Karl Gutzkow Die Kurstauben Erstes Kapitel Blumen und Blüten aus dem Ghetto Lea – oder wie sie gewöhnlicher genannt wurde, Leontine Simonis – war eine reiche, liebenswürdige junge Jüdin. Klein nur von Gestalt, fesselte sie um so lebhafter durch die Zierlichkeit ihrer Formen und vorzugsweise durch die Anmut ihrer lächelnden Gesichtszüge. Frisch von Farbe hoben sich die lieblich gerundeten Wangen. Die Nase war von seltenem Ebenmaß und wie beim Profil einer Griechin mit der kleinen gedankenvollen Stirn in eine Linie verbunden. Vom germanischen Stamm waren Leontinens Augen: blau, schwärmerisch, romantisch. Die Zähne untadelig und das Haar von einer Fülle, daß der schöne Schmuck, aufgelöst, die Knie hätte erreichen können. Es gab in der Residenz Gestalten von einer beim ersten Anblick eindrucksvolleren Schönheit, Musterbilder des Wuchses und Ebenmaßes der Formen, wenige von Leontinens einschmeichelndem Zauber im Gesamteindruck. Und sie hatte auch den Namen dafür. Die junge Männerwelt streifte am sogenannten Hohen Graben, dem Quartier der Bankiers, vor den Fenstern der »schönen Simonis«, wie man sie nannte, mit allen Ausdrücken derjenigen Huldigung vorüber, die nur für ein junges Mädchen, das meist unter hohen tropischen Pflanzen am Fenster stickte oder las, im Aufblick gesunder oder in der Schärfung schwacher Augen durch vorwitzige Lorgnetten liegen kann. Dies war Leontinens äußere Erscheinung. Nach ihrem Innern war sie Schwärmerin. Sie übte zuvörderst nur melancholische Musik. In Liedern ohne Worte, in Reverien und ähnlich benannten Tonstücken suchte sie die unbestimmte Sehnsucht ihrer Gefühle auszuhauchen. Auch die Poesie der Nationen sprach zu ihrem geistigen Ohr. Sie las Gedichte, als wären es Engelzungen. Ihr leibliches Ohr wurde indessen nur zu sehr, wie sie sagte, von den rauhen Tönen der Wirklichkeit belästigt. Ihr Vater, Nathan Simonis, besaß seines Stammes praktische Lebensauffassung. Man konnte von ihm sagen, er hätte des weisen Nathan Namen deshalb getragen, weil, wie der Derwisch sagt, eben seinem Volke der Reiche der Weise ist. Wenn Leontinens Mutter mehr Bildung besessen hätte, würde sie das Leben schon mehr nach dem Geist ihrer Tochter gefaßt haben. Der prächtige Name, den sie ihrem Kinde statt des ursprünglichen Lea zugestanden hatte, war eine Huldigung der guten Frau an die Welt des Schönen, ein Akt der Anerkennung wenigstens für manche Sprachkenntnisse, die sich Madam Simonis aus ihrem Jugendunterricht gerettet hatte. Leontinens Brüder, Vettern, Oheime lebten nur unter materiellen Lebensbedingungen, unter Eisenbahnaktien, Kurszetteln, Bankausweisen; doch sorgte schon die Mutter dafür, daß sich diese Grundlagen ihres zum größten Vertrauen des Publikums behaupteten Namens nicht allzu breit ausdehnen durften. Man ließ sich immer zwischendurch auch auf geistige Fragen, Theater, Musik und die Lieder ohne Worte ein, doch leider mit einem zu kühlen Tone, der Leontinen durch die Seele schnitt. Sie nannte diesen Ton »die kalte Verständigkeit und ihres Volkes Erbteil«. Leontine Simonis war jene einsame Palme aus dem Morgenland ihres Lieblingsdichters Heinrich Heine, nur mit dem Unterschied, daß sie selbst bereits tief im Lande der Fichtenbäume wohnte und unter dem scharfen Luftzuge des Nordens oft, wie sie sagte, unbeschreiblich frieren mußte. Wir könnten für den Abstich, in welchem Leontine Simonis gegen ihre Umgebung lebte, noch reichere und poetischere Zitate geben, wenn wir die Sammlung von Gedichten aufschlügen, die in einer Nebengasse des Hohen Grabens, im Barfußgäßchen Nr. 3, zwei Treppen hoch, in Morgen- und Abendstunden auf sie gemacht wurden. Ihr Sänger war ein junger Mann, der sie liebte. Er hieß von Haus aus Moses Sancho, doch auch er nannte sich Moritz. Moritz Sancho, wie der Name zeigt, alten portugiesischen Erinnerungen angehörend, war etwas über fünf Jahre älter als Leontine, die bereits zwanzig zählte. Es ist eine schöne Eigentümlichkeit bei Leontinens Glaubensgenossen, daß sie die jungen Mädchen die Freiheit und die Poesie ihres väterlichen Hauses möglichst lange genießen lassen. So verträumen sie ein glückliches von Liebe gehegtes Dasein im Elternhause, bis sie einem inzwischen meistenteils durch kaufmännische Berechnungen vermittelten Lose anheimfallen. Leontine war eine gefeierte Schönheit; hundert christliche Bewerber würden sich schon längst und schon von ihrem sechzehnten Jahr an für sie gefunden haben; da sie aber unter den Ihrigen, oder wie Moritz Sancho, der Dichter, gesagt haben würde, innerhalb des Ghetto, verheiratet werden mußte, so zog sich die Entscheidung über die Bestimmung ihres Schicksals schon bis in ihr zwanzigstes Lebensjahr hinaus. Die geheimen Hindernisse, die es für diese Entscheidung innerhalb einer Sphäre, wo man gläubig nur über Eisenbahnen, zweifelnd über Poesie sprach, geben mochte und die sich wahrscheinlich auf einige tausend Gulden mehr oder weniger beim Heiratskontrakt zurückführen ließen, kennen wir nicht. Leontine ahnte etwas von den unheimlichen Kreisen, die sich manchmal um sie her zogen, bald näher kamen, bald sich entfernten und ihr immer ein tiefes Aufatmen der Freude verursachten, sooft wieder eine Gefahr, ihre Freiheit zu verlieren, vorüber war. Aber glaube man ja nicht, daß Leontine, wenn sie von Freiheit sprach, Ideen hatte im Geiste Ludwig Feuerbachs und unserer materialistischen Philosophie! Sie kümmerte sich zwar mit einem Eifer, mit welchem Jüdinnen so oft junge Christinnen beschämen, um alles, was auf dem Gedankengebiet neu und anregend war, das aber, was gerade sie sich Freiheit nannte, das war Musik, Poesie, der milde Schimmer der Sternennächte, das Licht des Mondes, der Ruderschlag auf dem Gold jener italienischen Seen, zu denen sich ihre ganze Seele hingezogen fühlte. Die Freiheit, die sie meinte, war die unendliche Sehnsucht nach Licht, Schönheit, ein namenloses Zerfließen in Idealen, die sie oft mit irdischen Namen kaum zu benennen wußte, nur geographische wußte sie dafür anzugeben. Für den endlichen Anblick des Comer Sees zum Beispiel hätte sie alle Heiratspartien aufgegeben, von denen um sie her zuweilen geflüstert wurde – ein Flüstern, das ihr stets den Eindruck machte, als wenn sie, sitzend in ihrem Zimmer unter den breiten Blättern eines riesigen Gummibaums, blätternd in Gottfried Kinkels »Otto der Schütz«, vom drei oder vier Zimmer weit entfernten Comptoir ihres Vaters herüber das Ausschütten der Geldsäcke vernahm. Dieser Silberklang war an sich nicht unpoetisch, er war ihr auch keineswegs an sich verhaßt, er war nur etwas so außerordentlich Gewöhnliches. Er drückte ihr das Alltägliche aus. Geldeinnehmen und Geldgewinnen klang ihr so, als wenn sie jeden Morgen lachend beobachten mußte, wie die Mutter den täglichen Küchenzettel mit einer fast kontemplativen Mystik erfand. Leontinens geheimste Gedanken verrieten, daß auf jenem Nachen, der sie durch den Comer See ihrer Ideale trug, Moritz Sancho das Steuerruder führte. Moritz Sancho war Doktor der Philosophie. Von gleicher Schwärmerei wie Leontine Simonis, hätte er in der Tat mit ihr ein Paar gegeben, an welchem Apollo, sowohl in Rücksicht auf die Grazien wie die Musen, Freude gehabt hätte. Hier hätten sich geistige und körperliche Vorzüge vereinigt. Auch Doktor Sancho besaß alle Merkmale des südlichen Ursprungs seiner Familie. Eine mittlere Figur, zart, schmächtig, behend, wie die Italiener uns bekannt sind und wie wir von Spaniern und Portugiesen die Vorstellung haben. Das braune Auge blitzend von Leidenschaft, öfter noch, infolge germanischer Einflüsse und Mischungen, sich in ein mildes Leuchten und träumerisches Umirren verlierend. Letzteres war sogar ihr gewöhnlicher Ausdruck und mußte etwas Anziehendes und Gewinnendes für jeden haben. Sanchos Erscheinung war, was man interessant nennt. Selbstgefühl konnte nicht fehlen – werden doch ausdrücklich die Juden darauf erzogen, die Freude und der Stolz der Ihrigen zu sein –, aber eine ausgesuchte Bildung hatte über den Stolz des jungen Mannes auch die Formen der Grazie gelegt. Sanchos Selbstgefühl verletzte nicht. Diese Eigenschaft sollte ihm nur Schwung, nur vertrauenerweckende Haltung geben. Wenn der junge Doktor in einen Salon trat, mußte er die Herzen gewinnen. Sein blasses Antlitz, das glänzendschwarze Haar, der tief von innen kommende Blick aus den schwarz beschatteten Augen, all jene Eigentümlichkeiten nazarenischer Schönheit, von denen wir undankbaren Christen nur zu oft vergessen, daß sie die Vorbilder jener Gestalten sind, die wir auf Gemälden zu Gegenständen unserer Anbetung gemacht haben, waren reichlich in der Erscheinung dieses jungen Mannes vorhanden, der sich zu den Vorzügen seines südlichen Temperaments die Ergebnisse der germanischen Romantik zu eigen