Dem Andenken meines Vaters Ferdinand Timotheus.     Ferdinand Gregorovius Der Kaiser Hadrian     Vorwort Meine ersten Studien auf dem Gebiet der Geschichte sind der Epoche des Kaisers Hadrian gewidmet gewesen. Ich sammelte und vereinigte sie, von dem berühmten Geschichtsforscher Drumann dazu ermuntert, zu einem Buche, welches im Jahre 1851 bei Bon in Königsberg erschien, unter dem etwas kühnen Titel: »Geschichte des römischen Kaisers Hadrian und seiner Zeit.« Diese Schrift wurde alsbald für mich der Wegweiser nach Rom, wohin ich mich schon im Jahre 1852 begab. Dort aber erfaßte mich nicht der antike, sondern der mittelalterliche Genius der ewigen Stadt, und ich setzte die besten Kräfte und Jahre meines Lebens an die Geschichte Roms im Mittelalter. Nun, da seit 1851 ein Menschenalter verflossen ist, das inhaltreichste unseres Jahrhunderts, so freut es mich nicht wenig, daß ich Muße fand, gegen das Erstlingswerk meiner Jugend und die daran geknüpften Erinnerungen einen Act der Pietät zu vollziehen, indem ich dasselbe in neuer Gestalt erscheinen lasse. Dies zu thun reizten mich auch meine Reisen in Hellas und dem Orient, wo ich mich oft genug auf den Wegen des großen Weltwanderers Hadrian befunden habe. Außerdem hat dieser merkwürdige Kaiser seit dem Erscheinen meiner Monographie weder in Deutschland noch im Auslande einen andern Biographen gefunden. Aber die rastlose Forschung der Wissenschaft hat neues Urkundenmaterial gesammelt und manches neue Licht auf jene römische Epoche geworfen, so daß heute die sehr trümmerhafte Ueberlieferung von dem Leben Hadrians vielfach ergänzt werden kann. Mit Hilfe dieser Materialien, namentlich der Inschriften, habe ich meine Schrift erneuert, und zwar so sehr, daß eigentlich nur das Gerüste ihrer ursprünglichen Anlage stehen geblieben ist. Ich nenne diese Studien jetzt ein Gemälde der römisch-hellenischen Welt zur Zeit Hadrians, obwol ich fürchte, daß auch dieser Titel noch zu kühn sein wird. Im Angesicht der kärglichen Behandlung, welche die römische Kaisergeschichte nach den zwölf Cäsaren im Ganzen noch immer erfährt (und diese Zurückhaltung ist begreiflich genug), darf wol jeder ernsthafte Beitrag zu ihrer Aufklärung der Teilnahme aller Freunde der Geschichte versichert sein. München, im November 1883. Der Verfasser. Inhalt. Erstes Buch. Politische Geschichte. Erstes Capitel. Ein altes Porträt Hadrians Zweites Capitel. Lebensumstände Hadrians bis zur Tronbesteigung des Trajan. Drittes Capitel. Verhältnisse Hadrians während der Regierung des Trajan Viertes Capitel. Hadrian begleitet den Kaiser in den parthischen Krieg. Erhebung der Judenvölker. Lusius Quietus. Tod des Trajan und Adoption Hadrians Fünftes Capitel. Hadrian gibt die neu erworbenen Provinzen Trajans auf. Die Verhältnisse Judäas. Der Sturz des Lusius Quietus Sechstes Capitel. Rückkehr Hadrians nach Rom über Illyricum. Krieg mit den Roxolanen. Ordnung der Verhältnisse in Pannonien und Dacien. Die Verschwörung und Hinrichtung der vier Consularen. Ankunft Hadrians in Rom, im August 118. Siebentes Capitel. Erste Handlungen Hadrians in Rom. Der große Schuldenerlaß. Dritter Consulat des Kaisers. Sturz des Attianus. Marcius Turbo wird Präfect. Tod der Matidia Augusta. Die Palilien des Jahres 121 Achtes Capitel. Die Reisen Hadrians im Allgemeinen. Münzen, welche sie verewigen Neuntes Capitel. Reise Hadrians nach Gallien und Germanien bis zu den Donauländern. Die Verhältnisse dieser Provinzen Zehntes Capitel. Hadrian in Britannien. Er geht über Gallien nach Spanien und Mauretanien Elftes Capitel. Erste Reise Hadrians nach dem Orient. Die Länder am Pontus. Ilium. Pergamon. Cyzikus. Rhodus. Zwölftes Capitel. Aufenthalt Hadrians in Athen und andern Städten Altgriechenlands. Rückkehr des Kaisers über Sicilien nach Rom. Dreizehntes Capitel. Hadrian in Rom. Der Titel Pater Patriae. Der Kaiser geht nach Africa. Verhältnisse dieser Provinz. Karthago. Lambäsis. Vierzehntes Capitel. Zweite Orientreise. Hadrian in Athen und Eleusis. Reise nach Asien. Ephesus. Smyrna. Sardes Fünfzehntes Capitel. Hadrian in Syrien. Antiochia. Phönizien. Heliopolis. Damascus. Palmyra. Sechzehntes Capitel. Hadrian in Judäa. Damaliger Zustand Jerusalems. Gründung der Colonie Aelia Capitolina. Hadrian in Arabia. Bostra. Petra. Die Landschaft Peräa. Gaza. Pelusium Siebzehntes Capitel. Hadrian in Aegypten. Verhältnisse dieses Landes. Alexandria. Brief Hadrians an Servianus. Einfluß Aegyptens und Alexandriens auf das Abendland Achtzehntes Capitel. Die Nilreise Hadrians. Memphis. Heliopolis. Tod des Antinous. Theben. Der Memnoncoloß. Koptos. Myos Hormos. Mons Claudianus. Rückkehr nach Alexandria Neunzehntes Capitel. Hadrian kehrt von Aegypten nach Syrien zurück. Neuer Besuch Athens. Einweihung des Olympieion. Götterehren Hadrians. Zwanzigstes Capitel. Aufstand der Juden unter Barkocheba Einundzwanzigstes Capitel. Der Judenkrieg. Jul. Severus übernimmt den Befehl über die röm. Heere. Fall Bethers. Untergang Judäas Zweiundzwanzigstes Capitel. Die Colonie Aelia Capitolina Dreiundzwanzigstes Capitel. Der Krieg mit den Alanen. Arrians Periplus des schwarzen Meers Vierundzwanzigstes Capitel. Die letzten Jahre Hadrians in Rom. Tod der Sahina Augusta. Adoption des Aelius Verus. Tod dieses Cäsars Fünfundzwanzigstes Capitel. Adoption des Antoninus. Ende des Kaisers Hadrian   Zweites Buch. Staat und geistiges Leben. Erstes Capitel. Das römische Reich Zweites Capitel. Die Provinzen des Reichs, ihre Verwaltung, ihr Verhältniß zur Centralgewalt. Ihre friedliche Culturentwicklung. Die Sclaverei Drittes Capitel. Städte, Municipien, Colonien. Viertes Capitel. Italien und Rom Fünftes Capitel. Ritterstand, Senat und Princeps. Das kaiserliche Cabinet Sechstes Capitel. Das römische Recht. Das Edictum perpetuum . Die Responsa. Römische Rechtsgelehrte. Die Senatsbeschlüsse und kaiserlichen Constitutionen. Reformatorischer Geist der hadrianischen Gesetzgebung Siebentes Capitel. Wissenschaft und Gelehrtentum. Die lateinische und die griechische Literatur. Gelehrte Schulen. Athen. Smyrna. Alexandria. Rom Achtes Capitel. Plutarch. Arrian. Die Taktiker. Philo von Byblos. Appianus. Phlegon. Die Memoiren Hadrians. Neuntes Capitel. Florus. Suetonius. Geographie. Philologie. Zehntes Capitel. Die römische Beredsamkeit und ihre Schulen. Römische Redner. Cornelius Fronto Elftes Capitel. Die griechische Sophistik. Favorinus. Dionys von Milet. Polemon. Herodes Atticus und andre Sophisten Zwölftes Capitel. Schöne Literatur. Hadrian als Dichter. Florus. Lateinische Dichter. Griechische Dichter. Pankrates. Mesomedes. Der Musiker Dionys von Halikarnaß. Griechische Epigramme Hadrians. Phlegon. Artemidor und seine Traumbücher. Der Roman vom goldenen Esel Dreizehntes Capitel. Die Philosophie. Die Stoa. Epiktet und das Encheiridion. Stoicismus und Cynismus. Demonax von Athen Vierzehntes Capitel. Peregrinus Proteus Fünfzehntes Capitel. Alexander von Abonoteichos. Sechzehntes Capitel. Das Orakelwesen. Plutarch, sein Verteidiger. Der Mystizismus Hadrians. Die Vergötterung des Antinous. Siebzehntes Capitel. Versuche der Restauration des Heidentums. Plutarch und Lucian Achtzehntes Capitel. Ausbreitung des Christentums. Die christliche Religion eine religio illicita . Hadrian hat die Christen nicht verfolgt. Rescript Hadrians an den Proconsul Fundanus. Die christlichen Apologeten. Neunzehntes Capitel. Die Kunst bei den Römern. Verhältnis Hadrians zu ihr. Die Kunstthätigkeit im Reich. Griechische Künstler in Rom. Charakter der hadrianischen Kunstepoche Zwanzigstes Capitel. Blüte der Kunst und ihrer Industrie. Geräte, Gemmen, Medaillen. Kostbare Steinarten. Malerei. Marmorporträt. Historisches Relief Einundzwanzigstes Capitel. Ideale Sculptur. Ihr kosmopolitischer Charakter. Wiederholung antiker Meisterwerke. Uebersicht der in der Villa Hadrians gefundenen Kunstwerke. Die Antinousfiguren Zweiundzwanzigstes Capitel. Architectur. Großartiger Bürgersinn der Städte. Baulust Hadrians. Antinoe. Straße nach Berenike. Andre Bauten in Aegypten. Der Tempel in Cyzikus Dreiundzwanzigstes Capitel. Bauten Hadrians in Athen und andern Städten Griechenlands. Bauten des Herodes Atticus. Vierundzwanzigstes Capitel. Bauten Hadrians in Italien. Seine tiburtinische Villa Fünfundzwanzigstes Capitel. Die Stadt Rom zur Zeit Hadrians. Römische Bauten des Kaisers. Vollendung des Forum Trajanum. Der Tempel der Venus und Roma. Das Grabmal Hadrians. Erstes Buch. Politische Geschichte. Erstes Capitel. Ein altes Porträt Hadrians. Ein römischer Geschichtschreiber aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts hat vom Kaiser Hadrian folgende Schilderung gemacht. »Aelius Hadrianus war von italischem Geschlecht. Sein Vater gleichen Namens, ein Vetter Trajans, stammte aus Adria in Picenum, welches dem adriatischen Meer den Namen gegeben hat. Er regierte 22 Jahre. In der griechischen Literatur war er so gründlich unterrichtet, daß man ihn den ›kleinen Griechen‹ nannte. Die Studien, die Lebensweise, die Sprache und die gesammte Bildung der Athener hatte er sich vollkommen angeeignet. Er war Sänger und Musiker, Arzt, Geometer, Maler und Bildhauer in Erz und Marmor, fast ein zweiter Polyklet und Euphranor. Für alle diese Künste war er begabt. Einen Schöngeist so glänzender Art hat man nicht leicht unter Menschen gesehen. Unglaublich groß war sein Gedächtniß. Orte, Handlungen, Soldaten, auch abwesende, er wußte sie alle mit Namen zu nennen. Riesig seine Ausdauer. Alle Provinzen hat er zu Fuß durchwandert, seinen Begleitern vorauseilend. Da hat er die Städte im Reich hergestellt und ihren Stand gemehrt. Schmiede, Zimmerleute, Maurer, Architecten und allerlei Werkmeister zum Ausbau von Festungen und zur Verschönerung der Städte hat er wie Legionen in Cohorten abgeteilt. Er war niemals derselbe, ein vielförmiger Mensch, ein geborner Herrscher in Laster und Tugend. Seine Triebe hat er durch Kunst regiert. Neid, Bosheit und Ausgelassenheit, dreiste Schaudarstellung des eigenen Ich, wozu seine Natur geschaffen war, hat er mit Schlauheit zugedeckt und Enthaltsamkeit, Leutseligkeit und Milde geheuchelt, während er den Durst nach Ruhm verbarg, von dem er gequält wurde. Niemand war so schlagfertig, in Ernst und Scherz andre herauszufordern oder ihnen zu antworten. Verse gab er augenblicklich mit Versen, witzige Einfalle mit gleichen zurück, als ob er sich dazu vorbereitet gehabt hätte. Von vielen Königen erkaufte er in der Stille den Frieden, und laut rühmte er von sich, daß er mehr im Müßiggange, als andre mit Waffen erlangt habe. Den Aemtern des Staates und Hofs, und auch dem Heerwesen hat er diejenige Form gegeben, welche noch heute fortbesteht, weniges abgerechnet, was Constantin verändert hat. Er lebte 62 Jahre. Sein Ende war jammervoll. So furchtbare Schmerzen an allen Gliedern quälten ihn, daß er oft seine vertrautesten Diener anflehte, ihm den Tod zu geben. Seine Teuersten bewachten ihn, damit er nicht selber Hand an sich legte.« Ich habe dies Porträt vorangestellt wie einen Kupferstich. Es wird dem Aurelius Victor zugeschrieben. Es ist dürftig und ungeschickt, doch nicht ganz leblos, und immerhin das einzige zusammengefaßte Bildniß des Kaisers, welches uns aus alter Zeit überliefert ist. Aurelius Victor, Epitome 14. Ich habe nur weniges nicht für Hadrian Wesentliche fortgelassen. Dieses Stück der Epitome ist nicht selbständig, sondern wol aus Marius Maximus geschöpft. Teufel, Gesch. der Röm. Lit., 5. Aufl., S. 967 f. (§ 414). Im Ganzen enthält diese Skizze das Durchschnittsurteil der römischen Nachwelt über Hadrian, und von ihm gab es schon frühe eine günstige und ungünstige Auffassung. Sein Biograph Spartianus, welcher zur Zeit Diocletians schrieb, hat beide Ansichten ohne Kritik durcheinandergemischt. Sein »Leben Hadrians« ist die Hauptquelle der Geschichte dieses Kaisers nebst den Auszügen, welche der byzantinische Mönch Xiphilinos im elften Jahrhundert aus den Geschichtsbüchern des Dio Cassius gemacht hat. Ueberall stehen als Charakterzüge des Kaisers fest: seine griechische Bildung, sein Universalgenie, seine Proteusnatur, sein Wissensdurst, sein Kunstenthusiasmus, dann sein rastloser Wandertrieb und seine Weisheit in der Verwaltung des Reichs. Die moderne Auffassung der Weltgeschichte hat die Regierung Hadrians als den Beginn einer Epoche begriffen. Von den Antoninen, welche er selbst zu seinen Nachfolgern erwählt hatte, ist sie benannt worden. Man hat sie als das glücklichste Zeitalter des römischen Reichs, wenn nicht der Menschheit gepriesen. Sie glänzt noch heller durch die Summe der hellenisch-römischen Cultur, welche sie im Ramen des friedlichen Reichs zusammengefaßt hat, als durch die schwarzen Schatten, von denen sie begränzt ist. Diese Schatten sind rückwärts das ungeheuerliche Cäsarentum des ersten Jahrhunderts, und vorwärts die Barbarei, welche das Reich zerstören wird. Die frevelhaften Despoten sind seit Nerva vom Cäsarentron verschwunden. Die Ausbrüche ihres Wahnsinns haben den innersten Grund der römischen Gesellschaft und das Gefüge des Staats erschüttert, aber die römische Virtus stellt sich mit Hilfe der stoischen Philosophie wieder her, und der römische Staat erreicht eine von Kraft strotzende Größe, deren Glanz die unheilbaren inneren Schäden verhüllt, an denen er krankt und endlich zu Grunde geht. Nach dem Tode Trajans sichern dreißig Legionen an den Gränzen des Reichs den Frieden der Welt. Die Provinzen haben sich an die Herrschaft Roms gewöhnt. Ihre Städte blühen wieder von Wolstand, und die Künste schmücken sie mit hellenischer Schönheit. Die Wissenschaften regen sich in einer Renaissance des Griechentums, und das Antlitz der christlichen Religion tritt deutlicher hervor. Ein Geist der Humanität durchweht die sich verwandelnde Welt. Die bürgerliche Gesetzgebung wird philosophischer und menschlicher. Die Privilegien der Aristokratie schwinden. Das Volk, die Sclaven, die Armen werden zum Gegenstande für die Sorge der Staatsregierung. Die Schranken der antiken Weltansicht fallen vor der Moral der Stoiker. Der Begriff der Nation erweitert sich im römischen Reich zu dem der Menschheit. Die Provinzen, in denen Octavian den Altar des Genius Roms als Symbol ihrer Dienstbarkeit aufgerichtet hatte, erlangen ihre Gleichberechtigung neben dieser furchtbaren Roma, welche sie mit Waffengewalt erobert und geknechtet hat. Das Reich der Römer ist eine Konföderation von Völkern, deren Bildung aus den majestätischen Strömen zweier Weltsprachen genährt wird. Wie die Nationen, so gehen auch die antiken Denksysteme und die Religionen eine kosmopolitische Verbindung ein. Aber diese Mischung versetzt die Geister in ruheloses Schwanken und macht sie mehr als je zur Beute des Mysterienwahns und des finstersten Aberglaubens. So grell liegen die Widersprüche in der Weltbildung des Reichs neben einander, daß diese zwischen Altertum und Christentum stehende Zeit ein römisch-hellenisches Mittelalter genannt werden könnte. Zwei Naturen vereinigt in sich auch Hadrian. Er ist Römer und Grieche. Seine Künstlerseele schwärmt in den Schönheitsidealen der antiken Welt. Er will diese restauriren, soweit sie künstlerisch wieder herstellbar ist. Zugleich reformirt er als Römer die Institutionen der Monarchie, Verwaltung, Heer und Recht. Er legt die Grundlagen eines der veränderten Gesellschaft angemessenen Staats. Das Reich steht unter ihm im Zenith seiner Macht, und er schwelgt als ein universaler Geist in dessen Culturfülle. Eroberungen sucht er nicht. Er gibt die Provinzen Trajans den Parthern zurück. Kriege führt er nicht. Mars ruht auf seiner Waffenrüstung, und niemals ist er den Feinden Roms furchtbarer erschienen. Dio 60, 9: τὴν τε γὰρ παρασκευὴν αυτου̃ ορω̃ντες – ουδὲν ενεόχμωσαν. Die Aufgabe Hadrians ist, das Römerreich in einer starken Monarchie zusammenzuhalten und mit Wissen, Menschlichkeit und Schönheit zu erfüllen. Auf seinen Münzen steht das große Wort »Goldenes Zeitalter« und »Bereicherer der Welt«: Schmeicheleien des Senats, aber sie sind nicht ohne Wahrheit. Er selbst ist das Spiegelbild seiner Zeit, im Guten und Bösen, in Tugend und Laster. Seine rätselhafte Persönlichkeit erscheint menschlich bedeutender und psychologisch anziehender als die der philosophischen Antonine. Seiner Epoche hat er die Richtung gegeben und ihr den Stempel aufgedrückt, weniger seines Herrscherwillens, als seiner genialen, oft auch bizarren und theatralischen Leidenschaften. Erst Hadrian hat die beiden Hälften der antiken Welt, Hellas und Rom, einander geistig näher gebracht. Ihre Verschmelzung war unmöglich, aber ihre kosmopolitische Verbindung im zweiten Jahrhundert ist ein wichtiges Lebenselement für die christliche Idee gewesen. Dieser Idee gab das Altertum Raum, indem es selbst zum Sterben reif geworden war. Es stralte schon im Scheiden begriffen noch einen letzten elektrischen Lichtglanz aus unter diesem geistreichen Sophisten auf dem Cäsarentron, welcher Athen erneuerte, den Tempel des olympischen Zeus, die Gründung des Pisistratus, vollendete, die griechische Beredsamkeit zu neuer Blüte brachte, und die Kunst berief, der Erde ihren vollen Schmuck zu geben. Als dann die künstliche Flamme, welche Hadrian auf dem Altar des Genius von Hellas entzündet hatte, erloschen war, entnüchterte sich die Welt. Sie wurde erst stoisch, dann christlich. Die Apotheose des Altertums aber hatte Hadrian vollzogen. Zweites Capitel. Lebensumstände Hadrians bis zur Tronbesteigung des Trajan. Die Vorfahren des Publius Aelius Hadrianus sollen zur Zeit der Scipionen aus Hadria nach Italica in Spanien übergesiedelt sein. Diese Stadt der Provinz Bätica hatte Scipio im zweiten punischen Kriege gegründet, und erst Augustus zu einem Municipium gemacht. Sie blühte empor und wurde ein großer Ort. Zwei berühmte Kaiser gab sie dem Reich, Trajan und Hadrian. Ihre Ruinen zeigt man noch zu Santiponte, eine Stunde weit von Sevilla. Dort lebten die Aelier in angesehenen Verhältnissen. Ihr Geschlecht war der römischen Tribus Sergia zugeteilt. Inschriften der Aelier, Corp. Inscr. Latin. II , 1130. 1138. 1139. Die berühmte Inschrift auf der Basis der Hadriansstatue im Theater Athens bezeichnet ihn als zugehörig zur Tribus Sergia. Henzen, Annali dell' Inst. 1862 , S. 139. C. J. L. III, n. 550 . Am 24. Januar 76, als Vespasian das Reich regierte, wurde Hadrian in Rom geboren. Sein Vater war P. Aelius Hadrianus Afer, ein vornehmer Mann senatorischen Ranges, ein Vetter Trajans. Seine Mutter Domitia Paulina stammte aus Gades, dem heutigen Cadix. Geschwister Hadrians sind nicht namentlich bekannt, außer der Paulina, die sich mit L. Julius Ursus Servianus vermälte. M. Ulpius Trajanus. Ulpia, seine Schwester, ┌─────────┴──────────┐ verm. mit einem Aelius. M. Ulpius Trajanus, Marciana, │ Kaiser, verm. mit verm. mit P. Aelius Hadrianus Afer Pompeja Plotina C. Matidius verm. mit Domitia Paulina. Patruinus. ┌───────────┴──────────┐ │ P. Ael. Hadrianus, Paulina, Matidia I., Kaiser. verm. mit verm. mit C. Vibius L. Julius Sabinus. Ursus ┌──────────────┴──────────────┐ Servianus. Matidia II. Sabina, verm. mit dem Kaiser Hadrian In seinem zehnten Jahre verlor er den Vater und kam unter die Obhut des Ritters Cälius Attianus und des Exprätors Trajan. So brachten ihn Verwandtschaft und Vormundschaft in nahe Beziehung zu dem Glück eines künftigen Kaisers. In den Schulen Roms lernte der Knabe die Wissenschaften. Sein glänzend begabter Geist wurde besonders von der hellenischen Literatur bezaubert, so daß er darüber die lateinische Sprache vernachlässigte. Man gab ihm den Spottnamen »Gräculus«. Ob er auch in Athen studiert hat, ist ungewiß und wenig wahrscheinlich; denn schon in seinem fünfzehnten Lebensjahre kehrte er nach Spanien heim, wo er Dienste beim Heere nahm. Spart, vita c. 2. Sein Vormund Trajan rief ihn bald nach Rom zurück, nicht nur weil er sich im Uebermaß der Jagdlust ergeben hatte, sondern wahrscheinlich wegen seiner Ausschweifungen überhaupt. Die Jagd war eine seiner größesten Leidenschaften. Als rüstiger Fußgänger wie als Jäger fand er wenige seines Gleichen. Noch als Kaiser vermochte er zu Roß Löwen zu erlegen. Er verunglückte auf der Jagd, so daß er sich eine Rippe und das Schlüsselbein brach. Spart, c. 26. Die Leidenschaften der Jugend tödteten in Hadrian nicht den glühenden Drang nach Bildung. Er konnte diesen in Rom, der Hochschule alles Wissens, befriedigen. Er studierte hier mit den Gelehrten und Dichtern, er malte und meißelte in den Ateliers der Künstler. Kein Zweig des Wissens ist ihm fremd geblieben. Dio 69, 3: καὶ γὰρ έπλασσε καὶ έγραφε καὶ ουδὲν ό τι ουκ ειρηνικὸν καὶ πολεμικὸν καὶ βασιλικὸν καὶ ιδιωτικὸν ειδέναι έλεγεν. Ein junger Mann von so viel sprühendem Leben, ein geistreicher Gesellschafter, mußte er in den vornehmen Kreisen Roms eine gesuchte Erscheinung sein und sich besonders die Gunst der feingebildeten Frauen des trajanischen Hauses erwerben, der Marciana, Plotina und Matidia. Die glückliche Zeit der flavischen Kaiser Vespasian und Titus ging indeß vorüber, und das Antlitz eines brutalen Despoten, Domitians, verfinsterte nochmals die römische Welt. Da hat Hadrian die Tyrannei verabscheuen gelernt. Noch unter ihrem Druck hat er seine Laufbahn im Staat begonnen. Alle Stufen derselben hat er mühsam erstiegen. Er wurde zuerst, um das Jahr 93, Richter bei einem Tribunal in Privatsachen, bekleidete hierauf einige andre Aemter niedrigen Grades und wurde Tribun bei der von Vespasian errichteten zweiten Legion Adjutrix, welche wahrscheinlich damals in Britannien lag. Henzen a. a. O. S. 145. Domitian fiel am 18. September 96 unter den Dolchen der Verschwörer, und diese erhoben auf den Tron den edeln Senator Coccejus Nerva. Ein neues Zeitalter ging jetzt über der Menschheit auf. Die Majestätsprocesse wurden abgeschafft, die Kerker geöffnet, die Exilirten zurückgerufen. Was mit einander unvereinbar erschien, die Monarchie und die Freiheit, versöhnte Nerva nach dem Urteile des Tacitus. Agricola c. 3 . Ein Gott gab dann diesem von den Prätorianern und dem Pöbel Roms bedrängten Kaiser die einzige große Tat seiner Regierung ein: er adoptirte Trajan. In derselben Stunde wurde der Glücksstern Hadrians am Horizont sichtbar. Er war damals Militärtribun bei der 5. Legion Macedonica im unteren Mösien. Von dort überbrachte er (im Jahre 97) die Glückwünsche des Donauheers an Trajan, welcher als consularischer Legat das obere Germanien verwaltete. Trajan behielt ihn bei sich als Tribun der 22. Legion. Der designirte Kaiser scheint die Verwaltung des ganzen Germanien übernommen zu haben, während an seiner Stelle Servianus, der Schwager Hadrians, Legat im oberen Germanien wurde. Henzen S. 147. Joh. Dierauer a. a. O. I, 29. Plinius ( Ep. VIII , 23) nennt Servianus exactissimus vir . Unterdeß starb Nerva am 27. Januar 98, und auf den Tron des Reichs sollte jetzt der erste Provinziale steigen, ein Bürger derselben spanischen Italica, welche die Vaterstadt Hadrians war. Dieser eilte nach Cöln, wo sich damals Trajan befand, um ihm als der erste die große Botschaft zu überbringen. Jedoch sein eigener Schwager hielt den Eilfertigen zurück; er ließ ihm sogar heimlich den Wagen zerbrechen, worauf Hadrian, ein schnellfüßiger Wandrer, kurz entschlossen, einen Eilmarsch nach Cöln machte, und die Boten jenes überholte. Servianus war ein ernster Mann, dem die geistreiche Art seines Schwagers nicht behagte. Dem neuen Kaiser hat er alsbald das wahrscheinlich sehr ansehnliche Schuldenregister des jungen Verschwenders vorgelegt. Qui et sumptibus et aere alieno ejus prodito Traiani odium in eum movit. Spart, c. 2. Vielleicht war er selbst ehrgeizig und gönnte Hadrian die Gunst Trajans nicht. Einst sollte er, noch im höchsten Alter, seinen Ehrgeiz mit dem Tode büßen. Nur langsam hat Hadrian das Wolwollen Trajans erlangt, und dieses verdankte er hauptsächlich der Freundschaft der Kaiserin, die man dann in niedriger Weise verläumdet hat. Auch abgesehen von ihrem officiellen Preise im Panegyricus des Plinius, spricht alles dafür, daß Pompeja Plotina eine wahrhaft edle und königliche Frau gewesen ist. Als sie zuerst als Kaiserin den Cäsarenpalast betrat, wandte sie sich von den Stufen zu den Römern und sagte ihnen: »So trete ich hier ein, wie ich einst herauszugehen wünsche.« Nie hat sie als Augusta einen Tadel verdient. Dio 68, 5. Dagegen faßt derselbe Dio 69, 1 u. 10 die Gunstbezeugungen Plotinas für Hadrian in gehässiger Weise auf, εξ ερωτικη̃ς φιλιάς. – Plin., Paneg. c. 83 . Ihren strengen Charakter bekunden noch heute ihre Büsten, welche ein Antlitz von finsterem, ja unnahbarem Ernste zeigen. Der neue Kaiser verwaltete noch einige Zeit das wichtige Germanien, und erst in der zweiten Hälfte des Jahres 99 kam er nach Rom, wahrscheinlich von seinem Vetter begleitet. Daß Hadrian seine Neider und auch das Mißtrauen Trajans zu besiegen verstand, wurde bald offenbar. Denn um das Jahr 100 gab ihm dieser, von Plotina und seinem Freunde Sura dazu beredet, Sabina zum Weibe, die Enkelin seiner eigenen Schwester Marciana, deren Tochter Matidia sich mit L. Vibius Sabinus vermält hatte. So wurde Hadrian mit Trajan doppelt verwandt. Siehe die Stammtafel bei Dierauer u. bei J. Centerwall, Spart. vita Hadriani comment. illustrata in Upsala Universitets-Arsskrift, Ups. 1869, I S. 27. Es verlautet nicht, daß Sabina jemals in die geistige Sphäre ihres Gemals eingetreten ist, und er selbst scheint sie nicht geliebt zu haben. Sie muß damals noch in sehr jugendlichem Alter gewesen sein. Mommsen (Abhandl. der Berl. Akad. 1863, Grabrede des Kaisers Hadrian auf die ältere Matidia, S. 483) bemerkt in der Stammtafel zu Sabina, daß sie spätestens i. J. 88 geboren sei. Drittes Capitel. Verhältnisse Hadrians während der Regierung des Trajan. In Rom hatte Hadrian jetzt Gelegenheit genug, seinem Wissenstriebe Nahrung zu geben. Seit Nerva den Druck der Despotie vom Reich genommen hatte, war ein neues Leben erwacht. Tacitus hat dasselbe mit Jubel begrüßt. Tacit. Agricola c. 3: Nunc demum redit animus: et quamquam, primo statim beatissimi saeculi ortu, Nerva Caesar res olim dissociabiles miscuerit principatum ac libertatem . . . . Die Briefe des jüngeren Plinius an seine Freunde lehren, wie zahlreich die Männer hoher Bildung waren und wie lebhaft die wissenschaftlichen Studien in Rom betrieben wurden. Hadrian hat noch die letzten namhaften Autoren der lateinischen Literatur persönlich gekannt, welche dann den Griechen das Feld räumte, Juvenal und Martial, Statius und Silius Italicus, und dieser ist, wie es scheint, sein eigener Landsmann von Italica her gewesen. Der große Tacitus lebte, nachdem sein Schwiegervater Agricola im Jahre 93 gestorben war, wieder in Rom, mit der Ausführung seiner literarischen Arbeiten beschäftigt, und hier schrieb er im Jahre 98 seine Germania. Er erlebte wahrscheinlich noch die Tronbesteigung Hadrians, und daß dieser schon lange vorher die Bekanntschaft eines solchen Mannes gesucht hatte, ist selbstverständlich. Man setzt den Tod des Tacitus zwischen 117 und 120. Teufel, Gesch. der Röm. Liter., 5. Aufl., S. 765. So oft Hadrian in Rom war, hat er mit geistig hervorragenden Männern verkehrt, wie Caninius Rufus, Augurinus, Spurinna, Calpurnius Piso, Sossius Senecio, und Arrius Antoninus. Er befreundete sich mit dem Geschichtschreiber Sueton und mit dem Dichter Florus. Er hörte den Redner Quintilianus, einen Spanier von Geburt, und Dio Chrysostomus, welcher, von Domitian verbannt, als Freund Nervas und dann Trajans nach Rom zurückkehrte, wo er im Jahre 117 starb. Auch den edeln Plutarch hat erkennen gelernt, als derselbe zur Zeit Domitians in Rom Vorträge hielt. Wie alles literarisch Bedeutende zog ihn auch die Kunst an, und für sie erblühte gerade unter der Regierung Trajans ein reiches Leben. Zum Kunstenthusiasten hatte sich Hadrian schon in seiner Jugend ausgebildet und dann später an den großartigen Schöpfungen Trajans mit Leidenschaft Teil genommen. Ihre Seele war der Architect Apollodorus, ein Grieche aus Damascus. Eine Anekdote ist uns aufbewahrt, welche erzählt, daß sich Hadrian einmal in ein Gespräch dieses großen Meisters mit dem Kaiser Trajan über einen Bauplan gemischt und der Künstler ihm spöttisch gesagt habe: »Gehe du lieber Kürbisse malen, denn von diesen Sachen verstehst du nichts.« Dio , 69 4. Die Anekdote beleuchtet zu gleicher Zeit die künstlerischen Neigungen Hadrians, welcher damals Stillleben malte, sein persönliches Verhältniß zu den Bauplanen Trajans, und den Künstlerstolz Apollodors, des Bramante oder Michelangelo jener Zeit. Im Jahre 101 erhielt Hadrian das Amt der Quästur. Dies war ein Schritt weiter in seiner Laufbahn wie in der Gunst Trajans; denn er wurde jetzt der Person des Kaisers beigegeben, dessen Reden er vor dem Senat zu lesen hatte. Da sein spanischer Accent belacht wurde, gab er sich Mühe, ihn zu verbessern, und er brachte es bald auch in der lateinischen Sprache zur Meisterschaft. Spart, vita c. 3: cum orationem imperatoris in senatu agrestius pronuntians rissus esset, usque ad summam peritiam et facundiam Latinis operam dedit. Dio 69, 3: φύσει δὲ φιλόλογος εν εκατέρα τη̃ γλώσση. Die glückliche Jugendzeit voll Studium und Genuß endete für Hadrian in demselben Jahre 101, in welchem Trajan eine neue Periode seiner Regierung begann, die der Kriege und Eroberungen. Die Dacier, denen er den von Domitian bewilligten Tribut verweigerte, fielen in das römische Gebiet ein, und Trajan brach von Rom auf, jene Völker zu züchtigen. Hadrian begleitete ihn in diesen ersten Krieg. Comes Expeditionis Dacicae nennt ihn die Inschrift auf der athen. Basis, und sie verbindet das mit der Quästur. Zu diesem Cursus honorum Henzens Commentar, welcher die Stellung Hadrians zum Kaiser als die eines Adjutanten auffaßt, und Mommsens C. I. L. III, n. 550 . Er nahm daran mit so viel Auszeichnung Teil, daß er zweimal militärische Ehrengaben erhielt. Aus diesem siegreichen Feldzuge nach Rom im Jahre 103 zurückgekehrt, wurde er Curator der Acta des Senats, sodann im Jahre 105 Volkstribun, doch nur für wenige Monate, da er den Kaiser auch in den zweiten dacischen Krieg begleiten mußte, und hier befehligte er als Legat die erste minervische Legion. Borghesi, Oeuv. II , 202, und die athen. Inschrift. Ueber den zweit. dac. Krieg La Berge, Trajan S. 48 f. Der Feldzug endete mit der Eroberung Daciens, dessen mannhafter König Decebalus sich selber den Tod gab. Hadrian hatte seine Legion mit persönlicher Tapferkeit und Geschick geführt, und vielleicht sogar Feldherrntalente gezeigt, die man von ihm kaum erwartete. Spart, c. 3: quando quidem multa egregia ejus facta claruerunt. Zum Zeugniß seiner Zufriedenheit schenkte ihm Trajan einen Demantring, welchen er selbst bei seiner Adoption von Nerva empfangen hatte, und diese Auszeichnung gab dem Günstlinge die erste begründete Hoffnung auf eine glänzende Zukunft. Noch im Kriege abwesend, wurde er Prätor, und als solcher gab er nach seiner Rückkehr aus dem Donaulande im Jahre 106 dem römischen Volk Spiele auf Kosten des Kaisers, während dieser selbst seine dacischen Triumfe mit einer Verschwendung feierte, welche an die Zeiten des Domitian erinnerte. Die durch hundert drei und zwanzig Tage fortgesetzten Feste, wobei elftausend wilde Thiere gejagt wurden und zehntausend Gladiatoren in der Arena bluteten, werden Hadrian nachdenklich gemacht haben. Als Kaiser hat er dieses Beispiel nicht nachgeahmt. Trajan ernannte ihn alsbald zum prätorischen Legaten des unteren Pannonien. Er sollte also eine große Provinz regieren und Zeugniß davon ablegen, daß er für die höchsten Aemter des Staates geeignet sei. Diese Probe fiel zur Zufriedenheit des Kaisers aus, denn Hadrian hielt die Sarmaten in Zaum, und erwarb sich durch militärische Zucht und Strenge gegen die Procuratoren solches Ansehen, daß er im Jahre 108 die Consulwürde erhielt. Mit M. Trebatius Priscus, nur als suffectus . Das Jahr 108 sichert die Inschrift der Fasti Feriar. Latinar. C. I. L. VI , 2016. Klein, Fasti Consulares . Seither galt er als wahrscheinlicher Nachfolger des kinderlosen Trajan, welcher schon damals an seine Adoption gedacht zu haben scheint. Henzen a. a. O. S. 158. Spart, c. 3 . Da sein Gönner L. Licinius Sura, der Generaladjutant des Kaisers, um diese Zeit starb, so erhielt Hadrian seine Stelle. Trajan zeichnete ihn mit Beweisen des Vertrauens aus, die Augusta Plotina begünstigte ihn, mächtige Freunde, die Senatoren Sosius Papus und Platorius Nepos, der Ritter Livianus und sein ehemaliger Vormund Attianus mühten sich für seine Größe, während andre seine Neider waren, wie Celsus, Nigrinus, Palma und Lusius Quietus, berühmte Staatsmänner und Generale Trajans. Die hergebrachte Laufbahn im Civil- und Militärdienst, welche zu den Gipfeln des Staates führte, hatte Hadrian durchgemacht, im Felde sich Achtung erworben, eine Legion mit Auszeichnung geführt, eine schwierige Provinz gut verwaltet. Die Zeit, in der er sich zum Regenten ausbildete, war groß, wie der Herrscher des Reichs, sein Meister, dessen Handlungen er aus der Nähe betrachtete. Eine Menge bedeutender Männer, welche die Regierung Trajans hervorgerufen hatte, umgab ihn. All das wüste Wesen wahnsinniger Selbstsucht, welche ehedem die Despotenlaune an die Stelle der Staatszwecke gesetzt hatte, war unter Trajan von der Strömung mächtiger politischer Leidenschaften hinweggeschwemmt worden, denn dieser Herrscher hatte die Weltgeschichte wieder in hohe Wogen gebracht. Der Römergeist ging noch einmal triumfirend über die Erde, wie zur Zeit des Julius Cäsar und Octavian. Die römische Virtus stralte von Waffenruhm über fremde Völker, aber dieser wurde doch von dem Geiste einer weisen, die Welt umfassenden Verwaltung begleitet, während die Freiheit des Bürgers erhalten blieb. Nie hatte sich die Herrschaft der Römer weiter ausgedehnt; die sarmatische Donau hatte Trajan unterjocht, das Reich des Decebalus zerstört und Dacien zur Provinz gemacht. Im Morgenlande hatte er fabelhafte Länder bis zum roten Meer erobert und als Provinz Arabia dem Reiche hinzugefügt. Gefangene Barbarenfürsten zierten wieder die römischen Triumfe. Ihre plumpen Marmorgestalten mit Angesichtern voll düsteren Trotzes erinnern noch heute in Rom an die trajanische Zeit. Im Jahre 1855 wurde die Colossalbüste des Decebalus am Forum Trajanum gefunden, sie kam ins Petersburger Museum. Froehner, La Colonne Trajane , 1865, S. 5. Tausende von Künstlern stellten die neue Herrlichkeit der Monarchie in Prachtbauten dar. Im Jahre 113 wurde die Siegessäule auf dem Forum Trajans enthüllt, das unerreichte Muster für die Nachahmung ehrgeiziger Kriegsfürsten noch in der spätesten Nachwelt. Es ist fraglich, ob die Lorberen des Eroberers jemals die Seele Hadrians mit Eifersucht erfüllt haben. Er hatte andere Ideale. Wenn er zwischen dem Ruhme Homers und Achills hätte wählen können, so würde er den des ersten vorgezogen haben. Die Ehre, welche er eben vom Volk der Athener empfangen hatte, wird er einem Triumfe gleich geachtet haben. Denn wie angesehen Hadrian als mutmaßlicher Tronerbe schon außerhalb Rom war, und wie er sich im besondern den Griechen als Philhellene wert gemacht hatte, bewies die Thatsache, daß ihn die Stadt Athen im Jahre 112 zu ihrem Archon erwählte. Sie stellte zugleich seine Ehrenbildsäule im Dionysostheater auf. Ihr Postament mit den Inschriften in griechischer und lateinischer Sprache ist dort noch heute erhalten, und es ist diese Urkunde, welcher wir die bestimmtesten Nachrichten über die staatsmännische Laufbahn Hadrians bis zu seinem Consulat verdanken. Aus einem Fragm. der Mirabilia Phlegons c. 25 ( Phlegontis Trall. Opusc. ed. Franz ) geht 112 als Archontenjahr Hadrians hervor. Keil, Griech. Inschr. Philol. Suppl. II , 593. 594. Viertes Capitel. Hadrian begleitet den Kaiser in den parthischen Krieg. Erhebung der Judenvölker. Lusius Quietus. Tod des Trajan und Adoption Hadrians. Hadrian begleitete den Kaiser auch in den parthischen Krieg, aus welchem Trajan nicht wiederkehren sollte. Er war sein Legat im Generalstabe, und auch diese Auszeichnung verdankte er dem Wolwollen Plotinas. Spart, c. 4: cujus studio etiam legatus expeditionis parthicae tempore destinatus est. Die Ruhmsucht und der Ehrgeiz, sich den größten Königen der Welt gleich zu stellen, hatten sich des ehedem so maßvollen Trajan bemächtigt, und sie rissen ihn zu den gewagtesten Unternehmungen fort. Er nahm sich vor, die orientalische Frage zu lösen, das mächtige Partherreich, welches an die Stelle der Perserherrschaft getreten war, hinter den Tigris zurückzuwerfen und die Handelsstraßen nach Indien in Besitz zu nehmen. Es war ein Krieg der hellenisch-römischen Cultur gegen Altasien, eine Renaissance der Ideen Alexanders des Großen; aber am Orient ist Trajan gescheitert. Vielleicht war dieser die damalige Welt aufregende Feldzug der einzige, welchem der Philhellene Hadrian eine ideale Seite abgewonnen hat. Der Kaiser brach von Italien im October 113 auf. Als er im Frühling 114 bei Antiochia, welches er zum Sammelplatz des Krieges bestimmt hatte, dem Zeus Kasios aus der dacischen Beute Weihgeschenke darbrachte, schrieb Hadrian dazu griechische Verse, worin er den Gott anrief, dem Kaiser den Sieg gegen die Achämeniden zu verleihen, damit er ihm zur Beute der Geten auch die der Arsaciden gesellen könne. Anthol. Palat. ed. Dübner VI , 332, und Note S. 267. Die Weihgeschenke waren zwei Pokale und ein vergoldetes Auerochsenhorn. Nachdem erst Armenien und dann im Jahre 115 Mesopotamien erobert waren, überwinterte Trajan wieder in Antiochia, und diese Stadt zerstörte während seiner Anwesenheit ein Erdbeben am 13. December 115. Glänzende Siege unterwarfen ihm hierauf die Euphratländer. Er drang bis Babylon, nahm Seleucia am Tigris ein und die zweite parthische Hauptstadt Ktesiphon, schiffte den Strom herab bis in den persischen Golf, und verzichtete hier auf den verlockendsten aller Träume abendländischer Eroberer, Indien zu erreichen. Fast mehr als sechzehn Jahrhunderte sollten nach Trajan verfließen, bis dies Wunderland durch kühne und räuberische Abenteurer aus dem fernen Britannien unterjocht und geknechtet wurde. Als Trajan im Winter 116 wieder in Babylon war, wandte sich das ungeheure Glück von ihm ab. Die in beiden Stromgebieten bezwungenen Völker erhoben hinter seinem Rücken die Waffen. Dio 68, 29: πάντα τὰ εαλωκότα εταράχθη καὶ απέστη. Die Flammen dieses Aufstandes hatten die Judenstämme entzündet, welche seit lange in Mesopotamien und Babylonien saßen, zum Teil unter eigenen Fürsten, aber Vasallen der Parther, wie in Gordyene und Adiabene am Tigris, wo die Izaten regierten, ein zum Mosaismus übergetretenes Dynastengeschlecht, in Osroene, Naarda und Nisibis, und bis nach Arabien hin. Judenvölker erfüllten seit den Ptolomäern auch Aegypten und Cyrene, nicht minder die Insel Cyprus, seitdem Augustus die dortigen Kupfergruben dem Könige Herodes verpachtet hatte. In allen diesen Ländern erhoben sich die Judäer, von Messiashoffnungen trunken, und von der günstigen Gelegenheit des Partherkrieges aufgereizt zum Kampf wider die römischen Unterdrücker. Der Haß gegen die Zerstörer Jerusalems machte sie zu rasenden Kannibalen. Die Landschaft Cyrene, welche schon unter Vespasian einen Judensturm erlebt hatte, wurde mit dem Blute der Griechen überschwemmt und zur Einöde gemacht. Die Empörer führte hier ein kühner Mann mit Namen Lukuas. In Aegypten selbst mußte sich das von den Aufständischen geschlagene Heer des Procurators Lupus nach Alexandrien zurückziehen, welche Stadt bei dieser Gelegenheit durch Feuer verwüstet wurde. Trajan war genötigt, den Marcius Turbo, einen der besten Freunde Hadrians, nach Aegypten mit Truppen abzuschicken. Der tapfere General erstickte hier mit vieler Mühe und furchtbarer Strenge die Rebellion der Juden und schiffte dann nach Cyprus, wo die gleichfalls empörten Hebräer unter ihrem Führer Artemion fast Herren der Insel geworden waren. Sie hatten sogar die Stadt Salamis zerstört, und, wenn dies glaublich ist, waren in diesem Aufstande 240,000 Griechen und Römer erschlagen worden. Auch dort wurde die Rebellion von Turbo bewältigt. Fortan blieb jedem Juden der Eintritt in Cypern bei Todesstrafe untersagt. Eus., H. E. IV , 2, und im Chron. Dio 68, 32. Orosius VII, 12. Bar Hebraeus Chron. ed. Bruns et Kirsch S. 54. Jahr 18 u. 19 Trajans. Es verlautet nicht, daß Hadrian an diesen Judenkriegen persönlich Teil genommen hat; vielmehr wird er in seiner Stellung als Generaladjutant in der Nähe des Kaisers geblieben sein. Daß Hadrian a . 116 am Aufstand in Cyprus bekämpft habe, glauben ohne Grund Jost, Allg. Gesch. des Israel. Volks II, 111, und Milman, Hist. of the Jews II³ , 421. Dem kühnsten seiner Generale, Lusius Quietus, hatte Trajan in derselben Zeit die Bändigung der Judäer in den Euphratländern übertragen. Dieser furchtbare Krieger war einer der Häuptlinge der Berber oder Maurenstämme Africas, die im Schutzverhältniß zu Rom standen, und deren Dienste sich die kaiserliche Regierung durch Sold und Gunstbezeugungen zu versichern suchte. Es gab zu diesem Zweck in der Mauretania Caesariensis einen eigenen Procurator unter dem Titel ad curam gentium . Renier, Inscr. rom. de l'Algérie 4033. Henzen, C. I. L. VI , 378a. Jung, Die Roman. Landschaften des R. Reichs S. 101. Wie Abdelkader war Quietus ursprünglich ein kleiner Fürst in seiner Heimat, τω̃ν Μαύρων άρχων ( Dio 68, 32), und mit den Römern verbündet. Themistius ed. Dindorf. Orat. 16, 205 nennt ihn εξ αδόξου καὶ απωκισμένης εσχατια̃ς (Μαυρετανίας). Der Berbernfürst war vollkommen romanisirt, wie das schon sein Name zeigt, er brannte von Ehrgeiz, unter der Fahne des Kaisers groß zu werden. Erst von den Römern mit Geringschätzung abgewiesen, hatte er Trajan im dacischen Feldzuge seine maurische Reiterei als Hilfstruppe zugeführt und sich durch Waffenthaten hervorgethan. Man glaubt ihn mit seinem wilden Kriegsvolk auf einem Relief der Trajanssäule abgebildet zu sehen. Froehner, La Colonne Trajane p . 14. 21 u. planches 86. 88. Ueber ihn Borghesi, Oeuv. I. VIII , 500 f. Lusius Quietus vollzog seinen Auftrag in Mesopotamien mit africanischer Grausamkeit. Er nahm Nisibis wieder und Edessa, welches er zerstörte, und metzelte die Judäer zu Tausenden nieder. Die rabbinischen Schriftsteller haben deshalb den ganzen Judenkrieg Trajans nach dem Namen des Quietus benannt, und wie es scheint, auch auf das Land Judäa selbst ausgedehnt. Polemos Schel Quitos, Grätz; IV, 132 u. Note 24. Volkmar, Judith S. 41 f., besonders S. 83 f. Denn Trajan schickte, nachdem die Empörung in den Euphratländern bezwungen war, denselben General auch nach Palästina, und zwar nicht als Procurator, sondern mit der Vollmacht eines proconsularischen Legaten, und diese Auszeichnung des maurischen Abenteurers, welcher auch zum Consul suffectus ernannt worden war, soll die Eifersucht Hadrians erregt haben. Dio 68, 32 sagt von Quietus: ώστε ες τοὺς εστρατηγηκότας (proprät. Legat) εσγραφη̃ναι καὶ υπατευ̃σαι τη̃ς τε Παλαιστίνης άρξαι· εξ ω̃ν που καὶ τὰ μάλιστα εφθονήθη καὶ εμισήθη καὶ απώλετο. Euseb., H. E. IV, 2. ’Ιουδαίων ηγεμών. – Die Sendung des Quietus dorthin im Beginne des Jahres 117 stand im Zusammenhang mit den vom Kaiser genommenen Maßregeln zur Unterdrückung des Aufstandes in Aegypten und Mesopotamien. Denn Palästina war der geschichtliche und ideale Mittelpunkt des gesammten Judentums und Jerusalem das Ziel der jüdischen Erhebung im ganzen Osten, deren Endzweck doch nur die Wiederherstellung des Tempels und die Befreiung Israels vom Joch der Römer sein konnte. Auch war kaum daran zu zweifeln, daß gerade in Judäa der Hohepriester und sein Synhedrin die Fäden der Rebellion der Judenvölker gesponnen hatten. Als nun Trajan den Partherkrieg begann, wird er dazu auch aus den festen Plätzen Palästinas Truppen, wenn auch nur teilweise, abgerufen und so das Land entblößt haben. Das scheint wirklich mit der zehnten Legion Fretensis der Fall gewesen zu sein, welche noch von der Zeit des Titus dort ihre Garnison hatte. Gruter 367, 6: Inschrift auf A. Atinius Trib. Mil. Leg. X Fret. A Divo Trajano Exped. Parthica Donis Donatus . Kein glaubwürdiger Geschichtschreiber redet von einem tatsächlichen Aufstande Judäas in jener Zeit, doch deutet Spartian die rebellische Gesinnung des von seinen Unterdrückern gepeinigten Landes an, und die Absendung des Quietus, des Würgengels der Juden in Mesopotamien, nach Palästina beweist mehr als die bloße Neigung dieser Provinz zum Aufstande. Spart, vita c. 5. Aegyptus seditionibus urgebatur, Lycia (es ist wol zu lesen Lybia ) denique ac Palaestina rebelles animos efferebant . Der Maurenfürst kam nach Judäa, diesen wichtigen Schlüssel zwischen den Euphratländern und Aegypten fest zu halten, und sicherlich kam er mit Truppenmacht. Auch die zehnte Legion, oder was von ihr zum parthischen Kriege abcommandirt gewesen war, hat er dorthin zurückgeführt und sie als Legat befehligt. Unterdeß war Trajan nach dem Euphrat zurückgekehrt. Erschüttert durch Mißerfolge, von der Felsenfeste Atra (ein berühmter Sonnentempel stand in ihr) zurückgeschlagen, krank von Mißmut und Anstrengung, am Orient verzweifelnd, dessen Bewältigung jenseits des Euphrat sich für die Römer als unmöglich herausstellte, trat der Kaiser im Frühjahr 117 seine Rückreise nach Italien an. Er ließ Hadrian in Antiochia, übertrug ihm als Legaten den Oberbefehl über Syrien und das orientalische Heer, und schiffte sich nach dem Westen ein. Dio 68, 33. Unterweges aber zwang ihn sein Zustand, in Cilicien zu landen; er legte sich zu Selinus (dem heutigen Selindi) am Anfange des August zum Tode nieder. Der nach so vielen Heldenkämpfen unter kühnen, wenn auch fantastischen Entwürfen in Asien sterbende Trajan hat an Alexander erinnert, zumal auch er keinen Nachfolger ernannt hatte. Seine berühmtesten Generale kämpften noch gegen die aufständischen Völker, und keiner kannte die Absichten des Kaisers. Sein Schwert konnte Priscus, Palma oder Quietus, oder Hadrian selbst aufnehmen, wenn einer und der andre der Stimme der Legionen versichert war. Der Augenblick war kritisch. Leicht konnte das Reich wieder in Anarchie stürzen, wie nach dem Tode des Nero. Immer scheint es rätselhaft, daß Trajan einer möglichen Katastrophe nach seinem Hinscheiden nicht längst durch eine Adoption vorgebeugt hatte, wie das von Nerva mit so glücklichem Erfolge geschehen war. Wenn er Musterung über seine Großen hielt, so konnte er nicht zweifeln, daß nur sein eigener Verwandter ihm nachfolgen dürfe. Er wußte, daß dieser eine starke Partei am Hofe besaß, und sicherer dastand als jeder andre Kronprätendent. Schwankte er noch in seinem Entschluß, Hadrian zu adoptiren, dessen unberechenbares Wesen ihm wahrscheinlich kein Vertrauen einflößte? Geliebt hat er ihn schwerlich, wenn auch die Macht, die er selbst in seine Hände legte, erkennen ließ, daß ihm keine andre Wahl übrig blieb, als diese. Gegner Hadrians, wie Laberius Maximus und Frugi Crassus, hatte Trajan exilirt und dem Palma und Celsus seine Gunst entzogen, während er jenem die höchste Auszeichnung, den Oberbefehl Syriens und des Heeres verlieh. Vielleicht zögerte er mit der Adoption, weil er sie in Rom selbst durch einen Act des Senats wollte vollziehen lassen. Jedoch seine Krankheit überraschte ihn, und der sterbende Kaiser hat dann zu Selinus den Vorstellungen der Augusta Plotina, der älteren Matidia und des Attianus, welche bei ihm waren, nachgegeben, und Hadrian wirklich adoptirt. Trajan starb am 7. oder 8. August 117. Am 9. erhielt Hadrian in Antiochia eine Adoptionsurkunde und dann wurde am 11. desselben Monats der Tod des Kaisers kund gemacht. Alsbald ist das Gerücht entstanden, daß zu Selinus ein betrügerisches Spiel durchgeführt worden sei. Dio behauptet, Hadrian sei von Trajan nicht adoptirt worden, sondern habe dem Attianus und der Liebe Plotinas sein erschlichenes Glück verdankt. Dio 69, 1. Eutrop. VIII , 6. Von seinem Vater Apronianus, welcher lange nach dem Tode Trajans Präfect Ciliciens gewesen war, will er vernommen haben, daß man den Tod des Kaisers absichtlich verhelte, bis die Urkunde geschmiedet und bekannt gemacht war. Auch Spartian kennt Gerüchte von Ränken Plotinas, die nach dem Tode des Kaisers Jemand unterschoben, der mit sterbender Stimme die Adoption ausgesprochen habe. Spart, c. 4. Ist diese Urkunde wirklich gefälscht worden? Hat die Kaiserin sich zu einem ihrer unwürdigen Betruge hergegeben? Die Frage ist streitig, aber die glaubwürdigste Ansicht wird immer diese sein, daß Trajan noch in seiner letzten Stunde in die Adoption seines Vetters gewilligt hat. Gibbon, La Berge, Dierauer, andre sind für die Fälschung. Ich stimme den Gründen bei, welche Centerwall (a. a. O. S. 52 f.) u. Duruy, ( Hist. des Rom. IV , 309) dagegen geltend gemacht haben. Haakh (Hadr. in Paulys R.E.) glaubt, daß Trajan den Gedanken der Adoption hegte, u. Merivale VII, 412, daß Plotina sie durchgesetzt habe. Adoptionsmünzen Eckhel VI, 475 f, Cohen II, 51 f. Weil Hadrian am 9. August die Urkunde empfangen hatte, ist dieser Tag sein Adoptionsgeburtstag. Erst am 11. wurde der Tod Trajans bekannt gemacht. Dieser Tag ist daher der dies imperii , der Jahrestag seiner Tronbesteigung. Die Legionen, welche er als Legat Syriens, der damals wichtigsten Provinz des Reichs, befehligte, riefen ihn in Antiochia sofort zum Imperator aus, und er beschenkte sie mit einem doppelten Donativum, was ebensosehr als ein Geständniß seiner Freude, wie seiner Unsicherheit erscheinen konnte. Hadrian nahm alsbald die Titel Trajans an, und nannte sich daher auch Gerrnanicus Dacicus Parthicus . Eckhel VI, 518. Später fallen diese Titel fort. In derselben Stunde erließ Hadrian ein ehrfurchtsvolles Schreiben an den Senat, sich entschuldigend, daß er das Imperium ohne weiteres auf den Zuruf des Heeres angenommen habe, da doch das Reich nicht ohne Kaiser bleiben könne. Er bat um die Bestätigung seiner Wahl. Dio 69, 2. Uebrigens war es rechtlich gleichbedeutend, ob das Imperium vom Heer oder vom Senat erteilt wurde. Mommsen, R. Staatsr. II, 790. Da die Asche Trajans in Selinus eingeschifft werden sollte, unter dem Geleit der Kaiserinwittwe, der Matidia Augusta und des Attianus, so begab sich Hadrian nach jenem Hafen. Das Trauerschiff ging in See, und er kehrte nach Antiochia zurück. Hier blieb er noch Monate lang, um die ganz verworrenen Angelegenheiten des Orients zu ordnen. Fünftes Capitel. Hadrian gibt die neu erworbenen Provinzen Trajans auf. Die Verhältnisse Judäas. Der Sturz des Lusius Quietus. Rom hatte jetzt einen Kaiser, welcher Trajan, dem »Beßten« der Fürsten, blutsverwandt, aber nicht geistesverwandt war. Im Staat hatte man Hadrian bisher nicht als große Persönlichkeit hervortreten sehen. Die ganze Zeit von Nerva bis zum Ende der Antonine konnte freilich keinen Mann mehr aufweisen, der mit gewaltiger Kraft die Herrschaft errungen hätte, denn der Tron wurde zum Glück des Reichs durch Adoption besetzt, und der Glanz der Kaisermacht verdunkelte jede andre Persönlichkeit. Die politische Laufbahn hatte Hadrian mit Ehren, aber ohne besondern Ruhm durchgemacht. Lorbern, wie sie die Generale Trajans erworben hatten, zierten nicht sein Haupt. Man kannte ihn als einen der geistreichsten Männer Roms, als vornehmen Herrn von feinster Bildung, mit ausgesprochener Neigung für die hellenische Cultur, anscheinend mehr geschaffen, die Welt zu genießen, als sie zu regieren. Welche Charaktereigenschaften dieser »Grieche« auf dem Cäsarentrone entfalten werde, war Niemanden bewußt, aber dies wol offenbar, daß der neue Kaiser nicht der Mann sei, um die Reichsidee Trajans mit dem Schwert in der Hand fortzusetzen. Er wandte sich schon in der ersten Stunde davon ab. Er zeigte, daß er eine andre Richtung nehmen wolle, diejenige nämlich auf die Entwicklung der inneren Blüte des Reichs ohne Kriege und Eroberungen, innerhalb fester, durch die Legionen gedeckter Gränzen, die nicht weiter in das Schrankenlose auszudehnen seien. In der Natur Hadrians lebte kein Trieb zu kriegerischer Größe. Wenn er die maßlosen Eroberungen seines Vorgängers fortsetzte, so würde er seine eigene Regierung mit unabsehbaren Kriegen begonnen und die schon stark geleerten Schätze des Reichs erschöpft haben, um am Ende den Ruhm doch nur den ehrgeizigen Generalen Trajans zu überlassen. Er entwarf das Programm seiner Friedenspolitik schon in Antiochia. Er verschmähte es, die orientalische Erbschaft seines Vorgängers anzutreten. Die neu erworbenen, aber unhaltbaren Provinzen jenseits des Euphrat beschloß er aufzugeben. Dieser Entschluß, den großen Impulsen Trajans Halt zu gebieten, war an sich von der Lage der Dinge geboten. Diese Notwendigkeit ist von Spartian c. 5 bezeichnet: Hadrian folgte dem Beispiele Catos qui Macedonas liberos pronunciavit, quia tueri non poterant . Denn noch sein Vorgänger hatte es erleben müssen, daß es leichter sei, ferne Länder zu erobern, als sie zu behaupten; er hatte ihren Abfall erfahren, und als Hadrian die Regierung übernahm, befanden sich die Mauren, die Sarmaten, die Briten in Aufruhr, und Palästina, Cyprus und Cyrene mußten beruhigt werden. Trotzdem war die Verzichtleistung Hadrians kühn genug, weil sie unrömisch erscheinen mußte. Sie beleidigte die Kriegspartei, nach deren Ansicht das Reich nur durch Ausdehnung zu einem Weltreich erhalten werden konnte. Sie erbitterte die Generale und Officiere Trajans, welche von der Fortsetzung des Krieges im Orient Ehren und Reichtümer erwarteten, und jetzt die Adler Roms wie Besiegte zum Rückzug sich wenden sahen. Hier hat Hadrian gleich bei seinem Regierungsantritt sich als Mann von selbständigem und besonnenem Geist gezeigt. Dies ist auch das Urteil Ranke's, Weltgesch. III, 285. Die Mißstimmung seiner Gegner aber spiegelt sich noch in den Urteilen späterer römischer Geschichtschreiber ab, welche den Verzicht Hadrians auf die Eroberungen seines Vorgängers dem gemeinen Neide über dessen Größe zugeschrieben haben. Eutrop. VIII, c. 6: qui Traiani gloriae invidens statim provincias tres reliquit, quas Traianus addiderat. Das Chron. Hieron. schreibt darnach Hadrianus Traiani invidens gloriae etc. Dio hat über diese ganze Angelegenheit kein Wort. Fronto ( ed. Rom. 1846 ), Principia Historiae S. 226, sagt nur Hadrianus provincias manu Traiani captas omittere maluit, quam retinere . Indeß hatte nicht schon Augustus es für zweckmäßig erkannt, die Wolfahrt des Reiches nach so vielen kriegerischen Erwerbungen nur im Zusammenhalten seines Besitzstandes zu suchen? Hatte er nicht auf die Provinz Großarmenien freiwillig verzichtet und sie dem Sohne des Artavasdes überlassen? Mon. Ancyr. C. I. L. III , 2, S. 782. Hadrian machte den Euphrat zur Gränze der römischen Herrschaft in Asien, indem er Armenien, Mesopotamien und Assyrien aufgab, und nach getroffener Uebereinkunft mit den Parthern die Legionen von dort zurückzog. Er anerkannte Kosroes als König Parthiens; den Arsaciden Partamaspates, welcher von Trajan jenem Lande zum Fürsten aufgedrungen, aber von Kosroes bereits vertrieben worden war, entschädigte er durch die Herrschaft über andre Gebiete. Denn den Einfluß Roms hat er doch in jenen Euphratgebieten zu sichern gesucht. Auch jenseits des Stromes scheinen einige Könige die Oberhoheit des Kaisers anerkannt zu haben. Unter den Münzen der mesopotamischen Fürsten Edessas findet sich eine des Abgarus mit dem Kopf Hadrians. Mionnet V, S. 613. Von allen Erwerbungen Trajans behielt Hadrian nur Arabia Peträa, weil diese neue Provinz wegen ihrer Lage an den Gränzen Syriens und Judäas, am roten Meer und in der Nähe Aegyptens von großer militärischer und commerzieller Bedeutung war. Der Aufstand der Judenvölker war bereits durch die Generale Trajans in Aegypten und Cyprus erdrückt worden. In Palästina jedoch dauerte die Aufregung fort, und hier schaltete noch mit eiserner Strenge als Statthalter Lusius Quietus. Man hat aus den Talmudisten und dem Buche Judith nachzuweisen gesucht, daß Quietus mit den Rebellen in Judäa wirklich Krieg geführt habe. Denn jenes merkwürdige Buch, die Verherrlichung des Judenvolkes und seines endlichen Sieges über die Feinde Israels, soll, wie man glauben will, aber nicht erweisen kann, in der hadrianischen Zeit entstanden sein. Ninive soll Antiochia, Judith Judäa, Nebukadnezar soll Trajan und Holofernes jenen grausamen Quietus vorstellen. Vollmar behauptet mit Eifer die geschichtlichen Beziehungen des Buches Judith auf den trajan. Judenkrieg und den Sturz des Quietus. Unter dem Polemos Schel Quitos versteht er den Krieg in Judäa. Seine jüdischen Quellen sind Midrasch zur Genesis, Bereschit Rabba c. 64 , die Chronik des Seder olam Rabba, welche kurz nach dem Kriege verfaßt sein soll. Ihm ist Grätz gefolgt (Gesch. d. Jud. 1866, IV, 132 und Note IV). Schürer, Lehrbuch der Neutest. Zeitgesch. S. 354. A. Hausrath, Neut. Zeitg. III, 374 f. – S. Derenburg ( Essai sur 1'hist. et la géogr. de la Palestine, I. part. , S. 402 f.) lehnt den trajanisch-hadrianischen Krieg in Judäa ganz ab, und so auch Renan, Les Evangiles S. 507. Die ganz unzuverlässigen talmudischen Quellen behaupten nun, daß Quietus Judäa zwar im Kriege bezwungen, aber daß der neue Kaiser seinem Wüten dort Halt geboten habe, worauf erst die Juden die Waffen gestreckt hätten, doch unter der Bedingung, den Tempel wieder aufbauen zu dürfen. Indeß keine Thatsache spricht für die Richtigkeit dieser rabbinischen Fabel, welche ein so großes Zugeständniß dem Kaiser von den Juden sogar mit den Waffen in der Hand abdrängen läßt. Nur die Friedensliebe Hadrians ist unzweifelhaft. Man darf glauben, daß ihn Gesandte auch des Synhedrin in Antiochia aufgesucht haben, um die Klagen und Wünsche ihres Landes ihm vorzutragen. Daß er aber selbst in Person von dort nach Jerusalem gereist sei, ist nicht glaublich, denn weder hatte er Zeit dazu, noch besaß Judäa nach dem Friedensschluß mit den Parthern eine so große politische Wichtigkeit, um Hadrian von allen seinen dringenden Geschäften abzuziehen. Dürr (Die Reisen des Kaisers Hadr. S. 16) will diesen ersten Besuch in Judäa, wie Pagi ( Critica in Baron. S. 121), aus einer sehr verworrenen Stelle des Epiphanius ( De mensuris c.  14) erweisen. Und doch rechnet er für Hadrians Aufenthalt in Antiochia bis zur Abreise nach Illyricum nur 2½ Monate. Nicht minder unhaltbar ist seine Vermutung, Hadrian habe damals auch Alexandria besucht. Zoega behauptet grundlos eine erste Anwesenheit des Kaisers dort vor 130. Eckhel IV, 41 f.; VI, 489 f. Aus Münzen läßt sich der von Pagi z. J. 119 angesetzte Besuch Hadrians in Alexandria nicht folgern, da sie kein Datum geben. Den Lusius Quietus aber hat er aus Palästina entfernt. Dio und Spartian haben gerade diesen Günstling Trajans als Gegenstand seines Hasses bezeichnet, und wol darf man glauben, daß der mächtige Mann sich in keinem Falle beeilt haben würde, die Proclamation Hadrians zum Kaiser anzuerkennen. Dieser nahm ihm, wie es scheint in der ersten Stunde seiner Regierung, die Legation Judäas, wie auch das Commando nicht nur über die dortigen römischen Truppen, sondern auch über sein eigenes maurisches Kriegsvolk, welches er mit sich geführt hatte. Spart, c. 5: L. Quietum sublatis gentibus Mauris, quos regebat, quia suspectas imperio fuerat, exarmavit Marcio Turbone Judaeis compressis ad deprimendum tumultum Mauretaniae destinato. post haec Antiochia degressus est ad inspiciendas reliquias Trajani. Er verbannte ihn aus Palästina. Vielleicht schickte er ihn nach Rom, um sich vor dem Senat zu verantworten, da er, wie Spartian sagt, ehrgeiziger Absichten auf den Tron verdächtig war. Nach Mauretanien aber, welches Land damals im Aufstande begriffen war, schickte er als Präfecten den Marcius Turbo, den Besieger der ägyptischen Juden, einen Mann von erprobtem militärischen Pflichtgefühl und unermüdlichem Eifer. Eckhel VI, 498 und andre (Noten zu Dio in der Ausgabe von Sturz VI, 640) glauben irrig, daß Hadrian den Quietus als Regenten nach Mauretanien geschickt habe. Es ist unbekannt, welchem neuen Statthalter Hadrian die Stelle des Quietus in Palästina gegeben hat. Marquardt (R. Staatsr. I², 420) setzt zwischen Quietus und dem späteren Rufus als Legaten Judäas den Q. Pompeius Falco, einen Freund des jung. Plinius. Doch war er dort Legat noch unter Trajan, um 109. Henzen 5451 (mit Restitution Borghesi's IV, 125), Mommsen im Hermes III, 51, und im Ind. nomin. zu Keils Ep. Plin. Borghesi VIII , 365. Waddington, Fastes des Prov. Asiatiques S. 203. Der Sturz des verhaßten Maurenfürsten, welcher vom Blute Israels triefte, konnte von den Juden, wenn auch irrig, als ein Pfand des Wolwollens des neuen Kaisers aufgefaßt werden, zumal sein unrömischer Rückzug von der Politik Trajans ihre Messiashoffnungen beleben mußte. Sie jubelten; die blutigen Siege des Quietus in Mesopotamien waren nutzlos erfochten worden, denn sie sahen ihre Brüder dort vom Joch des »Tyrannus Trajanus« erlöst, nachdem Hadrian den Besitz jenes Landes aufgegeben hatte. Der Judenwürger selbst war entfernt worden, und bald erfuhren sie sogar seinen schmählichen Tod. Sie setzten ein Fest zum Andenken der Befreiung Israels ein. Jom Trajanus, Volkmar Judith S. 40 f. Daß sie auf Hadrian im Beginne seiner Regierung mit Hoffnung und Sympathie blickten, und von ihm eine bessere Wendung der Geschicke Judäas erwarteten, lehren Stellen der sibyllinischen Bücher, worin der Dichter, vielleicht ein alexandrinischer Jude, den Nachfolger Trajans verherrlicht, den trefflichen Herrscher, der von einem Meer den Namen hat; mit ihm werde ein neues Zeitalter des Glücks für Israel und Jerusalem beginnen. Orac. Sibyll. ed. Alexander V , v. 247–285, 414–434. Grätz IV, 138. Hausrath III, 307 f. Volkmar Judith S. 104 f. Renan ( L'église chretienne S. 13) behauptet mit Recht, daß diese Weissagungen noch zur Lebenszeit Hadrians geschrieben sind. Die Talmudisten behaupten nun, daß Hadrian den Juden wirklich das Versprechen gegeben habe, ihren Tempel als nationales Heiligtum wieder aufbauen zu lassen und die von Titus zerstörte Stadt wiederherzustellen. Die Entstehung dieser Sage unter den Juden ist erklärlich; aber einem römischen Kaiser nach Titus ein solches Versprechen an verachtete Judenrebellen zuzumuten, ist ganz sinnlos, denn dies wäre gleichbedeutend gewesen mit der Anerkennung der jüdischen Nation, welche Rom aus Staatsgründen vernichtet hatte. Derselbe Hadrian hat schließlich den Mittelpunkt des Judentums für ewige Zeiten ausgetilgt, indem er auf den Trümmern Jerusalems die römische Colonie Aelia Capitolina gründete. Den Plan dazu kann sogar schon Trajan gefaßt haben. Ewald, Gesch. des Volkes Israel VII, 361. Wenigstens muß er in Verbindung mit den letzten Rebellionen der Judenvölker des Ostens und im Zusammenhange mit dem Entschlusse Hadrians gedacht werden, die parthischen Eroberungen aufzugeben. Jerusalem war die stärkste aller Festungen Syriens gewesen. Titus hatte sie zerstört, und erst Hadrian hat diese Zerstörung als einen Fehler erkannt. Sobald er die Reichsgränzen hinter den Euphrat zurückzog und von den neuen Provinzen Trajans nur Arabia behielt, mußte er darauf bedacht sein, vom Euphrat bis zum roten Meere feste Plätze zu schaffen, welche Stützen der römischen Kriegsmacht gegen die Parther, die Beduinen Arabiens und die Judenvölker werden, und zugleich als Handelsemporien dienen konnten. Die neue Blüte der Städte Baalbek, Damascus, Palmyra, Bostra, Gerasa und anderer in der Trachonitis und dem transjordanischen Lande schreibt sich in der That von der Zeit Hadrians her. Es ist unnötig darzuthun, wie wichtig hier die Lage Jerusalems war auf der Hochfläche, welche die Pässe zum phönizischen Meer, zum Jordantal, dem Asphaltsee und zu den Karavanenstraßen Arabiens beherrscht. Hadrian also faßte den Plan, Jerusalem als römische Colonie herzustellen, aber erst spät hat er ihn zur Ausführung gebracht. Von Rom empfing der Kaiser noch in Antiochia Gratulationsschreiben des Senats, welcher ihm nicht nur die Götterehren zum Gedächtniß seines Adoptivvaters, um die er gebeten hatte, bewilligte, sondern auch den parthischen Triumf an Stelle Trajans zuerkannte. Diesen lehnte er ab. Spart, c. 6. Die Partei der Opposition unter den Aristokraten, welche im Dienste Trajans groß geworden waren, konnte dem neuen Herrscher gefährlich werden. Es schien daher seinen Freunden gut, ihr sofort zu begegnen. Attianus hatte ihm schon in Selinus den Rat gegeben, verdächtige Gegner unschädlich zu machen. Als solche hatte er ihm den Stadtpräfecten Bebius Macer, den Laberius Maximus und Frugi Crassus bezeichnet. Spart, c. 5. Crassus wurde später doch durch einen dienstfertigen Procurator umgebracht. Aber Hadrian zeigte sich edler als seine Anhänger: er ging darauf nicht ein. Zu Präfecten des Prätorium machte er Attianus und Similis, einen der rechtschaffensten Männer seiner Zeit. Sechstes Capitel. Rückkehr Hadrians nach Rom über Illyricum. Krieg mit den Roxolanen. Ordnung der Verhältnisse in Pannonien und Dacien. Die Verschwörung und Hinrichtung der vier Consularen. Ankunft Hadrians in Rom, im August 118. Nachdem Hadrian den Frieden im Orient gesichert und L. Catilius Severus zum Legaten Syriens ernannt hatte, verließ er Antiochia, um nach Italien zurückzukehren. Auf die Ordnung des Orients beziehen sich wahrscheinlich Münzen bei Eckhel VI, 475. 476: Oriens – Concordia – Justitia – Pax . – Ueber Catilius Severus, einen Freund des Jüngern Plinius, und seinen Proconsulat in Asien von 117–119 Waddington, Fastes des Provinces Asiatiques S. 134. Spartian sagt, daß er seinen Weg nach Rom über Illyrien nahm. Unter Illyricum begriff man zunächst die östlichen Küsten am adriatischen Meer, doch seit Trajan das große Ländergebiet längs der Donau bis nach Macedonien, Mösien, Pannonien, Dalmatien, Dacien und selbst Rhätien und Noricum. Marquardt, R. Staatsv. I, 295. Jung, Rom. Sandsch. S. 333. Hadrian schenkte diesen Provinzen schon deshalb seine Aufmerksamkeit, weil er in Mösien als Tribun gedient, Pannonien als Legat verwaltet und in Dacien an der Seite Trajans gekämpft hatte. Die Zeit seines Aufbruchs von Syrien läßt sich nicht genau feststellen. Nur dies ist gewiß, daß von seinem Regierungsantritt bis zu seiner Ankunft in Rom ein ganzes Jahr verfloß. Deshalb erscheint die Vermutung gerechtfertigt, daß der Kaiser auf seiner Rückkehr aus Syrien einen Kriegszug gegen die Sarmaten und Roxolanen unternommen hat. Nach dem Vorgange Flemmers ( De itiner. et reb. gestis Adriani S. 2) ist das die Ansicht Dürrs, Reisen Hadrians S. 16. Sie widerstreitet den Angaben Spartians ( c. 5 ), welcher die Rückkehr über Illyricum nach Rom und jenen Kriegszug von einander trennt. Ich lege weniger Gewicht auf Euseb., der den Sarmatenkrieg ins 4. Jahr Hadrians setzt, da seine röm. Zeitrechnung unbrauchbar ist. Auch Spartian ist chronologisch ganz verworren. Gründe des Zusammenhanges der Ereignisse machen aber die Ansicht Dürrs annehmbar. Die mutmaßliche Anwesenheit Hadrians in Juliopolis am 12. Nov. 117, nach einem Brief des Kaisers an die pergamen. Epheben (Curtius, Hermes VII, 37. 38) kann indeß nicht erwiesen werden, da die geograph. Ortsbestimmung zweifelhaft ist, und die Iterationszahl der Trib. pot. fehlt, wenn Dürr (S. 24) aus den Opfern, welche die Arvalen wegen des Adventus des Kaisers auch der Victoria darbrachten, schließt, daß damit der Sieg über die Roxolanen gemeint sei, so übersieht er, daß der Senat Hadrian den parthischen Triumf an Stelle Trajans zuerkannt hatte. Wenn diese Voraussetzung richtig ist, so ist Hadrian, nachdem er seine Truppen nach Mösien vorausgeschickt hatte, durch den Hellespont und Bosporus in die Donauländer gezogen, und nach Beendigung des Feldzuges aus irgend einem illyrischen Hafen nach Brundisium gesegelt. Mösien, eine in zwei Verwaltungsbezirke geteilte kaiserliche Provinz, welche die Donau von Dacien und der Hämus von Thracien trennte, hatte für das Reich nicht geringe Wichtigkeit als Gränzland am schwarzen Meer, wo die unruhigen sarmatischen Völker vom Dniepr nach den Donaumündungen vorzudringen suchten. Sie reichte seit Nero über Tyras, die Colonie Milets, bis zu den Gebieten der bosporanischen Könige, gegen deren Angriffe die Reste der freien Griechenstädte am Nordrande des Pontus Euxinus nur durch die benachbarten römischen Truppen verteidigt werden konnten. In Trösmis deckte die 5. macedonische Legion die Donaumündung, während in Tomi und Odessus (Varna) eine kleine Flotte von Kriegsschiffen aufgestellt war. Die Roxolanen hatten damals mit den Jazygen gemeinschaftliche Sache gemacht, um in die Provinzen Mösien und Dacien einzufallen, und deshalb sah sich Hadrian gezwungen, einen Feldzug gegen sie zu unternehmen. Indeß zu einem ernstlichen Kriege ist es nicht gekommen; vielmehr scheint der Kaiser jene Barbaren durch das bloße Schauspiel seiner Heeresmacht und ihre taktische Fertigkeit – die batavische Reiterei ließ er in Waffen durch die Donau schwimmen – so geschreckt zu haben, daß sie sich unterwarfen und ihn zum Schiedsrichter ihrer eigenen Streitigkeiten annahmen. Dio 69, 6. C. I. L. III, n. 3676 : Inschr. auf einen Krieger der batavischen Kohorte, welcher die Donau durchschwommen hatte. Der Grundsatz, welchem Hadrian in seinem Verhalten zu Barbarenfürsten immer gefolgt ist, war dieser, sie nicht durch Kriegsgewalt, sondern durch Unterhandlungen zur Ruhe zu bringen. Er bewilligte ihre Forderungen, wo er sie als gerecht erkannte, und schon seit langer Zeit hatte sich die römische Regierung dazu bequemt, solchen Fürsten Pensionen zu zahlen. Der Roxolanenkönig Rasparasanus, einer dieser von Rom besoldeten Häuptlinge, hatte sich beschwert, daß ihm seine Stipendien verringert worden seien; Hadrian gewährte ihm die Fortsetzung der Zahlungen, aber er machte ihn auch für immer unschädlich. Der sarmatische König mußte um die Ehre bitten, in die Gens Aelia aufgenommen zu werden, und fortan scheint er als römischer Staatspensionar mit seiner ganzen Familie zu Pola in Istrien in der Verbannung gelebt zu haben. Inschriften aus Pola, C. I. L. V , 32: P. Aelio Rasparasano regi Roxolanorum , und 33 sein Sohn Aelius Peregrinus, welcher nicht als rex bezeichnet ist. Hier werden Roxolani und Sarmati gleichgeltend gebraucht. Hadrian verstärkte die römischen Standlager in Untermösien, aber es bleibt ungewiß, ob er dies schon im Jahre 118 oder erst später gethan hat. Münzen und Inschriften beziehen sich auf die dortige Thätigkeit des Kaisers. Advent. Moes. – Exercit. Moesiacus , Eckhel VI, 491. Eine hadr. Münze mit Aeliana Pincensia bezieht Eckhel n. 447 auf metalla in Mösien. Inschr. aus Tomi, der Metropolis von Moesia inferior: C. I. L. III, 765 add. S. 997. Trösmis (Iglitza) wurde unter Hadrian eine Lagerstadt, Renier, Rev. Arch. XII, 414. C. I. L. III, 2. n. 6166 . Nikopolis nennt sich Adrianopolis, Mionnet I, p. 359 . Mommsen, Eph. ep. III , 234. Den Namen Aelium führt Viminacium, C. I. L. III , S. 264. Mösien wurde unter seiner Regierung von Dalmatien abgetrennt und zu einem besondern Verwaltungsbezirk gemacht. Henri Cons ( La prov. rom. de Dalmatie 1882, S. 267) bezieht sich dafür auf C. I. L. III , 2829; C. I. L. III , 4115. 2828, Ehreninschrift für Hadr. aus Burnum v. J. 118. Auch mit der Ordnung der Dinge in Pannonien und Dacien jenseits der Donau war der Kaiser damals beschäftigt. Er rief den Marcius Turbo aus Mauretanien ab und übertrug ihm die zeitweilige Verwaltung dieser consularischen Provinzen, indem er ihm zugleich die Würde eines Präfecten Ägyptens verlieh, um seine Autorität zu erhöhen. Spart, c. 6. 7 . Ehreninschr. des Turbo aus Sarmizegethusa, C. I. L. III, n. 1461 . Dacien hat Hadrian, ungewiß in welcher Zeit, in zwei Bezirke ( inferior und superior ) geteilt und einem prätorischen Legaten übergeben. Im Jahr 129 erscheint als Legat in Dacia inferior Plautius Cäsianus, C. I. L. III, n. 876 . Marquardt, R. St. I, 309. Und doch hat man ihm den Plan zugeschrieben, auch diese Provinz, die wichtigste aller von Trajan gemachten Eroberungen, aufzugeben, und zur alten Donaugränze zurückzukehren. Nur die Vorstellungen seiner Freunde, daß die römischen Colonisten, welche sein Vorgänger dort in großer Zahl angesiedelt hatte, rettungslos der Wut der Barbaren zum Opfer fallen würden, sollen ihn bewogen haben, Dacien festzuhalten. Eutrop. VIII, c. 6 . Indeß ein Blick auf das so schnell romanisirte und von mehreren Legionen gedeckte Land würde hingereicht haben, Hadrian zu überzeugen, daß diese Donauprovinz als ein Bollwerk des Reichs und namentlich Italiens römisch bleiben müsse. Deshalb ist auch die Sage nicht glaublich, daß er die große Donaubrücke Trajans bei Turn Severin und Arsova, den bewunderten Bau des Architecten Apollodorus, bis auf die Pfeiler habe abtragen lassen, um die barbarischen Völker von Einfällen in die Länder am rechten Stromufer abzuhalten. Dio 68, 13. Die Brücke von 20 steinernen Pfeilern war 150 F. hoch und 60 breit. J. Aschbach, Ueber Trajans steinerne Donaubrücke in Mittheil. d. k. k. Centralcomm. d. Erforsch. u. Erhalt. o. Baudenkmale, Wien 1858, III, 197 f. Noch Aschbach glaubte an die sinnlose Fabel, daß Hadrian auch diese Brücke aus Neid gegen Trajan zerstört habe. Duruy IV, 331 bezweifelt mit Recht den Abbruch derselben. Das Werk der Colonisirung des großen Donaulandes wurde auch unter der Regierung Hadrians eifrig fortgesetzt, und das beweisen dortige Denkmäler. Die von Trajan gegründete Colonie Ulpia Sarmizegethusa (ihre Ruinen zeigt man heute bei Varhely in Siebenbürgen), die Hauptstadt Daciens und der Sitz des Augustuscultus, setzte dem Kaiser Hadrian eine Ehrenstatue, deren Inschrift seinen zweiten Consulat (118) verzeichnet. C. I. L. III, n. 1445. 1446 . Der Legat Hadrians Cn. Papirius Aelianus erbaute dort eine Wasserleitung (a. 132–133). Eine hadr. Inschrift aus Sarm. mit der Phrase cujus virtute Dacia imperio addita felix est hält Zumpt, Rhein. Mus. für Phil. 1843, S. 257 gegen Eckhel VI, 494 für echt, Mommsen für falsch. Münzen mit Exercit. Dac. und Dacia Eckhel VI, 494. Dürr S. 19 bezieht die Gründung röm. Gemeinden zu Drobeta ( C. I. L. III , 1581), Nikopolis und Viminacium auf Hadrian. Zu dessen Zeit stand bei Heviz in Dacien die Legio XIII Gemina. C. I. L. III, n. 953 . In manchen Städten Daciens erscheint der Name Aelius unter angesehenen Bürgern. Jung, R. Landsch. S. 397. Während er noch in den Donauländern beschäftigt war, bildete sich eine Verschwörung gegen seinen Tron und sein Leben. Getäuschter Ehrgeiz verführte einige der bedeutendsten Männer Roms zu dem Versuch, den Nachfolger Trajans durch eine Umwälzung zu stürzen, welche, wenn sie gelungen wäre, die Welt um das glückliche Zeitalter der Antonine würde gebracht haben. Als Häupter dieser Mißvergnügten galten die Consularen Lusius Quietus, Publilius Celsus, Avidius Nigrinus, und Cornelius Palma, der ruhmgekrönte Eroberer der Provinz Arabia. Sie vertraten die militärische und politische Schule Trajans, deren Grundsätze der neue Kaiser, ein Emporkömmling ohne Kriegsruhm und ein Günstling der Weiber, verläugnete. Diese Großen, alte Nebenbuler Hadrians, waren durch ihre Dienste wol berechtigt ehrgeizige Hoffnungen zu nähren. Wenn auch Trajan niemals den Gedanken hatte, dem maurischen Abenteurer Quietus die Nachfolge im Reiche zu bestimmen, so hatte er den kühnen Mann doch so groß gemacht, daß Hadrian ihn fürchtete und exilirte. Das Lob des Quietus bei Ammian. Marcellinus ed. Gronov. S. 619, und bei Themistius orat. 16 , S. 205 ( Dindorf ). Im besondern war Nigrinus als möglicher Tronerbe Trajans bezeichnet worden. Noch in der letzten Zeit dieses Kaisers hatte er Achaja als Proconsul verwaltet. Als proprät. Legaten zwischen 114 u. 117 bezeichnet ihn eine delphische Inschr. C. Wescher, Étude sur le monum. bilingue de Delphes , Paris 1868, p. 23 f. Seine Tochter war mit Ceionius Commodus vermält, welcher einst als Aelius Verus der Adoptivsohn Hadrians und der Vater des Kaisers Lucius Verus werden sollte. Deshalb sagt Spart, ( c. 7 ) irrig von Nigrinus, daß ihn Hadrian zu seinem Nachfolger ersehen hatte. Keiner dieser Großen stand an der Spitze trotzender Legionen, keiner hatte die Prätorianer für sich, noch den Senat, welcher im Gegenteil von den Versprechungen und Schmeicheleien Hadrians bezaubert war. Da alle thatsächlichen Umstände dieser Opposition für uns dunkel geblieben sind, erscheint sie aus der Ferne gesehen so ohnmächtig oder so sinnlos, daß es aussieht, als hätten erst die guten Freunde des Kaisers dem Mißvergnügen jener Männer den Charakter einer Staatsverschwörung angedichtet. Es hieß, daß Hadrian auf der Jagd oder beim Opfer sollte ermordet werden, und daß der Plan verraten ward. Der dienstfertige Senat beeilte sich, dem Kaiser ein Zeugniß seiner Ergebenheit abzulegen, indem er die Unglücklichen ergreifen und sofort hinrichten ließ. Palma fand den Tod in Tarracina, Celsus in Bajä, Quietus an einem ungenannten Ort auf der Reise, und Nigrinus in Faventia. Auch die Verschiedenheit des Orts ihrer Hinrichtung muß Verdacht erregen, denn entweder ergriff man die Consularen, als sie sich auf der Flucht zerstreut hatten, oder man überraschte jeden einzeln da, wo er sich eben befand. Spart, c. 7. Dio 69, 2 . Als Hadrian die Kunde dieser Vorgänge empfing, konnte er dem Senat danken, weil er ihm selbst eine Blutschuld erspart oder doch die Möglichkeit geboten hatte, solche von sich abzuwälzen. In seiner verlorenen Selbstbiographie soll er behauptet haben, der Senat habe wider seinen Willen den Tod jener Großen anbefohlen. Invito Hadriano, ut ipse in vita sua dicit occisi sunt. Spart, c. 7. Dies konnte möglich sein; unter Trajan war nur ein einziger Senator verurteilt worden, und dieser vom Senat selbst ohne Wissen des Kaisers. Eutrop. VIII, 4. Ganz besonders hat Hadrian die Blutschuld den Ratschlägen des Präfecten Attianus zugeschrieben. Spart, c. 9: quorum quidem necem in Attiani consilia refundebat. Ob aber diese Ratschläge dem Senat oder ihm selber gegeben waren, ist zweifelhaft geblieben. Spartian spricht sich darüber nicht aus, während Dio durchblicken läßt, daß er den Kaiser nicht für unschuldig hält. Die Mächtigsten der Gegner hatten ihm seine diensteifrigen Freunde hinweggeräumt, und dieser blutige Act warnte die Uebrigen. Grausamkeit lag sonst nicht in der Natur Hadrians. Er ist bis an sein Ende, wo seinem Argwohn wieder einige Große zum Opfer fielen, der humanste Fürst gewesen. Man murrte in Rom. Die ersten Männer des trajanischen Staats, vier Consularen, waren ohne Proceß hingerichtet worden. Die Aristokratie mußte trotz der Willfährigkeit des Senats tief beleidigt sein und die Wiederkehr der Schreckenszeit Domitians fürchten. Deshalb eilte Hadrian nach Rom, um die schlimme Meinung, die sich über ihn gebildet hatte, niederzuschlagen. Noch von Illyrien aus hatte er das römische Volk durch Geschenke zu gewinnen gesucht: je drei Goldstücke wurden für den Mann verteilt, und größere Wolthaten sollten über das vergossene Blut wie ein Strom hinwegfließen. Hadrian traf in Rom ein am 7. oder 8. August 118. Das Datum der Ankunft in Rom ergibt sich aus den Acten der Arval. Brüderschaft, welche verzeichnet hat, daß sie sich im Tempel der Concordia versammelt, den Kaiser Hadrian an Stelle Trajans in ihrem Verein cooptirt und wegen seiner Ankunft geopfert habe. Henzen, Acta Arval. S.  