Albrecht von Haller Alfred König der Angel-Sachsen Mit allergnädigsten Röm. Kaiserl. Churfürstl. Sächsischer und der löbl. Schweiz. Eydgenoss. Freyheiten. Göttingen und Bern 1773. bey Abraham Vandenhöks seel. Witwe und Emanuel Haller. Dem Allerdurchlauchtigsten und Großmächtigsten Herrn, Herrn Georg dem Dritten, Könige von Großbritannien, Frankreich und Irland, des Heil. Römischen Reichs Erz-Schazmeistern und Churfürsten Daß ein Monarch auf dem schönsten Thron der Welt sizt, der in ununterbrochener Reyhe das Blut der Plantageneten, der Normänner und der Angel-Sachsen vereinigt, der zu Seinen Ahnherren den Alfred, den Kerdik, und fast jenseits der Geschichte den Wodan zählet, den wegen seiner großen Thaten vergötterten Wodan, sind allerdings auch unter den höchsten Häuptern der Welt seltene Vorzüge. Daß aber dieser Enkel Alfreds, wie sein großer Urahnherr, Gott und die Tugend über alles liebt, daß Er Sein einziges Vergnügen in Wohlthaten suchet, daß Er die Triebe der Rache niemahls in Seinem Herzen hat keimen lassen, daß Er die schimmernden Triumphe Seiner Siege willig dem Seinem Volke heilsamern Frieden aufopfert, daß Er die Wissenschaften kent, und liebet, und die Künste beschüzt und aufmuntert, daß Er die strengsten Geseze der Gerechtigkeit, die Richtschnur Seiner Thaten seyn läßt, daß Er als König, als Gemahl, als Sohn, als Vater, in der Erfüllung dieser erhabenen Pflichten gleich groß ist, dieses sind unschäzbare Vorzüge, die Ihm eigen sind, die Ihn unter allen Monarchen, als den würdigsten Gegenstand der Liebe und der Verehrung auszeichnen. Möge doch diese für Millionen von Menschen segenreiche Aehnlichkeit Georgen des Dritten mit dem großen Alfred auch für den jezigen Beherrscher von Großbritannien eben die glorreichen Früchte tragen, die Alfreds Tugenden in seinen spätern Jahren belohnt haben! Mögen doch Seine glüklichen Völker den gütigen, den gerechten, den tadellosen Beherrscher würdig verehren, den ihnen die gnädige Vorsicht geschenkt hat! Möge doch die algemeine Ruhe, der Flor aller Theile Seiner Staaten, die Aufnahm aller nüzlichen Beschäftigungen, und die Verbesserung der Sitten, Seinem Alter zur verdienten Belohnung gereichen! Mögen endlich Seine Enkel, wie der Enkel des weisen und großmüthigen Alfreds, nach Tausenden von Jahren mit zunehmendem Glanze auf dem Britischen Throne sizen, und wie Georg der Dritte , zu ihrer Unterthanen Glüke groß, und zum Beyspiel aller Fürsten tugendhaft seyn! Vorrede Es wäre nun zu späte verschweigen zu wollen, daß beym Usong mein Zwek gewesen ist, einen Versuch zu machen, ob eine despotische Regierung nicht erträglicher werden könte, wann der Fürst ein solches Gleichgewicht in den verschiedenen Zweigen der Staatsverwaltung einführte, daß durch seine Diener niemand leicht vergewältigt, und der Wahrheit zum Throne der Zugang offen gehalten werden könte. Den Sitz dieser despotischen Herrschaft habe ich am liebsten in den Morgenländern genommen, wo sie von den ersten Zeiten her allein bekant gewesen ist. Und man muß alle die Einschränkungen der despotischen Macht, als in Persien geschehen, betrachten, sie mögen denn, wie die meisten, aus der chinesischen Staatsverfassung, oder aus einer andern Quelle hergenommen seyn. Auf eine Europäische despotische Regierung muß man sie nicht anwenden: die kan durch Landstände, durch Parlemente und durch andre Mittel gemildert werden, die in den Morgenländern nicht möglich sind. Das wenige Gedichtete hat wohl zur deutlichen Absicht, einige Leser anzuloken, die ein bloß ernsthaftes Buch niemahls in die Hände genommen hätten. Diesesmahl habe ich die gemäßigte Monarchie beschrieben, und dasjenige was völlig wahr ist, von demjenigen abgesondert, was ich geglaubt habe, zur Erhaltung meiner Absicht hinzufügen zu sollen. Im vierten Buch ist die heutige Staatsverfassung von Engelland mit wenigen Aenderungen beschrieben, die doch auch ihren Grund in der Geschichte haben; denn ehemals waren sowohl die jährlichen Einkünfte eines Wählenden, als eines Wahlfähigen bestimt, obwohl in späteren Zeiten auf beydes nicht mehr gesehen wird. Das fünfte Buch ist in soweit historisch, daß bloß Othars Reise auf die Küste von Ost-Grönland und des kleinen Spizbergen zu seyenden würklichen Reisen dieses Normannes hinzugekommen ist. Aber beyde Beschreibungen sind würklich wahr, ob ich sie wohl nicht aus Othars Nachrichten habe. Das sechste Buch hat eben die Absicht, wie die Liebe der Liosua im Usong. Die Geschichte Alfreds habe ich hauptsächlich aus Johann Spelmans des jüngeren Alfredi magni Anglorum regis vita hergenommen, die zu Oxford, Anno 1678, in Folio gedrukt ist. Dabey habe ich des würdigen Lord Littletons Leben Heinrichs II, und des Humes sehr abgekürzte Geschichte gebraucht, und was mir sonst von der englischen Historie bekant war, hin und wieder beygefügt. Ich bin gesinnet, unter dem Titel Fabius und Kato, auch die Republik zu behandlen. Dieses lezte Werk wird aber bloß historisch seyn, und die Geschichte selbst ist mir interessant genug vorgekommen, daß sie keiner erdichteten Zierahten nöhtig habe. Meine Ansicht wird erreicht seyn, wenn es mir geriehte, das geringste beyzutragen, daß die Mächtigen in jeder Art der Regierungsform zur Tugend und zur Beförderung des allgemeinen Besten sich aufmuntern liessen. Das erste Buch. Der mächtige Egbert herrschte nicht mehr. Edelwolf sein Sohn erbte sein Reich, aber nicht seinen Geist, noch seinen Muht. Edelwald der Sohn Edelwolfs drung ihm die Hälfte des Reiches ab, und besaß eine kurze Zeit den verledigten Thron. Unter ihm fiengen Engellands Unglüke an. Seine Einwohner waren nicht mehr die alten kriegerischen Sachsen, unter einem mildern Himmel hatten ihre Sitten sich erweicht. Die Verachtung des Todes, und der Durst nach Siegen und Eroberungen war durch die Obermacht der Priester verdrungen worden: Man sah die Könige die Altäre der verherrlichten Mönche flehend besuchen. Sie erbaten von einem Priester einen Sieg, den ihre Ahnen von ihrem Schwerdte hofften: schon besuchten sie Rom, als die Quelle des Heiles, schon unterwarfen sie ihre Reiche einer Steuer, für welche sie den Schuz des algemeinen Bischofs erkauften. Friedlich wünschten sie die Früchte eines Landes zu geniessen, das ihre Vorfahren durch ihr Blut für sie erworben hatten, und die Kriege waren bey den Angelsachsen eine Pflicht, die die Nothwendigkeit erzwang, und nicht mehr das beliebte Geschäft des Muhtes. Weiter nach Norden, im harten Scandinavien, hatte sich die alte Rauhigkeit der Sitten erhalten. Ein Volk, das ohne Wunden zu sterben sich fürchtete, das in der Ewigkeit selber die Belohnung seines Muhtes erwartete, und des Odin's Gunst bloß mit seinem vergossenen Blute zu erkauffen hoffete, bewohnte damahls diese entfernten Gegenden, wohin die Römer niemahls ihre Künste, noch ihre erweichenden Sitten hingebracht hatten. Diese Völker sahen die friedlichen Einwohner des Südlichen Europa als eine Beute an, die von der Natur für sie geschaffen wäre, wie für den Sperber die Taube geschaffen sey. Die Normänner, so hieß man weiter nach Süden die Bewohner der Seeküsten des weiten Scandinaviens, durchstreifften auf leichten Schiffen alle Seen, sie stiegen in den Flüssen ans Land, überfielen die wehrlosen Dörfer, und die unbefestigten Städte, raubten die Reichthümer der Einwohner, und fanden ein wildes Vergnügen am Zerstören, und an der Ermordung der Ueberwundenen. Sie kannten neben der Tapferkeit keine andere Tugend. Die Bescheidenheit friedlicher Geistlichen war für sie eine niederträchtige Verabsäumung der einzigen Pflicht, die Männern zum Ruhm gereichen konte: die Wissenschafften verachteten sie, wie sie den Spinnroken verachteten, und sahen sie als Geschäffte feiger Gemüther an: Wann sie eine Gegend verheert hatten, wann alles um ihr Lager rauchte, und die Früchte des Fleisses unschuldiger Landleute verzehrt waren, so traten sie wieder in ihre Schiffe, und suchten andre Gegenden, die ihre nach Blut durstenden Schwerdter und die zerstörenden Fakeln ihrer Wuth noch nicht erfahren hatten. So trugen die Wilden Todt und Unglük mit sich durch die Welt, und das Land, das sie betraten, war ein Opfer des Unglüks. Müde von Morden, beladen mit der Beute der Arbeitsamen, fuhren sie endlich in ihre Häfen zurük, sangen ihre Siege den Schönen ihres Landes vor, und genoßen die algemeine Verehrung ihrer Bürger. Oft raubte ein Haupt der Barbaren eine Schöne, und brachte sie in seine rauhe Burg, wo keine Thränen ihre Unschuld retten konten, und wo ihr keine Hofnung blieb, jemahls den mildern Himmel ihres Vaterlandes wieder zu sehen, noch die angenehme Stimme ihrer Eltern zu hören. Im Stahl groß geworden, in den Gefechten erzogen, kennten die Kämpfer keine Künste, als die verheerende Kunst des Krieges. Sie scheuten keine Wunden, sie sahen den Todt, als den Weg zu den Pallästen der Götter an. Sie achteten niemahls auf die Anzahl ihrer Feinde, einzeln fielen sie in ganze Heere, und mit nagenden Schlangen in seinem Busen sang Ragnar unerschüttert sein Sterblied. Diesen Muht unterstüzten die Kräfte, die mit der Uebung wachsen, und die volkommenste Kenntnüß des Gebrauches der Waffen. Sie waren allen Europäischen Völkern durch die Verachtung des Todes überlegen; bey ihrer Ankunft verbreitete sich der Schrecken über ganze Reiche. Die hofnungslosen Einwohner verließen ihre Feuerheerde, und flohen in die gemaureten Städte, wo Wälle und Thürme doch eine Zeitlang die Barbaren aufhielten, denen es am Werkzeuge mangelte die Befestigungen niederzuwerfen. Die schwachen Karlovingen konten der brausenden Flut der Normänner nicht wiederstehen. Oft erkauften sie um Silber einen unzuverläßigen Frieden. Die Scandinavier kanten keinen Herrscher, jeder einer Schaar focht und raubte für sich allein; der mit dem Lösegeld des erschroknen Landes beladene Haufen gieng zurük, aber ein andrer folgte, mit gleichem Grimm, und nahm den Elenden das Leben, das sie von der vorigen Schaar erkauft hatten. Wiederstand und Unterwerfung waren gleich gefährlich: jenes war für ungeübte Völker ein unvermeidlicher Untergang, diese verschob das Verderben für wenige Wochen. Es war unter Edelberten, dem Bruder Edelwalds, daß Hubba und Jngwar, die Söhne Ragnar Lodbrogs, in Engelland eindrangen, sie überfallen York eine weitläuftige Stadt: die Fürsten des Landes näherten sich mit einer übel bewafneten Menge: aber die streitbaren Scandinavier schlugen die erweichten Sachsen ohne Mühe, sie erlegten einen Theil des Adels, und luden den Ueberwundenen harte Bedinge und schimpfliche Steuren auf. Sie griffen bald auch den östlichen Theil der Insel an. Edmund, der Fürst der Ost-Sachsen, wurde gleichfals geschlagen und gefangen; die Wilden ermordeten ihn, und überschwemmten ganz Engelland mit ihren blutigen Waffen. Ein neues Heer befestigte sich zu Reading unweit dem noch mäßigen London. Edelred, der König der Angel-Sachsen, der Bruder und Nachfolger Edelwalds grif die verschanzten Normänner mit mehrerm Muhte als Glüke an, und wurde mit großem Verluste zurükgetrieben. Zu Ashdown, in der Nähe von Reading stiesen die beyden Heere nochmahls auf einander. Die Angel-Sachsen waren in zwey Lager vertheilt. Das eine führte der König an, das andre stund unter seinem noch jungen Bruder, dem muntern Alfred, der seine erste Waffen gegen die Feinde seines Vaterlandes trug. Alfred, der Liebling seines Vaters Edelwulfs, und der jüngste seiner Söhne, hatte von der Natur Gaben empfangen, die fast niemahls bey einem Menschen zusammen eintreffen. Eine angenehme Bildung, und ein einnehmendes Wesen gewann die Herzen für ihn. Er war von seinem Vater nach Rom geschikt worden, dem Size der wenigen Wissenschaften, die die zerstörenden Siege der Nordischen Völker in Europa übrig gelassen hatten. Der junge Fürst wurde in diesen in Engelland fast vergessenen Künsten unterrichtet, ihm wurden so gar geistliche Würden mitgetheilt: aber Leo IV. der Bischof zu Rom, hatte eine Ahndung der künftigen Grösse des edlen Knaben: er salbete ihn zum Könige, obwohl drey ältere Brüder zwischen ihm und dem Throne waren. In Engelland wurde er zu den Uebungen erzogen, die man einzig für adelich ansah; er lernte jagen, er wurde im Gebrauche des Falken unterrichtet, man gewöhnte ihn, die Unbequemlichkeiten eines arbeitsamen Lebens, den Hunger, die Hize, die Müdigkeit zu ertragen. Er war achtzehnjährig, da ihn sein Bruder Edelred für fähig hielt, ein Heer anzuführen: er kennte doch den innern Adel des blühenden Alfreds nicht, und glaubte Versprechungen zu bedürfen, in der Gefahr, die Engelland so unwiederstehlich zu bedrohen schien, den Jüngling zu grossen Thaten aufzumuntern: er versprach ihm die Hälfte des Landes, das er bezwingen würde. Edelred war gegen den edeln Alfred ungerecht gewesen, er hinterhielt ihm so wohl das von ihrem Vater ihm zugedachte Antheil des Reiches, als was er selbst seinem Bruder versprochen hatte. Dennoch zog Alfred die Liebe des Vaterlandes allen Empfindungen des erlittenen Unrechts vor, und diente seinem unbilligen Bruder in den gefährlichsten Heerzügen. Alfred fühlte höhere Triebe zur Tugend: Die Begierde sein Vaterland zu retten, entzündete seinen Muth. Die Normänner rükten in das Feld gegen ihn heraus, sie zwangen den schwächern Alfred, mit seinen unerfahrnen Völkern, zur Schlacht. Edelred betete in seinem Zelte; keine Bitte seiner Angelsachsen, auch nicht das kriegerische Geräusche der auffordernden Trompeten konte ihn bewegen, die Gebräuche abzubrechen, ohne die er den göttlichen Beystand zu erhalten nicht hoffen durfte. Dieweil er zögerte, mußte Alfred sich der Gefahr einer Schlacht unterziehn, er rükte in einer offenen Fläche gegen die stärkern, gegen die gefürchtete Normänner an. Seine Tapferkeit, sein Beispiel flammte die unentschlossensten zur standhaftesten Gegenwehre an. Ihre Bogen aus Eibenholz, wovon sie eiserne Pfeile abschossen, und die noch etliche Jahrhunderte hernach den Engelländern ein Uebergewichte gegen die streitbarsten Ritter von Europa gegeben haben, erhielten lange die Schlacht in einem Gleichgewichte; sie erlegten eine Menge der halbnakt fechtenden Normänner, deren Waffen nur in der Nähe schaden konten. Aber die tapfern Nordländer wichen nicht, die Rache entzündete ihren Muht, sie drangen in die Sachsen, deren Geschoß in der Nähe unnüz wurde, und brachten sie zum Weichen; doch zerstreuteten sie sich nicht. Der Anblick und das Beyspiel ihres jungen Helden hielt sie bey den Fahnen. Sie waren aber durch die Uebermacht der Feinde umringt, und die Verzweifelung vertrat nunmehro die Stelle des Muhtes, da endlich Edelred anrükte. Zu lang hatte er seiner Frömmigkeit eine Zeit geschenkt, die zur Rettung seines Volks nicht entbehrt werden konte. Sein Heer, das nichts gelitten hatte, sah den Untergang seiner Brüder ganz nah, es that zu Ihrer Rettung mehr als der König hoffen konte. Ein Theil begegnete standhaft dem einen Flügel der Normänner, ein andrer fiel den fechtenden Feinden in die Seite; zwischen den beyden Haufen der Sachsen eingeschlossen, wurden sie zum Schlachtopfer der Rache Alfreds. Der Flügel, der noch stund, sah den Verlust des andern und wich. Die Sieger verfolgten die Normänner durch die ganze Gegend, bis daß die Nacht die überbliebenen schirmete. Ganze Tausende fielen zerstreut auf dem Gefilde, und die Erde trank mit Begierde das Blut ihrer grimmigen Feinde. Aber der Nord war zu fruchtbar an streifenden Schaaren, und der Muht seiner Einwohner zu groß, als daß eine Niederlage sie hätte von der gewohnten Beute abschrecken können, die sie so oft in Engelland gefunden hatten. Nach wenigen Wochen war ihr Heer durch eine Menge von Schiffen aus Scandinavien verstärkt, und rükte gegen die beyden sächsischen Fürsten an. Es kam bey Marden in der Grafschaft Wilts zur Schlacht, in welcher Edelred verwundet, und die Sachsen zur Flucht gebracht wurden. Die mehrere Uebung im Kriege, und die eingewurzelte Verachtung des Todes, gab den Normännern ein Uebergewicht, dem Alfreds Tapferkeit zu wiederstehen unvermögend war. Edelred starb an seiner Wunde, und ließ das Reich in einem Zustande, der alle Wünsche zum Throne niederschlagen muste. Die siegreichen Normänner stunden im Herzen des Landes, die Sachsen waren durch wiederholte Niederlagen erschöpft, und mehr noch als die verminderte Zahl ihrer Krieger, muste ihnen die Hofnungslosigkeit schaden, die auf die alzuoft erfahrne Ueberlegenheit ihrer Feinde gegründet war. Ein König dieses in die gröste Gefahr gesezten Volkes sah nichts vor sich, als zweifelhafte Schlachten, und vermuhtliche Niederlagen, als Erniedrigung und Wunden. Alfred war jung, aber sein gesezter Sinn ließ schon in den feurigsten Jahren den Begierden keine Wallung zu. Er war neben einem Kinde das einzige Ueberbleibsel des edlen Geblütes, das von dem vergötterten Wodan auf den siegreichen Egbert ununterbrochen die Fürsten der Sachsen belebt hatte. Ihm hatte Edelred schon die Thronfolge zugesagt, dieweil er ihm die Güter vorenthielt, die Alfreds Erbtheil hätten seyn sollen. Alfred hatte für sein Volk gefochten, und gesiegt, und auch bey den Niederlagen war sein Muht und seine Klugheit ohne Tadel geblieben. Alle Sachsen wandten ihre Augen auf ihn, sie hoften einzig von seinen Tugenden die Errettung von dem in der Nähe drohenden Untergang. Lange verweigerte der weise Jüngling dem dringenden Adel, und der flehenden Priesterschaft, seine Einwilligung: ungerne gab er ihrer Bitte nach, und ließ sich zu Winchester auf einen Thron heben, der von den siegenden Barbarn schon so oft war erschüttert worden. Noch war kein Monat verflossen, da er schon bey Wilton eine Hauptschlacht zu liefern genöthiget wurde. Lieber hätte der Weise sein Volk zuerst durch kleine Treffen geübt, und sie gewöhnt, die grimmigen Antlize der Normänner unerschrocken anzusehen. Aber die Mördereyen der Barbaren, und die durch das Innerste des Landes ausgebreiteten Feuer, zwangen ihn, dem ungewissen Zufalle sich zu unterwerfen, und mit geringen Kräften den Feinden entgegen zu stehn. Lange, biß die Sonne am Mittag stunde, fochten die Sachsen mit gleichem Glüke gegen die Normänner. Die guten Anstalten des Königs schienen endlich den Sieg ihm in die Hände zu liefern, die Normänner wichen, sie flohen nicht, aber sie zogen sich doch zurük. Die Sachsen drangen ihnen unbehutsam nach. Viele verstreueten sich aus Begierde zur Beute, sie hatten den Feind bis an eine Anhöhe getrieben, von welcher er die dünnen Schaaren der Sachsen übersehen konte. Die tapferen Normänner behielten auch in den Niederlagen ihren Muht: sie eilten zurük, fielen auf die alzusehr des Sieges versicherten Sachsen, und rangen ihnen die Ehre des Tages aus den Händen. Die Nacht entzog die Weichenden dem Schwerdte der Normänner, nur wenige fielen, aber der Sieg war verlohren, und der Muht des Volkes aufs neue niedergeschlagen. Dennoch hatten die Normänner den Sieg mit so vielem Blute erkauft, und Alfreds kriegerische Fähigkeit hatte so viele Ehrfurcht bey ihnen erwekt, daß sie einen Vergleich mit ihm schlossen, West-Sachsen verliessen, und ihre Waffen gegen andere Theile der Insel wandten, in welchen Gurrhed, der Fürst von Middleser, herrschte. Sie verwüsteten seine Länder, lieferten ihm verschiedene Treffen, und zwangen nach seinem Tode sein Reich unter ihre Gewalt. Ost-Sachsen und Northumberland lag in seinem Schutte, und die wenigen haltbarn Oerter waren mit Scandinaviern besezt. Gormund und Amund fielen bald mit neuen Schaaren aus dem unerschöpflichen Norden den wachsamen Alfred an, der einzig noch die Freyheit der West-Sachsen behauptete. Dennoch brachte der weise König die Normänner dahin, daß sie aus seinem Lande abzogen, und gegen ihre Götter sich mit einem Eide verpflichteten, Alfreds Lande zu verlaßen. Aber die Meineidigen überfielen bald hernach die königlichen Stuttereyen, versahen sich mit Pferden, und erstiegen Excester. Der König stellte seinen ermüdeten und hofnungslosen Sachsen vor, da kein Frieden und kein Eid die Barbaren zu binden vermöchte, so sey ihre einzige Zuflucht bey ihnen selber, und bey dem Muhte des Volkes. Da ihnen keine andere Rettung übrig bliebe, so müßte ihre Verzweiflung selbst ihre Arme stärken, und es wäre rühmlicher mit dem Scherdte in der Hand zu sterben, als sich wie flüchtiges Gewild von den Räubern ohne Gegenwehre morden zu lassen. Aufgemuntert griffen die Sachsen zu den Waffen, und wiedersezten sich den Normännern. Siebenmahl in einem Jahre schlug sich Alfred mit diesen Räubern. Das edelste Blut der Sachsen floß freylich im Felde stromsweise, aber auch die Normänner verlohren die Hälfte ihrer Schaaren, und giengen endlich die ehmaligen Bedinge ein, West-Sachsen zu verlassen, und niemals neue Haufen aus dem Norden in Alfreds Reich zu bringen. Der sieghafte Rollo, der Stammvater der Normannischen Könige, für die Alfreds Thron von der Vorsehung aufbehalten war, blieb diesem Vertrage getreu: er verließ Engelland, und trug seine Waffen in Neustrien, das er zu seinem Eigenthum machte, und wo seine Enkel mit Ruhm und Ansehen herrscheten. Alfreds Einsichten entgieng nichts, umsonst würde er den Normännern Vergleiche abdringen, so lange ihnen das Meer offen bliebe. Ihre wilde Haabsucht, und ihre nach Blut dürstende Ruhmbegierde ließ ihnen nicht zu, Künste zu üben, ihr Leben wurde ihnen zur Last, so bald sie das Geräusch der Waffen und die Hoffnung des nahen Sieges nicht aufwekte. Alfred sah weiter als die vorigen Könige der Sachsen: Engelland hatte keinen Feind zu fürchten, als den der durch die See es anfallen würde. Es ließ in allen seinen Häfen Schiffe bauen, er nahm unter den Fischern willige und geübte Seeleute in seinen Sold, er besezte seine Geschwader mit Kriegern, und vertheilte sie um die Mündungen der Flüsse, wo die Scandinavier sich auszuschiffen gewohnt waren. Die Sachsen kamen frisch und wohl gerüstet aus ihren Häfen, wann die Räuber aus dem entfernten Scandinavien, durch weite Meere ermüdet und geschwächt, die Küste von Engelland zu erreichen suchten. Schon jezt waren die ungeübten Sachsen ihnen überlegen, sie schlugen zwey große Heere Normännischer Schiffe, sie versenkten die meisten, und die übrigen flohen nach ihrem Norden zurük. Alfred eilte zu Land nach Excester, umringte die Normänner, die sich beritten gemacht hatten, und zwang sie Geisel zu geben, und aus ganz West-Sachsen zu weichen. Wenige unter den Normännern blieben ihrem Versprechen getreu. Die gröste Anzahl fand keinen Unterhalt als bloß im Raube; sie überschwemmten aufs neue Alfreds Länder, sie bemächtigten sich durch einen plözlichen Ueberfall Chippenhams, der zuverläßigsten Burg der bedrängten Sachsen, sie trugen verzehrendes Feuer und blutige Schwerdter in alle Winkel des Reiches. Durch lange Kriege, durch öftere Niederlagen ermüdet, selbst durch die Siege geschwächt, verlohren endlich die Sachsen alle Hofnung zu ihrer Erhaltung: sie zerstreuten sich in die Wälder, in die Wildungen, in das noch unberührte Wallis, und suchten selbst unter ihren ehmaligen Feinden eine Sicherheit, die kein Wiederstand ihnen verschaffen konte. Die Unbewafneten bogen den Naken unter das Joch, und unterwarfen sich muhtlos ihren Unterdrükern. Alfred war von seinem Volke verlassen, er sah keine Möglichkeit die Zerstreuten zu versamlen, oder die Erschroknen aufzurichten, ihm blieb nichts übrig, als sich selber zu retten, da mit ihm alle Hofnung verlohren gegangen wäre jemahls dem Sächsischen Reiche aufzuhelfen. Er legte den königlichen Schmuk ab, verhüllte sich in die schlechte Kleidung eines Taglöhners, schwärzte sein blühendes Angesicht mit dem Safte einiger Früchte, und nahm seine Zuflucht zu einem alten Hirten, der schon bey den Heerden der Vorfahren des Königes gestanden war. Der Getreue verheelte die Würde seines Herrn selbst seiner Frau, die dem unbekannten Monarchen mit einer ungeziemenden Grobheit begegnete, in welcher Alfred seine Sicherheit fand. Ein ganzes Jahr hielt sich der junge König verborgen, aber seine thätige Seele war auch unter diesem Druke nicht müßig. Die Normänner hatten ein zerstreutes Lager in der sumpfigten Gegend von Athelney, zwischen zwey Flüssen, in der Grafschaft Sommerset: sie hielten sich in diesen Erlenbüschen zwischen tiefen Möhren für gesichert, und thaten von dieser ungekünstelten Festung ihre Streifzüge in das unglükliche West-Sachsen: in eben dieser unzugänglichen Wüste bergten sie ihren Raub, und die Reichthümer des gequälten Engellands. Oft fiel Alfred mit wenigen Sachsen, oder mit gewafneten Hirten in das Dänische Lager, er erschlug einzelne Schaaren von Räubern, und spielte der künftigen Rache vor, die er den Barbaren zudachte. Oft nahm er ihnen das geraubte Vieh ab, und theilte die Beute unter den Willigen, die ihm halfen die Feinde des Vaterlandes beschädigen. Der einzige, der verlassene König war für die Normänner ein ganzes Heer, das Hunderte von ihnen niederschlug, und doch unsichtbar blieb. Die vielen kleinen Siege breiteten den kühnen Hirten-Nahmen aus, und Wulf wurde ein gefürchteter Nahme. Alfred erwartete mit Gram und Ungeduld die Zeit, sein Volk von der Unterdrükung zu retten, unter welcher es schmachtete. Sein getreuer Wirth war arm, die streifenden Dänen hatten auch ihm das Vieh geraubt, Alfred aß mit ihm ein sparsames Brodt, und auch dieses wurde ihm durch allerley Zufälle zuweilen entzogen. Ein einziger Laib war der Vorraht des Königes und seines Ernährers, er war allein, da ein elender Wandersmann vor die Hütte kam, ich verschmachte vor Hunger, sagte der Fremdling. Alfreds Herz war nicht hart genug, diesem Anblike zu wiederstehn, er theilte mit dem Unglüklichen seinen einzigen Vorraht, und übergab sich demjenigen, sagte der junge Fürst, der die Raaben nährte. Er entschlief in seiner Einsamkeit, und die Geschichte sagt, in dem sanften Schlummer, den die Tugend allein schläft, sey ihm ein höheres Wesen erschienen. Dein Unglük ist zu Ende, König der Sachsen, dein Thron ist für dich offen, sey im Glüke was du im Elende gewesen bist: Diese Worte hörte Alfred, und nach wenigen Stunden wachte mit der Morgenröhte seine Hofnung auf. Der Hirte war im Fischen glüklich gewesen, die Hirten hatten ein verirrtes Schaaf, eines ihrer wenigen wieder gefunden. Aber eine wichtigere Zeitung rief ihn zu großen Unternehmungen. Odun, der Graf von Devon, hatte sich in das Schloß Kinwith verschlossen, eine große Zahl zerstreuter Sachsen hatte sich unter seine Fahnen versamlet. Hubba und Jngwar kamen eben mit Beute beladen aus Wallis zurük, wohin sie die flüchtigen Sachsen verfolgt hatten. Sie hoften Kinwith leicht zu bezwingen, worinn für die Menge der Belagerten kein genugsamer Vorraht war: sie umringten das Schloß, und schnitten den Belagerten das Wasser ab. Alfreds Blut wallte bey der nahen Noht seines Volkes. Er verließ das einsame Athelney, und begab sich in das Lager der Normänner, als ein Spielmann verkleidet, er sang zu Laute alte Kämpfer-Lieder, und die Normänner höreten ihm begierig zu, sie führten ihn selbst zum Zelte ihrer Heerführer. Der König blieb zwey Tage im Lager der Feinde. Er machte sich die ganze Stellung ihres Heeres bekannt, er sah die Sorglosigkeit der Normänner, und ihre Verachtung der so oft überwundenen Sachsen. Durch getreue Boten rief er aus den Grafschaften Wilts, Hants und Sommerset seine zerstreuten Sachsen zusammen; er versamlete sich im Forste Sellwood, und zu Egbrichtstone traten sie unter die Fahnen. Er zeigte sich ihnen in den königlichen Kleidern und in allem dem Glanze eines Siegers, der sie mit voller Hoffnung gegen den Feind anführen würde. Er hielt zu ihnen eine Rede, wodurch er sie zum muhtigen Angrif aufmunterte. Vor euch liegt, sagte der König, die Wahl, euch von den Barbaren morden zu lassen. Wolt ihr eure Weiber ihnen zur Beute, eure Kinder zu Sclaven, euer Vaterland unter das härteste aller Joche übergeben: oder wolt ihr durch die Gefahr eines Tages das Vaterland, eure Kinder, eure Weiber, euch selber befreyen? Fürchtet den kriegerischen Muht und die Uebung der Feinde nicht, ich habe sie gesehen, bey nahem gesehen, sie sind zum Streit nicht gefaßt, sie erwarten keinen Feind, sie sind zur Niederlage zubereitet, euer Schwerdt wird in ihrem Busen sein, eh die Sorglosen erwachen. Das ganze Heer der Sachsen stieß die Schilde zusammen, und ein algemeiner Ruf drang biß an den Himmel. Alfred ließ dieses Feuer nicht erkalten, er rükte die ganze Nacht gegen die Normänner, und beym ungewissen Lichte des anbrechenden Tages, da die Feuer der Feinde eingegangen, und die meisten im Schlafe versenkt lagen, drang er in ihr unverwahrtes Lager. Zugleich fiel Odun Spelman erzählt anstatt dieser Schlacht zwey Treffen, in deren ersterem Odun allein gesieget, und die Hauptfahne der Normänner erobert, in dem andern aber Alfred die Reuter aufs Haupt geschlagen, und bald darauf zur Uebergabe gezwungen habe. aus der Burg mit seiner Besazung aus, die durch den Mangel, und durch die Verzweifelung selber, zur Verachtung des Todes angeflammt wurde. Die streibaren Normänner wurden fast ohne