gemacht hatte. Wie sich Heinrich Heine – auch ihm sein Lieblingsdichter – vorzugsweise vom Judentum dadurch zu befreien gesucht hat, daß er eine etwas zu weit getriebene und nur äußerliche Verehrung vor unserer romantischen Märchenwelt zur Schau stellte, so kann man sich auch beim Israeliten wohl ein nach innen gehendes wirkliches Verschmelzen mit dem Charakter germanischer Poesie denken, ein gläubiges und im Gemüt ergriffenes Heimatsgefühl unter dem Bann der schönen Lorelei, unter dem Zauber der Nibelungen, sogar unter dem Einfluß der christlichen Baukunst und Malerei. Moritz Sancho gehörte ganz zu jenen germanischen Juden des Doktor Gabriel Rießer in Hamburg, der so viel für die Emanzipation getan. Er dichtete von Blumen, Sternen, Sonnen, Palmen, Mondscheinnächten vielleicht ohne Berechtigung eines Sitzes auf dem Parnaß, aber er ironisierte diese seine neue Heimat nicht, sank nicht wie Heinrich Heine von Lotosblumen und Feenträumen zu Schalet-Witzen Witze beim Sabbatmahl herab. Wir wollen keine Kritik über die Poesien Doktor Sanchos schreiben. Jeder Vers, der einem Mädchen huldigt, das man in Wahrheit liebt, steht an und für sich den Gedichten Petrarcas nahe, und Leontine belohnte ihren Sänger freundlicher als jenen seine kalte Laura. Wie sich die Herzen dieser beiden Liebenden gefunden hatten, ist schwer zu sagen. Das Barfußgäßchen ist nur in seinen auf den Hohen Graben mündenden ersten Häusern so gelegen, daß Leontine allenfalls die glühenden Blicke des Doktors am Versengtwerden ihrer Lektüre unter den Blumen hätte bemerken können. Aber die Hausnummer »drei« gibt mit dem Hause ihres Vaters einen stumpfen Winkel. Auch das Ausschütten der Geldsäcke im Parterre-Comptoir hatte den Doktor nicht begeistert. Er war arm, sehr arm – sein Vater hatte sich in einer großen Hansastadt vom einfachen, auf einer Karre handelnden Büchertrödler, mühevoll und mehr aus Liebe zu seinem gabenreichen Sohn als aus eigenem Triebe nach Vervornehmung seines Daseins, zum Besitzer einer »antiquarischen Buchhandlung« emporgeschwungen –, aber materielle Berechnungen lagen ihm fern. Moritz Sancho hatte Philosophie studiert, und zwar auf das Schöne und Wahre im allgemeinen hin, zugleich freilich in Hoffnung, die deutsche Nation würde sich binnen kurzem zu einem möglichst idealen und freien Leben entwickeln und wenigstens von den Professoren der Ästhetik, die man bei Universitäten anstellt, keinen Taufschein mehr verlangen. Er hatte auch den andern Glauben an einen kommenden gewissen idealen Umschwung seiner eigenen Glaubensgenossen – manche sprachen allerdings in diesem Betracht von Köhlerglauben –; waren aber nicht genug große Geister der Wissenschaften und Künste aus dem Kreise, den er den Ghetto nannte, hervorgegangen? Konnte es durch Vorgänge, die schon statthatten, nicht sanktioniert werden, daß der schöne, liebenswürdige, geistreiche, mit der Zeit auch berühmte Doktor der Philosophie Moritz Sancho die schöne Leontine Simonis, den Augapfel ihrer Eltern, wirklich heimführte? Auf diesen Glauben hin dichtete und liebte wenigstens der eine und duldete seine Anbetung die andere. Der junge Doktor war ungeachtet seines Vaters, der daheim mit den gangbarsten alten Schulbüchern handelte, in die vornehmere Gesellschaft seines Glaubens eingeführt und außerordentlich gern gesehen, namentlich von Madam Simonis, protegiert sogar vom Vater und von den Brüdern Leontinens. Alles hatte ihn gern; wenigstens berichteten ihm die Brüder Leontinens liebevoll, wenn irgendwo über ihn eine ungünstige Rezension zu lesen war. Der Doktor war nicht nur äußerlich dem Hause willkommen und eine gern gesehene Folie des Wertes, den sich jedes Mitglied desselben selbst zuschreiben durfte, sondern Leontine liebte ihn auch. Sie erwiderte auf Bällen beim Tanz seinen Händedruck, sie verriet ihm die Tränen der Freude nicht, die ihr in das dunkelblaue Auge traten, wenn der Freund ein Gedicht in ihr Stickereikörbchen schob; sie duldete, daß er im raschen Benutzen einer günstigen Gelegenheit ihre Hand küßte, diese schöne Hand, die sogar zuweilen selbst einen Vers versuchte, Phantasien in ihr Tagebuch schrieb und ihren Freund das, was auch sie von den Sternen, den Mondnächten und den Gondelfahrten auf dem Comer See träumte, lesen ließ. So verflossen einige Jahre des zartesten Seelenaustausches, und Moritz Sancho hatte ein Recht zu hoffen, diese Verbindung würde ihm die Muße schaffen, einst der deutschen Nation unsterbliche, gereifte, gründlich gefeilte Werke anbieten zu können, ein Recht zu hoffen, er würde die Summe alles Dichterglücks gewinnen, seine Muse dicht nebenan in seinen Zimmern in seinem angetrauten Weibe selbst zu besitzen und zugleich, wie er es seinem alten Vater in dessen Sprache ausdrückte, eine glänzende Partie zu machen. Ein heißer Sommer führte fast die ganze Familie des Herrn Simonis in ein Bad. Vom Bade aus machte man noch eine Rheinreise. Als Leontine mit ihren Eltern zurückkehrte, hatte Moritz gerade die Absicht, seinen alten Vater zu besuchen. So gab es eine Trennung von länger als einem Vierteljahre. Von einem Briefwechsel konnte keine Rede sein. Leontine hätte kaum gewagt, eine Zeile anzunehmen, die ihr von Sancho auf postalischem Wege zugekommen wäre. Alles das verstand sich von selbst. Sancho täuschte sich keineswegs über die Schwierigkeiten seines Vorhabens. Er wußte, daß ihm sein Herz eine fast unerreichbare Aufgabe gestellt hatte und daß ihm allein durch ein langes Dulden und langes Werben, wie dem Jakob um seine Rahel, möglich werden würde, den einzigen Gedanken, der ihn nächst seinem Ruhme erfüllte, zur Reife zu bringen. Dieser Ruhm, die Sehnsucht sogar, seinem alten Vater einst noch Werke von sich zu zeigen, die nicht bereits im zweiten Jahre ihres Erscheinens zu herabgesetzten Preisen verkauft wurden, trat sogar vorläufig gegen seine Liebe in den Hintergrund. Wie gewaltig und furchtbar mußte es ihn daher zu Boden schmettern, als er eines schönen Herbstmorgens in die große Residenz zurückkehrte und die Nachricht empfing, Leontine Simonis wäre die verlobte Braut eines fremden Mannes geworden, der um sie angehalten und sie nach den im Ghetto üblichen formell-finanziellen Weitläufigkeiten als ihm baldigst zu vermählende Gattin gewonnen hätte! Er war in Verzweiflung. Sein Lebensfrühling war wie von einem Sturme geknickt. Das Gerücht war kein Gerücht; er sah die Verlobungskarte, sah dies verhängnisvolle glänzende kleine Blatt, das inzwischen auch ihm geschickt worden war. Leontine verlobt! Mit einem fremden reichen Manne! Wahrheit, Wahrheit war's! Er schloß sich in sein Zimmer ein und – weinte. An Sammlung, Fassung war nicht zu denken. Er ging nicht aus, schon vor Furcht, man möchte ihm begegnen, möchte mit ihm von dieser Verbindung sprechen und seiner getäuschten Hoffnungen mit jener zweideutigen Teilnahme, die ihre Schadenfreude wenig verbergen kann, gedenken; er ging nicht aus, weil er vollständig krank wurde. Einen Anblick bot er, der Mitleid erregte. Er aß und trank nicht. Er saß starr und stützte nur das Haupt auf. Sein Bart wuchs, wie nach den Vorschriften der Trauer, die seinem Volke geboten sind. Das Feuer seiner Augen erlosch. Er saß stumm und stumpf. Seine Besinnung war nur Wehmut, die ihn vollends ohnmächtig zu jedem Entschlusse machte. Es rührte ihn alles und der Gedanke an ihn selbst am meisten. Seine neuesten Gedichte, die in so schönem Goldschnitt neben ihm sauber abgeschrieben und zur Veröffentlichung bereit lagen, blickten ihn wie bittend, auch ihrerseits vollständig hülflos, nicht einmal mitleidig und tröstend an. Bedurften denn nicht auch sie erst des Fortkommens in dieser kalten Welt, bis sie, ihrerseits anerkannt, auch anderen Trost spenden konnten? Alles stand so still, so geisterhaft um ihn her. Nur diese Verlobungskarte war das einzige, das redete. Sie schwatzte denn aber auch und lachte oder, wie sein Ideal Heinrich Heine gesagt haben würde, »kicherte« schadenfroh genug. Wie in Dämmerung gehüllt saß Sancho einen Tag und noch den zweiten halb. Die Sonne schien nicht, und doch ließ er alle Vorhänge nieder, nur um nichts zu sehen als seinen Schmerz, der noch kein Goethe'scher, die Poesie befruchtender Schmerz war. Er stöhnte nur unartikulierte Laute. Vom Sofa warf er sich bald auf seine drei alten gepolsterten Stühle mit Kattunüberzügen, bald auf sein hartes Bett, bald wieder auf das noch härtere Sofa. Immer trieb ihn der Schmerz wieder auf. Seine Nachbarn mußten seine Seufzer hören, sie glichen dem Schnarchen eines Schlafenden. Was er fühlte, das war der bekannte furchtbare Druck, den der Mensch, wenn er Unglück hat, auf dem Sonnengeflecht dicht in der Gegend des Magens fühlt, derselbe Druck, der uns das Leben in jener Schalheit und Unersprießlichkeit empfinden läßt, die Hamlet fühlte, als er sich töten wollte und wiederum, um ganz vergessen zu können, doch auch den Tod für keinen ausreichenden Ausweg erklärte; jener Druck, der uns in solchen Fällen physisch nur dann nicht zerstört, wenn wir damit eine entsprechende Diät und den Genuß nur von etwas Suppe verbinden. »Na, was haben Sie denn, Doktor?