. – I. R. Crozier, Kapitän und ältester Offizier, James Fitzjames, Kapitän I. Maj. S. ›Erebus‹, reisen ab, morgen am 26. nach Backs=Fischfluß –.« Verschiedene Gegenstände: Kleider, Eßwaren, Schaufeln, Kochgeräte, ein Arzneikasten, etwas weiter südlich zwei Boote mit einer Menge von Kleidungsstücken, zwei Menschengerippen, fünf Taschenuhren, silbernen Löffeln und Gabeln, religiösen Büchern und einer geladenen Doppelflinte wurden gefunden; das eine Boot lag an der Südküste von König-Williamsland, gegenüber der Mündung des großen Fischflusses (Backflusses). Was aus den Leuten geworden, darüber herrschte Todesschweigen. Im Jahre 1878 durchsuchte der nordamerikanische Marineoffizier Schwatka als Führer des »Cothen« nochmals die König-Williamsinsel nach Überresten der Franklinschen Polfahrt. Als das Packeis den »Cothen« festbannte, unternahm er die größte, je gemachte arktische Schlittenreise, die ihn erst nach 11 Monaten und 4 Tagen zu seinem Schiffe zurückgelangen ließ, und auf welcher er 5232 km zurücklegte. Obwohl das Thermometer Anfang des Jahres 1880 wochenlang bis -57 °C anzeigte, drang die kühne Schar, nach Eskimoweise lebend, doch unaufhaltsam vorwärts. Die Insel König-Williamsland und die gegenüberliegende Festlandsküste von Nordamerika wurden gründlich untersucht. Man fand noch Gebeine von Franklins Leuten und bestattete sie, aber keinerlei Aufzeichnungen der Unglücklichen. Wie entsetzlich die Leiden der Ärmsten gewesen sein müssen, das erkannte man unzweideutig daraus, daß die Unglücklichen in der äußersten Not das Fleisch der toten Genossen nicht verschmäht hatten. Ihre Aufzeichnungen waren den Eskimos in die Hände gefallen und verloren. Den Spuren Collinsons folgend und die Rae-Straße, welche König-Williamsland vom Festlande trennt, nach dem Rate Mac Clintocks benutzend, ist es in den Jahren 1903-1907 Roald Amundsen mit nur sieben Leuten an Bord seines kleinen Schiffes Gjöa gelungen, die nordwestliche Durchfahrt in der Richtung von Ost nach West zu erzwingen. Zum Zwecke magnetischer Beobachtungen überwinterte Amundsen auf König-Williamsland im »Gjöahafen« an der Rae-Straße. Schlittenreisen zumeist in Begleitung von Eskimos, von denen die Reisenden den Schneehüttenbau erlernten, brachten Kunde von neuem Lande im Norden, auch der magnetische Pol auf Boothia wurde besucht. Durch die Simpsonstraße südlich von König-Williamsland gelangte die Gjöa in das inselreiche Dronning-Maud-Meer südlich von Viktorialand und dann, längs der Nordküste des Festlandes hinfahrend, glücklich durch die Beringstraße nach dem Goldgräberhafen Alaskas, Nome. Ein Mitglied der sieben Tapferen hatte sein Leben lassen müssen infolge einer Rippenfellentzündung. Bei Königs-Spitze, westlich vom Mackenziedelta, dem Winterlager 1905/6, liegt das Grab Gustav Juel Wiiks. Die Fahrt Amundsens löste endlich die Aufgabe der nordwestlichen Durchfahrt um Nordamerika herum zum Stillen Ozean; Verkehrsvorteile freilich konnte man von dieser Lösung nicht mehr erwarten.   2. Die Suche nach dem offenen Polarmeere wurde besonders rege durch die Nordamerikaner betrieben. Inglefield und Dr. Kane hatten im Smithsund zwischen Grönland und Ellesmeereland auf der Suche nach Franklin im Norden eisfreies Meer gesichtet und eine Zunahme des tierischen Lebens gefunden. Daraus schloß man, von dort aus in ein weites offenes Polarmeer gelangen zu können, das durch das warme Wasser eines Golfstromzweiges offen gehalten werde. Es gälte nur, die Packeiszone, die davor lagere, zu überwinden und man habe leichte Fahrt zum Pole. Diese wissenschaftliche Täuschung vom offenen zirkumpolaren Meere, die auch der deutsche Gelehrte August Petermann verfocht, führte zu einer Reihe kühner Vorstöße, anfangs besonders durch den Smithsund, die wenigstens die Inselnatur Grönlands zur Gewißheit machten, aber weder das offene Polarmeer noch den Pol fanden. Der Arzt Isaak Hayes setzte die Forschungen Dr. Kanes fort, indem er 1860 mit ungeheurer Anstrengung längs dem Gestade von Grinnell-Land durch den Kennedykanal und den Packeisgürtel nach Norden vordrang und in morschem Eis und dunklem Himmel Anzeichen der gesuchten »Open Polar Sea« zu finden meinte. Die denkwürdigste Fahrt, die diesem Zwecke diente, wurde unter dem kühnen amerikanischen Kapitän Hall im Jahre 1871 auf dem sorgfältig ausgerüsteten Schraubendampfer »Polaris« ausgeführt. Von Deutschen begleiteten ihn: der Ingenieur Emil Schumann, der Arzt und Naturforscher Dr. Emil Bessels aus Heidelberg, der den Reisebericht schrieb, und der Meteorolog Friedrich Meyer. Auch unter den Matrosen waren zahlreiche Deutsche. Dazu kamen die wegkundigen Begleiter Kanes und Hayes, der Steuermann Morton und der Eskimo Hans Hendrik. Außerdem bewog Hall eine Eskimofamilie zur Mitfahrt: Joseph, Hannah und Pannik: Vater, Mutter und Tochter, die als Dolmetscher und als Jäger gute Dienste leisten sollten. Von Neuyork stach die »Polaris« am 29. Juni 1871 in See, gelangte an der Westküste Grönlands entlang schon am 24. August in den Smithsund und arbeitete sich in dem engen Robesonkanal zwischen Eismassen bis 82° 26' durch, eine bisher von keinem Schiffe erreichte Leistung. Hier jedoch war das Glück des Sternenbanners zu Ende. Nebel und Eis drohten dem Schiffe den Untergang, aber aus dem Mastkorbe hatte man nordwärts offenes Fahrwasser gemeldet und taufte die weite Meeresfläche Lincolnsee. Im »Gottseidankhafen« an Grönlands Westküste überwinterte man in 81° 38' n. Br. Ringförmige Bauten, Harpunen, Lanzenspitzen und Schlittenkufen deuteten darauf hin, daß das menschliche Leben auch in diesen Breiten nicht ganz erstorben war; Moschusochsen, Eisbären, Füchse, Lemminge boten reiche Jagdbeute; ja selbst Bienen und Schmetterlinge fehlten nicht; im Sommer kleidete eine Moosdecke den Boden, durchwebt von rot- und blaublühenden Alpenpflanzen. Starkes Treibholz lieferte ausreichend Brennstoff. Den anstrengenden Eismärschen erlag Hall am 7. November 1871. Kapitän Buddington übernahm an seiner Statt den Oberbefehl. Seine Bemühungen, im Sommer 1872 nordwärts vorzudringen, mißglückten, zumal die »Polaris« leck geworden war. Mit schwerem Herzen kehrte man um an der Pforte des offenen Polarmeeres – wie man meinte. Bis zum 15. September zwängte man das Schiff durchs Eis; dann mußte man es verlassen. Man brachte Instrumente und Vorräte aufs Eis. Da brach plötzlich die gewaltige Scholle, und 19 Personen, darunter neun Eskimos, die zufällig auf dem abgebrochenen Eisfelde waren, trieben darauf mit dem Sturme südwärts, und bald waren Schiff und Gefährten ihren Blicken entschwunden. Kapitän Tyson, Obersteward Heron, der Meteorolog Friedrich Meyer, sieben Matrosen und neun Eskimos – unter ihnen Hans Hendrik mit seinem einen Säugling nährenden Weibe – bildeten die Besatzung des wunderlichen Wracks. Der Mundvorrat für diese Gesellschaft von 14 Erwachsenen und fünf Kindern betrug 800 Pfund, während der Feuerungsvorrat – zwei Säcke Kohlen – kaum einige Tage ausreichen konnte. Da man nicht wußte, wie lange man von menschlicher Hilfe entfernt sein konnte, beschloß man, täglich nur zwei karge Mahlzeiten zu halten, die über einer Tranlampe erwärmt wurden. Besonders lästig war den unfreiwillig Reisenden der Wassermangel, welcher die Reinlichkeit fast unmöglich machte. Die Hütte auf dem schwimmenden Eisfelde war namentlich zur Zeit der Dunkelheit und des Schneegestöbers ein unheimlicher Ort. Als im November der Eskimo Joseph so glücklich war, einige Seehunde zu erlegen, war das blutreiche Fleisch ein rechtes Labsal, und eine zweite Tranlampe machte die Hütte wohnlicher hinsichtlich des Lichtes wie der Wärme. Doch die Polarnacht verbot ihnen endlich auch die Jagd, und bald trat das Gespenst der Hungersnot drohend vor ihre Augen; auf Licht und Wärme mußte man ebenfalls verzichten. Am Weihnachtsfest saßen die 19 Menschen hungernd, frierend, in Schmutz starrend in ihrer Hütte; ein bis zwei Lot zurückgelegter Schinken, ebensoviel Zwieback, fünf Lot Pemmikan und etwas gefrorenes Seehundblut bildeten ihr Weihnachtsmahl. Am 1. April 1873 trat zu den ihnen längst vertrauten Gefahren ein furchtbarer Sturm, ihre Eisscholle wurde zertrümmert, und das nasse, eiskalte Wasser nahte sich drohend ihrer Hütte. Als die Scholle immer kleiner und kleiner wurde und kein anderes Eisfeld sich zeigen wollte, sprangen sie ins Boot, um das im Westen vermutete Packeis zu erreichen. Doch das für sechs Personen berechnete, aber mit 19 Mann belastete Fahrzeug konnte nur dadurch über Wasser erhalten werden, daß man Bettzeug und Mundvorrat – freilich mit blutendem Herzen, über Bord warf. Sobald man eine nur irgendwie geeignete Scholle fand, sprangen die Männer darauf – nur Frauen und Kinder ließ man im Boote – und trieben so nach Süden. Die Jagd war im April wenig ergiebig, der Hunger wütete in den Eingeweiden, die Scholle schmolz wiederum zusammen, so daß man jeden Augenblick gefaßt sein mußte, ins Boot zurückzukehren. Sieben Monate war man nun unterwegs, und aus 77° n. Br. war man in die Nähe des 54. gelangt. Schon zeigte sich hie und da die Küste von Labrador und endlich auch die Rettung. Der englische Walfänger »Tigress« nahm die Schollenfahrer auf, und sie trafen sämtlich wohlbehalten in Washington ein. Ihre 14 Genossen von der »Polaris« hatten aus dem lecken Schiffe zwei Boote gezimmert, waren nach Süden gefahren und wurden in der Melvillebai von einem schottischen Walfischfänger gerettet. Eine 1875 ausgefahrene englische Expedition unter Kapitän Nares . drang von Grantland aus bis 83° 20' 26" vor, fand nichts als gewaltige Eismassen statt des gesuchten Seeweges zum Pole und faßte ihren Mißerfolg in das Telegramm zusammen: The North-Pole impracticable , der Nordpol ist unerreichbar. Doch zeigten Schlittenreisen, daß die grönländische Küste rasch nach Osten umbog, eine Stütze mehr für die Ansicht, daß Grönland eine Insel sei. Auch die amerikanische Forschungsreise in den Smithsund unter Leutnant Greely scheiterte vollständig. Der tapfere Leutnant Lockwood drang zwar bis 83° 30-1/3' nach Norden vor, fand aber 1883 bei Kap Sabine auf Ellesmoreland den Hungertod mit vielen seiner Gefährten, nur 6 von 25 kehrten mit Sammlungen und Küstenaufnahmen zurück. Erst dem amerikanischen Marineingenieur Peary glückte es, die Inselnatur Grönlands festzustellen. Seit 1891 ist der kühne Mann jahrelang in Nordgrönland tätig gewesen, hat bei 83° 39' die Nordspitze Grönlands gefunden und ist Schritt für Schritt polwärts vorgedrungen. Die Umsegelung Grönlands, die der Norweger Kapitän Otto Sverdrup vom Smithsund aus 1898-1902 erzwingen wollte, gelang nicht, dafür fand er »neues Land« im Westen von Ellesmoreland: König Oskar-Land, Axel-Heibergland usw. Peary aber, der am 20. April 1906 schon eine Breite von 87° 6' erreicht hatte, aber wegen Nahrungsmangels und Ermattung umkehren mußte, konnte nach über zwanzigjähriger, immer wiederholter Anstrengung im Frühjahr 1909 seinen Ehrgeiz, den Pol zu erreichen, durchsetzen. Mit seinem treuen Schiffe »Roosevelt« war er im Sommer 1908 durch den Kennedy- und Robesonkanal glücklich bis Kap Sheritan auf Grantland gekommen und dort eingewintert. Schon am 15. Februar 1909 verließ er mit Schlitten das Schiff und fuhr erst an der Küste von Grantland bis zu dessen Nordspitze, dem Kolumbiakap. Und dann ging es übers Meereis nordwärts; vom 2.-11. März verlor der kühne Mann viel Zeit durch Rinnen offenen Wassers, ebenso am 15. März nördlich von 84° – am 29. März jenseit 87°. Am 2. April überschritt er den 88. Breitengrad, den 89. am 4. April und am 6. April 1909 stand er am Nordpol und pflanzte das Sternenbanner auf dem beweglichen Eise auf. Auch die Rückfahrt ging glücklich von statten. Nur ein Mitglied dieser letzten Pearyfahrt hatte infolge eines Unglücksfalles an einer offenen Rinne im Eise seinen Tod durch Ertrinken gefunden. »Der wahre Forschungsreisende tut sein Werk nicht in der Hoffnung auf Lohn oder Ehre, sondern weil die Sache, die er sich vorgenommen, einen Teil seines Wesens bildet und nur um ihrer selbst willen ausgeführt werden muß.« (Peary am 15. Dezember 1906.) * * * Der deutsche Geograph August Petermann hatte wohl den Gedanken des offenen Polarmeeres verfochten, aber den Weg durch den Smithsund von Anfang an für verkehrt gehalten. Als nun die Amerikaner trotz wiederholter Vorstöße dort wirklich keinen Erfolg hatten, drang er um so mehr darauf, daß sein Rat, zwischen Grönland und Nowaja Semlja zum Pole vorzudringen, von den Deutschen befolgt werde. Auf dem ersten deutschen Geographentag 1865 in Frankfurt a. M., der unter Petermanns Leitung stand, faßte man denn auch den Entschluß, für das nächste Jahr eine deutsche Nordpolfahrt auszurüsten, die freilich, abgesehen von einer mißlungenen Vorbereitungsfahrt 1865, wegen des 66er Krieges erst 1868 zur Ausführung kam. Aber die Unternehmung des Kapitäns Koldewey auf der kleinen Jacht »Germania« erreichte nicht viel, so daß 1869 auf Petermanns Betreiben eine neue größere »Germania«, ein Dampfer, und mit ihr ein Segelschiff, die »Hansa«, von neuem in See stachen, der Dampfer unter Koldewey , der Segler unter Kapitän Hegemann . Sie sollten an der Ostküste Grönlands möglichst weit nach Norden vorzudringen suchen, dabei Lage und Natur des Landes aufhellend. Am 20. Juli aber, als dichter Nebel das Meer bedeckte, wurden die beiden Schiffe für die ganze Dauer der Expedition voneinander getrennt. Die »Hansa« blieb im Treibeis der Ostküste festsitzen und trieb darin südwärts, bis sie zerdrückt sank. Lassen wir uns das Schicksal der Hansamannschaft durch ihren ersten Steuermann Hildebrandt selbst erzählen: »Unser erster Versuch, die Küste zu erreichen, mißlang. Wir waren nur so weit westlich vorgedrungen, daß wir die Ostküste Grönlands in schwachen Umrissen sahen, und da wir, mit dem Eisstrome immer weiter südlich treibend, nicht darauf rechnen konnten, durch die dichten Eismassen und eng aneinander liegenden Eisberge hindurchzukommen, steuerten wir weiter, dem freien Wasser im Osten zu, um dort nördlicher zu gehen und einen zweiten Vorstoß zur Küste hin zu versuchen. Die »Germania« hatte, wie sich später ergab, während dieser Zeit an der Eisgrenze gelegen und war, als wir das freie Wasser gewonnen hatten, in den Eisgürtel hineingegangen. Auch sie hatte das nämliche Mißgeschick wie wir, sie mußte wieder hinaus in das offene Meer, um einen zweiten Versuch zu wagen. Zu derselben Zeit saßen wir aber schon wieder tief im Eisgürtel und hatten etwa nur noch sieben bis acht deutsche Meilen bis zur Küste zurückzulegen, als wir dermaßen von dem Eise erfaßt wurden, daß ein Entrinnen unmöglich wurde. Wir kannten die Gefahren, die uns drohten, allein wie sollten wir uns dagegen schützen? Einige Wochen hatten wir schon so dagelegen und waren mit dem ganzen Eislabyrinth mehrere Grade nach Süden getrieben. Manche Schneestürme hatten ungeheure Schneemassen über uns ausgeschüttet und das Eis in die heftigste Bewegung gebracht, ohne jedoch dem Schiffe Schaden zu tun. Allein es war unmöglich anzunehmen, daß es auch ferner so gehen würde; die hohen Eisdämme und Eisfelder, die uns umschlossen, mußten dem Schiffe endlich verderblich werden. Wir beschlossen daher, um für alle Fälle gerüstet zu sein, aus den Steinkohlenbriketts, welche wir für die »Germania« mitgenommen hatten, auf der größten der neben uns liegenden Schollen ein Haus aufzubauen. Ende September begannen wir dieses eigentümliche Bauwerk aus Schnee, Wasser und Kohlen und beendeten es zu unserer nicht geringen Freude am 16. Oktober. Wir hatten für uns 14 Mann eine Art Stall errichtet, der mit seinen schwarzen niedrigen Mauern auf dem weißen Schneefelde allerdings einem Sarge ähnlicher sah als einer Behausung. Kaum hatten wir für das Haus, welches 6 m lang, 4 m breit und 2 m im Giebel und ohne Fenster war, eine Tür gemacht, als auch die Stunde des Unterganges der »Hansa« geschlagen hatte. Am 19. Oktober, als wir gerade unsere gewöhnlichen Tageseinträge über Wind und Wetter machen wollten und draußen der Schneesturm mit seiner ganzen Kraft tobte, fing das um uns liegende Eis dermaßen an zu tosen und gegen das Schiff zu pressen, daß die Balken zu brechen drohten, die Deckplanken sich bogen und das Pech wie Staub aus den Nähten sprang. Wir eilten auf das Verdeck, das Schneetreiben ließ uns nicht die allernächste Umgebung erkennen. Wir hörten nur das Seufzen und Stöhnen des Schiffes und fühlten, wie es bei jeder neuen Pressung unter unseren Füßen bebte. Dann war es wieder einen Augenblick still, und nur die umgebenden Eismassen hörte man sich auftürmen und wieder zusammenstürzen. Schon glaubten wir der Gefahr entronnen zu sein, als neue Eismassen gegen das Schiff andrängten. Diesen neuen Pressungen konnte es nicht widerstehen; 4 m hoch und fast 2 m querfeldein geschoben, sank es, als die Eismassen sich auseinander taten, als Wrack in das Wasser zurück, um nach 36 Stunden auf dem Meeresgrunde zu ruhen. Wir hatten diesem Schiffsunglück natürlich nicht mit müßigen Händen zugesehen. War anfänglich nur eine geringe Menge Mundvorrat auf die Scholle geworfen worden, so lag jetzt schon ein großer Teil darauf, und hierzu Zeug, Feuermaterial, ein großes Faß Seehundsspeck, Seehunds- und Eisbärenfelle, der Kochherd, die drei Boote, überhaupt alles, was in der Eile aufgerafft werden und uns von Nutzen sein konnte. Nach dem Verschwinden der »Hansa« war unsere nächste Arbeit, die neue Wohnung besser und wohnlicher zu gestalten. Nach acht Tagen hatten wir es auch so weit gebracht, daß uns, obgleich die Kopfkissen noch an den Haaren festfroren, doch wenigstens nicht mehr vollständige Sturzbäder von dem lecken Dache ins Gesicht flossen. Mit der Zeit wurde unsere Ansiedelung immer wohnlicher. In der Mitte stand das Wohnhaus, links dahinter ein Schneehaus, nicht weit davon ein anderes, welches als Waschhaus diente; dann standen die drei Boote verteilt, und endlich war, um bei unsern langen Spaziergängen nicht die Richtung zu verlieren, ein Flaggenstock aufgepflanzt, die vormalige Bramstange der »Hansa«. So trieben wir mit unserm ganzen Haushalt auf einem Eisgrund immer südlicher und an der ostgrönländischen Küste entlang, ohne jemals den Versuch, sie zu erreichen, glücken zu sehen. Um uns frisch und gesund durch Tätigkeit zu erhalten, wurde eine stetige Arbeitszeit eingehalten und befolgt. Arbeit war auch immer genug da. Bald waren wir so tief eingeschneit, daß wir keinen Ausweg finden konnten. Dann wurde ein unterirdischer Gang von ungefähr 8 m Länge zur Oberfläche geschaufelt; bald waren die Boote mit Schnee bedeckt und mußten wieder ausgegraben und von neuem segelfertig gemacht werden. Es wurden Rundhölzer zum Heizen zerhauen, Matten über unseren Eisboden geschlagen usw. Es galt nun einmal, unser Leben auf alle Weise zu erhalten. Jeder legte daher selbst gern Hand an, um alles das zu besorgen, was zu unserem Unterhalt not tat. An schönen Tagen machten wir lange Streifzüge über das Eis, um Jagd auf Bären oder anderes Getier anzustellen zur Vermehrung unserer Vorräte. Unaufhaltsam trieben wir mit der Scholle und zwar, abgesehen von den häufigen Schneestürmen, ohne Ungemach weiter und hatten das neue Jahr 1870 schon begrüßt, als wir aus unserem ruhigen und geregelten Leben auf eine höchst unangenehme Weise herausgerissen werden sollten. Der 2. Januar 1870 brachte abermals einen schweren Schneesturm, so daß in Zeit von fünf Minuten unser Feld, welches einen Umfang von zwei deutschen Meilen, eine Stärke von ungefähr 18 m hatte, bis auf den achten Teil der ganzen Größe verkleinert ward. Unser Wohnraum, der nur 400 Schritte von dem Rande stand, blieb aber glücklicherweise unversehrt. Aber schon einige Tage darauf sollte unsere kleine Scholle, die inzwischen mehr und mehr ein Spielball der sie umgebenden größeren war, gerade zu brechen, wo unsere Ansiedelung stand. Der Bruch ging quer durch den Boden unseres Hauses. Wir flüchteten so, wie wir waren, auf einen noch fest zusammenhängenden Teil der Scholle. Jetzt war guter Rat teuer. Soweit Nacht und Schneegestöber uns zu sehen gestatteten, wirbelten Eismassen durcheinander, welche uns jeden Augenblick erdrücken konnten. Wir wurden mit unserer Scholle hinaus in ein großes, eisfreies Wasser gedrängt, wo unser Grund und Boden ein Spiel der Wellen und der Dünung wurde. Beim Heben durch die Wellen brach ein Stück nach dem andern durch die eigne Schwere ab. Und doch wäre ein Verlassen der Scholle zu Boot sicher unser Untergang gewesen. Nachdem wir drei Tage so umhergetrieben und unter freiem Himmel ohne jegliches Obdach dem Sturme Trotz geboten hatten, legte sich das Unwetter. Sogleich wurde die günstige Zeit benutzt, um aus dem Rest des alten Hauses ein neues aufzubauen. Am Morgen fingen wir diesen Bau an, des Abends war er fertig und wurde bezogen. Aber der neue Aufenthalt bot im Vergleich zu unserer früheren, mit einer gewissen Behaglichkeit ausgestatteten Ansiedelung einen traurigen und ärmlichen Anblick dar. Eßgeschirr, Kleidungsvorrat, Bettzeug usw., davon war keine Spur mehr zu finden. Alles das war mit dem alten Hause zugrunde gegangen. Die übriggebliebenen Steinkohlenwände lieferten Feuerung; denn unser Holzlager war verschwunden. Indes so gut es ging, setzten wir uns auf der kleinen Scholle wieder in erträglichen Zustand. Bären-, Seehunds- und Walroßspeck dienten auch zum Leuchten und Heizen, das Fleisch dieser Tiere ergänzte den zusammengeschmolzenen Mundvorrat. Im März gerieten wir mit unserem Stück Treibeis in einen Malstrom, in welchem wir das Vergnügen hatten, vier Wochen hindurch uns im Kreise herumzudrehen, bis wir endlich durch einen günstigen Wind herausgesetzt wurden und unser Eisfloß seine Reise weiter nach der Südspitze Grönlands antreten konnte. Die Nächte wurden allmählich kürzer, und mit den längeren und wärmeren Tagen stärkte sich unsere Hoffnung auf endliche Rettung. Wir hatten uns mehr und mehr einem Küstenstriche genähert, wo wir erwarten konnten, Eingeborene zu treffen. Unserem bis auf ein Restchen verminderten Stück Eis trauten wir den Widerstand gegen einen schweren Sturm nicht mehr zu. Wir beschlossen daher, bei der nächsten Gelegenheit, d. h. sobald sich zwischen den Schollen Kanäle bilden würden, breit genug, um unsere Boote hindurchzubringen, aufzubrechen und zu versuchen, die Küste zu erreichen. Am 7. Mai 1870 bot sich uns eine solche Gelegenheit dar. In wenigen Stunden waren wir mit unseren drei Booten fahrtbereit und hatten unsere treue Scholle, die uns sieben Monate auf ihrem Rücken über 300 deutsche Meilen nach Südwest getragen hatte, verlassen. Die ganze Ansiedelung trieb herrenlos weiter und wurde später an der Westküste von Eskimos getroffen und besucht, die noch einige zurückgelassene Gegenstände vorfanden. Wir hegten die größte Hoffnung, binnen kurzer Zeit landen zu können; aber auch hierin sollten wir uns täuschen. Der Wind, anfänglich Südwest, setzte nach Nordost um, und schon nach kurzer Zeit lagen wir wieder eingeschlossen mit unseren Booten auf einer anderen Stelle. Harren auf Änderung war ebenfalls vergebens. Die Vorräte gingen auf die Neige, und Ersatz war nicht mehr aufzutreiben, da sich keine Spur von Tierleben zeigte. Wohl oder übel mußten wir den letzten Versuch, unser Leben zu retten, unternehmen. Er bestand darin, die Boote über das Eis hinweg bis zur Küste, zwischen deren Klippen wir freies Wasser vermuteten, zu ziehen. Unter welchen unsäglichen Anstrengungen und Mühen dies endlich gelang, ist kaum zu schildern. Man denke sich in die Lage eines Menschen, der vier Wochen lang unter freiem Himmel in den arktischen Gegenden, Wind und Wetter preisgegeben, täglich die anstrengendsten Arbeiten verrichten muß, ohne des Nachts Ruhe zu haben, ohne dem hungrigen Magen seine Befriedigung angedeihen zu lassen, der dazu gelegentlich schneeblind wird und endlich auch zeitweise keinen trockenen Faden auf dem Körper hat! Endlich am 4. Juni kamen wir, die Boote Schritt für Schritt hinter uns herschleppend, an der Küste an. In unseren Hoffnungen, freies Fahrwasser zu finden, hatten wir uns nicht getäuscht; es war eine ziemlich freie fahrbare Straße vorhanden. Wir machten an einer Insel Halt, um ein kärgliches Mahl einzunehmen und einige Seevögel zu schießen. Nach einer mehrstündigen Jagd hatten wir eine Mahlzeit für 14 Mann erbeutet. Unsere Fahrt nach Süden ging jetzt in Booten weiter. Es war noch ein siebentägiges langes Umherirren zwischen Eisklippen und Fjorden, ehe wir die Nordspitze des Kap Farewell erreichten und zu der Eskimo-Ansiedelung Friedrichstal gelangten. Hier wurden wir zu unserer freudigen Überraschung von zwei deutschen Herrnhuter Missionaren begrüßt und aufgenommen. Wir 14 Schiffbrüchigen waren nach achtmonatigen Rettungsversuchen und grauenvoller Schollen- und Bootfahrt gerettet!« Vergl. S. 14 die Schollenfahrt der Polaris. Die Germania war unterdessen (1869) bis 75-½° und die Mannschaft 1870 in Schlitten bis 77° n. Br. vorgedrungen, wo das König-Wilhelmsland, der Franz-Josephs-Fjord, die Petermannspitze usw. an der Ostküste Grönlands an ihre Tätigkeit erinnern. Koldewey war so glücklich, auf der Kuhninsel Kohlenlager zu entdecken, die gerade für die Forschung in jenen Breiten von weittragender Bedeutung sind. Am 10. September 1870 kehrte die »Germania« von dieser wissenschaftlichen Nordpolfahrt zurück, ohne jede Ahnung, daß inzwischen der große Krieg ausgebrochen war. Waren auch die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückgeblieben, war vor allem das eisfreie Meer um den Pol nicht aufgefunden worden, so ließ sich doch der Geograph Petermann in Gotha nicht beirren, und auf sein Betreiben kam mit Hilfe der hochherzigen österreichischen Grafen Zichy und Wilczek die berühmte Nordfahrt des »Tegetthoff« unter Payer und Weyprecht zustande. Als äußerstes Ziel schwebte ihr die nordöstliche Durchfahrt vor, also von Nowaja Semlja ostwärts vorzudringen, womöglich bis zur Beringstraße. Petermann wies auch darauf hin, daß durch den warmen Golfstrom zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja wahrscheinlich eine offene Zufahrt zum »Polarmeere« sei, eine Gasse zum Pole. Am 13. Juni 1872 begann die Fahrt des gut ausgestatteten Schiffes, das außerdem drei Boote und sechs für Eisfahrten eigens gebaute Schlitten mit sich führte. Am 3. Juni war der »Tegetthoff« in Tromsö, am 21. August verließ er, nach abermaliger Einnahme von Mundvorrat und Kohlen die Bäreninsel, um auf drei Jahre gänzlich den Augen der Welt zu entschwinden. Bald war er vom Treibeis eingepreßt für lange Zeit. Das mächtige Schiff wurde in die Höhe gepreßt, drohte umzustürzen, und dazu kam am 28. Oktober die 109tägige arktische Nacht. Erst am 16. Februar 1873 erschien die Himmelskönigin wieder am Horizont, und am 25. desselben Monats gab das Eis seine Beute frei. Durch die Südwinde des August wurden die kühnen Forscher nach Norden getrieben in ein Gebiet, das wohl noch nie ein europäisches Schiff durchfurcht hatte. Plötzlich stieg am 31. August 1873 eine hoch über die Meeresflache emporragende Landmasse vor ihren Augen auf. Mit dreimaligem Hurra begrüßte man sie und nannte das neue europäische Inselreich Kaiser-Franz-Josephs-Land . Doch erst Ende Oktober konnte man es betreten, da Wind und Eis jeden Landungsversuch verhinderten. Die Forscher verbrachten hier den zweiten Winter. In einer Schneehütte barg man die wissenschaftlichen Geräte, und es begannen nun Himmels- und Wetterbeobachtungen und magnetische Messungen. Namentlich fesselte das Auge die Pracht des in allen Farben und Formen erscheinenden Nordlichts. Erst im Frühjahr 1874 nahm die Durchforschung des Landes ihren Anfang und zwar zu Schlitten. Es war ein vergletschertes Hochland, fast ohne jedes Leben, ganz selten nur trat das bloße Gestein, vorwiegend Basalt, zutage, sonst war es überall in den Eispanzer gezwängt. Die Temperatur fiel bis zu -50° C. Alle Kleidungsstücke froren bei diesen Streifzügen infolge des Schneegestöbers steif wie Blech. Die Hunde waren bis auf drei tot oder dienstunfähig; so spannten sich denn die Männer – unter ihnen Kapitän Payer – selbst vor den mit 16 Zentnern belasteten Schlitten, um Ausdehnung und Natur des Landes zu erforschen. Es bestand aus zwei Hauptinseln, Wilczekland im O. und Zichyland im W., welche durch einen Sund getrennt sind. Reich an Fjorden und schöngeformten Bergzügen, war es doch arm an Häfen, arm an Pflanzen, und die einzigen Lebewesen waren Eisbär, Polarfuchs, Seehund und Alk. Die höchste erreichte Breite betrug 82° 5' und lag 160 deutsche Meilen vom Standpunkte des »Tegetthoff« entfernt. Am 20. Mai 1874 begann die Heimreise und zwar, da das Schiff im Eise festsaß, in Booten und Schlitten. Am 16. August – nach 96 Tagen voller Gefahren und Abenteuer – erblickten sie Nowaja Semlja, wo zwei russische Fischer sich ihrer annahmen und sie nach Vardö (an der norwegischen Nordküste) brachten. Am 3. September meldete der Telegraph von Hammerfest aus der harrenden Welt ihre Heimkehr. Die Forschungen der deutschen Expedition unter Koldewey 1870 hatten die schwer zugängliche Ostküste Grönlands bis 77° n. Br. bekannt gemacht. Von Norden aber hatte der unermüdliche Peary die Aufklärungsarbeit auf zahlreichen Fahrten soweit gefördert, daß die Inselnatur Grönlands als festgestellt angesehen werden konnte. Nun galt es noch, das letzte Stück der Ostküste von Kap Bridgman auf Pearyland unter 83-½° bis zum Kap Bismarck auf König-Wilhelmsland unter 77° zu entschleiern. Diese Aufgabe löste die »Danmark«-Expedition unter Dr. L. Mylius-Erichsen 1906 bis 1908. Drei tapferen Männern aber, dem Führer selbst, dem Oberleutnant Höegh-Hagen und dem Grönländer Jörgen Brönlund kostete das kühne Unternehmen das Leben: auf der Rückwanderung wurden die Forscher durch brüchiges Eis und tiefeingeschnittene Fjorde so lange aufgehalten, daß ihre Vorräte ausgingen und sie als Helden und Märtyrer der Polarforschung durch Hunger und Entkräftung im Grönlandeise ihr Grab fanden. Die Tagebücher wurden bei der Leiche Brönlunds, der am längsten ausgehalten hatte, gefunden; die Leichen der beiden andern Forscher behielt das tückische Inlandeis als Opfer zurück.   3. Die nordöstliche Durchfahrt längs der Nordküste Asiens zum Stillen Ozean, damit zu Chinas, Japans und Indiens Küsten war nach verschiedenen Versuchen der Engländer besonders das Ziel der Holländer , die einen Preis von 25 000 Gulden für diese Entdeckung ausgesetzt hatten. Aber auch ein Willem Barents kam nicht weiter als bis Nowaja Semlja, wo er mit fünf seiner Leute dem Skorbut erlag im Jahre 1597, nachdem er die Bäreninsel und Spitzbergen entdeckt hatte. Die russische Eroberung Sibiriens mit Hilfe der Kosaken führte 1654 zur Auffindung der Beringstraße durch den Kosaken Deschnew , der die Ostspitze Asiens von der Tschuktschenhalbinsel bis ins Beringmeer umsegelte. Aber erst durch die Expedition Peters des Großen unter dem Dänen Vitus Bering 1725 wurde die wichtige Pforte zum Sibirischen Eismeere bekannt und benannt. Nachdem von 1734-43 die Russen in vielen Teilunternehmungen, an denen auch hervorragende deutsche Gelehrte beteiligt waren, das Nordgestade Asiens aufgeklärt hatten, nahmen sie auch das Rätsel der nordöstlichen Durchfahrt wieder auf, nicht mehr, um einen Wasserweg nach China und Japan, als vielmehr zu ihrem neuen Besitz Sibirien zu suchen, in dessen reichen Stromläufen man günstige Zugänge von Norden ins Innere erhoffte. Durch die Beringstraße drangen die Russen nach des Engländers James Cook Einfahrt 1778 verschiedene Male ins sibirische Eismeer ein, doch ohne für die Lösung der Aufgabe der Durchfahrt Erhebliches zu leisten. Auch vom Lande aus drangen Russen nordwärts wiederholt vor. Der Weg von Europa aus, den die Holländer versucht hatten, war gewöhnlich nur bis ins Karische Meer schiffbar, so daß der Erforscher Nowaja Semljas, der Naturforscher Karl Ernst von Baer , 1837 den eigentümlichen Ausdruck »Eiskeller des Nordpols« dafür prägte, obwohl damals schon die russische Küstenbevölkerung im Sommer einen gewissen Schiffsverkehr bis zu den sibirischen Strömen Ob und Jenissei unterhalten hatte. Da das schiffbare Gebiet des Ob, Jenissei und der Lena einen Handelsbezirk darstellt weit größer als Europa, da die Güter dieses Landes (Getreide, Fleisch, Talg, Häute, Flachs, Holz, Metalle, Graphit, Salz, Pelzwaren, chinesischer Tee) Europa viel leichter zugänglich gemacht werden konnten, wenn es gelang, sie aus den Mündungen der Ströme jährlich auf dem Seewege nach Europa zu bringen, ruhte die Frage nicht. Als im Jahre 1869 die norwegischen Robbenfänger Carlsen und Johansen das Karische Meer eisfrei gefunden hatten, zeigte sich der Unternehmungsgeist besonders tätig, um durch den schwedischen Seemann und Gelehrten Adolf Erik Nordenskjöld zum Siege geführt zu werden. Bereits geübt in Polarfahrten, verließ er das erstemal am 8. Juni 1875 Tromsö auf dem Segler »Pröven«, den ihm der Großkaufmann Oskar Dickson in Göteborg zur Verfügung gestellt hatte. Obwohl er bereits am 22. Juni an die Pforten des Karischen Meeres (Karische und Jugorstraße) klopfte, taten sie sich doch erst am 2. August auf. Er stach ins Karische Meer und landete am 15. desselben Monats an der Mündung des Jenissei, wo er im Dicksonhafen eine gute Stelle für künftige Landungen fand. Von hier aus nahm er seinen Weg in kleinerem Fahrzeug den Jenissei hinauf und dann zu Lande nach Petersburg und Schweden zurück. Um zu zeigen, daß die »Handelsstraße nach Nordsibirien eröffnet sei« und seine glückliche Fahrt nicht bloß Spiel des Zufalls gewesen, legte er auf dem Dampfer »Ymer« vom 25. Juli bis 18. September 1876 denselben Weg in einem Sommer mit demselben Glücke zurück. Diese Fahrten brachten Nordenskjöld zu der Überzeugung, daß die nordöstliche Durchfahrt, damit die Umsegelung Asiens eine lösbare Aufgabe sei, wenn nur die rechte Zeit wahrgenommen würde, da das Küsteneis von dem warmen Sommerwasser der sibirischen Ströme aufgelockert und nach Norden geführt wird. Mit Hilfe des opferwilligen Dickson, des reichen russischen Goldwäschereibesitzers Sibiriakow und des schwedischen Königs Oskar II. konnte er mit der »Vega« und drei anderen Schiffen die Fahrt am 25. Juli 1878 antreten. An der Mündung des Jenissei, die man ohne Hemmung durch Eismassen am 6. August erreichte, fand eine Trennung des kleinen Geschwaders statt; zwei Schiffe kehrten mit der Ladung heim, während »Vega« und »Lena« dem fernen Ziele zusteuerten. Bald traten ihnen in dem undurchdringlichen Nebel, den zahlreichen, bisher auf keiner Karte verzeichneten Inselreihen, dem seichten Fahrwasser dazwischen, bedeutende Hindernisse entgegen. Doch schon am 19. August hatte man mit dem Kap Tscheljuskin 77° 42' n. Br. den nördlichsten Landvorsprung der alten Welt erreicht, am 27. August warf man in der Lenamündung Anker. Hier trennte sich auch der letzte Gefährte von der »Vega«, indem die »Lena« ihrem Ziele Irkutsk nach Süden zusteuerte. Am 4. September trat die »Vega« ein in die Welt des Eises; rastlos drang das ausgezeichnete Fahrzeug vorwärts, überwand Kaps, die man früher von Osten her vergebens zu umschiffen versucht hatte, bis es endlich am 28. September, nur 180 km von der Beringstraße entfernt, festgekeilt wurde. Nordenskjöld richtete das Winterlager ein, um es 295 Tage (vom 28. September 1878 bis Juli 1879) nicht zu verlassen. Mit meteorologischen und magnetischen Beobachtungen, kartographischen Aufnahmen der Küsten, Studium der Tschuktschenbevölkerung verbrachte man in nützlicher Weise die lange Zeit. Im Juli 1879 endlich entfloh die »Vega« der Eispresse, fuhr am 29. ein in die Beringstraße, und am 2. September warf sie Anker im Hafen von Jokohama, um durch den Suezkanal die Fahrt um die alte Welt zu vollenden. Überall wurden Nordenskjöld und sein Stab begrüßt als Helden der Seefahrt und der Erderforschung. Widerlegt war also die Ansicht von einem sibirischen, in ewiger Erstarrung befindlichen Meere von Eis, dem sibirischen Handel war ein neuer – wenn auch jährlich nur sechs Wochen fahrbarer – Weg eröffnet, die alte Welt umfahren, Erdkunde und Naturwissenschaft bereichert. Leider hatte diese überaus glückliche Expedition ein schreckliches Nachspiel. Als die »Vega« 295 Tage festgebannt war im Eis in der Nähe der Beringstraße, glaubte man, daß ihr ein Unglück zugestoßen, und in hochherziger Weise stellte Gordon Bennett, der Besitzer des »Neuyork Herald«, die Mittel zu einer Aufsuchungsfahrt zur Verfügung. Wie er 1871 Livingstone am Tanganika und 1874-77 Stanley im heißen Afrika geholfen, so rüstete er jetzt die »Jeannette« unter Führung des Kapitäns de Long aus zu einer Polarfahrt. Ende Juni 1879 fuhr die »Jeanette« aus San Francisco und nahm ihren Weg durch die Beringstraße nach der sibirischen Nordküste. Man erfuhr am 19. August durch einige Tschuktschen, daß Nordenskjöld bereits Ende Juli die Beringstraße durchfahren habe. Verschiedene Gegenstände in der Hand dieser Leute unterstützten ihre Aussagen, so daß de Long nicht daran zweifeln konnte. Um nicht tatenlos umzukehren, stach die »Jeannette« ins Polarmeer in nördlicher Richtung, war jedoch am 24. August vollständig vom Eise umschlossen; 21 Monate, bis zu ihrem Untergange, wurde sie darin willenlos umhergetrieben. Am 7. Januar 1880 war sie leck geworden, sie trieb beständig weiter nach NW. Am 12. Juni war der Aufenthalt auf dem Schiffe mit Lebensgefahr verbunden; unter 77° 13' n. B., fast 1000 km vom Festlande, mußte es verlassen werden. Am Morgen des 17. Juni 1881 fand es sein Grab im nordischen Eise. Die aus 32 Personen bestehende Mannschaft verteilte sich auf die drei Boote, die von de Long, Leutnant Chipp und Oberingenieur Melville geführt wurden. Der Kurs war südlich, nach der sibirischen Küste gerichtet. Als man ungefähr 400 km vom Lenadelta entfernt war, wurden die drei Boote durch Sturm und Nebel voneinander getrennt. Das Boot Melvilles langte mit 11 Insassen am 16. September im östlichen Arme des Lenadeltas an, erreichte glücklich den russischen Stützpunkt Bulun an der untern Lena und endlich Irkutsk. Das Boot, in welchem de Long selbst die Führung hatte, landete in einem so seichten Lenaarme, daß die Bootfahrt unmöglich war. In durchaus ungenügender Kleidung, mit Vorräten nur für wenige Tage machten sich die 14 Mann zu Fuß auf nach Bulun, der einzigen, 750 km entfernten, ihnen bekannten Niederlassung an der untern Lena. Da die Lebensmittel sehr bald aufgezehrt waren und die Erschöpfung der Mannschaft sich fühlbar zu machen begann, schickte der Kapitän die beiden deutschen Matrosen Nindemann und Noros voraus nach Hilfe. Nachdem sie 23 Tage in vollständiger Einöde sich hingeschleppt, fielen sie schließlich Jakuten in die Hände, die sie nach Bulun brachten. Sie trafen hier mit Melville zusammen, der, sobald er über de Longs Weg Kenntnis erlangt hatte, ihnen entgegeneilte; er fand die treuen Gefährten, aber – tot, verhungert, erfroren, verbrannt. In ihren Taschen hatten die meisten Stückchen verbrannten Pelzwerks, an dem sie genagt zu haben schienen. Die Hände waren ihnen verbrannt, wohl weil sie dem Feuer zu nahe gekommen waren. Hören wir über die letzten Tage eine Stelle aus de Longs Tagebuch, die einen Einblick gewährt in ihre furchtbaren Leiden: »Am 10. Oktober ½6 Uhr früh genossen wir jeder die letzte halbe Unze Alkohol und aßen Streifen von Renntierhaut. Gestern morgen verzehrte ich die Fußspitzen meiner Renntierhaut. Luft nicht sehr kalt. Um 8 Uhr unterwegs. Um 11 Uhr sind wir sehr erschöpft. Feuer gemacht und einen Trank aus den Teeblättern bereitet. Mittag wieder vorwärts. Frischer SSW-Wind. Treibschnee. Schwieriger Marsch. Lee bittet, zurückgelassen zu werden. Um 3 Uhr machen wir, völlig erschöpft, halt. Wir krochen in ein Loch am Ufer, sammelten Holz und machten Feuer. Zum Abendessen hatten wir nichts als einen Löffel Glyzerin. Alle sind schwach und matt, aber heiter. Gott stehe uns bei! Am 12. Oktober SW-Sturm mit Schnee. Ich kann mich nicht bewegen. Ein Teelöffel voll Glyzerin und heißes Wasser zum Frühstück. Zum Mittag hatten wir einen Aufguß auf Weidenblätter. Alle werden schwächer und schwächer. Wir haben kaum noch Kraft genug, um Feuerholz zu holen. SW-Sturm mit Schnee. Am 13. Oktober Weidentee. Heftiger SW-Wind. Wir sind in den Händen Gottes, und wenn er uns nicht weiter hilft, sind wir verloren. Wir können nicht gegen den Wind gehen, und Hierbleiben heißt so viel als umkommen. Nachmittags gingen wir ein Stück, etwa eine Meile, weiter und kreuzten einen Flußarm oder eine Biegung des Hauptflusses. Darauf vermißten wir Lee. Wir legten uns in ein Loch am Ufer und sandten Leute nach Lee zurück. Er hatte sich niedergelegt, um zu sterben. Alle vereinigten sich im Gebet zu Gott. Abends brach ein Sturm los. Furchtbare Nacht. Am 14. Oktober früh Weidenblättertee. Zum Mittag genossen wir wieder solchen mit einem Löffel Öl. Alexia schoß ein Schneehuhn, das uns eine Suppe lieferte. Der Südwind wurde schwächer. Am 15. Oktober hatten wir zum Frühstück Weidenblättertee und zwei alte Stiefel. Wir beschließen beim Sonnenaufgang weiter zu ziehen. Alexia zusammengebrochen. Wir kamen zu einer leeren Hütte und lagerten darin. Bei der Morgendämmerung zeigten sich südlich Spuren von Rauch. Am 16. Oktober. Alexia liegt danieder. Gottesdienst. Am 17. Oktober. Alexia im Sterben. Der Doktor taufte ihn. Ich las Gebet für den Kranken. Heute ist Collins' vierzigster Geburtstag. Gegen Abend stirbt Alexia an Erschöpfung aus Mangel an Nahrung. Ich bedeckte den Leichnam mit der Flagge. Am 18. Oktober ruhiges müdes Wetter. Schneefall. Am Nachmittag legten wir Alexias Leiche auf das Eis des Flusses und bedeckten sie mit Stücken Eis. Am 19. Oktober schnitten wir das Zelt auseinander, um uns Fußzeug daraus zu machen. Am 20. Oktober hell und sonnig, aber sehr kalt. Lee und Knack sind am Ende. Am 21. Oktober. Lee fanden wir um Mitternacht zwischen mir und dem Doktor tot. Knack starb gegen Mittag. Wir lesen Gebete für die Kranken. Am 22. Oktober. Wir sind zu schwach, um die beiden Leichen aufs Eis zu bringen. So brachte der Doktor Collins und ich sie nur hinaus aus Sicht. Dann schloß sich mein Auge. Am 23. Oktober. Alle sind sehr matt. Wir schliefen oder ruhten heute und versuchten dann vor Dunkelwerden genug Holz zusammenzubringen. Dann beteten wir. Unsere Füße schmerzen uns; kein Fußzeug. Am 24. Oktober eine schwere Nacht. Am 27. Oktober. Iversen zusammengebrochen. Am 28. Oktober. Iversen starb in der Frühe. Am 29. Oktober. In der Nacht starb Dreßler. Am 30. Oktober. Boyd und Gortz starben in der Nacht. Collins liegt im Sterben.« – Was dem dritten Boot und seinen Insassen zugestoßen, das erzählt wohl nie eine lebende Seele. Diese schreckliche arktische Niederlage bewirkte, daß zunächst ein Stillstand in den Entdeckungsfahrten eintrat. Man begnügte sich damit, rings um den Pol einen Beobachtungsring von wissenschaftlichen Warten zu schaffen auf erreichbaren, doch vorgeschobenen Posten, z. B. Fort Rae am großen Sklavensee, Point Barrow, Spitzbergen, Lenamündung usw., deren Einrichtung 11 seefahrende Staaten, zum Teil auch Einzelpersonen, besorgten. Andererseits wurde gerade das Unglück der »Jeannette« der Anlaß zu der kühnsten und erfolgreichsten arktischen Forscherfahrt, die bisher unternommen worden ist, dem Vorstoß Fridtjof Nansens auf der »Fram« gegen den Pol selbst.   4. Zum Nordpol. So heißt in neuerer Zeit die Losung der Arktisfahrer. Fridtjof Nansen gründete auf die Tatsache, daß Überreste der »Jeannette« in Julianehaab an der Küste Südgrönlands nach drei Jahren auf einer treibenden Scholle aufgefunden worden waren, einen kühnen Plan dazu. Er vermutete aus der Richtung dieser Schollendrift eine Meeresströmung, die über den Pol gehe von Asiens Nordküste her nach Grönland. Sibirisches Treibholz findet sich häufig in Grönland, und das stützte seine Ansicht von einer Polarströmung in der angegebenen Richtung. Dieser Treibeisströmung wollte er sich auf einem Schiffe anvertrauen, das durch den Eisdruck nicht zerdrückt, sondern emporgehoben wurde vermöge seiner glatten, schrägen Seiten und seiner starken Bauart aus italienischem Eichenholz. Der norwegische Schiffsbaumeister Colin Archer baute ihm dies Schiff, an dem die Erfahrungen aller Polarfahrer wahrgenommen und verwertet wurden, die seitdem weltberühmt gewordene » Fram « (d. h. Vorwärts). Während der Polarnacht sollte sie elektrisch beleuchtet werden, die Dynamomaschine wurde während der Fahrt durch die Dampfmaschine, während des Aufenthalts im Eise durch eine Windmühle an Deck getrieben. Zwölf Norweger, darunter der Kapitän Otto Sverdrup, der die Querung des grönländischen Inlandeises mit bestanden hatte, begleiteten Nansen auf seiner Fahrt » durch Nacht und Eis «. Ein Reserveleutnant Fredrik Hjalmar Johansen war so begeistert für die Teilnahme an dem Unternehmen, daß er sich als Heizer meldete, weil sonst kein Platz für ihn frei war. Am Johannistag 1893 fuhr die »Fram« aus Kristiania ab, begleitet von Lustjachten, zuletzt bei Laurvik ein Stück gesteuert von Archer, ihrem Erbauer. Am 21. Juli 1893 nahm die »Fram« Abschied von Norwegen in Vardö. In Chabarowa an der Jugorschen Straße brachte man 34 Schlittenhunde an Bord, die Baron Toll, ein russischer Polarfahrer, versorgt hatte. Am 7. August sahen die Framleute die letzten Menschen, zwei Samojeden von der Halbinsel Jalmal. Die Karische See war eisfrei und setzte der Fahrt wenig Widerstand entgegen, nur an den Küsten lagen Haufen von Meereistrümmern, Torosse, die übereinander geschoben und an den Kanten allmählich abgerundet, zu ungeheueren Blöcken zusammenfrieren. Nordöstlich der Jenisseimündung kamen die kleinen Kamennyjinseln (Felseninseln) in Sicht, und Nansen bemerkte deutliche Strandlinien, die für eine Hebung der sibirischen Küste seit der Eiszeit sprechen, auch wurden viele kleine Felseninseln vor der westlichen Taimyr entdeckt und benannt, eine kleine Gruppe auch Nordenskjöldinseln. Gegenwind und Totwasser hielten die »Fram« oft auf. Das Totwasser entsteht, wenn eine Süßwasserschicht über dem schweren Salzwasser liegt und sich an das Fahrzeug wie eine hemmende Schleppe heftet. Das Tierleben auf dem Eise war reich an Seehunden, besonders Phoca barbata, auf den Inseln und dem Festlande an Renntieren und Eisbären. Mit knapper Not gelang es, das Kap Tscheljuskin, den nördlichen Punkt der Alten Welt, noch vor der winterlichen Vereisung zu umschiffen, doch mußte Nansen auf eine zweite Lieferung von ostjakischen Schlittenhunden, die Baron Toll an die Mündung des Olenek gesandt hatte, verzichten. Nördlich der Lenamündung fand er bis über 77° n. Br. hinaus plötzlich freies Wasser, die neusibirischen Inseln blieben östlich der kühn polwärts fahrenden »Fram«. Sverdrup glaubte fast, in das offene Polarmeer gekommen zu sein. Wirklich trieb eine starke Strömung nach Norden, wie Nansen vermutet hatte. Am 20. September stieß er bei ziemlich 78° n. Br. auf die geschlossene Eiskante. Bald fror die »Fram« im Eise ein und trieb in sonderbaren Kurven im ganzen nordnordwestlich. Die lange Winternacht brach ein, das elektrische Licht ersetzte, vom Windmotor erzeugt, auf dem Schiffe das Tageslicht. Bärenjagden, Arbeiten aller Art, besonders wissenschaftliche Beobachtungen kürzten die Zeit. Hören wir eine Schilderung der Polarnacht aus Nansens Tagebuch: In Nacht und Eis I, S. 190. »Es gibt nichts so wunderbar Schönes wie die arktische Nacht. Es ist ein Traumland, in den zartesten Tönen gemalt, die man sich denken kann; es ist in Äther verwandelte Farbe. Ein Schatten verschmilzt in den andern, so daß man nicht weiß, wo der eine endigt und der andere beginnt, und doch sind sie alle vorhanden. Keine Formen; alles ist schwache, träumerisch gefärbte Musik, eine weit entfernte, lang gezogene Melodie auf gedämpften Saiten. Ist nicht alle Schönheit des Lebens erhaben und zart und rein wie diese Nacht? Gebt ihr glänzendere Farben, und sie ist nicht mehr so schön. Der Himmel gleicht einer großen Kuppel, die im Scheitelpunkt blau ist und sich abwärts in Grün, dann in Lila und Violett an den Rändern abschattiert. Über den Eisfeldern lagern kalte und violettblaue Schatten mit helleren blaßroten Tinten, wo hier und dort ein Grat den letzten Widerschein des entschwindenden Tages auffängt. Oben im Blau der Kuppel scheinen die Sterne, die den Frieden verkünden, wie es diese unveränderlichen Freunde stets tun. Im Süden steht ein großer rotgelber Mond, umgeben von einem gelben Ringe und leichten goldenen Wolken, die vor dem blauen Hintergrunde schweben. Jetzt breitet das Nordlicht über das Himmelsgewölbe seinen glitzernden Silberschleier aus, der sich nun in Gelb, nun in Grün, nun in Rot verwandelt; er breitet sich aus und zieht sich wieder zusammen in ruheloser Veränderung, um sich dann in wehende vielfältige Bänder von blitzendem Silber zu teilen, über die wellenförmige glitzernde Strahlen dahinschießen; dann verschwindet die Pracht. Im nächsten Augenblicke erschimmert sie in Flammenzungen gerade im Zenith, dann wieder schießt ein heller Strahl vom Horizont gerade empor, bis das ganze im Mondschein fortschmilzt. Es ist, als ob man den Seufzer eines verschwindenden, Geistes vernähme. Hier und dort sind noch einige wehende Lichtstrahlen, unbestimmt wie eine Vorahnung – sie sind der Staub vom glänzenden Gewande des Nordlichts. Aber jetzt nimmt es wieder zu, es schießen wieder Blitze herauf, und das endlose Spiel beginnt aufs neue. Und während der ganzen Zeit Totenstille, eindrucksvoll wie die Symphonie der Unendlichkeit.« Anfangs schien es, als ob Nansens Vermutung einer nördlich gerichteten Eisströmung zunichte werden sollte; denn das Schiff trieb reichlich einen Monat südöstlich ab. Erst seit dem 8. November 1893 wuchs mit zunehmender Norddrift Nansens Hoffnung wieder, und bald wurde die Vermutung zur Gewißheit. Dagegen bewährte sich die »Fram« vorzüglich in den gewaltigen Eispressungen , die bei Flut eintraten, besonders stark bei Neumond. Im eigentlichen Polarbecken kamen sie nicht so regelmäßig vor, da sie hier mehr durch den Wind verursacht wurden, der das Eis trieb. In Nacht und Eis I, S. 209, 210. »Solch ein Kampf zwischen den Eismassen ist unleugbar ein großartiges Schauspiel ... Zuerst vernimmt man in der großen Eiswüste ein Geräusch wie Donnergebrüll eines weit entfernten Erdbebens, dann hört man es, immer näher und näher kommend, an mehreren Stellen. Die schweigende Eiswelt widerhallt vom Donner, die Riesen der Natur erwachen zur Schlacht. Das Eis birst ringsumher und türmt sich auf, ganz plötzlich befindet man sich mitten im Kampfe. Auf allen Seiten hört man Heulen und Donnern, man fühlt das Eis erzittern, hört es unter den Füßen brüllen; nirgends ist Friede. In dem Halbdunkel sieht man es zu immer näher und näher kommenden hohen Ketten sich auftürmen und aufwerfen; Schollen von 3, 4 und 5 m Dicke bersten und werden übereinander geworfen, als ob sie federleicht wären. Sie sind jetzt ganz nahe, und man eilt fort, das Leben zu retten; aber plötzlich spaltet sich das Eis vor uns, ein schwarzer Abgrund öffnet sich, aus dem das Wasser emporströmt ... Ringsum wälzen sich neue Wälle von Eisblöcken heran mit Donner und Gebrüll wie von einem ungeheueren Wasserfall, mit Explosionen wie Geschützsalven ... Dies ereignet sich im hohen Norden jahraus, jahrein. Könnte man die Eisfelder von oben betrachten, so würden sie ein Netzwerk solcher zusammengeschobener Eisketten oder »Preßdeiche« mit fast quadratischen Maschen vorstellen.« Nur in einer Beziehung erwiesen sich Nansens Vorbereitungen als unzulänglich, die Lotleine von 3475 m Länge war zu kurz; denn man stieß, je weiter nach Norden man kam, auf große Meerestiefen, bis zu 3900 m. Das Fangnetz lieferte in hohen Breiten reiche Ausbeute an kleinem Seegetier: Flohkrebse, leuchtende Ruderfüßer und Crustaceen, so daß oft der Inhalt des Netzes wie glühende Kohlen aussah. Denn das Tiefenwasser wurde verhältnismäßig warm gefunden, in 250 m Tiefe z. B. + 0,55 °C. Im taghellen Sommer bildeten sich auf dem drei und mehr Meter dicken Eise Süßwassertümpel, die sogar Segelfahrten gestatteten, und große offene Rinnen. Über diesen schwebten Beute suchend Möwen aller Art, fingen Garnelen und anderes Seegetier; besonders freute sich Nansen, die seltene Rosenmöwe in etwa 81° n. Br. schießen zu können. Auch Bären suchten diese Rinnen nach Seehunden ab. Im Winter 1894/95 hatte Nansen den Plan gefaßt, die »Fram« zu verlassen, um begleitet von Johansen eine Schlittenreise polwärts anzutreten. Nach zwei verunglückten Anläufen brach er am 14. März 1895 endgültig auf, nachdem er den Oberbefehl an Kapitän Sverdrup übergeben hatte. Die Anstrengungen dieser Forschungsreise waren ungeheuer: Die Eisketten und offenen Rinnen waren auf den schweren Hundeschlitten kaum zu kreuzen, die Kälte blieb beständig zwischen 30 und 50 °C. Die Kleider wurden von den Ausdünstungen des Körpers, die sich außen niederschlugen und gefroren, zu Eispanzern, die so steif waren, daß sie Wunden scheuerten und im Doppelschlafsack erst nach Stunden durch die Körperwärme auftauten. Sie konnten natürlich nie getrocknet werden: »es war, als lägen wir beständig in einem nassen Umschlag«, schreibt Nansen. Dazu trieb das Eis südwärts, während sie nordwärts wanderten, so daß sie bis zum 8. April nur bis zu der allerdings erstaunlichen Polhöhe von 86° 4' N. vordrangen, dann aber des Mundvorrats für den Rückweg und der Hindernisse wegen nur noch 450 km vom Pol entfernt umkehren mußten. Auf der Rückfahrt gegen Franz-Josephsland mußte ein Hund nach dem andern als Nahrung für die übrigen geopfert werden, da die mitgenommenen Futtervorräte nicht ausreichten. Land war weit und breit nicht zu erblicken, die Lebensmittel fingen an, knapp zu werden, endlich glückte es, am 22. Juni, in einer der offenen Rinnen einen Seehund zur Ergänzung des Vorrates zu schießen. Drei Hunde waren nur noch vorhanden. Die Rinnen wurden schließlich so breit, daß sie auf Kajaks aus Bambus und Segeltuch gekreuzt werden mußten. Seehundstran diente zum Heizen, Seehundsfleisch wurde getrocknet. Endlich glückte es auch, eine Bärin mit zwei Jungen zu erlegen, damit auch die beiden letzten Hunde Kaiphas und Suggen wieder einmal reichlich zu füttern. Das war im »Sehnsuchtslager« auf dem Eise am 10. Juli 1895. Am 24. Juli endlich erscholl der Ruf: Land! Land! und belebte die Kräfte der armen Eiswanderer aufs neue. Aber erst am 7. August, nach 107tägiger Wanderung wurde es erreicht, zugleich aber auch offenes Meer! Diese erste Insel taufte Nansen nach seiner Gemahlin Evaland. Nun mußten die beiden treuen Hunde erschossen werden, da sie auf der Kajakfahrt auf offener See nicht zu gebrauchen waren. Bald folgte die Livinsel, nach Nansens Töchterchen genannt, und zwei andere; »Weißland« wurde die kleine Gruppe getauft. Zu Lande von Bären gefährdet, drohte den beiden Forschern in den leichten Kajaks jetzt von Walrossen Gefahr. Nun zeigte sich aber bald mehr und mehr Land und Leben: Blumen blühten zwischen Basaltblöcken! Am 28. August schon waren die beiden Wanderer gezwungen, ein Winterlager auf dem neugefundenen Lande zu errichten. Denn Eis sperrte den Weg nach Süden. Bären an Land, Walrosse auf dem Eise waren zur Genüge da. Aus Steinblöcken wurde eine Art Hütte gebaut, aus einem Treibholzstamm ein First gesetzt und Walroßhaut darüber gespannt, die durch Steingewichte straff gezogen wurde. Aus Schnee ein kleiner Schornstein; Speck, Verbandszeug und Blechschalen lieferten Brennstoff, Docht und Lampe. Wie kam Nansen jetzt sein früherer Verkehr mit den grönländischen Eskimos zugute und alle Erfahrungen, die er dort gesammelt, bei seinem 9monatigen Robinsonleben auf Frederik-Jacksonland unter 81° 10' n. Br. Glücklicherweise blieben beide Einsiedler gesund bis auf Gliederreißen; der Skorbut, der von allen Arktisforschern gefürchtet wird, stellte sich nicht ein. Sie litten nur unter dem Schmutze, dem Mangel an Kleidung, den diebischen Blaufüchsen, die alles stahlen, was sie fortbringen konnten: Bambusstücke, Stahldraht, Harpunen, die Steinsammlung, das Moosherbarium, ein Thermometer sogar. Endlich drückte sie seelisch die Einsamkeit, der Mangel an geistiger Anregung – besonders während der langen Polarnacht. Dennoch blieben die beiden Männer gutes Mutes und suchten die lange Dunkelzeit zu verschlafen ; eng aneinander geschmiegt, in Eisbärfelle gewickelt, brachten sie es bis zu 20 Stunden Schlaf hintereinander. Den Frühling 1896 kündete im Februar der Krabbentaucher an, der anfangs in kleinen Scharen von Süden kam. Nun begannen die Vorbereitungen zur »Heimfahrt«. Die Kleider wurden geflickt, ein Schlafsack aus Bärenfellen genäht, auch Socken und Handschuhe; frische Vorräte: Speck und Fleisch lieferten die wieder eintreffenden Bären. Das kostbarste und notwendigste Gut waren für beide die Doppelflinten und der Schießbedarf; als sie am 19. Mai 1896 aufbrachen, hatten sie noch 100 Kugel- und 110 Schrotpatronen. In der Hütte ließ Nansen einen kurzen Bericht über die Reise der »Fram« und über seine Schlittenreise zurück. In kleinen Tagesmärschen erreichten sie das während des ganzen Winters mit Sehnsucht gesehene Kap M'Clintock, sie hatten es »Kap der guten Hoffnung« genannt. Die Zugschlitten trieb dabei zeitweilig ein guter Segelwind kräftig an. Schlechtes Schneesturmwetter hielt die Reisenden auf; am 4. Juni brachte man die Kajaks ins Wasser und paddelte längs Gletschern und Basaltfelsen, zwischen vogelbelebtem Meere südwärts, um freilich am 6. Juni vom Kap Richthofen an wieder mit dem Schlitten reisen zu müssen. Doch mit günstigem Winde gelangte man in kurzer Zeit bis zur Südseite des Franz-Josephlandes, wo offenes Wasser am 12. Juni die Segelfahrt auf den Kajaks gestattete. Als man sie aber am Abend am Küsteneise vertäut und zur Erkundung einen Hügel bestiegen hatte, rissen sich die beiden Boote durch Wind und Strömung los und trieben ab. Rasch entschlossen stürzte sich Nansen ins eisige Wasser und schwamm mit äußerster Anspannung aller Kräfte den Kajaks nach, die alles bargen, was ihnen geblieben war. Halb erstarrt und fast erschöpft erreichte er sie und brachte sie zurück. Auf der Weiterfahrt wurde Nansens Kajak durch einen wütenden Walroßbullen leck gestoßen, lief aber noch rechtzeitig auf dem Eisfuß der Küste auf. Am 17. Juni wurden die kühnen Männer plötzlich von aller Gefahr und Entbehrung erlöst: Bei Kap Flora auf der Northbrookinsel lagerte nämlich ein englisches Unternehmen unter Frederik Jackson. Nansen und Johansen wurden stürmisch begrüßt und herzlich aufgenommen in der russischen Blockhütte, die auf der 16 m über dem Meeresspiegel gelegenen alten Strandterrasse erbaut war. Am 26. Juli traf Jacksons Schiff »Windward« ein und brachte Vorräte. Es nahm Nansen und Johansen mit und brachte sie am 13. August nach Vardö. Als sie am 20. August in Hammerfest waren, erreichte sie die erlösende Nachricht, daß die »Fram« am 20. August 1896 in Skjärvö bei Tromsö wohlbehalten angekommen sei. Wie Nationalhelden wurden Nansen und seine Begleiter beim Einzug in Kristiania geehrt. Sverdrup hatte die »Fram« trefflich geführt, sie war am 15. November 1895 mit der Drift bis 85° 55,5' n. Br. gelangt unter 66° 31' der Länge. Im Frühjahr 1896 trieb sie nördlich von Spitzbergen südwärts, und nun durchbrach Sverdrup, die sich bildenden Rinnen benutzend, mit Dampfkraft und mit Schießbaumwolle und Pulver den 340 km breiten Packeisgürtel. Auf Spitzbergen traf die »Fram« mit der schwedischen Forschungsgesellschaft des Oberingenieurs Andrée zusammen, der im nächsten Jahre mit dem Luftballon »Örnen« d. h. Adler, den Pol zu erreichen dachte, aber dabei jämmerlich zugrunde gegangen ist. Von sonstigen Vorstößen zum Pole auf diesem Nordwege ist nur der der »Stella Polare« des Herzogs der Abruzzen, Prinzen Ludwig von Savoyen , von einigem Erfolge gewesen. Der Marineleutnant Cagni drang mit Nansenschen Hundeschlitten um 54 km nördlicher als Nansen vor, bis 86° 33' N., und erreichte glücklich nach 104 Tagen wieder das Lager des Prinzen an der Teplitzbai auf Franz-Josephsland. Leider kostete dieser kleine Erfolg drei Menschenleben. Im Sommer 1918 hat Roald Amundsen auf dem Polarschiff Maud von Kristiania eine neue wohlvorbereitete Reise zum Nordpol angetreten. Von der Dicksoninsel an der Jenisseimündung will er längs der nordasiatischen Küste bis zu den neusibirischen Inseln fahren in der Hoffnung, daß die Eisströmung, die einst einige Ausrüstungsgegenstände der hier verunglückten Jeannettefahrt durch das Polarbecken an die Ostküste Grönlands verfrachtete, auch sein Schiff nordwärts in die Nähe des Pols und dann an die Küste von Grönland oder Spitzbergen treiben wird. Auch Sverdrup beteiligt sich an dieser kühnen Eismeerfahrt, die auf sechs Jahre in »Nacht und Eis« sich eingerichtet hat.   5. Nordenskjöld und Nansen auf dem Inlandeise Grönlands. Quellen: Grönland von A. E. Freih. v. Nordenskjöld. Leipzig 1886 (F. A. Brockhaus); Auf Schneeschuhen durch Grönland von Dr. Fridtjof Nansen. 2 Bde. Hamburg 1891, Verlagsanstalt und Druckerei Aktiengesellschaft. Der Freiherr A. E. v. Nordenskjöld wurde durch die reichen Mittel, die ihm Dr. Oskar Dickson nach der berühmten Vega-Fahrt zur Verfügung stellte, in den Stand gesetzt, an die Erforschung der Eiswüste im Innern Grönlands heranzutreten; die Frage war nicht bloß deshalb wichtig, weil bis zum Jahre 1870 das Binneneis nur auf ein paar hundert Meter vom Rande aus beschritten war, sondern auch deshalb, weil der gegenwärtige Eispanzer Grönlands wichtige Aufschlüsse geben konnte über die geologische Vergangenheit Nordeuropas, das ja einst in ähnlicher Weise vergletschert gewesen sein muß. Schon im Jahre 1870 war Nordenskjöld in Begleitung des Dr. Berggren unter 68° 30' n. Br. nach dem Binneneise aufgebrochen; 50 km weit arbeitete er sich über ein schwieriges, von bodenlosen Abgründen durchzogenes Eisgebiet; da ihm aber seine zwei Eskimos die Gefolgschaft kündigten und er ohne Taue, Zelte, Schlitten war, ja das Kochgeschirr zurückzulassen genötigt war, so mußte er vorderhand weiteres Vordringen aufgeben. Nachdem König Oskar und die schwedischen Kammern auf das Gesuch Nordenskjölds ihm den aus schwedischem Eisen erbauten Dampfer »Sofia«, der sonst dem Winterpostverkehr auf der Ostsee diente, bewilligt, wurde die Ausrüstung (von Dickson allein in hochherziger Weise bestritten) mit Lebensmitteln für 24 Mann auf 14 Monate, mit wissenschaftlichem Rüstzeug, dem Gerät für Eiswanderungen, einer Dampfbarkasse, einem Walfischboot, einem kleinen norwegischen und zwei Bertonschen Segeltuchbooten besorgt und die Besatzung in sorgfältiger Weise ausgewählt; es gehörten dazu auch zwei Walfänger, zwei Lappländer und außer Nordenskjöld noch sechs Gelehrte: ein Zoologe, ein Konservator, ein Hydrograph, ein Kartograph usw. Trotz zahlreicher Warnungen, die namentlich auf die für die Eisverhältnisse Grönlands ungeeignete »Sofia« hinwiesen, stach Nordenskjöld am 23. Mai 1883 von Gotenburg aus in See. Man fuhr um die Nordküste Schottlands herum nach den Färöer , jenen von Regen, Frost, Eisstoß und Meeresbrandung umkämpften Restinseln großer Basaltergüsse, deren einzelne Decken als Schichten an den dunklen Uferwänden heraustreten. Die dunkeln mächtigen Nordseewellen, die mit breiten nassen Schwingen unablässig dagegen anstürmen und mit Donnergetöse in regelmäßigen Zeiträumen sich daran brechen, daß der schäumende Gischt bis aufs Oberland hinauf spritzt, haben tiefe Klüfte und Höhlen darein gegraben. Auf den Höhlen und Absätzen der dunklen Gehänge finden zahllose Seevögel vorzügliche Schlupf- und Nistwinkel. Trottellummen, Seepapageien, Möwen, Eis- und Sturmvögel. Es wimmelt im Wasser, an den Wänden und in der Luft von weißem und graulichtem Gefieder, daß man den Eindruck eines lustigen Schneegestöbers aus der Ferne hat. Der größte dieser Vogelberge ist Großdimon, eine steilgeuferte Basaltinsel, die von einem Ansiedler bewohnt wird, der auf dem grünen Oberlande Schaf- und Rindviehzucht treibt, besonders aber dem Vogelfang obliegt. Die Vogelmänner klettern entweder vom Boote aus an den steilen Wänden empor oder werden von oben an einem langen Seile herabgelassen und gelangen, sich mit den Füßen abstoßend und so hin- und herpendelnd, bald zu dieser, bald zu jener ergiebigen Fangstelle, ein gefahr-, aber gewinnbringendes Gewerbe. Die Färinger sprechen eine altnorwegische Mundart, stehen aber jetzt unter dänischer Herrschaft. Auch ihre Tracht und Sitte, besonders der allsonntägliche Kreis- oder Kettentanz zu dem Takte eines alten Seeheldenliedes, zeigt den altnorwegischen Ursprung der Leute, die manches treuer wahrten in ihrer insularen Abgeschiedenheit als die Stammverwandten im Mutterlande. Die Hauptstadt der Färinger, Torshavn , hat sogar eine färingische Wochenschrift »Die Morgendämmerung«. Sie hatte den Bewohnern die Polfahrt der »Sofia« bereits gemeldet. Bei bewegter See ging es auf Island zu, die armen Berglappen vermeinten an der Seekrankheit sterben zu müssen. »Noch halte ich ein wenig am Leben fest, aber knapp ist es,« klagte der eine; erst auf Island fühlten sie sich wieder wohl und erklärten, »daß ihnen das Leben wiedergekommen wäre«. Die Ostküste Grönlands ist mit einem breiten Eisgürtel gepanzert; man versuchte nicht, ihn zu durchbrechen, sondern fuhr langhin nach Südsüdwest. Wild zerklüftete Bergzinnen dämmten die dahinter liegenden Inlandeismassen ein, so daß sie nur in Einzelströmen in den Scharten zur See herabflossen; aber je weiter man nach Süden kam, desto niedriger wurden die Uferfelsen, und breit und weiß drängte sich das Eis ans Meer. Am 15. Juni umschiffte man Kap Farvel, das seine haifischzahnscharfen Bergspitzen am Südende Grönlands ins Meer hinausschiebt. Das Eisband schlang sich damals auch um die Südwestküste, so daß eine Landung gefährlich war; Schiffe, die eine der dahinter gelegenen Ansiedelungen anlaufen wollen, müssen so weit nordwärts fahren, bis der Eisgürtel schwindet. Dann öffnet sich längs der Küste eine schmale Wasserrinne, in der man südwärts segeln kann. Um in dem Hafen Invigtut die vorausgesandten Kohlen und anderes mehr einzunehmen, auch die dortige Grubenkolonie der Kryolithgesellschaft zu besuchen, ging man zwischen den Schären und Eisbergen durch dem Ziele zu und warf ohne Zwischenfall im Hafen dieser rein europäischen Ansiedlung Anker, wo jener seltene Stein, der Eisstein oder Kryolith, gebrochen wird; er ist halb durchsichtig, weiß, bricht sich wie Spat und ist so weich, daß er mit dem Messer geschnitten werden kann; in früherer Zeit hoffte man, ihn zur Aluminiumgewinnung verwerten zu können, doch die Herstellungskosten waren zu groß; die Kryolith-Gesellschaft versendet ihn besonders nach Amerika, wo Soda und Beizmittel für Färbereien (Tonerdepräparate) daraus gewonnen werden. Ausbeute 1914 13 800 t. Neuerdings stellt man in Pittsburg (Pennsylvanien) daraus ein glasiges Porzellan her, das sog. Heißgußporzellan. Die Aufnahme in dieser aus lauter Junggesellen bestehenden Niederlassung war überaus gastfreundlich. Am 23. Juni litt es Nordenskjöld nicht länger, die Eiswanderung sollte sobald als möglich begonnen werden; die »Sofia« wandte sich nordwärts in den endlosen Schären über Godthaab nach Egedesminde; fern im Osten zog die blauweiße Masse des Landeises den Blick des Forschers auf sich. Ihn beschäftigte die Frage: Gibt es jenseits des blauen Walles bis an die eisgepanzerten Küstenberge im Osten nur eine Eisfläche, oder liegen dazwischen auch grüne Oasen? Als Ausgangspunkt für seine Eiswanderung wählte Nordenskjöld den 130 km langen Aulatsivik-Fjord, der sich im Innern wiederum zu einer bedeutenden Meeresbucht, Tasiusarsuak (d. h. der große Binnensee), erweitert. Große, vom Landeise heruntergefallene und ins Wasser hinausgeschobene Eisblöcke schwammen im Fjord hin und her. Er fand eine günstige Ankerstelle; der kleine Hafen war von 2-300 m hohen Gneisfelsen umrahmt, die an einzelnen Stellen mit dichtem, niedrigem Gesträuch bewachsen, mit einem Teppich von Rauschbeeren (Empetrum nigrum), Weiden, Moosen und Flechten bedeckt waren; prachtvolle Blüten zierten den Teppich am 1. Juli, indes von einer steilen Felswand ein Wasserfall herabstürzte. Während den Forscher auf der eigentlichen Entdeckungsreise nur neun Mann begleiteten, gaben ihm von der Ankerstelle bis zum Rande des Inlandeises der Leiter der grönländischen Handelsgesellschaft in Egedesminde, H. Hörring, der Händler Olsen und eine Anzahl echter und Halbbiuteskimos das Geleite; unter diesen war auch der Schriftleiter, Dichter und Drucker der mit Bildern erscheinenden Eskimozeitung, welche den Titel Atuagagliutit, d. h. Lesestoff, führt und in Godthaab gedruckt wird, Herr Lars Möller. Er schloß sich den Forschern an, um durch Zeichnungen unterstützte Berichte für seine Zeitung liefern zu können. Es war schon ein schweres Stück Arbeit, die für die Landbeförderung bestimmten, schwerbeladenen Karren, Zelte usw. bergan und bergab über den steinigen, von dichtem Moosteppich überzogenen Streifen zu schleppen, der sich in 3-4 km Breite zwischen dem Meeresgestade und dem Binneneise hinstreckte. Aber die eigentliche Mühsal begann erst am Fuße des Eises, wo ein kleiner, durch Gletscherbäche gebildeter See lag. Die Lasten der Karren wurden auf sechs Schlitten geladen und das Eis betreten. Es zeigte sich bald, daß es unmöglich war, gerade ostwärts fortzuschreiten, man drang am Eisabhange nordostwärts vor, die tiefen Spalten und Schluchten anfangs mit Leichtigkeit überwindend. Doch schon am dritten Tage wurde die Last der Schlitten drückend und daher der Mundvorrat auf 4/5 (d. h. auf 40 Tage statt auf 50) beschränkt, das kleine Bertonboot zurückgelassen, und nur ein gewöhnliches Zelt aus dünnem Baumwollzeug mit 12 Zeltstäben aus Eisen, ferner ein Schlafsack, eine Filzdecke und eine Kautschukmatratze für jeden Teilnehmer, sowie Blasebälge zum Aufblasen der Matratzen, isländische Jacken, eine Bluse aus Segeltuch, eine wollene Schlafmütze für jeden Mann, 16 Paar Schuhe aus Segeltuch mit Rietgras, Eissporen zum Befestigen an den Sohlen, Teller und Kaffeetassen aus verzinntem Eisenblech, Kocher für Spiritus, 2 Paar Schneeschuhe, 2 lappländische Bärenlanzen, farbige Brillen für alle, wissenschaftliche Geräte, Tragseile, ein starkes Manilahanftau usw. auf den 6 Handschlitten weitergeführt. Wohl wären auf harter, glatter Eisdecke die 20 Zentner Gepäck mit Leichtigkeit fortgezogen worden, aber auf dem von Schluchten und Spalten zerrissenen Binneneise mußte alles in Teillasten befördert werden, so daß man denselben Weg dreimal machte. Bald gesellten sich zu den Schluchten und Rissen zahlreiche reißende Flüsse mit Steilufern, die man auf einer Brücke überschritt, zu welcher die festen Alpenstöcke die Unterlage bildeten. Aufgefundene Knochen schienen anzudeuten, daß in dieser Sahara des Nordens das wilde Renntier auf seinen Wanderungen den Tod gefunden. Je weiter die Forscher ostwärts vordrangen, um so mehr Formen nahm das Inlandeis an seiner Oberfläche an: Die von Steinen, Lehm und Eis gebildete Einfassung stellte die unbedeutende Randmoräne dar, die Grenze zwischen Eiswüste und Land; diese Moräne wird beim Zurückweichen des Binneneises von den Gletscherbächen bis auf die großen Felsblöcke wieder fortgespült; der ziemlich gleichmäßige Abhang des Inlandeises war von einer dünnen Lehmschicht bedeckt und von zahllosen Schluchten zerschnitten; am gefährlichsten und für die Schlitten kaum zu überschreiten war das Gipfeleis , das in Form 6 m hoher Gipfel und Eiskämme die steil abfallenden Höhenzüge krönte, sowie das Höckereis , welches in mehr abgerundeter Form die Höhenrücken bedeckte; aber diese Höcker standen so nahe beieinander, daß die Schlittenkufen kaum zwischen ihnen hindurchkonnten. Man traf weiter schalenförmige Einsenkungen mit Seen, die von zahlreichen, reißenden Flüssen durchzogen waren; als der 13. Rastplatz nach dem Innern verlassen worden war und der Boden sich bereits bis 1100 und 1200 m erhob, war das Inlandeis von einer dünnen trügerischen Schneeschicht bedeckt, in die der Fuß sofort einsank bis in den Schneebrei, der in großen Flächen darunter lagerte; in Senkungen hatten sich dort Seen angesammelt, denen zahlreiche Flüsse Wasser zuführten; auch aus diesen » Schneebreiebenen « ragten oft Hügel mit Eishelm hervor. In der Höhe von 1600 m endlich, noch weiter im Osten traf man trockene Schneewüsten . Klüfte gab es überall, besonders auf den Höhen, oft nur meterweit auseinander; es gab parallele und sich durchkreuzende, leere und auch bis zum Rande mit stillstehendem Wasser gefüllte. Am Abend des 9. Juli wurde der beste Zeltplatz erreicht; es war eine kleine Eisebene, die von Gletscherbächen umgeben war, glücklicherweise aber nur wenige wassergefüllte Schmelzlöcher hatte. In der Nähe des Lagers befand sich ein See, in den zahlreiche Gletscherbäche einmündeten, dessen Abfluß ein kurzer, sehr reißender, tosender Strom war, welcher sich in einen riesigen Gletscherbrunnen ergoß. Zwischen prachtvollen, steilen Eisufern schoß er dahin, als ob eine Künstlerhand eine Wasserleitung eingesenkt hätte zwischen Wände aus blauweißem, flecken- und fugenfreiem Marmor; selbst die Lappländer standen staunend vor diesem Gebilde, das einer fremden Zauberwelt anzugehören schien. Auf dem weiteren Wege nach Osten traf man ein ähnliches, nur wilderes Flußtal, in dem man hinzog; da das rechte Flußufer mit rotem Schnee bedeckt war, gab ihm Nordenskjöld den Namen Karmintal. Diese Erscheinung ist aus Hochgebirgen und polaren Gegenden bekannt und rührt von einer Kugelalge her (Sphaerella nivalis), deren Blattgrün sich durch einen blutroten Farbstoff vor dem Lichte schützt. Bei herrlichem Wetter, einer Temperatur von + 2 bis 8° im Schatten und 20° in der Sonne, Tag und Nacht andauerndem Sonnenschein, drang man immer kühn ostwärts vor; da die Lichtstrahlen von Schnee- und Eisflächen stark zurückgeworfen wurden, stellte sich die mit heftigem Schmerzen verbundene Schneeblindheit ein, die Dr. Berlin durch Schneebrillen und Einträufeln einer Lösung von Zinkvitriol hob. Weniger gefährlich, aber schmerzhaft war die durch den steten Sonnenschein bewirkte Gesichtsröte; das Brennen der Haut, besonders da, wo sich große Brandblasen gebildet hatten, war kaum erträglich. Die Blasen trockneten schließlich ein, hingen in Läppchen herab, eine neue Haut bildete sich darunter, die aber in der Morgenkälte empfindlich schmerzte. Am 13. Juli stellte sich bei starkem Südostwind Regen ein, der nachts in Schneefall und Schneenebel überging; man begrüßte ihn als ein Zeichen des eisfreien Binnenlandes; sobald der Nebel sich hob, strengte man die Augen an, um Bergspitzen zu entdecken, die den Eishorizont überragten, der rund herum um die Wanderer einen ununterbrochenen, ebenen Kreis bildete. Wohl meinte man manchmal, dunkle Berggipfel in der Ferne zu entdecken, begrüßte sie mit Hurra, zeichnete sie ab, doch es war Täuschung. Der Boden stieg – wie das Aneroid zeigte – nach Osten immer weiter an; immer gleich aber blieb sich die schwärzliche, graphitartige Decke des Inlandeises aus Lehmschlamm (Kryokonit), der zwar nicht ganze Flächen bedeckte, wohl aber die 1-3 Fuß tiefen runden Löcher ausfüllte, die überall siebartig ausgeschmolzen waren. Nordenskjöld vermutete, daß das ein Luftniederschlag sei, weil darin kosmische Bestandteile in großer Menge (Magnetit und ein staubfeines, durch den Magnet ausziehbares Eisen) enthalten sind. Dieser Eisstaub ermöglicht die Bildung einer eigentümlichen Eisflora, deren mikroskopische Gewächse sich darin entwickeln. Sie spielen in dem Haushalte der Natur eine wichtige Rolle, sofern sie bei ihrer dunkeln Färbung die Sonnenstrahlen kräftiger verschlucken als das Eis und somit die Ursache der löcherartigen Zerstörung der Eisdecke bilden. Nach neueren Forschungen ist der Kryokonit Verwitterungsstaub von den Küstenfelsen und kommt nur in ihrer Nähe vor. Am 20. Juli hatte man die Höhe von 1510 m erreicht; am 21. erhob sich wiederum Südostwind, der Schnee und Regen brachte; bald watete man in wassergetränktem Schneebrei; alle Augenblicke blieb ein Schlitten stecken, so daß ihn vier Mann kaum wieder flott machen konnten; das Zelt fand kein trockenes Plätzchen; nur die Kautschukmatratzen bildeten gewissermaßen die Flöße, auf welchen die durchnäßten Leute vor dem feuchten Elemente einigen Schutz fanden; doch wer den Fuß über die Matratze setzte, wurde sofort bis über die Knöchel naß. Da sich die Unmöglichkeit ergab, die Schlitten weiter zu ziehen, wurde die Umkehr beschlossen; doch sollten vorher die zwei begleitenden Lappländer auf einer Schneeschuhfahrt nach Osten erkunden, ob die Verhältnisse unter allen Umständen Halt geboten. Lars und Anders erhielten Urlaub auf 3-4 Tage, und besonders der erste brannte vor Begierde, das – nach seiner Vermutung – wie eine Oase zwischen Inlandeis und Ostküste liegende Land zu erforschen, von dessen Wäldern er sogar im Traume erzählte. Nachdem sich die beiden aus dem Mundvorrat nach Belieben ausgewählt, vor allzu kühnem Vordringen gewarnt worden waren und Auftrag erhalten hatten, von dem etwa angetroffenen Lande Blumen und Gras mitzubringen, brachen sie am 22. Juli 1883 von dem Zellplatz Nr. 18 auf. 117 km war man in 18 Tagen vorwärts gekommen. Die Zurückbleibenden vermochten in dem wassergetränkten Schnee nicht auszuharren, sondern kehrten zum vorhergehenden Zeltplatz zurück. Sie beobachteten in diesen Tagen, daß der Himmel von einem ganz dünnen Wolkenschleier bedeckt war, der durch die Sonne warm, ja brennend beschienen wurde. Er senkte sich zeitweilig auf die Eisfläche herab; er war so trocken, daß nasse Kleider sofort trockneten. Wahrscheinlich war diese Naturerscheinung dem »Sonnenrauch« in Skandinavien und dem »brouillard sec« Aragos nahe verwandt. Nach einer Abwesenheit von 58 Stunden kehrten die Schneeschuhläufer zurück, weil sie kein Trinkwasser und ebensowenig Brennstoffe zum Schmelzen des Schnees gefunden. Ihren Schätzungen nach hatten sie 230 km nach Osten hin zurückgelegt, Nansen berechnete später, daß sie vom Lager aus höchstens 70 km ostwärts vorgedrungen sein könnten. bis sie am Wendepunkte eine (barometrisch gemessene) Höhe von 1947 m erreicht. Sie hatten bald ostwärts kein Wasser mehr gefunden, das Eis wurde glatt und eben, das Thermometer zeigte -5°. Die Schneeschuhbahn war ausgezeichnet, der Durst aber brennend, bis man Schnee in einer Konservenbüchse schmolz. Keine Spur von Land bot sich den Blicken dar; sie sahen vor sich nur die Eisebenen, von ganz feinem und ebenem Schnee bedeckt. Stach man hinein, so entdeckte man eine 2 Ellen dicke Schicht losen Schnees, dann körniges Eis, unter dem sich ein Zwischenraum befand, in den man die Finger hineinstecken konnte, und der von kantigen Eisstücken umgeben war, darunter lagerte das Inlandeis. Auf der Rückfahrt wurden zwei Raben bemerkt, die von Norden kamen und nach derselben Richtung zurückkehrten; ihre Nistplätze liegen auf den Küstenbergen. Am 25. Juli wurde der Rückzug beschlossen, da der Nebel den Marsch über die zerklüftete Eiswüste lebensgefährlich machte. Auch die Kälte nahm (-11°) zu, und Schneefall war zu befürchten, der die Klüfte und Löcher täuschend überdeckte. Die Flüsse waren, als man sie auf dem Rückwege traf, meist ausgetrocknet, die Eishügel hatten infolge Abschmelzens viel von ihrem früheren Umfang verloren, dagegen waren die Gletscherspalten bedeutend größer und für das Überschreiten gefährlicher; dasselbe galt von den Schmelzlöchern, die mit Eisstaub gefüllt waren – alles Wirkungen des kurzen arktischen Sommers, der an Wärme sofort einbüßte, als die Sonne nachts wieder unter den Horizont hinabsank. Einigemal begegnete man Scharen von Sumpfvögeln, die von Norden nach Süden zogen. Am 3. August erreichten die Forscher wieder den Westabhang des Inlandeises, kletterten hinab und eilten – alle schweren Gegenstände der Ausrüstung vorläufig zurücklassend – dem Zeltplatz am Sofiahafen zu; am 9. August traf man wieder in Egedesminde ein. Ungleich erfolgreicher war der norwegische Zoolog Fridtjof Nansen auf seiner verwegenen, aber wohlüberlegten und -vorbereiteten Durchquerung Grönlands von Ost nach West im Jahre 1888. Sein Plan ging dahin, auf den in seiner Heimat als Verkehrsmittel im Winter benutzten Schneeschuhen mit wenig erlesenen Gefährten das Inlandeis zu überschreiten. Diese waren der Schiffskapitän Otto Sverdrup, der Oberleutnant Oluf Dietrichson und Kristian Kristiansen Trana, ein norwegischer Bauernbursche. Außerdem nahm Nansen noch zwei Lappen aus Finnmarken mit, den 45 Jahre alten Berglappen Ravna und den 26jährigen Balto aus Karasjok. Trotzdem, daß Sachverständige Nansens Plan, von der öden unzugänglichen Ostküste zur bewohnten Westküste Grönlands vorzudringen, für sehr wagehalsig, ja für verrückt erklärten, trotzdem ihm die norwegische Regierung die Mittel versagte, setzte der Mann, dessen Wahlspruch heißt: Der Mensch ist Wille ! sein Unternehmen durch. Ein reicher Däne, der Staatsrat Augustin Gamél, gab Nansen die 5000 Kronen, die ihm sein Vaterland verweigert hatte. Auf fünf leichtgebauten Schlitten aus Eschenholz mit breiten schneeschuhartigen Kufen sollte das Gepäck so befördert werden, daß jeder Mann seinen Schlitten selbst zog. Außer den Skiern nahm man indianische Schneeschuhe und norwegische Truger mit, die bei feuchtem Schneebrei das Einsinken verhindern sollten, Holzrahmen mit Flechtwerk darin. Ein leichtes, aber festes Boot, das über das Treibeis geschoben werden konnte, zwei Schlafsäcke aus Renntierfell, die je drei, zur Not auch vier Mann faßten, Pelzzeug und Wollkleider, Fellschuhe und Lederstiefel, Fausthandschuhe, Wollmützen und Frieskapuzen, Schneebrillen und rote Schleier, ein fünfteiliges festes Zelt aus wasserdichtem Segeltuch, ein Spirituskocher und haltbare und nahrhafte Lebensmittel, das notwendige wissenschaftliche Gerät u. a. m. vervollständigten die Ausrüstung. Am 2. und 3. Mai 1888 brach man von Kristiania aus auf und gelangte über Leith in Schottland und die Färöer nach Island auf dem gewöhnlichen dänischen Postdampfer. Von Island aus schiffte man sich an Bord des Seehundfängers Jason ein, der in der Dänemarkstraße dem Fang der Klappmützen (Cystophora cristata), einer Seehundsart, oblag. Am 17. Juli setzte der brave Kapitän Jakobsen vom Jason die kühnen Forscher vor dem Sermilikfjord an der Ostküste Grönlands auf dem mitgenommenen Boot und einem dazu gekauften Fangboote aus, aber es sollte noch lange dauern, ehe sie die Küste betreten sollten. 500 km wurden sie durch die Strömung südwärts getrieben und erst am 29. konnten sie wenden, um hinter dem Treibeisgürtel in gefährlicher Fahrt bis zum 10. August wieder nordwärts vorzudringen. Auf der kleinen Felseninsel Kekertarsuak betrat die Schar zuerst festes Land, am Kap Bille stieß sie auf ein Eskimolager und verlebte mit den harmlosen Leuten manch heiteres Stündchen. Die schwimmenden oder festsitzenden Eisberge im Treibeise boten auf der Weiterreise einen herrlichen Anblick: bei einem ragten zwei steile Zinnen wie schlanke Kirchtürme in die Luft, unten hatte die See große Grotten ausgehöhlt, die in allen Tönen blau bis zum tiefsten Ultramarin spielten. Das sah aus wie ein schwimmendes aus Saphir gebautes Feenschloß; ringsumher rieselten Bäche in kleinen Wasserfällen an den Flanken herab, aus den Grotten klang die Musik fallender Tropfen heraus. An einzelnen Stellen war am Tage die Stechmückenplage groß, so daß Gesichter und Hände ganz zerstochen wurden, es gab keinen Widerstand gegen die Unzahl der winzigen Feinde. Nach einem nochmaligen Zusammentreffen mit Eskimos, nachdem man auch mehrfach an begrünten Stellen der Küste Reste alter Ansiedelungen gefunden, die durch Hungersnot in schweren Jahren ausgestorben waren; nachdem man eine sehr gefährliche Fahrt zwischen Eisbergen überstanden, von denen die einen wilde, blauschlüchtige Formen zeigten, die anderen glatte, weißlichblaue Tafelberge waren, die wahrscheinlich bei der Ablösung von den zerklüfteten Küstengletschern oder auch später ihr Oberstes zu unterst gekehrt hatten, so daß der polierte Eisfuß über den Meeresspiegel gekommen war; nach alledem landete Nansen am 10. August am Umivikfjord . Am 15. August wurden die Boote geborgen, die Schlitten gepackt, und über schmalspaltiges Eis begann der Aufstieg in nordwestlicher Richtung auf Christianshaab an der Westküste zu. Der Zug war beschwerlich genug. Regen stellte sich ein, dann Frost, der zwar die Schlittenbahn besserte, aber Trinkwassernot erzeugte, so daß man in den Blechflaschen Schnee auf der warmen Brust schmelzen mußte. Man wanderte anfangs vorzugsweise des Nachts über die Eiswogen, immer den 100 kg schweren Schlitten ziehend, daß die Schultern vom Seil wie verbrannt schmerzten. Entschädigt wurden die tapferen Männer für ihre harte Arbeit durch die Herrlichkeit der Polarnächte. »Am südlichen Himmel führte das ewig wechselnde Nordlicht in langen, wogenden Bändern einen märchenhaften Tanz auf, bald unruhig jagend und flimmernd, bald mit glühenden Lichtspießen flammend und durcheinander fahrend, als gäbe es einen Kampf mit blitzenden Lanzen. Die Eskimos glauben dann, daß die Seelen der verstorbenen Kinder am Himmel Ball spielen. Oder der Mond ging auf und zog seine schweigsame Bahn durch den sternbesäten Himmel, spielte auf dem Gipfel der Eiskämme und badete die ganze tote, starre Eiswelt in seinem Silberglanze. Dann vergaß man die Mühsal, Friede kam über die Wanderer, und das Leben wurde ihnen zur Schönheitsoffenbarung.« Nunataks tauchten überall anfangs aus der Eismasse auf, einzelne Spitzen des Felsuntergrundes, Gasen in der eisigen Sahara. Wo das Eis, wie an den Küsten, in Bewegung war, ist es an der Stoßseite dieser trotzigen Zacken aufgepreßt und zerrissen. An anderen Stellen aber machten sie das Eis eben , indem sie die gleitende Bewegung der Masse hemmten und aufhielten, so daß es nicht zur Spaltenbildung kam. Am 31. August wurde der letzte Nunatak gesehen. Bald wurde der Nachtfrost so hart, daß die Schlitten auf dem trocken-kalten, stäubfeinen Schnee wie auf Sand liefen, so daß Nansen wieder des Tages reiste. Schneestürme bauten um das Zelt des Nachts oft hohe Dünen und verwehten die Schlitten. Am 26. August beschloß Nansen, die Fahrt abzukürzen und westsüdwestlich auf Godthaab loszusteuern, um das letzte Schiff nach der Heimat an der Westküste rechtzeitig zu erreichen. Nun wurden auch die Schneeschuhe fleißig benutzt auf der flachwelligen Schneehochfläche, deren Wellentäler von Norden nach Süden gingen. Vom 30. August an war die Fläche »glatt wie ein Spiegel ohne andere Unebenheiten als die Spuren, die die Füße hinterließen«. Das Wetter war fast immer klar und sonnig, selbst wenn der feine Frostschnee fiel, schien doch die Sonne hindurch und zauberte sich Nebensonnen, Ringe und Achsen in die Luft, besonders wenn sie im Westen niederging. Des Nachts sank die Temperatur im Zelte bis unter -40° C, während am Mittag die Luft nur -11° C hatte, in der Sonne aber bis über + 30° C herrschten. Solche Temperaturverhältnisse wie auf der Höhe der Eiswüste in 2720 m mit so gewaltigen Schwankungen zwischen Tag und Nacht kommen am ehesten in der Sahara vor, wo es am Tage erstickend heiß sein kann, während in der Nacht das Wasser gefriert, schreibt Nansen und rechtfertigt damit die Bezeichnung Nordenskjölds für Innengrönland als der Sahara des Nordens. Der Schnee war in dieser Höhe nur oberflächlich verfirnt, da am Tage nur verschwindend wenig schmolz, das Schmelzwasser aber in der Nacht als dünne Schutzkruste gefror. Groß war der Jubel, als am 17. September, genau zwei Monate nach dem Verlassen des »Jason«, ein Schneesperling von der Westküste den ersten Gruß brachte. Und als sich am 19. eine östliche Brise erhob, wurden die Schlitten zusammengebunden, die Zeltwände als Segel aufgetakelt, und auf diese Weise kam man 65 km in einem Tage der Westküste näher. Am Morgen des 20. lag das ganze Land südlich des Godthaabfjordes mit seinen schneebedeckten Felsbergen vor den Augen der Reisenden, die Fjorde konnte man nur ahnen, nicht sehen. Aber der Abstieg zur Küste sollte sehr schwierig werden durch steilgetürmtes Eis mit gähnenden tiefen Spalten, erst am 24. September hatte man sich hindurch- und hinabgearbeitet und stand mit Wonne auf Felsen, lagerte auf Gras und Moos und Heidekraut, in dessen betäubendem Tannengeruch, umweht von frischer Bergluft, gewärmt von einem großen Feuer ein Festmahl gehalten und aus den lange ungefüllt gewesenen Pfeifenköpfen in Ermangelung des Tabaks Moos geraucht wurde. Selbst der alte mürrische Ravna gestand, daß er gern an die Westküste ziehen würde; denn hier sei ein guter Ort für einen Berglappen, es seien viele Renntiere hier wie auf den Gebirgen Finnmarkens. Durch das Austmannatal kam Nansen am 26. September endlich an den Ameralikfjord, baute aus den Zweigen der dort wachsenden Weiden mit Sverdrup ein Bootsgerüst, das mit dem Segeltuchboden des Zeltes umgeben wurde und ruderte mit dem gefährlichen Fahrzeuge vom 29. September bis 3. Oktober nach Godthaab , wo er von Europäern und Eskimos als ein Held empfangen ward. Diese Niederlassung hat einige europäische Häuser, eine hochgelegene Kirche und eine Reihe grönländischer Hütten. Der Ort liegt in einer Talsenkung an einer kleinen Bucht. Es gelang Nansen durch kühne Kajakfahrer noch Botschaft nach Ivigtut zu senden, da nur von dort noch ein Schiff, der »Fox« der Kryolithgesellschaft, nach Europa fuhr. Nachdem auch die zurückgebliebenen Inlandeisfahrer vom Ameralikfjord in einem Holzboot und einem großen Weiberboot oder Umiak am 12. Oktober nach Godthaab gelangt waren, mußte freilich überwintert werden. Die Zeit wurde von Nansen dazu benutzt, eingehend das Leben der Eskimos zu erforschen, ihr kühnes Fischer leben auf dem Kajak, dem leichten einsitzigen, gedeckten Seehundsfellboot, das sie mit dem zweiblättrigen Ruder regieren, von dem aus sie die Jagd auf Seehunde mit der Blasenharpune am langen Fangriemen, die mit dem Wurfbrette geschleudert wird, betreiben, ihr häusliches Leben im Sommer und Winter, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Religion und Kunst. Am 21. Mai 1889 trafen alle sechs Mitglieder der Nansenschen Forscherfahrt in Kopenhagen ein; am 30. Mai wurden sie festlich im Hafen von Kristiania empfangen. Mit Nansens Reise war die von Nordenskjöld noch offen gelassene Frage eines tundrenartigen Innern von Grönland endgültig verneint, und unsere Vorstellungen von der früheren Vereisung Nordeuropas traten in viel helleres Licht.   6. Im Eisfjord auf Spitzbergen. Quelle: Mit Zeppelin nach Spitzbergen, herausgegeben von A. Miethe und H. Hergesell, Berlin, Bong \& Co. Wenig gekürzt. Der Gedanke, mit Hilfe des Luftschiffes die arktischen Gegenden zu erforschen, ist nicht neu: der unglückliche Andree ließ sein Leben dafür, und der Amerikaner Wellmann wollte von Spitzbergen aus im lenkbaren Luftschiffe nach Norden fahren. Eine neue Anregung erhielt der Gedanke durch die großartigen Erfolge der starren Zeppelinluftschiffe seit dem Jahre 1907. Im Sommer 1910 unternahmen Prinz Heinrich von Preußen und Graf Zeppelin mit verschiedenen deutschen Gelehrten eine Studienfahrt nach der unter dem Meridian Mitteleuropas (15°) und unter 80° nördlicher Breite gelegenen Inselgruppe Spitzbergen , die für solche Entdeckungsfahrten als Ausgangs- und Stützpunkt recht geeignet erscheint. Wenn auch die Luftfahrten in so hohen Breiten noch lange Zeit auf sich warten lassen dürften, wir verdanken dieser Studienreise des Grafen Zeppelin auf dem Lloyddampfer »Mainz« ein treffliches Buch mit wundervollen Farbenphotographien aus arktischen Gebieten, wie sie noch von keiner Forschungsreise so zahlreich mitgebracht wurden. Am 16. Juli 1910 besuchte die »Mainz« den größten Fjord der Südinsel des Staatenlandes, den Eisfjord. Er greift wie eine Hand mit fünf fingerartigen Buchten in das Land ein: der Daumen wäre etwa die Ekmanbai, der Zeigefinger die Dicksonbai, der Mittelfinger die Klaas-Billenbai, der Goldfinger die Sassenbai und der kleine Finger die Adventbai. Folgen wir nun der Schilderung, die Professor Miethe von dieser Fahrt gibt: »Das Packeis , das uns am Tage vorher zu schaffen gemacht hatte, war durchaus nicht aus Sicht gekommen. Es lag vielmehr als ein scheinbar schmaler, unschuldiger, weißer Streifen unter dem blauen Himmel um das Kap Staratschin herum und erstreckte sich von dort aus nach Süden und Westen weit in das offene, sonnbeschienene Meer, glitzernd und funkelnd, bis es fern im Dunst des Horizontes sich verlor. Vor uns Hegt nach Süden zu die vollkommen offene Mündung des Grünen Hafens mit seinen schneegefleckten Bergen und mit einem flachen, den Hintergrund ganz ausfüllenden Gletscher, der von den südlichen Höhen herabsteigt. Auf dem blauen Wasser treibt nur hie und da ein vereinzeltes Eisstück oder eine große Scholle, während wir, die Mitte des Fahrwassers innehaltend, vorsichtig in die Bucht hineindampfen. In der flimmernden Sonne erblicken wir schon von ferne eine blaue Rauchwolke, die von einer undeutlich sichtbaren Gruppe von Gebäuden auf der Ostseite des Beckens aufsteigt. Dort befindet sich eine Transiederei , die vor einigen Jahren hierher verlegt worden ist. Während nämlich früher das Abspecken und Verarbeiten der Wale, welche die Fangboote im Nördlichen Eismeere erbeuteten, in Fabriken an der norwegischen Nordküste vorgenommen wurde, hat schließlich die Regierung dieses Landes doch ein Einsehen gehabt und die wirklich sehr unbehaglichen Betriebe des Landes verwiesen. Gegenwärtig werden daher die Transiedereien an mehreren Stellen der spitzbergischen Küste und bis vor kurzem auch eine solche auf der südlich davon gelegenen Bäreninsel betrieben, wo genügend Raum und keine Nachbarn vorhanden sind ... Auf der Westseite des Grünen Hafens, etwa drei Seemeilen von seinem Eingange entfernt, liegt ein größeres Segelschiff dicht unter Land vertaut, und darauf halten wir zu, um auch dort vor Anker zu gehen. Als wir näher kommen und uns durch die verstreuten Eisschollen im Fahrwasser durcharbeiten, erkennen wir, daß dieses Fahrzeug auch eine Walschlächterei ist, die sich in lebhaftem Betrieb befindet. Das alte Schiff, das im Winter jedesmal nach Norwegen geschleppt wird, liegt nur im Sommer hier, und neben ihm im Wasser sind eine Reihe von Waläsern verankert, die wir zunächst für Felsen ansehen und die von Tausenden und aber Tausenden von Eissturmvögeln umschwärmt werden. Einige hundert Faden entfernt fällt unser Anker. Unser erster Ausflug an Land gilt der Transiederei am jenseitigen Ufer, die unter einem einförmigen, mit schmalen Schneerunsen gestreiften Höhenzug gelegen ist, an dessen Abhang mehrere schwarze Flecke sichtbar werden, die Ausbisse der bekannten Kohlenflöze , die hier hauptsächlich für den Gebrauch der Transiederei abgebaut werden ... Kaum an Land, bemerken wir schon, daß wir uns einen nicht gerade vorteilhaften Platz ausgesucht haben. Aus dem sandigen Ufer,« an dem einzelne Eisschollen und kleine Eisberge rings gestrandet sind, erheben sich massenhaft entsetzliche Reste von Walleibern und Gerippen, über denen die Sonne warm brütet und den Tran als schwärzliche Flüssigkeit zwischen den verwesten Massen herausschwitzt, während die durch die Fäulnis aufgetriebenen Aasteile eher an braunen Fels als an Fleischklumpen erinnern. Dem unbehaglichen Anblicke entsprechen die Düfte, die von diesem Leichenfelde ausgehen. Niemand gibt sich hier die Mühe, die abgespeckten Körper in See zu schleppen; sie bleiben einfach am Ufer liegen, wo sie allmählich verrotten und dabei der unentweihten Nase des Nichttranverständigen höchst lästig werden. Selbst beherzte Naturen kennen diesem furchtbaren Gerüche gegenüber nur eine Rettung: ungeordnete Flucht. Daß aber dies alles Sache der Gewöhnung ist, erkennt man daraus, daß in dieser ekelhaften Luft die Leute mit derselben Ruhe arbeiten, wie etwa gegenüber dem Jülichsplatz in Köln ... Unmittelbar vor den niedrigen Fabrikgebäuden, die von einem Wald von Trantonnen umgeben sind und zwischen denen Walknochen sich türmen, brauner, stinkender Tran rinnt und Fleischabfälle ganze Berge bilden, liegt an der Brücke ein Frachtdampfer, der soeben beladen wird, und zu beiden Seiten arbeiten die Leute mit scharfen, spatenartigen Eisen, um mehrere Wale ihrer Speckhülle zu entkleiden. Der Speck wandert dann, in vierkantige Stücke im Gewicht von 10–15 kg zerlegt, in kleine Wagen und wird den mit Dampf geheizten Kesseln zugeführt, die reihenweise auf einem erhöhten Gerüst stehen, und in deren Bauch der Tran ausgeschmolzen wird. Was dann übrig bleibt, wird entleert und wie das taube Gestein in einem Erzbergwerk auf die Halde gestürzt. Eine Verarbeitung des Fleisches und der Knochen scheint gegenwärtig nicht stattzufinden, wie das früher in einzelnen Fabriken in Norwegen geschah, wo aus dem Fleisch Dungstoff, aus den Knochen Leim und Knochenmehl hergestellt wurde. Wir entfliehen schnell dieser unerträglichen Umgebung, und während ein Teil von uns sich den oben am Berge gelegenen Kohlengruben zuwendet, wandein wir am Gestade entlang, wo sich zwischen den prächtig blauen und grünen Eisbergen das ruhige Meer ausbreitet und die Höhen am jenseitigen Ufer im durchsichtigen Violett des herrlichen Tages schimmern. Warum der Grüne Hafen diesen Namen führt, ist schwer einzusehen; denn rings an den mit Geröll bedeckten kahlen Bergen zeigt sich kaum eine Spur der Pflanzenwelt. Nur an einzelnen Stellen, wo das Land ebener und aus rinnendem Schneewasser und tonigen Verwitterungsmassen ein höchst unbehaglicher Sumpf entstanden ist, grünt es von Moos und kleinen, zarten Alpenpflanzen, deren farbige, niedrige Blumenkronen sich der hellen Mittagssonne öffnen. Aber im ganzen herrschen die grauen, braunen, nach der Ferne zu ins Violette spielenden Töne vor. Man könnte den Blick in die Weite einförmig und schwermütig finden, aber die wunderbare Sonne, die ihren Glanz über Schnee und Eis, über das ruhige Meer und die flache Uferlinie ausbreitet, übergießt alles mit einem stillen Zauber friedlicher Ruhe und arktischer Größe, der uns ergreift. Es scheint, als ob das Tagesgestirn sich in der kurzen Sommerzeit bemühte, auch diesen verlassenen Erdenwinkel mit einer Fülle von Farbe und Pracht zu verschönen, ehe es ihn den Nebeln des Herbstes und den Winterstürmen überlassen muß ... Am Nachmittag empfangen wir den ersten Besuch von spitzbergischen Fremdlingen an Bord. Der Kapitän des Transchiffes nebenan und sein Lotse erscheinen und berichten uns über ihre Tätigkeit und ihre Erfolge. Mit dem Ergebnis dieses Sommers sind sie überaus zufrieden. Mehr als fünfzig Wale sind von ihnen schon abgespeckt worden, und das alte Schiff ist fast voll beladen. Wenn man bedenkt, daß ein Wal durchschnittlich einen Wert von 3-4000 Kronen besitzt, so kann man sich vorstellen, daß die Transiederei manches Verlockende hat. Leider ist unser Gast aber von einem derartigen Dunstkreis umgeben, daß wir unsere Zwiesprache zweckmäßig auf Deck führen und uns nicht enthalten können, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß wir von dieser seiner Eigenschaft nicht gerade begeistert sind. Er aber erklärt uns lächelnd, daß wir uns in wenigen Tagen ebenso wie er selbst und seine Mannschaft an den Geruch gewöhnt haben und ihn dann »ganz angenehm« finden werden. In freier Luft einen Wal abzuspecken, sei nicht schlimm, dagegen sei eine Arbeit, die er jetzt gerade längsseits vornehmen lasse, weniger behaglich. Seit Wochen nämlich schon suchten seine Mannschaften in einem abgespeckten Wal eine steckengebliebene Sprengharpune, die man durchaus wiederfinden müsse, ehe man das Aas der Strömung überlasse! ... Das Eis hatte unter der Wirkung des kräftigen Windes zum größten Teil den Hafen verlassen, und wir wagten mit der »Mainz« einen Vorstoß in den Fjord. Herrlich war es, vorn auf der Back zu stehen und zu sehen, wie die mächtigen, grünen Eisschollen, wenn sie nicht in kurzer Wendung umfahren werden konnten, krachend vor den Bug unseres Schiffes gerieten, sich hoch auftürmten oder zerbrochen wurden und ohnmächtig zurückblieben. Bald lag der schmale Eisgürtel hinter uns, und wir konnten der Adventbai zufahren. Unter dem südlichen Ufer des Eisfjords hinsteuernd, hatten wir schöne Blicke auf die flachen, sargartigen, vielfach mannigfaltig ausgemeißelten Höhen, fuhren am Kohlenhafen mit dem sogenannten Vesuv vorbei und erreichten gegen Abend die Einfahrt zur Adventbai. Links an den Höhen lagen die verlassenen Gebäude eines Kohlenbergwerks, und wir warfen unter Kap Advent Anker. In diese Bai münden zwar keine Gletscher, so daß man vor Gletschereis sicher ist. Um so unangenehmer wurde das Baieneis selbst, das aus außerordentlich schweren, harten und dicken Schollen besteht. Wir planten zunächst eine Fahrt mit unserem Motorboot nach der unerforschten Nordküste des Eisfjords, dessen große, überhaupt kaum noch untersuchten Eisströme blinkend im Sonnenscheine lockten. Aber leider war die Adventbai mittlerweile an ihrer Mündung vollständig mit Eis verstopft, und wir mußten daher den uns zur Verfügung stehenden Ruhetag zu einem Ausflug nach dem Hintergrunde der Bai benutzen. Unser Motorboot fuhr vorsichtig in die Bucht hinein und landete schließlich, da die Wassertiefe ein Vordringen nicht ermöglichte, bei einer niedrigen Landzunge, wo wir ausbooteten. Der Kutter wurde an Land gezogen, und wir begannen unsern Marsch. Das Wetter war wie in den ersten Wochen auf Spitzbergen fast immer ziemlich heiter und warm. Der Wind blies uns auf unserm Marsche vom Rücken her, so daß wir allmählich merkten, daß man auf Spitzbergen recht gründlich schwitzen kann. Auf äußerst einförmigem, schwierigem Gelände ging es langsam nach Süden, zunächst an dem teils sumpfigen, teils steinigen Ufer der Bai entlang bis zu dem weiten Adventtal, das von einem ziemlich starken Strom durchflossen wird. Wir mußten über die erhöhten Deltas seiner Zuflüsse, die mit einem schier ungangbaren Steingeröll bedeckt waren, hinüberstolpern und dann die ziemlich tiefen und reißenden Bäche durchwaten – oder wir hatten das Vergnügen, die Mächtigkeit der aufgetauten Oberschicht einer unergründlichen Sumpflandschaft, die offenbar nur für Watvögel bestimmt war, auszumessen. Meist fanden wir bei etwa 20 bis 25 cm festen Grund, darüber aber die furchtbarste Mischung von Eiswasser, Lehm und Moos, torfigen Pflanzenresten und zähem Schlick, die man sich überhaupt denken kann. Jeder Schritt erforderte neue Anstrengung, und bald zog sich unsere Gesellschaft weit auseinander. Während die Zoologen hauptsächlich am Bergabhange einige seltene Vögel, darunter eine merkwürdige Abart des Schneehuhns erbeuteten, suchten wir unsern mühsamen Weg mehr in der Ebene und wurden schließlich jagdlich so anspruchslos, daß wir uns mit den harmlosen, aber wohlschmeckenden Strandläufern und kleinen Schnepfen einließen, die allerdings massenhaft vorhanden waren. So ging es stundenlang immer langsamer taleinwärts, und endlich wurde mir denn doch klar, daß es hier augenblicklich nicht mehr Renntiere gab als auf unseren heimatlichen Mooren. Wir fanden nur zahlreiche, teilweise schon morsche, abgeworfene Stangen von Renntieren im Moose stecken. Die sich kreuzenden Fährten waren meist alt, und nur hin und wieder war eine frischere dazwischen, über deren Entstehungszeit allerdings immer noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestanden. Zwischen den noch toten, grauweißen Moospolstern des Vorjahres ließ an einigen Stellen in der unergründlichen, weiten Sumpflandschaft das Wollgras seine weißleuchtenden Flockenbüschel nicken. An warmen, geschützten Plätzen zwischen dem Geröll erhoben sich die kleinen, glänzenden, gelben und weißen Blüten des Alpenmohns und der Dryas, und an anderen waren niedrige rote Nelken in ihre halbkugelförmig gewölbten, kräftig grünen, moosartigen Laubkissen eingebettet. Wir ruhten an einer leidlich trockenen Stelle und freuten uns der warmen Sonne und des kühlenden Windes, der über uns hinstrich. Dann aber dehnte sich endlos der Rückweg. In der Mittagswärme waren die Schmelzwässer, die rings von den Höhen herabsprudeln, wesentlich zahlreicher und bedeutender geworden, was nicht gerade zum Vorteil der Wegsamkeit beitrug, und müde und stumpfsinnig arbeiteten wir uns durch Schlamm und Morast, über Steingeröll und Felsblöcke wieder unserem Boote zu ... Leider endete dieser erste größere Landausflug auf Spitzbergen mit einem kleinen Unfall, da unser flinkes Motorbootchen zwischen den gewaltigen Eisschollen, welche mittlerweile die ganze Adventbai angefüllt hatten, einen Schraubenflügel ganz verlor und einen zweiten gründlich verbog. Nicht etwa, daß wir gegen einen der saumseligen Riesen angefahren wären, nein, der Angriff ging von einem Eisberge selber aus, der sich gerade in dem Augenblick umkehrte, als wir an ihm vorbeifuhren. Dieses plötzliche Kentern der Eisschollen und Eisberge wird bewirkt durch das Abschmelzen der in das Wasser tauchenden Teile, wodurch sie das Gleichgewicht verlieren und gefährlich werden. Die Maschineningenieure der »Mainz« hatten mehrere Tage zu tun, um den gröbsten Schaden auszubessern. Der Zufluß des Eises in der Adventbai nahm unter der Wirkung eines lebhaften nördlichen Windes und des Flutstromes ständig zu; von der Landzunge aus, die von Westen her die schmale Einfahrt begrenzt, erblickte man ein endloses Gefolge von mächtigen Eistrümmern, die sich in raschem Strom in die Bucht ergossen, um im südlichen Flachwasser derselben schließlich zu stranden. Am Abende war unsere »Mainz« fest von den groben Gesellen umgeben. Auch der nächste Tag brachte kaum eine merkliche Veränderung unserer etwas unbehaglichen Lage. Zwar ein Teil des Eises war aus der Adventbai hinausgetrieben, aber unsere unfreiwillige Gefangenschaft im Eispreß war damit noch nicht zu Ende. So beschlossen wir eine Fahrt zur Landungsbrücke des Kohlenbergwerks mit dem Boote zu machen. Dieses Kohlenbergwerk in der Adventbai ist das einzige bis jetzt mit einigem Erfolg abgebaute Vorkommen wirklich brauchbarer, verhältnismäßig junger, aber sehr guter Kohle auf Spitzbergen. Die englische Gesellschaft, die während der Sommermonate arbeitet und ihre Ausbeute auf eigenem Dampfer verfrachtet, hat den ganzen Betrieb dieses merkwürdigen Bergwerks in mustergültiger Weise eingerichtet. Nicht nur, daß in dem öden Tal, an dessen nördlichem Gehänge der Stollen in das Innere des Berges führt, eine kleine »Stadt« von Holzhäusern entstanden ist, die den Arbeitern gute und gesunde Unterkunft gewährt, sondern auch in anderen Beziehungen ist für das Wohl derselben in vernünftiger Weise gesorgt. Alkohol gelangt nur auf dem Wege der Touristendampfer in die Adventbai. Die Umgebung dieser »Longyear City« genannten kleinen Ansiedlung ist nichts weniger als malerisch. Auf fahler, zertretener und staubiger Tundra am steinigen Abhange des Berges gelegen, blickt sie auf den südlichen Teil der Bai und das öde Adventtal an der einen Seite, nach dem traurig ernsten, schneeigen Talschluß auf der andern Seite. Durch eine Drahtseilbahn ist die Gruppe mit einer Ladebrücke am Fjord verbunden, und der Abbau selbst gestaltet sich in dem wagerechten, steinhart gefrorenen Flöz recht einfach. Es scheint, als wenn diese Anlage einen dauernden, wenn auch bescheidenen Gewinn abzuwerfen fähig wäre, solange wenigstens die norwegische Regierung für den Betrieb der Ofotenbahn von Narvik bis tief nach Schweden hinein die Adventkohle bevorzugt. Seit 1916 haben, einige norwegische Gesellschaften mit dem Kohlenabbau auf Spitzbergen begonnen, besonders am Eisfjord. Das Schwierigste ist die Verschiffung der geförderten Kohle in dem unberechenbaren kurzen arktischen Sommer. Doch zwingt die Weltkohlennot immer mehr auch zum Abbau der ungünstig gelegenen arktischen Flöze. Auch Schweden beutet die Braunkohle Spitzbergens seit 1917 am Glockensund aus. Am 11. Februar 1920 ist Norwegen die Oberhoheit über die Inselgruppe von Spitzbergen durch einen in Paris unterzeichneten Vertrag zuerkannt worden. Endlich gelang es der »Mainz«, trotz Sturm und Eis aus der Umklammerung in der Adventbai sich glücklich frei zu machen. Der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt, an denen der seltsame Widerschein der Gletscher und des Inlandeises deutlich sichtbar wurde.« ...   7. Im nördlichen Polarmeer. Nach Nansen, Auf Schneeschuhen durch Grönland, 1. Bd. Hamburg 1901. In Nacht und Eis, 2. Bd. Leipzig 1886, F. A. Brockhaus. Die Gewässer des Polarmeeres sind sehr fischreich. Nördlich und westlich von Island z. B. lohnt sich der Fang auf Dorsche mit der Angelleine, weit draußen auf Hellflundern. Bald stößt das Schiff auf das Treibeis des Polarmeeres. Diese Eiswelt ist einförmig und einfach, im kleinen hat sie zwar eine unendliche Formenfülle und alle Farbentöne zwischen Blau und Grün; im großen ganzen aber hebt sich das treibende Eis als schimmernde weiße Fläche vom schwarzdunklen Meere ab und wirft einen hellen Widerschein gegen die Wolken. Der Himmel ist an hellen Tagen weißblau, meist aber von treibenden Wolken bedeckt oder in dichte Nebel gehüllt, bald erglühend gegen Morgen und Abend, bald träumerisch-licht in den hellen Nächten, bald düster-ernst in den Nächten der dunkeln Jahreszeit, wo Sternenschimmer und Nordlicht über den weißen Flächen spielen oder der Mond seine Bahn über die öde Natur zieht. Die Landschaft bleibt sich hier gleich, der Himmel gibt ihr Wechsel und Leben. Die Schollen gleiten plätschernd über die bewegten Wellen, sie mehren sich zusehends, und es entsteht ein Geräusch wie ferner Brandungsschwall, wenn die See darüber geht und rasselnd die Eisschollen gegeneinander schiebt. Die Seehundsfänger sind so stark gebaut, daß sie dem Schollenstoß widerstehen. Die großen Eisschollen werden zertrümmert, die Bruchstücke übereinander gestaut bis zu 15 m Mächtigkeit im Sturme, es bilden sich so Eisberge aus dem Treibeis. So gelangt das Eis aus dem hohen Polarmeere, z. B. durch den Polarstrom nach Süden geführt, längs der Ostküste Grönlands in die Dänemarkstraße. Darauf tummeln sich Scharen einer großen pelagischen Seehundsart, der sogenannten Klappmütze (Cystophora cristata). Eine vorwiegend norwegische Fängerflottille von ungefähr 15 Schiffen macht seit 1876 auf sie Jagd. Die Männchen tragen über der Nase eine faltige Haut, die sie aufblasen können, daher der Name Klappmütze. Sie tauchen in große Tiefen und fangen dort Fische. Gesellig lebt dies Tier auf dem Treibeise der Gewässer von Spitzbergen, Grönland, Labrador, bei Nowaja Semlja kommt sie nicht vor. Bei Jan Mayen wird der grönländische Seehund (Phoca groenlandica) ebenso gejagt; indem die Jäger in Booten heranrudern und die Tiere abschießen, abhäuten und entspecken; das Fleisch ist die Speise der unzähligen Möwen, obwohl es für Menschen ganz gut genießbar ist. Aber der Seemann hat ein Vorurteil dagegen und ißt lieber das schwerverdauliche Salzfleisch. Eine kleine Walart, der Rüsselwal oder Entenwal (Hyperoodon diodon) mit weichem, rundem Fettpolster über der Stirn, das über dem Wasser erscheint, tummelt sich gern in Scharen von fünf und mehr Stücken um die Schiffe. Seltener trifft man die großen gewaltigen Blauwale oder Grönlandswale (Balenoptera Sibaldii). Man hört sie von ferne schon gewaltig pusten und sieht die wasserdampfreiche Atemsäule aus den Nasenlöchern steigen. Der Schrecken dieser Großwale ist der Speckhauer (Orca gladiator), ein kleiner Zahnwal, der jene Riesen als schneller und ausdauernder Schwimmer verfolgt und ihnen mit seinem scharfen Gebiß große Stücke Speck aus den Seiten reißt, so lange, bis sie ermattet vom Blutverlust ihm zum Opfer fallen. Auch der Seehund ist nicht vor ihnen sicher. Seehunde treiben schaukelnd auf den Wellen wie Korkbojen und schlafen zwischen Schollen und treibenden Tangmassen. Wenn sich im Sommer (Juli bis September) im eigentlichen Polarbecken Rinnen im Eise bilden, wandern Scharen von Narwalen nordwärts bis 84½° n. Br., tummeln sich darin, machen Luftsprünge und zeigen ihre großen langen Stoßzähne. An diesen Rinnen halten sich auch mit Vorliebe die ungeschlachten Walrosse auf. Wie »Fleischberge« liegen sie auf dem Eise. Im Wasser aber entfalten sie große Gewandtheit, schwimmen unter den Schollen fort und tauchen in den Rinnen koboldartig auf; mit dem dicken häßlichen Kopfe brechen sie auch nach heftigen Stößen durch das Eis, um schnaubend und grunzend Atem zu schöpfen. Die Hauer müssen ihnen helfen, auf die Schollen zu klettern. Weithin schallt dann ihr Schnauben und Bellen und wetteifert mit dem Möwengeschrei. Auf dem Eise treibt und wohnt und wandert der Eisbär und der Polarfuchs bis in hohe Breiten. Besonders reich ist aber das Vogelleben des nördlichen Eismeeres: Elfenbeinmöwen (Laras eburneus), Eissturmvögel (Procellaria glacialis), Grillummen (Uria grylle), Schneeammern (Plectrophanes nivalis), Krabbentaucher (Mergulus alle), Rosenmöwen (Rhodosthetia rosea) besonders im nördlichen Gebiete von Franz-Josephsland und viele andere halten sich den arktischen Sommer hindurch über dem Eise auf, nisten und brüten auf Klippen und streichen im Winter südwärts. Der Meeresgrund des Polarmeeres liegt sehr tief. Nansens Messungen ergeben 3400-3900 m für das eigentliche Polarbecken, im Meere zwischen Grönland und Spitzbergen liegt eine große Tiefe von 4800 m, während südlich von Franz-Josephsland und Spitzbergen nur Tiefen von 300 m, nördlich der sibirischen Küste solche bis zu 150 m gemessen worden sind. Grauer Ton, arm an organischen Resten, arm an Kalk, bedeckt den Meeresgrund. Die sibirischen und amerikanischen Ströme tragen viel Schlamm in das nördliche Polarmeer. Auf 86° n. Br. fand sich solcher Schlamm auf dem Treibeise, auch sibirisches Treibholz wird auf dem Wege der Eisdrift bis nach Grönland durch das Polarbecken verfrachtet. Durch Winde wird die Eisdrift hervorgebracht, die sich von den neusibirischen Inseln durch das Polarbecken gegen die Ostküste Grönlands bewegt, ähnlich einer Meeresströmung. In 5-6 Jahren, schätzt Nansen, ist das Eis von der Beringstraße auf diesem Wege in dem großen »Schlund« zwischen Spitzbergen und Grönland angelangt, so daß sich das Eis im Polarmeere immer erneuert. Es wird dabei 3-4 m dick, erreicht aber durch die Pressungen zur Zeit der Fluten gewaltigere Mächtigkeit, auch dann, wenn nach langen Zeiten gleicher Winddrift der Wind umspringt und die entgegentreibende Eismasse aufstaut. Vom Atlantischen Ozean strömt in der Tiefe zwischen 100-500 m warmes, schweres salzhaltiges Wasser ein, das die Aussüßung des landumgebenen Nordeismeeres durch das Wasser der Ströme verhindert, deren kaltes leichtes Wasser obenauf schwimmt und die Eisbildung fördert. Flohkrebse hausen darin in großer Menge, in der Nähe von Land auch Schnecken und Seeigel zwischen Laminarien und Blasentang. II. Bilder aus den skandinavischen Ländern. 1. Island. – 2. Die Hekla in Tätigkeit. – 3. In Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Erde. – 4. Der Lappe und das Renntier. – 5. Durch den Sognefjord zum Galdhöpig. – 6. Im südschwedischen Granitlande. – 7. Von Gotenburg nach Stockholm. – 8. Nach Finnland. – 9. Kopenhagen.   1. Island. Quellen: Dr. C. Keilhack, Reisebilder aus Island. Gera 1885, Reisewitz' Verlag; Prof. A. Heusler, Berlin, Bilder aus Island. Deutsche Rundschau 1896, Nr. 22. 23; Prof. F. Vetter, Bern, Eine Besteigung der Hekla. Vom Fels zum Meer 1889 H. 11. Außerdem verweise ich auf: Valtyr Gudmundsson, Island am Beginn des 20. Jahrhunderts, übersetzt von R. Palleske. Kattowitz 1904. Island ist ein durchaus eigenartiges Stück Erde, sowohl nach seiner Lage und nach seiner Bodengestalt, als nach seinen Bewohnern und ihrer Geschichte. Fern vom Festland steigt es als »Fels im Meer« empor, an der äußersten Grenze der Menschenwelt eine dauernd bewohnte große Insel von über 100 000 qkm; 14 000 qkm unter inlandeisartigen Gletschern begraben, umspült von den Fluten des Eismeeres, im Norden im Winter vom Packeis gepanzert und doch aufgebaut und noch heute erwärmt und erschüttert von den heißen Glutkräften der Tiefe, im Süden umworben von warmen Wassern des Golfstroms, die tropische Hölzer aus den amerikanischen Urwäldern an die holzarme Insel tragen; bewohnt von 80 000 Menschen, die sich vornehmlich als Fischer und Bauern (Viehzüchter) ernähren und dabei stolz sind, Nachkommen der seit 874 eingewanderten Normannen zu sein und in ihrer Inselabgeschiedenheit ihre Sprache und Sitte rein erhalten zu haben, stolz auch auf ihr Schrifttum und den allzeit regen Bildungstrieb. Der Reisende, der auf dem dänischen Postdampfer, von Kopenhagen her über den schottischen Hafen Leith bei Edinburg und über die Färöer kommend, die im Mittagsglanze hellsilberblau leuchtenden Wogen des Faxafjords an der Südwestküste kreuzt, sieht bald die freundlichen Holz- und Lavahäuser der kleinen Inselhauptstadt Reykjavik herüberleuchten. Sie zählt jetzt über 11 000 Einwohner. Neben der evangelisch-lutherischen Kirche steht das Parlamentsgebäude, wo die 40 Männer des Altthings das Wohl des Landes beraten. Durch Staatsvertrag vom 30. November 1918 ist Island ein selbständiger Staat geworden, der durch »Personalunion« mit Dänemark verbunden ist. Ein Ausschuß vertritt das Land beim Ministerium des Auswärtigen in Kopenhagen, und jeder dänischen Auslandsvertretung wird ein isländischer »Attaché« zugeteilt. Auch eine Art Hochschule beherbergt die Stadt: es können sich Ärzte, Geistliche und voraussichtlich bald auch Juristen hier ihre Vorbildung holen, doch studieren viele in Kopenhagen. Die inselreiche Bucht von Reykjavik umschließen mäßig ansteigende Kuppelberge, deren bräunliche Tuffmassen zu dem Hengill (770 m) aufsteigen und weiterhin übergehen in die Basaltberge im Osten und Norden. Der Boden der Stadt ist ein von der Eiszeit geglätteter Lavastrom, verfolgt man aber die Straße nach Eyrarbakki südöstlich gegen das Hellisskard, einen Bergpaß, so gelangt man in vierstündigem Ritte auf ein junges Lavafeld . Die Straße ist gut und erinnert in ihrem sanften Gefälle, das durch schöne Schlangenwindungen erreicht wird, an eine gute kleinere Alpenstraße. Im weiteren Verlaufe führen zwei sehr große Brücken über die beiden nicht durchreitbaren Ströme des Südviertels. Mäßig gewellt zieht sich das junge Lavafeld drei Stunden landeinwärts hin. Der Boden ist grau und spielt je nach der Beleuchtung ins Stahlblaue, ins Violette oder Rostbraune. Zwischen den Lavatrümmern und dem Schutte liegen Flecke grünen Rasens verborgen, bestickt mit blühenden Enzianen und Steinbrechen, hie und da auch unterbrochen von einem rosenroten Polster der Alpenblume Silene acaulis, die die Isländer lambagras nennen, d. h. Lämmerkraut. Noch bunter, einem Treibhaus der lieblichsten Flora gleich, zeigen sich die phantastischen jungen Laven von Budir an der Nordseite des Faxafjordes. Zwischen den scharfen Zacken und kühnen Säulen, den schmalen Firsten und rundlichen Knollen, die Wind und Wetter noch nicht eingeebnet haben, zwischen den gespenstischen schwarzen Lavagebilden dieses Labyrinths, die im Sonnenglanze blauschwarze, noch gespenstischere Schatten werfen, wuchert es herauf von Farnkräutern, kriecht kratziges Brombeergerank hindurch, auch lichtgrüne Bärlappschlangen kommen hervor; auf sonnigen Stellen leuchtet Enzian und goldgelber Mauerpfeffer; es ist wie ein Zaubergarten für sich. Leben kommt auch durch die kristallklaren Bäche in die Landschaft, die durch das Lavagrau irgend einer der blauen Buchten zueilen, die die steinige Küste zerfransen. Aber es gibt auch tote Stellen, Lavawüsten, wo die Erde, ausgebrannt und verkohlt, anmutet wie Hochofenschlacke. Dunkle rußige Aschenkegel steigen dort auf mit zinnoberroten Brustlätzen vulkanischer Sande, in wirrer Unordnung hie und da hingestellt. Die Blöcke haben nur silbergraue Moose und Flechten erst erobert, viele sind auch noch ganz nackt, und nur unruhige Schlagschatten spielen zwischenhin. Den Horizont im Süden bildet eine kühne Zackenlinie, deren Umriß dem der Berner Alpen ähnlich scheint. Besonders scharf hebt sich daraus der Hahnenkamm des Vifilsfells heraus, und doch ist die Kette nicht höher als 650 m, die zerrissenen Formen des ausgewitterten vulkanischen Tuffes lassen sie höher erscheinen. Das Auge verliert leicht das Maß. Am braunen splitterbesäten Vifilsfell senken sich schwer und breit Lavaflüsse nieder in Felsenkesseln, fächerförmig am Gehänge sich ausbreitend. Die Oberfläche ist glatt wie ein versteinerter Stromspiegel, aber winzige, kreisrunde Kraterkegelchen werfen im Abendschein lange Schatten auf die altsilberne Fläche, daß man auf den Mond verzaubert zu sein glaubt. Östlich von Reykjavik liegt das große alte Lavafeld der Thingvellir. 200 qkm bedecken hier aus verschiedenen Kratern zusammengeflossene Lavaströme zwischen noch älteren Tuff- und Basalthöhen. Ein im Südwesten am stärksten wirksamer Einbruch längs mehrerer Bruchlinien schuf hier einen Kessel, der heute von dem 100 m tiefen Thingvallasee ausgefüllt ist. Er liegt völlig abgeschlossen im Schoße weichgipfliger Bergmassen. Gelbe hügelige Inseln träumen in seinem violettgrauen Wasserspiegel, am nördlichen Rande hebt sich der wellige Bergumriß des Hengill empor. Hier in der Nähe der Almannagjá (aller Männer Kluft), einer wilden Lavaschlucht von über 7 km Länge und hohen Steilwänden, von denen der Weltreisende Lord Dufferin sagte, es sei der Mühe wert, um die Erde zu reisen, nur um die Almannagjá zu sehen, tagten einst unter freiem Himmel auf dem Grasboden der Seeufer die Kammern der Landsgemeinde, wo sich schildkrötenartig flachgewölbte Lavaplatten nackt ringsum daraus hervorschälen. Weiter ostwärts kommt man in das Gebiet der Geysirs . Heiße Quellen – wohl 50 an der Zahl – entströmen hier dem sumpfigen Boden. Der große Geysir hat sich einen 5 m hohen Kegel aus Kieselsinter um sein Sprudelloch gebaut; es stellt einen Trichter dar, dessen Rand 50 m Umfang bei 16 m Durchmesser hat und stets mit dampfendem Wasser gefüllt ist. Der Speischlund in der Mitte ist immer noch 5 m breit und schleuderte 1810 aller sechs Stunden, 1860 nur noch aller 4-5 Tage (heutzutage etwa aller 20 Tage) eine gewaltige kochende Wassergarbe gen Himmel. Der alte Wüterich leidet eben an Altersschwäche. Doch hat er all den heißen Springquellen der Erde seinen Namen als Gattungsnamen gegeben. 70 m davon wallt in einer weißschimmernden Sinterröhre von 2 m Durchmesser im ebenen Boden die kochende Wassersäule des Strokkr auf und ab; ab und zu schießt auch hier das herrlich blaugrüne Wasser aus dem alabasterweißen Schlunde zu 30-40 m Höhe empor in gewaltigem Ausbruch, wenn die Wasserdämpfe in der Tiefe die nötige Spannung erreicht haben. Große Wolken heißer Dämpfe breiten sich dann pinienartig über der Ausbruchsstelle aus. Südlich dieses Gebietes heißer Quellen liegt eine flache Stromebene, lauter junges, grünes Schwemmland, durchschnitten von milchgrauen Gletscherflüssen und silberblauen, felsentsprungenen und daher geläuterten Gewässern, die braunes Erdreich einfaßt. Rietflächen decken moorigen Boden zu, darüber tanzen irrlichtartig die weißleuchtenden Büschel des Wollgrases (Eriophorum augustifolium). Frei wölbt sich die zarte Bläue der reinen Luft. Inselgleich erheben sich hie und da übergrünte Hügelgestalten aus dem flachen Niederlande, auch größere Horste aus dem wasserreichen Plane, alte stehengebliebene Tuffpfeiler, einst lange Zeit vom Meere umkämpft, wie noch heute draußen die Westmännerinseln vor der Küste, dann landfest gemacht durch die Geschiebe und den Schlamm der Flüsse. Graue Zungen vulkanischen Flugsandes unterbrechen das lebhafte Grün der weiten Stromebene im Osten, die im Sturme oft ihre Lage wechseln und sogar Höfe öde gelegt haben. Sie entstammen der isländischen Schwester des Vesuvs, der Hekla , die sich im Osten der Niederung, südlich vom Geysir als schwarzblauer breit hingelagerter Vulkan mit einem glänzenden Schneemantel um die Schultern zu einer Höhe von 1557 m aufschwingt. Ihre Form ist ausgeprägt, als regelmäßige Halbkugel scheint sie sich aus der Tiefe empor und wieder zu Tale zu wölben, aber ihr fehlt die Rauchpinie, die den Vesuv so schön macht. Gewaltige Lavafluten sind rings um ihren Fuß erstarrt in schwarzen zerrissenen gletscherartigen Strömen. Ein dürftiges isländisches Gehöft, Naefurholt, ist die letzte Raststätte vor dem Anstieg zum Gipfel des alten »Hechelbergs«, den schon Irenikus 1570 in seiner descriptio Germaniae als das Abbild der Hölle und des Fegefeuers beschrieb. Der Hof besteht wie fast alle isländische Bauernhäuser aus mehreren, mit den Langseiten aneinandergebauten Hütten, aus unbehauenen Steinen und Rasenstücken aufgebaut. Sie lehnen sich an den Hang und schauen auf einen kleinen See, den wilde Schwäne bewohnen, mit den bretterverschalten, bemalten Giebeldreiecken hinaus. Eine Rasenmauer umgrenzt den bachdurchrauschten grünen Rasenplatz; dort wuchert die breitblättrige Archangelica officinalis, und hohe rötliche Ampferstauden umrahmen wie eine kleine Allee den Zugang zum Hause. Aus Rasenstücken ist auch das Dach zusammengesetzt, von dem die schöne »Baldersbraue« (Anthemis cotula) mit ihrer leuchtenden Asterblume herabnickt. So gleicht das Gehöft von der Bergseite einer Reihe begrünter Erdhügelchen, von der Seeseite macht es den Eindruck, als sei das Giebelstück mit seinen Fenstern und Türen vor eine Erdhöhle hingesetzt. Der isländische Bauer ist sehr gastfrei; fast überall hat er eine gestastofa, Gaststube, für den Fremdling bereit, darin einige notwendige Möbel, bei Reichen bisweilen aus Mahagonitreibholz gebaut; abends werden dort Betten aufgeschlagen, mit sehr gutem Bettzeug; denn die isländischen Eiderenten haben gute Daunen. Hier aber im ärmlichen Einsiedelhof, am äußersten Vorposten der Kultur gegen das rauhe Innere, muß der Gast mit der badstofa (»Badestube«) fürlieb nehmen. Das war im Mittelalter allerdings ein Baderaum, ist jetzt aber der gemeinsame Schlafsaal der isländischen Familie, einschließlich der Knechte und Mägde. Am Morgen erwarten den Reisenden und seinen Führer die kleinen ponyartigen Pferdchen, die an Gewandtheit im Klettern es den Maultieren gleichtun. Meist sind es Schimmel oder Füchse, häufig sind auch Schecken mit weißen und rotbraunen Flecken wie das Simmentaler Vieh. Über Lavafelder klettern die munteren Tiere, oft versinkt der Huf in graugrünen Kissen isländischer Flechte (Cetraria islandica), hier Fjallagras (Bergkraut) genannt. Mehrere parasitische Krater sitzen auf dem Gehänge auf, so der vom vorletzten Ausbruche von 1845. Der Lavastrom, der sich damals aus der südwestlichen Bergschulter ergoß, steht wie eine erstarrte Brandungswoge da, schwarz mit wenigen grauen Moosflecken, die Oberfläche zerrissen gleich spritzendem Schaum, wie die Tätigkeit der gespannten Gase im Innern sie bei der Abkühlung auftrieb. Hier versagen die Pferde, und der Reisende muß seinen Weg selbst suchen durch das zerspratzte Lavafeld. Eine Schneekehle führt zum Krater von 1845 hinauf, der, von roten und schwarzen Lavaschlacken eingefaßt, im Innern die erstarrte und zersprungene graue Masse zeigt, wie sie zurückebbend in sich selbst verbrodelt ist. Beim weiteren Aufstieg erleichtert der Schneemantel, der die Unebenheiten der Lava ausgleicht, das Gehen. Schwarzer Lavasand liegt schichtenweise darauf, hier steigt ein brandroter Schlackenkegel aus dem Weiß des verfirnten Schnees auf. Endlich steht man auf dem Rande des Hauptkraters, der in seinem Ring von etwa 300 m Durchmesser an zwei Stellen der schwarz, gelb und roten aperen Sonnenseite Wasserdampf aus Rissen und Poren des Tuffes aushaucht. Nach Osten hin liegt ein zweiter etwas kleinerer Krater, dessen Schanzring den höchsten Punkt des Berges trägt, vergraben in dichtem Schnee. Dort glänzt gegen Nordosten der breite Vatnajökull , mit seiner riesigen, alle Unebenheiten des Untergrundes verbergenden, ganz flachgewölbten Eiskappe mehr ein Inlandeisrest von über 8000 qkm Größe als ein Gletscher, ein echter Jökull; sein Eis ist glatt und nur wenig durchschrundet, von den Rändern hängt hie und da eine Zunge, ein gletscherartiger Zipfel herab. Violette, kühn geformte Bergumrisse im Vordergrunde bilden einen wirksamen Gegensatz zu der duftigen Firnlinie des Jökulls in der Ferne. Blaue Seespiegel sind dazwischen gelegt. Gegen Südost richtet sich der Blick auf die grauenvolle Lavawüste, in der 1878 der letzte gewaltige Ausbruch stattfand, gegen Westen auf die von 1845. Hier schimmern in der Ferne Strombänder und blaues Meer herüber. Gegen Norden flachwelliges Grasland und Heiderücken, wo kleine Gruppen isländischer Schafe äsen zwischen Blaubeergestrüpp und buschigen Birken und Zwergweiden, dahinter die zweitgrößte Gletschermasse Islands, der Langjökull, eine schimmernde Silberfläche, deren Umriß sich sanft der weißblauen Himmelsluft anschmiegt, aber absticht nach unten von dem dumpfen Grünbraun der Heide, das übergeht in das Grün des südlichen Stromlandes. Ganz anders ist die Basaltlandschaft des Nordwestlandes und der Nordküste Islands ! Ein fjorddurchschnittenes Hochland von 5-600 m Höhe mit vielen Halbinseln, Landfingern, die in die See hinauszugreifen scheinen nach den basaltenen Felsklippen, die in ihrer Verlängerung liegen, Seevögelsiedlungen. Das Hochland ist Heide und Trümmerland, auch flache Firndecken liegen darauf. Die Wände der Fjorde, die engen Täler der Nordflüsse legen tiefe Schnitte in das Schichtengefüge der alten Basaltlava. Die oberste Lage ist am weitesten zurückgedrängt, die nächsttiefere springt etwas vor, und so geht es über 20-90 Stufen einer Riesentreppe herab; die einzelnen Geröllhalden der Stufen sind oft mit grünem Weidenteppich behängt; Nebenflüsse haben unten am Fjordspiegel in kleinen Schuttfächern all das ausgebreitet, was sie in mühsam ausnagender Arbeit den schwarzen »Trappwänden« abrangen. »Man muß diese Küste im vollen Sonnenlichte des Abends sehen,« schreibt Prof. Heusler. »Dann gewahrt man erst, wie der Basalt, bei bewölktem Himmel eine mürrische Gesteinsart, Körper und Ausdruck erlangt; wie der Schattenschlag seiner Klüfte sich entfaltet; wie das metallische Rot (des Eisenoxyds) aufleuchtet und diese ganze Bergwelt ein leidenschaftliches Leben gewinnt. Und ihr zu Füßen funkelt das stahlblaue Meer: ein gemilderter Goldbronzeschimmer legt sich von den hohen Ufern auf die bewegte Wellenfläche.« Der Isländer ist nicht mehr der hünenhafte Wiking, den eher der Färinger noch vorstellt. Er ist schlank und zierlich gebaut, nicht vierschrötig veranlagt, sondern eher nervös-zart. Obwohl auf den Dorschfang und die Schafzucht angewiesen, betreibt er beides nicht mit der Glut der Gewinnsucht; der Großfang liegt in den Händen der Bretagner und Norweger; den Handel hatten die Dänen einst ganz in ihren Händen, erst nach und nach haben sich die Isländer darein gefunden, das Geschäft selbst zu machen. Der Isländer richtete sein Streben von jeher mehr auf Geistesbildung, die sich besonders in liebenswürdiger Gastlichkeit und feinem literarischen Wissen und Können offenbart. So kommt es dahin, daß der uns geläufige Begriff des Standesunterschiedes auf Island überwunden ist: es gilt gleich, ob »einer eines Tagelöhners Habe hat, er hat doch eines Königs Sinn«. Die Isländer sind ein Volk von Aristo-Demokraten, das seine Kraft aus den Schätzen seiner Sprache, aus den Sagas und den Werken seiner Dichter und Gelehrten zieht.   2. Die Hekla in Tätigkeit. Nach Jón Svensson, Zwischen Eis und Feuer. Ein Ritt durch Island. Übersetzung von Johannes Mayrhofer. Breslau, Franz Goerlich. Preis brosch. M. 5.– nebst Teuerungszuschlag. Der Gipfel der Hekla ist im allgemeinen von einer kleinen Wolkenhaube umgeben. Daher hat sie auch ihren Namen, denn Hekla bedeutet Haube. In geschichtlicher Zeit hat sie 21 Ausbrüche gehabt. Der erste fand statt 1104, der letzte 1878. Die kürzeste Zeit, die der Vulkan geruht hat, ist sechs, die längste 79 Jahre. Von allen Ausbrüchen der Hekla ist der, welcher 1845-1846 stattfand, der am besten beschriebene. Der Winter 1844 auf 1845 war ungewöhnlich mild. Die Erde war schon im April grün und mit Blumen bedeckt. Frühling und Sommer entsprachen dem Winter. Es herrschte andauernd eine solche Wärme, daß man seit Menschengedenken kaum etwas Ähnliches gekannt hatte. Doch zu aller Verwunderung fiel kein Regen und das, obschon der Himmel oft mit Wolken überzogen war. Diese ungewöhnlichen Witterungsverhältnisse fingen zuletzt an, einzelnen Leuten Bedenken einzuflößen; denn man wußte in dem vulkanischen Lande gut, daß die meisten Vulkanausbrüche gerade durch ähnliche Zeichen vorher verkündigt worden waren. Alte Leute erinnerten sich noch, daß vor dem furchtbaren Ausbruch der Skaptárvulkane 1783 der Winter besonders mild und der Sommer warm und trocken gewesen war. Es herrschte also im ganzen Lande eine gewisse bange Erwartung, eine drückende, nervöse Spannung; denn in diesem meist vulkanischen Lande der Welt kann niemand wissen, wo das Unglück losbrechen wird. Es kann gerade so gut im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen geschehen. Man lebte also auf einem brennenden Vulkan. Hier konnte diese Redewendung im eigentlichen Sinne gebraucht werden. Dann verbreitete sich über die ganze Insel hin das Gerücht, daß die Schneeflecken auf dem Rücken der Hekla im Laufe des Sommers merkwürdig abnähmen. Einige beruhigten sich mit der Erklärung, daß ja im Laufe des ungewöhnlich milden Winters viel weniger Schnee als sonst gefallen war. Doch war jetzt aller Aufmerksamkeit ganz besonders auf die Hekla gerichtet. Außer den erwähnten Beobachtungen hatte man auch eine neue gemacht, die von vielen mit einem möglichen Ausbruch gerade der Hekla in Verbindung gebracht wurde. Es trat nämlich vom 4. bis 5. August auf allen Gehöften, die in der unmittelbaren Nähe des Vulkans lagen, eine plötzliche und höchst auffällige Verminderung in den Milchmengen des Viehes ein. Man erhielt so von dieser Zeit an, ganz unerwartet, nur ungefähr den dritten Teil der Milch, die Kühe und Schafe bis dahin gegeben hatten. Auch dies kannte man im Lande als Zeichen eines baldigen Ausbruches. Die Naturforscher suchen den Grund für diese merkwürdige Tatsache in einer dem Ausbruch gerade vorangehenden allgemeinen Ausdünstung saurer Dämpfe von der Erde her. Zu all diesen Vorboten kam dann noch einer: alle die kochenden Quellen, welche in großer Zahl in der Nähe der Hekla sprudeln, begannen im Laufe des Sommers in einem früher unbekannten Grade anzuschwellen. Ja, es war sogar eine ganze Anzahl neuer Quellen dazu gekommen. Dieser letzte Umstand wurde jedoch von einzelnen als eine Beruhigung aufgefaßt. Die unterirdische Wärme, sagten sie, sucht sich auf andere Weise einen Ausweg. Andere dagegen hielten diese Vermehrung der Wirksamkeit der warmen Quellen für ein sicheres Zeichen, daß das unterirdische Feuer jetzt daran war, sich der Oberfläche zu nähern, und daß man sich deshalb in nächster Zeit auf einen Ausbruch der Hekla gefaßt machen müsse. Und diese Leute bekamen denn auch vollständig recht. Am 22. August wurde auf einmal das ungewöhnlich trockene Wetter vom Regen abgelöst, der jetzt mit wenig Unterbrechungen bis zum Ende des Monats andauerte. Den 1. September hörte der Regen auf, und das Wetter wurde mit einem Male auffallend schwül und still. Das war die Stille vor dem großen Unwetter. Als man am 2. September 1845 erwachte, sah man weder die Hekla noch die andern nahegelegenen Berge. Sie waren alle in dicke, dunkle Wolken eingehüllt. Plötzlich, um 9 Uhr vormittags, begann das furchtbare Schauspiel, das nun 7 Monate dauern sollte, ganz dramatisch mit einem dumpfen Krachen, das von den großen Bergen im Osten zu kommen schien. Zugleich verspürte man ein eigentümliches Zittern der Erdrinde. Bald wiederholte sich das Gekrach. Das große Schauspiel hatte begonnen, und doch, wie merkwürdig das auch klingt, waren manche, die noch nicht daran glauben wollten. Sie meinten, das Geräusch rühre von einem Gewitter her, das zwischen den östlichen Bergen heraufziehe. Doch hatte man bei einem Gewitter noch nie ein solches Poltern gehört wie dieses. Nach etwa einer Viertelstunde wurde das Dröhnen so deutlich und so unheimlich regelmäßig, daß jetzt alle Gewißheit darüber erlangten, es komme von der Hekla und ein wirklicher Ausbruch habe eingesetzt. Ängstliche Blicke richteten sich jetzt gegen den Vulkan, der noch in die dunklen Wolken gehüllt war. Um 10 Uhr sah man plötzlich, wie sich eine kohlschwarze Wolke himmelhoch über dem Berge erhob, ja hoch über den Wolken, in die er eingehüllt war, und gleichzeitig hörte man dort ein Krachen und Donnern. Um 11 Uhr entsandte die Wolke, die sich nun über den Himmel ausbreitete, einen dichten Regen graugelber Asche zugleich mit einer riesigen Menge graugelber Schlackenstücke, ungefähr von der Größe des Fuchsschrotes. Zugleich verdunkelte sich mit einem Male der Himmel, so daß der helle Tag sich plötzlich in die schwärzeste Winternacht verwandelte. Man konnte nicht mehr die eigene Hand sehen. Überall mußte man Licht in den Häusern anzünden, und Leute, die draußen auf den Feldern waren, konnten nur mit Mühe den Heimweg finden. Nach einer Stunde wurde es langsam wieder Tag, wie der Morgen graut nach einer finsteren Nacht. Der grobe graugelbe Gries bedeckte schließlich die Erde mit einer halbzolldicken Schicht. Darauf hörte das auf, und statt dessen kam zuerst ein Regen von kohlschwarzem und darauf von stahlgrauem, etwas glänzendem, vulkanischem Sand. Dieser Sandregen dauerte den ganzen Nachmittag und wurde dann allmählich von dem Fall einer feineren kohlschwarzen Asche abgelöst, der die ganze folgende Nacht hindurch anhielt. Am Morgen des 3. September war die Erde mit einer anderthalb Zoll dicken Lage von Grieß, Sand und Asche bedeckt. Das unterirdische Krachen hielt beständig mit gleicher Stärke und mit der stets gleichen unheimlichen Regelmäßigkeit an. Höchst merkwürdig war folgende Beobachtung: Obschon dieses regelmäßige dumpfe Krachen in unmittelbarer Nähe der Hekla nicht von überwältigend großer Kraft war, so hörte man es doch über das ganze Land hin, das eine Ausdehnung von nicht weniger als 100 000 qkm hat. Ja, man hörte es selbst auf den fernsten Inseln, die doch über 300 km vom Vulkan entfernt liegen. Aber das Allermerkwürdigste war, daß es an allen diesen Stellen mit einer ebenso großen Stärke gehört wurde wie in der Nähe des Vulkans. Das gibt eine Vorstellung davon, aus welch unermeßlicher Tiefe es kommen mußte. Man kann leicht einsehen, daß sich das Dröhnen über desto weiter ausgedehnte Landesteile in demselben Stärkemaß verbreiten konnte, je tiefer unter der Erdrinde es entstand. Am 3. September in der Mittagszeit hörte man plötzlich zweimal ein außerordentlich gewaltsames Krachen, daß die Leute erschreckt zusammenfuhren –, aber gleich darauf ließ das regelmäßige unterirdische Getöse nach. Dies dauerte indes nicht lange; früh am Nachmittage fing es wieder an wie vordem, nur mit größerer Kraft. Diesmal klang es, als ob eine große Kanone nach der andern abgefeuert wurde. Gegen 3 Uhr klärte es sich etwas um den Vulkan auf, und jetzt konnte man deutlich eine gewaltige kohlschwarze Aschensäule senkrecht vom Gipfel des Berges aufsteigen sehen. Die Asche wurde mit solcher Riesenkraft herausgeschleudert, daß man den obersten Teil kaum sehen konnte; er war hoch über den Wolken. Ein anderes Zeichen dieser ungeheuren Kraft war dies, daß die Aschensäule ganz senkrecht nach oben strebte, obschon ein starker Wind ging. Außerdem wurde sie häufig von plötzlich aufleuchtenden, außerordentlich scharfen Blitzen durchkreuzt. Erst in der höchsten Höhe bog sie sich nach Osten um. So blieb es bis zum Abend. 7 Uhr 30 Minuten hörte man mit einem Male ein entsetzliches Dröhnen, als ob tausend schwere Kanonen auf einmal abgefeuert würden – oder vielleicht eher: als ob ein tausendfacher Donner auf einmal loskrachte. Menschen und Tiere wurden vom äußersten Schrecken ergriffen. Danach ward mit einem Male das glühende Innere des Vulkans sichtbar. Der ganze Horizont wurde mit einem blutroten Schein beleuchtet. Eine mächtige, unruhige Flamme schlug vom Gipfel der Hekla empor, und ungeheure rotglühende Felsblöcke wälzten sich in diesem schauerlichen Scheiterhaufen. Diese leuchtenden Steinblöcke wurden unaufhörlich auf und ab geworfen in dem gewaltigen, grauenerweckenden Flammenmeer. Als es ganz finster geworden war, sah der Vulkan aus, als wäre er von oben bis unten in zwei Teile gespalten. Durch den mächtigen Riß sah man des Berges Inhalt: ein furchtbares leuchtendes Feuer. Doch war dies nur scheinbar so. Der leuchtende Feuerstreifen war der Lavafluß , der sich jetzt vom Gipfel der Hekla her voranwälzte und sich an der westlichen Seite des Berges bis ins Tiefland hinabstürzte. Die Flüsse in der Nähe wurden in dem Grade von glühenden Steinen und Lavastücken angefüllt, daß sie an vielen Stellen über die Ufer gingen. Zugleich wurde ihr sonst eiskaltes Gletscherwasser plötzlich so heiß, daß man nicht die Hand hineinhalten konnte. Insbesondere ergoß der große, fischreiche Fluß Vestri-Rangá seine kochendheißen Wasser über das Land und warf unzählige halbgekochte Forellen auf das trockene Land. Das sonst so klare Wasser wurde zuletzt in dem Maße mit Grieß, Schlamm und Asche angefüllt, daß es am ehesten einem Lehmbrei glich. Das Steigen der Gewässer rührte besonders von dem schnellen Schmelzen all des Schnees und des Eises her, das sich noch in den höher gelegenen Gegenden befand. Nachts sanken sie dann wieder und verminderten sich zu der gewohnten Höhe. Die Aschenmenge , die beständig vom Gipfel der Hekla ausgeschleudert und mit großer Schnelligkeit von einem starken Sturm über den Atlantischen Ozean hingetragen wurde, war so groß, daß die Schiffe, die sich am 3. und 4. September in einem Abstand von 800-1000 km von Island befanden, bei den Färöern, Schetlands- und Orkneyinseln, von einem heftigen Aschenregen überfallen wurden. Auf diesen Inseln selbst fiel eine Menge Asche kurz nach dem Ausbruche. Die großen Schafherden Islands (über 700 000 Stück!) leben den ganzen Sommer über in vollständiger Freiheit auf den Bergen in den innern, unbewohnten Teilen der Insel. Vor Wintersanfang, meistens im September, sammelt man sie und treibt sie wieder heim in die Hürden. Damals also waren sie noch oben, auf allen Seiten vom Schrecken umgeben, mitten in dem brennenden Aschenregen. Die Bauern waren sehr bekümmert und nahmen an, daß die meisten der Tiere umgekommen seien, besonders da sie ja ohne Schutz den niederfallenden, glühenden Schlackenstücken ausgesetzt waren. Aber die armen Tiere wußten sich besser zu helfen, als man geglaubt hatte. Sie hatten ihr Heil in der Flucht gesucht, und nur verhältnismäßig wenige gingen zugrunde. Nördlich der Hekla fließen zwei große Elfe, Thorsaa und Tungna-aa. Diese reißenden Ströme hinderten die Tiere daran, nach Norden zu flüchten. Sie mußten ihre Rettung suchen, indem sie zwischen Hekla und den Flüssen liefen. Man sah die gescheuchten Tiere dann auch schon am ersten Tage des Ausbruchs laut blökend in langen Reihen von den Höhen herniederlaufen. Ihr Pelz war schwarz von Asche, ja, an vielen war die Wolle versengt; einige hatten sogar schlimme Brandwunden erlitten. Das Fleisch um die Klauen war blutig, aufgeschwollen und zerschnitten von den scharfen Lavastücken, worauf sie beständig treten mußten. Die sich gar nicht mehr voranschleppen konnten, mußte man zu Pferde zurückbringen und sah sie noch lange nachher auf den Knien weiden ... Der Ausbruch hielt einen Tag und eine Nacht an: immerfort Feuer und Asche und Krachen und Poltern. Der Lavastrom ergoß sich unaufhörlich über das flache Land mit Prasseln und Krachen, während andauernd lose Lavablöcke neben ihm hinabrollten. Bald aber bekam er eine dünne Kruste auf der Oberfläche. Von höher gelegenen Punkten konnte man deutlich sehen, wie die glühende, schwerflüssige Masse sich vorwärts schob unter der erstarrten Kruste. Doch drängte sich die geschmolzene Masse an vielen Stellen aus den Rissen in der Rinde hervor wie rotglühendes Metall. Bisweilen brachen größere Lavamassen plötzlich durch und bedeckten die Felder mit großen, feuerroten Flecken, die dann bald erstarrten. Diese plötzlichen Ausflüsse machten es sehr gefährlich, sich dem Lavastrome zu nähern. Doch wagten viele den Versuch. Aber wenn man in einen Abstand von etwa zwei Metern kam, wurde es fast unmöglich, die Wärme auszuhalten. Waren die Kleider naß vom Regen, so trockneten sie fast augenblicklich. Steckte man eine lange Eisenstange in die geschmolzene Masse, so wurde sie nach einigen Minuten rotglühend. Die wachsende Schnelligkeit des Lavaflusses im Tieflande betrug anfangs etwa 50 m in 24 Stunden, später gegen 300 m. Seine Dicke am Rande wechselte zwischen 12-25 m. Die Asche verwüstete die Weideplätze. Schafe, Pferde und Kühe hatten keine Ruhe. Sie gingen auf den Weiden hin und her wie im Winter, wenn alles mit Schnee bedeckt ist. Das Gras war ja geradezu vergiftet von der vulkanischen Asche. Der Hunger trieb sie dann heim zum Gehöft, wo sie begierig das Gras von den Wänden des Hauses zu fressen suchten, wo die Asche sich nicht hatte aufhäufen können wie auf der flachen Erde ... Am 14. und 15. September steigerte sich plötzlich das Gräßliche der Lage dadurch, daß man nun mit einem Male ein schreckliches Dröhnen vernahm, aber von einer ganz neuen Art. Es erfolgte regelmäßig mit einer Minute Zwischenraum. Dieses neue Dröhnen war so gewaltsam, daß die Leute in einem Umkreis von 20 km Tücher um den Kopf binden mußten, um es aushalten zu können. Es war, als ob ein Riese andauernd stöhnte. Nach jedem Stöhnen wurde schwarze Asche angeschleudert; dazwischen sah man nun weißliche Dampfmassen . So blieb es bis zum 18. September, nur daß der Aschenfall am 15. von unerträglichem Gestank begleitet wurde. Am 18. September sah man plötzlich am nördlichen Himmel eine kleine schwarze Wolke, die sich langsam nach Süden bewegte. Sie näherte sich dem Vulkan mehr und mehr, bis sie zuletzt mit der Aschensäule zusammenstieß. Als der Zusammenstoß erfolgte, hörte man plötzlich zwei gewaltige Donnerschläge, die vollständig das sonst so starke Dröhnen vom Innern des Berges übertönten. Sie weckten zudem mehrfaches Echo von den umliegenden Bergen. Menschen und Tiere zitterten vor Entsetzen. Nachdem dies ohrenbetäubende Geräusch und sein Widerhall verstummt waren, hörte man jetzt ein so fürchterliches Brausen und Lärmen drinnen im Berge, daß kein Mensch in der folgenden Nacht auch nur einen Augenblick Schlaf bekommen konnte. Dies dauerte volle 36 Stunden. Am 6. April 1846 endete das fürchterliche Schauspiel nach gut sieben Monaten Dauer. Aber fünf Jahre später war der Lavastrom noch nicht abgekühlt: aus zahlreichen Rissen und Löchern stiegen Dämpfe auf von über 75° C. Und doch war dieser Ausbruch nicht der schlimmste der Hekla: kein Menschenleben ging verloren, keine Wohnstatt wurde verwüstet, obwohl der nahegelegene Hof Naefurholt wegen der unbehaglichen Nachbarschaft verlassen werden mußte. Nur infolge der giftigen Asche auf den Weiden entstand eine Schafpest. Bei dem Ausbruch 1294 barst die Erde an zahlreichen Stellen infolge starken Erdbebens, viele Wohnstätten wurden zerstört, und viele Menschenleben gingen verloren. Schon 6 Jahre später hatte die Hekla wiederum einen starken Ausbruch. 1341 wurden die fünf nächstgelegenen Landgemeinden vollständig verwüstet, 1436 18 Höfe in wenigen Stunden. 1554 waren die Stöße des Erdbebens beim Ausbruche so stark, daß sich die Leute hinlegen und am Grase festhalten mußten, um nicht hin und her geworfen zu werden. Auch 1597, 1636, 1766 hat der alte Hechelberg gewaltige Ausbrüche gehabt.   3. In Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Erde. Aus Marmiers »Lettres sur le Nord« mit Entlehnungen aus S. Ruge, Norwegen. Leipzig 1899, Velhagen \& Klasing. Auf der Westseite der »Walinsel«, norwegisch Qualö, liegt die nördlichste Stadt der Erde, Hammerfest. Nur in Norwegen konnte sie entstehen, denn von allen Ländern um den Nordpol hat es das günstigste Klima. Nirgends geht der Ackerbau höher gegen Norden hinauf auf der Erde, und am Nordkap unter 72° N. blühen noch Veilchen. Das dankt das Land der warmen Meeresströmung aus dem amerikanischen Mittelmeere, die sich an die Felsenküste schmiegt, in alle Fjorde dringt und warme Winde landeinwärts sendet, dem Golfstrome . Die Pflanzenwelt gewinnt freilich auch von dem langen Sommertage , wo die Sonne ziemlich sechs Wochen (in Hammerfest vom 14. Mai bis 28. Juli) über dem Horizonte schwebt und sich schraubenförmig höher am Himmel hinauf und wieder hinab zu drehen scheint. Von der See her entdeckt das Auge kaum die gelbgrauen Holzhäuschen, den hölzernen Kirchturm, weil sie sich von der Felswand, an die sie sich anlehnen, kaum abheben. Die gewaltige Felsenwildnis ringsum, das breite Meer lassen die Stadt winzig genug erscheinen, »nicht größer als ein Schwalbennest zwischen den Pfeilern eines erhabenen Münsterbaues«, schreibt Dr. G. Wegener. »Es hat etwas Rührendes, dieses kleine tapfere Leben zu sehen, das sich an einem so weltverlorenen Orte festklemmt. Den Hafen bildet eine halbkreisförmige Bucht, die gegen die offene See durch Sorö gedeckt ist. Die meisten Häuser der Kaufleute, die Fischerhütten, die roten Speicher, liegen auf einer kleinen flachen Halbinsel am Südende der Bucht. Hier sind einige breite, rechtwinklig sich kreuzende Straßen, ein geräumiger Marktplatz mit einem Springbrunnen. In den Hafen hinaus springen geräumige Packhäuser, auf Pfählen errichtet, die Giebel dem Wasser zugekehrt und mit Kranen versehen. Hier lagern die Stockfische in luftigen Räumen, bis sie die Schiffe aus Rußland holen und Mehl dafür abladen.« Elektrisches Licht und Fernsprecher geben der Stadt einen großstädtischen Anstrich. Auf der anderen Seite der Bucht, gegen Norden, liegt die kleine Vorstadt Fuglnäs, wo zur Erinnerung an die skandinavisch-russische Gradmessung in den Jahren 1816-1852 eine Meridiansäule steht. Der Geruch, der von den Dorschtrockenplätzen ausgeht, liegt über der ganzen Stadt, und es bedarf langer Gewöhnung, bis man gegen den Trangestank genügend abgestumpft ist. Denn Hammerfest ist der Mittelpunkt der norwegischen Fisch transiederei. Seit dem Anfange des Mittelalters erscheint der Name Hammerfest in den Handelsjahrbüchern von Finmarken. Es war damals nur eine Gruppe von Hütten; aber der sichere und bequeme Hafen war den Kaufleuten von Bergen schon bekannt, ebenso den russischen Fischern, welche bald hier ihre Netze ins Meer warfen, bald an den Küsten das Handwerk von Lotsen übten. Der während eines Jahrhunderts an eine Gilde verpachtete Handel brachte die Bevölkerung von Finmarken in eine Art Sklaverei und stürzte sie in das tiefste Elend. Im Jahre 1789 begriff die dänische Regierung endlich die traurigen Folgen des Vertrags, welchen sie mit einer habgierigen und grausamen Gesellschaft geschlossen hatte. Der Handel wurde wieder frei, und Hammerfest empfing zu gleicher Zeit die Gerechtsame einer Kaufmannschaft. Nach der Meinung derer, welche diesen Regierungsbefehl von 1789 ausstellten, sollte die Stadt einen reißenden Aufschwung nehmen. Man glaubte, sie sei bestimmt, der Mittelpunkt des Handels im Norden, eine Niederlage zwischen Finmarken und Archangel zu werden, aber diese Hoffnungen verwirklichten sich nicht; Hammerfest blieb lange Zeit nur ein Anlegeort. Leopold von Buch, welcher es im Jahre 1810 sah, entwirft davon ein trauriges Gemälde; die ganze Stadt – sagt er – besteht aus neun Wohnungen und hat nicht mehr als 44 Einwohner, worunter den Pfarrer, vier Kaufleute, einen Schullehrer und einen Schuhmacher. Man findet kaum Lebensmittel, nicht einmal Brennholz. Binnen dreißig Jahren war aber der Ort so weit emporgekommen, daß er 80 Häuser mit 400 Einwohnern zählte, und gegenwärtig hat er fast 2500 Einwohner, große Speicher, Wirtshäuser, die den Namen Hotel tragen, Werkstätten und Fabriken. Dieser Fortschritt ist durch die Betriebsamkeit der Kaufleute geschehen, und Kaufleute bilden hier die Oberschicht. Einige sind Vertreter (Konsularagenten) verschiedener Staaten und genießen besonderes Ansehen. Im Alltagsleben ist die Auszeichnung des Konsuls eine Stickerei; bei wichtigen Gelegenheiten hat er den Vorrang vor allen übrigen Kaufleuten. Der Prediger ist zu bescheiden, um einer so vornehmen Würde nicht zu weichen. Der Zollaufseher allein mit seinen goldgestreiften Beinkleidern und mit seiner stets durch eine anspruchslose Tresse gezierten Mütze könnte ihm den Rang streitig machen. Im Sommer bietet die kleine Stadt Hammerfest einen heiteren und belebten Anblick dar; sie sieht im Verlauf einiger Monate ein halbes Tausend Fahrzeuge, teils norwegische, teils fremde, namentlich englische und russische ankommen. Die einen freilich fahren nur durch den Fjord, um sich östlich nach Archangel oder westlich nach Tromsö zu wenden; andere gehen von Insel zu Insel, ihre Ladung voll zu machen, eine große Anzahl bleibt hier. Sie bringen Mehl, Hanf usw. und nehmen als Austausch Fische, Tran, Renntierhäute, Eiderdunen, Fuchspelze und Erze mit fort. Hammerfest ist die Hauptstadt von Westfinmarken. Sie zieht den größten Teil der Güter des Landes, von der Jagd nämlich und vom Fischfang, an sich und verbreitet die fremden Güter, welche sie empfangen hat, in die verschiedenen Kauforte des Bezirks. Russen kommen in großer Anzahl in die Stadt. Es erscheinen auch schwedische, dänische und deutsche Briggs; aber jeden Tag führt der günstige Wind mehrere russische Bodjes heran. Dies sind kurze Fahrzeuge von drei Masten, die Mehrzahl so abgenutzt und alt, daß man sie kaum für fähig hält, einem Sturme zu widerstehen. Die kleinsten davon haben nicht einmal Nägel; von vorn bis hinten sind die Planken mit Hanf zusammengebunden. Man erzählt, daß, als einst der Kaiser von Rußland eines von diesen Schiffen in den Hafen von St. Petersburg kommen sah, ihm dasselbe so auffiel, daß er es für die Folge von jedem Zoll befreite. Mit diesen gebrechlichen Fahrzeugen umschiffen die Russen das Nordkap und dringen in alle Buchten des Eismeers. Während die einen den Handel mit Finmarken ausbeuten, begeben sich die anderen in die Fischgründe. Geschickter und tätiger als die Norweger, haben sie oft ein mit Fischen reich beladenes Boot, wo ihre Mitbewerber nur ein halbleeres Netz herausziehen. Es ist ihnen zwar verboten, auf eine Meile von der Küste zu fischen, aber sie überschreiten täglich die Grenzen, welche ihnen gezogen sind. Durch Beharrlichkeit ermüden sie die Aufmerksamkeit derer, welche sie überwachen sollen. Im Osten, im Westen, im Norden, von allen Seiten umringen sie die Küste von Finmarken; ohne Aufhören kehren sie wieder. Neben den festen englischen und den minder festen russischen Fahrzeugen erscheint die ärmliche Barke des Lappen, welcher dem Kaufmann die Fische bringt, die er mühsam in mehreren Monaten gefangen hat, um einen Teil seiner Schulden in Ordnung zu bringen. Auf dem aus Holz gebauten Umgang, welcher die Speicher umgibt, bemerkt man alle Arten von Trachten, sowie man alle Sprachen des Nordens hier sprechen hört. Der Kaufmann ist immer auf dem Platze beschäftigt, die Mütze von Fischotter auf dem Kopf, die Feder hinter dem Ohre, von seinem Kontor zur Niederlage und von da wieder zurücklaufend. Jetzt ist die Zeit der Arbeit. Vom Geschäftsgang in diesen drei oder vier Monaten hängt der Erfolg des ganzen Jahres ab. Da fertigt er Fahrzeuge nach Spitzbergen und Fischladungen nach Spanien und Portugal ab. Der ganze Tag vergeht in einer ununterbrochenen Kette von Berechnungen und Schreibereien; nur abends bei der Punschbowle wird geplaudert. Dann überlassen sich diese braven Kaufleute mit Lust ihren Herzensergießungen, ihren gastfreundschaftlichen Gewohnheiten, und wenn ein Fremder unter ihnen ist, so haben sie für ihn eine Güte und Zuvorkommenheit ohnegleichen. Wenn man durch die wogenden Nebel und die dichten Wolken, welche gewöhnlich den Himmel von Hammerfest verschleiern, plötzlich einen schönen Sonnenstrahl dringen sieht; wenn die Gebirge der Inseln mit ihren bläulichen Rändern und ihren schimmernden Gipfeln in der Ferne erscheinen; wenn das Meer wie ein silberner See sich zwischen der Stadt und dem Felsen ausbreitet: so ist das ein schönes, poetisches Schauspiel. Eines Abends im August habe ich von einer Höhe die Sonne, im ersten Augenblick durch eine leichte Wolke verhüllt, um Mitternacht in all ihrer Pracht strahlen sehen. Das ganze Meer erglänzte im Lichte; die Gebirge hatten eine Färbung von Azur, gleich dem fernen Horizont südlicher Gegenden, und die Sonne, zwischen den Hügelwänden von Granit wie in ihrem Bette eingeschlafen, glich einer kristallenen Schale. Sobald diese schönen Tage erscheinen, entsteht in der ganzen Stadt eine große Bewegung. Jeder will das seltene, eilig fliehende Schauspiel genießen. Aber diese Tage der Erheiterung sind nur spärlich; ein dunkler Nebel verhüllt das Blau des Himmels; der Frost beginnt mitten im schönsten Sommer, bald verschwinden die fremden Schiffe eines nach dem andern; die Warenhäuser werden geschlossen; die Geschäfte hören auf, alles wird still. Der Winter ist da. Und welch ein Winter! Nächte ohne Ende, schwarzer Himmel, gefrorener Erdboden! Während im Sommer der längste Tag hier unter 70° 30' N. eine Länge von 2-½ Monat erreicht, muß man im Monat Dezember sich um 12 Uhr des Mittags ganz nahe ans Fenster stellen, um einige Zeilen zu lesen. Vom Morgen bis zum Abend ist die Lampe in allen Häusern angezündet, und keine Freude gibt es mehr, kein Leben, keine Neuigkeiten. Die Post, die dreimal monatlich ankommen soll, erscheint nur noch zu unbestimmten Zeitpunkten. Die, welche auf dem Landwege über die schwedischen Gebirge kommt, wird oft durch die Nacht und die schlechten Wege aufgehalten; die von Drontheim übers Meer stößt auf noch größere Hindernisse. Die Stadt ist jetzt eine Welt für sich, vom Reiche der Menschen getrennt. Die armen Einwohner suchen dann alle möglichen Mittel hervor, um sich zu zerstreuen. Sie haben einen Verein gebildet, um sich dänische und deutsche Bücher zu verschaffen. Sie versammeln sich des Abends bald bei dem einen, bald bei dem anderen, wenn die Schneewirbel sie nicht verhindern, auszugehen. Sie trinken Punsch, sie rauchen, sie spielen Karten. Selbst die wissenschaftlichsten unter ihnen müssen sich auf solchen Zeitvertreib beschränken; denn anhaltend beim Lampenschein zu lesen und zu schreiben ist unmöglich. Eines ihrer größten Vergnügen ist, wenn bisweilen der Himmel sich aufklärt, die langen norwegischen Schneeschuhe anzuschnallen und über die Felsen und Gebirge zu laufen, an denen die Schneemassen alle Unebenheiten ausgeglichen haben. Gegen Ende Januar suchen sie am Horizont die ersten Lichtblicke der Sonne, welche sie so lange geflohen hat. Anfangs unterscheidet man in dem düsteren Gewölk nur einen rötlichen Schein; aber dies ist das wohlbekannte Zeichen, das alle freudig begrüßen: es ist der Vorbote der Sonne, welche Erde und Menschen wieder beleben will. Der erste, welcher das frohe Zeichen erblickt, verkündet es mit lauter Stimme, und jedermann läuft auf den Hügel. Dieser Tag ist ein Festtag in allen Familien. Nach und nach vergrößert sich der rote Schein; die unbestimmte Linie wird zu einer breiten Scheibe, welche die Wolken durchzieht, von Woche zu Woche sich mehr über den Horizont erhebt und da verweilt, bis sie fast drei Monate ununterbrochen den Nordmenschen leuchtet.   4. Der Lappe und das Renntier. Ein Winter in Lappland und Schweden. Von Arthur de Capell Brooke. (Aus dem Englischen übersetzt.) Die Lappen von Finmarken, dem nordöstlichen Grenzbezirk Norwegens, sind ebenso ein Grenzvolk der Menschheit im äußersten Norden wie die Samojeden in Rußland, ihre Stammverwandten. Die Fortschritte der Gesittung, die Ausdehnung des Ackerbaues und anderer Gewerbe beeinträchtigen wesentlich die Rechte und beschränken die Freiheit dieses Volkes, welches noch in dem ursprünglichen Zustande des Hirtenlebens verharrt. Vorzeiten zogen die Lappen in einem großen Teil der skandinavischen Halbinsel ungehindert umher; jetzt verengert die Kultur ihre Grenzen. Der Lappe, welcher unter dem Einflusse der norwegischen Ansiedler lebt, ist eine Art Mischling, dessen ganzes Wesen durch diesen Verkehr in hohem Grade verändert wurde. Dies ist mit den Lappen Finmarkens noch nicht der Fall. Die natürliche Unfruchtbarkeit ihres Landes schützt sie gegen Angriffe auf ihre Freiheit; ihre kahlen Gebirge bieten keine Aussichten dafür, daß der Ackerbau sie je erobere; nach Verlauf von Jahrhunderten werden sie wahrscheinlich noch dasselbe sein, was sie jetzt sind: Naturkinder mit zähem Widerwillen gegen verfeinertes Leben und heftiger Liebe zur Freiheit. Freilich entpuppt sich ihr Land, das nördliche Norwegen, jetzt als ein Erzgebiet von großem Reichtum. In Südvaranger, dem nordöstlichsten, an Rußland grenzenden Teil Finmarkens, wurden Eisenerzfelder gefunden, die an Ausdehnung ihresgleichen suchen und die bekannten Erzfelder Dunderlandsdal in Norwegen, sowie Luossavara und Gellivara in Schweden weit übertreffen sollen. Einzelne der Adern sind 70, 100, ja 200 m dick, und selbst die kleinsten messen 30 m, während beispielsweise in dem mächtigen Dunderlandsdal Adern von 12 bis 20 m für groß gelten. Das Erzfeld umfaßt ungefähr 15 qkm Land, das dem Staate gehört. Der Eisengehalt dieses Erzes soll so bedeutend sein, daß eine großartige und lohnende Tätigkeit beginnen kann. In der Nähe des Erzlagers fließt der Pasvikelf und bildet einen mächtigen Wasserfall, der nach Angabe von Fachleuten 40 000 bis 50 000 Pferdekräfte darstellt und Triebkraft liefern wird. Dieser Wasserfall liegt an der Grenze, und die Hälfte gehört zu Rußland. Im übrigen haben die Unternehmer, auf deren Veranlassung die Untersuchungen stattfanden, alle nötigen Schritte getan, um sich Wettbewerb fernzuhalten, indem sie sich das ganze Gebiet sicherten. Die großen schwedischen Erzfelder von Kirunavara und Luossavara bringen neuerdings durch die Ofotenbahn ihre Ausbeute schon über den Hafen Narvik am Ofotenfjord zur Ausfuhr. Mit diesen Entdeckungen an den Grenzen Lapplands dürfte bald auch die Zivilisation in das Gebiet dieses Naturvolkes vordringen. Im schwedischen und russischen Lappland gibt es eine Anzahl armer Lappen, Skogslappar – Waldlappen – genannt, welche meist in den Waldgegenden wohnen, und deren Renntierherden zu klein sind, um sie in den Stand zu setzen, auf den Gebirgen zu leben und von ihren Tieren allein ihren Unterhalt zu ziehen. Während des Sommers leben sie unter Zelten; allein bei Annäherung des Winters errichten sie sich eine dauerhaftere Wohnung von Rasen und Erdschollen. Dann bleiben sie an demselben Ort und leben teils von ihren Herden, teils von der Jagd auf Wildbret, wovon es einen Überfluß gibt, und dessen beständige Verfolgung sie zu sehr geübten Schützen macht. Lappländer dieser Art sind in dem norwegischen Lappland unbekannt, da das Land viel Gebirge, aber wenig Wälder hat. Die Lappen in Finmarken können in zwei Klassen geteilt werden: die Fischer- oder Uferlappen und die Renntier- oder Berglappen , welche Sommer und Winter herumziehen, keine andere Wohnung als ihre Zelte haben und in ihrem ganzen Wesen das Bild eines nordischen Wandervolks bieten. Die Lebensweise des schweifenden Lappländers im Sommer weicht gänzlich von der im Winter ab. Dann sind die inneren Teile Lapplands, namentlich dessen grenzenlose Wälder, von verschiedenen Arten Mücken und anderen Insektenarten so heimgesucht, daß kein Tier ihren unaufhörlichen Verfolgungen entgehen kann. Große Feuer werden angezündet, in deren Rauch das Vieh die Köpfe hält, um den Angriffen dieser Feinde zu entgehen. Die Eingeborenen selbst sind genötigt, ihre Gesichter mit Teer zu beschmieren, als dem einzigen Schutzmittel gegen Stiche und Bisse. Kein Tier leidet indessen mehr als das Renntier von den größeren Arten der Insekten (Oestrus tarandi), da sie ihre Eier in die Wunde, die sie auf der Haut machen, niederlegen. Wollte sich der Lappländer in den Monaten Juni, Juli und August in den Wäldern aufhalten, so liefe er Gefahr, den größten Teil seiner Herde zu verlieren; die Tiere würden auch von selbst auf die Gebirge entfliehen, um nicht von der Wespe gestochen zu werden. Aber noch andere Gründe treiben den Lappländer an, nach den Gebirgen, die über die Küsten von Norwegen und Lappland hervorragen, zu ziehen. Während des Winters hat er von den Renntieren, die er zu seinem und seiner Familie Unterhalt schlachtete, eine große Anzahl Häute und Geweihe aufgehäuft; vielleicht hat er auch Gelegenheit gefunden, einige Bären zu erlegen; auch mag er einige Fuchs-, Fjeldfraß- und Marderfelle gesammelt haben. Die Federn der Berghühner, die er schießt oder in Schlingen fängt, werden ebenfalls aufbewahrt. Alle diese Dinge sind für ihn Handelsware, die er an die Kaufleute der Küsten vertauscht gegen das, was er im Winter braucht: grobes Tuch, Mehl, Pulver und Tabak. Was den Lappen ferner an die Küsten treibt, ist das Salzwasser der See, das seine Renntiere notwendig des Jahres einmal trinken müssen. Sobald die Renntiere das Meer zu Gesicht bekommen, eilen sie in vollem Lauf samt und sonders darauf zu und schlürfen das Wasser wie einen Labetrunk, obwohl man sie später nicht mehr davon trinken sieht. Dieses Trinken soll sehr wirksam sein zur Vernichtung der Larven der großen Wespe, welche ihre Eier in die Haut des Tieres legt, bevor es die Wälder verläßt. Anfang Juni fängt der Lappländer seine Wanderung an. Der Boden ist um diese Zeit gewöhnlich vom Schnee befreit; folglich fährt er nicht länger auf Schlitten. Er läßt daher diese samt allen seinen Wintergerätschaften zurück als eine zu große Last auf seinem Sommerzuge und verwahrt sie in dem Vorratshause, das fast jeder Lappe in der Nähe der Kirche besitzt, die im Winter den Mittelpunkt seines Aufenthaltes bildet. Der Weg, den er zurücklegen muß, wechselt je nach der Lage der Küste, die er aufsucht. Die Gesundheit und Sicherheit der Herde ist der Gesichtspunkt, nach welchem die Gegend ausgewählt wird; die Bequemlichkeit des Menschen kommt hierbei nicht in Betracht, da dieser ganz von seinen Renntieren abhängt. Die vielen Inseln an der Nordwestküste von Norwegen und Lappland werden als Sommeraufenthalt vorgezogen, sowohl wegen der frischeren Luft als der größeren Sicherheit, die sie gegen Wölfe und Bären gewähren. Wenn diese Raubtiere auch, durch den Geruch der Renntiere angezogen, gelegentlich hinüberschwimmen, so werden sie doch alsbald von den wachsamen Lappen bemerkt und zurückgescheucht, was um so leichter wird, da kein Wald vorhanden ist, in welchem sie sich verbergen könnten. Um die Inseln zu erreichen, muß die Herde oft 2-3 km von dem festen Lande aus schwimmen, was ohne Gefahr abläuft. Die Inseln bieten zugleich dem Lappländer viele Vorteile; denn hier sind bequeme Plätze für den Fischfang und gute Häfen; die Fische kommen zahlreich in die vielen engen Fjorde, und das lädt natürlich die Kaufleute ein, sich daselbst anzusiedeln. Der Lappländer begibt sich dann nach der Fischerei des Kaufmanns, und wenn ein Trunk Salzwasser der Gesundheit seiner Herde notwendig ist, so scheint er einen Schluck Branntwein als unentbehrlich für die seinige zu halten. Die häusliche Einrichtung und Wirtschaft des Berglappen ist äußerst einfach. Er wählt für sein Gezelt eine bequeme Lage an den Ufern eines Sees, wo nicht allein Wasser leicht zu haben ist, sondern auch Schutz vor den gewaltigen Winden, die leicht die winzige Wohnung wegraffen würden. Das Zelt (Lawo) ist wenig mehr als ein Lumpen von einer Art groben Tuchs, im Norden unter dem Namen »Wadmal« bekannt, welches hauptsächlich in Schweden und Norwegen gemacht wird und ein Hauptstück des Handels mit den Lappländern bildet. Viel von diesem Tuche wird auch von den Küstenlappländern gewoben, die es gegen Renntierfelle an die Gebirgslappen vertauschen, um aus den Fellen ihre Winterkleider und Betten zu machen. Dieses Zelt wird von ästigen Birkenstämmen unterstützt, und darunter hält der Gebirgslappländer Finmarkens die lange dauernde strenge Kälte der Wintermonate in den inneren Gegenden aus. Die Höhe des Zeltes ist ungefähr 2 m, und der ganze Umfang des Inneren übersteigt selten 5-6 m. In diesen engen Raum drängen sich der Lappländer, sein Weib und seine Kinder und sehr oft eine zweite Familie, die des Mitbesitzers der Herde, zusammen. In den Ecken steckt einfaches Hausgerät, Näpfe, eiserne Töpfe, Löffel, hölzerne Kästchen usw. Dabei bleibt noch immer ein Plätzchen für die Hunde, die treuen Wächter der Herde, welche bis zu zwanzig in einem Zelte sind, wovon freilich viele auf den Leibern ihrer Herren eine bequeme Ruhestätte finden. In der Mitte brennt das Feuer, von einigen großen Steinen eingeschlossen; ein Teil des Rauches geht oben durch die Öffnung des Zeltes, der übrige erfüllt den unteren Raum fast immer mit einer dicken Wolke, hüllt die Bewohner gänzlich ein, so daß der Eintretende sie kaum erkennt, und beizt dem Fremden die Augen. Der höchste Grad von Kälte kommt einem erträglicher vor, als eine Stunde in einem lappischen Zelte. Der Lappländer gewöhnt sich früh an alle Unbequemlichkeiten, und eben das dichte Zusammengedrängtsein ist für ihn eine Hauptquelle von Wärme und Behaglichkeit, die ihm die strenge Winterkälte besiegen hilft und ihn zugleich vorbereitet, die für jeden anderen unerträgliche Sommerhitze im Zelte zu ertragen. Oben an der Spitze des Zeltes, dicht an der Öffnung für den Rauch, ist eine Art Reck aufgehangen, worauf die Käse gelegt werden, um schneller zu trocknen. Das Innere des Zeltes ist gewöhnlich mit Birkenzweigen, an welchen das Laub gelassen ist, bestreut und mit einer Decke von Renntierfellen belegt, welche dem Lappländer in allen Jahreszeiten zum Bette dient. Der einzige Eingang zum Zelt ist ein schmaler Schlitz an der Seite, vor welchem ein Lappen hängt, der, wenn er in die Höhe gehoben wird, von selbst wieder in seine vorige Lage zurückfällt und die äußere Luft abhält. Den Gebirgszelten, welche in Lappland gebräuchlich sind, fehlt nie eine Art Speisekammer in der Nähe. Deren Errichtung ist ebenso einfach wie die des Zeltes: ein paar Zweige, in Form eines Dreiecks in die Erde gesteckt und grobes Tuch darüber gespannt. Diese kleineren Hütten dienen besonders zur Aufbewahrung der Käse. Die Gebirgslappen Finmarkens sind natürlich wild und roh von Ansehen, Kleidung und Sitten. Man bemerkt an ihnen einen Grad von Trotz und stolzer Unabhängigkeit des Geistes, den man bei den Bewohnern der Ebenen des russischen Lapplands nicht wahrnimmt. Ihre Gemütsart ist finster und verdrießlich, durch ein Geschenk wird sie aber leicht gemildert. Die Gastfreiheit, welche die meisten Naturvölker auszeichnet, wird bei ihnen durch einen Hang zum Mißtrauen verdunkelt. Entfernt man indes dies natürliche Mißtrauen, erklärt man, was die Veranlassung ist, seine Tundra zu besuchen, und unterstützt man solche Rede mit einem Glase Branntwein oder einem Päckchen Tabak: so wird man den Lappländer bald umgewandelt, zu jedem Dienst bereit finden. Wo Pechtannen und Birken nicht mehr gedeihen und wachsen können, da scheint auch die menschliche Natur mangelhaft zu bleiben. Sie sinkt im Kampfe mit der Not und dem Klima. Die Kleidung der Fjeld-Finner (Gebirgslappen) unterscheidet sich nicht sehr von der Tracht der übrigen herumziehenden Stämme in den anderen Gegenden von Lappland. Im Winter sind sie ganz mit Renntierfell bekleidet. Während der Monate Juli, August und September, von denen nur die ersten zwei nicht zu dem »Winter« gehören, zwingt sie indessen die heiße Witterung, statt des Pelzes einen Rock von Wadmal anzuziehen, der mit einem breiten ledernen Gürtel um den Leib festgebunden wird. Die Gappe (Sommerrock) reicht gerade bis unter die Knie; unter dem Rock werden lange Beinkleider getragen, welche aus dünnem Leder junger Renntiere verfertigt werden. An den Knöcheln kommen sie mit den Komagers , einer Art lederner Socken, zusammen. Auf den Kopf wird eine kleine, niedrige, vierzipflige Kappe von Tuch (Gappie), mit Pelzwerk von Renntier eingefaßt, gestülpt. Doch trifft man auch mitten im Sommer Gebirgslappen beiderlei Geschlechts, die ganz in Fellen stecken. Die Hitze dieser Kleider, namentlich auch der von dem filzigen, festgewebten Wadmal, würde unerträglich sein, wenn der Rock nicht sehr weit gemacht und vorn teilweise offen wäre. Da Leinwand dem Lappländer fast ganz unbekannt ist, wird kein Hemd darunter getragen, so wie sie ihre bloßen Füße in die Komagers stecken, welche mit weichem, trockenem Gras, Sena genannt, ausgestopft werden. Die Kleidung der Frauen ist ganz wie die der Männer. Die Lappländer sind im allgemeinen eine kleine Rasse. Es ist jedoch bemerkenswert, daß die Lappen Finmarkens etwas größer sind als die in den südlicheren Teilen von Lappland. Vielleicht kommt es von der freieren und reineren Gebirgsluft her, daß sie größer, rüstiger und mutvoller sind als jene. Sie sind auch größer als die, welche an der Küste leben, um ihren Unterhalt durch Fischfang zu gewinnen, die also beständig den Nebel des Meeres atmen. Die gewöhnliche Größe der Gebirgslappen ist 152-157 cm. Leute von 165 cm sind eine Seltenheit. Auszeichnende Züge der Rasse sind kleine, längliche Augen, hohe Backenknochen, ein breiter Mund und ein spitziges Kinn mit wenig oder gar keinem Bart. Das Haar ist gewöhnlich braun oder von dunkler Farbe, während die Küstenlappen meist helles Haar haben. Hände und Füße sind wie bei den Eskimos klein; aber der ganze Bau ist knochig und muskelstark. Die Stimme ist schwach und klingt dem Ohr des Fremden etwas quiekend. Die Farbe der Haut ist nicht dunkelbraun, wie sie oft beschrieben wird, sondern von Natur weiß und nur durch den Rauch in der Hütte und das Leben im Freien gebräunt. Der Lappländer ist von Natur ein Renntiersenne . Da sein Unterhalt völlig von seinen Renntieren abhängt, welche fast frei und sich selbst überlassen sind, so kann man sagen, daß seine Bewegungen durch sie geleitet werden und daß seine ganze Lebensweise durch sie bestimmt ist. Die Anzahl der Renntiere, die zu einer Herde gehören, beträgt 300-500; mit einer solchen Herde kann ein Lappe sich wohl befinden und leidlich leben. Er kann im Sommer eine hinreichende Menge Käse machen für das Bedürfnis des Jahres, und im Winter kann er so viele Renntiere schlachten, daß er und seine Familie fast beständig Fleisch essen können. Mit 200 Renntieren kann ein Mann mit kleiner Familie sich so einrichten, daß er auskommt. Hat er nur 100, so ist sein Auskommen sehr unsicher; bei 50 ist er nicht mehr sein eigener Herr, kann nicht mehr seine eigene Wirtschaft führen, muß vielmehr seine kleine Herde mit der eines reicheren Lappen vereinigen und verrichtet nun die Dienste eines Knechtes, indem er die Herde begleitet und hütet, nach Hause zum Melken bringt usw. Es geschieht auch häufig, daß, wenn die Herde eines Lappländers durch Krankheit oder Unglück bis auf diese Zahl herunter kommt, er den Überrest einem anderen verkauft und nach der Küste wandert. Da sucht er entweder Arbeit bei den norwegischen Ansiedlern, oder, was noch häufiger ist, er läßt sich an den Ufern einer der benachbarten Meerbuchten auf der Küste nieder, treibt Fischfang zu seinem Unterhalt und wird aus einem Gebirgslappen ein Küstenlappe. Aber die Sehnsucht nach dem freien Nomadenleben verläßt ihn nicht, und zuweilen gelingt es ihm, die frühere Lebensart wieder zu beginnen. Ein Lappländer, der Herr einer Herde von 1000 Renntieren ist, wird als ein reicher Mann angesehen. Manche haben 1500, ja 2000 Stück. Das Leben dieser Menschen ist beständiger Veränderung unterworfen und wechselt zwischen größter Untätigkeit und größter körperlicher Anstrengung, zwischen höchstem Überfluß und Mangel, zwischen höchster Kälte und Hitze. Wenn der Lappe hungrig ist und seine Eßlust ungehindert befriedigen kann, so ist er gefräßig; die Masse, welche er verschlingt, ist ganz erstaunlich, und wie die wilden Tiere des Waldes ißt er so viel, daß er auf einige Tage satt ist und einem unvermuteten Mangel begegnen kann. Während der Wanderzeit im Sommer ist indes die Nahrung des Lappländers außerordentlich einfach und spärlich. Da genießt er nicht mehr seine Lieblingsspeise, das Renntierfleisch: dies ist die leckere Winterkost. Im Sommer ist er nur darauf bedacht, seine Herde zu vermehren. Er begnügt sich mit der Milch seiner Tiere und den Überbleibseln von Lab und Molken nach der Bereitung der Käse. Von der Milch genießt er sparsam und ist geizig damit; denn ein Renntier gibt nicht viel Milch, und diese muß zunächst für den Käse verwendet werden, der auch für den Winter vorhält. Da die Herde nur des Sommers gemolken wird, so setzt er, wenn dieser zu Ende geht, etwas Milch beiseite, um sie gefrieren zu lassen, nicht bloß zum eigenen Genuß während des Winters, sondern auch als Handelsware, die wegen des großen Wohlgeschmacks sehr gesucht wird. Sonderbar ist es, daß der weiße Käse von dieser schönen Milch hart ist und unangenehm schmeckt und nur für den Lappländer genießbar ist. Die Zubereitung ist sehr einfach, indem man die Milch in einem großen eisernen Topfe über das Feuer stellt, wo sie mit Hilfe des Labs aus dem Magen des Renntiers schnell gerinnt. Dann wird die Masse ausgepreßt, die Molken werden gesammelt, die Käse in flache Formen gedrückt. Der Lappländer mischt zuweilen Heidelbeeren, Zwergmaulbeeren und ähnliche Früchte seiner Gegend in die Molken, nachdem er sie vorher zu einem dicken Safte eingekocht hat. Gern ißt er auch die Angelikawurzel, die gut gegen den Skorbut sein soll. Darum mag man auch für das Blut des Renntiers so große Vorliebe haben; beim Schlachten des Tieres wird es sorgfältig gesammelt und aufbewahrt und in verschiedenen Gerichten zubereitet. Warm genossen, soll das Blut ein sicheres Mittel gegen den Scharbock sein. Die geringe Entfernung, in welcher die Herden von Fuglnäs waren, setzte den Reisenden in den Stand, ihr Leben und Treiben fast jeden Tag zu sehen. Besonders malerisch und für Lappland bezeichnend war es, wenn sich des Abends zur Melkzeit die Herde um die Garnme (das Zelt) versammelte. Auf allen Höhen rund umher wird alles in einem Nu voller Bewegung und Leben. Die geschäftigen Hunde bellen überall und treiben die Herden immer näher; die Renntiere springen und rennen, stehen still und springen wieder in einer unbeschreiblichen Mannigfaltigkeit von Bewegungen. Welch schönen und majestätischen Anblick gewährt es, wenn das weidende Tier, von dem Hunde geschreckt, sein Haupt erhebt und seine breiten und mächtigen Augsprossen zeigt! Und wenn es läuft, wie flink und leicht ist sein Schritt! Nie hören wir seinen Fußtritt auf der Erde, nur das beständige Knarren seiner Hufe; ein sonderbares Geräusch, das wegen der Menge von Renntieren, die es hervorbringen, schon aus großer Ferne herschallt. Hat endlich die ganze Herde die Gamme erreicht, so stehen die Tiere still, ruhen aus oder springen zutraulich herum, spielen mit ihren Geweihen gegeneinander oder umringen gruppenweise einen Moosstock, um ihn abzuweiden. Während die Mädchen von einem Tiere zum anderen mit ihren Milchgefäßen herumlaufen, wirft der Bruder oder der Knecht einen Strick von Bast um die Augsprossen des Tieres, das ihm die Mädchen bezeichnen, um es heranzuziehen. Das Tier sträubt sich gewöhnlich und will der Halfter nicht folgen; das Mädchen lacht und freut sich über die Mühe, welche dies verursacht. Auch läßt es zuweilen aus Mutwillen ein Renntier wieder los, damit es noch einmal für sie eingefangen werde. Unterdessen hört man den Vater oder die Mutter schelten wegen des Mutwillens, der oft die Wirkung hat, die ganze Herde scheu zu machen. Wer würde bei diesem Schauspiele nicht an Laban und Lea, Jakob und Rahel denken? Wenn die Herde sich zuletzt hinstreckt, so viele hundert Tiere auf einmal rund um die Gamme, so bilden wir uns ein, ein ganzes Lager zu sehen, den Befehlshaber in der Mitte. So anmutig und zierlich in seinem Äußeren, als etwa das Pferd und der Hirsch, ist freilich das Renntier nicht; denn es hat einen kurzen, dicken Hals, so daß das Tier, statt den Kopf in die Höhe zu halten, ihn in einer gebückten Stellung trägt, die fast eine gerade Linie mit dem Rücken bildet. Die eigentümliche Bildung und Stärke des Halses, der Schultern und des Vorderbuges deuten darauf hin, daß das Tier zum Ziehen geeignet ist; die Muskelkraft der Lenden und die Dicke der Knochen bestätigen dies. Die Hufe sind dem Lande wohl angepaßt; statt schmal und spitzig zu sein, wie die Hufe der Rehböcke und Damhirsche, sind sie sehr breit, platt und weit; auch kann das Renntier den Huf ausbreiten oder zusammenziehen, je nach der Beschaffenheit der Oberfläche, auf der es sich bewegt. Wenn Schnee auf dem Boden liegt, so gibt ihm die Breite seiner Hufe, die es dann so weit macht, daß sie den Pferdehufen gleichkommen, eine feste Haltung auf dem Schnee und verhindert das Einsinken. Das Geweih des Tieres ist breit und sehr zierlich, beim Wachstum mit einem weichen, dunkeln, samtartigen Flaum bedeckt, der bis zum Winter bleibt. Die Stangen beginnen im Mai auszuschießen, und in einem Zeiträume von sieben bis acht Wochen erreichen sie ihre völlige Ausbildung; die Böcke bekommen sie zuerst, die Kühe zuletzt, werfen sie aber nicht vor dem Frühlinge ab. Weil diese Tiere das Geweih so notwendig zum Aufscharren des Schnees brauchen, so gab die Natur es auch dem Weibchen. Ein anderes Geschöpf hat kaum ein so dickes Fell als das Renntier. Von allen Kleidern, welche die Bewohner der Polargegenden tragen, halten die von Renntierfellen gemachten am wärmsten. Darum besteht die Winterkleidung des Lappen ganz aus Renntierfellen; darum haben auch viele Polarfahrer solche Kleidung mit Vorteil getragen. Im Sommer lebt das Renntier nicht bloß vom Tundrenmoos, sondern streift die Blätter von den Birken-, Weiden- und Espenbüschen begierig ab, frißt auch das junge Gras, die zarten Sprossen der Sträucher auf den Bergen und mancherlei duftiges Kraut, das der warme Sonnenstrahl schnell hervorlockt. Im Winter ist aber die Renntierflechte fast die einzige Nahrung. Dieses Gewächs ist nahrhaft genug, daß die Kühe, wenn sie davon fressen, noch Milch geben. Hitze greift die Renntiere sehr an; darum suchen sie, wenn die Witterung sehr heiß ist, immer die Stellen, wo noch Schnee liegt, und wenn ein Windhauch entsteht, so kehren sie sich nach der Seite hin, wo er herkommt. Echte Geschöpfe der Polarwelt! Die lappländischen Tiere der Gebirgsfinnen sind imstande, eine Last zu ziehen von 240 Liespfund = 2400 kg. Der Schlitten (Pulk) kann nach seiner Einrichtung nur von einem Renntiere gezogen werden. In Sibirien und Kamtschatka gebraucht man das Tier auch zum Reiten, hier nicht. Die Schnelligkeit, mit der es große Lasten zieht, ist außerordentlich; denn sie beträgt bis 15 km in der Stunde, wohl zu merken auf gebirgigem Gelände. Der Gebirgslappe bricht mit seinen Herden auf, sobald das Laub von den Bäumen fällt, und zieht sich von der Küste zurück. Denn je weiter in das Festland und in die Wälder hinein, desto reichlicher wächst die Renntierflechte, namentlich auf flachem Moorboden. Auf den Ebenen und Morästen des russischen Lapplandes, den Tundren, sind unabsehbare Strecken mit der Flechte bedeckt, deren weißliche Farbe ihnen das Ansehen einer beschneiten Fläche gibt. Auch der Schutz, den zur Winterszeit das Innere der Wälder vor den heftigen Stürmen verleiht, ist ein wichtiger Grund, die Winterlager hier aufzuschlagen; sodann der reiche Vorrat an Brennholz, der an der Küste fehlt, und endlich das jagdbare Wild, das der Lappe im Walde findet. Nachdem der Lappe sein Zelt abgebrochen hat, wird es mit den Stangen, die es aufrecht erhielten, auf den Rücken eines Renntieres gepackt. Seine Käse und die Eßwaren, die er für den Winter angekauft hat, desgleichen die wenigen Hausgeräte werden in eine Art Korb von Zweigen und Bast verpackt, oben mit Fellen und Birkenrinde zugedeckt und dann zugeschnürt. Ein solcher Korb hängt an jeder Seite des Tieres; zuweilen bloß einer, wenn auf der anderen Seite eine Wiege mit dem Kinde hängt. Diese Wiege ist in der Form eines Schlittens aus Holz gemacht, offen, aber mit einer Lederdecke über dem Kopfe des Kindes, auch mit Renntierflechte und Renntierfell gepolstert. Sie wird an die Bäume gehängt, wenn Mutter und Mädchen mit der Herde beschäftigt sind, so hoch, daß das Kind vor Raubtieren sicher ist. Durch die Bewegung des Windes wird die Wiege von selbst geschaukelt und das Kind in Schlaf gelullt. Sollte es aufwachen, so zieht der Anblick der über seinem Kopfe hängenden Knöpfchen, die von der Luft aneinander schlagen, seine Aufmerksamkeit an und unterhält es, bis es wieder einschläft. – Will die Mutter das Kind auf einem Zuge mitnehmen, so befestigt sie die Wiege auf dem Rücken, so daß der Kopf des Kindes über ihren Schultern erscheint. Da das Ganze leicht ist und die Mutter ihre Hände frei hat, so kann sie ungehindert ihre Geschäfte verrichten. Gegen die Sonne und die Mücken ist oben an der Wiege ein Stück Tuch befestigt, das die Trägerin nach Gefallen herabläßt. Sind zwei kleine Kinder da, so wird je eine Wiege auf jede Seite des Tieres gehängt, gerade wie die Körbe. Die Erwachsenen gehen zu Fuß; einige ziehen an der Spitze und geben acht auf die Lasttiere. Dann folgt die Herde; die Nachhut wird von den übrigen und den Hunden gebildet. Trotz der Sorgfalt des Lappländers kommt es zuweilen vor, daß einzelne Renntiere zurückbleiben, die sich von der Herde verirrt haben. Diese findet er gewöhnlich wieder, wenn er den folgenden Sommer zurückkommt; wenn nicht, so werden sie bald wild. Die Lappländer, welche die Walinsel (Qualö) und die umliegenden Eilande besuchen, sind, wie wir bereits angedeutet, in die Notwendigkeit versetzt, ihre Renntiere quer über den Sund oder die Meerenge, die sie vom festen Lande trennt, schwimmen zu lassen. Dies ist dem Fremden ein fesselnder Anblick, besonders wenn die Herde groß ist und vielleicht aus 1000 Stück besteht. Sobald der Lappländer auf der Steile ankommt, wo er übersetzen muß, mietet er mehrere Boote entweder von den Ansiedlern oder den Uferlappen. Da hinein stellt er die jungen Kälber, und hinterher zieht er die Tiere, welche schwach sind und Hilfe bei der Überfahrt nötig haben. Da die ganze Herde dieses Übersetzen sieht, während sie zugleich von den Hunden und dem Geschrei der Lappländer im Rücken angegriffen wird, so geht sie ins Wasser. Das Renntier schwimmt leicht, indem es den Kopf und die Schultern über das Wasser hebt; es ist imstande, mehrere Meilen zu schwimmen, selbst wenn die See unruhig ist. Sobald der Lappländer das Land erreicht, setzt er seinen Weg in bequemen Tagereisen fort, indem er 12-15 km täglich geht und gelegentlich einen Halt von zwei oder drei Tagen macht, wenn er eine Stelle findet, die ihm gefällt. So erreicht er endlich die Gegend, wo er zu überwintern gedenkt. Das Winterzelt wird wieder in derselben Weise wie das Sommerzelt errichtet, die Herde weidet nach wie vor im Freien, und die Hirten müssen den Schneestürmen Trotz bieten. Die Winterkleidung des Menschen besteht nun ganz aus der Haut seines treuen Lebensgefährten. Der Pelz wird von der Rumpfhaut des im Winter geschlachteten Tieres gemacht; die Gamaschen und Handschuhe werden von der Haut, welche die Beine und Schenkel des Tieres umgibt, die Schuhe von dem Teile des Felles, welcher zwischen den Hörnern ist und den oberen Teil des Kopfes bedeckt, verfertigt. Die Haare sind nach außen gekehrt, und wegen der besonderen Festigkeit und Dichtigkeit ihres Gewebes ist es unmöglich, daß de Kälte durchdringe. Um die Wärme des Körpers zusammenzuhalten in einer warmen Luftschicht und den freien Umlauf des Blutes zu befördern, ist jeder Teil weit und bequem gemacht; insbesondere sind die Ärmel des Pelzes so weit, daß die Arme mit Leichtigkeit ausgezogen und wieder eingesteckt werden können, ohne daß man nötig hat, ihn auszuziehen. Wenn der Lappe bei großer Kälte gezwungen ist, auf dem Schnee zu schlafen, und ihm ein Arm vor Frost erstarrt, so kann er denselben leicht aus dem Ärmel ziehen und an seinem Leibe wieder erwärmen. Ebenso sind auch die Handschuhe weit und ohne Finger. In ihrer Winterkapuze, weiche Kopf und Schultern ganz bedeckt und nur ein Loch für die Augen hat, laufen die Lappen zu jeder Stunde und bei jedem Wetter in ihren Schneeschuhen hinaus, um nach ihren Renntieren zu sehen und sie gegen die Angriffe der Wölfe zu schützen. In diesem schwierigen Geschäft stehen ihnen die Weiber bei, die, sobald die Reihe an sie kommt, auch die Herde hüten und jede Arbeit mit den Männern teilen. Im Winter lebt der Lappe in einer Art von Überfluß. Bei einer Herde von 500 Stück Renntieren wird wöchentlich eins geschlachtet; ist die Herde größer, zwei, ja zuweilen bei starker Familie drei. Renntierfleisch ist dann fast die ausschließliche Nahrung; darauf freuen sich die Leute schon im Sommer. Die einzige Weise, in der sie das Fleisch zubereiten, besteht im Kochen. Dadurch erhalten sie eine kostbare und nahrhafte Brühe, welche sie außerordentlich gern genießen. Ehe sie das Fleisch in den Topf tun, wird es in lauter kleine Stücke zerschnitten, damit der Saft besser herausdringen kann. Ist es hinreichend gar, so bekommt jeder einen Napf aus Birkenholz mit einem guten Teil Brühe und einem Stück Fleisch, das er mit den Händen herausholt und verzehrt. Die Wanderungen sind im Winter auf den nächsten Kreis um die Kirche beschränkt und gehen selten über 18-20 km hinaus, wenn die Herde einigermaßen Nahrung findet. In der Nähe der Kirche stehen auch die hölzernen Vorratshäuser, von denen jeder Familienvater eins besitzt. Sie sind von Tannendielen gebaut, nur wenig über 1 m hoch, mit einer Tür an der vorderen Seite, durch welche der Besitzer kaum hineinkriechen kann. In diesem Hause bewahrt er alles auf, was er auf seinen Sommerwanderungen nach der Küste nicht mitzunehmen hat; zugleich ist es der Speicher für die Einkäufe, die gelegentlich bei den Kaufleuten gemacht wurden. Der Renntierlappe hat verschiedene Arten von Schlitten, sowohl für seine eigenen Fahrten als für seine Sachen. Zuerst den Pulk , welcher hauptsächlich zum Gebrauche der Kaufleute oder anderer Reisender bestimmt ist. Der Form nach ist er einem Boote ähnlich, 2 m lang, ungefähr 40 cm breit und 20 cm tief, das Hinterteil aber um das Doppelte erhöht. Das vordere Ende ist spitz wie ein Kahn, das hintere breit und der Boden oder Kiel ausgehöhlt. Über den Sitz wölbt sich das Fell von einem Seehund als Decke. Der Lappländer bedient sich selten dieses bedeckten Schlittens. Die Notwendigkeit, in der er sich häufig befindet, auszusteigen, entweder um denen zu helfen, deren Tiere störrisch geworden sind, oder sein eigenes Tier zu erleichtern, wenn die große Tiefe des Schnees ihn nötigt, zu Fuß zu gehen, oder die Dunkelheit des Wetters ihn zwingt, den Weg zu suchen, nachdem er die rechte Richtung verloren hat – das alles veranlaßt ihn, sich des offenen Schlittens (Kjöre Achian) zu bedienen, welcher im übrigen dem Pulk sehr ähnlich ist und gleichfalls aus Birkenholz gemacht wird. Die dritte Art ist der Pack schlitten (Raid Achian), gleichfalls offen und in Kahnform, aber viel größer, gegen 3 m lang und verhältnismäßig breiter. In diesem werden Handelssachen und andere Packwaren verfahren. Vor jeden Schlitten wird nur ein Renntier gespannt; da aber die vor die schweren Packschlitten gespannten Tiere natürlich nicht mit den vordern, leichten Schlitten gleichen Schritt halten, so bekommen sie einige Schrittmacher, welche voranfahren in leichten, offenen Schlitten, indem jedes der nachfolgenden Tiere an den vorhergehenden Schlitten befestigt wird. Ein Zug von fünf so aneinander befestigten Schlitten heißt Raid (Reihe). Die Renntiere werden schon im zweiten Jahre gewöhnt, den Schlitten zu ziehen, sind aber keineswegs ruhige, gelehrige Tiere. Der Lappländer aber weiß sie zu behandeln. Wird das Tier widerspenstig, so fährt er von dem gebahnten Wege ab, mitten in den Schnee hinein und macht es bald müde und zahm, so daß es sehr gehorsam auf die bequeme Straße zurückkehrt. Das Geschirr der Renntiere besteht aus einer Halfter von Renntierleder, welche rund um den Hals geht; unten sind zwei Stücke ausgestopften Leders von eirunder Form, die zwischen den Beinen des Tieres hängen und an welchen der Zugriemen befestigt ist, dessen Ende sich um die Beine schlingt, unter dem Leibe hindurch geht und durch ein kleines Querholz in einem eisernen Ring an dem Schnabel des Schlittens befestigt wird. Rund um den Leib des Tieres liegt ein breiter Bauchgurt von gefärbtem Tuch, durch welchen der Zugriemen gezogen ist, damit er sich nicht in den Beinen des Tieres verwickelt. Um den Hals ist eine Art Halsbinde von weißem Tuch geschlungen, woran eine Glocke hängt, deren Klang den Raid zusammenhält. Das Kopfende des Zügels ist ein Stück Seehundsfell, der Halfter ähnlich; es wird nicht in den Mund gelegt, sondern um den Kopf gewunden. Das ganze Riemenzeug ist einfach, aber stark. Sobald der Lappländer sich in den Schlitten gesetzt hat, läuft das Tier aus allen Kräften, aber immer von der geschickten Hand seines Herrn gezügelt und an die kühnsten Wendungen gewöhnt. Am größten ist die Schwierigkeit, das Gleichgewicht des Schlittens zu erhalten, was in einzelnen Fällen sehr schwierig ist, wenn es glatte, steile Abhänge hinabgeht, wo der Schnee sich in Eis verwandelt hat und der Schlitten wie im Fluge dahinsaust. Ein Fremder würde in diesem Falle jeden Augenblick umwerfen, obwohl wegen der Niedrigkeit des Fuhrwerks ohne üble Folgen. Das Gleichgewicht muß der Fahrer mit dem Körper halten, als wenn der Schlitten ein wirkliches Boot wäre, welches auf dem Lande immer auf eine Seite fällt wegen des schmalen, scharfen Kiels. Wäre der Boden des Schlittens breiter, so würden die Unebenheiten des Grundes, die Tiefe des Schnees, die Steilheit der Gebirge und viele andere Umstände es dem Tiere unmöglich machen, ihn zu ziehen. Unfälle treffen den Eingeborenen auf seinen Fahrten nur in der Dunkelheit, in der er seinen Weg verliert, oder durch Böen, die ihn überfallen, namentlich bei trüber Nebelluft. In diesem Falle sichert er seinen Lauf durch scharfe Beobachtungen der Form und Richtung des Gebirges, auf dem er fährt, und von dem er aus langer Erfahrung weiß, daß seine Züge nach gewissen Himmelsrichtungen laufen und das ihm so den Kompaß ersetzt. Außerdem verläßt er sich in hohem Maße auf sein Renntier, wenn er die Richtung ganz verloren hat. Ist das Tier schon einmal den Weg gekommen oder stößt es auf Spuren anderer Renntiere, so bringt es ihn gewöhnlich wohlbehalten nach bekannten Gegenden und Pässen. Kommt plötzlich ein Schneesturm, der die Weiterfahrt unmöglich macht, so hat der Lappe für diesen Notfall sein Zelt bei sich, das er an irgendeinem geschützten Orte aufschlägt und darin wartet, bis das Unwetter vorüber ist. Nicht selten wird er auf diese Weise mehrere Tage aufgehalten. In der Regel ist es auch mit dem Fehlen der Sonne in der Winternacht nicht gefährlich. Ist der Himmel klar, so gibt der Mond, welcher mehrere Tage hintereinander fortscheint, ohne unterzugehen, ein Licht, das dem der Sonne wenig nachsteht. Ist der Mond untergegangen, so verbreiten das Nordlicht und der außerordentlich helle Schimmer der Sterne einen solchen Lichtglanz, daß der Mensch sicher seinen Weg durch die pfadlose Wüste des Schnees findet. Weil seine Augen während der Reise beständig auf die Himmelskörper acht geben, so erwirbt er sich ganz von selbst einige Kenntnis der Sternkunde, die sich auf eine kleine Zahl von Sternbildern, wie des großen und kleinen Bären, des Orion usw. beschränkt. Diese Sterngruppen unterscheidet er durch Namen, die er ihnen selbst gibt, und sie ersetzen ihm die Magnetnadel. So schlägt der Lappe sich mutig durch alle Gefahren und Hindernisse seines Klimas durch, und die großen Beschwerden dünken ihm leicht, weil sie notwendig zu seinem Leben gehören. Sitte und Gewohnheit versöhnen mit allen Dingen, bilden den Charakter und machen mit einem Worte den Menschen zu dem, was er ist. Die Versuche der Regierung, den Lappen eine höhere Kultur angedeihen zu lassen – sie hat besondere Seminare errichtet, in denen lappländische Lehrer und Priester gebildet werden – sind zwar sehr achtungswert; da aber das Land mit seinen hohen, kahlen Gebirgsflächen und weiten Schneefeldern, mit seinen reißenden Strömen und mückenumschwärmten Seen, mit seinen düsteren Wäldern und einem neun Monate andauernden Winter nicht geändert werden kann: so wird auch die Lebensweise und Sitte des Volkes im großen ganzen stets so bleiben, wie sie ist.   5. Durch den Sognefjord zum Galdhöpig. Nach Paul Du Chaillu, Im Lande der Mitternachtssonne. Bd. I. Leipzig 1882, Hirt \& Sohn, und Sophus Ruge, Norwegen. Leipzig 1889, Velhagen \& Klasing. Wer die eigentümliche Schönheit des »Landes der Mitternachtssonne«, des Landes der Eddadichtung, die zerfranste Felsenküste mit ihrem Silbergrau und Weiß, ihren grünen Schuttsäumen, ihrer kristallklaren, fernsichtigen Luft, ihren tiefschattigen, gründunkeln Wasserspiegeln und stäubenden Sturzbächen kennen lernen will, muß von Bergen, der alten Hansestadt, die ihre Fische in die katholischen Mittelmeerländer verhandelt zur Fastenspeise, aufbrechen und den größten Fjord befahren, der sich 180 km weit in den höchsten Teil des skandinavischen Gebirgslandes hineinzieht, den Sognefjord . Dort oben liegen auf den Fjelden die noch immer majestätischen Reste des Eises, das als gewaltiger Strom mit mehreren Quellarmen, alte Risse und Brüche im Urgestein benutzte und den im Hintergrunde 1244 m tief ausgehöhlten, am Eingange mit einer Schuttbarre, über der nur 200 m Wasser stehen, gesperrten, alpenseeartigen, vielverzweigten Riesenfjord bildete. Bergen liegt auf altem Felsengrund, auf einer von der Meeresbrandung glattgespülten alten Strandebene wie viele der norwegischen Küstenstädte. Draußen liegt ein Gewimmel von Granitinseln aller Größen und Gestalten; bald zackige Klippen, bald rund geschliffene Buckel ragen über den blanken Seespiegel hervor; manche sind bewohnt, manche kaum mit frischgrüner Moosnarbe überzogen; hinter den vordersten, deren Eigenfarben man noch deutlich unterscheidet, tauchen andere auf, die schon durch das Luftblau gedämpfte Töne haben, weiterhin andere, die wandartig blau darin stehen, an deren Fuße sich der Ozean in weißer Brandung bricht. Das ist der Schärengürtel, der diese ganze Küste säumt und schützt. Hinter dieser felsenstarrenden Brustwehr liegt der Skjaergaard , der Schärengarten, tiefes, gutes, stilles Fahrwasser, das auf der anderen Seite von den klotzigen Felsentürmen der Fjordküste begrenzt wird und dem Post- und Reiseverkehr dient. Der Dampfer gleitet ruhig nordwärts und legt wenig an, nur dann und wann dreht er bei, und seine Boote bringen Frachten und Fahrgäste ans Land. In sechs Stunden lenkt der Dampfer um die Sognefest, den gewaltigen südlichen Eingangspfeiler in den Sognefjord, herum und fährt auf dem langen Meerfinger landeinwärts zwischen 1000 m hohen Felsentürmen, die sich oft bis auf 5 km voneinander entfernen. Den Fuß säumen, je weiter landeinwärts, desto mehr liebliche Wäldchen von Birken und Nadelholz – auch Matten mit weidenden Kühen oder Ziegen –, und tief drinnen im Fjord, wo nur irgendeine kleine Strandebene, eine Schutterrasse eines Seitentals, der eingeebnete Schuttkegel eines Bergsturzes sich zeigt, steht auch ein kleiner Weiler von 2-3 Holzhäuschen, braunrot mit weißen Kanten angestrichen. Das macht einen »Gård« (sprich Goard), und der Bauer, dem der Grund gehört, nennt sich danach, z. B. der von Krokengård, und fühlt sich als Freiherr gegenüber dem Häusler, dem »Huusmann«, dessen Gårdhäuser Blockbauden sind, mit Rasen gedeckt, inwendig vom Kaminrauche geschwärzt. Die kleinen Ansiedlungen verkehren untereinander nur mit dem Boote, das am Strande liegt, blank und schmuck. Tiefer Frieden liegt über diesen Einsiedeleien. Die Häuschen lehnen sich an die Bergwände und zeigen durch ihre Kleinheit erst die majestätische Gewalt und trotzige Größe der Felsen an. Ihre Bewohner sind gebildete Leute, sprechen oft mehrere Sprachen, haben für den langen Winter eine gute Hausbücherei, in der auch ausländische Meister vertreten sind, lieben und pflegen die Hausmusik auf dem Klavier, der Harfe, Gitarre, Violine. Die Kirchen sind weit entfernt; zur Feier des heiligen Abendmahls, zur Konfirmation, zum Gottesdienst an einem schönen, klaren Sonntag fährt die Familie im Boote. Den Unterricht leitet anfangs die Mutter, späterhin erzieht sie die Töchter allein, die am Webstuhl, an der Nähmaschine, am Herde ausgebildet werden, aber auch Sprachen und Literatur nicht vernachlässigen, um später im häuslichen Kreise Pflegerinnen des Schönen und Idealen zu sein. Der Vater bereitet die Knaben für die höheren Schulen vor. Ihm liegt vor allem die Bewirtschaftung des Gutes ob. Er besucht seinen Obstgarten, in dem dank dem Einfluß des gemilderten ozeanischen Klimas sich Äpfel- und Kirschbäume unter der Last der Früchte beugen, Stachelbeer-, Johannisbeer- und Himbeerbüsche gedeihen. Eine niedrige Steinmauer wird von etlichen Wegen durchschnitten, die hinausführen auf die Wiesen und Weiden, auf die Felder und am Bache hinauf inmitten von Wäldern, deren Birken, Kiefern und Tannen das nötige Brennholz liefern, zur Mahlmühle. Im Gemüsegarten pflegt man alle unsere Gemüse, in Mistbeeten sogar Melonen, unter 61° N. Am Strande liegt ein Badehaus, und hinter den Wirtschaftsgebäuden führen Spazierwege zu einzelnen aussichtsreichen Felsvorsprüngen, auf denen Bänke und Lauben zur Ruhe laden. Tief im Hochland verzweigt sich der Sogne in mehrere immer enger werdende Meeresstraßen und Felsengassen. Im Jahre 1868 fuhr eine Lawine vom Westrande nieder und baute über den 1-½ km breiten Wasserspiegel eine Firnbrücke. Den südwestlichen Zweig des Fjords, den Näröfjord, fährt der Dampfer hinauf bis Gudvangen. Hier rücken die Felsenmauern so eng zusammen, daß sie bei ihrer gewaltigen Höhe das Sonnenlicht, das im Winter ziemlich flach einfällt, für mehrere Monate absperren. Im benachbarten Lärdalfjord vermißt man z. B. die Sonne 27 Wochen lang im Winter. In diesem südöstlichen Zweige trifft man auch eine der altertümlichen norwegischen Stabkirchen, die Borgundskirche, mit ihren schindelgedeckten Dächern und Türmchen, den vielen Giebeln. Sie ist sehr alt, stammt aus dem 12. Jahrhundert; seit der Reformationszeit ist diese echt norwegische Holzbauweise der Kirchen ausgestorben. Ein alter Opferstein des Thor dient darin als Altar. Die Kirche Wang bei Krummhübel im Riesengebirge ist eine solche aus Norwegen stammende Stabkirche, die der nordgermanischen Zimmererkunst alle Ehre macht. Nach Osten schiebt sich der breitere Aardalfjord in das Gebirgsmassiv. Am Eingange des Aardalfjords ragen gleich Nadeln der 970 m hohe Bodlenakken und die 1250 m hohe Boermolnaase auf, während die schnee- und eisbedeckten Gipfel des Jötunheims den Hintergrund des alpenhaften Gemäldes bilden. Am Ufer liegen armselige Holzhäuschen, deren Bewohner, da der Steinboden den Anbau kaum gestattet, vor allem von den Fischschätzen des Fjords sich nähren. Davon zeugen die überall zum Trocknen aufgehängten Netze. Scharen flachshaariger Kinder laufen spielend am Strande umher. Hier strömt aus dem Herzen des norwegischen Hochgebirges, des Jötunheims , wie es die norwegischen Wanderer getauft haben in Erinnerung an die Frost- und Reifriesen der Edda, die Utlaelv in den Fjord. Sie hat ihre wilden Gewässer, wie das meist im Hintergrunde der Fjorde geschieht, in einem See etwas beruhigt. Auf dem » Eid «, dem alten Moränenwall, der den See vom Fjorde abschließt, liegen einige Häuschen. Talaufwärts verengt sich das Bett des Bergstroms zum Vettisgjelet in weichem, bröckligem Gesteine. Eine Strecke weiter dehnt sich das Tal wieder zu größerer Breite, und man erblickt das Vetti-Gehöfte, in welchem Reisende für die Nacht gute Unterkunft finden und von dem aus ein Zickzackpfad nach den zu den Wolken strebenden Höhen und nach dem Abgrunde führt, in dessen gähnende Tiefe man, am Rande des Felsens platt auf der Erde liegend, hinabblicken kann, um den Sturz des mächtigen Stromes zu verfolgen. Ein Seitenpfad führt abwärts in das Tal der Mörkedola, deren aus zwei kleinen Seen am Fuße der etwa 2100 m hohen Koldedal-Platte kommende Wassermasse im Vettisfos, dem höchsten der vielen norwegischen Fälle, aus einer Höhe von 260 m über eine Felskante senkrecht zwischen den im Halbkreise sich aneinander reihenden dunklen Felsen herabstürzt und vom Gegenstrom der herniedergepreßten Luft wie eine durchsichtige Wolke schimmernden Schaumes emporraucht, deren glänzende Helle sich leuchtend von der düsteren Pracht des felsigen Hintergrundes abhebt. Über den Boden wie auch um die Felsen ringsum schmiegt sich eine Decke von dunklen, schwammigen Flechten; alles trägt dazu bei, die blendende Weiße des Schaumes hervorzuheben; die Wassermasse streift nur wenig die Felswand, über die sie sich herabwälzt und auf deren schroffem Grat einige wenige Birken einsam emporragen. Während der Blick an dem Falle hängt, beginnt die Schaumsäule, vom Winde getrieben, hin und her zu schweben, die Schwingung wird immer heftiger, bis das schimmernde Silberband schließlich; gleich dem Pendel einer Uhr, über einen Raum von mehr denn 80 m sich hin und her bewegt. Ein brausender Windstoß fährt dazwischen, und der glänzende Streifen zerstiebt in eine riesige Wolke, die wie ein durchsichtiger Schleier die düsteren Felsen umflattert; dann aber, wenn der Wind nachläßt, verwandelt sie sich wie mit einem Zauberschlage wieder in die wunderbare Säule aus leuchtendem Kristall. Nun aber hinauf zum Jötunfjelde, in die Welt der norwegischen Gletscher und Braes (d. h. Breiten), die als große Firnfelder zipfelartig nach allen Seiten in Hochtälern vorwärts kriechen, bis sie sich in irgendeinem Fjordarme mit einem großen Gletschertore öffnen, aus dem brausend die Schmelzwasser hervorbrechen. Hier wächst in 1200-1500 m Seehöhe kein Baum mehr, Seen füllen alle Mulden und sind mit spärlichem Grase und Moosen gesäumt. Mitten aus dem vergletscherten Hochlande steigt der höchste Gipfel Norwegens, der Galdhöpig , zu 2560 m mit steilem Absturze als schwarze Felsmasse im weißen weichen Firn des Smörstabsbrae mit seinen blauen Gletscherterrassen auf. Vergl. A. Baumgartner. S. J. Durch Skandinavien nach Petersburg. Freiburg 1901, Herder'sche Verlagsbuchhandlung. Die Aussicht auf diese Hochgebirgswelt der »Tinder«, »Pigger«, »Hörner« und »Nebber« ist anders als etwa die von Wengernalp aufs Berner Oberland. Treffend kennzeichnet Kjerulf, der Geolog Norwegens, diese Landschaft, indem er sie mit dem Anblick eines unabsehbaren Lagers vergleicht, dessen dunkle, weißgesprenkelte Zelte sich wirr aneinanderreihen, während über ihren Spitzen gewöhnlich dichtes Gewölke ruht, das, vom »Fjeldsnoe« angeblasen, wie die Wolke eines Vulkanes emporwirbelt. Drunten windet sich wieder eine kleine Karawane von Fjeldwanderern heran; in groben Regenmänteln, breitkrempigen Hüten und hohen Reitstiefeln schwingen sie sich eben am Rande des Eisfeldes, des Braes, von ihren kleinen, sicher gehenden Reitpferdchen mit ihren gestutzten Mähnen und lassen sie und die Packpferdchen mit dem Mundvorrate zurück. Ein Renntierjäger ist hier der »Alpenjäger« und liegt auf der Lauer auf sein Wild. Drunten in den Unterkunftshütten – oder besser noch in den freundlichen Sennhütten oder »Saeterstuen«, wo die wackeren Mädchen den Sommer lang ihr Milchvieh warten und melken, bei Sturm und Nebel in die Steinpferche treiben, dort findet der Fjeldwanderer Bewirtung und Nachtlager. Hat er sich erquickt an frischer Milch und Butter, an Renntierfleisch oder an einigen »Fjell-Örreter«, d. h. Bergforellen, die kurz zuvor aus dem kalten Schneewasser im Hochsee gefangen sind, hat er sich müde geplaudert mit den freundlichen Bergkindern, dann lädt ihn das eingeheimste duftige Alpenheu zu wohlverdienter Ruhe. Der Auftrieb in die Berge geschieht Ende Mai und ist dann ein Freudentag für Mensch und Tier. Davon zeugen die fröhlichen Gesänge der mitziehenden Budeias (Sennerinnen). Ein von Franz Stock Franz Stock, Lom in Gudbrandsdalen. Aus dem norwegischen Landleben. Im Deutsch-Nordischen Jahrbuch 1914. Eugen Diederichs Verlag, Jena. erstmalig übersetztes Säterlied möge hier einen Platz finden: Zum Säter! Tilsäters. So zählet die Schafe und zählet die Ziegen Und holet die klingenden Glöcklein herbei! Warum denn noch spinnen, warum denn noch liegen? Der Sommer ist da, huhei, huhei! Zum Säter! Nun leuchtet die Sonne schon nächtlicherweile, Nun sprießt auf den Bergen das duftende Gras, Nun fliegen die Bäche so schnell wie die Pfeile, Nun winkt uns das trauliche Sommergelaß Zum Säter! Schon schlafen im Fjelde die eisigen Winde; Hoch oben am Gipfel nur glänzt noch der Schnee. Nun steigen die Trolle hinab in die Gründe, Und Elflein spielen auf blumiger Höh'! Zum Säter! Zum Säter, zum Säter! Durch Birken und Tannen! Huhei, in die frische, sonnige Luft! Nun laßt uns die Sorgen des Tales verbannen! Bergauf, bergauf! Die Sommernacht ruft: Zum Säter! Die Kuhmilch wird zu Butter verarbeitet, die hauptsächlich nach England wandert. Aus der Ziegenmilch wird der jedem Nordlandsreisenden genugsam bekannte Myseost (Käse) hergestellt. In frischem Zustande süß und angenehm schmeckend, gewinnt er mit der Zeit an Härte und Schärfe. Selten findet der Deutsche Geschmack an ihm, aber um so mehr schätzt ihn der Normann. Die würfelige Form dieses durchaus geruchlosen Milcherzeugnisses findet sich ebensowohl auf dem Tisch des gemeinen Mannes wie auf der reich besetzten Tafel des Königs. Das Leben auf dem Säter dauert 4 bis 5 Monate. In dieser Zeit hat die Budeia mit einer jungen Gehilfin vollauf zu tun. Ist eine genügende Menge Butter vorhanden, ist die Zahl der großen Ziegenkäse auf 40 angewachsen, so begeben sich die Besitzer mit einigen Klövhesten (Packpferden) in die Berge und schaffen das Gewonnene nach Hause. Ein Besuch aus dem Tal ist jedesmal ein Fest für die einsamen Schaffnerinnen da oben, und als ersten »Velkom« bringt man ihm Raumgröd (Rahmen- oder Sahnengrütze), einen aus Mehl und Sahne zusammengekochten Brei, auf den Tisch, Milch, Sahne, Käse, Butter, Fladbröt in Hülle und Fülle! Auf der Nordseite des Sogne liegt der gewaltige Jostedalsbrae, das größte zusammenhängende Gletschergebilde Norwegens, wie ein riesiges Eisbärenfell auf dem Fjelde, und seine weißen Tatzen kriechen nach den Fjordarmen zu. Lysterfjord und Fjärlandsfjord, der Schauplatz der Frithjofsdichtung Esaias Tegnérs, sind die größten dieser Nordarme des Sognefjords.   