CLIII  f.; C. I. L. VI , S. 536 f. Als Consuln sind verzeichnet L. Pomp. Bassus, L . . . inius B(arbar)us . Die Begründung des Datums bei Dürr S. 21 f. – Adventsmünzen des Senats in Gold und Silber; lorberbekränzter Kopf Hadrians, Roma sitzend auf einem Panzer und Schilde, die Hand des Kaisers fassend, Eckhel VI, 476. Cohen II², n. 91: Imp. Caes. Trai. Hadr. Aug. – Adventus Aug. Pont. Max. Tr. Post. Cos. II. S. C. – Die ordentlichen Consuln in der ersten Hälfte 118 waren Hadrianus iterum und Gn. Pedanius Fuscus Salinator , Schwiegersohn der Domitia Paulina, der mit Servianus vermälten Schwester Hadrians: Borghesi II , S. 212 – L. Pomp. Bassus und sein College waren suffecti . Siebentes Capitel. Erste Handlungen Hadrians in Rom. Der große Schuldenerlaß. Dritter Consulat des Kaisers. Sturz des Attianus. Marcius Turbo wird Präfect. Tod der Matidia Augusta. Die Palilien des Jahres 121. Die Hauptstadt empfing den Nachfolger Trajans mit kaiserlichen Ehren, und er eilte vor dem Senat die Flecken auf seinem Purpur abzuwaschen, indem er seine Unschuld an dem Tode jener Consularen beteuerte. Er schwor, nie einen Senator ohne Zustimmung des Collegium bestrafen zu wollen. In senatu quoque excussatis quae facta erant juravit, se numquam senatorem nisi ex senatus sententia puniturum, Spart, c. 7. Ein solches Versprechen, welches vor ihm auch Nerva und Trajan gegeben hatten, konnte wie eine Art von Vertrag mit dem Senat angesehen werden, dessen Freiheit und Leben von der Laune der Herrscher abhängig geworden war. Mit glänzenden Festen feierte Hadrian zunächst das Andenken seines Adoptivvaters. Er hatte den ihm zuerkannten parthischen Triumf taktvoll abgelehnt. Der Triumfzug wurde abgehalten, aber auf dem Siegeswagen stand die bekränzte Bildsäule seines großen Vorgängers. Medaille Triumphus Parthicus , nach dem Tode Trajans geschlagen, Cohen II², n. 585 . Wahrscheinlich fand jetzt die feierliche Beisetzung der Asche Trajans im Postament der großen Siegessäule auf dem Forum Trajanum statt und die Versetzung des todten Kaisers unter die Götter. Cohen II², n. 658: Divo. Traiano. Parth. Aug. Patri. Ein Phönix. Hadrian selbst hatte sie vom Senat gefordert, und dieser konnte sie um so weniger versagen, als er dieselbe Ehre auf den Wunsch Trajans dem Nerva zuerkannt hatte. Auch war Trajan wirklich geliebt. Der Senat trug Hadrian nochmals den Titel pater patriae an, doch der Kaiser lehnte ihn wiederum ab. Dieser Titel, welchen zuerst Cicero erhalten hatte, war bereits ein gewöhnliches Attribut der Imperatoren geworden, aber nach dem Vorgange des Augustus pflegten sie erst eine Weile die Verschämten zu spielen, ehe sie eine Auszeichnung annahmen, welche dem Begriffe nach den höchsten Preis des Staatsoberhauptes enthielt und der That nach so oft zum Gespött geworden ist. Auch Tiberius hatte den Titel abgelehnt, und Trajan ihn erst nach einer Weigerung angenommen. Sueton. Tiber, c. 68. Tacit. Annal. I, 72. Plin. Paneg. 21. Pertinax war schon so klug, sich am ersten Tage seiner Regierung pater patriae zu nennen, Jul. Capitolin. Pertin. c. 5. Trotz der Ablehnung Hadrians gibt es Münzen und Urkunden aus seinen ersten Jahren, welche ihm dies Prädikat geben, entweder weil dasselbe nach der ersten Decretirung durch den Senat in Gebrauch kam oder, wie es sonst häufig geschah, als selbstverständlich angesehen wurde. Die Acta Arvalia geben Hadrian den Titel schon am 3. Jan. 118 vor seiner Ankunft in Rom, sodann daselbst am 7. Jan. 122. Henzen CLI., CLXIII . Einige Münzen des 1. Konsulats Hadrians haben P. P. Auf den Münzen des 2. (118) fehlt der Titel durchaus. Die Münzen des 3. (119 u. s. w.), und mehrmals ist Hadrian nicht Consul gewesen, geben den Titel, bald lassen sie ihn fort. Eckhel bemerkt dazu, daß der Titel in den Inschriften nie vor Trib. Pot. XII steht, und beweist aus zwei alexandrinischen Münzen, daß ihn Hadrian im Jahre 881 der Stadt angenommen hat. Erst im Jahre 128 hat Hadrian den Titel pater patriae und seine Gemalin Sabina den der Augusta angenommen. Dürr S. 28 f. Um sich die Liebe des Volkes wie im Sturme zu erobern, überschüttete der Kaiser nach seiner Ankunft Rom und das Reich mit einer Fülle von Freigebigkeiten, welche bisher unerhört gewesen waren. Schon zuvor hatte er, dem Beispiele Trajans folgend, das zu einer Art Steuer gewordene Huldigungsgeschenk ( aurum coronarium ), welches Städte und Provinzen den Kaisern beim Regierungsantritt zu machen pflegten, Italien ganz und den Provinzen zum Teil erlassen. Ueber das aurum coronarium Gellius V, 6. Lipsius, De magn. Rom. II, c. 50. Casaubon. zu Spartian c. 6. Auch Antoninus Pius erließ das aur. coron., Capitolin. c. 4. Nun aber setzte er das Reich durch einen großartigen Schuldenerlaß in Erstaunen. Er erließ, so berichtet Spartian, ein unermeßliches Geld, welches dem Fiscus zukam, den Privatschuldnern in Rom und Italien, aber auch in den Provinzen ungeheure Summen von den Resten, nachdem er auf dem Forum des göttlichen Trajan die Schuldscheine verbrannt hatte, um dadurch allen Sicherheit zu geben. Dio sagt: sobald er nach Rom kam, erließ er alle Schulden an den Fiscus und das Aerarium, indem er einen Zeitraum von sechzehn Jahren feststellte, innerhalb dessen dies Benificium gelten sollte. Spart, c. 7. Dio 69, 8. Das Chron. Euseb. unter d. 2. Cons. Hadrians: ‛Αδριανὸς χρεω̃ν οφειλὰς τω̃ν υπ' αυτὸν πόλεων καὶ πολιτω̃ν τω̃ δημοσίω λόγω ανηκούσας απέκοψε. Inschriften haben diesen berühmten Act verewigt, und Münzen sind darauf geprägt worden, welche einen Lictor darstellen, in der Linken einen Stab, in der Rechten eine Fackel, womit er ein auf dem Boden liegendes Bündel Syngraphen verbrennt; vor ihm stehen drei Figuren, von denen eine die Hand aufhebt. Inschr. vom Trajansforum (vom Anonymus von Einsiedeln abgeschrieben), C. I. L. VI, n. 967 . Ein hadrianisches Inschriftfragment gleichfalls vom Trajansforum im Untergeschoß des capitol. Mus. scheint sich auf denselben Erlaß zu beziehen, Nuova Descrizione del Mus. Capit. 1882, S. 48. Die bezüglichen Münzen Eckhel VI, 472. Cohen II², n. 1210  f.: RELIQUA. VETERA. HS. NOVIES. MILL. ABOLITA. S. C. Eine ähnliche Vorstellung zeigt ein vor wenigen Jahren auf dem Forum in Rom ausgegrabenes Marmorrelief. Die erlassene Schuldsumme betrug nach unserem Gelde etwa 180 Millionen Mark, und diese Freigebigkeit, nicht der Act der Liberalität selbst, war beispiellos. Schon Augustus hatte Schulden erlassen. Sueton, Aug. c. 32 . Sie beweist, wie groß die Last der Steuern durch die Kriege Trajans geworden war. Es fragt sich, wem diese Erleichterung zu gut gekommen ist. Spartian spricht deutlich nur von dem kaiserlichen Schatz, während er den Begriff der Provinzen nicht feststellt, so daß es ungewiß bleibt, ob darunter nur die kaiserlichen oder alle im Reich zu verstehen sind. Dio bezieht den Erlaß auf beide Kassen, den Fiscus und das Aerarium, und nimmt daher an, daß auch das letztere bereits dem Kaiser und nicht mehr dem Senat allein zur Verfügung stand. Aber einer solchen Ausdehnung widerstreitet die römische Inschrift, welche durchaus nur vom Fiscus redet. Es ist deshalb nicht zu erweisen, daß sich die Liberalität Hadrians auf beide Schatzkammern erstreckt hat. Hieron. sagt nur reliqua tributorum Urbis relaxavit , aber Euseb. spricht von Städten und Bürgern überhaupt, welche unter dem Kaiser standen. Scaliger ( Animadv. in Chronol. Eusebii S. 193) versteht darunter nur urbes Provinciar. Caesaris. Spanheim ( De Praest. et Usu Num. Diss. IX , 812) bezeichnet die reliqua als publica et fiscalia debita ; Tillemont ( Not. sur l'Emp. Adr. 2. 3. 892 f.) trennt einen thrésor du prince et thrésor public du prince , und gesteht seine Verlegenheit. Centerwall (a. a. O. S. 66) bezieht den Erlaß auf beide Kassen, dagegen glaubt O. Hirschfeld (Unters. auf d. Gebiet d. Röm. Verwaltungsgesch. I [1876] S. 12), daß sich der Erlaß nur auf den Fiscus bezogen habe. Peter (Gesch. Roms III, 2. 174) trennt den Erlaß der Fiscusschulden für Italien von dem der Abgabenreste ( reliqua ) für die Provinzen und erklärt in diesem Sinne die Stelle Spartians. Als Epoche nimmt er an 94–114. Der große Schuldenerlaß umfaßte die Rückstände von sechzehn Jahren. Später hat Marc Aurel diese Vergünstigung noch auf weitere 46 Jahre ausgedehnt. Dio 71, 32. Ob die finanzielle Amnestie Hadrians zu einer Revision der Schuldforderungen von 15 zu 15 Jahren geführt und so den Grund zu der Indictionenrechnung seit Constantin gelegt hat, ist ungewiß. Mommsen (R. Staatsr. II, 2. 944) behauptet es. Noris ( Annus et Ep. Syromaced. S. 174) verneint es, da der Erlaß 16 Jahre umfaßte. Die Zeit jener Schuldentilgung ist unzweifelhaft das Jahr 118, denn dies ergibt sich aus der Inschrift, welche den zweiten Consulat des Kaisers neben Fuscus Salinator verzeichnet hat. Münzen, welche den Schuldenerlaß mit dem 3. Cons. Hadrians bezeichnen, sind nur Wiederholung dieser Liberalität. Birag. 170. Offenbar stand der Gnadenact im Zusammenhange mit den Feierlichkeiten zu Ehren Trajans, da die Schuldscheine auf dessen Forum verbrannt wurden. Hadrian hat wol in derselben Zeit noch andre Acte der Freigebigkeit erlassen, wie Geldausteilungen an das Volk, Bestimmungen für die standesgemäße Ausstattung der Senatoren und die Entlastung der Provinzen von den Kosten der Reichspost. Er blieb jetzt mehr als zwei Jahre in Rom. Nachdem er seinen zweiten Consulat im Jahre 118 mit Cn. Pedanius Fuscus Salinator geführt hatte, übernahm er im folgenden die Consulwürde zum dritten Male zusammen mit dem stoischen Philosophen Q. Junius Rusticus, jedoch nur auf vier Monate bis zum Ende des April. Es sieht fast wie Mißachtung aus, wenn er seither dieses Amt nie mehr angenommen hat. Alle seine späteren Jahre sind mit dem dritten Consulat bezeichnet, und diese Laune büßt Hadrian noch heute, denn sie hat die chronologische Feststellung seiner Regierungshandlungen vom Jahre 119 ab erschwert oder geradezu unmöglich gemacht, zumal auch die Ziffer der Potestas Tribunicia meist auf seinen Münzen und Inschriften fehlt. Nur diese Gewalt, welche am Tage der Adoption zu erneuern war, hat Hadrian fortgeführt. Nach seiner Grabschrift 22mal, woraus man gefolgert hat, daß H. die Erneuerung der Pot. Trib. auf den 1. Januar verlegt habe. Aschbach, Die Consulate der R. Kaiser S. 71, nach Borghesi, Giorn. Arcad. CX , und Brief an Henzen zu Orelli 5459. Indeß scheint sie nicht am Neujahr, sondern am 10. Dec. erneuert worden zu sein: Mommsen, R. Staatsrecht II, 776 f. Dazu Dürr, Die Reisen des Kais. Hadr. S. 19, Anm. 58. Am 24. Januar 119, seinem Geburtstage, gab er den Römern Gladiatorenkämpfe im Amphitheater und warf Geschenke im Circus aus. Um die Gunst des Volks hat er sich eifrig bemüht. Plebis jactantissimus annator, Spart, c. 17. Man sah ihn Recht sprechen in den Amtslocalen der Prätoren und Consuln, im Palast, auf dem Forum, im Pantheon. Er sei, so sagte er dem Senat, nur ein Diener des Volks. Einst stellte sich ihm ein bittendes Weib in den Weg, welchem er sagte: ich habe jetzt keine Zeit; dann sei auch nicht Kaiser, rief das Weib, und Hadrian wandte sich um und gab der Bittenden ihr Recht. Dio 69, 6. Eine ähnliche Anekdote wird von Trajan erzählt, und auf sie bezieht sich Dante, Purg. Cant. X. Nichts unterließ er, was ihm den Beifall der Großen und Geringen gewinnen konnte. Er liebte keinen Prunk. Nie trat er mit glänzendem Gefolge auf. Er war allen zugänglich, nahm Einladungen willig an, und besuchte Senatoren und Ritter wie ein Privatmann. Mit Personen geringen Standes zeigte er sich liebenswürdig, und er wies diejenigen zurück, welche ihm diesen »Genuß der Menschlichkeit« durch die Erinnerung an seine Kaiserwürde rauben wollten. Spart, c. 20. Im Palast, wo er den Freigelassenen keine Herrschaft gestattete, war er mäßig, aber heiter mit den Freunden beim Mal. Seine liebste Gesellschaft waren Gelehrte und Künstler. Den Geschichtschreiber Sueton machte er zu seinem Secretär. Am nächsten hätte ihm sein Schwager Servianus stehen sollen, doch scheint dies keineswegs der Fall gewesen zu sein; denn während der ganzen Regierung Hadrians bleibt er im Hintergrunde. Er erscheint nirgend unter den Staatsmännern des Kaisers, obwol er im Jahre 134 zum dritten Mal Consul wurde. Attianus fiel in Ungnade. Hadrian hatte ihn, seinen alten Vormund, und Similis zu Präfecten gemacht, und damit beiden Männern die höchste Macht im Staat und in seinem Kabinet gegeben. Attianus war sein erster Vertrauter gewesen, und seinen Bemühungen hatte er zum großen Teil seine Adoption zu verdanken gehabt. Die gewaltsame Beseitigung der vier Consularen hatte wesentlich er veranlaßt. Jetzt aber wurde dieser Mann dem Kaiser unbequem; Cum Attiani, praefecti sui et quondam tutoris, potentiam ferre non posset. Spart, c. 9. er opferte ihn auf, nicht sowol, weil er einen Sejan groß zu ziehen fürchtete, als um jenen Hingerichteten einen Schein öffentlicher Sühne zu geben. Der Sturz seines ersten Ministers war indeß so sanft, daß er nicht ernst genommen werden konnte. Wenn die Angaben Spartians richtig sind, so wollte er ihn freilich ums Leben bringen; doch er zwang ihn am Ende nur, seine Entlassung als Präfect zu nehmen. Zur Entschädigung verlieh er ihm den consularischen Rang und die Senatorwürde, welche er als die höchste Auszeichnung überhaupt betrachtete. Nihil se amplius habere, quod in eum conferri posset – Spart, c. 8. Der Nachfolger des Attianus in der Präfectur wurde Marcius Turbo, ein General von altem Römergeist. Es wird von ihm erzählt, daß er, als ihn einst Hadrian aufforderte, sich Ruhe zu gönnen, das Wort Vespasians wiederholte: ein Präfect des Prätorium muß stehend sterben. Auch Similis, der zweite Gardepräfect, trat von seinem Posten ab. Dieser Mann aus dem Hause der Sulpicier war einer der reinsten Charaktere im damaligen Rom. Es scheint noch ein altrepublikanischer Geist in ihm gelebt zu haben, der es ihm wol unmöglich machte, einen Kaiserhof lange zu ertragen. Er hatte sein Amt nur widerwillig angenommen und legte es freiwillig mit tausend Freuden nieder, um sich dann auf sein Landgut zurückzuziehen. Dort verlebte er noch sieben friedliche Jahre. Auf sein Grab befahl er diese stoischen Worte zu schreiben. Hier ruht Similis, welcher so und so viel Jahre existirt und sieben gelebt hat. Dio 69, 19. Ueber Similis Borghesi, Oeuv. III , 127. Sein Nachfolger in der Präfectur wurde Septicius Clarus, ein Freund des jüngeren Plinius. Spart. c. 8. u. 9. Diese Vorgänge fallen in das Ende 118 oder doch ins J. 119. Ueber Sept. Clarus Plinius, Ep. I, 115; VII, 28; VIII, 1. Unmittelbar nach dem Sturz jener Günstlinge machte Hadrian eine Reise nach Campanien oder Süditalien, wo er »alle Städte« mit Wolthaten überhäufte. Spart, c. 9: Summotis his a praefectura, quibus debebat imperium, Campaniam petit. Darauf verlor er durch den Tod seine Schwiegermutter, die Augusta Matidia. Ihr Andenken feierte er mit den höchsten Ehren; der Senat erteilte ihr die Consecration. Bei ihrer Bestattung am Ende des December 119 wurden Gladiatorenspiele gegeben, und der Kaiser selbst hielt ihr eine Leichenrede, worin er ihre hohe Schönheit, ihre Seelengüte und Sanftmut pries. Ein Fragment dieser Rede ist in Tivoli gefunden worden. Mommsen, Abh. der Berl. Akad., 1863, S. 483 f. Die Consecration der Matidia verzeichnen die Arvalacten zum 23. Dec. 119. Henzen, CLVIII. Consecrationsmünzen: Eckhel VI, 471. An die Vollendung der Todtenfeier Matidias hat Spartian den Aufbruch Hadrians nach Gallien angeschlossen, d. h. den Beginn seiner ersten großen Reise; indeß scheint sich aus Münzen zu ergeben, daß sich der Kaiser noch am 21. April 121 in Rom befunden hat. Nachweis bei Dürr S. 25 f. Diese Münzen in Gold und Kupfer stellen auf der einen Seite den lorberbekränzten Kopf Hadrians dar, auf der andern eine sitzende Frauengestalt, welche mit der Rechten ein Rad, mit der Linken drei Obelisken oder Kegel umfaßt hält. Die Legende bezeichnet die im Jahre 874 Roms, am Geburtstage der Stadt (den Palilien), eingesetzten Circusspiele. Eckhel VI, 501. Cohen II², n. 162. Ann. DCCCLXXIIII. Nat. Urbis. P. Cir. Con. Mommsen ( C. I. L. I , S. 391) löst auf Natali Urbis Parilibus Circenses Constituti . Cohen ließ zweifelnd ( primum ?) circenses conetituti . Vaillant liest Populo . Das alte römische Hirtenfest der Heerdengottheit Pales am 21. April wurde schon längst als der Stiftungstag Roms betrachtet; daß aber erst Hadrian die Palilia zum Geburtsfeste des Genius Roms gemacht und auch mit diesem officiellen Namen bezeichnet hat, ist nicht sicher zu erweisen. Dürr S. 26 will das behaupten, nach Athenäus 8, 361, welcher sagt, daß seit der Erbauung des hadrianischen Tempels der Fortuna urbis die ehemals Parilia genannte Feier Romana genannt worden sei. Siehe Eckhel S. 502. Preller, R. Myth. 113, 356. Jedenfalls hat der Kaiser dieses Fest neu eingerichtet, denn jene Münzen beziehen sich ausdrücklich auf neue, von ihm angeordnete Circusspiele zur Feier des Festes der Stadt am 21. April 121, und die Vermutung, daß eben an diesem Tage der Grundstein des Tempels der Roma und Venus von Hadrian gelegt worden sei, hat viel für sich, obwol sie nicht zu erweisen ist. Flemmer S. 14 f. legt mit Recht Gewicht darauf, daß die Münze der Grundsteinlegung des Tempels nicht erwähnt, während doch auf ihn bezügliche Münzen vorhanden sind. Eckhel VI, 510. Endlich ist auch zu erwägen, daß die Münzen doch nicht zu der Annahme zwingen, Hadrian sei an jenem Tage persönlich in Rom anwesend gewesen. Achtes Capitel. Die Reisen Hadrians im Allgemeinen. Münzen, welche sie verewigen. Die ersten Jahre in Rom hatte Hadrian damit zugebracht, die Grundlagen seiner Politik und Reichsverwaltung festzustellen. Sein Tron stand gesichert da; denn den Senat hatte er durch die Achtung seiner Rechte, das Volk und Heer durch seine Liberalität gewonnen, und die große Zahl ausgezeichneter Staatsmänner, welche die Zeit Trajans hervorgebracht hatte und die er zum Teil persönlich kannte, erleichterten ihm seine Regentenaufgaben. Nun aber trieb es ihn, den Zustand der Provinzen des Reichs aus eigener Anschauung kennen zu lernen, und in langen Reisen hat er sie durchwandert. Auch Augustus hatte im Ganzen elf Jahre fern von Italien zugebracht und alle Länder des Reichs, mit Ausnahme Africas und Sardiniens, besucht, doch Hadrian hat aus seinen Reisen ein System gemacht. Sueton, Aug. c. 47: nec est, ut opinor, provincia, excepta dum taxat Africa et Sardinia, quam non adierit. Sie sind ein einziges Phänomen in der Geschichte aller antiken und modernen Fürsten. Es waren nicht Kriege und Eroberungen, die ihn in die Ferne trieben, gleich seinem Vorgänger Trajan, welchen das altrömische Princip der Ausdehnung des Reichs bis vor die Tore Indiens geführt hatte. Hadrian vielmehr hatte es gewagt, den Janustempel für geschlossen und das Römerreich in den von ihm bestimmten Gränzen für feststehend zu erklären. Vielleicht drückt dies die Münze Tellus Stabilita aus, Cohen II, n.  554 f. Ein Weib, ruhend auf dem Boden, gestützt auf einen Korb mit Früchten, den Erdball tragend; bisweilen hält sie in der Linken eine Weinrebe. War dieses die cultivirte Erde umfassende Reich nicht groß genug, um dem Ehrgeize Cäsars zu genügend und konnten nicht fortan die Kräfte des Staats für seine Erhaltung und Wolfahrt verwendet werden? Die Reisen Hadrians sind darum so merkwürdig, weil sie den Kaiser Roms in einem ganz neuen Verhältniß zum Orbis Romanus darstellen. Die Kenntniß der Welt, welche die geographischen Riesenwerke des Strabo und Plinius in der Literatur beider kosmischen Sprachen niedergelegt hatten, machte Hadrian zur persönlichen Aufgabe und That des Fürsten. Vor ihm hatte die Stadt Rom allein die Welt bedeutet, und die Provinzen waren von den Cäsaren nur als Hilfsquellen der alles verschlingenden Hauptstadt ausgebeutet worden. Erst Hadrian hat das Reich als ein einheitliches Ganzes, und alle seine Teile als einander und auch Rom gleichberechtigt angesehen. Er durchzieht die Länder als Segenstifter und Friedensbote von den Gränzen Caledoniens bis zu den Gestaden des roten Meeres, von den Säulen des Herkules am Ocean bis zur Oase Palmyra in der Wüste Syriens. Neue Städte erheben sich auf seinen Wink, und alte erneuern sich. Viele nennen sich nach ihm Hadriana und Aelia. Ueberall erscheint er ordnend und schaffend, überall läßt er Wolthaten zurück. Mit dem wandernden Herkules hat ihn vielleicht schon seine Zeit verglichen und auch in gleichem Sinne den neuen Dionysos genannt. Eckhel VI, 504. Münze mit Hercules Gaditanus . Anderes bei Flemmer S. 35. Von Hadrian als neuer Dionysos weiter unten. In seiner Natur lag etwas von dem, was dem Menschen der Renaissance des fünfzehnten Jahrhunderts angehört hat, außer der tiefen Liebe zum Hellenentum, der Drang, alles Wissenswerte zu erfassen und alles Geheimnißvolle zu ergründen. Spartian sagt von ihm, er sei so wanderlustig gewesen, daß er alles, was er von den Orten der Erde gelesen hatte, mit Augen habe sehen wollen, und Tertullian hat ihn den Erforscher aller Merkwürdigkeiten genannt. Curiositatum omnium explorator, Tertullian. Apologet, adv. gentes c. 5. Die Leidenschaft, fremde Städte und Völker kennen zu lernen, die Wissenslust eines unbefriedigten Geistes trieben den Kaiser Roms von Land zu Land, und das Bewußtsein, daß die große schöne Welt, die er durchzog, ihm selbst als ihrem Beherrscher angehörte, mußte ihm eine göttergleiche Befriedigung geben. Mit den Empfindungen eines modernen Menschen besteigt Hadrian hohe Berge, um das Schauspiel des Sonnenaufgangs und die Aussicht über Land und Meer zu genießen. Er schifft aus dem geheimnißvollen Nil und schwelgt in den Wundern der Pharaonenzeit. Er schreibt wie ein sentimentaler Reisender seinen Namen der Statue des Memnon ein. Er begeistert sich an den Denkmälern geschichtlich berühmter Städte in Hellas und Asien. Er stellt ihre Tempel wieder her. Er besucht die Gräber der Heroen in Ilium, des Pompejus in Pelusium, des Miltiades und Epaminondas und selbst des Alkibiades in Melissa. Er läßt in Trapezunt seine Bildsäule aufstellen an dem Ort, wo Xenophon und der Rest der Zehntausend wieder das Meer erreicht hatten. Er nimmt die Mysterienweihen in Eleusis. Er beobachtet mit seiner Ironie die Sitten und Religionen der Völker, und er disputirt über grammatische und philosophische Fragen mit den Gelehrten Athens, Smyrnas und Alexandriens. Aber derselbe Reisende mustert zugleich mit dem Blicke des römischen Feldherrn die Legionen an den Gränzen des Reichs; er baut riesige Wälle und Festungen und stellt die gelockerte Disciplin der Truppen her. Dio hat sogar die Reisezwecke Hadrians ganz einseitig nur vom militärischen Gesichtspunkt aufgefaßt, indem er sagt: »Der Kaiser reiste von einer Provinz zur andern, besichtigte die Länder und Städte, die Burgen und Festungen, von denen er diese an einen passenderen Ort verlegte, jene ganz eingehen ließ, andre verstärkte. Ueberhaupt richtete er seine Sorge nicht nur auf das Heerwesen im Allgemeinen, auf Waffen, Maschinen, Gräben, Mauern und Schanzen, sondern auf die Verhältnisse auch im Kleinen und auf den Charakter jedes Soldaten und Officiers. Er verbesserte die verweichlichten Sitten, er übte das Kriegsvolk in allerhand Kampfart, hier lobend, dort tadelnd, und alle lehrte er ihre Pflicht. Dio 69, 9. Seine Sorge in diesem Sinne bekunden noch Tagesbefehle und Münzen mit der Legende Exercitus und Disciplina während solche des kriegerischen Trajan nicht bekannt sind. Der militärische Organismus des Reichs war freilich die erste Bedingung seines Bestehens, und gerade weil Hadrian keine Kriege führen wollte, sicherte er den Frieden durch die sorgfältige Ausbildung der römischen Waffenmacht. Hadrian überkam von Trajan 30 Legionen. Er verlor davon in Britannien die Leg. IX , und in Judäa die Leg. XXII Dejotariana . Pfitzner, Gesch. d. röm. Kaiserlegionen, 1881, S. 94 f. Bestand der 28 Legionen S. 97. Er hat an vielen Gränzen die Lager der Legionen besichtigt und um das römische Gebiet an den bedrohtesten Stellen feste Linien gezogen, die Cultur gegen den Andrang der Barbarenvölker zu schützen. Rom war vor diesen nie sicherer gewesen, als während der friedlichen Regierung Hadrians. Er verbesserte die militärischen Einrichtungen, und was er angeordnet hatte, dauerte bis in die Zeit Constantins fort. Aber es sind auch alle andern Zweige der Verwaltung, welche der Kaiser in den Provinzen untersucht. Er macht die Allgegenwart des Fürsten zu einem neuen Princip der Monarchie, als deren erster Beamter er gelten will. Die Disciplina Augusti wird unter ihm ein Regierungsbegriff, welcher nicht allein auf das Heer Anwendung findet. Sie bedeutet die römische Cultur in feste Formen geprägt durch die Gesetze der Monarchie und die Praxis einer weisen Verwaltung. Wenn diese Disciplin fällt, wird auch Rom fallen. Ueberall schlägt Hadrian als Richter sein Tribunal auf; er bestraft schlechte Verwalter und Statthalter mit Strenge. Täuschungen gibt es für sein scharfes Auge nicht. Man hat ihm niemals das Glück seiner Untertanen in gemalten Coulissen dargestellt. Er ordnet die Finanzen der Provinzen, er gibt Verfassungen den Städten und gründet Colonien; er baut Straßen und Häfen, er fördert die Künste und Wissenschaften, wie den Handel und den Ackerbau. Die persönlichen Neigungen des Menschen vereinigten sich in ihm mit den ernsten Pflichten des Herrschers, um aus ihm jenen großen Wandrer im Kaiserpurpur zu machen, welchen Mit- und Nachwelt bewundert haben. Den Satirikern Roms, die den weibischen Luxus vornehmer Reisender zu verspotten Gelegenheit hatten, bot Hadrian keinen Stoff dazu dar, eher konnte seine spartanische Einfachheit zu Sarkasmen herausfordern. Verse des Florus: Ego nolo Caesar esse, ambulare per Britannos etc. Er reiste ohne jeden Aufwand, mit wenigem Gefolge. Dio 69, 10. Auf seinen Märschen setzte er sich den Mühsalen jedes Himmelsstriches aus, stets unbedeckten Hauptes, zu Pferde, zu Fuß; niemals hat er einen Wagen gebraucht. Oft wanderte er meilenweit, gewaffnet, wie ein römischer Infanterist, seinem Gefolge voraus, um wie Trajan den Soldaten ein Beispiel zu geben. Er teilte im Lager ihre Kost. Ein römischer Geschichtschreiber hat von ihm zu sagen gewagt, er habe alle Provinzen des Orbis Romanus zu Fuß durchschritten. Aurel. Victor, Epit. 14. Eutrop. VIII, 7. Die Freunde eines römischen Kaisers, welche man seine Begleiter ( comites ) zu nennen pflegte, haben diesen Namen niemals besser verdient, als unter ihm. Einige solcher werden als seine Reisegefährten sichtbar, wie Antinous und Verus. Ein T. Caesernius, comes in oriente Hadrians bei Renier, Inscr. rom. de l'Algérie, n. 1817 . Auf dem Nil hat ihn auch seine Gemalin Sabina mit ihrem Hof begleitet. Mit sich führte er seine Secretäre, vielleicht auch einmal den Geschichtschreiber Sueton. Statt der Soldatencohorten (nur eine geringe Zahl von Prätorianern führte er mit sich) begleiteten ihn Schaaren von Ingenieuren und Handwerkern, die er bei seinen Bauten verwendete. Die Provinzen behandelte er mit gleicher Liebe wie Rom, er zeichnete sogar Athen, die Hauptstadt des Geistes, vor der Hauptstadt der Macht aus. Er brandschatzte nirgends die von ihm bereisten Länder, wie ehedem Nero und sein raubgieriges Gefolge Hellas gebrandschatzt hatten. Er betrat die Länder des Reichs anspruchlos, wie ein vornehmer Privatmann, und verließ sie als kaiserlicher Wolthäter. Welches beseligende Gefühl mußte es für ihn sein, die Huldigungen altberühmter Städte zu empfangen und sie zugleich zu verdienen. Wie Homer vom Odysseus, so konnte Hadrian von sich selber rühmen, daß er viele Städte der Menschen und ihre Sitten kennen gelernt habe. Dio sagte von ihm: er hat so viel Städte gesehen, wie kein anderer Herrscher, und allen war er hilfreich, er schenkte ihnen Wasserleitungen und Häfen, Getreide und Geld und Bauten und vielerlei Ehren. Dio 69, 5. In unserer Zeit der Dampfschiffe und Dampfwagen bietet der Reisende Hadrian, welcher »mit ungeheurer Mühe«, doch furchtlos die unwegsamsten Teile der Welt durchzieht, einen befremdenden Anblick dar. Könige der Gegenwart können diesen Kaiser Roms beneiden, und wenn es noch eines Beweises mehr dafür bedarf, daß jenes Zeitalter zu den glücklichsten der Menschheit gehört hat, so hat ihn wenigstens für Herrscher der große Wanderer Hadrian geliefert. Er hat ohne Zweifel Aufzeichnungen von seinen Erlebnissen und Anschauungen gemacht und sie später zu seinen Memoiren benutzt. Sie sind leider verloren gegangen; nur ein Brief Hadrians aus Aegypten an seinen Schwager Servianus hat sich erhalten, und dieser zeigt wie scharf der Reisende beobachtet hat. Seine Ansicht von der Welt und den Menschen würde für uns lehrreicher sein, als eine ganze deklamatorische Literatur der Sophisten jener Zeit. Da nun die Reisen Hadrians fast die größeste Summe seiner Thätigkeit als Herrscher in sich schließen, so ist der Verlust sicherer Daten über sie beklagenswert. Die Angaben Spartians und die Auszüge des Xiphilinus aus Dio Cassius bieten nur ein Gemenge verwirrter Notizen dar, und diese Lücke kann nicht durch solche Urkunden hinreichend ausgefüllt werden, welche sich auf die Reisen des Kaisers beziehen und uns überliefert sind. Diese Urkunden sind Inschriften aus Städten und Provinzen, und vor allem zahlreiche Münzen, welche zum Andenken seines Besuches und Aufenthalts in ihnen geprägt worden sind. Unter den Münzen gibt es solche, die keine örtliche Beziehung haben, sondern nur dem Kaiser den Wunsch glücklicher Fahrt mit auf den Weg geben. Sie stellen ein segelndes Schiff dar; Hadrian sitzt auf ihm, eine Götterfigur begleitet ihn:, Delphine und Meerwesen umspielen das Schiff; auf dem Segel steht geschrieben »Glück dem Augustus«. Felicitati Aug. Cohen II², n. 655  f. Die Münzen in Gold, Silber und Kupfer aus 25 Provinzen bilden eine unschätzbare Sammlung örtlicher Denkmäler, die in dieser Weise geschichtlich nicht mehr wiederholt worden ist. Ihre zahlreichsten Klassen sind diejenigen, welche die Ankunft ( adventus ) des Kaisers in einer Provinz verewigen, und solche, die ihn als Wiedersteller ( restitutor ) eines Landes oder einer Stadt verherrlichen. Adventui Aug. Alexandriae, Asiae, Britanniae, Hispaniae, Judaeae etc. – Restitutori Achajae, Africae, Galliae etc. – Vaillant, Numismata I , 60 f. und passim in den Münzwerken. Die Classification der Reisemünzen nach Eckhel VI, 475 f. bei Greppo, Mémoire sur les voyages de 1'Emp. Hadrien, c. 2 . Es ist merkwürdig, daß hier auch Italien keine Ausnahme macht, sondern den andern Provinzen völlig gleichsteht. Adventui Aug. Italiae , auch blos Ad. Aug. S. C. – Fortunae Reduci; Italia Felix (mit Füllhorn und Lanze); Restitutori Italiae . Die Adventsmünzen stellen auf dem Revers in der Regel den Kaiser dar vor einer Frauengestalt, welche den Genius der Provinz bedeutet; dieselbe opfert an einem Altar, oder sie reicht dem Kaiser die Hand. Bisweilen vertritt den Genius eine Landesgottheit, so Isis und Serapis in Alexandria. Cohen II². 585. Auch Rom hatte mehrfach Gelegenheit, die Rückkehr Hadrians zu verzeichnen. Aber auf den Münzen, welche sich auf ein solches Ereigniß beziehen, fehlt stets der Name Roma; der Genius der Stadt ist abgebildet sitzend auf einer Waffenrüstung und dem Kaiser die Hand reichend, oder Hadrian sitzt zu Pferde, von zwei Kriegern gefolgt, während die behelmte Roma ihm einen Zweig darbietet; dahinter die sieben Hügel, und unten der Tibergott. Adventui Aug. P. M. P. P. Vaillant III , 115. Cohen II², n.  63. 64. Auf den Restitutionsmünzen sieht man Hadrian aufrecht stehend, im Begriffe ein vor ihm knieendes Weib vom Boden zu erheben. So Achaja, Cohen II², n. 445. Judaea n. 547, obwol die Bezeichnung Restitutori hier fehlt. Eckhel VI, 446. So überaus zahlreich sind die Restitutionen dieses Kaisers gewesen, daß man sie in Münzen zusammengefaßt hat, die ihn im Allgemeinen als »Wiederhersteller oder als Heiland der Welt« bezeichnen; eine Vorstellung, welche als großartiger Ausdruck des römischen Weltbewußtseins erscheinen könnte, wenn sie nicht zugleich das Zeugniß knechtischer Schmeichelei der Völker gegen ihren Despoten gewesen wäre. Denn schon Nero hatte sich auf Münzen Heiland der Welt nennen lassen. Eckhel VI, 278: τω̃ σωτη̃ρι τη̃ς οικουμένης. So gibt es auch eine Münze des Augustus mit Salus generis humani , Eckhel II, S. 108. Die Erde wird als ein erhabenes Weib dargestellt, die Mauerkrone auf dem Haupt, auf den Knieen die Weltkugel haltend; der Kaiser hebt dies unterwürfige Weib empor. Restitutori Orbis Terrar . Cohen II, n. 1285. Seitenstück dazu Tellus Stabilita n.  1425. 1429. Die Erde mit Füllhorn, vor ihr der Globus und 4 Kinder, die Jahreszeiten. Aehnlich die Münze Temporam Felicitas . Aehnlichen Sinn hat eine Münze mit der schönen Legende »Goldenes Zeitalter«; ein halbnackter Genius steht in einem Kreise, welchen er mit der Rechten berührt, während er in der Linken die Weltkugel hält, und auf ihr sitzt der Vogel Phönix. Saec. Aur. P. M. Trib. P. Cos. III. Vaillant II, 148. Diese ausgezeichnete Münze kann immerhin lehren, daß jenes hadrianische Zeitalter sich seines Glückes unter den Segnungen des Friedens bewußt war. So sind auch die Münzen, welche die Freigebigkeit Hadrians bezeichnen, großartig verallgemeinert in einer, die ihn den »Bereicherer der Welt« nennt. Locupletatori Orbis Terr. Cohen II, n. 950. Wie viele Orte der Kaiser besucht und mit Wolthaten beglückt hat, lehren die ihm zu Ehren geprägten Städtemünzen, wenn sie auch nur selten bestimmte Thatsachen erkennen lassen. Zusammengestellt von Vaillant, Numismata alia Imperator. – in coloniis, municipiis – Hadrianus , S. 153 f. Dazu kommt die Reihe solcher, die sich auf die Musterung der Truppen in einzelnen Provinzen beziehen; der Kaiser sitzt vor Kriegern zu Roß, oder er redet sie von einer Bühne herab an. Exercitus , mit dem Zusatz der Provinz. Disciplina Aug. und Decursio . Eckhel VI, 500 f. Cohen II, n. 563 f., 589 f. Nun aber ergibt sich für die chronologische Benutzung der hadrianischen Münzen im Allgemeinen der Uebelstand, daß sie nicht dem Jahre angehören, in welchem der Kaiser die betreffenden Provinzen besucht hat; sie sind vielmehr meist später, und sogar in Rom vom Senat geprägt worden. Außerdem fehlt ihnen fast immer die Iterationszahl der tribunicischen Gewalt: sie sind nur mit dem dritten Consulat des Kaisers (im Jahre 119) gezeichnet, und weil Hadrian nach diesem keinen andern mehr geführt hat, so geht der dritte Consulat bis zu seinem Tode fort, und die Zeitbestimmung wird dadurch unmöglich. Die Reisen Hadrians lassen sich daher nur epochenweise und selten für einzelne Jahre chronologisch feststellen. Alle Versuche, dies mit Hilfe von Urkunden und der sparsamen historischen Nachrichten zu thun, sind seit Scaliger und Pagi, seit Tillemont und Eckhel bis auf unsre Gegenwart ohne befriedigenden Erfolg geblieben. Die Reisen Hadrians haben besonders behandelt J. M. Flemmer, Comment. de itinerib. et reb. gestis Hadriani Imp. Havniae 1836; J. G. H. Greppo, Mémoire sur les voyages de l'Emp. Hadrien, Paris 1842, endlich J. Dürr, Die Reisen des Kaisers Hadrian, Abhandl. des Arch.-Epigr. Seminars der Univ. Wien, 1881. Diese Monographie ist aus dem in den letzten Decennien so stark erweiterten Urkundenmaterial sorgsam hergestellt, und deshalb eine schätzbare Bereicherung dieses speciellen Forschungsgebietes. Hoffentlich ist sie der Vorläufer einer ausführlichen Arbeit über die Reichsverhältnisse unter der Regierung Hadrians. Neuntes Capitel. Reise Hadrians nach Gallien und Germanien bis zu den Donauländern. Die Verhältnisse dieser Provinzen. Im Jahre 120 oder 121 verließ Hadrian Rom, um seine erste große Kaiserreise anzutreten. Sie galt dem europäischen Westen. Von den beiden Hälften des Reichs waren die abendländischen Provinzen, Italien und Spanien abgerechnet, erst seit Julius Cäsar römisch geworden, also ein Erwerb der Monarchie. Diese für die Römer geschichtlosen und barbarischen Länder der Celten, Sarmaten und Germanen von den Alpen zur Donau, und von Gallien bis nach Britannien konnten weder durch die Schönheit ihrer Natur, noch durch die Bedeutung ihrer Städte die Reiselust des Kaisers reizen. Es waren daher sehr ernsthafte Zwecke des Fürsten, die ihn bestimmten, sie zu allererst zu besuchen. Hadrian erkannte wol, daß die Schicksale Roms nicht im Orient, wohin Trajan zuletzt seine Richtung genommen hatte, sondern im germanisch-celtischen Abendlande festzustellen seien, und in Wahrheit hat die Geschichte den Römern gezeigt, daß der Fortbestand ihres Reichs nicht von den Ereignissen am fernen Euphrat, sondern von denen an der Donau und dem Rhein abhängig sei. Die Achillesferse Roms lag dort in der Nähe Italiens, und Britannien selbst war als das äußerste römische Bollwerk anzusehen, welches den Eroberungsdrang celtischer und germanischer Völker vom Meer her zügeln sollte. Zuerst ging Hadrian nach Gallien, wir wissen nicht, auf welchem Wege, und ob von seiner Gemalin Sabina begleitet, oder nicht. Denn Spartian fertigt diese gallische Reise mit ein paar Worten ab. Münzen verzeichnen die Ankunft des Kaisers. Eckhel VI, 494. Er wird in Massilia ans Land gestiegen sein. Diese berühmte Colonie der Phokäer war noch immer eine freie mit Rom verbündete Stadt von durchaus griechischer Verfassung und Cultur. Sie glänzte durch ihre wissenschaftlichen Schulen und blühte durch den ausgedehnten Mittelmeerhandel. Daß Hadrian auf der Rhone schiffte, scheint eine Inschrift der Schiffer dieses Stromes darzuthun. Hadriano Aug. P. M. Tr. Pot. III. Cos. III. N(autae) Rhodanici Principi Indulgentissimo , aus Tournon, Flemmer S. 12. Greppo S. 85. Gallien, bereits ein blühendes, reiches Land, bestand zu jener Zeit aus vier Provinzen, nämlich Narbonensis, welche der Senat verwaltete, Aquitania, Lugdunensis und Belgica, die von prätorischen Legaten des Kaisers regiert wurden. Lugdunum (Lyon) war die Hauptstadt dieser drei letzten Verwaltungsbezirke, und dort stand der Altar der Roma und des Augustus, das Symbol der römischen Staatsmacht und des Kaisertums, welchem die unterworfenen Völker göttliche Verehrung bezeugen mußten. Nach Strabo 192 enthielt der Altar die Namen von 60 Völkerschaften, und jede war durch eine Bildsäule dargestellt. Dort versammelte sich jährlich am 1. August der gallische Landtag. Mächtig hatten sich andre Städte entwickelt, wie Narbo, Nimes, Arles, Bordò und Toulouse. Lutetia (Paris), wohin schon Julius Cäsar einmal einen Landtag der Gallier berufen hatte, war schon ein lebhafter Handelsplatz. Der Name Παρίσιοι ist schon dem Strabo bekannt (194). Das ganze Land bis Trier hinauf stellte sich als Grundlage römischer Cultur so fest, daß es später nach dem Falle des Reichs den Kern des neuen Europa bilden konnte. Wir wissen nicht, welche Einrichtungen Hadrian in dem wolgeordneten Gallien getroffen hat; der Titel des »Wiederstellers«, der ihm auf Münzen gegeben wird, kann sich auf das Recht der Latinität beziehen, welches er der Provinz Narbonensis und andern Teilen Galliens verliehen hat. Zumpt, Comm. Ep. I, c. 6 , S. 410. Er führt als von Hadrian mit neuem Recht begabte Städte an: Aquae Sextiae, Avenio, Cabellio, Nemausus, Tolosa, Acusium, Mantuna, Reii, Ruscino, Apta Julia. Von dort begab er sich nach Germanien. Auf dieses zum größesten Teile noch in geschichtlosem Dunkel liegende Land mit seinen Völkern voll Naturkraft und Freiheitsliebe hatte eben erst Tacitus Rom wieder aufmerksam gemacht. Die Kaiser waren sich stets der Gefahr bewußt, welche von dort her dem Reiche drohte. Schon Cäsar hatte das Rheinufer erobert, um dadurch Gallien zu decken. Augustus wollte Germanien bis zur Elbe besetzen und dort eine eigene Provinz schaffen; doch sein Plan wurde nicht ausgeführt, und die Niederlage des Varus hatte zur Folge, daß Rom die meisten Festungen östlich vom Rhein verlor, bis Domitian die Gränze dort wieder vorschob. Das römische Rheingebiet zerfiel seither in die Bezirke Germania superior und inferior welche von consularischen Legaten befehligt wurden. In Obergermanien war das feste Mainz (Moguntiacum) die Hauptstadt und der Sitz des militärischen Statthalters. Andre Orte, wie Worms (Borbetomagus), Speier (Spira), Straßburg (Argentoratum) und Augusta Rauracorum (Basel) blüheten empor. Straßburg, erst von Ptolemäus genannt, wurde Centrum der Straßen, welche aus Pannonien, Rhätien und Italien in das östliche und nördliche Gallien führten. Mannert II, 1, S. 227. Ostwärts vom Rhein und nördlich von der Donau umfaßte Obergermanien die von römischen Colonisten bebauten decumatischen Landschaften, deren Entwicklung zur Kaiserzeit noch heute Inschriften und Ruinen von Baden bis Tübingen und zum Odenwald bezeugen. Uckert III, 1, S. 267 f., 286 f. Der Name Decumates agri findet sich nur bei Tacitus, Germ. 32. Trajan hatte dort Straßen gebaut und Castelle angelegt; seine größte Schöpfung war Baden-Baden. Franke, Gesch. Trajans, S. 59. Zu Obergermanien gehörte auch das helvetische Gebiet, worin nicht minder die römische Cultur unter dem Schutze des Limes oder Grenzwalles gedieh. Mommsen, Die Schweiz in röm. Zeit, S. 11. Dagegen überschritt Untergermanien, das batavische Land am Niederrhein, zur Zeit Hadrians kaum noch diesen Strom. Sein Hauptort, die ehemalige Stadt der Ubier, war Colonia Agrippina (Cöln), wo ein Altar des Augustus, die Ara Ubiorum , die unterworfenen Germanen östlich des Rheins daran mahnte, daß sie Knechte Roms und des göttlichen Kaisers seien. Die Entstehung und Einrichtung dieser beiden germanischen Provinzen ist noch nicht hinreichend aufgeklärt. Sie scheinen bis auf Constantin keine selbständige Verwaltung gehabt zu haben, sondern nur große Militärbezirke unter den in Mainz und Cöln stehenden Legaten der dortigen Heere gewesen zu sein, während sie, als zu Gallien gehörig, vom Procurator der Provinz Belgica verwaltet wurden. Ueber diese von Fechter aufgestellte, von Mommsen erneuerte Ansicht (sie stützt sich auf Strato, Plinius und Ptolemäus) O. Hirschfeld, Die Verwaltung der Rheingränze in den ersten 3 Jahrh. der röm. Kaiserzeit ( Comment. Momms. S. 434 f.). Marquardt (R. St. I², 273) schreibt dem Kaiser Tiberius ( a.  17) die Einrichtung der beiden Germanien als militär. Provinzen zu, die aber zu Gallia in dems. Verhältniß gestanden, wie später Numidia zu Africa, indem sie zur Verwaltung des legatus Belgicae gehörten. Siehe ferner C. Hübner, Der röm. Grenzwall in Germanien, Jahrb. des Ver. für Alterthumsfr. im Rheinlande LXII, 41. Im 1. Jahrh. heißen die dortigen Militärcommandanten legatus exerc. superioris oder inferioris , im 2. schon legatus pro praetore Gerrnaniae sup. oder inf. , und leg. imp. Caesaris Antonini Aug. Pii, pro praet. German. superioris et exercitus in ea tendentis . – Jung, R. Landsch., S. 195 f. Hadrian durchzog das römische Gebiet Germaniens und besuchte die Standquartiere der Legionen und die Kolonien. Spartian hat dieser Reise des Kaisers ein ganzes Capitel gewidmet, aber wenig mehr darin bemerkt, als seine Bemühungen um die Disciplin des Heeres. Seit Octavian standen in beiden Germanien die römischen Kerntruppen, zuerst acht Legionen, dann ihrer weniger. Pfitzner S. 136 führt von a. 107–120 in Germania superior auf die legio VIII Aug., XXII Primigenia ; in Germ, infer. I Minervia, VI Victrix, XXX Ulpia . Hadrian fand die Kriegszucht verfallen; er entfernte aus den Lagerplätzen alles, was die Soldaten verweichlichte. Er bekümmerte sich um ihre persönlichen Verhältnisse, besuchte ihre Hospitäler und sorgte für ihr Wol, aber er ahndete strenge die Fahnenflucht und untersagte die Mißbräuche des Verkaufs des Urlaubs durch die Officiere. So verfuhr er in allen andern Provinzen. Wir besitzen Tagesbefehle von ihm, und eine Reihe von Militärdiplomen, worin er ausgedienten Kriegern die Civität und das Recht des Connubium erteilt hat. Den Veteranen gab er das Recht über das peculium castrense , ihr im Kriegsdienst erworbenes Vermögen zu testiren. Instit. lib. II, Tit. XII . Renier, Recueil de Diplomes militaires, Paris 1876. Privilegia militum etc. C. I. L. III , 2, S. 843 f. Ein Kriegsfürst ohne Kriege wurde er vom Heere geliebt, und nie hat ihn Furcht vor einer Empörung der Legionen gequält. Er sorgte auch für die Ordnung der Finanzen der germanischen Länder. Seine Münzen tragen nur einfach den Namen Germania und Exercitus Germanicus . Das Land ist als ein Weib mit Speer und Schild dargestellt. Auf den Heeresmünzen sieht man den Kaiser zu Pferde, die Soldaten anredend. Eckhel VI, 494. Es gibt aber keine hadrianische Advents- und Restitutionsmünzen für Germanien, und dieser Mangel unterstützt, wenn auch nicht mit Sicherheit, die Ansicht, daß Germania inferior und superior noch nicht ein eigenes Verwaltungsgebiet ausmachten, sondern Belgien zugeteilt waren. Nicht geschichtliche Kunden, wol aber Gründe der Wahrscheinlichkeit sprechen dafür, daß die Fortsetzung des schon von Domitian begonnenen Limes das Werk Trajans und Hadrians gewesen ist. Diese riesigen Befestigungslinien von 60 Meilen Länge, deren Reste man heute Teufelsmauer oder Pfahlgraben nennt, umschlossen die Agri decumates von Kehlheim an der Donau über den Main bis an die Mündung der Lahn in den Rhein. Sie sicherten beide Germanien und das nördliche Rhätien als Gränzmarke des Römerreichs gegen den Einbruch der freien Germanen vom Osten her. Weil Hadrian einen ähnlichen Wall in Britannien errichten ließ, darf man ihm auch die Vollendung jenes deutschen zuschreiben, um so mehr als Spartian von mehreren hadrianischen Linien dieser Art redet. Spartian. c. 12 . K. Arnd, Der Pfahlgraben nach den neuesten Forschungen 1861, und die betreffende Literatur bei E. Hübner, Der röm. Gränzwall in Germanien, Jahrb. des Vereins für Alterthumsfr. i. Rheinl. 1878, Heft 63. Nach ihm soll Hadrian auf Grund des Limes die beiden Germanien von Gallien abgetrennt haben. Siehe auch D. Hirschfeld a. a. O. Die starken Wälle hatten den Erfolg, daß die deutsche Gränze lange Zeit ruhig blieb. Erst unter den Antoninen haben sich die Katten und dann die Markomannen wieder geregt. Die Reise Hadrians in Germanien überhaupt mußte wolthätig für die Rheinlande sein, und seit Tacitus wurden durch sie wieder mehr Kunden über diese Mitte Europas verbreitet. Aber jenseits des Limes lag die unbezwungene Germania magna des Ptolemäus mit ihren kaum dem Namen nach bekannten Völkern. Nach der Angabe des Spartianus hat Hadrian einem dieser Stämme einen König gegeben, und dies setzt voraus, daß auch dorthin die römische Regierung ihren Machteinfluß erstreckte, aber sich zugleich bequemte, Subsidien an Häuptlinge der Barbaren zu zahlen. Doch konnte dies nur an den Gränzen des römischen Gebiets geschehen. Denn das innere Germanien blieb den Römern verschlossen. Tiefstes Dunkel bedeckte noch die waldigen Länder bis zur Oder und Weichsel, deren Völkerschaften noch auf der Karte des Ptolemäus ungewisse Namen tragen, während die Orte, welche der berühmte Geograph vermerkt hat, nicht Städte, sondern Gegenden bezeichnen. Kiepert, Lehrbuch der alten Geographie I, 465. Zur Zeit Hadrians schlummerte die germanische Volkskraft der Gothen, Vandalen, Langobarden und Sachsen in undurchforschten Landgebieten, welche vom Römertum selbst während seiner größesten und furchtbarsten Macht unberührt geblieben sind. Auch nicht ein Tacitus konnte die Bestimmung jener düsteren Wildnisse ahnen. Gallien jenseits des Rheins wurde reich durch die oceanische Lage, durch günstigere Bedingungen der Natur und den frühen Besitz der römischen Bildung:, Germanien diesseits des Stromes blieb zur Armut und zu langer Barbarei verurteilt, aber es hielt seine mächtige Ursprache und seine Stammesnatur fest. Es trat erst in die Weltgeschichte ein, nachdem seine wandernden Völker das römische Reich zerstört hatten. Es nahm die römische Cultur erst durch die Vermittlung des christlichen Rom auf, und setzte dann den Weltgedanken des Reichs wieder fort, als auf den Trümmern der Kaiserherrschaft der Hohepriester des Christentums seinen Tron errichtet hatte. Die Reformation der Kirche wäre wol nicht entstanden oder nicht durchführbar gewesen, wenn das ganze Germanien, wie Gallien und Spanien, eine römische Provinz geworden wäre. Bei seinem ersten, sicherlich nicht kurzen Aufenthalt in Germanien hat Hadrian wahrscheinlich auch die Provinzen Rhätien und Noricum, und selbst Pannonien besucht. Flemmer und Dürr glauben das mit Recht, weil sich keine passendere Zeit dafür finden läßt. Siehe die von Flemmer S. 17 f. beigebrachten Münzen Exer. Noricus, Rhaeticus , und bei Dürr S. 35 die von H. begünstigten oder geschaffenen Städte Aelia Ovilava, Cetium, Vindobona, Carnuntum, Brigetio, Aquincum, Solva, Abudiacum. Augusta Vindelicorum (Augsburg, ein von Augustus gegründeter vicus , beim Ptolemäus ein oppidum ) war keine Colonie, wurde aber von Hadrian zur Stadtgemeinde gemacht, und nahm den Namen Aelia an. C. I. L. III , S. 711. – Zumpt lehnt die Hadrian zugeschriebene Colonie Juvavum (Salzburg) ab, Comment Ep. I , 417. Siehe auch Mommsen C. I. L. III , 2, S. 669. Von diesen zum Teil celtischen Donauländern, welche zuerst Claudius geordnet hatte, wurden Rhätien und das »Königreich« Noricum von kaiserlichen Procuratoren regiert, ohne viel Aufwand von Truppen, während Pannonien unter einem consularischen Legaten des Kaisers stand, und als östliches Bollwerk zwischen der Donau und den Alpen von höchster militärischer Wichtigkeit war. Es hatte deshalb eine starke Besatzung. Im oberen Pannonien galt es, die Donaulinie besser zu befestigen, das geschah in Mursa, nicht weit vom Einfluß der Drau in jenen Strom; diesen Ort (das heutige Esseg) machte Hadrian als Aelia Mursa zur Colonie; ferner in Aelium Aquincum (Alt-Ofen), welches seit Hadrian ein Municipium war. Weiter hinauf deckten die Donau Brigetio, Aelium Carnuntum und Vindobona, die Vorgängerin Wiens, wo die 10. Legion Gemina lag. Mursenses Conditori Suo C. I. L. III, n. 3279. Aelia Mursa III , S. 423. Aquincum 439. Nach Mommsen, Die römischen Lagerstädte (Hermes 1873, S. 323), hat wahrscheinl. Hadr. den Canabae der 3 großen Lager an der mittleren Donau Carnuntum (Petronell), Aquincum und Viminiacum (Kostolat) Stadtrecht verliehen. Im oberen Pannonien scheint Hadrian das Gebiet von Noviodunum zu dem Alpenlande der Carni oberhalb Aquileja geschlagen, mit Italien vereinigt und mit dem Bürgerrecht beschenkt zu haben. C. I. L. III, n. 3915 : Ehreninschrift für Hadrian der Aelii Carni Cives Romani ; dazu Mommsens Noten, S. 498. Der Kaiser kehrte von der Donau nach dem Rhein zurück. Da ein Forum Adriani in der Nähe von Lugdunum Batavorum von ihm den Namen trägt, so ist es glaublich, daß er damals vom untern Rhein nach Britannien in See gegangen ist. Das hat Greppo S. 71 aus der Peuting. Tafel bemerkt. Siehe auch Flemmer S. 19. Dürr S. 36. Zehntes Capitel. Hadrian in Britannien. Er geht über Gallien nach Spanien, und nach Mauretanien. Britannien war noch nicht seit lange unter die Herrschaft Roms gebracht worden. Der erste römische Feldherr, der dieses Land betreten hatte, war Julius Cäsar gewesen. Darauf wurde unter Claudius im Jahre 43 die Eroberung der Insel versucht, und die Colonie Camalodunum gegründet. Seine Nachfolger setzten die Unternehmung fort. Die Namen Paulinus Suetonius, Cerealis und Agricola glänzen in diesen kühnen und schwierigen Feldzügen, deren Ergebniß die Unterwerfung des britannischen Landes bis an den Clyde war. Agricola führte zwischen den Meerbusen des Clyde und Forth einen festen Wall auf, und diese Linie von dem heutigen Glasgow nach Edinburg war überhaupt die nördlichste Gränze, welche die Römer in Schottland erreicht haben. Nerva und selbst Trajan scheinen den Eroberungskrieg jenseits Northumberland aufgegeben zu haben. Unter Trajan war York (Eburacum), der ehemalige Hauptort der kriegerischen Briganten, die Hauptstadt der Provinz, der Sitz des Statthalters und Mittelpunkt der römischen Straßen. In der letzten Zeit jenes Kaisers und der ersten Hadrians befand sich das Brigantenvolk im heftigen Aufstande, und die Römer erlitten blutige Verluste. Spart, c. 5: Britanni teneri sub romana ditione non poterant. Fronto, de bello parthico , S. 144: Quid? avo vestro Hadriano imperium obtinente quantum militum a–Britannis caesum. Hadrian schickte daher nach Britannien Truppen und Generale, den M. Mänius Agrippa und den T. Pontius Sabinus. Die Inschrift bei Henzen-Orelli 804 nennt den Agrippa electum a Divo Hadriano et missum in exped. Britarmicam tribun. cohortis I Hispanor. equitatae. Darauf ist derselbe praefectus classis Britanniae und procur. prov. Brit. In Bezug auf ihn C. I. L. VII, n. 379–382 . – Sabinus wurde wol gleich nach dem Regierungsantritt Hadrians nach Britannien geschickt. Bull. d. Inst. 1851, S. 136. Er führte nach Britannien Reiterei der leg. VII Gemina, VIII Augusta, XXII Primigenia . Henzen 5456. Pfitzner S. 92. 246. Hübner (Hermes 1881, S. 547). Die 9. Legion, welche in York stand, wurde in dem Kriege aufgerieben, so daß sie durch die 6. Victrix aus Castra Vetera am Niederrhein ersetzt werden mußte. Hübner, C. I. L. VII zu n. 241, nach Borghesi IV, 115, und im Hermes 1881, S. 546. Henzen 3186. Der Aufstand wurde indeß bewältigt, wie es scheint, ehe Hadrian selbst die Insel betrat, denn nichts beweist seine persönliche Teilnahme an diesem Kriege. Die Verse des Florus: Ego nolo Caesar esse, ambulare per Britannos bezieht Hübner ( C. I. L. VII , S. 100) auf die britannische Exped. Hadrians, doch dem widerstreitet der Begriff ambulare . Florus meint nur die Reisen in unwirtliche Länder überhaupt, und so wählt er Britannia als ultima Thule . Eutrop. 8, 3 sagt von Hadrian: pacem omni tempore imperii sui habuit und nur einmal habe er durch einen Legaten Krieg geführt. Pfitzner S. 91 glaubt, daß der einzige von H. persönlich geführte Krieg der britannische gewesen sei, aber er beweist es nicht. Die Inschrift 806 bei Orelli, wo Hadrian Britannicus heißt, ist unecht. Es bedarf keiner Erwähnung, daß die Expeditionsmünzen (bei Cohen II, n. 589–593), wo H. in militärischer Kleidung zu Pferde mit oder ohne Lanze dargestellt ist, nicht seine Anwesenheit in einem Kriege darthun können. Münzen haben die Ankunft des Kaisers in Britannien und seine Musterungen der dortigen Truppen verzeichnet, doch seine Restitutionsmünzen fehlen für dieses Land wie für Germanien. Eckhel VI, 493. Adventui Aug. Brit. – Exerc. Britannicus. C. I. L. VII, n.  498, verstümmelte Inschrift aus der Militärstation Segedunum, wie es scheint, eine lobende Anrede Hadrians an das britische Heer. Da er sich überzeugte, daß der Gränzwall des Agricola nicht zu halten sei, beschloß er ihn südwärts zurückzulegen und die römische Cultur von der Barbarei der Caledonier durch eine unübersteigliche Schutzwehr zu scheiden. Für diese Abgränzung der Provinz konnte keine bessere Linie gefunden werden als jene zwischen Carlisle und Newcastle von Meer zu Meer. Dort steht noch heute der Pictenwall, der Ueberrest des hadrianischen Riesenwerkes, des Seitenstücks zu dem germanischen Limes. Dieses staunenswürdige System von Festungen wurde im Jahre 122 begonnen. Inschriften beweisen, daß dasselbe unter Hadrian durch den Legaten Aulus Platorius Nepos von der 2. Legion aufgeführt wurde; aber auch die 6. Victrix und 20. Valeria Victrix haben daran gearbeitet. C. I. L. VII, n. 660–663. 713, und Hübner, ibid. , S. 100. Platorius Nepos war noch a.  124 Legat in Brit., Renier, Rec. d. dipl. milit. n.  25, v. 18. Oct. 124. Vor ihm war es wol Q. Pompejus Falco, Waddington, Fastes des prov. Asiat. S. 203. In Britannien blieben unter Hadr. 3 Legionen: II Augusta, VI Victrix, XX Valeria , Pfitzner S. 97. Der Wall hatte in der Länge 80 römische oder 16 geographische Meilen und reichte von der südwestlichen Spitze des Solwaybusens bis zur Mündung des Tyne, ohne eine gerade Linie zu beschreiben. Mannert II, 2, S. 67 f., 119 f. Die Befestigung bestand aus einem inneren oder südlichen Erdwall mit Gräben, und einer äußeren nördlichen Mauer mit vielen Türmen und etwa 80 kleinen Castellen. Zwischen dem Wall und der Mauer, größtenteils an diese angelehnt, lagen 17 große Castelle oder befestigte Lager, die eine gepflasterte Militärstraße von Meer zu Meer mit einander in Verbindung setzte. Eines derselben, pons Aelius , das äußerste am östlichen Meer, wo eine Brücke über den Tyne ging, beweist schon durch seinen Namen die hadrianische Anlage. Derselbe hat sich später in Rom wiederholt in der berühmten Brücke, die zum Grabmal des Kaisers führte. Die 17 Castelle (ihre Namen in der Notitia ) hat Hübner a. a. O. nach den Gruppen dort gefundener Inschriften zusammengestellt. Alle Namen sind ursprünglich britisch bis auf pons Aelius und Petrianae (von einer Cohorte genannt). In den Ruinen des Castells Proclitia hat man viele Münzen, darunter Hadrians und der Sabina gefunden, aber keine vorhadrianische. Siehe J. C. Bryce in Comment. Philol. , Berlin 1877, S. 739. Ueber den Wall selbst Bryce, The Roman wall etc. 3. edit., London 1877. – Hübner, Deutsche Rundschau 1878, 7. Heft. Nach einem Versuche des Antoninus Pius, zur schottischen Linie des Agricola zurückzukehren, wurde der Wall Hadrians von Septimius Severus als Gränze festgehalten. In seinem Schutze entwickelte sich die römische Cultur Britanniens mit immer größerem Erfolge, und schon Juvenal hatte den Römern mit der Vorstellung schmeicheln können, daß sogar die Briten einen öffentlichen Rhetor zu besolden im Begriffe seien. Juvenalis XV , 112. Zwei Militärcolonien Glevum und Eburacum hat dort Hadrian erneuert. Zumpt, Comm. Ep. I , 415. Londinium, im Jahre 61 zerstört, war wieder hergestellt worden. Londinium – cognomento quidem coloniae non insigne, sed copia negotiatorum et commeatuum maxime celebre, Tacit., Annal. XIV , 33. Die Römer legten das Siegel der Geschichte auf das merkwürdige Inselland ohne zu ahnen, daß einst eine Zeit kommen werde, wo hier, nach der Verschmelzung der Celten, Lateiner und Germanen eine Handelsmacht erwachsen sollte größer als die Karthagos, und ein Weltreich an Umfang und Völkerzahl größer als das römische. Es war in Britannien, wo der Kaiser mehrere angesehene Männer, unter denen Spartian nur den Präfecten des Prätorium Septicius Clarus und Suetonius genannt hat, mit seiner Ungnade bestrafte. Er hatte erfahren, daß sie mit seiner Gemalin in vertraulichere Beziehungen getreten waren, als ihnen die Ehrfurcht gegen sein Haus gestattete, und entsetzte sie ihrer Aemter. Spart, c. 11. Diese Vorgänge sind nicht hinreichend aufgeklärt. War die Kaiserin bei ihm in Britannien? War sie in Rom geblieben, und wurden ihm von dort her Berichte gemacht? Während sich Hadrian auf Reisen befand, sorgten seine Spione dafür, daß ihm nichts von dem entging, was in der Hauptstadt und anderswo der Mitteilung wert war. Er hatte vielleicht so etwas wie Depeschen und Zeitungbureaus eingerichtet, und seine Correspondenten wurden dann wirkliche Agenten der geheimen Polizei. Man nannte sie frumentarii . Diese gefürchteten Menschen trieben ihr Wesen in allen Städten des Reichs. Erst Antoninus Pius hat sie abgeschafft. Der Ausdruck frumentarii wird von Salmasius in der Note zu Spart, c. 11 dahin erklärt, daß diese Menschen mit dem von Augustus errichteten Postwesen als Couriere aufgekommen seien; daneben hätten sie auch die Getreidelieferungen für die Truppen besorgt. Stellen aus Aristides, Or. IX , und Epictet., Diss. IV , 13, 5, bei Friedländer, Darstellungen aus d. Sittengesch. Roms I , 381 f. Champagny, Les Antonins II , 185 preist das röm. Reich jener Zeit glücklich, weil es kein organisirtes Polizeisystem besaß, wie unsere Regierungen, aber selbst unter den Antoninen war in Rom kein freies Gespräch über politische Dinge möglich. Von Britannien kehrte Hadrian nach Gallien zurück, und hier baute er bei Nimes der Augusta Plotina zu Ehren einen Tempel. Dio 69, 10. Die Kaiserinwittwe muß also um jene Zeit gestorben sein. Plotina hatte sein Glück gemacht und er vergaß das nicht; er ehrte sie so lange sie lebte als seine Mutter. Zu ihrem Gedächtniß schrieb er eine Trauerode, und auf seinen Wunsch erteilte ihr der Senat die Consecration. Consecrationsmünzen bei Eckhel VI, 466. Divis Parentibus , Cohen II, 246. In der von Dositheus ( saec. 3 ) gemachten Sammlung hadrianischer Sentenzen und Briefe findet sich einer an Hadrians Mutter (§. 15), welche wol Plotina ist. Er ladet sie ein, da sein Geburtstag sei, mit ihm zu speisen; Sabina sei aufs Land gereist. Boecking, Corp. Juris R. Antejust. 212, Hierauf ging der Kaiser nach seiner Heimat Spanien. Eckhel VI, 495: Hispania, mulier sedens juxta rupem d. ramum, pro pedibus cuniculus (Symbol Spaniens). EXERCITVS HISPANICVS. – RESTITVTORI HISP. Dieses große Land voll blühender Städte (schon Plinius zählte deren 400) war zur Zeit Hadrians so vollkommen romanisirt wie Südgallien, ja römischer zu nennen als Rom. Bereits Vespasian hatte ihm die Latinität erteilt. Seit einem Jahrhundert nahm Spanien eine hohe Stelle in der römischen Culturwelt ein; es hatte Rom zwei Kaiser gegeben, und auch Männer des Genies, wie Seneca, Lucan, Martialis, Columella und den Redner Quintilian. Die spanischen Lande zerfielen in die Provinzen Hispania citerior mit der Hauptstadt Tarraco, Hispania ulterior oder Bätica mit der Hauptstadt Corduba, und Lusitania mit Emerita. Von diesen Provinzen stand die zweite unter der Verwaltung des Senats. Nur eine Legion, die 7. Gemina, lag seit Vespasian in dem friedlichen Spanien. In Tarraco blieb der Kaiser den Winter über. Er entging hier dem Anfall eines wütenden Sclaven, der mit gezücktem Schwert auf ihn eindrang, und er war menschlich genug, den Wahnsinnigen nicht dem Henker, sondern dem Arzt zu übergeben. Er berief die Landesversammlung der Provinz, zum Zweck der Truppenaushebung, welcher die italischen Colonisten und andre spanische Gemeinden sich zu entziehen suchten, da sie stark erschöpft waren. Der Mittelpunkt solcher Landesparlamente ( concilia ), war der Altar des Augustus mit dem Cultus des vergötterten Kaisertums. So befaß auch Bätica ein Concilium, es gibt ein Rescript Hadrians an dasselbe. Dig. 47, 14, 1. De abigeis puniendis . Ueber die Verhältnisse Spaniens J. Jung, Die Rom. Landsch. des R. R, S. 18 f. Den Tempel des göttlichen Augustus zu Tarraco, welchen Tiberius statt des Altars erbaut hatte, stellte er wieder her. Gerade die Tarraconesen zeichneten sich durch knechtische Ergebenheit gegen das Kaisertum aus. Im Abendlande hatten sie zuerst die Vergötterung des Augustus eingeführt. Dem Kaiser Hadrian setzten sie so viele Ehrenstatuen, daß später zu ihrer Erhaltung ein eigener Beamter von der Provinz ernannt werden mußte. Ad statuas curandas Divi Hadriani, C. I. L. , 4230. Eine Reihe von Meilensteinen der Via Tarraconensis aus der Zeit Hs., ibid. 4735 f. Seine Vaterstadt Italica scheint er nicht besucht zu haben, aber er ehrte sie durch manche Wolthaten. Als sie den Wunsch aussprach aus einer Colonie zum Municipium zu werden, hat er ihn beim Senat befürwortet. Gellius XVI, 13. Dio 69, 10. Wohin sich der Kaiser von Spanien begab, ob er nach Rom zurückkehrte und von dort nach dem Orient reiste, oder von Tarraco zunächst nach Mauretanien ging, ist zu bestimmen unmöglich, weil alle sichern Angaben fehlen. Wir können nur vermuten, daß er von Spanien aus das nahe gelegene Mauretanien besucht hat. Münzen, Adventui Mauret. – Exercitus Mauretan. – Restitutori Mauret. Eckhel VI, 498. Dieses Land, das heutige Marocco, das alte Königreich des Juba, war die westlichste Provinz der Römer im Norden Africas, und vom Kaiser Claudius dem Reiche hinzugefügt worden. Sie zerfiel in Tingitana (Tanger) und Cäsariensis (Algerien), und wurde von einem kaiserlichen Procurator oder Präfecten verwaltet, so im Beginne der Regierung Hadrians von Marcius Turbo. Die unbezähmbaren Einwohner, die Mauri oder Maurusii (heute Berbern) kämpften unablässig gegen die Herrschaft der Römer, deren Militärmacht dort nur aus Hilfstruppen meist leichter Reiterei bestand. Sie versuchten auch nach Spanien überzusetzen, um dort Beute zu machen. Hadrian mußte einen Aufstand dieser Völker niederschlagen, welcher vielleicht mit dem Sturz des ehemaligen Maurenfürsten Lusius Quietus im Zusammenhange stand. Die Bezwingung dieser Rebellion muß den Römern einige Mühe gekostet haben, denn der Senat ordnete dafür Dankfeste an. Spart, c. 12: motus Maurorum conpressit et a senatu supplicationes emeruit. Vielleicht beziehen sich auf die Beruhigung jenes Landes die mauretanischen Restitutionsmünzen Hadrians; und wol hat der Kaiser auch die dortigen römischen Colonien erneuert, wenn nicht vermehrt. Zumpt ( Comm. Ep. I , 421) schreibt ihm oder seinem Nachfolger die im Itinerar. Antonini genannten Rusadir, Volubilis, Arsenaria, Bida u. a. zu. Alle Nachrichten lassen uns im Stich; wir müssen daher Hadrian auf seiner ersten großen Reise nach dem Orient begleiten, ohne zu wissen, ob er diese von Spanien, oder von Africa, oder von Rom aus angetreten hat, wenn er nämlich dorthin, wie man glauben darf, zu einem kurzen Besuch zurückgekehrt war. Elftes Capitel. Erste Reise Hadrians nach dem Orient. Die Länder am Pontus. Ilium. Pergamon. Cyzikus. Rhodus. Nachdem Hadrian das Abendland durchwandert hatte, segelte er freudiger nach dem Osten seines Reichs, und dort, in Antiochia, hatte er die Herrschaft der Welt erlangt. Wenn ihn im Westen nur die Pflichten des Regenten beschäftigt hatten, so mag man sich vorstellen, welche Genüsse ihm der Orient darzubieten hatte. Dort war alles vereinigt, was einen forschenden Geist reizen konnte: die Urkunden der Menschheit, die Mysterien ihrer Religionen, die Wunder der Schöpfung, und ein noch fortquellendes Leben der Gegenwart. Der Genius Europas ist heute der unbestrittene Herrscher im geschichtlichen Prozeß der Welt, weil er allein noch schöpferisch ist; die Erde empfängt von ihm ihre Schicksale wie das Licht des Wissens und der Humanität, und diese kosmopolitische Größe verdankt das Abendland zuerst den Hellenen, dann den Römern, zumal der Weltstadt Rom. Aber in der Mitte des zweiten Jahrhunderts war Europa erst so weit cultivirt, als die römische Macht reichte, ein geschichtlich junger Weltteil, volkswirtschaftlich minder reich als Asien, und seit dem Falle Griechenlands ideenarm, mit einförmigem Leben ohne Kampf großer Gegensätze des Geistes und der Nationalität. Dagegen war der hellenistische Orient noch eine Schule Europas, und von dorther empfing dieses, das römische Recht ausgenommen, noch immer wissenschaftliche und religiöse Ideen, wie Impulse in vielen, selbst praktischen Richtungen der Cultur. Auch lag der Schwerpunkt des Welthandels fortdauernd in Asien. Hadrian durchzog jetzt die Länder des Orients, wo jede Küste und Insel von classischen Erinnerungen des Altertums erfüllt war, und wo der wieder aufstrebende Genius von Hellas ihm als seinem Beschützer enthusiastische Huldigungen darbrachte. Seine erste Orientreise muß innerhalb der Jahre 123 und 125 ausgeführt worden sein. Spartian hat sie in diese eine lakonische Zeile zusammengedrängt: hierauf schiffte er über Asien und die Inseln nach Achaja. Spartian. c. 13 . Unter Asien verstanden die Römer die Provinz Asia proconsularis , welche das Reich der Könige Pergamons gewesen war. Dieses hatten sie im Jahre 133 v. Chr. von Attalos III. geerbt und zur Provinz gemacht. Es umfaßte Mysien, Lydien, Phrygien und Karien, Pamphylien, Pisidien und Lykaonia. Zwar lag das römische Asien längst in politischer Abgestorbenheit, doch war es noch erfüllt mit Städten der Ionier, Dorer und Aeolier und der alexandrinischen Zeit, welche ihre griechische Verfassung bewahrt hatten. Denn außer Parium, Alexandria Troas und Tralles gab es dort keine römischen Colonien. Ephesus war der Sitz des Proconsuls, und neben ihr glänzten noch viele andre Städte, deren Wolstand der lange Friede gemehrt und deren Schönheit die Renaissance der Künste erneuert hatte. Der Umfang der ersten asiatischen Reise Hadrians muß jedoch weiter ausgedehnt werden, mindestens von der cilicischen Nordgränze Syriens bis zum Pontus Euxinus. Im Allgemeinen beziehen sich auf diese Orientreise Münzen mit der Legende Adventui Augusti Asiae , worauf ein knieendes Weib vorgestellt ist, welches er vom Boden erhebt. Cohen II, n. 24. Auch der Orient findet sich symbolisirt als ein stralendes Sonnenhaupt. Oriens , Cohen II, n. 1003–1005. Das Sonnenhaupt ( Oriens Aug. ) ist das Symbol des von Trajan eroberten Orients. Eckhel VI, S. 439. Einzelne Provinzen, Bithynia, Cilicia, Phrygia haben die Ankunft Hadrians verzeichnet, oder ihn Wiederhersteller genannt. Aber weder aus ihnen, noch aus Münzen und Inschriften von Städten kann die Zeit seines Aufenthalts sicher bestimmt, noch erkannt werden, ob sie überhaupt der ersten Orientreise angehören. Inschriften, welche ihm die Göttertitel Olympius und Panhellenius geben, fallen erst in die spätere Zeit, wo er dieselben angenommen hatte. Auch ohne seine Anwesenheit konnte irgend ein Ereigniß Gemeinden veranlassen, ihn zu ehren. Wir müssen daher darauf verzichten, die Linien der ersten Reise des Kaisers in Asien zu ziehen, und nur im Allgemeinen erkennen wir, daß er damals zwischen 123 und 125 Kleinasien bis zum Pontus durchwandert hat. Trapezunt ist einer der äußersten Punkte gewesen, welche Hadrian berührt hat, und daß er dort gewesen ist, hat Arrian in seinem Bericht von der Umschiffung des schwarzen Meeres bemerkt. Peripl. Pont. Euxin. 1 . Kerasus beginnt die Reihe der Kaisermünzen mit ihm, und von Amisus sind zahlreiche Medaillen mit den Bildnissen Hadrians und der Sabina erhalten Greppo S. 153. Es ist ungewiß, ob er seine Wanderungen bis an den Phasis ausgedehnt hat. Da seine Anwesenheit in Cappadocien feststeht, hat er sich schwerlich mit einem Besuch in Mazaca begnügt, sondern die römischen Gränzfestungen in Melitai am Euphrat besichtigt. Dort stand die 12. Legion Fulminata, während südlich zu Samosata, der Hauptstadt von Kommagene, die 16. Legion Flavia Firma, nördlich in Kleinarmenien die 15. Legion Apollinaris zu Satala lagerten. Marquardi, R. Staatsr. I², 369. 400. Die hadr. Münzen Exercitus Parthicus (der Kaiser steht auf der Bühne und redet Soldaten an) können sich nur auf die Inspection der Truppen am Euphrat beziehen. Im Pontuslande trugen den Namen Adriana die Städte Amasia und Neocäsarea, und Tyana in Cappadocien führte seit Hadrian auf Münzen den Titel einer autonomen Stadt. Dies und anderes beweist die Thätigkeit des Kaisers in jenen Ländern. Mionnet, Suppl. VIII , S. 713. Ein Meilenstein bei Nicopolis in Cappad. v. J. 129 läßt auf Straßenbau schließen, C. I. L. III, add. n. 6057. – Die Heeresmünzen Exerc. Cappad. stellen Hadrian in der herkömmlichen Handlung vor den Soldaten dar. Die bis zum Pontus reichende Provinz Cappadocia, welche seit Tiberius römisch war, wurde von consularischen Legaten verwaltet, während Galatien, welches Augustus zur Provinz gemacht hatte, mit der Hauptstadt Ancyra ein prätorischer Legat regierte. In diese beiden Teile aber scheint das weite Gebiet jenseits des Sangarius, das alte Reich des Mithridates, seit Trajan gesondert gewesen zu sein. Perrot, Galatia prov. Roman. , S. 61. Die damaligen Verhältnisse der Länder am oberen Euphrat, wo im Norden Cappadociens Armenia Minor das römische Gränzland gegen Großarmenien bildete, und weiterhin bis Kolchis und dem Kaukasus albanische und iberische Völkerschaften saßen, sind im Ganzen dunkel. Von Melitene und Satala aus überwachte die römische Truppenmacht auch die Bewegungen der Parther, und die kaiserliche Regierung bemühte sich, die Häuptlinge jener Völker im Nordosten Kleinasiens in einem Schutzbündniß festzuhalten. Hadrian suchte freundliche Beziehungen mit den Albanern und Iberern anzuknüpfen. Er versammelte einen Friedenscongreß barbarischer Fürsten, die er durch Geschenke gewann. Einige erschienen, andre blieben trotzig aus, wie der Iberer Pharasmanes. Dem Partherkönige Kosroes gab er sogar seine von Trajan in die Gefangenschaft geführte Tochter zurück. Schneiderwirth (Die Parther, S. 153) setzt dies in die erste Reise Hs., richtiger als Longpérier ( Mém. sur la Chronologie des rois Parthes , S. 143), der es in die letzten Jahre Hs. verlegt. Spart. ( c.  12) läßt Hadrian einen (drohenden) parthischen Krieg durch Unterredung beilegen; und c.  13 spricht er von jenem Fürstencongreß und scheint ihn in die zweite oriental. Reise Hadrians zu verlegen. Aber sollte H. so lange mit der Ordnung dieser wichtigen Verhältnisse gezögert haben? Nur den goldenen Tron der Arsaciden, die Beute desselben Kaisers aus Ktesiphon, verbot ihm der Stolz der Römer jenem Könige wieder auszuliefern. Die Unterhandlungen mit Kosroes hatten zur Folge, daß die Parther während der ganzen Regierung Hadrians Frieden hielten, und auch Großarmenien blieb ruhig unter arsacidischen Fürsten, die Rom eingesetzt hatte und überwachte, ohne von ihnen Tribut zu empfangen. In Kleinarmenien wird Hadrian die Colonie Sinis, in Galatia Germa zugeschrieben. Zumpt, Comm. Ep. I , 418. Bithynien, welches erst zu Pontus gehört hatte, dann von Augustus zu einer selbständigen proconsularischen Provinz gemacht worden war, hat Hadrian besonders ausgezeichnet. Wie Pontus und Galatien, hatte auch diese Provinz eine Landesversammlung; sie wird in Münzen und Inschriften bemerkt. Perrot, Inscr. inédites de la mer noire, Rev. Arch. 1874. S. 11. Es gibt bithynische Advents- und Restitutionsmünzen Hadrians. In einer Inschrift mit dem 13. Tribunal Hadrians ( a. 129) weiht Apamea in Bithynien ein Balineum Hadrianum: Ephern. Epigr. C. I. L. II, n.  349. Einige Städte legten sich dort seinen Namen bei, wie Cius und Bithynion oder Claudiopolis, die Vaterstadt seines Lieblings, des schönen Antinous, und dieser Umstand erklärt auch die Fülle seiner Wolthaten in jenem Lande. Er stellte die durch Erdbeben zerstörte Hauptstadt Nicomedia und auch Nicäa wieder her. Chron. Paschale 254. Bithynien war eine senatorische Provinz, doch hat sie Hadrian später zu einer kaiserlichen gemacht, und den Senat dafür mit Pamphylien entschädigt. Wir besitzen indeß keine urkundlichen Nachrichten über die Zeit, in welcher der Kaiser jene Provinz bereist hat. Westwärts ist er nach Mysien gegangen; es gab keine passendere Zeit für den Besuch dieses Landes, als seine erste Reise nach Asien. Die Städte Sestos und Abydos ehrten ihn als ihren Heiland und Gründer, und Parium, eine Colonie Cäsars, nannte sich Hadriana. Sestos, Corp. In. Att. III , 484. Abydos 472. Parium, Le Bas-Waddington n.  1746. Hadriano Conditori, C. I. L. III, n.  374. In dem Berggebiet Olympene gründete er die Städte Hadriani und Hadrianotherä. Mionnet II , S. 428. 433; Suppl. V , 38. 