« fragte seine Wirtin und pflegte ihn mit heißem Tee und zutunlichster Liebe und erfuhr seinen ganzen Schmerz. So freundliche Frauenworte und Frauenhülfe lindern schon gar sehr. Am zweiten Tage abends mußte er sich sagen: Es gibt im Menschengemüt wunderbare Heilquellen! Sie fließen ach! so geheimnisvoll, so unbekannt und so rätselhaft! Eigentlich wissen wir nicht, wo sie herkommen, wissen nicht, wo den furchtbaren Druck des Kummers plötzlich von unten her irgendein treu Geheimes so hemmt, so emporhebt! Man vergeht noch eben im Schmerz vor Durst, und plötzlich sickert ein Trost herauf wie in der Wüste! Es wird uns warm an irgendeiner Stelle, vielleicht im Auge, oder es klingt ein Rauschen am Ohr, vielleicht ein Heimatsgefühl, vielleicht eine Jugenderinnerung! Gewiß, gewiß ist es Heimat und Jugend, die dann wie plötzlich lebendig bei unserm Schmerz anpochen; wir wachen auf und sehen Eltern und Geschwister, denen wir trotz aller Verachtung der Welt die alten geblieben sind. Wir fühlen, daß es selbst von schattenhaften Toten wie eine belebende Wärme uns entgegenströmen kann! Die Heilkraft der Natur ist ein Geschenk des Himmels, wofür wir kniend zu danken haben! Sie bewahrt uns vor Verzweiflung, sie reicht uns in düsterster Finsternis die warme treue Hand des unsichtbaren Führers, der uns schon so manches Jahr gehalten hat! Diese Hand läßt uns sogar von unserm Kummer reifer erstehen, als wir uns mit tausend geistigen Schmerzen niederlegten. Dann ergreift ein Vater die Feder und schreibt seinen Kindern, oder eine Mutter nimmt ein Briefblatt und schreibt einer Freundin, und hier ergriff ein Sohn die Feder und schrieb an seinen alten Vater Levi Ezechiel Sancho, Bücherhändler einst auf der Karre, jetzt in einem Laden nicht weit von der lateinischen Schule der alten Hansastadt, einen Brief mit der schlichten Anrede: »Lieber Vater!« und mit der schlichten Unterschrift: »Dein treuer Moses«, und die einfachste Sprache, deren Inhalt zwar dem Vater großen Kummer bereiten mußte, wurde doch zur Stärkung für den Sohn. Und als er hierauf Licht angezündet und das Siegelwachs erwärmt und die Adresse auf den zusammengelegten Brief geschrieben hatte und damit noch spät abends zur Post ging, wurde es Sancho leichter zumut. Es half ja eben nichts! In vier Wochen gab es keine Leontine Simonis mehr, sondern nur noch eine Leontine Herz. Leontine hatte ihren Eltern die größte Freude bereitet. Einmal, daß sie sich nach einigem Weigern in Pyrmont überraschend schnell zu dieser Partie entschloß, sodann, daß sie bei den Heiratspakten es durchsetzte, daß ihr Gemahl unter allen Umständen in die Residenz ziehen mußte. Der Schwiegersohn, Michael Herz, hatte früher in einer andern Residenz unsers residenzreichen Vaterlandes gewohnt und war daselbst der Sohn eines Hoffinanzagenten und ein außerordentlich geschliffener, weit schon in der Welt herumgekommener Geschäftsmann. Er hatte – doch es wird notwendig sein, diesem Gemahl Leontinens mindestens dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken, wie wir sie dem Doktor Moritz Sancho schenkten, der sich durch das Studium der Künste und Wissenschaften einstweilen für seinen Verlust zu trösten suchen wird. Was er erlebt hatte, gehörte ja eben zu jenen »alten Geschichten« seines Freundes Heine, die sich täglich ereignen und nur dem verständlich sind, dem sie »just passieren«. Zweites Kapitel Michael Herz Michael Herz konnte man beim ersten Anblick für dasjenige halten, was man mit den triftigsten Gründen eine »gemeine Geldseele« nennt. Sein Äußeres deutete auf höchst »schäbige« Grundsätze. Er war klein, nicht gerade häßlich, aber auch nicht im mindesten anziehend, auf alle Fälle für die Rolle eines Schiffers auf dem Comer See der Ideale in jeder Beziehung ungeeignet. Er hatte stechende Augen, eine große Stirn, die an den Schläfen schon graue, auf dem Scheitel gar keine Haare mehr zeigte. Er trug einen großen modernen Bart, den er nur im ersten Jahr seiner Ehe mit einiger Sorgfalt pflegte und färbte, später vernachlässigte er ihn und ließ ihn getrost in Melange spielen; nur zuweilen, wenn die Schwiegereltern ein Diner gaben oder das junge Paar irgendwo standesgemäß ausgebeten war, machte er ihn noch zum Gegenstand philokomischer Studien. Seine Gesichtszüge waren mager, stark mit Furchen durchzogen. Sein Gang, wenn er mit der Zigarre auf sein in einem entlegenen Teil der Stadt befindliches Comptoir wanderte – er hatte sich neben dem sich von selbst verstehenden Börsenspiel eine kleine industrielle Spekulation fast mehr zur Unterhaltung als aus Bedürfnis zugelegt – war von den Grazien verlassen und zeichnete sich nur durch eine Art nonchalanter Sicherheit aus. Sicherheit war überhaupt der Charakter seines ganzen Wesens. Er war so sicher in sich selbst, daß er sogar Witz und Scharfsinn geltend machen konnte. Mannigfach hatte er schon die Welt kennen lernen und vieles beobachtet. Michael Herz trieb Nationalökonomie, höhern Merkantilismus, Freihandel, Politik und zeigte innerhalb dieser Sphäre sogar die ihm sonst fehlende Leidenschaft. Endlich würde man ihm durchaus himmelschreiendes Unrecht antun, wenn man ihn etwa einen Verächter des Schönen genannt hätte. In den Wissenschaften hatte er solide Grundlagen gelegt. In Morgenstunden las er vielerlei und oft bis spät in die Nacht. Am liebsten englisch und französisch. Der Geschmack seiner alten und neuen Freunde war nicht immer der seinige. Anfangs lächelte er über die Schwärmerei seiner verlobten Braut, aber auch über die scherzhaften Einfälle der Oberflächlichkeit, die dem Witz eben auch alles opfern wollte. Er ließ sich die Späße munden, die auf der Börse am glücklichsten zufällig, minder glücklich privilegiert gemacht werden; mit banalen Phrasen war bei ihm keineswegs alles abgetan. Michael Herz forschte den Quellen nach. Vieles auf der Börse Bespöttelte erfüllte ihn mit Achtung, wenn er auch scheinbar die Abneigung dagegen teilte, die dem Geschäftsmann zukommen soll. Wir fürchten, zu weitläufig zu werden, wenn wir fortfahren wollten, diese Eigentümlichkeiten weiter zu zergliedern. Nur noch die eine Eigenschaft wollen wir erwähnen, daß Herz in den ersten grobem Umrissen seiner Toilette genau war, den Luxus der weißen Wäsche und die, wie man sagen könnte, Pedanterie der Reinlichkeit bis zum Exzeß trieb und nur im übrigen elegantern Teil der Toilette, in Westen, Halsbinden, Schlips, Röcken und Paletots den Zyniker spielte. Ein Paar schwarze doppelnähtige Handschuhe trug er oft mehrere Monate. Und schon vor seiner Ehe pflegte er zu sagen: »Ich war einige Jahre in Paris und London Elegant und habe zu dem Ende die unsinnigsten Depensen Ausgaben gemacht.« Ich putzte mich heraus, als hätte es keine Antikensammlung im Louvre gegeben, keinen Antinous. Ich bildete mir ein, mit neuen Krawatten, seidenen Westen, Schlipsen, Burnussen, Abdelkaders und troddelbehängten Paletots unwiderstehlich zu sein, und merkte nicht, daß jede Grisette über mich lachte. Meine pygmäische Figur, mein konfisziertes Gesicht, meine Policinell-Manieren, nichts von alledem ließ sich durch die Rechnungen der ersten Schneider und Modehändler verbessern. Für jährlich dreitausend Francs glaubt ich ein Adonis zu sein und war ohne Zweifel nur ein unfreiwilliger Komiker. Seitdem habe ich diese Methode, Interesse zu erregen, aufgegeben. Ja, ich fing an, gerade da erst Eindruck zu machen, als ich jeden Rock so lange trug, bis sich eine hellere Schattierung an den Ellenbogenspitzen einstellte. Meine Ehe fange ich wahrscheinlich auch einst mit dem System der Adonisierung an. Komme ich aber zu meiner Frau zum Kaffee, in einem Schlafrock von blauem Sammet mit gelben Schnüren und hängenden Troddeln, komme ich mit einem türkischen Fes von roter Seide mit silbernen Fransen und erlebe nicht, daß sie augenblicklich in Ohnmacht fällt, so will ich mich anheischig machen, zeitlebens im Hause den Hanswurst zu spielen. Aber nein, meine Lieblingstoilette, grau in grau, wird mich ihr vorläufig im Comptoir bedeutender erscheinen lassen. Auch werden gute Zigarren meinen Eindruck zu unterstützen genügen, und eines Tages wird sie mich lieben, sogar, wenn man mich eine lebendige Mumie nennt und mich für unwürdig erklärt des Besitzes einer jungen blühenden Frau, die eine Haut wie Pfirsiche hat.