6. Im südschwedischen Granitlande. Schweden, Wisby und Kopenhagen. Wanderstudien von L. Passarge. Leipzig, Fr. Brandstetter. Als wir am frühen Morgen von Lund ausfuhren, standen die prachtvollsten Gewitter am Himmel; die Sonne brach hie und da durch und beleuchtete das schöne Hügelland Schonens, das indessen bald einer ganz neuen Landschaft, der echt schwedischen, Platz macht, die nun den Reisenden nordwärts begleitet, wohin er auch seinen Fuß setzen mag. Diese eigentliche schwedische Natur ist etwas so vollkommen Neues und Eigentümliches, daß der Fremde anfangs wie vor einem Rätsel steht; erst allmählich versteht er die einzelnen Erscheinungen, indem er vergleicht und ordnet, und dann empfängt er ungefähr folgenden Gesamteindruck: Schweden ist in keiner Weise ein Gebirgs-, sondern ein weites Felsland . Vorherrschend eben, oft in Hügelschwellungen übergehend, hie und da von langen einförmigen Rücken durchzogen, macht es den Eindruck eines aus dem Meer aufgetauchten, von der Verwitterung noch fast unberührten, jungen Landes; gerade so, wie der Meeresgrund sich darstellen würde, wenn die darüber befindliche Wasserflut sich verliefe: so erscheint jetzt das Land Schweden. Ursprünglich vom Inlandeis bedeckt, wie heute Grönland, ist es mit Gotland und Finnland in einer Zeit, welche in geologischem Sinne als neu bezeichnet werden muß, von der Eislast durch Schmelzung befreit worden. Denn noch hat das Land seine ursprüngliche Art als Gletscherboden in keiner Weise überwunden. In ungeheuerer Ausdehnung, in unglaublichen Massen tritt hier das blankgeschliffene Urgestein auf und trotzt den zerstörenden Einflüssen des heutigen nordischen Klimas. Während anderswo schon die Felsen zerbröckelt und in Ackerkrume verwandelt sind, in jene weiche Masse, aus welcher die Kultur keimt, starren uns hier die nackten Granit-, die Gneis-, die Porphyrblöcke an und bilden ein Durcheinander, vor welchem die Hand des Menschen erlahmt, den eine wenig gütige Natur nötigt, mit dem unerbittlichen Gestein um sein Dasein zu ringen. So weit das Auge blickt, zeigt sich ein unermeßlicher Felsen-, Pflanzen- und Baumwirrwarr, jenes seltsame Gemisch, das die Schweden einen skog nennen; denn die Felsbrocken, welche die ganze Erdoberfläche bedecken, sind meist wieder in einen doppelten Mantel gehüllt. Moos und Gräser, Farnkräuter und allerlei kleines Pflanzengestrüpp, Preißel- und Blaubeeren, Porst und Wacholder bedecken die Felswüste wie mit einem einzigen Teppich. Darüber aber erhebt sich der Baumwald, selten aus Eichen, Buchen und anderen Laubbäumen gebildet, meist ein Gemisch von Fichten, Kiefern, Erlen und Birken. Diese drei Stücke, zu unterst das starrende Felsgetrümmer , gehüllt in den Pflanzenteppich , welcher es pelzartig überzieht, und dann der Baumwald : diese drei im Verein bilden den schwedischen skog, den Feind aller Kultur, den Sitz aller Unholde. Gehst du in einen solchen skog, so hast du in wenigen Minuten Pfad und Richtung verloren. Hie und da leitet dich wohl ein von dem weidenden Vieh getretener Gang, immer aber in die Irre; du brichst durch den Pflanzenpelz, welcher die Untiefen überzieht, du zerreißest deine Kleider, deine Haut an Gestrüpp und Felskanten und verzichtest auf jedes weitere Vordringen. Bevor ich nach Schweden kam, hatte ich das Wort skog vielfach in Volksliedern und anderen Gedichten gefunden, daneben das Wort lund. Beide bedeuten Wald, nach dem Lexikon. Woher aber diese doppelte Bezeichnung für denselben Gegenstand? – Nun wurde mir mit einem Male der Unterschied klar. Skog ist der schwedische Urwald, jenes Gemisch von Fels und Baumwald, lund aber der reine Baumwald, der aus fruchtbarem Erdreich sprießende, in dessen Schatten es sich wandeln läßt. Daher wohnt der schwedische Troll und die Waldfrau (skogsfra) niemals in einem lund, sondern in dem unheimlichen skog. Wollen die Schweden einen heiteren, schattigen, beseligenden Aufenthalt malen, so sprechen sie von einem lund; dagegen lautet der Kehrreim in einem Gedicht von Geijer: Det är så Das schwedische å immer wie o gesprochen. mörkt långt långt bort i skogen. Es ist so dunkel weit weit tief im Walde. und in einem andern von Malmström: Da suckar det sa tungt uti skogen. Da seufzt es so schwer in dem Walde. Der skog ist gleichsam das Kleid des schwedischen Landes, das ursprüngliche, einheimische. Er überzieht das Land von der Hügelebene Schonens ab bis zu jenen Einöden Lappmarkens, in welchen die Mitternachtssonne leuchtet. Alles übrige ist Ausnahme, gleichsam das Zufällige. Als solche Ausnahme treten auf: das Sumpf - und Torfland , die Seen und das Kulturland des Menschen. Auf den Sümpfen, die meist nur verlandete, vertorfte Seen darstellen, wächst dasselbe Pflanzenwerk wie auf ähnlichen Stellen in Deutschland: Porst, Rietgras, Wacholder, verkrüppelte Kiefern. Sie dienen dem Vieh (kreatur) als Weide (gräsgång) und würden von jedem Tiere in Deutschland verschmäht werden. In Schweden werden sie häufig ausgerodet, geebnet und als Wiesen benutzt. Die Zahl der Seen ist so groß, daß sie nur noch von der der finnischen Granitplatte übertroffen wird; sie nehmen mehr als den achten Teil des ganzen Gebietes von Schweden ein. In Södermanland, wo dieses Verhältnis noch auffallender ist, hat man das Sprichwort: Als Gott einst Wasser und Land geschieden, habe er Södermanland vergessen. Der Fremde möchte diesen Ausspruch auf das ganze weite Reich ausdehnen, das, von der Höhe des Himmels aus gesehen, den Eindruck einer Mondkarte machen müßte. Die Karten verzeichnen natürlich nur größere Seen. Bei einer Fahrt durch Schweden wird die Erscheinung dieser Wasserbecken, die uns anfangs überrascht, allmählich so gewöhnlich, daß wir sie ebensowenig zählen als die Bäume in einem Forste. Immer liegt solch ein See inmitten des meilenlangen Waldes, von Felshöhen umgeben, nicht von Gebirgen; immer den blauen Himmel widerspiegelnd und den prächtigen Laubkranz; immer still und heimlich, verlassen und einsam, wie ein totes Meer. An den Rändern wächst stets Rohr und Schilf, weiter beginnen die Mummeln oder Seerosen (die Nöckrosen, näckrosor), und zwischen den Pflanzen ragen in allen möglichen Größen dunkle Felsblöcke über die Wasserfläche wie ungeheuere, ruhig aus dem Wasser schauende Frösche. Selten erblicken wir an einem solchen See ein Haus, das seine roten Wände in den Spiegel malt, oder ein Segel, das die blaue Flut belebt. Nur hie und da steht ein zerbrechlicher Kahn an dem Gestade, mit welchem die Leute von drüben das frisch gemähte Gras holen, um es in der Nähe ihres Hofes auszustreuen und zu trocknen. An solchen Seen ist es still und einsam. Zuweilen schaukelt sich eine Möwe über der Flut, ein Specht hackt an der Rinde eines Baumes, ein Eichhörnchen springt von Zweig zu Zweig, vielleicht zieht auch ein Habicht vorüber und nötigt die trägen Wildenten zu schwerfälligem Fluge. Ich habe daselbst vergebens auf den Gesang der Vögel, das heitere Spiel der schreienden Schwalben gewartet; die Natur ist hier schweigsam, selbst das geschwätzige Murmeln der Quellen fehlt oder verklingt ungehört in der unermeßlichen Waldwüste. In diese stille, starre, scheinbar unbezwingliche Natur ist nun der Mensch getreten und hat sich ein Heim geschaffen. Zuerst hat er sich da angesiedelt, wo der Wald weite Ebenen bedeckte, wo dieser ein lund, kein skog war: bei Upsala, auf den reichen Fluren Ost- und Westgotlands. Aber er hat sich auch mitten in dem unheimlichen skog niedergelassen und als Vorkämpfer der Kultur den Unhold angegriffen. Der Boden an sich, der in Kulturländern so hohe Preise erzielt, hat in einem solchen skog anfangs keinen Wert; er erhält ihn erst, wenn der Mensch durch seine Arbeit ihn schafft. Noch jetzt lassen sich Hunderte von Ansiedlern in den einsamen Wäldern nieder, erbauen eine Hütte und dringen von diesem Punkte nach dem Saume vor, den Wald schrittweise bezwingend, ihn rodend und dem Anbau öffnend. Man denke hinsichtlich der Schwierigkeit hierbei nicht an amerikanische Ansiedler. In der neuen Welt gilt es nur, den Pflanzenwuchs, den Baumwald zu bezwingen; in Schweden ist das Wegräumen der Bäume ein Leichtes – die Axt fällt sie oder das Feuer verzehrt sie; auch die dichte Pflanzendecke, der Filz, welcher den Felsboden einhüllt, wird durch Feuer unschwer entfernt, der Ansiedler sticht mit dem Spaten die Pflanzendecke ab, läßt die Stücke trocknen, häuft sie aufeinander und zündet sie an. So verzehrt das Feuer das hindernde unfruchtbare Pflanzenwerk und läßt es in Asche zerfallen, die wiederum den Boden düngt. Dieses Verfahren heißt svedja, schwenden. Ist der Mensch so weit gekommen, dann erst beginnt die schwerste Arbeit für ihn: er hat den Fels wald auszuroden. Hier genügt nicht mehr Spaten und Axt allein; Sprengungen durch Pulver sind erforderlich und unsägliche jahrelange Arbeit, bis endlich das Getrümmer entfernt, der Boden gereinigt und eine Ackerkrume geschaffen ist, in welche die Saat gestreut werden kann. Oft hat es den Ansiedler verdrossen, den durch Feuer zerstörten Urwald ganz zu beseitigen; er läßt die Steinblöcke mitten im Erdreich stehen und streut die Saat oder setzt die Kartoffeln dazwischen; oder er duldet auch die verbrannten Stümpfe und Stubben der Bäume, die nun halb verkohlt mitten unter dem frisch grünenden Getreide stehen und den sonderbarsten Anblick gewähren. Die ausgerodeten Felsbrocken aber häuft er sorgsam in einem Steinwalle (stendige) auf und umgibt damit seine Ackerstücke, wodurch er sie gegen den Einbruch des Wildes oder der weidenden Herden schützt. Oft benutzt er auch die angebrannten Baumstämme zu einem Holzzaune (skidgård) und stellt zuweilen sogar den Holzzaun auf den Steinwall, um sich eines doppelt sicheren Schutzes zu erfreuen. So wohnt der schwedische Ansiedler in seiner Kate auf freiem, selbstgeschaffenem Boden, niemandes Herr, niemandes Knecht; ein beneidenswertes Los, so lange die Reinheit der Sitten währt und die Zufriedenheit des Gemüts. Eine Fahrt vom Südende Schwedens bis zum Wettersee, in das Herz des weiten Reiches, zeigt uns durchgehends den Charakter des Koloniallandes. Erst das Schonensche Hügel- und Fruchtland, dann den unermeßlichen skog, zuletzt eine Art Gebirgsbildung, mit Wald und Seen, die südliche Barre vor dem Wettersee, welche die Eisenbahn zu übersteigen und zu durchschneiden hat. Doch kommen schon im nördlichen Teile von Schonen echt schwedische Bergzüge vor, die etwa hundert Meter über die mittlere Erhebung des Hügellandes aufragen und aus starrem Granit bestehen. In der Umgebung von Upsala und Stockholm bezeichnet man mit dem Namen Åsar langgestreckte, bisweilen 100 km weit durch die Landschaft hinziehende Hügelrücken aus unverkennbar geschichtetem Sand , Kies und Geröll von mäßiger Korngröße, die aber nicht wie die Erdmoränen dem Rande des zurückweichenden Inlandeises entlang, sondern gerade entgegengesetzt in der Richtung der Eisbewegung, also etwa nordsüdlich, laufen und wohl durch die unter dem Inlandeis in langen Eistunneln kräftig dahinströmenden Schmelzgewässer aufgeschüttet worden sind, die beim Austritt aus dem Eise ihre Last fallen ließen und so mit dem Zurückweichen des Eisrandes den Hügelrücken verlängerten. Nach J. Partsch, Schwedische Landschaftstypen, Geogr. Zeitschr. 1912 S. 430. Sie werden Åsar (Einzahl ås), Dachrücken genannt. Wer den Dachfirst der schwedischen Häuser gesehen, die mit Rasen bedeckt sind und mit äußerst geringer Neigung zu beiden Seiten abfallen, wird den Vergleich richtig finden. Solche åsar ziehen sich vom Kattegat aus quer durch Schonen nach Südosten hin, unter verschiedenen Namen: Soderåsen, Linderåsen, Stenhufond usw. Der großartigste ist aber jener 200 m aufsteigende, »Kullen« genannte Höhenzug, welcher nördlich von Helsingborg wie ein ungeheuerer Riesenfinger sich ins Meer erstreckt und auf seiner Spitze einen Leuchtturm trägt. Alle diese Granitrücken, das ganze ungeheuerliche Gemisch des skogs hatte die Eisenbahn zu überwinden. Wer je auf dem Kamme des Riesengebirgs, namentlich auf den mit Granitblöcken bedeckten Spitzen, dem Reifträger, den Sturmhauben usw. gewesen ist, kann sich ungefähr eine Vorstellung von dieser Felsnatur machen, wenn er sich das Wunderlich-Wilde um das Dreifache vermehrt und dazu die ganze Gebirgswüste mit dichtestem Walde bedeckt denkt. Hier waren breite Granitrücken zu durchbrechen, vor allem aber das unendliche – ich möchte sagen: Felsgestrüpp zu entfernen. Hier war ein Fluß zu überbrücken, dort ein Damm aufzuschütten, bald durch ein Tal, bald durch einen der Seen. Wo sollte man aber die ausgerodeten Steinblöcke hinschütten oder gar nützlich verwenden? Wo die Erde hernehmen zu den Schüttungen, da Schweden zwar das an Steinen reichste, aber an Erde ärmste Land Europas ist? Die aus der Bahnlinie gerodeten und gesprengten Steine sind alle zu Steindämmen aufgehäuft, welche in ununterbrochener Linie die Eisenbahn auf beiden Seiten begleiten und nun zugleich einen Schutzwall gegen die angrenzenden Waldweiden der Bewohner bilden. Du fährst stundenlang, meilenweit auf der Bahn weiter, aber diese Steinwälle nehmen kein Ende; sie begleiten dich so stet und ohne Unterbrechung wie der Telegraphendraht. Wo es aber notwendig war, zu den Bahnhöfen, Dämmen usw. Erde zu beschaffen, da blieb nichts übrig, als sie mühsam zwischen und unter den Steinblöcken hervorzusuchen. Wir erblicken oft neben der Bahn ein Gewirr von frisch durchwühlten Steinblöcken, die durcheinander geworfen ganz anders daliegen als das sonstige Steinmeer. Das Unterste dieser Steinblöcke ist nach oben gekehrt, die Pflanzendecke fehlt ganz, und das bißchen Dammerde und Schutt, darauf die Blöcke lagen, ist fortgeschafft. Aus solchen durchwühlten Felsmeeren haben die Erbauer die Schutterde zur Eisenbahn genommen. Wie wir in Norddeutschland die Erde durchwühlen nach Steinen, so hat man hier die Steine durchwühlt nach Erde. Die Fahrt durch das südliche Schweden ist bei aller Neuheit der Erscheinungen in hohem Grade ermüdend. Es sind stets dieselben Grundzüge: Fels und Wald, zuweilen ein blauer duftiger See. Nirgends jene Großheit der Natur, welche uns in den Alpen, in Norwegen, selbst schon im Harze fesselt; selten ein weiter Blick, eine Umschau über Täler und Höhen. Wie der Natur das Siegel der Herbheit und Verlassenheit aufgedrückt worden ist, so fühlt sich der Geist in dieser Wüste, die nicht Wüste ist, in diesem unentwirrbaren Durcheinander verlassen, gedrückt und zur Schwermut geneigt. In dieser Natur gewöhnt man sich, wie es Humboldt so schön ausdrückt, an den Gedanken, daß der Mensch nicht die Hauptsache in der Schöpfung sei. Und so ist es auch dem eingeborenen Schweden zumute, hier wurzelt der Charakter des Volkes. Der Gebildete, der schreibende Dichter, sie können wohl die Schranke, welche ihnen die Natur gezogen, durchbrechen; sie ringen zum Licht, der Schein einer idealen Welt verklärt ihr Dasein; nicht so das singende Volk. Unendlich schwermütig, herb und unvermittelt klingt es aus seinen Liedern, wie eine einzige, nie verstummende Klage über das kurze, schwere Erdenleben. Wenn jene Mollieder mit ihren strengen Übergängen, ihren eigentümlichen Rhythmen durch den stummen Wald oder über den schweigenden See zittern, so ist es uns, als hörten wir nicht Menschenstimmen, sondern als klinge die Seele dieser tieftrauernden, in sich versunkenen Natur selber: wir glauben, jene klagenden Laute zu vernehmen, welche durch das eintönige Rauschen der Fichten tönen, wie der Seufzer eines gepreßten Herzens. Wir verstehen die Lieder des Volks und die tiefe Klage in dem Kehrreim eines dieser Volkslieder: »Mir deucht, schwer, schwer ist es, zu leben!« Aber wie der Geist des Menschen, und umnachtete ihn auch die tiefste Schwermut, doch eine Stelle hat, durch welche das Himmelslicht der Freude dringt, so hat auch der schwedische Wald eine Erscheinung, welche diese düstere Natur verklärt und verschönt, und das ist nichts weiter als eine unbedeutende, in unserem Vaterlande wenig beachtete Blume. Ich meine nicht die schöne Linnaea borealis, die einst ungetauft in diesen Wäldern stand, sondern das einfache Weidenröschen (Epilobium) mit seinen roten, leuchtenden Blüten, bei uns im Mittelgebirge die Sommerzierde der Holzschläge und Schonungen. Wohin wir schauen, überall entfaltet diese Blume ihre schönen, rotvioletten Blüten. Bald prangt sie mitten unter den wüsten Bäumen des skog, bald auf einsamem Felsblock. Sie scheint sich gern dem Menschen anzuschließen; denn sie folgt ihm immer, wohin er auch rodend, brennend, anbauend gekommen ist. Die Blume steht ebenso auf der Eisenbahn wie in dem Gärtchen der Bahnwärter, sie ziert die winzigen Kartoffel- und Bohnenbeete, die alle mit einem Steinwalle umgeben sind. Sie keimt noch aus den Rasenbrocken, welche auf die Steinwälle gelegt werden, sie steht mitten in den kleinen Roggenfeldern, dicht neben den halbverbrannten Stubben und dunkeln Steinblöcken. Wohin du blickst, die rote Blüte leuchtet dir immer entgegen. Aber die Schweden haben der Blume auch ein dankbares Herz entgegengebracht; sie haben sie so hoch geehrt, wie man eine Blume nur ehren kann, indem sie diese nur immer blomman, die Blume, nennen. Die Epilobiumblüte ist also den Schweden der Vertreter der ganzen Blumenwelt. Die anderen nennt er bei ihren mannigfaltigen Namen, das Epilobium aber ist ihm einfach die Blume .   7. Von Gotenburg nach Stockholm. Nach dem Aufsatze von C. W. in der Wissensch. Beilage der Leipziger Zeitung 1898, Nr. 63. Göteborg zeigt in seiner Umgebung, wenn man sich seewärts der Stadt naht, etwas Norwegisches. Ein Schärengürtel, Hunderte von Inseln legen sich auch vor die fjordartige Mündung der Götaelf und halten die gefährlichen Brandungswogen, die der Nordwest heranpeitscht, auf. Nach einer halben Stunde, die der Dampfer flußaufwärts fährt, lenkt er in den Hafen ein mit seinen Schiffen, Docks, Werften, Speichern; denn Gotenburg ist der größte schwedische Handelshafen und hat ungefähr 150 000 Einwohner. Die Götaelf durchschneidet die Stadt, Brücken vermitteln den Verkehr. Draußen auf dem Inselring liegen vielbesuchte Seebäder, z. B. Marstrand, Sarö. Eigentümlich sind der Stadt, wie Schweden überhaupt, die Einrichtungen der Gasthäuser . Da steht der sogenannte Sexatisch, der Smörgåsbord. Wenn ein Schwede in ein Gasthaus tritt, so geht er jederzeit zuerst an diesen Tisch und ißt dort vom Lachs, Renntierschinken, von der Hummerrmajonnaise, den Krebsen, Eiern, Sardellen oder Sardinen, der Mettwurst, dem Schinken, dem Knäckespisbrod, der Butter, dem Käse oder wonach sonst sein Herz Gelüsten trägt, soviel er will, und trinkt zwischenhinein einen »Snaps« nach dem anderen, Aquavit, Genever, Korn, Kümmel oder schwedischen Punsch, der auch stets zum Kaffee oder zum Selterser Wasser genossen wird. Der Zutritt zum Sexatisch kostet eine bestimmte Summe, dafür kann man dann essen und trinken nach Herzenslust. Von Gotenburg fährt man durch den berühmten Götakanal nach der Hauptstadt Stockholm. Er verbindet sämtliche große Seen Südschwedens miteinander, den Wener-, den Wetter-, den Mälarsee. Er ist 188 km lang; 100 km davon entfallen auf die Seen, 88 km auf die eigentliche Kanalstrecke. Er ist überall 3 m tief, oben 26 m breit, und das Schiff erklimmt die Höhe, die die Götaelf in den schauerlich-schönen Trollhättafällen herabstürzt, in 58 Schleusen zu je 35,6 m Länge. Dieser Anstieg dauert etwa zwei Stunden. Die ungeheure Kraft der Fälle wird in zahlreichen Fabriken ausgenutzt, die überall in die Steinklippen hineingebaut sind. Diese teilen den Fall in viele Strähne, er stürzt von Stufe zu Stufe schäumend und donnernd nieder; das Weiß der stäubenden Wassermassen wird gehoben durch die düsteren Nadelwälder ringsum. Nach zweitägiger Wasserfahrt kommt man durch Södertelja nach Stockholm , das auf dem Inselisthmus zwischen der »Saltsjö«, dem Baltischen Meere, und dem Mälarn auf acht Granitinseln erbaut ist und mit seinen Brücken und Wasserstraßen und Palästen den Namen »nordisches Venedig« verdient. J. Partsch (a. a. O. S. 439) macht dazu die Bemerkung: »Schon Jakob Ziegler zieht 1532 diesen Vergleich. Stockholm hat keinen Anlaß, sich dafür besonders zu bedanken. So wenig das lebendige, klare Wasser des Norström mit der trägen trüben Flut der Lagunen sich verwechseln läßt, die doch nicht allein den Gesichtssinn in Anspruch nehmen, so wenig gleicht den auf Pfahlrosten eng zusammengedrängten Palästen und dem auf unsicherem Boden Wellen werfenden Pflaster der Plätze des gealterten Venedig der zu anmutigen Höhen ansteigende Granitgrund Stockholms, überwebt von dem zwischen heiteren Prachtbauten hervorquellenden Grün der Gärten und Parke. Die nordische Stadt richtete sich wohl auch auf Inseln zwischen Wasserarmen ein und erkannte in ihnen ihre Schutzwehr, aber sie ist nicht – wie Venedig – landscheu geworden. Sie ließ sich nicht vom Wasser beengen, sondern überwand es als gebietender Brückenort zwischen Mälar und Saltsjö.« Aus Norremalm, der Nordvorstadt, gelangt man über die belebte Norrebro (= brücke) auf die Staden , eine Schärengruppe inmitten der schmalen Verbindungsstraße zwischen Ostsee und Mälarn, dann hinüber nach Södermalm, der Südvorstadt. Auf den Staden liegt das herrliche Königsschloß; hier entstand in geschützter Lage (denn die räuberischen Finnen machten oft Einfälle) der älteste Teil der Stadt mit seinen engen Straßen, die, oft ohne Fußsteig, nur mit Kieselsteinen gepflastert sind. An den Kais, in den Parks, in den Landgärten herrscht des Sommers reges, fröhliches Leben; denn der Schwede liebt die Geselligkeit und Fröhlichkeit. Die langen Tage – in der Zeit vom 17. bis 21. Juni ist hier die Sonne von morgens 3 Uhr bis abends gegen ½10 Uhr sichtbar – begünstigen diese Neigung außerordentlich, wenn sie sie nicht hervorgerufen haben. Ein anschauliches Bild solches Stockholmer Sommernachtslebens auf dem Stromparterre, einem Lustgarten unterhalb der Norrebro, folge hier: »An kleinen runden Tischen sitzt das Publikum, Bier oder Kaffee trinkend oder Eiswasser, Selters, Vichy mit schwedischem Punsch schlürfend, während die Husaren aufspielen. Die Damen alle in hellen, leichten, meist weißen Kleidern, luftig und sommerlich, die Herren auch in weißem oder hellem Anzuge mit Strandschuhen oder Strandmützen. Die Abende in Stockholm sind vom Mai bis September so gelinde, daß man sich das gestatten kann. Das Landklima Schwedens macht sich auf diese Weise geltend. Eine Hochsommernacht im Norden ist unvergleichlich schön, lau und warm und hell! Am Himmel eine wunderbar durchsichtige Färbung, ein Helldunkel, das nicht Tag und nicht Nacht ist, sondern nur eine dem Auge wohltuende, friedebringende, klarlichte Dämmerung, bei der auch die zarteste Schrift zu lesen ist und jedes Blatt an den Bäumen unterschieden werden kann. Die sanfte Bläue des Himmels tönt sich gen Nordwesten in ein zartes Rosa, gegen Süden und Osten aber in blasses Grün ab; die Wolkenstreifen schimmern in flüssigem Golde, und ihr Widerschein spiegelt sich in den Gewässern, die leise rauschen und belebt sind von Hunderten von Schiffen, Gondeln, Kähnen, Jachten; die buschigen Ufer verschwimmen im dämmernden Halblicht, und nur der glänzende Abendstern blickt einsam vom Himmel nieder. Der Stockholmer gäbe diesen Zauber seiner Mittsommernacht nicht für alle Pracht des Südens her.« Seiner glücklichen Lage auf der Brücke zwischen Mälarn und Ostsee hat es Stockholm zu danken, daß seine Sommertemperatur, die bis höchstens 31 °C steigt, immer 5-7 °C niedriger ist als die der russischen Hauptstadt, desgleichen, daß seine Wintertemperatur, die höchst selten 9 °C unter Null sinkt, sich um 9-10° höher stellt als die Petersburgs. Unstreitig beruht der größte Zauber, den Stockholm auf den Reisenden ausübt, in dem eigenartigen Eingreifen des Wassers in seinen Inselstadtplan, sowie in der Umgebung des Mälarbeckens. Der 1163 qkm große Mälarn ist mit ungefähr 1400 Holmen (Inseln) bedeckt, streckt seine zahlreichen Buchten wie Finger ins Land, die umstarrt sind von tannenbewachsenen Felsen, aber ebenso umkränzt von freundlichen Städten, Dörfern, Schlössern, Kirchen, Ruinen und Wiesen. An den Buchten und Fjorden, auf den dicht gesäten Inseln und Inselchen finden wir Felsriffe, parkartige Gruppen von Eichen, Linden, Ulmen, Eschen, Pappeln, Birken, Kiefern, Tannen, angebaute Strecken, und die kleinen Dampfer eilen rastlos von Holm zu Holm, oder von der Stadt nach den Landhäusern am Ufer. Eine der Inseln von ziemlicher Größe trägt den Djurgården, den Tiergarten . Natur und Kunst haben sich die Hand gereicht, um dies reizende Stück Erde zu gestalten: Fels und Eichenwald, schattige Fahrstraßen, schön gewundene Fußwege, Seen und Flüßchen, Villen und Wirtshäuser aller Art bringen in ihrem Zusammengreifen eine prächtige Wirkung hervor. Der Sonntag ist in Stockholm, wenigstens zur Zeit des Morgengottesdienstes, ein Tag der Ruhe; Läden, Fabriken, auch Wirtshäuser sind geschlossen. Sobald die Frühkirche vorüber, sieht man zahllose Leute des Arbeiterstandes in die Sammlungen und Büchereien eilen, um wenigstens einmal in der Woche dem Bildungsbedürfnis zu genügen, während man den Nachmittag meist in einem der gesunden Parke in frischer Luft und fröhlichem Genuß verbringt. Stockholm ist das Herz Schwedens; wer Schweden kennen will, kann hier genug lernen. Vergl. Alexander Baumgartner, S. J. Durch Skandinavien nach Petersburg. S. 335 ff. Freiburg 1901, Herdersche Verlagsbuchhandlung. Wer sich zurückversetzen will ins alte Schweden, das durch seine Macht in Europa gefürchtet war bis an den Bosporus, der besucht die alte gotische Riddarholmskirche, die alte Kirche der Grauen Brüder aus der katholischen Zeit, heute mit ihren Kapellen die Grabkirche der protestantischen Schwedenkönige von Gustav Adolf an, dessen Grabschrift heißt: Moriens triumphavit! Auch Karl XII. liegt hier unter einem schwarzen Marmorblock mit einer goldenen Löwenhaut, Krone, Zepter und Schwert. Gottesdienst wird nicht mehr in dieser Grabkirche gehalten. Wer aber Neuschweden kennen lernen will, Schweden, wie es heute lebt und schafft, der muß die Sammlungen der Stadt besuchen: das Museum der Akademie der Wissenschaften, deren erster Direktor Karl von Linné war, in welchem die Gesteine und Erze des Landes, seine Flora und Fauna in der trefflichsten Übersicht vereinigt sind. Da liegt auch ein riesiger, 490 Zentner schwerer Meteorstein. Das nordische Museum aber erschließt uns das Volksleben des Landes: da ist eine Gruppe aus Lappland dargestellt in dem Augenblicke, als sie die Herbstwanderung antritt, dort blicken wir in eine Bauernstube aus Dalarne und so sind alle Gaue des Landes charakteristisch vertreten mit ihren Holzschnitzereien, mit ihren farbenprächtigen Trachten, ihren Webarbeiten und Schmucksachen usw. Auch die anderen skandinavischen Länder sind gut vertreten. Am meisten fesselt aber im Tiergarten, bei den »Skansen« (Schanzen) das »Freiluftmuseum«, wo auf breitem Raume altschwedische Bauernhäuser aus allen Landesteilen, mit vollständigem Hausrat, dort ein altnordischer Friedhof, da eine Bergmannshütte aus der Gegend von Upsala, hier eine Köhlerhütte und ein Meiler, da ein alter Runenstein, ein hübscher Holzglockenturm und so viele bezeichnende Denkmäler der schwedischen Landschaft zwischen Wäldchen und Wiesen aufgestellt sind. Dazwischen sind in Gehegen Schwedens Tiere: Elch und Renntier, Bär und Fuchs, Adler usw. zu sehen, schwedische Gesteine in gewaltigen Blöcken, zwischen denen des Landes Blumen wuchern. Wenn man des Sommers dieses »Kleinschweden« an den schönen Abenden durchwandert, kann man auch die Volkstänze und Volksspiele der Schweden beobachten oder vom »Bredablick«, dem höchsten Punkt der ganzen Anlage, das Auge weiden an dem Schattenriß der Stadt, die zwischen Himmel, Meer, Felsinseln und Wald zu hängen scheint.   8. Nach Finnland. Quelle: A. Baumgartner, S. J. Durch Skandinavien nach Petersburg, S. 471 ff., mit kurzen Entlehnungen aus C. Meißner, Vom Wesen Finnlands. Velh. u. Klas. Monatshefte 1918, 12. Heft. Finnland ist Fehnland, ist Sumpfland – und auch der Name, mit dem die Finnen ihre Heimat selbst nennen, »Suomi« bedeutet nichts anderes. Das Land der tausend Seen wird es genannt; Seen, Wasserfälle, Moore, Wälder und Felsen sind hier ungefähr zu gleichen Teilen gemengt. Dies Land aus Granit, das von den alten Gewalten der Eiszeit die heutige Form seiner Berge und Täler empfing, hebt sich langsam, langsam ohne Erschütterung weiter – im Norden ungefähr 1,5 m, im Süden 60 cm in 100 Jahren! So wird mehr Land, aber manche Häfen müssen gebaggert werden und dem Meere nachziehen, die Flüsse werden reißender, die Wasserkraft wächst noch. Von Schweden herüber führt in dies skandinavische Land mit den stammfremden Leuten eine Naturbrücke, die Gruppe der Ålandsinseln , zahllose Felsinseln, bald kahl und kaum von Moos übernarbt, bald schwimmenden Tannenwäldern gleich, bald Felsriffe mit Birken, Eschen, Fichten auf jedem Sims, bald bewohnte freundliche Wiesenpläne mit Blockhütten und sogar Feldbreiten. Gerste und Roggen haben hier unter dem starken Licht der langen Sommertage nur 116 Tage zum Reifen. 1808 sind diese von Schweden bewohnten Inseln Rußland überliefert worden, nachdem sich ihre Bauern durch Selbsthilfe der russischen Besatzung schon entledigt hatten. Die Festungswerke, die die Russen hier anlegten, am Eingange zum bottnischen, als besonders zum finnischen Busen, wurden 1854 von einem französisch-englischen Geschwader im Krimkriege zusammengeschossen. Jetzt ist das freundliche Mariehamn mit seinem halben Tausend Einwohnern der einzige größere Ort der Inselgruppe, die wegen ihrer der Maltagruppe im Mittelmeere vergleichbaren Lage auch heute noch ein Zankapfel zwischen den Ostseemächten, besonders Schweden und Finnland, ist. In Åbo, der alten Hauptstadt im heidnischen Finnenlande, betreten wir das eigentliche Finnland, das stets ein schwedisches Kolonialland gewesen war, bis es 1809 als selbständiges Großfürstentum mit ständischer Verfassung dem Zarenreiche angegliedert wurde. Nach und nach hat man aber diese Selbständigkeit mehr und mehr »vergessen«, und erst im Weltkriege hat Finnland wieder die alte Freiheit mit deutscher Hilfe erkämpft. Neben der altfinnischen Sprache herrscht hier überall noch die schwedische, die russische nur erzwungenermaßen. Die Finnen haben seit ihrem Reformator Michael Agricola, der 1557 als Bischof in Åbo starb, ein eigenes Schrifttum; bekannt und auch erdkundlich bemerkenswert ist das große Volksepos Kalevala, das alte Jäger- und Fischersagen mit manchen asiatisch-schamanischen Lehren, mit germanischen und christlichen Zügen verquickt und an Traumschönheit selbst die nordische Mythe übertrifft. Der Arzt Lönnrot hat es auf jahrelangen Fahrten aus dem Munde der Fischer gesammelt. 1835 erschien es im Druck. Der große finnische Maler Axel Gallen ist der Maler dieser sagenhaften Vorwelt geworden voll Größe und Grausamkeit. Die finnische Küste hat einen »Skjaergard« wie die norwegische, und das Schiff fährt ruhig in seinem stillen Fahrwasser, während die See sich aufgeregt an den Riffen und Granitbuckeln der Schären draußen bricht. Aber die Küste steigt nicht auf als majestätische Felswand, sie gleicht den Ufern des Mälarn. Dem Schärenkranz ist auch im Urteil der Finnländer der Preis zuerteilt worden. Baumgartner schildert diese Landschaft mit folgenden Worten: »Licht, Luft, Meer, Fels und Wald tragen zur landschaftlichen Schönheit bei. Die Bestandteile bleiben immer dieselben, und doch wird man nicht müde, diese meist vom Wald gekrönten und von dunklem Wald umfangenen Eilande anzuschauen, die wie ein schwimmender Park am Auge vorüberhuschen; jetzt ein verwitterter Felsblock, von sturmzerzausten Tannen überragt, die siegreich auf die im Sonnenlichte strahlende Meeresstraße herabschauen, – jetzt eine schattige, spiegelglatte Bucht, deren Baumstufen mit all ihren dunkelgrünen Wellenlinien sich im Wasser verdoppeln, – jetzt eine zerklüftete kahle Felsenburg, auf der nur zwerghafte Birken und niedriges Gestrüpp die einzelnen Stockwerke, Klüfte, Risse und Adern bezeichnen, – jetzt ein von der Brandung umzischtes langgestrecktes Riff, das wie der Rücken eines gewaltigen Seeungeheuers dunkel aus den Wogen emporstarrt, – jetzt ein freundliches Bauerngut mit Haus, Scheuer und Ställen, Garten und Weideland, von dunkelm Busch umsäumt und ins Meer hinaus versetzt – jetzt wieder hoher Tannenwald, von dem am Ufer nur durch die helle Meerstraße getrennt. An der Küste selbst wechseln prächtige Wälder mit bebautem Lande und öden Felswüsteneien. Buchten ziehen sich weit ins Land hinein, und von bläulicher Ferne her grüßt dann und wann eine Ortschaft mit ihrem Turme den vorüberrauschenden Dampfer. Da und dort öffnet sich wohl auch eine weitere Sicht aufs Meer, das sich nach Süden hin für das Auge unbegrenzt ausdehnt und den Eindruck einer schönen, aber doch etwas schwermütigen Natureinsamkeit verstärkt.« Wenn auch nur 5 v. H. des Bodens Ackerland ist, Finnland also trotz Borken- und Strohbrotes und großer Genügsamkeit seiner Bauern der Getreideeinfuhr bedarf, so ist die Landwirtschaft doch die Haupterwerbsquelle des Landes: 1912 wurden über 12½ Millionen kg Butter erzeugt. Des Landes Hauptschatz aber ist der Wald: als Rohware, halb oder fertig bearbeitet, vor allem aber in der Gestalt von Papier geht es ins Ausland. Die Wasserkräfte des Seenlandes liefern den Holzschleifereien und Sägemühlen den billigen Antrieb. Dabei benutzt das Großgewerbe von den drei Millionen Pferdekräften in den Stromschnellen des Landes zur Zeit erst etwa 70 000! Um Tammerfors hat sich das Leinen-, Baumwoll- und Tuchgewerbe gesammelt. Die neue Hauptstadt Finnlands ist Helsingfors, das durch die starke Schärenfestung Sveaborg (d. h. Schwedens Burg) gedeckt ist, das seit 1918 in Suomenlinna (d. h. Finnlands Feste) umgetauft wurde, ein Sinnbild der Selbständigkeit des neuen skandinavischen Staates. Im russischen Eroberungskriege wurde diese sehr starke Inselfestung feigherzig ausgeliefert. Damals war Helsingfors noch eine kleine Stadt. Rußland aber verlegte die Universität von Åbo hierher, führte viele Prachtbauten auf für die Verwaltung des Landes, und so entstand die durchaus modern angelegte Hauptstadt mit ihrer prächtigen lutherischen Nikolaikirche, von dem Deutschen Johann Ludwig Engel in der nachnapoleonischen Zeit entworfen, und ihrer russisch-orthodoxen Kirche, ihrem Rats- und Senatshause, ihren Anlagen und Gasthöfen. Neuerdings entwickelt sich die Stadt im freien Finnland immer mehr zu einem bedeutenden Handelshafen, nachdem Petersburgs Bedeutung so gesunken ist. Eigene bodenständige Baukunst schafft unter Lars Sonck und Elia Saarinen und gestaltet das prächtige Stadtbild. Wer altfinnisches Leben sucht, der muß ins Innere nach Norden zu vordringen: dort wohnt noch in seiner Pörte, dem schlichten Blockhause, Schloß als Stützpunkt gegen die Seeräuber. Damals war Schonen dänisch, und Absalon gleichzeitig auch Bischof von Roskilde. Er ist der Gründer Kopenhagens – und seines geographischen und politischen Weitblicks wegen verdient er die Verehrung, die ihm Dänemark noch heute zollt. Denn hier stieß Seeland am weitesten gegen den Sund vor, und der schmale Meeresarm des Kalvebodstrand, der durch die vorgelagerte Insel Amager entsteht, bot einen günstigen und geschützten Hafen. Das älteste Kopenhagen liegt, wie alle alten Festungsstädte, in einem Halbring von Anlagen: Parks und botanischer Gärten – bis zur Zitadelle, die als Rest der Befestigung erhalten ist. Doch zerfällt der davon eingeschlossene Stadtteil in zwei deutlich unterscheidbare Hälften: die eigentliche alte Stadt mit ihren krummen, »gewachsenen« Gassen und Gäßchen – und die einstige Sommerstadt der Könige Rosenborg mit dem Adelsviertel Amalienborg , die im 17. Jahrhundert sorgfältig rechtwinklig angelegt wurden. Große Wasserbecken, die den Raum der einstigen Gräben einnehmen, schließen den Anlagenring nach außen von den jüngsten Stadtteilen ab. Den Eindruck der Stadt schildert uns Lichtwark S. 67. mit den Worten: »Kopenhagen hat etwas Märchenhaftes. Kommt es daher, weil es durch Andersen geweiht ist, oder liegt nicht auch in seiner Anlage und in seinen Bauten ein ganz phantastischer Zug? Was für eine Märchenidee, den Turm der Börse aus den umeinander geringelten Leibern von vier Ungeheuern zu bilden, oder den Turm der Erlöserkirche mit einer außen umlaufenden Wendeltreppe zu umgeben? Wie fremdartig sondert sich die Burginsel durch den breiten Kanal ab, der sie umgibt, und wie schaurig ragen die Trümmer des gigantischen Königsschlosses auf dieser Burginsel in die Lüfte! Auch im Hafen hat alles einen phantastischen Zug, die künstliche, befestigte Insel im Meer trägt in Erinnerung an die Zeit, wo der König von Dänemark die drei nordischen Kronen auf seinem Haupte vereinte, den Namen Dreikronen (Trekroner). Weit draußen im Sund ist eine neue Festungsinsel auf dem Mittelgrund aufgetaucht, wo sie das ganze Fahrwasser beherrscht. Dann die alten Hafenanlagen mit ihren gewaltigen alten Speichern, die vielen Meerarme wie Kanäle in der Stadt, bald Hamburg, bald Amsterdam, bald Venedig, der träumerische Park von Rosenborg, die geheimnisvolle Zitadelle – ist es ein Wunder, daß hier Märchen wachsen?« Wie jede große Stadt Europas, hat auch Kopenhagen die Güter der Kunst und Kultur des Landes und auch des Auslandes planmäßig in Museen gesammelt. Dem größten Bildhauer des Landes, Thorwaldsen, ist auf der Schloßinsel ein Museum geweiht worden, wo seine Werke und seine Kunstsammlungen vereinigt sind, wo er selbst im Hofe unter dem grünen Efeu schlummert. In der alten Frauenkirche steht sein berühmter einladender Christus, wohl sein bekanntestes und tausendfach vervielfältigtes Werk. »In dem Museum nordischer Altertümer besitzt Kopenhagen einen Schatz, an dem die gesamte germanische Welt Anteil nimmt. Auch dies Museum ist Geschichte und Märchen. Wer steht ohne Schauer vor den wohlerhaltenen Gewändern einer germanischen Fürstin der Urzeit, vor den riesigen Lurenhörnern aus Bronze, die die Feier des Gottesdienstes mit Tönen begleiteten, die heute noch in ihnen schlummern; Sie werden noch heute jedesmal am Johannistage (24. Juni) von zwei kunstgeübten Musikern vom Dache des Prinzenschlosses vor einer großen Menge geblasen und erregen das Staunen vor der Tonkunst der alten Nordgermanen (2000 v. Chr.). vor einem wirklichen Götterwagen, auf dem das Bildnis des Gottes oder der Göttin über Land gefahren wurde; vor den unbeschreiblichen Schätzen an Gold und Silber, zum Teil in einer technischen Vollendung und künstlerischen Schönheit, daß die sämtlichen Schmuckkünstler unserer Tage davor erröten müßten«. a. a. O. S. 82. In dem malerischen Schlößchen Rosenborg sind die fürstlichen Schätze moderner Kultur sehr gut aufgehoben, darunter ein Königsthron aus Narwalzähnen und Silber, eines Seekönigs Hochsitz – im Schlosse Frederiksborg ist des Volkes Ruhmeshalle. Dem Edelsinn eines Bürgers, des Brauers Jacobsen, verdankt die Stadt wertvolle Ergänzungen dieser Sammlungen in der »Glyptothek«, dem archäologischen, dem Kunstgewerbemuseum usw. Die Umgebung Kopenhagens ist großenteils Villenlandschaft: immer wieder rote Dächer und weiße Mauern im Grünen, die Sommerhäuser der Städter. Dort liegt als Ergänzung zu dem Fürsten- und Bürgermuseum der Hauptstadt das Bauernmuseum von Lyngby, ein Freiluftmuseum ähnlich dem Stockholmer. Hier findet auch der Deutsche Heimatkunst . Aus Ostenfeld bei Husum stammt ein sogenanntes »Rauchhaus«, ein sächsisches Bauernhaus ältesten Schlages mit breiter Einfahrt auf die Diele, mit seitlichen Ställen, mit der Wohnung im Hintergrunde und dem schornsteinlosen Herde, wo das offene Feuer brannte. Aber auch dänische, nordholländische, schonische und smaländische Häuser alter Art sind in dem hügeligen Feldgelände Lyngbys vereinigt. III. Bilder aus Osteuropa. A. Nördliches Osteuropa. 1. Die Zarenstadt Petersburg. – 2. Petersburg im Winter. – 3. Die Newa. – 4. Im Petersburger Kaufhofe. – 5. Im Schlitten durch die Tundren nach Archangel.   1. Die Zarenstadt Petersburg. Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 1898, Nr. 4, und J. K. Kohl, Petersburg in Bildern und Skizzen. Von dem ostpreußischen Städtchen Eydtkuhnen aus fährt der Zug über die Grenze in ein anderes Lebensgebiet ein: nach Halbasien. Wirballen ist die Zollstation jenseit der schwarzweißen Pfähle. Dies Stück Litauens, das wir durchfahren, hat über ein Jahrzehnt zu Preußen gehört nach der dritten polnischen Teilung. Nun hat es eine gewisse, aber noch ungefestigte Selbständigkeit erhalten. Die Landschaft zeigt altlitauisches Gepräge: kleine weitentlegene Dörfer mit weitläufigen Gehöften, Stangenzäune und Brettergitter; Strohdächer, Obstgärten; die Haustüren sehen nach dem wärmeren Süden, von einer Laube umschirmt; wenig Kirchen. Ein jedes Gehöft hat zwei Teile, den Haushof und den Scheunenhof. Sie sind durch eine Hecke geschieden. Die Mitte des Haushofes bildet der Obstgarten, den Rand besetzen die Häuser: das dreiteilige Wohnhaus mit Stube, Flur und Kammer, die Klete, der Wirtschafts- und Schlafraum, der Stall. Den Scheunenhof rahmen die Scheunen mit der Dörrstube oder Pirtis, Wagen- und Futterschuppen, das Räucherhaus mit dem Kleinviehstall, das Flachstrockengestelle und das Badehaus ein. Vor dem Gehöfte liegen Fichten-, Kiefern-, Ahorn- oder Birkenhaine. Der Njemen ist der Rhein der Litauer; hier liegen ihre altheiligen Berge und zerbrochenen Burgen. In Kowno herrscht auf dem Bahnhofe buntes Leben; Wagen und Troiken, Diener und Träger, nicht zum wenigsten feilschende Juden drängen sich durcheinander. Die Gasthöfe sind sämtlich in jüdischen Händen; denn der Jude versteht alle Sprachen – über die Hälfte der Einwohnerschaft sind jüdischen Stammes. Im Gegensatze zum platten Lande sind hier die Kirchtürme zahlreich. Schulen und Fabriken, auch große Kaufhallen sind vorhanden. Der Markt wird vom Popen, vom Bauer mit der Pelzmütze, der Bäuerin im buntgetupften Kopftuch, der feinen Städterin besucht; er bietet vielerlei: harten Quark in Säcken, Hühner mit zusammengebundenen Beinen, Butter, Brot, Eier, Zierweihwedel, hefigen Honigmet. Das Leben und Treiben der Menschen macht nicht den vernunftbeherrschten Eindruck einer westeuropäischen Stadt. Weiterhin geht's nach Wilna , wo ebenfalls über die Hälfte der Einwohner Juden, die übrigen vorwiegend katholische Polen, der Rest orthodoxe Russen, lutherische oder reformierte Balten und Deutsche sind. Juden und Polen geben der altlitauischen Königsstadt das heutige Gepräge. Neben schönen großstädtischen Läden- und Palaststraßen, neben den Villen an den Ufern der schiffbaren Wilja gibt es echt morgenländisch enge und schmutzige Viertel, und die Bettler fallen überall auf. An der Stelle eines altlitauischen Perkunheiligtums erhebt sich über die Häuser der hügeligen Stadt die stattliche Stanislaus-Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert; die besuchteste Kirche ist aber die Ostra-Bramakirche mit ihrem wundertätigen Marienbilde, vor dem auf offener Straße stets eine Menge von Gläubigen betet, vor dem jeder Vorübergehende die Kopfbedeckung lüftet. Nun geht die Fahrt nordwärts nach Dünaburg ; die regelmäßig gebaute Stadt wird breit von dem schiffbaren Dünastrome durchflossen. Unter der Bevölkerung tritt der deutsche Anteil hervor. Handel mit Flachs und Getreide belebt die Stadt. Durch ungeheure Wälder und Moore, unwirtlich und öde, von Baumleichen durchschlagen, mit vereinzelten Holzmacherhütten auf Lichtungen, keucht die Lokomotive St. Petersburg zu, hie und da an einem Heutrockengestänge oder ein paar Bienenstöcken vorübereilend. Wenn unsere im frühen Mittelalter entstandenen Städte mit ihren engen Straßen und winkeligen Häusern von den seltsamsten Formen, mit ihrem von Jahrhundert zu Jahrhundert fortgeerbten Bauplane oft verwachsenen Steinmassen und ausgehöhlten Felsennestern gleichen, in denen planloser Zufall die Wohnungen aufeinander setzte oder Furcht und Not die Mauern ballte, die Gebäude zu Türmen auftrieb und die Menschen wie in Bienenzellen häufte, so wurde in Petersburg , dem Kinde einer jüngeren Zeit, alles bequem und verständig angelegt, die Straßen weit, die Plätze regelmäßig, die Gehöfte groß, die Häuser geräumig. Bei uns berechnet und mißt man die Bauplätze mit dem Zollstabe; die 80 □ Werst, 1 □ Werst = 1,138 qkm. , welche Peter der Große 1703 für die Stadt bestimmte, erlaubten freigebiger zu verfahren, und wenn in Wien und Dresden selbst die Königspaläste so sehr mit den übrigen Gebäudemassen verschmelzen, daß sie kaum als selbständige Ganze zu erkennen sind, so nimmt in Petersburg jedes Haus mit seinen Höfen ein Stück Boden ein, das hinreichend groß ist, um sich bequem ausbreiten zu können, und jeder Baum im großen Häuserwalde tritt selbständig hervor. Aber eben deshalb, weil das Einzelne sich breit macht, verliert das Ganze an Einheit, ist Petersburg nichts weniger als eine malerische Stadt. Alles ist so luftig und licht, es fehlt in den Straßen so sehr an kräftigem Schatten, an hell durchbrechenden Strahlen, an der Mannigfaltigkeit des Lichts , es ist alles so bequem, so verständig, so neu, ja so schön, daß es schwer hält, auch nur ein Stimmungsbild zu gewinnen, wie man sie in unseren an Gegensätzen, Erinnerungen und buntem Leben so reichen Städten unschwer findet. Dazu kommt, daß der Boden der Stadt so eben ist, daß sich kein Teil über den anderen erhebt. Nichts hebt sich, nichts gestaltet sich; alles zerfällt und verschwindet, und die Augen finden keine Anhaltspunkte in diesem breiten Meere von Häuservierteln und Palästen. Namentlich macht sich diese Eigentümlichkeit Petersburg im Winter bemerklich, wo alles: der Boden, die Dächer, die Newaarme mit einer und derselben Farbe, dem einförmigen Weiß des Schnees überzogen sind. Die weißen Wände der Häuser heben sich nicht vom Boden ab und scheinen kaum auf festem Grunde zu wurzeln; die beschneiten Dächer fließen zusammen mit den graulichen Tinten des Himmels, wir wandeln in einer Nebel-, einer Schattenstadt, in der alle Linien verschwinden, alle Ecken fehlen, als hätten die Häuser keine Festigkeit, und als wäre alles Gemäuer nur locker und luftig. Um so reizvoller ist die Verwandlung im Frühling, wenn der Himmel sich klärt und die Sonne das bleiche Leichentuch des Winters von den Dächern und Flüssen hebt. Es ist, als wenn dann die Stadt erst wahres Sein bekäme und sich in wenigen Tagen von neuem aufbaute. Die Häuser fassen nun auf dem dunklen Grunde festen Fuß; die lebhaften, derb barbarischen Farben der grün angestrichenen Dächer und der blauen, mit goldenen Sternen beschneiten Kirchenkuppeln, die vergoldeten Spitzen der Türme, die sich aus der Eiskruste hervorschälen, erfreuen nun das farbenhungrige Auge, und die klaren Flußnymphen, die ihren Eispelz abgeworfen haben, werfen aus tausend Spiegeln das Bild der schmucken Paläste zurück. Kaum eine unserer Städte dürfte so aus Palästen und Riesengebäuden zusammengesetzt sein wie Petersburg. Die schönen Bauten längs des englischen Kais, der Petersplatz mit dem Gebäude der Synode und der prächtigen Isaakskirche, die sich zur Riesenkuppel aufwölbt, mit dem Standbilde Peters des Großen im Vordergrunde – daneben die alte Admiralität mit ihrem weit sichtbaren, vergoldeten Turme, dann der Winterpalast, die Eremitage (welcher Palast jetzt die Gemäldegalerie enthält), das kaiserliche Hoftheater, mehrere großfürstliche Paläste, das Marmorpalais, das ungeheure Marsfeld mit der Bildsäule Suwarows am Kai, der kaiserliche Sommergarten mit seiner reichvergoldeten Marmorkapelle, weiter aufwärts der taurische Palast: das ist ein Verein der großartigsten Bauwerke und riesigsten Maßverhältnisse. Es gibt viele Häuser in Petersburg, in denen mehrere tausend Menschen wohnten, z. B. im Winterpalais 6000, im Hospital der Landtruppen 4000 (d. h. Betten für eine gleiche Anzahl von Kranken), im Findelhause 7000 (Kinder), im großen Kadettenhaus mehrere tausend junge Leute. Selbst unter den Bürgerhäusern sind viele, welche an Zahl und Weitläufigkeit der Gebäude, an Größe der einzelnen Flügel usw. der Burg in Wien wenig nachgeben. Die meisten Häuser in Petersburg sind nur zweistöckig; nur in den innersten Stadtteilen findet man drei- und vierstöckige. Eine große Anzahl ist hölzern; denn alle Russen haben eine Vorliebe für niedrige und hölzerne Häuser, die auch in der Tat viele Vorteile gewähren, namentlich sehr warm sind. Die Regierung sucht aber die hölzernen Häuser mehr und mehr zu verbannen, und in einigen Stadtteilen sind sie ganz und gar verboten. Das Bauen ist in Petersburg kostspieliger als in jeder anderen Stadt des Reichs, weil die Nahrungsmittel und daher der Tagelohn teurer sind als irgendwo; dann auch des Baugrundes wegen. Der schwammige und morastige Boden der Stadt macht es durchaus nötig, daß man zuvor ein ganzes Gerüst unter die Erde versenken muß, ehe es möglich ist, daß eins darüber erscheint. Alle größeren Gebäude der Stadt ruhen auf Rosten von außerordentlich langen Bäumen. Wie schlammig der Boden ist, das sieht man recht deutlich auf den Friedhöfen, wo sich in den frisch ausgeschaufelten Gräbern rasch das Grundwasser sammelt. Baustoff zu den hölzernen Häusern liefern die Fichtenstämme, die nach der gewöhnlichen nordischen Weise übereinander gelegt werden, zu den steinernen gebrannte Ziegel und finnländischer Granit. Die Mauern, die man aus Ziegeln baut, sind gewöhnlich sehr dick, und während man bei uns darüber erstaunen muß, wie man hohe Gebäude mit äußerst dünnen Mauern aufzuführen wagt, hat man hier Gelegenheit, sich über die beinahe 2 m dicken Mauern der niedrigen Gebäude zu wundern. Alles wird mit unglaublicher Schnelligkeit gebaut. Teils treibt die Kürze der für den Bau günstigen Jahreszeit dazu, teils die Ungeduld der Russen, Angefangenes fertig zu sehen. Dafür gibt es denn freilich auch eine Menge von Häusern, die frühzeitig an Altersschwäche leiden. Der Winterpalast ist das schlagendste Beispiel davon. Es wurden binnen Jahresfrist nicht weniger als 20 Millionen Rubel darin verbaut! Man setzte den Bau im Winter fort, indem man das Gebäude beständig heizte, um die Baustoffe flüssig zu erhalten und die Wände schnell trocknen zu lassen. Bei den meisten Wohngebäuden der Großen liegt der Fall ähnlich. Alles wird so schnell zusammengenagelt wie Bühnenaufbauten. Bei der Leichtigkeit, mit der die Russen sich zu Veränderungen entschließen, wird man es natürlich finden, daß in Petersburg viel gebaut und umgebaut wird. Es ist fast nie ein Haus völlig fertig, und beständig wird bald hier, bald da etwas geändert. Ein einziges Fest, ein Ball, ein Gastmahl bringt oft nicht unbedeutende Veränderungen im Innern eines Hauses zuwege. Findet man die Zimmer zu klein, so bricht man eine Mauer durch, zieht das folgende Zimmer hinzu und läßt Türen für den Abend einsetzen. Säulen und Brüstungen werden zur Ausschmückung und für die Musik errichtet, Lauben, Stubengärten, Anrichten angebracht, Zimmer für den Augenblick mit Tapeten behangen und mit Teppichen belegt; ja oft, um noch Zimmerraum zu gewinnen, wird ein vorläufiges, hölzernes Zimmer über den Balkon hingebaut, der als hübsch ausgeschmücktes Gemach oder als Sitz der Musiker mit zum Tanzsaal gezogen wird. Auch die Polizei flickt mit großer Veränderlichkeit an den Häusern. Bald verbietet sie diese oder jene Fensterform; bald gebietet sie, alle Türen sollen von Eichenholz sein; bald erlaubt sie es, daß hie und da Erker und Vorbauten aus den Kellergeschossen hervortauchen, bald werden sie mit einem Male beseitigt. Auch das Straßenpflaster ist in Petersburg wegen des sumpfigen Bodens sehr teuer; denn es bedarf beständiger Ausbesserungen, und doch dringt die Feuchtigkeit überall durch. Auch verstehen sich die Russen auf das Pflastern schlecht, und man hat für die besseren Straßen deutsche Pflasterer aus den Hansestädten berufen. Neben dem schlechtesten hat man aber auch das schönste Straßenpflaster, die herrlichsten Holzblockwege, auf denen die Wagen so glatt und geräuschlos rollen wie die Elfenbeinkugeln auf dem Billard. Diese Wege, die jedoch bloß als schmale Streifen durch die große Newskij-Perspektive und einige andere Straßen führen, bestehen aus sechseckigen Holzblöcken, die wie Bienenzellen zusammengefügt sind. Da das Holz bei dem unaufhörlichen Fahren und bei dem feuchten Boden sich schnell verbraucht, so sind sie ungemein kostspielig. Übrigens wendet man in Petersburg schon deshalb weniger Sorgfalt auf ein gutes Pflaster, weil es sechs Monate hindurch völlig gleichgültig ist, was für ein künstliches Pflaster vorhanden, da die Natur mit Schnee und Eis dann selber pflastert. Die Zugänge der Häuser sind bequem und weit. Die meisten Häuser der Großen haben Vorhöfe zum An- und Abfahren der Fuhrwerke wie bei uns die Theater oder Königspaläste. Auch das Innere ist durchweg geräumiger als in irgend einer unserer Städte, und wer bei uns mit ein paar Zimmern sich begnügt, hält in Petersburg gewiß auf ein halbes Dutzend. Die Vorhäuser sind groß, die Treppen winden sich in doppeltem Zuge zu beiden Seiten des Hauptstockwerks hinauf. Die Tanz-, Speise- und Gesellschaftszimmer sind hoch und weit. In vielen Palästen findet man einige Zimmerräume, die zu Wintergärten bestimmt sind. Die größten Wintergärten, die in Petersburg mehr als in jeder anderen Stadt in Aufnahme gekommen sind, haben natürlich die kaiserlichen Schlösser; doch werden oft bei großen Tanzfesten auch nur vorübergehend Wintergärten mit Lauben, Blumenbeeten, Springbrunnen usw. eingerichtet. Eine Eigentümlichkeit der Petersburger Häuser entsteht durch den Aufwand, der mit großen Fensterscheiben getrieben wird. Man hat gefunden, daß die Fensterstäbe, welche die Scheiben zusammenhalten, die Aussicht stören, und füllt daher die Öffnung mit einer einzigen großen Spiegelscheibe aus. In den Gesellschaftszimmern befindet sich meist nur ein so kostbares Fenster. Das vertritt dann die Stelle der bei uns gewöhnlichen Guckfenster und Erker, und die Damen stellen ihre Arbeitstische und Diwans diesem Fenster gegenüber, vor dem sich alle Bilder des Straßenlebens vorüber bewegen. Die Häuser der Reichen sind von oben bis unten mit solchen kostbaren Scheiben ausgestattet. Die Bevölkerung von Petersburg ist sehr bunt und mannigfaltig. Namentlich gehen die Verbindungen Petersburgs zu Lande so weit, wie bei keiner Stadt der Welt, und bringen die Residenz in Berührung mit so vielen Völkerschaften des Erdballs, daß es ebenso schwer sein möchte, die aufzufinden, die hier nicht vertreten wären, als alle vorhandenen aufzuzählen. Wie vielfach waren nicht schon die Volksstämme, die sich hier auf heimischem Boden fühlten, welche Petersburg als ihre Hauptstadt ansahen! Man brauchte nur das Militär zu betrachten. Da gab es eine eigene Garde für die kaukasischen Völker, eigene Abteilungen für die Tataren, für die Finnen, für die Kosaken usw., weil immer Auserwählte als Geiseln der Treue ihrer Brüder in der Residenz zu weilen gezwungen waren. Man sah den Kosaken, der sein Roß tummelte, mit eingelegter Lanze, als wären Feinde zu verfolgen, über den Platz traben; den Tscherkessen in seiner reichen Tracht, auf jedem Zoll seines Leibes bewaffnet und bepanzert, auf öffentlichen Plätzen kriegerische Übungen anstellen; den Taurier Aus der Krim oder Taurien. seiner Steppen und seines Allah eingedenk selbstbewußt durch das Getümmel schreiten; die russischen Soldaten in langen Heersäulen durch die Straßen der Stadt ziehen, – die verschiedenen Ausrüstungen und Dienstkleider des russischen Heeres, von denen allen eine Probe in der Residenz sein mußte, die Garderegimenter, die Husaren, Jäger, Ulanen, Dragoner, Kürassiere und Grenadiere, die Sappeure, Ingenieure zu Pferde und zu Fuß ihre Wachen wechseln, Kasernen beziehen, zur Heerschau eilen. Lenkte man den Blick auf die Kaufmannschaft und den bürgerlichen Verkehr, da fehlte kein Volk von Europa und fast keins von Asien, nicht der Spanier und Italiener, nicht die Einwohner der grünen britischen Eilande, nicht der Normanne aus dem entfernten Thule, Island. nicht der von Seidengespinst umrauschte Buchare und Perser, sogar der Inder nicht aus Taprobane, Der alte Name von Ceylon. weder der Zopf des Chinesen noch die weißen Zähne des Arabers. Oder das arbeitende Volk! Da schlenderten die deutschen Bauern zwischen dem Getümmel der lärmenden Bartrussen, die schlanken Polen neben den untersetzten Finnen und Esthen, die Letten mit den Juden, amerikanische Matrosen, Kamtschadalen und Tscheremissen; Mohammedaner, Heiden und Christen; weiße Kaukasier, schwarze Mohren, gelbe Mongolen. Entschieden am merkwürdigsten und schönsten entwickelte sich das Petersburger Straßenleben auf der herrlichen Newskij-Perspektive . Diese prachtvolle, 35 m breite Straße geht vom Alexander-Newskij-Kloster, das die Reliquien dieses Heiligen birgt, seit die rechtgläubigen Russen unter Peter dem Großen nicht in eine Stadt ohne Heiligen ziehen wollten, 5 km weit bis zum Admiralitätsgebäude. Sie durchschneidet alle verschiedenen Ringe der Stadt, das Viertel der armen Vorstädter wie die Gegenden des Reichtums und des Prunkes in der Mitte. Sie ist daher von sehr verschiedenem Aussehen, und eine Fahrt auf ihrer ganzen Ausdehnung ist bei weitem die fesselndste, die man auf dem Boden von Petersburg machen kann. An ihrem äußersten Ende sind das Kloster und ein Kirchhof: Tod und Einsamkeit. Alsdann kommen kleine niedrige Häuser von Holz, Viehmärkte und Branntweinschenken, von singenden russischen Bauern, umschwärmt: Dorfleben und Vorstadttreiben; weiterhin hie und da zweistöckige, steinerne Gebäude, bessere Wirtschaften, Lager und Läden, wie man sie in russischen Provinzen vergeblich sucht; Märkte und Speicher mit einer Menge alter Möbel, Kleider und Sachen, welche der Kern der Stadt abnutzte und hier den Vorstädten feilbietet. Die Häuser sind nach alter russischer Weise gelb und rot angestrichen, und Menschen sah man mit langen Bärten und noch längeren Kaftanen. Etwas weiterhin erschienen schon Iswoschtschiks (Droschkenkutscher), die sich aus den inneren Kreisen hierher verirrten, Omnibusse und Straßenbahnwagen, rasierte Kinne, französische Fracks und einzelne prächtige Häuser. Wenn man um die Ecke des Winkels bog, den die Straße macht, so zeigte sich in der Ferne, wie über dem niedrigen Straßennebel schwebend, die goldene Riesennadel des schlanken Admiralitätsturmes, den alle Hauptstraßen der Stadt zum Augenpunkt haben. Man setzte über ein paar Kanalbrücken, und es offenbarte sich allmählich der Kern der Residenz. Die Paläste schwollen drei- bis vierstöckig empor, die Inschriften an den Häusern mehrten und vergrößerten sich. Die Vierspänner wurden häufiger, und es schlüpfte hie und da ein schmucker Federbusch vorüber. Endlich gelangte man zur Fontanka Ein Arm der Newa mit besonders schönen Palästen an den Ufern. und der Anitschkow-Brücke, und hiermit begann die eigentliche Residenz, was gleich das große Bjeloselskische Palais ankündigte. Von dieser Brücke bis zum Ende war das eigentlich stilvolle und großstädtische Stück der Perspektive: Vierspänner auf jedem Tritte, Generale und Fürsten unter dem Getümmel, die ausländischen Kaufhäuser, die Silberläden, die kaiserlichen Paläste, die Hauptkirchen aller Petersburger Bekenntnisse. Von der Anitschkow-Brücke bis zur Admiralität hin und her zu spazieren, war der anmutigste Zeitvertreib, den das Stadtleben zu bieten vermochte. Jeder Petersburger Stutzer nahm einmal des Tages seinen Freund an den Arm und lustwandelte hier ein paarmal auf und ab. Die beliebteste Seite der Straße ist die nördliche, weil sie die Sonnenseite ist. In Genua würde es die südliche sein, weil dort alles nach Schatten schmachtet. Die nördliche Seite war daher auch mit weit glänzenderen Läden und Kaufhäusern besetzt und gab einen höheren Mietzins als die südliche. Da Petersburg als Zarenstadt eine starke Besatzung hatte, so war der zehnte Mann, der einem in den Straßen begegnete, ein Soldat; und da weder Gemeine noch Offiziere sich je von ihren Achselstücken und Waffen trennten und auf jedem Spaziergange ebenso bis an die Zähne aufgezäumt wie zur Heerschau erscheinen mußten, so sah man auf den Spaziergängen nichts häufiger als Federbüsche und blinkende Rüstungen. Es war nicht zu viel gesagt, wenn man behauptete, halb Petersburg stecke im Dienstrocke. Denn außer den zahlreichen Soldaten trugen auch ungefähr ebenso viele Beamte, Schutzleute, Diener usw. solche Tracht, weshalb denn fast alle Leute auf der Straße belitzt, besternt, verbrämt und eingekantet erschienen. Die zahlreiche Kaufmannschaft, die englische Faktorei, die deutschen Freiherren aus den Ostseeprovinzen, viele reiche russische Gutsbesitzer, Fürsten und Herren, die meisten Ausländer, insbesondere die zahlreichen Privatlehrer usw. steckten im Frack, der freilich der Uniform weichen mußte bei allen Militär- und Zivilbeamten, auch bei den Lehrern aller öffentlichen Schulen, bei den Professoren wie bei den Gymnasiasten und den Zöglingen öffentlicher Anstalten, die ebenfalls als angehende Staatsbeamte uniformiert erschienen und wie die Schmetterlinge in allerlei bunten Farben glänzten. Wie in der Natur anderes Wetter immer andere Tiere zum Vorschein bringt, wie im Regen die Enten, im Sonnenschein die Schmetterlinge sich freuen, wie im Abendnebel die Nachtschwärmer, am Mittage die Sonnenfalter streichen und das Wild im Winter einen anderen Rock anzieht als im Sommer, so war es hier auch bei den Menschen; anderes Wetter brachte andere Menschen auf die Straße. Da nun das Wetter des Petersburger Himmels erstaunlich wankelmütig ist, so veränderte sich der Anblick des Petersburger Straßenverkehrs ungemein häufig. Im Winter die dicken Pelze, im Sommer die leichten Flore und Seidenstoffe. Am Abend alles in Mänteln und Kapuzen, am Tage alles luftig und bloß. Im Sonnenschein die flatternden Stutzer und Modedamen, im Regen alles Modische, aller Uniformenglanz verschwunden und nichts als schwarzes Volk in Radmänteln. Heute auf dem Schnee alles Schlitten und Schleife, morgen auf den Steinen alles Wagen und klapperndes Rad. Noch mehr als die Verschiedenheit des Wetters änderten die religiösen Festtage den Anblick der Leute. Freitags, am heiligen Tage der Mohammedaner, herrschten die Turbane, die schwarzen Bärte der Perser und die geschorenen Köpfe der Tataren auf den Straßen. Am Sabbat erschienen die schwarzseidenen Kaftane der Juden, und am Sonntage jubelten die Scharen der Christen hinaus. Dazu kam die Verschiedenheit der christlichen Bekenntnisse. Heute läuteten die Lutheraner zum Bußtag, und man sah die deutschen Bürger, Vater, Mutter und Tochter, schwarze Gesangbücher unter dem Arme, nach der Kirche pilgern; andern Tages riefen die Katholiken zu einem Feste der unbefleckten Jungfrau, und Polen. Litauer, französische und österreichische Untertanen wandelten zu den Tempeln. Übermorgen aber läuteten die tausend Glocken der griechischen Kolokolniks, und nun summte und flatterte es auf allen Straßen von den grasgrünen, blutroten, schwefelgelben, veilchenblauen Kleidern der Töchter und Frauen der russischen Kaufleute. An den großen Staatsfesten aber, den sogenannten »Kaiserlichen Tagen«, erschienen dann alle Trachten, alle Farben und alle Moden, die von Paris bis Peking gang und gäbe waren. Es war, als wenn Noahs Arche an der Newa gestrandet wäre und sich ihres sämtlichen bunten Gefieders hier entledigt hätte. Petersburg war eine Stadt der Männer, weil zufolge der großen Sterblichkeit in der ungesunden Stadt die Bevölkerung sich durch Einwanderung ergänzte und Männer erfahrungsgemäß eher die Heimat verlassen als Frauen. Der Frauen waren hier weniger als der Männer, weshalb diese keine große Auswahl hatten. Dabei schien den zarten Blumen das Petersburger Klima nicht günstig zu sein, denn sie verblühten dort bald. Überhaupt gilt es ganz allgemein von den Russen, daß die Frauen durchweg weniger schön sind als die Männer. Endlich wurden sie auch, je weniger zahlreich sie waren, um so mehr in Gesellschaften und Vergnügungen abgemattet. Selten sah man ein hübsches, frisches Mädchenangesicht; bleich war ihre allgemeine Farbe, und man merkte es ihnen an, wie viel Frische und Anmut die Residenz aufbrauchte. Die deutschen Damen aus den Ostseeprovinzen machten davon eine Ausnahme, da sie auf dem Lande, in der gesunden Luft der Gärten und Wälder aufwuchsen. Aus Finn-, Est-, Liv- und Kurland kam der Stadt viel Schönes zu, und alles, was hier in der Gesellschaft glänzte, war fast immer von dort. Kaiser Alexander II. hatte den englischen Kai in Aufnahme gebracht. Dieser herrliche Kai aus Granitblöcken geht am Ufer der Newa zwischen der neuen und alten Admiralität hin. Der Bau ist ein Riesenwerk aus der Zeit Katharinas, die ungefähr fünf deutsche Meilen Flußufer mit Granit einfassen ließ. Wie bei allen Wasserbauten, ist das Riesenmäßige an der Arbeit äußerlich wenig sichtbar. Die gewaltigen Roste, auf denen die Kais ruhen, stecken tief im Sumpfe und ebenso die ganzen Unterbauten, von denen nur die obere schmale Kante mit der Einfassung eines zierlichen Eisengeländers sichtbar ist. Für die Fußgänger führen überall zierliche Treppen und für die Wagen breite, schöne Abfahrten, deren Seiten im Winter gewöhnlich noch mit allerlei aus Eis gemeißelten und gedrechselten Säulen und Geländern verziert werden, zum Wasser hinab. Auf der einen Seite des englischen Kais zieht sich eine lange Reihe schöner Paläste hin, die meistenteils von Engländern erbaut wurden, später größtenteils im Besitz russischer Großer waren; auf der anderen Seite hatte man die Aussicht auf den breiten Newaspiegel mit allen den Schiffen, Booten, Gondeln, die darauf schaukelten, und gegenüber die prächtigen Gebäude von Wassili-Ostrow, der Inselstadt, die Akademie, die Marineschule usw. Der englische Kai stellte in Petersburg ungefähr dasselbe vor, was in Frankfurt die »Mainstraße«, in Hamburg der »Jungfernstieg« ist. Nur hätte man hier »Fürstenstieg« sagen müssen. Bismarck schrieb 1859 an seine Frau: in Petersburg sei alles steinern. Es fehlte an einem größeren öffentlichen Garten im Mittelpunkt der Stadt. Als man die Anlage eines Stadtparkes in Betracht zog, dachte man zuerst an den Admiralitätsplatz, der die lange Front des mächtigen Admiralitätspalastes umschließt und auf der einen Seite bis zum Senat und dem Ufer der Newa, auf der anderen bis zum Winterpalais reicht. Aber man scheute sich, ihn zu wählen, da er zur Abhaltung von Paraden für die Garderegimenter und für jene Volksbelustigungen während der Butter- und Osterwoche, auf die der Russe so viel hält, fast unentbehrlich geworden war. Doch der Wille des Kaisers Alexander II. machte allen Bedenken ein Ende; er befahl den Admiralitätsplatz in einen Stadtpark zu verwandeln. In erstaunlich kurzer Zeit ward ein Garten hervorgezaubert. Breite Parkwege umrahmen schlängelnd trefflich gehaltene Rasenplätze mit Baumgruppen und Blumenbeeten. In der Richtung des Senats reichte der »Alexandergarten«, wie er dem Zaren zu Ehren genannt wurde, bis an die Newa, deren majestätischer Lauf sich von einem künstlich angelegten Hügel, einer kleinen mit Blumen bepflanzten Felsgruppe, bequem überblicken ließ. An den langen Sommerabenden ließen die Bewohner St. Petersburgs sich gern da nieder, um dem regen Verkehr von Dampf- und Segelschiffen auf der Newa zuzuschauen. Ein sehr besuchter Platz war auch der Sommergarten . Er war mit seinen schönen, hohen Lindenbäumen insbesondere der Tummelplatz der Petersburger Jugend. Hierher kamen die jungen Damen mit ihren Gesellschafterinnen, die Lehrer mit ihren Zöglingen, die Ammen mit ihren Säuglingen; hier bot sich die beste Gelegenheit, die Kinderwelt der Stadt zu beobachten. Man konnte aber auch nichts Reizenderes sehen als eine tändelnde Versammlung dieser kleinen hübschen Kosaken, Tscherkessen und Muschiks; denn es war bei den Russen aller Stände Mode, ihre Kinder bis in das siebente, achte Jahr »à la Moujik« zu kleiden. Die Haare rund herum abgeschnitten wie bei den Bauern, kleine zierliche Kaftane mit einem hübschen Gürtel und hohe tatarische Mützen wie bei den Kutschern. Die tscherkessische Kleidung war bei der Petersburger Jugend sehr beliebt geworden, weil sie ihr wegen der vielen Silberbortierung und Pelzverbrämung noch hübscher steht und noch mehr gefällt. Da die Kinder russische Bediente hatten, englische und französische Bonnen und deutsche Lehrer, so lernten sie die Sprachen aller dieser Nationen auf einmal und nahmen in ihrer Kindersprache aus allen Fremdsprachen solche Worte auf, die ihnen bequem sind. Die Erwachsenen sprechen oft in noch mehr Sprachen durcheinander, natürlich viel vollkommener als die Kleinen. Dabei ist es aber merkwürdig, daß die Schmeichel- und Liebesworte alle in der Muttersprache bleiben. Es ist kaum eine Sprache so reich an zärtlichen Ausdrücken, Kose- und Schmeichelnamen wie die russische. »Lubesnoi«, »mein Lieber«; – »Milinkoi«, »mein Liebchen«; – »Dätuschka«, »Großväterchen«; – »Matuschka«, »Mütterchen«; – »Druschka«, »Freundchen«; – »Golubtschik«, »Täubchen«; – »Duschinka«, »mein Seelchen« – sind Ausdrücke, die selbst von Fremden angenommen wurden. Auf der einen Seite stößt an den Sommergarten die sogenannte »Zarenwiese«, von den Deutschen auch das »Marsfeld« genannt. Dies war der am meisten benutzte Paradeplatz für die Rekruten. Auch die große Wachtparade gehörte bei vielen Einwohnern Petersburgs zu den täglichen Genüssen. Die Admiralität ist von einem Boulevard und einer doppelten Reihe von Bäumen umgeben. Unter diesen Bäumen pflegten die Leute während der Wachtparade zu spazieren. Da immer ein paar tausend Mann und so und so viele Generäle und Offiziere dabei zugegen waren, so war diese Parade jedesmal ein glänzendes Schauspiel. Den Höhepunkt und zugleich das Ende der großen Petersburger Paraden bildeten die Übungen der irregulären Reiterei, die sich vorzugsweise aus Kosaken zusammensetzte, ihre Leistungen glichen in gewissem Grade den Reiterschauspielen, welchen die Araber den Namen Fantasia geben. Lassen wir uns von einem Augenzeugen darüber berichten! Fr. Meyer v. Waldeck, Rußland. II. Abteilg. Leipzig 1886, G. Freytag. »Die eigentliche Parade, die im wesentlichen den westeuropäischen großen soldatischen Vorführungen dieser Art gleicht, ist vorüber. Der hohe Kreis, vor dem sie stattgefunden, hat sich noch nicht aufgelöst, er erwartet ein neues militärisches Schauspiel. Ihm gegenüber halten unbeweglich zwei Ssótnien (Schwadronen) Kosaken vom Kaukasus mit ihren blauen Halbkaftanen, auf dem Kopfe den hohen Kalpák (Mütze) von Pelzwerk. Sie reiten ihre kleinen, langen, flinken, fabelhaft ausdauernden, an Mühsal aller Art gewöhnten Pferde. Ein Wink des Führers! und in demselben Augenblick lösen sich die Schwadronen in einzelne Reiter auf und sausen mit der Schnelligkeit des Blitzes, in gestrecktem Galopp, an dem Zuschauerkreise vorüber. Die einen lassen den Zügel fahren und wenden sich, um den Karabiner auf den Hintermann abzuschießen, die anderen lassen sich vom Pferde herabfallen, um in jähem Sprunge sofort wieder oben zu sitzen; wieder andere stehen auf dem Sattel, den blanken Säbel zwischen den Zähnen und feuern ihre Pistolen auf den Feind ab; alle vollführen sie die gewagtesten, kühnsten Reiterstücke. Und das geschieht nicht etwa im Zirkus auf weicher, geebneter Sandbahn, von Reitern, welche die Sohlen mit Kreide und die Schenkel mit Kolophonium eingerieben haben, das alles sehen wir vor uns auf freiem Felde von Reitern in voller Kriegsausrüstung. Da raffen sie in vollem Jagen Gegenstände vom Boden auf, stürzen mit einem Fuß im Steigbügel von dem wild dahinjagenden Pferde, halten mit dem rasenden Renner gleichen Schritt in Sprung und Lauf, schwingen sich wieder in den Sattel, stellen sich auf das Pferd, laden den Karabiner, schießen nach vorn, nach hinten, lassen sich rückwärts in den Sattel fallen und brausen dahin, bald dem Pferde im Nacken, bald auf dem Widerrist sitzend; das sind keine Reiter, wie man sie in den wohlgedrillten Heeren des Westens gewohnt ist, das sind berittene Teufel, die mit Jubelgeheul und donnerndem Hurra wie blitzsprühende Gewitterwolken an uns vorübertosen. Jetzt rasen beide Geschwader in wildem Gählauf an uns heran. Voran drei Reiter nebeneinander; ein vierter, der anscheinend sein Pferd verloren hat, steht hinten auf, die weit ausgespreizten Beine auf den beiden Seitenpferden. Dann folgt ein Sohn der Berge, die lebendige Beute, einen Gefangenen, vor sich auf dem Sattelknopf. Ein dritter entführt in wilder Flucht ein Weib und hat sich seiner Haut zu wehren gegen seinen schönen Raub, der sich mit Händen und Füßen sträubt, und gegen die Reiter, die ihn verfolgen und den krummen Säbel über seinem Haupte schwingen. So folgt ein wildes Kriegsbild nach dem anderen. Da erschallt ein Befehl. Die eine Ssótnie sammelt sich, die andere verschwindet. Jetzt ein Wink, ein Pfiff – und alle Pferde der ersten Schwadron liegen platt auf dem Erdboden – und die Kosaken, den Karabiner schußbereit in der Hand, erwarten den Angriff des heranstürmenden Feindes. Dieser – die zweite Ssótnie – rast jetzt in wildem Kriegsjubel herbei. Die Reiter werfen in vollem Lauf Säbel und Karabiner in die Luft und fangen sie wieder auf, sie feuern auf den vor ihnen im Staube liegenden Gegner, der vernichtet erscheint; – da empfängt sie eine wohlgezielte Salve, die Pferde der ersten Ssótnie springen auf die Beine, die Kosaken in den Sattel und in wütendem Gegenangriff verfolgen die Angegriffenen den Gegner, der sich in wilder Flucht auflöst. Dichte Staubwolken verhüllen bald die fortbrausenden Schwadronen für die Blicke der bewundernden Zuschauer.« – Petersburg hatte vor 1914 die alte Nebenbuhlerin Moskau auch auf dem Gebiete der Industrie erreicht. Vgl. Roskoschny, Rußland, Land und Leute. Bd. 2. Leipzig 1882, Greßner \& Schramm. Seine Fayencen und Porzellane, besonders die aus der Kaiserlichen und Korniloffschen Manufaktur, gehörten zu den Kunstwerken. Die Möbel- und Bautischlerei wetteiferte mit der vollendetsten des Auslandes. Auch Eisengießerei, Holzstoffgewinnung, Baumwollenspinnerei und -weberei waren bedeutend. Tüchtiges wurde ferner geleistet in den Gerbereien, den Handschuhfabriken, in der Herstellung von Reitzeug, des Juchtenleders. In der Eisenindustrie, namentlich im Maschinenbau, war Petersburg Hauptsitz; aus seinen Fabriken gingen Lokomotiven, Dampfmaschinen, Gußstahl, Werkzeuge, Gewehre hervor. Bronzeartikel, Tapeten, Papier, Kautschukfabrikate, Glas, Gold- und Silberwaren, Seidenstoffe, gewirkte Zeuge, Hüte, Parfüms, Stearinkerzen, Seifen, Zuckerwaren, Konserven, Zichorie, Essig, Schaumweine, Mineralwässer, Branntweine, Biere: alle diese Dinge erzeugte Petersburg in steigender Menge und Güte, unterstützt durch harte Einfuhrzölle. Nun ist durch die Umwälzung im Gefolge des Weltkrieges die Stadt des Zaren Peter des Großen, die das neue, nach Westen schauende Rußland verkörperte, in ihrer Bedeutung gesunken und gefallen. Ganze Teile sind zerstört, die Pracht und der Prunk verschwunden – die Holzhäuser, selbst das Holzpflaster der Straßen sind im Winter zur Feuerung abgetragen worden –, und in den verfallenden Steinpalästen hausen die Vertreter der emporgewirbelten, einst unterdrückten Pöbelschichten.   2. Petersburger Winter. Im Jahre 1836 im Monat Dezember warf jemand in Moskau eine Apfelschale zu einem kleinen Luftfenster hinaus. Sie langte nicht auf der Straße an, sondern blieb zufällig auf dem Rande der Fensterbrüstung hängen und fror hier sogleich fest an. Sechs Wochen hindurch sah man diese Apfelschale steif gefroren über dem Abgrunde schweben, ohne daß auch nur ein einziges Mal eine warme Witterung sie erweicht hätte. Endlich, Anfang Februar, sechs Wochen und drei Tage, nachdem sie zum Fenster hinausgestürzt war, taute sie beim warmen Sonnenschein auf und fiel, ihren vor sechs Wochen begonnenen Sturz vollendend, auf die Straße hinab. – Gewiß ein anschauliches Bild von der eigensinnigen Ausdauer der Kälte im inneren Rußland. In Petersburg kann Ähnliches nicht vorkommen; denn in dem sumpfigen Newa-Delta hat das Klima nicht die Unveränderlichkeit des mittleren Rußlands. Die mildernden Einflüsse der Ostsee stellen sich hier noch oft den eisigen Winden entgegen, welche Sibirien schickt. Regenfeuchte Westwinde, kalte Nordostwinde, dichte Nebel und heitere Frosttage wechseln eigentlich während dieser Jahreszeit beständig und ringen miteinander die ganzen sechs Monate hindurch, so daß man weder im Januar vor Regen und Schmutz ganz sicher ist, noch auch im Frühlingsmonat vor Eis und Schnee; ganz anders, als in Moskau, wo der Dezember sich noch nie zu einer Wasserträne erweichte, und im Januar sich noch niemand die Stiefel auf der Straße beschmutzte. Dennoch fällt das Thermometer in Petersburg wegen seiner nördlicheren Lage häufiger auf niedrigere Grade herab als in Moskau, und ebenso zeigt die Durchschnittszahl des ganzen Winters eine niedrigere Temperatur an, als die des mittleren Rußlands ist. Petersburgs Klima ist sehr unbeständig. Im Sommer steigt die Hitze bis auf 30°, und im Winter gibt es Frost bis 30°. Im Sommer nach einem überheißen Morgen fällt oft nachmittags ein rauher Wind ein, der das Thermometer auf der Wärmeskala um 12° sinken läßt, gleichsam als ob die Stadt bald zum Äquator, bald zum Nordpole schwankte. Auch im Winter betragen die Unterschiede von einem Tage zum andern nicht selten 12-18°. Es wäre natürlich unmöglich, in einem solchen Klima zu leben, wenn nicht der Mensch gegen die wechselvolle Unbeständigkeit der Natur, deren Launen er durchaus nicht beherrschen kann, sein Leben durch Beständigkeit schützte und erhielte. Bei uns, wo die Übergänge nicht so schroff und die Gegensätze der Temperatur nicht so schreiend sind, ist es eher möglich, den Veränderungen des Wetters zu folgen und bald den Überrock abzulegen, bald zum Mantel oder Pelze zu greifen, bald etwas Holz mehr in den Ofen zu werfen, bald etwas weniger. In Petersburg ist man aber nicht so beweglich. Es wird angenommen, der Winter beginnt im Oktober und endet nach siebenmonatlicher Dauer im Mai. Demgemäß hüllt man sich zu Anfang Oktober in Pelze, die gleich für alle möglichen Kältegrade berechnet sind, und legt sie erst wieder ab, wenn alle Stürme ausgetobt haben. Ebenso unbeweglich, wie in der Kleidung, ist man in der Warmhaltung der Zimmer, die immer gleich stark geheizt werden, damit das Haus sich nie abkühle; ganz ebenso, wie man ein für allemal angenommen hat, die Schlittenbahn dauere fünf Monate, demzufolge man die Wagen im Oktober in Ruhestand versetzt und ununterbrochen in Schlitten fährt, es mag nun der Schnee fallen oder schmelzen. Nur leichtsinnige Ausländer versuchen es wohl, den Bewegungen des Wetters zu folgen, büßen aber, da sie ungeschickt darin sind, ihren Vorwitz mit Krankheit, zuweilen mit dem Tode. Gewöhnlich also geht das Leben im Winter, es mag nun regnen oder schneien, frieren oder tauen, seinen alten gewohnten Gang. Tag für Tag knistern die Birkenscheite im Ofen, einen Tag wie den anderen rutschen die Schlitten in den Straßen herum, beständig werden die öffentlichen Wärmstuben für die armen Leute geheizt und regelmäßig die öffentlichen Feuer auf der Straße, in der Nähe der Theater für die Kutscher usw. unterhalten. Wenn aber die Kälte so groß wird, daß das Thermometer bis 20° und darunter zeigt, dann laufen die Fußgänger, die sonst in Petersburg einen ziemlich bedächtigen Schritt haben, so eilig, als hätten sie die wichtigsten Geschäfte, und die Schlitten, die schon vorher ziemlich flink sich bewegten, fliegen nun im Galopp über den schreienden Schnee. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber gewiß ist, daß 20° Kälte in Petersburg unendlich mehr bedeuten und weit schädlicher wirken als bei uns. Gesichter bekommt man dann gar nicht mehr auf den Straßen zu sehen; denn alles hat sich die Pelze über Kopf und Hut gezogen. Die Furcht, Augen, Ohren und Nase durch den Frost zu verlieren, beängstigt jeden, und da sich das Abfrieren nicht durch ein unangenehmes Gefühl vorher ankündigt, so hat man genug zu denken, daß man nicht eines der verschiedenen Glieder des Körpers vergesse, sondern zuzeiten etwas reibe. »Väterchen, deine Nase!« erinnert der Vorübergehende den Entgegenkommenden und reibt ihm ohne Umstände seine kreideweiße Nase mit Schnee ein. Mit den Augen hat man ebenfalls viel zu tun, weil sie alle Augenblicke zusammenfrieren. Man tappt dann in die erste beste Haustür hinein und bittet die Leute auf ein paar Augenblicke um ein Plätzchen am Ofen, indem man dann hinterher eine zertaute Träne des Dankes dafür vergießt. Die Kälte Petersburgs ist allerdings viel empfindlicher als die unsrige, aber die Petersburger sind auch viel empfindlicher für die Kälte. Alle Ausländer, selbst Italiener, Spanier und Franzosen, sind bei weitem kühner und weniger zärtlich. Handschuhe, bei uns ein Luxusartikel, sind in Rußland ein für jedermann unentbehrliches Kleidungsstück, und selbst die Bauern arbeiten nie ohne Handschuhe hinter ihrem Pfluge. Man sieht Verhüllungen von Personen mit Gürteln, Pelzen, Tüchern, Kapuzen, Kopf- und Ohrennetzen, wie sie bei uns gar nicht vorkommen und die der Fremde anfangs verschmäht, allmählich aber auch anlegt. Die russischen Öfen sind in ihrer Art das Vollkommenste, was Menschen erdacht haben. Sie sind aus Kacheln gebaut, und der Feuerzug windet sich in ihnen so vielfach auf und ab, daß die Hitze oft einen Weg von 30 m Länge und mehr darin machen muß, ehe sie in den Schornstein entlassen wird. Die große Steinmasse des russischen Ofens erwärmt sich nur sehr langsam, während unsere eisernen Öfen schon in wenig Minuten glühen; sie hält aber die Hitze desto länger in sich und wärmt, einmal geheizt, den ganzen Tag über. Man heizt fast durchgängig in Petersburg mit Birkenholz, das am billigsten in der Umgegend zu haben ist und dabei viel dauerhaftere Kohlen gibt, als das Holz der Nadelbäume. Denn auf reichliche Kohlenbildung kommt es bei der russischen Heizungsweise hauptsächlich an. Und während bei uns eigentlich nur die Flamme heizt, läßt man in Rußland viele Birkenstämme erst im Ofen verknistern. Dann, wenn die »Juschka« (eine eiserne Platte und darüber gelegte Kapsel), die den Ofengang doppelt verriegelt, geschlossen ist, fängt die Wärme an, etwas im Zimmer durchzuwirken. Die russischen Ofenheizer sind sehr geschickt in allen bei dieser Heizart notwendigen Verrichtungen. Zangen und Schaufeln kennen sie nicht; sie haben kein anderes Werkzeug als einen langen eisernen Feuerhaken, mit dem sie beständig den Kohlenbrei in dem Ofen umrühren und bearbeiten, die Kohlen zerschlagen und die noch nicht ganz ausgebrannten nach vorn bringen und dem Zuge mehr aussetzen. In jedem großen Hause gab es einen oder ein paar Ofenheizer, die den ganzen Tag weiter nichts zu tun hatten, als die Öfen zu versehen, das Holz herbeizuschleppen und vorzubereiten. Damit die Herren des Morgens beim Kaffee das Zimmer warm fanden, mußten jene guten alten dienenden Geister ihre Arbeit bereits in der Nacht beginnen. Gewöhnlich bauten sie schon am Abend vorher recht künstlich ihren Holzmeiler im Ofen auf, damit die Birken noch ein bißchen nachtrockneten, und zündeten dann früh am Morgen mit Kien- und Fichtenholz das Ganze an. Man kann sich denken, welche wichtige Rolle der Ofen auch in den Häusern der ärmeren Russen spielt. Er ist ein zu außerordentlicher Größe gediehenes Bauwerk, das zugleich als Koch-, Heiz- und Backofen dient. Rund umher laufen Bänke zum Genießen der Wärme; denn diesen Nordmenschen ist das Wärmeeinsaugen und alles, was damit zusammenhängt, das Schwitzen, Sonnen usw., derselbe Genuß wie das Ausruhen und Schlafen. Es sind viele kleine Vertiefungen und Löcher in dem Ofen angebracht, um allerlei Dinge darin zu trocknen, und nasse Strümpfe und Kleider hängen immer daran herum. Auf der Plattform des Ofens liegen Betten, in denen man, noch in Schafpelze gehüllt, des Nichtstuns und der Wärme sich freut. Nicht wenig zum Zusammenhalten der Zimmerwärme tragen die doppelten Fenster bei, die in Petersburg wie in ganz Rußland üblich sind. Wenn im September die Bäume sich rot und gelb färben, wenn im Oktober der erste starke Frost eintritt, so rüstet man das ganze Haus zu, verpicht alle kleinsten Öffnungen und setzt überall doppelte Fenster ein, deren Fugen oft noch mit Papier überklebt werden, selbst in den Eisenbahnwagen. Die Kinder haben keine Michaelisferien, sondern Klebeferien. Fast jeder Bauer hat Doppelfenster. Kaum wird hie und da ein Luftfensterchen gelassen, und man kann sich denken, welche Freude, welche Heiterkeit und Frische in die Zimmer zieht, wenn endlich, endlich im Mai diese beengenden Verhüllungen wieder abgenommen werden und die Fenster zum ersten Male wieder sich öffnen können, hinter deren Verschluß man saß wie Noah in seiner Arche. In der Höhlung zwischen den doppelten Fenstern pflegt man Salz oder Sand auszubreiten, welche Stoffe die sich sammelnde Feuchtigkeit anziehen sollen. Das Salz häuft man in allerlei zierlichen Formen auf, die unberührt bis zum Frühling liegen, und das Sandbeet bepflanzt man mit hübschen Kunstblumen, die dann ebensolange in diesem Käfige blühen. Jedes Haus hat darin seine eigenen Einfälle und seine besondere Weise, und man geht an einem hellen Wintertage gern durch die Straßen, um den Schmuck der Doppelfenster zu betrachten. Die Türen bleiben nicht hinter den Fenstern zurück. Man findet nicht nur doppelte, sondern zuweilen selbst drei- und vierfache. Die kleinrussischen Bauern haben bei ihren Erdwohnungen einen verdeckten Gang, durch den man über einige Stufen zu der Tür des Hauses hinabgeht; an den Petersburger Häusern ist ein ähnlicher, nur daß man einige Stufen zur Haustür aufwärts, und dann noch durch eine Tür zu gehen hat, bevor man in das geheizte Vorhaus gelangt. Die Armen leiden in kalten Wintern große Not. In Petersburg hat man Wärmstuben errichtet in verschiedenen Stadtteilen, und in eisernen Häuschen bei den Theatern brennen Feuer, woran die Kutscher sich wärmen. Dicke Pelze und Kleider haben meist auch die Bettler. Nichtsdestoweniger ist es natürlich, daß bei den barbarischen Kältegraden manches Menschenleben zugrunde geht. Doch sind die Sitten der Bewohner weit mehr schuld daran als die Dürftigkeit ihrer Schutzmittel, und zwar vor allem die Trägheit des Volkes – das Branntweintrinken Im August 1894 wurden allein in Petersburg 5195 Personen wegen Trunkenheit auf den Straßen polizeilich aufgegriffen. Die zarische Regierung schon ging auch mit gesetzlichen Mitteln gegen den Branntweinunfug vor. – und die Rücksichtslosigkeit der Reichen. Viele Russen, so lebhaft ihr Humor ist, lieben durchaus keine Anstrengung, und geistige wie körperliche Gymnastik ist ihnen verhaßt. Sie ziehen es daher in der Kälte vor, sich hinter den Ofen oder in Pelze zu verkriechen und still auszuhalten, anstatt, wie jeder Nichtrusse tun würde, mit Hand und Fuß sich gegen die Kälte zu wehren. Das unmäßige Branntweintrinken vergrößert die Gefahr; denn Trunkenheit und Schlaf sind beim Frost das Allergefährlichste. Da nun jeder plötzlich eintretende Frost eine Menge Trunkener und Schlafender auf den Straßen findet, so kann man sich denken, daß der Opfer nicht wenige sind. Ihre Zahl wurde durch die Rücksichtslosigkeit der Vornehmen vermehrt. Es war unglaublich, was man den armen Vorreitern, Dienern und Kutschern zumutete. Bei Besuchen ließ man sie auch beim härtesten Wetter stundenlang auf der Straße warten, um sie jeden Augenblick bereit zu haben. Die Kutscher schliefen dann auf ihren Böcken ein, und die kleinen zwölfjährigen Vorreiter, die noch nicht bis Mitternacht wachen gelernt hatten, hingen schlummernd auf ihren Pferden oder legten sich, den Zügel an den Arm gebunden, auf den gefrorenen Schnee des Straßenpflasters hin. Manchem armen Kutscher froren so Nase, Hände und Füße ab, während seine Herrschaft sich der ausgezeichnetsten Ohren- und Gaumengenüsse erfreute. Die höchsten Kältegrade fallen gewöhnlich bei heiterem, ruhigem Wetter ein, und das prachtvolle Petersburg hat daher in der Regel bei 30° Kälte seinen »schönsten heitersten« Tag. Der Himmel ist hell, die Sonne leuchtet glänzend, um so glänzender, als ihre Strahlen durch Millionen kleiner blinkender Eiskristalle hindurchschießen, mit denen die Luft wie mit Diamantstaub erfüllt ist. Aus allen Häusern und selbst aus den geheizten Kirchen wirbeln dicke Rauchsäulen, die in der ätherklaren Luft so dicht erscheinen, als ob in jedem Hause eine Dampfmaschine stände, und dabei in allerlei Farben spielen. Schnee und Eis auf den Straßen und der Newa sind weiß und reinlich, als wäre alles aus Zucker gebacken. Die ganze Stadt hat das zierlichste Gewand von der Farbe der Unschuld, und sämtliche Dächer blitzen von einer gleichmäßigen Lage schimmernden Kristallstaubes. Alles Wasser gefriert, wie man es ausgießt, und die Brunnen, die Pferdetränken, die Schöpfanstalten, die Wasserfuhrleute und ihre Wagen – alles erscheint weiß mit Eis überzogen. In den Straßen zeigt alles, um dem Tode zu entgehen, das regste Leben. Alles rennt und jagt so hastig, als ob schon jedem der Sensenmann auf den Fersen säße. Der getretene Schnee knistert und heult die sonderbarsten Melodien, und alle anderen Klänge und Laute nehmen in der bitterkalten Luft andere Farbe an. »Es friert, daß es brummt« – denn beständig zieht ein leises Rauschen oder ein säuselndes Brummen durch die Luft, das von all dem erklingenden Schnee und Eise kommt. Unter der Hand des Künstlers aber werden die lebensfeindlichen Elemente zu bildsamen Stoffen; Kunstwerke und Eispaläste erstehen und werden in ihrer glitzernden Pracht besucht und bewundert, bis sie die Sonne zusammenschmilzt.   3. Die Newa. Die Newa ist der Abfluß des Ladogasees, des »Eissees«. »Der leichtbewegliche Riesensee dehnt sich aus wie ein Meer, ohne Horizont. Er ist die Tochter des Meeres, und vieles in seiner Natur und in seinemTierleben erinnert an seinen stolzen Ursprung. Der Seehund jodelt und pfeift wie im Meere, und wenn der Sturm seine Flügel entfaltet, rasen die Wogen des Ladoga gleich denen des Meeres«. Ahrenberg. Die Gewässer der Newa setzen in dem 18 588 qkm großen Becken die letzten Spuren des Bergstaubes ab und kommen lauter und kristallrein bei Petersburg an. Sie ist ein Strom von wenig Meilen Länge, der sich eine Meile vor seiner Mündung in vier Haupt- und mehrere Nebenarme teilt, wodurch er einige Deltainseln bildet, auf denen St. Petersburg sich ausbreitet. Die Newa führt aus dem Innern des Landes den Überfluß der Provinzen heran und trägt Speise, Futter und Kleidung der Hauptstadt zu. Sie empfängt an ihrer Mündung die schönsten Erzeugnisse ausländischer Industrie und schafft sie zu Palästen hin. Sie gibt den Petersburgern, die nur diesen einen schönen Brunnen und außer ihm keine klare Quelle haben, das Trinkwasser. Sie kocht ihre Speise, braut ihnen den Tee und Kaffee. Sie nährt gute Fische für ihre Tafel. Ja, sie verrichtet ihnen die gemeinste Sklavenarbeit, reinigt ihre Wäsche und nimmt ihre Schleusen auf. Es ist daher nicht verwunderlich, daß das Newawasser das Tagesgespräch vieler Petersburger ist. Es ist nicht immer ihre Freude, sondern zuweilen auch ihre Not und ihr Kummer, wenn es ihre Gärten verdirbt, ihre Häuser beschädigt, ja sogar ihr ganzes Dasein bedroht, was freilich nicht allein die Schuld der Newa ist. Der harte nordische Winter schlägt fast die Hälfte des Jahres die Newa in eisige Banden, so daß sie nur sechs Monate hindurch ihre Wohltaten in vollem Maße spenden kann. Erst im Anfange des Aprils, selten am Ende des März, sind die Gewässer warm und kräftig genug, um den sie drückenden Eismantel zu sprengen. Obwohl auf dem Newaeise den Winter durch fleißig dem Schlittschuhlauf gehuldigt wird, erwartet man doch diesen Augenblick mit Sehnsucht, und kaum schieben sich die schmutzigen Eisschollen so weit vor, daß sie den glatten Spiegel auf eine Bootsbreite enthüllen, so donnerten die Kanonen der Festung, um den erwünschten Augenblick den Bewohnern zu verkünden. Zur selben Zeit, sei es Nacht oder Tag, stieg der Kommandant der Festung, mit allen Zeichen seines Ranges angetan und von seinen Offizieren begleitet, in eine prächtig geschmückte Gondel, um zum gegenüberliegenden Palaste des Kaisers zu fahren. In einem großen, schönen Kristallbecher schöpfte er das klare Newawasser, um es als die erste und schönste Gabe des Flusses dem Kaiser im Namen des Frühlings darzubringen. Er meldete seinem Herrn, daß die Macht des Winters gebrochen sei, daß eine fröhliche Schiffahrt gehofft werden könne, zeigte ihm als den ersten Wasserschwan seine Gondel am Ufer, die er glücklich herübergebracht, und überreichte ihm den Newabecher, den der Fürst auf die Gesundheit seiner Residenz leerte. Es war das am besten bezahlte Glas Wasser, das irgendwo auf dem Erdenrunde getrunken ward; denn der Sitte gemäß gab der Kaiser es dem Kommandanten mit Gold gefüllt zurück. Früher bekam er es gestrichen voll Dukaten. Da aber mit der Zeit die Becher immer an Größe zunahmen, so daß die Kaiser immer mehr und mehr Wasser trinken und immer mehr und mehr Gold bezahlen mußten, so wurde endlich die Summe von 200 Dukaten festgesetzt, die dem Kommandanten zugezählt wurden, gewiß noch immer für einen Trunk Wasser ein kaiserlicher Lohn. Alles war aber auch auf die Enthüllung der Newa gespannt, da alles dabei beteiligt ist; die Kaufleute erwarteten diesen Augenblick mit Sehnsucht, weil das Gelingen manchen Geschäfts von seinem früheren oder späteren Eintritt abhing; die Arbeiter und Zimmerleute, weil er ihnen beim Brückenbau zu verdienen gab; die kranken Einheimischen und an Heimweh leidenden Fremden, weil nun die Bahn zu den Bädern und Europa wieder offen stand. Man hatte in dieser Zeit nur das eine Gespräch in Petersburg, »ob die Newa zum Ostersonntage oder zum Ostermontage aufgehen werde«, und es wurden sogar Wetten für diesen oder jenen Fall eingegangen. Die Schiffe, welche im Sunde beigelegt hatten oder auf der Ostsee kreuzten, warteten auch mit Ungeduld auf den wichtigen Augenblick. Das erste Segel, das auf der Newa anlangte, wurde mit außerordentlichem Jubel begrüßt, hatte sich der größten Belohnungen und eines hohen Gewinnes zu erfreuen. Meistens war es mit Orangen, Modesachen, Web- und Wirkwaren und anderen Dingen beladen, nach denen sich das eitle Petersburg am meisten sehnte. Man zahlte das Doppelte und Dreifache der üblichen Preise. War einmal mit dem ersten Schiffe der Anfang gemacht, so zauderten dann auch die übrigen nicht lange, und es folgten ihm bald die geflügelten Flotten der Schweden, der Engländer, Deutschen und Amerikaner. Alles ging plötzlich und rasch in diesem Lande der plötzlichen Übergänge, der zauberischsten Umwandlungen. Auf die ödeste Todesstille folgte das regste Leben. Die Nationen Europas kamen auf hoch bewimpelten Seeschiffen meerwärts hereingezogen, und flußwärts auf gebrechlichen Flößen und grob gezimmerten Barken die Völker des Innern mit ihren Waren. Die bisher in den Speichern stockenden Erzeugnisse des Landes flossen nun aus in alle Lande. Die Kriegsflotte, die schon lange rüstete, lief aus zu friedlichen Reisen und kriegerischen Übungen auf die Baltische See, und Dampfschiffe schnaubten, Botschaften bringend und fördernd, schwarzen Atem aushauchend, die schöne Strombahn auf und ab, wo noch vor kurzem ein Seehund kaum Raum genug fand, ein wenig Luft zu schöpfen. Jeder Tag, jede Stunde brachte nun etwas Neues und Schönes, und die Entzauberung des toten Eispalastes war vollendet. Die Russen haben sich daran gewöhnt, eine große Menge Eis in ihren Haushaltungen zu verbrauchen. Sie kühlen alle ihre Getränke gern mit Eis, genießen gefrorene Säfte, die den ganzen Sommer über auf den Straßen ihrer Städte feil geboten werden, in Menge, und trinken nicht nur Eiswasser, Eiswein, Eisbier, sondern auch Eistee, indem sie statt des Zuckers Eisstückchen in die Tasse werfen. Ihr kurzer, aber erstaunlich heißer Sommer würde alle ihre Lebensmittel in Gefahr setzen, zu verderben, wenn ihnen nicht der Winter die Mittel gewährte, die von der Wärme beschleunigte Auflösung zu hemmen. Eiskeller sind daher in Rußland unentbehrlich in jeder Wirtschaft und nicht bloß bei den Bürgern der Städte, sondern auch auf dem Lande bei den Bauern allgemein verbreitet. Jeder Keller hat mindestens 50 Schlittenladungen zu seiner Füllung nötig. Die Fischhändler, Fleisch- und Kwaßverkäufer usw. haben oft so große Keller, daß mehrere hundert Fuhren für sie nicht ausreichen. Die Bierbrauereien und Branntweinbrennereien verbrauchen ungeheure Massen von Eis. Dies liefert alle Jahre für Petersburg die Newa. Das Newaeis wird gewöhnlich 1 m dick und in regelmäßigen Würfeln herausgearbeitet. Wenn es auf dem Schnee liegt, sieht es smaragdgrün aus, ist dabei fest, fast ohne Blasen und Risse. In langen Reihen wurden die Vorräte um den Bruch herumgestellt und an die Schlittenführer verabfolgt, die dann ein paar davon auf ihren Schlitten luden, sich selber auf diesen kalten Thron setzten und singend damit in die Stadt hineinjagten. Es gewährte nicht geringe Unterhaltung, die unzähligen Eisbrüche auf der Newa zu besuchen und die Russen hier wie in einem Silberbergwerke schalten und walten zu sehen. In den Kellern werden die Eiswürfel regelmäßig übereinander gelegt und zu beiden Seiten große Mauern davon aufgeführt. In diese Mauern haut man alsdann allerlei Bänke und Nischen aus, um Milch, Fleisch usw. in diese kühlen Höhlungen bequem einstellen zu können. So ist es in den ordentlich gehaltenen Kellern. Das eigentlich russische Verfahren ist aber, die Schollen bloß in den Keller hineinzuwerfen, sie mit dem Beile zu zertrümmern und in allen Ecken fest einzukeilen. Durch diese Zertrümmerung wird die Festigkeit des Eises vermehrt; denn die Stückchen frieren bald von neuem in eine Masse zusammen. Die Anschwemmungsinseln des Newa-Deltas, auf denen Petersburgs Paläste wurzeln, sind äußerst flach und niedrig. Mit ihren seewärts gekehrten unbewohnten Enden verlieren sie sich allmählich bis zum Wasserspiegel und darunter, selbst die entlegensten und höchsten, mit Häusern am meisten besetzten Teile der Stadt liegen nur 3-4 m über dem gewöhnlichen Stande des Meeres. Ein Steigen des Wassers von 5 m reicht also hin, ganz Petersburg unter Wasser zu setzen, und ein Steigen von 10-12 m, um die ganze Stadt zu ertränken. Man erwäge: Der Finnische Meerbusen erstreckt sich mit seiner größten Länge in gerader Richtung von Petersburg aus nach Westen, aus welcher Gegend die stärksten Stürme wehen. Diese treiben daher die Wassermassen des Meeres gerade auf die Stadt zu. Unglücklicherweise spitzt sich der Finnische Meerbusen nach Petersburg hin immer mehr zu, das in seiner innersten Spitze liegt und in dessen Nähe die Fluten in einen engen Sack, den Kronstädter Busen, gefangen und zusammengedrängt werden. Dazu kommt, daß die Newa gerade hier, von Osten nach Westen gehend, ins Meer mündet und ihre Gewässer jenen von Westen kommenden Wogen gerade entgegenwirft. Wenn einmal ein heftiger Westwind im Frühling mit dem höchsten Wasserstande und Eisgange zusammentrifft, so werden die Eis- und Wassermassen des Meeres landeinwärts gedrängt, und der Fluß wirft ihnen seine Schollen entgegen. Das Elend und die Not, die eine Wasserflut wie die am 17. November 1824 in Petersburg herbeiführte, war unbeschreiblich. In allen Straßen der Stadt ist ihre Höhe bezeichnet durch Striche an den Häusern. Vom heftigsten Westwinde gepeitscht, hob sich das Wasser immer mächtiger und schoß endlich eilenden Laufes durch die Straßen, hob alles, was es an Kutsch- und Lastgeschirren fand, in die Höhe, ergoß sich durch die Fenster in die Keller- und Erdgeschosse der Häuser und stürzte in mächtigen Säulen aus den Öffnungen der Schleusen hervor. Manche der hölzernen Gebäude wurden vom Wasser ganz unversehrt und leise vom Boden gehoben und schwammen mit ihren Einwohnern in den Straßen umher. Die Kutschen sammelten sich zu Dutzenden in den Gehöften. Alle Bäume der öffentlichen Plätze saßen so voll von Menschen wie sonst von Sperlingen. Das Wasser stieg gegen Abend so hoch und der Wind wurde so stark, daß man alle Augenblicke fürchtete, die Kriegsschiffe möchten sich losreißen und in die Häuserreihen einbrechen. Das Übel war um so verderblicher, als es von niemand für so schlimm gehalten wurde, da das Wasser ohne Brausen und Toben mit ganz freundlicher Miene die Stadt beschlich. Sehr viele Häuser stürzten erst am folgenden Tage ein, als das Wasser schon wieder die Stadt verlassen hatte. Aus den meisten Wohnungen war die eingedrungene Feuchtigkeit nicht wieder zu verbannen, die Einwohner sanken aufs Krankenlager, und tödliche Seuchen herrschten noch viele Wochen nachher. Das Newawasser ist bei der Mündung des Flusses noch sehr klar. Es ist bekannt, daß sein Genuß anfangs ganz eigentümliche Wirkungen hat, weshalb die Neulinge es nur mit Wein oder Rum vermischt trinken. Aber man gewöhnt sich leicht daran und hat dann ein so herrliches Getränk, daß man es allem anderen Wasser vorzieht. Die Petersburger beglückwünschen sich immer, wenn sie von Reisen zurückkommen, daß sie wieder Newawasser trinken können. Man erzählt, daß Kaiser Alexander II. auf seinen Reisen das Newawasser, auf Flaschen gefüllt, sich nachkommen ließ. Alles Wasser, das die Stadt brauchte, mußte früher unmittelbar aus der Newa geschöpft werden. Es befand sich dazu in jeder Haushaltung ein Wasserfaß, das von einem eigens dazu angestellten Wasserschöpfer bedient ward. Sein kleiner Einspänner hatte meist den ganzen Tag vollauf zu tun mit Wasserschöpfen. Die Armen schickten ihre Leute einfach ans Ufer der Newa, wo sie mit Eimern, die an langen Stäben befestigt waren, das Wasser etwas fern vom Ufer aus dem Flusse schöpften. Für die Wohlhabenden gab es Schöpfanstalten, wo man in kleinen Häusern das Wasser aus dem Flusse hervorpumpte. Im Frühlinge, wenn bei der Schneeschmelze aus allen Straßen schmutzige Bäche nach dem Flusse laufen, war indes in vielen Haushaltungen große Not, weil die Schläuche der Pumpen zu nahe am Ufer lagen und dann nicht eben das reinste Wasser heraufbrachten. Im Winter wurden viele Schöpflöcher in die Eisdecke gehauen und in deren Nähe auch Tröge zum Tränken der Pferde aus Eis gezimmert. Jetzt fängt man weit oberhalb der Stadt das Newawasser in zwei Röhrenleitungen ab, die es nach gründlicher Filterung bis in die Häuser führen. In Rußland kennt man fast nur die Flußwäsche, und selbst in der Residenz kommen überall die Weiber mit ihrem Gefolge und dem schönen Flachsgewebe zur Wohnung der Nymphen gefahren, um von ihnen neuen Glanz und neue Frische zu borgen. Auf allen Kanälen der Stadt und an den Ufern der Flußarme sind Flöße errichtet. In deren Mitte befinden sich Öffnungen, in welche man die Wäsche wirft, und ringsum Gänge zur Verbindung. Die ganze Tätigkeit der Wäscherinnen besteht darin, daß sie die Gewänder häufig benetzen und mit einem glatten Holze schlagen. Selbst im Winter, wo sie die Öffnungen der Flöße eisfrei halten, haben diese abgehärteten Frauen kein anderes Verfahren, und man bemerkt nicht, daß irgendein Kältegrad ihr Geschäft unterbräche. Natürlich begnügen sich die vornehmen Petersburger nicht mit dieser einfachen Waschweise; ja manche von ihnen trieben sogar die Reinlichkeit so weit, daß sie ihre schmutzige Wäsche alle vierzehn Tage regelmäßig nach London schickten, um sie von dort alle Sonnabende gebleicht und gereinigt zurück zu empfangen. Noch mehr als die von Waschweibern wimmelnden Flöße zogen den Fremden auf den Kanälen und Flußarmen der Stadt die schwimmenden Fischbuden, die Ssadocks , an. Das waren hübsch bemalte und zierlich gestaltete Holzhäuschen, fast den Hamburger Elb- und Alsterpavillons ähnlich. Sie schwammen auf Flößen, lagen am Ufer vor Anker, und eine Brücke führte von da aus hinüber. Im Innern war ein Raum, worin die geräucherten und gesalzenen Fische aufgehängt waren, wie die Schinken und Würste in den Häusern der westfälischen Bauern. Mitten drin befanden sich zum Schutze des Häuschens ein paar große Heiligenbilder mit brennenden Lampen. Außer dem Räuchern und Einsalzen haben die Russen noch eine Art, die Fische vor Fäulnis zu bewahren, das Einfrierenlassen . Im Winter stehen große Kästen umher, die mit gefrorenen Fischen angefüllt sind. Zu beiden Seiten des Raumes waren ein paar saubere Zimmer, eins für die Mannschaft des Ssadocks, und eins für die Gäste, die frischen Kaviar zu essen liebten. Hinter dem Hause unter dem Wasser waren die großen Behälter für lebende Fische, da die Russen als Feinschmecker sie gern lebendig in den Topf bringen. Die Newa ist mitten in der Stadt bis 600 m breit. Man kann sich daher denken, welche Eiswüstenei ihre Oberfläche im Winter darstellt. Dann können bei Nacht mitten in der Stadt Reisen gemacht werden, wo man sich verlassen glaubt, wie auf den Seeeinsamkeiten Finnlands. Die Lichter der Häuser dämmern nur aus der Ferne. Mond- und Nordlicht leuchteten, und man steuerte seinen Lauf nach dem Kompaß und den Sternen. Das alles änderte sich im Sommer. Der blinkende Fluß, dessen Oberfläche im Winter verbleichte, umgibt dann die schönen Stadtteile wie mit herrlicher Silbereinfassung. Die Nächte sind gelind und wunderbar hell, und die Petersburger, die sich aus Schlittenfahrten weniger machen als wir, weil der Schlitten bei ihnen mehr ein notwendiges Hausmöbel ist, schwelgten dann die kurze Zeit in der Lust des Gondelfahrens um so mehr. In den schönen warmen Monaten Juni und Juli waren die Newaarme Tag und Nacht mit großen und kleinen Segelschiffen und Rudergondeln übersät. Die Luft ist dann von schmeichelnden Südwinden durchsäuselt, warm und mild, zauberisch klar und hell, ohne daß doch die Quelle alles Lichtes über dem Horizonte sichtbar ist; es ist eine Nacht, in der sich nichts verbirgt und nichts schlummert, weder die zwitschernden Vögel, noch die wachenden Menschen, noch die sichtbaren Pflanzen, deren Farben nicht verbleichen; eine Nacht mit allen Reizen der Nächte und doch mit aller Bequemlichkeit des Tages, als strahlte überall der helle, frische Tag hinter dem übergehangenen prächtigen Gewande der Nacht hervor. Es kommt dazu der Strom, der sich spielend in eine Menge von Armen teilt und wieder zu großen Massen vereint, der sanft, klar und majestätisch fließt; eine Flur von Inseln, deren eine Hälfte mit prachtvollen Palästen besternt und deren andere mit wundervollen Gärten, geschmackvollen Lusthäusern und prunkenden Einsiedeleien geschmückt ist; dann das große Meer vor den Toren der Stadt und dicht bei ihr die sechs Mündungen der Flüsse. Dieses alles, von Tausenden von Gondeln belebt und mit Schiffen durchwebt – segelkundige Engländer, deutsche Bürger, russisches Volk, Matrosen und Schiffsvolk aller seefahrenden Nationen, die das Wunder der hellen Nächte anstaunten. Man konnte schwerlich eine Stadt auf dem Erdenrunde finden, die mit diesen Sommernachtsträumen Petersburgs zu wetteifern vermochte.   4. Im Petersburger Kaufhofe. Quelle: H. v. Lankenau und L. v. d. Oelsnitz, Das heutige Rußland. Bd. I. Leipzig 1876, Otto Spamer. Wer je nach Petersburg kam, mußte den mächtigen, viereckigen Kaufhof des Gostinnoi-dwor an der Newskij-Perspektive besuchen. Der Gostinnoi-dwor war ein Irrsal, aber jedes Zimmer war eine Schatzkammer, blendend in ihrer Ausstattung wie in ihrer Auslage. Die Länder des Ostens namentlich gaben mit ihren Erzeugnissen diesen Kaufhallen ein eigentümliches, großartiges Gepräge. In grellen Farben schillerten die persischen rohen Seidenstoffe; die ausgelegten orientalischen Teppiche empfahlen sich besonders durch kunstvolle Muster, eigentümliches Farbenspiel und haltbare Arbeit; Tischdecken mit einer erstaunlich feinen Stickerei; kaukasische Gürtel, aus Filigran oder blauschwarz angelaufenen Silberstücken gefertigt; die mit Gold, Silber und Edelstein ausgelegten Waffen aus den Schwertfegereien von Damaskus; gestickte Pantoffeln aus buntem Saffianleder, dazu die in der Tracht ihrer Heimat auftretenden Verkäufer mit dem langen Vollbart, den dunklen Augen und der steifen Würde: dies alles gab ein durch seine Buntheit fesselndes Bild. Besonders bequem für den Käufer war die Anordnung der Lager in Quartieren, so daß gleichartige Dinge in derselben Reihe zu finden waren. Anstatt sich also nach dem einzelnen Käufer zu erkundigen, fragte man nur: »Väterchen, wo ist die Pelzbudenreihe, wo die Seiden-, Leder-, Stiefel-, Kleider-, Wechslerreihe?« Ein Erlebnis unserer Gewährsmänner mag uns das Treiben dort veranschaulichen. Einmal im Gostinnoi-dwor, lasse auch ich mich verleiten, mit meinem Begleiter, einem Petersburger, in das Magazin eines Schlafrockhändlers einzutreten und bitte ihn, den unter einem Berge von bucharischen Schlafröcken von mir ausgesuchten aus roter persischer Seide mit seltsam wunderlichem Muster zu erstehen. »Was kostet dieser Schlafrock?« fragt mein Freund den Bucharen mit seinem geschorenen Kopfe und dem tatarischen Zöpfchen, der uns aufmerksam mustert. Statt darauf zu antworten, fängt dieser an, seine feine Ware zu loben und herauszustreichen und uns auf ihre Güte aufmerksam zu machen. »O,« sagt er, »man sieht, Sie sind Kenner; unter allen den Schlafröcken haben Sie den schönsten und feinsten gewählt; gestern noch hat mir ein General einen ganz ähnlichen, doch nicht so feinen als dieser, abgekauft.« »Das ist möglich, doch ich frage nicht danach; ich will wissen, was er kostet?« »Ja, sehen Sie sich ihn nur einmal näher an, und Sie werden sich überzeugen, wie stark und dauerhaft die Seide ist und dabei so weich ...« »Schon gut, aber wollen Sie nun nicht endlich auch einmal sagen, was er kostet?« »Sie werden es mir vielleicht nicht glauben; doch aber ist es wahr, daß der Gouverneur von Tambow ein halbes Dutzend solcher Schlafröcke bei mir bestellt hat.« »Und wenn Sie nun nicht gleich den Preis nennen,« unterbrach ihn mein Freund ungeduldig, »so werden wir zu Ihrem Nachbar gehen, dessen Bursche schon draußen darauf lauert, ob und was wir kaufen; vielleicht finden wir bei ihm etwas, was uns noch besser gefällt.« »Besser? Bei ihm? Nun, das möcht' ich sehen; doch gewähren Sie mir noch einen Augenblick, Ihnen zu sagen, daß diese Ware geradeswegs mit der Karawane von Taschkent kommt ...« »Kommen Sie,« sagte nun mein Freund, »dieser Mann scheint nichts verkaufen zu wollen und uns für Neulinge aus der Provinz zu halten.« Der Kaufmann ließ meinen Freund nicht ausreden. »Euer Hochwohlgeboren,« hub er an, »belieben Sie doch nur einen kurzen Augenblick Geduld zu haben; wenn dies Moskauer Erzeugnis wäre, könnte ich Ihnen den Rock für 80 Rubel lassen, ja noch billiger; so aber kann ich eigentlich nicht weniger als 200 Rubel nehmen; ich will aber ein Opfer bringen, damit Sie ein anderes Mal auch wieder zu mir kommen, und so sollen Sie den Schlafrock für 150 Rubel haben.« »Ich habe Ihnen bereits gesagt, Sie scheinen nichts verkaufen zu wollen oder uns für Neulinge zu halten; Sie sind närrisch, solch einen Preis zu verlangen,« antwortete mein Freund und nahm mich beim Arm, um das Kaufhaus zu verlassen. Der Buchare vertrat uns den Weg. »Exzellenz,« rief er, »gehen Sie so nicht weg; wohlan, nennen Sie mir Ihren Preis, was ist Ihnen der Schlafrock wert?« »Ich habe keinen Preis bei einer so unverschämten Forderung.« »Erlaucht, und wenn ich nun das Unmögliche täte und 75 Rubel nähme?« »Zu viel noch, viel zu viel!« »Nun wohlan, so seien es 50 Rubel, das ist aber mein letztes Wort,« sagte der Buchare wie ärgerlich und fing an, die Schlafröcke zusammenzulegen. Ich blickte meinen Freund an, der aber ganz gleichgültig blieb und endlich sagte: »Sie haben sich wohl versprochen, Sie wollten 25 Rubel sagen.« »Wie?« rief nun der Kaufmann, »25 Rubel? Sie belieben sich über mich lustig zu machen. Beim Barte des Propheten, das Futter allein ist ja mehr wert. Sie haben 30 Rubel gesagt, nun wohlan! geben Sie 40, und der Schlafrock ist der Ihrige.« »Ich habe 25 Rubel gesagt, wollen Sie, oder wollen Sie nicht, zum letztenmal, und halten Sie uns nicht länger auf!« Diesmal standen wir bereits vor dem Laden, vor welchem schon mehrere junge Burschen unserer warteten und uns aufforderten, in ihre Lager zu kommen; sie versicherten, noch viel schönere und billigere Schlafröcke zu haben. Der Buchare kam uns eiligst nach und sagte mit kläglicher Miene: »Exzellenz, es geschieht der ferneren Kundschaft wegen, nehmen Sie ihn; noch mehr solche Opfer, und ich werde zugrunde gerichtet sein.« – Die Kaufleute, denen es verboten war, innerhalb des Kaufhofes Feuer anzuzünden, denen also auch das Zubereiten von Speisen unmöglich war, wurden durch Rasnoschtschiks (Hausierer) mit Nahrungsmitteln versorgt. Auf einem Brett oder in einem Korbe boten sie innerhalb der Ladenreihen ihre Waren feil: Harte Eier, gesalzene Gurken, Essig- und Salzpilze, gesalzene und geräucherte Fische, Piroggen und Pasteten (mit gehacktem Kohl, Rüben, Fleisch und Fisch gefüllt), schöne weiße Semmel und lockeres Weißbrot, Sbiten (ein warmes Getränk aus Mehl und Ingwer), Kwaß, Beerenlimonaden und im Sommer Zitronen-, Himbeer- und Vanille-Eis.   5. Im Schlitten durch die Tundren nach Archangel. Quelle: H. v. Lankenau und L. v. d. Oelsnitz, Das heutige Rußland. Leipzig 1876, Otto Spamer. Im Sommer ist eine Landreise nach dem russischen Norden mit vielen Unannehmlichkeiten verknüpft: die lästige Hitze, die aufgetauten Moore und Tundren, die Unzahl von Stechfliegen und Mücken können einem Westeuropäer das Reisen gründlich verleiden. Im Winter dagegen fliegt man, gut eingehüllt in russisches Pelzwerk, mit Leichtigkeit über die gefrorenen Moräste und Seen hin im halbverdeckten Schlitten, gezogen von einem flotten Dreigespann (Troika). Heutzutage kann man mit der Eisenbahn an die Küsten des Weißen Meeres gelangen. Die Fahrt geht erst östlich bis Wologda, dann genau nördlich nach Archangel. Bis zum 61.° ungefähr trägt der Boden noch Roggen und Gerste, innerhalb der nächsten 30 Meilen nach Norden erscheinen jene Getreidegräser nur noch vereinzelt. Gibt uns weiter hinauf noch die nur von Flüssen, Seen und Sümpfen unterbrochene, vom Menschen freilich stark gelichtete Taiga , Urwald von Fichten, Lärchen, Kiefern und weißschaligen Birken, das Geleit, so nähert sich doch, je weiter wir nach dem Pol vordringen, der Pflanzenwuchs immer mehr dem Boden; die Krüppelformen der Nadelhölzer machen mageren Grasflächen mit Moosen (Sphagnum) und herrlichen Beerenarten Platz und gehen endlich in die Tundra Vom finnischen tunturi = »waldloses Gebirge«, deutsch am besten Eis- oder Moossteppe zu nennen. über. Die Tundren ähneln unseren Torfmooren, bei deren Überschreiten der Fuß ebenfalls in den schwankenden Boden einsinkt, nur daß sie hier stets auf Eisboden ruhen; beigemengtes Raseneisen gibt ihnen zuweilen ein braunrötliches, ein Teppich von Renntierflechten ein weißes Aussehen. Hier und da sind festere Stellen in Form von Hügeln bemerkbar, welche von den duftenden Waldbeeren der arktischen Zone bedeckt sind: den Wacholder-, Sand-, Molte-, ja an den Südgrenzen der Tundren selbst von wilden Himbeeren. Diese Hügel sind zugleich die einzigen Stellen, wo der menschliche Fuß sich sicher fühlt. Das weite Tundren- und Waldgebiet ist das Bereich des Fuchses und Wolfes, des Bären, des Renntieres und zahlreicher kleiner Pelztiere, Nörz, Eichhörnchen, Baummarder, Eisfuchs, Hermelin u. a. Sobald die Julisonne die gefrorene Kruste etwa ½–1 m auftaut, erscheinen Züge lästiger Wespen und Mücken, die verschwinden, sobald der September schwere Nebel über die Tundra lagert und der Oktober die gefrorene Eiskruste in Schnee einhüllt. Die Schneefälle sind so bedeutend, daß das Flockenheer den Himmel verdunkelt, und besonders gefährlich für den Bewohner jener Einöden werden sie dann, wenn der Ponossucha (Wind) die Schneemassen zu Dünen auftürmt, so daß man die Gegend nicht wieder erkennt. Ist die Windsbraut beruhigt, so daß der Mensch den Fuß ins Freie zu setzen wagt, so knarrt der Schnee unter dem Fuße, das Tagesgestirn hat sich von diesen schaurigen Öden gewendet, blutigrot schießt nur das Nordlicht seine Strahlen über den Himmel, und das bezaubernde Licht des Mondes, der fast einen halben Monat am sternenbedeckten Himmel sichtbar ist, weckt in jenem Erdgürtel ein eigentümliches Leben. Die Pelztiere wandern ein in die Tundren, Zobel und Marder, Füchse der verschiedensten Färbung, unter ihnen die geschätzteste Art, der Silberfuchs, ferner Schneehasen in Menge, endlich, geführt von einem Leittier, in langen Reihen die zarten Hermeline, jene Wiesel mit dem feinen weißen Pelze und dem vollen Seidenschwanze. Sie naschen an jedem Stück Fleisch, selbst an dem mit Quecksilber vergifteten Köder, den der Samojede, Sirjäne oder der russische Ansiedler an der Falle angebracht. Übrigens erlegen die Pelzjäger jene Tierchen nicht mit Schrot oder Kugel, sondern mit stumpfen Bolzen, um jede Verletzung des Pelzes zu vermeiden, und wo sie sich bei der Jagd auf Eichhörnchen doch des Feuerrohrs bedienen, zielen sie mit erstaunlicher Sicherheit immer nur nach der Schnauze. An einem schönen Dezembermorgen trat einer unserer Gewährsmänner bei klarem Himmel und Windstille die Fahrt von Petersburg nach Archangel an. Der Leser findet sämtliche Stationen der Reise in jedem guten Handatlas. Er war wohl eingehüllt in einen dicken Leibpelz, welcher außerdem von einem weiten Schuppenpelze bedeckt war. Auf dem Kopfe trug er die russische Pelzmütze mit Ohrenklappen, an den Füßen enganschließende Filzstiefeln und darüber pelzgefütterte Galoschen. Auf dem Sitze des halbverdeckten, mit einem Bärenfell ausgestatteten Schlittens steht der jugendliche Kutscher, die Zügel seiner drei kleinen, flotten, ausdauernden Pferde in der Hand. »Vorwärts, ihr Täubchen,« ruft er ihnen schmeichelnd zu, indem er ihnen die Zügel läßt und mit der Zunge schnalzt. »Lauft von Berg zu Berg; gibt doch der Herr ein Trinkgeld – ob er's gibt oder nicht, werden wir doch rascher zu Hause sein.« Wie ein Pfeil schießt die Troika über die schneebedeckte Ebene dahin, und abends 6 Uhr hält unser Reisender am Schlagbaum der kleinen Festung Schlüsselburg. Mit neuem Vorspann geht's nach Neu-Ladoga am Südufer des Riesensees, der sogar von Seehunden bevölkert wird, und eine dritte Troika setzt ihn am folgenden Abend in Wytegra unweit des Onegasees aus. Er war an dem wichtigen Marienkanalsystem entlang gefahren, das Rybinsk an der Wolga mit Petersburg, damit den Kaspisee mit der Ostsee verbindet. In östlicher Richtung eilte er weiter durch das wellige Meer von Schnee mit dem Untergrunde von Eis. Von den Hügeln erhoben sich bei dem Vorbeisausen des Schlittens Scharen krächzender Krähen. Um Mittag fuhr er durch einen nordischen Urwald von Nadelholz, die Sonne brach soeben durch die Wolken und strahlte aus allen den Schnee- und Eiskristallen am Boden und auf den Bäumen zurück. Plötzlich wurde das tiefe Schweigen um unseren Reisenden unterbrochen durch ein hundeartiges Geheul. Aufgeschreckt aus seinen Betrachtungen, steckte er den Kopf zum Schlitten hinaus und sah zwei Wölfe von ziemlicher Größe hinter dem Schlitten drein laufen. »Ich habe da ein paar gute Revolver,« sagte er zu seinem jungen Rosselenker, der die Zügel fester gefaßt hatte und die Pferde zu schärferem Laufe anregte, »wenn wir den Bestien ein kleines Andenken in den Pelz jagten« ... »Hüten Sie sich,« entgegnete der mit den Gefahren des Landes wohlvertraute Führer, »wenn wir einen töten, werden wir bald das ganze Rudel hinter uns haben, und Gott weiß, wie groß das sein mag.« »Werden denn diese hier uns den ganzen Weg begleiten?« – »Das wäre möglich.« – »Aber ist denn keine Gefahr?« – »Durchaus nicht, denn der Wolf ist ein feiger Geselle, greift nicht leicht selbst an, wenn er nicht sehr hungrig ist; wenn wir nicht umwerfen oder uns ein Pferd stürzt, können wir unbesorgt sein.« Als eine der beiden Bestien dem Schlitten allzu nahe kam, konnte sich unser Reisender nicht enthalten, seinen Revolver loszudrücken. Mit einem jämmerlichen Geheul blieb der Getroffene zurück. »Er ist verwundet,« rief der Kutscher, »passen Sie auf, was da vor sich gehen wird.« Um das verendende Tier stand bereits ein ganzes Dutzend Kameraden, um dem Sterbenden das Grab in ihrem knurrenden Magen zu bereiten. Weiter flog der Schlitten durch Urwälder und über Schneefelder, die mit ermüdender Einförmigkeit einander folgten. Von der Station Kargopol an der Onega schlug der Reisende nördliche Richtung ein. Kaum hatte er die Grenzen der Statthalterschaft Archangel überschritten, als ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Die Dichte der Flocken verhinderte jeden weiteren Umblick; der Orkan knickte Riesenstämme, türmte Schneehügel und trieb den feinen Schneestaub dem Reisenden fast bis auf die Haut. So schnell wie möglich ließ der in der Gegend gut bekannte Jämschtschik seine Tiere ausgreifen, bald einen beweglichen Schneehügel umfahrend, bald durch einen anderen hindurchstürmend, und brachte unseren Reisenden glücklich nach der nächsten Poststation. »Ein Glück, daß uns der Buran (Wind) nicht ein paar Werst weiter zurück auf der offenen Fläche betroffen, wir hätten schwerlich die Station heute noch gefunden und erreicht.« – »Und was hätten wir wohl gemacht, wenn uns das widerfahren wäre?« – »Je nun,« sagt er achselzuckend und ein dargebotenes Glas Kognak auf einen Zug hinunterstürzend und dann pustend und sich räuspernd, »je nun, Gott ist gnädig; wir hätten wohl irgendeinen Schutzort in der Nähe suchen – ein paar dicke Bäume vielleicht – und warten müssen, bis der Buran vorübergehe. Möglicherweise wären wir eingeschneit, hätten die Deichsel des umgestürzten Schlittens etwa so stellen müssen, daß sie den Schnee überragte; vielleicht auch wäre ich reitend bis zur Station durchgekommen, hätte Beistand bringen können. Wozu sich aber damit den Kopf zerbrechen, was ja, Gott sei Dank – und dabei bekreuzigte er sich andächtig – nicht nötig geworden ist. Ihr roter Branntwein ist gut, Herr, wärmt Leib und Seele; solchen bekommen wir hier nicht. Bei dem kann man's schon aushalten.« Je weiter der Reisende nach Norden vordrang, desto trostloser und beängstigender wurde die Einöde in den dichten, dunklen Nadelwäldern. Endlich hielt er nachts vor der Station Sijskoi an der Dwina, bald darauf vor der alten normannischen Handelsstadt Holmgard-Cholmogory, auf einer Insel des Stroms gelegen, und endlich zeigte sich am Horizonte das Ziel der Reise, Archangel . Zunächst erschienen nur die Kuppeln der zahlreichen Kirchen, dann diese selbst mit den danebenstehenden Glockentürmen, ferner die öffentlichen Gebäude und endlich die Viertel der Bürgerhäuser. Die Macht der russischen Kirche findet einen beredten Ausdruck in der Zahl und Pracht der Gotteshäuser, deren Archangel, die Stadt des »Erzengels« Michael, mit ihren 23 000 Einwohnern (einschließlich des Inselstädtchens am Hafen, Solombola), mehr als zwanzig besitzt. Daß die Polarkälte keineswegs geistiges Leben tötet, geht deutlich daraus hervor, daß diese nordische Stadt ein geistliches Seminar, ein Gymnasium und eine Marineschule besitzt. Der bischöfliche Palast, das alte Kloster, der ansehnliche Markt, sowie die längs des Dwinakais hinführende Hauptstraße lassen die Bedeutung Archangels deutlich erkennen. Die lange Hauptstraße weist meist Steinbauten auf und enthält die Wohnungen, Läden und Niederlagen der Kaufmannschaft, die, wie sich aus den Firmen erkennen läßt, vorzugsweise englischer und deutscher Abstammung ist. Von einem Hamburger wurde vor etwa 80 Jahren das Haupthandelshaus Brandt \& Co. gegründet. In erster Linie Kaufmann, war er doch auch wissenschaftlicher Tätigkeit nicht abgeneigt und begleitete den Reisenden Hoffmann als Führer in die Wildnisse an der Petschora. Seine Söhne setzten sein Geschäft mit Erfolg fort; über den ganzen Norden, bis nach Nowaja Semlja erstrecken sich heute die Handelsverbindungen dieses Hauses. In der Nähe der Stadt sind seine großartigen Sägemühlen und Zuckersiedereien, die Hunderte von Arbeitern beschäftigen, und in seinen Niederlagen häufen sich ungeheure Vorräte von Flachs, Pelzwerk usw. Im Jahre 1553 erschien das erste englische Schiff an der Dwinamündung, das einzige, welches von einer größeren Unternehmung übrig geblieben war. Sobald einmal der Weg durch das arktische Eis gebrochen war, mehrten sich die englischen Fahrzeuge Jahr für Jahr, um europäische Industrieerzeugnisse gegen die wertvollen Rohstoffe des Nordens zu vertauschen. Bereits 1584 erhob sich in der Nähe des alten Klosters Archangel ein ansehnlicher englischer Kaufhof, um den sich dann wie um einen Magneten die Häuser scharten. Als freilich Peter der Große »das Fenster nach dem Westen Europas« öffnete und seine Gründung Petersburg mit größter Zollfreiheit ausstattete, ging der nordische Handelsplatz zurück, um erst unter der Regierung der großen Katharina seine alte Bedeutung wieder zu erlangen. Archangel verdankt seine Bedeutung sowohl den Schätzen der Dwina und des Eismeeres, das an Heringen, Lachsen, Kabliaus, Steinbutten, Dorschen, Walrossen, Seehunden und Walen ganz ungeheure Mengen besitzt, als auch dem Wildreichtum der Tundren, welche bedeutende Vorräte kostbaren Pelzwerks liefern, wie auch den Erzeugnissen des Bodens, besonders dem Holz. Und seine Einfuhr befaßt sich mit allen Erzeugnissen des europäischen Kunstfleißes wie des Bodenbaues, ja es ist – wie oben erwähnt auch eigene Industrietätigkeit am Orte zu verzeichnen. Wer den Dwinakai entlang wandert, kann im Hafen Solombola das Handelstreiben am besten beobachten. Kauffahrteischiffe mit hohen Masten und im Winde flatternden Flaggen und Wimpeln laden aus und ein, kleine Ruder- und Segelboote schießen zwischen ihnen hin und her, Bugsierdampfer schleppen eine Reihe von schwerbeladenen Barken hinter sich her; schwerfällige, derbe Fahrzeuge der Walfängerflotte harren des Kampfes mit dem nordischen Eise. Fast zwei Werst lang ziehen sich am Kai hin die Kaufmannshäuser, Kramladen, Speicher, Fabriken und die Niederlagen für Schiffsbedarf. Die Matrosen in ihren rot- und blauwollenen Hemden treiben sich schlendernd zwischen den Marktbuden umher, um irgend ein Kleidungsstück, Tabak, Heringe, Fisch- oder Fleischpasteten, wohl auch steinharte Pfefferkuchen zu erstehen. Auf einer Flußinsel liegt das Admiralitätsgebäude, das zugleich alten, ausgedienten Matrosen einen ruhigen Lebensabend bietet, während die noch rüstigen Seebären in eigenen Häusern wohnen, in denen ihre Frauen der Krämerei obliegen; die übrigen Räume sind an Handwerker vermietet. Nicht selten im Frühjahr steht die Hafenstadt vollständig unter Wasser, dann nämlich, wenn der Eisgang auf der Dwina eine Verstopfung der Flußmündung herbeiführt. Die Bewohner retten sich dann in die höheren Stockwerke, während Pferde und Kühe die luftige Wohnung auf dem flachen Dache beziehen, bei dessen Bau man diesen Fall schon vorgesehen hat. Weit davon entfernt, sich durch dies ziemlich oft wiederkehrende Ereignis trübe stimmen zu lassen, besteigen die Bewohner vielmehr das Boot und fahren mit Spiel und Gesang durch die unter Wasser stehenden Straßen und um die überschwemmten Häuser. In den Monaten Mai bis September drängen sich in dem rührigen Archangel auch fromme Pilgerscharen, die nach dem auf einer Insel im Weißen Meer gelegenen, befestigten Kloster Solowetzk fahren wollen. Dazu dient ein von seekundigen Mönchen bedienter Dampfer, der für mäßiges Überfahrtsgeld die Gläubigen nach dem Heiligtum führt, das durch den Reichtum seiner Meßgewänder, Monstranzen, durch die Ausstattung der Heiligenbilder, durch die auch den Fremden dienenden Klosterküchen und Herbergsräume, sowie auch hinsichtlich seiner gewerblichen Betriebsamkeit zu den bedeutendsten des Zarenreichs gehört. Rußland hat übrigens 1898 an der Murmanküste eine neue Eismeerstadt angelegt, den Fjordhafen Alexandrowsk an der Kolabucht, der neben seiner Handelsbedeutung auch kriegerischen Zwecken dienen sollte. Doch wurde der Kriegshafen auf der östlich von der Kolabucht gelegenen Insel Kildin angelegt – und zum Endpunkt der neuen Murmanbahn: Petersburg-Murmanküste das Fischerdorf Semenowa an der Ostseite der Kolabucht, 30 km südlicher als Alexandrowsk, gewählt und Romanow getauft. Aber der Hafen ist leider nicht eisfrei. B. Mittleres Osteuropa. 6. Der Urwald von Bjelowjesch. – 7. In Moskau. – 8. In Nischnij-Nowgorod. – 9. Die Großrussen. – 10. In russischen Kirchen.   6. Der Urwald von Bjelowjesch. »Der schwer geschlagene Feind flüchtete in das Innere des Waldes von Bjelowjesch ...« Dieser im Bericht der deutschen Heeresleitung vom 26. August 1915 enthaltene Satz hat einem Kenner Verfasser unbekannt. des Urwaldgebiets von Bjelowjesch (Bialowieska), das sich nordöstlich von Litauisch-Brest ausdehnt, Anlaß zu folgender Schilderung gegeben: Die Zeit ist noch nicht lange vorüber, wo man das ganze Gebiet, das sich nach Nordosten über Grodno, Wilna bis Dünaburg und nach Osten bis Minsk und Mohilew erstreckte, als eine nur von Lichtungen unterbrochene Urwaldwildnis bezeichnen konnte; im Norden von Tausenden von Seen durchbrochen, im Süden von den zahllosen Flüssen und Flüßchen, die alle zu dem gewaltigen Stromgebiet des Dnjepr und seines größten Nebenflusses, des Priepjät, gehören. Aber seit mehr als einem Jahrhundert wütet die Axt gegen die Waldwildnis, und um so ärger, je teurer das Holz wurde. Und überall ist Wasserverbindung, um das Holz zu einem Ostseehafen zu flößen. Ja, wenn man alle die Traften, die auf Memel und Weichsel seit hundert Jahren herabgeschwommen sind, aufzählen könnte und wollte, müßte man sich eigentlich wundern, daß in Polesien überhaupt noch Wald vorhanden ist. Übrigens, allzuviel ist nicht mehr vorhanden. Im nördlichen Teil zählt man noch etwa sechs große Waldgebiete, die mehrere Quadratmeilen bedecken und nur deshalb verschont geblieben sind, weil sie keine Wasserverbindung haben. Im Süden ist noch ein Urwald übriggeblieben, der ehemalig kaiserliche Kronforst von Bjelowjesch . Er bedeckt 1224 qkm, ist also nicht viel größer als die Johannisberger Heide, aber groß genug, um die Eigenart eines von der Axt völlig unberührten Urwaldes zu zeigen. Das heißt: der Baumwuchs erreicht seine natürliche Altersgrenze, bis er von den feindlichen Naturgewalten bezwungen und zerstört wird. Deshalb wird man wohl nirgends mehr auf europäischem Boden solche Baumriesen finden wie in Bjelowjesch. Darunter sind nicht nur Eichen und Buchen, Linden und Ahorne, sondern auch Kiefern, die noch das Hifthorn der jagdfrohen polnischen Könige gehört haben. Wo ein Sturm die altersschwachen Riesen gefällt hat, gibt es für einige Jahre eine kleine Lichtung. Aber bald erhebt sich über der Wildnis ein undurchdringlicher Nachwuchs. Viele Geschlechter von Bäumen hat die Zeit niedergeworfen und in Moder verwandelt, der nachts in phosphoreszierendem Licht gespenstisch leuchtet, sobald der Boden feucht wird. Und eigentlich ist er immer feucht; denn die ganze Heide steht auf einer Tiefebene, die sich nur stellenweise etwas über den Grundwasserstand erhebt, auf weiten Strecken aber nur so wenig, daß ein Regenguß Tausende von Morgen mit einem Wasserspiegel bedeckt. Dadurch haben sich im nördlichen Teil, wo Laubwald vorherrscht, große Sümpfe gebildet. Manche sind dem Eindringen des Menschen verschlossen, weil sie mehrere Meter tief aus dünnlüftigem Moder bestehen, aber nicht alle, denn vielfach besteht der Sumpf nur aus einer fußdicken, vermoderten Humusdecke, die auf festem Sande liegt. Es ist selbstverständlich, daß solch ein Urwald, der in neuerer Zeit gar nicht durch die Axt und nur selten durch Jagd beunruhigt wird, alle Wildarten enthält, die sich in ihm wohlfühlen: Auer-, Birkwild und Haselhühner, alle Arten von Raubvögeln, Enten und Wasservögeln, schwarzer Storch, Kranich, Schwan und Graugans; ferner alles vierbeinige Raubzeug einschließlich Luchs, Wolf und Bär; außerdem Schwarzwild, Elche und die einzige Wisentherde, die, abgesehen von ihrem eingehegten Ableger in Oberschlesien, auf europäischem Boden noch in voller Freiheit lebt. Im Randgebiet gibt es auch Waldhasen und Rehe. Rotwild ist früher zahlreich vorhanden gewesen, jetzt aber stark gelichtet infolge der Kriegsstürme, die durch den Forst gebraust sind; die Wisentherde ist auf wenige Häupter zusammengeschmolzen, vielleicht jetzt ganz vernichtet worden. Der Biber ist schon im vorigen Jahrhundert ausgerottet worden. Denn früher wurde die Bialowieska eifrig bejagt, weil die staatlichen Jäger eine erhebliche Menge von Bälgen abzuliefern hatten. Seit 1803 ist die Heide zum Kronforst erklärt worden und soll für alle Zeiten von Axt und Weidwerk verschont bleiben. Sie war in zwölf Schutzgebiete eingeteilt, die je von einem Forstmeister und mehreren Förstern bewacht wurden. Außerdem waren auf kleinen Lichtungen etwa hundert Bauernfamilien angesiedelt, denen die Verpflichtung oblag, Wildheu zur Verpflegung der Wisente zu machen. Ziemlich in der Mitte auf einer Hochfläche, auf der ein halbes Dutzend kleiner Flüsse entspringt, liegt die größte Siedlung der Heide, das Krondorf Bialowieska und daneben ein stattliches Jagdschloß, das sich der Polenkönig August III. erbaut hatte. Mitten im Dorf steht ein Obelisk mit folgender Inschrift in deutscher und polnischer Sprache: »Am 28. September 1752 haben hierselbst die allerhöchsten Herrschaften, und zwar: August III., König von Polen und Kurfürst von Sachsen, mit ihrer Majestät der Königin und den Prinzen Xaver und Karl eine Bisonjagd abgehalten und 42 Bisons zur Strecke gebracht, und zwar 11 alte, von welchen der schwerste 14 Zentner und 59 Pfund wog, 7 geringere, 18 Tiere und 6 Kälber; ferner 13 Stück Elchwild, das stärkste wog 9 Zentner und 75 Pfund, 5 Tiere und 2 Kälber; ferner 2 Rehe, zusammen 57 Stück.« Die unwillig, aber sicher zwanzig Bisons erlegende Königin war Maria Josepha, eine Tochter des Kaisers Josef von Österreich. Es war die letzte Jagd, die sie mitmachte, und auch die letzte große Treibjagd in der Bialowieska. Erst im Juli 1849 wurde wieder mit großem Aufwand getrieben, aber nur um zwei Wisente zu fangen, die Kaiser Nikolaus der Königin Viktoria für den Zoologischen Garten in London schenken wollte. Es gelang, sechs Kälber einzufangen, darunter einen jungen Stier von 15 Monaten, der neun Jäger und ein Dutzend Hunde wie Fliegen abschüttelte und erst nach mehreren Stunden, müde gehetzt, in einem Morast gestellt und überwältigt werden konnte. Es ist falsch, das wilde Rind, das in der Bialowieska lebt, als Auerochs zu bezeichnen. Denn es haben ohne Zweifel in der Vorzeit zwei Arten wilder Stiere in Europa gelebt, der Ur oder Auerochs, von dem unser Hausrind abstammen soll, und der mit einem starken Buckel begabte Wisent, der sehr nahe mit dem nordamerikanischen Bison verwandt ist. Die Zahl der in der Bialowieska lebenden Wisente war bedeutenden Schwankungen ausgesetzt. Sie hat mehrmals 800 Köpfe erreicht, ist aber auch bis auf 400 Stück zurückgegangen. Trotz seines jähzornigen Charakters und seiner unbändigen Kraft soll auch manch alter Stier den Wölfen zum Opfer fallen. Einige beschäftigten ihn von vorn, während die anderen ihn von hinten und von der Seite anfallen. Es soll den Wölfen auch manchmal gelingen, eine Herde zu sprengen und dann eine vereinzelte Kuh oder ein paar Kälber zu reißen. Auch der Bär holt sich wohl ab und zu einen Braten. Der schlimmste Feind aber des ganzen Wildbestandes sind die gewaltigen Brände, die im Hochsommer nicht ganz selten ausbrechen. Manchmal wird durch Blitzschlag ein trockener Baum in Brand gesetzt, aber auch mutwillige Brandstiftungen sollen vorkommen. Dann wütet die Glut wochen-, ja monatelang, bis sie der Herbstregen löscht. Infolge eines solchen Waldbrandes ist vor etwa zwölf Jahren eine Anzahl Elche nach Norden bis nach Ostpreußen abgewandert, wobei einer sich durch einen Einsprung in die Romintener Heide verirrte.   7. In Moskau. Quelle: Roskoschny, Rußland, Land und Leute, Bd. 1. Leipzig 1882, Greßner \& Schramm. In der Siebenhügelstadt an der Moskwa begegnen sich morgenländisches und russisches Wesen. Sie ist nach Lage, Bauart und Bevölkerung der Mittelpunkt des Zarenreiches – und die Geschichte gibt dem auch Recht, denn Mütterchen Moskau, Matjuschka Moskwa, ist das Heiligtum alt russischer Art gegenüber dem neumodischen Petersburg, das dem heiligen Osten so fremd, desto offener dem Westen und seiner fremden Kultur ist. Moskau ist trotz der Zerstörungen durch Mongolenhorden und durch Brand immer wieder neu erstanden und hat in der alten Stadt das alte Gepräge behalten: enge, krumme, winkelige Gassen, niedrige Holzhäuser, ummauerte Höfe – nur die neuen Wachstumsringe haben breite Straßen, Prachtbauten, Boulevards, elektrische Bahnen usw. Jeder Russe sieht im eigenen Heim sein Ideal: er spart und darbt so lange, bis er ein kleines Häuschen sein eigen nennt, bis er im eigenen Keller seine Vorräte speichern, im eigenen Hofe sein Geflügel züchten kann. So klein es auch sein mag, so sehr es vorspringt in der Häuserflucht oder zurücktritt, wenn es nur sein ist. So erklärt sich der Wechsel von Palast und Hütte, von großen Obst- und Gemüsegärten, von Ackerfeldern, Fischteichen mit kleinen Geflügelhöfen hinter Mauern und Plankenzäunen in der russischen Hauptstadt. Und der Ausspruch des Fürsten von Ligne: »Moskau ist keine Stadt, sondern nur eine Vereinigung von 4-500 von ihren Dörfern und Gärten umgebenen Schlössern« – hat auch in dem seit 1812 neuerstandenen Moskau noch volle Berechtigung. So erklärt es sich ferner, daß die Stadt 75 qkm bedeckt, einen Umfang von 43 km hat und darin über 1½ Millionen Menschen beherbergt. Die schiffbare Moskwa teilt die Stadt in zwei ungleiche Teile, nimmt innerhalb der Mauern die Jausa und die überwölbte Neglinnaja auf und ist von größeren Fahrzeugen und einer Unmenge kleiner Dampfer und Barken bedeckt. Acht Brücken verbinden beide Stadthälften. Mitten in den Stein- und Holzhäusern liegen mehr als 100 Seen und Teiche; Boulevards und Plätze sind in großer Zahl vorhanden, vor allem aber fällt die Menge der Kirchen auf (434 Kirchen, 82 Kapellen, 21 Klöster). Obwohl hier die Hochburg des streng griechischen Glaubens ist, werden auch zwei römisch-katholische, zwei lutherische und je eine reformierte, anglikanische und armenische Kirche, eine jüdische Synagoge und eine mohammedanische Moschee geduldet. Ebenso treffen wir hier Vertreter aller Völker des Morgen- und Abendlandes in ihrer Nationaltracht, die in ihren eigentümlichen häuslichen Einrichtungen unbeirrt und ungestört hier wohnen: tatarische Baschkiren vom südlichen Ural, Kalmücken aus der kaspischen Niederung, Tscherkessen und Mingrelier vom Kaukasus, handeltreibende Armenier, Griechen, Perser, herumschweifende Zigeuner, bezopfte Chinesen, eine große Anzahl finnischer Stämme aus dem russischen Osten, Vertreter aller westeuropäischen Völker. Sie alle halten ebenso fest an ihrer Nationaltracht wie der Großrusse Moskaus an der seinigen: an dem Kaftan, der in Langstiefeln steckenden Pluderhose, an dem Vollbart, an dem Christuskopf mit dem in der Mitte gescheitelten Haar; französische Kleidung ist nur bei den nichtrussischen Europäern, einem Teile der russischen Beamten und der vornehmen Welt vertreten. Der schreiende, unvermittelte Gegensatz zwischen dem russischen Edelmann, der das Französische wie seine Muttersprache spricht und in Kleidung und Bewegungen die hohe Schule des feinen Salons erkennen läßt – und dem gemeinen Mann im Kaftan, der ohne die Kunst des Lesens und Schreibens aufgewachsen ist, fällt nirgends mehr als hier in der Hochburg des Altrussentums auf: in den Prachtbauten des Adels und den Museen sind Meisterwerke russischer und westeuropäischer Künstler aufgestellt, der gemeine Mann dagegen drängt sich um den Bilderhändler aus Wladimir, der die roh geklecksten Märtyrer und Madonnen seiner zu fruchtbaren Vaterstadt an die Schnur gereiht um den Hals trägt; – neben dem reichen Viergespann erscheint die echtrussische Troika und der Iswoschtschik , der aus den benachbarten Statthalterschaften, ja aus Perm und Orenburg hereingezogene Bauer, der mit dem unansehnlichen, aber leistungsfähigen Rosse und der leichtgebauten Droschka in Moskau als Kutscher seinen Unterhalt verdient. Der Fahrgast besteigt sein Gefährt, ohne ein Wort über Richtung und Fahrgeld zu verlieren; in sausendem Galopp jagt der Iswoschtschik davon, gewärtig, daß bei Straßenkreuzungen sein Fahrgast ihn auf der rechten oder linken Seite am Gürtel fasse, lenke oder Halt gebiete. Neben die großartigsten Kleidergeschäfte tritt in Moskau der wandelnde Trödelladen, der »Kleiderjude«, gewöhnlich ein Mann tatarischen Stammes vom Schwarzen Meer, der mit kundigem Auge den vorübergehenden Stutzer abschätzt, verfolgt und sofort weiß, wo sein Geschäft blüht. Zu den Typen der Hauptstadt Altrußlands gehört entschieden auch der Dwornjik , der Hausmeister. Er weiß zu schweigen über alle die kleinen Vorkommnisse im Verkehr des ersten mit dem zweiten Stockwerk; er hält beide Hände vor die Ohren, wenn bei dem Offizier des dritten Stocks das Gelage bis in den Morgen hinein dauert; er versteht es meisterlich, dem Studenten in der Dachkammer die Gläubiger in der nötigen Entfernung zu halten, aber ebenso dem Kammerdiener des Hausherrn die schuldige Ehrerbietung zu erweisen; ist er doch gewiß, daß ein reichliches Trinkgeld alle diese Liebesdienste vergilt ... Eigenartig wirkt schon durch den Namen: der Läusemarkt , Nach E. Vely, Moskauer Erinnerungen. Dresdner Anzeiger 8. Sept. 1915. eine sonntägliche Krammesse. Alte Kleider, schier unbrauchbar scheinenden Hausrat, Gerümpel, Lappen und Lumpen, Kisten und Kessel verkauft und kauft hier das eng gequetscht stehende und drängende Volk. Dazwischen taucht aber zuweilen uraltes Silber, wertvoller byzantinischer Schmuck auf, oder eine chinesische Vase, ein gebräuntes Bild. Wer sich auskennt, kann hier für wenige Kopeken einen kleinen Schatz nach Hause tragen. Unter der Räteherrschaft hat sich der alte Trödelmarkt, der früher in fünf Minuten durchschritten war, sehr vergrößert: er zieht sich heute etwa vier Kilometer hin. Die »Burschoa«, die früher herrschende Oberschicht, darunter der russische Adel, verkaufen hier ihre letzten Sachen: Ballkleider, seidene Stiefelchen, Armbänder, goldene Uhren usw. Bezeichnend ist, daß der schönste Künstlerflügel halb so teuer verkauft wird wie eine ganz gewöhnliche Spiel- und Sprechuhr (Grammophon). Aber für Lebensmittel, die im Schleichhandel erworben werden müssen, werden eben ungeheuerliche Preise verlangt: 1 Pfund Schwarzbrot kostet 400 Rubel, 1 Pfund Weißbrot 700 Rubel, 1 Pfund Butter 3000 Rubel, 1 Pfund Kalbfleisch 1200 Rubel, 1 Pfund Schweinefleisch 2400 Rubel, 1 Pfund Kartoffeln 120 Rubel usw. Solche Zustände können nicht von Bestand sein. Und dann der Heiratsmarkt ! Ein riesiger Platz mit vielen kleinen weißen Zelten. Beim gemütlichen Samowar, der Teemaschine, sitzen die Heiratsvermittlerinnen darin, würdevoll geputzt. Um sie geschart, im sonntäglichen Festschmuck, Männer und Mägdlein, die vom Lande oder aus Moskau selber herbeigeströmt waren, heiratslustig. Es war da keineswegs ein Herumliebeln, ein Suchen, Anblinzeln, Zunicken, Winken. Sehr still und ernst ging's zu. Ein Geschäft: Ich geb. Ich nehm. Ich bekomme mit. Ich erbe mal. Das erzählten sich Menschen, die einander nie gesehen. So war das Bekanntschaftmachen, umrahmt von der betulichen Milde und Vorsorglichkeit der ältlichen Heiratsvermittlerin, die Vertrauen genießt bei ihrem Geschäft. Man trinkt Tschai (Tee), ißt Kuchen und gekochte harte Eier. So knüpfen sich Schicksalsfäden, schlingt sich der Knoten. Die Gruppen, die den Kasatschok, einen Volkstanz, der hübsch wirkt, tanzten, waren wohl schon einig geworden. Je ein Paar gesellt, wie einst im Paradiese. »Die Entgleisten«, hat unser moskowitischer Führer auf sein Programm geschrieben. Entgleiste übersetzte er, er meinte jedoch »Gescheiterte«. Schiffbruch hatten sie gelitten, die wir auf dem Platz, der natürlich wieder riesengroß war, sahen. Arbeitslose, Herumtreiber, stündlich zu einem Verbrechen Bereite, gutmütige Lungerer – wieder Tausende. Große Hallen nahmen sie auf, wenn sie das Liegen auf dem Boden nicht vorzogen. Volksküchen grenzten an. Immer mußte man an Tolstoi denken, und wie das Elend, das er hier sah, ihn bedrückte, so, daß er sich seines eigenen Wohlstandes schämte. Eine Hand, die Gutes zu tun dachte, warf unter eine der ersten Gruppen Münzen. Sie brachte uns fast Gefahr. Unzählige umdrängten unsere Wagen, Johlen erklang, Pfiffe schrillten, Hände erhoben sich heischend, Rufe, die wir ja nicht verstanden, klangen bettelnd und drohend. Da hieß es schnell davonfahren. Aber den bitterschweren Eindruck nie so geschauter Not und Vertierung nahm man mit. Die Straße steigt langsam zum Kreml an; denn die Festung liegt auf dem 43 m über den Spiegel der Moskwa sich erhebenden Borowizkischen Hügel. Durch eins der fünf Tore in der gewaltigen, 20 m hohen Umfassungsmauer, die 1487 erbaut ist, treten wir ein in diese Stadt in der Stadt, in die alte Zitadelle von Moskau, die zwischen 1500 und 2000 Bewohner zählt und außer dem Kaiserlichen Palast, dem Synodalgebäude, dem Senatspalast, dem Arsenal, der Kaserne und anderen großartigen Gebäuden noch drei Kathedralen, zwölf Kirchen, eine Kapelle und zwei Klöster enthält. Der tiefe Graben, welcher ehemals um dies russische Kapitol lief, ist zwar ausgefüllt und in Boulevards verwandelt, aber die 18 Türme der Umfassungsmauer deuten noch heute den Festungscharakter an. Der Riesenturm »Iwan der Große« (Iwan Welíkij), auf dem höchsten Punkte von ganz Moskau und dem Kreml errichtet, überragt mit 82 m Höhe und dem 16 m hohen vergoldeten Kreuz die ganze Hauptstadt; weithin funkelt die mit echtem Dukatengold überzogene Kuppel in das Land hinein, und bezaubernd ist der Rundblick, den man aus seinem fünften Stockwerk genießt. Der Glockenturm des Iwan Welíkij ist für den gemeinen Mann, der zum ersten Male Mütterchen Moskau aufsucht, das Sehenswürdigste der ganzen Stadt; denn in der Osternacht, wenn Tausende von Gläubigen auf dem weiten Platze zwischen den drei großen Kathedralen andächtig harren, verkündet seine große Glocke zuerst das Wunder der Auferstehung, und sobald ihr dumpfdröhnender Klang in die entferntesten Stadtteile dringt, tun die Tausende von Glocken und Glöckchen in der Stadt den ehernen Mund auf, das »Christos woskres, Christos woskres is mortwui! Woistino woskres!« in die Nacht hinaustönend. Der 66 000 kg schwere Riese erhebt nur zweimal im Jahre seine gewaltige Stimme, in der Christ- und Osternacht. Doch auch er ist noch ein Zwerg gegen den auf hohem Granitsockel stehenden »Glockenkönig« (Zar Kólokol), die Riesenglocke Moskaus, die 200 000 kg wiegt, 20 m Umfang und 6 m Höhe hat; neben ihr liegt ein bei einem früheren Sturze ausgebrochenes Stück von Mannsgröße. Solchen Ungeheuern gegenüber verschwindet freilich unsere Kölner Kaiserglocke mit ihren 27 150 kg. Die Krone unter den drei Kathedralen des Kreml ist die Himmelfahrtskirche (Uspenskij Sobór), in welcher seit den Zeiten Iwans des Schrecklichen (1547) die Zaren gekrönt wurden. Iwans Großvater hat dies Bauwerk von einem italienischen Meister Fioraventi aus Bologna ausführen lassen. Obwohl dieser streng angewiesen war, sich im Stil des Prachtbaues an das Landesübliche anzuschließen, vermochte er sich doch von den Überlieferungen des klassischen Heimatbodens nicht ganz loszumachen, und an der Himmelfahrtskirche lassen sich nicht weniger als vier Stilarten unterscheiden: der byzantinische, romanische, tatarische und Renaissancestil. Vielleicht liegt gerade in deren Verschmelzung das Charakteristische des russischen Kirchenbaustils. Das Innere der Kirche wirkt durch seine Pracht geradezu blendend: der Ikonostas, die Bilderwand, welche den Altarplatz vom Schiff trennt, ist überladen mit Gold und Edelsteinen, an den Wänden wie an den Säulenschäften bis zu den Kapitälen hinauf finden sich kostbare Heiligenbilder auf Goldgrund. Der wertvollste Schatz ist unstreitig das der Sage nach vom Evangelisten Lukas gemalte Bild der Mutter Gottes von Wladimir, der Schutzgöttin Moskaus; ihrem Bilde verdanken die Russen den Sieg über die Horden Timurlans 1395. Der Rahmen dieses Kunstwerks stellt allein einen Wert von 650 000 Mark dar, und solcher Kleinodien besitzt die Kirche viele, namentlich Gefäße, Meßgewänder, Evangelien, darunter ein von Peter des Großen, Mutter geschenktes im Werte von 200 000 Silberrubel. Alle diese Schätze zeigt man nur selten, nämlich am Krönungstage, wenn »Väterchen Zar« seine Vermählung mit dem russischen Volk feiert, bei welcher Gelegenheit gegen 60 000 Untertanen aus allen Teilen des gewaltigen Reiches gegen Einlaßkarten Zutritt erhalten. Alle Wunder des Kreml zu beschreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wir treten nun mit Erlaubnis des Vorstehers vom Hofkontor einen Gang rings um die 2-4 m breite Umfassungsmauer des Kreml an. Welch herrliche Ausblicke sind von hier aus möglich auf die zu unseren Füßen liegende Stadt und ihr Weichbild! Unter den 18 Mauertürmen sind die fünf bemerkenswert, unter denen hindurch die Tore in den Kreml führen. Der Spasskyturm, welcher das Erlösertor krönt, ist der bekannteste. Über dem Tore bemerkt man das Bild des Erlösers, der in der Linken das Evangelium hält, in welchem die Stelle aufgeschlagen ist: »Ich bin die Tür«; die Rechte spendet den unten Vorübergehenden den Segen seit Jahrhunderten; daher wohl der ehrwürdige Brauch, beim Durchschreiten des Tores das Haupt zu entblößen, ein Gebrauch, der früher nach strenger Verordnung überwacht, jetzt einfach durch die Länge der Zeit zu etwas für den Gläubigen Selbstverständlichem geworden ist. Auch der Fremde wird wohl tun, das Gemüt des sonst duldsamen Russen nicht zu reizen durch Verachtung dieses frommen Brauchs. Dem Kreml und dem Erlöserturm ist nur ein dritter an Volkstümlichkeit gleichzustellen, der Sucharewturm, der große Wasserbehälter. Die Wasserleitung führt ihm das flüssige Element aus 43 Quellen in 18 km Entfernung zu; er liefert täglich 550 000 Eimer (Wedró). Trotzdem, daß zu diesem älteren Wasserwerk 1871 ein zweites (Chodynka-Wasserleitung) getreten ist, das jeden Tag 150 000 Wedró liefert, wird doch bei Feuersbrünsten oft ein Mangel fühlbar, da die tägliche Wassermenge kaum 1 Wedró auf den Kopf der rasch zunehmenden Bevölkerung ergibt. Früher zogen durch das Erlösertor die Zaren zur Krönung, am Palmsonntag aber sah man den Weltbeherrscher hindurchschreiten an der Spitze einer großen Prozession, demütig die Eselin des Patriarchen am Zügel führend. 1605 zog der falsche Demetrius hier ein, ein Jahr später schleifte man seine Leiche durch dasselbe Tor aus dem Kreml hinaus. 1794 wurde vor dem Erlösertor auf dem Roten Platz Susloff hingerichtet, der an dem Wahne krankte, der Messias zu sein. Und da der Rote Platz durch Jahrhunderte die Richtstätte war, so könnte er seinen Namen wohl von den Blutströmen führen, die hier geflossen. Hier henkerte der gräßlichste Wüterich auf dem Zarenthrone, Iwan der Schreckliche, 120 Bojaren zu Tode, und Peter der Große ließ an derselben Stelle – freilich aus gerechter Ursache – unter dem Fenster seiner hochverräterischen Schwester Sophia die rebellischen Strelitzen verbluten. Heute sind die Blutspuren längst verwischt. Der Palmenmarkt erinnert noch an die frühere große Prozession und die Demut der alten Zaren. Nordöstlich vom Kreml, der Burg Moskaus, liegt der Mittelpunkt des Großhandels, die alte Chinesenstadt Kitajgorod, 1534 erbaut, mit dem Gostinnoi-Dwor, dem Kaufhof. Seine reihenweise gruppierten, durch enge Gassen getrennten Kaufhallen boten ursprünglich den fremden Kaufleuten Herberge, Kaufladen und Warenlager; jetzt vertritt er gewissermaßen den morgenländischen Bazar. Während früher nur Karawanen aus dem Osten ihre Waren hier feilboten, wurde das Verkehrsleben wesentlich gehoben, als Iwan IV. nach der Zerstörung Alt-Nowgorods 18 000 reiche Bürger dieser mächtigen Republik zur Übersiedelung nach Moskau zwang. Moskau wurde von da ab der Mittelpunkt des russischen Handels. Obwohl durch Petersburg eine Zeitlang überflügelt, hat die Stadt doch als Knotenpunkt des Eisenbahnnetzes und durch die Entwickelung ihrer Industrie die alte Bedeutung zurückzuerlangen gewußt. Besonders im dritten und vierten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts erfolgte ein bedeutender gewerblicher Aufschwung. Die Stadt selbst, sowie die Statthalterschaften Moskau und Wladimir mit ihrer Hausindustrie erzeugen vorwiegend Webwaren. Baumwolle aus Russisch-Zentralasien, russischer Leim werden verarbeitet; auch Wolle und Seide. An zweiter Stelle steht die Industrie der Nahrungs- und Genußmittel, dann kommt die Metallindustrie (einheimisches Sumpfeisenerz), endlich die Verarbeitung tierischer Rohstoffe (Lederindustrie) und die chemische Industrie. Die Uhrenfabrikation, die Kunsttischlerei, der Wagenbau und die Spielorgel- und Pianofabriken beschäftigen ebenfalls Tausende von Arbeitern. Moskau ist ferner ein Hauptplatz für Holz und Rohseide. Nimmt man hinzu die Zufuhr von Lebensmitteln, das Zusammenströmen der Naturerzeugnisse – Fischwaren vom Kaspisee, Metalle aus dem Ural, Rauchwerk aus dem Norden, Getreide und Flachs aus nächster Nähe –, so begreift man die Bedeutung Moskaus auch als Handelsplatz und die Großartigkeit des Verkehrs auf dem Gostinnoi-Dwor, wo sich gleichzeitig der Groß- wie der Kleinhandel abwickelt. Die Verpflegung der Kaufleute, die zum Teil ihre Hallen den Tag über nie verlassen und Öfen nicht führen dürfen, geschieht durch dieselben wandelnden Küchen wie im Kaufhof zu Petersburg. Kreml und Altmoskau werden in weiterem Bogen umspannt von der halbkreisförmigen » weißen Stadt « Bjelojgorod; die alte weiße Mauer, welche diesen Stadtteil früher umgürtete, ist verschwunden, herrliche Boulevards sind an ihre Stelle getreten. Die ganze weiße Stadt ist ein Kind der Neuzeit; gerade, breite Straßen, stattliche öffentliche und Privatgebäude, Theater, von der feinen Damenwelt besuchte Anlagen, Konzerthäuser, Zirkus, zahllose Restaurants in französischem und russischem Stil, diese mit der unvermeidlichen Riesenspielorgel, echtrussischen Speisekarte und Bedienung, einige Kaffeehäuser, die freilich bei der Vorliebe des Russen für Tee mehr den Fremden Ursprung und Bestand danken: alles dies zeigte uns die Großstadt Moskau. Geradezu auffällig in diesem Stadtteil war die Unmenge deutscher Firmen, das Überwiegen deutscher Bedienung in den Hotels wie im Kaufladen, das Erklingen deutscher Laute auf den Straßen. Von Deutschenhaß war in der Hochburg des Altrussentums wenig zu spüren; die Feindseligkeit gegen deutsche Abenteurer und Industrieritter galt dem Stande, nicht der Nationalität. Der Russe, weit entfernt, deutsche Strebsamkeit, Gewissenhaftigkeit, allseitige Bildung zu verachten, strebte mit Eifer und Erfolg, darin sich dem Deutschen gleichzustellen. Und hierfür sollten außer der kaiserlichen Universität (gegründet 1755) und dem Lyzeum noch acht Gymnasien für Knaben, zwölf für Mädchen, Realschulen, eine landwirtschaftliche Akademie, eine Feldmesserschule, ein Institut für orientalische Sprachen, Handelsschulen und eine Handelsakademie, technische niedere und höhere Schulen, ein geistliches Seminar, ein Lehrinstitut, vier Militärgymnasien, die Alexander-Kriegs- und Junkerschule, Stadt-, Pfarr- und Kreisschulen, ein Konservatorium und eine Theaterschule Sorge tragen. Unterstützt ward die Tätigkeit dieser Bildungsanstalten durch großartig ausgestattete Sammlungen und Bibliotheken. Unter den Wohltätigkeitsanstalten Moskaus verdient jedenfalls das musterhaft eingerichtete Findelhaus Erwähnung, von Katharina II. gegründet. Mächtige Bauten. Breite, luftige Gänge. Große Säle. Oberinnen, Ärzte, die uns, wieder deutsch sprechend, führten, die Vorschriften erläuterten. 1500 Kinder werden monatlich eingeliefert. Ein – wenn auch heimliches – Bekennen der Mutter- oder Elternschaft ist jetzt Bedingung. Nicht getaufte Kinder kommen nach dem ersten Bad und dem Wiegen sofort in die kleine Kapelle, in der ein Pope sie einreiht in die große orthodoxe Christenfamilie. Sehr stattlich sahen die meisten Ammen aus, in Nationaltracht mit dem Kokoschnik. Wie Soldaten standen sie aufgereiht, die verschnürten, lebendigen Bündel in den Armen. In den Annahmeraum brachten just ein paar Mütter ihre Kinder. Die Anstaltsschwester hängte die Nummer um den kleinen Hals, die Weiber machten ein stummes Kreuz über das Kind und gingen. Stumpf, tränenlos – oder doch wohl überzeugt, daß es dem Eingelieferten besser gehen würde wie im Elend daheim. Denn nicht nur Lebensrettung ist es in dem großen Moskauer Findelhause – es bedingt auch ein Fortkommen im Leben mit allerhand besonderen Zuwendungen. Und mancher bedeutende Mensch Rußlands ist aus dem Findelhause und seinen angegliederten Erziehungsanstalten hervorgegangen. Die deutsche Fürstentochter auf dem russischen Throne, Katharina II., hat weit fürsorgend gewirkt. Die Hunderte goldener Kuppeln Moskaus glänzen über viel verhülltes Elend hin – das schreit in die Erinnerung an all das Seltsame und Eigenartige in dieser Stadt grell hinein. Und man denkt an das ergebene Sprichwort dieses buntgemischten Volkes: »Gott ist groß – und der Zar ist weit.« E. Vely a. a. O. Um die weiße Stadt legte sich ein jüngerer Ring, die nach der Umwallung durch Erdbefestigungen den Namen Erdstadt trägt (Semljanojgorod); der Erdwall ist aber zur Gartenstraße geworden, und ein jüngster Ring von Vorstädten ist darüber hinausgewachsen. Jenseits der Moskwa liegt nur ein kleiner junger Stadtteil, der mit in den Ring der Erdstadt fällt. In dem äußersten Stadtkranze liegen die Bahnhöfe, viele Fabriken und Arbeiterwohnungen, auch Kasernen. Weiter hinaus folgen wie bei Petersburg auch die Sommervillen oder Datschen ; besonders zahlreich sind diese hübschen Holzhäuschen in dem großen Sokolnikiparke im Nordosten der Stadt – auch Schlösser und städtische Dörfer und Villenkolonien. Im Südwesten der Stadt liegen die Sperlingsberge , von denen aus man einen schönen Überblick über die alte Zarenstadt genießt.   8. In Nischnij-Nowgorod. Quelle: Roskoschny, Rußland, Land und Leute. Bd. 2. Leipzig 1882, Greßner \& Schramm. Ist Moskau der Mittelpunkt der Verwaltung, des Heeres, der Industrie Rußlands – so noch immer die Wolga-Okastadt Nischnij-Nowgorod die Handels zentrale. Ihren Namen Neu-Nowgorod trägt sie nach einer der ältesten russischen Städte, die am Ausfluß des Wolchow aus dem Ilmensee von dem Waräger Rurik, einem schiffskundigen Normannen, als Groß-Naugard gegründet wurde und der deutschen Hansa als wichtiger Handelsplatz für Pelzwerk diente, bis Iwan der Schreckliche 1478 die freie Stadt brach und den »Deutschen St. Petershof« schloß. An Neu-Nowgorod fesselt uns keineswegs die Stadt von 104 000 Einwohnern an sich, ebensowenig ihre herrliche Lage – »wie die Diamantschließe am silbernen Wolgagürtel, der die kraftstrotzenden Glieder des Zarenreichs umspannt, liegt es da« – auch nicht ihre amphitheatralisch aufsteigenden, im Laube versteckten Häuser, ebensowenig ihre Kathedralen und ihr Kreml, sondern einzig und allein der Marktplatz der Stadt, der sich in dem Winkel zwischen rechtem Wolga- und linkem Okaufer ausbreitet. Schon aus dem neunten Jahrhundert haben wir sichere Nachrichten über einen zwischen Asiaten und Europäern hier stattfindenden Warenaustausch, dessen Ort sich von Kasan westwärts nach dem als Kloster berühmten Makariew zog, um endlich nach dem Brande der Marktbuden 1817 nach Nischnij-Nowgorod verlegt zu werden. Die Oka teilt diese Stadt in zwei ungleiche, durch eine Schiffsbrücke verbundene Hälften. Am rechten Wolga- und Okaufer liegt die alte Oberstadt mit dem Kreml, 120 m tiefer gelangt man auf Hohlwegen hinab zur Niederstadt und aus dieser auf einer 900 m langen Schiffsbrücke hinüber über die Oka auf die schmale Landzunge, welche die Budenstadt für die große Handelsmesse im Juli, August und September (russ. jarmarka) trägt. 