Widerstand erschlagen; der gestikte Raabe, die Hauptfahne der Scandinavier, die Arbeit der Schwestern des Hubba, an deren Zauberkunst nach der Normänner Aberglauben der Sieg hieng, gerieht in Alfreds Hände. Wenige entronnen auf ihre Schiffe, ein größerer Theil des geschlagenen Heeres fand eine feste Lage, die aber seinen Untergang nur auf wenige Tage entfernte. Alfred umgab die Flüchtigen mit seinem sieghaften Lager, in der zweyten Woche zwang der Mangel und die Kälte die muhtlosen Fremdlinge sich dem Könige zu ergeben, und in dessen Mitleiden sie noch einige Hofnung sezten. Vergnügt mit der Demühtigung der gefürchteten Krieger, bot er ihnen die billigsten Bedinge an. Gormund, der einzige ihrer Anfürer, der der Niederlage entgangen war, und dreißig ihrer vornemsten Kämpfer, nahmen die Taufe an; Alfred gab selbst dem Nordischen Fürsten den Nahmen Adelstand, er theilte unter seine neuen Glaubensgenossen reiche Geschenke aus, und Gormund erhielt Ost-Sachsen und Northumberland zum Lehen. Die Völker gelangen nur stuffenweise zu der Kenntnüß der Wahrheit. Lange sind sie Barbaren, und ihre Wünsche sind in die Nohtwendigkeiten eingeschränkt, die sie mit den Thieren gemein haben. Die Morgenröhte der Sitten und der Künste geht endlich auf. Langsam vermehrt sich das Licht, und der Mittag folgt auf die Nacht durch die Dämmerung, und durch die kühlern Morgenstunden. Alfred zwang die Normänner zur Taufe, seine Absicht war die beste, er hofte zugleich die wilden Krieger durch die Bande der Religion zur Beobachtung ihrer Versprechen zu halten, und auch ihnen den Weg zu öfnen, einer unseligen Ewigkeit zu entgehn. Aber der redliche sah nicht ein, und seine weltgesinnten Priester wußten nicht, daß aufgesprengtes Wasser keine Christen macht, daß die Furcht und das Schwerdt eines Siegers keine Ueberzeugung zuwegen bringt, und daß die Würde der Taufe, das Zeichen der Aufnahme in die Gesellschaft der Gläubigen, aufs strafbarste entheiligt wird, wann man sie denjenigen aufdringt, deren Verstand die Wahrheit nicht kennt, und deren Willen sich den Pflichten der Religion nicht ergeben hat. Auch war weder Gormund, noch seine Normänner dem Könige getreu, und sie mußten durch neue Kriege bezwungen werden. Unter den Priestern der Sachsen war niemand, der den Eifer und die Weisheit besessen hätte, die zur Bekehrung so vieler im Raube und im Blutvergiessen verhärteter Krieger erfodert waren. Die feyerliche Taufe der furchtbaren Normänner zog den Sächsischen Adel häufig nach Weadmore. Alfred trat indessen eben zum Altar, und sprach den Nahmen aus, den Gormund als ein Christ tragen solte, er versprach dabey für den Neubekehrten, dem Glauben treu zu bleiben, den derselbe eben annahm. Der König der Sachsen sezte das Beste seines Volkes niemahls aus den Augen, er entwarf die Geseze, die Gormund unterschrieb, und die künftig den Normännern zur Richtschnur dienen solten, die in Ost-Sachsen und Northumberland sich niederlassen würden. Gormund begab sich in sein angewiesenes Gebiet; die Normänner, die dem christlichen Glauben sich nicht hatten unterziehen wollen, schiften nach Frankreich über, und verheerten die übel beschüzten Provinzen, scheuten sich aber mit den Sachsen wiederum einen Krieg zu wagen, von dessen Ausgang sie nichts hofften. Alfred sezte seine Bemühung fort, ein Schifheer zu haben, wodurch er die fremden Räuber abhalten konte: es war ihm nicht unbekannt, daß eine jede Bucht im Norden Schiffe mit Freybeutern bewafnete, die alles für Raub ansahen, was ihren Waffen nicht widerstehen konte. Er schlug auch noch im nächsten Jahre eine Nordische Flotte, versenkte die grösten Schiffe, und zwang die übrigen nach andern Küsten zu fliehn, wo die schwachen Karlovingen ohne Gewalt und ohne Ansehen auf dem Throne sassen, und ihre Völker den Fremdlingen zur Beute überliessen. Ein anderes Heer kam dennoch aus eben diesen Küsten in die nahe Themse, und belagerte Rochester. Aber der wachsame Alfred kam der Stadt schleunig zu Hülfe. Die Normänner flohen, ohne eine Schlacht zu wagen, und ihr Raub wurde den Sachsen zum Theile. Ein anderes Geschwader grif Alfred in der Mündung der Sture an, erstieg einen Theil der Schiffe, und nöhtigte die übrigen zu einem Vergleiche, den die Treulosen aber brachen, so bald des Königes furchtbare Gegenwart sie nicht mehr zurük hielt Er war beschäftigt, das zerstörte London wieder anzubauen und zu befestigen, ihm hat es diese unermeßliche Stadt zu danken, daß sie aus ihrem Schutte auferstund. Auch eine Menge anderer Städte befestigte der weise Fürst, weil er vorsah, die Nordischen Räuber würden seine mit Thürmen und Maurer beschüzte Unterthanen nicht mehr, wie sie bey den offenen Dörfern thaten, zu Grunde richten, eh daß die Hülfe ankommen konte. Aber eine noch wichtigere Vorsorge beschäftigte den König. Ein Sturm stund noch bevor, den aber Alfreds Weisheit noch ablehnte. Arnulph hatte die ganze Macht des Reiches mit den Franken vereinigt, und Normänner aus der Seine zu weichen genöhtiget, nachdem sie Paris, die volkreiche Insel, vergebens belagert hatten. Dreyhundert Schiffe mit diesen streitbarn Räubern angefüllt, überfielen Apledore, bey dem Hafen Rye, und befestigten sich zu Beamfleat. Viele von den Scandinaviern, die dem Alfred Treue geschworen hatten, ergriffen die Waffen, und vereinigten sich zur Beute mit den Ankömmlingen. Alfred eilte zur Hülfe der bedrängten Ost-Sachsen. Die Bürger des wieder bevölkerten Londons stiessen zu ihm. Beamfleat wurde erstiegen. Hastings, des Nordischen Anführers, Gemahlin und Kinder fielen mit aller der Beute in der Sachsen Hände. Alfred war sich immer gleich, ich führe nicht wider die Weiber Krieg, sagte der Großmühtige, und schikte dem erstaunten Hasting seine Geliebte, samt allen Frauen der Normänner zurük. Auch diese edelmühtige That rührte den Barbaren nicht, er raubte und verheerte Engelland von der Themse an bis zum bergichten Wallis, und befestigte sich nochmahls zu Buntington, in der Landschaft Shrop. Die verschmachtenden Normänner verliessen aber die von allem Vorrahte entblössete Burg, und eilten nach der Themse. Sie brachten ihre Schiffe in den kleinen Fluß Lee, wo er sich in die königliche Themse ergießt, sie umgaben ihre Schiffe mit Schanzen, und erwarteten den wachsamen Alfred. Er sah die Verschanzungen für unersteiglich an, aber indem er selbst das feindliche Lager umritt, so fiel er auf einen Gedanken, den ehmahls Eyrus ausgeführt hatte. Es ließ durch sein Heer das Wasser des Leeflusses ableiten; die nordischen Schiffe geriehten auf den seichten Grund, das sumpfige Thal wurde zur fruchtbarn Wiese, und die verzweifelnden Scandinavier verliessen ihr festes Lager, viele rieb das Schwerdt der Sachsen auf, die übrigen fanden in Ost-Sachsen Schiffe, und versuchten zur See den Engelländern zu schaden. Aber auch auf diesem Elemente war ihnen Alfreds Weisheit zu mächtig: er hatte erfahren, daß der Nordländer Schiffe klein, und mit wenigen Männern bemannt waren, es ließ größere Schiffe erbauen, und besezte sie mit viel stärkrer Mannschaft. Die Nachen der Normänner konten der Obermacht der Sächsischen Kriegsschiffe nicht wiederstehen, viele wurden zu Grunde gesegelt, andre erobert, und die entronnenen vermieden, so lang Alfred lebte, die Insel, über welcher die standhafte Weisheit wachte. Ueberdrüßig der oft misbrauchten Güte sezte nunmehr Alfred über Northumberland und über Ost-Sachsen zwey Sächsische Grafen, und benahm den Nordländern alles Ansehn bey den in Engelland festgesezten Scandinaviern. Die Fürsten von Wallis, die der große Egbert nicht hatte bezwingen können, warfen sich selbst dem Sächsischen Könige in die Arme, und suchten seinen Schuz. Er wurde der algemeine König des Südlichen Britanniens, das lange hernach noch Engelland hieß. Seine Herrschaft war unumschränkt, weil sie auf die Verehrung und Liebe gegründet war. Alfreds Ruhm breitete sich jenseits des Meeres aus. In den Kriegen siegreich, gütig gegen die Ueberwundenen, ein Vater des Volkes, war er die Bewunderung seiner Zeiten. Die Sachsen, die aus ihrem bedrukten Vaterlande entwichen waren, und die sich durch alle Gegenden von Europa zerstreut hatten, samleten sich unter den Schuz eines geliebten Königes. Die Normänner, die verschiedene Theile der Britannischen Insel besaßen, unterwarfen sich freywillig unter seine gerechte Geseze. Die Erde, die Jahre lang öde und ungebaut geblieben, bedekte sich mit reichlichem Getreide. Der Frieden und Ueberfluß ergoßen sich auf das verarmte Land. Godwin, ein Sachse von Adel, war vor vielen Jahren als ein schöner Jüngling von einem Nordischen Seeräuber weggeführt, und nach Scandinavien gebracht worden. Er hatte durch seine Treue und durch seine Tapferkeit seines Räubers Gunst erworben, und erhielt, wie die Normänner Engelland anzufallen aufhörten, endlich seine Freyheit. Er kam, nachdem er einen großen Theil der Insel durchgereiset hatte, nach Winchester, und wurde dem Könige vorgestelt. Der leutselige Herr hörte die Erzählung der Leiden an, die den Edeln in seiner Knechtschaft gedrükt hatten; Godwin schloß seine Rede mit einem Zeugnüße, das er der Weisheit seines Königes gab. »Die Freyheit, sagt er, ist mir doppelt angenehm gewesen, da ich mein Vaterland so glüklich verändert gefunden habe. Wie ich weggeführt wurde, so lagen die meisten Städte Engellands in der Asche. Die unglüklichen Einwohner suchten mit Sehnsucht einen verborgenen Winkel zwischen den Felsen, einen unzugänglichen Sumpf, eine Höle, für Thiere gemacht, wo sie sich vor der Wuth der siegenden Räuber verbergen konten. Die öden Felder waren den Disteln überlassen. Der Schmuk der Gärten war unbekannt, nirgends hörte man die Stimme der frölichen Erndte. Schrecken und Verzweiflung herrschte auf dem bestürzten Angesichte der Flüchtigen. Die Schulen, in welchen ich zu den Wissenschaften war gezogen worden, lagen in der Asche. Die Hände der Arbeit stunden still. Die Lehre der Weisheit wurde nirgends vernommen. Selbst das oberste Wesen mußten die Elenden heimlich anbeten, weil die Wuth der Ungläubigen mit einem blutigen Hasse die Warnungen der Diener Gottes verfolgte. Wir vergaßen den einzigen Trost, der in so vielen Drangsalen uns hätte aufrichten können.« »Unendlich ist der Unterscheid des jezigen Engellandes. Die Städte sind aus ihrem Schutte mit doppelter Schönheit auferstanden. Die Versamlungs-Stellen der Christen haben die Würde wieder angenommen, den der Gottesdienst verdient. Die Schulen sind mit gelehrten Männern angefüllt, und die Jugend des Reichs wird zur Weisheit und zur Tugend gebildet. Die Felder dekt die reichlichste Saat. Die Stimme des frölichen Landmannes belebt seine Arbeit, und ertönt bey dem Samlen der Geschenke der Erde. Die wüsten Sümpfe sind zu lachenden Wiesen geworden. Dieser ehmalige Wohnsiz der Verzweiflung ist mit Heerden bedekt, die den Landmann mit ihrem Ueberflusse nähren.« »Die ehmaligen Ueberwinder der Sachsen wohnen noch in Hölen, in Schutthaufen unbehauener Steine, ihre Felder sind leer, die Erde, die sie zu bauen verabsäumen, verweigert ihnen ihre Gaben. Ihrer Trägheit bleibt kein Mittel übrig, als mit ihrem Blute den Unterhalt zu erkaufen, den ihr Fleiß nicht erwirbet.« »Was verursacht den Unterscheid zwischen Engelland und ihnen selber, zwischen ihm und Scandinavien? Alfred macht ihn, ein einziger Mann hat die Erde umgeschaffen, und die Wüste zum Garten Gottes gemacht.« So bescheiden Alfred war, so konte er sich doch dem reinen Vergnügen nicht entziehen, das die belehrende Wahrheit bey ihm erweckte. Heimlich wallte ihm sein Herz, und er versprach sich, noch eyfriger für das Glük der Sachsen zu arbeiten. Das zweyte Buch. Dreissig Jahre lang hatte Alfred das Schwerdt selten aus den Händen gelegt, er hatte Engelland nach und nach wieder erobert, die Einfälle der Fremdlinge abgewandt, die Herrschaft der See erworben, in den mehresten von zwey und funfzig gelieferten Feld-Schlachten hatte er den Sieg erhalten, den er fast einzig seinen eignen Anstalten zu danken hatte, endlich war der Zweck erreicht, und ein beständiger Frieden mit der langen Arbeit und mit vielem edelm Blut erkauft. Alfred schöpfte Athem und arbeitete nunmehr an der innern Verbesserung des Reiches, und an der Versicherung der Ruh. Ohne Beyspiel ist der Ruhm Alfreds, daß er durch keine Siege sich verleiten ließ, den Krieg zu lieben. Zu oft hatte der Gütige gesehn, wie die edelsten Lorbeern vom besten Blute der Krieger triefen, wie viel Elend der Krieg unter Tausende von Tausenden ausstreut, wie er in der Blühte ihrer Jahre die Hofnung des Vaterlandes die muhtigsten Jünglinge wegraft, wie andere ein noch elenders Leben unter dem Druke der Schmerzen und eines beständigen Siechthums zum Lohne ihrer tapfern Thaten empfangen, wie der zügellose Brand des Kriegs die Haab von Millionen verzehrt. Wie algemeine Armuht, und Hunger in seinem Begleite, und verzehrende Seuchen im Gefolge, zum Untergange der Völker eilen. Niemahls grif Alfred an, alle seine Kriege waren Abtreibungen der ungerechten Angriffe, die Unschuld solcher Kriege konte allein sein menschenliebendes Herz bewegen, das Blut seiner Brüder dem algemeinen Besten aufzuopfern. Aber er fand auch beym Frieden ein zerrüttetes Reich, worinn des Schwerdts Macht seit vielen Jahren einzig geherrscht, und die Geseze niemand beschüzt hatten, wo die schwache Unschuld alles leiden mußte, wo das Eigenthum der Bürger so wenig als ihr Leben gesichert war. Aus diesem Labyrinthe sein Volk zu ziehn machte sich der bedächtliche König die Geseze der weisesten Völker bekannt; die Hebräischen zuerst, die von der obersten Weisheit selber herrührten, dann die Griechischen, die Römischen, die Dänischen, und die Sächsischen. Er sah diese Geseze als eine Arbeit an, die die klugsten Männer für ihn verrichtet hätten, und wählte daraus, was er für sein Volk möglich und heilsam fand. Der König war in dunkelsten Zeiten gebohren, wo der Abendländer die Sprache und die Künste der Römer vergessen hatte, wo Karl der Große vom Arabischen Aaron die Werke der Kunst borgen mußte, wo der Aberglauben sich auf den Thron der Religion zu sezen, und die Priester die algemeine Herrschaft anzusprechen begunten. Der König war selbst in diesen Vorurtheilen erzogen, seine meisten Vertrauten und seine Lehrer waren Priester. Die Gebräuche der Sachsen waren ihm auch zur Gewohnheit und zur Richtschnur geworden. Alfred war ein weiser Gesezgeber, aber aus den unvermeidlichen Mängeln seiner Zeiten floßen Unvolkommenheiten, wider welche keine menschliche Gaben ihn beschüzen konten. Dennoch, so ergeben er dem Römischen Bischoffe war, unter dessen Aufsicht er einen Theil seiner ersten Jahre zugebracht hatte, so vergaß Alfred doch nicht daß er König war, und daß alle Macht in seinem Reiche ihm vom obersten Herrscher war anvertraut worden. Er unterwarf die Priesterschaft eben den Gesezen, die er seinen übrigen Unterthanen vorschrieb. Er überließ den Bischöffen kein richterliches Ansehn, und bestrafte die schuldigen Priester, ohne von Rom ihre Bestrafung zu erbitten, wie sein mächtiger Urenkel, der erste Plantagenet, zu thun gezwungen wurde. Alfreds Geseze wurden die Geseze Edwards, und die wahre Quelle des Englischen Rechtes, in welchem ein freyes und siegreiches Volk seinen edelsten Vorzug sezt. Er war der erste, der einem jeden Bürger andre Bürger von eben der Würde zu Richtern gab; die Beklagten konnten kein Unrecht von denjenigen erwarten, deren Richter sie hinwiederum werden konten, und deren Sicherheit auf eben die Gerechtigkeit sich gründete, die sie ihrem Bruder würden gewährt haben. Alfred befahl, daß ein Edler von zwölf Edeln gerichtet werden solte: den Unedlen gab er eilf andre Bürger unter dem Vorsize eines Edelmanns, zu Richtern. Noch ist dieses Vorrecht in voller Uebung, ob wohl kein anderes Volk diese Gleichheit der Richter mit dem Verklagten angenommen hat. Und würklich haben die Beklagten von der Unwissenheit ihrer Richter, von der Hartnäkigkeit eines einzigen unter denselben, und von den Kunstgriffen eines ungerechten Fürsten freylich eben die Gefahr zu besorgen, die in andern Ländern von wilkürlichen Richtern entsteht. Alfred schrieb indessen diese Art die Beklagten zu beurtheilen seinen Sachsen und auch den Normännern vor. Wie alle Geseze freyer Nordischer Völker, waren die Strafgeseze gelind, die Alfred auf die Uebelthaten sezte. Sehr wenige stiegen bis zur Vergießung des Blutes. Der Aufruhr, der Verraht wider den König, der Bruch des Burgfriedens wurden allein mit der Todesstrafe belegt, und auch diese konte man, nach der alten Uebung Deutscher Völker, mit einem gesezten Gewichte Goldes abkaufen. Die Strafe der Verführung einer verehlichten Frau war nach der Ahndung der wider die algemeine Wohlfahrt streitenden Missethaten die schwerste, weil sie die heiligsten Bande der Gesellschaft zerreißt, und diejenigen trennt, deren Verbindung die innigste, und zur Hofnung der Nachwelt nohtwendig ist. Der Priester, der einen Meineid begieng, der seine Hände mit Blut beflekte, der der Keuschheit Schranken überschritt, wurde zwar von den Bischöffen bestraft, mußte aber dennoch auch vor den Königlichen Richtern sich stellen, und dem Könige eine vorgeschriebene Buße bezahlen. Diejenigen, die sich einer Missethat verdächtig gemacht hatten, mußten für die algemeine Sicherheit Bürgen ausfindig machen, oder sich in Verhaft nehmen lassen. Die Normännischen Freybeuter hatten die Insel mit so vielen Beyspielen offenbarer Vergewältigungen angefüllt, daß das Rauben, und die Bemächtigung fremder Güter ein algemeines Laster waren. Auch diese Unsicherheit wußte Alfred aus dem Grunde auszurotten, und das Mittel, das er brauchte, war auch den gesittetsten Völkern niemahls bekannt worden. Zuerst theilte er das Reich in Grafschaften, deren Umfang bestimmt und festgesezt war. Jede Grafschaft war wiederum in Hunderte getheilt, die von dem Ergreifen der Waffen den Nahmen hatten, Weapontake und jedes Hundert bestund wiederum in einer Zehnzahl von Hausvätern. Jedes Zehnt mußte für alle die Männer, die in seine Zahl gehörten, die Gewährschaft leisten, und ein jeder für alle, so wie alle für einen jeden versprechen, daß ein jeder Beklagter nichts wider die Geseze unternehmen, und sich vor dem Richter stellen würde, so bald man ihn dazu auffoderte. Niemand genoß den Schuz der Gerechtigkeit, als wer in einem Zehnten eingezeichnet war. Wer sich dieser Verbindung nicht unterziehen wolte, wurde vom Schuze der Geseze ausgeschlossen, und konte von einem jeden ungestraft angegriffen, seiner Güter und seines Lebens beraubt werden. Wenn jemand unter den Zehen wegen einer Missethat verdächtig war, und seine Mitgefährten keine Gewähr leisten wolten, daß er sich vor dem Richter stellen würde, so wurde er in Gefangenschaft gesezt. Entwich er, eh er konte in Verhaft genommen werden, so mußte das Zehnt und das Hundert wegen ihrer Nachläßigkeit mit einer Buße dem Könige genug thun. Das Zehnt konte zwar der Buße entgehn, wann alle seine Männer mit einem Eide bezeugten, der Missethäter habe ohne ihr Vorwissen das Laster begangen, und auch die Flucht ergriffen; aber diese Aussage mußten die andern, und benachbarten Zehnten mit ihrem Zeugnüße bestätigen, und wann sie die Aussage des schuldigen Zehnts nicht bestätigten, so verfiel dasselbe in eine schwere Buße; die Güter des Entwichenen wurden eingezogen, und wann aus denselben die Buße nicht ausgemacht werden konte, so mußte das ganze Zehnt das Mangelnde ergänzen, sich auch verpflichten, den Schuldigen vor das Gericht zu bringen, sobald sie seiner habhaft werden könten. Wann ein Fremdling bey einem Unterthan einkehrte, so wurde er zwey Tage lang als ein Gast angesehn; seine Fehler geriehten seinem Wirthe nicht zur Last, so bald er eidlich erklären konte, daß er keine Kenntnüß von der Missethat gehabt habe. War der Fremdling drey Tage lang bey einem Manne geblieben, so mußte derselbe für ihn, wie für einen Hausgenoßen, haften. Alfred durfte es nicht unternehmen, die erbliche Macht der Grafen anzugreifen, sie war zu tief in die Verfassung des Staates eingewurzelt; er schwächte aber die Macht des hohen Adels, indem er jeder Grafschaft einen Burggraf zugab, den der König ernannte, und der bey der Grafschaft sein Aufseher war und eben dasjenige versah, was die Abgesandten der Karlowingen. Neben ihm ernannte der König einen Richter, vor dem, und vor dem Gerichte einer jeden Grafschaft die Rechtssachen abgethan wurden. Dieser Richter verminderte sowohl des Burggrafen als der Grafen Gewalt. Die Würkung dieser Einrichtungen war ein Wunderwerk. Vorher durfte niemand ohne Waffen die Landstraße betreten, er mußte sich selber beschüzen, weil die Geseze ihn zu schüzen nicht vermochten. Plözlich herrschte im ganzen Reiche eine algemeine Sicherheit. Der Reisende sah ohne Schreken die Nacht die Erde bedekten, sein Gold und sein Leben blieben ohne alle Gefahr. Der König ließ an die Bäume güldene Kleinodien aufhängen, der Reiz der Beute bewog niemand sich der Strenge der Geseze zu unterwerfen, und die Bedienten des Königes brachten den Schaz unvermindert zurük. So weise ist die strenge Güte der Gerechtigkeit, die für die Unschuld wacht, und den Schuldigen überzeugt, das Laster sey Thorheit. Alfreds nächste Arbeit war, das algemeine Verzeichnüß aller Güter und Stüke Landes des ganzen Reiches, samt ihren Maaßen, und ihrer Ertragenheit, und der auf denselben liegenden Steuren. Diese unbeschreibliche Arbeit brachte der König mitten in einem von Wissenschaften entblößten Jahrhunderte zu Winchester zu Stande. Wilhelm der Eroberer erneuerte sein Landbuch, und die Nachwelt genießt seit fast tausend Jahren des weisen Alfreds Arbeit, die in tausend Gelegenheiten zur billigsten Verlegung der Auflagen, und zu Beseitigung der Streitigkeiten brauchbar werden kan. Auf diese Landesbeschreibung und auf die Eintheilung in Grafschaften, in Hunderte, und in Zehnte, gründeten sich die Gerichte, die Alfred in jeder Grafschaft, in jedem Hunderte, und in jedem Zehnten errichtete, der Zugang des Rechten wurde hierdurch einem jeden Bürger erleichtert, und das hohe Recht die Gerechtigkeit auszuüben aus den Händen der Unwissenden, und bloß den Waffen ergebenen Großen, entzogen. Die Burggrafen und die Richter führten in diesen Gerichtshöfen den Vorsiz, und ein jeder Sachse mußte vor seinem Zehntgerichte, und dann vor dem Gerichte der Hunderte, und der Grafschaft, das Recht erfahren. Alfred fand wenige Männer, die das Recht zu sprechen geschikt gewesen wären, seine Weisheit aber wußte sie zu erschaffen. Er las mit beyspielloser Arbeitsamkeit alle die Rechtssachen, worüber man an seinen höchsten Ausspruch sich beruffen hatte. Wann seine Burggrafen, oder Richter ungerecht geurtheilt hatten, so war die Bestrafung unvermeidlich. Selbst die Unwissenheit konte niemand entschuldigen; ein jeder soll sich seiner Kräfte bewußt sein, und kein Richteramt verlangen, dessen Pflichten zu erfüllen er sich nicht im Stande findet. Wann Habsucht oder Haß das Recht gebogen hatten, so war auch, wider die Gewohnheit der Sachsen, die Todesstrafe unfehlbar, und Alfred, der so oft den Aufrührern und den eidbrüchigen Räubern verzogen hatte, schonte keinem ungerechten Richter. In einem Jahre ließ er vier und vierzig Richter hinrichten, die wider das Recht gesprochen hatten. Kadwin hatte einen Mann zum Tode verfällt, den doch unter den zwölf Geschwornen drey unschuldig gefunden hatten. Hale büßte es mit seinem Leben, weil er eines Großen geschont, der einem Sachsen seine Güter mit Gewalt entrissen, und zur Königlichen Rentkammer eingezogen hatte. Ein anderer Richter mußte sterben, weil er einen Beklagten im Kerker eingesperrt, und ihm die Gelegenheit versagt hatte, sich zu vertheidigen. Ofkitell hatte einen Beklagten zum Tode führen lassen, der unter der Marter eine den Tod verdienende Uebelthat bekannt hatte, die man durch keinen andern Beweis hatte bestätigen können. Zu wohl wußte Alfred, daß der verhärtete Bösewicht oft alle Macht der Schmerzen verlacht, und der Gerechtigkeit spottet, die ihn nicht verurtheilen will, wann er sich selber nicht anklagt: da hingegen ein Mensch von empfindlichen Nerven der Marter nicht widerstehn kan, lieber sich selber verleumdet, und sich selber das Todesurtheil spricht, als die unausstehliche Qual verlängert. Die peinliche Frage ist beydes, ein Mittel die Unschuld zu bestrafen, und den Uebelthäter zu befreyen. Die gewisse Erwartung, daß der König die Ungerechtigkeit, und selbst die Unschiklichkeit eines Spruchs einsehn, und die untriegliche Furcht, daß er den begangnen Fehler strengiglich ahnden würde, zwang die Richter sich in den Rechten zu unterrichten, und den Gesezen treu zu bleiben. Sie sahen sich an, als wenn sie in der Gegenwart des Königs richten müßten. Anstatt unwissender Krieger saßen nach wenigen Jahren auf den Richterstülen lauter erleuchtete, und ihren Pflichten eifrig zugethane Männer. Er selbst, der König wurde der algemeine Lehrer seines Volkes. Er wußte seine Belesenheit, seine Kenntnüß der Dichtkunst, zur Verbesserung der algemeinen Sitten anzuwenden; die Sittenlehre durch Fabeln, durch Erzählungen, durch sinnreiche Sprüche zum Nuzen seines Volkes einzukleiden. Ihm war bekannt, daß die Anmuht der Dichtkunst den ernsthaften Tugendlehren den Zugang verschaffen, daß das Maaß der Silben die kurzgefaßten Befehle der Weisheit dem Gedächtnüße einprägen würde. Er selbst war der Dichter seiner Zeiten, so wie er der Held und der Gesezgeber war. Die vorzügliche Gunst, die er den gelehrten und fähigen Männern erzeigte, machte die Wissenschaften zum Vorwurfe der algemeinen Verehrung und zum Zweke der ernsthaftesten Bestrebung. Die Nachwelt lieset noch alte Lieder, in welchen Alfred eingeführt wird, wie er seine Edeln die wahre Weisheit, diejenige lehrte, die den Weg zur glükseligen Ewigkeit zeigt. Dem Ritter, dem Bischoffe, dem Richter zeigte er seine Pflichten, und die echte Größe, die auf ihrer Erfüllung sich gründet. Man lieset auch seine lezte Ermahnung an den jungen Edward, seinen Nachfolger, den er zum würdigen Fürsten bildete. Alfred hatte an sich selber erfahren, daß die Wissenschaften uns erst fähig machen gut zu sein. Wer die innere Schönheit der Tugend ansieht, ist geneigt sie zu lieben. Wem diese Schönheit verborgen ist, der sucht seine Seligkeit in den sinnlichen Begierden. Die Bücher des weisen Alterthums mahlen alle die Tugend als ehrwürdig, das Laster als erniedrigend ab: von diesen Büchern nimmt die Seele den Geschmak zum Guten an, den sie beredsam anpreisen. Die Welt ist eine viel schlimmere Schule, nur zu oft wird in derselben das Laster gekrönt, nur zu oft bleibt die scheue Tugend zurüke, die die Wege verabscheut, wodurch das Glük sich ersteigen läßt. In den Schriften der Weisen wurde ein Antonin gebildet, und in den dunkeln Zeiten, in welchen die Wissenschaften verborgen lagen, verschwand alle echte Tugend, alle Großmuht, und alle Menschenliebe. Selbst unter den despotischen Herrschern des knechtischen China werden die Enkel wilder Scythen, durch die eingesogenen Lehren der alten Weisen, durch die glänzenden Beyspiele zu Vätern ihres Volkes, und unter diesen Barbarn entstund ein Hangtschi und ein Kienlong. Durch die langen Kriege, die Engelland verwüstet hatten, waren die Wissenschaften völlig zernichtet worden. In diesen Zeiten des Unglüks verlernen die Menschen alles, was nicht unmittelbar zu ihrem täglichen Unterhalt gehört. Es fand sich im ganzen Reiche der West-Sachsen niemand, der den Verstand eines lateinischen Buchs in seine Sprache zu übersezen gewußt hätte, und dennoch war der ganze Gottesdienst der Sachsen auf lateinische Bücher, Gesänge und Vorlesungen gegründet. Alfred mußte die Werkzeuge, sein Volk zu belehren, jenseits des Meers suchen. In Irrland, dem damahls minder verheerten Irrland, fand er Johann den Hibernier, der zu Athen und in Welschland viele Jahre zugebracht hatte, der die längst vergessenen Sprachen der Morgenländer verstund, und der bey Karl dem Kahlen in Gnaden und sogar in Vertraulichkeit lebte, ein Mann, der spizig zu scherzen wußte, und den seine eigenen Schüler ermordeten, die er wider sich aufgebracht hatte. Nach dem Kloster Atheling berief er aus dem alten Sachsen, der Quelle seines Volks, einen gelehrten Abt. Asser von Monmuth war seinen Pflichten so sehr ergeben, daß der König nicht mehr als die Hälfte des Jahrs ihn bey sich zu behalten vermochte, ob er ihm wohl das Bißthum Winchester auftrug. Scharfsinnig und erfahren im Kenntniß der Menschen, wußte er an einem die Schweine hütenden Knaben die ausnehmenden Gaben eines Mannes zu erkennen, den er von diesem niedrigen Stande befreyte, und der durch die empfangene Auferziehung, ein würdiger Bischoff wurde. Der unter die Heiligen versezte Redt war aus Cornwall gebürtig; sein reiner Wandel erwarb ihm schon, dieweil er lebte, die algemeine Verehrung. Er hatte selbst den König auferzogen, und stund bey ihm im grösten Ansehn. Man schreibt seinen Ermahnungen und Räthen manche vortrefliche