49. Auch Ilium hat Hadrian besucht. Man sagte ihm nach, daß er den Homer verkleinere, aber wie sollte der Philhellene es versäumt haben, die Heldengräber zu ehren, welche dort die Jahrhunderte überdauerten. Mitten in der Ebene Iliums, einer der anmutigsten Meerlandschaften Kleinasiens, im Angesicht des Eilandes Tenedos, hinter welchem Lemnos, die Insel Philoktets, Imbros und die dunkeln Gebirge Samothrakes aus den Fluten emporsteigen, lag damals Novum Ilium, ein von äolischen Griechen bewohnter Ort, dessen Stelle im ganzen Altertum, wenige Zweifler unter den Philologen ausgenommen, für identisch mit jener des homerischen Troja galt. Die Ilier waren so klug, zu behaupten, daß die Priamusstadt nie ganz verschwunden, sondern nach der Abfahrt der Griechen von den Trojanern wieder besetzt worden sei. Einen kleinen Athenetempel auf der Pergamos oder Burghöhe gab man sogar für den ursprünglichen der Schutzgöttin der Trojaner aus, deren von Diomedes geraubtes Palladium nach Rom gekommen war. Strabo 593 f. So heilig hielten ihn die Römer, daß er zu den acht Tempeln im Reich gehörte, deren Gottheiten das römische Gesetz testamentarische Erbschaften gestattete. Jovem Tarpejum, Apollinem Didymaeum, Martem in Gallia, Minervam Iliensem, Herculem Gaditanum, Dianam Ephesiam. Matiem Deorum Sipelensem (Smyrna), Coelestem Salmensem Carthaginis. Ulp., Fr. XXII, 6. Schon Xerxes hatte der Athene in Ilium und den homerischen Helden Opfer dargebracht, und dasselbe hatte Alexander der Große gethan. Die Ilier zeigten diesem Enthusiasten Homers sogar die Waffenrüstungen der Heroen und die Lyra des Paris. Nach dem Siege am Granikos stiftete er Weihgeschenke in den Athenetempel, er erklärte den Ort für frei und autonom, und versprach ihn zu einer großen Stadt zu machen. Hierauf vergrößerte und ummauerte ihn Lysimachus; auch Antiochus ehrte die Sagen Iliums voll Pietät, und die Römer endlich betrachteten mit erkünstelter Begeisterung dieses Neu-Ilium als die Wiege ihrer weltgeschichtlichen Macht. Die Quelle alles Ruhmes hat es Plinius genannt. Hist. N. V , 33. Fimbria freilich, der Gegner Sullas, zerstörte die Stadt, doch der Julier Cäsar stellte sie wieder her, und seine Nachfolger, die Cäsaren, fügten ihr umliegende Landschaften hinzu. Die Ilier selbst vergaßen nicht, wenn sie Gesandte an den Kaiser schickten, daran zu erinnern, daß Troja die Mutter Roms sei. Tacit., Annal IV, 55: parentem urbis Romae Trojam. Troja war unsterblich im Andenken der Menschen, und daß sie dies noch heute ist, hat der Enthusiasmus gezeigt, welchen die Forschungen Schliemanns erregt haben. Wie Griechen und Römer, so hat auch er die Stelle des alten Troja in Novum Ilium gesucht, und dieses letztere ist von ihm zu Hissarlik aufgefunden worden. Denn auch Neu-Ilium verschwand, und »wir sind über seine Stelle in der nämlichen Verlegenheit, wie die Griechen wegen Alt-Ilium«. Mannert VI, 3, 497. Als nun Hadrian im Jahre 124 oder 125 Novum Ilium besuchte, zweifelte er so wenig, wie die Kaiser vor ihm, oder wie Arrian, Appian und der Sophist Aristides, wie Pausanias und Plutarch daran, daß hier die Stelle der heiligen Troja sei, obwol von der Priamusstadt nach dem Zeugnisse des leise zweifelnden Strabo kein Stein mehr übrig geblieben war. Philostrat erzählt, daß der Kaiser die Gebeine des Ajax im Ajanteum neu bestattet habe, worunter wol eine Leichenfeier zu verstehen ist, Heroica ed. Kayser II , 137. und eine Inschrift aus Neu-Ilium ohne sachlichen Inhalt hat seiner erwähnt. C. I. L. II, n. 466, Trib. Pot. VIII (a. 124|125.) Es gibt ilische Münzen Hadrians, die den fliehenden Aeneas darstellen, seinen Vater auf dem Rücken und den jungen Ascanius an der Hand; darunter ist die römische Wolfamme abgebildet. Schliemann, Ilios, S. 720. Die kaiserlichen Münzen aus Novum Ilium nur von Kupfer mit den Legenden Hektor der Ilieier, Priamus der Ilieier hält Schliemann mit Recht für Beweise des Glaubens an die Identität dieses Orts mit Troja. Noch ein anderer Ort in jener troischen Landschaft trug damals den antiken Namen, nämlich die römische Colonie Alexandria Troas, südlich von Neu-Ilium. Sie war ursprünglich Sigia genannt, dann Antigonia, weil sie der König Antigonus vergrößert hatte, bis sie von Lysimachus zu Ehren Alexanders den Namen Alexandria Troas erhielt. Die Römer ehrten auch sie, und Cäsar soll in seinem Plane der Verlegung der Residenz des Reichs zwischen Novum Ilium und ihr geschwankt haben. Sueton., Caes. c. 79: Quia etiam varia fama percrebruit, migraturum Alexandream vel Ilium. Noch Constantin wollte, ehe er sich für Byzanz entschied, die Hauptstadt des Reichs in der ilischen Landschaft aufbauen. Hadrian hat auch Alexandria Troas besucht und mit seiner Gunst beschenkt, dort ließ er von Herodes Atticus eine Wasserleitung bauen, deren gewaltige Ueberreste noch in dem heutigen Dorf Eskistambul (Altstadt) gesehen werden. Byzantinische Ruinen beweisen die Fortdauer des Orts bis zum Ende des Mittelalters. Manner. VI, 3, 474. Schliemann, Ilios, S. 67. Einst war in dieser Stadt Troas auf seiner ersten Missionsreise auch Paulus erschienen, der Apostel jener neuen Religion, deren schriftliche Urkunden den Homer und seine Götter verdrängen sollten. Von Troas ist er nach Samothrake und weiter nach Macedonien gefahren. Acta Apost. c. 16, v. 8. 11. In Mysien fand Hadrian Pergamon, den berühmten Sitz der Attaliden, aus deren Geschenk zu allererst die Erwerbung der Provinz Asta für Rom erwachsen war, als eine blühende Stadt vor. Er konnte dort noch die Akropolis mit dem Prachttempel der Athena Polias bewundern, wie die Heiligtümer des Asklepios und des Augustus, und die Theater, Gymnasien und Basiliken betrachten, mit denen die feingebildeten Könige seit Lysimachus und Eumenes diese Stadt geschmückt hatten; und noch stralten mit unzerstörtem Glanz die Marmorgruppen der Götter und Giganten, welche den großen Altar des Attalus umgaben. Mehr als 17 Jahrhunderte nach dem Besuche Hadrians sollten jene Gebilde aus dem Schutte hervorgezogen und in die Hauptstadt des neuen deutschen Reichs entführt werden. Die Ausgrabungen zu Pergamon 1880–1881, Bericht von A. Conze, Humann und Bohn im Jahrb. der K. Preuß. Kunstsamml. III, 1. 1882. Im Augusteum zu Pergamon sind Reste von Colossalstatuen Trajans und Hadrians gefunden worden. Daß Hadrian auch Pergamon mit Wolthaten ausgezeichnet hat, läßt eine Bildsäule vermuten, welche ihm Volk und Rat der Stadt in seinem 7. Tribunat gesetzt haben. Le Bas-Waddington III, 1, n. 1721. Mit ganz besonderem Wolwollen hat der Kaiser die Stadt Cyzikus behandelt, die alte Colonie Milets und Schutzverbündete der Könige Pergamons, auf dem Isthmus in der Propontis, gegenüber dem Eiland Prokonnesos. Sie hatte unter Tiberius im Jahre 24 n. Chr. ihre Freiheit verloren, glänzte aber noch zur Zeit Hadrians durch Handel und Gewerbe, und durch die Schönheit ihrer Monumente, namentlich der Tempel der Cybele, der Adrastea und Proserpina. Später hat Hadrian dort einen bewunderten Tempel erbaut. Er verlieh der Stadt die von so vielen andern Gemeinden Asiens begehrte Ehre, den Göttercultus Roms und des Kaisers mit Festspielen zu begehen, was man Neokorie nannte, und seither nahm Cyzikus die Namen Philosebastos und Adriane an. J. H. Krause, Neokoros, S. 36. J. Marquardt, Cyzikus und sein Gebiet, S. 84. Eine Inschr. ans Cyzikus nennt Hadrian σωτὴρ καὶ κτίστης, Rev. Arch. N. S. XXXII , S. 268, bei Dürr, Anh., n.  69. Daß Hadrian auf derselben Reise auch Smyrna, Sardes, Milet, Ephesus und Halykarnaß, wie andre berühmte Städte Kleinasiens, besucht hat, welche in Münzen und Inschriften seinen Namen verzeichnet haben, kann nicht bezweifelt werden. Weil Spartian sagt, daß er über Asien und die Inseln nach Achaja reiste, so sind es Rhodus, Kos, Samos, Chios, das reiche Lesbos mit dem schönen Mytilene, Lemnos und Samothrake gewesen, die er besuchte. Die uralten Mysterien in Samothrake, in welche sich einst Philipp und Olympias hatten einweihen lassen, waren noch immer so verehrt, daß sie wol Hadrians Wißbegierde reizen konnten. Der Rat und das Volk von Samothrake setzten ihm eine Ehrenbildsäule. Ihre Inschrift ist in den Ruinen des dorischen Marmortempels gefunden worden. Doch kann sie freilich den Besuch Hadrians auf jener Insel nicht beweisen. Die Inschr. verzeichnet den 16. Tribunat Hadrians (132), Arch. Untersuch. auf Samothrake von A. Conze, Hauser u. Niemann 1875, S. 36 f. Daselbst eine Ehreninschr. auf Hadrian aus Maroneia, die ihn σωτὴρ nennt. Dann eine latein. Inschr. mit den Consuln d. Jahres 124, aus welcher gemutmaßt wird, daß man Hadrian in Samothrake das höchste Magistratsamt ( rex ) übertragen habe. Seine Anwesenheit auf Kreta machen Inschriften und Münzen wahrscheinlich. C. I. G. II , S. 427. Inschr. von Lyttos, und die kretischen Münzen bei Mionnet II , S. 260. Eine schöne Kaiserstatue, welche Hadrian ähnlich sieht, wurde zu Hierapytna auf Kreta gefunden, und steht im Museum zu Constantinopel, Gazette Archéol. VI , 1880, S. 52 f. Seinen Besuch auf Rhodus aber hat er selbst in einem als Marmorinschrift erst vor einigen Jahren zu Ephesus gefundenen Brief an die Archonten und den Rat dieser Stadt bekundet, worin er sagt, daß er von Ephesus nach Rhodus gefahren sei. Wood, Discoveries at Ephesus, App. 5: inscriptions from the Odeum, n. 1. H. empfiehlt dem Stadtrat den ephesischen Bürger L. Erastus, der viel auf dem Meer segele und mit ihm, dem Kaiser, schon zweimal zusammengekommen sei: τὸ πρω̃τον εις ‛Ρόδον απὸ τη̃ς ’Εφέσου κομιζόμεν(ω) νυ̃ν δὲ απὸ ’Ελευσι̃νος πρὸς υμα̃ς αφικυμένω. Das Datum im Brief, worin sich Hadrian pater patr. nennt, δημαρ. εξουσ. τὸ γ', bei Wood hat Dürr (Nachtrag S. 124) richtig ιγ ( trib. pot. XIII . d. i. a.  129) ergänzt. Die herrliche dem Helios geweihte Rhodus, einst groß durch ihre Seemacht und weltberühmt durch ihre Redner und Bildhauerschulen, war seit den cäsarischen Bürgerkriegen sehr herabgekommen, aber noch Strabo durfte ihr den Vorzug vor allen andern Städten geben. Noch kurz vor Hadrian hatte Dio Chrysostomus sie die reichste hellenische Stadt genannt, und selbst noch nach der Zeit dieses Kaisers konnte Lucian von ihr sagen, daß ihre Schönheit des Sonnengottes würdig sei. Strabo 652. Dio Chrys. ed. Dindorf, Orat. XXXI , S. 363. Lucian, Amores c. 8 . η πόλις ‛Ηλίου πρέπον έχουσα τω̃ θεω̃ τὸ κάλλος. Ihre Lage auf dem östlichen Vorgebirge der Insel, gegenüber den steilen Felsgestaden Kariens, ihre Arsenale, Häfen und hohen Mauern, ihre Straßen, Tempel und Säulenhallen, und Tausende von Gemälden und Kunstwerken in Marmor und Erz, die selbst Nero nicht geplündert hatte, bildeten einen entzückenden Verein von Anmut, Glanz und Kraft, ehe das große Erdbeben unter Antoninus Pius die Stadt zerstörte. Pausan. VIII, 43, 4. Aristides, Orat. 43. Dio Chrys. XXI. Obwol ihr Vespasian den letzten Rest der Autonomie genommen hatte, muß Rhodus noch zur Zeit Hadrians blühend genug gewesen sein. Es ist freilich nur eine Fabel, was ein späterer Byzantiner erzählt, daß dieser Kaiser den berühmten Coloß wieder aufgerichtet habe, welcher drei Jahrhunderte vorher durch ein Erdbeben zu Fall gekommen war. Malalas 279. Zwölftes Capitel. Aufenthalt Hadrians in Athen und andern Städten Altgriechenlands. Rückkehr des Kaisers über Sicilien nach Rom. Kein anderes Land konnte Hadrian so mächtig anziehen, als Hellas, die Schatzkammer der höchsten Ideale des Altertums und deshalb noch immer, wie zu Ciceros Zeit, das Reiseziel gebildeter Menschen aus allen Teilen des Reichs. Griechenland war freilich nicht mehr von glänzenden Städten erfüllt wie Kleinasien, sondern schon zur Zeit Strabos so tief verfallen, daß man dasselbe nur noch mit dem Interesse des Antiquars betrachtete. Curtius, Peloponnesos, 3. Abschn. I, 79. Seine Entvölkerung hatte so zugenommen, daß es nach der Versicherung Plutarchs kaum 3000 Hopliten stellen konnte, so viel als Megara einst zur Schlacht bei Platäa geschickt hatte. Der Peloponnes war auf etwa sechzig Städte herabgekommen, von denen nur noch Sparta und Argos einige Bedeutung hatten, und auch in Phokis, Böotien, Attica und Achaja gab es zur Zeit des Pausanias viele verlassene Orte. Tausende von Griechen, aus Althellas wie aus den hellenistischen Ländern, lebten heimatlos in den Provinzen des Westens. Die Welt war ihr Vaterland geworden. Diese massenhafte Zerstreuung der Hellenen im römischen Reich ist die Parallele, aber auch der Gegensatz zu dem Schicksal der Juden seit Pompejus und Titus, deren Vaterland im Exil nicht die gebildete Welt wurde, sondern ihre Synagoge blieb. Trotz des Schwindens alles politischen Lebens dauerten in Hellas viele Freistädte mit ihren Monumenten fort, und Pausanias, welcher ein Menschenalter nach Hadrian Griechenland besuchte und mit schwermütiger Liebe seine Trümmer verzeichnete, konnte sich damit trösten, daß die altberühmten Landschaften und Städte ihre Verfassung, ihre Bundestage, Gerichtshöfe und Magistrate, endlich alle ihre Festspiele bewahrt hatten. Achaja, wie Griechenland von den Römern genannt wurde, erfuhr die Launen seiner Herrscher, aber im Ganzen auch ihr pietätvolles Wolwollen. Sie tasteten die Einrichtungen des Altertums nicht an. Augustus hatte Griechenland, wie auch Macedonien, zu einer senatorischen Provinz mit der Hauptstadt Neu-Korinth gemacht; Tiberius aber entzog dasselbe dem Senat, dessen kostspielige, durch Steuern erdrückende und tyrannische Verwaltung den Griechen lästig wurde. Er vereinigte sogar Hellas und Macedonien mit Mösien. Tacit., Annal. I, 80. Aber Claudius gab beide Provinzen dem Senat zurück. Finlay, Griechenl. unter d. Römern, S. 54. Für Nero, welcher wie Caligula die Kunstschätze der Hellenen mit schamloser Raubgier plünderte, war Griechenland die classische Bühne seiner Eitelkeit gewesen. Er durchzog dasselbe auf seiner Kunstreise als Komödiant und Athlet; nur Athen vermied er wegen des Heiligtums der Muttermord rächenden Eumeniden, auch in seinen Gewissensbissen ein Schauspieler, und Sparta besuchte er nicht aus Widerwillen gegen die Gesetzgebung Lykurgs. Er überschwemmte Hellas mit Blut, aber aus Theaterlaune und um die Schmeicheleien der Griechen zu belohnen, proclamirte er bei den isthmischen Spielen die Freiheit der Hellenen, wie einst Flaminius dasselbe gethan hatte. Bald darauf hob der sparsame Vespasian diese Freiheit, die sich nur auf die Steuern bezog, wieder auf, und er gab Achaja der Verwaltung des Senats zurück. Pausan., Achaica XVII , 4. Die flavische Dynastie erneuerte mit der Provincialregierung die finanzielle Bedrückung Griechenlands, und es half den Athenern nichts, daß Domitian im Jahre 93 die Würde ihres Archon Eponymus annahm. Philostr., Vita Apollonii VIII , 16. Hertzberg, Gesch. Griechenl. unter der Herrsch. der Römer II, 137. Dieselbe Ehre erhielt auch Hadrian im Jahre 112, noch als Privatmann. Zwei Jahre später besuchte Trajan Athen. In Olympia stellten die Panhellenen die Bildsäule dieses gerechten Kaisers auf. Die Griechen überhäuften ihre Gebieter mit schamlosen Ehren. Die Vergötterung des Imperators war bei ihnen seit Cäsar und Antonius zu einem Landescultus geworden. Auf dem Hauptplatze Spartas standen die Tempel des Cäsar und Augustus, Pausan., Lacon. XI , 4. und auf der Akropolis Athens der Tempel des Genius Roms und des Augustus. Wie die freien Athener dem Mitleid einen Altar errichtet hatten, so hätten ihre geknechteten Nachkommen der Schmeichelei die gleiche Ehre erweisen sollen. Der Freiheitstrieb war in Hellas erloschen; dies Land hatte sich in sein Schicksal, Rom, ergeben, aber eine tiefe Kluft trennte Römer und Griechen von einander. Jene blickten mit Verachtung auf die herabgekommenen Enkel des Miltiades und Leonidas, und diese fühlten sich als Aristokraten des Geistes und der Weltbildung den Römern überlegen. Die Romanisirung Achajas machte kaum äußerliche Fortschritte, denn der Genius Griechenlands lebte in der großen Literatur, in den unverlöschbaren Erinnerungen und im täglichen Bewußtsein der hellenischen Gemeinden fort. Nur ein paar Handelsstädte, Patras, Korinth und Nikopolis auf der Landzunge Actium, machten als römische Colonien eine Ausnahme in Hellas. In Korinth fand Pausanias keine Nachkommen der alten Bewohner mehr. Korinthiaca I, 2. Die Korinther nahmen die römischen Sitten und selbst die blutigen Fechterspiele an; als aber die Athener diesem Beispiele folgen wollten, erhob sich der Philosoph Demonax und rief: dann stürzet zuvor den Altar des Mitleids um! Lucian., Demonax 57. Nun kam Hadrian, und die Griechen empfingen ihn jubelnd als ihren »Heiland und Gründer«. Kein Kaiser Roms hatte ein so innerliches Verhältniß zu ihnen gehabt als dieser, und seinen griechischen Sympathien ist er, der ewig Wechselnde, treu geblieben. Verschwenderischer als über jeden andern Teil des Reichs hat er über Altgriechenland die Segnungen seiner Liberalität ausgeschüttet. Mit ihm begann besonders für Athen ein Nachsommer antiker Herrlichkeit als letzte Renaissance nicht mehr des republikanischen Staatslebens, sondern der Wissenschaft und Literatur. Sie hat sich dann unter den Antoninen voller entfaltet und, wenn auch mit mancher Unterbrechung, während des immer tieferen Verfalles Griechenlands, noch bis zum Erlöschen des Hellenentums unter Justinian fortgesetzt. In welchem Hafen der Kaiser landete, ist unbekannt. Es gibt nicht einmal hadrianische Adventsmünzen Achajas, nur solche der Restitution. Eckhel VI, 487. Cohen II, n. 1214 s. Weder aus ihnen, noch aus Münzen der Colonie Korinth, welche seine Ankunft verzeichnen, läßt sich eine sichere chronologische Bestimmung gewinnen. Col. L. Jul. Cor. Advent. Aug. mit einer Trireme, Greppo S. 119. Adventsmünzen von Patras fehlen. Keine athenische Adventsmünze des Kaisers ist entdeckt worden. Aber in Inschriften wird von seiner Ankunft in Athen schlechthin, sodann von seiner ersten eine Aera der Stadt gezählt, ohne daß sich daraus das Datum seines ersten und folgenden Besuchs ganz sicher berechnen läßt. Die Formel ist απὸ τη̃ς ‛Αδριανου̃ (πρόωτης) εις ’Αθήνας επιδημίας. Von der ersten Ankunft, nicht vom Archontenamt 112 ist die Aera gerechnet: Dumont, Fastes éponymiques , S. 27. Die 5 Inschriften ( Corp. Inscr. Atticar. III , 1, 735, 69ª add., 1107. 1023. 1120) bezeichnen das 3. Jahr (zweimal), das 4., 15., 27. Jahr. Aus diesen Inschriften ergibt sich nur, daß die neue hadrianische Aera nicht vor das Jahr 124–125 fallen und der Kaiser nicht vor dem September 124 nach Athen gekommen sein kann. Dittenberger, Hadrians erste Anwesenheit in Athen, Hermes 1873, S. 225. Diese Schrift ist veranlaßt durch die Abhandl. Hirschfelds, Catalogo de' Pritani ateniensi im Bull. Inst. 1872, S. 118 f. Man darf daher annehmen, daß er im Herbst des Jahres 125 dort angelangt ist, um dann einen längeren Aufenthalt daselbst zu nehmen. Nach Corsini ( Fasti attici II , 403) im Monat Boedromion (etwa September), weil die Athener Hadrian zu Ehren den Jahresanfang vom Monat Hekatombaion in den Boedromion verlegten. Alle seine idealen Neigungen fanden hier volle Befriedigung. In der zaubervollen Idylle, welche das Meer, der Hymettos, der Pentelikon und Parnes umrahmen, konnte er von seinen Mühen ausruhen und die erhabenen Werke des Altertums bewundern, gegen deren ewige Jugendschönheit nach dem Urteile Plutarchs die Zeit machtlos geblieben war. Sie standen noch unversehrt. Die Tempel, die Akademien und Gymnasien, die Säulenhallen und Plätze, die Burg der Athene mit Weihgeschenken, Gemälden und Bildwerken hat noch Pausanias angestaunt, und selbst Lucian war, als er in seiner Jugend zum ersten Mal Athen sah, von der Schönheit und Pracht dieser Stadt und ihre Volksmenge betroffen. Skythes c. 9. In Athen konnte Hadrian mit Künstlern Künstler sein, und in den Sälen der Akademie unter den Platanen am Kephisos mit Philosophen disputiren, die sich die Nachfolger des göttlichen Platon nannten. Die Stadt Athen erzog zur Weisheit und Bedürfnislosigkeit, wie Lucian in seinem Nigrinus gesagt hat, wo er den Gegensatz schildert zwischen ihrer klassischen Stille und dem Getümmel Roms mit seiner prunkvollen Sclaverei, seinen Aufwartungen und Gastmälern, seinen Sykophanten, Giftmischern, Erbschleichern und falschen Freunden. Nigrinus 14 f. In der Patriarchengestalt des Philosophen Demonax hat Lucian das Bild der athenischen Bedürfnißlosigkeit und ihres Glückes gezeichnet, und dieser Weise mochte schon ein Mann von 35 Jahren sein, als Hadrian nach Athen kam. Hier verwandelte sich der Kaiser in einen griechischen Sophisten und Nachträumer des schönen Altertums mit elegischen Empfindungen, die noch heute die Seele jedes Gebildeten bewegen, welcher auf dieser weihevollen Stätte unter Tempelruinen mit den Göttern, den Helden und Weisen Atticas verkehrt. Aber der Lakonismus der Biographen Hadrians verurteilt uns zu dem Verzicht, diesen musenliebendsten aller Fürsten in seinem Verkehr mit den Athenern zu beobachten. Athenäus (VIII, 361, 3) nennt den Kaiser πάντ' άριστος καὶ μουσικώτατος βασιλεύς. Spartian faßt die Ereignisse seines ersten Besuchs dort in diese Worte zusammen: nach dem Beispiele des Herkules und Philippus nahm er die eleusinischen Weihen; er schenkte vieles den Athenern, und führte auch den Vorsitz als Agonothet. Spart, c. 13 . Ohne Zweifel hat sich Hadrian in die Mysterien der Demeter während seines ersten Aufenthalts in Athen einweihen lassen. Spart, c. 13. Dio 69, 11. Euseb., Chron. ed. Schöne II , 166 f.: εχείμασεν εις ’Αθήνας μυηθεὶς τὰ ’Ελευσίνια. Daß diese Einweihung noch in zwei Stufen geschah, also von Hadrian die zweite große Weihe erst bei seinem zweiten Besuch genommen worden ist, scheint glaublich. Flemmer S. 38. Hertzberg I, 314. Auch Augustus hatte diese Weihe genommen, und noch später nahmen sie Marc Aurel und Alexander Severus. Leake, Topogr. Athens, S. XXI. XXV. Der Gebieter Roms und der Welt verschmähte es nicht, beim Feste der großen Dionysien in griechischer Tracht das Kampfrichteramt zu führen. Da es die Pflicht des Archonten war, diese Feier zu leiten, so muß Hadrian damals zum zweiten Mal Archon der Athener gewesen sein. Ahrens ( De Athenar. statu , S. 15). Dio 69, 16 erzählt die Beteiligung Hadrians an den Dionysien im Zusammenhange mit der Vollendung oder Einweihung des Olympieion, welche bei einem späteren Besuch des Kaisers stattfand, aber Spartian ( c.  13) verbindet die Agonothesie desselben mit seinem ersten Aufenthalt in Athen. Die Dionysien beging man vom 8. bis 13. Elaphebolion (Ende März bis in den April); demnach befand sich Hadrian in Athen, wo er überwinterte, noch in der Frühlingszeit 126. Die Athener frohlockten, den Kaiser auf der Schaubühne der großen attischen Dichter sitzen und als ernsthaften Richter die Preise verteilen zu sehen, doch wir wissen nicht, welche Stücke damals aufgeführt wurden; vielleicht waren es Komödien des Menander, denn schwerlich setzte man noch Dichtungen des Sophokles und Aristophanes in Scene, noch gab es einen lebenden Poeten, der ein preiswürdiges Drama zu verfassen im Stande war. Zum Dank für diese dem attischen Theater widerfahrene Ehre, oder aus Erkenntlichkeit für die von Hadrian angeordnete Wiederherstellung desselben, faßten die Athener den Beschluß, dem Kaiser in den Gängen des Zuschauerraums zwölf Ehrenbildsäulen aufzustellen, je eine für jede Phyle der Stadt. Als dreizehnte blieb jene stehen, welche man ihm schon als Archonten des Jahres 112 gesetzt hatte. Einzelne Postamente jener Statuen sind gefunden worden. Die Inschriften bei Dittenberger, Inscr. Att., n. 464. 466 f, Benndorf, Beiträge zur Kenntniß des attisch. Theaters, Zeitschr. für österr. Gymnas. 1875, S. 15 f. Schon bei seinem ersten Aufenthalt in Athen wird Hadrian beschlossen haben, den Tempel des olympischen Zeus aufzubauen, und auch andre große Bauplane gefaßt haben. Er reformirte auch die athenische Verfassung, wozu er die Einrichtungen der alten Republik benutzte. Worin aber seine Verbesserung bestanden hat, ist unbekannt. Hieron., Chron. I, 45: Atheniensibus leges petentibus ex Draconis et Solonis reliquorumque libris jura componit. Dies klingt ganz phrasenhaft; dazu Hertzberg II, 317. Daß er für das Wol der Stadt sorgte, deren Häfen seit Sulla verödet und deren Handel und Industrie verfallen waren, lehrt noch heute eine Inschrift an der Torhalle der neuen Agora, welche eine Hadrianische Verordnung wegen des Oelverkaufs verzeichnet. C. I. G. I , 355 u. I. A., n. 38. – Gold- und Getreidespenden Hadrians für Athen, Dio 69, 16. Es ist nicht glaublich, daß der Kaiser bis zu seiner Abreise aus Achaja im Sommer 126 ein Jahr lang in Athen verweilt habe, ohne die Landschaften Altgriechenlands zu bereisen. Sie schickten sicherlich ihre Abgeordneten nach Athen, ihm ihre Gesuche und Einladungen vorzutragen. Es sind aber im Ganzen nicht viele Inschriften griechischer Städte erhalten, welche Hadrian ihren Wolthäter und Gründer nennen, und aus ihnen läßt sich die Zeit seines Besuches nicht bestimmen. Wo er Bauten aufgeführt oder in Tempeln Weihgeschenke gestiftet hat, wie in Korinth, Argos, Mantinea, Nemea, ist er wol auch selbst in Person gewesen. Siehe weiter unten den Abschnitt von den Bauten des Kaisers. Auf Münzen von Argos wird er als »Gründer« verherrlicht. Mionnet, Suppl. IV, 240. Sparta hat seine Ankunft in einer Inschrift verzeichnet. C. I. G. 1241. Andere Inschriften von Sparta C. I. G. 1308. 1309. 1312 (hier σωτη̃ρος ’Ολυμπίου); Les Bas-Foucart, Laconie, n.  193 (Σεβαστω̃ σωτη̃ρι); siehe Dürr, Anhang 113 f. Diese Stadt war damals die ansehnlichste des Peloponnes. Curtius, Peloponnes II, 226. Sie hatte ihre alten Einrichtungen bewahrt; die Gerusie dauerte fort, und das spartanische Jahr wurde noch immer von einem der fünf Ephoren benannt, wie das athenische von einem Archonten. Pausanias fand in Sparta die historischen Denkmäler unversehrt, so den Marktplatz mit den Regierungsgebäuden und der persischen Stoa, das Erzhaus der Athene auf der Burg, und zahlreiche Tempel, Grabmäler und Kunstgebilde. Pausan., Laconica XI. In Mantinea stellte Hadrian das Grabmal des Epaminondas wieder her und versah es mit einer Inschrift. Pausan., Arcad. XI, 8. Und sollte der Kaiser, welcher den Tempel des Zeus in Athen ausbaute und dann selbst den Namen des Olympiers annahm, nicht das damals noch immer durch seine Spiele und Heiligtümer glänzende Olympia besucht haben? Keine Inschriften geben Zeugniß davon, aber ihr Mangel kann nur zufällig sein. Korinth, die prächtigste Stadt Griechenlands, die römische Kolonie Julia des großen Cäsar, ist von Hadrian begünstigt und verschönert worden. Sie besaß wenig alte Sehenswürdigkeiten mehr, denn ihre meisten öffentlichen Gebäude waren seit Cäsar entstanden:, darunter befand sich auch ein Tempel der Schwester des Augustus Octavia. Pausan., Korinth. II, 6. Im böotischen Thespiä weihte Hadrian in jenem Tempel, aus welchem Caligula den Eros des Praxiteles geraubt hatte, das Fell eines Bären, seine eigene Jagdbeute, mit selbstgedichteten Versen. Kaibel, Epigr. graeca, n. 811 . Die Stadt Thespiä setzte Hadrian als ihrem ευεργέτης καὶ κτίστης eine Statue, noch ohne den Titel Olympios. C. I. G. I , 1614. Jenes bewunderte Kunstwerk hatte Claudius der Stadt zurückgegeben, aber Nero wieder entführt, und nur eine Copie desselben vom Athener Menodorus stand im Tempel, als ihn Pausanias besuchte. Boeot. XXVII, 4. Wie sollte Hadrian nicht auch Theben gesehen haben? Die Stadt des Pindar war freilich zur Zeit des Pausanias schon so zusammengeschwunden, daß nur noch die Burg bewohnt wurde. Zwei Inschriften aus Theben (Dürr, Anhang n. 93. 94) sind später, da sie Hadrian den Titel Olympios geben. Die ganze Landschaft Böotien war herabgekommen; viele ihrer Städte lagen öde. Dem kleinen Chäronea hatte Plutarch Ruhm gebracht, doch dieser edle Mann, welchen Hadrian geehrt und zum Procurator Griechenlands ernannt hatte, war um das Jahr 120 gestorben. Eine der ansehnlichsten böotischen Städte mochte damals Lebadea sein, denn das noch immer stark besuchte Orakel des Trophonius führte ihr viel Leben zu. Es ist nicht bekannt, daß Hadrian dasselbe befragt hat, doch wird ihn seine Neugierde getrieben haben, auch dieses alte Mysterium kennen zu lernen. Das Orakel zu Delphi befragte er nach dem Vaterlande Homers, sei es durch Boten, oder persönlich. Dort errichteten ihm die Amphiktyonen eine Ehrenstatue. C. I. G. 1713: τὸ κοινὸν τω̃ν ’Αμφικτυόνων, noch ohne den Titel Olympios. Dieser Bund dauerte noch fort, und seine Versammlung bestand zur Zeit des Pausanias aus 30 Mitgliedern, welche Nikopolis, Macedonien und Thessalien, Böotien und Phokis, Doris, Lokris, Euböa, Argos, Sikyon und Korinth, Megara und Athen stellten. Pausan., Phokika VIII, 3 . Dem Heiligtum des Apollo hatte Nero 500 eherne Statuen geraubt und die Tempelgüter eingezogen. Der Verfall Delphis war unrettbar, denn auch das pythische Orakel hatte sein Ansehen eingebüßt. Pausanias sagt nicht einmal, daß es zu seiner Zeit noch in Thätigkeit war. Er fand die alten Schatzhäuser leer an Geld, aber in seiner langen Beschreibung der delphischen Merkwürdigkeiten konnte er noch viele alte Weihgeschenke in dem heiligen Bezirk aufzählen, während von den Tempeln einer in Trümmern lag, der zweite keine Statuen mehr hatte, im dritten die Bildsäulen einiger römischer Kaiser standen. Unter diesen mag sich auch die zu Ehren Hadrians errichtete befunden haben. l Phokika VIII, 4: τω̃ν εν ‛Ρώμη βασιλευσάντων – ου πολλω̃ν τινω̃ν εικόνας. – Im Schatzhaus der Korinther fand Plutarch nichts mehr vor, als die eherne Palme. Moralia ed. Wittenbach II , 438. Im augustischen Actia Nikopolis in Epirus ist Hadrian gewesen, denn Münzen dieser Stadt stellen ihn zu Schiffe dar, und haben die Legende »Erscheinen des Kaisers«. Greppo S. 114. Hadrianische Münzen von Nikopolis sind zahlreich; Mionnet, Suppl. III , 379 f. Von dort kann er Dodona besucht haben. Eine Inschr. C. I. G. 1822 gibt Hadrian den Zunamen Dodonaios. Siehe Greppo S. 115. Daß er das Tempetal in Thessalien gesehen hat, ist zweifellos, da er in seiner Villa zu Tibur eine Anlage nach ihm benennen ließ. Nur wissen wir nicht, ob seine Reisen in Nordgriechenland, Epirus, Thessalien, Macedonien und Thracien, wo er Adrianopolis gründete, in die Zeit seiner ersten Anwesenheit in Hellas gehören, oder nicht. Seine Ankunft in Macedonien und Thracien ist durch Münzen bekundet. Adventui Aug. Macedoniae. Restitutori Maced. Adventui Aug. Thraciae , Eckhel VI, 498. Greppo S. 111 verzeichnet als thracische Städte, deren Kaisermünzen mit H. beginnen, Bizya, Mesembria, Peutalia, Trajanopolis und Cöla im Chersonnes. Cöla nannte sich Aelium Municip. Mionnet, Suppl. II , 527. – Flemmer, S. 89 glaubt, daß H. jene Landschaften während seines Aufenthalts in Athen (nach ihm 876–879 oder 880) i. J. 879 = 126 besucht habe. Dagegen versetzt Dürr S. 56 den Besuch in Nordgriechenland in die Zeit vor seiner Ankunft in Athen, etwa Spätherbst 124 bis Herbst 125. Nach einem Aufenthalt von etwa drei Jahren im Orient und den hellenischen Ländern kehrte Hadrian nach Rom zurück, und zwar über Sicilien. Adventui Aug. Sicil. Eckhel VI, 500. Er bestieg dort den Aetna, um den Aufgang der Sonne zu sehen, welcher, wie man wissen wollte, in Farben des Regenbogens zu geschehen pflegte. Spart, c. 13. Er besuchte also auf dieser Reise die berühmten Städte Messena, Tauromenium, Catina, Syrakus und Thermiä. Sie waren römische Colonien, und außer ihnen wurden auf der Insel 63 Communen gezählt, welche meist das lateinische Recht besaßen. Plin. ( H. N. III , 14). Wenn der vielleicht nur zufällige Mangel an Urkunden über das Verhältniß Hadrians zu Sicilien einen Schluß erlauben dürfte, so hat er diese Schatzkammer Roms, wie noch Strabo die Insel nannte, nicht mit großer Freigebigkeit behandelt. Nur eine Münze des Senats nennt ihn im Allgemeinen den Wiederhersteller Siciliens; der Kaiser richtet eine knieende Frauengestalt auf, die mit Aehren bekränzt ist und Aehren in der Hand trägt. Eckhel VI, 500. Eine Hadriansmünze Vaillants mit dem Haupt der Medusa (?), darüber ein Meermonstrum mit der Legende Sicilia S. C. bezweifelt Eckhel. Zumpt, Comm. Ep. I , 409 glaubt, daß Hadrian den Städten Lilybäum und Panhormus das Colonialrecht gegeben hat, und spricht ihm in Sardinien die Colonien Uselis und Cornul zu. Nach Rom kehrte Hadrian zurück, entweder am Ende des Jahres 126, oder im Beginne des folgenden. Dreizehntes Capitel. Hadrian in Rom. Der Titel Pater Patriae. Der Kaiser geht nach Africa. Verhältnisse dieser Provinz. Karthago. Lambäsis. Der ruhige Zustand Roms während der langen Abwesenheit des Kaisers lieferte den Beweis, daß die Monarchie auf den Grundlagen der trefflichen Verwaltung fest stand, welche Hadrian von seinem Vorgänger überkommen und selbst verbessert hatte. Nicht Prätorianer und Heere gaben seinem Trone Sicherheit, sondern die Weisheit und Gerechtigkeit seiner Regierung. Das Gleichgewicht zwischen Kaiser, Senat und Heer war vielleicht nie vollkommener gewesen. Nichts aber ist erstaunlicher, als der Anblick dieser majestätischen und doch so disciplinirten Waffenmacht des Reichs. Die Legionen, welche Trajan mit Kriegsruhm verwöhnt hatte, waren jetzt zu friedlichen Gränzwächtern geworden; sie arbeiteten emsig und ohne Murren an Schanzen und Mauern, und fügten sich der strengen Zucht, die ihnen der Kaiser auferlegte. Er war nach Rom zurückgekommen griechischer, als er es je gewesen, und das hat gewiß manchen Römer aus der Schule Trajans mit Unwillen erfüllt. So mächtig wirkte der Zauber Athens auf Hadrian, daß er griechische Gebräuche, selbst die Feier der Eleusinien in Rom einführte. Sein Hof nahm immer mehr einen hellenischen Charakter an. Griechische Sophisten und Gelehrte umgaben ihn; sein Liebling war der junge Antinous, ein Bithynier aus Claudiopolis, den er in Kleinasien kennen gelernt und mit sich geführt hatte. Hadrian gründete, wol nach seiner Rückkehr, in Rom eine Akademie, welcher er den Namen Athenäum gab. Ueber die Einführung des Hellenismus in Rom durch ihn Aurelius Victor, Epit. 14 . Seine Heimkehr bot dem Senat neue Gelegenheit dar, ihm mit Beweisen der Ehrfurcht entgegenzukommen. Moralische Gründe können daher die Ansicht unterstützen, daß ihm derselbe den Antrag machte, den Titel Vater des Vaterlandes endlich anzunehmen. Flemmer S. 44 macht diese Gründe geltend. Hadrian that dies, wie es scheint, am Tage der Dedication des Prachttempels der Roma und Venus, und diese Feier konnte nicht passender als am Geburtstage der Stadt, den 21. April, begangen werden. Das Jahr, in welchem sie stattfand, und Hadrian jenen Titel, seine Gemalin Sabina den der Augusta annahm, ist ungewiß, aber wol eher 128 als 127 gewesen. Siehe die gründliche Auseinandersetzung bei Dürr S. 28 f. Der Kaiser blieb jetzt längere Zeit in Rom, plante jedoch wieder neue Reisen. Selbst seine Biographen hat dies ruhelose Wandern nervös gemacht. Spartian schreibt wie ein Courier; nachdem er Hadrian aus Sicilien nach Rom hat heimkehren lassen, sagt er in einem hastigen Atemzuge: »von hier ging er nach Africa«, und dann setzt er wie erschreckt hinzu: »niemals hat ein Fürst so viele Länder so schnell durchreist«. Spart, c. 13: nec quisquam principum tantum terrarum tam celeriter peragravit. Dieselbe Unruhe muß noch heute jeden Biographen dieses Kaisers ergreifen, um so mehr als er an die zerstückelten Berichte Spartians und Dios gebunden ist und mit ihnen in verzweifelter Hast Länder und Meere durchjagen muß. Indeß zu wenig Ruhe hat Spartian diesmal dem Kaiser in Rom gelassen. Erst im Sommer 128 wird Hadrian in Africa sichtbar. Sein Besuch in dieser Provinz fällt zwischen die erste und zweite Orientreise. Spartian erwähnt desselben zweimal, zuletzt mit dem Zusatz: »als er nach Africa kam, fiel bei seiner Ankunft wieder Regen, welcher fünf Jahre ausgeblieben war, und deshalb wurde der Kaiser von den Africanern geliebt«. Spart, c. 22. Es war nicht das erste und letzte Mal, daß Schmeichelei der Untertanen Ereignisse der Natur mit dem Erscheinen des Fürsten in Zusammenhang zu bringen wußte. Die Völker Africas haben jedoch ernsthaftere Ursachen gehabt, den Kaiser, welcher sie besuchte, zu ehren. Im Jahre 128 bereiste er Numidien und richtete die militärische Verfassung des Landes besser ein. Die Provinz Africa und das mit ihr bis auf Septimius Severus vereinigte Numidien erstreckte sich von den Gränzen Mauretaniens bis zur Cyrenaika und der großen Syrte. Die Provinzen Roms in Africa waren überhaupt Africa und Numidia, die beiden Mauretanien, Creta und Cyrenaika, Aegyptus. Es war ein fruchtbares Ländergebiet, eine der besten Kornkammern Roms, erfüllt von mehr als 300 blühenden Städten. Es lieferte köstliche Früchte, wilde Thiere für die Arena, Elfenbein, gelben Marmor ( giallo antico ) für die Prachtbauten der Kaiser, und kunstreiche Gewebe. In keiner Provinz gab es so viele kaiserliche Domänen als in Africa, dem Lande der großen Latifundien. Die Kaiser beuteten diese aus, und namentlich hat Trajan seine Familie dort mit Gütern ausgestattet. Die mißlichen Verhältnisse der Kleinpächter oder Colonen zu den Großpächtern regelte dort Hadrian selbst in humaner Weise. Bull. d. Corresp. Africaine Alger 1882, fasc. II, 62 . Ueber die dortigen Verhältnisse Boissière, l'Algérie Romaine , Jung, Rom. Landsch. S. 194. L. Friedländer, Das röm. Africa, Deutsche Rundschau, Heft 4 und 5, 1883. Africa war wie Asien eine senatorische Provinz höchsten Ranges und von einem Proconsul verwaltet, aber seit Caligula befehligte ein vom Kaiser ernannter Legat selbständig die 3. Legion Augusta, welche Octavian dorthin verlegt hatte. Legatus Augusti propraetore legionis . Marquardt, R. St. I², 468. Arnold, Rom. Prov. Admin. S. 108. Die Romanisirung des Landes war weit vorgeschritten, wenn auch das punische Sprach- und Volkselement mit dem alten Cultus des Moloch und der Astarte noch immer fortdauerte. Karthago war der Mittelpunkt dieser phönizischen Religion; denn dort stand der Tempel der Juno Cälestis oder Astarte, der heiligen Himmelskönigin, welche nicht allein in Africa, sondern seit dem dritten punischen Kriege auch in Rom große Verehrung genoß. Preller, R. Mythol., Juno Cälestis. Es gab kaum anderswo so viele römische Colonien als in Africa. Hadrian selbst vermehrte sie, denn von ihm erhielten Utica, Zama, Thänum das Colonialrecht. Zumpt, Comm. Ep. I, 421. C. I. L. VI, n. 1686: Coloni Coloniae Aeliae Hadrianae Aug. Zamae Regiae. Colon. Aeliae August. Mercurialis Thaenitana, n. 1685 , und Gruter 363. Col. Julia Aelia Hadriana Augusta Utikensis ( Janssen, Inscr. musei Lugduno – Batavi S. 80, bei Dürr S. 40). Karthago, die Residenz des Proconsuls, nahm den Namen Hadrianopolis an. Spart, c. 20. Dies beweist, daß der Kaiser sie besonders ausgezeichnet und wol auch mit Monumenten geschmückt hat. Die neue Karthago der Römer, die Gründung Cäsars, hatte schon seit Augustus ihren alten Rang in Africa wieder eingenommen. Sie war die zweite Stadt im Abendlande, die dritte im Reich überhaupt an Größe, Schönheit und Volkszahl, da sie nur von Rom und Alexandria übertroffen wurde; ein Handelsplatz von vielleicht einer Million Einwohnern, mit prachtvollen Straßen, glänzenden Tempeln, Theatern und Villen, und dem unvergleichlichen Hafen, welchen, wie zur Zeit Hamilkars, die Schiffe der seefahrenden Nationen belebten. Karthago vermochte sich sogar bis zur Vandalenzeit als Sitz der feinsten lateinischen Bildung zu behaupten, und berühmte Männer gingen daraus hervor, wie Apulejus und Tertullian, Cyprianus, Lactantius und Augustinus. Die lateinischen Studien blühten überhaupt in Africa bis tief in Numidien hinein; selbst der große Jurist Hadrians Salvius Julianus war ein Africaner aus Hadrumetum, und der Rhetor Fronto stammte ans Cirta, der Hauptstadt Numidiens. Eine große Militärstraße mit dem Mittelpunkt Lambäsis deckte das ganze Gebiet Numidiens südwärts gegen die Raublust der Beduinenvölker. Schon im Jahre 123 hatte Hadrian durch die 3. Legion Augusta unter seinem Legaten P. Metilius Secundus eine Straße von Karthago nach Theveste bauen lassen, einem numidischen Ort nur einige Meilen östlich von Lambäsis entfernt Inschr. auf einem Meilenstein, Guerin, Voyages archéol. dans la Régence de Tunis II, 75. C. I. L. VIII, n. 10049 . In diesem Lambäsis erhielt dieselbe Legion ihr Standlager unter dem Nachfolger des Secundus, dem Legaten Q. Fabius Catullinus, welcher dann nach Abgabe seines africanischen Legionscommando am 1. Januar 130 mit M. Antonius Asper den Consulat geführt hat. Die Legaten der legio III Aug. führten das Kommando 3 Jahre lang, und wurden darauf zum Consulat befördert. Henzen, Diploma militare d'Adriano, Annali d. Inst. 1857, S. 20. Wilmanns, Die Röm. Lagerstadt Africas ( Comment Philol. , Berlin 1877), S. 209 berechnet nach Henzen die Dauer des Commando des Catullinus auf Mitte 126 bis Mitte 129. Hadrian besichtigte die Legion, und von dieser Musterung gibt eine lange Marmorinschrift Kunde, welche die Ansprache des Kaisers an die Truppen und sein rühmendes Zeugniß ihres militärischen Eifers unter der Führung des Catullinus enthält. Das Datum des Tagesbefehls ist annähernd das Ende des Juni oder die Mitte des Juli 128. Die von Renier gefundene Inschr. Bei Wilmanns a. a. O., und C. I. L. VIII, n. 2532 . Lambäsis, dessen Ruinen am Djebel Aures liegen, bietet eines der merkwürdigsten Beispiele der Thätigkeit römischer Legionssoldaten dar, denn jene Stadt verdankte ihren Ursprung dem Lager der 3. Legion, dessen Umwallung noch erhalten ist. Diese Legion blieb daselbst lange Zeit, und sogar noch um das Jahr 400 ist sie in Numidien sichtbar. Dedicationsinschr. für Hadrian der Veteranen dieser Legion in Lambäsis unter P. Cassius Secundus und Q. Fabius Catullinus bei Renier, Inscr. rom. de l'Algérie, n. 1  f. – Ueber Lambäsis Boissière, l'Algérie Romaine S. 333 f. Aus den Canabä, den Ansiedlungen der Veteranen und Kaufleute entstand der Ort als Stadt unter Marc Aurel. Leider haben die Franzosen seit 1844 das antike Standlager als Steinbruch ausgebeutet und daher zerstört. Wie weit Hadrian seine Reise in Africa ausgedehnt hat, ist unbekannt. Die Provinz verdankte ihm die Anlage von mehren Municipien und Colonien, die sich den Namen Aelia beilegten. Dürr S. 40 f. hat die Beziehungen Hadrians zu Aelia bei Thysdrus, zu Aelium, Colonia Aelia Banasa, Aeliura Choba u. a. verzeichnet. Eine Straße von Cirta nach Rusicade ließ er durch den Legaten der 3 Legion, C. Julius Maior, wie es scheint, nach seinem Abgange ans Africa, bauen. Ex auctor. Imp. Caes. Hadriani Aug. pontes viae novae Rusicadensis . . . Renier, Inscr. rom. de l'Algérie n. 1296, n. 3842 Inschr. von Quiza und Arsennaria. Vielleicht führte er damals auch Colonien nach dem durch die Rebellion der Juden verwüsteten Libyen, während er in der Cyrenaika die Stadt Hadriana oder Hadrianopolis gründete. Sie ist genannt im Itinerar. Anton, und der Peutingerschen Tafel. Die Münze Restitutori Libyae bezweifelt Eckhel VI, 497. Vierzehntes Capitel. Zweite Orientreise. Hadrian in Athen und Eleusis. Reise nach Asien. Ephesus. Smyrna. Sardes. Von Africa kehrte Hadrian nach Rom zurück, um sodann seine zweite große Orientreise anzutreten, die ihn über Athen nach Kleinasien, Syrien und Aegypten führen sollte. Spart, c. 13 denique, cum post Africam Romam redisset, statim ad orientem profectus per Athenas iter fecit – aber wer bürgt für die chronologische Genauigkeit dieses statim ? Daß Hadrian in der ersten Hälfte des März 129 in Rom gewesen ist, schließt Dürr S. 32 aus Ulpian Dig. 5, 3, 20, 6, da das SC. Iuventianum nach einem schriftlichen Antrage Hadrians am 14. März zum Beschluß erhoben wurde. Die Römer konnten über die Unruhe ihres Kaisers erstaunen, welcher die Hauptstadt des Reichs nur als sein Absteigequartier zu betrachten, und fremde Provinzen, wie vor allen andern Griechenland, Italien vorzuziehen schien. Er schiffte nach Athen sei es am Ende 128, oder am Anfange des folgenden Jahres. Wenn die Angabe Spartians richtig ist, riefen ihn dorthin die von ihm begonnenen und jetzt vollendeten Bauwerke zu ihrer Einweihung; aber man darf zweifeln, daß die Weihe des großen Zeustempels schon zu jener Zeit stattgefunden hat, und überhaupt, daß so viele Gebäude Hadrians in Athen zu einer und derselben Zeit vollendet sein konnten. Das setzt die Phrase Spartians voraus atque opera, quae apud Athenienses coeperat, dedicavit, ut Jovis Olympii aedem et aram sibi – Die Athener mußte die schnelle Wiederkehr des Kaisers in einen wahren Taumel der Freude versetzen. Da sie bereite von seiner ersten Ankunft eine Zeitrechnung zählten, werden sie auch seinen zweiten Besuch mit ganz besondern Ehren gefeiert haben. Es geschah wol damals, daß sie den zwölf attischen Phylen eine dreizehnte mit dem Namen Hadrianis hinzufügten. Die Phyle Hadrianis ist oft in Inschriften erwähnt, welche Hertzberg II, 343 f. zusammengestellt hat. – Dittenberger, Die attischen Phylen (im Hermes 1875 IX, 386. 397). Hermann, Jahrb. d. griech. Staatsaltert. 5. Aufl. § 176. In Folge der 13. Phyle wurde der Rat der Athener wieder auf die Zahl 500 zurückgestellt. Wenn der Kaiser mit der Vergangenheit Athens hinreichend bekannt war, so konnte ihm freilich eine Ehre zweifelhaft erscheinen, welche ehedem Antigonus und Demetrius von denselben Athenern empfangen, aber dann wieder verloren hatten, um sie an die Könige Attalus von Pergamon und Ptolemäus von Aegypten abzutreten. Pausan. I, 5, 5. Leider sind wir über alles im Dunkel geblieben, was Griechenland diesem Kaiser in Bezug auf die Verbesserung seiner bürgerlichen und volkswirtschaftlichen Zustände verdankt hat; denn die Reihe von Inschriften und Münzen aus Städten, die ihn als Wolthäter und Gründer gepriesen haben, läßt nichts Thatsächliches erkennen. Trotz all' des Schimmers neuer Tempel, neuer Feste und Spiele blieb Griechenland eine politische Ruine, die niemals mehr mit neuem Nationalleben erfüllt werden konnte. Von Athen aus besuchte Hadrian wiederum die ansehnlichsten Städte Griechenlands. Sparta feierte seine zweite Anwesenheit durch Spiele und pries ihn als seinen Heiland. C. I. G. n. 1308 f. Eine Inschrift aus Mantinea, wonach ihm der Grammateus dieser Stadt eine Statue und einen Tempel weihte, gehört wahrscheinlich in diese Zeit. Le Bas-Foucart Sect. VI. Arcadie n. 352 g. Megara errichtete dem Kaiser zu Ehren eine neue Phyle Hadrianis. C. I. G. n. 1072. Inschriften aus Korinth, Thespiä, Koronea, aus Phokis und von einigen Inseln lassen es ungewiß, welcher Epoche sie angehören. Passim bei Böckh, Thespiae 1614, Koronea 1615, Mitylene 2177, Andros 2349 add. Vol. II, Aegina 332, Thera 2454 . Bevor Hadrian von Athen nach Asien weiter reiste, war er nochmals in Eleusis, und dort hat er wahrscheinlich die zweite Mysterienweihe genommen. Die Einweihung fand zweimal statt: εποπτεύειν (was Euseb. Chron. und Dio von Hadrians eleusinischer Weihe gebrauchen) heißt die letzte und höchste Weihe empfangen. Salmasius zum 13. Cap. Spartians. Der Rat dieser Stadt errichtete der Priesterin der Demeter eine Bildsäule, auf deren Basis sie sich selbst und den Kaiser in Distichen verherrlicht hat. Ich habe, so sagte diese edle Heilige, nicht den Dioskuren, nicht dem Asklepios, noch dem Herakles die Weihen erteilt, sondern ihm, dem Gebieter der Welt, Hadrianus, dem Herrscher über zahllose Sterbliche, welcher unerschöpfliche Reichtümer über alle Städte und vor allen über die Stadt des Kekrops ergießt. ’Άσπετον ὸς πάσαις πλου̃τον κατέχευε πόλεσσιν, ‛Αδριανὸν κλεινη̃ς δ'έξοχα Κεκροπίης. C. I. G. I, n. 434 . Hadrian konnte in Eleusis noch die Feste des Monats Boedromion feiern; Ueber die eleusin. Feiertage vom 14. bis 25. Boedrom. die Tafel bei A. Mommsen, Heortologie S. 268. dann ging er, etwa im Herbst 129, nach Ephesus in See. Er sagt das selbst im angeführten Brief an die Ephesier (Wood, Discov. of Eph. n. 1 ). Das Datum ist trib. pot. XIII (Jahr 129). Die Inschrift wurde von Wood im großen Theater gefunden, und ist jetzt in London. Es war sein zweiter Besuch in dieser Stadt der Artemis. Ephesus, einer der großen Marktplätze für den Handel zwischen Asien, Griechenland und Aegypten, blühte zu jener Zeit noch so sehr, daß sie sich die erste und größeste Metropolis Asiens nennen durfte. πρώτη καὶ μεγίστη μητρόπολις τη̃ς ’Ασίας, in Inschriften bei Wood Discov. im Anhange. Das πρώτη und μητρόπολις legten sich freilich auch andre Städte Asiens bei. Auch war sie der Sitz des römischen Proconsuls. Andere Städte der Provinz, wie Pergamon, Sardes, Cyzikus und Smyrna, blickten voll Neid auf ihre glückliche Nebenbulerin. Sie machten ihr diesen Vorrang, namentlich den Vorsitz bei der Festgenossenschaft und Landesversammlung Asiens streitig (τὸ κοινὸν ’Ασίας). Die Spiele der Provinz wurden auch in jenen Städten gefeiert, aber die panionischen, die mit den Festen der großen Artemis verbunden waren, hielt man in Ephesus ab. Hadrian selbst wurde als Panionios verehrt. Inschrift aus Ephesus, Curtius im Hermes IV. 1. Heft S. 182. Seit die Römer diese Stadt vom Pergamener Attalus geerbt hatten, betrachteten sie dieselbe als ein Kleinod ihres Reichs. Alle Kaiser begünstigten sie. Sie war eine der vierzehn Städte Kleinasiens, welche Tiberius nach dem schrecklichen Erdbeben wieder herstellte; auf der Basis der Statue, die ihm jene Städte weihten, ist der Genius von Ephesus abgebildet, mit drei Kornähren, einer Granate und einem Mohnhaupt in der Hand, als Symbol der Fruchtbarkeit des Landgebiets. Dies Piedestal steht im Museum Neapels. Eine ähnliche Vorstellung auf ephes. Münzen, Mionnet, Suppl. VI, n. 880 , Edmund Falkner, Ephes. and the Temple of Diana , 1862, II, 291. Claudius und Nero, Vespasian und Trajan, endlich Hadrian selbst schmückten die Stadt mit so vielen Gebäuden, daß ihre heutigen Ruinen von Tempeln und Theatern, von Stadien, Gymnasien, Bädern und Wasserleitungen, welche über die Höhen und die Täler dort zerstreut sind, fast durchaus der römischen Epoche angehören. Wood S. 11. Unter Antoninus wurde ein großer Teil der Stadt nahe am Odeum neugebaut. Siehe außer Wood u. Falkner, E. Guhl, Ephesiaca , 1843, Hyde Clarke, Ephesus , 1862. An den Abhängen der Berge Koressos und Prion, auf denen noch die großartigen Reste der Ringmauern die Stärke der alten Befestigung darthun, lag Ephesus, in einer weiten Niederung verbreitet, welche der Kenchrios und der »schwänereiche« Kaystros durchströmen. Der Zauber dieser Landschaft übertrifft selbst die Reize der sardischen Gefilde am Hermos. Künstliche Häfen verbanden die Stadt mit dem einige Millien von ihr entfernten Meer. Der Reichtum der Natur, die Einflüsse Lydiens und Persiens und die berauschende Sinnlichkeit des Cultus der Artemis hatten sich vereinigt, um das Volk der Epheser zu dem üppigsten Joniens zu machen. Ihre Stadt war das Paradies der Wonnen, der Laster, und der Mysterien des Orients. Sie wimmelte von Musikern, Schauspielern und Tänzern, von Priestern, Magiern und Astrologen. Ihre abergläubischen Künste waren in der Welt berühmt; die ephesischen Charaktere vom Gürtel und Kranz der vielbrustigen Diana wurden selbst in Rom als Amulete getragen, und die Liebesromane, für welche es keine passendere Scene als Ephesus geben konnte, las man mit Begierde im ganzen Reich. Ihren Weltruhm verdankte die Stadt dem Tempel der Artemis, einem Wunderwerk jonischer Baukunst. Siebenmal war das Artemision zerstört und wieder erbaut worden. Plin., H. N. XVI , 79, 1. Zuletzt hatte es in der Nacht, als Alexander der Große geboren wurde, die Brandfackel eines Wahnsinnigen vernichtet. Dieser Tempel war der größeste des Altertums gewesen, 425 Fuß lang und 220 Fuß breit, von 60 Fuß hohen Säulen getragen, ein Werk des Chersiphron. Strabo 640. Sodann führte Dinokrates, der geniale Architect Alexanders, einen prachtvollen Neubau auf, wie es scheint in denselben Verhältnissen. Von diesem Tempel sagte Kallimachus, Hymnus auf Diana v. 249: του̃ δ'ούτι θεώτερον όψεται ηὼς, ουδ' αφνειότερον. Ihn fand Hadrian vor, als er nach Ephesus kam. Von seinen 127 Säulen waren 36 über der Basis mit mehr als lebensgroßen Figuren in Basrelief geschmückt. Plin., H. N. XXXVI , 21 ( columnae celatae ). Siehe Erläuterungen zum Stadtplan von Ephesus von F. Adler, Abhandl. der Akad. d. Wiss. zu Berlin 1873, S. 34 f. Die Künstler Griechenlands hatten vor und nach Alexander gewetteifert, das Heiligtum der Diana mit schönen Bildwerken auszustatten. Phidias und Polyklet, Praxiteles und Myron hatten dafür gearbeitet, Lysippus dort die Statue Alexanders aufgestellt, und die großen Maler Parrhasius (dieser war Epheser von Geburt), Euphranor, Zeuxis und Apelles schufen die herrlichsten Gemälde für diesen Tempel. Guhl, Ephesiaca S. 186 f. Falkener S. 305. Wenn nun auch im Laufe der Zeit manche Kunstwerke untergegangen sein mochten, so war doch das Artemision in der Zeit Hadrians noch ein reicheres Museum, als der Apollotempel in Delphi. Er diente zugleich als das allgemeine Schatzhaus Asiens, worin Städte und Privatpersonen Gelder niederlegten. Die Priesterschaft der Artemis vermochte einst im Namen der Göttin die Stadt und ihre Landschaft zu beherrschen. Ueber die Macht und Politik derselben Curtius, Beiträge zur Gesch. u. Topographie Kleinasiens, phil. u. hist. Abh. d. Akad. d. Wiss. zu Berlin, 1873. Zu ihren Gunsten hatten Alexander, sodann Mithridates und noch Marc Antonius dem als Asyl dienenden Tempelbezirk einen unverhältnißmäßigen Umfang gegeben. Der verständige Augustus beschränkte ihn und umzog ihn mit einer Mauer. Strabo 641. Augustus baute den Peribolos im J. 6 v. Chr. Wood fand die augustischen Inschriften an der Ecke desselben, und sie wiesen ihm den Weg zur Tempelstätte. Das Artemision wurde etwa 140 Jahre nach dem Besuche Hadrians von den Gothen zerstört, als Gallienus Kaiser war (260–268). Seine Stelle war so spurlos geworden, daß Wood 6 Jahre brauchte, um sie im Frühjahr 1870 aufzufinden. Eine große runde Vertiefung, halb versumpft, worin Binsen und Gestrüppe wachsen und zu weißem Kalkstaub zermalmter Schutt mit wenigen Resten des Tempels umherliegt, ist alles, was von der Herrlichkeit des Artemision übrig blieb. In der Nähe steht die prächtige Moschee Selims, die aus Werkstücken des Tempels erbaut ist. Aber die Kaiser achteten die Privilegien des Tempels, und zumal scheint Hadrian der ephesischen Diana wolgesinnt gewesen zu sein. Der Cultus des Genius Roms und des Kaisertums, welchem schon der Umstand Nachdruck geben mußte, daß Ephesus der Sitz des Proconsuls war, vertrug sich sehr gut mit der Politik der Tempelpriesterschaft. Nirgend anderswo in Kleinasien scheint der Kaiserdienst überhaupt so in Blüte gewesen zu sein, als in dieser Stadt, und sie war vielleicht die wahre Geburtsstätte dieser die Menschheit entwürdigenden Religion der Despotie. Krause, Neokoros. Preller, R. Mythologie, Kaisercultus, am Ende. – Doch behauptete Smyrna, zu allererst ein emplum urbis Romae errichtet zu haben, Tacit. Ann. IV , 56. Ephesische Münzen verbinden Hadrian sogar mit der großen Göttin Artemis, welche auf ihnen abgebildet ist in ihrem Tempel stehend, oder zwischen zwei Hirschen, wie sie die bekannte Bildsäule in Neapel darstellt Mionnet, Suppl. VI , 381 f. Cohen VII, Suppl. S. 15. Auf Münzen und in Inschriften zu Ehren des Kaisers ist die zweite Neokorie der Stadt verzeichnet. Inscr. Attic. n. 485. C. I. G. 2965. Nachdem Hadrian den Zunamen Olympios angenommen hatte, wurden auch dort seine olympischen Spiele gefeiert. Ein Heiligtum des vergötterten Kaisers für die ganze Provinz Asien bestand daselbst unter dem Oberpriester derselben, dem Asiarcha, welcher den Spielen vorstand. C. I. L. III , 246 f. Die Priester des Artemision weihten Hadrian und seiner Gemalin Bildsäulen und verehrten beide nach ihrem Tode neben der Diana als Götter. Ephesische Inschr. zu Ehren Hadrians zusammengestellt von Dürr, Anh. n.  27 f. Inschriften auf Sabina C. I. G. n.  2964–66. N.  2965 wurde gesetzt, als Aurelius Fulvus Antoninus, der nachmalige Kaiser Anton. Pius, Proconsul Asiens war (vor 135). Wood, App. n. 3. C. I. L. III, n . 6070ª, Inschrift einer Statue von der Bule in Ephesus gesetzt der jüngeren Matidia, der Schwester der Diva Sabina. Die älteste hadrianische Inschrift, von der wir wissen, ist ein Decret des Kaisers vom 27. Sept. 120 in Briefform an die Gerusia der Stadt, von deren Gesandten überreicht an Cornelius Priscus, den Proconsul Asiens; Curtius, Inschr. aus Ephesus, Hermes IV, 1, 178. Wenn der Kaiser einen tieferen Blick in die fantastische Welt von Ephesus geworfen hätte, so würde er neben dem Dienst der uralten Göttin mit den Chören ihrer in Purpur gekleideten Tempeljungfrauen und den Schwärmen entmannter Priester eine stille, aber festgeordnete Gemeinde entdeckt haben, welche sich zum Namen Christi bekannte. In diesen üppigen Boden der asiatischen Schwärmerei war das Senfkorn des Evangeliums schon frühe gefallen, und kräftig aufgegangen. Aus der Nähe des Artemision hatten die Boten der neuen Weltreligion das Netz ihrer Lehre über Kleinasien ausgebreitet. In Ephesus hatte der Apostel Paulus drei Jahre lang gepredigt, und wahrscheinlich auch der Apostel Johannes gelebt. Das vierte Evangelium entstand hier, und im Ganzen wurde gerade diese Stadt der Diana, welcher »ganz Asia und der Weltkreis Gottesdienst erzeigte«, ein Mittelpunkt des evangelischen Lebens und eine Werkstätte der christlichen Dogmatik. Renan, St. Paul S. 333 f. L'église chrétienre S. 46. Von Ephesus aus besuchte Hadrian viele andre Städte Asiens noch einmal. Keine scheint ihn mehr angezogen zu haben als Smyrna, die Königin der jonischen Meere. Zu ihren Häupten stand der sagenhafte Ursitz der Tantaliden, das finstre Gebirge Sipylos, wo noch das Felsenbildniß der trauernden Niobe gesehen wird; zu ihren Füßen lag der große von Schiffen bedeckte Golf, während die meilenweiten sanften Gestade einen fortgesetzten Garten von Fruchthainen bildeten. Smyrna rühmte sich eine Gründung des Tantalus, oder des Theseus, oder der Amazonen zu sein; vor allem aber galt sie als der Geburtsort Homers. Die Bildsäule des Dichters stand dort in einem Prachtbau, dem Homereion, und sie genoß nicht mindere Verehrung als die Göttermutter Kybele in ihrem berühmten Tempel. Die mächtige Stadt nannte sich, mit Ephesus wetteifernd, die erste und glänzendste Asiens durch Schönheit und Größe, die Metropole Asias, dreimal Neokoros der Auguste, der Schmuck Joniens. C. L G. n. 3191. 3202 und mehre andre Inschr. Ihre Pracht muß groß gewesen sein, wenn die enthusiastische Schilderung wahr ist, welche Aristides von ihren Bädern, Theatern und Portiken, ihren vielen Gymnasien und Tempeln und von dem Reiz ihrer Landschaft gemacht hat. Er schilderte sie, nachdem sie unter Marc Aurel ein Erdbeben zerstört hatte; er nannte Smyrna das Bildniß der Erde, das Theater Griechenlands, das Gewebe der Nymphen und Grazien. Or. XX , Monodie auf Smyrna. Schon früher hatte Strabo (646) sie genannt: καλλίστη τω̃ν πασω̃ν – Lucian Είκονες 960: η καλλίστη τω̃ν ’Ιωνικω̃ν πόλεων – Die Stadt war durch See- und Karavanenhandel reich, und ein Hauptsitz der Sophistik. Dort lebte der gefeierte Polemon, mit welchem Hadrian befreundet war. Ihm zu Liebe überschüttete er Smyrna mit Gnaden. Philostr. vita Soph. II , S. 43 ( ed. Kayser). Die smyrnäische Inschr. C. I. G. 3148 bemerkt die von Hadrian durch Polemon empfangenen Wolthaten, die 2. Neokorie, die Atelie, Festspiele, Einsetzung von Theologoi und Hymnodoi, große Geldsummen, Bauten. Zu Ehren Hadrians von Polemon geprägte Münzen, Mionnet III, S. 227. Suppl. VI , 340. Die dankbaren Smyrnäer errichteten dem Kaiser einen Tempel, und sie feierten später die hadrianischen Olympien mit besonderer Pracht. C. I. G. n . 3174 ’Ολυμπίω σωτη̃ρι καὶ κτίστη. 3175 Inschr. aus der Zeit des Antoninus Pius, wonach Hadrian den Smyrnäern eine Verordnung wegen dieser Olympien gegeben hatte. – Smyrnäische Münzen auf Hadrian mit dem Bilde des Jupiter und zwei Tempeln, Mionnet III, 227 f. Sogar den Zunamen Adriana hat sich Smyrna beigelegt. Mionnet III, 205. Eckhel II, 544. Weiter ins lydische Land hinein, wo an den Abhängen des Sipylus und des Tmolus der Hermus die große Niederung durchströmt, lag eine Reihe alter Städte, welche die Geschichte der lydischen und persischen Könige, der Seleuciden und der Römer als Schauplätze des Kampfes um die Herrschaft Asiens berühmt gemacht hatte. Die ansehnlichsten waren Magnesia am Sipylus, wo die Scipionen die Herrschaft des Königs Antiochus gebrochen hatten, Sardes und Philadelphia. Sardes war zur Zeit Hadrians noch groß und reich. Die alte Königsburg dauerte auf ihrer steilen Felsenhöhe, zu deren Füßen über dem Ufer des goldreichen Paktolos der Kybeletempel stand, dessen Priesterschaft an Macht mit jener der ephesischen Diana wetteiferte. Jenseits des Hermus, zwischen dem Fluß und dem See des Gyges erstreckten sich die Nekropolen der lydischen Könige mit ihren zahllosen Tumuli, so wol erhalten, wie sie Herodot beschrieben hatte. Als ich im Frühjahr 1882 Sardes besuchte, machte Herr Dennis Ausgrabungen in einigen Tumuli. Die sardische Akropolis wird in kurzer Zeit von der Felskuppe völlig herabgestürzt sein. Sardes erhielt von Hadrian die erste Neokorie. Krause, Neokoros S. 53. Eine dortige Inschrift, die sich auf ein Decret Trajans über fünfjährige Spiele bezieht, nennt Hadrian den neuen Dionysos. Vielleicht gehört das Decret Hadrian selbst an; siehe Böckh zu C. I. G. n. 3455. In dieser alten Krösusstadt war, wie in andern Städten Lydiens, die Christengemeinde bereits sehr groß, und bald nach Hadrian wurde der Bischof Melito als Apologet des Christentums und Sammler der canonischen Schriften des alten Testaments berühmt. Aus andern Städten in Lydien und Karien, wie Kolophon und Magnesia am Mäander, aus Thyatira, aus Tralles und Milet gibt es Inschriften, die der Wolthaten Hadrians gedenken. Kolophon: C. I. G. n. 3036. Magnesia: Mionnet III, 148. Die Inschrift der Magneten C. I. G. n. 2910 erwähnt von Hadrian erhaltene außerordentliche Geschenke. Die Inschrift von Tralles C. I. G. n. 2927 sagt, daß Aul. Fabric. Priscianus Charmosynos als Strateg die Stadt auf Befehl Hadrians mit 60000 Modii Getreide aus Aegypten versorgt habe. Tralles und Milet nannten H. ihren Gründer. Mionnet III, 184. Suppl. VI , 274. Die Städte Philomelium und Stratonicea legten sich den Namen Adriane bei. In Thyatira wirb ein Adrianeion erwähnt, C. I. G. 3491. Das einst herrliche Milet, seit Alexander dem Großen herabgekommen, dauerte noch mit seinen Häfen fort. Es nannte sich die Metropolis Joniens, aber es verdankte die Erhaltung seines Rufes nur noch dem alten Orakeltempel des Apollo Didymeus. Milesische Inschriften verbinden Hadrian mit diesem Gott und auch mit der Artemis Pythia. ’Απόλλωνι Διδυμει̃ καὶ Αυτοκράτορι ‛Αδριανω̃ – C. I. G. 2863. 2866. 2877. Das Attribut Olympios zeigt, daß sie nach der Annahme desselben gesetzt sind. C. I. G. 339: η μητρόπολις, τη̃ς ’Ιωνίας Μιλησίων πόλις setzt Hadrian eine Bildsäule im Olympieion Athens. Phrygien hat hadrianische Advents- und Restitutionsmünzen. Dort sind namentlich aus Aezani Inschriften erhalten, welche bekunden, daß Hadrian die zwischen dieser Gemeinde und dem Zeustempel seit Alters streitigen Landmarken festgestellt hat. Le Bas-Wadd. n. 860, unter dem Proconsul Asiens Avidius Quietus. In Ephesus oder in Smyrna wird er den Winter von 129 auf 130 zugebracht haben. Von dort konnte er Lycien besuchen, das merkwürdige Land des Sarpedon, dessen Städtebund mit selbständiger Verfassung bis auf die Zeit des Vespasian fortgedauert hatte. Denn erst dieser Kaiser hob die Autonomie Lyciens auf und vereinigte die Landschaft als römische Provinz mit Pamphylien. In eigenartiger Weise hatte sich dort der griechische Charakter in Sitten, Sprache und Kunst entwickelt, und von der letzteren geben noch die vielen Grabdenkmäler Zeugniß. Das Interesse für dieses Land ist durch die österr. Expedition im J. 1882 erneuert worden. Vorläuf. Bericht über zwei österr. archäolog. Expeditionen nach Kleinasien von Otto Benndorf, Wien 1883. – Eine Reise durch das Land des Sarpedon von Alex. v. Warsberg, Oesterr. Rundschau, 1883. Die angesehensten Städte Lyciens waren Xanthos mit dem berühmten Tempel und Orakel des Apollo, Patara, Telmessos, Tlos, Phaselis, Pinara, Myra und Olympos. Inschriften aus der Seestadt Phaselis verzeichnen die Ankunft Hadrians; doch scheint sein dortiger Besuch erst in die Zeit nach seiner Rückkehr aus Aegypten zu fallen. Phaselis: C. I. G. n. 4336. 4337, und add. S. 1157: Statuen gesetzt υπὲρ τη̃ς επιβάσεως αυτου̃ von den Atalissenern und Korydallern. Zwei andre 4334. 4335 haben die trib. pot. XV . Für diese setzt Dürr S. 160 das J. 130 an, und in dieses den Besuch H.'s in Syrien. Da aber am 22. März 129 die 13. trib. pot. Hadrians verzeichnet ist ( C. I. L. III², S. 1111; Tafel Mommsens), fällt ins Frühjahr 130 noch die 14., und erst ins Frühjahr 131 die 15. Auch ohne die Anwesenheit des Kaisers konnten ihm Statuen gesetzt werden. Olympos in Lycien setzte ihm eine mit der Inschrift πατρὶ πατρίδος σωτη̃ρι του̃ κόσμου ohne Zusatz des Olympiers: Le Bas-Wadd. n. 1342. In Myra sind Getreidemagazine Hadrians verzeichnet, C. I. L. III, n. 232 ( in ruinis Myrorum ad ostia fluvii Andraki ). Er hat sodann manche Häfen und Städte in Pisidien und Pamphylien besucht, wie Olbia und Perge, Aspendos, Side und Kibyra. Eine Inschrift von Kibyra nennt ihn ευεργέτην καὶ σωτη̃ρα του̃ κόσμου: C. I. G. 4380. Wohl dasselbe Kibyra, welches Hadrian nach seinem Tode in Puteoli eine Ehrenbildsäule setzte. C. I. G. 5852. Es gab freilich zwei Städte dieses Namens in Pisidia oder Kabalia, und in Pamphylien. In Cilicien konnten sich Tarsus, Adane, Aegä und Mopsvestia nicht ohne besondere Ursache den Namen Adriana beigelegt haben. Da dieses zwischen Pamphylien und Syrien liegende Küstenland seit Hadrian als eigene Provinz mit einem proprätorischen Legaten erscheint, so hat offenbar dieser Kaiser seine Verhältnisse neu geordnet. Marquardt, R. St. I², S. 388. – Advent. Aug. Ciliciae , Cohen II, n. 595. Tarsus verzeichnet die erste Neokorie unter Hadrian, Krause, Neokoros S. 80. Sodann ist Hadrian nach Syrien gezogen. Fünfzehntes Capitel. Hadrian in Syrien. Antiochia. Phönizien. Heliopolis. Damascus. Palmyra. Syrien, ein römisches Land seit Pompejus, war in Asien die wichtigste aller Provinzen des Reichs, von mehren Legionen besetzt und von einem consularischen Legaten des Kaisers verwaltet. Nachdem Judäa im Jahre 70 davon abgetrennt worden war, umfaßte dieses große Landgebiet von uralt semitischer, dann seit Alexander griechischer Cultur das nördliche Syrien, Phönizien und Chalcidene mit den östlichen Landschaften der Auranitis und Trachonitis. Da auch Kommagene unter dem Legaten Syriens stand, erstreckte sich die gesammte Provinz von Cappadocien und Cilicien bis zum Euphrat, und zwischen der arabischen Wüste, ihrem Schutzwall gegen die Beduinen, und dem phönizischen Meer über Palmyra, Damascus und den Libanon hinweg bis zu den Gränzen Palästinas. Zahlreiche Städte mit griechischer Gemeindeverfassung, meist Gründungen der Seleuciden, oder uralte Sitze der Phönizier und Aramäer, blühten dort durch Seeverkehr, durch persisch-indischen Karavanenhandel und die Kunstgewerbe des Orients. Die herrschende Bevölkerung war hellenisch, auf dem Grunde des niedergedrückten syrisch-aramäischen und phönizischen Volkselements, welches sich im Osten von Damascus mit dem arabischen berührte. Die eingeborenen Semiten befanden sich in dem gleichen Verhältniß zu den Griechen und Römern, wie die Punier in Africa, und mit gleicher Zähigkeit dauerten die mit den ägyptischen Culten an Alter wetteifernden Götterdienste des Baal und Melkart, des Adonis und der Astarte fort. Die Metropolis Syriens, der Sitz der römischen Verwaltung, war die freie, autonome Stadt Antiochia am Orontes, welche einst Seleucus Nikator zu Ehren seines Vaters Antiochus gegründet hatte. Sie nannte sich die große, und in der That war sie eine der volkreichsten und schönsten Städte des Römerreichs. Strabo 750. Sie glänzte durch Pracht und Reichtum, und den Luxus ihrer Feste, die am seleucidischen Apollotempel in den Hainen der Daphne gefeiert wurden. Hadrian war einst in Antiochia Legat Syriens gewesen. Er hatte in dem Königspalast auf der Orontesinsel, der Residenz der römischen Statthalter, seine Adoption durch Trajan erhalten, und die ersten Monate seines Kaisertums dort zugebracht. Ob er dann Antiochia schon vor seiner zweiten Orientreise wiedergesehen hatte, wissen wir nicht. Sein Besuch im Jahre 130 ist unzweifelhaft, obwol nicht durch Urkunden beglaubigt; denn Inschriften und Münzen lassen uns für Antiochia auffallender Weise im Stich. Es gibt nicht einmal syrische Adventsmünzen Hadrians, nur solche die mit exercitus bezeichnet sind. Eckhel VI, 501. Die Schwelgerei der Syrer steckte auch das römische Heer an, und nirgend wo anders hat Hadrian mit der Disciplin der Truppen so viel zu thun gehabt als dort. Sie wurden aufsätzig und zu allen Lüsten verderbt. Oftmals erregten sie Aufstände, so noch unter Marc Aurel, als der strenge Avidius Cassius, später selbst Rebell, ihr Befehlshaber war. Fronto, Princip. Histor. S. 227; corruptissimi vero omnium syriatici milites – Ad Verum Imp. S. 133: Antiochiae adsidue plaudere histrionibus consueti, saepius in nemore vicinae ganeae quam sub signis habiti. So empfing, sagt Fronto, Verus das syrische Heer. Die Disciplin Hadrians hatte also nichts gefruchtet. Die röm. Truppen in Syrien standen in vielen Garnisonen. Am Anfange des 1. Jahrhunderts der Kaiserzeit lagen dort 4 Legionen, VI Ferrata, X Fretensis, III Gallica, XII Fulminata. Marquardt, R. St. 12, 427. Die Antiochener waren, wie die Alexandriner, boshaft, spottsüchtig und frivol. Noch der Kaiser Julianus hat das erfahren, und sich an ihnen durch seinen Misopogon gerächt. Auch Hadrian muß vom Charakter dieses Volks schlimme Erfahrungen gemacht haben, denn Spartian erzählt, Antiochia sei ihm so sehr verhaßt gewesen, daß er Syrien von Phönizien trennen wollte, damit jene Stadt nicht die Metropolis so vieler andern Orte genannt werde. Spart, c. 14. Indeß wird er zu diesem Plan der Teilung Syriens ernstere Gründe gehabt haben, als seine Verstimmung über die Bevölkerung der Hauptstadt der Provinz. Er hat ihn nicht ausgeführt, denn Syrien ist erst von Septimius Severus im Jahre 198 wirklich geteilt worden. Marquardt, R. St. I, 423. E. Bormann, De Syriae Prov. Rom. partibus S. 16 f. Septimius Severus scheint Antiochia unter Laodicea gestellt zu haben, doch hat die Stadt ihren Rang bis auf die Araber behauptet. Herodian III im Sever. S. 523. Suidas v. Sever. S. 869. Eckhel III, 317. Sogar die Abneigung Hadrians gegen Antiochia kann bezweifelt werden, oder sie war nur eine vorübergehende Aufwallung; denn ein späterer Byzantiner versichert, daß der Kaiser dort ein Theater, einen Tempel der Nymphen in Daphne, Bäder und Wasserleitungen gebaut und diese am 23. Juni festlich eingeweiht habe. Malalas 278 ( ed. Migne ). In der Nähe Antiochias bestieg Hadrian den Berg Kasios, um das Schauspiel des Sonnenaufganges zu genießen und in dem dortigen Heiligtum des Zeus zu opfern, wo ehedem Trajan mit ihm selbst Weihgeschenke aus der dacischen Beute dargebracht hatte. Nach Plinius, H. N. V , 18, 3 konnte man auf dem Kasios schon um die 4. Nachtwache die Sonne, und gleichsam Tag und Nacht zugleich erblicken. Ein Gewitter entlud sich, und der Blitz erschlug das Opferthier und den Opferdiener zugleich. Mit dieser Anekdote fertigt uns Spartian ab, ohne sonst etwas von der Thätigkeit Hadrians in Syrien zu sagen, oder die vielen andern Städte, zumal die altberühmten der Phönizier, zu bezeichnen, die er besucht hat. Denn er ist wol südwärts am Meer hinabgezogen nach Laodicea, Aradus, Tripolis, nach Byblos und Berytos. Die seleucidische Laodicea gedachte seiner Wolthaten in der Weihinschrift einer Statue, die sie ihm im Olympieion Athens errichtete. I. A. III , 479. Sie nennt sich Julia Laodikea und ιερὰ, άσυλος, αυτονόμος, und befreundete Bundesgenossin des römischen Volks. Auch von Berytos gibt es eine Dedicationsinschrift zu Ehren Hadrians. C. I. L. III , 165. – Münze: Astarte in einem Tempel mit dem Füllhorn, bei Vaillant S. 153. Mionnet V, 340. Diese herrliche Seestadt zu Füßen des Libanon, das heutige Beirut, führte seit ihrer Colonisirung durch Augustus die Namen Julia Augusta Felix Berytos. Ihre Lage als Schlüssel des Libanonlandes, an der sicheren Meeresbucht hat sie in allen Stürmen der Zeit erhalten, und macht sie noch heute zu einer der blühendsten Städte Syriens. Von dort konnte Hadrian nach Sidon und Tyrus gehen. Diese ehrwürdigen Mutterstädte so vieler phönizischer Colonien, welche lange vor den Griechen die Meere dem Menschenverkehr erschlossen und den Welthandel besessen hatten, waren nur noch Ruinen ihrer Vergangenheit, aber trotz ihres Verfalls noch immer prächtige und große Orte: Seefahrt und Gewerbefleiß, namentlich Seidenindustrie und Purpurfischerei erhielten ihren Wolstand. Von den Seleuciden her hatten sie auch unter den Römern einige Freiheit bewahrt. Strabo nannte beide Städte glänzend sowol im Altertum als in seiner Gegenwart, er pries ihre Lage an den berühmten Häfen, von denen Tyrus beide, den ägyptischen und den sidonischen, sich erhalten hatte, während die Insel noch der Damm Alexanders mit dem Festlande verband. Strabo 756 f. Prutz, Aus Phönizien S. 182 f. Tyrus führte seit langer Zeit den Titel Metropolis, und scheint überhaupt den Vorrang unter den Städten Phöniziens behauptet zu haben. Nach Suidas (Paulus Tyrius) hat Hadrian ihr diesen Titel verliehen, doch trug ihn Tyrus schon seit 94 n. Ch. Bormann S. 17. Zur Colonie mit latinischem Recht wurde sie erst unter Septimius Severus. Sie war der Hauptsitz des Cultus des Melkart oder phönizischen Herakles, welcher dort einen berühmten Tempel besaß. Lucian, Dea Syria c. 3. In Sidon stand der Tempel der Astarte, und Byblos war der Hauptsitz des Adoniscultus. Zugleich bestand in ihr eine der ersten und ansehnlichsten Christengemeinden Syriens. Keine urkundliche Nachricht ist uns über die Anwesenheit Hadrians in Sidon und Tyrus erhalten. Ebensowenig haben wir bestimmte Kunde von seiner Reise nach Heliopolis oder Baalbek in Cölesyrien, nach Damascus und Palmyra. Diese Städte aber hat der Kaiser von Berytos aus sicher besucht. Heliopolis, deren Gründung die Araber dem Könige Salomo zuschrieben, war eine der ältesten Städte Syriens, denn die colossalen Quaderbauten auf ihrer Akropolis weisen in eine sehr frühe Epoche syrischer Macht und Baukunst zurück. Ritter, Erdk. VIII, 2. Abt. S. 229. Sie besaß damals noch nicht jene großartigen Tempel, deren Ruinen sie heute zu einem Wunder des Orients machen. Nur flüchtig hat sie sogar Strabo neben Chalkis in Cölesyrien genannt. Augustus hatte sie erneuert, aber wie es scheint nicht zur Colonie gemacht. In ihren Münzen, die von Hadrian bis Gallienus reichen, nannte sie sich Colonia Julia Augusta Felix Heliopolitana; ob aber erst Hadrian ihr das Recht der Colonie verliehen hat, ist zweifelhaft. Jene Namen C. I. L. III, n. 202 , zur Zeit des Sept. Severus. Zumpt, Comm. Ep. I , 418 behauptet, daß Hadrian Heliopolis a.  132 wegen des Judenkrieges befestigt und zur Kolonie erhoben hat. Dazu Marquardt, R. St. I, 428. Aber Mionnet (V, 298) hat eine Münze des Nerva mit Col. Julia Hel. und dem Symbol eines Ackermannes mit zwei Stieren. Immerhin kann schon dieser Kaiser dort manche Gebäude aufgeführt haben, obwol der monumentale Glanz der Stadt des Baal erst der Epoche seiner Nachfolger angehört. Von Antoninus Pius soll der Bau des großen Zeustempels begonnen worden sein. Malalas ed. Bonn 280. Aus Heliopolis führte eine Karavanenstraße über den Antilibanon nach Damascus, dem Paradiese in der Wüste Syriens. Diese weltberühmte Stadt, eine der ältesten des Orients, bestand schon zur Zeit Davids als Sitz eines syrischen Fürstentums. Sie erhielt sich in allen Stürmen der Geschichte Asiens unter der Herrschaft der Assyrer, Babylonier und Perser, und wurde nach Alexander der Sitz der Seleuciden, ehe sie Antiochia zur Hauptstadt ihres schönen Reiches machten. Die griechische Cultur drang in Damaskus ein. Hellenen, Juden, Syrer und Araber bildeten die Einwohnerschaft dieser blühenden Stadt, welche das völkerwimmelnde Emporium des Handelverkehrs zwischen den Euphratländern, Arabien, Aegypten und Phönizien war. Im Jahre 64 v. Chr. unterwarf sie Pompejus den Römern, aber sie wurde noch nicht der Herrschaft Roms einverleibt, denn Vasallenkönige regierten dort, und eine Zeit lang besaß sie Herodes der Große als Statthalter Cölesyriens. Erst nachdem Cornelius Palma die Macht des Königs von Arabien gebrochen hatte, wurde Damascus unter Trajan eine römische Stadt der Provinz Syrien. Die vielen Canäle des Chrysorrhoas (Baradá), welcher mit Macht vom Antilibanon herabströmt, hatten schon in uralter Zeit die Wüste um Damascus in ein üppiges Fruchtgefilde verwandelt, und noch heute erscheinen diese meilenweiten Gärten den Beduinen als das Eden der Welt. Auf Münzen ist die Stadt als ein Weib abgebildet mit einer Mauerkrone auf dem Haupt, sitzend auf einem Felsen über dem Fluß, in der Linken einen Fisch, in der Rechten ein Füllhorn haltend. Eckhel III, 331. Mionnet V, 287. Nichts wissen wir von den Bestimmungen, welche Hadrian mit Damascus getroffen hat. Er scheint sie zur Metropolis gemacht zu haben. Marquardt I, 430. Nach Noris Epoch. Syromaced. S. 76 hat er sie zu Phönizien geschlagen. Aber all dies ist fraglich. Nichts hören wir von seinen Bauten dort. Der riesige Sonnentempel, dessen Trümmer heute neben der großen Moschee und über einem Teile des Bazar sich erheben, gehört wol erst der Zeit Aurelians an. In Damascus war Paulus bekehrt worden; und wie in Ephesus bestand auch dort von jener Zeit her eine zahlreiche Christengemeinde. Weiter an den Ostgränzen der syrischen Wüste war die Oase Palmyra der Durchgangsort des indisch-mesopotamischen Karavanenhandels. Eine große Straße zog hier vom Euphrat nach Phönizien durch, und sie nahm die Straßen auf, welche von Thapsacus, von Babylon und dem persischen Meere herkamen. Movers, Phönizien III, 1. 