6000 teils steinerne, teils hölzerne Buden bedecken eine Fläche von 1700 m Länge und 1000 m Breite. Woher nun der so unendlich verschiedene Inhalt der Buden rührt, das sagen uns jene Wälder von Masten und Dampfschloten, welche wir, am Oka- und Wolgaufer entlang wandernd, auf einer Strecke von 20 Werst aufragen sehen. Gegen 500 Dampfer, 4000 Ruder- und Segelschiffe, 1500 Flöße tragen Waren aus allen Teilen Rußlands herzu: Korn und Weizen aus den Statthalterschaften Saratow, Pensa, Samara, Simbirsk und Kasan, Fische vom Kaspisee, Salz vom Eltonsee, Talg aus Samara, Senf von Sarepta, Felle aus Kasan, Wein von Kislar, Seide vom Kaukasus und Buchara, Metalle aus Sibirien, Tee von China. Bedeutend ist aber auch die Menge von Waren, welche auf leidlich gehaltenen Landstraßen als Industrieerzeugnisse aller größeren und kleineren Orte der engeren und weiteren Umgebung durch Fuhrwerk befördert werden, wiewohl sich die so verfrachteten Güter nicht in Vergleich setzen lassen zu denen, welche die Eisenbahn aus den gewerbreichen Gegenden Mittelrußlands herbeiführt. In der Zeit vom 27. Juli bis Mitte September entfaltet sich nun in Nischnij-Nowgorod ein Meßtreiben, zu welchem 2-300 000 Verkäufer aus allen Weltteilen und eine entsprechende Käuferzahl beisteuern. In der Stadt der Kaufhallen mit ihrer ermüdenden Regelmäßigkeit fällt uns außer den Kirchen und der tatarischen Moschee von allem der 1890 in altrussischem Stile erbaute Meßpalast auf. Die unteren Räume bilden einen Bazar für Gewebe- und Schnittwaren aus Deutschland, Frankreich, England, Metallgegenstände von Tula, Teppiche von Taschkent, wohlriechende Essenzen von Smyrna und Damaskus, Seidenstoffe aus Persien, goldene Filigranarbeiten aus Buchara, kunstvoll geschnittene Halbedelsteine, wie Malachit und Lapislazuli aus Sibirien. Die Bedeutung des Marktes liegt jedoch nicht in diesen Luxusgegenständen, sondern in den Unmengen von Roh- und Halbprodukten; in langen Budenreihen lagern Roß- und Rinderhaare, Kalb- und Ziegenfelle aus der Kirgisensteppe, Kamel- und Kaschmirwolle aus den Turanischen Steppen, sibirische Rauchwaren von Tobolsk und Jenisseisk, Tabak und Gewürze, feilgeboten von Armeniern und Persern, Unmassen chinesischen Tees, herzugeführt von Söhnen des himmlischen Reiches. Während in den Vierteln der Asiaten Schweigen herrscht, geht es in anderen Budenreihen ungemein lebhaft zu: in den Ständen der Eisenhändler von Tula, der Kattun- und Leinenhändler von Pawlowo, der Kurzwarenhändler aus den Ostseeprovinzen, der polnischen Süßholzverkäufer, der am Orte wohnenden Fleisch- und Fischhändler, die freilich auf eine Okainsel verwiesen sind. Die Marktpolizei hält Umschau bei Tag und bei Nacht im Lichte der elektrischen Lampen, doch hat sie selten Ursache, einzugreifen; verpönt ist besonders wegen der Feuersgefahr das Rauchen; sehr streng werden Taschendiebe und Falschspieler, Hochstapler im Kleide russischer Würdenträger oder biederer Kaufleute bestraft. Alle Völker Europas und Asiens geben sich hier ein Stelldichein. Der stets zu Scherzen aufgelegte blonde Großrusse sticht ab von dem finster dreinschauenden braunen Kleinrussen. Der Kosak als Marktpolizist legt am Tage das Gesicht in strenge Amtsfalten, des Abends aber trinkt er mit den Fabrikarbeitern von Pawlowo oder den Webern von Klasma Brüderschaft. Für die Zerstreuung der Meßgäste sorgen eine Menge »Salons«, wo Musik aller Art, von der Hirtenschalmei an bis zur Janitscharenmusik, vom Volkssänger bis zum Damenquartett herausschallt, ferner deutsche Bierstuben mit den üblichen Kellnern, russische, tatarische, persische Nationalschenken, Karusselle, Schaukeln, Operettenbühnen und Variétés. Der jährliche Umsatz hat sich von 51 Millionen Rubel im Jahre 1817 ständig gehoben. Doch schwankt die Umsatzziffer, da die Wege des Welthandels nicht fest sind; neue tun sich auf und alte verfallen, Englands Schiffe bringen den chinesischen Tee nach Europa, und die sibirische Bahn sucht ihnen zu Lande den Rang abzulaufen. Und der Weltkrieg mit seinen zerstörenden Folgen auch für das russische Riesenreich wird sich auch in dem Schicksale dieser osteuropäischen Handelsstadt spiegeln.   9. Die Großrussen. Nach J. C. Petri. Die russische Nation, die heute das Riesenreich Osteuropas füllt, ist ursprünglich ein slawischer Stamm gewesen, hat aber mit fortschreitender Entwicklung finnische und tatarische Stämme in sich aufgesogen und ist so emporgewachsen zu der volkreichen, durch die Sprache geeinten Masse von heute von nahezu 80 Millionen. Die Ausbildung einer so gleichartigen Nation von solcher Größe in verhältnismäßig kurzer geschichtlicher Zeit ist auf die Tieflandsnatur Osteuropas zurückzuführen, die einen raschen Verkehr friedlicher und kriegerischer Art nach allen Seiten gestattet. Der Hauptzweig der Nation sind die Großrussen (60 Mill.) im Innern und Norden, Nebenzweige die Kleinrussen (15 Mill.) im Süden in der fruchtbaren Ukraine, am Dnjepr, und Donetz und die Weißrussen (3½ Mill.) im Westen, unter polnischem Einflusse. Die Russen beherrschen außer dem breiten Osten Europas auch ganz Nordasien, Russisch-Asien wurde in drei selbständige Verwaltungsgebiete geteilt: Die Statthalterschaft des Kaukasus nebst den armenischen Besitzungen 473 000 qkm, Sibirien 12 500 000 qkm und Russisch-Zentralasien 3 500 000 qkm. einen Raum von 22 ¼ Millionen qkm, fast den 6. Teil der Landoberfläche der Erde mit 60 Millionen Menschen anderen Stammes. Dieses Reich ist ein Koloß, aber mit tönernen Füßen. Die völkische Einheit ist zwar da, die diese europäische Großmacht zusammenhält, aber es geht ein gesellschaftlicher Riß hindurch, der die Entfaltung der Macht hindert. In der Größe wetteifert dieses Riesenreich mit Großbritannien, vor dem es die Geschlossenheit voraus hat; denn Rußland ist eine Festlands-, England eine Seemacht. Jenes beherrscht von einem Mittelpunkte aus halb Europa und ein Drittel von Asien; dieses beherrscht von mehreren weit entfernten Punkten aus die Binnenmeere und den Ozean. Jenes hat durch seine Landkriege die gerade Richtung nach den Küsten und Strommündungen genommen; die Levante ist trotz der Dardanellen seinem Handel und seinen Kriegsschiffen geöffnet, und von Armenien aus weist ihm der Euphrat den Weg nach Indien; dieses kann nicht mit gleichem Vorteil von den Küsten aus, die es sperrt, in das Land eindringen und Gesetze vorschreiben. Noch wichtiger ist ein anderer Unterschied zwischen den beiden Riesenstaaten. Rußland befindet sich in den ersten Anläufen der allseitigen Entwickelung seiner ungeheueren Natur- und Volkskraft; aber der Abstand zwischen der Bildung der herrschenden Gesellschaft und der Unbildung der Massen ist so groß, daß die dadurch erzeugte innere Spannung stets Gefahr droht; die Großen mißbrauchen die Macht ihrer Intelligenz, die Massen die rohe Naturgewalt ihrer ungebändigten Kraft. Das einende und zügelnde Band für alle Russen, die rechtgläubige griechische Kirche, lockert sich hie und da auch schon: sie ist nicht mehr der stärkste Halt des Volkstums, in der die Tausende von Meilen entfernt wohnenden Stämme sich als Glieder eines Leibes fühlen, dessen Haupt der Zar, der sichtbare Stellvertreter Gottes, vorstellte. Auch in der Sprache herrscht kein bedeutender Unterschied. Das Russische zerfällt in zwei Hauptmundarten: in das Groß- und Kleinrussische. Jenes sprechen außer den Großrussen die donischen und alle anderen Kosaken großrussischen Ursprungs, sowie die Westrussen in den ehemaligen polnischen Provinzen; – dieses alle Kleinrussen, nicht nur in dem eigentlichen Kleinrußland, sondern auch in Podolien und in der früher sogenannten polnischen Ukraine, die Kosaken des Schwarzen Meeres, sowie alle übrigen von Kleinrussen abstammenden Kosaken. Alle Kosaken sind wahre und echte Russen, in Abstammung, Sprache, Religion und Sitte, und alle Russen sind eins durch ihre Sprache. Das Groß- und Kleinrussische ist bei weitem nicht so verschieden, als z. B. das Ober- und Niederdeutsche. Die große Einheit und Einförmigkeit des Volkes wird aber mächtig getragen und zusammengehalten von der Einförmigkeit des Landes , von der weit ausgedehnten unterschiedslosen Fläche, auf welcher kein Teil sich absondern kann, und alles – Mensch und Pflanze, Tier und Boden, Wind und Wetter – ein und dasselbe Gewand trägt. Das russische Weltreich konnte sich nur entwickeln auf russischem Boden. Der ganze europäische Teil Rußlands, vom Weißen bis zum Schwarzen Meere und vom Kaspischen See bis zur Ostsee, stellt eine weite Ebene dar. Gebirge scheiden Völker, geben den einzelnen besondere Gestaltung und bedingen dadurch entgegengesetzte, einander feindliche Volksstämme. Es ist bekannt, daß nirgends Volksstämme sich weniger zersetzen als in Gebirgen, und ein besonderer Volksstamm sich auch nirgends länger hält. Eine ganz andere Erscheinung bieten uns die Ebenen dar: bei der Offenheit des Landes, der Leichtigkeit der Verbindungen und Annäherungen streben verschiedene Volksstämme bei ihrem Aufeinanderstoßen ganz natürlich zur Verschmelzung hin; scharfe nationale Eigentümlichkeiten glätten sich ab, und bald bietet die ganze Ebene ein Volk, mit einem Glauben, einer Sprache, einerlei Sitten und bürgerlichen Einrichtungen dar. So sind auf dem Boden Rußlands, in der weiten Mittelebene zwischen Europa und Asien, auf diesem Tummelplatz der Völker, ungezählte Stämme aufeinander gestoßen, jeder Stamm lebte für sich und feindete die übrigen an; aber diese Absonderung und Feindschaft konnte sich nicht lange auf der Ebene erhalten; mit staunenswerter Schnelligkeit verschmolzen diese Stämme untereinander, sie fanden einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt; das Christentum verstärkte ihre Einheit, und in der Folge, als bei der Schwächung des Stammlebens einzelne Fürstentümer hervortraten, konnten auch diese nicht lange sich abgesondert behaupten. Der Mangel an Provinzialfeindschaft und provinzialen Unterschieden bedingte eine rasche Vereinigung aller Fürstentümer um Moskau her, und jetzt sind die Provinzialunterschiede in Rußland trotz seiner ungeheueren Ausdehnung unbedeutend. Infolge geschichtlicher Ereignisse waren viele russische Provinzen unter fremde Herrschaft geraten, aber die Natur selbst war dieser gewaltsamen Lostrennung entgegen, und Polen konnte das südwestliche Rußland nicht von dem nordöstlichen abreißen. Indes kann die ebene Beschaffenheit eines Landes allein nicht die Einheit des Reichsgebietes bedingen; zu einer raschen Verbindung und Ausgleichung der Stämme trugen vor allem die Verkehrsbahnen der zahlreichen Flüsse bei. Der Größe des Landes entsprechen riesenhafte Stromnetze, die sich wiederum fest untereinander verflechten. Die Flußwege spielen in der russischen Geschichte eine bedeutende Rolle; als Fischer und Schiffer sind die Russen an ihren Strömen groß geworden. Auf Schleppwegen oder Woloks einst, jetzt auf Kanälen drangen sie von einem Stromgebiet ins andere mit ihren Fahrzeugen vor. Ein 16 km langer Schleppweg führte sie vom Wolga- ins Obgebiet, und von Strom zu Strom drangen sie im 17. Jahrhundert erobernd im sibirischen Tieflande vor, bis 1639 Ochotsk gegründet wurde und der Kosak Deschneff 1648 am Ostkap Asiens das Banner mit dem Andreaskreuz aufpflanzen konnte. Das Russenvolk hat eine gewaltige Lebenskraft, eine unverwüstliche Zähigkeit. In besonderem Maße gilt das und alles folgende von dem herrschenden Stamm der Großrussen. Der Russe hat einen ebenmäßigen Körperbau ; der Wuchs ist in den verschiedenen Gegenden des großen Landes sehr verschieden, meistenteils aber eher groß als klein und mittelmäßig. Die Männergestalten sind im ganzen schöner als die Frauen. Von Natur verunstaltete Menschen trifft man höchst selten. In dem rauhen, aber gesunden Klima werden sie abgehärtet. Sie sind auch im allgemeinen nur wenigen Krankheiten unterworfen und erleben gewöhnlich ein heiteres, gesundes, oft sehr hohes Alter. Greise von 100, 110, ja 120 Jahren sollen gar nicht selten sein. Die Hauptzüge der Gesichtsbildung mögen ungefähr, soweit sich Allgemeines derart überhaupt feststellen läßt, folgende sein: Kleine durchdringende Augen, eine freie und offene Stirn, ein nicht sehr großer Mund, dünne Lippen, weiße Zähne, eine meist kleine und auswärts gebogene oder wenig aufgestülpte Nase, ein sehr starker Bart, dickes Haupthaar von verschiedenen Schattierungen, von dunkelbrauner bis roter Farbe, selten ganz schwarz. Über dem Gesicht liegt meist Ernst und Gutmütigkeit, auch Schwermut, seltener Schlauheit und Verschlagenheit. Gehör und Gesicht sind meist sehr scharf, die übrigen Sinne jedoch durch Lebensart und Klima mehr oder weniger abgestumpft. Der Gang und die Bewegungen des Körpers bei den Russen haben eine charakteristische Schnelligkeit und Heftigkeit, oft eine leidenschaftliche Lebhaftigkeit. Dabei sind sie gewandt an Geist und Körper, immer gutes Mutes, fröhlich, tätig – aber selten bis zu einer beharrlichen Anstrengung des Leibes oder Geistes; Freunde des Gesanges und der Musik, gutmütig aus Naturanlage; aber aufbrausend, heftig und bis zur Grausamkeit wütend, wenn sie beleidigt oder sonst gereizt werden – die nordischen Franzosen! Sie sind äußerst betriebsam, erfinderisch und schlau in ihrem Gewerbe, aber auch betrügerisch, zur Verschwendung geneigt, dienstfertig, gastfrei, gesellig und gesprächig. Selbst der gemeine Mann besitzt viel natürliche Beredsamkeit Vergleiche das Gespräch S. 151 ff. und eine gewisse natürliche Höflichkeit – ähnlich dem Franzosen. Fast dieselben Grundzüge findet man auch bei dem weiblichen Geschlecht; nur daß hier alles mehr verschönert und oft veredelt ist. Die Mädchen werden früher reif, als man in einem so kalten Klima vermuten sollte, und es ist gar nichts Seltenes, daß der Bräutigam erst 16-17 Jahre, die Braut 13-14 zählt. Es ist Volkssitte, früh zu heiraten; Erziehung, Lebensart, namentlich der häufige Genuß des Branntweins, der reichliche Gebrauch warmer Bäder tragen zur schnellen Entwickelung viel bei. Eine Folge davon ist aber, daß die Blüte und Schönheit des weiblichen Geschlechts früh verwelkt. Der Umgang beider Geschlechter ist ziemlich frei und ungebunden, namentlich auf dem Lande, wo man eng beisammen wohnt. Das Betragen der Männer auf dem Lande gegen ihre Frauen ist oft barsch, rauh, grob, hart; diese sind auch von Jugend auf zur Arbeit und Unterwürfigkeit gewöhnt. Doch genießen sie in den gebildeten Kreisen durchweg die Vorrechte und Freiheiten, welche Westeuropa dem schönen Geschlechte gestattet. Wenn man aber den Charakter eines Volkes genau kennen lernen will, so muß man die einzelnen Züge des Gemäldes nicht in den höheren Klassen der Einwohner aufsuchen, sondern bei den mittleren und niederen Ständen bleiben. Die oberen Klassen sind hier, wie überall, von der ursprünglichen alten Lebensart weit abgegangen und gleichen schon ihren westeuropäischen Standesgenossen sehr. Der Bürger und Bauer zeigt noch wie vor alters Frohsinn, Lustigkeit, Sorglosigkeit, Genügsamkeit, Zufriedenheit; aber auch Trunksucht, Härte, Sklavensinn und Sklaventücke, Jähzorn, Gefräßigkeit, wenn es auf Kosten anderer geht, Hang zum Stehlen, zum Aberglauben und zur Frömmelei. Der russische Handwerker ist talentvoll und geschickt, aber es fehlt ihm das Gründliche, Ausdauernde des Deutschen oder Engländers; er ist oberflächlich und leichtsinnig. Der Kaufmann und Krämer nimmt mit einem geringen Verdienste fürlieb, eben weil ihm, außer der Befriedigung seiner Trunksucht, der Überfluß wenig darbieten kann. Aber gerade diese Zufriedenheit mit mäßigem Gewinne und dürftigem Auskommen, sowie der sorglose Blick in die Zukunft erzeugen oft Müßiggang, der um so schädlicher ist, je seltener sich die unteren Stände zu ungewohnten Geschäften entschließen, wenn sie nicht durch besondere Aufmunterung, durch Beispiele oder sichtbare, leicht zu erreichende Vorteile oder durch harten Zwang dazu angespornt werden. Der Handwerker hält daher gern blauen Montag und treibt sich, wenn er kann, mehrere Tage lang in Kabaken (Schenken) herum. Zu den Hauptvergnügungen der Russen gehören Gesang und Musik . Diese Liebhaberei ist so allgemein und tiefliegend, daß man wohl sagen kann: »Der Russe lebt nicht ohne Gesang.« Der Gesang begleitet ihn bei allen Beschäftigungen, bei der Arbeit wie auf der Reise. Der Ackersmann singt hinter dem Pfluge, der Fuhrmann bei seinem Fuhrwerke, der Hirt bei der Herde, der Handwerker bei seiner Arbeit, der Soldat auf dem Marsche, selbst wenn er zur Schlacht zieht. Die Ruderer auf den Booten singen vollstimmige Lieder, wenn es nicht gegen den Sturm geht und zu scharf gerudert wird. Am Sonntage und an Festtagen findet man bei gutem Wetter an allen Orten, selbst im kleinsten Dorfe, Tanz und Gesang, begleitet von ländlicher Musik, der Gusli oder liegenden Harfe und der Balalaika, einem mit zwei Darmsaiten bezogenen Instrumente von Tannenholz, fast wie eine Zither gestaltet. Sogar im strengsten Winter, besonders um die Weihnachtszeit, sieht man die Dorfjugend bis spät in die Nacht singend und spielend auf den Straßen umherlaufen. Die Lebenshaltung der gemeinen Russen ist sehr einfach. Ihre Wohnungen sind meistenteils einstöckige Rauchstuben, hie und da auch, besonders an den Poststraßen, gut gebaute Häuser mit Schornsteinen. Die Bauart ist die im ganzen Norden gebräuchliche: übereinander gelegte und an den vier Ecken ineinander gefügte Balken, deren Zwischenräume mit Moos verstopft werden, mit Stroh oder bretterähnlichen Schindeln gedeckte, warme Häuser. Es gibt Dörfer, die an Größe und Bauart manche kleine Kreisstadt übertreffen, wo die Gebäude sehr fest, geräumig, bequem, ja mitunter zierlich bemalt sind. Indessen gewährt auch das schlechteste russische Dorf dem genügsamen Reisenden einen erfreulichen Anblick. Man sieht überall tätige, geschäftige und frohe Menschen. An schönen Sommerabenden versammeln sich nach beendigter Tagesarbeit die jungen Burschen und Mädchen in den Dörfern auf freien Plätzen, singen und springen, schaukeln und belustigen sich durch allerlei Volksspiele. Bei dem Adel gehörte es mit zu der ländlichen Abendkurzweil im Winter, daß ein Chor junger Bäuerinnen, sauber und schön gekleidet, die Gesellschaft durch Gesang und Tanz ergötzt. In seiner Heimat und unter seinem Dache ist der Russe sehr genügsam und nimmt mit der geringsten Kost fürlieb. Schwarzes Brot von ungebeuteltem Mehl, oft schlechter als Kommißbrot, frischer oder saurer Kohl, Rüben, Erbsen und Bohnen, am liebsten aber Grütze und Salzfische, Zwiebeln, Knoblauch und Gurken, selten Kartoffeln, sind seine gewöhnlichen Speisen. Fleisch, meistens geräuchertes, wird nur an Sonn- und Feiertagen in die Kohlsuppe getan. Schwämme, Fleischpastetchen (Piroggen), Fische mit Kohl und Wurzelwerk, Eier- und Pfannkuchen gelten schon für Leckerbissen. Frisches Obst, allerlei wilde Beeren und Haselnüsse werden zum Nachtische aufgetragen. Saure rote Rüben oder Kohl, mit Grütze und Pfeffer gewürzt, sind sein Lieblingsgericht in der Ukraine; auch ist ein Gemisch von Fleisch, Grütze, Mehlbrei, mit Zwiebeln und Knoblauch gewürzt, sehr beliebt. Das allgemeine Nationalgetränk ist Kwaß, der von Roggenmehl, Brot, auch bisweilen aus Malz, durch Gärung und Säuerung bereitet wird, unserem Dünnbier ähnlich ist und eine angenehme Erfrischung gewährt. Die Russen haben viel natürlichen Erwerbssinn . Schon Peter der Große setzte unter eine Bittschrift etlicher polnischer Juden, die um Handelsfreiheit in seinem Reiche nachsuchten, den Vermerk: »Nichts von Juden hier; ich kenne meine Russen, sie verstehen den Kram besser als ihr.« Das Sprachtalent unterstützt den Großrussen sehr bei seinen Handelsunternehmungen. Hat er sein Kapital, so weiß er die Prozente davon zu gewinnen. Sein Kopf ist erfinderisch, seine Augen sind wachsam, seine Hände flink, seine Füße schnell, sein Magen genügsam. »Man setze ihn,« sagt ein russisches Sprichwort, »mit einem Geldbeutel auf einen Stein, und er wird sich nähren.« Die der ganzen Nation eigene Erwerbslust ließ auch die Leibeigenschaft, deren gänzliche Abschaffung seit dem Regierungsantritt des volksfreundlichen Kaisers Alexander II. angebahnt und trotz dem Widerstreben des russischen Adels und teilweise selbst der befreiten Bauern durchgesetzt ward, weniger empfinden, da die Hörigen nicht, wie ehemals noch die Esten und Letten, an ihren Erbacker gebunden waren. Dem russischen Erbherrn war es gleich, wo sein Leibeigener sich aufhielt, wenn er nur seine Obrok (Geldabgabe) bezahlte und mit einem Passe oder Erlaubnisscheine versehen war. Hierzu kommt, daß der Russe sein Ich, sein Vaterland, seine Nation, seine väterliche Religion über alles liebt und ehrt, wodurch er sich mit anderen Nationen unvermischt hält. Nur selten und nicht ohne Not wird er das Vaterland des Gewinnes halber verlassen, und wenn er es ja tut, kehrt er gewiß bald wieder in seine Heimat zurück. Er geht wohl in eine andere Provinz, aber nie in ein ganz fremdes Reich. Deswegen ist auch das Davonlaufen der Soldaten nach Schweden oder Preußen nur ein seltener Fall. Vornehme und geringe, arme und reiche Russen sind Freunde der Jagd . Die vornehmen lieben vorzugsweise die Hetzjagd, bei welcher Hasen und Füchse mit Windhunden, bisweilen auch Bäre und Wölfe mit Packern (Bärenhunden) gehetzt werden. Im Winter findet man in den Dörfern oft wenig Männer zu Hause. Sie sind in dieser Jahreszeit meistens als Fuhrleute (Jämtschiks) abwesend, um für billige Fracht Bodenfrüchte und Waren nach allen Häfen, Stapelorten und Handelsplätzen des Reiches zu führen. Andere beschäftigen sich mit allerlei Handarbeiten, Schlittenmachen, Verfertigen hölzerner Geräte, Töpferwaren, Korb-, Matten- und Bastschuhflechten. Andere stricken Netze und verarbeiten Bast und Hanf zu Stricken, Leder zu Pferdegeschirr, drechseln Löffel und Schalen usw. Wenn der russische Bauer nur einigermaßen wohlhabend ist, so sieht er in seinem Hause wie an seiner Person sehr auf Reinlichkeit und Ordnung. Nicht nur er selbst und die Seinigen gehen wenigstens alle Wochen einmal (gewöhnlich am Sonnabend) in die heiße Badestube, sondern auch die Stuben und Kammern werden fleißig gewaschen und gereinigt. Der gemeine Russe läßt noch immer wie vor Jahrhunderten seinen Bart wachsen und trägt rund um den Kopf abgeschnittenes Haupthaar. Die Kleidung der Männer ist in allen Provinzen so ziemlich dieselbe; bloß in der Ukraine hat sie den polnischen Zuschnitt. Sie besteht im Sommer aus langen, weiten, grobleinenen Hosen, einem mit kurzen Ärmeln versehenen und um den Leib mit einem ledernen Gurt befestigten Hemde, über welches, wenn es kälter wird, ein langer Rock von grauem Landtuche mit sehr langen Schößen gezogen wird. Dieser Rock wird mit einer Art farbiger, wollener oder leinener Schärpe umgürtet. Im Winter trägt jeder einen Schafpelz, der Ärmere ohne Überzug, der Reiche mit Tuch oder Zeug überzogen. Als Kopfbedeckung haben die Männer im Sommer einen runden Hut mit schmaler Krämpe, im Winter aber eine mit Tuch oder Plüsch überzogene Pelzmütze. Statt der Strümpfe werden bei den Ärmeren die Füße mit langen Binden von Linnen oder grobem wollenen Tuch umwickelt, und die Schuhe sind von Lindenbast geflochtene Socken, oder auch Sandalen von rotem Leder, die über dem Fuße zugeschnürt werden. Die Hochzeiten der Dorfbewohner werden mit großem Jubel und Lärm gefeiert. Acht Tage vor der Trauung verlobt sich das junge Paar vor dem Popen, und diese Verlobung ist unauflöslich. Bei der Trauung wird in der Kirche vor den Brautleuten ein heiliges Bild hergetragen; es wird ihnen dann ein Kränzchen aufgesetzt, und sie wechseln vor dem Altare die Ringe, worauf sie mit vielem Kreuzmachen vom Geistlichen eingesegnet werden, nachdem sie zuvor aus einem Becher getrunken haben. Nach Hause zurückgekehrt, reicht ihnen der Brautvater ein Brot mit etwas Salz, mit dem Wunsche, daß es ihnen nie daran fehlen möge. Nun wird geschmaust, gezecht, getanzt – oft mehrere Tage lang. Ein »Hanswurst« muß schon auf dem Zuge zur Kirche und aus der Kirche, besonders aber beim Mahle seine Possen reißen und die Hochzeitsgesellschaft im Lachen erhalten. Die Gebräuche der Religion halten die Russen sehr eifrig. Man findet in jeder Stube, der Tür gegenüber, an der Wand eine Kapsel oder ein Schränkchen, worin sich das Bildnis desjenigen Heiligen befindet, den der Hausherr zu seinem Schutzpatron gewählt hat. Gewöhnlich ist dies der Ritter St. Georg, welcher den Lindwurm erlegt. Vor diesem Heiligenbilde, das zwei kleine Vorhänge bedecken, macht jeder Eintretende, noch vor Begrüßung der Hausgenossen, seine Verbeugung und ein paar Kreuze mit den Fingern der rechten Hand, begleitet von dem gewöhnlichen, in allen Kirchen unzählige Male ertönenden Gospodi pomilui (Kyrie-Eleison). Die Männer entblößen dabei ihr Haupt, lassen es auch oft aus Hochachtung – nicht vor den Anwesenden, sondern vor dem Heiligen – unbedeckt bis zum Weggehen. Jene Verehrung empfängt der Heilige von allen Bewohnern des Hauses, jeden Morgen und jeden Abend, vor dem Essen, ja vor dem Trunke. Bei wirklichen Zechgelagen machen sie sich aber von den Bräuchen frei, ziehen auch wohl die Vorhänge des Heiligenschreins zu, damit der Heilige nicht sehe, daß sie betrunken sind. Überhaupt wird jedes Heiligenbild, sei es in einer Mauernische oder auf einer Prozession usw., mit Bücklingen und Kreuzen begrüßt. Auch trägt jeder Russe und jede Russin ein kleines gemaltes Heiligenbild oder metallenes Kreuz, welches ihnen bei der Taufe umgehängt wird, bis an den Tod auf der Brust, und orthodoxe Geistliche tragen Bedenken, einem Verstorbenen, bei welchem dieses Zeichen seines Christentums sich nicht findet, ein ehrliches Begräbnis zu geben. Vor diesem Heiligtum hat jeder Russe eine tiefe Verehrung, läßt sich aber dadurch nicht abhalten, nach seinem Gelüst zu handeln. Er braucht indessen die Vorsicht, das Kreuz oder das Heiligenbild jedesmal, wenn er im Begriff steht, eine sündhafte Handlung zu begehen, vorher abzulegen, so wie er den Stubenheiligen zudeckt, damit dieser nicht Zeuge seiner bösen Taten sei. Nach vollbrachter Tat wird das Bild wieder umgehängt und der Vorhang wieder aufgezogen. Diejenigen Russen, welche an Sonn- und Festtagen die Kirchen nicht besuchen, unterlassen doch nie, ihre Hausandacht zu halten. Der Herr des Hauses tritt mit sämtlichen Hausgenossen vor das Heiligenbild, vor welchem Lichter brennen. Man bückt und bekreuzt sich, ruft mehrere Male Gospodi pomilui; die Andächtigsten knien auch wohl nieder, stemmen die Hände auf die Diele und drücken sogar die Stirn dagegen. Dies alles geschieht noch weit öfter in der Kirche, wo auch die Gebildeten und Vornehmen den Brauch nicht unterlassen. Wenn man sagt, der Russe müßte durch Strenge und harte Strafen zum Arbeiten gezwungen werden, so ist das nicht durchaus wahr. Billige Vorgesetzte und gerechte Herren haben das nicht nötig, und es galt nur für solche Leibeigene, die durch lange Knechtschaft an das Prügeln gewöhnt waren. Leider sind Billigkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht eben die Tugenden der russischen Großen und Erbherren. Sie haben ihre Untergebenen harthäutig gemacht. Sie prügeln die Postknechte, wenn diese nicht schnell genug fahren; Deutsche, Engländer oder Franzosen, die in Rußland reisen, haben das aber nicht nötig und kommen mit einem kleinen Geschenke an Geld oder einem Glase Branntwein ebenso weit. Es ist unglaublich, was diese Menschen aushalten konnten und wie weit ihre Abstumpfung, aber auch Stärke und Festigkeit ging. Manche hielten 30, 60, ja 100 Knutenhiebe aus. Manche bekamen mit Batoggen, d. h. kleinen hölzernen Stäben (liegend, wobei zwei Männer Arme und Füße festhalten), 400-500 Hiebe, wodurch der ganze Rücken zerfleischt wurde, und standen dann wieder auf, ohne gehalten oder geführt zu werden. Die Ausdauer und Unverwüstlichkeit ist eine Folge teils des rauhen Klimas, teils der harten Erziehung. Diese unmenschlichen Strafen sind zwar verboten, werden aber hie und da doch noch gehandhabt. Es geschieht oft, daß Eltern ihre Kinder erst in heißem Wasser baden und dann nackt in den Schnee stecken, daß sie rot werden wie gesottene Krebse. Die meisten halten es aus, weil sie einen gesunden Körper auf die Welt bringen. Die Kinder werden auch sehr früh an die härtesten Arbeiten gewöhnt, sie bekommen wenige und nur harte Kost zu essen und werden bei kleinen Vergehen nachdrücklich gestraft, obwohl die Russen große Kinderfreunde sind. Diese Strenge bewahrt sie vor Entnervung und Weichlichkeit; sie bildet Kernmenschen, die sich in der Folge in alle Umstände schicken, keine Gefahr noch Schwierigkeit scheuen, alle Anstrengungen ertragen, alles aushalten, alles unternehmen, jeder Mühsal trotzen. Daher erklärt sich ihr Mut, ihre Kühnheit, Unerschrockenheit, Unverdrossenheit, Beharrlichkeit, Ausdauer bei Frost und Hitze, bei Hunger und Durst, im Felde, auf dem Meere, in der Wüste, bei jeder Witterung. Ihr ganzes Aussehen zeugt von Kraft, Mut und Stärke. Sie haben große Lust zu Leibesübungen, und diese sind alle von solcher Art, daß man die Härte ihrer Körper mit in Betracht ziehen muß, um ein Vergnügen darin zu entdecken. Man sieht sie fast täglich ringen, sich balgen, schlagen, werfen, mit Fäusten stoßen, einander ein Bein stellen, zu Boden strecken und sonst noch ihre Stärke versuchen. Ihr größtes Vergnügen ist das Schaukeln und Herumdrehen auf den bekannten, den Windmühlen ähnlichen russischen Schaukeln, das Gleiten auf dem Eise und das pfeilschnelle Herabfahren von künstlich gemachten Eisbergen auf kleinen Schlitten. Schnelles Fahren überhaupt, im Winter wie im Sommer, lieben alle Russen. Ohne Bad kann kein Russe leben; doch lieben alle die heißen Bäder mehr als die kalten. Wenn es ihnen im Leibe nicht recht ist, trinken sie ein oder zwei Glas Branntwein, essen Schießpulver, kauen Tabak und gehen darauf ins Schwitzbad. Eine solche Badestube ist in vielen Häusern, und jedes Dorf hat deren wenigstens zwei bis drei. Sie sind so gebaut, daß sie bis zu einem hohen Grade erhitzt werden können, und, wo es angeht, legt man sie gern an einem Flusse an, damit man nach dem Dampfbade sich gleich wieder abkühlen kann. In diesem Dampfbade waschen und reiben sie mit grünen und dürren Birkenbüscheln nicht nur den ganzen Körper in heißem Wasser, sondern sie reinigen auch ihre Kleider und Hemden von allerlei kleiner Einquartierung, indem sie selbige über dem Feuer ausschütteln oder an den heißen Ofen hängen, wo dann die Hitze alles, was lebt, tötet. Viele machen sich hinterher noch das Vergnügen, daß sie mit dem hochrot aufgedunsenen Leibe aus der heißen Badestube nackt herauslaufen, in den nahe gelegenen Fluß springen oder sich im Schnee herumwälzen, darauf wieder in die heiße Stube zurückkehren und es so lange wiederholen, bis sie es satt haben. Nach der Versicherung vieler soll diese Kur sehr angenehme Empfindungen erregen. Die vornehmen und reichen Russen haben ebenso Badestuben in den Landhäusern wie der gemeine Mann. Sie sind aber viel größer und bequemer und oft mit ausgesuchter Üppigkeit eingerichtet. Mit Recht hat man dieser Gewohnheit der Russen, die stärkste Hitze eines Dampfbades mit der größten Kälte abwechseln zu lassen, die Kraft, Abhärtung und Widerstandsfähigkeit ihrer Natur zugeschrieben, da sie von frühester Jugend dazu gewöhnt werden. Wenn man von ihrer Trunkenheit spricht, so muß man nicht glauben, daß sie diese zur Gewohnheit machen, sondern derselbe Bursche, der heute betrunken sich auf der Straße wälzt, ist nicht bloß morgen, sondern mehrere Wochen nachher wieder der nüchternste, mäßigste und arbeitsamste Mensch und löscht seinen Durst mit Wasser, ohne nach Branntwein lüstern zu sein. Er fordert auch zu Hause nie barsch, sondern fast immer bittend, und ist dankbar, wenn man ihm etwas über seinen kärglichen Lohn gibt. Will er sich einmal etwas zugute tun, d. h. sich berauschen, so bittet er ganz unbefangen um Erlaubnis dazu und sagt: »Väterchen, ich kann es nicht länger mehr aushalten, ich muß mich einmal besaufen! Morgen früh bin ich wieder nüchtern und mache alles gut und ordentlich.« Es tut nicht gut, wenn er von seinem löblichen Vorsatze abgebracht wird; denn er läßt das Trinken doch nicht und wird von dem Augenblicke an mißtrauisch. Gönnt man ihm einmal das Vergnügen, einen halben Tag lang wahnsinnig zu sein, so verrichtet er nachher seine Geschäfte noch einmal so willig. Ähnlich ist's auch mit dem Essen. So starke Mahlzeiten der Russe zu sich nehmen kann, wo sie ihn nichts kosten, so einfach und sparsam lebt er meist daheim mit seiner Familie. Genügsamkeit ist sogar als ein Hauptzug im russischen Volkscharakter zu bezeichnen. Auch in Zeiten größter Entbehrung bleibt er heiter und lustig. Gastfreundschaft liebt der Russe sehr. Vom Muschik, dem Bauern, bis zum Fürsten herauf nimmt jeder seinen Gast in Ehren auf und bewirtet ihn mit dem Besten, was er bieten kann. Die Leute mittleren und niederen Standes setzen dem Gaste nach dem Frühstücke, das aus hartem, geräuchertem Fleische oder aus getrockneten oder gesalzenen Fischen besteht, beim Hausvater anhebend ein »Schälchen« vor, d. h. ein Glas Branntwein; dann bekommen die Hausfrau, die Söhne, endlich die Töchter – je ein Gläschen Schnaps, das man nicht abschlagen darf, ohne unhöflich gescholten zu werden. Beim Mittagessen wird Kwaß, Bier, selten Wein getrunken; nach Tische Tee mit Kirschbranntwein oder Zitronensaft und dgl.; um 4 Uhr vielleicht ein Punsch mit Arrak, dann wieder Bier, Schälchen und so auch nach dem Abendessen. Wer alsdann noch bei Sinnen ist, geht heim und legt sich aufs Ohr. Der rohe echte Russe aber zecht, lärmt und singt fort, tollt und macht Späße, je wilder desto besser. Erinnert diese Art nicht an die Erzählungen von den Trinkgelagen unseres Mittelalters?   10. In russischen Kirchen. J. G. Kohl, Reisen im Innern von Rußland und Polen. 1. Teil: Moskau. Rußland empfing sein Kirchentum von Byzanz her und damit auch, den Baustil der Gotteshäuser. Natürlich wurde auf fremdem Boden das Christentum und der Kirchenbau den neuen Verhältnissen des Volkstums angepaßt, und es entstanden so die griechisch-russische Kirche und der ihr eigene byzantinisch-russische Baustil, der auch auf die weltlichen Bauten überstrahlte. Rußland hat sehr wenige alte Kirchen, weil man zuerst aus Holz baute, das leicht ein Raub der Flammen oder der Fäulnis wurde. Erst gegen das Ende unseres Mittelalters wurden Steinkirchen errichtet; die ältesten stehen in Kiew und auf dem Kreml Moskaus. Die Hagia Sophia in Konstantinopel ist das Urbild dieser Kirchen. Hier wurden sie nur klein, mit äußerst dicken Mauern und kleinen Fenstern ausgeführt; sie sind daher unglaublich finster . Das Dach trägt fünf zierliche Zwiebelkuppeln, von denen die größte in der Mitte thront, die anderen im Geviert um sie her angeordnet sind. Jede endet in einem hohen vergoldeten Kreuze, das auf einem Halbmonde steht, mit allerhand Ketten behangen und durch sie an der Kuppel verankert ist. Von außen sind die Kuppeln mit grellbunten Farben angestrichen, schreiend rot, grasgrün, himmelblau – oder sie sind auch über und über vergoldet oder versilbert. Im Innern blickt von der Hauptkuppel irgendein Bild herab, bunt, aber schreckhaft häßlich: das Bild Christi, Marias, Johannis oder eines greisen Mannes, unter dem man Gott den Vater darstellen wollte. Die Wände sind gewöhnlich ebenso von oben bis unten mit wunderlichen Heiligen- und Engelsgestalten bemalt, die alle ungefähr in der Art der 10 m hohen hölzernen Maria in der Kirche zu Marienburg in Preußen oder des Markt-Rolands zu Bremen ausgeführt sind. So wenig alte Kirchen Rußland aufzuweisen hat, so zahlreich drängen sich die neueren Kirchen in den Städten dieses Reiches. Es gibt jetzt keine Stadt in Rußland, die nicht, aus der Ferne betrachtet, mit ihren vielen weißschimmernden Kirchen, unzähligen Kuppeln und Türmen wie ein kleines Konstantinopel aussehe. Ja, Ortschaften, die ihrer Holz- und Lehmhäuser wegen, in der Nähe betrachtet, kaum für Flecken gelten würden, machen in weite Ferne hinaus fürs Auge so viel Aufsehen, daß man eine Residenz vermutet; alles bloß durch ihre zahlreichen neuen Kirchen. Diese werden nun durchweg in einem eigenen neurussisch-byzantinischen Stile gebaut, der sich wie der alte auf eine quadratische Kirche mit einer großen Kuppel in der Mitte und vier kleinen auf der Seite beschränkt. Dazu kommt aber als hauptsächlichste Neuerung eine Menge von Säulen, gewöhnlich der reichen korinthischen Ordnung, eine bedeutende Vermehrung der Fenster und eine Vergrößerung der Räume. Jetzt haben die Kirchen einer kleinen russischen Kreisstadt für mehr Gläubige Platz, als die alten Kathedralen der ehemaligen großmächtigen Republik Nowgorod. Die Sitte, Uhren auf den Türmen zu haben, ist in Rußland völlig unbekannt; auch hängt man keine Glocken darin auf. Dazu hat man bei allen Kirchen ein eigenes Gebäude, den sogenannten »Kolokolnik«, d. h. den Glockenträger. Dieser Kolokolnik ist bei den ländlichen Kirchen in baumreichen Gegenden gewöhnlich eine alte Eiche, die in ihren Ästen das ganze bunte Geläute der Kirchen trägt, als wären die Glocken große Baumfrüchte. In den Gegenden der Fichtenbäume hängen die Glocken der Reihe nach bloß an einem dicken Querbaum, den zwei andere in der Erde steckende in der Höhe tragen. Der zierlichere Baustil hat nun diesen rohen hölzernen Glockenträger teils in einen aus Steinen aufgeführten Bogen verwandelt, der einer Triumphpforte nicht unähnlich sieht, unter der die Glocken hängen, teils aber an seine Stelle einen Turm gesetzt, welcher von der Kirche abgesondert für sich aufgebaut ist. Gewöhnlich hängen diese Türme voll Glocken wie die Palmbäume voll Kokosnüsse, voll kleiner, mittelgroßer, riesengroßer, brummender, brüllender, klingender, schreiender und schellender Glocken. Wenn sich so ein russischer Kolokolnik dann an einem Festtage in Arbeit setzt, aus allen seinen Luftlöchern feuert und mit allen seinen Lungen leiert und schreit, oder wenn in einer Hauptstadt deren zwanzig bis dreißig auf einmal ihr Konzert beginnen, dann gnade Gott allen Ohren, deren Nerven einigermaßen tongerecht gestimmt sind. Die Russen finden indes ihr Geläute nicht so unleidlich wie wir Fremden. Denn gerade an Feiertagen sind die Kolokolniks immer sehr besucht und gewöhnlich von oben bis unten mit Menschen eingefaßt, die sich in ihrem Sonntagsschmuck unter dem Glockengeläute hinsetzen und in die Welt hinausschauen. Einen russischen Küster läuten zu sehen, gewährt einen besonderen Anblick. Er setzt die Glocken selbst nicht in Bewegung, diese hängen vielmehr fest, haben auch keinen Klöppel. Bei jeder Glocke ist ein Hammer beweglich angebunden. Von diesen Hämmern führen nun auf allen Seiten Stricke zu dem Küster, der entweder, wenn er nur mit ein paar Glocken läutet, auf einem Stuhle in der Mitte sitzt und abwechselnd bald an diesem, bald an jenem Stricke zieht, oder, wenn er viele Glocken zu bearbeiten hat, dabei steht. Alsdann hält er ein paar Stricke in den Fingern jeder Hand, einen anderen hat er über den Rücken gebunden, und noch ein paar bewegt er mit den Beinen. Die Bewegungen, die er nun rückwärts, vorwärts, bald zur Rechten, bald zur Linken macht, sind oft sehr komisch, und ein russischer Zar soll die Sache so vergnüglich gefunden haben, daß er bei seiner Hofkirche gewöhnlich selbst den Küster spielte. Von den Stadtkirchen weichen aber die Dorfkirchen sehr ab. In Großrußland sind die meisten Dorfkirchen nur einfache, hohe, hölzerne Häuser mit einem großen Kreuze auf dem Dache, ohne Turm und anderweitige Auszeichnung; nur befindet sich der meist schiefe und halbzerfallene Kolokolnik zur Seite. Im Norden hat auch die Härte des Klimas einen Unterschied zwischen Sommer- und Winterkirchen eingeführt. Gewöhnlich sind beide in einem Gebäude derart miteinander verbunden, daß die Sommerkirche über die Winterkirche gesetzt ist. Jene ist dann ein hoher, luftiger, heller Raum im zweiten Stockwerk des Gebäudes, diese ein niedriges, dunkles Gewölbe, in das nur spärlich Licht und Luft eindringt. Solcher doppelten Kirchen findet man selbst in Petersburg einige und in Moskau noch viele. Da aber auf diese Weise weder die eine, noch die andere sich baulich entwickeln kann, so setzt man jetzt in die neueren Kirchen viele großen Öfen, die beständig geheizt werden, und versieht den Eingang mit doppelten Türen. Die Kirchen mit den Öfen und der angenehmen warmen Luft gleichen, besonders wenn man noch eine gewöhnliche Hausuhr darin ticken hört, unseren Wohnzimmern. Das Innere zerfällt wesentlich nur in zwei Teile, nämlich in den großen, für die Gemeinde bestimmten Raum und in das davon getrennte Allerheiligste, wo der Altar steht. Beide Teile werden durch eine Art von spanischer Wand, die gewöhnlich aus Holz gezimmert ist, voneinander geschieden. Diese Wand heißt »Ikonostas«, d. h. Bildergerüst , weil sie auf der nach der Kirche zugewandten Seite von oben bis unten mit Heiligenbildern bedeckt ist. Vor dieser Wand her läuft noch eine niedrige Empore, welche einen etwas erhöhten Raum, zu dem man auf einigen Stufen hinansteigt, abschließt. Dieser Raum stellt eine Art von Vorhof oder Vorbühne des Allerheiligsten dar. In der Mitte des Allerheiligsten steht der Altar, mit Teppichen geschmückt. Darauf liegen stets ein großes Evangelium, häufig mit Gold und Edelsteinen bedeckt, ein Kreuz von Silber, an dem aber, weil die griechische Kirche keine Skulpturen duldet, der Heiland gewöhnlich nicht angebracht ist, sondern in das nur Engelsköpfe und andere Verzierungen eingeritzt sind. Dieses Kreuz liegt platt auf dem Tische. Stehende Kreuze sieht man überhaupt nicht in den russischen Kirchen. Alsdann befindet sich in der Mitte des Altars zwischen dem Evangelium und dem Kreuze die Hostie. Zuweilen stellt man sie in ein kleines Schränkchen oder in einen aus Metall gebildeten Berg, der über und über mit Engeln besetzt ist, und worin in einer Höhle ein kleiner silberner Sarg steht, in dem sie liegt. Da das Allerheiligste in der ganzen Kirche, der Altar aber im Allerheiligsten und dies Schränkchen mit der Hostie auf dem Altare das Wichtigste ist, so ist dieses eigentlich als der Mittelpunkt der ganzen Kirche zu betrachten, auf den sich alle Blicke vereinigen, um den sich eigentlich das ganze Leben der Kirche dreht, weshalb man denn auch alles mögliche angewandt hat, dieses Hauptstück aller Kirchengerätschaften recht glänzend zu machen. Sehr häufig ist jener ganze Berg von gediegenem Silber, ja in der Auferstehungs-Kathedrale in Moskau ist er sogar von reinem Dukatengolde, ein Meter hoch mit allen seinen Figuren, Höhen und Gipfeln. Weiter stehen auf dem Altar ein Becher und silberne Teller fürs Abendmahl, bedeckt mit den schön gestickten »Wosduchi«. Das sind bunte Tücher, mit welchen der Becher in dem Augenblicke bedeckt wird, wo die Verwandlung des Weines vor sich gehen soll. Die russischen Frauen betrachten es als ein Werk der Frömmigkeit, dann und wann solche Tücher für die Kirche zu sticken. Der Ikonostas ist von drei Türen durchbrochen, durch welche das Allerheiligste mit dem übrigen Raume der Kirche in Verbindung steht. Die mittlere dieser Türen heißt die » königliche « oder » zarische Pforte «, weil durch diese außer dem Oberpriester – welcher sie nur bei den feierlichen Handlungen des Gottesdienstes, z. B. beim Hineintragen des Brotes und Weines, durchschreitet – nur noch der Kaiser , und auch der nur beim Genusse des heiligen Abendmahls, eintreten darf. Diese Tür ist daher gewöhnlich verschlossen und öffnet sich während des Gottesdienstes nur selten, die Osterwoche allein ausgenommen, wo sie sieben Tage und sieben Nächte lang offen steht. Die beiden Seitentüren dagegen sind immer geöffnet, und die Priester gehen durch sie aus und ein. Auch ist sonst jedermann, welches Bekenntnisses er auch sei, der Durchgang verstattet, auch der Eintritt in das Allerheiligste; aber beides ist Frauen auf das strengste untersagt, mit Ausnahme der Nonnen. Die beiden Seitentüren haben nichts Besonderes, desto mehr Fleiß wird aber auf die prächtige Ausschmückung der königlichen Pforte verwendet. Das, was hinter ihnen beim Gottesdienste am Altare geschieht, soll allerdings für den Zuschauer in einigem Dunkel gehalten werden. Dennoch aber muß, damit dem Geheimnisse nicht sein Reiz genommen und die Spannung erhöht werde, etwas von dem inneren Getriebe im Allerheiligsten wahrnehmbar sein, das Ganze aber in einem gewissen Helldunkel erhalten werden. Zu diesem Ende sind daher die königlichen Pforten immer von durchbrochener Arbeit, so daß große Zwischenräume zum Durchblicken bleiben, und hinter ihnen hängt allemal ein halbdurchsichtiger Vorhang, gewöhnlich von rotschimmerndem Seidenstoffe. Hinter diesem Vorhang schaffen denn die Priester wie hinter einem Schleier. Die königlichen Türen selbst, die immer in vergoldeten Stoffen gearbeitet sind, stellen in halb erhabener Arbeit sehr Verschiedenes dar. Zuweilen sind sie nur ein buntes Gitterwerk mit goldenen Frucht- und Blumengirlanden. Zuweilen bilden sie eine goldene Sonne mit tausend Strahlen, die sich dann während des Gottesdienstes auf einmal auseinander tut und den Altar zeigt. Zuweilen ist es der Berg Zion, von oben bis unten mit Zinnen und Tempeln besetzt, der sich darin plötzlich in zwei Teile spaltet und der Welt den Altar zeigt. Die Bilder des Ikonostas sind nur zur Hälfte Ölgemälde und größtenteils mit Silberblech überzogen. Es ist nämlich in der griechischen Kirche Sitte, nur Gesicht und Hände eines heiligen Gemäldes unbedeckt zu zeigen, alles andere aber mit einem Silberblechpanzer zu überziehen, in welchem dann das Verdeckte durch halb erhabene Arbeit dargestellt wird – Häuser, Bäume, Mäntel, Mützen, Schwerter, Kreuze usw.; dieses alles ist von Silber oder auch Gold, und durch die gelassenen Öffnungen küssen dann die Gläubigen die Stirn, Füße und Hände. In solchen Bildern steckt oft ungeheurer Wert, z. B. in dem der heiligen Mutter Gottes von Kasan, das mit den herrlichsten Brillanten geschmückt ist. Der Raum zwischen den Bildern ist mit reichen Gewinden vergoldeter Blumen, mit Blättern, Ähren und Früchten geschmückt, namentlich mit Weintrauben, denn »die Traube ist die reichste Frucht und besonders dazu geeignet, die Fülle der Gnade, an der die Kirche so reich ist, vorzubilden«. Auf der kleinen Vorbühne vor dem Ikonostas stehen viele mächtige Leuchter mit vergoldeten, dicken Wachskerzen zur Beleuchtung, wozu auch die vielen aufgehängten Lampen dienen, die statt der Ölflammen gewöhnlich Wachskerzen tragen. Vor der königlichen Tür auf der Vorbühne liegt ein Teppich, auf dem bei den meisten Verrichtungen der Oberpriester steht. Auf diesem Teppich erblickt man Wolken gestickt, und in der Mitte den heiligen Geist in Gestalt einer Taube, die aber zuweilen so groß ist wie ein Adler. Diese Vorbühne ist dann auch für den Sängerchor bestimmt, welcher immer zur Seite an einer der Ecken aufgestellt ist. Orgeln fehlen, es dürfen auch keine Blas- und Streichinstrumente angewandt werden. In dem übrigen Raume ist dann alles ziemlich leer, an den Pfeilern und Wänden hängen noch Heiligenbilder mit den brennenden Kerzen oder Siegeszeichen, Fahnen, Schlüssel eroberter Festungen u. dgl.: man sieht aber gar keine Sitze für die Versammlung. Das stete Knien, Bekreuzen und Stirnschlagen verbietet das Sitzen. Auch gibt es keine besonderen Abteilungen für den Magistrat, für höhere und höchste Personen; alles drängt sich hier durcheinander, ohne Unterschied des Geschlechtes, Ranges und Alters. Nur für die kaiserliche Familie war ein um einige Stufen erhöhter, mit Sammet überzogener und mit einem Baldachin überdeckter Platz errichtet, zu dem ein paar Stufen hinaufführen, wo der Kaiser, wenn er einmal auf Reisen in einen solchen Ort kam, dann mitten unter seinen Untertanen und wie sie stehend dem Gottesdienste beiwohnte. C. Südliches Osteuropa. 11. In der südrussischen Steppe. – 12. Herden und Hirten in der Steppe. – 13. Kiew, das russische Jerusalem. – 14. Unter Deutschen an der Wolga.   11. In der südrussischen Steppe. Nach J. O. Kohl, a. a. O. Von Odessa nach Nordost entlang dem pontischen Gestade mit seinen eigentümlichen Limanen, einem Mitteldinge zwischen einer Trichtermündung und einem Haff, bis zum Ural zieht der südrussische Steppengürtel sich hin, durchbrochen vom Unterlauf des Donez, Don, der Wolga, des Ural, des Kuban u. a., übergehend in die asiatische Kirgisensteppe. Zwischen der Krim mit ihrem mittelmeerischen Klima, ihren immergrünen Laubhölzern und dem mittelrussischen Wald- und Schwarzerdegürtel liegt er mitteninne. Wie kommt es nun, daß derselbe schwarze Kornboden oder Tschernosem von Kischinew, Kiew, Charkow und Kursk zwischen dem 45.° und 50.° n. Br. nur eine Steppenflora, nur Gesträuch und Stauden, nur Gräser, durchschossen von Tulpen, Krokus und Hyazinthen, zeitigt? Die Isothermen-, Niederschlags- und Windkarte gibt die Antwort auf diese Fragen. Jener Steppengürtel Rußlands gehört trotz seiner nördlichen Lage und trotz der Schneestürme des Winters schon zum subtropischen Gebiete unseres Erdteils. Jener Streifen Landes nördlich vom pontischen Gestade hat einen 5-6 Monate währenden Winter, in welchem der sibirische Nordost den Schnee über die Ebene fegt, einen Winter, der, da ihm die gleichmäßig verteilte Schneedecke mangelt, seine schädigenden Einwirkungen tief in den Boden hinein äußert und daher den immergrünen Wäldern Südeuropas mit ihrer zarten Natur das Lebenslicht ausbläst. Ihm folgt nach kurzer Übergangsjahreszeit ein drückend heißer Sommer, der das Pflanzenleben rasch entwickelt, der jedoch an großer Trockenheit leidet, so daß der Boden klaffend aufbirst. Beträgt doch die Regenhöhe jener Gebiete kaum 20-30 cm. Und wie der Winter die südeuropäische Flora erstarren läßt, so läßt der dürre Sommer die kräftigeren Baumgestalten und Getreidegräser des Nordens verdursten. Die tiefen Täler und Regenschluchten führen bezüglich des Klimas die schneidendsten Gegensätze herbei. Im Winter, wenn auf der Steppe die alles Leben tötenden Unwetter wüten, sind sie ruhiger und wärmer als Keller. Im Sommer gleichen sie glühenden Backöfen, in denen die Sonnenstrahlen an den schroffen Wänden sich brechen und die Luft bis auf einen kaum erträglichen Grad erhitzen, derart, daß die trockene Erde meterlang klafft und aufreißt. Im Frühling weht auf der hohen Steppe oft noch ein schneidend kalter Wind, während in den Talschluchten schon die Sonne lieblich wärmt. Des Abends jedoch kühlt sich die Luft in den Balkis Name für die Täler. sehr rasch ab, so daß, während es auf der hohen Steppe noch bis spät in die Nacht hinein warm bleibt, in den Schluchten und Tälern alsbald ein kalter Tau niederfällt, sobald der Sonnenschein darin verschwindet. So scharf der Gegensatz zwischen der hohen Steppe und ihren Einschnitten ist, so auffallend ist auch die klimatische Verschiedenheit zwischen dem Steppenrande und dem Meere. Wir sahen im Mai und Juni 1838 wenigstens zwanzig Gewitter auf der Steppenplatte aufsteigen; die sich nach allen Seiten darüber verbreiteten bis zu dem Steppenrande, aber nicht auf das Meer hinausgingen, derart, daß die Nereïden im sonnigsten Himmelsblau schwammen, während Zeus auf der hohen Steppenfläche donnerte und blitzte. Umgekehrt sahen wir oft das ganze Meer in Wolken gehüllt und nicht weit vom Steppenrande den Regen ins Wasser fallen, während die Viehherden auf dem trockenen Lande dürres Gras rupfen mußten. Oft dauerte es halbe Tage lang, bis die Grenze überschritten wurde und die Meeres- mit der Landluft sich ausglich. Am größten ist diese Verschiedenheit im Sommer, wenn die Steppe verbrannt und ihre Luftschichten aufs äußerste erhitzt sind. Dann kommen die Gewitter, welche im Meere aufsteigen, nie auf die Steppe; und die Wolken, welche auf dem Lande sich zusammenziehen und ihre vollen Brüste hoffnungsvoll tief zu den schmachtenden Kräutern und Herden herabhängen lassen, werden von der grausamen Steppe nicht angenommen, indem die heiße Steppenluft, in senkrechtem Winde von unten nach oben aufsteigend, sie schwebend erhält, so daß sie auf das Meer hinabgleiten. Vergebens hofft der Gutsbesitzer auf seine großen von ihm angelegten Teiche, daß ihre Wasserfläche die in den Lüften schwebende Feuchtigkeit herablocken möchte; vergebens schöpft der kleinrussische Bewohner seine Brunnen leer und schüttet alles Wasser weit und breit im Grase umher, Gott anflehend, daß er Gleiches zu Gleichem gesellen wolle – aber gegen diese Bitten schreien die großen erhitzten Steppenflächen ihr unbarmherziges Nein . Der Steppenwinter ist sehr lang und rauh, besonders furchtbar durch seine Schneegestöber. Der Russe unterscheidet sehr genau drei Arten: die Mjatjols , Samets und Wjugas . Unter »Mjatjols« versteht man die gewöhnlichen Schneegestöber, bei denen der Schnee aus einer vorüberwandelnden Wolke herniederfällt, unter »Samet« aber das Schneejagen, wobei von heftigen Winden der Schnee von der Erde gehoben und flüchtig über die Gefilde hingefegt wird. Mit dem Namen »Wjuga« bezeichnen die Russen die schlimmste und gefährlichste Art des Schneegestöbers, wo bei großer Kälte und ungemein heftigem Sturm der Schnee sowohl von oben herab als von unten herauf getrieben wird. Bei diesen Wjugen verschwinden in den Steppen alle Wege und Stege. Himmel und Erde sind in dreitägigem Aufruhr, aller Verkehr hat ein Ende. Daß in den wald-, dach- und fachlosen Steppen ein solcher Luftaufruhr Menschen und Tieren sehr gefährlich wird, kann man sich denken. Es gibt in diesen Gegenden (auch abgesehen davon, daß ein geringer Grad von Kälte im allgemeinen empfindlicher ist als im waldigen Norden) so harte Winter, wie man sie an der Küste kaum kennt. Sechs Monate hüllen sich, zur großen Verwunderung des Nordländers, die Steppenbewohner in Pelze, und in Odessa werden nicht viel weniger Pelze abgesetzt als in Riga. Ja, der Schafpelz des gemeinen Mannes wird sogar das ganze Jahr hindurch nicht beiseite gelegt und ist noch bis zum Juni bei der Hand, wo die Tage zuweilen schon sehr heiß sind. Die Schneemassen, die im Winter auf die Steppen herabfallen, sind im Vergleich zu denen des Nordens gering, und dabei werden sie auch noch sehr schlecht verteilt, indem aller Schnee sich in den Vertiefungen anhäuft, so daß er hier oft 10-12 m tief liegt, während auf der flachen Steppe nichts bleibt. Die Natur schläft in den Steppen einen so langen Winterschlaf, daß man im Frühling wohl ein freundlicheres Erwachen erwarten könnte, als man im April und Mai zu sehen bekommt. Der Steppenfrühling beginnt mit der schmutzigen Zeit der Schneeschmelze, und wenn die Steppe oft monatelang kein Tröpfchen Wasser an sich zieht und meilenweit nicht die geringste Quelle aus dem prasseldürren Boden entläßt, so strömt im Beginn des Frühlings das unruhige Element überall, wo man es wünscht und nicht wünscht. Die ganze Steppe geht auf, und ihre Oberfläche, wo nicht der dickste und älteste Rasen sie festigt, verwandelt sich in einen schwarzen, schwammigen Brei, so daß es dem Menschen unmöglich ist, seinen Fuß irgendwo hinzusetzen. Von allen Rücken und in allen Schluchten und Tälern brausen die schmutzigsten Ströme des widerlichsten Wassers. In den Wohnorten der Menschen, wo in den Straßen ebensolche wilde Ströme und Wasserfälle geräuschvoll arbeiten, wird der greulichste Unrat, den die Schneedecke lieblich verbarg, enthüllt und durch die Wege geführt. In dieser Zeit gehen die Hauptveränderungen der Bodenoberfläche der Steppen vor sich. Regenschluchten werden oft in einer Nacht bis zu Klaftertiefe aufgerissen. Senkungen der Küste am Meere finden nun vorzüglich statt, so wie auch Abtragungen und Verflözungen der oberen Decke der Fruchterde, die so bedeutend sind, daß in einigen Tagen lange Talstrecken mit einer mehrere Meter dicken Erdschicht bedeckt sind. Hat sich der Frühling endlich durchgearbeitet zu den schönen Tagen des Mai, so erscheint die Steppe wie eine grüne Oase zwischen den Schneeflächen des Winters und den Graswüsten des Sommers. Sie steht dann voll grüner Gräser; auch Tulpen, Hyazinthen, Krokus und Schneeglöckchen erheben ihre freundlichen Blütenkronen. Aber doch, welch ein mongolischer Frühling ist so ein Steppenfrühling im Vergleich mit einem deutschen oder französischen! Zwar ist Grün eine schöne, wohlgefällige Farbe. Aber wie wird man gesättigt mit Grün und Gras bei einer Reise durch das Reich des Steppenfrühlings, und wie verschwinden in dieser Einförmigkeit die farbigen Blumen! Und der grüne Mantel, den die Steppe anzieht, wie ist er so grob geworden, wenn man ihn näher betrachtet! Nur von der Höhe des Kaleschensitzes herab findet man diese Blumen schön. Wenn man sich aber freundlich ihnen naht, so muß man über das harte und schlechte Gewebe des Teppichs klagen. Ja, hätte man Alpenwiesen oder nur den Rasen des Oden- und Schwarzwaldes, oder den Kunstrasen des britischen Eilandes! Aber an dergleichen darf man bei der Steppe nicht denken, wo alle Kräuter groß, grob und strunkig sind und dabei sehr locker und gar nicht dicht beieinander stehen. Wenn der Frühling schon so wenig Behagen bringt, so ist der Sommer ganz und gar unerquicklich und ohne allen Reiz. Der erhitzte Boden klafft überall auf und schreit vergebens nach der Labung des Regens. Die Juliwolken und Gewitter lassen keinen Tropfen entschlüpfen, blitzen aber und donnern unaufhörlich über den Köpfen der durstigen Tiere und Menschen. Die Sonne geht in dieser heißen Zeit meist feuerrot auf und unter, und um Mittag ist der Himmel ganz bleich; denn die Luft wird mit den Dünsten der Meere, Flüsse, Limane, der Tier- und Pflanzenwelt geschwängert, die aber wegen der großen Hitze nicht zum Niederschlag kommen. Die Steppe verliert ihre Frische, wird braun, endlich schwarz, als hätte alles ein verzehrender Brand versengt. Menschen und Tiere magern ab. Die Herden der wilden Ochsen und mehr noch der Pferde, die im Frühling so voll und mutig waren, sind matt und lahm. Selbst die braune Haut der Steppenbewohner, die freilich nie sehr frisch und elastisch war, legt sich schlaff in die hohlen Wangen; alles macht ein leidendes Gesicht und schleicht träge einher. Die Wasserteiche schmelzen zusammen, die Brunnen trocknen aus, und der schwarze Staub wirbelt empor. Ende Juli und August erreicht die Dürre ihren höchsten Grad und geht gegen Ende dieses Monats schon wieder merklich bergab. Dann stellen sich wieder starke Nachttaue ein, und Gewitter werden hie und da vom Boden angenommen. Der bleiche Dunsthimmel klärt sich allmählich zu freundlichem Blau ab, und alles bildet sich mehr und mehr zum sanften Herbste hinüber. Die Lüfte werden nun äußerst sanft und mild, und zuweilen einfallende Regen halten den unholdigen schwarzen Steppenstaub nieder. Die Steppe ergrünt von neuem, und Menschen, Tiere und Pflanzen erholen sich wieder. Ende September ist aber auch schon alle Lust wieder zu Ende, und der Oktober, der sich bei uns noch mit Weinlaub und herrlichem Himmelblau schmückt, ist schon wieder ganz Skythe und Wüstenbarbar, trübe, nebelig und regnerisch. Früchte kennt er nicht und nicht die schönen Herbstmorgen, an denen bei uns die kleine schwarze Spinne ihr zartes Gewebe in die Luft hinaushängt, auch nicht das goldgelbe Laub der Bäume und das träumerische Violett der hinsterbenden Wälder. Ende Oktober beginnt schon meistenteils der Graus und Braus der Wjugen und Samets, und gegen einen Steppennovember ist ein deutscher November als ein unschuldiger Nachsommer zu betrachten. * * * Treffende Skizzen aus der südrussischen Steppe zeichnet in seinen Werken der russische Dichter Maxim Gorjkij (Gorki), und wir wollen uns nicht versagen, diese mit stimmunggetränkten Worten in unsere Anschauungskraft hineingedichteten Landschaftsbildchen aus dem Rahmen der trefflichen Erzählungen Archip und Lenka, Jemeljan Piljaj und anderer zu lösen und den Versuch zu machen, sie zu einem Mosaikbild zusammenzusetzen. Östlich von Odessa ziehen sandige Dünen am Meere hin, die brandenden Wellen spielen mit dem weichen Sande, der mit Muscheln und Schneckenhäusern vermischt ist, die beim Anprall der Wellen melodisch rascheln. Das Meer wirft auch zittrige Quallen, kleine Fische, nasse schwarze Holzstücke aus. In der Ferne liegt der Mastenwald des Hafens, in Wolken schweren und schwarzgrauen Rauches eingehüllt, über die sanftbewegte Wasserfläche scheint ein unregelmäßig dumpfes Geräusch von rasselnden Ankerketten, pfeifenden Warenzuglokomotiven und lebhaftem Stimmengewirr der Schiffsarbeiter herüberzuschweben. Vom Meere her bläst eine frische Brise, die fern in der Steppe kleine Staubwirbel vor sich hertreibt. Am Abend steigt über dem Meere die Dämmerung auf und bedeckt das Wellenspiel mit einem leichten bläulichen Flor. Aus dem Meeresinnern scheint eine gelblich-violette Wolkenmasse aufzusteigen, die, von rötlichem Gold umsäumt, der Steppe zueilt und die Dämmerung mehr und mehr verdichtet. Fern am Rande der Steppe steht ein riesiger purpurroter Fächer aus Strahlen der untergehenden Sonne, der Erde und Himmel mit weichen und zarten Farbentönen überflutet. Das Meer ist herrlich, schön und mächtig anzusehen, wie es hier rosig, dort dunkelblau blinkt. Wenn dann die Abendröte fast erloschen ist und am Himmel lässig und regungslos eine lange Wolke stehen geblieben ist mit einem dünnen rosigen Streifen, der immer mehr verblaßt, dann wird es still auf der Steppe, und das unausgesetzte Plätschern der Wellen vom Meere hebt in einförmig kosender Weise die melancholische Stille hervor. Die Steppe schläft, von der Tagesglut ermüdet. Über dem Meere aber erglänzen die Sternchen, eins nach dem anderen, klar und blank, als ob sie erst gestern zur Zierde dieses dunkelblauen, samttiefen südlichen Himmels gemacht worden wären. Das Meer scheint auch in die Nacht hinüberzuschlummern; breit liegt es da wie eine Riesenbrust, die gleichmäßig, ruhevoll und tief in festem Schlaf atmet. Wenn anderen Tages Morgensonnenlicht die Steppe überflutet, daß sie am Horizonte mit dem Himmel in eins verschmilzt, liegt sie da weit, dunkelbraun wie eine riesige runde Schüssel, bedeckt von der glühenden Kuppel des wolkenlosen Sonnenhimmels. Hier und da wogt üppig darin ein goldenes Weizenmeer. Der staubige Weg durchschneidet sie wie ein breites Band und brennt unter den Fußsohlen, wenn die Sonne steigt. Drei schlanke Pappeln heben sich in der Ferne vom blendend hellen Himmel ab; sie werden bald kleiner, bald größer, der Himmel hebt sich über dem gelben Weizenfeld, er senkt sich wieder – bis plötzlich alles hinter dem silbernen Vorhange des Steppendunstes verschwindet. Der zittrige, grelle, täuschende Dunst schwebt bisweilen wie ein glänzender Strom aus der Ferne heran, als ob er vom Himmel niederflösse, die von der Mittagsglut erschöpfte Steppe zu beleben. – Und dann verschwindet er wieder. Wo man die Steppe am sonnenglühenden Tage durchwandert, glaubt das Auge in der Ferne, dort, wo sich die Wölbung des Himmels auf ihre breite Brust zu stützen scheint, wundervolle Städte mit Kuppeln und Türmen hervorkommen zu sehen – und trübe Enttäuschung überkommt einen, wenn immer wieder nur dieselben Kosakendörfer zum Vorscheine kommen, dieselben Häuser, dieselben Menschen, die man so oft schon gesehen. Ein Fluß erscheint hinter steil abfallendem Ufer, sein Rauschen verkündet ihn lang vorher. Dürftiges Weidengestrüpp säumt ihn, ein gelber Sandstreifen dann, zuletzt die braune Uferwand. Trübe sind die raschen Fluten von mitgespültem Erdreich. Ein zweirädriger Wagen knirscht mit seinen großen eisenbeschlagenen Rädern auf dem Wege einher in den Ufersand. Die schwarze Seilfähre nimmt das Gefährt samt dem großen scheckigen Pferde und dem breitschultrigen, rotwangigen Wagenlenker, einem schwarzbärtigen Kosaken aus dem nächsten Dorfe, auf. Drüben verschwindet Wagen und Roß in einer Wolke feinen dunklen Staubes. Endlich hat er das Dorf erreicht: Pappelgruppen, hinter deren Stämmen Dächer und Bretterzäune erscheinen. Eine schmale Gasse führt hinein. Das Schwarzpappellaub ist von einer grauen Staubkruste bedeckt, und die Rinde der dicken geraden Stämme ist von der Hitze rauh und rissig geworden. Hohes Steppengras und Klettenstauden stehen dicht am Wege, über den ein Kirschbaum seine Zweige hängt. Der laute Lärm des von der Weide am Abende heimkehrenden Viehes zieht die Straße herauf. Dort steht die Kirche mit den fünf blauen Kuppeln, niedrig und breit, rings von Pappeln umgeben, deren Wipfel über die goldenen Turmkreuze hinausragen, welche in rosiger Glut der Abenddämmerung durch das Laubgrün schimmern. Immer drückender und dunkler wird es ringsum. In der Abendluft liegt die stickige Schwüle, die einem Gewitter vorausgeht. Die Sonne steht dicht über dem Horizonte, und um die Pappelspitzen fliegt ein rötlicher, matter Schimmer, während sich die Abendschatten in ihr schwarzes Laub legen, daß sie höher erscheinen und ihre Kronen ernster, als brüteten sie Schrecken. Gesänge, hohe volle Noten zittern unaufhörlich in der heißen Luft durchs Dorf, als wären sie auch von Gewitterschwüle gesättigt. Der Himmel verdunkelt sich, seine Farbe wird wie schwarzer Sammet, und er scheint tiefer zur Erde herabzusinken. Endlich ist die Nacht hereingebrochen, der Mond ist aufgegangen, und sein milchig-silbernes Licht gießt sich über die breitgedehnte Steppe, die darin gleichsam schmäler erscheint, als sie am Tage war. In der Ferne, da, wo die Steppe mit dem Himmel zusammenfließt, steigen violette Wölkchen empor, die langsam über den Mond hinschweben und auf die Erde dichte Schatten werfen. Melancholisch, leise gleiten sie dahin und verschwinden plötzlich, als wenn sie durch die von den sengenden Sonnenstrahlen verursachten Spalten in den Erdboden geschlüpft wären. Vom Dorfe her flammen Lichter auf, die den grell-goldig schimmernden Sternen am Himmel zuzublinzeln scheinen. In der Ferne kriechen langsam dunkle Wolken empor, schon verdeckt eine schwere dunkle den Mond. Plötzlich erbebt die ganze Steppe und weitet sich, von blendendem, blauem Lichte übergossen; der Nebel, der sie eingehüllt hat, erzittert und schwindet für einen Augenblick. Ein Donnerschlag dröhnt und rollt mit dumpfem Knattern über die Steppe hin, sie und den Himmel erschütternd. Rasch eilt eine dichte Masse schwarzen Gewölkes darüber. Es wird stockdunkel. Irgendwo zuckte, schweigend zugleich und drohend, noch ein Blitz nieder, und eine Sekunde darauf folgte ein schwaches Murmeln ... Und nun Stille – eine Stille, die nie ein Ende zu nehmen scheint. Wir erwarten in qualvoller Angst einen neuen Schlag. Endlich, es dünkt uns nach langer Pause, erbebt der Himmel wieder, lodert in blauem Flammenscheine auf und führt einen gewaltigen, metallisch dröhnenden Schlag gegen die Erde. Es ist, als ob Tausende eiserner Platten laut aneinanderschlagend und klirrend auf uns niederrasselten ... Große Tropfen fallen, ihr Rauschen klingt ahnungsschwer und geheimnisvoll ... Aus der Ferne kommt ein breiter voller Ton, der sich anhört wie das Reiben einer gewaltigen Bürste, die über die trockene Erde fährt. Näher dröhnen die Donnerschläge, häufiger zuckt es über den Himmel. Sie überhasten sich, Blitz und Donner, und tauchen die Steppe bald lodernd in blaues Schwefellicht, bald in unheimliches, kaltes, ängstigendes Dunkel, das zittert und bebt mit uns. Der Regen strömt und strömt, seine Tropfen blinken im Feuerschein der Blitze wie Stahl, sie verbergen dicht die winkenden Lichter des Kosakendorfs ... Blank und grün glänzen am anderen Morgen die Blätter der Pappeln, die Raben fliegen krächzend über die belebte Strecke und suchen die Opfer der Gewitternacht. In den Bodenrissen stehen nur hie und da noch vereinzelte Pfützen, alles hat der durstige Boden aufgetrunken. * * * Obgleich die Malorossianen (Kleinrussen) durch ihre große Zahl und allgemeine Verbreitung die Hauptbevölkerung in den russischen Steppen bilden, so fehlt es hier doch keineswegs an Großrussen. Vielmehr findet man sie als Fischer, Tabuntschiks (Pferdehirten), Handelsleute, Fuhrleute, Holzarbeiter usw. im ganzen Lande verstreut. Man kommt daher überall mit ihnen zusammen, und so traf es sich denn auch eines Tages, daß ich meine Schritte neben denen eines langbärtigen Kapappen, Spitzname der Großrussen, den sie bei den Kleinrussen der Steppe haben. dessen Gesicht hochrot wie sein Hemd glühte, durch die Steppe setzte. Es war ein Fischer vom Meeresstrande, der in einem benachbarten Dorfe bei Verwandten seinen Sonntag feiern wollte. Ich sprach mit ihm von seiner diesjährigen Fischerei, und er sagte, daß es schlecht ginge. Darauf fragte ich ihn, wie ihm die Steppen gefielen. Er sagte: »Ach Herr, wie könnte es mir hier gefallen? Was kann hier gefallen?« – »Ist denn Euer Rußland besser?« – »Unsere Russija? Russija? Russija ist das Moskowiterland, der Kern von Großrußland. Wie sollte sie nicht besser sein?« – Ich sah, daß er sich erwärmen wollte, und um ihn abzukühlen, hielt ich ihm Widerpart und fragte: »Wieso denn?« – »O, in Russija, Herr, da ist von jeglichem jedes, und hier – ist von allem nichts. In Russija ist das Brot besser, die Häuser besser, das Land besser, der Schnee besser, der Sommer und Winter und alle Jahreszeiten besser. Da gibt's Berg und Tal, Wald und Wiese, Brunnen, Quellen und Flüsse die Fülle. Alles wechselt ab, und alles ist schön!« Ich sah, daß er im Zuge war, sagte nicht, daß ich auch in Russija gewesen wäre, und er fuhr in der allen Russen so eigenen bilderreichen, lebendigen und fast schauspielerischen Beredsamkeit fort: »Im Lande fließen große Ströme, vor allen die prächtige Mutter Wolga mit allen ihren Kindern. Die Wälder sind groß und schön, die Eichen, Linden, Buchen, die Tannen und Fichten alle bis zum Himmel! Und in den Bäumen singen Vögel von jeglicher Art, der eine so, der andere so!« (Er pfiff dabei den Nachtigallen und Lerchen nach.) »Ach, in den Wäldern, welche Luft und Wohlgeruch!« (Dabei fächelte er sich die Luft zu und atmete sie so begierig ein, als wenn sie mit lauter Veilchenduft geschwängert wäre.) »Und wie nahe ist dir das alles! Siehe hier ist eine Haustür – du machst sie auf – trittst heraus, und du bist gleich mitten im schönen Walde.« Die Großrussen folgten in ihrer Verbreitung den Wäldern, die Kleinrussen den Steppen. (Hierbei hielt er mich bei der Hand, und ich mußte stehen bleiben, als wenn ich die Haustür wäre; er aber schritt in das hohe Gras hinein, als wenn es der Wald wäre.) »Welch herrliche Musik im Walde,« sagte er dann, »und wie die Sonne durch die Blätter scheint! Und im Rasen des Waldes auf dem Boden blühen und reifen allerlei Beeren um dich her; Erdbeeren, Herr, kleine, süße, rote, wilde Himbeeren, Brom- und Blaubeeren von jeglicher Art, so viele, viele, als du nur wünschen magst. Du kannst dich niederlegen, wo du nur willst, rund um dich herum pflücken, ohne anders als völlig satt wieder aufzustehen.« – Dabei warf er sich gar ins Gras und raufte rund umher die Halme, als wenn es Erdbeeren wären, und ich glaube, wenig fehlte, so hätte er sie auch gegessen, um mir zu zeigen, wie gut sie schmeckten. Dann sprang er wieder auf und sagte: »Auch Pilze sind da von allen Sorten und in großer Menge. Man füttert bei uns die Schweine damit. Gras und Heu ist noch das einzige in diesem Lande, überall Gras und nichts als Gras. Und selbst dieses einzige, was sie haben, wie schlecht ist es! Holzig, struppig und den größten Teil des Jahres ohne Saft. Bei uns gibt es auch Gras, aber so hoch bis zu meinem Bart, und was für Gras, grünes, feines, saftiges, süßes! Daß Gott erbarm! Die Kühe werden ganz fett davon und so dick!« (Er stellte sich wieder hin, blies sich auf und machte sich mit Beinen und Armen so breit, als er konnte.) »Seht, und in dem allen mitten drin liegt unser Moskau, die vor allen prächtige und heilige Stadt. Wie ich sage, dort ist von jeglichem alles. Und sagt mir, was ist hier? O! Russija wäre gewiß das erste und beste Land, wenn nur eins nicht wäre – die Herren. Die haben's verdorben.« (Gewiß war er ein seiner Herrschaft entlaufener Rebell.) »Wenn wir jetzt in Rußland gingen, anstatt auf dieser öden Steppe, wie würden wir schön gulaien Von dem russischen galati (scherzend umherwandeln). bald an einem Bache, bald in einem Gehölz, bald durch ein Dorf. Und hier müssen wir ein paar Stunden wie die Wachteln schnurstracks im Grase hinstreichen, bis wir unser Dorf erreichen. Die Sonne brennt uns auf den Kopf, und nirgends Schatten, auch nirgends ein Erdbeerlein gegen den Durst.« In der Tat scheint die Natur bei der Anlage und dem Aufbau dieser Steppenplatte so wenig Rücksicht auf den Menschen genommen zu haben und dagegen so viel auf das grasfressende Vieh, daß sie den Menschen nur insofern dulden zu wollen schien, als er sein Dasein an diese Grasfresser bindet. Die ganze Pflanzenwelt der Steppe bietet äußerst wenig dem Menschen Genießbares oder für seine Hauswirtschaft Nützliches; Schilf statt Bauholz, Unkraut statt Brennholz, Dorngebüsch statt der Fruchtbäume, fürs Vieh dagegen unendlich viel Dienliches. Daher kommt es, daß auch die Haupteinteilung der Pflanzen, von der man in diesem Lande beständig reden hört, ihren Einteilungsgrund von der Beziehung zum Vieh hernimmt. »Trawa« und »Burian« sind die beiden großen Klassen, in welche der Steppenbewohner alle Gewächse seiner Graswüste unterbringt. Trawa heißt Rasen, und man versteht darunter alle niedrigen, kurzen Pflanzen, welche das Vieh mit seinen Zähnen leicht bezwingen kann, auch wegen ihrer heilsamen Säfte gern genießt. Unter Burian versteht man alle die struppigen, strunkigen, hochaufschießenden Stauden, welche das Vieh wegen ihres holzigen, saftlosen Gewebes nicht frißt. Die Büsche und Bäume beschränken sich auf wenige Arten von Dornen- und Holunderbüschen, wilden Birn- und Apfelbäumen und einige noch weniger nennenswerte Baumarten. Die Birnbäume, die oft bloßes Birngebüsch sind, kommen hauptsächlich in den Vertiefungen und Schluchten vor; hie und da sieht man sie auch mitten auf der Fläche und dem breiten Steppenrücken stehen. Weit häufiger und auch in ordentlichen Gesellschaften sind die Dorngebüsche , die Schleh- und Weißdorn-, Hagebutten- und Brombeersträuche. Die Kosaken nennen ein solches dichtstehendes Gebüsch » Derina « und haben darin einen Ersatz für unsere Wälder und Gehölze. Im Herbste schneiden sie sich die langen Stäbe aus den Dornen, die sie zum Lenken ihrer Ochsen brauchen; auch verfertigen sie daraus die Heuschreckeggen, indem sie eine Menge von Dornzweigen an einem Balken befestigen, sie mit Steinen beschweren und fortschleifen, damit die Heuschrecken auf dem Felde tötend. Selbst die Egge, mit der sie nach der Aussaat die Körner eineggen, ist auf diese Weise gemacht. Im Frühling freuen sich die Kosaken über die Blüte und den Duft des Schlehdorns und wandern um ihn herum, den Duft genießend. Der Holunder steht häufig an den schroffen Ufern des Schwarzen Meeres bei Odessa herum. Die deutschen Kolonisten sammeln hier seine Blüte, wenn sie noch ganz zart ist, und machen ihre im Schwabenlande so beliebten »Holderküchle« davon, indem sie die ganze Dolde in einen Milchteig tauchen, backen und sie wie Blumenkohl verzehren. Eine sehr bedeutende Rolle im Leben der Steppenbewohner spielt das Schilf . Alle Häuser der Landleute sind mit Schilf gedeckt, die Zäune der Gärten werden, wenn man sie nicht von Erde aufwerfen will, aus Schilf geflochten. Man stellt dazu ganz einfach dicke Bündel von Schilf in schmalen Garben in die Erde und flicht sie mit ihren oberen Enden zusammen. Ja, in vielen Gegenden bauen die Leute auch ihre Häuser aus Schilf und zwar oft ganz hübsche und wohnliche, wobei die Schilfwände so mit Lehm und Kalk überworfen werden, daß man sich einbildet, in einem steinernen Hause zu sein. Endlich dient das Schilf auch noch als Brennstoff, wenngleich nicht als der vorzüglichste; denn es erzeugt noch weniger anhaltende Glut als Stroh. Der Dnjestr und Dnjepr versehen weit und breit die Umgegend mit diesem in so viele Lebensverhältnisse eingreifenden Hauptbedürfnisse, und beständig winden sich lange, mit Schilf beladene Wagenreihen aus ihren Niederungen auf die Steppe herauf. Der Dnjestr insbesondere versorgt die Stadt Odessa damit. Die Schilfwaldungen der Flüsse sind gemeinschaftliches Gut der anliegenden Ortschaften, und jeder Ortsbewohner kann so viel herausholen, als er Lust hat. Die Gräser werden nur einmal im Jahre gemäht; denn die Steppe hat in den Monaten Juni, Juli und August zu wenig Kraft, um neue Halme zu treiben, da sie in dieser Zeit fast ebenso tot wie im Winter daliegt; im September und Oktober gibt es freilich wieder Regen und Gras, jedoch wird dieses Herbstgras zum Mähen nicht reif genug, und man läßt es daher bloß vom Vieh abweiden. Die Heuernte macht den Steppenbewohnern nicht halb so viel Mühe als uns im feuchten Deutschland, wo man das Gras tagelang liegen lassen, trocknen, zusammenrechen, wieder auseinander breiten und abermals trocknen muß, bis man endlich einmal das Glück hat, das Heu einfahren zu können. In den Steppen gehen unmittelbar hinter den Mähern Mädchen her und Burschen, welche das gleich trockene Heu in Haufen, »Kopitzen« genannt, zusammenlegen. In diesen Haufen bleibt es einige Tage stehen und wird alsdann heimgefahren oder für die Überwinterung in größere Haufen gebracht, die »Skirten« heißen. Ja, zur Mitte des Juni ist die Trockenheit oft so groß, daß man das abgemähte Gras sogleich als Heu nach Hause oder zu Markte fährt. Da es in den schwach bevölkerten Steppen an Arbeitern fehlt, so müssen die Mäher reich bezahlt werden, und aus den Nachbarprovinzen wandert den ganzen Sommer hindurch eine Menge von Menschen in die Steppen, um sich so ein Stück Geld zu verdienen.   12. Herden und Hirten in der Steppe. Die Tierwelt der Steppen ist verhältnismäßig gering in der Zahl der Geschlechter , aber groß in der der Einzelwesen. Die Steppen sind von Menschen wenig bevölkert, und die Kultur tritt den Tieren noch nicht hinderlich und beschränkend entgegen. Daher finden die Familien, welche einmal die Steppe vertragen lernten, einen um so freieren Spielraum, und der Reisende glaubt in einem der lebensreichsten Striche der Erde zu sein, zumal im Frühling, wenn alles grünt und blüht und sich sowohl die einheimischen Tiere lustig regen, als auch fremde Pilgrime auf der Steppe sich sammeln, die sich nachher bei der Sommerglut in benachbarte oder entfernte Länder verlieren. Alsdann erblickt man Vögel, die sich bei uns nur einzeln zeigen, Adler, Geier, Habichte, Trappen in großen Zügen, Enten, Gänse und Pelikane, die Schilfgebüsche füllend. Im Grase spielen überall die Kaninchen in ausgedehnten Ansiedelungen, und Wölfe streichen zahlreich umher. Lerchen, Kibitze, Drosseln, Tauben sind allenthalben, und selbst von Insekten zeigen sich große Massen, die Schmetterlinge im Verhältnis zu der Unzahl von Blumen, die Mistkäfer im Verhältnis zu den großen Viehherden, und in schlimmen Jahren die Heuschrecken, von denen jede Abteilung des großen Zuges Legion ist. Im Frühlinge verfällt in den Steppen selbst das zahme Vieh in einen Zustand halber Wildheit; die Pferde in den Tabunen (Pferdeherden), die Ochsen in den Tscheredas (Ochsenherden), alles sucht die freie Steppe, oftmals selbst die Hunde. Die Hündinnen entlaufen den Städten und Dörfern, scharren sich in der Wildnis eine Grube, werfen da ihre Jungen, fern von den Menschen, wie die Wölfe. Diese in den Steppen geborenen jungen Hunde sind den Sommer über völlig wild, scheuen die Menschen und lassen sich nicht fangen. Im Winter aber, der mit seinen Wjugen alles bändigt, durch Hunger und Kälte selbst das Wild zahm macht und sogar den Wolf in die Dörfer treibt, da erinnern sich die wilden Hunde ihrer alten Heimat und kommen zu den Wohnungen der Menschen zurück. Freie Bienen, wie in den polnischen Wäldern, gibt es nicht in der Steppe, nicht einmal Erdbienen. Das Klima ist zu gegensätzlich, zu heiß und zu kalt, und des Schutzes wie der Nahrung ist zu wenig, als daß sie sich halten könnten. Der Baum- und Wassermangel, die Armut an duft- und saftreichen Pflanzen ist schuld daran, daß die Zucht der zahmen Bienen fast nirgends gedeiht. In Odessa sind zwar einige Bienenliebhaber, deren Zahl jedoch mit der Dürftigkeit der Gärten in dieser Stadt in Verhältnis bleibt. Nur das einigermaßen fruchtbare Dnjestrtal zeichnet sich durch seine Bienenzucht aus. In den Steppenvorländern aber, in der buschigen Ukraine, in Kleinrußland und Podolien, wo Wälder Schutz verleihen und viele Flüsse auch selbst im Sommer in den Tälern Feuchtigkeit und Blumenblüte unterhalten, ist die Bienenzucht sehr bedeutend. In diesen Provinzen hat fast jeder Bauer Bienen, mancher oft 300 Stöcke und mehr. Dort kann man selbst auf den kleinsten Bazars den Honig, den die Kleinrussen und Kosaken sehr lieben und, wenn sie Gäste haben, mit Löffeln essen, zentnerweise kaufen. Von dort kommt auch aller Honig, der von Odessa verschifft wird, von dort stammt das meiste Wachs zur Erleuchtung der russischen Kirchen. Unter allen Tieren, welche die Steppe bewohnen, ist das edelste Geschöpf das Pferd , das nutzbarste aber das Rind. Es lassen sich im ganzen drei Hauptklassen der in den Steppen lebenden Pferde unterscheiden, die auf verschiedene Weise gehalten und gezogen werden: die Hauspferde, die Pferde der Gestüte und die der halbwilden Tabunen (Zuchtherden). Die Haus- oder Arbeitspferde sind die alltäglichen Genossen des Menschen. Die Edelleute und deutschen Ansiedler in der Steppe halten ihrer eine Menge zum Spazierenfahren, Reiten, Ackern, zur Warenbeförderung usw. Der kosakische und bulgarische Bauer besitzt aber immer nur eins , das ihm bei den kleinen Fahrten dient, zu denen er nicht gerade sein Ochsenzwiegespann in Gang setzen will. Die Pferde der Gestüte sind von den verschiedensten englischen, arabischen und deutschen Rassen und bieten in ihrer Zahmheit kein eigentümliches, durch die Steppe bedingtes Leben dar. Anders ist es mit den halbwilden Pferden der frei in der Steppe schweifenden Tabunen . Die Herren der Steppe, nämlich die großen Gutsbesitzer, die sich hier ganze Fürstentümer erworben haben, die Potockis, die Woronzows, Orlows usw., besitzen so viel Boden, daß sie wegen Mangels an Mannschaft nur den geringsten Teil davon bearbeiten können; sie halten und hielten daher seit alten Zeiten neben ihren Schaf- und Kuhherden auch ebenso große weitschweifende Herden leichtfüßiger Pferde, die sie überall auf die entferntesten Wiesen und schlechtesten Weiden schicken können, um doch das sonst nutzlose Gras in nutzbare Kräfte zu verwandeln. Zu diesem Zweck verschaffen sie sich eine Anzahl von Stuten und Hengsten, die den Stamm des Tabuns ausmachen und die unter Aufsicht von Hirten in die Steppe geschickt werden, um sich zu nähren und zu mehren. Der junge Nachwuchs wird immer bei den Vätern und Müttern gelassen, bis mit der Zeit die Zahl der Tiere auf die Summe gestiegen ist, welche das Gut allenfalls ernähren kann, ohne der Landwirtschaft zu schaden. Diese Summe steigt von 100 auf 1000. Die Benutzung besteht darin, daß man teils die dem Gute selbst nötigen Arbeitspferde aus dem jungen vier- bis sechsjährigen Nachwuchs nimmt, teils auch von diesen in der Freiheit erstarkten, mutigen und unverwüstlichen Tieren an Liebhaber, an herumreisende Aufkäufer und auf den Märkten des Landes verkauft. Tabuntschiks heißen die Leute, die die Jungtiere des Tabuns vor dem Verlaufen über das Gutsgebiet bewahren, sie den Pferdedieben abjagen und Acker, Feld und Garten anderer Leute vor ihnen behüten. Diese Pferdehirten sind eine ebenso eigentümliche Geburt der Steppen wie die wilden Pferde selbst und werden durch ihre Lebensweise eine so abweichende Menschenrasse, daß man in Europa vergebens ihresgleichen sucht und nur bei ihren Gegenfüßlern in den Pampas von Südamerika ähnliche Leute wiederfindet. In der Tat erfordert das Geschäft eines Tabuntschiks eine Leibesbeschaffenheit, die ihr Blut bei 20° Kälte ebenso flüssig und munter erhält als bei freundlichem Frühlingswetter, deren Muskeln und Nerven auch bei zweimonatlicher Trockenheit eines Backofens noch so spannkräftig und markig bleiben, als wären sie eben im kühlen Salz der Meereswellen gebadet worden. Es gehört dazu eine Lunge, die den nächtlichen Tauhauch des Grases und den glühenden Atem des Schirokko gleich erquicklich findet, und eine Haut, die Regengüsse duldet wie eine marmorne Bildsäule. Die Schaf- und Ochsenhirten führen auf ihren Wanderungen beständig Wagen mit sich herum, mit denen sie sich hie und da auf kurze Zeit ansiedeln. Diese Bequemlichkeit darf sich der Tabuntschik nicht gönnen; denn die Beweglichkeit und Wildheit seiner Rosse nötigen ihn, beständig beritten zu sein; das feurige Geblüt seiner Pfleglinge läßt ihm nicht einen Augenblick Ruhe. Er haust Tag und Nacht auf seinem Pferde, welches nicht bloß sein Stuhl, sondern auch sein Speisetisch, sein Diwan und sein Bett ist, und diese Leute erlangen eine bewunderungswürdige Geschicklichkeit darin, alle Geschäfte zu Pferde abzumachen. Wenn andere Menschen am liebsten die Ruhe suchen, muß der Tabuntschik sie am meisten verschmerzen. In der Nacht, wo die Pferde am weitesten wandern und weiden, muß er vorzugsweise bei der Hand sein, um mit wachsamem Zurufe beständig die Runde um seine Herde zu machen. Auch drohen dann alle Gefahren, Wölfe, Diebe, Gewitter usw. Bei Regen- und Schneestürmen hat er es schlimmer als die Pferde selbst; denn diese dürfen sich von der Windseite abwenden, er aber muß den Stürmen die Stirn bieten, um die Herde, die bei starkem Unwetter gern blindlings über die kahle Steppe dahinstreicht, zu überschauen und zurückzuhalten. In der Regel tragen die Tabuntschiks Hosen von behaartem Füllen- oder Kalbsleder; ein Rock von Roßleder mit einwärts gekehrten Haaren wärmt ihre Brust. Beides hält ein lederner Riemen zusammen, den sie sich drei- bis viermal um den Leib winden, und auf dem sie allerlei kleine Seltenheiten, Metallstückchen, Münzen, Bernstein usw. angereiht haben. Da sie zugleich die Ärzte ihres Tabuns sind und über ein Dutzend altherkömmlicher Mittel verfügen, so hängt ihnen gewöhnlich auch ihr ganzer tierärztlicher Bedarf am Gürtel, was ihnen das Aussehen von Schamanen und Zauberern gibt. Ihren Kopf stecken sie wie alle Kleinrussen und Tataren unter die hohe Zylindermütze von schwarzem Lammfell. Über ihren ganzen Anzug werfen sie noch die Swita, einen aus brauner Schafwolle gewebten Mantel. An diese Swita ist oben eine weite Kapuze genäht, die über Mütze, Kopf und Gesicht gezogen wird und in der wie bei den alten Ritterhelmen bloß für Augen, Mund und Nase eine Öffnung bleibt. Bei gutem Wetter hängt sie auf dem Rücken wie ein Sack herunter und wird dann auch in der Regel nur als Tasche benutzt. Dieses Kleidungsstück gibt ihnen ein besonders barbarisches Ansehen, und ich mußte immer an Petschenegen, Alanen und Hunnen denken, wenn so ein Tabuntschik mit seiner hohen, eckigen Sturmhaube einhersprengte. Doch es klirrt noch mehr an solch einem Rossebändiger herum. Vor allem sein großer Harabnik , die 6 m lange Peitsche mit kurzem, dickem Stiele, alsdann seine Schlinge , ein 10-12 m langer Strick, an dessen einem Ende ein eiserner Ring zum Durchziehen des anderen befestigt ist. Will er ein Pferd einfangen, so wickelt er das eine Ende des Strickes um den Arm, jedoch ohne es weiter zu befestigen, damit er es nach Belieben nachschießen oder ganz fahren lassen kann, macht alsdann die Schlinge vorn recht weit, schwingt sie ein paarmal über seinem Haupt, schleudert sie, nie fehlend, dem Tiere um den Hals, zieht sie ein wenig an und wirft dann mit einem tüchtigen Rucke den Gefangenen zu Boden. Der Harabnik zum Regieren, die Schlinge zum Fangen und endlich die Wolfskeule zum Verteidigen, das sind eines jeden Pferdehirten Waffen. Diese Keule ist etwa 1 m lang, vorn mit einem dicken, eisernen Knopf versehen, und hängt gewöhnlich am Sattel. Er springt mit dieser Keule seinen Pferden zu Hilfe, wenn sie nicht allein mit den Wölfen fertig werden können. Je nach den Umständen schlägt er damit oder wirft sie aus der Ferne und weiß ihren eisernen Knopf so geschickt anzubringen wie ein Tiroler Schütze seine Büchsenkugel. Im Frühjahr, wenn die Wölfe aus dem unwirtlichen Winter den größten Hunger mitbringen, sind die Kämpfe zwischen Wolf und Pferd am häufigsten und bedeutendsten. Da die Wölfe Wie zahlreich noch immer die Wölfe sind und wie frech sie vordringen, zeigt die Tatsache, daß im März 1883 ein Rudel Wölfe, 35-40 an der Zahl, am hellen lichten Tage (um 1 Uhr mittags) in die ansehnliche Kreisstadt Chwalinsk, die in einem Steppenteil der Statthalterschaft Saratow liegt, einfielen, die Einwohner, die ihre Wohnungen nicht zu verlassen wagten, förmlich belagert hielten und erst mit Anbruch der Abenddämmerung sich wieder zurückzogen. die schwächere Partei sind, so entwickelt sich bei ihnen große List und Gewandtheit, bei den Pferden aber eine Art Gemeinsinn, der sie und ihre Füllen gewöhnlich rettet. Daß Wölfe bei hellem lichtem Tage sich in den Tabun wagen, kommt nicht vor; sie wissen recht wohl, daß sie rettungslos verloren wären und von den Pferden zertreten würden. Bei Nacht aber geschieht es wohl, daß ein Rudel Wölfe mitten unter den Tabun gerät, und der Kampf entwickelt sich dann so: Die zunächst angegriffenen Pferde, welche die Wölfe rochen oder ihre leuchtenden Augen auf der Steppe funkeln sahen, spitzen die Ohren, brausen und wiehern und stoßen Töne durch die Nüstern, die man durch die Nacht weithin pfeifen hört. Auf den ersten Lärm springen sogleich alle nahen Hengste, Wallache und Stuten – denn bei der Wolfsgefahr macht das Geschlecht keinen Unterschied, und aller Mut ist gleich – herbei und setzen gerade auf die Wölfe ein. Diese werden dann durch den ersten wütenden Angriff der Pferde, den sie selbst erregten, erschreckt und ziehen sich leise ein wenig zurück. Indes geht das Geschrei unter den Pferden fort, und der ganze Tabun drängt sich im Sturmlaufe der gefährlichen Stelle zu. Die Mütter schreien nach ihren Jungen, und diese traben hinter den Alten her, im dicken Haufen Schutz suchend. Fühlen sich die Wölfe an Zahl stark und peinigt sie der Hunger, so weichen sie nicht völlig, nähern sich hie und da wieder und erhaschen vielleicht ein Junges, das täppisch und schreiend mit der Mutter herbeiläuft, die selbst noch nicht wußte, wo eigentlich die Gefahr drohte. Die Mutter gerät außer sich und springt mitten unter die Wölfe, ihr Kind zu retten. Allein sie verfehlt es. Bald sitzen auch ihr ein paar hungrige Rachen an der Kehle und legen sie in den Rasen. Aber nun fackeln die Pferde auch nicht länger. Sie nehmen ihre Jungen in die Mitte, und die Stuten mit den Wallachen bilden einen Kreis, der aber nicht so starr und mit den Vorderfüßen eingewurzelt dasteht, wie ihn unsere Bilderbücher darstellen. Auf diesen Bildern haben es die Wölfe ziemlich bequem. Sie hüten sich vor den Hinterhufen der Pferde, und das Schlimmste, was ihnen begegnen kann, ist, daß sie sich den Gedanken an Füllenfleisch aus dem Sinn schlagen müssen. In der Wirklichkeit büßen sie ihre Lust gewöhnlich schwerer. Die Pferde setzen wie eine bewegliche Phalanx scharf auf die Wölfe, ein und machen manchem von ihnen das verwünschte Augenleuchten vergehen; denn sie wollen sich nicht bloß verteidigen, sondern auch ihren Feind vernichten. Die Hengste gehen nicht mit in jenes Viereck, sondern bleiben draußen und umtoben es schnaubend mit wallender Mähne und mit bäumendem Schweife, als wenn jedes Haar eine Schlange wäre, zugleich als Feldherren, Fahnenträger und Schlachttrompeter. Wo sie den Wolf im Grase sehen, da springen sie beißend gegen ihn ein und schlagen ihn mit den Vorderfüßen nieder. Man denkt bei uns, daß die Pferde alles in den Hinterfüßen haben; allein dies ist keineswegs der Fall. Vielmehr gebrauchen sie allemal zum Angriff die Vorderfüße und nur bei der Verteidigung die Hinterfüße. Der Hengst versetzt zuweilen seinem Feinde zugleich den ersten und letzten Schlag mit den vorderen Hufen, zuweilen betäubt er ihn nur, packt ihn alsdann ohne alle Umstände mit den Zähnen in dem Nacken und schleudert ihn durchs Gras den Stuten zu, die ihn dann so zurichten, daß auch nicht ein Knochen ganz bleibt ... Die großen Schlachten der Wölfe und Pferde entspinnen sich jedoch nur selten und immer gegen den Willen des Wolfs. Denn seine Kampfführung besteht mehr in einem Kosakenkriege, in einem immerwährenden Plänkeln. Ein allgemeiner Angriff liegt nicht in seinem Plane, und Überlistung ist seine Hauptkunst. Er verfährt dabei nicht weniger schlau als Meister Reineke. Ganz leise und vorsichtig kommt er durchs hohe Gras hergeschlichen, und zwar gegen den Wind; denn er weiß recht gut, wie unangenehm den Pferden sein Geruch ist. Er kundschaftet die Stellung des Tabuns aus. Bald entdeckt er auch eine Stute, die mit ihrem kleinen zierlichen Füllen etwas abgesondert weidet. Wohl hütet er sich jedoch, sogleich spornstreichs hervorzubrechen; er fällt nicht mit der Tür ins Haus. Leise und allmählich nähert er sich dem Füllen, dessen Gebaren er in aller Unschuld sogar nachahmt. Wenn sich das müde Füllen ins Gras niederlegt, streckt er sich auch nieder und tut ganz unbefangen. Indessen wittert doch die Mutter etwas Unheimliches im Grase, erschrickt und springt auf. Der Wolf legt nun wie ein Hund die Schnauze auf die Vorderfüße, macht die freundlichsten Augen von der Welt und wedelt mit dem Schwanze. Der Erfolg dieses Manövers ist verschieden. Ist die Alte täppisch und läuft sie unvorsichtig darauf zu, so springt er im Nu ihr an den Hals, reißt ihr die Gurgel aus dem Halse und läuft mit dem Jungen davon. Zuweilen ist aber die Alte ebenso vorsichtig als wütend, macht Lärm und schlägt mit einigen herbeieilenden Schwestern den Wolf auf der Stelle in die Flucht. Zuweilen ist die Alte weder wütend noch täppisch, sondern bloß dumm, und denkt, wenn sie den schwanzwedelnden Wolf angesehen hat, es sei wohl nur eine friedliche Hundeseele, wie ihrer so viele in der Steppe herumschweifen, weidet ein wenig mit dem Füllen an der Seite und hegt keinen Argwohn. In diesem Falle siegt der Wolf wieder auf andere Weise. Will die Stute sich nicht gleich vollkommen beruhigen, so zieht er sich ein wenig zurück, als wolle er nichts mit ihr zu tun haben und ihr das freieste Feld lassen, kommt aber auf Umwegen wieder näher und legt sich an einer Stelle nieder, wo ein gerader Weg zum Füllen führt, das indes müde geworden ist und wie ein Osterlämmchen im Grase liegt. Der Wolf wacht indes bedeutend. Er könnte es schon längst erschnappen; aber es liegt ihm nicht bloß am Fange, sondern auch am ruhigen Heimbringen und Verzehren, und dazu hört er immer noch die Tritte der Alten zu nahe. So unausgesetzt er auf das Junge schaut, so scharf horcht er auf die Stute, die er vor lauter Wermut- und Königskerzenstauden längst nicht mehr sehen kann. Denn sie ging indes, weidend und milchreiche Kräuter suchend, weiter und immer weiter. Auf einmal, horch! welch Gestrampel und Geschnaube! Ach, der Wolf an der Kehle des kleinen, niedlichen Füllens! – Man muß dabei gewesen sein, um zu wissen, wie schnell er ein solches Tierchen zerlegt. Oft bekommt es nicht einmal Zeit zum Strampeln und Schreien, und der Wolf verzehrt es in aller Stille. * * * Wenn auch das Leben und Treiben der edlen Wildfänge mehr die Aufmerksamkeit des Reisenden fesselt, so muß er doch bekennen, daß die Herden der stillen und unbeachteten Wollträger weit häufiger seinem Blicke begegnen, und wenn vom Reichtum eines Mannes die Rede ist, hört man fast immer nur seine Schafe und Rinder in Anschlag bringen. Auf jedem Steppengute, wo man einen Tabun von 800-1000 Pferden findet, kann man sicher auf vier bis fünf Herden von 2000-3000 Schafen rechnen. Am meisten sind im Lande verbreitet die sogenannten »Fettschwänze«, walachische Schafe . Diese Rasse ist groß, langhaarig und hat einen dicken Fettschwanz, in dem sich gewöhnlich 6-10, zuweilen sogar 20 Pfund Fett aufspeichern. Neuerdings macht sie den Merinos und den Mischlingen mit der Landesrasse Platz. Die gutmütigen, friedlichen Schafhirten, die den Leib nicht wie die Tabuntschiks in Pferdeleder, sondern in das weiße Vließ ihrer Herdentiere hüllen, heißen in Kleinrußland, in der Moldau, bei den Tataren » Tschabani «. »Irlik« heißt der große, fast 4 m lange, mit Kunst gearbeitete, am oberen Ende mit einem eisernen Haken versehene Stab, welcher dem Tschaban Keule, Schlinge und Harabnik zu gleicher Zeit ist. Mit dem eisernen Haken entert er am Hinterbeine die Schafe, die er einfangen will, zugleich stößt er sie mit dem Stecken, wo es nötig ist, vorwärts, und weiß mit dem schweren Ende den Wolf auf den Rücken zu treffen und ihn mit einem Hiebe niederzustrecken. »Swita« ist der schon erwähnte Mantel mit der schrecklichen Kapuze, den der Tschaban beim Regen sich so anlegt, als sollte er in der Zauberflöte den Bären spielen. »Otara« heißt die Herde der einfältigen Vließträger selbst, die 2000 bis 3000 an der Zahl unter der friedlichen Zauberflöte dieser friedlichen Bären stehen. »Oftschacki« endlich ist der Name der den Wölfen schrecklichen, zottigen großen Hunde, die zu 10-15 eine Herde von der genannten Stärke bewachen. Außer diesen Dingen führen die Tschabans einen oder zwei Wagen bei sich, die mit Ochsen bespannt sind und alle Lebens- und Heilmittel, Kochgerätschaften, die Felle der gefallenen Schafe, die gewonnenen Käse und die Pelze der erlegten Wölfe den Hirten nachbringen. Es sind das aus uralter Zeit gebräuchliche, große, schwerfällige, mit einem hohen Dache versehene Wagen, den Reisewagen der Tataren, »Madjaren« genannt, sehr ähnlich. So ausgerüstet, zieht der Tschaban um Ostern ins Feld, zu gleicher Zeit mit den Tabunen, schweift den ganzen Sommer mit seiner Herde (Otara) in den Steppen umher und kommt erst im Herbste wieder heim. Ein Tschaban ist natürlich zu Fuß; denn seine Herde zerstreut sich nicht so leicht und so weit als die Tabunen. Die Schafe nähren sich auf kleinerem Raume, sind nicht so wählerisch als die Pferde, fressen eifrig alles ab, was sie Genießbares finden, und legen sich dann ruhig zum Wiederkäuen hin, während die Pferde in ihrem Tabun nie liegen und selbst den Schlaf stehend abmachen wie ihr Hirt im Steigbügel. Weit um sich greifend, wogen die Roßherden hierhin und dorthin, während der tägliche Marsch einer Schafherde kaum einige Werst beträgt. Die Tschabani setzen ihren Wagen als Mittel- und Sammelpunkt und einstweilige Residenz, um welche herum, den Kreis immer erweiternd, geweidet wird. Der Platz wird natürlich mit Klugheit gewählt. Es müssen gute Steppen in der Nähe sein, womöglich auch ein Brunnen oder Quell. Finden sie, daß die Stellung für mehrere Tage haltbar ist, so treffen sie eingehendere Vorbereitungen, graben einen Herd und kleine Keller zum Aufbewahren ihrer Lebensmittel, schlagen wohl auch ein Zelt auf. Ist aber die Gegend unergiebig und abgeweidet, so ziehen sie am andern Morgen weiter. Der Wagen geht, quiekend und knarrend, voran, und die Herde folgt nach, jedoch nicht früher, als bis der Nachttau abgetrocknet ist; denn die Schafe verschmähen es, in der Nacht, der Zeit der lebhaftesten Pferdegelage, Speise zu sich zu nehmen, und lieben nicht den frischen Morgentau. Bei gutem Wetter ist das Leiten der Schafe ein leichtes Geschäft. Ein Führer geht den Wagen begleitend voran, der Haupttschaban folgt hinterdrein, und zur Seite gehen wieder zwei bis drei mit ihren langen Irliks. Sie rufen beständig einander zu und geben sich Zeichen mit ihren langen Stäben. Die Hauptunterhaltung mit den Schafen läuft auf zwei Worte hinaus: »No kudi? kudi?« (nun wohin? wohin?), die sie fast so oft ausschreien, als sie einatmen, aus denen aber die Schafe so viel entnehmen, als ihnen zu wissen nötig ist. Bei schlechtem Wetter aber, und insbesondere bei den in der Steppe so gefährlichen Stürmen, welche oft mit den sich selbst überlassenen Schafen davongehen und ganze Herden in Flüsse und Regenschluchten treiben, sind die Schafe nicht leicht zu lenken. Aber auch bei dem allerbesten Wetter gibt es bei der unglaublichen Tölpelhaftigkeit und Dummheit der Schafe eine Menge von Ereignissen, welche das Lenken dieser Tiere sehr erschweren. Man mischt darum allen Schafherden einige lebhafte, mutige und kluge Ziegen bei, welche als Führer und Lenker dienen. Die unbeholfenen Schafe schrecken oft ohne Ursache zusammen, kommen gleich außer sich, drängen sich beim Bellen des kleinsten Hündchens, wollen oft nicht die Regenschluchten hinab und verirren sich leicht in den Schilf- und Rohrgebüschen. Sie halten im Winde schlecht Stand, und es ist unmöglich, sie, wie dies doch zuweilen nötig ist, zu einem Marsche gegen den Wind zu bringen. In allen diesen und ähnlichen Fällen streicht nun die vorwitzige und kluge Ziege den Schafen mutig voran, führt die Otara rasch an den Abhängen der Regenschluchten und Täler hin, leitet sie sicher durch die sumpfigen Schilfgebüsche, springt auf nicht allzu überlegene Hunde ein, geht gegen den Wind, wenn er nicht zu kalt ist, und dient sonst noch vielfach der Schafdummheit als Salz und Reiz. Ist nun der Wagen an der Stelle des folgenden Nachtlagers angelangt und sind die Schafe glücklich dorthin gekommen, so beginnen, während diese vom Marsche ruhen und wiederkäuen, für die Tschabans mancherlei Geschäfte. Einer von ihnen spielt den Koch. Er zieht die Kessel hervor, einen für die Menschen, einen für die Hunde, und hängt sie an zwei lange Stäbe, die am Wagen befestigt sind. Mit dem Wasser und der Feuerung geht der Koch sparsam um, weil die Steppe beides nur spärlich bietet. Er sucht trockenen Mist, verdorrtes Gras und Schilf zusammen, holt Wasser herbei, wenn das Faß leer ist, und läßt dann zur Freude der Hunde, die sich so viel als möglich in seiner Nähe halten, eine lange Flamme aufflackern. In das kochende Wasser tut er die nötigen Kräuter, die Hirse und den Kwaß, und der »Borscht«, dieses Leibgericht der Kleinrussen, ist fertig. Dann schlägt er zum Zeichen für die anderen Hirten an den Kessel, oder er steckt eine Fahne auf, nach deren Erscheinen die weiter entfernten schon lange schielten. Die übrigen Tschabans haben mittlerweile andere Beschäftigung gefunden. Der eine hat ein paar Schafe, die krank erschienen, gefangen und nach Beratung mit seinen Genossen ihnen Heilmittel eingegeben; der andere hat einem gefallenen Schafe das Fell abgezogen, es gereinigt und gesalzen; einige haben wiederum die Mutterschafe und die Ziegen gemolken, die Milch herbeigetragen und Käse gemacht. Da sie oft 500-600 Schafe zu melken haben, so machen sie die Sache kurz ab, nehmen gleich das ganze Euter zwischen beide Hände und drücken es aus wie Bacchus die Trauben. Die so gewonnene Milch stellen sie in die Sonne und lassen sie bis zum Abend gerinnen. Alsdann schütten sie Mageres und Fettes durcheinander in Säcke und reihen diese um ihre Wagen rund herum, um das Wasser auslaufen zu lassen. Den so gewonnenen Käse, der im ganzen Lande unter dem Namen »Brense« bekannt ist, schütten sie alsdann in die Felle junger Ziegen, die so zusammengenäht sind, daß bei der Ausfüllung die Form einer Ziege wieder herauskommt; jedoch wird die rauhe Seite nach innen gekehrt. Dadurch nimmt freilich der Käse einen sehr eigentümlichen Geschmack an, der aber als sehr lecker gelobt wird. Beim Anfüllen der Felle wird immer auf eine Lage geronnener Milch eine Lage Salz gestreut, wodurch der Käse sehr scharf wird. In Odessa sind solche Käsezicklein in allen Kramläden zu kaufen, und der Brense geht weit umher. Erklingt endlich der Kesselruf des Koches, so setzen sich die ehrlichen, alten, braunen Gesellen zu ihrem einfachen Mahle hin, von dem sie auch gastfrei gern jedermann mitteilen, der etwa auf der Steppe bei ihnen vorspricht. Für die Hunde gibt es in der Regel einen großen Kessel voll Grützebrei. Doch wissen sie als flinke Jäger noch sonst allerlei auf der Steppe zu haschen und stellen den Vögeln und Kaninchen nach. Ebenso machen sich auch zuweilen die Hirten einen Sonntagsbraten, entweder wenn der Wolf ein Schaf anriß, das sie ihm noch zur rechten Zeit abjagten und für ihre Wanderung einsalzten, oder wenn sich zwischen die Schafe Hasen verliefen, die auf der Steppe, fern von den menschlichen Wohnungen, weder selten noch scheu sind. Auch Trappen erlegen sie mitunter, und das gibt dann festliche Tafel. Am heißen Mittag fressen die Schafe ebensowenig als die Pferde, stehen immer auf demselben Flecke und schnaufen so leidenschaftlich, als hätte sie eben der Wolf gejagt. Wenn aber die Sonne vom Gipfel ihrer Glut herabsteigt, dann beginnen sie wieder ihr liebstes Geschäft, das Kräutersuchen. Die Schäfer lassen sie bis nach Sonnenuntergang weiden, wo sich dann alles zu der Wagenheimat wendet. Da spricht oft ein Reisender ein, der nicht weiter kann, von der Dunkelheit überrascht. Zu diesem sagen die Hirten, mag er nun arm oder reich sein: »Tut uns die Gnade, mit uns zu speisen!« Dann muß der Wandersmann unter dem Schutze der Hunde bei ihnen schlafen, und er bekommt den besten Platz im Wagen. Am Morgen stecken sie ihm ein paar Schafkäse zu und sprechen: »Gott mit dir!« – Die Schlafordnung aber ist folgende: Der Oberhirt, als der Älteste (Ataman) und die Gäste wählen die Wagen selbst zum Bette, die anderen Tschabans aber treiben die Schafe in einen dichten Kreis um die Wagen herum und ziehen mit den Hunden einen Schutzgürtel um die Herde. Jeder Hirt legt sich seinen Pelz und seine Swita, die Sommer und Winter sein Ober- und Unterbett bilden, ins Gras der Steppe, und alle lagern sich in gleichen Entfernungen voneinander. Zwischen je zwei Hirten legen sich drei bis vier Hunde, ebenfalls in gleicher Entfernung. Man breitet ihnen ein Stück eines alten zerrissenen Mantels oder Schaffelles an den Boden. Für jeden Hund befindet sich ein solcher besonders für ihn bestimmter Flicken im Wagen, und da nun jeder seinen eigenen Geruch am besten kennt, so legt er sich allemal da nieder, wo er seinen Flicken findet. Die so gesicherte Festung zu stürmen, wagt nicht leicht ein Wolf. * * * Die großen Steppenweiden bewirken ferner, daß man auch bei den Rindern zahme Haus- und halbwilde Steppenrinder unterscheiden muß. In jeder Wirtschaft befinden sich einige Ochsen, die bei den täglichen Arbeiten dienen und vom Hause unzertrennlich sind. Da das Steppenrind zwar treffliche, aber wenig Milch gibt, so hat man jetzt viel mährisches und deutsches Vieh eingeführt, das meist braun und gelb gefleckt ist. Das Steppenrind ist groß, hochbeinig, langhörnig und durchweg silbergrau oder weiß gefärbt. Beständig gehen lange Züge nach Odessa, Taganrog und anderen Orten. Wie in dem Steppenlande die Sprache für nichts an Ausdrücken reicher ist, als für das, was auf Herden und Vieh Bezug hat, so hat auch die Rinderherde ihren besonderen Namen. Sie heißt »Tschereda« und ein Rinderhirt »Tscherednik«. Eine solche Tschereda hält 100-800 Stück allerlei Alters. Im Sommer beständig auf den großen Steppen, im Winter in luftigen Stallungen, teilt sie im ganzen mit den Tabunen Leiden und Freuden. Die »Tscheredniks« sind Fußgänger wie die Tschabani; denn auch ihre Schützlinge sind viel ruhiger und leichter zu treiben als die Pferde. Freilich ist das Rind schnell genug im Weiden, wählerischer in seinem Geschmacke als das Pferd, hat eine Menge von Kräutern auf der Steppe, die ihm nicht behagen, und rupft nie da, wo vor ihm ein anderes biß; aber dafür dauert sein Mahl auch nicht lange, desto länger sein Nachmittagsschläfchen zum Wiederkäuen. Den Regen erträgt es schlecht, und bei der Hitze wird es ungeduldig. Aber bei den Schneestürmen verliert es wiederum nicht so leicht den Kopf wie das Pferd, geht vielmehr rasch und gerades Weges mit dem Sturme und gegen ihn nach Hause, die Wjuga müßte denn gar zu arg sein. Den Durst erträgt das Steppenrind wiederum leichter als das Pferd. Es kann zwei bis drei Tage dürsten, ohne große Unruhe kund zu geben. Daß es den Durst aber ebenso gern löscht wie das Pferd, davon finden sich in der Nähe jedes Brunnens oder Teiches auf der Steppe merkwürdige Zeugnisse, die zu ihnen führenden »Viehsteige« nämlich, die man als eine charakteristische Besonderheit des Steppentierlebens anführen kann. Das Vieh muß aus sehr großen Entfernungen zum Wasser laufen, sechs bis sieben Werst und noch weiter. Es wird darum nur selten getränkt, zuzeiten nur einmal des Tages. Sowie es nun merkt, daß sich die Zeit des Trinkens naht und der Hirt zu der Gegend des Brunnens hinweidet, nimmt es einen rascheren Schritt an und wird ungeduldiger, besonders wenn der Wind den Wassergeruch vom Brunnen herweht. Die Durstigen hören alsdann auf, grasend vorzuschreiten, und setzen sich in Trab, und die ganze Herde folgt ihnen bald trabend nach. Bei diesem Manöver bilden sie jedesmal mehrere (8-12) lange Reihen, in denen ganz regelmäßig ein Tier hinter dem anderen hergeht und immer gewissenhaft in dessen Spuren tritt, als hätte der Hirt sie so geordnet. Auf diese Weise treten sie alsdann die Rasennarbe völlig weg, und so bilden sich Steige, die ganz und gar den Fußsteigen der Menschen gleichen. Alle diese Wege laufen nebeneinander in gerader Richtung, als wären sie mit der Schnur gezogen, und zielen immer gerade auf den entfernten Brunnen ab. Wenn die Richtung zum Brunnen an einem Abhange hinführt, so bilden sie eben solche Wege an diesem Abhange, der dadurch auf das regelmäßigste abgestuft wird, indem eine Reihe immer etwas höher trabt als die andere. Das Verhältnis des Wolfes zum Rind ist natürlich ebensowenig freundschaftlich als das zum Pferde. Jedoch sagt man, daß er dem Rindergeschlechte nicht so begierig nachstelle als den Schafen und Pferden, daß er sich an die Schweine noch seltener mache. In eine Herde von lauter großen Rindern wagt der Wolf sich noch weniger als mitten in den Tabun; denn sie halten ebenso stark gegen die Wölfe zusammen als die Pferde, und wo sich nur einer blicken läßt, da sind gleich ein paar Dutzend spitzige Hörner gegen ihn gerichtet, und befindet er sich unglücklicherweise mitten zwischen ihnen, so hat er nicht so viel Gewandtheit zum Entrinnen, als die Hörner Gelegenheit haben, ihn zu durchstoßen. Der Stier meint es sehr herzhaft mit dem Wolfe, daß, wenn er ihn recht trifft, er ihn auf einen Stoß durch und durch bohrt und ihn mit den Hörnern an den Boden heftet. Nichtsdestoweniger schleichen die Wölfe auch hinter den Rinderherden her, und wo etwa ein lahmes oder krankes Tier nachhinkt, da wird es ihr Opfer. Da die Halsstarrigkeit und der Eigensinn des Rindes wie bei allen schwerblütigen Naturen, die sich einmal verstocken, viel größer ist als bei den Pferden, so kann man sich denken, welche Mühe es kostet, solche Wesen an das Joch zu gewöhnen. Es gibt viele Ochsen, die man mit keiner Kunst noch Gewalt zur Arbeit bringt. Mit solchen ist dann weiter nichts anzufangen, als daß man sie in die Talgsiedereien schickt, die ihnen den Übermut bald ausbrühen. Was man in der Steppe von der Halsstarrigkeit der Ochsen hört und sieht, ist, glaube ich, mehr als das, was man in dieser Beziehung vom Kamel erzählt. Wenn man einen solchen wilden Ochsen ans Ziehen gewöhnen will, so spannt man ihn zunächst mit einem alten zahmen Ochsen vor einen schweren Holzstamm, den man auf dem Boden hinschleifen läßt. Kommt man hiermit nicht zustande und geht der wilde samt dem zahmen durch, so spannt man jenen mit fünf zahmen Ochsen an einen Pflug, ein Paar vorn, ein Paar hinten, und einen zur Seite. Da muß der wilde Gast denn allerdings wohl langsam und ordentlich mit fort, und kann er das starke Joch nicht zerbrechen, so muß er sich fügen. Nur ein Versuch bleibt ihm noch, welchen er von den eigensinnigen Kindern gelernt haben muß. Er legt sich platt auf den Boden hin und läßt sich von den anderen Ochsen schleifen. Dies fürchten die Leute am meisten; denn läßt man ihm dies ungestraft gelingen, so wiederholt er es in Zukunft bei jeder Fahrt wieder, die ihm mißfällt. Schlagen und zerren am Leitstrick hilft da nichts; ja die stärksten und grausamsten Mittel sind da unwirksam. Am wenigsten verträgt der Ochse die Schläge an den Wurzeln seiner Hörner; aber wenn er eigensinnig ist, so hält er die Erschütterung aus, schlägt mit dem Kopfe um sich und bleibt liegen. Oft hilft ein sonderbares Mittel. Die Leute nehmen nämlich seinen Schwanz zwischen zwei Hölzer und reiben ihn darin hin und her. Dieser Kitzel ist dem Ochsen unerträglich, und meistens springt er dann auf. Was aber ein recht eigensinniger ist, der bleibt liegen und hält aus. Dem verstopfen sie alsdann die Nasenlöcher. Davon schwillt sein Leib auf, die Augen drücken sich aus dem Kopfe, er hebt die Schnauze empor, kämpft nach Luft, und oft kommt er in diesem Kampfe auf die Füße. Aber der schlimme bleibt auch dann noch liegen, und seine Herren, in der Angst ihn zu verlieren, geben ihm schnell wieder Luft. Darauf bringen die Leute, die wohl wissen, daß die ganze Erziehung des Tieres verfehlt wird, wenn sie nicht seines Eigensinns Meister werden, Stroh und Heu herbei und machen rund um ihn ein Feuer an, so daß die Flamme an seinen Seiten hinaufleckt. Die Haare versengen, die Haut springt in Blasen auf, der Ochse streckt den Hals lang auf den Boden hin und stöhnt und schnauft ins Gras, als läge er in den letzten Zügen. Das Feuer verlöscht, der Eigensinn aber wacht nach dieser Probe erst recht auf, und das Tier macht nicht die geringste Miene zum Weitergehen. Die Bauern verzweifeln endlich über diesen argen Märtyrer seines Eigensinns, spannen ihn aus, lassen den Starrkopf liegen und pflügen um ihn herum. Ein recht eigensinniger Ochse ist fähig, so einen halben Tag auf demselben Platze zu bleiben. Sind die Menschen fern, so schaut er listig um sich und tut ganz unbefangen. Nahen sich aber Leute, so duckt er mit dem Kopfe nieder, als wollte er sich noch fester an den Boden klemmen. Endlich, endlich aber verraucht ihm doch die Laune, und was weder Feuer noch Schläge vermochten, das bringt der Hunger zuwege. Er sieht, daß die anderen Ochsen in der Nähe weiden, erhebt sich und schlüpft zu den übrigen ins Gras. Doch mag auch dem Großrussen und dem Fremdling das Hirtenleben in der russischen Steppe als ein wenig beneidenswertes Los erscheinen, für den schweifenden Nachkommen der Jazygen hat es doch seinen eigenen Zauber, seine Poesie, wie wir aus dem Hymnus des Sarmaten Zercho in Dahns »Bissula« deutlich erkennen: »Ja wohl, die Steppe ist schöner und herrlicher als alles, was ich je geschaut in Römer- und Germanenland. Wenn im Lenz die Sonne den letzten Schnee weggeküßt hat, wann die Heide lacht, wann die Steppe blüht, wann bei Tage hundert Habichte zugleich kreischen in der blauen Luft und die wilden Hengste, die nie einen Reiter getragen, so furchtbar wiehern in der Brunst und so sturmgewaltig, alles vor sich her niederrennend, an den Zelten vorüberjagen, die zitternden Stuten verfolgend, daß dem Mutigsten das Herz erbeben könnte vor Schreck und doch auch vor Freude an der wilden, unbändigen Kraft! Und oh! des Nachts, wenn die tausend, tausend Himmelsgeister von oben niederschauen, viel, viel mehr Sterngötter und viel heller strahlen als bei euch, und wann im Dunkel die Kraniche und die wilden Schwäne wie dichte Wolken, aber wie weittönende, klingende Wolken hoch durch die Lüfte ziehen! Wohl ist die Steppe der Sarmaten schön und frei das Reiterleben der Jazygen wie kein Land sonst und kein Leben ist. Die Jazygen reiten mit dem Winde um die Wette, sie schlafen jede Nacht auf einem anderen Stück Erde, sie fangen, wenn es nichts Besseres zu beißen gibt, Heuschrecken und Eidechsen!«   13. Kiew, das russische Jerusalem. Von J. C. Martin. Zu den ältesten, schönsten und merkwürdigsten Städten Altrußlands gehört Kiew, die stark befestigte Hauptstadt der Statthalterschaft gleichen Namens. An dem linken, steilen bewaldeten Ufer des hier etwa 750 Meter breiten Dnjepr breitet sie sich malerisch nach der Ebene hin aus, und wer einmal oben auf der Höhe beim Wladimir-Denkmal gestanden, wird den Anblick auf den majestätischen Strom und das Häusermeer nicht so leicht vergessen, denn nur Moskau darf sich mit diesem Anblicke von fern messen. Es ist nicht das saftige Grün, das überall zwischen den Häusern hervorleuchtet, sondern das gleißende Gold und Silber auf den fremdartig gestalteten Kuppeln und Ketten der zahlreichen Kirchen, welches die Sinne gefangenhält. Und scheint gar noch die Sonne auf diesen glitzernden Reichtum, dann glaubt man sich in ein wahres Märchenland versetzt. Kiew zählt annähernd 180 000 Einwohner und zerfällt infolge seiner Lage in die sogenannte Höhlenstadt , von welcher noch die Rede sein wird, in das alte, hochgelegene Kiew , an das sich das von reichen Russen bewohnte Lipki anschließt, und in den am Dnjepr gelegenen Geschäftsteil Podol . Ist die zwischen einer Schlucht sich hinziehende breite Geschäftsstraße, der Kreschtschatik, der Sitz der öffentlichen Gebäude, schöner Läden, moderner Gasthöfe und sonstiger hübscher Privatbauten aus Stein, so begegnen wir im Basar und den angrenzenden Straßen und Karawansereien mehr dem arbeitenden Volke, einem Gemisch der verschiedenen Stämme des großen russischen Reiches: Polen, Tscherkessen, Tataren, Zigeuner und Juden. Schöne Anlagen, wie der Kaisergarten, der Mineralsgarten, Vergnügungsstätten, Theater usw. vervollständigen mit dem ehemaligen kaiserlichen Schloß, den zahlreichen Klöstern und Bettlern das Straßenbild Kiews. Kirchen und Klöster haben der Stadt ihr religiöses Gepräge verliehen. Von diesen ist die Lawra das größte und berühmteste im ganzen Reiche. Nach diesem Höhlenkloster pilgern jährlich Hunderttausende aus allen Teilen Rußlands, zumeist arme Leute, aber auch Kranke und gebrechliche Greise schleppen sich mühsam von weither nach diesem Mekka, um hier entweder Heilung zu suchen oder, mit neuen Hoffnungen erfüllt, in die Heimat zurückzukehren. Die Lawra liegt in der von der Festung umschlossenen Höhlenstadt. Hohe Mauern umgeben den gesamten Gebäudebezirk. Vom heiligen Tor aus, gegenüber dem Zeughaus mit den dräuenden Kanonen am Eingang, führt eine ebene Landstraße in den Klosterhof. Zur Zeit der großen russischen Kirchenfeste gleicht der breite, menschenübersäte Platz einer wahren Völkerwanderung, doch herrscht auch an anderen Tagen im Jahre hier stets ein gewaltiger Verkehr. In sackleinene, zerschlissene Gewänder gehüllt, die wunden Füße mit Lappen umwickelt, auf dem Rücken in einem Sacke die wenigen Habseligkeiten und in der Hand das kleine Säckchen mit Kupfer- und Silbermünzen, womit sie ihr Seelenheil zu erkaufen hoffen, so stehen die Pilger bettelnd und plaudernd umher oder kauern ermattet am Erdboden. Zu beiden Seiten des Platzes befinden sich zur ebenen Erde die Zellen der Mönche und Verkaufsbuden, und mitten auf dem Platze erhebt sich der 98 m hohe Glockenturm, dessen vier Stockwerke sich nach oben zu verjüngen. Von den zur Lawra gehörigen Kirchen ist die bedeutendste die Maria-Himmelfahrts-Kathedrale; ihre sieben vergoldeten Kuppeln sind gewissermaßen das Wahrzeichen Kiews. Sie ist in überladenem Rokokostil nach dem Brande im Jahre 1729 neu aufgebaut und strotzt im Innern von Gold und Silber. Der Ikonostas, Vergl. S. 142. ganz aus vergoldetem Silber hergestellt, reicht fast bis zur Decke. Kostbare Heiligenbilder, mit Diamanten und farbigen Edelsteinen geschmückt, bedecken die Wände. Ein besonders altes Marienbild wird an bestimmten Festtagen mittels Ketten herabgelassen, um geküßt zu werden, auch pflegt man es bei herrschenden Seuchen um die Mauern der Lawra herum zu tragen. Die Kathedrale, im Innern finster wie spanische Kirchen und mit Weihrauch gesättigt, ist stets angefüllt von Andächtigen, die entweder inbrünstig betend am Boden liegen und sich unaufhörlich bekreuzigen oder die Heiligenbilder küssen, weshalb das Beschauen und Umhergehen geradezu beängstigend ist. Unaufhörlich und überall ertönt das Geläute greller Glocken an die Ohren, dazwischen aber auch der wohltönende Baß der zelebrierenden Geistlichen. Der nicht dem griechischen Glauben Ergebene ist schließlich froh, aus dem Gewühl herauszukommen. Eine überdeckte Holztreppe führt zur Kirche der Kreuzerhöhung, und hier befindet sich der Eingang zum Höhlenkloster des heiligen Antonius. Wir schließen uns den Pilgern an, kaufen ein paar Kerzen und folgen nun auf einem durch beständiges Abtropfen von Stearin schlüpfrig gewordenen Gange dem führenden Mönche. Die Luft ist heiß und wirkt fast erstickend. Das Gemurmel wird lauter, wir haben heiligen Boden betreten. Die an beiden Seiten befindlichen, in den weichen Kalkstein gehauenen Nischen enthalten die Grabstätten von Heiligen, deren eingetrocknete Leichen, mit kostbaren Gewändern umhüllt, hier aufgebahrt liegen, und die jetzt zugemauerten Höhlen, worin büßende Mönche jahrelang gehaust haben. Ein aus einer schmutzigen Bodenerhöhung hervorragendes Haupt, gänzlich vertrocknet und mit einer hohen Mitra bedeckt, wird besonders verehrt, denn dieser sonderbare Einsiedler soll der Sage nach bis an die Arme vergraben dreißig Jahre lang in dieser Stellung gelebt haben. Bei all diesen Heiligen senkt sich der gläubige Mund zum Küssen der Gewänder, und stets fällt reicher Segen an Kupfer oder Silber in die angebrachten Opferschalen. Mühsam erspartes und zusammengebetteltes Geld! Was bedeutet der Peterspfennig gegenüber diesem Geldstrom! Der Stifter des Höhlenklosters soll der Russe Hilarion sein, welcher, bevor man ihn zum Metropoliten ernannte, hier in einer selbst gegrabenen Höhle viele Jahre als Einsiedler lebte. Er fand bald Nachahmer unter den gläubigen und frommen Söhnen des heiligen Reiches, und die Lawra, ein alter orientalischer Name für Mönchsansiedelungen, wurde bald von der hohen Geistlichkeit in Moskau und im Orient anerkannt. Die Lawra ist das reichste Kloster Rußlands und übertrifft an Wert noch das Troizakloster bei Moskau. Es wird berichtet, daß der verstorbene Zar hier sieben Millionen Rubel entliehen haben soll, sie aber nie zurückgegeben habe. Kiew besitzt noch mehrere solcher Höhlenkloster, doch sind diese kleiner und weniger berühmt.   14. Unter Deutschen an der Wolga. Quellen: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 1898, Nr. 88. Tromnau-Eckert, Kulturgeographie des Deutschen Reichs. 3. Aufl. S. 118 ff. Halle a. S. 1904, H. Schroedel. Über eine halbe Million unserer Landsleute wohnen im europäischen Rußland an der Wolga und, da sie kulturell meist über ihre Wirte hervorragen, haben sie auch Sprache und Sitte, auch ihren Glauben aus dem Heimatlande in der Fremde bewahrt. Ja, es gibt dort deutsche Ansiedlungen, deren Bewohner kaum Russisch verstehen. Neben den Württembergerkolonien am Finnischen Meerbusen in der Nähe von St. Petersburg, neben den Siedelungen am Schwarzen Meere vom Pruth bis zum Don und denen im Kaukasusgebiete sind besonders die Wolgakolonien zu nennen, welche 102 Stammkolonien auf dem Berg- und Wiesenufer dieses russischen Riesenstroms von Samára über Sarátow bis nach Sarepta, der Herrnhuterstadt, umfassen. Zu ihrer Blüte hat nicht wenig »Mütterchen Wolga«, die Ernährerin, beigetragen, wie sie die Russen in halbbewußter Ahnung ihres wirtschaftlichen Wertes nennen. Sie haben den Ursprung ihrer Matjuschka aufgesucht in einer moorigen, seenreichen Gegend der Waldaiberge und glauben ihn auch bei dem Dörfchen Wolgino Werchowje gefunden zu haben; denn sie haben dort eine kleine hölzerne Kapelle erbaut, ein Denkmal der Heimatliebe, des Natursinns und der Frömmigkeit zugleich, obwohl sie kaum die Quelle der Wolga bezeichnet. Rasch schwillt der Strom und hat bei Rybinsk schon fast 2 km Breite. Von Nischnij-Nowgorod ab, wo sie die fast gleich große Oka aufnimmt, entwickelt sich der europäische Riesenstrom mehr und mehr; er übertrifft an Wasserfülle und Breite die Donau und hat dabei die Lieblichkeit des Mittelrheins an seinen Ufern. Rechts sind, wenn man abwärts fährt, fast überall steile Gehänge waldiger oder samtgrün beraster Berge mit tiefen Waldschluchten, links fruchtbare Felder und Wiesen. Am Knie von Samára treten an beide Ufer die Schegulinberge heran und schaffen ein malerisches Landschaftsbild. Vom Dampfschiffe aus erkennt man an den spitzen Kirchtürmen, den gut gebauten Häusern und den langen Windmühlenreihen bald die zahlreichen deutschen Dörfer an der Wolga, die heute in großer wirtschaftlicher Blüte stehen, nachdem sie im Anfange, als sie das durch den Vernichtungskampf der Russen und Tataren, durch die Raubzüge der Steppenvölker und die furchtbaren Kosakenaufstände verödete Land auf das Betreiben Katharinas II. besetzten, nicht recht gedeihen wollten. Mehrere haben heute 3000 Einwohner; Katharinenstadt hat etwa 10 000 Einwohner, es hat Ackerbau und Gewerbtätigkeit gegen den Wolgahandel vertauscht. Die Russen nennen den Ort Baronski. Von diesen Kolonien bei Samára und Sarátow unterscheidet sich die Herrnhuterkolonie Sarepta in der Nähe der Sargamündung und der Teilung des Stromes in Wolga und Achtuba bei Zarizyn. Den Namen erhielt die Kolonie 1770, als sich die ersten Herrnhuter nach der entbehrungsreichen Durchwanderung der öden Steppen hier häuslich niederließen, wie Elias einst nach langer Wanderung vom Bache Krith bei der Witwe zu Sarepta im Lande der Sidonier. Das Gemeindesiegel der neuen Gründung zeigt deshalb noch heute das Mehlkad mit Kornähren und den Ölkrug unter dem Olivenbaum. Die Zähigkeit des Elias und sein ausharrendes Gottvertrauen waren ein gutes Vorbild für die jungen Ansiedler, die schon drei Jahre später von Kosakenhorden ausgeplündert, deren Felder oft von Heuschreckenschwärmen vernichtet wurden, die Mißernten, Feuersbrünste (1823), Krankheiten unter Menschen und Tieren oft zu vernichten drohten. Kalmücken und Kirgisen suchte man durch ein kleines Kastell abzuwehren, das die Regierung mit einigen alten Geschützen ausstattete und mit 12 Mann besetzte. 100 Jahre lang hat so das Schicksal der Kolonie geschwankt, jetzt aber blüht sie auf; Sareptasenf und Sareptabalsam kennt ganz Rußland. Dieser Balsam wird aus Steppenkräutern hergestellt, die bisher niemand beachtete; auch die Senfpflanze wuchs hier wild, als sie ein findiger Deutscher, namens Klitsch, zur Quelle seines heute nach Millionen zählenden Vermögens machte. Talgsiedereien verdanken ihr Entstehen dem Rinderreichtum der Steppe, ebenso die Lederfabriken. Tabakbau ist die Grundlage eigener Tabakverarbeitung. Daneben blüht der Wein-, Obst- und Gemüsebau. Die früheren Räuberhorden der Kalmücken decken jetzt den Arbeiterbedarf der Fabriken. Mit Russen steht Sarepta wohl in Geschäftsverbindung, aber sie meiden den Ort selbst wegen seiner pietistisch-strengen, weltabgewandten Art, die dem lebenslustigen Russen ein Greuel, der Inbegriff der Langeweile ist. »Sarepta ist eine Welt für sich, die vor Langeweile schläft und nicht gestört sein will«, sagen sie; denn sie vermissen die Lust des Trinkens und Zechens, die Lust feuriger Tanzmusik oder heiterer Lieder – das stille, beschauliche Leben in ewig gleichen Geleisen: Tags Arbeit, abends Kirchgang und Plauderstündchen auf den Veranden, um 10 Uhr Bettruhe; Sonntags Predigtgottesdienst, nachmittags geistliche liebliche Lieder oder Geschichten daheim; genau wie es das Herkommen der Brüderunität vorschreibt; nie Tanz, nie Gesellschaften und Gastmähler, nie Spiel und öffentliche Vergnügen, – solch Leben hält kein Russe aus. Aber der Erfolg , die Früchte rechtfertigen dieses Leben. Wenn man von der Landungsbrücke an der Wolga durch die malerischen Hügel, dann durch die hitzestrahlende Steppe fährt, prangt die Stadt Sarepta wie eine Oase am Fuße der Wolgahöhen. Sie nähern sich hier, einen Halbkreis für die Stadt offen lassend, zum letzten Male dem Strome, dann verlieren sie sich in der Kalmückensteppe. Weiße Häuschen bergen sich im Schatten grüner Pappeln, Eichen, Maulbeerbäume. Staubige Gäßchen führen zum Hauptplatze, auf dem in einem Kranze von Pyramidenpappeln eine kleine gotische Kirche steht. Gemeindehaus, Pfarrhaus, Schule, Kaufhaus, Gasthaus und Bäckerei rahmen den Platz ein. Erklimmt man einen der Gipfel der Wolgahöhen, so wird einem staunend der Gegensatz klar zwischen der öden, Grabesfrieden atmenden Steppe draußen und dem Oasenstädtchen, das deutscher Bienenfleiß und herrnhutische Frömmigkeit hierhergezaubert haben mit seiner Kirche, seinen weißen Häuserzeilen und qualmenden Fabrikschornsteinen. – Im Norden aber winken die Zwiebelkuppeln der orthodoxen Russenkirchen der Handelsstadt Zarizyn, im Osten glänzt der Spiegel der Wolga zwischen waldigen Sumpfinseln hervor, über allem aber wölbt sich der blaue, wolkenlose, lichtdurchflutete Steppenhimmel. Andere Bauernsiedlungen liegen in der Nähe von Saratow . Ein deutscher Kriegsgefangener vom Juli 1916 schildert das Leben unter diesen » Hessen mit ihren Löwenmähnen« sehr hübsch in der Zeitschrift des Vereins für das Deutschtum im Auslande: 1919, Heft 40. »Nach kurzem Marsche sahen wir das Dorf Anton in einer Talsenkung vor uns. Ganz anders sah es aus als die Russendörfchen, durch die wir bisher gekommen waren. Weiß getünchte Häuser mit Strohdächern, Backsteinhäuser mit Ziegel- und Blechdächern boten sich unsern Blicken dar, und in der Mitte stand eine Kirche von derselben Art, wie wir sie aus der Heimat kannten. Es war ein richtiges deutsches Dorf. Die Straßen waren nicht gepflastert, aber es lag wenigstens kein Schmutz darauf; die Häuser alle weiß getüncht, und fast vor jedem Hause stand eine Bank. Was mir besonders auffiel, waren die Torwege, zwei schlanke Pfosten mit seltsam geschnitzten Köpfen russischer Herkunft. Das Wohnhaus mit den Schlafzimmern usw. hatte in der Regel einen Vorgarten nach der Straße hin, dessen Fliederbüsche mit ihrer duftenden Last im Sommer die Fenster beschatteten. Außer dem Wohnhaus besaß jeder Hof noch ein zweites, meist unheizbares Gebäude, das » Backhaus «. Hier spielte sich im Sommer das Familienleben ab, um das Wohnhaus zu schonen. Den Namen »Backhaus« hat es nach der großen »Plieta«, einem russischen Koch- und Backofen, der den größten Teil der Küche einnimmt. Die Kleidung der Wolgadeutschen ist äußerst einfach. Die Männer tragen einfache weiße oder farbige Russenhemden, schlichte schwarze Anzüge, dazu die schwarze Mütze und die in Rußland unvermeidlichen hohen Stiefel. Die Kleidung der Frauen besteht aus einem dunkeln, faltigen Rock mit heller Bluse und einem einfach gemusterten Kopftuch. Im Winter ziehen die Frauen meist nur noch ein kurzes, mit Schafwolle gefüttertes, eng anliegendes Jäckchen, das »Koftche«, über, und das leinene Kopftuch wird mit einem wollenen vertauscht. Die Männer tragen entweder den »gälen Faltepelz« der Russen aus gegerbten Schaf- oder Ziegenfellen mit der Wolle nach innen oder einen schwarzen Faltenpelz. Solch ein schwarzer Pelz ist bis zu den Hüften eng anschließend gearbeitet und hat dann bis zu den Fußspitzen eine weite faltige, rockartige Verlängerung. Die sommerliche Schirmmütze und die Lederstiefel werden mit einer hohen Lammfellmütze und Filzstiefeln vertauscht. Auf seinen schwarzen »Faltepelz« ist der Ansiedler äußerst stolz; denn »do schaat'r aus wie a richt'ger Deitscher«. Und wirklich, wenn man an einem stillen Wintertage so einen würdigen alten Herrn mit seinem schwarzen Pelz gemächlich daherwackeln sieht, »do maant mer grad«, es käme ein richtiger hessischer Bauer in seinem sonntäglichen Bratenrock daherstolziert. Tatsächlich stammt auch ein großer Teil dieser Wolgadeutschen aus Hessen, wovon ich mich durch Einsicht in die Kirchen- und Gemeindebücher überzeugen konnte. – Wenn die Sonne untergegangen ist, ruht jede Arbeit. Dann besuchen sich die Nachbarn, setzen sich auf die Bank vor dem Hause, zünden ihr Pfeifchen an oder »wicklen sich aans«, d. h. sie drehen sich eine Zigarette und fangen an, »Rot zu halla«: sie erzählen sich etwas. Die »Mädercher« sitzen still bei ihren Müttern, wenn sie sich als »Kindsmaad« zu betätigen haben. Die jungen Burschen dagegen ziehen truppweise durch die Straßen und singen, wenn sie nicht auch »spiele gehn«: Besuche machen. Bei diesen Sangesbrüdern wird eifersüchtig darüber gewacht, daß die »Obergässer« sich nicht in die »Unnergaß« oder die »Gänsgässerer« sich nicht in die »Kerchgaß« verirren, sonst könnte leicht mal einer »gerisse« oder »gehullaxt« werden. Kurz und gut, es ist dann nicht gut mit ihnen Kirschen essen, und sie sind bereit, über jeden herzufallen. Eine große Neigung haben diese Deutschen, sich Spitznamen oder, wie man dort sagt: »Uhnamen«, anzuhängen. Da gab's einen »Flohhannes«, einen »Speckmichel«, einen »Hickelhannes«. Aber das ging noch an; als ich später in Balzer (Goloj-Karamysch) lebte, lernte ich dort zwei Webermeister kennen, von denen der eine der »Sandhas«, der andere »das uralte Apostelmaul« genannt wurde. Ein dritter wurde das »Hosenmuster« genannt, weil er es gewagt hatte, statt der althergebrachten schwarzen Hose eine kreuzgestreifte englische zu tragen usw. So lernte ich bald alle umliegenden Dörfer: Moor, Messer, Beideck, Grimm, Norka usw. kennen und lebte mich immer mehr bei den Ansiedlern ein, daß man mich schließlich selbst für einen Kolonisten hielt; man hatte vergessen, daß ich Kriegsgefangener war. In Balzer wurde ich einst nach einer Theateraufführung, bei der ich mitgewirkt hatte, gefragt, ob ich Schauspieler wäre. Als ich verneinte und sagte, daß ich vor dem Kriege in Berlin orientalische Sprachen studiert hätte, fuhr es einem braven alten Herrn, der daneben stand, heraus: »Un eich hunge denkt, Ihr sad aaner von dere Wiesseseit!« (Wiesenseite, das linke Wolgaufer, wo die Siedler eine etwas andere Mundart sprechen, im Gegensatz zum rechten Bergufer). Vergessen wir es nicht, das knorrige, wetterharte Völkchen an der Wolga. Sie sind deutsch geblieben, die Wolgasiedler mit ihren guten alten verwitterten Gesichtern, mit den scharfgeschnittenen Hakennasen, deutsch geblieben im Fühlen und Denken und hoffen auf ihr altes Vaterland, daß es ihnen einst wieder die Hand zur Rückkehr entgegenstrecken werde.« IV. Bilder aus Mitteleuropa. Einleitung. »Zwischen den Alpen und der Nord- und der Ostsee, zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Schwarzen Meere liegt ein Teil Europas, dem Alpen, Karpaten und Balkan, weite Tiefländer, Flüsse wie Rhein und Donau eine Ähnlichkeit der großen Formen des Bodens verleihen, ein Land, dessen Klima übereinstimmend geartet ist, und dessen Pflanzenwuchs fast von dem einen bis zum anderen Ende denselben Teppich von Wäldern, Wiesen, Heiden, Mooren und Matten ausbreitet. Das ist Mitteleuropa im weitesten Sinne. Gehen wir von hier nach Süden, so kommen wir in Länder der mittelmeerischen Region, die in jeder Hinsicht anders geartet sind. Im Norden und Westen haben wir das Meer zur Grenze. Nur im Osten ist der Gegensatz zum östlichen Europa nicht so scharf ausgeprägt, und gerade darin haben wir sofort eine der wichtigsten Eigenschaften Mitteleuropas: weniger scharf im Osten als auf allen anderen Seiten begrenzt zu sein.« In diesem Streifen liegt Deutschland mitteninne. Seinen mannigfaltigen Landschaften werden die Geographischen Charakterbilder in einem besonderen Bande gerecht: denn es ist unser Vaterland! Und der Mann, der als Deutscher und Gelehrter sein berühmtes Büchlein »Deutschland« verfaßte, Friedrich Ratzel, schrieb in einer Vorbemerkung dazu das schöne Geleitwort: Eine Vertrautheit wie die des Kindes mit seinem Vaterhause muß das Ziel der Heimatkunde sein. Vor allem soll der Deutsche wissen, was er an seinem Lande hat. Südöstlich vom Deutschen Reiche liegen als ein Übergangsland nach dem mittelmeerischen und dem festländischen östlichen Europa die Länder, deren Lebensader die Donau ist – südwestlich aber Frankreich als ein Übergangsland zum atlantischen Westeuropa und auch zum Mittelmeergebiete. Zwischen beiden aber liegt das breite Grenzgebiet der Alpen mit dem Kernlande der Schweiz. Das Deutsche Reich, die Donauländer, Frankreich lehnen sich an dieses gewaltige Hochgebirge an und empfangen einen guten Teil ihrer Lebensadern aus diesem Quellenhorte. Wir geben im folgenden zuerst einige Charakterbilder aus dem südöstlichen Flügel Europas, den Donau- und Karpatenländern – Deutschland als geschlossenes Sprachgebiet scheidet hier aus –, endlich aus dem Grenzgebiete, den Alpenländern. A. Donau- und Karpatenländer. 1. Böhmen und seine deutschen Randgebirge. – 2. Prag und die tschechische Mitte. – 3. In polnischen Dörfern. – 4. Ruthenische Walddörfer. – 5. In den Pußten – 6. Die Deutschen im Banat. – 7. Ein Heiligentag in Slawonien. – 8. Die Siebenbürger Sachsen einst und jetzt. – 9. Das Leben der sächsischen Bauern in Siebenbürgen. – 10. Nach Rumänien.   1. Böhmen und seine deutschen Randgebirge. Zum Teil nach dem Werke: Die österreichisch-ungarische Monarchie. Bd. XIII. Böhmen ist mit einem Gebirgswall ringsum eingefaßt und tritt dadurch im Kartenbilde Europas seit alters deutlich als ein Ländereinzelwesen hervor. Der alte Geograph Sebastian Münster zeichnete Europa in seiner »Cosmographey« als eine königliche Jungfrau – und Böhmen als Kranz unter ihrer Brust. Die Wasseradern des böhmischen Kernlandes bezeichnen deutlich das Absinken des Stufenlandes gegen Leitmeritz zu: ihre gesammelte Wasserkraft durchbricht dann den Gebirgswall in nördlicher Richtung im Elblaufe. Wo die Gewässer in ihrer waldschattigen Bergheimat rasch und jugendkräftig rauschen, wo sie als Strom vereinigt breit dahin fließen und des Landes Erzeugnisse über die Grenzwälle hinaustragen können, dort hat sich der gewerb- und handeltreibende Deutsche niedergelassen; das Hügel- und Flachland im Innern erkor sich der ackerbauende Slawe zum Wohnsitz. Die eigentümliche Bodenform Böhmens bedingte also auch eine Auslese unter seinen Bewohnern. Uralte Gneise, Glimmer- und Urtonschiefer, vermengt mit Graniten bauen die südliche größere Hälfte des Landes und die beiden Grenzgebirge auf, die von NW. und NO. her aufeinander zulaufen. An diesem uralten Kern stauten sich später die jungen Falten der Alpen ebenso auf wie am Schwarzwald-Wasgauhorste und dem des mittleren Frankreichs. Durch Senkungen entstand ein Meeresbecken, das von der Moldau bei Prag bis an den Böhmerwald und das Teplergebirge reichte und sich mit kambrisch-silurischen Schiefern, Grauwacken und Kalksteinen füllte, in denen uns Spuren der ältesten Lebewesen der Erde aufbewahrt blieben. Danach muß Böhmen lange Zeit Festland geblieben sein: dann aber wucherten in der Gegend von Schlan-Rakonitz, Pilsen, Raudnitz usw. die üppigen Sumpfwälder der Steinkohlenzeit empor, die unter den roten Sandsteinen und Tonen bis auf unsere Tage die in ihnen aufgespeicherte Sonnenkraft uralter Zeiten bewahrten. Dann wurde der Norden Böhmens vom Kreidemeer bedeckt, das gewaltige Schichten von Kalken, Plänern und Quadersandsteinen absetzte, von denen die berühmten Säulen der böhmischen Schweiz und der Adersbach-Wekelsdorfer Felsen zeugen. Danach kam es in flachen Seebecken längs des Erzgebirges zur Bildung von Braunkohlenmooren; und, während das Erzgebirge im südlichen Teile immer tiefer einsank, quollen gleichsam als Gegengewichte die Basalt- und Phonolithkuppen des sogenannten Mittelgebirges und des Duppauer Stockes empor und wurden bis zu Höhen von fast 900 m hinaufgetrieben. Seit dieser Sturm- und Drangzeit hat Böhmen keine größeren Wandlungen erfahren. Wind und Regen und fließendes Wasser übten ihre zerstörende Kleinarbeit während der Eiszeit, wo Grassteppen den Boden deckten, auf denen Mammute weideten. Dieselben Mächte arbeiten noch heute an der Gestalt des Landes, langsam und unauffällig. Der Mensch hat den Boden unter den Pflug genommen in den sanft gewellten Ebenen: über weite Fruchtfelder schweift der Blick, haftet an einem der zerstreuten baumumringten Dörfer oder Herrensitze, an einem Gehöfte oder den Schloten einer Zuckerfabrik, gleitet den glitzernden Schienenwegen entlang, die von Prag aus nach allen Richtungen das Land durchschneiden, oder folgt den buscherfüllten Flußtälern bis zu den waldblauen Kämmen der deutschen Randgebirge – das ist etwa das heutige Bild Böhmens vom Gipfel des Ladwiberges bei Prag (356 m) oder des sagenberühmten Wallfahrtsberges Řip bei Raudnitz, von dem aus Čech, der Ahnherr des tschechischen Volkes, das Land in Besitz genommen haben soll. Auch in den Einzelzügen des wirtschaftlichen Lebens, welches sich auf diesem Boden heute abspielt, erkennt man Abhängigkeit von dem geologischen und geographischen Bau des Landes. * * * Der Absturz der großen, im wesentlichen aus kristallinischen Schiefern aufgebauten Scholle des Erzgebirges nach Süden und der dadurch entstandene hohe Kamm (im Keilberge 1244 m) bilden im Nordwesten den Grenzwall. Jäh stürzen sich in raschem Gefälle die Gewässer in das tiefer gelegene Vorland, hie und da zu nutzbringender, industrieller Arbeit in Talsperren gestaut. In diesen kurzen Tälern liegen malerisch eingeklemmt alte Bergstädtchen wie Graupen, Joachimstal, mit den alten Fachwerkbauten der Fundgrübner des Spätmittelalters: denn die Adern von Silber, Nickel, Kobalt, Uran, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei sind fast völlig abgebaut; die Bewohner haben sich anderen Beschäftigungen zuwenden müssen; meist bodenfremden Industrien wie Tabak-, Handschuh-, Knopffabrikation oder Spitzenklöppeln und Weißnähen u. a. m. Auch auf den Hochflächen des Kammes liegen solche alte Bergstädte, hier weitläufig um einen viereckigen Marktplatz angelegt, der heute verödet ist, wie z. B. in dem Flecken Platz. Nur wo Industrien der Bevölkerung aufhalfen, herrscht in diesen hochgelegenen Städten (Gottesgab 1028 m!) reges Leben. Vom alten Bergbau zeugen die gewaltigen Halden tauben Gesteins, alte Stollenlöcher, eingestürzte Werke, Bingen genannt. Joachimstal aber erlebt vielleicht eine neue Blüte als Bergbad; denn die alten Grubenwässer bergen die geheimnisvoll wirkenden Strahlenkräfte des Radiums, und in den staatlichen Uranerzgruben wird das neue Element zu einem großen Teil für die Wissenschaft gewonnen. Die spärlichen Dörfer liegen traurig grau in dem Schindel- und Holzkleide ihrer verstreuten Häuser inmitten weiter Moorheiden oder grüner Hänge, die vom Vieh abgeweidet werden; der Feldbau ist spärlich und mühselig. Nur die gegen Süden in den Tälern hinabstreichenden Siedelungen bieten ein freundlicheres Bild wegen ihrer wärmeren Lage. Der Paßverkehr über die Kammhöhe führte zur Anlage zahlreicher Burgen, deren Ruinen auf Felspfeilern des Südhanges liegen: Riesen- und Geiersburg, Hassenstein u. a. Der Wald- und Wildreichtum ließ fürstliche Jagd- und Lustschlösser auf den Waldschultern des Südgehänges erstehen, die fensterreich in die Vorebene hinausblicken: so Eisenberg, Rotenhaus u. a. Mönche legten Klöster an, am berühmtesten ist das Cistercienserstift Ossegg, das mit seinen herrlichen Gärten und Fischteichen, mit seinen gotischen und Barockbauten am Fuße des Gebirges liegt, 1199 gegründet. Das fruchtbare Egerland ist der jüngste Teil des süderzgebirgischen Senkungsfeldes und verrät diese Natur noch durch zahlreiche Kohlensäurequellen, die im Gegensatze zu den »süßen Brunnen« Säuerlinge genannt werden. Der Kammerbühl bei der alten Reichsstadt Eger, der Eisenbühl bei Boden sind Aschenvulkane, die in sehr spätgeologischer Zeit noch tätig waren, Schlacken, Lapilli und Lava auswarfen. Mineralmoore gaben die Veranlassung zur Gründung der Bäderstadt Franzensbad als Zweig von Eger. Die reichen Bauern des Egerlandes haben zum Teil noch ihre alte Art, Sitte und Tracht bewahrt. Die Braunkohlen des Senkungsfeldes werden in zahlreichen Schächten bei Falkenau, Brüx, Dux und Aussig abgebaut und dienen sowohl der Industrie als dem Hausbedarf bis weit ins Reich hinein. Die Vorräte sammeln sich in Aussig an und werden auf den zahlreichen Eisenbahnen und auf den Zillen verfrachtet. Tetschen, Bodenbach und Aussig sind große Elbhäfen, Umschlagsplätze des Landverkehrs in den Wasserverkehr. Denn alle Landeserzeugnisse: die Zuckerrüben und der Zucker aus den Lößgebieten des tschechischen Innern, der Hopfen aus der Gegend von Saaz wie aus dem Grün- und Rothopfenlande hinter Leitmeritz, das Obst oder die Trauben des Elbtals im Mittelgebirge fließen ebenso hier zusammen wie die Kohlen. Die Werftplätze mit den Lagern von Kieferstöcken, die die Spanten der Zillen hergeben, haben immer zu tun; denn zumeist wird nicht bloß die Fracht, sondern auch der Kahn im Deutschen Reiche verkauft, wenn er seine erste Talfahrt beendet hat. Als Lastkahn fährt er dann noch lange Zeit auf der Havel und Spree und ihren Kanälen. Zur Zeit der Baumblüte ist das Elbtal von Aussig bis hinauf nach Lobositz ein wundervoller Frühlingsgarten. Die Nachtigallen schlagen noch in den engen Seitentälern mit ihren Quellen und Büschen – und die vulkanischen, sanft geschwungenen Bergdome und ihre steilen Abstürze zur Elbe erinnerten Ludwig Richter an die Schönheiten des Albanergebirges. Rechts der Elbe sind bei Steinschönau Berg und Tal mit Häusern und Hütten bedeckt – hier wohnt eine zahlreiche Industriebevölkerung, die großenteils in den Glashütten ihr Brot findet, die aber auch in den Häusern Glas schleift und zum Antrieb die hübschen kleinen Wiesenwässer benutzt, auch die »Rumburger Leinewand« zu Kragen näht. Die Webindustrie erreicht in der Warnsdorfer, Reichenberger Gegend ihren Höhepunkt bis nach Trautenau; am Südabhange des Jeschken-, Iser- und Riesengebirges überhaupt: sie ist emporgewachsen aus dem Flachsbau dieser Gegenden. * * * Das Böhmerwaldgebirge besteht aus mehreren gleichgerichtet streichenden Kämmen – waldblaue Gebirgsfalten und -buckel –, zum Teil mit urwaldartigen Beständen wie am Kubany, mit Wiesen- und Weidewirtschaft, mit Mooren, aus denen schwarze Flüsse hervorquellen, mit tief versenkten Seen und steilen Felsklippen aus Granit, mit Blockhäusern und steinbeschwerten Schindeldächern. Darin wohnt der Waldbauer auf seinem Eigen, oft einsam und sich selbst genug, sein eigner Schmied, Zimmermann, Köhler, Fuhrmann usw. Jetzt ist schon die Holzindustrie in die waldreichen Täler vorgedrungen: Holzstoffabriken nutzen Wälder und Wasserkraft aus – Holzschnitzerei, Wagnerei, Faßbinderei gesellen sich dazu und werden in gewerblichen Schulen gelehrt – und mit der Korbflechterei, der Spitzenklöppelei, Handschuhnäherei hat man auch schon Versuche gemacht, so daß auch dieses Waldgebirge zu einem Industriegebirge zu werden verspricht, wie das Erzgebirge z. B. Glashütten hat der Böhmerwald schon lange; denn überall gibt es reiche Quarzgänge. Der südliche Landrücken bildet die Wasserscheide zum Donaugebiete, besonders zum Marchsystem; er ist auf weite Strecken hin sehr niedrig, am niedrigsten vor den Sudeten (185 m), wo die Hauptstraßen nach Mähren und Wien hinführen. Während man in den hochkultivierten Ländern oft lange und vergebens sucht, um einmal etwas Eigenartiges, Naturwüchsiges, von der alles zersetzenden »Aufklärung« noch nicht Aufgelöstes anzuschauen, braucht man in Böhmen nur zuzugreifen, um altertümliche Gebräuche, merkwürdige Sagen, lebendige Volkspoesie bei Tschechen und Deutschen kennenzulernen. Aus dem reichen Schatze sei hier nur ein Beispiel mitgeteilt. Im Taborer Kreise liegt ein Berg Blanik, aus dem rieselt eine Quelle hervor mit grünlichem Wasser und weißem Schaume. In alten Zeiten, wo ein sehr mächtiger Feind das Tschechenvolk bedrängte und endlich unterjochte, hatten sich aus der letzten unglücklichen Schlacht noch einige Tausend Eingeborene gerettet und, vom Feinde hart verfolgt, im Innern jenes sonderbaren Berges, der sich plötzlich der Reiterschar geöffnet, Schutz und Zuflucht gefunden. Daselbst schlafen sie nun schon viele hundert Jahre samt ihren Pferden, sterben aber nicht, sondern werden wieder hervorkommen, wenn die Zeit erfüllt ist und Böhmen wieder in der größten Bedrängnis sein wird; dann aber werden sie siegen. Zuweilen heben sie die Köpfe empor und fragen, ob es nicht Zeit sei? Dann spitzen die Pferde die Ohren, aber alsbald fällt auch alles wieder in Schlaf. Wer an dem rechten Tage und zur rechten Stunde an den Blanik kommt, dem ist der Anblick der Reiter verstattet. Am St. Gregoriustage (dem 12. März) halten die Knaben aus der Umgegend noch alle Jahre einen kriegerischen Umzug um den Blanik, indem sie die Sage dramatisch darstellen. Ein Anführer wird gewählt, der läßt Halt machen und fragt, ob es noch nicht Zeit sei? Ein anderer ist der Sendbote, der wird fortgeschickt, um zu erkunden, wie es auf der Oberwelt stehe, und der erzählt darauf, was er weiß, bis der Anführer spricht: »Noch ist es nicht Zeit!« und das kleine Heer sich auflöst. Wen überrascht nicht die auffallende Ähnlichkeit dieser Sage mit der von unserem Friedrich Rotbart in dem Kyffhäuser? Das dichtende Volksgemüt offenbart sich unter allen Nationen nach denselben Gesetzen, und solche Gesetze sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern bilden sich mit innerer Notwendigkeit aus dem natürlichen Leben des Landes, wie des Volkes und seiner Geschichte. Der deutsche Wäldler aber pflegt seine alten Bräuche, mit besonderer Neigung stellt er die heilige Geschichte plastisch in Holz – oder noch besser dramatisch in der Kirche oder auf besonderen Volksbühnen dar: Wer hätte nicht schon von den Höritzer Passionsspielen gehört? Und aus altheidnischer Zeit stammt die Sitte des »Sunawendfeuers« auf allen Höhen der Randgebirge. Da werden alte Wagenräder mit Stroh umwunden und mit Pech bestrichen, auf Stangen aufgesteckt und angezündet, während Buben ihre brennenden Besen schwingen und durch das große Bergfeuer springen. Schüsse krachen, Gelächter schallt, und all der Lärm bietet das Volk in den Tälern auf. So wahrt auch der Deutsche seine »völkische« Art.   2. Prag und die tschechische Mitte. A. W. Grube, Skizzen böhmischer Kulturbilder. Einen überraschenden und alle Erwartungen übertreffenden Eindruck machte auf mich Böhmens Hauptstadt. Mit Prag möchten sich von den deutschen Städten wenige an Schönheit und Eigentümlichkeit der Lage messen können. Wenn man von dem Rücken des Weißen Berges her in das hochgelegene Burgviertel der Stadt, den Hradschin , vorschreitet auf den Vorsprung, der jäh zum Moldautale abfällt, und dann von dieser Bergstadt herab auf einmal tief unter sich eine noch viel größere Flußstadt erblickt, ein Meer von Häusern und Palästen, aus dessen Wogen eine zahllose Menge von Kirchen, Türmen und Kuppeln wie Schiffe mit ihren Masten hervorragen: so ist das fast ein morgenländisches Bild, großartig und prächtig. Zu den Füßen schlängelt sich die breite, stattliche Moldau, welche tief in die Hochfläche sich hineingegraben und malerische Hügelreihen an den Ufern gebildet hat. Dort erhebt sich der schroffe Ziskaberg, auf welchem die Hussiten 1420 ihren ersten Sieg erfochten, und weit im Hintergrunde der feste Wyschehrad, malerisch das Gemälde begrenzend. Wendet man sich um, so hat man die Ansicht des großen königlichen Schlosses, das die kaiserliche Hofburg zu Wien noch an Größe übertrifft; daneben den prächtigen erzbischöflichen Palast, rechts aber die ehrwürdige gotische Kathedrale, den Dom von St. Veit mit seinem himmelanstrebenden Turme. Auf der entgegengesetzten Seite das reiche Prämonstratenserstift Strahow mit seiner schönen Kirche, und dahinter auf einem mit Wein- und Obstgärten begrenzten Hügel die freundliche Laurentii-Kapelle mit ihren zwei zierlichen Türmen; – eine Mannigfaltigkeit der An- und Aussicht, wie sie dem Auge selten zuteil wird. Steigt man sodann hinunter zwischen den hohen Häusern, die, auf schroffem Abhange erbaut, wie Festungswerke erscheinen, und stellt sich auf die 540 m lange und 17 m breite altertümliche steinerne Brücke, welche die Altstadt mit der Kleinseite verbindet, zwischen die 28 Heiligen und Apostel, die, aus Stein gehauen, auf den Brückenrändern Wache halten, in der Mitte bis vor kurzem das bronzene Standbild des heiligen Nepomuk, Schutzpatrons von Böhmen – so hat man wieder einen Anblick, wie man ihn weder auf der Dresdner, noch sonst einer Brücke finden kann: die Ansicht des Hradschin. Gegenüber der steinernen hängt eine zweite Brücke, kühn über dem breiten Moldauspiegel schwebend, und zu den alten Bauwerken den Gegensatz der Neuzeit bildend; es ist die eiserne Kettenbrücke, ein Denkmal der Baukunst unserer Tage. Neben ihr, in den Strom gelagert, lacht freundlich das baumbekränzte Eiland der Sophieninsel herüber, und weit hinter ihr, in blauer Ferne verschwimmend, erscheinen wieder die schroffen Ufer der Moldau. Man bekommt auf der alten Karlsbrücke zugleich den Eindruck altchristlicher Göttersage, mittelalterlicher Romantik und moderner Kunst. Überall ragt in die Stadt das Land, in die Gegenwart die Vergangenheit, in das weltliche das kirchliche, in das Kultur- das Naturleben hinein, und das macht eben Prag so merkwürdig, so eigentümlich. Es läßt sich kein vollerer Gegensatz denken, als zwischen einer Stadt wie Berlin und einer Stadt wie Prag. Berlin in einer durchaus flachen, einförmigen Sandebene an der unscheinbaren Spree; – Prag in einem wechselreichen Hügellande, zum Teil selbst auf Bergeshöhen erbaut, an den malerischen Ufern der Moldau; um Berlin die Natur des norddeutschen Tieflandes mit Kiefernheide und Erlenmoor – um Prag schon süddeutsche Natur, Wein- und Obstgärten; die Straßen von Berlin alle breit, regelmäßig und geradlinig – in Alt-Prag kaum zwei breite, gerade Straßen, alle anderen krumm und eckig; in Berlin fast alle Häuser modern, freundlich, aber einförmig und nüchtern – in Prag schauen aus dem modernen Leben noch viele rußige Häuser hervor, unregelmäßig, oft seltsam, mit gewölbten Vorbauten und Laubengängen, die Paläste aus ältester Zeit, jeder mit seiner Geschichte ein Zeuge grauer Vergangenheit: kein Haus dem anderen gleich, ein bunter Wechsel; – in Berlin alles fein, abgeschliffen, äußerst zierlich, vornehm – in Prag viel Schmutz, ein ganzes Judenviertel, überall böhmische Bauern, Juden und Pöbel, an allen Ecken und Enden Fleisch- und Semmelbuden, Hökerweiber und dampfende »Würstel«, viel mehr Volkstümliches. In Berlin sind Kirchen und Glocken eine Seltenheit, in Prag ist beides im Überfluß; Berlin die Residenz der Friedriche und Philosophen, Prag die Residenz der Erzbischöfe und einer reich verzweigten Kloster- und Weltgeistlichkeit. Mit dem für den Protestantismus in Österreich so verhängnisvollen Dreißigjährigen Kriege, der dem protestantischen Adel Böhmens Gut und Leben kostete, kamen die Jesuiten wieder zur Herrschaft. Um das Andenken an den tschechischen Volksmann und Märtyrer Johann Huß, wenn nicht ganz auszurotten, doch unschädlich zu machen, erfanden sie die Geschichte vom Martyrium des heiligen Nepomuk, der sich weigerte, das Beichtgeheimnis der Königin an König Wenzel zu verraten und deshalb in die Moldau geworfen wurde. Gleichzeitige Geschichtschreiber und Chronisten wissen von dieser Beichtgeheimnisangelegenheit nichts; wohl aber mag es seine Richtigkeit haben, daß am 21. März 1393 ein Geistlicher auf Befehl König Wenzels in die Moldau geworfen wurde. Die Jesuiten verstanden es aber, aus dem Generalvikar Johann Pomuk, der es mit dem Erzbischof von Prag gegen den König hielt, einen später vom Papst heilig gesprochenen Märtyrer zu bilden, der dann mit fünf Sternen auf dem Haupt und einem Kreuz im Arme auf die Moldaubrücke als Nationalheiliger gestellt wurde und allmählich auch in den Nachbarländern als Brückengott prangte. Im Veitsdome hat der Heilige ein prachtvolles Denkmal aus gediegenem Silber erhalten. Der 16. Mai ist sein Ehrentag, an welchem zahllose Scharen der Gläubigen in Prag zusammenströmen, und sogar im Liede ist der »Nepomuk auf der Prager Bruck« volkstümlich geworden. Das Leben in dieser alten Stadt steht im Zeichen des Kampfes der beiden Volksstämme Böhmens: der Deutschen, die den Vorteil altererbter Kultur einer großen Volksgemeinschaft auf ihrer Seite haben, und der Tschechen, ihrer Schüler, die das rührigste Glied der Slawenfamilie sind und den Vorteil des jugendlichen Emporstrebens und des Ehrgeizes, eine führende Stellung zu gewinnen, im Angriff auf ihre Lehrmeister ausnutzen. Seit jeher haben sich die beiden Volksstämme feindlich gegenübergestanden, bald in verhaltenem Hasse, bald in zischendem Kampfe. Der tschechische Volksteil schien endlich zu unterliegen; und siehe da! er lebte besonders seit 1867 wieder auf mit neuer, frischer Kraft. Daß die Deutschen in Böhmen, obwohl die geringere Zahl, dennoch lange die Stärkeren geblieben sind, kann nicht wundernehmen, da sie die große westeuropäisch-germanische Kultur zur sicheren Grundlage hatten. Daß aber die tschechischen Slawen, von ihrer Rasse abgerissen, ohne feste völkische und geistige Einheit mit einem größeren Ganzen doch ihr eigentliches Wesen bewahrt haben: dies beweist, daß sie von einem urkräftigen, derben Grundstoffe sind. In Dichtung und Wissenschaft stehen die Tschechen jetzt an der Spitze der ganzen slawischen Rasse; sie haben die europäische Kultur aufgenommen, ohne die Eigentümlichkeit daranzugeben, und haben durch den Weltkrieg auch ihre politischen Ziele erreicht. Der Tscheche hat weder die kindliche Heiterkeit des Russen, noch die leichtfertige Lebenslust und das ritterliche Wesen der Polen: er ist trüber, verschlossener, weniger beweglich; bei ihm verschmilzt leicht die sittliche Leichtfertigkeit des Slawen und die gemessene Nachdenklichkeit des Deutschen zu einer gewissen Arglist, welche das Vertrauen des Deutschen zu ihm niederdrückt und sein Vertrauen zu dem Deutschen hindert. Ein Erbfehler des tschechischen Stammes ist ferner Rechthaberei und Zanksucht; auch legt man nicht mit Unrecht dem Volke Unbeständigkeit und Vergnügungssucht, geringe Besonnenheit im Unglück und Übermut im Glücke, wie auch große Rachsucht bei; die Geschichte liefert manches Lebensbild zu diesen Zügen. Die Deutschen in Böhmen zeichnen sich dagegen wieder durch größere Berufstreue und Ordnungsliebe, sowie durch größere Reinlichkeit aus. Der Schulbesuch war von jeher am günstigsten in den deutschen Kreisen, der Einfluß, den die Bestrebungen der deutsch-feindlichen Tschechen in neuester Zeit auf die Schulen Böhmens geäußert haben, ist kein günstiger. Früher lebten Deutsche und Tschechen in Frieden nebeneinander; die deutschen Eltern ließen ihre Kinder tschechisch lernen, und die Tschechen brachten ihre Kinder in deutsche Familien. Vor dem Weltkriege lag die Sache so, daß die Heißsporne unter den Tschechen die Aufrichtung des Königreichs Böhmen, die Krönung des Kaisers mit der Wenzelskrone als ihr nächstes Ziel betrachteten, an dessen Erreichung sich die ausschließliche Herrschaft des Tschechischen in Sprache, Beamtentum usw. anzureihen haben würde. Zwar rührte sich auch in den Deutschböhmen das von dem wärmsten Mitgefühl das deutschen Mutterlandes begleitete Streben nach Erhaltung ihres Volkstums in kraftvoller Weise; doch haben sie nicht zu hindern vermocht, daß das alte deutsche Prag, in welchem in den fünfziger Jahren 75 000 Deutsche neben 50 000 Tschechen wohnten, zum goldnen slawischen Praha geworden ist. Das Verhältnis der Tschechen zu den Deutschen ist heute 5:1 in der Stadt; das Mittelschulwesen ist vollständig vertschecht. Das Deutsche hat als Amts- und Staatssprache seine Bedeutung verloren, man verlangte von jedem Beamten, selbst in rein deutschen Bezirken, die Kenntnis beider Landessprachen, wodurch der Deutsche, der die tschechische Weltsprache sich nicht zu eigen gemacht, von den meisten öffentlichen Ämtern ausgeschlossen wird. Die alte Landeshochschule wurde zunächst in eine tschechische und deutsche zerschlagen. An der Sprachgrenze ist zu dem völkischen Gegensatze noch der des Glaubens getreten; denn die Losung: Los von Rom! wurde von den Deutschen ausgegeben, weil sich das Tschechentum auf den katholischen Klerus stützen konnte. Obwohl hin und wieder eine Vermischung zwischen deutschem und slawischem Blut eingetreten ist, so hat sich doch die ganze von Tschechen bewohnte Mitte Böhmens in ihrer Eigentümlichkeit erhalten. Sie sind im Gegensatz zu den deutschen Langschädeln meist Rundköpfe. Auch die meist dunklere Farbe des Haares, sowie die unter schärferem Winkel geschnittene, nach unten breitere Nase und der breitere Mund unterscheiden das tschechische Antlitz merklich von dem deutschen. Die Hauptstadt des Deutschtums ist seither mehr und mehr Reichenberg am Jeschken geworden; schon war der Zwiespalt soweit gediehen, daß eine Teilung Böhmens in ein Tschechovien mit Prag und ein Deutschböhmen mit Reichenberg als Hauptstadt vorgeschlagen wurde. Da führten die Folgen des Weltkrieges den tschechoslovakischen Freistaat herauf, in dem das deutsche Volkstum einen schweren Kampf ums Dasein führen muß.   3. In polnischen Dörfern. Nach Reclus: Nouv. Géogr. Univers. T. V. Paris 1881. Grenzboten II. Ausland 1883, Nr. 35-37, und J. J. Kraszewski. 1863 hörten die Polen auf, eine Nation im politischen Sinne zu sein. Hinsichtlich ihrer idealen Güter: ihrer Sprache und Religion waren sie in Deutschland und Galizien am besten daran; in Rußland verfuhr man auch hierin sehr gründlich und verbot sogar in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Aufführung polnischer Dichtungen auf den Theatern. Der Pole ist von Natur durch Einbildungskraft und Feuer, Anmut und Höflichkeit ausgezeichnet, es gesellen sich aber leichtfertige Genußsucht und Überhebung hinzu, die in dem Willen die Stetigkeit und Gründlichkeit, das Pflichtgefühl unterdrücken. Deshalb hat alles politische Heldentum bisher so wenig Früchte getragen. Das Polenvolk leidet an einer gesellschaftlichen Zweiteilung: der Herr, der Edelmann, achtet den Knecht, den Bauern, gering. In Augenblicken der Gefahr fehlt es an der Einigkeit. Diese Kluft zwischen den Ständen der Edelleute und der Kleinbauern hat sich überall der Jude zunutze gemacht, nicht um zu überbrücken, sondern von hüben und drüben Vorteil zu ziehen durch Schacher und Wucher. Wenn wir uns einem polnischen Dorfe nähern, sehen wir in der weiten Ebene große Getreidefelder und Kartoffelbreiten. Doch vermissen wir die Sorgfalt der Bestellung. Noch liegen hie und da Felsblöcke auf dem Acker, es ragen auch hie und da Baumstümpfe daraus hervor, Inseln von Schlehengebüsch, wilden Apfel- und Birnbäumen liegen darin – und der Pflug ist zu mäanderartigen Windungen genötigt, weil er diese Hindernisse umgehen muß. Bis 1864 bestand zum Beispiel in Russisch-Polen noch die Leibeigenschaft – die Folgen der Fronarbeit sind die Nachlässigkeit und Schlaffheit der Bevölkerung, die den Fron los ist und dem Wucherer verfällt. Doch zeigen sich überall Ansätze zu kräftiger Selbsthilfe und wirtschaftlichem Aufschwung. Die Nahrung der Kleinbauern besteht in Schwarzbrot, Grütze, Kartoffeln, Obst – Eier, Butter und Fleisch sind selten auf ihrem Tisch. Denn obwohl in dem wald- und morastreichen Lande die Schweinezucht ziemlich hoch steht, kommt der Bauer doch selten zum Hausschlachten: er macht lieber zu Geld, was er an Vieh entbehren kann, wozu ihm durch die hereinziehenden deutschen und jüdischen Händler jede Woche günstige Gelegenheit geboten ist. Der Branntwein und der Kwaß müssen die Fleischkost ersetzen. Kwaß ist ein in jeder Bauernstube vorhandenes Getränk, das im wesentlichen aus Wasser und Schwarzbrot besteht und durch Holzäpfel oder -birnen zur Gärung gebracht ist. Die Wiesen ums Dorf sind nicht entwässert: schilfbestandene Lachen und saure Rietgräser überall. Die Rinder, die darauf weiden, sehen auch nicht voll und glatt aus, und ihre Euter sind klein. Die Pferde sind klein und struppig, aber von außerordentlicher Leistungsfähigkeit; die Schafe liefern eine geringwertige Wolle zur Kleidung der Bauern. Der Wald gehört dem Edelmann. Nach der Ostsee und nach dem Schwarzen Meere trugen die Flüsse zahlreiche Flöße, wenn ihm das Gold ausging. Der Bauer schnitzt sich fast alle Geräte aus Holz; die Häuser werden im Winter nur mit Holz geheizt. Waldbrände sind nichts Seltenes, und die Aufforstungen sind spärlich. So werden breite Flächen verwüstet. Das Dorf gleicht einem Haufen alter grauer Strohfeimen. Die Blockhäuser mit Moos in den Glinsen stehen dicht beisammen. Die Gärtchen sind deshalb klein, aber voll von hochragenden Malven, Sonnenrosen und rotem Mohn. Eine roh gezimmerte Schranke oder ein niedriger Steinwall friedigt die Gehöfte ein. Das Wohnhaus hat drei Räume zu ebener Erde: in der Mitte die Wohnstube, auf der einen Seite den Kuh- oder Schafstall, auf der anderen die Futterkammer, die zugleich die Hausflur und der Holzstall ist. Der Dachboden ist Speicher. In der Nähe des Wohnhauses stehen, aus unbehauenen Fichtenstämmen geschichtet, Scheune und Schweinestall. Die Wohnstube enthält den mächtigen Ofen, der zugleich für Kinder und Gesinde die beliebteste Schlafstätte ist, einen Tisch und eine Wandbank, ein rohgezimmertes Bett, eine an der Decke aufgehängte Korbwiege – und ein mehr oder weniger künstlerisches Muttergottesbild, darunter das ewige Lämpchen. Das einzige Fenster ist nicht zu öffnen und erhellt die Stube nur wenig. Der schnurrbärtige Bauer trägt einen langen weißwollenen Kittel, hohe Stiefel, in denen die strohumwundenen Füße stecken, eine große Schafpelzmütze und grobe Leinwandhosen. Die ärmliche Frau, deren Augen größere geistige Regsamkeit verraten als die ihres Gemahls, begnügt sich mit einem Linnenhemd, einem weißen Rocke und einer Doppelschürze für Leib und Rücken, deren Bänder sich auf der Brust kreuzen und auf dem Rücken gebunden werden. Nur in wenigen Dörfern fällt die Kirche als hervorragender Bau auf. Sie ist meist auch nur eine große Bretterbude, vor der das Glockengerüst steht. Doch ist sie für das Landvolk wichtig, weil von hier aus dem Munde des Geistlichen oft die einzige geistige Anregung kommt. Denn Schulen in unserem Sinne fehlen noch vielfach in den Dörfern. Der Russe stellt vielfach neben das römische Bethaus eine weißgetünchte Kuppelkirche; denn das griechische Bekenntnis sollte eingeführt werden. Besser und nötiger wäre das Geld für Landschulen angewendet gewesen. Neben der Kirche fällt das »Amt«, der Herrschaftshof auf – oft ein prächtiger Bau inmitten von Parkanlagen abseits vom Dorfe. Italienische Pappeln bezeichnen die Einfahrt. Die Aufhebung der Leibeigenschaft hat den Edelhof auch aus seiner früheren Bedeutung fürs Gemeindeleben herausgerückt, so daß der Edelmann nicht bloß in der Erinnerung an die Zeit schwelgen kann, wo er auf Landtagen unter Prügeleien Könige machte, sondern auch auf die Zeit als eine vergangene sehnsüchtig zurückblicken darf, wo der Bauer fünfzig Schritt vor ihm oder besser seiner Fuchtel die Mütze lüftete und den Rücken bis zur Erde krümmte, wo die Bäuerin beim Gruß seine Knie umfaßte und küßte, wo die Kinder der Bauern seine Knechte und Mägde waren, wo Braut und Bräutigam seine Einwilligung zur Eheschließung und seine Gnade zur Verleihung einer Bauernwirtschaft brauchten, wo der veredelte Obstbaum nur im Garten des gnädigen Herrn zu finden sein durfte, wo man dem fleißigen Bauern, der in seiner Wirtschaft etwas vor sich brachte, entweder das Ersparte einfach wegnahm oder ihm das Feld verkürzte, wo der Leibeigene genötigt war, den Ertrag einer glücklichen Viehzucht im Walde den Augen des gestrengen Herrn zu entziehen, wo der Erlös aus dem heimlich zum Wochenmarkte gebrachten Vieh vor der räuberischen Hand des Herrn nicht sicher war, wo man mit der Knute die schwer und ehrlich verdienten Groschen dem Bauer abhenkerte. Die veränderte Stellung prägt sich auch in den Herrschaftssitzen aus: Eine überdachte Holzveranda dient zum Empfang der Gäste. In weitläufig gebautem Viereck liegen die baufälligen Ställe und Scheunen. Der Edelmann ist selten daheim, meist vergnügt er sich in den großen Städten, besonders zur Winterzeit. Das Wohnhaus, der sogenannte »Palast«, ist in der Regel nur eine vergrößerte Ausgabe des Bauernhauses; höchstens der Kalkanstrich würde ein Vorzug sein. Die innere Einrichtung berücksichtigt das nach polnischen Begriffen Standesgemäße, indem ihr eine Küche und ein sogenannter Speisesaal nicht fehlen. Diese Räume, sowie die Zimmer des Herrn und der gnädigen Frau sind gedielt; zuweilen zeigen die Wände Kalkbewurf, während Muster und Tapeten selten zu finden sind. Gardinen und Bilder fehlen sehr oft; die Möbel sind meist die rohen Werke axtgeübter Bauern und mit schwarzer Ölfarbe angestrichen. Schreibtische, Kommoden, Spiegel und Sofa vermißt man häufig; Stühle, Tische, plumpe Schränke, einige große Holzkasten, welche den Dienst eines Kleiderspindes verrichten, bilden den unentbehrlichen Hausrat. Die Kammern fehlen dem Palast meistens; man schläft in den Stuben, während man den Gästen auf einer Streu im Speisesaale ihr Lager anweist. Die Anlage des Edelhofes ist ungemein weitläufig, vielleicht verursacht durch die berechtigte Furcht vor Brandstiftung. In der Nähe des Palastes befinden sich die Schweineställe, die man wohl mehr in ihrer dauerhaften Bauart, als ihrer Insassen wegen, deren Fleisch man verschmäht, gewürdigt hat, in der Nähe des Palastes zu stehen. Die Schweinezucht ist der am schwunghaftesten betriebene Teil der Landwirtschaft auf dem Edelhofe. Alle übrigen Wirtschaftsgebäude, wie der Fruchtspeicher, die Branntweinbrennerei machen den Eindruck der Ärmlichkeit und Vernachlässigung. Der Edelmann ist ein Freund des Sports; besonderer Beliebtheit haben sich die Fuchshetzen zu erfreuen: es fehlt darum selten auf dem Hofe ein Fuchsstall. Die Kirche fehlt oft, der Edelhof ist heruntergekommen, aber der »Krug« fehlt nie – er ist das Herz der Landgemeinde. Hier versammelt sich der Gemeinderat, hier werden alle Hochzeiten gefeiert, hier vertrinkt man seinen Kummer, hier zankt und schlägt und einigt man sich. Der Jude ist der Krugwirt. Er hat eine zahlreiche Familie – und Ziegen, Gänse, Hühner. Ein weißer Schornstein überragt das verfallene Dach. Die größeren Fenster mit Läden, die Türen mit eisernen Klinken unterscheiden äußerlich den Krug vom Bauernhause. In der Schankstube steht das große jüdische Bett, der Schenktisch und der Schenkschrank; der große Ofen, ein Eimer mit Wasser zur freien Verfügung für den armen Wanderer. Ein nicht zu bezeichnender Geruch, viel Schmutz, viel Lärm dazu! In der Nachbarstube hängt eine geschlachtete Ziege oder ein Hammel, darunter liegt ein Haufen Kartoffeln, in der Ecke sieht man die zehn Gebote, dazu wieder das hochgetürmte Bett, Tisch und Bank. Hier ist die Luft noch dicker, die Menschen sind noch zahlreicher und sitzen gedrängt zusammen – trinken und reißen Witze, und lustig klingt das Volkslied vom toten Matthias durch den schwülen Dunst: Matthias ist gestorben und steht nicht wieder auf: Gott sei der Seele gnädig! Verzeih ihm seine Sünde! Tüchtig war Matthias und leerte manches Glas. Der Schenkwirt läuft von dannen, dieweil er nicht mehr zecht. Laßt uns Beileid leisten, Brüder in der Schenke. Flaschenhälse brechen, weil er ist gestorben, Aber sucht in seinen Taschen, ob er Kleingeld hinterließ, Um zu zahlen unsre Zeche ... Nach Anton Schmitt, Dresdner Anz. 1902, Nr. 255.   4. Ruthenische Walddörfer. Nach Franz v. Löher. Vgl. auch Anton Schmitt, Dresdner Anzeiger 1902, Nr. 255. In den Karpaten, am Fuße der Stry-Gipfel, zog schon unsere Gesellschaft dahin, eine lange schwarze Linie auf grüner Alpenweide, und wir eilten hinab. Stundenlang ging es jetzt auf offenen Gebirgsrücken hin, von denen zu beiden Seiten die Waldtäler abfielen, und eine prachtvolle Fernsicht nach der anderen tat sich auf. Dennoch machte sich nach und nach die große Einförmigkeit des Gebirges geltend. Die Bergzüge sind fast ganz gleich gebildet, fast ganz gleich belaubt und begrast. Die Buche allein herrscht in diesen unabsehbaren Waldungen; nur stellenweise bieten Eichen, Ahorn, Eschen und Birken einige Abwechslung. Unsere Wegkundigen hatten einen Rückweg vorgeschlagen, der weniger steil und beschwerlich war als unser Anstieg in der Nacht. Dafür zog er aber pfadlos durch Wälder ohne Ende, und es konnte nicht fehlen, daß wir uns verirrten. Wer nicht tagtäglich in diesem Gebirge lebt, den muß die ungemeine Ähnlichkeit der Berghänge und Talwindungen täuschen. Es fiel mir auch die große Armut an Gevögel auf. Kein Drosselflöten, kein lustiger Finkenschlag schallte durch den öden Wald; das Hacken der Spechte, das Gepiep der kleinen Meisen war das einzige, was den langen Tag sich hören ließ. Meine Bemerkung wurde von den Landeskundigen bestätigt; diese Wälder sind sanglos, diese Lüfte werden nur von Falken und Adlern durchschifft. Die Ursachen solchen Mangels habe ich nicht ergründen können. Der Auerhahn aber kommt vor; die Ruthenen nennen ihn den wilden Pfau, und die Madjaren den tauben Hahn; beides ist bezeichnend. Wenn wir abstiegen, um eine Weile zu gehen, so sprangen die Pferdchen frei und ungeleitet gleichwie Katzen um uns her. Lagerten wir, so umstanden sie uns und streckten ihre Köpfe mit dem warmen Atem dazwischen. Niemals machte eines den Versuch, zu entlaufen. Öfter aber wandte ich die Blicke wieder auf unsere ruthenischen Begleiter. Sie hatten etwas bärenhaft Plumpes in ihrem Wesen, und doch für das, was sie verstanden, erschienen sie ungemein flink. Niemals legten sie den groben ledernen Schnappsack, die Torba, niemals, trotz der Hitze, den langzottigen Umhang, die Schuba, ab. Sie redeten wenig untereinander; ihre Gesichtszüge behielten den stumpfen und verschlossenen Ausdruck. Dagegen standen sie, obwohl nur gemeine Hirten, wie die besten Hoflakaien stets auf der Lauer, um mit unterwürfiger Geschicklichkeit herbeizuspringen, wo einem von uns etwas am Sattel fehlte, oder das Pferd einer Dame Leitung nötig hatte. Wiederholt betrachtete ich verstohlen den sonderbaren Ausdruck ihrer Blicke, welchen sie mit den Russen teilen. Man hat diese Augen mit gefrorenem Wasser verglichen, und Fallmerayer meinte, der Name Sarmat komme von Sauromat her, was im Griechischen Leute mit Eidechsaugen bezeichnen sollte. In der Tat behält das Auge der Ruthenen fortwährend etwas Mattes, Unklares, Unbewegliches, selbst wenn man sie fragt oder heftiger anredet. Man weiß nicht, was sich darin spiegelt, bis plötzlich ein heller stechender Blick hervorschießt, der sich gleich wieder verhüllt. Bei den Russen ist diese stechende, fliegende Helligkeit des Blickes noch schärfer. An Chinesen aus dem niederen Volke habe ich Ähnliches bemerkt und möchte wohl wissen, ob dieses russische Auge noch ein kleiner Rest mongolischer Verwandtschaft ist. In den unteren Waldungen stießen wir auf Dörfer. Sie halten sich gleichsam im tiefen Walde verborgen. Früher muß das Gebirge noch mehr besiedelt gewesen sein. Jüngerer Baumschlag und Reste von regelmäßigen Furchen deuten auf verlassene Ackerfelder. Hört in dieser üppigen Waldung Pflug und Hacke zu arbeiten auf, gleich schießt Gestrüpp auf, aus welchem sich alsbald die Bäume emporheben. Bei Mongolen- und Türkennot oder in den vielen fürchterlichen Bürgerkriegen, die das Land zerfleischten und verheerten, flüchteten auch Madjaren aus der Ebene in die Berge, und wahrscheinlich trieb sie die Hungersnot in die Ebene zurück. Die ganze ungarische Geschichte ist gar oft eine Notgeschichte gewesen. In den ruthenischen Walddörfern bleibt der Hunger täglicher Gast. Es ist unglaublich, mit welch geringer und elender Kost die armen Leute ihr Leben fristen, besonders in der langen, strengen Fastenzeit. Trockener Haferkuchen und Haferbrei bilden den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr die Hauptnahrung, das Fleisch dazu Kraut, Rüben, Bohnen mit ein wenig Leinöl. Glücklich wird die Familie gepriesen, die ein Schwein kaufen und ernähren kann; allein Schinken und Wurst bleiben ihr unbekannte Dinge – das Schwein wird verkauft, um bares Geld für Steuern, Salz, Schnürsohlen und Kleidung zu gewinnen. Die paar Stücke schwächlichen Rindviehs, die man in den Dörfern antrifft, gehören gar häufig dem Juden oder einem anderen Gläubiger. Das liebste, was der Ruthene tut, ist das Weiden eigener Schafe: Käse und Wolle davon muß er zwar verkaufen, aber er behält doch wenigstens die Schafmolke. Weil der arme Mensch aber weder Winterfutter noch Ställe hat, so muß er im Spätherbst seine Schafe verkaufen und in jedem Frühling in Hast und Not etwas Geld zusammenraffen, um wieder ein paar Stücke von den galizischen Händlern zu erwerben. Äcker und Gärten sind schlecht bestellt, das Ackergerät ist elend, und die Lust zur Arbeit verfliegt in wenigen Stunden. Man brauchte im Vorüberreiten nur einen Blick in Hof und Garten zu werfen, um die ärmliche Wirtschaft sogleich zu erkennen. Die Ruthenen leben in Not und Schulden von einem Jahr ins andere. Der beste Teil ihres Verdienstes geht beständig in Zinsen auf, welche sie den jüdischen Unterhändlern entrichten. In Hukliva, einem Dörfchen an der Munkács-Stryer Eisenbahn, wohnten 84 Menschen, darunter 41 Juden, und die Gegend ist unfruchtbar. »Aber wie könnt ihr denn alle hier leben?« wurde ein Jude gefragt. »Schauens, gnädiger Herr,« war die lachende Antwort, »wir sind 41 Juden und 43 Christen; wir 41 leben von die 43.« Wahrscheinlich wären ohne den Verstand und Fleiß der Juden die übrigen noch übler daran; sie hätten noch weniger Bedürfnisse und würden noch weniger arbeiten. Der geistige Führer der armen Ruthenen ist der griechisch-katholische Klerus, der sich mehr und mehr regt und die Kinder seines Volkes und seiner Kirche dem Juden wie dem polnischen Schlachzizen gegenüber vertritt. Durch alle Verhältnisse des einstigen Kronlandes Galizien geht eine Zweiteilung. Es zerfällt gewässerkundlich in zwei Teile; von seinem Flachlande weist der südliche Teil zur Ostsee, der östliche größtenteils zum Schwarzen Meere hin; zwei Hauptstädte hat das Land, und es ist auch völkerkundlich in zwei scharf gesonderte Teile geschieden. Westgalizien ist das Land der Polen, Ostgalizien das Land der Ruthenen, gehört völkisch zur Ukraine. Die Polen sind die Eroberer, die Ruthenen sind die Unterworfenen. Die Polen sind römisch-katholisch, die Ruthenen sind griechisch-katholisch. Das Polentum ist im Vordringen nach Osten zu begriffen, es hat bereits Siedelungen in dem ruthenischen Ostgalizien gebildet und stellt einen großen Teil der städtischen Bevölkerung in diesem Teile des Landes. Die Polen bilden jetzt die Mehrheit der Bevölkerung. Im Gebirge reichen die Ruthenen weiter nach Westen hin; es ist, als ob sie in den Bergen ihre Volksart zäher zu bewahren vermöchten. Im hohen Gebirge reicht das Ruthenentum 100 km, in den niedrigeren Vorbergen noch immer 30 km weiter nach Westen, als in der Ebene. Und es ist auch der Ruthene in den Bergen ein anderer, als der Ruthene in der Niederung. In den Bergen wohnt der Bojko, ein vorzüglicher Viehhirt, der es an Arbeitsamkeit nicht fehlen läßt und der auch das ungünstigste Grundstück auszunützen weiß. In den Bergen wohnen auch die Huzulen, schöne Menschen, die Frauen sogar oft von ganz ungewöhnlicher Schönheit. Sie haben ein südländisches Aussehen, sind von hoher und schlanker Gestalt, gebräunt und schwarzhaarig, und die Adlernase und die tiefen, schwarzen Augen geben dem Huzulen einen feinen Zug. So die Berg-Ruthenen, kräftige, frische, arbeitsame Menschen. Aber die Ruthenen in der Niederung haben einen wesentlich anderen Charakter. Sie sind ein langsames und schwerblütiges Volk, dessen stärkste Züge die Geduld, die Schlaffheit, der Hang zum Alten und Überlieferten bilden. Auf dürftigem Boden schleppen sie ihr Leben ohne Klage hin, und eben ihre Bedürfnislosigkeit ist einer der tiefsten Gründe, weshalb Galiziens Bodenkultur sich nicht weiter entwickeln kann. Wenn man ihre Dörfer von weitem sieht, wie die stattlichen hölzernen Gebäude mit hohen Schindeldächern, Wirtschaft an Wirtschaft zusammendrängt, sich die Täler entlang ziehen, so ist der erste Eindruck oft recht freundlich; aber sobald man das Dorf näher in Augenschein nimmt, erfährt man die herbste Enttäuschung. Es herrscht die größte Dürftigkeit, die Nahrung ist mangelhaft, die Bewohner sind langsam und schwerfällig. Und es gibt genug ruthenische Dörfer, deren Elend gleich beim ersten Blicke aus allen Fenstern spricht, Dörfer, die sich gleichsam an die Erde zu ducken scheinen, als ob sie vor dem Leben, vor dem Dasein selbst sich fürchteten. Malerisch aber sind die ruthenischen Walddörfer, wie sie sich da bergen in Tieftal und Laubfülle. Der homerische Schmutz – auf Bildern riecht er nicht. Die Häuser klettern die Abhänge auf und ab, und die beste Straße schien jedesmal das Bett des Waldbaches zu sein, den man reichlich mit Steinen durchlegt hatte. Da es Sonntag war, so war viel junges und altes Volk von den Bergen niedergestiegen. Wo wir herritten, fuhr in jedem Haus ein Dutzend Köpfe in die Tür- und Fensteröffnungen, jedes Gesicht umrahmt von starkem struppigem Haarwuchs, junge Mädchen mit farbig ausgenähten Miedern, Blumen im Haar, Frauen in schmutziggelben Mützen. Es ist noch nicht lange her, daß dies unterdrückte Volk sich wieder auf sich selbst zu besinnen anfing. Seit jenem furchtbaren Ausbruche der Volksleidenschaften, der im Jahre 1846 sich Luft machte, beginnt das allmähliche Aufwachen des Ruthenentums. Es wurden volkstümliche ruthenische Vereine gebildet, wie zum Beispiel die Rußkaja Rada; es wurden Lehrstühle für ruthenisches Schrifttum begründet, ruthenische Zeitungen ins Leben gerufen. Eine rührige und begabte ruthenische Oberschicht entstand; eine gebildete und geschickte Klasse von ruthenischen Beamten, Schriftstellern, Geistlichen. Auch in dem jungruthenischen Schrifttum, das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden ist, findet der Haß gegen das Polentum leidenschaftlichen Ausdruck. Der größte der ruthenischen Dichter ist Taras Szewczenko, der noch als Leibeigener geboren wurde und in seinen Kindes- und Jünglingsjahren dasselbe körperliche und geistige Elend durchzumachen hatte, wie alle seine Landsleute. Aus seinen Gedichten, wie zum Beispiel »Tarasnacht« und »Die Haidamaken«, spricht ein blinder Haß gegen den polnischen Adel, und gerade mit diesen Tönen hat Szewczenko die ruthenische Volksseele getroffen; im Jahre 1861 wurde ihm am Dnjeprufer unter völkisch-ruthenischen Kundgebungen ein Grabhügel aufgeschüttet. Mit allen Mitteln bekämpft das mächtige Polentum die Wiedergeburt des ruthenischen Volkes: es fehlt vor allem an Schulen; hoffentlich gelingt es den Besten des ruthenischen Volkes, seinen ärmsten Brüdern die Segnungen westeuropäischer Kultur trotz des polnischen Widerstandes zu bringen und das Volk der russischen Erschlaffung zu entreißen, die nur in wilden Wutausbrüchen aufsteht, um matter denn zuvor niederzusinken.   