« Sollte sich Leontine Simonis in die Natur eines solchen Gemahls haben finden können? Sind hier keine Kämpfe vorgekommen? Ging die Verständigung in gemütlicher Gewöhnung vonstatten? Lassen wir die Tatsachen sprechen. Schon in Pyrmont verriet Leontine, wie wenig Michael Herz der Mann ihres Herzens war. Der scharfblickende, schon lange in die dreißiger Jahre eingerückte Mann bemerkte eine ihm, wenn auch nicht bis zur Verweigerung der Hand, doch bis zu einer gewissen sogleich vernehmbaren Dissonanz ungünstige Stimmung. In Pyrmont und später in der Residenz, wo das Elternpaar Leontinens wohnte, hatte er einige Sorgfalt auf sich verwendet; sein Schicksal war aber eben das, geringfügig zu erscheinen, wenn er es andern an Sorgfalt und Geschmack nachtun wollte. Sich so zu geben, wie es sein zweites Pariser System war, konnte er noch der Eltern und der Neuheit wegen nicht wagen. Besaß er doch auch Ehrgeiz. Nicht den Ehrgeiz, sich schwärmerisch geliebt sehen zu wollen; er besaß den Ehrgeiz, seiner Gattin nicht zu gestatten, daß sie sich ihm gegenüber als etwas Apartes gab, daß sie eine Welt für sich beanspruchte, ein Dasein für sich oder wenigstens eine Lebensauffassung bedeutenderer Art, in welche er wie in ein Heiligtum nicht eintreten durfte. Da phantasierte Leontine am Flügel in schwärmerischen Akkorden! Sprach von Büchern, die er allerdings nie gelesen, auch nicht lesen mochte, so schön sie in Goldschnitt eingebunden auf den Tischdecken der Zimmer lagen! Aber ihm ein »Deine Welt ist das Comptoir!«? Leontine sprach Französisch und Englisch lange nicht mit jener Gewandtheit, die ihm wünschenswert erschien, um so mehr, da er Pläne hegte, vielleicht in Zukunft im Ausland zu wohnen und Geschäfte an Handelsplätzen zu machen, wo man die Chancen in erster Hand hat. Ihr ganzes Wesen war ihm zu zerflossen und sentimental. Und was bei Allzugefühlvollen immer der geheime Schaden ist, es entging seinem Scharfsinn nicht, daß dieser Schwärmerei eine große, ihm gefährliche Einbildung von sich selbst zum Grunde lag. Michael Herz erfuhr dann auch von dem Verhältnis zu Doktor Moritz Sancho. Freilich hatte man ihm nicht sagen können, daß zwischen diesem jungen Gelehrten und seiner Verlobten ein Band gegenseitiger Verpflichtung bestand, aber die Art, wie die Eltern diesen Namen aus den Listen der Einladungen strichen, die satirischen Anmerkungen, womit Leontinens Brüder den dichterischen Genius des schönen und, wie er bemerkte, in der Gesellschaft bevorzugten jungen Mannes zur Erwähnung brachten, öffneten ihm die Augen. Unverkennbar wurde ihm, daß ihm Leontine auf diesem Wege geistiger Untreue, den sie schon einschlug, eine Zukunft bereiten würde, die ihn auf die Stufe der geduldeten Ehemänner stellte. Ehrgeiz kämpfte dagegen bei ihm ebensosehr an als wirkliche Liebe. Er hatte an seinem Weibe Gefallen. Er liebte Leontinen. Denn gerade die Verschiedenartigkeit ihres Wesens von dem seinigen hatte ihn angezogen. Mußte er freilich nach seinem System ihre Entzückungen über den gestirnten Himmel und die Mondscheinnächte auf dem Comer See töricht finden, so haben doch zu allen Zeiten, selbst auf die Verständigsten, solche poetische Manifestationen verlockend und anziehend gewirkt. Er beherrschte sich; er verriet nicht, was er fühlte. Die tiefe geistige Ablehnung, die in »Madam Michael Herz« für ihn lebte, tat ihm wehe. Er sann hin und her, wie er es durchsetzen sollte, daß sich Leontinens Seele in ihm zurechtfände, auch ihn und sein Lebensprinzip gelten ließe und sich von ihrem, für sich nannte er es so, dummen geistigen und gefühligen Vornehmerseinwollen trennte. Er zweifelte nicht, daß die äußere Treue seines Weibes unverletzt blieb; aber das hinderte nicht, daß er sich unglücklich fühlte und nicht vor seinen Verwandten daheim mit derjenigen Miene bestand, die sie an ihm zu sehen wünschten. Die Hochzeitsreise hatte das Gute gehabt, daß wenigstens Leontine etwas Achtung vor ihres Mannes praktischer Umsicht gewann. Sie erkannte sehr bald, daß ein so sicheres und durchaus nicht vorlautes oder eine zartere Natur in Verlegenheit bringendes Auftreten in Gasthöfen und auf Eisenbahnen, wie Michael Herz es eigen war, nur die Folge der Lebenserfahrung und Weltroutine sein konnte, und zuweilen gewann es ihr eine Art Bewunderung ab, wie sicher und plangemäß diese Reise nach der Schweiz und den schönsten Teilen des deutschen Österreich angeordnet war im Vergleich zu dem Geschrei und dem Durcheinander, wenn sie mit ihren Eltern reiste. Auf einer so kurzen Fahrt wie nach Pyrmont war sie jährlich gewohnt gewesen, daß die Familie Simonis drei Rückenkissen und ebensoviel Handtaschen da und dort hatte liegen lassen, mitten im Fluge des Dampfwagens von Anhalten sprach, nach allen Kondukteuren rief und sich nicht selten entschließen mußte, um gestickte Sacktücher und lederne Luftkissen telegrafische Depeschen hin- und herspielen zu lassen. Diese bodenlose Unsicherheit, diese mitten im schönsten Genusse bei ihren elterlichen Reisen vorkommenden Aufschreie und Schrecken aller Art fielen bei Michael Herz weg. Das junge Ehepaar reiste allein, nur in Begleitung einer einzigen Dienerin, und alles ging vortrefflich. Michael rauchte seine Zigarren, fand, was man besichtigte, mehr oder minder merkwürdig und verbreitete ein so behagliches Gefühl der Sicherheit, daß sie ihm im stillen das Zugeständnis wenigstens eines praktischen Mannes, mit dem sich leben ließ, nicht verweigern konnte. Nach Hause zurückgekehrt, stellte sich freilich das Gewonnene bald in Frage. Den Schwiegereltern machte der Gatte nicht Effekt genug, und als endlich ein Sohn geboren war und es nun erst recht den Anschein hatte, als wenn Leontine mit jetzt noch gesteigerter Gleichgültigkeit für ihn und sein Bedürfen nach Gemütlichkeit sich wieder alleinstellen und die Nahrung ihres geistigen Seins aus tausend anderen Hülfsquellen, und wohl gar aus Bekanntschaften mit Männern im Geschmack Moritz Sanchos, nur nicht aus ihm suchen würde, da nahm er sich vor, dieser Gefahr der Unterordnung ein für allemal zu begegnen. Wie begegnet nun ein Mann der möglichen Untreue seiner Frau? Es ist eine Aufgabe für die Psychologie. Ein ernstes oder wohl gar gemütliches Wort mit Leontinen, eine Bitte um Verständigung, die Beteuerung seiner Liebe – ach! das schien ihm höchst gefährlich, war auch seinem Charakter widersprechend und würde nichts gefruchtet, das Übel nur ärger gemacht haben. Denn, sagte er sich, wie selten überlegen die Männer, daß sie mit allem, was sie sozusagen um Gottes willen von ihren Frauen verlangen, Fiasko machen! Die Lehre vom Hebel sagt uns schon, daß wir die Mittel, Wirkungen hervorzubringen, nicht an der Stelle suchen müssen, wo die Wirkungen selbst stattfinden sollen. Die Liebe und die ganze Hingebung einer Frau muß an einer andern Stelle hervorgebracht werden als auf dem Boden, wo man sich ihr allenfalls zu Füßen wirft! Er sann, was beginnen. Und es war Zeit. Die Zerstreuungssucht seiner Gattin war im besten Zuge. Das Zerfließen, Schwärmen, Musizieren, Lesen nahm kein Ende. Alles hatte den Anstrich einer geistreichen Vornehmheit und exklusiven Nichtachtung seiner kleinen Person angenommen; er mochte nicht spotten, reizen, opponieren, zum Beispiel in der Zukunftsmusikfrage, wo sich seine Gattin wie eine Närrin gebärdete, aber ein Ende nehmen mußte dieser Zustand doch. Er durfte sich wahrhaftig sagen, daß sein Wesen der Mühe schon wert war, erforscht und zur Richtschnur des Hauses genommen zu werden. Er wollte Vertraulichkeit, Herzlichkeit, Hingebung desselben Gemütes, das sich für alles in der Welt erwärmen konnte, nur nicht für ihn. Um zu diesem Ziele zu gelangen, verfiel er auf ein in dieser Art gewiß selten mit Bewußtsein ausgeführtes, wenn auch wohl schon vorgekommenes Mittel. Er impfte seiner Gattin eine andere Leidenschaft ein. Michael Herz sagte sich: Es muß etwas in Leontinens Seele einziehen, was Kraft genug besitzt, die bösen Geister der Eitelkeit, des geistigen Hochmuts und der Gefühlsschwelgerei zu bannen! »Vernunft«! Ein schönes Wort! Unmittelbar läßt sie sich keinem einreden. Zank und Lärm sind verdrießlich; die Nachbarn haben den meisten Vorteil davon. Eine Vorspiegelung, daß wir uns einzuschränken hätten, könnte meinem Kredit schaden. Überhaupt wird alles vergebens sein, was etwa aussieht wie die Notwendigkeit, Leontine sollte in sich eine Tugend ausbilden, ein System ändern. Gott, was sind »Tugenden«! Meist nur die Resultate glücklich zusammentreffender Umstände. Das beste ist, was uns angeboren wurde. Wo das Angeborene nicht gut ist, da muß man sich eingestehen: auf die Tugend hin erziehen kann man gar nicht! Nur den Unarten kann man begegnen oder den Unarten eine bessere Wendung geben. Und wie begegnet man den Unarten? Ich denke – so wie man Krankheiten bekämpft. Die Arzneikunde gibt Aufschlüsse darüber. Um den Verheerungen ansteckender Krankheiten