Unternehmung Alfreds zu. Durch den Beystand dieser gelehrten, und wohlgesinnten Männer brachte Alfred nach und nach die algemeine Unterweisung des Volks in einen bessern Stand. Er hatte den Thron zu einer Zeit bestiegen, wo kein Bischoff sein lateinisches gottesdienstliches Buch verstund, und er erlebte daß kein Bischoff mehr in Engelland war, der nicht so viel von göttlichen Dingen wußte, als die Würde seines Amtes erfoderte. Der König erleichterte der Priesterschaft die Erlernung der nohtwendigen Wissenschaften, indem er die brauchbarsten Bücher auf sächsisch übersezen ließ, und selbst ein Werk übersezte, in welchem die Pflichten eines Priesters beschrieben waren. Zu seinem heilsamen Zweke waren Schulen unumgänglich nohtwendig. Alfred verschwendete seine Schäze zu dieser mildesten von allen Stiftungen. Die erwachsenen Menschen sind wie alte Bäume unbiegsam, und können nicht mehr zu einer bessern Richtung gebracht werden. Die Jugend läßt sich hingegen lenken, wozu eine weise Auferziehung sie bilden will, und ihr noch reines Gemüht nimt mit gleicher Fertigkeit die Liebe des Guten und des Wahren an, wie es bey Mangel der Zucht sich den wilden Trieben der Begierden überlassen würde. Unter allen Werken Alfreds erhebt keines sein Reich höher, als die Stiftung der hohen Schule zu Oxford: tausend Gelehrte, tausend Lehrer der Wahrheit, und der Tugend, sind auf diesem Size der Musen gebildet worden, deren gute Thaten ihre erste Wurzel in Alfreds Mildigkeit, und in der Großmuht haben, mit welcher er diese Pflanzschule der Tugend und der Weisheit geweyhet hatte. Nach tausend Jahren wurde zu Oxford nichts Nützliches erfunden, keine heilsame Wahrheit bewiesen, keine rührende Rede gehalten, wodurch die Menschen zur Besserung erwekt werden, kein Theil der Wissenschaften durch ein tiefforschendes Buch aufgeheitert, daß nicht Alfred an dem gethanen Guten einen Antheil gehabt hätte. Die Einrichtung der neuen hohen Schule war allerdings nach den Klöstern nachgeahmt, die zu Alfreds Zeiten die einzigen Wohnsize der Wissenschaften waren. Der König stiftete drey Gebäude, in denen achtzig Jünglinge, aus den dahin vergabeten Einkünften, zu ewigen Zeiten erzogen werden solten. Er unterwarf sie gewissen Gesezen, die nebst der Gelehrtheit auch die Religion zum Vorwurfe hatten, zu deren gottesdienstlichen Uebungen die Schüler angehalten wurden. Diese hohe Schule wurde der Nachwelt zum Muster. Gutthätige Männer, und weise Könige vermehrten sie mit mehreren Stiftungen, und sie blüht noch mitten unter dem herrschenden Verderben, zumahl in Ansehung der schönen Wissenschaften, der Sprachen, und der Gottesgelehrtheit. Der Geist der Ordnung, der den weisen Alfred vor allen Fürsten auszeichnete, erstrekte sich auf alle Zweige der Regierung: er machte seine Sachsen alle zu Söldnern des Vaterlands, ohne daß dabey der Landbau oder der Unterhalt des Hausgesindes gelitten hätte. Alle Einwohner einer Grafschaft wurden gezählt und eingeschrieben. Ein Theil lag in den Stätten und Burgen zur Besazung, von welchen Alfred eine genugsame Anzahl befestigt hatte, daß sie jedem Theile des Reichs zum Schuze dienen konnten. Die übrigen Einwohner mußten für die plözlichen Zufälle in Bereitschaft stehn, die bey der unruhigen Gemühtsart der Scandinavier nur allzuoft entstunden. Die Hälfte wurde sogleich aufgefordert dahin zu ziehn, wo die Noht es erheischte; die andere Hälfte blieb der ersten zum Zuzuge bestimt, und trat an der ersten Plaz, wann dieselbe die Zeit ihres Dienstes vollendet hatte. Auf diese Weise wurden alle Sachsen zu den Waffen geübt, und Alfred mußte nicht mehr mit schwerem Herzen rohe Landleute wieder die streitbaren Normänner, mit geringer Hofnung des Sieges anführen. Eine jede Grafschaft hatte ihren Feldherrn, dem das Kriegswesen zur Aufsicht anvertraut war. Durch heilsame Geseze und durch beständige Uebung in den Waffen, gewannen die Sachsen das verlohrne Vertrauen zu sich selber wieder, und zogen mit einer Ungedult den gefürchteten Normännern entgegen, die durch ihre Anführer zurükgehalten werden mußte. Diese große Veränderung bey den sonst so unglüklichen Sachsen war ein neuer Beweis, daß ein weiser Fürst alles vermag, und die Gemühter seines Volkes ein Thon unter seinen Händen sind, den er zu allen Absichten umschaffen kan. Seine Schiffe waren nach der damahligen Gewohnheit Ruderschiffe; sie waren sehr groß, und jedes Schiff wurde durch vierzig Ruder in Bewegung gesezt. Sie waren dabey zweymahl so hoch, als die Schiffe der Normänner, und die Krieger, die von dieser Höhe ihre Wurfspieße und ihr Geschoß auf den Feind herunter warfen, hatten eine Ueberlegenheit über die Normänner, der kein Muth wiederstehen konnte. Alfred erlangte auch den Zweck seiner Wünsche, er sezte sein Reich in Sicherheit wieder die Nordischen Räuber, die vormahls erst, nachdem sie viele Tausende unglüklich gemacht hatten, vertrieben wurden, und die nunmehr sogar die Küsten eines Reiches scheuten, die von mächtigen Flotten verwahrt waren. Alfred erhielt mehr, er der seine Lande ehmahls verloren hatte, gelangte zur Herrschaft der Meere, dem angebohrnen Vorrechte eines Englischen Königes, das Alfreds Urenkel auf alle Meere erstreckt haben, die beyde Hälften der Welt umfließen. Wie seine großen Nachfolger, suchte Alfred seinen Unterthanen neue Wege zu fruchtbarer Arbeit zu öffnen; eine Bemühung, die weiser und heilsamer ist, als die bloße Freygebigkeit. Diese nährt den Unterthan einen Tag lang, und jene sezt ihn, und sogar seine Enkel, in den Stand, sich zu allen Zeiten unbekümmert ihren Unterhalt zu verschaffen. Alle Künste sind Schwestern, und müssen einander unterstüzen. Die Kriegskunst erfodert tausend andre Künste, die an Metall, an Holz, an Seilen arbeiten, die zeichnen, die die Werkzeuge des Krieges entwerfen; an allen diesen Künsten war Engelland erarmet, dieweil dreyßig Jahre lang, das Schwerdt der räuberischen Normänner über seinem Haupte hieng, und alle Kräfte seiner Einwohner sich zu dem einzigen Zweke vereinbarten, den unmittelbaren Untergang abzuwenden. Diese Künste rief Alfred wieder ins Reich. Seine Freygebigkeit versprach den Künstlern einen zureichenden Unterhalt, seine Leutseligkeit vermehrte die Anmuht des Aufenthaltes in seinem Reiche. Aus allen Gegenden des weiten Deutschlands, aus dem Reiche der Franken, das eben unter schlechten Herrschern schmachtete, aus dem eifersüchtigen Schottland, aus dem mit Alfred versöhnten Wallis, aus den emsigen Niederlanden, eilten Künstler und Handwerker unter den Schuz eines belohnenden Königes; bey dem keine unverdiente Ungnade, keine unverschuldete Verstoßung zu befürchten war. Engelland füllte sich mit geschikten Männern an, die selbst für den König vollkomnere Arbeiten zu Stande brachten, und die sächsische Jugend zu den besten Handgriffen, und zu gleicher Geschiklichkeit anführten. Alfred wußte, daß ein König ein Mensch ist, daß er nicht alles selbst einsehen, nicht in allen Fällen die besten Auswege wählen, nicht zu allen Zweken die kürzesten Mittel ausfinden kan. Er fragte also gerne die Männer um Raht, denen das Geschäft bekannt war, er hörte mit Gedult und Aufmerksamkeit einen jeden an, der die Schlüße seiner Erfahrenheit ihm vortrug, und verglich die Gedanken verschiedener Kenner, und war also würdig, den besten Raht zu wählen. Unter ihm erhielt Engelland drey ordentliche Rahtstuben, worinn die Geschäfte behandelt wurden. Der große Raht des Reiches entschied die wichtigsten Angelegenheiten des Staates, verwaltete die Einrichtungen desselben, und verbesserte die Gesezte. Die Bischöffe, die Grafen, die Burggrafen, die Richter saßen in diesem Rahte, und auch die Thane, die Erblehne von der Krone zur Belohnung der Kriegsdienste erhalten hatten, die sie zu leisten verbunden waren. Ein engerer Raht besorgte die Geschäfte, die eine mehrere Geheimhaltung, und eine schnellere Ausführung erfoderten; er überlegte auch, was der große Raht entscheiden sollte. Hierzu gebrauchte Alfred Bischöffe, Aebte, und Geistliche, die beständig um ihn waren, deren Tugend er kannte, und deren Geist durch die Wissenschaften aufgeklärt war. Denn in den unglüklichen Jahrhunderten, in welchen Alfred herrschte, waren die Edlen, und nur allzu oft die Fürsten, vom Genuße nüzlicher Bücher, und selbst von der Untersuchung wichtiger Geschäfte, durch ihre Unwissenheit ausgeschloßen. Die wenigsten konnten lesen, sie glaubten allen Pflichten gegen das Vaterland genug gethan zu haben, wann sie für dasselbe ritterlich fochten und herzhaft starben. Alfred wollte dennoch sich nicht der Gelegenheit berauben, aus jeder Gegend des Reiches, und aus jeder Statt die Kenntnüß desjenigen einzuholen, was einer Verbesserung bedurfte, oder bey der Verabsäumung gefährlich werden konte. Er machte ein zu allen Zeiten fortdaurendes Gesez, daß alle Jahre zweymal der große Raht des ganzen Reiches, die Bischöffe und die Großen, sich bey dem Könige versamlen solten. Man berahtschlagte sich in diesen großen Versamlungen über die Geseze, die der König doch selbst ertheilte: man urtheilte über die Streitsachen der Großen, und beherzigte die algemeine Wohlfahrt des Reiches. Alfred war schon zu seinen Zeiten viel zu erleuchtet, als daß er nicht hätte fühlen sollen, wie gefährlich die Grafen dem Ansehn des Königs waren. Sie reichten zu nah an seine Macht, und waren zu weit über die Thane erhaben; der weise König brauchte demnach verschiedene Mittel, das Ansehn der Grafen zu schwächen. Er berief alle großen Sachen vor sich selber, wohin er auch den Todtschlag zählte. Seine Richter richteten über die Vergewältigungen, die auf der Landstraße vorgiengen, und über die minder wichtigen Streitigkeiten der Unterthanen verschiedener Grafschaften. Die geringern Rechtssachen kamen vom Gerichte des Zehnten, zum Gerichte des Hunderts, und dann fürs Gericht der Grafschaft, in welchem die Grafen, die Bischöffe, die Burggrafen, die Richter, die Thane Siz und Stimme hatten. Von diesem Hofe berief man sich auf den König, die Grafen behielten das Recht dieses Vorsizes, die Anführung der Kriegsleute, und die Pflicht, des Königes Befehle den Untergebenen bekant zu machen. Das dritte Buch. Das verfallene Reich war nunmehr wieder zur Ordnung gebracht. Das Kriegswesen, die Wissenschaften, die Künste, die Staatsverfassung waren verbessert, und Alfred konnte hoffen an der Zierde des Reiches zu arbeiten, wozu er nunmehr die Werkzeuge bereitet hatte. Die erste, die aber zugleich zur Beschüzung des Reichs gehörte, war die Wiederherstellung der verbranten und in ihrem Schutte liegenden Stätte! London ist ihm seine zweyte Erbauung schuldig. Aus einem verschanzten Hafen der Normänner wurde sie zur Statt, und aus diesen Anfängen ist sie nach und nach zum unermeßlichen Size der Regierung, der Handlung und des Reiches geworden. Winchester war unter dem Könige Edelred aus dem Grunde zerstört worden. Alfred führte die Statt mit mehrerer Pracht und Festigkeit auf. Der Sachsen Stätte waren Hütten gewesen, und die Fakeln der streifenden Scandinavier legten sie in einem Tage in Asche. Alfred führte den Siz seines Reiches, denn der war Winchester, aus gehauenen und gevierten Steinen auf. Die Mündungen der großen Ströme, die Küsten des Meers, versicherte der König mit neuen Schlößern und Schanzen, wo beständig Besazungen lagen, und die den ersten Anfall der landenen Räuber so lang aufhalten konnten, bis die Sachsen sich gewafnet und gesamlet hatten, und mit einer zureichenden Macht auf die Freybeuter losgehn konten. Dieses leichte Mittel, die Seeräuber abzuhalten, hatten die Sachsen verabsäumt, und ihre Nachlässigkeit mit ihrem edelsten Blute bezahlt. Alfred lebte in Zeiten, da Religion, und Wissenschaft, einzig bey Mönchen anzutreffen waren. Sie waren weise, und man hielt sie für heilig. Der König konte sich den Vorurtheilen seines Jahrhunderts nicht gänzlich entziehn: sein zur wahren Gottesfurcht geneigtes Herz vermischte die Achtung, die Gottes Wort verdienet, mit der Verehrung, die die Diener des Wortes ansprachen; er war den Priestern zugethan, die seine geheimsten und vertrautesten Rähte waren. Er bauete also Klöster, und stiftete Zufluchtsörter für diejenigen, die vom Geräusche der Welt sich absondern, und in der Stille einer Zelle sich einzig der Betrachtung der Ewigkeit weyhen wolten. Das erste Kloster, das er baute, war Atheling. Er verewigte damit das Angedenken der Erniedrigung, die er zu Athelney ausgestanden hatte, und eben in die Sümpfe, die ihn vor den siegenden Normännern verborgen hatten, gründete er auf Pfäle ein Kloster. Den Töchtern der Edeln stiftete er zu Shaftsbury ein Gotteshaus, und einen Begräbnißplaz für sich und für seine Nachfolger ließ er zu Winchester in einem neuen Kloster aufbauen. Er vergabte dem Bißthum Durham, und verschiedenen Klöstern liegende Gründe. Der freygebige Herr sah nicht genug ein, daß er in der besten Absicht den Priestern ein wahres Gift mit dem Reichthum zubereitete. Ein Getränke, das sie berauschte, und wodurch mit der Macht der Stolz und die Herrschsucht in ihrem Herzen überhand nahm. Er vergaß doch nicht, so ergeben er der Religion war, daß den Fürsten eine äußerliche Pracht unentbehrlich wird; weil das Volk nicht nach dem innern Werthe ihrer Herzen, sondern nach den Zeichen der Macht und der Größe, seine Beherrscher ehret. Alfred führte die zerstörten Paläste der Könige wieder mit gehauenen Steinen auf; und zierte die Landhäuser aus, in welchen die Könige eine Zuflucht wieder den Druk der Geschäfte zuweilen suchten. Als ein algemeiner Vater der Ordnung richtete er auch sein Haus nach den weisesten Grundsätzen ein. Seine Bedienten waren in drey Reyhen eingetheilt, davon jede vier Monate im Jahr diente, und acht Monate frey hatte. Seine Tugend hatte nichts Strenges, noch Zurükhaltendes. Er liebte die Werkzeuge der klingenden Künste. Er hatte zu Rom den Geschmak zu diesem angenehmen Vergnügen eingesogen, und berief die geschiktesten Künstler, und die anmuhtigsten Stimmen an seinen Hof. Er wußte daß die irdischen Werkzeuge des thätigen Geistes im Menschen ermüden, und eine unaufhörliche Arbeit zuletzt unfruchtbar wird, und unvolkommene Thaten gebiert. Als ein Sachse war er der Jagd und dem Vogelbeizen in seiner Jugend ergeben gewesen. Die frühe Kühlung, die freye Luft, die Bewegung des Leibes machten diese Uebungen heilsam, aber Alfred wußte auch dieses Vergnügen zum gemeinen Besten zu veredeln: er richtete seine Waffen auch bey der Jagd wieder die schädlichen Thiere, die er ausrottete, und seine Unterthanen wieder die Räuber ihrer Staaten vertheidigte. Es war selbst in diesen Uebungen der geschikteste unter den Sachsen. Selbst die eigentlich zur Herrlichkeit des Hofes dienenden Zierrathen verabsäumte er nicht. Zuerst unter den sächsischen Königen erhielt er Künstler in seinen Diensten, die Gold und Edelgesteine zu verarbeiten wußten. Es ließ auch zur Pracht der großen Feyer eine königliche Krone zubereiten. Dieser Künste war er selbst kundig, und fähig auch andere zu unterrichten. Zuerst auch unter den Königen der Sachsen fiel er auf den nüzlichen Gedanken, Ritter zu machen. Diese Belohnung kriegerischer Verdienste steht im Vermögen des Fürsten; sie schwächt seine Schäze nicht, und wird nicht, wie andre Geschenke, zu einer Auflage die der Arme bezahlen muß; und dennoch trägt sie eben so viel zur Glükseligkeit der Belohnten bey, als Gold und Silber thun würde: sie ist, wenn sie nach ihrer Absicht ertheilt wird, ein öffentliches Zeugnüß der Hochachtung des Fürsten, auf das sich die Hochachtung des Volks gründet; eines der empfindlichsten Vergnügen, das ein fühlendes Herz sich wünschen kan. Alfred ertheilte seinem Enkel Adelstan die Ritterwürde, indem er ihm ein purpurnes Kleid gab, und einen Gürtel umschnürte, woran ein sächsisches kurzes Schwerdt in einer goldenen Scheide hieng. Adelstan entsprach völlig der Erwartung des kennenden Ahnherrn, und wurde ein mächtiger und geehrter König. In so viele Künste, in so viele Kenntnisse wußte Alfred sich zu theilen, und dennoch blieb er in einer jeden groß. Schwerlich ist unter so vielen Tausenden ein Fürst gebohren worden, der mit einer solchen Fertigkeit seine Gemühtskräfte auf so viele und auf so verschiedene Geschäfte zu wenden, und alle zu übersehen vermocht hat. Und unter diesen Beschäftigungen des Königes war keine, die nicht zum lezten Zweke das Beste seines Volkes hatte. Dennoch war die vornehmste Bemühung seines Herzens, Gott zu gefallen. Niemand wird auch zu unsern so sehr veränderten Zeiten Alfreds Ruhm um deswegen verringern, weil sein Gottesdienst nach dem Schwunge seines Jahrhunderts etwas Mönchisches an sich hatte. Aber der die Herzen kennt, wird von dem Menschen nur fodern, was derselbe nach den Umständen gewähren kan, in welche er von der höchsten Weisheit gesezt worden ist, und der eingemischte Spreu wird in den Augen des Alwissenden dem vorzuziehenden Weizen nicht den Wehrt benehmen. Auch in des weisen Fürsten Frömmigkeit blieb freylich der Geschmack des Jahrhunderts merklich, aber Alfred war doch viel zu weise, wie damahls gerührte Fürsten öfters thaten, den seinem Volke nüzlichen Regierungsstab zu verlassen, und in einem Kloster für sich allein zu sorgen. Alfred blieb ein arbeitsamer und für das Beste seines Volkes unausbemüheter Fürst. Er theilte mit der Religion seine Güter, und auch seine Zeit. Er machte aus seinen Einkünften zwey gleiche Theile, der eine war zu milden Gaben bestimmt, und wurde wiederum unter die Armen, die Klöster und die Schulen vertheilt. Die Hälfte, die der König für sich behielt, war wiederum zu gleichen Theilen seinen Hofleuten, den Künstlern und arbeitenden Handwerkern, und den Fremden zugedacht, die sich im Reiche niederließen. Den eigenen Unterhalt des Königes trugen die Kammergüter, die man den Landleuten gegen gewisse Lieferungen überließ: sie brachten dem Hofe die Früchte der Erde, und den Raub der Thiere. Seine Zeit, die freylich unser eigenes Daseyn ist, theilte Alfred zur Hälfte mit dem Gottesdienste; er rechnete billig zu demselben die Sprüche, die er aus den geoffenbahrten Büchern oder auch seinem eigenen Nachdenken in eigene Handbücher aufzeichnete, woraus Samlungen entstunden, mit denen sich Alfred am liebsten beschäftigte. Er war so sorgfältig, der Religion nichts von ihrer Zeit zu entziehn, daß in einem Jahrhunderte, wo keine Art von Uhren bekannt war, er eigne Wachsstäbe abwog, und darnach die Stunden abmaß. Man schreibt ihm die Erfindung zu, die freylich den Alten nicht unbekannt, die aber vielleicht in den Zeiten der Unwissenheit verlohren gegangen war, mit durchsichtigem Horn die Wachsstäbe zu versichern; denn die gläsernen Fenster waren noch nicht erfunden. Die Bestimmung der Zeit hatte Alfred nach seinem Siege bey Athelney als ein Gelübd versprochen. Zu weit gieng wohl dieses Herrn ernstlich gesinter Wunsch, daß eine Krankheit, oder ein beständiger Schmerz ihn abhalten möchte, sich den sinlichen Lüsten zu ergeben. In seiner Jugend wurde dieser Wunsch die Frucht seiner Furcht Gott zu beleidigen nur alzu volkommen erfüllt; ganze fünf und zwanzig Jahre lang peinigte ihn ein inwendiges und unerkantes Uebel, das auch in der Hälfte seiner Tage sein unschäzbares Leben abkürzte. Solte Alfred an der Weisheit desjenigen gezweifelt haben, von dem er die Enthaltsamkeit erbat? und war der Geber aller guten Gaben nicht reich an andern Mitteln, die Alfreds Tage nicht verkürzt, und sein Leben nicht zu dem Theil unbrauchbar gemacht hätten, in welchem die Schmerzen alle Gedult überstiegen? Eine Frucht der lebhaften Empfindung der Pflichten der Religion war die unerschüttbare Sanftmuht, die mitten in so vielen Kriegen bey dem oft gereizten Könige sich erhielt, wenn schon Meineid und Treulosigkeit so oft die Belohnung seiner Güte war. Nichts konte den Schluß überwinden, zu vergeben, wie er wünschte, daß ihm vergeben werden möchte. Er ertheilte den zehnmahl wieder sich Auflehnenden nach dem mühsamsten Siege allemahl die unbedingteste Vergebung, und erlaubte sich niemahls ein Werk der Rache. In seinem innern Leben war er ein getreuer und liebreicher Ehemann, ein gütiger Vater, ein gnädiger Herr. So viele Zeit er hatte auf die Rettung seines Volkes und auf unvermeidliche Kriege wenden müssen, so groß seine Vorzüge in ritterlichen Uebungen waren, so zog dennoch bey ihm von seiner ersten Jugend an die Begierde zu den Wissenschaften vor. Schon im zwölften Jahre, da er noch im Unglüke der Zeiten nicht lesen gelernt hatte, gewann ihn ein Buch so kräftig, daß er nicht eher ruhete, bis er dasselbe fertig lesen konte, und seinen Innhalt sich eigen gemacht hatte. So rauh noch die Sprache der Sachsen war, so wurde sie dennoch in Alfreds Mund und Feder beredsam; er übersezte in das Sächsische die Werke der alten Weisheit, mit einer Treu, und mit einem Nachdruke, den kein Gelehrter ihnen zu geben vermochte. Diese Bemühung wendete er auf die Geseze der weisen Völker, auf die Geschichte, die Spruchreden und Gleichnüße, auf ganz geistliche Werke an; die ganze Samlung der geoffenbarten Schriften trug er in seine Sprache über. Er schrieb auch seine eigene Geschichte, und die Begebenheiten seines mühsamen, und in so vielen Widerwärtigkeiten geübten Lebens. Auch in diesen minder offenbar nöhtigen Arbeiten behielt er die standhafte Gewohnheit, nichts anzufangen, das er nicht hätte zu Ende bringen sollen. Bey den Schmerzen, bey der bemühten Lebensart, bey den vielen empfindlichen Unglüken, die er zu tragen hatte, blieb Alfred allemahl frölich und leutselig; eine Tugend die nur die auserwähltesten Gemühter besizen, die keine Wallung des Ueberdrusses aus ihrer Stille bringen kan. Denn nur allzuoft geben gemeine Seelen dem lezten Eindruke nach, werden durch kleine Ursachen empört, und fühlen bey dem Uebergewichte des herrschenden Verdrusses das Wichtige anderer Vorwürfe nicht. So wenig ihn das Unangenehme erschütterte, so wenig blähte Alfreden das Glük, und das Gefühl seiner eigenen Würdigkeit auf: er focht, er arbeitete mit unerschroknem Muhte, und schwieg von seinen Thaten, als wenn sie nicht die seinigen wären. Oft hatte er seine wankenden Völker einzig von der Flucht abgehalten, indem er die standhafte Stirne dem eindringenden Feinde entgegen sezte; und dennoch sah er seine Tapferkeit als etwas Zufälliges und Fremdes an, weil seine ganze Seele an Gott anhieng, und einzig auf Ihn hoffte. Sein Ruhm flog in den wenigen Jahren seines alzukurzen Lebens jenseits der Gränzen von Europa. Die freywillige Stimme des Volkes gab ihm den Names des großen Alfreds, den andre Fürsten von der Schmeicheley ihrer Höflinge geborgt haben. Rom verehrte seine Tugenden, und der Patriarch von Jerusalem bezeigte jenseits so vieler Meere die Verehrung, die so viele Tugenden, in den entferntesten Gegenden dem Könige in Sachsen zuzogen. Aus allen Gegenden eilten Krieger, Künstler und Gelehrte zu dem Throne, worauf zugleich ein Christ, ein Weiser, ein Held, und ein Beschüzer aller nüzlichen Künste saß. Von der schönen Alswithe hatte der König zwey Söhne: Edward den ältern, einen weisen König und Gesezgeber, und Edelward, einen gelehrten Fürsten, der in noch frühen Jahren zu Oxford starb: dann die herzhafte Adelfrede, die Gemahlin des Grafen von Mercia, die nach dem Tode desselben sein weit ausgedehntes Land regierte, die aufrührischen Normänner unterdrükte, und die Stifterin verschiedener Stätte war, worunter auch Chester, Stafford, und Warwik sind. Sie bezwang auch einen Theil des wieder von Engelland getrennten Wallis, und verdiente den Nahmen eines Königes, dessen Tugenden sie besaß. Athelswithe wurde an Baldwin, den mächtigen Grafen von Flandern vermählt: eine ihrer Urenkelinnen Mathilde wurde die Gemahlin Wilhelms des Eroberers. Von ihr stamten die Plantageneten durch eine zweyte Mathilde ab; und aus diesen, nachdem sie dreyhundert Jahre lang Engelland beherrscht hatten, entsproßten die Tudor und die Stuarte, deren Rechte auf das durchlauchtigste Haus der Welfen gefallen ist. Auch eine dritte Mathilde, des ersten Plantagenets Tochter, wurde die Gemahlin Heinrichs des Löwen, und die Stammutter der Welfen, in deren einem sich das Blut der Stuarte mit dem Blute der Plantageneten vereinigt, und durch beyde Stamfolgen das königliche Blut des Alfreds und des Bodans endlich die mächtigen Beherrscher des großen Britanniens belebte. Ihrem Zepter hatte die Vorsehung unermeßliche Landschaften in einem Welttheile zugedacht, der zu Alfreds Zeiten der alten Welt noch unbekannt war. Der Niger und der Ganges fließen unter ihrer Herrschaft, und das gröste Reich von Indostan verehrt den Abkömling Alfreds. Aber weit glorwürdiger noch, als die Erbschaft der Länder, war das Erbe der Tugenden, die Liebe zu den Künsten und Wissenschaften, der dem heilsamen Frieden gegönnete Vorzug vor Siegen und Triumphen, und die ehliche Glükseligkeit; alle diese erhabenen Eigenschaften vereinigten sich in Georg III, dem Abkömlinge der Welfen und des Alfreds. Sichtbarlich hat die Vorsehung das algemeine Versprechen erfült, daß der Saamen der Gottgefallenden blühen, und nach funfzig Geschlechtern der Segen verdienter Ahnen auf den würdigen Erben reichen würde. Alfred starb von den Folgen eines Uebels, das er selbst erbeten hatte, und sein nüzliches Leben hatte nur zwey und funfzig Jahre gedaurt. Sein Tod fiel gerade auf das Ende des zehnten Jahrhunderts, dieweil die Karlowingen sich zu ihrem Untergange neigten, und die Enkel Roberts des Starken sich täglich dem Throne von Westfranken näherten. Die Frömmigkeit, die die Richtschnur seines Lebens gewesen war, verließ Alfreden im Tode nicht, er stieg von seinem Thron, so wie er von einem Königssize zum andern reisete, gewiß, daß er auch dort glüklich seyn würde! Er hoffte von dem obersten Richter ein besseres Leben, wohin ihn keine irdische Vorzüge begleiten konten, das die Belohnung eines dem Wohlseyn seines anvertrauten Volkes geweyheten Lebens seyn würde; und niemand hat gezweifelt, daß bey so vielem Guten die kleinen unvermeidlichen Fehler, durch die Güte des gerechten Richters der Welt bedekt worden seyn werden. Das vierte Buch. Die Rähte Amunds des Erfahrnen. Amund war am Fuße des Sevengebürges, am Ufer des Dalflusses, von einem Helden, dem Arwid erzeugt. Seine Jugend brachte er wie die Nordischen Krieger, in Leibesübungen zu. Er ward ein starker Ringer, ein geschikter Schüze, ein herzhafter Jäger: er grif in seiner Höhle den erzürnten Bären an, und drang ihm, gerade vor seinen fürchterlichen Tazen, stehend, sein Messer ins Herz. Er konnte die Kämpferlieder singen, sein Herz brante bey den Namen alter Helden. Er wallete vor Begierde, seines väterlichen Sizes Namen durch seine Thaten bekant zu machen, und dann vor sein versprüztes Blut in Odins-Halle die Belohnung zu empfangen. Hasting, ein Nordischer Fürst, gieng nach Byzanz, und war der Anführer einer Schaar von Waregern, den einzigen echten Kriegern, die das ausgeartete Griechenland besaß, und denen es die Beschüzung seines Fürsten anvertrauen konte. Aufrichtig, in den Verrähtereyen der neuen Römer unerfahren, ihrem Eyde getreu, tapfer und standhaft, waren die wenigen Kämpfer die Stüze des sinkenden Reiches. Der junge Amund begleitete den kühnen Hasting, und ließ sich mit ihm unter die Wareger aufnehmen. Manche Thaten von redlichem Muhte, von kühner Entschlossenheit, begieng der Rechtschaffene. Er war auch gegen die Vorzüge nicht blind, die bey den Griechen noch übrig waren, er machte sich die Geschichte bekannt, er ließ sich in der Verfassung des Hofes und des Staates unterrichten, die Europa lange nachahmte, aber dennoch mit Verachtung auf die Feigheit der Byzanzier herunter sah. Er lernte die Geseze kennen, und bereicherte seinen Verstand mit Schäzen der alten Weisheit. Freudig und jung, verliebte er sich in die schöne Theophane, die Freundin der Fürstin Eudoria, die Hasting liebte und ehlichte. Die edle Bildung der Griechin, ihre Sitten, selbst die scheue Schamhaftigkeit, mit welcher sie seine Liebes-Bezeugungen ablehnte, vermehrten Amunds Neigung, und er erwarb endlich die Schöne durch edle Thaten, und durch die Errettung ihres Vaters, den bey einem Auflaufe der blauen und grünen die ihm entgegene Parthey zu ermorden gedachte. Sein Schwerdt öffnete dem Amund bald den Zugang zu dem Unglüklichen, die muhtlosen Byzanzier flohen vor den starken Streichen des Kämpfers. Sieghaft brachte er seiner Schönen den befreyten Vater zurük. Theophane war gegen so viele Verdienste nicht undankbar, sie wurde die seine, und der Redliche, der die Braut geliebt hatte, betete die Gemahlin an. Ein kaiserliches Haus wurde gestürzt. Hasting hatte es vergebens vertheidigt, so lang er sein Schwerdt zu führen vermochte. Er wurde überwältigt, und ihm blieb zu seiner Rettung nichts übrig, als ein Schif, das im Hafen lag. Dahin brachte er seine Fürstin, und dahin führte sein Gefährte Amund die schöne Theophane. Glüklich kamen sie in die Mündung des Niesters, und durch Wege, die damahls von den Scandinaviern täglich betreten wurden, nach dem verbündeten Novogorod, und nach Schweden zurük. Der edeln Griechin kam der Anblik der rauhen, und unfruchtbaren Gebürge unerträglich vor. Hier fand sie nichts mehr von den Annehmlichkeiten, die der milde Süd auf das herrliche Byzanz streute. Hütten von ungeheuern Steinen übel wieder die Kälte verwahrt, mußten die prächtigen Paläste ersezen, in denen Eudoria ihre Jugend zugebracht hatte. Der späte Frühling war mit scharfen Winden vermischt, der lange Winter vernichtete den Schmuk der Erde; der Herbst brachte keine Trauben, die edlen Früchte Griechenlands glänzten an den Bäumen nicht, und die Erde gieng in den Augen der zärtlichen Fürstin niemahls aus der Trauer. Hasting liebte die schöne Eudoria, und versprach ihr, durch sein Schwerdt mildere Gegenden zu gewinnen, wo sie herrschen solte. Sie war zu Beamfleat, und mit ihr die reizende Theophane, als die Sachsen das befestigte Lager der Scandinavier überfielen, dieweil ihre meisten Krieger abwesend waren. Hasting rasete vor Zorn, wie er den großen Unfall vernahm; Amund der streitbare vergoß Thränen von Verzweiflung, wie er von dem Verlust seiner Theophane hörte. Aber Alfred, der edle, troknete diese Thränen ab; »Geht, sagte er den schönen Gemahlinnen seiner Feinde, sagt den Normännern, ich führe mit keinen Weibern Krieg: ich führe ihn auch bloß gezwungen mit den Unterdrükern meines Volkes, und mein gröster Wunsch wäre ihre Freundschaft zu gewinnen.