5. In den Pußten. Nach eigner Anschauung und nach Franz Woenigs: Hej, die Pußta! Leipzig, Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 3633. Wenn man von Ofenpest gen Osten fährt durch die große Tiefebene Niederungarns, die, über 100 000 qkm groß, sich zwischen Donau und Karpatenkranz ausbreitet und durchflossen ist von der Theiß, so sucht das Auge vergeblich jene großen Weideflächen, wo nach Hörensagen der sonngebräunte Csikos seine Pferde tummelt, wo der Gulyas seine Rinder, der Juháß seine Schafe, sein Borstenvieh der Kanáß zum langarmigen Hebelbrunnen treibt, wo die Délibáb, die Fata Morgana der Steppe, ihr neckisches Spiel in der hitzezitternden Luft treibt, wo in der Csarda, der Schenke, oder vor der Tánya, dem Landhause, der Zigeuner geigt. Das war einmal! Heute trägt diese Tiefebene ganz und gar den Charakter der Kultursteppe . Große Landgüter liegen hier, man nennt sie Pußten. Ihre Grenzmark wird durch den einzigen Baum, der hier gedeiht, durch die Robinia pseudacacia bezeichnet. Hinter diesen dornigen Heckenzäunen, die sich meilenweit über Land hinziehen, liegen riesige, unabsehbare Rapsfelder in leuchtend gelben Breiten; wo sie abgeerntet sind, wird von Mägden Kukuruz, Mais, gepflanzt. Zwischen den langen Ackerbeeten mit ihrer schwarzen Erde wuchern auf breiten Rainen Zeilen von Melonen, Samenhanf, auch Sonnenrosen, aus deren Kernöl man eine feine Seife herstellt. Weite Kleefelder haben im Juli die zweite »Fechsung« schon hinter sich. Öder Flugsandboden ist mit amerikanischen Reben besteckt worden. Wo sie das nötige Alter erreicht haben, hängen sie voller schwerer Trauben. Tabakstauden mit tropisch-üppiger Blattentfaltung und Weizenähren decken die schwarze Erde; die gelbe Erde oder der Löß ist wie zum Beispiel bei Mende, der Pußta des Herzogs von Koburg, meilenweit mit Kartoffeln bestellt. Um die Landhäuser oder Tányen stehen Obstbäume; Aprikosen und Pflaumen beugen in schwerer Fülle die Äste über die Stützen nieder. Unbenutzter Boden ist sehr selten geworden: doch liegt hie und da ein Stück weißlich angehauchter Salpeterboden brach, oder auf großen Schotterflächen wuchern leuchtende Nachtnelken (Oenothera biennis). Heidelerchen schwirren empor, Schwalben umschwärmen die Dörfer, allerhand Raubvögel kreisen beutesuchend über den Feldern, Scharen von Krähen und Elstern sitzen auf den frisch gestürzten Äckern. Auf dem Schilfdache einer Tánya nistet ein Storch, ein Zeichen, daß wir uns der Theiß nähern und ihren Ufersümpfen, in denen unzählige Frösche abends ihren Gesang anstimmen, in denen unzählige Wasservögel ungestört ihr Jagdleben führen. Die Flächen, die früher als Weideland zahlloser breitgestirnter, großgehörnter, grauweißer ungarischer Rinder oder halbwilder Pferde dienten, sind heutzutage durch den Ackerbau sehr eingeengt worden. Der Pußtenbesitzer hält schon des öfteren nur Schweizervieh, statt der einheimischen Fleischrasse eine Milchrasse. Damit ist die Hirten- und Räuberromantik der »Pußta« auf wenige beschränkte Bezirke eingeengt worden, sie ist aber noch lebendig. Wer sie kennen lernen will, muß nach der weitläufigen Pußtenhauptstadt Debreczin fahren und von dort hinaus wandern in die Hortobagysteppe . Dort findet er ein Leben ähnlich dem der südrussischen Steppe. Dort kann er noch in der einsamen Heideschenke einkehren, der Csarda, die mit ihren weißgetünchten Wänden schon von weitem aus der schier endlosen Ebene herüberschimmert, deren Brunnenschwengel sich unaufhörlich auf und nieder senken. Sie liegt am Hortobagyflüßchen, wo im Röhricht die Schilfsänger flöten, breit und weitläufig gebaut. Hinter dem Hause stehen Ställe und Wagenschuppen. Dem Garten fehlt der Zaun, er verliert sich in den Kartoffel- und Krautäckern, den Mais- und Weizenfeldern. Dort wuchern Kürbisse und Melonen, dort ranken Feuerbohnen, dort wachsen Zwiebeln, Knoblauch, Paprika (Capsicum annuum), Erdbirnen (Helianthus tuberosus), deren Knollen roh gegessen werden – und viele Blumen: Rosen und brennende Liebe, Gladiolen, tiefviolette Anemonen, Gartenmalven, Frühlingsadonis in bunter Wildnis durcheinander. Im Innern hinter den dicken Mauern ist es wohltuend kühl. In der von hundert bunt bemalten Tellern behangenen Küche befindet sich seitwärts vom Ofenloche der ganz niedere Herd. In der Mitte sitzt das Gesinde des Wirts zur einfachen Mahlzeit auf ebener Erde nach altmadjarischer Sitte und verzehrt mit hölzernem Löffel seine Lieblingsspeisen. Die geräumige Gaststube ist ungedielt, der mächtige Ofen dient innerlich zum Brotbacken und äußerlich während des Winters als Lagerstätte. Man heizt ihn auch zum Brotbacken gewöhnlich nur mit Schilf, wozu jedoch eine eigene Geschicklichkeit gehört. An den Wänden der Stube hängen Bilder von Heiligen, berüchtigten Räubern und von Ereignissen aus deren Leben bunt durcheinander. Auf langen Bänken sitzen um den großen Tisch herum Bauern mit der unentbehrlichen kurzen Tonpfeife, der Kiš pipa, im Munde; sie plaudern über die Preise des Korns, Arbeitslöhne, Pferdekäufe, Räuber- und Diebesgeschichten, Schatzgräbereien, Gespenstergeschichten. Es gesellen sich Csikosen und andere Hirten zu ihnen, die in der Csarda vorsprechen, um sich einen guten Tag zu machen. Dem jungen roten Landweine, der in hochhalsigen Flaschen auf dem Tische steht, wird tapfer zugesprochen. Das Gespräch erhitzt sich, Bauern und Hirten geraten aneinander, Knüttel und Fokosen sausen durch die Luft und machen blutige Köpfe, bis etwa der entschlossene Wirt mit seiner Flinte mitten in den Knäuel hineinspringt und mit Donnerstimme ein »Halt« gebietet! Im Keller liegen große Stückfässer. Im Herrenstübel ist der Boden gedielt, der beste Hausrat aufgestellt; die Fenster sind mit Jalousien beschattet. Im Schenkzimmer sitzen am Ecktische bescheiden die Zigeuner, die Musikanten. Der Primas wiegt sich im Rhythmus eines »Csardas«, den er auf seiner Geige dirigiert; die Hämmer des harfenartigen Zymbals springen, Flöte und Klarinette mischen sich drein, Cello und Baß fundieren diese Musik. Da wechselt blitzschnell pp und ff, süßestes schmelzendes Andante und wildestes überschäumendes Presto, bis sich plötzlich des Primas Geigentöne über ein leises Gemurmel und Gewoge der anderen Instrumente erheben und mit einem straffen schrillen Strich und Stoß und Schlag die Musik verstummt. Draußen aber vor der Csarda unter der Vorhalle schläft des Nachts, in seine Bunda, den Schafpelz, gewickelt, der Hirtenjunge, und die Wagen stehen stumm im Mondenschein. Diese Csarden sind die Oasen der Steppe. Die Hortobagy-Pußta ist so groß, daß jeden Sommer dort gegen 4000 Pferde und 20 000 Rinder Weide finden, daß gegen 270 Hirten aller Art dort beschäftigt sind. Wo weißlich schimmernde, scharf begrenzte Salzwassertümpel und Salzlachen den harten ausgetrockneten, rissigen Boden durchsetzen, über den sich allerhand Salzpflanzen in dichten Polstern ziehen, wie der Meerstrands-Dreizack (Triglochin maritima), der Meerstrandswegerich (Plantago maritima) oder das Salzkraut (Salsola Kali), dort wühlt sich gerne die krausborstige Schweineherde ein. Stillvergnügt steht der Kanáß daneben mit seinem durchlöcherten Schlapphute und seinem weißen, aus Kotzentuch verfertigten Mantel, der innen mit rotem Tuch gefüttert ist. Früher hielten die Kanáßen viel auf ihre schwarzen Haarzöpfe an den Schläfen, die täglich mit Schweinsfett gesalbt wurden, auf die Balta, ihr kurzstieliges Beil, das sie mit großer Geschicklichkeit zu werfen verstanden, auf ihre Standesrechte und -sitten. Am zahlreichsten ist ihre Sippe immer noch im Bakonierwalde, wo die Schweine in den Eichwäldern das beste Mastfutter finden. Auf einigen Sanddünen, wo Brennesseln, Wolfsmilch und mannshohe Kugeldisteln dürftig ihr Dasein fristen, liegen die Anwesen einiger Schafhirten, der Juháßen (juh = das Schaf), niedrige armselige Rohrhütten, Rohrpferche für die Tiere daneben. Vor jeder Hütte ein Holzpfahl mit Pflöcken, auf denen bunte und rote Krüge und Töpfe trocknen. Halbnackte braune Kinder wälzen sich im Sande, draußen weiden die Herden: langsam vorwärts schreitend, dicht aneinander gedrängt, die Köpfe geneigt, erscheinen sie wie ein großes bewegliches Vließ. Voran schreitet der Leit- und Reitesel des Juháß und trägt die zottige Bunda, die zugleich Mantel, Matratze und Deckbett ist, den Vorratssack, den Kochkessel. Auf seinen Stock gelehnt, schaut der Juháß der Herde zu, raucht seine Kiš pipa, strickt Strümpfe oder schnitzt Löffel, derweil die langhaarigen, weißen Schäferhunde, die große Ähnlichkeit mit den sibirischen Hunden zeigen, treulich die Herde umkreisen. Mitten im hohen Grase weidet weit verstreut eine tausendköpfige Herde weißer langhörniger Rinder. Der Gulyás, der Rinderhirt, mit seinen Hirtenjungen ist eine große, mittelstarke Erscheinung; man traut seinen schwarzbraunen Armen, die aus den flatternden weißen Hemdärmeln hervorstechen, wohl zu, daß sie den Kopf des wütendsten Stieres in den Sand zwingen. Mit ihren 6 m langen Peitschen treiben die braunen Burschen ihre Tiere gegen den weithin sichtbaren Hebelbrunnen. Dann arbeiten Gulyásen und Bojtáren, ihre Knechte, an dem knarrenden Brunnengestänge, daß das Wasser in die langen hölzernen Tränkrinnen aus ausgehöhlten Stämmen fließt und die durstigen Tiere labt. Dabei fallen die mannshohen Schwarzdornknüppel mit harten Schlägen auf die kantigen Rücken und zwischen die leierförmigen Hörner der allzu rücksichtslos vordrängenden Rinder. Mit dem Gulyásen teilt der Csikós, der Roßhirt, die besten Weideplätze, dieselben Wasserstellen. Er ist auch ein wetterharter Gesell von sehnigem Körperbau, der mit seinen Pferden auf der Steppe aufwächst. Da steht er im dicken schweren Lodenmantel, auf dessen Seitenteile und weite Ärmel sein Liebchen blaue und rote Tulpen als Zierat aufnähte, den rundkrempigen niedrigen Hut tief in die Stirn gedrückt und läßt sich seine halbwilden Pferde vorbeitreiben. In der Hand hält er verborgen die 24 m lange Hanfleine, den Lasso, um ihn plötzlich einem der schnaubenden Renner um den Hals zu werfen. Der Mantel fällt, die Schlinge zieht sich zu, das Tier stürzt, nachdem es sich wütend im Kreise um den am Boden liegenden Fänger gedreht hat. Nun nähert sich der Csikós, nimmt das Tier zwischen die gespreizten Schenkel, lockert die Halsschlinge, faßt die Mähne, es hebt sich, schüttelt sich, um die ungewohnte Last abzuwerfen, und rast davon, die kläffenden Wolfshunde hinterdrein. Jetzt wirft es sich auf die Erde, aber in dem Augenblick, wo es sich bückt, zieht der Reiter seine Beine empor, bleibt dabei immer im Gleichgewicht, und wenn das Pferd wieder aufspringt, trägt es den Mann nach wie vor auf seinem Rücken. Nun schießt es wie ein Pfeil vorwärts, es will der unerträglichen Last entfliehen und bietet seine letzten Kräfte auf, um zu entkommen. Das hat der Csikós eben erwartet. Er schaut nach der Sonne, merkt sich die Richtung, in welcher sein Renner die nackte Steppe durcheilt, und läßt ihn laufen. Ist das Pferd erschöpft, so fällt es nieder; dann legt ihm der Reiter das Gebiß ein, läßt es sich wieder erholen und führt es zahm und geduldig zurück. Im Frühlinge gleichen auch diese Steppen einem Paradiese. Da erwachen all die Wurzelstöcke, Knollen und Zwiebeln im Boden und senden ihre prächtigen Blumen empor. Anemonen und Iris, Orchideen und Gladiolen und viele andere drängen sich zwischen die aufschießenden Gräser. Unter diesen stehen die Pollinia Gryllus, der Goldbart, das haarförmige Pfriemengras (Stipa capillata) und das Reihergras (Stipa pennata) obenan. Das Reihergras ist der Liebling der Steppenkinder: seine ¾ m langen Halme tragen feingefiederte Haargrannen, Reiherfedern nicht unähnlich, der Roßhirt trägt einen Busch an seinem Hütchen. Waisenmädchenhaar (Arvaleány-haja) nennen es die ungarischen Volkslieder. Im Juni schon bräunt sich der Grasteppich der Steppe vor der Hitze. Der Boden wird hart und zeigt tiefe Risse. Doch einige Pflanzen bieten auch solcher Unbill Trotz: Trespen, Rispengräser, Liesch- und Bartgräser, Wolfsmilcharten, Sandwegerich, Hornklee und Schafgarbe, Kletten und Disteln harren aus. Dichte Heuschreckenschwärme schwirren daraus auf, um bald wieder in das starre Halmenmeer einzufallen. Dann tanzt und flimmert die Délibáb, die Fata Morgana, über der Steppe, im trügerischen Luftspiegel verschwimmen Brunnen, Tányen, Bäume, Hirten, Herden. Der Steppenadler kreist über dem Luftsee und stürzt herab, um an einem verendeten Zackelschafe im Dorngebüsche sein Mahl zu halten. Dann brechen auch oft die furchtbaren Gewitter los mit ihren Sandstürmen, vor denen Herden und Hirten in den Windfängen, Wänden aus dicken eichenen Bohlen in Form einer Windrose mitten in der Steppe errichtet, Schutz suchen.   6. Die Deutschen im Banat. Quelle: Adam Müller-Guttenbrunn, Mitteilungen des deutschen Schulvereins. Wien 1886. Unter dem Banat versteht man eine halbinselartige Fläche, welche von den Flüssen Marosch im Norden, Theiß im Westen, Donau im Süden begrenzt und im Osten durch die transsilvanischen Alpen von Siebenbürgen getrennt wird. Es wohnen heute etwa 400 000 Deutsche hier, welche zwar in der Hauptsache aus süddeutschen Stämmen, jedoch auch aus allen deutschen Völkerschaften Österreichs zusammengesetzt sind und vorwiegend die schwäbische Mundart – wenn auch in den verschiedensten Abstufungen – reden. Daher rührt wohl die Bezeichnung »Schwaben« als Gesamtname für sie. Vor der deutschen Einwanderung saßen in jenen Gegenden längst Walachen, die sich gern als die Ureinwohner betrachten und gebärden, ferner die Parias des 19. Jahrhunderts, die Zigeuner, weiter die auf ungarisches Gebiet geflüchteten Serben, »Raizen« genannt, endlich auch Bulgaren und sporenklirrende, schnurrbärtige Madjaren. Um 1550 ergriffen die Türken Besitz von jenem Lande, um erst 1716 dem Schwerte des edlen Ritters Prinz Eugen zu weichen. Sofort wurde nun die Besiedelung des versumpften Banats in Angriff genommen, und diese Kulturaufgabe bemühten sich die verschiedensten Völker zu lösen. Deutsche aller Stämme, Griechen, Franzosen aus dem Elsaß, Italiener, Spanier und spanische Juden strömten herzu, um aus dem Sumpfland des Banats anbaufähigen Boden zu schaffen. Ein General Mercy leitete das Werk der Besiedelung; doch die Einfälle der Janitscharen und die in ihrem Gefolge auftretende Pest zwangen ihn, das zur Hälfte gediehene Werk abzubrechen. Er fand als Oberbefehlshaber der italienischen Armee den Heldentod, während die Siedler entweder dem schwarzen Tod zum Opfer fielen oder von der Scholle vertrieben wurden. Das saure Werk der Urbarmachung mußte von neuem in Angriff genommen werden. Als man nun genau feststellte, welches Volk sich in der Arbeit wie in der Not am meisten ausgezeichnet, mußte man den Deutschen den ersten Rang einräumen, daher der Beschluß, von nun an nur deutschen Zuwanderern, die zähe Arbeitskraft mit festem Mannesmut vereinigten, die Ansiedelung fernerhin zu gestatten. Besonders in den Jahren 1764-73 kam deutscher Nachschub aus dem Mutterlande, und unter den letzten Orten, welche damals gegründet wurden, befindet sich auch die elsässische Niederlassung Csatad, aus welcher nach einigen Jahren (1802) der Dichter Nikolaus Niembsch, gen. Lenau hervorgehen sollte. Bei Anlage dieser deutschen Kolonien befolgte man am Hofe Maria Theresias einen bestimmten Grundsatz; man hatte schon damals Furcht vor der Geltendmachung des völkischen Bewußtseins eines einzelnen Volksstammes und machte daher aus dem Banat gewissermaßen ein Kleinbild der vielsprachigen Monarchie, indem man die deutschen Niederlassungen hierhin und dorthin verlegte, jeden Zusammenhang zu hindern suchte und sie mit den Gründungen anderer Völker durchsetzte. Nur durch das gewaltige Wachsen der Volkszahl und des Grundbesitzes gelang es den abgesonderten deutschen Gemeinden, eine gewisse Fühlung untereinander zu gewinnen. Gab es im Jahre 1780 nur 30 rein germanischen Ortschaften im Banat, so ist ihre Zahl gegenwärtig auf 100 angewachsen; in 30 Orten sind sie in der Überzahl und in mehr als 70 in der Minderzahl, doch mit bedeutendem Einfluß. Leider bilden sie auch heute noch keine völkische Einheit, daher der ungeheuere Aufwand von Kraft im Kampfe um die Erhaltung ihres Volkstums. Die Schwaben des Banats sind noch heutigentags wie zur Zeit der Einwanderung Ackerbauern; ihre Söhne müssen sie, wenn sie eine höhere Bildung suchen, Schulen anvertrauen, die nichts weniger als deutsch-völkisch sind, sondern die sich bemühen, jene Söhne der Mutter Germania und ihrem Volkstum zu entfremden, ja es ihnen verächtlich zu machen. Die Madjaren des Banats wie der ungarischen Tiefebene fassen ihre Verachtung gegen den zähen deutschen Landmann in den Ausdruck » Schwob « zusammen, der leider die in die Stadt versetzten Söhne des ehrwürdigen Geschlechts zu leicht veranlaßt, ihre Zugehörigkeit dazu zu verleugnen. Der deutsche Bauer, der nur seinen sittlichen, wirtschaftlichen und völkischen Wert in die Wagschale zu werfen braucht, um jene Spötter bei weitem aufzuwiegen, ballt voll Ingrimm die Faust über solche Verachtung, und vor Gericht oder wo er sonst in feierlichem Ernst Rede zu stehen hat, gibt er jenen Spott voll zurück, indem er beteuert: »M'r san deutsche Leut«, oder: »M'r san ka Walacha nit.« Was liegt nicht alles in diesem kurzen Satze! Nichts anderes, als daß er der Begründer der Landwirtschaft, des Bergbaues, der Gewerbe und Kunstanstalten jener Gegend ist; denn er kam zugleich mit einem tüchtigen Handwerkerstand aus Deutschland, er brachte seine eigenen Lehrer und Priester mit, und von dem ersten Tage an waren ihre anderssprachigen Nachbarn ihre Schüler und Knechte, wie sie es heute noch sind. Die deutschen Bauern haben nicht selten durch ihren Fleiß den Grundbesitz ganzer walachischer Dörfer käuflich erworben oder erpachtet, doch zäh haften sie an der Scholle und fahren lieber meilenweit nach den Feldern, als daß sie in das Dorf der Walachen, die meist zu Tagelöhnern herabgesunken sind, ziehen sollten. Und diese Liebe zur Scholle, wo ihre Wiege stand, ist erklärlich; denn sie ist mit manchem Schweißtropfen gedüngt, ehe sie aus dem Sumpflande zu jenem Garten wurde, der Mais, Weizen, Tabak in Fülle gibt, der Akazien und Maulbeerbäume über die friedlichen Wohnungen aufragen läßt, der auch die feurige Rebe reift. Es kann wohl der Fall eintreten, daß ganze Familien nach einem walachischen Dorfe übersiedeln, aber einzelne junge Burschen oder Mädchen aus der Dorfgemeinschaft zu reißen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ja sogar wer aus einem deutschen Dorfe in ein anderes übersiedelt, wird beklagt wie ein Verlorener. Welche Gewalt das deutsche Volksleben im Banat auf den einzelnen ausübt, das merkte man besonders an denen, welche die Wehrpflicht einige Jahre aus der Heimat in das Treiben der Großstadt versetzte. Als sogenannte »Herrische« kehrten sie zurück; doch ihre großstädtische Sprache, ihre modische Kleidung, die vornehmen Gewohnheiten und Sitten, sie waren in kurzer Zeit unrettbar verloren, und der Herrische fühlte sich selbst erst wieder recht wohl, wenn der äußere Firnis fremden Wesens wieder weggewischt war; denn jetzt erst war er wieder vollgültiges Glied der Gemeinde. Ein deutsches Dorf im Banat mit seinen Häusern und Scheunen aus gebrannten Backsteinen, den Dächern von festen Wellenziegeln, den blendend weiß getünchten Wohnhäusern, die in langer Reihe ihre Giebel nach der Straße kehren, den blanken Fensterscheiben, den sauberen Vorhängen, den schattenspendenden Akazien und Maulbeerbäumen, bildet einen schreienden Gegensatz zu den walachischen und madjarischen Dörfern, wo man die Grundmauern der Hütten aus Lehm, die Dächer aus Stroh und die Giebel aus Weidengeflecht herstellt. Der geräumige Hof der deutschen Bauernhöfe wird auf der einen Seite durch die Längsseite des Wohnhauses, im Hintergrund durch die Scheunen, auf der dritten Seite durch die Stallungen begrenzt. Der Garten ist aufs sorgfältigste gepflegt, und zahlreiche summende Bienen zeigen deutlich, daß der Bauer auch im Blumengarten das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. Ja, wer an einem Sonntag nachmittags durch die Hauptstraße eines solchen 4-5000 Einwohner zählenden deutschen Dorfes geht, der fühlt sich innerlich gehoben, weil er bemerkt, daß deutsches Leben und deutsche Art sich nie verleugnen. Die Fahrstraße, wie die an den Häuserreihen hinlaufenden Fußwege sind reinlich gekehrt, die Schwäbinnen sitzen im Sonntagsschmuck kichernd und schwatzend unter schattigen Bäumen, und kein Vorübergehender kommt ungeneckt vorbei. Nur wer außer dem Gruße noch etwas Launiges zu sagen weiß, mag ungezaust von dannen kommen. Jeden Sonntag tagt die Versammlung vor einem anderen Hause, daher auch die Bezeichnung die »Reih'«. Manchmal tönt aus der heiteren Gruppe auch Gesang, doch nicht in schwäbischer Mundart, sondern in hochdeutscher Schriftsprache erklingen die Lieder: »In einem kühlen Grunde«, »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, »Zu Straßburg auf der Schanz« usw., die auch in der Spinnstube und bei der Feldarbeit zu hören sind. Eigene poetische Blüten hat die Sprache der Banater Deutschen nicht aufzuweisen, dazu ist sie mundartlich zu zersplittert; wird doch sogar die schwäbische Mundart in so und so viel verschiedenen Färbungen gesprochen, und zwei Nachbardörfer machen hinsichtlich ihrer Sprache und Tracht oft den Eindruck, als ob sie 50 Meilen voneinander entfernt lägen. Ist auch das Leben der Banater Schwaben nicht frei von dunklen Seiten, so überwiegen doch die Lichtseiten ganz entschieden; besonders sind Gastfreundlichkeit und stark ausgeprägter Gemeinsinn hierzu zu rechnen. Dieser zeigt sich in einer Weise, die geradezu Staunen erweckt: Will sich ein Dorfgenosse ein Haus bauen, so ist seine einzige Sorge der Ankauf der Baustoffe und die Bezahlung der Maurer; für die Herbeischaffung von Holz und Steinen, und sollte es sich auch um meilenweite Entfernungen handeln, sorgen die Nachbarn mit Pferd und Wagen; sie stellen ihm auch während der Bauzeit gern Hilfskräfte, ohne daß er nur einen Deut an Tagelohn zu zahlen hätte. Das ist gute, alte Siedlersitte. Freilich sind die Banater Deutschen bei der Riesenarbeit, aus ihrer versumpften und verseuchten Halbinsel die Kornkammer der Monarchie zu machen, noch wenig zur Pflege höherer Güter gekommen. Ihre Dorfschulbildung ist eng begrenzt, und das Bewußtsein völkischer Zusammengehörigkeit untereinander und mit dem großen deutschen Volke fehlt ihnen oft ganz. Gibt es doch unter ihnen nur sehr wenige, welche die Zahl der Landsleute im Banat kennen, noch weit weniger aber solche, welche die letzten 100 Jahre deutscher Geschichte von der Auswanderung der Ansiedler bis zur Gegenwart überblicken. Sonst würde jedenfalls in dem Ausdruck: »M'r san deutsche Leut'« noch eine ganz andere Bedeutung liegen. Erst in neuer Zeit ist durch Einführung von Zeitungen und durch Zusammenschluß in Vereinen eine Besserung angebahnt, und auch der Weltkrieg, in dem reichsdeutsche Heere ins Land kamen, in dem aber das Banat unter rumänische und südslawische Herrschaft geriet, hat sein Teil dazu beigetragen, den deutschen Sinn auch in dieser Insel unseres Volkstums zu bilden.   7. Ein Heiligentag in Slawonien. Von Roda Roda in der Beilage der Leipziger Neuesten Nachrichten, 11. Mai 1908 (wenig gekürzt). Südlich der Drau breitet sich eine weite, weite Ebene aus, gerade wie der Tisch. Vor Jahren war's ein schier undurchdringlicher Urwald von Eichenriesen. Kaiser Josef II. ließ eine Heerstraße durchziehen und beiderseits der Straße Streifen von zwanzig Klaftern Breite roden, um den Strauchrittern das Handwerk zu legen. Heute sind die Eichen mit Stiel und Stumpf verschwunden. Es war ein großes Stück Arbeit, dieser Raubbau, und trug ein großes Stück Geld ein. Armselige 22 000 slawonische Joch, ein winziges Winkelchen der Erde, kaufte 1870 ein Wiener Bankier für ein Butterbrot und schlug in drei Jahren für sieben Millionen Gulden Eichen heraus. Bruderherz, war das ein Leben in Slawonien! So herrlich wird's nie wiederkommen. Da fuhren die Förster in Viererzügen, und die Oberförster hatten ihre eigenen Zigeunerbanden. Da reisten deutsche Schauspielergesellschaften im Land umher und fanden ihre Gönner. Jetzt ist alles, alles anders. Wo die Hirsche röhrten, schleppen verschmachtende Ochsen ihren Pflug, und wo im Moos die Quellen sprangen, zittert die glühende Luft über den Weizenstoppeln. Unermeßliche Tafeln, die vor Hitze dursten, knietiefer Staub auf den Wegen, und nirgends Schatten, als in den grüngekränzten Dörfern und schmucken Pußten. (So nennt man hierzuland die Meierhöfe.) Das ist die Drauebene. Aus ihr steigt dann plötzlich das Papukgebirge mit seinen Buchen hinan, Buchen, die zu ästig sind, um Gnade vor den Augen der Holzhändler zu finden. Orahowitza, »Nußdorf«, ein Längenort von fünf Kilometern Ausdehnung, ergießt sich wie ein schmaler Lavastrom vom Berg weit in die Ebene. Es ist ein bescheidenes Städtchen, hieß im Mittelalter »Raholtza«. Mit seinem oberen Ende reicht es bis hart an die Mauern der Rujitza, einer mächtigen Ruine. Efeu und Mythen ranken um ihre Quadern. Die Tempelherren sollen die schöne Serbin Rujitza (»Röschen«) lebendig unter dem Grundstein eingemauert haben. Die Türken kamen, eroberten die schöne Burg und bauten sie noch schöner aus. Eine Stunde Weges weiter südlich, an der Römischen Straße, steht die Alte Burg, eine Römerfeste vielleicht; und an der Spitze eines gleichseitigen Dreieckes über der Römischen Straße als Grundlinie liegt, tief verborgen im Waldkessel, das byzantinische Kloster Dusluk. Dahin habe ich Sie führen wollen. Rings ums Kloster auf den Kuppen stehen verträumte Schäferjungen und blicken ins Tal hernieder, wo innerhalb und außerhalb der Klostermauern die bunte Menge der Wallfahrer wimmelt, wo die Glocken klingen, die Händler schreien, die Bauern feilschen, wo man singt und spielt und lärmt. Denn heut ist St. Elias, der Tag des Klosterheiligen. Schon gestern nachmittag sind zu Pferd, zu Fuß und Wagen auf romantischen Waldpfaden die griechisch-orientalischen Bauern aus Gebirg und Ebene herangezogen. Die ganze Nacht über gingen die Karawanen, und heute morgen wurden es wahre Heersäulen. Die kleine Basilika mit ihrer schmutzigen Vorhalle kann nicht ein Hundertteil der Beter fassen. Wie eine Schwarmtraube aus dem Bienenstock hängt noch ein Klumpen frommer Menschen außen an der Kirchentür. Drinnen aber liest an der Bilderwand vor dem Altar der Abt die Messe. Ein schöner Greis mit wallendem, grauem Bart und wohl verdient um den Glauben, sonst hätte ihn der Bischof nicht mit der roten Leibbinde ausgezeichnet. Während er liest, begleiten ihn aus den Seitenschiffen Chöre von bärtigen Mönchen mit den feierlich-getragenen, ewig wiederholten Klängen des »Gospodin pomiluj« (»Herr, segne uns!«). Dann reicht ein junger Bruder das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Die Leute puffen sich zum Altar vor, werfen ihre Gaben hin und empfangen auf silbernem Löffel geweihtes Brot und einen Tropfen Wein aus einem Silberbecher. Ein zweiter Mönch steht daneben und wischt jedermann den Mund ab. Immer höher und höher wächst der Berg der Gaben, gestickte Handtücher, die man später, für zwanzig Kreuzer das Stück, im Klosterhof kaufen kann. Um elf Uhr tritt ein Mönch aus seiner Zelle, in jeder Hand einen Hammer. Er nähert sich einer mächtigen Eisenplatte, die frei im Säulengang des Hofes hängt, und beginnt sie flink zu hämmern. Das ist das Zeichen zur Predigt. Der Abt wird sie selber halten. Er hat das reiche Meßgewand schon abgelegt und steigt in schwarzem Chorrock, das rote Ehrenband um den Leib, die Stufen zum ersten Stock hinan. Dort, auf luftiger Altun, spricht er zu dem Volk. Kopf an Kopf drängt sich die Gemeinde, kein Apfel könnte zur Erde fallen. Die Weiber bilden natürlich die Mehrzahl. Sie tragen Kopftücher nach Art der Neapolitanerinnen, eine ganze Mitgift von Talern und Dukaten um den Hals, Leinenhemden, bunte Leibchen, Leinenröcke, bunte Schürzen, und alles über und über mit blauer Wolle bestickt. An den Füßen Bundschuhe. Die jungen Mädels haben sich die Haare zu kunstvollen Zopfhauben verflochten. So dünn sind die Strähne, so fein die Frisur, daß man meint, die Hauben wären gewebt. An jeder Schläfe steckt die dunkelgrüne Feder eines Enterichs, im Haar Blumen. »Federn und Blumen«, das ist der vielbesungene Sonntagsstaat. Alle aber haben grell geschminkte Wangen, weiß und rot. Der Brauch des Schminkens soll aus Türkenzeiten stammen. Auch die Männertracht ist reichgesticktes Leinen. Das Hemd fällt unter dem Gürtel bis an die Knie frei heraus. (»Der hat's heraus, wie der Krowot 's Hemed,« sagt der schwäbische Bauer von dem Erzgescheiten.) Nach der Predigt gehen die Gäste zum Mahl ins Refektorium. Das ist ein einfacher niederer Saal, hier ist ja alles arm und einfach. An den Wänden die Ölbilder des Patriarchen Brankowitsch und seiner Vorgänger, an der Hauptfront der heilige Vater Nikola und St. Elias, der Klosterpatron, mit Weihlichtern davor. Am Tisch aber sitzen die Blüten der Diözese: wohlgenährte Popen mit blauen Bändern, schlechtgenährte Mönche und Brüder mit schwarzen Bändern, alle, wie ihr Abt in langem, ernstem Habit, mit langen, ernsten Bärten. Laien, die man ehren wollte, würgen mühsam die Klosterkost hinab. Desto lebhafter geht es draußen zu. Von hundert Feuern steigt ein lustiger Rauch auf, Lämmer brutzeln an den Spießen. Vor den Zelten wogen Mädels und Burschen und kaufen Marzipan und giftgrüne Myrtenkränze. Wenn ein Mädel ihren Kranz ins Haar flicht, ist sie des Spenders Braut und wird später auf der Heimfahrt den Arm um den Nacken ihres künftigen Schwiegervaters schlingen. So will's die Sitte. Aus Bosnien ist eine Zigeunerkapelle herübergekommen. Sie fiedelt, singt und trommelt darauf los, die Tamburinschlägerin läßt ihre feurigen Blicke strahlen, der Primgeiger liebäugelt mit dem Stadtfräulein. Er hat sich närrisch aufgeputzt, gekämmt, rasiert – sogar in seinen Strumpfbändern stecken Blumenbüschel. Die Männer sammeln sich um den Guslar. Das ist ein blinder Alter. Er hockt am Hoftor im Schatten, die Geige senkrecht vor sich aufgestellt, und sägt auf ihrer einzigen Saite mit einem großen Bogen. Klagend klingt sein Lied, eintönig und endlos, vom Zaren Lazar, der auf dem Amselfeld von Türkenstreichen fiel. In den Gesang mischt sich ein anderer, hundertstimmiger, regelloser: das sind die hundert Bettler, die hier im Schatten liegen und hocken, ihre Weisen in Versen jammern und ihre Gebresten zur Schau tragen. Sie rühren ihre Armstummel, winden sich in Krämpfen, verdrehen die entzündeten Augen oder wiegen leblose Kinder. Nun, da die Beter die Basilika geräumt haben, führt man die Gäste aus der Stadt hinein. Die Bilderwand ist neu, geschichtlich merkwürdig nur die halbübertünchten, rohen, byzantischen Fresken. Den Silberkelch dort hat ein Schwindler »vergoldet«, das heißt mit Bronzefarbe überstrichen und sich für seine Arbeit gut bezahlen lassen. In der Bibliothek stecken ein paar Schweinslederbände, durchwegs glagolitische Meßbücher. Eines enthält auf den Vorlegeblättern in rührend schlichtem Deutsch die Geschichte eines Türkeneinfalls in Slawonien. Es waren schreckliche Tage, im Sturm der Schlachten, im Rauche des Blutes ... »Wir haben auch ein ganz deutsches Werk,« sagt der Mönch und reicht mir »Werthers Leiden« aus dem Jahre 1803. Der Mönch ist jung, fünfundzwanzig Jahre etwa zählt er. Dennoch hat er schon sein halbes Leben im Kloster verbracht. Die Askese hat seinen Zügen einen scharfen Stempel eingeschnitten. Das lange braune Haar wallt um ein greises Angesicht. Wie wenig weiß er von der Welt und ihren Kämpfen! Er hütet an Wochentagen beschaulich die Klosterziegen, trinkt ihre Milch, ißt ihren Käs mit Ölgemüse und hält Antiochia für die größte Stadt der Erde ...   8. Die Siebenbürger Sachsen einst und jetzt. Vgl. G. D. Teutsch, Geschichte der Siebenbürger Sachsen, Bd. I. Leipzig 1874, S. Hirzel. Charles Boner, Siebenbürgen, Land und Leute. Leipzig 1868, J. J. Weber. Wie eine natürliche Festung liegt Siebenbürgen vor uns. Waldgekrönte Bergreihen durchziehen das Land, Salz und Erze bergend, Heilquellen entsendend. Die Flüsse der Randgebirge spenden Lebenskraft; an den Berghalden reift die Purpurtraube, im Tale wogt das Ährenfeld. Auf den Bergen weidet noch die Gemse, im dichten Bergwald haust noch der Bär. Breitgestirnte Rinder, flüchtige Pferde bemerkt man allerorten in der Nähe meist wohlgeordneter Dörfer und Städte. Vor 750 Jahren war Siebenbürgen ein »desertum«, eine Öde, reich nur an Wald und Wild; kein Eisen öffnete den Boden; keine Stadt mit Steinhäusern, nur Wohnungen aus Holz und Rohrgeflecht deuteten auf die Nähe der Menschen. Um 1150 ließen sich, durch den weitblickenden Ungarnkönig Geisa II. gerufen, die ersten Züge deutscher Männer aus Niederland und der Kölner Gegend in Siebenbürgen nieder. Sie erschienen »ad retinendam coronam«, zur Erhaltung der Krone, deren Rechte von dem madjarischen Adel und den Walachen nicht immer geachtet wurden. Sie wurden ferner gerufen, die Wälder zu roden, der Ähre und Rebe eine Stätte zu säubern, also die Grundlagen aller Kultur durch ihr Beispiel zu lehren. Bald sperren der »Rote Turm« und die Törzburg die Einfallstore der Walachen und Türken; die Axtschläge zerschmettern die hundertjährigen Stämme; der Bogen vertreibt Bären und Wölfe; der Sumpf wird trocken gelegt; die Saat, der Obstbaum, die Rebe geben dem Boden ein neues Kleid; Dörfer mit Erdwällen, Städte mit Mauern, befestigte Kirchen, die »festen Burgen Gottes«, wachsen überall aus der Erde. Korn, Hafer, Hirse, Zwiebel, Flachs, Hanf, Hopfen, Wein liefert der Landbau; Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, Honig, Wachs, Talg, Speck, Häute, Felle, Fische, Wolle spendet die Viehzucht; Eisen, Salz, Gold und Silber gibt der Bergbau. Dies sind die Rohstoffe, welche das durch strenge Zunftordnung früh geordnete Gewerbe verarbeitet. Wie vielgestaltig es ist, geht daraus hervor, daß besonders für die Orte Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz schon in alter Zeit als Zunftgenossen verbürgt sind: Fleischhacker, Bäcker, Lederer, Weißgerber, Schuhmacher, Schmiede, Nagler, Kupferschmiede, Wagner, Gürtler, Schwertfeger, Schlosser, Kürschner, Handschuhmacher, Mantelschneider, Hutmacher, Seiler, Wollenweber, Weber, Faßbinder, Töpfer, Bogner, Schneider, Beutelmacher, Pfeilschnitzer, Sporer, Glockengießer, Goldschmiede, Steinmetze, Glaser, Maler. Die Siedler entfalten auf Grund der reichen Natur- und Kunsterzeugnisse eine bedeutende Handelstätigkeit, begünstigt durch die Verkehrserleichterungen der auf ihre Sachsen stolzen Ungarnkönige. In Wardein, Ofen, Wien, Prag, in Polen, Deutschland, Dalmatien, Venedig besuchen sie die Märkte und besitzen sie ständige Niederlagen. Schulen folgten schon den ersten Einwanderern und mehrten sich besonders seit Anfang des 15. Jahrhunderts. Büchereien in städtischen Pfarrkirchen und Klöstern wurden frühzeitig gewürdigt und besonders seit der Erfindung Gutenbergs erweitert. Die Wiener Hochschule und die deutschen Universitäten, besonders Wittenberg und Heidelberg, zeigen in ihren Matrikeln zahlreiche Sachsen aus Siebenbürgen, die mit Ehren die akademische Laufbahn betreten haben. Luthers Lehre fand in Siebenbürgen eifrige Anhänger. Es ist selbstverständlich, daß ein so üppig aufsprießendes Volksleben nur im Besitze größter Freiheit solche Schößlinge treiben konnte. Andreas II. hatte bereits 1224 im »goldenen Freibrief« die Verfassung der Sachsen begründet: Sie sollten ein Volk bilden auf dem Boden, den ihnen Andreas zu vollem, echtem, unbeschränktem Eigentum gab. Daher besitzen sie Flüsse und Wälder mit Fischerei- und Jagdrecht, das Verkaufsrecht, daher fallen die Güter ausgestorbener Familien der Sachsengemeinde, nicht dem Staate zu. Ein selbstgewählter Graf, comes, ist ihr oberster Richter; er entscheidet nach Sachsenrecht, vor dem nicht Adliger und Leibeigener galt, vor dem vielmehr alle gleich waren. Nur wo der Graf zu keinem Entschluß kam, entschied der König ebenfalls nach Sachsenrecht. Als höchste gesetzgebende Behörde, als Landtag auf diesem Sachsenboden tritt uns die sogenannte »Nationsuniversität« entgegen. Die Sachsen wählten nach dem Wortlaute des Freibriefes alle Beamten, auch ihre Pfarrer, und diesen, nicht dem Bischofe, gaben sie den Zehnten. Ihrer für jene Zeit einzig dastehenden Verfassung nach sind sie dem König verpflichtet zur Zahlung von 500 Mark Silbers jährlich, zur Heeresfolge und zur Bewirtung des Landesherrn. Daß die Sachsen diese Verpflichtungen erfüllt haben, kommt für den, der den starren Rechtssinn unserer Brüder kennt, gar nicht in Frage. Daß sie auf den Reichstagen mit ihrem Rate unentbehrlich waren, ist vielfach bezeugt und kein Wunder; denn bereits in früheren Jahrhunderten soll sich der madjarische Adel bei diesen Gelegenheiten durch »Scheltworte und Säbelgeklirr und arge Leidenschaften, durch Ungehorsam gegen die Gesetze« ausgezeichnet haben. »Im Reichrat rauften sie sich am Bart und gaben sich Ohrfeigen. Es hatte eine solche Gestalt, als sollte es nicht lange währen,« fügt unser Gewährsmann hinzu. Daß unsere Sachsen ihrem Könige aber auch mit Besserem lohnten als mit Silber und Bewirtung, beweisen die zahlreichen Zeugnisse der Regenten durch alle Jahrhunderte, von denen wir nur zwei erwähnen, das Sigismunds, der 1427 in Kronstadt seinen Sachsen sagte: »Wie eure Väter in lichtem Tatenglanz strahlten, so habt auch ihr, von der Ahnen hohem Geist getrieben, in des Reiches Nöten Gut und Blut, Leib und Leben nie geschont, also daß an eurer Treue kein Makel haftet, und den Ruhm eurer Taten wird die Zeit nie verlöschen, nie wird ihn die Nacht der Vergessenheit decken« – und das fast noch schwerer wiegende des Feindes Stephan Bathori von 1530: »Es ist doch niemand besser als euch bewußt, von welchen Niederlagen, von wieviel Raub, Mord, Erpressung und großen Übeln jeglicher Art ihr heimgesucht worden, seitdem ihr vom König Johann (Zapolya) abgefallen. Und das alles ist geschehen, weil ihr jenem Fremden (Ferdinand, Bruder Karls V.) anhänget. Wahrlich, es ist ein Wunder, daß ihr allein für jenen so viel leidet, von dem ihr keine einzige Wohltat empfangen. Lasset eure Ehrlichkeit nicht täuschen von Leuten, die nur das Ihre suchen und nicht, was euerem Heile dient.« – Beim Anblick einer solchen Fülle urdeutschen Lebens bricht sich des Dichters Wort von selbst die Bahn über die Lippen: »Mit dem Pfluge, mit dem Schwerte, mit dem Worte, mit der Tat: ruhmvoll über diese Erde geht, Germania, dein Pfad.« Daß dies gesunde Volksleben auf diesem Vorposten europäischer Gesittung in den Jahrhunderten des Kampfes nicht erlosch, sondern in immer frischen, kräftigen Strahlen aufschoß und sich weiter entwickelte, ist kein schlechter Beweis seiner Güte. Wie kommt es nun aber, daß man die Leute, die Siebenbürgen, mit Pflugschar und Egge bekannt gemacht und gehoben haben, sofern man nämlich unter Hebung nicht »städtische Nichtsnutzigkeit«, sondern Sinn für Ordnung und Gehorsam gegen das Gesetz versteht, daß man diese Leute, die das Land von Islam und Türken befreit, die dem Adligen und Leibeigenen zuerst in jenen Gegenden den ehrsamen Bürger zur Seite gestellt, die den Madjaren eine Verkehrssprache und durch diese einen guten Teil ihrer höheren Bildung zugeführt haben: daß man sie in jeder Weise in ihrer völkischen Eigenart bedroht? Vgl. Karl Ludolf, Der Sprachen- und Völkerkampf in Ungarn. Leipzig 1882. Oswald Mutze. Fr. v. Löher, Das Erwürgen der deutschen Nationalität in Ungarn, München 1874, A. Ackermann. Ihre verbrieften Rechte waren dem ungarischen Edelmann von jeher eine Schranke; ihr Fleiß, ihre Sparsamkeit waren ihm ein stiller Vorwurf; ihr Mißtrauen gegen madjarische Ansiedelung auf dem Sachsenboden erregte von jeher des Ungarn Unmut; ihre Treue gegen das Haus Habsburg brachte ihn oft in Wut; ihr ernstes nachdenkendes Wesen ohne tollkühnes Selbstvertrauen und rasches Handeln paßte nicht zu dem blitzartig auflodernden, alles blind an die politische Freiheit setzenden Charakter des Madjaren. Dazu kommt ein durch keine Gründe zu beseitigender Glaube an die Feindseligkeit des Deutschen, endlich und vor allem ein überspannter, ausschließender, hochmütiger Zug des Madjaren; erkennt er doch Österreichs Hoheit kaum an, ist er doch mehr als die Regierung, daher das wegwerfend Hochmütige seines Wesens. Sein Ideal ist die mittelalterliche Lehensherrschaft, die Madjaren als Herren, alle übrigen Stämme Ungarns als Leibeigene gedacht. Durch die Zerschlagung der österreichischen Monarchie wurden die Deutschen der Willkür der Ungarn preisgegeben. »Merzen wir alles aus, was deutsch ist in unserem Leben!« ist fortan die Losung eines Volkes, dessen Sprache außer ihm kein Volk auf der Männererde versteht. »Madjarisierung« nennt man jenes Treiben, welches auf Beseitigung deutscher Namen, deutscher Sprache, deutscher Wissenschaft und Kunst gerichtet ist. In der Verfassung von 1867 waren den Sachsen Siebenbürgens von ihren früheren Rechten folgende fünf gewahrt: die Aufrechterhaltung der Kreisordnung, die Unantastbarkeit des Sachsenbodens, die Besetzung aller Ämter durch freie Wahl, die Belassung des Deutschen als Amts- und Geschäftssprache, die Unantastbarkeit des Volksvermögens. Von diesen damals zugesicherten Rechten ist ihnen kein Jota geblieben. Denn bereits 1873 wollte die ungarische Regierung die elf Kreise der Sachsen zerfetzen und mit madjarischen zusammenwerfen; die sächsische Nationsuniversität erhebt zwar Widerspruch, doch der Minister entzieht ihr das Berufungsrecht. Die 35 sächsischen Abgeordneten legen demzufolge ihr Amt nieder, vom Reichstag Recht und Genugtuung fordernd. Mit dem Worte »Landesverräter« meinte man solche gegeben zu haben. – Ihr Boden sollte unantastbar sein! Doch hinderte dies nicht, daß man 50 000 Walachen zu ihrem Gebiet schlug, zum Teil strafrechtlich Verfolgte, die volles Wahlrecht erhielten. Nun sind die wackeren Kämpfer durch den Trianonfrieden vor eine neue Aufgabe gestellt: ihr Volkstum und ihr Recht gegen die neue Oberhoheit der »Walachen«, der Rumänen, zu wahren. Denn Siebenbürgen ist nun rumänischer Besitz. – Die freie Beamtenwahl war den Sachsen zugesichert. Nun wurde ihnen 1868 statt ihres Grafen ein königlicher Kommissar aufgedrungen, bald die freie Beamtenwahl aufgehoben, ja den Anwärtern der Bildungsnachweis erlassen, obwohl das über alles Wünschen der Sachsen hinausging. – Das Deutsche sollte Amtssprache bleiben! Doch bereits 1879 wurde das Madjarische pflichtmäßiger Unterrichtsgegenstand, und nichtmadjarischen Lehrern wurden Belohnungen aus dem Staatsschatze für leicht zu erratende Dienste zugesichert. – Das Volksvermögen, meist aus Stiftungen bestehend und zum Unterhalt der höheren Bildungsanstalten dienend, wurde ihnen gewaltsam entrissen. Wenn auch mit Füßen getreten, denken die Sachsen wenig an Auswanderung; auch die Zahl der Überläufer ist gering; wenn auch alle übrigen Hoffnungsstrahlen nur schwach am Horizonte aufschössen, so müßte doch die Geschichte ihrer Ahnen sie mit dem unerschütterlichen Glauben durchdringen, daß ihre Vorpostenstellung ein Leidenskelch, aber zugleich der Brunnen ihrer ewigen Verjüngung ist.   9. Das Leben der sächsischen Bauern in Siebenbürgen. Nach Fr. Fr. Fronius, Bilder aus dem sächsischen Bauernleben in Siebenbürgen (Wien 1879, Karl Graeser) und eigner Anschauung d. H. Der sächsische Bauer Siebenbürgens hat in seinem Haus und Leben eine wahre Schatzkammer uralter, echter deutscher Sitte, die sich bei uns bis zur Unkenntlichkeit verflacht hat. Das sächsische Bauernhaus sieht mit der Giebelseite nach der Straße, mit der breiteren in den Hof, damit der Bauer die Wirtschaftsgebäude und die Arbeit der Hausgenossen besser übersehen könne. An der breiten Hofseite führt eine kleine Treppe zu einem gedeckten Vorsprung. Hier schaut er morgens nach Wind und Wetter, abends nach Pferdedieben aus; hier hält die Bäuerin mit den Nachbarinnen bei Regenschauern Zwiesprach; hier stehen die Blumentöpfe der Tochter des Hauses, und unter dem Dach der Laube hat der Bauernknabe den Taubenschlag. Unter dem Vorsprung befindet sich der Eingang in den Keller, wo zweireihig die Fässer liegen, gefüllt mit dem Blut der siebenbürgischen Rebe, und der eichene Bottich, welcher das Sauerkraut birgt. Von der Laube aus gelangt man in ein Vorhaus, welches den Wohnraum in zwei Hälften zerlegt. Der der Gasse abgewendete, hintere Raum ist das Auszüglerstübchen, der vordere dient dem rüstig schaffenden jüngeren Bauer zur Wohnung. Die in beiden Räumen gleiche Hauseinrichtung zeigt einfache Möbelstücke aus weichem Holz, mit Blumen bemalt: die benutzte Bettstatt und das unbenutzte Himmelbett, auf welchem die sorgende Hausmutter Betten und Polster für die Aussteuer der Söhne und Töchter bis zur Decke häuft; ferner die langen Kleider- und Wäschetruhen mit ansehnlichem Vorrat; gilt es doch als Schande, jährlich mehr als dreimal die »große Wäsche« vorzunehmen. Der Tisch in der einen, der mächtige Lutherofen in der anderen Ecke sind unerläßliches Zubehör der Bauernstube. An der Zimmerdecke laufen an allen vier Wänden herum Rahmen, auf denen Teller von Zinn und Ton stehen, während an Nägeln die schön geordneten Krüge aufgehängt sind. Die Schwarzwälderuhr, die Bildnisse von Luther und Melanchthon bilden den Wandschmuck, während ein Wandschrank, die Almerei, die Bücherschätze der Familie: Bibel, Gesangbuch, Kalender und abgenutzte Schulbücher verwahrt. Auf gleichem Flur mit den Wohnräumen liegt die Speckkammer; denn Speck ist dem sächsischen Bauer ein Leibgericht. Der Hauptvorrat dieses geräucherten Salzfleisches findet sich allerdings auf der festen Burg des Dorfes, hinter den Ringmauern der Kirche, mit Namen und Hausnummer des Eigentümers versehen. Trotz seines Herdenreichtums ißt der Sachse doch nur selten frisches Fleisch des Rindes; denn nicht alle Tage bricht ein Zugochs auf den oft schlechten Wegen oder eine Milchkuh ein Bein; auch wird nicht jeden Tag ein Gemeindestier geschlachtet, so daß der »Ortshann« (Gemeindevorsteher) durch das »Nachbarzeichen« ansagen lassen könnte, wieviel Pfund jeder Hauswirt zu kaufen verpflichtet sei, damit der vom Unglück Betroffene oder das Gemeinwesen nicht schweren Schaden leide. In solchem Hause wird das sächsische Bauernkind geboren. Ist unter Beihilfe der »Amtfrau« (Hebamme) der kleine Weltbürger ans Licht gebracht, so duldet es die Mutter höchstens zwei Tage auf dem Lager. Vor den »Alfs« (Elfen) muß das unter dem Polster liegende Messer oder der Besen, vor dem »Berufen« (Behexen) die den Zauber bannende Alte das Kind schützen. Die Taufe hat bald nach der Geburt zu erfolgen; in wohlgesetzter, altherkömmlicher Rede sucht der Eheherr um sie beim »Wohlehrwürdigen Herrn Vater«, dem Pfarrer, nach. In derselben feierlich steifen Weise werden die Taufzeugen geladen, und auch beim Taufschmaus sind altherkömmliche rednerische Leistungen keine Nebensache. Das Kind wandert schon frühzeitig mit der Mutter in die Feldarbeit, um Wind und Wetter ertragen zu lernen. War die Zumutung an die gute Natur des Kindes zu groß, so muß die »versprechende« Alte durch Heilmittel und Formeln helfen, die mit dem feststehenden »Im Namen Gottes des Vaters usw.« schließen; denn weit wohnt der Arzt in der Stadt. Vielleicht macht auch die noch von früherer Krankheit übriggebliebene Arznei sein Herbeirufen unnötig. Mit den Haustieren schließt das Kind innige Freundschaft; auf dem Büffelkalb und dem Füllen macht der Bube die ersten Reitversuche. Alle Pferde und Ochsen der Gemeinde kennt er, aber noch keinen Buchstaben. Mit dem sechsten Jahre beginnt für das »Ehezweiglein« die Qual auf der harten Schulbank. Noch ehe man in Deutschland öffentliche Schulen hatte, bestanden sie dort. Mit vollendetem 15. Jahre erst entwächst er der Schule. An Stelle der Schulzucht tritt nun bis zur Verheiratung die der Bruderschaft . Unter der Aufsicht des »Altknechts«, der übrigen frei erkorenen Beamten und aller Glieder dieser Genossenschaft steht seine gesamte sittliche Führung. Beim »Zugang«, das ist dem Gerichtstag der Bruderschaft, fragt man, ob der Jüngling in der Kirche gepoltert, gegähnt, Sträuße gebunden, geschlafen, ob er dem Fremden willig seinen Kirchenplatz eingeräumt, ob er Kirche oder Kinderlehre versäumt, den Mitbruder geschimpft, am Bußtag und in den Fasten rote Bänder am Hut getragen, ob er das beim Tanz ihm zugeführte Mädchen verschmäht, in der Spinnstube geraucht, ob er in Gesellschaft der Mädchen die Ehrbarkeit in Wort und Tat vergessen, im Wirtshaus gewesen oder gar Karte gespielt usw. Die Bruderschaftssatzung bestimmt für diese Vergehen Strafe. In ernster Weise sorgt dieselbe Bruderschaft für gemeinsame Vorbereitung und gemeinschaftlichen Genuß des Abendmahles. Der Austritt erfolgt in der Regel mit der Verheiratung. In der Spinnstube läßt der Bursche seine Augen schweifen und wählt, auch die Mitgift der künftigen Gattin erwägend. Ist ihm das Mädchen geneigt, so ziert es ihm Sonntags den Hut mit mächtigem Blumenstrauß und erhält als Gegengabe einen kunstvoll gearbeiteten Heurechen. Durch einen Vertrauten erfolgt dann die Werbung bei den Eltern der Geliebten. Vor dem »Wohlehrwürdigen Herrn Vater« geschieht die Verlobung. Zur Haferernte folgt die Braut dem auf stattlichem Sattelhengst reitenden Burschen auf seinem Erntewagen, um ihm beim Heimfahren zu helfen. Der Katharinentag (25. November) ist für alle jungen Paare in der Gemeinde der herkömmliche Hochzeitstag. Das Hochzeitsfest erfordert acht Tage. Die Verwandtschaft, ja oft das ganze Dorf hilft mit Rat und Tat; Milch, Butter, Hühner, Eier, Speck als Beiträge zum Hochzeitsmahl fließen reichlich ins Hochzeitshaus; denn die Gemeinde bildet eine Familie. Auch an Brautgaben fehlt es nicht. Der junge Ehemann tritt nun in den Verband der » Nachbarschaft «. Unter einem freigewählten »Nachbarvater« will diese, durch feste Satzung geregelte Genossenschaft dem einzelnen die Hilfe der Gesamtheit gewähren. In der Regel zerfällt die Gemeinde in vier solcher Nachbarschaften; der Beitritt dazu ist Pflicht. Die Nachbarschaftsartikel kennzeichnen als Zweck dieses Zusammenschlusses gegenseitige Hilfeleistung in Freud und Leid, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit, Pflege der Wohlanständigkeit und des kirchlichen Sinnes. Führt ein Nachbar einen Neubau auf, ist er in der Erntezeit erkrankt, so bestellt der Nachbarvater die nötige Hilfe. Ist er in Gefahr, dem Wucherer in die Hände zu fallen, so streckt ihm die Nachbarschaftskasse Geld vor; sind ihm seine Vorräte vor der Ernte ausgegangen, so erhält er aus dem Sparspeicher ein Darlehn an Mundvorrat. Die Nachbarschaft schützt das Dorf vor Dieben, bildet die Feuerwehr, bestattet ihre Toten. An ihrem jährlichen Richt- oder Sittag bestraft sie die Verstöße gegen die Nachbarschaftsartikel. Der sächsische Bauer verleugnet in Wuchs und körperlicher Kraft den germanischen Ursprung nicht. Er ist wirtschaftlich, sparsam, mäßig. Seine Hauptnahrung: Milch, Käse, Speck, getrocknetes Schweinefleisch ersetzt das nährende Fleisch des Rindes nur unvollkommen. Der Kindersegen in den einzelnen Familien ist durchschnittlich gering; doch ist die Zunahme der sächsischen Bevölkerung immer noch stärker als die der madjarischen. Der sächsische Bauer ist nicht bloß religiös, sondern auch kirchlich gesinnt. Die Wahl eines Pfarrherrn ist eine die Nachbarschaften tief aufregende Frage. Denn der würdige Pfarrherr soll – wiewohl man »guten Ausspruch« von ihm verlangt – weniger ein gelehrter Kanzelredner, als vielmehr ein Mann sein, der dem Bauer in allen seinen Lebensverhältnissen, in Schule, Familie, Wirtschaft, in Krankheit, Schmerz und Freude mit Rat und Tat zur Seite steht. Ja, man legt fast ebensoviel Gewicht auf die Eigenschaften der Frau Pfarrerin; sollen doch diese beiden Menschen im schönsten und schwersten Sinne des Wortes als Vater und Mutter der Gemeindefamilie vorstehen. Des Sonntags erscheint der Hausvater mit Kind und Kegel in der befestigten Kirche, und der Wohlehrwürdige muß auch den kleinen Störenfried, der in der Kirche spazierend umherwandelt, ja wohl gar schreit, mit in Kauf nehmen. Der sächsische Bauer ist konservativ, und wer wollte dem ehrenfesten Geschlecht das fromme Festhalten am bewährten Guten verargen? Mag man ihm immer Trotz vorwerfen, wenn er sich gegen Zusammenlegung von Grundstücken, gegen das Abschaffen des von den Urvätern ererbten Pfluges sträubt. Aber bekanntlich hat er Grund, mehr festzuhalten, als vielleicht gut und nötig, um nur etwas von seiner Eigenart zu behalten.   10. Nach Rumänien. Nach einem Werbeblatt zur Jubiläumsausstellung in Bukarest 1905 und einem Aufsatze von Paul Lindenberg im Daheim 1906, Nr. 8. Außerdem Simeon Mehedinti, Die rumänische Steppe. Ratzelgedenkschrift S. 250 ff. Leipzig 1904, Dr. Seele \& Co. Das junge Königreich Rumänien hat sich unter dem Hohenzollern Karl politisch und wirtschaftlich in staunenswerter Weise gehoben. Als der junge Prinz 1866 seinen Einzug in Bukarest hielt, gab es dort nur niedrige Häuser, keinerlei nennenswerte öffentliche Gebäude, das Schloß befand sich in einem Zustande des Verfalls und der Armseligkeit, daß er verwundert fragte, wozu dort ein Posten aufgestellt sei; die Gassen waren ungepflastert, und selbst die Hauptstraße hatte tiefe Löcher, die den Wagen gefährlich wurden. Heute ist Bukarest ein Klein-Paris: die Straßen sind sorgsam gehalten, die Hauptstraßen und Boulevards elektrisch beleuchtet, es gibt große öffentliche Gebäude, Denkmäler, Brunnen, Kirchen, Parks und Plätze, Villenviertel. Diese bestehen aus lauter Einfamilienhäusern, dadurch bekommt die Stadt eine riesige Ausdehnung; deshalb die vielen raschen Mietskutschen als Verkehrsmittel, der Führer im russischen Samtrocke mit der bunten Schärpe – das ist das heutige Bukarest. Herrlich sind die tannenduftenden Karpatentäler, wie zum Beispiel das Peleschtal mit dem Königsitze Sinaja, das Jalomitzatal mit seinem Kloster und andere. Dort an der Eisenbahnlinie Kronstadt-Bukarest liegt das rumänische Petroleumgebiet . Zwischen Waldbergen bahnt sich die Prahowa ihren Weg, im Frühling ein ungestümer Gebirgsfluß, der breithin seine Schotter streut. »Campina!« ruft der Schaffner. Ein starker Petroleumgeruch entströmt den auf dem Bahnhofe stehenden »Zisternen«, rundbauchigen Eisenbahnwagen, die der Beförderung des gewonnenen Erdöls dienen. Zu beiden Seiten des Flusses ragen hohe holzverschalte Bohrtürme auf als Vorposten einer Heerschar, die hinter Campina steht. Ein freundliches, walachisches Städtchen mit niedrigen Häusern und blumigen Gärtchen, mit regem Verkehr und zahlreichen Läden; denn seit dem Aufschwung der Petroleumindustrie ist viel Geld unter die Leute und sind viele Leute auf die Petroleumfelder gekommen. Trotzdem ist im Gegensatz zu amerikanischen Beispielen dem Ort seine anheimelnde Eigenart geblieben. Langsam ziehen vier, acht, zehn der prächtigen hellgefärbten Stiere mit den riesigen geschwungenen Hörnern die schwerbeladenen hölzernen Wagen; in buntgestickten Kitteln und Jäckchen schreiten Bauern und Bäuerinnen einher; auf seinem Pferdchen jagt der Postbote in Landestracht heran; Enten und Gänse schnattern in den Nebengassen; etliche Borstentiere tun sich im Tümpel mit ihrer quiekenden Nachkommenschaft gütlich. Anders ist das Bild allerdings auf dem Arbeitsfelde der Petroleumgesellschaft »Stern von Rumänien« in der Nähe von Campina. Sie beschäftigt jetzt 3000 Arbeiter und arbeitet mit einem Betriebskapital von etwa 20 Millionen. Im Jahre 1905 förderte sie 22 000 Zisternen Petroleum zu je 10 000 kg aus der Erde. Dies nur, um die Bedeutung dieser Petroleumfelder zu zeigen. Die Oberleitung liegt in deutschen Händen, auch unter den Beamten sind so viel Deutsche, daß eine deutsche Schule errichtet worden ist. Die rumänischen Ingenieure verdanken dazu ihre Bildung deutschen Hochschulen. Vor kurzer Zeit noch war Campina ein rege besuchtes Bad mit Schwefelquellen. Ein hübscher Park lag hier, in dem sich ein buntes geselliges Leben während der Sommermonate entfaltete. An jene Zeit erinnert nur noch das weiße Kurhaus, das nun als Kontor der Petroleumgesellschaft dient. Jetzt ragen in kurzen oder längeren Entfernungen Dutzende von hölzernen Türmen auf, die unten verschalt sind und nach oben in spitze Balkengerüste auslaufen. Die weißen Fichtenbretter sind im Umsehen schwarz wie der Erdboden, den die Petroleumfluten netzen; denn wo sie hindringen, ist's selbst mit dem ausdauerndsten und genügsamsten Pflanzenwuchs vorbei. Zwischen den Türmen zahllose Bretterbuden, Häuschen, Hütten; in der Luft ein Gespinst von Telegraphen- und Telephondrähten, eisernen Röhren, die das innerhalb der Türme gewonnene Petroleum in große Sammeltanks leiten. Aus den Kesselhäusern sprüht der Feuerschein zu Türen und Fenstern heraus, weißlicher Dampf quillt stoßweise hervor, es surrt und summt, rattert und rasselt, dröhnt und rollt von Maschinen aller Art. Räder drehen sich in sausendem Schwung, und quietschend bewegen sich holzgeformte Winden – eine sorgsam erdachte und vielgestaltige Vorrichtung ist nötig, der Erde ihr flüssiges Feuer zu entringen. Die Dampfkraft wird auf große Entfernungen zu den Bohrtürmen in eisernen Röhren geleitet. Die Bohrung geht oft durch schweres Gestein, bis in Tiefen von 800 – 1000 m und kostet für das Meter etwa 100 Fr., der Turm selbst etwa 20 000 Fr. Zuerst wird eine 5 – 6 m tiefe Grube angelegt durch die obersten Schotterschichten. Dann führt man weite eiserne Rohre ein und untersucht die Lehmschicht. Das Wasser wird nun abgesperrt, das Bohrloch trocken gelegt, und der Eisenbohrer tritt in Tätigkeit, von Dampfkraft angetrieben. Sogenannte Löffel beseitigen den Schlamm. Sind alle Vorbereitungen zur Erdölgewinnung getroffen, so hebt der 10 m lange eiserne »Schöpflöffel«, der bis zu 500 kg faßt, mit Motorkraft in bestimmten Zwischenräumen das Öl empor in einen Bottich. Hierbei öffnet sich in der Tiefe ein Kugelventil am Boden des Löffels, der Hohlraum füllt sich mit dem Öl je nach dem Stande des Brunnens drunten, das Ventil schließt sich beim Emporziehen, und oben schüttet der Löffel die geförderte Menge in den Bottich, von dem Röhren nach dem Sammeltank laufen. Paraffinreiches Erdöl wird in besonderen Fabriken zu Paraffinöl, Vaseline, Benzin, Paraffin, weiterhin zu Kerzen, Streichhölzern verwendet, paraffinarmes gereinigt zu Brennöl oder verarbeitet als Schmieröl. Die Campinafabrik verarbeitet täglich 150 Ladungen Rohöl, jede zu 10 000 kg. In walzförmigen Versandtonnen aus Eisen befördert die Eisenbahn das Brennöl nach Giurgewo , dem rumänischen Donauhafen, oder nach Constanza am Schwarzen Meere, wo mächtige Eisentanks errichtet sind, aus denen die besonders eingerichteten Ölschiffe gefüllt werden, um nach Deutschland, Frankreich, England, Italien usw. zu fahren. Nicht immer vollzieht sich die Förderung ruhig, oft schießt mit ungeheuerer Macht das mit Sand vermischte Erdöl in Ausbrüchen hervor. Ein solcher 18 stündiger Ausbruch lieferte 450 Ladungen Öl. Dann müssen von allen Seiten Arbeitskräfte herangeholt werden, Gruben werden rastlos ausgehoben, Dämme gezogen. Einmal wurde bei einem solchen Ausbruch das gesamte Bohrzeug von 400 m fünfzölliger Eisenbohrstangen aus dem Boden gerissen und über den Turm geschleudert. Die Sonnenstrahlen zaubern auf den Petroleumlachen die wundervollsten Farbenspiele hervor. Andere Petroleumfelder liegen bei Buschtenari, zwei Meilen weiter, in wald- und hügelreichem Gelände; dort arbeitet deutsches, französisches, englisches, amerikanisches, holländisches, österreichisches, belgisches und rumänisches Kapital. Hier trifft man auch noch alte bäuerliche Handbrunnen; denn seit Jahrhunderten hoben die Einheimischen hier aus den Erdölquellen Wagenschmiere und Brennstoff aus tiefen Schächten. Den Arbeitern in der Tiefe wurde mit riesigen Blasebälgen frische Luft zugeführt. Sie füllten Fässer mit dem Öl an; diese wurden mit Winden heraufgezogen und in Bottiche entleert. Das Mais- und Weizenland Rumänien aber wird bald zu den großen Petroleumländern der Erde zählen und reichen wirtschaftlichen Gewinn aus dieser neuerschlossenen Quelle ziehen, die schon Galizien, das ähnlich am Außenbogen der Karpaten liegt, Segen gebracht hat. Wenn wir den Flüssen aus den Karpaten durch das hügelige Vorland weiterfolgen, kommen wir in die rumänische Steppe, etwa die Baragansteppe an der unteren Jalomitza. Noch vor 40 Jahren waren diese weiten Ebenen nur dem Hirten und seinen Herden, der den Sommer auf den Matten des Gebirgs verbracht hatte, ein wärmeres Überwinterungsgebiet. Hier schlug er seine tirla auf am tiefen Steppenbrunnen. Aber seitdem die Donaumündung reguliert und die Klippen des Eisernen Tores gesprengt worden sind, so daß der Wasserweg als Ausfuhrstraße wieder offen stand, hat der Bauer den Hirten in der Steppe verdrängt, neue Dörfer von fast amerikanischer Regelmäßigkeit sind entstanden – doch die Bauern nennen sich noch immer in Erinnerung an die Hirtenzeit tirlasi. Die Stromauen endlich im Überschwemmungsgebiete sind von wildem Wald erfüllt: dicke Ulmen, um die sich im Herbste gelbe Girlanden der Rebe mit dunkelblauen Trauben schlingen, Weiden und Pappeln und anderes. Wasservögel und Stelzvögel aller Art haben sich die Lungka , den Uferwald, zum Wohnort erwählt, der den Menschen mit seinen Sumpffiebern abstößt. B. Alpenländer 1. Das Alpengebäude. – 2. Alpenstraßen. – 3. Über den Splügen nach Chiavinna. – 4. Die Tallandschaft des Engadins. – 5. Das Appenzell und seine Landsgemeinde. – 6. Der Vierwaldstätter See und das Rütli. – 7. Über und durch den St. Gotthard. – 8. Ein Bergsturz im Kanton Schwyz. – 9. Von Interlaken zur Jungfrau. – 10. Durchs Wallis zum Genfer See. – 11. Die Eroberung des Montblancs.   1. Das Alpengebäude Quellen: A. v. Berlepsch, Die Alpen. 5. Aufl. Jena 1885, H. Costenoble: Prof. Dr. Frech, Das Antlitz der Hochgebirge. Aus der Natur, 1906, I; J. Blaas, Struktur und Relief in den Alpen. Ztschr. d. D.-Ö. Alpenvereins, 1904. S. 1. »Die Alpen sind das bekannteste und besuchteste Hochgebirge der Erde, und doch nur wenige Menschen kennen die wirkliche und volle Majestät des Alpengebäudes. Sie entschleiert sich da am allerwenigsten, wo die breiten Heerstraßen über Joche und Bergsättel laufen oder wo das kleinliche Treiben des alltäglichen Verkehrslebens an die Fußschemel dieses Schöpfungswunders sich herangewagt hat. In die Geheimnisse der verborgenen Gebirgswelt mußt du hineindringen, in die Einsamkeit der scheinbar verschlossenen Schluchten und Taltiefen, wo der Kulturtrieb des Menschen ermattet, über Urweltgetrümmer mußt du klimmen, durch Gletschergeklüft und Eiswüsten in das Tempelheiligtum eingehen, welches sich dort vor deinem erbangenden Blicke frei und kühn in den Äther emporwölbt. Da wird sie dir entgegentreten, die unbeschreiblich hohe Pracht der Alpenwelt in ihrer ganzen Herrlichkeit und Größe, da wird's mit Geisterstimmen mächtig dich umrauschen, und überwältigt wirst du niedersinken vor diesem verkörperten Gottesgedanken. Und hast du dich dann aufgerafft von dem ersten gewaltigen Eindrucke, hast du im Anschauen der riesigen Massen das Herz dir ausgeweitet und empfänglich gemacht für noch größere und herrlichere Offenbarungen, dann richte kühn eine Frage an jene Gebilde unvordenklicher Zeiten, dann forsche, welche Hand sie emporgehoben hat aus der Tiefe ewiger Nacht in das Reich des Lichts, dann schlage die Geschichte ihrer Schöpfungstage in den Felsenblättern dieser versteinerten Weltchronik nach und erforsche den Zweck ihres Daseins, und die großen toten Massen werden sich beleben, es wird sich dir ein Blick erschließen in den unendlichen Kreislauf der Ewigkeit.« Je älter die Erde wird, desto mehr runzelt sich ihre Haut. Diese Runzeln aber sind gewaltige, berghohe Falten, landgroße Schuppen und Schilder. Sie erhoben sich aus dem Meere und boten den abtragenden Kräften neue Angriffspunkte. Nicht alle abgesetzten Schichten konnten dem Schub bei der Zusammenziehung in demselben Maße folgen; denn einige waren spröde und zerbrachen und zersplitterten, einige waren schmiegsam und falteten sich. Unter riesenmäßigem Drucke wurden selbst spröde Massen mehr oder weniger gefüge. In Hohlräume zwischen Schichten verschiedener Spannung drängten sich aus der Tiefe glutflüssige Massen: Porphyre und Granite. Die Falten wälzten sich nordwärts, sie überschoben sich: drei solcher überschobener Decken hat die neuere erdgeschichtliche Forschung festgestellt – aber alle diese Vorgänge sind für das Antlitz der heutigen Alpen nicht so bestimmend gewesen als das diluviale Gletschereis, das mit all seinen Kräften noch heute in der Gipfel- und Kammregion in Resten wirksam ist. Penck und Brückner, die den Eiszeitspuren der Alpen wissenschaftlich folgten, erkannten, welch tiefgehende Wirkung der Gletscher auf die Landschaft ausgeübt. Sie stellten fest, daß die Landschaft sogar ein Werk der Vereisung sei. Wo der Gebirgswelt die Vergletscherung fehlt, da gehen ihr auch die landschaftlichen Reize verloren. Wie anders erscheinen die Gebiete, welche einst vergletschert gewesen! Es zeigen sich Seitentäler, die in Form von Stufentälern gleich mächtigen Kanälen in das Haupttal münden und stets am Ausgang sich in eine wilde Klamm verengen. Sie hat das Wasser in die vor diese Stufentäler geschobenen Riegel genagt. Das häufige Auftreten dieser Riegelbildung aber läßt an den Abschluß großer Seebecken denken. Es finden sich wohl auch noch Spuren von solchen, aber sie sind abgelassen oder durch aufgehäufte Kiesmassen verschüttet. Alle Beobachtungen lehren uns, daß nicht rinnendes Wasser, auch nicht Schollenbewegungen, sondern nur der Gletscher diese Seebecken geschaffen haben kann. Die Becken sind aus dem Untergrund durch den sich bewegenden und verschiebenden Gletscher hervorgegangen, aber meist sind die Gletscher seit der Eiszeit verschwunden. Nur dort, wo das fließende Wasser gering war, oder in den unteren Alpentälern sind die letzten Reste der Kette von Seen im Alpengebiet als das Ende der vertiefenden Gletscher zu finden. Wenn wir die voreiszeitliche Landschaft wieder aufbauen, so ergibt sich, daß das Alpengebiet vor seiner Vergletscherung eine »reife« eintönige Tallandschaft, ähnlich der des Felsengebirges, darstellte. Die Ausfurchung der Täler durch fließende Gewässer, die seit dem Emportauchen der ersten Faltengewölbe bis zu unseren Tagen zerstörend und verfrachtend arbeiten, kommt erst in zweiter Linie in Rechnung. Die Zentralalpen sind am höchsten und stärksten emporgefaltet, sie sind daher am meisten von der Zerstörung erfaßt und bis auf das härteste Grundgestein, bis auf Glimmerschiefer und Gneise, und bis auf die tiefsten Schichtgesteine entblößt – ihre Formenwelt ist deshalb wild und kühn, besonders, weil sie zumeist über die Schneegrenze emporragen. Dort arbeitet der Spaltenfrost des Nachts in den Gesteinsfugen und bildet frischbrüchige Steilwände; dort lockert die senkrecht anprallende Sonnenglut des Tages das Gestein und füllt die Risse mit Schmelzwasser. So entstehen in den Felsregionen der Hochalpen die Kare , jene kessel- oder nischenförmigen Hohlräume unter den zackigen Graten – mit ihren senkrechten Wänden, über die nach jedem Schneefall Staublawinen herabfegen und jede Unebenheit wegreißen. Am Boden der Nischen lagern sich dann die Schneemassen zu Halden , bilden sich zu Firnmassen um – und geraten schließlich ins Gleiten und werden Gletscher, die aus der Hochregion als Eisströme ins Reich der Matten und Wälder hinabfließen. Die Lawinen sind die Wildbäche, die Gletscher die Ströme der Fels- und Firnregion. Die Kare mit ihren frostverwitterten Steilhängen und ihren schnee- oder seeerfüllten Böden sind für die Hochalpen, für die Gebiete über der heutigen oder früheren Schneegrenze die typische Oberflächenform, wie Dünen für Wüsten und Klippen für Steilküsten. Wo sie vorkommen, kann man auf einstige Vereisung des Gebirges schließen. In den Ostalpen treten sie oberhalb 2100 m auf – sie werden mit dem Sinken der Schneegrenze gegen Westen häufiger und sind dann meist mit Firn erfüllt. Der Anblick solcher Fels- und Firnlandschaften in den höchsten Alpenregionen ist eigentümlich genug: die weichen Schnee- und Firnformen, seien es nun Firnmulden, Gletscherströme, Schneeflecke, stechen nach Form und Farbe von den zackigen, schroffen Felsengraten, -wänden, -zinnen ab. Überwiegt der Firn, der sich als nachgiebige Masse in jede irgendwie geschützte Stelle schmiegt, so schauen die schwarzen Felsen wie aus den Löchern eines zerrissenen weißen Gewandes hervor. Scharf heben sich im reinen Höhenlicht ihre Schattenbilder darauf ab, oft durch die Neigung und Wölbung des Schneefeldes zu seltsamen, blauen Figuren verzerrt. Geschwollen wälzt sich die verfirnte Schneemasse als Gletscher in langen Tälern hinab, in der Mitte rascher als an den moränenbesetzten Ufern »fließend«, daher mit Querspalten in sanfter Kurvenform die Spannungen lösend – oder wo sich das Gletscherbett plötzlich weitet, in Längsspalten klaffend sich breiterhin lagernd – und aus dem gähnenden Schmelztor am Ende der Zunge dringen aus blaugebändertem Eispalast milchige Gewässer hervor. Der Name Gletscher wird in der Regel nur für einen Teil des Gletschers gebraucht, für die Gletscherzunge . Sie ist jedoch durchaus nichts Selbständiges, sondern nur als Abfluß eines großen Beckens zu bezeichnen, das in der Hochregion liegt und Firnmulde genannt wird. Diese Firnmulde, gewöhnlich eine breite, flache Mulde mit scharf abgesetzter Randspalte, ist das Nährgebiet des Gletschers; die Zunge, die übrigens nur ein Drittel der Fläche der Firnmulde umfaßt, stellt sein Zehr- oder Abschmelzgebiet dar. Nach Fläche, Länge und Mächtigkeit zeigen die Alpengletscher außerordentlich große Verschiedenheiten. Der größte Alpengletscher ist der Aletschgletscher mit einem 24 km großen Firn-Eisstrome. Seine Zunge ist 17 km lang. Die Mächtigkeit der großen Alpengletscher dürfen wir auf 300-400 m beziffern, nachdem an einem kleinen Alpengletscher durch Bohrungen 213,5 m Mächtigkeit festgestellt worden sind. Die Nahrung des Gletschers ist der Hochschnee . Die kleinen Schneekristalle, die im Firngebiete niederfallen, machen die ganze Reise durch den Gletscher hindurch, bis sie im Abschmelzgebiete wieder zu Wasser werden. Dabei geht der flimmernde Schnee der Hochregion durch fortgesetzte Schmelzungs- und Gefriervorgänge zunächst in den festeren Firn , d. h. alten Schnee über, der durch Verunreinigungen aller Art eine schmutzig graue Farbe erhält. Aus dem Firn wird allmählich ein Eiszement, das undurchsichtige Firneis , und erst aus diesem entsteht das eigentliche kristallklare Gletschereis , der Baustoff der Gletscherzunge. Die Umbildung des Firneises zu Gletschereis beruht auf einer Umlagerung der Molekel und ist ein Werk der im Eise unausgesetzt tätigen Kristallisationskräfte. Das Gletschereis der Zunge ist durch diese Umbildungsvorgänge schließlich zu einer körnigen Anhäufung von aneinander gefrorenen Eiskristallen geworden. – Der Grundzug des Gletschers ist Bewegung. Der Gletscher fließt wie eine träge, dickflüssige Masse. Jedes Teilchen eines Gletschers rückt im Laufe eines Jahres um ein meßbares Stück abwärts. An den großen Alpengletschern beträgt diese Bewegung durchschnittlich 10-30 cm für den Tag oder 40-100 m fürs Jahr. An einzelnen Ausläufern des grönländischen Binneneises aber hat man 12-20 m Geschwindigkeit für den Tag oder 6 km fürs Jahr gemessen. Bei dem Abwärtsfließen dieser trägen Eismasse entstehen bei starker Gefällzunahme Spannungen im Eise. Die Auslösungen solcher Spannungen im Gletscherinnern werden durch die Spalten bezeichnet. So entstehen schon im Firngebiet die gewaltigen Klüfte und Firnabstürze und weiter unten im Zungengebiete die großartigen Eisbrüche und Eisfälle mit den seltsamen Eistürmen der Seracs. – Auch in bezug auf den Einfluß, den der Gletscher auf seinen Untergrund und seine Umrahmung ausübt, tritt große Ähnlichkeit zwischen dem fließenden Gletscher und dem fließenden Wasser hervor. Der Gletscher wirkt gleichfalls zerstörend, verfrachtend und wieder aufbauend. Allerdings ist nicht das Gletschereis der eigentliche Zerstörer, sondern der vom Gletscher mitgeführte und am Boden hingeschleifte Geröllschutt, die Grundmoräne . Je nach Lage und Anordnung benennt man die vom Gletscher mitgeführten Gesteinsmassen mit verschiedenen Namen, z. B. Rand-, Ufer-, Seiten-, Mittel- und Innenmoränen. Bei Stillstand oder Rückgang des Gletschers bleibt der Schutt liegen. Die abgelagerten Moränen sind die steinernen Zeugen des Gletscherrückganges. (Nach Reishauer.) Eine oft und mit Recht gerühmte Erscheinung des Hochgebirges ist das Alpenglühen . Wir nehmen zu seiner Beobachtung unsern Standpunkt auf dem 2683 m hohen Gipfel des Faulhorns südlich vom Brienzer See; alle die riesigen Firnzinken des Berner Oberlandes sehen wir von unserem hohen Stuhl aus in das freudige Himmelblau aufragen. Die gewaltigen Bergpyramiden erscheinen uns noch in voller Bestimmtheit und Klarheit, nur drunten im Tal liegen die Hütten von Grindelwald schon in lauschiger Dämmerung. Doch auch auf den Höhen verliert sich allmählich die schneidende Klarheit; warmer, leuchtender Abendnebelrauch und hellockerfarbige Sonnendämpfe hüllen die Höhenzüge ein, sie scheinen in ein glänzendes, goldenes Nebelmeer getaucht. Den Bewohnern des Lütschinetals ist die Sonne schon längst unter den Horizont hinabgesunken; dunkle Schatten legen sich um die Hütten und die niedrigen Bergeshalden, aber zu uns herauf dringt das Echo des Alphorns, auf dem ein Alphornbläser den spät angekommenen Gästen ein Abendlied zum besten gibt. Während wir unsere Umschau halten, lenkt der Ruf unseres Führers unseren Blick nach Westen. Wir sehen die hohen Gipfel der Berner Alpenkette, jene Riesen mit den Schneehäuptern und den Gletscherbrüsten, rosig angehaucht, und das Gestein färbt sich mit jedem Augenblicke feuriger. Das Alpenglühen beginnt. Die Sonne ruht als dunkelroter Glutball auf dem Rücken des Jura, und alle Gegenstände, die noch im Bereich ihrer Beleuchtung liegen, färbt sie mit tiefem Purpurrot, auch unsere Kleider, Wäsche, Gesichter. Von unten herauf klimmen behende die dunklen Schatten und hüllen die vorher so klar dastehenden Bergpyramiden in Dunkel ein. Doch in demselben raschen Zeitmaß steigert sich auch der tief gesättigte Ton der purpurnen Gipfelvergoldung. Hinter dem Jura verschwindet fürs Auge der rotglühende Ball des Tagesgestirns; aus dem vollen Rund, wird eine Halbkugel, ein Kugelabschnitt, eine schmale Linie, ein Stern, ein blitzender Punkt, und entrückt ist sie dem sterblichen Auge. Doch hinter der Jurawand herauf schießt sie noch ihre Strahlen nach den in Schnee- und Eispanzer eingehüllten Alpenveteranen und übergießt sie mit flüssigem Rotgold. »Ha, sieh der Alpen Haupt umschlungen Vom Flammenkranz und glutumrollt, Als ob zu sparen ihr gelungen Ein Teil von ihrem Tagesgold. Als ob tagüber sie gefangen Zum Kranz die Rosen all im Tal, Als ob bei Tag dir von den Wangen, Du Volk des Tals, das Rot sie stahl.« (Anast. Grün.) Woher aber kommt die seltsame, keineswegs alltägliche Erscheinung? Drei Ursachen mögen es sein, die jene herrliche Gesamtwirkung ergeben: der Firn, die Höhe der beschienenen Gipfel und der Gegensatz in der Beleuchtung der flammenden Höhen und in Schatten gehüllten Tiefen. – Die Firnmasse besteht aus Millionen Kristallkörperchen mit Abermillionen kleinster Spiegelflächen, die das Sonnenlicht einsaugen und lange nachher noch zurückwerfen. Dazu kommt die hohe Lage der Firnhäupter gegenüber der unter den Horizont tauchenden Sonne. Uns auf dem Gipfel erscheint sie als rotglühender Ball, den Bewohnern der Ebene als gelbe, strahlenschießende Scheibe. Auf dem langen Wege haben die Strahlen die Dünste der Tiefen zu durchdringen, die besonders die kräftigen Rotstrahlen des Regenbogens durchlassen. Der Gegensatz der Lichtsammler, der Firnmassen, oben und der blaudunkeln Täler unten erhöht den Glanz des Schauspiels; »denn erst der Hintergrund der Nacht gibt den Raketen ihre Pracht«. – * * * Auch in die Firn- und Felsregion flutet die Welle des Lebens hinauf; es kann für den Bergsteiger kaum einen lieblicheren und zugleich vom Siege des Lebens erzählenden Anblick geben als violette Soldanellen, die sich durch den Rand eines Schneeflecks zum Lichte hindurchgearbeitet haben. Die Alpenweiden auf den sturmumheulten Schutthalden sind ein wunderbar sanftgrüner Kranz um die eisigen Berghäupter; je weiter hinab, desto höher wird ihr Gras – und ihre wunderbar reinfarbige Blumenwelt; »da weithin ein rosenroter Teppich der Alpennelken (Silene), dort wieder rosig weiße Anemonen, ein unbeschreiblich sattes Blau der Enziane, violette Primeln, wallende Felder rosiger Schneeheiden, dabei alle Farben ins Leuchtende gesteigert, von jener tiefen und ernsten Wirkung, wie, sie alte gemalte Glasfenster hervorbringen«. R. Francé Moorig und feucht ist hier allezeit der Boden; denn die großen Behälter festen Wassers droben lösen sich durch die Wärme der Sonne wieder zurück ins flüssige Element. Murmelnd beginnen die Wassergerinnsel zwischen dem frostgespaltenen, abgestürzten Trümmergestein, in Schluchten, die sie sich gegraben, brausen sie bald voll und laut als schäumende Wildbäche zu Tal – oder stürzen über die Steilwand eines alten Gletscherbettes zerstiebend in Regenbogentau als Gießbäche hinunter. Hinter dem Sturmbock einer Felsflanke entsendet der Nadelwald in diese Mattengegend eine Sturmkolonne von Wetterfichten; oder er kriecht liegend herauf als Krummholz der Bergkiefern und löst sich in die liebliche Strauchwelt der Alpenrosen auf (Rhododendren). Die Tierwelt belebt den grünen Mattenring: Berghummeln und Fliegen und Falter wagen sich Sommers in diese Blumenregion; Steinschmätzer und Flüevogel nisten hier oben, verfolgt von Wieseln und Mardern; das Schneehuhn vertritt hier das Rebhuhn der Tieflandgefilde; das Murmeltier, der Alpenhase lassen sich die würzigen Kräuter schmecken; die Gemse klettert von Felsengraten zu ihren Weiden herab; der Steinbock und die Steingeiß, wieder eingebürgert in die Bergwelt der Schweiz, sind womöglich noch kühner wie jene – und der Steinadler hat hier sein nächstes Jagdgebiet. Auch der Mensch wandert für den Nordsommer hier herauf aus seinen Tälern mit der stattlichen Schar breitstirniger Rinder oder mit dem lustigen Klettervolk der meckernden Geißen. Da stehen die Heustadel und die Sennhütten auf den würzhauchduftenden Alpenmatten, das Geläute der Kuhglocken mischt sich mit dem lustigen Gesänge und den Juchzern und Jodlern der Sennen und Geißbuben, die sich von Alm zu Alm grüßen; und gegen den Abgrund sind urtümliche Bockzäune aufgestellt als Hürden. Die Milch wird zu Käse verarbeitet und zu Tal getragen. Die Legföhrengebüsche leiten über zu den Waldflanken der Täler und der Vorberge, die oft bis zum Gipfel den Waldschmuck tragen und mit ihren grünen gerundeten Formen etwas Mittelgebirgshaftes haben. Die Fichte steigt bis 1800 m empor, mit ihr die herrliche Arve oder Zirbelkiefer, die freilich nur selten Bestände bildet, um so schöner aber als Einzelbaum hoch über ihren zurückbleibenden Brüdern am unteren Saume des Mattenkranzes steht. Abwärts folgen dann Lärchen und Tannen, endlich die Buchen- und Bergahornwälder; im Süden der welsche Nußbaum und die Kastanie. Getreidefelder und Obstbäume wagen sich bis in ihre Region, im Norden Roggen, im Süden der Mais aus der Poebene. Und das Meraner Tal ist erfüllt von Weingelände wie viele der warmen Südtäler. Der Wald bildet eine Schutzwehr gegen die drohenden lebensfeindlichen Mächte droben in Fels und Firn; er wird gehütet und gehegt: er hindert die Lawinenbildung, weil er die winterliche Schneedecke an den stark geneigten Halden nicht ins Gleiten kommen läßt, sondern sie an seinen tausend Stämmen verankert. Er schützt auch vor den Lawinen aus den Hochregionen und versperrt ihnen den Weg der Verwüstung ins Tal der Menschen. Ebenso hält er mit seinem Wurzelgeflecht den nassen Haldenboden fest, daß er nicht als Bergschlipf hinabrutscht. Die Schweizer Bevölkerung hat ihre Bannwälder , aus denen kein Brennholz geholt wird. Sie sind zum Beispiel in Graubünden oft noch Urwälder. »Der Alpenurwald ist ein stiller Totenacker, eine jener trüben, finsteren Verwesungsstätten der Natur, wo Leben und Zerstörung in stofflicher Wechselwirkung unmittelbar ineinander übergreifen. In düsterer Schwermut umstehen zähe, dunkelgrüne Arven und schlanke Weiß- und Rottannen die modernden Leichen ihrer Vorfahren, schmarotzend saugt und trinkt der wuchernde Schwamm Lebenskraft und Leibesnahrung aus dem Zellengerippe abgestorbener Stämme.« Aus dem Wirrsal tönt der kichernde oder klagende Schrei des Spechtes, sein Trommelsignal, und aus den Lüften der pfeifende Gellruf des Adlers. Insekten summen, und Schmetterlinge fackeln vorüber: summende Urwaldstille. Die U-förmigen Täler, in deren Mitte heute ein Gletscherbächlein rinnt, wie zum Beispiel die Lütschine im Lauterbrunnental, sind alte Gletscherbetten; denn für den Gießbach ist das Bett zu breit; er rinnt hindurch, irr und fremd, wie »eine Maus im Löwenzwinger«. Aber ihr breiter Boden, der oft alter Seeboden ist, weil eine alte Endmoränenreihe die Wasser staute, bis sie sich eine Abflußrinne nagten, ist besetzt vom Menschen, ist Kulturland geworden. Am oberen Talschluß hat sich oft noch der alte Löwe gelagert und rückt bald vor, bald zurück mit seiner weißen Tatze, doch ist der Rückgang der Gletscher erwiesen. Dorfschaften mit spitztürmigen Kirchen und steinbeschwerten Schindeldächern, Städte mit breiten Häuserfronten und oft mit alten Stadtbefestigungen neben modernen Hotelpalästen bergen sich in diesen Tälern; Straßen- und Eisenbahnen verbinden sie und verschwinden streckenweise in den Felsen, um Höhen zu meiden oder unter bekannten Lawinenbahnen durchzuschlüpfen. Aber die Berggewässer haben sich auch mit der ganzen Kraft ihres rasenden Gefälles eigene Täler gerissen: eng und feucht vom tosenden Wassernebel wühlen sie Quertäler und Klammen, die nur auf Brücken und Hängesteigen zugänglich gemacht werden können. Seitdem man aber die lebendige Kraft solcher wilder Gießbäche in Turbinen zu bändigen und in Verbindung mit Dynamos nutzbar zu machen versteht, sind auch sie der Kultur der breiten Täler dienstbar, und viele der Alpenorte erglänzen am Abend im elektrischen Lichte, das ihnen die Wasserkräfte aus der lichten Höhe der Firnfelder herzuschafften. Die Alpenmenschen werden vielfach von der wilden, übermächtigen Bergnatur bedroht, geängstigt, gefährdet durch Wildstürme, Wildbäche, Lawinen, Gletscherbewegung und Bergstürze; aber eben dadurch wird auch ihre gesamte Kraft des Körpers und des Geistes mächtig aufgeregt, zum Kampfe gerüstet, stets frisch erhalten und in der Übung gebildet. Dieses Verhältnis des Menschen zu seiner Hochgebirgsnatur ist die große Erziehungsschule der Alpenvölker, in der sie den Geist des Mutes und der Freiheit empfangen, das Bewußtsein ihrer Würde und Selbständigkeit, die Kunst, sich selbst zu helfen, und die Willenskraft, wodurch sich ihre Industrie kenntlich macht, und mit der sie neue Erfindungen zu machen und zu entwickeln wissen. Aus ganz Europa, ja auch aus Amerika strömen die Menschen allsommerlich ins Alpenland: es ist der Gesundgarten Europas. Der Deutsche – und der Germane im weitesten Sinne – findet hier sein Lebenselement, den Kampf. Friede liegt über dem arbeitsfrohen Europa ringsum; hier kann er mit Berggewalten kämpfen und seinen Mut erproben im herrlichen Kampfe mit den Bergriesen. Der Alpinismus ist der Jungbrunnen männlicher, kühner Heldenkraft für Tausende geworden, die nicht im Alltagsgetriebe und in der Werkstattluft der Städte einrosten wollen, in denen vielmehr das naturfrische, tatenfrohe Gemüt der Väter nach Kampf und Siegen ruft.   2. Alpenstraßen Quelle: v. Berlepsch, Die Alpen. 5. Aufl. Jena 1885, H. Costenoble. Während der Begriff Paß oder Alpenpaß im engeren Sinne nur eine Einsattelung, einen Einschnitt im wasserscheidenden Kamme bezeichnet, zu dem von beiden Seiten in der Regel Flußtäler hinaufführen, verstehen wir darunter im weiteren Sinne die Kammeinsenkung mit den beiderseitigen Zugängen. Solche Alpenstraßen sind entweder fahrbare Kunststraßen oder Saum- und Fußpfade . Auf jenen spielt sich jahraus, jahrein ein reges Verkehrsleben ab, während es auf diesen für die Winterszeit meist erloschen ist. Die Kunststraßen sind fast alle Werke des 19. Jahrhunderts; die erste verdankt Napoleons I. Genie ihre Entstehung; es ist die Simplonstraße, welche 1801-06 hergestellt wurde; bald folgten die Straßen über den Bernhardin, den Splügen, den Gotthard (1819-30). Die Zugänge für den Simplon bilden nördlich ein Nebental des Wallis und südlich das Val di Vedro; beim Bernhardin sind es nördlich das Hinterrhein-, südlich das Moesatal, beim Gotthard nördlich das Reuß-, südlich das Tessintal. Enge schluchtenartige Talbildung, auf deren Grunde der Gebirgsfluß schäumend dahinbraust, erschwert den Straßenbau. Man muß die Straße bald an die rechte, bald an die linke Seite der Felswand ankleben, die Schlucht überbrücken, die Steigung wächst auf 6:100, in zahlreichen Schlangenwindungen strebt die bald in den Felsen eingesprengte, bald durch Mauerwerk an die Wand angeklebte Straße die Schlucht hinauf. »Die Kehren oder Ränk – wie der Fuhrmann sagt –, mittels deren die Straße in eine höhere oder tiefere Stufe tritt, und die meist aufgemauert sind, sehen von der Tiefe wie übereinander errichtete Bollwerke von Festungen aus.« So muß man, um von Süden kommend, das Hospiz des Gotthard zu erreichen, nicht weniger als 46 stufenförmig übereinanderliegende Windungen erklimmen. Damit der vom Schneesturm überraschte Wanderer ein Unterkommen finde, sind an den gefährlichsten Stellen Zufluchtshäuser errichtet, die zum Teil von den wie in sibirischer Verbannung lebenden »Rutnern« (Straßenwärtern) bewohnt sind. Ja, in den kältesten Wintermonaten findet der durch Schneewehen oder Lawinensturz am Fortkommen gehinderte Reisende selbst in den unbewohnten Zufluchtshäusern Holz zum Kaminfeuer, ein Brot zur Stärkung und Heu für sein Reittier, falls er genötigt ist, eine längere, unfreiwillige Rast zu halten. Noch wichtigere Vorsichtsmaßregeln sind die »Galerien«, jene durch Felsen getriebenen Tunnel oder künstlich gemauerten Gewölbe, welche an den Stellen, wo öfters Lawinen niedergehen, errichtet sind, und die bestimmt sind, Mann, Pferde und Wagen zu bergen. Sie sind so fest gebaut, daß der Reisende ohne Furcht die Lawine darüber hinwegdonnern hören kann. Die Paßhöhe ist in der Regel gekrönt mit einfachem Holzkreuz, dem Zeichen, daß die Anstrengung überwunden ist, dem Wanderer ein Mahner zum Dankgebet für den göttlichen Schutz. Die Hospize liegen meist unterhalb des Scheitels auf der Südseite, um nicht allen Unbilden des Wetters ausgesetzt zu sein. Auf diesen fahrbaren Kunststraßen lebt noch ein Stück jener Poesie, welche so gern sich durch das Posthorn heranlocken läßt. Da windet sich noch der schwere Planenwagen die Bergstraße hinauf, gelenkt vom taktmäßig knallenden Blaukittel, gezogen von sechs starkknochigen Bergpferden. Da naht, in Staubwolken gehüllt, eine Herde junger, dunkelfarbiger Melkkühe und Masttiere, die für einen italienischen Markt bestimmt sind. Voran schreitet der Knecht mit dem Bergstecken und mit dem unentbehrlichen Regenschirm unter dem Arm; auf der Schulter hat er den »Melktern« befestigt, und laut johlend läßt er seinen Lockruf »Ooo-ohohohohoho, komm wädli, wädli, wädli« erschallen. In der Mitte der breitgestirnten glatten Rinderschar wandert der Dolmetscher, ein herabgekommener, früher selbständiger Viehhändler, der der italienischen Bauernsprache vollkommen mächtig ist und auf dem Rücken der Tiere tapfer arbeitet. Am Ende des Zuges endlich folgt der Besitzer der Herde, der bereits auf dem Wege den Nutzen oder Schaden überschlägt, der ihm je nach dem Gange des Geschäfts erwachsen kann. Plötzlich schreckt ihn der um die Felswand biegende, in scharfem Trabe von oben kommende Eilwagen auf. Der auf hohem Sitz thronende, seiner Eigenschaft als Staatsdiener sich voll bewußte Postillon fährt rücksichtslos in die Herde hinein. Eine aufregende Szene entwickelt sich: die Treiber locken, toben, fluchen, schlagen, der Rosselenker freut sich laut lachend der Verwirrung und vermehrt sie durch sein Peitschengeknall. Die Kühe brüllen und versuchen der Gefahr den Rücken zu kehren, die Hunde treiben sie, grimmig kläffend, zu ihrer Pflicht zurück. Die Pferde werden unruhig, und eins oder das andere schlägt über die Stränge. Auch der Eilwagen muß halten. Unter allgemeinem Fluchen, Toben und den Angstschreien der Insassen des Wagens zieht die Herde vor dem ruhig haltenden Wagen vorüber, der nun mit beschleunigter Geschwindigkeit den gefahrvollen Pfad hinabsaust. Und in den Drähten des die Straße begleitenden Telegraphen springt ungestört und ungehört, geheimnisvoll der menschliche Gedanke von Deutschland nach Welschland über. Der Automobilsport hat sich auch die Alpenstraßen erobert. Spielend nimmt der Kraftwagen die Jochhöhe, und selbst die Mönche vom St. Gotthard haben sich in Mailand als Chauffeure ausbilden lassen. Anders freilich ist das Leben, das sich im Winter auf diesen Straßen abspielt. Sobald die Schneedecke die Höhen einhüllt, hört der Wagenverkehr auf, um der Schlittenbeförderung Platz zu machen. Auf den französischen Paßstraßen werden der Reisenden je sechs in einen großen Postschlitten gepackt, der 10-12 Pferde als Vorspann erhält, sämtlich Schimmel, »da weiße Pferde nie ermüden«. Durch die hölzernen Klappläden des mit Verdeck versehenen Fahrzeugs dringt der Schnee, vom eisigen Winde gepeitscht, ein und belästigt das Gesicht der Reisenden. Auf den Paßstraßen im Wallis und in Graubünden hat man einen zusammengreifenden Wagen- und Schlittendienst. Man fährt in bequemem Reisewagen, soweit die Bergstraße offen ist. Da, wo die Schneedecke fest zu werden beginnt, liegt eine Anzahl größerer und kleinerer umgestürzter Schlitten bereit, und zwar ohne Dach und Fach. Der Postillon tritt mit den Füßen eine Krippe in den Schnee und reicht den Pferden etwas Heu. Der Führer wählt unter den Schlitten je nach Bedarf aus, und es beginnt die Verladung der Güter, Briefsäcke, Koffer und Fahrgäste in die ein- und zweisitzigen Fahrzeuge. Jeder der Reisenden wird in einen tüchtigen Büffelmantel gehüllt. Die Schlitten sind sämtlich nur mit einem Pferd bespannt, den ersten lenkt der Postillon, den letzten der Führer, die mittleren sind ohne Leitung. Der Reisewagen bleibt ohne Hut unter freiem Himmel stehen, bis ihn eine von der anderen Seite kommende Schlittengesellschaft talabwärts benutzt. Bei sehr starkem Schneefall wird vor Ankunft der Post ein Ochsenschlitten vorausgesandt, welcher Bahn macht; ein halbes Dutzend kräftige »Rutner« begleiten ihn, um die Bahn fahrgerecht herzustellen. In einem harten Winter wird sie nur eingleisig ausgeschaufelt, doch gibt es in gewissen Entfernungen Ausweichestellen, wo die von oben kommenden Schlitten halten müssen, sobald von unten kommende in Sicht sind. Weit einfacher sind die Alpenstraßen, die nicht Kunstbauten sind. Wo die Natur nur Schluchten öffnete, hat der Mensch mit Brecheisen und Sprengmitteln nur wenig nachgeholfen. Die Sumpfstellen sind durch hineingeworfene Felstrümmer notdürftig wegsam gemacht; keine Galerie überwölbt die durch Lawinenstürze gefährdeten Stellen, kein Hospiz gewährt dem Wanderer Obdach, Bewirtung und Pflege. Höchstens eine einfache Bretterhütte wird von den beiderseitigen Talbewohnern unterhalten, wo der Fuhrmann die ermüdeten Gäule füttern kann. Nur wenig Leben herrscht auf diesen Wegen, und die Gerippe von Pferden an ihrem Rande zeugen von Unglücksfällen, die sich hier zugetragen. Ausnahmen von diesen auch landschaftlich öden Straßen bilden zum Beispiel diejenigen über den großen St. Bernhard, die in der Nähe des Paßscheitels ihr geschichtliches Hospiz trägt, sowie über die Grimsel, auf welcher sich der sehr beträchtliche Käsehandel zwischen dem Kanton Bern und Italien abwickelt. Eine seltene Erscheinung auf diesen Straßen ist heutzutage der » Säumer « mit seinen Saumrossen, welcher durch das ganze Mittelalter hindurch und bis zur Eröffnung der Kunststraßen für den Durchgangshandel der Schweiz eine charakteristische Erscheinung war. Nur auf verkehrsreichen, aber nicht fahrbaren Straßen, wie zum Beispiel der Gemmi, begegnet man ihm noch mit einem »Stab Rosse« (6-7 Stück). Jedes Saumtier, Pferd oder Maulesel trägt einen den ganzen Rücken bedeckenden und auf beiden Seiten weit hinabreichenden Holzsattel. Die Warenballen (bis zu 150 kg Gewicht) müssen auf beide Seiten vollständig gleichmäßig verteilt werden. Geschützt vor Regen und Schnee wird die Ladung durch eine Wachstuchdecke, welche den Namen des Säumers trägt. Die Tiere sind sämtlich mit Glocken versehen, damit entgegenkommende Karawanen einander rechtzeitig bemerken und an den Ausweichestellen halten können. Der Maulkorb soll den Lastträgern das Grasen unmöglich machen, weil dadurch die gleichmäßige Fortbewegung gehemmt wird. Unwillkürlich wandelt das Maultier und Saumroß sichern Schrittes am Rande des Weges nahe dem Abgrunde, nicht in der Mitte, um mit der weit vom Körper abstehenden Last nicht an die Felswand zu stoßen. Ein einziger Fehltritt kann es in den Abgrund stürzen, wo es zerschellt. Wie gesagt, sind diese kleinen, unschönen, muskelkräftigen und derbknochigen Saumrosse mit breiter Brust, plumpen Hufen, struppigen Mähnen und Füßen, mit dem sprichwörtlich gewordenen sicheren Gange heutzutage fast ganz verschwunden und mit ihnen ihre Herren, jene rohen, fluchenden Gesellen, die in ihren verwetterten Gesichtern gleichmäßig die Wirkungen der Anstrengungen wie des Branntweins erkennen ließen. Viel zur Wegsamkeit der Alpen haben die Alpenvereine im Deutschen Reiche, in Österreich, der Schweiz, Frankreich usw. beigetragen. Herrliche Höhenwege führen zu trefflich eingerichteten, wohnlichen »Hütten«, die weit mehr sind, als der Name sonst sagt. Und selbst im Winter stehen viele dem Skifahrer, der die ausgleichende Schneebahn auf frei gewähltem Wege über Fels und Firn und Gestrüpp dahinzieht, als Raststätten und Schutzherbergen zur Verfügung. Eine letzte und gefährlichste Gruppe nicht fahrbarer Alpenstraßen bilden jene Fußpfade, welche stundenlang über Firnfelder und Gletscher dahinlaufen. Der Pfad steht mehr nur vor dem inneren Auge des Fußgängers, als ihn die Natur angedeutet und vorgezeichnet hat. Durch düsteren Wald, über Gebirgsweiden und Geröllhalden schleicht hier der Pascher an grauenhaften Abgründen vorbei, während den Grenzjäger nur die zwingende Pflicht auf jene Wege führt.   3. Über den Splügen nach Chiavenna. Alpenreisen von J. G. Kohl. 2. Teil. Da, wo das Domleschger Tal durch die mit ihren Felsenstirnen zusammenstoßenden Ausläufer des Muttenhornes und des Piz Beverin abgeschlossen wird, liegt Thusis . Wir fanden diesen kleinen uralten Ort nur soeben erst aus der Asche als ein Phönix neu erstanden. Eine Feuersbrunst hatte ihn vor kurzem vernichtet, und alle Häuser und Straßen waren neu. Wer weiß, wie oft ihm dies Schicksal seit der Auswanderung seiner Bewohner aus Etrurien schon widerfahren ist und wie oft es in Zukunft ihn noch heimsucht. Er scheint ganz darauf gefaßt zu sein; denn bei den neuen Wohnungen war wieder mehr Holz als Stein verwendet worden. (Der Ort brannte tatsächlich 1845 wieder ab und ist seitdem in Stein aufgebaut worden. Nur an dem oberen Ende der Hauptstraße stehen noch ältere Häuser.) Den mächtigen Gebirgswall, der sich hier vorschiebt, hat der Rhein in einer gewaltigen Spalte durchsägt, doch haben ihm wahrscheinlich unterirdische Kräfte dabei vorgearbeitet. Diese Spalte ist ungefähr 7 km lang; es war ehemals sehr schwer, darin neben dem Rheine fortzukommen. Der Hauptstraßenzug verließ daher das Rheintal und führte an den Höhen des Piz Beverin vorbei in den Schamser Gebirgskessel hinauf. Alle Warenzüge des Mittelalters, alle Pilger und Kreuzfahrer, alle deutschen Kaiser mit ihren Rittern, die auf Romfahrten nach Süden zogen, mußten hier bei Thusis den riesenhaften Felsriegel erklettern, um zu den oberen Tälern zu gelangen. Sie nannten dies » den guten Weg «. An den Bergen erkannten wir noch Teile und Spuren dieser uralt-ehrwürdigen Straße. Den Gemsjägersteig aber unten im Tale fort durch das Bohrloch des Rheins nannten sie » den schlechten Weg « (Via mala) und den ganzen Spalt selbst, der fast gar nicht benutzt werden konnte, » das verlorene Loch «. Der Zug über die Höhen führte natürlich allerlei Unbequemlichkeiten mit sich, zunächst das steile Ansteigen, das nur durch lange Zickzackwege sich hätte vermeiden lassen, dann im Winter die dort sich anhäufenden Schneemassen. Allmählich ließ sich daher der Verkehr in die Tiefe hinab. Im Laufe von Jahrhunderten wurden wiederholt Versuche angestellt, einzelne Teile des Talbodens wegbar zu machen. Das vergangene Jahrhundert brach auch hier mit einer Straße durch, die, so gut sie ist, doch noch innerhalb der schlimmsten Strecke den Namen »Via mala« beibehielt. Der Rheinstrom selbst hat sich zuweilen so tief in die Felsen hinabgegraben, und dabei ist er stellenweise zwischen so steile und eng zusammenstehende Wände eingeklemmt, daß er mehrmals ganz darunter verschwindet. Es ist daher unmöglich gewesen, mit der Straße ebenso weit in die Tiefe hinabzugehen, wie der Fluß selbst. Und eigentlich schlängelt sie sich daher in der Mitte der Schluchthöhe längs der Wände des Spaltes hin, bald auf dieser, bald auf jener Seite des Flusses sich anhängend, bald auf wundervollen Brücken über den Abgrund, in dessen versteckten Tiefen der Rhein braust, hinübersetzend, bald durch Felsenriegel sich Tore und Höhlengänge grabend, bald auf Vorsprünge und Absätze frei hinaustretend, bald auf künstlichen Mauergewölben am Abhange schwebend. Der grüne Rhein ist unten 90-120 m tief auf dem Boden der Spalte versteckt. Zuweilen sieht man frei bis auf seine schäumende Oberfläche hinab, zuweilen kann man selbst auf den Brücken stehend zwischen allen den vortretenden Felsenköpfen, die sich von beiden Seiten her ineinander verzahnen und verkeilen, nur ein grünes oder weißes Streifchen von ihm erkennen. Man fährt nahe an zwei Stunden zwischen den wundervollsten Ausblicken aufwärts, bis dann auf einmal der Rhein sich aus der Tiefe wieder hervorhebt, die Schlucht sich rechts und links erweitert, und ein flacher Talboden sich herbeiläßt, auf dem man dann bequemlich hineinrollt in das weidenreiche Schamser Tal durch die Dörfer Zillis, Andeer und andere. Die alten Kaiser und Ritter aber blieben immer oben auf der Berghöhe, auf ihrer »guten Straße«, und durchzogen die Reihe der oberen Schamser Dörfer Lohn, Mathon und Donat, da sie einmal oben waren und es nun zu unbequem fanden, erst wieder ins Tal hinabzusteigen, mit dem ihr Weg sie allmählich ganz von selbst wieder zusammenführte in dem wilden Paß der Roflen oder la Rofla. Diese Rofel, durch die man aus dem Schams ins Rheinwaldtal hinaufgeht, ist etwas Ähnliches wie die Via mala zwischen dem Domleschg und dem Schams, ein Gebirgsriegeldurchbruch von einer Talstufe zur andern. Der Rhein setzt zuweilen in schönen Wasserfällen, zuweilen in tiefen Klüften schäumend, zuweilen ungesehen, aber überall gehört, hindurch. Es türmen sich hier Massen auf Massen, die Wildnis ist unsäglich. Was die Natur Schreckliches oder Erhabenes in Felsenformen und Felsenfratzen hervorbringen kann, das hat sie hier in hundert und aber hundert Bildern dargestellt. Wie auf einer Blumenwiese unerschöpflich im Anmutigen und Nützlichen, so scheint sie hier unerschöpflich sein zu wollen im Wilden und Unnützlichen. Blickt man in die Tiefe, so steigen hier schaurige Gründe, der eine noch tiefer als der andere, hinab. Schaut man in die Höhe, so überbietet ein kahler Felsenkopf den andern, eine öde Wand hängt über der andern. Manche dieser Wände sind auf weite Strecken hin mit zerstörten Wäldern bedeckt, sei es, daß ein Waldbrand hier aufräumte, oder daß ein Wirbelwind die Bäume umknickte. Niemand kann hier den Waldbränden Einhalt tun: ja keiner gibt sich auch nur einmal die Mühe, die Holzernte, welche der Wind fällt, zu sammeln. Modernde Baumstämme, wirr durcheinandergeworfen, hängen oft stundenweit an allen Abhängen übereinander. Zuletzt kommt man noch durch ein Felsentor, Sasaplana genannt, und schreitet dann endlich wieder in einem oberen Tale fort, dem alten Tal der »Freien am Rhyn«. So nannten sich die deutschen Bewohner dieses alleräußersten Rheintales (Val Rhin), des sogenannten Rheinwaldes . Sie wohnen bis zu den Quellen des Rheins, bis zum Hinterrheingletscher hinauf, und ihr Hauptort ist Splügen . Sie sollen von einer uralten Siedelung Deutscher abstammen, welche ein deutscher Kaiser, man sagt Friedrich der Rotbart; hier am Splügen als treue Wächter des Passes ansetzte. Diese Deutschen des Rheinwaldes bilden in ihren Dörfern Sufers, Splügen, Medels, Hinterrhein usw. ein kleines Staatswesen für sich und sind rundherum durch romanische Täler von den übrigen Deutschen gesondert. Sie kommen aber als die »Freien am Rhyn« schon sehr früh in der Graubündner Geschichte vor und werden auch mit unter denen genannt, welche die ersten Bündnisse der »Grauen« mit beschworen, Bündnisse, die dauern sollten, »so lange als Grund und Grat stehen«. Wenn man mich mit verbundenen Augen in den Rheinwald brächte, ohne mir zu sagen, wo ich wäre, so würde ich doch nachher sofort erkennen, daß ich mich 1000-1200 m über dem Meere in einem jener kleinen Hohlkessel befände, die sich längs der Seiten eines Passes hinziehen, entweder im Rheinwald, öder im Urserentale, oder im Tale von Airolo, oder in dem von Simpeln (Simplon), oder in dem von Worms. An der oberen Adda, italienisch Bormio. Denn diese hohen Übergangstäler sehen sich alle ähnlich wie Zwillinge. Ihre kahlen Gründe, ihre spärlichen Tannen, ihre grauen hölzernen Dörfer, ihre öden Berggehänge und starren Gipfel, ihr kleines, mit Waren und Reisenden Tag und Nacht gefülltes Hauptdorf, dies ist überall dasselbe. »Splügen« oder »Speluga« soll seinen Namen von dem lateinischen »specula« (Wachtturm) haben. Manche deuten dies auf einen dicken, alten Turm, der noch auf der Höhe des Passes steht, und der, wie viele ähnliche alte Hochalpengemäuer, aus der Lombardenzeit herstammen soll, den aber andere für ein Römerwerk halten. Auch im Tale selbst, nahe beim Dorfe Splügen, liegen Überreste eines alten Schlosses, welches nun die letzte Ritterburg in dem ganzen an Ritterburgen so reichen Rheintale ist. Ganz in der Nähe von Splügen, wenige Stunden weiter westwärts, erblickt man die Höhen von Adula, den Piz Val Rhin und das Moschelhorn, aus deren Eishöhlen die Quellen des Rheins hervorrauschen. Ich ließ von hier aus meine Gedanken längs der weit sich hinstreckenden Talgehänge und Landschaften des großen Stromes hingleiten, gedachte aller der schönen großen und kleinen Städte, deren Mauern er bespült, und war froh, daß ich einst auch das andere Ende dieses Stromes gesehen hatte in Holland, wo er sich in den Dünen verliert. Von dieser eisigen Gletscherurne im Rheinwald bis zu der hölzernen Schleuse innerhalb der holländischen Dünen, welche lange Perlenschnur von Städten, welche schöne Kette anmutiger Landschaften, welche Gegensätze der Natur, die batavischen Marschen und die rätischen Alpen! Das Zurüsten zu dem bevorstehenden Alpenübergange, das Abschirren der ankommenden, das Anschirren der abgehenden Packpferde, die Beförderung der Posten und Eilwagen, das Schreien der Fuhrleute und Postillone, die Abfütterung der erfrorenen Reisenden, das Hin- und Herzerren des kleinen Häufleins von Warenballen – das alles nimmt in einem solchen kleinen Alpen-, Handels- und Durchgangsort, wie es Splügen ist, gar kein Ende, und diese lebhafte Wirtschaft eines solchen Hochalpenhafens bildet einen merkwürdigen Gegensatz zu der ernsten und wilden Natur des Tales. Tag und Nacht, Sommer und Winter, jahraus jahrein geht es hier so fort. Graubündner Offiziere in fremdländischen Diensten, mit langen Bärten und bärbeißigen Gesichtern, die auf Urlaub einige Zeit in ihr Vaterland zurückkehren; Kapuziner, die zu Fuß aus einem Alpentale ins andere wandern; Handelsleute, denen die Reis- und Maissäcke, welche aus der gesegneten Lombardei herüberkommen, am Herzen liegen; romanische Fuhrleute, die als Mitglieder der alten eigensinnigen, bevorrechteten, bündnerischen »Porter« (Fuhrleutegesellschaften) ein scharfes Auge darauf haben, daß niemand ihnen ins Handwerk pfusche und keine Warenballen durch andere als ihre Hände befördert werden; italienische Viehhändler, die mit den deutschen Herdenbesitzern schachern und feilschen; Straßenarbeiter aus dem Schams, Domleschg oder Rheinwalde, die man auf bündnerisch »Rutner« oder »Ruter« nennt, und die mit ihrem Romanischen allerlei deutsche Worte mischen und besonders deutsche Spott- und Fluchwörter aufgenommen haben, zum Beispiel: »Quest umaun (Mensch) è un Esel, un verfluchter«, oder »ègli è un simpler Taglöhner!« – solche Menschen ungefähr bilden die Gesellschaft, unter der man sich gewöhnlich hier an den Quellen des Rheins befindet, und unter der auch wir uns herumbewegten. In lang sich streckendem Zickzack durch öde Täler und Felswüsteneien, mitten zwischen hochaufgetürmten Berggipfeln, führt die Straße dann allmählich vom Dorfe Splügen aus auf die Höhe des Passes selbst. Alle die Berggehänge und Einschnitte und auch die Gipfel, die man hier sieht, können zu weiter nichts benutzt werden, als hie und da zur Weide der Schafe. Fast überall sind es die Bergamasker Schafhirten (Leute aus der italienischen Provinz Bergamo), welche den Bündnern die Weide abgepachtet haben. Seit uralten Zeiten kommen diese Bergamasken mit ihren Herden; sie haben sehr große Schafe mit langer grober Wolle, mit denen sie im Frühling alle die nach Graubünden führenden Täler, das Misox, das Bergell, das Puschlaw usw. emporwandern, um die ganze Reihe der bündnerischen Schafweiden längs der rätischen Alpenkette im Rheinwald, im Oberwald, im Engadin, in den Bergen von Avers und Stalla abzuweiden, – oder wie es heißt – ihre Tiere da sömmern zu lassen. Der höchste Rücken des Passes findet sich etwa 1890 m über dem Meere. Noch jetzt im Sommer lagen hier überall große Schneehaufen, und stellenweise fuhren wir noch lange Strecken zwischen zwei Schneemauern von 6 m Höhe hin. Der Weg war dazwischen tief ausgegraben. Die Leute erzählten mir, daß sie voriges Jahr beim Weggraben des Schnees erstarrte Frösche darunter gefunden hatten, die unter dem Schnee überwintert und die, nachdem sie ins Wasser geworfen worden und da erwacht wären, sich ganz lebendig gerührt hätten. Die italienische Grenze geht mitten über den Rücken der Paßhöhe hin, und wir erreichten bald die Dogana, wo in dem ewigen Schmutze und Schnee eine zahllose Menge von Last- und Personenwagen, von Rinderherden und Reisenden versammelt war. Das italienische Tal, in das man zunächst hinabrollt, heißt Valle di S. Giacomo (St. Jakobstal). Wie erhält hier sofort die ganze Natur ein anderes Aussehen! Gleich werden die Berge baumlos und kahl fast bis auf den Boden hinab, nur in den tieferen Gründen ziehen sich reizende frischgrüne Kastaniengehölze längs des Flüßchens Mera hin. Diese verhältnismäßig große Waldlosigkeit, der man überall, sobald man einen Alpenpaß nach Süden hin überschritten hat, begegnet, ist zum Teil eine Folge klimatischer Einflüsse, erklärt sich aber auch aus dem Laufe der Flüsse; denn Holz, als eine schwerfällige Ware, bedarf zu seiner Beförderung notwendig der Flüsse, und die Waldgegenden werden daher um so mehr gelichtet werden, je mehr Holzes die Länder bedürfen, zu denen ihre Waldbäche hinabführen. Auf der Südseite der Alpen liegt das alte Kulturland Italien, das schon seit Jahrtausenden so vieles Holz verbraucht hat. So weit seine Flußläufe und Bergstromadern gehen, so weit fraß es die Alpenwälder weg und machte alle Berge kahl, bis zu den höchsten Höhen der Bergpässe hinauf. Den großen Waldreichtum jenseits der Bergpässe konnten sie aber nie antasten, weil die schwerfälligen Stämme und Balken sich nicht wohl über die Gebirgsrücken weg tragen ließen. Jenseits der Alpen im Norden lag das waldreiche Deutschland, das noch nicht nötig hatte, in dem Grade wie Italien die Wälder auszurotten. – Aus diesem Umstande erklärt sich zum Teil die Erscheinung, daß die waldigen Striche der nördlichen Alpentäler mit den kahlen Bergen der südlichen Täler überall so schroff absetzen und wenigstens überall da, wo die Flüsse nach verschiedenen Weltgegenden laufen, so stark miteinander in Gegensatz treten. Die Natur hat von Splügen herab einen tiefen Schlund ausgegraben, den sogenannten »Cardinel«, der auf dem kürzesten Wege in das Tal führt. Statt, wie bei der Via mala, in diesen Schlund hinabzusteigen, hat man es vorgezogen, die Straße über die Berge zu führen und erst später in das Tal Giacomo hinabzugehen. Wie gewöhnlich, haben auch die Berge hier oben sanftere Abhänge; erst weiter unten gegen das Tal zu werden die Wände schroff, und hier haben die Straßenbauer alle ihre Kräfte zusammennehmen müssen. Oben gibt es mehrere Stellen, die von Lawinen bedroht werden, und hier hat man dann die Straßen durch lange Galerien geführt, die sich wie Festungswerke ausnehmen. Diese berühmten Galerien bestehen nämlich aus festem Quadersteingemäuer, das sich dicht an den Berg anschließt und mit diesem verwächst. Oben sind sie mit einem schrägen Dache versehen, das mit dem Abhange des Berges ausgeglichen ist, so daß die Lawinen, die von oben herabfallen, leicht über das Dach hinwegrutschen. In der Mauer der Galerien sind große, meistens runde Licht- und Luftlöcher angebracht, die wie Kanonenlöcher aussehen. Im Winter helfen sie freilich nicht viel, da sie sich mit Eis und Schnee vollsetzen. Wir fanden jetzt auch die Löcher einiger Galerien verstopft. Die Straßenwächter, die in den sogenannten »Cantonieren« wohnen, sind daher mit Laternen versorgt, die sie im Winter in den Galerien aufhängen. Dieser Cantonieras oder Zufluchtshäuser gibt es mehrere am Wege. Es sind dickgemauerte Häuser, die wie Soldatenkasematten aussehen. Hier oben, wo Stürme, Lawinen und polternde Felsen einen ewigen Krieg führen, müssen alle Menschenwerke ein kriegerisches, festungsartiges Ansehen gewinnen. Durch eine Reihe solcher Galerien, auf allerlei künstlichen Unterbauten, Gewölben und Brücken, auf zahllosen Zickzackwegen, die überall mit Brustmauern geschützt und gesäumt sind, rollt man auf diesen Höhen von einer Stufe zur andern hinab. Am außerordentlichsten und ergreifendsten ist der Anblick da, wo man an die steilste Wand des Tales gelangt. Hier blickt man in den genannten Schlund Cardinel hinunter. Ganz in der Tiefe, als läge es in einem natürlichen Grabgewölbe der Erde, sieht man das winzige Dörfchen Isola. Wie ein Blitz, der sich an den Boden anlegt, wie der Faden der Ariadne, führt die herrliche, zuverlässige Straße in diesen Schlund hinab. Bei jedem Schritt scheint die Natur ein »Nicht weiter!« gesprochen zu haben, und bei jedem Schritte siegte der Mensch mit seinem »Vorwärts!« Bei jeder Wendung glaubt man ängstlich, ohne weiteres in unermeßliche Abgründe hinabzuschießen, und bei jeder Wendung erhält man von neuem die angenehme Zuversicht, daß man ohne Gefahr und ganz bequem hier schreiten, traben, galoppieren kann, wie in einer Reitbahn. Man sieht die kühne Linie der Straße auf einer Reihe übereinander getürmter Terrassen fast zehnmal verschwinden und zehnmal wieder erscheinen. Auch oben hinauf sieht man Bruchstücke der Straße und die durchfahrenen Galerien und die Cantonieras an den Bergen sich hinziehen. Wer dies nicht gesehen hat, der kann es vielleicht kaum begreifen, daß der Anblick eines solchen Werkes Entzückung und Begeisterung hervorzurufen vermag, ebenso gut, wie der Anblick jeder anderen vollkommenen und großartigen Arbeit. Wie ohne diesen Schutz und diese Hilfe die deutschen Kaiser mit ihrem Gefolge hier herabgekommen sind, begreift man kaum. Vermutlich hat in den Schlünden des Cardinel mancher deutsche Ritter sein Leben eingebüßt, sowie auch bei dem kühnen Übergange der französischen Armee unter Macdonald im Jahre 1800 mancher Reiter und Fußmann hier seinen Tod fand. Sowie man bei Campo Dolcino unten anlangt, findet man alles italienisch, die Menschen, die Bauart der Häuser, die Bäume und Pflanzen. Welschland stößt hier dichter mit Deutschland zusammen, als an anderen Alpenpunkten, als zum Beispiel im Tessintale, wo noch ein hochgelegener hinterer Talteil, das Tal von Airolo, eine Art Mischung von deutscher und italienischer Wirtschaft, deutschen und italienischen Sitten herbeiführt. Der Hauptbaum des Tales, wie überhaupt aller dieser nach Süden geöffneten Täler, ist die Kastanie . Die mehlige, nahrhafte Frucht dieses hier überall verbreiteten Baumes ist, glaube ich, die vornehmste Ursache der Erscheinung, daß sich die Italiener dem Kartoffelbau viel weniger ergeben haben als wir Deutschen. Fast überall und in allen Fällen, wo wir Kartoffeln speisen, essen sie Kastanien, die bei Geringen und Vornehmen fast ganz die Stelle der Erdäpfel einnehmen. Man rollt noch durch zwei Kastanienhaine hindurch. Endlich erweitert sich das Tal, und da, wo sich die Gewässer des Jakobstales mit der aus dem Bergell hervorrauschenden Mera verbinden, da liegt das italienische Städtchen, das seine ersten Anbauer mit Recht als einen Schlüssel zu jenen beiden Tälern betrachteten, da sie es »Chiavenna« (Schlüsselburg) nannten. Ich erinnere mich, daß in meiner Jugend der Zeichenlehrer immer große Landschaften und Ansichten von Städten oder Bergen an die Wandtafel malte. So wie sie unter seiner Hand und Kreide sich gestalteten, so mußten wir sie in unseren Büchern nachzeichnen. Darunter kamen auch italienische Ansichten vor, Häuser mit flachen Dächern, mit einzelnen kleinen Fensterlöchern, hohe, durchweg gleich dünne, viereckige Glockentürme, untermauerte Terrassen, auf denen die Gebäude sich übereinander erhoben, lange Reihen von Bogengängen, staffelförmige Gärten, irgendein fremdes Gewächs zwischen dem vielen Gemäuer. Ich fand diese Bilder eigentümlich und reich und glaubte sie aus der Umgegend von Neapel oder Sizilien hergeholt. Wie erstaunte ich aber, schon jetzt in den Alpen bei Chiavenna die vollständigsten Urbilder zu diesen Gemälden zu finden! Chiavenna ist eine ebenso italienische Stadt wie irgendeine in Sizilien. Man betrachtet mit Begierde all diese neuen und fremdartigen Formen und Vorgänge, die sofort einen ganz neuen Geist offenbaren: denn nicht nur die Häuser und Straßen, die Gärten und Bäume, sondern auch die Menschen haben ein anderes Gesicht, sie gehen und stehen anders, sie haben ein anderes Gebaren. Man fühlt sich in eine andere, neue und eigenartige Umwelt versetzt.   4. Die Tallandschaft des Engadins. Quelle: Das Engadin, seine Heilquellen usw. Ein Vortrag von Dr. H. Lebert. Das Engadin im Kanton Graubünden ist das Längstal des Oberinns im Südosten der Schweizer Alpen. Es erstreckt sich von Südwest nach Nordost, vom Malojapaß an der Grenze der Lombardei bis zur Martinsbrücke an der Tiroler Grenze in einer Länge von fast 100 km. Einige zwanzig Seitentäler führen von Norden, von den Rätischen Alpen hernieder, während sie in den anderen Himmelsrichtungen aus Italien und Tirol sich herabsenken. Der Inn, der die Hauptrinne bildet, der auch in diesem Tale entspringt, hat auch der ganzen Landschaft den Namen gegeben; denn Engadin, ladinisch Engiadina, bedeutet Inntal. Das Engadin gehört mit dem Wallis zu den größten und höchsten Alpentälern. Während der Talgrund von Tirol nach dem Maloja sich von 1000 bis 1800 m über die Meeresfläche erhebt, erreichen die nördlichen und südlichen Alpenketten eine Höhe, welche in der Bernina 4000 m Sie ist 4052 m hoch, das Finsteraarhorn in den Berner Alpen 4275 m, die Jungfrau 4167 m. übersteigt, so daß diese in die Reihe der höchsten Berge Europas, des Montblanc, des Monte Rosa, des Matterhorns, der Jungfrau usw. tritt. Es finden sich dort zahlreiche und umfangreiche Gletschermassen, welche mit denen des Berner, des Walliser, des Savoyer Eismeers wetteifern. Urgebirge, Serpentin und Granit, welche zwischen Triaskalk und Schiefergebilden hervorragen, bauen diese Berge auf. Den angenehmsten und lieblichsten Gegensatz zu den hohen Mauern der Alpen, zu den von ewigem Schnee bedeckten Spitzen, zu den von allen Seiten her ins Tal sich senkenden tiefgespaltenen Gletschern bildet der herrliche Baumwuchs an den Bergabhängen, wo die majestätische Arve, der zierliche Lärchenbaum von unabsehbaren Büschen der Alpenrosen umgeben sind. Steigt man noch höher, so findet man jenen schönen Blumenteppich der Alpen, in welchem der azurblaue Enzian mit dem schneeweißen Steinbrech, das großblumige dunkelblaue Veilchen mit der feinbereiften Aurikel, mit der rosigen Primel, mit dem duftenden Satyrion wechseln. Der Inn durchströmt immer mächtiger das Tal seiner Wiege, und seine Quellseen spiegeln in ihrer kristallenen Flut schneebedeckte Berge, grüne Wälder und schöne Wohnungen einer Bevölkerung, welche, in allen großen Städten Europas durch Redlichkeit, Geschicklichkeit und Arbeitslust bekannt, eine lange freiwillige Verbannung aus dem geliebten Heimatlande gern erträgt, um den Abend des Lebens dort zu verleben, wo sie der Zauber der Naturschönheit hinzieht, wo sie als Kinder und Knaben geweilt, wo sie ihre Eltern, Verwandten und Freunde geliebt und geehrt haben, wo der gemeinschaftliche Friedhof noch die Reste vieler von denen einschließt, welche ihnen teuer waren, und deren Andenken sie begleitet, bis auch sie einst von ihrem schönen Alpentale für immer Abschied nehmen. Das Engadin ist zwar ein Teil des großen Inntales, doch ist es so bestimmt nach Osten und Westen abgegrenzt, daß sich die Bevölkerung des Tales zu starker Eigenart entwickeln konnte. Eine fast senkrechte, 200 m hohe Felsmauer, sondert das Ober-Engadin vom Bergell, von den lombardischen Nachbarn, und die tiefe schauerliche Schlucht von Finstermünz am unteren Taleingange trennt mit so mächtiger Gewalt das Unter-Engadin, das romantische Rätien von dem germanischen Tirol, das Jahrhunderte dazu gehört haben, um stete Fehden und Feindschaft nur in gleichgültiges, entfremdetes Nebeneinanderleben umzuwandeln. Hat man an der einsamen Martinsbrücke das Bündner Gebiet betreten, so gelangt man, nach anfänglich mühsamem Wandern in einer traurig öden Bergschlucht, erst eigentlich bei Remüs in den landschaftlich schönen Teil des Engadins. Das unheimliche Brausen des im tiefen Abgrunde strömenden Inn, die finsteren Wälder der steilen Bergabhänge, das Heulen des Windes machen jetzt den lieblichen Alpenwiesen, den sonnenreichen, vom Gesange des Menschen und dem Geräusche der Arbeit belebten Triften und Dörfern Platz, und heiter schauen die hohen Berggipfel auf den anmutigen Talgrund herab, ein Eindruck, welcher an den erinnert, den der Wanderer empfindet, wenn er von den wilden Schluchten der Teufelsbrücke durch den langen finsteren Gang des Urner Lochs auf einmal in die grünenden Matten des Urserentales tritt. Das untere Engadin zeichnet sich durch seine eigentümlichen Talverengungen und Erweiterungen aus, welche treppenartig in drei verschiedenen Stufen übereinanderliegen; die drei Talkessel von Remüs, von Schuls-Tarasp und von Ardez, welche der Inn in tiefen Felsenrissen durchzieht. Von den Ortschaften, welche man in diesem Treppentale antrifft, ist in erster Linie der 1560 m über dem Meere gelegene Flecken Sins merkwürdig. Denn die Sinser wandern von allen Engadinern am meisten nach dem Auslande. In dem geräumigen, länglichen Viereck, welches an ostdeutsche Marktplätze erinnert, finden wir ganz auffallend zierlich aufgeführte Gebäude, welche es von allen Seiten einfassen. Auf den Bänken vor den Häusern sitzen Gruppen von Männern in modischem, meist grellfarbigem Anzuge im lebhaften Gespräche begriffen, ihre Pfeifen und Zigarren rauchend. Was mag in jenem lärmenden Kreise junger Männer verhandelt werden, deren laute Stimme und lebhafte Gebärden unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Bedeutender Aufschlag der Zucker- und Kaffeepreise auf den Hauptmärkten Europas neben dem beabsichtigten Besuche auf einer Kuhalp der Gemeinde, ein Zusammenbruch oder kaufmännischer Glücksfall in Triest oder Livorno neben der Festsetzung des Tages der Roggenernte auf den Feldern des Fleckens, eine wichtige politische Tagesfrage neben den Erlebnissen eines ländlichen Tanzes beschäftigen die Gemüter, welche die fernen Güter mit dem Genusse der nahen und schönen Gegenwart, des heimischen Herdes und der Alpennatur mit all ihren Freuden so gut zu verbinden verstehen. – In welcher Sprache aber reden die Männer? Der romanische Grundton ist mit deutschen, italienischen und französischen Worten und Redensarten gemischt. Rings um den Brunnen in der Mitte des Platzes ist ein Kreis von Frauen mit Waschen und lebhaftem Gespräche beschäftigt. Ihre schwarze und dunkelfarbige Tracht birgt jeden Reiz des Körpers. Die Gesichtszüge der Männer und Frauen sind scharf gezeichnet, ausdrucksvoll und bei vielen schön, Gesichtsfarbe, Haare und Augen vorherrschend dunkel. An einem sanften Bergabhange herabsteigend, gelangt man bald in die Talfläche von Schuls und Tarasp. Schon aus der Ferne sieht man von allen Seiten her auf steilem Felsen das alte, noch wohlerhaltene Schloß von Tarasp (1418 m). Bei dem Dorfe Tarasp (1327 m), dem Weiler Vulpera (1208 m) und auf der anderen Seite des Inn bei dem Dorfe Schuls entspringen Mineralquellen, die an Heilkraft den besten aller Länder an die Seite zu stellen sind. Kräftige Salzquellen, sprudelnde Stahl- und Sauerbrunnen, Schwefelquellen, reine Kohlensäureaushauchungen, sogenannte Mofetten, finden sich auf dem engen Raume beisammen. In Vulpera weilen sehr viele Badegäste. Auf den Bänken rings um die Badeanlagen sitzen gruppenweise die Bewohner ferner und naher, deutscher und italienischer Gegenden. Hier der federgeschmückte Spitzhut des Deutschtirolers, dort der breitkrempige flache Hut des Welschen. Unter den Trinkgästen sieht man eine große Anzahl höchst beleibter Personen, die hier selten vergeblich Abhilfe von ihren Beschwerden suchen. Wohlgenährte alte Herren mit dunkelroten Weingesichtern und rubinroten Nasen suchen hier, wie der gläubige Hindu in den Fluten des Ganges, büßend in dem sonst verachteten Tranke die äußeren Merkmale ihrer Sünden abzuwaschen. Daneben gibt es Leidende aller Art und aller Stände. Der feine Fabrikherr mit galliger Gesichtsfarbe und Glacéhandschuhen, neben ihm der stämmige Bündner Bauer, der tirolische Klostergeistliche, der regsame lombardische Kaufmann, das schöne Geschlecht im rauschenden Seidenkleid wie in der anspruchslosen Tracht der Unter-Engadinerinnen. All das bewegt sich bunt durcheinander und unterhält sich in den verschiedensten Sprachen. Wir wandern höher hinauf ins Ober-Engadin . Von Capella unterhalb Scanfs bis zum Maloja erstreckt sich das obere Engadin, dieser zwar rauhere, wildere, höher gelegene, aber weitaus schönste Teil des schweizerischen Inntales. Seine Höhe steigt von 1500-1750 m in einer Länge von sieben Stunden, also sehr mild sich erhebend. Die Talweite schwankt zwischen zwanzig Minuten und einer Stunde. Man teilt dieses höchste Alpental Europas in zwei Gebiete, in das der Wiesen von Scanfs bis Celerina, und in das der Seen , von St. Moritz bis zum Maloja. An jenem Ende des Tals sollte man einen hohen Gebirgsstock wie an den ähnlichen Tälern des Rheins und der Rhone erwarten. Aber während nördlich das Tal von vielfach 3000 m überragenden Bergzügen mit ewigem Schnee und südlich von noch höheren Alpen begrenzt ist, welche in der majestätischen Bernina 4000 m übersteigen, bricht am Maloja das Tal plötzlich ab. An den Grenzhäusern des Maloja steht man statt vor hohen Bergmauern nur an einer steil absteigenden Felswand, an welcher sich schlangenförmig eine herrliche Kunststraße hinabwindet, während ein lieblich grünendes Tal mit Sennhütten auf den Halden des Abhanges und freundlichen Dörfern im Talgrunde am rauschenden Bergbach das Auge erquickt: das Bergeller Tal, welches sich in die lombardische Ebene nach Chiavenna zu abflacht. Hat man bei Scanfs das Ober-Engadin betreten, so ändert sich sogleich das ganze Aussehen des Tals. Verschwunden sind die grausen Schluchten, auf welchen die einzelnen Hochstufen wie liebliche Oasen liegen. Man betritt ein hohes lichtes Tal, dessen einzelne Gebiete wohl noch durch gelinde Bodenanschwellungen in der Form von Querdämmen gesondert sind. Im großen und ganzen aber bildet das Ober-Engadin ein mehr zusammenhängendes Tal. Im Wiesengebiete von Scanfs bis Celerina genießt man mit heiterem unermüdeten Blicke den herrlichen Anblick der Alpenwelt. Ein mild in der Sonne erglänzendes Silberband gleitet durch das Tal, der junge Inn. Zahlreiche schöne und große Dörfer sind umgeben vom frischen, kräftigen Grün der Wiesen. Man hört aus der Ferne das wohlklingende Läuten der Kirchglocken. Die Straßen sind belebt von dem zur rüstigen Arbeit schreitenden Landmanne mit seinen kräftigen Zugtieren, von dem durchziehenden Tiroler mit dem Spitzhute, von dem im malerischen Gewande dahinschreitenden ernsten Bergamasker Schafhirten, von dem entzückten, in der reinen Bergluft alle jene Schönheiten der Alpennatur tief fühlenden Wanderer ferner Länder. Soweit das Auge reicht, schließen die Wiesen des Tals hohe Grate, oft mit Firn bedeckt, schlanke Gipfelzinnen mit ewigem Schnee ein. Zwischen den Alpenweiden mit den kleinen Sennhütten, zwischen dem dunklen Walde, welcher an das Talgebiet streift, drängen sich Gletschermassen an manchen Orten so weit herab, daß sie, von lieblichen Triften umgeben, wie ein Gruß des hohen Nordens an den warmen blütenreichen Süden ihre hellblauen Kristallmassen entfalten. Und über die ewigen Gletscher, über die prangende Flur, über den schattigen Wald wölbt sich ein so tief dunkelblauer Himmel, wie wir ihn im Norden uns kaum denken können. Wandern wir nun nach St. Moritz zu, lassen wir die schönen Seitentäler unbeachtet, so gelangen wir durch Zuz, Ponte – wo der Albulapaß mündet – und Bevers zuerst nach Samaden, dem Mittelpunkte des einheimischen Lebens und Verkehrs. Jetzt, wo von Thusis im Domleschg eine kühne Schmalspurbahn sich an den Wänden des Albulatales anklammert, bald sich dem Flusse anschmiegt, bald mit kecken Brücken aus Stein das Tal überspringt, bald sich in die Felsen verkriecht, um zuletzt durch einen 5866 m langen Tunnel auf Bevers loszusteuern, jetzt genießt Samaden, Celerina und vor allen St. Moritz und Pontresina den Goldsegen des Fremdenzuflusses und hat einen viel regeren Verkehr als ehemals. Bei Samaden ist die größte Talweite. In dem reichen Flecken sieht man neben den schönen Wohnhäusern der aus der Fremde heimgekehrten Engadiner auch die altberühmten Wohnungen der Männer, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert die Geschichte des grauen Bundes mit hoher Ehrfurcht nennt. Die Familienwappen verlieren sich hier nicht farblos auf der grauen Mauer des Burgtores, sondern schweben in zierlicher Vornehmheit an den feinen eisernen Balkonen. Im Innern findet man neben vielen Spuren längst verschollener Zeiten alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Von Samaden aus hat man im Tale die schönste Aussicht auf das Tal von Pontresina, auf die Bernina und ihre Gletscher, unter denen der Morteratsch am tiefsten sich ins Tal senkt. Von Samaden gelangt man in den freundlichen Flecken Celerina, mit welchem das Gebiet der Wiesen abgeschlossen ist. Gar bald ist der waldige Querdamm überschritten, und wir befinden uns in St. Moritz. Wir betreten das Gebiet der Seen und Quellen. Es ist ein ebenso schönes als wunderbar überraschendes Naturbild, wenn man, vom Julier herabkommend, nach und nach die ganze Herrlichkeit dieses Gesamtbildes des Seengebietes sich entfalten sieht. Die lichte Fläche jener klaren Seen mildert den ernsten Eindruck der hohen himmelansteigenden Felsenmauern mit ihren zackigen Spitzen und Graten und dem eisigen Hauche der Gletscher. In der durchsichtigen Flut spiegeln sich die Wiesen des Ufers, die Wälder der Bergabhänge mit den prächtigen Lärchen und der königlichen Arve, jener Zeder der südlichen Alpen. Die Schneegefilde des Hochgebirges bilden auf der glatten Spiegelfläche der Seen ein Gemälde von unendlichem Reize, und das rosige Alpenglühen mit seinem zarten Hauche wird durch den feuchten Glanz der Wellen zum anmutigsten Bilde. Den von Fedoz herkommenden wilden Sohn der Gletscher hegen und pflegen die freundlichen Nymphen der Seen und möchten ihn gerne in ihrer Alpenheimat zurückhalten, aber unaufhaltsam flieht er von der einen zur anderen, bis er aus dem St. Moritzer See bereits als Innstrom über einen breiten Abhang mit schäumenden Wellen herabstürzt. Grünende Matten, große, freundliche Dörfer mit schönen weißen Häusern und zierlichen Gärten, Saatfelder und Laubholz, selbst noch Fruchtbäume wechseln ab mit jenen stillen Seen von Sils, Silvaplana, von Campfèr und von St. Moritz. Des Menschen Fleiß und des Fleißes Kind, der Wohlstand, prangen unter jenen herrlichen Gaben der Natur. Am nördlichen Talabhange zieht (in zahlreichen Windungen bei Silvaplana am Julier emporklimmend) die große Straße hin, welche von der Lombardei ins Tirol, vom Engadin in das rätische Vaterland, in das stets dem Engadiner ans Herz gewachsene Veltlin und in die italienische Ebene führt. Für jede Stimmung des Gemüts findet der Wanderer in diesem Gebiete der Seen den geeignetsten Ruhepunkt. Vom Maloja seitlich liegt das Fextal, dessen höchste bewohnte Häuser, bis auf 2000 m aufsteigend, zu den höchsten Europas gehören. Von hier führt ein einsamer Pfad durch Berge, über Felsen und Gletscher in das Rosegtal und das eisige Reich der Bernina. Sils-Maria in seiner stillen Einsamkeit, mit seinen unübertrefflich schönen Baumgruppen, seinen freundlich gastlichen Wohnhäusern, dem hier beginnenden See, den auf solcher Höhe Erstaunen und Bewunderung erregenden Blumengärten – Sils macht den Eindruck eines jener stillen Orte der Alpenwelt, in welchem die Stürme des Lebens, die Sorgen tätigen Ringens freudevolle Vergessenheit in der Stille der Natur finden. Silvaplana am Fuße des Juliers ist ein sehr belebter Ort. Hier kommen die Straßen verschiedener Bergpässe zusammen. Hier herrscht reges Treiben, und der Engadiner, welcher nach langem geschäftigem Leben in die liebe Heimat zurückkehrt, sieht hier im Sommer Fremde aus allen jenen fernen Gebieten, welche er durchwandert hat, sowie der Fremde nicht minder erstaunt ist, im Posthaus und seiner Umgebung die verschiedensten Sprachen, ja oft die heimische Mundart seiner Vaterstadt zu hören. Vom Hotel Kulm in St. Moritz hat man die prächtigste, doch auch von dem Platze vor dem Kurhause zugleich die lieblichste und großartigste Aussicht. In nächster Nähe befindet sich der St. Moritzer See mit seinem klaren grünen Wasserspiegel, und oberhalb davon höchst malerisch emporsteigend das Dorf St. Moritz. Wälder von Lärchen und Arven, deren weiches Moospolster von der nordischen Linnaea durchflochten ist, grüne Waldwiesen umgeben den See auf der Südseite, und von den Höhen des Julierpasses bis zu den steilen Granitspitzen oberhalb Samaden sieht man über dem ewigen Schnee und dem vergletscherten Firn den Piz della Margna, die einsamen Gletschergefilde der Suvretta, die rote, in zwei Stufen gipfelnde Pyramide des Piz Munteratsch (Piz Julier), die Bergspitzen von Nair, Padella, Ott. Nirgends endlich sieht man so schön die schlanke Felsengruppe und die schöne Spitze des Piz Languard, wie von St. Moritz aus. Wer nicht im einsamen Waldpfade, an den Ufern des Sees oder den Alpenwiesen am Abhange emporsteigen kann, findet Wagen, ja Straßenbahnen, welche ihn auf trefflichen Kunststraßen durch das ganze Tal, ja bis an den Fuß des einsamen Morteratschgletschers, selbst auf die Höhe des Berninapasses fahren können. Die St. Moritzer Quellen gehören zu den kräftigsten Eisensäuerlingen. Die alte Quelle hat 5,6 °C, die neue nur 4,4 °C. Der eigentliche Sommer ist im Oberengadin nur kurz und kühl, der Höhenlage entsprechend, er bietet aber viele trockene, sonnige Tage und verhältnismäßig wenig Niederschläge. Oft fällt schon in den Augustnächten so viel Schnee, daß am Morgen die ganze Landschaft vom weißen Winterkleide bedeckt ist und Eiszapfen zahlreich von den Dächern herabhängen. Doch meist schon am Abend hat die Gegend wieder ihr herrliches sommerliches Ansehen, und noch viel schöne, milde Tage folgen diesen ersten Schneefällen. Man sagt vom Engadin, daß es acht Monate hindurch Winter habe, und gerade deshalb ist es der beliebteste Winteraufenthalt der vornehmen Welt geworden, die auf der Eisdecke der Seen dem Schlittschuhfahren, auf den steilen Gehängen den verschiedenen Arten des Schneeschuhlaufs und des Rodelns huldigt. Nach genauen Beobachtungen bleibt im Durchschnitt der Schnee, dieser richtige Maßstab des Winters, hier 5 Monate und 22 Tage liegen. Die vollständigsten Beobachtungen sind gerade in Bevers, dem kältesten Orte des ganzen Engadins, vom Lehrer Krättli gemacht worden. Die mittlere Jahrestemperatur ist dort + 2,5 °C, die Mitteltemperatur der Sommermonate Juni, Juli, August + 11,6 °C, die der Monate Dezember, Januar, Februar -8 °C, die der Frühlingsmonate März, April und Mai + 1,9 °, und die der drei Herbstmonate September, Oktober, November + 3,9 °, also fast + 4 °C. Im Sommer wie im Winter beobachtet man nicht selten bedeutende Temperatursprünge. Nach heißen Tagen sinkt das Thermometer auf den Gefrierpunkt in einzelnen Nächten des Sommers; nach eisiger Kälte im Winter von -25° steigt es mitunter rasch bis auf + 5 °, was von dem oft schnellen Überspringen südwestlicher Winde in nordöstliche und umgekehrt abhängt. Der Frühling und die ersten Wintermonate sind besonders feucht. Winter und Sommer sind aber gewöhnlich trocken und heiter. Bereits im März schmilzt der warme Hauch des Föhns an sonnigen Abhängen den Schnee, und alsbald erscheinen einzelne Blumen. Gewöhnlich aber findet man erst Ende dieses Monats den schönen dunkelblauen Frühlingsenzian. Gegen Ende April beginnt der Schnee überhaupt zu schmelzen. Mit den ersten Tagen des Mais ist das Tal von allem Schnee befreit, nachdem schon vorher größere Strecken sonniger Wiesen sich mit Blumen geschmückt haben, namentlich mit der schönen Frühlingsanemone, mit Krokuspflanzen, sowie an den Felsen mit den frischen grünen Blättern und rosigen Blumen der Bergprimeln. In den Lüften singt jetzt schon die Lerche ihr Frühlingslied, und gegen Ende April langen auch die Schwalben wieder an. Der Kuckuck aber wartet das Ende der Schneeschmelze ab, bevor sein einsamer Ruf die Luft durchtönt. Bald werden nun auch die lichten Seen frei vom Eise. Die Bergamasker Schafhirten ziehen mit den Herden auf ihre Sommerweiden. Der Landmann besorgt seine Saat vom Getreide und Kartoffeln. Hat auch die Alpenrose ihre schönen Blüten entfaltet, so prangen die Fluren in aller Pracht ihres lieblichen Frühlingsgewandes. Die Herden verlassen jetzt das Tal, der Klang ihrer abgestimmten Glocken verkündet auf immer höher liegenden Alpenwiesen ihre Ankunft, bis sie gegen Ende September wieder ins Tal herabkommen. Im Juli blühen Roggen und Gerste. Gegen Ende dieses Monats beginnt die Heuernte, die weitaus bedeutendste für das Engadin, welche zu vielen frohen Festlichkeiten Veranlassung gibt. In der ersten Hälfte des Septembers wird auch das Getreide eingebracht. Die Schwalben verlassen jetzt bald das Tal, und gleichzeitig ziehen Scharen anderer Zugvögel über die Alpen. Wir treffen im Engadin das Getreide bis zu einer Höhe von nahezu 1800 m, also über 600 m höher als in der nördlichen Schweiz und in den deutschen Gebirgen, ebenso hoch steigt auch die Kartoffel. In Sils-Maria reift noch die Kirsche, deren obere Grenze sonst ebenfalls nahezu 600 m tiefer ist. – Die Grenze des ewigen Schnees, welche in den übrigen Schweizer Alpen auf 2600 m angegeben wird, ist im Engadin in nahe 2800 m Höhe. Die Tanne gedeiht noch bis 1800 m. Die Arve und der Lärchenbaum übersteigen 2100 m. Diese günstigen Verhältnisse sind zum Teil dem leichten Zugange der warmen, aus Italien kommenden Luftströmungen zuzuschreiben. Außerordentlich abwechselnd und reichhaltig ist auch die Blumenwelt. Nächst den Tälern von Saas und Zermatt im Wallis hat das Engadin die schönste Pflanzendecke der Schweiz. Wie in den Alpen überhaupt, trifft man hier neben den Blumen des hohen Nordens die der gemäßigten, selbst südlichen Länder. Italienische und Tiroler Pflanzen kommen mannigfach neben den der Schweiz eigenen vor. In Höhen von 3000 m, ja darüber, gibt es noch viele Stellen, wo der Boden ganz mit den rosigen Blüten der Androsace glacialis, den weißen Saxifragen, den dunkelblauen Enzianen und Phyteumaarten bedeckt ist. Der Stengel der Blumen ist fast verschwunden, und die zahlreichen Blüten ruhen weich und sanft auf dem grünen Rasen der Blätter. Auf dem Piz Languard, 3250 m, blüht noch das schöne dunkelblaue Vergißmeinnicht der Hochalpen, Erytrichum nanum. Nicht minder merkwürdig als die Pflanzen des Engadins sind seine Tiere. In einsamen Waldungen haust noch der Bär. Auf den höheren Berggefilden stellt das Murmeltier seine aufmerksamen Schildwachen aus. Überall kommt die Gemse in Rudeln vor. Der edle Steinbock mit dem mächtigen Gehörne ist leider auch aus den Hochalpen des Engadins verschwunden; er haust nur noch in den Grajischen Alpen, wird aber jetzt von St. Gallen aus in der Schweiz wieder eingebürgert mit gutem Gelingen. Zahlreiche Singvögel bewohnen im Sommer das Tal und die Wälder der Berge. Der Adler und der mächtige Lämmergeier nisten auf den hohen Felsen. Im Herbste durchziehen Scharen von Zugvögeln das Tal, um der Wärme des Südens zuzueilen, unter welchen man sogar Schwan und Taucher beobachtet hat. Höchst mannigfach und an seltenen Arten reich sind auch die Insekten des Engadins; besonders schön sind seine Schmetterlinge, die fliegenden Blumen des Sommers. Hier kommt u. a. der seltenste aller europäischen Schmetterlinge, Euprepia flavia, vor. Zu den angenehmsten meiner naturwissenschaftlichen Erinnerungen gehört es, daß ich mir dort ein paar jener seltenen, sonst nur in Sibirien vorkommenden Falter verschaffen konnte. Auf dem Maloja habe ich auch zu meinem großen Erstaunen die Wanderheuschrecke angetroffen und erfuhr dann, daß sie im unteren Bergeller Tal große Verheerungen angerichtet hatte. In diesem Alpenlande, welches soviel Eigentümlichkeiten darbietet, haben auch die Berggipfel und ihre Aussichten einen eigenen Charakter. Von dem 3250 m hohen Piz Languard sieht man, neben nur wenigem Talgrunde, über 800 hohe Bergspitzen, von denen ein großer Teil 3000 m überragt. Von der Bernina beherrscht man, außer einer Legion hoher Grate und Zinnen, eine Zahl und eine Mannigfaltigkeit naher und ferner Gletscher, wie sie weder der Montblanc noch Monte Rosa, noch die Gipfel des Berner Oberlandes darbieten. Leider ist die 4052 m hohe Bernina sehr schwer besteigbar. Nachdem sie der Ingenieur Coaz unter großen Gefahren im Jahre 1850 bezwungen hatte, war die Abenddämmerung hereingebrochen, bevor er das Gebiet der Gletscher verlassen konnte. Immer finsterer wurde die Nacht; immer schauriger die Aussicht auf den fast gewissen Tod in der eiskalten Nacht, ohne jeden Schutz vor unvermeidlicher Erstarrung. Da erschien plötzlich am Himmel der Mond in vollem Glanze und verbreitete ein so mildes Licht über die Gebiete des Eises und Firns, daß Coaz mit seinen Führern die am Morgen eingehauenen Tritte wieder erkennen konnte. Kaum waren sie über die Region der Gletscher hinaus, da verschwand der Mond wieder hinter den Wolken und, nach unsäglichen Mühen während voller zwanzig Stunden, gelangten sie in der Nacht um 2 Uhr an das gastliche Haus des Berninapasses. Seitdem ist die Berninaspitze öfters bestiegen worden. Die Bevölkerung des Tales beträgt ungefähr 10 000 Einwohner, von denen fast zwei Drittel auf das zwölf Stunden lange Unter-Engadin und etwas über ein Drittel auf das sieben Stunden lange Ober-Engadin kommen. Die Volkssprache, Ladin genannt, ist ein räto-romanischer Dialekt. Das Ladinische wird außer im Engadin auch im Albula- und Münstertale gesprochen. Verwandt ist das Churwelsche im Bündner Oberlande, in den Gebieten von Oberhalbstein und Schams und das Tiroler Romanisch im Enneberger und Grödner Tal. Während der nahezu fünfhundertjährigen Herrschaft der Römer über das Bündner Land hat sich, mit einiger Vermischung keltischer Worte, das Ladin entwickelt oder vielmehr in seiner Besonderheit erhalten. Es gleicht sehr der Sprache der Troubadours, dem Provençalischen, in mancher Beziehung dem Spanischen. Mit der milden, fast musikalischen Weichheit des Italienischen verbindet es die volltönenden Doppellaute und den mehr kräftigen Lautstand der deutschen Sprache. Es wird von der romanischen Bevölkerung Graubündens sehr hochgeschätzt und festgehalten. Ein junger, aus Würzburg zurückkommender Arzt, dessen Vater lange in Deutschland gelebt hatte, erzählte z. B., er hätte es nie wagen dürfen, seinem Vater anders als in ladinischer Sprache zu schreiben. Trotzdem gewinnt das Deutsche, das jetzt fast jeder Engadiner, der Bücher und Zeitungen liest, versteht, immer größere Ausbreitung, und in den Schulen wird überall Deutsch gelehrt. Das herrschende Bekenntnis ist das reformierte, mit Ausnahme des katholischen Tarasp und des Grenzgebietes von Samnaun. Trotzdem, daß für ein fast neunzehn Stunden langes Tal eine Bevölkerung von 10 000 Einwohnern nicht übergroß erscheint, würde diese dennoch bei dem verhältnismäßig geringen Ackerlande und dem Fehlen der Industrie nur mit Mühe einen hinreichenden Lebensunterhalt finden. Daher die Wanderlust der Engadiner! Wohl jede große Stadt Italiens, Deutschlands, Frankreichs gibt den arbeitslustigen Söhnen der Alpen Beschäftigung. Welchen Beruf sie auch erwählen mögen, überall zeichnen sie sich durch Ehrlichkeit, Genügsamkeit und Fleiß aus. Voll natürlicher Würde in ihrem Wesen, sind sie überall beliebt und geachtet. Bis in die fernsten Gegenden bewahren sie treu ihre romanische Sprache. Unermüdlich ist ihre Tätigkeit, bis sie so viel erworben haben, daß sie in die liebe Alpenheimat zurückkehren und dort sorgenfrei von dem Ertrage ihres jahrelangen Fleißes leben können. Und darum zieren alle Dörfer herrliche Wohnhäuser; darum hört man in diesem Tale alle Sprachen und Mundarten des gebildeten Europa. Rührend ist es, zu sehen, mit welcher urväterlichen Einfachheit selbst die Reicheren im heimatlichen Dorfe leben. Der auflösende Prunk großer Städte hat ihr treues Herz nicht bestochen. In dem Aufrechthalten der besten Überlieferungen der Familie, in dem regsten Wohltätigkeitssinne finden sie noch bis ins höchste Alter neben dem Wonnegefühl, in der Heimat zu sein, ihre größten Freuden. Zweckmäßig und wohnlich ist das Engadiner Haus. Fest aus Stein ausgeführt, seltener farbig als vom reinsten Weiß, mit dicken festen Mauern, mit kleinen, fast wie Schießscharten tief liegenden Fenstern, mit großem Toreingange, mannigfachen Zieraten bei den Begüterten, schönen Balkonen, bei einzelnen mit Wappen geziert, zeigt sich das Äußere einer solchen Wohnung. Im Innern birgt das Haus außer den Zimmern auch den Heuboden und den Viehstall, der besonders sauber und gut eingerichtet ist. Neben der Bequemlichkeit, die Tiere versorgen zu können, ohne aus dem Hause zu gehen, wird so auch ihre Wärme während des langen Winters benutzt. Ja, im Viehstalle finden sich auch wohl Tische und gepolsterte Bänke, bei einigen sogar Spiele, Zeitungen und Bücher, so daß er auch als Stube dienen kann. Das gemeinschaftliche Wohnzimmer ist gewöhnlich mit Arvenholz getäfelt, bei den Wohlhabenderen mit schönen Holzschnitzereien verziert, so wie man hier auch noch jene hohen prächtigen Wandschränke mit schöner erhabener Arbeit findet, welche in neuerer Zeit wieder mit Recht sehr gesucht werden. Von ungewöhnlicher Größe ist der Ofen, welcher bei den Reicheren mit schönen Malereien geziert und mit einer kissenbedeckten Ofenbank umgeben ist. In dem oberen Stock liegt, durch eine verschließbare Öffnung mit der Wohnstube in Verbindung gebracht, das Schlafgemach, und daneben noch andere Zimmer. Selten ist ein Haus von mehr als einer Familie bewohnt. Die Bevölkerung genießt gern in den Zeiten der Muße die Freuden des Lebens. Zu den Lieblingserholungen der Jugend gehört auch hier der Tanz, der jedes ländliche Fest beschließt. Auch ohne die feine Musik unserer Städte herrscht auf diesen ländlichen Bällen Frohsinn und Munterkeit; ja man sieht hier unter den schlanken Burschen und schönen Mädchen anmutsvollere Gestalten als im blendenden Licht der Kronleuchter in feinen Modekleidern, bei brausendem Schaumwein in den Tanzsälen. Die Bilder Segantinis geben dies Volk und sein Land in aller Kraft und Schönheit wieder.   5. Das Appenzell und seine Landsgemeinde. Nach Bumüller, Buch der Welt. Der nördlichste Stock des schweizerischen Alpengebirges ist der Säntis; Vergleiche die vier Gedichte vom Säntis in den vier Jahreszeiten in den lyrischen Gedichten der Droste-Hülshoff! vereinzelt steht er da, wie ein gewaltiger Markstein oder wie ein Flügelmann vor der langen Reihe der Alpenhörner. Stolz schaut er mit 2504 m Meereshöhe über den Bodensee ins schwäbische Oberland, bis an die Rauhe Alb, auf deren Vorsprüngen man ihn überall sieht, von Ulm an bis an den Dreifaltigkeitsberg ob Spaichingen. Südlich begrüßt er als Nachbarn die Kette der Churfirsten, von denen ihn eine tiefe Senke trennt, in welcher die Thur ihre Quelle hat; da liegt das Dorf Wildhaus, der Geburtsort des Reformators Ulrich Zwingli. Südwestlich lagern sich einige Stunden weit die Nagelfluhberge der Toggenburg an, alle etwa 1000 m niedriger als die Kuppe des Säntis; östlich senkt sich der Kalkfelsenkamm des Gebirges im Altenmann, der Bruderkuppe der Säntishöhe, um 70 m, dann aber sehr bedeutend im Kamor; denn seine höchste Spitze, der »Hohe Kasten«, erhebt sich nur noch 1800 m über das Mittelmeer. Darauf verschwindet der Kalkstein und macht der Nagelfluh und dem Sandstein Platz, und damit hört auch die Kuppen- und Hörnerbildung auf, welche das Alpengebirge auszeichnet; das Gebirge verflacht sich in ein tafelförmiges Hochland, das da und dort zu langgestreckten Rücken anschwillt. Dieses Tafelland endet auf jeder Seite, gegen den Rhein, den Bodensee und die Thur, in einem scharfen Rande und fällt endlich gewöhnlich in zwei Stufen in die Talfläche ab. Eine gerade Linie von der Säntisspitze bis zum Bodensee ist nahezu sechs Stunden lang, und die Abdachung beträgt in dieser Richtung 2100 m, die Höhe des Säntis zu 2500 m, die des Bodensees zu 400 m, in runden Zahlen angenommen; eine Linie von Südost nach Nordost durch die größte Breite dieser Gebirgsinsel gezogen, vom Kamor bis Herisau (1800 bis 775 m), mißt fünf Stunden, und die Senkung erreicht beinahe die Hälfte der obigen (1025 m). Dieses Hochland nun von der Säntiskuppe bis an den Rand der Hochfläche ist der Kanton Appenzell ; ihn umgibt St. Gallen rundum, so daß es bis zum Rande des Oberlandes aufsteigt. Demnach bildet das 400 qkm große Ländchen der Appenzeller, so klein es auch ist, erdkundlich ein Ganzes, das stufenförmig emporsteigt, und in das der Wanderer, von welcher Seite er auch kommt, bergan steigen muß. Jetzt führen auf allen Seiten schöne Kunststraßen in dieses Hochland; und von Winterthur aus erklimmt gegenwärtig die Eisenbahn die Bergfeste Appenzell, Herisau und Stadt Appenzell verbindend. Vor Jahrhunderten wurden die Zugänge durch Verhaue und rohe Schanzen, aus Felssteinen und Baumstämmen dammartig aufgeführt, geschlossen, und vor dieser Festung ward von den Appenzellern mancher Feind blutig zurückgeschlagen. Ein solches Hochland hat begreiflich einen langen Winter, der in der Regel vom November bis Ende Mai dauert. Wenn der Appenzeller im Hügellande des Thurgaus alles treiben und sprossen, wenn er den Bodensee mit grünem Saume umwunden sieht, deckt seine Heimat noch der Schnee, welcher erst der wärmenden Frühlingssonne und dem Südwinde ganz weicht, auf dem Säntis aber der Sonne und dem Föhn Trotz bietet. Getreidebau wird eigentlich gar nicht betrieben; der Anbau beschränkt sich auf die Kartoffel und einiges Gemüse. Doch ist in tieferen Lagen der Obstbau nicht ganz unbedeutend. Das Kleinod des Landes aber sind die herrlichen Wiesen und Weiden, deren saftiges Gras eine Menge der schönsten Kühe nährt, und da, wo an den Berg- und Felsenwänden noch Gras und Kraut wurzeln, klettern Schafe und mutwillige Ziegen, diese gewöhnlich das Eigentum armer Leute, welche keine Kuh zu halten vermögen. Die Viehzucht ist demnach ein Hauptnahrungszweig der Einwohner, besonders im hinteren und höheren Landesteile, am Säntis und Kamor, weniger im vorderen Lande, das ungewöhnlich stark bevölkert ist. Der ohnehin so kleine Kanton ist doch noch in zwei Staaten geteilt: Appenzell-Inner-Rhoden und Appenzell-Außer-Rhoden ; Rhoden steht mundartlich für »Rotten«, ursprünglich die militärische Einteilung des Ländchens bezeichnend, daher es eigentlich die »Innern Rhoden« und die »Äußern Rhoden« geschrieben wird. Inner-Rhoden ist etwas kleiner als Außer-Rhoden und beschränkt sich auf das eigentliche Gebirgsland; es ist ein Hirtenländlein mit etwas mehr als 13 000 Einwohnern; Außer-Rhoden nimmt hauptsächlich das Hochland ein und zählt über 54 000 Einwohner, die namentlich von dem Ertrage ihres Kunstfleißes leben; Inner-Rhoden ist arm, Außer-Rhoden aber wohlhabend, jenes katholisch, dieses protestantisch. Vor 400 Jahren machten die beiden Rhoden nur eine Volksgemeinde aus; als aber zur Zeit der Reformation der eine Teil die neue Lehre annahm und der andere der alten treu blieb, hielten sie es nicht mehr für möglich, gemeinsam hauszuhalten. Sie gingen auseinander, aber in Frieden, und nahmen auch später an den Religionskriegen in der Schweiz keinen Anteil. * * * Es ist ein lohnender Ausflug, eine Fußwanderung durch das Appenzell; denn in drei Tagen kann ein rüstiger Fußgänger das Ländchen durchkreuzen, und dann hat er eine wahre Vorschule für eine rechte Schweizerreise gemacht. Im katholischen Inner-Rhoden blicken wir noch in die stillen Hallen der Nonnenklöster, und aus einem anderen Kloster tritt uns der ehrwürdige Kapuziner entgegen; in Gonten, Weißbad und Gais treffen wir Badegäste aus halb Europa und lustiges, gesellschaftliches Leben. Auf den Bergwanderungen kehren wir in Sennhütten ein, um uns zu erquicken; die Hütte ist roh aus Balken und Steinen zusammengefügt, die Fugen sind mit Moos verstopft. Stühle zum Niedersetzen gibt es nicht überall, außer dem Melkstühlchen mit einem Fuße. Doch auf der Eben- und Meglisalp ist für die Einkehrenden schon besser gesorgt durch Tische und Bänke. In der einen Ecke hängt der große Käsekessel über dem Feuer, dessen Rauch zur Tür hinauszieht oder durch Ritzen und Spalten Nebenwege sucht. Auf der anderen Seite endet die Hütte in einen kleinen Stall, dessen Bewohner sich durch Grunzen zu erkennen geben. Auf der Decke des Stalles ist Heu ausgebreitet, ein paar grobe leinene Tücher oder Säcke verraten bald ihre Bestimmung – hier ist das Bett des Sennen. Dieser holt aus einer Höhle, die im Hintergrunde der Hütte in den Berg gegraben ist, Milch, Butter und Käse und ermahnt, tapfer zu essen, denn beim Bergsteigen bekommt man Hunger – und daß er recht hat, beweisen wir. Aber welcher Wohlgeschmack, diese Milch und diese Butter! Wer noch nie in den Bergen gewesen ist, kann es gar nicht glauben, daß sie so ganz anders schmecken als in den Ebenen. Da wachsen freilich auch ganz andere Futterkräuter als im Tale; betrachte einmal den Rasen der Alp (so nennt der Senne seine Bergweide), wie dunkelgrün, wie dicht, unter dem Fußtritte anschwellend wie ein grünes Sammetpolster; da sieht man keine hochgeschossenen dürren Halme, keine Disteln und Herbstzeitlosen, aber verschiedene Arten von Klee, mit roter, gelber und weißer Blüte, und andere würzige Kräuter, welche die Ebene nicht kennt. Schon im Anfang Mai ziehen die Sennen mit Ziegen und Schafen auf die Alp; vier Wochen später langen dann auch die Kühe an, gewöhnlich in Zügen von 24 Stück mit einem Stier, was man ein Senntum heißt. Gemeiniglich rechnet man dazu auch 2-3 Schweine und 4-6 Ziegen. Von einem Senntum besitzen oft verschiedene Bauern einen verhältnismäßigen Anteil, und dies ist die einzige übliche Art der Gesellschaftssennereien. Wo mehrere Senntümer zusammenkommen, kämpfen die Stiere um die beiden Weideplätze, und die schwächeren müssen den stärkeren weichen. Als solche Plätze bezeichnet man namentlich die, wo das duftende Mutteri (Meum mutellina) und das Adelgras oder Rüz (Plantago alpina – Alpenwegerich) reichlich gedeihen. Der Senne bleibt bis in den September auf seinen Bergeshöhen, kommt während der ganzen Zeit vielleicht nicht ein einziges Mal in sein Dorf herab, wird nur besucht, wenn man den Käse abholt, oder wenn eines seiner Angehörigen ihm Brot oder irgendein Werkzeug bringt. Seine Nahrung ist Milch und magerer Käse, und er behilft sich oft wochenlang ohne Brot; zeigt aber ein Reisender, der bei ihm einkehrt, Schinken, kalten Braten, oder gar eine Weinflasche, so sieht man den sonst so genügsamen Mann vor Begierde zittern, so sehr verlangt es ihn nach jenen gaumenreizenden Nahrungsmitteln, und er gibt gern Butter, Käse und Milch die Fülle für den ihm überlassenen Anteil. Die Kleidung des Sennen ist so einfach als möglich; zwillichene Hosen, die bis über die Knie reichen, und eine blaue Bluse, hier Fulterhemd genannt; er geht barfuß oder auf hölzernen Sohlen, auf dem Kopfe sitzt ein schwarzes ledernes Käppchen, und eine kleine Pfeife läßt er selten aus dem Munde; schon die Buben rauchen, und sollten sie die Pfeife mit dürren Heublumen füllen müssen. Man trifft unter den Sennen häufig große Männer von kräftigem Körperbau, in der Regel aber ist der Appenzeller mehr untersetzt gebaut, stark geschultert, braun- oder blondhaarig; aus den grauen Augen, dem breiten Gesicht spricht Schalkheit und trotzige Derbheit. Er ist stolz auf seine Heimat, seinen Beruf und selbst auf seine Lebensweise; der Fremde, der ihn meistern oder gar seiner spotten will, wird mit einem Hagel von beißenden Witzen überschüttet und nicht allzu sanft heimgeschickt. Die Appenzeller sind durch ihren Mutterwitz in der Schweiz sprichwörtlich, und ihre Lustigkeit ist nicht geringer; eine Gesellschaft Appenzeller, besonders innerrhodischer Hirten, macht mehr Lärm als zehnmal soviel Norddeutsche. Da heißt es laut sprechen und schnell sprechen, und das geschieht in sehr hohen Noten mit einer eigentümlich hüpfenden Betonung, so daß einzelne Worte fast geschleudert werden. Schauplätze solcher Lust, wohl auch der Ausgelassenheit sind an schönen Sonntagen einzelne Punkte, die wegen ihrer herrlichen Fernsicht von dem Wanderer aufgesucht werden. An solchen Punkten hat das Land einen unglaublichen Reichtum, und von der Erhabenheit ihrer Aussicht: in das Gebirge der Alpen, in die tiefen Flußtäler, über den Bodensee hin bis in die bläuliche Ferne des deutschen Hügellandes kann man sich nur schwer eine Vorstellung machen; da reicht keine Beschreibung zu, selbst der Pinsel gibt nur ein schwaches Bild dieser Herrlichkeit. Wir machen von Gais einen Ausflug an den Stoß , einen Paß nach Altstätten im Rheintal; dort steht eine Kapelle, zu welcher alle Innerrhoder einmal im Jahr in feierlichem Aufzuge wallfahren, weil da ihre Väter am Fronleichnamstage 1405 die Feinde siegreich zurückschlugen. Dem Fremden aber läßt die Aussicht nur wenig Zeit zur Erinnerung an die alten Heldentaten. Da schaut er hinab in das breite tiefe Rheintal, durch welches er den Fluß wohl zehn Meilen raschen Laufes daherströmen sieht. Zu beiden Seiten liegt ebenes, wohlangebautes Gelände, besät mit Dörfern und Städtlein. In gewaltigen Massen steigt das Gebirge Vorarlbergs und Tirols empor, nicht allmählich, sondern plötzlich, nur wenige Stunden von dem Beschauer entfernt. Man sieht die Umrisse des Gebirges so deutlich, die Fluhen, Felsen, Schnee- und Eismassen liegen so klar da, daß man glaubt, man müsse die Gemse sehen können, die zufällig über Fels und Eisstöcke hinwegsetzt. Und wie mannigfaltig ist die Beleuchtung dieser Landschaft! Wie dunkel der Fichtenkranz, der die untere breite Seite der Berge gürtet, wie hell strahlen Fels und Gletscher im Sonnenlicht, wie zittert das von den Bergwänden des Rheintals vielfach zurückgeworfene Licht über dem breiten Tale tief unter uns, wie schimmert der Strom in seinen fernsten Windungen! Von Weißbach geht es auf die Ebenalp und das Wildkirchlein; in zwei Stunden sind wir dort. Die Ebenalp ist eine Felsplatte mit schwacher Neigung gegen Norden; sie ist schön begrünt und reicher an Alpenpflanzen als der Rigi; eine trichterförmige Vertiefung von 15 m im Umfange, das Wetterloch, enthält das ganze Jahr hindurch Schnee und Eis. Die Aussicht ist herrlich; sie erstreckt sich über den Bodensee, die östliche Schweiz mit den zahllosen Alpenfirsten und einen bedeutenden Teil des südlichen Baden, Württemberg und Bayern. Durch eine Felshöhle, 1000 Schritte lang, 18 m breit, mit einer Wölbung von 20 m, von welcher Kalkwasser tropft, gelangt man zum Wildkirchlein , einer natürlichen Grotte in Kalkfelsen, die in eine Kapelle verwandelt ist. Ein Glockentürmchen ist daneben angebracht worden, und ein bärtiger Einsiedler verkündet mit hellem Glöcklein die Tageszeiten über die reizende Gebirgsöde. Er bewohnt eine kleine Hütte; eine Felsengrotte dient ihm als Keller, aus dem er dem Reisenden Speise und Trank herbeiholt. Da sitzen wir 1500 m über dem Meere, an hoher Felsenwand, und betrachten mit Entzücken die reizende Gebirgswelt. Da möchte man tagelang weilen und scheidet mit schwerem Herzen von diesem erhabenen Schauspiele. Und Meister Scheffel hat nicht so unrecht, wenn er das Waltharilied Ekkehards hier oben in der Bergeinsamkeit entstehen läßt. Wir wollen aber noch höher, auf die Säntishöhe von 2504 m, um von diesem erhabensten Punkte des Appenzells in die weite Welt zu blicken. Diese Bergfahrt dauert sechs Stunden. Gegen Abend brechen wir unter Leitung eines kundigen Führers auf, steigen vier Stunden rüstig bergan und übernachten in einer Sennhütte. An Schlafen ist nicht viel zu denken, und es macht Freude, das lustige Feuer von dürrem Tannenholz wohl anzuschüren. Mit dem ersten Tagesgrauen steigen wir wieder bergan, um den Gipfel vor Sonnenaufgang zu erreichen. Oder noch besser, wir steigen durch das Seealptal über die Meglisalp schon am Abend zur Säntisspitze empor und übernachten im – Hotel Säntis, einem bequem eingerichteten Wirtshäuschen, das gute Betten hat. Man kann dann den Sonnenunter- und Sonnenaufgang genießen. – Schön glühen die Alpenhörner Tirols in rosiger Pracht, immer weiter schreitet das purpurne Licht über die Berggipfel der gegen Süden und Südwesten gelagerten Alpen, während der Fuß der Berge und die Täler noch vom nächtlichen Grau umschleiert sind. Plötzlich hebt sich die Sonne empor über die östlichen Berge, ihre Häupter mit Licht überflutend; jetzt glänzen die Firsten silberhell, das Dunkel in der Tiefe verschwindet, und eine unermeßlich weite Welt liegt ausgebreitet vor dem erstaunten Blicke. Vor allem stellt sich das Alpengebirge in seiner Großartigkeit dar; von den steierischen, Salzburger und Tiroler Alpen gleitet das Auge über die Bündner zu den Glarner und über die Alpen von Uri bis zu den Riesen des Berner Oberlandes, dem Finsteraarhorn, Schreckhorn und der Jungfrau – eine Strecke von mehr als hundert Stunden! Nun soll die Säntisspitze eine Anlage für Funkspruch erhalten, um die Alpenkette leichter zu überbrücken, die bisher den elektrischen Stoßwellen Widerstand geboten hatte. Wenden wir nun das Auge nach anderen Richtungen, so sehen wir den tiefen Einschnitt des Rheintals bis Graubünden, das Tal der Ill, das wie eine dunkle Kluft aus dem Gebirge tritt, und den Spiegel des Bodensees, der die Breite eines Stromes zu haben scheint. Über die schwäbische Hochebene schauen wir bis an die Vulkanberge des Hegaus und die Rauhe Alb und westlich bis an die Berge des Schwarzwaldes und die nordöstlichen Ausläufer des Jura, und südlich erblicken wir noch etwas vom See bei Zürich. Aber wie klein erscheinen die Städte und Dörfer! Es kostet Mühe, die ferneren mit dem Fernrohr zu erkennen, und doch können wir es nicht lassen, von dieser hohen Warte aus nach Deutschland zu schauen. So vergehen Stunden wie Augenblicke; wir haben uns nicht satt gesehen, aber die Luft ist empfindlich kalt, es türmen sich Wolkenschichten um den Gipfel herum, und der Führer prophezeit Gewitter und Sturm, die oft in dieser Höhe toben, während in dem Tale unten kaum ein leichter Regen fällt. Rasch geht es abwärts; munter schreiten wir über das Schneefeld und den Gletscher, den nördlichsten der ganzen Alpenkette; es freut uns, die scheue Gemse fliehen zu sehen; denn diese schönen Tiere sind wieder zahlreich am Säntis, seitdem eine durch das Gesetz vor den sonst schonungslosen Jägern geschützte Herde hingewandert ist. Wir sind glücklich wieder in die Dörfer hinuntergelangt; unsere Seele ist von einem mächtigen Gefühle ergriffen, das dem ähnlich ist, welches wir empfinden, wenn wir Zeugen einer großen geschichtlichen Begebenheit geworden sind. In den Außer-Rhoden ist die Bevölkerung so dicht, wie in wenigen Gebirgen Europas, das sächsische Erzgebirge ausgenommen, und der Reisende, welcher gewohnt ist, in den Berggegenden armselige Häuser mit armen Bewohnern zu treffen, staunt über die herrlichen Dörfer, durch welche ihn sein Weg führt: man trifft da Gebäude, welche einer großstädtischen Residenz wohl anständen. Tausende von Häusern liegen wie herumgesät an Berg und Bühel, auf Anhöhen und in Gründen, welcher Anblick jeden in Erstaunen setzt, der etwa auf dem Bodensee von Konstanz nach Friedrichshafen fährt. Alle Häuser, auch die kleinsten, sind zierlich gebaut, von vielen Fenstern freundlich glänzend, besonders auf der Mittagsseite. Das Dach ist nie so hoch, als man es in dem benachbarten Schwaben findet, die Tür groß, mit schöner Schwelle, messingener Klinke und mit Ölfarbe angestrichen; ein gewöhnlich mattgrün angestrichener Schindelschirm Die Häuser sind mit ganz kleinen Schindeln wie mit einem Schuppenpanzer umgeben. schützt gegen den scharfen Wind und gegen die Nässe, wenn Nordost und West Schnee und kalten Regen gegen die Wohnung schlagen. Fast vor jedem Hause ist ein laufender Brunnen mit klarem, kühlem Bergwasser; denn das ganze Ländchen ist außerordentlich quellenreich. Auch im Innern sind alle Häuser sauber und zierlich, die Stuben ausgetäfelt, die Geschirre blank. Und doch sind viele dieser netten Häuser und Hütten bloß aus Holz gebaut, wie in den Gebirgsgegenden überhaupt. Dort sind sie aber oft rauchig und rußig, in Außer-Rhoden schmuck, ich möchte fast sagen, so hübsch wie ein angemalter Vogelkäfig. Freilich flammen diese hölzernen Häuser bei Brandunglück wie Fackeln auf und sind dann selten mehr zu retten. – Auch die Menschen sind sauber und reinlich angezogen, und der Mann, welcher eine Kuh am Horne über die Gasse führt, läßt einen schneeweißen Hemdärmel sehen. Die Nahrung der Außer-Rhoder ist einfach. Das Frühstück besteht fast in jedem Hause aus Kaffee und gerösteten Kartoffeln, bei Wohlhabenderen wird noch Butter und Käse dazu gegeben; das Mittagsmahl bietet in guten Zeiten Fleisch- oder Mehlspeise, wobei Obstmost oder Wein nicht fehlen darf; am Abend aber kommt wieder Kaffee mit Kartoffeln, und in armen Häusern oder, wenn der Verdienst stockt, hat man tagaus tagein Kaffee mit Kartoffeln. Die Bäcker liefern ein schneeweißes Brot; denn die Appenzeller essen kein Roggen- oder gar Gersten- und Haferbrot; der schwäbische Bauer würde das Brot bewundern, aber schwerlich in die Länge seinem Schwarzbrote vorziehen, weil es etwas trocken und fade schmeckt, wenn man an Roggenbrot gewöhnt ist. Die Nettigkeit der Häuser, die musterhafte Reinlichkeit, wohl auch die übrige Lebensweise erklären sich aus dem Umstande, daß die Außer-Rhoder zum nicht geringen Teil von ihrem Kunstfleiße leben; von 54 000 Einwohnern beschäftigt sich wenigstens ein Zehntel mit der Herstellung von Baumwollen- und Seidenwaren. Man webt Musseline in glatten Stücken zu Vorhängen und Halstüchern, verziert sie mit mannigfaltigen Stickereien aus weißer Baumwolle1 zu Vorhemdchen, Hauben, Röcken; oder aus gefärbter Baumwolle zu Schürzen, Turbanen, Tapeten, Chorhemden, Manschetten, Bettdecken, Tauftüchern, Schälen, Schleiern und Flor. Zu ähnlichen Stoffen wird die Stickerei auch gehöhlt, ausgebogt oder mit dem Plattstich verbunden. Es gibt Fabrikanten, die einige hundert Weber und mehrere hundert auswärtige Stickerinnen beschäftigen. Die besten Stickerinnen sind in Inner-Rhoden, und sie verdienen jährlich von den Fabrikanten Außer-Rhodens große Summen. Da kann man kunstreiche Finger sehen, die auf dem weißen Grunde Blumen entfalten, welche an Farbenschönheit und zarten Umrissen ihren lieblichen Schwestern auf Wiesen und Auen nichts nachzugeben streben. Jetzt hat aber die Maschinenstickerei bereits die Handarbeit sehr in Schatten gestellt. Man trifft in Außer-Rhoden nicht bloß große Fabriken, sondern es wird hauptsächlich familienweise gearbeitet, daher in jedem Hause ein Webkeller, Webgaden ist. Die Arbeiten der Appenzeller gehen in die ganze Welt, besonders aber »übers Meer«, wie die Stickerinnen sagen, wenn man sie fragt, wer denn die Musseline kaufe. Neuyorker Handelshäuser hatten zur Zeit meines Besuchs ihre Zweiggeschäfte in St. Gallen und machten in Stickereiwaren sehr bedeutende Geschäfte. Der Handelsverkehr dieses Erwerbszweiges beläuft sich jährlich auf 2½ bis 3¼ Millionen Mark. Ich habe die schmucken Häuser mit Vogelkäfigen verglichen, auch ihre Bewohner geben den Vögeln an Sangeslust nichts nach. Da jodelt der Hirte, wie überall, wo Matten grünen; aber außerdem hört man wohl nirgends auf der Welt so schönen vierstimmigen Gesang in den Dörfern, und man kann Außer-Rhoden mit vollem Recht ein Sängerland nennen. Seine Chöre sind daher auch bei allen Sängerfesten in Schwaben und der Schweiz, in Lindau und Ravensburg, in St. Gallen und Zürich willkommen, und bei Wettgesängen tragen sie stets einen Preis davon. Es gibt viele Familien, in denen nach vollbrachter Tagesarbeit abends Mann und Frau, Söhne und Töchter zusammensitzen und sich den Rest des Tages mit Gesang erheitern. * * * Das Hauptfest ist aber die Landsgemeinde , die immer regelmäßig, einmal in Hundswyl, einmal in Trogen, im Frühjahre abgehalten wird. Eine solche Landsgemeinde ist für den Fremden sehr anziehend, und wäre in Frankreich, England und Nordamerika ein Außer-Rhoden, so würde man in Deutschland viel mehr darüber lesen. Die Feier verläuft in folgender Weise: Schon am Samstagabend (denn es wird immer am Sonntag landsgemeindet) finden sich die ferner wohnenden Appenzeller in Trogen, Speicher und den umliegenden Ortschaften ein, wo sie bei Gastfreunden wohnen oder die Wirtshäuser füllen. Hier und dort läßt sich einer mit einem tüchtigen Jodler hören, zwischendrein knallen Schüsse, und die Buben lassen Frösche springen oder Petermännchen sprühen. Die ernsteren Männer sitzen beim Glase Wein zusammen und besprechen dies und das, das Gewerbe, den Verdienst und vor allem die Landsgemeinde. Jeder hat die gedruckte Denkschrift in der Hand, in welcher der Landrat die Gesetzesvorschläge, welche in der Landsgemeinde zur Entscheidung kommen sollen, vier Wochen vorher öffentlich vorgelegt hat. Man spricht bescheiden, wie es ehrbaren Männern geziemt, deren Stolz ihre Landsgemeinde ist, und wenn der Fremde Auskunft über diesen oder jenen Artikel verlangt, so wird sie bereitwillig und vollständig erteilt; nur hüte man sich, von der Landsgemeinde vornehm aburteilend oder spöttisch zu sprechen, wenn man nicht unwillkürlich das Feld räumen will. Hat man so dem Gespräche der einen oder der anderen Gesellschaft aufmerksam zugehört, so kann man den Gesetzesvorschlägen so ziemlich ihr Schicksal voraussagen; denn es werden keineswegs alle angenommen. Der Appenzeller will nicht gern etwas Neues und ist gegen die Herren, besonders gegen die »Studierten«, mißtrauisch; er fürchtet nämlich, daß am Ende so viele Gesetze gemacht würden, daß der gemeine Mann gar nicht mehr daraus klug werden könne und alle Einsicht darein verliere, so daß zuletzt die Beamten tun könnten, was ihnen gefiele. Darum wird bei den niederen Gerichten kein Rechtsanwalt geduldet, weil man von diesen Leuten nur Verwirrung in Recht und Gericht befürchtet. Endlich wird es Sonntagmittag; von allen Seiten ziehen jauchzende Trupps heran; jeder ist mit einem Seitengewehr versehen; dieser hat einen Infanteriesäbel, jener einen Galanteriedegen, ein anderer einen Hirschfänger usw. Wenn es schönes Wetter ist, wird die Waffe über die Schulter gelegt und daran Jacke oder Rock getragen. Doch macht sich die neue Zeit auch darin bemerklich, daß dieser schlichte Aufzug mehr und mehr abkommt. Endlich ist alles auf dem schönen großen Platze in Trogen versammelt, wohl 8-10 000 Männer, vom achtzehnjährigen Jüngling bis zum Greise. Im Vordergrunde steht eine Bühne und auf ihr der Landammann im schwarzen Frack, einen aufgeschlagenen dreieckigen Hut auf dem Haupte, den Degen an der Seite; neben ihm steht der Landschreiber und der Landweibel , dieser im schwarz-weißen Waffenrocke, Auch die Trommler und Pfeifer tragen einen Frack, der auf der einen Seite weiß, auf der anderen Hälfte schwarz ist. kurzen schwarzen Hosen und weißen Strümpfen. Auf einer anderen Bühne seitwärts haben die anderen Landesobrigkeiten Platz genommen. Der Landammann eröffnet mit einer kurzen Rede die Landsgemeinde, und die Geschäfte nehmen ihren Anfang. Zuerst wird der neue regierende Landammann gewählt und auf die Bühne geführt; zwei Pfeifer und zwei Hellebardiere begleiten ihn; jene spielen einen alten Marsch auf ihren Pfeifen, die mit silbernen Denkmünzen behangen sind, ein Geschenk des jeweiligen Landammanns; diese machen langsam voranschreitend Platz durch die Menge. Eine gleiche Ehre widerfährt jedem Landrate, der auf die Bühne gerufen wird. Endlich werden die Gesetzesvorschläge der Denkschrift Abschnitt für Abschnitt vorgenommen; der Landweibel, das Sprachrohr des Landammanns, ruft: » Wem's wohlgefällt, daß – – (jetzt wird der betreffende Absatz wörtlich wiederholt) – der hebe die Hand auf !« Augenblicklich fliegen die rechten Hände in die Höhe, wie es scheint, fast alle. Das sind aber zarte, kleine, weiße Hände, denen man es ansieht, daß sie nur das Webschifflein oder den Baumwollfaden handhaben. Kämen da zufällig deutsche Bauernhände darunter, so würden diese sich ausnehmen wie aus knorrigen Eichen geschnitten. Doch es ist seit dem ersten » Mehr « (so heißt die Abstimmung durch die erhobene Rechte) kaum eine Minute vergangen, so ertönt es wieder von der Bühne herab: » Wem's aber nicht gefällt , – – – der hebe die Hand auf !« und zu unserem Erstaunen erheben sich mehr Hände als das erstemal, und der Vorschlag ist verworfen. Sind über einen und denselben Gegenstand mehrere Anträge vorgelegt, so wird einer nach dem anderen ins »Mehr« genommen, was gewöhnlich lange dauert, und oft damit endet, daß alle verworfen werden. Auch dem geübtesten Auge wird es oft schwer, zu entscheiden, für welchen Antrag das Mehr ergangen ist; dann ruft der Landammann zwei Landräte auf die Bühne und läßt noch einmal abmehren . Getrauen sich auch diese nicht, zu entscheiden, welches Mal das zahlreichere gewesen, so werden noch mehrere Räte gerufen, und die Hände müssen längere Zeit in der Höhe bleiben; wenn aber das Mehr immer noch nicht entschieden würde, müßte die Landsgemeinde in zwei Parteien auseinandertreten und Mann für Mann abgezählt werden, wie es vor einigen Jahren in Schwyz geschah, in Appenzell aber noch nicht vorgekommen ist. Nun könnte freilich dieser oder jener einwenden, die Herren auf der Bühne könnten leicht das Mehr als das überwiegende erklären, das ihnen gerade zusagte, denn wer will sie beaufsichtigen? Aber die Männer auf der Bühne haben einen Eid abgelegt, nach Gewissen und guter Treu zu sprechen. Verlöre das Volk sein Vertrauen zu den beeidigten Vorstehern, dann wäre es auch mit der ganzen Landsgemeinde vorbei. Zuletzt werden auch noch die anderen Landesobrigkeiten aus den vorgeschlagenen Männern gewählt, und am Ende wird allen Anwesenden ein feierlicher Eid abgenommen; sie heben die Schwurfinger in die Höhe und geloben bei Gott, die Gesetze und Satzungen des Landes zu halten. Dann geht alles auseinander, die angenommenen Gesetzesvorschläge bilden fortan einen Teil des Landbuches, und noch lange Zeit nachher ist die Landsgemeinde das Gespräch der Männer.   6. Der Vierwaldstätter See und das Rütli. Über den St. Gotthard. Reiseskizzen von A. W. Grube. Leipzig 1871. Der Vierwaldstätter See hat vor allen Alpenseen eine reiche Gliederung voraus, in welcher ihm nur der Luganer See, der auch in seinen malerischen Ufern mit ihm wetteifert, nahe kommt, ohne ihn zu erreichen. Diese Gliederung macht aus dem einen See sieben untereinander verschiedene, mit eigentümlichen Zügen begabte Seebecken. Nordnordwestlich die Luzerner, nordnordöstlich die Küßnachter Bucht; in der Mitte der Kreuztrichter und der Abschnitt zwischen der Zinne und den beiden Nasen – man könnte ihn die Weggiser Bucht nennen; südöstlich die Hergiswyler Bucht und – den Südfuß des Pilatus bespülend – die fast einen besonderen See bildende Alpnacher Bucht. Dann von Westen nach Osten gedehnt die Buochser Bucht, zwischen Gersau und Beckenried, und endlich ganz nach Süden umbiegend der Urner See, in dessen Tiefe das Reußbett plötzlich abfällt. Da darf man es den alten Schriftstellern wie den alten Anwohnern nicht verdenken, wenn sie, bevor die Eidgenossenschaft der vier Waldstätte: Uri, Schwyz und der beiden Unterwalden sich gebildet hatte, diesen See den »großen« (lacus magnus) nannten und den Namen noch lange neben dem neueren des Vierwaldstätter Sees beibehielten. Der See erscheint seiner vielen Buchten wegen viel größer, als er ist, und man erstaunt, wenn man erfährt, daß er im ganzen nur 96 qkm messe. Indem man die Linie von Luzern nach Brunnen als den Stamm und die Alpnacher und Küßnachter Bucht als die beiden Arme betrachtet, gewinnt man die Figur eines etwas verschobenen Kreuzes, dessen Mitte der bekannte » Trichter « ist, der die überraschendsten und mannigfaltigsten Ausblicke gewährt. Am Bürgenstein, dem Südrande der Bucht von Weggis, ist die bedeutendste Tiefe des Sees von 320 m; der Urner See hat nur eine Tiefe von 240 m. Eine Hauptachse wie beim Bodensee, Genfer, Thuner oder Brienzer See läßt sich beim Vierwaldstätter und Luganer See nicht ziehen; die Luzerner und Küßnachter Bucht, der Buochser und Urner See stoßen fast unter rechten Winkeln zusammen, so daß eigentlich verschiedene Becken einer Seengruppe verbunden sind zu einem See. Auch der Lowerzer, der Zuger, der Sarner See gehören dieser Gruppe zu. Eine Fahrt vom Ausfluß der Reuß bis zur Einmündung ist wunderbar wechselvoll und stetig fesselnder. Denn ehe man sich's versieht, hat man die anfänglichen Ufer verloren, neue gewonnen und damit neue Durchblicke und Fernblicke erhalten. Aber auch die Eindrücke steigern sich, werden immer großartiger und überwältigender. In der milden, freundlichen Luzerner Bucht glauben wir uns noch halb in der Ebene, die Bergwelt steht noch in einer gewissen ehrfurchtgebietenden Ferne wie eine zusammengedrängte Masse vor uns. Wir nähern uns dem Kreuztrichter, und nach allen Seiten hin dehnt sich, groß und frei, der Wasserspiegel, die Berge engen ihn nicht ein, sie bilden nur seinen reich geschmückten Kranz. Wir steuern gegen Weggis weiter nach Vitznau und sehen dort in steil ansteigenden Windungen, die an tiefer Kluft kühn den Weg gesucht und gefunden haben, die Eisenbahn zur Rigihöhe aufsteigen. Mehr und mehr empfinden wir die Wucht der Felswände auf beiden Seiten; der See verengt sich zur Breite eines Stromes, wir durchfahren ein Felstor (zwischen den beiden »Nasen«), steuern wieder in ein großes, aber von allen Seiten umschlossenes Becken und schauen auf Beckenried und die herrlichen Bergspitzen des Stollens und Oberen Bauens (1960 m), deren rechte Flanke die üppig grüne Musenalp bildet. Das Schiff wendet sich nach Südwest nach dem Unterwaldner Dorf Buochs , bei welchem die Engelberger Aa Āā, Ā. ahd. aha = lat. aqua, Wasser, vgl. Ache, Salz-ach, Eis-ack. mündet. Wir schauen in die Talweite nach Stanz hinauf, der Hauptstadt des Halbkantons Nidwalden ; dann geht's wieder am grünen Fuße des Buochser Horns östlich nach dem sonnigen Beckenried und wieder nordöstlich quer über den See auf Gersau zu. Hoch oben blickt über die steilen Felswände des Rigiabhangs das Gasthaus von Rigi-Scheidegg herab auf das schmucke Kirchlein, das auf dem äußersten Uferrande steht und von den Wellen des Sees umspült wird. Einen neuen Blick werfen wir nach rechts in das Muottatal, auf die rote Fluh, die Überschiebungsreste des großen und kleinen Mythen, von denen Schillers Berglied singt: Zwei Zinken ragen ins Blaue der Luft, Hoch über der Menschen Geschlechter. Die nackten kahlen Spitzsäulen stellen ein malerisches Gegenbild dar zum Ufer von Beckenried, auf das wir, von Gersau weiterfahrend, noch einen Rückblick werfen. Es ist, als tönte von dort her Alphornklang, um uns auf die grünen Gehänge, auf die mattenreichen hohen Gipfel zu locken, während die Schwyzer Haken und Spitzen uns wie drohend zurückschrecken. Wir fahren an der kleinen Kindlismord-Kapelle vorbei, wo nach einer Sage ein Spielmann sein Kind, das nach Brot schrie, an dem Felsen zerschmettert haben soll; – abermals verengt sich der See zu einem schmalen Durchgange. An der »Treib« tritt der Seelisberg mit einer Landspitze vor, gerade der Muottamündung gegenüber. Wir blicken tief in dies nach Norden hin sich öffnende Tal, das uns mit einem ganz neuen und eigentümlichen Bilde überrascht. Am Fuße der kahlen Mythenstöcke liegt mit seinen weithin zerstreuten weißgetünchten Häusern der Hauptort des Kantons Schwyz, welcher der ganzen Eidgenossenschaft den Namen gegeben. Brunnen ist der Hafen von Schwyz, wie Flüelen der Hafenort von Uri. Das Tal, in das die weit von Osten herkommende Muotta einmündet, ist alter Seeboden; es biegt bei Seewen nach Westen um zum Lowerzer See und weiter über Goldau nach Arth zum Becken des Zuger Sees. Die Gotthardbahn schlägt diesen Talweg ein, der die Rigigruppe im Nordosten umzieht; es ist der Landweg, der von Brunnen nach Küßnacht führt. Diesen Weg läßt die Sage auch Geßler ziehen und ihm vorauseilend Wilhelm Tell. Es lag warme Luft auf See und Tal und warmes Sonnenlicht auf den nackten Felshöhen, so daß sie einen rötlichen Anflug des Lebens gewannen, und dennoch erschien mir die Bergeinfassung streng und ernst. Der Blick konnte bis auf die aus dem Muottatal aufsteigende Höhe des Pragelpasses und auf die Silberen, grauweiße öde Karrenfelder, die im Sonnenlicht wie weißer Firnschnee glänzten, hinüberschweifen. Aber schnell war die Fernsicht verschwunden, eine kleine Wendung des Schiffes, und zwischen der steil abfallenden Bergwand des Axenberges und den nicht minder schroff absteigenden Stufen des Seelisberges streckte sich in majestätischer Ruhe und erhabener Schönheit der fjordartige Urner See. Wohl strahlte ein sonniger blauer Himmel herab auf dieses grüne Gewässer, dessen heller Spiegel nur durch einen leisen Windhauch gekräuselt wurde, und dessen Wassermasse in der mächtigen Felsenumarmung fest und sicher zu ruhen schien. Aber eben diese Bergriesen, die seine Ufer bilden, treten so nahe, so trotzig heran, als wollten sie dem Nachen jedes Anlanden, dem Menschen jede Ansiedelung wehren; sie steigen so senkrecht herab, daß der Blick unwillkürlich an diesen schroffen Uferwänden auch hinab zur Tiefe gleitet und man eine Ahnung gewinnt von dem furchtbaren Anblick, wenn der Sturm diese Tiefe aufwühlt. Wie uns auf hohen Alpengipfeln schwindelt und ein unwiderstehlicher Zug in die Tiefe erfaßt, so ziehen uns die Geister der Wassertiefe hinab, wenn wir ihnen von oben zuschauen und ihrem Reize uns überlassen. Mit wunderbarer Naturtreue hat uns Schiller im Eingange zum Tell ebenso den verlockenden, sinnumstrickenden Reiz der Seenixe gemalt – »es lächelt der See, er ladet zum Bade« – wie den heranziehenden Sturm, den schrecklichen Zorn und das fürchterliche Wüten desselben Sees. Ruodi , der Fischer, spricht zu seinem Buben: Mach hurtig, Jenni! Zieh die Naue ein! Der graue Talvogt kommt, dumpf brüllt der Firn, Der Mythenstein zieht seine Haube an, Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch; Der Sturm, ich mein', wird da sein, eh' wir's denken. Der »graue Talvogt« ist der Föhn, der vom Gotthard durch das Reußtal hinunterstürmt, der mit grauem Höhenrauch Fels und Tal überzieht, den Flanken der Berge lange Wolkenschwerter anhängt und dann mit Herrscherwillkür Tannen entwurzelt, Alpenhütten umstürzt, auf den Hochalpen Lawinen rollt und unten auf dem See das Schifflein in das Wogengetümmel jagt und in die Tiefe stürzt. Eine Schiffersage vom Kreuztrichter berichtet, daß, wenn der Föhn im Anzuge sei, mitten auf dem Spiegel des Sees ein schwarzer Nachen erscheine; darin stehe eine weißgekleidete totenbleiche Jungfrau und winke nach allen Seiten den noch auf der Fahrt befindlichen Nauen. In die Felsspalte des Urner Sees wirft er sich zuerst – Wehe dem Fahrzeug, das dann unterwegs, In dieser furchtbar'n Wiege wird gewiegt! Hier ist das Steuer unnütz und der Steurer, Der Sturm ist Meister, Wind und Welle spielen Ball mit dem Menschen. – Wenn der Sturm In dieser Wasserkluft sich erst verfangen, Dann rast er um sich mit des Raubtiers Angst, Das an des Gitters Eisenstäbe schlägt! Die Pforte sucht er heulend sich vergebens: Denn ringsum schränken ihn die Felsen ein, Die himmelhoch den engen Paß vermauern. Weil Wind und Wetter den See für größere Heeresbewegungen oft unsicher machen, hat man 1863 und 1864 am schroffen Abhange des Fron-Alpstockes und des Axenbergs hin eine Straße angelegt, die von Brunnen bis Flüelen geht und wie der Seearm eine Länge von 2¾ Stunden hat. Ich hatte das Dampfschiff verlassen, um sie zu Fuß zu durchwandern. Schon war es 5 Uhr nachmittags; ich konnte in Brunnen nicht lange verweilen, ging schnell an dem alten Susthause vorüber, an dessen Giebelwand etwas grell, daher weithin sichtbar, zwei Bilder al fresco gemalt sind: Die drei ersten Eidgenossen, ihre Hände zum Schwur erhebend – zum Andenken an den 19. Dezember 1315, an welchem Tage die Urkantone, nachdem sie in der Schlacht am Morgarten glücklich für ihre Freiheit gestritten, den Bundesschwur erneuerten. Das andere Bild stellt zwei schwedische Männer, Swen und Swito, dar, die nach alter Überlieferung, die freilich nicht volle Glaubwürdigkeit hat, aus ihrem nordischen Vaterlande bis an den Vierwaldstätter See gezogen und die Ansiedlung von Schwyz begründet haben sollen. (Vergl. die Rede Stauffachers in Schillers Wilhelm Tell, II, Rütli-Szene.) In Aegidius Tschudis helvetischer Chronik ist S. 276 ff. die Brunner Urkunde zu lesen, und es heißt am Schluß: »Und durch das, daß die vorgeschriebene Sicherheit, und die Gedinge ewig und stäte beliben, so hant wir die Vorgenannten Landt-Lüte und Eidgenossen von Uri, von Schwiez und von Unterwalden unsere Sigele gehenckt an disen Brief, der ward geben zu Brunnen, da man zalt von Gottes Geburte drüzechen hundert Jar, und darnach in dem fünffzehenden Jare, am nächsten Zinstagg nach Sant Niclaus-Tag. Sigillum Communitatis Vallis Uraniae. Sigillum Universitatis in Swites. Sigillum Universitatis Hominum de Stannes, Vallis superioris \& inferioris. Ob und nid dem Walde. Wenige Bündnisse und Eidgelöbnisse haben so gut und so lange sich bewährt wie dieses! Nachdem die Kämpfe gegen Angriffe von außen nachließen, hat es nicht an Reibungen der Kantone untereinander, selbst nicht an Bürgerkriegen gefehlt. Und die Schwyzer, welche die Fahne der Freiheit im Kampfe gegen das Haus Habsburg so mannhaft vorantrugen, sind später oft genug selber Störenfriede geworden – »die Landlüte von Schwiez« wurden recht vornehm und entwickelten sich zu einem eigensinnig stolzen, bevorrechteten Stand. Noch bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts waren unter den 38 000 Seelen, welche das Schwyzer Volk zählte, kaum 15-16 000 staatsbürgerlich frei; diese nannten sich die »gefreiten Landleute«, ihre Wohnsitze hießen das »abgefreite Land«; die Insassen hingegen, die man kastenartig auf gewisse Gewerbe beschränkte und von den Staatsämtern ausschloß, hießen die »neuen Landleute«, waren und blieben Neulinge, mochten sie auch mehrere Jahrhunderte schon im Kanton ansässig sein. Erst als im Jahre 1798 die Franzosen ins Land brachen und man ohne Hilfe der »neuen Landleute« ihnen keinen Widerstand leisten konnte, beschloß die Landsgemeinde, daß sie fortan auch als »gefreite Landleute« angesehen werden sollten. Mit dem Sturze Napoleons erhoben auch die Alteingesessenen in Schwyz wieder ihr Haupt und wollten die Rechte der »sechs äußeren Bezirke« nicht anerkennen; sie widersetzten sich, als im Jahre 1830 die Verfassung aller Schweizer Kantone im freiheitlichen Sinne verbessert wurde und brachten im Jahre 1833 sogar 600 Mann auf die Beine, die einen Angriff auf die »äußeren Bezirke« machten. Da schickte die Tagsatzung eine Truppenmacht von 10 000 Mann ins Land, und die »Herren-Landtlüte« fügten sich. Doch wie in Luzern, so gewannen auch in Schwyz die Jesuiten wieder die Oberhand, bis auch hier Waffengewalt der freiheitlichen Kantone den sonderbündlerischen Geist des Rückschrittes dämpfte. Und schließlich ist aus all den Wirren und Kämpfen eine neue Schweiz erstanden, gesund und tüchtig in ihrem staatlichen, kirchlichen, gesellschaftlichen und gewerblichen Leben – ein Freistaat, der die Einheit des Ganzen mit der Freiheit der Einzelnen zu verbinden wußte. In der neuen Bundesverfassung ist die Eigenherrlichkeit der einzelnen Kantone zum Besten aller beschränkt; der Heeresdienst, das Zoll-, Post, Münz-, Maß- und Gewichtswesen ist einheitlich geordnet, das Recht der freien Niederlassung unter gesetzlichen Formen gewährleistet, jeder Schweizer Bürger gleichberechtigt und sein Anteil an der Wahl des Bundesrats , der die höchste vollziehende Gewalt, und des Bundesgerichts , das die höchste richterliche Gewalt ausübt, gesichert. Der Schweizer Bund wäre längst zerrissen, ein Tummelplatz für die Ränke der Nachbarn, eine Beute der großen Heermächte geworden wie der polnische Freistaat, wenn sich der Einzelwille nicht immer wieder dem Gesamtwillen gefügt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht alle Sondergelüste überwunden hätte. Die alte schweizerische Sitteneinfalt und urväterische Einfachheit ist längst dahin, doch der vaterländische Geist der alten Eidgenossen ist von ihren Nachkommen nicht gewichen, darum hat sich ihr Staatswesen behauptet, darum wird es von den Nachbarn geachtet, darum durften auch die Urkantone mit gutem Gewissen und mit edelster Begeisterung die hundertjährige Gedächtnisfeier unseres großen deutschen Dichters Friedrich Schiller begehen, der in seinem »Tell« die Heldentaten ihrer Vater gefeiert, den echten, lauteren Freiheitssinn der Schweizer verherrlicht und sein unsterbliches Freiheitslied allen Völkern ins Herz gesungen hat, die gleich den Eidgenossen nach Freiheit streben, nach einer Freiheit, die auf Recht und Sitte beruht, die durch Einheit Stärke gibt und dem einzelnen die Unabhängigkeit seines Vorwärtsstrebens sichert. Drüben am Eingang des Urner Sees, Brunnen gegenüber und in gleicher Linie der Mythenstöcke, ragt hart am Ufer eine einzeln stehende, etwa 25 m hohe Felssäule empor. Daran steht in großen vergoldeten Lettern aus Gußeisen die einfache, weithin sichtbare und lesbare Inschrift: » Dem Sänger Tells, F. Schiller, die Urkantone 1859.