zu begegnen, impft man dazu die Neigung ein. Man gibt Gift, um Gift auszutreiben. Das Gift würde einen gesunden Zustand zerstören, aber einen kranken heilt es. Das Gift und die Krankheit kommen in Konflikt, und über dem Kampf beider Gegensätze gewinnt die Heilkraft der Natur hinlänglich Oberhand, um sich zwischen beide Mächte werfen und ihrem Streit durch die wiedererwachte Gesundheit ein Ende machen zu können! Also philosophierte Herz. Und daraufhin impfte er seiner Gattin etwas nicht besonders Schlimmes, aber auch nicht besonders Gutes ein, nämlich – den Geiz. Er hatte bemerkt, daß seine Frau nicht das mindeste Talent zur Wirtschaftlichkeit besaß. Man hatte ihr den Bestand eines Hauswesens so bequem als möglich eingerichtet. Es war ihr in ihrem Hauswesen eine Maschine übergeben worden, die, einmal angestoßen und durch das aufgeschüttete Wochengeld in Bewegung gesetzt, seit geraumer Zeit wie von selbst ging. Und doch war ihm an Leontinen aufgefallen, daß sie einen gewissen Charakterzug nicht gerade des Neides oder der Mißgunst, doch etwas dem Ähnliches an sich entdecken ließ. Und richtiger ausgedrückt war diese Eigenschaft vielleicht nur eine angeborene Gerechtigkeitsliebe. Sie hatte Sinn für das Maß, das Billige, Gerechte. Diese Anlage brachte ihr Schönheitssinn mit sich. Schon bei den Eltern polterte sie oft in's Wirtschaftliche hinein, und später fiel es Michael auf, daß Leontine, wenn es bei ihnen Gesellschaft gegeben hatte, die Speisen, die man abtrug, er hätte sagen mögen, listig überwachte und von bessern Gerichten nur geringe Anteile oder nichts an die Dienstboten gab. Ihm selbst, der einen angeborenen großmütigen Sinn hatte, waren bei erster Beobachtung diese kleinen Charakterzüge unangenehm. Er schalt darüber oder verlachte Leontinen. Bei ernsterer Überlegung entdeckte er, daß hier einem Fehler scheinbarer Mißgunst ein guter Trieb zum Grunde lag, der in Leontinens Erziehung nicht ausgebildet worden war. Das junge Mädchen hatte Notentakte, nicht Geld zählen lernen, und doch hatte sie einen hohen Begriff vom Gelde. Kam sie in die Lage, als Kind schon, einen Gegenstand nach seinem Geldwert anzuschlagen, so taxierte sie ihn sicher geringer, als er wert war, und erschrak über die hohe Summe, wenn man die rechte, nannte. Ihren Brüdern hielt sie fortwährend deren Verschwendung vor. Unter dem Zorn derselben mußte sie leiden, wenn sie sich in die Streitigkeiten mischte, die oft genug unter ihnen über den Bedarf an Geldmitteln ausbrachen. Michael Herz begann sein System. Die sich nach ihrem ersten Kinde erst recht zur Schönheitsfülle entfaltende Frau gab Gesellschaften und liebte es, deren zu geben. Sie scherzte und lachte gern. Man hatte einen Kreis von bekannten Namen um sich versammelt, und jeden, von welchem man nur einmal eine Auszeichnung empfangen, lud man zweimal wieder ein. Leontine war bei solchen Gelegenheiten die Frau von Geist, Poesie, Gemüt, Seele, die große Pianoforteschlägerin, die anonyme Dichterin, während Michael Herz nur die Honneurs des Äußerlichen machte. Sie war so in einen Strudel geraten, daß nur die Anmeldung fehlte: Herr Doktor Moritz Sancho wünscht seine Aufwartung zu machen!, sie wäre aufgesprungen, in ihr Kabinett gerannt, hätte ihr klopfendes Herz mit der Linken gehalten, mit der Rechten kokett an ihrer Haube die langen rotseidenen Bänder geordnet und ihn lächelnd empfangen. Im Theater, in Konzerten hatte sie auch Sancho in der Tat schon oft mit Augen beobachtet, die wieder die ganze Glut seiner alten Liebe aussprachen. Er grüßte nicht – denn einem tiefen Groll seines Gemütes, der übrigens verflogen war, mußte er zum mindesten nicht den äußeren Anschein entziehen; aber die kleine unscheinbare Gestalt Michael Herzens mit ihrer nachlässigen Haltung neben der reizenden jungen Frau hätte ihn an sich nicht gehindert, seine Gefühle deutlicher kundzugeben. Es war nur ein inneres Zagen, die Scheu vor Leontinens Glanz und Reichtum, die ihn von dem wieder mächtig auftauchenden Ideal seiner Träume entfernt hielt. In diese Zeit fielen Michael Herzens seelenkünstlerische Experimente. Sie gelangen mit überraschendem Erfolg. Sonst hatte er Fülle und Reichlichkeit befördert, hatte geschmollt, wenn die Reste eines Balls oder Diners zu rasch verschlossen oder kleinlich und ängstlich gehütet wurden; jetzt fing er an, seine Gattin darin gewähren zu lassen. Damit nicht genug, er brachte eine ökonomische Frage nach der andern aufs Tapet. Auf die harmloseste Art warf er kleine Alternativen von Mehr- oder Minderausgaben hin, ließ Aussichten über Gewinne oder Verluste fallen und schilderte wie zufällig die Vorteile, die sich ihm im Geschäft wie von ungefähr gemacht hätten. Es hätte ihn beinahe erschrecken sollen, wie sehr diese geheime, in Leontinens Seele gelegte Mine Fortschritte machte. Explosion der in ihr aufgehäuften geheimen Stoffe folgte auf Explosion. Zum Glück war Michael Herz von aller Kleinlichkeit selbst so weit entfernt, daß er mit der Zeit der immer mehr sich steigernden Entwickelung seiner Gattin zum Geiz steuern mußte. Er sagte sich: Wollt ich doch nur das Übermaß der Sentimentalität aus dem Herzen saugen, ganz austrocknen wollt ich's ja nicht! Er hütete sich, wie in tausend Fällen geschieht, mit seinem Weib in einem gleichen Triebe der Mißgunst und des Geizes zusammenzuschrumpfen. Oder wer hätte nicht schon junge Eheleute bemerkt, die noch eben, kaum verheiratet, lieblich und poetisch erschienen und nach wenig Jahren durch allerlei kleinliche Neigungen, wie sie das Zusammenleben herbeiführt, etwas Peinliches, Lauerndes, Pedantisches, Gemessenes, Unpoetisches bekommen? Herz begnügte sich mit der überraschenden Vertraulichkeit, die sich plötzlich wenigstens in einem Punkte zwischen ihm und seiner Frau herausstellte. Immer hatte letztere jetzt kleine Pläne, etwas im geheimen zu betuscheln, bald gegen diese, bald gegen jene Tradition der Küche oder der Wäsche oder des übrigen Hausverbrauchs Protest einzulegen und Ähnliches, wofür sie dann einer Anlehnung, eines Mitverschworenen, eines geheimen Verbündeten bedurfte. Mit klügstem Takt geschah es, daß Michael den Reiz des Geheimnisses, der ihn plötzlich mit seiner Gattin verband, nicht mißbrauchte. Und eine Gefahr trat ein: Konnten nicht für immer – die Grazien verloren gehen? In die gewaltige Gärung, in welche Leontine durch die Seelenkünste ihres Mannes versetzt wurde, fiel die Geburt ihres zweiten Kindes. Es war ein Mädchen. Die Eltern waren glücklich über ein Pärchen. Es ging alles nach Wunsch. Michael klagte schon nicht mehr. Leontine hatte sich plötzlich auffallend verändert, ohne daß es die Eltern begreifen konnten. Und ob es Leontine wohl selbst begriff? Sie lebte so hin in geistiger Dämmerung. Sechs Wochen nach Ankunft der kleinen Rahel fuhr die Mutter aus. Es war ein wundervoller Frühlingstag. Der Wagen ging nur langsam. Die Promenaden blühten und grünten. Leontine sog die balsamische Luft vor der Stadt mit Entzücken ein und nicht ohne Wehmut. Es war seit einem Jahr so vieles unklar in ihr Innerstes, so vieles unvermittelt eingedrungen, so vieles, was ihr Freude und Schmerz zugleich verursachte. Ihre Stimmung war die einer Genesenden. Sie wurde durch alles, was sie wiedersah, gerührt. Und wenn sie sich die beiden holden Kinder vergegenwärtigte, die ihr, eigentlich ohne besondere Sehnsucht darnach, wie Engel zugeflogen waren, wenn sie zurückblickte auf das, was früher die Goldländer ihrer Sehnsucht gewesen, und wenn sie sich doch dabei nicht sagen konnte, daß sie die Gegenwart unbefriedigt ließ, so konnte sie sich nicht wundern, daß ihr die Tränen in die Augen traten. Die Gegenwart klammerte sich ihr so fest, so krampfhaft an ihr Bewußtsein an. War diese Gegenwart ganz würdig? Sie prüfte, sie forschte – und sich aufraffend aus dieser weichen Stimmung, erblickte sie hinter Holundersträuchern aus einem entlegenem Wege hervortretend jemand, der sie grüßte. Es war der Sohn des armen Bücherhändlers. Der erste Gruß von Moritz Sancho nach drei Jahren! Gerade heute! Gerade in dieser Stimmung! Sie erwiderte erblassend; sie befahl, rascher zu fahren. Sie geriet in eine Bewegung, die sie zwang, sich ihr Herz zu halten. Sie war in einer Stimmung der Verzweiflung wie damals, als sie ihren Gemahl in Pyrmont zum ersten Mal gesehen und erfahren hatte, daß ihr da die Eltern diesen Mann so ohne weiteres durch Korrespondenz als den Schöpfer ihrer Zukunft auserwählt hatten. Sie hatte ein Gefühl, als müßte sie, um Freiheit zu gewinnen, aus sich selbst entfliehen, und nicht mehr Todesgedanken waren es, die sie durchrieselten, sondern die mächtigsten Lebenstriebe pulsten und trieben das Blut in Frühlingswallungen durch ihre Adern. Am folgenden Tage meldete man Herrn Doktor Moritz Sancho. Sie