292. Palmyra war das uralte Tadmar der Araber, welches der König Salomo als Karavanenstation in der syrischen Wüste gegründet haben sollte. Von den Seleuciden hatte die Stadt eine durchaus griechische Cultur empfangen. Dann umwarben sie die beiden mächtigen Reiche der Römer und der Parther. Plinius, H. N. V , 21, 3. Erst Trajan nahm auch sie in Besitz und vereinigte sie mit Syrien. Eine inschriftliche Urkunde spricht von dem Besuche Hadrians in dieser Wunderstadt. Sie ist zugleich das vollgültige Zeugniß dafür, daß der Kaiser zuvor in Baalbek und Damascus gewesen war, denn nur von dort her konnte er sich nach Palmyra begeben haben. Die griechische Inschrift ist vom Rat und Volk der Palmyrener einem Bürger Males Agrippa gesetzt, welcher zur Zeit der Ankunft des Kaisers zum zweiten Mal Schreiber der Gemeinde war, und sich durch Festspiele und aufopfernde Sorge für den Tempel, wie durch gastliche Aufnahme römischer Truppen um Fremde und Bürger verdient gemacht hatte. C. I. G. 4482. Le Bas-Wadd. 2585. Vogüé, Syrie Centrale, Inscr. Semitiques, Paris 1868, S. 19, n. 16 . . . επιδημία θεου̃ ’Αδριανου̃. Die Inschr. kann nicht lange nach der Anwesenheit Hadrians gesetzt sein. Wadd. erkennt aus dem palmyrenischen Text das 442. Jahr der Seleucidenära, welches am 1. Oct. 130 begann. Vogüé setzt die Inschr. ins J. 131. Hadrian ist in Palmyra gewesen entweder im Jahre 130 auf seiner Reise durch Syrien nach Aegypten, oder später bei seiner Rückkehr von dort nach Syrien. Er hat die Stadt vielleicht mit dem italischen und Colonialrecht beschenkt, denn sie nannte sich ihm zu Ehren Adriana. C. I. G. n. 4482. 6015. ’Αδριανὴ Πάλμυρα. Steph. Byz. ( Ethnikon ) unter Palmyra sagt ausdrücklich, daß die Palmyrener ’Αδριανοπολι̃ται μετωνομάσθησαν επικτισθείσης τη̃ς πόλεως απὸ του̃ αυτοκράτορος. Dies wird beglaubigt durch C. I. G. 6015, wo ein Palmyrener Heliodorus sich Adrianos nennt. Bei Renier ( Inscr. de l'Algérie, n. 1638 ) ein Zabdiol Hadrianus, Veteran des numerus Palmyrenorum in Numidien. Die Militärstraßen nach dem Euphratlande und nach Bostra werden seine besondere Aufmerksamkeit beschäftigt haben, er hat sie wahrscheinlich durch Castelle verstärkt. In der Nähe Palmyras trägt die Ruine eines Tempels den Namen Hadrians, zu dessen Heil er errichtet worden war. Vogüé, Inscr. Aram. S. 50: υπὲρ σωτηρίας . . . ’Αδριανου̃. Der Glanz der Palmenstadt begann, wie der Bostras, Petras und Baalbeks, in der Zeit dieses Kaisers und der Antonine, und erreichte im dritten Jahrhundert unter der Herrschaft Odenats und der großen Zenobia seinen Gipfelpunkt. Aurelian hat dann im Jahre 273 die herrliche Stadt zerstört. Von Syria-Phönike ging Hadrian noch im Jahre 130 nach Judäa, und wir folgen ihm gerade in dieses Land mit Spannung, weil es bald der Schauplatz furchtbarer Ereignisse werden sollte. Sechzehntes Capitel. Hadrian in Judäa. Damaliger Zustand Jerusalems. Gründung der Colonie Aelia Capitolina. Hadrian in Arabia. Bostra. Petra. Die Landschaft Peräa. Gaza. Pelusium. Judäa oder Palästina war seit dem Vernichtungskriege unter Titus von Syrien getrennt, und bildete eine eigene Provinz unter einem prätorischen Legaten, welcher in Cäsarea Palästina residirte. Henzen (Note 3 zu Borghesi IV , 160) glaubt, daß der Name Palästina für Judäa von Hadrian eingeführt sei. Siehe Bullett. d. Inst. 1848, S. 27. – Ptolem. V, c.  15 hat beide Bezeichnungen Παλαιστίνη η ’Ιουδαία Συρία. Diese Stadt und Emmaus Nikopolis, die Veteranencolonie Vespasians, hatte eben erst im Jahre 129 ein Erdbeben zerstört. Die damals noch fortdauernde jüdische Bevölkerung lebte in Verkommenheit, wie die heutigen arabischen Einwohner des Landes so unter dem türkischen Pascha leben. Alle geistige Kraft der Juden hatte sich in die Rabbinenschule zu Jamnia geflüchtet, einer Stadt am Meer zwischen Joppe und Asdod. Begeisterte Propheten, an deren Spitze der Rabbi Akiba stand, hielten die Messiashoffnung aufrecht. Als Hadrian nach Judäa kam, traf er in dem innerlich tief aufgeregten Lande keine Zeichen eines nahenden Aufstandes, sondern nur solche der Unterwürfigkeit. Zum Denkmal seiner Anwesenheit wurden Münzen vom Senat geschlagen, die ihn zwar nicht den Wolthäter oder Wiederhersteller Judäas nennen, aber doch das übliche Restitutionssymbol haben, ein flehendes Weib, welches der Kaiser vom Boden aufrichtet, während Kinder, wahrscheinlich die Genien der Districte Palästinas, mit Friedenspalmen sich gegen ihn bewegen. Adventui Aug. Judaeae S. C. Eckhel VI, 495. F. Madden, Coins of the Jews ( Internat. Numis. Orientalia 1881, II, S. 231, wo die Daten aus desselben Jewish Coinage , S. 212, n.  5 berichtet sind), gibt 2 Adventsmünzen: Hadrian vor einem Weibe mit Palmenzweig und Büchse, dazwischen ein brennender Altar, zur Seite der Judäa ein Kind mit einem Palmenzweige. – Hadrian vor der Judäa, zwei Kinder mit Zweigen ihm entgegen. Seine Ankunft in den Ruinen Jerusalems konnte nicht urkundlich verzeichnet werden. Der Ruf der alten Hauptstadt der Juden war auch im Abendlande so groß gewesen, daß sie Plinius die berühmteste der Städte nicht nur Judäas, sondern des Orients genannt hatte. Hierosolyma longe clarissima urbium Orientis, non Judaeae modo, H. N. V, 15, 1. Aber die Stadt der Hasmonäer und des Herodes war von den Römern zerstört und seither nicht wieder aufgebaut worden. Hadrian fand sie noch in Trümmern liegend, wenn auch nicht mehr in dem Zustande, in welchem sie Titus zurückgelassen hatte. Und auch die von diesem Bezwinger Judäas über sie verhängte Zerstörung war nicht eine vollständige gewesen. Josephus erzählt, daß Titus die herodischen Türme Phasaelus, Hippicus und Mariamne nebst der Westmauer verschont hatte, diese, um einer römischen Besatzung zum Lager zu dienen, jene, um der Nachwelt ein Zeugniß von der Stärke der Stadt zurückzulassen, welche römische Kraft bezwungen hatte. Jos., Bell. VII , 1. 1. Außerdem konnten nicht alle monumentalen Bauwerke dem Boden gleich gemacht werden. Noch heute überzeugt ein Gang um die Mauern des Harâm-es-Scherif vom Dasein großer Ueberreste aus herodischer, wenn nicht salomonischer Zeit. Die riesigen Quadermauern am Klageplatz der Juden hält man noch für die ursprünglichen. Daß Titus nicht ganz Jerusalem zerstört hatte, weisen nach: De Saulcy, Les derniers jours de Jérusalem , Paris 1806, S. 425 f.; Sepp, Jerus. u. d. heil. Land I², S. 100 f. So wenig glaubte im vierten Jahrhundert Eusebius an die gänzliche Vernichtung Jerusalems, daß er sogar behauptete, Titus habe nur die eine Hälfte der Stadt geschleift, die andre sei erst von Hadrian zerstört worden. Eus., Dem. Evang. VI, n. 18. Nach alten Traditionen war die Kirche der Christen auf Zion (das coenaculum ) verschont geblieben, nebst 7 Synagogen; Epiphan., De pond. et mens. c.  14. Wie Basnage ( Hist. des Juifs XI , 255) behauptet, sind sogar Reste der Stämme Juda u. Benjamin nach Titus in Jerusalem geblieben, was freilich sehr zweifelhaft ist. Die fortdauernde Bewohnbarkeit eines Restes Jerusalems nach dem Jahre 70 wird hauptsächlich dadurch bewiesen, daß Titus die 10. Legion Fretensis, welche er selbst seinem Vater vom Euphrat nach Judäa zugeführt hatte, nach seinem Abzuge ein Lager an der Westmauer beziehen ließ. Joseph. VII , 1. 2. 3. Ueber die Legio X Fretensis Clermont-Ganneau in Comptes rendues Acad. d. Inscr. 1872, S. 158 f. – Grotefend und Pfitzner. Obwol die weiteren Schicksale dieser Legion dunkel sind, so ist es doch zweifellos, daß sie ihre Garnison in Palästina behielt, da es eine feste Regel der römischen Regierung blieb, Truppen in einer und derselben Provinz stehen zu lassen. Manche Legionen haben Jahrhunderte lang bis in die Zeit des sinkenden Reiches ihre Lagerplätze behalten. Die Legio III Gallica stand seit Augustus bis ins 5. Jahrh. in Syrien; die 3. Cyrenaica von Trajan bis Arcadius in Arabia. Clermont-Ganneau S. 162 gibt zwei Ziegelinschriften der 10. Legion aus Jerusalem, aus ungewisser Zeit, und eine Dedicationsinschr. ihres princeps Sabinus. Die 10. Legion stand in Judäa zur Zeit Trajans, und von dort aus nahm sie am parthischen Kriege Teil. Die Inschr. Henzen 5451 (restit. Bon Borghesi IV, 135) bezeichnet O. Pomp. Falco, den Freund des jüngeren Plinius, als Legat. Aug. pro pr. prov. Judaeae et Legionis X Fretensis . Er war dort Legat um 109 ( Waddingt., Fastes d. Prov. Asiatiques , S. 203), 112 Consul, 128 Proconsul Asiens. – Ueber ihn Borghesi VIII, 365, und Mommsen, Ind. nom. zu Keils Ausgabe der Ep. des Plinius. Im Jahre 130 befehligte sie Tineius Rufus als Legat Palästinas, und Hadrian wird sie, oder was von ihr in Jerusalem lag, damals gemustert haben. Die Münze (Eckhel VI, 496) Exercitus Judaicus kann auch später nach dem Judenkriege geschlagen worden sein, und sie ist nicht durchaus sicher. Erst spät nach Hadrian lag die 10. Legion in Aila am roten Meer ( Euseb., Onomasticon zu Αιλαμ und Notitia Dign. c.  29). Der südliche Teil Arabiens war nämlich am Ende Saec.  4 oder Anfangs 5 als Palaestina salutaris oder tertia zu Palästina geschlagen worden. Kuhn, Stadt. Verf. II, 300. 373 f. Wo immer Legionen lagerten, schufen die Bedürfnisse der Soldaten und Officiere eine Lagerstadt; daher mußte die 10. Legion dem Trümmerhaufen Jerusalems mehr als den Schein einer Stadt wiedergegeben haben. Auch hatte sich die Zahl der jüdischen und christlichen Einwohner dort allmälig vermehrt. Das Lager der römischen Truppen an der Westseite, wo die herodischen Türme (die heutige türkische Citadelle El Kalah) als Burg und Capitol von ihnen benutzt wurden, konnte dann die Grundlage für eine neue Colonie bilden, welche gerade Hadrian aus den Trümmern der alten Davidstadt entstehen ließ. Die Zeit ihrer Anlage ist ungewiß. Der Kaiser hatte vielleicht schon lange vor seinem Besuche den Befehl zu ihrer Gründung gegeben; doch vollendet war der Neubau Jerusalems weder schon im Jahre 130, noch einige Jahre später. In das System der Militärstraßen und Festungen, welches Hadrian bis nach Petra in Arabien ausdehnte, hat er auch Jerusalem hineingezogen. Die ehemalige Hauptstadt der Juden sollte, wie Damaskus und Palmyra, wie Ptolemais, Nikopolis und Cäsarea in Palästina, als römische Kolonie eine neue Stellung im Orient einnehmen. Da nun der Kaiser überall gegenwärtig sein wollte, wo es im Reiche etwas Wichtiges einzurichten gab, so hat er zweifellos den Plan des neuen Jerusalem an Ort und Stelle geprüft und seine Befehle darnach erteilt. Griechische oder römische Ingenieure werden den Bau der Colonie geleitet haben, und dieser war das Werk der 10. Legion und frohnender Landeseinwohner. So wurde die Umwandlung der Stadt Jehovas in eine heidnische Colonie seit 130 mit solchem Eifer betrieben, daß sie zwei Jahre später den letzten Aufstand der Juden gegen die Römer veranlaßte. Wenn man dem Epiphan. ( De pond. et mens. c. 19 ) und den Talmudisten glauben will, so hatte Hadrian schon a.  117 von Antiochia aus den Neubau Jerusalems befohlen, und mit ihm den berühmten Proselyten Akylas aus Sinope beauftragt. Epiphan. macht diesen sogar zum Schwager (πενθερίδης) Hadrians. Das Chron. Alex. setzt die Gründung der Aelia Capitolina ins J. 119. Ewald VII, 362 glaubt sogar, daß der Bau schon vor dem Tode Trajans durch Quietus begonnen worden sei. Renan ( L'égl. chrét. , S. 26), nimmt ohne Grund d. J. 122 an; Tobler (Topogr. Jerus. I, 133) das Jahr 126, wie Ritter, Erdk. XVI, I. 301. Kuhn (Die städt. Verf. II, 357) hält sich mit einem Vielleicht an das Datum des Chron. Alex. Vorsichtiger ist Münter (Der Judenkrieg), da er nur annimmt, daß der Neubau vor dem Ausbruch des hadr. Judenkrieges begonnen worden sei; auch Grätz scheint für d. J. 130 zu stimmen. Nach der Meinung der Talmudisten, welche behaupten, daß Hadrian im Beginne seiner Regierung den empörten Juden den Wiederaufbau des Tempels versprochen hatte, machte sich der Kaiser eines Treubruches schuldig, und sie erklären seine Sinnesänderung aus der Einflüsterung der Samaritaner und der Judenchristen. Grätz IV, 140. Derenbourg, Essai sur l'hist. et la géogr. de la Palestine , S. 414. Volkmar Judith, S. 108. Indeß dies ist irrig, denn niemals konnte Hadrian seine staatsmännischen Grundsätze den messianischen Hoffnungen der Juden aufgeopfert haben. Während barbarische Provinzen des Reiches im Abendlande fast schon romanisirt waren, während im Osten der Hellenismus bis nach Arabien eingedrungen war und sich seit Herodes dem Großen auch rings um Judäa festgesetzt hatte, stellte nur noch dieses eine Land sein Nationalbewußtsein der Macht Roms entgegen, und diesen Trotz zu überwinden, Palästina zu romanisiren, war das Princip der kaiserlichen Regierung, zumal nach der furchtbaren Rebellion der Judäer unter Trajan. Das Verlangen der Hebräer, ihr Natinalheiligtum wieder aufzubauen, blieb ein ewiger Protest gegen ihr von den Römern vollzogenes Schicksal, und ein byzantinischer Geschichtschreiber hat gerade diese ihre Hoffnung oder Absicht als den Grund der Erbitterung des Kaisers Hadrian gegen sie bezeichnet. Cedrenus ed. Beker I, 437. Durch die Verwandlung Jerusalems in eine römische Colonie sollte endlich das nationale Judentum in Palästina für immer ausgetilgt werden. Wir wissen sonst nichts von dem Aufenthalt Hadrians in jenen Landschaften. Einigen Städten dort scheint er seine Gunst erwiesen zu haben, und das waren solche, wo neben den Juden eine zahlreiche syrisch-griechische Bevölkerung angesiedelt war. So nannte sich Sepphoris oder Diocäsarea in Galiläa Hadriana; so baute das Volk in Tiberias ein Adrianeion, und Münzen der freilich römischen Colonie Cäsarea in Samaria beziehen sich auf Wolthaten Hadrians. Münzen von Tiberias und Cäsarea bei Mionnet V, S. 483 f. Eine von Tiberias zeigt Jupiter in einem tetrastylen Tempel, vielleicht dem Adrianeion, welches unter Konstantin eine Kirche wurde. Greppo S. 185. Noris, Epoch. Syrom. , S. 469. 471. Von Judäa ging er nach dem römischen Arabien. Münzen haben seine dortige Ankunft verewigt: der Kaiser reicht einer Frauengestalt neben einem Opferaltar die Hand; er erhebt als Wiederhersteller die knieende Arabia, welche einen Zweig, wahrscheinlich von Myrrhen, in der Hand hält, während ein Kameel zur Seite steht. Adv. Aug. Arabiae – Restit, Arabiae S. C. Eckhel VI, 492. Die von den Römern Arabia genannte Provinz war das Land der Edomäer, ein großes Gebiet, welches sich im Süden und Osten Palästinas von Damascus und dem Hauran herab über Petra zum Nordrande des roten Meeres erstreckte. Bunbury, Hist. of ancient Geogr. II, 506. Cornelius Palma hatte diese Länder erobert, und Trajan sie im Jahre 105 zu einer kaiserlichen Provinz gemacht. Die Bildung der Römer fand Zugang in den vulcanischen Landschaften des Hauran und der Trachonen und weiter südwärts in arabischen Districten, wo noch heute verödete Städte mit Tempelruinen und seltsamen Nekropolen den Forscher in Erstaunen setzen. Wenn auch die sabäischen Araber aus Jemen dort Steinbauten aufgeführt haben, so sind doch die Tempel von Busan, Kanawât, Suwêda, Hebrân und Bostra redende Zeugen davon, daß seit der Eroberung Trajans die römische Kunst dort eingedrungen war, nachdem sich lange zuvor unter den Seleuciden die Cultur Griechenlands in diesen Gegenden heimisch gemacht hatte, und der hellenischen Sprache bedienten sich dann auch die Römer in Arabien. Unter 600 Inschriften, welche Wetzstein gesammelt hat, gibt es 10 altsemitische, gegen 260 nabatäische, gegen 300 griechische und lateinische. Die Auranitis, Batanea und Trachonitis gehörten zu Syrien; erst Diocletian hat sie mit Arabia vereinigt. Marquardt, R. St. I, 423. – Wetzstein, Reisebericht über den Hauran und die Trachonen, 1868. Vogüé, Syrie centrale, Architecture civile et religieuse. Eine Inschrift aus Zerbire in der Trachonitis nennt unter den Söhnen des Semiten Garmos einen Hadrianos. Le Bas-Wadd. VI , 2513. Kaibel, Epigr. graeca, n.  454. Hadrianische Münzen von Gaba in der Trachonitis, Mionnet V, 317. Die Hauptstadt der Provinz war Bostra, in einer fruchtbaren Oase südwärts des Hauran gelegen, damals ein blühender Handelsmarkt arabischer und griechischer Kaufleute. Die von Militärposten gedeckte Karavanenstraße verband sie mit Palmyra; dann setzte sich dieselbe nach dem persischen Meerbusen fort, während an den Ostgränzen gegen die Beduinenstämme Arabiens feste Garnisonen lagen, deren äußerste Nemâra war. Bostra nannte sich Nova Trajana, weil sie der Kaiser Trajan neu aufgebaut hatte, sie nahm aber auch den Namen Adriana an. Auf einer Münze des Commodus, Mionnet, Suppl. VIII , 389. Die bostranische Aera zählte vom Jahr 106. Bostra wurde röm. Militärcolonie unter Alex. Severus. Wetzstein, Reiseber., S. 111. Noch bis in die Zeit Constantins war sie durch Handelsverkehr mit Arabien und Persien reich und groß. Mit ihr wetteiferte das südlich gelegene Petra, die alte Hauptstadt der nabatäischen Könige, welche ehemals ihre Herrschaft bis nach Damascus ausgedehnt hatten. Von ihr ist das peträische Arabien benannt worden. Die Nekropolen und Tempelruinen dieser Stadt zeugen noch von ihrer hohen Cultur unter der Herrschaft der Römer. Wie Palmyra im Norden, war Petra im Süden das Emporium des Handels mit Arabien, Indien und China. Karavanen brachten zu ihr Spezereien, kostbare Gewebe und Seidenstoffe, Oele und Salben von Forat am persischen Golf; während vom Hafen Elath am roten Meer die große Handelsstraße über Petra nach Gaza führte, und die Waarenzüge Persiens und Arabiens nach Phönizien beförderte. Vogüe, Syrie centrale, Arch. , S. 12. Movers III, 1. 291. Petra muß dem Kaiser viel zu verdanken gehabt haben:, sie nannte sich auf ihren Münzen, welche erst mit ihm beginnen, Adriana Petra Metropolis, und sie, nicht Bostra, scheint er bevorzugt zu haben. ’Αδριανὴ Πέτρα (γαίης ’Αραβίης) μετρόπολις. Eckhel III, 504. Mionnet V, 587. De Saulcy, Num. de la Terre Sainte , S. 351. C. I. G. 4667. 6366 . add. S. 1242 (statt ’Αδραηνω̃ν lies ’Αδριανω̃ν Πετραίων). Ueber die Provinz im Allgem. Laborde et Linant, Voyage dans l'Arabie Petrée, Paris 1830. Visconti, Diario di un viaggio in Arabia Petrea, Roma 1872 . Er hat dort die 3. Legion Cyrenaica gemustert, welche später ihr Standlager in Bostra erhielt. Marquardt I, 431. Westwärts vom Norden der Provinz Arabia gab es in der transjordanischen Landschaft Peräa, wo längs des Asphaltsees die älamitische Karavanenstraße nach Damascus führte, ansehnliche autonome Städte mit durchaus griechischer Verfassung und Bildung, wie Pella, Gerasa, Gadara, Philadelphia (Rabbath Hammon oder Hammân). Von der letzteren, welche ehemals Ptolemäus Philadelphus II. von Aegypten neu erbaut hatte, gibt es hadrianische Münzen. Τύχη Φιλαδελφέων, Mionnet V, 332. Hadrianische Münze von Gerasa, ibid. V, 329. Jedoch wir können dem Kaiser auf seinen Wanderungen durch diese Länder nicht mehr folgen. Er ging nach Aegypten. Um nun Pelusium zu erreichen, konnte er von Petra erst nach dem Hafen Aila oder Elath am roten Meer, dann durch die Sinaihalbinsel nach Arsinoe (Suez) und weiter nach der pelusischen Nilmündung reisen, oder von Petra die Straße nach Gaza einschlagen, dem letzten Orte Kanaans, wohin zwei große Karavanenwege von Elath heraufkamen. Diese Straße nach Gaza bemerkt Plin., H. N. VI , 32, 3. Gaza war nebst Ascalon die ansehnlichste Stadt auf der philistäischen Küste, wo noch die alten griechischen Gemeinden sich autonom erhalten hatten und es keine römischen Colonien gab. Stark, Gaza und die philistäische Küste, 1852, S. 514. Daß Hadrian jene Stadt besucht und daß dieselbe von seiner Ankunft eine Epoche gerechnet hat, macht eine Münze wahrscheinlich. Ueber den wahrscheinlichen Besuch Hadrians in Gaza und die dortige Aera Eckhel III, 453. Noris, Ep. Syrom. , S. 332. De Saulcy ( Num. de la Terre Sainte , S. 215) will aus der hadrian. Münze des 3. Jahres der Aera seinen Besuch i J. 128 (?) folgern. Nach dem Chron. Alex. stiftete H. Festspiele in Gaza. Den ersten Weg nach Aegypten für diese Reise des Kaisers scheint Spartian, den andern Dio im Sinn zu haben. Spart, c. 14. Peragrata Arabia Pelusium – venit. Dio 69, 11: διὰ δὲ τη̃ς ’Ιουδαίας – ες Αίγυπτον παριών. – Indeß würde Hadrian von Judäa aus immer Arabien berührt haben, da Ostracine östlich von Pelusium schon als Gränze Arabiens galt. Gleich dahinter am See Sirbon fing Idumäa und Palästina an. Plin., H. N. V , 14, 1. Beide stimmen darin überein, daß der erste ägyptische Ort von Bedeutung, welchen Hadrian betrat, Pelusium war. Dieser wichtige Hafen zwischen Aegypten, Arabien und Palästina blühte noch fortdauernd durch Handel, und selbst bis zu den Kreuzzügen hat er seine Bedeutung behauptet. Lumbroso, L'Egitto , S. 56. Dort lag nahe ein Hügel Kasius mit einem Heiligtum des Zeus und dem Grabe des Pompejus. Strabo 760. Um dieses her stand ein von Cäsar angelegter und der Nemesis geweihter Hain, welchen die jüdischen Rebellen zur Zeit Trajans verwüstet hatten. Appian., Bell. civ. II, 90. Das Grabmal selbst war vom Sande verschüttet und die dort dem Pompejus geweihten Erzbilder lagen umgestürzt. Hadrian stellte das Mausoleum wieder her und dichtete Verse zu Ehren des großen Todten. Dio 69,11. Die Verse, welche Hadrian dem Pompejus gewidmet haben soll (λέγεται) und die man auch in der Anthol. gr. findet, führt Appian. II, 86 an, ohne Hadrian als ihren Verfasser zu nennen. Von der pelusischen, damals noch völlig freien Nilmündung begab sich der Kaiser nach Alexandria. Siebzehntes Capitel. Hadrian in Aegypten. Verhältnisses dieses Landes. Alexandria. Brief Hadrians an Servianus. Einfluß Aegyptens und Alexandriens auf das Abendland. Aegypten, das älteste Culturland der Welt, bedeutete damals nichts mehr als die vom Nil befruchtete Kornprovinz Roms. Sie war seit Augustus eine Domäne des Kaisers, welche so eifersüchtig gehütet wurde, daß kein Senator noch Ritter ohne Erlaubniß desselben Aegypten betreten durfte. Ein römischer Pascha, ein ritterlicher Präfect verwaltete oder mißhandelte das unselige Land von Alexandria aus als Vicekönig. Als erster Präfect (Eparchos) unter Hadrian erscheint im Jahr 118 Rhammius Martialis, C. I. G. 4713, und Letronne, Inscr. de l'Égypte I, 513, n. 16 . Vor ihm war in der letzten Zeit Trajans Präfect M. Turbo. Am 19. Febr. 122 war es Haterius Nepos, Memnonsinschr., ibid. II, 340. Die Einwohnerzahl soll gegen 8 Mill. betragen haben; heute über 6 Mill. Marquardt, R. St. I, 439. Die Provinz war in die Gebiete Oberägypten oder Thebais, Mittelägypten oder Heptanomis und das Delta geteilt, und diese zerfielen wieder in 46 Nomen. Die römischen Straßen durchzogen Aegypten bis nach Hiera Sykaminos im äthiopischen Lande Dodekaschoinos jenseits des ersten Katarakts. Nach einer Geschichte von Jahrtausenden unter einheimischen Dynastien hatte das Volk der Pharaonen für immer seine Selbständigkeit verloren, erst an die Perser, dann an die Griechen, endlich an die Römer. Dies Schicksal der Fremdherrschaft hat sich bis auf die Gegenwart fortgesetzt, denn Aegypten ist wegen seiner Lage dazu bestimmt, nicht einem einzelnen Volk, sondern der Welt anzugehören. Es war schon ein internationales Land seit Alexander dem Großen, die Beute ausländischer Abenteurer, wie noch am heutigen Tage. Lange Sclaverei hatte die dortige Bevölkerung jeder bürgerlichen Kraft beraubt, so daß die alten Städte, selbst die griechischen, vielleicht mit alleiniger Ausnahme von Ptolemais und Naukratis, ihre Gemeindefreiheit verloren hatten, und von römischen Beamten ohne Mitwirkung eines Senats regiert wurden. Sogar Alexandria besaß keine communale Verfassung mehr, sondern sie war als Hauptstadt Aegyptens nur dadurch ausgezeichnet, daß in ihr ein kaiserlicher Juridicus die Gerichtsbarkeit ausübte. Die Kaiser legten die Einrichtungen der Ptolemäer ihrer Verwaltung Aegyptens zum Grunde. Sie waren deren Nachfolger, die göttlich verehrten Könige des Landes, und gleich ihnen ließen sie die alten Religionsgebräuche und die Priesterhierarchie bestehen. Aber die von Steuern bedrückten Einwohner hatten keine politischen Rechte mehr, sondern sie lebten den Parias oder Heloten gleich von den Griechen und Römern geknechtet. Ihr Zustand war im Ganzen dem der heutigen Fellahs vergleichbar. Die Römer verachteten die Aegypter sammt und sonders, nicht nur die Eingeborenen, sondern auch die Hellenen und Juden, welche seit Alexander dem Großen massenhaft eingewandert waren. Der düstere Aberglaube, die wilde Zügellosigkeit und Uneinigkeit machten sie in den Augen der Römer unwürdig, bürgerlich frei zu sein. Nur mit eiserner Hand ließen sich, nach ihrer Ansicht, diese immer zu Tumulten geneigten Massen niederhalten. Siehe das bemerkenswerte Urteil des Tacitus, Hist. I, 11: Aegyptum copiasque, quibus coercetur, iam inde a divo Augusto Equites Romani obtinent, loco regum. Ita visum expedire provinciam aditu difficilem, annonae fecundam, superstitione ac lascivia discordem et mobilem, insciam legum, ignaram magistratuum domi retinere. Und doch reichten zwei Legionen hin, die 22. Dejotariana und die 2. Trajana, ganz Aegypten in Zaum zu halten. Zur Zeit des Antoninus Pius lag sogar nur die 2. Trajana in Aegypten, weil die 22. Dejotariana im hadrianischen Judenkriege untergegangen war, Pfitzner S. 226. Solche Tumulte abgerechnet, wie sie die Auffindung des Apis kurz vor der Ankunft Hadrians veranlaßt hatte, blieb auch das Land lange in Ruhe, und nur von der jüdischen Bevölkerung war in den letzten Jahren Trajans, im Zusammenhange mit den Aufständen in Asien, eine fanatische Rebellion gewagt worden. Die ganze Kraft Aegyptens lag in dem einen Alexandria vereinigt. Diese Stadt war im Jahre 130 noch derselbe mächtige Welthafen, wie ihn Strabo zur Zeit des Augustus geschildert hatte. Der Advent Hadrians in Alexandrien fällt in das alexandrinische 15. Jahr des Kaisers (vom 29. Aug. 130 bis 29. Aug. 131). Eckhel IV, 64; VI, 489 f. Die africanisch behelmte Alexandria küßt dem Kaiser die Hände. – Alexandria begrüßt den auf einer Quadriga einziehenden Kaiser. – Hadrian sitzt auf einem Schiff. – Hadrian und Sabina halten die Hände der Isis und des Serapis, Cohen II, n.  58. Die zahlreichen alexandrischen Münzen bei Zoega, Num. Reg., n.  296 f. An Größe stand sie nur Rom nach. Aristides, Orat. XIV , 363. Dio Chrysostomus, welcher dort der Begleiter Vespasians gewesen war, nannte sie von allen menschlichen Sehenswürdigkeiten die sehenswürdigste. Dio Chrys. (Dind.), Orat. XXXII , 412 f. Andre Stellen bei Lumbroso, L'Egitto, c. XII . Ihre Lage machte sie zur Gebieterin des roten, des indischen und Mittelmeers, und zum Marktplatz für hundert Völker der Erde. Ihr Wolstand durch Handel und Kunstgewerbe wurde von keiner andern Stadt erreicht, und sie war zugleich die Schatzkammer ägyptischer Geheimnisse und griechischer Wissenschaft. Den großen Hafen und den Eunostos füllten die Kauffahrer aller Küsten, und in ihren Magazinen lagen die Erzeugnisse der heißen Zonen aufgespeichert, welche Karavanen aus Arsinoe, aus Myos Hormos und Berenike herbeibrachten. Der Bedeutung Alexandrias entsprach ihre architectonische Pracht. Das Serapeum im Stadtteil Rhakotis, die alte Königsburg im Bruchion, das Museum mit seinen Säulengängen und die große Bibliothek, das Cäsarium, die berühmte Straße Canobus, Gymnasien, Theater, Hippodrome, Tempel und zahllose Kunstwerke alter und neuer Zeit bildeten ein Ganzes von so glänzender Schönheit, daß im Zeitalter der Antonine Aristides sagen konnte: die große und erhabene Stadt Alexanders ziert als Kleinod das römische Reich, wie eine Halskette oder ein Armband ein üppiges Weib schmückt. Noch dauerte dort der Göttercultus Alexanders fort, und Hadrian, welcher das Grabmal des Pompejus besucht hatte, versäumte schwerlich auch das Sema zu verehren, wo der unsterbliche Gründer der Stadt in einem großen Sarkophag unter einer gläsernen Decke bestattet lag, nachdem die goldene des Ptolemäus Lagi durch den habgierigen Auletes geraubt worden war. Strabo 794. Vor ihm besuchten die Gruft Cäsar und Augustus, nach ihm Septimius Severus und Caracalla, der dort seine Kaiserinsignien niederlegte. Nach Dio 75, 13 hatte Severus die von ihm gesammelten heil. Bücher der ägyptischen Priester in das Grabmal gelegt, und dieses dann dem Volk verschlossen, damit niemand mehr die Leiche Alexanders sehe, noch jene Bücher lese. Bei Clarke ( The Tomb of Alexander , 1805, S. 58 f.) die weiteren Schicksale des Sema, worin auch die Ptolemäer bestattet lagen. In dem letzten Aufstande der Juden war Alexandria verheert worden, und Hadrian hatte schon in seinen ersten Jahren diese Beschädigungen herstellen lassen, wie er auch nach dem verödeten Cyrene Colonien ausgeführt zu haben scheint. Daher vielleicht die Münze Restitutori Lybiae , Eckhel VI, 497. Hieron. in Euseb. Chron. ed. Schöne S. 165: Hadr. Alexandriam a Romanis subversam publicis instauravit expensis . Die armenische Uebersetzung hat a Judaeis . Jedenfalls ist diese subversio Uebertreibung, doch substituirte Zoega ( Num. Aeg. ) S. 101 mit Unrecht in der Stelle des Eusebius für Alexandria Hierosolyma. Da die ältesten Städte der Pharaonen schon zum großen Teil in Ruinen lagen, hatte Alexandria in Aegypten keine Nebenbuler mehr. Das betäubende Gewühl dieser Stadt bei dem Gemisch der Religionen und Racen dreier Weltteile, der fieberhafte Kampf um das Leben, der berauschende Odemzug Africas und Asiens, der eigenartige Geist des kosmopolitischen Hellenentums, welches gerade hier seinen Sitz genommen hatte, die Frivolität, Genußsucht und Lasterhaftigkeit des Volks setzten selbst Römer und Griechen in Erstaunen. Dio Chrysostomus hat in seiner Rede an die Alexandriner die Kehrseite zu seinem Lobe der Herrlichkeit ihrer Stadt in grellen Zügen gezeichnet. Ich habe, so sagte er ihnen, euer Meer und Land, eure Häfen und Monumente gepriesen, nicht aber euch selbst, und er schilderte nun das Volk als einen Auswurf der Welt, jedes Ernstes bar, versunken in alle Lüste, für nichts begeistert als für Theater und Circus. Die Sittenverderbniß, die Streit- und Spottsucht der Alexandriner war überall verrufen. Sie büßten ihre Frechheit schwer unter Caracalla. Herodian IV, 98 f. Dio 77, 22. Ihr Naturell hat Ammian. Marcell. XXII, c.  18 gezeichnet. Andere Stellen bei Lumbroso c. 13 carattere degli Alessandrini . Auch Hadrian hat ihren Charakter in dem folgenden Briefe an seinen Schwager dargestellt: »Aegypten, mein teurer Servianus, welches du mir angepriesen hast, habe ich als ein durchaus leichtsinniges, veränderliches und jedem Gerüchte nachjagendes Volk kennen gelernt. Die den Serapis verehren, sind Christen; Menschen, die sich Bischöfe Christi nennen, sind nichts desto weniger Anhänger dieses Gottes. Es gibt dort keinen Vorsteher der jüdischen Synagoge, keinen Samaritaner, keinen christlichen Presbyter, der nicht Astrolog, Zeichendeuter und Quacksalber wäre. Selbst der Patriarch wird, so oft er nach Aegypten kommt, von der einen Partei gezwungen, den Serapis, von der andern, Christus anzubeten. Wol der Patriarch der Juden, Tillemont, Adrien , S. 409. Es ist eine rebellische, nichtswürdige, schmähsüchtige Menschenclasse. Die Stadt ist reich an Schätzen und Hilfsquellen. Da legt keiner die Hände in den Schoß. Hier wird in Glas gearbeitet, dort in Papier, dort in Leinwand. Alle diese geschäftigen Menschen scheinen irgend ein Handwerk zu betreiben. Selbst solche, die von Podagra und Chiragra geplagt oder blind sind, machen sich zu thun. Ihr Gott ist das Geld, Christen, Juden, alle Nationen beten ihn an. Unus illis est deus – statt unus ist nach Lehrs nummus zu lesen, Friedländer II , 138. Es ist beklagenswert, daß diese Stadt so schlecht geartet ist, denn ihre Bedeutung und Größe machen sie wol würdig, das Haupt ganz Aegyptens zu sein. Ich habe ihr alles zugestanden, ihr die alten Privilegien wiedergegeben und so viel neue hinzugefügt, daß mir die Bürger persönlich danken kamen, und doch machten sie, sobald ich die Stadt verlassen hatte, meinem Sohne Verus eine üble Rachrede. Was sie dem Antinous nachgesagt haben, hast du bereits gehört, wie ich glaube. Im Text Antonio , wofür Antinoo gelesen werden muß. Mögen sie denn immerhin mit ihren Hühnern sich mästen, von deren Ausbrütungsweise zu reden ich mich scheue. Ich schickte dir drei buntfarbige Kelche, die mir der Tempelpriester verehrt hat, als außerordentliche Weihgeschenke für dich und meine Schwester. Daraus magst du an Festtagen trinken; nur siehe zu, daß unser Africaner dabei des Guten nicht zu viel thut.« Es ist kein ausreichender Grund vorhanden, diesen Brief für ganz unecht zu halten, obwol einiges in ihm so aussieht, als konnte es von Hadrian nicht gesagt sein. Vopiscus hat den Brief der vita Saturnini c. 8 eingefügt, und will ihn der hadrionischen Biographie des Phlegon entnommen haben. Nach der Ueberschrift ( Had. Aug. Serviano consuli salutem ) ist er an Servianus gerichtet, als derselbe Konsul war. Nun verzeichnen die Fasten (Klein, Fasti consulares ) als Consul d. J. 132 Trebius Servianus, und zu 134 L. Julius Ursus Servianus Cos. III . Die Ueberschrift kann später gemacht oder das Wort consuli zugesetzt worden sein. Die größeste Schwierigkeit scheint in den Worten filium meum Verum zu liegen; denn adoptirt wurde Verus erst im Jahr 136. Filius kann indeß nur den Liebling Hadrians bezeichnen, und Verus war gewiß schon von diesem zu seinem Nachfolger ausersehen. Er begleitete den Kaiser in Aegypten. Es ist unnötig, wie Greppo S. 230 thut, eine neue Reise Hadrians nach Aegypten in seiner letzten Zeit anzunehmen. Aus dem nemo illic hat Casaubon geschlossen, daß der Brief nach Hadrians Abreise aus Aegypten geschrieben sei; wenigstens hatte er, wie er selbst schreibt, Alexandria verlassen. Ich halte den Brief für echt, wenn auch, wie sein Text zeigt, einige Stellen interpolirt worden sind. Ich stoße mich weniger an das filium meum , als an die wiederholte Beziehung auf die Christen Alexandrias, die nicht hadrianisch sein kann. Selbst wenn der Brief nur Erfindung wäre, bliebe er doch ein altes Zeugniß vom Wesen Alexandrias, der großen Werkstätte der magischen Geheimlehre, der Theosophie und christlichen wie heidnischen Philosophie. Hier blühte zwar noch immer die hellenische Wissenschaft, welche gerade in dieser Epoche den Astronomen Claudius Ptolemäus hervorbrachte, aber neben ihr entwickelte sich eine excentrische, fantastische Speculation in den Schulen der Griechen, Juden und Christen. Sie mischte sich zusammen aus dem Monotheismus und Pantheismus. Hier flossen die Vorstellungen Asiens und Griechenlands in einander und erzeugten auf dem Grunde ägyptischer Mysterien die Doctrin der Gnostiker, und unter diesen kann man jene Christen verstehn, die den Serapis anbeten sollten. Die Juden bildeten einen großen Bestandteil der alexandrinischen Bevölkerung. Von den fünf Stadtvierteln hatten sie zwei inne. Ihre reiche Gemeinde stand unter einem Vorsteher oder Ethnarchen. Aus der Verbindung des Mosaismus mit den hellenischen Ideen war schon im ersten Jahrhundert nach Christus die platonisirende Philosophie des Philo hervorgegangen. Eins hat der sonderbare Brief übersehen, den mächtigen Einfluß, welchen der Geist Alexandrias auf Rom und das Abendland ausübte. Dieser Einfluß hatte sich schon in der ersten Stunde geltend gemacht, als Aegypten römisch wurde, und er dauerte drei Jahrhunderte fort. Kein fremder Beherrscher seit dem Perser Kambyses, welcher seine Hand an die Götter des Landes gelegt hatte, war im Stande gewesen, deren felsenfeste Macht zu brechen. Die Lagiden, wie die Römer hatten vielmehr diese Götter anerkannt, ja zu den ihrigen gemacht. Während die Aegypter zu Knechten der Fremden herabgesunken waren, eroberten ihre Götter von Memphis und Theben Griechenland und Rom. Isis, Osiris, der hundsköpfige Anubis und der zum Zeus gewordene Serapis besaßen selbst nicht unter dem großen Ramses eine so weite Herrschaft als in den drei ersten Jahrhunderten des römischen Kaiserreichs. Die Weisheit der Priester Aegyptens war die älteste der Welt, und sie schienen deshalb im Besitze der Urkunden der Menschheit zu sein. Gegen diese von den Jahrtausenden in gleichen Formen überlieferte Hierarchie mußten selbst die Priester des Jehovacultus, oder die des Melkart und der Astarte in Syrien, oder jene des Apollo von Delphi und des Zeus von Dodona wie von gestern her erscheinen. Die Mysterien vom Nil bezauberten die Gemüter des Abendlandes; Scenen ägyptischer Gottesdienste sieht man noch mit Verwunderung in den Wandmalereien Pompejis häufig abgebildet. Dort und in Herkulanum, in Campanien und Etrurien gab es Isistempel, wie auch ein Iseum und Serapeum in Rom, wo Domitian für die ägyptischen Geheimnisse geschwärmt hatte. Aus ihm stammt der berühmte Nil des Braccio nuovo . Ausgrabungen im Juni 1883 haben hinter der Minerva einen kleinen Obelisken mit Hieroglyphenschrift an den Tag gebracht. Schon in der letzten Zeit der Republik war der Isisdienst in Rom eingedrungen. Preller, R. Mythol., Abschnitt Isis und Serapis. – Nach dem Tempel der Isis und des Serapis, welchen Caracalla gebaut hatte, wurde sogar eine Region Roms benannt, nämlich die III., da am Colisäum ein Isistempel gelegen war. Bald nach den Antoninen wurden diese Götterdienste zu einem Bedürfniß der lateinischen Welt. Alexandrinische Kaufleute verbreiteten bis nach Gallien und Spanien mit der Religion auch die Moden Aegyptens. Die Teppiche, die Mosaiken, die Sphinxbilder, die Nillandschaften, die Gefäße und die Perlen der Kleopatra wurden eifrig im Westen gesucht, und selbst die Einrichtung ägyptischer Häuser ahmte man dort nach. Wahrsager und Gaukler, Aerzte und Astronomen, Tänzer und Musiker, Rhetoren und Gelehrte ergoß das eine Alexandria in ganzen Schwärmen über das Abendland. Lumbroso a. a. O. – Daß auch die Malerei von Aegypten her beeinflußt wurde, lehrt eine merkwürdige Stelle im Petronius, Satyricon c. 2: pictura quoque non alium exitum fecit postquam Aegyptiorum audacia tam magnae artis compendiariam invenit ; womit wol das Genre gemeint ist. Und gerade Hadrian hat diese Einflüsse auf dasselbe gemehrt. Der wißbegierige Kaiser besaß das lebhafteste Interesse für die alexandrinische Gelehrsamkeit, deren Sitz auch unter der Herrschaft der Römer das Museum blieb. Er hat dort mit den Philologen und Sophisten disputirt und konnte hinreichende Gelegenheit haben, an ihrer Pedanterie seinen Spott auszulassen. Die Privilegien, von denen sein Brief redet,. beziehen sich wol zum Teil auch auf jene berühmte Musenanstalt. Doch müssen es noch viele andre Wolthaten gewesen sein, die ihm die Alexandriner zu danken hatten. Sie vergalten sie ihm durch boshafte Schmähreden und durch kriechende Schmeicheleien. Sie stellten ihm Statuen und Altäre auf. Eckhel IV, 64. Von keinem Kaiser gibt es so viele alexandrinische und überhaupt ägyptische Münzen als von Hadrian. Achtzehntes Capitel. Die Nilreise Hadrians. Memphis. Heliopolis. Tod des Antinous. Theben. Der Memnoncoloß. Koptos. Myos Hormos. Mons Claudianus. Rückkehr nach Alexandria. Die Wunder Aegyptens kennen zu lernen, unternahm Hadrian von Alexandria aus die Nilreise. Sie war längst in Mode. Denn die Monumente der grauen Vergangenheit und die Ufer des geheimnißvollsten der Ströme übten auf Griechen und Römer mächtige Anziehung aus, wie sie noch immer seit der Expedition Napoleons die Menschen aller Nationen anziehen. Wie mußte nicht der seit Jahrtausenden unveränderte Thierdienst, dies Rätsel menschlicher Religion, die Neugierde der Fremden reizen. In dieser Vergötterung der Thiere lag die größeste Verachtung des Menschengeistes und die boshafteste Satire auf die Apotheose von Königen und Kaisern. Denn was bedeutete die Gottheit des Sesostris, des Alexander, des Augustus oder Hadrians neben der himmlischen Majestät des Ochsen Apis oder der heilig gesprochenen Katzen, Hunde, Reiher, Krokodile und Götteraffen? Aegypten war schon damals ein Museum der Pharaonenzeit und ihrer einbalsamirten Cultur. Die fremdartigen Bauwerke, die seltsamen Sculpturen, Hieroglyphen und Gemälde erfüllten noch die uralten Städte, wenn auch deren Glanz verschwunden war. Memphis und Heliopolis, Bubastis, Abydos, Sais und Tanis und das hunderttorige Theben waren längst verfallen, wenn auch noch bewohnt. Es muß ein ungewöhnliches Schauspiel gewesen sein, welches die kaiserliche Reisegesellschaft darbot, als sie auf einer Flotte von Dahabien stromaufwärts ruderte. Aegyptische Gelehrte vom Museum,. Hermeneuten, Priester und Astrologen werden den Kaiser begleitet haben. In seinem Gefolge waren Verus und der schöne Antinous. Auch die Kaiserin begleitete ihn. Sie hatte unter ihren Hofdamen eine griechische Dichterin, Julia Balbilla. Man landete an den Ufern des Nil, wo es etwas Merkwürdiges zu betrachten gab, und davon gab es damals mehr, als am heutigen Tage. Man bewunderte die großen Pyramiden, den Sphinxcoloß und die heilige Stadt Memphis. Memphis, der alte Herrschersitz der Pharaonen, und noch zur Zeit Strabo's als zweite Stadt Aegyptens angesehen, war damals noch nicht vom Sande der Wüste begraben, aber doch schon im Versinken begriffen. Unter den Ptolemäern hatte sie manches Material ihrer Tempel und Paläste für Alexandria hergegeben. Die große Pharaonenburg lag längst zerstört. Doch manche ehrwürdige Monumente, wie der Tempel des Ptah, die Pyramiden, Nekropolen und das Serapeum dauerten mit ihrem uralten Cultus fort. Noch immer war diese Stadt ein Hauptsitz der ägyptischen Hierarchie und die Residenz des Apis; gerade deshalb hatte sie die römische Regierung zu einer der stärksten Militärstationen Aegyptens ausersehen, denn hier lag eine Legion. Hadrian konnte im Bezirk des Serapeum jenen weißstirnigen Apis betrachten, dessen Auffindung kurz vor seiner Ankunft Priester- und Volkstumulte veranlaßt hatte; denn die Alexandriner wollten den Besitz des Stiers den Memphiten nicht gönnen, diese aber hielten ihn siegreich fest. Der Kaiser konnte die halbversunkenen Sphinxalleen durchschreiten, die zu den wunderbaren Grüften führten, wo die lange Reihe einbalsamirter Götterstiere ruhte, ein jeder wie ein Pharao in einem riesigen Sarkophag von Granit Eine hadrianische Münze von Memphis hat den Apis, Mionnet V, S. 534. Heute liegt dies ägyptische Serapeum vom Sand bedeckt. Mariette entdeckte dort Stiergrüfte von der 18. bis auf die 26. Dynastie. Nur die der letzteren von Psametich an sind jetzt sichtbar. Gegenwärtig (Sommer 1883) hat Maspero Gräber der sechsten Dynastie ausgegraben. Mit minderer Mühe, als wir heutigen Reisenden, hat Hadrian das sculpturenreiche Grabmal des Ti bewundert, eines ägyptischen Reichsbeamten aus der fünften Dynastie. Jetzt hat der Wüstensand die Paläste, die Götterbilder und fast alle Pyramiden verschlungen. Elende Araberdörfer, wie Sakkara, haben sich im Schutte von Memphis angesiedelt, und im dichten Palmenhain sieht der Reisende mit Verwunderung den Torso des gewaltigen Pharao Ramses II. einsam daliegen als letzten Zeugen der Pracht des Ptahtempels, vor dem dieser Coloß einst aufgestellt gewesen war. In der Nähe von Memphis lag Heliopolis, die Stadt des Sonnengottes mit dessen uraltem Tempel und einer Schule ägyptischer Weisheit. Strabo fand sie bereits verödet, aber man zeigte ihm noch die Priesterhäuser, in welchen Plato und Eudoxos dreizehn Jahre lang die Geheimnisse der Götter sollten studirt haben. Strabo 806. In Heliopolis dauerte der Cultus des Gottes Râ fort, dessen Mittelpunkt der heilige Stier Mnevis, ein Nebenbuler oder Gefährte des Apis, war. Der rohe Kambyses hatte die Tempel und selbst die Obelisken zum Teil zerstört, welche dort die Pharaonen im Lauf der Jahrhunderte jenem Sonnengott errichtet hatten; denn nirgend in Aegypten gab es deren so viele, als dort und in Theben. Wie Strabo so sah auch Hadrian ihrer manche halbverbrannt auf dem Boden liegen. Zwei größere fehlten; den Obelisken Ramses II. hatte Augustus als sein Siegesdenkmal nach Rom gebracht und im Circus Maximus aufgestellt. Er steht heute auf dem Platz del Popolo. Mit dem andern hatte Caligula den vaticanischen Circus geziert, und noch heute schmückt er den St. Petersplatz. Den größesten aller, den Totmes IV., hat erst Constantin hinweggeführt und dann Constantius im Circus Maximus aufstellen lassen. Er steht jetzt vor dem Lateran. Heute ist auf der von Saatfeldern grünenden Stätte des alten Heliopolis nur noch ein einziger Obelisk aufrecht geblieben, welcher als der älteste aller gilt, und von Usortesen I. aus der zwölften Dynastie errichtet worden ist. Wespennester haben seine Hieroglyphenschrift zugedeckt. Die Nilfahrt fortsetzend war die erlauchte Reisegesellschaft nach Besa gekommen, einem Ort am rechten Flußufer, gegenüber Hermupolis, als ein seltsames Ereigniß stattfand, der Tod des Lieblings Hadrians. Antinous, einen jungen Griechen aus Claudiopolis, hatte seine Adonisgestalt zum Ganymed des Kaisers erniedrigt. Dieser liebte ihn mit Leidenschaft, und auch in dem Laster des Orients, welches selbst dem großen Trajan nicht als solches gegolten hatte und nur von wenigen edlen Menschen, wie von Plutarch, verabscheut wurde, war Hadrian vollkommen Hellene. Es ist unbekannt wo der Kaiser den schönen Jüngling kennen gelernt hatte, dies konnte in seinem Vaterlande Bithynien geschehen sein. Erst in Aegypten wird er sichtbar als unzertrennlicher Gefährte Hadrians, was seine Gemalin tief verletzen mußte. Die unglückliche Augusta wurde in Besa von dem verhaßten Anblick befreit, denn dort ertrank Antinous im Nil. Ein mystisches Geheimniß umgab seinen Tod. War er Zufall? War er ein Opfer? Die Humanität Hadrians schützt ihn vor dem Verdacht, daß er seinen Liebling kaltblütig geopfert habe, wie einst Tiberius den schönen Hypatos in Capri. Hatte sich der schwärmerische Jüngling den Todesgöttern freiwillig dargebracht, um das Leben des geliebten Kaisers zu retten? Hatten ägyptische Priester in den Sternen ein Hadrian bedrohendes Unheil gelesen, welches nur durch den Opfertod des ihm Teuersten abzuwenden war? Ein solcher Wahn stimmte zu dem Aberglauben der Zeit, zu diesem Lande und dem geheimnißvollen Nil. Er stimmte auch zu den astrologischen Künsten des Kaisers selbst. War Antinous, als er sich in die Fluten des Nil stürzte, versichert, daß er aus ihnen als Gott wieder emporsteigen werde? In seinen Memoiren hat Hadrian behauptet, daß sein Liebling durch Zufall im Nil ertrunken sei; aber man hat ihm das nicht geglaubt. Spart, c. 14 läßt die Frage unentschieden. Dio 69, 11 hält es für wahr, daß Antinous sich geopfert habe, denn Hadrian, welcher magische Künste trieb, brauchte für das, was er vor hatte, eine sich freiwillig opfernde Seele. Er sagt: είτ' ου̃ν ες τὸν Νει̃λον εκπεσὼν, ως ‛Αδριανὸς γράφει, είτε ιερουργηθείς, ως η αλήθεια έχει. Aber nach seiner Ansicht war das Opfer freiwillig. Aurel. Victor ( Ep.  14) neigt zu dem Glauben, daß sich Antinous geopfert habe, um das Leben des Kaisers zu verlängern. Die göttlichen Ehren, zu welchen er den Todten erhob, lassen denn doch vermuten, daß sie ein Lohn des freiwilligen Opfertodes gewesen sind, und dieser konnte, unter welchen Bedingungen er auch vollzogen worden war, für die damalige Welt immer die Anerkennung einer sittlichen Handlung aus heroischer Hingabe beanspruchen. Wir wollen annehmen, daß dies Opfer ohne den Willen Hadrians in den Nil versank. Mit unermeßlichem Schmerz, mit »weibischen Tränen« beweinte er Antinous. Antinoum suum, dum per Nilum navigat, quem muliebriter flevit, Spart, c. 14. Jetzt war er Achill an der Leiche des Patroklos, und Alexander am Scheiterhaufen des todten Hephästion. Feierlich ließ er den Jüngling in Besa bestatten – eine Nilscene von der ausgesuchtesten Fantastik, wobei der trauernde Kaiser Roms und die lachende Augusta mit ihrem Hofgefolge die Handelnden sind. Dies bizarrste Intermezzo aller Nilreisen gab dem hinschwindenden Heidentum einen neuen Gott und der antiken Kunst ihre letzte Idealgestalt. Wahrscheinlich erblickten schon während der Todtenfeier scharfsichtige Höflinge den Stern des Antinous am Nachthimmel Aegyptens, und Hadrian hat ihn dann selbst gesehen. Das Sternbild dauert noch fort. Es steht an der Milchstraße zwischen dem Adler und dem Thierkreise, denn die Astronomen haben die Götterfabel des Antinous anerkannt wie das Haar der schönen Berenike, welches ein Sternseher ihrem Gemal Ptolemäus zu Liebe am Himmel erblickt hatte, wo es noch am Löwen erglänzt. Im mystischen Wunderlande Aegypten konnte selbst noch am hellen Tage der römischen Weltgeschichte unter Hadrian das Leben eine Dichtung sein. Im October 130 scheint der Tod des jungen Bithyniers sich ereignet zu haben. Ihn in diese Zeit zu setzen liegt nahe. Nach dem Chron. Alexandrinum 254 ist Antinoe am 30. October gegründet worden; daraus hat Dürr S. 64 geschlossen, daß dieser Tag das Todesdatum des Antinous sei. Das Jahr 130 ergibt sich als sicher aus den Memnonsinschriften, wovon weiter unten. Nachdem der Kaiser Befehl gegeben hatte, zu Ehren seines Freundes auf der Stelle Besas eine prachtvolle Stadt zu gründen, setzte er die Nilreise fort. Denn die kaiserliche Gesellschaft wird im November 130 in den Ruinen Thebens sichtbar. Theben, die älteste Stadt Aegyptens, vielleicht der Welt, war in früheren Jahrhunderten erst durch Memphis verdunkelt, dann von Kambyses zerstört worden. Seit den Ptolemäern hieß sie Diospolis, und nicht sie, sondern Ptolemais war die Hauptstadt der Thebais. Schon Strabo fand sie in Flecken aufgelöst. Κωμηδὸν συνοικει̃ται C. 816 . Diospolis war das eigentliche Theben oder die Ammonsstadt. Der ganze westliche Theil am linken Ufer war die Memnonia. R. O. Müller, Osymandias und sein Grabpalast, Encykl. von Ersch u. Gruber, S. 260. Sie bildete diesseits und jenseits des Nil ähnliche Gruppen von riesigen Tempeln und Palästen, von Pylonen und Königsgräbern, wie sie heute in Luxor, Karnak, Medinet Habu, Der el Bahri und Kurna zerstreut sind. Zur Zeit Hadrians muß das Ramesseum, das sogenannte Grab des Osymandias, auf dem Westufer des Nil, der Wunderbau Ramses II., noch in großen Massen erhalten gewesen sein. Diese Pylonen, Säulen, Arkaden und Höfe, diese prächtigen Säle mit ihren von Sculpturen bedeckten Granitwänden (auch eine Bibliothek befand sich dort) scheinen sogar die römische Kunst der Kaiserzeit beeinflußt zu haben. Man will ihren Reflex im Forum Trajans wieder erkennen, dessen Mittelpunkt ebenfalls das Kaisergrab war. Froehner ( La Colonne Trajane , S. 49) findet diese Analogien nach der Beschreibung des Ramesseum von Diodor I, 45, und die Säule Trajans soll eine Nachahmung des Panium Alexandrias sein. Das größeste Wunder unter den Grabtempeln Thebens war das Memnonium. Zwei nackte monolithe Colosse des Pharao Amenhoteph III. von der achtzehnten Dynastie (um 1500 v. Chr.), aus gelbem Sandstein gehauen, tronten daselbst vor dem Amenophium. Ein Erdbeben hatte um 27 v. Chr. die obere Hälfte des einen herabgestürzt, und die bei Sonnenaufgang strömende Luft erzeugte in den Rissen der Bildsäule jenen klingenden Ton, welchen die Griechen als den Morgengruß des von Achill vor Ilium getödteten Aethiopen Memnon an seine Mutter Eos erklärten. Ringsumher lagen staunenswürdige Reste von Tempeln, die jener König dem Ammon geweiht hatte. Strabo 816 erwähnt zuerst des Klanges, welchen er selbst gehört hatte. Sodann Philostr. ( Apollon. 6, 4). Plinius ( H. N. 36, 58) bezeichnet zuerst den Coloß als Memnon. Sept. Severus ließ ihn restauriren und seitdem verstummte er. Seit Nero pflegten Reisende ihre Namen auf den Schenkeln jenes Colosses einzumeißeln, und einer weit verbreiteten Eitelkeit verdankt die Wissenschaft eine der merkwürdigsten epigraphischen Sammlungen. Gelehrte haben seit Pococke die Inschriften vom Memnonsbilde abgeschrieben. Die meisten gehören der Zeit Hadrians an, nämlich zehn fallen vor 130, siebzehn in dieses und in die späteren Jahre des Kaisers. Er selbst hat seinen Namen griechisch eingraben lassen, und dasselbe that mit dem ihren die Kaiserin. Diese war von der Dichterin Julia Balbilla begleitet, welche von einem syrischen Könige Antiochus abzustammen behauptete und so viel Ruf genoß, daß ihr später die Stadt Taormina als dem Ausbunde aller Tugend, Sittsamkeit und Weisheit eine Ehrenstatue errichtete. C. I. G. II . 5904. Der kaiserliche Besuch des Memnon bot der Griechin eine erwünschte Gelegenheit dar, ihr Talent leuchten zu lassen. Wir lesen noch die Verse in äolischem Dialekt, mit welchen sie den melancholischen Memnon wiederholt heimgesucht hat. Aber der Gott ließ sich doch einmal nicht herab, seine Schmerzenslaute ertönen zu lassen; die Hofdame verwunderte sich, daß er zu schweigen wagte, obwol die erhabene Augusta ihn zu hören begierig war, und sie drohte ihm sogar mit dem Zorn des Kaisers. Dies fruchtete, denn Memnon erklang mehrmals zu Ehren des Augustus. Glücklicher Weise hat Balbilla in einer Inschrift verzeichnet, daß sie mit der »lieblichen Königin« Sabina den Gott gehört habe, im 15. Jahre Hadrians, am 24. und 25. des Monats Athyr. So kennen wir das Datum der Anwesenheit des Kaisers im Memnonium, nämlich den 20. und 21. November 130. Letronne, La Statue vocale de Memnon , Paris 1833, S. 152 f. Die Verse Balbillas Hadrian betreffend mit der Aufschrift: ’Ιουλίας Βαλβίλλης, ότε ήκουσε του̃ Μέμνονος ο σεβαστός ‛Αδριανός – Sabina betreffend mit dem Datum, S. 162. S. 165 Inschrift Sabinas: Σαβείνα σεβαστὴ αυτοκράτορος Καίσαρος σεβαστου̃ εντὸς ώρας Α , Μέμνονος δὶς ήκουσε. – C. I. G. 4925 f. – Kaibel, Epigr. graeca ex lapidib. conlecta , Berlin 1878, n.  988 f., dazu die Bemerkungen Puchsteins, Epigr. gr. in Egypto reperta , Straßburg 1880, S. 16–30. Unterhalb Theben lag Koptos, ein großes Emporium für indisch-arabische Waaren. Sie kamen dorthin mit Karavanen, auf Kunststraßen, welche jene Stadt mit den Häfen Myos Hormos und Berenike verbanden; dann wurden sie den Nil abwärts nach Alexandria verschifft. Plin. VI, 26, 7 gibt die Stationen von Koptos nach Berenike an – Bei Koptos lagen berühmte Smaragdgruben. Ein dritter Hafen für indischen Handel war Arsinoe am heroopolitischen Golf des roten Meeres, wo der berühmte Nilcanal, welchen Necho begonnen, Darius erneuert, Ptolemäus Philadelphus vollendet und endlich Trajan hergestellt hatte, von Bubastis im Delta durch die Bitterseen ins Meer geleitet war. Der Nilcanal, dessen Neuschaffung nach langen Jahrhunderten in unserer Gegenwart ein weltgeschichtliches Ereigniß geworden ist, diente noch zur Zeit Hadrians und wahrscheinlich bis zu Septimius Severus als Handelsstraße. Humboldt, Kosmos II, 204. Trajan hatte vor d. J. 109 nicht nur den Canal von Bubastis nach Arsinoe restaurirt, sondern auch einen Zweigcanal nach Babylon (Cairo) führen lassen. Dierauer bei Büdinger I, S. 131. Von Koptos konnte der Kaiser nach Myos Hormos gehen, dem zunächst gelegenen Stapelplatz für den indischen Handel, welcher unter der Herrschaft Roms so großen Aufschwung genommen hatte. Schon Strabo verwunderte sich, daß von dort jährlich wol 120 Schiffe nach Indien fuhren, während zur Zeit der Ptolemäer nur wenige diese directe Fahrt gewagt hatten. Wie groß aber muß ein Jahrhundert nach ihm die Zahl der Indienfahrer gewesen sein, da sich die Luxusbedürfnisse Roms so hoch gesteigert hatten. Strabo 118. Ueber die Indienfahrten Friedländer II, 59 f. Einige Decennien nach Strabo schrieb ein Grieche den Periplus des erythräischen Meeres, welchen der ältere Plinius benutzt hat. Diese Schrift, vielleicht das Werk eines gebildeten Kauffahrers, beschreibt die Küstenfahrt längs des roten Meeres durch die damals viel durchschiffte Straße Babel Mandeb bis nach Ceylon und Indien zum Ganges hin. Sie liefert den Beweis des regsten, durch Araber und Griechen betriebenen Indienhandels und der lebhaftesten Verbindung zwischen Aegypten und Arabien. B. Fabricius, Der Periplus des erythräischen Meeres von einem Unbekannten. (Griech. und deutsch mit krit. und erläuternden Anmerkg. Leipzig 1883. Auf dem Wege nach Myos Hormos lag der Mons Claudianus, dessen unerschöpfliche Brüche von Porphyr und grauem Granit seit dem Kaiser Claudius in Betrieb gesetzt wurden. Mitten in der Wüste, welche die Städte der alten Aegypter, die Welthäfen der Römer am roten Meer und ihre Straßen verschlungen hat, sind im Jahre 1822 am Djebel Faterah und Dokham Römerstationen mit Porphyrbrüchen entdeckt worden, nebst Resten zweier unvollendeter Tempel, deren griechische Inschriften melden, daß sie am 23. April 118 dem Jupiter Serapis geweiht worden seien, im Namen des Präfecten Aegyptens, Rhammius Martialis, von Epaphroditos, dem Sclaven des Kaisers und Pächter der Bergwerke, und zwar für das Heil und den Sieg Hadrians und seines Hauses, wie für das Gelingen aller von ihm unternommenen Werke. Letronne, Inscr. de l'Egyte I, 153 , und daselbst das Capitel über den Mons Claudianus S. 136 f. C. I. G. 4713 . Diese Inschriften lehren, daß die Porphyrbrüche als kaiserliche Domänen von einem Procurator verwaltet wurden. Zwei römische Ansiedlungen lagen in der Nähe, geschützt gegen die Raublust der Araber durch die Cohorte leichter Reiterei Flavia Ciliciorum. Die Cohors I Flavia Ciliciorum (oder Cilicum ) equitata erscheint zur Zeit des Antonin. Pius in einer Inschrift zu Syene (Assuan), C. I. L. III, 2. add. 6025 , S. 968. Bergwerke ( metalla ) waren das Sibirien der Verbrecher im römischen Reich, und die Verurteilung dazu auf Lebenszeit galt nach der Todesstrafe als die schwerste aller Strafen überhaupt. Dig. 48, 19, 28. Tausende von Unglücklichen, und noch zur Zeit Diocletians viele Christen, schmachteten unter dem Sonnenbrande der Wüste in jenen Porphyrgruben, wo sie das köstliche Gestein brachen und für die Paläste Roms bearbeiteten. Wenn nun Hadrian den Mons Claudianus besuchte, so konnte ihm wol der Anblick der Leiden dort Verurteilter das Gesetz eingeben, mit welchem er das Los solcher unter ihnen gemildert hat, die dem Stande der Freigeborenen angehörten. Dig. ibid. Aber der Besuch des Kaisers in Myos Hormos und Berenike ist für uns nur Vermutung, wie auch, daß er von Theben aus die Nilfahrt bis nach Syene und Philä ausgedehnt hat. Auf seine Nilreise überhaupt scheinen sich Medaillen zu beziehen, die den Flußgott darstellen, bisweilen von Kindern umgeben; er stützt sich ans eine Sphinx und trägt in der Rechten ein Füllhorn, in der Linken ein Rohr. Hadrianus, Aug. Cos. III, P. P. – Nilus. Cohen II, n.  326–329. In der libyschen Wüste hatte Hadrian Gelegenheit, seine Jagdlust zu befriedigen, wobei es ihm glückte, einen Löwen zu tödten. Eine Münze Virtuti Aug. zeigt ihn zu Pferde, die Lanze auf einen Löwen schleudernd. Cohen II, n.  1471. Andre Münzen mit Virt. Aug. sind auf seine Jagden zu beziehen. Der Dichter Pankrates besang diese Heldenthat, und er war zugleich geschickt genug, dem Kaiser einen rosenroten Lotos zu zeigen, welcher aus dem Blute jenes Löwen entsprossen war. Noch mehr, er gab diesem Lotos den Namen Antinoe Vielleicht war dieser Lotos die rosenrote Seerose, Nymphea nelumbo , welche Herodot II, 92 beschrieben hat. Maspero, Gesch. der morgenl. Völker im Altertum S. 8. Statt über die kindische Nachahmung der Ajaxblume zu lachen, belohnte Hadrian den Erfinder mit einer Stelle im Museum Alexandrias, und den Lotoskranz trugen die Bildnisse des vergötterten Jünglings. Athen., Deipn. XV, c. 7. Der Kaiser kehrte, so darf man glauben, nach Alexandria zurück. Wie lange er noch in Aegypten geblieben ist, wissen wir nicht. Er verließ dieses Land, um sich nach Syrien zu begeben, noch am Ende des Jahres 131 oder im Beginne des folgenden. Daß er nach Syrien ging, steht durch die eine Stelle bei Dio 69, 22 fest, wo gesagt wird, daß sich die Juden zum Aufstande rüsteten: παρόντος μὲν εν τε τη̃ Αιγύπτω καὶ αυθι̃ς εν τη̃ Συρία του̃ ‛Αδριανου̃ ησίχαζον. Weder von dem Wege, welchen er nahm, noch von den Ursachen, die ihn bestimmten, nach Syrien zurückzukehren, haben wir eine Kunde. Neunzehntes Capitel. Hadrian kehrt von Aegypten nach Syrien zurück. Neuer Besuch Athens. Einweihung des Olympieion. Götterehren Hadrians. Es gährte damals ein Aufstand in Palästina. Wenn nun Hadrian von der drohenden Lage der Dinge dort Meldung erhalten hatte und deshalb nach Syrien gegangen war, so wußte ihn das Judenvolk durch ruhiges Verhalten zu täuschen. Dies wenigstens ist Thatsache, daß die zur Rebellion vorbereiteten Juden seinen Fortgang nach dem Westen abwarteten, um die Waffen zu ergreifen. Tiefes Dunkel bedeckt diese letzte Reise Hadrians. Von dem Augenblicke an, wo er am 21. November 130 im ägyptischen Theben für uns sichtbar geworden ist, bis zum 5. Mai 134, an welchem Tage seine Anwesenheit in Rom urkundlich bemerkt wird, ist er unsern Blicken entschwunden. Nur so viel wissen wir aus den Angaben des Dio Cassius, daß Hadrian von Aegypten nach Syrien und dann weiter nach dem Westen gezogen ist. Wo nun hat er sich in Syrien aufgehalten, wohin ist er von dort weiter gereist, und an welchem Ort hat ihn die Kunde von der Rebellion der Juden in Palästina erreicht? Wir wissen es nicht, aber wir vermuten, daß dies in Athen geschehen ist. Der neueste Forscher über die Reisen Hadrians hat nachzuweisen versucht, daß der Kaiser nur zweimal in Athen gewesen sei, in den Jahren 125 und 126 und zuletzt 129. Er hat ihn sodann vom Ende des Jahres 131 oder vom Anfange 132, wo er von Aegypten nach Syrien gegangen war, durchaus auf dem jüdischen Kriegsschauplatze festgehalten. Dürr S. 42. Aber diese Ansicht ist durch nichts Thatsächliches begründet. Wie sollte man überhaupt glauben, daß der große Philhellene Hadrian diejenige Stadt, welche er so schwärmerisch liebte, und wo er so viele Prachtbauten entstehen ließ, nur zweimal besucht habe? Keil (Philol. II, 1863, S. 546) nimmt 4 Besuche Hadrians in Athen an, 112, 125, vor und nach der ägypt. Reise 130, endlich 132. Siehe dazu Ahrens, De Athenar. statu politico S. 15. Als er von Aegypten über Syrien nach dem Abendlande heimkehrte, lag Athen so gut wie auf seinem Wege. Wie sollte er da an dieser Stadt vorübergeschifft sein? Nun gibt es aber auch Zeugnisse, welche es wahrscheinlich machen, daß Hadrian im Jahre 132 wieder in Athen gewesen ist. In diesem Jahre haben hellenische Städte dem Kaiser Ehrenbildsäulen im Olympieion Athens aufgestellt, was durch feierliche Gesandtschaften in ihrem Namen geschah. Die Reihe der bezüglichen Inschriften ( C. I. A. III, 1 ) beginnt mit jener der Col. Julia Augusta Diensium per legatum C. Memmium Lycium ; verzeichnet ist Trib. Pot. XVI, Cos. III, P. P. Olympio , d. i. das Jahr 132. Zwar fehlt das Datum bei den andern Titeln, aber es darf angenommen werden, daß alle andern dieser Reihe derselben Zeit angehören; nam hoc communi consensu et uno tempore factum esse veri simile est (Dittenberger). War dies Zufall und Willkür, oder war es nicht vielmehr eine schon bei der letzten Anwesenheit Hadrians in Athen (im Jahre 129) festgestellte Anordnung? Und war nicht die vorausbestimmte Rückkehr des Kaisers nach Athen zu einer großen olympischen Feier in seiner Gegenwart ausersehen worden? Ich nehme deshalb an, daß im Jahre 132 der Tempel des olympischen Zeus vollendet war und von Hadrian eingeweiht worden ist. Die abweichenden Meinungen über die Zeit der Einweihung hat Flemmer S. 53 zusammengestellt, sich für 130 entscheidend. Dürr nimmt mit andern den Herbst 129 an. L. Renier (Notiz zu Le Bas-Foucart, Inscr. grecques II. partie Megaride , Explication zu n. 49 , S. 34) sucht mit schwachen Gründen aus Spartian ebenfalls das Jahr 129 oder Anfang 130 zu erweisen. Für 132 ist Franz ( Elem. Epigr. Gr. S. 286), gemäß der Weihinschr. von Sebastopolis ( C. I. A. III, I, n. 483 ) mit Olympiade I, welche fällt auf Olymp. 227, 3, 885 U. C. 132 n. Chr. Siehe dazu Corsini, F. A. II, 105 . Auf Franz stützt sich auch Keil a. a. O. Lenormant ( Rech. arch. à Eleusis, R. d. Inscr. ) S. 179 nimmt als Einweihungsjahr 135 an, aber von Reisen Hadrians nach seiner Rückkehr nach Rom 134 ist nicht mehr die Rede. Die Athener hatten seit Jahrhunderten kein ähnliches Fest erlebt. In der Zeit des sinkenden Heidentums stellte dasselbe noch einmal den ganzen Pomp des antiken Göttercultus und auch die vergangene Herrlichkeit ihres Staatswesens dar. Es war zugleich ein national hellenisches Fest, denn im vollendeten Prachttempel des Zeus hatte Hadrian für ganz Hellas einen neuen religiösen Mittelpunkt geschaffen. Die griechischen Städte von nah und fern hatten ihre Vertreter geschickt, welche beauftragt waren, die Ehrenbildsäulen des Kaisers im Olympieion aufzustellen. Eine Reihe von Inschriften solcher ist uns erhalten,. so der Städte Abydos, Aegina, Amphipolis, Anemurium, Thasos, Cyzicus, Smyrna, Laodicea, Sebastopolis, Milet, Ephesus, Dium, Cyprus, Pales, Pompejopolis, Sestos, und andre, namentlich aus Altgriechenland, werden nicht gefehlt haben. C. I. A. a. a. O. – Durch Gesandte ließen auswärtige Städte überhaupt verdienten Männern noch damals Ehrenstatuen zu Athen errichten, im Hain der Polias auf der Burg, so die Gytheaten dem Herodes Atticus, und Tripolis dem L. Aemilius Juncus, welcher Corrector der freien Städte Achajas und im Jahr 127 Consul war. Wachsmuth (Stadt Athen I, 69) zieht daraus den Schluß, daß die neue Führerstellung Athens doch Anerkennung fand. Nicht ein Athener, sondern der berühmteste Sophist jener Zeit, Polemon aus Smyrna, hatte die Ehre, die olympische Weihrede zu halten. Der Kaiser gab dem Volk tagelange Feste. Es war wol damals, daß er auch eine große Jagd im Stadium Athens zum Besten gab, wobei 1000 wilde Thiere erlegt wurden. Die Hauptsache aber waren die von ihm neu eingesetzten olympischen Spiele. Diese fünfjährigen Olympien oder Adriana Olympia wurden seither nicht nur in Athen, sondern auch in andern Städten im Reich gefeiert, besonders in Ephesus, Cyzicus und Smyrna. Eine neue Olympiadenrechnung wurde eingeführt. Ueber diese Spiele Flemmer S. 78 f. C. I. A. n. 129 . Henzen, Annali d. Inst. 1865, S. 96. Curtius, Hermes IV, 1, 182. Die Aufzählung der Olympien in verschiedenen Städten bei Krause, Olympia, Absch. II, S. 203 f. Der Kaiser nahm jetzt, ohne Zweifel nach einem feierlichen Beschluß der versammelten Hellenen, den Zunamen des Olympiers oder des olympischen Zeus an, und er erhielt in den hellenischen Städten als Wolthäter, Gründer und Heiland der Gemeinden wie der »bewohnten Welt« die Ehren des olympischen Gottes. Διὶ ’Ολυμπίω, Kolophon, C. I. G. n. 3036. Jovi Olympio, Le Bas-Wadd. III, 1, n. 1764 (Parium); n. 1570 (Priapus) Θεὸς ’Ολύμπιος (Nicomedia, Mionnet II, 468). Häufig ’Ολυμπίω σωτη̃ρι καί κτίστη. Smyrna, C. I. G. n. 3174 . Pergamon, 3547. Andros, n. 2349 m. add. vol. II . Milet, n. 2863, 2866, 2877 . Ephesus, n. 2963b . Aezani, n. 3832 . Phaselis, n. 4334 . Attalia, n. 4339 . Kibyra, n. 4380 . Isauria 4382. Korykos 4333. Magnesia am M., I. A. III , 480 u. s. w., Metropolis in Lycien, Tarsus, Cyzicus, Sebastopolis \&c. Spartian sagt, daß Hadrian außer dem Olympieion auch andre in Athen von ihm begonnene Bauwerke weihte, und zu diesen hat der Tempel des panhellenischen Zeus gehört. Dio 69, 10. Pausan. I, 18, 9. Auch mit ihm verband der Kaiser eine neue Nationalfeier der Panhellenien, mit periodischen Spielen, wozu alle griechischen Städte und Kolonien fortan ihre Abgeordneten nach Athen zu schicken hatten, denn diese Stadt wurde zum Vorort der Hellenen erklärt. Ein Parlament sollte den alten Bund der Achäer erneuern. Jedoch diese künstliche Wiederbelebung der Vergangenheit blieb nur ein pomphafter Schein. Die griechische Nation war politisch erloschen, und sowol bei den Olympien als den Panhellenien bildete nur der Kaisercultus den wahren Mittelpunkt der griechischen Angelegenheiten. Hermann, Griech. Staatsalt. § 190. Ein Hellenodarch führte in jenem Parlament den Vorsitz; zuerst scheint dies Herodes Atticus gewesen zu sein: Philostr., Vita Soph. II , S. 58. Ein Finanzminister verwaltete die Bundeskasse als Hellenotomias. Hertzberg II, 331. Auch die panhellenischen Spiele, deren Vorsteher oder Agonothet stets der Priester des vergötterten Hadrian war, dauerten wie die Olympien noch lange nach dem Tode des Kaisers fort. Inschr. aus Aezani in Phrygien, C. I. G. 3832. 3833. Le Bas-Waddington III, 1, n. 867 : ο άρχων τω̃ν Πανελλήνων καὶ ιερεὺς θεου̃ ’Αδριανου̃ Πανελληνίου καὶ αγωνοθέτης τω̃ν μεγάλων Πανελληνίων. Man verehrte ihn in den Städten Griechenlands als Zeus Olympios, Panhellenios, Eleutherios und Dodonäos, als Zeus Ktistes und Soter, und Beläos, oder als Gott schlechthin, wie in Sparta, Abäa, Nikopolis, Thespiä, Koronea, oder als pythischen Apollo und neuen Helios. Eine megarische Inschr. aus der Zeit des Julius Candidus, Proconsuls Achajas, vereinigt die Göttertitel ’Ολύμπιος, Πύθιος, Πανελλήνιος, C. I. G. n. 1072, Le Bas-Foucart II. Megeride, n. 49 . Da sie das δὶς αυτοκράτορα hat, so fällt sie nach 135 oder 136. Den Proconsulat des Candidus setzt Renier zwischen 134 u. 136, Explicat. zu n. 49 , S. 34. – Als neuer Helios erscheint Hadrian in Klazomenä, Rev. Arch. N. S. XXXII , 1876, S. 44; bei Dürr, Anh. n. 38 . Als neuer Dionysos erscheint er zu Aphrodisias in Karien, in Sardes und sogar in einer griechischen Inschrift zu Nimes. Le Bas-W. III, 1, n. 1619 (Aphrodisias). C. I G. n. 3455 (Sardes); n. 6786 (Nemausus). Andre Vergötterungen bei Hertzberg II, 333. So wurde Hadrian den Göttern Griechenlands gleichgesetzt. Wenn seine Eitelkeit ihn nicht verblendete, so mußte er sich sagen, daß er von der elenden Schmeichelei der Griechen nur dieselben Ehren empfing, welche sie vielen Despoten vor ihm zuerkannt hatten, und daß er diese Prädicate der Göttlichkeit mit einem Nero teilen mußte, welcher nicht minder zum Apollo und Herakles und selbst zum Zeus Eleutherios war erhoben worden. Eckhel VI, S. 278. Aber Hadrian war eitel genug, sich im Olympieion einen Altar aufstellen zu lassen. Hier und im eleusinischen Heiligtum tronte er als Zeus, während auch seine Gemalin nicht leer ausging, denn sie wurde in Eleusis als neue Demeter verehrt. Zu gleicher Zeit aber erhielt ebendaselbst auch Antinous als Jakchos Altäre. Lenormant, Rech. Arch. à Eleusis , S. 185. Sabina erhielt in Eleusis eine Hierophantin, C. I. G. n. 435 . Als neue Demeter in Megara, C. I. G. n. 1073, Le Bas-Foucart n. 50 . So konnte die unglückliche Augusta diesen Nebenbuler auch nach seinem Tode nicht mehr los werden. Das Nichtswürdige aller dieser Vergötterungen hat damals kaum ein Grieche gefühlt. Denn seit der Diadochenzeit waren die Hellenen daran gewöhnt, Fürsten, welche sie fürchteten oder als ihre Wolthäter liebten, mit göttlichen Attributen zu ehren. Vergötterung war die einzige Weise der Erkenntlichkeit, welche ein verknechtetes Volk dem Herrscher noch zu geben vermochte. Hadrian aber hatte für Athen so beispiellos viel gethan, daß Pausanias urteilte, er habe die von den Kriegen der Römer ins Elend gestürzte Stadt wieder zur Blüte gebracht. Pausan. I, 20, 7. Man vergleiche dazu die schon angeführten Verse der Hierophantin von Eleusis auf Hadrian, C. I. G. n. 434 . Nach Dio 69, 16 schenkte H. den Athenern auch die Einkünfte aus der Insel Kephalenia. Da aber Pales dort sich in der Weihinschrift der dem Kaiser im Olympieion gesetzten Bildsäule ( C. I. A. n. 481 ) Freistadt nennt, so wird wol nicht ganz Kephalenia den Athenern geschenkt worden sein. Flemmer S. 59. Bursian (Geogr. Griech. II, 375) hält die Schenkung für eine Formalität. Zwanzigstes Capitel. Aufstand der Juden unter Barkocheba. Während die jubelnden Griechen dem neuen olympischen Zeus Tempel errichteten, und die Nationen des Westens und Ostens vor der Majestät des Kaisers im Staube lagen, gab es im Reich nur noch ein Volk, welches nicht nur Hadrian die göttlichen Ehren verweigerte, sondern sich in Verzweiflung erhob, um den Glauben der Väter an den einen Gott des Himmels und der Erde zu verteidigen und die Freiheit wieder zu erkämpfen oder unterzugehen. Dies war das Judenvolk in Palästina. Jerusalem forderte neben Athen und Rom seine Stellung in der Geschichte zurück. Die Zeiten des Titus kehrten wieder, und das Schicksal der heiligen Stadt wurde für immer entschieden. Dio hat die Gründe angegeben, welche die Juden Palästinas gerade unter der Regierung des friedeliebenden Kaisers zum Aufstande getrieben haben. »Da Hadrian an Stelle der zerstörten Stadt Jerusalem eine eigene erbaute, welche er Aelia Capitolina nannte, und auf dem Platz, wo der Tempel Gottes gestanden hatte, einen Zeustempel errichtete, so erhob sich ein langer und großer Krieg. Denn die Juden ergrimmten darüber, daß sich Menschen fremden Stammes in ihrer Stadt ansiedelten und fremde Heiligtümer in ihr errichtet wurden.« Dio 69, 12 . Demnach war die Verwandlung Jerusalems in eine heidnische Stadt die Ursache des Krieges, während sie nach der Ansicht des Eusebius die Folge desselben gewesen sein soll. Dieser Widerspruch löst sich darin auf, daß der jüdische Aufstand den begonnenen Bau der Aelia unterbrochen hat, welcher dann erst nach dem Kriege vollendet werden konnte. Nur die tödtliche Verletzung seines Nationalgefühls konnte das unglückliche Volk zur Empörung treiben, im tiefen Frieden des Reichs, ohne jeden Anhalt an einer großen, Rom feindlichen Macht, wie diesen die Parther den Judäern unter Trajan geboten hatten. Spart, c. 14 sagt: moverunt ea tempestate et Judaei bellum, quod vetabantur mutilare genitalia . Aber solche Edikte Hadrians, Verbot des Cultus, der Beschneidung u. s. w. sind wol erst am Ende des Kriegs erlassen, wo das Judentum ganz ausgerottet werden sollte. Dodwell ( Diss. in Iren. II , § 31) legt auf diese Stelle Spartians zu viel Gewicht, und so auch Münter, Der Judenkrieg S. 36; Ewald VII, 36; Madden, Coins S. 231; Renan, L'église chrétienne S. 231. Man muß hier sich an Dio halten. Der fortschreitende Bau der Aelia erklärt die Verzweiflung der Juden. Wenn Jerusalem in Trümmern liegen blieb, so bezeichnete dieser heilige Schutthaufe noch immer die geschichtliche Malstatt Israels, an welche sich die Messiashoffnungen anlehnen konnten. Aber wenn sich darüber eine heidnische Stadt erhob, so bedeckte diese für ewig das nationale Heiligtum, an dessen Herstellung nie mehr zu denken war. Fremde Colonisten mit ihren Götzendiensten begannen einzuziehen; die Quadern vom alten Tempel wurden zu profanen Bauten verwendet, und vor den Augen der Juden entstand auf Moria ein Götzentempel des Jupiter. Wenn diese römische Colonie schon in den ersten Jahren Hadrians wäre gegründet worden, so hätte sie zur Zeit des Aufstandes (132) entweder vollendet sein müssen, oder es würden doch starke Mauern und Türme die Neustadt für Römer und Juden zum Gegenstande des Kampfes gemacht haben. Das aber war so wenig der Fall, daß Jerusalem gar nicht, sondern Bether als Mittelpunkt des Krieges genannt wird. Die Juden warteten nicht, bis die Aelia als uneinnehmbare Zwingburg dastand, sondern sie ergriffen die Waffen, um den Bau der Colonie zu hindern, und das offene Jerusalem konnte für sie nur eine moralische, nicht strategische Bedeutung haben. Vor dem Aufstande standen sich in Judäa zwei Parteien gegenüber, die Versöhnlichen und die Fanatiker. Jene führte der Rabbi Josua ben Chananja. Nach der Versicherung talmudischer Quellen hatte er mit Hadrian persönliche Besprechungen gehabt, besonders in Aegypten, und nach seiner Rückkehr von dort nach Palästina soll er gestorben sein. Derenbourg S. 418; er bezieht sich auf den Brief Hadrians an Servianus, wo vom Archisynagogus gesprochen wird. Siehe auch Grätz IV, 147. Eisenmenger (Entdecktes Judentum, 1711, II, 931) führt aus dem Bereschith Rabba ein Gespräch Hadrians mit diesem Rabbi an, welches aber einen recht albernen Inhalt hat. An der Spitze der Fanatiker stand der greise Rabbi Akiba, der noch die Pracht des Tempels vor Titus gesehen hatte. Er war ein gefeiertes Mitglied des Synhedrin, welches mit dem Hohenpriester (Nasi oder Fürst) aus dem Hause Hillels seit den Flaviern in Jabne oder Jamnia seinen Sitz genommen hatte. Volkmar (Judith S. 111) und andre behaupten, daß es im Kriege des Quietus nach Uscha in Galiläa ausgewandert gewesen sei. Akiba, einer der ersten Sammler der Mischna, galt als Haupt der geistigen Widergeburt des Judentums, und wie einen legendären zweiten Moses verehrte ihn sein Volk. Von den Gesetzeslehrern scheint überhaupt der Aufstand ausgegangen zu sein. Diese Dogmatiker brüteten über den Schriften der Propheten, und ihre glühende Phantasie bildete sich ein, daß die große Schicksalsmacht Rom durch irgend ein messianisches Wunder bezwingbar sei. Die Juden rüsteten sich in der Stille. Sie legten nach uralter semitischer Weise in den Kalkgebirgen Waffenmagazine und unterirdische Gallerien zu ihrer Verteidigung an. Dio 69, 12 . Wetzstein (Reisebericht S. 45) beschreibt die hauranischen Troglodytenwohnungen und erinnert an das Buch Richter 6, 2: und da der Midianiter Hand zu stark ward über Israel, machten die Kinder Israel sich Klüfte in den Gebirgen und Hölen und Festungen. Da Jerusalem zertrümmert, im Neubau begriffen und von einem Teile der 10. Legion besetzt war, bot sich ihnen zum Stützpunkt der Revolution Bether dar, ein starker und volkreicher Ort, dessen Lage nicht sicher zu bestimmen ist. Man hat ihn in der Nähe Jerusalems gesucht oder in den Castra Vetera bei Sepphoris finden wollen. Das letzte behauptet F. Lebrecht, Bether die fragliche Stadt im hebr.