« Schöner und sinniger ist wohl noch keinem Dichter ein Denkmal errichtet worden, als es hier geschehen! Aber kein Dichter ist auch so wie Schiller ein Dichter des Volkes im höchsten Sinne des Wortes, ein Lehrer, ein Priester und ein Seher gewesen, für alles, was in deutscher Zunge spricht. Ich ging raschen Schrittes zur Axenstraße hinauf, die, nicht hoch über dem See, in die Felswand der Wasiflue hineingesägt ist. Auch hier, wie ich's früher an den Abhängen des Rigi bemerkte, finden sich Blöcke in Menge, die einst von den Granithöhen des St. Gotthard durch den Gletscherzug herabgeschleift worden sind. Gern hätte ich mir noch das auf grünsaftigen Wiesen zwischen üppigen Nußbäumen versteckte Dörfchen Morschach näher angesehen und lieber noch wäre ich zum Axenstein, dem neuen schloßartigen Kurhaus aufgestiegen, von dessen Vorbau der Blick auf beide Seearme, den Urner und Buochser See bis zum Pilatus hin und in Vorblick links auf den Uri-Rotstock und Blackenstock von überwältigender Schönheit sein soll. Aber wenn ich noch vor dem Dunkelwerden in Flüelen eintreffen und unterwegs zur Tellplatte hinabsteigen wollte, durfte ich nicht säumen. War doch der Uri-Rotstock auch von der Axenstraße gesehen eine landschaftlich so herrliche Erscheinung, daß vor diesem König des Urner Sees selbst das Bild des Pilatus, der den Vierwaldstätter See bis Brunnen beherrscht, in den Hintergrund trat. Schon auf meiner Rigifahrt hatte ich diesen Uri-Rotstock lieb gewonnen und den Blick auf ihn für den schönsten Genuß der Rigiaussicht erklärt. Obwohl er nicht die Höhe der Häupter des Berner Oberlandes erreicht (2710 m), so ist er durch seine zusammengeballte, gewaltige, scharf aufsteigende Masse, durch die vielen Zacken seiner Krone, zwischen denen in schön geschwungener Wellenlinie ein großes Becken für die Schnee- und Gletscherfelder, die auf seinem Haupte ruhen, sich eingebogen hat, einer der schönsten Berge, die ich kenne. Leider umlagerten nach dieser Seite hin Wolken die Gipfel, und der Blick senkte sich nun um so öfter nach unten zur Wiege der schweizerischen Freiheit, dem Rütli oder Grütli , Verkleinerungsform von Rüti, Reute; das G ist nur eine Verstärkung des Anlautes. der grünen Wiese, die wie eine kleine Oase am unwirtlichen steilen Ufergelände erscheint, heimlich und anheimelnd. Sie schaut nach Brunnen und den Schwyzer Bergen hinüber und am selben Ufergelände, in das sie sich einbuchtet, auf den Mythenstein, der als ihr Wächter und Schildknappe am Eingange des Sees steht. Es ist die geweihte Stätte, auf der nach der Sage in der Nacht vom 7. zum 8. November 1307 Walther Fürst aus Attinghausen in Uri, Werner Stauffacher aus Steinen in Schwyz und Arnold ab der Halden aus dem Melchtal in Unterwalden mit dreißig Gesinnungsgenossen den Bundesschwur leisteten, dem Schiller so markige und eindringliche Gestalt gegeben hat: Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr. – Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, Eher den Tod! als in der Knechtschaft leben. – Wir wollen trauen auf den höchsten Gott, Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen. (Teil II, 2.) Drei Quellen rieseln aus der Bundeswiese hervor – nach der zartsinnigen, bedeutende Stätten heiligenden Sage dort, wo die drei Eidgenossen standen. Im Jahre 1859 veranstaltete die schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft eine Sammlung bei der gesamten Schweizerjugend, welche reichlich und wetteifernd beisteuerte, so daß die Bundeswiese als unveräußerliches Volkseigentum angekauft werden konnte.   7. Über und durch den St. Gotthard. Von A. W. Grube. Ein neues Wunder ist der Welt beschieden, Ein Friedenswerk im Schweizer Alpenland, Es tönt der Wagen mit dem Feuerbrand Im Gotthard, einend, was bis jetzt geschieden! Müller v. d. Werra . Der Vierwaldstätter See mit seinem Ufergebiet hat nun, da der riesige Granitwall durchbohrt ist, der die deutsche Schweiz von der welschen Schweiz und von Italien trennt, verdoppelte Anziehung erhalten, aber auch, anstatt für viele das Endziel zu sein für eine Schweizerreise, sich in eine Durchgangsstraße verwandelt, deren Endpunkte in Mailand und Florenz, am Adriameer und am Busen von Genua liegen. Nordsee und Mittelmeer, Deutschland und Italien sind sich um ein Vielfaches näher gerückt. Die rauhe Jahreszeit wird nicht mehr wie früher den Güterverkehr hemmen, und selbst für den Personenzug werden die Jahreszeiten nicht mehr so scharf bezeichnete Scheidungslinien bilden. Der Strom der Vergnügungsreisenden, die von den Ufern des herrlichen Sees zu den herrlichen Bergen des Berner Oberlandes eilten, brach sich gleichsam an den nördlichen Abhängen der Hauptalpenkette; es kostete den meisten zu viel Mühe, Zeit und Geld, um die über den Kamm des Hochgebirges führenden Straßen zu überschreiten, die italienische Schweiz und weiter die Gefilde der Lombardei zu besuchen. Lawinen und Schneestürme im Winter und Frühling, Glatteis im Herbst, und oft schon im September Schneewehen und rasende Stürme machten die Reise über den Gotthardpaß nicht nur für den Fußgänger, sondern auch für den im Postwagen und Schlitten wohlverpackten Fahrgast zu einem gefährlichen Unternehmen. Wie ein reißender Fluß oder ein stürmisches Meer mit Felsenriffen, wie die wasserlose heiße Sandwüste forderte der St. Gotthard alljährlich seine Opfer an Tier- und Menschenleben. Die gefährlichsten Stellen des Passes waren und sind die Felsenschlucht der Schöllinen, die bis zu der merkwürdigen Stelle hinaufzieht, wo die Reuß aus dem Urserental durch einen schmalen Felsspalt hervorbricht und die alte und neue Teufelsbrücke über das wild aufschäumende, in die Tiefe hinabstürzende Gewässer sich wölben; ferner der steile Aufstieg von Hospental an der Roduntaly vorüber zur Paßhöhe, ein Tummelplatz für die »Guxete«, jene schrecklichen Schneestürme, die bei Nordwind an der Südseite, bei Südwind an der Nordseite des Paßsattels am heftigsten toben und die feinen Eis- und Schneekristalle in einen so unwiderstehlichen Wirbeltanz versetzen, daß Menschen und Tieren Hören und Sehen vergeht; und drittens die vom jungen Tessinfluß durchrauschte Felsenge. Der steile Absturz vom Gotthardhospiz nach der Südseite des Gebirges ist zwar durch kühn übereinandergemauerte »Kehren« und Schlangenwindungen überwunden, dann aber kommt ein Engpaß, der von beiden Seiten durch Lawinenstürze bedroht ist, die von den steilen Felshängen herabdonnern und die Straße verschütten. Das ist das schon in seinem Namen abschreckende Val tremola (Tal des Zitterns), vom deutschen Schweizer auch »Trümmelntal« genannt. Von Flüelen, dem Anfangspunkt der Gotthardstraße, bis nach Göschenen hinauf fährt man noch bequem genug; dann aber beginnen die wilden Berggeister Menschen und Tieren ihre Schwäche fühlbar zu machen. Wenn alles gut ging, brauchte der wohlbespannte Eilwagen von Göschenen bis nach Airolo, dem ersten Halt am Südabhange des Gebirges 5-6 Stunden; jetzt fliegt die Lokomotive in 30-35 Minuten durch den schwülen Tunnel. Während oben in den Talschluchten und auf den Felsenhöhen eisige Stürme toben und meterhohe Schneemauern auf der Poststraße den Weg sperren, schließt der in gerader Linie tief unten dahineilende Insasse des Dampfwagens behaglich die Augen, um von der Sonne Italiens, von den Myrten- und Lorbeerbüschen am blauen Langensee zu träumen. Wie tanzende Irrlichter huschen die brennenden Lampen an ihm vorüber, das feuchte Steingewölbe, an das die Rauchmassen der Lokomotive anrennen wie gefangene Bestien an die Gitterstäbe ihres Käfigs, glitzert unheimlich, und der Gedanke an die furchtbare Möglichkeit, daß ein Stein aus der Wölbung sich lösen und den ganzen Zug verschütten könnte, beengt die schwerer atmende Brust. Doch schon dringt in das blinzelnde Auge ein tröstliches Dämmerlicht, ein lichter Punkt zeigt sich in der Ferne, rückt näher und wird größer, eine kleine Biegung, und die Ätherwellen des holden Himmelslichtes umfangen den Reisenden und füllen sein Herz mit neuer Hoffnung und frischem Reisemut. Der Bahnhof von Airolo, an der Südmündung des Riesentunnels, etwas höher als die Pforte von Göschenen gelegen (1145 m über dem Meeresspiegel – Göschenen 1109 m), ist erreicht, und nun geht es mit dem talabwärts zum Langensee eilenden Tessin um die Wette und seine Schnelligkeit weit überholend durch das enge, aber reizende Livinental (Val Leventina) mit seinen malerischen Felswänden, grünen Matten und wilden Sturzbächen, über kühne Felsgalerien und Dämme, durch zahlreiche kleinere Tunnel nach Bellinzona, wo die Bahn sich teilt und sich einerseits zum Langensee (Magadino, Luino mit Zweigbahn nach Locarno), andererseits zum Luganer See wendet. Die ebenso großartige als reizende und liebliche italienische Schweiz ist nun dem Vierwaldstätter See, diesem Kern der deutschen Urkantone, so nahe gerückt, daß selbst zur Winterszeit, wenn auf der Nordseite rauhe Nord- oder Ostwinde über die schneebedeckten Fluren stürmen, Vergnügungsfahrten an die oberitalienischen Seen unternommen werden können; man hat Sonderzüge nach den borromäischen Inseln und Belaggio mit Rück- und Rundreisekarten eingelegt, und mancher Brustkranke, der die Fahrt über den Alpenpaß nicht wagen durfte, kann nun vorzugsweise zur Winterszeit der milden Luft Italiens sich erfreuen. Ein italienischer Rigi, der Monte Generoso, läßt von seinen Felskuppen die große Alpenkette nordwärts in einem von Montblanc bis zum Ortler ausgespannten Bogen überschauen, während zu den Füßen die Spiegel der oberitalienischen Seen erglänzen und südwärts das »Maienland« der Vorfahren, die lombardische Ebene – die fruchtbare, aber auch blutgetränkte – sich dehnt. Jahrhundertelang sind auf der ganzen Gotthardlinie blutige Kämpfe ausgefochten worden. Noch an der Scheide des vorigen Jahrhunderts tobte hier der Kampf zwischen Russen und Österreichern einerseits und Franzosen andererseits, die um den Besitz des Passes rangen. Vor vier Jahrhunderten stürmten, um die ins Livinental vordringenden Herzöge von Mailand zurückzuschlagen, die kampflustigen Bauern aus Uri und Unterwalden und Schwyz über den rauhen Gotthardpaß, ließen aber auch die befreiten Tessiner hart genug die Obmacht der sieghaften Eidgenossen empfinden, und erst durch die französische Revolution und Napoleon ward der Kanton Tessin seinen früheren Herren ebenbürtig. Jetzt, da ein einiges Italien erstanden ist, zieht es die italienischen Schweizer wieder südwärts. Das Opfer aber, das die deutschen Kantone durch Erbauung der Gotthardbahn brachten, ward nicht zum kleinsten Teile bestimmt durch die Hoffnung, daß die Eisenschiene ein neues festes Band werden möge zwischen deutscher und welscher Schweiz, wie sie ja auch die beiden Großmächte, Italien und Deutschland, die durch die politische Einigung im Dreibunde näher zusammengeführt wurden, durch den friedlichen Handelsverkehr fester verbindet. Freilich trägt die Eisenschiene ebenso willig die Kanone wie den Güterwagen. Dennoch aber hilft sie mächtig dazu, daß, wie die räumlichen Entfernungen schwinden, so auch die Völker sich kennen lernen und lieber freundlich als feindlich miteinander verkehren. Nicht unbesonnen und zwecklos haben Italien und das Deutsche Reich ihre Millionen beigesteuert, ohne welche die Gotthardbahn nimmer zustande gekommen wäre. Lag es in ihren politischen Absichten, eine von Frankreich und Österreich völlig unabhängige Linie zu gewinnen, so sprechen nicht minder gewichtige gewerbliche und Handelsgründe zugunsten der durch die Mitte der Schweiz und die Hauptkette der Alpen führenden Gotthardbahn, welche die Häfen der Nordsee, die gewerblichen Rheinprovinzen, Baden und Württemberg in jenen großen Strom des Handelsverkehrs faßte, der über Basel und Zürich in die lombardische Tiefebene, nach Mailand und nach Genua, dem größten italienischen Mittelmeerhafen, führt. Hätte man statt des Gotthard den Lukmanier gewählt und durch diesen den Durchbruch bewerkstelligt, so hätten wohl die Ostschweiz, namentlich das gewerb-fleißige St. Gallen und das weniger bedeutende Chur, auf deutschem Boden Augsburg und Ulm gewonnen; aber die Rheinlinie ist recht eigentlich die des Gotthard. Sie umfaßt im Norden nicht nur Holland und Belgien, Bremen und Hamburg, durchzieht dann nicht bloß die Rheinlande, die großen Handelsplätze: Köln, Frankfurt, Mainz, Mannheim berührend, sondern sie stößt auch in der Schweiz auf die bedeutendsten Plätze: Basel, Bern, Zürich, sodann Schaffhausen, Winterthur, Luzern, und schließlich hat sie auch Genua in den Stand gesetzt, den Wettkampf mit Marseille zu bestehen. Merkwürdig und doch wieder aus der günstigen Mittelstellung der Gotthardeinsattelung leicht erklärlich: kein Paß hat wie der St. Gotthard den Zugang der Menschen von Norden wie von Süden her so erschwert, und keiner hat es schließlich allen seinen Mitbewerbern so zuvorgetan. Die Römer mögen ihn immerhin gekannt und unter den leeren Namen »Adula«, und »lepontische Berge« diese Region bezeichnet haben; doch sie benutzten ihn nicht, weil der Auf- und Abstieg zu viel Schwierigkeiten bot. Ihnen dienten der Julier und der Splügen als Übergänge zum Rheintal, nach Vindelizien und in die nördliche Schweiz; und über diese Pässe ging auch im Mittelalter eine vielbesuchte Heerstraße. Nach Germanien zogen die Römer über den Brenner, und diese wenig hohe, von Lawinen nicht gefährdete Brennerstraße bildete auch im Mittelalter die große Verbindungslinie zwischen Venedig und den deutschen Reichsstädten. Daß aber während des Mittelalters auch der Gotthard nicht unbekannt und unbenutzt war und schon von den Langobarden zu Einfällen nach Italien benutzt wurde, dafür scheint der bei Hospental nahe der Reuß auf einem Hügel erbaute Turm zu sprechen, gleichwie auf der Südseite unterhalb Airolo am Engpaß von Stalvedro Ruinen eines langobardischen Marmorturmes, casa dei pagani (Heidenhaus) genannt, stehen, welche die freilich ganz unverbürgte Sage auf den König Desiderius (774) zurückführt. Die alte Gotthardstraße war sehr holpricht und blieb es auch, als man, nachdem sich der Bund der vier Waldstätte zum Bunde der acht alten Orte (1353) erweitert hatte, einen 3–5 m breiten Saumpfad anlegte, der an vielen Stellen gepflastert ward. Die Warenballen und Fässer wurden auf starkknochige, eigens dazu geübte Packpferde oder auch Maultiere geladen, über deren Rücken ein langer hölzerner Sattel gelegt war, auf dessen beiden Seiten man das Gepäck im Gleichgewicht aufhing (Vergl. S. 216). So poetisch ein solcher hoch im Nebel der Wolken daherkommender Zug von Saumrossen, die mit ihrem Geläut die erhabene Stille des Hochgebirgs belebten, den von ferne zuschauenden Reisenden berühren mochte: so war doch das Leben der Säumer wüst und roh. In stetem Kampf mit den Hindernissen und Gefahren, die ihnen eine übermächtige Natur entgegensetzte, wurden sie unwirsch und jähzornig, gewöhnten sich ans Fluchen und an den Trunk und brachten ihr Leben selten hoch. Bei günstigstem Wetter brauchten sie, um von Flüelen nach Bellinzona zu gelangen, vier Tage! Doch gehörte der Gotthardpaß zu den besuchtesten, und am Ende des 18. Jahrhunderts und zu Anfang des 19. zogen alljährlich etwa 16 000 Reisende und Amtspersonen über den Gotthard und 9000 Saumtiere. Die Zolleinnahmen Uris auf seinen drei Zollstätten betrugen durchschnittlich im Jahr 20 000 Gulden. Das 19. Jahrhundert brachte aber auch für die Alpenübergänge eine neue Zeit. Das Genie und der starke Wille Napoleons schuf neue Kunststraßen in den Alpen, wenn auch nur zu kriegerischen Zwecken. Die prächtige, im Jahre 1801 begonnene, 1806 vollendete Simplonstraße machte den Anfang; dann folgten die zu breiten Straßen ausgebauten Linien über den Splügen und Bernhardin (1818 und 1819); unter Kaiser Franz von Österreich ward 1822 die sichere und bequeme Straße über das hohe Stilfserjoch gebaut zur Verbindung Tirols mit der Lombardei. Da sank schnell der Handelsverkehr der Gotthardlinie und nötigte die Kantone Uri und Tessin, mit dem Bau einer breiteren, auch von den schwersten Frachtwagen sicher zu befahrenden Kunststraße nicht länger zu zögern. In den Jahren 1820–24 und 1828–30 ward das große Werk vollendet, ein ehrendes Denkmal für die Tatkraft und Opferwilligkeit der wenig bemittelten Bürger Uris; denn die 19 großenteils armen Gemeinden des Bergländchens hatten die Summe von 1 260 000 Franken aufzubringen. Im Jahre 1830 spannte man, 32 m über den Sturzwellen der aus dem Urserental hervorbrechenden Reuß, den kühnen Brückenbogen ob der alten »Teufelsbrücke«, welche bereits dem staunenden Volke so wunderbar erschienen war, daß sie nur mit Satans Hilfe fertig geworden sein konnte. Die neue Teufelsbrücke erhielt einen bequemen Zugang durch die an der Felswand aufgemauerten Rampen. Wenige Schritte aufwärts gelangt man an jenen Spalt zwischen Kilchberg und Teufelsberg, durch den die Reuß ein Ausfalltor gewonnen hat. Da am senkrecht abstürzenden Felsen keine Straße hergestellt werden konnte, hing man in Ketten einen Balkenweg über den Strom, die »stäubende Brücke« genannt, weil sie der Wasserstaub des Reußfalles immer naß erhielt. Aber noch mehr! Um festen Boden für den Durchgang zu gewinnen, hatten die Bewohner des Urserentals durch den ausgezeichneten Straßenbaumeister Peter Moretini im Jahre 1707, als anderwärts noch niemand an solche Felstunnels für Straßenanlagen gedacht hatte, den Kilchberg in einer Länge von 66 m durchbohrt. Dies ist das berühmte »Urner Loch«, die Eingangspforte aus der wilden Schlucht der Schöllinen in das grüne obere Urserental mit dem Hauptorte Andermatt. Dieses Felstor wurde nun auf 6 m Breite erweitert. Ähnliche kühne Bauten wurden auch am Südabfall des Passes in den Felsschluchten des Tessinflusses ausgeführt und erregten die Bewunderung der Reisenden, deren Zahl sich schnell wieder hob, so daß die Gotthardstraße es im Verkehr am weitesten brachte. Im Jahre 1874 überschritten etwa 72 000 Postreisende den Gotthard. Am Fuße des Berges, in Andermatt, unterhielt die Posthalterei 150 Pferde. Oftmals wurden 50 Pferde zu einer einzigen Post benutzt. Die Warenballen mußten aber fast 9 Monate im Jahr auf Schlitten verteilt werden, und wenn diese nicht mehr fahren konnten, ward die Post von Menschen befördert, die Gefahr liefen, in den Schneemassen umzukommen. Doch das Kulturleben schreitet mit Siebenmeilenstiefeln! In demselben Jahr 1830, als die obere Teufelsbrücke am Gotthardpaß vollendet ward, befuhr Georg Stephenson mit der von ihm erfundenen Lokomotive die Eisenbahn von Liverpool nach Manchester; bald, nachdem Fürth-Nürnberg und Leipzig-Dresden den Anfang gemacht, hatte die Eisenschiene in den Ebenen Deutschlands, Österreichs und selbst der Schweiz den Sieg über die Kunststraße (Chaussee) davongetragen, und je leichter man die Steigungen und Senkungen des Hügellandes überwand, desto näher trat der Gedanke, es auch mit Alpenbahnen zu versuchen. Österreich machte den Anfang im Ostflügel der Alpen mit der Überschienung des Semmerings (975 m) an der Grenze der Steiermark, im Jahr 1853, deren kunstvoller Bau noch bei weitem durch die Brennerbahn in Tirol übertroffen wurde (1367 m). Sie ward am 24. August 1867 eröffnet. Aber die Pässe der Mittelalpen und Westalpen steigen viel höher auf – die Paßhöhe des Gotthard beträgt 2114 m –, und an eine Überschienung konnte wegen der Schneemassen im Winter, der höheren Kämme und steileren Abstürze nach Süden nicht gedacht werden. Mit kleineren Tunnels war da nicht mehr zu helfen; an die Der St. Gotthard-Tunnel. Stelle des Überfahrens (Überschienens) mußte das Unterfahren treten. Es galt den Gebirgskamm selber zu durchbohren und vor der Sprengung eines meilenlangen Riesentunnels nicht zurückzuschrecken. In den Westalpen Savoyens ward zuerst das Wagnis unternommen und glücklich ausgeführt. In der Christnacht des Jahres 1870 sank die letzte Scheidewand des Mont-Cenis-Tunnels, der im Jahre 1857 im September an beiden Enden mit Handarbeit begonnen, dann aber durch Bohrmaschinen gefördert, nach 13 Jahren und 3 Monaten zur Vollendung kam. Seine Länge beträgt 12 200 m, die Breite 8 m, die Höhe 6 m; er ist fast ganz ausgemauert. In 25 Minuten fährt die Lokomotive ihre Wagenzüge hindurch. Die reichen technischen Erfahrungen, die man bei diesem Wunderbau gesammelt, sollten einem größeren Unternehmen zustatten kommen. Sobald Deutschland den Krieg mit Frankreich glücklich beendet und Italien auch mit Österreich Frieden geschlossen hatte, ward der längst gehegte, reiflich erwogene, zwischen den drei Staaten Schweiz, Italien und Deutschland vereinbarte Plan einer Gotthard-Eisenbahn zur Ausführung gebracht. Das Hauptstück dieser Bahn, von dessen Vollendung Sein oder Nichtsein des ganzen Baues abhing, ward 1872 in Angriff genommen; in Airolo begannen die Bohrarbeiten am 1. Juli, in Göschenen schon am 4. Juni und trotz erheblicher Störungen durch Wasserzudrang und ein lockeres Gesteinsfeld in der Mitte des Tunnels, durch den Ausstand der italienischen Arbeiter in Göschenen (27. und 28. Juli 1875), wobei das Urner Militär einschreiten mußte, sodann durch den Brand von Airolo (17. September 1877) – konnte schon am Schalttage des Jahres 1880 der Telegraph aller Welt die frohe Botschaft verkünden, der Durchstich sei gelungen; die Richtstollen von Airolo und die von Göschenen trafen sich am 29. Februar, mit einer seitlichen Abweichung von nicht ganz 20 cm, während die Abweichung der Sohle nicht einmal 10 cm betrug, nach einer Arbeitszeit von 7 Jahren und 5 Monaten, also fast der Hälfte der Zeit, welche der Cenistunnel gekostet hatte. Und doch übertraf der Gotthardtunnel diesen um 2700 m; denn er hat 14 920 m Länge. Täglich waren an dem Bau 3412 Arbeiter beschäftigt gewesen; die Handbohrung betrug für den Tag 0,65 m, die Maschinenbohrung dagegen auf italienischer Seite 2,05 m, auf schweizerischer Seite 2,56 m. »Die für die Beschleunigung der Arbeit wirksamsten Gründe – so äußert sich ein gewiegter Physiker und Techniker, der sich um die Verbesserung der Bohr- und Lüftungsanlagen die größten Verdienste erworben, Prof. D. Colladon in Genf – waren die außerordentlich glückliche Verbindung der Eindämmung der Wildbäche und der Ausbeutung des in Wasserleitungen gesammelten Wassers als Bewegungskraft für die Turbinen, welche sehr hohen Fall benützten; die Herstellung von Luftverdichtern nach einer neuen Bauart, die mit großer Schnelligkeit arbeiteten; die Erkältung der Luft, die im Augenblick, wo sich diese durch Zusammenpressung in den Zylindern erhitzte, mittels Einspritzung zerstäubten Wassers erzielt wurde; die Anwendung des Dynamits als Sprengstoff; die zahlreichen und höchst wichtigen Verbesserungen an den Bohrmaschinen und ihren Gestellen; der von Anfang an vom geschickten Unternehmer L. de Favre aus Genf festgehaltene Entschluß, die Richtstollen in der First vorwärts zu treiben, sein gesunder Menschenverstand, seine hohe Einsicht, Erfahrung und unerschütterliche Tatkraft – das waren die wesentlichen Grundlagen, welche gestatteten, die Arbeiten im Tunnel des Gotthard mit einer Schnelligkeit vorwärts zu treiben, welche diejenige im Mont Cenis um mehr als das Doppelte übertraf.« Der tüchtige Favre sollte die Vollendung seines Werks leider nicht erleben, er starb wie ein Krieger auf dem Schlachtfelde, mitten in seiner Arbeit im Tunnel, am 19. Juli 1879, vom Schlage getroffen. Noch manches Menschenleben mußte den Mächten der Tiefe geopfert werden; bleich und abgezehrt kehrte mancher Arbeiter aus der Tiefe zurück, der frisch und munter sein heißes Werk begonnen hatte. Die Ausdünstungen von Menschen und Tieren, die Sprenggase des Dynamits, die nach der Mitte des Tunnels sich derart steigernde Hitze, daß den fast nackten Menschen der Schweiß vom Leibe rann, konnten in ihrem verderblichen Einfluß auf die Gesundheit nur mühsam durch stete Luftzufuhr mittels der Verdichtungszylinder gemildert werden. Noch bevor der Tunnel völlig ausgebaut war, beförderte man schon die Post auf seinen Eisenschienen. Die erste Postfahrt ward am 21. Dezember 1880 versucht und glücklich ausgeführt. Sie dauerte freilich noch volle vier Stunden. Menschliche Kunst und Wissenschaft, aber auch menschliche Tatkraft hatten da einen Sieg errungen, wie ihn weder Altertum noch Mittelalter jemals kannten. Schon der Aufriß eines solchen Tunnels, obwohl er nur aus ein paar geraden Linien auf einem Blatt Papier besteht, muß dem Nichteingeweihten wie ein Wunder erscheinen. Zwei Punkte auf entgegengesetzten Seiten eines Gebirgszugs werden festgelegt, nach ihrer Meerhöhe gemessen; dann einige wenige, weithin sichtbare Bergspitzen oder Felswände auserwählt, auf die man ein farbiges Fähnlein pflanzt, das als Augenpunkt dient. Mit Hilfe eines sehr einfachen Meßgeräts, des Theodoliten, Er besteht im wesentlichen aus einem Fernrohr, das um die Achse eines senkrecht gestellten Kreises gedreht werden kann, auf dem die Winkelgrade verzeichnet sind. werden einige Dreiecke verzeichnet, es wird die Grundlinie gezogen und das Pendel gefällt, und nun bestimmt man genau die Richtungslinie des Stollens nach ihrer Länge und ihrer wagerechten Hebung oder Senkung. Um von der geraden Richtung nicht abzuweichen und zugleich eine etwa nötige Biegung genau bestimmen zu können (vor Airolo geht der Tunnel in einer nach Osten abbiegenden Krümmung aus) – trieb man in Göschenen dem Tunneleingang gegenüber einen kleinen Stollen in den gegenüberliegenden Felsen. Indem man von dort aus vermittels des Theodoliten nach einem im Tunnel befindlichen Licht äugte, erhielt man eine Linie, deren Endpunkte im Drehpunkte des Theodoliten und im Lichte lagen. Tag für Tag mußten die Berechnungen und Vermessungen fortgesetzt werden, um die durch den Aufriß bestimmte Linie genau einzuhalten, nicht tiefer, nicht höher das Gestein abzusprengen, als der Riß vorschrieb. Von oben, dem Firststollen, ging man nach unten, zur Sohle des Tunnels und arbeitete ihn zur bestimmten Tunnelweite aus. Die Bohrmaschinen, von zusammengepreßter Luft in Bewegung gesetzt, hieben mit ihren Stahlmeißeln so wuchtig in das harte Gestein wie ein Röhrenbohrer in den Tannenstamm. Das harte Urgestein des Gotthardstocks, bestehend aus Granit, Gneis, Glimmerschiefer, erwies sich für die Bohrung viel günstiger, als die weicheren Schichten. Die oben erwähnte »böse Stelle«, auf welche die Arbeiter Ende 1879 stießen, war glücklicherweise nur von geringer Mächtigkeit. Ihr Druck war anfangs so furchtbar, daß meterdicke Verbolzungen zermalmt wurden. Hie und da stürzten aus Felsspalten sich kreuzende Wasserstrahlen mit solcher Gewalt, daß sie die Arbeiter niederwarfen! Am Südhange fanden sich zerklüftete Glimmerschiefer mit Letteneinlagerungen, welchen das Wasser entströmte, so daß die Arbeiter oft knietief im Schlamm stehen und waten mußten und häufig erkrankten. Die Zahl der Bohrlöcher, in welche die sprengende Dynamitpatrone gesteckt wurde, wird auf 320 000 berechnet, die der verbrauchten Bohrer auf 1 650 000 und des verbrauchten Dynamits auf 490 000 Kilogramm. 1 450 000 Wagen führten den Abraum zutage. Die Baukosten des Riesentunnels belaufen sich auf 40 Millionen Mark; er hat also trotz seiner größeren Länge 25–30 v. H. weniger gekostet als der Tunnel des Mont Cenis. Wie dieser hat er ein Doppelgleis. Seine Auswölbung ward mit größter Sorgfalt ausgeführt; große Strecken sind mit keilförmigen Granitstücken gewölbt. In die Tunnelhöhle ist ein Kanal geschnitten, welcher etwa eindringende Wasser abzuleiten bestimmt ist. In schnurgerader Linie zieht er von Göschenen bis nahe vor Airolo, wo er zum Bahnhof hin den kleinen südöstlichen Bogen macht. Diese Linie teilt sich in zwei Hälften, eine größere aufsteigende und eine etwas kleinere absteigende; nur der Scheitel hat eine kurze wagrechte Strecke von 180 m Länge. Er geht unter Andermatt, dem St. Annagletscher und Gemsstock (2977 m), der höchsten Erhebung über dem Tunnel, hindurch, läßt die Gotthardstraße rechts, den Blauberg links. Die Straße über den Gotthard ist nun still geworden! Das Rollen des vollbesetzten Postwagens, der Peitschenknall des Frachtfuhrmanns, der Schellenklang der Saumrosse läßt sich selten mehr hören! Die Wirte von Andermatt, Hospental und vom Hotel Monteprosa am Hospiz oben müssen bitter genug die Schädigung empfinden, die der Tunnel tief unter ihnen verursacht. Das Hospiz selber, das Hunderten armer Arbeiter eine warme Suppe und ein Nachtlager bot, Vom 1. Oktober 1879 bis 1. Oktober 1880 wurden an 18 024 arme Reisende aus aller Herren Länder 70 395 Speisungen samt verschiedenen Kleidungsstücken unentgeltlich verabreicht. ist fast unnötig geworden. Für die ganze 80 km lange Gotthardbahn, die sich von Flüelen am Vierwaldstätter See bis nach Biaska im Tessintal erstreckt, bildet der große Tunnel den Scheitel. An diese Bergbahn schließen sich die Anschlußbahnen, welche ihre Verbindung mit den Linien der Schweiz und Italiens herstellen. Sie eröffnen den Fahrenden die schönsten Landschaftsbilder. Auf der nördlichen Rampe berührt der Zug Arth und die reizenden Ufer des Zuger Sees, fährt über drei Brücken und durch zwei Tunnel nach Goldau, kreuzt das Trümmerfeld des Bergsturzes von 1806 und die Bergbahn Arth-Rigi, dampft im Anblick der beiden Mythen-Kegel am Lowerzer See vorbei über Schwyz nach Brunnen an den prächtigen Urner See, der ihm eine Bergumgebung eröffnet, wie sie in solcher Herrlichkeit nur einmal vorhanden ist. Mit Hilfe von 9 Tunnels und 4 Überführungen, bald über, bald unter der Axenstraße, gelangt er nach Flüelen in die Talsohle der Reuß. Im ganzen mußten außer dem Scheiteltunnel noch gebaut werden: 9 Überführungen, 48 Brücken, 8 Galerien (die längste von 275 m bei Biaska), 7 Kehr- oder Schraubentunnels (der längste von 1557 m bei Fiesso) und 52 geradlinige Tunnels, darunter 6 von mehr als 1000 m Länge. Anfang August 1883 war auch das zweite Schienengleis fertiggestellt, und es kreuzten sich fortan täglich 6 Züge, darunter die Mittagsschnellzüge, innerhalb des Tunnels. Die Bahnüberwachung im Gotthardtunnel geschieht in der Weise, daß zweimal vormittags und zweimal nachmittags mit Abgang des betreffenden Bahnzuges je ein Tunnelwärter die Bahnhöfe Göschenen und Airolo verläßt, den Tunnel bis zur Mitte begeht und nach ein- bis zweistündigem Aufenthalt den Rückweg antritt. Zu einer solchen Begehung hin und zurück braucht der Wärter ungefähr acht Stunden. Jeder Tunnelwärter ist mit einer ledernen Umhängetasche, mit Knallsignalbüchse, Handhammer, Bolzenschlüssel, Handsignal, Laterne und Kontrollbuch ausgerüstet.   8. Ein Bergsturz im Kanton Schwyz. Quelle: von Berlepsch, Die Alpen. Jena 1885. H. Costenoble. »Ein Ruffi ist gegangen im Glarner Land, und eine ganze Seite vom Glärnisch eingesunken« – diese Worte aus dem »Tell« sind bezeichnend für die Alpenwelt. Erdrutsche und Bergstürze ereignen sich dort nur allzu oft und zerstören die Talkultur des Menschen. Am 2. September 1806 vernichtete ein gewaltiger Bergsturz die Ortschaften Goldau, Rötten, Busingen und Lowerz im Kanton Schwyz binnen wenigen Minuten. Der seit alters über diese Dörfer emporragende Roßberg, scheinbar für die Ewigkeit gegründet, begrub sie unter seinem Schutte. Schon 1804 und 1805 hatte es in jener Gegend nicht an Regentagen gefehlt, doch die gewaltigsten Regenmassen in wolkenbruchartiger Form brachte der Hochsommer und besonders der endende August und 1. September 1806. In tiefe Schwermut versunken erschien die zu reich getränkte Pflanzenwelt, während die Rollsteine wie blank gewaschen dalagen und die Bergwasser in willkürlich gegrabenen Rinnen hinabpolterten, Steinschutt und Ackerschicht mit sich hinabführend. Die Gipfel der Bergriesen waren unsichtbar, Wolken hüllten sie ein wie Schleier. Trübe war die Stimmung der ganzen Natur in Goldau am Vormittag des 2. September, als der Regen plötzlich aufhörte. Schon am Morgen bemerkten Leute am östlichen Teile des Roßbergs frische, weitklaffende Risse im Erdreich, hörten zuweilen ein Knattern wie von Kleingewehrfeuer und sahen ununterbrochen Nagelfluh Fluh = Felsen. Nagelfluh , weil die Kalksteingerölle dieses Trümmergesteins aus dem gelblichen Sandsteinkitt wie Nagelköpfe heraustreten. an einer gewissen Stelle herabstürzen. Doch das waren Erscheinungen, die man auch sonst nach heftigen Regengüssen beobachtet hatte und die den Bergbewohner nicht schrecken konnten. Doch jene Erscheinungen nahmen Stunde für Stunde an Heftigkeit zu. Als am Nachmittage die Kirchenuhr in Arth 4 ¾ geschlagen hatte, öffnete sich plötzlich in der Mitte des Roßberges eine große Erdspalte, welche zusehends weiter aufgähnte. Der Rasenboden in der Nähe des Spaltes schob sich zusammen und kehrte die schwarze Unterseite zu oberst. Die herrlichen Tannen schlugen mit den Wipfeln gegeneinander, und die darin nistenden Vögel suchten ängstlich auffliegend das Weite. Bald setzte sich der betreffende Teil des Berges in langsame Bewegung nach unten. »In immer gesteigerter Geschwindigkeit nahm die angsterweckende Erscheinung zu; in immer weiteren Kreisen, in immer ausgedehnterem Umfange wurden angrenzende Matten und Wiesengelände, Obstbaumgärten und Wohnstätten samt Stallungen, Menschen und Vieh mit in die ungeheuerliche Bewegung hineingezogen. Das Volk, welches den Grund und Boden, auf dem es geboren und groß geworden war, unter seinen Füßen weichen sah, schreckte entsetzt auf und flüchtete. Da – Donner und Knall! als ob die Grundfesten der Erdrinde geborsten wären, ein rasselnd schmetterndes Krachen, ein knatterndes Geprassel, als ob ein tausendzackiges Blitzbündel aus den verderbendrohenden Wolken auf einen Schlag vernichtend in die Grundpfeiler der Berge hineingefahren wäre und das Innerste der Gebirge zersprengt und zertrümmert hätte. Die Steinbergerfluh, eine Felsenmasse von mehreren Millionen Kubikklaftern samt allem daraufstehenden Hochwald und die darunter stufenförmig sich niedersenkende Nagelfluhwand des ›Gemeinde-Märcht‹ waren eingestürzt. In wilder Auflösung jagten Felsenblöcke und Steinsplitter, Erdschlamm und Rasenfetzen, Gesträuchknäuel und Baumschäfte, alles in bald hochaufwirbelnde, bald fallende Staubwolken gehüllt, über die Berghalde dem Goldauer Tale zu.« Besinnungraubend wirkte das schrecklich erhabene Schauspiel, in welchem häuserhohe Felsblöcke, welche noch den ursprünglich daraufstehenden Hochwald trugen, wie Federbälle durch die Luft flogen, andere dahinschossen, den Boden berührten, und durch den Prall abermals in die Höhe geschleudert wurden, andere wiederum mit Riesenkraft aneinanderschlugen und in Atome zerschellten. Sämtliche Wohnhäuser am Gehänge des Roßberges, wohl hundert an der Zahl mit ebensoviel Ställen und Scheunen, waren im Nu von der Erde hinweggefegt; doch auch am Fuße des Berges wurden großartige Zerstörungen angerichtet, indem die Dörfer Goldau, Busingen und Lowerz von den herabrasenden Felsblöcken, Stämmen, Schutt und Schlamm verschüttet wurden. Der Verlust der Habe wäre zu verschmerzen gewesen, wenn nicht 457 Menschenleben bei dem Ereignis zugrunde gegangen wären. Doch die Chronik weilt lieber bei denen, die in dem Greuel der Verwüstung wie durch ein Wunder gerettet wurden. Oben am Berge wohnte Bläsi Mettler im einfachen Häuschen mit seinem jungen Weibe und einem erst vier Wochen alten Kinde. Er war auf dem Berge beschäftigt und meinte, als das Ereignis losbrach, in seiner abergläubischen Einfalt, daß der Hexensabbat beginne. In fliegender Eile stürzt er zum hochwürdigen Pfarrer von Arth, ihn zu bitten, daß er den bösen Geistern ihr Handwerk lege. Erst als der dem Krachen der Weltachse ähnliche Knall ertönte, deutete er die Vorzeichen recht und jagte, gepeitscht von wahnsinniger Angst, seiner Wohnung zu. Sein Weib hatte unterdessen die gewöhnlichen Tagesgeschäfte besorgt und eben den Abendbrei für das Kleine ans Feuer gesetzt, als der entsetzliche Donner erfolgte. Sie eilt vom Küchenherd in die Stube, entschlossen, wenn das Kleine schlafe, es nicht zu wecken, sondern bei ihm zu bleiben; doch siehe, es liegt ruhig da mit klaren, geöffneten Augen. Sie rafft das Kind auf, erfaßt ihres Mannes kleine Barschaft und eilt dem Stalle zu, gejagt von der Angst in ihrem Busen. Am Stallgebäude wendet sie das Antlitz, um zu sehen, wie ihr Wohnhaus in tausend Trümmer geht und in der allgemeinen Verwirrung mit Blitzesschnelle enteilt. Bläsi Mettler war seinem Gott dankbar, wenigstens seine Lieben wiederzufinden. Etwas weiter unten am Berge wohnte Mettlers Bruder Bastian, der sich mit dem Vieh zur Zeit des Unglücks auf der Alp am Rigi befand, während sein Weib mit zwei Kindern daheim war. Kaum war der höllische Lärm zu Ende, als sich die Eltern und Geschwister der Frau aufmachten, nach ihr zu sehen. Weggefegt von der Erde war ihr Wohnhaus, von ihr und den Kindern keine Spur! Doch nach langem Suchen, weitab vom vorigen Standort des Hauses fand man in dicker Schlammmasse, die mit gewaltigen Steinblöcken untermengt war, ein Unterbett und sanft darauf ruhend das jüngste Kind. Sein Engel hatte es auf den Händen getragen, daß es in jenem Augenblicke, wo Steine, Balken, Äste nur so herniederhagelten, auf seinem Polster ruhend, gerettet worden war. Die Mutter freilich und das andere Kind suchte man vergebens. Wunderbar entging auch ein Teil der Familie des wohlhabenden Bauern Wiget, der am Fuße des Berges in Busingen wohnte, dem Tode. Er war mit seinen zwei Knaben im Garten mit dem Auflesen des Fallobstes beschäftigt, als das Unglück begann. Er faßte seine beiden Knaben bei der Hand, rief seinem Weibe zu, ihm mit den jüngeren Kindern zu folgen, und eilte nach einer Anhöhe. Die Mutter, welche ein Kindchen von 11 Monaten nicht im Stich lassen wollte, sprang in die Stube, traf hier mit der treuen Magd Franziska zusammen, übergab dieser ihr fünfjähriges Marianneli, während sie selbst die beiden jüngsten an die Brust legte, und sie wollten eben dem Vater nachstürzen, als sie plötzlich in Finsternis gehüllt dastanden, ihr Haus zusammenstürzte und sie sich mit fortgerissen fühlten. Sie waren sofort getrennt. Eine Zeitlang behielt Franziska die Besinnung; dann wußte sie nicht, was mit ihr geschah. Als sie erwachte, war sie bis zum Kinn von Trümmern und Schlamm umhüllt. Sie lauschte in ihrem Gefängnisse auf einen menschlichen Laut, doch Totenstille! Sie meinte, der Weltuntergang sei da und sie selbst im Innersten der Erde. Doch horch! Plötzlich ertönt die Betglocke vom Steinerberge, ein ihr wohlbekannter Ton. Und langsam dämmert in ihr die Ahnung von ihrem grausigen Schicksale. Gleichzeitig vernimmt sie auch das Wimmern eines Kindes und erkennt an der Stimme ihr herziges Marianneli, das über Hunger und Schmerz im Unterleibe klagt. Obgleich der Gedanke des Lebendigbegrabenseins immer gewisser in ihr aufsteigt, tröstet sie doch das Kind, bis dies endlich still, ganz still wurde. »Es hat ausgelitten,« meint sie. Dunkler sinken draußen die Schatten nieder, vom Steinerberge ertönt jetzt die späte Nachtglocke. Unsere Verschüttete arbeitet mit den Füßen, um sich nur einigermaßen Luft, Bewegung, Wärme zu schaffen und durchwacht in quälender Angst die lange, unendlich lange Nacht. Kaum graut der Morgen, da erneuert sich ihre Hoffnung, zumal auch ihr kleiner Liebling sich wieder rührt, wenn auch wieder mit denselben Seufzern über Hunger und Kälte. Der Vater Wiget ist beim ersten Tagesgrauen schon bei der Arbeit des Suchens; wohl findet er in der Nähe seines ehemaligen stattlichen Hofes sein treues Weib mit den Kleinen an der Brust, aber tot, zerquetscht. Seine Brust macht sich in herzzerreißenden Schreien Luft; Franziska hört sie, sie schreit um Hilfe, und – Gott hat Erbarmen – sie wird gehört, wird mit dem Kinde gerettet. – Wie viele der Verschütteten damals zerschmettert und zerquetscht, wie viele lebendig begraben in unsäglicher Pein dem Hungertode erlagen, wer will das erzählen?   9. Von Interlaken zur Jungfrau. Unter Benutzung eines Aufsatzes von Edmund Zölliker, Dresdner Anzeiger, 18. Juli 1903. Wer das Bild von Moritz von Schwind gesehen hat: die Jungfrau – »wie sie als ewig reine Herrscherin der Berge aus Firnen und Gletschern über die Schatten der Tale hoch aufwächst; nicht einmal der Adler überwindet ihre Unnahbarkeit, nur mit der scheidenden Himmelskönigin tauscht sie, den Wolkenschleier um sich schlagend, keusch den schwesterlich grüßenden Kuß« – der kann die Gewalt des Natureindrucks mitempfinden, den »die Königin hoch und klar auf unvergänglichem Throne« auf ein schönheitsempfängliches Herz macht: »Die Stirn umkränzt sie sich wunderbar Mit diamantener Krone; Drauf schießt die Sonne die Pfeile von Licht, Sie vergolden sie nur und erwärmen sie nicht.« (Schiller, Berglied.) Doch die Unnahbarkeit des stolzen Berges im Berner Oberland ist durch das Geschick der Ingenieure der größten Zugänglichkeit gewichen, die trotzig gehütete Wunderwelt der spröden Hochgebirgsnatur ist durch die Jungfraubahn jedem erschlossen, der den naturgemäß hohen Fahrpreis erlegen kann; nicht bloß dem kühnen Kletterer, der mit Seil und Eispickel in angestrengtester Arbeit sich den Gipfel eroberte, entfaltet die Jungfrau die Herrlichkeit ihrer Reize, sondern mit Hilfe der modernen Technik dem genußsüchtigen Weltenbummler ebenso wie dem Lahmen und Kränklichen, für den sonst all die Firn- und Felspracht in ihrer starren Wucht unerreichbar war. Woher kommt der Name des majestätischen Berges in den Berner Alpen? Dichter haben ihn in Zusammenhang bringen wollen mit der Unberührtheit vom groben Tritt des Bergbezwingers. Aber der Alpinismus ist über diese dichterische Wortdeutung längst nagelschuhbeschwert und pickelbewehrt hinweggeschritten. Nun hat ein ortsgeschichtlicher Rückblick von H. Hartmann In den Blättern für Bernische Geschichte. Kunst und Altertumsgeschichte. August 1910. wohl endgültig die Herkunft des Bergnamens festgelegt. Die Jungfrau ist der Jungfrauenberg, der Berg der Jungfrauen, nicht der Jungfrau. Der bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gewöhnlich gebrauchte Name war Jungfrauenhorn; erst seit etwa hundert Jahren ist, wohl vor allem unter dem Einfluß von Schillers Wilhelm Tell, die Einzahl Jungfrau allgemein durchgedrungen. Die volle Lösung des Rätsels bieten die alten Urbare des während der Reformation von der Bernischen Regierung aufgehobenen Augustinerinnenklosters zu Interlaken. Aus demselben erfahren wir, daß das Nonnenkloster am Fuße der Jungfrau mehrere »Berge«, sogenannte Kuhberge, besaß, die den Namen Jungfrauenberg führten. Was liegt nun näher, als daß die Eisspitze, an die diese Alpen anstießen, den Namen »Jungfrauenhorn« erhielt, um so mehr, als es an sich schon viel wahrscheinlicher ist, daß die Alpenbewohner zuerst den Weiden und dann erst den ihnen recht gleichgültigen unfruchtbaren Bergspitzen einen Namen gaben. Daß die Herkunft des Namens so rasch in Vergessenheit geriet, hing damit zusammen, daß die Bernische Regierung in dem nicht gerade mit Freuden protestantisch gewordenen Oberland jede Erinnerung an die katholische Zeit auslöschen wollte. Wie der Name »Kloster Interlaken« amtlich abgeschafft und durch »Spital« ersetzt wurde, so erhielten auch die nun in Staatsbesitz übergegangenen »Jungfrauenberge« in den Landvogteirodeln die Bezeichnung Hochberg. Das Volk hielt freilich trotzdem an dem alten Namen fest, und wie es heute noch vom Kloster redet, so sprach es auch weiter von dem Jungfrauenhorn, was dann Anlaß zu falschen Erklärungen gab. In Interlaken, dem Sammelpunkte der Reichsten der Reichen aus Europa und Amerika, halten wir uns nicht lange unter den prächtigen Walnußbäumen des Höhenwegs auf, wo die Putzsucht und Genußsucht ihre Triumphe feiern. Die Bahn führt in die Täler der schwarzen Lütschine nach Grindelwald, der weißen nach Lauterbrunnen. In dies prächtige alte Gletschertal mit seiner kennzeichnenden U-form läßt uns Meister Thoma auf einem seiner herrlichsten Landschaftsbilder einen Blick tun. Da stürzt über die steile Fluh aus 300 m Höhe der Staubbach. Strömt von der hohen, Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen Wallt er verschleiernd, Leisrauschend, Zur Tiefe nieder. Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig, Stufenweise, Zum Abgrund. Im flachen Bette Schleicht er das Wiesental hin; Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne«. (Goethe in Thun 14. Okt. 1779.) Eine Zahnradbahn mit nur 80 cm Spurweite nimmt heutzutage den Reisenden in Lauterbrunnen in einen ihrer kleinen Wagen auf, den ein wahres Pony von einer Lokomotive vor sich den Berg hinaufschiebt, und bringt ihn in halbstündiger Fahrt, während der sich der Ausblick auf die schneebedeckten Oberlandriesen immer prächtiger auftut, nach der Sommerfrische Wengen. Es liegt über die wiesengrüne Berglehne hingestreut auf halber Höhe zwischen Lauterbrunnen und Wengernalp und schaut gerade auf die Eispaläste der Jungfrau mit dem ihr vorgelagerten Silberhorn und dem düster aufragenden Schwarzen Mönch, auf Mittag-, Breit- und Tschingelhorn, deren Häupter alle den königlichen Hermelinschmuck ewigen Schnees tragen und in silberweißem Firnelicht strahlen. Tief unten liegt das Lauterbrunnental, und man sieht am Westhang die Drahtseilbahn zur Grütschalp hinaufklimmen und abends die Lichter von Mürren herüberschimmern, das mit einer elektrischen Bahn erreicht wird. Wengen bietet in etwa 20 großen Gasthäusern den zahlreichen Fremden Unterkunft und in seinen schönen Bergwäldern reichlich Erholung. In 40 Minuten fährt die Zahnradbahn, je ein Wagen und eine Maschine, über Wengernalp zur kleinen Scheidegg. Die letzte Strecke aber sollte man lieber wandern. In ¾ Stunden führt der ansteigende Fußweg am Trümmletental entlang, das den Gletscherschutt von den himmelanragenden Wänden des Dreigestirns Jungfrau, Mönch, Eiger aufnimmt, über Alpenwiesen von unbeschreiblicher Farbenpracht der Blumen: da Veilchen von der Größe und Leuchtfarbe unserer Stiefmütterchen, hier die azurblauen Blütenkelche der Enziane zu Tausenden und Abertausenden im smaragdgrünen Grase. Auf der Scheidegg ist an schönen Tagen ein Leben wie in einem Taubenschlag, unaufhörliches Kommen und Gehen von Ausflüglern; denn hier treffen sich die Bahnen von Lauterbrunnen und von Grindelwald herauf, und die Lawinen donnern um die Mittagszeit von den Hängen der Jungfrau zu Tale und machen den Hotelgästen, die hier in über 2000 m Höhe ihr Mahl einnehmen, eine eigenartige Tafelmusik. Infolge der großen Entfernungen erscheinen die jäh herabsausenden Schneelasten als sanft und sacht herabwallende Massen, und nur der Donner verkündet ihre vernichtende Gewalt. Am kleinen Scheidegg nimmt in 2064 m Höhe die eigentliche Jungfraubahn ihren Anfang. Ihr Schöpfer, der Züricher Ingenieur Adolf Guyer-Zeller, hat sie als eine elektrische Bahn mit Oberleitung, Zahnstange und einer Spurweite von 1 m bei einer Höchststeigung von 25 % entworfen. In sanften Windungen erreicht man so durch ewiges Schneegefilde die erste Station Eigergletscher mit ihren Sommer-Hörnerschlittenfahrten und ihrer 40 m langen Eisgrotte. Dann schlüpft die Bahn ganz in den Berg hinein, und nach 20 Minuten Dunkelfahrt über Station Rotstock in einem Tunnel von 4,35 m Höhe und 3,70 m Breite leuchtet in bunten Glühbirnen der Name »Eigerwand« auf. Wir verlassen den Zug und gelangen durch einen Seitenstollen in eine eingesprengte Felsgalerie, ähnlich der an der Axenstraße. Von dort aus 2868 m Höhe schweift der Blick durch die 5 ½ m breiten Felsenfenster in der Eigernordwand in die Hochalpenwelt bis zum Finsteraarhorn. In 3160 m Höhe ist die nächste Haltestelle »Eismeer«, bei 3240 m Höhe »Jungfraujoch« erschlossen worden, und »Jungfraukulm« wird bald folgen. Zuletzt soll ein 73 m langer Aufzug zum Gipfel mühelos emportragen. Die gebändigte Wasserkraft der reißenden Lütschine, die von den Schneegefilden des Jungfraugebietes herab durch das Lauterbrunnental rauscht, wird so als elektrische Kraft gezwungen, Tausende von Menschen zu ihren Quellspeichern hinaufzutragen.   10. Durchs Wallis zum Genfer See. Nach L. Vuillemin, Der Kanton Waadt. St. Gallen 1847. Westlich vom Gotthardknoten entspringt die Rhone dem Rhonegletscher und durchfließt zwischen den Berner und Walliser Alpen eins jener gewaltigen Längstäler der Alpen, in welchem sie an 80 Zuflüsse von beiden Seiten erhält: das Wallis (vallis = Tal). Hinter Martinach verläßt sie mit einer scharfen Wendung nach Norden das Wallis und zwängt sich durch ein riesiges Felsentor zwischen dem Dent de Morcles und dem Dent du Midi (= Südhorn) ins Waadtland hinein. Bald erweitert sich das Tal zu einer breiten Schotterebene, die schon südliche Kulturen zeigt: Weinfelder, Kastanien- und Maulbeerbaumhaine. Auf dem Talgehänge erscheinen zahlreiche Dörfer, darüber hängen dunkelblaue Wälder, noch höher die grünen Weiden mit ihren grauen Sennhütten. Die Rhone bildet hier die Grenze zwischen Waadt und Wallis. Das linke Ufer bleibt wallisisch – auch in der Großartigkeit seiner Bergwelt; das rechte Ufer erfreut durch seine Lieblichkeit. Hier hängt das Auge bald an einer auf der Halde erbauten Kapelle, bald schaut es in geheimnisvolle Täler und überall erfreut der Reichtum und die Farbenpracht der Natur. Es scheinen die Alpen einen Gefallen daran gefunden zu haben, dem majestätischen Strome ein würdiges Bett zu bereiten, und bei seiner Annäherung an den See schmücken sie sich vollends, gleichsam um seine Ankunft zu feiern, mit neuer Pracht und Größe. In zwei Arme geteilt, wälzt sich die Rhone durch die breiter gewordene Ebene fort und ergießt endlich ihre brausenden und schlammigen Fluten in den Leman, Der Waadtländer nennt mit einem gewissen Stolze den See, von dem er den größten Teil des Ufers besitzt, nicht Genfer See, sondern Leman – Lacus Lemanus der Römer, im Mittelalter Lac Losannette, Mer du Rhone (Rhone-Meer), jetzt Genfer See (Lac de Genève). der zurückweicht, als hätte er Furcht, daß bei diesem Zusammentreffen der tiefblaue Kristall seines Gewässers befleckt werden möchte. Er widersteht, und es kommt zwischen ihnen zum Kampf. Der schäumende Strom und der blaue See werden handgemein, und eilt der Nordwind dem Leman zu Hilfe, so fahren die Wellen empor und stürzen vorn und von der Seite auf den feindlichen Strom, setzen ihm hart zu und treiben ihn in die Enge. Man glaubt zwei kämpfenden Heeren zu begegnen; darum haben die Uferbewohner diesem Streite auch den Namen »la bataillère« beigelegt. Fährt ein Nachen über die wogende Fläche, so verspürt er an den heftigen Stößen den Zorn der Fluten. Noch eine Viertelstunde weit vom Ufer ist der Aufruhr fühlbar. Endlich ergibt sich der Strom in die Notwendigkeit, in das blaue Grab hinabzusteigen, aus dem er zwanzig Stunden weiter unten reiner und schöner wieder hervortritt. Der See bespült den Fuß des Jura und der Alpen, das Savoyerland und den Schweizer-Kanton Waadt; sein heller Halbmond biegt sich von Genf nach Neustadt (Villeneuve). Von der geringen Breite bei Genf erweitert er sich zu der ansehnlichen von drei Stunden zwischen Evian und St. Sulpice. Die Längsachse des Sees ist 72, die Breitenachse 13,8 km; die Wassermasse hat einen Rauminhalt von 89 Kubikkilometern. Der Flächeninhalt beträgt 577 qkm, also 39 qkm mehr als der des Bodensees. Die Höhe des Leman über dem Meere beträgt 375m. Der Bodensee liegt 398 m ü. d. Meere, die Längsachse beträgt 65 km, und an der tiefsten Stelle sind 252 m gemessen worden. Der Rauminhalt beträgt 47 Kubikkilometer. Die Tiefe des großen Sees, am Ufer noch unbedeutend, nimmt plötzlich zu. Bei Chillon beläuft sie sich auf 150 m; Meillerie gegenüber auf 240-270 m; nördlich von Evian auf 310 m. Der See bildet also eine große Wanne, die in ihrem von oben nach unten abnehmenden Umkreise bis auf 1-½ Stunden sich verengt. Der Boden dieser Wanne liegt nicht viel höher als der Wasserspiegel des Meeres; er entspricht fast der Höhe der Rhone in der Nähe von Montelimar, derjenigen des Po unterhalb Pavia, der Seine oberhalb Paris und der Donau an der niedrigsten Stelle der ungarischen Ebene. In der Eiszeit war der See nur ein Teil, ein Riesenblock des großen Rhonegletschers. Die tiefsten Schichten des Sees haben eine Wärme von 4-5° C, doch ändert sich diese im Laufe eines Jahres um 0,1-0,3°; denn das Wasser der Rhone hat im Sommer 10-15°, das der Strandgegend 15-25°. Dieses Oberflächenwasser sinkt unter und führt diese Schwankungen herbei. Dr. F. A. Forel, Seenkunde, S. 123. Stuttgart 1901 (J. Engelhorn). . In den Jahren 762 und 805 soll der See zugefroren sein, welcher Fall seitdem nicht wieder vorgekommen ist. Der Wasserstand des Sees schwankt auch von einer Jahreszeit zur andern, ja von einem Tag zum andern. Man hat berechnet, daß das Seebecken im Sommer infolge der Schneeschmelze mehr Wasser führt als im Winter wegen der Frostdürre. Die Zeit des höchsten Wasserstandes fällt gewöhnlich in die Mitte des August; jedoch tritt er auch im Juli und September ein. Der Zuwachs hängt fast ganz von der Rhone und vom Schmelzen des Schnee in den hohen Alpen ab. Abgesehen von diesen jährlich wiederkehrenden Veränderungen des Wasserstandes bemerkt man im Sommer bisweilen eine stehende Welle, eine rhythmische Schwingung der ganzen Wassermasse, die im Seebecken hin und wieder fährt. Von den Anwohnern des Genfer Sees wird diese Bewegung »seiches«, von denen des Bodensees »Ruhß« genannt. Der Spiegel des Sees erhebt sich langsam 30-40 Minuten zu einer veränderlichen Höhe von etlichen Zentimetern bis zu ebenso vielen Dezimetern, dann senkt er sich allmählich um den gleichen Betrag und diese Schwankungen dauern eine längere oder kürzere Zeit fort. Vom 26. März 1891 an fanden zum Beispiel in 7-½ Tagen 147 Schwingungen von einer Periode von 73 Minuten statt. Die Höhe der Schwingungen ging von 20 cm auf 7 cm herab. Forel hat ähnliche Schwankungen in allen schweizerischen Seen nachgewiesen und die Ursache dieser schwingenden Bewegung der Wassermasse in örtlichen, einmal wirkenden Ursachen erkannt, besonders sprunghaften Änderungen des Luftdrucks. Die dadurch hervorgerufene Welle schreitet fort und zwar um so tiefgehender und schneller, je länger und tiefer der See ist. A. a. O. S. 79. Ferner zeigt der Genfer See Strömungen (ladières), die in ganz verschiedenen Richtungen gehen und mitunter so stark sind, daß die Ruder vergebens ihnen entgegenarbeiten. Sie werden sicher mit durch unterirdische Zuflüsse hervorgerufen, welche dem See einen Teil der Wassermasse zuführen, die er an seinem Ausfluß abgibt. Unaufhörlich führt die Rhone Schlamm, Grus und Gerölle in den See und drängt ihn durch ihre allmählichen Ablagerungen immer weiter zurück; auch die savoyischen Gewässer setzen bedeutende Ablagerungen darin ab. Der dadurch eingeengte und oft vom Sturme angeschwellte See wirft sich auf das waadtländische Ufer, frißt es an und nötigt es durch seine steten Angriffe zur Erbauung von kostspieligen Widerlagern und Dämmen. Obgleich der Leman weniger fischreich ist als alle anderen Schweizer Seen, so besitzt er doch 21 Arten Fische, worunter sich besonders die Weißwölfchen (Salmo fera) und Seeforellen (Salmo lacustris) auszeichnen. Unter den Vögeln, welche die Seeufer bewohnen, bemerkt man verschiedene Arten von Möwen, Tauchern und Enten. Im Winter lassen sich auch Züge von Schwänen sehen; der durchreisenden geflügelten Gäste hat wohl kein Land so viel als das Waadtland. Indem es nämlich im Westen vom Jura, im Osten von den waadtländischen und freiburgischen Alpen, im Süden von den savoyischen Gebirgen, welche bei Neustadt und Genf einen Ausgang nach Mittag gestatten, eingeschlossen ist, und sich nur im Norden durch den Neuenburger, Bieler und Murtener See nach dem Aartal zu öffnet, welches in das den Quellen der Donau naheliegende Rheintal mündet: so kann dieses Becken als der Sammelpunkt angesehen werden, wo die von Norden, von Süden, ja selbst von Osten herkommenden Vögel zusammentreffen. Den verschiedenen Winden, welche auf dem See herrschen, haben die Schiffsleute besondere Namen gegeben. Die Bise oder der Nordostwind braust laut anschwellend im östlichen, aber nicht im westlichen Teile des Leman. Die Vaudaire, die aus dem Wallis kommt, ist wieder im kleinen See nicht fühlbar. Dieser heftige Wind treibt die Wellen oft zu einer bedeutenden Höhe, ja er hat sogar schon Gebäude umgeworfen. Der furchtbarste von allen ist aber der Bornand, der plötzlich und unerwartet aus den savoyischen Schluchten hervorbläst. Der Joran kommt über den Jura. Der Genfer Wind (aus Süd) bringt Regen. Der Rebat ist der sanfte Wind, welcher zur Sommerszeit am Mittag weht; er kommt bald von Nordost, bald von West, und dann bedeckt sich der See mit Rauten und rechtwinkeligen Vierecken. Noch ein anderer Wind aus Süden, der Sechard = Austrockner wird schon durch seinen Namen bezeichnet. Alle diese Winde ringen miteinander auf dem See, indem sie bald scherzend über dessen Fläche hinstreichen, Furchen ziehen, oder andere stets wechselnde Gestalten darauf zeichnen, bald grimmig einander anfallen und Wirbel erzeugen. Am 1. Juni 1841 waren die Wellen so gewaltig, daß sie einen 3000 kg wiegenden Block von der Stelle hoben und einige Meter weit forttrugen. Zuweilen treibt der Joran die Wellen gleich jener grünlich schäumenden Brandung, welche sich an dem steilen Meeresgestade bricht; manchmal auch, wenn die letzten Windstöße des Schirokko über die Alpen hereindringen, wütet der See und reißt die Barken mit einer Schnelligkeit fort, als wenn Möwen mit ihren leichten Schwingen auf der Wasserfläche hinstreiften. Schnell ist jedoch die Windsbraut vorüber, und der See spiegelt in seinem stillen, ruhig klaren Gewässer wieder den Frieden und die Majestät seiner Ufer ab. Kaum kräuselt dann der Abendwind seine durchsichtige Fläche, und bricht die Nacht herein, so hüllt er sich in Schweigen, und alle Sterne des Himmels strahlen wider in seinem Spiegel. Eine Menge von Kähnen und kleinen Schiffen belebt die Wasserfläche; seit der Errichtung von Dampfschiffen besteht zwischen den Hauptorten des Sees eine regelmäßige alltägliche Verbindung. Im Jahre 1823 hat hier ein Amerikaner, Herr Church, das erste Dampfschiff, Wilhelm Tell, erbaut; darauf sind mehrere gefolgt, und jetzt dampft es allerorten. Von Nordosten führen zwei Eisenbahnarme, der eine von Bern über Freiburg, der andere von Neuenburg (Neufchatel) am Westrande des Neuenburger Sees hin an das Ufer des Leman. Bei Lausanne zusammenkommend, gehen sie dann einerseits nach Osten zur Einmündung und nach Westen zur Ausmündung der Rhone, und der ganze See ist diesseits mit der Eisenschiene wie mit einem Gürtel umgeben. Genf ist der mächtige Anziehungspunkt, der eigentliche Brennpunkt für alles Reise-, Handels- und Industrieleben, das sich am Leman bewegt, aber auch für das wissenschaftliche und künstlerische Leben der Südwestschweiz. Genf ist die erste und reichste Stadt der Schweiz mit dem Gepräge einer echten Großstadt. Seine herrliche Lage an beiden Rhoneufern mit Aussichtspunkten, wie sie nur wenige der europäischen Großstädte bieten, die Bequemlichkeit und Vornehmheit, die es nebst allen geistigen Hilfsmitteln dem Reisenden bietet, bewirken, daß alljährlich Tausende von Fremden in seinen Mauern zusammenkommen. Genf ist als Handels- und Gewerbestadt ein europäischer Platz und namentlich durch seine Uhrenwerkstätten und Schmucksachen berühmt. Oft ist das Bild des Genfer Sees, seiner Ufer und seines Amphitheaters entworfen worden. »Der Ozean,« sagt Boufflers, »hat einmal dieses Tal besucht, und da er sich in dasselbe verliebte, ließ er ihm sein Bildnis zurück.« »Es ist etwas Schönes,« sagte Pezay, »um ein Land, wo es keine Gärten gibt, weil es selbst einer ist.« Wirklich vereint der Genfer See die Großartigkeit einer breiten Wasserfläche mit der reizenden Uferbildung der italienischen Seen und der reichen Kultur der Ufer des Züricher Sees, indem er zugleich in herrlichster Alpeneinfassung mit dem Vierwaldstätter See wetteifert. Durch Rousseau sind die Namen Clarens und Meillerie von ganz Europa wiederholt worden. Matthisson bat in seinem »Genfer See« den Himmel nur um eine Hütte, ein Gärtchen am Leman, ein Grab an seinem Gestade. Chenedolle hat in seinem »Génie de l'homme« sehr schön die Anmut besungen, womit der Wechsel des Tages- und Nachtgestirns den See schmückt. Auch Byron, Lamartine und Viktor Hugo haben sein Lob gesungen – aber wer vermöchte je die Pracht dieses Gemäldes zu schildern? wer die Reinheit des Sees, die Schönheit seiner Windungen, die Kühnheit, Größe und Harmonie seiner Ufer darzustellen? wer mit Worten den Eindruck wiederzugeben, den der Anblick der Savoyer Alpen mit dem Riesen Montblanc gewährt? Diese Savoyer Riesenpyramiden bewundert man vom schweizerischen Ufer aus, während von Savoyen aus das gegenüberliegende Ufer unscheinbar erscheint. Zwischen beiden Ufern herrscht ein durchgreifender Gegensatz: auf der einen Seite der Friede, auf der anderen das unruhvolle Leben; hier der Protestantismus, dort der die heilige Jungfrau feiernde Priester; hier das zerstückelte Land, dort das Erstgeburtsrecht; in der Schweiz der Reichtum, in Savoyen die Armut. Aber auf beiden Seiten waltet die Natur in ihrer Größe und Anmut, ein mannigfaltiger Reichtum an ernsten und heiteren Farben, scharfe Umrisse und geheimnisvolle Tiefe: überall Reiz, Zauber – überall Gott, den die Seele wohl empfinden, aber nicht auszusprechen vermag. O heller Leman, König du der Seen, O schön geleg'ne himmelblaue Flut, Bezeugt's, die oft mein nasses Aug' gesehen, Es pries dich höher, als mein Sang je tut.   11. Die Eroberung des Montblancs. A. W. Grube, Alpenwanderungen. 3. Aufl., herausgeg. von Benda. Leipzig 1885, Ed. Kummer. Der Montblanc, die höchste Spitze des Alpengebirges und zugleich die höchste Erhebung des europäischen Festlandes, gehört zu dem französischen Savoyen. Etwa einen Längengrad westlich vom Monterosa und fast unter gleicher Breite mit diesem erhebt sich sein silberweißes Haupt noch 200 m höher, bis zu 4810 m Meereshöhe. Die Montblancgruppe, nicht die ausgedehnteste, aber die massigste und großartigste in dem Riesenwall, der sich in einem Halbbogen vom Meerbusen von Genua bis an die Ufer der Donau hinzieht, besteht vorherrschend aus altkristallinischem Gestein, dem grüne Talkblättchen beigemischt sind, welche ihm die charakteristische Färbung geben. Als Herr von Saussure den Montblanc zuerst umwanderte und dann bestieg, glaubte er, vor dem ältesten Gebirge der Erde zu stehen und nannte dieses Gestein Protogyn, das heißt Erstgeborener. Die aus hartem Urgestein aufgebauten Zentralstöcke der Alpen sind zugleich von höchster senkrechter Erhebung und mit den mächtigsten Firn- und Gletschermassen belastet; in ihnen vereinigt sich die wilde Pracht und erhabene Schönheit des Hochgebirges. Vorgelagert sind ihnen Berge der Kalk- und Klippenzone. So ist der »Protogyn« der Montblancgruppe von schwarzen Kalksteinen und Schiefern der unteren Juraformation eingefaßt, und nördlich vom Montblanc lagert sich die Klippenzone der Alpen des Chablais, nach dem Genfer See hin abfallend. Gegen Osten ist ein Zug von Karbon- und Triasgesteinen eingelagert, der die Gneise der Montblancgruppe von denen des Monterosa-Stockes trennt und überhaupt den Westalpen eigentümlich ist. Die Montblancgruppe hat drei Zugänge. Von Süden her führt aus der Lombardei ein Weg ins Tal der Dora Baltea über Aosta nach dem piemontischen Städtchen Courmayeur in das wilde, fast elf Stunden lange Hochtal der Allée Blanche, mit wundervollen Blicken auf die Gletscherreihe des Südabhanges der Montblanckette. Die zweite Straße führt von St. Gotthard oder von Mailand her über den Simplon ins Rhonetal (Wallis) nach Martinach, von dort südlich über den Col de Balme oder den Bergpaß der Tête noire. Der dritte bekannte und beliebteste Eingang führt von Genf ins Tal der Arve über Bonneville nach St. Martin und Sallanches. Dort erscheint in riesiger Größe und schon ganz nahe, mächtig über die Vorberge in den blauen Äther aufragend, das blendend weiße Schneehaupt des »Monarchen«, wie ihn die Talleute genannt haben. Schon wer dies Haupt von der Rhonebrücke in Genf, die »Montblancbrücke« genannt, erblickt, bleibt wie betroffen stehen – und möchte dann, von Sehnsucht ergriffen, sich die Bergmajestät, ihren Hof und Thron und ihr Schloß näher anschauen und trotz aller reizenden Schönheit des Leman weiter hinaufdringen in die Bergwildnis des Savoyer Hochlandes! In frühester Zeit und bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts verspürte freilich niemand etwas von solcher Sehnsucht; der Anblick von Schnee und Eis im warmen Sommer wirkte mehr abstoßend als anziehend; der ästhetische Sinn für die Wildnis des Hochgebirges war noch nicht geweckt. Seit der Gründung der Benediktinerabtei le Prieuré durch den Genfer Grafen Aimon war das Hochtal von Chamonix, eingerahmt von der Montblancmasse im Süden und von den Aiguilles rouges (»roten Nadeln«) im Norden, nur den Bewohnern der nächsten Umgebung bekannt, und wenn die Nachbarn einmal eine Wallfahrt nach der Abtei unternahmen, dann pflegten sie sich wohl zu rüsten, insbesondere auch mit Waffen zu versehen; denn die Bewohner des Chamonixtales standen im Ruf, es mit dem Leben und Eigentum der Fremden nicht eben genau zu nehmen. Die erschrecklichen Bergriesen, Steintrümmer und Eisströme ringsum galten aber für so häßlich und »wüst«, daß man sie les montagnes maudites (die verfluchten Berge) nannte, denen zu nahen nicht ratsam sei. Noch heißt der zweithöchste Gipfel des Montblancs Mont Maudit. Seine Höhe beträgt 4771 m. Auch fehlte es so sehr an gangbaren Wegen, daß es wie eine heldenmütige Tat oder wie eine freiwillig übernommene Marter erschien, als der ehrwürdige Genfer Bischof Franz von Sales zu Anfang des 17. Jahrhunderts eine Fußreise nach Chamonix unternahm und glücklich ausführte. Diese Reise verbreitete weithin seinen Ruf und mag sogar das Ihre zu seiner späteren Heiligsprechung beigetragen haben. Doch kam keinem gebildeten Menschen der Gedanke in den Sinn, in die Fußtapfen des wanderlustigen Bischofs zu treten; für die große Reisewelt blieb das Chamonixtal ein ebenso unbekanntes als gleichgültiges Land, und erst im Jahre 1741 wagten zwei Engländer, die sich vor dem Abenteuer nicht fürchteten, eine Wanderung in diese fremdartige Gebirgseinöde. Der Ritter Wyndham und der Reisende Pococke drangen ins obere Arvetal hinauf und am Montanvert hinauf bis auf das mer de glace oder »Eismeer«. Um die Entdecker eines der großartigsten und schönsten Alpentäler auf dem Erdenrund zu ehren, hat man ihre Namen in einen Felsen an dem mer de glace eingehauen. Der Vorsicht halber hatten sie sich nicht nur selber gut bewaffnet, sondern auch einen Trupp wohlbewaffneter Diener mit sich genommen, welche abends und nachts vor den Zelten, die sie mitgebracht hatten, Wachtfeuer unterhalten mußten, um die vermeintlichen Barbaren, welche die Abhänge des Montblanc bewohnen sollten, abzuschrecken. Die Erzählung von den Naturwundern, die sie gesehen, regte wohl einige kühne englische Landsleute an, auch eine Reise ins Arvetal nach Chamonix zu unternehmen – sie übernachteten in dem gastfreundlichen Hause des Pfarrers –, doch kam der Besuch des Arvetals erst seit dem Jahre 1760 besonders durch die Schilderungen und Forschungen der Genfer Naturforscher de Saussure, de Luc, Pictet und Bourrit in Gang. In genanntem Jahre begab sich Herr von Saussure, nachdem er am Jura und in der Umgebung von Genf bereits mit Eifer Gebirgsstudien getrieben, allein und zu Fuß von Genf aus in das Tal von Chamonix. Seine Seele ward freudig erregt beim Anblick des Riesendomes und der scharfen spitzen Felsnadeln an seinen Flanken, die aus ungeheuren Eis- und Firnmeeren hervorragten. Ein glühendes Verlangen ergriff ihn, auf den Gipfel des weißen Berges zu gelangen; allein das schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. »Bei meinen ersten Ausflügen nach Chamonix« – erzählt er in seinen berühmten Voyages dans les Alpes – »hatte ich in allen Kirchspielen des Tales bekannt machen lassen, jedem eine ansehnliche Belohnung geben zu wollen, der einen gangbaren Weg zum Gipfel ausfindig machen würde. Ich wollte auch für die Tage zahlen, an welchen man vergebliche Versuche angestellt haben würde.« Doch alle diese Versprechungen hatten keinen Erfolg. Peter Simon, ein guter Bergsteiger, versuchte das eine Mal auf der Seite des Taculgletschers (auch glacier du Géant, »Riesengletscher« genannt, an der 3175 m hohen Aiguille du Tacul), das andere Mal auf der des Bossonsgletschers emporzuklimmen; er kam aber ganz entmutigt zurück. Fünfzehn Jahre später (1775) versuchten vier kühne Führer aus Chamonix über den Berg La Côte, der einen mit dem Bossonsgletscher fast gleich laufenden Grat bildet, zu gelangen und sich dem Gipfel zu nähern. Sie überwanden die ersten Hindernisse und kamen dann in ein enges Schneetal, von dessen Wänden die Sonnenstrahlen dermaßen zurückgeworfen wurden, daß bei völliger Windstille eine erstickende Hitze entstand. Ermattet und erschöpft kehrten sie um. Im Jahre 1783 machten drei andere Führer aus dem Tal abermals einen Versuch, auf demselben Wege – über La Côte – vorzudringen. Sie brachten die Nacht auf diesem Berge am Rande des Gletschers zu und setzten am anderen Morgen, wiederum bei sonnig heiterem Wetter, ihren Marsch fort. In ansehnlicher Höhe angelangt, klagte plötzlich der rüstigste von ihnen über unwiderstehliche Schlafsucht. Er wünschte, daß die beiden auch ohne ihn ihren Marsch fortsetzen möchten; doch diese wollten ihn nicht verlassen und meinten, er sei vom Sonnenstich getroffen. Sie verzichteten auf ihr Unternehmen und stiegen zusammen wieder nach Chamonix hinunter. Sobald sie in tiefere Luftschichten gelangten, hob sich die Übelkeit und Schlafsucht von selber. Trotz alledem versuchte der Naturforscher Bourrit aus Genf noch in demselben Jahr eine Besteigung. Er schlug auf dem Rücken von La Côte gleichfalls sein Nachtlager auf, wurde jedoch von einem Hochgewitter überfallen und mußte zurück. Nun kam man von dem Gedanken ab, den Weg über La Côte zu nehmen. Unterdessen hatte sich das Gerücht verbreitet, daß zwei Gemsjäger aus dem Dorfe Grüe über verschiedene Felsenkämme bis nahe an die Spitze vorgedrungen seien, ohne von der gefürchteten Hitze belästigt worden zu sein. Bourrit begab sich sogleich zu den beiden hin, und noch am selben Abend brachen sie auf und erreichten in der Morgendämmerung den Fuß einer Felsennadel, welche erklettert werden sollte. Diese »Aiguilles« sind für das Urgestein der Montblancgruppe ebenso kennzeichnend wie die »Türme« im Dolomitkalke Südtirols. Bourrit und einer der Führer waren jedoch von Kälte und Anstrengung schon so matt geworden, daß sie zurückbleiben mußten, während die beiden anderen bis an den Fuß der höchsten Spitze kamen, sie jedoch nicht zu erreichen vermochten, da eingestürzte Eismassen ihnen den Weg verlegten. Der regnerische und kalte Sommer des Jahres 1785 schreckte von einer Montblancfahrt zurück, doch als sich der Herbst besser anließ, rüstete Bourrit sich zu einer dritten Bergfahrt, auf der ihn sein Sohn und Saussure begleiten wollten. Herr Bourrit hatte den glücklichen Gedanken, zwei Tage vor dem Abmarsch drei Männer von Chamonix vorauszuschicken, welche am Fuße der Aiguille du Gouté eine Hütte aus Steinen erbauen mußten. Die Auffahrt begann am 12. September 1785 vom Dorfe Bionassay aus um 8 Uhr vormittags; es waren zusammen sechzehn Mann. Sie erreichten die Hütte schon um 1-½ Uhr. Die Naturforscher hatten Muße genug, Beobachtungen anzustellen, da man hier übernachten wollte. Zwei der Führer stiegen aufwärts, um den besten Zugang zu der Nadel zu erkunden. Die Hütte stand 1700 m über der Talsohle; der Blick nach Chamonix hinab und in die Gebirgswelt hinauf, der heitere Abend und schöne Sonnenuntergang – alles stimmte freudig und hoffnungsvoll. In der Nacht wurde ein Feuer angezündet und unterhalten; doch blieb die Luft mild, und nur gegen Sonnenaufgang ward es kalt. Als die Morgensuppe verzehrt war, begann der Angriff auf die Nadel. Sie fällt überall sehr steil ab, und die Vertiefungen in den Felswänden sind mit Eis und Schnee gefüllt. Solche Runsen oder couloirs, wie sie in der Landessprache heißen, sind sehr gefährlich zu überschreiten. Zuerst mußte man über einen Gletscher gehen, um an den Fuß der Nadel zu gelangen; dann führte der Weg über ein steiles couloir. Um sich vor dem Fallen und Ausgleiten zu schützen, nahmen je zwei Führer, das Ende eines langen Alpenstockes festhaltend, einen der Herren in die Mitte, der sich auf den Stock stützen konnte und so eine mit ihm sich fortbewegende Schranke hatte. Der Felsgrat, den man erreichte, war so steil, daß der Fuß des vorangehenden Führers immer gerade über dem Kopfe des ihm nachfolgenden Wanderers stand. Das Aufsteigen ward noch mehr erschwert durch frisch gefallenen Schnee, der die glatten Eisflächen verdeckte. Es waren schon fünf Stunden verflossen, und noch hatte man den Gipfel der Aiguille du Gouté nicht erreicht. Die Hänge wurden immer steiler, der frisch gefallene Schnee häufte sich, und Peter Balmat, der vor Herrn von Saussure ging, gebot Halt, da er erst erkunden müsse, ob weiter oben fortzukommen sei. Nach einer Stunde kehrte er zurück, mit der Nachricht, die Felsspitze sei nicht zu erreichen, der lockere Schnee sei anderthalb Fuß tief! Auf ein weiteres Vordringen mußte Verzicht geleistet werden; die erklommene Höhe bestimmte Saussure barometrisch auf 11 442 par. Fuß = 3520 m. Er war überzeugt, daß eine Erklimmung des Gipfels wohl noch gelingen werde; doch müsse es ein Jahr sein, in welchem wenig Schnee fiele. Noch einmal taten sich im Juni des Jahres 1786 sechs Talbewohner zusammen, um auf der Westseite des Montblancgipfels den ihm nahestehenden Dôme du Gouté zu erreichen und von dort aus den Gipfel zu gewinnen. Doch auch hier stellten sich ihnen unüberwindliche Hindernisse entgegen; der Raum zwischen beiden Kuppen war durch breite Gletscherspalten zerrissen und der Grat so scharf, daß niemand ihn zu überschreiten wagte. Da faßte ein mutiger, eisenharter, gewandter Bewohner von Chamonix, Jacques Balmat, als Gemsjäger mit allen Schrecknissen des Hochgebirges wohl vertraut und mit feinem Ortssinn begabt, den Entschluß, es koste, was es wolle, das Haupt des Monarchen zu erreichen. Seine Gefährten bemühten sich vergebens, ihn von seinem Vorsatze abzubringen. Auf sich allein angewiesen und seiner Kraft vertrauend, ohne Leiter und Seile, drang er, kriechend und rutschend, über die Eisschründe durch das Gewirr der Eistürme oder séracs vor, während die anderen nach Chamonix zurückkehrten. Nach unbeschreiblichen Anstrengungen mußte sich aber der kühne Balmat überzeugen, daß es unmöglich sei, von dieser Seite die Montblanckuppe zu gewinnen. Er mußte sich, zum Teil rückwärts kriechend, über den gefährlichen Eiskamm wieder zurückziehen und entschloß sich, auf das 3780 m hohe »große Plateau« hinabzusteigen, um dort die Nacht zuzubringen und am folgenden Morgen einen neuen Angriff auf die Spitze des Gewaltigen zu unternehmen. Um auf der Schneefläche nicht zu erfrieren, durfte er sich gar nicht setzen, geschweige niederlegen; er unternahm allerlei »lächerliche« (wie er selber nachher erzählte) turnerische Übungen, um seine Glieder geschmeidig zu erhalten. Aber damit erschöpfte er auch seine Kraft, und obwohl er mit Tagesanbruch noch einmal vorrückte, gelang es ihm doch nicht, die höchste Spitze zu erklimmen; doch von der Zugänglichkeit hatte er sich überzeugt. Er mußte sich zum Rückzuge entschließen, nahm sich aber noch im schwierigen gefahrvollen Herabsteigen fest vor, den von ihm über das große Plateau eingeschlagenen Weg zu beendigen, sobald das Wetter günstig sei. Unverletzt kehrte er zu den Seinigen zurück, aber auch völlig erschöpft. Er sank aufs Krankenlager, und dem Dr. Paccard, der ihn behandelte, vertraute er sein Geheimnis des entdeckten Weges an mit dem Versprechen, er wolle ihn, wenn er wiederhergestellt sei, selber auf den Gipfel des Montblanc führen. Dr. Paccard war hoch erfreut, das langersehnte Ziel unter den ersten erreichen zu können. Am Nachmittag des 7. August 1786 verließen die beiden Männer die Abtei von Chamonix, vor Einbruch der Nacht erreichten sie die Höhe des Berges La Côte und übernachteten in der von Bourrit erbauten, noch wohl erhaltenen Hütte. Das Wetter war günstig. Am 8. August mit Tagesanbruch setzten sie ihren Marsch fort und kamen um 6-½ Uhr abends wirklich auf dem domartig gerundeten Gipfel des Montblanc an. Eine halbe Stunde verweilten sie oben, dann stiegen sie mit Lebensgefahr von der luftigen Höhe herab, vom hellen Mondschein begünstigt, und um 9 Uhr morgens am folgenden Tage, am 9. August, trafen sie wieder in der Abtei ein. Ihre Gesichter waren geschwollen und tief gerötet; Dr. Paccard war schneeblind geworden und konnte erst nach einigen Tagen wieder ordentlich sehen. Ihre Ankunft auf dem Gipfel des Montblanc hatte man von Chamonix aus mit dem Fernrohr gesehen. Es war eine Heldentat, welche die beiden Männer vollbracht hatten, und schnell und weit verbreitete sich ihr Ruf. Jacques Balmat wurde geadelt; denn er erhielt vom König von Sardinien den Beinamen du Montblanc, auf welchen seine Nachkommen noch stolz sind. Ein Alpenfreund und Naturforscher in Sachsen, Herr von Gersdorf, war so bewegt von der Kühnheit und Ausdauer des Bergsteigers, daß er 17 Friedrichsdor, damals eine ansehnliche Summe, für ihn sammelte und ihm als Ehrengabe übersandte. Man kann sich denken, daß es nun auch Herrn von Saussure keine Ruhe mehr ließ; er gedachte, seine längst geplante Ersteigung des Montblanc noch in diesem Jahre auszuführen, allein die ungünstige Witterung hinderte ihn daran. Das nächste Jahr sollte und mußte sie aber unternommen werden. Im Juli traf er in Chamonix ein – doch wiederum wechselte das Wetter, und er mußte sich volle vier Wochen gedulden, bis die Führer erklärten, nun sei der Zeitpunkt günstig. Am 1. und 2. August 1787 wagte er die Besteigung, begleitet von seinem Diener und 18 Führern, die seine physikalischen Instrumente und alles Gepäck trugen, dessen er bedurfte. Der Hauptführer war natürlich Jacques Balmat du Montblanc. Nachdem die Karawane am ersten Tage auf dem Gipfel vom La Côte-Gebirge übernachtet, begann sie den zweiten und viel beschwerlicheren Tagemarsch. Man muß zuvörderst den Gletscher von La Côte überschreiten, um den Fuß einer kleinen Felskette zu gewinnen, die aus den Schneefeldern des Montblanc hervorschaut. Dieser Gletscher ist schwierig und gefährlich zu begehen, weil er von breiten, tiefen und unregelmäßigen Spalten zerrissen ist, über welche man oft nur auf unsicheren Schneebrücken gelangen kann. »Einer meiner Führer,« berichtet Herr von Saussure, »wäre beinahe in einer solchen Spalte umgekommen. Um den Weg zu erkunden, war er am Abend zuvor mit zwei Begleitern vorausgegangen. Zum Glück hatten sie die Vorsicht gebraucht, sich durch ein Seil zu verbinden; eben als er eine Schneebrücke überschritt, brach diese zusammen, und er hing über einem tiefen Abgrunde, gehalten von seinen Kameraden. Wir kamen ganz nahe an der Öffnung vorbei, die sich unter ihm gebildet hatte, und es schauderte mich beim Anblicke der Gefahr, der er entronnen war. Die Überschreitung des Gletschers erforderte wegen der vielen Biegungen, die wir machen mußten, viel Zeit, so daß wir vom La Côte-Gipfel bis an den Fuß des alleinstehenden Felsgrates drei volle Stunden brauchten, obwohl die Entfernung in gerader Richtung nur eine Viertelstunde beträgt. Nachdem wir die Felsen erreicht hatten, entfernten wir uns wieder davon, um in Schlangenlinie in einem Schneetale aufzusteigen, das sich von Nord nach Süd bis an den Fuß des höchsten Gipfels hinanzieht. Die Firnfelder sind ab und zu von ungeheuren Schrunden durchfurcht, deren Durchschnitt die wagerechten Schneelagen zeigt, wie sie in den einzelnen Jahrgängen sich bildeten. Wie breit oder schmal auch die Spalten sein mögen, man kann nirgends bis auf den Grund sehen. Meine Führer wünschten, daß wir unser Nachtlager an einem der Felsen aufschlagen möchten, denen man auf dem Emporstieg begegnet; allein, da die höchsten doch noch 600-700 Toisen (1080-1260 m) unter der Spitze des Montblanc lagen, so wollte ich noch etwas höher steigen. Freilich mußten wir nun mitten im Schnee das Lager aufschlagen, und dazu meine Gefährten zu bestimmen, war nicht ganz leicht. Sie bildeten sich ein, daß auf dem Hochfirn während der Nacht eine geradezu unerträgliche Kälte herrsche, und fürchteten in allem Ernst, da zu erfrieren. Endlich faßte ich mich kurz und erklärte ihnen, daß ich fest entschlossen sei, hinaufzusteigen, und zwar mit denen unter ihnen, auf die ich mich verlassen könne. Wir würden uns tief in den Schnee eingraben, die Aushöhlung mit dem mitgenommenen Zeltdache überdecken, ganz nahe aneinander rücken und so jeder Kälte Trotz bieten, wie grimmig sie auch sei. Diese Anordnung beruhigte sie, und wir wanderten weiter. Um vier Uhr nachmittags erreichten wir das zweite von den drei großen Firnfeldern, die wir zu überschreiten hatten. Und dort in einer Höhe von 2530 m über Chamonix und 3690 m über dem Meere hielten wir Rast. Wir gingen nicht bis auf das letzte Firnfeld, weil man dort den Lawinen ausgesetzt ist. Wir mußten über zwei Lawinen klettern, die seit der letzten Reise Balmats herabgekommen waren und deren Trümmer das Tal in seiner geringen Breite bedeckten. Meine Leute begannen zuvörderst den Platz auszugraben, auf welchem wir die Nacht hinbringen sollten; aber sie merkten gar bald, daß es ihnen an Luft fehlte. Das Barometer stand nur 481 mm. Diese kräftigen Männer, für welche ein Marsch von 7-8 Stunden soviel wie nichts ist, hatten kaum 5-6 Schaufeln von Schnee fortgeschafft, als sie schon wieder einhalten und Atem schöpfen mußten. Einer von ihnen, der zurückgegangen war, um in einem Fäßchen Wasser zu holen, das wir in einer Spalte bemerkt hatten, fühlte sich plötzlich so unwohl, daß er ohne Wasser zurückkam und den Abend unter peinlichster Herzbeklemmung zubrachte. Ich selbst, der ich doch an die Gebirgsluft gewöhnt bin und mich darin am wohlsten fühle, wohler als in der dicken Luft der Tiefebene, fühlte mich beim Beobachten der meteorologischen Instrumente gänzlich abgespannt. Wir verspürten alle einen brennenden Durst und konnten uns doch auf keine andere Weise Wasser verschaffen als durch Schmelzen des Schnees. Denn wenn auch jemand nach Wasser zurückgegangen wäre, das wir unterwegs bemerkt hatten, so würde er es in der späten Abendstunde zu Eis erstarrt gefunden haben. Die kleine Kohlenpfanne, die ich hatte mitnehmen lassen, konnte zwanzig durstigen Seelen nur sehr langsam zu Hilfe kommen. Am nächsten Morgen begannen wir das dritte und letzte Eisfeld hinaufzusteigen, dann hielten wir uns links, um auf den höchsten Grat im Osten der Spitze zu gelangen. Der Abhang ist außerordentlich steil, und wir brauchten zwei Stunden, um diesen 500 m hohen Abhang zu erklettern. Nachdem wir beim letzten Felsen angelangt waren, nahmen wir unsere Richtung wieder rechts nach Westen, um den letzten Abhang zu ersteigen, dessen senkrechte Höhe ungefähr 300 m beträgt. Dieses Gehänge bietet keine Schwierigkeit; aber die Luft ist hier bereits so dünn, daß sich die Kräfte sehr bald erschöpfen. Nahe am Gipfel konnte ich nur 15-16 Schritte machen und mußte dann Atem schöpfen; ja, ich bekam hin und wieder Anwandlungen von Ohnmacht, die mich zum Niedersitzen zwangen. Doch sobald die Atmung sich wieder herstellte, fühlte ich auch die Rückkehr meiner Kraft, und indem ich mich wieder in Marsch setzte, meinte ich, in einem Zuge den Gipfel des Berges erreichen zu können. Alle meine Leute waren nach Maßgabe ihrer Rüstigkeit in derselben Lage. Wir brauchten zwei Stunden vom letzten Felsen bis zur Kuppe, und es war 11 Uhr, als wir oben anlangten. Nun konnte ich das große Schauspiel genießen, das sich vor meinen Augen ausbreitete. Ein leichter Dunst in den tieferen Luftschichten raubte mir freilich den Anblick der am tiefsten und entferntesten gelegenen Gegenstände, also der Ebenen Frankreichs und der Lombardei; doch ich bedauerte diesen Verlust nicht allzusehr in Anbetracht dessen, was ich wirklich sah. Und was ich in vollkommener Klarheit anzuschauen das Glück hatte, das war das Miteinander aller der Hochgipfel, nach deren Bekanntschaft ich so lange mich gesehnt hatte. Ich wollte zuerst meinen Augen nicht trauen, es schien mir wie ein Traum, als ich zu meinen Füßen diese hocherhabenen majestätischen Gipfel, diese schrecklichen Nadeln: die Aiguille du Midi, d'Argentières, du Géant – erblickte, an deren Fuß zu gelangen mir schon so schwierig und gefährlich geworden war. Ich erfaßte ihre Verhältnisse, ihre Verbindung, ihren Aufbau, und ein einziger Blick löste Zweifel, welche jahrelange Arbeit nicht zu beseitigen vermochte. Unterdessen hatten meine Führer das Zelt aufgeschlagen und richteten darunter den kleinen Tisch zu, auf dem ich meine Beobachtungen über das Sieden des Wassers anstellen konnte. Doch als ich mich anschickte, mit meinem Meßgerät zu arbeiten, mußte ich jeden Augenblick meine Arbeit unterbrechen, um wieder Atem zu schöpfen. Nachdem wir 4½ Stunden auf dem Gipfel verweilt hatten, begannen wir den Abstieg, der viel leichter von statten ging, als wir gehofft. Am anderen Tage auf dem Bergrücken von La Côte angekommen, traf ich Herrn Bourrit, der einige meiner Führer sogleich in Dienst nehmen wollte, um mit ihnen auf der Stelle nach dem Gipfel zurückzukehren; allein sie fühlten sich zu sehr angegriffen und verlangten, erst nach Chamonix zurückzukehren, um sich dort auszuruhen. So steigen wir denn alle vergnügt zur Abtei hinunter, wo wir zum Mittagessen anlangten. Ich hatte die Freude, alle meine Leute gesund und wohl zurückzubringen; Gesicht und Augen hatten nicht gelitten, da wir sie mit schwarzem Krepp geschützt hatten. Diese Vorsicht hatte uns vor dem Schicksal der ersten Bergsteiger bewahrt, die halb blind, mit verbranntem und aufgesprungenem Gesicht zurückgekehrt waren.« In Chamonix wurden bei der glücklichen Rückkehr der Karawane die Glocken des Kirchspiels geläutet und auch ein kirchliches Dankfest gefeiert. Es feierten aber nicht bloß menschlicher Mut und fester Wille, menschliche Ausdauer und Beharrlichkeit einen Sieg, auch die Wissenschaft hat einen ihrer schönsten Erfolge errungen: sie hatte das Chamonixtal und den Montblanc erobert und ein Vorbild für alle künftigen Bergfahrten aufgestellt, dem die besten Naturforscher nacheiferten: Die Geologie hat ihre Heimat in den Bergen. Für das arme Chamonixtal wurde die Saussure'sche Bergfahrt, von der man in der ganzen gebildeten Welt erzählte, das größte Ereignis; denn das Hochtal wurde fortan der Magnet für zahllose Reisende, die seine Wunder mit eigenen Augen sehen wollten. Dem kühnen Gelehrten und seinem Führer ist 1887 in Chamonix ein schönes Denkmal errichtet worden, Balmat weist mit der Hand zum Gipfel des höchsten Alpenberges, während Saussure freudig erregt mit dem Blick folgt. 1892 hat der Pariser Astronom Janssen auf dem Schnee des Gipfels eine Wetterwarte erbaut, die mit ihrer eigentümlichen Form: abgestumpfte vierseitige Pyramide mit aufgesetzter sechsseitiger Säule als Türmchen, wie eine kleine Festung aussieht und in der Tat »ein himmelanstrebendes, in die Welt hinausleuchtendes Schloß der Wissenschaft ist«. Sie ist aber jetzt im Firn halb versunken und daher verlassen worden. V. Bilder aus Westeuropa. A. Frankreich. 1. Frankreich und die Franzosen. – 2. Paris. – 3. Aus der Vendée. – 4. In den Landes. – 5. Durch die Provence nach Marseille.   1. Frankreich und die Franzosen. Frankreich bildet durch seine eigentümliche geographische Lage zwar keine so vollkommene Halbinsel wie Spanien, aber doch eine Art Halbinsel, indem seine gute Hälfte vom Meere umspült ist. Ratzel nennt seine Lage »isthmisch« – nennt es ein atlantisches, ein Mittelmeer-, ein Nordseeland, zugleich aber auch ein kontinentales. Seine Landgrenzen sind durch Hochgebirge gesichert gegen die Mittelmeermächte. Und gegen Deutschland hat Frankreich nach dem Weltkriege die alte Sperrgrenze im Wasgau vom Belchen bis zum Donon, wie die flachen Ardennen breit überflutet und seine Herrschaft an einigen Brückenköpfen bis über den Rhein ausgedehnt. Der Schweizer Jura ist eine gute Gebirgsgrenze. Von Süden her empfängt Frankreich die mittelmeerische Wärme, vom Westen her den ausgleichenden Einfluß des Atlantischen Ozeans, im Westen gleicht sein Klima dem südwestdeutsch-festländischen; zum Beispiel in der Franche Comté. Südenglische Landschaften zeigt die Bretagne, italienische die Riviera. Der Gebirgsstock der Auvergne ähnelt der Eifel, ist viel höher, daher trotz seiner südlichen Lage fast so rauh. Der Franzose ißt Weißbrot – sein Land ist Weizenland , doch erzeugt es nicht genug davon und ist auf die Einfuhr angewiesen. Nur der Südwesten ist Maisland. Der Franzose ist Weintrinker – sein Land bietet ihm trotz der Reblausverheerungen genug davon, und wo die Traube nicht mehr gedeihen will, kommt das Obst fort, aus dem er seinen Cidre bereitet. Die feinere Lebenshaltung übt auf den Charakter des Volkes ihren Einfluß: Der Franzose ist im ganzen liebenswürdiger, verbindlicher, höflicher als der Deutsche. Und mag auch dabei viel Phrase mit einfließen, er hat doch den Vorzug glücklicher Leichtlebigkeit, gewandter Lebensführung, anmutiger Menschlichkeit und Geselligkeit – ja er geht so weit darin, daß er oft trotz seines Dranges nach Freiheit zum Sklaven der gesellschaftlichen Form wird. Es begreift sich daraus, daß früher die vornehmen Stände sich in Paris den Firnis feiner Sitte holten, es begreift sich daraus die Luxusindustrie und Modeherrschaft, die Frankreich noch immer ausübt – es liegt zum Teil darin das Übergewicht der französischen Sprache im staatsmännischen Verkehre begründet. »Was dem ruhigen Beobachter französischer Zustände mehr als alles andere auffällt, ist die Fülle der Widersprüche, denen er darin begegnet. Wie die Stimmung der Nation bald ›himmelhoch jauchzend, bald zum Tode betrübt‹, so ihre Schicksale bald glanzvoll blendend, bald elend bemitleidenswert. Leidenschaftliche Teilnahme am Staatswesen und trostlose Gleichgültigkeit, Begeisterung und Verzweiflung, Nachtreterei und Neuerungssucht, schwungvolle Aufopferung und selbstsüchtige Beschränktheit, Drängen nach Freiheit und Sichbegnügen in der Gewaltherrschaft, folgen sich im öffentlichen Leben rasch und beinahe unvermittelt. »Aberglaube und Unglaube, Unsittlichkeit und Familiensinn, Wortschwall und nüchternster Geschmack grenzen hart aneinander, begegnen sich, vertragen sich im religiösen, im sittlichen und geistigen Leben. Und noch verblüffender ist der Gegensatz zwischen dem Privatcharakter und dem öffentlichen Charakter des Franzosen. Leichtsinnig, verschwenderisch, nur seinen Trieben gehorchend; wenn sich's um den Staat handelt, ist er vorsichtig, sparsam, stets besonnen in seinen persönlichen Lebensverhältnissen. Trotzdem leistet der Franzose als geselliges Wesen das Höchste und ist sittlich, geistig und künstlerisch den anderen europäischen Kulturvölkern mindestens ebenbürtig. »Die Lösung des Widerspruchs liegt, irren wir nicht, im unvermittelten Gegensatze der Charakteranlage und der Geistesrichtung . »Die Verständigkeit, der Rationalismus, ist der Grundzug des französischen Geistes. Er ist im 18. Jahrhundert zu seiner vollsten Entwicklung und zu seinem bestimmtesten Ausdrucke gelangt, hat in der Revolution und dem Kaiserreich die Alleinherrschaft erlangt – und offenbart sich noch heute deutlich in seinem bald heilsamen, bald tödlichen Einfluß auf das öffentliche und das Privatleben. Und diese Geistesrichtung verbindet sich mit dem leidenschaftlich erregbaren Geblüt und der maßlos vordrängenden Eigenliebe des Kelten , dem die vermittelnden Gaben sowohl des germanischen Gemüts als auch des sinnlichen Idealismus des Romanen abgehen.« Nach Hillebrand, Frankreich und die Franzosen. Berlin, R. Oppenheim. Denn während das Keltentum in den Ostvölkern fast restlos aufgelöst wurde, ist es in Frankreich besonders dadurch, daß seine Hauptstadt im gallischen Kerne emporblühte, zur Herrschaft gelangt. Die Eitelkeit, das Schielen nach dem Beifall der Mitwelt benimmt den Franzosen oft den klaren Verstand und umnebelt die scharf erkannten Ziele. Das französische Volk hat den Menschenverlust von 1870/71 nicht so rasch verschmerzt und wert gemacht als das deutsche. Es ist eine stehende Klage der französischen Rechner, daß die Bevölkerungsziffer Frankreichs nicht durch den Geburtenüberschuß steigt, sondern fällt – und sich nur durch Zuwanderung auf der Höhe von 38½ Millionen zu erhalten vermag seit Jahrzehnten, trotz schwacher Auswanderung. Der Männermord des Weltkriegs hat Frankreich wiederum am härtesten getroffen; denn während in Deutschland auf 35 Einwohner ein Mann fiel, in Frankreich war es einer schon auf 28 Einwohner. Einen gewissen Ausgleich findet Frankreich darin, daß es große Gebiete Westdeutschlands sich angeeignet hat und dadurch seine Bevölkerungsziffer, nicht aber die Zahl der Franzosen erhöht hat. Auch in Frankreich verschob sich die Bevölkerung zugunsten der Städte; besonders die Industriestädte Lille, Paris, St. Etienne und Marseille übten große Anziehungskraft aus. Solche Städte sind aber nicht Jungbrunnen der Bevölkerung, und so fehlt Frankreich trotz seiner zahlreichen großen Kolonien der Menschenüberfluß, der sie besiedeln und an das Mutterland ketten könnte.   2. Paris. Durch flach ausgegossene Ebene und leichtwelliges Gehügel rollt hinter dem Grenzorte Jeumont der Schnellzug, von Aachen-Köln kommend, nach Frankreich hinein. Überall braune Weizenfelder, auch Weiden mit Knicks wie in Holstein: darauf Rinder, auch Pferde. Gerade Wege, gerade Wassergräben und Kanäle, kerzengerade Pappeln. Die Häuser ärmlich, Rohziegelbau, die Esse am Giebel – Schacht- und Fabrikessen, Plakattafeln längs der Bahngeleise. Endlich Paris ! Gare du Nord! Nordbahnhof! Paris sieht auf dem Plane aus wie ein Schnitt durch einen Baum: Jahresringe und Markstrahlen. Es ist auch ein lebendiges Eigenwesen, das die verschiedensten Aufgaben erfüllen muß. Da draußen sind wir durch die dicke Rinde der Festungsmauern gefahren. Die Stadt ist die größte Festung der Erde. Lange Avenüen, Eisenbahnlinien durchbrechen den festen Gürtel und bringen den Menschen- und Warenstrom herzu – und hinaus. Ebenso die Wasseradern, vor allem die bräunliche Seine, die den Kern der Stadt umfließt, die Isle de Cité . Rings um ihn die Wachstumsringe der Stadt, alte Festungsgürtel, die in Promenaden verwandelt sind, deren Name Boulevards (= Bollwerk) noch ihre alte Bestimmung verrät. Von dem schlanken, stolzen, eisengenieteten Eiffelturm übersieht man das ungeheuere Stadtbild, aus dessen Häuservierecken hier grüne »Jardins« und »Bois« mit Blumenbeeten und Bildsäulen lebendig hervortreten, dort Fabrikessen, hier Kuppeln, wie die des Invalidendoms mit dem Kaisergrabe, oder gotische Spitzentürme mit Krabbenleitern und durchbrochenen Spitzbögen, wie Notre dame, emporsteigen. Und weiterhin gleitet das Auge an dem Bogen der Seine hinaus auf die von Forts besetzten, mit Villen und Schlössern, mit Dörfern und Vororten übersäten Randhöhen des Pariser Beckens: es ist, als wäre das Menschenleben zu unseren Füßen von diesen Höhen hierher zusammengeflossen – von dem ringförmigen Uferkranze des alten tertiären Seebeckens. Es ist sehr schwer, das geographische Charakterbild einer modernen Großstadt zu zeichnen; zu vielseitig hat der Mensch das Stück Erde, darauf sie steht, bearbeitet, verwandelt nach seinem Willen; durch Überbauten, durch Hochbauten die Fläche verdoppelt, vervierfacht usw., durch Tiefbauten sie unterwühlt, kanalisiert, dem Verkehr dienstbar gemacht – und die Grundfläche selbst, der alte Erdboden, der doch auch einst Naturboden war, ist längst mit einer dicken Kulturschicht vergangenen Lebens bedeckt, er ist nicht mehr zu sehen; er wird beständig neu verteilt, neu eingerichtet und dienstbar gemacht, hier als Gartenanlage einen Schein von Naturwüchsigkeit wahrend, dort gepflastert, beschient als Verkehrsbahn dienend, hier – und das zumeist – hoch bebaut. Aber wie verschieden wieder die Baufläche belebt ist: hier hat sie religiöse Macht des Mittelalters mit einem Kunstwerk aus Sandsteinen belebt: jeder spiegelt in seiner Form ein Stück Arbeit längst untergegangenen frommen Menschenwillens; hier wieder zeugen die Bauten von reiner, künstlerischer oder nationaler Begeisterung, von stolzer politisch-sozialer Gemeinarbeit, von der kraftvollen Herrennatur prachtliebender Fürsten, von der naturknechtenden Kraft der Technik, von der nüchternen Geldgier reicher Unternehmer – kurz, alle Seiten menschlicher Betätigung kommen hier auf engem Felde räumlich zum Ausdruck – wer wollte sie fassen? Paris ist für die Ausbildung des modernen europäischen Großstadtbildes mit seiner Erscheinung tonangebend gewesen nach vielen Seiten hin, nicht zum wenigsten für die deutschen Großstädte. Schon die technischen Ausdrücke für unsere breiten Baumstraßen = Alleen, für unsere Hochbauten mit ihren souterrains, parterres, étages, mansardes bezeugen diese Herkunft. Paris vereinigt alles in sich, was eine Stadt groß macht, es ist Festung, es ist Markt, es ist Industrie-, es ist Kunst-, es ist Universitätsstadt, es ist Vergnügungsort und Prunkstadt, es ist ein alter Königssitz, es ist Verwaltungsmittelpunkt – nach all diesen Seiten ist diese Großstadt entwickelt seit alters ; denn sie war stets das Haupt und Herz eines großen Landes. Das geographische Charakterbild muß vor solcher Mannigfaltigkeit zur Skizze werden, und wir greifen aus der Fülle der Erscheinungen das heraus, was für diese Großstadt am fesselndsten und bezeichnendsten ist: den Menschen . Denn Paris ist mit seiner milden Luft schon eine halbsüdliche Stadt, in der das Menschenleben im Freien pulst – die liebenswürdige Rücksicht allem menschlichen Tun gegenüber, sei es gut oder böse, nützlich oder schädlich, die man hier übt, gibt überdies dem Pariser Leben eine reizvolle Vielgestaltigkeit , die es vom Leben in anderen Großstädten Europas durchaus unterscheidet. »Das ist gerade das Einzigartige an Paris, daß es nordisches und südliches Leben in sich vereint; diese Großartigkeit des Geschäftsverkehrs, die mit London wetteifert, und diese Buntheit und Fröhlichkeit des Straßenlebens, die an Italien gemahnen; eine Vielgeschäftigkeit, die den Kopf verwirrt, und ein süßes Bummelleben, das verführerisch lockt.« Von hier ab nach Walther Gensel, Paris. Leipzig 1900, Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung. Der Mensch tritt in jeder Großstadt zunächst als Massenerscheinung im Landschaftsbilde auf – in bestimmten Bahnen, nach bestimmten Gesetzen flutet der Menschenstrom hier vorwärts, schwillt und ebbt, staut sich, bildet Wirbel, versiegt. Bald rauschend wie eine Brandung, bald summend wie ein Bienenschwarm klingt es aus der Rue Royale herüber, als käme es von dem prächtigen Säulenportikus der Madeleine her, die an der Mündung der volkbelebten Boulevards steht. Nur in den letzten Stunden vor dem Morgengrauen sind sie leer, oft aber faßt das von hohen Häusern eingeschlossene, von breiten, baumbepflanzten Fußsteigen und asphaltierten Fahrdämmen gebildete Verkehrsbette kaum den Strom von Menschen aller Art, von Equipagen, Geschäftswagen, Automobilen, Radfahrern – von Droschken und hochbordigen Omnibussen, von Mailcoachs und Kremsern, die zu den Rennen nach Auteuil fahren oder nach Versailles – von sonderbar und auffällig ausstaffierten Reklamewagen. Auf den Fußsteigen zwischen den Plakatsäulen, Polizeiposten, Zeitungskiosken, Bäumen, Laternen einerseits und den planenbedachten Stuhl- und Tischreihen der Kaffeehäuser, den Zeitungs- und Büchertischen der Buchhandlungen, den zahlreichen bunten Auslagen der Toilettegeschäfte und anderem windet sich der bunte Strom der Fußgänger hindurch: Modedamen in blendenden, rauschenden Seidenkleidern, Lumpensammler in armseligen Fetzen; Müßiggänger in tadellosem Gehrocke und glänzendem Zylinder, Arbeiter in Bluse und Sammethosen; »dort kreuzt ein amerikanischer Dandy mit bunter Leibwäsche und aufgekrempelten Beinkleidern einen deutschen Professor in Brille und Schlapphut; hier trifft eine baedekerbewaffnete Miß mit einer schmucküberladenen Spanierin zusammen. Neugierige Schwarze aus Tunis, Senegambien und Madagaskar betrachten mit blödem Lächeln die Wunder der Stadt, die ja auch ihre Hauptstadt ist. Das altmodische Kleid und das selbst zurechtgestutzte Hütchen der deutschen Lehrerin erregt das Mitleid des kleinen, einen mächtigen Karton tragenden Ladenmädchens, das in ihrem eiligen Vorübertrippeln sonst nur noch Blicke für die Schätze der zahlreichen Juwelierläden hat. Hier begegnen uns Maler vom Montmartre mit wallenden Haaren und merkwürdigen Sammetjoppen, da kommt ein Pärchen aus dem lateinischen Viertel auf uns zu ... Ein Geistlicher mit seinen Zöglingen, ein greiser Kapuzinerpater, Diener der großen Bankhäuser in Dreimastern und blauen Schoßröcken, Austräger der großen Modehäuser, Briefträger, Telegraphenboten, barmherzige Schwestern, Kommissionäre, Polizisten – Offiziere sind selten, die gehen meist in Zivil aus, doch zeigen Kavallerieoffiziere und afrikanische Offiziere gern ihre hübsche Uniform; auch Turkos und vor allem die Spahis ihre Turbane und weiten Mäntel ... Sinnverwirrend ist der Lärm: das Knallen der Peitschen, das Fluchen der Kutscher, das Tuten der Omnibusse, das Klingeln der Radfahrer, das Rasseln der Räder, das Schnaufen der Autos und über dem allen schwebend das Schreien der Camelots, der Gelegenheitshändler mit allerlei scherz- und zweifelhaften Kleinigkeiten und das Brüllen der Zeitungsjungen.« Dazu kommt das Fischweib, das mit schrillem Gesang seine blinkende Ware anpreist, der Ziegenhirt und der Eselmilchverkäufer, die Käsefrau, der Glaser, der Kleidertrödler, der Lumpensammler, der Rohrstuhlflicker, der Scherenschleifer, der Käufer alter Zylinderhüte, das Blumenmädchen – bald heisere Männer-, bald schrille Frauenstimmen. Auch der Straßensänger mit der Fiedel und der Leierkastenmann sind hier tätig und haben ihre Zuhörer, selbst der Possenreißer, der Taschenspieler kommt gelegentlich aus den Vorstädten ins Innere und führt sich auf offener Straße vor. – Solche und ähnliche Bilder kann man mit Muße an einem milden Abende vom Marmortische eines Boulevardcafés aus kennen lernen. »Der Menschenstrom ist am stärksten kurz nach dem Diner, das heißt abends zwischen 8 und 10 Uhr. Dann wird es stiller bis kurz vor Mitternacht. Da mit einem Schlage regt sich das Leben von neuem, die Wagen drängen sich wie in den Stunden des regsten Tagesverkehrs, die Trottoirs sind überfüllt. Die Theater sind nämlich zu Ende, und Tausende suchen die Cafés auf, um zu »soupieren« oder wenigstens ein Glas Bier zu trinken. Die meisten Leute, die jetzt noch vorübergehen, haben kein zu Hause; am Tage findet man sie an den Umwallungsmauern oder auf den Bänken in den Anlagen schlafend. Etwa halb zwei Uhr werden die meisten Laternen ausgedreht, die Tische und Stühle hereingenommen, die Kellner erscheinen mit Besen, hier und da rasseln die schweren Rolläden nieder. Die Straße ist einsam geworden, die verdächtigen Gestalten, denen man Müßiggang, Trunksucht und Ausschweifung ansieht, mehren sich. Wir winken einer Droschke. Außer den Droschken gibt es zahlreiche Omnibuslinien, die langsam, aber sicher durch das Straßengewühl befördern. An den Kreuzungspunkten sind Wartestuben, die das Einsteigen durch Nummerausgabe regeln. In den äußeren Stadtteilen sind die gemütlichen Omnibusse durch Pferdebahnen ersetzt worden; für den Vorortsverkehr gibt es Dampfstraßenbahnen und elektrische Bahnen. Seit der letzten Weltausstellung hat auch Paris eine Untergrundbahn, die Metropolitain, die ein gut Teil des Verkehrs im Stadtinnern unter den Straßentrakt verlegt. Selbstverständlich wird auch die lange, vielfach gewundene Wasserstraße der Seine ausgenutzt. Fliegen (mouches) und Schwalben (hirondelles) nennt der Pariser die kleinen Dampfer, die ihn rasch durch die Mitte der Stadt oder auch hinaus nach Meudon oder Saint-Cloud tragen. Die beliebtesten Erholungs- und Raststätten der Pariser liegen innerhalb der Stadt. Der Tuileriengarten am rechten Seineufer ist der große Kinderspiel- und -tummelplatz, und um den Springbrunnen sammelt sich Jungparis, um Schiffchen schwimmen zu lassen. Trotz der Lage mitten in der Stadt scheint er entfernt vom Staub und Lärm, ein ruhiges Eiland im Strudel des Verkehrs. Lustige Kinder trifft man auch auf den Champs-Elysées, wo sie dem Kasperle, er heißt hier Guignol, zuschauen und zuhören. Selbst im Winter sind die Bänkchen vor seinem Zelt dicht besetzt. Am liebsten aber suchen Mutter und Ammen den Luxemburggarten auf, dort vergnügen sich auch die Pensionäre und Rentner, dort erholt sich der Student im Tennisspiel usw. Des Sonntags tummelt sich das Volk draußen auf den Rasenplätzen und unter den efeuumrankten Bäumen des Boulogner Wäldchens; man hält ein »déjeuner sur l'herbe« in Hemdsärmeln, schläft, spielt und schaut dem Korsofahren der vornehmen Welt und Halbwelt zu, den Reitern und Radlern, den Automobilisten. Das ist das skizzenhafte Bild des Pariser Lebens in dem Herzen der Dreimillionenstadt. Von allen Seiten müssen die Eisenbahnen Nahrungsmittel für diese Menschenmenge herantragen: die »Hallen«, der »ventre de Paris«, wie sie Zola nennt, zeigen, wie Tag und Nacht die Zufuhr und die Abnahme anhält: Riesenmengen von Fleisch, Wildbret und Geflügel, Fische aus der Seine und vom Meere, dazu Hummern, Austern, Südfrüchte aus der Provence, aus Spanien, Gemüse, besonders Brunnenkresse und Artischocken aus den Vororten, im Winter aus den Gärten des algerischen Tellatlas usw. Weithin zieht also Paris als Abnehmer seine Kreise – weiter reichte einst sein Einfluß als Stadt der feinen Sitte, des Luxus und des Geschmacks, der Kunst und des Kunstgewerbes: er besteht noch , aber der Bannkreis ist immer enger geworden. Wir Deutsche stehen seit 1870 nicht mehr darin – und doch besuchte der reiselustigere Deutsche Paris viel mehr als der Franzose unsere deutschen Großstädte.   3. Aus der Vendée. Quelle: F. v. Hellwald. Frankreich in Wort und Bild. Bd. II. Leipzig 1886, Schmidt \& Günther. Wer ein Stück eigentümlichen, unverdorbenen französischen Landlebens kennen lernen will, der folge uns nach der Vendée, jener Landschaft an der französischen Westküste, die im Norden fast bis zur Loiremündung, im Osten fast bis zu den Hauteurs de la Gatine reicht, während sie im Süden durch das Küstenflüßchen Sèvre begrenzt wird. Man unterscheidet von der Küste aus drei, ihrem Gepräge nach verschiedene Gebiete, das Sumpfland (Marais), die Ebene (Plaine) und das Busch- und Heckenland (Bocage). Im Küstensaume, dem Sumpflande, hat man deutliche Zeugnisse dafür, daß im Schutze der steinernen Brustwehr der Bretagne das Land auf Kosten des Meeres wächst. Einige zwanzig Hügel sind ehemals Inseln gewesen. An der Südgrenze, im Gebiete der Sèvre sind gegen 200 qkm vom Meere frei geworden, sie bilden heute sehr fruchtbare Äcker. Im allgemeinen ist das Marais teils sandig, teils mit großen Sümpfen bedeckt, welche Dünste entsenden, die die Luft verpesten. Mit dem Bienenfleiße des Holländers hat der Vendéer die Moräste mit Kanälen durchzogen und die entwässerten urbar gemacht. Der so gewonnene Kulturboden liefert vortrefflichen Hanf, Getreide, Gemüse, während auf den Weiden ein kräftiger Schlag von Pferden, Rindern und Hammeln gezüchtet wird. Mit besonderem Erfolg werden Maultiere gezogen, die wegen ihrer Güte erstaunliche Preise selbst auf spanischen Märkten erzielen, während die Stiere, unter dem Namen »Chollet« bekannt, auf den Schlachthöfen von Paris Staat machen. Hohe Bäume nur an den Rändern des Sumpflandes, sonst nur Wassergräben, Weiden, Viehherden und Meierhöfe, die von Eichen, Nuß- und Kastanienbäumen umschattet sind. Es ist lustig anzusehen, wenn am Sonntagmorgen eine Unmenge kleiner Kähne daraus hervorsticht, um den Weg zur Kirche zu nehmen. Freilich sitzen nur weibliche Personen in den Fahrzeugen; die jungen Burschen eilen quer durch die Sümpfe dem Kirchturme zu, in der Hand den 3 m langen Springstock, mit dessen Hilfe sie sich über die oft 7 m breiten Gräben hinwegschwingen. Schön ist der Menschenschlag, der dies Sumpfland bewohnt. Hoch ist sein Wuchs, frisch die Gesichtsfarbe, natürlich sein ganzes Gebaren; wohl stehen dem jungen Mann der an der einen Seite aufgeschlagene, mit hellfarbigen Schnuren umwundene Hut, die Weste von weißem Flanell, die weiten Beinkleider und der grellbunte baumwollene Gürtel. Eigentümlich ist den blondhaarigen Sumpfbewohnern auch ein entschiedener Haß gegen die Nachbarn aus dem Buschland, obwohl man sonst Übereinstimmung findet in den religiösen und politischen Meinungen, und obwohl man 1793-1796 zur Zeit des »großen Krieges« tapfer und erfolgreich zusammenhielt gegen die Heere der städtischen Empörer. Die Bewohner des Marais pflegen die Nachbarn aus dem Bocage mit dem Schimpfnamen Dannions zu belegen, das soviel als »verdammte Menschen« bezeichnen soll. Und ein Buschbewohner, der sich ins Innere des Sumpflandes wagt, ist bald von einer Kinderschar umringt, die ihm höhnend zuruft: »Ah Dannion, Dannion saraillon!« Das letzte Wort bedeutet soviel als eingeschnürt, da er engere Hosen trägt als sein Nachbar. Unser Maraichin ist lebhaften Geblütes, zum Zorn geneigt, schwer lenkbar, gegen Fremde zurückhaltend, während er gegen erprobte Freunde die größte Zutraulichkeit und Gastfreundlichkeit beweist. Seine Wohnung, freilich oft nur aus Lehmmauern und Rohrdach bestehend, zeigt im Innern peinliche Sauberkeit. Nur der reichere Maraichin ist imstande, dem einkehrenden Besucher ein Glas Wein vorzusetzen; aber dankbar wird auch der ärmste sein, wenn du dich mit ihm niedersetzest auf eine der Lehmbänke, die den Herd umgeben, worauf ein Feuer von Ochsenmist lodert, und wenn du dann den Tabaksbeutel öffnest und ihm eine Handvoll des Inhalts anbietest. Dann geht ihm das Herz auf. Das Rauchen ist eine so eingefleischte Sitte, daß ihr sogar der Knabe huldigt, und daß man sofort, wenn man den heiligen Raum des Gotteshauses hinter sich hat, aus dem Gürtel das rote Tonpfeifchen zieht, in Gruppen zusammentritt und sich gleich dem Volke Israel im Lande Sinai durch eine Wolke einhüllt. Die Frauen des Sumpflandes zeigen in Haltung und Bewegung Ungezwungenheit, rasch und keck ist ihr Gang. Am Sonntagabend versammeln sich beide Geschlechter vor einem der zahlreichen Wirtshäuser. Die jungen Mädchen sind leidenschaftliche Tänzerinnen, und ihr Anzug zeugt von großer Sorgfalt. Um die Reinheit und Weiße der Haut zu wahren, bringen sie vorn an der Haube ein Stück Papier als Schirm an, das Gesicht vor den bräunenden Sonnenstrahlen zu sichern. Das ungemein üppige Haar dreht man zu einem Knoten zusammen, den die Bewohnerin des Sumpflandes auf dem Hinterkopf befestigt und im Sommer mit einer Haube, im Winter mit einer Kapuze bedeckt. Zwischen Marais und Bocage breitet sich die Plaine, die Ebene der Vendée, aus, die zwar an der Südgrenze dürres Land mit Kalkboden, sonst aber fruchtbare Flächen mit Getreide und Weingärten besitzt. Sie bildet den Übergang zum Bocage, dem eigentlichen Herzen der Vendée. Hier finden wir auch die Hauptstadt der ganzen Landschaft, die 1804 in Form des Schachbretts angelegt und dem Kaiser zuliebe Napoléon-Vendée genannt wurde; bei der Rückkehr der Bourbonen 1814 wurde daraus ein Bourbon-Vendée, während sie gegenwärtig unter dem Namen Roche-sur-Yon auf den Karten selten zu finden ist; sie ist ein unbedeutendes Landstädtchen. Das Bocage, das Buschland ist gekennzeichnet durch den Holzreichtum, der der rodenden Tätigkeit immer mehr weicht; neben diesen reich bewässerten Gebieten liegen sonnige, sandige Heiden, Weingelände, sattgrüne Wiesen und auf dem gewellten Gelände wohlangebaute Felder, welche durch die geschichtlich berühmten hohen Hecken voneinander getrennt werden. Tiefe Hohlwege, beschattet von den Alleebäumen zu beiden Seiten, führen nach den Dörfern, deren stattliche Höfe von Wohlhabenheit zeugen. Auffällig sind die zahlreichen Kreuze, die uns an jedem Kreuzweg aufstoßen, und die von den Verwandten eines Verstorbenen dort aufgepflanzt wurden, als man seine sterbliche Hülle vorüberführte. In ihrem abergläubischen Sinn meinten sie auf diese Weise der Seele des Verstorbenen die Ruhe zu sichern, die sonst durch die besonders an Kreuzwegen sich umhertreibenden Hexen, Kobolde und andere Unholde leicht gestört werden könnte. Die Vendée ist ein Sitz fröhlichen Landlebens, das sich sowohl in den Liedern wie in den volkstümlichen Tänzen kundgibt. Die Volksdichtung schuf und schafft hier Lieder für den täglichen Gebrauch in allen Lebenslagen, Rund- und Tischgesänge, Weg- oder Wanderlieder, ja sie verstieg sich sogar zu einem Ochsentreibergesang, welcher in einer Reihenfolge von außerordentlich lange ausgehaltenen Tönen besteht und den trägen Schritt des Ochsengespanns die Taktteile bezeichnen läßt. Diese Gedichte, zum Teil Augenblickserzeugnisse, sind weniger fesselnd durch die sehr selten poetische Sprache, als vielmehr durch die wehmütig klagenden, ergreifenden Melodien, welche mit dem Anblick der düsteren Wälder zusammenzustimmen scheinen. Ein solches Augenblickserzeugnis ist der »Kuchentanz«. Vor den Neuvermählten steht ein mit Dornenzweigen ringsum besteckter Kuchen, kleinere vor den übrigen Hochzeitsgästen. Auf ein gegebenes Zeichen erhebt sich einer der jungen Burschen, ergreift den zunächst stehenden Kuchen, hält ihn hoch über den Kopf und tanzt damit nach der Mitte des Speisesaals. Drei oder vier andere Burschen folgen ihm, mit Tellern und Gabeln bewaffnet, die sie taktmäßig aneinanderschlagen; singend umkreisen sie den ersten und suchen mit den Gabeln ein Stück seines Kuchens zu erhaschen. Der Kampf endet mit einem tapferen Zechen, wobei der Kuchen verteilt wird. Was aber dem Fest der Vendéer seine eigentliche Würze verleiht, das ist das Knallen und der Pulverdampf. Der Besitzer einer alten Pistole ist der Held des Festes. Man schmeichelt und liebkost ihn, nur um die Gnade zu erlangen, etwas Pulver verpuffen zu dürfen. Und wenn die Tänzer erlahmen und die Geiger ermüden, dann werft einen Sprengschuß unter die Menge, und springend und jauchzend wirft sie sich der Freude wild in die Arme. Bei ernsteren Festen, wie am Johannistage und bei Rundreisen des Bischofs im Sprengel, müssen Freudenfeuer das Schießen ersetzen, und lange streiten sich dann die Hofbesitzer des Kirchspiels, wer dem Hochwürdigen – wenn die Wege für Pferdegeschirre »glücklicherweise« zu schlecht sind, die nötigen Stiere zum Vorspann liefere. In ihrer Fröhlichkeit, in ihrer Frömmigkeit, in ihrer gesunden Kraft des Leibes und der Seele, in ihrer zähen, am Alten hängenden, treuen Art gleichen die Vendéer unsern Tiroler Bauern.   4. In den Landes. Quelle: F. v. Hellwald, Frankreich in Wort und Bild. Bd. II. Leipzig 1886, Schmidt \& Günther. Die Küste Frankreichs zwischen der Gironde und dem Adour ist durch eine ziemlich hohe Dünenkette vor der zerstörenden Tätigkeit des Ozeans geschützt; nur ein einziges Mal zeigt sie einen bedeutenden Einbruch an der Stelle, wo sich die Bucht von Arcachon gebildet hat. Nicht mit heftiger Brandung schlägt die Welle an diesen Uferrand; denn schon lange, ehe sie ihn erreicht, ist ihre Kraft gebrochen durch die Sandbänke, vor welchen zahlreiche Leuchttürme den Schiffer warnen wollen, und doch ragen gleich den Gerippen gefallener und vom Sande halbverwehter Kamele die Wracks gestrandeter Schiffe zahlreich aus dem Wasser zur Zeit der Ebbe hervor. Hinter diesen Dünen liegt die öde Heidelandschaft der Landes, in früherer Zeit Vasconien, jetzt Gascogne genannt. Auf einer undurchlässigen Ortsteinschicht (»Alios« genannt) ruht eine Sandlage, die – durchglüht im Sommer und durchfroren im Winter – nur dürftige Heideflora zeitigt: Farne, Binsen, Ginster usw., und die früher nur wenigen dürren Schafen dürftige Weide bot. Dazu kam, daß durch unverantwortlichen Leichtsinn in der Forstverwaltung zur Zeit Ludwigs XIV. die Dünen entwaldet wurden, so daß der Sand durch den Westwind ins Innere getrieben wurde und alles unter seinem feinen Staube begrub. Endlich kam man auf den rettenden Gedanken, die Dünen zu bepflanzen mit Sandgras, Rohrbinsen, Ginster, Waldrebe, Meerstrandskiefer usw., deren Wurzelgeflecht die Sandkörner festbannte. An einigen Stellen wandte man auch ein ganz besonderes Verfahren an, um die Dünen festzulegen, »Clayonnage« genannt; man errichtete nämlich auf dem Scheitel der Dünen kleine Beete, die man mit 30-45 cm hohen Lehmwänden umgab, und in diese Beete säte man den Grassamen, der nun vom Winde nicht weitergeführt werden konnte. Sobald die Festlegung der Dünen geglückt war, waren die Versuche, die Landes ertragsfähig zu machen, nicht umsonst; man legte Gebüsche an, forstete mit Fichten und Strandkiefern auf und entwässerte versumpfte Stellen, indem man crastes, Gräben, durch die Aliosschichten schlug. Man braucht nicht gar weit südwärts von Bordeaux zu wandern, und schon sieht man sich in der trostlosen Einöde, welche nur hie und da durch eine Hütte, die inmitten einiger Mais- und Hirsefelder steht, oder durch einen Ochsenkarren unterbrochen wird. Die zahlreichen Moose und Flechten geben dem Sandboden doch wenigstens ein buntes Aussehen, wenn sie auch seine Unfruchtbarkeit nicht ändern, und übrigens steht neben der üppig wuchernden Besenheide, neben Binsen, Ginster, Farn, auch so manche Heideblume mit lieblicher Blüte, so die Erica ciliaris, die Meerzwiebel, das Veilchen, wilder Flachs und anderes. Die Bewohner der Landes nähren sich da am besten, wo die Fichtenbestände ausreichend sind, um eine lohnende Ernte aus dem Terpentin zu erzielen, das man durch Anzapfen der Bäume ungefähr 3-½ m über dem Boden gewinnt. Einen schönen Gewinn werfen auch jene freilich dünn gesäten Strecken ab, wo man die Korkeiche anbaut; vom 50. Jahre kann man diesen nützlichen Baum alle 7-8 Jahre abschälen, und erst im Alter von 200 Jahren ist er abgenutzt. Der Kork dieser Landstriche genießt einen ausgezeichneten Ruf im Weinlande Frankreichs, weil er sehr biegsam und ohne große Blasenräume ist. Außerdem bilden auch die Eicheln ein vortreffliches Mastfutter für Schweine und Schafe. Die Einwohner der Landes sind gascognischen Geblütes, klein von Gestalt, schwächlich, abgemagert, ihre Gesichtsfarbe ist gelblich wie bei Leberleidenden, aber glänzend schwarzes Haar wallt ihnen oft bis auf die Schultern herab. Den Grund des krankhaften Aussehens möchte man ebensowohl in den Sumpffiebern als auch in der Neigung zum Trinken erblicken. Ihre Tätigkeit erstreckt sich auf Viehzucht, Kork- und Harzsammeln, Korkschneiden, Kohlenbrennen, Fischfang, und im Süden, wo der Boden fruchtbarer wird, auch auf Land-, Obst- und Weinbau. Die Bevölkerung, gewöhnlich »Lanusquets« genannt, gliedert sich in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht in drei Stände, Eigentümer, selbständige Ansiedler und Pächter. Der Eigentümer ist ein braver Mensch, gastfrei, ein guter Ehegatte und Vater, verwaltet die Gemeindeämter, nimmt besonders das Geschäft des Handels für sich in Anspruch. Ungefähr die gleichen Eigenschaften entwickelt der Ansiedler, nur daß ihm zufolge seiner geringeren Bildung der feinere Schliff abgeht. Der Pächter oder Meier ist tot für alles, was nicht mit seiner Arbeit unmittelbar zusammenhängt; er fügt sich teilnahmlos in die Abhängigkeit von seinem Eigentümer, ja auch in seinen Familienverhältnissen ordnet er sich wie in der Patriarchenzeit dem Urteile des Familienältesten und der Hausfrau unter. Die Nahrung des Heidebauern besteht in Geflügel, den Schweinen und Schafen der eigenen Herden, aus Kohl und Rüben, die er selbst im Garten zieht, aus Brot von grobgeschrotenem Korn und einem eigentümlichen Landesgericht, »Cruchade« genannt, das aus Kügelchen von Mehl und Salz bereitet wird, die man in Wasser kocht. Der größte Teil der Lanusquets, besonders die Schaf- und Ochsenhirten, sowie die Harzsammler führen ein Wanderleben. Eigentümlich war die Art und Weise der Fortbewegung in jenen Gegenden, wo Heidekraut und Ginster hohe, fast undurchdringliche Dickichte bilden, wo Sümpfe unter dem Fußtritt weichen und fiebererzeugende Aushauchungen entsenden, wo zahlreiche gefährliche Tiere, besonders Wölfe, den arglos Hinschreitenden gefährden: man bewegte sich nämlich, ja man brachte einen großen Teil des Lebens auf 2 m hohen Stelzen zu. Die Lanusquets übten sich von frühester Jugend auf diesen verlängerten Beinen und erlangten in ihrem Gebrauch eine solche Gewandtheit, daß sie damit gemessen über Schilf und Ginster hinwegstiegen, sich in scharfen Trab setzten, ja darauf tanzten und walzten nach den Klängen des Dudelsacks. Ein langer Stock diente ihnen als Schwebestange beim Gehen, als Stütze, wenn sie ausruhten und während dieser Muße der Kunst des Strümpfestrickens oblagen. In den Steppen von Médoc bedienten sich nicht nur Hirten, sondern auch Kinder und Frauen der Stelzen. Die Schäfer bewachten auf ihren Stelzen stehend die Herden und hielten sie trabend und Dornen, Flugsand und Sümpfe unverletzt überfliegend zusammen. Seitdem Eisenbahnen und Landstraßen die Landes durchziehen, die Sümpfe entwässert, die Dünen festgelegt sind, sind die malerischen Gestalten der Heideschäfer auf ihren hohen Stelzen größtenteils verschwunden. Ein gleich einsames und unstetes Leben führt der Ochsenhirt, der in einem zweirädrigen Karren alle seine Lebensbedürfnisse und auch die Häute der getöteten Stiere mit sich führt. In oder unter dem Wagen ist sein Nachtlager. Er verwächst vollständig mit seinen Tieren; erst müssen sie gefüttert sein, ehe er an sich denkt; erst müssen sie schlafen, ehe er sein Lager sucht. Die Tiere zeigen sich dafür erkenntlich, sofern sie nur aus seiner Hand das Futter annehmen. Die großen Karren, »Cros« genannt, haben ein altertümliches Aussehen, an einem Doppeljoch, das mit Schaffell ausgekleidet ist, ziehen die Ochsen die schweren Fahrzeuge. Die Stiere sind zum Schutze gegen plagendes Ungeziefer mit Decken von weißem Linnen überzogen und machen in diesen weißen Hemden einen merkwürdigen Eindruck. In den Dörfern an der Küste leben die Fischer und Harzsammler. Die Fischer sind heiteren Gemüts, wohlgestaltet, von frischer Gesichtsfarbe, sanges- und lebenslustig. In den Dünen haben sie Hütten, die sie nur in der eigentlichen Fangzeit, von Fastnacht bis Ostern bewohnen, wenn sie anstatt auf den heimischen Küstenseen (den Étangs) im offenen Meere ihrer Beute nachgehen. Einen rechten Gegensatz zu ihnen bilden die Harzsammler; sie sind hager, hohlwangig, düster-schweigsam wie ihre Heimat, der Föhrenwald. Auch der Harzer eilte auf Stelzen einher, die sich von denen der Hirten nur durch die größere Höhe unterschieden. Stets führte er eine Leiter bei sich, welche aus einem einzigen Stück Holz besteht, in das eine Art Treppenstufen eingehauen sind. Mit der linken Hand stellte er diese an die anzuzapfende Fichte, schwang sich hinauf und schlug mit der Axt die Einschnitte, aus denen der zähe Saft quillt. Nachdem er ein Sammelgefäß befestigt, war er mit einem Satz wieder auf dem Boden, sprang auf die Stelzen und eilte durch den Waldesschatten zum nächsten Stamme. Der Hauptort der Landes ist das aufblühende Arcachon , das wegen seines prächtigen Seestrandes, seiner harzduftenden Wälder und der kräftigen Salzluft der Biscaya viel von Erholungsbedürftigen aufgesucht wird, die auch die Austern, die in der Haffbucht gezüchtet werden, zu würdigen wissen.   5. Durch die Provence nach Marseille. Quelle: Dr. W. Kobelt, Reiseerinnerungen aus Algerien und Tunis. Frankfurt a. M. 1885, Moritz Diesterweg. Der Schirokko blies heftig aus Südost und verwandelte die Luft in ein Staubmeer, als unser Reisender in Lyon den Bahnzug bestieg; die Zypressenbäumchen in den Anlagen am Bahnhof bogen sich fast bis zur Erde, und in der Abfahrtshalle mußte an den stillstehenden Wagen die Bremse angezogen werden, damit sie nicht, durch den Sturm getrieben, den Weg nach Norden antraten. Es war im März 1884. Südlich von Lyon standen die Mandelbäume in voller Blüte, der Pfirsich ließ sich die Blütenaugen von der Sonne wachküssen, die Wintersaat wogte bereits in der Erntefarbe auf und nieder. Regenmangel hatte sich im verflossenen Jahre sehr fühlbar gemacht, und obwohl Regenwolken den Himmel einhüllten, kam es doch über einen Sprühregen nicht hinaus. Merkwürdig öde nahm sich die Rhone aus, keine Flagge, kein Segel deutete Verkehrsleben an, während auf den Bahngleisen ein Zug dem anderen folgte. Bei Lamanon, wo ein Felsriegel ins Rhonetal vorspringt, gewahrte man die ersten Oliven, die von da ab zu den Charakterpflanzen des unteren Rhonetals gehören. In Avignon löste der Mistral, der kühl ins Rhonetal herabblies, den Schirokko auf kurze Zeit ab, um dem Afrikaner die Herrschaft sehr bald wieder zu überlassen. In Arles hat man Gelegenheit, einen merkwürdigen, in natürlichen Verhältnissen begründeten Wechsel im Städtecharakter zu beobachten. Aus dem ehemaligen Hafenplatze ist eine stille Landstadt mit 22 000 Seelen geworden. Früher lag sie an einer Stelle der Rhone, wo diese noch größeren Fahrzeugen zugänglich war. Doch größer und größer wurde die Sumpfebene ihres Deltas, die »Camargue«, die sie aus den Trümmern der Alpenberge aufschüttete, sumpfiger aber auch die beiden Mündungsarme, die einen Teil ihrer schwebenden Bestandteile im eigenen Bett absetzten. Die Camargue mag heute 850 qkm umfassen, über welche 3-400 Pachthöfe und nur 9 eigentliche Ortschaften verstreut liegen. Der feuchte Untergrund bedingt ein entschiedenes Überwiegen der Viehwirtschaft, der vier Fünftel des Bodens gewidmet sind; zahlreiche Pferdchen einer kleinen, flinken Rasse, besonders aber Schafherden bevölkern die öde Landschaft. Wie schon gesagt, beginnt bei Arles die Gabelung der Rhone; wie groß die Versandung der Ausflüsse war, geht am besten daraus hervor, daß man 1864 einen 60 m breiten, 7-9 m tiefen Kanal nach dem südöstlich von Arles am Meere gelegenen Bouc ausschachtete, und doch dient dies kostspielige Bauwerk nur dem Binnenverkehr; den Großhandel hat die ehemalige Hauptstadt des arelatischen Königreichs an Marseille abtreten müssen. Diesem Kanal entlang führt die Bahn von Arles aus weiter, zuerst noch in jener herrlichen Pflanzenpracht, die den vom Norden kommenden Reisenden mit eigentümlichem Zauber umfängt. Plötzlich ist sie verschwunden, und der Zug braust durch eine Steinwüste, die Crau (vom keltischen Craï = Stein), die französische Sahara. Kiesel bedecken den Boden, zwischen denen selbst im Frühjahr nur dürftiges Grün sich hindurchwindet. Schon den ersten Ansiedlern, den Phokiern griechischen Geblüts, die um 550 v. Chr. Marseille gründeten, fiel dieser wie ein erratischer Block in den Rhonegarten geschleuderte Erdfleck auf, und die Mythe mußte erklären, was dem Verstande zu schwere Rätsel zumutete. Als Herkules, so meinten die griechischen Kolonisten, mit den Rindern Geryons aus Spanien heimwärts zog, traten ihm hier die Eingeborenen feindlich entgegen. Da er seine Pfeile im Kampfe gegen sie sehr bald verbraucht hatte, ließ sein himmlischer Erzeuger plötzlich Steine regnen, die ihm als Wurfgeschosse dienen mußten. Die physische Erdkunde hat jetzt nachgewiesen, daß die Crau der Durance ihre Entstehung verdankt. Diese mündete früher gleich ins Meer und zwar östlich von der Rhone. Sie rollte massige Schuttmengen zum Golfe du Lion, die weicheren wurden zerrieben; nur die Quarzite und andere feste Gesteine blieben unversehrt. Durch Anhäufung dieser Geschiebemengen versperrte sie sich schließlich die eigene Mündung und brach sich westlich durch zur Rhone, ihr früheres Mündungsgebiet als Steinfeld zurücklassend. Die Crau war früher nur im Winter von Schafherden besucht, die sich während der Sommerglut gleich denen der Camargue auf die Alpenweiden flüchteten. Da kam um 1550 Ingenieur Craponne auf den Gedanken, seiner traurigen Heimat dadurch ein besseres Schicksal zu bereiten, daß er die Wasser der Durance durch einen Kanal wieder in die Steinwüste leiten und durch deren schlammige Ablagerungen, die man auf 18 Millionen Tonnen jährlich berechnet, diese Steinfelder nach und nach mit einer Schlammschicht bedecken wollte. Und nun rückt auch hier die Kultur langsam vor, indem man ein Stück nach dem anderen dem Anbau gewinnt, so daß Cousons oder Landhäuser inmitten der zugehörigen Äcker die Einöde zu beleben anfangen. Freilich hat man noch mit klimatischen Beschwerden zu kämpfen; die eine ist die Sommerglut, die andere der eisige Mistral, der selbst die salzigen Wasser der Strandseen zum Gefrieren bringen kann. Gegen ihn pflanzt man – und zwar mit Erfolg – als Schutzwehr dichte Reihen von Zypressen an als Hecken um Cousons und Felder; der Mistral kann sie zwar biegen, aber nicht entwurzeln. Auch die Bahn ist nach Nordost durch eine Zypressenhecke geschützt; aber die Neigung der Bäume nach Süd und die reichere Entwicklung der Äste nach dieser Seite redet deutlich von dem harten Strauß, den sie gegen den eisigen Gesellen, der aus Norden bläst, zu bestehen haben. Hie und da sind auch Steinhäuser für die Mutterschafe und Lämmer errichtet. Drähte hindern die Tiere am Betreten der Bahngleise; wo diese aber überschritten werden müssen, sind Tore angebracht, doch hat man die Wege lieber unter dem Bahnkörper weggeführt. Diese Löcher im Damme sind dann aber so niedrig, daß der Schäfer auf allen Vieren durchkriechen muß. Gegen 200 000 Stück Wollträger mögen gegenwärtig hier ihre Winterweiden finden. Die Bahn läuft sodann 25 km am Strandsee oder Étang von Berre hin, der einen herrlichen Hafen abgeben würde, wenn nicht Marseille so nahe läge. Landhäuser der reichen Marseiller Kaufleute, ein ganzer Park von Fischer- und Vergnügungsbooten geben dem See ein freundliches Aussehen; die Fischer versorgen den Fischmarkt von Marseille; der Sardinenfang steht mit in erster Linie. Endlich gelangen wir nach der ersten Hafenstadt Frankreichs. Vom Zimmer des Hotels erblickte der Reisende am nächsten Morgen den Innenhafen, der jetzt nur dem Orts- und Bootsverkehr dient, und links oben ragte auf einem Hügel das vergoldete Standbild der Notre dame de la Garde (»unserer lieben Schutzherrin«) empor. Ihr galt der erste Besuch, die bei allen Seefahrern des Mittelmeeres von jeher sich hohen Ansehens erfreute. Durch hübsche breite Straßen, in deren Rinnsteinen das Wasser der Durance rieselt, stieg man aufwärts; bald war die Promenade de Pierre Puget erreicht; zwischen Strandkiefern ging man im Schatten dahin. Teppichbeete, Becken und Springbrunnen verliehen diesem Spazierwege ein ungemein freundliches Aussehen. Je höher man stieg, um so deutlicher erblickte man die Stadt mit ihrem Hafen und den davorliegenden Inseln unter sich. Wir treten in eine enge Gasse, die sich zu dem Kreidefelsen hinaufwindet, der die Kapelle der Heiligen trägt. Von jeher hat hier oben eine Schutzgöttin der Seefahrer gestanden, erst eine heidnische, dann eine christliche, und auch heute sticht kaum ein Matrose katholischen Glaubens in See, ohne hier eine Messe gehört und das Bild der Göttlichen gekauft zu haben; am Maste befestigt, bildet es einen Talisman für das Schiff. Die jetzige prunkvolle Kapelle verdankt der französischen Kaiserzeit ihre Entstehung. Nur die kostbarsten Steine sind dazu verwendet, das Innere ist mit karrarischem Marmor ganz ausgekleidet, mit Wandmalereien und Mosaiken aufs beste geziert, und hoch auf dem Turme ragt die hehre Gottesmutter, den göttlichen Sohn im Arme, dem scheidenden Schiffer Trost, dem ankommenden Freude spendend. In vornehmen Wagen erschienen auch zahlreiche junge Damen, die hier ihr Herz ausschütten wollten. Ein schöner Fahrweg führte die Wagen herauf an den großen Steinbrüchen vorüber, denen die Stadt ihre Bau- und Pflastersteine entnimmt. Jene Fahrstraße endigt bei einer Marmortreppe, die vollends zur Kapelle hinaufleitet. Prächtig war der Ausblick von oben auf die an den halbkreisförmigen Hügelreihen aufsteigende Stadt mit dem Hafenbecken davor. Ein anderer Ausflug galt dem Stolze der Marseiller, der Rue Cannebière mit ihren Prachthäusern, Schaufenstern, ihrem Verkehrstreiben. Von einem Kaffeehause aus ließ sich das großstädtische Leben am bequemsten beobachten; Mauren, Türken, Araber, Griechen, Albanesen in heimischer Tracht, alle Völker des Mittelmeers in einzelnen Vertretern konnte man hier an sich vorüberziehen sehen. Dazwischen rollten die vornehmen Zweispänner und die Droschken, die mit den kleinen zierlichen Pferden aus Korsika und der Camargue bespannt sind; doch auch zwei- und vierrädrige Lastwagen rasselten daher, von vier bis sechs Pferden oder Mauleseln mühsam dahingeschleppt, die sämtlich sehr gut gehalten waren. Die Rue Cannebière ist zwar eine breite schöne Straße, doch ein Boulevard, wie Paris oder nur Toulouse deren aufweist, ist sie nicht. Wir schlendern die Straße entlang und gehen über den Blumenmarkt nach der Rue de Longchamp, wo das herrliche Museum unsere Aufmerksamkeit fesselt. Es ist gerade über dem Sammelbecken der Wasserleitung errichtet, die zu den bedeutendsten Bauwerken dieser Art zählt und sich getrost mit der Wiener, ja auch mit einer altrömischen Wasserleitung messen kann. Sie führt das Wasser der Durance hoch oben aus den Alpen 84 km weit herbei, durchbricht in einem 4 km langen Tunnel eine Bergkette und überschreitet bei Roquefavour auf einer 400 m langen dreistöckigen Überführung ein Flußtal. Obwohl ihr Wasser durch viele Bewässerungskanäle abgeleitet wird, reicht es doch vollkommen aus, die 400 öffentlichen Brunnen zu speisen und die Straßen zu spülen. Und diesem Umstande hat es Marseille zu danken, daß es aus einer verrufenen Stadt des Schmutzes eine gesunde und saubere Stadt geworden. Über dem Sammelbecken dieser Wasserleitung also ragt, in einem prächtigen Garten gelegen, das Museum empor, aus zwei Flügeln bestehend, die durch eine Säulenhalle verbunden sind. Der rechte Flügel beherbergt die Kunstschätze, der linke die zoologischen Sammlungen. Großartig sind die ausgestopften, gemalten und skelettierten Tiere im Innern. Schon in der Vorhalle fallen uns die Knochen eines riesigen Wales auf, der 1871 bei Ciotat, südöstlich von Marseille, strandete. Dasselbe gilt von einem zweiten Seesäugetiere, dessen mächtige Unterkiefer ebenfalls in der Vorhalle ausgestellt sind, dem Orca, der größten Delphinart (gegen 10 m lang und 180 Zentner schwer), die wohl dem schmalen Ruderschiff der Alten gefährlich werden konnte. Auch er ist jetzt sehr selten geworden im Mittelmeer. In zwei großen und vier kleinen Sälen sind nun die zahlreichen, wertvollen Nummern untergebracht, und zwar so, daß die ausgestorbenen Tiere am oberen Teile der den Fenstern gegenüberliegenden Wände in trefflichen Bildern zu sehen sind. Merkwürdig im höchsten Grade ist die in einem der kleinen Säle untergebrachte Sammlung aus der Provence und dem Golf du Lion, deren Muschelabteilung Seltenheiten hohen Wertes aufweist, während an den Wänden die Charakterbäume des Landes abgebildet sind. Hinter dem Museum befindet sich der 1854 begründete zoologische Garten, in welchem einzelne Dattelpalmen, Zwergpalmen, Schirmpalmen und andere Kinder des Südens ein kümmerliches Dasein fristen; die Pflanzenwelt in der Umgebung von Marseille ist wegen des Mistral nicht zu vergleichen mit der der Riviera. Am 15. März hatte der Nordwind die Schwingen eingezogen, es war schön warm und still, einladend zu einer Gondelfahrt im Hafen . Zahlreiche Vergnügungsboote lagen angekettet an den Kais, die den jetzt ziemlich bedeutungslosen Innenhafen einschließen; die zuverlässigen, geschickten Bootsführer standen in der Nähe. An dem Kai liegt ein Verkaufsladen am andern. Türken und Griechen bieten hier die kostbaren Stoffe des Ostens feil, reiche Teppiche, prächtige Kleiderstoffe, echt türkische Schals in den glänzendsten Farben mit grellen, wunderlichen Blumen, Palmen und Streifen. Rosenduft strömt von weitem aus anderen, mit den köstlichsten Essenzen angefüllten Läden. Aus einem daneben schauen Papageien, Kakadus und andere Vögel südlicher Zonen in der bunten Farbenpracht ihrer Federn gar fremd in die Welt hinein, während possierliche Affen den Vorbeigehenden Gesichter schneiden. Alles ist hier zu haben, Juwelen und Perlen, Uhren und Heiligenbilder, Landkarten und Kupferstiche, die herrlichsten Früchte des Südens, Orangen, Granatäpfel, Kokosnüsse, fast frische Datteln, in langen Trauben noch aneinander hängend, und die köstlichsten Blumen in Sträußen und Blumentöpfen; wie hier am Kai, so natürlich auch in den großartigen Läden der Cannebièrestraße. Aus dem Innenhafen fuhr man zwischen den Forts St. Nikolas und St. Jean in den Außenhafen. Auch dem flüchtigen Beschauer drängt sich die Gewißheit auf, daß Marseille das große Tor ist, durch welches Frankreich und das Morgenland miteinander verkehren. Dieser Hafen ist einer der schönsten der Welt. Bunte Flaggen und Wimpel der verschiedensten Länder flattern hier lustig gegen den dunkelblauen Äther auf. Kleine, sonderbar gestaltete Schiffe von der Küste des Mittelländischen Meeres, beladen mit Orangen, Kastanien, sogar mit Blumen, ankern neben den gewaltigen Kauffahrteischiffen und Postdampfern, sowie neben den fremdartig aussehenden Fahrzeugen der levantischen Küsten. Viele hundert Boote, Schaluppen, Fischernachen kreuzen lustig dazwischen herum, auch recht zierliche Gondeln, deren Insassen sich an dem geschäftigen Treiben, sowie an der smaragdnen Flut ergötzen. Zur Linken erblickt man auf dem hohen Meeresufer das liebliche Schlößchen, das einst die Stadt Marseille der Kaiserin Eugenie in Anerkennung der Verdienste ihres kaiserlichen Gemahls um den Ort zum Geschenk machte. Zwar verlangte sie es nach 1870 von der unglücklichen Frau zurück, doch wurde ihr Anspruch als unbegründet seitens der Gerichte abgewiesen; dies konnte die Marseiller freilich nicht hindern, das ihnen freiwillig zurückgestellte Geschenk »ohne jeden Anstand« zurückzunehmen. Von dem Schlößchen aus muß der Ausblick auf den vortrefflich eingerichteten Hafen entzückend sein. Um den Leuchtturm herumsteuernd, gelangt man zur Außenreede, die durch die Inselgruppe du Frioul vor dem Schirokko Schutz findet, und hinter den durch einen Damm verbundenen Hauptinseln Pomègues und Ratonneau liegen die Schiffe auch vor anderen Stürmen sicher. Hier befinden sich die Gebäude der Seuchensperre, und immer liegen daselbst einige Fahrzeuge, die aus den Tropen heimkehren, vor Anker; sehnsüchtig spähen die Wartenden, die gewöhnlich den Aufenthalt auf dem Schiffe demjenigen in den Zellen des Beobachtungsgebäudes vorziehen, nach dem nahen Lande. Diese beiden Inseln sind nur gegen Erlaubnisschein zu betreten; anders ist dies bei der dritten, einem kahlen, sonnenverbrannten Felsen, der auf seinem Scheitel das früher berüchtigte Staatsgefängnis Chateau d'If trägt, wo in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts auch der Herzog Orléans Egalité büßte oder wenigstens büßen sollte. In kurzer Zeit trug ein frischer Südost die Barke zur Stadt zurück. Mit einem Omnibus suchte der Reisende die hinter der Stadt im Halbkreise ansteigenden Hügel zu erreichen; doch nach dem Aussteigen aus dem Gefährt am Eingange eines Tales irrte er zwei Stunden lang in tiefem Staub und bei drückender Hitze zwischen hohen Gartenmauern hin, ohne sich herauszufinden. Er war in die Bastiden , die Landhäuser der reichen Marseiller, geraten. Nicht bloß die Obstgärten, sondern auch die Waldanpflanzungen lagen zwischen hohen Mauern; denn sie waren Privateigentum. Schöne Strandkiefern, immergrüne Eichen, vor allem aber unsere Obstbäume schufen schattendes Grün, nach welchem das Auge in jener nackten, heißen Gegend dürstet. Alle Einwohner von Marseille, reiche und minder wohlhabende, fühlen das Bedürfnis, den Sommer auf dem Lande zuzubringen, oder doch wenigstens vom Sonnabende bis zum Montage sich im Freien von der Arbeit der anderen Tage zu erholen und frische Luft zu atmen. Daher die Menge der in geringer Entfernung von der Stadt liegenden Landhäuser, eben jene Bastiden , J. Schopenhauer, Reise von Paris durch das südliche Frankreich bis Chamonix. welche die Gegend umher beleben und ihr einen ganz eigentümlichen Reiz gewähren. Man gab uns die Zahl auf mehr als 10 000 an; sie schien uns zuerst unglaublich; wenn man aber von irgendeiner etwas beträchtlichen Anhöhe umher schaut und rings, soweit das Auge reicht, alle die großen und kleinen blendend weißen Häuser zwischen Myrten, Granaten und Pinien hervorschimmern sieht, auf allen Höhen, in allen Tälern, zwischen Felsen und Klüften, von der Vista an bis hinab an das Gestade des Meeres: so fängt man an, die große Zahl wenigstens wahrscheinlich zu finden. Sie sind freilich an Größe und Schönheit sehr voneinander verschieden, nur in der weißen Farbe stimmen alle überein; doch darf man auch bei den bedeutendsten nicht an die schönen Landhäuser bei Hamburg, Amsterdam und anderen großen deutschen und holländischen Städten denken, noch weniger an England, wo die Reichen nur in ihren stolzen Landhäusern Raum finden, ihre Pracht zu zeigen. Im Süden ist das anders; da braucht man im Sommer nur die frische Seeluft, kühlen Schatten und höchstens eine Quelle; die Wohnung ist das letzte, woran man denkt; denn man bedarf ihrer nur zum Schlafen und zum Schutz gegen den sengenden Mittagsstrahl, nicht gegen Nässe und Kälte, die in unserem Norden uns auch mitten im Sommer ein bequemes, schönes Haus unentbehrlich machen, aus dessen Fenstern man wenigstens ins Grüne blicken kann, wenn es draußen unfreundlich regnet und stürmt. Der größte Teil der Bastiden ist daher sehr klein und enthält höchstens eine Küche und ein paar Wohnzimmer. Jede hat ihren eigenen Garten, der aber nie von bedeutendem Umfange, noch weniger mit künstlichen Anlagen geschmückt ist. Man baut Gemüse und Obst und begnügt sich mit dem so unendlich reichen Schmucke, welchen die Natur über Felder und Wiesen verbreitet. Die edelsten Bäume, die köstlichsten Pflanzen wachsen ja beinahe wild; da bedarf es nicht der Kunst des Gärtners, um sie mühsam zu pflegen, wie bei uns. Blendend weiße lange Mauern trennen die Gärten von den Landstraßen und geben diesen ein langweiliges Ansehen, wie die Weinbergsmauern in der Gegend von Meißen; aber viele dieser Gärten stoßen im Innern aneinander, ohne merkbare Begrenzung jedes einzelnen Eigentums. Die ganze Nachbarschaft benutzt sie als Spaziergang, ohne allen Zwang, und nur der Genuß des Ertrags bleibt dem Eigner, alles übrige ist gemeinschaftliches Gut der in der Nähe Wohnenden. Einige auf Abhängen erbaute Bastiden gewähren eine ausgebreitete herrliche Aussicht auf Land und Meer; bei vielen scheint man einzig auf diesen Genuß bedacht gewesen zu sein, da man sie auf steilen, unwirtbaren Felsen errichtete, in deren Spalten nur Lavendel und andere stark duftende Kräuter wachsen, die fast keiner Nahrung bedürfen. Andere in Tälern erbaute erfreuen sich des Schattens der Felsen in dieser von Bäumen entblößten Gegend, wo nur Obstbäume, Reben, Maulbeerbäume gedeihen, die wenig Schatten geben. Unzählige würzige Kräuter, herrlich blühende Blumen und Sträucher erfüllen die Luft mit einem Balsamdufte, der abends, wenn der Tau fällt, oft betäubend wird; aber die Buchen, die Eichen, die weithin schattenden Linden unseres Vaterlandes können hier nicht fortkommen, weil der sengende Mittagsstrahl sie schon im Keime zu Staub brennt. Die provençalische Sonne ist anders als die unsrige. Hoch steht sie am dunkelblauen Himmel, und kein Nebel, kein Wölkchen hält ihren alles versengenden Strahl zurück. Im Sommer regnet es fast nie, und das Pflanzenleben erliegt der glühenden Hitze, bis der Abendtau es wieder einigermaßen erfrischt. In der Mitte des Sommers ist kein grüner Grashalm mehr zu erblicken, und das Laub an den Bäumen verdorrt. Schon am Ende des Monats April fanden wir es in Marseille fast so heiß, als bei uns in den wärmsten Sommertagen, aber die Hitze ist weniger drückend, weil die Luft ganz frei von Dünsten bleibt. Im Mai begann man schon die Fußpfade um den Hafen, den Kurs und die besuchtesten Straßen mit Dächern von Leinwand zu bedecken. Die Strahlen der Mittagssonne sind hier im Sommer sehr gefährlich, oft tödlich. Man versicherte uns auch, daß selbst in Neapel die Mittagsstunden des Sommers nicht heißer sind als hier, wo alsdann jede Regung des Lebens erschlafft und alles entnervt und ermattet niedersinkt. Zwar erhebt sich alle Tage ein sanfter Seewind, der regelmäßig von 10 Uhr morgens bis gegen Abend anhält, aber in der Stadt wird man seinen erfrischenden Hauch kaum gewahr, darum flüchten die Marseiller zu ihren Bastiden, wo die Luft sie freier umweht, wenngleich sie auch dort wenig erquickenden Schatten finden. Die Herrlichkeit der Sommernächte ist dagegen unbeschreiblich, besonders wenn der Vollmond vom reinen, beinahe schwarzblauen Himmel herniederstrahlt, mit einer Pracht, von der nur unsere kältesten Winternächte eine Vorstellung geben können. Auch eilt dann alles hinaus, und selbst angesehene Familien sieht man in den Straßen vor den Haustüren sitzen, um der trefflichen Kühlung der wunderschönen Nacht zu genießen. So wie der Abend des Tages, so ist auch der Abend des Jahres, der Herbst, die schöne Jahreszeit. Mild und segensreich herrscht er vom Oktober an bis spät in den Dezember; oft braucht man erst im Februar Kaminfeuer anzuzünden. Die kalte Regenzeit, die hierzulande Winter heißt, dauert etwa drei Wochen. Auch dann bleibt die Luft mild, und selten merkt man morgens früh ein wenig Reif oder dünnes Eis; ein paar Stunden Schnee sind die größte Seltenheit. Der wunderschöne Frühling schließt sich so eng an den Winter, daß man kaum seinen Anfang, wohl aber sein Fortschreiten bemerkt; er wäre der herrlichste in der Welt, wenn nicht der schneidend kalte, alles austrocknende Fallwind, der Mistral , gerade in dieser Zeit am heftigsten wehte. Die hohe malerische Schönheit des Landes um Marseille entzückte uns jeden Tag aufs neue. Obgleich es der Gegend ganz an ländlichem Reize frischer Wiesen und schattender, großer Bäume fehlt, so wurden wir es doch nicht müde, uns der prächtigen Felsen, des Meeres, der wunderbaren Pflanzenwelt zu erfreuen; die Marseiller hingegen konnten gar nicht begreifen, was uns an dem nackten Gestein entzückte. Ihr Ideal von Schönheit der Natur ist gerade das, was ihnen als das Seltenste erscheint. Wo sie nur ein frisches, grünes Plätzchen, von ein paar großen Platanen oder Ulmen beschattet, und eine kühle Quelle wissen, da wallfahrten sie hin, betrachten es als ein Wunder, freuen sich darüber ohne Ende und lachten über uns, die wir in der Begeisterung für ihre große Natur uns fast zu Asche verbrennen ließen. B. Britische Inseln. 1. Durch den Firth of Forth nach Leith-Edinburgh. – 2. Quer durchs schottische Hochland. – 3. In Irland. – 4. Englands schwarze Diamanten. – 5. Manchester-Liverpool. – 6. Von Gravesend bis London. – 7. Die Docks von London. – 8. In der City von London. – 9. Wie London wächst. – 10. Londoner Verkehrsleben. – 11. Der Engländer in seiner Häuslichkeit. – 12. Die englischen Parks und Landhäuser.   1. Durch den Firth of Forth nach Leith-Edinburgh. Quelle: A. Baumgartner, Island etc. S. 4 ff. Freiburg 1889, Herdersche Verlagsbuchhandlung, und Zeitungsnotiz aus der Frankfurter Zeitung von Mamroth. Von Kopenhagen fuhr der kleine Postdampfer durch das Kattegat und Skagerrak in die Nordsee hinein, hinüber nach den britischen Inseln. Die ersten zwei Tage gab es nichts als Meer, dunkel eisengraues Meer und bewölkten Himmel darüber. Am dritten, als nebelhaft verschwommen die schottische Küste in Sicht kam, klarte der Himmel auf; die Sonne beschien das alte liebe Schottland, und es stand mit seinen poetischen Hügeln und Seen, seinen Schlössern und Klosterruinen sofort vor unserer Seele, umsponnen von tausend schwermütigen Geschichten und Sagen, umklungen von alten Balladen. Baß Rock; ein ungeschlachter Felsenklotz, bezeichnet den Eingang in den Firth of Firth, jenen schmalen schottischen Fjord, an dem Edinburgh liegt. Die Klippe steigt nach allen Seiten schroff aus der Brandung auf wie ein riesiges Seezeichen. Tausende von Seevögeln bewohnen sie, ihre Schwärme umflattern schon weit draußen das ankommende Schiff: der weiße Seerabe oder Tölpel haust hier zu Tausenden. Der Vogelberg ist ein Kennzeichen des Nordens, der Polarkreisnähe. Drüben aber von der Küste grüßt das Felsenschloß Tantallon herüber, ein Zeuge vergangener Zeit, ritterlicher Kämpfe und schottischer Treue. Der Leuchtturm von North Berwick meldet sich zur Linken, dann das Feuer von Iron Craig, endlich der Leuchtturm von Inchkeith, der auf einer Insel in der Mitte des Firth liegt und ihn beherrscht – alles Kennzeichen dafür, daß dieser tiefste aller schottischen Busen auch den größten Schiffsverkehr hat. Über die dunkeln Felsen laufen kleine weiße Mauern hin, zum Teil mit Kanonen besetzt. Das weiße Lighthouse hebt sich scharf aus der dunstgesättigten graublauen Luft; dunkles Gewölke kämpft am Himmel, bis endlich eine schwache Brise der Abendsonne zum Siege hilft. Das malerische Edinburgh verschwindet beim Näherkommen mit seinen Schlössern und Türmen hinter dem nüchternen Leith. »Da sieht das Auge ganz in der Ferne zwischen Himmel und Wasser etwas hängen, wie ein Spinngewebe. Bald erkennt man, daß es ein Irrtum ist, Spinnen waren hier nicht am Werke. Vielleicht haben Kinder mit Garn »Aufnehmen und Abheben« gespielt und ihr Gewebe geschickt an den zwei Streichhölzern befestigt, die jetzt aus dem Meere aufsteigen? Auch das ist verfehlt. Das fremdartige Gebilde wird größer und größer, ein Wunder der Welt: die Eisenbrücke der North British Railway über den Firth of Firth, ein Werk der Verkehrstechnik ohnegleichen. Selten war der menschliche Geist kühner und siegreicher als hier, wo er eine ungeheuere Eisenmasse auf eine Entfernung von 2-½ km und in einer Höhe von 110 m mit bloß drei Spannungen über diesen Meeresarm (67 m tief) legte! Ein Schiff, das unter dieser Brücke durchzieht, macht uns das Gewaltige der Erscheinung klar. Das ist ein riesiges Gewirr von Eisenstangen, das die starken Stahlrohrpfeiler festhalten! Eben sucht ein winzig klein erscheinender Zug mit weißer Rauchwolke seinen Weg durch das Gitterwerk, 45 m über dem Seespiegel. Müßte er den Umweg von Edinburgh um den Fjord nach Dundee am Firth of Tay machen, er hätte 40 km mehr zu fahren!« Wenn die Flut kommt, steuert der Lotse durch die sich öffnenden Hafentore das Dampfschiff in den Hafen von Leith hinein. Durch die Docks, Werften, Speicher, Krane, Kontore dieser Hafenstadt führt eine lange und platzartig breite Straße geradeswegs hinauf nach der Oberstadt Edinburgh, hinauf auf die schöne, 2 km lange Princesstreet. Edinburgh ist eine Tal- und Hügelstadt. Unwillkürlich zieht das alte Felsenschloß der schottischen Könige, der Akropolis entfernt ähnlich, den Blick auf sich. Zu seinen Füßen breitete sich eine jener langgestreckten schottischen Senken aus, der Loch North. Er ist seit 1816 erst entwässert und in prächtige Gärten verwandelt worden. Er trennt die Altstadt, das Adelsviertel des Edinburghs des 16. Jahrhunderts, von der prächtigen Neustadt, die seit 1768 entstanden ist. Zwei große steinerne Brücken und die 300 m lange Straßenüberführung des Mound verbinden die beiden ungleichen Viertel. Die Altstadt ist heute Wohnstadt der Armen und Ärmsten. Wie Schwalbennester kleben die vielstöckigen Häuser an einer Felsenwand. Krumm und eng und winklig sind die Gassen und führen steil hinauf bis zum Königsschloß. Die armen Schotten in der düsteren Schlucht laufen Sommer und Winter barfuß, das fällt besonders auf, weil es in England unerhört ist. Die prächtige Häuserzeile der Grenzstraße zwischen Alt- und Neuedinburgh, die Princesstreet, mit dem Scottdenkmal führt nach dem Caltonhügel, den die Sternwarte krönt. Von dort wie von dem anlagenumringten Arthursitz mit dem düsteren Holyroodhouse an seinem Fuße hat man einen wunderbaren Überblick über Stadt und Fjord; in nächster Nähe ragt Nelsons Monument gleich einem Leuchtturm in den Himmel; geisterhaft wie ein Traum aus Child Harold Pilgrimage starren daneben die trümmerhaften Säulen des unvollendeten Nationalmonuments zum Andenken an die Schlacht von Waterloo; riesige Schlote ragen aus weiten Fabrikvierteln heraus, dampfende Schienenwagen und gewaltige Schiffe verkünden die Triumphe modernen Erfindungsgeistes, und ritterlich poetisch wie ein alter Balladenkönig thront das Felsenschloß über dem Prunk der Neuzeit. Man muß die sinkende Sonne hier die Felsen röten und später das Mondlicht die Meereswellen versilbern und die Dächer und Türme umspielen sehen, um die Eigenart dieses Stadtbildes ganz zu empfinden.   2. Quer durchs schottische Hochland. Unter Benutzung von Theodor Fontane, Aus England und Schottland. Berlin 1900, Fontane \& Co. Die schottischen Highlands sind durch die Dichtungen Walter Scotts und die Lieder Robert Burns' berühmt geworden und werden alljährlich von vielen Fremden aus dem Süden besucht, besonders die Gegend um den Loch Lomond und den Loch Katrine, die country of the lady of the lake; sie sind berühmt durch die Stammessagen ihrer »Clane«, jener gälischen Männerbünde, deren Tapferkeit die angelsächsische Eroberung aufhielt – und Scharen von Pilgern suchen alljährlich diese durch Kunst, Sage und Geschichte geheiligten Lochs und Moore, Ruinen von Schlössern und Kirchen auf. Berühmt ist Culloden-Moor im Lande Macbeths am Morayfirth, in der Nähe von Inverneß, der Hauptstadt des Hochlands, wo der Herzog von Cumberland mit seinen Truppen die aufrührerischen Clane der Hochländer entscheidend schlug im Jahre 1745. Es hat in seiner Öde und Baumlosigkeit etwas Unheimliches und Düsteres; Ginster und Edelheide und Gras bedecken weithin das Land. Der Morayfjord setzt sich in einem berühmten Glen , das heißt einer Engschlucht durch die ganze Halbinsel fort. Diese Glens sind schon vor der Eiszeit vorgebildete, dann durch Gletscher ausgetiefte Täler, die alten Bildungsspalten des Felsenlandes folgen; denn Nordschottland erscheint, um einen Vergleich Ratzels zu gebrauchen, wie ein Gerippe eines alten Landes, von dem das Fleisch und Fett abgenagt und abgefallen ist, so daß das alte Gerüst nur noch mühsam zusammenhält. Tatsächlich schnürt das große Glen, Glen-More, das von Inverneß am Morayfirth bis Oban am Firth of Lorn reicht, eine Art Inselschottland ab, besonders nachdem seit 1822 nach dem Vorbilde des Trollhättakanals die langen Fjordseen des Glens durch einen ziemlich 100 km langen Stufenkanal verbunden sind und so eine Wasserstraße zwischen den beiden Firths geschaffen worden ist, der kaledonische Kanal, dessen Einkünfte freilich kaum die Unterhaltungskosten decken. Auf diesem Kanal fahren wir durch das lange Glen. Der Himmel hängt voll trüber grauer Wolken, und der leise herabstäubende Regen mischt sich mit dem Wasserstaub des Dampfrohrs an Bord des Dampfers in Inverneß, der uns in ½ Stunde zunächst in den langen Loch Neß bringt. Über den hohen bewaldeten Berghängen, die im Schmuck frischen, schattierungsreichen Grüns sich zu den Ufern des schmalen Fjordsees herabsenken, die ein spärlicher Kranz von Schlössern, Häusern und Hütten umflicht, liegt eine trübe Eintönigkeit, ebenso wie in den Schauergeschichten, die von ihren früheren Bewohnern im Lande laufen. Bei Schloß Urquhart vorbei kommen wir an die Stelle, wo von Südosten her der Foyerfluß in einem brausenden Wasserfall in den See stürzt, doch nicht geradeswegs; vielmehr fällt er erst in eine Art Felsentopf, in dem die Wassermasse kocht und tobt, um dann durch ein Loch am Boden zum See abzufließen. Loch Oich ist der höchste Punkt des Kanals, ein kleiner Gletschersee, 27,6 m über dem Meere. Mit Hilfe einiger Schleusen geht es zu dem längeren Loch Lochy hinab, der landschaftlich dem Loch Neß durchaus ähnlich ist, nur daß der höchste Berg Schottlands, der Ben Nevis (1343 m) auf 3–4 Stunden der Fahrt den Blick auf sich zieht mit seinem massigbreiten Felsenkegel. Ein Fort bewacht den Eingang zum Kanal. Der kleine Dampfer genügt nicht zur Einfahrt in den Firth of Lorn, ein seetüchtigerer liegt vor dem letzten Schleusentor bereit und trägt uns hinaus in atlantisches Wasser. Der Ben Nevis entschwindet unseren Blicken mehr und mehr, der Seegang macht seine Wirkungen auf die Reisenden geltend, bis gegen Abend das Schiff durch einen Irrgarten von Inseln und Vorgebirgen sich in die schöne Bucht von Oban windet. Zu der ewigen Schönheit des Ozeans gesellt sich hier ein so besonderer Reichtum an flachen Inseln und hohen Vorgebirgen, daß man zweifelhaft wird, wem eigentlich das Feld gehöre, dem Land oder dem Meere. Der Ort selbst zieht sich im Halbkreis an der Bucht entlang; gleich hinter seinen Häusern steigen bewaldete Felsen auf, hier und dort mit Lusthäusern und Schlössern besetzt. Von hier aus fährt in dem kurzen schottischen Sommer ein Dampfer regelmäßig nach den berühmten Felseninseln Staffa und Jona. Ein breiter Meeresarm trennt das schottische Festland von der Insel Mull und der Halbinsel Morven. Aber diese sind wieder durch eine schmale Fjordstraße geschieden, einen »Sund«. Mull bleibt links, Morven rechts. Wer den Ossian einigermaßen in Kopf und Herz mit sich herumträgt und sich besinnt, wie viele Helden und Könige Morven ihre Heimat nannten, der ist enttäuscht, daß heute diese Küste menschenleer ist, ja kaum Baum und Strauch hervorbringt. Um die Mittagsstunde kam Staffa in Sicht. Man setzte Boote aus, um die Reisenden nach dem »Stabeiland« (= Staf-ö) hinüberzubringen; denn diese Felseninseln haben keine Dampferlandebrücken und eine tolle Brandung. Die kleine Insel gleicht einer alten eisenbeschlagenen Truhe, deren Schätze erst sichtbar werden, wenn man den Deckel lüftet. Seit 1772 erst wird sie häufig besucht. Tuffstein, der die Fläche des Ozeans kaum merklich überragt, bildet den Sockel, darauf erheben sich 15–20 m hohe Basalt»stäbe«, die wiederum eine formlose Felsmasse als Dach tragen. Zu oberst eine dünne Erdschicht mit einer spärlichen Grasnarbe, die ein paar Schafe abweiden, welche die Bewohner der Nachbarinseln während der Sommermonate hier ohne Hirten aussetzen. An der Südspitze der Insel lenkt das Boot zwischen zwei stumpfwinklig aufeinander gestellten natürlichen Basaltmolen in eine Art Wasservorhof ein, die Auffahrt zur Fingalshöhle. Über basaltene Stümpfe, eine Art steinernes Parkett, klettern wir vorwärts zur Pforte der tiefen wassererfüllten Ganghöhle, in welche die Brandung hineintreibt. Von der Decke hängen die Basaltsäulen herein wie Zapfen, die Wände sind Bündel von Steinstämmen, ein schmaler Damm erlaubt, das 70 m tiefe Schiff der Halle, den hellgrünen Meerstreifen, zu umwandern. Aus der Tiefe der finsteren Höhle schweift der Blick hinaus aufs lichte Meer, aus dem sich ein Vorgebirge mit Kloster- und Kirchenruinen erhebt: das ist Jona, die Quelle christlicher Gesittung für das heidnische Schottland, die seit 560 von Irland aus ins heidnische Hochland floß. Bei einem Dörfchen, das trotzdem den gälischen Namen Baile Mor = große Stadt führt, steigen wir aus dem Boote an den heiligen Strand. Sofort umringen uns Kinder, die Muscheln und Steinchen als Andenken zum Verkaufe bieten. Die Feldsteinruinen eines Nonnen- und eines Mönchklosters, besonders aber die Ruine der Kathedrale, in deren Seitenschiffen die mächtigsten Clanhäuptlinge Westschottlands ihre Ruhe fanden, sowie die Schieferkreuze und Steine des alten Königsfriedhofs, wo viele schottische, irische und norwegische Fürsten schlafen, zeigen, welche Bedeutung einst dieser Insel zukam.   3. In Irland. Quellen: Dr. Gustav Zielers Aufsätze in der Leipziger Zeitung. Wiss. Beilage 1902, Nr. 59, u. Woche 1902, Heft 21, und Leopold Katschers Aufsatz in Vom Fels zum Meer 1886/87, Heft 8. Erin ist das Land des Sonnenuntergangs, Japan das des Aufgangs. Es liegt darin fast ein Verhängnis! Das westlichste Inselland der alten Welt ist auch seiner Geschichte, seiner Kultur nach ein Land des Niedergangs, während das Ostendland die Wehen seiner Wiedergeburt zum modernen Kulturstaat glücklich überstanden hat und seinen Weg als Weltmacht des Ostens stolz emporsteigt. Irland ist eine Beute der englischen Nachbarn geworden, die auf wiederholten Zügen über den St. Georgskanal den Boden der grünen Insel betraten – den irisch-keltischen Uradel vernichteten und den Bauernstand durch kurzsichtige Raubpolitik in sklavische Abhängigkeit herabdrückten. So ausgesaugt ist das Irenvolk von den allzeit geldbedürftigen englischen Lords und Baronets, daß Hunger und Verzweiflung es oft schon in den Aufruhr getrieben haben, daß ein großer Teil der Bevölkerung die Freiheit, die er verloren, jenseit des großen Wassers in Amerika suchte und fand. Der Haß der Iren gegen England ist das auffälligste Kennzeichen ihrer Volksnatur. Mit der Leidenschaftlichkeit des Kelten berauschen sie sich gern an der Glanzzeit ihrer frühesten Geschichte, an der Zeit des heiligen Patrick, der der Sage nach 365 Kirchen und ebensoviele Klöster und Schulen schuf, lauter Brennpunkte irisch-christlicher Kultur, deren Feuer hinauf nach Schottland, nach Sankt Jona, der Hebrideninsel, hinüber aufs Festland, nach Sankt Gallen im alemannischen Deutschland durch die irische Mission getragen wurde. Mit derselben Leidenschaftlichkeit und feurigen Art bekämpfen sie die Engländer, seit sie 1170 ihr Land unterjochten, seit sie 1800 ihr Parlament genommen haben. Noch stehen in der Landeshauptstadt Dublin im Sitzungssaale des Oberhauses Tische und Stühle unberührt, als harrten sie der eintretenden Lords – noch tobt der Kampf um die Selbständigkeit, die der schlagwortbegeisterte Ire Homerule, das heißt Heimherrschaft, nennt. Sie ist 1914 unter Asquith bewilligt worden und sollte nach dem Ende des Weltkrieges in Kraft treten. Man darf darin einen Erfolg des irischen Geheimbundes Sinn-fein, das heißt aus dir selbst, Selbsthilfe, sehen, der alle auf die völkische und staatliche Genesung Irlands gerichtete Bestrebungen in sich vereinigt. Den Iren fehlt wie den Polen und Tschechen die nüchterne Klarheit, die die Kräfte zielbewußt in langsamem Fortschritt auf einen Punkt sammelt. Das Land ist immer voller »Bewegungen«, bald politischer Natur, bald sozialer Art, wie jene gewaltige Enthaltsamkeitsbewegung in den 40er Jahren, als »Father Matthews« mit eifernder Beredsamkeit gegen den »Whisky« und den »Porter« zu Felde zog. Und dabei hat doch der Bierfürst Irlands Sir B. L. Guineß derartige Einnahmen – und zwar zumeist durch den Absatz im Inlande, daß er Dublins schönstes Gotteshaus, die Sankt-Patrickkirche, für die Kleinigkeit von 3 Millionen Mark erneuern lassen konnte; ja der Schnapsbrenner Henry Roe verschmerzte sogar 4 Millionen, um sich durch die Erneuerung der Christs Church ein Denkmal zu setzen. Darin liegt ein bitterer Spott! Bezeichnend ist auch die Begeisterung des Iren für den »Shamrock«, die Landesblume; eine gelbe unscheinbare Kleeart. Solche äußerliche Kleinigkeit wirkt auf ihn wie ein Zauber. Aber wie alle Phantasiemenschen haben die Iren im persönlichen Verkehre etwas außerordentlich Liebenswürdiges. Ihr beweglicher Geist liebt das ballspielartige Hin und Her einer flotten Unterhaltung. Sie sind geborene Erzähler, erstaunlich schlagfertig und witzig, und die lebensprühende Munterkeit der Irin, die auch körperlich mit ihrem schwarzen Haar, ihren blauen Augen und roten Wangen von der Natur bevorzugt ist, wirkt bestrickend. Die Werke des allbekannten Bernhard Shaw zeigen diese Eigenart irischer Geistigkeit, als Dramatiker bietet Synge meisterliche Volkspsychologie. W. Butler Yates schenkte in dem ergreifenden Drama »Counteß Cathrine« ein Stück irisches Volkstum, soweit es Phantasiefülle mit heiligstem Opfermut verbindet. Die irische Landschaft steht im Banne der außerordentlichen Luftfeuchtigkeit, die hier noch stärker als in England drüben hervortritt. Sie erzeugt besonders im Südwesten der Insel eine große Üppigkeit des Pflanzenwuchses, man hat den Eindruck, als ob Baum und Strauch von Saft strotzten. Nirgends kann man den rankenden Efeu in solch schwellender Pracht seine grünen Gewinde um Stämme und Ruinen legen sehen, nirgends die Rhododendren in üppigeren blumenübersäten Kissen bewundern als etwa an den Seen von Killarney. Und dazu die satte tiefgrüne Färbung des Laubes! Außerdem webt die Luft um all das Grün der grünen Insel ständig ihre feuchtblauen Schleier und erzeugt jene »Luftperspektive«, die in wasserumgebenen Ländern die wunderbare Abstufung des Fernblicks in Dunkel-, hell- und immer heller Blaßblau hervorzaubert. An den landschaftlich schönen Seen von Killarney im SW., die in den ziemlich hoch aufsteigenden Kerry-Mounts liegen, sind vornehme Gast- und Landhäuser nichts Seltenes. Oft liegen freilich an den zahlreichen Regentagen die einsamen Klippen und ruinengekrönten Eilande der Seen in dicken Nebeln, oft zerstören Stürme die lieblichen Gegenbilder, die im stillklaren Wasser von den Abstürzen und Gehängen entstehen, durch die Wogen, die sie mit ihrem Ungestüm auftürmen. Mit der »Mailcoach«, dem einheimischen Gesellschaftswagen, fährt der Fremde durch den Wunderpark, den wiederum jener Dubliner Bierlord diesen Gestaden geschaffen hat: durch einen grünen Urwald von Ulmen, Kiefern, Tannen, Buchen, Eichen, von Ilex, Linde, Weide, Birke, Arbutus und Kastanie, durch efeuüberwucherte oder bemooste Felsgehänge, durch Rasengebreite, die in bläulich schimmerndem Grün leuchten, vorbei an Rhododendronhainen und -dickichten, die im Mai ihren weißen, rosaen, flieder- und orangenfarbenen oder dunkelpurpurnen Flor entfalten. Ein Ritt führt den Reisenden aus der Üppigkeit und Pracht der Seen in die Armut und Öde der Moorlandschaft: aus den elenden Hütten eilen zerlumpte Torfbauern bettelnd den Fremdenscharen entgegen, die dem Engpaß von Dunloe zustreben. Schwarz und feucht überall das Moor, grau die Felsen, aus deren Spalten das helle Knallgelb des Heideginsters hervorschreit. Weiter oben irrt das Echo klagend über schwarze todestraurige Seen, hinüber zu den nackten Felsen. Im Moor sucht der arme Kartoffelbauer das irish bog-oak, die Mooreiche, und schnitzelt daraus allerhand Kleinigkeiten, die er an die Fremden verkauft. Die Frauen klöppeln irish point lace, feine Spitzen, die den venetianischen und flandrischen nicht nachstehen. Dicht neben solcher Armut wohnt in Kemnare und Glengariff wieder moderner Prunk, üppige Pracht der Pflanzenwelt. Kleine Schären liegen in der fjordartigen Seebucht, an der sich das bunte Leben eines Weltbades entfaltet. Berühmter ist noch der im Norden der Insel gelegene Badeort Port Rush. Hier ist die Steilküste des Riesenspazierwegs, des Giants causeway. Über der Kreidebank liegt eine basaltische Decke, die in senkrecht stehenden Säulen erstarrt ist. Die Brandung hat sie vielfach zertrümmert und einen gewaltigen Schutzwall von Blöcken vor der weicheren Unterschicht geschaffen. Trotzdem bleiben noch genug seltsame Säulen und Felsnadeln, Höhlen und Tore in der Kreideküste übrig, zwischen denen die Brandung ihren Chorus singt. Ein malerisches Seeschloß, Dunluce Castle, thront auf einem Vorgebirge. Dort aber, wo sich die Basaltdecke zum causeway plötzlich in die Brandung hinabsenkt, um nach einiger Entfernung ebenso plötzlich wieder mit den Kreidefelsen emporzusteigen, hat man leider erwerbssüchtig schon ein Eisengitter um den orgelpfeifenartigen Basaltdamm gezogen und gestattet den Zutritt nur gegen Lösung von Karten. Die Anordnung der Säulen dieses Steinparks erinnert an die berühmte Fingalshöhle drüben über dem Nordkanal bei Jona. Hier im Norden ist das Gebiet des irischen Großgewerbes. Die eingewanderte schottisch-protestantische Bevölkerung hat hier reges, praktisches Leben mitgebracht: nach Dublin die Brauerei, nach Belfast den Schiffsbau, die Leinen- und Wollweberei. Der Gesamteindruck dieser Städte ist trotzdem der völliger Nüchternheit, ja teilweise des Niedergangs. Daß Dublin zum Beispiel im Zeichen des Krebses steht, zeigt ein Blick auf seine Webindustrie. Mag der Liffey-Fluß uns in die Bezirke des Geschäftslebens führen! Den Schlammablagerungen an der Flußmündung (keltisch Duibh-Linn) verdankt die übrigens sehr schön gelegene Stadt, die sich teils in der Ebene, teils auf Hügeln ausbreitet, ihren Namen. Die frühere Sandbank vor der Flußmündung ist beseitigt, gewaltige Molen, welche nur eine sehr enge Einfahrt am Poolbeg-Leuchthaus zwischen sich haben, schützen vor Nord- und Ostwinden. Schöne lange Uferwege aus Granit ziehen sich an den Flüssen entlang; doch ist bedauerlich, daß der Liffey den Inhalt sämtlicher Schleusen in sich aufnehmen muß innerhalb der Stadt, wodurch er – anstatt die Zierde der Stadt zu sein – zuweilen Anstoß und Abscheu erregt. Wir nehmen auf einer der 11 Brücken, welche den Liffey überspannen, Aufstellung, am besten auf der O'Connelbrücke, bis zu welcher Schiffe mit 5 m Tiefgang im Flusse aufwärts gelangen können; die Brücken und Fähren vermitteln den Verkehr zwischen der Nord- und Südstadt. Der Liffey ist die Längenachse der eirunden City; die »Circular Road«, die einen breiten, mit Bäumen gesäumten Boulevard von 12 km Länge darstellt, der Grenzsaum; jenseits liegen die Vorstädte. Die innere Stadt entvölkert sich zugunsten der weit gesünder und stattlicher angelegten Vorstädte. Wollte man in dem Langrund die kleine Achse von Norden nach Süden ziehen, so gehören Nord- und Südost dem Reichtum, der Nordwesten dem Mittelstande und der Südwesten der Armut. Dieser Stadtteil mit seinen erstickend engen, schmutzigen Gassen erzählt uns ein Stück Leidensgeschichte der Stadt; ein großer Teil führt den Namen »Liberties« (Freiheiten) und nährte ehemals 40 000 Arbeiter durch eine blühende Woll-, Leinen- und Seidenindustrie. Bis zum Unglücksjahre 1800 konnte man diese Liberties mit den Geschäftsvierteln Manchesters vergleichen. Durch gesetzliche Kniffe in erster Linie, und in zweiter durch den Mangel an Kohlen und Wasserkraft, wie auch durch die gedrückten politischen Zustände wurde die blühende Industrie erstickt; daher die vielen verlassenen Arbeiterhäuser, verschlossenen Herbergen, die Versteigerungsankündigungen an Fenstern und Türen; daher die Menge herumlungernder, betrunkener menschlicher Ruinen beider Geschlechter, die den Sockel der prächtigen Nelsonsäule in der boulevardähnlichen Sackville-Street besetzen oder sich in der Nähe des Zollhauses am Liffey herumtreiben. Wohl hat man alles getan, um den Schiffsverkehr zu heben: zahlreich und großartig sind die westlich vom Zollhause gelegenen Docks, deren Ufer aus irischem Granit hergestellt sind, mit ihren mächtigen Warenhäusern; zwei Kanäle ermöglichen die Wasserbeförderung nach dem Innern des Landes, wie die Eisenbahnen die Verfrachtung zu Lande: doch die Zolleinnahmen bleiben auf demselben Standpunkt stehen oder heben sich kaum merklich; die Einfuhr überwiegt bei weitem die Ausfuhr; die Fabriken beschäftigen verhältnismäßig wenig Leute. Der Ire findet es feiner, Arzt, Jurist, Beamter – als Fabrikant zu sein. Dublin ist trotzdem das Herz aller auf die Wiedergeburt des Landes gerichteten Bestrebungen. Ihr schönster baulicher Schmuck, die sogenannte Bank von Irland, ein Prachtbau in Halbkreisform mit schöner Torhalle in der Mitte und daran anschließenden seitlichen Säulengängen, ruft jedem Iren die bessere Vergangenheit ins Gedächtnis; denn hier war der Sitz der beiden Kammern des irischen Parlaments bis zu seiner Aufhebung. Der Beratungssaal des Unterhauses ist umgewandelt in den Thronsaal des Gottes Mammon: wo einst ein Burke seine Beredsamkeit spielen ließ, klingt heute die Guinee des Bankiers. Gerade gegenüber diesem ehemaligen Mittelpunkte des politischen Lebens steht die Landeshochschule, das Trinity College, als Mittelpunkt des wissenschaftlichen Strebens. Der vollständige Name desselben würde lauten: »Kollegium der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit zu Dublin.« Reich begabt durch Zuwendung von Stiftungsländereien und Geldbeiträgen von privater Seite, gehört diese Hochschule zu den bestgestellten Europas; beträgt doch das Jahreseinkommen fast 1½ Million Mark, und gibt es doch zahlreiche Stiftungen auf 4, 7 Jahre und auf Lebenszeit in Höhe von 2000-6000 Mark. Allerdings genießen diese nicht Studenten der jüngeren Semester, sondern die Herren der »Korporation«, die aus dem leitenden Provost, 7 älteren Genossen, 26 jüngeren Genossen und 72 Scholaren besteht. Während den Professoren der eigentlich akademische Unterricht zufällt, sind ältere Genossen mit der Wiederholung beschäftigt; sie haben ihre Wohnung in der Universität. Den ungefähr 1300 Studenten steht eine reiche Bücherei mit über 200 000 Bänden und 1500 Handschriften zur Verfügung; sie wächst nicht bloß durch Ankäufe, sondern auch auf Grund der gesetzlichen Bestimmung, daß ein Stück aller im Vereinigten Königreiche erscheinenden neuen Werke ihr unentgeltlich zuzuweisen ist. Wenn wir den beiden ebenfalls zum Trinity College gehörigen, aber im prächtigen Park des Kollegiums untergebrachten »Museen« unseren Besuch machen, so fesseln uns weniger die Altertümer, als besonders die zoologische Sammlung, die unter anderen eine wohlgeordnete, vollständige Fauna der zahlreichen irischen Vögel besitzt. Das mit Hörsälen ausgestattete neue »geologische Museum« fällt schon durch den lombardisch-venezianischen Baustil auf. Dabei sind sämtliche im Lande vorkommende Marmor- und Serpentinarten verwendet worden, und namentlich das großartige Treppenhaus und die Vorhalle sind Musterkarten aller einheimischen Schmucksteine. Als Zubehör dieser Landeshochschule sind zu betrachten die medizinische und technische Schule, der botanische Garten und die Sternwarte von Dunsink. Von der O'Connelbrücke aus schweift der Blick zur Wellingtonsäule im Phönixparke. Um solchen Riesengarten, von dem 526 ha der Bevölkerung zugänglich sind, möchte jede Großstadt Dublin beneiden. Wasser, Rasen, Teppiche, Baumgruppen und Buschholz; Rotwild in Menge, so zahm, daß es sich füttern und streicheln läßt; der Obelisk des Helden von Waterloo, der ein geborener Dubliner war; der zoologische Garten: alles das macht diesen Park zum angenehmsten Erholungs- und Lustort. Wie das im Phönix-Park gelegene Militär-Hospital darauf hinweist, daß beim gegenwärtigen Stande der Dinge im Lande eine bedeutende Militärmacht hier vereinigt ist, so lenkt das »Vizeregal Lodge«, die Wohnung des Vizekönigs für die Sommerszeit, unseren Blick auf die Landesverwaltung; der »Lord-Leutnant« bezieht im Winter das Stadtschloß, »Dublin Castle«, das wegen seines ursprünglichen Zwecks als Schutzwehr durch seine Stärke ins Auge fällt; merkwürdig ist die Anbringung der Wappen aller Vizekönige von 1170-1814 an den Wänden der Schloßkapelle. Dem Lordleutnant steht ein Staatssekretär, der einen Sitz im Unterhause haben muß, sowie ein geheimer, von der Krone ernannter Rat zur Seite, zu dem zum Beispiel der Lordkanzler von Irland, der Stadtkommandant von Dublin und andere Herren gehören. Der Lordkanzler überwacht die gesamte Rechtspflege, außer ihm gibt es einen Vizekanzler, einen obersten Berufungsrichter, einen Urkunden-Archivrichter, 12 gewöhnliche und eine Anzahl von Admiralitäts-, Handels- und Landrichtern. An der Spitze der städtischen Verwaltung hingegen steht eine Körperschaft von 15 sogenannten Ältesten und 45 Ratsherren, mit dem Oberbürgermeister oder Lord-Mayor an der Spitze, der jährlich durch Wahl aus den 15 Ältesten hervorgeht. Wie in unseren städtischen Gemeinwesen, unterstehen dem Stadtrate Marktwesen, Nahrungsmittelfälschung, Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern und die starke städtische Polizeimacht. Auch die Beaufsichtigung der Maße und Gewichte, sowie die Schuldklagen von 40-400 Mark fallen in ihren Machtbereich. Möchte für die Hauptstadt und das gesamte Land bald die Zeit des »Aufgangs« kommen. Nur in dem Sonnenschein der Freiheit entfaltet sich frisches, vorwärts drängendes Leben!   4. Englands schwarze Diamanten. Teilweise nach Charles Dickens, Household Words. Von den berühmten Diamanten, die in den Händen mancher Gewaltigen dieser Erde sind, macht man gemeinhin viel Aufhebens; man hat diesen strahlenden, seltenen Juwelen einen fabelhaften Wert verliehen, vor dem die Phantasie erschrickt, doch über ihren Nutzen weiß man wenig zu sagen. Im Boden Englands liegen dunkle, schwarze Edelsteine in großer Menge; ihrer Häufigkeit und ihrer Verwertbarkeit verdanken sie ihren Wert. Und dieser ist kein Scheinwert; denn sie bringen Wohlsein in die Hütte des Armen wie in die Wohnung des Reichen. Sie haben den Hochstand unserer europäischen Kultur in Wissenschaft und Kunst, besonders in der Technik mit heraufgeführt. In England wurde die Steinkohle schon in vorgeschichtlicher Zeit als Brennstoff verwendet. Als sie aber unter der Regierung Eduards I. im 14. Jahrhundert in einigen Gewerbebetrieben Londons von Newcastle on Tyne aus eingeführt wurde, erhob sich großer Unwille dagegen; denn die Ruß- und Rauchbelästigung wollte sich anfangs niemand gefallen lassen. Zuerst machten nur einige Schmiede, Brauer und zwei oder drei andere Handwerksmeister einen kleinen Versuch mit dem neuen Brennstoff. Ein dicker, schwarzer Rauch begann aus einer geringen Anzahl von Schornsteinen aufzusteigen. Sogleich erhob sich ganz London dagegen wie ein Mann. 1316 richtete das Parlament eine Bittschrift an den König, worin es hieß, daß, wenn er den Reiz eines frischen Gartens, den Vorzug eines reinlichen Antlitzes oder die Annehmlichkeit weißer Wäsche schätze; wenn er nicht wolle, daß seine treuen Untertanen ersticken oder mindestens gleich schlechten Schinken geräuchert werden sollten – er inständig gebeten werde, den Gebrauch dieses neuen pestilenzialischen Brennstoffes, genannt »Steinkohle«, gänzlich zu untersagen. Der König, die Wahrheit und Gerechtigkeit dieser Vorstellungen anerkennend, erließ unverzüglich eine Verordnung, durch welche allen seinen getreuen Untertanen anbefohlen wurde, sich fortan des Gebrauchs jenes lästigen und ungesunden Brennstoffes zu enthalten. Die Schmiede, die Brauer und die anderen Handwerksmeister, welche bei der Verwendung der Steinkohle großen Vorteil gefunden hatten, hielten Rat und beschlossen, ungeachtet der königlichen Verordnung, damit fortzufahren, jedoch gewisse Vorsichtsmaßregeln zu beobachten; aber sie vergaßen jenen unglücklichen Rauch, welcher solch Geschrei verursacht hatte, oder dachten in ihrer Herzenseinfalt vielleicht nicht daran, daß dieser sie noch einmal verraten müsse. Jener dichte Rauch hatte aber kaum seine Erhebung und Ausbreitung über die Schornsteine begonnen, als er von unzähligen Aufpassern bemerkt und dem Parlament die Kunde unter lauten Verwünschungen hinterbracht wurde. Hierauf erfolgten neue Bittschriften des Parlaments, infolge deren Seine darüber sehr erzürnte Majestät befahl, daß alle Schmiede, Brauer und andere Schelme, die sich erlauben würden, trotz seines Verbotes Steinkohlen zu brennen, mit hohen Geldstrafen zu belegen seien, außerdem aber sollten ihre Herde und Öfen zerstört und vollständig weggeschafft werden. Dieser Befehl wurde wirklich ausgeführt, aber dennoch hatten auch die strengsten Maßregeln keinen Erfolg; die Anwendung der Steinkohle hatte den Verbrauchern zu ausgezeichnete Ergebnisse geliefert. Man sah demnach aus einer immer größeren Anzahl Rauchfänge schwarze Wolken aufsteigen, und die Behörde hatte noch mehr Herde und Öfen zu zerstören, die aber in demselben Maße wieder aufgebaut wurden, so daß die Dinge sich von beiden Seiten auf demselben Fuße erhielten. Es stellte sich endlich bis zur Klarheit heraus, daß niemand erstickt, vergiftet oder eingeräuchert wurde, daß sogar niemand irgendwelche Nachteile oder unangenehme Folgen erlitten hatte. Man sollte meinen, daß von dem Augenblicke an, wo die Vorteile der Steinkohle in ihrem vollen Umfang hervortraten, während die Nachteile sich als unbedeutend zeigten und die Gefahren verschwanden – die Anwendung des neuen Heizmittels ohne Verbot, Kampf oder Erörterung bald ganz allgemein werden mußte. Aber leider geht es nicht so in der Welt. Man kann die Menschen nicht zwingen, Neuerungen im wirtschaftlichen Leben, selbst wenn sie, wie in diesem Falle, handgreifliche und augenscheinliche Verbesserungen darbieten, ohne weiteres anzunehmen. Wer dies glaubt, kennt die menschliche Natur nicht und irrt sich ebenso sehr, wie die Kinder, welche glauben, daß es den Personen, die ihnen Vernunft predigen, nie daran fehlen könne. Statt demnach die Einführung der Steinkohle in die Hauptstadt durch alle möglichen Mittel zu erleichtern, setzten die Behörden den Verbindungen zwischen London und Newcastle jedes denkbare Hindernis entgegen, indem sie die abenteuerlichsten Steuern und Abgaben ersannen. So hatte der neue Heizstoff – die künftigen schwarzen Diamanten Englands – um seine Freiheit zu kämpfen während einer Reihe von Regierungen, welche die Geschichte nichtsdestoweniger »weise und glorreich« nennt. Bevor eine Ladung Steinkohle in London gelandet werden durfte, mußte die Erlaubnis des Lord-Mayors eingeholt werden. Amtliches Dunkel läßt uns in Unwissenheit über den genauen Betrag der Abgabe. Glücklicherweise ist dasselbe nicht der Fall mit den Nebenvorteilen der Aldermen; wir finden, daß die Mitglieder dieser Körperschaft befugt waren, die Steinkohle zu messen und zu wiegen, entweder in Person und in ihrer Amtskleidung, oder, wenn sie es vorziehen würden, durch einen Bevollmächtigten, und daß sie für ihre Mühe eine Summe von 8 Pence für die Tonne im voraus zu entnehmen berechtigt waren. Dieses Vorrecht ward durch einen Erlaß vom Jahre 1613 bestätigt; der City entstand dadurch, zur großen Genugtuung des hochweisen Magistrats, eine jährliche Einnahme von 50 000 Pfund Sterling. Diese Schutzmaßregel, während langer Jahre unter verschiedenen Formen und mit mannigfachen Änderungen aufrecht erhalten, wurde über ganz England ausgedehnt und lastete vorzugsweise auf den ärmeren Klassen. Zwar kamen manche Einwohner Londons auf den Gedanken, darüber Klage zu führen, indem sie nicht nur keinen Schutz gegen die Steinkohlen von Newcastle nötig hatten, sondern im Gegenteil sich glücklich schätzten, sie bekommen zu können; wenn sie geschützt werden sollten, so war dies eher gegen den Lord-Mayor und den Magistrat notwendig, welche diesen unentbehrlichen Dinge mit allerlei Steuern und Auflagen belegten. Aber jene guten Leute wurden als Unwissende und Übelgesinnte verschrien, und man bedeutete ihnen, daß sie nichts weiter zu tun hätten, als gutwillig zu bezahlen – zuerst den Schutz, dann die Steinkohlen. Sie mußten sich fügen. Allein, da die Wichtigkeit des Gegenstandes die Habgier des Magistrats überstieg, wurde der Gebrauch der Steinkohle unter der Regierung Karls I. allgemein. Nicht früher als im Jahre 1830 wurden die lästigsten auf der Steinkohle ruhenden Abgaben aufgehoben; man ließ jedoch diejenigen bestehen, welche auf Kosten der Bewohner von London und von zwei bis drei Seehäfen erhoben wurden, die gleichfalls sich erlaubt hatten, einzukommen und so für ihre Frechheit bestraft wurden. Wie aber bei jeder kulturgeschichtlichen Entwicklung dem einseitigen Druck ein Gegendruck folgt, so hat der Handel mit Steinkohlen, durch die Entwicklung des Dampfes, in unseren Tagen einen Aufschwung genommen, welcher mit dem langsamen und peinlichen Gange der verflossenen Jahrhunderte in lebhaftem Gegensatze steht. Man darf zwar hieraus nicht schließen, daß durch die schwarzen Diamanten zählreiche Millionäre entstanden seien, oder daß es leicht sei, durch diesen Industriezweig große Reichtümer zu erwerben; die Ausbeutung der Steinkohlengruben gehört vielmehr zu den gewagten Geschäftsunternehmungen. Die Anlegung der Schächte ist sehr kostspielig; die Schlagwetter, das Eindringen der Gewässer sind ernste Gefahren, welche die Werkleute und deren Arbeiter unaufhörlich bedrohen. Es ist wahr, daß die großen Eigentümer der Steinkohlenwerke am Tyne, an der Wear und von noch anderen Bezirken eine Art Alleinherrschaft ausüben, aber es ist nicht die Folge dieser Herrschaft, daß die Steinkohle in London fast das Dreifache von dem kostet, wofür sie am Eingang des Schachtes verkauft wird. Der Grund dafür liegt an den Kosten der Beförderung, die oft dem Preise der Ware gleichkommen oder ihn übersteigen, an dem Verluste beim Fortschaffen, an den Leichter- und Kaigebühren, an den Unkosten, welche das Löschen, die Wächter, Beamten, Träger, Karrenführer, Fuhrwerke, Pferde, Säcke usw. verursachen, ferner an den langen Gestundungen und langen Schulden, an dem Gewinne der verschiedenen Vertreter und Zwischenhändler, deren zahlreichste Klasse aus Leuten besteht, welche sich für Kohlenhändler ausgeben, während sie in Wirklichkeit nur Makler sind, endlich an der Geldgier der Kleinhändler jeglicher Art. Wie dem aber auch sei, der Steinkohlenhandel blüht, man hat ihm einen neuen Tempel in der Hauptstadt weihen müssen. Unweit des Zollhauses erhebt sich heutzutage die Kohlenhalle oder Kohlenbörse (Goal Exchange). Einige der gesamten Steinkohlen-Industrie Englands und des Auslandes entnommene Ziffern werden die Wichtigkeit der an der Kohlenbörse gemachten Geschäfte zur Genüge herausstellen. Im Jahre 1860 besaß England 3009 Kohlengruben, welche 84 Millionen Tonnen zutage förderten. 