« Alfred hatte die griechischen Schönheiten bewundert, aber sein enthaltsames Herz war gegen alle fremde Reize verschlossen. Hasting erwiederte die Güte Alfreds durch eine doppelte Feindschaft. Aber Amund war edler gesinnet. Volkommen glüklich in den Armen seiner geliebten Theophane, wurde er bald der Freund des Helden, dem er ihre Umarmungen zu danken hatte. Sie rühmte ihm selbst die sorgfältige Großmuht, mit welcher Alfred auch allen Anschein einer Unbescheidenheit von dem Frauenzimmer der Normänner abgewandt, und die holde Begegnung, mit welcher er ihre Gefangennehmung erleichtert hatte. Als die Normänner Engelland verlassen, und sich verbunden hatten, die Sachsen nicht mehr zu beunruhigen, so kam Amund unerschroken an Alfreds Hof. »Deiner Tugend hast du einen Kämpfer zu verdanken. Ich bin Amund, der Freund Hastings, aber der deine, wenn du ihn annimst.« Amunds Nahmen war nicht unbekant, er hatte die Sitten mit der Tapferkeit verbunden, und mit beyden die Weisheit. Alfred reichte ihm die königliche Hand; »Ich nehme deine Freundschaft an, sagte er zu dem Scandinavier, du solst mein Glük mit mir theilen.« Die Königin umarmte die schöne Theophane. Alfreds Hof wurde für beyde Vermählte ein Siz des beständigsten Vergnügens. Amund folgte dem Könige in seinen Kriegen, er bemühte sich am eyfrigsten, die feindlichen Waffen von seinem Fürsten abzuwenden, und bot seine Brust ihm zum Schilde an. Nachdem endlich Alfred die äußern Feinde für immer vertrieben hatte, und nunmehr sich emsig beschäftigte, die Ordnung und die algemeine Glükseligkeit unter seinen Sachsen in Aufnahme zu bringen, so verfolgte Amund mit aufmerksamen Augen jeden Schritt des Gesezgebers; er verglich seine Anschläge, und die Verfassung des sächsischen Reiches mit der Monarchie von Byzanz, und mit demjenigen was er von den Römern und von den bessern Griechen gelesen hatte. Ihm entgiengen die Fehler der sächsischen Staatsverfassung nicht, in welcher von der alten Freyheit der deutschen Völker fast nichts mehr übrig geblieben war, als ein mächtiger Adel, neben dem die Nation in der äußersten Verachtung schmachtete. Lange hatte Amund seine Betrachtungen durch Nachfragen verbessert, lange hatte ihm das Herz gewallt, und ihn aufgefordert, einem Könige die Wahrheit zu sagen, der sie liebte und anhörte. Endlich brachte ihn die Untreue einiger Großen auf, die Alfred überwunden, aber wie er allemahl that, unbestaft gelassen hatte. Einsam hatte der nachdenkende König mit Amund sich auf ein königliches Landgut begeben, das unweit seines Königssizes lag. Sein gütiges Gemüth empfand mit einem tiefen Gefühl die Nothwendigkeit, worin er sich nun so oft versezt gesehen hatte, wider unruhige Große die Waffen zu ergreifen. »Ich liebe mein Volk, sagte der rechtschaffene Fürst, ich thue alles was meine Einsichten nur ausdenken können, Engelland glüklich zu machen. Wie kan es doch möglich seyn, daß seine Söhne mich nicht lieben, mich der sie über alles liebet?« Amund beugte sich gegen seinen königlichen Freund; »Wil Alfred seinen Diener anhören der ihn liebet? will er ihm erlauben frey zu seyn, und seine Gedanken so vorzutragen, wie sie in seinem treuen Herzen entstanden sind? Die Sachsen sind nicht böser, als alle andere Völker: wenn sie undankbar sind, so ist die Quelle des Ubels in der unabgewogenen Verfassung des Staats. Wo kein Gleichgewicht ist, da sind diejenigen allemahl unzufrieden, deren Schale die leichteste ist. Deine Edlen sind zu groß, und nicht tief genug unter die Geseze geordnet: die Gemeinen sind zu klein; von den Edeln zu ihnen ist der Abstand zu groß. Die Grösten haben nur noch einen Schritt zu thun, Könige zu werden; sie werden niemahls ruhig seyn, biß dieser Schritt gethan ist. Wären deine gemeinen Sachsen bey ihrer natürlichen Größe geblieben, so hätten die Edeln an ihnen ein Gleichgewicht, das sie hindern würde, ihre Schwingen zu kühn in die Höhe zu richten.« »Lange hat Amund die Welt gesehen, er hat entfernte Völker gekant, er weiß die Verfassung seines freyen Norden. Auch die Sachsen lebten in der Freyheit; aber deine Ahnen, die Eroberer Britanniens, haben die Leitseile der Regierung dem Adel hingegeben, und ihm die Gemeinen zum Opfer überlassen.« Alfred, der den Rath treuer Freunde gern anhörte, erwiederte gegen Amund. »Mein Freund hat die Morgenländer gesehen, was hat er in denselben gefunden, woraus die Reichsverfassung der Sachsen gebessert werden könte?« »Fern von uns, sagte der Kämpfer, im äussersten Morgen liegt ein mächtiges Reich, das gröste auf dem Erdboden, das Reich der Seren. Nord-China Aus demselben komt die Seide; sie wird bey der Quelle des Ganges vorbey durch die beschneyten Gebürge in Indien, und durch Persien nach Byzanz gebracht; und auf den Inseln des Aegäischen Meeres, im milden Cos, fängt man an dieses Gespinst zu erzielen, das gewisser Raupen Arbeit ist. Theophane selbst hat mit Seide gestikt, sie arbeitet an einem Schleyer, den sie ihrer gütigen Besizerin, der schönen Alswithe, zugedacht hat. Das Reich der Seren ist der Siz der Künste, der Triumph des Akerbaues, und die Pflegemutter unzählbarer Einwohner: denn die übrige Erde ist eine sparsam mit einigen Hütten bestreute Einöde, wenn man sie gegen das glükselige Kathay hält. So habe ich von den Kaufleuten gehört, die in Indien serische Handelsleute gekant hatten, und dann mit den Waaren dieses fleißvollen Volkes durch Byzanz gekommen waren.« »Die Seren sind ohne alle Gleichheit das älteste der gesitteten Völker, sie hatten weise Gesezgeber, und erfindsame Künste, dieweil die Griechen vom Raube der Thiere, und von den freywilligen Eicheln lebten, die die Natur für die unthätigen Wilden wachsen ließ. Kathay ist der Siz der Ordnung, der Kaiser ist der Vater des ganzen Volkes, er beherrscht die vielen Millionen mit eben dem Ansehen, mit welchem ein Hausvater seine Kinder regiert, er genießt von ihnen eben die Liebe und eben den Gehorsam, den sie ihren Eltern leisten. Er ist die einzige Quelle aller Ehre, und unter ihm sind alle Unterthanen gleich schwere Münzen, deren Wehrt erst der kaiserliche Stempel erhöhet, und verschieden macht. Sie kennen keinen Adel: von dem Kaiser gehn die Befehle durch Stuffen von immer niedrigern Staatsbedienten biß zum gemeinen Landmann; und niemand ist, der den geringsten Aufhalt in ihrer Vollstrekung unternehmen dürfte. Niemand bringt in die Wiege erhabene Rechte mit, die ihn über die Gemeinen des Volkes erhöhen. Der einzige Adel besteht in den Enkeln eines Weisen, der vor sechszehn Jahrhunderten im Reiche der Seren die Tugend lehrte, eben zu der Zeit, in welcher Pythagoras die rohen Griechen in der Feldmeßkunst, und in der Kenntniß der Gottheit unterwies.« Alfred, der niemahls ein Volk gesehen hatte, wovon der Adel nicht den angesehensten Theil solte ausgemacht haben, fiel hier dem erzählenden Freunde in die Rede. »Ein solches Volk, sagte er eilfertig, muß feig seyn. Nur das zarte Gefühl der Ehre kan die Liebe zum Leben überwinden, und ein solches Gefühl kan nirgends so lebhaft herrschen als bey den Edlen, denen die geringste Schmach unerträglich, und das Leben zur Last wird, wenn sie es ohne Ehre zubringen sollen. Zudem ist der Edle von niedrigen Sorgen frey, seine Hände sind zum Schwerdt, sein Leib zum Reiten abgehärtet, die Jagd hat ihn zum Kriege zubereitet, der Sieg ist sein einziger Beruf, und der Zwek seines Lebens. Der dürftige Landmann vergißt die Ehre über der unentbehrlichen Bemühung für seinen Unterhalt; gewöhnet zu den Erniedrigungen fühlt er die erhabenen Triebe nicht, die ein Held fühlen muß: zu demühtigenden Arbeiten erzogen, kent er die Geschiklichkeit nicht, ein muhtiges Pferd gegen den Feind zu spornen, den gesenkten Speer in den diksten Haufen der Feinde zu dringen, die Wunden zu geben und zu vermeiden. Zu oft habe ich es erfahren, daß die Stärke meines Heeres in meinen Edeln ist.« Amund erwiederte. »Der belesene Alfred kent die Geschichte der Griechen; sie hatten keinen Adel: aber wer war herzhafter als ein Spartaner, der kaum seinen Vater zu nennen wußte, der ein Sohn des Vaterlandes, und kein Sohn eines Edeln war? Zu eng ist das Gefühl der Ehre in einen Stand eingesperrt, der niemahls zahlreich seyn kan, weil er müßig lebt, und vom Schweiße der Niedrigen seine Nahrung erwarten muß. Diejenige Staatsverfassung ist die weiseste, das Volk muß das siegreichste seyn, wo eben dieses Gefühl sich über das ganze Volk ausbreitet, wo jeder Bürger mit der Begierde nach dem Siege glühet, die einen Feldherrn beseelet. Nicht der Mangel des Adels macht die Seren furchtsam; es sind andere Ursachen dazu. Der fürchterliche Saracen ist ein Kamelhirt, aber wer ficht verzweifelter? wer hat mehr Siege erhalten? wer hat mehr Länder bezwungen, als der freye Durchstreiffer des sandichten Arabiens? Unter den Seren sind zu viele Handwerker und Krämer, und die Menge der Nation besteht mehrentheils aus Menschen, die in stillen Arbeiten den Gebrauch ihrer Glieder verlieren, die ihre Arme nicht durch mühsame Bestrebungen stärken, und keine Unbequemlichkeiten, keine rauhen Lüfte, keine angestrengte Nachtwachen ertragen gelernt haben. Eine andere Ursache zur Feigheit der Seren ist die knechtische Begegnung, die sie von ihren Vorgesezten erdulden. Das unermeßliche Reich wird durch die Peitsche regiert, der gröste Sere ist niederträchtigen Straffen unterworffen; so verliert der Muht des Volkes seine Schnellkraft, es beuget sich ohne Wiederstand unter das Joch, und fühlt an statt des Triebes nach Ehre, nur die Triebe die zum Unterhalt des Lebens treiben, oder die gröbsten der Sinne vergnügen. Freylich ist also das Reich der Seren zum Kiege minder geschikt; auch sehnt sich sein Fürst nach keinen Eroberungen, er begnügt sich mit dem unermeßlichen Umfange seines angestammten Gebietes, und lehnt wohl eher die freywillige Unterwerfung benachbarter Völker ab, die durch den unter den Seren herrschenden Wohlstand angezogen, den Schuz des Beherrschers suchen, der seines Volkes Vater ist.« »Aber dennoch genießt dieses große Reich den unendlichen Vorzug, daß kein Großer sich wider den Kaiser aufzulehnen sich waget; da er einzeln ist, keine Wurzeln in einem verwandten und mächtigen Adel hat, so reißt ihn der erste Sturm der monarchischen Ungnade ohne Wiederstand aus.« »Ein König der Sachsen kan keinen Großen bestraffen, daß er nicht desselben Verwandte, sein Geschlecht, und auch wohl alle Große beleidige, die in der Erniedrigung eines jeden von ihnen die Möglichkeit ihrer eigenen Erniedrigung mit Verdruß ansehen. Der kriegerische Muht ist aber bey den Seren minder nöhtig, da sie zerstreute und vertheilte Nachbarn haben, die ihre Gränzen wohl beunruhigen, aber dem Reiche keine alzugefährliche Wunde beybringen können. Vom Anfange der Geschichte her ist das Reich der Seren immer unbezwungen geblieben, die Königsstämme sind ausgelöscht, andre Seren haben sich auf den Thron geschwungen, aber keine fremde Macht hat das Reich überwältigt.« Die Einfälle der östlichen Tartaren vom Stamme Kin, der westlichen unter dem Stamme Ywen, und wiederum der östlichen unter dem Stamme Tsing, sind alle neuer als Alfreds neuntes Jahrhundert. »Es ist ein großer Vorzug beym Reiche der Seren, wenn man zum Aeußersten des Alterthums hinaufsteigt, dahin wo noch kein anderes Reich der Welt sich erhoben hatte, wenn man biß zu den Gränzen der Fabel zurüke geht, wo die Geschichte ihren Anfang nimt; so findet man allemal ein gesittetes, ein fleißiges und unzählbares Volk, immer Künste, Geseze, weise Männer, und große Fürsten, einen Yu, einen Schung, einen Wenwang, einen Wuwang.« »Doch, fuhr Amund fort, und neigte sich ehrerbietig gegen den König, ich bin kein blinder Verehrer einer unumschränkten Herrschaft, ich bin ein freygebohrner Gothe, dessen Herz sich nicht unter einen Fürsten würde beugen können, wenn die Ehrfurcht nicht es leitete, demjenigen zu dienen, den ich für tüchtiger zu befehlen halte. Ich werde dem Könige die Folgen der grenzenlosen Gewalt aus meiner eigenen Erfahrung zeigen können.« Nach einigen Tagen begleitete Amund die schöne Theophane an den Hof, sie brachte der edeln Alswithe einen weissen von glänzender Seide gewobenen Schleyer; in welchen sie von den höchsten Farben Blumen und Thiere gestikt hatte, so wie sie in den milderen Gegenden des Süden von der Natur mit schimmernden Farben bemahlt werden, als es Nodens schwächere Sonne vermag. Die Königin bewunderte die Kunst und das Zeug, und erwiederte das Geschenk der reizenden Griechinn mit dem feinsten Leinwande, der aus Flandern kam, und dessen zarte Fäden fast dünner schienen, als daß sie von Menschenhänden hätten verarbeitet werden können. »In unsern frostigen Gegenden, sagte Alfred, verspricht die Natur weniger, und überläßt dem Fleisse der Menschen mehr. Die Emsigkeit kan aber auch hier Schäze finden, die zum Glüke des Volks eben so viel beytragen können, als die Freygebigkeit der Natur.« Theophane gestund, daß sie im künstlichen Byzanz nichts gesehen hätte, das diese Arbeit überträfe, und am Nuzen wich freylich der Flachs der Seide nicht. Alfred foderte selbst den Amund auf, seine Unterredung fortzusezen. »Die unumschränkte Macht des Fürsten ist ein Joch, sagte der Kämpfer, unter welchem niemand glüklich seyn kan. Umsonst lacht uns die Gunst des Hofes an, wer kan ein wandelbares Glük ruhig genießen, wenn bloße Runzeln an der Stirne des Fürsten uns ohne unsre Verschuldung in den Abgrund stürzen können?« »Ein guter Herrscher wendet allerdings seine große Macht zum Besten seines Volkes an, und thut um desto mehr Gutes, je weniger er umschränkt ist. Er wacht über seinen Dienern, wählet sie mit Bedacht, und läßt nicht zu, daß auch die Untersten seines Volkes unter ungerechtem Druke leben. So waren die ersten Häupter der kaiserlichen Stämme der Seren. Aber die von ihnen auf dem Purpur erzeuget, im Genusse der obersten Macht erzogen waren, ohne daß es sie einige tugendhafte Thaten gekostet hätte, den Thron zu verdienen; sie sahen bald in der Gewalt nur das Vermögen ihren eigenen Begierden genug zu thun. Sie füllten ihre Paläste mit dem schönsten Frauenzimmer, sie verlohren bey Schauspielen die Tage die sie ihrem Volke schuldig waren: die Belustigungen wurden ihr einiges Geschäft. Ihre durch die elenden Rähte der Verschnittenen, und der geliebten Buhlschaften gewählte Bediente suchten auch kein anderes Bestes, als ihre eigene Größe, ihr Ansehen, ihren Reichthum, ihr Vergnügen: stuffenweise brauchte ein jeder den ihm Untergebenen zum Werkzeuge seiner Begierden, und der unterste, der nüzlichste Bürger darbte in übermässiger Arbeit, auf daß die Höflinge, die Richter, die Bedienten der Krone in Uebermuht und in übermäßiger Pracht leben könten. Das Volk seufzte, und bat den Himmel um Erleichterung; bald murrete es, und endlich war ihm der Tod angenehmer, als sein Zustand, es überließ sich seiner Verzweiflung; der Ehrgeiz fand ihm Anführer; muhtige und thätige Aufrührer trieben den abgearteten Wollüstling vom Throne, und rotteten den Stamm aus, der dem Volke zur unerträglichen Last gereichet hatte.« »Nichts ist gefährlicher, als alles vermögen. Wer mit einem finstern Blike seine Bedienten morden, und ungeahndet vieljährige Dienste mit Gift belohnen darf, der wekt selbst die Dolche auf, denjenigen aufzureiben, vor dem niemand eine Sicherheit hat. Wer ohne die Hülfe der Geseze straffen, willkührlich verbannen, eigengewältig seine vornehmsten Bedienten entsezen kan, überläßt seine Gewalt gewiß der Ausübung seiner Begierden. Wie ihn seine verdorbenen Lüste antreiben, so greift er die Zucht der edelsten Frauen an, das Vermögen der Armen an, die Schäze der Kirche an, die Ehre der Richter an, das Eigenthum eines jeden Unterthans, das seinen Lüsten Befriedigung erkaufen kan. Er strebt mit unnöhtigen Kriegen nach Triumphen, die seine Unterthanen mit ihrem Blute erkaufen müssen. Er verbaut mit prächtigen Schlössern den Lebensunterhalt der Bürger; er verschwendet in nichtsbedeutenden Feyerlichkeiten, in Schauspielen, in Gastmählern, das Brodt und die Haabe seines Volks. Alfred weiß, was in dem grossen Rom der Zaubertrank der unumschränkten Macht für Ungeheuer, auch aus besseres versprechenden Jünglingen umschaffen hat. Gott ist allweise, Ihm gehört die Allmacht, dem fehlhaften Menschen aber Schranken, die seine Begierden einzielen.« »So wie den unumschränkten Herrscher niemand von der Erfüllung seines Willens zurüke hält, so wird sein erster Staatsbedienter, sein Feldherr, sein Richter, sein Kammerschreiber ein Despot. Die ganze Nation schmachtet unter dem Joche, das der Stärkere allemahl dem Schwächeren auflegt, und dessen Gewicht den gemeinen Mann erdrükt, der niemand wieder drüken kan.« »Der Monarch liebet niemand. Jeder Bürger ist für ihn ein von dem Schiksal zur Erfüllung seines Willens bestimtes Werkzeug, dessen Dienste er geniessen kan, ohne gegen ihn in einiger Verbindlichkeit zu stehn. Der Bürger sieht mit Schreken, und mit Haß, das Schloß, wo der Verschwender seines Blutes und seines Eigenthums schwelget; er nimt an der Erhaltung seines Fürsten keinen Antheil, und kent kein grösseres Unglük, als dasjenige, das er wirklich fühlt. Ein verwegener Aufrührer bestürmt mit einer Handvoll Räuber den verlassenen Palast, und kein Bürger begehrt, den Herrscher zu beschüzen, der ihn unglüklich macht.« »Ich habe selbst dem Trauerspiel beygewohnt, das in Byzanz den unglüklichen Michael vom Throne stürzte. Er hatte das Beste des Reiches vernachläßigt, er war ein Schwelger, der über dem Wein vergaß, was die Pflicht eines Vaters des Volkes ist. Ein Mann, von den Geringsten seiner Unterthanen, war durch seine gute Bildung zu obern Bedienungen gestiegen, er fand eine Rotte Würger, die ihm zu Gebote stehen. Ehe die Wareger ihre Waffen brauchen konnten, war Michael ermordet, unsre Treu hatte keinen Gegenstand mehr, und so fiel unter dem Schwerdte weniger Räuber, der Nachfolger des Constantins und der Cäsarn. So wenig Antheil nahm man an seinem unglükseligen Schiksal, daß nicht eine Thräne vergossen, nicht ein Seufzer gehört, keine Bude verschlossen, kein Geschäft gestört wurde; und nach wenigen Stunden rief ganz Byzanz langes Leben dem Kaiser Basilius mit eben dem freudigen Eifer zu, als wenn er der echte Erbe des Throns gewesen wäre.« »Hätte Michael seine Krone an das Beste seines Volkes verknüpft, wären die Geseze seine Schranken gewesen, hätte sein Fall das Wohlseyn des Landes erschüttert: so wäre beym Basil niemahls der vermessene Gedanken aufgestiegen, über die Leiche Michaels den Thron zu besteigen. Aber ein Despot ist eine umgekehrte Pyramide, ein ungeheures Gewicht ruhet auf der Spize, auf einem Punkte; der Hauch eines Westwindes kan den wiedersinnigen Bau umstürzen.« »Nicht allemahl greift der gedrükte Unterthan zum Dolch, oft beugt er sich zum Joch mit unthätigem Murren, ihn kan die Religion in Ketten trösten, oder der Schreken einer besoldeten Kriegsmacht zur Gedult zwingen. Aber dennoch ist der unumschränkte Herrscher unglüklich, weit unglüklicher, als der durch die Geseze gebundene Fürst. Dieser hat eigene Staatskörper um sich, die ihm die Wahrheit sagen; er hat Große, die ungerechten Befehlen sie nicht unterziehen, er hat Geseze, die er ohne Gefahr, und ohne Wiederstand nicht übertreten kan. Alle diese Machten, die ihn einschränken, wachen zugleich für seine Sicherheit. Er wird nicht ungerecht, er greift das Eigenthum seiner Bürger, das Leben seiner Diener nicht an, weil er den Zwek nicht ohne sich zu verunehren, nicht ohne unübersteiglichen Wiederstand erreichen würde. Er lernt von der Erfahrung, daß nur diejenigen Bürger gehorchen, die ihren Herrn lieben, daß diese Liebe zu gewinnen, er Glükselige machen muß, und daß er sein Volk nicht glüklich machen kan, wenn er selbst nicht arbeitsam, gütig und gerecht ist. Manche That, die dem morgenländischen Despoten Spiel und Zeitvertreib ist, würde durch den bloßen Gedanken die ganze Seele eines Fürsten erschüttern, der sich erinnert, daß seine Größe auf die allgemeine Verehrung und diese auf seine Tugend sich gründet. Was ein Tyrann zu Byzanz ruhig entwirft, und mit kaltem Blute bewerkstelligen läßt, das Blenden eines Staatsbedienten, das Verstümlen eines verdächtigen Großen, hat zu eines scaninavischen Königs Gedanken niemahls einen Zugang gefunden.« Alfred erwiederte. »Ich bemerke, daß Amund weder der Macht der Großen, noch der unumschränkten Gewalt der Könige günstig ist. Kent er aber eine Staatsverfassung, wo alle Machten einander im Gleichgewichte halten, wo der König vor dem Ungehorsam und dem Aufruhr, und das Volk vor der Unterdrükung gesichert ist? Ich habe die Geschichte gelesen, und meyne gefunden zu haben, daß diejenige Regierung die beste ist, in welcher ein Tugendhafter herrschet; es mag denn der König herrschen, oder wie zu Sparta die Großen, oder wie zu Rom das Volk. Wo hingegen der Herrscher ungerecht und verdorben ist, so ist auch der Staat unglüklich. So war es unter den bösen Cäsarn zu Rom, unter dem ungerechten Volke zu Athen, unter den drükenden Großen des spätern Sparta; und die Staatsverfassung kan die schlimmen Folgen einer auf lasterhaften Trieben ruhenden Regierung nicht verhindern.« Amund verbeugte sich gegen den König: »Alfred liebt die Wahrheit, und wird sie hören, auch wann sie seinen Gedanken entgegen wäre. Sie kan es nicht seyn; denn wer die Wahrheit sucht, hat sie noch allemal gefunden. Es ist allerdings alles unvollkommen, was von Menschen verwaltet wird; aber groß ist dennoch der Einfluß der Regierungsform auf die Sitten des Volks, und selbst auf die Regierung der Fürsten.« »Ich habe den Misbrauch der unumschränkten Macht bewiesen und erfahren. In Alfreds Händen wird sie eine segnende Gabe des Himmels seyn; aber wie einzeln schenkt das Verhängniß einen Alfred? Die Weisheit des Gesezgebers muß verhüten, daß der unwürdige Sohn eines Salomons nicht alles zerstöre, was die bemühte Weisheit des Vaters gebaut hat. Sie muß das Schiksal des Volkes nicht den oft geringen Ursachen überlassen, die einen Königssohn unfähig oder unwillig machen, das Beste der Seinigen zu besorgen. Der frühe Tod des weisesten und tugendhaftesten Herrschers kan einen Unmündigen in den Händen solcher Weiber, solcher Kämmerlinge lassen, in welchen das zarte Gewächse zu keiner Tugend umgebogen, nach der Leitung des Lasters erstarket. Dem Unwürdigen muß es nicht frey stehen, nicht leicht seyn, die Geisel Gottes zu werden, er der sein Statthalter seyn solte.« »Ich habe ein Volk gekant, ein großmühtiges, ein zu allem Edeln gebildetes Volk. Es verfiel nach und nach durch unvermerkte Schritte in den Zustand einer unordentlichen Aristokratie, die zugleich das Reich der Verwirrung war. Es hatte sich selbst die Gewalt genommen, über das gemeine Beste von Allen etwas zu beschliessen; ein eigensinniger Trozkopf, ein erkaufter Miehtling, konte das Rad der Regierung im Laufe aufhalten, an welchem hundert tausend Edle vergebens arbeiteten. Es kam dahin, daß die Geseze ärger, als die Laster, und der Aufruhr eine Folge der Geseze war. Alle Tugenden des Königs und der Edlen giengen für das Volk verlohren, weil die Unordnung ein genugsamer Vorwand zum Aufstand worden war. Die benachbarten Fürsten sahen die unverbesserliche Schwäche des Reichs ein; sie theilten es ruhig unter sich, wie Brüder die Felder ihres Vaters theilen, und die undankbaren Edlen, denen der Zaum der Geseze unerträglich gewesen war, geriehten unter das Joch der unumschränkten Macht. Nicht die Verderbniß der Sitten, nicht böse Fürsten, hatten am Unglüke des mächtigen Volkes Theil, sie lag allein in ihrer unsinnigen Staatsverfassung.« »Allerdings ist es also eine würdige Sorge des Weisen, die Theile des Staats so richtig gegen einander abzuwägen, daß sie einander ein Gleichgewichte halten, daß nicht die Macht des einen Theils, einzeln den Ausschlag geben, sondern das gemeine Beste allein alle Machten in eine gemeinschaftliche Richtung vereinigen könne. Eine solche Staatsverfassung würde die Nation wider die heftigen Umstürze versichern, die andere Staaten oft zum Schutte machen: sie würde die Ehre und das Eigenthum eines jeden Bürgers von der Gefahr befeyen, durch einen Mächtigern, oder durch die Vorurtheile einer irrenden Menge verloren zu gehn: sie würde die Kraft des Staates vermehren, indem sie seinen Gliedern nicht zuliesse in entgegengesezten Richtungen zu arbeiten, sondern sie in einem Mittelpunkte zusammenzöge, der der vereinigte Willen aller Theile wäre.« »Amund, sagte Alfred, dünkt mich wie ein Arzt zu sprechen, der gründlich zeigt, wie erwünscht ein Heylsmittel wäre, das das Erhizte kühlte, das Erkaltete hizte, das Schlappe anstrengte, das Verhärtete erweichte, das allen entgegengesezten Uebeln hälfe. Leicht würde er mich überzeugen, ein solches Mittel wäre die würdigste Gabe des Himmels: aber schwer würde es ihm werden, diese Arzney auszufinden.« »Die Natur, sagte Amund und lächelte bescheiden, hat die Mittel unsre Kankheiten zu heilen in der Nähe wachsen lassen; der Menschen Pflicht ist es sie zu kennen und anzuwenden. Die Staatsverfassung, die die meisten algemeinen Uebel vermeidet, ist den Deutschen und Nordischen Völkern angebohren; sie steigt in das verborgene Alterthum hinauf, die Cherusker kanten sie, die den Römern überlegen waren, und noch ist sie in Scandinavien erhalten worden: die Sachsen sind davon abgegangen. Es wäre ein Werk, würdig eines Alfreds, eine Einrichtung wieder aufzuweken, bey welcher die Ahnen der Sachsen frey, steitbar, und allen ihren Feinden zu mächtig gewesen sind.« »Ich kenne drey Theile, die ein Volk, ein großes Volk, wesentlich ausmachen müssen. Denn bey einem kleinen Staate wird ein Fürst minder erfodert; ein großes Reich aber hat zu viele Geschäfte, als daß sie durch eine Menge von Beherrschern befördert werden, als daß sie durch die Berahtschlagungen von Vielen ohne eine schädliche Verlängerung entschieden werden könten. Ein großes Reich muß auch viel zu große Aemter, und zu große Gewalt einem Bürger vergeben, als daß die Geseze ihnen zum genugsamen Zaum dienen könten; es muß Heere halten, und auch diese würden den Feldherrn bald zum überwegenden Bürger machen. Rom verlohr das Gleichgewicht, da es alzu ausgebreitete Länder, alzu zahlreiche Legionen hatte; ein Sylla, ein Pompejus, ein Cäsar waren den ohnmächtigen Gesezen zu groß.« »Ein König muß also über ein großes Volk gebieten; die ausübende Gewalt, die Lenkung der Heere, die Unterhandlungen mit andern Völkern, alles was nur einen eilfertigen Entschluß fodert, selbst die Wahl des Krieges und des Friedens muß ihm überlassen seyn. Die Geseze herrschen unter seinem Nahmen, er nent die Richter, er ist der Quell des Adels, und der Ehre, er wählt zu den Aemtern, sein Beyfal muß zur Errichtung der Geseze, und zu allen großen Entschlüssen der Nation, eingeholt werden; das Volk muß ihn mit genugsamen Reichthümern unterstüzen, den Glanz eines Hofes zu unterhalten, des Reiches Würde gegen seine Mitbürger zu behaupten, die nüzlichen Künste und der Darbenden Verdienst zu belohnen. – Er muß ruhig sein Reich den Erben überlassen, eine jede Wahl schwächt die Leitseile des Fürsten bey einem Wahlreiche, bis ihm nichts als der äussere Pomp des Thrones übrig bleibt. Des Königes Person muß geheiligt, muß vor aller Beschimpfung, vor aller Gewalt durch die Geseze gesichert werden. Da an seiner Erhaltung, die Ruhe des Staates liegt; so beleidigt derjenige die Majestät des ganzen Volkes, wer seinen König angreift, dem das Volk aufgetragen hat, die Würde der ganzen Gesellschaft vorzustellen.