besann sich einen Augenblick, ob sie ihn annehmen sollte. Sie nahm ihn an und – wie einen längstersehnten, »Hülfe bringenden Freund«. Drittes Kapitel Poesie und Leben Was dann doch den jungen Dichter ermutigt hatte, sich in einem Hause wieder einzustellen, wo ihn nur die peinlichsten Erinnerungen hätten begrüßen sollen, das auszuführen würde mehrere umständliche Kapitel aus einem System der praktischen Seelenkunde kosten. Er selbst, als er eingetreten war, sich verbeugt und Platz genommen hatte, sprach von einer in der Nähe gelegenen Wohnung eines Freundes, von welcher aus er die freie Übersicht aller Spaziergänge gehabt hätte, die »gnädige Frau« in ihrem kleinen Garten machte. Schon im vorigen Jahre wäre er fast mit allen Vorgängen des Hauses bekannt gewesen. Er hätte den kleinen Oskar austragen sehen, hätte die Besuche mustern können, als die kleine Rahel gekommen wäre, hätte von seines Freundes Wohnung aus immer raten und träumen können, welches wohl die »warme innere lebendige Seele dieser kalten Steine, die Herrn Herzens Haus bildeten«, gewesen – Michael Herz bewohnte vor dem Tore ein schönes Landhaus –, kurz er hätte, seitdem er des abgereisten Freundes Wohnung dann selbst übernommen, sich hier nicht länger als Nachbar wissen können, ohne dem Drange Folge zu leisten, sich bei »gnädiger Frau« wieder ins Gedächtnis zu rufen. Diese Erklärung war besonnen und gut. Zustatten kam ihm ohne die Krisis in Leontinen jene bekannte Tatsache, daß eine junge Frau zwar in den ersten Jahren ihrer Ehe ihre Vergangenheit für zu geringfügig hält, um sich mit ihr noch besonders viel zu befassen; sind aber erst zwei Jahre vergangen, kommt mit zwei Kindern mehr oder weniger der Druck der Pflichten und löst zuweilen manche kleine Sorge die Freuden selbst des glücklichsten Besitzes ab, so drängt sich durch die leis geöffnete Pforte der Reflexion auch die Vergangenheit wieder ein, und zu gern hat sie es dann, Gespielen, alte Freundinnen, alte Plätze der Träumerei und des unschuldigen Spiels oder, wie sie es jetzt vielleicht schon nennt, des »Glückes« wieder zu begrüßen. Leontine mußte sich gestehen, daß ihr Sanchos Besuch wohltat. An seinem Zartgefühl hatte sie nie Ursache gehabt zu zweifeln, und eine schwere Schuld lag ihm gegenüber doch auf ihrem Herzen! Sie hatte ihm nie Hoffnungen ihres Besitzes gegeben, aber angenommen hatte sie seine Huldigungen; sie hatte alles, was sie auf Erden schön und poetisch fand, mit dem Namen dieses ehemaligen Freundes in Verbindung gebracht. Und nun vollends war sie von ihrem Doppelleben beunruhigt. Die alte verklärte Welt- und Lebensauffassung drohte sie zu verlassen. Es waren Geister in ihr Herz gezogen, die ihr unrein dünkten. Sie war niedergehalten, niederwärts zur Erde, und das so tief, daß sie zuweilen vor sich selbst erschrak, wenn sie die Aufwallungen bemerkte, deren ihr Innerstes um Kleinstes fähig war. Sich um eine Frage der Wirtschaft erzürnen, zanken, die Umgebungen ihrer Existenz auf einer Hetzjagd verfolgen, mit allen Gedanken spionieren (es war die Tagesordnung), das erschien ihr denn doch oft so unwürdig, so klein und beklagenswert, daß sie begreifen konnte, wie sie eine Stunde lang am Klavier gesessen und gespielt und nicht eine einzige Note selbst gehört hatte. Wenn sie etwas las, war sie zerstreut und wußte nicht, was sie las. Mitten in den Schilderungen, die ihr ein Dichter vom Zauber schöner Gegenden oder von den Weiheaugenblicken der Gefühlswelt entworfen, kam ihr die Sorge und Angst um die spekulierenden Spiele, in welche sie sich auf Michaels Aufforderung eingelassen hatte. Auch sie nahm seit einem Jahr an den Schwankungen der Börse teil. Gewinne, die ihr Michael, der Seelenkünstler, in Aussicht gestellt hatte und für deren Anwendung sie praktischen Rat wußte, nahmen sie mit fieberhafter Ungeduld in Anspruch. Sie fühlte, daß ihr in dieser neuen Wendung ihres Gemüts etwas Altes verloren zu gehen drohte, und so konnte sie dem Drange nicht widerstehen, den Repräsentanten ihrer Vergangenheit in ihrer Nähe zu wissen, ihn einzuladen, daß er wiederkommen möchte, und ihn dann auch öfter zu sehen, als er aus eigenem Antrieb zu kommen gewagt haben würde. Und welch ein rätselhaftes Ding ein Frauenherz ist, das wußte niemand besser als Michael Herz, der nicht wenig erschrak. Er hatte die Wiederannäherung Sanchos zwar vorausgesehen, und im Scherz, wenn von den früheren Verehrern seiner Gemahlin gesprochen wurde, die Rückkehr des Doktors für nahe bevorstehend prophezeit. Aber nun war die Gefahr da. Er stellte sich die weiche Stimmung Leontinens nach dem Kindbett vor. Gelang es dem Doktor, ihr wieder eine Verachtung der materiellen Bedingungen des Lebens beizubringen und über die Pflichten eines Hauswesens zu spotten, über Geld und Gut, so war mit der Erneuerung dieser Bekanntschaft Gefahr verbunden. Dennoch wagte Michael Herz nicht, trotz seiner aufwallenden Eifersucht, die Besuche des Doktors zu verbieten. Er nahm die Nachricht scheinbar gleichgültig auf und trug sogar Sorge für eine förmliche Einladung. Es blieb ihm später nicht im mindesten verborgen, daß Sancho viel öfter, als schicklich war, kam und bei Leontinen Morgen- und Nachmittagsbesuche abstattete. Er setzte voraus, daß beide in solchen Augenblicken zurückhaltend sprachen, immer in einer gemessenen Entfernung, mit Anerkennung der gegenseitigen Rücksichten, aber die Gefahr für eine weiland Schwärmerin, die jetzt schon heuchelte, verblieb; denn Heuchelei war es, daß Leontine wieder die alte Begeisterung für Mondnächte und Comer-See-Fahrten affektierte; Heuchelei, daß sie zu dem Dichter von Interesse für Dinge sprach, die sie im Drang ihrer schon lange nur rein praktischen Gedanken gar nicht mehr mit irgendeiner Teilnahme verfolgte. Geld! Geld! waren ihre Gedanken, sonst nichts. Dies Stadium einer jungen Frauenentwicklung ist gefahrvoll. Empfindungen werden herausgehängt, die man nicht besitzt. Man will nicht gering erscheinen, will den Duft der Bedeutsamkeit nicht verloren haben. Die Haltung wird tiefinnerlich berechnend und kalt, äußerlich kokett. Man lügt eine Szene der Empfindsamkeit. Ist sie vorüber, rächt man sich an seiner Umgebung, wird rücksichtslos, wirrt alles durcheinander und gibt den Grazien den Abschied. Michael Herz traf Leontinen schon oft, nachdem sich eben der Herr Doktor entfernt hatte, in vollem Lachen, in vollem Spott über die wiederangeknüpfte Bekanntschaft. Sie tat vor ihrem Gemahl, als wenn sie den Schwärmer nur aufzöge und die wiedererwachte Huldigung des Dichters nur wie eine Narrheit ansähe. Michael Herz pflegte über die Geständnisse zu lächeln, sprach vom Wirtschaftswesen, vom Gelde, von den Staatspapieren und der Politik, er wußte, was er zu denken hatte. In früheren Jahren hatte er zu eifrig seinen Balzac gelesen, um sich nicht zu sagen, daß die Außenseite der Frauen für ihr Verhalten keinen Maßstab gibt. Einstweilen zog er vor, Moritz Sancho recht liebenswürdig zu finden, sich ihm ganz kordial anzuschließen, nach seinen Planen, Absichten zu fragen, ihm seine Hülfe, seine Förderung anzubieten. Er fühlte wohl die Lächerlichkeit dieser Handlungsweise, fühlte sie, wie in einem solchen Fall alle besonnenen Männer, wenn sie mit der einen Hand einem eingebildeten und verblendeten Manne, der sich unterfängt, den Frieden ihres Hauses untergraben zu wollen, die Rechte schütteln, mit der andern nach dem Dolch im Busen greifen möchten. Er lachte mit Moritz Sancho wie mit seinem besten Freunde, rauchte mit ihm Zigarren, machte Spaziergänge mit ihm, doch war es nur ein Friede wie über einem Pulverfaß. Der Doktor handelte wie in solcher Lage alle jungen Männer handeln, die unter dem Einfluß ihrer Vorteile stehen. War es doch eine stadtkundige Tatsache, daß Herz nur durch sein Geld und seinen Namen die schöne Simonis gewonnen haben konnte. Allen denen, die nach Sanchos Auffassung die Welt beurteilten – er fand deren nicht viel –, war Herz unwürdig, diese reizende junge Frau zu besitzen. Mußte ihm auch der nähere Umgang zeigen, daß der kleine Mann Vorzüge des Geistes besaß, die sein anspruchloses Äußere vergessen ließen, so ist die Einsprache der Gerechtigkeit da, wo Leidenschaft waltet, immer nur gering. Sancho lebte nur für die schöne junge Frau, der er wieder sein Dichten und Trachten widmete. Er hatte noch nicht gewagt, an die alte Vergangenheit zu erinnern, er hatte sich noch keine Vertraulichkeit erlaubt, da sich immer noch Gegenstände der Unterhaltung fanden, die eine neutrale Diskussion erlaubten. So gärte und braute es nur vorläufig in ihm, bis er den Versuch wagte, wieder Saiten der Vergangenheit zu berühren und zu hören, wie sie anklingen würden. Nach zwei Monaten der erneuerten Bekanntschaft wagte er, das Eis zu brechen. Er wagte es in