1 Tonne = 20 englische Zentner. Die Hauptgebiete der Steinkohlenförderung Englands sind Südwales und Bristol, der mittelenglische Industriebezirk, in Nordengland Newcastle und in Schottland der Südrand der Grampian Mountes. Sie werden, die heutige Förderung vorausgesetzt, noch etwa 300 Jahre lang Englands Industrie und Schifffahrt versorgen können, ehe sie erschöpft sind. Bewertet man die Gesamtförderung der Erde an Steinkohlen auf 450 Millionen Tonnen jährlich, so entfallen auf Großbritannien ungefähr 2/5. Der außerordentlichen Leichtigkeit, mit der man auf dem Seewege und auf Binnenwasserstraßen nach den besten Steinkohlenlagern Englands, Schottlands und Wales' gelangen kann, verdankt Großbritannien den Vorteil, ungeheure Massen zu niedrigen Preisen nicht allein für den eigenen Verbrauch liefern, sondern auch nach fast allen Häfen Europas ausführen zu können. Es ist in dieser Hinsicht weit günstiger gelegen als die Steinkohlenländer des Festlandes, deren Lager aber vom Meere entfernt liegen; so gibt es auf der langgedehnten Küstenstrecke von Dünkirchen bis Bayonne nur zwei Steinkohlenlager in geringer Entfernung vom Meere. Frankreich ist auch, was die Güte der Kohle betrifft, minder begünstigt als England; denn mit Ausnahme der Gruben zu Anzin, zu St. Etienne, Rive du Gier und einiger anderer liefern die Steinkohlenwerke im Innern des Landes ein Erzeugnis von nur untergeordneter Güte. Diese beiden Umstände machen Frankreich hierin bis zu einem gewissen Grade abhängig von England; die französische Regierung beschickt demgemäß alle Jahre die bedeutendsten Märkte zur Versorgung ihrer Dampfschiffahrts-Niederlagen mit englischen Steinkohlen. Belgien, dessen eigener Verbrauch im Steigen, dessen Erzeugung aber geringer ist, und dessen Steinkohlenlager vom Meere entfernt liegen, ist nicht imstande, den Bedürfnissen Frankreichs allein Genüge zu leisten. Der Kohlenhunger Frankreichs hat dazu geführt, Deutschland im Frieden von Versailles und im Abkommen von Spa unerträgliche Kohlenlieferungen aufzuerlegen, und die Besetzung des Saarbeckens hat das Gelüsten nach dem reichen Ruhr-, ja nach dem oberschlesischen Becken in Frankreich geweckt. Bei Spanien muß man abwarten, bis die in Asturien, Altkastilien, Leon, in Katalonien und an den Küsten des Meerbusens von Biscaya in Angriff genommenen Steinkohlenlager in vollem Betriebe sind, um den Ertrag und die Güte der Ausbeute zu prüfen. Die Steinkohlenlager Englands sind so gelegen, daß sie kaum 50 km voneinander entfernt sind, und die Eisenbahnen bilden von Schottland bis Südwales und Somersetshire ein engmaschiges Netz, das die »schwarzen Diamanten« leicht überall an die inländischen Verbrauchsstätten gelangen läßt. Dazu kommt, daß die Ost- und Westküsten des Insellandes nirgends mehr als 75 km vom nächsten Steinkohlenlager entfernt sind und so auch der Überseeverkehr mit Kohlen sehr erleichtert ist. Vor 400 Jahren genügten zwei oder drei Schiffe zur Kohlenversorgung Londons; 1610 waren es schon 200; 1848 aber brachten 2717 Schiffe 12 167 Ladungen, die sich auf fast 3 ½ Millionen Tonnen beliefen; 1870 erhielt London 50 Millionen Zentner. Viele Menschen finden bei der Versendung, viele bei der Hebung der Kohlen ihr Brot; wer zählt die Tausende, die bei der Verwertung der schwarzen Schätze mithelfen? Beim Heizen, beim Leuchten, beim Antrieb aller Kraftmaschinen verbraucht sich nach und nach das riesige Sonnenkapital, das im Laufe der Jahrtausende in den Erdschichten sich ansammelte – und die Frage nach dem Ersatz des verzehrten Kapitals wird in absehbarer Zeit in England zur brennenden Lebensfrage des Landes werden. Der Kohlenstreik vom Frühjahr 1912 ließ das ganze wirtschaftliche Leben des Vereinigten Königreichs auf einige Wochen stocken; denn Steinkohle ist das Blut der Industrie. Im Weltkriege hat die amerikanische Kohlenausfuhr nach Europa und nach den Häfen des Welthandels der englischen Kohle scharfen Wettbewerb gemacht. Denn der britische Kohlenhandel hatte beinahe die Welt erobert. Ob nicht auch hier die englische Weltherrschaft zugunsten der amerikanischen aufsteigenden für immer in Nachteil geraten ist?   5. Manchester-Liverpool. Nach Hippolyte Taine, Aufzeichnungen über England. Aus dem Französischen übertragen von Ernst Hardt. Jena 1906, Eugen Diederichs. Von London nach Manchester! Während anfangs die Gegend flach und trübe ist, fängt sie dann durch Hügelland an ausdrucksvoll zu werden. Die hohen wogigen Erdwellen schwimmen im Nebel; wenn die Sonne durchschimmerte, legte sich eine schwache Helligkeit wie ein Lächeln über ihr blasses Grün ... Wir betraten das Land des Eisens und der Kohle , überall bilden die Erzreste ganze Berge, überall ist das Erdreich durch Grubenbauten zerwühlt, überall flammen Fabriköfen. Dann näherten wir uns Manchester . An dem vom Sonnenuntergange kupferrot gefärbten Himmel zog eine seltsame Wolke dicht über die Ebene, darunter ragten Schornsteine wie Obelisken zu Hunderten empor; man unterschied eine ungeheure schwärzliche Anhäufung von Bauten. Endlich fuhren wir in das große Babel von Backsteinen ein. Düster ist der Anblick der Straßen; Luft und Boden scheinen von Nebel und Schweiß durchtränkt zu sein. Fabrik an Fabrik, alles schmutzige Ziegelbauten, ihre kahlen Mauern und vorhanglosen Fenster lassen sie wie ungeheure karge Gefängnisse erscheinen. Eins dieser Gebäude zum Beispiel ist ein Rechteck mit 6 Stockwerken, jedes hat 40 Fenster. Dort unter dem Gaslicht, beim betäubenden Rattern der Maschinen stehen Tausende von Arbeitern tagtäglich von früh bis spät an der Maschine! Gegen 6 Uhr abends speien die Werkstätten eine wogende, brausende Menge auf die Straßen: Männer, Frauen, Kinder in dürftiger Kleidung, mit hageren Gesichtern. Viele verschwinden in den Schnapskellern, die andern zerstreuen sich und erreichen ihre ärmliche Behausung. Durch das halbgeöffnete Fenster sieht man in das tiefliegende Zimmer, eingebaut in den feuchten Boden. Ein Teppichüberbleibsel, ein Wäschestück zum Trocknen, schmutzige Kinder auf der Diele. – Besser sind die Häuser in der Vorstadt, dort sind im freieren Raume Reihen kleiner billiger Häuser von Unternehmern gebaut worden. Die schwarzen Straßen sind mit Eisenschlacken gepflastert, und die niedrigen Dächer heben sich mit ihren roten Ziegeln von dem allgemeinen Grau des Himmels ab; aber jede Familie wohnt wenigstens für sich allein, und der Nebel, den sie atmet, ist nicht allzu unsauber. Das sind die Begünstigten, die Glücklichen. Wie mag es erst im Winter sein, wenn der Nebel die ganze sichtbare Natur ertränkt, erstickt, verschlingt! Im Reichenviertel Manchesters zeigen die Bauten wie in Liverpool und London den englischen Charakterzug zur Ländlichkeit und zur Freiheit. Der Städter tut alles, was er kann, um aufzuhören, ein Städter zu sein. Daher hier die unermeßlichen Straßen ohne Läden, in denen jedes Haus inmitten eines grünen Vierecks einzeln dasteht und nur einer Familie gehört. Außerdem breitet sich hinter Manchester Bowdon aus, eine Art allgemeinen Landhauses mit einem herrlichen, Lord Stamford gehörigen Parke, welcher für jedermann offen steht: prachtvolle Bäume, üppige Rasenflächen, Herden zahmen Damwildes, die in den Farnen liegen. Wie tief muß solche natürliche Stille und Schönheit auf die Menschen wirken, die fast immer an Schreibstube oder Maschinensaal gefesselt sind! Im übrigen ist die Reichenstadt langweilig; zehn, fünfzehn, zwanzig Häuser hintereinander sind nach demselben Plane erbaut und reihen sich wie die Damensteine auf einem Spielbrett mit ausdrucksloser Regelmäßigkeit aneinander. Die geologische Karte zeigt rings um Manchester eine breite schwarzgefärbte Fläche, das Kohlengebiet. Zahlreich sind hier große Städte entstanden; es gibt ihrer 7-8 neuentstandene mit vierzig- bis achtzigtausend Einwohnern, zum Beispiel Oldham. Eine Tonne Kohle kostet hier 5-8 Schilling; in Paris schon 23 Franken, in den Vogesen 34-40! Dazu kommt der Lehmboden, der Ziegel liefert, und wie in London eine breite Flußmündung als Ein- und Ausfuhrweg, als natürlicher Hafen: Liverpool . Endlich ein Volk von unermüdlichen, zähen Arbeitern und klugen, berechnenden Unternehmern! Reiche Kapitalien und vorzügliche Gliederung der Arbeitskräfte. Liverpool, pool = Pfuhl. der Name deutet auf einen ehemaligen See – und die flache, feuchte, von den Seenebeln durchtränkte und von stehenden Gewässern bedeckte Gegend scheint auch wirklich weniger für Menschen als für Wildenten geeignet zu sein. Plötzlich wird die Landschaft ursprünglich, man gewahrt unfruchtbare Heide, rostige Torfmoore, uneingehegtes Land, das am Himmelsrande von einem Streifen fahlgrünen Laubes gesäumt wird. Schwere, violette Wolkenzüge und die unaufhörliche Ausdünstung des Meeres und des Bodens erfüllen und trüben wie in Holland den Raum zwischen dem niedrigen Himmel und der endlosen Ebene. Im Mittelpunkte der Stadt liegt ein großes griechisches Bauwerk, eine Art Tempel mit vergoldeten Wandfeldern und nachgemachten Jaspissäulen, das Ganze ein Konzertsaal. Gegenüber eine von einem Privatmanne gestiftete Bücherei, die 1 Million Mark gekostet hat. Also auch hier soll man nicht Schönheit oder Zierlichkeit suchen. Liverpool ist ein Ungeheuer wie Manchester: mächtige Waren- und Handelshäuser, unermeßliche Straßen, deren Häuser wie in London mit Bogenhallen, Säulen und Pfeilern überladen sind. Der Hafen ist auch hier das Herz der Stadt. Neben den Docks bilden besonders die Baumwollspeicher einen riesigen, endlosen, einförmigen Wall; hier ist der Sammelplatz fast aller Baumwolle der Welt. Wie ein Meeresarm breit erstreckt sich die Mersey nach Westen, die Schiffe herbei- und hinaustragend. An ihrer Flanke fahren sie auf einer Strecke von 6 Meilen in Kanäle ein, in steingepflasterte Becken, eine Art vielfacher, sich abzweigender Wasserstraßen und -plätze, in denen sie ausgebessert und gelöscht werden: das sind die Docks. Die dichtgedrängten Masten sehen aus wie ein Winterwald, der sich bis ins Unabsehbare hinein erstreckt und den ganzen nördlichen Horizont versperrt. Und dabei reichen diese zahlreichen und geräumigen Docks nicht aus! Haufenweise drängen sich die Schiffe an den Kanaleinfahrten und warten auf Platz. Drüben in Birkenhead ist eine neue Dockreihe im Entstehen begriffen. Von dort aus umfaßt der Blick den ganzen Hafen und den Strom: er leuchtet gelblich und ein wenig unruhig im Nebel. Dampfboote kreuzen darauf mit starren, mechanischen Bewegungen wie schwarze Krabben. Segelschiffe ziehen geschmeidig und geneigt wie schöne Schwäne dahin. Der ganze Schwarm der Schiffe weicht einem schweren Kriegsschiff, dem »George«, aus. Auf der andern Seite die Masten und das Tauwerk, dahinter die riesenhafte Stadt. Auf den Werften herrscht reges Leben, auf der einen von Laird sollen in den letzten 20 Jahren 250 Schiffe gebaut worden sein. Ein großer Schraubendampfer ist wieder im Bau. Natürlich fehlt auch hier nicht die Kehrseite dieses Großunternehmertums, das Elend in den Arbeitervierteln: Trunksucht, Schmutz und Laster.   6. Von Gravesend bis London. Quelle: Theodor Fontane, Ein Sommer in London. Das ist die englische Küste! Durch den Morgennebel schimmern die Türme von Yarmouth. Ein gutes Stück Weges noch in der Richtung nach Süden, und die Themsemündung liegt vor uns: da ist sie! Sherneess mit seinen Baken und Tonnen taucht auf. Nun aber ist es, als wüchsen dem Dampfer die Flügel, immer rascher schlägt er mit seinen Schaufeln die hochaufspritzende Flut, und die prächtige Bucht durchfliegend, von der man nicht weiß, ob sie ein breiter Strom oder ein schmales Meer ist, trägt er uns jetzt an Gravesend vorbei in den eigentlichen Themsestrom. Alles Große wirkt in die Ferne; wir fühlen ein Gewitter, lange bevor es über uns ist; große Männer haben ihre Vorläufer, so auch große Städte. Gravesend ist ein solcher Herold; es ruft uns zu: London kommt! Und unruhig, erwartungsvoll schweifen unsere Blicke die Themse hinauf. Des Dampfers Kiel durchschneidet pfeilschnell die Flut. Wir haben noch 5 Meilen bis zur alten City. Noch an großen volkreichen Städten müssen wir vorbei, und doch sind wir bereits mitten im Getriebe der Riesenstadt. Greenwich, Woolwich und Gravesend gelten noch als besondere Städte, und doch sind sie es nicht mehr. Die Äcker und Wiesen, die zwischen ihnen und London liegen, sind nur erweiterte Hydeparks. Von Smithfield nach Paddington quer durch die Stadt hindurch ist eine schlimmere Reise wie von London-Bridge bis Gravesend; nicht mehr Milesend ist die längste Straße Londons, sondern der prächtige Themsestrom selbst; statt der Kabs und der Omnibusse befahren ihn Hunderte von Booten und Dampfern; Greenwich und Woolwich sind Anhaltepunkte, und Gravesend ist die letzte Station. Der Zauber Londons ist – seine Massenhaftigkeit . Wenn Neapel durch seinen Golf und Himmel, Moskau durch seine funkelnden Kuppeln, Rom durch seine Erinnerungen, Venedig durch den Zauber seiner meerentsteigenden Schönheit wirkt: so ist es beim Anblick Londons das Gefühl des Unendlichen, das uns überwältigt – dasselbe Gefühl, was uns beim ersten Anschauen des Meeres durchschauert. Die überschwengliche Fülle, die unerschöpfliche Masse: das ist die eigentliche Wesenheit, der Charakter Londons. Ob man von der Paulskirche oder Greenwicher Sternwarte herab seinen Blick auf das Häusermeer richtet, ob man die Citystraßen durchwandert und, von der Menschenmenge halb mit fortgerissen, den Gedanken nicht unterdrücken kann, jedes Haus sei wohl ein Theater, das eben jetzt seine Zuhörerschwärme wieder ins Freie strömt – überall ist es die Zahl, die Menge, die uns Staunen abzwingt, aber auch die Kraft und Energie, die all dem groß sich entfaltenden Leben zugrunde liegt. Gravesend liegt hinter uns; noch sehen wir das Schimmern seiner hellen Häuser, und schon taucht Woolwich , die Arsenalstadt, vor unseren Blicken auf. Rechts und links liegen die Wachtschiffe; drohend weisen sie die Zähne, hell im Sonnenschein blitzen die Geschütze aus ihren Luken hervor. Vorbei! Wir haben nichts zu fürchten: Alt-Englands Flagge weht von unserem Mast; friedlich nur dröhnt ein Kanonenschuß über die Themse hin und verhallt jetzt in den stillen Lüften der Grafschaft Kent. Weiter schaufelt sich der Dampfer an Ostindienfahrern vorbei, die jetzt eben mit vollen Segeln und voller Hoffnung in Meer und Welt hinausziehen; seht, die Matrosen grüßen und schwenken ihre Hüte! Wenn wieder Land unter ihren Füßen ist, so sind es des Indus oder Ganges Ufer. Glückliche Fahrt! Was ist aber das? Eine wahre Flottille von Dampfbooten, nur heimisch im Themsefahrwasser, kommt unter Sang und Klang den Fluß hinunter. In Gravesend ist Jahrmarkt oder ein Schifferfest. Da darf der Londoner Junggesell, der Commis und Handwerker nicht fehlen; die halbe City, scheint es, ist flügge geworden und will in Gravesend tanzen und springen und sich einmal gütlich tun nach der Melodie des Dudelsacks. Kein Ende nimmt der Festzug: bis hundert habe ich die vorbeifliegenden Dampfer gezählt, ohne zu Ende gekommen zu sein. Nun taucht Greenwich auf, immer reger wird das Leben, immer bunter der Strom, wie wenn Ameisen arbeiten, hierhin, dorthin, rechts und links, vor und zurück, aber immer rastlos, so lebt und webt es zwischen den Ufern. Da breitet sich prächtig und groß vor unseren Augen das Invalidenhospital von Greenwich aus, mit seiner schönen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen. Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden Elementen endlich ermüdeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz; denn die Welt hat ihresgleichen nicht. Eigentlich sind es vier voneinander ganz abgesondert liegende Gebäude, die aber, von der Wasserseite gesehen, sich ausnehmen wie ein einziger großer Palast, geziert mit Säulen und aller Pracht der neueren Baukunst. Eine große Terrasse, die eine entzückende Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin, bis an den Strom, zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Das ganze Gebäude ist aus schönen Quadersteinen erbaut. Vorzüglich bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmückte Kapelle. Einige schöne, große Hallen dienen bei schlechtem Wetter zum Spazieren. Ein angenehmer Park mit einer auf einem Hügel erbauten Sternwarte umgibt das Gebäude der anderen Seite. Es war ein schöner, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestätte am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesicht aller ankommenden und auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; sie leben gleichsam noch darin, und dem in die See stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut. Nahe an 3000 Seeleute ruhen hier von ihrem mühevollen Leben aus. Sie wohnen angenehm, werden gut genährt und gepflegt, alle zwei Jahre neu, anständig, bequem gekleidet und erhalten wöchentlich ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Bedürfnissen und Vergnügungen. Erkranken sie, so finden sie sorgfältige Pflege. Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem, was ihr Leben bedeutend machte, geschieden; sie leben und weben noch darin und kämpfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen Schlachten in froher Erinnerung vor Gemälden, welche diese vorstellen und die Wände ihrer Speise- und Wohnsäle schmücken. Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen. In langen, hohen, luftigen Sälen, welche zur Winterszeit von mehreren großen Kaminen erwärmt werden, sind auf der den Fenstern entgegenstehenden Seite eine Reihe den Schiffskajüten ähnliche Kammern dicht aneinander angebracht. Jede hat neben der nach dem Saale ausgehenden Tür zwei Fenster und ist groß genug, um ein geräumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und nichts Saubereres als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich; Fenster und Betten sind mit reinlichen Vorhängen versehen; an den Wänden auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und Teekästchen, Gläser, Tassen und dergleichen in gefälliger Ordnung. Kupferstiche zieren die Wände. Jeder hängt daran, nach Gefallen, Bildnisse der Königsfamilie oder berühmter Seehelden auf; dazwischen Seeschlachten, Häfen und wohl auch manch lustiges Scherzbild. Hundertundvierzig Witwen verdienter Seemänner wohnen ebenfalls im Hause; sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken und werden in jeder Hinsicht ebenso gehalten als die Veteranen selber. Auch für die Waisen der gebliebenen Seeleute ist gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem besonderen Teile des Hauses zum Seemannsberuf erzogen. Noch haben wir London nicht betreten: es liegt noch vor uns, und schon haben wir ein Stück im Rücken – auf 100 Dampfern eilte es an uns vorbei: die Bevölkerung ganzer Städte ist aus der einen Stadt ausgezogen, und doch, die Tausende, die ihr fehlen, sie fehlen ihr nicht, es ist das gleiche unabsehbare Gewimmel.   7. Die Docks von London. Erinnerungen an England und Schottland von Moritz v. Kalckstein, Berlin. In der unmittelbaren Nähe des Tower bis Blackwall, in einer Ausdehnung von einer deutschen Meile, liegen die Docks. Wie alle Unternehmungen in England, so sind auch diese Docks aus Anlagekapitalien von Aktiengesellschaften hervorgegangen. Es sind künstliche Wasserbecken zur Aufnahme fremder Schiffe, mit fünf- bis siebenstöckigen Warenspeichern umgeben. Alle zusammen umfassen einen Flächenraum von mehr als 300 ha, in denen einige tausend Schiffe ganz bequem Platz finden. Der ungeheuere Verkehr auf der Themse, in deren Hafen oft an einem Tage 300 Schiffe einlaufen, hat die Anlage dieser Becken notwendig gemacht. Ohne sie müßte der Strom wenigstens das Dreifache seiner Breite haben, um für alle angekommenen Fahrzeuge hinreichend Raum darzubieten. Auch würde, da alle Schiffsladungen vor ihrem Absatz an die Londoner Handelshäuser einem Zoll unterworfen sind, die dadurch herbeigeführte Verzögerung oft mit den nachteiligsten Verlusten für die Schiffseigner verbunden sein. Diesen Übelständen wurde durch Anlage der Docks abgeholfen. Sie geben den einlaufenden Schiffen eine bequeme Gelegenheit, ihre Fracht entweder auf den weiten Lagerräumen sofort zu versteuern oder unter Umständen unverzollt in den Warenhäusern bis zu einer passenden Gelegenheit liegen zu lassen. Da bei den fortwährenden Schwankungen des Großhandels häufig das schnelle Ergreifen des Augenblicks den Ausschlag gibt, so sind diese Anlagen für die Erleichterung und Förderung des Handelsverkehrs von nicht zu berechnender Wichtigkeit. Von dem ältesten, unmittelbar an den Tower grenzenden St. Katharine-Dock (4 ha) gelangt man durch einige schmutzige, fast ausschließlich von Matrosenschänken eingenommene Viertel zu den drei Becken der London-Docks. Hier spiegelt sich die bewegliche Regsamkeit des britischen Welthandels in den wechselvollsten Formen ab. An den Lagerplätzen vor den Lagerhäusern bilden hoch aufgetürmte Faßreihen lange Straßen, zwischen denen sich Handkarren, Wagen, Menschen in dem dichtesten Gewühl fortbewegen. An keiner Stelle des Londoner Hafens, von Gravesend bis London-Bridge, sind die Schiffe verschiedener Völkerschaften so dicht gedrängt. In dem buntesten Gemisch erblickt man holländische Schiffe, Brasilianer mit Kaffee und Farbhölzern, Dänen mit Schlachtvieh, französische Schiffe mit Obst, Gemüse, Eiern, Amerikaner mit Tabak und Zucker, deutsche Fahrzeuge mit Getreide, englische Schiffe mit Kolonialwaren aus Indien, Australien, Kanada und dem Kap. Jeder Handelsgegenstand hat sein besonderes Viertel. Gleich beim Eintritt liegt das Ivory-House, in welchem ungeheure Vorräte von Elefantenzähnen und Schildkrötenschalen aufgehäuft liegen; ein anderer fünf Stock hoher Speicher, schon durch einen bläulich gefärbten Dunstkreis, der ihn einhüllt, wahrnehmbar, umfaßt das Indigolager. Daran reihen sich die Niederlagen für die Teevorräte, die hier in vielen tausend, mit chinesischen Aufschriften versehenen Kisten in einer Massenhaftigkeit aufgespeichert liegen, wie nicht leicht an einer anderen Stelle der Welt. Sehr umfangreich ist auch die Einfuhr von Tabak. In einem der Warenhäuser »the queens warehouse« fällt ein aus roten Backsteinen gemauerter, kugelartig geformter, stets brennender Ofen auf. Der Volkswitz hat denselben mit dem bezeichnenden Namen der »Tabakspfeife der Königin« (the queens Tobacco-Pipe) getauft. Alle verdorbenen oder wegen Einschmuggelung mit Beschlag belegten und wegen der Höhe des Strafsatzes nach einem bestimmten Zeitraum nicht abgeholten Waren werden zu möglichst schneller und am wenigsten umständlicher Beseitigung der rastlos arbeitenden Esse dieser queens Tobacco-Pipe übergeben, und so groß ist die Menge des hier der Zerstörung anheimgegebenen Stoffes, daß der Ofen nun schon seit Jahren seine Vernichtungsarbeit verrichtet und sogar die daraus gewonnene Asche für Landwirte, Seifensieder und Besitzer chemischer Fabriken der Gegenstand eines erträglichen Geschäfts geworden ist. Durch ihre Massenhaftigkeit wirken in ganz eigentümlicher Weise die unterirdischen Weinlager der London-Docks. Man steigt eine breite Treppe hinab und gelangt in ein Wirrsal von Weinfässern, das durch viele sich kreuzende Schienenwege, auf welchen die Fässer fortgeschafft werden, durchschnitten wird. Die Richtung dieser Wege ist durch Öllampen angedeutet, welche besonders an den Kreuzungspunkten eine ungewöhnliche Helle entwickeln und so ein anschauliches Bild dieses Riesenkellers zurücklassen, der wohl das umfassendste unterirdische Gewölbe unserer Zeit ist. Er hat einen Flächenraum von 4,8 ha, und seine Schienenwege sollen eine Länge von 25 Kilometern erreichen. Für die Zulassung in diese unterirdischen Weinlager bedarf es einer Karte, die, mit einer tasting-order versehen, gleichzeitig die Erlaubnis des Kostens der verschiedenen Weinsorten in sich schließt. Jeder Kaufmann, der in den Docks Weinvorräte liegen hat, kann dergleichen Erlaubnisscheine ausstellen. Mit einem solchen ausgerüstet und mit einem Grubenlichte versehen, wird man von den Küfern durch die verschiedenen Quartiere der Unterwelt geführt, worin die Geister der verschiedenen Weingottheiten ihren Herrschersitz aufgeschlagen haben; aber schon halb berauscht durch das Einatmen ihrer duftigen Blume versetzen nur wenige Tropfen des Xeres oder Malvasiers den Besucher in den Zustand eines Traumwachens, der ihn aus jener von Wein- und Lampenduft verdickten Luft und den niedrigen, mit Schimmel bedeckten Gewölben wieder hinausdrängt nach der dem menschlichen Dasein befreundeten Tageshelle. Weiter gegen Osten liegen auf der Isle of Dogs die Millwall-Docks, namentlich für Getreide, und die drei gleichlaufenden West-India-Docks mit einer Gesamtfläche von 120 ha für 500 Westindienfahrer, welche vornehmlich Farbhölzer und Rum herzubringen. Bei Blackwall folgen die jetzt etwas veralteten East-India-Docks (12 ha) für Schiffe, die nach Indien und Ostasien gehen. An der Themsekrümmung am Südufer liegen die 15 Becken der Commercial- und Surrey-Docks mit 32,5 ha Wasser- und 136 ha Landfläche, die namentlich dem Getreide- und Holzhandel dienen. Weiter stromabwärts eröffnete man 1880 den Viktoria-Dock (36 ha) und den Albert-Dock, die beide mit Trockendocks, Speichern, Eiskellern, Wasserdruckkranen, Bahnanschlüssen, elektrischem Lichte und anderes aufs beste ausgestattet sind. Die Eiskeller nehmen das gefrorene Rind- und Schöpsenfleisch auf, das die Schiffe als Ballast aus Australien herzuführen. In den Speichern sammelt sich Getreide, Tabak, Guano, Jute usw. Die Londoner Docks gehören vier Gesellschaften und haben 305 ha Wasserfläche und 550 ha Lagerräume. Sie beschäftigen ein Heer von über 20 000 Dockarbeitern.   8. In der City von London. Nach Carl Peters, England und die Engländer. Berlin 1904, Schwetschke \& Sohn. Der Mittelpunkt Londons ist die City . Trotz ihrer geringen Größe von 270 ha ist sie nicht nur das Herz Londons, sondern nimmt auch im Staatsleben Englands, ja in der ganzen Weltwirtschaft eine hervorragende Stellung ein. Die City ist es, welche fast alle Völker Großbritannien zinspflichtig macht: in der Form von Gewinnanteilen, welche doch überall letzten Endes in Naturerzeugnissen zu entrichten sind. Sie ist der deutlichste Ausdruck der englischen Weltherrschaft. Die City reicht vom Temple und Holborn-Viadukt bis nach White-Chapel, von der Themse bis etwa zum Regents-Kanal. Dieser Raum von 270 ha und einer ständigen Bevölkerung von nur 27 000 Einwohnern, ist angefüllt mit Speichern, Kontoren und Läden – und darüber ausgesprenkelt Restaurationen. Bei einer Häuserzahl von 10 230 gibt es doch fast keine eigentlichen menschlichen Wohnstätten, nur die sogenannten housekeepers, die Pförtner, schlafen in der City. Trotzdem drängen sich am Tage an 360 000 Menschen in ihre langen öden Straßen, des Nachts aber liegen sie menschenleer und verlassen da. Am nördlichen Themseufer zwischen Blackfriars und Towerbridge zieht sich Speicher an Speicher hin, 4, 5, 6-8 Stock hoch mit eigentümlich malerischen Giebeldächern, abenteuerlichen Kranen, Luken zum Aufnehmen der Ladungen, welche in plumpen Barken herangeschleppt werden. Dort liegt auch der alte Hansaspeicher, ein mächtiges Gebäude aus der Zeit, als der Themsehandel noch zum größeren Teil in deutschen Händen lag. Enge und merkwürdig verschlungene Gassen führen vom Ufer hinauf nach Cannon-Street, King-Williams-Street oder Tower-Street. Kaum bleibt zwischen ihren schwindelnd hohen Häusern ein schmales Band Himmels sichtbar. In den Speichern werden Tausende von Katzen auf öffentliche Kosten gehalten, als Wohlfahrtspolizei gegen die Ratten, welche die verschiedenen Frachten anlocken. Einige Male wöchentlich wird diesen Katzen Fleisch gereicht. Auf den grellen Schrei: meat, meat, cat's meat! kommen sie von allen Seiten aus den Häusern, um ihren Lohn in Empfang zu nehmen. In Cannon- oder King-Williams-Street gerät man in ein gefährliches Wagen- und Menschengedränge. Omnibusse, Droschken und Kutschen bringen aus dem Westen in ununterbrochener Reihe wahre Menschenfluten heran. Durch Fleet-Street strömen alle zwölf Stunden 71 677 Personen zu Fuß, durch Cheapside sogar 91 190. Gleichzeitig besorgen unter unseren Füßen zwei Eisenbahnlinien, die Metropolitan und die elektrische Tube, die Arbeit der Verbindung von Westen nach Osten. Obwohl sie alle drei Minuten lange Züge befördern, sind diese, mit Ausnahme der Zeit von 12-2 Uhr, meistens voll besetzt und überfüllt. Die Sammelpunkte dieses Riesenverkehrs sind die Bank von England, das Mansion House und die Stock Exchange. Am Mansion House eilen täglich 248 015 Fußgänger vorüber, während 26 200 sich des unterirdischen Durchgangs bedienen, der hier eröffnet ist. Das ganze Straßennetz der City ist, wie in alten Stadtkernen Europas meist, sehr verschlungen; seltsame Gänge und Höfe, die nur der Eingeweihte weiß, führen durch die Häuserviertel von einer Straße zur anderen. Alles wimmelt von Geschäftsleuten, Handlungsgehilfen und Ladenboten, welche in der Regel mit Zylinder, im Sommer jedoch sehr oft barhäuptig in raschem Schritte dahineilen. Das Straßenbild an der Ecke von Cheapside, gegenüber der Bank von England, ist geradezu eine Weltsehenswürdigkeit. Eine Geschäftsstube oder ein Cityoffice ist meist ungastlich und trüb. Steinerne Stufen führen in einem engen dunkeln Treppenhause zu engen Stockwerken; zwei bis drei schlecht ausgestattete Zimmer, die auf einen Hinterhof hinaussehen, genügten den alten Firmen, die in der Einfachheit ein Zeichen der Ehrenhaftigkeit des Geschäfts sehen. Neuerdings sorgt man mehr für Licht und Luft und Ausstattung. Die Bank von England ist der Grundstein des englischen Geschäftslebens, ja des Geldverkehrs der ganzen Erde. Sie macht das englische Papiergeld. Für 15 Millionen Pfund darf sie unter Bürgschaft des Staates ausgeben, ohne Deckung in Gold. Was mehr in Verkehr gesetzt wird, dafür muß Deckung in Goldbarren in den Kellern der Bank liegen. Wenn die Verhältnisse es erfordern, wird der Zinsfuß der Bank neu festgesetzt, und seine Höhe ist maßgebend für die Geldwirtschaft der City, ja der ganzen Erde. Der Bank von England stehen eine ganze Reihe Depositenbanken zur Seite, die nur Gelder ihrer Kunden aufbewahren und in gewissen festgesetzten Papierwerten anlegen, ohne jedoch mit ihnen irgendwie zu spekulieren. Neben diesen zuverlässigen Banken arbeitet der Finanzier mit Anleihen, Emissionen, Kompaniegründungen usw. – er darf aber sein Haus nicht Bank nennen und mit diesem Namen seine unsicheren Geschäfte decken. Auf den Banken ruht der englische Scheckverkehr. Jeder schafft sich sein Papiergeld, dessen Höhe natürlich sein Bankkonto nicht überschreiten darf. Solcher Scheck geht oft von Hand zu Hand als Geld, bis er bei der deckenden Bank eingelöst wird. Der Privatmann zahlt seinem Schuster mit einem Scheck, der gibt ihn vielleicht seinem Bäcker, welcher wiederum seine Waschfrau damit bezahlt – vorausgesetzt immer, daß der Name, der unter dem Scheck steht, im engeren Kreise als ehrenhaft bekannt ist. – – Neben dem Geld spielt der Warenumsatz der City die größte Rolle. Sie ist das größte »Tauschgeschäft der Welt«. In den Häfen Londons und auch Liverpools laufen jährlich ungeheuere Warenmassen aus und ein, aber in der City werden auch Kommissionsgeschäfte abgeschlossen zwischen Käufern und Verkäufern, die weit entfernt wohnen und nur an diesem Mittelpunkt miteinander verhandeln. Dazu gibt es in der City die Exchanges für Wolle, Getreide, Kohlen usw. Schiffsreederei und Versicherungswesen geben ferner der City das Gepräge – vor allem aber auch die Fondsbörse mit ihrem Glücksspiel, ihrem Schwanken zwischen boom (hoch) und slump (niedrig). Aus den Gesichtern der Vorübereilenden kann man den Stand des Marktes ablesen. Gehen die Kurse herunter oder stockt das Geschäft, so blickt die vorübereilende Menge sorgenvoll drein, ist aber flotter und aufsteigender Geschäftsgang, so eilt alles munter und lebensfreudig einher. Die Schankhäuser der City endlich sind meist Tageswirtschaften und besonders Frühstücksstuben. Die meisten schließen abends 8 Uhr und haben zwischen 1-3 Uhr Hochflut. Dann ist der Zudrang oft so groß, daß hinter unserem Stuhl schon der Anwärter steht, der darauf rechnet, wenn wir fertig sind. In anderen steht alles an einem langen Schenktisch. Alles hat den Hut auf dem Kopfe. Häufig sind es unterirdische, dann ganz elektrisch beleuchtete Gasthäuser, in die man mit Fahrstühlen einfährt. Der Seestadt entsprechend überwiegen auf den Speisekarten Fische, Krebse, Krabben, Muscheln usw. Daneben steht sicher überall Steak oder Hammelkotelett. Bitter-Ale und Stout, Whisky und Soda, Lagerbier werden am meisten getrunken. Im allgemeinen trinkt man mäßig, um den Kopf fürs Geschäft klar zu halten. Um 6 Uhr setzt der Abfluß der Menschenmassen ein nach allen Himmelsrichtungen, und nach 8 Uhr ruht das Schweigen der Nacht auf den tags so volkbelebten Gassen, daß es einen anwandelt, wie es in Jahrtausenden den letzten Vertretern unserer Art auf der absterbenden Erde zumute sein mag.   9. Wie London wächst. Die Riesenstadt London ist nicht ringförmig um einen Kern gewachsen wie Paris, sondern an die City gliederte sich gleichsam Zelle an Zelle wie in einer Bienenwabe. Über hundert Vororte und Dörfer und Nachbarstädte verwuchsen so mit der Stadt. Baugesellschaften gründen an dem Stadtsaume immer neue Straßen, ja ganze Viertel, so daß die Stadt ständig größer wird. Sie bedeckt jetzt eine Oberfläche von 30 176 ha, also über 300 qkm. Natürlich schwillt auch die Einwohnerzahl dementsprechend an, und es ist lehrreich, das Wachstum Londons ziffernmäßig zu zeigen: Am Ende des 14. Jahrhunderts hatte London etwa 35 000 Einwohner. Im Jahre 1801: 959 310 Einwohner " 1841: 1 948 417 " " 1881: 3 815 544 " " 1901: 4 536 267 " " 1906: 7 113 560 " " 1910: 7 252 963 " Die letzten Zahlen beziehen sich allerdings nicht auf die Grafschaft London allein wie die vorhergehenden, sondern auf das »größte London«, das heißt den Polizeibezirk London, der noch 149 Kirchspiele mehr faßt und einen Kreis bildet, der 24 km Halbmesser hat. Noch viel weiter würde der geographische Begriff London reichen, wenn man das wirtschaftliche Weichbild der Stadt ins Auge faßt, das heißt alle die Orte und Städte hinzu rechnete, deren Bewohner großenteils tagsüber in London selbst tätig sind. Die gewaltige Ausdehnung der Stadt erklärt sich zum Teil aus der Eigentümlichkeit des Engländers, stets im eigenen kleinen Hause mit Garten wohnen zu wollen. Im Jahre 1905 wurden in London 39 586 Ehen geschlossen, das heißt im Durchschnitt 17‰; es wurden 129 335 Geburten gemeldet, das heißt 27,9‰ und 74 990 Todesfälle, das heißt 16,9‰. Diese Sterblichkeitsziffer ist eine der niedrigsten unter den Hauptstädten der ganzen Welt. Dabei beziehen sich 18 600 Todesfälle auf Kinder unter einem Jahr. Die Größe der Bevölkerung von London und deren Zunahme erscheint im ersten Augenblick unbegreiflich; denn es ist an und für sich ein fast unerhörtes Verhältnis, daß eine Hauptstadt fast 1/6 der Bevölkerung eines Reiches enthält, noch mehr, daß sie die Hälfte der jährlichen Zunahme der Gesamtbevölkerung für sich beanspruche. Es scheint um so sonderbarer, wenn man die Abneigung der Engländer gegen London kennt. In Frankreich ist es der erste Wunsch eines jeden, in Paris zu wohnen, und nur die Unmöglichkeit hindert ihn, diesen Wunsch auszuführen; in London ist es der erste Wunsch eines jeden, auf dem Lande zu wohnen; hat er sich bereichert, so kauft er einen großen oder kleinen Landbesitz und kommt nur zu Geschäften oder auf einige Wochen in der modischen Zeit im Frühjahre in die Stadt; hat er es aber noch nicht so weit gebracht, so sucht er wenigstens einige Stunden außerhalb der Stadt zu wohnen. Aber die Anziehungskraft des Reichtums und der Macht dieser unbegreiflichen Stadt, die Größe der geschäftlichen und sittlichen Vorteile, die hier ihren Mittelpunkt finden, die Tätigkeit des Handels und die Leichtigkeit, Arbeiten aller Art hier obzuliegen, sind so übermächtig, daß sie notwendig viele Tausende von Menschen aller Art hierher führen. Dazu kommt, daß London nicht nur die Hauptstadt vom europäischen England, sondern von einem Kolonialreiche ist, aus dem jährlich Tausende von Familien zurückkommen, die keinen Familiensitz in England haben und es daher bei weitem leichter und wohlfeiler finden, sich in London niederzulassen, wo für Bedürfnisse aller Art besser gesorgt ist als irgendwo anders in der Welt. So entstand vor mehreren Jahren ein neues Viertel sehr schöner Straßen nördlich vom Park von Kensington, das den Namen Kleinasien erhielt, weil es größtenteils von ehemaligen Offizieren und Beamten aus Indien bewohnt wurde, und in einem anderen neuen Quartier, das gegen Hammersmith hin gebaut wurde, waren fast alle Häuser von den aus Australien zurückgekommenen Kolonisten gekauft worden. Es macht der englischen Selbstverwaltung die größte Ehre, daß für das Bedürfnis einer so zunehmenden Bevölkerung auf die natürlichste Art und wie von selbst gesorgt wird, ohne daß die Regierung oder selbst die Stadtverwaltung sich darein mischt. Wenn man bedenkt, mit welcher Gewalttätigkeit und Verschwendung in Paris, mit welcher Langsamkeit und Schwerfälligkeit in Wien für eine unendlich kleinere Ausdehnung der Stadt gesorgt wird, so erstaunt man, zu sehen, wie in London die Dinge fast wie durch ein Naturgesetz vor sich gehen und neue Straßen aus dem Boden zu wachsen scheinen und überall neue Viertel entstehen, die mit Wasser, Gas und allem versehen werden, und wie die Größe der Arbeiten einen Menschenverstand und eine Leichtigkeit dabei eingeführt hat, welche die Regierungsweisheit jener schreibseligen und viel geplagten Städte gänzlich zu schanden machen. Denn das Ergebnis ist, daß in London der Bau der Häuser dem Bedürfnisse eher vorangeht, daß jeder in den neuen Stadtvierteln leicht eine seinen Mitteln und Bedürfnissen angemessene Wohnung findet, daß die Straßen schöner sind als sonst irgendwo, und daß trotz der schwierigen Verhältnisse des Grundbesitzes die Wohnungen in London wohlfeiler sind als in jeder anderen großen Stadt. Der Mietzins kostet in London in dem größeren Teile der Stadt (mit Ausnahme der City) nur die Hälfte von dem, was er in Paris und in Wien (nicht nur in der inneren Stadt, sondern auch in den zugänglicheren Teilen der Vorstädte in Wien) kostet, während die Häuser bequemer und gesünder sind als in diesen beiden Städten. Die Häuser- oder vielmehr Städtefabrikation geht um den ganzen äußeren Umkreis der Stadt vor sich, und das Verfahren ist überall dasselbe. Niemand oder wenigstens fast niemand baut selbst ein Haus, mit Ausnahme einiger sehr reicher Leute, deren Zahl in der Masse des hiesigen Bauwesens kaum in Betracht kommt. Es ist im Gegenteil so weit gekommen, daß es kaum noch der Mühe wert ist, eine Straße zu bauen, obgleich dies auch noch vorkommt, sondern ein rechter Bauunternehmer findet es vorteilhaft, ein ganzes Viertel zu bauen, das Straßen für reiche, für wohlhabende, für mittlere und arme Leute enthält . Jede Seite eines Straßenviertels stellt gewöhnlich eine bauliche Einheit dar, die eine Vorderansicht bildet und im Innern in gleichförmige Häuser abgeteilt ist, mit der Ausnahme, daß die Eckhäuser gewöhnlich geräumiger sind. Häuser erster Klasse bilden oft einen Square, das heißt ein hohles Viereck, das in der Mitte einen Garten hat, zu dem die Anwohner des Square Schlüssel haben, oder sie bilden Halbmonde oder Terrassen, das heißt sie sind von der großen Straße durch einen Streifen von Gartenanlagen getrennt, hinter denen die Anfahrt zu den Häusern herumläuft. Häuser zweiter Klasse stehen meistens in kleinen Gärten, die zu ihnen gehören; die dritter Klasse haben zwischen sich und der Straße einen kleinen Garten, aber keine Anfahrt. In allen diesen gibt es keine Kaufläden. Häuser mit Läden bilden eigene Straßen, welche teils die großen Durchfahrten und Verkehrsadern der Stadt sind, wo sich die reichen Läden finden, teils kleinere Nebenstraßen für die ärmeren. Diese strenggeordnete Verteilung der Häuser nach Klassen ist dieselbe in allen neuen Stadtteilen, nur wechseln, je nachdem die Gegend mehr oder weniger modisch ist, die Zahlverhältnisse der Häuser erster und letzter Klasse; im Ost- und Südende der Stadt sind mehr Läden und Warenhäuser, im Nord- und Westende mehr Eigenhäuser erster und zweiter Klasse. Ein Quartier dieser Art ist daher eher wie die Stiftung einer Kolonie, bei der man darauf sehen muß, für alle Bedürfnisse zu sorgen und die Reichen und die Armen, die einander nötig haben, in gehörigen Verhältnissen zusammenzubringen, so daß sie einander ohne zu großen Zeitverlust finden können. Nach einer gewissen Reihe von Jahren, jetzt gewöhnlich nach 99 Jahren, fallen sämtliche Häuser wieder dem Grundbesitzer anheim. Dabei wird immer ausbedungen, daß die Häuser in gutem Zustande zurückfallen müssen, und dies ist keineswegs eine bloße Formel, wie es wohl früher der Fall war, sondern wird jetzt streng eingehalten; denn gegen das Ende der Zeit kommt ein Baumeister von seiten des Grundbesitzers, besichtigt die Häuser und läßt sie auf Kosten des derzeitigen Besitzers ausbessern, anstreichen usw., und der Betrag dieser Ausbesserung wird von dem Mietbewohner bezahlt, der ihn seinerseits an der Miete dem bisherigen Hausbesitzer abzieht. Die Zunahme an Vermögen und Einkommen, welches die Grundbesitzer um London herum im Verlaufe der Zeit und für die älteren Teile der Stadt schon seit langer Zeit an sich ziehen, übersteigt alle Berechnung. Es liegt ihnen daher auch daran, daß auf ihrem Grund und Boden möglichst wertvolle Häuser gebaut werden, und sie lassen sich also, ehe sie einen Mietvertrag über Land eingehen, immer die Pläne vorlegen, verlangen so viel als möglich Häuser der besseren Klassen und möglichst dauerhaften Bau. Je mehr sich die Stadt ausdehnt, um so mehr gewinnen natürlich die schon gebauten Teile an Wert, und er steigt im Innern der Stadt, wie zum Beispiel in der City, auf das Unglaubliche. Diese bildet ja nur einen sehr kleinen Teil von London, und das Bedürfnis für Geschäftsräume der Bankiers und Großhändler ist so groß, daß für ganz kleine Räume und oft nur für wenige Jahre unerhörte Summen geboten werden. So steht zum Beispiel in der Nähe der Börse, in Cornhill, eine kleine Bude eines Obstverkäufers, die an die Geschäftszimmer einer Kompanie stößt, welche sich ausbreiten wollte; sie bot dem Manne 1000 Pfund Sterling = 20 500 Mark jährlich für die noch übrigen Jahre seines Mietvertrages an, aber er verlangte 2500 Pfund Sterling = 50 000 Mark jährlich, und sie sind nicht handelseinig geworden. Der Rechtsanwalt der City hat einmal bei Gelegenheit eines Streitfalles erklärt, daß nach einem Durchschnitte von vielen Jahren die City, wenn sie Häuser gekauft habe, um öffentliche Verbesserungen anzubringen, wie beim Durchbruch neuer Verbindungsstraßen, den Grundbesitz zu 7 200 000 Mark für den Morgen bezahlt habe, und es ist der Fall vorgekommen, daß ein ganz kleines Stück Land in der City zu einem Preise verkauft wurde, zu dem ein Morgen 20 Millionen Mark gekostet hätte. Die Folge ist natürlich, daß die City sich nach und nach entvölkert, indem die Niederlagen und Geschäftsräume den Platz einnehmen, der zu teuer zum Bewohnen geworden ist, die Kaufleute außerhalb der Stadt wohnen und niemand mehr in den Häusern schläft, als wer zu ihrer Bewachung nötig ist. Ähnlich wie in anderen Großstädten vollzieht sich in London eine »Aushöhlung« der City: Der Stadtkern wird immer mehr Geschäftsgegend, und die Bewohner ziehen in die Vororte. So ergab die Volkszählung von 1910 für Innerlondon 4 522 961 Einwohner, 13 306 weniger als 1901. Ist der Grund und Boden von den Körperschaften, zum Beispiel der Universität Oxford oder von den großen Landbesitzern angekauft, so fängt der Unternehmer seine Bauten damit an, daß er die Straßen zieht und ebnet und dann den ganzen Grund und Boden, der ein Häuserviereck bildet, sowie den, welchen die Fußsteige an den Straßen hin einnehmen sollen, etwa 3 m ausgräbt. Hierauf baut er an der Straße hin eine fortlaufende Reihe von Gewölben aus Backsteinen, die nach dem Innern des Vierecks hin sich öffnen, etwa 2 m tief und ebenso breit, und zu Kohlenkellern für die künftigen Häuser bestimmt sind; sie werden oben mit Erde zugedeckt, geebnet, mit Steinplatten belegt und bilden die Fußwege. Sie haben eine Öffnung im Gewölbe, deren Mündung auf der Gangbahn mit einer eisernen Platte geschlossen ist, durch welche die Kohlen eingeschüttet werden. Die Tür des Kellers ist natürlich gegen das Innere des Vierecks gewendet und geht in den kleinen unterirdischen Hofraum (area), der das Haus von der Straße trennt und bestimmt ist, der unterirdischen Küche Licht und Luft zu geben. Diese Area ist 1-2 m breit und gewöhnlich von der Straße aus durch eine Treppe zugänglich, welche in die Küche hinabführt und für Verkäufer und die Dienstboten bestimmt ist; die Area ist vom Fußsteig durch ein eisernes Gitter getrennt, das mit einer Tür versehen ist, die auf die herabgehende Treppe führt. Sobald die Keller unter dem Fußsteig gebaut sind, wird mit den Häusern angefangen, und die ganze Straße erhebt sich zu gleicher Zeit; die Küche, Speisekammer usw. sind unter der Erde oder vielmehr unter der Höhe der Straße; denn sie sind nirgends von Erde umgeben. Das Erdgeschoß in einem bürgerlichen Hause enthält immer das Speisezimmer und das Arbeitszimmer des Hausherrn; der erste Stock wird von der Frau bewohnt, der zweite enthält Schlafzimmer, der dritte Kinderstuben usw., der letzte Schlafzimmer der Dienerschaft, und die Bauart ist so einförmig, daß man nur bei größeren Häusern, die drei und mehr Zimmer auf jedem Stockwerk haben, einen Augenblick in Zweifel sein kann, wohin jede Türe führen müsse. Für den inneren Ausbau der Häuser haben die großen Bauunternehmer eigene Werkstätten, in denen alle Holz- und Metallarbeit im großen und vortrefflich gemacht wird. Das Holz zu Türen, zu Treppengeländern, Böden, Fenstern usw. wird mit Dampfsägen und Hobeln bearbeitet und Tausende von jedem Gegenstande in ganz gleicher Größe und Beschaffenheit angefertigt; so mit Schlössern, Angeln, Schrauben, Türheben, Riegeln aller Art, die je nach Größe und Klassen so gleich hergestellt werden, daß jedes Stück in jedem Hause einer gleichen Klasse ohne weiteres angebracht werden kann. Diese Herstellung im großen mit Maschinen aller Art macht es den großen Bauunternehmern möglich, alle diese Dinge gut und wohlfeil zu geben, neue und bequeme Einrichtungen leicht einzuführen, und man findet auch in den neuen Häusern die Verteilung des Raumes sehr zweckmäßig, die Holz- und Metallarbeit sehr dauerhaft und gut und die Wasserbehälter und Röhren mit größter Sorgfalt und Berechnung der Bequemlichkeit und Reinlichkeit angelegt. Sobald eine Straße angelegt wird, macht der Bauherr einen Vertrag mit einer der Wassergesellschaften, welche die großen Röhren durch die neue Straße legt, und beim Bau jedes Hauses wird am Anfang dafür gesorgt, daß alle Stockwerke mit Hähnen versehen werden, durch welche man eine tatsächlich unbeschränkte Masse von Wasser entweder durch den unmittelbaren Druck aus den Hauptröhren, oder durch einen Behälter oben im Hause, der alle Morgen von den Hauptröhren aus gefüllt wird, abziehen kann. Dieser Überfluß an Wasser ist es vor allem, dem es London verdankt, die gesündeste Stadt in Europa zu sein. Man muß in London gewohnt haben, um zu begreifen, wie groß der Einfluß dieser Wassermasse auf alle Lebensgewohnheiten, auf die Reinlichkeit, Bequemlichkeit und Gesundheit ist, und um das Grausen zu teilen, mit dem Engländer von dem pestartigen Geruch sprechen, der in den Häusern der großen Städte des Festlandes herrsche, den man aber auch in London in alten und vernachlässigten Vierteln finden kann, wo ewig Fieber weilt. Wenn eine Straße fertig ist, so beeilt sich der Unternehmer, die Häuser zu vermieten und womöglich zu verkaufen; denn es liegt ihm vor allem daran, sein Geld wieder zu erhalten, um dieselbe Arbeit von neuem anzufangen, und gewöhnlich verkauft er sie in nicht langer Zeit, da jeder lieber in einem eigenen Hause wohnt und man wohlfeiler kauft als mietet, weil der Verkäufer ein Häuserhändler und nicht ein Häuservermieter ist und im großen, also wohlfeil, gebaut hat. Die Bauunternehmer haben im allgemeinen Glück; viele erwerben bald große Vermögen. Es geschieht bisweilen, daß ein Maurer, ein Tischler und ein Schlosser sich zusammentun, um eine Straße zu bauen, daß sie mehr unternehmen, als ihr Kapital erlaubt, und genötigt sind, auf die halbgebaute Straße Geld aufzunehmen; aber auch diese Unternehmungen gedeihen gewöhnlich, wenn sie mit Verstand in der Wahl der Gegend und der Klasse der Häuser gemacht wurden. Die Folge der großen Freiheit, die man hier im Hausbau genießt, hat einen Wettbewerb herbeigeführt, welcher mit der schnellen Zunahme der Bevölkerung völlig gleichen Schritt hält und die neueren Teile von London zu der schönsten und gesündesten Stadt von der Welt gemacht hat, wo man mehr Raum, breitere Straßen, mehr Bäume und Bequemlichkeit hat als irgendwo, und das alles um einen Preis, der im ganzen die Hälfte von dem nicht überschreitet, was man in Wien und Paris für ungesündere Wohnungen zahlt. Da die Stadt sich nicht in die Bauten gemischt hat, so entgeht sie aller der Gewalttätigkeit und Verschwendung, die man in Paris sieht. Sie bricht nicht selbst neue Straßen durch und braucht die Leute nicht zu zwingen, ihre Häuser deshalb zu verkaufen; sie hat keine Schulden und daher keine Nötigung, sie zu bezahlen und das Leben zu verteuern, und die Folge ist, daß das Leben in London sehr beträchtlich wohlfeiler ist als in Paris. Wir sprechen hier von allem, was wirklich zum Leben nötig ist, von Wohnung, Feuerung, Nahrung, Kleidung und Bedienung, und wenn das Leben in London wirklich teuer, und zwar viel teurer ist als in Paris oder Wien, so kommt dies einzig von dem größeren Aufwand her, den der allgemeine Reichtum eingeführt und so allgemein gemacht hat, daß ihm auch die nicht entgehen können, die ihn gern entbehren und deren Mittel ihn schwer erlauben. In reichen Häusern in der Stadt und auf dem Lande herrscht eine geradezu ausgesuchte Pracht hinsichtlich der Pferde und Wagen, der Möbel, der Bedienung, des Essens bis zur Abgeschmacktheit, und dieses Beispiel wird von Stufe zu Stufe herab soviel als möglich nachgeahmt, so daß nach und nach die Bedürfnisse und Gewohnheiten von jedermann gesteigert worden sind.   10. Londoner Verkehrsleben. Quelle: Otto Waldau, Londoner Verkehrsmittel. Universum VI, 14. Das Straßenleben der Siebenmillionenstadt ist in den letzten Jahren eigenartiger, fesselnder und lehrreicher geworden, als es jemals gewesen, und zwar durch die ungeheuere Vermehrung, Verbesserung und Verbilligung der Verkehrsmittel . Londons oberirdische Personenbeförderung bildet einen Gegensatz zu derjenigen unserer Großstädte dadurch, daß die Pferdebahnen trotz der bequemen und netten Ausstattung der Wagen und der gleichmäßig ruhigen Fortbewegung nicht zu einem beliebten Verkehrsmittel der besseren Klassen geworden sind. Die auffällige Erscheinung findet ihre Erklärung dadurch, daß man bei Anlage der vielen Pferdebahnlinien eine Störung der vornehmen Kutschen durch die Schienenlegung befürchtete und daher die erste Strecke in einer der vielen Vorstädte Londons ausbaute, die nicht wie die großen Geschäftsstraßen des Westends von allen möglichen anderen Gefährten in jedem Augenblick durcheilt wurde, die jedoch auch nicht so weit vom Mittelpunkt des Geschäftslebens entfernt war, um eine gute Verzinsung des Anlage- und Betriebskapitals von vornherein auszuschließen. Da nun derartige Vorstädte in der Hauptsache von sogenannten »kleinen Leuten« bewohnt werden, so waren die ersten und zahlreichsten Fahrgäste der Pferdebahn diese kleinen Leute und Arbeiter, die auf dem Wege von und zur Arbeit das neue, billige Beförderungsmittel benutzten. Die Folge davon war, daß die Bewohner der vornehmen Straßen Tramwaylinien mehr abwehrten als erstrebten, da es selbstverständlich ist, daß duftige Frühjahrskleider und geschwärzte Arbeitskittel sich nicht recht vertragen. Welche Verkehrsmittel sich der größten Beliebtheit erfreuen, lehrt ein Gang durch eine der Hauptstraßen zwischen morgens 8 Uhr und Mitternacht: es sind die Omnibusse und die Cabs , die mit den Omnibussen und Droschken anderer Großstädte fast nur die fortbewegende Kraft – das Pferd – gemein haben. Der Omnibus ist ein zierlicher und doch – man denke an die englischen Fahrräder – ungemein festgebauter Wagen; seine Seitenflächen zeigen große Spiegelscheiben, sein Fassungsraum ist auf 12 Fahrgäste im Innern und 14 auf den unbedeckten Außensitzen berechnet. Große Aufschriften an den Außenwänden kennzeichnen das Woher und Wohin, im Innenraum aufgehängte Tafeln die Fahrtaxe, welche der Schaffner während oder am Ende der Fahrt erhebt. Er verläßt seinen Platz auf dem Trittbrett nie, da er fortwährend nach Fahrgästen auslugt und beim Herannahen durch Pfiff oder Glockensignal den Kutscher verständigt, der auf hohem Sitz, mit grauem oder schwarzem Zylinder, feinen Glacés und der Blume im Knopfloch geschmückt, seine kräftigen Rosse antreibt; seine wohlgenährte Person mit dem geröteten Gesicht sticht lebhaft ab gegen den jugendlichen, unbärtigen, schmächtigen Schaffner in seiner sehr bescheidenen Kleidung; denn Uniformen gibt es für seinen Stand in England nicht. Ein »Bus« folgt dem anderen auf dem Fuße, und doch sind alle besetzt; es kommt dies nicht bloß von der bequemen Einrichtung der Wagen, auch nicht allein von dem Penny-Tarif (ein Penny = etwa 10 Pfennig), sondern vor allem auch daher, daß bei den Ausdehnungen der Weltstadt das Einhergehen auf Schusters Rappen bei Geschäftsgängen wahrlich nicht lohnt, und daß die Anfangs- und Endpunkte der einzelnen Fahrstrecken wie ihr Anschluß vorzüglich geordnet sind. Fortwährend sinnen die Gesellschaften auf Verbesserungen und größere Bequemlichkeiten der zahlreichen Fahrgäste, die allen Gesellschaftsklassen entstammen. Während früher die fast ein Stockwerk hohen Außensitze auf einer eisernen Leiter nur vom starken Geschlecht erklettert werden konnten und in der Richtung der Längenachse des Wagens mit der Rückenlehne gegeneinanderstießen, führt jetzt eine bequeme Wendeltreppe zu den in der Richtung der Querachse aufgestellten Gartenbänken, die nun auch von den jungen Damen fleißig benutzt werden. Und in der Tat – schöner läßt sich das Straßentreiben kaum beobachten als auf diesen Sitzen. Um die Männer für den Verlust eines bis dahin genossenen Vorrechts zu entschädigen, haben die Fahrgesellschaften Rauchomnibusse oder »saloon smoking cars« eingerichtet, die Automaten enthalten, gefüllt mit Zigarren, Tabak, Zigaretten und auch die wichtigsten Tagesblätter für leselustige Herren bereit halten. Auch des Abends braucht der Leser das Auge nicht übermäßig anzustrengen, da die Öllampe durch Gaslicht und durch Glühlampe ersetzt worden ist. Nach dem Grundsatze: »Die Menge muß es bringen,« hat man nicht bloß mit großem Kassenerfolge die Penny-Taxe durchgeführt, sondern einige Gesellschaften lassen zwischen den Themsebrücken und den Hauptbahnhöfen einerseits und den wichtigsten Kreuzungspunkten der Stadt andererseits Omnibusse ohne Schaffner verkehren, welche für einen halben Penny ihre Fahrgäste befördern; diese werfen die Kupfermünze in eine für diesen Zweck geeignete Kasse, die vom Kutscher geregelt werden kann. Wie der wortkarge Bewohner Albions den Omnibus als »Bus« bezeichnet, so die Kabriolets als »Cabs«; ist jener das beliebteste Beförderungsmittel der Massen, so sind diese das für den einzelnen. Nur soll man, wenn man das Wort »Cabs« hört, nicht an jene vierrädrigen Marterkasten denken, die an den Bahnhöfen und an bestimmten Haltestellen der Riesenstadt ihre Fahrgäste erwarten; wer nicht Gepäck zu befördern hat, benutzt sie auf keinen Fall. Nein, die eigentlichen »Cabs« sind jene zweirädrigen Gefährte, die man in London unter dem Sondernamen »Hansoms« kennt. Der Kutscherbock ist hinter dem Rücken des Fahrgastes angebracht; von hier aus treibt der Kutscher sein Tier auch durch die engsten Straßen und das größte Gewühl von Menschen und Wagen mit Sicherheit und Schnelligkeit. Da es gegen 15 000 Cabs zu jeder Tageszeit auf den Straßen gibt, so begegnet man dem »Cabman« auf jedem Schritt; ist er nicht in Anspruch genommen, so stehen die Türen seines Gefährtes offen, gleichviel ob er am Halteplatz sich befindet oder im Schritt durch die Straßen fährt; er liest's jedem vom Gesicht ab, ob er einen Wagen sucht oder nicht. Durch das Schiebfenster im Wagendache erfragt der auf hohem Sitze thronende Rosselenker das Ziel des eingestiegenen Fahrgastes, und in raschester Gangart geht's von dannen; doch weiß er mit feinem Gefühl zu beschleunigen oder zu hemmen, je nachdem der Weg über Asphalt- öder Granit- oder Holzwürfelpflaster führt. Für einen Schilling (ungefähr eine Mark) legt er große Strecken zurück; kein Wunder, daß die »Cabs«, welche jetzt bequem Sitzplatz für zwei Personen bieten und auf Gummirädern geräuschlos und sanft durch die Straßen fliegen, das begehrteste Verkehrsmittel Londons sind; haben sie doch außer der Beleuchtung durch eine Leselampe auch Streichholzbehälter und Zeitung, um die Bequemlichkeit den Umständen nach aufs höchste zu steigern. Die Zahlen, die den Verkehr der Weltstadt darstellen, erfüllen mit Staunen. Sie können natürlich nicht vollständig sein, und die hier angeführten beziehen sich nur auf die wichtigsten Omnibus- und Eisenbahngesellschaften. Die Eisenbahn beförderte 1905 298 638 750 Menschen, die Tramways 433 731 880, die Omnibusse 288 965 214; das sind zusammen 1 021 335 844 Fahrgäste. Man kann also im allgemeinen sagen, daß jeder Einwohner von London 200 mal im Jahre eines der öffentlichen Verkehrsmittel benutzt hat. Das unterirdische London umfaßt außer den Gas-, Wasser-, den Luftdruck-Briefröhren, Kabeln und Kloaken vor allem die Untergrundbahnen, die großartigste Anlage moderner Zeit. Quelle: Leop. Katscher, Bilder aus dem englischen Leben. 2. Aufl. Leipzig 1884, W. Friedrich, und teilweise Brockhaus' Konversationslexikon. Bd. 11. Als der Raum für neue Verkehrswege und Verkehrsmittel (für Omnibusse, Mietwagen, Trambahnen, Stadtbahnen, Dampfboote) über der Erde nicht mehr ausreichen wollte für die rasch wachsende Bevölkerung, erschloß man dem Verkehr unter der Erde neue Wege, unterirdische Bahntunnel. Freilich mußte diese Anlage kostspielig werden, einmal wegen der langwierigen Ausschachtungsarbeiten und sodann auch deshalb, weil eine gewaltige Anzahl von Gebäuden, viel Grund und Boden angekauft oder gerichtlich enteignet werden mußte. Noch heute spielen Prozesse zwischen der Unternehmerin, der Metropolitan Railway Company, und gewissen Privatbesitzern, welche die Preise ihrer Grundstücke dermaßen hoch schraubten, daß die Gesellschaft ohne weiteres auf Grund des Gesetzes Besitz ergriff und den Privaten die gerichtliche Geltendmachung ihrer Ansprüche überließ. Man konnte nur mit äußerster Vorsicht bohren und ausschachten, damit man nicht etwa durch Unvorsichtigkeit schon vorhandene Röhrennetze zerstörte. Da mußten Bäche und Kanäle seitwärts geleitet, Röhren verlegt, Leitungen vermieden werden. Der unterirdisch fließende, stromartige Flutgraben (fleet ditch), der »Styx von London«, mußte da, wo die Bahn ihn berührte, vollständig mit einer ungeheuren Eisenröhre umgeben werden, damit er durch sein plötzliches, oft 2 m erreichendes Steigen nicht die Bahn und die Bahnhöfe gefährde. Denn gerade dort, wo der King's Cross, die wichtigste Haltestelle der unterirdischen Strecke, zu stehen kommen sollte, gebärdete er sich am drohendsten. Um die eiserne Umhüllung zu legen, mußten an dieser Stelle zahlreiche, einander ablösende Arbeiter fast 14 Tage lang ununterbrochen in Nässe und Sumpf arbeiten, so daß ihnen die Stiefel in Wirklichkeit von den verschwollenen Füßen geschnitten werden mußten, und doch mußte die Arbeit in dieser Weise betrieben werden, um Überschwemmungen der Tunnels zu verhüten. Aus allen diesen Umständen erklärt sich der Preis von 23 247 000 Mark für 1 km des Innenringes. – Wiewohl die Untergrundbahn, die sich auch unter der Themse nach der Südstadt fortsetzt, in den Händen dreier Gesellschaften ist, ist doch der Betrieb gemeinsam, das Ineinandergreifen vollständig; ja gewisse Gesellschaften, die in London oberirdische Bahnen besitzen, haben nach ihren Hauptbahnhöfen besondere Verbindungsgleise legen lassen. Diese Bahnhöfe der Underground Railway bestehen aus ober- und unterirdischem Bau. Jener ist von der Straße aus zugänglich, an Aufschriften und Bauart leicht erkenntlich. Er enthält die Schalter, wo man die Fahrkarten der drei Wagenklassen lösen kann, meist auch noch einen Speise- oder Trinkraum. Besonders erwähnenswert sind die »parly tickets«, das heißt die parlamentarischen Fahrkarten. Das Parlament knüpfte nämlich an die Erteilung der Erlaubnis die Bedingung, daß die Company Arbeiterzüge zu ermäßigten Preisen einrichte. Die Gesellschaft gibt jedoch zu jedem Zuge solche Fahrkarten (mit 50-70% Ermäßigung) aus, und da nicht jedem der Arbeiter an die Stirn geschrieben ist, so wird davon ausgiebigster Gebrauch gemacht. Ohnehin sind die Fahrkartenpreise sehr niedrig, so daß die unterirdische Bahn ein sehr gesuchtes Verkehrsmittel ist. Mit der Fahrkarte in der Hand steigt man die Treppen zum unterirdischen Bahnhof hinab, der meist nur Bahnsteige umfaßt. Diese unterirdischen Räume sind entweder Tunnels und dann mit Gas oder elektrischem Licht erleuchtet, oder hohe Räume mit Oberlicht. Der Aufsichtsbeamte durchlocht die Fahrkarte und gibt Weisungen, wo man sich aufzustellen habe. Denn die drei Wagenklassen folgen genau hintereinander, und außerdem muß man genau den Bahnsteig kennen, wo man Aufstellung zu nehmen hat, da jede Fahrrichtung ihren besonderen Zugang und ihr besonderes Geleis besitzt. An den Laternenglocken, an großen blauen Holztafeln sind die Stationsnamen zu lesen. Man setzt sich bis zur Ankunft des Zugs auf eine der Bänke nieder und studiert an den Wänden die blechernen, hölzernen und pappenen Tafeln. Doch hat man nicht lange Zeit, Umschau zu halten, da die Züge in Zwischenpausen von 2, 3 bis 5 Minuten abgehen. Schnell kommt der Zug angebraust; da gilt es, rasch heraus- und hineinzuspringen, da nur eine halbe Minute gehalten wird. Das Öffnen der Wagen besorgen die Aussteigenden, das Schließen die Schaffner. Der lange Zug fliegt weiter. Der Zug braust mit einer Geschwindigkeit von 75 km die Stunde dahin; trotzdem kann man diese nicht als übertrieben, die Sicherheit außer acht lassend bezeichnen, da jede Fahrrichtung ihr bestimmtes, gesondertes Gleis hat. Wie eine Erscheinung aus dem Märchen berührt es, wenn ein anderer erleuchteter Zug in der entgegengesetzten Fahrrichtung an uns vorüberfliegt. Das Getöse in diesen Tunnels war zur Zeit des Dampfbetriebes entsetzlich, der Kohlenrauch für das Atmen sehr beschwerlich. Im Jahre 1906 ist der elektrische Betrieb eingeführt worden, wodurch die Benutzung der Underground Railway viel angenehmer geworden ist, da die Rauchbelästigung fortfällt; auch die Erschütterungen sind jetzt geringer geworden als bei den Dampfbahnen, die wiederholt an den Häusern Beschädigungen erzeugten. Merkwürdig berührt es, daß auch die Wagenwände allseitig beklebt sind mit Plakaten, desgleichen jede Wand, wo der Zug einmal ohne Tunnel unter freiem Himmel dahinfährt. Ist man am Ziele, so springt man heraus und steigt die Treppe hinauf nach der Oberwelt. Die alten Untergrundbahnen sind in drei Ringen in der Nordstadt gebaut. In den letzten Jahren sind eine Reihe von elektrischen Untergrundlinien (tubs) mit ungeheuren Kosten erbaut worden, die strahlenförmig (auch unter der Themse hinweg) aus den Vorstädten in die City führen, ohne daß man merkt, daß der Verkehr auf den zahllosen oberirdischen Vollbahn- oder Tramlinien schwächer geworden wäre.   11. Der Engländer in seiner Häuslichkeit. In den Ländern, wo Germanen mit Slawen untermischt sich niedergelassen haben, wie namentlich in Sachsen, hat man die Bemerkung gemacht, daß bei den slawischen Völkerschaften neben der Rundlingsform der Dörfer die Verteilung der Ländereien sich wesentlich von den germanischen Ansiedelungen unterscheidet. Der Slawe liebt das Zusammensein, die Gemeinschaft; der Germane das Alleinsein. Ihm ist eine Hofreite lieber als der Schutz, die Sicherheit und das gesellige Vergnügen, das er als Mitglied einer Dorfgemeinde findet. Bei ihren Wanderungen besetzten die Deutschen überhaupt gewöhnlich nicht zusammenhängende Ländereien in Masse, sondern ließen sich einzeln und zerstreut nieder, und noch immer gibt es in Schwaben und Niedersachsen Bezirke, wo die Bevölkerung großenteils auf einzeln stehenden Höfen lebt, wobei ich nur an den von Immermann so meisterhaft gezeichneten westfälischen Hofschulzen erinnern will. Zäh und ein Freund der harten Arbeit, empfand und empfindet der Deutsche gar keinen Widerwillen gegen die abgeschlossene Lebensweise; sein Acker und seine Familie genügen ihm vollkommen. Schon Tacitus bemerkt von unseren Voreltern: »Von den germanischen Völkerschaften ist es hinlänglich bekannt, daß sie keine Städte bewohnen, ja nicht einmal zusammenhängende Wohnsitze unter sich dulden; sie bauen sich abgesondert und zerstreut an, wie ihnen eben der Quell, die Flur, der Hain zusagte.« Dem Römer, dem der alte Kunstfleiß der Griechen, der gartenmäßige Landbau des Italikers bekannt waren, mußte es auffallen, wie wenig Sorgfalt und Nachdruck der Germane auf die Bearbeitung der besseren Bodenteile, die gegen die undurchdringlichen Wälder und Sümpfe Germaniens gewaltig abstachen, verwendete. Gleichwohl waren es germanische Siedler, welche in dem sinkenden römischen Reiche beides, seine verödeten Fluren anbauen und die Reihen seiner Heere ergänzen sollten. Ackerbau und Viehzucht waren von Hause aus das eigentliche Gewerbe der Germanen. Der germanische Staat ist auf den Landbau gegründet; die geordnete Benutzung der Mark, sowohl der wechselnden, in Höfe geteilten Ackerflur als der unterschiedslosen der Almende war die Hauptsache. Die außerordentliche Fruchtbarkeit des bei weitem größten Teiles der großbritannischen Inseln, ihr mildes Klima, die alle Arten der Pflanzenwelt fördernde Feuchtigkeit der Luft, machten ihre Bewohner von den ältesten Zeiten an zu einem ackerbautreibenden Volk, dessen Zahl vom Mittelalter bis in die neuere Zeit nur sehr allmählich wuchs. Bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus war die Volkszahl nicht viel höher als auf sieben Millionen gestiegen. Unter Heinrich VII. und VIII. nahm England so gut wie gar keinen Teil an den amerikanischen Entdeckungs- und Eroberungsreisen; Heinrich VIII. bediente sich zu Seefahrten gemieteter Schiffe. Obwohl unter Cromwell, durch die Eroberung Jamaikas, der englische Handel sich erweiterte, blieb doch der größte Teil des Weltverkehrs bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in den Händen der Holländer. Der Engländer blieb bis dahin der altsächsischen Sitte des Ackerbaus treu. Wir haben etwas weit ausgeholt, um den Engländer in seinem Hauswesen kennen zu lernen; gewiß nicht mit Unrecht; sein Haus als Inbegriff der Familie ist für ihn das Wichtigste, sozusagen die Summe seines geselligen Daseins, und insofern steht er seinem germanischen Ursprung vielleicht noch näher als der heutige Deutsche. Der Brite legt einen uns anderen fast lächerlich vorkommenden Wert darauf, ein eigenes Haus zu haben und allein zu bewohnen. Daher in London die zahllose Menge von schmalen Häusern, hervorgegangen aus dem Streben nach Alleinsein und Unabhängigkeit. Äußerlich gleichen sich diese Wohnungen wie ein Ei dem anderen, der Backsteinbau, die Staketeinfassung, die unterirdische Küche, die Tür usw., alles ist nach ein und demselben Muster geformt. Nichts ist langweiliger, unerquicklicher für das Auge als diese Einförmigkeit: allein daran stößt sich der Engländer wenig, wenn er nur Herr, unbeschränkter, durch niemand behelligter Herr in seinem Hause ist: »Mein Haus – meine Burg!« In der Bequemlichkeit, Vornehmheit und Dauerhaftigkeit der inneren Einrichtung seiner Wohnung übertrifft der Engländer alle anderen Völker; das Wort »Komfort« hat nur der Engländer, weil er die Sache hat. So unansehnlich in der Regel selbst die Wohnungen reicher Leute von außen erscheinen, so reich, glänzend, ja prachtvoll ist die innere Ausstattung. Was der Bequemlichkeit und dem Behagen dient, ist mit verschwenderischer Hand angebracht, und diese Sorgfalt erstreckt sich auf die geringfügigsten Gegenstände des Hausbedarfs, die man sonst keiner Beachtung für wert hält. Im englischen Hause fehlt es nicht an Teppichen, an glänzender Beleuchtung, trefflicher Küche, reich besetztem Keller, schwerem Silbergeschirr; am vollkommensten aber ist das Schlafzimmer ausgestattet, das jedem Bedürfnis mit der größten Freigebigkeit entgegenkommt. An schön gebundenen Büchern und an oft sehr wertvollen Kunstgegenständen ist kein Mangel. Was Wunder, daß der Brite gern zu Hause ist, seine Häuslichkeit über alles liebt und in Ehren hält! Es hat dies den unschätzbaren Gewinn, daß auf diesem sicheren Grunde echtes Familienleben erwächst. Gibt es natürlich auch viele Ausnahmen, so wird man doch in den bei weitem meisten Fällen sagen müssen, daß der Brite ein echter Familienmensch ist. Eine Sommerreise, einen Ausflug nach dem Festlande abgerechnet, weilt er fast beständig im Schoße seiner Familie und nimmt an öffentlichen Vergnügungen ohne Zweifel weniger teil als der Franzose. Treue, liebevolle Anhänglichkeit unter Familiengliedern trifft man dort allenthalben, und was noch mehr wiegt, sehr oft auch jene sittliche Achtung, welche die Eltern den Kindern erweisen. Dadurch mag es erklärlich werden, warum man in England so viele ganze Männer und Frauen findet. Man sieht wohl auf Reisen Väter ihren noch nicht ganz erwachsenen Töchtern mit einer Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit begegnen, die man bei uns bloß von Verlobten erwartet. Um so weniger läuft die elterliche Liebe Gefahr, in blinde Affenliebe auszuarten; sie trägt durchaus einen würdigen Charakter und flößt den Kindern schon von frühester Jugend an jenes Gefühl von Selbständigkeit und Selbstachtung ein, das fest ins Leben hinaustritt. Im Hause wie in der Schule ist die Erziehung die Hauptsache – denn diese bezweckt die Bildung des Charakters – der Unterricht mehr nur Nebensache, und wenn daher die englischen Unterrichtsanstalten in betreff der Kenntnisse mit den deutschen nicht entfernt den Vergleich aushalten können, so sind sie den unsrigen in den erzieherischen Leistungen überlegen. Die » Feuerseite « des englischen Familienzimmers, wie sie den Sinn für Häuslichkeit weckt und pflegt, so ist sie auch ganz besonders geeignet, durch das gesellige Mittel des Gesprächs die jüngeren Familienglieder zu erziehen und zu bilden. Die englische Geselligkeit ist ihrem Grundwesen nach häuslich, weshalb der Engländer so oft im Gespräch jene liebenswürdige Offenheit und Geradheit entfaltet, die er im Kreise der Seinigen sich aneignet. Wer einen so überaus großen Wert auf das Familienleben legt wie der Brite, dem kann es nicht gleichgültig sein, die Umzäunung seines Familienglücks gewaltsam durchbrochen, die makellose Feuerseite verunreinigt zu sehen. Es ist ganz gewiß, daß in England Empfehlungsbriefe sehr oft den erwarteten Erfolg nicht haben, daß der Engländer ungastlich erscheint, indem er die Schwelle seines Hauses nicht den ersten besten überschreiten läßt, selbst wenn es dieser seinem inneren Werte nach vollkommen verdienen sollte. Das zeigt nur so viel, daß der Engländer jene Gutmütigkeit nicht kennt, die in einem Empfehlungsschreiben schon den Schlüssel erblickt, der das Heiligtum des Familienkreises aufschließt. Der Engländer empfängt nur den, von dem er die feste Überzeugung hat, daß er dasselbe Vertrauen in ihn setzen kann, wie in ein Mitglied der Familie oder in einen langjährigen Hausfreund. Der einmal Zugelassene genießt dann aber auch alles Recht der innigsten Freundschaft, und man begreift, daß ein solches Vertrauen nicht um den Preis eines gewöhnlichen Empfehlungsbriefes erkauft wird. Englische Sitte schreibt vor, gegen Unbekannte ein gemessenes Betragen zu beobachten und auf sie ohne vorausgegangene Einführung wenig oder gar keine Rücksicht zu nehmen. Ist aber ein Fremder von guter Hand empfohlen und weiß er sich als Mann von Bildung und Erziehung zu betragen, so darf er darauf rechnen, als Freund des Hauses angesehen und mit Zuvorkommenheit, Höflichkeit und Herzlichkeit behandelt zu werden. Nur darum herrscht in England zwischen den Unverheirateten beiderlei Geschlechts eine Freiheit und Natürlichkeit des Verkehrs wie wohl nirgend sonst: die Eltern rechnen mit der verdachtlosesten Zuversicht auf die vollkommenste Ehrenhaftigkeit der Eingeführten, versehen sich von ihrer Seite der Beobachtung eines durchaus rücksichtsvollen Betragens und erwarten, daß sie auch nicht um eines Haares Breite die Grenzen der Schicklichkeit und des Zartsinnes überschreiten. Es liegt auf der Hand, daß ein derartiges Verhältnis zwar nicht der gelehrten Schulbildung, wohl aber der Charakterbildung der britischen Frau ungemein zu statten kommt. Die Britin besitzt, außer einem feinen Gefühl für das Schickliche und einem geübten Sinn für die praktischen Verhältnisse des Lebens, einen tiefliegenden romantischen Zug des Charakters, der wohl bisweilen zu Übereilungen und Fehltritten verleitet, viel häufiger aber zur Quelle der edelmütigsten Handlungen und der hingebendsten Aufopferung wird. Eine Erziehung, die es sich zur wesentlichen Aufgabe macht, in dem Kinde das Gefühl eigener Würde und Liebe zur Unabhängigkeit möglichst stark zu entwickeln und selbständige Menschen zu bilden, muß auch der Liebe und Ehre ihre ganze sittliche Würde und Freiheit lassen, daher die Eltern so rücksichtsvoll und zart bei den Heiraten ihrer Kinder sich zeigen, persönlicher Neigung einen so großen Spielraum gestatten und in die persönlichste aller Angelegenheiten so wenig als möglich sich einmischen. Das englische Mädchen folgt ihrer Neigung auf eigene Verantwortlichkeit, und trifft den Mann ihrer Wahl ein harter Schlag des Schicksals, so erprobt sich die wahre Liebe, die Stärke des Charakters, die uneigennützige Gesinnung, die Hingebung und Aufopferungsfähigkeit der Gattin im glänzendsten Lichte. In einem solchen häuslichen Kreise muß auch der Fremde sich wohlfühlen. Wo immer nur ein Dienst, eine Gefälligkeit zu erweisen ist, hält der Engländer sich nicht bloß bereit, sondern für verpflichtet dazu; die kostbarste Zeit ist ihm nicht zu teuer, um etwas zur Belehrung und Erheiterung beizutragen, und dieser Eifer, anstatt mit der Zeit zu erkalten, erhält sich ungeschwächt. Bekanntschaften, die man in England gemacht, dauern selbst in der Ferne jahrzehntelang mit der alten Innigkeit fort. Indem der Engländer sich abschließt, gewinnt er die Mittel, in seinen Kreisen mit ungeschwächter Kraft zu wirken. Wie der englische Boden, so ist das englische Leben, zumal die englische Gesellschaft, von allen Seiten eingehegt . Diese Umzäunung (fencing) erstreckt sich selbst auf die Wirtshäuser, weil der Brite seine Häuslichkeit so über alles hochachtet, daß er wenigstens ein Abbild davon auch außerhalb seiner eigenen vier Wände haben will. Ein Wirtstisch, an dem sich Leute ohne Unterschied zu geselligem Verkehr versammeln, die sich in ihrem Leben nie zuvor gesehen haben, ist dem Engländer ein Greuel, ein Unbegreifliches. Gemeinschaft des Unbekannten versteht er nicht, und selbst wenn er betet, beansprucht er für sich und die Seinigen einen besonderen Kirchenstuhl – eine Art kirchlichen Komforts.   12. Die englischen Parks und Landhäuser. Reise durch England und Schottland von Johanna Schopenhauer. Der Engländer liebt den Landaufenthalt über alles und sucht ihn so oft als möglich. Reiche Edelleute, Kaufleute oder Industrielle schaffen sich einen Landsitz nach ihrem Sinne und Geschmack. Obst- und Gemüsegärten und Treibhäuser liegen mit allen zur inneren Landwirtschaft gehörigen Gebäuden ganz nahe am herrschaftlichen Hause, werden aber durch allerlei Vorkehrungen dem Auge entzogen. Diese Bezirke sind es, welche der Engländer eigentlich Gärten (gardens) nennt, die aber nicht mit zum Park im engeren Sinne gerechnet werden. Auch der Blumengarten, ebenfalls in der Nähe des Herrenhauses, wird nicht zum Park im engeren Sinne gezählt. Dieser vorzugsweise zu Spaziergängen bestimmte Teil, pleasure-ground genannt, hat am meisten Ähnlichkeit mit unseren Parks; man trifft da geschmackvolle Blumenbeete, Gänge, die sich bald durch dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlängeln; Tempel, Säulen, Denkmäler, Ruheplätze und den ganzen Reichtum der neueren Gartenkunst. Hier blühen und grünen die vielen einheimischen Gesträuche, Bäume und Blumen neben den aus fremden Ländern herübergebrachten, die stark genug sind, den Winter im Freien zu ertragen. Obstbäume sind aus dem pleasure-ground verbannt. Der eigentliche Park umfaßt die zum Wohnhaus oder Schloß gehörigen Ländereien, zu seinem Bereich gehören Äcker und Wiesen, mit lebendigen Hecken zierlich eingefaßt, durchschnitten von wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren; auch einzelne Wirtschaftsgebäude stellen sich hier und da dem Auge dar, von gefälliger, aber doch ihre Bestimmung andeutender Form. Der unvergleichlich schöne Rasen, den England überall seinem feuchten Seeklima verdankt, dann die prächtigen Bäume, vornehmlich Eichen und Buchen, überall in Gruppen verteilt, bilden eine Hauptzierde der englischen Parks. Enge, durch dichte Schatten und Gebüsche sich hinschlängelnde Gänge findet man in keinem Parke; auch große Gehölze sind, wie überall in England, selten. Ein viele Quadratkilometer großer Wald, wie der in seiner Art einzige von Fontainebleau, ist in ganz England nicht zu finden. Man möchte sagen, es fehle Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft dennoch die Sonne selten recht heiß und hell scheint, der Schatten entbehrlicher wäre als anderswo. Dagegen darf es an Wasser nie fehlen. Künstliche Wasserfälle kennt man nicht, und noch weniger Springbrunnen. Fließt aber ein Fluß oder nur ein Bach in der Nähe einer solchen Besitzung, so muß er, wenn auch mit großen Kosten herbeigeführt, sich in mannigfaltigen Krümmungen hindurchschlängeln. Fehlt es an lebendigem Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte natürliche Krümmung, verdeckt Anfang und Ende mit überhängendem Gebüsch, wirft schöne Brücken darüber und täuscht so das Auge; oder man verwandelt die Ufer eines Teiches in die unregelmäßigen Umgebungen eines kleinen Sees; überall strebt man nach dem Natürlich-Schönen und flieht das Gesuchte, Steife. Die verständige Weise, mit welcher alle Bäume in Rücksicht auf Höhe, Wuchs, dunklere und hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem Ganzen einen Zauber, den man fühlt, ohne sich ihn gleich erklären zu können. Alles ist zur schönsten und befriedigenden Einheit gebracht. Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes auf die angenehmste Art getäuscht. Die englischen Gärtner sind wahre Landschaftsmaler im großen, ja, wir möchten sie fast für die eigentlichen Künstler der Nation erklären. Jeden Vorteil, den Licht, Schatten und die Regeln der Fernsicht ihnen bieten, wissen sie vortrefflich zu benutzen, ohne doch dabei ins Kleinliche zu fallen wie etwa die Japaner. Die Tierwelt vollendet den Reiz dieser lebendigen, zum Gemälde erhobenen Landschaft. Hunderte von halb zahmen Hirschen und Rehen weiden auf den grünen Wiesen, mit ihnen die schönsten Pferde, Kühe und Ziegen; besonders in der Nähe des Hauses, wo sich die Wiesen rings umher wie ein weicher grüner Teppich ausbreiten. Die schönen Gestalten dieser Tiere, ihre leichten, freien Bewegungen und ihr Wohlsein geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz. Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr prächtiges Tor, hat zu beiden Seiten zwei kleine Gebäude, die Wohnung des Torhüters und seiner Familie, bei welchem sich jeder Einlaß Begehrende vermittels einer Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebäuden, the lodge genannt, ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald in gotischem, bald in ägyptischem Geschmack aufgeführt; sie stellen Türme, griechische Tempel oder auch nur nette Gartenhäuschen vor, je nach dem Geschmack des Erbauers. Immer hat der Torhüter eine freundliche Wohnung darin, mit Küche, Keller und allem, was er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie in Deutschland würde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt zu besitzen. Das Wohnhaus liegt meist auf einer sanften Anhöhe; alle Bäume sind aus seiner Nähe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiß in den Zimmern, teils weil es überhaupt in England nicht heiß ist, teils wegen der wenigen Fenster, die aber so verständig angebracht sind, daß jeder Teil des Gebäudes hinlänglich Licht hat. Selten herrscht ein reiner Geschmack im äußeren Aufbau, oft sind die Häuser sehr schwer und mit Verzierungen überladen. Die Hauptansicht ist gewöhnlich mit Säulen geziert. Sind diese gleich in ihren Verhältnissen nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft müßig dazustehen, so gewähren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plätzchen vor dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie über den grünen Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Säulen stehen viele fremde Gesträuche und Blumen in Vasen, teils auf schönen Gestellen übereinander getürmt, teils auf den Stufen des Eingangs und den Geländern zierlich geordnet. Die Verschwendung, die man mit diesen Pflanzen treibt, ist unglaublich. Täglich müssen die verblühten hinweggeschafft und andere an ihre Stelle gesetzt werden. Die innere Einrichtung der Häuser richtet sich hier, wie überall, nach dem Reichtume und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten Häuser haben große, vollkommen erleuchtete und hohe Räume im Kellergeschoß, in welchen sich die Küche, die Gewölbe zur Bewahrung der Vorräte und die Bedientenzimmer befinden. Auch diese sind durchaus gut möbliert, ja die der Haushälterin und des Haushofmeisters (in England butler genannt) sogar herrschaftlich zu nennen, hübsch tapeziert, mit Mahagonimöbeln und guten Fußteppichen versehen. Auch bei den Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, daß sie außer ihren Schlafzimmern noch Wohn- und Speisezimmer haben. Aus dem Garten tritt man gewöhnlich zuerst in eine große, hohe, öfters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemälden oder Standfiguren, halberhabenen Bildern oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die verschiedenen Putz- oder Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthält die Bücherei, deren schöne Schränke und zierliche Einbände sie zu einem der stattlichsten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Häusern versammelt sich hier die Familie zum Frühstück. Sonst gibt es auch besondere Frühstückszimmer, dazu Arbeits-, Musik-, Gesellschaftszimmer (drawing rooms), Wohnräume (parlours), Speise- und Spielzimmer. Überall vornehme Pracht; Teppiche auf Vorplätzen und Treppen. Die Möbel stehen durchaus nicht überall an den Wänden, wie es in Deutschland üblich ist. Man liebt es, daß zwischen den Wänden und den Möbeln, die man in den Wohnzimmern gern in der Mitte anordnet, noch Raum zum Gehen und Stehen bleibt. Schreibtische und Flügel stehen dort, wo das Licht am günstigsten, wo die Schallwirkung am schönsten ist; wo weder die Hitze des Kamins noch der Zug am Fenster lästig wird. Die Kamine sind meist in Marmor aufgeführt oder mit brillantiertem Stahl verziert; Vasen und Lampen prangen auf den Simsen. Im zweiten Stock liegen die Schlafzimmer, die niemand Fremdes zu sehen bekommt. Es ist englischem Gefühl zuwider, diese Räume der Häuslichkeit fremden Augen auszusetzen. Nichts empört die Engländerin mehr als die Sitte der Französinnen, die ihre Schlafzimmer und Boudoirs zu Empfangszimmern machen. C. Rheindeltaländer. 1. Die »Niederlande« an der Nordseeküste. – 2. Der Holländer als Schöpfer seines Landes. – 3. In Nordholland und Amsterdam. – 4. Ebbe und Flut in Seeland. – 5. In Brabant und Flandern.   1. Die »Niederlande« an der Nordseeküste. J. G. Kohl. Ich bin aus Bremen gebürtig und habe die Sitten und die Denkweise, die Luft und die Natur dieses Weserlandes von Kindheit an eingesogen und mir tiefer angeeignet als die irgendeines anderen Fleckchens Erde – und ich habe in den rheinischen Niederlanden fast kein Verhältnis in Natur- und Kulturwelt beobachtet, das mich nicht an die heimischen Niederlande in irgendeiner Weise erinnert hätte. Hier wie dort dieselben Moor-, Sand- und Heidegegenden, derselbe Mangel an klarem Quellwasser, derselbe Überfluß an salzigem See- und brackig-trübem Flußwasser. Die Torf- und Moorbauern, die Heide- und Marschbauern sind sich überall ähnlich. Schon der Torf, der als vornehmstes Brennmittel dient, hat bei den Leuten eine Menge ähnlicher Einrichtungen im Hauswesen bedingt. Die Heide bringt überall eine gleichartige Schaf- und Bienenzucht hervor, sowie sie auch sonst den Ackerbau vielfach gleichgestaltet. Der fette Boden, welcher den menschlichen Fleiß so reichlich lohnt, und die Eingriffe der Flüsse und des Meeres, welche das menschliche Eigentum hier überall bedrohen, haben eine hohe und überall ziemlich gleichförmige Kultur in allen niedrigen Marschländern hervorgebracht. Die Erdgeschichte ist an der ganzen nordgermanischen Küste dieselbe. Überall der Dünenkranz, überall, in der Zuidersee, im Dollart, in der Jade, in den verschiedenen nordfriesischen Buchten, an der schleswig-holsteinischen Küste – dieselben Einbrüche und Zerstörungen des Meeres. Überall hat der Mensch durch Dünen und Deiche, durch Polderwirtschaft, durch Entwässerung und Schleusenanlage, sowie durch künstliche Erhöhung des Landes sich dagegen zu schützen gesucht. Daher von Flandern bis zur Königsau in Jütland überall umdeichte oder umdünte Inseln, ummauerte Meeresküsten und in Erdwälle eingezwängte Flüsse und Kanäle. Am Rheindelta aber ist sowohl der Kampf der größte, als auch der Lohn der reichste gewesen. Daher zeigt sich hier die schönste Entwicklung der ganzen Volkskraft und des überlegenden Verstandes. Die Naturbilder, welche die Ländergebiete von der Scheide bis zur Königsau dem Maler und Naturfreunde darbieten, sind überall ähnlich: Große, schöne, fette Weidekoppeln, von herrlichem schwarzweiß geflecktem Rindvieh, von Pferden mit langem Schweife und starken Mähnen, von wolligen Schafen belebt; kleine und große Flüsse bis an den Rand des Ufers voll Wasser; Schiffe, die auf den Kanälen mitten durch die Wiesen zu segeln scheinen; auf künstlich erhöhtem Boden niedliche, reinliche, einstöckige Häuser von durchweg ziemlich gleicher Bauart. Im Winter und Frühling sieht man Dörfer und Städte, die in den Wasserüberschwemmungen zu ersaufen scheinen; mag es bei Bremen oder bei Emden, bei Rotterdam oder Antwerpen sein, daß die Gewässer ihre künstlichen Gehege durchbrachen. Die Torfmoore, ihre Birkengehölze, ihre wilden Einöden, mit hübsch angebauten Dorf-Oasen unterwebt, bieten sich überall den Menschen dar, und mit diesen verschwistert die Heidegegenden, deren gesellige Kräuter im Sommer lieblich erblühen und ganze weite Landstriche mit Duft und Rosenschimmer füllen, und deren Föhrenwälder und Eichengehölze anmutig-schattende Waldbilder dem einförmigen, ernststimmenden Heideteppich einfügen. Wie die Anlage des Plans der Landschaft, so ist auch die innere Einrichtung und Bauart der Häuser überall sehr ähnlich. Bei den Landbewohnern sind sie durchweg nur einstöckig. Menschen und Vieh wohnen fast überall unter demselben Dach. Stroh ist die gewöhnliche Bedachung, und die roten Ziegelmauern sind hier überall zu Hause. Die holländischen Fliesenwände findet man bis nach Schleswig hinauf. Und wie in Holland, so sieht man auch im Bremischen und Oldenburgischen die Mosaik bunter, kleiner Rollsteine, mit denen man die Flur des Hauses überzieht, sehr oft. Selbst Einzelheiten in der Einrichtung des Haushaltes, in der Form der Hausgeräte usw. entsprechen einander auffallend. Die dumpfen Schlaflöcher des Landmanns an der Weser, die sogenannten »Dönsen«, finden sich ebenso in Holland. Der Herd des Hauses hat hier wie dort dieselbe Einrichtung. Die Hausfrauen in Bremen, Hamburg, Husum usw. halten ebenso auf blankgeputztes Kochgeschirr, mit dem sie ihre Küche prachtvoll ausschmücken, wie die niederländischen Wirtschafterinnen, welche den holländischen Malern die glänzenden Muster von messingenen Schüsseln, kupfernen Kesseln und zinnernen Tellern lieferten. Überhaupt ist Reinlichkeit, Nettigkeit und Ordnung in der Hauswirtschaft überall zu Hause. Die Ansicht, daß für jede Familie ein eigenes Haus sein müsse, herrscht in Bremen und Hamburg, wie in Amsterdam und Antwerpen. Und die Abneigung, mehrere Familien in einem Hause zusammenzupferchen, hat bewirkt, daß alle diese Städte wie London, wohin jene Ansicht von hier aus verpflanzt wurde, meistens nur aus sehr kleinen Wohngebäuden bestehen und sehr ähnliche Gesichtszüge darbieten. Selbst in Belgien unterscheiden sich die vom niederdeutschen Flamen und vom romanischen Wallonen bewohnten Ortschaften und Städte dadurch, daß in jenen eine weit geringere Anzahl Einzelwesen auf jedes Haus kommt, als in diesen. Auch das ganze Äußere der Stadt hat viel Ähnliches. In manchen Straßen Hamburgs kann man sich einbilden, man sei in Amsterdam. Man kann sagen, daß es nach Osten bis über die Elbe hinaus eine Menge kleiner Amsterdams gibt, die ebenso wie ihr Urbild von Grachten durchschnitten sind und deren Straßen einen ganz ähnlichen Anblick gewähren. Glückstadt in Holstein ist noch so ein Klein-Amsterdam im Nordosten. Die Natur hat diese nordgermanischen Niederungen nicht mit so mannigfaltigen Arten von Pflanzen, Kräutern, Blumen und Gesträuchen erfüllt, wie die Wälder und Täler des mittleren oder oberen Germaniens. Gräser und Heidekräuter leben in diesem Flachlande in einförmiger Geselligkeit. Dagegen hat überall der Mensch sich bemüht, rings um sich her mit Fleiß und Kunst reichen Baumwuchs und Blumenflor zu versammeln, in Gewächshäusern, Gärten und auf den Äckern ihre Gattungen zu vermehren und sie zu einer besonderen Vollkommenheit zu bringen. Man findet überall in den Dörfern an der Weser, Ems, Elbe ein gutes Stück von der berühmten holländischen Blumen- und Obstbaumzucht wieder. Auch blühen hier und dort fast dieselben Gattungen von Bäumen und Blumen. Die Gärten sind überall nach demselben Plan angelegt und mit derselben Nettigkeit gehalten. Die Obstgärten der Vierlande an der Elbe bei Hamburg liefern fast ebenso vollkommene und zarte Früchte als die bei Amsterdam. Auch halten die wohlhabenden Kaufleute in jeder niederdeutschen Stadt mit derselben leidenschaftlichen Liebhaberei auf eine anmutige Zimmerflora in ihren engen Häusern wie die von Haarlem und Alkmaar. Haarlemer Tulpen- und Hyazinthenzwiebeln werden im Winter an allen Fenstern der Häuser von Emden, Hamburg und Bremen mit derselben Sorgfalt gepflegt wie in ihrem Vaterlande. Wenn Hamburger, Bremer und Oldenburger Maler uns nicht eben solche Winterlandschaften, solche Schnee- und Eisszenen geliefert haben, wie die holländischen Landschafter, so ist der Grund anderswo zu suchen als in einem Mangel an Gelegenheit. Denn die Wiesen werden im Nordwesten von Deutschland im Winter ebenso überschwemmt wie an der Ijssel, Merwe und Waal und überfrieren hier wie dort mit einem ebenso glatten und blanken Eisspiegel, der oft in weite Fernen reicht. Nur die auf erhöhtem Boden gebauten Dörfer ragen daraus hervor, und die ganze Fläche belebt sich mit beschlittschuhten Menschengruppen, die beflügelten Schrittes dahingleiten. Nirgends sonst ist die Natur einer untadeligen Eisfläche so günstig wie hier. Im Nordosten von Deutschland machen die kalten Stürme und der viele Schnee die Eisfläche rauh, in der gebirgigen Mitte und im Süden bieten sich nicht solche bequeme Flächen überall dar. Die Eislaufkünste werden daher auch ebenso eifrig betrieben wie in Holland; wie dort, kommen hier selbst Weiber auf Schiebschlitten oder Schlittschuhen zu Markte, und die Wintervergnügen sind dieselben. Klopstock mußte erst aus den Harzgegenden in die deutschen Niederlande der unteren Elbe kommen, um von Begeisterung für den Schlittschuhlauf erfaßt zu werden, um ihn in seinem »Eislauf« poetisch ebenso zu verherrlichen, wie dies die niederländischen Maler auf vielen Gemälden getan haben. Und wie diese winterlichen Natureindrücke, so sind auch die Frühlings- und Sommerbilder und ebenso die Herbstansichten in dem ganzen Landstrich, von dem wir reden, äußerst ähnlich. Wie die Holländer in die Handelsbewegung der deutschen Hanse hineingezogen wurden, so wurden später die Deutschen in die holländischen Handelsunternehmungen verflochten. Die Gegenstände des Handels sind der geographischen Lage zufolge in den norddeutschen wie in den holländischen Handelsstädten fast immer dieselben gewesen, und schon daraus mußte manches Gemeinsame in dem Betrieb des Handels hervorgehen. Dieselben Schiffsformen, derselbe Schlag des Schiffsvolks, dieselbe Art in der Leitung der Schiffe herrschen von Flandern bis nach Nordfriesland in Schleswig-Holstein hin. An dem berühmten Heringsfang und an den Waljagden der Holländer nehmen auch die Nordwestdeutschen teil, und Heringsbuisen gibt es so gut in Bremen, Emden, Hamburg wie in Rotterdam und Scheveningen. Überall an der germanischen Küste des Nordmeeres spürt man Trangeruch und sieht man Walknochen. (Borkum zum Beispiel!) Und wenn wir erst sehr spät eine holsteinische, eine stadische oder jeversche Malerschule bekamen, welche den »Blankeneser Schellfischfänger«, den »Helgoländer Hummerjäger«, die »Hamburger Ewer, die Smack- und Heringsbuise«, sowie Bremerhaven- und Fischmarktansichten, Nordseestürme und Ebbe- und Flutbilder mit Hilfe von Pinsel und Farbe ebenso verherrlichten, wie der holländische Backhuysen und dessen Schüler dies getan haben: so ist die Ursache davon nicht sowohl in einer gewissen Verschiedenheit der Entwicklung und Richtung der Tätigkeit der Leute zu suchen, die neben aller Gleichartigkeit ihrer Naturanlagen bestand. Heine hat die Nordsee besungen , so wie Klopstock den Eislauf; auch Voß hat uns in schöner Rede manches Nordseebild gemalt. Vielleicht, daß die Deutschen mehr in dem Worte darzustellen geneigt waren, was die Niederländer uns auf der Leinwand gaben. Man lese auch die trefflichen Schilderungen von Gorch Fock von Finkenwerder. Der Volkswitz, das Temperament, der Volksaberglaube, die Art der poetischen Anschauung sind bei dem niederdeutschen gemeinen Mann ganz dieselben wie in Holland und Flandern. Der Volkswitz hat überall denselben Anstrich von derbem, launigem Humor. Die flandrischen und holländischen Volkslieder tragen ganz dasselbe Gepräge wie die, welche Voß, Grimm und andere uns aus den Elbe- und Wesergegenden gesammelt haben. Ja, auch die Musik und Gesangsweise ist von der Lüneburger Heide bis zu den Scheldegegenden bei Antwerpen und Gent auffallend ähnlich. Ich hörte die Brügger und Genter Spitzenklöpplerinnen oft Lieder singen, die mich mit einem Zauberschlag in die Mitte meiner Heimat, ins Land der Chauken und Cherusker versetzten. Die Weisen, die Melodien, selbst die Art des Vortrags schien mir ganz dieselbe zu sein. Dieser niedersächsische Volksgesang ist in seiner Art so eigentümlich wie der tirolische und steirische; Kremser hat uns in seinen altniederländischen Volksliedern Perlen daraus dargeboten. Selbst in den Spielen und unwichtigen Beschäftigungen des Volkes findet sich eine erstaunliche Ähnlichkeit. So ist zum Beispiel die Kegelbahn in allen jenen Gegenden außerordentlich volkstümlich. Ebenso sind hier vorzugsweise die niederländischen Ballspiele zu Hause, welche vermutlich zu den berühmten englischen Ballkünsten die erste Veranlassung gegeben haben. In Holland ist die »Kolfbahn« (wo der Ball mit einem Kolben geschlagen wird) ein sehr beliebter Erholungs- und Vergnügungsort des kleinen Bürgers. Gleich beliebt ist in Emden und Bremen das sogenannte »Kloppballspiel«, das dort mit Eifer nicht nur von der Straßenjugend, sondern selbst von den Erwachsenen und Gebildeten geübt wird. Wie die holländische Blumenzucht, so hat auch die niederländische Taubenzucht sich überall an der Weser, Ems und an der Elbmündung verbreitet. Die Taubenzucht ist eine Lieblingsbeschäftigung der kleinen Bürger in Bremen wie in Brüssel. Man sieht hier wie dort Leute, welche halbe Tage damit zubringen, ihre Tauben in hohen und weiten Flügen zu üben, sie dabei zu beobachten, sie mit denen ihrer Nachbarn Wettflüge anstellen zu lassen, und die darauf sinnen, hochfliegende Taubenrassen zu züchten oder sich Zuchttiere von solchen Rassen zu verschaffen. Der grausame Sport des Taubenschießens, wie er in Ostende, Scheveningen und anderen Orten geübt wird, hängt letzten Endes auch damit zusammen. Aber nicht bloß in ihren Spielen, auch in ernsteren Dingen gleichen sich Niederdeutsche, Holländer und Flamen. Stiller, emsiger Fleiß, Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe, Sinn für das Echte und Dauerhafte zeichnet beide auf gleiche Weise aus. Über Religion denken alle diese Stämme so ziemlich gleich. Die Feier des Sonntags, die Stellung und Bedeutung der Prediger ist überall ähnlich. Bei allen hat man zu allen Zeiten einen echten, gesunden, freimütigen Bürgersinn gefunden. Die hansischen Freistädte in Niedersachsen und die batavischen Republiken liefern dafür Zeugnis im großen. Die alten Gemeindeverfassungen dieser Landstriche gleichen sich so wie die Pläne und Grundrisse, nach denen ihre Dörfer und Äcker angelegt und gestaltet sind. Die Familienliebe und der häusliche Sinn, sowie eine starke Abneigung gegen öffentliche Vergnügungen sind hier überall zu Hause. Was Reisende über Kinderzucht, Elternliebe usw. in Holland beobachtet und berichtet haben, kann man auch in Bremen und dessen Nachbarschaft gelten lassen. Sogar besondere Gewohnheiten und Ausdrucksweisen gleichen sich oft in überraschender Weise. So ist es zum Beispiel in den holländischen Geschwisterkreisen Sitte, den Familienvater »den Alten« zu nennen, statt »mein Vater«, »mein Alter« zu sagen. Diese nicht sehr gefällige Sitte besteht auch in Bremen und Hamburg, wo auch der Prinzipal von den Handlungsgehilfen »der Alte« genannt wird. Die ganze Art des Umgangs, des bürgerlichen und betriebsamen Lebens gleicht sich bis in kleine Züge. Es ist wunderbar, daß eine so gleichartige Masse, wie die niedersächsischen Stämme sie darstellen, die in bezug auf ihre äußere wie innere Welt so sehr miteinander übereinstimmen, in politischer Hinsicht stets so sehr geteilt war. Zu keiner Zeit hat es ein alle niedersächsischen Stämme umfassendes Staatswesen gegeben. Stets haben sie sich als eine Anzahl kleiner Republiken, Freistädte, Grafschaften und Fürstentümer dargestellt. Aus dem Koloniengebiet der Niedersachsen im Osten hat sich jetzt ein großes und starkes Staatswesen herausgebildet. Preußen ist der Kristallisationspunkt geworden, an welchen sich alle Niedersachsen und Norddeutschen angelegt haben.   Der Holländer als Schöpfer seines Landes. Nach E. M. Arndt, Versuche in vergleichender Völkergeschichte. Wer aus anderen deutschen Landen nach Holland kommt, wer die Menschen und ihre Art und ihr Leben sieht, ihre Flüsse, Kanäle, Gräben, Schleusen und Deiche, ihre mächtigen Häfen, Werften, Landstraßen, Städte, Festen, Schlösser und Türme, die Tüchtigkeit, Kühnheit, Zweckmäßigkeit, Nettigkeit, Sauberkeit, Klarheit in allem: der steht still, staunt und wundert sich. Wenn er es länger gesehen und ruhig betrachtet und genauer nach allem sich erkundigt hat und vollends die Geschichte dieser Menschen näher erforscht: so steht er still, lobt und bewundert. Denn alles dies, dieses reiche Land, diese prächtigen Städte, diese blanken, freundlichen, städtegleichen Dörfer hat der denkende und arbeitsame Mensch aus dem Schlamm hervorgehoben und zum Teil den Wogen des Meeres abgewonnen. Am meisten aber haben Holland und Seeland diesen Niederlanden das Gepräge aufgedrückt, und darum müssen die Niederländer es sich gefallen lassen, bei den Fremden durchweg Holländer zu heißen. Aber diesen Menschen, wie soll man ihn beschreiben? Etwa wie ihn der Schwabe oder Thüringer ausschreit: ein Kerl mit Froschblut, mehr Wasser als Blut in den Adern, langsam, klotzig, steif, kalt, kleinlich und förmlich, kurz nichts als Steifheit, Langweiligkeit und Förmlichkeit? So ist der Schein, und so ist das erste Aussprechen des Gefühls, welches er bei Fremden erweckt; aber du mußt tiefer hineinbohren, länger und aufmerksamer betrachten und wirst dann anders sprechen müssen. Denn wer darf wohl so hinfahren über ein Volk, das ein solches Land gemacht , einen solchen Zustand geschaffen hat, das eine so große Geschichte hinter sich hat, wie diese langweiligen, steifen Holländer? Aber bei alledem, wie sehr man auch die zurückweisen muß, die von den Holländern als einer wunderlichen oder gar lächerlichen Erscheinung reden, so sitzt und steckt in der holländischen Art doch etwas Unbeschreibliches. Man muß sie lange und viel sehen, um sie von innen heraus verstehen zu lernen. Wenn man so in die holländischen Städte und Dörfer kommt oder in die einzelnen Häuser tritt und die Menschen so still und langsam und doch so nett und reinlich einhergehen sieht, als hätten sie mit Arbeit und Mühe sich nur leicht zu befassen; wenn der Bauer langsam und bedächtig wie ein Storch in seinen hohen Holzschuhen einherschreitet und mit wohlbehaglicher Miene und langsamer, breiter Rede dir begegnet: so könnte dir einfallen, ein so stilles, bequemes Geschlecht könne dieses Land nicht gemacht, diese gewaltigen, herrlichen Werke nicht geschaffen haben, die alten Zyklopen, welche diese Mauern, Türme, Wälle und Deiche aufgetürmt, seien längst ausgestorben, und ein matteres Geschlecht habe ihre Stelle eingenommen. Der Holländer steht aber da im Bewußtsein der Wohlhäbigkeit und Behaglichkeit, eben daß er der Schöpfer und Herr dieses Landes ist, wo nur Frösche, Möwen und Rohrdommeln ihre heisere Stimme ertönen lassen würden, wenn der Mensch nicht hinzugetreten wäre und mit Spaten, Schaufel und Ruder in der Hand »Es werde!« gerufen hätte. Er ist der stille, zahme Seelöwe, der sich auf die trockenen Klippen in die Sonne gelegt hat. Wenn man diesen Menschen sieht, wie nett seine Kleider, wie wohlgesetzt seine Perücke, wie mit Blumen und Kräutern mancherlei Art sein Flur- und Vorhaus geziert ist, wie er in seinen zierlich geschnörkelten und mit Bildchen verzierten Wänden wochenlang spazieren gehen kann, ohne ein Spänchen zu verrücken; wenn man sieht, wie er seine Gärten mit allerlei bunten Muscheln und Steinen ausgelegt und die Bäume und Sträucher zu allerlei regelrechten Figuren geschnitzt hat; wenn man in seinen Kuhstall tritt, der so reinlich und nett gefegt ist, daß eine Prinzessin mit ihrem Schleppkleide hindurchgehen könnte, ohne daß sich etwas Ungebührliches daran hängte: dann begreift man den Inhalt des holländischen Wortes Moje, diesen Inbegriff alles Zierlichen, Bequemen und Wohlgeordneten. Dieses holländische Wort drückt ganz das holländische Wesen aus. Aber störe den Seelöwen auf, jage ihn von den Klippen der stillen, sonnigen Lage ins Wasser, da siehst du ihn spielen und plätschern, da hörst du ihn brausen, da bläst er das Wasser aus seinen Nüstern himmelan, da brüllt auch sein Zorn mitunter auf, daß dir vor Grausen die Haare zu Berge stehen. Der sonst so stille und ruhige Mensch wird ein ganz anderer, wenn er auf dem Meere schaltet und waltet; seine Hände und Füße regen sich geschwinder, wenn er den Wellen und Winden Trotz bietet. Freilich ist er ruhig und besonnen und behaglich, aber in seinem Innern steht eine Hartnäckigkeit, eine Trotzigkeit, Festigkeit und Entschlossenheit des Willens, die der Teufel nicht beugen kann; wie sehr auch in vielen eine gewisse stumme Trockenheit und langweilige Einerleiheit sich zeigen mag, jeder Holländer ist doch ein voller Mensch für sich, mit vielem Eigenwillen versehen, und zwar nicht bloß mit dem Eigenwillen eines kleinlichen Menschen. Die Sprache ist spitzfindiger und noch träger als der Mensch, höchst eintönig und unmusikalisch, der einförmigen Tiefebene entsprechend. Um der Einförmigkeit seines Landes gleichsam zu entgehen, hat sich der Mensch hier mit einem besonderen Schmuck des Lebens umgeben müssen. Die übertriebene Reinlichkeit und Sauberkeit, die uns anderen Deutschen oft peinlich wird, Blumenliebe und Blumenpflege noch mehr als bei den belgischen Nachbarn, sie ist eine holländische Leidenschaft – ebenso die Farbenfreude; daher hat hier die Malerei fröhliche Zeiten gehabt. In diesem Lande der Sümpfe und Heiden und Marschen, wo nur um die Dörfer und Kanäle einzelne Baumreihen sich erheben und der Mensch hinter seinen Deichen und Wällen den Pflug und die Sense rührt; hier, wo die Nähe des Meeres und die fast immer nasse Erde eine feuchte, matte Luft und einen umnebelten Himmel erzeugt; hier, wo Torf- und Moorboden und Steinkohlenstaub alles in Schmutz verkommen lassen würden, wenn der Mensch sich nicht dagegen wehrte: hier mußte er sich in der Freude am Netten, Heitern und Bunten eine fröhliche Gegenwehr gegen das Graue und Trübe bereiten. Man muß dies um so höher anschlagen, je mehr man Schmutzlande sieht, die ihre Bewohner ruhig Schmutzlande bleiben lassen. Also der stille Seelöwe, der fest und ruhig waltet, der unter einem ruhigen, wie mit einem dämmernden Schlummer übergossenen Äußern einen trotzigen Mut und eine tiefe Leidenschaft verbirgt, das ist der Holländer! Denn rühr' ihn nur an, wo sein Leben sitzt und wo er dieses Leben bedroht fühlt, und du wirst sehen, mit welchen Zornflammen er auflodert und wie der geweckte Aufruhr seiner Natur alles um sich her niederwerfen will. Erinnere dich der Geschichten von Albas Tagen, oder als die Oldenbarneveld und de Witte als Opfer fielen; durchblättere die Geschichten von Brügge, Gent, Antwerpen, Dordrecht, Leyden und anderen Städten – durch das ganze Mittelalter, und du wirst an der Küste dieser Seelande immer noch ähnliche Erscheinungen finden. Ungestüm und unbändig, wenn dieser friesische Mann seine Art und seine Freiheit in Gefahr glaubt, fest und still in den gewöhnlichen Zuständen des Lebens. Wie gesagt, er hat das Gefühl – und wer wagt es ihm zu bestreiten? – daß dieses Land im eigensten Sinne sein Land ist, daß er selbst es sich geschaffen hat. Er hat im Kampf und in der Arbeit seiner Schöpfung alles, was Verstand, Mut und Besonnenheit heißt, zusammennehmen müssen; Zucht, Ordnung, Klarheit des Urteils, Nüchternheit der Überlegung sind auf solche Weise sein Wesen geworden, darum haßt er alles Verschwimmende, Unbestimmte, Übertriebene in Gefühlen und Gedanken und schilt es gern deutsche Krausköpfigkeit, deutsche Schwärmerei. Krollebol nennt er wohl den Deutschen, wenn er eine äußere Ziererei und eine innere Verworrenheit der Gedanken bezeichnen will. In seinen Gesetzen wie in seiner Religion ist er daher gern auf dem Wege der Klarheit geblieben. Der Genfer Calvinismus war der einfachen, klaren Form seiner Verfassung angemessen, darum nahm er ihn an, als übereinstimmend mit dem Demokratischen seines Charakters. Der strenge, trockene holländische Calvinismus steht offenbar in einer gewissen Ähnlichkeit mit dem englischen Protestantismus, nur daß die englische Hochkirche den monarchischen, ritterlichen Zug des Glanzes und der Pracht, gleichsam eine Darstellung der äußerlichen Herrschaft der Kirche, die dort besteht, beibehalten hat. Denn in dem ganzen englischen Volke, wie demokratisch wunderlich sich auch der einzelne gebärden mag, herrscht doch ein adeliger, aristokratischer Sinn vor. Es ist diese Ähnlichkeit und dieser Unterschied gleichsam das unterscheidende Bild der beiden Völker. Beide haben den Sinn und das Streben des Klaren, Festen und Bestimmten im Leben und in der Verfassung, beide fragen bei allem, auch bei dem Höchsten: was nützt es? wie steht und besteht es auf der Erde? Sie fliegen mit dem Deutschen nicht gern so hoch, daß ihnen der Boden unter den Füßen schwindet. Sie sind auch im religiösen Leben mehr auf ein Feststehendes, auf die Orthodoxie hingewiesen. Darum kommt der Holländer als ein mehr trockener und klarer Mensch auch mehr mit dem Engländer überein als mit dem Deutschen.   In Nordholland und Amsterdam. Quelle: F. v. Hellwald, Nordlandfahrten, Bd. IV. Leipzig 1886 (F. Hirt \& Sohn). Selten hat ein Land seine Eigenart in dem Grade bewahrt wie Holland; es ist dies eine Erscheinung, die allerdings bei dem unmittelbaren Zusammenhange mit der großen germanischen Tiefebene geradezu auffällig erscheint. Hier »fließen die Flüsse sozusagen über den Köpfen der Einwohner hinweg, hier erheben sich mächtige Städte unter dem Spiegel des Meeres, das sie beherrscht und nahezu erdrückt; hier wurden weite Strecken bebauten Landes abwechselnd vom Wasser erobert und wieder verloren; hier hat der natürliche Lauf der Ströme alte Inseln durch Sandbänke mit dem Festlande verbunden; hier haben alte Teile des Festlandes, abgerissen und zerbröckelt, neue Inseln gebildet.« Mensch und Natur messen sich hier in beständigem Kampfe, in dem der Mensch sich nicht etwa auf die Verteidigung beschränkt, sondern angriffsweise dem Meere in Poldern das geraubte Gut wieder entreißt. Dieser Kampf mit dem nassen Elemente hat den holländischen Landes- und Volkscharakter in einer Weise bestimmt, daß der Bewohner des europäischen Festlandes, obwohl er mit dem Holländer dieselbe Scholle bewohnt, sich in Holland in ganz fremden Verhältnissen fühlt. Der Name Holland bezeichnet im Lande nur die zwei Provinzen Nord- und Südholland, während man den gesamten Staat nur als »Niederlande«, den Bewohner nur als »Niederländer« kennt. Es ist der Rhein, der zwischen dem Gezweig zahlreicher Mündungsarme den fruchtbaren Marschboden Hollands absetzt. Aufgabe des Menschen ist's, dies Geschenk des Rheins durch mächtige Dämme oder Deiche gegen die Zerstörungswut des Ozeans zu schützen. Daher das Sprichwort: »Gott schuf das Meer, seine Küsten aber zog der Niederländer.« Da der Rhein sowie seine Mündungsarme in Holland westlich strömen, so zerfällt das Land in ein süd- und ein nordrheinisches, ein einförmiges und ein mannigfaltiges. Diese Scheidung der Niederlande wird noch verschärft durch das unfruchtbare Heideland von Nordbrabant, das sich südlich vom Rhein zwischen die Ebenen Belgiens und Hollands einschiebt. Nördlich und südlich von diesem an Sümpfen und Mooren reichen Strich liegen die fruchtbarsten und bevölkertsten Ebenen der Niederlande und Belgiens; man vergleiche nur die Linie Brügge, Gent, Antwerpen, Brüssel mit jener: Amsterdam, Haarlem, Leyden, Haag. Bezeichnenderweise entsprechen den beiden Landschaften südlich und nördlich vom Rhein auch zwei Zweige der niederländischen Bevölkerung. Auf den Deltainseln nördlich der Maaswaalmündung wohnten bereits zur Römerzeit die Bataver, jener Stamm, der selbst der römischen Kriegskunst schweres Spiel machte, südlich von ihnen, mehr landeinwärts die Flamen. In den Batavern und den mit ihnen später verschmolzenen Franken sehen die heutigen Holländer ihre Stammeltern in leiblicher wie in geistiger Hinsicht. Noch heute sind die Holländer Fischer und Seeleute. Anders die Flamen; zwar ein Teil von ihnen, die Seeländer (»Zeews«) auf den Scheldeinseln, hat sich in Hantierung und politischer wie kirchlicher Gesinnung den verwandten Holländern zugesellt. Aber die größere in Belgien seßhafte Menge büßte früh schon ihre Selbständigkeit ein an Römer, Spanier, Österreicher und Franzosen. Der heutige Holländer ist der Brite des Festlandes. In der ihm oft zum Vorwurf gemachten, wenn auch nur scheinbaren Froschblutkühle, Nüchternheit und Verschlossenheit, in der Gewohnheit, das Haus als seine Burg zu betrachten, die er mit niemand teilt, in dem Streben nach Komfort in der häuslichen Einrichtung, in der Zähigkeit, mit welcher er seine Unabhängigkeit verteidigt, in der Großartigkeit seiner Handelsverbindungen, in der im besten Sinne des Wortes echt weltmännischen Bildung seiner höheren Stände, welche die Hauptsprachen ihrer Kolonien beherrschen und jahrelang dort zur Erweiterung ihrer Berufsbildung verweilen: in allen diesen Zügen erkennt man sofort Ähnlichkeit mit dem Inselvolke der Briten. Man nennt Amsterdam oft das holländische Venedig, obwohl es nichts von den Palästen, nichts von den kirchlichen Prachtbauten, nichts auch von dem in die glühenden Farben des Südens getauchten Gondeltreiben der italienischen Lagunenstadt hat. Allerdings ist es von zahlreichen überbrückten Kanälen durchzogen, ist in der Ebene gelegen, auf Pfählen gebaut, durch lidiähnliche Eisenbahndämme von der Aussicht auf das Meer abgeschnitten: aber Amsterdam, die Stadt der Nüchternheit und Geschäftigkeit, weicht doch himmelweit von Venedig ab, das von vergangener Größe nur das große, prachtvolle Gehäuse gerettet hat. Von der Zuidersee streckt oder richtiger streckte sich nach Westen ein schmaler, tiefer, nach Süden gekrümmter Arm ins Land, Het Ij (das Ypsilon, sprich ei) genannt. Daran schmiegt sich Amsterdam in Halbkreisform nach Süden hin an. Noch vor einem Jahrzehnt war der Blick von der Stadt auf den Meerbusen frei, während jetzt ein gewaltiger Eisenbahndamm, der die am West- und Ostende gelegenen großen Docks verbindet, dem Auge Schranken setzt von der Land- wie von der Seeseite aus. In das Ij mündet unter schiefem Winkel die Amstel (von SO nach NW), welche der holländischen Hauptstadt den Namen gab. Amsterdam ist in lauter konzentrischen Halbkreisen erbaut, deren Durchmesser das Ij ist. Als deren kleinsten haben wir die Altstadt Amsterdams, den »Dam« anzusehen; um ihn legen sich mit immer größer werdenden Durchmessern die weiteren Halbringe, welche durch Kanäle oder »Grachten« Gracht = niederdeutsch die Graft, hochdeutsch der Graben. voneinander getrennt sind. Die eigentlichen Straßen laufen vom Dam, dem Mittelpunkt, wie die Strahlen des Fächers nach den Außenringen und bedingen naturgemäß eine Anzahl von Brückenbauten. Der Dam, das Herz in dem gewaltigen Körper der Hauptstadt, ist jedenfalls auch ihr ältester Teil und wurde wohl von friesischen Fischern, denen das Ij ein lohnendes Arbeitsfeld eröffnete, angelegt. Heringsfang, Bierbrauerei, Tuchgewerbe, Handel und vor allem der Eintritt in die Hanse veränderten im späteren Mittelalter das Gepräge der Stadt ganz gewaltig. Doch der Dam blieb der Brennpunkt der Ansiedlung. Gering an Umfang, unregelmäßig in der Form, ist dieser Markt doch umstanden von einigen der wichtigsten Gebäude, dem Königsschloß, der Börse. Der Grund, auf welchem die Hauptstadt steht, ist sumpfig, dem Fußtritt nachgebend, oft nur aus schwarzem Wasser und Schlamm bestehend. Jeder Hausbau ist zugleich Wasserbau. Erst nachdem die 16 bis 17 m dicke Schlammschicht durchstochen, stößt man auf festeren Sand und Ton. Daher stehen alle Gebäude auf Pfählen, die man mit Dampframmen 10-14 m in die Erde treibt. Die Gründung des königlichen Palastes zum Beispiel erforderte deren 13 659, die der Börse 3469. Die Wälder Skandinaviens wie des Schwarzwaldes werden zu diesem Zweck geplündert. Indem man die untersten Balken und Dielen mit Portlandzement überzieht, hält man die Bodenfeuchtigkeit ab. Übrigens wurden die hölzernen Grundlagen der Stadt bereits zweimal (1730 und 1858) von Bohrwürmern, die aus den Tropen durch Schiffe eingeschleppt waren bedroht, doch verschwanden sie wieder von selbst. Amsterdam besitzt einige 40 Kirchen, darunter solche von stattlicher Schönheit, die meisten versehen mit dem in Holland landesüblichen Glockenspiel, im Innern aber merkwürdig kahl, einmal weil die Bilderstürmer der Reformationszeit nichts vom Schmuck übrig ließen, das andere Mal, weil der verstandesmäßige, kühle Calvinismus nichts davon wissen will. Auf einfacher Holzkanzel waltet der Geistliche seines Amtes, seine Zuhörer versammeln sich in ziemlich ungezwungener Weise und behalten ruhig die Mütze auf dem Kopf, die sie nur beim Gesang und Segen ein wenig lüften. Die bedeutendste, in den Dam einmündende Straße ist unstreitig die lange, schmale Kalverstraat (Kälberstraße). In der Mitte der Kalverstraat bewegen sich geräuschlos auf dem Asphaltpflaster die Droschken. Da aber der Wagenverkehr in Amsterdam infolge der vielen, in der Mitte hochgewölbten Brücken in der Bewegung sehr gehemmt wird, ist der Fußverkehr um so bedeutender. An den Häusern entlang zieht sich ein schmaler Fußsteig hin, auf welchem bis um Mitternacht Schau- und Kauflustige aneinander vorbeieilen. Am tollsten ist das Treiben in dem nebenher laufenden, durch einen Kanal von der Kalverstraat getrennten »Nes« mit seinen Vergnügungsstätten. In den cafés chantants, wo leichtgeschürzte Sängerinnen Lieder in allen möglichen Kultursprachen – jedoch sehr selten in der holländischen – mit Musikbegleitung vortragen, lauschen Mann und Weib, Eltern und Kind, beim schlechten teuren Trunke den leichtfertigen Weisen. Prasselndes Feuerwerk, Musik aller Enden, Nachtgesang von groß und klein, Jubel und Geschrei lassen den Fremden vergessen, daß er im Lande der froschblütigen Holländer weilt. Der am Altehrwürdigen festhaltende Charakter der Bewohner Hollands ist schon aus gewissen Gestalten auf den Straßen der Hauptstadt zu erkennen. Wir erinnern nur an die Zöglinge der Waisenhäuser, deren männliche Insassen mit der halb weißen und halb roten Jacke sich seltsam genug ausnehmen, während die Mädchen über dem dunklen Unterkleid blendend weißes Leinenzeug tragen. Die Waisenmädchen begegnen einem meist paarweise; gewöhnlich sieht unter dem weißen Häubchen ein munteres Gesicht hervor, und die Formen der Erwachsenen unter ihnen zeigen jene Ebenmäßigkeit und Fülle, welche der gesamten weiblichen Jugend des Landes und Amsterdams im besondern eigen ist. Ein weiteres lebendes Zeugnis für den erwähnten Charakter der Holländer besitzen wir in der Tracht der Dienstmädchen. Die »Herrschaft« hält in Amsterdam auch heute noch streng darauf, daß der dienstbare Geist auch in der Kleidung die Kaste, der er angehört, nicht überschreite; daher muß das meitje (Mädchen) Sommer und Winter im weiß und violett gestreiften Kattunkleide, mit weißem Häubchen, weißer Schürze, weißen Strümpfen, die unter dem Röckchen hervorschauen müssen, schwarzen Schuhen und glattem, in der Mitte gescheiteltem Haar einherschreiten, und unbestritten trägt das stets saubere Weiß das Seinige dazu bei, das Straßenbild Amsterdams freundlicher zu gestalten. Zu den Amsterdamer Straßentypen gehören entschieden auch die zahlreichen Leichenbitter oder »Aansprekers«. Sie melden im Frack und hohem Hut den Trauerfall in der Verwandtschaft und Nachbarschaft und bilden die Begleitung beim Begräbnisse. Je größer ihre Zahl zu beiden Seiten des Leichenwagens, für um so vornehmer gilt der Tote. Freilich darf man – um solche Schlüsse zu begreifen – die Herren Aansprekers nicht auf dem Heimwege vom Friedhofe sehen, wo sie, die Beine an den Seiten des eilig dahin jagenden Leichenwagens herabbaumeln lassen, nach der Schenke eilen, um die jedenfalls sehr tief eingedrungenen Schmerzen wegzuspülen. Ein Überbleibsel aus der guten alten Zeit ist auch der mit der Hellebarde einherschreitende Nachtwächter, der mit einer Art Hammer auf ein Kreuz schlägt, um so die Stundenzahl anzuzeigen, die er übrigens gleichzeitig ausruft; »Twalf aan de klok, de klok is twalf.« Er genießt hier noch das Recht, in einem dichterischen Neujahrsglückwunsch seine bescheidenen Verdienste namhaft zu machen, und außerdem darf er sich monatlich in jedem Bürgerhause ein Stück Torf zur Heizung des Wachthäuschens erbitten. Aus dem Mittelalter sind alte Türme romanischen Stils erhalten, von der Renaissance zeugt das Königliche Palais Jakob v. Kampens. Die meisten und prächtigsten Baudenkmäler entstammen jedoch dem im 17. Jahrhundert eingedrungenen Rokoko; in dieser Art erbaut sind zum Beispiel die prächtigen Paläste in der Heeren- und Kreizersgracht, »worin sich nichts als geschnitztes Eichen- und Mahagoniholz, reiche Tapeten, wertvolle Gemälde, Holz- und Marmorbilder, Schildpattmöbel, seltene Porzellane und dergleichen fanden.« Die für England so bezeichnende Sitte, nicht Mietkasernen, sondern nur Familienhäuser zu bauen, hat sich auch in Amsterdam eingebürgert. Mit oft nur zwei oder drei Fenstern Front ragen die schmalen Gebäude aus roten Ziegeln, mit weiß ausgestrichenen Fugen empor. Die Haustür führt in einen langen, schmalen Gang; zu beiden Seiten sind im Erdgeschoß nach der Straße das Empfangs-, nach dem Hofe das Speisezimmer angelegt. In dem ersten Stockwerke liegen die eigentlichen Wohnräume mit dem Arbeitszimmer des Hausherrn und dem Putzstübchen der Hausfrau, im zweiten die Schlafräume. Auffällig sind die gewaltigen Fenster, von der Höhe eines ganzen Stockwerkes und entsprechender Breite; sie öffnen nicht zwei Flügel nach innen, sondern die untere Hälfte wird einfach über die obere emporgeschoben. Ihre Größe erklärt sich aus der unsinnigen Fenstersteuer. Die Häuser, besonders die längs der Kanäle stehenden, lassen jene ermüdende Gleichmacherei neuer großstädtischer Bauten vollständig vermissen; welche Mannigfaltigkeit herrscht da nicht in Giebel- und Gesimsformen, in Gewölbebogen, Zieraten und Erkern, selbst in der Höhenlinie der Fenster, die mit ihren blendendweißen Rahmen und Gardinen, sowie mit ihren großen, spiegelblanken Scheiben einen wohltuenden Eindruck machen. Während die Straßen eng und die Fußsteige schmal sind, stellen sich die Wasserwege, die Grachten mit ihren Kais, in stattlicher Breite dar; besonders anheimelnd sind sie durch schöne Baumreihen zu beiden Seiten. An manchen Grachten reichen freilich die Häuser nicht bloß bis an das Wasser, sondern hängen mit ihren Erkern sogar über dem Wasser, eine altertümliche Erscheinung, die uns besonders im Judenviertel auffällt. Obwohl dasselbe den unaussprechlichen Geruch und die – in Holland durch den Gegensatz um so stärker wirkende – Unsauberkeit auch hier nicht verleugnet, muß doch auf der anderen Seite die Betriebsamkeit gerade des Judenviertels zugestanden werden. Eine Unmenge kleiner Handwerker und Trödler, die mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen handeln, sowie Lumpensammler haben hier ihre Behausung. Jedes Alter und Geschlecht trifft man hier schachernd, von der alten zerlumpten Matrone, die für einen Cent Käse oder sehnige, ekelhafte Leber ersteht, bis herab zu dem Haufen unmündiger Kinder, auf die man besonders zur Zeit der Obstreife in jeder Straße fast tritt. Hier wird ausgeboten, angepriesen unter Schreien und Lachen in allen Tönen der Tonleiter, und Klapper, Kastagnette und im Notfalle der als Trommel benutzte Eisentopf müssen die Geschäftsanpreisung unterstützen. Die Juden Amsterdams sind überall her; es gibt spanische, deutsche, portugiesische Juden. Der israelitische Einschlag macht fast den 10. Teil der Bevölkerung Amsterdams aus. Ein Erwerbszweig, welcher der holländischen Hauptstadt eigentümlich ist, liegt fast ganz in den Händen der Juden, es ist die Diamantschleiferei , durch die ja auch Spinoza einst sein Leben fristete. Treten wir in der Zwanenburgstraat ein in das namhafte Geschäft von Koster \& Co., das mit Dampf betrieben wird und 200-300 Diamantschleifer beschäftigt! Im Erdgeschoß arbeitet eine Mühle, welche in den oberen Stockwerken 30-40 kleine eiserne Scheiben in schnellste, kreisförmige Bewegung setzt. Jede dieser Scheiben ist mit Öl befeuchtet und mit Diamantstaub bestreut. Der vor ihr stehende Arbeiter drückt den in Blei eingekitteten Diamanten gegen die Scheibe, um in wenigen Minuten eine Schliffläche hervorzubringen. Soll ein Edelstein geteilt werden, so streut man Diamantstaub auf einen feinen Metalldraht und zersägt den Stein. Da jedes Stäubchen von Wert ist, so erklärt sich die scharfe Beaufsichtigung der Arbeiter. Ist es auch wahr, daß der Geschäftsherr in kurzer Zeit sein übrigens bedeutendes Betriebskapital verzehnfacht, so muß doch auch betont werden, daß die Arbeit, die allerdings seltene Geschicklichkeit und Peinlichkeit erheischt, besonders bei hervorragenden Leistungen sehr hoch bezahlt wird. Die Besichtigung herrlicher Denkmäler und anderer Sehenswürdigkeiten innerhalb der Stadt nimmt nur kurze Zeit in Anspruch; denn nachdem wir das Rembrandtstandbild, das Denkmal des bedeutendsten heimischen Dichters Vondel, den Tiergarten, die schönen Gartenanlagen in der Nieuwe Singel Gracht, den Industriepalast gesehen, haben wir kaum noch etwas Bedeutendes zu erhoffen und verfügen uns nach dem Hafen ; hier in den Docks, Speichern, Werften zeigt sich recht eigentlich Amsterdams Größe. »Uns zur Seite erhebt sich das prächtige Zeughaus, ein Geviert von mehr als 60 m Länge, auf 18 000 Pfählen ruhend und ganz von Wasser umflossen, welches in seinen drei Stockwerken Vorräte für ganze Flotten enthält. In bewundernswürdiger Ordnung liegen hier mit dem besonderen Zeichen jedes Kriegsschiffs in vielen Kammern die Ankertaue und kleineren Seile, die Schiffblöcke und Segel, das grobe Geschütz mit seinen Geschossen, die Flinten, Pistolen und kurzen Waffen, die Laternen, Kompasse, Flaggen, mit einem Worte alles bis auf die geringsten Bedürfnisse der Ausrüstung. Vor uns breitet sich die weite Wasserfläche des »Oostelijk Dok« aus, dessen Außendämme den Sand des jenseitigen flachen Ijufers verhindern, wie ehedem in dämmernder Ferne herüberzublinken. Weiter hinab zur Linken erhebt sich ein Wald von vielen tausend Mastbäumen der Kauffahrer; die Sonnenstrahlen spielen auf ihrem glänzenden Firnis. Am Ufer nah und fern auf der Reede liegen, teils abgetakelt und ohne Masten, teils im stolzesten Aufputz mit der Flagge, die im Winde flattert, und dem langen schmalen Wimpel am obersten Gipfel der Stange, die größeren und kleineren Schiffe der holländischen Seemacht. Zur Rechten bis nach der Insel Osterburg ankern die Schiffe der ostindischen Kompanie, die hier ihre Werfte hat. Die ankommenden und auslaufenden Fahrzeuge und eine Unzahl kleinerer Ruderboote beleben das Bild; platte Fischer-Tjalke der Zuidersee mit großen braunen Segeln und dem plumpen »Schwert« an der Seite, einer Art Flosse, welche den fehlenden Kiel ersetzen muß, gleiten langsam über das ruhige Wasser hin. Leicht und rasch fahren Lustkähne zwischen schwarzen Fahrzeugen mit geschnitzten Galionen und Booten voller Früchte, blauer, Milch enthaltender Tonnen oder braunen Torfes hindurch. Viele der größeren Schiffe dringen durch die Zugbrücken in die breiten Kanäle der Stadt, die in den Hafen einmünden. Auch sie sind in Gestalt und Farbe von angenehmer Mannigfaltigkeit und erscheinen häufig der niedrigen Brücken wegen mit niedergelegten Masten. Jenes dort bringt eine hausgroße Ladung Heu, hier ist eins mit Gemüsen beladen, und dieses dort mit Heringstonnen, mit Kohlen, mit Käse, Butter, mit Holz und allem Erdenklichen.« Eine merkwürdige Wechselbeziehung zwischen den holländischen Städten und den Moorlandschaften muß hier erwähnt werden. Draußen im Moor wird die Mutterbodenschicht oder Bunkerde zunächst abgetragen, um zu den darunter liegenden Torfmassen zu gelangen. Diese werden abgestochen, getrocknet, und im Herbst fahren auf den schwarzen Moorgräben die breiten Boote hochbeladen in die Städte. Dort dient der Torfziegel wohl auch als Brennstoff, vorwiegend aber wird er aufgekauft zum Aufsaugen der Abwässer und des Unrats in den Gruben der Häuser und den Schleusen der Straßen. Denn eine regelrechte Beschleusung der Städte ist im tiefgelegenen Holland nirgends möglich, weil die natürliche Bedingung des Gefälls überall fehlt. Als Rückfracht nimmt der Fehnbauer stets solch vollgesaugten Torf mit in seine unfruchtbare Moorheimat und düngt die kärgliche Bunkerde damit, die nun von Jahr zu Jahr bessere Ernten abwirft, besonders an Gemüsen. Het Ij führt uns hinaus in die Zuidersee, das heißt die Südersee im Gegensatze zur Nordsee. Wie ein Keil ist sie hineingetrieben in den Körper Hollands, mit ihrem schmutzig-gelben Wasser, ihren flachen, niedrigen Ufern, die nur durch gewaltige Steindämme vor dem Überfluten geschützt sind, auf denen man stundenlang fortwandern kann, indem man auf der einen Seite die öde See, auf der anderen die saftig grünen Auen beobachtet. Die Zuidersee ist durch unzählige Einbrüche der Nordsee in geschichtlicher Zeit zu ihrer jetzigen Größe angewachsen; zuletzt (1282) eroberte sie auch die Landbrücke zwischen Medemblick – Enkhuizen – Stavoren (siehe die Skizze!), umarmte in wildem Aufwallen den schon den Römern bekannten, südlich von jener Landenge gelegenen Flevosee und bereitete einer Unmasse von blühenden Ortschaften ein Grab in den weit über die Ufer des Flevo hinausgreifenden Fluten. Trotz ihres kurzen Wellenschlags, der auch den erfahrensten Matrosen jene leidige, unter dem Namen Seekrankheit bekannte Magenentladung nicht erspart, trotz der Unzahl von Sandbänken, welche zwischen sich nur ein schmales, kaum 5-6 m tiefes Fahrwasser lassen, war sie für Amsterdam doch eine Lebensfrage, so lange man sich nicht entschließen konnte, der Natur durch die Kunst der Technik zu Hilfe zu kommen. Als die Verschlämmung der Zuidersee zunahm und gleichzeitig der Tiefgang der Schiffe Fortschritte machte, entschloß sich 1819 die holländische Regierung zur Anlegung des » Nordholländischen Kanals «, der nördlich von Amsterdam beginnt, die Provinz Nordholland durchschneidet und bei Helder in die Nordsee mündet. Schon 1835 konnte das für jene Zeit großartige Bauwerk dem Verkehr übergeben werden; freilich hatte die Regierung die Hauptabsicht aus dem Auge gelassen: um nämlich möglichst vielen örtlichen Wünschen gerecht zu werden, hatte man eine Wellenlinie geschaffen, die dreimal so lang war, als es der nächste Zweck, »Amsterdam den kürzesten Weg nach dem offenen Meere zu schaffen«, erforderte. Der nordholländische Kanal ist für Studienreisende, die Nordholland kreuz und quer bereisen wollen, recht wohl zu empfehlen. Schon nach kurzer Kanalfahrt biegen wir in eine Nebenrinne des Hauptkanals ein und erreichen Broek (spr. bruk) im Waterlande, jener »üppig grünenden Landschaft, auf welcher Wasserstreifen glitzern, Windmühlen ihre langen Flügel in gemessener Beweglichkeit drehen und unzählige Rinder die Üppigkeit der Wiesendecke sich zunutze machen.« Broek ist so recht ein Ort nach dem Herzen des Stockholländers: ohne jede Erhebung des Bodens, wasser- und schilfreich, dem Meere durch riesenhafte Deiche Trotz bietend. Es ist dieser Ort berühmt durch die hier auf die Spitze getriebene, ans Lächerliche grenzende Reinlichkeitssucht. Die Wege, besonders die an den Häusern hinlaufenden, zeigen Mosaikpflasterung mit den zierlichsten Figuren; in den Gärtchen ist eine Spielerei zu beobachten, die dem Naturfreunde ein Kopfschütteln abnötigt; denn über ein Quellchen führt ein Brückchen; in dem fußbreiten Bache hockt ein großer hölzerner Schwan, während die Zwerggrotte einen Einsiedler sichtbar werden läßt. Hier hat der Reisende auch Gelegenheit, jene durch ihre Reinlichkeit weltberühmten holländischen Rinderställe in Augenschein zu nehmen, die mit Fayencekacheln ausgelegt und mit verschiedenfarbigem Sande bestreut sind, die man ohne die üblichen weißgefärbten Holzschuhe, die man als Überschuhe erhält, nicht betreten darf; hier stehen zu beiden Seiten des Ganges in vollendeter Ebenmäßigkeit schwarze und weiße echte Holländer Kühe auf frischer Streu. Der Schwanz dieser Tiere ist an der Decke festgebunden, damit sie sich beim Wedeln nicht beschmutzen. Das Wohnzimmer des Besitzers wetteifert mit dem »Kuhsalon« an Reinlichkeit und enthält unter andern die glänzenden Milchgeschirre, in denen die Milch zur Käsebereitung vorbereitet wird; der Käse nimmt als »Edamer« in roter Kruste seinen Weg in die Welt, während der aus abgerahmter Milch hergestellte Kümmelkäse meist im Lande verbleibt. Wie bedeutend die Käseerzeugung Nordhollands ist, mag man daraus ersehen, daß auf der Wage zu Alkmaar jährlich allein über eine Million Pfund abgewogen werden. An der Mündung des Nordholländischen Kanals liegt der neugewonnene Anna Paulowna-Polder . Solch ein Polder ist fruchtbarer Acker- und Wiesenboden, dem Meere abgerungen, indem man seinem Andringen den schützenden Damm entgegensetzte. Soweit die Hochflut reicht, ist der Deich mit Steinen und Pfählen, darüber aber mit Grasnarbe bedeckt, um das Verwehen des lockeren Sandes zu hindern, auch mit Weiden, Strandhafer, Strandkiefern. Steigt man auf der Innenseite hinab, so steht man 6 m unter dem Spiegel des brandenden Meeres. Bei Anlegung eines Polders handelt es sich zuerst um Erforschung der Meerestiefe über dem Kulturboden, und ebenso um Untersuchung des einzudämmenden Meeresgrundes selbst, um zu wissen, ob es sich überhaupt lohnt, dem Meere ein Stück seines Raubes zu entreißen. Fällt die Erforschung ermutigend aus, so ist das Anlagekapital zu beschaffen, der Damm abzustecken und aufzuschütten. Liegt nun das in Angriff genommene Stück im Schatten des schützenden Deiches, so gilt es, an den tiefsten Stellen Pumpwerke zur Entwässerung aufzustellen: Windmühlen mit Schaufelrädern, Wasserschnecken (Eckhardtsche Räder) und Dampfmaschinen. Nach der Trockenlegung wird der Polder mit schnurgeraden Kanälen versehen, die durch Schleusen verbunden werden, ferner mit geometrisch genau angelegten Wegen durchzogen und in einzelnen Teilen verkauft oder verpachtet. Kanäle wie Wege werden zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, die einzelnen Grundstücke mit Winkel und Maßstab abgezirkelt. Sie erhalten so von weitem den Eindruck größter Regelmäßigkeit. Nur gegen die Mitte des Polders hin befinden sich anstatt der einzelnen Grundstücke dorfähnliche Ansiedelungen mit Kirche, Schule und Rathaus. Das Kanal- und Schleusennetz macht eine genaue Regelung der Wasserversorgung möglich. Auf diese Weise wurden im Anna-Paulowna-Polder für 5 Millionen Gulden 5000 ha fruchtbarsten Kulturbodens gewonnen, wo nicht bloß in dem hochaufschießenden, fetten Grase milchgebende Herden sich strecken, sondern neben Weizen, Gerste und Hafer auch Bohnen, Erbsen, Zichorie, Hanf, Lein, Kümmel und Senf reiche Ernten geben. Eine Errungenschaft der Neuzeit ist auch die Durchstechung der schmalen Landenge, welche zwischen dem Westende des Ij und der Nordsee die Verbindung herstellt zwischen Nord- und Südholland; man bezeichnet diesen Kanal als den Nordseekanal , welcher die wirklich kürzeste und zufolge seiner Maßverhältnisse für Schiffe jeden Tiefgangs fahrbare Verbindung zwischen Amsterdam und dem Meere herstellt. Er verläuft genau ostwestlich und erreicht bei Ijmuiden (spr. eimeuden) die Nordsee. Er ist 25 km lang, 8 1/5 m tief, hat eine Oberflächenbreite von 68-120 und eine Sohlenbreite von 27-42 m. Eine Menge von Abzweigungen, die in ihrer Gesamtlänge fast den Hauptkanal erreichen, lassen den Segen dieses Kunstbaus auch Städten zweiter und dritter Ordnung zugute kommen. Die Zuidersee ist am Eindringen in den Kanal durch einen gewaltigen, 1290 m langen Damm, der sich von Amsterdam nach dem am andern Kanalufer gelegenen Schellingwoude erstreckt, abgesperrt; nur durch fünf Riesenschleusen wird der Verkehr zwischen Kanal und Zuidersee vermittelt. Auch das Eindringen der Nordseeflut ist durch Schleusen geregelt. Da der Kanal an seiner Mündung keinerlei natürliche Hafenbildung vorfand, so hat man durch den Bau zweier großer Hafendämme von je 1600 m Länge den Kunsthafen von Ijmuiden geschaffen. Der Bau ist in der Zeit von 1865-1876 vollendet worden. Das Ij ist als Meerbusen verschwunden ; in seiner Mitte zieht sich die tiefe Furche des Kanals hin, während der übrige Teil eingepoldert ist, wodurch man wiederum 5000 ha fruchtbaren Landes gewann. Der Kanal setzt Amsterdam in den Stand, mit Rotterdam zu wetteifern. Zu den Eroberungen, die der Holländer in neuerer Zeit (1840 bis 1853) innerhalb seiner Landesgrenzen machte, gehört auch die Einpolderung des Haarlemer Meeres . Auch diese See ist erst in geschichtlicher Zeit entstanden. Noch 1531 sind an ihrer Stelle vier kleinere Seen nachgewiesen; 1647 hatten sie sich vereinigt, indem die Scheidewände versunken waren. Das Haarlemer Meer zeigte die merkwürdige Erscheinung, daß sein stürmischer Charakter mehr und mehr zunahm. Es bildeten sich bei nahendem Sturme so gewaltige Wasserberge, daß man für die kostspieligen Deichbauten und die dahinter liegenden Landschaften das Schlimmste fürchtete. Erst als am 9. November 1836 seine Wellen bis an die Tore Amsterdams gepeitscht wurden, war sein Schicksal besiegelt. 1848 begann die Auspumpung durch Dampfmaschinen und eine Unmenge Windmühlen, indem man das Wasser mittels eines Kanals, der auf hohem Damm zum Meere lief, entfernte. Im ganzen sind im Zeitraume von 3¼ Jahren 924 266 112 cbm Wasser entfernt worden. Die 18 000 ha Landes, welche man auf diese Weise gewann, machen als alter Meeresboden einen seltsamen Eindruck. Wo früher Flotten manövrierten, durchschneiden heute Wagen Sandwege; Vögel bevölkern die Orte, wo früher Fische spielten; von den einst verschlungenen Ortschaften hat man so gut wie nichts gefunden. Die neugewonnenen Polder mit ihren 13 000 Einwohnern gewähren einen erfreulichen Anblick. Die geometrisch neue Verteilung der Wege und Gräben, die zweckmäßige Anlage der Gehöfte, die schmucken Herrenhäuser, der treffliche Viehstand (Kühe, Schafe, Pferde), der sich auf den üppig grünen Weiden gütlich tut, die mannigfaltige Ernte an Körnern, Knollen, Küchengewächsen und Baumfrüchten, machen den besten Eindruck. Die 18 000 ha verteilen sich auf 10 000 ha Ackerland, 7000 ha Wald- und Wiesenboden, 1000 ha Gemüse- und Lustgärten. Auch die Zuidersee war ursprünglich ein Binnensee, der in der Mitte des 12. Jahrhunderts mit dem Meere in Verbindung trat und 1282 sich zu der jetzigen Ausdehnung erweiterte durch neue Sturmfluten. Auch dies Gewässer soll der Kultur wiedergewonnen werden mit seinen 3600 qkm Fläche! Die Zuidersee ist ja durchschnittlich kaum 3 m tief. Der Plan der holländischen Regierung geht dahin, daß zwischen der Insel Wieringen und Piaam in Westfriesland ein großer Deich von 24 km Länge gezogen wird gegen die Nordsee, der auch dem Eisenbahnverkehr dienen, aber den Schiffsverkehr durch 33 große Lücken und einige Schleusen ermöglichen soll, und dann innerhalb des Beckens vier Gebiete von 1030, 570, 503 und 217 qkm durch große Deiche abgeteilt werden. 1300 qkm blieben dann noch für die Zuidersee übrig, die mit dem Hafen Amsterdam und mit Zwolle in Verbindung gelassen wurde, um die Ijssel aufzunehmen. Das Werk soll 25 Jahre brauchen und gegen 400 Millionen Mark kosten. (Siehe die Skizze!) In welch nachdrücklicher Weise der Holländer die Bodenkultur betreibt, läßt sich am besten an jenen Beeten erkennen, die besonders in Hillegom bei Haarlem der Blumenzwiebelzucht dienen. Dort liegen im Windschatten der Dünen die großen Tulpenfarmen von van der Schoot, die etwa 150 ha des sandigen, aber feuchten Geländes umfassen. Nachdem im August die Kartoffeln aus der Erde entfernt sind, wird der durch Kuhdünger befruchtete Sandboden in rechteckige Beete von ungefähr 1 1/5 m Breite schachbrettartig geteilt, und jedes Stück nimmt etwa 500 Zwiebeln oder Knollen auf, besonders Tulpen, Hyazinthen, Anemonen, Ranunkeln, während Narzissen, Jonquillen, Kaiserkronen usw. wegen ihres geringen Wertes erst in zweiter Linie folgen. Wer im April durch jene Gegenden fährt, kann sich satt sehen an der Pracht jener Millionen herrlicher, buntfarbiger Kinder Floras. Sobald der Züchter die Blüte in Augenschein genommen hat, wird sie abgeschnitten, damit die Zwiebel sich nicht zu sehr erschöpfe. Die meisten der Blumen werden untergegraben, andere in ganzen Bootsladungen fortgebracht; jedes Fenster in Haarlem ist mit dichten Sträußen besetzt, ja auf jeder Straße tritt man sie mit Füßen. Die Zwiebeln werden nun in Lagerräumen gesammelt, zwei- und dreistöckigen, gut gelüfteten Häusern, welche eine bestimmte Wärme halten müssen, und wie Obstsorten nach Gattung, Farbe und Güte auf Hürden getrocknet. Der Blumenzwiebelhandel ist auch heute noch ganz bedeutend, besonders in Tulpen und Hyazinthen, und wenn auch jetzt nicht mehr die riesigen Preise des 16. Jahrhunderts erzielt werden, so ist doch dem Liebhaber noch immer Gelegenheit gegeben, sein Geld nach seinen Begriffen würdig anzulegen.   4. Ebbe und Flut in Seeland. Von J. G. Kohl. Ganz Seeland mit allen seinen Nebenlanden und Nachbarinseln ist gleich einem großen Schwamme, der sich täglich zweimal bis zum Überlaufen vollsaugt und zweimal sich fast entleert. Wir waren von Antwerpen mit der ausströmenden Flut abgefahren, und unser Schiff schoß rasch mit den wetteifernd ablaufenden Gewässern des Flusses und des Meeres zur Schelde hinaus. Da stürzten sich in eiliger Hast mächtige Ströme durch die Oster- und Westerschelde und durch alle die anderen Mündungen ins Meer hinaus. Alle Gewässer waren in Bewegung, aus allen Flieten, Kanälen, Gräben und Zweigadern des Landes strömte es heraus wie in den Straßen einer Stadt nach einem heftigen Regen. Es war ein Schauspiel, wie es Noah am Ende der Sintflut hatte. Überall wuchsen trockene Länder aus dem Grunde hervor und nahmen zusehends an Umfang zu. Jede Insel, an der wir vorüberfuhren, umgab sich mit einem breiten Gürtel von Vorland, das sich sofort, wenn auch nur für einige Stunden, mit Menschen bevölkerte, die den Krabben und anderen im Schlamme zurückgebliebenen Seetieren nachstellen. Als wir in die Osterschelde hineinsegelten, tauchten lange Strecken des einst untergegangenen Teils von Süd-Beveland wie Gespenster aus dem Grunde auf. Man bezeichnete uns die Stellen im Schlamme, wo einst die blühenden Orte Kreeck, Nieuwkerke, Skodde und andere lagen. Da die Ebbe hier den Wasserspiegel gewöhnlich um 5 m, zuweilen auch um 6 erniedrigt, so kann man sich denken, wie die darauf beruhende Erhöhung und Hervorsteigung aller Dämme, Ufer und Sandbänke ebenfalls um 5 m das Aussehen verändern muß. Die Seedeiche scheinen riesenhoch zu wachsen, die Bollwerke, Brücken und Pfahlreihen der Häfen steigen mit langen Fußgestellen empor, die Schiffe sinken mit dem Wasser hinab und verstecken sich in den hochuferigen Rinnen. Die Fahrt durch die Inselflur bis Rotterdam datierte 12 Stunden. Wir wurden daher unterwegs auch wieder von der zurückkehrenden Flut erreicht und hatten Gelegenheit, die umgekehrten Erscheinungen zu beobachten. Zuerst entsteht eine Art von Stillstand in den Strömen. Es scheint, als wären alle während der Ebbe so rasch eilenden Flüsse plötzlich in stillstehende Seen verwandelt. Allmählich aber kommt wieder Leben und Regsamkeit in die versiegenden Gewässer, die im niedrigen Schlamme dahinsterben zu wollen schienen. Doch kommt diese Bewegung nun von der entgegengesetzten Seite. Das Meer drängt erst leise rückwärts. Die süßen Gewässer, welche aus dem Innern des Landes her sich einen Ausgang erringen wollen, geraten mit ihm in Streit. Aus diesem Streit entsteht an vielen Punkten ein Menge von Wirbeln – »Walen«, wie die Kinder des Landes sie nennen, – die erst klein sind, aber immer mächtiger sich schwingen, je größer der Andrang des Meeres wird. Endlich siegt Okeanos. Seine Schulter hebt sich gewaltig, und er zieht siegreich zu allen Toren des Landes ein. Es ist, als wollte er seine ihm zinspflichtigen Flußnymphen zu Paaren treiben. Sie müssen weichen, und wie bei Äneas Ankunft in Latium der Tiber »rückwärts ebnete der Wellen Erguß«, so fliehen sie alle landeinwärts. Die kleinen und großen Kanäle des Landes füllen sich mit flüssigem Stoff und schwellen bis an den Rand. Die weiten, kahlen Sandbänke schmiegen sich gemach wieder unter die feuchte Decke des Ozeans, zu dessen Gebiet sie gehören, zurück, wie Untertanen sich den Armen ihres Herrschers fügen. Die Menschen, die Fischer, Austern- und Krabbensucher, die Strandspaziergänger, die für ein paar Stunden diesen Grund und Boden in Besitz nahmen, ergreifen die Flucht und verbergen sich hinter ihren Dämmen und Deichen. Die Inseln, deren Außen- und Vorwände verschwinden, schmelzen auf die Hälfte ihres Umfangs zusammen. Kleine Landesteile, die noch soeben mit dem Festlande zusammenhingen, lösen sich und werden zu Inseln. Die Hafendämme der Städte, vorher riesengroß, schrumpfen fast zu nichts zusammen. Alle Gräben, Kanäle, alle Meeres- und Flußarme füllen sich bis an den Rand der Deiche. Unser Schiff hebt sich mächtig in die Höhe und scheint als beherrschender Riese durch die Gegend zu fahren. Wir schauen über die Dämme hinweg ins Innere des tiefen und niedrigen Landes hinein, das allmählich untergehen zu wollen scheint. Da überall sich die Wassertiefen um 4–5 m vermehren, so werden Gräben, die einige Stunden zuvor kaum ein Boot zu tragen vermochten, selbst für große Fahrzeuge schiffbar. Alle Schiffe, welche die Ebbe auf den Sand setzte, und die, schief auf die Seite geneigt, traurig dalagen wie Fische, die der Sturm ans Land warf, richten sich gemach wieder empor und erholen sich allmählich wie Kranke, die man der frischen Luft zurückgab. Endlich lösen sie sich völlig aus dem klebrigen Boden und schweben beweglich und schwankend empor auf dem klaren Elemente wie flüchtende Enten, die vom unbequemen Festland auf den glatten Teich sich gerettet. Nun wird in allen Häfen und an allen Ufern gerüstet. Schiffe aller Größen und Arten spannen die Segel auf, lösen sich vom Strande und tragen ihre Reisenden, ihre Waren, ihre Botschaften von Ufer zu Ufer. Auch die großen Kauffahrer, die vor den Mündungen der Ströme den Augenblick der Fluthöhe erwarteten, ziehen landeinwärts und schwimmen mit gebauschten Segeln in die sicheren Tore des Festlandes. Viele niederländische Maler haben das Anregende und Ansprechende, das in diesem täglich sich wiederholenden Wechsel von Ebbe und Flut liegt, sehr fein aufgefaßt und in zahlreichen Gemälden dargestellt. Es ist aber bemerkenswert, daß es weit mehr Ebbe- als Flutbilder gibt, und in der Tat ist die Ebbe auch viel ergiebiger in Erzeugung malerischer Anblicke als die Flut. Die Ebbe ist poetischer wie die Armut, das Unglück und die Not. Da liegt das arme Schiff gestrandet am Ufer und erweckt unser Mitleid. Da kriecht das Bettelvolk der Küstenstädte – die zerlumpten Kinder und die armen Muschelsammler und Krabbenfänger – hervor und schleicht an den Bollwerken der Häfen herum, an denen seine Ernte gereift ist, nämlich die Muschel, die das Meer hier säte und pflanzte. Mit der Flut ist nur der Reiche und Glückliche im Bunde, der seine stolzen Schiffe auf ebener Bahn entsendet. Die Ebbe enthüllt auch eine Menge Geheimnisse der Tiefe, welche die Flut mit dem einförmigen Teppich des Wassers gleichmäßig überzieht. Da kommen die hübschen Muscheln und die wunderlichen Ungetüme des Meeres zutage, die sich auf dem Grunde versäumten, da sieht man die versandeten Wracks und Balken des ehemals gestrandeten Schiffs, da zeigen sich im Sonnenschein die Tange und Gräser, die in der dunkeln Tiefe des Meeres wuchsen. Auch sonst ist die Ebbe viel reicher an Gegensätzen der Lichter und Farben als die Flut, die alles mit einer Farbe überzieht. Selbst in der Luft herrscht zur Zeit der Ebbe regeres Leben; denn die Vögel machen sich heran, um der Ebbe zu folgen. Auch sie finden ihre Tafel auf den Sandbänken reichlich gedeckt. Die Strandläufer, die Möwen, die Schnepfen und Störche flattern oder wandeln am Strome oder auf den entblößten Lagunen, um auf das Seegewürm Jagd zu machen. Während der Flutzeit, die ihnen einen Teil ihrer Nahrung entzieht, sitzen sie dann ruhig am Lande, auf den Wiesen, hinter den Deichen, mit dem unpoetischen Geschäfte der Verdauung beschäftigt. Es ist wohl kein Zweifel, daß die Inselflur von Seeland zu den am seltensten besuchten und am wenigsten gekannten Strichen der Niederlande, man könnte sagen Europas gehört. Sogar in Holland selbst ist Seeland eine ziemlich unbekannte und sogar etwas verrufene Gegend. Die Holländer sprechen von »Zeeland« und von den »Zeews« mit einer Art von Wegwerfung, etwa wie die Engländer von Irland oder die Kurländer von Semgallen. Und doch haben die Seeländer ihrem Vaterlande gerade viele seiner tüchtigsten Männer und Wohltäter geliefert, die Ruyter und andere Admirale, welche die Seemacht Hollands auf den Gipfel der Blüte brachten, den Dichter Cats, welcher der Erneuerer der holländischen Literatur und Sprache war, und den in Holland allgemein verehrten Beukels, den Begründer der holländischen Heringsfischerei. Es scheint den Seeländern auf ähnliche Weise Unrecht getan zu werden wie bei uns den Schwaben. Dieses Unrecht wird noch größer, wenn man bedenkt, daß auch der Ackerbau fast in keinem Teile von Holland in einem so hohen Grade blüht, wie in Seeland. Der beste und mehlreichste Weizen in den Niederlanden ist der seeländische. Hülsenfrüchte, Erbsen und Bohnen kommen vorzugsweise aus Seeland. Endlich steht Seeland auch wegen seines Flachses und Hanfes in gutem Rufe.   5. In Brabant und Flandern. Quelle: Julius Rodenberg, Belgien und die Belgier. Berlin 1881, Gebr. Paetel. Wie klein doch das Land – und wie groß der Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen Maas- und Scheldegebiet, zwischen dem wallonischen und flämischen Landesteile! Wer von Deutschland kommt, der durchfährt von Verviers bis Lüttich fast eine einzige Stadt, die bald durch Schlote und Rußdächer, bald durch Villen und Parks gekennzeichnet ist; neben gesegneten Fluren erinnern die Schutthalden an den Kohlen- und Eisenreichtum des wallonischen Belgiens; mit den ebenen Landstrichen wechseln die durchtunnelten Höhen des Ardennengebirges; die Mineralbrunnen von Spa und die heißen Quellen von Chaudfontaine sind wohl die einzigen Plätze, wo man feiernde Menschen gewahrt; sonst kennt man im Wallonenlande fast nur ein durch Dampfpfeifen geregeltes, durch die Maschinen rastlos getriebenes Arbeitsleben: es ist das Land der Arbeitergestalten Meuniers. Wie ganz anders der Eindruck, sobald man die Maas im Rücken hat; alles, selbst der abgeflachte Boden nimmt einen ruhigeren Charakter an; bis zum Meeresgestade hin wogende Felder, sauber abgeteilte Gemüsegärten; im Weideland tummeln sich Fohlen und grasen Rinder; das Schattenspiel der Windmühlenflügel zaubert seine verschlungenen Figuren auf den Boden; in einschläfernder Ruhe ziehen die Wasser in zahllosen Kanälen durchs Land; Bilder reizenden Strandlebens rollen sich auf bei Ostende, Blanckenberghe und Heyst. Wohl trifft man auch auf flämischer Erde, wie beispielsweise in Antwerpen, der Heimat Rubens', und Gent modernes Leben in Gewerbefleiß, Handel und Schifffahrt; aber der Hintergrund , auf dem dies neuzeitliche Leben sich abspielt, weist auf frühere Zeiten, auf das Mittelalter , das 14. und 15. Jahrhundert; es fehlte nur, um die Täuschung vollkommen zu machen, daß über die Place de Meir in Antwerpen Männer schreiten, die mit spanischer Grandezza den Mantel über die Schulter geworfen, die weiße Krause umgelegt haben, und Frauen mit dem derben Gesicht, der üppigen Fülle und den kostbaren Gewändern, wie sie uns Rubens' Kunst auf die Leinwand gezaubert. Ja, einige der Städte in Brabant und Flandern, wie Mecheln, Gent und Brügge erscheinen uns wie ein Stück Mittelalter, das in voller Lebenstreue in die Gegenwart hineinreicht: die Märkte mit den zackig gegiebelten Häusern, die Rathäuser, Gildenhäuser; die unverwischt fortlebenden Erinnerungen an die Vergangenheit, an Scheiterhaufen, Freiheitskämpfe, Triumphzüge Karls des Kühnen, Maximilians, »Karels des Vyften«; das Standbild van Eycks und Rubens', die Meisterschöpfung Memlings im St. Johannis-Hospital zu Brügge und zahlreiche andere Kunstschätze: alles ruft die Blütezeit dieses Landes im 14. und 15. Jahrhundert uns ins Gedächtnis, und wie haben die Belgier es verstanden, in den fromm verehrten, überkommenen Rahmen ein Bild neuzeitlichen Lebens hineinzusetzen! Nur auf diesem Boden kann man einen Egmont voll würdigen; offenherzig, den Scherz auf der Lippe, leichtlebig und doch heldenhaft, trotzend auf Recht und Manneswürde: so ist er Urbild und Musterbild des Belgiers zugleich: wir sagen nicht des Flamen, nicht des Wallonen, sondern des Belgiers; denn obwohl dies Volk zweierlei Blut in seinen Adern hat: »Flamen und Wallonen sind Vor namen; unser Familien name heißt: Belgier!«, um mit dem Volksdichter Antoine Cesse zu reden. Und eben weil die beiden Volksteile über den Stammesunterschieden die höhere Einheit fanden, darum haben sie bei jedem Auftreten auf der Bühne, wo sich die Weltgeschichte abspielt, mit Ehren bestanden. Wohl hat dieses Völkchen, das als Puffer zwischen die germanische und romanische Welt gestellt, und in welchem diese beiden Stämme sich glücklich und gedeihlich vermählt, einmal den kurzen Traum weltgeschichtlicher Größe geträumt; es war zu jener Zeit, als Karl der Kühne Belgien zur Stütze seines Burgunderreichs machte, als Brüssel mit Paris wetteiferte; aber vorher und nachher erfüllte es sein natürliches Geschick, daß es bald zu Frankreich, bald zum deutschen Nachbar durch Erbe oder Eroberung hinübergezogen wurde; es ist nicht von ungefähr, daß der Riesenkampf zwischen der vom Romanentum gestützten Weltherrschaft eines Napoleon und dem Germanentum auf belgischem Boden ausgefochten wurde; es war der natürliche Isolator zwischen dem Deutschen Reich und der französischen Republik; seine Selbständigkeit beruhte auf streng beobachteter »Ohnseitigkeit«, wie der Flame für Neutralität sagt. Und eben weil das Germanentum hinübergreift in die Flußgebiete der Maas und Schelde, ist's zu verwundern, daß die Meister deutscher Dichtkunst uns im »Egmont« und »Don Carlos« die Helden jenes Völkchens so lieb und wert machen konnten? Daß aber Belgien nicht nur das Land einer vernünftigen Bodenkultur und neuzeitlichen Großindustrie, nicht nur die Heimat eines Völkchens mit glücklichen Anlagen und großer Vergangenheit, sondern daß es auch eine vollständig moderne Staatsschöpfung ist und ein politisches Volk im höheren Sinne des Worts beherbergt, das lernt man am besten bei einem Aufenthalt in der Landeshauptstadt Brüssel . Der Eindruck, den man schon nach den ersten Berührungen mit den verschiedenen Volkskreisen erhält, ist der, daß Belgien ein Land ist mit monarchischer Spitze, aber republikanischen Rechten. Die Befugnisse des Königs reichen kaum so weit als diejenigen des Präsidenten in den Vereinigten Staaten. Die belgische Verfassung von 1830 entlehnte von der Republik alle Freiheiten, von der Monarchie alle Bürgschaften; ja, sie wollte auch den religiösen Fragen und Kämpfen ein Ende machen und stellte daher die Trennung von Staat und Kirche fest. Es wundert uns unter diesen Umständen nicht, daß die Kongreßsäule , die sich hoch und schlank als ein Wahrzeichen über die Stadt Brüssel erhebt, neben den in Erz gegrabenen Namen der Begründer belgischer Unabhängigkeit und dem Standbilde Leopolds I. auch – von zwei Löwen bewacht – die vier Grundfreiheiten des Landes darstellt: die Freiheit der Presse, die Freiheit des Unterrichts (nicht bloß der Staat, sondern auch die Kirche, die Parteien usw. können Schulen gründen); das Vereinsrecht, die Freiheit des Kultus (Belgien hat keine Landeskirche). Es liegt im Sinne dieser Grundfreiheiten der Verfassung, daß die Staatsschulen in Belgien dem Klerus die Schwelle verbieten; nur vor oder nach den eigentlichen Schulstunden darf er den Religionsunterricht erteilen; denn die Staatsschule ist neutral. Dagegen bekümmert sich der Staat auch nicht um die von der Geistlichkeit gestifteten Schulen; Staat und Kirche sind getrennt, und doch brachte diese von manchen politischen Schwärmern auch für Deutschland gewünschte Einrichtung nicht den Frieden, sondern mit der äußersten Erbitterung eröffnete die katholische Partei den Kampf um die Schule, vor allem um die Primär- oder Volksschule, während ihr die liberale Partei mit der Ruhe, die das Bewußtsein, für das Licht zu kämpfen, gibt, Widerpart hält. So erleben wir die merkwürdige Erscheinung, daß sich hier weniger ein Kampf der Nationalitäten abspielt, ein Kampf mit der Losung: Hie Flame, hie Wallone! sondern vielmehr ein Kampf zwischen Fort- und Rückschritt, zwischen »Lichtfreunden und Dunkelmännern« – so lauten wenigstens die Namen! Das Traurige dieser Erscheinung liegt vor allem darin, daß diese Trennung in zwei Lager durchs ganze Land geht, bis in die Familien hinein, bis in die Geschäftsverhältnisse. »Die Anhänger jeder der beiden Meinungen haben ihre Zeitungen, ihre Klubs, ihre Schulen, ihre Universität, ihre Armee, ihre Händler, ihre Schutzbefohlenen.« Ja, man könnte auch die Wirtshäuser und die Zeitungsverkäufer hinzufügen; man sieht auf Bahnhöfen wohl einen Zeitungshändler, an dessen Mappe in großen Metallbuchstaben die Worte prangen: »Journaux catholiques«, und erscheint es nicht lächerlich, daß man sich im kleinsten Badeörtchen erst vergewissern muß, welches die katholischen und welches die liberalen Hotels sind? Für den Fremden tritt dieser Kampf weniger an die Oberfläche, am wenigsten in Brüssel, wo zufolge der zahlreichen französischen, englischen, deutschen Kolonien und des immerwährenden Fremdendurchzugs ein mehr allvölkischer Geist zu finden ist. Es ist kein Zweifel, daß Brüssel in seinen Läden, Wirtshäusern, Cafés, Theatern sehr viel von Paris an sich hat, besonders die Namen und die Preise; aber das Französische ist ein Firnis, der nur die Oberfläche deckt, darunter steckt die echte Brabanternatur! Tritt nur aus dem prachtvollen Magazin in das Hinterstübchen, wohin Monsieur und Madame sich zurückgezogen haben: sie reden untereinander, mit den Kindern, mit den Dienstboten, flämisch. Nur wo sie nach außen hin vertreten müssen, sind sie Pariser. Dieser Anstrich ist übrigens mehr der oberen Stadt eigen, wo das Schloß, die Regierungsgebäude, die feinen Leute und Fremden, die Museen sich befinden, alle Häuser sind stilvoll in Renaissance gehalten, in Grün gehüllt; Boulevards und Parks dienen zur Erholung; vornehm in Aussehen und Namen sind die freien Plätze: die Place Royale, Place des Palais, Place du Trône, vornehm die Kirche St. Jacques de Caudenberg mit ihrer Freitreppe und der korinthischen Säulenhalle, von der aus 1831 Leopold I. zum König ausgerufen wurde. Doch steigen wir die engen, stark abfallenden Straßen, wie die Montagne de la cour, die Rue de la colline, die Montagne du Parc oder eine andere hinab, nach der alten Stadt, so sind wir wie in einer ganz anderen Welt; alles erinnert an Holland und die alten Maler. Vor allem auf dem Marktplatze kann man echt niederländisches Leben beobachten. Früh zwischen 7 und 8 Uhr werden die Häuser wie in Holland »schön gemacht«; da begießt man nicht bloß Fenster und Türen, sondern auch Mauern und Fußsteige, um dann mit Besen und Wischtuch, auch bei den Fußsteigen! nachzuhelfen. Da heißt's, die Füße hoch heben! Der Marktplatz, und zwar der eigentliche alte vor dem Rathaus: ja das ist echt niederländisches Leben, wie es uns die großen Maler auf die Leinwand geworfen: diese Berge von Blumen und Früchten, Ananas, Melonen, Tomaten, Kohl und Zwiebeln; diese Behälter mit den geschuppten Bewohnern der See; diese ausgeprägten flämischen Bauerngesichter, diese Gruppen plaudernder, feilschender, schimpfender Kernmenschen! Und rings um den Markt noch die alten Häuser mit Giebeln und Erkern, die Häuser der Hansa! Und in den Schenken die frühstückenden Landleute, während aus den Kellern der Duft alten Weines heraufdringt! Alles noch wie vor 400 Jahren! Doch in unmittelbarer Nähe erinnern uns die Markthallen mit der großstädtischen Einrichtung, daß wir im 19. Jahrhundert leben. Nun nach Gent , der Hauptstadt Ostflanderns! Schon beim Herannahen des Eisenbahnzuges sind uns die großartigen Treibhäuser und Blumengärten, sowie die zahlreichen Schornsteine deutliche Fingerzeige, daß wir uns einer Industrie- und Gartenstadt nähern. Doch beim Schlendern durch die Straßen will es uns überkommen, als ob die Stadt ein Kleid trüge, das entweder eine frühere größere Fülle andeutet oder auf Zuwachs berechnet sei. Weite Strecken liegen leer, große Gärten, Wiesen und Bleichen mitten in der Stadt; ja mancher große Plan macht den Eindruck des Feldes! Es ist in der Tat, wie wir vermuteten: Gent, das im 15. Jahrhundert 250 000 Köpfe zählte, der Sitz eines weltberühmten Tuchgewerbes war, 80 000 waffenfähige Männer ins Feld stellte; Gent, wo Maximilian von Österreich seine Hochzeit mit der reichen Erbin Maria von Burgund feierte, wo Karl V. geboren wurde, der Gent als seine Heimat liebte, seinen Handel und seine Kunst förderte, der mit den Bürgern nach dem Vogel schoß und mit ihnen den Krug leerte, der hier seine Krone niederlegte und seinem Erben Philipp hier die Niederlande auf die Seele band: Gent ist nicht mehr, was es früher gewesen; es ist auf 152 000 Seelen zurückgegangen. Die Hauptschuld daran trug der Jesuitenzögling Philipp II., der – wie hundert Jahre später Ludwig XIV. gegenüber den Hugenotten, »den besten Bürgern Frankreichs« – den lebensfrohen und königstreuen Gentern durch Religionsverfolgungen, Ketzergerichte und Schaffot die Heimat verleidete und ihr weltberühmtes Gewerbe vernichtete. Während aber die Nachbarstadt Brügge noch heute nur von der großen Vergangenheit zehrt, hat Gent seit der Unabhängigkeitserklärung 1830 sich aufgerafft, hat das gerade damals beginnende Zeitalter des Dampfes in seiner Bedeutung begriffen und benutzt, um zu neuer Blüte zu gelangen, ja das Niederlegen der Wälle scheint die Absicht anzudeuten, daß es noch über den alten Rahmen hinausquellen will. Wo früher die Handstühle klapperten, da arbeiten jetzt Spinnereien und Webereien mit riesigen Dampfmaschinen, mit Schwungrädern, welche die Höhe des ganzen Hauses haben, mit Tausenden von Arbeitern, die, wenn die Fabriken sich schließen, die geräumige Stadt beleben. Einen lebhaften Gegensatz zu den Leinen- und Baumwollfabriken mit ihrem entsetzlichen Gerassel bilden die großartigen Gärtnereien , deren gewaltige Treibhäuser Palmen und alle möglichen ausländischen Pflanzen beherbergen; und der Preis von 1000 Franken für eine unscheinbare Pflanze ist nichts Ungewöhnliches. Die meisten dieser Gärtnereien senden wissenschaftlich gebildete Botaniker in die Urwälder Amerikas und Afrikas und in die Gebirge Indiens und der Sunda-Inseln. Ganze Schiffsladungen von astlosen, scheinbar toten Stämmen, Farnen, Cykadeen usw. kommen jedes Jahr in Gent an; die Stämme beleben sich in den Kellern sehr bald wieder, und im Treibhause entfalten sie sich wie einst in der feuchtheißen Heimat. Man bemerkt in dem einen dieser Geschäfte Glashäuser, die man Kristallpaläste nennen könnte, die Flächenräume von der Größe unserer Märkte decken. In der Preisliste zählt dieses Haus allein 515 bisher ganz unbekannte Orchideenarten aus Brasilien, Mexiko und den Anden auf, und Palmen, von denen ein Stück 1600 Mark kostet. Die Einführung und Einbürgerung solcher Fremdgewächse bildet die Eigenart dieses Hauses. Und zuletzt noch einen Blick in den Haupthafen des Landes: Antwerpen ! Es ist gleich Gent eine vollständig flämische Stadt, das Herz der flämischen Bewegung, die sich die Wiedergeburt des kleinen Stammes besonders in bezug auf Malerei, Literatur und Musik angelegen sein läßt. Als Gent bereits in hoher Blüte stand, war Antwerpen noch klein; denn Brügge besorgte vom 13.–15. Jahrhundert den Welthandel; hier war der Stapelplatz für die Erzeugnisse, welche von Venedig, Genua, Mailand usw. ihren Weg zu Schiff nach den Hansestädten nahmen; hatten doch die Italiener ein ganzes Stadtviertel in Brügge inne, dasjenige der Lombarden. Die Entdeckungen eines Columbus und Vasco da Gama wiesen den Welthandel in andere Bahnen und spielten ihn in andere Hände, vor allem in die Spaniens. War Brügge der Sitz italienischer Großkaufleute, so wurde nun Antwerpen der Stapelplatz der Spanier, und noch in manchem Antlitz erkennen wir die Ähnlichkeit mit dem spanischen Gesichtsschnitt. Deshalb zeigen alle die großen öffentlichen Bauten den Stil des 16. Jahrhunderts, so die Börse , die 1858 auf dem Platze und nach den Plänen der alten (von 1531) wieder aufgebaut wurde, das Rathaus in Renaissance mit dem belebten Marktplatz, auf welchem eine schlanke Buche den Eingang zum Rathaus beschattet; um ihn herum stehen noch jene altertümlichen Gebäude, die sämtlich ihre 400 Jahre auf dem Rücken haben: das Haus der Bogenschützen Die alten geschichtlichen Gebäude sind heute natürlich andern Zwecken dienstbar gemacht worden. mit seinen fünf Stockwerken, das Haus der Gewandschneider, das Haus der Schreinerzunft mit reicher Stirnseite, mit feinen Säulchen und steinernem Bildwerk. Auf dem Markte ragt auch die großartige Kathedrale in die Lüfte. Die schon früher erwähnte Place de Meir, eigentlich eine breite Straße im Herzpunkte der Stadt, hat in ihren Patrizierhäusern und dem königlichen Schloß so recht den Charakter der Renaissance des 16. Jahrhunderts gewahrt. Van Eyck hat diesen Platz gemalt, Albrecht Dürer – als er 1521 beim Einzug Karls V. war, ihn bewundert, Rubens' Geburts- und Wohnhaus steht hier, zwar erneuert, aber im Geiste seiner Zeit; auf dem Groenplaats zeigt ihn sein Denkmal in der ganzen ritterlichen Vornehmheit seines Wesens. Ein Muster eines Patrizierhauses ist das 1876 von der Stadt angekaufte und mit der vollen Ausstattung in ein Museum verwandelte ehemalige Besitztum der berühmten Buchdruckerfamilie Plantin-Moretus; dieser Familie hatte der Weltherrscher Philipp II. den Titel »Erz-Typographen« und das Sonderrecht verliehen, für alle Völker seines Weltreichs die Bibel zu drucken. Keine Buchdruckerei der Welt hatte damals mehr Pressen, mehr Lettern für alle Sprachen der Christenheit, mehr Holzschneideformen, mehr geschickte Setzer und Nachprüfer als diese; die Setzerkästen stehen noch da, gefüllt mit Lettern, ebenso die Druckerpressen. Um den Hof zieht sich noch der vielästige Weinstock, den der erste Plantin gepflanzt. Und die Wohnräume! Tapeten von gepreßtem Leder; die Wände behangen mit den Familienbildern aus der Hand Rubens' und van Eycks; die geschnitzten Schränke und die Stühle mit den des Hauses Wahlspruch: labore et constantia aufzeigenden Lederpolstern, die schweren Kronleuchter von Kristall oder Bronze, die Sammetmöbel, die alte köstliche Uhr, welche Minuten, Stunden, Tage und Monate zeigt, die Glasmalereien der Fenster: alles offenbart den Geist des 16. Jahrhunderts und den gediegenen Reichtum einer durch Arbeit groß gewordenen Patrizierfamilie! Und dieser Charakter des gediegenen Altertümlichen eignet der ganzen Stadt mit Ausnahme einiger neu hinzugekommener Vorstädte. Wir nehmen unseren Weg aus dem Herzen der Stadt nach dem Scheldestrom; immer zahlreicher, immer enger werden die Gassen mit den merkwürdig gegiebelten Zackenhäusern, immer größer die Kinderschar auf den Stufen, immer stärker das Wagengerassel; warum hat man doch hier den Platz gar zu sehr ausgenutzt? Wir nähern uns der eigentlichen Lebensader der Stadt, der Schelde! Welch gewaltiger Strom ist sie hier; wie die Segler und die Dampfer, die vor Anker liegen, sich wiegen lassen von den majestätischen Wellen! An der Sehne des Bogens, auf den die halbkreisförmige Stadt sich stützt, ist ein gewaltiger Uferbau ausgeführt worden, der 56 Millionen Mark verschlungen hat. Der wachsende Handel erforderte diese Opfer. Und sie sind gern gebracht worden; der Belgier weiß, daß die Schelde das Schicksal Belgiens bedingt. Als der holländische Nachbar das aufstrebende Belgien erdrosseln wollte, sperrte er im westfälischen Frieden die Schelde, und sofort begann ein Verfall, dessen Größe man sich kaum vorstellen kann: die Weber von Gent und Mecheln, die Teppichmacher von Brüssel, die Wissenschaft und die Kunst suchten nach Brot; Antwerpen war wie ausgestorben; die 200 000 Einwohner sanken auf 40 000 herab; sein Hafen, der 2000 Schiffe fassen konnte, war nur von wenigen Fahrzeugen besucht. Erst die französischen Eroberer brachen 1794 diese unwürdigen Bande, erklärten die Schiffahrt auf der Schelde für frei, und der erste König Leopold erlangte bei der Trennung Belgiens von Holland auch die Aufhebung des Scheldezolles. So war die Hand, die Belgien an der Gurgel gefaßt, beseitigt, und wie mit Zauberschlag belebte sich der ganze Landesorganismus von neuem: der Bodenwert, die Bergwerksindustrie von Lüttich, Mons und Charleroi, die Zahl der Dampfmaschinen, das Tuchgewerbe von Verviers, die Baumwollweberei von Gent, die Leinenindustrie von Flandern, das Eisenbahnnetz, die Bevölkerungsziffer, das geistige Leben: alles hob sich zu ungeahnter Höhe, und der Hafen von Antwerpen erlebte seine zweite Blütezeit; er überholte Hamburg und Marseille. Süddeutschland und die Rheinprovinz sahen in Antwerpen ihren wichtigsten Stapelplatz; von London ist es 12, von Paris 10 Stunden entfernt, und der Scheldestrom mit Ebbe und Flut trägt ebenso die größten Ozeandampfer bis an die Kais der Stadt wie die Dreimaster aus Brasilien und La Plata. Die Docks zum Ein- und Entladen sind besetzt; beide Ufer der Kanäle, welche von der Schelde nach den Docks führen, liegen voll von Fässern, Kisten, Baumwollballen, Kohlen, Steinen. Die zahllosen Kähne in den Kanälen, die Rollwagen auf den Uferwegen, rotjackige Arbeiter, umherschlendernde Matrosen mit dem Ring im Ohr, Kapitäne im blauen Rock und der goldgeränderten Mütze: das alles gibt zusammen mit den Schätzen der Natur aller Zonen und den Kunsterzeugnissen der heimischen und anderer Weltindustrien ein wunderbares, erhebendes Bild. Der freien Schelde verdankt Antwerpen, daß es heute wieder Großhafen geworden ist. VI. Bilder aus den Mittelmeerländern. A. Apenninhalbinsel. 1. In der Po-Tiefebene. – 2. An der Riviera. – 3. Im heutigen Rom. – 4. Karneval im päpstlichen Rom. – 5. Die römische Campagna. – 6. Neapel. – 7. Pompeji. – 8. Skizzen aus Sizilien. – 9. Malta. – 10. Küstengrotten des Mittelmeers.   1. In der Po-Tiefebene. Quelle: Viktor Hehn, Italien. Berlin 1896, Gebr. Bornträger. Der Tauwind kam vom Mittagsmeer Und schnob durchs Welschland trüb und feucht Die Wolken flogen vor ihm her, Wie wann der Wolf die Herde scheucht. Er fegte die Felder, zerbrach den Forst, Auf Seen und Strömen das Grundeis borst. Am Hochgebirge schmolz der Schnee; Der Sturz von tausend Wassern scholl: Das Wiesental begrub ein See, Des Landes Heerstrom wuchs und schwoll; Hoch rollten die Wogen entlang ihr Gleis Und rollten gewaltige Felsen Eis. Das Welschland, das uns hier der Dichter nennt, ist ein anderes Italien, als wir es uns gewöhnlich vorstellen, wenn wir den Namen hören: hier im Mündungsgebiet der Etsch und des Po und vieler anderer Alpenflüsse, hier im südlichen Vorlande der Alpen und im Küstenlande der Adria dürfen wir nicht die sonnendurchstrahlte, schon an das wüstenhafte Afrika im Süden gemahnende, braungoldene, trockene Felslandschaft erwarten: nein, hier empfängt uns Marschenluft und Marschboden, eben, dunstig, von Kanälen und Flußarmen, zwischen Deichgeleisen schleichend, durchzogen; Moore und Sumpflachen, Sandbänke und Haffbildungen, Lagunen, Rohrdickichte voller Fiebermücken und Frösche, aber auch Weiden mit hohem Gras und buntem Milchvieh, Mais- und besonders üppige Weizen- und Reisfelder. Der Boden ist von dem Schlamm und Geröll der Alpenflüsse gebildet und wird vom Menschen seit der Veneter Zeiten umgestaltet: entwässert und eingedeicht. »Hier sind die Niederlande Italiens, hier ist die Heimat der Wasserbaukunst, klassischer Boden für Arbeit mit Grabscheit und Richtwage seit uralter Zeit.« Wenn im Herbst und Frühjahr, den Regenzeiten Italiens, Wassergüsse oder Schneeschmelze die lombardischen Flüsse füllen, wenn der Po sichtbarlich mit jeder Viertelstunde steigt und der Schirokko mit wütenden Schauern die Nacht durchsaust, dann eilt der Mensch an die uralten gewaltigen Dämme, die das Kulturland vor der Wut des Wassers schützen sollen; von Cremona an ziehen sie bis zur Mündung des Pos. Wo die Wogen den Damm zu unterwaschen drohen, wird durch Alarmzeichen der Deichbann aufgeboten, Faschinen und Sandsäcke werden versenkt, um den Bruch zu verhüten. So auch an der Etsch und all den anderen Alpenabflüssen! Ein Dorf wacht eifersüchtig darüber, daß das andere seine Pflicht tut, Deichpolizei und Deichgesetze sichern den Zustand der schützenden Wälle, hinter denen die Flüsse in hochgelegenen Betten, höher als das umgebende Land, dahingeschoben werden. Der Po zum Beispiel hat je näher seinem Delta kein Gefälle mehr, überfüllt und übersättigt drängt der Wasserdruck von oben her langsam die Flut vorwärts dem Meere zu, mühsam durch das eigene Schlammland seines Deltas sich durchringend, oft sich verstopfend, dann durchbrechend und einen anderen Weg zur See suchend, während der alte ein toter Arm, ein fiume morto, wird. So brach er im Mittelalter, 1152, nach Norden durch und näherte sich der nach Süden drängenden Etsch; der Mensch aber legte auch Durchstiche an und gab den Gewässern neuen Lauf in einem taglio , um der Schiffahrt eine bessere Straße zu öffnen. Auf den Kanälen, die ja von Venedig bekannt sind, aber auch sonst überall das Land durchziehen, gleiten Schiffe langsam hin; aus der Ferne sieht es aus, als führen sie über die grünen Wiesen hin. Den Alten war es schon ein geläufiger Vergleich, daß das Land der Veneter das Ägypten Italiens sei. Hier erhob sich die Nebenbuhlerin Roms, Ravenna , am Meere, unter Augustus eine mächtige Flottenstation, als Vorläuferin der eigentlichen Lagunen- und Wasserstadt Venedig, ward aber bald durch die Anschwemmungen ins Land zurückverlegt und ist heute 15 km von der Küste entfernt, voller Baudenkmäler als den Erinnerungen seiner Glanzzeit, umgeben von Sumpf und Pinienwald. Ein ähnliches Schicksal hatte die griechische Seestadt Spina nördlich von Ravenna, sie ist jetzt ganz verschwunden, die alte Hatria, die dem Meere den Namen gab, zwischen Po und Etsch, Padua, Altino und Aquileja als äußerster Vorposten gegen Osten am Isonzo. In der Zeit der Völkerwanderung wurden die Erfahrungen der Wasserbaukunst, des Pfahlrostbaus usw. von Flüchtlingen auf einige flache Sandbänke und Inseln im seichten Meere draußen in den Lagunen des Deltas übertragen, und die Herrscherin der Adria, Venedig, war gegründet. Aber trotzdem, daß hier in jahrhundertelanger Arbeit der Mensch den Weg zum Meere offen zu halten suchte, geht auch sie, Venezia la bella, dem gleichen Schicksale ihrer Vorschwestern entgegen. Durch Dämme wehrte man dem Meere und ließ nur der Flut gewiesene Gassen offen; ungeheure Summen verwendete der Freistaat der Venediger darauf, die Anschwemmungen des Po, der Etsch, der Brenta und Piave vor allem von der Stadt und ihrer Umgebung abzuleiten, Fahrstraßen ins Innere wie zum Meere freizuhalten. Als aber das Mittelmeer mit der Entdeckung Amerikas aufhörte, das Welt handelsgebiet zu sein, als die Dogenrepublik fiel, als Triest als Nebenbuhlerin auftrat, da war der Rückgang der alten Adriastadt besiegelt. La bella ist sie trotzdem geblieben, und es ist ein herrlicher Anblick für jeden Fremden, der über die lange Lagunenbrücke heutzutage sich auf der Eisenbahn, nicht mehr auf dem Schiffe der abendbeglänzten Inselstadt nähert, die wie ein zackiger Goldstreif auf der blauglitzernden Lagune liegt, märchenhaft fern, im feuchten Luftblau verschwimmend, wie die Erfüllung des Traumes von der Stadt der güldenen Gassen. Das Auge sucht jetzt wieder den stolzen Markusturm, der in sich selbst zusammensank, aber durch die Opferwilligkeit des italienischen Volkes zu neuer Schönheit wieder aufstieg. Sonst freilich Verfall überall an den Prunkpalästen der Dogen mit ihrem phantasievollen Bauschmuck, ein Träumen, ein Schlummern wie Dornröschenschlaf liegt über der Stadt des geflügelten Markuslöwen, der einst seine Schwingen schützend über das östliche Mittelmeer, über Dalmatien, Morea, Cypern breitete. Leben und Schaffen der Stadt hängt an dem Fremdenbesuche, doch hat sich in einer Beziehung Venedig den stolzen Namen als Herrscherin der Adria bewahrt. Wenn man vom Markusplatze zur Rialtobrücke wandert mit ihren Basarlauben, empfängt einen ein scharfer Fischgeruch, der einer Riesenhalle aus Eisen entströmt. Hier wird der letzte Tribut der Adria – ihre Fischfülle aufgestapelt. Da liegen bis 2 m lange Thunfische, deren Fleisch, in Olivenöl gebraten, ein Leckerbissen ist, Störe mit ihrem Schuppenpanzer, dann kleine Hundshaie, die »Briganten des Meeres«. Feine Speisefische wie »Sole« und »Brancino«, der goldschuppige Dorato, der weißrot schillernde Triglio, flundernartige, aalartige Fische, die winzigen »Frutti di Mare« werden auf Korbdeckeln in ungeheuerer Menge und zu sehr billigen Preisen feilgeboten, mit italienischer Lebhaftigkeit in Zungen- und Gebärdensprache verhandelt. Kinder hocken um einen Tisch und drücken aus einem Haufen schleimiger Tintenfische die Rückenschulpe, die ossa sepiae, heraus, damit diese »zu scheußlichen Klumpen geballten« Weichtiere in Öl gebacken und verspeist werden können. Dort krabbeln breite Taschenkrebse in den Körben, dort hummerähnliche Langusten, dort stehen Teller mit Krabben, Miesmuscheln und vielen anderen Lagunenmuscheln. Das ist der Fischmarkt von Venedig, für die Ernährung der Stadt so wichtig wie anderswo der Gemüse- und Fleischmarkt. Über der Lagune, auf der sich sonnendurchleuchtete Barkensegel rötlich blähen und weiter blauer Himmel spiegelt, draußen auf der dünenreichen Nehrung, die hier Lido (litus lat.) heißt, liegt jetzt ein großes modern eingerichtetes Seebad, das nicht nur von Italienern besucht wird. Nach der Illustr. Zeitung vom 22. Oktober 1903. Eine Dampfbarkasse führt uns von Venedig hinüber an den Landungsplatz, dort nimmt uns eine Pferdebahn auf, für die Venediger, die nur die Gondel als Verkehrsmittel kennen, ein staunenswertes Ding. Die Badeanstalt ist ein großes neuzeitlich eingerichtetes Gast- und Kurhaus mit langem Altan und großem Saal, die Seitengebäude enthalten die Badezellen. Dort herrscht neuzeitliches Leben : die feine Welt plaudert an den Marmortischchen des Altans und nascht von gelato oder granite oder schlürft Eisgetränke durch Strohhalme, die Kurkapelle spielt. Drunten in den salzigen Wogen tummeln sich wasserfröhliche Menschen. Die Badezeit der Italiener ist Juli und August, die fremden Gäste verweilen hier bis in die Mitte des Novembers. Gasthäuser gibt es in Menge. Auf der Nachbarinsel San Lazzaro liegt seit 1717 ein armenisches Kloster, ein Orden der römischen Kirche pflegt dort besonders die heimische Sprache und Literatur. Er nennt sich nach dem Armenier Petro Mechitar (1676 geboren), der von Konstantinopel nach dem venetianischen Morea und 1715 im Kriege zwischen Venedig und der Türkei ganz nach der Lagunenstadt wanderte. Wer aber an den Werken einstiger Macht und Größe in Venedig sich satt gesehen hat und des modernen Badelebens am Lido überdrüssig geworden ist, der suche das Volksleben der italienischen Fischerstadt Chioggia auf, 26 km südlich von Venedig auf einer Nehrungsinsel. Mächtige Steinmauern, die Murazzi, 15 m breit und 10 m hoch, sind hier von den letzten Dogen zum Schutze gegen die Wogen der Adria erbaut worden. Die Männer sind draußen auf der See groß geworden; ernst und ruhig schreiten sie einher, die Tonpfeife im Mundwinkel, die rote Mütze auf dem Haupte. Die schönen Frauen treiben ein wenig Gartenbau im Stadtteile Sottomarina, am Hafen. Die Gassen sind eng und schmutzig, nur wenige Kanäle durchziehen die bunten Häuserfluchten, an deren Stirnseite überall im Sonnenschein Wäschewimpel wehen. Der Abend wird am »Korso«, der Hauptstraße, nach dem heißen Tage durch Gesang und Gitarrenmusik gefeiert, da zeigt sich die alte Volkstracht der Frauen und Mädchen, die schmucke tonda oder indiana auf dem Haupte wird mit vollendeter Anmut getragen. Italienische Maler holen sich ihre Vorbilder und in dem Gewinkel der Gassen und Höfe reiche Anregung. Nach dem Dresdner Anzeiger vom 17. Sept. 1900.   2. An der Riviera. Quellen: Viktor Hehn, Italien. Berlin 1896, Gebrüder Bornträger: E. Strasburger, Streifzüge an der Riviera. Jena 1904, Gustav Fischer. Die schmale ligurische Steilküste des Golfes von Genua hat durch ihre klimatische Begünstigung Weltberühmtheit erlangt. Indem sich hier Alpen und Apenninen die Hand reichen und wie ein Sturmbock gegen alle die Himmelsgegenden stemmen, aus denen rauhe, ungünstige Wetter in der nördlich gemäßigten Zone nahen können; indem sich in diesem nach Süden geöffneten Gebirgsbogen ein warmes Meer ausbreitet, das wie eine Warmwasserheizung wirkt und der milden Südluft Tor und Tür öffnet, daß sie sich schmeichelnd in diesem Winkel fängt; indem endlich auf die Küstengehänge durch die feuchtklare Seeluft hindurch das reinigende, heilende, warme Sonnenlicht fast das ganze Jahr lang auffällt – ist hier ein bevorzugtes Gestade, ein Sonnenland entstanden, das von Urzeiten her ein Lieblingsaufenthalt des europäischen Menschen gewesen ist. Nach der Sonne richten sich auch die Namen der Riviera, die von Spezia, dem italienischen Kriegshafen, bis Genua R. di Levante, des Aufgangs, von Genua bis Toulon hin, dem französischen Kriegshafen, R. di Ponente, des Niedergangs genannt wird. Die wichtigste Stelle dieser Küste ist der innerste Winkel, von dem aus das städtereiche Ufer der beiden Rivieren auf dem Wasserwege nach allen Seiten leicht zu erreichen, zu versorgen und zu schützen war. Hier entstand Genua , eine Seestadt, die ihre Verbindungsfäden durch das ganze Becken des Mittelmeers im Mittelalter gezogen hatte und bis ins Schwarze Meer hinein gefürchtet war. Ihr verdankt es die ligurische Küste, daß sich perlschnurartig Ort an Ort ans Meer schmiegen konnte, während sonst die Gestade des Mittelmeers so leer sind, weil sich die Siedlungen landeinwärts zogen aus Furcht vor »dem Korsaren, der die Küste verwegen durchkreuzt«. Die alte Feindin Genuas, Venedig, zeigt heute alle Spuren des Verfalls, hier aber herrscht auch unter dem veränderten neuzeitlichen Weltverkehr Leben, Schaffen, Aufschwung. Mit einem Aufwande von 20 Millionen Lire ist ein gewaltiger Hafendamm aufgeführt worden, um ein stilles Landungsbecken für die zahlreichen Schiffe zu schaffen. An der mauergeschützten Berguferwand bauen sich mit Gärten und Bogengängen die Häuser der Stadt bis 300 m hoch auf. Der Raum ist knapp, daher sind selbst die Palaststraßen so eng, daß man die prächtigen Schauseiten der Gebäude nicht mit dem Blicke umspannen kann; daher sind die Häuser fast alle in die Höhe gewachsen und oft zu turmartiger Entwicklung gediehen; daher sind freie Plätze im alten Genua sehr selten. Auch die Verbindung Genuas mit dem Hinterlande war trotz der hohen Berge gerade hier ziemlich günstig; die Eisenbahnen gelangen durch zwei tiefe Einschnitte im Kamme, »Bocchettas« genannt, die noch von Tunnels in 3-400 m Höhe durchbohrt sind, nach der Stadt. Das Gelände der heutigen erweiterten Stadt ist natürlich ziemlich bewegt, aber die Technik überwindet diese Verkehrsschwierigkeiten durch Brücken und Tunnels auch für die elektrischen Bahnen, die den alten Stadtteil am Meere mit den neueren Vierteln am Berghange verbinden. Der Reichtum, den der See- und Landhandel in die Stadt trägt, zeigt sich bis heute in dem Kunstsinne der Genuesen. Wie in allen italienischen Städten von einiger Bedeutung hat die Stadt ihren denkmalreichen Campo santo, er wird von vielen für den schönsten Italiens erklärt. Auch die Bauten und Denkmäler, zum Beispiel das des Kolumbus, sind Zeugen dafür. Den anderen zahlreichen Orten der Riviera, außer Savona etwa, fehlt vor allem die günstige Rückwärtsverbindung mit dem Hinterlande, sie haben dafür als Gesundungsstätten, als Lustorte eine hervorragende Bedeutung. Wegen des langen warmen Sonnenscheins, der allen Bakterien feind ist, wegen des milden Seeklimas ziehen sich während des nordischen Winters vornehme Kranke gerne zur Erholung in irgendeinen der bekannten Kurorte wie Nervi, San Remo, Bordighera, Mentone usw. zurück; andere suchen diese herrliche südliche Landschaft rein zum Vergnügen auf. Das ist seit den Römerzeiten schon so gewesen. Zweierlei nur stört die Genesung der Kranken und die Lust der Reichen, der Mistral, ein kalter Fallwind von den Höhen der Seealpen, und der Staub, der sich auf den Landstraßen aus dem feinen Kalksteine der ligurischen Küste entwickelt. Doch sind manche Orte nach beiden Seiten hin von diesen Störenfrieden frei und deshalb am besuchtesten. Am meisten hat vielleicht die Gegend um Toulon durch den Sturzwind zu leiden. Am günstigsten liegt die Küste von Cannes bis San Remo. Hier beginnen an geschützten Stellen die Veilchen schon im Dezember zu blühen, die Schwalben versäumen ihre Südwanderung, und die Eidechsen vergessen ihren Winterschlaf. Denn Insekten sind zu allen Jahreszeiten wach und schwirren durch die warmen Lüfte. Die Orte liegen meist tief in kleine rundliche Golfe geborgen, im innersten Winkel, oder hoch oben auf den felsigen Vorgebirgen. Wie Schwalbennester kleben die weißen Häuser mit ihren offenen Fensteraugen rund um die Marina, den Hafen, mit seinen Ruderbooten und Segelschiffchen, die dem Verkehr und dem geringen Fischfange dienen. Lose bekleidete Männer flicken ihre Netze am Ufer, Frauen und Mädchen kommen aus den Terrassengärten, den Korb mit Anmut auf dem Haupte tragend, um auf dem Markte, auf den Steinfliesen am Brunnen ihre Früchte oder Blumen feilzubieten. Braune Kinder jagen sich in den engen Gassen, zwischen den turmhohen Häusern, die oft 10 Stockwerke wegen des Raummangels haben, selbst in so kleinen Städten wie Camogli. Die Hochortschaften auf den Vorgebirgen tragen meist Ruinen alter römischer Villen, mittelalterlicher Wachtürme oder Lustschlösser oder scharen ihre Häuser um ein Kloster oder eine Einsiedelei mit einer Madonnensäule. Heutzutage sind diese vielfach von Hotels abgelöst worden, die Wachkastelle von Leuchttürmen, Wetterwarten, Signalstationen. Soweit die Urgeschichte in graue Vorzeit hinaufleuchtet, findet sie an der Riviera auch Spuren des Menschen, der es sich an dem sonnenwarmen, von üppigem Pflanzen- und Tierleben überfluteten Gestade wohl sein ließ. Der Fürst von Monaco hat die Höhlen von Mentone sorgfältig und planmäßig erforschen lassen. Seit der bekannte Anthropologe Rivière in einer dieser Höhlen ein menschliches Gerippe gefunden hatte, wurde die Frage, von welchem Alter die Ablagerungen in diesen Grotten mit ihren Gebeinen sein möchten, lebhaft in der Wissenschaft erörtert. Die Funde an menschlichen Knochen aus vorgeschichtlicher Zeit sind so wenig zahlreich, daß jeder neue Fund besonders geschätzt wird. Jetzt liegt über die Ergebnisse der neuen Untersuchungen in den Höhlen von Mentone ein vorläufiger Bericht von Prof. Boule vor, der sich zunächst hauptsächlich vom geologischen Standpunkte aus mit den dortigen Ausgrabungen beschäftigt. Prof. Boule begann seine Arbeiten in der noch fast unberührt gebliebenen Fürstenhöhle, wo die Ablagerungen mehr als 20 m mächtig sind und zu unterst aus Meeresschichten bestehen. Die darüber lagernden Festlandschichten zeichnen sich dadurch aus, daß sie in ihrem oberen und mittleren Teile Reste von Renntieren, die bisher so weit südlich überhaupt noch nicht nachgewiesen waren, ferner vom Steinbock, vom Murmeltier und vom wolligen Rhinozeros enthalten. Diese Tiere sind Vertreter der Eiszeit. Die unteren Schichten des Höhlenbodens bergen wesentlich andere Tierreste in sich, nämlich solche des Ur-Elefanten (Elephas antiquus), der nach Merck benannten ausgestorbenen Rhinozerosart und auch eines Flußpferdes. Es ist nach der genauen Prüfung dieser Ablagerung ganz gewiß, daß hier das Meer früher wesentlich höher gestanden hat; beispielsweise hat man an einer Stelle, die jetzt 28 m über dem Meeresspiegel liegt, deutliche Spuren der Wirkung von Brandungswellen entdeckt, und außerdem erwies sich dicht daneben die Höhlenwand von Bohrmuscheln durchsetzt. Später muß dann durch Rückgang des Meeres genügender Raum für den Aufenthalt der Elefanten, Nashörner und Flußpferde geschaffen worden sein. In der »Kinderhöhle« sind in jüngster Zeit drei menschliche Gerippe aufgefunden worden. Das erste ist von Fachmännern untersucht worden und hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Knochenbau der eingeborenen Australier. Es steckte in einer Erdschicht, die außerdem Reste des Höhlenbären, der Höhlenhyäne, des Höhlenlöwen und des Merckschen Nashorns enthält. Das Alter jenes Menschen würde daher in die frühe Quartärzeit zu versetzen sein. Das zweite Gerippe wurde etwa 60 cm über dem ersten ausgegraben und war von Resten der nämlichen Tierarten begleitet. Das dritte Gerippe lag dagegen volle 6 m über dem ersten. Sein Eigentümer muß daher wohl wesentlich später, nämlich gegen das Ende der sogenannten Eiszeit, gelebt haben und ist wahrscheinlich ein Zeitgenosse des Renntiers gewesen. Das herrlichste Stück der Rivieralandschaft ist aber sicherlich der üppige Pflanzenwuchs. Es ist sehr schwer hier festzustellen, was einheimisch und was eingewandert ist; denn hier haben sich alle Pflanzen der Subtropen beider Erdhälften und viele der Tropen sogar ein Stelldichein gegeben; die Riviera ist dadurch ein botanischer Weltgarten geworden. Wer die Pflanzenwelt unserer Erde vom Renntiermoos der Tundra bis zur Dattelpalme der Sahara, von den Wiesenblumen und Wiesengräsern unserer Heimat bis zu dem Riesengrase der Bambusse und den Schlinggewächsen der Tropen kennen lernen will, der muß an diese Küste gehen. Der botanische Garten von La Mortola bei Mentone ist für diese Pflanzenzusammenkunft aus aller Welt mustergültig, aber auch in den Lustgärten der Schlösser und Landhäuser häufen sich die seltsamsten Gewächse aller Zonen: rosenumrankte Zypressen, in höheren Lagen unsere Obstbäume, australische blattlose Casuarinen und zitternde Eukalypten, der Teestrauch und der Kaffeebaum, Indigopflanzen und Zuckerrohr, Kampfer- und Zimtbäume, Agaven und Bambusse, neben dem Lorbeer des Apollo und der Myrte der Aphrodite usw. In den künstlich bewässerten Baumgärten, die hier als Nutzflächen die Stelle der Felder einnehmen, gedeihen vor allem die silbergrauen charaktervollen Ölbäume. Die Oliven werden herabgeschlagen, getrocknet und in den malerischen Ölmühlen in den Gehängeschluchten zerquetscht: das feine Jungfernöl, die Maschinenöle, die Seifenöle, die Brennziegel aus den Rückständen sind die Früchte dieser Kultur und Industrie. Die Olivenhaine lassen genug Licht durch, daß sich der Boden mit einem Flor lieblicher Anemonen, Orchideen, Muskathyazinthen usw. bedecken kann. Die Rebe weicht hier vor dem salzigen Seehauch zurück, erst in den Sandfeldern der Rhonemündung beginnt ihre Kultur bedeutend zu werden. Dagegen gedeihen in allen geschützten Lagen herrlich die Südfrüchte, jene Citrusarten, die aus Asiens Monsunländern hierher gebracht worden sind: Limonen oder Zitronen, Orangen oder Apfelsinen, Pomeranzen, Pompelmusen, Mandarinen. Die Hauptgebiete dieser Südfrüchte sind im Mittelmeere freilich Sizilien, Sardinien und die Balearen. Die Fiederpalmen liefern Weihwedel für die Palmsonntagsfeier, tragen aber keine verwertbaren Früchte. Sie geben, wie zum Beispiel die berühmten Scheffelpalmen So nach Viktor von Scheffel genannt. bei der Zisterne von Bordighera, der Landschaft ein afrikanisches Gepräge – die Küste von Beaulieu bis Eza bei Nizza heißt tatsächlich Petite-Afrique, Kleinafrika. Auf den Porphyrbergen des Esterel liefern die Edelkastanien gute Erträge; in den Tälern des Maurengebirges hinter Hyères gedeihen auf dem Urgesteine vortrefflich die Korkeichen, von deren Entrindung und Verarbeitung die Bewohner dieser Täler vorwiegend leben. Die Blumenfülle der Riviera fließt besonders während des Winters in alle nordischen Großstädte ab. Der Blumenversand der französischen Riviera hat seit etwa 1850 große Ausdehnung gewonnen. Die Veilchenfelder von Hyères, die Anemonen-, Ranunkel-, Nelken- und Rosengärten von Cannes, Antibes, Nizza senden ihren Überfluß nach Norden. Im Frühjahre ist aber auch der einheimische Verbrauch sehr groß bei den Blumenfesten und Blumenschlachten des Karnevals in Monte Carlo und Nizza, im Sommer und Herbste bei den Korsofahrten der Automobile der vornehmen Welt dieser Vergnügungsorte. Ganze Wagenladungen von Maiglöckchen, Veilchen, Nelken, Rosen und anderen starkduftenden Blüten aber werden in Cannes und Grasse zu Wohlgerüchen verarbeitet. Diese Luxusindustrie soll allein in Grasse einen Jahresumsatz an Blüten und ätherischen Ölen von 30 Millionen Franken haben. Die Eigenform der Rivieraflora ist aber die blütenübersäte Maquis oder Macchia, eine Art Strauchheide, die freilich durch die reiche Besiedlung sehr zurückgedrängt ist und den Gartenpflanzen fast überall hat weichen müssen. In unverdorbener Größe und Schönheit kann man sie besonders in Korsika kennen lernen. Schmetterlingsblüten und Lippenblüten von leuchtender Pracht und würzigem Dufte wie Ginster, Lavendel, Rosmarin – die weißen und roten zartblättrigen Cistrosen mit ihrem orangegelben Wurzelschmarotzer Cytinus, der ein Verwandter der sumatranischen Riesenblume Rafflesia ist – honigduftende Euphorbienbäumchen, weißtraubige Baumheiden, rotbeerige Wacholderbüsche, der Ölstrauch, die Ilexeiche, der Erdbeerbaum, kletternder Asparagus und schlingende Smilax und Lonicera und viele andere Stauden und Büsche bilden ein von bunten Schmetterlingen, summenden Fliegen, raschelnden Eidechsen und Nattern belebtes Dickicht. Der Wald ist durch einige kleine Bestände der Strandkiefer, der Aleppokiefer, der Pinie spärlich vertreten, doch entschädigen diese gehegten Zapfenbäume durch den Balsamhauch, der weithin von ihnen ausgeht. Diese üppige Pflanzenpracht, verstreut über die formenreichen Felsgesimse der steilen Bruchküste, die starre Alpenherrlichkeit, die von oben herabschaut mit ihrem Firnschnee, die flüssige Farbenglut des Meeres, die je nach der Beleuchtung durch alle Regenbogenlichter hindurchwandelt, die Fülle geschichtlicher Reste von grauester Urzeit an schaffen an der Riviera eine der schönsten und reichsten Landschaften dieser Erde.   3. Im heutigen Rom. Nach Ad. Stahr, Ein Jahr in Italien. 