« »Aber die Geseze müssen den König beschüzen, selbst muß er sich nicht Recht schaffen. Seine Macht wäre einem jeden Bürger zu sehr überlegen, er würde bald zum Despoten, und zum Tyrannen werden, wenn er selbst straffen, selbst die Güter und die Person desjenigen angreiffen könte, von dem er sich beleidigt glaubte. Er soll allerdings in seiner Würde von den Gesezen wider die Anfälle der Lästerer beschirmt werden, die tiefer als man glaubt, die Grundfeste der Regierung erschüttern, indem sie das Vertrauen des Volks demjenigen entziehn, dem das algemeine Beste zu besorgen übergeben ist. Langsam schüren die Verläumder ein Feuer auf, das endlich, wann es algemein geworden ist, wann die Gemühter des grösten Theils der Nation eingenommen sind, zur alles verzehrenden Lohe ausbricht; und niemahl wird ein Fürst gestürzt, daß nicht der Staat geschwächt, und viele Tausende elend werden.« »Es ist ein trauriges Bekentniß, aber die Geschichte der Welt ist ein überzeugender Beweis, daß ein böser Fürst mehr Macht hat, und sich besser beschüzt, als ein guter Herrscher. Der tugendhafte Fürst wird ohne Gefahr verschwärzt, und bey seinem Volke verdächtigt, er leidet, was nur immer gelitten werden kan; auch worinn er nicht mehr sich gedulden kan, so ruft er die langsame Hülfe der Geseze späte an, und findet bey denselben keine Hülfe, wenn einmahl eine große Anzahl der Bürger mit Vorurtheilen eingenommen, seine Verkleinerung wünschet. Ein böser Fürst weiß, und in allen Staatsverfassungen, Mittel genug, die Geseze durch die Richter zu gewinnen, den Furchtsamen durch das Beyspiel seiner Rache, den Gierigen durch die verschwendeten Schäze, den Ehrgeizigen durch Erhöhungen in der Ehre zu erkaufen; er braucht Mittel, die der Tugendhafte verschmäht, die aber auf das Verderben der Menschen mit unfehlbarer Kraft würken. Den guten König zu beschüzen, ihn in Augen der Nation ehrwürdig zu machen, müssen also die Geseze eifrig sorgen, und die Stimme der zaumlosen Verläumdung mit Straffen unterdrüken. Je freyer ein Volk ist, je grösser ist die Nohtwenigkeit dieses Schuzes, ohne den ein König nicht die Stärke behalten kan, die zur Lenkung der Leitseile des Staates erfodert ist.« Alfred lächelte: Amund will doch für meinen Nachruhm sorgen; aber will er dann die Stimme der straffenden Wahrheit zum Verstummen zwingen, die wider böse Fürsten sich erhebt, und den Bürger warnt, den Eingriffen in die algemeine Sicherheit, und dem Wachsthum einer schädlichen Macht sich zeitlich zu wiedersezen. »Des bösen Fürsten Thaten, sagte Amund, werden lauter wider ihn sprechen als der Mund des Hasses. Wann die Grundgeseze fest stehen, wann die Bedinge wohl versichert sind, an welche der König gebunden ist, wann die übrigen Machten des Reiches ihre Gewalt richtig ausgezeichnet haben: so kan ein Fürst sich nicht vergrößern, nicht über die Geseze erheben, daß er nicht die übrigen Machten des Staates beleidige, daß nicht der Einbruch in die Schranken der Geseze dem gemeinsten Bürger sichtbar werde. Die bösesten Fürsten werden weniger verläumdet, die unfehlbare Rache unterdrükt die Klagen, selbst der Unterdrükten. Aber das Volk fühlt um desto mehr, je tiefer es stillschweigt, und eine Gränze ists, über die der Fürst nicht schreiten kan, ohne alle Kräfte des Reiches wider sich zu wafnen, und ohne unwiederstehbar gestürzt zu werden. Es wäre mir leicht, Fürsten zu nennen, die ein entfalnes Wort mit zweytausend Pfunden Goldes, und die freyern Klagen mit der Verstümmelung bestraften, und in deren Reiche keine andre Stimme gehört wurde, als die Stimme der Schmeicheley. Sie griffen dem Staate an die Grundgeseze, und plözlich fiel der Tyrann durch die vereinigten Kräfte aller Partheyen gestürzt, die einander verfolget hatten, die sich aber wider den algemeinen Unterdrüker schleunig vereinigten.« Amund, sagte der weise Alfred, rügt hier eine schwere Frage. Wo fängt der König an, sein Recht zum Throne zu verwürken? wo ist die Gränze die er überschreiten muß, wann sein Volk das Recht erwerben sol ihn zu stürzen? Amund vergißt, daß eines Fürsten Fehler unendlich verschieden an Größe sind, daß auch das Volk kein erleuchteter Richter ist, der diese Fehler richtig abzuwägen weiß: will das Volk den geringsten Fehler der Fürsten ahnden, so wird keine Regierung fest seyn: denn ein jeder Fürst begeht Fehler, und das Vorurtheil, oder der Eigennuz, kan dem Volke Fehler an dem Fürsten zeigen, wo nichts als Tugenden sind. Wann ein Vergleich zwischen dem Fürsten und dem Volke angenommen wird, der dem Fürsten das Recht zur Herrschaft giebt, so lang er die Bedinge erfült; und dem Volke das Recht ertheilt, den Gehorsam aufzusagen, so bald die Bedinge vom Herrscher nicht aufs genaueste erfült werden: wann dieser Vergleich das Grundgesez aller Regierungen ausmacht, so bedaure ich den Fürsten, der einen so wankelbaren Thron besteigt: ich bedaure das Volk, das unaufhörlich mit Gewaltthätigkeiten und Blut den Umsturz eines Fürsten und die Wahl eines andern erkaufen muß, den es eben so viele Ursache finden wird zu stürzen, als es beym erstern fand. Wann hingegen der Fürst sein Volk sicher unterdrüken kan, wann unterm Vorwande der algemeinen Ruh, niemand sich seinen Gewaltthaten wiedersezen soll; wann er mit unbarmherzigen Auflagen den nöhtigsten Unterhalt der Armen an sich reißt, und nakte Bürger verhungern läßt, seine Begierden zu sättigen; wann er eigenmächtig nach der Freyheit, nach dem Leben der Unterthanen greift, unverhört in die Kerker wirft, und unüberwiesen durch erkaufte Richter, hinrichtet; wann er die Ehre, die Würde der besten Bürger, die uralten Gerichtshöfe der Nation wilkührlich stürzt, wann er die Stimme des Elends, die Vorstellungen der warnenden Wahrheit mit Unwillen, mit Straffen brandmarket: sollen dann Millionen elend seyn, weil ein einziger Sterblicher ungerecht ist? hat der oberste Herrscher diese Millionen für einen Einzigen geschaffen? sol die Glükseligkeit so vieler Tausenden in keinem Gleichgewicht gegen den thörichten Willen eines Einzigen stehn? sollen sich die freyen Bürger wie Schaafe würgen lassen, und noch die Hand des Mörders küssen? Es muß also eine March gefunden werden, bey welcher der Widerstand rechtmäßig wird, bey welcher der Fürst das Recht verlieret, im Genuße seiner Vorzüge zu bleiben; aber kennt Amund diese March? »Schwer ists, weiser Alfred, sagte der Redliche, schwer ists diese March zu ziehen, und dennoch muß sie gezogen seyn. Selbst unter den mildesten Völkern, selbst unter den feigen Seren ist eine March, die Tscheu überschrit, und vom tugendhaften Wuwang gestürzt wurde. Wuwang berief sich auf die Stimme des Himmels: Er, sagte er, Er, der Tien heißt mich, die Erde wieder des Tyrannen Gewaltthaten zu schüzen.« »Das einzige Mittel diese Gränze zu bestimmen, ist die genaueste Ausmarchung der Grundgeseze, und der Schranken der königlichen Macht. Wann der König keine Steuern auflegen soll, und dennoch auflegt, wann er sich selbst nicht Recht schaffen sol, und dennoch aus eigener Macht verhaftet und hinrichtet, wann er Geseze macht, die weder von den Edlen, noch von den Ausgeschossenen des Volks gutgeheissen worden sind, wann er die Geseze, die von allen gesezgebenden Machten ihre Kraft erhalten haben, durch eigenmächtige Erlassung der Straffen, entkräftet, wann er die Freyheit der Meynungen und der Schlüsse der übrigen Machten des Reichs hindert, wann er folglich die Grundgeseze des Reichs umstößt: so verwürkt er allerdings sein Recht zum algemeinen Gehorsam, er ist ein Feind seines Volkes geworden, und das Volk kan seine Feindschaft erwiedern; die übrigen Machten sind berechtigt, ihn in die Schranken der Geseze zurük zu sezen.« »So lang er bloß fehlt, ohne die Grundgeseze anzutasten, so lang er nur durch übel gewählte Rähte schadet, nur die weisesten Auswege in den Staatsgeschäften miskennet, nur schwach und nicht ein Wüterich ist: so lang verdient er die ernsthaften Vorstellungen seiner Edeln, und des Volkes, er verscherzt die algemeine Hochachtung, er kan an seinen Bedienten bestraft, und an der Ausführung seiner unweisen Entschlüsse durch die übrigen Machten des Reichs gehindert werden. Aber die Entsezung des Fürsten ist ein so großes Uebel, daß man die harte Arzney nicht eher zu versuchen hat, bis kein anderes Mittel zur Rettung des Staates übrig ist.« »Glüklich ist es für die Menschen, daß sie nicht plözlich den äussersten Staffel der Bosheit erreichen, daß die Macht der Sitten, und die Furcht der Folge ihnen nicht zuläßt, von der Tugend tief in die Abgründe des Lasters sich plözlich zu stürzen, und daß sie stuffenweise zu großen Vergehungen sich entblöden. Ein Fürst kan folglich in einer gemäßigten Staatsverfassung mehrentheils durch Vorstellungen, durch den gesezmäßigen Widerstand der ihm beygeordneten Machten, durch die Zeichen des algemeinen Widerwillens, durch Ahndungen an seinen bösen Bedienten, in dem unglüklichen Lauffe seiner Abartung aufgehalten werden. Selten wird in einer wohlabgewogenen Staatsverfassung die traurige Nothwendigkeit entstehen, daß das Volk wider denjenigen sich wafnen müßte, für den es sonst sein Leben aufzuopfern schuldig wäre. Nur in den übel bestimten, ohne Gleichgewicht wankenden, durch keine Grundgeseze, befestigten Staaten hat es die Wüteriche gegeben, in deren Blut das Volk seine Sicherheit hat suchen müssen. So war die Römische Herrschaft eine Brut der kriegerischen Gewalt, und der heuchelnden Staatsklugheit, wo das Ansehen einer Republik blieb, und dennoch alle Gewalt bey dem Schwerdte der Prätorianer und der Legionen war. So ist es zu Byzanz, wo keine Schranken den Fürsten umzielen, wo sein Willen ohne die Hülfe der Geseze in die Erfüllung geht, wo ihn nichts hindert, alles zu wagen, und auch nichts ihn wider die Verzweiflung der Unterdrükten beschüzt. Der mit der Ungnade bedrohte Kämmerling, der seiner Würde entsezte Feldherr, weiß daß er nicht mehr Gefahr bey dem Aufruhr, als beym Gehorsam läuft, daß er nicht die Geseze, nicht das Volk, sondern nur den Fürsten zum Feinde und zu fürchten hat; daß ihm noch eine Hofnung bleibt, den Dolchen dem Fürsten ins Herz zu drüken, eh ihn das Beil erreicht: er wagt die nicht hofnungslose Unternehmung, und oft erliegt der Fürst, eben weil er alles vermocht hat, weil keiner Geseze Aufsehen ihn eingeschränkt und aufgehalten haben, sich in den Abgrund zu stürzen; weil die Geseze ihn so wenig beschüzt haben, als sie seine Unterthanen beschüzt hatten.« »Selten, und in einzelnen Jahrhunderten, wird also ein umschränkter Fürst sich selber Feind genug, durch alle Hindernisse, durch alle Geseze zu brechen, und solche Gewaltthaten zu unternehmen, die seine Unterthanen zu der Verzweiflung bringen, ohne die sie niemahls die gefährliche Umstürzung eines rechtmäßigen auf seinem Throne sizenden Fürsten unternehmen würden; häufig sind hingegen, und durch die kleinsten Ursachen entstehn, die Veränderungen despotischer Staaten. Selbst in dem gesitteten Byzanz, wo das Christenthum Gedult und Gehorsam lehrt, wo vielvermögende Priester meistentheils dem Fürsten zugethan, des Volkes Wallungen zurükhalten, auch da sizt vielleicht der funfzigste Kaiserstam auf dem Throne, seitdem der erste Cäsar die Freyheit unterdrükte; und bey den wilden Morgenländern vertreibt ein Wüterich den andern, wie die vom Sturme getriebenen Wolken einander vom Reiche der Luft verdrängen.« »Die zweyte Macht in einer gemäßigten Staatsverfassung ist der Adel. Alfred hat vielleicht den Amund im Verdacht, er sey dem Adel ungewogen; aber Amund würde wider sich selber sprechen: er hat selbst seiner Geburt die Vorzüge und die Ehrenbezeugungen zu danken, die der Gemeine dem Edelgebohrnen nicht ungerne erweiset. Der Adel ist keine Erfindung der Griechen, der gesitteten Aegyptier, noch der ämsigen Seren, er haftete auch zu Rom nur zur Hälfte an der Abstammung von alten Helden. Die Vorzüge des Adels sind in Norden zu suchen, und der erste Edelmann war ein streitbarer Kämpfer; seine Söhne folgten seinen Fußstapfen, und die einzige Bemühung vieler auf einander folgenden Geschlechter war der Krieg. Durch die fortgesezte Wichtigkeit, die der kriegerische Muht und die Auferziehung in den Waffen, den Enkeln der ersten Helden gaben, gewöhnte sich das Volk die Vertheidiger der Nation von demjenigen Pöbel zu unterscheiden, der das Vieh hütete, den Aker baute, und im Gebrauche der Waffen minder geübt, minder fürchterlich, und den in beständigen Streitigkeiten lebenden Horden zu ihrer Beschüzung minder nohtwendig war.« »Enger noch und beharrlicher wurde der Vorzug des Adels befestigt, da zuerst die späteren Kaiser der Römer und Byzantiner den an den Gränzen wilder Völker sich niederlassenden Kriegsleuten eigene Stüke Länder mit dem Bedinge überliessen, bey dem Gebrauche der Waffen zu bleiben, und diese Gränzen des Reichs zu vertheidigen; hierdurch wurde es ganzen Geschlechtern zur Pflicht sich beständig in den Waffen zu üben, und ein unwiederbringliches Eigenthum gab ihnen gegen andere Bürger einen Vorzug, als deren Söhne gar oft die Besizungen verlohren, die durch die Arbeit ihrer Vätter waren erworben worden.« »Noch tieffer gieng der Unterschied des Adels von den Unedlen, da streitbare Völker die minder streitbaren bezwangen, da das ganze siegende Heer die eroberten Länder unter sich theilte, und den Ueberwundenen das Leben unter dem harten Bedinge ließ, die Erde zu bearbeiten, auf daß die Sieger ohne Müh und in müssigen Uebungen der Jagd und des Kriegs leben könten. So wurden die Sarmater zu Edeln, deren Knechte die alten und schwächern Einwohner der großen Länder sind, die ich durchgereist habe, und die an den nordlichen Gränzen von Asien und Europa liegen.« »Der Adel hat allerdings in einem Staate seinen Nuzen; die Enthaltung von allen niedrigen Geschäften, das zarte Gefühl der Ehre, die Ermunterung, die aus der Hofnung der Würde entsteht, selbst der angebohrne Stolz, der auf der Ahnen Verdienste sich gründet, erhebt den Geist der Edlen, und ihre Glüksumstände geben ihnen eine Unabhänglichkeit, und einen Nachdruk, zu dem ein Handwerksmann oder ein Handelnder schwerlich gelangen kan. Diese Vorzüge muß ein weiser Gesezgeber so anzuwenden wissen, daß der Adel den Staat überhaupt vertheidigen, den König unterstüzen, und von den Gemeinen alle Unterdrükung abwenden könne.« »Alfred erlaubt seinem Diener die Freyheit wahr zu seyn. Unter seinen Angelsachsen hat der Adel zu viel Vorzüge, er wird dem Staate schädlich: die Gemeinen machen dennoch das Volk am eigentlichsten aus, und wann jeder Bürger das Recht hat, von der Staatsverfassung so viele Glükseligkeit zu erwarten, als es möglich ist, so genießt der gemeine Sachse diese Rechte nicht. Er kan zu den hohen Ehrenstellen nicht gelangen, er kan sogar sein Eigenthum zur Nohtdurft des Staats nicht freywillig aufopfern, der König schreibt dem Adel die Steuern vor, und der Adel legt auf die Gemeinen die Last, die er von sich ablehnt, und nach seiner Wilkühr abmißt. Das Land ist dem Adel eigen, der Landmann ist nur sein Pachter; der Unterhalt des Arbeiters, das Leben seiner Kinder, auch ihre Heyraht, hängt von dem Eigensinne des Edelmanns ab.« Es waren wohl unter den Sachsen halbfreye Leute. Die einen waren freye Pflugmänner (Socmen), deren eine wiewohl geringe Anzahl zu einem Rittergute erfordert wurde, weil ohne sie die Untergerichte nicht hätten können besezt werden: Aber auch diese Männer waren dem Adel in so weit ergeben, weil sie ohne dessen Beyfall ihre Güter nicht verkauffen durften, und auch von demselben nach seinem Gutdünken von dem Gute verstoßen werden konten. Und auch die freygelassenen wenigen ganz freyen Männer, die über ihre Güter ohne Zwang schalten konten, ergaben sich mehrentheils freywillig dem Schuze der Edlen, und wurden zu Lehen-Leuten (Littleton Henry II. Tom. III. pag. 186. 367. 368), und so frey sie waren, so pflügten sie dennoch ihrer Herren Güter. »Dem Könige ist der Adel eben so gefährlich. Er hat die Waffen einzig in seinen Händen, Man meint Spuren zu finden, daß in jeder Grafschaft ein Heretoch gewesen sey, den die Freymänner jährlich erwählt hätten. Aber diese Sage ist bey der wenigen Freyheit des Volkes höchst unwahrscheinlich und beruht auf einer unzuverlässigen Urkunde (Littleton, III, p. 86. 319). jeder Graf ist der Feldherr des ihm untergebenen Volkes: der Gemeine hängt zuerst am Großen, und nur durch ihn an dem König. Des Edlen Unwillen kan die Samlung der Kriegsleute erschweren, ihre Dienste unnüz machen, dem Könige die Mittel abschneiden, die Heere zu erhalten. Noch ein Schritt, noch eine zweydeutige Unternehmung des Königs, durch welche der Edle sich beleidiget glaubt, so werden die Grafen die Waffen wider den König selber wenden, und die Gemeinen, die unter der Gewalt des Adels sind, die von ihm ihre Felder haben und ihr Brod erwarten, die werden dem Adel wider den König dienen, den sie nicht anders kennen als durch die Befehle des Adels.« Wiederum hat der Adel die Gerechtigkeit zu verwalten, er der kein Geschäft kent, als die Jagd und die Waffen, der die Bücher verachtet, und der seine Wilkühr zu Gesezen macht, da die Geseze seinen Willen lenken solten. Dieses Vorrecht liefert den Gemeinen noch mehr in seine Hände, der Grafen Ungunst ist ein verdammendes Urtheil für seine Angehörigen, seine Gunst giebt in der That selber den Ausspruch für den der sie erworben hat. Endlich sind die Rittergüter zu unermeßlich groß, und geben dem Adel eine alzu große, und zu wenig vertheilte Macht.« Littleton, III. 325. »Allerdings muß also der Adel von einem weisen Gesezgeber in die Stellung versezt werden, in welcher er dem Staate, dem Könige, und dem Volke nüzlich, und keinem Gliede des Staates beschwerlich sey. Die Gerichte können ihm nicht anvertraut werden, er hat zu viel Angelegenheiten mit seinen Leibeigenen und Pachtern und mit dem Könige abzuthun, die alle auf seine Gerechtigkeit einfliessen können; er hat auch in Angel-Sachsen zu wenig Eifer auf die Erleuchtung seines Verstandes gewandt, als daß man ihm die oft alzu schwere Arbeit auflegen könte, das verborgene Recht aus der Dunkelheit zu ziehn, worinn es manchmahl verborgen liegt. Zu Richtern müssen Männer gewählt werden, deren Auferziehung sie zum Lesen, zur Kenntniß der Geseze, zur Nachforschung der Gründe einer jeden Sache gebildet hat. Der Richter muß in der Grafschaft nicht angesessen seyn, nichts eigenes, keinen Eigennuz haben, der die Waag-Schale der Gerechtigkeit an die eine Seite lenkte; dieses Gesez haben die Seren schon längst gekant.« »Noch weniger soll die Macht der Waffen, und der Befehl im Kriege den Grafen eigen seyn; die Kriegsleute sind des Vaterlandes, und seines Vaters des Königs, nicht eines Grafen, nicht einer Grafschaft Eigenthum. Allerdings kan der Adel mit dem grösten Vortheil gebraucht werden, einzelne Schaaren Hunderte und Tausende von Kriegsleuten anzuführen; seine Erfahrenheit in den Waffen, seine Ehrfurcht, selbst die den Geringen für den Adel angebohrne Verehrung, machen ihn zum Befehlen tüchtig: Aber der Feldherr, der Oberste, der Hauptmann müsten von dem König gewählt, und kein Recht zu den Würden des Kriegs angebohren werden. Der König wählt die tüchtigsten, und die eifrigsten Bürger des Staates; die Geburt zeugt blöde, und kränklichte, der Eigensin ungerechte und übelwollende. Der gemeine Kriegsmann, der Hauptmann, der Oberste, müssen des Königes und keines Unterthanen Leute seyn. Wie Angel-Sachsen jezt verwaltet wird, so ist jede Grafschaft der Siz eines kleinen Königes, der seine eigene Sorgen, und seine eigene Vortheile hat, und erst vom gemeinen Besten denkt, wenn es mit dem seinigen übereinstimt. Auch der König muß die Kriegsübungen einrichten, muß die Befehle geben, wohin jede Schaar vorrüken, wozu sie dienen soll, er muß sie ernähren, sie wafnen, ein eiziger Geist muß alle Kräfte des Königreichs beleben, und zu einem einzigen Zweke alles vereinigen.« Alfred hörte aufmerksam zu; er fühlte die Wahrheit der Anmerkung wohl, die Amund gemacht hatte, der Weise sah aber zugleich, daß eine so große Veränderung der Macht der Großen einen algemeinen Aufstand erweken würde, der für ihn zu stark wäre. Er versprach sich selber die alzu weit ausgedehnten Vorzüge der Großen zu schmälern, nur daß die Klugheit viele Zeit und ein almähliges Fortschreiten erfoderte. Die Gerichte entzog er dem Adel wirklich, aber der frühe Todt des Weisen nahm ihn weg, eh er die Gewalt mindern konte, die sie im Kriegswesen hatten. Der König machte unterdessen seinem Freunde einen Einwurf. Amund nimt dem Adel die Anführung im Kriege, und den Siz in den Gerichten: was hat er denn den Edlen für Pflichten vorbehalten, durch welche der Adel dem Lande dienen könte? »Alfred, verbeugte sich Amund, ruft alle Jahre die Großen zusammen und beherzigt mit denselben die Wohlfahrt des Landes. Diese Versamlung ist wilkührlich, sie solte beständig seyn, und ihren Grund in der Staatsverfassung selber haben. Alle Jahre versamlen sich die drey Machten des Reichs, der König, die Edlen, und die Ausgeschoßenen des Volkes. Den Tag der Eröfnung der großen Versamlung sezt der König an, und er entläßt die Stände. Von jedem edlen Stamme hat das Haupt am Reichstage eine erbliche und wesentliche Stimme; den Adel selbst ertheilt der König auf alle Folge der Zeiten, so lang der Mansstam dauret. Dieses Erbrecht giebt dem Adel eine Unabhängigkeit, die er verlöhre, wann die verliehenen Vorrechte mit dem geadelten verdienten Mann ausstürben.« »Am Reichstage werden alle große Geschäffte des Reichs, die Steuren, die Geseze, vor den Rittersaal getragen, und kein Entschluß der Reichsstände wird rechtskräftig, wann ihn der Adel nicht billigt. Ihm werden die Bischöffe zugegeben, weil sie fast einzig einige Wissenschaft besizen. Die Ueberlegung der Geschäfte wird bey dem Adel eine Nacheiferung werden, die die Gemühter veredelt, indem sie dieselben reizet, alle ihre Kräfte anzustrengen, vor ihren Mitherrschern gründlich und mit Eindruk über jede Frage zu sprechen. Dieses ist das einzige Mittel, die Edlen von der Jagd, und von den Waffen zurük – und zu Auszierung ihres Verstandes, zu Kenntniß der Geseze, und der Geschichte des Vaterlandes zu rufen. Die Gegenwart gelehrter und kundiger Bischöffe wird diese Nacheiferung vermehren; der Adel wird sich schämen, sich von denjenigen leiten zu lassen, die weit unter ihm gebohren sind, und die bloß die Gemühtsgaben ihm an die Seite sezen. In einer Versamlung, wo man einzig durch die Ueberzeugung durchdringen kan, können die Vorzüge der Geburt kein Uebergewicht über die gleich Edlen verschaffen; und wer fremden Meinungen sich nicht unterwerfen will, muß lernen, die seinen durch die Kenntniß der Sache und durch die Stärke des Vortrags zu unterstüzen. Diese Nacheiferung erwekte in dem kriegerischen Rom Redner und Staatsleute, sie bildete eines Cäsars genaue Richtigkeit, eines Tullius blühende Wohlredenheit, und eines Kato mänliche Ernsthaftigkeit aus.« »Ich würde weiter gehen, fuhr Amund fort, ich würde die lezten Aussprüche der Gerechtigkeit weder den Bischöffen noch den Richtern überlassen, ich würde den Rittersaal zum obersten Gerichtshofe machen, wo alle steitige Sachen endlich beurtheilt werden solten. Die Gelehrten würden beywohnen, die Edlen aber mit richten. Auch von diesem Rechte des Adels hofte ich, daß die ohnedem nach der Ehre dürstenden Gemühter der Großen ihre angebornen Vorzüge durch die Kentniß der Geseze, und der natürlichen Billigkeit, und durch den Nachdruk und die Ordnung ihres Vortrages zu behaupten trachten würden. Ich trage keinen Zweifel, die unwissenden Edlen, die jezt mit geschnittenen Steinen ihre Aussage bescheinigen müssen, würden in wenigen Jahren tüchtig werden, die großen Geschäfte des Reichs zu verwalten.« »Alsdann würde aus ihrem Mittel der König die Kanzler, die Gesandten, die Rähte, und die obersten Staatsbedienten wählen können, die er jezt unter Priestern und Mönchen suchen muß. Die Großen, die jezt in ihren Schlössern wie abgesonderte Fürsten leben, würden an den Hof gezogen, mit dem Könige näher bekant, und durch ihre Würden selbst ihm verbunden. Das Volk würde mit Vergnügen den König seine Macht mit solchen Männern theilen sehen, mit denen es nicht in der gleichen Reyhe geboren ist; und die minder als Unedelgebohrne das Ziel des Neides ihrer Mitbürger sind.« »Diese Veränderung im Staate ist leicht; sie läßt den obern Orden der Bürger eines Staates an seiner Stelle. Was ich aber jezt vorzutragen gedenke, wird der König fremder finden: dennoch ist die Staatsverfassung, die ich entwerfe, die uralte Verfassung Weitläufig trachtet freylich Lord Littleton zu beweisen, daß schon zu der Sachsen Zeiten, das Volk zu den Parlementen gerufen worden, und wenigstens die Vorgesezten der Städte und Fleken dabey ihren Plaz gehabt haben. Seine Beweise sind von den Ansprüchen hergenommen, die zwar in weit spätern Jahren einige Fleken (Seite 226) auf dieses Recht gemacht, und dabey die Weise der alten Zeiten zum Beweise angeführt haben. Er führt auch Stellen an, in welchen die Versamlung des Parlements ein Volk genent wird. Barnstarte berief sich sogar auf einen Freybrief Adelstans. Die Antiquiores, die der Versamlung zu Clarendon beygewohnt haben, werden für Ealder-Männer vom Lord angesehen, oder für alte obrigkeitliche Personen aus jeder Grafschaft. Alles dieses scheint aber nicht zureichend, einen beständigen, und gesezmäßigen Antheil des Volkes an der Regierung zu beweisen, so wie derselbe zu Heinrichs III Zeiten, und nachher festgesezt gewesen ist. Niemahls wird in den Gesezen oder in der Geschichte gerade herausgesagt, es seyen von jeder Grafschaft, von jedem Fleken eine Zahl Ausgeschossener berufen worden; keiner wird jemahls genent, und unter den wenigen freyen Unadelichen wäre es schwer gewesen, eine tüchtige Wahl von Männern auszuwähren, die nicht vom Adel durch ihre Güter, und durch ihre Schuzbriefe wären abhängend gewesen. Der Lord gesteht selbst, die Geschäffte des Reichs seyen mehrentheils ohne die Gegewart des Volkes im Parlamente der Edlen abgethan worden, und des Volkes Macht sey viel zu gering gewesen, (Seite 234) zwischen der königlichen Macht und der aristokratischen ein bedeutendes Gleichgewicht zu halten. aller nördlichen Völker, der Germanier, der Scandinavier, der mächtigen Franken, und selbst der Sachsen; obwohl das Uebergewicht des Adels almählig das Volk unter sich gedrükt, und fast bis zur Knechtschaft erniedrigt hat.« »Unsere Ahnen waren alle gleich. Wer Waffen trug, hatte einen gleichen Antheil an der Herrschaft eines Volkes, dessen Sicherheit er mit seinem Blute zu erkaufen bereit war. Wann große Entschlüsse genommen wurden, wann der Krieg erklärt, wann Frieden geschlossen werden solte, so versammelte sich das ganze Volk, das Heer freyer Kelten. Ihr Ruf, der Schall ihrer an einander gestoßenen Schilde, erklärten den Willen des Volkes, und wurde zum Geseze. Sie wählten ihre Heerführer, ihre Könige. Der König war ein Krieger, der seines Volkes Vertrauen durch seine Tapferkeit erworben hatte, er war ein Feldherr, aber nicht ein Meister seiner Mitbürger; selbst bey den Früchten seiner Siege erwuchs für ihn kein Anspruch zur Beute, der eines gemeinen Bürgers Rechte hätte verdringen können.« »Die Menschen haben alle ein gleiches Recht zur Glükseligkeit. Ein Staat muß auf eine Weise eingerichtet seyn, daß so viele Bürger, als möglich ist, glüklich seyen, und in dem höchsten Grade glüklich seyen, der nur erreicht werden kan. Hier fehlt die despotische Regierung, die nur für die Macht und die Glükseligkeit des Beherrschers sorget, und derselben das Wohlseyn der Unterthanen aufopfert, die nur Werkzeuge bleiben, wodurch der Monarch seinen Willen ausführen kan. Aber ein weiser Gesezgeber will nicht, daß unter vielen Millionen nur ein Glüklicher sey.« »Eben so wenig solte die Macht von der Fähigkeit getrent werden, die Macht zu gebrauchen. Einem Weisen ist es ein Widerspruch, einen Ritter in der Wiege zu sehen, dessen zarte Hände vielleicht niemals stark genug seyn werden, das Schwerdt zu führen. Widersinnig scheint es, nicht in den erwiesenen Vorzügen des Verstandes und des Muhtes eines Mannes, sondern in den Vorzügen seiner Voreltern, das Recht zu gründen, denjenigen zu befehlen, ohne deren Raht er sich oft nicht zu leiten wußte.« Alfred warf ein. »Meine Ahnen haben weislich gehandelt, daß sie diesen Theil ihrer Staatsverfassung verändert haben. Die Menschen sind nicht gleich. Diese Gleichheit ist ein Gedicht stolzer Sophisten. Die Tapferkeit hebt einen Bürger über den andern, auf eine verdiente Höhe empor, die Weisheit kan ihn über alle erheben: wer Rähte zu geben weiß, die ein ganzes Volk zu seinem Glüke leiten, der ist dem Volke mehr wehrt, als einer der Tausende, die auf dem Wege folgen, den er ihnen zeigt, und den sie selbst niemahls gefunden hätten. Der Wehrt eines jeden Bürgers ist der Antheil, den er zum algemeinen Besten beyträgt.