-jüd. Kriege, 1877. Euseb. ( H. E. IV, 6 ) versetzt B. in die Nähe Jerusalems; Guerin ( Judée II , 388 f.) etwas westl. von Jer., wie Renan, L'égl. chrét. S. 144, und Les Evangiles S. 26; Cassel (Ersch und Gruber III. Ser., 27. Teil S. 14) zwischen Cäsarea und Diospolis. Ihm folgt Jost, Gesch. d. Judent. S. 74. Grätz setzt Bether 4 Meilen südl. von Cäsarea, wie Ewald VII, 375 und wie Levy, Gesch. der jüd. Münzen, S. 103, und Tobler 3. Wanderung nach Palästina. Sepp, Jerus. und d. heil. Land I, 647 sucht es 2 Stunden von Bethlehem; Adolf Neubauer, La Géographie du Talmud , 1868, zwischen Jabne und Lydda, nicht weit von Jerusalem. Doch die Nähe der römischen Truppen in Jerusalem und die entschieden kaiserliche Gesinnung jener Hauptstadt Galiläas machen beides zweifelhaft. Sepphoris nannte sich Diocäsarea Adriana; ob vor oder erst nach dem Kriege ist freilich zweifelhaft. Diese Stadt muß von vielen Griechen und Syrern bewohnt gewesen sein. Vielleicht ist die Ansicht derer zutreffender, welche Bether in der Nähe des Meeres vier Meilen südlich von Cäsarea gelegen glauben. Während Akiba der geistliche Leiter der Empörung war, stand ein entschlossener Mann als Führer im Kriege bereit. Die talmudische Legende hat den letzten Volkshelden Israels mit der Kraft Simsons und den Tugenden der Makkabäer ausgestattet, und sicherlich ist er von besserem Schlage gewesen, als ein Räuber und Mörder, wozu ihn christliche Kirchenväter gemacht haben. Euseb., H. E. IV, 6 : Βαρχωχεβα̃ς όνομα, ὸ δὴ αστέρα δηλοι̃, τὰ μὲν άλλα φονικὸς καὶ ληστρικὸς τις ανήρ· – Märchen über ihn bei Hieron. in Ruf. II, c. 8 . Dieser kühne Rebell hat mehr als zwei Jahre lang den römischen Legionen nicht nur Widerstand geleistet, sondern auch blutige Niederlagen beigebracht. Eusebius nennt ihn Barkocheba, was Sohn des Sterns bedeutet und nur sein symbolischer Name war: denn nach talmudischen Angaben hat er Barkosiba geheißen. Nachdem sich der Kaiser von Syrien entfernt hatte, brach um das Jahr 132 der Aufstand aus. Unter dem Consulat des Augurinus und Severianus, Euseb. und Hieron. Die wenigen römischen Besatzungen des Landes wurden niedergemacht oder in den Castellen eingeschlossen, und die ersten Erfolge machten Barkocheba zum Helden der empörten Nation. Die Fanatiker sahen in ihm den jetzt wirklich erschienenen Messias; Akiba selbst war so verblendet, daß er ihn in einem öffentlichen Parlament als solchen mit den Worten der Schrift begrüßte: Cosiba ist als ein Stern aufgegangen in Jakob. Nur ein besonnener Mann, der Rabbi Jochannan wagte auszurufen: Akiba, eher wird das Gras aus deinen Kinnbacken wachsen, als der Sohn Davids erscheinen. Das Synhedrin aber anerkannte den Volksführer als den Mann der Verheißung, und eine Versammlung der Juden bestätigte ihn als das weltliche Haupt Israels. Legat in Palästina war damals noch Tineius Rufus, welcher den auflodernden Aufstand vergebens zu ersticken suchte. Euseb. ( H. E. IV , 6) nennt ihn επάρχων τη̃ς ’Ιουδαίας. Hieronymus sagt: tenente provinciam Tinnio Rufo . Ueber den wirklichen Namen Borghesi IV, 167. Die gens Tineia war zuvor unbekannt, derselbe VIII, 189. Nur irrt Borghesi III, 691, wenn er glaubt, daß dieser T. Rufus erst im Jahr 136 mit Severus Legat Palästinas gewesen sei. Er wütete mit Feuer und Schwert und beging solche Grausamkeiten, daß er in jüdischen Berichten Tyrannus Rufus genannt wird. Es gab übrigens eine gens Turrania . Sepulcralinschrift des C. Turranius Rufus auf einem cippus in der stanza del Fauno im Capitol. Indeß reichte ein Jahr hin, um der Rebellion eine ungeheure Kraft zu geben. Die Juden erhielten Zufuhr von der See, und sie hatten sich ohne Zweifel, wenn nicht mit den Parthern, so doch mit den Beduinen Arabiens und ihren eigenen Landsleuten in Mesopotamien und Aegypten in Verbindung gesetzt. Diesen Zuzug deutet Dio an (69, 13). Ihr Kampf nahm den entsetzlichen Charakter des Racenkrieges an; der jüdische Volksführer vergalt die Unmenschlichkeit des Rufus mit gleicher Wut, er forderte auch die Christen Palästinas auf, sich ihm anzuschließen, und da sie sich dessen weigerten, ließ er viele zu Tode martern. Justin., Apol. II, 72. Orosius VII, 13. Chron. Euseb. ed. Schöne , S. 168 f. In den sparsamen Berichten über diesen Verzweiflungskrieg Israels werden außer Bether keine andern Städte als dessen Schauplätze genannt. Wir hören nichts von Cäsarea, von Lydda und Nikopolis, wo ehedem römische Besatzungen lagen, nichts von Joppe, Diocäsarea und Tiberias, nichts von Machärus und Massada und von andern Felsenfesten am todten Meer, die aus der Zeit des Titus bekannt geworden sind. Auch Jerusalem wird niemals erwähnt. Mußte nicht Barkocheba darnach streben, sowol die dort im Bau begriffene römische Colonie zu zerstören, als der Befreiung Israels auf der heiligsten Stätte seiner Geschichte eine feierliche Bestätigung zu geben? Daß dies geschehen und von ihm sogar der kühne Versuch des Wiederaufbaues des Tempels gemacht worden sei, ist behauptet und bestritten worden. Für die Besitznahme sind Deyling ( Aeliae Capilolinae Origenes 1743, S. 273), Münter, Jost, Grätz, obwol keine jüd. Quelle davon redet; Milman, Hist. of the Jews II, 431; Madden, Coins etc. , S. 134; e Saulcy, Rech, sur la Num. Jud. , S. 157; Cavedoni, Biblische Numismatik, S. 62; Ewald, Lebrecht. Dagegen Cassel und Renan ( L'église chrét. im Appendix ); dieser hält aber eine flüchtige Occupation Jerusalems durch die Rebellen für möglich. Eine vorübergehende Besitznahme Jerusalems durch die Rebellen konnte bei der Schwäche der römischen Garnison nicht unmöglich sein. Sie wird sogar durch einige Münzen wahrscheinlich gemacht, die der jüdische Führer prägen ließ, nachdem er tatsächlich und rechtlich Nasi oder Fürst Israels geworden war, und vielleicht sogar die Salbung als König empfangen hatte. Eisenmenger II, 654. Das Buch Zemach David gibt sogar eine fabelhafte Dynastie des Barkocheba von 21 Jahren Dauer an; darnach soll B. schon unter Domitian gestorben sein und sein Sohn und Enkel Rufus und Romulus den Krieg geführt haben. Es gibt eine Reihe von Seckeln, die ihm zugeschrieben werden. Sie tragen entweder kein Jahresdatum oder sind mit dem ersten und zweiten Jahre der Befreiung Jerusalems oder Israels gezeichnet. Sämmtliche Münzen B.'s sind gesammelt von De Saulcy, Rech, sur la Num. Judaïque , Paris 1854, S. 156 f., pl.  XI–XV; von Cel. Cavedoni , Bibl. Numismatik, übers, von A. v. Werlhof, 2. Th., Hannov. 1856, S. 55 f., wo der Sammlung De Saulcys einige neue hinzugefügt sind; von Madden erst in der Hist. of Jewish Coinage , dann in den Coins of the Jews ( Vol. II der Internat. Numismata Orientalia c. X , S. 230 f.). Siehe dazu auch M. A. Levy, Gesch. der jüd. Münzen, Leip. 1862, S. 93 f. Wenn nun die Kategorie der undatirten Münzen dem Beginne des Aufstandes angehören soll, so würden die andern die Zeit umfassen, in welcher die Juden ihre Feinde auf wenige Plätze beschränkt hatten und Herren des Landes waren. Die merkwürdigsten sind jene mit der Inschrift »Befreiung Jerusalems«; ihre Embleme, ein Palmenzweig in einer Lorberkrone, eine Weintraube, zwei Trompeten, eine Lyra, eine Vase und andere Symbole finden sich auf den Münzen der Hasmonäer. Einige haben das Abbild eines viersäuligen Tempels mit der conventionellen Figur des schönen Tores und der Colonnade Salomos; über dem Ganzen steht auf manchen ein Stern. Madden, n. 19, 20, 37, 38. Cavedoni (S. 64 f.) hält das viersäulige Gebäude für das Sacrarium der Synagoge und nicht für den Tempel, welcher zerstört lag. Den Stern bezieht er auf Barkocheba. Die meisten Seckel tragen den Namen Schimon oder Schimeon Nasi Israel in einem Lorberkranz, woraus man geschlossen hat, daß Barkocheba entweder ursprünglich diesen Namen geführt oder ihn von Simon Makkabäus, wenn nicht von Simon Giora, sich beigelegt hatte. Nun aber finden sich auf vielen dieser Seckel Spuren römischer Kaisernamen in griechischer und lateinischer Schrift, wie des Nero, Galba, Vespasian, Titus, Trajan (einmal sogar der Kopf Trajans), und diese thun dar, daß alte römische Drachmen aus der Münze Antiochias und Roms in der Zeit Barkochebas nur überprägt worden sind. Auch die hasmonäischen Symbole und die Legenden »Befreiung Jerusalems« und »Befreiung Israels« beweisen nicht mit Sicherheit eine Neuprägung, da man sich für sie des alten jüdischen Münzstempels bedienen konnte. Ueber diese Umprägung Mudden, de Saulcy und Levy. Renan, l'église chrét. , S. 547 glaubt, daß Barkocheba sich durchaus der Münzen des Simon Makkabäus bedient habe, und daß die umgeprägten in Bether geschlagen worden seien. Aber selbst in diesem Falle steht die Thatsache fest, daß Münzen von Barkocheba ausgegeben worden sind, und daß wir in ihnen Zeugnisse der letzten jüdischen Revolution und ihres anfänglichen Erfolges in Händen haben. Cavedoni (S. 60) erklärt, daß die überprägten Münzen durch ihren Stil die Zeit Hadrians beweisen. Levy behauptet, daß die Legende »Befreiung Jerus.« nichts beweise, da sie von den ältern Münzen copirt sein kann. Er schreibt nur die umgeprägten Kaisermünzen dem B. zu, die mit Simon dem Simon Giora. Dagegen behauptet Cavedoni, daß die Einnahme der Stadt durch die Münze mit jener Legende bewiesen sei, und da es keine mit dem Namen Jerusalems aus dem 2. Jahre gebe, so seien die Juden während des 1. nach Bether vertrieben worden. Er weist nach, daß der jerusalemische Talmud die Moneta Ben Cosibhae erwähnt, Buxdorf, Lex. Talm. , S. 1029. Einundzwanzigstes Capitel. Der Judenkrieg. Julius Severus übernimmt den Befehl über die römischen Heere. Fall Bethers. Untergang Judäas. Die Römer hatten zuerst die Erhebung Palästinas als einen verächtlichen Volkstumult betrachtet, bis er zu einem wirklichen Kriege anwuchs, und dieser war anfangs für sie vernichtend. Der Aufstand dehnte sich bis nach Syrien und Phönizien aus und drohte, alle Juden in der Diaspora und die feindlichen Völker im Orient aufzuregen. Καὶ πάσης ως ειπει̃ν κινουμένης επὶ του̃τω τη̃ς οικουμένης, Dio 69, 13 . Hadrian machte deshalb die größten Anstrengungen, seiner Herr zu werden. Es verlautet nicht, daß er selbst nach Syrien zurückgekehrt war oder auf den Kriegsschauplatz sich begeben hatte, um an die Spitze seiner Heere zu treten. Man hat dies aus Dio 69,14 gefolgert, wo gesagt wird, Hadrian habe wegen der schweren Verluste der Römer in seinem Bericht an den Senat die übliche Formel »ich und das Heer befinden uns wol« fortgelassen. Aber das Fortlassen lehrt eher, daß er dem Senat berichtete, ohne beim Heere zu sein. Außerdem geht aus der Verbindung, in welcher Dio dies gibt, hervor, daß H. nicht am Anfange des Kriegs dem Senat so berichtet hat, sondern gegen das Ende, also etwa um den Anfang 134, denn vor dem 5. Mai 134 war er schon wieder in Rom. Die kriegerische Leidenschaft Trajans blieb ihm fremd. Den Krieg in Judäa ließ er durch seine Legaten führen. Lebrecht (S. 37) behauptet wie Dürr die dauernde Anwesenheit Hadrians in Palästina an der Spitze der Armee, weil alle jüdischen und mehrere heidnischen Schriftsteller das sagen (Münter S. 83, Flemmer S. 138). Jene aber sind ganz unkritisch und diese fabeln von einer zweiten Zerstörung Jerusalems durch H. – Daß H. den Krieg den Legaten überlassen hat, sagt auch Dio 69, 13 durch die Worte: επ' αυτοὺς έπεμψεν. Leider hat der letzte Kampf der Juden um ihre nationale Fortdauer keinen Josephus gefunden. Seine Ereignisse und die Heldenthaten des verzweifelten Volks sind im Dunkel begraben geblieben. Die Berichte aus Dio umfassen eine Seite, Spartian hat den ganzen Krieg in einer einzigen Zeile abgefertigt, und dies beweist, mit welcher Verachtung man in Rom auf den Freiheitskampf der Juden herabgesehen hatte. Spart, c. 13. Würden aber nicht beide Geschichtschreiber oder ihre Quellen etwas ausführlicher gewesen sein, wenn der Kaiser selbst seine Heere in jenem Kriege angeführt hätte? Die Schilderungen der talmudischen Schriftsteller können nur als Legenden voll orientalischer Uebertreibung angesehen werden, und die Erzählungen zweier Zeitgenossen, des Antonius Julianus und des Ariston von Pella, sind leider verloren gegangen. Den Ariston hat Eusebius benutzt, des Julianus gedenken Minucius Felix und Gellius (Münter S. 12). Auch die Memoiren Hadrians von Phlegon scheinen den Krieg nur flüchtig behandelt zu haben, denn eine (verdorbene) Stelle im Suidas (Phlegon) sagt, Philostorgios behaupte, daß Justus die jüdischen Ereignisse genauer beschrieben habe als Phlegon und Dio. Würde Phlegon so ungenau gewesen sein, wenn Hadrian wirklich in Person den Krieg geführt hätte? Welche schwere Niederlagen die Römer erlitten, zeigt ein Ausspruch Fronto's, der lange nach dem Tode Hadrians den Kaisern Marc Aurel und Lucius Verus zurief, sie sollten ob der Verluste durch die Parther guten Mutes sein, denn wie viele Römer seien nicht zur Zeit ihres Großvaters von den Juden niedergemacht worden, und doch habe derselbe endlich den Sieg davongetragen. De bell. parth. , am Anfange. Dem bedrängten Tineius Rufus schickte Hadrian wiederholt Verstärkungen. In Judäa kämpften außer der 10. Legion Fretensis die 2. Trajana, die 3. Cyrenaica, welche von Aegypten und Arabien herangezogen waren, und die 3. Gallica, die in Phönizien zur Hand war. Grotefend zu jenen Legionen. Pfitzner S. 228, 230. Orelli 3571, wonach ein Soldat der 3. Gallica im jüdischen Krieg Ehrenzeichen erhielt. Auch die syrische 4. Legion Scythica oder doch ein Teil von ihr scheint nach Judäa gezogen zu sein. Denn Inschriften aus Ancyra bezeugen, daß Publicius Marcellus, der damalige Statthalter Syriens, wegen der Judenrebellion diese Provinz verließ, und daß Tiberius Julius Severus, der Legat der 4. Legion Scythica, während der Abwesenheit des Proconsuls Syrien verwaltete. Marcellus wurde demnach als General mit Truppen jener Legion nach Judäa geschickt. C. I. G. n. 4033, n, 4034 , Inschriften Tiberius Severus betreffend. Irrig behauptet Borghesi V, 412, daß Marcellus aus Syrien geflohen sei: fuggito per la sollevazione dei Giudei . Dio hat Tiberius Jul. Severus mit Sex. Jul. Severus verwechselt. Jener aus Galatien war nach dem inschriftlichen cursus honorum außerord. Legat in der Provinz Asien, dann Legat der 4. Leg. Scythica, dann Verweser des Marcellus in Syrien, dann Proconsul Achajas. Waddington, Mém. sur Aelius Aristides in Mém. de l'Inst. XXVI (1867), S. 214 f. Auch Quintus Lollius Urbicius erhielt ein Commando in diesem Kriege. Renier, Inscr. de l'Algérie, n. 2319 . Selbst aus Mauretanien wurde gätulische Reiterei von der 10. Legion Gemina unter S. Attius Senecio herbeigeholt, und die 7. Claudia aus Mösien stellte ein Vexillum. C. I. L. VI, 3505 . – Pfitzner (S. 93) ist der Ansicht, daß auch die 22. Dejotariana aus Aegypten am Kriege Teil nahm, aber ganz aufgerieben wurde; auch die 6. Ferrata scheint in Judäa gekämpft zu haben. Da die römischen Generale nichts ausrichten konnten, schickte Hadrian endlich den besten Feldherrn seiner Zeit, den Julius Severus nach Judäa. Dio 69, 13. – Inschr. aus Britannien C. I. L. VII, 275 , mit Restitution Borghesis IV, 166. Dieser Mann war erst Legat Daciens, im Jahre 127 Consul, sodann Legat des untern Mösien, endlich Statthalter Britanniens gewesen, und von dort wurde er nach Palästina abgerufen. Sein Name S. Vinicius Faustinus C. Julius Severus. Sein cursus honor. C. I. L. n. 2830 (Inschr. aus Kistagne in Dalmatien). Auf seine Legation in Britann. folgt darin Leg. pr. pr. Judaeae, Leg. pr. pr. prov. Syriae . Der Irrtum Mommsens (Borghesi IV, 168, Note 1), daß ihm Tineius Rufus im Commando Palästinas gefolgt sei, ist berichtigt bei Marquardt I, 420. Der Judenkrieg brach aus, als Rufus dort Legat war. Er übernahm an Stelle des Rufus den Oberbefehl über die Armeen und auch die Statthalterschaft in Judäa. Der Krieg erhielt hierauf eine den Römern günstige Wendung; denn die große Menge und die Verzweiflung der Rebellen bewogen Severus, offene Feldschlachten zu vermeiden; er rieb die Feinde im kleinen Kriege auf, indem er ihre Zufuhren abfing und ihre Kräfte zersplitterte. So gelang es ihm, die Festungen der Juden auszuhungern. Fünfzig Burgen und 985 Ortschaften sollen allmälig in seine Gewalt gekommen und von ihm zerstört worden sein. Wenn sich die offene Stadt Jerusalem im Besitze Barkocheba's befunden hatte, so wurde sie von den Römern wieder besetzt, ohne erstürmt zu sein. Griechische und römische Autoren sprechen freilich nicht nur von der Belagerung, sondern auch von der völligen Zerstörung Jerusalems unter Hadrian. Appian, während des Kriegs in Rom lebend, sagt de bello Syr. c. 50 : ‛Ιερουσαλὴμ η̃ν – ο Ουσπασιανὸς – κατέσκαψε, καὶ ‛Αδριανὸς αυ̃θις επ' εμου̃. Sodann Euseb., Dem. Evang. II, c. 38; Theophan. n. 9; Chron. Schöne, S. 168, Chron. Suppl. e Syncello , S. 226: επὶ ‛Αδριανου̃ τελεία καὶ εσχάτη – τη̃ς πόλεως άλωσις. In seiner H. Eccl. sagt Euseb. nichts davon. Hieron. in Jer. VI, c. 31 , S. 877 sub Adriano – urbs Jerusalem subversa. In Isaiam III, c. 7; in Ezech. VII, 24 sub Hadr. civitas aeterno igne consumpta. In Ioël I, 4; in Habac. c. 2; in Ephes. c. 5. Chrysostom, Or. 3 in Iudaeos, Francof. 1698, I, 431. Chron. Paschale ad a. 119. Suidas, Exc. in vita Adr. 866 . Die Stellen auch der späteren Byzantiner bei Deyling S. 264. Münter beruft sich von jüd. Quellen nur auf das samaritan. Buch Josua. Renan, L'église chrétienne , S. 543 f. Die rabbinische Tradition, welche beide Kriege unter Titus und Hadrian zusammenwirft, behauptet nur, wie Hieronymus, daß Tineius Rufus den Pflug über den Tempelplatz habe ziehen lassen. Die jüd. Stellen bei Münter S. 42. Templum aratum in ignominia: Hieron. in Zach. c. 8. 18. 19 . Die Sage entstand wol aus der Colonialmünze der Ael. Capit., welche einen Ackermann darstellte. Weder Dio noch Eusebius in seiner Kirchengeschichte haben ein Wort von dieser Eroberung Jerusalems. Der erste erzählt nur die merkwürdige Anekdote, daß der verderbliche Ausgang der Rebellion den Juden schon zuvor durch den Einsturz des Grabmals Salomos geweissagt worden sei. Die Angaben späterer Kirchenväter und Chronisten von einer letzten Zerstörung der heiligen Stadt sind nur als rhetorische Wiederholung ihrer Schicksale unter Titus anzusehen. Denn mit Recht darf gefragt werden, was zur Zeit Hadrians in den Trümmern dort noch zerstört werden konnte, selbst wenn ihre Besitznahme durch Barkocheba stattgefunden hatte. Renan hat dies a. a. O. erschöpfend dargethan. Die Ansicht Münters und anderer, wie De Saulcys ( Rech. sur la Num. Jud. , S. 158), Champagny's Les Antonins II , 66, Schürer's Neutestam. Zeitgesch., S. 359, welche die Erstürmung und Zerstörung Jerusalems unter Hadrian behaupten, ist als beseitigt anzusehen. Schon Scaliger, Animadv. in Euseb. S. 144 hat das für eine Fabel gehalten, und so auch Pagi, endlich der größte Palästinaforscher Robinson ( Bibl. Researches in Palestine II , 6). Den letzten Widerstand leisteten die Juden in dem festen Bether. Die rabbinischen Legenden haben die übertriebensten Erzählungen von der Volkszahl dieser Stadt und der Menge ihrer Synagogen, wie von den Heldenkämpfen bei ihrer Verteidigung. Offenbar ist von ihnen auch die Dauer der Belagerung Jerusalems unter Vespasian und Titus in fantastischer Weise auf jene Bethers übertragen worden. In dieser Burg hielt sich Barkocheba mit dem Rest der Rebellen mannhaft noch einige Zeit, bis die Sturmmaschinen der Römer und der Hunger den Widerstand brachen. Bether wurde von Severus erobert, im Jahre 135 oder 136, wie die Rabbiner fabelten an demselben verhängnißvollen 6. August, an welchem Jerusalem dreimal unter das Schwert der Feinde gefallen war. Hieron. in Zacch. VIII , 262 hat das von den Talmudisten entlehnt und wirft wie sie beide Kriege unter Titus und Hadrian zusammen. Er verlegt das Ende des Kriegs ins 20. Jahr Hadrians, Euseb., H. E. IV , 5 ( Chron. ed. Schöne, S. 168) verlegt die Katastrophe Bethers in sein 18. Jahr. In den Schutthaufen Bethers endete der letzte Heldenkampf des Judenvolks, welches allein unter allen von Rom unterjochten Völkern selbst noch in der Zeit der größesten Militärmacht des Kaiserreichs den Versuch gewagt hatte, seine Freiheit wieder zu erringen. Dieser Versuch war im Angesicht der Weltverhältnisse eine That des verzweifelten Wahnsinns, aber auch als solche ehrt derselbe das Judenvolk. Da dieses nicht wie die Hellenen im Stande war, nach dem Falle seines nationalen Staats in den römischen Weltorganismus sich einzufügen und in ihm kosmopolitisch fortzudauern, mußte es, seinem Charakter getreu, auf den Trümmern Judäas heroisch untergehen. Das Schicksal Barkocheba's ist unbekannt. Glücklicher als Simon Giora scheint er den Tod des Kriegers gefunden zu haben. Die Reste der Rebellen wurden niedergemacht und Tausende von Hebräern als Gefangene hinweggeführt. Die Römer verkauften sie zum Preise von Pferden auf dem Markt an der Terebinthe Hebrons, der Stätte Abrahams. Was hier nicht losgeschlagen wurde, bot man in Gaza feil oder schleppte man in die Sclaverei nach Aegypten und Rom. Hieron. in Jer. c. 31; in Zachar. c. 2 . Einige versprengte Scharen konnten sich in die Wüste Arabiens und nach Babylonien flüchten. Wenn die Talmudisten erzählen, daß die Blutströme Judäas bis nach Joppe ins Meer geflossen seien, so ist ihnen diese Hyperbel zu verzeihen, da selbst Dio Cassius die Menge der im Kriege durch das Schwert gefallenen auf 580 000 angibt, ohne solche zu zählen, welche Hunger und Pest getödtet hatten. Seine Zahlen sind wahrscheinlich amtlichen Berichten, vielleicht sogar der verlorenen Selbstbiographie Hadrians entlehnt. Man pralte vor dem Senat mit der Masse der Erschlagenen, denn Kriegslorbern empfangen ihren Wert auch vom Blut, in welches sie getaucht sind. Noch heute. Die Depesche des Sieges Wolseleys über die armseligen Fellahin des Arabi Pascha meldete im September 1882 » volle 2000 getödtet«. (Allgemeine Zeitung.) Palästina war ein Leichenfeld und eine starrende Wüste. Durch die verödeten Landschaften und die zertrümmerten Städte schweiften Hyänen und Schakale. Καὶ λύκοι, ύαιναι τε πολλαὶ ες τὰς πόλεις αυτω̃ν εσέπιπτον ωρυομέναι. An den Gräueln des Judenkriegs scheiterte die Humanität Hadrians, und hier endete auch das Bewußtsein des Glücks, welches er, die Welt in Frieden durchwandernd, bisher genossen hatte. Er hat nie mehr Asien wiedergesehen. Den duldsamsten, vor jedem Kriege zurückschreckende Kaiser hatte die Notwendigkeit zum Vollstrecker des furchtbarsten Urteils der Geschichte gemacht. Er vollzog dieses als Römer mit kaltem Blut, und man darf vielleicht sagen, mit mehr Recht, als es Titus zu seiner Zeit gehabt hatte. Kein fühlender Mensch wird dem Schicksal des Judenvolks seine Teilnahme versagen, aber kein ruhig denkender sich vorstellen, daß der Sieg eines Akiba und Barkocheba einen Fortschritt in der geschichtlichen Entwicklung auch nur Asiens würde bezeichnet haben. Die Herstellung eines selbständigen Judenstaates war undenkbar und unmöglich. Er hätte die ganze Schöpfung Roms in Syrien, vom Euphrat bis zum roten Meer zersprengt, und an die Stelle der hellenisch-römischen Cultur den beschränkten semitischen Fanatismus und die religiöse Unduldsamkeit gesetzt. Die kosmopolitische Idee des Römerreichs hatte keinen gleich hartnäckigen Feind als das Judenvolk, und deshalb wurde dieses aus Staatsprincip umgebracht. Sein letzter heldenhafter Todeskampf erschien den Römern und Griechen nur wie eine wahnsinnige Empörung gegen die humane Regierung Hadrians. Pausanias redet einmal von diesem Judenkriege und sagt: »Hadrian, der bis auf meine Zeit herab Kaiser war, hat die Götter am höchsten geehrt und für das Glück aller seiner Untertanen am meisten gesorgt. Niemals führte er aus Willkür einen Krieg, aber die Hebräer in Syrien warf er mit Gewalt nieder, weil sie sich gegen ihn empört hatten.« ‛Αδριανου̃ – τω̃ν αρχομένων ες ευδαιμονίαν τὰ μέγιστα εκάστοις παρασχομένου· καὶ ες μὲν πόλεμον ουδένα εκούσιος κατέστη, ‛Εβραίους δὲ τοὺς υπὲρ Σύρων εχειρώσατο αποστάντας. Renan, L'église chrét. , S. 213: Les fanatiques d'Israël combattaient pour la théocratie, pour la liberté de vexer les païens, d'exterminer tout ce qui leur semblait le mal . Die Siegesehren für das zermalmte Judäa würde Hadrian verschmäht haben, auch wenn er selbst sie persönlich errungen hätte. Keine Münze mit der Inschrift Judaea Devicta , wie sie auf den Sieg des Vespasian und Titus geprägt worden war, hat Hadrian schlagen lassen. Daß die Münze Exer. Judaicus (Eckhel VI, 496) eine Denkmünze des Krieges sei, wie Grätz IV, 169 glaubt, ist sehr fraglich. Zwei Medaillen H.'s bezieht Fröhner, Les Méd. de l'Emp. Rom. , S. 34 auf den Judenkrieg; die erste zeigt eine Victoria auf einer Biga , die zweite Roma , sitzend auf Rüstungen, neben einer Trophäe, hinter ihr eine Victoria, unten Felix Roma . Die Hypothese Fröhners fällt, weil in den Legenden der Titel Imp. II. fehlt. Nur den Titel Imperator hat er in Folge der Beendigung des Judenkrieges zum zweiten Male angenommen. Borghesi VIII, 580. Im Militärdiplom ( C. I. L. III, 1, n. 35 ) vom 15. Sept. 134 fehlt Imper. II. Es war also der Krieg damals nicht beendigt. Dagegen hat es n. 36 vom 16. Jan. 138. Den Titel Imp. erhielt Antonin nach dem Britenkriege, ohne daß er dabei war. Die mit gewagter Ergänzung von Henzen 5457 auf H. als Befreier der Republik (im Judenkrieg) bezogene Inschrift lasse ich auf sich beruhen. Keine bekränzten Heere kehrten aus Palästina nach Rom zurück, um durch den Bogen des Titus auf das Capitol zu ziehen, triumfirend mit schauprangender Beute. Was hatten sie auch in Judäa noch zu erbeuten vermocht? Die Generale, welche dort den Krieg geführt hatten, wurden durch Belohnungen ausgezeichnet. So Q. Lollius Urbicius, Renier, Inscr. de l'Algßerie n. 2319: Legato imp. Had. in exped. Judaica, qua donatus est hasta pura, corona aurea; n. 2320 seine Familie. Als Legat in Britannien (140–143) baute er den Wall des Antoninus, C. I. L. VII , S. 192. – Henzen 6501, Kellermann, Vigiles n. 247 : Ehreninschrift des C. Popilius, ehemals Legat der Legio X Fretensis , Tribun der Legio III Cyrenaica, donato donis militarib. a. Divo Hadr. ob judaicam expedit. – Mommsen, I. R. N. 3542 , Verleihung von Ehrenzeichen an C. Nummius Constans ob bellum Judaicum. Dem wahren Bezwinger der Juden Julius Severus verliehen Kaiser und Senat die Ehrenzeichen des Triumfators. Cursus honor., C. I. L. 1, III, n. 2830: ornamenta triumphalia decrevit ob res in Judaea prospere gestas . Vielleicht war Severus der letzte, der diese Ehren erhielt. Vorher hatte sie Cornelius Palma erhalten. Derselbe General erhielt die Statthalterschaft Syriens, während jener Tiberius Severus, welcher dieses Land stellvertretend für Marcellus verwaltet hatte, Legat Bithyniens wurde. Diese Provinz war bisher proconsularisch gewesen, wurde aber jetzt kaiserlich, und an ihrer Stelle erhielt der Senat Pamphylien. Dio 69, 14. C. I. G. 4033. 4034 . Nach seiner Mission in Syrien wurde Tib. Severus Proconsul in Achaja, dann Corrector und Curator in Bithynien. Borghesi und Hübner (Rhein. Mus. XII, 1857, S. 58 f.) haben ihn mit Jul. Severus verwechselt, welcher nichts mit Bithynien zu thun gehabt. Dies hat Waddington berichtigt, Mém. sur Ael. Aristid. a. a. O., S. 227 f. Ob Julius Severus als Legat Syriens fortfuhr, Judäa zu verwalten, oder ob der Kaiser dem unseligen Lande einen neuen Verwalter gab, ist ungewiß. Von Tineius Rufus wird nichts mehr gehört. Furchtbare Verfolgungen ergingen jetzt gegen die Anhänger Barkocheba's; Mitglieder der Synagoge in Jamnia wurden hingerichtet, und auch Akiba erduldete einen qualvollen Martertod. Mit äußerster Härte ließ Hadrian den mosaischen Cultus unterdrücken; es erging sogar das Verbot der Beschneidung. Dies Edict hat dann selbst noch die kümmerlichen Reste des Judenvolks unter dem Nachfolger Hadrians zum Aufstande getrieben, und Antoninus Pius sich gezwungen gesehen, es aufzuheben. Nur blieb den Juden die Beschneidung von Nicht-Hebräern untersagt; sie durften keine Proselyten machen. Dig. XLVIII, Tit. 8. 1. 11; Tit. 2. 1. 3, § 3. Die letzte Männerkraft Israels war mit den vornehmen Geschlechtern, den Priestern und Lehrern des Volks vernichtet worden. Aber auch die Christengemeinden litten unter dieser Verfolgung. Wenn sie frohlockten, daß ihre dogmatische Ansicht vom wahren Messias durch den Untergang des falschen erwiesen sei, so wurden sie doch in das Verderben der Rebellen hineingezogen. Während des Krieges soll die Christengemeinde Jerusalems in der Dekapolis jenseits des Jordan ein Asyl gesucht haben. Grätz IV, 182. Sie litt auch dort so gut wie die Juden unter der römischen Rache. Die Schrecken dieses Judenkrieges und seiner Nachwehen haben sich in den synoptischen Evangelien abgespiegelt. Grätz, Note 15, zu Math. 24, 15, Marcus 13, 14, was nach ihm fälschlich auf die Zeit des Titus bezogen worden ist. Da die Christengemeinde bisher den mosaischen Ritus festgehalten hatte, entsagte sie ihm, um ihr Schicksal von den Juden zu trennen. Sie wählte zum ersten Mal einen Bischof aus den Unbeschnittenen, Marcus mit Namen, und so wurde das letzte Band zerrissen, welches die Christen Palästinas noch an das Judentum gefesselt hatte. Euseb, H. E. IV, 6. Sulpicius Severus H. Sacra 11, 31. Den Dienst, welchen Titus der neuen Religion geleistet hatte, vervollständigte eben so ahnungslos Hadrian. Denn erst nachdem Jerusalem als Hauptstadt der Juden für immer untergegangen und die jüdische Nation ausgerottet war, konnte die christliche Kirche kosmopolitisch werden. Das Judentum selbst blieb freilich unzerstörlich. An die Stelle seines Tempels traten das Gesetzbuch, die Mischna und der Talmud, deren Anfänge in das Zeitalter des Akiba fallen. Dieses Werk theologischer Erneuerung war die letzte Nationalthat des Volkes, welches in seiner Zerstreuung über die Erde namenlosen Leiden überliefert wurde, aber in der Knechtschaft dem Gott der Väter unerschütterlich treu bliebe das einzige Beispiel in der Geschichte der Menschheit, daß ein Volk ohne Vaterland fortdauern und diesem durch die Religion ersetzen kann. Zweiundzwanzigstes Capitel. Die Colonie Aelia Capitolina. Da Jerusalem auch in Ruinen fortdauerte und diese vom Erdboden nicht so bald verschwinden konnten, so sollte die ehemalige Hauptstadt Judäas für immer ihre Gestalt und ihren Namen verlieren. Alle Juden, die noch dort und im Stadtgebiet wohnhaft waren, wurden ausgetrieben, und dann römische Veteranen, Phönizier und Syrer in einer neuen Kolonie angesiedelt. Euseb. ( H. E. IV, c. 6 ), welcher sich auf Ariston von Pella beruft, sagt: weil die Stadt nach Austreibung der Juden und dem Untergange ihrer alten Bewohner ganz leer war, wurde die röm. Colonie gebaut: εξ αλλοφύλου τε γένους συνοικισθείσης, η μετέπειτα συστα̃σα ‛Ρωμαϊκὴ πόλις τὴν επωνυμίαν αμείψασα – Αιλία προσαγορεύεται. Diese nannte der Kaiser Aelia Capitolina. Er weihte sie seinem eigenen Genius und dem Jupiter vom Capitol, von welchem der Jehovah der Semiten überwunden worden war. Sein Heiligtum sollte fortan die Stelle des alten Tempels auf Moria einnehmen. Capitolina heißt sie beim Dio, beim Ulpian, in der Peuting. Tafel \&c., und nicht Capitolia oder Capitolias. Deyling hat den Irrtum Harduins berichtigt, daß schon Domitian Jerusalem Capitolias genannt habe; dies ist Verwechslung mit Capitolias in Cölesyrien. Sepp I, 102. 179 behauptet, daß der von der 10. Legion besetzte Stadtrest Capitolias geheißen habe, und von ihm die Aelia so benannt sei. Zwei Ausgaben des Ptolemäus (Argentor. 1522, und von Victor Langlois, Paris 1867) haben allerdings Capitolias, die von Wilberg (1838) hat Αιλία Καπιτωλία. Der Sieg Jupiters über Jehovah war indeß nur scheinbar, denn in christlicher Gestalt hat der alte Judengott doch Rom und die Welt erobert. Plan und Beginn der Colonie fallen vor den Judenkrieg, und gleich nach dessen Ende wurde der Neubau wieder aufgenommen und mit Eifer ausgeführt. Eusebius setzt die (zweite) Gründung der Aelia in das 20., Hieronymus in das 21. Jahr Hadrians, also ist die Colonie im Jahre 136 oder 137 eingeweiht worden. Das Chron. Paschale hat irrig als Gründungsjahr 119. Es ist eine erste Gründung und, nach Unterbrechung durch den Krieg, die zweite zu unterscheiden, was Madden ( Hist. of Jew. Coinage ) S. 200 richtig erkennt. Er setzt die erste ins J. 131, die letzte 136. Die Annahme, daß die neue Kolonie an den Vicennalien Hadrians geweiht worden sei, hat einige Wahrscheinlichkeit für sich. Deyling S. 293. De Saulcy, Rech. , S. 158. Münzen mit der Legende Colonia Aelia Capitolina Condita haben diese Gründung verewigt. De Saulcy ( Num. de la T. S. , S. 85) gibt 2 solcher Münzen; n. 1 stellt einen Colonen mit 2 Ochsen dar; n. 2 , wie er glaubt, den Genius der Colonie in einem Tetrastylon. Dieselben bei Madden, Coins of the Jews S. 249. Dieser hält irrig das Colonialemblem für das aratum templum . Die Fig. n. 2 , die auch in einer Münze M. Aurels und des L. Verus sich wiederholt, ist nach ihm entweder Jupiter oder die Stadt. Er setzt die Colonialmünzen ins J. 136, De Saulcy ins J. 137. Es ist nur eine Sage der Christen, daß Hadrian den Bau des neuen Jerusalem dem Griechen Akylas aus Sinope übertragen hatte, welcher erst Christ geworden, dann aus der Gemeinde ausgestoßen und zum Judentum übergetreten war. Dies erzählt Epiphanius aus Eleutheropolis in Palästina, Bisch. in Cypern um 367, de pond. et mens. c. 14 . Wunderlicher Weise macht er Akylas zum Schwager (πενθερίδης) Hadrians. Nach ihm Chron. Paschale ad a. 132 . Er hat sich als Uebersetzer der Bibel ins Griechische berühmt gemacht. Wenn die Talmudisten erzählen, daß der Kaiser Jerusalem zum Zeichen der Entweihung umgepflügt und dann die neue Stadt erbaut habe, so erklärt sich diese Fabel aus der Colonialmünze mit dem herkömmlichen Symbol des Ackermanns, oder aus dem römischen Ritus, den Umkreis einer zu gründenden Stadt mit der Pflugschar zu umziehen. Grätz IV, Note 14, S. 451. Die Colonie wurde auf der Stelle der alten Stadt erbaut, nur im verkleinerten Umfange. Denn die östlichen Abhänge nach der Kidronschlucht und im Süden der Berg Zion sind außerhalb der hadrianischen Mauern geblieben, wie das von allen Palästinaforschern anerkannt wird. Robinson II, 467. Sepp I, 241 f. Die Aelia hat den Grundriß des nachjüdischen Jerusalem festgestellt, und es ist die Stadt Hadrians gewesen, welche Constantin und Helena vorfanden, als sie dort ihre berühmten Kirchen aufführten, und so haben Jerusalem, die Verwandelungen der Zeit abgerechnet, auch die Araber und die Kreuzfahrer überkommen. Hadrian ließ die neue Stadt in sieben Quartiere einteilen, denen er Beamte (Amphodarchen) vorsetzte. Er errichtete zwei Marktplätze, ein Theater für Gladiatorenkämpfe und andre öffentliche Gebäude, deren manche wol erst nach seiner Zeit vollendet wurden. Diese Angaben nur im Chron. Pasch. zum Jahr 119: έκτισε τὰ δυὸ δημόσια, καὶ τὸ θέατρον, τὸ Τρικάμαρον, – Τετράνυμφον – Δωδεκάπυλον τὸ πρὶν ονομαζόμενον ’Αναβαθμοὶ, καὶ τὴν Κόδραν – επτὰ άμφοδα . . . Manche Bezeichnungen sind unerklärlich. Da die Militärcolonie ein fester Platz sein sollte, mußte sie auch ein Castell erhalten, und dieses kann nur die Stelle des heutigen der Türken eingenommen haben, nämlich die Davidsburg am Jaffator, wo die unzerstörlichen Reste der herodischen Türme sicher schon von Hadrian zur Festung benutzt worden sind. Vielleicht war das Castell jenes Dodekapylon; Robinson II, 454 versetzt den Bau der Citadelle durchaus in die Zeit Hadrians. Für den neuen Tempel des Römergottes konnte keine Stelle geeigneter sein, als die von Riesenmauern gestützte Felsenfläche Moria. Zwar lag sie seit Titus mit Trümmermassen auch des herodischen Tempels bedeckt, aber diese minderten sich, weil das Material zum Bau der neuen Stadt diente. Das Heiligtum des Zeus wurde schon vor dem Kriege begonnen, denn Dio hat seine Errichtung auf der Stelle des Jehovahtempels als eine der Ursachen der Rebellion Judäas angegeben. Eusebius und Chron. Pasch. nennen den Zeustempel nicht, und die Kirchenväter reden nur von Bildsäulen des Zeus und Hadrians auf dem Tempelplatz. Hieron. in Isaiam II, c. 2: Ubi quond. erat templum Dei – ibi Adriani statua et Jovis idolum collocatum est. Die Reiterfigur H.'s sah Hieron. noch in ipso sancto sanctor. loco ( in Math. c. 24, 15 ). Aber er sagt auch, daß eine Zeusstatue über dem Grabe Christi stand, ad Paulin. Ep. 18 . – Joh. Chrysost. ( Adv. Judaeos V, c. 11 ) spricht nur im Allgem. von einer Statue Hadrians in Jerusalem. Noch im 4. Jahrhundert, wo dieser hadrianische Bau nicht mehr bestand, sah der Pilger von Bordó, wie nach ihm auch Hieronymus, auf dem Tempelplatz die Reiterfigur Hadrians und den »durchlöcherten Stein« (heute el Sachra ), welchen die trauernden Juden zu salben pflegten. Der hadrianische Tempel kann nur von kleinen Verhältnissen gewesen sein, denn er fehlt im Katalog der Bauten des Kaisers in Jerusalem, welchen die alexandrinische Chronik zusammengestellt hat. Münzen der Aelia zeigen einen kleinen Rundbau mit der Figur des Zeus in der Mitte, entweder allein oder zwischen Pallas und Hera:, doch ist es fraglich, ob darunter jener Zeustempel zu verstehen ist. De Saulcy, N. de la T. S. S. 85, n. 3 . Madden S. 250. Jupiter sitzend, zu seinen Seiten Minerva und Juno oder vielleicht der Genius der Stadt. – Münze des M. Aurel bei Vogüé, Le Temple de Jerusalem , S. 62, ein Tetrastylon, in der Mitte Jupiter sitzend in einer gewölbten Nische, ringsum Col. Ael. Cap. Im Uebrigen haben die Münzen der Colonie außer dem Bilde des Zeus, auch das der Astarte, des Serapis (dieses ist seit Marc Aurel häufiger), des Apollo, Dionysos und der Dioscuren. Sie beweisen, daß nicht der Jupiter Capitolinus allein dort seinen Cultus gehabt hat. Eckhel III, S. 1. Als unter Constantin Jerusalem wieder die heilige Stadt der Christen wurde, ist der Zeustempel sammt allen andern Heiligtümern der Götzen zerstört worden. Da nun die Christen heidnische Capellen und Idole auch dort fanden, wo nach ihrem Glauben der Calvarienberg und das Grab Christi lagen, so behaupteten sie, daß die Römer diese heiligen Stätten mit Absicht entweiht und unkenntlich gemacht hatten. Ueber dem Grabe des Erlösers, so erzählen sie, stand ein Heiligtum der Astarte oder syrischen Aphrodite; auf dem Calvarienberge dieselbe Göttin, und Tammus oder Adonis wurde in der Grotte zu Bethlehem verehrt. Euseb., Vit. Const. III, 26 (Aphrodite in der Grabhöle, doch spricht er nur von άθεοί τινες) Hieron. ad Paulin., Ep. 58 ( in crucis rupe statua Veneris ; Adonis in Bethlehem). Sokrates, H. E. I, c. 17 (Grab Christi, Tempel und Bild Aphrodite's), ebenso Sozomenus, H. E. II, c. 1. Paulinus, Ep. XI. ad Severam ( simulacrum Jovis in loco passionis ; Adonisheiligtum in Bethlehem). Tobler, Golgatha S. 50 f. Sepp (a. a. O. S. 419) glaubt an eine absichtliche Schändung der Stätten durch Hadrian und seine Nachfolger, aber Robinson II, 73, Renan und Tobler bezweifeln die verworrenen Angaben der Kirchenväter. In dem marmornen Bilde eines Schweines auf dem nach Bethlehem führenden Tore konnte Hieronymus nicht ohne Grund eine Beschimpfung der Juden sehen, obwol dies der Ceres geheiligte Thier eins der Feldzeichen der Römer war. Hieron., Chron. Ueber das Symbol Spanheim, Hist. Christ, saec. II , S. 687. Von den Bauten Hadrians in Jerusalem ist kein Rest erhalten oder doch nicht als solcher sicher erkennbar, denn es ist nur Vermutung, wenn man im Eccehomo-Bogen, in der prächtigen Porta aurea , in dem dreifachen Tor, in den Säulentrümmern des Bazars, oder in den Unterbauten am Damascustor hadrianische Anlagen sehen will. Robinson I, 437. Tobler, Topogr. I, 158. Keine Marmorinschriften in Jerusalem geben heute von diesem Kaiser oder der Aelia Capitolina Kunde. Während so viele Städte des Reichs inschriftliche Denkmäler für die Wissenschaft geliefert haben, hat Jerusalem ihr diesen Dienst versagt; denn nur eine einzige Kaiserinschrift mit dem Namen Antoninus Pius ist dort gefunden worden, und auch diese ist wertlos, während ein glücklicher Zufall eine authentische griechische Inschrift vom herodischen Tempel an den Tag gebracht hat, welche den Nichtjuden das Betreten des heiligen Bezirks bei Todesstrafe untersagt. Tito Aelio Hadriano Antonino Aug. Pio. P. P. Pontif. Augur. (?) D. D. , bei Vogüé, Le Temple, pl. V , und daraus in C. I. L. III, n. 116 . Die Inschrift ist verkehrt eingefügt in die Südmauer des Harâm, über dem Doppeltor unter der Aksa; Tobler, Topogr. I, 60. – Die Stele mit der griech. Inschr. entdeckte Clermont-Ganneau an der Harâmmauer, Comptes rendus in Acad. d. Inscr. 1872, S. 177. Sie befindet sich heute als die einzige Reliquie vom Tempel des Herodes im Louvre. Hadrian ließ in der Aelia ohne Zweifel die 10. Legion Fretensis stehen, und auch die 6. Ferrata blieb als Besatzung in Judäa zurück. Pfitzner S. 188. 242. Er verbot den Juden, Jerusalem und die Umgegend der Stadt zu betreten, und dies unmenschliche Gesetz blieb Jahrhunderte lang in Kraft; nur wurde den Juden im Laufe der Zeit von den römischen Wachen für Geld gestattet, einmal im Jahre, am Erinnerungstage der Zerstörung ihrer Stadt durch Titus, auf den Tempelplatz zu kommen und dort zu weinen. Der Pilger von Bordó sah daselbst Statuen Hadrians und den heiligen Stein; ihn salbten die Juden an jenem Tage mit Oel, unter Weinen und Klagen und Zerreißen der Kleider, und darnach gingen sie wieder fort. Itiner. Hierosol. ed. Wesseling , S. 591. Ueber das Verbot seit Hadrian: Justin. Apol. II, 84. Tertull. Adv. Jud. c. 15. 16. Apolog. c. 16 . Celsus bei Orig., Ende L. 8. Gregor. Naz. orat. 12 , S. 202. Sulp. Sever. II, 45. Euseb. Dem. II c. 38. Hilar. Psalm. 58 , S. 219. Euseb. und Hieron., Chron. Ergreifend redet darüber Hieron., Sophon. c. II . Diese ergreifende Gedächtnißfeier, die älteste der Geschichte, wiederholt sich noch heute an der Klagemauer Jerusalems als historischer, wenn auch theatralisch gewordener Traueract. Ich war dort ihr Zeuge in der Osterzeit des Jahres 1882. Die Aelia Capitolina dauerte als heidnische Stadt bis auf Constantin. Der Kaiser Commodus muß sich besondere Verdienste um sie erworben haben, denn er legte ihr den Namen Commodiana bei. Col. Ael. Capit. Aurelia Commodiana Pia Felix ( De Saulcy S. 94) zuerst auf Münzen unter Caracalla. Der Name Jerusalem erlosch freilich nicht nach Hadrian; er lebte vielmehr im Andenken der Menschen fort, und namentlich die Bischöfe gebrauchten ihn, doch war er durch den Namen Aelia officiell verdrängt worden. Dieser hat sogar noch drei Jahrhunderte nach Constantin für die Stadt und das Bistum Jerusalem fortbestanden. In der Zeit, als die Kaiserin Eudokia Jerusalem besuchte, und noch im Jahr 536 heißt es in den Acten einer Synode in Jerusalem: In colonia Aelia metropoli sive Hierosolyma; Harduin, Concil. II, 1412 , bei Robinson II, S. 9. Er war noch im Jahre 637 im amtlichen Gebrauch, denn als der Khalif Omar die heilige Stadt einnahm, nannte er sie in seinem ihr erteilten Freibriefe nicht Jerusalem, sondern Aelia. Tobler, Golgatha S. 104. Bei de Saulcy (S. 185, pl. 19 ) die elfte vom arabischen Eroberer in Jerusalem geprägte Münze mit der kufischen Inschrift Aelia. Dreiundzwanzigstes Capitel. Der Krieg mit den Alanen. Arrians Periplus des schwarzen Meers. Hadrian war noch vor Beendigung des Judenkrieges nach Rom zurückgekehrt, denn hier läßt sich seine Anwesenheit am 5. Mai 134 aus einer Inschrift nachweisen. Griechischer Brief Hadrians an die Congregation der sieggekrönten Athleten, die sich vom Herkules nannten. C. I. G. 5906 , latein. von Gruter 315; Trib. Pot. XVIII. Cos. III. – prid. III. Non. Majar. Romae . Gegen das Ende desselben Krieges erhoben sich die Alanen, eine Völkerschaft, welche zwischen dem Kaukasus, dem kaspischen Meer, dem Cyrusfluß und Iberien wohnte und auch Massageten genannt wurde. Der iberische König Pharasmanes hatte sie zu einem Raubzuge gereizt, wodurch Armenien und Cappadocien beunruhigt wurden. Die Alanen scheinen auch in das Gebiet der Parther eingebrochen zu sein, denn deren König Vologeses beschwichtigte sie durch Geschenke, während die römische Waffenmacht unter dem Befehl des Statthalters von Cappadocien Flavius Arrianus sie zur Ruhe brachte. Dio 69, 15. Spart, c. 17 . Zu diesen Händeln Schneiderwirth, Die Parther, S. 156. Die alanische Geschichte dieses berühmten Mannes ist verloren gegangen. Die Schrift, welche als »Schlachtordnung gegen die Alanen« der arrianischen Taktik angefügt ist, scheint ein Teil davon gewesen zu sein, doch enthält sie nur Nachrichten über die Zusammensetzung der römischen Truppen und ihre Schlachtordnung. ’Έκταξισ κατ' ’Αλανω̃ν, hinter der Tactica, Amstelodami 1683, S. 98 f. Dies bunte Kriegsvolk bildeten celtische Reiter, bosporanische Infanterie, Cyrenaiker, Numidier, achaische Reiterei, Armenier, Trapezuntier, Colchier, Geten, Italer, die 12. und die 15. Legion. Xenophon, ein Grieche, dessen Name ruhmvolle Zeiten ins Gedächtniß zurückrief, war General der ganzen Armee, und Valens, der Legat der 15. Legion, führte die Reiterei. Nachdem Arrian das in Schlachtordnung aufgestellte Heer beschrieben, sagt er, dasselbe habe bei Annäherung der Scythen, welche ungepanzert auf nackten Pferden ritten, ein furchtbares Kriegsgeschrei ausgestoßen, dann seien die Geschosse abgeschleudert, das Fußvolk sei eingedrungen, und der Feind geflohen. Der ganze Krieg scheint nicht bedeutend gewesen zu sein. Der Partherkönig Vologeses hatte übrigens den Pharasmanes durch Gesandte beim Senat verklagt; dann aber kam der iberische Barbarenfürst selbst mit seinem Weibe und seinem Sohne nach Rom, um sich zu rechtfertigen. Er wurde hier freundlich aufgenommen. Der Kaiser erlaubte ihm, auf dem Capitol zu opfern, er vergrößerte seine Herrschaft, er stellte sogar seine Reiterfigur im Tempel der Bellona aus und vergnügte sich an den Waffentänzen der iberischen Großen. Dies erzählt Dio, aber Spartian berichtet, daß Hadrian den Stolz jenes Vasallenkönigs dadurch kränkte, daß er mit den kostbaren Gewändern, die er ihm zum Geschenk gebracht hatte, dreihundert Verbrecher in der Arena bekleiden ließ. Flavius Arrianus, ein zweiter Xenophon, besaß das volle Vertrauen des Kaisers, der ihm die Statthalterschaft von Cappadocien übertrug, und dort war er etwa vom Jahr 131–137 Legat. Er schrieb seinen Periplus des Euxinus im Jahr 131 (Marquardt, R. St. I, 368), seine Tactica 137, wie er selbst in ihr sagt, im 20. Jahre Hadrians. Noch 137 wird er in einer Inschrift in Sebastopolis als Legat Cappadociens bezeichnet ( Rev. Arch. N. S. 1876, S. 199). Ihm folgte als Legat L. Burbuleius Optatus Ligurianus, Borghesi IV, 158. Die Frucht dieser glücklichen Verwendung war der Periplus des schwarzen Meers, eine Schrift, die wir in Form eines an Hadrian gerichteten griechischen Briefes besitzen. Denn der Kaiser hatte seinem Legaten aufgetragen, die Küsten des Pontus zu umschiffen und die Beschaffenheit der dortigen römischen Festungen, wie alle andern Verhältnisse kennen zu lernen, und hieraus verfaßte Arrian einen leider militärisch knappen Bericht. Doch ist derselbe als ein authentischer geographischer Abriß von höchstem Wert. Arrian erwähnt ausdrücklich noch lateinische Briefe, die er außer der griech. Mitteilung an Hadrian geschickt hatte, Periplus S. 122. Er begann seine Fahrt in Trapezunt, der Colonie Sinopes. »Hier,« so schriebt er dem Kaiser, »betrachteten wir den Pontus Euxinus mit Freude von demselben Ort, von welchem ihn Xenophon und auch du einst betrachtet haben.« Xenophon, Anabasis IV, 8, 22: καὶ η̃λθον επὶ θάλατταν εις Τραπεζου̃ντα πόλιν ‛Ελληνίδα οικουμένην εν τω̃ Ευξείνω Πόντω Σινωπέων αποικίαν εν τη̃ Κόλχων χώρα. Es standen daselbst noch zwei rohe Altäre, aber die griechische Inschrift war fehlerhaft und unleserlich, weshalb Arrian Befehl gab, andre Altäre aus weißem Marmor mit guter Schrift aufzustellen. Auch eine Bildsäule Hadrians stand dort, mit der rechten Hand aufs Meer weisend; wahrscheinlich hatten sie ihm die Trapezuntier zum Denkmal seines Besuchs errichtet. Arrian fand sie nicht des Kaisers würdig, er bat ihn deshalb, eine neue nach Trapezunt zu schicken und auch die Statue des Hermes im dortigen Tempel durch eine bessere zu ersetzen. Von Trapezunt ging die Fahrt östlich fort nach dem Hafen Hyssos, wo Arrian eine Cohorte und zwanzig Pferde musterte; Ptolem. (V, 6. 5) führt auf: Ischopolis, Kerasus, Pharnakia, Hyssi Portus, Trapezunt. weiter nach dem pontischen Athen, wo ein Tempel der Athene, ein verlassenes Castell und ein Hafen bemerkt wurden. Von dort segelte er nach Absarus, wo fünf Cohorten standen, welche besichtigt wurden und ihre Löhnung empfingen. Arrian leitet den Namen des Orts von dem Tode des Absyrtus her, dessen Grabmal noch gezeigt wurde. ’Άψορρος Ποταμός bei Ptolem. ibid. Sodann folgt die Aufzählung aller Flüsse, an denen er seit Trapezunt vorübergeschifft war. Die Entfernungen sind von Ort zu Ort und von Fluß zu Fluß nach Stadien angegeben. Ihrer 1450 werden von Trapezunt bis zum Phasis gerechnet. Das Wasser dieses Flusses rühmt Arrian wegen seiner Leichtigkeit, Süße und Reinheit; es soll in zehn Jahren nicht faulen, vielmehr nur noch besser werden. Links von der Einfahrt in den Strom stand die Figur der Landesgöttin Rhea, ein Cymbal in der Hand, Löwen unter dem Sessel. Man zeigte dort einen Anker der Argo, weil er aber von Eisen war, bezweifelte Arrian seine Echtheit; dagegen fanden Reste eines steinernen Ankers bei ihm mehr Glauben. Am Phasis stand ein Castell mit einer Besatzung von 400 Mann auserlesener Truppen, unter deren Schutz die Kaufleute wohnten. Arrian ließ den Hafen durch einen gemauerten Graben befestigen. Das Castell heißt Phasis in der Peuting. Tafel, bei Ptolem. Sebastopolis. Dieser Geograph begränzt Kolchis im N. durch Sarmatia, im W. durch den Teil des Euxinus, welcher vom Fluß Korax bis an den innern Busen neben dem Phasis reicht. Dann beginnt Armenia minor und Iberia am Kaukasus. Die Fahrt geht weiter bis Sebastopolis oder Dioscurias, einer ehemaligen Colonie Milets, der nördlichsten Handelsstadt für orientalische Waaren, und der wichtigsten Militärstation des Reichs auf dieser Seite. Denn hier endete die Kette der römischen Befestigungen, was dahinter lag, war unbezwungenes Gebiet der Kaukasusvölker, wenn auch deren einige die Oberhoheit Roms anerkannten. Sebastopolis war ein lebhafter Handelsplatz für die barbarischen Völker, wo 70 Nationen verkehrten, wie Strabo berichtet, und ein großer Sclavenmarkt gehalten wurde. Strabo XI, 498. Heute der mingrelische Ort Iskuriah. Die Stadt erfuhr die Gunst Hadrians, denn sie stellte ihm eine Bildsäule im Olympieion zu Athen auf und nannte ihn ihren Wolthäter. Σεβαστοπολειτω̃ν τω̃ν εν Πόντω η βουλὴ καὶ ο δη̃μος, C. I. G. 342 . Es folgt der Katalog der Völker, an welchen Arrian vorübergeschifft ist. Einige waren zinsbar, andre verweigerten jeden Tribut. Mehreren Stämmen hatte Hadrian Könige gegeben. Als Nachbaren der Trapezuntier werden die Kolchier und Driller genannt (beide nach Xenophon); die letzten nennt Arrian auch Sanner. Ptolem. (V, 9. 20) hat ein Volk Σουρανοί hinter den Amazonen und zwischen den hippischen und keraunischen Bergen. – Mannert VI, 420 f. Er klagt, daß sie ein räuberisches Leben führen und die Trapezuntier belästigen; mit Hilfe der Götter, so meint er, würden sie sich dazu bequemen, Tribut zu zahlen, wo nicht, so müßten sie massacrirt werden. An die Sanner gränzen die Machelonen und Heniochen, deren König Anchialus genannt wird. Ptolem. ibid. hat die Heniochi in Sarmatia Asiatica zwischen den Kerketen und Suanokolchiern. Es folgen die Zydreten, Untertanen des Pharasmanes, dann die Lazer unter dem von Hadrian eingesetzten Könige Malassus, und die Apsiler, welchen Trajan den Julianus zum Könige gegeben hatte. An diese gränzen die Abasger (heute Awchasen), deren König Rhesmages von Hadrian eingesetzt worden war, wie er auch den Sanigern einen König, Spadages, gegeben hatte. Man sieht, wie beschaffen die Herrschaft der Römer in diesen kaukasischen Gebieten war, wo sich die Zustände der kleinen stets getrennten Stämme bis aus unsre Zeit wenig verändert haben. Nur ist der Wolstand der einst blühenden Handelsstädte dort von den Mongolen und Tartaren vernichtet worden. Rußland, welches seit Peter dem Großen fast drei Seiten des schwarzen Meers erobert hat, setzt die Colonisation der Griechen und Römer ohne ihren Geist in jenen Ländern fort, und nur seine Kämpfe erinnern an die der römischen Kaiserzeit. Der Fluß Apsarus ist die äußerste Gränze des Euxinus der östlichen Länge nach. Siehe die Karte zu diesem Periplus in der Ausgabe des Nicol. Blancard. Von dort mußte Arrian nordwärts bis zum Singames schiffen, und dann ging es längs der linken Seite des Pontus bis Sebastopol, von wo er den Kaukasus und seinen Gipfel Strobilus erblickte. Er erinnerte sich dabei, daß dort Prometheus angeschmiedet gewesen war. Im zweiten Teile des Periplus beschreibt Arrian nur aus Berichten, und deshalb oft irrig, das Ufergebiet vom thracischen Bosporus bis nach Trapezunt längs den Küsten Bithyniens, Paphlagoniens und des Landes Pontus. Die Menge der Castelle, Häfen und Handelsplätze legt ein vorteilhaftes Zeugniß von der dortigen Cultur ab, während die Nord- und Nordostseite des Euxinus auch für Arrian in Fabeldunkel gehüllt bleibt. Wir bemerken auf dieser Strecke bis Trapezunt die wichtigsten Plätze: Heraklea (Erakli), eine Colonie Megaras; Sinope, eine Colonie Milets; Amisos eine Colonie Athens; Pharnakea (früher Kerasus), und das durch Trajan in Blüte gekommene Trapezunt. Arrian legt dem Kaiser ans Herz, hier einen Hafen zu bauen. Die dritte und letzte Linie, welche den Umkreis des Euxinus vollendet, ist die von Sebastopolis zum kimmerischen und zum thracischen Bosporus, also bis Byzantium. Diesen Abriß Arrians veranlaßte der Tod Kotys' II., des Königs der kimmerischen Halbinsel. Kotys starb im Jahr 131. Siehe C. I. G. n. 2108 f. Der Kaiser sollte deshalb mit der Geographie der Krim bekannt gemacht werden, und er gab hierauf die Herrschaft im Bosporus einem Sohne des Kotys, dem Römetalkes, welcher sich nun, wie andre von Rom bestellte Barbarenfürsten, den Freund des Kaisers und der Römer nannte. Φιλόκαισαρ, φιλορώμαιος – den Kaiser selbst nennt er ίδιον κτίστην. C. I. G. n. 2108  f. Die bosporanischen Könige setzten auf ihre Münzen ihr Bildniß, aber auch dasjenige des Kaisers, und wir haben solche aus der Zeit Hadrians. Von Kotys und Römetalkes. Die Legende ist griechisch. Mionnet II, S. 372 f., Suppl. IV , 506 f. Noch unter Constantin gab es einen bosporanischen König Sauromates. Uebrigens ist der kimmerische Bosporus als Provinz niemals in die Gewalt der Römer gekommen. Von Sebastopolis ab werden die Küsten des heutigen Mingrelien, Abasien und Tscherkessien verfolgt. Arrian bemerkt das Volk der Zicher am Flusse Achäus, auch sie hatten von Hadrian einen König erhalten. Das Vorgebirge des Herkules, Vetus Lazika, Achaia Antiqua, der Hafen Pagrä und Hieros, Sindica, dann der kimmerische Bosporus und Panticapäum werden aufgeführt. Ptolem. III, 6. 4; VIII, 10. 4 : Παντικαπαία. Diese Stadt, eine Colonie Milets, das heutige Kertsch, war der ansehnlichste Ort der Chersonesus Taurica, die Residenz der taurischen Fürsten unter römischem Schutze. Hier war Mithridat der Große gestorben. Des Hyphanis (Kuban), der gegenüber mündet, gedenkt Arrian nicht. Sechzig Stadien von Panticapäum versetzt er den Tanais (Don), welcher Europa von Asien scheiden soll, und den er aus dem mäotischen Sumpf (dem asowschen Meer, nach ihm 9000 Stadien umfassend) in das schwarze Meer strömen läßt. Ptolem. (VII, 5. 6) hat die richtige Angabe. Die Art, wie er davon spricht, beweist, daß er den Don nicht gesehen hat, wie es überhaupt wahrscheinlich ist, daß er diese ganze Fahrt von andern hat ausführen lassen. Auch das wichtige Tanais (Asow), welches den indischen Handel noch im Mittelalter besaß, bleibt unerwähnt. Von Panticapäum geht die Reise nach Theodosia, einer ehemaligen Colonie Milets, die damals verlassen war. Arrian., Per. S. 132: καὶ μνήμη εστιν αυτη̃ς εν πολλοι̃ς γράμμασιν. Die Stadt ist heute Caffa oder Feodosia. Wir nennen noch Symbolon Portus (Baluklava). Auffallend ist wieder, daß die Vorgebirge Parthenion mit dem Dianatempel und Kriu Metopon (Kap Merdwinoi), welche Ptolemäus kennt, nicht genannt werden. Das todte Meer ( Sinus Carcinites ) wird dem Namen nach nicht bemerkt, aber als ein »nicht großer See« unterhalb des Hafens Tamyraka gekannt. Am Borysthenes (Dnieper) wird die griechische Colonie Olbia genannt. Ptolem. III, 5. 28 : ’Ολβία η καὶ Βορυσθένης; cf. Peripl. Anon. S. 9 bei Mannert IV, S. 238. Dann folgt der Hafen Odessus (Odessa), 250 Stadien weiter Istrianorum Portus, sodann Isiacorum Portus und Psilum an der Mündung des Ister (Donau). Ptolem. : ’Ορδησός oder ’Ορδησσός, im europäischen Sarmatien, nicht mit Odyssus oder Odessus in Moesia inferior zu verwechseln. Die Mündungen des Hypanis (Bug) und Danastris (Dniester) werden nicht bemerkt. Dieser Donaumündung gegenüber liegt die Achilles-Insel mit einem alten Tempel des Helden, wo Seefahrer ihm Ziegen opfern. Ptolem. III, 10. 17 : Καὶ η ’Αχιλλέως η Λευκὴ νη̃σος; sie heißt auch Dromos Achinis. Darin befinden sich alte Weihgeschenke, Schalen, Ringe, kostbare Steine, auch griechische und lateinische Inschriften zum Lobe des Achill und Patroklos. Zahlreiche Seevögel dienen im Tempel, den sie mit ihren Flügeln reinigen. Man kann nicht ohne Erstaunen lesen, was ein praktischer Mann wie Arrian mit dem ruhigsten Ernste von diesen Wunderdingen erzählt. Achill war hier ein Seegott für die Schiffenden, denen er Orakel gab; er erschien ihnen in Traum und Wachen, doch nur hier auf dieser Insel, während die Dioskuren überall erschienen. Thetis hatte das Eiland ihrem Sohne geschenkt und dieser es bewohnt. Den ganzen Bericht darüber hat Arrian von Hörensagen, er sagt ausdrücklich, daß ihm das nicht unglaublich scheine, weil doch Achill ein so großer Held gewesen sei. Nach Psili Ostrum folgen vier andere Mündungen der Donau, Ptolem. und Plin. kennen 6, Strabo 7 Mündungen; cf. Mannert IV, S. 219. dann die Städte Istria, Tomeä, Callantra Portus, Carorum Portus (die Gegend umher heißt Caria). Wir merken noch Dionysopolis (Baldschick) in Untermösien, Odessus (Warna), das Vorgebirge des Hämus (K. Emineh), Mesembria (Missivria in Thracien), Apollonia (Sizeboli), Salmydessus (Midja), die fabelhaften Kyanäen, den Tempel des Zeus Urios am Eingange des Bosporus, den Hafen Daphne, endlich Byzantium. Die dortigen Städte waren griechisch. Sie hatten ihre Sprache und Verfassung unter der römischen Herrschaft behalten, und ihr allein verdankten sie den Schutz gegen die andringenden Scythen und Sarmaten. Die ansehnlichsten Gemeinden unter ihnen, wie Istros, Tomi, Odessus, Mesembria und Apollonia bildeten sogar einen Städtebund mit einem Landtage. Κοινὸν τη̃ς πενταπόλεως oder τω̃ν ‛Ελλήνων; G. Perrot, Inscr. inéd. de la mer noire, Rev. Arch. 1874, S. 22. Vierundzwanzigstes Capitel. Die letzten Jahre Hadrians in Rom. Tod der Sabina Augusta. Adoption des Aelius Verus. Tod dieses Cäsars. Nachdem der Kaiser sein Reich durchwandert hatte, fand er sich im Cäsarenpalast wieder, ermüdet, alternd und freudelos. Er baute an seiner Villa bei Tibur; er baute an seinem eigenen Grabmal in Rom. Seine Lebensaufgabe war vollendet. Zunehmende Krankheit verbitterte sein Dasein. Die Sorge, dem Reich einen Nachfolger zu geben, trat an ihn heran; denn wie alle Kaiser vor ihm, den einen Vespasian ausgenommen, hatte auch Hadrian keinen leiblichen Erben. Es bedurfte für ihn nicht einmal einer besonders eifersüchtigen Natur, um mit Argwohn alle diejenigen zu betrachten oder, wie Spartian sagt, zu hassen, welche als mögliche Tronerben mit schlecht verhehlter Begierde auf sein Hinscheiden warteten. Omnes postremo, de quorum imperio cogitavit, quasi futuros imperatores detestavit, Spart, c. 23. Ein jeder Herrscher von langem und bedeutendem Wirken in der Welt wird, an dieser Gränze angelangt, von peinlichen Empfindungen aufgeregt werden. Die nächstberechtigten Erben Hadrians waren sein Schwager Servianus und dessen Enkel Fuscus Salinator. Der Vater dieses Jünglings, ein Consular und Freund des Plinius, hatte sich mit einer Tochter des Servianus und der Domitia Paulina vermält, und aus dieser Ehe stammte Fuscus. Plin. ( Ep. VI, 26 ) an Servianus, worin er seine Freude über diese Vermälung ausspricht. Borghesi II, 212. Des Trones würdig hat Hadrian selbst den Servianus gehalten, Dio 69, 17 . Astrologen hatten dem jungen Manne den Purpur geweissagt, und das mochte dem Kaiser erzählt worden sein. Andre Tronbewerber waren Platorius Nepos, einst Günstling Hadrians, und Terentius Gentianus, welchen der Senat bevorzugte. Es verlautet nicht, daß sich die Augusta Sabina, wie vor ihr die Gemalin Trajans, an Palastränken wegen der Nachfolge beteiligte. Sie fand kaum Zeit dazu, denn sie starb etwa um das Jahr 136. Die Verleumdung war geschäftig, ihren Tod dem Haß und Gift des Kaisers zuzuschreiben. Spart, c. 23: Sabina uxor non sine fabula veneni dati ab Hadriano defuncta est. Aus trüben Quellen ist auch die Erzählung des Aurelius Victor geflossen, daß Sabina von ihrem Gemal fast wie eine Sclavin behandelt und endlich zum freiwilligen Tode gezwungen worden sei; sie habe sogar öffentlich geäußert, der Charakter Hadrians sei so unmenschlich, daß sie selbst es verhindert, von ihm einen Sohn zu empfangen, weil ein solcher der Fluch des Menschengeschlechts hätte werden müssen. Da ein ähnlicher Ausspruch vom Vater des Nero, dem Gatten der Agrippina, erzählt wird, so richtet sich diese Sage von selbst. Die geistlosen Biographen Hadrians haben noch begieriger als Tacitus und Sueton die Lästerchronik Roms ausgebeutet. Duruy (IV, 409) ist der Verteidiger Hadrians in Bezug auf Sabina gegenüber der röm. Scandalsucht. Wir besitzen keine Einsicht in die häuslichen Verhältnisse Hadrians; Sabina hat er schwerlich geliebt. In der genannten Sammlung des Dositheus findet sich ein Brief Hadrians an seine Mutter (Plotina); er ladet sie ein, da sein Geburtstag sei, mit ihm zu speisen, denn Sabina sei aufs Land gereist. Hierin verrät sich eine gegenseitige Abneigung, Boeking, Corp. Juris R. Antejust. 212 . Die schönen Medaillen mit der Legende Concordia Augusta sind wol eine bittre Ironie auf ihr eheliches Glück gewesen. Cohen II, S. 247, n. 2 f. Oeffentlich hat der Kaiser seine Gemalin stets geehrt, und so hat sie auch die Welt neben ihm mit Altären als Göttin gefeiert. Apotheosirt scheint sie erst Antoninus Pius zu haben. Consecrationsmünzeb bei Eckhel VI, 522, Cohen II, n. 27. Die verschleierte Sabina hält ein Scepter; ein Adler hebt sie empor. Auch sonst ist ihr Andenken in Inschriften und Medaillen Roms wie der Colonien aufbewahrt. Ihr Porträt in zahlreichen Büsten zeigt ein vornehmes Antlitz ohne Anmut, mit starker und hoher Stirn, großer Nase und einem Zuge stolzen Mißvergnügens um den Mund, welcher das ihr gegebene Prädicat »mürrisch« zu rechtfertigen scheint. So erscheint sie in der Büste von Alabaster im Capitol, mit auffallend hohem Haarputz, in Aehrenkranz und Diadem. Sabina war vielleicht eine durch Bildung im trajanischen Hofkreise hervorragende Frau gewesen, daher ihr Bedürfniß, sich mit geistreichen Männern zu umgeben, was der mißtrauische Hadrian einmal durch die Entfernung des Sueton und andrer Männer bestraft hat. Indeß nur im verschwiegenen Marmor lebt die Gestalt dieser wol unglücklichen Augusta für uns schattenhaft fort. Alle Troncandidaten wurden endlich durch die Entscheidung des Kaisers in Aufregung versetzt. Denn seine Wahl fiel auf Lucius Commodus Verus: sie mußte um so mehr überraschen, als der Auserkorene der Schwiegersohn jenes Nigrinus war, welchen der Senat im Beginne der Regierung Hadrians als Majestätsverbrecher hatte hinrichten lassen. Es sieht fast so aus, als habe der Kaiser eine Schuld sühnen wollen. Der erklärte Tronerbe war der Sohn des Ceionius Commodus, dessen konsularisches Geschlecht aus Etrurien stammte. Spart., Helius c. 2. Jul. Capitol., Verus Imp. c. 1. Im Jahre 130 war er Prätor gewesen, und damals hatte ihm (am 5. December) seine Gemalin Domitia Lucilla einen Sohn Lucius Verus geboren, welcher nachmals der ruhmlose Mitregent Marc Aurels geworden ist. Seine seltene Schönheit und bezaubernde Anmut hatten ihm die Gunst des Kaisers erworben, den er auf der Nilreise begleiten durfte. Es fehlte deshalb nicht an boshaften Auslegungen solcher, die in ihm einen zweiten Antinous vermuteten. Er glänzte durch Witz und Beredsamkeit, er improvisirte so gut lateinische und griechische Verse wie der Kaiser selbst, und dieser verzieh ihm seine Ausschweifungen. Der Lebemann Lucius Commodus setzte nur die Traditionen Hadrians und Roms überhaupt fort, wenn er den Stoikern mit den Grundsätzen Epikurs entgegentrat. Er erfand eine Pastete, welche Hadrian zu lieben begann, und das war ein Verdienst um die Küche des Kaisers; Spart. ( Helius c. 5 ) will diese berühmte Pastete pentaformacum genannt wissen, da sie aus Saueuter und Teilen von Fasan, Pfau, Schinken, Wildschwein in einer Zuckerkruste bestand. doch wird bei diesem, der oftmals wie ein gemeiner Soldat auf nackter Erde geschlafen hatte, vielleicht eine andre Erfindung seines Günstlings weniger Beifall gefunden haben, nämlich ein besonders künstliches Bett mit Netzvorhängen, worauf Lucius, von persischen Salben duftend, Ovids Amores in der Hand, zu ruhen pflegte. Seine Läufer, die er unbarmherzig rennen ließ, hatte er als geflügelte Liebesgötter maskirt und ihnen die Namen der Winde beigelegt. Der Pedant Spartianus bemerkt zu diesen Ueppigkeiten, daß sie zwar nicht moralisch, aber auch nicht staatsgefährlich gewesen seien. Sie zeigten wenigstens deutlich genug, daß auch die Einfachheit der Hofhaltung Hadrians und sein Bestreben, die Sitten der Römer zu verbessern, die Laster der Gesellschaft nicht zu tilgen vermochte. Noch Justinus hat die Kinder beklagt, die trotz der Verbote Hadrians in Rom öffentlich an Kuppler verkauft wurden, und Epiktet durfte über die Frauen spotten, welche die Republik Platons verschlangen, weil sie das Glück der Weibergemeinschaft lehrte. Justin., Apol. II, 70. Epictet., Apophtegm. , S. 427 ( J. Stob. Eclog. moral. 131. 30 ). Als sich die Gemalin des Lucius Commodus über seine Liebschaften beklagte, sagte der Ehemann mit Ruhe: Gattin ist ein Ehrenname und bezeichnet nicht das Vergnügen. Spart., Helius c. 5 . Von Lucilla hatte er mehre Kinder, den L. Aurelius Verus, den nachmaligen Imperator, und einige Töchter, von denen Ceionia und Favia genannt werden, und deren eine mit Marc Aurel verlobt war, jedoch von ihm verschmäht wurde. Wenn nun Verus nichts als ein erschöpfter Wüstling gewesen wäre, so würde seine Wahl der Urteilskraft Hadrians wenig Ruhm gebracht haben. Entweder kannte er in ihm Eigenschaften, die ihn in seinen Augen des Trones würdig machten, oder er täuschte sich über ihn. Man wird kaum irren, wenn man glaubt, daß ihn die wahrhaft königliche Schönheit des Verus am meisten bestochen hatte. Comptus, decorus, pulchritudinis regiae, oris venerandi; Spart., Helius c. 5. Als er diese Adoption beschlossen hatte, suchten die durch sie Getäuschten dieselbe zu hintertreiben; außerdem war sie allen Römern zuwider. Invitis omnibus, Spart, c. 23. Wie in seinem Beginne, sah sich Hadrian auch an seinem Ende von einer Verschwörung bedroht, und die Vorstellung, daß er nach einer zwanzigjährigen weisen Regierung doch nicht Herr seines Willens sei, brachte ihn außer sich. Die Häupter der Mißvergnügten waren sein eigener Schwager und dessen Enkel Fuscus, jener ein Greis von 90, dieser ein Jüngling von 17 Jahren. Die Wut des Kaisers aber war so gränzenlos, daß er selbst dies Alter nicht schonte. Er ließ die Unglücklichen hinrichten, oder zwang sie, sich selbst den Tod zu geben. Hadrian befand sich damals in seiner Villa bei Tibur, wo er von Blutverlust erschöpft krank lag. Von dort scheint er einfach die Todesbefehle erlassen zu haben, denn von einem Majestätsprozeß vor dem Senat verlautet nichts. Spartian ( c. 28 ) sagt nur: Tunc libere Servianum quasi adsectatorem imperii, quod servis regis coenam misisset, quod in sedili regio iuxta lectum posito sedisset, quod erectus ad stationes militum senex nonagenarius processisset, mori coegit. E. Knauf (H. als Regent und als Charakter, Nordhausen 1871) entschuldigt den Kaiser wegen dieser wie andrer Handlungen doch mit zu großer Vorliebe für ihn. Dio erzählt, daß Servianus, ehe er starb, die Götter zu Zeugen seiner Unschuld angerufen und sie beschworen habe, Hadrian dann nicht sterben zu lassen, wenn er es am sehnlichsten wünschen werde. Da er den qualvollen Zustand des Kaisers kannte, konnte sein Fluch um so leichter in Erfüllung gehen. Seine Gemalin Paulina war wol schon vor ihm gestorben. Hadrian hat das Andenken seiner Schwester durch keine öffentlichen Ehren ausgezeichnet, was man ihm als Lieblosigkeit zum Vorwurf machte. Dio 69, 12. Er muß seit längerer Zeit mit diesen seinen nächsten Verwandten in Zerwürfniß gelebt haben. Servianus und sein junger Enkel fielen nicht als einzige Opfer der krankhaften Aufregung Hadrians, denn auch andre Personen soll er öffentlich oder heimlich beseitigt haben. Spart. c. 23. Seine geheime Polizei hatte zu thun. Der Despot lauerte in jedem Kaiser Roms, und auch das Antlitz Hadrians hat Züge davon angenommen. Gerade als Widerspruch zu der schönen Menschlichkeit seines Wesens im Großen und Ganzen haben diese Blutbefehle einen tiefen Eindruck im Gedächtniß der Welt zurückzulassen. Da sie uns nur als nackte Thatsachen überliefert worden sind, können wir sie weder hinreichend erklären, noch mildern. Sind die Berichte seiner Lebensbeschreiber wahr, so hat Hadrian sogar seine besten Freunde aus launenhafter Verstimmung und aus Neid, seiner größesten Untugend, ins Elend gestürzt oder zum Tode gezwungen. Dio 69, 3 : ο δὲ δὴ φθόνος αυτου̃ δεινότατος Aber es ist doch mehr als absurd, was Marius Maximus behauptet, daß Hadrian von Natur grausam gewesen sei und eben deshalb viel Gutes gethan habe, aus Furcht das Ende Domitians zu erleiden. Spart, c. 20 und dazu c. 15 , wo die mißhandelten Freunde Hadrians aufgezählt werden: Attianus, Nepos, Septicius Clarus, Eudämon, Polänus, Marcellus, Heliodorus, Titianus, Umidius Quadratus, Catilius Severus und Turbo. Dagegen steht das Urteil Dios, welcher sagt, er sei so wenig blutdürstig gewesen, daß er ihm feindlich gesinnte Personen nur bestraft habe, indem er an ihre Vaterstädte schrieb, sie hätten sein Mißfallen verdient. Dio 69, 23 . Nichts ist widersprechender als die Urteile über das Wesen Hadrians im Dio und Spartian. Sie richten sich nach den verschiedenen Quellen, die ihnen vorlagen. Das Günstige in Dio stammt wol aus der Autobiographie Hadrians. Der Kaiser adoptirte seinen Tronerben im Jahre 136 wahrscheinlich am 10. Aug., dem Jahrestage seiner eigenen Tronbesteigung. Die capitol. Fasten nennen Aelius Verus erst in seinem 2. Consulat (137) Cäsar, Wahrend er in seinem 1. (136 mit S. Vetulenus Civita Pompejanus) amtlich noch L. Ceionius Verus heißt. Es kann also von der Adoption vor 136 keine Rede sein. Eine Inschr. bei Gruter 874, 5 verzeichnet jene beiden Consuln am 19. Juni 136, ohnedem L. Ceion. Commod. den Titel Aelius Cäsar zu geben. Dagegen zeigt eine alexandr. Münze ( Zoega, tab. 9 ), daß die Adoption schon vor dem 29. Aug. geschehen war. Borghesi VIII, 457 . Die Adoption und Cäsarernennung muß in den August 136 gesetzt werden. Dies ist neuerdings gegen Peter (Röm. Gesch. III, 552 f.) festgestellt worden von J. Plew, »Marius Maximus als directe oder indirecte Quelle der Script. H. Aug. «, Progr. des kais. Lyc. in Straßb. 1878. Die Adoptionsmünzen bei Vaillant I, 164 ; Eckhel VI, 525. Er gab ihm den Namen Aelius und den Titel Cäsar. Dies julische Cognomen hatten zuvor alle Mitglieder des regierenden Kaiserhauses geführt, aber erst Hadrian hat dasselbe dem designirten Nachfolger als eine Würde erteilt. Verus erhielt zugleich den zweiten Consulat für das Jahr 137 und die tribunicische Gewalt. Der Kaiser feierte die Adoption mit Circusspielen und reichen Geschenken an Volk und Heer. Damit nun der neue Cäsar seine praktische Befähigung darthue und seiner amtlichen Laufbahn den Proconsulat hinzufüge, übergab er ihm die Verwaltung Pannoniens, desjenigen Landes, wo er selbst das Regieren gelernt hatte. Erst im Anfange des Jahres 137 ging Verus dorthin und zwar als Proconsul, da ihm die tribunicische Gewalt das Imperium proconsulare außerhalb der Stadt verlieh. Borghesi, Ann. d. Inst. 1855 , S. 24; Oeuv. VIII, 457. Die Trib. Pot. und den 2. Cons. verzeichnet eine ägypt. Münze bei Zoega S. 161; eine Medaille, bezüglich auf die Alimentation Roms, bei Fröhner, Les Med. de l'Emp. Rom. , S. 45; die Inschrift der Stadt Kibyra in Pisidien, welche ihn ihren Wolthäter nennt, C. I. G. add. 4380, 1 ; die von Hadriani, Le Bas-Wadd. 1053 (Dürr, Anh. 63). Die Inschrift einer Bildsäule, welche Aelius Verus Cäsar seinem Adoptivvater in Pannonien setzte, beweist, daß er sich dort noch im August befunden hat. C. I. L. III, 4336 aus Javarin. Seine Verwaltung in Pannonien bekundet eine Münze: Pannonia Tr. Pot. Cos. II, S. C. Eckhel VI, 526; Cohen II, S. 260, n. 24 . Spartian bemerkt, daß er nur eine mäßige Anerkennung seiner Eigenschaften als Statthalter davongetragen habe. Entweder war seine Gesundheit so sehr zerrüttet, daß sie ihm einen längeren Aufenthalt in den Donauländern nicht gestattete, oder die Zeit seiner Mission war abgelaufen; er kehrte schon vor dem Ende des Jahres 137 nach Rom zurück, und hier überließ ihm der Kaiser die Regierung, während er selbst sich in seine tiburtinische Villa zurückzog. Der Wüstling Verus aber erkrankte auf den Tod. Eine Münze des L. Ael. Cäsar, mit der Salus, welche die Schlange füttert, kann auf seine Krankheit bezogen werden; Cohen II, n. 43 . Hadrian sah seine Hoffnungen vereitelt und seufzte, daß er sich auf eine fallende Wand gestützt habe. Er bereute seine unbesonnene Wahl, aber es war nur boshafte Verläumdung, wenn behauptet wurde, daß er Verus gerade deshalb adoptirt hatte, weil er seinen baldigen Tod voraussah. Spartian, der dies nacherzählt, führt prophetische Verse Hadrians über Verus an und andre Aussprüche, deren Wahrheit Magie und Sterne bezeugt hatten. Es ist fraglich, ob zur Kränklichkeit des Verus korinthische Münzen in Beziehung stehen, die auf seine Adoption und Ernennung zum Cäsar geprägt worden sind und das Haupt des Aesculap führen. Vaillant I, 164 . Der kranke Cäsar hatte eine schöne Rede aufgesetzt, den Kaiser am 1. Januar zu beglückwünschen und ihm für seine Gnade zu danken, jedoch an demselben Tage raffte ihn zum Glück der Welt der Tod dahin. Spart., Hadr. c. 24 . Ael. Ver. c. 4 . Das Jahr 138 ergibt sich aus C. I. L. III, n. 4366 (Javarin in Pannonien). Ein Mann wie Verus paßte wol in die Zeit eines Caligula und Vitellius, nicht aber in das stoisch gewordene Jahrhundert. Epikur trat ab, um dem Epiktet und seinen Schülern den Weg zum Kaisertrone frei zu geben. Das Andenken des Verus wurde durch seinen ihm gleichgearteten Sohn eine Weile lebendig erhalten, da dieser die Ehre hatte, der geduldete Mitregent eines Marc Aurel zu sein. Außerdem hatte Aelius Cäsar jene berühmte Pastete erfunden, welche ihn als sein vorzüglichstes Denkmal überlebte. Sie ist noch das Lieblingsgericht des Kaisers Alexander Severus gewesen. Lampridius, Alex. Sev. c. 30 . Fünfundzwanzigstes Capitel. Adoption des Antoninus. Ende des Kaisers Hadrian. Hadrian lag krank darnieder. Er rief die vornehmsten Senatoren zu sich und sprach sich in einer melancholischen Rede über beide Arten der Nachfolge aus, die durch Natur erbliche und die durch Wahl gemachte. Der letzten gab er den Vorzug, denn die Eigenschaften eines Sohnes seien durch die Natur bestimmt, welche auch gebrechliche und vernunftlose Wesen erschaffe, während es den Einsichtigen freistehe, die beste Wahl zu treffen. So sei die seinige erst auf Verus gefallen und jetzt, da ihn das Geschick hinweggerafft, habe er einen Herrscher ausgesucht, welcher alles Wünschenswerte in sich vereinige. Dieser sei Aurelius Antoninus, ein Mann, der niemals an die Nachfolge gedacht habe, von dem er aber überzeugt sei, daß er aus Liebe zu ihm und dem Senat auch widerwillig die ihm angebotene Würde annehmen werde. Dio 69, 20 . In der That war der Auserwählte, ein sehr edler Senator von philosophischen Grundsätzen, nicht nach dem Purpur begierig. Hadrian ließ ihm Zeit, zu erwägen, ob er die Adoption und eine daran zu knüpfende Bedingung annehmen wolle, nämlich selbst zwei junge Männer zu adoptiren, den Marcus Annius Verus (später Antoninus genannt), den Sohn des Bruders seiner Gemalin, und den Lucius Verus, den Sohn des verstorbenen Aelius Verus Cäsar. Dies geschah, und es war ein doppeltes Glück für die Welt, denn sie verdankte dem weisen Entschlusse Hadrians zwei Kaiser, die Zierden des römischen Reichs Antoninus Pius und Marc Aurel. Sterbend hat er sie der Menschheit geschenkt, von seinen zahllosen Wolthaten war diese die größeste. Uebrigens fand auch die neue Wahl Widerspruch unter solchen, die sich um ihre eigenen Hoffnungen betrogen sahen, wie L. Catilius Severus. Er war der Freund Hadrians gewesen, erst sein Nachfolger im Oberbefehl Syriens (117 bis 119), dann Proconsul Asiens, zuletzt, wie es scheint, als Nachfolger des Valerius Asiaticus römischer Stadtpräfect. Waddingten, Fast, des Prov. Asiat. , S. 134. 