3. Auflage. (Oldenburg, Schulze'sche Hofbuchhandlung.) Roma Capitale von Dr. Rudolf Kleinpaul (Ausl. 1875. 14). Italien von Viktor Hehn. Berlin 1896, Gebrüder Bornträger. Das heutige Rom streckt sich in Gestalt eines Fächers, dessen Griff die Porta del Popolo mit der vorstadtartigen Verlängerung nach Ponte Molle hin bildet, etwa bis in die Hälfte des von den Umfangsmauern eingeschlossenen Raumes hinein. Dort kam vor der Eisenbahnzeit der Fremdling, der Rompilger im Wagen des Vetturino in der heiligen Stadt an. Drei Hauptstraßen, die Via del Babuino, die Via di Ripetta und zwischen beiden der weltberühmte Korso, bilden gleichsam die Gitterstäbe dieses Fächers, als deren Endpunkte von Porta del Popolo aus die Kirche S. Maria Maggiore mit ihrem spitzen Turme, das Kapitol und das Ghetto angesehen werden können. Von diesen drei Punkten in südlicher Richtung beginnt die Trümmerstadt, das alte Rom, dessen Überbleibsel aus der Kaiserzeit zwischen den unabsehbaren Gemüsefeldern, Gärten und Weinpflanzungen hervorragen, die jetzt wohl über zwei Dritteile des von den heutigen Umfangsmauern eingeschlossenen Flächenraumes bedecken. In diesem Neu-Rom geht keine Straße in der Richtung irgendeiner des alten Rom. Keine Phantasie reicht hin, sich die Vorstellung eines Platzes, wie er etwa das alte Marsfeld war, aus dem wüsten Häusergewirr mit seinen grauen Dächern, welches jetzt seine Stelle einnimmt, zu erneuern. Es hat geradezu etwas Gespensterhaftes, wenn zum Beispiel in der Nähe des schmutzig-engen Judenviertels oder unter den jämmerlichen Häusern am ehemaligen Forum des Nerva plötzlich die Reste eines alten Portikus oder ein halbversunkenes Säulenpaar vor uns aufsteigen. Sie gleichen »kaum kenntlichen Resten menschlichen Gebeines, die wir aus aufgedeckten uralten Gräbern hervorscharren«. Keine Stadt hat solche Erschütterungen, Verwüstungen, Umwandlungen erfahren wie Rom. Die tiefste und durchgreifendste in den 70er Jahren: Rom hat aufgehört, die weltliche Hauptstadt des päpstlichen Kirchenstaates zu sein, und ist zur Hauptstadt des Königreichs Italien, zur Residenzstadt des Königs geworden! Nachdem die schwache Militärmacht des Papstes Pio nono von den piemontesischen Scharfschützen gesprengt war, zog Viktor Emanuel am 20. September 1870 zur Porta Pia im Nordosten ein – die Sehnsucht so vieler Geschlechter, die dahingegangen, ohne diesen Tag zu erleben, war erfüllt: das einige Italien mit der Hauptstadt Rom war erstanden. Aus seiner vorläufigen Residenz Florenz kam am 27. November 1871 Viktor Emanuel abermals nach Rom, um das Parlament in der neuen Hauptstadt zu eröffnen und die glücklich errungene Einheit Italiens zu besiegeln. Da läutete die große Glocke des Kapitols, auf den Straßen wehten die Fahnen mit dem silbernen Kreuz im roten Felde; alle Körperschaften eilten nach dem Bahnhof, den König zu empfangen, und ein tausendfacher Jubelruf erscholl bei seinem Einzug. Er fuhr nach dem Quirinal, seiner neuen Residenz in alten, durch Jahrhunderte geweihten Mauern. Auf dem Platze, wo die rossebändigenden Dioskuren wie Söhne einer heroischeren Zeit zum Himmel ragen, sammelte sich das Volk, ungeduldig, den König auf dem Balkon nochmals zu begrüßen. Von diesem Balkon aus verkündigte sonst der Kardinal-Diakon den neugewählten Papst; von ihm aus spendete dieser selber der Stadt und dem Erdkreis seinen ersten Segen. Wird der König erscheinen und als ein nicht minder gnadenreicher Fürst den altehrwürdigen Balkon betreten? Ja, er kommt. Ein purpurner Teppich wird ausgebreitet wie zuvor, und der re galantuomo schwenkt den Hut unter dem Freudenruf der Patrioten: Viva Emmanuele re d'Italia! Den Namen Verdi, der die Anfangsbuchstaben dieses Rufes enthält, schrieb man, neckend, jetzt an die Türen der päpstlich gesinnten Großen in Rom. Eine neue Zeit war hereingebrochen: Rom war eine Residenzstadt geworden wie vorher Turin, Neapel, Florenz. Die Abgeordneten des Volks, ein neues Heer, der Hofhalt des weltlichen Fürsten, die Menge von Beamten – alles das brachte einen neuen Zug in das alte und doch immer neue Stadtbild. Trotzdem hat die ewige Roma nicht aufgehört, die Hauptstadt der katholischen Christenheit, die Residenz des heiligen Vaters zu sein; ihm ist der Vatikan zu unbeschränkter Verfügung geblieben mit seinen Palästen und Gärten, fast so groß wie die ganze piemontesische Hauptstadt Turin. Rom hat nicht aufgehört, die Ruine der Hauptstadt eines untergegangenen Weltreichs, der Wallfahrtsort der Gläubigen und – weltlicher Reiselust zu sein. Neben dem Charakter einer uralten Residenz des geistlichen Oberhirten der Christenheit mit seinen zahllosen Kirchen – deren mehr als 300 vorhanden – und den Hofburgen und Schlössern seiner geistlichen und weltlichen Fürsten bietet es in seinen neu angelegten Teilen und ihren glänzenden Basaren den Eindruck einer modernen Großstadt. Und wiederum genügen wenige Schritte, um sich hinaus in eine Stadt des buntesten, wenn auch nicht blühenden gewerblichen Treibens, und aus dieser wieder in die Stille und Einfachheit ländlicher Zustände zu versetzen. Und über dieses bunte Gemisch ragen die Trümmer der Ruinenwelt des alten Rom in ernster Einsamkeit zum Himmel empor, wie riesige Schattenbilder einer Jahrtausende alten Vergangenheit. Antike, frühchristliche Kunst, mittelalterliche Ziegelbauten, Renaissancepaläste, Rokokoprunk, neuzeitlicher Kasernenstil – alles ist vertreten auf dem bewegten Boden der Siebenhügelstadt. Diese Mannigfaltigkeit der Zusammensetzung ist es, welche hier jeden Fremden etwas für sich finden läßt und jeder Ermüdung durch gleiche Eindrücke vorbeugt. »Rom ist immer neu,« sagen die Fremden, auch wenn sie jahrelang hier heimisch sind. Dazu kommt, daß das Auf und Ab der zahlreichen Hügel, deren das heutige Rom über ein Dutzend zählt, von denen die Hälfte durch Ruinen entstanden, überall malerische Ansichten und Gruppen bildet. Rom ist auch darin unvergleichlich, daß es von jedem bedeutenden Höhepunkt; vom Monte Mario oder dem Kapitole, vom Aventin oder Monte Pinco, von San Onofrio oder von Villa Ludovisi aus gesehen, ein immer neues Rundbild bietet, welches an malerischer Schönheit, Pracht und Großartigkeit für den Beschauer immer die früheren zu übertreffen scheint. Wie die äußere bauliche Ansicht Roms den Anblick buntester Mannigfaltigkeit gewährt, so ist auch die heutige Bevölkerung der Stadt aus den verschiedensten Bestandteilen zusammengesetzt. Altrömisches Blut ist schwerlich mehr vorhanden, selbst nicht unter den vornehmen Familien, die zum Teil nicht einmal italienischen Ursprungs sind. Eher vielleicht noch in dem Kerne des niederen Volks, den Montigiani und Trasteverini. Von dem wenig zahlreichen Mittelstande der Negocianti di Campagna, Kaufleuten und Angestellten ist es Tatsache, daß eine Familie, die vier in Rom geborene Geschlechter aufzuweisen hat, eine Seltenheit ist. Die Mehrzahl der Einwohner sind Einwanderer aus allen Teilen Italiens, vornehmlich aus dem Neapolitanischen, Genua, der Lombardei, Piemont und den Provinzen des Kirchenstaates, aber auch Franzosen, Deutsche und Engländer finden sich genug. Wollte man genauer nachforschen, so würde man alle europäischen Völker hier vertreten finden, ungerechnet die Fremden, welche als solche sich in Rom aufhalten. Und doch so wunderbar ist die Naturmacht, welche Klima und Boden, Lebensweise, Erziehung und Anschauungen der Umgebung ausüben, daß sich trotz aller Buntheit über die Bevölkerung doch ein eigenartig Gemeinsames, charakteristisch Eigentümliches breitet, welches selbst dem längere Zeit hier lebenden Fremden sich mitteilt und den Bewohner Roms von dem aller anderen Städte Italiens in äußerer Erscheinung, Gesichtsschnitt, Behaben und Lebensführung wesentlich unterscheidet. Die Umgebung Roms, die weite, menschenverlassene Campagna mit den Riesenbogen ihrer Wasserleitungen, ihren Gräbertrümmern, aus denen die Asche der Toten längst verstäubt ist, ihren mittelalterlichen Türmen, ihren halbwilden Herden und Hirten, die an eine amerikanische Prärie mahnen, nur von Jägern und bewaffneten Aufsehern durchstreift – bis an die Tore Roms ohne irgendeine Spur gesittet-städtischen Lebens: – dann in Rom selbst, welches von jeder Seite her dem Kommenden eine neue Ansicht bietet, das bunteste Nebeneinander von Menschen und Dingen: der einem Wilden gleiche Bewohner der Abruzzen und der rußige Kohlenkrämer der Meergestade neben dem Kirchenfürsten in seiner Prachtkarosse und dem weltmännisch gekleideten Dandy im Hydepark auf seinem Vollblutrenner; alle Geistliche aller Orden in ihren mannigfaltigen Trachten; lange Züge von Propagandisten, Die Congregatio de propaganda fide (Gesellschaft zur Verbreitung des Katholizismus unter den Heiden und zur Ausrottung der Ketzerei) hat zugleich eine Pflanzschule für künftige Missionare (Collegium de propaganda fide) aus allen Völkern, worin jährlich eine Prüfung angestellt wird, in welcher jeder Zögling in seiner Sprache einen Vortrag hält. darunter alle Gesichtsbildungen der Welt, vom wollköpfigen Neger bis zum flachshaarigen Nordländer; Künstler und Fremde aller gesitteten Völker, eine ewig wechselnde Einwohnerschaft, immer neu und doch dieselbe; – dazu die Gestalten und Trachten des eigentlichen römischen Volks der Jackenmänner, der Montigiani und Trasteverini, die Scharen von Landvolk aus der Umgegend, vom ziegenbepelzten Hirten des rauhen Sabinergebirges bis zu der in Gold und Scharlach strahlenden Schönen von Nettuno, die leise einherschleichenden Jesuiten, die stolzen, nun kleinlaut gewordenen Dominikaner, die feinen Benediktiner, die braunen Kutten der Bettelmönche mit ihren Lasteseln, die altertümlichen Hellebardenträger an den päpstlichen Palästen, die neue Dienstkleidung des Heeres und der Hof des Königs, die Minister und das Parlament, das die politische Spannung stets rege erhält: das alles läßt die Langeweile nicht aufkommen. Man nehme dazu noch die Schätze der Büchereien aller Art, die Werkstätten der zahlreichen Künstler, die Ruinen des alten, die Paläste und Kirchen des neuen Roms, und man wird zugeben, daß jedes Suchen und Sehnen, jedes Alter, jede Lebensrichtung in dieser Weltstadt seine Rechnung findet.   4. Ein Karneval im päpstlichen Rom. Aus Adolf Stahr, Ein Jahr in Italien. Oldenburg 1846, Schulze'sche Hofbuchhandlung. (Zur Kennzeichnung der Römer.) Der römische Karneval begann 1846 am 14. Februar, am Tage des heiligen Märtyrers Valentin, und endete Dienstags den 24. desselben Monats. Die dazwischen liegenden beiden Sonntage, sowie der Freitag, unterbrachen die Festlust und gaben sehr wünschenswerte Ruhepunkte. Das Wetter war höchst günstig, der Winter gar nicht zu spüren. Mit Entzücken begrüßte alles am Sonnabend den blauen sonniggoldenen Himmel, der seinen Baldachin über den allbeliebten Herrscher Karneval breitete, welcher heute nach so langer Trennung Auferstehung und Wiedereinzug in seine allergetreueste Hauptstadt halten sollte! Durch die kleine Straße der Ripresa dei Barberi – so geheißen, weil hier die von Porta del Popolo aus laufenden Rennpferde wieder eingefangen werden – traten wir auf den Platz vor dem Palast Venezia in den Korso ein. Es mochte etwa gegen drei Uhr sein, und schon war die ungeheuere Straße mit Menschen gefüllt und zu einem einzigen riesigen Festsaale umgewandelt. Von allen Balkonen und Fenstern der hohen Häuser und Paläste strahlte die Pracht der bunten, besonders roten Teppiche hernieder. Schon die Heiterkeit dieses Farbenschmuckes setzt uns gleich in die rechte Feststimmung, bei der einem, wie das gute alte Wort heißt, das Herz im Leibe lacht. Allmählich füllen sich die Fensteröffnungen, deren Glastüren alle ausgehoben sind, und die Balkone mit Mädchen und Frauen im festlichen Putz. Die Forestieri (Fremden) eilen, ihre Plätze einzunehmen, welche schon lange vorher von ihnen zu hohen Preisen gemietet sind. Wer aber irgend rüstig genug ist, der benutzt, wie ich, den Balkon während des Karnevals nur als Zufluchtsort zum Ausruhen, wenn ihn das Schwimmen unten in dem Menschenstrome allzusehr ermüdet hat. Denn die rechte Hauptlust kann man doch hier, wie überall, nur dadurch genießen, daß man sich zum tätigen Teilnehmer und Mitspieler des bunten Faschingstreibens macht. Schon hat die große Glocke des Kapitols das Zeichen zum gesetzlichen Beginne der Karnevalslust gegeben, und der Zug des Senators von Rom bewegt sich in den gold- und farbenstrahlenden Staatskutschen langsam durch den Korso hinauf und hinab. Während aber der Senator, der Fürst Corsini, in den Korso einziehend, so die heiterste Weltlust eröffnete, begab sich seine Gemahlin, die junge schöne Fürstin Torlonia, Schwester des Don Alessandro, Herzogs von Bracciano, an der Spitze der frommen Schwesterschaft des Kolosseums, deren Haupt sie war, in unscheinbarem Bußgewande in die einsamen Räume dieser zum Tempel geweihten größten Ruine der Welt, um in dieser menschenverlassenen Einsamkeit des alten heidnischen Roms mit frommen Gebeten die Verzeihung des Himmels für die weltliche Festlust zu erflehen, welche aus dem neuen christlichen Rom über das stille Forum hin wie das Geräusch ferner Wogenbrandung zu den frommen Beterinnen herüberklingt. Dieser Gegensatz, welcher sich an jedem der acht Karnevalstage wiederholte, gibt ein recht schlagendes Bild von dem Gegensatze der beiden Weltanschauungen, welche der Katholizismus zu versöhnen sucht. Die Fürstin und ihre frommen Mitschwestern betraten nie den Korso zur Karnevalszeit. Aber sie verdammten auch nicht die Lust, welche auf ihm einherwogt, sondern bestrebten sich nur, mit eigener Entsagung und frommen Gebeten für die Seelen jener den Genuß der Weltlust möglichst unschädlich zu machen. Wird durch diese und ähnliche Veranstaltungen dem Religiösen zu genügen gesucht, so vergißt auch der Staat nicht, für die gute Ordnung Vorkehrungen zu treffen, und man hört von der Porta del Popolo her die Musikbande des päpstlichen Kriegsvolks. Die Dragoner haben den Dienst im Korso und in den angrenzenden Straßen, halten streng auf das Beobachten der Wagenordnung und wissen geschickt, ohne viel Aufhebens, Störungen zu beseitigen. Ecco fiori! ecco fiori! ist jetzt der Ruf, der uns im ganzen Korso entgegentönt. Ecco fiori! Es ist aber auch, als wenn der junge König Karneval alle Frühlingsblumen der Welt in seinen Dienst genommen und nach Rom gezaubert hätte. An allen Straßenecken des Korso haben Blumenverkäufer ihre farbenstrahlenden und duftspendenden Vorräte aufgestellt. Der ganze spanische Platz und die Via Condotti wimmeln von Frauen und Mädchen, Knaben und Burschen aus dem Volke, welche uns ihre Blumenkörbe mit dem jauchzenden Rufe: Ecco fiori, Signor, fiori, fiori, fiori, fresci! o che belle fiori! entgegenhalten. Hunderttausende von Blumensträußen, von den gering geachteten Feldblumen, den Primeln und Maßliebchen an, bis zu den kostbaren, im dunkeln Purpurrot glühenden oder in marmorner Weiße strahlenden Kamelien und den jungen Frühlingsrosen hinauf, werden von ihnen in kleineren und größeren Körben umhergetragen. Aber am beliebtesten sind mit Recht die süßen duftigen Veilchen, die Lieblingskinder des römischen Frühlings, deren Zauberduft schon lange die Paläste der römischen Großen füllt. Die Menge dieser Veilchensträuße ist ungeheuer. Man begreift kaum, wo bei der Armut an eigentlichen Blumengärten in und um Rom diese Masse von Blumen eigentlich herkommt. Aber die Landleute an den nächsten Hügeln und Gebirgen helfen aus, und auch die Campagna liefert ihre Blütenschätze, welche anmutiger und mannigfaltiger sind, als die Reisenden meinen. Diese Karnevalstage sind wahre Festtage für die povera gente von Rom und der römischen Campagna, welche die Blumen und Blümchen in römische Münzen umsetzt. Für ein paar Paoli bekommt man aber einen ganzen Vorrat von Veilchensträußen, und im nächsten Café füllt man ebenso wohlfeil die Taschen mit Confettis aller Art. Die Wagenreihen sind bereits in den Korso eingerückt und fahren, die eine von Porta del Popolo langsam aufwärts dem venetianischen Palaste zu, die andere von dort zurück durch das immer stärker anschwellende Menschengewühl. Freunde und Bekannte begegnen sich, Sträuße und Confetti wechselnd, und im Nu sind sie durch den unaufhaltsam flutenden Strom voneinander getrennt. Jetzt gilt es nun, Bekanntschaften anzuknüpfen unter den Schönen, die alle Fenster und Balkone erfüllen. Aber die Blicke werden durch den Glanz geblendet, man müßte hundert Augen haben! Trotz des ewigen si guardi! si guardi! der Kutscher kommt man doch hundertmal in Gefahr, von Pferdehufen getreten, von Rädern gestreift zu werden oder gar einen noch gefährlicheren Deichselstoß zu erhalten, namentlich am ersten Tage, wo alles in einer Art von Trunkenheit umherschwankt! Nachdem wir uns durch ein paarmal Auf- und Abwandern in den belebtesten Teilen des Korso bereits über die anmutigsten und schönsten Fenster und Balkone unterrichtet haben, beginnen die Vorbereitungen zu den kleinen Abenteuern, welche dem römischen Karneval einen so unglaublichen Reiz gewähren. Zuerst gilt es, durch mehrmaliges Wiederkehren und Zuwerfen von Blumen und Zuckerwerk die Aufmerksamkeit zu erregen. Der Balkon darf dabei nicht zu hoch sein, weil sonst der Verkehr zu sehr erschwert wird. Da man endlich solcher kleinen poetischen Liebeshändel der unschuldigsten Art mehrere zu gleicher Zeit anzuknüpfen und fortzuführen hat, ist eine andere Vorsicht die, daß die schönen Kinder, deren Dienste wir uns für den Karneval zu weihen gedenken, nicht allzunahe beieinander sich befinden, damit keine aus der Einbildung komme, sie allein sei die von uns in solcher Weise ausgezeichnete Herzenskönigin. Man beginnt mit dem Zuwerfen geringerer Sträußchen, die meist sofort mit Antworten gleicher Art dankend erwidert werden. Nur einzelne besonders verwöhnte stolze Schönheiten nehmen von solchen geringeren Aufmerksamkeiten keine Kenntnis. Nun aber steigert man sie. Dem Buchsbaum, blühenden Lorbeer, den Myrten, Maßliebchen und Anemonen folgen die allbeliebten Veilchen in größeren und kleineren, mehr oder minder zierlichen und kostbaren Sträußen. Kleine Kästchen mit verzuckerten Früchten, gebrannten Mandeln, Bonbons und dergleichen Naschwerk steigen gleichfalls auf und nieder. Gemachte Blumen und kleine zierliche Arbeiten weiblicher Hand von Seide und Atlas, Stickerei und allerhand kleiner puppenhafter Scherzkram müssen demselben Zwecke dienen. Allerlei kleine Zuschriften, gereimt und ungereimt, geschrieben und gedruckt, fördern das fröhliche und freie Entgegenkommen, und ehe man sich's versieht, wird man so bekannt und vertraut, als hätte man schon monatelang miteinander verkehrt. Und dies alles, ohne daß – außer einigen Dankesworten, die nur zu oft vom Tosen des Jubels ringsumher verschlungen werden – irgendein Wort gesprochen wird. Augen und Mienen reichen vollkommen aus, die Blumensprache, wo sie mangelhaft sein sollte, zu vervollständigen. Die freie Anmut und Schönheit, mit der die Römerinnen im Karneval jede solche Huldigung entgegennehmen, die verbindliche Höflichkeit, mit welcher eine jede, auch das Mädchen der untersten Volksklassen, uns den Dank gewandt auszudrücken weiß, sind wahrhaft bezaubernd. Man kann nicht aufhören, sich den Genuß immer wieder zu erneuern, dieses holdselige Grazia Signor! mille Grazie! aussprechen zu hören, und sich an der Zierlichkeit der Haltung und Neigung zu erfreuen, mit welcher sie uns dankend die Gegengabe, sei es im Vorübergehen, zureichen oder aus Fenster und Wagen, von Estraden und Balkonen herabwerfen. Die stolze Hoheit und das Selbstbewußtsein, welche im übrigen Leben den Grundzug der weiblichen Erscheinung in Rom ausmachen, sind im Karneval gemildert durch die allgemeine Freude und Fröhlichkeit, deren Rosenschein auf allen Gesichtern glänzt. Schon ist der ganze Korso ein unabsehbar durcheinander flutender Menschenstrom, in welchem sich die Wagenreihen, oft gänzlich stockend, nur langsam und mit Mühe gegeneinander fortbewegen. Am dichtesten wogt aber das Leben in demjenigen Teile, welcher sich von San Carlo und der Mündung der Via Condotti in den Korso bis zur Piazza Colonna erstreckt. Wie müde Schwimmer dem Lande zustreben, suchen auch wir endlich den Ruhehafen unseres Balkons zu gewinnen, dessen Mitgenuß uns durch gute Freunde gesichert ist. Schon unten bei unserem Streben, die Fila der Sitzreihen zu durchbrechen, welche auf gemieteten Stühlen zu beiden Seiten die Fußsteige der Straßen einnehmen, begrüßt uns von oben herab ein neckender Konfettiregen zur Strafe für unser verspätetes Erscheinen. Von oben überschaut man nun das kunterbunte Treiben, und der Anblick erscheint völlig neu. Nun erst übersieht man die Tausende der lustigsten Masken, vom einfachen Domino bis zu den glänzendsten Trachten in bunter Mischung und durch die in gewöhnlicher Kleidung Einhergehenden noch mehr auffallend! Griechen und Türken, Mohren und Perser, Pulcinellen beiderlei Geschlechts, rote, gehörnte Teufelchen, Doktoren, Advokaten und Quacksalber in altmodischer Tressentracht mit Puderzopf und Haarbeutel, riesige Klistierspritzen schwingend und fußlange Uhrschlüssel an den zolldicken Uhrketten: das alles rennt und springt, windet und drängt sich unter tausend Scherzen und Späßen neckend durcheinander. Sehr oft haben unter den Masken die Geschlechter die Rollen gewechselt, manchmal mit solchem Geschicke, daß man das Wahre nur schwer errät. Rom und das Gebirge sind reich genug, um durch die Tracht der verschiedenen Stände und Provinzen allein schon fertige, gern benutzte Masken zu liefern. So sieht man denn den Carretiero von Genzano und Velletri, den Maultiertreiber vom Gebirge, den Hirten der Campagna gern nachgeahmt. Es fehlt auch nicht an römischen Räubern und Banditenhäuptlingen in der äußerst malerischen, weltbekannten Tracht. Aber alle wirklichen Waffen sind aufs strengste verboten, und so sieht man sie denn mit hölzernen Dolchen und Pistolen, die lange Flinte von Holz im Arm, mit der sie Blumensträuße auf ihr Schlachtopfer abschießen, durch die Straßen ziehen. Verboten sind auch alle Masken geistlicher und Ordenstrachten; die Geistlichen vermeiden es selbst, sowohl Priester als Mönche, sich während des Karnevals auf dem Korso blicken zu lassen. Durchschreitet einmal ein einzelner das Getümmel, so regnen hageldichte Konfettischauer auf ihn von allen Seiten, bis er entweder in eine Seitengasse entweicht oder in irgendein Haus schlüpft. An den Fenstern dagegen und auf den Balkonen sieht man die schwarzröckigen Kleriker zahlreich offen und frei an der harmlosen Lust teilnehmen. Zur Gestaltung des römischen Lebens gehört wesentlich, daß man es auch dem ärmsten Lumpen ansieht, wie er seiner vollen Berechtigung sich bewußt ist, hier zu leben und womöglich das Leben zu genießen, so gut wie der reichste und vornehmste Bürger von Rom. Dieser Zug freier bewußter Menschlichkeit macht einem vorzugsweise das römische Menschenwesen behaglich und das Leben in seiner Mitte wohltuend. In unseren großen Städten haben sich die Reichen von den Armen immer mehr zurückgezogen. Sie haben sich mit ihren Prachtwohnungen in besonderen Stadtteilen, Straßen, Quartieren, versteht sich den gesündesten, hellsten, zusammengetan; das arme Volk ist weiter zurückgedrängt und schaut nun aus seinen Höhlen mit Neid auf die Viertel des Reichtums. Ganz anders in Rom, wo sehr oft in den Palästen selbst, neben und mit dem reichen Fürsten, alle Abstufungen der römischen Bevölkerung unter einem Dache wohnen. Der echte Römer findet jene Industrie und Geschicklichkeit des Lumpengesindels während der Karnevalszeit ganz natürlich, obwohl der Fremde sich oft darüber ärgert. Alles, was an Geschenken sein Ziel verfehlt, ist auf der Stelle die Beute dieser Schnapphähne; sie bringen dir deinen eigenen Strauß, der zu Boden fiel, mit der entzückendsten Unverschämtheit und bieten ihn mit einem volete per un paolo zum Verkauf an. Ja, sie springen selbst auf die Wagentritte und nehmen aus dem Körbchen, was ihnen zugänglich ist, wenn man nicht aufpaßt. Auf solche Kleinigkeiten achtet die römische Polizei nicht, und sie tut recht daran; aber desto strenger werden Vergehen und Verbrechen, namentlich Angriffe gegen Leben und Eigentum, geahndet; und man pflegt kurz vor dem Beginn des Karnevals gefällte Todesurteile zu vollziehen, um das Volk an die Gerechtigkeit zu erinnern. Die Römer haben größere Ausdauer für solche Lustbarkeiten als wir Deutsche, die wir uns öfter durch Ruhe und Einsamkeit stärken müssen. So gingen wir an einem Nachmittage in die Villa Medici, ließen uns die Terrasse der Boccage aufschließen und bestiegen das Belvedere. Von diesem Punkte aus genießt man die erquickendste Aussicht, ostwärts über die ganze Campagna und das Gebirge, dessen höchste Spitzen schneebedeckt im hellen Sonnenglanze leuchteten, westwärts über die Stadt, aus welcher von Zeit zu Zeit in leisen Tönen das Gebrause des Karnevals wie fernes Meeresbrausen zu uns empordrang. Gegen die Zeit des Pferderennens begaben wir uns wieder hinab auf den Schauplatz der Lust. Schon in den letzten beiden Tagen war der Zudrang der Kutschen ungeheuer gewesen. Einige Freunde, welche eine Fahrt zu Wagen durch den Korso machen wollten, hatten sich genötigt gesehen, nach mehrstündigem Warten in den Nebengassen auf die Ausführung ihres Vorhabens zu verzichten und den teuer bezahlten Wagen im Stich zu lassen. Heute nun schien die Fülle ihren Gipfel erreicht zu haben; denn während im Korso selbst die Wagenreihen nur selten und nach langen Pausen ein paar Schritte weit vorrückten, bildeten die in der Via del Babuino haltenden Wagen einen Zug, welcher sich über den ganzen spanischen Platz durch Via due Macelli um die Propaganda herum wieder auf die Piazza di Spagna zurück erstreckte. Auf das gegebene Zeichen haben die Wagen den Korso verlassen, der jetzt nur noch von Fußgängern eingenommen ist. Eine Kavallerie-Abteilung durchsprengt dreimal, zuletzt im gestreckten Galopp, den ganzen Korso, um für den Wettlauf die nötige Bahn zu machen. Aber nur auf einen Augenblick bildet sich eine Art von Gasse in dem dichten Menschenstrome, welcher sich unmittelbar hinter den weiter jagenden Reitern wieder zusammenschließt. Dann donnern die Kanonenschüsse, der Ruf: »I barberi, i barberi!« geht von Mund zu Mund, ein immer mehr anschwellendes Hallo und Hussageschrei verkündet das Ablaufen der Pferde vom Obelisken des »Volksplatzes«. Wie ein Blitzstrahl sausen die wunderlich aufgeputzten, mit Knistergold und allerhand buntem Flitter bedeckten Tiere an uns vorbei; wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, teilt sich die Menschenmasse immer eben nur so weit, um ihnen für die nächsten Sätze und Sprünge ihres wilden Laufes Raum zu geben, und schließt sich dann gleich hinter den letzten wieder zusammen. Aber da kommen noch einige Nachzügler, begleitet von dem Hohngeschrei der Menge; die Gasse öffnet sich aufs neue, und es regnet Würfe und Hiebe auf solch ein armes Geschöpf, das dann gelegentlich auch scheu wird und Unheil anrichtet. Eine beliebte heitere Unterbrechung ist es jedoch, wenn einer von den vielen Hunden, welche die römische Straße bevölkern, in die vor dem Abrennen geöffnete Gasse gerät. Augenblicklich schließt alles fest aneinander, und dem armen Tiere bleibt nach vielen vergeblichen Versuchen, die Menschenmauern rechts und links zu durchbrechen, nur der Ausweg, in gestrecktem Lauf den ganzen Korso hinabzurennen. Nachdem das Rennen der Barberi vorüber ist, rücken sogleich alle Wagen wieder in den Korso ein, auf dem sich nun alles bereitet, den Schlußakt des Festes würdig zu begehen. Ehe man sich dessen versieht, ist die nächtliche Dämmerung niedergesunken, rasch und plötzlich, wie im Süden der Tag abschließt. Da blitzt es auf aus dem Menschengewühle unter uns. Hier, dort, an den Fenstern, auf den Balkonen, von den höchsten Mansarden und Dachöffnungen herab zucken kleine Flämmchen empor. Sie mehren sich mit Blitzesschnelle, bald sind es Hunderte, bald Tausende. Wir eilen von unserem Balkone in die anstoßenden Zimmer, in welchen durch unseres Freundes Vorsorge zahlreiche Bündel und Päckchen der dünnen zerschnittenen Wachskerzen zum beliebigen Gebrauch neben den brennenden Lampen aufgestapelt sind, um uns mit den nötigen Moccoli zu versehen. In einer Minute sind wir wieder auf dem Balkon. Aber welche Veränderung ist unterdessen wieder vor sich gegangen! Das geblendete Auge ist kaum fähig, den ersten Eindruck eines Schauspiels zu ertragen, welches mir noch herrlicher erschien als Kuppelbeleuchtung und Girandola. Das berühmte Feuerwerk auf der Engelsburg. Der ganze Korso in seiner vollen Ausdehnung hat sich in einen langen beweglichen Lichtstrom verwandelt, in eine Milchstraße von Lichtflammen, welche wie Sterne in der Luft zu wandeln scheinen. Hunderttausende von Lichtern winken aus allen Fenstern, von allen Balkonen, schweben von den Schaugerüsten und selbst von den Dächern herab, schwanken auf 3-6 m langen Rohren, hoch über der Straße, mitten in der Luft. Oft trägt eine solche Canna deren über ein Dutzend, die darauf festgeklebt sind. Unten im Korso sind alle Wagen mit Lichtern und Wachsfackeln besteckt, alle Insassen tragen Lichterchen in den Händen, die sie durch Vorhalten der Drahtmasken oder in Papierlaternchen gegen den Angriff aller derer zu schützen suchen, welche sich von allen Seiten unermüdlich und oft mit Gefahr herandrängen, um ein Lichtchen auszulöschen. Der sternbedeckte Nachthimmel erscheint in tiefster Schwärze gegen das flammende Lichtmeer unten. Die bunten Masken, die schönen Augen der Frauen, all die Farbenpracht und Schönheit, das Bunte, Blitzende und Glänzende des Schmuckes der prachtvollen Zweispänner, in denen sich, vor Jubel und Lust strahlend, die schönsten Mädchen und Frauen in den entzückendsten Trachten dem Blick zeigen, die schnaubenden Rosse, das ganze farbenbunte Durcheinander der sich auf- und niederdrängenden, springenden, tanzenden und rennenden Tausende und Abertausende, hie und da von wahrhaft bacchantischem Jauchzen durchtönt: das alles erscheint in diesem wogenden und flutenden Lichtmeer tausendfach gehoben und verschönt von den wunderbarsten Rückstrahlungen und Streiflichtern. Alle Farben treten kräftiger, alle Formen körperlich bestimmter hervor. Roms Karneval im Glanz des Moccoliabends ist, was der Vatikan und seine Marmorwelt bei Fackelbeleuchtung. Hier erlahmt jede Hand, welche eine Beschreibung versucht. In dieser kurzen Stunde des Moccoliabends kann man mit vollem Rechte sagen, daß alle Römer, ja alle Anwesenden, seien sie sonst im Leben auch noch so ernsthaft, zu Kindern geworden scheinen. Denn es ist ganz unmöglich, sich der Ansteckung dieser allgemeinen Kinderlust zu entziehen, die in nichts mehr und in nichts weniger besteht, als seinem Nachbar, sei er befreundet oder wildfremd, alt oder jung, groß oder klein, das angezündete Moccolo, welches er in der Hand oder auf dem Stocke trägt, auszulöschen. Man verfolgt diesen Zweck mit einem Eifer, mit so kindischen Listen und Schlichen, daß sich der ausgelassenste Knabe deren nicht zu schämen hätte. Es ist, als ob alles, was von Jugend- und Kindheitserinnerungen in dem Erwachsenen schlummert, plötzlich wie durch einen Zauber von seinen Banden frei würde. Es ist ein Krieg aller gegen alle; jeder ist zugleich Angreifer und angegriffen. Wo der stärkste Atemzug zum Ausblasen der Moccoli nicht zureicht, erfindet die List alle möglichen Arten von Löschmaschinen. Hüte und Taschentücher werden in Bewegung gesetzt, und nicht genug, daß man auf den Balkonen sich der nächsten Nachbarn zu erwehren hat, entspinnt sich auch zwischen den übereinander befindlichen Stockwerken ein lustiger Kampf. Tücher, an lange Stöcke gebunden, werden von oben herab und von unten hinauf wie Fahnen geschwenkt, um die Moccoli auszulöschen. Man erwehrt sich ihrer so gut man kann, sucht sie mit Stöcken und langen Rohrstäben abzuwehren, oder mit den Händen zu erhaschen und abzureißen, und das Gelingen solcher Bemühung ist stets von dem lautesten Jubel begrüßt. Ich versuchte es, mich auf einige Augenblicke in die Straße zu begeben, und stürzte mich mit einem Freunde in das brausende Getümmel. Aber um hier lange auszudauern und die Besinnung nicht zu verlieren, muß man ein Römer und an solche Dinge gewöhnt sein. Es war mir wie einem Schwimmer, der machtlos in starker Brandung kämpft. Alle Wagen sind im Belagerungszustande. Die darin sitzenden oder auf den Sitzen stehenden Damen sind umgeben von beschützenden Herren, welche alle Angreifer von den Lichtern ihrer Damen abzuwehren und dabei zugleich ihre eigenen Moccoli zu schützen unablässig bemüht sind. Man steigt auf die Tritte, erklettert die Räder, klimmt auf die Bedientensitze, und wo ein Angriff gelingt, ertönt das ewige »senza moccolo!« triumphierend durch die Nacht. Die Römer und Römerinnen bewegen sich in diesem gewaltigen Aufruhr wie Fische im Wasser, dem Fremden aber sind, ehe er sich noch besinnen kann, seine Lichter ausgeblasen oder entrissen. Ich eilte einem heftig bestürmten Wagen zu Hilfe und reichte einer Dame ein dem Nächsten schnell entrissenes Wachskerzchen zum Wiederanzünden des ihrigen. Sie lüftete die rosafarbene Drahtmaske mit einem reizenden »mille grazie, Signor!« und reichte mir einen Veilchenstrauß, den sie noch vom Karneval her trug. Aber in demselben Augenblicke blies sie mir verräterisch mit einem fröhlichen »o che vergogna, senza moccolo!« (o welche Schmach, ohne Kerze) mein Moccolo aus. Mitten in diese hellflammende Lust des reizenden Wahnsinns, mit welchem der fröhliche Held Karneval unter Fackelschein zu Grabe getragen wird, ertönt plötzlich das Ave-Marialäuten von den zahllosen Kirchtürmen der ewigen Stadt, und schnell, wie er begonnen, endet all der strahlende Glanz des heitersten Festes, »ausgelöscht wie eine Kerze mit einem Hauche«!   5. Die römische Campagna. Alfr. v. Reumont, Römische Briefe eines Florentiners. Teil 2. Stahr a. a. O. II. S. 312 ff., und die Aufsätze von Dr. Siebmann und Dr. Fr. v. Hellwald, Ausl. 1875, 31 und 32. Der alten Via Appia nach Südosten folgend, der römischen Gräberstraße, zwischen Hügeln und Malern, zwischen Zypressen und Pinien und Oliven, an den Eingängen der Katakomben vorüber, in denen das römische Christentum geboren wurde, reitet man hinaus in eine schweigend öde Landschaft, die Campagna, den denkbar schärfsten Gegensatz zu der lebensprühenden Weltstadt. Hier sieht das Auge nur Ruinen von Wasserleitungen, Tempeln und Grabmälern, vermengt mit mittelalterlichen Bauten, die zum Teil noch verfallener als jene alten sind; einsame Osterien (Schenken), deren Aussehen nicht einladender ist als die Miene ihrer zerlumpten Bewohner; Denkmäler römischer Größe, bald zu gebrochenen Burgtürmen und Festen benutzt und mit Zinnen und Außenwerken versehen, bald in formlosen, efeuumrankten Steinklumpen den Unterbau einer Hütte bildend, die zwischen schlanken Zypressen weit über die Gegend hinausschaut bis zu den Bergstädten im Latiner- und Sabinergebirge in der Ferne. Hier ist keine einheimische Bevölkerung ansässig: man begegnet nirgends einem Landmanne, welcher das Feld bebaute, das sein Vater anpflanzte; man findet nicht eine bewohnte oder bewohnbare Ortschaft, nur hier und da einen Gutshof, dort hinter meilenlangen Holzzäunen Herden langschweifiger Pferde oder riesiger weißgrauer, großhörniger Rinder. Nur auf einem sehr kleinen Teile der Ebene wird Feldbau getrieben. Fremde ackern und säen in Eile, andere Fremde (meist Leute aus den Abruzzen) kommen zur Erntezeit und wohnen in Rohrhütten oder schlafen auf dem nackten Boden, den Todeskeim der Fieber in sich aufnehmend für die kärgliche Löhnung. Nur in den kälteren Monaten gewinnt die Steppe der Campagna etwas mehr Leben. Wenn die Herbstregen den dürren Boden etwas erfrischt haben und bald darauf mit dem Brande der Sonnenstrahlen auch die fieberübertragenden Stechmücken verschwunden sind, so schießt innerhalb weniger Tage das üppigste Gras empor in den versengten Niederungen und kürzeres bedeckt die allen Richtungen der Windrose folgenden Höhenzüge. Dann steigt der Hirt herab von den Abruzzen, wo ihn der Schnee vertreibt, vom Hochlande Umbriens und vom Sabinergebirge, und führt seine Schaf- und Ziegenherden in die Ebene. Lange Pfahlreihen bezeichnen die einzelnen Gebiete auf den ausgedehnten Weiden, dem Laufe der Ströme und Bäche, der Richtung der Straße oder der Bewegung des Bodens folgend, oft auch in gerader Linie das Land durchschneidend. Eine trockene Tuffsteinhöhle am Hügelabhange, ein ausgeräumtes, halb unterirdisches Grab, mit Spuren farbenreicher Arabesken auf der nun vom Rauch geschwärzten Wand, oder Reste eines mittelalterlichen Turmes sind die Wohnung des in Felle gekleideten Wanderhirten, dessen ungewohnte Aussprache verrät, daß er von fern her kam, und dessen sämtliches Hausgerät in ein paar Näpfen besteht und einigen Schaf- und Ziegenfellen, die ihm nachts als Lager dienen. Manch einer darunter kann ganze Gesänge Ariosts oder Tassos auswendig; denn in ihrer Einsamkeit lesen sie in alten abgegriffenen Büchern, während ihre großen, meist gelblich-weißen Hunde wachen und lauern und nicht selten der Schrecken des Reiters sind, der in das Gehege gelangt, indem er das Land durchstreift bis an die Ufer des gelbtrüben Tiberstroms. Das im Jahre 1782 aufgenommene Besitzstandsverzeichnis über die 10 700 qkm, welche die Grundstücke der Campagna einnehmen, ergab, daß etwa zwei Dritteile des Landes in den Händen von nur 113 Eigentümern, das übrige Dritteil im Besitz von Kirchen, Klöstern und frommen Stiftungen war. Pius VI. und VII. konnten trotz des besten Willens, mit dem sie sich der Sache annahmen, doch nicht bewirken, daß mehr als etwa der zehnte Teil dieses fruchtbaren Landes angebaut wurde, und selbst dies geschah nur zwangsweise und schlecht, und der Ertrag befriedigte wenig mehr als die Hälfte des Bedürfnisses der Stadt Rom. Ein Erlaß Pius VII. schildert mit gründlicher Einsicht den Zustand der Campagna (1802) und spricht unverhohlen aus, daß ohne Wiederbevölkerung mit ständigen, durch Besitz und Erbpacht an den Boden gebundenen Bewohnern kein Heil für die Kultur des Landes zu erwarten sei. Dazu sei die Aufteilung der ungeheueren Ländereien (Latifundien) ein notwendiger Schritt, wenn die Entvölkerung und Verödung und damit die Ungesundheit der Campagna nicht immerfort zunehmen solle. Und sie nahm zu, und die Zahl der Besitzer verminderte sich noch mehr; denn weder Erbpacht, noch selbst Kolonienverhältnisse konnten bisher durchgesetzt werden. Die großen geistlichen und weltlichen Grundbesitzer verpachten ihre Besitzungen an wenige Großpächter, die sogenannten Mercanti di Campagna. Diese Mercanti di Campagna bebauen jetzt durchschnittlich etwa den zwölften Teil des Bodens mit Korn, Mais, Bohnen, Hafer usw. Bestellung und Ernte besorgen Arbeiter aus den heimischen Gebirgen und dem angrenzenden Neapel gegen hohen Lohn, etwa 20 000–30 000 an der Zahl. Aufseher zu Pferde überwachen diese geworbenen Scharen, deren Lagerstätte die fieberschwangere Erde ist, wenn nicht die Nähe Roms einigen die Treppen und Vorhallen der Kirchen oder die Ruinen und Gräber als Zuflucht bietet. Dazu die Gluthitze der römischen Julisonne am Tage und die feuchte Kälte der Nächte, die Stechmücken, welche große Reisigfeuer, im Kreise um die Lagernden angezündet, nur schlecht abwehren, die schlechte Kost, das schlechte Wasser und der erhitzende, oft verdorbene Wein. Daher ergreift denn das Fieber gegen Ende der Erntezeit einen nach dem anderen. Dann füllen sich die römischen Spitäler. Manche werden in wenigen Tagen dahingerafft; andere schleppen sich siech und matt in ihre heimischen Berge zurück. Vor nicht zu langer Zeit hat auf Anregung des volkstümlichen Generals Garibaldi, der sich vorgenommen hatte, den Tiberfluß einzudämmen, die Campagna urbar zu machen und die Malaria zu bannen, der merkwürdige Landstrich abermals die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Der Boden der römischen Campagna scheint allen Versuchen, ihn zu verbessern, zu spotten. Er ist vulkanischer Natur, die sich sowohl in den tiefen Schluchten, von denen der Erdboden zerrissen ist, kund gibt, als auch in dem sich überall vorfindenden roten Tuff und den Lavabrocken, die man besonders auf der via Appia von dem Grabmal der Cecilia Metella an bis zu den Albanerbergen als Reste eines von dort herabgeflossenen Lavastromes findet; – die Pflasterung der alten Straße ward hauptsächlich aus Lavastücken bewerkstelligt. Die vielen Seen des Ciminischen Waldes und des Albanergebirges sind samt und sonders alte Krater von Vulkanen. Durch den vulkanischen Tuff sickert wie im Kalkgebirge das Wasser leicht hindurch und sammelt sich dann in den Schluchten. Da es in der Steppe an Bäumen fehlt, deren Wurzelgeflecht die Feuchtigkeit der tieferen Erdschichten aufsaugen könnte; denn noch Papst Gregor III. ließ ein Pinienwäldchen vertilgen, damit es den Räubern der Campagna nicht zum Schlupfwinkel dienen möchte – da auch der Anbau der Gegend im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr vernachlässigt wurde, während im Gebirge die Ausrottung des Waldes lustig weiter ging und damit die Überschwemmungen im Frühjahr und Herbst zunahmen, die überall Pfützen und sumpfige Tümpel zurückließen: so mußte die Fiebergefahr in der Campagna sich steigern und der Wiederanbau lahmgelegt werden. Deswegen geht zunächst der Plan der italienischen Regierung und einsichtiger Privatleute besonders dahin, Bäume anzupflanzen. Aber die Bäume gingen meist zugrunde. Den Trappisten der Abtei delle tre Fontane gelang es endlich, den »Fieberheilbaum« zu finden, der in der überfeuchten Erde fortkam: den australischen Gummibaum, Eucalyptus globulus, der jetzt überall in den Maremmen (= ora maritima) den Küstensumpfländern zur Bodenbesserung angepflanzt wird. Er gedeiht vortrefflich, und die Mönche jenes Klosters brauchen nicht mehr die Sommernächte in Rom zuzubringen, sondern bleiben ruhig in ihrem Kloster. Dort haben sie eine Baumschule angelegt und geben gern Setzlinge des wertvollen Baumes an benachbarte Landgüter ab. In 6 Jahren schon erreicht der blaugraue Baum eine Höhe von 20 m. Diese Raschwüchsigkeit schädigt keineswegs sein Holz; denn es ist sehr hart und dauerhaft und kann zu Tischlerarbeiten Verwendung finden.   6. Neapel. Quelle: R. Kleinpaul, Neapel und seine Umgebung. Leipzig 1884, Schmidt \& Günther. Wer vom Schiffe aus beim Aufgehen des Tagesgestirns Neapel plötzlich vor sich sieht, meint einen Blick in das Paradies zu tun. Weit, offen, unermeßlich erhebt sich vor uns das große Halbrund, das man Neapel nennt, beherrscht von fünf Kastellen, und rechts von uns ragt aus der dem Garten Eden gleichen Ebene der gewaltig breite Kegel des Vesuvs, eine Rauchsäule ausstoßend. Ja, blühend sind die Gelände, an denen sich die Stadt hinzieht; kühle, köstlich duftende Winde küssen ihr das Antlitz, vom Meer herstreichend; sie umnebeln die Sinne und lassen den Berauschten den Titanen vergessen, der tückisch im Hintergrunde auf das entzückende Leben herabsieht. Kein Wunder, daß die Alten hier den Sitz der Sirene Parthenope verehrten, die der Sage nach auch den göttlichen Sänger Virgil gefangen hielt, so daß man sie noch heute mit dem Dichternamen Parthenope nennt. Noch eine andere gütige Fee hatte dem Volksaberglauben nach auf dem herrlichen Stück Erde ihren Sitz, die heilige Lucia, die Schutzpatronin des bekannten Kais von Santa Lucia inmitten der Stadt; sie gilt als der Blinden Trost, spendet die heilende Schwefelquelle und gibt dem Fischer, dem Matrosen und Lazzaroni das nährende »Meerobst«, nämlich Austern, Hummern, Krabben, Seespinnen und See-Igel. Obwohl der ganze Halbkreis des Golfes eine einzige, zehn Stunden lange Stadt zu sein scheint, hört doch Neapel im engeren Sinne jenseit des Flüßchens Sebeto im Osten auf, während wir als den westlichen Endpunkt den zwar nicht hohen, aber jähen Bergrücken des Posilippo anzusehen haben, welcher die Stadt scharf und bestimmt von den phlegräischen Feldern und dem Busen von Pozzuoli scheidet. Als Nordpunkt ragt auf steilem Kegel der königliche Palast Capodimonte, während die Stadt im Süden durch das Felseninselchen abgeschlossen wird, das durch eine Brücke mit dem Festlande verbunden ist und das Castello dell'Ovo trägt. Ihre Brust kühlt die Stadt in dem blauen, offenen Meere, mit dem Rücken lehnt sie sich an eine Bergkette, welche eine natürliche, durch die Kunst befestigte Mauer bildet. Die Häuser steigen an dieser Umfassungsmauer in die Höhe, daher der amphitheatralische Bau der Stadt, deren oberste Galerien wohl 100 m Höhe haben. Steile, unfahrbare Straßen, Treppen genannt, steigen dort hinauf. – Neapel bedeutet wörtlich Neustadt, und zwar bezeichnet dieser Name den Gegensatz zur Altstadt (Palaeopolis), welche ursprünglich den Westen der jetzigen Stadt bildete, doch heute nur aus Villen und Gärten besteht, da die östliche Neustadt (Neapolis) durch Handel zu rascher Blüte gelangte und den alten Stadtteil verschlang. Vor Rom und Florenz hat Neapel vor allem eins voraus, die unvergleichliche Lage. So wie nach griechischem Glauben niemand aus diesem Leben scheiden sollte, ohne den olympischen Zeus des Phidias gesehen zu haben; so wie kein Mohammedaner zu den Pforten des Paradieses eingeht, ohne an den heiligen Stätten Mekkas gestanden zu haben, so glaubt auch der Neapolitaner, daß der Sterbliche nicht aus dem Erdgarten scheiden sollte, ohne das köstlichste Kleinod desselben geschaut zu haben, Neapel. Daher das Sprichwort: »Vedi Napoli e poi muori!« Selbst die in Neid entbrannten Bewohner von Mailand und Florenz gestehen ihr den Preis der Schönheit zu: »Venedig ist reich, Genua stolz, Florenz anmutig, Rom erhaben und majestätisch, aber Neapel scheint ein Stück des Himmels selbst zu sein; die Aussicht von dem Kloster Camaldoli, dem höchsten Gipfel in der näheren Umgebung, gilt für die herrlichste in ganz Italien, und auf dem sorgenfreien Posilipp, wo ein schmeichelnder West jedweden Kummer auflöst, wo edle Reben bräutlich den Stamm der Pinie umschlingen, die Opuntien üppig wuchernd die heiße Felswand überkleiden und die Agave ihren mächtigen Blütenschaft emportreibt, wo tausend Villen und Lusträume die sehnende Kreatur zum Fest des Lebens laden, scheint eine Welt mit sich selbst zu versöhnen und des Daseins froh zu werden – das hat etwas Berauschendes, man kommt gleichsam von Sinnen, man erhält einen Vorschmack der Seligkeit.« In erster Linie verdankt Neapel diese Vorzüge der Lage dem prachtvoll schimmernden, wollustatmenden Golfe, dem schneidend klaren Himmel und den mannigfachen, vornehmen Bergformen, welche den Hintergrund bilden. Selbst das härteste Herz, das ohne klassische Erinnerungen diese Schönheiten zum ersten Male genießt, kann nicht, ohne gerührt zu werden, an so viel göttlicher Herrlichkeit vorübergehen. Wagen wir uns nun hinein in den Strudel des neapolitanischen Volkslebens ! Es wird dir gut sein, lieber Leser, die Nerven zu stählen; denn gewaltig sind die Erschütterungen, die einem in dieser Stadt hochwogenden Lebens bevorstehen. Schon wenn zwei auf der Straße ein Gespräch führen, klingt dies wie ein wütender Streit, und die Hausierer, Marktleute und Marktschreier machen die Handbewegungen zu ihren schreienden Verhandlungen mit einer Gelenkigkeit, die wir Nordländer nur am Seiltänzer im Zirkus zu sehen gewöhnt sind. Machen wir uns auf den Weg nach dem Hafen! Vom Gehen scheint leider nicht die Rede sein zu sollen. Denn sobald wir den Fuß aus dem Hause setzen, stürmen von allen Seiten mindestens ein Dutzend Kutscher auf uns ein; wir kommen in Gefahr, von den ansausenden Carrozelles überfahren und von der um uns sich türmenden Wagenburg erdrückt zu werden, wenn wir uns nicht schnell entschließen, ein Gefährt zu mieten. Doch Mut! Sobald wir einmal die Villa Nazionale erreicht, sind wir gerettet; denn dorthin, in die Promenade, darf uns kein zudringlicher Rosselenker folgen. Die Villa Nazionale ist der Hauptspaziergang Neapels und ein Teil der Chiaja, die sich fast 2 km lang am Meere in westlicher Richtung hinzieht. Der Raum zwischen den Häusern und dem Meere ist in verschiedene Zonen geteilt. Unmittelbar an den vier- und fünfstöckigen Häusern hin zieht sich der breite Fahrweg, wo unzählige Droschken, zweiräderige Corricolos, überlastete Omnibusse und herrschaftliche Zweigespanne in sausender Fahrt durcheinander wirbeln. Abends ist er teilweise für den Korso freigelassen. Dann müssen sich die Wagen nicht selten zu fünf nebeneinander vorwärts bewegen. An den Fahrweg schließt sich meerwärts die Reitbahn, dann folgt der einem langgestreckten Gürtel ähnelnde Garten, Villa genannt, mit seinen in ewiger Jugend prangenden Anlagen und den Denkmälern berühmter Söhne Italiens, Vergils, Tassos und andern. Den letzten, unmittelbar am Meere hinlaufenden Saum der Chiaja bildet der schöne Kai, von dem ein prachtvolles Belvedere ins Meer vorspringt. Und auf dem Meere selbst durchschneiden Hunderte von Gondeln die blaue Flut. Ja, wer in schöner Sommernacht auf dem Belvedere diesem Treiben zusieht: dem Korso, dem Wiegen der Gondeln, der durch die Villa flutenden Menge der Spaziergänger, während die helle Mondscheibe über den Vesuv und den Tempel Vergils magisches Licht ausgießt, und die Töne sanfter Musik vom Rondel durch die mit Wohlgerüchen erfüllte Luft zittern, der steht trunken, überwältigt vor dem Bilde südlichen Lebens. Alle Augenblicke springen in der Nähe der zoologischen Station (in den siebziger Jahren von Dr. Anton Dohrn mit Unterstützung der deutschen Reichsregierung gegründet zu dem Zwecke, das Tier- und Pflanzenleben des Mittelmeeres zu erforschen) jugendliche Taucher ins Meer hinab, um die kleinen Geldstücke heraufzuholen, die müßige Zuschauer hinabwerfen. Sie erinnern uns bereits an die Lazzaroni, die wir beispielsweise am Largo della Vittoria vor der Bude des Wassermanns antreffen. Ein neapolitanischer Wassermann in seinem bekränzten, hell erleuchteten und sinnig ausgemalten Häuschen gleicht dem Moses der Wüste, nur daß er fast an allen Straßenecken zu finden ist. Zwei Holzkübel schwenkt er ohne Aufhören hin und her, und dabei läßt er sie zugleich um ihre Achse sich drehen. Beide enthalten Wasser und Schnee zur Kühlung. Schnee vom Monat Sant' Angelo oder vom Ätna vertritt hier die Stelle des Eises. Dem gekühlten Wasser wird durch Zusätze von Anis, Kirschsaft, Mandelmilch, Zitronat, Sirup oder Tamarinde der üble Beigeschmack genommen. Man begegnet auch Wasserhändlern, die, ihre Kübel und Liköre durch die Straßen tragend, Wasser feilbieten. Hoch und niedrig sprechen bei dem Aquajulo (Wasserhändler) vor. Außerdem hat Neapel einen Gesund- und Mineralbrunnen, die Acqua Solforosa, das Schwefelwasser, am Santa-Lucia-Kai. Es wird in der ganzen Stadt wie in der Umgebung in irdenen Krügen (Mommare) ausgeschenkt und wirkt abführend. Wer zu der Quelle am Kai selbst hinabsteigt, dem wird sogleich durch eine reizende Neapolitanerin das Schwefelwasser gereicht. In Neapel, wo die glühende Sonne den Menschen nötigt, nach Erfrischungen auszublicken, spielt auch die Wassermelone eine große Rolle, jene kürbisartige, grünschalige Frucht mit hochrotem Fleisch. Sie wird in Scheiben geschnitten, auf Eis gelegt und schmeckt süß und erfrischend. Ja, das Volk behauptet, man könne sie essen, trinken und mit ihr (das ist mit dem Gewebe unter der Schale) sich das Gesicht waschen. In der Hafenstraße, Strada di Porto, der Küche der Lazzaroni, haust rechts und links in Zelten eine halbnackte, schreiende, sich raufende Menge. Gassenjungen stecken den Kopf ins Innere einer ausgehöhlten Melone. In zwei Buden wird diese Götterfrucht ausgeboten und unter Grimassen und Übertreibungen angepriesen: »Castellamare, ei, ei, welch ein Wunder! Sie sind von Castellamare. – Sie sind gewachsen unter Schnee und brennen (wegen des roten Fleisches) wie Feuer! (Nach dem Zerschneiden:) Herr Gott, was für eine Pracht! Nein, so eine Herrlichkeit! Die Sonne geht auf! (Indem der Händler in jeder Hand eine der beiden Hälften hochhält:) Hier ist die Sonne, das andere ist der Mond! Acht Solidi für die Sonne, vier Solidi für die halbe Sonne, drei Solidi, wenn man sie gleich aufißt! (Er legt einem Knaben eine neue Melone auf den Kopf, zerlegt sie und ruft mit Anspielung auf die rote Farbe:) Ha, das achte Wunder der Welt! Feuer, Feuer! (Der Händler auf der anderen Straßenseite, ihn übertrumpfend:) Der Vesuv! Der Vesuv! (Der erste wie wahnsinnig:) Ätna und Monte Gibello!« Und während des Wettkampfes der beiden Nebenbuhler sitzt der zuschauende Lazzarone wie im Theater, lacht, zischt, klatscht Beifall, ißt, trinkt und wäscht sich. Am Frühmorgen kommen die Kühe auf den Fußbahnen hereingeschlendert und werden gleich vor den Haustüren gemolken. Die Ziegen aber klettern sogar die vier oder fünf Stockwerke der Häuser hinauf, um dort vor den Stubentüren ebenfalls von den neapolitanischen Hausfrauen gemolken zu werden. Dann zieht das Tiergewimmel durchs Menschengewühl hindurch wieder aus der Stadt. Ein behäbiger Maccaronaro bietet seine berühmten Nudeln (Makkaroni) feil. Mit dem wohllautenden Rufe: »Hier gibt's frische Nudeln,« greift er mit dem Löffel oder auch mit seinen dicken Fingern in den brodelnden Kessel und zieht geschickt einen Knäuel jener langen, röhrenförmigen, schlüpfrigen Makkaroni heraus; er breitet sie auf Teller, übergießt sie mit Butter und Paradiesäpfelsauce und bestreut sie mit Stutenkäse, während die sorgliche Gattin den Kessel beobachtet, damit die Nudeln nur gebrüht, aber nicht weich gekocht werden. Der Lazzarone bedarf keines Tellers und Löffels, um sein Mittagsmahl zu halten; er läßt sich die Nudeln in Hut oder Mütze schütten und verzehrt sie mit den Fingern. Er hebt einen Teil in die Höhe, biegt den Kopf zurück, hält sie senkrecht über die Mundöffnung, ein Göttergenuß, wenn die tröpfelnde Butter auf die Zunge fällt! und verschlingt sie mit einem Male. Ein Lazzarone »genießt« auf diese Weise in drei Minuten 1 kg Nudeln und, wenn es sein könnte, noch mehr. »Doch nur der König ißt so viel Makkaroni, als er will.« Es ist merkwürdig, mit welcher Begeisterung der gemeine Mann in Neapel von diesem Gericht aus Weizen-, Maismehl und Wasser spricht. Ein schöner Zug gerade dieser niedrigsten Volksklasse ist der Ernst, mit dem man die jugendliche Liebe ansieht. Da spaziert ein sechzehnjähriger Jüngling vor einem Fenster, an dem ein junges Mädchen von vierzehn Jahren lehnt. Sie betrachtet den Burschen, er lächelt ihr zu, sie ihm; sie sprechen kein Wort, und der Bund fürs Leben ist geschlossen. Wenn man sie fragt, ob sie einen Bräutigam habe, so antwortet sie in der verschwiegenen, verblümten Art ihres Volkes: »Bin ich etwa so häßlich und widerwärtig?« Und wenn man weiter forscht, ob jener Bursche dort auf der Straße ihr Liebling sei, so entgegnet sie wiederum ausweichend: »Halten Sie mich etwa für herzlos?« Haben sich zwei auf diese Weise verlobt, so halten sie Treue, bis es dem Bräutigam gelingt, sich einen Hausstand zu gründen, und das dauert oft zehn, fünfzehn Jahre. Beobachten muß man sie ferner, wenn die des Lesens und Schreibens Unkundigen zu dem »Sekretär« des Volkes eilen, der am Molo oder unter den Bogengängen des Teatro San Carlo sein Tischchen mit dem Tintenfaß von Holz aufgestellt hat, sein Ohr jedem Mädchenherzen öffnet, die Geheimnisse des Briefes ihr verdolmetscht und ihre Gedanken dem Briefpapier anvertraut. Sehen muß man sie, wenn sie bei einem Fest im Wirtshaus oder im Tempel des Merkur zu Bajä oder auf dem Dache eines Fischers zu Sorrent den einheimischen Tanz, die Tarantella, tanzen. Sie wird nur von einem Paare ausgeführt; eine dritte Person, ein Mädchen, schlägt dazu das Tamburin und singt. Die Tänzer begleiten ihre rhythmischen Bewegungen mit dem Geklapper der Kastagnetten oder dem Geknister der Finger. Der Tanz ist wesentlich Gebärdentanz, drückt eine ganze Liebesgeschichte mit all ihrem Sehnen, Hoffen, Fliehen, Versöhnen, ihrer Lust und Pein aus. Doch nicht bloß dem Liebhaber blühendster Natur, frischesten Volkslebens ist Neapel ein Elysium, es ist's auch dem Kunstsinnigen, da es in seinem Nationalmuseum unermeßliche Schätze der Stein- und Erzplastik, der Kunstindustrie, der antiken und modernen Malerei beherbergt.   7. Pompeji. In 50 Minuten trägt uns die Eisenbahn von Neapel nach Pompeji, das an jedem Sonntagnachmittag ohne Eintrittsgeld und Führer dem Reisenden zugänglich ist. Wir fahren am Meere dahin und haben Zeit, die Geschichte der verschwundenen und wiedererstandenen Stadt zu überdenken. Da, wo der Fluß Sarnus in den Golf von Neapel fällt, lag zwischen Herkulanum und Stabiä die alte kampanische Niederlassung Pompeji, der Sage nach von Herkules gegründet. Im Jahre 272 v. Chr. fiel sie in römische Hände und war damals bereits wegen ihrer Lage an der Sarnusmündung, als Hafen für die fruchtbare Ebene von Nola eine blühende Stadt. Seit dem Jahre 89 v. Chr., also seit der Einnahme der aufständischen Stadt durch Sulla, zierte ein Kranz stolzer Villen, den römischen Edlen gehörig, das Meeresufer und die Umgegend von Pompeji. Auch Cicero zählte sein Landhaus Pompejanum zu seinen schönsten Besitzungen. Die Stadt mochte zur Zeit ihrer besten Entfaltung 20–30 000 Einwohner zählen und besaß zwei Theater und ein Amphitheater. Im Jahre 63 n. Chr. erschütterte ein Erdbeben die Stadt. Es war das erste Lebenszeichen, das der seit 1000 Jahren schlafende Vulkan gab. Ein großer Teil der Stadt wurde schon bei diesem Vorspiel zerstört, was sich aus den Ausgrabungen ergibt. Sie war im Wiederaufbau und Umbau begriffen und sollte schöner wiedererstehen. Doch das Schicksal hatte anders über die unglückliche Stadt bestimmt. Am 24. August des Jahres 79. n. Chr. regneten zuerst Bimssteinstücke und Trümmer zerstäubter Lavamassen (Lapilli) herab, eine 2 m hohe Decke über die Stadt ausbreitend. Dann sendeten die Schleusen des Himmels mit Regen vermischte Asche, die eine kaum weniger mächtige Schlammschicht bildete. So war der größte Teil der Stadt verschüttet, begraben, wenn auch nicht zerstört. Viele Bewohner befanden sich beim Beginn des Ausbruches gerade im Amphitheater, als der Schreckensruf lähmend in ihre Ohren gellte: »Vesuvius ardet« (Der Vesuv brennt). Die Fechterspiele waren im Nu zu Ende, nur die sterbenden und in den Zellen für weitere Kämpfe aufgesparten Gladiatoren blieben zurück, sowie am Ausgange der wachthabende Soldat. Alles andere stürzte hinaus, Rettung in Läden, Kellern, Arkaden suchend. Bald stieg ihnen die schlammige Asche bis über die Brust, der Fuß war festgebannt und ein schrecklicher Erstickungstod endete Tausende von blühenden Leben. Einige versuchten, mit zusammengerafften Kleinodien und Geldsäcken in der Hand das Freie zu gewinnen; doch das Schicksal hatte Adlerflügel; zusammengesunken fand man sie nach 1700 Jahren, und die in ihrer Nähe verstreuten Schätze legen noch Zeugnis ab von ihrem Vorhaben. Neue Ausbrüche mögen die Decke des Todes über Pompeji noch verstärkt haben. Es ist wohl zweifellos, daß unmittelbar nach dem Unglück gerettete Bewohner nach der Stadt zurückkehrten und Nachgrabungen veranstalteten. Wir werden in dieser Vermutung bestärkt, weil man bei den Ausgrabungen nur 4–600 Skelette und von Gold und Silber sehr wenig fand, um so mehr, als man in späteren Jahrhunderten die Reste der Stadt als Steinbrüche benutzte. Doch bereits seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts blieb sie unerwähnt; der Ackersmann zog seine Furchen über dem ehemaligen Forum: Weinpflanzungen und Gebüsch wucherten über den einstigen Theatern. Bald war sogar die Stätte, wo sie gestanden, vergessen. Als 1592 der Architekt und Ingenieur Domenico Fontana eine unterirdische Wasserleitung von den Quellen des Sarno am Fuße des Vesuv vorbei nach Torre Annunziata führte mitten durch die Ruinen des alten Pompeji, wurden diese nicht als solche erkannt und beachtet, und es darf uns nicht zu sehr wundern; war doch an der Küste neues Land entstanden (gleichzeitig mit dem Ausbruch im Jahre 79), so daß die Seestadt Pompeji nun 2 km landeinwärts lag, und hatte doch der Sarno sein Bett nach Osten verlegt. Im Jahre 1748 war es, als Winzer beim Umgraben ihres Weingartens Bildsäulen und Bronzen in einem bemalten unterirdischen Haus fanden, und dieser Fund fand seine richtige und volle Würdigung. König Karl III. gestattete dem Genie-Obersten Alcubierre, mit zwölf Sträflingen jene merkwürdige Entdeckung weiter zu verfolgen. Doch immer noch glaubte die gebildete Welt, daß die Funde von Stabiä herrührten, bis um 1755 nach Auffindung des Amphitheaters und der beiden kleinen Theater jeder Zweifel zerstört wurde. Weil jedoch diese ersten Ausgrabungen nicht aus kulturgeschichtlichen oder archäologischen, sondern nur aus rein geschäftlichen Absichten, um Schätze zu erbeuten, veranstaltet wurden, betrieb man die Sache nicht planmäßig und schüttete die Schächte wieder zu, zumal man nicht das ursprüngliche, unberührte, sondern nur ein teilweise von Schatzgräbern durchwühltes Pompeji vorfand. Wesentlich gefördert wurden die Arbeiten unter Murats Regierung, der den gesamten Grund und Boden von Staats wegen ankaufte und 1813 gegen 500 Leute mit der planmäßigen Ausgrabung beschäftigte. Markt, Stadtmauern, Bürgerhäuser wurden bloßgelegt. Mit der Rückkehr der Bourbonen endigten auch diese verdienstlichen Arbeiten. Der Boden ging stückweise in Privathände über, das alte Ausbeutungswesen begann wieder, die von Murat ausgeworfenen 25 000 Lire für Ausgrabungen (im Jahr) wurden auf 10 000 herabgesetzt und endlich verweigert. Nur in Gegenwart allerhöchster Herrschaften wurde dann und wann das Schauspiel der Ausgrabungen wieder vorgenommen, doch so, daß man kurz vorher alle die Gegenstände, die man dem Erdenschoße zu entreißen wünschte, hineinlegte und mit Bimsstein und vulkanischer Asche bedeckte. Mit dem Erstehen des Königreichs Italien sollte auch Pompeji die endgültige Auferstehung feiern, indem Viktor Emmanuel in dem Altertumsforscher Fiorelli aus Neapel den rechten Leiter jener wichtigen Arbeiten gefunden hatte. Die Stadt wurde nun planmäßig, Haus für Haus, ein Häuserviertel nach dem anderen bloßgelegt. Der Schutt wurde durch weibliche Arbeiter in Körben nach Eisenbahnwagen befördert, welche durch Maultiere auf langsam ansteigenden Gleisen an die Erdoberfläche gezogen wurden. Noch immer wird gegraben, aber es dürften noch Jahre vergehen, ehe die Sonne die ganze, auferstandene Stadt wieder bescheint. Vom Bahnhof Pompeji aus gelangen wir am Hotel Diomède vorüber an die Porta Marina, das Seetor, und betreten den klassischen Boden. In Gestalt eines Ovals breitet sich Pompeji von Ost nach West aus und ist von 10–12 m hohen Mauern umgeben, deren Gesamtumfang 2600 m beträgt. Auf der Seeseite fehlen sie. Sie sind aus festen, großen Tuff- und Kalksteinquadern gebaut, vielfach mit Lavastücken und Gußwerk geflickt. Acht Tore durchbrechen die Stadtmauern, darunter das Herkulaner mit drei Bogen als das großartigste. Davor lag eine den Namen des Augustus tragende Vorstadt mit den Villen des Cicero und Arrius Diomedes. Gerade Straßen – nur die Konsularstraße ist eng und krumm – mit höchstens 6-8 m Breite durchschneiden die Stadt. Die Breite, bei welcher auch die Fußbahnen eingerechnet sind, erklärt sich aus der Spurweite der Wagen (1¼m). Die Straßen sind mit Blöcken von basaltischer Lava gepflastert. Durch dies Netz gerader Straßen zerfällt Pompeji in neun Viertel, von denen glücklicherweise die wichtigsten ausgegraben sind. Auf dem Forum äußerte sich das pompejanische Leben am stärksten. Nur klein ist der freie Raum (157 m Länge und 33 m Breite), der auf drei Seiten von einem Säulengange dorisch-jonischen Gepräges umgeben ist. Treppen führen zu dieser bedeckten Anlage hinauf. Ein Triumphbogen, der jetzt freilich von allem Schmuck entblößt ist, bildete den Haupteingang zu dem mit Marmorfliesen gepflasterten Forum. Von den Gebäuden, welche die Einfassung des Marktes bilden, sind nicht alle genau nach ihrer früheren Bestimmung zu bezeichnen: schon in dem Jupitertempel, der auf einem 3 m hohen Unterbau ruht und einen Portikus von sechs mächtigen korinthischen Säulen besitzt, wollen einige das Rathaus erblicken; ähnlich schwankt die Forschung bezüglich der gegenüberliegenden Markthallen, in denen einst Fischer, Fleischer und Lebensmittelhändler ihre Stände besaßen; andere Gebäude an dem Außenrande des Forums sind die Kurie (wo die Dekurionen oder Senatoren ihre Sitzungen abhielten), die drei ganz gleichen Räume der Gerichtshäuser (Tribunalien) und die Basilika, das größte Gebäude Pompejis (67 m lang und 25,4 m breit). Das Forum war mit den Bildsäulen verdienter Bürger geschmückt, von denen leider nur die Fußgestelle erhalten sind. Wenden wir unsere Schritte vom Forum den drei Theatern zu. Das erste war der eigentlichen Schauspielkunst, das zweite kleine, das Odeum, dem Gesang und der Instrumentalmusik, das Amphitheater den Gladiatoren-, Wett- und Tierkämpfen gewidmet. Das erste ist nach dem Muster eines römischen, nicht griechischen Schauspielhauses gebaut, war ursprünglich ganz mit Marmor verkleidet, hat hufeisenförmige Gestalt, 68 m Durchmesser, 29 Sitzreihen, welche durch Galerien in drei Ränge zerfielen, so daß 5000 Zuschauer Raum fanden. Das Parkett (Orchestra) war für die Senatoren und Edlen bestimmt, die Bühne war lang und schmal und wies an der Rückwand drei Türen für die drei Hauptschauspieler auf. Um den Besuchern Schutz zu gewähren gegen die glühenden Sonnenstrahlen, konnte ein Segel über dem unbedachten Raume aufgespannt werden, das durch Mastbäume, die an der Umfassungsmauer in steinernen Ösen saßen, gehalten wurde. Das zweite, kleinere Theater war bedacht; das elliptische Amphitheater (große Achse 135 m, kleine 104 m) hatte 34 konzentrische Sitzreihen, 20 000 radiale Sitzplätze und 97 Ausgänge. Prächtig erhalten sind die städtischen Bäder oder Thermen, welche eine ganze Insula, eine von vier Straßen eingeschlossene Gruppe von Gebäuden, einnehmen. Man kann da die Einrichtung antiker Bäder aufs beste kennen lernen; sie enthalten ein Auskleidezimmer oder Apodyterium, ein Kaltbad oder Frigidarium, zum Baden in lauem Wasser ein Trepidarium, das auch zur Vorbereitung auf die höhere Temperatur des Caldariums für Schwitz- und warme Bäder eingerichtet war. Der Fußboden ruhte hier auf Pfeilern, und darunter lag der Heizraum; damit die heiße Luft sich überall verbreiten konnte, waren Dielen und Wände hohl. In amphitheatralischer Ordnung zogen sich Bänke an den Wänden entlang; je höher, desto größer war die Hitze für den Schwitzenden. Mitten im Caldarium lag ein großes Steinbecken mit kaltem Wasser, womit diejenigen, die die Schwitzkur beendet hatten, Gesicht und Hände kühlten. Am besten erhalten in der wiedererstandenen Stadt sind die Bürgerhäuser, die jedoch weder als Muster echt römischen, noch echt griechischen Hausbaues gelten können, da in Pompeji beide Kulturen einander begegneten. Die Häuser waren selten über zwei Stock hoch; das oberste Stockwerk war meist den Sklaven zu Schlafstätten bestimmt; es war meist aus Holz gebaut. Diese Wohnhäuser hatten keinen baulichen Schmuck, keinen Portikus. Die Straßenseite zeigte nackte Wände mit winzigen Fenstern oder aber ganze Reihen von Läden, die sich nur nach der Straße öffneten; sie legen Zeugnis ab für die Lebhaftigkeit des Kleinverkehrs in Pompeji. Die Konsularstraße bestand aus Gasthöfen, die Stabianer Straße enthielt die Niederlagen der Holzhändler, die Merkurstraße die Läden der Obsthändler und die große Tuchwalkerei, die Forumstraße die Geschäftsräume und Speicher der Getreidehändler. Das schöne Haus des Oberrichters Pansa nahm – wie eine echt römische Wohnung – eine ganze Insula ein, mit seinen Läden, Wohnräumen, seinem Vor- und Hinterhof. Doch in der Regel teilen sich mehrere Häuser in den Raum einer Insula, und ganz kleine, bescheidene Häuschen mit nur einem Stock ohne Fenster, nur durch die offene Tür erleuchtet, und mit nur zwei Zimmern fehlen keineswegs. Ihre innere Ausstattung straft jedoch die äußere Armut Lügen; sie sind mit geflochtenen Rohrstühlen und buntlackierten, vergoldeten Kommoden ausgestattet. In allen besseren Häusern sind die Wände farbenprächtig ausgemalt. Vor- und Hinterhof mit Säulengängen umstellt; die Säulen sind freilich nicht von Marmor, sondern von Ziegeln aufgemauert und mit Stuck überzogen. Die Fußböden zeigen meist kunstfertige Mosaikarbeit, in vornehmen Häusern mit prachtvollen Kanten ringsum und dem Salve auf der Schwelle. Sehenswert ist entschieden auch die Gräberstraße vor dem Herkulanertor, mit zahlreichen Denkmälern; darunter befindet sich zuweilen ein Kolumbarium, die Kammer für die Aschenkrüge. Ein Hauptreiz liegt für den Besucher Pompejis in den Inschriften, den oft von Narrenhänden hingeworfenen Malereien und Kritzeleien, die sich zahlreich an den Stuckwänden der Häuser vorfinden. Manche sind noch in oskischer Sprache abgefaßt, das heißt in alter kampanischer Mundart. Man wandelt, wenn man außer dem Latein der Bücher auch das Idiom des alten Kampaniens versteht, nicht wie in einer Stadt der Toten, sondern mitten im sprudelnden Leben mit seinen vielfältigen großen und kleinen Zwecken, seinen Leiden und Freuden. An dem einen Hause winkt ein Wirtshausschild: zwei Männer, welche einen Krug an der Stange tragen; am anderen das einer Milchhandlung: ein Kind, das eine Kuh milkt; hier bemerken wir eine Trinkstube, wo Soldaten Wein und Kaltschale verzehrten; vor allem wichtig sind aber die zahllosen weißen, an die Mauern geklebten Tontäfelchen (Albums), die mit Anzeigen und Anpreisungen bedeckt sind. Hier veröffentlicht der Oberpriester den Kalender; hier ist eine Amphora Wein gestohlen worden, und dem Wiederbringer wird eine Belohnung zugesichert. An diesem Täfelchen bestellt Holconius die Mamia vor die Basilika, auf jenem ersuchen die städtischen Zimmerer und Wagner den Gerichtsvorsteher (Ädilen) um Übertragung der öffentlichen Arbeiten an sie; auf dem nächsten heißt es: »Wähler, wählt Pansa, er ist ein Ehrenmann und hat sich um Pompeji sehr verdient gemacht«; auf dem folgenden meldet der Ädil Lucius Libella, daß am 1. Juni seine Gladiatorentruppe in Pompeji kämpfen wird; weiter kündigt ein Gastwirt an: »Fremdling, wenn du um die Ecke biegst, so findest du das Gasthaus des Sarinus«; eine Frau Julia Felix, geborene Spuria, vermietet ein Haus mit Garten an anständige Leute auf fünf Jahre, und in der Strada del Lupanare sehen wir an einer Hauswand zwei hochaufgerichtete Schlangen, zwischen ihnen einen Altar und darunter einen Hexameter, der der Verunreinigung jenes Ortes zu steuern bestimmt war; er lautet zu deutsch: »Mache, daß du fortkommst, du Bummler! Hier ist kein Platz für Müßiggänger.«   8. Skizzen aus Sizilien. Quelle: A. Schneegans. Sizilien. Bilder aus Natur, Geschichte und Leben. Leipzig 1887, F. A. Brockhaus. a) Sonnenland und Weinparadies. An der Nordküste Siziliens, unweit des altgeschichtlichen Mylä, wo Duilius den ersten Seesieg mittels der Enterbrücken davontrug, liegt Milazzo im Sonnenlande und Weinparadies. Es scheint, als ob drei der hellenischen Götter hier noch immer eine gemeinsame Herrschaft führten: Helios, der die glühenden Sonnenpfeile herabschießt, Dionysos, der die traubenschwere Rebe liebt, und Poseidon, der das All umschlingt, während im Hintergrunde die Rauchesse des Hephästos, der Ätna, mit dem schneeweißen Essenkopfe emporragt. Man könnte auch diese Gegend eine conca d'oro, eine goldene Muschel nennen wie die herrliche Bucht von Palermo; denn die Früchte schimmern hier köstlich und üppig aus dem grünen Laube hervor wie dort: Limonen, Pfirsiche und Kirschen, Granaten und Feigen und allen voran die schwer herabhängende Traube. Es ist ein unvergleichlicher Anblick, wenn man von Messina kommt, den Gebirgspaß San-Rizzo überschreitet und zu Füßen die Gegend von Milazzo überschaut. Da blinkt das Meer mit den äolischen Inseln und dem nimmermüden Vulkan von Stromboli, dort Reggio mit dem in der Nähe gelegenen Riff der Scylla, dort Messina mit seinem Sichelhafen, seinen Kirchen und der aus Palästen gebildeten Uferstraße. Und nun geht's fröhlich abwärts an den sonnenverbrannten, spärlich begrasten Bergen, vorbei an einer einsamen Locanda (Wirtshaus), immer in Windungen zwischen Kaktushecken, Agavenzäunen und knorrigen Olivenwäldchen talwärts. Je weiter nach der Meeresebene herunter, um so reicher das Grün der Gefilde; jetzt donnert das Gefährt über eine lange Steinbrücke, die eines jener kiesgefüllten, wasserleeren Flußbetten (Fiumaren) überspannt, in welchen nur im Frühjahr und Herbst die Bergwasser herabschäumen, und nun wird das Gelände eben, die Pferde gehen im Schritt, den tiefen Staub aufwirbelnd, welcher das Sonnenland von Milazzo bedeckt. ... jene gewaltigen Wetterbäche, aus des Hagels unendlichen Schlossen, aus den Wolkenbrüchen zusammengeflossen, kommen finster gerauscht und geschossen, reißen die Brücke und reißen die Dämme donnernd mit fort im Wogengeschwemme, nichts ist, das die Gewaltigen hemme. Doch nur der Augenblick hat sie geboren, ihres Laufes furchtbare Spur geht verrinnend im Sande verloren, die Zerstörung verkündigt sie nur. (Schiller, Braut von Messina.) Wir überholen eine Wasserträgerin, die mit gestrecktem Arme über dem Kopf den vollen, gehenkelten Krug auf der Schulter trägt und in ihrer Haltung an die griechischen Neophoren erinnert; an der anderen Seite der Fahrstraße steht – schwarzäugig, die kalabresische Mütze auf dem Kopf, mit dem über die Schultern geworfenen Tuche, den langen Stab in der Hand – ein Hirtenknabe, der Hüter hochgehörnter Ziegen, die zwischen den Agavenstauden weiden; auch er gemahnt an seine griechischen Vorfahren, von denen er selbst nichts weiß; reicher, waldartig treten die Orangen- und Zitronenbäume zusammen; Wassertürme erheben sich hier und da aus dem Laube; Ochsengespanne bewegen sich träge im enggezogenen Kreise um sie herum, das Wasser aus der Tiefe hebend, das in Rinnen in alle Teile dieses großen, einzigen Gartens geleitet wird: ein Zeichen der sarazenischen Herrschaft auf der Insel. Wir sind erst im Juni, und doch zittert die glühende Luft überall über der Ebene. Da fällt es keinem Menschen ein, zur Mittagszeit sich anzustrengen; Mensch und Tier halten Siesta; in dem Dörfchen, durch welches wir fahren, sind alle Läden geschlossen; quer vor der Ladentür liegt ein Junge im Halbschlaf, der den mit den örtlichen Verhältnissen nicht vertrauten Käufer bescheidet mit den Worten: »Bis 3 Uhr ist alles geschlossen, der Herr schläft.« Unser Wagen rasselt die lange Straße zwischen den weißgetünchten Häusern weiter, bis wir endlich in das hochgewölbte Tor unserer Herberge (Albergo) einfahren; wir halten in einem großen, dunkeln, gewölbten Raume; an den Wänden hängen Wirtschaftsgeräte, da sind Krippen, ein Trog, Herd, Weinfässer, und in den Ecken wie in den Krippen halten schnarchende Schläfer ihre Siesta. Vergebens suchen wir nach einem Fenster. Wir tasten uns die Treppe hinauf, die Hand bleibt fast kleben an dem schmutzigen Geländer. Wir sind im ersten Stock, überall öffnen sich Kammern, keine hat Schloß oder Riegel; zwei Böcke mit aufgelegtem Brett, darüber eine Matratze und Decke: das ist unser Bett und einziger Komfort. Jede Kammer enthält so viele Betten, als hineingehen, und glaube nur ja kein mit seiner Frau Reisender, daß er eine solche Kammer für sein gutes Geld für sich allein in Anspruch nehmen könne; es würde ihm genau so gehen, wie jenem in Sizilien reisenden deutschen Landsmanne, der in sein bezahltes »Zimmer« plötzlich einen bestaubten Sizilianer eintreten sah. Mit einem »Scusi, Signor« (Entschuldigen Sie!) entledigte der sich ohne weiteres seiner Kleider und nahm anstandslos eins der Betten in Anspruch; bald folgte ihm ein zweiter und dritter. Als unser braver Landsmann den Wirt aufforderte, die Fremden aus seinem Zimmer zu weisen, wurde ihm die Antwort: »Entfernen? Weshalb? Exzellenza haben wohl das Zimmer, nicht aber alle Betten gemietet. Die Ankömmlinge sind keine Briganten und werden nur bis morgens 1 Uhr in der Herberge bleiben.« Das muß man in einem Örtchen von der Beschaffenheit unseres Spadafora (das ist: Degen heraus!) genannten Fleckens in Kauf nehmen. Milazzo selbst liegt auf einer Landzunge, die wie ein Speer ins Meer hinausspringt, erst schmal, dann immer mehr sich verbreiternd; der neue Stadtteil macht einen modernen Eindruck mit dem schönen Hafen, dem Hafendamme und Leuchtturm, und in nicht zu ferner Zeit wird sich das Verkehrsleben wieder jener Blütezeit nähern, die Milazzo bereits einmal unter der griechischen Herrschaft erlebte. Wohl ist die Erinnerung an jene griechische Zeit Milazzos noch lebendig: hier weideten nach der Meinung der Bürger Helios' Herden; hier lag die Grotte, wo Odysseus den einäugigen Zyklopen aufsuchte; hier vernichtete Duilius die karthagische Flotte. Stolz ist der Bewohner Milazzos und jeder Sizilianer auf alle Großtaten, die hier geschehen, gleichviel, ob er selbst oder Fremde sie vollbracht, sowie er stolz ist, daß der Ätna auf seiner Insel liegt, daß auf Siziliens Boden die köstlichsten Orangen und die feurigsten Weine gedeihen, daß Garibaldi zu den Volksgenossen der Insel zählt. Der Reisende wird an die Küche unserer Herberge in Spadafora, einem kleinen Flecken in der Nähe Milazzos, nachdem er die Einrichtung der Zimmer kennen lernte, keine weitgehenden Ansprüche stellen; sie liefert trockenes, hartes Brot und Käse, einen Kessel, Wasser und Kohlen, während man sich Makkaroni und Fische im Dorfe zusammenkauft, um dann die Kochgeschäfte selbst zu besorgen. Aber an einem ist hier wie in jeder Locanda (Dorfwirtshaus) Überfluß: an Wein. Freilich nur der Kenner, der die ersten, ganz bestimmt schlechten Flaschen scherzend zurückweist, erhält Einblick in die Schätze des Kellers. Die Leute wollen eben anders behandelt sein, als es der Reisende in unseren Gegenden gewöhnt ist. So sind sie auch nicht zu bewegen, eine Rechnung aufzusetzen oder die Schuldigkeit des Gastes zu nennen: »Comme volete (Wie Sie wollen!)« erhalten wir stets zur Antwort auf unsere Frage. Noch einer anderen, weniger angenehmen Seltsamkeit wollen wir gedenken: es ist das bettelnde Gesindel, das den abfahrenden Reisenden in kaum glaublicher Weise belästigt; es belagert die Türe, die Treppe, den Kutschenschlag, legt sich unter die Räder und die Pferde, alle seine Gebresten in ekelhafter Weise zur Schau tragend; hier kann man sich nur durchhauen mit Soldi und Stockschlägen; der Kutscher treibt die Pferde an, man steht Himmelangst aus, daß ein oder das andere Glied dieser edlen Zunft zertreten oder überfahren werden könnte, doch sie sind zu gut geschult, und lachend rufen sie ihr »Buon viaggio (Gute Reise!)« nach. Wer am Meeresgestade dahinfährt von Milazzo nach Barcellona, der sieht die Ebene, die Hügel, den Hang der Berge nach Süden zu überkleidet mit Reben und Orangen; stundenweit, in nie geschauter Üppigkeit dehnen sich diese Fruchtwälder aus, ohne daß der Mensch kaum ein anderes Verdienst daran hat, als daß er die gütige Natur ungestört walten läßt. Hier ist der Weingarten Europas, hier gab Bacchus jenen schwarzen, schweren, duftenden Wein, der den leicht schlürfenden Nordländer heimtückisch, urplötzlich packt, wie Feuer in seinem Blute rollt und den Fremdling zu Boden schleudert; ja dieser Faro und Moscato ist kein Rheinwein oder Champagner. Während wir gewöhnt sind, unter jeder Aufschrift einen bestimmten Wein hinsichtlich der Farbe, Blume und des Geschmacks zu finden, gibt es in Sizilien keine festen Marken. Derselbe Wein, der dies Jahr ein süßer, hellgoldener Moscato war, ist im folgenden herb, rot, dunkel; die Pflege des Stocks, das Keltern der Trauben, die Aufbereitung ist eben jeder Kunst bar. Man wirft die abgeschnittenen Trauben mit Stielen und zuweilen auch mit Blättern in die Kufe, wo sie von Menschen oder auch von Ochsen gestampft werden. In einer zweiten Kufe läßt man den Saft gären, und dann erfolgt das Füllen der Fässer, meist für die Stadt Cette in Südfrankreich; dort erst wird der sizilische Wein veredelt, vermischt mit leichten französischen Sorten, und in Flaschen mit goldenem Aufdruck tritt er seinen Weg als Bordeaux und Burgunder in die Welt an. Italienische Nacht. Das Dach wird kühl, die Tramontana weht, Steineulen rufen in die Nacht Signale. Ein Flötenlied fängt sich im Kesseltale. Dann rauscht der Zug, der nach Messina geht. Die Luft durchtastet den Olivenhain, Wird schwer und bettet sich. Das Lied verendet, Und Glut und Glück des Tages sind verschwendet. Verwitterung tönt im alternden Gestein. Friedrich Otto. Velhagen \& Klasings Monatshefte 1907, 2. S. 207. b) Nach dem Ätna. Die Städte Syrakus und Catania sind rechte Gegensätze; dort lauter klassische Erinnerungen an Hieron, Dionys, Marcellus, hier nur eine Ruine aus der griechischen Zeit: das durch einen Lavastrom 1669 verschüttete und teilweise wieder bloßgelegte griechische Theater, in welchem einst Alcibiades zum versammelten Volke sprach. Sonst ist Catania, die an den Fuß des Ätna geschmiegte, oft von dem Riesen geschüttelte und mißhandelte Tochter, eine neuzeitliche Stadt. Ihr gehört die Zukunft unter den Städten der Insel. Wie einst Syrakus blühte durch die Griechen, Palermo durch Sarazenen, Normannen und Staufen, Messina durch seine Lage an der Welthandelsstraße nach dem Morgenland: so hebt sich Catania durch die heutigen Verkehrsmittel. Das Eisenbahnnetz macht es zum Sammelplatz, der neue Hafen zum Ausfuhrort aller Erzeugnisse des Innern. Die Catanier haben die Zeichen der Zeit verstanden, überall erheben sich Werkstätten, Niederlagen, Faktoreien, Fabriken; die Straßen sind breit und nachts blendend hell erleuchtet; viele Häuser sind palastartig; inmitten herrlicher Gärten liegen fürstliche Landhäuser; freie Plätze mit Brunnen, Standbildern und Prachtgebäuden, das neue großartige Theater: alles deutet die emporstrebende Großstadt an. Und doch hat sich im geselligen Leben noch so mancher Zug besonders der sarazenischen Vorzeit erhalten: die Frau setzt nie ohne Begleitung ihres Mannes oder Verwandten den Fuß über die Schwelle; sie verschwindet, sobald Besuch bei ihrem Gatten erscheint; in Gesellschaft gibt es nie »bunte Reihe«, sondern eine Männer- und eine Frauenseite; bei Tanzgesellschaften wird das Abendessen erst von den Damen allein, dann von den Herren eingenommen; die nicht speisende Partei langweilt sich unterdes im Tanzsaale; es würde sehr unvorsichtig sein, wollte der Fremde wünschen, den Damen des Hauses vorgestellt zu werden. »Warum wünschen Sie den Damen vorgestellt zu werden? Wollen Sie etwa eine von meinen Töchtern heiraten?«, diese Abweisung müßte er sich gefallen lassen. Alle zarten Verhältnisse knüpfen sich unter diesem morgenländischen Zwange nicht im Hause oder in der Gesellschaft, sondern von der Straße zum Balkon hinauf an. Der junge Mann, dem ein Mädchen gefällt, geht dreimal unter dem Balkon der Angebeteten vorüber, jedesmal mit der Hand oder dem Taschentuch über die Lippen streichend; antwortet sie ihm durch dasselbe Zeichen, so ist die Verlobung erfolgt; doch ist's bis zum Altar noch ein weiter Weg, und die väterliche Einwilligung zum Bunde fürs Leben wird in sehr vielen Fällen durch die Entführung des Mädchens (im Einverständnis mit der Mutter) erzwungen. Wenn nun auch Catania hinter den oben genannten Städten mit großer geschichtlicher Vergangenheit in einer Beziehung zurücksteht, so hat es doch auch seine Geschichte, eine Geschichte ganz besonderer Art, welche der Riese in seiner Nähe in das Buch der Stadt eingetragen. Lavagestein bildet den Grund der Häuser; verwitterte Lava den Mutterboden, auf welchem in üppigster Fülle vom Meeresufer an den Hängen des Ätna hinauf die Wein- und Agavengärten prangen; wie Brandmale ziehen sich die gehärteten Lavaströme durch das Weichbild der Stadt. Wie sanft die Seiten des Berges ansteigen bis zu der von blendendem Schnee eingehüllten Spitze 3304 m, während die Schneegrenze in 3000 m Höhe liegt. des riesigen flachen Kegels! Wie Maulwurfshügel nehmen sich die Nebenkrater in diesem ruhigen Umriß aus. Um den Fuß des Feuerberges schmiegen sich die immergrünen Gärten mit Reben, Mandelbäumen, edlen Kastanien und dem schwarzbelaubten Johannisbrotbaum wie ein Saum von Sammet; an den Wegen, in den Gräben leuchtet eine Blumenpracht ohnegleichen: da roter Mohn, dort Malven in allen Farben, gelbe Wolfsmilchgewächse und violette Disteln zwischen den grauen duftenden Kräutern aus der Familie der Labiaten , die für das Mittelmeergebiet ebenso bezeichnend sind wie für unsere Heimat nördlich der Alpen die Kompositen. Weiter hinauf wird das Pflanzenkleid dünner und schlichter; doch lassen die Ginsterbäume, Pinien und Eichen den kahlen Fels in diesem Waldsaume nur hie und da durchschimmern; bloß das Haupt des Riesen ragt steil, von Wolken und Rauch eingehüllt, mit beschneitem Scheitel empor, und hier oben wechselt mit jedem Ausbruch die Form wie das Mienenspiel auf einem Antlitz. Der Aufstieg ist am bequemsten von Süden und Südosten her zu unternehmen, von Aderno und Catania her; hier gibt es keine Zerklüftung, kein wildes Lavageröll wie im Nordwesten, wo in trauriger Einöde die Städtchen Bronte, Randuzzo und Linguaglossa liegen, sondern nur ein ruhiges, sanftes Anschwellen und lachende Gartenlandschaften, in deren Mitte die Dörfchen und Landhäuser sich erheben. Und doch entwickelt sich die neuere Tätigkeit des Vulkans gerade nach dieser Seite hin; dort oben, wo hinter der Casa del Bosco (Waldhaus) der Ätnakegel in etwas steilerer Kurve sich emporrichtet, da liegt die Feuerzone; hier entstehen neue Nebenkrater, die der Volksmund als »Kinder des Ätna« bezeichnet, von hier ergießen sich die Lavaströme in die blühenden Landschaften. Dieser Teil des Ätna – die Hochebene von Nicolosi – erscheint wie von Blasen übersät; diese bilden sich unter der leicht berstenden Rinde des Berges über Nacht, und die Namen Monte-Grosso, Monte-Nero, Monte-Serra-Pizzuta und andere bezeichnen solche blasenförmige Nebenkrater. In lebhaftester Erinnerung steht in ganz Catania der Ausbruch des Vulkans vom Jahre 1669; in der Nähe des Städtchens Nicolosi öffnete sich der Berg, und der zähflüssige, glühende Lavastrom nahm seinen Weg auf Catania zu; in wenig Stunden waren jene Gottesgärten zwischen Nicolosi, Belpasso, Mascalucia, Misterbianco überflutet; die schweren Feuerwogen wälzten sich schon über die ersten Häuser, durch die Straßen Catanias bis vor das feste Benediktinerkloster. Nur ein Wunder konnte noch helfen, – und es geschah. Im Dome ruhte seit dem zweiten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung in silbernem Sarge die fromme Märtyrerin, die heilige Agatha; ihren Überresten, besonders ihrem Schleier, schrieb der Volksaberglaube eine besondere Wunderkraft zu; ihn holte die Volksmenge in frommem Vertrauen beim Herannahen des Lavastromes; am Benediktinerkloster entfaltete ihn der Erzbischof vor den feurigen Massen – und der Strom nahm einen seitlichen Weg. In den Hafen ergossen sich die glühenden Gesteinswogen; entsetzt, zischend, dampfend wich das Meer zurück, der Lavastrom aber hielt an tagelang, ja wochenlang. Die Stadt war gerettet, aber der Hafen für ewige Zeiten verloren, und mit ungeheuren Geldopfern hat man in unserem Jahrhundert die neue Hafenanlage geschaffen. Übrigens hat ein furchtbares Erdbeben 1693 die Arbeit getan, die der Schleier der heiligen Agatha damals von der Stadt abgewehrt; die ganze Stadt sank in Trümmer. Heute nun sind die Häuser besser, tiefer gegründet, und die Baumeister gewähren den Balken, welche die oberen Stockwerke tragen, einen gewissen Spielraum da, wo sie auf den Grundmauern aufliegen; »erzuckt die Erde, so brechen sich ihre Schwingungen in dem den Bewegungen des Bodens leicht folgenden elastischen Hin- und Hergleiten der Balken.« Ob diese Neuerung die Probe besteht, das muß die Zeit lehren. In der Regel arbeitet der alte Gigant in Zwischenräumen von je 6-8 Jahren; ziemlich unerwartet trat daher der große Ausbruch vom Mai 1886 ein; war doch diejenige von 1883 noch keineswegs ausgelöscht im Gedächtnis. Als unser Gewährsmann am 18. Mai 1886 einen Ausflug in die Pelorischen Berge bei Messina machte und deutschen Marineoffizieren die köstliche Rundsicht erklärte, entstieg dem Ätna plötzlich dickqualmend eine Rauchsäule; kerzengerad in die Höhe nahm sie ihren Weg, um sich endlich wie eine gewaltige Pinie über der Landschaft zu lagern. »Das ist der Ausbruch!« rang es sich wie auf Befehl von allen Lippen. Gerade als die Bergsteiger das in der Ferne gewahrten, hatte sich der Hauptkrater mit Donnerkrachen gespalten, und Rauch, Asche und glühende Steine oder Lapilli flogen in die Luft; der ganze Berg schien innen zu zerreißen. Bald deckte der Pinienschirm der Ausbruchswolke auch Catania; doch ebenso plötzlich, wie er begonnen, stellte der alte Riese mit Einbruch der Nacht das Qualmen ein. Schwüle lagerte über der Landschaft wie auf allen Gemütern; die Kirchen füllten sich in der Nacht mit Betern; die Betten der Kranken schaffte man auf die Straße; die Hunde winselten, die Pferde und Maultiere blieben schnaubend auf dem Platze stehen, den ihnen der Führer angewiesen. Da, kurz vor 11 Uhr nachts – ein knatterndes Geräusch, und der Boden schien sich unter den Füßen wegzuziehen; fast anderthalb Minuten dauerte der Stoß. Gleichzeitig flammte auf der Hochebene von Nicolosi der blutrote Schein auf: das war die Lava! In ihrer Angst, die durch das nächtliche Dunkel eine furchtbare Steigerung erfuhr, stürzten die Bewohner von Nicolosi, Pedara und Belpasso weinend, schreiend, kopflos den Berg hinunter. Als sie beim Morgengrauen zurückzukehren wagten, hatten sich auf einer großen Spalte in der Flanke des Berges sieben Ausbruchsstellen, sieben Nebenkrater aufgetan; mit Lavahülle umgeben, flogen die zu großen Bomben zusammengeschmolzenen Brocken empor, indem sie wie Minen den aus alter Lava gebildeten Erdboden in Stücke zerrissen und in die Höhe schleuderten. Einige mutige Männer wagten sich zur Untersuchung der Sache bis auf den die Krater überragenden Monte Grosso und sahen, wie sich auf der ganzen Spalte durch alle sieben Krater unter dem schrecklichsten unterirdischen Geknatter Flammen, Asche, glühende Steine und flüssige Laven empordrängten; doch bald wurde anstatt der getrennt arbeitenden kleinen Schlünde eine einzige Feuerlinie bemerkbar. Um diesen Höllenschlund schütteten sich Laven und Steine zu einem neuen Berge auf, der in vier Tagen bereits 150 m Höhe erreichte mit einem Umfang von 1 km. Der Boden in der Nähe schaukelte ununterbrochen und bekam Risse, aus denen Flammen emporschlugen. Am 5. Tage war Catania fingerdick mit Asche bedeckt, eine graue Wolke lagerte über der Stadt, die Sonne erschien wie ein rötlicher Ball. Wagen über Wagen rollten den Berg hinauf nach der Ausbruchsstelle; die Insassen wollten die Lavamasse in der Nähe sehen, die sich gegen Nicolosi und Belpasso wälzte. Immer noch grollt der unterirdische Donner. In allen Kirchen liegen Beter vor dem mit Kerzen umstellten Altar; es ist Abend; die Leute stehen in Festtagskleidern vor den Türen; denn sie erwarten den Erzbischof von Catania, der mit dem Schleier der heiligen Agatha der Lava Einhalt tun soll. Plötzlich hält unser Kutscher und entblößt sein Haupt; denn dort biegt mit Lichtern und Fackeln eine ungeheure Menge Volks in unseren Weg ein, singend, jammernd. »Es sind die Heiligen,« flüstert der Kutscher, und auch ein verhärtetes Gemüt würde mit Rührung erfüllt werden bei dem Anblick, der sich nun bietet. Von Priestern und Chorknaben eingeschlossen, tragen die Männer die Bilder ihrer Schutzheiligen um ihre Mark; mit entblößten Häuptern folgt ihnen die Menge, und während der rote Feuerschein sich auf den angsterfüllten Gesichtern malt, rufen sie: »Heiliger Antonio, dich rufen wir an, nur du kannst helfen! Du weißt ja, daß wir dich von jeher verehrten als den besonderen Schutzpatron unserer Stadt!« Dann eine andere Stimme: »Du guter heiliger Erzengel Michael, auch du wirst helfen, auch zu dir beten wir; denn du hast es von jeher gut gemeint mit deinen Kindern. Hilf, Erzengel Michael, daß wir nicht zugrunde gehen unter dem grausigen Feuer!« Dann folgt der von zwei weißen Rossen gezogene Wagen des Erzbischofs, darinnen drei Priester mit dem heiligen Schleier; alles sinkt in die Knie, bis die heilige Reliquie vorbei ist. Wie mit einem Zauberschlage kehrt der Mut den Jammernden zurück. »Wir sind gerettet, wir sind erlöst!« jauchzen sie aufspringend. Der Wagenzug, die Maultiertreiber und die Fußreisenden drängen nun wieder bergwärts, geführt von den Mitgliedern des italienischen Alpenklubs mit der Binde am Arm; es ist eine wahre Völkerwanderung, die hinauf- und hinabflutet in dieser Nacht über die rauhen Lavapfade; überall tauchen die Fackeln auf. Jetzt ein paar Schritte noch, und die Böschung ist erreicht, und vor unseren Augen liegt in seiner ganzen Ausdehnung, in seiner ganzen furchtbaren Pracht das Ausbruchsfeld. Wie aus flüssigem Golde gebaut ragt der neue Kegel in den schwarzen Nachthimmel hinauf, fast durchsichtig, möchte man glauben, mit roten Adern durchwebt. Aus dem Krater steigt eine Feuersäule auf, die ungeheuere Felsmassen emporschleudert, bald gerade in die Höhe, bald sie in Garben rings umherstreuend. Von Minute zu Minute hört man im Innern des Kegels ein ungeheures Getöse, ein Heulen, Dröhnen, Zischen, als sollte der ganze Berg auseinanderbersten, und aus dem Krater schießt es goldblitzend hervor von riesigen glühenden Felsblöcken; sie fahren hinauf, als wären sie vom Blitze geschleudert, höher, immer höher; dann scheint es, als blieben sie oben unbeweglich hängen, und langsam schweben sie wieder herunter. Zuweilen ist es, als platze der Berg von oben bis unten, und knatternde Raketen schießen rings in die Luft. Nun quillt es über den Rand des Kegels, die rote Lava überschäumt den Krater und schießt wie ein Strom von lauter Diamanten und Rubinen an den steilen Wänden herab. Der ganze Berg scheint lebendig zu werden; es rinnt und rieselt und strömt und prasselt und schimmert und leuchtet. Und dann – in weiter Ausdehnung das riesige, 2 km breite Lavafeld, schwarz, mit blutroten Feueradern durchstreift, schiebt es sich langsam und ruhig vorwärts, ein vor Augen liegendes Bild der unerbittlichen, stetig ihren vorgezeichneten Weg verfolgenden Urkraft der Natur. Nichts Unheimlicheres als diese Lavawand, die haushoch mit einem leisen Knistern oder Rieseln wie von übereinander sich schiebenden Schiefer- oder Kohlengeröll vorrückt und alles Lebende ruhig erstickt und erdrückt. Nach Berechnungen des Professors Silvestri, Direktors des Ätna-Observatoriums in Catania, beträgt das Vorrücken des unmittelbar aus dem Krater kommenden Lavastromes 40 bis 50 m in der Minute , vom zweiten Tage ab – da er rasch erkaltet, nach allen Seiten Schlacken ablagert und eine von roten Adern durchzogene Kruste bildet – nur noch 40-50 m in der Stunde . Wohl wanderte ein Zug jammernder Weiber am Rande des vordringenden Lavafeldes hin, sie stellten die Heiligenbilder und mit Weihwasser besprengte Stäbe in der Nähe eines Baumes auf, damit sie dem Strome Halt geböten; doch immer näher rückte er Nicolosi; in der Nacht zum 31. Mai ertönten die Hornstöße der Karabinieri zum Zeichen, daß die Stadt geräumt werden müsse; den landesüblichen Reichtum, den Wein, hatte man bereits in den benachbarten Orten untergebracht, nun belud man sich jammernden Herzens mit Möbeln, Türen, Fenstern, Brettern, Ziegeln; ja einige gruben die Särge ihrer Toten aus, um ihnen eine freundlichere Grabstätte zu suchen; da erklangen – vielleicht zum letzten Male – die Glocken von Nicolosi; der Erzbischof mit seiner Umgebung erschien vor der Kirche und forderte, selbst betend, das Volk auf zum Niederknien; schluchzend werfen sie sich nieder, die Hände ringend über das unbarmherzige Schicksal, das sie ins Elend treibt. Priester nehmen Kruzifix, Leuchter, den Schrein mit dem Schleier der heiligen Agatha vom Altar, und in langem Zuge geht es betend nach Pedara zu. Doch Gott hatte Erbarmen. In derselben Nacht wurden die Erdstöße seltener, der Mund der Erde quoll langsamer über, schwer und zäher wurde der Lavastrom und stand endlich still. Nicolosi war gerettet. Am 2. Juni stieg nur noch weißer Dampf wie gewöhnlich aus dem Krater der Ätna. c) Nach den Schwefelbergwerken nördlich von Girgenti. Von Catania führt eine Eisenbahn ins Innere des Landes, die uns auch nach Grotte, dem Mittelpunkte der Schwefelbergwerke, bringt. Von unserem Wagenfenster aus machen wir anziehende Beobachtungen: Orangen und Zitronen verschwinden; weite, mit Hügeln besäte Flächen dehnen sich überall aus, auf denen in prächtigen Breiten der grüne Weizen wie Meereswogen sich bewegt. Hier begreift man, wie Sizilien als die Kornkammer Roms bezeichnet werden konnte. Mit dem Weizen wechseln Anpflanzungen von Mandel-, Johannisbrot- und Ölbäumen, die wie bei uns die Nadelbäume in strengen Reihen an unserem Blick vorüberziehen. Wir glauben es dem eingeborenen Mitreisenden gern, daß ein Boden mit größerer Zeugungskraft in der Welt nicht vorhanden ist, und doch hatte es einst die römische Aussaugerei unter den Prokonsuln so weit gebracht, daß dieses Paradies von den griechischen Kaisern als Verbannungsort benutzt wurde. Auch die Bewirtschaftung der Insel durch die Sklaven der Bischöfe von Rom, Mailand und Ravenna im frühen Mittelalter war mehr eine Art Ausbeutung. Erst den Sarazenen- und Normannenfürsten ist die Herbeiführung einer glücklicheren Zeit wieder gelungen: waren sie es doch, welche Zitronen, Orangen, Seide, Baumwolle, Zuckerrohr, Pistazien, Reis, Melonen nach der verödeten Insel verpflanzten und der Pflege des Ölbaums besondere Sorgfalt zuwendeten, so daß er noch heute in manchen Gegenden der Sarazenenbaum heißt. Zu ihrer Zeit zählte Palermo 300 000 Einwohner, die Insel außerdem 18 größere Städte, 320 Kastelle und 900 Dörfer, wovon heute noch 352 übrig sind. Doch sollte dieser Blüte ein neuer Rückgang folgen, der dadurch herbeigeführt wurde, daß Grund und Boden den französischen Eroberern zufiel, die ihn in Kron-, Kirchen- und Lehngut teilten und der gewissenlosesten Ausbeutung und Verwilderung überlieferten; die Wälder im Innern, welche den Humus an den Berghängen festhielten und die Feuchtigkeit für die Quellenbildung darboten, wurden niedergeschlagen, die Quellen versiegten, die Oliven- und Rebenpflanzen verschwanden inmitten der Insel und beschränkten sich auf die Küste; die Felder sahen zum Erbarmen aus trotz der metertiefen Humusschicht; aber die Wasserarmut seit dem Verwüsten der Wälder und die Unbrauchbarkeit des alten römischen Pflugs, der kaum 5-10 cm die Ackerkrume aufreißt, erklären das in ausreichender Weise. Erst seit 1838, seit Aufhebung des Lehnsverbandes, hebt sich Sizilien wieder; die Eisenbahn trägt das ihrige dazu bei, sofern sie den Erntereichtum für geringes Entgelt nach den Häfen führt, was früher nur durch Maultiere und Esel geschehen konnte. Doch müssen vor allem die Wälder wieder aufgeforstet werden, damit der Wassermangel aufhört; liegen doch an den Bahnhöfen die Frachtgüter oft nur deswegen so lange, weil für die Lokomotiven nicht ausreichend Wasser zu beschaffen ist. Zum Beispiel bemerkte unser Gewährsmann auf fast allen Haltestellen von Catania bis Girgenti die aufgeschichteten Würfel des Schwefels; er war längst verkauft nach der Küste, die Käufer warteten, schrieben Mahnbrief auf Mahnbrief, aber die Beförderung verzögerte sich, weil die Lokomotiven nicht genügend Wasser fassen konnten. Hinter Castrogiovanni mehrten sich die öden Flächen und kahlen Höhen in erschreckender Weise; hier liegen die Folgen der Großgüterwirtschaft und der Waldverwüstung offen zutage. Bald gewahrte der Reisende auf den Hügeln weiße große Blasen, von denen ein leichter Rauch aufstieg, und schwarze Öffnungen in den blasenförmigen Auftreibungen. »Jene Erhöhungen,« erklärte ein Landeseingeborener, »sind die Calcaroni, in welchen das Schwefelgestein gesammelt und gebrannt wird; die schwarzen Öffnungen sind die Eingänge zu den Schwefelminen.« In Grotte, dem Mittelpunkt des Schwefelgebietes, einem früher verrufenen Räubernest, befindet sich eine kleine deutsche Ansiedlung, deren Haupt im Jahre 1886 Bergdirektor Höfer war. Er ermöglichte unserm Gewährsmann den Besuch der Schwefelbergwerke. Zu Pferde, mit Flinten und Pistolen bewaffnet, zogen sie aus Grotte hinauf nach den Minen; überall rauchten die Calcaroni; den Namen Grotte trug der Ort mit Recht; denn es gibt in der ganzen Umgebung keinen Felsen ohne Höhle. Der Boden ist eigentlich fetter Lehmboden, im Sommer aber zementartig ausgedörrt. Im Winter freilich ist hier an ein Fortkommen zu Fuß nicht zu denken; dem Pferde und Reiter wollen dann die in der Mitte des Weges liegenden Steine die Richtung andeuten, und zur Regenzeit brechen unter dieser tennenharten Decke Eidechsen und Schlangen hervor in einer Größe, wie sie sonst nur die Tropen besitzen. Plötzlich nehmen die vorderen Reiter ihr Gewehr vom Rücken und legen es quer über den Sattel. Ihr Blick richtet sich auf einen Felsblock vor einem Minenloch, in welchem zwei Gestalten verschwinden. Zwei Minenarbeiter in der Nähe geben den beruhigenden Aufschluß, daß es nicht Briganten, sondern »Latitanten« von Racolmuto seien, die neulich bei einer Unruhe in der Stadt auf die Karabinieri geschossen und nun hier sich der Obrigkeit zu entziehen suchten; sie können sicher sein, daß kein Mensch der Polizei ihren Versteck meldet; denn alles hält hier zusammen gegen die Vertreter des Gesetzes, und den Verräter würde man bald mit zerschlagenem Schädel hinter einer Mauer finden. Die Reiter waren bei den Minen angelangt; leichter Schwefelgeruch machte sich bemerkbar; halbnackte Männer und Knaben bewegten sich um die weißen blasenförmigen Hügel; triefend von Schweiß und keuchend warfen sie die Schwefelsteine vom Rücken nieder zur Erde. Andere reihten die Stücke in große Haufen und bereiteten die Calcaroni. Nachdem die Kleider gewechselt und alle Goldsachen abgelegt worden waren – da sie von Schwefeldunst geschwärzt werden –, traten die Reisenden in eine der schwarzen Minenöffnungen ein. Der Schacht ging fast senkrecht in die Tiefe; für die Erwachsenen gab es hohe Doppelstufen, für die Knaben – zur Linken einen kleineren, bequemeren Ansatz. Bald schwand das Tageslicht; die rotflackernden Grubenlichter beschienen die Felsgewölbe; die Bergarbeiter mußten in der Dunkelheit den Ortsunkundigen zuweilen den absteigenden Fuß auf die rechte Stelle setzen. Da bewegen sich plötzlich von unten herauf Lichter, sie kommen näher; sie gehören Knaben, die die schwere Steinlast auf dem Rücken tragen und ihre braunen Arme unter der Last gekreuzt halten; wir hören, wie schwer die Brust atmet, wir sehen, wie jeder Muskel angespannt ist und der Schweiß aus allen Poren dringt. So ziehen sie vorbei in taktmäßigem Schritt, schweigend, die Bedauernswerten. Warum man nicht der Maschine diese Arbeiten überträgt? Diese Frage richtete man an den Minendirektor. »Weil die Eltern dieser Kinder die ersten sein würden, die mit Messern und Steinwürfen den wohlmeinenden Neuerer anfallen würden. Das Elend dieser Kinder ist das Brot der Eltern!« Immer tiefer ging es hinab, bis sich nach links und rechts die Stollen abzweigten; eine Röhre an der Seite förderte das Wasser hinauf; die Stollen wurden weiter, dorther schallten die Schläge, wo die Bergleute das Gestein von den Wänden losarbeiteten. Der Bergwerksdirektor fuhr mit seinem Licht an der Wand hinauf und zeigte die Schichten von glänzendem Gips, schwarzem Tuffstein und vulkanischem Schwefel in ihrer Lagerung. Die Schwefelkristalle an der Decke glitzerten, während die nicht zu Kristall gewordenen Wände aus Schwefelgestein matt und tot erschienen. Stundenlang könnte man in diesen unterirdischen Gängen wandern, und immer werden neue mit Pulver und Dynamit geöffnet. Wer diese Irrgänge gesehen, der glaubt gern, daß die Karabinieri einen durch Briganten hierher Geschleppten nicht befreien können; aber er ist ebenso überzeugt von der Unermeßlichkeit der Schwefelvorräte. Wurden im Jahre 1853 aus dem südlichen Sizilien 102 093 400 kg ausgeführt, so 1880 bereits 285 103 490 kg, ja die Ausfuhr würde das Doppelte betragen, wenn nicht durch das unvorteilhafte Schmelzverfahren in den Calcaroni 50 % des Rohschwefels zum Schmelzen der anderen Hälfte Verwendung fänden und somit für die Ausfuhr verloren wären. Die meilerartig aufgeschichteten Schwefelsteine werden in einem trichterförmigen Loche von unten abgebrannt, der Schwefel entzündet sich, der flüssig gewordene Teil sinkt zu Boden und wird durch eine eiserne Röhre in hölzerne, viereckige Gefäße geleitet; hier erstarrt er und bildet nun die Würfel, die jedem Reisenden an den Stationen der Bahn von Catania ins Innere auffallen.   9. Malta. Nach A. Winterberg, Malta. Wien 1879, A. Hartleben. Auf der Grenze des östlichen und westlichen Beckens des Mittelmeers liegt die Doppelinsel Malta, und dieser Lage in der Mitte des Seeverkehrsweges verdankt sie seit dem Altertum ihre Bedeutung. Die Phönizier kannten sie unter dem Namen Ogygia, und Hannibal, der vielgehaßte Punier, fand hier Wiege und Grab. Die Malteserritter besetzten die Inseln im Mittelalter, nachdem sie 1530 Rhodos dem Sultan Soliman II. hatten überlassen müssen. Erst 1798 erlagen sie Napoleon, der die Inseln für seine Weltreichpläne brauchte, als er Englands Macht im Mittelmeere brechen wollte und gegen Ägypten zog. 20 Monate lang blockierte Nelson das meerbeherrschende Bollwerk. Seit 1800 ist England im Besitze dieses wichtigen Stützpunktes auf dem Wege Gibraltar-Suezkanal-Aden-Bombay. Seiner natürlichen Lage nach, nur 100 km von der Südspitze Siziliens entfernt, müßte es ebenso wie Pantellaria, Linosa, Lampedusa zum Königreiche Italien gehören, wie Gibraltar eigentlich zu Spanien. Malta und Gozzo, dazwischen das Inselchen Comino, haben wie alle kleineren Inseln ein durchaus mildes Seeklima. Doch sind die Stürme der Syrten, die den Brigantinen der Korsaren wie den Galeeren der Malteser oft gefährlich wurden, auch auf Malta im Winter gefürchtet. Der Gregale, ein Nordost, staut in den Hafenbecken von La Valetta die Flutwasser hoch auf und richtet an der Küste allerhand Schaden an. Und der Schirokko, der heiß von Süden weht, trocknet den Kalkboden der Inseln aus und verbreitet eine drückende Schwüle (32-35 °C). Sie erscheint den Insulanern noch höher als sie ist, ebenso wie die Hygrometer (Feuchtigkeitsmesser) aller menschlichen Empfindung zum Trotz eine Steigerung des Dampfgehaltes der Luft anzeigen. Drei Tage hält dieser Glutwind gewöhnlich an. Während dieser Zeit kann kein Wein geklärt, kein Fleisch eingesalzen werden, Kleider und Papier werden fleckig und stockig, Bretter bersten. Kein Mensch ist imstande, den Geist in irgendwelcher Weise anzustrengen. Für die Gesundung haben die Malteser durch Austrocknung der Sümpfe viel getan: die Malaria ist dadurch fast verschwunden. Nur die blendende Weiße des Kalkbodens erzeugt Augenkrankheiten. Schnee kennt die Insel nicht, nur tropische Regengüsse sind vom Dezember bis März häufig. Sie lassen nach während des April und Mai, von Juni bis September ist wolkenloser blauer Himmel, und Oktober und November gehören wegen der angenehmen Kühle zu den angenehmsten Monaten. Der Winter ist durchschnittlich 2,5 ° wärmer als der Algeriens. Der Boden ist sehr unfruchtbar, am günstigsten ist Gozzo gestellt im Verhältnis von Kulturboden und Ödland. Da die Feldbeete zum Schutze gegen Tiere und Stoßwinde mit Steinkränzen umhegt sind, da nirgends fast ein Baum oder eine Baumgruppe das ermüdende Weiß des Kalksteins unterbricht, hat der flüchtige Betrachter den Eindruck, als habe eine mißmutige Gottheit Gerölle und Felsblöcke ins Meer geschleudert. Die Felskruste ist nur unter großen Mühen in Ackerkrume zu verwandeln. Man säubert das Gelände von Gräsern und Büschen, scharrt den vorhandenen Humus zusammen auf Haufen und bearbeitet dann den Felsboden, indem man mit Hacken 8-10 cm breite und tiefe Längs- und Querfurchen zieht, bis das »Feld« ein schachbrettartiges Aussehen hat. Die Vierecke werden dann ausgebrochen und entweder als Baumaterial zu der Umfassungsmauer verwendet oder zertrümmert und zerstäubt und sodann zur Aufbereitung des Bodens verwendet. Auf den nackten Felsen streut man nämlich zuerst ein wenig gute Erde, dann folgt eine Schicht Steinpulver, das mit Erdreich versetzt ist, hierauf wieder eine Lage guten Erdreichs und so weiter, bis man eine Decke von ½ m Höhe hergestellt hat. Das so aufbereitete künstliche Feld wird mit ungeheueren Wassermassen überschwemmt, und nun überläßt man es auf die Dauer eines Jahres den zersetzenden Wirkungen der Sonne, des Sauerstoffs und Regens. Dann erst erfolgt die Düngung und Bestellung. Das wichtigste Erzeugnis des maltesischen Landbaues ist Baumwolle, während Korn und Gerste erst in zweiter Linie kommen; mit höchst einfachen, seichtgehenden Pflügen, von einem Esel gezogen, wird der Boden zubereitet, und auf einem besonders zurecht gemachten Stück Erdbodens wird die Ernte von Pferden, Maultieren, Ochsen und Kühen ausgetreten. Auch erbaut man viel Gemüse: Kopfsalat, Endivien, Radieschen in vielen Arten, ebenso verschiedene Sorten Kohl, Gurken, Kürbisse, Sellerie, Blumenkohl, Artischocken, Tomaten, Knoblauch, Zwiebeln, Spinat, grüne Erbsen, Bohnen, gelbe, rote und weiße Rüben, von Gewürzen Kümmel, spanischen Pfeffer usw. Der Obstbau liefert verschiedene Arten von Feigen, ferner Pfirsiche, Pflaumen, Aprikosen, Mandeln, Melonen, Wein, Zitronen und Orangen. Was die Tierwelt der Insel anlangt, so sind giftige Schlangen und Insekten auf Malta unbekannt; nur die Stechmücken bilden im Sommer geradezu eine Geißel, nicht sowohl durch giftigen, schmerzhaften Stich, als vielmehr durch das den Schlaf störende Gesumme. Doch hat gegenwärtig ein Venetianer in den »fidibus insectifughi« eine Art Räucherkerzchen hergestellt, welche jene Menschenquäler trunken und unschädlich machen. Von Haustieren züchtet man auf der Insel Pferde, Maultiere, Esel, Rinder, verschiedene Ziegenarten, Schweine, Schafe und viele Arten von Federvieh. Hochwild gibt es auf der nackten Insel nicht; der Nimrod kann sein Glück nur an Hasen, Kaninchen, wilden Tauben und verschiedenen Arten von Hühnern erproben. Nicht unbedeutend ist dagegen die Seidenraupen- und Bienenzucht. Das Gewerbe verarbeitet auch die erbaute Baumwolle; die Frau spinnt, der Mann webt, und zwar Segeltuche, Leinwand (à Damiers) zu Matratzen, Nanking, Decken und Kleiderstoffe; mit Ausnahme der Mütze bedient sich der Malteser nur inländischer Bekleidungsstoffe. Auch die Spitzen-, Pomeranzenwasser- und Zigarrenerzeugung liefern ganz Vorzügliches. Schiffszwieback, vorzüglicher Schaf- und Ziegenkäse, Schmucksachen aus Korallen und weißem, alabasterartigem Kalkstein gesellen sich jenen Gütern zu. Die Industrie arbeitet meist noch ohne die mächtigen neuzeitlichen Hilfsmittel. Was Maltas Bedeutung auf dem Weltmarkte anlangt, so ist es ein großes englisches Lagerhaus, von wo aus die Erzeugnisse Englands und seiner Kolonien nach allen Märkten der Mittelmeerländer sich verbreiten. An der Spitze der Inselregierung stehen ein Militär- und Zivilgouverneur: dem ersten untersteht die Besatzung; der Zivilgouverneur hat in Gemeinschaft mit einem Staatsrate, der auch einige Malteser zu seinen Mitgliedern zählt, die gesetzgebende und – unter Voraussetzung der königlichen Bestätigung – die ausübende Gewalt. Eigentümlich berührt der Umstand, daß von Preßfreiheit auf der Insel selbst nichts zu finden ist, während man allen ausländischen Preßerzeugnissen ohne Einschränkung Eingang gestattet; erstaunt ist man aber, daß dieses Eiländchen eine Universität besitzt mit vier Fakultäten, einigen achtzehn Lehrstühlen und einem Lyzeum, und daß jedes Dorf und jede Stadt eine von der Regierung eingerichtete Normalschule hat. Daß die Insel, welche 300 Jahre einem Orden gehörte, der sein gesamtes Wirken in den Dienst christlicher Wohltätigkeit stellte, reich ist an Wohltätigkeitsanstalten, nimmt uns weniger wunder, wohl aber, daß diese Spitäler, das Leihhaus, das Industriegebäude, wo Arbeitsuchenden Arbeitsgelegenheit geboten wird, und die Sparkasse in solch prächtigen öffentlichen Gebäuden untergebracht sind. Der eingeborene Malteser entstammt einer Mischbevölkerung, in welcher nordafrikanisches Berbernblut vorwiegt. Er ist klein, aber muskulös, hat schwarzes Kraushaar, platte Nase, aufgeworfene Lippen, entwickelt viel Mut, Tätigkeit und Gewandtheit. Mäßigkeit, Liebe zum heimatlichen Boden – sie nennen ihr Ländchen »die Blume des Weltalls« –, ernste Frömmigkeit, unbedingte Unterwürfigkeit unter die Regierung – schon die Ankunft eines einfachen, nicht einmal uniformierten Schutzmannes genügt, zwei Streitende augenblicklich zu besänftigen –, aber auch glühende, blinde und taube Leidenschaftlichkeit sind die Licht- und Schattenseiten seines Wesens. Die Sprache der Malteser ist eine verunstaltete, arabische Mundart, die an phönizischen Worten, wie aus der Geschichte der Insel erklärlich, nicht arm ist. Übrigens ist sie nur bei der Landbevölkerung in beständigem Gebrauch, während sich die städtische, außer in vertraulichem Kreise, der italienischen Sprache bedient. Den deutschen Ordensmeistern ist die großartige Befestigung aller drei Inseln, besonders Maltas, zu danken. Die Hauptstadt, zugleich das Hauptbollwerk, La Valetta, ist auf einer Halbinsel der Nordostküste erbaut, welche die beiden Hafeneingänge trennt. Von hohem Berge aus beherrscht es beide Hafeneinfahrten. Auf drei Seiten ist es von Wasser umgeben, auf der vierten, der Landseite im Südwesten, ist es durch doppelte Fronten, Doppelgräben und Außenwerke geschützt, von denen ein unterirdischer Gang nach Fort Florian führt, das ebenfalls die Deckung der Landseite bezweckt. Die Spitze der ins Meer vorragenden Halbinsel, auf welcher die Hauptstadt liegt, bildet das mächtige Kastell St. Elmo, einst von den Türken erobert und zerstört, dann erneuert und mit mächtigen Basteien umgeben, auf denen gewaltige Reihen schwerster Geschütze ihre Schlünde ins Meer hinausrichten. Diesen Befestigungen laufen zwei Reihen anderer Forts jenseit der beiden Hafeneinfahrten parallel, so daß man sich stets der Wichtigkeit der Lage Maltas bewußt wird und daraus die Riesenarbeit dieser Befestigungen begreift. Denn Malta ist für England nicht bloß ein Schlüssel zum Ostbecken des Mittelmeeres, sondern auch zum Indischen Ozean.   10. Küstengrotten des Mittelmeers. Viktor Hehn, dem wir das klassische Werk Italien verdanken, rühmt am Mittelmeer vor allem die Farbenpracht, wenn er schreibt: »Mit reinerem Glanze als die Ost- oder Nordsee leuchtet das Meer, nach Farbe und Ansehen unendlich mannigfaltig, bald rötlich angehaucht, mit silbernen Rändern, bald wie ein starrer glühender Metallspiegel, bald wallend wie schwerer Seidenstoff; in Höhlen oder im Schatten der Uferfelsen wie flüssiger Ultramarin oder Smaragd und unter den Ruderschlägen in funkelnden Tropfen blitzend. Bekannt sind die Grotten von Capri, die blaue, weiße, grüne usw., aber die ganze Gebirgsküste von Italien und Hellas ist reich an ähnlichen, oft schwer zugänglichen Höhlungen voll Lichtzauber, wie zum Beispiel die wenig besuchte Grotte von Polignano in Apulien, deren Grund das Meer bildet, oder die Tropfsteinhöhle am Kap Caccia bei Alghero auf der Insel Sardinien.« Ein Reisender Alfred Meißner, Durch Sardinien. S. 210. schildert uns einen Besuch dieser Grotte etwa folgendermaßen: »Am Nachmittag ging ich an der sardischen Küste eine weite Strecke entlang. Die Wogen brachen sich mit regelrechtem Donnerfall, sonst war nah und fern in der Düneneinsamkeit kein Ton zu vernehmen. Endlich kam ich an das alte Gemäuer eines Wachturms, der von einer Klippe ins weite Meer schaut. Wilde Feigenbäume umklammerten ihn mit ihrem Geäst, Felsentauben nisteten in seinen Löchern. Solcher Türme gibt es viele rings um die Insel; sie wurden von spanischen Vizekönigen errichtet, um die Küste gegen die Korsaren aus der Berberei zu schirmen. Die Wächter erstiegen die runden dicken Türme auf einer Leiter; denn das Erdgeschoß hatte keine Tür, die Leiter wurde danach aufgezogen. Feuerzeichen verständigten die Bewohner von drohender Gefahr, und die Botschaft lief so als Lauffeuer von Turm zu Turm um die Insel. Auf dem ultramarinblauen Meere an der Klippe unter mir kam eine kleine Feluke, eins jener Küstenfahrzeuge des Mittelmeers mit ihren zwei etwas nach vorn geneigten Pfahlmasten mit dreieckigen lateinischen Segeln, und warf ihre Netze nach Korallen aus. Alghero hatte in alter Zeit den Ruf, die besten Korallen des Mittelmeers zu liefern. Ein Lattenkreuz, das in der Mitte mit einem Kieselstein beschwert und seiner Länge und Breite nach lose mit Hanf umwunden ist, trägt vier beutelartige Netze und hängt an zwei Seilen, die am Schnabel und Heck festgeknüpft sind. Diese Vorrichtung wird ins Meer versenkt und an den Felsvorsprüngen, wo die Korallentiere bauen, vorbeigeführt, die spröden Ästchen brechen ab, wenn sie sich im Hanf fangen und fallen zum Teil in die Netzbeutel. Diese Fischerei kann von Ende April bis Ende September betrieben werden. Bei ruhiger See mietete ich ein Schiff; denn nur dann war in die Höhle hinein zu gelangen möglich. Mitternacht war eben vorüber, als wir, eine kleine Reisegesellschaft, in das Segelboot stiegen, das uns an das Kap Caccia bringen sollte. Mit silberner Klarheit blickten die Sterne herab, und einer der Gefährten sang zur Gitarre spanische Lieder von sterngleichen Augen und kalten tyrannischen Herzen. Ich schlief ein und erwachte erst, als der Tag sich durch die bleigraue Dämmerung schlug und bald darauf die Sonne wie mit einem Sprunge aus dem Wasser tauchte, die Wogen wie von purem Golde heranrollten, das Meer sein großes Morgenlied sang. Unser alter Schiffer lenkte nun gegen die Kluft in den Felsen des Vorgebirges. Sie war etwa 30 m hoch und 40 m breit. Eine Vorhalle von wunderbarer Pracht: weiße Tropfsteinzapfen Stalaktiten. hingen von der Decke herab und erglänzten im Dämmerlichte mit einem wundervoll grünlich-azurnen Scheine. Viele freilich lagen schon zerstückelt da, die Unverstand und Barbarei zerstört hatten. Vom Boden erhebt sich ein Tropfsteinhügel Stalagmit. mit einer großen alabasterhellen Schale, in der sich das klare Wasser, das von einem riesigen Stalaktiten abträuft, sammelt. Seevögel, die ringsum in den Nischen nisten, kommen und nehmen darin ein Bad. Das Wasser ist eiskalt; der Tau, der von der Säule niedertröpfelt, füllt in der Stunde ein kleines Trinkglas. Indes wir in der Vorhalle warteten, waren die Schiffsleute in die Höhle vorgedrungen, um sie mit Talgkerzen zu beleuchten. Das erforderte halsbrecherische Felsenkletterei. Aber welch ein Schauspiel beleuchtet dann dies bißchen Talg! Unser Kahn wurde über Sand und Kies des Vorsaals emporgezogen und jenseits in einen kleinen Salzwassersee von geringer Tiefe gebracht. Die dunklen Gänge, die Stille, die Kühle, der Takt der Ruderschläge im nachtdunklen Wasser versetzen das Gemüt in einen fremdartigen Traum, es wird einem so ernst und feierlich zumute, als führe man mit Dante in die Unterwelt ein. Eine hohe Halle öffnet sich. Das Auge haftet an diesen Säulengängen, an den scheinbar leichten, durchscheinenden Behängen aus Stein, an den tausendgestaltigen Bildwerken der Natur. Eine Riesensäule fast in der Mitte beherrscht die Halle. Wie alt mag sie sein? Langsam wächst solch ein Gebilde aus Wassertropfen herab! Allmählich gleitet der Kahn in eine große Halle, la Rotonda genannt. Wände und Decke blitzen hier wie von Milliarden von Diamanten. Aber die Kerzen schmolzen nieder, und bei Fackelschein traten wir die Rückfahrt an. Wie weit die Höhle von Alghero geht, weiß niemand, sie hat nach allen Seiten hin auslaufende Gänge, dunkel wie die Schlünde des Erebus.« Berühmter, bekannter und vielbesucht ist dagegen die blaue Grotte von Capri . Wissenschaftl. Beilage der Leipziger Zeitung 1888, Nr. 32. Auch hier folgen wir einer Reisegesellschaft, die soeben durch Weingärten, Agaven- und Opuntiendickichte zur Küste niedersteigt, von wo sie der Nachen zur Grotta Azzurra an die Nordseite des Eilands bringen soll: »Dem Kahne zieht ein buntes Heer von Quallen nach, die mit den Sonnenflecken auf dem Wasser zu spielen scheinen. Kahle hohe Kalkfelsen lassen wir hinter uns zurück. Wir kommen an der Hundsgrotte vorüber, einer niedrigen Felsenhöhle, aus der es hervorheulte, kläffte, gurgelte, knurrte, als läge der dreiköpfige Höllenhund da drinnen an der Kette. Wenn der Wogenschwall in das Loch hineinstürzte, war der Lärm am tollsten, wenn er zurückkehrte mäßiger, als habe sich das unterirdische Ungeheuer müde gebrüllt. Diese Grotta del cane ist zu unterscheiden von jener zwischen Neapel und Pozzuoli, die Plinius schon wegen ihrer Kohlensäurequellen beschrieb. Die See ging an den steilen Felswänden, unter denen die blaue Grotte sich barg, so hoch, daß wir den Eingang nicht sahen. Der Bootsmann hieß uns auf den Rücken legen, er wollte den Augenblick erhaschen, wo eine heranrollende Woge das Fahrzeug in die Grotte schleudern würde und hatte sich mit aller Kraft wider das Felsentor zu stemmen, damit unsere Nußschale nicht am Gesteine zerschelle. Ein Wagnis, das nur der Kühnheit und Gewandtheit der seetüchtigen Eingeborenen gelingen kann. So schnellten wir denn nach einigem Hin- und Herschaukeln vor der Hadesöffnung plötzlich in Plutos Wundergemach hinein. Anfangs erschien alles ringsum finster, bis sich allmählich das Auge an das Wunder des lasurblauen Dämmerlichts angepaßt hatte. Ringsum blau angehauchte Tropfsteingebilde, die von der Höhlendecke und den Wänden herabhingen, stellenweise fast so blau wie die Flut selbst, in der die bunten Quallen auf- und abhuschten. Die weißlichen Kalkformen erschienen wie von einem blauen Florgewebe überspannt, auf welchem mattgoldene Lichter gleich riesigen Maschen hin- und herzuckten, um weiter im Hintergrunde der Höhle zu verschwinden. Dort wurde es ganz dunkelblau, aber ich vermochte nicht, die Fahrt in die Labyrinthgänge der Grotte mitzumachen. Das wilde Tanzen der eingefangenen Wogen im Felsenraume, das Heulen und Klatschen, wenn sie sich an den Wänden brachen, dazu das Hüpfen des niedlichen Nachens, der von manchem Wellenstoß in allen Fugen krachte, erzeugte mir Schwindel. Ich ließ mich auf einem kleinen Felsenvorsprunge, welcher bühnengleich aus dem Hintergrunde hervortrat, absetzen und verzichtete auf die weitere Wasserfahrt durch die Grottengänge. Diese wurde mit Fackeln vollendet, und es bot einen geisterhaften Anblick, als das Fahrzeug mit den zwei roten Glutaugen aus der bläulichen Nacht wie ein schwimmendes Fabeltier hervorschimmerte und endlich hinter einem säulenartigen Pfeiler mit vielen Tropfsteinzieraten verschwand. Matter tönten Ruderschläge und Stimmen, die des Echos schallende Antwort im Höhlenraume weckten aus der Ferne des Hintergrundes hervor – endlich war alles verklungen, was an Menschennähe erinnerte, und ich allein mit den gurgelnden, tanzenden Wogen, die zu meiner Bühne blauweißen Schaum emporspritzten, als wollten sie mich am Gewand erhaschen und in den Abgrund hinabziehen. Wenn einmal recht übermütige Wellen durch die schmale Türöffnung in den Höhlenpalast hereinstürzten, schütteten sie ganze Füllhörner Schaumperlen aus und brachten vorübergehend einen Tagesstrahl, ein flüchtiges Leuchten in die geisterhafte Bläue. Dann kehrte schnell die farbige Nacht zurück und die eintönige Musik der gemäßigter tanzenden Wogen, die nur von Zeit zu Zeit, wenn sie mit den Schaumhäuptern recht hart an die Felsenbrüstung stießen, einen heulenden Laut des Unwillens vernehmen ließen. Aber je länger ich mich so grabeseinsam und todverlassen sah, je öfter die wallenden blauen Gewande Undinens den unerforschten Abgrund zu meinen Füßen öffneten, desto unheimlichere Empfindungen kehrten zurück. Das Herz sehnte sich aus dem unheimlichen Nachtblau hinaus in das Reich des Helios, hinaus aus dem Vorort der Unterwelt in die sonnige Lebensluft der Oberwelt! Da plätscherte Ruderschlag hinter den blauen Schleiern, hinter den Tempelsäulen aus Tropfstein und ausgewaschenem Urkalk; es blitzte rot durch die blaue Nacht, und unter den tiefen Wölbungen des Grottenhintergrundes tauchte unser Schifflein wieder auf. Der Bootführer hatte versprochen, die durchsichtige Klarheit des Höhlenwassers an seinem eigenen Körper zu zeigen. Eins, zwei, drei, seine Kleider waren abgeworfen, und er bewegte sich schwung- und mutvoll in der silberklaren Flüssigkeit, die, wo der rudernde Menschenkörper sie teilte, kaum noch die Hälfte ihres blauen Schimmers besaß und prächtig silbern leuchtete. Der Austritt aus der Grotte ist leichter als der Eintritt, so versicherte der Marinar, den ich mir, als er das Hinausschnellen des Nachens glücklich vollbracht hatte, etwas näher ansah. Ein hochgewachsener, schöner Bursche, der das Marinarihütchen mit flatternden Bändern keck auf dem rabenschwarzen Haar trug. Dies Haar war um den sehnigen bronzebraunen Nacken kurz abgeschnitten, der Kopf sehr schmal, griechische Bildung, die Nase fein gebogen, die schwarzen Augen stechend, aber nicht freundlich blickend, eher finster. Auf der Oberlippe trug er ein kleines schwarzes Bärtchen, das ihm sehr wohl stand. Im Sprechen zeigte der Mund schöne kleine Zähne, er wurde beim Sprechen etwas hochmütig aufgeworfen. Das Gesicht erinnerte an maurische, an Beduinengesichter, andere Züge deuteten auf griechische Abstammung hin. Die Grotta Azzurra von Capri stand wahrscheinlich mit der Prunkvilla Damecuta des Kaisers Tiberius in Verbindung; denn es finden sich noch Reste einer alten Treppe. Auch die Insel Busi in der Adria, die zu den dalmatinischen Inseln gehört und bei der größeren Insel Lissa liegt, hat eine blaue Grotte. Diese Wundergrotten sind einerseits begründet in der Karstnatur der Mittelmeergestade. Binnenwasser und Seewasser greifen die löslichen Kalke an und schaffen Höhlen, Klüfte, Gänge. Auf der ionischen Insel Kephalonia vor dem Golfe von Patras strömt jährlich an 200 Millionen cbm Meerwasser in Küstenhöhlungen ein, so stark, daß ein Engländer Stevens, als jene Insel noch britisch war, in einen solchen Meereinfluß eine Mühle baute, die in 9-10 Sekunden eine Umdrehung machte. Diese » Meermühlen « auf der Halbinsel Argostoli sind lange Zeit ein Rätsel gewesen. Wo fließen die Unmengen Meerwasser hin, ohne daß der Meeresspiegel auch nur im geringsten sinkt? Man dachte daran, daß es nach unterirdischen Vulkanherden abfließe, dort dampfförmig werde und jene gewaltigen Wasserdampfentladungen im Mittelmeergebiete verursache – oder man suchte den Grund darin, daß die sehr starke Verdunstung den Grundwasserspiegel der Insel stets tiefer erhalte, als der Meeresspiegel liegt, so daß ein immerwährender Zufluß stattfinden könne. Erst den Gebrüdern Wiebel gelang 1873 eine glaubhafte Lösung der Frage. Sie fanden, daß die Insel reich ist an Brackwasserquellen, kein Brunnen hat dort ungesalzenes Wasser. Das eindringende Meerwasser wird auf den unzähligen Spalten des Karstkalkes wieder emporgesaugt, mischt sich mit dem Süßwasser der vom Regen gespeisten Quellen und fließt mit ihnen dem Meere wieder zu. Die Ursache der Farbenwirkung Vgl. hierzu Strasburger, Streifzüge in der Riviera, 2. Aufl., S. 309 ff. Jena 1904, G. Fischer. der Grotten liegt aber in der wunderbaren Blaufarbe des Mittelmeers, die es auch unter trübem Himmel bewahrt, die also Eigenfarbe und nicht Himmelsspiegelung ist. Denn chemisch-reines Wasser ist in durchfallendem Lichte in genügender Menge an sich blau; das Mittelmeerwasser ist sehr klar; denn im warmen, salzreichen Wasser sinken die trübenden Stoffe rasch zu Boden. Aber wir sehen das Mittelmeer ja in zurückprallendem Lichte blau; es müssen deshalb trotz der Klarheit trübende Stoffe darin enthalten sein, die das Licht nicht ganz durchlassen, sondern nachdem die langwelligen roten und gelben Strahlen des weißen Sonnen- oder Tageslichtes verschluckt sind, die kurzwelligen blauen durchfallenden aufhalten und unserem Auge zuwerfen. Die Erscheinung der Grotta Azzurra kann ein Versuch wiederholen. Wird ein hinreichend langes, innen geschwärztes Rohr, dessen untere Öffnung ein Spiegel ziemlich deckt, senkrecht ins Mittelmeer getaucht, so leuchtet das Wasser im Rohre wie der edelste Saphir. Durch das Grottentor dringt ins Innere der blauen Grotte und ihr kristallklares Wasser genügend Licht, wird darin in der beschriebenen Weise verändert und von dem 15 m tief gelegenen weißen Kalkboden (als Spiegel) zurückgeworfen und auf die grauweißen Tropfsteine der Grottenwände übergestrahlt. Größere Trübung des Wassers bedingt teilweise Rückprall gelber Strahlen, so daß sich grüne Töne dort einstellen. Das geschieht besonders in der Nähe der Küsten, wahrscheinlich erklärt es auch die Farbenwirkung der Grotta verde an der Südküste von Capri. B. Balkanhalbinsel. 1. Aus Dalmatien. – 2. Am Skutarisee. – 3. Über den Schipka ins Rosental von Kasanlik. – 4. Die Ägäis als Wiege der europäischen Kultur. – 5. Athen. – 6. Das Griechenland der Gegenwart. – 7. Alttürkisches Familienleben. – 8. In Konstantinopel.   1. Aus Dalmatien. Nach L. Passarge, Dalmatien und Montenegro, Leipzig 1904, B. Elischer Nachf. Dalmatien ist seiner Lage nach eine Art Riviera des östlichen Mittelmeers, die Riviera der Balkanhalbinsel und hat auch an seiner Küste klimatische Kurorte von Ruf, wie zum Beispiel Abbazia und Ragusa – andererseits ähnelt es in der Zerrissenheit seiner Küste, dem Inselhofe, der felsigen nackten Küste mit ihren Canali und Bocchen Norwegen mit seinem Skärgard und seinen Fjorden. Dalmatien ist ein halbversunkenes Karstgebirge, dessen Kämme als langgestreckte malerische Inseln und Halbinseln von Veglia im Quarnero bis Meleda bei Ragusa das Festland gebliebene, mauerartige Küstengebirge begleiten, das nur von zwei Flüssen, der Cetina aus dem Morlakenlande und der Narenta aus der Herzegowina durchbrochen ist. Das »Isolario« ist außerdem übersät von einer Unzahl buntgestaltiger, meist unbewohnter Klippen, die hier Scoglien heißen. Sie leiden an Wassermangel, ihre Bewohner verdursten inmitten der unendlichen Meerflut. Die Canali, jene schmalen Meeresarme zwischen den Inseln, stellen versunkene Längstäler dar. Sie setzen sich oft hinter einer Landbrücke in einem Süßwassersee oder einem Überflutungsfelde, einem Polje, tief ins Festland hinein fort. Oft verbinden sich mehrere halb versunkene Täler zu einer phantastisch gestalteten Küstenbucht; die bekannteste und wegen der wunderbaren landschaftlichen Wirkung ihrer Gliederung berühmteste bilden die Bocche di Cattaro. sg. bocca, pl. bocche, die »Mäuler« oder Engen. In diesen Kanälen und Buchten treten häufig mit starkem Drucke Schlundquellen aus, Süßwasserwirbel, die oft bei der Wasserarmut des Kalklandes als Trinkwasser ausgebeutet werden oder auch Wasserkraftanlagen treiben müssen. Die ganze Küste leidet unter der Gewalt der Bora, in welche sich der antike Boreas verwandelt hat, eines Fallwindes, der stoßweise mit Riesenkraft von den Karsthöhen herabstürzt und niederreißend und erkältend wirkt. Er fegt die Ackerkrume vom Felsen und reißt die Pflanzen los, so daß heute überall das nackte Gebirge auf das Meer herniederblickt, freilich auch so in seinem Formenreichtum und seiner herrlichen Beleuchtung und Beschattung von malerischer Wirkung. Von Sebenico, einem malerischen Küstenstädtchen, zwischen felsigen Abhängen erbaut, führt eine Fahrstraße hinauf über das zerhackte Kalkland mit seinen grauen, harten Trockenpflanzen und seinen spärlichen, aber charaktervollen Wacholderbäumen nach Skardona an der Kerka. Von dort geht es an dem still fließenden Karstflusse, auf dem nur hie und da eine Barke mit Mahlgut zur Mühle fährt, aufwärts: rings wieder die stille Karstöde. Plötzlich ändert sich das Bild, man steht an den berühmten Wasserfällen. Hier stürzt das Wasser über einen der Querriegel des Längsgebirges, hinter dem es sich zu einem stillen See gestaut hat. Dabei ist das Wasser so kalkhaltig, daß fortgesetzt am Rande und weniger reißenden Stellen im Falle Sinterbildungen entstehen, die bei Hochwasser wieder hinweggeschwemmt werden, um wieder sich zu bilden. Im ganzen hat dieser Fluß acht solcher Querriegel zu überwinden. Rings um die Fälle ist frisches Gartengrün, das um so mehr das Auge erfreut, als es oasenartig in der Karstwüste auftaucht: Weiden, Pappeln und Rohr. Der Skardonische Fall rauscht über fünf Stufen nieder und verschwindet unten in einem siedenden Kessel. In der Mitte ist der Fall am weitesten zurückgewichen und hat eine hufeisenförmige Sturzkante gebildet. Eine Felsklippe teilt inselartig die breiten Wassersträhne. Aus der sinterigen Schwammtiefe aber fließt das Wasser als lebendige Kraft durch zahlreiche Kanäle auf die Räder der Walk- und Mahlmühlen. Mit dem betäubenden Rauschen und Brausen der fallenden Wasser mischt sich das Getöse der Räder und das Stampfen der Walkhämmer. Den Wanderer erfrischt die feuchte gesättigte Luft wie in einem Bade. Eine der Mühlen mahlt Insektenpulver aus dem hier überall trefflich gedeihenden Pyrethrum cinerariaefolium. Die Bewohner dieser Karstlandschaft sind südslawischen Stammes, sie heißen Morlaken. Nach Th. Frank. In den Küstenstädten wohnen auch zahlreiche Italiener. Die Morlaken sind ein prachtvoller, hochgewachsener Menschenschlag mit kühn geschnittenen Gesichtszügen, ausdauernd und mutig, dabei arm wie der zerrissene Felsboden, der ihnen das tägliche Brot widerwillig und kärglich bietet. Schwarze Augen, dunkelbraunes Haar, das in einem Zopf über den Rücken baumelt, Fes und Turban auf dem Kopfe – eine rauhhaarige, vorn mit blauen, roten und weißen Streifen besetzte Jacke, ein rotes Leibchen mit Silberknöpfchen besetzt, das aber die breite, braune, haarige Brust frei läßt, ein breiter Ledergürtel, in welchem Pistolen und Handschar stecken, blaue türkische Pumphosen mit darübergezogenen weißwollenen Strümpfen, an den Füßen die mit Lederriemen zusammengeschnürten Opanken, die lange, mit einem Steinschloß versehene, türkisch geschäftete Flinte über die Achsel gehängt: das ist der Bewohner des morlakischen Landstriches, und Sinj ist dessen Hauptstadt. Von Osten her senken sich die Abhänge der Dinarischen Alpen bald schroff abstürzend, bald in wellenförmigen Hügeln, aber immer steinig gegen die Adria. Ihre Spitzen, oft von finsteren Nebelkappen umzogen, im Herbste und Frühjahre schneebedeckt, lugen in das Land, lugen bis in den Hauptplatz des Marktfleckens Sinj. Einige breite, aus festen Quadern erbaute ungetünchte Häuser auf der einen Seite, ein Franziskaner-Kloster, eine Kirche und zwei kleinere Häuser auf der anderen Seite bilden den Platz, der eigentlich nur eine Erweiterung der von Spalato nach Knin und Verlika führenden Straße ist. Aus einem steinernen Brunnen – einer Seltenheit in Dalmatien – plätschert in eintönigem Laufe frisches, helles, köstliches Quellwasser in ein kleines Becken; auf der Ostseite des Platzes führt eine steile Straße bergan zu den oberen, terrassenförmig gebauten Häusern, darüber ragt ein mächtiger, steiler Felsblock, auf dessen Spitze die Reste eines türkischen Bergschlosses langsam zerfallen. Gegen Süden verläuft die Straße abwärts an einzelnen kleineren Häusergruppen und Morlakenhütten vorbei, und dann eröffnet sich eine weite Aussicht auf die Ebene oder das Tal von Sinj, welches, von dem Flusse Cetina durchströmt und von hohen schroffen Bergen ringsum begrenzt wird. Es ist Sonntag, und die Glocken der Franziskanerkirche, der einzigen Kirche von Sinj, läuten zur Messe. Die Männer gehen einzeln hinein, jeder mit seinem Tschibuk in der Hand, den er ehrerbietig in der Vorhalle der Kirche an die Wand lehnt. Es stehen dort schon ganze Bündel von Tschibuks an den Wänden, und da sie alle gleichmäßig aus einem halblangen Rohre ohne Mundstück und einem braunen türkischen Tonkopf bestehen, so ist es nicht recht erklärlich, wie die Eigentümer nach der Messe ihre Tschibuks wieder finden können. Vielleicht nimmt sich auch nach der Messe nur jeder, der heraustritt, irgendeinen Tschibuk, ohne erst lange nach seinem eigenen zu suchen. Die Weiber und Mädchen betreten in kleinen Gruppen die Kirche und haben ein so scheues, demütiges Benehmen, einen so trippelnden Gang, gehen so zusammengedrängt aneinander, daß sie unwillkürlich an kleine Schafherden erinnern. Der Morlake ist ein von Natur höflicher Mensch, höflich in seiner Weise. Er spricht niemals von seinem Weibe, seiner Schwester oder sonst von etwas, das ihm gehört, ohne die Entschuldigung »prostite« vorauszusenden. »Prostite« bedeutet aber ungefähr soviel als: »mit Respekt zu sagen« oder »salva venia«. Er sagt also beispielsweise: »Mein Weib – mit Respekt zu sagen – hat gestern auf dem Markte ein Schweinchen verkauft – mit Respekt zu sagen – und dafür sechs Gulden fünfzig Kreuzer gelöst.« Geht der Morlake in ein anderes Dorf, auf den Markt oder sonst irgendwohin, so sieht man sein Weib niemals an seiner Seite; sie geht demütig fünf oder sechs Schritte hinter ihm oder gar hinter dem Pferde spinnend oder strickend einher, auf welchem er rauchend sitzt. Das Weib ißt nicht mit den Männern an einem Tische. An dem Tische, der mitten in der Hütte steht, verzehren die Männer ihr einfaches Mahl. Sie trinken ihren gewässerten Wein, stopfen ihre Pfeifen, wenn das Mahl beendet, und strecken sich dann zur Sommerszeit rauchend vor der Hütte auf die Erde oder setzen sich, wenn zur Winterszeit die Bora heult, um das Feuer. Während des Essens hat die eine oder andere der Inwohnerinnen die Männer lautlos bedient, die anderen hocken in einem Winkel der Hütte, bis das Mahl der Männer beendet ist. Erst wenn diese aufgestanden, setzen sich die Weiber an den Tisch, um nun die Reste der Speisen zu verzehren. Ein weißes, bis an die Knöchel reichendes Hemd, dessen Garn sie selbst gesponnen und das sie dann selbst gewebt, ein weißer linnener Unterrock, ein blaues, rotbesetztes Oberkleid aus Schafwolle, das, vorn offen, beinahe die Form eines riesigen Frackes hat, schafwollene Strümpfe und mit Lederriemen befestigte Sandalen, ein rotes Käppchen auf dem Kopfe: so kleidet sich die Morlakin jahraus, jahrein. Ist sie verheiratet, so trägt sie auf dem Kopfe eine Art kleinen hölzernen Fäßchens ohne Boden, über welches sie ein weißes Tuch unter dem Kinne zusammengebunden hat. Übrigens ist die Kleidung der Weiber beinahe in jedem Dorfe eine etwas andere, so daß man aus ihrer Kleidung mit ziemlicher Sicherheit auf das Dorf oder wenigstens auf den Bezirk schließen kann, welchen sie bewohnen. Ist Sonntags die Messe in der Franziskanerkirche zu Sinj beendet und verläßt das Volk die Kirche, so ist es ein gar farbenreiches Bild, das sich dem Beschauer darbietet. Das wimmelt blau, rot, weiß, grün, gelb und schwarz durcheinander aus der Kirche heraus, bis sich die Gruppen teilen und heimwärts in die oft stundenweit in den Gebirgen liegenden Dörfer ziehen. Jahre, viele Jahre werden allerdings vergehen, bis es möglich sein wird, in diesen Gebirgsgegenden allenthalben Schulen zu errichten, Lehrer für die Schulen zu finden und es dahin zu bringen, daß alle Kinder auch die Schulen besuchen. Denn es ist ein gar armes Land, diese Morlakei, entwaldet, felsig, wenig bevölkert, wasserarm. Der Morlake hängt, wie vielleicht keine Nation in dem weiten, vielsprachigen Südosteuropa, an den ererbten Sitten und Gebräuchen seiner Vorväter. Wie diese das Schaf schoren, die Wolle spannen und färbten, den Mantel und die Jacke daraus schnitten, so tut er es heute noch; wie die Großväter das Feld bearbeiteten mit einem Pfluge, an dem kein Eisen, mit einem dürren Reisigbündel als Egge und einer Bespannung, die aus Ochsen, Kühen, Pferden und Eseln gemischt war, so pflegt er es auch heute noch; wie der Urgroßvater in barbarisch-türkischer Weise sein Weib behandelte als ein Wesen, das tief unter ihm stand, so läßt heute noch der Morlake sein Weib die schwersten und gröbsten Arbeiten verrichten, und wenn er von ihr sprechen muß, so tut er es nie, ohne beizufügen: »prostite«. Der Morlake lebt fast im Naturzustande wie das Tier des Feldes. Seine steinerne Hütte hat meist nur Öffnungen, aber keine Fenster und Türen, die sie verschließen. Der Erdboden ist sein Bett. Seine Ziegen und sein Maisfeld müssen ihn nähren; im Herbste nur, wenn die Ziegenschläuche mit Wein gefüllt sind, betrinkt er sich. Fehlt es an Nahrung, so arbeitet er notgedrungen so viel, als nötig ist, oder er bettelt. Früher plünderte er in solchem Falle die Post oder die Reisenden aus, das war ihm unter der österreichischen Herrschaft nicht mehr möglich. Die Furcht vor der weltlichen Strafe, besonders der Freiheitsentziehung, hat sogar die seit Homers Zeiten übliche Blutrache fast beseitigt. Schön sind die Volkslieder dieser Barbaren, voller prächtiger Bilder, voller poetischer Empfindung.   2. Am Skutarisee. Nach Kurt Hassert, Reise durch Montenegro. Wien 1893, A. Hartleben. Der Skutarisee stellt sich mit seinen farbenprächtigen Strandbildern den schönsten Istriens und Dalmatiens würdig zur Seite und kann mit Recht die Perle Montenegros genannt werden. Er umfaßt jetzt ein Gebiet von etwa 350 qkm. Er war aber einst viel größer und weiter; er endete bei Podgorica (das heißt unter dem Hügel), der volkreichsten Stadt der Tschernagora. Aber der Ausfluß durchnagte immer tiefer die sperrenden Riegel klüftigen Kalkes, die die Wasserfläche stauten; er wurde an zwei Stellen, am Bojana- und am Kiriaustritt, durchbrochen, und die tosenden Wellen fanden einen Ausweg zur Adria. Damit sank der Seespiegel, und ein breites Polje, ein Seeboden wurde bloßgelegt, durch den die Rijeka und Moratscha ihren Weg zum verkleinerten Stausee suchten. In den trockenen Monaten hielten sich Zufluß und Abfluß die Wage; zur Schnee- und Regenzeit aber traten regelmäßig Überschwemmungen ein, weil die schmalen Ausgänge die gewaltige Zufuhr nicht mehr bewältigen konnten. Das ist für viele dieser Karstbecken bezeichnend. Mehr und mehr staute die Wassermasse wieder rückwärts, und Vranina wurde zwischen 1200-1233 zur Insel. Als 1858/59 der Drin seinen Lauf änderte und in die Bojana einmündete – Strom gegen Strom –, da verstopften seine Ablagerungen den ungenügenden Auslaß des Sees noch mehr, und seitdem stieg er wieder, so daß fruchtbare Felder und Ortschaften unter Wasser gesetzt wurden, wenigstens für die wasserreiche Winterzeit. Tief ist der See nirgends, am Westrande finden sich die größten Tiefen, an keiner Stelle über 8-10 m. An einem drückend heißen Septembertage ging unser Gewährsmann, die Berge Altmontenegros zur Rechten, die Albanesischen Alpen zur Linken, durch die Ebene von Podgorica nach Süden. Die Vorberge, Reste alter Sperrketten des Sees, sind auf der einst türkischen Seite mit Festungen gekrönt. Eine lange Bogenbrücke führt über die jetzt wasserlose Cijevna. In den Dörfern wohnten mehr Albanesen als Montenegriner. Sie brachten auf Karren mit knarrenden Holzscheiben als Rädern ihre Ernte ein. Die Gerölle schwanden, der Humusboden nahm zusehends zu. Das Polje bildete ein wogendes Meer von Wiesen und Maisfeldern. Obstbäume, Maulbeerbäume und Pappeln schlossen sich zu kleinen malerischen Gruppen zusammen. Dichte Hecken aus Brombeerranken, wildem Wein, Weißdorn umgaben Äcker und Häuser mit lebendigen Mauern. Abzugsgräben entwässerten das Land, das nirgends mehr die Felsunterlage unter dem dicken Fruchtboden erkennen ließ. Auch die geröllgefüllte Bettmulde der Moratscha hat nur wenig Wasser und doch ist sie zur Regenzeit ein majestätischer Strom. Unter Gewittergüssen erreichte der Reisende den Festungskegel von Sabljak. Plötzlich ist in den Gebirgswall, der die tischglatte Niederung abschließt, eine fast kreisrunde Lücke geschnitten; sumpfige Wiesen umsäumen eine tiefgrüne Wasserfläche, den oberen Karstsumpf. Ein Skutarisee im kleinen; er wird gespeist von dem Sinjakbache und steht durch einen unbedeutenden Wasserfaden, die Karatuna, in Verbindung mit dem großen See. Auf dem türkischen Friedhofe weidet das Vieh. Die Gebäude des Ortes Sabljak zeigen ganz türkische Bauart. Von der wohlerhaltenen Feste bot sich eine umfassende Rundsicht, vom Lovtschen d. h. Jägerberg. mit seiner Peterkapelle bei Cetinje bis über den leuchtenden See nach Skutari. Eine Londra, eines jener schmalen vorn und hinten zugespitzten Boote brachte den Reisenden auf der Karatuna durch den Sumpfgürtel in den Skutarisee. »Leicht kräuseln sich seine Wellen im flutenden Sonnenlichte. Silberglänzende Fische schnellen blitzschnell aus dem blauen Wasser. Kleine Kähne und große Londras werden sichtbar. Vorspringende Kaps lassen uns den See noch nicht in seiner Gesamtausdehnung überschauen; vielmehr rudern wir in einer schmalen Straße hin, die von schroffen Gebirgsketten und nackten Inselleibern eingerahmt und von einem wirren Überzeuge grüner Sumpfpflanzen, zahlloser Wassernüsse und gelber oder weißer Seerosen noch mehr eingeengt wird. Gerade vor uns aber ragen die stolzen Felskegel von Vranina auf, und ein kleines, in den Wogen fast verschwindendes Eiland, Lesendra, das eine drohende Festung trägt, schmiegt sich ängstlich an ihren Fuß.« Vranina ist die größte Seeinsel. Nur Lesendra und das Gefängniseiland Grmodschur sind auch noch bewohnt. Auf dem wild verkarsteten und stellenweise mit zerrissenen Karrenfeldern überzogenen Kalkgipfeln von Vranina sind Feldschanzen aus Steinen errichtet, hinter denen einst die Türken das Eiland verteidigt hatten. Von dort oben übersieht man den Skutarisee nach allen Seiten: »Jede Bucht, jede Klippe hob sich scharf aus der stahlblauen Wasserfläche ab, und bis zu den starren Gebirgen Albaniens und des Kutschilandes lag die weite Ebene vor uns. Als eine stattliche Hochgebirgskette stieg das Küstengebirge auf, und zum ersten Male blickte ich in die vor Fruchtbarkeit strotzenden Fluren der Crmnica hinab. Ein viel gewundener Fluß durchschnitt die grünen Wiesen, und aus lichtem Laubwalde schimmerte das Städtchen Virbazar hervor. Dort grüßten der scheinbar eng mit der Hinterwand verwachsene Festungsberg von Sabljak und der in blauen, grünen und braunen Farbentönen schillernde Gornje Blato herüber, und im Süden erhob sich das weiße Kastell von Skutari, hinter dem sich finster und drohend die Berge jenseit des Drin auftürmten.« Ein kleines Kloster war am Fuße erbaut worden. Vom Dorfe aus, dessen abgezehrte, vom Sumpffieber geplagte Bewohner meist Seefischer waren, ging andern Tags die Londra nach Virbazar. Ein kleiner Raddampfer einer montenegrinischen Gesellschaft kam in Sicht. Er fährt zwischen Rijeka, Virbazar, Plavnica und Skutari. Am jenseitigen Ufer, das einem Wiesenplane glich, »tummelten sich zahlreiche Herden, und Reiher, Pelikane, Störche, Wasserhühner, Wildenten und andere Wasservögel suchten ihre Nahrung im mannshohen Röhricht. Der See ist auch ein beliebter Rastort für die nordeuropäischen Wandervögel. Über den plätschernden Wellen zogen gefräßige Möwen ihre Kreise und schossen gewandt herab, wenn ihr scharfes Auge einen Fisch erspähte, an denen der Skutarisee überreich ist. Man wird nicht müde, dem lustigen Spiele der stummen Geschöpfe zuzuschauen, und erstaunt über die Tausende der größten und schwersten Aale, Hechte, Karpfen, Forellen, Schleien usw., die täglich auf dem Basar von Skutari verkäuflich sind. Am wichtigsten von allen ist die Scoranze, ein sardellenartiger Fisch, der zur Herbstzeit seeauf zieht, um in den breiten Strömen zu überwintern. Sein Fang gilt als ein Volksfest und wird durch einen feierlichen Gottesdienst eingeleitet, der wohl am sinnigsten den ungeheueren Wert und die mit dem Erscheinen des kleinen Fisches verknüpften Hoffnungen zum Ausdruck bringt. Vermag man doch an einem Tage nicht selten 15-20 der größten Londras mit den Unmassen der Scoranzen zu füllen!« Die Fahrt ging am steilen Westufer hin. Felsklippen mit gelbbraunen Schmutzstreifen, die das Hochwasser anzeigten, lagen im See; Gras, Glockenblumen, Brombeer- und Weidengestrüpp überwucherte die Kalkbänke; sie waren unbewohnt, nur auf Muridsch und Moratschnik stehen spärliche Kirchenruinen. Unser Reisender wäre gerne bis Skutari gerudert, doch seine Montenegriner fürchteten sich, da sie einige Arnauten (mohammedanische Albaner) auf dem Gewissen hatten und der Blutrache wegen sich nicht weiter getrauten. Er übernachtete deshalb bei einem treuherzigen, montenegrinischen Albanesen im Dorfe Muridsch. Er war wie die übrigen Dorfbewohner Muselmane und übte auf die freundlichste Art Gastlichkeit. Nun fuhren drei Albanesen die Londra bis zur Grenzinsel Gorica Topal, dann quer gegen das verrufene jenseitige Ufer, endlich zurück nach Muridsch, wo der gastfreie Dorfhäuptling Omer Ali ein türkisches Mahl aus fettem Pilav und Reisbrotkuchen darbot, Zigaretten reichte und ein Deckenlager bereiten ließ. Am anderen Morgen ging es an der Moschee von Muridsch hinaus auf das Karstgebirge, Antivari an der Adria zu. Bald lag der blitzende Spiegel des großen Karstsees mit seinen weißen Inselklippen hinter dem Reisenden, und in der Ferne verschwammen im Dunste die firnbedeckten Alpen Albaniens.   3. Über den Schipka ins Rosental von Kasanlik. Mühsam wand sich unsere kleine Karawane in langen, endlos scheinenden Windungen die steile Höhe des Schipkapasses hinauf. Erschöpft machten die schwerbepackten Saumtiere Halt, und wir Reisegenossen warfen uns wie auf Befehl am Rande des nächsten Schneefeldes nieder, um in langen, gierigen Zügen das unterhalb angesammelte schmutzige und eiskalte Wasser zu schlürfen. Neu gestärkt erhoben wir uns, und während wir mit den Vorbereitungen zu unserer einfachen Mahlzeit beschäftigt waren, ließ ich selbst in traumverlorenem Sinnen die entzückten Blicke über das großartig wilde Landschaftsbild unter mir und um mich herum schweifen. Ja, da waren die endlosen, sturmgepeitschten, rauschenden und üppiggrünen Waldungen, da waren auch die wild und wüst durcheinandergeschobenen und -gewürfelten Felsmassen, die jäh abfallenden gewaltigen Wände, die gähnenden Trichter, Spalten und Klüfte, die stein- und schuttbedeckten Hänge – und oben auf dem Kamme die saftigen Matten und Weiden, von denen ich schon als Knabe so oft geträumt, nach denen ich mich so unendlich gesehnt hatte, und die jetzt in Wirklichkeit zu schauen mir endlich vergönnt war. Wunderbar wild, öde, einsam, nach allen Richtungen hin zerklüftet und zerrissen war diese eigenartige Gebirgswelt, von der Sonne des Südens grell beleuchtet und mit einem duftigen Farbenhauch umkleidet, der in seinen sonderbaren Beleuchtungswirkungen selbst da außerordentliche Schönheiten ahnen und vermuten ließ, wo in Wirklichkeit keine vorhanden waren und nur nacktes Gestein schwarz und trotzig in die Lüfte starrte. Totenstill ist es hier oben; nur der gellende Schrei eines hungrigen Raubvogels oder das rauhe Gegurgel des brunftenden Hirsches sind die Laute, die man im Hochbalkan zu hören bekommt, und die wie geschaffen erscheinen für diese ernste, finstere Hochgebirgswelt, in die das Gezwitscher der Singvögel oder das Plaudern fröhlicher Menschenkinder ohnehin nicht recht passen würden. Die Zurufe meiner Gefährten schrecken mich aus all diesen Träumereien auf; langsam geht es weiter. Endlich ist der ein ergiebiges Weideland darstellende, aber stellenweise auch mit Felsblöcken und Schneefeldern bekleidete Kamm erreicht, und unwillkürlich hemmen wir wieder die Schritte. Welch ein Bild! Hinter uns das in den letzten Tagen durchwanderte anmutige Tafelland von Bulgarien , das sich, im Gegensatz zu der kristallinischen Hauptgebirgskette, aus Kalk- und Sandsteingebilden der Kreidezeit zusammensetzt, noch weiter zurück die steppenartige, sonnverbrannte Ebene mit dem schimmernden Silberbande der Donau im Hintergrunde, das, kaum dem Auge erkennbar, bisweilen als Abschluß des Ganzen hie und da am Horizont aufblitzt – und vor uns der steile, terrassenförmige Südabsturz des Balkans , die lachenden Gefilde des gesegneten Ostrumeliens , das weitgedehnte, vielbesungene Rosental von Kasanlik ! Wegen seiner vielen, tief eingeschnittenen Pässe ist der Balkan niemals eine trennende Scheide zwischen verschiedenen Völkern gewesen; aber dafür stellt er eine Klima-, Tier- und Pflanzengrenze im höchsten Sinne des Wortes dar. So sind denn auch Bulgarien und Ostrumelien in dieser Hinsicht gänzlich verschiedene Länder, ebenso wie Bosnien und die Herzegowina, während sie doch politisch und völkisch ein so gut und fest geschlossenes Ganzes bilden. Man kommt aus dem rauhen, einförmigen Norden in den warmen, sonnigen und buntbelebten Süden. Neue Blumen und Bäume fesseln unsere Aufmerksamkeit, bisher nicht gesehene Vögel und Schmetterlinge gaukeln durch die warme, von der glühenden Sonne durchzitterte und alles in den schärfsten Umrissen abzeichnende Luft, und schimmernde große Eidechsen huschen behende durch das Felsgeröll. Unter solcherlei Wahrnehmungen erschien uns der Abstieg ziemlich kurz; wir durchwanderten wieder den herrlichen Waldgürtel mit seinen riesenhaften, vom Blitze zerfetzten, vom Sturme niedergebrochenen und vom Moder zerfressenen Baumleichen und ihren neckisch von Fels zu Fels hüpfenden Wildbächen und langten endlich spät abends todmüde und übersättigt von all den ununterbrochen auf uns einstürmenden neuen Eindrücke in dem Han (Gasthaus) am Fuße des Gebirges an. Hier lernten wir gleich wieder eine neue Gabe des gütigen Südens kennen: ein herrlicher, süßer und sektartig schaumiger Wein erquickte unsere erschlafften Lebensgeister, und noch lange lauschten wir bei dessen Genusse den wilden Räuberliedern der Zigeuner, bis endlich die erschöpfte Natur ihre Rechte geltend machte ... Der Schipkapaß ist durch die Verteidigung der Paßhöhe unter General Gurko mit seinen sechs russischen und unter den Generälen Stoletoff und Derozinski mit ihren vier bulgarischen Bataillonen gegen den übermächtigen Ansturm Suleiman Paschas in den heißen Augusttagen 1877, durch den fruchtlosen, tollkühnen Ansturm des türkischen Regiments der Geweihten im September desselben Jahres, die auf den Koran den Eid geschworen hatten, die russische Stellung zu nehmen oder unterzugehen – weltbekannt geworden. Auch zur Zeit meiner Anwesenheit (1893) begegnete man noch den Spuren der erbitterten Kämpfe. Überall fand man Granatensprengstücke, Überreste von allerlei Waffen usw., und in unabsehbaren Reihen zogen sich die Gräber zu beiden Seiten des Weges meilenweit entlang als ein stummes und doch beredtes Zeugnis der hier stattgehabten Metzeleien. Übrigens muß man es den Russen lassen, daß sie mit großer Liebe das Andenken ihrer gefallenen Waffenbrüder ehren. Umgekehrt machten die türkischen Massengräber, die der Zahl nach bei weitem im Übergewicht sind, einen traurigen, verkommenen und verwahrlosten Eindruck, was mit der sonstigen ernsten und tiefen Religiosität der Türken in auffallendem Widerspruch steht und wohl hauptsächlich durch die Vertreibung der Türken aus dem Lande zu erklären ist. Wahrhaft bezaubernd, völlig überwältigend ist der Eindruck, den der weite Rosengarten von Kasanlik auf den Fremdling macht, der ihn zum ersten Male betritt. Alles erscheint ihm hier blumen- und märchenhaft, alles wie in Rosenfarbe getaucht. Rosarot schimmern bis zum fernsten Horizonte hin die Felder, rosa die darin schwarmweise auf- und niederfliegenden Vögel, die Rosenstare, rosa leuchten die von der Abendsonne mit den zartesten Farbentönen übergossenen Schäfchenwölkchen am Himmelszelt, und rosenrot schimmern auch die Wangen der schlank gebauten Mädchen, die mit fleißigen Händen die duftende Gabe des heimatlichen Bodens abpflücken, entblättern und in großen Körben zu Rosenbergen auftürmen. Ein süßer, weicher und doch kräftiger, förmlich berauschender Duft durchschwängert die Lüfte, nimmt Herz und Sinne gefangen und läßt uns wie trunken umherirren in dieser Märchenwelt von Duft und Farbe. Und überall, in den Speisen und im Wein sogar, finden wir denselben süßen und berauschenden Rosenduft wieder ... Kasanlik heißt zu deutsch Kessel, und es verdient diesen Namen; denn es liegt kesselartig zwischen den zu beiden Seiten weit in die Ebene der Tundscha hinein vorspringenden Terrassen des Balkans eingeschlossen. Auf diese Weise ist es vollkommen gegen rauhe Ost- und Nordwinde geschützt. Und im Sommer, wenn die sengende Sonne des Südens von den kahlen Felswänden abprallt, hat es wahrhaft tropische Wärmegrade aufzuweisen, während doch gleichzeitig die von dem Kamme des Balkans zurückgewiesenen und unterhalb hängen bleibenden Regenwolken für die nötige Feuchtigkeit sorgen. Dieser bevorzugten Lage vor allem hat die Stadt ihren von alters her berühmten Rosenbau zu verdanken. Soweit das Auge reicht, erstrecken sich die leuchtenden Blüten der Rosenfelder wie bunte Teppiche in die Ebene und in das Hügelland hinaus, und nur die Weingärten machen ihnen hie und da den Platz streitig. Die zum Anbau verwendeten Rosen sind klein und nur wenig gefüllt, aber von köstlichem Wohlgeruch, von Farbe weiß, gelb oder rosa, doch herrscht rosa bei weitem vor. Wenn die Rosenfelder abgeerntet sind, büßen sie ihre Schönheit fast gänzlich ein und haben dann viel Ähnlichkeit mit unseren Kartoffelfeldern, da die Rosensträucher niedrig gehalten und in bestimmten Zwischenräumen reihenweise gepflanzt sind und dazwischen tiefe Furchen verlaufen. Die Feldarbeit und insbesondere das Abpflücken der Rosen wird fast nur von Frauen besorgt, während die Männer mit ihren Tragtieren die abgeernteten Rosenblätter nach Hause schaffen und dort alles zur Verarbeitung vorbereiten. Die Herstellung des Rosenöls ist ein einfaches Abdampfen (Destillation) und wird in der ursprünglichsten und rohesten Weise durchgeführt. Die luftdicht sein sollenden Verschlüsse der Retorten und Kolben z. B. (zu jenen verwendet man vielfach alte Petroleumballone, zu diesen zurechtgebogene und flüchtig zusammengenietete Regenröhren) stellt man einfach dadurch her, daß man die betreffende Stelle mit einem alten Turban umwickelt. Es ist klar, daß bei einem zweckmäßigeren und von geschulteren Chemikern geleiteten Betriebe das Doppelte an Öl gewonnen werden könnte. So aber geht aus den schlecht schließenden Vorrichtungen das Rosenwasser in solchen Mengen verloren, daß ringsum der Boden davon aufgeweicht wird (das Abdampfen wird meist in den ungepflasterten Höfen und Hausgärten vorgenommen) und man bis an die Knöchel in diesem halb köstlichen, halb ekelhaften Brei herum watet. Es handelt sich eben ausschließlich um eine im kleinen betriebene Hausindustrie. Jeder Bauer im Tale von Kasanlik besitzt seine Rosenfelder wie bei uns seine Kartoffeläcker, die er selbst bebaut und deren Erträgnisse er selbst verarbeitet. Erst das fertige Rosenöl, das er nicht anderweitig absetzen kann, verkauft er an die wenigen, meist griechischen Großhändler, die es dann nach dem Auslande weiter vertreiben, nicht ohne es vorher – gründlich verfälscht und verdünnt zu haben. Das meiste ostrumelische Rosenöl wird im Morgenland (namentlich die Türken lieben es leidenschaftlich) selbst verbraucht; nur verhältnismäßig wenig geht nach Mittel- und Westeuropa, zumal ihm jetzt hier und anderswo in den gewinnbringenden Rosenpflanzungen von Leipzig ein starker Mitbewerb erwachsen ist. Man gewinnt dreierlei aus den Rosenblättern: das Rosenwasser , das Rosenöl , und das Rosenwachs . Das Rosenwasser ist das eigentliche Erzeugnis des Abdampfens und wird viel weniger geschätzt als die beiden anderen, auch wird es in viel größerer Menge gewonnen. Auf seiner Oberfläche zeigt sich nach längerem Stehen eine dünne, ölige, gelb aussehende Schicht, die behutsam abgeschöpft und in besonderen Fläschchen in einem verborgenen Schränkchen aufbewahrt wird, dessen Schlüssel der Hausherr auf der bloßen Brust bei sich trägt und niemals weggibt. Dieses eigentliche Rosenöl ist in ganz unverdünntem Zustande bei gewöhnlicher Luftwärme keineswegs flüssig, sondern zeigt den Festigkeitszustand des Gänseschmalzes und verwandelt sich erst beim Erhitzen in eine wasserhelle Flüssigkeit. Die Bulgaren nennen es deshalb auch viel richtiger Rosen butter (masslow). Der Geruch dieser Rosenbutter ist nicht übermäßig angenehm und so stark und betäubend, daß sie in unverdünntem Zustande gar nicht verwendet werden kann. Die Gewichtseinheit, nach der sie verkauft wird, ist das nur für diesen Geschäftszweig zur Verwendung kommende Muskal. Ein Muskal ist gleich 4,812 g und kostet an Ort und Stelle 9-12 bulgarische Lewa (Franken). Dieser außerordentlich hohe Preis wird erklärlich, wenn man bedenkt, daß ungefähr 40 kg Rosenblätter dazu gehören, um ein einziges Muskal Rosenbutter zu gewinnen. Im Jahre 1890 führte das Tal von Kasanlik 3164 kg Rosenöl aus, was also der für jene Gegenden sehr bedeutenden Summe von 9 Millionen Franken entspricht. Wenn die Frauen und Töchter der Rosenbauern bei heißer Witterung diese Unmassen von Rosen abpflücken und zerzupfen, so bildet sich an ihren Händen bald ein klebriger Überzug, der mit feinen Messerchen abgeschabt und zu kleinen Kügelchen geknetet wird: dies ist das sogenannte Rosenwachs, nach Ansicht der Türken das köstlichste Erzeugnis des ganzen Rosenbaues, das demzufolge auch noch erheblich höher im Preise steht als die Rosenbutter. Nach Europa kommt es so gut wie gar nicht; desto geschätzter aber ist es im Morgenlande selbst, und namentlich in den Harems soll es eine große Rolle spielen. Vornehme Türken stecken kleine Krümelchen Rosenwachs in ihre Zigaretten und Wasserpfeifen, worauf sich dann beim Rauchen das ganze Zimmer mit dem köstlichsten Rosenduft erfüllt. Natürlich hält es jeder Fremde, der nach Kasanlik kommt, für seine Pflicht, eine größere oder geringere Menge Rosenöl zu Geschenkzwecken einzukaufen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn der Kostbarkeit des Erzeugnisses entsprechend sind nach morgenländischer Sitte der Bräuche und Umständlichkeiten gar viele und langwierige. Wir kürzten die Sache zwar möglichst ab, brauchten aber doch einen halben Tag, um unseren Zweck zu erreichen. Da müssen zuerst die Rosengärten selbst und die Betriebsanlagen besichtigt werden, damit sich der Fremde überzeugen kann, daß alles wohl darin bestellt sei und es fein ordnungsgemäß darin hergehe. Dann wird mit einer gewissen Feierlichkeit nach endlosen Erkundigungen über das Befinden des Käufers und seiner Angehörigen das verborgene Schränkchen geöffnet und ihm ein Fläschchen der kostbaren Rosenbutter entnommen, während gleichzeitig, falls man sich nicht in einem türkischen Hause befindet, die Hausfrau in ihrem besten Sonntagsstaat erscheint und dem Fremden ein Schälchen duftenden Mokkas oder ein Tellerchen mit sehr süß eingemachten Früchten (Sladko) vorgesetzt wird, deren Ablehnung einer schweren Beleidigung gleichgeachtet werden und den sofortigen Abbruch des Handels nach sich ziehen würde. Dann beginnt ein höchst langwieriges und für den nicht an morgenländische Sitten gewöhnten Europäer nicht eben angenehmes Handeln und Feilschen über die Höhe des Preises, wobei die Vorzüge des Rosenöls nach allen Richtungen hin auf das lebhafteste geschildert und auseinandergesetzt werden. Ist man endlich über den Preis einig geworden, so wird unter Hinzuziehung von dritten Personen als Zeugen, die aber auch erst wieder feierlich begrüßt und bewirtet werden müssen, die Wage herbeigeholt, instand gesetzt und geprüft, hierauf das Fläschchen zur Flüssigmachung der Rosenbutter höchst vorsichtig erwärmt und schließlich mit ängstlicher Behutsamkeit die duftende Flüssigkeit in die zum Verkaufe bestimmten Fläschchen von ½ oder 1 Muskal Inhalt gegossen. Das alles geschieht mit unerschütterlichem Ernste und unter fortwährendem Herumreichen von Zigaretten und starkem türkischem Kaffee. Sind endlich die Fläschchen glücklich zugestöpselt und zugebunden, so verläßt man den Raum oft in einem förmlichen Kaffeerausch, unter dessen Folgen man noch tagelang zu leiden hat. Zum Schlusse sei noch eine ganz besondere und wenig bekannte Eigenschaft des Rosenöls verraten. »O fremder Herr,« sagte die hübsche, junge, glutäugige Frau eines Kasanliker Rosenbauern in der blumenreichen Sprache des Morgenlandes zu mir, »was willst du wieder fortziehen in das rauhe Schwabenland, wo die Menschen oft krank werden und früh sterben müssen, weil sie keine Rosenbutter haben. Bleibe bei uns im Rosental! Hier ist niemand krank und niemand traurig, und der Tod kommt spät und schmerzlos. Nimm nur einen Tropfen Rosenbutter in deinen Wein, du junger Schwabe, wenn du krank und traurig bist, und schon nach einer Nacht wirst du wieder gesund und fröhlich sein. Und noch etwas muß ich dir sagen, Fremdling! Wenn dein Herz von Liebe gequält wird und die blauäugige Tochter des Nordens oder die schlanke Gazelle des Südens dich nicht erhören will, o, dann gehe nur in der Nacht des Vollmondes hinaus und bete und iß ein ganz klein wenig Rosenbutter, dann wird dein Herz erfüllt sein von süßem Liebesschauer, und die Geliebte« – dabei neigte sie das feingeschnittene Köpfchen mit den flammenden schwarzen Augen bis dicht an mein Ohr – »wird dir dann nicht mehr widerstehen, sondern dir gehören, ganz und für alle Zeiten« Bis hierher nach Dr. Kurt Floericke, Bulgarien und die Bulgaren. Stuttgart 1906, Francksche Verlagshandlung. Etwas gekürzt. Daß dies wunderbare Rosenland jeden bezaubert, wenn er auch aus rein wissenschaftlichem Triebe heraus hier seinen Forschungen obliegt und aller dichterischen Schwärmerei sonst abhold ist, lehrt uns die prächtige, gegenständliche Schilderung, die Moltke, der das Land noch unter türkischer Herrschaft 1835 besuchte, davon entwarf: Schon von fern entdeckten wir ein Wäldchen von riesenhaften Nußbäumen, und in dem Wäldchen erst das Städtchen Kasanlik. Selbst die Minarette vermögen nicht über die Berge von Laub und Zweigen hinauszuschauen, unter welchen sie begraben liegen. Der Nußbaum ist gewiß einer der schönsten Bäume der Welt; ich habe mehrere gefunden, die ihre Zweige wagrecht über einen Raum von 100 Fuß im Durchmesser ausbreiteten; das überaus frische Grün der breiten Blätter, das Dunkel unter ihrem gewölbten Dache und das schöne Unterholz rings um den Stamm, endlich das Rauschen der Bäche und Quellen, in deren Nähe sie sich halten, das alles ist wunderschön, und dabei sind sie die großen Paläste, in denen wilde Tauben und Nachtigallen hausen. Von dem Wasserreichtum dieser Gegend kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Ich fand eine Quelle am Wege, die 9 Zoll stark senkrecht aus dem Kiesgrund emporsprudelte und dann als kleiner Bach davoneilte. Wie in der Lombardei werden alle Gärten und Felder täglich aus dem Wasservorrat getränkt, welcher in Gräben und Rinnen dahinrauscht. Das ganze Tal ist das Bild des gesegneten Wohlstandes und der reichsten Fruchtbarkeit, ein wahres gelobtes Land; die weiten Felder sind mit mannshohen, wogenden Halmen, die Wiesen mit zahllosen Schaf- und Büffelherden bedeckt. Dabei hängt der Himmel voll dicker Gewitterwolken, die sich um die Schneegipfel der Berge auftürmen und die Fluren von Zeit zu Zeit begießen;, zwischendurch funkelt die glühende Sonne, um sie wieder zu erwärmen; die Luft ist von Wohlgerüchen erfüllt, und das ist hier nicht bildlich, wie gewöhnlich in Reisebeschreibungen, sondern ganz buchstäblich zu nehmen. Kasanlik ist das Kaschmir Europas, das türkische Gülistan, das Land der Rosen; diese Blume wird hier nicht wie bei uns in Töpfen und Gärten, sondern auf den Feldern und in Furchen wie die Kartoffel gebaut. Nun läßt sich wirklich nichts Anmutigeres denken als solch ein Rosenacker. Wenn der Dekorationsmaler dergleichen malen wollte, so würde man ihn der Übertreibung anklagen. Millionen, ja viele Millionen von Zentifolien sind über den lichtgrünen Teppich der Rosenfelder ausgestreut; und doch ist jetzt vielleicht erst der vierte Teil der Knospen aufgebrochen. Nach dem Koran entstanden die Rosen erst während der nächtlichen Himmelfahrt des Propheten, und zwar die weißen aus seinen Schweißtropfen, die gelben aus denen seines Tieres, die roten aus denen des Gabriel; und man kommt in Kasanlik auf die Vermutung, daß wenigstens für den Erzengel jene Fahrt sehr angreifend gewesen sein muß. Die Rose = Gül würde mich jetzt auf die Nachtigall = Bülbül leiten, wenn ich nicht fürchtete, mich gar zu sehr ins Poetische zu verlieren. Ich will daher nur noch bemerken, daß man hier die Rosen nicht nur sieht und riecht, sondern auch ißt; eingemachte Rosenblätter sind in der Türkei eine sehr beliebte Leckerei und werden mit einem Glase frischen Wassers morgens vor dem Kaffee genossen. In Kasanlik wird auch Rosenöl gewonnen, auf das man hohen Wert legt. Es ist selbst in Konstantinopel schwer, sich dieses Öl unversetzt zu verschaffen, was schon daraus zu entnehmen ist, daß dort die Drachme 8, hier an Ort und Stelle aber 15 Piaster kommt. Ich hatte mir einen Vorrat Rosenöl mitgenommen, und da ich genötigt war, einen Tag mit der Flasche in der Tasche zu reiten, so duftete ich acht Tage wie ein Rosenstock. Nach den Reisebriefen des Grafen Moltke. S. 104. Berlin 1877, S. Mittler \& Sohn.   4. Die Ägäis als Wiege der europäischen Kultur. Von J. G. Kohl. Zwischen Kleinasien, der Balkanhalbinsel und der breitvorgelagerten Insel Kreta liegt das Einbruchsmeer der Ägäis mit seinen Aus- und Zugängen zum Schwarzen Meer wie zum östlichen Mittelmeerbecken, eine inselbedeckte viereckige Meerflur, ein Mittelmeer im Mittelmeer. Die Inseln sind alle bergig und steilufrig, einige vulkanischen Ursprungs und daher fruchtbar und reich an überraschenden Naturreizen. Ein glänzender Himmel, der sich auch in dem milden Winter wenig trübt, wölbt sich über ihnen, und die Sommerhitze ist durch die Seeluft gemildert. Sie bieten gute Anbauflächen für Trauben, Oliven und Zitronen und anderes mehr, und ihre Häfen sind sicher und bequem. Und die Küsten des Festlandzirkels umher sind reich gegliedert, und ihre tiefen Buchten gewähren der Schiffahrt weiten Zugang ins Innere des Landes und vorzüglichen Schutz. Recht wohl könnte man das gesamte Griechenland ein Europa im kleinen nennen. Wie Europa durch seine vielfache Gliederung, seine wunderbare Verkettung des Flüssigen und des Festlandes allen anderen Erdteilen überlegen ist, so Griechenland dem übrigen Europa. Und wie die europäischen Völker, nachdem sie einmal erwacht waren, es allen anderen Völkern der Welt in Schiffahrt, Handel, Verkehr, Kultur und Wissenschaft zuvortun mußten, so war, scheint es, das Ägäische oder griechische Meer von Haus aus dazu bestimmt, die erste Wiege und Schule dieser europäischen Tatkraft und Blüte zu werden. Wann und wie sich die erste menschliche Bevölkerung in dieses wundervolle Becken, über jene anmutigen Inseln und Halbinseln ergoß, ist in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Doch scheint aus der Sprache der Hellenen so viel ersichtlich, daß sie und ihre Stammväter oder Vorfahren, als welche man die Pelasger zu nennen pflegt, aus Osten, aus Asien gekommen sein müssen und dem großen indogermanischen Völkerstamm angehörten, der unserem Europa alle seine vornehmsten und geistreichsten Völker gegeben hat. Ihre Sprache zeigt sie uns innig verwandt mit den keltischen, romanischen, germanischen und slawischen Völkern. Unter welcher Anführung, unter welchen näheren Umständen und Begebenheiten sich die Altvordern der Hellenen, die sogenannten »Pelasger«, schon in ihrer Urzeit hervortun mochten, wie sie sich nach ihrer neuen Heimat durchschlugen – dies alles hat uns niemand genau überliefert. Gerade die beiden Völker, welche im Altertum die größte Bildung und Bedeutung errangen, die Griechen und Römer, teilen das Schicksal, daß über ihre Urgeschichte und über die frühesten Bewohner ihrer Länder noch größere Ungewißheit herrscht, als über manche andere, minder gebildete Rassen, und dies ist zum Teil eine natürliche Folge eben ihrer frühzeitig gereiften Kultur und Blüte, die alles Vorgefundene und von alters dagewesene Barbarische verdunkelte, überstrahlte, verachtete und bald in Vergessenheit brachte. Wir können nur sagen, daß die »Pelasger« ein von vornherein, trefflich beanlagtes Geschlecht gewesen sein müssen, das in ein Vaterland, in ein Haus eingeführt wurde, welches zur Entwicklung solcher trefflicher Grundeigenschaften so günstig wie möglich eingerichtet war, nämlich in jenes bunt gestaltete Einbruchsbecken des Ägäischen Meeres. Trotz dieser Gunst und Gaben scheint es nichtsdestoweniger, daß auch bei den Griechen, wie bei manchem anderen europäischen Volke, die zündenden Funken von außen kommen mußten. Die Mythen der Helden weisen auf Einwanderungen hin als auf solche Ereignisse, welche ihnen die Anregungen zum sittlichen Leben gaben, auf eine aus der Fremde kommende Lehrerin des Ackerbaues, die Demeter, welche die Ehe stiftete, den Feigenbaum nach Griechenland brachte, wie Minerva den Ölbaum, – auf einen ausländischen Prometheus, der die Griechen die mit Feuer betriebenen Künste lehrte. Selbst den Gebrauch des Eisens empfingen sie aus der Fremde. Die Einführung des Pferdes, der Kunst des Spinnens und Webens wurde dem Poseidon, dem Gotte des Meeres, zugeschrieben, das heißt wohl nur: sie kamen übers Meer zu dem noch unkundigen Inselvolke. Ebenso gelangten zu ihnen zu Schiffe aus Phönizien und Ägypten durch Kadmos, Danaos, Pelops die ersten Gesetzgeber, Staatengründer und die Erbauer von Burgen und Städten, ein großer Teil ihrer Götternamen, ihrer religiösen Fabeln und Satzungen. Alle Anfänge der Gesittung brachten den Griechen Schiffer und Handelsleute zu; ihre Kultur war mit einem Worte aus dem Meere geboren. Der Lage und Beschaffenheit des Landes gemäß wuchs sie dann auch bei ihnen durch Hilfe des Meeres weiter. Schon frühzeitig wurden die Griechen selbst ein Volk von Seefahrern und Handelsleuten. Nach dem großen Gotte des allumfassenden Himmels, dem eingeborenen Zeus, war Poseidon, der Gott der Gewässer und Winde, bei ihnen der zweite. Er waltete über ihre Schicksale mächtiger und eingreifender als die anderen, zu ihm stiegen in den zahlreichen, auf den Inseln und Vorgebirgen errichteten Tempeln ihre eifrigsten Gebete empor. Aus den Salzwogen tauchte ihnen die Göttin der Schönheit Aphrodite hervor, und im Meere hatte selbst der Sonnengott Helios seinen Palast, wo er in den Armen der unter dem Wasser waltenden Thetis ruhte. Die ersten bedeutenden gemeinsamen Unternehmungen der Griechen, in denen sie sich als einziges Volk betätigen und empfinden lernten, der Argonautenzug, der Trojanerkrieg, waren große Flotten- und Seereisen, und wie damals zur Zeit des Argonautenzuges sich ganz Griechenland aus dem Ägäischen Meere erhob, so hat es aus demselben Meere, aus seinen Inseln und Häfen noch oft so wieder frische Kräfte gezogen. Wie jener vom Herkules zu Boden geworfene Antäus stets von seiner Mutter, der Erde, neues Leben empfing, so hat sich Griechenland, wenn es niedergeworfen war (selbst wieder in unseren Tagen), aus seiner Mutter, der See, neugeboren. Ihre ältesten und bei ihnen am meisten volkstümlich gewordenen Gesänge, die Dichtungen Homers, haben Seeräubereien, Seeabenteuer und Schiffahrt zum Gegenstande. Es sind Poesien, die noch heutigestags, wie vor 3000 Jahren, beim griechischen Volke am besten verstanden werden, ebenso wie bei dem Nomadenvolke der Araber die Überlieferungen von ihren Hirtenpatriarchen Abraham und Ismael. Einmal von außen her angeregt, entwickelte der fruchtbare und wie das Wasser bewegliche Genius der Griechen eine wunderbar vielseitige Tätigkeit nach allen Richtungen des menschlichen Schaffens hin. Zum Enthusiasmus – es ist ein schönes Wort griechischer Erfindung – geneigt, mit Phantasie und einem lebhaften Ahnungsvermögen begabt, erkannten sie auf den weitschauenden Gipfeln ihrer Berginseln, in den Hainen ihrer Küstentäler, auf den blumengeschmückten und von lieblichen Quellen und Flüssen berieselten Fluren ihrer kleinen Uferlandschaften überall die Spur einer Gottheit. Jedes Versteck ihres Landes wurde von der Dichtung verherrlicht und verewigt. Sie lernten die Götter verehren, und in allen Gegenden Griechenlands blühten Orakelstätten, Tempel und Wallfahrtsorte empor. Jeder Zoll des Landes wurde klassisch und geheiligt: Alle Höhen füllten Oreaden – Eine Dryas lebt' in jedem Baum, Aus den Urnen lieblicher Najaden Sprang der Ströme Silberschaum. Wie ihr Land, so bot auch ihr Leben die stärksten Gegensätze. Das Schifferleben war reich an Wechsel und bunten Begebenheiten und hatte allein schon hingereicht, den Erzählern, den Rednern, den Dichtern den Mund zu öffnen. Im Hintergrunde dieses wild bewegten stürmischen Seelebens aber lagen die kleinen, reizenden und friedlichen Heimaten in den Inselverstecken, die häuslichen Herde an den Abhängen der Berge, die fruchtbaren Ackerfluren längs der klaren Flüsse und das idyllische Hirtenleben auf den Bergen Ida, Pelion, Helikon und im Innern von Arkadien. Nach dem Muster der von den Ägyptern und Phöniziern bei ihnen gegründeten Gemeinden stifteten und ordneten sie blühende Städte, Republiken und Staaten in Menge rings um die Inselflur herum. Dort erstarkt, segelten sie weiter auf den nassen Pfaden des Meeres, erfüllten Italien und Sizilien mit ihren Kolonien, stellten Leuchttürme der Bildung an allen barbarischen Küsten des Schwarzen Meeres auf, umfaßten damit, wie mit einer goldenen glänzenden Verbrämung, den ganzen Nordsaum von Afrika und impften von Massilia aus dem fernen Gallien die ersten Anfänge der Kultur ein; selbst aus den Säulen der Herkules segelten sie hinaus auf den unermeßlichen Ozean. Indem sie auf diese Weise die bekannte Welt durchmaßen, fingen sie, deren Geist ebenso idealer als praktischer Natur war, an, über das Weltall nachzudenken, und es traten mitten auf ihren mit Waren erfüllten Märkten und in ihren von Geschäften und Völkern wimmelnden und lärmenden Häfen ebenso scharfe als tiefsinnige Denker, Naturforscher und Philosophen auf, die je nach dem Standpunkte ihrer Weltanschauung eine Fülle von Lehrgebäuden, Schulen und Richtungen begründeten. Der Handel mit den verschiedenartigsten Völkern erzeugte bei ihnen Reichtum und Üppigkeit, ließ ein Streben nach der Ausschmückung des Alltagslebens erwachen – und die schönen Künste sich entfalten. Ein Apelles, ein Praxiteles und unzählige ihrer Schüler fanden sich ein, unter deren Händen der Marmor sich gestaltete, die herrlichsten Tempel und Hallen erwuchsen und die Schöpfung auf der Leinwand sich frischfarbig abspiegelte. Wie es in dem Vaterlande der Griechen keinen beherrschenden, alles ausschließlich bedingenden Nil, keinen großen, gebieterischen Ganges, kein unermeßlich weit gestrecktes und einförmiges Mesopotamien gab, wie bei ihnen im Gegenteil alles zerklüftet, bunt und zierlich gegliedert war, wie es eine leicht zu handhabende und den Menschen nicht überwältigende Natur, kleine Täler, schmale Ebenen, zahlreiche mäßig hohe Berge gab, und doch dabei alles durch den glatten Spiegel des Meeres eng verbunden und verschmolzen war, so ist auch dementsprechend die Natur des griechischen Volksgeistes vielseitig wie ein geschliffener Edelstein geworden. Ganz im Gegensatze zu anderen Völkerschaften, zum Beispiel der einförmigen, ungegliederten Masse, welche der russische Land- und Volksgeist uns heutzutage bietet, stellten die Hellenen einen in viele Zweige auseinander gegangenen Baum mit gefälliger Anordnung der Teile dar. Ihre Sprache spaltete sich in mehrere Mundarten, ihr Stamm in zahlreiche Geschlechter, die alle sehr verschiedene Eigentümlichkeiten und doch alle gleich ausgezeichnete Grundtugenden besaßen, und die auch alle, trotz ihres Hinaustreibens in oft sehr entgegengesetzte Richtungen, doch, wie ihre Inseln durch das dazwischen ausgegossene Meer, von dem Bande gemeinsamer Neigungen und Bestrebungen untereinander umschlungen und verknüpft wurden. Dieselben Verhältnisse, welche die verschiedenen Mundarten, Baustile und Philosophenschulen der dorischen, der ionischen und äolischen Griechen hervorbrachten, erzeugten bei ihnen auch ebenso eine ungemeine Mannigfaltigkeit der politischen Verfassungen und bürgerlichen Zustände. Auch in dieser Hinsicht haben sie innerhalb ihres Lebenskreises sozusagen alles Denkbare erschöpft. Demokratien, Monarchien, Oligarchien und Aristokratien, Geld- und Pöbelherrschaft, Militärdespotie und Priestergewalt wechselten unter ihnen je nach Geschlecht, Zeit und Ort. Man glaubt das Fremdartigste, Südpol und Nordpol, in Steinwurfnähe nebeneinander hausen zu sehen. Die entgegengesetztesten Zustände, zügelloseste Freiheit und unbarmherzigste Tyrannei unter dem Joch eines Einzelnen, scheinen sich unter den Griechen fast die Hände zu reichen, und zwischen beiden äußersten Zuständen in der Mitte gibt es dann wieder eine Fülle von Staatsschöpfungen, die aus der umsichtigsten Überlegung, aus der allseitigsten und sorgfältigsten Berücksichtigung des Charakters der menschlichen Natur hervorgingen. Die Empörung und der Wechsel der Herrschaft waren bei diesen rastlosen und neuerungssüchtigen Leuten dauernd. Vergebens sieht man sich in ihrer stets stürmischen Geschichte nach einem solchen ruhigen, sonnigen Zeitpunkt um, wie ihn zum Beispiel die Geschichte Roms zur Zeit des Augustus und seiner Nachfolger darbot, in welchem die Künste des Friedens und die Wissenschaften nach unseren Begriffen gemächlich hätten blühen können. Und dennoch blühten sie unter ihnen schöner als sonst irgendwo. Mit dem Schwerte gegürtet, schrieben die tatkräftigen Hellenen Geschichte in einer Weise, wie sie später so markig selten wieder geschrieben worden ist. Den Giftbecher leerend, den die unduldsamen Mitbürger ihnen reichten, gaben griechische Weise sittliche Lehren der Duldsamkeit und Liebe, die noch jetzt nicht vergessen sind. Mitten im irdischen Getümmel der Straße, unter den Aufregungen des Marktes sannen ihre Philosophen ruhig und unbeirrt über die überirdischen Dinge. Mitten in dem ewigen Parteigezänk und blutigen Waffengeklirr huldigten die Dichter und Künstler den Grazien und schufen vollkommene, wohlklingende und harmonische Sprachgebilde. Wenn man das Tun und Treiben der Griechen im ganzen überschaut, so glaubt man tollkühne, geniale Männer zu sehen, die es verstanden, Blumen zu ziehen in den feurigen Schlünden von Vulkanen, und die den Musen Tempel gebaut haben am Rande noch wütender Lavaströme. Wie in dem Mutterland Hellas ging es auch in den Kolonialländern her. Die Töchterstädte der Griechen entstanden meistens infolge innerer Zwietracht und leidenschaftlicher Parteiausbrüche, und diese Kolonien selbst, mit denen sie die barbarischen Gestade des Mittelmeeres beglückten, scheinen ebensoviele Krater gewesen zu sein, die das Land umher wie der Ätna zugleich verwüsteten und wunderbar befruchteten. Es lag vermutlich in der merkwürdig heftigen und feurigen Natur der Griechen, daß die ganze Zeit ihrer höchsten Blüte, ihres schönsten Schaffens nur kurz war und daß sich alle ihre schöpferische Kraft nur in eine, wie ein flüchtiger Traum vorüberschwebende Zeitspanne zusammendrängte. – Zur Zeit des Perikles im 5. Jahrhundert v. Chr. standen sie auf dem Gipfel ihrer Entwicklung. Um die Person dieses hellenischsten aller Hellenen gruppieren sich die ausgezeichnetsten der griechischen Namen, die durch ihre Leistungen in der ganzen Welt herrlich geworden sind. Man hat die Griechen eine jugendliche, eine Jünglingsnation genannt. Ja, Hegel bezeichnet ihr ganzes völkisches Dasein und Treiben als eine einzige Jünglingstat. Man könnte ihr nationales Gesamtleben mit Einzelleben anderer genialer, hochstrebender Jünglingsnaturen vergleichen, zum Beispiel mit der Raffaels, der sich in der heißblütigen Entwicklung seiner Tatkraft frühzeitig aufrieb, dann aber den Nachkommen eine Erbschaft von Werken vermachte, an welchen sie sich für alle Zeiten entzückten. Mit dieser Erbschaft in der Hand, welche ihm die Zeitgenossen des Perikles hinterließen, hat der Nationalgeist der Griechen sich stets bis auf unsere Tage herab auf Erden mächtig und einflußreich erwiesen, obgleich seit des Perikles Tode bei ihnen nur eine fremde Eroberung der anderen folgte, und obwohl sie nie wieder zu einer so kraftvollen Unabhängigkeit gelangten, wie in den kurzen Jahren, da sie ungestraft untereinander streiten und nach der Palme ringen durften. * * * Seit jenen Zeiten der höchsten Blüte sind über die Bevölkerung von Hellas mannigfache und schwere Stürme hinweggezogen. Zuerst kamen Philippus und Alexander mit den Makedoniern über sie; doch hellenisierten sich diese barbarischen Könige des Nordens, huldigten dem Geiste der Griechen, nahmen ihre Sprache an und verbreiteten sie und ihren Geist über den ganzen Osten. Es folgten die Eroberungen der Römer, die Einfälle slawischer Völkerschaften nach der Teilung des römischen Reichs, endlich die Unterjochung durch die Türken im 15. Jahrhundert; zu jeder Zeit aber haben die Griechen, wenn auch in ihrer politischen Unabhängigkeit gestört, doch in kultureller Hinsicht Sieg auf Sieg davongetragen; die fremden Eindringlinge nahmen bald ihre Sprache, ihre Sitten, ihre Künste an. Die Ursitze der Griechen wurden in ihren Hauptumrissen wenig verändert. In der Tat, vergleicht man sie, wie sie heutzutage vorhanden sind, mit denen, wie sie sich etwa 400 Jahre vor Christus zur Zeit des Perikles darstellten, so findet sich, daß beide fast völlig miteinander übereinstimmen, und daß alle die Türken- und Slawenkriege, alle die Wanderungen, Umwälzungen, Bevölkerungs-Ausrottungen und Verpflanzungen darin eine kaum merkliche Veränderung hervorgebracht haben. Noch immer umzingelt ein Saum griechischer Dörfer und Städte das Ägäische Meer. Griechen oder doch griechisch redende Menschen erfüllen den ganzen Peloponnes, fast das ganze Livadien oder die Provinzen Attika, Böotien, Euböa usw. und weiterhin Thessalien. Als ein schmaler Streifen umzieht griechisches Bevölkerungsgebiet den ganzen Küstenrand von Makedonien und Thrakien. Bei Konstantinopel erfüllen sie einen ziemlich bedeutenden Abschnitt des thrakischen Länderdreiecks bis Adrianopel hinauf und wohnen auf beiden Seiten der Propontis, des Hellesponts und des thrakischen Bosporus. Von hier aus ziehen sie sich, freilich überall mit türkischen Kolonien vermischt, einerseits ostwärts über Sinope hin bis Trapezunt längs des Nordrandes von Kleinasien, und andererseits über Troja, Smyrna, Ephesus nach Rhodus zu, von wo aus sie auch wieder ostwärts den Südrand von Kleinasien einnehmen. Ferner bewohnen sie als die bei weitem vorwiegende Bevölkerung alle Inseln der Ägäis, auch Kreta und Zypern, wo ihre Anzahl sich auf Hunderttausende beläuft, und endlich bilden sie auch im Westen auf den ionischen Inseln den Hauptteil der Bewohnerschaft. Nur in der westlichen Hälfte des Mittelländischen Meeres, in Sizilien, das einst fast so griechisch war wie Zypern und Kreta, – in Süditalien, dem einstmaligen »Großgriechenland«, und dann in Korsika und Südfrankreich, Spanien usw. haben sich durch Romanisierung und Italianisierung fast alle alten griechischen Volksteile verloren. Doch glaubt man in den Mundarten und Sitten einiger Ortschaften der Provinz Neapel, selbst in einem der ältesten Stadtviertel von Marseille noch heutigestags Spuren alten dorischen, ionischen und äolischen Wesens zu erkennen. – Dagegen haben nun in neuerer Zeit wieder die Griechen, wie ihre Vorfahren, vom Handels- und Wandergeiste beseelt, in vielen anderen Gegenden Europas, wenn auch nicht mächtige, freie Republiken, doch wenigstens Handelsniederlassungen, Kontore und Faktoreien gegründet. Wie in der Umgrenzung ihres ursprünglichen Wohngebietes am Ägäischen Meere, wie in ihrem Schifferleben und Handelsgeiste, der sie stets in die Welt hinaustrieb, so sind die heutigen Griechen auch in vielen anderen Beziehungen in ihren Sitten und Gebräuchen, in ihren körperlichen und geistigen Anlagen, in ihrer Sprache und in ihren Charaktereigenheiten vielfach die Alten geblieben. Noch heute finden wir besonders bei den Inselgriechen schöne Gestalten und Körperformen und sehen den echt hellenischen Menschen gerade so erscheinen, wie die Werke des Praxiteles ihn uns zeigen. Jene tiefe Lage der Augen in gewölbten Augenhöhlen, der edle Schnitt und hohe Bogen der Augenlider, die kurze aufgebogene und aufknospende Oberlippe, das vollrunde feste Kinn, die geradwinkelige Senkung der Stirn und Nase, der breite feste Nacken, über dem allen der von Aphrodite selbst gescheitelte und gelockte Haarschmuck, dies alles ist noch jetzt keine ungewöhnliche Erscheinung. Weniger Antikes gibt es bei den Neugriechen in der Kleidung. Die zottigen Wollmäntel der heutigen Epiroten und Palikaren erinnern lebhaft an die zottigen Chlamyden der Alten. Die roten Käppchen der heutigen Griechen und der Fes der Türken stammen wohl von den antiken Schiffermützen her, die ebenso geformt und mit derselben roten Farbe gemalt auf alten Vasen vorkommen. Die uralte sogenannte phrygische Mütze tragen noch jetzt die Hirtenknaben in Arkadien. Die aus schuppenartig übereinander genähten Silbermünzen gebildeten Brustlätze, welche die bräutliche Aussteuer der Jungfrauen in Livadien bilden, erinnern lebhaft an den Brustpanzer der Pallas, der uns aus unseren Museen bekannt ist. Die Form der Ohrringe, der Halsbänder, der Armspangen der neugriechischen Weiber, ihre Sitte, das dunkle Haar der Braut mit Goldpulver zu bestreuen, dies alles und noch sonst vieles nähert sich in hohem Grade dem Antiken. Auch färben die Frauen noch jetzt die Spitzen ihrer zierlichen Finger mit einem rötlichen Stoffe, ohne zu wissen, daß schon Homer die rosenfarbenen Finger der Aurora besungen hat. Auch kirchliche und religiöse Handlungen, wie zum Beispiel Hochzeits- und Begräbnisgebräuche, enthalten Überreste aus dem Heidentume. Wie in alten Zeiten, so wird noch jetzt dem Brautpaare das Zeichen des Familienglückes, ein Granatapfel überreicht, und wie ehemals, so werden sie noch jetzt beim Eintritt ins Haus mit Reis bestreut, zum Zeichen, daß ihrer glücklichen Jahre so viele werden möchten wie die Körner. Wie vormals werden bei dem jährlichen Feste zur Feier der Verstorbenen Gerste, getrocknete Weinbeeren, Backwerk und Wein als Totenopfer dargebracht und auf die Gräber hingestellt. Auf den Kopfenden werden kleine Kerzen befestigt, dergestalt, daß der ganze Gottesacker in der Nacht von vielen zum Himmel anstrebenden Flämmchen beleuchtet erscheint. – Die Ansicht der Neugriechen über das Leben nach dem Tode, weit entfernt, der christlichen Lehre vom Paradiese und der Hölle gänzlich gewichen zu sein, zeigt sich in der Poesie jener Naturkinder als vollkommen antik: der alte Charon vertritt noch jetzt die Gestalt des Todes, und noch sind die alten Ausdrücke Hades und Tartaros gang und gäbe und finden sich häufig in den Klageliedern der einfachen, poetischen und abergläubischen Hirten, welche im Sommer die Hochtäler des Parnassus durchziehen. Zaubermittel bereiten die alten Weiber noch wie sonst, und wie ehemals sind die Thessalierinnen als besonders geschickt in dieser Kunst berüchtigt. Der Knoblauch, den schon Hermes in der Odyssee als Gegenmittel gegen die Zaubereien der Kirke anwendet, wird auch griechischen Kindern unserer Tage in Form eines Amuletts um den Hals gehängt, um das verhexende Auge unschädlich zu machen. – Die Ackerbauwerkzeuge und häuslichen Gerätschaften der Neugriechen haben so antike Formen, daß die griechischen Bauernhütten unsere Museen mit den echtesten Mustern versehen könnten. Was aber noch wichtiger und merkwürdiger als dies alles ist: auch das Echo der alten Sprache tönt uns aus diesem Lande hell und deutlich entgegen, jenes wundervollen, männlichen und zugleich wohltönenden Klanggebildes, eines der schönsten, edelsten und reichsten, das je auf menschlichen Lippen entstanden ist. Freilich hat die neugriechische Sprache gleich einem schönen Bildwerk, das jahrhundertelang der Einwirkung zerstörender Wetter ausgesetzt war, mancherlei Veränderungen erfahren und Beimischungen aus dem Slawischen, Türkischen und auch aus dem Italienischen aufgenommen. Sie ist auch mehrfach in ihrem Satzbau verbildet und umgebildet und wird mit einem fremdartigen Tonfall, vielleicht nach Weise der Slawen, ausgesprochen; endlich hat sie, bemerkenswert genug, alle Spuren der alten mundartlichen Verschiedenheiten verloren; nach Ansicht der Gelehrten soll sie sich bloß aus der äolischen Mundart entwickelt haben. Nichtsdestoweniger aber ist sie im Wesen dieselbe geblieben, und zwar kann sie in weit höherem Maße griechisch genannt werden, als zum Beispiel das jetzige Italienisch dem alten Lateinischen gleichgestellt werden darf. Sie wird noch mit denselben Buchstaben geschrieben wie ehemals; ja die griechischen Dorfschreiber bringen sie noch in derselben Art zu Papier, auf dem Knie, auf langen Streifen, die sie zusammenrollen wie die Alten. Noch jetzt werden in dieser schönen Sprache Volkslieder gedichtet und gesungen. Die Freiheitslieder, welche am Anfang dieses Jahrhunderts ein Rigas sang, sind weithin berühmt geworden. In der Sprache vieler neugriechischer Talbewohner haben sich nicht nur altgriechische Worte erhalten, welche die Umgangssprache der byzantinischen Griechen nicht mehr kennt, sondern es finden sich auch bei ihnen sogar manche Wurzelwörter, welche älter sind, als die uns bekannte alte Schriftsprache selbst. Am wenigsten will man den hohen, enthusiastischen, patriotischen, der schönsten Tugenden fähigen Volksgeist der alten Hellenen in dem Charakter der jetzigen, als verschmitzt verschrienen, im Handel und Wandel übel berüchtigten Neugriechen wiedererkennen. Allein auch hierin gibt es vielleicht mehr Ähnlichkeit, als die allgemeine Stimme zugeben will. Verschlagenheit, List, Gewandtheit und Verstellungskunst, die dem Neugriechen jeder beilegt und die man gewöhnlich dem Türkendrucke und Slawenjoche zuschreibt, waren nach Homers Zeugnisse auch schon den alten Hellenen in hohem Grade eigen, und der erfindungsreiche Odysseus war, wie man sagt, »mit allen Wassern gewaschen«, mit betrügerischem Diebessinn, Raublust, hinterlistiger Überredungskunst und je nach den Umständen mit schmeichlerischer Höflichkeit reichlich begabt. Also auch diese Untugenden der Griechen sind schon althergebracht. Auf der anderen Seite sind trotz Türkendruck und Slawenjoch die Neugriechen noch jetzt durch Lebhaftigkeit des Gefühls und der Phantasie, Beweglichkeit des Gemüts, Schärfe des Geistes und Frohsinn, wie die Alten ausgezeichnet. Liebe zu ihrer Berg- und Inselheimat und dabei doch ein großer Trieb, die Wellen des Meeres zu durchwandern, bewegt sie gleich ihren Altvordern, und an ruhmreichen Beispielen vaterländischer Hingebung und heldenmütiger, aufopfernder Verteidigung des Heimatlandes hat es auch in neueren Zeiten nicht gefehlt, ebensowenig wie an Antrieben zur größten Eifersucht, zur Uneinigkeit, Parteiwut und leidenschaftlichen Rachgier. Neben den größten Ränkestiftern findet man auch zuweilen noch im jetzigen Griechenland die biedersten und geradesten Männer, neben der ärgsten Charakter- und Tugendlosigkeit den reinsten, festesten Willen. Für Gelehrsamkeit und Wissenschaft ist bei den Griechen der Same niemals völlig ausgestorben, und es hat selbst in den schlimmsten Zeiten des Türkendruckes in Konstantinopel immer ein Häuflein Griechenabkömmlinge gegeben, unter denen Bildung und Kenntnisse herkömmlich waren, und aus deren Mitte dann und wann große Gelehrte hervorgegangen sind, hellsehende Köpfe, weitleuchtende Lichter, die selbst in Westeuropa die Aufmerksamkeit auf sich zogen. In neuester Zeit hat sich die ganze Nation, soweit sie frei wurde, wieder dem Studium, der Lern- und Lehrbegierde hingegeben und Hoch- und Volksschulen geschaffen. Auch in bezug auf die Künste ist in den Volksanlagen die Bildsamkeit nie ganz ausgestorben; die Neugriechen haben sich auch auf diesem Gebiete einigen neuen Ruhm erworben. Allerdings muß man alle diese Leistungen und Anlagen der Neugriechen im Vergleich mit dem, was ihre Altvordern uns hinterließen, als sehr bescheiden bezeichnen und bestenfalls als neue Keime betrachten auf dem Boden, auf dem einst ein so bedeutsamer und blütenreicher Musenhain stand. Sehr begreiflich ist es daher, daß die Neuen in ihren Erzählungen von den Verrichtungen der Alten wie von den Taten eines Titanengeschlechtes reden, und daß sie in ihren Sagen alles, was ihnen von diesen überliefert wurde, mit den Mythen von den weltstürmenden Zyklopen und Riesen vermischen. Indem wir zum Schluß unserer Betrachtung noch einmal auf jenes kleine Meeresbecken, an dessen Ufern die Wiege und die alten Sitze der Griechen lagen, hinblicken, müssen wir sagen: dort am Archipel begann unser Europa; dort liegen die Wurzeln unserer Bildung, unserer Kulturideale; von diesem, ich möchte sagen, heiligen Meere, wo für uns Geistesleben, Freiheit, Sittlichkeit, Wissenschaft und Kunst entsprangen, sind Samenkörner der Menschlichkeit hinausgeweht worden bis in den äußersten Norden und Westen unseres Weltteils und dann weiter hinaus über den Ozean in eine neue Welt. Nach Gaston Deschamps, Das heutige Griechenland. Übersetzung von Paul Markus. Großenhain 1896, Hermann Starke.   