« »Sind die Menschen nicht gleich, so müssen ihre Stimmen nicht gleich viel gültig seyn. Tausend unwissender Menschen nachgeahmte Meynungen sind nicht mehr wehrt, als des Einzelnen Weisheit, dem sie alle folgen. Die Menge läßt sich alzu leicht durch feurige Reden misleiten, die ein Ehrgeiziger nach dem Geschmake und den Vorurtheilen seines Volkes zu entwerfen, und mit einer schmeichelnden Beredsamkeit auszuschmüken weiß. Ich habe die grausamen Wirkungen mir bekant gemacht, die die Reden eines misvergnügten Tribuns, eines ehrgeizigen Kleons's, eines verführenden Demosthenes gehabt haben; und ihnen widerstund weder die ernsthafte Gründlichkeit des Phocion, noch die ungeschminkte Tugend des jüngern Kato. Wie die Wellen des Meers durch einen heftigen Wind sich empören, so wallen die Gemühter der gedankenlosen Menge nach der Richtung, die ihnen ein gefälliger Redner giebt. Von allen Gestalten der Regierung würde ich die Obermacht in den Händen des gesamten Volks am wenigsten billigen. Sie, die weder die Auferziehung zu den Geschäfften zubereitet, noch die Erfahrung unterwiesen hat, sie solten von niedrigen Arbeiten sich empor schwingen, und mit unausgebildeten Sinnen, über die obersten Angelegenheiten des Reiches absprechen? das wil die Weisheit, das wil auch mein Freund nicht, der so viele Völker gesehen hat, der aus der Geschichte die Verwaltung des jezigen zu rahten weiß.« »Ich bin weit entfernt, sagte Amund, das Volk zu den Berahtschlagungen zu ziehn, und ihm die oberste Gewalt anzuvertrauen. Zu wohl ist es mir bekant worden, wie ein versamletes Heer urtheilt. Ich war vom Byzanzischen Hofe zu den Patzinaken abgeordnet, die an den Wasserfällen des Borysthenes wohnen, und deren Hauptsiz die Setscha heißt. Die Krieger der gesamten Nation wohnen daselbst, ohne einige Weiber zu dulden; und aus dieser Insel thun sie verderbliche Ausfälle in das benachbarte Sarmatien, in das fruchtbare Dacien, und in das reiche Bulgarien. Alle Jahre versamlen sich alle diese Krieger, und wählen ihre Hauptleute, und ihre Richter; ein jeder Bürger ist dem anderen gleich, und die Stimme des unerfahrnen Knaben wird angerechnet, wie die Stimme des Greises, der funfzig Jahre die Kriege seines Volkes geführt, und als Feldherr es zum Siege geleitet hat. Zugleich wird über die Häupter des verflossenen Jahres das Urtheil gefällt. Ich habe beygewohnet, da ein Feldherr, unverhört, und unüberwiesen, wegen einer bloß auf den Argwohn gegründeten Vermuhtung seiner Zuneigung für Byzanz, mishandelt, aller seiner Güter beraubt, und seines Vaterlandes verlustig erkant worden ist. Weder die Ehre, noch das Eigenthum, noch das Leben eines Bürgers hat die geringste Sicherheit bey dieser Staatsverfassung, wo der Willen der Menge das einzige Gesez ist. Nach einigen Jahren traten andere Redner auf, und der Greis wurde in seine vorigen Ehrenstellen wieder eingesezt, er der als ein Verrähter des Volkes die härteste Strafe erlitten hatte. Die Patzinaken sind Scythen und ungelehrt; aber war das Volk zu Rom gerechter gegen den sieghaften Coriolan, gegen seinen Erretter den Camillus, gegen den Tullius Cicero? hat Athen nicht den Aristides verbant, den Phocion hingerichtet, dem Sokrates den Giftbecher zugesprochen, dem ersten Mann, der die Weltweisheit zur Beförderung der Tugend angewandt hatte. Wann Macht in den Händen der Unwissenheit ist, wann die Verfassung des Staates dem Schwalle eines Vorurtheils der Menge keinen Dam entgegengesezt, so wird das Volk selbst zum Tyrann; denn der ist ein Tyrann, der seinen Willen zum Geseze macht.« »Aber es ist leicht, dem Volke einen wesentlichen Antheil an der Herrschaft zu geben, ohne ihm zu ungerechten Thaten den Zügel zu verhängen. Ihm dem Volke gehört gleichwohl ein Antheil an der Herrschaft. Es macht den grösten Theil der Nation aus, seine Arbeit ernährt den König und die Großen, sein Blut erkauft dem Vaterlande die Sicherheit und den Frieden. Die Glükseligkeit vieler Tausende macht allerdings einen wesentlichen Theil der Glükseligkeit des Staates aus; und diese zu besorgen, kan niemand eifriger, niemand getreuer sich bestreben, als das Volk selbst, das glüklich seyn will. Alzuleicht können die Großen auf den Pöbel mit Verachtung hinunter sehen, alzugeneigt sind sie, die Lasten des Staates auf ihn zu legen, und sich selbst loszusprechen. Alzu oft hat ein Fürst gehoft, durch die Vermehrung seiner Macht glüklicher zu werden, und diese Vermehrung hat er in der Erniedrigung des Volkes gefunden. Seine Begierde zu Triumphen, sein Hang zu Wollüsten, seine mit der Pracht sich nährende Eitelkeit, sezen ihn nur alzu oft in eine Nohtdürftigkeit, woraus er nur durch das Blut, und durch das Darben der Unterthanen, sich zu retten weiß.« »Doch eh das Volk an der Regierung einen Antheil haben kan, so muß es frey seyn. Das sind die Angelsachsen noch nicht: sie sind Pachter des Adels, der sie wilkührlich aus der Pacht stoßen, und ihnen also die Mittel benehmen kan, von den Früchten der Erde und ihrer Arbeit sich zu nähren. Das Volk muß ein Eigenthum haben, und das Land besizen, welches es bauen sol. So lang es für eines Großen Vortheil arbeiten muß, so lang die Veredlung des Feldes den Grafen größer macht, ohne den Landmann zu bereichern: so lang wird auch der Landmann verdrossen bleiben, die Mängel der Erde zu verbessern, und ihre Fruchtbarkeit durch seine Bemühung zu vermehren; Er wird keine Gräben ziehn, das schädliche Wasser abzuleiten, er wird keine befruchtende Erdarten auf den Aker führen, der nicht der seinige ist, er wird geizig und sparsam der Erde wiedergeben, was er von ihr gezogen hat, er wird sich begnügen, zu geniessen, ohne zu sorgen, ob nach seiner Pacht sein Aker zur Wüste werde. Ein Eigenthümer sorgt für die künftige Fruchtbarkeit der Erde, er wil daß sie seinem Alter den nöhtigen Unterhalt verschaffe, daß sie seine Kinder und seine Enkel nähre; er arbeitet an einer Verbesserung, die seinen eigenen Zustand verbessern sol, mit Eifer und Vergnügen, und wagt einen gegenwärtigen Aufwand, und heutige Arbeiten, auf daß nach Jahren, nach Jahrhunderten, der Aker mehr Garben, der gepflanzte Wald seinen Enkeln mehr Schatten gebe.« »Das Eigenthum der Güter an das Volk zu bringen, gelangt der König durch die ewigen Pachten der Kammergüter, und durch die Aufhebung der unvermeidlichen Mansfolge bey den Edlen. Wann der Edle sein Rittergut verkaufen darf, wann es unter seinen Kindern vertheilt wird, so werden bald die unermeßlichen Ländereyen der Grafen zerschnitten, und auf tausenderley Weise in die arbeitenden Hände kommen, die allemahl einen größern Preiß für ein Land bezahlen können, das einen kleinern Aufwand von ihnen fodert, und ihnen mehr Einkünfte bringen wird, als dem Edlen, der die Früchte des Akers mit dem Pachter theilen muß.« »Auch kan ein weislich abgewogener Staat nicht zugeben, daß ein Bürger bey einem andern Bürger Schuz suche; nur der Staat selbst, sein Vormund der König, und sein Willen, das Gesez, sollen das Leben, das Eigenthum und die Ehre eines jeden Gliedes der Nation versichern. Unter den Angelsachsen sind viele Tausende, die unter den Großen wider die Gewahltthaten Schuz gesucht haben. Dieser Eingrif in die Rechte des Staats ist unerträglich; der Bürger wird nicht mehr dem Vaterlande, nicht mehr dem Könige, er wird seinem Beschüzer anhängen, von ihm seine Erhaltung erwarten, und mit seinem Gehorsam verdienen, und mit ihm zum Aufrührer werden, nicht weil der König ihn unterdrükt, sondern weil er sich von demjenigen Großen nicht trennen darf, von dessen Schuze er seine Sicherheit hoft.« »Die Gerechtigkeit soll auch nicht der Edle verwalten; nicht er soll die Verbrechen strafen, nicht er im Nahmen der Geseze das Blut der Uebelthäter vergiessen. Auch durch das Schwerdt der Gerechtigkeit sezt der Große den Bürger in Furcht, dessen Eigenthum von dem Urtheil des Edlen, dessen Leben selbst von seinem Gutbefinden abhangen kan. Alle Kräfte des Reichs müssen sich einzig beym Staate vereinigen, keine Macht muß sich zwischen das Vaterland und das Volk sezen.« »Noch weniger kan die Klugheit billigen, daß Bürger, daß Dörfer unter einander Bünde aufrichten, und daß der ganze Bund die Rechte eines jeden der Glieder zu vertheidigen übernehme. Das geschah zu Alfreds Zeiten. Wann ein angesehenes Mitglied einer solchen Zusammenschwerung sich beleidiget glaubt, vielleicht ohne Ursache glaubt, und sein gelittenes Unrecht höher schäzt, als die Ruhe des Staates: wie leicht kan der ganze Bund sich empören, den Beleidiger ungesezlich unterdrüken, und einen bürgerlichen Krieg anzünden? Ein Bund kan mit andern zerfallen, ganze Provinzen können die Waffen ergreifen, und Engelland das Opfer ihrer Rache werden. Alles Unrecht sol das Gesez ahnden, und der König allein den Gebrauch des Schwerdts erlauben.« Alfred horchte aufmerksam: der weise König fühlte wohl, daß die Verfassung seines Reichs nicht richtig abgewogen, daß der Adel zu viel Kräfte, er zu wenige hätte, und das Volk gänzlich ohnmächtig war. Aber die Erfahrung des nachdenkenden Königs überzeugte ihn, daß diese Krankheiten nicht durch ein heftiges Arzneymittel könten gehoben werden, und daß eine lange Folge gelinderer Mittel erfordert würde, den Staat zu verbessern, ohne ihn in eine unvermeidliche Gefahr zu sezen. Er that was ihm die Umstände erlaubten, und nach vielen Jahrhunderten giengen endlich alle Wünsche Amunds in ihre Erfüllung. Er that doch etwas, er machte ein Gesez, das einen jeden Herrn verpflichtete, einen Knecht, der ein Christ wäre, in Jahres Zeit frey zu lassen. »Das Volk, fuhr der Kämpfer fort, ist nunmehr frey, seine Fesseln sind gebrochen, nun ist es möglich ihm den Theil an der Regierung zu geben, den ihm die Natur anweiset. Aber nicht die zügellose Menge muß diese Macht verwalten, das Volk muß aus seinem Mittel einen großen Rath wählen, der mit dem Könige, und mit den Edlen, die dritte Macht des Staates, und einen der Stände ausmachen, in deren vereinigten Händen das Steuer seyn sol. Die Anahl dieser Ausgeschossenen muß so zahlreich seyn, daß nicht unter den wenigen ein einziger Mächtiger zu vielen Einfluß erhalten, daß nicht ein böser Fürst durch Geschenke und einträgliche Bedienungen einen alzugroßen Theil der Ausgeschossenen des Volks gewinnen, und den Ausschuß zum Werkzeuge der Unterdrükung machen könne, der das Mittel zu seiner Befreyung seyn solte.« »Die Männer, die man wählt, die das Volk vorstellen sollen, müssen bemittelte Männer seyn, die nicht so leicht durch den Mangel verleitet werden, Geschenke zu nehmen; deren Zeit zum Dienste des Vaterlandes frey von niedrigern Arbeiten bleibe, die eine Auferziehung genossen haben mögen, die sie fähig mache über die hohen Rechte des Volkes und das Wohlseyn des Reichs kundig zu berathschlagen, und Mittel zu finden, wie das algemeine Wohl befördert, wie die drohenden Uebel abgewendet werden mögen. Diesen angestamten Reichthum kan man am richtigsten durch das Land ausmessen, das ein Ausgeschossener des Volkes eigenthümlich besizen sol: ich halte das Land für den einzigen gewissen Reichthum, für das sicherste Band, das den Mann an das Vaterland verknüpft: die Metalle und das Gerähte kan ein Bürger in ein anderes Reich mitnehmen, sein Land kan er nirgends besizen, es nirgends geniessen, als in Engelland. Seine Güter werden einträglich für ihn seyn, so wie es dem Reiche wohlgeht. Frieden, Ordnung, Gerechtigkeit und weise Einrichtungen werden seine Aeker fruchbar, und ihn selbst groß machen; in der Zerrüttung, in der Abnahme der Ordnung, und der Handlung, im Unglüke des Reiches werden seine Fluren öde Wüsten werden.« »Nach dem Buche, worin Alfreds Weisheit die Aeker des Reiches hat verzeichnen lassen, sind in demselben 243 Tausende an Hufen. Zu hundert Morgen Spelman. Bey Littleton werden sie anders berechnet. Bey dem einem ist eine Hide so viel als ein Pflug in einem Jahre pflügen kan; bey andern, so viel als erfodert wird, ein adeliches Geschlecht zu unterhalten. Von diesen Hufen solten fünfhundert Männer zum großen Rahte des Reiches erwählt werden. Denjenigen also der in Vorschlag kommen sol, müssen die Besizer von 500 Hufen wählen, und dieser Vorgeschlagene sol wenigstens fünf Hufen besizen, um der Wahl fähig zu seyn.« »Da sechs tausend Tausende Seelen im Reiche leben, so treten allemal drey tausend Männer zusammen, einen Ausgeschossenen zu wählen. Aber auch diese Wählenden müssen im Lande angesessen seyn; nur der Besizer des Akers hat einen wahren Nuzen von dem Wohlseyn desselben: derjenige, der nichts besizt, kan in der Unruh und an der Unordnung nichts verlieren, er kan auch alzuleicht gewonnen werden, für geringe Geschenke, für eine bloße Erfüllung seiner sinlichen Begierden, sich misbrauchen zu lassen, sein Vaterland durch denjenigen vorzustellen, der weder den Willen noch die Fähigkeit hat, seinen hohen Pflichten genug zu thun. Ich finde, sechzehn Morgen machen den Landmann aus, dessen Stimme zur Wahl eines Ausgeschossenen des Volkes gelten kan.« »Alle Jahre versammelte der König, nachdem die Früchte der Erde eingesammelt sind, die Edlen, und die Ausgeschossenen der Gemeinden. Diesen Ausgeschossenen, durch die das Volk vorgestelt wird, werden die Bedürfnisse der Krone vorgelegt. Denn ein schwerer und langdaurender Krieg, eine unterhaltene Seemacht, können nicht aus den Kammergütern des Königes bestritten werden; es wäre auch dem Staate nachtheilig, wenn diese Güter alzusehr erweitert würden. Sie haben den Fehler, daß sie nicht das Eigenthum desjenigen sind, der sie bauet, daß sie also niemahls die volkommene Wartung zu hoffen haben, die die Eigenliebe eines Besizers seinem eigenen Gute gewährt. Eigenmächtig den König Steuern ausschreiben zu lassen, wäre so viel als das Eigenthum des Volkes den Begierden eines Fürsten aufzuopfern. Von den Edlen freywillige Gaben zu erwarten, wäre allemahl eine unbestimte und unsichere Hülfe, durch welche die Macht der Großen vermehrt, und der König erniedrigt würde. Die meiste Sorgfalt für die genaue Austheilung der Last, und für den nüzlichen Gebrauch des auferlegten Geldes, kan man von niemand besser erwarten, als von denjenigen, die die Steuern tragen sollen. Die Ausgeschossenen des Volkes werden also die Foderungen des Königs beherzigen, und die der Nohtdurft entsprechenden Gelder auf alle Eigenthümer des Reiches so verlegen, daß wiederum das Maaß des fruchtbringenden Bodens den Maaßstab zum Beytrag abgebe. Amund konte nicht vorsehen, daß die Bedürfnisse des Staats sich unendlich vermehren, daß Tausende von reichen Bürgern entstehen würden, die ihre Schäze nicht in Landgütern, sondern in Schiffen, in Waaren, in verarbeiteter Wolle, in der Handlung besizen würden. Es war den folgenden Zeiten aufgehoben, neben der Landsteuer auf die Werkzeuge der Pracht und des Ueberflusses Steuern zu legen; die Einfuhr der Waaren mit Zöllen zu beschweren: und zu der Einnahme der Steuern ein eigenes Heer von Bedienten zu unterhalten.« »Der Edlen Einwilligung zu diesen Steuern muß freylich erhalten werden, dann auch sie sind Bürger, auch sie sind Besizer des Landes, und auch sie müssen die Lasten tragen helfen, die die Nohtdurft des Staates erfodert. Aber nur ihr Beyfal oder ihr Abschlag wird gefordert, die Einrichtung muß ganz vom Volke abhangen, dem die Last doch am schwersten wird, weil sie bey den Großen nur den Ueberfluß, bey den Gemeinen aber die Bequemlichkeit und selbst das Nothwendige angreift. Alzuleicht würde es dem Adel beyfallen, die Last von sich weg, und auf die Gemeinen zu welzen, wenn er bey der Verlegung der Steuern einige Macht hätte. Keine Ländereyen können von dieser algemeinen und beständigen Steuer frey bleiben. Die Güter der Kirche müssen allerdings die zur Erhaltung des Staates dienende Last tragen helfen. Denn auch ihre Erhaltung hängt von dem Wohlseyn des Staats ab. Wann der Priester Güter frey blieben, so würden die übrigen Bürger unter dem Gewichte erliegen. Dann die Kirche ist ein Schlund, der beständig verschlingt und nichts zurükgiebt. Alfred, der die Religion, und ihr zu Liebe die Kirche liebt, wird die rauhe Aufrichtigkeit eines Nordländers gnädig entschuldigen. Selbst seine Güter, die Güter der Krone, müssen ihr Verhältniß an den Steuren abtragen, denn auch der König hebt aus den Steuern die Mittel seine Nohtwendigkeiten zu bestreiten.« Alfred war allerdings der Kirche ergeben; er hatte zu Rom eine Ehrerbietung für die Hierarchie angenommen, die er Leo's Tugenden schuldig war. Seine Liebe zu den Wissenschaften führte ihn zur Freundschaft mit den Priestern, und den Mönchen, bey denen damals einzig noch einige Ueberbleibsel der alten Gelehrtheit sich erhalten hatten. Die Völker waren auch nicht durch den Mißbrauch belehrt, wie gefährlich ihre Unterwürfigkeit gegen die Kirche für ihre Freyheit wäre. Sie war freywillig, und die Wohlmeinenden meinten, sie ehrten Gott, wann sie Gottes Diener ehrten. Amunds Rede befremdete den frommen Alfred, und machte keinen Eindruk auf ihn: Er schrieb den alzufreyen Gedanken den vielen ungläubigen Völkern zu, unter welchen Amund gelebt hatte. Amund fuhr fort. »Das Maaß der Auflage müssen die Nohtwendigkeiten des Staates bestimmen. Ich würde es in Friedenszeiten auf den zehnten Theil der jährlichen Einkünfte, und im Kriege auf den fünften sezen. Die algemeine Beschreibung des Landes, die Alfreds Weisheit besorget hat, macht die Hebung und die Berechnung leicht.« »Ein anderes Geschäfft der Ausgeschossenen des Volkes sind die Geseze. Sie sind allemahl Fesseln, wodurch die natürliche Freyheit gehemt wird. Der Bürger trägt diese Fesseln, weil die Geseze ihn beschüzen, weil ein geringer Theil seiner freywillig dem Staate abgetretenen Freyheit, seine Sicherheit wider die Eingriffe böser Bürger ausmacht; weil die Geseze in eine Ordnung zusammen stimmen, die das Glük eines jeden Bürgers befestigt und vermehrt. Aber durch andre läßt der freye Deutsche sich nicht gern binden, nur sich selber traut er zu, er werde nicht mehr von seiner Freyheit vergeben, als das algemeine Beste erfordert. Die Geseze können von den Edlen, sie können auch vom Volke entworfen werden. Sie müssen aber allemahl den Beyfall beyder Stände, und auch des Königes Bekräftigung erhalten. Nichts ist schwerer als Geseze zu machen, weil sie für unendlich verschiedene Fälle eine gleich richtige Richtschnur geben sollen, die Menschen aber nur wenige Fälle vorsehen. Die Geseze müssen also oft überlegt, nicht in der Eile angenommen, sie müssen, wenigstens in vielen Beyspielen, nur auf eine Zeit der Prüfung gegeben werden. Alfred hat seinen Sachsen weise Geseze vorgeschrieben, aber die Zukunft gebiert neue Erfodernüsse, und zwingt zu neuen Einschränkungen. Wie die Geseze langsam gemacht, so müssen sie nicht voreilig abgeschaft werden; und Amund würde rahten, daß sie mit der Mehrheit der Stimme gemacht, aber mit zwey Dritteln abgeschaft werden müßten. Nichts bricht der Geseze Gewalt kräftiger, als wenn sie veränderlich sind. Der Gesezgeber, der ein Gesez abschaft, gesteht in den Augen des Volkes, es sey nicht nüzlich gewesen; aber der Verdacht des Irrthums fällt mit gleicher Stärke auf das neue Gesez: warum sollte der Mensch nicht auch heute irren können, da er gestern geirret hat? Aber nicht sowohl die Straffen geben den Gesezen ihre Kraft, als die innere Ueberzeugung, sie seyen auch demjenigen heilsam, den sie binden.« »Dennoch müssen Straffen seyn. Des Menschen Eigenliebe treibt ihn an, seine Begierden durch Thaten zu erfüllen, die dem gemeinen Besten zuwider sind. Wider diese Eigenliebe muß man des Menschen Eigennuzen selbst bewafnen; der Bürger muß versichert seyn, daß die Erfüllung seiner Lust ihn unglüklich machen werde. Die Straffen müssen gelinde, aber unvermeidlich seyn, und hierinnen besteht die Weisheit des Gesezgebers, daß der Schuldige der Gerechtigkeit nicht entgehen könne; wenn der weise Gesezgeber dieses erhalten kan, so wird mit wenigerm Leiden der Schuldigen, doppelt so viel Schuld vermieden werden.« »Vor dem Ausschuß des Volkes gehören alle Freyheiten, Vorrechte und Erlaubnüsse. Der König kan zu leicht durch eine künstliche Vorstellung, durch den Vortrag eines beliebten Vermitlers sich verleiten lassen, Vorrechte zu ertheilen, die andern Bürgern zum Schaden gereichen können. Da jede Gegend des Reiches bey der großen Versamlung ihren Fürsprecher hat, so wird es nicht leicht geschehen, daß ein Bürger, daß ein Dorf, daß eine Statt zum Nachtheile von andern begünstigt werden.« »Auch alle algemeine Geschäffte des Reiches sind der Beherzigung der Gemeinen unterworfen. Der König schließt den Frieden, und erklärt den Krieg: da aber der leztere Entschluß eine unendliche Last auf das Volk ziehen, da beym Frieden das Beste des Reichs auch aus reinen Absichten übersehen werden kan; so wird ein weiser König nach dem Rahte seiner eigenen Klugheit dergleichen große Entschlüsse mit dem großen Rahte seines Volkes überlegen. Aber auch wann die Staatsbedienten diese Mässigung verabsäumen solten, so hat der Ausschuß des Volkes ein natürliches Recht, nicht zwar dem Könige die Entschliessungen vorzuschreiben; aber die Gründe derselben abzuwägen, dem Könige sein Bedenken zu eröfnen, und die Folgen anzuzeigen, die die Entschlüsse des Hofes haben könten. Durch dieses Einsehen wird das Volk über die Rähte des Königs wachen können: nimmermehr werden dieselben offenbar ungerechte Thaten anrahten, nimmermehr zu Entschlüssen helfen, die dem Reiche augenscheinlich schädlich seyen. Der Haß der ganzen Nation ist für den Mächtigsten der Großen zu stark. Es ist auch in der Natur gegründet, daß wider alle nachtheilige Maaßregeln des Hofes, und insbesondere wider unweise oder ungerechte Rähte das Volk Vorstellungen thun könne, als von denen das gesamte Volk zu leiden haben würde; und wie unweise müßte nicht der König seyn, der die Stimme seines gesamten Volkes nicht anhören solte!« »Ueber alles kan also die große Versamlung rahtschlagen, und keine Macht kan dem Geringsten der Ausgeschossenen wehren, freymühtig vorzuschlagen, was er zum gemeinen Besten abzwekend glaubt. Die Stimme der Wahrheit sol ohne Hinderniß sich erheben können, und selbst der falschen Ueberzeugung unrichtige Schlüsse müssen ohne Scheu vorgetragen werden können; denn wann der Ungrund einer Meinung dieselbe hindern solte, eröfnet zu werden, so würden sehr bald die Mächtigen einen jeden Vortrag der Schwächern zum Stilschweigen zwingen, weil sie ihn für ungegründet erkennen würden. Die übeln Rähte der dreisten Unwissenheit werden ohnedem nicht leicht in einer Versamlung durchdringen, die ein mächtiges Volk aus seinen angesehensten Männern gewählt hat. Und wenn ja unweise Rähte der Menge Beyfall erhielten, so ist ja bey den Edlen ein Gegengewicht, als ohne die kein Willen der Gemeinen zur Thätigkeit gelangen kan. Und wenn auch die Edlen den Gemeinen auf ihrem Abwege folgen solten, so hat der König die oberste Macht, zu verwerfen, was er dem algemeinen Wohlseyn zuwider glaubt.« Alfred hatte niemahl eine Versamlung des Volkes gesehen. Seine Erfahrung hatte ihn bloß mit den Großen bekant gemacht; ihn befremdete der mächtige Antheil an der Regierung, den sein nordischer Freund den Gemeinen gab. Er warf ein: Amund ist tugenhaft und weise, ihn hat das Kenntniß vieler Länder und vieler Völker erleuchtet; eine Versamlung solcher Männer, wie mein Freund ist, würde bald ein Volk zum obersten Volke auf der Erdkugel machen. Aber hoft denn Amund, die unwissenden Gemeinen werden solche Männer wählen, auch wenn sie nicht so seltene Gaben der Vorsehung wären? Wie oft wird eine äusserliche Freundlichkeit, ein edles Herkommen, ein freygebiger Gebrauch großer Güter, selbst einzelne große, aber vom Ehrgeize eingegebene Thaten, das Volk verleiten, solche Männer zu wählen, die mehr sich selber, als das Vaterland zu vergrößern suchen werden! Und wird nicht eben der Ehrgeiz dieser Ausgeschossenen sie verleiten, die bey dem Volke so leicht auszubreitenden Vorurtheile zu Werkzeugen ihrer eigenen Gewalt zu machen? Werden sie nicht den Willen, den unüberlegten Willen der Gemeinen sich zur Richtschnur dienen lassen, um die Herzen ihrer Mitbürger zu gewinnen? Wird nicht auf diese Weise eben eine solche oberste Macht des Volkes entstehn, wie sie Amund selbst misbilligt, und die die unweiseste aller Arten von Tyranney ist? Wie hat Amund verhütet, daß die Einwohner eines Hundertes, daß die Gemeinen einer Grafschaft, dem Ausgeschossenen, der sie vorstelt, nicht die Entschliessungen vorschreiben, die er befördern sol? Und wo wird der Redliche seyn, der dem unweisen Willen seines verleiteten Volkes sich widersezen, und seine Achtung, seine Gunst, gegen das innere Gefühl verscherzen werde, er habe das algemeine Beste dem seinigen vorgezogen? Werden nicht die unerfahrnen Gemeinen ihre Gewalt unaufhörlich vergrößern wollen, ohne einzusehen, daß sie das Gleichgewicht des Staates vernichten, wenn sie den Antheil vermindern, der den Edlen und dem Könige an der Verwaltung des Reiches gehört? Hat das Römische Volk, nachdem es einmal die Süßigkeit der Freyheit geschmekt, nicht nach Macht gedürstet? Hat es jemahls aufgehört, sich wider den Adel höher zu erheben? Hat es nicht seine Tribunen über das Haupt der Consuln und selbst des Diktatoren gesezt? Thaten die Tribunen nicht alles für ihre eigene Größe, und für des Volkes Gewalt, und hemten selbst den triumphirenden Wagen des Siegers, wann er von einem verhaßten Geschlechte war? Brachte nicht die Stimme eigennüziger Tribunen die Republik an den Rand des Verderbens, von dem bloß die kindliche Ehrfurcht des Coriolanus sie errettete? Hatten nicht damahls Schmeichler der Gemeinen, ohne Fähigkeit den Staat zu lenken, denjenigen vom Steuer verdrängt, der es zum Siege geleitet hatte? Wiederhohlte der Neid des Volkes nicht diesen Haß gegen das algemeine Beste, am Scipio, am Tullius? War das Volk nicht ungerecht, dieweil der Raht noch großmühtig war? Sprach es sich nicht die fruchtbaren Felder bey Ardea ohne alles Recht zu, und beflekte den Ruhm der Gerechtigkeit, den die Edlen behauptet hatten? »Ein Mann, sagte Amund, der im großen Rahte der Nation sizt, ist nicht mehr der Bdiente eines Flekens, er ist ein Raht des Reiches; nicht den kleinen Eigennuzen einiger Häuser hat er zu beherzigen, sondern die großen Geschäffte eines mächtigen Staates, und das Wohlseyn des Vaterlandes. Er hat Gelegenheit, die Gründe zu weisen Entschlüssen einzusehen; denen sol er gehorchen, wenn sie ihn überzeugt haben, und nicht dem Geschrey einiger Landleute, die von den Geschäfften nur das Algemeine, und nur auf unzuverlässige Sagen hin kennen. Nimmermehr kan derjenige rahten, oder befehlen, der nicht die Gründe gegen die Gegengründe abgewogen, der nicht wider die versprochenen Vortheile die Unbequemlichkeiten der Folgen verglichen hat. Nimmermehr sollen die Vorurtheile einzelner Dörfer den Ausgeschossenen hindern, das Beste des Reiches im Großen zu besorgen.« »Allerdings werden in einem freyen Volke allemahl Unzufriedene seyn, allemahl werden unruhige Bürger bleiben, die das Gute verschmähen, weil es nicht das Beste ist. Ein algemeines Vorurtheil kan das Volk einnehmen, es kan, wie ein schädlicher Wind, das Schif gerade gegen die Klippen führen, und wenn das ganze Volk verleitet ist, so kan keine Staatsverfassung dem Orcane widerstehn: der fürchterlichste Despot, mitten zwischen den Tausenden der Leibwache, hat zu Rom, hat im Reiche der Saracenen, hat bey den friedsamen Seren, dem algemeinen Misvergnügen nicht widerstehen können; er wird eben darum den fürchterlichsten Unruhen mehr ausgesezt seyn, weil seine unumschränkte Macht ihn verleitet, mehr Eingriffe in das algemeine Beste zu wagen, als der Fürst, dessen Gewalt ihre Gränzen hat. Den werden die Geseze, den werden die Edlen, den werden die Ausgeschossenen des Volks im Laufe verwegener Unternehmungen lange vorher hemmen, eh er so weit sich vergangen hat, daß die ganze Nation wider ihn sich vereinigt.« »Der Eigennuz einer Grafschaft, der kleine Vortheil eines Flekens, wird durch den widerstrebenden Eigennuzen, mit andern Grafschaften, einer anderen Statt, im Gleichgewicht gehalten. Wann der Fürst nicht die ganze Nation beleydigt, so wird er allemahl Freunde bey Vernünftigen finden, die zu schäzen wissen, was dem gesamten Staate erträglicher sey, ob einige minder volkommene Eigenschaften eines Fürsten mehr Nachtheil nach sich ziehn, als der Umsturz der ersten Glieder des Staates androht. Die Edlen werden nicht leicht dem Volke alzu große Gewalt einräumen, gegen die ihre Vorzüge verschwinden würden; sie werden dem Geruffe des Pöbels den Einfluß entgegensezen, den ihnen ihr Reichthum, ihr Aufwand, und selbst das Vorurtheil giebt. Wann stürmische Redner das Volk zu schädlichen Maaßregeln anfeuren, so wird die Eifersucht selbst andre Glieder des großen Rahts der Nation mit der Beredsamkeit wafnen, die von der Wahrheit ein unüberwindliches Gewicht erhält. In irrigen Begriffen wird schwerlich jemahls ein ganzes Volk einstimmig seyn, da doch die Wahrheit allein überzeugen kan.