205. Hadrian begnügte sich, ihm das Amt zu nehmen. Der neue Cäsar Antoninus gehörte zur aurelischen Familie und stammte aus Nimes in Gallien. Sein Haus war reich an ernsten und ausgezeichneten Männern. Die altrömische Tugend konnte durch die Cäsarenherrschaft doch nicht in allen Familien erstickt werden. In dem Geschlecht der Antonine lebte etwas von der Art des Cato, des Thrasea und Helvidius, eine philosophische Weltansicht, die sich bis zur Schwermut steigerte. Der mütterliche Oheim des erwählten Arrius Antoninus, zweimaliger Consul, war durch seine vorzüglichen Eigenschaften berühmt, wie Capitolinus sagt, ein heiliger Mensch, welcher Nerva beklagte, als er den Tron bestieg. Die Eltern Antonius waren der Consular Aurelius Fulvus, ein melancholischer und kränklicher Mann, und Arria Fadilla, die sich nach dem Tode ihres Gemals mit Julius Lupus vermälte. Antoninus selbst wurde am 19. September 86 zu Lanuvium geboren und dann in Lorium erzogen. Er bekleidete die Quästur und Prätur mit Auszeichnung und war im Jahr 120 Consul. Hadrian nahm ihn unter die vier Consularen auf, denen er die Verwaltung Italiens anvertraute, und er übergab ihm dasjenige Gebiet, worin er die meisten Besitzungen hatte. Dann erhielt er vor dem Jahre 135 das Amt des Proconsuls in Asien, welches er so führte, daß er den Ruhm seines mütterlichen Oheims Arrius Antoninus noch übertraf; denn auch dieser war dort Proconsul gewesen. Plinius hat ihn mit besonderem Lobe ausgezeichnet. Plin. IV, 3. Ueber den Proconsulat des Antoninus in Asien Waddington, Fast, des Prov. Asiat. , S. 205 f. Sein Nachfolger dort war L. Venulejus Apronianus. Nach seiner Rückkehr nahm ihn der Kaiser in den Staatsrat auf, und Capitolinus erzählt, daß er hier stets ein milderndes Urteil abgab. Es war also ein Mann von 52 Jahren mit großer Erfahrung in den Staatsgeschäften, welchem Hadrian die Nachfolge bestimmt hatte. Antoninus war mit Annia Galeria Faustina vermält, einer Schwester des Aelius Verus. Sie hatte ihm zwei Söhne geboren; weil nun diese bereits gestorben waren, adoptirte ihn Hadrian nur unter der Bedingung, daß er den Marcus Annius Verus und jenen Lucius Verus an Kindesstatt annahm. Der erste war der Sohn des Prätor Annius Verus und der Domitia Calvilla, ein Neffe der Faustina. Hadrian, welcher den Knaben sehr gern hatte, legte ihm seiner Wahrheitsliebe wegen den Namen Verissimus bei. Er war am 26. April 121 geboren. Der neue Tronerbe wurde also am 25. Februar 138 adoptirt und nahm die Namen T. Aelius Hadrianus Antoninus an. Nachdem er im Senat seine Dankrede gehalten hatte, erhielt er als Mitregent und Cäsar die proconsularische und tribunicische Gewalt. Dio 69, 21 . Aus dem Proconsulat, welchen die Kaiser seit Augustus ihren Adoptivsöhnen verliehen, folgte nicht, wie Pagi ( Crit. in Baron. , S. 135) behauptet, für die Cäsaren sofort auch der Titel Imperator. Siehe Eckhel VIII, c. 2 , S. 339: De proconsulib. imperatoribus . Unterdeß war der Kaiser von den heftigsten Schmerzen gefoltert, da sich zur Bluterschöpfung die Wassersucht gesellt hatte. Das Lebensende dieses einst lebensfrohen Weltwanderers, des neuen olympischen Zeus, des Segenspenders und Heilandes der Völker, der die Erde mit Werken der Schönheit geschmückt hatte, war so schrecklich, daß der sterbende Hadrian eins der erschütterndsten Beispiele der Nichtigkeit aller irdischen Größe ist. Er starb, wie einst Tiberius, täglich ohne zu sterben. Arzenei und Magie brachten keine Hilfe. Die Aerzte erregten nur den Sarkasmus des Leidenden: er verspottete ihre Unwissenheit mit Satiren und rief das bekannte Wort aus: Viele Aerzte sind des Königs Tod. Λέγων καὶ βοω̃ν τὸ δημω̃δες, ότι πολλοὶ ιατροὶ βασιλέα απώλεσαν; Dio 69, 22 . Epiphan. ( De mensuris c. 14 ) behauptet sogar, daß Hadrian eine Schmähschrift (επιστόλην ονειδιστικήν) auf die Aerzte verfaßt habe. Dio (69, 17) weiß von einem Brief Hadrians, worin er sich darüber ausgesprochen, welch eine Pein es sei, sterben zu wollen und es nicht zu können. Es war Hamlets Klage in dem berühmten Monolog. Sich selbst zu tödten hatte er nicht Kraft genug, obwol er den Selbstmord verteidigte und einst dem Philosophen Euphrates dazu die Erlaubniß gegeben hatte. In seiner Qual verlangte er Gift oder einen Dolchstoß und bot dafür Gold und Straflosigkeit. Aber Niemand wagte es, Hand an den Kaiser zu legen, und Antoninus überwachte ihn. Einen seiner Lieblingssclaven, den Jazygier Mastor, hatte er so weit gebracht, daß er zusagte, ihn zu tödten. Er wies ihm eine Stelle unter der Brust, wo, wie sein Arzt Hermogenes ihn gelehrt, der Todesstoß unfehlbar sein müsse. Doch Mastor entfloh. Ein Arzt, der sich geweigert hatte, dem Kaiser Gift zu reichen, tödtete sich selbst. Der Aberglaube jener Zeit hat dies furchtbare Sterbelager Hadrians mit wunderhaften Legenden umgeben, denn während er selbst unheilbar war, gab er durch bloße Berührung blinden Menschen das Augenlicht wieder. Diese Heilkraft hat man keineswegs persönlichen Gaben Hadrians zugemutet, sondern sie galt dem knechtisch gewordenen Geschlecht als ein Ausfluß der dem Kaiser beigelegten Göttlichkeit, und schon zu Vespasian hatten die Alexandriner Augenkranke und Gebrechliche zur Heilung gebracht. Tac., Hist. IV, 81 . Wo der Unglückliche sich befand, ob im Cäsarenpalast oder in seiner Villa bei Tibur, ist ungewiß. Er suchte noch Linderung seiner Pein in der balsamischen Luft Bajäs, nachdem er dem Antoninus die Regierung übergeben hatte, doch bald ließ er im Vorgefühle seines nahen Todes diesen zu sich rufen. Sterbend hat er lateinische Verse gesprochen, die uns aufbewahrt sind: Schmeichelseele, rastlos wandernd, Als du noch des Leibs Genoß warst, In welch Land wirst jetzt du reisen, Starr und nackt, voll Todesblässe? Nun hat all dein Scherz ein Ende. Animula, vagula, blandula, Hospes comesque corporis, Quae nunc abibis in loca Pallidula, rigida, nudula, Neo ut soles, dabis jocos. Die Verse sehen zu sehr hadrianisch aus, als daß sie es nicht sein sollten. Sie beleuchten, während den Geist schon Todesnacht umfängt, die Natur dieses rätselhaften Menschen, den auch im Tode der Sarkasmus nicht verläßt. Am 10. Juli 138 hat Hadrian das Glück gehabt, in den Armen eines der edelsten Menschen zu sterben, welchen er selbst zu seinem Nachfolger erwählt hatte. Antoninus ließ die Leiche des Kaisers in der Villa Ciceros zu Puteoli feierlich verbrennen, und dort blieb die Asche so lange, bis der Haß des Senats gegen das Andenken des Verstorbenen sich gelegt hatte. Denn durch seine letzten Grausamkeiten – manche Verfolgte hatte Antonin gerettet – waren die Senatoren tief erbittert worden. Es regte sich wol auch die Opposition der Altrömer, in deren Augen die kosmopolitische Richtung Hadrians ein Abfall von den Traditionen des Staates sein mußte. Denn war dieser Kaiser nicht mehr Grieche als Römer gewesen? Hatte er nicht die Vorrechte Roms gemindert, indem er die Provinzialen den römischen Bürgern gleichsetzte? Der Senat nahm von seinem Rechte Besitz: er kritisirte die Handlungen des todten Princeps und fand, daß Hadrian, welchen bei seinem Leben Griechenland zum Zeus erklärt hatte, nach seinem Tode der römischen Götterehren nicht würdig sei. Er besaß den Mut, sich daran zu erinnern, daß die Apotheose des Fürsten von seinem Urteile abhing, und daß er diese dem ermordeten Domitian versagt hatte, als sie vom Heer gefordert wurde. Den frommen Antoninus versetzte dieses Verhalten des Senats in nicht geringe Bestürzung. Aber seinen Bitten, seinen Tränen und Klagen gelang es am Ende, die Consecretion Hadrians beim Senat durchzusetzen; Dio 70, 1 . Consecrationsmünzen, Eckhel VI, 512. und schon durch diese liebevolle That hat er sich den Zunamen »Pius« verdient. Die Asche des Divus Hadrianus ließ er nach Rom bringen und bestattete sie in dem neuen Mausoleum. Er weihte ihm später einen Tempel auf dem von ihm erbauten antoninischen Forum. Auch in Puteoli in der ciceronischen Villa errichtete er dem vergötterten Kaiser einen Tempel. Ruinen desselben will man nicht weit vom Amphitheater in Puteoli entdeckt haben; Mommsen zu n. 2487. I. R. N. Er setzte ihm Flamines und Sodalen ein, deren in Inschriften Erwähnung geschieht. Flamen des Hadrian, Gruter 446, 7. In Ostia, Inschriften aus dem dortigen Theater, Notizie degli scavi ( Accad. d. Lincei ), 1880, S. 474, n. 5 . – Sodalen (Hadrianalen) häufig, Gruter 5, 3; 19, 3; 45, 9; 259, 3; 407, 1. 2; 412, 2; 457, 6; 467, 5; 1009, 9; 1090, 13; 1095, 1. Orelli 414, 2376. Hadrianische Sodalen gab es noch im Jahr 193. Von dem Tode Hadrians datirt die dritte Sodalität des Kaisercultus. Marquardt, R. St. III, 452. In Puteoli stiftete er zu seinem Andenken penteterische Spiele, Pialia oder Eusebeia genannt. Der Kaiser scheint nach seinem Tode in diesem Ort besonders gefeiert worden zu sein. Griechische Städte errichteten ihm daselbst nach einem Beschluß der Philhellenen Ehrendenkmäler. Dies geht hervor aus einer Inschrift der Kibyraten, C. I. G. 5852 . Eusebeia in Puteoli, C. I. G. 1068. 5810; C. I. A. III, 1, n. 129; I. R. N., n. 104 . Inschrift aus Puteoli v. J. 142: Anton. Pius Constitutor Certaminis Iselastici . Gruter 254, 4. Man hat bemerkt, daß die Büsten Hadrians ein fremdartiges, unrömisches Antlitz zeigen. Es besitzt nichts von der lateinischen Schönheit der Julier, noch von dem milden Ernst der Züge Trajans. Es ist aus sinnlicherem Stoff gemeißelt, weder Sympathie erweckend, noch überhaupt genial zu nennen. Das volle künstlich gekräuselte Haar beschattet eine Stirn, die nicht als die des Denkers erscheinen kann, und der kurz geschorene rauhe Bart entstellt eher das Angesicht, als daß er dasselbe ziert. Hadrian soll ihn getragen haben, um Narben zu verstecken. Dies Marmorantlitz gibt nicht den Abdruck alles dessen wieder, was den Charakter des seltsamen Mannes zusammengesetzt hat. Schwelgerei in den geistigen Genüssen Griechenlands, orientalische Sinnlichkeit, enthusiastischer Dilettantismus in jeder Kunst, sophistische Vielseitigkeit, launisches Temperament, unbegränzte Eitelkeit, ironische Spottsucht, Grübelei und Mystik, wieder staatsmännische Klarheit, ordnende Verstandeskraft, Selbstbeherrschung und Mäßigkeit, Humanität und verschwenderische Freigebigkeit, wer wollte alle diese Widersprüche in dem Bildnisse Hadrians zusammengefaßt finden? Man wird an seiner Büste nicht vorbeigehen, ohne zu fragen, welchen wahrhaft vornehmen Mann voll Selbstbewußtsein, mit dem fragenden Blick und dem leise um den Mund spielenden Lächeln des Beobachters sie darstellt. Sie muß das Bildniß eines Mannes sein, der in irgend einer Sphäre des Lebens souverän gewesen ist und über den Geistern seiner Zeit gestanden hat. Der Kaiser Julianus, welcher mit boshaftem Witz Porträts seiner Vorgänger zu zeichnen verstand, hat in seinem olympischen Schattenspiel »die Cäsaren« das Wesen Hadrians in folgenden Sätzen zusammengefaßt: »Es trat ein Mann herein mit langem Bart und stolzem Schritt, der neben anderem ganz besonders der Musik ergeben war. Er sah oft gen Himmel wie Einer der sich gar viel mit verbotenen Künsten abgibt. Als Silen ihn erblickte, fragte er: wie erscheint Euch dieser Sophist? sucht er etwa den Antinous? Möge ihm doch jemand zu verstehen geben, daß der Knabe nicht hier ist, und ihm bedeuten, daß er seine nichtigen Possen zu lassen habe.« Julian., Caesares c. 9 : πολυπραγμονω̃ν τὰ απόρρητα. – καὶ παυσάτω του̃ λήρου καὶ τη̃ς φλυρίας αυτόν. Aus dem Munde eines geistreichen Menschen, welcher selbst Kaiser war in einer Zeit, wo die Tradition von seinen Vorgängern noch fortlebte, ist auch ein satirisches Urteil über Hadrian der Beachtung wert; Julian bezeichnet ihn als Musenfreund, als Sophisten, Mystiker und Liebhaber des Antinous. Im Antinous freilich liegt eins der größesten Geheimnisse Hadrians. Die Marmorgestalt dieses Jünglings, wie sie als Dionysos noch vor uns steht, wirft ein geisterhaftes Licht auf ihn zurück. Sie ist ein Schlüssel zu seiner Biographie. Indeß wir kommen damit nicht weiter, wenn sie auch wie eine Fackel schauerliche Abgründe im Seelenleben des Kaisers zu beleuchten scheint. Die Natur eines so ungewöhnlichen Fürsten zu ergründen reizt den Psychologen mehr als das Wesen wahnsinniger Verbrecher auf dem Cäsarentron, eines Caligula, Nero und Domitian. Nur der misantropische Einsiedler Tiberius bietet als Gegensatz zu dem rastlos wandernden Hadrian ein gleich großes Interesse dar. Die frühesten Biographen des Kaisers sind in so großer Verlegenheit, daß sie nur die grellen Gegensätze seiner Natur zusammengestellt haben. Von Zerrissenheit und Weltschmerz haben sie natürlich nichts in ihm bemerkt; das ist erst eine moderne Auffassung Hadrians. Ist sie richtig? Jede Zeile im Tagebuch Marc Aurels spricht dafür, daß dieser Philosoph im Kaiserpurpur ein schwermutsvoller Verächter der Welt gewesen ist. Doch nichts der Art bietet die weit angelegte Natur Hadrians dar. Er hat das Reich mit Klugheit und Kraft wie ein echter Römer regiert. Er hat das Leben mit antiker Freudigkeit genossen. Er hat die Welt durchwandert und sie jeder Mühe wert gefunden. Er hat sie »hergestellt« und mit Schönheit neu geschmückt. Wir wissen freilich nicht, was er am Ende seines Lebens als dessen Summe betrachtet hat. Diese konnte sogar mit der Rechnung Marc Aurels übereinstimmen: »Alles Körperliche ist ein Strom, alles Seelische Traum und Wahn, das Leben ist ein Kampf und Wandern in der Fremde, und der Nachruhm heißt Vergessenheit.« Marc. Aurel. II, 17: ο δὲ βίος, πόλεμος καὶ ξένου επιδημία· η υστεροφημία δὲ, λήθη. Hadrian war ein Verschwender im großen Stil, wie wenige Herrscher vor und nach ihm. Und weil er dies war, muß er auch wie wenige den Undank der Menschen erfahren haben. »Wie vieler Brände aber des Phaeton, wie vieler Sündfluten Deucalions bedürfte es nicht, um die bodenlose Schlechtigkeit der Welt zu strafen.« Πόσοι Φαέθοντες ὴ, Δευκαλίωνες ικανοὶ πρὸς ούτως υπέραντλον ύβριν του̃ βίου. Lucian, Timon 4. Im Alter nimmt Hadrian so etwas wie die Züge des Timon von Athen an. Er haßt und verdirbt seine vielleicht unschuldigen Freunde zusammen mit den falschen Freunden, aber er liebt noch wahrhaft einen Menschen. Nach dem qualvollsten Todeskampfe stirbt er in den Armen Antonins, mit einer ironischen Frage von seiner Seele Abschied nehmend, die in das unbekannte Land hinüber wandert, und selbst diese Frage atmet keinen Haß, sondern noch heitere Erinnerung an die schöne Erdenwelt. Es gibt vom Geiste Hadrians viele Reflexe im Ideenleben seines Zeitalters, und da erst kommt seine menschliche Bedeutung ganz zu Tage. Zweites Buch. Staat und geistiges Leben. Erstes Capitel. Das römische Reich. So gewaltig ist der Eindruck der Culturfülle und Majestät des römischen Reichs in jenem Zeitraum gewesen, welchen man die glücklichste Epoche der Menschheit genannt hat, daß Römer und Griechen beredter als die Philosophen der späten Nachwelt seine Herrlichkeit gepriesen haben. Man vergleiche Gibbon I, c. 2 am Anfange. Schon Plinius rief, sobald er an die Beschreibung Italiens kam, die begeisterten Worte aus: »Ich rede von einem Lande, welches die Ernährerin und Mutter aller Länder ist, welches die Götter erwählt haben, um die getrennten Reiche zu vereinigen, die Sitten zu mildern, die Sprachen vieler roher Völker zu einer gemeinsamen zu verbinden, die Menschen Bildung und Geselligkeit zu lehren, kurz um das eine Vaterland aller Völker des Erdkreises zu werden.« Hist. Nat, III, 6. Nicht minder enthusiastisch als der Römer Plinius hat der Grieche Aristides die Herrlichkeit des Reichs gefeiert. Seine Lobrede auf Rom ist eine pomphafte Stilübung höfischer Schmeichelei, aber sie spricht Thatsachen und Ueberzeugungen aus, welche dem Zeitalter selbst angehören. »Die Besiegten,« so sagte dieser gefeierte Redner zur Zeit Marc Aurels, »beneiden und hassen nicht die Siegerin Rom. Sie vergaßen bereits, daß sie einst selbständig gewesen sind, da sie sich im Genusse aller Güter des Friedens befinden und an allen Ehren ohne Unterschied Teil haben. Die Städte des Reichs stralen von Anmut und Schönheit, und die ganze Erde ist wie ein Garten geschmückt. Nur Menschen, welche außerhalb der römischen Herrschaft leben, sind beklagenswert, wenn es solche überhaupt gibt. Die Erde ist durch die Römer zur Heimat Aller gemacht worden. Der Hellene wie der Barbar kann überall frei umhergehen wie von Vaterland zu Vaterland; nicht schrecken uns mehr die cilicischen Pässe, noch die Sandwüsten Arabiens, noch die Barbarenhorden, sondern zur Sicherheit genügt es, Römer zu sein. Die Römer haben den Spruch Homers thatsächlich wahr gemacht, daß die Erde Allen gemeinsam ist. Sie haben den ganzen bewohnten Kosmos ausgemessen, die Flüsse überbrückt, die Berge zu Straßen abgegraben, die Wüsten durch Ortschaften bewohnbar gemacht und durch Sitte und Gesetz die Welt geregelt.« Encomium Romae I , S. 348 f. (Dindorf). Man vergleiche dazu das Lob des Appian. Praef. c. 6 . Noch ein halbes Jahrhundert nach Aristides konnte der Africaner Tertullian sich so über das römische Reich aussprechen: »Die Welt ist mit allem ausgerüstet, sie cultivirt sich täglich mehr, sie ist an Wissen reicher als in der Vorzeit. Alles ist zugänglich, Alles bekannt, Alles voll Geschäftigkeit. Einst furchtbare Einöden sind von schönen Landgütern bedeckt; Saatgefilde haben die Wälder, Heerden die reißenden Thiere verdrängt. Getreide sprießt im Wüstensande, die Felsen werden bepflanzt, die Sümpfe trocken gelegt. Es gibt so viel Städte als ehedem Häuser. Nicht starrende Inseln, nicht Klippen flößen mehr Schrecken ein; überall ist Wohnung, überall Volk, überall Staat, überall Leben.« Das Menschengeschlecht, so sagt derselbe Kirchenvater, ist so zahlreich, daß es der Welt schon zur Last wird. Er fürchtet, wie ein Chinese, oder wie heute wir Deutsche, die Uebervölkerung, für welche die Natur nicht mehr ausreiche, und deshalb betrachtet er Pest, Hungersnot, Kriege und Erdbeben als notwendige Mittel der Erleichterung. Pro remedio deputanda, tanquam tonsura inolescentis generis humani. De Anima c. 30. Zur Zeit Hadrians erstreckte sich das Römerreich vom atlantischen Ocean bis zum Euphrat, von Schottland bis an den Atlas und die Katarakte des Nil. Es umfaßte etwa 90 Millionen Menschen. Nicht seine Bevölkerungszahl, noch sein Umfang können es für uns staunenswert machen, denn die geographische Ausdehnung der russischen wie der britischen Herrschaft übertrifft die des Römerreichs. Nur dies erhebt dasselbe weit über alle antiken und modernen Staaten der Welt, daß es die edelsten Culturvölker, die schönsten Länder und die ruhmvollsten Städte der Erde alle zusammen in sich begriffen hat und demnach die geschichtliche Summe des antiken Lebens selber gewesen ist. Um das Becken des Mittelmeers hatte sich die Geschichte der Völker in den mannigfachsten Staatenbildungen abgelagert. Sie alle schloß das centrale Rom in ein Reich zusammen, und wenn die Römer aus unersättlichem Vergrößerungstriebe die Gränzen ihres Staats in immer größeren Ringen auch zu den Germanen, den Briten, Slaven und Arabern ausdehnten, so gewannen sie dadurch die vorgeschobenen Bollwerke, welche den Schatz jener alten Mittelmeerländer vor dem Einbruch der Barbaren schirmten. Die Cultur des Reichs war das aufgesammelte Ergebnis alles dessen, was die antike Menschheit an Wissenschaften und Künsten, an politischen und socialen Formen erzeugt hatte, und diese Schöpfungen gehörten wesentlich den drei großen Sprach- und Völkergruppen der geschichtlichen Welt an. Die Semiten freilich waren mit dem Falle ihrer Staaten in Asien und Africa politisch untergegangen, aber aus dem Judentum hatte sich eine neue Religion erhoben, welche das Reich zu durchdringen und umzugestalten begann. Römer und Hellenen dagegen waren die gebietenden Völker der civilisirten Welt, jene als die Herrscher und Gesetzgeber, diese durch ihre Bildungsmacht. Sie hatten das Reich auch geographisch in zwei Sprachgebiete so unter sich geteilt, daß der Orient griechisch, der Occident römisch war. Zugleich waren beide Idiome vermittelnde Weltsprachen, die jeder Gebildete in Rom wie an der Themse, am Nil wie am Euphrat verstand. Verwaltung, Heerwesen, Recht und Bildung setzten das Gefüge zusammen, in welchem der Organismus des Reichs ruhte, während dasselbe seiner politischen Einheit nur in der Centralgewalt des Kaisers sich bewußt war. Denn trotz aller Gleichmäßigkeit der Regierung trennten Religionen und Sprachen, Landesart und Geschichte die Völker des Reichs von einander. Der griechische Osten ließ sich nicht romanisiren wie die von Rom aufgesogenen Celten, Dacier und Thraker des Westens. Die Scheidung des Orients und Occidents blieb so tief geschichtlich und so naturgemäß, daß früher oder später das römische Reich in diese zwei Hälften zerfallen mußte. Auch zur Zeit Hadrians, wo der mächtig aufstrebende Hellenismus das geistige Uebergewicht im Reiche besaß, regte sich die Reaction des lateinischen Bewußtseins gegen das Griechentum. Es ist sehr bedeutungsvoll, was Florus, der Freund dieses Kaisers, ein Dichter aus dem ganz romanisirten Africa, in einem Epigramm gesagt hat: Flieh' die überseeischen Sitten, sie sind tausendfacher Lug, In der weiten Welt lebt Niemand würdiger als der Bürger Roms, Drum ist lieber mir ein Cato als dreihundert Sokrates. Anthol. lat. ed. Mueller I, n. 218: Cive romano per orbena nemo vivit rectius. Während Altgriechenland zu einem antiquarischen Museum geworden war, von dessen Schätzen Pausanias bald nach Hadrian das Inventarium aufnahm, strömte aus dem hellenistischen Asien und Aegypten fortdauernd neuer Lebensgeist nach Rom und dem Abendlande. Die Kunst, die Literatur, die Philosophie, die neuen Religionen kamen von dort her. Aber der römische Staatsgedanke war noch immer machtvoll genug, nicht allein diese Einflüsse zu beherrschen, sondern überhaupt zu verhüten, daß die westöstlichen Gegensätze der Welt feindlich auseinander fielen. Dies ist eine der größten Thatsachen der Geschichte Roms gewesen. Denn das Reich selbst war so mechanisch zusammengesetzt, daß ihm Teile zugefügt oder genommen werden konnten, ohne sein Wesen merklich zu ändern. Es war ein Bundesstaat von vielerlei Völkern: es hat nie den Charakter einer modernen Monarchie gehabt, wie etwa England und Frankreich. Als ein antiker Organismus beruhte das Römerreich, die große Republik der civilisirten Erde, auf der Besonderheit sich selbstverwaltender Städte und Gemeinden, auch nachdem ehemals freie Länder zu Provinzen oder Regierungsbezirken Roms geworden waren. Zweites Capitel. Die Provinzen des Reichs, ihre Verwaltung, ihr Verhältniß zur Centralgewalt. Ihr friedliche Culturentwicklung. Die Sclaverei. Das Verhältniß der von Rom eroberten Länder zur Centralgewalt hatte Augustus im Jahre 27 v. Chr. geregelt, indem er alle Provinzen des Reichs, welche in den letzten Zeiten der Republik sieben consularische oder kriegerische und acht friedliche, prätorische, umfaßt hatten, in kaiserliche und senatorische teilte. Dio 53, 12. Sueton, Aug. c. 17. Eckhel IV, 236. Diejenigen, welche keine Kriegsmacht erforderten, gab er dem Senat zur Verwaltung. Er selbst behielt alle andern, worin es starker Besatzungen bedurfte, wie die Länder am Rhein, an der Donau und am Euphrat. Unter seinen Nachfolgern vermehrte sich die Zahl der Provinzen durch Eroberung oder durch Teilung größerer Landgebiete, so daß es zur Zeit der Tronbesteigung Hadrians deren 45 gab, von denen nur neun dem Senat gehörten. Marquardt, R. St. I², 489. Die Kriegsmacht der 30 Legionen, welche das Reich schützte, war an dessen Gränzen, nicht im Innern aufgestellt. In ganz Italien standen keine Truppen. Gallien hatte nur eine Garnison von 1200 Mann in Lyon ( cohors I Flavia urbana ); Aegypten deckten nur zwei, dann nur eine Legion. In keiner einzigen der fünfhundert Städte Asiens wurde ein Soldat gesehen. Arnold, Roman System of Provincial Administration , S. 103. Die Seemacht Roms beschränkte sich auf die Flotten zu Ravenna und Misenum, im Pontus Euxinus, in der Nordsee, auf der Donau und dem Euphrat, und auf wenige andre Stationen. 350,000 Mann römischer Bürger und Hilfstruppen reichten aus, diesem ungeheuern Reich die Ruhe zu sichern, während heute Europa allein unter der Last von mehr als zwei Millionen im Frieden bewaffneter Krieger seufzen muß. Friedensstärke des Deutschen Reichs 449,000; Englands 190,000; Frankreichs 470,000; Italiens 220,000; Rußlands 950,400; Spaniens 135,000. Die geringe Stärke des Heers gibt vielleicht dem römischen Reich das größte Recht auf Bewunderung, und sie erklärt auch die Fülle der öffentlichen Werke des Gemeinnutzens in ihm, den Wolstand schön geschmückter Städte und die Blüte des allgemeinen Verkehrs. Der Kaiser hatte also dem Senat die Militärmacht entzogen, während es schien, als habe er aus Großherzigkeit nichts für sich behalten als Lasten und Gefahren. Dio 53, 12. In Wirklichkeit hatte er auch die »Provinzen des Senats und Volks« in seiner Gewalt, da alle Proconsuln und Proprätoren unter seiner das ganze Reich umfassenden proconsularischen Befugniß standen. Dio 53, 15. Die Statthalter für die Provinzen des Senats wurden aus dessen Mitte jährlich unter Consularen und Prätoren gewählt. Sie führten im Allgemeinen den Titel »Proconsul«. Im Range gingen sie den kaiserlichen Legaten voran. Sie hatten zehn oder zwölf Lictoren. Dio 53, 13. 14 . Eckhel IV, 237. Asia und Africa wurden nur von solchen Proconsuln regiert, die wirklich Consuln gewesen waren. Daher hießen diese Länder vorzugsweise proconsularische, und ihre Vorsteher hatten 12 Lictoren. Ein glänzender Hof umgab sie, dessen Erhaltung der Provinz zur Last fiel. Aber sie besaßen keine militärische Gewalt, also auch nicht das Jus gladii , doch hatten sie gegen Provinzialen das Urteil über Leben und Tod. Die letzten Reste jener Tyrannei, welche die Proconsuln zur Zeit der Republik in den Provinzen ausübten, konnten unter den Kaisern wol noch hie und da zu Tage treten, doch nicht mehr so furchtbare Folgen haben. Nichts aber gab der Monarchie ein stärkeres Ansehen, als die unläugbare Thatsache, daß die kaiserlichen Provinzen die am besten verwalteten und am wenigsten bedrückten waren. Ihre Statthalter ( legati Augusti pro praetore, legati praetorii ) wurden vom Kaiser selbst gewählt, gewöhnlich aus Consularen oder Exprätoren, sogar aus gewesenen Aedilen und Quästoren. Sie blieben nach seinem Gutdünken kürzere oder längere Zeit, meist drei und mehr Jahre auf ihrem Posten. Ihr Rang war geringer als jener der Proconsuln; sie hatten nur fünf Lictoren; Mommsen, Bull. d. Inst. 1851, S. 172. aber ihre Gewalt war größer, da sie sich sowol über Provinzialen als römische Bürger ausdehnte. Sie besaßen die höchste Civil- und Militärmacht in der Provinz. Savigny, röm. Gerichtsv. II, 76 f. 81 f. Sie sprachen in ihrer Residenz und in den Conventen oder Gerichtssprengeln Recht. Legaten der Legionen und Legati juridici , welche der Kaiser ernannte, standen ihnen zur Seite. Marquardt I², 551 f. Die betreffenden Abschnitte bei Arnold, R. Prov. Administr. Da sie vom Kaiser überwacht wurden und seine Befehle auszuführen hatten, konnten sie in der Provinz nicht mehr als Despoten schalten. Gegen Erpressungen sollte auch die Besoldung schützen, die für die kaiserlichen bis zu 200,000, für die senatorischen Statthalter bis zu einer Million Sesterzien stieg. Das Finanzwesen verwalteten Quästoren in den Provinzen des Senats und Procuratoren in denen des Kaisers, und dieser schickte solche auch in die Senatsprovinzen, wo sie unabhängig vom Proconsul Abgaben erhoben, welche in den Fiscus flossen. Dio 53, 15 . Höck, Röm. Gesch. I, 2, 200. Sie hatten nur nach Umständen Jurisdiction und erhöhte Gewalt, doch regierten Judäa, Mauretanien, Thracien und andre kleinere Länder Procuratoren, welche auch die vollständige Landesverwaltung besaßen. Die Finanzbeamten gehörten dem Ritterstande an, oder sie waren Freigelassene des Kaisers, die ein so einträgliches Amt nicht immer uneigennützig führten. Hadrian, der seinen Freigelassenen nichts einräumte, bestrafte schuldige Verwalter mit Strenge. Spart, c. 16: Et circumiens quidem provincias procuratores et praesides pro factis supplicio affecit. – Die Provinzialsteuer bestand in dem Kopfgelde ( tributum capitis ), einer Abgabe von dem Vermögen, und im Grundzins ( vectigal ), von welchem jeder mit italischem Recht begabte Boden befreit war. Siehe die treffliche Darstellung bei Höck I, 2, 204 f., und Savigny, R. Steuerv. in Zeitschr. für gesch. Rechtswissensch. VI. Die Grundsteuer wurde meist in Baarem festgestellt, nachdem Augustus begonnen hatte, die Grundstücke zu vermessen. Hierzu kamen die verpachteten Zölle, Einfuhr- und Ausfuhrsteuern, Hafengefälle, Wege und Brückengelder. Der ganze Staatshaushalt, die Ausgaben für das Militär, dessen Budget schon unter Augustus 90 Millionen Mark betrug, die Besoldung der Provinzialbeamten, die Getreidespenden, das Post- und Straßenwesen und die öffentlichen Bauten wurden von den Provinzen aufgebracht. So floß mehr Geld aus ihnen als in sie hinein, während die Masse römischer Beamten, die Versetzung der Eingeborenen als Soldaten in fremde Länder, die lateinische Sprache bei Gerichtsverhandlungen viel dazu beitrugen, Provinzen ohne eigene Kultur zu romanisiren. Die Einkünfte der senatorischen Provinzen flossen gemäß der Anordnung des Augustus in das Aerarium, den Staatsschatz, die der cäsarischen in den Fiscus, welchen der Procurator a rationibus als Finanzminister verwaltete. Beide Kassen blieben lange Zeit neben einander bestehen. Noch Marc Aurel anerkannte das Recht des Senats, über das Aerarium zu verfügen, und selbst noch im 3. Jahrhundert haben Proconsuln in den senatorischen Provinzen Tribute erhoben. Ueber diese Verhältnisse O. Hirschfeld, Unters. über röm. Verwaltungsgesch. I, S. 11 f. Indeß lag es in der Natur des Prinzipats, daß er seine Macht auch in der finanziellen Sphäre des Senats allmälig zur Geltung brachte, so daß die Bedeutung des Aerarium verschwand. Hadrian setzte eine neue Behörde, die Advocati fisci ein, welche in den Provinzen die Rechte der kaiserlichen Kasse vor den Gerichten vertraten. Spart, c. 20: fisci advocatum primus instituit. So beugte er dem Unterschleif und der unrechtmäßigen Aneignung von Staatsgut vor. Es gab Länder, welche der Kaiser für sich selbst beanspruchte und durch Procuratoren verwalten ließ. So war Aegypten von Octavian nach seinem Siege über Antonius zu seinem Hausbesitz gemacht worden. E. Kühn, Die städt. u. bürgerl. Verfass. des röm. Reich.. II, 80. Die Kaiser schickten dorthin ihre Vicekönige mit dem bescheidenen Titel praefectus , welche den Procuratoren kleiner Provinzen gleichstanden, wie die Alpes maritimae und Cottiae, Rhaetia und Noricum, und auch diese Länder waren kaiserlich. Kuhn II, 83. 84. Ueber Noricum, welches selbst noch im 2. Jahrhundert officiell Königreich hieß: J. Jung, Römer und Romanen in den Donauländern, S. 25. Die tiefen Schatten, die das Römerreich über die von ihm umfaßten Völker warf, waren der Verlust ihrer politischen Selbständigkeit, welcher ihnen mit der Zeit auch die Kraft der Selbsterhaltung raubte, und die bureaukratische Maschinerie des Despotismus, die das nationale Leben vollends erstickte, während das Heil der unterworfenen Völker im Grunde von der zufälligen Gesinnung des Monarchen abhängig blieb. Das Ende war nach einem Jahrhundert des Glücks unter der Adoptivfamilie des Nerva die sich steigernde Satrapenwirtschaft, die Verarmung und der Verfall der Nationalgeister. Indeß im zweiten Jahrhundert waren diese Uebel noch nicht so fühlbar, und den Untergang der Freiheit einst großer, aber schon erschöpfter Culturländer konnte die Monarchie wenigstens durch deren Teilnahme an einer allgemeinen Wolfahrt und gesetzlichen Ordnung entschädigen. Die Bewegung des Verkehrs war so unbeschränkt, wie sie es seit dem Falle Roms nie mehr gewesen ist. Eine und dieselbe Münze hatte von den Säulen des Herkules bis zum Euphrat Geltung. Das große System der Kunststraßen umfaßte das ganze Reich und verband alle seine Provinzen mit einander. Die Reichspost ( cursus vehicularius oder publicus ) war schon von Augustus eingeführt worden. Sie diente freilich nur ausnahmsweise dem Privatverkehr, im Allgemeinen nur den Staatszwecken und der Person des Kaisers. Postdiplome oder Freipässe wurden als Vergünstigung erteilt, so von Trajan und Hadrian an den Sophisten Polemon und seine Familie. Philostr. (Kayser) II, S. 44. Dieser mißbrauchte oft sein Recht, so daß die Reichspost für Italien und die Provinzen eine drückende Last wurde. Man kann diese mit dem lästigen Fodrum der römischen Kaiser im Mittelalter vergleichen, wenn sie auf ihren Romfahrten Italien durchzogen und brandschatzten. Nerva befreite zuerst Italien, und Septimius Severus auch die Provinzen von der Verpflichtung, die Reichspost zu unterhalten. Aber auch von Hadrian wird berichtet, daß er sie auf den Fiscus übertrug, und zwar in allen Provinzen des Reichs. Kein Kaiser konnte so viel Veranlassung haben, diese Anstalt zweckmäßig einzurichten, als er, der große Reisende. Er setzte eine Oberpostdirection in Rom ein unter dem Titel praefectus vehiculorum . Spart, c. 7: cursum fiscalem instituit, ne magistratus hoc onere gravarentur. E. Hudemann (Gesch. des röm. Postwesens während der Kaiserzeit 1878, S. 22) bezieht die magistratus mit Recht auf die Municipalbeamten (später Decurionen) in den Ortschaften, wo Poststationen waren. Eine Reihe der praef. vehiculor. bei Henzen, Annal. d. Inst. 1857, S. 95. – Vom Reichspostwesen Mommsen, R. St. II, 2, S. 956; O. Hirschfeld I, 98 f.; H. Stephan, Das Verkehrsleben im Alterthum (Raumers Hist. Taschenb. 1868). Die Verbindung zu Wasser war nicht weniger erleichtert. Von Ostia fuhr man in sieben Tagen nach Gibraltar, in zehn nach Alexandria. Plin., H. N. XIX, 1. Der Welthandel stand nie in größerer Blüte. Die Stadt Rom allein bezeugt das; denn hier strömten die Producte aller drei Weltteile auf den Markt, und »was nur die Jahreszeiten und Himmelsstriche, die Flüsse und Seen, die Künste der Hellenen und Barbaren hervorbrachten, das wurde aus jedem Lande und jedem Meere dorthin geführt«. Aristides, Encom. Romae (Dindorf) I, 326. Der Orient entsandte seine Schätze, selbst die des entlegenen Indiens durch armenische Kaufleute an das schwarze Meer, nach Dioscurias und an den Phasis. Plin., H. N. VI, 19. Strabo XI, 506. Handelsstädte wie Ephesus, Smyrna und Apamea vereinigten die Waaren Babyloniens, Persiens, Indiens auf ihren Märkten. Aus den Häfen Arabiens und des roten Meeres kamen sie auf dem Nil nach Alexandria. Myos Hormos entsandte jährlich Flotten nach Indien und Ceylon, und diese kehrten im Januar zurück. Ueber den alexandrinisch-indischen und arabischen Handel vergleiche man den Peripl. Maris Erythraei , der fälschlich dem Arrian zugeschrieben, wol unter Nero verfaßt worden ist. Im September war der Handel auf dem arab. Meerbusen am lebhaftesten, Häfen sind: Myos Hormos, Aduli, Tapara, Malao, Mundi, Tabae, Opone, Muza etc. bis Taprobana . Freilich verzichteten die Provinzen darauf, noch etwas durch sich selbst zu gelten. Ihr nationaler Zusammenhang war aufgelöst und künstlich in Gemeindewesen und Gerichtssprengel zersplittert. Ihre alten Bündnisse waren abgeschafft; denn überall, wo Rom Eroberungen gemacht hatte, beeilte sich der Senat, solche Conföderationen aufzuheben. So schon unter Mummius in Griechenland. Pausan., Achaica VII, 16, 6 . Zwar besaßen die Provinzen das Recht, für gemeinsame Angelegenheiten Vereine von Städten zu bilden und sogar Abgeordnete zu einem Landtage zu versammeln, welcher unter dem Vorsitze des Oberpriesters jährlich in dem Hauptort zusammentrat ( commune, concilium , oder κοινόν im Orient); wenn aber auch diese Provinzialparlamente über die Statthalter Beschwerden aufnehmen und sie durch Gesandte an den Kaiser bringen durften, so war es ihnen doch nicht erlaubt, über innere Verwaltungsangelegenheiten zu beraten. Ihr wesentlicher Zweck war, Bestimmungen zu treffen über gemeinsame Opfer und Festspiele. Kuhn, städt. Verf. I, 111 f. Marquardt, R. St. 503 f., 510 f., und in Ephem. Epigr. 1872, S. 200 f., die Zusammenstellung der Provinzialconcile. Arnold, Roman System of Prov. Adm. , S. 202. Die κοινά in Asien bei Perrot, Rev. Arch. 1874, S. 11 f. Denn der Mittelpunkt des provinzialen Lebens war jetzt der Altar des Genius Roms und des Augustus, oder der Tempel seiner vergötterten Nachfolger. Tarraco hatte zu allererst von Octavian die Ehre erbeten, ihm einen Altar zu errichten, und das Beispiel dieser niedrigen Schmeichelei ahmten andere Provinzen nach. Ueber den Kaisercultus in Tarraco Hübner, Hermes I, 1866, S. 111. Uebrigens war dieser Kaiserdienst von Asien ausgegangen; unter Augustus waren Ephesus, Nicäa, Pergamon und Nicomedia seine privilegirten Sitze. Krause, Neokoros , S. 12. Die Provinziallandtage im Reich dienten daher im Ganzen nur zur Befestigung des Gehorsams gegen das Kaisertum, welches mit dem Nimbus der Religion umgeben wurde. Für Länder, die der Freiheit nicht mehr fähig waren, ist trotzdem die römische Regierung segensreich gewesen. Sie schützte sie vor Bürgerkriegen, welche sie zerfleischt hatten, als sie noch in kleine Staatswesen voll Ehrgeiz und Eifersucht zersplittert waren. Zu seiner Zeit sagte Plutarch von Griechenland: »Jetzt herrscht hier voller Frieden und Ruhe; es gibt keine Kriegszüge, Exile und Revolutionen mehr, noch Tyrannenherrschaften, noch andre Uebel der Hellenen.« Cur Pythia nunc non reddat oracula, Moral. 11, 460 (Wittenbach). Er hätte freilich hinzusetzen können, daß es auch kein politisches und geistig schöpferisches Leben mehr in seinem Vaterlande gab. Denn die Republiken in Hellas sind wie die späteren Italiens in Künsten des Friedens groß gewesen gerade unter dem Waffenlärm des Kriegs und dem Tumult der Revolutionen. Aber diese Blütezeit der kleinen Aristokratien und Demokratien war abgelaufen. An die Stelle der localen Leidenschaften war die Weltgeschichte, an die Stelle von Stadt und Stamm die Menschheit getreten. Plinius konnte die »unendliche Herrlichkeit des römischen Friedens« preisen, welcher die entferntesten Länder und ihre Produkte zu einem Gemeingut Aller gemacht habe. Hist. Nat. XXVII, 1: immensa romanae pacis majestas. Länder, die zur Zeit der Republik halb verödet waren, blühten im Frieden wieder auf, wie Spanien, Gallien und Africa. Asien und Syrien erlebten ihre letzte glückliche Zeit. Ganze Landstriche Asiens wurden dem Nomadentum durch die Römer entrissen, und erst die Saracenen haben dort die Barbarei des Beduinenwesens wieder zurückgebracht. Renan, Mission en Phénicie , S. 837. Das Glück der friedlichen Entwicklung der Provinzen unter einer gerechten Regierung ist daher nicht zu unterschätzen, und es bleibt wahr, was Aristides und nach ihm Gibbon gesagt haben, daß der Gehorsam der Welt gegen Rom ein freiwilliger geworden war. Nur unter den Barbaren an den Gränzen lebte noch der aus den alten Culturstaaten verbannte Sinn der Freiheit. Mit einem Seufzer hat deshalb Tacitus auf die Germanen geblickt. Dem kosmopolitischen Organismus des Reichs sich einzufügen und aus ihm neue Quellen des Lebens zu ziehen, mußte das Bestreben auch der hochgebildetsten Völker sein, welche Rom mit Waffengewalt unterworfen hatte. Sie ergaben sich in ihr Los, um so mehr als das im Ganzen weise Regierungsprincip der Monarchie ihre heimische Religion und Verfassung achtete. Sie hatten jedem Widerstande gegen die römische Herrschaft entsagt, oder ihr Kampf mit dieser bestand nur in dem Bemühen, sich in allen politischen und bürgerlichen Rechten den Römern gleich zu setzen. Die Provinzen selbst des Abendlandes wetteiferten bereits mit Rom durch ihre Bildung und die Menge einheimischer Talente. Sie bereicherten die römische Literatur mit glänzenden Namen in jedem Zweige des Wissens, selbst in der Jurisprudenz. Spanien, Gallien, Africa, Illyricum gaben mit der Zeit dem römischen Staat große Feldherren und auch Kaiser. Rom civilisirte den Westen und vollendete im Osten das Werk Alexanders des Großen. Die Monarchie hob allmälig die rechtlichen Schranken zwischen den beherrschten Ländern und der herrschenden Stadt auf. Schon Mäcenas hatte Octavian geraten, den Provinzen gleiche Rechte und Gesetze zu geben und allen Bürgern gleiche Steuern aufzulegen. In der ersten Stunde der Monarchie war demnach als ihr Ziel die Gleichheit aller Nationen erkannt worden. Nicht nur Städten, sondern Ländern haben die Kaiser das latinische und römische Recht erteilt. Ganz Spanien hatte von Vespasian die Latinität erhalten, Hadrian gab sie der Provinz Narbonensis, und er schenkte dem ganzen oberen Pannonien das Bürgerrecht. Zumpt, Comm. Ep. I, 410 . Mommsen, C. I. L. III, 496. 498 . Wenn er hier nur dem Beispiele seiner Vorgänger zu folgen schien, so hat doch kein Kaiser vor ihm im Allgemeinen den Provinzialen die Erlangung einer gesetzlichen Stellung im Organismus des Reichs durch die Gleichberechtigung mit Rom so sehr erleichtert. Finlay, Griechenl. unter den Römern; S. 55. Der Titel »Mehrer der Bürger« ( Ampliator Civium ) hätte schon ihm gebührt; er findet sich erst auf einer Medaille des Antoninus. S. P. Q. R. Ampliatori Civium. Froehner, Les Médaillons de l'Empire Romain , S. 61. Die Erteilung der Civität war freilich meist eine Finanzspeculation, indeß die socialen Verhältnisse nötigten dazu, und die Zeit war nahe, wo Caracalla auch die letzten rechtlichen Unterschiede im Reiche aufhob. Das große kosmopolitische Princip Roms würde ein wahrhaft erhabener Abschluß der antiken Geschichte zu nennen sein, wenn es ein wirklich humanes gewesen wäre und das Bürgerrecht mit dem Menschenrecht vereinigt hätte. Aber nur theoretisch ist dies von den Stoikern, von Seneca, Epiktet und Marc Aurel angedeutet worden. Die bürgerliche Gesellschaft und die ganze Oekonomie des Staats ruhte fortwährend auf der Sclaverei, dem unsittlichsten und verhängnißvollsten aller Institute des Altertums, und selbst die gepriesene Blüte der Industrie im Zeitalter der Antonine war wesentlich das Product der Sclaven. Der Begriff der freien Arbeit als der höchsten Betätigung des Willens und der Lebenskraft, wie der Quelle alles volkswirtschaftlichen Reichtums war noch von keinem Nationalökonomen entdeckt worden. Die Arbeit blieb im Allgemeinen die erzwungene That der Sclaven. Die Sclaverei war die einzige Grundlage für die Unabhängigkeit der regierenden Menschenrasse. Eine solche Summe von Kraft lag in ihr versammelt, daß ein Stillstand der Sclavenarbeit, wenn dieser in der modernen Weise der Vereinbarung hätte geschehen können, die Fortdauer der Gesellschaft würde unmöglich gemacht haben. Die Zahl dieser unseligen Menschen betrug etwa ein Drittel der Bevölkerung der römischen Monarchie. In einem merkwürdigen Brief an den Senat sprach sich Tiberius über diese ungeheure Menge der Sclaven aus, welche er neben den Latifundien als den Verderb des Staats bezeichnete, und er nannte sie Nationen. Tacit., Ann. III, c. 53: quid enim primum prohibere et priscum ad morem recidere aggrediar? villarumne infinita spatia? familiarum numerum et nationes? Er verzweifelte daran, diese furchtbaren Uebel zu heilen. Glücklicher Weise gab es doch Ursachen, welche die Sclaverei minderten. Eroberungskriege waren ihre Hauptquelle gewesen; als sie aufhörten, versiegte auch diese. Denn immer seltener geschah es, daß von Staatswegen Bevölkerungen von Städten als Kriegsbeute sub hasta oder corona verkauft wurden. Aber daß es doch noch geschehen konnte, hat das Schicksal der Juden nach dem Falle Bethers unter Hadrian gezeigt. Je mehr nun der Sclavenstand sich verringerte, desto besser gestaltete sich das Los der freien Landbauern und Arbeiter; die Kaiser bemühten sich um die Verbesserung ihres Schicksals. Jung, Bevölkerungsverhältnisse des röm. Reichs, Wiener Stud. 1879, S. 195. Ueber den Aufschwung der freien Arbeit seit dem 2. Jahrh. Walon, Hist, de l'Esclavage III, c. 3. Eine andre Ursache der Minderung der Sclaverei war die Freilassung. Schon seit den Bürgerkriegen hatte sie so zugenommen, daß die Furcht entstand, der römische Bürgerstand werde durch die Aufnahme so vieler ehemaliger Sclaven ganz verderben. Denn die wenigsten unter diesen konnten tugendhafte Menschen sein; vielmehr mußte lange Verknechtung ihre Menschenwürde vernichtet haben. Die Freilassung selbst wurde in Rom zuletzt eine Art Luxus, denn jeder Große pralte ebensosehr mit der Zahl von Sclaven, die er besaß, wie der Freigelassenen, die seinen Hof bildeten. Augustus hatte durch die Lex Aelia Sentia und Furia Caninia die Freilassung zu beschränken gesucht, und Tiberius gemäß der Lex Junia Norbana den ohne feierliche Form Losgesprochenen nur ein beschränktes latinisches Recht gestattet. Libertini aber füllten bald alle Stände der Gesellschaft an; sie bemächtigen sich des Hofes und seiner Verwaltung, und sie tyrannisirten als Günstlinge und Hausbeamte der Kaiser Rom und das Reich. Drittes Capitel. Städte, Municipien, Colonien. Abgesehen von seiner Einteilung in politische und ethnographische Verwaltungsbezirke stellte sich das Reich als ein System von Städten mit eigener Municipalverfassung dar. Die Selbstverwaltung der Communen hat, so lange sie dauerte, dem römischen Reich einen großartigen bürgerlichen Charakter gegeben und das Glück der damaligen Welt ausgemacht. Noch nach dem Falle Roms konnten die Reste der Gemeindeverfassung die einzigen Bausteine zu neuen staatlichen Ordnungen liefern. Der hellenische Orient, welcher seit der Eroberung durch die Türken nur noch die Trümmer des Altertums auf wüsten Landstrecken und versumpften Küsten darbietet, war im 2. Jahrhundert mit Städten und Handelsplätzen vom schwarzen bis zum roten Meer bedeckt. Dasselbe gilt vom Norden Africas. Selbst nicht unter den Ptolemäern war Aegypten so reich gewesen. Im Abendlande glänzte durch Städte besonders Spanien; Ptolemäus hat ihrer dort 428 gezählt. Nur das städtereiche Italien vermochte sich seit den Bürgerkriegen nicht mehr ganz zu erholen. Seine Gemeinden konnten nicht mehr mit denen Africas, Galliens und Spaniens wetteifern, und erst lange nach dem Sturz des Römerreichs hat Italien seine glänzende Epoche eines noch auf römischen Einrichtungen erbauten Städtewesens gehabt. Mailand war damals wahrscheinlich die größte Stadt Italiens und blühender als Turin; Hadrian machte sie zur Colonie. Zumpt, Comm. Ep. I, 408 . Außerdem war die griech. Stadt Neapel blühend. Auf dem Municipalsystem ruhte die gesammte Verfassung des Reichs; denn die Gemeindefreiheit war so sehr der politische Begriff des Altertums, daß auch die ganze innere Geschichte dieses Reiches nichts ist als die Entwicklung jenes Begriffs, mit welchem Rom begonnen hatte. Es gab im Reiche die verschiedensten Grade der Gemeindefreiheit, je nach dem geschichtlichen Ursprung der Communen und ihrem rechtlichen Verhältnis, zu Rom selbst; stipendiäre und tributpflichtige Städte ohne jedes Privilegien, andre mit latinischem und italischem Recht, endlich freie, autonome Stadtgemeinden. Diese Unterschiede schwächten das einheitliche Nationalbewußtsein der von Rom beherrschten Länder. Ihr Patriotismus wurde wie in der Vorzeit in die Mauern der Communen zurückgewiesen. Endlich schob sich auch in das städtische System fremder Länder das Municipal- und Colonialrecht Roms ein. So war es den Kaisern leicht, die geschichtlichen Formen des republikanischen Zeitalters der Städte bestehen zu lassen und selbst als die Beschützer ihrer Freiheit zu gelten. Während die Vasallenstaaten, die Ethnarchen, Tetrarchen und Toparchen überall verschwanden, erhielt sich noch der Begriff freier und sogar mit Rom verbündeter Gemeinden. Eckhel IV, 262. Marquardt, R. St. I², 71 f. Kühn, Städt. Verf. II, 14 f. Sie waren die Reliquien der antiken griechischen Politie, und auch das monarchische Rom achtete ein paar Jahrhunderte lang ihre Selbstverwaltung durch Senat und Volk, ihre Magistrate, ihr Priestertum, ihre Nationalfeste, ihre Wahlversammlungen und communalen Gesetze. Die Duldung der geschichtlichen Rechte freier Gemeinden erscheint als etwas wirklich Großes, wenn auch dies conservative Princip Roms von der Notwendigkeit geboten war. Denn man mußte die eroberten Städte versöhnen und schonen, und indem man ihre Verfassung bestehen ließ, ersparte man sich selbst eine endlose Mühe des Regierens. Arnold, Rom. System of Prov. Admin. , S. 22. Manche Freistädte waren in der That nie zuvor im gleichen Besitz ihrer Autonomie gewesen. Sie blieben nach dem Gesetze Cäsars unabhängig von der Militär- und Civilgewalt des Provinzialstatthalters und frei von Besatzung und Einquartirung. Sie hatten das Eigentumsrecht an Grund und Boden und das Münzrecht, welches zumal die Städte des hellenischen Orients nicht verloren. Nur wenn es nötig war, stellten sie Hilfstruppen zu den Legionen Roms. So bevorzugte Städte fanden sich meist nur in den griechischen Culturländern, wie Athen, Ephesus, Cyzikus, Sardes, Antiochia, Laodicea, Byzanz, Troas, Samosata, oder Amisus, Tarsus, Cäsarea, Tripolis und Tyrus in Phönizien, Seleucia und Massilia, Utica, Hadrumetum und fünf andre in Africa. Ehrentitel, wie die der Urbs sacra und Metropolis wurden nicht gespart. Ueber die Metropolen Eckhel IV, 273 f.; Marquardt, R. St. I, 343 f. Je nach der Gunst der Kaiser wurden Privilegien hinzugefügt oder im Fall der Ungnade entzogen, wie dies das Beispiel von Rhodus, Cyzikus, Laodicea und Antiochia beweisen kann. Im Allgemeinen gab es auch hier die Kehrseite des städtischen Glücks; denn der Bestand der Autonomie hing doch von der Gesinnung des Kaisers ab. Dies zeigt schon der Titel der Libertas , welche je nach den Umständen eine relicta oder concessa , eine adempta oder redempta , oder restituta war. Schon Augustus entzog Städten die Freiheit: urbium quasdam, foederatas – libertate privavit, Sueton Aug. c. 47 . In Folge des Verfalles der bürgerlichen Energie und aus Grund finanzieller Verschuldung mußten Freistädte kaiserliche Beamte, Correctoren und Curatoren, zulassen, welche ihre Vermögensverhältnisse und ihre Verfassung regelten und sich Eingriffe in ihre Autonomie erlaubten. Plin., Ep. VIII, 24 . Ein von Hadrian bestellter curator reipub. Comensis (Orelli 3898); sogar ein von Hadrian gesetzter Curator der öffentl. Werke in Venusia 4006, der Thermen in Benevent 3264; kaiserliche curatores calendarii publici (Finanzbeamte) in den Municipien (Henzen, Annali d. Inst. 1851 , S. 15); von Hadrian in Canusium eingesetzt (Mommsen, I. R. N. n. 1486 ). In griech. Städten hießen die kais. Aufsichtsbeamten διορθωτής und λογιστής. Marq, R. St. I², 85. Kuhn, städt. Verf. II, 24. Auch die römischen Colonien waren bevorzugte Gemeinden. Sie bildeten ursprünglich als Ansiedlungen der Veteranen in den eroberten Barbarenländern feste Anhaltspunkte der römischen Macht. Sodann wurden Colonien gegründet, durch welche alte Städte erneuert wurden, oder sie entstanden auf Befehl des Kaisers aus den Eingeborenen selbst. Augustus legte eine Anzahl von Colonien in den verschiedensten Ländern an. Eckhel IV, 467 f. Seine Nachfolger thaten das Gleiche, daher trugen Colonien ihre Namen. Julia, Augusta, Claudia, Flavia, Trajana, Ulpia, Aelia, Hadriana \&c., wozu noch oft die Bezeichnung Felix trat. Spanheim, De Praest. et Usu Num. IX , 766 f. Hadrian gründete mehrere neu und verlieh auch manchen alten Städten das Colonialrecht. Ich habe das bei den einzelnen Provinzen bemerkt. Siehe im Ganzen Zumpt, Comm. Ep. I, c. 6 . Dieses Recht, welches oft auch Gemeinden gegeben wurde, wohin keine Colonie geführt worden war, sicherte ihnen eine eigene Verfassung mit einem Senat und Communalbeamten (Duumviri und Aedilen). Die Gemeinde durfte Magistrate wählen und Beschlüsse fassen. Als aber unter Tiberius in Rom alle Wahlen an den Senat gekommen waren, fielen sie auch in den Kolonien dem Stadtsenat ( Curia ) zu. Die Curialen wählten aus ihrer Mitte die Magistratsobrigkeiten. Savigny, Gesch. des röm. Rechts im Mittelalter I, c. 3. In Africa, so bemerkt er, geschah die Wahl nicht, wie in andern Städten, von den Decurionen allein, sondern vom ganzen Volke. Die Stellen im Senat waren erblich und wurden durch Wahl ergänzt. Die Colonien hatten in der Regel das italische Recht und die Civität; sie unterschieden sich daher von den Municipien, deren Gemeindewesen weniger beschränkt war. Gellius hat den Unterschied der Colonie vom Municipium so bezeichnet, daß dieses sein eigenes Recht besaß und nicht gezwungen war, das römische anzunehmen, wenn es dasselbe nicht freiwillig wählte. Gellius, Noct. Att. XVI, c. 13 . Einst hielt Hadrian eine Rede im Senat, worin er diese Verhältnisse auseinandersetzte; Gellius a. a. O. Veranlassung dazu hatten die Municipien Italica und Utica gegeben, welche in das Recht der Colonien einzutreten wünschten. Dagegen hatte Tiberius den Wunsch der Stadt Präneste erfüllt, aus einer Colonie zum Municipium zu werden, um sich die einheimischen Rechte zu bewahren. Im Ganzen war der Stand der Kolonien in der Kaiserzeit der bevorzugte und wünschenswert, weil sie, wie Gellius sagt, Abbilder der Größe Roms waren, und bei weniger Freiheit weniger Verpflichtung hatten. Aber der wahre Zweck des Gesuchs jener beiden Municipien war wol die Erlangung des italischen Rechts, welches den Colonien gegeben wurde. Puchta, Institut. I 8 , § 95, S. 243. Aus ihm floß das quiritarische Eigentum des Bodens ( commercium ), die Befreiung von der Grundsteuer und die Befugniß eigener Verfassung mit Municipalmagistraten. Die Kolonien zahlten eine Steuer nach römischem Census gleich den Municipien, deren Bewohner zum Unterschiede von den Kolonien nicht von Hause aus römische Bürger waren. Allmälig haben sich diese beiden Arten von Gemeinden ausgeglichen. Ueber die Verhältnisse von Municipien und Colonien im Allgemeinen Arnold S. 216 f. Auch das jus Latii die Latinität, wurde noch immer nicht nur Magistraten, sondern ganzen Provinzialstädten verliehen, welche dadurch eine Mittelstufe zwischen Peregrinen und römischen Bürgern einnahmen. Hadrian hat vielen Städten die Latinität geschenkt. Spart, c. 21: Latium multis civitatibus dedit. Viertes Capitel. Italien und Rom. Italien stand anfangs in einem ebenso untergeordneten Verhältniß zu Rom, wie das der Provinzen ihm gegenüber ein weniger begünstigtes war. Erst nach den blutigsten Kriegen waren durch die Lex Julia und Plautia Papiria (in den Jahren 90 und 89 v. Chr.) die italischen Städte in den Bürgerverband Roms aufgenommen worden. Augustus hatte dem wirtschaftlichen Verfall und der Entvölkerung des Landes abzuhelfen gesucht, indem er 28 Colonien einrichtete und ganz Italien in elf Regionen einteilte. Der Grundcharakter Italiens blieb die freie Städteverfassung. Savigny, R. Gerichtsv. II, 16 f. Volk und Senat waren die politischen Bestandteile in seinen Municipien und Colonien. Das oberste Amt bekleidete ein Duumvir oder Quatuorvir gleich einem Consul ein Jahr lang. Er hatte die Civil- und Criminaljustiz, doch konnte der Verurteilte an die Comitien und später, als sich seit Hadrian die Rechtslage der italienischen Städte änderte, an die kaiserlichen Beamten appelliren. Die Kaiser selbst nahmen bisweilen das Ehrenamt städtischer Magistrate an. Ganz dasselbe thaten im Mittelalter die Päpste, welche sich zu Podestaten in Städten des Kirchenstaats wählen ließen. So war Hadrian Demarch in Neapel, Quinquennalis in Hadria, Dictator, Aedil und Duumvir in Städten Latiums und Prätor in Etrurien. Spart, c. 19. Allmälig zehrte die Monarchie die Selbständigkeit des italienischen Gemeindewesens auf, welche das Gesetz Cäsars, die Lex Julia municipalis gewährleistet hatte; der Kaiser bemächtigte sich des Einflusses auf die Gemeindeverwaltung. Hadrian veränderte sogar die ganze Stellung der Städte Italiens, indem er auch dieses bevorzugte Mutterland Roms den Provinzen gleichstellte; denn er teilte Italien in vier Districte und übergab in diesen die Rechtspflege, welche den Communalmagistraten genommen wurde, vier Consularen. Ausgenommen war nur der District, worin Rom lag; er blieb wie bisher unter der Gerichtsbarkeit des Prätor Urbanus. Spart, c. 22. Jul. Capitolin., Anton. Pius c. 2. Appian, Hist. Rom. I, 38. Marc Aurel machte aus den vier hadrianischen Districten mehrere und ersetzte die Consularen durch Juridici von prätorischem Range. Jul. Capitolin., M. Antonin, phil. c. 11. Orelli 1178. 3148. Gruter 1090, 13. Dadurch wurde die städtische Jurisdiction sehr beschränkt und endlich, wie in den Provinzen, den Statthaltern untergeordnet, ohne daß an der herkömmlichen Municipalverfassung etwas Wesentliches geändert wurde. Kaiserliche Curatoren beaufsichtigten schon seit Nerva die Gemeindekasse. Kuhn II, 29, 217. Auch die Stadt Rom erlitt ein ähnliches Schicksal, denn schon mit Augustus hörte ihr großes politisches Leben auf. Die Monarchie setzte an die Stelle der Rechte des Volks die nur scheinbar zwischen Senat und Princeps geteilte, in Wahrheit im Alleinherrscher vereinigte Staatsgewalt. Der fortdauernde Ausstrom der Lebenskräfte Roms in die Welt hatte das Bürgertum der Hauptstadt erschöpft und der Zustrom der Provinzen ihr Volk erneuert. Es war römisch, weil es die Stadt bewohnte, aber als ein Auszug so vieler Nationen, Sprachen und Religionen stellte es das in einen Ramen gefaßte Totalbild der Monarchie dar. Die Majestät der Stadt spiegelte sich noch in allen andern Städten des Reiches wieder, und die ausgelebten Formen der republikanischen Vergangenheit waren noch die Stempel der Gesetzmäßigkeit, welche sie der Welt aufdrückte. Wenn die Kaiser Städten im Reich das Bürgerrecht verliehen, wurden diese noch immer einer der Tribus Roms zugeteilt. Die Kaiser ließen neue Bürger und mit der Civitas begabte Städte in die Tribus einschreiben, welcher sie selbst angehörten, so die Flavier in die Quirina, Trajanus in die Papiria, Hadrian in die Sergio. Kubitschek, De romanar. tribuum orig. et propagat. in Abhandl. des arch.-epigr. Seminars der Univers. Wien, S. 78. Die Tribus, so schrieb Ammianus Marcellinus im 3. Jahrhundert, sind längst müßig, die Centurien sind schlafen gegangen und die Wahlkämpfe haben aufgehört; aber so weit die Erde reicht, wird Rom als Gebieterin und Herrin betrachtet und der Name des römischen Volkes verehrt. L. XIV, 477 . Die Stadt Rom war noch als Kaisersitz das Centrum aller das Reich regierenden Gewalten, der Sammelplatz und Markt aller Schöpfungen der gebildeten Menschheit. Ihre Einwohnerzahl hat wol unter Hadrian und den Antoninen die höchste Ziffer erreicht, aber sie läßt sich nur annähernd auf 1½ Millionen angeben. Friedländer (I, 51) bekennt, daß die Frage nach der Einwohnerzahl Roms mit den jetzt bekannten Daten nur hypothetisch beantwortet werden kann. Pietro Castiglioni ( Della popolazione di Roma, Monograf. della Città di Roma 1878, II, 251 ) nimmt unter Claudius an 950,000 Freie und bis 350,000 Sclaven. Wenn man von dieser Summe die Peregrinen und die Sclaven abzieht, deren Masse mehr als den dritten Teil ausgemacht haben muß, so bleibt die römische Bürgerschaft mit ihren drei Classen zurück, dem Stadtvolk, den Rittern und Senatoren. Da sich diese beiden Stände im Besitze der Staatsämter und auch der Landgüter befanden, und die bürgerlichen Erwerbsquellen durch die Sclavenarbeit geschmälert wurden, sank ein großer Teil des Stadtvolks in den schmachvollen Zustand des auf Staatskosten gefütterten Proletariats herab. Schon Cäsar hatte die Zahl der Getreideempfänger auf 150,000 herabgesetzt, doch stieg sie noch höher. Unter Augustus 210,000, unter Septim. Severus 160,000 Bürger und 40,000 Prätorianer. Die wichtigste Angelegenheit der Stadt war daher ihre Versorgung durch die Getreideflotten von Africa, Aegypten, Sicilien, Sardinien und Gallien. Der praefectus annonae war einer der angesehensten Beamten des Reichs. O. Hirschfeld, die Getreideverwaltung in der röm. Kaiserzeit, Philol. XXIX. Wie jeder andre Kaiser, hat auch Hadrian den römischen Pöbel mit Brod und Spielen beschwichtigt. Er ist freilich mit öffentlichen Lustbarkeiten nicht so verschwenderisch gewesen wie Caligula und Domitian oder wie der siegestrunkene Trajan, aber er hat doch bisweilen 100 und selbst 1000 wilde Thiere jagen lassen. Er warf bei Spielen die herkömmlichen Geschenke unter das Volk aus. Trajan zu Ehren ließ er, was übrigens sehr gewöhnlich war, Balsam und Crocus von den Stufen des Theaters fließen. Der Matidia und Plotina hielt er eine großartige Leichenfeier. Er liebte Schauspiele aller Art und Gladiatorengefechte. Nie verbannte er aus Rom einen Thierjäger oder einen Schauspieler, und wo gab es sonst eine bedeutende Stadt, in welcher er nicht Festspiele veranstaltete? Kein Kaiser hat deren so viele ins Leben gerufen oder erneuert. Seine Olympien bezeugen es. Mit dem Recht sie zu feiern hat er Städte in Griechenland und Asien begabt. Da diese Spiele mit dem Kultus seiner eigenen Göttlichkeit zusammenhingen, so sind sie zugleich die stärksten Zeugnisse der grenzenlosen Eitelkeit Hadrians. In Rom sind solche Olympien nicht gefeiert worden. Das römische Volk behandelte Hadrian aus demselben Gesichtspunkt wie Trajan, und von diesem hat Fronto so geurteilt: »Ich halte es für eine weise Politik, daß der Fürst weder Schauspiele noch Circus und Arena vernachlässigte, weil er wol wußte, daß die Römer besonders durch zwei Dinge, die Getreideausteilung und die Spiele, gekirrt werden; daß die Vernachlässigung des Wichtigen großen Schaden, des Frivolen größeren Haß bringt; daß die Menge hungriger ist nach Spielen als nach Brod, weil durch Congiarien nur der berechtigte Getreidepöbel, durch Schauspiele aber die ganze Masse zur Ruhe gebracht wird.« Fronto, Princ. Hist., S. 249 ( ed. Niebuhr ). Diese Ansicht erinnert an das Wort, welches ein Pantomime dem Augustus sagte: »Wisse, Cäsar, daß es für dich sehr wichtig ist, wenn sich das Volk mit mir und mit Bathyllus beschäftigt.« Es ist gezeigt worden, wie Hadrian das Heer durch ungewöhnliche Spenden, das Volk im Ganzen durch den großen Schuldenerlaß zu gewinnen gesucht hat. Auch die milden Stiftungen des Nerva und Trajan für Knaben und Mädchen hat er erweitert, indem er befahl, daß jene bis zum 18., diese bis zum 14. Jahre verpflegt werden sollten. Digest. XXXIV, 1. 14 . Die Zeit dieses Erlasses ist ungewiß. Ein praefect. aliment. verbunden mit der Wegecuratel zuerst unter Hadrian C. I. L. II , 4310 f. Als allgemeine Behörde beginnen diese Präfecten wahrscheinlich erst unter Commodus. Hirschfeld, Unters. auf dem Gebiet der röm. Verwalt. I, 114 f. – Ueber jene Stiftungen Henzen, Tab. aliment. Baeb. in Annal. d. Inst. 1845. Die Liberalitas, welche auf Kaisermünzen prangt, ist nur zu oft die verlarvte Dienerin der Despotie gewesen und immer das Zeugniß einer zu ungleichen Verteilung der irdischen Güter. Aus dem Staate Platons würde sie zu allererst ausgewiesen worden sein. Indeß wenn auch die Mittel, welche die besten Kaiser Roms zur Tilgung des öffentlichen Elends anwendeten dieses nicht heilen konnten, so bewiesen sie doch eine wachsende Humanität bei wachsender Erkenntniß, daß es die Pflicht des Regierers ist, die Leiden der Menschen zu mindern. Fünftes Capitel. Ritterstand, Senat und Princeps. Das kaiserliche Cabinet. Die beiden bevorzugten Classen der Bürger Roms waren die Ritter und Senatoren, und auch sie hatten ihre staatliche Wichtigkeit eingebüßt. Der römische Ritterstand war zuerst ein Bestandteil des Heers gewesen, dann der niedere Adel Roms, das Mittelglied zwischen der höchsten Aristokratie und dem Volk. Seit dem Gesetze des C. Sempronius Gracchus bildete er eine Rangclasse, welche die zu Richterämtern Befähigten in sich begriff. Ihm gehörten auch die Capitalisten und die Staatspächter an. Der Ritterstand sank in der Monarchie so tief, daß er nur durch die äußerliche Auszeichnung und die Gelegenheit, Reichtümer zu erwerben, wünschenswert erschien. Schon unter Cäsar wurde Rittern die Schmach angethan, als Histrionen freiwillig oder für Geld aufzutreten. Der römische Ritter Liberius, welcher eine von ihm selbst verfaßte Mime recitiren mußte, beklagte im Prolog die ihm auferlegte Beschimpfung. Maerobius Saturnal. II, c. 7: Necessitas, cujus cursus transversi impetum Voluerunt multi effugere, pauci potuerunt, Quo me detraxit paene externis sensibus? . . . Augustus hatte es fruchtlos versucht, den Ritterstand von unwürdigen Elementen zu reinigen. Er wollte ihn zu einer Anstalt machen, worin sich die Söhne der Vornehmen für Offizierstellen und curulische wie kaiserliche Aemter heranbilden konnten. Und gerade deshalb wurde der Ritterstand überfüllt. Man erschlich sich den Eintritt durch Bestechung und Gunst; der gesetzmäßige Census von 400,000 Sesterzien wurde nicht festgehalten. Vergebens war die Erneuerung der Gesetze zur Aufrechthaltung der ritterlichen Würde. Denn die Kaiser selbst verliehen sie nach Laune an Freigelassene, so daß Söhne von Gladiatoren und Kupplern den goldenen Ring trugen und dieser zu einem bloßen Zeichen der Ingenuität herabsank. Friedländer II, 250. Ritter traten fort und fort als Schauspieler und Fechter auf. Unter Nero bildeten sie die kaiserliche Claque als Augustanen. Die besseren Kaiser sind immer wieder zu den Grundsätzen des Augustus zurückgekehrt, indem sie sich bemühten, die hergebrachten Stände Roms zu erhalten, obwol der Geist der Monarchie selbst an der Tilgung aller politischen Körperschaften arbeitete, um an ihre Stelle die Rangclassen der Beamtenhierarchie zu setzen. Die mit dem Staatsroß beschenkten Ritterbürger sollten wieder eine bevorzugte Körperschaft bilden, woraus der höhere Beamtenstand hervorgehe. Noch Alexander Severus hat niemals Freigelassene in den Ritterstand erhoben, weil dieser das Seminar der Senatoren sein müsse. Ael. Lampridius, Alex. Sev. c. 19: seminarium senatorum equestrem locum esse. Es ist Hadrian gewesen, welcher die Machtstellung der Freigelassenen am Hof beseitigte und den Rittern eine neue Laufbahn eröffnete, indem er wesentlich aus ihnen seine Beamten nahm. Er machte Ritter zu Procuratoren des Fiscus und der kaiserlichen Patrimonien, der Münze, der Reichspost, der Bergwerke, der Wasserleitungen, des Getreidemarkts. Es waren meist Ritter, die er zu seinen »Freunden« und »Begleitern« oder zu seinen Secretären wählte, und sie bildeten auch seinen Staatsrat. Spart, c. 22. O. Hirschfeld, Untersuch. I, 30 f. 114 f. 169. Die Präfectur der Annona war von Augustus bis Konstantin eines der höchsten ritterlichen Aemter, und von ihr stieg man zur Präfectur Aegyptens auf. O. Hirschfeld, die Getreideverwalt., S. 46. Auch der Senat war durch die Monarchie so tief herabgekommen, daß der Abgesandte des Pyrrhus in ihm nicht mehr eine Versammlung von Königen, sondern von Fürstendienern würde erkannt haben. Die höchste regierende und gesetzgebende Körperschaft Roms dauerte nur noch als ein politischer Begriff fort, obwol noch immer die Hoheit des römischen Volks in ihm beruhte. Denn der Senat hatte das Recht, den Princeps zu wählen; er bestätigte die Kaiser, so oft sie das Heer erhoben hatte, er gab ihren Adoptionen die Zustimmung und bewilligte ihnen die höchsten Ehrentitel. Er konnte sie rechtlich absetzen oder ihnen nach ihrem Tode die Consecration verweigern. Daher blieb der Kaiser gesetzlich immer nur das Haupt des Senats, der Erste unter Seinesgleichen. Als Octavian im Jahre 27 seine außerordentlichen Gewalten niederlegte und den Titel Augustus erhielt, anerkannte er die Fortdauer der Rechte des Senats, mit welchem er die gesetzmäßige Herrschaft teilte. Er selbst sollte nur der höchste Beamte des souveränen Volkes, nicht sein unverantwortlicher Herrscher sein. Mommsen, R. Staatsr. II², 709 f. Es kam seither darauf an, dieser verfassungsmäßigen Stellung des alten Reichskörpers die Macht zu nehmen und die absolute Gewalt zu entwickeln. Augustus reinigte den Senat, er setzte seine Zahl auf 600 Mitglieder fest, welche mit dem nötigen Vermögen (1,200,000 Sesterzien, etwa 200,000 Mark) ausgestattet wurden. Die Würde des Senats schien demnach hergestellt zu sein, aber da diese gesetzgebende Macht von der vollziehenden ernannt worden war, hatte sie ihre Unabhängigkeit verloren. Gibbon c. 2 . Die Cäsaren haben den Dualismus zwischen Princeps und Senat in einem Kampf von zwei Jahrhunderten Schritt für Schritt zu beseitigen gewußt. Tiberius erhöhte das Ansehen des Senats, um durch ihn das Volk zu beherrschen. Er nahm diesem das Recht der Gesetzgebung und die Magistratswahl und gab sie an jenen. Der Senat wurde das Tribunal für Majestätsverbrechen und die höchste Civilinstanz. Er bestätigte alle Aemter, Würden und Gesetze, kurz jeden Regierungsact, d. h. der Kaiser gab seinem eigenen Willen durch den scheinbaren des Senats die Gesetzlichkeit. Den Knechtssinn desselben hat Tiberius gründlich verachtet, und welches klägliche Werkzeug des Despotismus er geworden war, hat Tacitus gezeigt. Caligula brachte das Recht der Wahl und Gesetzgebung wieder an die Comitien, gab dasselbe aber dem Senat zurück, weil das Volk die ihm neuerteilte Befugniß nicht mehr zu brauchen verstand. Nach der Ermordung des Wahnsinnigen faßten die Senatoren sogar den chimärischen Plan, die Republik herzustellen, aber die Garde setzte Claudius auf den Tron. Nun trat die dritte und furchtbarste Macht im Staate auf, das Heer, welches Rom in eine gesetzlose Militärdespotie zu verwandeln drohte. Das zu verhindern, ein Gleichgewicht zwischen den drei Gewalten herzustellen, war fortan die schwierigste Aufgabe der römischen Regierungskunst, und sie ist mit Hilfe des bewunderungswürdigen Rechts- und Verwaltungssystems durch die Monarchie doch nahezu gelöst worden. Von Claudius aber bis auf die Flavier galt die prätorianische Leibwache mehr als der Senat, welcher zu einem bloßen Verwaltungsrat von 200 Mitgliedern herabgesunken war. Vespasian, ein Emporkömmling aus dem Plebejerstande, bedurfte der Unterstützung des Senats, um seiner Herrschaft Autorität zu geben. Die monarchische Partei in diesem brachte die republikanische zum Schweigen, und die berühmte Lex de imperio entschied zu Gunsten des Principats, indem sie ihm alle Macht nochmals übertrug, welche in der Republik das Volk und der Senat und dann Augustus, Tiberius und Claudius besessen hatten. Es wurde nicht einmal der Versuch gewagt, die absolute Gewalt des Fürsten durch die Feststellung der Rechte des Volkes auch in dem bescheidensten Maße zu beschränken. Die Lex Regia war die Unfähigkeitserklärung des römischen Volks, jemals wieder frei zu sein. Gleichwol hat sie als ein Autoritätsact das Ansehen des Senats gehoben, welchen. die Flavier erkenntlich blieben. Noch nach langen Jahrhunderten konnte der letzte Volkstribun der Römer, Cola di Rienzo, aus diesem Senatsdecret, welches er mißverstand, die unveräußerlichen Rechte des römischen Volkes ableiten. Vespasian brachte den Senat auf 1000 Mitglieder, indem er Männer aus allen Provinzen in ihn aufnahm, und seither wurde keiner Provinz des Reichs außer Aegypten der Zutritt versagt. Seit Domitian ernannten übrigens die Kaiser ganz einfach die Senatoren. Die besseren unter ihnen wahrten dem Senat immer Ehre und Ansehen, weil sie erkannten, daß seine Auflösung der Monarchie die einzige verfassungsmäßige Grundlage rauben würde. Sie schlossen bei ihrer Tronbesteigung gleichsam einen Vertrag mit ihm, wie später die Päpste mit dem Cardinalscollegium. Sie betrachteten ihn als einen eigenen Staatskörper, in welchem theoretisch die Souveränität des Volkes residirte; aber dieser Staatskörper diente ihnen selbst als Werkzeug ihrer Alleingewalt. Man erinnere sich, mit welcher Achtung Hadrian den Senat behandelte. Er entschuldigte sich, das Imperium ohne ihn angenommen zu haben, bat um seine Bestätigung, bekannte sich nur als den Vollstrecker der Verfügungen des Senats und sicherte diesem die persönliche Unverletzlichkeit zu. Er that auch nachher nichts Wichtiges ohne ihn. Spart, c. 8. Er stellte seine Würde her, indem er den Eintritt in die Curie erschwerte. Er sorgte für die standesmäßigen Einkünfte der Senatoren und erneuerte, um ihre Stellung zu wahren, das Gebot, daß kein Senator Gewerbe treiben oder Zölle pachten dürfe. Dio 69, 16. Nur von ihren Standesgenossen, nicht von Rittern, ließ er Senatoren richten. Er nahm die Angesehensten in den Kreis seiner Freunde auf und verlieh Senatoren oft die consularische Würde. Denn der Consulat war bereits auf die Dauer von zwei Monaten herabgesetzt worden, so daß jährlich zwölf und mehr Consuln, kleinere neben den beiden Eponymconsuln ernannt wurden. Unter Commodus gab es in einem Jahr sogar 25 Consuln. Dio 72, 12 . Der Senat bezahlte die Gunst des Kaisers mit völliger Unterwürfigkeit. Münzen verewigten diese Eintracht beider Gewalten; auf einer Medaille steht Roma zwischen einem Senator und Hadrian, diesem die Hand reichend. Cohen II, 172. Ein berühmtes Medaillon Hadrians verzeichnet die Glückwünsche des Senats zum neuen Jahre: Hadrianus Aug. – S. P. Q. R. An. F. F. Hadriano Aug. PP. Froehner, Les Médaillons de l'Empire Romain, Paris 1878, S. 42. Sogar die Libertas publica mit Scepter und phrygischer Mütze prangt auf einer hadrianischen Münze als Theaterfigur, was sie so oft in der Welt gewesen ist. Cohen II, 316. So blieb die Trennung der beiden Verwaltungssphären, in welche sich Princeps und Senat seit der augustischen Konstitution geteilt hatten, bestehen; denn dieser besetzte noch immer die proconsularischen Aemter in seinen an Zahl freilich verringerten Provinzen, während auch die Commandos der Legionen in der Regel an Männer senatorischen Ranges gegeben wurden. Weil aber ein Gleichgewicht der Gewalten nicht durch eine Reichsverfassung geschaffen worden war, blieb der Fürst zügellos. Rom war, seinem Begriffe nach, auch unter den Kaisern Republik, und der vom Senat investirte Herrscher nur ihr höchster Magistrat, und doch war derselbe zugleich ein unumschränkter Despot, dessen Imperium sich weder auf das Gesetz der Erblichkeit noch überhaupt seinem Ursprunge nach auf eine Legitimität stützte, und deshalb nur durch Usurpation rechtlich war. Puchta, Institutionen I, § 86 f. Er hatte seine Person mit allen republikanischen Gewalten des Volks erfüllt, und diese waren auf Octavian nicht durch eine Lex regia übertragen worden, sondern er hatte sie allmälig mit Hilfe seiner Freunde im Senat erlangt. Die proconsularische Gewalt auf Lebenszeit war die Grundlage des Imperium, denn sie verlieh Augustus und seinen Nachfolgern den militärischen Oberbefehl und die richterliche Hoheit auch über die Statthalter in allen Provinzen, während der Tribunat dem Fürsten die dem Volk zustehenden Rechte erteilte, und die consularische Gewalt, welche zu führen oder nicht in seinem Belieben stand, ihn über alle andern Magistrate erhob. Das alte republikanische Priestertum des Pontifex Maximus machte den Kaiser auch zum Haupt der Staatsreligion. Das usurpatorische Wesen des Kaisertums drängte den römischen Staat immer mehr dem Byzantinismus zu. Der Kaiser zog die ganze Administration an sich. Er hatte auch das Münzrecht, da dem Senat nur die Prägung von Kupfergeld gelassen wurde. Die Reichssteuer, das Postwesen, die Wege und Straßen, die Wasserleitungen, die öffentlichen Bauten, die Alimentationen, die Annona und Verpflegung der Stadt Rom, die Spiele, all dies hing einzig vom Kaiser ab. Er bestritt die Ausgaben aus den ihm zugewiesenen öffentlichen Einkünften, wozu auch die senatorischen Provinzen herangezogen wurden. Der Fiscus verschlang das Aerarium des Senats und Volks. Für Asien, die größte Senatsprovinz, bestand ein Fiscus asiaticus , welcher von kaiserl. Procuratoren verwaltet wurde. Hirschfeld, Untersuch. I, 12. Das Wahlrecht der Magistrate besaß der Kaiser gesetzlich nicht, nur die Consuln und die Beamten für seine Provinzen ernannte er selbst; aber sein Einfluß bestimmte die Wahl des Senats, und schon im 3. Jahrhundert, wo der Kampf mit dem Senat zu Gunsten der absoluten Monarchie entschieden war, besetzte der Kaiser alle Aemter. Aemter wurden die stärksten Hebel der Despotie; sie dienten zunächst dazu, dem Monarchen die Stadt Rom unterwürfig zu halten, dann verdrängten kaiserliche Beamte die des Volks und Senats, und das künstliche System des Hofes und seiner Ministerien verschmolz mit der Staatsverwaltung selbst. Die wichtigste Einrichtung von Magistraten, welche die Kaiser neu schufen, war die der Präfecten der Stadt und des Prätorium. Das alte republikanische Amt des Praefectus urbi , einer städtischen Behörde, welche die abwesenden Consuln vertreten durfte, hatte Augustus wieder aufgenommen und Tiberius aus ihm das kaiserliche Polizeiamt Roms gemacht. Der Stadtpräfect, unter welchem die Cohortes urbanae und der Praefectus vigilum standen, hatte Civil- und Militärgewalt, und schon seit Nero richtete er alle nicht politischen Verbrechen. Geib, Gesch. des röm. Criminalprocesses, S. 439. Furchtbarer war seit Tiberius die Macht des Befehlshabers der prätorianischen Leibwache, welche die Stadt dauernd besetzt hielt. Unter Augustus befehligten diese Garde zwei Obersten vom Ritterstande mit rein militärischer Gewalt. Ihre Stellen vereinigte Tiberius, und dies machte den Präfecten des Prätorium zum ersten Beamten nach dem Kaiser, die Garde aber zur Gebieterin des Kaisertums. Nach Tiberius gab es wieder zwei Präfecten, von denen einer freilich den Vorrang haben mußte. Als Präfecten Hadrians sind bekannt Attianus und Sulpicius Similis, dann Q. Marcius Turbo und C. Septicius Clarus. Die Macht dieser Behörde, die bis auf Constantin im Besitze der Civil- und Criminaljurisdiction in Italien blieb, nahm erst seit Alexander Severus so große Verhältnisse an. Geib, S. 417 f. Hadrian selbst gab dem Präfecten des Prätorium eine bevorzugte Stellung im Staatsrat. Die erste Idee eines Cabinetsministerium oder doch eines Collegium von Consularen und Senatoren, von »Freunden und Begleitern« des Fürsten, welche ihm bei seiner Rechtspflege behilflich sein sollten, stammt von Augustus her. Ueber die im kaiserl. Hause hergebrachten Amici und Comites Friedländer I, 117 f., und 190 f. der Katalog der Freunde Hadrians. Hadrian scheint dieses Consilium von Privatpersonen zu einem wirklichen Staatsrat gemacht zu haben, er hat in ihm besoldete Mitglieder und wirkliche Rechtsgelehrte angestellt, wie Julius Celsus, Salvius Julianus, Neratius Priscus und andere. Spart, c. 18, c. 22. Dio 69, 7. Die Mitglieder des Consilium bestätigte in der Regel der Senat, und dieser wurde gerade durch ihn allmälig von der Rechtspflege, welche er besaß, wie von der Regierung verdrängt. Denn der Staatsrat setzte sich an die Stelle des Senats, so daß schon zur Zeit Ulpians die senatorische Gerichtsbarkeit zu einer Sage geworden war. Geib S. 417. 