Form eines Gedichts. Von seiner Wohnung aus hatte er beobachtet, daß Leontine tagtäglich einen kleinen an ihrer Villa angebrachten allerliebsten Turm bestieg, wo sie eine Anzahl Tauben hielt und diese regelmäßig fütterte. Diese Taubenzucht war ihm das Symbol einer dauernd und unzerstörbar in Leontinens Seele verbliebenen Poesie. Wenn sie mittags auf der Galerie des kleinen Turms erschien und die Täublein rief und diese herzte und an sich zog und die Vögel Aphroditens aus ihrem Munde mit dem Schnäbelchen Erbsen oder andere kleine Körner picken ließ, da verwandelte sich ihm die seit ihrer Ehe in doppeltem Reiz strahlende junge Frau in ein feenhaftes Zauberbild, das nach Erlösung schmachtete. Schon hundertmal hatte ihr Sancho gesagt, daß ihm ihre Erscheinung auf dem Taubenhause in jeder Beziehung den Eindruck eines Märchens, eines Bildes aus der Fabelwelt machte. Leontine war von diesen Worten jedesmal höchst geschmeichelt, hatte aber doch gesucht, den Gegenstand abzubrechen und auf anderes überzugehen. Dennoch knüpfte der verliebte Hausfreund den Versuch, endlich an das innerste Herz der jungen Frau befragend anzupochen, an ihre Erscheinung unter den Tauben an und entwarf ein Gedicht, das er bemüht war, ihr auf eine verschwiegene und sichere Art in die Hand zu spielen. Sancho war an einem Sonntag bei Michael Herz zu Tisch geladen. Vor seinem Eintreten fand er Zeit, der ihn empfangenden Leontine sein gewagtes Gedicht zuzustecken mit der Bitte, es zu lesen, es zu beurteilen. Sie zögerte einen Augenblick. Doch nahm sie es. In dem Augenblick öffnete Michael Herz die Tür, um Sancho zu sich zu rufen, dem er in den Pariser Blättern eine Neuigkeit zeigen wollte. Herz sah die Übergabe des Gedichtes nicht. Leontine fand noch Zeit, es zu lesen. Kaum aber hatte sie, in ein Nebenzimmer schlüpfend, die Lektüre beendet, kaum in aller Eile das Blatt wieder zu sich gesteckt, als Herz mit Sancho zurückkehrte. Herz, scheinbar besonders gut angeregt, Sancho, mit sichtlicher Befangenheit, doch voll Hoffnung. »Was hast du, liebes Kind?« fragte Herz, die Unruhe und Verlegenheit seiner Frau bemerkend. Statt eine Antwort zu geben, eilte Leontine mit ihren rauschenden seidenen Gewändern aus dem Zimmer. Sancho erschrak. Himmel! dachte er. Was hast du getan! Das wird eine Szene geben! – »Sie wird wohl noch eine Anordnung für den Tisch treffen«, sagte Herz und freute sich des Diners, das er wie immer schon am Abend vorher mit seiner Gattin besprochen hatte; sein Satz war der, daß bei ökonomischen Frauen besser wäre, vorher schon zu wissen, was man bekommt, man könnte sonst auch zu sehr enttäuscht oder wohl gar versucht werden, vor seinen Gästen das Mahl zu kritisieren, was, nach aller Frauen Meinung, ein äußerster Verstoß gegen den Anstand sein soll. Nach wenig Augenblicken kam Leontine zurück, heiter, lachend, in angenehmster Laune und beinahe freudestrahlend. Sancho schwamm in Entzücken. Wie war er so angeregt, wie ging er heute so sich unterordnend auf alle Scherze Michael Herzens ein, wie stieß er mit so absichtlicher Freundschaft für den, wie er ihn unter seinen Genossen nannte, häßlichen Geldsack an, sooft ihm dieser das Glas entgegenhielt! Leontine schwieg, legte vor, war von Zeit zu Zeit nachdenklich, aber mit einer gewissen inneren Befriedigung. Ob infolge der Freude über Sanchos Gedicht, ob infolge einer noch in der Küche getroffenen Anordnung, ließ sich nicht sagen. Der Wirt sprach von Politik, von den Staatseffekten, heute sogar von Poesie, neuen Musenalmanachen, Emanzipation und den künftigen Anstellungen, die sich den jungen Musensöhnen jüdischen Glaubens eröffnen würden. Er zog Béranger und Robert Burns dem meisten vor, was man so auf dem deutschen Parnaß seit Jahren hätte zu hören bekommen, und ließ sich, wenn ihn dafür Sancho einen herzlosen Yankee nannte, diese Bezeichnung gefallen. Er würzte das Gespräch mit allerhand Drolerien, Drolligen Bemerkungen die ihm gut standen und seine kleine Figur oft schon an einer großen Tafel zur Hauptperson gemacht hatten. Zugleich schenkte er dem »Freunde« fleißiger ein, als es Leontine liebte. Es war dies jene »Engherzigkeit der Frauen, die auf einem Sinn für das Maßvolle beruht und die beste Garantie ihrer Tugend ist«, so sagte wohl sonst ihr Gatte, der – ihren Geiz kannte. Die Suppe, das Roastbeef waren vorüber. Man kam an die Gemüse. Es gab junge Erbsen. Michael Herz, der den Küchenzettel voraus kannte, tat jedesmal, als wäre er vom Dargebotenen angenehm überrascht und freute sich der schönen Ordnung. Alles ging am Schnürchen. Die Fäden, welche die Verwirklichung des Menüs vom Tische zur Küche, von der Küche zum Tische lenkten, wurden nicht bemerkt. Jetzt aber, beinahe wie um ihn zu zerstreuen, richtete Leontine an Herz einige lebhafte Fragen. Herz antwortete nicht sogleich, es fesselte ihn etwas, ein Fehler im Servieren, eine auffallende Lücke beim Gemüsegange. Man hatte zwei Gemüse und nur eine Beilage. Es fehlten junge Tauben, die zu den grünen Erbsen hatten gegeben werden sollen. Hätte er ahnen können, daß gerade diese jungen Tauben von Leontinen eben in der Küche abbestellt worden waren! Mit dem ihm eigenen Humor sagte Michael Herz: »Bester Doktor! Sie müssen heute mit Pasteten vorliebnehmen, die ein wenig trocken sind! Leontine, warum haben wir zu den jungen Erbsen nicht Tauben, die man unter deiner Leitung so vortrefflich zuzubereiten versteht?« Sancho, dessen Seele immer zwischen Poesie und Tauben und Tauben und Poesie schwebte, biß sich bei Erwähnung der Tauben auf die Lippen, und vollends geriet Leontine in Verlegenheit. »Tauben?« sagte sie fast tonlos und mit einem blinzelnden Auge, dessen Aufforderung zum Schweigen Herz entweder übersah oder nicht verstehen wollte. Er wandte sich zu dem aufwartenden Diener und erinnerte an die Tauben. – »Tauben! Welche Tauben?« fragte Leontine. – »Unsere in drei Tagen mit Eröffnung des elektrischen Telegrafen ausgedienten alten Kurstauben!« sagte Herz und wandte sich nochmals an die Bedienung: »Habt ihr die Tauben vergessen?« Die Bedienung schwieg und sah nieder. – »Brav, Leontine«, sagte Herz in aller Unbefangenheit, »jetzt versteh ich dich! Du hast mir einen Schmerz ersparen wollen. Was sagen Sie, Doktor? Sie wissen doch, daß ich mir seit einem Jahr Kurstauben gehalten habe?« – »Kurstauben?« fragte Sancho mit einem bedeutsamen Blick auf Leontinen, die auf den Teller niedersah und keines Wortes fähig war. – »Haben Sie nie meine Frau gesehen«, fuhr Herz fort, »wenn sie mittags um zwölf Uhr auf unsern kleinen Turm stieg und die Kurse abwartete, die mir meine Tauben von Brüssel brachten? Von Paris nach Brüssel signalisiert sie der Telegraf, von dort bis hierher ist jetzt erst der elektrische Draht fertig geworden. Jeden Mittag hatte ich meine Kurse durch eine Taubenpost, die ein Relais am Rhein, ein zweites an der Weser und ein drittes an der Elbe hatten. Kamen die Kurse mittags auf unserm Türmchen an, so empfing sie meine gute Leontine, schrieb sie rasch auf und schickte sie mir aufs Comptoir, wo sie gerade noch zur rechten Zeit ankamen, um sicherer damit auf der Börse operieren zu können.« »So! So! So!« sagte Sancho in einem Ton, der einem aus allen Himmeln Gefallenen, Enttäuschten oder eher noch demjenigen gleichkam, der sich bewußt war, eine große Albernheit begangen zu haben. Die poetischen Illusionen, die er sich von Leontinens kindlichem und noch wie in alter Zeit auf dem Hohen Graben in idealsten Anschauungen lebendem Sinne gemacht hatte, sollten, wenn nicht zu seiner, doch zur Verzweiflung Leontinens immer noch mehr zerstört werden. Denn Michael Herz fuhr fort: »Sie sind Dichter, Doktor! Was sagen Sie von einer so praktischen Frau wie die meinige! Ich esse gern Tauben, aber unsere in drei Tagen ausgedienten Tierchen zu schlachten und die auf dem Tisch zubereitet vor sich zu sehen, nachdem sie in unserm Dienst hin- und hergeflogen sind und unter ihren Fittichen die geheimnisvollen Zeichen aus der Ferne trugen, ist selbst einem kalten Geschäftsmann wie mir zu viel zugemutet. Aber mein gutes Weibchen demonstrierte mir, und eigentlich mit Recht, daß die Fortsetzung der Taubenzucht ein sehr kostspieliges Vergnügen sein würde. Wie billig, was soll man mit den Tauben anfangen! Aber ich sehe sie immer noch vor mir, die zarten Dinger, mit ihren Häubchen und Hörnchen auf dem Kopf, mit ihren kleinen Sporen an dem befranzten Fuße, die Boten des Friedens auch in unserer Zeit – denn ohne Frieden keine angenehmen Kurse –, aber alles das gebraten, gespickt, au gratin (franz.) mit Kruste in geriebenem Zwieback vor sich zum Essen hingestellt zu sehen! Nein! Ich danke dir, daß du mir diesen Anblick meines weißbraunen Lolo und meiner blaugrünen Pretty und des zierlichen, fast wie ein kleiner Pfau so glänzenden Krakelfüßchens Fidy erspart hast! Nehmen Sie vorlieb, Doktor! Wir Geldsäcke sind nicht so unpoetisch, wie ihr euch, ihr Herren Dichter, einbildet! Zum Beweis dafür haben Sie heute zu zwei Gemüsen nur eine Beilage.