« »Ich hoffe auf diese Gründe, die Vorurtheile der Menge werden zwar dem Könige zum Verdrusse gereichen, die besten Maaßregeln zuweilen hindern, und den ersten Bedienten des Staates vom Steuerruder drängen: aber den Thron zu stürzen, wird das Geschrey der Menge zu unmächtig seyn, wann nicht der Fürst durch wirkliche und wichtige Eingriffe in die Freyheit, die algemeine Gunst nicht verwürket hat. Das Murren der unbillig Misvergnügten ist allerdings ein Undank gegen einen guten König; aber es würde noch gefährlicher seyn, die Stimme des Volkes unterdrüken zu wollen. Sie ist ein Weg, den die Wahrheit zum Throne offen behält, sie ist ein warnender Zuruf der Vorsehung, der den Fürsten erinnert, in seinen übel ausgedeuteten Wegen nicht weiter fortzurüken.« »Also glaubt Amund, nach der alten Staatsverfassung der Kelten, sey die Regierung zwischen dem Könige, den Edlen, und den Gemeinen, auf eine Weise getheilt, die vielleicht nicht alle die Volkommenheit der unumschränkten Gewalt eines guten Fürsten hat, die aber die Fälle überaus selten machen wird, in denen ein Fürst ausnehmend böse zu seyn waget. Diese Regierung hat vielleicht eine mindere Stärke, weil die machthabenden Glieder des Staates dennoch nach verschiedenen Richtungen streben; sie versichert aber die Freyheit des Bürgers, und die Dauer des Staates. Denn keine andre Verfassung bindet das ganze Volk so genau an die Regierung, diejenige vortrefliche Staatsverfassung ausgenommen, in welcher die Menge selbst herrschet.« »In den Keltischen Staaten hat jeder Bürger, derjenige Bürger der angesessen, und durch ein Eigenthum an die Wohlfahrt der Nation verknüpft ist, einen Antheil an der gesezgebenden Macht: Nichts geschieht ohne den Beyfall derjenigen, die ihn vorstellen; er selbst hat den gewählt, der ihn vorstelt; er ist der Wahlherr des Gesezgebers, und das ganze Volk hat diejenigen selbst gewählt, in deren Macht die Gewalt ist. Dieses Wahlrecht giebt einem jeden Bürger eine Würde, die der Edle selbst erkennen muß, weil die Ungunst der Menge ihn von der Regierung ausschließt. Jedes Haus eines Bürgers ist eine Burg, durch die Geseze bewacht, in welche selbst die königliche Macht nicht dringen kan, wenn ihr die Gerechtigkeit die Thüre nicht öfnet. Ein solches Vaterland, wo das Eigenthum eines jeden Bürgers geheiligt ist, wo jeder Bürger seine Gesezgeber wählt, muß nohtwendig jeder Bürger lieben, vorzüglich gegen alle Sterbliche lieben, deren Staat weder die Freyheit des Bürgers noch sein Eigenthum sicher sezt; wo die Regierung in solchen Händen ist, auf welche das Volk niemahls einen Einfluß haben kan. Schwerlich werden in einem solchen Staate auswärtige Feinde einen Anhang finden: die lauten Klagen der glüklichen Bürger werden sich bald in ein algemeines Kriegsgeschrey verwandeln, wann eine andre Macht den Staat antastet, dessen Unterjochung für jeden Bürger ein unfehlbarer Verlust wäre.« Alfred lächelte sitsam. Amund hat die Gewalt unter das Volk mit so milden Händen getheilt, daß er weder den Edlen, noch dem Könige, etwas übrig gelassen hat; und demnach kan die Macht, die einzig das Triebrad aller Geschäffte ist, nicht mit Geschwindigkeit, nicht mit Wichtigkeit, nicht mit Zuverlässigkeit würken, wenn eine andre Macht dieses Rad mit einem Finger aufhalten, und den Gang der Geschäffte hemmen kan. Ein Feind fodert zum Kriege auf, er verlezt die Ehre der Krone, er unternimt Eroberungen, durch welche Engelland in Unsicherheit gesezt wird, er unterdrükt meine Verbündeten; kein Mittel ist übrig, den Gewaltthätigen abzuhalten, als ein Krieg. Aber das Volk, das für ein Jahr mir Hülfsgelder zuerkant hat, kan das folgende Jahr sie mir entziehn. Wenn ich in sein Uebelwollen verfalle, wird nicht entweder das Volk die unbilligsten Forderungen mir abdringen können, oder der Staat entwafnet, und eine Beute seiner Feinde werden? Ich schließe einen Bund mit den Pikten, ich verspreche ihnen Hülfsgelder wider unruhige Nachbarn; sie helfen mir getreulich. Ein Redner macht die Pikten und ihre Hülfe lächerlich; das Volk schlägt mir die Gelder ab, wofür ich die nüzlichen Freunde gedungen habe, ihr Blut hinzugeben, um einen Theil des Blutes der Sachsen zu ersparen. Die verlassenen Bundsverwandten werden zu Feinden, und den Schaden kan eine gefallende Rede von einem beliebten Ausgeschossenen thun. »Der Einwurf, bescheidete sich Amund, ist schwer zu beantworten. Was der weise Alfred befürchtet, das kan widerfahren; ich sage mehr, es wird geschehen, weil es aus der Natur der Menschen fließt. So weigerten die misvergnügten Römer, für die Konsuln zu siegen, so liessen sie sich schlagen, weil sie einem Appius keinen Triumph gönten; Alfreds Besorgniß ist eine der Folgen der Freyheit, wann sie nicht durch die Weisheit geleitet wird.« »Ein Mittel bleibt übrig. Wann die Ausgeschossenen nicht alle Jahre gewählt würden, wann sie für drey, für sieben Jahre das Volk vorstellten. Nur auf ein Jahr die Ausgeschossenen zu wählen, dünkt mich ohnedem schädlich: sie wären allerdings zu sehr in den Händen der Menge, von deren sie frey seyn solten: eine jede Wahl ist auch eine Gährung, die nicht zu oft wieder kommen muß, wenn das Volk in der Aemsigkeit, in dem Fleiße, und in einiger Ordnung bleiben sol. Bleibt die Macht der Ausgeschossenen für mehrere Jahre gesichert, so werden eben die unveränderten Männer in der Folge des Krieges vermuhtlich nicht die Früchte der Bestrebung der ersten Jahre vernichten, nicht sich der Rache der Nation bloß stellen wollen, die, so blind sie gegen ihres Königs Verdienste gewesen seyn mag, doch diejenigen unversöhnlich verabscheuen wird, durch deren Eigensinn des Staates Würde, und Sicherheit aufgeopfert worden ist. Der Verbündete wird auch ein Zutrauen gegen Engelland fassen, dessen Regierung für mehrere Jahre festgesezt ist. Je öfter neue Wahlen vorgehen, je mehr nähert sich die Verfassung der Regierung, die beym Volke ist; je länger der große Raht unverändert bleibt, je weniger Einfluß behält die Menge.« »Vielleicht ist bloß diese Dauer eine Feder, durch welche in künftigen Jahrhunderten die Ruder der Regierung gehemt oder angetrieben werden können, so wie sie zu viel Widerstand finden, oder zu eilig fortgerissen werden.« »In keiner Weisheit der Menschen ist ein Mittel, das alle Uebel heilt, das zugleich alle Aufwüchse der Freyheit zu hindern, und dennoch dem Fürsten nicht eine Macht zu geben wisse, die dem Volke zur Unterdrükung gereiche. Dennoch glaube ich, der Fürst werde eben durch die Gefahr die er läuft, wann er die Liebe seines Volkes verloren hat, in die nüzliche Nohtwendigkeit versezt werden, sich durch die Klugheit zuzubereiten, den Scepter so zu führen, daß er weder den Bürger zu sehr drüke, noch ihm selbst zu schwer werde. Der Fürst wird von den ersten Jahren her sich zu den Schwierigkeiten einer mit eifersüchtigen Unterthanen umringten Regierung auszubilden, und so zu verfahren lernen, daß der weisere und bessere Theil des Volkes ihm zugethan bleibe. Er wird nichts von dem Murmeln der Unterthanen zu befürchten haben, wenn er sich bestrebt ein Alfred zu werden.« »Der König sann, nicht ohne Sorgen, den Vorschlägen nach, die Amund entworfen hatte. Noch ist, sagte der Weise, mein Volk nicht fähig sich selber zu regieren. In erleuchteteren Jahrhunderten wird es vielleicht würdiger werden, am Steuerruder mit zu sizen. Meine sol die Sorge seyn, ihm das Licht der Wissenschaften anzusteken, und die Schönheit der Weisheit und der Tugend, und zugleich die Wege zu zeigen die zu diesen Töchtern des Himmels führen. So lang ich mit der Macht herrsche die meine Ahnen mir zum Erbe hinterlassen haben, so sol es meine unermüdete Bemühung seyn, daß mein Volk es nicht bereue, so viele Macht in meinen Händen zu sehen.« Das fünfte Buch. Die Reisen Othars, des Nordländers. Im äußersten Ende von Halgoland, im nordlichen Theile von Nordmannland, wohnte ein bemittelter Edelmann, sein Name war Othar. Er besaß sechshundert Rennthiere; in einem Lande, wo alles andre Vieh selten war, pflügte er mit eigenen Pferden und Ochsen. Er hatte viel gelesen, sein Geist ward durch die Erzählungen der Reisenden aufgewekt, die in entfernten Gegenden ihren Verstand mit neuen Wahrheiten bereichert, die ihrer Mitbürger Sitten mit den Sitten der Ausländer verglichen, und aus diesen Mittel ausgefunden, jene zu verbessern; die die unbekanten Bequemlichkeiten, bessere Werkzeuge, und leichtere Nahrungsmittel ihrem Volke mitzutheilen, sich geschikt gemacht hatten. Norwegen wurde damahls durch Harald mit den schönen Haaren beherrscht, einen Herrn, der die kleinern Fürsten seines Reiches unterdrükte, und die Rechte des Thrones erweiterte. Othar hatte seinen Hang zum Genuße der algemeinen Vorrechte der menschlichen Natur durch die Kenntniß der alten Skalden vermehrt, die vor einem tapfern Volke die Vorzüge der Freyheit besungen hatten. Er empfand eine Neigung zum Reisen, und zur Entdekung entfernter Länder, deren er nicht widerstehen konte. Er schifte sich ein, und kam an Alfreds Hof, der mit der Aufnahme seiner Seemacht sich eben beschäfftigte. Der König sah mit Vergnügen einen Mann, den die Nohtwendigkeit gelehrt hatte, die Kunst der Schiffahrt gründlich sich bekant zu machen. Nordmannland hat von der Natur, neben den Rennthieren und dem Gewilde, keine andre Mittel erhalten, seine Einwohner zu ernähren, als die See. Zwischen den Klippen einer in fürchterliche Abstürze abgebrochenen Küste, zwischen den felsichten Inseln die vor dem Lande liegen, ist das Meer mit einer unerschöpflichen Menge von Thieren angefült, die von den kühnen Einwohnern durch alle Gefahren der Winde und des Eises verfolgt, ihre Bedürfnisse ersezen müssen. Das Getreid, womit in mildern Ländern die dankbare Erde den Fleiß des Akermannes belohnt, müssen die abgehärteten Nordländer in fernen Gegenden suchen, und durch lange Seefahrten zu ihren Hütten bringen. Jeder Nordmann ist ein Fischer, und ein Schiffer; daher kam es, daß die Scandinavischen Seeküsten mit zahlreichen Schifheeren die Einwohner fruchtbarerer Länder so leicht beunruhigen konten. Othar wurde dem Könige vorgestelt. »Alfred, sagte der Nordländer, verdient durch seine Tugenden, daß die Erdkugel neue Länder ihm anbiete, die kein Sterblicher noch befahren hat. Ich hoffe Gegenden zu entdeken, wo sich Engellands Reichthum vermehren, wo zahlreiche Schiffer eine reiche Ladung finden, wo die Sachsen lernen werden, die Herrschaft des Meers zu behaupten. Ich wohne inner dem Kreise, in welchem die Sonne die Erde im Sommer niemahls verläßt, und nach einem kurzen Umwege um den Rand des Gesichtskreises, wieder in die Höhe steigt. Die Meere nähren in diesen Höhen mächtige Fische, gegen die der Elephant klein ist; dennoch dienen sie dem Menschen zum Raube, ein einziger Fisch hat den Wehrt von hundert Pfunden Silber. Meine Nordländer wissen das Ungeheuer zu bezwingen, es ist ihnen ein Spiel, mit Wurfspiessen den Riesen der See zu verfolgen. An den Klippen dieser Meere findet man das Walroß, dessen Zähne edler sind als das Helfenbein, und in der hohen See das unschäzbare Einhorn, das die Aerzte mit vollem Vertrauen allem Gifte entgegen sezen.« »Aber Othar hat größere Absichten: Er hat Männer angehört, die die Begierde zur Beute, oder auch die ungestüme Obermacht der Winde in neue Meere getrieben hat. Nordland geht nicht biß zum Angel der Welt. Es wird vom Ocean umflossen, gegen Osten öfnet sich eine unermeßliche See, deren Gränzen niemand kennet, die biß an das großmühtige Nippon, und zu dem ämsigen Kathay reicht. Unendlich würde der Sachsen Glük, und unermeßlich Alfreds Ruhm seyn, wann es mir gelingen solte, in diese reichen Gegenden einen Weg auszufinden, und die Schäze in die Britannischen Inseln zu leiten, die so viele Völker bereichern, eh sie jezt Europa berühren. Die Seide, das Gewand der Königinnen, der feinste Stahl, das edelste Kupfer, die theuersten Metalle werden in diesen entfernten Reichen gefunden, und dasjenige Volk wird die oberste Stelle unter den Nationen einnehmen, das die Straße des Meers am besten kennen, und die Reichthümer der unbekanten Welt sich durch die Schiffahrt zueignen wird.« »Othar verlangt zwey Schiffe, die er mit erfahrnen Seeleuten besezen wird, und Nahrungsmittel für zwölf Monden. Er wird sterben, oder für den König neue Reiche entdeken.« Alfred gieng den Vorschlag mit Vergnügen ein. Zwey Schiffe mit Seeleuten aus Nordmannland verliessen Halgolands Küste, und Othar ließ seine Segel gerade gegen den Angel der Welt richten. Er sah das äußerste Ende der bekanten Erde, die See öfnete sich in eine unermeßliche Weite gegen Morgen, und das Land gieng gegen Süden zurük. Othar kam weiter gegen Norden, als vor ihm kein Sterblicher gesegelt hatte. Die See war offen, und die Gefahren die er zu übersteigen hatte, waren für seinen Muht nur gering. Er bezwang Einhörner, und brachte von diesem geschäzten Gegengifte eine Ladung. Da er aber eben die Spize der Erdkugel umschift hatte, jenseits welcher sie wieder nach Süden sich senkt, überfiel ihn ein heftiger Ostwind. Umsonst wolte der Herzhafte widerstehn, und er wurde an eine Küste getrieben, wo er einen sichern Hafen, warme Quellen, und grüne Anger fand. An dieser Küste wohnten Einwohner, den Finnen nicht unähnlich, unter denen Othar gelebt hatte. Klein, übel gebildet, aber alle Beschwerden des Lebens auszustehn gerüstet, und in der schwersten Arbeit unermüdlich, griffen sie mit schlechten Waffen, ohne die Hülfe des Eisens, den fürchterlichen Walfisch an, der ihnen zur Speise wurde, und dessen Gerippe die Anlage zu ihren Hütten gab. sie suchten unter dem Eise den schüchternen Seehund, und erlegten ihn mit Wurfspiessen, die mit Knochen bewafnet waren. Die Fische waren ihr Getreid, ihre ganze Nahrung; denn die Erde brachte nichts hervor, wovon die Menschen ihr Leben unterhalten könten, das Land war mit Felsen bedekt, und inwendig mit hohen Eisgebirgen angefült. Niemahls keimte ein Baum, und die eiserne Erde brachte keine Frucht hervor. Othars Schiffe hatten im Sturme Schaden gelitten; sie wiederherzustellen erforderte einige Wochen. Er lernte das Volk kennen, das die neuentdekte Küste bewohnte. Er half den Wilden bey ihrem Fischfang, er beschenkte sie mit eisernem Gewehre, und lehrte sie an langen Seilen die Wurfspiesse befestigen, die sie in den Walfisch warfen; an diesen Seilen zog der Fisch seine Verfolger selbst mit einer Geschwindigkeit fort, die kein Sturm nachahmen konte, bis der Verlust des Blutes ihn ermattete. Othar zeigte ihnen den Werth der Zähne des herzhaften Walrosses, und die Mittel es zu bezwingen; er ließ sie den Geschmak des Brodtes kosten, und versprach ihnen, in den folgenden Jahren mit den Früchten der Künste der gesitteten Länder wieder zu kommen, und von ihnen den Raub des Walfisches und des Seehundes zu ertauschen. So sehr Othar der Freyheit ergeben war, so hatte er noch kein Land gesehen, das ohne Herrscher war. Der ganze Nord stund unter kleinen Fürsten, die wiederum die großen Könige zu Upsal, zu Lethra, und in Nordmannland verehrten. Die Einwohner der nordischen Küsten gehorchten Obrigkeiten und Gesezen. Alle bezahlten Steuern an den Staat, und hatten einen Theil ihrer Freyheit dem Staate aufgeopfert. Hier im westlichen Norden fand Othar keine Spur einer Unterwürfigkeit, keinen über den andern erhobenen Menschen, kein Gesez, keine Straffe, und keine Belohnung. Jeder Vater ist der Herr seiner Kinder; aber der Antheilhaber seiner Hütte, der neben ihm unter einem Dache wohnt, fodert von ihm keinen Gehorsam, erweiset ihn hinwiederum keine Unterwürfigkeit, und lebt, wie seine Brüder, in einer volkommenen Gleichheit mit ihm bey der gemeinschaftlichen Lampe. Zwanzig Hütten sind neben einander an einer fischreichen Bucht in die Erde gegraben, funfzig Hausgesinde wohnen in den Hütten, ohne daß ein einziger Mann den geringsten Befehl gebe, oder annehme; ohne daß ein Bürger der fischreichen Bucht wäre, der bey seinen Mitbürgern in einem Ansehn stehe, das weiter als der bloße Eindruk gienge, den der bessere Raht unvermeidlich nach sich zieht. Die Wilden versamlen sich in gemeine Hütten, in kleine Dörfer, und besezen gemeinschaftlich große Böte, in denen sie von einer Bucht zur andern dahin ziehn, wo der Fischfang am ergiebigsten ist. Sie vereinigen ihre Kräfte, ein solches Bot zu bauen, sie machen wider den Walfisch einen Bund, führen wider ihn einen gemeinschaftlichen Krieg, und theilen die Beute. Aber keine dieser Verbindungen verpflichtet einen der Einwohner gegen den andern zur geringsten Unterwürfigkeit. Othar war begierig zu erfahren, was diese Gesezlosigkeit für Wirkungen habe, ob die Menschen bey derselben minder freundschaftlich, ob ihr Zustand dabey schlechter wäre. Er fand wenig Unterschied zwischen den freysten der Menschen, den Einwohnern der nordwestlichen Küste, und zwischen den gesitteten Europäern. Das Gute war hier, wie bey den Europäern, mit Bösem vermischt. Die Wilden vertragen sich so wohl, als diejenigen, über deren Zorn ein rächendes Gesez wacht; nur selten wird einer der Wilden einen andern ihm gleichen Menschen beleidigen oder schlagen. Viele Gesinde leben in einer einzigen Hütte kaltsinnig, aber freundschaftlich mit einander. Ueber der Theilung der gemeinschaftlichen Beute entsteht selten ein Zank; selbst die Liebe, die auch unter den Thieren die blutigsten Kämpfe erwekt, stört den Gleichsinn dieser einsamen Nordländer nicht. Sie sind allerdings noch kälter gegen einander in den Pflichten der Menschenliebe. Ein Kind, dessen Mutter stirbt, muß unvermeidlich sterben, weil kein anderes Weib sich des Elenden annimt. In ihren Krankheiten genissen sie von ihren Nächsten nicht alle die Dienste, die gesittete Völker einander erweisen; bey ihren vielen Abwechslungen der Wohnpläze ist ein Kranker für die Gesunden eine Last, womit sie sich nicht beladen können. Da kein Rächer der verlezten Geseze dem Uebelthäter droht, so hat wohl eh ein Zank einen Todtschlag nach sich gezogen. Der erboßte Wilde, der seinen Feind in der einsamen See allein antrift, hat zuweilen desselben Boot umgeworfen, oder ihn heimlich von einem Felsen gestürzt. Doch sind diese Uebelthaten nicht häufig, und nicht gemeiner, als bey denjenigen Völkern, die unter der strengsten Zucht der Religion und der bürgerlichen Straffen leben. Die Ehen sind eben so beständig, und eben so einig, wie bey andern Nationen; nur ist die Unfruchtbarkeit verhaßt, weil die Kinder, und vornehmlich die Söhne, die einzige Hülfe sind, die in ihrem Alter die Eltern in den Gegenden zu hoffen haben, wo die Menschen nicht nahe genug mit einander verbunden sind, um andern in ihrer Noht beyzustehen. Das Gefühl der Ehre ist so stark, als bey den gesitteten nordischen Völkern; es erstrekt sich sogar auf den Ruhm, der durch den Wiz erworben wird, und nach welchem auch mitten in diesem dürftigen Leben diese Wilden streben. Aber noch mächtiger ist die Habsucht. Der Ueberfluß macht hier den einzigen Unterschied aus, der einen Menschen über den andern erhebt. Die Wilden sind aber eher zu entschuldigen, als die gesitteten Völker: ihr Lebensunterhalt ist tausend Gefahren und Unglüksfällen unterworfen, und selbst ihr Ueberfluß besteht in bloßen Lebensmitteln, die alle Augenblike zur Nohtdurft werden können. Der Mangel des geselschaftlichen Lebens mag die Ursache seyn, die diese Wilden gehindert hat, das Vieh zu zähmen. Die Natur bringt Rennthiere hervor; aber niemand weiß sie hier zum Gehorsam, und zur Freundschaft mit den Menschen zu gewöhnen. Die Menschen verlieren dadurch eine bessere und gewissere Nahrung, als diejenige, die von der See, und von den Winden abhängt. Othar überzeugte sich endlich, daß in einem sehr öden Lande, wo überflüßiger Raum für die wenigen Menschen ist, wo die See allen offen steht, und allen den Unterhalt gewährt, wo weder Aker noch Wiesen, noch einiges Eigenthum ist, als dasjenige, das unter den Augen des Besizers bleibt; daß endlich in einem kalten Lande, wo alle Triebe, und auch der heftigste von allen, der Trieb zur Liebe, gemäßigter sind, die Menschen allerdings ohne Obrigkeit leben können; daß auch die gemeinschaftlichen Nohtwendigkeiten und Vortheile solche gleichgeltende Menschen in ein geselschaftliches Leben zusammen lenken können, und daß die Laster bey denselben nicht in größere Uebelthaten ausbrechen, als bey denen, die unter Fürsten und Gesezen stehn, weil die Triebe minder wirksam sind, und die einschränkenden Straffen minder nohtwendig machen. Othars Schiffe waren wiederum zu den Gefahren der See ausgerüstet. Ein günstiger Nordost brachte den kühnen Seefahrer von der Südspize der gefrornen Küste herum. Die Erde bog sich nunmehr nach Süden, ein breiter Seebusen öfnete sich, ein mächtiger Fluß ergoß sich in vielen Mündungen in das Meer, und diente zu einem sichern Hafen. Der Nordländer fand diese Gegend, ob sie wohl nordlicher war, als die Küste der Wilden, dennoch mit gesitteten Menschen bewohnt. Die Biarmier hatten einen König und einen Gottesdienst, sie wohnten in warmen und bequemen Häusern, und fanden in der Fischerey, in der Jagd, in ihren zahlreichen Heerden, und in den Früchten der Erde, ihren zureichenden Unterhalt. Dieses Volk war den Finnen des Othars ähnlich. Othar erkante den Nuzen des geselschaftlichen Lebens; die nordische Kälte, die langen Winter, die zerstörenden Winde herrschten hier, wie bey den nordwestlichen Wilden; aber die vereinigten Kräfte der Menschen hatten die Natur verbessert. Die Erde war unter ihren Händen fruchtbar geworden; sie kanten den Nuzen der Werkzeuge, sie halfen einander ihre Häuser aufzurichten, und zu erbauen; sie irreten nicht aus Dürftigkeit im öden Lande herum, sie hatten Gärten und Felder, sie tauschten ihren Ueberfluß gegen die nüzlichen Waaren südlicher Völker; sie waren der Hungersnoht nicht bloßgesezt, die bey einer ungünstigen Witterung oft die Wilden aufreibet. Was einem Menschen unmöglich gewesen wäre, das erzwang die übereinstimmende Stärke der Menge. Die Wissenschaften gesitteter Völker warfen auch in diese entfernte Länder einen Theil ihrer Strahlen, sie kanten und verehrten ein oberstes Wesen. Othar fand, daß die Religion die Bande der Menschheit verstärkt, und uns gegen unsere Brüder zu Pflichten verbindet, die der Wilde nicht kent; daß wir das Mitleiden zärtlicher fühlen, und die Noht und das Unglük andrer eifriger mildern; und daß endlich die ungeselschaftlichen Menschen in ihren wenigen Künsten nicht zunehmen, nichts erfinden und nichts volkommener machen; und hingegen die gesitteten Völker täglich mehrere Mittel erfinden, die Lasten des Lebens zu erleichtern, und die angenehmen Empfindungen zu vermehren, und daß sie wachsen und zunehmen, da die wilden Völker in einer ewigen Kindheit bleiben. Nochmahls spante Othar seine Segel auf, und ein günstiger Südwest führte ihn gegen den nordlichen Angel der Erde. Es kam bey einer Insel vorbey, fern jenseits der Länder, die von Menschen bewohnt werden, ostwärts einer großen Insel, die ewiges Eis bedekt, wo das wenige was die Natur hervorbringt, nur einzelne Thiere ernährt. Die kleine Insel war mit tiefen Fuhrten durchzogen, und um dieselbe herum wimmelte die See mit Walfischen. Othar versprach sich einen unerschöpflichen Schaz in diesen noch niemahls besegelten Gegenden entdekt zu haben, Spizbergen. und mit derselben des Königs der Sachsen Freygebigkeit zu belohnen. Hartnäkig war sein Entschluß, Alfreds Wünsche zu erfüllen, und den Weg nach Kathay und Nippon zu entdeken; den Reichen, von deren Größe und Reichthum das Gerücht biß in Europa etwas gerühmt hatte. Er fuhr bey einem hellen Tage, bey einer kleinen Insel Eine wahre Geschichte des Steuermans Himkoff und seiner Gefährten. vorbey, wo er einen Rauch aufgehen sah. Hier sind doch Menschen, so nahe an der Scheitel der Welt, sagte Othar; und bald sah er etliche Fremdlinge, in Pelze gehüllt, am Strande gehn, und mit Winken, und flehendem Ruffen Hülfe von ihm begehren. Der Großmühtige konte keinen Menschen leiden sehen, ohne an dem Unglüke desselben Theil zu nehmen. Er stieg in einen Nachen, und reichte dem Vornehmsten der Verlassenen freundschaftlich die Hand. Es waren Biarmier, deren Sprache Othar nicht ganz fremd war. Sie fleheten ihn um der algemeinen Rechte der Menschheit willen an, sie aus dieser Einsamkeit zu erlösen. Othar war gleich willig die Unglüklichen zu retten; sie baten ihn aber in eine Hütte zu treten in welcher sie sechs lange Jahre zugebracht hatten. Die Hütte war in eine Grube der Erde gesenkt, und von Holz aufgeführt das die gütige Natur an die so ungastfreyen Ufer durch das Meer zuführt, und von entfernten Waldungen abspült. Mit Moos waren die Rizen gestopft; ein Feuer brante auf dem einsamen Heerde, das niemahls ausgelöschet worden war. Die Reichthümer der Unglüklichen waren in der Hütte verwahrt. Felle von erlegten Bären, von kostbaren Füchsen, von Rennthieren, Fett von eben diesen Thieren, Fäden, Strike, und Gespinste, von Bärensehnen, einige irdene Geschirre waren die Schäze der Verlassenen. Die Biarmier bewirtheten ihre Gäste mit Thierfleisch, und die Nordmänner liessen sie den längstvergessenen Saft der Gerste wieder kosten. Nach der Mahlzeit brachten die Wenigen ihre Reichthümer, und ihre Waffen in das Schif, und ein günstiger Westwind beförderte ihre Reise gegen das äußerste des Morgens. Die Einsamkeit einer öden See zu mildern, bat Othar die Erretteten, ihre Geschichte ihm zu erzählen. »Wir sind Fischer, sagte der älteste Biarmier. Wir fuhren nach Walfischen, und bey dieser Insel umschloß uns das Eis. Wir traten ans Land, und suchten eine Höle, wo wir in dieser fürchterlichen Einsamkeit, vor dem tödtenden Froste uns bergen könten. Wir sahen nichts als Klippen, die durch den Frost gespalten, in gebrochenen Felsstüken mit grausamem Geräusche in das Meer fielen. Einsame Gefilde ohne Bäume, ohne grüne Gewächse, beschneyte Hügel, und eine von den Geschöpfen verlassene Wüste war unser Reich. Wir hatten etwas Eisen und einige Waffen mit uns aus dem Schiffe gebracht, und erlegten ohne Mühe ein Rennthier, weil die Einwohner dieser Küste noch keinen Menschen gesehn, und nicht gelernt hatten, vor seinen Nachstellungen zu fliehn. Die Nacht kam, sie war kurz; denn ganze Monate durch verließ uns die Sonne niemahls. Aber ein heftiger Sturm wütete die Nacht durch im Meere, am Morgen war das Eis zerstreut; aber unser Schif, das einzige Mittel zu unserer Rettung, war in die Weite der Meere fortgeworfen worden, und unwiederbringlich verlohren.« »Wir sahen uns, uns fünfe, in ein Gefängniß gesperrt, das unermessene Meere umschloßen. Fern waren wir von aller Hülfe, und fast ohne Mittel, den Hunger, den Frost, und die Wut der Winde abzuwenden. Dennoch gab uns die Noht selber Muht ein; das Rennthier, das wir erlegt hatten, nährte uns einige Tage lang. Wir tranken den geschmolzenen Schnee, und fanden einen Vorraht von angespültem Strandholze, den auch die Trümmer verunglükter Schiffe bisweilen vermehrten. Ein einziges Beil und ein Messer war unser ganzes Werkzeug. Wir arbeiteten unermüdet, die Hütte zu zimmern, eh der unerbittliche Winter uns überfallen würde. Wir zündeten mit einem schnell umgedrehten Stüke Holz ein Feuer an, das wir niemahls ausgehen liessen. Aus einigen Nägeln, die wir aus einem der zugespülten Ueberbleibseln der gescheiterten Schiffe fanden, schmiedeten wir auf harten Steinen einen Hammer und zwey Eisen, womit wir zwey Stangen bewafneten: aus einer Wurzel, die eben auch ein Geschenk des Meeres war, verfertigten wir einen Bogen, und aus den Nägeln eiserne Spizen für die Pfeile.« »Ein weisser Bär, der Tyrann dieser Insel, der sich von dem Raube der Rennthiere nährte, fiel uns an; wir waren aber wieder zum Streite bereit, und erlegten den Grausamen mit unsern Lanzen. Seine Sehnen liessen sich in Fäden spinnen, sie lieferten uns Seile für den Bogen, auch Strike zu verschiedenem Behufe, und Fäden, womit wir aus den Pelzen erlegter Thiere uns Kleider verfertigten.« »Der Bogen, der in der Ferne tödtlich war, gab uns die Oberhand über die Thiere, die einsam die Insel bewohnten. Wir erlegten die Bären, wir schoßen eine große Anzahl Füchse, und so viele Rennthiere, als zu unsrer Nahrung nöhtig waren. Mit Angeln, die wir mit etwas Fleisch behängten, betrogen wir die Fische leicht, und vermehrten unsern Vorraht. Wir fanden Thon, und verfertigten aus demselben irdene Geschirre, worin wir kochen konten, und woraus wir eine Lampe zurichteten, die wir mit Bärenfett ernährten, und womit wir die langen Winter durch, die Dunkelheit einer ewigen Nacht aufheiterten; den Docht gaben uns die Strike her, die zuweilen mit den Trümmern zerschmetterter Schiffe uns zugespült wurden. Ein einziges niedriges Kraut, zugleich wohlschmekend und gesund, diente zur Abwechslung unserer Mahlzeiten.« »Sechsmahl hatten wir den ewigen Tag des Sommers erlebt, sechsmahl auch die entsezliche Nacht ausgestanden, die viele Monate durch, diese traurigen Gefilde bedekt. Den Schnee der unsre Hütte begrub, die unausstehliche Kälte der spätern Monate des Winters, hielt die Hütte und das Feuer ab, das wir unterhielten. Die langen Stunden brachten wir mit mühsamen Arbeiten zu, die uns die Länge der Zeit möglich machte; denn wir brachten es so weit, daß wir Nägel zu Nadeln umzuschaffen wußten.