419. Seit dem Ende des 2. Jahrhunderts scheint der Praefectus praetorio den Vorsitz im Consilium geführt zu haben: der Gardeoberst wurde zum Rechtsgelehrten, und Männer wie Ulpian, Papinian und Paulus konnten als wirkliche Justizminister angesehen werden. Niebuhr, R. Gesch., Jena 1845, V, 320. Ueber das Consilium Mommsen, R. Staatsrecht II, 2. 923 f.; Hirschfeld, Untersuch. I, 201; Friedländer I, 1176; Geib a. a. O. Auch die kaiserliche Kanzelei hat Hadrian neu geordnet. Seit Augustus gab es drei große die Reichsverwaltung umfassende Palastämter, die Direction der Finanzen ( a rationibus ), den Secretariat ( ab epistolis ), und das Bureau für Bittschriften ( a libellis ). Diese drei Procurationen wurden im ersten Jahrhundert durch kaiserliche Freigelassene verwaltet; sie gaben ihnen deshalb einen so allmächtigen Einfluß, daß sie eigentlich das Reich regierten. Der Procurator a rationibus erstreckte seine Macht über das gesammte Reich, weil alle Einkünfte des Fiscus von ihm verwaltet und alle Ausgaben von ihm angewiesen wurden. Der Vorstand des Secretariats hatte die kaiserlichen Correspondenzen in ihrer ungeheuren Ausdehnung zu besorgen. An ihn liefen die Depeschen und Berichte über die Zustände im Reiche ein, und von ihm gingen die Entscheidungen des Kaisers aus. Von seinem Cabinet wurden Anfragen der Behörden und Gemeinden beantwortet, Patente an Officiere des Heers und kaiserliche Privilegien ausgefertigt. Die beiden Weltsprachen bedingten auch die Teilung dieses Cabinets in die Bureaus für lateinische und griechische Briefe. Vor Hadrian standen diese unter einer und derselben Direction und erst durch ihn wurden sie getrennt. Es lag in der Natur dieses Sekretariats und namentlich seiner griechischen Abteilung, daß es von literarisch ausgezeichneten Männern, von Rhetoren und Sophisten verwaltet wurde. Der lateinische Secretär Hadrians war zuerst Sueton, sein griechischer Avidius Heliodorus aus Syrien, ein philosophisch gebildeter Mann, welcher später in seine Ungnade fiel, dann aber unter Antoninus die Präfectur Aegyptens erhielt. Waddington, Mém, sur Ael. Aristide in Mém. de l'Inst. T. XXVI , 1867 S. 217. Der Sohn des Heliodorus war Avidius Cassius, Rebell gegen M. Aurel. Secretär Hadrians war auch L. Jul. Vestinus, G. I. G. 5900 ; Friedländer I, 99 f., Anh. III, 165. Ein vierter, namenloser aus einer Inschrift von Ephesus, und wahrscheinlich war es auch Celer; ibid. Minder einflußreich war die Stellung des Dirigenten der Section für Bittschriften und Beschwerden von Privatpersonen ( a libellis ), welche unter Hadrian der Ritter Titus Haterius Nepos verwaltete. Die Antworten des Kaisers erfolgten als kurze Bemerkungen auf der Eingabe selbst, und solche dienten seit Hadrian als Norm für ähnliche Fälle. Hirschfeld I, 207. Dieser Kaiser besetzte die großen Hofämter überhaupt mit Rittern. Wenn auch das Rechnungsamt ( a rationibus ) noch nach ihm bisweilen von Freigelassenen bekleidet werden mochte, so hatte er doch dasselbe zu einer ritterlichen Procuratur gemacht. Hirschfeld I, 201 Während vor ihm Freigelassene die wichtigsten kaiserlichen Verwaltungsämter in Händen hatten, machte er diesen Gunstverhältnissen ein Ende, indem er solchen Aemtern den persönlichen Charakter nahm und sie zu Magistraturen umschuf. Aus dem Ritterstande hat erst Hadrian einen kaiserlichen Beamtenstand gezogen und die civile Laufbahn der Procuratoren und Präfecten mit ihren Rangstufen geschaffen, welche der gesammten Verwaltung ein bureaukratisches Gepräge gab. So bezeichnen seine Reformen eine Epoche in der Ausbildung der absoluten Monarchie. Schon Hadrian ist es gewesen, der die Grundlage für den diocletianischen und constantinischen Staat gelegt hat. Aurelius Victor konnte daher von ihm sagen, daß er die öffentlichen und höfischen Aemter in diejenige Form brachte, welche im Allgemeinen bis auf seine Zeit, das 4. Jahrhundert, fortgedauert hat. Den beginnenden Byzantinismus des Aemterwesens bezeichnet der Gedanke des Alex. Severus, die Beamtenuniform einzuführen. In animo habuit omnibus officiis genus vestium proprium dare et omnibus dignitatibus, ut a vestitu dinoscerentur, Lamprid., Al. Sever. c. 27. Sechstes Capitel. Das römische Recht. Das Edictum perpetuum . Die Responsa. Römische Rechtsgelehrte. Die Senatsbeschlüsse und kaiserlichen Constitutionen. Reformatorischer Geist der hadrianischen Gesetzgebung. Die Regierung Hadrians bildet auch in der Gesetzgebung eine Epoche, sowol durch die wissenschaftliche Behandlung des Rechts, als durch die philosophischen Grundsätze in Bezug auf die rechtlichen Verhältnisse überhaupt. Zunächst hat sich dieser Kaiser durch das Edictum perpetuum verdient gemacht. Die jährlichen Edicte solcher Magistrate, welche, wie Prätoren, Aedilen und Statthalter der Provinzen, das Recht der Gesetzgebung ( jus edicendi ) hatten, wurden beim Amtsantritt derselben öffentlich als ihr Rechtsprogramm aufgestellt. Sie waren nebst den Gesetzen des Volks und Senats die Urquellen des die Welt durchströmenden römischen Rechts. Den Plan, solche Edicte zu sammeln, hatte schon Cäsar gehabt, aber erst Hadrian hat ihn, wahrscheinlich im Jahre 131, durch den Juristen Salvius Julianus ausgeführt, den Urgroßvater des Kaisers Didius Julianus. Nur Hieron. ( Chron. ) gibt das Datum a. 131 . Eutrop. VIII, 9. Spartian und Dio schweigen. Die Constit. Tanta im Cod. Justin., L. I, Tit. XVII, § 18 , schreibt ausdrücklich dem Salv. Julianus und Hadrian die Composition des Ed. perpet. zu und läßt dasselbe durch ein Senatsconsult bestätigen, wovon die griechische Constit. Δέδωκεν nichts hat. Die Sätze des Edicts sind gesammelt von G. Hänel, Corpus legum ab Imp. R. ante Justinian. editar. , Rudorf, De jurisdictione edictum; edicti pepetui, quae reliqua sunt , 1869; Otto Lenel, Das Edict. perpetuum , ein Versuch der Wiederherstellung, 1883. Im Allgemeinen Rudorf, Röm. Rechtsgesch. I, 268 f. Da sich von diesem julianischen Buche keine vollständigen Exemplare, sondern nur Sätze in den juristischen Schriften, namentlich den Digesten, erhalten haben, so ist sein Charakter streitig geblieben. So viel ist ergründet worden, daß die hadrianische Reform des Edicts kein durchaus neues Gesetzbuch geschaffen hat. Der neueste Forscher über diesen Gegenstand hält das Edictum perpetuum nicht für ein systematisches Ganze, wie unsre Civilproceßordnung, auch nicht für die Codification eines bestimmten Teiles des römischen Rechts, sondern glaubt, daß sein Inhalt sich meist durch historische Zufälligkeiten bestimmt habe. Lenel S. 9 f. – Aus dem Ausdruck componere ( edictum composuit ) ist auf eine wissenschaftliche Bearbeitung durch Julian geschlossen worden. Das hadrianische Edict wurde durch einen Senatsbeschluß zum Reichsgesetz gemacht und galt so als eine Norm für das Recht. Zwar fuhren die Magistrate fort zu ediciren, aber sie blieben an das julianische Gesetzbuch gebunden, welches allen Jurisdictionen zugestellt wurde. Brinz, Zur röm. Rechtsgesch. in Krit. Vierteljahresschr. für Gesetzgeb. XI, 471. So schritt Hadrian weiter auf dem Wege jener gleichmäßigen Rechtsverwaltung im Reich, welche endlich das römische Recht zum Gesetz der Welt gemacht hat. Die Jurisprudenz war längst eine Macht im Staat und die einzige Wissenschaft der Römer. Die Aussprüche der Rechtsgelehrten ( responsa prudentum ) bildeten eine angesehene Quelle des Rechts. Gaius spricht sich so darüber aus: »Die Antworten der Juristen sind Aussprüche und Meinungen derjenigen, welchen es erlaubt ist, Rechtssätze zu machen. Wenn die Sentenzen aller übereinstimmen, so erhält ihre Ansicht Gesetzeskraft; wenn sie uneins sind, so darf der Richter nach Belieben einer Meinung folgen, und dies wird durch ein Rescript des göttlichen Hadrian bestimmt.« Gaius I, § 7. Das Ansehen der Rechtsgelehrten erhielt sich, obwol die Kaiser nach dem Vorgange des Augustus ihre Unabhängigkeit dadurch zu beschränken suchten, daß sie das Jus respondendi wie eine Auszeichnung verliehen. Die Autorität der Juristen hat Hadrian vollkommen anerkannt. Puchta, Instit. I , S. 324. Seine Zeit ist durch eine Menge bedeutender Rechtsgelehrten ausgezeichnet. Es glänzten damals Juventius Celsus, welcher 39 Bücher Digesten, Neratius Priscus, der 7 Bücher Membranarum schrieb, und jener Salvius Julianus, dessen Hauptwerk 90 Bücher Digesten umfaßte. Etwas jünger war Sextus Pomponius, der ein Compendium der Geschichte der Jurisprudenz bis auf Hadrian geschrieben hat. Namhaft waren Javolenus Priscus und Pactumeius Clemens, Stadtpräfect und Legat Hadrians in Athen, in Syrien, in Cilicien, und Consul suffectus im Jahre 138. Renier, Inscr. de l'Algérie 1812. Ihnen gleichzeitig und unter den Antoninen thätig sind Aburnus Valens, Vindius Verus, Volusius Mäcianus, Ulpius Marcellus und der berühmte Gaius. Diese und andre Männer überlieferten ihr wissenschaftliches Material und ihre Rechtsanschauungen den großen Juristen des folgenden Jahrhunderts. Capitolin., Anton. Pius, c. 12; Dig. I, 2 . – Die fünf großen Juristen, Gaius zur Zeit der Antonine, Aemilius Papinianus unter Septim. Severus, Julius Paulus, Domitius Ulpianus, Herennius Modestus, wurden durch die Const. Valentinians III a. 426 zu gesetzlichen Autoritäten erklärt. Cod. Theod. L. I, Tit. 4. Die andern Hauptquellen des Rechts waren die Senatsbeschlüsse und die kaiserlichen Constitutionen. Nachdem die Volksgesetzgebung außer Kraft getreten war, ging das republikanische Recht, Gesetze zu erlassen, auf den Senat über. Seine Consulte traten an die Stelle der Leges. Indeß der Wille des Kaisers bestimmte den Senatsbeschluß, indem er entweder die Consuln schriftlich mit seiner Absicht bekannt machte oder eine Rede ( oratio principis ) lesen ließ. Seit Augustus trugen die Senatsbeschlüsse Namensbezeichnungen, die von ihren Urhebern oder den Consuln, oder den Kaisern selbst hergenommen waren. Plancianum, Silanianum, Claudianum, Neronianum, ex auctoritate D. Hadriani , oder auctore D. Hadriano , denn die Bezeichnung Hadrianianum findet sich nicht. Die Senatsbeschlüsse unter Hadrian sind zusammengestellt bei Burchardi, Staats- und Rechtsgesch. der Römer, § 106. Die meisten civilrechtlichen Senatsgesetze fallen in die Zeit von Claudius bis Sept. Severus. Puchta, Instit. I , 295. Sodann wurden die Edikte und Responsa, die Rescripte, Decrete und Mandate der Kaiser eine neue Rechtsquelle unter dem Begriff der Constitutiones principum . Gaius I, § 3 . Sie mußten um so mehr Gewicht haben, als der Kaiser zeitlebens das Recht der Gesetzgebung hatte, während die Magistrate jährlich wechselten, ihre Verfügungen daher nur ein Jahr dauerten, wenn dieselben nicht von den Nachfolgern aufgenommen wurden. Epistolae und Sententiae Hadrians sind von Dositheus zu Anf. saec. 3 aufgezeichnet. Corp. juris romani Antejustiniani von Böcking, 1831; Hänel, Corpus Leg. , S. 85 f. Dositheus indeß gibt nur einen Brief Hadrians an Plotina, und die Sententiae sind persönliche Aussprüche des Kaisers in Form von Anekdoten. Die Reihe der uns aufbewahrten Senatsconsulte und Constitutionen hadrianischer Zeit bekundet einen Fortschritt der Menschlichkeit in Bezug auf das Personen- und Civilrecht. Die harte römische Gesellschaft, welche auf der schrankenlosen väterlichen Gewalt, der Unmündigkeit des Weibes und der Sclaverei beruhte, erlitt die Einflüsse der stoischen Philosophie, und ihre Wirkung im Zeitalter Epiktets war mächtiger als die Idee des Christentums, obwol auch diese bereits mit tausend Fäden die Welt durchzog. Aus dem Kosmopolitismus Roms entwickelte sich eine mildere Gesinnung, in welcher der Begriff von dem, was eine spätere Epoche die Menschenrechte genannt hat, in dem Bewußtsein der Gesetzgeber sich zu regen begann. Da sich zur principiellen Verwerfung des Sclavenwesens noch kein Gesetzgeber aufzuschwingen vermochte, so konnte es sich nur um die Milderung desselben handeln. Die alten rohen Gesetze, wonach der Herr das Recht über Leben und Tod seiner Sclaven besaß, so daß er diese für das geringste Vergehen stäupen und kreuzigen durfte, hatte die Zeit allmälig reformirt. Durch die Lex Petronia (61 n. Chr.) war es dem Herrn untersagt worden, seine Sclaven willkürlich zum Thierkampf zu verdammen, und ihnen war die Flucht an die Bildsäule des Kaisers und in die Asyle gestattet. Aber noch Augustus hatte das Gesetz der Republik bestätigt, wonach im Falle der Ermordung eines Herrn durch seinen Sclaven alle Mitsclaven desselben hingerichtet wurden. Tacit., Ann. XIV , 42 f. Zur Zeit Neros starben so einmal 400 Sclaven. Erst Hadrian verbot die Folterung der Sclaven eines Hauses, dessen Herr ermordet worden war. Nur solche, die ihre Nähe am Ort der That verdächtig machte, erlagen diesem schrecklichen Gesetz. Dig. 29, 5, 1; 48, 18, 1. Er verbot die willkürliche Tödtung eines Sclaven durch seinen Herrn. Spart, c. 18: Servos a dominis occidi vetuit, eosque jussit damnari per judices, si digni essent . Indeß hat Geib (Gesch. des röm. Criminalprocesses, S. 459) nachgewiesen, daß diese Verordnung nur ein Pium desiderium blieb, und selbst Antoninus verbot nur die unmotivirte Tödtung eines Sclaven. Er untersagte den Verkauf von Sclaven und Sclavinnen an Fechtschulen und Kuppler. Spart, c. 18. Mit fünf Jahren Exil bestrafte er eine Matrone, die ihre Sclaven mißhandelt hatte. Dig. I, 6, 2. Er beschränkte die willkürliche Gewalt des Herrn, aber sein Recht selbst achtete er so sehr, daß er einst dem Volk die Freilassung eines Wagenlenkers verweigerte, weil er dazu nicht befugt sei. Als er einmal einen seiner eigenen Sclaven zwischen zwei Senatoren einhergehen sah, bestrafte er ihn wegen dieser frechen Ueberhebung. Hadrian hob auch die Ergastula auf, jene entsetzlichen Gefängnisse, in welchen Besitzer auf den Landgütern ihre geketteten Sclaven eingeschlossen hielten, und mit diesen scheinen auch widerrechtlich versclavte Freie dasselbe Los geteilt zu haben. Spart, c. 18: Ergastula servorum et liberorum tulit. Gaius I, 53. Er schützte die Freiheit auch derer, welche unrechtmäßig zu den Bergwerken ( in opus metalli ) verurteilt worden waren. Diese furchtbare Strafe zog den Verlust der Freiheit nach sich, sie sollte daher nur lebenslänglich sein. War sie jedoch durch ein Versehen des Richters auf Zeit verhängt worden, so sollte nach einer Verordnung Hadrians der Verurteilte doch den Stand des Freien behalten. Dig. 48, 19. 28. Die Vernichtung des Status libertatis konnte nur mit der Lebensstrafe oder einer lebenslänglichen Strafe vereinbar sein. Die durch Freilassung erworbenen Rechte hat Hadrian gegen den Staat und den privaten Egoismus zu schützen gesucht. Er untersagte die Manumission, so oft sie zum Zweck des Betruges von Gläubigern oder Familienmitgliedern geschah; Gaius I, 47. Dazu Dosithei Lib. III . Böcking § 10. aber er schützte die fideicommissarisch Freigelassenen gegen Versuche, das Testament umzustoßen; er verordnete sogar, daß ein Sclave, welcher durch ein später als ungültig erkanntes Legat die Freiheit erhalten hatte, sich durch eine Geldsumme loskaufen durfte. Dig. 24, § 21. Cod. Justin. 2 de fideicomm. libertat. (VII, 4), bei Champagny, Les Antonins II, 43 . Nach dem Senatus consultum Claudianum , einer Ergänzung der Lex Julia de adulteriis , war über die Verbindung von freien Frauen mit Sclaven festgesetzt, daß, wenn solche ohne Vorwissen des Herrn geschehen, sie als Sclaven, wenn mit seinem Willen, als Freigelassene zu betrachten seien. Blieb das Weib frei, so war ihr Kind Sclave. Hadrian veränderte dies Gesetz dahin, daß auch das Kind frei sein sollte. Tacit., Annal. XII, c. 53. Gaius I, 84. Die Grundlage für diese Senatsbeschlüsse war die im Jahre 4 n. Chr. erlassene Lex Aelia Sentia , wonach ein Insolventer und ein Herr unter zwanzig Jahren Sclaven nicht frei lassen durften. Dies Gesetz bestimmte, daß der zum Latinus gewordene Manumissus, wenn er eine Römerin oder eine latinische Colonistin geheiratet und schon einen einjährigen Sohn hatte, Bürger werden durfte. Unter Tiberius wurde die Lex Junia Norbana hinzugefügt, welche den durch Privaterklärung des Herrn frei gewordenen Sclaven die Latinität verlieh ( Latini Juniani ). Heinecc., Antiq. R. I, 4; 5, 14. Ulpian, Fragm. XIX, 4 XX, 8; XXV, 7. Schon Trajan hatte verordnet, daß wer sich ohne Willen des Herrn das römische Bürgerrecht durch ein Beneficium vom Kaiser erworben hatte, zwar lebenslang in dessen Genuß bleiben, im Tode aber als Latinus gelten solle; dies deshalb, weil mit dem Jus Quiritium das Testamentrecht verbunden war, und so die Herren oft erblos wurden. Der Latinus Junianus aber besaß nicht das Recht zu testiren. Nur wer das Bürgerrecht gesetzmäßig erworben oder die Bewilligung des Patrons erlangt, geheiratet und ein Kind erzeugt hatte, blieb im Recht des Vollbürgers. Hadrian fand jenes trajanische Gesetz unbillig, weil es Freigelassenen im Tode nahm, was sie im Leben besessen hatten; er ließ daher durch den Senat verfügen, daß jene so verbleiben sollten, als wenn sie durch die Lex Aelia Sentia oder das Senatsconsult das römische Bürgerrecht erlangt hätten. Gaius III, § 73. Ueberall zeigt sich in der Gesetzgebung Hadrians das Bestreben, die Zahl der freien Bürger zu mehren. So verordnete er auch, daß die Kinder eines Latiners und einer Römerin als geborene römische Bürger zu betrachten seien. Gaius I, § 30. 81. 84 UIp., Fragm. I, § 15. Die absolute Gewalt des Vaters über Leben und Freiheit der Kinder, wie sie das Zwölftafel-Gesetz festgestellt hatte, wurde beschränkt. Dies Recht floß aus der römischen Civität, und Hadrian bestimmte durch ein Edict, daß nur ein römischer Bürger die väterliche Gewalt haben sollte. Gaius I, § 55. Ulp., Fragm. V. § 1. (Instit. Lib. I, Tit. IX.) Er erschwerte sie bei Peregrinen. Wenn diese mit ihren Kindern das römische Bürgerrecht erlangt hatten, so durften die Kinder nur dann in der Potestas patria sein, wenn sie unmündig und abwesend waren und der Fall eine rechtliche Prüfung erhalten hatte. Gaius I, § 93. 94. Dazu ward bestimmt, daß wenn jemand mit einer schwangeren Frau das römische Bürgerrecht erhalten hatte, das Kind, obwol jetzt ein römischer Bürger, doch nicht in die Potestas patria kommen solle. Oft flehten Söhne den Kaiser an, sie aus dieser Gewalt zu befreien. Trajan hatte einmal einen Vater gezwungen, seinen Sohn, welcher die grausame Behandlung nicht länger ertragen konnte, zu entlassen; und Hadrian bestrafte einen Vater, welcher seinen Sohn, der mit der Stiefmutter verkehrte, auf der Jagd getödtet hatte, mit der Verbannung, aber nur als Straßenräuber, und dieser Fall lehrt, daß der mörderische Mißbrauch der väterlichen Gewalt in der Zeit Hadrians noch nicht als Parricidium bestraft werden durfte. Dig. 48, 9, 8. Die Rechtsgeschichten verzeichnen die Reformen Hadrians in testamentarischen und erbschaftlichen Verhältnissen. Wie Trajan war auch er gerecht und liberal. Beide Kaiser verschmähten es, Erbschaften an sich zu reißen, was von Caligula, Nero und Domitian mit despotischer Willkür geschehen war, da sie Testamente, in welchen sie nicht bedacht worden waren, einfach zu cassiren pflegten. Schon Trajan hatte durch ein Edict diese Mißbräuche aufgehoben, und auch Hadrian hat niemals Erbschaften auf Kosten der Kinder angenommen. Spart c. 18. Er ließ sogar den Kindern der zur Vermögensconfiscation Verurteilten den zwölften Teil des väterlichen Erbes, eine humane Bestimmung, welche im Zusammenhange stand mit dem Princip des Kaisers, die Majestätsverbrechen nicht mehr zuzulassen. Spart, c. 18. Sein Grundsatz war, das Reich mit Menschen, nicht den Fiscus mit Geld zu mehren. Dig. 48, 20, 7. Neue Gesetze milderten auch die bisherige Unmündigkeit des Weibes. Bis auf Hadrian galt die Bestimmung, daß keine Römerin ein Testament machen dürfe; erst von Hadrian wurde den Frauen dies durch ein Senatsconsult erlaubt. Gaius I, § 115. Hadrian gab auch den Veteranen ( dimissis militia ) das Testatrecht. Gaius II, 12. Er gab ihnen auch das Recht, ihre verstorbenen Kinder zu beerben, wenn sie das Jus trium liberorum besaßen. Ulp., Fragm. XXVI, 8. Das Drei-Kinderrecht gemäß der Lex Julia und Papia Poppaea verlieh manche Privilegien. Als eine arme Frau ihn bat, ihr vom Congiarium des Sohnes, der sie unkindlich behandle, etwas zukommen zu lassen, und der Sohn erklärte, daß er sie nicht als Mutter anerkenne, antwortete Hadrian: und ich erkenne dich nicht als römischen Bürger an. Dosithei Magistri Interpret. Lib. III, ed. Böcking, § 14. Selbst das Gefühl erhöhter Achtung des Weibes spricht sich in der hadrianischen Verordnung aus, welche das gemeinschaftliche Baden von Frauen und Männern, wie es seit Domitian gewöhnlich geworden war, untersagte. Spart, c. 18. Dio 69, 8. Heliogabalus erlaubte wieder die Balnea mixta , so daß sie Alex. Severus nochmals verbieten mußte. Lamprid., Alex. Sever. c. 24. Ein Grammatiker Dositheus hat unter Septimius Severus eine Reihe von Sentenzen Hadrians gesammelt, welche darthun, daß scharfsinnige Rechtssprüche des Kaisers sich als Anekdoten im Gedächtniß der Menschen erhielten. Im Ganzen darf das Urteil gefällt werden, daß die hadrianische Gesetzgebung einen sittlichen Fortschritt im Bewußtsein der menschlichen Gesellschaft bezeichnet. Was dieser Kaiser für die ganze Verwaltung des Staats gethan hat, war wol so umfassend, daß seine Regierung im Allgemeinen eine Epoche in der Monarchie zu nennen ist; und sie würde als solche noch bedeutender hervortreten, wenn die Urkunden der Zeit uns minder trümmerhaft erhalten wären. Siebentes Capitel. Wissenschaft und Gelehrtentum. Die lateinische und die griechische Literatur. Gelehrte Schulen. Athen. Smyrna. Alexandria. Rom. Der Kaiserhof ist seit Augustus von großem Einfluß auf das wissenschaftliche Leben im Reich gewesen. Die Bildung der Zeit zu besitzen und sie als Mäcen zu befördern war für jeden römischen Monarchen ein dringendes Gebot. Keine Monarchie irgend in der Welt hat die Wissenschaft höher geachtet als die römische, und kein andrer Herrschertron eine so lange Reihe von gebildeten Fürsten aufzuweisen. Aber die Hofgunst raubte doch der Wissenschaft die freie Entwicklung. Schon unter Augustus und Tiberius wurde die Censur ausgeübt; die Flavier vertrieben die Philosophen aus Rom als Feinde der Monarchie. Die Despotie des ersten Kaiserjahrhunderts machte die Literatur unfruchtbar, bis Nerva den Geistern die Freiheit wiedergab. Mit Trajan kam der fürstliche Mäcenat und das vom Hof abhängige Gelehrtentum wieder in Blüte. Ganz besonders zog dies Hadrian groß. Er selbst hatte sich das gesammte Gebiet der ernsten und schönen Literatur wie der Kunst als Mann von Geist zu eigen gemacht. Spartian sagt von ihm: »Er war unter den Philosophen mit Epiktet und Heliodorus innig befreundet, und um nicht alle zu nennen, so umgab er sich mit Grammatikern, Rhetoren, Musikern, Geometern, mit Malern und Astrologen. Selbst Gelehrte, die in ihrem Fach untauglich erschienen, pflegte er mit Geschenken und Ehren zu entlassen. Spart, c. 16. Diese Richtung dauerte auch unter den Antoninen fort. Wie damals ein Prinz erzogen wurde, lehrt das Beispiel des Verus; er hörte den Grammatiker Scaurus, dessen Vater der Lehrer Hadrians gewesen war, die Rhetoren Apollonius, Celer, Caninius, Herodes Atticus, die Philosophen Apollonius und Sextus, und für die griechischen Studien den Telephus, Hephästion und Harpokrates. Capitolin., Verus Imp. c. 2. Lehrer und ihre fürstlichen Schüler blieben sogar in einem Verhältniß, welches die Schule fortzusetzen schien. Dies zeigt der Briefwechsel Frontos mit den Antoninen und die Art, wie Marc Aurel von seinen vielen Lehrern spricht. Hadrian hat freilich seine Hofgelehrten oft zur Zielscheibe seiner Laune gemacht, welche zwischen Urbanität und Tyrannei zu schwanken pflegte; doch hat er überall das Wissen befördert. Wenn die echte Wissenschaft nicht mehr zur Blüte kam, so war dies nicht seine Schuld. Sein eigener Geschmack ist das Product der Zeit gewesen, und geistige Strömungen können auch von den mächtigsten Monarchen nicht beherrscht werden. Die Literatur, welche niemals vorher ein so großes Gebiet besaß, als das römische Reich jener Zeit war, hätte bei vollkommener Lehr- und Denkfreiheit seit Nerva einen mächtigen Aufschwung nehmen können, wenn nicht die Schöpferkraft in ihr bereits erloschen gewesen wäre. Rhetorik und Grammatik herrschten im 2. Jahrhundert, welches keinen classischen Dichter noch großen Prosaschriftsteller mehr hervorbrachte. Die encyklopädische Vielwisserei war das Wesen einer Zeit, in der sich das Römertum zum Weltbewußtsein erweitert hatte. In den Künsten brachte sie es zu einer Renaissance der Stilform ohne Ideengehalt, und in der Literatur zeigt sich eine nur philologische Rückkehr zum Altertum ohne Gedankenkraft. Etwas grell ist dies in Bezug auf die Literatur entwickelt von Martin Hertz, Renaissance und Rococo in der röm. Lit., Berl. 1865. Siehe auch G. Bernhardy, Grundr. der griech. Lit., 5. Aufl., S. 323 f. Diese Richtung ins Antiquarische war schon lange bemerkbar, und vielleicht nur Verirrung des Geschmacks überhaupt, und nicht, wie Niebuhr geglaubt hat, aus dem Bedürfniß entsprungen, die verarmende lateinische Sprache mit dem Wortschatz der ältesten Autoren zu bereichern. Vorträge über röm. Gesch. III, 231. Niebuhr glaubte auch, daß sich damals die Lingua rustica ausbildete. Aus der Barbarei der lat. Inschriften ist aber schwerlich ein Schluß auf die Sprache im Ganzen zu ziehen, Ueber die Reaction gegen die moderne Literatur jener Zeit Friedländer III, 335 f. Schon Augustus war gegen die philologische Altertümelei aufgetreten, die er an Tiberius tadelte. Sueton, Aug. c. 86. Das Wolgefallen Hadrians und der Antonine an dunkeln und veralteten Sprachformen erscheint wie eine Rococomode der Kaiserzeit überhaupt. Spartian sagt, daß Hadrian den Cato dem Virgil, den Cölius Antipater aus der Gracchenzeit dem Sallust vorgezogen habe. Und so soll er auch Platon mißachtet und Antimachus, den Vorläufer der alexandrinischen Kunstdichtung in der Zeit des peloponnesischen Krieges, über Homer gestellt haben. Spart, c. 16. Dio 69, 4. Während das Interesse an der römischen Literatur sank, nahm die griechische einen neuen Aufschwung, und Hellenen, nicht Lateiner, waren die besten Talente jener Epoche. Der Glanz einer neu aufblühenden Literatur voll schimmernder Pracht der Declamation, welche aus der Sophistenschule Smyrnas ihren Ausgang nahm, stellte die lateinische Sprache in Schatten. Nicolai, Griech. Literaturgesch. II, 425 f. Diese hatte freilich das Abendland und auch Africa mit erstaunlicher Schnelligkeit erobert, und sie behauptete auch im Orient als Sprache des Gesetzes und der Verwaltung das Vorrecht der herrschenden Nation; Im Abendlande gab es mehr latein. als griech. Schulen. Bei Philostrat. ( Vita Soph. vol. II, 9 ) sieht es Favorinus als eine Merkwürdigkeit an, daß er, ein Gallier, griechisch rede. Das Griechische, früher in Marseille und Lyon überwiegend, war dort zurückgedrängt. Doch hat Lucian jahrelang als Rhetor in Gallien gelehrt. doch wich sie in der Literatur und selbst in der aristokratischen Gesellschaft der Uebermacht des Hellenentums. Das Griechische stand als Cultursprache zum Lateinischen in demselben Verhältniß wie zur Zeit Friedrichs des Großen das Französische zum Deutschen, und dies Sprachverhältniß war älter als die Monarchie. Schon Cato hatte den Albinus getadelt, weil er eine römische Geschichte griechisch schrieb. In griechischer Sprache schrieb auch Lucullus den marsischen Krieg und Cicero die Geschichte seines Consulats. Claudius verfaßte tyrrhenische und karthagische Geschichten griechisch, und Titus dichtete griechische Trauerspiele. Der Sophist Aelianus aus Präneste, wie es scheint ein Zeitgenosse Hadrians, schrieb seine Werke »Allerlei Geschichten« und »Ueber die Thiere« griechisch und galt als vollkommener Grieche. Philostrat., Vita Soph., Vol. II, 123. Auch der Philosoph Favorinus, ein Gallier, studirte mit Leidenschaft die hellenische Literatur, und Gellius pries vor der lateinischen die griechische Sprache, wie schon früher Lucrez die Armut seiner Muttersprache beklagt hatte; ein Urteil, welches auch der jüngere Plinius in einem Briefe an Arrius Antoninus bestätigte, und auch dieser Oheim des Antoninus Pius war ein vollendeter Hellenist. Plin., Ep. IV , 3 und 18. Hadrian selbst schrieb mit Vorliebe griechisch, und so nach ihm Marc Aurel. Dasselbe that Fronto, während auch Sueton und Apulejus in beiden Sprachen Schriften verfaßten. Freilich hat das hadrianische Zeitalter auch unter den Griechen keine bahnbrechenden Genies mehr hervorgebracht, aber doch eine verfeinerte hellenische Weltbildung durch das ganze Reich ergossen. In allen ansehnlichen Städten blüten Schulen in einer oder in der andern Cultursprache oder in beiden zugleich. Während Rom der weltbürgerliche Mittelpunkt der Künste und Wissenschaften war, glänzten Smyrna, Alexandria und Athen als die Hauptsitze des Hellenismus. Seit Hadrian wurde Athen wieder eine gesuchte Universität der Philosophie und Redekunst. Ihre Hörsäle und Bibliotheken, welche dieser Kaiser vermehrt hatte, zogen berühmte Lehrer und zahlreiche Studirende aus allen Provinzen an. Ad capiendum ingenii cultum , Gellius I, 2. Ueber die Bibliothek Athens Aristides, Panathenaikos I, 306 ( ed. Dindorf ): βιβλίων ταμει̃α, οι̃α ουχ' ετέρωθι γη̃ς φανερω̃ς Von dort strömten dann die Sophisten in die römischen Länder und gewannen Ehren und Reichtümer. In Athen war der erste öffentliche Lehrer der gefeierte Lollianus aus Ephesus. Der Sophist Hadrian, welcher den Lehrstul erst dort, dann später in Rom inne hatte, erhielt von Marc Aurel freien Tisch auf Staatskosten, den Vorsitz bei feierlichen Gelegenheiten, Befreiung von Abgaben, Priesterstellen und andre Ehren. Philostr., Vita Soph., Vol. II, 10. Theodot war der erste Lehrer der athenischen Jugend, der vom Kaiser 10,000 Drachmen Gehalt bezog. Philostr., Vita Soph., Vol. II, 73. Fast noch heller als Athen glänzte Smyrna, das Haupt der jonischen Sophistenschule. Ganz Jonien, so sagt Philostrat im Leben des Skopelianus, ist ein Museum der gelehrtesten Männer, aber unter den Städten nimmt Smyrna die erste Stelle ein, und sie gibt den Ton an, wie die Cither vor andern Instrumenten. Vita Soph., Vol. II, 29. Dort lehrte Polemon und zog zahllose Zuhörer herbei. Auch andre Städte, wie Tarsus, Antiochia, Berytus und Karthago besaßen berühmte Lehranstalten, doch fällt ihre Blüte nach der Zeit Hadrians. Alle Städte überstralte Alexandria, die Mutter der griechischen Gelehrsamkeit. Die Jugend vieler Länder des Reicht sammelte sich in ihren weltberühmten Gymnasien und jenen Bibliotheken, welche einst Zenodotos, Kallimachos, Eratosthenes und Aristarchos geordnet hatten. Von diesen Büchersammlungen war die mit dem Museum verbundene im Brucheion, die großartige Stiftung des Ptolemäus Philadelphus, durch Feuer untergegangen, als Cäsar die ägyptische Flotte im Hafen vernichtete. Sodann hatte sie Cleopatra durch die pergamenische ersetzt, welche ihr von Antonius geschenkt worden war. Eine zweite kleinere Bibliothek bestand im Serapeum. Beide Bibliotheken scheint Ptolemäus Philadelphus gestiftet zu haben. Fr. Ritschl, Die alexandrin. Biblioth. unter den ersten Ptolemäern, 1834, S. 14 f. Die alexandrinische Schule verbreitete einen so lange dauernden Glanz über die gebildete Welt, wie das nachher keine Universität mehr vermocht hat, weder das scholastische Paris, noch Bologna oder Padua. Um die Stiftungen der ersten Lagiden Ptolemäus, Philadelphus und Euergetes, die Bibliothek und das Museum, vereinigte sich, nachdem die Schöpferkraft des griechischen Genius längst erloschen war, die enzyklopädische Gelehrsamkeit und die Sophistik der Hellenen, und alle Disciplinen der philosophischen wie der exacten Wissenschaften fanden Jahrhunderte lang bis zum Aussterben der antiken Welt in Alexandria ihre wenn auch zeitweise unterbrochene Pflege. Dort wurden die Schätze der classischen Literatur gesammelt und geordnet, die Handschriften verbessert und die Texte erklärt. Das Museum freilich, dessen prächtige Marmorhallen nebst dem Tempel der Musen im Umkreise der alten Königsburg lagen, war keine eigentliche Lehranstalt, sondern nur ein Lokal für Zusammenkünfte der Gelehrten, von denen viele Kost und Besoldung auf Staatskosten empfingen. Der Oberpriester Aegyptens, welcher als Präsident an der Spitze dieser akademischen Versorgungsanstalt stand, war vor der römischen Herrschaft von den Königen erwählt worden und wurde jetzt von den Kaisern ernannt. Strabo XVII, 794. Zu dem alten Museum fügte der gelehrte Claudius eine neue Stiftung, das Claudium, hinzu, die Professoren aber wurden die Söldlinge der imperatorischen Eitelkeit. Auch Hadrian bestätigte die Privilegien dieser ehrwürdigen Anstalt. Da es noch immer als die höchste Auszeichnung eines Gelehrten oder Dichters galt, ihr Mitglied zu sein, und die Ernennung dazu von der Gunst des Kaisers abhing, so konnte leicht mancher Mißbrauch damit getrieben werden. Aber Hadrian ist schwerlich der erste Kaiser gewesen, welcher die Stellen im Museum als Sinecuren auch an fremde nicht dort lebende Männer gegeben hat, wie an den Sophisten Polemon von Smyrna und an Dionys von Milet. Philostr., Vit. Soph., Vol. II, 37. Der Ausdruck dafür ist Αιγυπτία σίτησις oder τράπεζα Αιγυπτία. Selbst einen mittelmäßigen Dichter Pankrates machte er zum Mitgliede der Akademie. Dieser scheint ein Einheimischer gewesen zu sein, aber es mußte das Nationalgefühl der Aegypter tief verletzen, daß Hadrian zum Präsidenten des Museum und deshalb auch zum Oberpriester Aegyptens einen Römer ernannte, den Julius Vestinus, welcher sein Secretär und auch Vorstand der Bibliotheken in Rom gewesen war. Alle seine Aemter zählt auf die Inschr., C. I. G. III, 5900 ; ’Αρχιερει̃ ’Αλεξανδρείας καὶ Αιγύπτου πάσης . . . καὶ επιστάτη μουσείου καὶ επὶ τω̃ν εν ‛Ρώμη βιβλιοθήκων καὶ επὶ παιδείας ‛Αδριανου̃ . . . Dies ist nicht Cumulation, sondern Reihenfolge, und zwar umgekehrte. Siehe dazu Friedl. I, 165. Matter I, 279 nennt Vestinus den einzigen Präsidenten des Museum, dessen Name uns überliefert worden sei. Ein Geschichtschreiber der alexandrinischen Schule hat mit Unrecht den Verfall des Museum von dem zu häufigen Mißbrauch der Gunst Hadrians bei der Besetzung seiner Stellen hergeleitet, und auch die Pflege, welche derselbe Kaiser den Lehranstalten in Rom und Athen, wie in andern Städten zu Teil werden ließ, konnte kaum die Bedeutung des schon alternden Instituts mindern. Matter, Hist. de l'école d'Alexandrie, 2. éd., Paris 1840, I, 265 f. Man vergleiche dazu die Preisschriften über das alexandr. Mus. von Parthey und Klippel, 1838, und die betreff. Literatur bei Bernhardy, Grundr. der griech. Lit. I, S. 539 f. Denn schon unter den Flaviern muß dasselbe sehr herabgekommen gewesen sein, denn sonst hätte nicht Dio Chrysostomus sagen können, daß diese Anstalt nur noch durch ihren Namen, nicht durch ihre Thätigkeit ein Museum sei. Orat. XXXII ad Alexandrinos , S. 434 ( ed. Dindorf ). Die gelehrte Gesellschaft bestand übrigens bis auf Caracalla, den furchtbaren Verderber Alexandrias, welcher sie aufhob; sie wurde zwar wiederhergestellt, konnte aber ihre Bedeutung nicht mehr wiedergewinnen. Die berühmte Bibliothek ist dann mit dem prachtvollen Serapeion im Jahre 389 durch den Fanatismus der Christen zerstört worden. Was Rom betrifft, so war diese Weltstadt damals der allgemeine Markt der Gelehrten und der Stapelplatz der schon ungeheuren Bücherwelt. Die römischen Bibliotheken mehrten sich seit Lucullus, dem Stifter der ersten öffentlichen Büchersammlung. Fortan konnte Rom in dieser Hinsicht mit Athen und Alexandria wetteifern. Sulla brachte die von ihm geraubte Bibliothek des Apellikon aus Athen nach Rom, Augustus gründete große Büchersammlungen im Tempel des Apollo Palatinus und in der Halle der Octavia. Tiberius schuf eine im Capitol, Vespasian eine andre im Tempel des Friedens, und selbst Domitian bereicherte die römischen Bibliotheken durch Abschriften, die er in Alexandria machen ließ. Endlich gründete Trajan die ulpische Bibliothek. Hadrian legte in seiner tiburtinischen Villa eine Büchersammlung zu seinem Privatgebrauche an; auch in Antium besaß er eine ähnliche. Philost., Vit. Apollon. VIII, 19. Gellius IX, 14, 3; XIX, 5, 4. Gräfenhan, Gesch. der class. Philol. IV, S. 44, und Jahn, Annal. Philol. II, 360. C. I. G. III, 5900 bezeichnet L. Jul. Vestinus als Vorstand der Bibl. Roms unter Hadrian; bei Friedl. I, 165 ein ungenannter Bibliothekar Hadrians aus einer verstümmelten Inschrift von Ephesus; auch bei Flemmer S. 49. Eine dritte war mit seiner berühmten Lehranstalt, dem Athenäum, verbunden. Rom konnte also den Gelehrten außer allen andern Vorteilen auch die reichsten Bücherschätze darbieten. Ein goldenes Zeitalter erblühte für sie unter den Flaviern, mit alleiniger Ausnahme der Philosophen, welche der durch die Freigeisterei der Cyniker beleidigte Vespasian und dann nochmals Domitian verbannt hatte. Sie kehrten massenhaft wieder. Rhetoren, Philosophen, Pädagogen strömten wie eine Völkerwanderung nach Rom, ihr Glück zu suchen. Mit einem Argonauten, welcher das goldene Vließ zu holen gehe, hat der Athener Demonax den Philosophen Apollonius verglichen, als er von seinen Schülern begleitet aus Athen nach Rom sich einschiffte. Lucian, Demonax, c. 31: Προσέρχεται ο ’Απολλώνιος καὶ οι ’Αργοναυ̃ται αυτου̃. Schon Vespasian legte den Grund zu einer römischen Studienanstalt, an welcher er zuerst Lehrstüle für griechische und lateinische Rhetoren errichtete und aus dem Fiscus mit 5000 Thalern in Gold besoldete. Sueton. Vesp., c. 18. Dieses Institut hat Hadrian erweitert und Athenäum genannt. Er bestimmte dasselbe, wie dies schon der Name vermuten läßt, zur besondern Pflege der griechischen Literatur, ohne die römische davon auszuschließen. Lampridius ( Alex. Sev., c. 35 ) sagt von diesem Kaiser: ad Athenaeum audiendorum et Graecorum et Latinorum rhetorum vel poetarum causa frequenter processit . Der Lehrstul der Beredsamkeit wurde auch hier wie in Athen Thronos genannt. Philostr., Vit. Soph. II, 93: ο άνω θρόνος. Zur Zeit Marc Aurels nahm ihn der Sophist Hadrian im Athenäum ein. Das Athenäum besaß so geräumige Versammlungssäle, daß später daselbst der Senat bisweilen Sitzungen halten konnte. Rhetoren und Philosophen hielten hier Vorträge, und Dichter ließen sich im Wettkampfe hören. Diese Stiftung Hadrians dauerte noch in der Zeit des Symmachus fort, sie kann daher als die römische Universität seit dem zweiten Jahrhundert betrachtet werden. Zumpt (Bestand d. phil. Schulen in Athen, S. 44) glaubt, das Athenäum sei als ein Tempel der Minerva geweiht gewesen. Aurel. Victor c. 14 nennt dasselbe Ludus ingenuarum artium. Jul. Capitolin., Pertinax, c. 11, Ael. Lampridius, Alex. Sever., c. 35. Kuhn, städt. Verf. I, 95. Grasberger, Erzieh. u. Unterr. im class. Altertum III, 442. Die vielen Lehranstalten im Reich, welche der Kaiser, die Stadtgemeinden, selbst Privatpersonen errichteten und förderten, erzeugten eine Durchschnittssumme allgemeiner Bildung und einen zahlreichen Gelehrtenstand. Man drängte sich um so mehr zu diesem, als seit den Verordnungen Vespasians und Hadrians Rhetoren, Philosophen, Philologen, selbst Aerzte von den städtischen Lasten und Aemtern befreit waren. Von Gynmasiarchie, Agoranomie, Priesterwürden, Gesandtschaften, Militärpflicht und Einquartirung, Richterämtern u. s. w. Kuhn I, 104, nach Kriegel, Antiqua Versio lat. fragmentor. e Modestini libro de excusationib. , S. 44. Dazu Cod. Theod. XIII, 3 . Wie groß das Bücherstudium geworden war, kann man aus Gellius ersehen, der seine Attischen Nächte um das Jahr 150 verfaßte. Er ist ganz das Abbild der Gelehrsamkeit seiner Zeit, und sein sonst durch Antiquitäten und Begriffserklärungen schätzbares Werk ist voll von den trivialsten Dingen. Wie er zu all dem Kram gekommen sei, erzählt er selbst: er kauft alte Bücher auf, wo er deren habhaft werden kann, und macht Auszüge daraus. Gellius IX, 4. Die Gelehrten trieben sich auf den Straßen umher wie die Bettelmönche des Mittelalters. Declamatoren und Redner ließen sich auf öffentlichen Plätzen hören, und Magister saßen vor den Buchläden, wo sie sich marktschreierisch erboten, diese oder jene Schrift zu erklären; denn Autorität und Antiquität beherrschten die geistlos gewordene Zeit. Man erläuterte mit großem Aufwande von Phrasen Stellen der Dichter oder Thatsachen der alten Geschichte; man erforschte ein ungewöhnliches Wort oder ein dunkles Tempus, wobei man mit der Ausbreitung des historischen und philologischen Wissens prunken konnte. Solche wortklaubende Philosophen nannte der Grammatiker Domitius mortuaria glossaria, namque colligitis lexidia, res tetras et inanes, et frivolas. – Gellius XVIII, 7; XIII. 30; XVI, 6; XVIII, 4. Die Zugänglichkeit der Bildungsstoffe brachte Legionen von mittelmäßigen Köpfen in Bewegung, welche sich durch Wissenschaft Geltung verschaffen wollten, und nicht jeder konnte ein Herodes Atticus oder Favorinus sein und wirklichen Nutzen von den Privilegien des Gelehrtenstandes ziehen. Nicht jeder konnte statt des Handwerks oder einer Kunst zu seinem Lebensberufe die Wissenschaft mit demselben Recht erwählen wie Lucian, welchem in seinem Jugendtraum diese Göttin erschien und die Reichtümer, die Ehrenstellen, den Rang und Ruhm vorspiegelte, die ihrer Jünger in der Welt warteten. Enhypnion c. 11. Achtes Capitel. Plutarch. Arrian. Die Taktiker. Philo von Byblos. Appianus. Phlegon. Die Memoiren Hadrians. Eine Gestalt glänzt unter den Schriftstellern des Zeitalters von einem milden Licht der Humanität; dies ist Plutarch, der universalste Geist und neben Favorinus der am meisten bewunderte Autor seiner Epoche. Noch heute ist eine seiner Schriften eine Zierde der Literatur. Plutarch war um das Jahr 50 in jenem Chäronea geboren, wo in der Philippusschlacht die Freiheit Griechenlands ihr Grab gefunden hatte. Er studirte in Athen unter Ammonius und lebte dann in angesehenen bürgerlichen Verhältnissen in seiner Vaterstadt. Von dort machte er Reisen in Hellas und Aegypten. Unter Vespasian besuchte er auch Rom. Er hielt hier Vorträge und wurde mit den angesehensten Männern befreundet, namentlich mit C. Sosius Senecio, welchem er später mehrere seiner vergleichenden Biographien widmete. R. Volkmann, Leben und Schriften des Plutarch, 1869, I, 36 f. Nach a.  82 kam er zum zweiten Mal nach Rom. Er erlernte selbst die lateinische Sprache, wenn auch nur mangelhaft. Nach Chäronea zurückgekehrt, blieb er daselbst bis an seinen Tod im Dienst der Musen wie des Gemeinwols seines Heimatorts. Keine andre Persönlichkeit in jenem von so viel Widersprüchen aufgeregten Zeitalter bietet ein gleich schönes Bild harmonischer Vollendung und bescheidenen Glückes dar. Plutarch ist der Gegensatz zu Hadrian, ein philosophischer Mensch noch von antikem Maß. Die Chäroneer übertrugen ihm ein Priesteramt. Er war auch Priester des Apollo in Delphi und Agonothet der pythischen Spiele. Trajan erteilte ihm die consularischen Ehren, und noch in seinem Greisenalter soll ihn Hadrian zum Procurator Griechenlands gemacht haben. Rom und Hellas, beide Hälften der Culturwelt, ehrten ihn. Um das Jahr 120 starb er, im Alter von 70 Jahren, zu Chäronea. Die zahlreichen Schriften Plutarchs, von denen ein großer Teil untergegangen ist, verbreiteten sich über die gebildete Welt. Was von ihnen erhalten ist, fügt sich in zwei Gruppen zusammen, die 23 Biographien (βίοι παράλληλοι) und die moralischen Schriften (ηθικά), 83 Stücke an Zahl. Volkmann, S. 99 f. Der angeblich von Plutarchs Sohne Lamprias zusammengestellte Katalog zählt 210 Nummern. – Plut. perditor. scriptor. fragmenta ed. Fr. Dübner, Paris 1855 . Sie sind Werke nicht des Genius, welcher neue Bahnen durch die Gedankenwelt bricht, sondern aus dem Grunde einer erstaunlichen Belesenheit Erzeugnisse der Reflexion und der Lebenserfahrung. Das oratorische, grammatische und antiquarische Studium und die Moral bilden die Hauptzüge der Schriften Plutarchs. Die Humanisirung des Heidentums in einer milden Lebensphilosophie, welche sich schon dem Christentum näherte, ist das Eigenste in Plutarch, und wie die alte Volksreligion, so hat er auch die antike Geschichte idealisirt. Thiersch, Politik und Philos. in ihrem Verhält. zur Religion, S. 15. In seinen Abhandlungen bespricht er die verschiedenartigsten Stoffe nach Art der Sophisten als ein geistreicher Essayist. Er untersucht wissenschaftliche und ganz praktische Fragen und stellt Lebensregeln auf, wie sie das Handbuch Epiktets und die Betrachtungen Marc Aurels enthalten. Da sind Aufsätze über Tugend und Laster, über den Gleichmut, die Elternliebe, die Schwatzhaftigkeit, die Geldgier, über Neid und Haß, über Kindererziehung, Ehestandsregeln, Gesundheitsregeln, über das Fatum, das Aufhören der Orakel, das Gastmal der sieben Weisen, Heldenthaten von Frauen, Aussprüche berühmter Könige und Feldherren, erotische Erzählungen, politische Lehren, platonische Forschungen, vom Genius des Sokrates, von der Entstehung der Weltseele im Timäus, von den Widersprüchen der Stoiker, Schriften wider die Epikuräer, physische Untersuchungen, vom Princip der Kälte, über die Mißgunst des Herodot, über Isis und Osiris u. s. w. Plutarch folgte keinem bestimmten Lehrsystem, er war Eklektiker wie Cicero. Alle diese Essays haben heute nur noch Wert für das kulturgeschichtliche Studium, aber als ein Weltbuch wandert noch durch die Hände der Gebildeten die Sammlung vergleichender Lebensbeschreibungen großer Römer und Griechen. Diesen allein verdankt Plutarch seine Unsterblichkeit. Er hat damit eine Gattung in der Literatur geschaffen. Als er aus dem kleinen Chäronea nach Rom kam, machte die Hauptstadt des Reichs einen gewaltigen Eindruck auf ihn. Unter ihren Denkmälern, die nicht wie jene Griechenlands nur auf einen engen Kreis localer Geschichte sich bezogen, sondern zu ihrem Hintergrunde die Welt hatten, versenkte er sich voll Staunen in die Betrachtung der ernsten, furchtbaren Mächte, welche einen Staat von solcher Majestät erzeugen konnten, und die Weltregierung Roms erkannte dieser tiefreligiöse Mann als ein Werk der göttlichen Vorsehung. Er befreite sich dort von den Vorurteilen der griechischen Eitelkeit, welche noch in seinen rhetorischen Abhandlungen über das Glück der Römer, über das Glück und das Verdienst Alexanders seine Ansicht bestimmt hatten, daß die Römer ihre Größe nicht ihrem Mut und ihrer Einsicht, sondern dem zufälligen Glücke verdankten. Die Griechen hatten übrigens schon seit Polybius ihre Stellung zur Macht der Römer nehmen müssen, von denen ihr Vaterland unterjocht und ins Elend gestürzt worden war. Sie lebten fortan als Nachkommen des edelsten Stammes der Menschheit neben ihren Gebietern und es blieb ihnen nichts übrig, als diese für legitim und der Weltherrschaft würdig zu erklären, wenn sie auch sich selbst das Privilegium der geistigen Ueberlegenheit wahrten. Dies Bewußtsein ihres Wertes hat ihnen erst das große Rom wiedergegeben, welches die Ideale Griechenlands bewunderte und sich selbst in Demut vor ihnen beugte. Alle Staatsmänner, Feldherren und Kaiser Roms haben die Aristokratie des hellenischen Geistes anerkannt, von Flaminius, den Scipionen und Cicero, bis zu den Philhellenen Hadrian und Marc Aurel. Es war ein glücklicher Gedanke Plutarchs, die parallel liegenden Hälften der antiken Culturwelt geschichtlich aufzufassen und sie versöhnend mit einander auszugleichen. In einer Reihe von Biographien in einfacher ruhiger Gegenständlichkeit hat er die Nationalcharaktere Roms und Griechenlands einander gegenübergestellt und so ein Heldenbuch geschaffen, aus welchem die Aufstrebenden in allen Jahrhunderten weniger Belehrung als Begeisterung für männliche Größe geschöpft haben. Neben Plutarch steht ihm ebenbürtig als noch antiker Mensch ein andrer Grieche, Flavius Arrianus aus Nikomedia in Bithynien, eine der hervorragendsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er lebte noch unter Marc Aurel, aber seine beste Wirksamkeit gehört der Regierung Hadrians an, für welchen er den Periplus des schwarzen Meers verfaßt hat. Er war einer von jenen wenigen Griechen, die in hohen Stellungen des römischen Staats Verwendung fanden. Er wurde Bürger Athens und Roms, sogar Senator, und zwischen 121 und 124 Consul, sodann in den letzten Jahren Hadrians Statthalter Cappadociens. Er war gleich tüchtig als Staatsmann und Feldherr, als Geschichtschreiber und Philosoph. Noch a. 136–137 findet sich Arrian im Amt: Inschrift von Sebastopolis in Rev. Archéol. N. S. XXXIII , 1876, S. 199; bei Dürr, Anh. 58. Auch deshalb konnte Arrian nicht mit Unrecht als ein neuer Xenophon gelten. Photius, Bibl. 53. Er nahm diesen alten Hellenen in Stil und Darstellung zum Muster; so schrieb er auch wie Xenophon ein Buch über die Jagd. Scripta minora ed. Hercher , 1854. Seine Schriften zeigen ihn als einen praktischen Mann, ohne sophistischen Schein der Rede, aber auch ohne Anmut der Form. In seiner Jugend hatte ihn die stoische Philosophie, die beste Erzieherin zu edler Männlichkeit, lebhaft beschäftigt. Er war der ausgezeichnetste unter den Schülern Epiktets gewesen. Die Lehrsätze dieses Weisen kennen wir nur durch Arrian, denn er hat sie im Enchiridion und in den acht Büchern Unterredungen Epiktets zusammengefaßt. Leider sind seine Gespräche dieses Meisters in 12 Büchern und seine Biographie desselben verloren gegangen. Zeller III, 1, 661. Von den Dissertationen (διατριβαί) sind nur 4 Bücher erhalten, und sonst Bruchstücke bei Stobäus. Die Geschichte verdankt Arrian wichtige Werke, vor allem über Alexander den Großen, den Heros des Griechentums, in welchem sich für dieses das Bewußtsein der hellenischen Weltgröße verkörperte. Die parthischen Kriege Trajans hatten eben die Erinnerung an ihn wieder lebendig gemacht. Arrian schrieb sieben Bücher von den Feldzügen Alexanders, dazu als achtes die Indika. Er benutzte Schriften aus der alexandrinischen Zeit, und dies macht sein Werk zu einer bedeutenden Geschichtsquelle und ihn selbst zu dem ersten unter allen Geschichtschreibern Alexanders, die uns erhalten sind. Schöll, Gesch. d. griech. Liter, II, 422. Seine zehn Bücher über die Diadochenzeit und leider auch die 17 Bücher über den parthischen Krieg Trajans sind verloren gegangen; desgleichen seine acht Bücher bithynischer Geschichte von der Mythenzeit bis auf den letzten Nikomedes, welcher sein Reich den Römern vermacht hatte. Photius (Bibl. 234) sagt davon: τη̃ πατρίδι δω̃ρον οναφέρων τὰ πάτρια. Untergegangen sind auch Arrians Geschichte des Dion von Syrakus und des Timoleon, ferner die Alanika. An diese schließt sich die »Heerordnung gegen die Alanen«, die uns erhalten ist. In seiner »Taktischen Kunst« hat er die Gattungen der Truppen, ihre Uebungen, Märsche, Commandos für Laien beschrieben. Militärische Schriften waren damals zeitgemäß. Dem Kaiser Hadrian selbst ist zwar mit Unrecht eine kriegswissenschaftliche Abhandlung unter dem Titel »Epitedeuma« zugeschrieben worden, aber seine große Leidenschaft für das Heerwesen rief Werke dieser Art hervor. R. Förster (Studien zu den griech. Taktikern im Hermes XII, 1877 S. 449 f.) weist nach, daß die Meinung, die Schrift Hadrians sei von Urbicius herausgegeben und dann diesem zugeschrieben worden, falsch sei. Siehe Scholl, Gesch. der griech. Lit. II, 715. Zu ihnen gehört kaum die taktische Theorie Aelians, welcher in Rom in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts lebte. Aelians Theorie der Taktik, griech. u. deutsch von H. Köchly u. W. Rüstow, 1855. Die Ansicht Köchly's, daß die τέχνη τακτική Arrians dem Aelian angehört, während die bisher diesem zugeschriebene Schrift eine spätere Recension desselben Werkes sein soll, hat R. Förster zurückgewiesen. Aber die berühmte Schrift des Apollodorus über die Belagerungskunst ist ausdrücklich für Hadrian verfaßt worden. Πολιορκητικά, Veter. Mathemat. Paris 1693; Poliorcétique des Grecs ed. Woescher, Paris 1867 , S. 137 f., mit Figuren der Maschinen. Im Eingange sagt Apollodor, daß er dies Werk in Folge eines Schreibens Hadrians verfaßt habe. Zahlreich sind die griechischen Autoren, welche die Weltgeschichte oder die Geschichte Roms und einzelner Länder behandelt haben. Der Verlust ihrer Werke ist empfindlich genug. Suidas erwähnt des Kephalaion, der einen Abriß der Weltgeschichte von Ninus bis auf Alexander in jonischer Sprache schrieb; des Jason von Argos, der ein Werk über Griechenland verfaßte; des Alexandriners Leander Nikanor und des Diogenes von Heraklea, welcher auch Geograph war. Herennius Philo, ein Phönizier aus Byblos, schrieb 30 Bücher von den Staaten und ihren großen Männern. Er übersetzte den Sanchuniathon ins Griechische in 9 Büchern und davon sind Fragmente bei Eusebius erhalten, welche indeß eine wahrscheinliche Fälschung dieses angeblichen phönizischen Geschichtswerks durch Philo nicht ausschließen. Euseb., Praep. I, c. 9. Kriton aus dem macedonischen Pieria, ein Reisebegleiter Hadrians, verfaßte Werke über die Geschichte von Syrakus, von Macedonien, Persien und über den dacischen Krieg Trajans. Ein glücklicher Zufall hat einen großen Teil der Geschichtsbücher des Alexandriners Appianus erhalten, welcher unter Antoninus Pius seine Romaika schrieb. Er behandelte in 24 Büchern die Geschichte Roms bis auf Augustus ethnographisch und stellte die Schicksale der einzelnen Länder bis zu der Zeit dar, wo sie römische Provinzen wurden. Wir besitzen davon den punischen, syrischen, mithridatischen, spanischen und illyrischen Krieg und die fünf Bücher der römischen Bürgerkriege. Das trockene aber nützliche Werk lehnt sich an Polybius an, und mit ihm wie mit Plutarch teilt Appian auch die Ansicht, daß die Weltherrschaft Roms eine göttliche Fügung sei. Durch eine chronologische Arbeit machte sich Phlegon von Tralles namhaft, ein Freigelassener Hadrians. Sie war eine nach den Olympiaden geordnete Chronik und reichte bis auf Hadrian. Nur Fragmente sind von ihr erhalten. Photius, welcher fünf Bücher von den 16 des Werkes gelesen hatte, sagte davon, daß der Stil weder gemein, noch auch attisch, die Sprache ohne Grazie und das Ganze durch zu viel Einzelheiten langweilig sei. Diese Arbeit hat übrigens Eusebius benutzt. Phlegon machte auch eine Beschreibung Siciliens und schrieb über die topographischen Merkwürdigkeiten Roms, wie über die Feste der Römer. Alle diese historischen und antiquarischen Schriften sind untergegangen, nur zwei unbedeutende dieses Autors, »Wundergeschichten« und über »Menschen von langem Lebensalter« sind erhalten. Phlegon stand so hoch in der Gunst Hadrians, daß dieser ihn mit der Abfassung seiner Memoiren betraute. Er schrieb solche, wie auch Trajan die seinigen geschrieben hatte. Nach der Versicherung Spartians waren sie das eigene Werk des nach Unsterblichkeit begierigen Kaisers, aber er hatte sie unter dem Namen jenes Phlegon herausgegeben, ohne Zweifel in griechischer Sprache. Spartian ( c. 16 ) redet freilich von mehreren Freigelassenen, welche die Biographie des Kaisers unter ihrem Namen herausgaben, und sagt dann nam et Phlegontis libri Hadriani esse dicuntur . Die Denkwürdigkeiten Hadrians würden, wenn wir sie besäßen, die Literatur mit einem kaiserlichen Geschichtschreiber von seltenem Geist bereichern und trotz der unvermeidlichen Schönfärberei mancher Handlungen die authentische Quelle für die Geschichte dieses Kaisers sein. Auch auf die römischen Verhältnisse überhaupt und die Regierung mancher seiner Vorgänger werden die Memoiren Hadrians einiges Licht geworfen haben. Dio (66, 17) führt einmal den Titus verläumdende Erzählungen von der Vergiftung Vespasians an und bezieht sich dabei ausdrücklich auf das Urteil Hadrians. Sollte er das in der Autobiographie gelesen haben? Sein Leben ist von mehreren Zeitgenossen beschrieben worden, wie auch von Philon von Byblos. Da nun diese Biographien untergegangen sind, kann unsere Kenntniß einer der merkwürdigsten Epochen der Kaiserzeit nur aus den dürftigen Berichten zweier Compilatoren geschöpft werden, welche die Memoiren Hadrians benutzt haben, nämlich des Spartianus, der unter Diocletian lebte, und des Dio Cassius aus den ersten Decennien des 3. Jahrhunderts, dessen Nachrichten uns nur im Auszuge des Xiphilinos zur Verfügung stehen. Unersetzlich ist auch der Verlust des römischen Geschichtswerks des Marius Maximus, welcher die Biographien der Kaiser des Suetonius fortsetzte und am Ende des 2. und Anfang des 3. Jahrhunderts schrieb. Das von ihm behandelte Leben Hadrians hat Spartianus und wol auch Aurelius Victor benutzt. Ueber die Biographen Hadrians: H. Jänecke, De vitae Hadrianae Scriptoribus , 1875; J. J. Müller, Der Geschichtschreiber L. Marius Maximus, 1870; J. Plew, Marius Maximus als Quelle der Scriptores H. Aug. , 1878; Aem. Pierino, De Fontib. Vitar. Hadriani et Septimii Severi Impp. ab Aelio Spartiano conscriptar. 1880; J. Dürr, Die Reisen des Kaisers Hadrian, 1881, S. 73 f. Neuntes Capitel. Florus. Suetonius. Geographie. Philologie. Es waren also wesentlich Griechen, welche die Weltgeschichte und auch die Geschichte Roms schrieben, nachdem diese Aufgabe bis zum zweiten Jahrhundert von den Lateinern geleistet worden war. Diese traten fortan hinter den Griechen zurück. Sie konnten wol auf Tacitus hinweisen, der noch die Regierung Hadrians erlebte, aber mit ihm endete der große nationale Zug in der Geschichtschreibung der Römer; die folgenden Antoren bezeichnen schon den Verfall der historischen Literatur, welche keine Spur einer höheren Auffassung der Weltdinge mehr erkennen läßt. Zwei lateinische Geschichtschreiber gehören dieser Zeit an, Julius Florus und Sueton. Florus machte einen Auszug der Geschichte Roms nach Livius, welcher sich erhalten hat und im Mittelalter sehr beliebt gewesen ist. J. Flori Epitom. de T. Livio bellor. omnium annor. DXX, Libri duo, ed. O. Jahn 1852 , dann Halm 1854. Florus wird bald Julius, bald S. Annäus genannt. Ob er mit dem Dichter P. Annius Florus identisch war, ist ungewiß. Wichtiger ist C. Suetonius Tranquillus, ein Römer von humanistischer Bildung und vielen Talent, doch ohne schöpferisches Genie. Er war der Sohn eines Ritters, im Jahre 77 geboren, Liebling des jüngeren Plinius, von welchem Briefe an ihn gerichtet sind. I, 18; III, 8; V, 10, worin er ihn auffordert, seine Werke herauszugeben, appellantur quotidie et flagitantur . In den Rhetorschulen Roms hat wol Hadrian diesen seinen Altersgenossen schon in der Jugend kennen gelernt. Als er Kaiser wurde, machte er ihn zu seinem Secretär; aber Sueton verlor sein Amt, weil er sich zu vertraulich der Kaiserin genähert hatte. Seine weiteren Lebensumstände sind unbekannt. Von seinen Schriften grammatischen, kritischen und historischen Inhalts, worin er Varro zum Muster genommen zu haben scheint, sind die meisten verloren gegangen. Er schrieb über die Spiele der Griechen und der Römer, über die Gebräuche der Römer, ein Leben Ciceros, einen Katalog berühmter Römer und anderes. Suidas 934 f.; J. Regent, De C. Suetonii vita et scriptis, 1851; A. Reifferscheid, Suet. Tranquilli praeter Caesarum libros reliquiae, 1860 ; Gellius IX, 7, S. 472. Teufel (Röm. Literaturgesch.) führt von ihm eine Historia ludicra an. Seinen Ruhm verdankt Sueton den Biographien der zwölf ersten Kaiser, die er im Jahre 120 verfaßte und seinem Freunde Septicius Clarus widmete, ehe dieser mit ihm zugleich in die Ungnade des Kaisers gefallen war. Der glückliche Gedanke, die Ausbildung der Monarchie des ersten Jahrhunderts biographisch darzustellen, hat ebensoviel als die Dürftigkeit der Literatur über die Kaiserzeit dazu beigetragen, dieser Schrift eine hohe Wichtigkeit zu sichern. Sie ist skizzenhaft, einfach, fließend und angenehm geschrieben, aber den Charakteristiken fehlt künstlerische Einheit und Tiefe der Auffassung. Die Biographien wimmeln von Anekdoten meist scandalöser Art, so daß man den Einfluß des Hofs eines Kaisers darin erkennen kann, welcher die Welt und ihre Größen mit sarkastischer Laune zu behandeln pflegte. Doch stofflicher Reichtum und die Zuverlässigkeit mancher aus Familienarchiven geschöpfter Nachrichten machen das Werk Suetons immer zu einer bedeutenden geschichtlichen Quelle. Dies Kaiserbuch ist ein Denkmal der lateinischen Literatur, worin noch nach Tacitus der nationale Trieb, die Geschichte Roms aus ihrem eigenen Mittelpunkt aufzufassen, sichtbar ist. Vielleicht hat Hadrian selbst das Werk Suetons veranlaßt. Auch die Geographie konnte aus den Reisen des Kaisers neue Anregungen empfangen; indeß das einzige chorographische Denkmal des hadrianischen Zeitalters ist der Bericht Arrians über die Umschiffung des schwarzen Meers. Bunbury, Hist. of ancient geography II, 510. Die Geographie, ein Product hellenischer Wissenschaft, wurde seit Cäsar aus Zwecken der Reichsverwaltung auch in Rom eifrig gepflegt. Die Riesenwerke des Strabo und Plinius sind die epochemachenden Denkmäler des Studiums der Erdkunde in beiden Weltliteraturen. Dann erhebt sich die Geographie unter den Antoninen, wo das große Straßenverzeichniß des Reichs verfaßt wurde, durch das Genie des Claudius Ptolemäus zur mathematischen Wissenschaft der Erdkunde, zusammen mit der Astronomie und Chronologie. Die Himmelsbeobachtungen der Alten sind durch jenen Alexandriner zu einem System zusammengefaßt worden, welches bis auf Copernikus geherrscht hat. Aehnliches gilt von der medicinischen Wissenschaft, denn der Grieche Claudius Galenus schloß die Erfahrungen des Altertums in ihr ab und beherrschte die wissenschaftliche Anschauung von dreizehn Jahrhunderten. Noch unter der Regierung Hadrians, im Jahre 131, wurde dieser große Mann in Pergamon geboren. Eine ganz besondere Thätigkeit haben in der hadrianischen Zeit die grammatischen und philologischen Studien entfaltet. Viele Lateiner und noch mehr Griechen sind auf diesem Gebiet als Atticisten, Lexikographen und Etymologen in der Literaturgeschichte verzeichnet; so die Alexandriner Orion, Apollonios Dyskolos, der berühmte Vorgänger des Aelius Herodianus, Hephästion, Nikanor von Cyrene, Aelius Melissus, Heliodorus, Aelius Dionysius aus Halikarnaß, der Pergamener Telephos. Ueber die Grammatiker: Nicolai, Griech. Literaturgesch. II, 316 f.; Gräfenhan, Gesch. der class. Phil., Bd. IV. Unter den lateinischen Philologen glänzten Valerius Pollio, Quintus Terentius Scaurus, der Commentator des Plautus und Virgil, Flavius Casper, Vellejus Celer, Domitius, Cajus Apollinaris Sulpicius, Julius Vestinus und andre. Diese Studien bildeten die Grundlage der Beredsamkeit, welche aus Wissenschaft und Kunst die Summe aller humanen Bildung der römisch-griechischen Welt in sich begriffen hat. Zehntes Capitel. Die römische Beredsamkeit und ihre Schulen. Römische Redner. Cornelius Fronto. Während der Republik, als die Seele des Staats auf dem Forum und in der Curie war, und seine Geschicke durch den Kampf großer Parteien entschieden wurden, entwickelte sich im römischen Volk eine glänzende Staatsberedsamkeit. Die Kunst zu reden fiel in Rom mit der Erziehung zum Staatsbürger zusammen. Männer des Kriegs und Feldlagers waren zugleich Redner von diplomatischer Bildung, wie Metellus, Licinius Crassus, Antonius, Pompejus, Cäsar und Brutus. Bis zu den Bürgerkriegen bewahrte die Beredsamkeit ihren praktischen Charakter, dann schuf die in die Römerwelt eindringende Dialektik der Griechen die Literatur und auch die Redekunst um. Diese wurde eine nach griechischen Mustern ausgebildete Rhetorik. Cicero bezeichnete hier die Grenze. Der Strom der politischen Leidenschaften stockte in der Monarchie, welche dem Wort die Freiheit und auch die Würde des Gegenstandes raubte. Was waren jetzt die Causae centumvirales , die Privathändel, gegen jene welthistorischen Prozesse der Republik? »Ich weiß nicht,« so sagte Messala, »ob in eure Hände jene alten Schriften gekommen sind, welche in den Bibliotheken der Vorfahren liegen; sie zeigen, daß Pompejus und Crassus nicht allein durch Waffenkraft, sondern auch durch Rednergenie groß gewesen sind, daß die Lentuler und Meteller, die Luculle und Curionen und die andren großen Männer viel Sorgfalt auf diese Studien verwendet haben, und Niemand zu jener Zeit ohne Beredsamkeit zur Macht gelangt ist. Dazu kommen der Glanz und die Bedeutung der Dinge, welche durch sich selbst die Redekunst steigern. Denn es ist ein großer Unterschied, ob über einen Diebstal, eine Rechtsformel, ein Interdict zu reden ist, oder über die Bewerbung in den Comitien, die Ausplünderung der Bundesgenossen und das Niedermetzeln von Bürgern.« De orator. dialogus, c. 37. Die Römer der Kaiserzeit beklagten den Verlust ihres stolzesten Nationalgutes, denn nun hatte Rom nichts mehr, was es dem übermütigen Griechenland, wie in der Zeit Ciceros, entgegensetzen konnte. »Alle Geister,« so sagte Seneca, »welche in unsere Studien Licht brachten, wurden damals geboren. Darauf verfiel die Redekunst durch die Verdorbenheit der Zeiten, oder weil sich der Ehrgeiz fortan auf das Niedrige, auf Aemter und Gewinn richtete. Die Geister der thatenlosen Jugend sind erschlafft, Niemand durchwacht mehr Nächte in der Mühe um eine ehrenvolle Beschäftigung. Das ehrlose Studium des Gesanges und Tanzes macht die Seelen weibisch, und die Sucht, in den unreinsten Lastern groß zu sein, ist das Gepräge der Jünglinge.« Seneca, Controv. I, prooem. Der geistvolle Dialog des Tacitus über die Redner erklärt den Verfall der Beredsamkeit seit dem Beginne der Monarchie aus der falschen declamatorischen Erziehung. Früher lernten die jungen Leute öffentlich in Gerichten und Versammlungen die Redekunst, und sie verdienten nach der Sitte der Republik ihre Sporen durch die Anklage bedeutender Männer, so daß Crassus mit neunzehn Jahren den Cajus Carbo, Cäsar mit einundzwanzig den Dolabella, Asinius Pollio mit zweiundzwanzig Jahren den Cajus Cato in glänzenden Reden angegriffen haben, während jetzt die Jugend auf die Bühnen der Schulmeister geführt wird, welche Rhetoren heißen, um in widersinnigen Uebungen ihren Geist mit nichtigen Possen zu verderben. Mit meisterhaften Zügen hat Petronius im Satyricon diese rhetorische Erziehung gezeichnet. Aus dem eitlen Schwall der Dinge und Sentenzen gewinnen die jungen Männer nach seiner Ansicht nur Verdummung, so daß sie in eine andre Welt versetzt zu sein glauben, sobald sie auf das Forum kommen. Diese Stelle wird durch das Proömium zum 4. Buch der Controversen Seneca's erläutert, wo von einem Redner Latro Porcius erzählt wird, er sei einst durch das Forum so außer Fassung gebracht worden, daß er die Richter bat, von dort in eine Basilika zu kommen. Sie hören in den Schulen nichts Praktisches, nur von kettenbelasteten Piraten, von Tyrannen, die den Söhnen befehlen, ihren Vätern die Köpfe abzuschlagen, von Edicten wegen der Pest, daß drei oder mehr Jungfrauen geopfert werden sollen. Endlich sind alle Reden und Thatsachen in Honig getaucht und wie mit Mohnsaft und Sesam überzogen. »Neulich,« so sagt Petronius, »kam diese windige Geschwätzigkeit von Asien nach Athen und wehte die Geister der Jugend wie von einem pesthauchenden Gestirne an. Wer erhob sich daraus zu der Erhabenheit des Thucydides, wer zum Ruhme des Hyperides? Nicht einmal ein Gedicht von gesunder Natur konnte geschaffen werden, sondern alles war aus einem und demselbem Stoffe und konnte kein Alter erreichen. Auch die Malerei nahm denselben Ausgang, nachdem ägyptische Kühnheit für eine so große Kunst eine compendienhafte Manier erfunden hatte.« Satyricon c. 2. Sowol Formen und Stoffe, als die beiden Gattungen der schulmäßigen Redeübung, die ratenden Materien ( suasoriae ) und die streitenden ( controversiae ) waren in Rom von Griechenland eingeführt worden. Ueber die Rhetorschulen: Friedländer III, 343 f.; Grasberger, Erziehung u. Unterricht im class. Altertum III, 353–390. Man stellte Aufgaben wie folgende: Alexander geht zu Rat, ob er in Babylon einziehen soll, da der Augur ihm in diesem Falle Unheil prophezeit; die Athener beraten, ob sie die persischen Trophäen beseitigen sollen, weil Xerxes zurückzukehren droht, wenn das nicht geschieht; Agamemnon beratschlagt, ob er Iphigenia opfern solle, da Kalchas verkündet, daß man ohne dies nicht absegeln könne. Dann gab es Controversen, welche in die Classe jener sophistischen Spitzfindigkeiten gehörten, mit denen man sich in gelehrten Gesellschaften und bei Gastmälern die Zeit vertrieb. Sie waren die Schule für den Advocaten und Rabulisten, wie für den Mann von feinem Weltton. So geistlos wie diese Gymnastik des Verstandes, so pedantisch muß auch die Erziehung des angehenden Redners zum vollendeten Declamator erscheinen. Quintilian hat in seinen Anweisungen zur Redekunst davon ausführlich gehandelt. Es sind von der Schauspielkunst entlehnte Vorschriften über die Anwendung der Affecte, durch die der Richter zu rühren sei, über Declamation und Modulation der Stimme, über Gesten und Pantomimen und den künstlerischen Gebrauch der Glieder. So sollen die Augen bald starr sein, bald matt, bald beweglich, hier in Wollust schwimmend, dort blinzelnd und sozusagen venussüchtig ( venerii ). Denn nur ein Einfaltspinsel wird die Augen ganz offen oder ganz geschlossen halten. Es folgen Regeln über den rednerischen Gebrauch von Lippen, Kinn, Hals, Genick und Schulter, und genaue Anweisungen über das Spiel der Hände. Was macht es z. B. nicht für eine prachtvolle Wirkung, wenn man die Hände ringt bei jener Declamation des Gracchus: Wo soll ich Elender hinfliehen? Wohin mich wenden? Auf das Capitol? Ach, es trieft vom Blute des Bruders. Nach Hause? Etwa, um die unselige Mutter jammernd und in Ohnmacht zu sehen? Es würde aber doch unrichtig sein, um dieses Schulpedantismus willen die Bedeutung der Redekunst für die damalige Welt zu verkennen. Sie hat die besseren Geister erzogen und die Gesellschaft für Literatur und Kunst empfänglich gemacht. Auch noch in ihrem Verfalle war sie ein Schmuck des Lebens und so sehr ein Bedürfniß der südlichen Volksnatur, daß unter den Italienern im späten Zeitalter des Humanismus mit der Renaissance der antiken Literatur auch die Rhetorik wieder erstanden ist. Im Kaiserreich ersetzte sie zum Teil das Drama und die Presse. Alle Cäsaren machten ihre Schule durch, nicht blos weil sie die Despotie mit schönen Phrasen vergoldete, sondern weil sie überhaupt zur Vollendung der Persönlichkeit unentbehrlich war. Vespasian hatte die ersten öffentlichen Lehrer der Beredsamkeit in beiden Sprachen in Rom angestellt, und seither bemühten sich auch die Provinzen, namhafte Rhetoren an sich zu ziehen. Von allen Kaisern aber hat keiner die Redekunst so sehr gefördert wie Hadrian, welcher selbst eine auserlesene rhetorische Bildung besaß. Philostrat. ( Lollian. Vol. II , S. 42) meint das, wenn er von ihm sagt: επιτηδειότατος τω̃ν πάλαι βασιλέων γενόμενος αρετὰς αυξη̃σαι. In seinem Zeitalter blühten einige gefeierte römische Rhetoren, wie Calpurnius Flaccus, Antonius Julianus, der Lehrer des Gellius, wie Castricius und Celer. Erhalten sind Schulreden des Calpurnius Flaccus. Teufel 351. Der berühmteste aller war Cornelius Fronto, ein Italiener, aber zu Cirta in Numidien geboren, im Anfange des zweiten Jahrhunderts. Er studirte in Alexandria und glänzte dann als gerichtlicher Redner in Rom schon unter Hadrian, der ihn zum Senator machte. Fronto sagt einmal in einem Briefe an Marc Aurel, daß er seinen Adoptivgroßvater oftmals im Senat gepriesen, ihn hoch verehrt, aber nicht geliebt habe, weil zur Liebe Vertrauen und Familiarität gehören. Fronto ad M. Caesar. II, 4: Divom Hadrianum avom tuum laudavi in senatu saepenumero studio impenso et propenso quoque. Dio nennt ihn den ersten Advocaten Roms. Dio 69, 18: ο τὰ πρω̃τα τω̃ν τότε ‛Ρωμαίων εν δίκαις φερόμενος. Orator nobilissimus nennt ihn Eutrop. VIII, 12. Seine Thätigkeit machte ihn so reich, daß er die Gärten des Mäcen erstand und Bäder baute. Nachdem er im Jahre 143 zwei Monate lang Consul gewesen war, schlug er die mühevolle Ehre des Proconsuls von Asien aus. Er befand sich in demselben Verhältniß zu einem künftigen Kaiser wie Seneca. Wenn es aber für diesen zum Fluch wurde, daß Nero sein Schüler war, so gereichte es Fronto zum Segen und zu bleibendem Ruhm, der Lehrer des edelsten aller Herrscher, Marc Aurels, gewesen zu sein. Mit rührender Pietät hat dieser Kaiser die Mühen seines Erziehers belohnt, und Fronto fand an dem erlauchten Zöglinge nichts zu beklagen, als seine Abwendung von der Rhetorik zur Philosophie. Der Briefwechsel beider mit einander ist das Denkmal dieses schönen Verhältnisses. Er lehrt auch den Charakter Fronto's kennen, welcher zwar als ein selbstgefälliger Mann mit allen Schwächen behaftet war, die aus seinem rhetorischen Beruf und seiner Stellung als Prinzenerzieher stoßen, aber doch achtungswerte Züge echter Menschlichkeit besessen hat. Man sehe seinen Brief De nepote amisso , worin er sich selbst das integer vitae scelerisque purus zuschreiben durfte. Aus manchen Briefen und Abhandlungen, wie z. B. aus den »Alsiensischen Ferien«, worin er seinen Zögling zum heiteren Lebensgenuß ermahnt, läßt sich erkennen, daß Fronto im Grunde kein trockener Pedant gewesen ist. Dem Lucius Verus gegenüber, der sein zweiter Zögling war, erscheint er nicht immer aufrichtig; er hat ihm geschmeichelt; doch Marc Aurel selbst schätzte sich glücklich, weil er von seinem Lehrer gelernt habe, wahr zu sein. Quod verum dicere ex te disco. Fronto III, 12 – III, 18 schreibt ihm M. Aurel, er sei ihm dankbar, quom cotidie non desinis in viam me veram inducere, et oculos mihi aperire . Sein Lob in den Selbstbetrachtungen I, 11. Um das Jahr 160 stand Fronto in seinem höchsten Ruf; um 175 ist er gestorben. Bernhardy, Grundriß der röm. Liter., 5. Aufl, S. 839. Teufel, 355. Ueber den Cursus honorum Fronto's vor seinem Consulat: Renier, Inscr. Rom. de l'Algérie , 2717. Als Schriftsteller muß er wie der pedantische Vertreter der Altertümelei in der lateinischen Literatur angesehen werden. Wenn Quintilian diese wieder an das Muster Cicero's verwiesen hatte, so hielt sich jener an die Formen des Cato, Ennius, Plautus und Sallust. Er wollte nichts von der Art der griechischen Rhetoren wissen, sondern ahmte den Stil der ältesten Römer nach. Deshalb hat ihn Gellius bewundert. Es war die Zeit des philologischen Enthusiasmus für die veraltete Sprachform. Dies bizarre Bemühen machte Stil und Sprache lächerlich verschroben, dunkel und klanglos, und bewies nur den unrettbaren Verfall der Literatur. Die Schriften Fronto's, worunter sich auch ein Fragment gegen die Christen und Reste seiner Geschichte des parthischen Kriegs befinden, sind erst von Angelo Mai in der Ambrosiana und Vaticana, doch sehr defect, aufgefunden worden. Ausgaben, von Angelo Mai, Mailand 1815, Berlin 1816 (von Niebuhr), Rom von A. Mai, 1823, 1846. Auf seinen Angriff gegen die Christen bezieht sich Minucius Felix, Octavius c. 80 . Man hat sie erst als unverhoffte Nachzügler des Altertums mit Enthusiasmus begrüßt und auch ihren Wert überschätzt. Die Entdeckung Fronto's durch Angelo Mai wurde besonders lebhaft von Giacomo Leopardi begrüßt. Nach der Auffindung der Bücher Cicero's De Republica richtete der Dichter an Mai die berühmte Ode Italo ardito . Siehe über die Entdeckung Fronto's die Jubiläumschrift des Ateneo di Bergamo: Nel Primo Centenario di Angelo Mai, Memorie e Documenti , von Benedetto Prina, 1882. Dann sind sie wegwerfend unterschätzt worden. Eines der vornehmsten Zeichen der Zeit des Mißbrauchs der Redekunst und der Verfälschung der Sprache ist Fronto für Fr. Roth, Bemerkungen über die Schriften des M. Cornel. Fronto, 1817. Bernhardy S. 840 nennt ihn ein Zeugniß der verkümmerten Literatur des 2. Jahrhunderts. Ganz in Schwarz hat ihn gemalt Martin Herz, Renaiss. u. Rococo in der röm. Literatur. – Macrobius, Saturnal. V, 1: quatuor sunt, inquit Eusebius, genera dicendi: copiosum, in quo Cicero dominatur: breve, in quo Sallustius regnat, siccum quod Frontoni adscribitur; pingue et floridurn, in quo Plinius secundus . . . Die Stoffe Fronto's sind als Gegenstände rhetorischer Exercitien oft sehr trivial. So findet sich unter ihnen ein Lob der Sorglosigkeit, des Rauchs und des Staubes. Aber man muß schon ein Swift sein, um auch über einen Besenstil geistreich zu reden. Am wichtigsten ist als geschichtliches Document für die Cultur des Zeitalters Fronto's Briefwechsel mit den Antoninen. Es zeigt sich darin freilich nur ein mittelmäßiger Geist, und dieser gehört einer ideen- und thatenlosen Zeit an. Fronto schrieb auch griechisch einige Briefe und einen Erotikos. Eine classische Literatur hat die römische Beredsamkeit nach Cicero nicht mehr hervorgebracht. Quintilian selbst hat in seinem Werk De institutione oratoria nur das mustergültige Lehrbuch zur Erlernung der rhetorischen Kunst aufgestellt. Während diese in Rom im Grunde immer auf das Praktische, namentlich die gerichtliche Beredsamkeit gerichtet blieb, war die griechische Rhetorik eine freie, schönwissenschaftliche Kunst zu nennen, und daher auch literarisch productiv. Elftes Capitel. Die griechische Sophistik. Favorinus. Dionys von Milet. Polemon. Herodes Atticus und andre Sophisten. Die Sophistik des zweiten Jahrhunderts ist eine bemerkenswerte Lebensregung der hellenischen Geister gewesen. Sie hat unter vielen Schwankungen bis in die Zeit Justinians fortgedauert und die neuplatonische Philosophie, das Produkt der Renaissance der Ideenwelt Platons in ihrer Spannung zum Christentum, ist ihr zur Seite geblieben und auch gemeinsam mit ihr erloschen. Während der Erschöpfung des römischen Nationalgeistes nach dem goldenen Zeitalter seiner Dichter und Prosaisten füllten die Hellenen eine Lücke in der Weltliteratur aus, denn die im Reich immer zwischen dem griechischen und lateinischen Genius schwankende Schale neigte sich ihnen wieder zu. Die Sympathien für Hellas waren seit Claudius und Nero an dem Kaiserhof hoch gestiegen. Selbst ein Domitian liebte das griechische Wesen. Er richtete die capitolischen Wettkämpfe ein nach dem Muster der olympischen Spiele. Er selbst führte in ihnen den Vorsitz in griechischem Gewande, das Haupt mit einem goldenen Kranz geschmückt. Unter der Regierung Nerva's verkündete sodann Dio Chrysostomus, der Großvater des Geschichtschreibers Cassius Dio, den Wiederaufschwung der griechischen Beredsamkeit. Ihren Sieg aber hat der Philhellene Hadrian entschieden. Die Sophistik verdankte ihm ein neues Zeitalter, und eine zweite griechische Redekunst entwickelte sich auf dem Boden des Studiums der alten Literatur. Obwol sie mit aller Nichtigkeit der an großen Gegenständen und Ideen armen Zeit behaftet war, so brachte sie es doch zu einer geistreichen Eleganz und zu so großer Meisterschaft der Form und des Vortrages, daß sie die damalige Welt berauschte. Wenn uns heute jene Declamationen über mythologische Dinge und geschichtliche Ereignisse hellenischer Vergangenheit trivial erscheinen, so ist doch die sophistische Literatur immer ein Spiegel der kosmopolitischen Bildung des Römerreichs, in welchem die Grenzen des geistigen Besitztums der Nationen aufgehoben waren. Sie erschien dem Zeitalter selbst so bedeutend, daß sie an Philostrat ihren Geschichtschreiber gefunden hat. Weil die sophistische Schule der Griechen das Vorbild der lateinischen Rhetorik war, so gilt auch von jener, was von dieser gesagt ist. Die Zeiten des Pisistratus, Solon und Perikles, des Philipp und Demosthenes, Homer und die Dichter und vor allen die attischen Redner gaben auch hier die Stoffe her. Die Hauptsache war die Ausbildung des Vortrages zur vollendeten dramatischen Kunst und die höchste Leistung dieser griechischen Redner die geniale Improvisation des Augenblicks. Deshalb studirten sie fleißig nicht nur die Alten, sondern auch die Natur. Herodes Atticus hatte, so sagt Philostrat, die Kunst, das Herz zu rühren, nicht blos aus den tragischen Dichtern, sondern auch aus dem Leben gelernt. Marcus von Byzanz verglich die Mannigfaltigkeit der Sophistik mit dem Farbenspiel des Regenbogens, und ihre Schwierigkeit wußte Philostrat nicht besser zu bezeichnen, als dadurch, daß er zu dem im 56. Lebensjahre erfolgten Tode Polemons bemerkte: bei andern Wissenschaften fängt mit diesen Jahren das Alter an, aber der Sophist ist dann noch ein Jüngling, denn je älter er wird, desto mehr vervollkommnet er sich. Man kann es den Sophisten nicht verdenken, wenn sie die Redekunst als die schönste Blüte des Menschengeistes verherrlichten, denn sie lebten von ihrer Frucht, aber auch ein großer Teil der gebildeten Welt hat sie als den Inbegriff aller geistigen Vollkommenheit betrachtet. Wenn schon ein römischer Redner sein Publicum zum Entzücken hinriß, so mag man sich den Enthusiasmus vorstellen, welchen ein griechischer unter Hellenen erweckte, so oft er die Musik einer Sprache ertönen ließ, die noch Weltsprache war und selbst Rom beherrschte. Die Virtuosität, aus der Rede ein Kunstwerk zu machen, haben wol nur die Griechen ganz besessen und auch zu genießen verstanden. Es gehörte ihr feines Ohr dazu, um die Silbenmaße als Modulation zu erfassen wie die Laute einer Lyra und Flöte. Polemon pflegte nach langen Redeperioden zu lächeln, um dadurch zu zeigen, wie wenig ihn so etwas anstrengte. Künstelei war hier alles, aber sie galt eben als Kunst. So hoch stand die Sophistik in der Bewunderung der Welt, daß ihr Besitz den höchsten Würden vorgezogen wurde. Man erkaufte sich den Namen des Sophisten und das Vergnügen, declamiren zu dürfen, selbst mit teurem Gelde. Philostrat erzählt von einem reichen Jünglinge, der sich von seinen Schmarotzern als Declamator feiern ließ, daß er Schuldnern den Besuch seiner Vorträge an den Zinsen abrechnete. Auch Polemon hatte von ihm Geld geborgt, hörte ihn aber aus Verachtung nur selten; als nun der junge Redner ihm mit einer Schuldklage drohte, entschloß er sich, ihn nach Wunsch zu besänftigen, konnte aber dessen Geschwätz nicht aushalten und rief: »Varus, bringe nur lieber deine Klageschrift her.