« Michael Herz sprach diese Worte in der größten Unbefangenheit. Er ahnte nicht, welche Wirkung sie hervorbrachten. Leontine, die sich so lange Zeit den Nimbus einer nur aus idyllischer Neigung die Tauben herzenden und pflegenden poetischen Natur hatte gefallen lassen, sprach während der übrigen Gänge kein Wort mehr, Sancho saß in Erinnerung seines Gedichts wie auf der Folter und zeigte in seinen Mienen ein Lächeln, das beinahe etwas Borniertes hatte, wenn man ein solches Wort auf einen so geistreichen Mann anwenden konnte. Michael Herz wußte nicht, was diese Veränderung hervorgebracht hatte. Daß seine Gattin in solchem Grade die poetische Empfindlerin spielen sollte, ihm übelzunehmen, wenn er die Geschichte seiner Kurstauben erzählte, mochte er nicht glauben. Doch war ihr Benehmen auffallend. Er bereute bereits bitter, ihre Ökonomie bloßgestellt zu haben; denn sie hatte in der Tat am Abend vorher zu ihm gesagt: »Lieber Mann, das sind ja kuriose Skrupel! Der elektrische Telegraf macht die Tauben überflüssig. Die Kurse weiß jetzt alle Welt. Wir haben einen Gewinn weniger, aber auch einen Vorteil mehr! Der Scheffel Erbsen ist um einen Taler gestiegen! Eine Ausgabe vermindert sich. Ich sehe nicht ein, was ich noch mit den Tauben soll! Sie zu verschenken wäre Torheit. Magst du sie nicht essen, nun so mögen sie die Leute essen!« Mit Aufrichtigkeit hatte sich Herz sagen müssen, daß dies die Sprache einer vernünftigen Hausfrau und einer so guten Ökonomie war, wie sie eben auch nur die Frauen mit allen sonstigen Ansprüchen an Poesie verbinden können. Nach dem Kaffee war Sancho gegangen, nicht wenig bestürzt über die Einsilbigkeit Leontinens. Ihr Abschied war kalt zu nennen. Als Michael Herz mit seiner Gemahlin allein war, machte er sich auf Vorwürfe gefaßt. Wie erstaunte er, als Leontine auf dem Sofa sitzen blieb, erst schwieg, dann immer ernster wurde, zuletzt das Haupt aufstützte und endlich in Tränen ausbrach. Herz hatte gerade die französische Zeitung in der Hand. »Aber um's Himmels willen, was ist dir, Kind?« fragte er und ließ das Papier fallen. Statt aller Antwort folgten wieder nur Tränen. Das war doch ein seltener Anblick für Herz. Bewegt trat er zu Leontinen. »Bist du unzufrieden mit mir? Hab ich dich mit irgend etwas verletzt?« fragte er voll gutmütiger Zärtlichkeit. »Vergib mir! Ich hätte wohl von den Tauben schweigen sollen?« Leontine verbarg das mit Tränen bedeckte Antlitz und bückte sich auf die Sofalehne. »Aber mein Gott«, rief ihr Gatte, »was ist dir nur, Leontine?« Und so drängte er denn in sie, sich auszusprechen. Sie schwieg lange, kämpfte sichtlich mit sich; endlich reichte sie ihm, nachdem er gelobt zu schweigen und in der Sache, die sie ihm anvertraute, nichts zu tun, das Papier, worauf das Gedicht des Doktor Moritz Sancho sauber abgeschrieben stand. Staunend ergriff er das Blatt, ahnte sogleich den Zusammenhang, wollte ihr Vertrauen ablehnen; aber sie zwang ihn zu lesen, und so las er: Mit Adlerflügeln glaubt ich aufzusteigen Einst in ein Reich des höchsten Erdenglücks! Der Traum war kurz! Wandt ich mich hinterrücks, So saß ich, ach! in dunkeln Waldeszweigen Allein mit meinem Schmerz und meinem Schweigen. Und daß ich dennoch wieder aus dem Laube, Das mich verbarg, mich wage hoffnungsbang, Ist nicht mehr Adlers kühner Schwung und Drang – Nein! Zu dem Zagen sprach: »Vertraue! Glaube!« Ein Bild der Schüchternheit, die zarte Taube. Wenn ich Dich sah mit holder Frauenmilde Hoch auf dem Söller Deines Hauses stehn, Des Windes Hauch in Deinen Locken wehn – Und um Dich her im anmutvollsten Bilde Geleit der Venus, eine Taubengilde – Wie flatterte, wie schwirrte das im Kreise Um Deine Gunst! Die eine sucht die Hand, Die andre fliegt Dir auf der Schultern Rand, Die dritte, die ist mehr als weise, Sie streift Dir schnäbelnd Deine Lippen leise – Und jede hört Dich schelten, hört Dich loben: »Du bist bescheiden! Du da allzu gier!« Noch blickst Du auf zum hohen Luftrevier, Ob nicht ein Spätling angstvoll ruft von oben: »Ihr habt den Tisch doch noch nicht aufgehoben?« Wie hast Du treu gesorgt! Die besten Körnchen Hast Du dem Spätling liebend aufbewahrt. Wie drückst Du ihn ans Herz so mild und zart, Den Friedensboten, ob er gleich ein Hörnchen Am Köpfchen trägt, am Fuß ein trutzig Spörnchen. Ach! wär ich Noah doch und könnte wagen Zu hoffen, wenn verrauscht die Leidensflut, Es kämen Boten mir der Himmelshut, Es brächten Tauben mir nach Schreckenstagen Ein grünes Friedensölblatt so getragen! An alte Sagen denk ich, an Geschichten, Die aus des Südens Landen allbekannt, Wie Liebende sich ihrer Liebe Stand, Ihr Hoffen, die Gefahren, Wünsche, Pflichten Verschwiegen so durch Taubenflug berichten. Von meinem Auge will es nimmer schwinden, Das Bild: Gefangner Troubadour, Dem ach! die Hoffnung einer Taube nur! Sie kommt! Ein Blatt! Es flattert in den Winden – Was würd ich wohl auf ihm geschrieben finden? Mein Himmelslicht, wenn Sonn und Stern erblinden! Strahlst Du mir noch in meines Lebens Nacht? Wirst Du in Deiner Schönheit Pracht Mir nicht mehr, Göttin, wie schon einst entschwinden? Oh! lasse Lieb ein Wort der Liebe finden! Anfangs wallte in dem überraschten Gatten ein Reiz zum äußersten Gelächter und ein »Was ist?« auf, dann aber überkam es ihn doch, als sollte er Leben und Tod über sich und den Schreiber dieser Aufforderung zu einer Korrespondenz entscheiden lassen. »Um Gottes willen!« rief Leontine. »Vergessen wir den Vorfall! Du hast es mir versprochen! Ich trage die Schuld allein. Kein Wort zu Sancho – ich beschwöre dich! Versprich es mir noch einmal!« Michael Herz sammelte sich. Endlich sagte er: »Liebst du denn wirklich diesen Dichter?« Leontine lehnte die Frage mit bittender Miene ab. »Dann beschämt dich«, sagte er, »der Widerspruch dessen, was man von dir glaubt, und dessen, was die Wirklichkeit bietet! Du glaubtest ein Gegenstand der Poesie zu sein, gebärdetest dich auch so, es zu erscheinen, und fühlst dich nun gedemütigt durch die Enthüllung der reinsten Prosa. Es ist wahrhaftig der Tränen wert!« Leontine erwiderte mit erstickter Stimme, sie wüßte nicht, wie sie es nennen sollte, aber sie fühlte schon lange einen schmerzlichen Zwiespalt in sich, sie könnte nicht sagen, was in ihr Wahrheit oder Lüge wäre, sie hasse und verachte sich. Der wohlwollende Mann war gerührt. Er küßte die dargereichte Hand, und um rasch, wie es seine Natur erforderte, ein allzu weiches Thema zu verlassen, sagte er: »Also das Gedicht wirst du ohne ein Wort zurücksenden. Dann benutzen wir die Jahreszeit und reisen. Der Comer See war deine Jugendsehnsucht. Gut, wir wollen ihn sehen und dabei so viel schwärmen, als uns die Hotelrechnungen gestatten. Ein »praktischer Verstand«, der bei den Gondelfahrten die Taxen nachsieht, ein Rechner, der in den italienischen Wirtshäusern die üblichen Münzfüße im Auge behält, ist bei allen diesen Schönheiten, die wir genießen werden, denk ich, nicht zu verachten.« »Der Comer See!« rief Leontine. »Nein, wähle ein anderes Ziel! Aber wie du willst. An jedem Orte werde ich dir gestehen, daß die tiefe Beschämung, die ich heute erfuhr, für mein ganzes Leben ein unverlorener Gewinn sein soll.« In einigen Tagen schon reiste das Paar – und wirklich nach Italien. Leontine hatte von diesem Augenblick an den Mittelpunkt ihres Lebens in ihrem Gatten gefunden, den sie betrachtete wie ein ihr bisher verschlossen gewesenes Buch, dessen seltsamer und edler Inhalt sie überraschte, hob und ihr die Möglichkeit eröffnete, Poesie und Leben zu verbinden. Sie mußte zugleich versprechen, nun auch ihre Geldbeziehungen aufzugeben und die Leitung der Ökonomie unter die Obhut einer alten Wirtschafterin zu stellen, die sich bei den Eltern ihres Mannes bewährt hatte und dieser aus der Heimat herüberkommen ließ. Feierlich überreichte sie der neuen Verwalterin die Schlüssel zu Küche, Keller, Vorratskammer, ihrem Mann die zu ihrer Schatulle und ihrem aus Aktien, Obligationen, Losen, Promessen Schuldverschreibungen. bestehenden Privatschatz. Das Mittel, um eine Frau vor Untreue zu bewahren, sie geizig zu machen, also einen Fehler durch den andern zu heilen, schien ihm nicht mehr nötig. Er hoffte auf die Nachwirkung der Beschämung durch die gebratene industrielle Poesie seiner Kurstauben. Doktor Sancho erhielt bald darauf einen Brief von seinem Vater, worin ihn dieser zu einer Brautschau einlud. Das Verhältnis machte sich. Er heiratete die Tochter eines Pfandleihers, die nicht schön, aber wohlhabend und gebildet genug war, seine Verse zu verstehen.