4. Athen. Vgl. Hölderlins wundervolle Dichtung Archipelagus! Das 1832 neuerstandene Königreich Griechenland hat nach langem Schwanken seine »Stadt« (denn die übrigen griechischen Städte darf man getrost Dörfer nennen) fast genau an der Stelle des alten Athen angelegt; manche rieten zu Nauplia, andere zu Korinth wegen der Seenähe. Denn Altathen lag weit landeinwärts, weil man dort unter dem Schutze der Akropolis vor Seeräubern sicher war. Auch Ägina und Patras wurden genannt. Und doch haben die Griechen wohl daran getan, den idealen Mittelpunkt alles echten Hellenentums, dessen Sinnbild, die Akropolis, dem ganzen Abendlande heilig ist, zu ihrer Hauptstadt zu wählen. Dort sind sie ohne Kanonen sicherer als sonstwo. Und die »Leiter« von Athen, der Piräus, der Eisenbahnverbindung nach der Hauptstadt hat, ist ebenso wie Volo für Larissa, wie Nauplia für Argos, wie Jaffa für Jerusalem die Seestadt. Wer sich heutzutage vor der Seekrankheit fürchtet, der fährt mit vollem Dampfe durch Italien, schifft sich in Brindisi auf einem Lloyddampfer ein, landet in Korfu, begibt sich mit seinen Koffern auf ein griechisches Paketboot, das ihn die reizende Kürze der Fahrt durch starke Gerüche von Salzlake und Öl entgelten läßt, sieht im Vorbeifahren die neuen Häuser von Patras, bewundert den Golf von Lepanto und steigt in Korinth aus. Dort hochnotpeinliche Zolluntersuchung, dann geht es zur Eisenbahn, die ihn an kahlen Bergen vorbei, durch unfruchtbare Ebenen mit stolzen Stationsnamen, wie Megara oder Eleusis, nach Athen auf den Peloponnesischen Bahnhof bringt. Aber den alten Überlieferungen entspricht es weit mehr, die Stadt über den Piräus zu erreichen. Das erweckt allerlei köstliche Träume. Vergebens sagt man sich, daß man auf dem Deck eines schnaubenden, qualmenden Dampfers sitzt, der sich schwerfällig tummelt wie ein ungeschlachtes Ungetüm: man muß an die bemalten, blumengeschmückten Dreiruderer denken, die sich unter Gesängen auf sieggekrönte Wettkämpfer auf den Wellen wiegten. Will man Attika in seiner ganzen Schönheit genießen, so muß man an einem Frühlingstage im Piräus einlaufen, wenn die lauen Märztage die dürren Sandhügel mit einem leichten Grün beleben. Das Schiff legt an einem Kai aus graulichem Tuffstein an, und bald nahen die grünuniformierten Unholde des Zollamtes. Ist die Qual der Untersuchung überstanden und der Obolos erlegt, so macht man mit einem der zahlreichen Kutscher eine »Symphonie«, setzt sich in eine ámaxa, und, da der Rosselenker den längsten Weg fährt, weil er Zeit und niemals Eile hat, benutzt man die Gelegenheit, einen Blick in einige Winkel des Piräus zu werfen. Das Küstenbild ist buntfarbig und unterhaltend: den ganzen Kai entlang sieht man unter einer überdeckten Galerie, die an gewisse Straßen des Hafens von Genua erinnert, vor kleinen Läden, aus denen ein Geruch von gesalzenem Fleisch herausdringt, die Menschen schlendern, stehen, schwatzen; man braucht nicht weit zu gehen, um alles zu sehen, was den Grundstock der Nahrung des Palikaren ausmacht: Piment, Knoblauchzwiebeln, Wassermelonen, Kaviar, die Bottarga von Missolungi, einen trockenen gelben Teig aus Störrogen und dann unnennbare Leckereien, von denen die Fliegen ein gut Teil vorwegnaschen. Am Boden ganze Lawinen von Orangen; die Kaiks bringen sie von Syrien und Kreta und nehmen dafür Berge von Töpferwaren mit für die Bewohner der goldigen Inseln, wo es Farben und Wohlgerüche, aber keine Tonerde gibt. Das ist der malerische Piräus, der übrige Teil zeigt ganz die häßlichen amerikanischen Nützlichkeitsbauten, die öden Matrosentingeltangels wie alle Hafenstädte. Nur der Verfassungsplatz ist durch eine Periklessäule ein wenig »griechisch« gestaltet. Eine lange weiße staubige Straße führt vom Piräus nach Athen. Die Landschaft färbt sich bunter. Die kleinen Berge, die sich mit sanfter Böschung nach dem Meere senken, der Ägaleos, der Korydalos, erheben sich allmählich in edleren Formen, in kräftigeren Umrissen. Die Gehänge sind nackt; kurze, dürftige Kräuter decken die Blößen kaum. Und doch bieten sie mit ihren zarten Farbentönen im Sonnenscheine dem Auge ein Fest. Auf einer kleinen Brücke fährt man über einen kleinen Graben, ohne zu vermuten, daß man eben den Kephissos überschritten hat. Dann führt der Weg am Saum eines kleinen Olivengehölzes hin, das kein anderes ist als der heilige Hain von Kolonos. Da plötzlich sieht man bei einer Wendung des Weges auf einem Hintergrund von dunkleren Bergen das kraftvolle Relief eines gelbroten, nackten Felsens, eine Zuflucht und Festung, den Sockel, der den unsterblichen Tempel trug, in dem das Sinnbild der herrschenden Vernunft und der idealen Schönheit verehrt wurde: die Akropolis . Man muß diese geweihte Stätte an einem heiteren Morgen erklimmen, um die Stunde, wo die Kuppen des Pentelikon im Sonnenscheine flammen, oder gegen Ende eines schönen Tages, wo vor der sinkenden Sonne die scharfen Umrisse von Salamis erglühen. Die Propyläen, die hinter den mittelalterlich-türkischen Mauerwerken der Westseite mit ihrer Freitreppe das festliche Tor der Burgstadt bildeten, deren Seitenflügel entsprechend der Doppelbestimmung der Burg ein Zeughaus und einen Bildersaal aufnahmen – führen zu dem schönsten Tempel des Altertums: dem Parthenon. Freilich die schönen dorischen Säulen, aus jenem feinen Marmor gemeißelt, der geschmeidig und voll warmen Lebens ist wie zarter Menschenleib, sind durch die Beschießung der Venetianer 1677 verwundet worden, und die Wunden sind noch offen. Von den Ziergiebeln sind die Götter geflohen, und der panathenäische Festzug ist nach kalten barbarischen Ländern gekommen. Gleichviel, so zerstört, so zerrüttet, so zerbröckelt das Parthenon sein mag, trotz seiner klaffenden Löcher, trotz des gähnenden Spaltes, der es in zwei Teile zerrissen, trotz der gestürzten Säulen und geborstenen Knäufe: noch in den Trümmern atmet der Bau die wohldurchdachte Schönheit des Gleichmaßes, die die Griechen mit einem schönen Wort Eurhythmie nannten. Kein Bild Doch möchte ich an dieser Stelle auf Du Boys-Reymonds Steinzeichnung hinweisen, erschienen bei B. G. Teubner in Leipzig, 100 x 70 cm. Sie gibt sehr schön den farbigen Anblick wieder und zeigt, welch eine Rolle das Licht in dieser Landschaft spielt kann von dieser wunderbaren Ruine einen vollkommenen Begriff geben. Der Lichtschimmer der Sonne vergoldet ihren Marmor, der Himmel badet die Säulen und Giebel in seinem Azur. Am Abende leuchtet in den schrägen Strahlen der Sonne das ernste Gewande in rötlichem Lichte; der zierliche Doppeltempel der Pallas und des Poseidon Erechtheus zeichnet auf dem purpurnen Horizonte seine hohen, schlanken, Blumenstengeln vergleichbaren ionischen Säulen ab. Und dort, ganz am äußersten Ende des Aufbaus, so nahe am Rand, daß man fürchtet, ihn in den Abgrund stürzen zu sehen, erstrahlt, so klein fast wie eine Kapelle, so zierlich wie ein Reliquienschrein, der Tempel der ungeflügelten Siegesgöttin. Allmählich sinkt die Sonne am flammenden Himmel hinab, setzt funkelnde Sterne auf die Häuser von Phaleron und auf die des Piräus und legt breite, blendende Lichtstreifen auf die Wasser des saronischen Meerbusens. Salamis schwimmt ganz veilchenblau in Purpur und Gold. Undeutlich erscheint im Spiegelglanze des Meeres die ferne Küste von Morea. Die Ebene von Attika hüllt sich am Fuße des langsam erblauenden Parnes in tiefen Schatten. Auf der Ostseite dagegen leuchtet rosenfarben der massige breite Hymettos; jetzt ist er schon flieder-, dann malvenfarben, endlich veilchenblau. Und die Schattierungen schwinden, die Farben ermatten, die Spitzlichter ersterben. – Die Sonne erlischt in der Kühle des Okeanos ... Im Lichte des Tages erkennt das Auge im Allerheiligsten der Athene in verblichenen Farben die schmächtigen Hände, das geneigte Haupt und die großen, starren Augen der byzantinischen Panagia, erkennt in einem Winkel des Tempels die kleine Wendeltreppe, auf der der Muezzin zur Rampe des Minaretts emporstieg, um die Gläubigen zum Gebete zu rufen. Einen viereckigen kahlen Turm in der Mitte, auch ein Zeichen späterer Barbarei, hat man abgetragen. Neuathen breitet seine Plätze, streut seine neuen Häuser in dem breiten Tale aus, das sich zwischen der Akropolis und dem Lykabettos öffnet und wächst gegen den Piräus, ins Ilissostal hinein, nach Kephissia und Patissia zu, kurz nach allen Seiten. Wäre es nicht so baum- und schattenlos, so würde es an Nizza oder Mentone erinnern. Von der Akropolis aus betrachtet, blendet der Glanz seiner Marmorschauseiten, für die die Brüche des Pentelikon noch immer ausreichen. Die Kuppel der Metropolitankirche und das grüne, runde Helmdach von St. Philippos verraten, daß wir eine byzantinische Stadt vor uns haben. Besonders anmutig ist der Anblick der Stadt von der kleinen Georgskapelle, die wie ein Firstziegel den Lykabettos krönt, wenn die Sonne aufgeht. Während drinnen der Pappas die Frühmesse liest, belebt ein dünnes, rosenrotes Band die Blässe des Himmels über dem Pentelikon. Allmählich erhellt sich der bläuliche, noch schlaftrunkene Block des Hymettos. Ein ganz bleiches Licht verbreitet sich über der weißen Stadt. Hähne krähen. In der Kaserne erklingt der Weckruf. Das Meer längs der fahlen zackigen Küsten entwindet sich langsam dem Schatten und erwacht unter dem Hauche des Frühwindes. Jetzt färbt sich der Osten tiefer mit feuriger Glut. Den Pentelikon schmückt eine leuchtende Strahlenkrone. Wie ein riesiges Giebelfeld hebt er sich von dem safrangelben Himmel ab. Der hochrote Streifen wird breiter. Das Meer nimmt eine veilchenblaue Färbung an. Über dem Ägaleos rosiger Schimmer – und mitten über der Stadt, wo nur selten ein früh wacher Spaziergänger schattengleich an den Häusern entlang schleicht, deren Fenster wie schlummernde Augen geschlossen sind, erstrahlt stolz im goldenen Glorienschein die Akropolis. Die Straßen der neuen Stadt sind regelmäßig und breit, die Hermes- und Äolosstraße erscheinen wie zwei Riesenkorridore; das Königsschloß ist ziemlich kasernenmäßig angelegt. Die Plätze machen einen wüstenhaften Eindruck trotz ihrer dürftigen Bäume, die Häuser sind wenig stilvoll gebaut. Die Stadt zeigt das schnelle, unsichere Emporkommen auch äußerlich – und doch streift der Fremde ebenso gern im Frühlinge durch die sonnigen Straßen wie die Einwohner, weniger zur Arbeit als zum Genießen aufgelegt, die erfrischende veilchendurchduftete Luft und die sorglose Fröhlichkeit, die über alle Dinge ausgegossen ist, in sich aufzunehmen. Die Frühlingseinkehr beschwichtigt selbst die politischen Leidenschaften der Neugriechen – und das will etwas heißen. Während die Kyllene noch eine Wolkenhaube trägt, während die Abhänge des Parnes noch mit dünnem Schnee überstäubt sind, duftet die heilige Straße nach Eleusis schon nach Lavendel und leuchtet von Purpuranemonen, auf denen ganze Trauben von Bienen sitzen; blüht die Akropolis über und über von Asphodelos, Thymian und Salbei, da zieht auch der verbissenste »Oppositionelle« aus seinem Café aus, grüßt seine Bekannten mit einem frohgemuten Kaliméra, das heißt guten Tag, und zeigt sich auf Straßen und Plätzen, das Wetter genießend. Viel Volks lagert am Lykabettos und singt näselnd seine eintönigen Weisen; kleine Gesellschaften braten im Freien ein Lamm und befeuchten es mit Rezinatwein. »Dabei vergeht die Zeit!« Arbeit in unserem Sinne ist dem Neugriechen duliá – Sklaverei. Die Athenerin hat ihre Volkstracht zumeist aufgegeben, das albanesische wollene Rockhemd mit dem roten Hüftgürtel und das kürzere Obergewand mit den Rückenstreifen. Die Männertracht kann man aber auf der Agora, in den Verkaufsständen, die den orientalischen Basar ersetzen, noch sehen und kaufen, billiger und besser freilich auf dem Basar von Argos oder Tripolitza. Dazu gehört der rote Fes mit der blauen Wolltroddel, die enge Weste und die kurze Jacke, deren flatternde Ärmel kunstvoll mit Tressen bestickt sind; besonders aber die weiße Fustanella, die mit ihren röhrenförmig getollten Falten mehrmals um die Hüfte geht, so daß sie eine Art bauschiges Frauenröcklein bildet – endlich Tzaruchias, rote Schnabelschuhe, und blaue oder rote Knopfgamaschen. Auf dem Fischmarkte handeln die Leute um rote Meerbarben oder Tintenfische, die die Gassenjungen von Phaleron am Fuße der Klippen fangen. Der Obstmarkt bietet allezeit Oliven, die das Frühstück bilden. Zu Mittag ein Stück Käse und ein Glas klares Wasser, das ist dem Griechen genug – Sonnenschein und Sorglosigkeit überall.   6. Das Griechenland der Gegenwart Von Prof. Dr. Josef Partsch. Unter allem Überraschenden, was Griechenland dem Wanderer darbietet, ist wohl das Merkwürdigste das, was man als selbstverständlich hinzunehmen pflegt: die Erhaltung griechischer Sprache und Nationalität durch die Stürme der Jahrtausende. Eine dichte Streu slawischer Ortsnamen beglaubigt bis in die Südspitze des Landes die Ausdehnung und die überwältigende Kraft der Völkerwellen, die im Mittelalter über diesen Boden hinrauschten. Daß sie jedoch das griechische Volk nicht völlig zu erdrücken vermochten, sondern seine Sprache – wenn auch nicht in der Schönheit und Formenfülle ihres antiken Baus, aber doch – fast frei von fremder Beimischung das Land wieder beherrscht, darin liegt zweifellos ein gewaltiges Zeugnis für die Kulturüberlegenheit des Griechentums über die in seine Heimat eingedrungenen fremden Völkermassen. Aber dieser Sieg des griechischen Geistes über den zuströmenden Völkerstoff wurde doch nur möglich dank der Schutzwehr von Land und Meer, dank fester Stellungen, an denen die Flut der Eindringlinge sich brach oder unschädlich vorüberglitt. Dahin gehören zunächst die Inselkränze, die Griechenland umfangen. Sie wurden von der Masse der Zuwanderer nicht erreicht und behaupteten mit Ausnahme kleiner Felsschollen des Festlandufers gegenüber den tropfenweis herüberdringenden Fremdlingen immer ihre griechische Sprache. Des Winters wechselvolle Stürme legten die Schifffahrt alljährlich auf lange Monate ganz still, und auch im Sommer forderten die steifen, ständigen Nordwinde, die im Sonnenglanz weiße Schaumkränze über die stahlblaue, dunkle Flut jagen, seemännische Geschicklichkeit für die Landung in Buchten zwischen steilen Felsufern. Auf dem Festland waren starke Burgen griechischen Wesens hauptsächlich die Städte, die in byzantinischer Zeit als Sitze gewerblicher Tätigkeit mit dem Geschick dafür auch die alte Kultursprache bewahrten. Die Burgberge der antiken Städte erwiesen sich als gut verteidigungsfähig auch im Mittelalter. Der Parthenon auf Athens Akropolis, das unvergleichliche Heiligtum der Stadtgöttin, war eine wehrfähige Festung und erlitt in diesem Beruf schließlich auch seine verhängnisvolle Zerstörung. Nicht minder war Akrokorinth noch im Mittelalter ein wertvolles Bollwerk nationaler Verteidigung. Und zu den antiken Festen gesellte sich manch neue Anlage, wie Mistra in Lakonien, das den Zauber mittelalterlicher Romantik neben die Erinnerungen Spartas stellt. Als solche Stützpunkte hellenischer Widerstandskraft haben wir aber auch zu würdigen die Klöster der griechischen Kirche, von deren merkwürdigen Ortsanlagen und charakteristischer Bauart neue Abbildungen auch dem nicht zu ihnen Vordringenden eine lebendige Vorstellung vermitteln. Sie waren Zufluchtsstätten der Bildung und Stützen religiöser Beherrschung auch für eine fremdsprachige Umgebung. Das gilt in erster Linie von der Mönchsrepublik auf dem Berge Athos , dessen Gipfel (1935 m) auf dem östlichen Vorsprung der dreifingerigen Halbinsel Chalkidike als weit winkende Warte den Norden des Ägäischen Meeres überschaut. Sie birgt noch heute 7000 Mönche, verteilt auf 30 Siedlungen. Auch um die Erhaltung geistiger Errungenschaften des Altertums haben sie sich Verdienste erworben. Im Kloster Vatopedi erhielten sich Karten zu des Ptolemäus großem Tabellenwerk geographischer Ortsbestimmungen. Sehr zahlreich waren auch die Klöster des griechischen Festlands, von denen manche in stürmischen Zeiten nicht nur einzelnen, sondern ganzen Gauen eine wertvolle Zuflucht boten und ihre von Natur feste Lage in abgelegenen Schluchten, auf steilen Felsgipfeln oder in Höhlen an schwer erreichbaren Felswänden noch durch künstliche Befestigungen zu stärken wußten. Besonders berühmt war in Arkadiens schwer zugänglichen nördlichen Tälern das große Höhlenkloster Megaspilaeon in 924 m Höhe (über dem nur 639 m hohen Talgrund) an mächtiger Felswand so aufgeführt, daß seine durch gewaltige Stützmauern gehaltenen Gebäude den Eingang einer 30 m tiefen, 60 m weiten Höhle verdecken und nach oben wie nach unten mit dem Fels verwachsen scheinen. Darunter auf einer Schutthalde verteilen sich die Terrassen der Gärten. Noch 1827 hatte das Kloster seine Verteidigungsfähigkeit gegen Ibrahim Paschas Anschlag zu bewähren. Hohe Basteien beherrschten wirksam den einzigen, schmal unter überhängenden Felsen in den Talwinkel hineinführenden Zugang. Die merkwürdigste Klosterkolonie bilden die Meteora , die »in der Luft schwebenden« Klöster in der Nordwestecke Thessaliens auf steilwandigen Felspfeilern, die an die »Steine« der Sächsischen Schweiz erinnern. Philippson hat am besten geschildert, wie diese hohen Felsklötze durch schmale Erosionsrinnen herausgeschnitten sind aus den Konglomeratbänken eines bis 300 m mächtigen Schuttkegels, den die Wildwasser des Gebirges als Delta in ein Meer der Vorzeit hineinbauten. Schon das Altertum scheint von diesen Felspfeilern für das Schutzbedürfnis Nutzen gezogen zu haben und sah staunend empor an der »fast unersteiglichen Feste« Äginion . Das 14. Jahrhundert mit seinen wilden Völkerkämpfen bot auf diesen Tafelbergen griechischen Mönchen eine Zuflucht. Nur eines der Klöster ist auf einem gewöhnlichen Felsensteig erreichbar. Bei anderen begreift man kaum, wie die ersten Ersteiger hinaufkamen. Denn nur auf hohen steilen Leitern oder eingeschnürt in ein an der lotrechten Felswand emporschwebendes Netz kann man hinauf- und wieder abwärtsgelangen. All diese Klöster haben ihre große Zeit, da sie wirklich einen geschichtlichen Beruf erfüllten, hinter sich. Heute erscheinen sie nur durch ihre Gastfreundschaft für den hier rastenden Fremden verdienstlich, nicht mehr als ein Teil der Kräfte, welche die Nation vorwärts bringen. Schwer genug war die Erhebung des griechischen Volkes nach langer Knechtschaft unter dem türkischen Joch in dem Freiheitskampf 1821 bis 1829, in dem die Griechen eine überraschende Kraft ringenden und ruhenden Widerstandes, ein wahres Heldentum der Entbehrung, geradezu des Hungerns bewiesen, bis der Eingriff der Westmächte und Rußlands das Geschick des anscheinend schon erliegenden Volkes wendete. Das kleine zunächst geschaffene Königreich mit 47 000 qkm Fläche, auf denen noch heute nicht zwei Millionen Menschen wohnen, erstreckte sich – damals verwüstet und entvölkert – über den Peloponnes, Mittelgriechenland und einen Teil der ägäischen Inselflur. Erst dem Dänenprinzen, der 1864 ein Herrscherhaus begründete, gab England als wertvolles Angebinde die Ionischen Inseln mit auf den Weg in die neue Heimat: ein schon unter Venedigs Obhut, dann seit 1815 unter britischer Pflege glücklicher gediehenes Gebiet, den dichtest bevölkerten, reichsten, bestbebauten Teil griechischen Bodens. Auf 2600 qkm sitzen hier 270 000 Einwohner. Nun trat deutlich hervor, wie anders die Kräfteverteilung im neuen als im antiken Griechenland sich stellte. Wohl lag Griechenlands Hauptstadt, den großen Erinnerungen des Altertums entsprechend, wieder im Osten, nicht aber der Schwerpunkt wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Das dürre Attika und Argolis kann sich nicht vergleichen mit den Ölhainen und Korinthenfeldern des Westens. Aber auch der Gewinn der Ionischen Inseln bot immer noch keinen Ersatz für den Mangel an Getreideland, der das Königreich zehn Monate im Jahre abhängig machte von fremder Zufuhr. Selbst die erst 1890 vollendete Trockenlegung des Karstbeckens des Kopaïs-Sees in Böotien, die 250 qkm nutzbar machte, konnte daran nicht viel ändern. Wichtiger war die Gewinnung des geräumigen Thessalischen Beckens 1881: 15 000 qkm mit 442 000 Einwohnern, und Artas in Süd-Epirus; allein die Auswanderung des türkischen Landvolkes vermochte Griechenland nicht sofort zu ersetzen. Die nächsten Jahrzehnte füllte der Kampf um Kreta, das 1909 erst Griechenland endgültig überantwortet wurde: 8600 qkm, 310 000 Einwohner. Der Mann, der die Seele des kretischen Freiheitskampfes gewesen war, Elevtherios Veniselos, trat nun 1910 an das Steuer der griechischen Politik und führte sie fest entschlossen 1912 in den Balkankrieg, und nachdem ihn des Kronprinzen militärische Fähigkeiten glücklich durchgeführt, nach Entzweiung der Sieger auch in den Kampf mit Bulgarien hinein. Der Ausgang brachte dem griechischen Königreich einen bedeutenden Zuwachs: Epirus, Mazedonien und einige Inseln des Archipels: Thasos, Lemnos, Lesbos, Chios, Samos, zusammen 46 800 qkm, 1 690 000 Bewohner. Das Endergebnis war ein Anwachsen des Königreichs auf 120 000 qkm mit 4 780 000 Einwohnern. Es ist wichtig, sich vorzustellen, was das bedeutet. Die neue Grenze begann gegenüber Korfu und zog von da nordöstlich zum Presba-See. Sie griff damit erheblich auf albanesisches Gebiet über, noch mehr aber auf slawisches. Florina und den See von Ostrovo einschließend, ging sie bei Gevgeli über den Wardar, über den Doiran-See zur Belašica Planina, unter gleicher Breite ostwärts, um erst jenseit der Mesta südwärts zur Küste zu lenken und sie gegenüber der Insel Thasos zu erreichen. Den Griechen fiel also hier nicht nur die ganze 2200 qkm messende mazedonische Ebene um den Golf von Saloniki zu mit dem wichtigen Hafenplatze und der Halbinsel Chalkidike, sondern auch die fruchtbare Seelandschaft nördlich von der Wurzel dieser Halbinsel mit der Bahnlinie Saloniki-Konstantinopel und die Unterläufe der Flüsse Wardar und Struma mit den Wegen gegen Belgrad und Sofia. Wir haben keine Nationalitätsstatistik über Mazedonien. Aber sicher hat Griechenland hier seine Sprachgrenze weit überschritten, mindestens 900 0OO Fremdsprachige in seine Grenze aufgenommen. Es ist zu Griechenlands Frommen nicht zu wünschen, daß es diesen Weg festländischer Eroberung, auf dem es festem Widerstand begegnen würde, weiter verfolgt. Auch Saloniki selbst ist keineswegs eine vorwiegend griechische Stadt. Nur ein Fünftel der 180 000 Einwohner ist griechisch, etwa die Hälfte Spaniolen, eingewanderte Juden spanischer Herkunft. Die Weltlage sichert dem Platz, der mit Marseille, Genua, Brindisi, Triest in Wettbewerb tritt, den Vorzug möglichster Abkürzung der Seefahrt nach Alexandrien und dem Suez-Kanal. Am Olymp vorbei geht nun die Bahnlinie nach Larissa und Athen. Östlicher haben die Häfen von Orfano und Kavalla ein fruchtbares Hinterland. Der Weltkrieg stellte Griechenland vor eine schwere Entscheidung. Da seine ausgedehnte Küstenentwicklung unter dem unwiderstehlichen Druck der Seemächte stand, konnten wir nichts Günstigeres erwarten als Griechenlands Neutralität. Für sie hat der König Konstantin seinen unbeugsamen Willen eingesetzt und damit seinem Volke ungeheure Blutopfer erspart. Hätte ganz Griechenland hinter ihm gestanden, so wäre die Neutralität vielleicht erhalten geblieben. Aber in scharfem Gegensatz zum König stand die politische Überzeugung des Ministerpräsidenten Veniselos. Er wollte bei dem nahenden Zerfall der Türkei Griechenlands Ansprüche durch tatkräftiges Eingreifen gewahrt wissen und trat deshalb für Anschluß an die Westmächte ein. Schon winken neue Erwerbungen vor den Toren Konstantinopels und am reichgegliederten Ufer Kleinasiens. Dort sind, von jungem Schwemmland verschüttet, die alten Seestädte Milet und Ephesus erstorben. Nur die Ablenkung des Hermos von der Bucht, deren Ausgang er zu verschließen begann, hat das gleiche Schicksal fern gehalten von Smyrna, der nun in griechischer Hand liegenden Pforte der Levante.   7. Alttürkisches Familienleben. Sittenbilder aus dem Morgenlande. Von Herm. Vambéry. Berlin 1876, Allg. Verein für deutsche Literatur. Das alttürkische Haus zerfällt in zwei Teile: den Harem , die Gemächer für die Frauen und Kinder, und das Selamlik , die Räume für den Verkehr des Hausherrn mit der Außenwelt. Bei Armen besteht die Scheidewand meist nur aus einem Vorhange – das Frauengemach bleibt verschlossen und öffnet sich nur in Krankheitsfällen dem Arzte oder dem besuchenden Freunde. Dann pflegt einer der Haremswächter, ein Eunuche, laut zu rufen: »Kimse almazsin!« Niemand sei im Wege! – damit sich die zufällig anwesenden Frauen aus dem Gange in ihre Gemächer verstecken können. Der Islam gestattet dem Türken die Vielweiberei, vier Frauen und dazu Sklavinnen in beliebiger Anzahl. Doch nötigen meist die Vermögensverhältnisse zur Einehe . Die Frauen werden durch die Abgeschlossenheit in ihrer geistigen Entwicklung beschränkt; der Männergesellschaft fehlt der ausgleichende veredelnde Einfluß der Frau. Dem türkischen Familienleben fehlt es daher meist an Eintracht, Liebe, Zärtlichkeit. Schon der Eintritt in ein konstantinopolitanisches Haus mit seinen leeren, nur mit einigen Teppichen und Diwans ausgestatteten Zimmern stimmt den Europäer kühl, es fehlt das Gemütliche. Einige dumpfe Schläge am Dolab , einem runden Drehkasten, werden hörbar. Das sind die Zeichen für die Dienerschaft und die Haremsmitglieder. Die Schläge werden heftiger, und bald vernimmt man die schweren Tritte eines Dieners, dem eine Sklavin die Mitteilung macht, der Herr des Hauses habe sich vom Pfühl erhoben, sein Bad genommen und werde nun das Selamlik betreten, seinen Morgentschibuk zu schmauchen. Eine kleine Pause, und es heißt: Der Pascha oder Bei oder Efendi ist herausgekommen! Dieser Ruf bringt den Dienertroß auf die Beine. Ein Tschibuk- oder Nargileh-Wärter schleppt sich schwerfällig durch den Gang dem Gemach seines Herrn zu, bald mit den Händen die halb verschlafenen Augen reibend, bald aus voller Brust das Feuer anblasend, welches das übertäubende Gift beleben soll. Ihm folgt der Kaffee oder Tee tragende Diener; denn obschon der Hausherr an diesen Genüssen sich im Harem gestärkt hat, so muß er es doch noch einmal im Selamlik tun. Das dort Geschehene wird hier als nicht geschehen betrachtet; dort schon erwacht, muß er hier sozusagen noch einmal erwachen. Ohne gegrüßt zu werden oder selbst zu grüßen – denn der eigene Diener grüßt im Orient nie seinen Herrn, wird auch von diesem nicht gegrüßt – muß er nur in langen Zügen dem Pfeifenrohre und dem Getränke zusprechen. Kaum hat er sich dieser Pflicht entledigt, so nähert sich ihm schon der Wekil-Chardsch , das ist der Hausvogt, oder der Chazinedar , das ist Schatzmeister, die auf ellenlanges Papier geschriebene Rechnung vorlegend, um Genehmigung für diese oder jene Ausgabe und den Siegeldruck als Unterschrift zu erlangen. Denn die Pflichten der Hausfrau liegen bei den Mohammedanern immer dem Hausherrn ob. Mit schläfriger, verdrießlicher Miene durchläuft der Herr die langen Postenreihen der häuslichen Ausgaben, und mit Widerwillen greift er nach dem stets auf nackter Brust getragenen seidenen Säckchen, worin die verschiedenen Siegel stecken. Die Rechnung wird richtig befunden, die besiegelte Geldanweisung unter manchem Seufzer verabfolgt. Zwar weiß der Herr, daß die Hälfte der Ausgaben erlogen ist; er weiß, daß der Mann, den er schon zehn Jahre im Hause hat, ihn frech bestiehlt und ferner bestehlen wird – das alles ist ihm kein Geheimnis, da der Mann einen Monatsgehalt von 36-45 Mark bezieht, während er 90, manchmal 180 Mark verausgabt. Er weiß aber auch, daß mit einem Dienerwechsel nichts gewonnen sein würde, und so schweigt er. Dieselben Zustände herrschen im Staatsleben. Beamte mit 90 Mark Monatsgehalt verbrauchen 180. Der Schah oder Sultan sieht, wie mancher seiner Diener, der auf ein knappes Gehalt angewiesen ist, reich wird. Ein türkisches Sprichwort sagt: Des Padischah Reichtum ist ein Meer; wer nicht davon trinkt, ist ein Schwein! Doch sehen wir weiter, wie es im Hause geht! Nach Vollendung des mühseligen Geschäfts des Zählens und Schuldenmachens raucht der Herr eine zweite Pfeife. Der Dolab läßt seine Schläge von neuem hören. Eine gellende jugendliche Stimme ruft einen der Diener, gewöhnlich den ältesten und vertrautesten herbei, damit er den jungen Bei, der den Harem verlassen will, zu seinem Vater führe. Der Diener begibt sich an den vor der Haremstür herabhängenden Vorhang, steckt die Hände dahinter und zieht den Knaben oder auch mehrere Kinder auf einmal hervor, die nun in frischem Anzug dem Vater vorgestellt werden. Obwohl erst im Alter von vier oder fünf Jahren, lassen sie sich doch mehreremal auffordern, sich zu setzen; denn das Kind soll aus Achtung vor seinem Vater stehen bleiben, und es gilt als besondere Gunst, wenn es sich in seiner Gegenwart setzen darf. Haben sich die Kinder zurückgezogen, so beginnt die eigentliche Arbeitszeit, welche bis 11 Uhr, bis zum Frühstück oder Mittagsmahle dauert. Es ist dies die beliebteste Tageszeit im Hause des Morgenländers, der nur am Vormittag eine frische Arbeitskraft und Lebendigkeit entwickelt. Man findet auch bis 11 Uhr den Herrn am sichersten zu Hause. Ist er Beamter, wozu übrigens jeder Morgenländer höherer Klasse zählt, so empfängt er seine Untergebenen. Die Vorhalle des Selamlik ist von Dienerhaufen der kommenden und abgehenden Gäste erfüllt, die Zimmer selbst sind voll Tabaksrauch, da angeseheneren Gästen eine Pfeife gereicht wird. Das Gespräch wird jedoch, auch wenn zwanzig anwesend sind, nicht so laut, als wenn drei oder vier Südeuropäer beisammen wären. Trotzdem manche der anwesenden Herren unbeweglich wie Wachsfiguren stundenlang mit untergeschlagenen Füßen gesessen haben, entwickeln sie doch alle, ins Frühstückszimmer geladen, einen Riesenhunger. Das Frühstück könnte, nach den mancherlei Gängen zu urteilen, eine Hauptmahlzeit genannt werden. Doch so langsam die Herren im Sprechen, so schnell und hastig sind sie im Verschlingen der ihnen vorgesetzten Speisen. Eine Tischunterhaltung findet nicht statt. Hätten sie wie in Europa eine Dame an ihrer Seite, so würden sie gewiß langsamer essen und sich besser unterhalten. Um 11½ Uhr verfügen sich die Herren in ihre Arbeitsstätte. Alsdann ist das Selamlik verödet, das Haus nimmt andere Gestalt an. Dort an der Haremstür beginnt sich der Vorhang lebhaft zu bewegen. Einige muntere Mäuschen spüren, daß die Katze nicht zu Hause ist; sie fangen an, ihre Köpfchen freier zu bewegen. Die Sklavinnen oder sonstige jugendliche Damen finden es jetzt an der Zeit, sich mit Späßen und Neckereien zu unterhalten. Man klopft, ruft, um den einen oder anderen Diener herbeizulocken und verschwindet schnell wieder; man neckt sich mit Worten, oft in sehr derben Ausdrücken, ohne von der Gestalt mehr als einen Finger oder Kleidzipfel sehen zu lassen. Die älteren Frauen besprechen mit den Dienern dies und jenes; während des Gesprächs müssen die Untergebenen die Blicke senken; denn es wäre wider allen Anstand, wenn ein Mann die ihm gegenüberstehende Frau ansehen wollte. Der Herr selber darf, in Gegenwart anderer Männer den Namen seiner Frau oder Tochter nicht aussprechen, nur andeuten. Das kaum dreijährige Kind erscheint vor seinem in Männergesellschaft befindlichen Vater, um eine Mitteilung zu machen. Der Vater neigt angstvoll seinen Kopf zum Kinde herab, das schüchtern und errötend umherblickt und ihm einige Worte ins Ohr flüstert. Es hat eine Botschaft von der Mutter gebracht, von der es aber nicht laut zu sprechen wagt. Mit solcher Zurückhaltung wird das Familienleben ertötet. Von Familienfesten kann keine Rede sein, da die Frauen im Harem zurückbleiben müssen, wenn zum Beispiel der Sohn in einer Männergesellschaft etwas vorträgt und seine Sache gut macht. Dem Vater fließen Freudentränen über die Wangen, die Mutter aber ist fern. Der Vater darf sich mit der Mutter seiner Kinder oder mit seinen Kindern nicht öffentlich zeigen. Geht er etwa mit ihnen auf den Basar, um Einkäufe zu machen, so sammeln sich nur die männlichen Mitglieder der Familie um ihn, die verschleierten Damen bleiben 5-6 Schritte zurück. Will nun pater familias seine Ehehälfte über etwas verständigen, so redet er, ohne sich umzudrehen, aufs Geratewohl in die Menge hinein, und die Frau muß erraten, daß ihr die Worte gelten. Die Frau der höher gestellten Türken hat eine große Anzahl von Anverwandten und Dienerinnen um sich, die beim Mangel an ordentlicher Beschäftigung in allerlei verschwenderische Launen verfallen, und weigert sich der Hausherr, ihnen zu willfahren, so stehen ihm sofort alle weiblichen Familienglieder, darunter oft seine eigenen Töchter, feindlich gegenüber. Um den Ohrenbläsereien und Ränken des Harems zu entgehen, meidet er ihn den Tag über gern. Das Kind aber ist Zeuge des oft sehr unlauteren Treibens der Frauenwelt, und sein sittliches Gefühl wird schon früh verdorben. Man tut sich Knaben wie Mädchen gegenüber nicht den mindesten Zwang an, und jene bleiben bis zum zehnten Jahre und noch länger im Harem. Mütter, die früher Sklavinnen waren, haben gegen ihre freigeborenen Töchter einen schweren Stand, und werden sie vom Hausherrn bevorzugt, so erwacht der Neid der anderen Frauen. Man bringt ihnen in Erinnerung, wieviel sie beim Ankauf gekostet, wie dürftig sie waren, als sie ins Haus kamen. Das merken sich auch die Kinder. Ich hatte, erzählt Professor Vambéry, einst zwei Zöglinge, von denen der eine ebenso friedfertig, gehorsam und fleißig, wie der andere zänkisch, widerspenstig und nachlässig war. Der eine gehorchte seiner Mutter auf den Wink, während der andere der seinigen durch Ungehorsam steten Verdruß bereitete. Sie waren Kinder eines Vaters, aber von verschiedenen Müttern, und als ich den Widerspenstigen wegen seiner Schlechtigkeit zurechtwies und ihm den Bruder als Muster der Folgsamkeit seiner Mutter gegenüber vorstellte, erwiderte der böse Bube trotzig: »Willst du etwa, daß ich meiner Mutter so gehorchen soll, wie mein Bruder der seinigen? Die hat 40 000 Piaster gekostet und meine nur 20 000!« – ein kleines, aber deutliches Zeichen dafür, wie weit die übeln Folgen der Mißachtung der Frau im Islam reichen.   8. In Konstantinopel. Nach Friedrich Seiler, Konstantinopolitanische Reiseerlebnisse. Grenzboten 1904. Nr. 48, 49, 50, 51. (Gekürzt.) Wir fuhren an dem ziemlich öden europäischen Ufer des Hellespontes dahin und näherten uns einem auf einer Klippe erbauten Leuchtturme und einem ziemlich wüst aussehenden, größtenteils aus Holzhäusern bestehenden Orte. Es war Gallipoli , die erste europäische Stadt, die den Osmanen in die Hände fiel. Gegenüber am asiatischen Ufer sahen wir undeutlich das im Altertume durch seinen zügellos-üppigen Priaposdienst übel berüchtigte Lampsakus. Und dann tat sich das weite blaue Marmarameer vor uns auf mit der gleichnamigen Felseninsel, die wir rechts liegen ließen. An Bord des russischen Dampfers herrschte reges Leben. Allerhand Sprachen schwirrten uns um die Ohren. Ein Hoteldragoman aus Konstantinopel und zwei Wienerinnen, von denen die ältere als Köchin, die jüngere als Zofe im Harem des verstorbenen Ismail Pascha angestellt waren, verstanden und sprachen unser Deutsch. Sie erzählten, daß der ganze Harem, einige dreißig Türkinnen und Tscherkessinnen, mit an Bord seien, um den Sommer in Konstantinopel zu verleben, wo sie mehr Freiheit hätten als in Alexandria. Die türkischen Zwischendeckpassagiere schnürten ihre Bündel, die Familien gruppierten sich malerisch mit ihren Habseligkeiten und ihrem Vieh. Ein kleines Mädchen kämmte ein schönes weißes Schaf, drehte ihm zierliche Kopflöckchen zurecht und durchflocht die Wollensträhne mit roten Bändern: das arme Tier, das bald auf der Schlachtbank bluten sollte, wurde nach antiker Art als Opfer geschmückt. Wir hatten das Marmarameer schon fast hinter uns. Rechts erhoben sich die bergigen Prinzeninseln , links erschienen die Häuser von San Stefano , wo die Russen 1878 der Türkei den Frieden aufzwangen, dann kam die Stelle, wo die alten Stadtmauern von Byzantium ans Meer stoßen und das verfallene Schloß der sieben Türme ragt, dann die Häuser und Gärten von Stambul und auf der Höhe Moscheen mit kühnen Kuppeln und spitzen Minaretten. Nun verengerte sich das Wasser, rechts glitten die Häuser und gelben Kasernen von Kadiköi und Skutari an uns vorbei, beleuchtet von der sinkenden Sonne. Links folgten die weiten grünen Gärten und die Paläste und Mauern des Serails, über denen sich ein weißer viereckiger Turm mit schrägem, schwarzem Dache erhob, der genau so aussah wie der Turm einer deutschen Dorfkirche. Jetzt bog das Schiff scharf nach links ein, fuhr um die Landspitze des Serails, und gleich darauf rasselten die Anker nieder. In märchenhafter Schönheit lag das Goldene Horn da, blau von Farbe, und doch ein goldenes Füllhorn voll aller Güter des Morgen- und Abendlandes, die in den Schiffen und auf den Kais verstaut und aufgespeichert lagen. Eine lange Brücke spannte sich von Ufer zu Ufer, über die ein einziger ununterbrochener wimmelnder Strom von Menschen und Tieren dahinflutete. In der Ferne verdämmerte der schmaler werdende Meeresarm an grünen Hügeln. Die Höhenzüge, die dieses blaue Band auf beiden Seiten einschlossen, bedeckte ein schier unentwirrbares Straßen- und Häusermeer. Dazwischen grüne Gärten, dunkelragende Zypressen, mächtige runde Warttürme, schlanke, blendendweiße Minarette und großartige prunkvolle Kuppeln. Ja, eine Weltstadt lag vor uns, eine Prachtstadt, eine gottbegnadigte Zauber- und Märchenstadt! Die Sonne stand im Westen hinter ihr, so lag sie in schattenrißhaftem Dunkel da, während sich hinter uns am asiatischen Ufer ein reiches Farbenspiel entfaltete. Das erste Boot, das an der Schiffstreppe anlegen durfte, brachte eine vornehme Türkin mit mehreren Begleiterinnen an Bord. Ein stattlicher Offizier erwartete sie, mit Tränen in den Augen küßte sie seine Hand, während aus seinen dunkeln Augen ein Strahl der Freude und Liebe herniederschoß: es gibt bei diesen Türken trotz aller Vielweiberei auch treue Sehnsucht und Gattenliebe. Nun enterten die »Hafenhyänen« an Bord, große Schilder an Mütze, Brust und Arm, ergriffen uns und unser Gepäck und ruderten an Land. Die Paßprüfung und die Kofferdurchsicht geht rasch von statten, wenn man geschickt einen »Beschlik« oder »Tscherek« besch = fünf, lik = Stück = Fünfpiasterstücke, etwa 90 Pfennige. Tscherek = ein Viertel, nämlich der 4. Teil eines Medschidië, eines Zwanzigpiasterstücks. in die krumme Hand des Zöllners gleiten läßt, für ein rechtliches deutsches Staatsbürgergemüt ein empörender Anblick – aber die türkische Anschauung ist anders. Draußen vor dem Zollschuppen ergriffen etliche Hamals (Lastträger) unser Gepäck, der Führer winkte einer ámaxa (Droschke), und fort ging die Reise durch die engen Straßen von Galata hinauf nach Pera in ein Hotel, das europäischen Ansprüchen genügt. Das erste, was dem Fremden in Konstantinopel zu tun obliegt, ist die Besteigung des Galataturmes , der schon um 500 n. Chr. gebaut wurde, dann den in Galata ansässigen Genuesen als Mittelpunkt ihrer Befestigungen diente und jetzt die Feuerwache beherbergt, die durch Flaggen am Tage, durch Laternen in der Nacht den Ausbruch einer Feuersbrunst anzuzeigen hat. Auf dem zweiten, etwas eingerückten Stockwerke dieses Turmes ist man etwa 150 m über dem Meere und genießt durch vierzehn Bogenfenster die Rundsicht. Diese kann man höchstens der vom einstigen Markusturm in Venedig vergleichen: ein großartiges Städte- und Wasserbild, aber hier viel reicher und abwechslungsvoller. Vom Markusturm sah man weite Lagunen, flache gelbe Inseln, Kanäle und unmittelbar sich zu Füßen die Dächer der Stadt, hier dagegen werden die dreifach verzweigten Wasserflächen des Goldenen Horns, des Bosporus und des Marmarameeres umkränzt von langgezogenen Berg- und Hügelketten, an deren Hängen sich freundliche Ortschaften und Landhäuser, liebliche Gärten und ernste Friedhöfe hinziehen, während sich jenseit des blauen Meeresarmes Stambul in seiner ganzen Ausdehnung unseren Blicken darbietet – und zwar nicht tellerflach wie Venedig, sondern hügelansteigend. Über dieser riesigen, von grünen Baumoasen unterbrochenen Häuserwüste erheben sich Kuppeln und Minarette, Türme und Brücken, hinter ihr schimmert ein blauer Streif des Marmarameeres, und darüber am Horizonte verdämmern die Berge der Prinzeninseln und des asiatischen Festlandes. Die Halbinsel, die der Serail mit seinen dunkeln Gärten, weißen Palästen und kuppelverzierten Landhäusern bedeckt, mit dem seltsamen Turme, der nicht ins Bild paßt, zieht wie eine Perle im Ringe immer wieder die Blicke auf sich. Und welches Leben auf dem Grunde dieses Rundbildes: die engen Straßen von Galata, die beiden Brücken übers Goldene Horn wimmeln von Menschen und Tieren, die Wasserfläche des Goldenen Horns von Schiffen aller Art, vom kleinen Boot bis zum größten Handels- und Vergnügungsdampfer; an den Kais verlädt man die Erzeugnisse dreier Weltteile. Eine Stadt in solcher Lage und Begünstigung konnten alle Eroberungen und Ausplünderungen, alle Aufstände, alle Mißwirtschaft nicht zugrunde richten. Sie wartet des Tages, wo Europa die verlorene Tochter wieder zu sich nehmen wird. Dann wird sie erstrahlen wie ehedem unter Konstantin und Justinian. Obwohl Pera die Europäer- und Fremdenstadt ist, obwohl es die Gesandtschaften und Konsulate, die Gast- und Trinkhäuser, die Warenhäuser, die Tingeltangel beherbergt, ist es doch halbasiatisch. Nur zwei Straßen genügen europäischen Ansprüchen, die am türkischen Friedhofe und dem Stadtpark entlang, die Hotelstraße, und die »Große Straße« von Pera, die auf der Wasserscheide zwischen Goldenem Horn und Bosporus hinführt. Im letzten Teile wird sie so schmal, daß sich kaum zwei Wagen ausweichen können, und hat auch keine Fußsteige mehr. Haufen von Müll und Unrat liegen auch hier, und die gelben Straßenhunde durchwühlen sie mit ihren Schnauzen. Sie liegen auch quer auf den Straßendämmen und verunreinigen die Straßen mehr, als sie durch ihr Fressen die Reinlichkeit fördern. Hier, wo jeden Morgen der Kehricht aufgeräumt und abgefahren wird, sind sie eine unnütze Landplage. Inzwischen ist eine große Anzahl dieser Straßenhunde auf eine einsame Insel des Marmarameeres gebracht worden. In den Türkenvierteln mögen sie nötiger sein. Auch die Häuser sind durchaus nicht alle europäisch. Da liegt zum Beispiel neben der deutschen Schule, in der Nähe des Klubs Teutonia und der schwedischen Gesandtschaft, ein wüstes Tekke, ein Kloster tanzender Derwische. Jeden Freitag kann man hier das Schauspiel der »Drehwische« haben, wie sie in weißen Jacken, faltigen Röcken, mit wagerecht ausgestreckten Armen, die rechte Hand nach oben, die linke nach unten geöffnet, mit seitwärts hängendem Kopfe und geschlossenen Augen sich wie die Kreisel um sich selber und dabei zugleich in einem Ringe drehen, bis sie ermattet von dieser Art Versenkung in Gottes kosmisches Walten niedersinken. Asiatischer Fanatismus und deutsches Wissen dicht nebeneinander! Galata ist das schmutzige, liederliche Hafenviertel am Uferstrande. Man steigt entweder eine große Treppe hinab, das »steile Pflaster«, oder benutzt die unterirdische Drahtseilbahn oder vertraut sich der Bogenlinie der Pferdebahn an. Über die neue Brücke, die auf eisernen Pontons ruht, gelangen wir nach Stambul , gerade auf die Moschee der Sultanin Valide (= Witwe) zu. Man tut hier gut, ein wenig stehen zu bleiben und die Türken, Griechen, Levantiner, Armenier und die abenteuerlich gekleideten Innerasiaten an sich vorüberziehen zu lassen. Sobald man jenseit des Goldenen Horns auf der Höhe des Seraskeriats, des Kriegsministeriums; steht, fühlt man sich in einer fremden Welt: krumme Straßen, schlecht oder gar nicht gepflastert, ein- oder zweistöckige Häuser meist aus Holz, zahlreiche, durch schräge Balken gestützte Erker, die Fenster sämtlich durch Holzgitter oder Rohrgeflecht geschlossen, braunrote, löchrichte Ziegeldächer, alles unregelmäßig, winklig, unberechenbar; kein Laden, kein Geschäft, und die Gassen stellenweise wie ausgestorben. Selten, daß die düstere Gestalt eines verhüllten, schwarz gekleideten Weibes an den Häusern entlang schleicht, oder daß ein finster blickender Turbanträger mit langem, dunkelm Gewande und steinernen Gesichtszügen unsere Wege kreuzt. Wer Türkisch versteht, ein wenig Mut und einen Kompaß hat, kann sich heutzutage ruhig in diese unheimliche Stadt wagen, er wird überall Auskunft erhalten. Die Läden sind hier wie in den mittelalterlichen deutschen Städten in besonderen Gassen untergebracht. Vor den Häusern stehen dann lange Reihen von Holzbuden mit arbeitenden oder träumenden Handwerkern; dazwischen treibt sich müßiges oder kauflustiges Volk aller Art herum. An der Ecke steht eine Gruppe grün beturbanter Softas, während ein Imam oder Otja mit weißem Turban und schwarzem Talar, mit aufgespanntem Sonnenschirm durch die Menge reitet. Hunde gibt es überall. Wir fragten uns eines Tages nach der Porzellanmoschee Rustem Pascha durch, die im Häusergewirr verborgen liegt. Sie führt ihren Namen davon, daß ihre Wände und Pfeiler von oben bis unten mit vorwiegend blauen und weißen Fayenceplatten ausgelegt sind. Kalter Glanz, steife Feierlichkeit erfüllt daher das Heiligtum, dem zudem alles Bildliche, Körperliche fehlt wie jeder Moschee. Durch stinkige Gassen ging's zum ägyptischen Basar, wo alle Würzen, Drogen und Farbstoffe der Welt von langbärtigen Türken verkauft werden. Mit seinem Wohlgeruch, seiner Buntheit ist er ein Bild aus der Zeit Harun-al-Raschids. Dann fuhren wir mit der Pferdebahn bis zum Eingang der »Hohen Pforte«, eines langen Gebäudes in italienischem Stile, das die Ministerien des Äußern und Innern enthält. Ein Posten wehrt den Zutritt. Von der Moschee Laleli-Dschami drangen wir zur Prinzenmoschee, Moschee Schah-Sadé vor, einem hellen Kuppelbau mit 214 Fenstern. Ein ganzes Netz übereinander gebauter Kuppeln und Halbkuppeln, die auseinander herauszuwachsen scheinen, verleiht dem Gebäude, das Sinan, der größte Baumeister der Osmanen, im 16. Jahrhundert erbaute, Geschick und Leichtigkeit, während der Wechsel von roten und gelblichen Steinen Unruhe in den Eindruck trägt. In Riesenbuchstaben zieren Koransprüche auf blauen Schildern die Ecken und Pfeiler. Wir fühlten uns matt und gingen in ein Kaffeehaus. Vor dem niedrigen Gebäude hockten unter zwei Platanen auf niedrigen Holzschemeln ein paar alte, schweigsame Langbärte, die Kaffeetäßchen in der Hand. Dem einen brachte ein bunt geschürzter Aufwärter gerade die Wasserpfeife, die Nargileh, während die übrigen aus dem Tschibuk »Tabak tranken«, wie der Türke sagt. Wir setzten uns in die enge Stube und schlürften bald das heiße, satzreiche, ungezuckerte Getränk, konnten aber der Wasserpfeife keinen Geschmack abgewinnen. Die Moschee Mohammeds II., des Eroberers, ist ein Dschami, ein Versammlungshaus, im Gegensatz zu den Mesdschids oder Bethäusern, woraus »Moschee« gebildet ist. Es ist eine kleine Stadt; ein Hof mit Spitzbogengängen und einem Brunnenhaus tut sich auf; dahinter liegt das Gotteshaus mit den Kollegienhäusern und Studentenwohnungen, eine Volksschule, eine große Armenküche, ein Krankenhaus, eine Bücherei, ein Gasthaus, ein Bad. Auch ein Garten mit den »Turben« des Gründers und einiger Angehörigen gehört dazu, endlich noch ein Hinterhof. Viele Gläubige verbringen den ganzen geschlagenen Tag hier, Allah und der Padischah nähren und kleiden sie schon; sie waschen sich, beten, ruhen und schweigen. Sie kennen keine Skrupel und Zweifel, dienen einfältig nach der Väter Weise ihrem Gotte und wissen, daß ihnen einst, wenn Allah will, die ewigen Wonnen des Paradieses winken. Den Gegensatz zu unserem europäischen, faustischen Hasten und Streben kann man hier deutlich empfinden: hier herrscht Ruhe, Wohlbehagen und Glück – ihre Religion ist diesen Morgenländern Kern und Stern des Daseins. Gleich bei der »Mehemedsche« fängt der zweistöckige Aquädukt des Kaisers Valens an, der noch heute Stambul mit Wasser versorgt. Die doppelte Reihe Rundbogen ist dicht überhangen von Gebüsch und Geranke und bietet als »Hochstraße« eine herrliche Aussicht. Eine Rast bei »Tokatlian«, dem einzigen europäisch eingerichteten Restaurant in Stambul, tut uns not. Klares Quellwasser kostet hier die Karaffe 1 Piaster = 18 Pfennige. Unter einem bläulich bemalten, vielgekuppelten Dache liegt hier auch der große Basar, wo jeder Händler einen als gute Beute zu kapern sucht, anschreit, sogar festhält. Noch ein Blick in einen »Han«, den Validéhan, das ist ein Kaufmannshof mit Speichern und Kontoren, Lastträgern und Ballen, Kisten, Säcken. In der Bajesidmoschee ist ständiger Markt wie dereinst im Tempel von Jerusalem. Man kann hier den vielen schwarzblauen Tauben, die nach einem Vermächtnis des Erbauers Bajesid II., des Sohnes des Eroberers, gehalten werden, Futter streuen. Sie umschwirren einen dann in dichten Geschwadern, daß einem schwindelt, dichter als auf dem Markusplatze in Venedig. Auch die »Suleimanje«, die eben jener Sinan erbaute, ist als schönste Moschee nächst der Agia Sophia sehenswert. Ihr Inneres glänzt durch gediegene Pracht, wie sie eines Soliman des Prächtigen würdig ist: mächtige Granitsäulen aus dem Palaste Justinians, Marmorverkrustungen, Glasmalereien, natürlich nur Arabesken und Teppichmuster, marmorne Predigtkanzeln, große Schmuckschriften, Riesenkronleuchter und eine Fülle von Glasampeln, die in den heiligen Nächten einen märchenhaften Glanz ausstrahlen müssen – dazwischen aber auch Straußeneier, Elfenbeinzähne und ähnlicher barbarischer Flitterkram. Hinter der Moschee auch hier in stillen Zypressen- und Platanengärten die achteckigen Turben, die Totenhäuser des Sultans und seiner Frauen und Kinder. In der Nähe liegt der Seraskerturm, der, wie der Galataturm, einen weiten Umblick bietet. Es war gegen Abend. Die Sonne stand noch hinter Wolken. Dann aber trat sie darunter hervor, und nun erstrahlte alles in purpurnem Märchenlicht: der blaue Bosporus, Skutari und die asiatischen Berge, das Goldene Horn, Pera, das weite Marmarameer und Stambuls Kuppeln, Türme und Paläste. Jedes Haus zeigte eine Lichtseite, jedes Fenster blinkte in rötlichem Glanze – nun hieß es: fort aus Stambul; denn nach Sonnenuntergang ist es keinem Franken zu raten, sich hier noch herumzutreiben. Noch blieb uns das Wichtigste und Schönste zu beschauen übrig: der Serail, die Museen, die Sophienkirche. Der Serail ist die alte Residenz der Sultane, jetzt der Ruhesitz alter Sultaninnen und Palastdiener. Durchs Kaisertor, an dem in alten kräftigen Zeiten die Köpfe hingerichteter Paschas steckten, gelangt man durch einen Hof zum Orta Kapu, dem mitteln Tore, einem tiefen, zinnenbesetzten, von zwei weißen Türmen mit schwarzen Spitzdächern flankierten Gebäude – weiter darf der Fremde für gewöhnlich nicht. Es folgt ein zweiter Hof, ein drittes Tor, dann kommen die Laubengänge, Rosen- und Tulpenbeete der Serailgärten, die jetzt durch die Eisenbahn entweiht sind – die Prunkgebäude und Säle mit ihren Schätzen, aber auch das Tor, durch das die Leichen heimlich Gerichteter ins Meer geworfen wurden, die Seufzerkammern, in denen unbequeme Halbbrüder oder andere Verwandte des regierenden Herrn für immer verschwanden, die Stelle, wo die schönen Frauen, deren der launische Eheherr überdrüssig geworden war, in Säcke genäht hinabgerollt wurden in die verschwiegene Flut. Unerhörte Pracht – und unerhörte Greuel! Die kaiserlichen Museen , das alte mit seinen griechisch-römischen, byzantinischen, cyprischen und semitischen Altertümern, auch etlichen der von Schliemann in Troja ausgegrabenen Schmucksachen, und das neue mit den sidonischen Steinsarkophagen, darunter dem weltbekannten Alexandersarg, sind die hervorragendsten geschichtlichen Sammlungen des Morgenlandes. Und nun zur Agia Sophia ! Sie läßt sich nur mit St. Peter in Rom vergleichen – und auch hier fällt der Vergleich zugunsten Konstantinopels aus. Die Sophia ist im Innern zweistöckig – und erscheint deshalb groß auf den ersten Blick: dazu das mäßige Kleinwerk, das feine Gleichmaß aller Teile, die ungezwungene Einfachheit der Anlage, die heitere Pracht und ernste Würde – alles zeichnet die Kirche Justinians vor der Julius II. aus. Die ursprüngliche äußere Gestalt ist freilich kaum noch erkennbar: Schon die Byzantiner mußten gegen die Einsturzgefahr nach Erdbeben Stützbauten ansetzen, die Schönheit des Innen raums galt ihnen als das Höchste und Wertvollste. Der Islam hat die Außenseite weiter durch angebaute Schulen, Turben, Küchen, die schlanken lanzenartigen Minarette, den Halbmond auf der Kuppel, den gelb- und rotgestreiften Putz stark verändert. Aber das Innere ist überwältigend schön geblieben: die große Kuppel scheint zu schweben; eine Fülle von kleinen Kuppeln und Halbkuppeln umgibt sie wie Trabanten; Nischen, Gewölbe, Säulengänge gewähren überraschende Durchblicke; eine Fülle von Licht strömt herein; die Pracht des glänzenden Marmors und der Mosaiken – all das bringt eine traumhafte Wirkung auf den hervor, der dies Heiligtum betritt. Dabei ist vieles Christliche übertüncht, und über die Gestalten der Propheten und Apostel sind grüne Schilde gehangen mit den goldenen Namen Allahs und seines Propheten. Die Gebetsnische mußte nach Mekka gerichtet sein, deshalb steht sie nicht in der alten Apsis, wo der Hochaltar stand, sondern seitwärts – ein künstlerischer Widersinn! Von Marmorbrüstungen und von einer Kanzel herab preist der »Chatib«, der Prediger, mit blankem Schwerte in der Hand den Sieg des Islams. Wie lange noch? Die Agia Sophia ist das Urbild aller griechischen Kirchen und aller Moscheen des mohammedanischen Ostens: »der schönste Innenbau der Welt«. (Gurlitt.) Vor der benachbarten Achmedmoschee dehnt sich der verwahrloste Roßplatz, der Atmeidan, aus, einst der Hippodrom, der als Versammlungsplatz viel Kampf und Blut gesehen hat. Ein gemauerter byzantinischer und ein monolithischer Granitobelisk aus Ägypten und die bronzene Schlangensäule, auf der die Griechen einst den goldenen Dreifuß zu Ehren des Sieges von Platää aufgestellt hatten, stehen aus alter Zeit da, aus jüngster Zeit aber der Brunnen Wilhelms II., ein achtsäuliger Kuppelbau mit Rundbogen, Mosaiken und großem Sternzierat. Die Zeiten haben sich gewandelt; wir Deutsche sind »gut Freund« mit denen, gegen deren List und Mord Luther im Liede die Hilfe des Himmels anrief. Vom »Schloß der sieben Türme«, türkisch Jedi-Kule, mit seinen verfallenen Zinnen, aus denen wilder Lorbeer sproßt, zieht sich die alte Stadtmauer, die Kaiser Theodosius erbaute, vom Marmarameere zum Goldenen Horn. Aber Stambul füllt das Gewand, das der Kaiser ihr einst angemessen, nicht mehr aus. Die Häuser reichen nicht bis an die Mauer heran, sondern Obst- und Gemüsegärten bilden einen breiten grünen Streifen hinter dem altersgrauen Steinring. Diese Mauer mit ihrem niederen äußeren und hohen inneren Ring läuft wie eine steinerne Riesenschlange hügelauf und hügelab. Der Graben ist halb verschüttet, dunkler Efeu und allerhand Gestrüpp spinnt sich um die alten Türme. Am Kanonentore fiel 1453 der letzte byzantinische Kaiser Konstantin XI. im Kampfe wider die anstürmenden Janitscharen. Der letzte Teil der Mauer vom Tekfurserail ab ist von Heraldios 200 Jahre später um das Blachernenviertel hoch und fest, aber ohne Graben und Außenring gezogen worden. Die gut erhaltenen Türme sind von dichten Efeuschleiern bedeckt, und freundliche Gartenhäuschen mit grün gestrichenen Läden schauen von ihren Zinnen auf die Gärten und Obstpflanzungen nieder wie der Zaunkönig aus dem Gefieder des Adlers. Am Ende der Mauer liegt am Goldenen Horn der heiligste europäische Ort der Moslim, Ejub . Viele lassen sich dort begraben, und der Friedhof mit seinen schlanken Zypressen und duftenden Sträuchern, mit den schmalen hohen Steinen, die auf rotem Grunde goldene Arabesken und Schriftzeichen haben, mit Muschelzier versehen sind, wenn eine Frau, mit Turban oder Fes, wenn ein Mann dort ruht, gewährt mit seinem Weiß und Grün einen schönen Anblick. Ejub oder Hiob hieß der Fahnenträger des Propheten, der hier 672 beim ersten Ansturm des Islams auf Europas Ostpforte fiel; er liegt in einer prächtigen Moschee begraben, in die kein Fremdling eintreten darf. Am Nordende des Goldenen Horns, wo im Tal von Kiathane die »süßen Wasser von Europa« münden, versammelt sich an jedem Freitag auf den saftigen Wiesen unter den Bäumen die türkische Welt. Da lagern Männer und Frauen und Kinder auf Strohmatten und Teppichen, naschen Süßigkeiten, schlürfen kühlende Getränke, rauchen Zigaretten. Die vornehmen Haremsdamen fahren in ihren Kaleschen einen langsamen Korso; Taschenspieler, Tänzerinnen zeigen ihre Künste; harmlose Fröhlichkeit herrscht überall, niemals wüster Lärm oder Trunkenheit. Vor Sonnenuntergang muß die Lust zu Ende, die Frau daheim sein, so gebietet der Prophet. Sein Stellvertreter, der Padischah, wohnt im Yildis-Kiosk, das heißt Sternenpalast inmitten eines großen Parkes am Bosporus , der mit seinen alten gewaltigen Trutzschlössern auf den zypressen- und platanenbewachsenen Hängen, mit seinen modernen Palästen und Lusthäusern und seiner allerdings bis über 2 km breiten Wassergasse an den Rhein zwischen Bingen und Koblenz erinnert in seiner Eigenart. Vor dem Tore des Palastes zeigt sich jeden Freitag zum »Selamlik« der Sultan seinem Volke, indem er unter militärischem Pompe zu einer gottesdienstlichen Feier in eine nahe erbaute Moschee fährt. Padischahim tschôk jaschâ, lang lebe der Padischah! schallt es dann unter Fanfaren aus tausend Kehlen, und der Sultan-Kalif, der Oberhirt aller Gläubigen, verschwindet bald darauf wieder in dem engen Bezirk, in dem ihn das Mißtrauen vor Anschlägen auf sein Leben und seine Macht gefangen hält. C. Pyrenäenhalbinsel. 1. In Lissabon und Cintra. – 2. In Madrid. – 3. Ein Stiergefecht in Madrid. – 4. Granada. – 5. In den Huertas.   1. In Lissabon und Cintra. Quelle: Dresdner Anzeiger vom 2. und 23. Februar 1903. Kap Finisterre lag hinter uns und somit auch die gefürchtete Biscaya. Wenn zwar auch im allgemeinen die Fahrt bisher gnädig verlaufen war, so litt doch der größte Teil der kleinen, bunt zusammengewürfelten, dem sonnigen Süden zustrebenden Reisegesellschaft an Seekrankheit. Zwischen Festland und den scharfkantig aus dem Wasser auftauchenden Berlenga-Inseln hindurch nimmt der »Stambul« am Nachmittag des 5. März seinen Kurs zum Cabo Carvoeiro; die Gebirgszüge der Provinz Estremadura verlassen uns nicht mehr und schließlich tritt oberhalb des Kaps Roca auf stolzer Höhe das Schloß Cintra hervor. Bald schnitt der »Stambul« die scharf hervortretende Linie, in der sich die gelben Wasser des gewaltigen Tejo gegen den Ozean legen. Aber nicht so bald, wie wir an Bord gehofft, sollte unser guter Dampfer in die seeartig sich weitende Mündung des Tejo einlaufen. Erst spät abends langten wir an und kein Zeichen, kein noch so wohlklingender Ton des melodisch gestimmten Nebelhorns, kein noch so herrlich über die Wasserfläche blitzendes Blaulicht war imstande, den Lotsen von der portugiesischen Warte zu uns herauszulocken. So ankerten wir gezwungen nachts über vor der Mündung des alten Tagus, des längsten Flusses der pyrenäischen Halbinsel, der seine Wasser aus den wilden Schluchten der spanischen Provinz Teruel durch das Steppengebiet der Mancha, vorüber an dem darin oasengleich gelegenen Aranjuez, hier zum Ozean sendet. Der nächste Morgen fand frühzeitig die kleine Reisegesellschaft auf den Beinen. Langsam dringt der »Stambul« stromauf; die westlichen Vorstädte Oeiras und Belem = Bethlehem. – dieses mit dem massigen, in maurisch-gotischem Stil erbauten Torre de Belem – gleiten an unseren Blicken vorüber, und wir gehen vor dem stolz am rechten Flußufer sich aufbauenden Lissabon vor Anker. Die anfänglich schmale Einfahrt weitet sich seeartig vor des alten Lusitaniens blühender Handelsstadt und ehemaligen Residenz, vor der Colonia felicitas Julia der Römer, die so schon im Namen die glückliche Lage des Ortes feststellten. Seemännischer Gruß wird mit den Kreuzern und Torpedobooten der hier ankernden portugiesischen Flotte getauscht; ein echt südliches Bild, farbenprächtiger und lebhafter vielleicht, als in manchem nordafrikanischen Hafen umfängt uns – eine natürliche Folge der günstigen Gestaltung des tief und breit ins Land dringenden großen Hafens. Zahlreiche Schiffer und Fischer kreuzen die Bahn unseres Dampfers und drängen sich längsseits. In malerischer Tracht, buntfarbigem Gürtel, beutelartiger grauer und schwarzer Mütze, kurzer Jacke lenken die markigen Gestalten der schön gebauten, durch die Bräune ihrer Glieder auffallenden Männer die Blicke auf sich. Endlich ist das Ankermanöver beendet – wir liegen weit draußen im Strome –, das Schiff ist vom Regierungsvertreter und Arzt freigegeben, und wir können auf das kleine Dampfboot, das uns zum Ufer führen soll, hinübersteigen. Aber noch einmal wird unsere Geduld in Anspruch genommen, ehe wir am Praça do Commercio das Land betreten können; denn die Verhältnisse erheischen noch ein zweites Übersteigen auf ein kleines, von Ruderern fortbewegtes Boot. Die Portugiesen müssen eigentlich allesamt recht gute Kaufleute sein und werden; denn schon der kleinste Junge treibt Handel, namentlich aber »macht er in Lotteriegeschäften«, und die unglaublichsten Lose werden uns entgegengereicht, ehe wir überhaupt am Lande ordentlich Fuß gefaßt haben. Von dem mit Amtsgebäuden umgebenen, durch ein Standbild des Königs Josef I. geschmückten Praça do Commercio geht es durch den großen Arco Monumental zu der wichtigen Geschäftsstraße, der Rua Augusta, auf der sich ein außerordentlich reges Leben abspielt. In »malerischem Schmutz« das Großartigste leistende Männer – in flachen Körben gewaltige Fische zum Kaufe bietend – bewegen sich in einer Art Hundetrab durch die Straßen, schreiende Jungen, feilschende Frauen, bedächtig schreitende Neger, rücksichtslos darauf losfahrende Kutscher, langsam trottende Esel, riesige Lasten schleppend, mahnen und zwingen zur Vorsicht und lassen kaum einen Blick zu auf die merkwürdigen und malerischen Bilder, die sich durch die Querstraßen nach den auf steilen Höhen aufgebauten Stadtteilen öffnen. Die Straße endet auf dem Praça de Dom Pedro IV., der vom Volke »O Rocio« genannt wird, und über dessen Mosaikpflaster schreitend man wohl die bisher glücklich vermiedene Seekrankheit bekommen könnte. Unser Weg führt zunächst vom Bahnhof durch die Rua aurea, eine Parallelstraße zu der Rua Augusta und einer wahren Goldstraße. Hier reiht sich Juwelier an Juwelier. Das läßt die Bedeutung des Gewerbes, das an erster Stelle Erzeugnisse der Gold- und Silberschmiedekunst und die Filigranarbeit umfaßt, erkennen. Nach dem Mittagsmahl wurde ein Gang durch die Stadt unternommen, zu der Avenida da Liberdade, einer namentlich des Abends ziemlich belebten, von Palmen in langen Reihen begleiteten, 10 m breiten Straße. Von der prächtigen Terrasse von Sao Pedro de Alcantara, deren Name Alameda sie als einen »von Pappeln bestandenen Ort« kennzeichnet, genießt man eine jener wundervollen Aussichten, an denen Lissabon so reich ist. Hier steht im Mittelpunkte das in der Oststadt gelegene Castello de Sao Jorge, die alte Maurenzwingburg, die erst 1147 von den Christen erobert wurde. Deutsche und französische Kreuzfahrer pflanzten damals das Kreuz an Stelle des Halbmondes hier auf. Unfern der Alameda besucht man den botanischen Garten, der an tropischen Pflanzen einer der bestbestelltesten Europas sein soll. Über den Largo do Rato, einen nicht besonders stattlich gehaltenen Hauptplatz des nördlichen Stadtteiles Rato, streben wir durch eine Unzahl enger, schmutziger Gäßchen der Estrellakirche, dem Santissimo Coraçao de Jesus, zu. Die von prächtiger Marmorkuppel überwölbte Estrellakirche wird in der Hauptsache wegen der umfassenden Aussicht aufgesucht, die sich von ihrem Turm aus bietet. Eine Straßenbahn, die geradezu unglaubliche Höhenunterschiede überwindet und sich mit wahrer Geschicklichkeit durch die engsten Engen hindurchzuwinden versteht, führt zur inneren Stadt zurück. Lissabon zählte mehr als 300 000 Einwohner, als es 1755 zu zwei Dritteilen durch Erdbeben, Flutwellen und Feuersbrünste zerstört wurde. Dies Ereignis machte damals in ganz Europa gewaltiges Aufsehen; denn es war dem Unglück von St. Pierre auf Martinique an Menschenverlusten ähnlich. Ein in Augsburg erschienenes fliegendes Blatt schilderte damals das »ganz erschröckliche Erdbeben, wodurch die Königl. Portugiesische Residenzstadt Lissabon samt dem größten Teil der Einwohnern zugrunde gegangen«, wie folgt: »Lissabon, die Hauptstadt eines gantzen Königreichs, eine Stadt, welche mehr als 30 000 Häuser, die prächtigsten Palläste, und unbeschreibliche Reichthümer in sich begriff, und wegen ihrer Schönheit und überall hin sich erstreckenden Handlung in gantz Europa berühmt war, Lissabon ist fast nicht mehr, ihre Stätte zeuget blos, daß sie vorhero gewesen, nun aber nicht mehr: dann den 1. Novembr. dieses 1755sten Jahrs, als an dem Feste aller Heiligen, eben zu der Stunde, da der gröste Theil des Volcks in den Kirchen versammlet war, gefiel es dem obersten Richter, nicht nur das gantze Königreich Portugall, sondern hauptsächlich die Residenz-Stadt dergestalt hart heimzusuchen, daß dieselbe durch ein um 10 Uhr Vormittag entstandenes sehr heftiges Erdbeben, mit allen seinen Pallästen, öffentlichen und Privat-Gebäuden, Conventen, Klöstern, Haupt- und anderen Kirchen, in zwey oder drey Minuten in einen Steinhauffen verwandelt worden,« usf. Damals brach auch der Tejo in ein altes längst ausgetrocknetes und bebautes Bett ein, daß er zwischen dem Hügel des Kastells Sao Jorge und dem von Sao Roque einst durchflossen hatte, als die älteste Stadt auf der dadurch entstandenen Flußinsel im Tejomündungsbecken gegründet wurde. Noch heute zeigt die winkelige Anlage deutlich diesen Kern von Lissabon inmitten planmäßig gerader Häuserviertel der neuen Hafenstadt, die mit dem benachbarten Belem die einstige Größe wieder erreicht, ja übertroffen hat. Vergl. Krämer, Weltall und Menschheit I. S. 148. Berlin 1900 (Bong \& Co.). Am Standbilde Dom Pedros, Herzogs von Braganza, vorüber gelangen wir zum Hauptbahnhof, um von hier aus nach dem ehemaligen Sommerschloß des königlichen Hauses zu fahren. Denn die bergige Landschaft im Nordwesten der Stadt mit ihrem durch die Seewinde angenehm befeuchteten, südlich-warmen Klima ist eine von Land- und Lusthäusern übersäte Garten- und Parklandschaft. Wohl zwanzig Minuten läuft die Bahn in einem Tunnel unter der Stadt hinweg, dann tritt sie hinaus in die sonnenumwobene Ebene und läßt den Blick des Reisenden auf einem Bilde echt südlicher Schönheit ruhen. Auf sanft geböschter Fläche steigt der Zug zum Gebirge. In der Ferne das Meer! Um uns zahlreiche, nette Dörfer, schmucke Landsitze in prangendem Grün. Niedrige kahle Häuser, ziemlich flache Dächer, die Fenster oft durch Gitter verschlossen. Lange Linien mächtiger alter Wasserleitungen, zum Teil auf hohen, meist in Trümmern liegenden Bogen, zum Teil nur durch würfelartig überbaute Einsteigpforten die unterirdische Lage erkennen lassend, durchziehen das Land und lassen oft den Gedanken an ehemalige, Land sperrende Festungswerke wach werden. Über diesen Trümmern erbaute Ende des 18. Jahrhunderts Johann V. die neuere Wasserleitung, die auf dem mächtigen Brückenzug von Alcantara die Wasser aus dem quellenreichen Gebirge zur Stadt führt. Hier ist es ein alter, maurischer Bau, der zu der arabischen Bezeichnung Veranlassung gab – das afrikanische El Kantara bei Biskra weist auf einen aus römischer Zeit stammenden Brückenbau hin, wie dies auch in der tief eingeschnittenen Rumelschlucht bei Konstantine der Fall ist. Eine reiche Pflanzenwelt belebt das herrliche Bild, Palmen und Agaven, mattgrüne Ölbäume, blühende Mandeln, Goldfrüchte tragende Orangen. Schnell nähern wir uns dem Ende der Bahnfahrt. Der Ausflug nach Cintra und dessen Umgebung ist sehr wechselvoll. Auf der einen Seite das weite, nach der neuen Welt sich spannende Meer, auf der anderen Seite der Blick vom zerklüfteten Gebirge auf Flächen und Höhenzüge, deren Bewohner einst die Schicksale des alten Europas ebenso beeinflußten, wie sie jene des von ihnen entdeckten Weltteiles vorschrieben. In der Stadt ein altes maurisches Schloß, hoch droben auf stolzer Höhe die Reste einer Maurenburg lassen die Zeit in unsere Erinnerung treten, da hier die Araber herrschten; daneben führt uns der herrliche Landsitz des königlichen Hauses und die prächtige Besitzung des weltbekannten Engländers Cook in die jüngste Zeit zurück. Von dort oben aus sah man einst auf segelgerüsteten Galeoten den ersten Handelsverkehr zum fernen Westindien sich anbahnen, sah man Spaniens berühmte Armada nach Norden steuern, das stolze England zu demütigen, und jetzt sitzt hier ein Sohn dieses Inselreichs, das Gold zu verzehren, das ihm der Weltverkehr, das ihm Schlafwagen und Luxuszüge brachten. Von hier aus sah man die Dampfer der deutschen Levante-Linie ziehen, denen die Landsleute des Mr. Cook den Vorzug vor den ehemals gerühmten englischen Schiffen gaben, und die deshalb nicht nur Malta, sondern auch Dover regelmäßig anliefen. Wir entschließen uns zunächst, den in der Stadt gelegenen Palaccio Real, einen von Mauren angelegten Bau, der der Königin-Witwe als Sommersitz diente, zu besichtigen. Treppauf, treppab, bald über Höfe, bald durch enge kleine Gärtchen geht es, dann folgen lange Zimmerfluchten, großartige Säle, weite Hallen. Zierliche schlanke Säulen, herrliche maurische Bogen, schöne Mosaiken, Springbrunnen mitten in luftigen Zimmern, Ausblick gewährende Altane reihen sich bunt aneinander. Die mächtigen Küchen, die herdartig von massigen, kegelig zur Höhe steigenden Rauchabzügen überbaut sind, geben von außen dem Schlosse das Gepräge. Durch die schmalen, engen und gewundenen Straßen des kleinen Städtchens geht es hinauf zur Höhe der Serra de Cintra, dem Gebirgszug, der, wie sein Name andeutet, einer »Säge« gleicht. Hier liegen die weitgedehnten Trümmer der alten Maurenburg, der Todesstätte Alfons V., des Afrikaners, unter dessen Regierung das bisher unbedeutende Portugal in den Vordergrund der geschichtlichen Begebenheiten trat und der durch die Eroberung Ceutas, des festen Alkazar und des wichtigen Tanger die maurische Macht nicht unwesentlich zurückdrängte. Ein prächtiger Fernblick öffnet sich über die vorgelagerte Ebene, über den Tejo und das Meer, die den inselartig aufsteigenden Höhenzug einsäumen. Die Wege, die zwischen Mauertrümmern zu den einst wohl besonders stark befestigten Punkten abzweigen, führen uns immer neue Vertreter einer fast tropischen Pflanzenwelt vor. Man glaubt nicht im Monat März zu leben; eine Sonne, wie bei uns etwa im August, liegt auf der blühenden Landschaft. Auf steiler Straße erreichen wir schließlich das Castello da Pena, das »Schloß auf dem Felsen«, wie das mit Fels, Klippe gleichbedeutende und in zahlreichen geographischen Namen wiederkehrende Pena uns erkennen läßt. Das Schloß ist mit dem Felsen verwachsen, es ist nicht nur auf ihm, sondern teilweise sogar in ihn hinein gebaut. Obwohl erst Mitte des vorigen Jahrhunderts errichtet, ist es doch streng im maurischen Stil gehalten. Herrliche Schauseiten im dunklen Grün der wandrankenden Efeuschößlinge und Immergrüntriebe, mosaikbelegte Wandflächen, mächtig hoch strebende Kuppeln in goldschimmernden Platten, weite, säulengeteilte Fenster, Treppen auf kühn geschwungenen Bogen, so bietet sich das Schloß dem Auge dar. Dem ehemaligen koburgischen Prinzen Ferdinand, dem Prinz-Gemahl und späteren König, der sich durch kluges Verhalten die Liebe des ihm erst abholden portugiesischen Volkes zu erwerben wußte, verdankt es seine Entstehung. Vor dem Bau erregt eine herrliche, wohl über 10 m hohe Andentanne (Araucaria) mit ihren schirmartig gebreiteten Zweigen unser Staunen. Weiße und rote Azaleen, Kamelien und Primeln treten mehr und mehr zurück, je weiter wir von der stolzen Höhe herabsteigen und uns dem Städtchen wieder nähern. Aber noch gilt es einen Besuch in dem Garten des ehemaligen Klosters Monserrate, dem Sommersitz des Engländers Cook, zu machen. Er liegt auf halber Höhe des Nordhanges, etwa 2,5 km westlich von Cintra. Man fühlt sich in ein Paradies versetzt in dieser Besitzung, die sich so weit dehnt, daß es dem Besucher nur schwer gelingen dürfte, einen vollständigen Überblick zu gewinnen. Die Gestaltung des bald durch tiefe Schluchten zerrissenen, bald durch sanfte Mulden unterbrochenen Gartens, in dem hier wasserreiche, tosende Sturzbäche zur Tiefe fallen, dort murmelnde Quellen größere, auf Gehängestufen angelegte Teiche speisen, wird durch die tropische Natur wunderbar unterstützt und ergänzt. Um hoch emporstrebende Felsen herum winden sich die Pfade, zur Höhe steigend, Tiefen nehmend oder auf kühnen Brücken dunkle Schluchten überspannend. Mächtige, knorrige Korkeichen lassen uns hier noch in tiefen Schatten wandeln, dort treten wir überrascht an einen im grellen Sonnenschein liegenden Hang, der von farbenprächtigen blühenden Azaleen erfüllt ist und an dem vorüber der Weg zu einem Hain mattgrüner Ölbäume oder malerischer Pinien mit rissiger Rinde führt. Schlanke Blütenstengel der Calla mit zugespitzten, breiten Blättern, langstieliger Aronstab, Pflanzen, die in den Zierstücken maurischer Bauart immer wiederkehren, verraten uns feuchtes Gelände. Sie stehen am Rande eines Wasserbeckens, an dem massenhaft schnellwüchsige Schiefblätter oder Begonien gedeihen. Dann wieder folgt dichtes Strauchwerk von glanzblättrigen Kamelien in seltener Blütenpracht, es schließt sich ein Wiesenhang an, auf dem Mandelbäumchen blühen und Orangen uns ihre Goldfrüchte entgegen lachen lassen. Dickblättrige Agaven mit ragenden Blütenstengeln, mächtig emporstrebende Palmen stehen mitten drin. Ein altersgraues Gemäuer, von dichten Efeustöcken umschlungen, scheint einen Abschluß herbeizuführen. Dem ist nicht so; es vermittelt nur den Übergang zu dem Schloß, das in der weiten Besitzung steht. Auf dem Rückwege zum Bahnhofe haben wir Gelegenheit, das Leben auf der Landstraße zu beobachten. Man sieht im allgemeinen wenig Pferde, meist nur Maultiere und Esel, hin und wieder mächtige Büffel. Die Lastwagen fallen durch mächtige Blockräder auf. Unter den weit überhängenden grauen Ölbäumen schreitet munter ein Eselchen daher, darauf sitzt querlings ein junges Weib, ihr Kind in den Armen haltend: inmitten der südlichen Landschaft wie ein biblisches Bild, wie die Madonna auf der Flucht ins rettende Ägypten.   2. In Madrid. Aus den »Erinnerungen eines in Spanien reisenden Franzosen«. Wenn man von Madrid spricht, so führt uns die Einbildungskraft zuerst den Prado und die Puerta del Sol (das Sonnentor) vor. Der Prado besteht aus mehreren Baumreihen mit einem Fahrweg in der Mitte für den Wagenverkehr. Neben den Bäumen läuft ein kleiner, aus Backsteinen gebauter Kanal dahin, in welchen zu gewissen Stunden aus Röhren Wasser geleitet wird, um sie inmitten von Staub und Sonnenhitze auf diese Weise zu erhalten. Die Promenade fängt beim Kloster Atocha an, geht bei dem Tor dieses Namens und dem von Alcala vorüber und endigt am Tor der Barfüßer; aber man beschränkt sich auf einen kleinen Raum, um die Brunnen der Kybele und des Neptun, von dem Tor von Alcala bis zur Carrera de San Hieronimo . Hier ist ein großer Raum, Salon genannt, mit Stühlen besetzt, und hier, wo am wenigsten Schatten, aber am meisten Staub ist, drängt sich die vornehme Welt zusammen, so dicht, daß man oft nicht Raum hat, das Schnupftuch aus der Tasche zu nehmen, und nur Schritt für Schritt der Menge folgen kann. Hier ist die Stelle, wo man die glänzendsten Gespanne vorbeifahren sieht. Im allgemeinen gehen die vornehmeren Frauen alle nach Pariser Mode; die Mantille ist der einzige Überrest spanischer Volkstracht, sie ist höchst kleidsam und dazu sehr zweckmäßig, wenn der kühle Abend naht. Hüte sieht man sehr wenig, da die Mantille auch den Kopf bedeckt. Namentlich erinnert aber der Fächer den Reisenden daran, daß er in Spanien ist. Keine Frau vermag hier ohne Fächer zu leben, er muß sie überall hin begleiten, auf die Promenade, zum Besuch, in die Kirche und zum Theater; der Gebrauch des Fächers gibt den Bewegungen einen solchen Ausdruck und Reiz, daß man bald gewahr wird, Spanien sei das Vaterland des Fächers. Das leise Schwirren, das durch das unaufhörliche Öffnen und Schließen der Fächer entsteht, durchdringt mit ganz eigentümlichem Laut das summende Geräusch der Promenade. Gewöhnlich stellt man sich im Auslande die Spanierinnen mit bleichem, länglichem Gesicht, großen, schwarzen Augen, kleiner, etwas gebogener Nase und südlich dunkeler Hautfarbe vor. Das ist aber der arabische und maurische Schlag. Die Madrilena ist reizend im vollen Sinne des Wortes; unter vieren sind drei gewiß hübsch. Sie ist von kleinem, zierlichem Wuchs, weißer Haut, zarten Zügen, hat meist helles kastanienbraunes Haar, ja man kann den Prado nicht zweimal auf und ab gehen, ohne nicht sieben bis acht Blonde von allen Abstufungen getroffen zu haben, vom dunklen Braun bis zum brennendsten Rot. Man sieht viele blaue Augen, obgleich sie nicht so geschätzt werden wie die schwarzen. Es steckt eben germanisches (westgotisches) Blut im kastilischen Volke. Im Prado sah ich auch einige Pasiegas von Santander in ihrer Volkstracht. Die Pasiegas sind als die besten Ammen in Spanien anerkannt, und die Liebe, die sie für die Kinder haben, ist fast sprichwörtlich geworden. Ihre Kleidung ist ein roter, sehr faltiger Tuchrock, mit breiten Borten besetzt, ein schwarzsamtener, ebenfalls mit Goldtressen besetzter Brustlatz, und ihr Kopfputz ein in hellen Farben schimmernder Madras, das alles noch gehoben durch einen Überfluß von silbernen Zieraten und Spielereien. Diese Frauen sind sehr schön und tragen einen Zug von Kraft und Adel im Gesicht, der überrascht. Die eigenartigen Gestalten der Wasserhändler, die früher Spaniens Hauptstadt kennzeichneten, sind fast verschwunden. Früher ertönte die ganze Stadt von ihrem scharfen, unaufhörlichen Geschrei: Agua, agua, quien quiere agua? (Wer wünscht Wasser?) Agua, helada, fresquita la nieve! (Hell, frisch, wie der Schnee!) Dies dauerte von morgens 5 Uhr bis abends 10 Uhr. Jetzt hat Madrid eine vorzügliche Wasserleitung erhalten. Neben dem Wasser ist das Element, das am meisten in Madrid gebraucht wird, Feuer, zum Anzünden der Zigaretten. Kleine Knaben tragen es in Schalen, die mit Kohlen und feiner Asche gefüllt sind, herum. Um 9½ Uhr wird der Prado leer, und die Menge wendet sich nach den Kaffeehäusern und Botillerias. Die Kunst, Erfrischungen zu bereiten, ist hier im heißen Hochlande zu Hause. Die bebida helada, namentlich aber die bebida d'almendra blanca (von weißen Mandeln) sind köstliche Getränke. In den Tagen, wo das Eis noch nicht zubereitet ist, hat man Agraz, ein aus unreifen Weinbeeren bereitetes Getränk, dessen säuerlicher Geschmack sehr angenehm ist, oder man trinkt Cerveza de Santa Barbara mit Limonen, oder man wendet sich in die Orchalerias de Chufa; die Chufa ist eine kleine Beere gleich einer Mandel, die in der Umgebung von Valencia wächst und geröstet, zerstoßen und mit Schnee gemischt, höchst erfrischend wirkt. Außerdem gibt es Sorbett, Eis in Form von Käsen, von allen Arten mit Aprikosen, Ananas, Orangen, auch mit Butter und schalenlosen Eiern, die man aus dem Leib der Hühner nimmt, und Espumas von Schokolade oder Kaffee, eine Art geschlagener Sahne, die man zuweilen mit feinem Zuckerstaub bestreut und mit Barquillos serviert, das sind Oblaten in lange Hornform gerollt, aus denen man langsam, die Kühlung genießend, das Getränk einschlürft. Kaffee trinkt man selten und dann nur aus Gläsern. Betrachtet man das Äußere spanischer Wohnhäuser , Skizzen aus Spanien. Morgenblatt 1860. Nr. 11 u. 12.s so begegnet man sogleich einem der vielen Widersprüche, die die spanische Volksart in sich vereinigt. Da der Spanier großen Wert auf das Äußere legt und sehr gerne an der Oberfläche der Dinge haftet, so sollte man vermuten, seine Häuser böten ein sehr schönes und gefälliges Äußeres dar. Bei weitem die meisten Gebäude sind aber äußerlich sehr vernachlässigt. Schmutziggraue, nicht selten zerbröckelnde Außenwände geben sehr vielen Häusern ein wirklich ruinenhaftes Aussehen. Davon machen selbst die Häuser der Vornehmsten keine bedeutende Ausnahme. Die Bekleidung der Außenseite mancher Häuser mit weißer Terrakotte schützt schlecht gegen den Eindruck des Unschönen, ebensowenig kann die Überladung der Schauseite mit nichtssagenden Arabesken Wohlgefallen erwecken. Die flachen Dächer des Südens sind hierzulande allgemein. In ästhetischer Beziehung macht ein solches Dach immer den unbefriedigenden Eindruck von etwas Unfertigem. Die wagerechte Ebene bildet keinen Abschluß, sie stellt vielmehr die natürliche Grundlage dar, auf welcher sich irgendein Gegenstand erheben soll, wogegen die schiefe Ebene deutlich ausdrückt, daß, ihrer Natur nach, nichts mehr darauf gesetzt werden könne, also auch nicht solle. Eine große Menge flacher Dächer macht jedem aufmerksamen Beobachter die Richtigkeit dieser Anschauung fühlbar. Daß durch solche Dächer zugleich der nützliche Bodenraum verloren geht, versteht sich von selbst. Viele Gegenstände, die am besten dorthin entfernt werden, nehmen daher Räume des eigentlich bewohnbaren Teiles des Hauses ein, wodurch dessen Nutzbarkeit wesentlich vermindert oder eine Menge von meist dunkeln Kammern und Winkeln nötig wird. Das wagerechte Dach, in Spanien Terrasse genannt, dient nur zum Trocknen der Wäsche. Die auf der Terrasse eines vier- bis fünfstöckigen Hauses vor jedermanns Auge im Winde flatternde Wäsche macht einen mehr lustigen, als romantischen Eindruck, zumal, wenn man ihn von mehreren Häusern zugleich erhält. Ein bedeutender Teil des Hausraumes wird ferner durch den beinahe allgemeinen Mangel an Kellern weggenommen. Vorräte, die man bei uns dort aufbewahrt, werden in Kammern, Schuppen und dergleichen untergebracht. Selbst in Schenken befindet sich gewöhnlich das ganze Weinlager oberhalb der Erde im Erdgeschoß. Das Innere spanischer Häuser ist von dem der deutschen noch mehr verschieden als das Äußere. In den meisten Häusern der Reichen und Vornehmen ist im Erdgeschoß keine Wohnung oder nur eine kleine für einen Pförtner. Dagegen zeigt sich fast allenthalben eine Neigung, die sehr beträchtliche Höhe bis zum ersten Stockwerke durch eine möglichst lange Reihe steinerner Treppen, die bisweilen an drei Wänden herumgehen, und durch Galerien auszufüllen. Gewöhnliche Häuser haben mehr oder minder enge Eingänge, schmale, dunkle und schlechte Stiegen. Die Tür, welche zur Wohnung führt, ist, wie die Haustür, mit einem Türklopfer versehen. Ziemlich selten ist, selbst in den größten Städten, statt des Klopfers eine Klingel angebracht. Auf ein Zeichen damit wird ein kleiner Schieber zurückgeschoben, wodurch die Bewohner sich überzeugen, ob die außen stehende Person unverdächtig genug aussieht, um ihr die Tür zu öffnen. Hat man Gelegenheit, alle Räume eines Stockwerkes zu besichtigen, so kann man oft im Zweifel sein, ob man sich in einem Flur oder einem Vorzimmer befinde. So scheint nicht selten der größere Teil nur Gang und doch wieder wegen der in solchen Räumen aufgestellten Möbel wirklich ein Zimmer zu sein. Wollen wir aber diese unbenennbaren Räume für Zimmer halten, so vermissen wir andererseits meist gänzlich das wohnliche Aussehen. Ein wirklich so zu nennendes Zimmer hat gewöhnlich nur ein Fenster, das zugleich Türe ist, die auf einen Balkon führt, wenn das Zimmer nach der Straße oder einem Garten, auch oft, wenn es nach einem Hofe zu liegt. Diese Balkontüre mit Fenster ist in der Mitte der betreffenden Wand angebracht. Will man nun nicht mit der Arbeit auf dem Balkon sitzen, was im Winter ohnedies untunlich, noch dem Fenster gerade gegenüber, weil dadurch leicht alle Ordnung gestört würde, so hat man durchgehends in spanischen Wohnungen, wenn ihre Lage noch so günstig ist, spärliches Licht. Wir sahen Geschäftsräume mehrerer Konsulate und Staatsbehörden, sowie Kontore vieler der bedeutendsten Handelshäuser, die so düster waren, daß ein Verehrer des Lichtes in solchen Höhlen verderben konnte. Eckzimmer haben gewöhnlich zwei solche Fenstertüren und zwei Balkone, sind daher natürlich heller. Der Balkon aber ist nach spanischer Anschauung unbedingt notwendig für ein Zimmer. Er fehlt der elendsten Bauernhütte nicht, ist übrigens auch an den Häusern der Reichsten und Vornehmsten nur mit einem einfachen eisernen Gitter umgeben. Bisweilen ist neben dem Balkonfenster ein anderes, gewöhnlich kleineres ohne Balkon, das dann das Gleichmaß stört. Säle haben mindestens drei Fenster, wovon wenigstens das mittlere auf einen Balkon geht. Nun denke man sich ein vier- oder fünfstöckiges Haus, mit einem Balkon vor jedem oder beinahe vor jedem Fenster und die Mehrzahl oder alle ganz von Menschen besetzt. Dann erweitere man dieses Bild auf die etwa eine halbe Stunde lange Straße. Wenn nicht Tatsachen genug bewiesen, daß Häuslichkeit kein Charakterzug des Spaniers ist, so ginge dies schon aus der Allgemeinheit des Balkons hervor. Nicht genug, daß sich alle Welt fast immer draußen herumtreibt, selbst zu Hause mag man nicht zu Hause sein. Wer gerade nicht notwendig im Innern beschäftigt ist und auf dem Balkon Raum hat, macht sich dorthin; die schöne Welt besonders bringt ohne und mit Arbeit ganze Tage dort zu. Freilich strengt man sich bei der Arbeit auf dem Balkon nicht sehr an. Man wählt ja diesen Sitz vorzüglich, um die trockene Arbeit angenehmer zu machen und durch allerlei Unterhaltung zu erleichtern. Was der spanischen Wohnung nach unseren Begriffen ein sehr ungefälliges, unwohnliches Ansehen gibt, sind die mit quadratförmigen Backsteinen belegten Fußböden. Oft sind diese Steine freilich etwas geglättet oder gewichst, wodurch aber der Eindruck nicht gemildert wird. Die meist nackten Wände tragen dazu bei, den Eindruck der Unwohnlichkeit zu erhöhen. In den an der See gelegenen Provinzen wird zum Mörtel sehr häufig Seesand verwendet. Da dieser immer salzhaltig ist, so schwitzen solche Wände über die Maßen, sobald die Luft etwas feucht ist. Aneinanderstoßende Häuser haben nur eine Wand, worin sie sich berühren. Läßt nun der Nachbar ein Stockwerk über das ganze Haus verändern, so werden nach Bedarf Löcher in diese einzige Wand gehauen, um das Gebälk einfügen zu können. Mittlerweile wird dem Nachbar die so durchlöcherte Wand auf seiner Seite einstweilen nur mit eingelegten Steinen zugestopft und erst nach Vollendung des anderen Hauses zugemauert. An der Decke ist das ganze Gebälk sichtbar, höchstens angestrichen. In kleineren Städten und in Dörfern tritt meist das nackte Gebälk hervor. Eine Folge der leicht sich abreibenden Backsteine und der vielen Fugen, die ein damit belegter Boden zeigt, ist die Staubigkeit spanischer Wohnungen. Um diese rein zu halten, bedarf es eines Dienstboten, der den ganzen Tag nur mit Abstäuben beschäftigt ist. Aber auch damit ist es nicht getan; während an einer Stelle gesäubert wird, läßt sich der Staub an anderen desto dichter nieder. Spanier sind in diesem Punkte nicht so peinlich und empfindlich als Deutsche oder gar Niederländer. Ein an strenge Reinlichkeit gewohnter Nordländer glaubt hier in Staub und Schmutz ersticken zu müssen. Wohin man sich wendet und dreht, setzt und lehnt, verrichtet man wider Willen das Geschäft des Abstäubens. Die Möbel der besteingerichteten Wohnungen sind gewöhnlich plump und geschmacklos. In manchen trifft man so gut wie gar keine. Der kleine Kleidervorrat ruht dann in einigen Kisten, über denen einfach ein Deckel liegt, oder auch nicht; Herren- und Frauenkleider sieht man oft in ganz anständigen Häusern an Pflöcken hängen, Weißzeug oben darauf liegen, dem Staube völlig ausgesetzt oder höchstens mit irgendeinem Tuche bedeckt. Schöne Ordnung und zweckmäßige Bequemlichkeit sind selbst den Wohnungen der Vornehmsten fremd; es ist wenig oder gar kein Sinn dafür vorhanden. Die schönsten Zimmer scheinen nur Räume zum Plaudern oder Tanzen zu sein. Die Türen vieler der reichsten Häuser sind nur mit Leimfarbe angestrichen, die meist so unhaltbar ist, daß das verwitterte Holz mehr oder weniger hervortritt. So viele Gauner und Diebe es auch gibt, so sind die Schlösser meist von der einfachsten Arbeit, sehr oft nur einfach schließbar. Beinahe allgemein fehlen Kamine oder Öfen. Öfen im warmen schönen Süden! wird mancher rufen; aber er soll wissen, daß zu Anfang Dezember hierzulande die Temperatur so zu sinken beginnt, daß man bei der nämlichen Temperatur in Deutschland bereits die Zimmer heizen muß. Hier auf den kastilischen Hochflächen ist die Winterkälte sehr streng, weil sie nicht von der Seeluft gemäßigt wird. Nur Matten aus Binsen oder Espartogras und statt der Öfen braseros, tönerne oder kupferne Kohlenbecken für die Füße, die man auf den Rand setzt, dienen der Erwärmung. Auf der Straße mummt sich der wenig abgehärtete Spanier dann in Teppiche, Decken, Mantillen und wickelt Hals und Gesicht in lange Schäle ein. Die alten Häuser in Madrid sind noch aus Letten und Backsteinen oder aus gestampfter Erde gebaut, wohl mit Kalk überwerfen und hellgrün, rosa, blau usw. angestrichen, die Fenster mit Verzierungen überladen; die neugebauten Häuser sind einfacher und mit Milchfarbe angestrichen wie die in Paris. Das Innere ist sehr geräumig und bequem, die Decken hoch, der Raum nirgends gespart; der Grund und Boden ist nicht teuer, da auf dem Hochlande reichlich vorhanden. Man durchwandert eine lange Reihe von Zimmern, in denen nichts als die leeren weißen Wände und hie und da vom Rauch und der Zeit geschwärzte Gemälde, irgendeinen Martertod der Heiligen vorstellend, zu sehen sind, ehe man in den bewohnten Teil des Hauses kommt. Die Gemälde sind nur selten in Rahmen gefaßt. Der Fußboden besteht aus Stein und wird mit Matten von sehr feiner Arbeit bedeckt. Die altväterischen Möbel sind sparsam in den Zimmern verteilt; auch hier ist Paris, und zwar zur Zeit der Revolution herrschend; Rohrstühle und Sofas sind reichlich an den Wänden verteilt. Auf Tischen und Gestellen sind kleine Biskuit- und Porzellanfigürchen aufgestellt, und an den Wänden hängen schlechte Kupferstiche. Um die unerträgliche Sommerhitze zu mildern, sind die Fensterläden fast immer geschlossen und die Fenster dicht verhangen, so daß in den Zimmern fast Finsternis herrscht. Man feuchtet die Matten fortwährend an oder verbreitet durch sogenannte Bukaros feuchte Luft in den Gemächern und sucht sich daran zu erquicken. Die Bukaros sind eine seltsame Erfindung. Es sind Töpfe aus roter amerikanischer Erde, die ziemlich türkischen Pfeifenköpfen gleichen; manche sind vergoldet und grob bemalt. Von diesen Töpfen bringt man 7-8 in das Zimmer, füllt sie mit Wasser und setzt sie auf das Sofa, um den Genuß mit aller Sammlung zu haben. Der Ton wird jetzt dunkler von Farbe, das Wasser dringt durch seine Poren, und die Bukaros verbreiten einen Geruch, der dem in einem feuchten Gewölbe oder frisch geweißten Zimmer sehr ähnlich ist. Die Verdunstung ist so stark, daß nach einer Stunde die Hälfte des Wassers in den Bukaros verschwunden ist; das übrige Wasser ist kalt wie Eis und hat einen faden, eklen Geschmack, wird jedoch gerne getrunken. Ich besuchte einige Tertulias oder Abendgesellschaften. Man tanzte nach dem Klavier, doch mit großer Zurückhaltung. Die einzigen Erfrischungen waren ein Dutzend Gläser mit klarem Wasser gefüllt, dabei ein Teller mit Zucker. Das ist Sitte in den Häusern der reichsten Familien und kein Zeichen von Geiz; denn die Genügsamkeit der Spanier ist ganz diesem Brauche angemessen. Madrid hat erst spät großstädtischen Charakter angenommen. Vergl. M. Wellmer, Reiseskizzen aus Spanien. In den engen Seitengassen und in der nächsten Umgebung der Stadt findet man in der Wohnung und Lebensweise der Bevölkerung noch Zustände, wie sie gerade so zu Kaiser Karls V. Zeiten oder noch früher geherrscht haben mögen. Die Mancha , südöstlich von Madrid, ist nach deutschen Begriffen eine Wüste. Kein Wäldchen, kaum hie und da ein Baum, kein reinliches, heimliches Dörfchen, kein wogendes Kornfeld, keine saftig grüne Wiese, kein murmelnder Bach sind auf dieser gelben, dürren, kahlen Hochebene zu sehen. Die seltenen Weiler und Behausungen erscheinen mit ihren fensterlosen Lehmgebäuden besonders verkommen und elend. Das ist die Heimat des Ritters von der traurigen Gestalt, der mit idealem ritterlichen Sinn diese Gegenden durchschweifte. Ich fühlte der großen Seele des Cervantes den Schmerz nach über den Widerspruch der prosaischen Wirklichkeit mit seinen idealen Wünschen und Bestrebungen. Sancho Pansas begegneten wir wohl auf Eseln und mit Maultieren, allein selbst der edle verrückte Don Quixote fehlt dem heutigen Spanien. Obgleich Madrid ½ Million Einwohner zählt, gibt es in dieser großen Stadt doch verhältnismäßig wenig zu sehen; denn es ist eine moderne Stadt, welcher der geschichtliche Hintergrund mangelt, und die auch nie, wie zum Beispiel München, jahrzehntelang von kunstsinnigen Fürsten bereichert und verschönert worden ist. Es sind hier weder phönikische noch römische, weder gotische noch maurische Erinnerungen und Denkmäler, welche Cartagena, Cadiz, Toledo, Sevilla, Granada u. a. m. zu solch hochbedeutsamen spanischen Städten machen. Die Mittellage im Lande berechtigte zur Erhebung Madrids als Regierungssitz. Erst Karl V. und sein Sohn Philipp II. machten Madrid zur Hauptstadt des Landes. Das binnenländische Hochlandklima von Madrid steht in üblem Rufe, selbst bei den Eingeborenen; es ist Brust- und Halsleidenden und Kindern im zarten Alter gefährlich. Die vielen hier herrschenden Krankheiten unter Kindern und Erwachsenen sind freilich mehr der naturwidrigen Lebensweise und unklugen Kindererziehung und Ernährung zuzuschreiben als »der Luft«. Ein langer Leitungskanal versieht Madrid in ausgiebiger Weise mit reinem, frischem Wasser, so daß die früher wegen Wassermangels und schlechten Trinkwassers berüchtigte Hauptstadt Spaniens jetzt zu den mit Wasser am besten versorgten Großstädten Europas gehört. Der nach der Königin Isabella benannte Kanal wurde im Jahre 1895 vollendet und hat 146¼ Millionen Realen (96½ Millionen Mark) gekostet. Der Isabellen-Kanal ist nicht bloß dazu bestimmt, Madrid mit Trinkwasser zu versehen, sondern auch dessen Umgebung zu bewässern. Er beginnt am Fuße des Guadarramagebirges und am Ausgange des Lozoyatales, wo er den größten Teil des kristallhellen Wassers des schönen Lozoyaflusses aufnimmt; er ist etwa 70 km lang und endet am nordwestlichen hochgelegenen Rande von Madrid auf der Montaña del Principe pio in einem großen Sammelbecken, von dem aus das Wasser in unzähligen Röhrenleitungen über die ganze Stadt und deren Umgebung läuft. Das erklärt die vielen Springbrunnen, die jetzt in den Gärten des »Ensache de Madrid« (Erweiterung von Madrid) sprudeln und überhaupt das Vorhandensein der wie durch Zauberschlag in der früher so dürren, sonnenverbrannten Umgebung Madrids entstandenen Gärten, Alleen und Anlagen. Auch die Häuser der inneren Stadt haben bereits Wasserleitung bis in die höchsten Stockwerke hinauf, und in allen Stadtteilen sind neue öffentliche Brunnen entstanden. Die große Wassermasse, welche der Kanal vom Gebirge bald über, bald unter der Erde, zum Teil in mächtigen gußeisernen Zylindern über großartige Brücken und Überführungen nach Madrid bringt, hat sogar eine merkliche Verbesserung des örtlichen Klimas veranlaßt; denn die Luft ist in der Stadt und ihrer Umgebung lange nicht mehr so trocken wie früher und infolge der neu entstandenen Gärten und Baumpflanzungen auch sauerstoffreicher geworden. Daß hierdurch auch der Gesundheitszustand der Bevölkerung besser geworden ist, bedarf keiner Erörterung. – Das königliche Schloß in Madrid ist ein seines Namens würdiger Bau, jedoch erst seit 130 Jahren bewohnt. Der schöne weiße Stein, aus welchem es aufgeführt ist, gibt ihm im Sonnenglanz oder noch schöner in hellen Mondscheinnächten das Ansehen eines riesenhaften, märchenartigen Marmorpalastes. Die Puerta del Sol , früher ein unregelmäßiger, von Häusern sehr verschiedener Größe und Bauart umgebener Raum, hat sich in einen großen, regelmäßig viereckigen Platz mit Reihen hoher, prächtiger Gebäude verwandelt, unter denen sich mehrere gut eingerichtete Gasthäuser befinden, an denen es früher in Madrid gänzlich fehlte. Die Puerta del Sol, in deren Mitte ein geschmackvoller Schmuckbrunnen starke Wasserstrahlen ausgießt, ist mit ihren zehn strahlenförmig auslaufenden Straßen einer der prächtigsten Plätze Europas. In allen Straßen sind neue Prachtbauten entstanden. Verschwenderisch ausgestattete Cafés, namentlich aber Schauläden zieren die Hauptverkehrsadern. Wie die innere Stadt, so hat auch die Umgebung zahlreiche Umgestaltungen erfahren. Die Ringmauer ist geschwunden, Vorstädte (Barrios de Salamanca, de los Pozos und de Arguellas) umgürten jetzt die Hauptstadt; sie sind wahrhaft großstädtisch angelegt und besitzen mit Baumreihen gezierte Boulevards, 3-4 Stock hohe schöne Häuser, mit ebensoviel Balkonreihen und platten Dächern, geschmackvolle, mit Blumenbeeten und Brunnen geschmückte Plätze. Auf drei Bahnhöfen laufen die Eisenbahnlinien aus allen Teilen des Königreichs zusammen, und auch für den Verkehr innerhalb der Stadt und nach den Vorstädten ist gut gesorgt. – Die Ansammlung aller Kulturgüter in der Hauptstadt ist wie in Kopenhagen, Paris, auch in Madrid vollzogen. Ein Gebäude in Madrid lockt die Fremden mächtig und fesselt sie tagelang; die Schätze, welche es einschließt, sind allein eine Reise nach Spaniens Hauptstadt wert. Ich meine die Bildergalerie . Darin befinden sich: 46 Murillo, 64 Velasquez, 55 Luca Giordano, 58 Ribera, 13 Antonio Moro, 10 Claude Lorrain, 62 Rubens, 22 Van Dyk, 53 Teniers, 54 Breughel, 23 Snyders, 10 Wouwermann, 43 Tizian, 10 Raffael, 34 Tintoretto, 25 Paul Veronese, 27 Bassano, 16 Guido Reni. Von denen, die mit unter zehn Werken hier vertreten sind, nenne ich nur unsern deutschen Meister Albrecht Dürer mit neun Bildern, darunter sein Selbstbildnis von 1498. Auch die Waffen- und Harnischsammlung in Madrid enthält viel Ausgezeichnetes. Vor allem fesselt aber den Besucher das Marinemuseum . Denn es ist ein Museum der geographischen Entdeckungen, eine Geschichte der Entschleierung des Antlitzes der Erde. Hier mag Edmondo de Amicis Edmondo de Amicis, Spanien. Autorisierte Übersetzung aus dem Italienischen. Stuttgart 1880, Metzlers Verlag. das Wort erhalten. »Wollte irgendein großer Dichter die Entdeckung der Neuen Welt besingen, so rate ich ihm, sich vom Madrider Marinemuseum begeistern zu lassen; denn nirgends weht so wie hier die unentweihte Luft des ursprünglichen Amerika, nirgends fühlt man so lebhaft die Gegenwart des Kolumbus. Im ersten Saale, dem sogenannten Entdeckerkabinette, wird der Dichter, wenn er wirklich poetisches Gefühl hat, vor Ehrfurcht das Haupt entblößen. Wo er hinblickt, sieht er etwas, vor dem sein Herz höher schlägt. Er ist nicht mehr in Europa, nicht mehr in diesem Jahrhundert, sondern in Amerika im 15. Jahrhundert, hier atmet er jene Luft, hier sieht er jene Orte und fühlt jenes Leben. In der Mitte ist eine hohe Waffentrophäe, Beutestück aus den Kämpfen mit den Wilden der entdeckten Länder, mit Häuten wilder Tiere überzogene Schilde, mit Federn geschmückte Wurfspeere aus Rohr, Holzsäbel in Bastscheiden, deren Griffe mit langen Haarbüscheln verziert sind, ungeheuere Keulen, Dolche und Messer, lange sägeförmige Speere, unförmliche Zepter, riesenhafte Köcher, Kleider aus Affenhaaren, Königs- und Henkerschwerter, kurz, Waffen der Wilden von Cuba, Mexiko, Neukaledonien, von den Karolinen und den entferntesten Inseln des Stillen Ozeans. Merkwürdig schwarz und schreckenerregend sehen sie aus, diese Zeugen gräßlicher Kämpfe in der geheimnisvollen Dunkelheit der Urwälder, in einem nie endenden Labyrinthe von unbekannten Bäumen. Rings um diese Trophäen einer wilden Welt sind die Bilder und Andenken der Sieger zu sehen; die Bildnisse von Kolumbus, Pizarro, Fernando Cortez; auf einer der Wände eine Karte Amerikas voller Figuren, Farben und Zeichen, welche Johann de la Cosa auf der zweiten Reise des Genuesen auf eine große Leinwand malte, und die zu dem Zwecke dienen sollte, die Unternehmung ins Innere von Amerika zu leiten. Neben dieser Karte liegt ein Stück des Baumes, unter welchem der Eroberer von Mexiko in jener berühmten Nacht schlief, nachdem er sich durch das feindliche Heer, welches ihn im Otumbatale erwartete, einen Weg gebahnt hatte; ein Gefäß aus dem Holze des Baumes geschnitzt, neben welchem der berühmte Kapitän Cook starb, steht dabei. Dann folgen Nachbildungen der Boote, Schiffe und Flöße, deren sich die Wilden bedienten, und ein ganzer Kranz Bildnisse von berühmten Seereisenden. Das Mittelstück bildet ein großes Gemälde, welches die Schiffe von Christoph Kolumbus: Nina, Pinta und Santa Maria in dem Augenblicke darstellt, in welchem sie die amerikanische Küste entdecken, sämtliche Matrosen stehen am Ende des Schiffes, winken mit den Armen, begrüßen laut die Neue Welt und danken Gott für seinen Schutz. In den anderen zehn Sälen befinden sich noch mehr Kostbarkeiten. In dem Saale neben dem Entdeckerkabinette sind die Andenken an die Schlacht von Trafalgar: das Bild der heiligen Dreieinigkeit, das in der Kajüte am Hinterteile der Real Trinidad hing, welches die Engländer, kurz bevor das Schiff untersank, wegnahmen; der Hut und Degen Friedrich Gravinas, des Befehlshabers der spanischen Flotte, welcher an jenem Tage fiel, und ein großes vollständiges Modell des Schiffes Santa Anna, eines der wenigen, welche unversehrt blieben; ferner Fahnen, Bildnisse von Admiralen und Gemälde, welche Szenen aus diesem furchtbaren Kampfe darstellen. Und neben diesen Erinnerungen an Trafalgar stehen andere, die nicht weniger eindringlich zum Herzen sprechen: ein Kelch, welcher aus dem sogenannten Ceibabaume geschnitzt wurde, dem Baume, in dessen Schatten am 19. März 1519 die erste Messe in Havana gelesen worden war; der Stock des Kapitäns Cook, Götzenbilder und Steinmeißel der Indianer von Portorico aus der Zeit vor der Entdeckung der Insel. Aus diesem Saale tritt der Fremde in einen noch größeren, wo sich eine Flotte von Galeeren, Feluken, Segelschiffen, Brigantinen, Korvetten, Fregatten, kurz Schiffen aus allen Meeren und allen Zeiten befindet, ausgerüstet, bewimpelt, verproviantiert, wie wenn sie nur den Befehl erwarteten, die Anker zu lichten, um sich in den Meeren zu verteilen. Die anderen Säle enthalten eine große Sammlung von Maschinen, Geräten und Waffen der Marine. Dazu kommen noch die Bilder aller Seeunternehmungen Spaniens, ferner Bildnisse der Admirale, Seereisenden und Schiffer, dann Trophäen aus Asien, Amerika, Afrika und Ozeanien. Jede Gattung ist so vielfach vertreten, daß, wer den Besuch in einem Tage abmachen will, vieles übergehen muß. Der Heraustretende glaubt eine Reise um die Welt gemacht zu haben, soviel hat er in wenigen Stunden erlebt.« Im Osten, eine Viertelstunde außerhalb der Stadt, liegt die »Plaza de toros«, das heißt das große Amphitheater, wo an jedem Sonntag nachmittags die Stiergefechte stattfinden. Die Zahl der Theater in Madrid mag sich mit der der Kirchen beinahe die Wage halten. Meiner Wohnung in der Alcalastraße gegenüber stößt das Apollotheater dicht an eine Kirche. Bei dieser innigen Nachbarschaft kann man gewiß in den stillen Nachtstunden in der Kirche die Töne des Theaterorchesters und das Beifallklatschen hören, während des Vormittags die Schauspieler wahrscheinlich beim frommen Orgelton ihre Proben abhalten. Ein großer Teil der Madrider Bevölkerung, besonders der weiblichen, geht des Morgens in die Kirche, des Nachmittags auf den Prado oder in den Retiro und des Abends ins Theater. Auf diese Weise sieht man immer und wird stets gesehen. In den Theatern kam mir vielerlei »spanisch« vor; zum Beispiel die vielen kleinen Kinder, ja Säuglinge, welche dahin mitgenommen werden; sowie das Händeklatschen im Takt, wenn die Zwischenakte zu lange dauern; ferner die blonden Perücken für alle Heldenrollen. In den Verkaufsläden in Madrid war alles ziemlich teuer; sogar Gegenstände, welche man hier vorzugsweise gebraucht, zum Beispiel Fächer, sind teurer als in Paris. Nur das Obst ist natürlicherweise billiger als bei uns, jedoch nicht in solchem Grade, als bei der Lage und Fruchtbarkeit des Landes zu vermuten wäre. Sehr gut finde ich das spanische Brot, weiß, fest, ohne viel Sauerteig und Salz. Der spanische Wein hat einen Weltruf. Das Olivenöl, welches hier statt der Butter zum Kochen verwendet wird, ist jedenfalls ein reineres und appetitlicheres Fett als Butter. Der hiesige Havanatabak in kleinen Papierzigaretten, sowie in großen dicken Glimmstengeln, würde gewiß die Gunst unserer Raucher erwerben. Hier haben die Zigarren sogar bei dem weiblichen Geschlechte Verehrerinnen. Es fällt angenehm auf, daß der geringste Madrider mit dem höchsten und vornehmsten in einem unbefangenen Tone ruhigen Selbstbewußtseins spricht. Denn jeder weiß, daß er aus echtem kastilischen Blute stammt; ja in den baskischen Provinzen im nördlichen Spanien ist jeder Baske, sei er auch ein Wasserträger oder ein Tagelöhner, ein Edelmann. Dies Benehmen bewahrheitet Schillers Ausspruch: Stolz lieb' ich den Spanier! Bei dieser Gelegenheit mag der vielen und mancherlei Spottreden gedacht werden, die man auf den Manzanares gehäuft hat, dessen Name voller und schöner ist als seine Wasserfülle. Er ist typisch für die fließenden Gewässer der binnenländischen Hochflächen der Pyrenäenhalbinsel. Spanien ist ein sehr waldwarmes Land wie alle Mittelmeerhalbinseln. Im Sommer kommen die Glutwinde des Südens in die iberische Halbinsel und geben manchem wasserarmen Flusse – der Manzanares, an welchem Madrid liegt, ist ein solcher – den Gnadenstoß. Ein deutscher Gesandter äußerte, er ziehe den Manzanares allen anderen Flüssen vor, weil er zu Wagen und zu Pferde schiffbar sei; – und die Frau eines französischen Gesandten schrieb einmal an Frau v. Savigné: »In dem Bett des vielgerühmten Manzanares ist der Staub so groß, daß das Spazierenfahren darin sehr beschwerlich ist; man sieht hier und dort Streifchen Wassers, aber nicht genug, um den Sand zu befeuchten, der sich unter den Füßen der Pferde erhebt. Man muß aber erst die großmächtige Brücke sehen, die ein spanischer König über den Manzanares gebaut hat. Diese ist breiter und länger als der Pontneuf von Paris, und man muß es demjenigen Dank wissen, der diesem Fürsten riet, die Brücke zu verkaufen, um einen Fluß zu kaufen .« Andere wollten wissen, Karl V. habe sich begnügt, die Brücke zu bauen, und es seinen Nachfolgern überlassen, das Wasser dazu zu liefern! Die Spanier selbst verhöhnen den Fluß ihrer Hauptstadt ebenso grausam wie die Fremden. In Madrid sagt das Volk, die Brücke von Toledo warte auf den Fluß wie die Juden auf ihren Messias. Am schlimmsten spielen ihm die Dichter mit. Guevado nennt ihn den Lehrjungen unter den Flüssen und behauptet, er sei im Sommer so von Durst gequält, daß er die Vorübergehenden um einen Tropfen Wasser bitte. Cervantes taufte ihn »Bach mit der Auszeichnung eines Flusses«, Tirso de Molina nannte ihn Vicomte der Flüsse und Herzog der Bäche; er behauptet, der Fluß lasse sich Sommers in seinem Bette so wenig sehen als die Professoren von Alcala und Salamanca im Hörsaale. Im Winter kann er freilich auch ganz unanständig groß werden, so daß Gonzora sagte: Ein Esel hat dich gestern getrunken und läßt dich heute wieder fließen!   4. Ein Stiergefecht in Madrid. Quelle: Klara Biller, Universum VI, 10. Wie die alte Roma ihre Gladiatoren von den Bestien der Wüste zerfleischen ließ, so fand die spanische Tochter Autodafés keineswegs anstößig, und heute noch steckt den Spaniern die Leidenschaft für das blutige Spiel tief im Blute, gleichviel ob man ihnen in Sevilla oder in Kreolien jenseit des Ozeans begegnet. Wer die spanische Mutter aus dem Volke mit dem Wickelkinde auf dem Arme zur »Corrida« gehen sieht, der wundert sich nicht, daß die Lust am Stierkampfe der Volksseele unausrottbar innewohnt. Hierin vermochten selbst päpstliche Bullen nicht Wandel zu schaffen, was im bigotten Spanien jedenfalls etwas heißen will. Bezweckt die Regierung Stimmung zu machen für ihre Vorlagen, will die Dynastie die Geburt eines Prinzen, die Nation den Sieg des Heeres, die Gemeinde die Eröffnung der langersehnten Eisenbahn feiern: so gibt es nur eine Form: Toros. Von taurus, der Stier. Außer diesen vereinzelten werden zur Spielzeit in allen Großstädten wöchentlich Stiergefechte veranstaltet. Während aber in früheren Jahren die »caballeros en plaza«, die Ritter der Arena, Edelleute waren, die ihrer Ehre einen Gang mit dem gehörnten Gegner schuldig zu sein meinten – hat doch bei der Geburt Philipps II. selbst der schwermütige Karl V. diesem edelmännischen Brauch zu Valladolid gehuldigt –, so zog sich seit der Herrschaft der wenig ritterlichen Bourbonenkönige (seit 1715) der Adel zurück von der Arena, die seitdem von zunftmäßigen Stierkämpfern behauptet wird; in Sevilla entstand die Hochschule für »Tauromachie«, wo die Kampfregeln gelehrt werden. Und wie man bei uns erste Tenöre und erste Liebhaber mit Gold und Frauengunst überschüttet, so in Spanien den Primo-Torero; war doch die Leiche des Chiclanero zwei Tage öffentlich in der Kathedrale zu San Sebastian ausgestellt! Folgten doch dem mit acht Pferden bespannten Staatsleichenwagen 150 Zweispänner und 20 000 Menschen zu Fuß! Und als General Prim seinen Einzug in Madrid hielt nach siegreichem Kampfe, ging es ihm wie dem aus dem Philisterkriege heimkehrenden Saul: die Menge brachte dem mit im Zuge schreitenden Torero Peppe Illo begeistertere Huldigungen dar als dem Feldherrn. Unter den mehr als 300 Kampfstier-Züchtereien sind in Andalusien diejenigen des Herzogs von Orsuña, in Kastilien die des Herzogs von Veragua die besten. Auf großen Heideflächen genießen die Tiere volle Freiheit, und ihre Hüter müssen sich alter abgerichteter Stiere bedienen, um die unbändigen Zöglinge von einer Weide auf eine andere zu bringen und bei Angriffen Unterstützung zu haben. Diese Herzhaftigkeit der jungen Anwärter der Arena darf nicht wundernehmen; haben sie doch alle in früherer Jugend die Probe ihres Mutes bestanden, als sie mit dem glühenden Eisen geliebkost wurden. Glänzend, seidenartig ist ihr Fell, der Schwanz lang mit schöner Quaste, die Hörner stark an der Wurzel, schwärzlich zugespitzt, die Ohren kurz, die Gelenke fein, die Hufe kurz und rund. Vier Jahre währt in der Regel die Zeit bis zum Eintritt in die Prüfung. Ein für die Arena angekaufter Stier hat einen Wert von 800-2000 Mark. Wie dereinst bei den olympischen Spielen der Griechen Völker herbeiströmten, alle Standesunterschiede, alle Feindseligkeiten vergaßen, um im Amphitheater die Besten des Volkes um den Zweig vom gottgeweihten Baume ringen zu sehen, so zieht man in Spanien in die Arena, um Mannesmut und Geistesgegenwart dem ungebändigten Wildling der Steppe gegenüber zu bewundern, leider aber auch als eine unentbehrliche Beigabe mit in den Kauf zu nehmen, daß man an jedem Tage 20-30 Pferde herzlos opfert. Es sind nicht etwa andalusische Rassepferde, die jedem leisen Druck des Schenkels gehorchen und so unter dem kaltblütigen Reiter dem Angriff des Stieres ausweichen, sondern wertlose Gäule, die dem wutschnaubenden Kampfstiere entgegengetrieben werden; ein kräftiger Stoß des scharfen Hornes – und die Eingeweide quellen heraus und schleppen auf der Erde hin, wenn das arme blutschwitzende Tier erfolglos dem Gegner entrinnen will. Auf die Pferde achtet kein Mensch, der Stier ist der Held des Tages. Um 2 Uhr war der Beginn des Kampfspieles in Madrid angesetzt, und 20 000 Menschen jeden Standes und jeden Alters harrten ungeduldig des Anfangs. Er verzögert sich, und der eingelegte Siegesmarsch, den das Musikkorps anstimmt, macht die Menge nur ungeduldiger; von allen Bänken des mächtigen Amphitheaters tönt Scharren, Pfeifen, Brüllen und jenes eigentümliche Schwirren der auf- und zugeschlagenen Fächer, den Männer wie Frauen führen, besonders die auf den Sonnenplätzen. Endlich – unter den Klängen einer schmetternden Fanfare tritt die »Cuadrilla« – die zwei- und vierfüßigen Mitwirkenden – ein; voran im feierlichen Schritt die Toreros, an ihrer Spitze die drei Matadore oder Espadas, die mit dem Degen dem Stiere den Todesstoß versetzen, der jüngste in der Mitte, der älteste rechts; alle bekleidet mit der andalusischen, bunten knappanschließenden Atlasjacke, mit kurzem, straffem Beinkleid, mit weiß- oder rosaseidenen Strümpfen; im Nacken baumelt der Moño, der kurze Zopf, ohne den kein Stierkämpfer die Arena betreten darf; mit Grandezza haben sie den buntseidenen Mantel über die Schulter geworfen. Goldene Borten, wehende Seidenbänder und die buntseidene Schärpe beleben den phantastischen Anzug. Den Matadores folgen auf dem Fuße die Chulos, die mit ihrem roten Mantel den Stier reizen, die Banderilleros, die auf dem Nacken des Tieres ihre mit bunten Bändern geschmückten kurzen Speere aufsetzen, die Pikadores, die Kämpfer zu Pferd, auf ihren dem Tode verfallenen Mähren, endlich die Diener und ein Gespann buntgeschirrter Maultiere, welches die getöteten Tiere hinausschleift. In feierlichem Schritt umwandelt die Cuadrilla des Theaters Rund und macht vor der Loge des Generalintendanten Die Stadt verpachtet nämlich die Arena – ähnlich wie in anderen Städten das Theater – an einen Unternehmer, zu einer bestimmten Anzahl von Stiergefechten; ein Alkalde (Stadtrat) überwacht sie und wohnt in besonderer Loge den Vorführungen bei. Halt; die Espadas werfen zum Zeichen der Ehrerbietung die kostbaren Mäntel über die Brüstung, während der Intendant einen Schlüssel in die Arena hinabschleudert. Der berittene Alguazil sprengt damit zum »Toril«, wo, eingezwängt in fürchterliche Enge, so daß er nicht vor und nicht zurück kann, in völligem Dunkel der erste Kampfstier harrt. Alle, die nicht unmittelbar am Kampfe beteiligt sind, verlassen die Arena; zwei Pikadores aber und die Matadores stellen sich links vom Toril auf. Das Tor springt auf, unter Fanfarengeschmetter stürzt der Stier heraus, geblendet vom Licht, verwirrt vom Getöse; einen Augenblick steht er unschlüssig. Jetzt aber senkt er die Hörner zum Stoße (er »demütigt sich«), schlägt mit den Vorderhufen den Boden; aber schon lenkt ein Chulo seine Aufmerksamkeit auf sich, indem er den Scharlachmantel wie ein Pfauenrad vor ihm aufrollt, ein anderer kehrt dem Stiere den Rücken zu, über welchen der Mantel breit herabhängt; nur ein gewandter Sprung zur Seite schützt ihn vor dem Stoße des heransausenden Gegners. Ein dritter Torero setzt über den dahinjagenden wilden Gesellen knapp hinter den Hörnern hinweg; ja ein besonders kecker Chulo stellt ihm, sobald er den Kopf zum Stoße gesenkt, den Fuß zwischen die Hörner und schwingt sich mit Hilfe einer Sprungstange über die ganze Länge des Tieres hinweg. Verfolgt es aber die neckenden Geister so rasch, daß keine Zickzackbewegung und kein Seitensprung mehr Rettung verspricht, so flüchten sie sich über die 1½ m hohe rote Bretterwand in den schmalen Gang, welcher zwischen dieser und der Mauer vor der ersten Bankreihe hinführt, und der nicht selten auch unerlaubterweise von solchen Schaulustigen aufgesucht wird, die alles aus nächster Nähe sehen müssen. Welches Entsetzen aber faßt die Vordringlichen, wenn der wütende Kampfstier den Torero nachahmt! Wie von Furien gepeitscht, jagen sie in der schmalen Ringgasse dahin, bis der Stier zu einer der Türen, die man ihm öffnet, wieder in die Kampfbahn zurückkehrt. Jetzt greifen die Pikadores in den Kampf ein; zitternd gehen die Pferde dem gereizten Stiere entgegen, sie bäumen, schnauben, scheuen zurück, aber die Sporen des Reiters wühlen in ihren Weichen, sie müssen vorwärts. Schon demütigt sich der furchtbare Gegner, schon hebt der Reiter die Lanze zum Stoß, während ein Chulo durch das Rot des Mantels ihn abzulenken sucht; die Wendung, die der Pikador seinem Tiere im entscheidenden Augenblicke zu geben versucht, mißglückt; das Horn reißt dem armen Gaule den Leib auf, der – die Eingeweide im Sande nachschleppend – in Todesangst noch einige Sprünge macht, bis er zusammenbricht. Der Pikador springt auf ein anderes Reitpferd, der Stier aber kehrt zu dem verendeten zurück, faßt es mit beiden Hörnern und schleudert es in die Höhe, so daß es über seinem Haupte schwebt. Rasend tönt der Beifall von den Bänken. Doch schon greift der Pikador von neuem an, setzt ihm die zweite Lanze in den Nacken, opfert das zweite Pferd; so wechseln Stich und Stoß, bis der Kampfstier mit sechs bis acht Lanzen gespickt ist, bis ebenso viele Pferde tot in der Arena liegen. Da winkt der Statthalter; die Pikadores treten ab; die Banderilleros , springen vor, in der Hand die Banderilla, den pfeilartigen, 65 cm langen Stock, der an dem einen Ende einen Widerhaken, an dem anderen bunte Bänder oder Papier hält, wohl auch mit sogenannten Schwärmern (Feuerwerkskörpern) gefüllt ist, welche in dem Augenblicke sich entzünden, wo der Widerhaken sich einbohrt. Der Banderillero pflanzt sich gerade vor dem Stier auf, hebt sich auf den Zehen und hält den Pfeilstock in der erhobenen Rechten; sowie der Stier den Kopf zum Stoße senkt, stößt er ihm die Banderilla in den Nacken und springt links zur Seite; den meisten Beifall aber heimst der tollkühne Banderillero ein, der den Gegner auf einem Stuhle sitzend, die Füße auf einem kleinen Tuch, das er nicht verlassen darf, aufstemmend, erwartet, um ihm die Pfeilstöcke rechts und links in den Nacken zu bohren; das Feuerwerk prasselt dem Stiere um Augen und Ohren und macht ihn – in Verbindung mit den zahlreichen Wunden – sinnlos vor Wut. Der Statthalter winkt wieder – die letzte Szene im blutigen Schauspiel naht – der Matador tritt auf, in der Rechten die gute Klinge von Toledo, in der Linken die Muleta, ein Scharlachfähnchen. Er verneigt sich gegen das Publikum und tritt dem Stiere entgegen; er muß ihn durch die vorgehaltene Muleta dahin bringen, daß er ihm den Nacken stoßgerecht darbietet, sei es, daß er ihn im Halbkreis um sich herum tanzen, sei es, daß er ihn bald rechts, bald links auf die rote Fahne stoßen läßt. Mit atemloser Spannung folgt die Menge dem Spiele; nur wenn der Stier angreift, darf der Matador den Todesstoß führen, und es muß mit solcher Sicherheit geschehen, daß das Tier augenblicklich alle Vier von sich streckt. Unser Espada – Romero ist sein Name – bewegt seine Muleta mit so ruhig lächelnder Miene vor dem wutschnaubenden Gegner, als spiele er mit einem Kinde. Jetzt kommt der Augenblick, wo der Stier auf ihn losstürzt; die Menge hält den Atem an; Romeros Seele ist ganz in seinem Auge; sein Degen blitzt in der Sonne, und im nächsten Augenblick liegt der gewaltige Sohn der Steppe vor seinen Füßen. Die Zuschauer jauchzen Beifall, rufen den Namen des Helden; Blumen, Lorbeer, Fächer, Orangen, Hüte, Zigarren, Taschentücher, Kußhände fliegen ihm zu; er streicht den bluttriefenden Degen auf dem schwarzen Felle des Gegners ab; schon naht im Galopp das Maultiergespann, hakt den toten Stier an den Hörnern fest und schleift ihn über den Sand zum Tore hinaus. Diener verwischen die Schleifspuren und das Blut – und wie sich die Furchen der Arena glätten, so auch die Wogen im Gemüte der Zuschauer, die auf die zweite und jede folgende der acht Nummern der Vorführung mit derselben Aufmerksamkeit und Spannung harren.   4. Granada. Quellen: Q. Wegener, Herbsttage in Andalusien. Berlin 1895 (Allg. Verein f. deutsche Literatur). Graf Schack, Poesie und Kunst der Araber in Spanien und Sizilien. Bd. II. Stuttgart 1877, J. G. Cotta'sche Buchhandlung. Durch Andalusien, das Geschenk des Wadi al Kebir, des großen Stroms, des Guadalquivirs, durch das Riesental zwischen dem zerklüfteten Steilabfall Kastiliens im Norden, der die Sierra Morena, das braune Gebirge, heißt, und dem jungtertiären Faltengebirge im Süden, der Sierra Nevada, dem Schneegebirge, braust der Zug von Kordoba mit seiner märchenschönen Moscheenkirche durch Ölgärten aufwärts in die öde Steppe des unteren Jenil in die paradiesische Vega, jene schimmernde Talmuschel, welche die Perle Granada birgt. Dies ringsum von zackigen Bergen eingeschlossene Becken war in geologischer Vorzeit ein mächtiger See, dessen Wellen den Fuß der Sierra Nevada bespülten. Als sein westlicher Ausfluß in der Schlucht bei Loja sich so tief eingesägt hatte, daß er auslaufen konnte, lag der Seeboden frei da, und heute erfüllt ihn eine Gartenlandschaft, eine Vega, mit vielen freundlichen Ortschaften. Von dunkeln Pappeln begleitet, fließt der Jenil durchs Land, dem rings von allen Bergen Bäche zuströmen. Volle 3000 m über der Ebene von Granada steigt die Sierra Nevada wallartig empor, als wäre eine blaue Meerwelle breit herangezogen, höher und immer höher emporgewachsen und in dem Augenblicke, als sich der höchste Kamm mit weißem Gischt krönte, plötzlich erstarrt. Wenn nicht Wolken droben liegen, sticht die Schneehülle sowohl gegen den dunkelblauen Fuß des Gebirges als gegen den blauen Himmel ab. Am untersten Abhange aber schimmert die weiße Häusermasse von Granada. Obwohl sich an den Namen dieser Stadt geschichtliche Erinnerungen knüpfen, die uns in die Zaubergärten der Residenz des letzten Maurenkönigreichs, in die Kämpfe führen, wo sich christlicher Rittermut mit mohammedanischem Gleichmut maß, erinnert doch nichts im heutigen Granada an die maurische Vorzeit. Die Vergangenheit umspielt einen nicht wie etwa in unseren alten Hansestädten, sondern überall moderne Häuser, Läden, Kaffeehäuser mit einem Stich ins Kleinstädtische trotz der 75 000 Einwohner, und nur beim Graben oder Abbrechen der Häuser zeugt hie und da eine alte Fayencekachel, ein Azulejo, von entschwundener Schönheit. Dagegen fehlt auch dieser spanischen Stadt die große Arena nicht, in der die blutrünstigen Stiergefechte abgehalten werden. Aber wenn schon in Granada selbst wenig mehr übrig ist von der Märchenstadt, die sie einst unter den schönheitstrunkenen Araberfürsten war, so enthält die Umgebung doch noch so viel des Schönen von Natur und Menschenhand, daß dieser Winkel in Wahrheit den kühnsten Traumbildern vom Paradies auf Erden nahekommt. Den Spuren dieser natürlichen Pracht und der künstlerischen arabischen Renaissance darin ist niemand treuer nachgegangen als Graf Schack, dessen Schilderung wir des weiteren folgen: »Unterhalb der Sierra del Sol, eines Bergrückens, zu dessen beiden Seiten die Flüsse Jenil und Darro, aus zerrissenen Klüften hervorbrechend, talwärts stürzen, liegt diese Stadt teils in der Ebene, teils auf Hügeln. Unter diesen treten besonders zwei, durch das tiefe Tal des Darro voneinander geschieden, hervor: die Höhe, welche von dem auf ihrem Gipfel liegenden Schlosse gewöhnlich selbst Alhambra genannt wird, und der steil aufsteigende Albaicin; an diesen schließt sich der Hügel der alten Alcazaba (Festung). Um die Stadt, soweit sie nicht von Bergen begrenzt ist, schlingt die grüne, von Rosen duftende Vega, aus deren dichtem Gebüsch der Jenil hervorblitzt, ihren Gürtel und bildet im Verein mit den Hügeln und Schluchten, wie mit den schneeglänzenden Kuppen der Sierra Nevada ein Landschaftsbild von ebenso lieblicher Anmut wie überwältigender Großartigkeit. Als hätte die Natur in einem Meisterstück ihre volle Schöpfungskraft entfalten und den ganzen Reichtum ihrer Schätze an einem Punkt aufhäufen wollen, hat sie in diesem gesegneten Erdstrich alles vereinigt, was sonst nur zerstreut und durch weite Zwischenräume getrennt, Sinne und Seele des Reisenden entzückt. Das frische Laubgrün, das der Norden mit der Trübe seiner nebelreichen Atmosphäre erkaufen muß, gedeiht hier, begünstigt durch die hohe Lage und die Nähe nie schmelzender Schneemassen, unter dem tiefen Blau eines wolkenlosen Himmels. Zwischen die Eichen, Ulmen und Pappeln aber, welche ihre Schattenkühle auf die Hügelterrassen und Abhänge streuen, drängt sich der üppigste Pflanzenwuchs des Südens; die Pomeranze leuchtet aus der dunkeln Blätterkrone, Gruppen von Pinien und Zypressen heben ihre schlanken Wipfel über das wogende Meer des Grüns empor; hochstämmiger Lorbeer und dichtes Oleandergebüsch sproßt wild aus den Felsenspalten, und der Granatbaum in so riesiger Größe und wuchernder Kraft, als ob er nur hier wahrhaft gedeihe, überdeckt mit seinem goldgrün schimmernden Laube die sanft geschwungenen Höhenzüge. Überall zwischen den Rebgeländen blicken weiße Landhäuser hervor, überall durch das Dickicht murmelt und rauscht es von rinnenden Quellen und stürzenden Gewässern. Was jedoch den Reiz der Landschaft ins Unendliche vermehrt, ist, daß sich zu der Pracht der Pflanzenwelt und der sie belebenden Wasserfülle das glorreiche Licht einer schon fast tropischen Sonne und die eigentümliche Bodengestaltung gesellt, über welcher allein sich dessen wundervolles Farbenspiel im vollen Glanze zu entfalten vermag. »Gewiß sind nicht bewaldete Höhen, sondern kahle Felsmassen vorzugsweise günstig, um den Strahlenbrechungen des aufgehenden wie des sinkenden Tages jene tiefe Glut, jenes immer wechselnde, den Sinnen kaum noch faßbare Farbenspiel zu verleihen, welches die Morgen und Abende des Südens mit einem höheren geistigen Reiz, wie mit dem Abglanz einer anderen Welt, umkleidet. Ein Amphitheater solcher nackten Felsgebirge nun umschließt im weiteren Umkreise das lachende Hochtal am Jenil; hier schroff ansteigend und sich in wildzerrissenen Zackenformen auftürmend, dort mit sanften Linien ineinander übergehend und in ihrer Gesamtheit jede denkbare Verschiedenheit der Umrisse darbietend, bilden die Sierras von Elvira und Moclin seine Einfassung; mächtig über alle aber trägt die Nevada auf ihren vielfach zerklüfteten Riesenkegeln und Pyramiden, ihren durch tiefe Risse voneinander getrennten Zinnen und Basteien die eisgekrönten Gipfel empor. Denke man sich die andalusische Sonne, wie sie, gegen Westen sinkend, ihre Strahlenglut über dies wundervolle Rundbild ausgießt, wie der goldene Schimmer in tiefe Purpurglut überspringt und zitternd die ganze Leiter der Farbentöne durchläuft, bis sich Dämmerung auf Hügel und Ebene legt und über der beginnenden Nacht die Schneehäupter des Piks von Veleta und des Mulhacens, den Schiffern des Mittelmeeres weithin sichtbare Fanale, Fanale sind eigentlich Stangen mit Pechtonnen, die abends am Strande als Schifferzeichen angebrannt werden. noch einmal emporflammen! »Schön ist diese Gegend zu allen Zeiten des Jahres, über allen Vergleich erhaben aber im Frühling, wenn der schmelzende Schnee des Gebirges höhere Wellen in den Flüssen und Bächen treibt und eine Flut der üppigsten Pflanzenpracht ihnen nachstürzt. Kaum daß die Mandelblüte, von arabischen Dichtern ›das erste Lächeln im Munde der Welt‹ genannt, das Nahen der milderen Jahreszeit verkündet, so schmücken sich Tal und Hügel mit smaragdnem Grün, aus dem die Blumen aller Zonen, in Farbenschmelz und Duft wetteifernd, hervorschimmern. Über schäumende Wasserfälle breitet der Granatbaum die jung belaubten Äste mit dem leuchtenden Rot, das wie Flammen aus seinen Knospen sprüht, ringsum ertönen Tamburinschall und Kastagnettengeschmetter, in allen Wipfeln flöten die Nachtigallen unvergessene Lieder aus der Araberzeit, und die reine, balsamische Luft, die kühlen Hauche der Sierra Nevada machen das bloße Atmen unter dem Himmel von Granada zu einem Genuß, wie ihn die Erde kaum anderswo bietet. Nicht leidenschaftliche Vorliebe, wie mancher glauben könnte, gibt diese Worte ein oder stattet das Tal am Jenil mit Reizen aus, die etwa nur in der Phantasie sich finden; von jeher war seine Schönheit berühmt, und die Orientalen haben es als ein Paradies, herrlicher als jenes von Damaskus, Kaschmir und Samarkand, gepriesen ... »Nachdem die letzten Spuren des Islams auf grausamste Weise auf der Halbinsel vertilgt worden, könnte man versucht sein, alles, was die Geschichte von seiner Herrschaft in Spanien berichtet, für ein Märchen zu halten, wofern nicht die Steine, als stumme Zeichen dafür, uns noch heute Glanz und Bildung der spanischen Araber vor Augen führten. Nirgends sind diese von den Mohammedanern zurückgelassenen Denkmale trotz der Zerstörung durch Zeit und Menschen noch so zahlreich wie in Granada, und fast kein Teil der Umgebung der großen Stadt ist ohne Reste aus arabischer Zeit. Keineswegs alle können hier erwähnt werden, aber einige der wichtigsten sind um so mehr hervorzuheben, als sie mit Ausnahme der Alhambra und des Generalife bisher von keinem Reisebeschreiber beobachtet wurden. »Wir beginnen mit dem reizenden Hügel Dinadamar (das heißt Ain ad Dama, die Tränenquelle) vor dem Elviratore, einem mit Gärten und Obsthainen geschmückten Lustort der Araber, den Ibn Batuta Berühmter arabischer Reisender im 14. Jahrhundert. als ohnegleichen in der Welt schildert und von dessen Höhe gesehen die Stadt mit ihren Zinnen, Palästen, Moscheendächern und tausend Minaretten einen prachtvollen Anblick geben mußte. Hier strömten die Wasser zusammen, die, vom Gebirge hergeleitet, die höher gelegenen Teile Granadas versahen. Ein großer ummauerter Teich, zu Lustfahrten und Bädern dienend, hatte an seinen Ecken vier Türme, sogenannte Menaßir oder Miradores, das heißt Warten zur freien Aussicht, wie sie sich auch an vielen Häusern der Stadt fanden; noch sieht man deren Trümmer wie die des Wasserbeckens, aber Ginster und Efeu umranken sie, und das Naß ist vertrocknet. – Von diesem, neben dem heutigen Kartäuserkloster gelegenen Hügel gelangen wir zu dem berühmten Elviratore , das nach Ilbira oder dem alten Illiberis führte, und haben wir dessen riesigen, von Zinnen überragten Hufeisenbogen durchschritten, so liegt uns zur Linken auf der Höhe die alte Alcazaba (Festung, Zitadelle), deren Mauern noch teilweise vorhanden sind, während der ganze Stadtteil sehr verödet ist. – Wir betreten weiter den Albaicin , das Viertel derer von Baeza, die sich, von den Christen aus ihrer Heimat vertrieben, hier ansiedelten. Nirgends hat sich das morgenländische Gepräge so unversehrt erhalten, wie in diesem stufenförmig an den steilen Abhängen emporsteigenden Stadtteil. Zwar von der Hauptmoschee, welche hier an der Stelle der heutigen Kirche von San Salvador stand, sind nur noch geringe Reste vorhanden, aber zahlreiche Privathäuser trifft man noch völlig in dem Zustande, wie die Araber sie verlassen. Da ist noch der Ostuwan (Eintrittsgang), die Saha oder der innere Hof mit seinen plätschernden, von Orangenbäumen umgebenen Springbrunnen, das Wohngemach, an dessen Eingang sich eine oder mehrere nischenförmige Vertiefungen zur Aufbewahrung von Wasserkrügen oder Vasen befinden, und das feine zierliche Schamsija , das heißt sein Fenster mit doppeltem Bogen, sowie die Hania oder Nische zum Schlafen bewahrt hat: alles scheint noch zum Empfange der ehemaligen Bewohner bereit zu sein. Aber freilich zeigt sich die arabische Baukunst hier nur in ihrem Verfall. Hier hatten die Moriscos Mauren, Araber auf spanischem Boden. noch unter christlicher Herrschaft lange ihren Hauptaufenthalt, und das Gepräge dieser Zeit des Elends tragen die Häuser auf dem Albaicin. Prachtvolle Verzierungen der Wände sucht man hier umsonst, auch arabische Inschriften finden sich selten. »Über die Jenilbrücke hinweg schreiten wir nach dem Kloster von St. Domingo oder Santa Cruz, in dessen Nähe ausgedehnte Gartenanlagen und Bauten gestanden zu haben scheinen, welche wahrscheinlich durch unterirdische Gänge mit der Alhambra zusammenhingen und im Verein mit den anderen Schlössern den Königen einen nach den Jahreszeiten wechselnden Aufenthalt darboten. Ein dichtschattender Lorbeergang leitet zu dem sogenannten Cuarto real, einem Turm von ernstem und strengem Ansehen, dessen Inneres ein hoher, viereckiger Saal voll schöner Mosaiken und sonstiger arabischer Schmuckstücke ausfüllt. Eine Überlieferung behauptet, die Herrscher von Granada hätten sich während des Fastenmonats Ramadan hierher zurückgezogen, um sich in Stille und Einsamkeit den Gebeten und Fastenübungen des heiligen Monats hinzugeben, und die Koranverse und frommen Sprüche an den Wänden des Saales scheinen das zu bestätigen. Außer dem Anfang der 48. Sure, Suren sind die einzelnen Psalmen, aus denen sich der Koran zusammensetzt. der sich mehrfach wiederholt, liest man: ›O meine Seele, o meine Hoffnung! du bist meine Zuflucht, du mein Beschützer! Drücke meinen Werken das Siegel des Guten auf! Gepriesen sei Gott für seine Wohltaten!‹ und: ›Es gibt keine Hilfe, als die, welche von Gott, dem Machtvollen, dem Weisen, kommt. Ich habe keinen Schutz außer dem, welchen mir Gott verleiht, auf ihn vertraue ich, zu ihm kehre ich zurück.‹ Bei dem Wüten der Inquisition gegen alle Erinnerungen an den Islam muß es wundernehmen, daß diese arabischen Inschriften, wie so viele andere noch in Granada vorhandene, nicht ausgetilgt worden sind. »Wir wenden uns nach dem Teile der Stadt, welcher noch heute, wie er es schon zu mohammedanischer Zeit war, am belebtesten und Mittelpunkt des Verkehrs ist, und betreten den berühmten Platz Bivarrambla , der seinen Namen von dem nahgelegenen Bab ar Raml oder Tor des Sandes empfing. Obwohl noch von manchen altertümlichen Häusern umgeben, ist dieser geräumige Platz doch weitaus nicht mehr derselbe, der einst die Kampfspiele der Zegris und Abenceragen sah, und umsonst sucht man die Ajimeces, jene zierlichen Fenster mit doppeltem, durch ein Säulchen gestützten Bogen, hinter deren Gitter die Schönen den Festen zuschauten. Die lange Straße Zacatin (das heißt die Trödlergasse), die sich von hier aus längs des Darro hinzieht, verfolgend, haben wir zunächst zur Linken die Alcaiceria , Basar. einen großen, von Galerien umgebenen Hof mit Speichern und Wohnungen für die Kaufleute, der bis zu dem Brande von 1843 zu den merkwürdigsten Überresten arabischer Baukunst in Granada gehörte. – Die nahe gelegene Kathedrale bezeichnet den Platz, wo die Hauptmoschee gestanden, und in der Grabkapelle des Hernando de Pulgar erinnert eine Inschrift an die Heldentat dieses Kriegers, der zwei Jahre vor der Eroberung durch die Spanier allein in die Stadt eindrang und als Zeichen der Besitznahme das Ave Maria hoch über dem Tor aufpflanzte. – Der Zacatin mündet in die Plaza nueva, von welcher die steile Straße von Gomelen zur Alhambra aufsteigt; wir verfolgen zunächst den Weg längs des Darro, wo sich bald eine prachtvolle Aussicht öffnet. Über einer von Laub- und Wasserfülle überquellenden, von riesigen Nußbäumen beschatteten Stromschlucht, die bei den Arabern als Sitz der irdischen Glückseligkeit gepriesen und wegen ihrer gesunden, lebenspendenden Luft von fernher besucht wurde, ragen zur Seite auf jähen Felsen die rötlichen Mauern und Türme der Alhambra empor, vor uns aber leuchtet auf noch höherem Bergabhange aus Myrten- und Granatendickicht in traumhafter Schönheit das Generalife herab, das heißt Dschennat al arif = Garten des Baumeisters. Dieser Sommersitz der granadischen Könige scheint mindestens von gleichem Alter mit der Dynastie der Naßriden zu sein; denn eine noch erhaltene Inschrift besagt, das Gebäude sei durch den König Abul Walid im Jahre des Großen Glaubenssieges erneuert worden, dies aber deutet auf Abul Walid I. und die Schlacht des Jahres 1319 hin, in welcher die Infanten Don Pedro und Don Juan fielen. »Auf einem Friese über der Galerie, welche in das Lusthaus führt, begrüßen den Eintretenden Koransprüche, in denen die Wonnen des Paradieses, die den Gläubigen erwarten, gepriesen werden: ›Ich flüchte zu Gott, vor Satan, dem Gesteinigten. Vergl. in diesem Werk: Mekka. Im Namen Gottes des Gnädigen, Barmherzigen! Gottes Segen über unseren Herrn und Gebieter Mohammed und seine Familie! Heil und Friede! Wir haben dir einen offenbaren Sieg verliehen, auf daß Gott dir deine früheren und späteren Sünden vergebe und seine Gnade an dir vollende und dich auf den richtigen Weg leite und dir beistehe mit mächtigem Beistande. Er ist es, der Ruhe in die Herzen der Gläubigen herabsendet, damit ihr Glaube immer wachse. Denn Gott gehören die Heerscharen des Himmels und der Erde, und Gott ist allwissend und weise. Eingehen lassen wird er die Gläubigen in Gärten, welche Wasserbäche durchströmen. Ewig sollen sie dort bleiben, und ihre Sünden wird er austilgen usw.‹ Von dem jetzt allerdings kaum noch kenntlichen Prachtbau entwirft der edle Andrea Navagero, der 1526 als Gesandter Karls V. in Granada weilte, folgendes Bild: ›Man verläßt die Umfassungsmauer der Alhambra durch eine geheime Hintertür und tritt in den sehr schönen Garten eines höher gelegenen Palastes, welcher Gnihalariffe (Generalife) heißt. Dieses Schloß ist, wenn auch nicht sehr groß, doch ein trefflicher Bau und mit seinen herrlichen Gärten und Wasserwerken das Schönste, was ich in Spanien gesehen habe. Es hat mehrere Patios (Höfe), alle reichlich mit Wasser versehen, vornehmlich aber einen mit einem fließenden Kanal in der Mitte und voll von herrlichen Orangen und Myrten; dort ist eine Loggia, welche die Aussicht nach außen hin gewährt und unter welcher Myrten von einer Höhe emporragen, daß sie fast bis an die Balkone hinanreichen. Diese Bäume sind so dicht belaubt und alle so gleich hoch von Wipfel, daß sie eine grünende, ebene Flur zu sein scheinen. – Das Wasser fließt durch den ganzen Palast, und wenn man will, auch durch die Zimmer, deren einige sich zu einem köstlichen Sommeraufenthalt eignen. In einem der Patios, welcher von Grün und wundervollen Bäumen strotzt, befindet sich eine kunstvolle Wasserleitung. Werden einige Röhren dieser Zuleitung geschlossen, so sieht derjenige, der auf dem grünen Rasen steht, plötzlich das Wasser unter seinen Füßen wachsen, so daß alles überschwemmt wird; nachher kann es aber ebenso leicht und unvermerkt wieder geschlossen werden. Noch ist ein niedriger, nicht sehr großer Hof da, welchen üppiger Efeu so dicht umrankt, daß man die Mauer gar nicht sieht; er steht auf einem Felsen und hat mehrere Balkone, von denen man in eine Tiefe, durch welche der Darro fließt, hinabblickt, ein entzückender und reizender Anblick. Inmitten des Hofes ist ein herrlicher Springbrunnen mit einer sehr großen Schale. Das Rohr in der Mitte wirft den Strahl mehr als 10 Klaftern in die Höhe, die Wasserfülle ist erstaunlich, und nichts kann anmutiger sein, als dem Fallen der Tropfen zuzusehen. Schon bei dem bloßen Anblick, wie sie umhersprühen und sich nach allen Seiten hin zerstreuen, empfindet man eine erfrischende Kühle. Auf dem höchstgelegenen Teile dieser Schloßanlage, in einem Garten, ist eine schöne breite Treppe, die zu einer kleinen Ebene aufsteigt, und von dieser kommt aus einem Felsen die ganze Wassermasse, welche sich durch den Palast verteilt. Dort wird das Wasser mit vielen Schrauben verschlossen, so daß man es zu jeder Zeit, auf jede Art und in jeder beliebigen Menge herausströmen lassen kann. Nun ist die Treppe so gebaut, daß auf einige Stufen immer wieder eine breitere folgt, welche in ihrer Mitte eine Vertiefung hat, in der sich das Wasser sammeln kann. Auch die Steine der Geländer zu beiden Seiten der Treppe haben oben Höhlungen wie Rinnen. Auf der Höhe aber sind für jede dieser Abteilungen gesonderte Schrauben, so daß man nach Belieben das Wasser in die Rinnen der Geländer oder in die Höhlungen der breiteren Stufen oder auch in beide zugleich leiten kann. Auch kann man das Wasser nach Belieben so anschwellen lassen, daß es aus den Leitungen austritt und alle Stufen überschwemmt, indem es jeden, der sich dort befindet, naß macht, und so gibt es noch tausend Scherze, die mit ihm angestellt werden können.‹ »Es bleibt uns noch das wichtigste aller arabischen Bauwerke in Granada, die Alhambra , zu betrachten. Diese ist von der Farbe ihrer Mauern kelât al hamra, die rote Burg, genannt. Sie ist das einzige einigermaßen wohlerhaltene Beispiel von vielen ähnlichen Festungen, welche ehemals in Spanien bestanden und nun in Trümmern liegen. Solche Zitadellen pflegten innerhalb ihrer mit Türmen besetzten Mauern den Palast des Fürsten, Statthalters oder Befehlshabers, die Wohnungen der obersten Beamten, eine Moschee, Quartiere für die Soldaten, Zeughäuser usw. zu enthalten. »Die Lage der Alhambra über der Stadt ähnelt der des Schlosses über Heidelberg; wie dieses auf steiler Höhe über dem Neckar, so thront sie über der Darroschlucht, mit ihren rotleuchtenden Mauern weithin sichtbar. Wir schreiten, um die berühmte Königsburg zu besuchen, die jäh aufsteigende Gomelenstraße empor und gelangen, das Tor der Granaten hinter uns lassend, zwischen schattigen Ulmenalleen und sprudelnden Springbrunnen zu der zinnengekrönten Umfassungsmauer, welche sich rings um den Hügel zieht und mit einer beträchtlichen Zahl von Türmen besetzt ist. Diese Türme dienten teils zur Verteidigung, teils, wie die über dem Abgrund stehenden, durch die Natur hinreichend geschützten, zur Wohnung der Könige und ihres Gefolges. Den Haupteingang ins Innere der Burg bildet das »Tor des Gesetzes«, eine weite, durch einen Doppelturm sich hinziehende Halle, in welcher öffentlich, und vielleicht nach morgenländischer Weise von den Königen selbst, Recht gesprochen wurde. Diese Bestimmung, welche der Torhalle durch die Überlieferung zugeschrieben wird, erhält aus der Inschrift ihre Bestätigung, indem es darin heißt: ›Möge Allah durch dies Tor das Gesetz des Islams gedeihen lassen.‹ Haben wir dies Tor durchschritten und dann noch ferner die kleinere Puerta del Vino hinter uns gelassen, so stehen wir auf dem Platze der Algibes oder Zisternen; uns zur einen Seite liegt die Alcazaba oder Zitadelle mit mehreren Türmen; den Raum zur entgegengesetzten Seite aber nahmen ehemals eine große Moschee und der Königspalast ein, oder vielmehr eine umfangreiche Schloßanlage, ein Gewimmel von Türmen, Pavillons, Höfen, Bädern, Haremgemächern und mannigfachen Wohnungen sowohl für die königliche Familie als für deren Gefolge, die Weiber, Aufseher usw. Einen Teil dieser Gebäude hat Karl V. zerstört, um Raum für einen Palast im Renaissancestil zu gewinnen, den er hier um das Jahr 1526 aufzuführen begann; doch scheint der von ihm niedergerissene Teil von keiner Bedeutung gewesen zu sein. – Im Jahre 1526 standen nach der Beschreibung des erwähnten Venetianers Navagero schon keine anderen Hauptteile der Alhambra mehr als die noch jetzt vorhandenen. Diese bestehen, außer den entfernter gelegenen Türmen, vornehmlich aus zwei großen Höfen, dem des Wasserbeckens mit dem daran stoßenden Comaresturme und dem des Löwenbrunnens mit den umliegenden Sälen. »Wer nun den ersten der Höfe betritt, wird sich eines tiefen Staunens über die Wunderwelt, von welcher er sich plötzlich umgeben sieht, nicht erwehren können; denn wie viele Zeichnungen der Alhambra man auch bewundert haben mag, diese vermögen nur einen Begriff von den äußeren Umrissen der baulichen Formen zu geben, nicht aber die tausendfachen Einzelheiten zu einem lebensvollen Gesamtbilde zu vereinigen oder gar alle die weiteren Umstände hinzuzufügen, welche dieses Gebäude zu einem in der Welt einzigen machen. Die Lage des Schlosses auf steilem Felsen inmitten der herrlichsten Landschaft; die hängenden Balkone über zerrissenen Schluchten, aus denen das Rauschen der Gebirgsbäche und der Duft der Orangenhaine emporsteigt; der Blick, den leichtgeschwungene Bogenfenster hier auf leuchtende Schneeberge, dort auf grüne Fluren gewähren – dies alles ist wesentlich, um die zauberische Gesamtwirkung hervorzubringen, die, je länger wir verweilen und je häufiger wir wiederkehren, um so mehr unsere Sinne bestrickt und gefangen nimmt. Dazu kommen die reizenden Durchblicke von Halle zu Halle, von Saal zu Saal; das wunderbare Spiel des Lichts, das sich mit dem tiefen Blau des schönsten Himmels in die offenen Höfe niedersenkt, mit mattem Dämmerschein durch die Fenster der durchbrochenen Kuppeln bricht; die Schlankheit der zierlichen Säulen und Arkaden, die man mit einem Hauche wegblasen zu können glaubt und über welche die Tropfsteindächer mehr hinabzuhängen als von ihnen getragen zu werden scheinen; endlich das Murmeln der Wasser und das leise Fächeln der mit dem Duft der Rosen- und Myrtengebüsche beladenen Sommerlüfte. »Obgleich die Ausschmückung der inneren Räume des arabischen Königsschlosses im Verhältnis zu ihrer außerordentlichen Zierlichkeit und den vielen Jahrhunderten, die schon über sie dahingegangen, bewundernswürdig gut erhalten ist, hat sie doch durch die Unbill der Zeiten manche Beschädigungen erlitten. Indessen hält es nicht schwer, sie in Gedanken nach den noch unversehrten Teilen in ihrem ursprünglichen Zustande wiederherzustellen. Den Fußboden bedeckten Platten weißen Marmors; längs des unteren Teiles der Wände lief bis zur Höhe von etwa vier Fuß eine Bekleidung von farbigen Fayence-Plättchen oder Azulejos, weiter oben waren die Wände mit Stuck bekleidet, sodann folgte ein Fries als Unterlage der Bedachung und über diesem, bisweilen noch von kleinen Halbsäulen getragen, ruhte die Decke, welche, teils aus Holzstücken, teils aus kleinen, in Stuck gearbeiteten Zellen und Zapfen zusammengesetzt, in Tropfsteinform herniederhing. Marmorsäulen von der zierlichsten Gestalt und mit Kapitälen von unendlicher Verschiedenheit der Form trugen Kämpfer oder Mauerstreifen, auf denen das Dachgebälk ruhte, und zwischen welche die Bogengänge, aus einem mit Gips überkleideten Zimmerwerk bestehend, eingefügt waren. Nischen von verschiedener Gestalt vertieften sich in die Mauern; größere, welche mit Polstern bedeckt, zu Ruhestätten dienten, kleinere, in welchen Wasserkrüge standen. Über alle Teile des Palastes nun, über Wände, Decken, Säulen, Gänge und Nischen, waren Zierate in verschwenderischer Fülle und Mannigfaltigkeit hingestreut; die Azulejos fügten sich in den buntesten Verschlingungen zu Arabesken, der Marmor war zu den verschiedensten Gestalten gemeißelt, der Stuck reliefartig in tausend und abertausend Linienwindungen ausgearbeitet, welche kaleidoskopische Figuren aller Art, Sterne und Achtecke, Pflanzen- und Steingebilde darstellten. Die wahrhaft unübersehbare Fülle dieser Zierate und die Peinlichkeit, mit welcher sie ausgeführt sind, legen die Vermutung nahe, sie seien mit festen Hohlformen in den Gips gepreßt. »Zu den erwähnten Schmuckstücken gesellte sich auch noch eine erstaunliche Menge von Inschriften, welche sich längs der Friese hinzogen, die Bogenfenster und Nischen umwanden oder auf einzelnen gleichsinnig gestellten Scheiben angebracht waren und, ganz nach der Art der übrigen Zierate behandelt, sich dem ungeübten Auge als Arabesken darstellten. »Sehr erhöht und bis zum Blendenden gesteigert wurde endlich der Eindruck des Glanzes, den alle diese Zierstücke hervorbrachten, durch eine ebenso reiche wie geschmackvolle Bemalung. Über alle Räume des Palastes war die höchste Farbenpracht verschwenderisch ausgeschüttet. In der Höhe herrschten wegen der kräftigeren Wirkung Karminrot, Gold und Blau vor, weiter nach unten fand sich auch Violett, Purpur, Orange. Selbst die weißen Marmorplatten des Fußbodens waren allem Anscheine nach bemalt. »Der Hof der Myrten oder des Wasserbeckens empfängt den Reisenden zuerst und begrüßt ihn mit den Worten: ›Glück‹, ›Segen‹, ›Ewiges Heil‹, ›Gelobt sei Gott für die Wohltat des Islams‹, die rings von den Wänden herniederleuchten. Ein großes, mit einer Myrtenhecke umgebenes Becken in seiner Mitte spiegelt die von Pfeiler zu Pfeiler gespannten Bogen, den Mosaikschmuck der Nischen und den durchbrochenen, schimmernden Stuck der Wände zurück. Nur die schmalen Seiten des Hofes haben Bogengänge, und zwar trägt die Säulenreihe rechts neben dem Eingang noch eine zweite Galerie, woraus sich schließen läßt, daß der von Karl V. hier niedergerissene Teil des Palastes zwei Stockwerke enthielt. An der Nordseite des Myrtenhofes liegt der gewaltige Comares turm; den vorderen Raum des Turmes nimmt die Halle des Segens ein; mehrfach an den Wänden wiederholen sich die Worte der 61. Sure: ›Hilfe kommt von Gott, und der Sieg ist nahe. Verkünde diese frohe Botschaft den Gläubigen!‹ In der ganzen herrlichen Halle läßt sich kein zollbreiter Raum entdecken, der nicht von Wandschmuck strotzt. Es ist, als hätten Genien den Stein gestickt, ihn wie einen Teppich gewebt, wie die feinsten Spitzen gehäkelt. – Weiter folgt eine prachtvolle Kubba, das heißt ein mit einer Kuppel überdeckter Saal, der jetzt gewöhnlich ›der Saal der Gesandten‹ genannt wird. In dieser, der eigentlichen Thron- oder Empfangshalle, deren Balkonfenster über dem steilen Flußtale des Darro schweben und Aussichten von unbeschreiblicher Schönheit darbieten, herrscht geheimnisvolles Halbdunkel und bricht sich dämmernd an den reich gemusterten Wänden, deren zackenförmig hin und her schießende Linienmuster jedes Versuchs einer Schilderung spotten. Die Dicke der Mauern ist erstaunlich und verleiht den neun reich ausgezierten Fensternischen, welche drei Seiten des Saales einnehmen, das Aussehen von kleinen Gemächern. Noch höher zittert Licht durch eine Reihe kleiner Bogenfenster herein, und über ihnen erhebt sich in der Gestalt eines ausgehöhlten Pinienzapfens, in zahllose kleine Gewölbe und Zellen gebrochen, die Zedernholzdecke, von deren unterem, an die Saalwände anschließendem Rande Gewinde von Stuck gleich Kristallzapfen einer Tropfsteinhöhle herabhängen. »Der in Romanzen gefeierte Löwenhof ist ein längliches, von einer Säulenhalle umgebenes Viereck. Um einen Begriff von seinem ehemaligen Glanze zu bekommen, muß man ihn in Gedanken mit dem nun großenteils erloschenen Farben- und Goldschmuck, mit allen schimmernden Azulejos der Wandsockel und den bunten, vielleicht vergoldeten Fliesen des Daches wiederherstellen, welche nun durch gewöhnliche Ziegel ersetzt sind. In der Mitte des Hofes ruht auf zwölf marmornen Löwen ein großes Marmorbecken, das mit den durch den ganzen Palast laufenden Wasserleitungen in Verbindung steht und eine hohe Wassersäule emporsendet, deren niederfallender Strahl dann wieder aus dem Rachen der Träger hervorströmen konnte. Marmorsäulen von höchster Schlankheit und mit Kapitälen, deren immer neue und immer andere Formen von der nie versiegenden Erfindungskraft der arabischen Künstler zeugt, tragen teils einzeln, teils in gekoppelter Stellung die Bogen, welche den Hof umgeben. – Die Nordseite des Löwenhofs birgt die Perle des ganzen Palastes, eine Kubba, welcher man, entweder nach den beiden Bettnischen zu ihren Seiten oder nach zwei in ihren Fußboden eingelegten Marmorplatten, den Namen ›Saal der zwei Schwestern‹ beigelegt hat. Schon die Türen von Zedernholz, einst vergoldet und bemalt, sind in dem Reichtum und der Feinheit des Schnitzwerks das Vollendetste, was man in dieser Art kennt. Das Innere des Saales aber übertrifft in der Fülle des Mosaikschmuckes und der Wandverkleidungen alle anderen Räume des Schlosses. – In überraschender Weise drängt sich hier wie im Myrtenhofe die Wahrnehmung auf, daß eine Erinnerung an das Beduinenleben die Anlage dieser Höfe mit ihren Brunnen oder Teichen und den umliegenden Säulengängen geleitet habe. Wie die Phantasie der arabischen Dichter mit Vorliebe in die Wüste zurückschweifte; wie die Inschriften des Gesandtensaales, welche den kühlen Wassertrunk als das höchste Labsal anpreisen, statt zu den Bewohnern des quelldurchrauschten Granada zu denen der brennenden Sandflächen des Ostens zu reden scheinen, so schwebte ihren Bauherren das Bild des abendlichen Rastens um die Zisterne vor; sie schufen das Zeltlager zum Palaste um. An die Stelle der Stangen traten leichte Säulen, die buntgewirkten Teppiche, welche die Zelte morgenländischer Fürsten bekleideten, wurden in den gemusterten Wandflächen, dem durchbrochenen Stuck an der oberen Vorderseite der Wandelhallen, den wie Fransen oder Quasten herniederhängenden Wölbungen nachgebildet. Der rauschende Brunnen in der Mitte aber, dessen Fluten sich sprudelnd durch alle Säle ergießen, der klare, von Grün und Duftgesträuch umgebene Wasserspiegel mußte die Quelle in der Oase vorstellen. Jedoch nicht eine irdische, eine weltentrückte himmlische Ruhestätte sollte die Alhambra sein; deshalb ihre Lage auf steilem Felsenhaupt, wohin kein Ton vom Lärm der Erde emporsteigt, wo kein Dunst die kristallene Klarheit der Luft trübt, und von der Flammenkuppel des Äthers ein Licht wie aus dem höchsten der sieben Himmel herabströmt.«   5. In den Huertas. Nach Georg Wegener, Herbsttage in Andalusien. Berlin 1895, Allg. Verein f. deutsche Literatur, und Moritz Willkomm, Spanien und die Balearen. Berlin 1879, Th. Hofmann. Die östlichen Küstenlandschaften Spaniens von Malaga an bis hinauf nach Katalonien sind von Natur ein regenarmes Wüstengebiet, dem erst die maurische Herrschaft durch die Einführung der künstlichen Berieselung des heißgebrannten Bodens mit Hilfe der Wässer der Gebirge ihre heutige Pracht und ihren Reichtum verliehen haben. Sobald die Flüsse vom spanischen Hochlande in die Küstenebene treten, werden sie abgefangen, in viele Wasseradern aufgelöst, wie man einen Strick in Fäden und Fädchen zerdröselt. Die Wasserfäden breiten sich sonach fächerförmig über den dürren Boden aus und befeuchten ihn, daß er Fruchtland wird. Ein solches künstlich berieseltes Gartenbaugebiet heißt dann als Gesamtheit eine Huerta. In ihrer Mitte liegt gewöhnlich eine größere oder kleinere Stadt und rings um sie eine große Zahl Dörfer, Weiler, Gehöfte. Zahllose Schöpfräder, Norias genannt, werden von Menschen und Tieren in Bewegung gesetzt, um das Wasser auf höhergelegenes Gelände zu heben. So wird es möglich, daß im Valencianischen Gebiete folgende Fruchtfolge eingehalten werden kann: man baut eng hintereinander in einem Jahre Hanf, dann Bohnen, hierauf Getreide und endlich Mais, diesen noch bis zum Oktober des nächsten Jahres; vom Oktober bis März im dritten Jahre läßt man dem Boden Ruhe und dann beginnt dieselbe Fruchtfolge, die einen zweijährigen Wechsel darstellt. Schon im 13. Jahrhundert wurde das Gebiet in solcher Weise bewirtschaftet und unter den beteiligten Landleuten eine Behörde geschaffen, die über die Wasserverhältnisse wacht und sich auf ein Gesetz von 1293 stützt. Die Bauern bilden eine Wassergenossenschaft. Alle zwei Jahre halten sie eine Versammlung ab, in welcher eine Junta gewählt wird, die in Wasserangelegenheiten der Regierung nicht unter-, sondern beigeordnet ist. Außerdem findet heute noch alle Donnerstage, vormittags 11 Uhr, vor einem Kirchenportale in der Stadt Valencia eine Sitzung des Wassergerichtes statt, bei der Verstöße gegen das alte Wassergesetz verhandelt werden, und da dieses Gericht unumschränkte Gewalt hat, bestraft es die Schuldigen. Während so in der Huerta Weizen, Mais, Reis, Bohnen, Erdnüsse, Luzerne, Hanf, Flachs, Zwiebeln und allerlei Gemüse, Obstbäume aller Art, darunter vornehmlich Orangen und Granatäpfel, ferner Maulbeeren für die Seidenzucht üppig gedeihen, schaut überall das graue, kahle Schuttgeröll und Felsgestein wüstenhaft bleich auf die grüne Fläche der Huerta herab: es ist, als wäre alles Leben in einen großen See von den Bergen zusammengeflossen. Jene Wassergerichte, die die Huertabesitzer aus sich heraus wählen, wachen über den Wasserverbrauch, über die Rieselkanäle. Fleißig wird aller Dünger der Städte auf die Felder gefahren, ja auch ausländischer Dung, wie Guano, eingeführt. Wo die Flüsse in der Zeit versiegen, haben schon die Araber gewaltige Stauseen, pántanos, angelegt, indem sie große Talsperren bauten. Die Huerta von Murcia zum Beispiel verdankt ihre Fülle dem Segura, der 8 km oberhalb der Stadt von den Mauren in einer Felsenge abgedämmt wurde und nun in zahllosen Adern das Land befeuchtet. Ist schon diese Kultur in ihrer Art und Herkunft afrikanisch, so wird der landschaftliche Eindruck der Oase vollkommen, wenn wir die Huerta von Elche besuchen, die Dattelbau treibt. Um 11 Uhr vormittags steigen wir bei glühender Hitze in die verstaubt aussehende, mit fünf kräftigen Pferden bespannte Kutsche und – »hopp, hopp, hopp ging's fort in sausendem Galopp!« Die 22 km betragende Strecke von Alicante nach Elche ward in bloß zwei Stunden zurückgelegt, und in demselben Schritt ging's tags darauf bis Murcia, woselbst die Kutsche schon um 7 Uhr abends eintraf. Die Entfernung von Alicante bis Murcia beträgt aber in gerader Richtung 78 km und auf der sich vielfach schlängelnden und große Umwege machenden Straße gewiß 10 km mehr. Am meisten raste das Gefährt durch die Ortschaften hindurch, so daß der schwerfällige Wagen auf dem holperigen Pflaster, zumal wenn er scharf um die Ecke bog, oft hoch emporflog und man sich anhalten mußte, um nicht vom Sitze herabgeschleudert zu werden. Welcher Staub bei so tollem Fahren in jenem sonnendurchglühten, regenlosen Gebiete auf der Straße aufgewirbelt wird, kann man sich denken. Dazu der Höllenlärm, den nach spanischer Sitte der Mayoral und seine Genossen mit Peitschenknallen, Schreien und Fluchen und die Zugtiere mit ihren Glocken und Schellenbändern machen: es könnte einem Hören und Sehen vergehen! Alicante liegt, wie alle diese Küstenstädte Valencias, hart am Rande der dürren, salzigen Küstensteppe. Das Land ist keineswegs eine einförmige Ebene, sondern ein welliges Gelände, aus welchem gegen Norden und Westen abgesonderte Felsgebirge aufragen. Außer einigen Feigenbaumpflanzungen und Dattelpalmen bei den zerstreuten Caserios mit ihren platten Dächern sind nirgends Bäume zu erblicken, und kaum begreift man, wie in diesen kahlen, dürren Gefilden so viele Menschen leben können; denn jene Gegend ist verhältnismäßig stark bevölkert. Die Getreidefelder liegen in den Vertiefungen und werden durch Schöpfräder oder Norias bewässert. Die Weizenernte ist hier Ende Mai schon vorüber, die Felder waren daher entweder ganz kahl oder mit zusammengesetzten Getreidegarben bestreut, wobei ich erwähnen will, daß die dortigen Bauern das Getreide nicht schneiden, sondern mit der Wurzel ausreißen. Außer Weizen und Gerste wird hier viel Serradella (Ornithopus sativus), Safflor und Anis gebaut. Oft treten aber die öden, mit grauen Salzpflanzen bestreuten Steppengefilde bis dicht an die Straße heran. Je weiter wir uns von Alicante entfernten, desto afrikanischer wurde die Landschaft. Rechts und links von der Straße zeigten sich erst Palmengruppen, dann ganze Palmenhaine neben blendend weißen, mit wenigen Fensteröffnungen versehenen Caserios, auf deren plattem Dache sich oft ein halbkugeliger Backofen ganz wie bei den maurischen Häusern Marokkos erhob. Allmählich traten zwischen den Palmenhainen, die immer größer wurden, je mehr wir uns Elche näherten, und in denen blühende Granatbüsche den Boden sozusagen als Unterholz bedeckten, Getreide- und Luzernefelder, Oliven- und Johannisbrotpflanzungen auf. In geringer Entfernung zeigte sich nun vor uns eine weit ausgedehnte dichtstämmige Palmenmasse, in welche die Straße einbog – der berühmte Palmenwald von Elche , ein Stückchen Afrika in Europa, eine Datteloase. Wir konnten uns nicht satt sehen an den Tausenden von schlanken Stämmen mit ihren luftigen Kronen, deren lange, vom Winde leicht bewegte Federblätter durch Aneinanderschlagen ein eigentümliches, dem Säuseln der Luft in Nadel-, besonders Kiefernwäldern vergleichbares Geräusch hervorbrachten, sowie an den glänzend hellgrünen, mit scharlachroten Blumen übersäten Granatbüschen, welche auch hier überall in üppigster Fülle unter dem lichten Schatten der Palmenreihen wachsen. Endlich tauchte vor uns zwischen den auseinanderweichenden Palmenkronen die glänzend blaue, goldgerippte Azulejoskuppel So benannt nach den Azulejos, den buntfarbigen, glasierten Ziegeln. der Hauptkirche von Elche auf, und bald darauf rollte unser Wagen in die Stadt hinein, wo er vor der Posada de Tadeo, dem Haltepunkt der Reisekutschen, hielt. Wir blieben hier und erhielten in dem oberen Stockwerk des Hauses ein zwar höchst einfach ausgestattetes, aber reinliches und freundliches Zimmer, von dessen Balkonen aus wir zwischen den gegenüberstehenden Häusern hindurch in die Palmenhaine hinausschauen konnten. Die Wirtsleute waren, wie fast überall in der Provinz Valencia, sehr freundlich und zuvorkommend, die Bewirtung ganz vorzüglich, besser als in manchem Hotel der großen Städte und dabei verhältnismäßig billig. Wir waren daher in dieser Posada sehr wohl aufgehoben und bedauerten nur, nicht länger als einen Tag in Elche weilen zu können. Nachdem wir in dem kühlen »Comedor« (Speisezimmer) des unteren Stockwerks zu Mittag gegessen, wobei es zum Nachtisch außer Orangen, Mandeln und Rosinen frisch vom Baume gepflückte Datteln gab, wobei uns die in der kleidsamen Landestracht gehende Tochter des Hauses bediente, ein junges Mädchen von großer Schönheit und echt valencianischem Typus, mit griechischem Gesichtsschnitt, prachtvollen dunkeln Augen, üppigem blauschwarzen Haar und sehr heller Haut, machten wir einen Spaziergang durch die nächsten Palmenhaine und dann durch die Stadt selbst. Der Dattelpalmenwald der Huerta besteht aus größeren und kleineren viereckigen Gärten, welche von niedrigen Steinmauern oder von Rohrhecken umgeben sind. Jeder Garten ist wiederum in viereckige Beete geteilt. Jedes Beet pflegt mit reihenweise angeordneten Granatsträuchern oder Granatbäumen bepflanzt zu sein; selten sieht man einzelne Vierecke zum Futterbau, besonders für Luzerneklee, oder für Gemüse und Gartenfrüchte oder gar für Getreide, namentlich Hafer, benutzt. Diese Beete sind von Wegen umgeben und deren Ränder mit je einer Reihe von ziemlich eng gestellten Dattelpalmen bepflanzt, so daß jeder Garten viele sich rechtwinklig schneidende Palmenalleen enthält. Zugleich ist ein jeder längs seiner Umfriedigung mit einer Reihe Palmen gesäumt. Ältere und jüngere Palmen in den verschiedensten Größenabstufungen pflegen durcheinander gemengt zu sein. Junge Palmen haben die längsten und am üppigsten entwickelten, oft 3 m langen Blätter, daher die schönsten Blattkronen, aber auch verhältnismäßig dicke Stämme, weil sich dort die Stümpfe der abgebrochenen Blätter noch nicht abgestoßen haben. Die weiblichen Bäume als die Fruchtträger sind in großer Mehrzahl vorhanden und zeigen sich in allen Stufen der Entwicklung, mit kaum aufgeblühten, mit abgeblühten Kolben und halb- oder ganzreifen Früchten. Die Dattel reift in Spanien sehr langsam und scheint nicht von selbst abzufallen. Die halbreifen Früchte in ihrer goldgelben Färbung verleihen dem Baume ein reizendes Aussehen. Die Dattelpalme nimmt zwar mit dem magersten Boden vorlieb, beansprucht aber Wasser zu ihrem Gedeihen. Nach einem arabischen Sprichworte will sie ihre Füße in einem Wasserbade, ihr Haupt in einem Feuerbade haben. Die Palmengärten von Elche müssen daher künstlich bewässert werden und sind von einer sehr zusammengesetzten Anlage von Kanälen und Gräben durchschnitten, welche ihr Wasser aus zahllosen Brunnen und Norias, besonders aber aus dem bei Elche vorüberfließenden Rio Vinalapó erhalten. Durch ein riesiges Schleusenwerk wird der Fluß zu einem großen Teich aufgestaut, von wo aus die Kanäle ihr Wasser empfangen. Es ist der unter dem Namen pántano de Elche seit Jahrhunderten in ganz Spanien berühmte Teich, der wie die ganze Kanalisation der Huerta von den Mauren im 9. Jahrhundert angelegt wurde. Das Bett dieses Flusses ist den ganzen Sommer hindurch eine dürre, wasserlose Rambla, weil sein Wasser schon weit oberhalb der Stadt durch Kanäle abgezapft und in die Huerta geleitet wird. In den Gärten läuft längs jeder Palmenreihe eine mit Backsteinen ausgelegte Rinne hin, welche sich um jeden Stamm schüsselartig erweitert und das befruchtende Naß von Stamm zu Stamm leitet. Der Anbau der Dattelpalme erfordert daher viel Arbeit, große Aufmerksamkeit und ein nicht geringes Betriebsgeld. Von dem Fleiße der Bewohner der Huerta von Elche zeugt nicht nur das treffliche Gedeihen der Palmen, sondern auch die große Sauberkeit der Gärten und die Fruchtbarkeit des an sich kaum ertragreichen Bodens in den mit Granatbäumen und anderen Nutzpflanzen bedeckten Vierecken, welche alljährlich gedüngt werden müssen, um die erwünschten Ernten hervorzubringen. Der mergelig sandige Boden ist nämlich durchgehends ein salzhaltiger, echter Steppenboden, wie nicht allein das salzig schmeckende Wasser der Gräben, sondern auch die Unkräuter der Palmenhaine beweisen. Außerhalb der Huerta sieht man daher auch wüstliegende, bald mit Steppenkräutern bedeckte, bald fast alles Pflanzengrüns bare Gefilde. Der Palmenwald von Elche, der etwa 100 000 Stämme enthalten mag, gleicht daher ganz einer afrikanischen Wüstenoase. In jedem Palmengarten steht ein Haus, in welchem der Besitzer oder Pächter wohnt, in großen Gärten wohl auch ein stattliches, von Orangebüschen und Blumenbeeten umgebenes Landhaus. Der Baustil dieser Häuser, welche wie die Häuser der Stadt alle weiß getüncht und mit Azoteas (flachen Dächern) versehen sind, stimmt vortrefflich zu dem afrikanischen Aussehen ihrer Umgebung. Außer diesen einzelnen Gartenhäusern gibt es auch größere Häusergruppen innerhalb der weit gedehnten Huerta, im ganzen 33 Ortschaften, welche von etwa 10 000 Menschen bewohnt sind, deren Haupterwerbszweig der Anbau der Dattelpalme und des Granatbaumes ist. Die Bewohner der Huerta sind, soweit wir sie auf unserem Spaziergange kennen lernten, freundlich und gefällig und scheinen es gern zu sehen, wenn Fremde ihre Gärten besuchen und ihre Häuser und Palmen abzeichnen. Sie unterscheiden sich in ihrer Beziehung vorteilhaft von den mißtrauisch blickenden, verschlossenen und verschmitzten Bewohnern der Huerta von Valencia. Alle Süd-Valencianer und Murcianer haben eine sehr dunkle Hautfarbe, so daß sie, falls sie einen Turban trügen, sehr gut für Mauren gelten könnten. Elche ist eine große, wohlhabende Stadt von über 10 000 Einwohnern mit breiten Hauptstraßen und gut gebauten Häusern. Der Handel mit den Datteln und den gebleichten Dattelwedeln ernährt die Leute. Zu einer gewissen Zeit des Jahres werden die Dattelkronen mit Matten dicht umhüllt, um für das katholische Ostern elfenbeinweiße »echte« Palmenwedel zu erzielen. Nach spanischer Sitte sind die Häuser mit Balkonreihen versehen. Unter den Kirchen ist die der Himmelfahrt der Jungfrau gewidmete Kollegiat- oder Hauptkirche ein schöner großer, von einer gewaltigen Kuppel und einem weithin sichtbaren Glockenturm überragter Bau. Der Grundriß bildet ein Kreuz, über dessen Mitte sich jene oben erwähnte Kuppel wölbt, die mit glänzend blauen, an ihren acht vorragenden Rippen mit goldgelben Azulejos gedeckt ist, jenen glasierten, bunten Tonziegeln, welche in Südspanien, besonders in Valencia, in eigenen Fabriken verfertigt und außer zu Schmuckdächern zum Auslegen der Zimmerböden benutzt werden. Dergleichen Azulejoskuppeln sind nirgends so häufig wie im Königreiche Valencia; sie sind zwischen Palmenwipfeln eine charakteristische Zierde der Landschaft.