« »Die Erfahrung, daß unsere Lebensart nicht ganz unerträglich war, richtete uns bey den traurigen Stunden auf, die wir nicht vermeiden konten. Ach! dachte ich, wir müssen sterben; glüklich ist wer der erste stirbt, wer noch die Stimme seiner tröstenden Freunde hört, wer in seiner lezten Schwachheit einige Hülfe hoffen kan, wem andere Menschen das Auge zudrüken. Aber was wird das Schiksal des Ueberlebenden seyn, der ohne Freund, ohne Beystand, in seinem Unvermögen, weder Speise erwerben noch genießen, der auch die gröste Nohtwendigkeit des Menschen, den Durst, nicht wird stillen können, der einsam verschmachten, und lebendig verwesen muß?« »Auch drohten uns die nöhtigsten Werkzeuge zu verlassen; das Beil, auf welchem unsre Beholzung, und die Ablehnung der Kälte beruhte, war biß aufs Heft abgenuzt. Von unserm einzigen Messer war nichts mehr übrig, und diese Verluste waren unersezlich. Aber der Schöpfer der Menschen weiß Auswege, sie zu retten, sagte der gesittete Biarmier, und seine Güte führte aus dem entferntesten Abend einen Helden her, dem er unsre Errettung anvertrauet hatte.« Othar bezeigte seine Freude, daß er ein so hartes, und durch keine Laster verdientes Unglük zu endigen würdig war gefunden worden. »Was wäre, sagte er nachdenkend, der Mensch ohne die Künste, die selbst ohne dieß geselschaftliche Leben unmöglich wären? Etwas Eisen, die Frucht der vereinigten Arbeit eines Bergmanns, eines Schmides, eines Köhlers, eines Töpfers, eines Mäurers, eines Zimmermanns, und unzählbarer andrer Künstler, hat der unglüklichen Biarmier Leben gerettet. Vom geselschaftlichen Leben hatten sie gelernt, das Eisen umzuschaffen, den Thon zu Geschirren, die Fäden zu Striken zu drähen, die Felle der erlegten Thiere zu Kleidern zu nuzen. Unselig wäre der Mensch, wann er nicht geselschaftlich wäre, und vermuhtlich wäre das menschliche Geschlecht in wenig Jahren ausgestorben, weil die Kinder länger als kein Thier unvermöglich blieben, und sich selbst nicht die Nohtdürftigkeiten des Lebens verschaffen könten: wenn nicht der unüberwindliche Trieb zur Geselschaft den Vater und die Mutter vereinigten, den nichts wiedervergeltenden, und lauter Qual den Eltern verursachenden neuen Menschen zärtlich zu pflegen, und wieder die Rähte ihrer Eigenliebe, ihre Ruh, ihre Wollust, ihre Muße, selbst ihren Abscheu vor dem Schmerze, den unvermögenden Kindern aufzuopfern.« Othar segelte eine Zeitlang gegen Osten mit günstigen Winden fort; aber die Sonne war nunmehr in das Zeichen der Jungfrau getreten, der lange Tag nahm ab, die Winde wurden rauher, ein beschwerlicher Nebel bedekte die See, große schwimmende Inseln von Eis umgaben das Schif. Die kernhaften Nordmänner fürchteten den Todt nicht, wann er ihnen plözlich in der Gestalt eines Spiesses oder Schwerdtes begegnete. Aber sie wußten, daß an den gefrornen nordischen Küsten jeder Hafen ihr Grab seyn würde, daß kein Land, in unermeßlichen Entfernungen, das unumgänglich zum Leben Nöhtigste hervorbrachte, daß ihr Schif den Anfällen des Eises nicht widerstehen würde; daß es sehr ungewiß wäre, ob die unbewohnbaren Gegenden irgendwo bevölkert seyn, und daß ein elender Tod, daß Hunger und Frost sie erwartete, denen kein Muht widerstehen könte. Der Held ergab sich ungern, aber schon war die Schiffahrt durch die verdikte Luft so unsicher worden, daß jeden Augenblik eine unsichtbare Klippe, oder eine unvermeidliche Insel es zerschmettern konte. So nahm auch der Vorraht ab, und die Hofnung des künftigen Unterhalts konte erst in entfernten südlichen Gegenden möglich werden. Othar mußte der eisernen Nohtwenigkeit nachgeben, und das Steuer umwenden. Er brachte die dankbaren Biarmier in ihren Geburtsort zurük; er belud sein Schif mit seltenem Pelzwerk, und mit dem Raube der nordischen Seethiere, und kam bey anbrechendem Winter, nach großen ausgestandenen Gefahren, in Halgoland wieder an. Er überwinterte bey seinem Volke, das mit Erstaunen die Erzehlungen der Mitgefährten des Helden anhörte, die so viele nie besegelte Meere durchfahren, die Menschen von anderer Gestalt, und von fremden Sitten gesehen, die näher an den Angelstern sich gewagt hatten, als die Sterblichen hätten hoffen dürfen. Im folgenden Frühling kam Othar nach Engelland zurük, und brachte dem Könige die Geschenke des Nordens, die Zähne des Walrosses, die kostbaren Felle der Biarmier und Obdorier, die Waffen des hochgeschäzten Einhornes, die Bärte der überwundenen Walfische. Alfred vernahm mit Vergnügen die Begebenheiten seines Abgesandten, und die Nachricht von den einzig der Natur überlassenen Menschen. Er war zu mild, seine herzhaften Seeleute der augenscheinlichen Gefahr des Unterganges durch fernere Reisen in den äußersten Norden bloßzusezen, und gab dem unternehmenden Othar einen andern Auftrag, der leichter zu berwerkstelligen war. Der Nordmann solte diesesmahl die östliche See befahren, die aus dem großen Weltmeere zwischen Scandinavien und Deutschland sich weit nach Morgen erstrekt. Er segelte mit einem wohlausgerüsteten Schiffe durch den Sund, der die dänischen Inseln vom Reiche der Gothen trennt. Er befuhr einen Fluß, der aus dem alten Vaterlande der Angeln herkömt. Das ganze Volk hatte sich in das mildere Britannien übergeschift, und das verödete Land wurde nunmehr von den Dänen bewohnet. Othar kam zur Mündung der Weichsel, und zu dem Lande, woraus in die übrige Welt der Bernstein verführt wird, den die See an das Ufer ausspült. Er belud sich mit diesem wohlriechenden Peche, das zum Schmuke des Frauenzimmers dienete. Er besuchte die lange Küste von Estland, einen Siz von Edlen und von Sklaven. Die weiten Waldungen dekten das ganze Land, nur einzeln war eine Gegend ausgerottet; ein Sarmatischer Edelmann hatte daselbst seinen Hof, und rings herum wohnten in elenden Hütten seine Sklaven, die das Land für ihn bauen, die den Unterhalt eines jeden Tages von ihm erwarten mußten, deren Leben, und selbst die Ehre ihrer Weiber, von dem Willen des Herren abhing. Der Ritter kannte kein Glük als den Krieg und die Nachahmung desselben die Jagd, er suchte im Dikichte die Auerochsen auf, und wekte den Bären in seiner Winterhöle. Die Künste, die Wissenschaften, die Handlung, waren noch nicht biß zu diesem Size der wilden Natur durchgedrungen. Der elende Bauer wurde täglich durch hartherzige Vögte zur Arbeit angetrieben, damit sein Herr müßig leben könte; zu einer Arbeit, von welcher er nichts zu hoffen hatte, die bloß die Peitsche des unbarmherzigen Treibers erzwang. Die beständige Unterdrükung, unter welcher die Elenden schmachteten, die üble Belohnung ihrer Arbeit, die Verachtung, die keine gute Dienste erleichterten, machten diese Knechte boshaft, und zu Feinden ihrer Herren. Sie wurden träg, weil sie nicht für sich selbst arbeiteten, tükisch, weil sie ihren bösen Willen zwingen mußten, diebisch, weil ihnen die Nohtdurft fehlte, unkeusch, weil keine Jungfrau unbeflekt blieb, oder den trozigen Forderungen der unzüchtigen Edlen widerstehn konte. Es war eine sichtbare Würkung der Knechtschaft der Unterdrükten, daß sie keine Tugend mehr kanten, und ihre Seele zur Aehnlichkeit der Thiere erniedrigt wurde. Der gröste Theil des Landes war eine Wüsteney, und selbst der Aker der sarmatischen Edlen genoß von dem unwilligen Pflüger keine Wartung, die ihn fruchtbar machen konte. Jährlich wurde ein Strich des unbrauchbaren Waldes verbrant, und in die erwärmete Erde säete man etwas Getreid, dessen Wachsthum die Asche begünstigte: aber auf wenige Erndten folgte eine ewige Unfruchtbarkeit. Wie das Vieh, das der Mensch zu seiner Bequemlichkeit füttert, empfieng der Bauer ein dürftiges Brodt, und wiederliches Getränk, das nur die Noht erträglich machte. Das Leben war ihm zur Last, und er sah den Todt als eine Rettung an. Ganze unermeßliche Reiche stunden unter dem eisernen Zepter weniger Edlen. Diese Reise wird dem Wulfsten dem Angel zugeschrieben. Auch besaßen diese großen Länder keine eigene Kräfte, und wurden der Raub eines jeden Fürsten, dem seine Unterthanen gehorchten. Keine Bande vereinigten die mächtigen Edlen zu gemeinschaftlichen Absichten, keiner von ihnen nahm vom andern Befehle an, keiner wolte den geringsten Theil seines Vermögens, den kleinsten Theil seiner Freyheit zur Rettung des Ganzen aufopfern. Einzeln wurden sie ohne Mühe bezwungen, ihre knechtischen Unterthanen hatten von ihren harten Herren nichts zu hoffen, und bey dem Untergange derselben nichts zu verlieren. Othar kam bis zum Ende des östlichen Meeres, und biß zur Mündung des Flusses, wo damahls einsame Inseln mit Gebüsch und Wild bedekt waren, und wo in den Büchern der Vorsehung eine Stadt gezeichnet war, die nach vielen Jahrhunderten erst in die Höhe steigen, von welcher hundert Völker Befehle annehmen, deren Beherrscher vom Lande der Seren biß zu den Gränzen des Estlandes ein unermeßlich weites Reich aufrichten solten. Othar kam zurük, und brachte die Schäze dieser einsamen Gegenden mit; Felle des häufigen Wildes, den gesuchten Bernstein, und Honig der wilden Bienen, die für den Menschen das Muster eines glüklichen Fleisses vergebens geben. Alfred vernahm mit Vergnügen den Zustand des Reiches, wo Wodan sein Ahnvater geherrscht hatte, und wo er vom Thron auf den Altar war versezt worden. Er hörte aufmerksam die Beschreibung des elenden Gebrauchs, den die Menschen von den Gaben der Natur machen, wann keine weise Geseze ihre Kräfte in eine gemeinschaftliche Richtung vereinigen. Er entschloß sich noch eifriger, die Fesseln der Menschen zu zerbrechen, durch die sogar ihre Seele erniedrigt wird, und die großen Vorzüge verliert, die sie zum Bilde Gottes machen. Er belohnte Otharn königlich, und trug ihm den Befehl über zehn zum Kriege ausgerüstete Schiffe auf. Das sechste Buch. Alfreds erste Liebe. Die ernsthafte Geschichte hat dieser Liebe keinen Raum gegönt. Die Sage allein hat ihr Angedenken unter den Namen Edgar und Emma erhalten, eines uralten Liedes, das dennoch auch zu unsern Zeiten die Rührung erwekt, die es bey den Sachsen ehmahls erwekte. Die alte Sage hat nichts Nachtheiliges für den edlen Fürsten, wir wollen sie nicht unterdrüken. Alfred war noch bey dem Hirten sieh 1. Buch. seines Vaters verborgen, und man kante ihn in der ganzen Gegend unter dem Nahmen Wulf. Er hatte seine Gestalt so wohl zu verstellen gewußt, daß auch seine Edlen ihn nicht erkanten. Aus den Sümpfen von Athelney fiel er, mit einigen gleichfalls flüchtigen Sachsen, oftmahls wider die feindseligen Normänner aus, rächte an denselben das Unrecht, das sein Volk erlit, und versorgte die Seinigen mit Vorraht und Gewehr. Sobald der Feind auf ihn andrang, so zerstreuten sich die eines jeden Schlupfwinkels kundigen Sachsen, und verschwanden aus den Händen der Normänner. Sehr oft hatte Wulf glüklich gefochten, da er endlich von einer Schaar Feinde umringt, mit einer überlegenen Macht zu fechten hatte. Er zog sich an eine enge Stelle zurük, die mit Wasser umgeben, nur einen schmalen Zugang den Feinden verstattete, und wo er mit Wenigen die Menge anhalten konte. Er erlegte manchen kühnen Räuber mit Armbrüsten, die damahls eine neue Erfindung waren, und denen die Engelländer in spätern Zeiten manchen Sieg zu danken gehabt haben. Endlich gelang es einem nordischen Kämpfer, mit einem Spiesse den unbekanten König zu verwunden, der Verlust des Blutes benahm ihm die Kräfte, und in der Dunkelheit, die endlich die Sachsen beschüzte, mußten ihn seine Gefährten aus der Gefahr tragen. In der Nähe war die Burg Edelberts, eines sächsischen Grafen, eine Festung, worein er sich mit vielem Vorrahte verschlossen, und wohin mancher flüchtige Sachse seine Zuflucht genommen hatte; die Normänner hatten sich vor der Tapferkeit des Grafen, und vor der Stärke der Wälle gescheut, und ihre Angriffe unterlassen. In der Nacht kamen die bekümmerten Sachsen, und baten eingelassen zu werden. Wulf, sagten sie, der Schreken der Räuber ist verwundet. Der Namen dieses Rächers der Sachsen war jedem Freunde des Vaterlandes bekant, die Thore schlossen sich für ihn auf, und Edelbert empfieng in selbst, als einen Helden, dessen Herkunft ihm unbekannt war. Nach den alten Sitten der redlichen Germanier begleitete Alswitha ihren edlen Vater, die schönste Fräulein, und das erhabenste Gemüht. Schmachtend war Wulf in den Saal getragen worden, eine tödtliche Blässe verstelte sein Angesicht, mat hiengen seine Arme, deren Kraft die Normänner oft gefühlt hatten. Alswitha entblößte den verlezten Arm, und besorgte selbst die Wunde des Ritters; man erquikte ihn mit kräftigen Arzneyen, und überließ ihn der Ruh. Täglich kam Edelbert, und seine liebenswürdige Tochter, und besuchten den noch schwachen Kämpfer. Seine Wunde bedurfte heilender Sorgen, und oft legte Alswitha selbst die milde Hand an. Wulf schlug nunmehr die Augen auf, und sah die zärtliche Bemühung der edlen Fräulein; ihre Jugend, ihre Schönheit, ihr gütiges Theilnehmen an seinem Unglüke, rührten das Herz des jungen Königes, und die viele Zeit, die seine Wunde erfoderte, ließ der Liebe zu, sein ganzes Herz einzunehmen. Täglich fand er neue Ursachen Alswithen zu lieben; ihre sanfte Stimme, ihre liebreiche Unschuld, der Reiz ihrer Züge, der Anstand ihrer Sitten, nahmen ihn so unumschränkt ein, daß er fühlte er würde sie niemahls verlassen können, ohne unglüklich zu werden. Der redliche Edelbert kante die Tugend seiner Tochter. Oft rieffen ihn plözliche Geschäffte ab; ohne einigen Verdacht ließ er die schöne Fräulein bey dem Könige, der sich langsam erholte. Alfreds Tugend widerstund seiner neuen Liebe nicht; er sah keine Hinderniß, sich mit der Gräfin unschuldig zu verbinden: dennoch wolte er sie prüfen, eh er sie zur Gefährtin seines Lebens erkieste. Alfred war allen seinen Sachsen unbekant, sie wußten nichts von ihm, als seine Thaten. Er fuhr fort, seine Geburt zu verheelen, und er ließ diejenigen, die ihn bedienten, glauben, er sey ein gemeiner, in den Waffen erzogener, sächsischer Krieger. Bey dieser Erniedrigung bemühte er sich dennoch, der Fräulein zu gefallen. Sie fand bald genugsame Zeichen der Liebe des Unbekanten. Die unschuldigen Beweise seiner Hochachtung, seiner Bewunderung, brachte Alfred mit einem Anstand an, der seiner hohen Auferziehung angemessen war, und den Alswitha mit seinen Kleidern, und mit seinen niedrigen Umständen nicht vergleichen konte. Die Sitten der erhabnern Welt konte Alfred nicht verbergen. Er war der beste Dichter unter den Sachsen, niemand schrieb in ihrer Sprache mit der Zierlichkeit, die ihm eigen war. Er unterhielt die Fräulein bald mit kurzen Gedichten, und bald mit Erzählungen, deren Anmuht sie fesselte, und die Stunden ihrer Gegenwart sie zwang zu verlängern. Unter verändertem Namen erzählte Alfred seine Reisen, seine Kriege; er hatte den großen Schlachten beygewohnt, wie er sagte, bey denen er doch würklich der Anführer gewesen war. Die Pracht des großen Roms, die Schönheiten des glükseligen Welschlands, die Mirtenbüsche, die Wälder von triumphirenden Lorbeerbäumen, die immer blühenden Inseln des mittelländischen Meers, wußte er mit einer Lebhaftigkeit zu beschreiben, die Alswithen bezauberte. Von ihren eigenen Reizen, von den Vorzügen ihrer Seele sprach er, wie ein niedriger Bedienter, der seine Augen zu einer erhabenen Fürstin nicht aufheben darf, und dennoch ihre Vortreflichkeit fühlt: er kleidete seine eigenen Empfindungen in Lieder ein, die alt seyn solten, aber für Alswithen gedichtet waren, und sich allein zu ihr schikten. Wann sie erröhtete, und Alfred besorgte, sie möchte die alzu dreiste Unterredung abbrechen, so wußte er sich ohne Zwang zu andern Gesprächen und zu einem ehrerbietigen Scherze zu wenden. Er begleitete seine Lieder mit der Laute, die er vortreflich schlug, und die die rührende Kraft seiner holdseligen Stimme unendlich vermehrte. Das Fräulein war in den ersten Jahren ihrer Jugend, nach den Sitten ihrer Zeiten war sie in der väterlichen Burg erzogen worden, und hatte viele kühne Krieger, und viele rüstige Ritter gekant: aber die edle Anmuht Alfreds, und der einnehmende Wiz seiner Reden, hatte für sie alle Reize der Neuigkeit. Des Königs Bildung, die er einigermaßen mit einer gekünstelten Farbe verstelt hatte, konte doch nicht gänzlich unterdrükt werden, und der Adel seiner Seele leuchtete aus den lebhaften Augen. Unvermerkt gefiel der Umgang, und bald auch die Person des Unbekanten, der unschuldigen Fräulein, und ihr Herz war eingenommen, eh sie es gewahr worden, daß es sich ergeben hatte. Dem scharfsichtigen Alfred konte der Eindruk nicht verborgen bleiben, den er auf die Fräulein gemacht hatte; er wagte es in deutlichern Ausdrüken sie merken zu lassen, daß er sie liebte. Ohne eine förmliche Erklärung seiner Gesinnungen, hatte er die Gefühle seines Herzens kentlich abgeschildert. Alswitha hatte, ohne zu wissen wie weit sie sich schon verstrikt hatte, keinen Verdacht auf sich selbst geworfen. Sie gewöhnte sich seine Blike mit Gegenbliken zu erwiedern, ihre Stimme nahm die vertrauliche Süßigkeit an, die die unbeflekte Jugend demjenigen gewährt, der sie das erste Lieben gelehrt hat. Sie hatte kleine Geheimnisse, die nur Alfred wissen solte, und sie stimte mit ihm ein, wann er unter fremden Namen die Liebe besang. Die Wunde des Königs war nunmehr geschlossen, ihm fehlte ein Vorwand in der Burg des Grafen sich länger aufzuhalten; es bereitete sich überdem alles zu den Unternehmungen, die ihn wieder auf den Thron der Sachsen sezen solten, und der Jüngling war schon zu weise, der Liebe die Pflichten aufzuopfern, die er seinem Volke und seiner eigenen Würde schuldig war. Er konte dennoch sich aus den angenehmen Banden der schönen Alswitha nicht reißen, ohne eine Versicherung mitzunehmen, daß ihr Herz ganz das seine wäre. Er erlaubte sich eine Verstellung, die sonst ihm nicht angebohren war: aber er versprach sich dabey, die kurze Qual, die er der Fräulein anthäte, solte durch die beständige Liebe vergolten werden. Edelbert war zu einer ritterlichen Uebung verreiset, die ein andrer Großer ausgeschrieben hatte. Alfreds Arm war noch nicht stark genug, eine Anstrengung der Kräfte auszustehn; Edelbert hatte ihn in der Burg gelassen, die auf einem Hügel lag. In einer Gruft des Felsen entsprang eine kühle Quelle, die wider die schwule Sommerluft der Fräulein zur Zuflucht diente. Wulf, sagte die Leutselige, kent die vornehmste Zierde dieser Burg noch nicht; sie führte ihn in die Gruft. Niemahls hatte Alfred das geringste unternommen, worüber ihre Tugend hätte schüchtern werden können; und ob er ihr wohl gefiel, und sie dieses Gefallen sich selber nicht mehr verheelen konte, so hielt sie ihn doch für einen bloßen streitbaren Jüngling von unedler Geburt, zu dem sie niemahls sich niederbeugen würde, so angenehm ihr sonst seine guten Eigenschaften waren. Alfred fand einen Augenblik, da er allein bey der Fräulein war; feyerlich sagte er zu ihr: Es ist geschehen; ich muß diese Burg verlassen, wo ich so viele Güte genossen habe. Aber ich bin undankbar genug zu wünschen, daß ich niemahls in derselben wäre aufgenommen worden. Alswitha schien über den Vortrag befremdet; der verstelte König aber fuhr fort: Es ist mir unmöglich zu verschweigen, daß ich die schöne Alswitha zu oft gesehen habe, und daß ihre Reize und ihre Tugend mein übriges Leben mir unerträglich machen werden. Schamhaft färbte sich die Fräulein; der Stolz ihrer Ahnen fuhr über die Erklärung auf, die ein Mensch wagte, der ihrer unwürdig war. Aber etwas sprach in ihrem Herzen für den Unbekanten und hemte die Wallung ihrer Entrüstung. Sie sagte mit einem zweifelhaften Wesen: Wulf vergißt, daß er ein Verwundeter ist, und daß meines Vaters Burg ihn nur als einen Krieger aufgenommen hat, der unsrer Hülfe bedürftig, und nicht unwürdig war. Wulf vergißt Alswithens Würde nicht, unterbrach der Fürst seine Geliebte; er kent allein den Werth der vortreflichen Fräulein, die er beleidigt; aber es giebt Gefühle, die keine Einwürfe der Vernunft unterdrüken können, und niemand hat gefühlt, was ich für Alswithen empfinde. Sterben kan ich, den Todt habe ich oft, und bey nahem gesehn: aber unmöglich ist es mir zu verheelen, wie unglüklich ich mich schäzen würde, wann Alswitha mich verachtete. Ich kenne Wulfs Verdienste, fuhr die Fräulein sitsam fort; mein Vater ehrt in ihm einen Krieger, der sein Blut für die Errettung der Sachsen versprizt hat. Es ist keine Verachtung, wann ich Reden vermeiden muß, die keine Wirkung thun können. Es ist nicht an mir, die Unterschiede aufzuheben, die von der Tugend selbst zwischen den Ständen der Menschen gemacht werden. Wulf wird in seinem Stande eine Schöne finden, die seine Liebe anhören und sie belohnen darf. Nun so ist mein Urtheil gesprochen, sagte Alfred mit einer Verstellung in seinen Zügen, die die tiefste Betrübniß verrieht. Ich werde ungern diese Burg verlassen, aber Alswitha wird nicht verhindern können, daß ich eine unglükliche Liebe mit mir in die Gefahren trage, in die mein Stand mich führt. Sie wird nicht hindern, daß ihr Bild mein leztes Gefühl, daß ihr Namen mein leztes Wort sey. Aber Wulf, sagte die Unschuldige ganz betreten, kan ein bescheidener, ein verdienter Jüngling denn so unbillig seyn, und von einer Fräulein Dinge fodern, die sie nicht gewähren kan, ohne seiner unwürdig zu werden? Kan er hoffen, daß Edelbert seine Liebe billigen, kan er verlangen, daß Alswitha einem verehrungswürdigen Vater ungehorsam seyn werde? Wüßte ich wenigstens, von wem Wulf gebohren wäre, und wie groß die Entfernung sey, die zwischen ihm und Alswithen ist. Wulf, fuhr Alfred fort, ist nicht unedel, aber das Glük hat ihm seine Gaben versagt; er ist arm, er hat wegen eines unvermeidlichen Zufals sein Vaterland verlassen müssen. Die Ehre hat ihn gezwungen, ein Blut zu versprizen das nach Rache schreyt, und das Schwerdt der Gesezte hängt über ihm. Alswithens Stolz fand sich in etwas beruhigt, da sie vernahm, daß Wulfs Geburt nicht zur unübersteiglichen Hinderniß wurde. Die Gaben des Glüks verachtete sie, tausend edle Sachsen hatten ihre Güter durch die Hand der siegenden Räuber verlohren, und nur das Schwerdt übrig behalten, ohne die Achtung zu verlieren, die man für ihre Herkunft trug. Der Fräulein Herz fand sich erleichtert, aber sie war zu tugendhaft, den sanften Hofnungen sich zu überlassen, die in demselben heimlich und furchtsam aufstiegen. Unsere Unterredung daurt zu lang, sagte sie, wir können sie diesesmal nicht länger fortsezen. Alfred sah diese Worte als ein Zeichen eines Gefühls bey seiner Schönen an, das ihm viel versprach, und er glaubte sich berechtigt, noch einige Tage in der Burg sich aufzuhalten. Der Graf stelte bald hernach eine Reigerbeize an, die der sächsischen Edlen liebster Zeitvertreib war; er ehrte den tapfern Wulf viel zu aufrichtig, als daß er ihn von dieser Lustbarkeit hätte ausschliessen sollen. Alfred konte vortreflich einen Falken regieren, die Beize war eine der angenehmsten Beschäfftigungen seiner Jugend gewesen. Aus seinem Kentnisse schloß Alswitha, und schloß es gerne, Wulf müßte von einer Herkunft seyn, welcher die adlelichen Uebungen angebohren wären. Sein Falk hatte einen seltenen Vogel gefangen; er brachte ihn mit dem edelsten Anstand der Fräulein, und bat um die Erlaubniß Abschied nehmen zu dürfen. Diese Nachricht war ihr schmerzhaft, und je mehr sie nach ihrem Herzen fühlte, je mehr fand sie es mit dem Bilde des Kämpfers angefüllt. Alfred besuchte sie den folgenden Tag, und nach einigen algemeinen Feyerlichkeiten sagte er in einem freyern Augenblike. Ich gehe wo mich meine Pflicht hinruft; ewig werde ich die liebenswürdige Alswitha verehren, ewig werde ich mein Unglük beklagen, das meiner Liebe nicht erlauben wil, sich zu zeigen. Sie seufzete; sein naher Abschied erregte bey ihr eine Wehmuht, die sie nicht bezwingen konte. Ach warum sol so viel Verdienst in eine niedrige Stellung verbannet seyn! Warum ist Alswitha nicht lieber eine Hirtentochter! Alfred erwiederte mit mehrerer Munterkeit: Wulf würde seine Liebe niemahls entdekt haben, wenn er es für unmöglich hielte, daß Alswitha mit ihm glüklich seyn könte. Noch ist sein Stand nicht derjenige, der einer fürstlichen Fräulein Stolze schmeicheln kan. Aber wann sie mich liebte, so würde mich vielleicht mein Arm zu einer Höhe heben, auf welcher ich ihrer minder unwürdig wäre. Darf ich mir schmeicheln, daß nur der Unterschied des Glükes mich verwerflich macht? darf ich hoffen, daß Alswitha mir erlauben würde sie zu lieben, wann ich ihrem Stande mich näherte? Die Fräulein sagte beschämt, und schlug zugleich die Augen nieder. Wie kan Wulf Dinge von mir fodern, die doch unmöglich sind? Wie kan er Hofnungen bey mir erweken, die mich doch betriegen würden? Leicht kan er im Geschwirre der Waffen einer jungen Freundin vergessen, mit welcher ein Zufal ihn bekant gemacht hat. Aber eine Fräulein, die in der einsamen Burg ohne Zerstreuung lebt, wäre alzu unglüklich, wann sie einer Liebe sich übergäbe, die nur in einem erdichteten Falle erlaubt werden könte. Fahr wohl, würdiger Wulf, werde so groß, als du tugendhaft bist, meine besten Wünsche sollen dich begleiten. Nicht zufrieden mit der gütigen Antwort, versuchte Alfred die Fräulein zu einem deutlichern Geständnisse ihrer Gegenliebe zu bewegen. Ja ich gehe, ich fülle mich täglich ohnedem mit einem Feuer, das mich tödtet, und das ich erstiken muß. Wann Alswitha mich nicht verachtete, der Abstand von ihr zu mir würde bald aus ihren Augen verschwinden, die Liebe würde sie zu mir herunter leiten, und sie würde fühlen, daß der Besiz eines redlichen Herzens doch auch für die erhabenste Schöne einigen Werth hat. Aber Wulf erwekt nicht nur keine Liebe bey ihr, er erwekt nicht einmal ein Mitleiden. Alswitha würde, wann sie sein Schiksal eines Bedaurens würdig schäzte, mit einem Worte, einem unschuldigen Worte, Wulfs Schiksal erleichtern. Das Wort das ich sagen sol, sagte die erröhtende Schöne, ist ein hartes Wort. Ich sehe es wohl, Wulf wil sich nicht befriedigen lassen, biß ich ihm gestehe, daß ich ihn liebe. Aber er wird so unbillig nicht seyn, daß er nicht einsehen solte, meine Hand sey in der Macht eines Vaters, und meine Liebe solle sich niemahls von meiner Hand trennen. Er, der die Tugend liebt, wird keine lasterhafte That von mit verlangen. Aber will er zufrieden seyn, wenn ich ihm eingestehe, wie ich wünsche, daß das Verhängniß unsere Stellungen ausgleiche, und daß es mir erlaubt seyn möge, das Wort zu sagen, das er von mit fodert. Sie reichte ihm züchtig die Hand, ließ sie ohne Weigerung küssen, und wolte sich entfernen. Nein, sagte der Großmühtige, Alswitha soll die kummerhaften Gedanken nicht nähren, daß sie einen Unwürdigen lieben müsse. Nein sie sol nicht zwischen einer erlaubten Neigung, und zwischen dem Widerstande der Pflichten ihr Herz zerreissen lassen. Sie wird sehen, in kurzem wird sie sehen, daß sie nichts wider die Foderungen ihrer Geburt thut, wenn sie Wulfen günstig ist. Doppelt wird er sie lieben, weil er ihre Zärtlichkeit bloß ihrer Güte zu danken hat, die den Stolz ihres Adels überwindet. Er küßte nochmahls freudig ihre Hand, und gieng nach Athelney zurük. Wenige Monate hernach gab er, nach dem berühmten Siege über die Normänner, ein großes Fest den Tapfern, die Engelland errettet hatten. Edelbert war unter der Zahl der Unerschrokenen. Zu die Ritterspielen, die zum Angedenken des Sieges gegeben werden solten, wurde das edelste Frauenzimmer der frolokenden Sachsen gebeten. Die Ritter stachen um den Preis in den Schranken; der erkante König saß auf einem erhabenen Throne, und neben demselben war ein andrer Königsstuhl mit der grösten Pracht für die Schöne zubereitet, die die Preise austheilen solte. Ein Edler foderte zu dieser ansehnlichen Verrichtung die schöne Alswitha auf. Ihr Vater, der des Königs Gedanken wußte, und der ihm das Vergnügen gönte, seine Tochter plözlich zum Throne zu führen, befahl ihr den Plaz anzunehmen. Der König stieg von seinem Size herunter, reichte der bescheidenen Fräulein die Hand und leitete sie zu ihrem Size. Hier ist, und für immer, Alswithens Stelle. Sie schlug nicht unbeschämt die Augen auf, und erblikte im Augenblik im König den Wulf, von der unansehnlichen Farbe befreyt, und im Schmuke, der seiner hohen Würde zukam. Er sagte zu der furchtsamen Alswitha, indem er sie zum Sizen nöhtigte: Darf Alfred hoffen, was Wulf nicht erhalten konte? darf er um Alswithens Liebe bitten, ohne die er nicht leben kan? Sie verneigte sich ehrerbietig, schlug die Augen nieder, und sagte leise, Die den Krieger geliebt hat, weiß, daß sie den grossen Alfred verehren sol. Sie sah hierauf den Ritterspielen zu, theilte den Würdigsten die kostbaren Preise aus, und noch denselbigen Abend reichte sie dem entzükten Könige die Hand und wurde seine Gemahlin, die er einzig und unzertheilt geliebt hat.