« Die Sophisten hielten sich ihre Beifallrufer; ausdrücklich verlangte Aristides von Marc Aurel, welcher ihn zu hören wünschte, er solle erlauben, daß seine Freunde klatschen dürften. Philostr., Vita Soph. Aristides, Vol. II , S. 88. Die Redekünstler wanderten wie Schauspieler umher und gaben Gastrollen. Wenn sie berühmt waren, feierten Städte ihr Auftreten mit Festen. Sie verliehen ihnen nicht selten das Bürgerrecht, errichteten ihnen Bildsäulen, gaben ihnen Einfluß auf ihre wichtigsten Angelegenheiten und sie bedienten sich ihrer als Gesandten an den Kaiser. So erwarb sich der Rhetor Marcus als Abgesandter der Byzantiner die Gunst Hadrians. Sicherlich haben Städte wie Smyrna und Pergamon gerade der Sophistik einen neuen Glanz zu verdanken gehabt. Die Ruhmsucht und Eitelkeit dieser Sophisten fanden hinreichende Nahrung an dem theatralischen Sinn und der Thatenarmut der damaligen, namentlich der hellenischen Welt, die auch der Mittelmäßigkeit, wie allem, was blendend, sinnverwirrend und pralerisch war, Denkmäler zu setzen pflegte. Doch erklärt sich die Macht der Redekünstler gerade unter den Hellenen auch aus dem Patriotismus. Denn sie riefen den Griechen den Ruhm ihres Namens, die Thaten der Vorfahren und den Schatz ihrer Literatur ins Bewußtsein zurück, während sie selbst den Schein hervorbrachten, daß diese antike Literatur sich noch lebendig in neuen Productionen fortsetze. Wenn es auch übertrieben ist, was Philostrat von dem Einflusse des Apollonius auf Vespasian erzählt hat, so ist es doch Thatsache, daß auch die römischen Kaiser die Sophistik als eine Macht anerkannt haben. Philostr., Vita Apollon. V, c. 31. Sie huldigten ihr, weil sie das Geistesleben der Hellenen darstellte, und mit diesem mußten sie einen Vertrag schließen, wenn anders sie selbst auf der Höhe ihrer Zeit stehen wollten. Es kam ihnen immer darauf an, im Osten als die Nachfolger Alexanders auch vom Hellenentum anerkannt zu sein, und aus olympischen Posaunen haben die Sophisten reichlich ihr Lob verkündet. Selbst nicht ein Plinius hat die Weltgröße Roms so begeistert gepriesen, als es die griechischen Redner der Zeit der Antonine gethan haben. Ueber die Sophisten im Allg.: Lud. Cresollius, Theatr. veter. rhetor. I, c. 8 ; A. Westermann, Gesch. der griech. Beredsamkeit, S. 198 f.; die betreffenden Abschnitte bei Friedländer. Die Hauptsitze der Sophistik waren Smyrna und Athen, Ephesus und Pergamon, dann Antiochia, Berytus und andre phönizische Städte. Aus Prusa in Bithynien stammte der Chorführer dieser neuen Redeschule, Dio Chrysostomus, welcher in der Mitte des ersten Jahrhunderts geboren war und noch unter Trajan geglänzt hat. In der antoninischen Zeit erreichte die Sophistik ihre Höhe. Die Zahl dieser Redekünstler ist Legion. Hadrian selbst ist ihnen beizuzählen. Seine Reden und Abhandlungen wurden gesammelt und gelesen, und Photius hat ihnen einiges Lob gespendet. Nichts davon ist erhalten. Photius 100: Μελέται διαφόραι – εις τὸ μέτριον ανηγμέναι καὶ ουκ αηδει̃ς. Von seinen Sermonen und Orationen Charisius, Art. Gramm. II, 129. 240 . Es ist merkwürdig genug, daß einer der berühmtesten griechischen Sophisten jener Zeit ein Gallier gewesen ist. Dies war Favorinus aus Arelate. Wenigstens hat ihn Philostrat in diese Classe gesetzt, obwol er eigentlich ein platonischer Philosoph war und von seinem Schüler Gellius stets als solcher bezeichnet wird. Gellius I, 3; X, 13; XVII, 12. Wenn dieser nicht zu sehr mit dem Auge der Liebe gesehen hat, so war Favorinus ein Mann von viel Erfahrung und ruhigem Urteil. Gellius IV, 1: Sic Favorinus sermones in genus commune a rebus parvis et frigidis abducebat ad ea, quae esset magis utile audire ac discere, non allata extrinsecus, non per ostentationem, sed indidem nata acceptaque – XVI, 1 . Wie Philostrat behauptete, war er ein Zwitter, bartlos und kastratenstimmig, und dabei so weibertoll, daß er von einem Consularen als Ehebrecher verklagt wurde. Seine griechische Bildung mußte dem Kaiser Hadrian besonders sympathisch sein. Ihn vorzugsweise nennt Spartian unter den Gelehrten seines Hofes. Daß er ein geschulter Höfling war, kann folgende Anekdote zeigen: eines Tages wies ihn Hadrian in einer wissenschaftlichen Frage zurecht, und Favorinus gab ihm sofort nach; als nun seine Freunde ihn deshalb tadelten, antwortete er: »Laßt mich nur immerhin glauben, daß derjenige auch der klügste Mann auf Erden sei, welcher dreißig Legionen commandirt.« Es ist schwerlich mehr als eine Fabel, daß der Ruhm des Favorinus die Eifersucht des Kaisers erregt habe, so daß er ihn durch die Bevorzugung seiner Gegner zu verdrängen suchte. Aber in die Ungnade Hadrians scheint er wirklich gefallen zu sein, ohne jedoch daran zu Grunde zu gehen. Er konnte vielmehr drei Dinge als die größesten Merkwürdigkeiten seines Lebens bezeichnen: daß er als Gallier ein Hellenist war, daß er als Eunuch um Ehebruch belangt wurde, und daß er den Kaiser zu seinem Gegner hatte und doch am Leben blieb. Philostr., Favorin. , am Anfange: Γαλάτης ὼν ελληνίζειν, ευνου̃χος ὼν μοιχείας κρίνεσθαι, βασιλει̃ διαφέρεσθαι καὶ ζη̃ν. Die Athener sollen sogar, im Glauben, Hadrian sei dem Favorinus unversöhnlich Feind, die eherne Bildsäule umgestürzt haben, die sie ihm errichtet hatten, und auch darüber wußte er sich zu trösten. Trotz der Uebereinstimmung seiner Studien mit denen des Kaisers, teilte er nicht weder dessen Vorliebe für die altertümliche Literatur, noch seine mystische Richtung. Dies beweist seine Rede gegen die Astrologen, die er in Rom hielt. Gellius XIV, 1 . Sie mag den Kaiser verdrossen haben, und auch sonst wird er durch die Anmaßung Favorins beleidigt worden sein. So lächerlich die Eitelkeit solcher Sophisten auch gewesen sein mag, so ist doch immer anzuerkennen, daß sie, gleich den Cynikern, die Ebenbürtigkeit des Geistes auch vor dem Kaisertron zu behaupten wußten. Mit Polemon war Favorinus im Streit. Ephesus hatte für ihn, Smyrna für jenen Partei genommen. Literarische Fehden entbrannten damals nicht minder heftig als im scholastischen Mittelalter und in der Zeit des Poggio und Valla, wo das literarische Treiben des Altertums nachgeahmt wurde. Philostrat folgerte aus diesem Streit, daß Favorinus Sophist gewesen sei, da Eifersucht nur innerhalb gleicher Profession stattfinde. Besser vertrug sich Favorinus mit Herodes Atticus seinem Schüler, welchem er seine Bücher, sein Haus in Rom und seinen schwarzen indischen Sclaven vermachte. Auch mit Plutarch, der ihm seine Schrift über das Princip der Kälte widmete, war er befreundet, und den berühmten Dio Chrysostomus schätzte er als seinen eigenen Lehrer. Favorinus war von großer Fruchtbarkeit der Produktion, einer der Universalmenschen jener Zeit, und darin dem Plutarch ähnlich. Doch haben sich von seinen Schriften nur wenige Fragmente erhalten. Als sein bestes Werk galten zehn Bücher pyrrhonischer Tropen. Gellius rühmt sein elegantes Griechisch, dessen Anmut in lateinischer Rede nicht zu erreichen gewesen sei, und Philostrat seine bezaubernde Aussprache, sein sprechendes Auge und die Melodie seines Vortrages; »denn selbst solche, welche das Griechische nicht verstanden, hörten ihm mit Lust zu; er bezauberte sie durch den Klang der Rede, der ihnen als Gesang erschien.« Philostr., Vol. II, 11. Unter den Redekünstlern glänzte auch Dionys von Milet, ein Schüler des Assyriers Isäus. Hadrian gab ihm eine Stelle im Museum Alexandrias und machte ihn zum Ritter und sogar zum Statthalter einer Provinz. So behauptet wenigstens Philostr. II, 37: σατράπην μὲν αυτὸν απέφηνεν ουκ αφανω̃ν εθνω̃ν. Daher erscheint die Behauptung, der Kaiser habe auch diesen Sophisten aus Neid verderben wollen, sehr zweifelhaft. Dionys sagte einmal voll Selbstgefühl zu Heliodor, dem Geheimschreiber Hadrians: der Kaiser kann dich reich machen, aber zum Sophisten machen kann er dich nicht. Dio 69, 3. Er reiste in vielen Städten umher und hielt in Lesbos eine Rednerschule. Er starb zu Ephesus, wo man ihn auf dem schönsten Platze der Stadt begrub und mit einem Denkmal ehrte. Da er älter war als Polemon, machte ihn das Genie des jungen Rhetors besorgt. Er hörte ihn einmal in Sardes, wohin jener von Smyrna gekommen war, um einen Prozeß zu führen, doch war er klug genug, seinen Ruf nicht an den geforderten Wettstreit mit ihm zu wagen. Er soll sich durch Natürlichkeit des Vortrages ausgezeichnet haben. Sein seltenes Gedächtniß teilte sich als mnemonische Kunst auch seinen Schülern mit, daher seine Neider behaupteten, er habe durch chaldäische Zaubermittel solche Erfolge bewirkt. Philostrat bemerkt dazu: »Künstliche Mittel für das Gedächtniß gab es nicht, noch wird es solche geben. Das Gedächtniß lehrt zwar die Künste, ist aber selbst durch keine Kunst erlernbar, weil es ein Geschenk der Natur und ein Teil der unsterblichen Seele ist.« Philostr., Vol. II , S. 36. Es ist die Königin der Dinge, nach Sophokles. Berühmte Sophisten jener Zeit waren ferner Alexander von Troas, Skopelianus, Sabinus, Asklepios von Byblos, Lollianus von Ephesus und Marcus von Byzanz. Lollian war der Ruhm Athens, wo er zuerst den Tron der Beredsamkeit einnahm. Philostrat nennt ihn einen rechtschaffenen und wolgesinnten Mann. Durch seinen Unterricht in der Theorie und Praxis der Redekunst wurde er reich. Der athenische Senat errichtete ihm eine Ehrenstatue. Inschrift bei Spon, Itin. II , S. 336. Alle Sophisten dieses Zeitalters sind durch Polemon und Herodes Atticus überstralt worden. Sie waren nicht nur die anerkannten Meister ihrer Kunst, sondern sie lebten auch im Besitze großer Reichtümer den Fürsten gleich, und wie Halbgötter sind sie von ihrer Zeit geehrt worden. Polemon, aus einer Consularfamilie im karischen Laodicea, war das Haupt der jonischen Schule und der Stolz Smyrnas. Da er Tausende von Schülern herbeizog, gewann er solches Ansehen, daß er diese Stadt regierte. Er stiftete Frieden unter ihren Parteien, beabsichtigte die Verwaltung, suchte die Ueppigkeit zu mäßigen und den Bürgern das Gefühl der Selbständigkeit wieder zu geben, indem er ihre Streitigkeiten nicht vor den Proconsul bringen, sondern zu Hause schlichten ließ. Solche bürgerliche Thätigkeit war die schönste Seite im Leben berühmter Sophisten. Sie konnten die Friedensrichter, die Mäcene und die Sachwalter ihrer Städte vor den Kaisern sein. Polemon wußte die Gunst Hadrians für Smyrna in solchem Maße zu gewinnen, daß dieser der Stadt 10 Millionen auf einmal schenkte, wovon sie Magazine, einen Tempel und das prächtigste Gymnasium in ganz Asien baute. Philostr. II, 43. Kein Wunder, daß sie den Sophisten mit hohen Ehren belohnte. Sie verlieh ihm unter anderm für sich und seine Nachkommen den Vorsitz bei den Olympien und die Führung des heiligen Schiffs des Dionysos. Trajan, Hadrian und die Antonine zeichneten Polemon auf jede Weise aus. Er kam oft als Gesandter Smyrnas nach Rom. Ihm übertrug Hadrian die Rede zur Einweihung des Olympieion in Athen. Welche schönere Gelegenheit konnte sich ein Sophist zum reden wünschen, als diese! Leider ist dies Prachtstück verloren gegangen. Philostrat sagt, daß er bewundernswürdig geredet habe. Polemon lebte im großen Stil. Auf Reisen führte er köstliche Geräte, Pferde, Sclaven und Hunde mit sich, und er tronte wie ein Marc Antonius auf einem reich geschmückten Wagen. Es muß damals eine glänzende Welt der Repräsentation gewesen sein, wenn ein einzelner Sophist so großartig auftreten konnte. Aehnliches erzählt Philostrat auch von dem Tyrier Hadrian und von Herodes Atticus. Polemon, so sagt er, erhob sich zu solcher Größe, daß er mit Städten wie ihr Fürst und mit Fürsten und Göttern wie mit seines Gleichen redete. Als einmal der Proconsul von Asien, es war der spätere Kaiser Antoninus Pius, in des abwesenden Sophisten Haus ohne weiteres Quartier nahm und dieser in der Nacht heimkehrte, zwang er den ungebetenen Gast zum Auszuge, und der römische Proconsul fügte sich. So durfte auch in den Zeiten der Willkür Talent sich der Macht gleich achten. Von Polemons Streitsucht ist oben die Rede gewesen. Er bekämpfte nicht alle ihm ebenbürtige Sophisten, am wenigsten Skopelianus und Herodes Atticus. Dieser war sein aufrichtiger Bewunderer; als ihm einst das Volk zurief, er sei der zweite Demosthenes, entgegnete er: Ich bin der zweite Phrygier (Polemon). Philostrat will es dieser Hochachtung zuschreiben, daß Herodes heimlich in der Nacht von Smyrna abreiste, um nicht zu einem Wettstreit mit jenem gezwungen zu werden. Polemon war groß als Improvisator. Sein Vortrag wird geschildert als warm, kraftvoll, starktönend wie eine Tuba. Man nannte ihn die olympische Posaune. Seine Gedanken erschienen seiner Zeit demosthenisch erhaben, gleich den Aussprüchen des Dreifußes. Der sentenzenreiche Prunk der jonischen Schule scheint nicht seine Manier gewesen zu sein. Philostrat mußte ihn sogar gegen diejenigen verteidigen, welche ihm Bilderschmuck und Zierlichkeit absprachen. Einmal schreibt Marc Aurel an Fronto: »Drei Tage lang habe ich Polemon declamiren gehört. Wenn du mich fragst, wie er mir erschienen sei, so will ich sagen, als ein sehr thätiger und ernster Landmann, welcher sein großes Landgut nur mit Korn und Wein bebaut, wovon er denn auch die schönste und reichste Frucht gewinnt. Doch auf diesem Gut gibt es nirgends Feigen von Pompeji, noch Gemüse von Aricia, noch Rosen von Tarent, noch wonnige Haine und dichten Wald oder schattige Platanen. Alles ist mehr auf den Nutzen als das Vergnügen berechnet, mehr zu loben als zu lieben. Aber muß ich nicht in meinem kühnen Urteil übereilt und anmaßend erscheinen, da ich es über einen Mann von solchem Ruhme abgebe?« Fronto, Epistolar. II, 8 , S. 40: cum de tantae gloriae viro existimo? Wir müssen diese kritische Ansicht als Autorität gelten lassen, da wir von Polemon nichts besitzen als zwei Grabreden auf die bei Marathon gefallenen Helden Cynegirus und Antimachus. Επιτάφιοι λόγοι – Laudationes duae funebres ed.Orelli, 1819. Declamationes quae extant duae rec. Hink, Lips. 1873. Er starb unter Marc Aurel um das Jahr 153, 56 Jahre alt, den freiwilligen Hungertod, weil eine unheilbare Krankheit ihn an der fernern Ausübung seiner geliebten Kunst verzweifeln machte. Noch anziehender und für das Culturleben lehrreicher ist die Erscheinung des Herodes Atticus, des berühmten Wolthäters der Stadt Athen, die von diesem einen Manne fast ebensoviel Glanz empfangen hat als von ihrem großen Gönner auf dem Cäsarentrone. Dieser Glückliche vereinigte, was selten sich zu verbinden pflegt, die Reichtümer des Krösus mit so viel Gaben der Musen Attikas, als seine Zeit noch ertragen konnte. In dem berühmten Marathon war er am Anfange des 2. Jahrhunderts geboren. Man setzt seine Geburt entweder ins J. 95 oder 101, gestützt auf Philostr., Vit. Herod., c. 14 , wo von seiner ersten Begegnung mit Hadrian in Pannonien geredet wird, und diese glaubt Olearius (zur Vita Herodis ) im J. 119 geschehen. Franz ( C. I. G. III , S. 922 , 925) nimmt das für richtig an. Herod. soll damals 25 J. alt gewesen sein, während Heyse ein Alter von 18 Jahren annimmt. Keil in Pauly's Reallex., Artik. Herod. Att., hält 101 für das Geburtsjahr. Aber keine dieser Berechnungen ist sicher. Er selbst behauptete, von den Aeakiden abzustammen. Polemon, Favorinus, Skopelianus und der athenische Sophist Secundus waren seine Lehrer, und der Tyrier Taurus führte ihn in die platonische Philosophie ein. Alle seine Zeitgenossen von Namen schien Herodes bald zu verdunkeln. Sein Andenken hat auch länger gedauert als das ihrige; jedoch verdankt er diesen Vorzug weniger seinem Genie, als der liberalen Anwendung, die er von seinem Vermögen machte. Sein Vater Atticus hatte in einem seiner Häuser am Theater zu Athen einen Schatz gefunden, welchen ihm der großmütige Nerva schenkte. Dieser Zufall und die Güter seiner Mutter machten Herodes mehr als reich. Aber er verstand sein Gold auf die großartigste Weise flüssig zu machen. Er war ein Jüngling, als er sich Hadrian in Pannonien vorstellte, doch mit der Rede, die er an ihn hielt, fiel er durch. Erst im Winter von 125–126 trat der junge Mann dem Kaiser in Athen nahe und seither begann er zu glänzen. Damals machte ihn Hadrian zum Corrector der freien Städte Asiens, für welche dann Herodes mit Freigebigkeit sorgte. Er liebte den Nachruhm über Alles, denn schwerlich hat er seine Bauten nur aus Wolthätigkeitstrieb oder aus Kunstenthusiasmus unternommen. Sein heißester Wunsch war die Durchgrabung des Isthmus von Korinth. Das Bedürfniß, die beiden Meere Griechenlands durch einen schiffbaren Canal zu verbinden, war längst empfunden worden, und Nero hatte bei seiner Anwesenheit in Korinth nicht nur den Plan dazu gefaßt, sondern auch seine Ausführung begonnen. Sueton., Nero, c. 19. Dio 63. 16. Noch heute sieht man die Spuren des neronischen Durchstichs auf der schmalsten Stelle der Landenge, dort wo der alte Diolkos sich befand, und ihnen sind auch die heutigen Ingenieure gefolgt. Es waren weniger die Bedenken der damaligen Wissenschaft über die Durchführbarkeit des Unternehmens oder abergläubische Scheu der Menschen, der Natur Gewalt anzuthun, als seine launenhafte Unbeständigkeit und die schnelle Rückkehr nach Rom, was Nero veranlaßte, von jenem Werk abzustehen. Lucian, Nero, c. 4 . Aegyptische Geometer behaupteten, daß die Wasserspiegel beider Meere nicht gleich seien, daher nach dem Durchstich die Insel Aegina der Ueberflutung ausgesetzt sei. Indeß diese Ansicht wurde nur vorgeschützt; es war die Rebellion des Vindex, welche Nero aus Griechenland abrief. Kein Kaiser nach ihm hat dasselbe wieder aufgenommen. Erst in Herodes erwachte die Idee dazu, und sie machte dem großartigen Sinn des Sophisten nicht wenig Ehre. Was Philostrat davon erzählt, ist heute doppelt merkwürdig, wo nach langen Jahrhunderten der Durchstich des Isthmus ausgeführt wird. Als Herodes eines Tags mit dem Athener Ktesidemus nach Korinth fuhr und zum Isthmus gelangte, sagte er: »Ich bemühe mich schon lange Zeit, der Nachwelt ein Denkmal zu hinterlassen, welches ihr bezeugen soll, daß ich ein Mann gewesen bin, aber ich verzweifle, solchen Ruhm je zu erlangen.« Sein Begleiter bemerkte hierauf, daß der Ruhm seiner Reden und Bauwerke von niemand erreicht werden könne, aber Herodes entgegnete ihm: »Meine Werke sind vergänglich und ein Raub der Zeit, auch an meinen Reden wird bald dieser bald jener etwas zu tadeln wissen, aber die Durchgrabung des Isthmus würde ein unsterbliches und aus Grund der Natur unglaubliches Werk sein; jedoch um den Isthmus zu durchbrechen, bedarf es, so scheint es mir, eher des Poseidon als eines Mannes.« η δὲ του̃ ’Ισθμου̃ τομὴ έργον αθάνατον καὶ απιστούμενον τη̃ φύσει, δοκει̃ γὰρ μοι τὸ ρη̃ξαι τὸν ’Ισθμὸν Ποσειδω̃νος δει̃σθαι ὴ ανδρός. Philostr. II, 60 . Die Ansicht des Herodes beweist, daß die technischen Schwierigkeiten des Unternehmens in jener Zeit noch für sehr groß gehalten wurden. Pausanias erzählt, die Pythia habe den Knidiern abgeraten, ihre Landenge zu durchstechen, und bemerkt dazu: »So schwierig ist es für den Menschen, den Göttern Gewalt anzuthun.« Ούτω χαλεπὸν ανθρώπω τὰ θει̃α βιάσασθαι. Pausan, Korinth. II, 1, 5. Herodes Atticus wäre jedoch der rechte Mann gewesen, um den Durchstich des Isthmus von Korinth trotz des Poseidon auszuführen; nur hatte er, so behauptet Philostrat, nicht den Mut, den Kaiser um die Erlaubniß dazu zu bitten, weil er fürchtete, als anmaßend getadelt zu werden, wenn er ein Werk unternahm, für welches der Verstand Nero's nicht ausgereicht hatte. Ουκ εθάρρει δὲ αυτὸ αιτει̃ν εκ βασιλέως, ως μὴ διαβληθείη διανοίας δοκω̃ν άπτεσθαι, η̃ μηδὲ Νέρων ήρκεσεν. Philostr. ut supra. Daß nicht er selbst, sondern Polemon die olympische Einweihungsrede hielt, wird ihn kaum weniger bekümmert haben als der Verzicht auf den isthmischen Ruhm. In Athen bekleidete er übrigens die lebenslängliche Würde des Oberpriesters des Kaisercultus. I. A. III, n. 478. 664. 665. 735. 1132. Er war auch Archon Eponymos. I. A. III, n. 735. 736 und 69a. Vidal-Lablache ( Hérode Atticus , S. 34) nimmt dafür das J. 135 an, dagegen Dittenberger, Die attische Panathenaiden-Aera ( Comment. Momms. , S. 252) d. J. 127–8. Er wurde wol Archon nach seiner Rückkehr vom Amt des Correctors der freien Städte Asiens (Keil). Mit einem göttergleichen Selbstbewußtsein muß ein Privatmann erfüllt gewesen sein, welcher Millionen ausstreute wie Hadrian, in Athen baute und zugleich Reden hielt wie Perikles, viele andre Städte mit prachtvollen Werken schmückte und von ihnen mit Huldigungen gefeiert wurde, die nicht blos seinem Reichtum, sondern auch seinem Genie galten. Aber der Sohn dieses Halbgottes konnte das ABC nicht begreifen, der Vater ließ 24 Knaben mit ihm erziehen, deren jeder einen Buchstaben des Alphabets als Namen erhielt, was nichts fruchtete. Um seine Trauer über den Tod seines Weibes, der reichen Römerin Appia Annia Regilla, an den Tag zu legen, ließ Herodes sein Haus schwarz malen und mit schwarzem lesbischen Marmor verdunkeln, wofür, wie für manche andre theatralische Schaudarstellung seiner Trauer, er sich den Spott Lucians zuzog. Lucian, Demonax 24. 25. 23. Wenn dies fantastische Narrheit war, so war die Schmeichelei der Athener, welche den Todestag der Panathenais, einer Tochter des Herodes, aus dem Kalender strichen, noch lächerlicher. Diese Griechen trieben den Cultus des Genies so weit, daß sie sogar die Stimme, den Gang und die Kleidung eines verstorbenen Sophisten nachahmten, nämlich des Hadrian von Tyrus. Philostr. II, 10. Herodes soll mit seiner so prunkvoll betrauerten Gemalin in keinem guten Verhältniß gelebt haben; er wurde sogar von seinen Feinden angeklagt, daß er sie durch einen Sclaven habe umbringen lassen. Diesen Vorwurf weist Philostrat zurück wie jenen, daß Herodes, als er Corrector der freien Städte Asiens war, mit dem damaligen Proconsul Antoninus, dem späteren Kaiser, in thätlichen Zwist geraten sei; doch merkt man aus solchen Anekdoten immer, wie groß der Stolz, die Streitsucht und die Leidenschaftlichkeit dieses Mannes gewesen sind. Die Sophisten jener Zeit waren nahe daran, die Tyrannis in Städten zu erlangen. Unter andern Verhältnissen hätte ein den Geldmarkt beherrschender Bürger wie Herodes die Gewalt in der Republik Athen an sich gerissen und eine Dynastie gestiftet, wie das später in Florenz dem Bankier Cosmus Medici gelang. Die Scharen seiner Sclaven, Diener, Beamten und Clienten hätten ein Heer bilden können, und seine Freigelassenen beleidigten das athenische Volk, in welchem noch immer ein demokratischer Sinn fortlebte, durch Handlungen des Uebermuts. Die Athener konnten zuletzt das hochfahrende Wesen ihres Wolthäters nicht mehr ertragen. Es bildete sich gegen ihn, wie ehemals gegen Pisistratus, eine Partei. Diese stützte sich auf die beiden Quintilier, welche die Statthalterschaft Griechenlands besaßen. Die Brüder Condianus und Maximus Quintilius, von Geburt Ilier, waren durch ihren Geist, ihren Reichtum und ihre Liebe zu einander berühmt; denn in Eintracht bekleideten sie zusammen die höchsten Aemter. Sie genossen bei Marc Aurel das größeste Ansehen. (Commodus ließ nachher beide tödten.) Die Athener nun baten diese Brüder um ihre Vertretung gegen Herodes vor Marc Aurel, und sie machten ihm im Jahre 168 den Prozeß wegen seines gewalttätigen Wesens in Angelegenheiten der Stadt, und wegen der Excesse seiner Freigelassenen. Herodes und seine Gegner, unter denen sich auch der Sophist Theodotus befand, stellten sich vor dem kaiserlichen Richterstul in Sirmium. Der Streit führte wirklich den Sturz des Sophisten von seiner Stellung in Athen herbei, endigte indeß nicht so zum Nachteile des Angeklagten, daß ihm der Kaiser seine Gunst entzogen hätte. Philostrat hat das ausführlich erzählt. Siehe auch Hertzberg II, 399 f. Erbittert und mit Athen zerfallen, zog sich der alte Herodes auf seine Villen in Kephisia und Marathon zurück. In dem letzten Ort starb er um das Jahr 177. Die Epheben Athens entführten seine Leiche mit Gewalt und bestatteten sie feierlich in dem panathenaischen Stadium, welches er selbst prachtvoll ausgebaut hatte. Sein Schüler Hadrian von Tyrus hielt ihm die Leichenrede. Auf sein Grabmal schrieben die Athener: »Hier ruht Herodes, Sohn des Atticus, der Marathonier, welcher all dies erschaffen hat, in der ganzen Welt geehrt.« Philostr. II, 73. Die Schriften des Herodes sind verloren gegangen. Seine Ephemeriden sollen ein tüchtiges Werk gewesen sein. Von seiner Redeweise bemerkt Philostrat, daß sie dem Kritias nachgeahmt war; sie habe weniger durch Effecte getroffen, als überlistet, sie sei leicht und ungezwungen dahingeflossen gleich einem Silberstrom, aus welchem Goldkörner hervorglänzen. Zwölftes Capitel. Schöne Literatur. Hadrian als Dichter. Florus. Lateinische Dichter. Griechische Dichter. Pankrates. Mesomedes. Der Musiker Dionys von Halikarnaß. Griechische Epigramme Hadrians. Phlegon. Artemidor und seine Traumbücher. Der Roman vom goldenen Esel. Der letzte Wellenschlag der matten poetischen Begeisterung der Römer reichte nur bis in die Zeit Hadrians. Mit Statius, Martialis und Juvenal erlosch die römische Nationaldichtung. Juvenal, dessen letzte Lebensschicksale dunkel sind, hat noch unter Hadrian Satiren geschrieben. Im Eingange der siebenten ist unter dem Fürsten, auf welchen die Musen ihre einzige Hoffnung setzen, dieser Kaiser zu verstehen. Sat. XV, 27 wird (L. Aemilius) Juncus als Consul genannt ( suff. a. 127 ). Friedländer III, 461. Er gab Dichtern und Dichterlingen, was sie ersehnten, Gold mit vollen Händen, nur die Geschenke der Musen konnte er ihnen nicht verleihen. Weder mehr die griechische, noch die lateinische Literatur brachten in den höheren Gattungen der Poesie irgend eine geniale Schöpfung hervor. Hadrian selbst hat sich als Dilettant, wie fast jeder Kaiser oder vornehme Mann in Rom, in Versen versucht. Et de suis dilectis multa versibus composuit; amatoria carmina scripsit. Spart, c. 14. Καὶ πεζὰ καὶ εν έπεσι ποιήματα παντοδατὰ καταλέλοιπεν. Dio 69, 3. Er dichtete Liebeslieder, auch Hymnen auf Plotina. Die Hymnen erwähnt Dio 69, 10 . Die lateinische Anthologie schreibt ihm einige Epigramme zu, von denen keines einem Dichter besondere Ehre machen würde. Es befindet sich darunter die Grabschrift auf Soranus, der mit der batavischen Reiterei kühn die Donau durchschwommen hatte, und sogar ein Epitaphium auf das kaiserliche Leibpferd Borysthenes. Doch ist es zweifelhaft, ob diese Verse oder das trockene Epigramm auf die Amazonen wirklich ihm angehören. Lucian Müller ( Claudii Rutilii Namatiani, De Reditu suo, Lib. II , 1870, S. 26) hat die echten hadrian. Epigramme auf wenige reducirt. Die Epigramme Hadrians in der Anthol. lat. ed. Meyer, n.  206 bis 211. Echt sind die bekannten Verse, welche er mit P. Annius Florus gewechselt hat. Er scheint diesen Poeten aufgefordert zu haben, ihn auf seiner Reise nach dem Norden zu begleiten, und Florus lehnte die Ehre mit folgenden trochäischen Trimetern ab. Nimmer will ich sein der Cäsar, Nicht durchwandern die Britannen, Nicht den Frost der Scythen leiden. Hadrian entgegnete: Nimmer will ich sein der Florus, Nicht durchwandern die Tabernen, Hocken nicht in schlechten Küchen, Nicht den Stich der Mücken leiden. Spartian hat diese Spielereien, welche wol Improvisationen bei einem Gastmal gewesen sind, der Aufzeichnung für wert gehalten, und es ist wunderbar, daß sie sich überhaupt erhalten haben.   Ego nolo Caesar esse, Ambulare per Britannos, Scythicas pati pruinas – Ego nolo Florus esse, Ambulare per tabernas, Latitare per popinas Culices pati rotundos (?). Florus war ein geistreicher Mann; so zeigt ihn das Bruchstück seiner lateinischen Schrift, die Einleitung des Dialogs über das Schulthema, ob Virgil ein Redner oder Poet gewesen sei. Er hat darin einiges von seinen Lebensschicksalen erzählt. Zuerst von Oehler in Brüssel gefunden, edirt von Ritschl, Rhein. Mus. 1842, I, 302 f. Die Literatur bei Teufel 341. Er war Africaner von Geburt. Als Knabe kam er nach Rom und trat hier als Dichter auf. Aber Domitian verweigerte ihm den Ehrenkranz, welchen er im capitolischen Wettkampf verdient hatte, um solchen Preis nicht an Africa zu geben. Der gekränkte Poet verließ hierauf Rom und durchwanderte die weite Welt, bis er sich in Tarraco niederließ; hier hielt er eine rhetorische Schule. Dort im Tempelhaine ist die Scene jenes Dialogs. Der Unterredner verwundert sich, daß Florus in der Provinz bleibe und Rom nicht wiedersehe, wo man seine Verse declamire, und auf dem Forum sein berühmter dacischer Triumf beklatscht werde. Wir wissen nicht, ob dieses Gedicht die wirklichen Triumfe Trajans zum Gegenstande gehabt hat, oder die schimpflichen Unterhandlungen Domitians mit Decebalus, welche der Senat durch Triumfalehren belohnte. Florus war wieder in Rom, als Hadrian regierte. Er befreundete sich mit ihm. Den ruhelosen Kaiser aber wollte er nicht begleiten, weil er selbst des Umherschweifens in der Welt müde geworden war. Jenes kostbare Fragment wirft ein Streiflicht auf das Leben des Dichters voll romantischer Wanderschicksale. Seine Biographie würde ein Spiegel der damaligen Literatur und des hadrianischen Musenhofes sein. Einen Beitrag dazu gab F. Eyssenhardt, »Hadrian und Florus«, in Samml. wissenschaftl. Vorträge XVII, 1882. Doch wir wissen sonst nichts von ihm. Die Epigramme des Florus in der lateinischen Anthologie zeigen, daß er auf den Ruf eines talentvollen Dichters Anspruch machen konnte, wenn sich auch sein Pegasus nicht zu hoch über die Regionen der Mittelmäßigkeit erhob. Anthol. lat. ed. Meyer, n. 212–221 : auf die Bosheit der Frauen, auf Apollo und Bacchus, auf die Rosen (das beste). Voll Dichterstolz ist Epigramm n.  220: Consules fiunt quodannis et novi proconsules, Solus aut rex aut poeta non quodannis nascitur. Als lateinische Dichter waren in der Zeit Hadrians namhaft Orion aus Alexandria, zwar ein Grieche, der aber einen lateinischen Panegyricus auf den Kaiser dichtete, Voconius, Julius Paulus, Anianus Faliscus, ein etrurischer Idyllenschreiber. Teufel 353, 3. Lucian Müller a. a. O., S. 34 f. Rom schwärmte von Verskünstlern zu jeder Zeit. Der jüngere Plinius schrieb einmal: »Dies Jahr hat einen großen Reichtum von Poeten hervorgebracht; im ganzen Monat April ist fast kein Tag hingegangen, an dem nicht irgend einer sich hat hören lassen.« Und dabei klagte er über die Teilnahmlosigkeit des Publicums. Plin., Ep. I, 13. Zahlreicher und den Lateinern überlegen scheinen die griechischen Dichter gewesen zu sein. Ruf genossen Euodos aus Rhodus, Erycius aus Thessalien, der Alexandriner Pankrates, welcher den Antinous besang und dafür eine Stelle im Museum erhielt, und ganz besonders Mesomedes von Kreta. Dieser war ein Freigelassener Hadrians und als Hofsänger zur Cither so hoch in seiner Gunst wie einst Menekrates in der des Nero. Auch er hat den Antinous besungen. Es ist bedauerlich, daß wir keine dieser Antinoiden mehr besitzen. Ihr Stoff war romantisch genug, und noch in unserer Gegenwart ist er zu Romanen benutzt worden. Sie würden uns darüber aufklären, wie sich das Schicksal jenes Jünglings, dessen Gestalt uns nur durch die plastische Kunst überliefert ist, auch im Vorstellen der Dichter seiner Zeit abgespiegelt hat, und welche sittliche Seite sie dieser Tragikomödie abgewonnen haben. Zahlreiche Dichtungen müssen von den Höflingen des Kaisers seinem vergötterten Knaben gewidmet worden sein. So schrieb auch der Rhetor Numenios von Troas eine Trostrede auf Antinous. Παραμυθικὸς εις ’Αντίνοον. Suidas s. v. Numenios . Hadrian belohnte die Antinoide des Mesomedes mit einer Pension; später entzog sie Antoninus Pius dem Dichter aus Rücksichten der Sparsamkeit, aber noch Caracalla setzte ihm ein Denkmal, und das beweist, daß die Talente des Kitharöden einen Eindruck in der Zeit zurückgelassen hatten. Dio 77, 13: τω̃ τε Μεσομήδει τω̃ τοὺς κιθαρωδικοὺς νόμους συγγάψαντι, woraus hervorgeht, daß Mesomedes die Regeln seiner Kunst zusammengestellt hatte. Das Chron. Euseb. z. J. 146 verzeichnet ihn als κιθαρωδικω̃ν νόμων μουσικὸς ποιητής. Von Mesomedes haben sich zwei Epigramme und ein Hymnus an die Nemesis erhalten, welchen noch Synesius im fünften Jahrhundert gekannt hat. Als Virtuos des Gesanges und Citherspiels hat er oft in musikalischen Wettkämpfen gesiegt und das Herz Hadrians gewonnen. Suidas, Mesomedes: εν τοι̃ς μάλιστρα φίλος. Der Kaiser war Dilettant auch in der Musik. Er ehrte deshalb einen berühmten Musiker, Aelius Dionysos von Halikarnaß, den Verfasser einer Theorie und Geschichte der Musik, der seinen Gentilnamen von Hadrian angenommen hatte. Ob diesem oder einem andern Tonkünstler desselben Namens der Hymnus an Kalliope zuzuschreiben ist, bleibt ungewiß. Die Hymnen an diese Muse, an Helios und der genannte des Mesomedes sind die einzigen Gesänge, die uns mit altgriechischen Noten überliefert sind. Herausgegeben von Bellermann, Die Hymnen des Dionysos und Mesomedes, 1840. Ein Geschichtschreiber der Musik hat sie schätzbare Antiquitäten genannt, die nicht als Maßstab für die griechische Musik der Blütezeit gelten können, und er vergleicht diese aus traditionellen Phrasen glatt zusammengesetzten Dichtungen mit den Reliefs derselben Epoche, welche aus herkömmlichen Figuren componirt sind. Ambros, Gesch. d. Musik I, 451. Hadrian war ein in beiden Sprachen so gut geschulter Philologe, daß er sich auch als Dichter in griechischen Versen versucht hat. Dio 69, 3 nennt ihn φύσει δὲ φιλόλογος εν εκατέρα τη̃ γλώσση. Wir besitzen fünf Epigramme von ihm, darunter die Weihinschrift der dacischen Beute, welche Trajan dem Zeus Casius dargebracht hatte. In einem an Eros gerichteten Epigramm bat Hadrian den Sohn der süßredenden Kypris, welcher im helikonischen Thespiä an den Blumengärten des Narcissus wohne, das Weihgeschenk eines Bären gnädig anzunehmen, den er zu Roß getödtet hatte, und er begehrte als Gegengeschenk einen Hauch der Gunst der Aphrodite Urania. Die Grazie dieser Verse ist nur dem griechischen Sprachschatz entlehnt. Kaibel, Ep. gr. n. 811 . Unter den griech. Epigr. ist das längste jenes an Jupiter Casius, Anth. VI, 332 . Andere Epigramme VII, 674; IX, 137.387 (auch dem Germanicus zugeschrieben); IX, 17; IX, 402 (fraglich). Ein griech. Epitaphium auf Hector bei Cramer, Anec. gr. Oxonien. III, 354; Scholia ad Tzetzis Chiliad. II, 78 . Ein griech. wahrscheinlich hadrianisches Epigramm auf den Dichter Parthenius, bei Kaibel n.  1089. Tillemonts Irrtum ( Adrien S. 443), daß der Kaiser eine Alexandreis gedichtet habe, beruht auf der Verwechslung der Namen Adrianus und Arrianus. Spartian berichtet, daß der Kaiser ein sehr dunkles Werk unter dem Titel Libri Catachannae verfaßt habe. Dasselbe scheint eine dem Antimachus nachgeahmte Satire wunderlichen Inhalts gewesen zu sein. Man hat das Wort von gepfropften Bäumen gebraucht, welche verschiedenartige Früchte hervorbrachten ( Forcellini, Lex. Catachanna ). Die beste Erklärung von καταχήνη als satirischer Schrift gibt Th. Bergk, De Antimachi et Hadriani Catachenis , Zeitschr. für Alterthumswiss. ( ed. Zimmermann), 1835, S. 300. Man hat Hadrian nachgesagt, daß er den Homer durch jenen Verfasser des veralteten Epos Thebais habe verdrängen wollen, und selbst diese Geschmacksrichtung hat man dem Neide zuzuschreiben, mit welchem er nicht nur die Verdienste der Lebenden, sondern auch der Todten verfolgt habe. Dio 69, 4: μὴ μόνον τοι̃ς ζω̃σιν αλλὰ καὶ τοι̃ς τελευτήσασι φθονει̃ν. Zu seiner Zeit schrieb der Alexandriner Chännus, Sohn Hephästions, einen Antihomer in vierundzwanzig Gesängen, und dies beweist die Verschrobenheit des Urteils in den Schulen der damaligen Grammatiker. Die Dichtung der hadrianischen Zeit bietet dem Literaturhistoriker wenig Stoff dar, aber er kann eine Gattung von Schriften als Zeugnisse der Nachtseite des Jahrhunderts betrachten, dies sind die Dämonengeschichten, welche dann in den märchenhaften und satirischen Roman übergehen. Phlegon hat »Wundergeschichten« geschrieben, worin er die unsinnigsten Gespensteranekdoten erzählt, unter ihnen auch jene, welche für Göthe die Quelle der »Braut von Korinth« geworden ist. Alle diese Fabeln haben weder den Reiz einer schauerlichen Phantasie, noch den Wert einer versteckten Moral. Sie sind kraß und ungeschickt erfunden. Phlegontis Tralliani opuscula gr. et lat. ed. Franz. Fragmenta ed. C. Müller , 1849, in Fragm. histor. Graecor. Vol. III . Das Publicum für solche Dinge war damals sehr groß, denn die Zersetzung der Religionen steigerte den Aberglauben, und vom Kaiser bis zum Sclaven herab beschäftigte sich alles mit Magie, Dämonologie und Astrologie. Von jener mystischen Richtung gibt auch das Bestreben Zeugniß, den Traum selbst als eine Offenbarungsquelle wissenschaftlich zu behandeln. An die Macht der Träume glaubte jedermann, so gut Galenus, der sie als medicinische Winke zuließ, als Pausanias, welcher sich durch einen Traum bestimmen ließ, nicht über das Eleusinium zu schreiben, als Lucian, den ein Traum bewog, statt Bildhauer Sophist zu werden. Schon Hermippus von Berytus, ein Schüler des Herennius Philo, hatte zur Zeit Trajans und Hadrians eine Geschichte der Träume geschrieben. Sein Nachfolger war Artemidorus Daldianus aus Ephesus, dem Hauptsitz alles dämonischen Aberglaubens. In der Vorrede zu seinen Oneirokritika oder Traumdeutungen rühmt er sich, der Welt ein wahrhaftes und allgemeinnütziges Werk geschenkt zu haben, worin die ganze griechische Literatur über die Träume zusammengefaßt sei. Artemidorus, Oneirocritica ed. Reiff, 1805; ed. Hercher 1864. In der That hatte der gelehrte Mann fast sein Leben darauf verwendet, Länder und Inseln zu bereisen, um Materialen für seine Arbeit zu sammeln. Zuerst stellt er den Unterschied des Oneiros und des Ephypnion fest. Jener prophezeie die Zukunft, dieses die Gegenwart; jener wirke auch im Wachen auf die Seele fort, dieses höre mit dem Schlafe auf. Die Träume der ersten Gattung sind speculative, welche ihren eigenen Trauminhalt bezeichnen, wie wenn jemand vom Schiffbruch träumt, der nachher wirklich eintrifft, oder allegorische. Nach seiner Theorie ist der Oneiros eine vielbildliche Bewegung der Seele, etwas was außer dem Bewußtsein steht und worin die Seele dem Menschen Orakel gibt, ihm entweder keine oder eine gewisse Zeit lassend, um die Zukunft zu schauen. Der allegorische Traum zeigt durch sein Bild meist sympathisch die Ereignisse an. So bezeichnet der Kopf den Vater, der Fuß den Sclaven u. s. w. Träumt jemand, er werde geboren, so bedeutet das für den Armen Glück, denn ein Kind muß doch einen Unterhalt und einen Vormund haben; im Falle des Reichtums zeigt es an, daß man die Gewalt über sein Vermögen verlieren werde, denn ein Kind ist nicht sui juris . Oft ist die Auslegung nicht ohne Scharfsinn. Sie beruht meist auf dem Verhältniß, in welchem der Träumende zum Traumbilde gedacht werden kann. Ein großer Kopf bedeutet Reichtum, Ehrenstellen, Siegerkränze, natürlich wenn man sie noch nicht besitzt; denn im Falle des Besitzes bedeutet er Sorgen. Lange und geordnete Haare versprechen Glück, umgekehrt Unglück und Trauer. Wolle anstatt der Haare bedeutet Krankheit, ein geschorener Kopf Unheil. Wenn man träumt, daß einem Ameisen ins Ohr kriechen, so ist das nur für die Sophisten heilverkündend, denn das bedeutet viele Zuhörer, allen Andern wahrsagt es den Tod, weil die Ameisen in der Erde wohnen. Träumt ein eheloses Weib, daß sie einen Bart habe, so kann sie sicher auf einen Mann rechnen. Träumt ein Angeklagter, daß er geköpft werde, so darf er den Henker nicht mehr fürchten, denn zweimal kann ein Kopf nicht abgeschlagen werden. In dieser Weise geht Artemidor die Traumbilder durch, indem er von dem Leiblichen zur geistigen Beschäftigung im Traume, dann zu der ganzen Erscheinungswelt fortgeht. Wenn in den Schriften Phlegons die Gespensteranekdote nur als Stoff für die Unterhaltung dient, von Artemidor aber der Versuch gemacht wird, den Traum psychologisch zu behandeln, so haben später der Grieche Lucian und der Lateiner Apulejus den Gespensterglauben und die Dämonologie, wenn auch völlig fruchtlos, durch die Satire bekämpft. Der wahre Verfasser des Romans vom goldnen Esel soll Lucius Patrensis gewesen sein; sodann hat ihn Lucian weiter fortgeführt, und Apulejus, der um die Mitte der Regierung Hadrians zu Madaura in Africa geboren war, ist der letzte Redigent dieses obscönen, aber kostbaren Sittengemäldes der Zeit der Antonine gewesen. Ihm verdankt die Literatur die Aufzeichnung der Fabel von Amor und Psyche, einer der zartesten Dichtungen des Altertums, welche in jenen Schmutzroman als Perle eingesenkt ist. Diese platonische Allegorie von der Seele, die durch das Purgatorium des Leidens zur himmlischen Glückseligkeit emporsteigt, sieht schon wie ein Abschied des sterbenden Heidentums aus, welches seinen Uebertritt in das Christentum ahnt. Nicht vor dem zweiten Jahrhundert sind die Marmorgruppen von Amor und Psyche oder ihre bildliche Darstellung auf Sarkophagen nachweisbar. Gaston-Boissier, La religion Romaine d'Auguste aux Antonins II, 120 . Ueber das Märchen von Amor und Psyche und andre Spuren des Volksmärchens im Altertum: Friedländer I, S. 468 f. Die große Literatur darüber hat eine feingebildete Römerin Donna Ersilia Caetani Lovatelli durch eine schöne Abhandlung vermehrt: Amore e Psiche, Roma 1883 . Wir sind nicht hinreichend aufgeklärt über die Fortbildung des griechischen Romans dieser Epoche. Ihr scheint Jamblichus aus Syrien anzugehören, von dessen babylonischen Geschichten (Liebesroman des Rhodanes und der Sinonis) Photius Auszüge gemacht hat. Die Lebensumstände dieses und anderer Romanschreiber sind dunkel, und ohne Frage ist eine ganze Literatur dieser Gattung untergegangen, deren Vaterland Ephesus gewesen sein muß. Auch die Ephesiaka oder Liebesgesch. der Anthia und des Abrokomas von Xenophon aus Ephesus ist zeitlich unbestimmbar. Erwin Rhode, Der griech. Roman und seine Vorläufer, S. 360 f. Die Feldzüge Trajans hatten der Phantasie den Orient neu erschlossen und Hadrian setzte diese Bezüge fort. Die Vorstellungskreise Griechenlands, Asiens und Aegyptens sind durch ihn in noch nähere Berührung mit einander und dem Abendlande gekommen. Die Welt war auf Reisen. Den wirklichen Reisen Hadrians gingen die eingebildeten des Romans zur Seite. Sie müssen sehr in Mode gewesen sein, da sie Lucian in seinen »Wahrhaften Geschichten« verspottet hat. Im Beginne des dritten Jahrhunderts sind diese abenteuerlichen Reisen zu dem berühmten socialreligiösen Tendenzroman von Philostrat verarbeitet worden, wo Apollonius von Tyana als heidnischer Christus die Welt durchwandert. Das Heidentum wehrte sich vergebens gegen die Auflösung des positiven Gehalts der antiken Religion in die Romantik, denn sie wurde in jeder Richtung vollzogen, sowol durch die Ironie der Atheisten als die phantastische Ideenlehre der Neupythagoräer und Platoniker. Dreizehntes Capitel. Die Philosophie. Die Stoa. Epiktet und das Encheiridion. Stoicismus und Cynismus. Demonax von Athen. Die philosophischen Schulen der Alten dauerten auch in diesem Zeitalter fort. Sie hatten in Rom, Griechenland und Asien sogar noch gefeierte Namen aufzuweisen wie Rusticus und Severus, die Lehrer Marc Aurels, wie Taurus, Favorinus, Secundus, wie Theon, Timokrates, Alkinous und andre. Platoniker, Peripatetiker, Pythagoräer und Stoiker hielten die Traditionen der antiken Denksysteme aufrecht, und wenn die Philosophie von der Freiheit des Gedankens Nutzen ziehen konnte, so wurde ihr diese gerade von der römischen Monarchie im vollsten Maß geboten. Die Lehr- und Denkfreiheit war im Reiche unumschränkt. Oenomaus von Gadara konnte zur Zeit Hadrians die Götter läugnen, ohne zum Schierlingsbecher verurteilt zu werden. Die Flavier freilich, selbst Vespasian, hatten die Philosophen aus Rom vertrieben, aber nur wegen ihrer politischen Grundsätze. Indeß die Philosophie selbst war unfruchtbar geworden, die Zeit erschöpft und ideenarm. Diese Untiefe des Denkens konnte das Christentum ohne Anstrengung durchschreiten. Es begegnete keinem Plato und Aristoteles, nur ihren Formeln, welche den Geist nicht mehr befriedigten. Es fand hier dasselbe Verhältniß statt wie in der alten Religion. Die wenigen Denker jener Zeit entziehen sich unserem Blick, da wir ihre Schriften nicht besitzen,. aber Lucian hat dafür gesorgt, daß uns das philosophische Proletariat am Bettelstabe massenhaft sichtbar ist. Im Hermotimus hat er die Nichtigkeit der Syllogismen wie des Glaubens und Meinens der Dutzendphilosophen dargelegt und gezeigt, daß die Glückseligkeit nur im praktischen Handeln bestehe. Im Verkauf der Sekten und im Fischer hat er alle diese Schwärme in den Fluten seines Witzes ertränkt. Sein Spott galt aber doch nur diesen Karikaturen; denn so flach war er nicht, daß er die Helden des Gedankens mißachtet hätte. Unter den Philosophenschulen der Kaiserzeit gab es immerhin eine von weltgeschichtlicher Bedeutung, die der Stoiker. Der Neuplatonismus ist zwar schon ein Erzeugniß des Zeitalters und mit dem Christentum in der Gnosis aufgezogen, aber er wird erst im dritten Jahrhundert durch Plotinus zu einem wirklichen System ausgebildet. Seit Quintus Sextius die stoische Schule in Rom gegründet hatte, blieb sie das Glaubensbekenntniß der edelsten Geister unter den Römern. Sie bildete die wahrhaft aristokratischen Charaktere, die mit Seelengröße zu sterben wußten. Im Kaiserreich hat die Stoa ihre Martyrer gehabt so gut wie das Christentum. Musonius Rufus und Seneca waren ihre glänzenden Vertreter im ersten Jahrhundert. Im zweiten kam sie zur Herrschaft, und sie beschloß ihre große Epoche mit Marc Aurel auf dem Kaisertron. Rom mit seinen Verbrechen und seiner Knechtschaft, aber auch mit seinem Weltbürgertum war der naturgemäße Boden für die stoische Moral geworden, während im Osten die Schulen des Zeno und Chrysippus längst verfallen waren. Siehe Gellius I, c. 2 , wo Herodes Atticus einen jungen Menschen, welcher Stoiker sein will und mit Syllogismen um sich wirft, durch die eigenen Worte Epiktets zur Ruhe bringt. Arrian, Dissert. II, c. 29 . Selbst das Haupt des neuen Stoicismus, Epiktet, ein Hellene aus Hierapolis in Phrygien, bildete sich als Sclave des Freigelassenen Epaphroditos unter Nero in Rom aus, wo er Schüler des Musonius Rufus und des Euphrates war. Unter Domitian mit allen andern Philosophen vertrieben, lebte und lehrte er zu Nikopolis in Epirus. Das Jahr seines Todes ist unbekannt, entweder starb er in der letzten Zeit Trajans oder in der ersten Hadrians. Denn die Angabe des Spartianus, daß noch dieser Kaiser mit Epiktet im Verkehr gewesen sei, ist zwar verdächtig, aber doch nicht zu widerlegen. Spart., Vita Hadr. c. 16. Siehe dazu Zeller, Die Phil. der Griechen III, 1, S. 660. Das Leben Epiktets in der Ausgabe Arrians (1683). Macrob. Saturn. I, XI führt das Epigramm Epiktets an: δου̃λος ’Επίκτητος γενόμην, καὶ σώματ' απρὸς, καὶ πενίην ’Ίρος, καὶ φίλος αθανάτοις. Die Stoa war seit Nerva eine öffentliche Macht geworden:, sie konnte daher der Aufmerksamkeit Hadrians nicht entgehen. Aber die sophistische Natur dieses Kaisers verbot es ihm, der Adept irgend eines Denksystems zu werden. Er hat Epiktet geehrt, ohne ein Stoiker zu sein. Das edle Bild dieses Tugendlehrers, der von sich sagen durfte, daß er als Sclave und Krüppel geboren, arm wie Iros, doch ein Liebling der Unsterblichen gewesen sei, hat Arrian der Nachwelt überliefert, denn was Plato und Xenophon für Sokrates gewesen waren, das wurde jener Staatsmann Hadrians für Epiktet. Das »Enchiridion« ist das stoische Evangelium des zweiten Jahrhunderts, der Führer durch alle praktischen Verhältnisse des Lebens. Denn die Moral ist der Kern der stoischen Schule, welche die Pflichtenlehre als ihre höchste Aufgabe erkannt und deshalb der Speculation entsagt hat. Man hat dies Andachtsbuch einem christlichen Verfasser zuschreiben wollen, so sehr stimmt es mit der evangelischen Moral überein. Stoici nostro dogmati in plerisque concordant. Hieron. in Esaiam c. 11. Aber diese Uebereinstimmung ist auch in den Schriften Senecas so groß, daß man in ihm einen heimlichen Christen vermutet hat. Auch bei Marc Aurel fällt sie auf, und in Wahrheit die Moral, welche den Stoikern selbst das Gebot der Feindesliebe abnötigen konnte, ist so erhaben, ihre Demut vor dem Willen der Gottheit ist so groß, daß diese sittliche Strömung in den Geistern der Heidenwelt die geschichtliche Notwendigkeit des Christentums zu beweisen scheint. Die Stoiker stimmten jedoch im Glauben an die Unsterblichkeit der Seele nicht mit den Christen überein. Die Seele war für sie etwas Körperliches, wenn auch von feinster Materie. Und noch mehr, sie fordert die Frage heraus, ob nicht aus dem Stoicismus allein eine dem Christentum ähnliche Weltreligion, etwa in Gestalt eines philanthropischen Bundes, ohne Wunder und Dogmen und ohne Priesterhierarchie sich bilden mußte, wenn Jesus von Nazareth nicht erschienen wäre. Im Uebrigen haben die Stoiker das Christentum gering geschätzt, und schon diese Thatsache beweist die Unabhängigkeit ihrer Ideen von denen der neuen Religion. Sie staunten die Todesbereitschaft der Martyrer an, aber sie bewunderten dieselbe nicht. Vielmehr erschien sie ihnen nur als Fanatismus des Trotzes oder als eine Art von Epidemie, die zur Gewohnheit geworden war, nicht aber als die That jener philosophischen Ueberzeugung, welche Cremutius Cordus, Thrasea und Helvidius Priscus zu Helden gemacht hatte. Epiktet ( Dissert. IV, 7 ), Marc Aurel (XI, 3) werfen einen Blick des Tadels auf solche Martyrer. Sonst nehmen sie keine Notiz von den Christen. An die Spitze des Enchiridion wird gestellt: der Mensch hat nur seine Handlungen in seiner Gewalt, diese sind frei, alles andre außerhalb der menschlichen Seele, als Glücksumstände u. s. w., ist unfrei, und hierüber gebietet er nicht. Deshalb dürfen wir über Mangel oder Verlust solcher Dinge nicht klagen, wir sollen nur begehren, was unser ist, d. i. worüber wir Macht haben, alles, was dem widerspricht, sollen wir verachten. Man kann den Stoizismus in die Worte zusammenfassen: dulde und entsage. Die Hauptsache ist die richtige Unterscheidung dessen, was für uns sein kann, und dessen, was dies nicht sein kann. Alles kommt auf das Maß der Vorstellung an. Die Objectivität, die sich unserem Begehren aufdrängt, ist eine »Phantasie«, d. h. eine in die Vorstellung aufgenommene Erscheinung, und es ist unsre Sache, zu ergründen, was an dieser Phantasie Wahres sei. Da soll man sich nicht vom Begehren zur Phantasie hinreißen lassen. Weil nun die begriffene Vorstellung, oder das rein subjective Denken, das Princip und Kriterium für die Wahrheit von allem ist, so wird dadurch alle Wirklichkeit aufgehoben und die stoische Welt eine blos formale und abstracte. Die Dinge sind es nicht, die uns bewegen, sondern nur die Vorstellungen, die wir von ihnen haben. Enchiridion c. 10. Epiktet hat dies praktisch so ausgedrückt: alle Beleidigungen kommen nicht vom Beleidiger, sondern von unserer Ansicht darüber her. Der Uebergang zum Skepticismus oder Pyrrhonismus macht sich auf diese Weise von selbst. Das Ich ist das allein Selbständige gegen die Objecte. Der Stoiker hat sich in sein Inneres geflüchtet, um seine Freiheit zu retten. Diese Freiheit aber ist eben so gut eine eingebildete, weil ihr die andre Seite, nämlich die reale Welt, fehlt. Der Mensch wird zusammengesetzt aus Leib, Seele und Verstand. Jenem gehören die Sinne, dieser die Begierden, dem Verstande die Meinungen. Die Aesthesis ist das Thierische. Sie nimmt eine Erscheinung auf; die Hormesis aber ist sowol thierisch als mannweibisch und auch einem Phalaris und einem Nero eigen. Der wahre Weise ist der, welcher dem inneren Dämon gemäß lebt und durch die Menge der Erscheinungen sich nicht blenden läßt, sondern dem Schicksal sich unterwirft. Marc Aur. III, 9. Denn da der Verstand auch denen gemein ist, welche gottlos sind und im Geheimen Schändliches begehen, so muß für den Guten noch etwas Besonderes da sein, was Andere nicht haben. Das ist der Gleichmut, die Ergebung und die Fernhaltung des inneren Genius von allem, was ihn verwirren kann. Aus jener Logik, in welcher das subjective Denken zum Ausgangspunkt gemacht ist, entwickelt sich das Gebäude der praktischen Moralphilosophie. Der Hauptgedanke ist schon ausgesprochen: der Weise soll sich nicht von den Dingen hinreißen lassen, sondern ergründen, was sie sind, und nach der reinen Vernunft leben. Weil nun die Dinge nur in der Erscheinung und Vorstellung oder im Denken sind, geht daraus die stoische Seelenstärke hervor, zugleich aber ist damit auch ein thätiges Verfolgen des Lebenszweckes geboten. Zuerst schaue zu, welcher Art die Angelegenheit ist, mit der du zu thun hast, dann siehe, ob deine Natur dafür Kraft besitzt. Enchir. c. 26. Dadurch sind Ueberschätzung, Ehrgeiz und Herrschsucht beseitigt, und es folgt, daß jeder die Aufgabe, zu der ihn die Natur berufen hat, ruhig durchführen solle. Enchir. c. 13. 31; Dissertat. I, 2. So haben Zeno und Chrysippus die Tugend erklärt, als das Leben nach der Natur oder die vernunftgemäße Selbsterhaltung. Der Stoiker nimmt die Welt wie sie ist, und seine Weltgerechtigkeit besteht in dem Abthun der Pflichten. Dies Princip bildet den Uebergang zum Fatalismus. Nach Plutarch ist das Fatum die Weltseele, und zwar ein Kreis, weil alles, was im Himmel und auf Erden geschieht, im Kreislauf sich bewegt. Es ist aber universell und verhält sich zum Einzelnen wie die allgemeine Macht des bürgerlichen Gesetzes zu den Bürgern. Ohne daß dieses sich speciell und namentlich auf sie bezieht, sind sie ihm doch unterworfen. Plutarch hat richtig erkannt, daß das Einzelne eben dies nur durch das Allgemeine ist. Er unterscheidet zwischen fatalen und confatalen Dingen. Jene sind allgemein im Fatum begriffen, diese sind bestimmte Consequenzen desselben. So ist auch Vieles, was das Gesetz in sich begreift, wie Ehebruch und Mord, nicht legitim, Anderes, was bestimmt aus dem Gesetze folgt, ist legitim. Also, sagt er, ist Alles im Fatum enthalten, Einzelnes aber kann nicht mit Recht demselben zugeschrieben werden:, daher geschieht Alles nach seiner eigenen Natur. In der Natur geht das Mögliche dem Ereigniß voraus. Das Mögliche ist entweder solches, was wirklich geschieht, dann ist es notwendig, wie der Aufgang und Niedergang der Gestirne, oder solches, was auch am Geschehen verhindert werden könnte, dann ist es der Zufall. Das Glück ist ein Zusammenhang von Ursachen, es geschieht zwar in Vereinigung mit unserem Thun, aber unabhängig von unserem Willen; wie wenn Jemand eine Pflanze ausgräbt und Gold findet. Der Zufall ist ein weiterer Begriff als das Glück, welches sich nur auf den Menschen bezieht. Ferner sagt Plutarch: Die erste und höchste Vorsehung ist die Intelligenz des ersten Gottes, sein wolwollender Wille gegen alles Göttliche und dessen schöne Ordnung. Die zweite ist die der Götter zweiten Grades, welche die Angelegenheiten der Sterblichen ordnen. Die dritte ist die der Genien, die sich um die Erde bewegen und die menschlichen Handlungen lenken. Das Fatum nun ist von der ersten Providenz abhängig, das ist Gott, der Alles gut und schön gemacht, die Seelen verteilt und einer jeden ihren Stern gegeben hat. Das Schicksal fällt für Plutarch mit der Weltseele oder der treibenden Naturkraft zusammen. Die Ansätze zum Monotheismus sind da, aber derselbe entwickelt sich nicht, weil die mythologische Vielgötterei festgehalten und als platonische Dämonenlehre zwischen dem höchsten Gott und der Menschenseele eingeschoben wird. Justinus, welcher den Stoikern alle Gerechtigkeit widerfahren läßt, weist den Widerspruch nach, welcher darin enthalten ist, daß sie die Freiheit verneinen und doch Moralgesetze aufstellen. Just, Mart., Apol. S. 45; dazu Tatian. Cont. Graec. S. 146 C. D. Im stoischen Aufgeben der Welt liegt eine Uebereinstimmung mit dem ascetischen Christentum. Auch sonst finden sich bei Seneca, Epiktet und Marc Aurel ganz christliche Vorstellungen, wie diese, daß sich der Mensch als einen Teil der Gottheit, ja als »Sohn Gottes« betrachten und deshalb seine sittliche Würde als Erdenbürger bewahren und seine Mitmenschen, selbst die Sclaven, lieben solle, da sie alle von Gott abstammen. Dieser Richtung ist auch der Neuplatonismus verwandt, nach dessen Ansicht das Leben in der Erhebung zum Anschauen der Gottheit vollendet wird. Als ein Zweig der Stoa bildeten auch die Cyniker eine nicht kleine Gemeinde im römischen Reich. Wenn man ihre Sekte des rohen Gewandes entkleidet, so bleibt ein Kern übrig, welcher Achtung gebietet. Dogmatisch ist der Cynismus der Gegensatz zum polytheistischen Heidentum und dem Götterglauben überhaupt. Im Philosophen Oenomaus scheint er als Nihilismus seine Spitze erreicht zu haben. Sittlich ist die cynische Weltansicht der Widerspruch gegen die Despotie durch das Bewußtsein von der inneren Freiheit der Seele. Als die Christen es noch nicht wagen durften, die Tyrannei des heidnischen Staates offen zu bekämpfen, haben das mit dem Dünkel der Tugendhelden die späten Nachfolger des Diogenes und Antisthenes gethan. Ihr Männerstolz vor Königstronen artete oft genug in zerlumpte Frechheit aus, und Vespasian vertrieb deshalb alle Philosophen aus Rom, mit Ausnahme des feingebildeten Musonius Rufus. Selbst Lucian hat nicht den Cynismus, aber doch einen Patriarchen dieser Schule bewundert und als Musterbild der Tugend dargestellt. Dies war Demonax aus Cypern, welcher zur Zeit Hadrians und der Antonine in Athen die höchste Verehrung genoß. Er lebte als ein neuer Diogenes, ohne den Sonderling zu spielen. Sein Wesen, so sagt Lucian, war voll von attischer Grazie. Niemals hörte man aus seinem Munde eine gemeine Aeußerung, nie ein finster tadelndes Wort. Er griff die Fehler, nicht den Fehlenden an. Seine Lebensaufgabe war, Frieden zu stiften. Er betrachtete jeden als seinen Angehörigen, weil er ein Mensch war. ουκ έστιν όντινα ουκ οικει̃ον ενόμιζεν, άνθρωπόν γε όντα. Demon. c. 10. Er opferte nie den Göttern, und verschmähte es, sich in die Mysterien einweihen zu lassen. Deshalb der Gottlosigkeit angeklagt, trat er in die Volksversammlung und sagte: Athener, hier stehe ich bekränzt vor euch, nun richtet auch mich hin, denn bei eurem ersten Opfer habt ihr keine glücklichen Zeichen gehabt. Demon. c. 11 : Anspielung auf Sokrates. Das Volk liebte ihn so sehr, daß ihm alle Häuser offen standen, und jeder sich glücklich pries, wenn Demonax erschien, bei ihm sein Nachtlager zu nehmen. Viele seiner Sprüche, mit denen er die Eitelkeit der Menschen, namentlich der Großen, bestrafte, gingen von Mund zu Mund. Als er erkannte, daß sein Ende nahe sei, sagte er zu seinen Freunden den Spruch des Herolds beim Schluß der Kampfspiele: Beendigt ist der Kampf, der schönsten Preise Spender, und die Stunde ruft, Nicht länger hier zu weilen.   Λήγει μὲν αγὼν τω̃ν καλλίστων άθλων ταμίας καιρὸς δὲ καλει̃ μηκὲτι μέλλειν. Er nahm dann keine Speise mehr zu sich. Nachdem Demonax, fast hundert Jahre alt, sein Leben auf diese Weise beschlossen hatte, begruben ihn die Athener wie einen Heros auf öffentliche Kosten, und da hat das Volk gezeigt, daß es philosophische Charaktergröße ebenso hoch stellte als die glanzvollste sophistische Redekunst. Im Ganzen hat der Stoicismus mildernd auf die Gesetzgebung der Römer, ganz besonders auch auf die Hadrians gewirkt, und den philosophischen Geist der Gerechtigkeit gegen alle verbreitet, während er zugleich lange vor den Wirkungen des Christentums zum Trost unschuldig leidender Menschen gedient hat. Herder, Ideen zur Gesch. d. Menschheit III, 14, 5. Mitten in der Schreckensherrschaft der Cäsaren konnte sich die republikanische Gesinnung in die Stoa flüchten und dann in Marc Aurel das Ideal eines Fürsten verkörpern. In seinen Selbstbetrachtungen hat dieser Kaiser bekannt, daß er seinen Charakter an den Helden der Freiheit, an Cato und Brutus, an Thrasea und Helvidius gebildet habe. Er verdankte diese Sympathie den Unterweisungen des Claudius Severus, welcher ihn belehrt hatte, daß der beste Staat derjenige sei, wo die Bürger nach den Grundsätzen der Rechtsgleichheit behandelt werden und die Freiheit der Regierten die Hauptsache sei. In se ipsum I, 14. Die stoische Philosophie hat endlich, völlig unabhängig vom Christentum, aus ihrem Princip der Welteinheit den Begriff der Menschheit und der Menschenrechte als höchstes Culturziel aufgestellt. Wenn von ihr nichts anderes übrig wäre als die Idee des Weltbürgertums und der Menschenverbrüderung, so würde diese hinreichen, ihr eine sehr hohe Stelle unter den philosophischen Lehrsystemen zu sichern. Marc Aurel III, 11 nennt den Menschen πολίτην πόλεως τη̃ς ανωτάτης η̃ς αι λοιπαὶ πόλεις ὼσπερ οικίαι εισίν, und IV, 4 die Welt πόλις, und 23 sogar πόλις Διός. So spricht Musonius, ganz im Sinne wie Augustinus die civitas Dei auffaßt, von dem πολίτης τη̃ς του̃ Διὸς πόλεως. Zeller III, 1, 279. Vierzehntes Capitel. Peregrinus Proteus. Im Peregrinus Proteus hat Lucian die Karikatur der cynischen Richtung gezeichnet. Es ist der philosophische Charlatan, welchen er lächerlich macht. Die Geschichte dieses Abenteurers beleuchtet das hadrianische Zeitalter auch in seinen sittlichen Zuständen. Der Cyniker Peregrinus Proteus war zu Parion in Mysien im Beginn des zweiten Jahrhunderts geboren. Aus ruhelosem Wandertrieb – und dieser erscheint als eine Eigenschaft damaliger Menschen – aber auch aus Wissensdrang durchzog er, wie Hadrian selbst, viele Länder. Er durchforschte die philosophischen und religiösen Geheimnisse; er lernte in Palästina die Mysterien der Christen kennen und schloß sich ihrer Gemeinde an. Lucian sah in seinem Uebertritt zu dieser Sekte nur eine Handlung des Wahnsinns. Die »wunderbare Weisheit« der Christianer konnte ihm nur lächerlich erscheinen. Peregrin. c. 11. Als ein Mann von Bildung und Talent genoß Peregrinus bei diesen so großes Ansehen, daß er sogar das Amt eines Vorstehers der Gemeinde erhielt, und hier erlitt er auch Verfolgungen. Er nennt nach heidnischen Begriffen die christlichen Aemter, welche Proteus erlangte, προφήτης, θιασάρχης und ξυναγωγεύς; dann wurde er προστάτης. Er wurde bei der Teilnahme an den christlichen Mysterien von der Polizei ergriffen und eingekerkert, worauf er die brüderliche Liebe der Christen in solchem Maße erfuhr, daß er sich unter »diesem Titel« (nämlich des Martyrers) gute Einkünfte verschaffte. Denn diese Menschen, so sagt Lucian, sind in Fällen, die ihre Gemeinwesen betreffen, von einer unglaublichen Thätigkeit; sie scheuen weder Beschwerden noch Kosten. Wie Lucian das Christentum beurteilte, zeigt, was er weiter von seinen Bekennern sagt: Diese armen Teufel bilden sich ein, ganz und gar unsterblich zu sein und ewig fort zu leben; daher verachten sie den Tod und viele suchen ihn sogar freiwillig aus. Außerdem hat ihnen ihr erster Gesetzgeber den Glauben beigebracht, daß sie alle unter einander Brüder seien, sobald sie einmal so weit gekommen sind, die Götter der Hellenen zu verläugnen, jenen gekreuzigten Sophisten anzubeten und nach seinen Vorschriften zu leben. επειδὰν – τὸν δε ανεσκολοπίσμενον εκει̃νον σοφιστὴν αυτω̃ν προσκυνω̃σιν. C. 13 . Alle übrigen Güter verachten sie und besitzen sie gemeinschaftlich, ohne irgend einen triftigen Beweis für diese Ansichten zu haben. Wenn nun irgend ein schlauer Betrüger zu ihnen kommt, so fällt es ihm nicht schwer, bald reich zu werden und dann jene Einfaltspinsel zu verlachen. Lucian erzählt, daß selbst christliche Gemeinden Asiens Abgeordnete schickten, um dem Gefangenen sein Schicksal zu erleichtern. Peregrinus wurde indeß aus der Gemeinde gestoßen, weil er sich beim Essen von verbotenem Fleisch hatte betreffen lassen. Darauf setzte er sein abenteuerndes Leben als Cyniker in Aegypten und Italien fort, wo er als Freigeist und Demagoge auftrat und großen Ruf erlangte. Vom Stadtpräfecten aus Rom verwiesen, wanderte er sodann nach Elis. Hier ließ er seine Schmähsucht an den Einwohnern aus, »bald wollte er die Griechen überreden, die Waffen gegen Rom zu ergreifen, bald tadelte er einen durch Bildung und Würden ausgezeichneten Mann (nämlich Herodes Atticus), weil er außer andern Verdiensten um Griechenland auch eine Wasserleitung nach Olympia führen ließ, damit die Zuschauer der Kampfspiele nicht vor Durst verschmachteten. Diese Wolthat machte er ihm zum Vorwurf, als habe er die Griechen dadurch verweichlicht«. In Peregrinus darf man immerhin einen Trieb nach etwas Höherem erkennen, der aber eine falsche und abenteuerliche Richtung nahm. Der Cyniker gab sich endlich mit theatralischer Pralerei selbst den Tod aus Ueberdruß am Leben, welches ihm in keiner Gestalt Befriedigung gewährte. Die Stoiker verteidigten den Selbstmord, und dieser brachte eher Ehre als Schande. Es wird von dem Philosophen Euphrates, welchen Plinius bewunderte, erzählt, daß er freiwillig starb, nachdem ihm Hadrian den Schierlingsbecher erlaubt hatte. Dio Cass. 69, 8 . Nur den Selbstmord römischer Soldaten verdammte Hadrian als Verbrechen, nämlich der Fahnenflucht. Grasberger, Erzieh. u. Unterr. im class. Altertum III, 75. Nach Eusebius verbrannte sich Peregrinus Proteus im Jahre 168. Dies tragische Possenspiel, wie es Lucian nennt, geschah zu Olympia, wo der Cyniker gewiß sein konnte, Aufsehen zu erregen. Er und seine Freunde hatten dazu sogar eine öffentliche Einladung wie zu einem Schauspiel erlassen. Man declamirte über den Feuertod im Gymnasium, und Peregrinus selbst hielt vor einer Versammlung gleichsam seine eigene Leichenrede, welche Lucian nur stückweise hören konnte, da er aus Furcht, erdrückt zu werden, das Gedränge vermied. »Ich vernahm jedoch, daß er sagte: er wolle einem goldenen Leben einen goldenen Kranz aufsetzen; denn wer wie Herkules gelebt habe, müssen auch wie Herkules sterben und in den Aether zurückkehren. Auch wolle er ein Wolthäter der Welt werden, indem er ihr zeige, wie man den Tod verachten müsse. Alle Menschen sollten deshalb seine Philoktete sein. Hier brachen die Schwächsten und Einfältigsten in Tränen aus und riefen: erhalte dich für die Griechen. Andere, welche stärkere Nerven hatten, schrieen: vollführe, was du beschlossen hast. Dies schien den Alten nicht wenig aus der Fassung zu bringen, denn er mochte darauf gerechnet haben, daß ihn die Volksmenge vom Feuertode abhalten und zwingen würde, wider Willen beim Leben zu bleiben. Aber der Zuruf: vollende, was du beschlossen hast, überfiel ihn so ganz unerwartet, daß er noch bleicher wurde als vorher, obwol er schon eine wahre Leichenfarbe gehabt hatte. Er zitterte so sehr, daß er nicht weiter zu reden vermochte.« Nach Beendigung der Spiele und nachdem schon viele Fremde abgereist waren, ging das große Schauspiel bei Olympia wirklich in Scene. Es war Mitternacht und der Mond schien, um Zeuge der großen That zu sein. Peregrinus kam mit den angesehensten Cynikern, begleitet von Theagenes von Paträ. Sie trugen jeder eine Fackel in der Hand. Der Holzstoß war zwanzig Stadien vom Hippodrom entfernt in einer Grube aus Kienspänen und dürrem Reisig aufgerichtet. Proteus legte den Ranzen, den cynischen Mantel und den herkulischen Knüttel ab und stand nun in einem schmutzigen linnenen Unterkleide da. Hierauf ließ er sich Weihrauch geben, warf den in die Flammen und rief, das Gesicht nach Süden gewendet: Ihr mütterlichen und väterlichen Dämonen, nehmt mich freundlich auf. Mit diesen Worten sprang er ins Feuer und verschwand, da die rings auflodernden Flammen über ihm zusammenschlugen. Die Cyniker standen um den Holzstoß und blickten, ohne Tränen zu vergießen, mit stummer Traurigkeit in die Glut. Vielleicht wünschte Peregrinus durch die Umstände seines Todes in der Nachwelt wunderbare Sagen zu veranlassen, was nicht hätte geschehen können, wenn er sich bei den Spielen selbst vor dem versammelten Griechenland verbrannt hätte. Indeß die übertriebene Darstellung Lucians ist dem Manne durchaus feindlich und schwerlich wahrheitsgetreu. Gellius hat die Lehren desselben Peregrinus in Athen gehört und ihn als einen ernsten Mann anerkannt, und Ammianus hat seiner als eines berühmten Philosophen gedacht. Jacob Bernays, Lucian und die Kyniker, S. 60 f. Sein Opfertod machte übrigens Eindruck auf die Phantasie der Menschen, denn der christliche Apologet Athenagoras, ein jüngerer Zeitgenosse des Proteus, berichtet, daß zu Parium seine Bildsäule aufgestellt war und man ihr Orakelkraft zuschrieb. Hujus etiam statua oracula dicitur edere. Athenagor., Legat. pro Christianis, c. 26. Fünfzehntes Capitel. Alexander von Abonoteichos. Man darf die Aufrichtigkeit Lucians in Bezug auf Peregrinus bezweifeln, aber die grellen Farben, mit denen er das Charakterbild des religiösen Charlatans im Alexander von Abonoteichos gemalt hat, sind im Ganzen als echt anzuerkennen. Nichts zeichnet so sehr die Auflösung der antiken Religion in Phantasterei und Priesterbetrug, als die Geschichte jenes Cagliostro des zweiten Jahrhunderts. Lucian, der Voltaire desselben, hat das Glück gehabt, auch mit diesem Abenteurer in persönliche Beziehung zu kommen. Er hat seinem frechen Treiben in der Nähe zugesehen, die Handelnden bei diesem Possenspiel des religiösen Wahnsinns beobachtet und gezeigt, zu welcher Macht der Strom des Aberglaubens anschwellen kann, wenn die Empfänglichkeit der einfältigen Masse der Pfaffenlist entgegen kommt. Ein Grieche, Alexander aus Abonoteichos in Paphlagonien, war der Held dieser göttlichen Komödie, ein schöner Mann von majestätischer Erscheinung, voll Klugheit und Verstand. Seine Studien auf dem großen Gebiete des Blödsinns der Menge hatte er bei einem jener Nekromanten gemacht, welche unter dem Schilde der Arzneiwissenschaft ihre dunkeln aber einträglichen Geschäfte trieben. Nach dem Tode seines Meisters verband sich Alexander mit einem Literaten aus Byzanz. Der Zufall brachte diese in der Welt herumwandernden Gesellen auf den Gedanken, als Wunderthäter, wenn nicht als Religionsstifter in großem Stile aufzutreten, und durch eine colossale Orakelfabrik reich zu werden. Sie kamen nach Chalcedon mit einer Schlange, welche sie zu Pella in Makedonien gekauft und für ihre Zwecke abgerichtet hatten. Im Apollotempel vergruben sie zwei eherne Tafeln, auf denen geschrieben stand, daß der Gott Asklepios mit seinem Vater Apollo nach Pontus kommen und zu Abonoteichos seinen Sitz nehmen werde. Die Auffindung dieser Tafeln machte den gehofften Lärm und bereitete den Empfang Alexanders in seiner beglückten Vaterstadt vor, denn auf das Gerücht von der bevorstehenden Erscheinung Aeskulaps beschloß der Rat von Abonoteichos, diesem Gott einen Tempel zu bauen. Der Charlatan machte das Sprichwort zu Schanden, daß der Prophet in seinem Vaterlande nicht gelte, denn er kannte sein Local. Nachdem er zuerst in dem abergläubischen Macedonien sein Spiel getrieben hatte, konnte er, wie Lucian behauptet, für seinen Plan keinen passenderen Ort finden als eine Stadt der Paphlagonier, »wo das einfältige Volk jeden Wahrsager mit dem Siebe, wenn er mit einem Flötenspieler und Cymbalschläger herbeigezogen kommt, wie einen Abgesandten des Himmels anzustarren pflegt«. Alexandros c. 9. Während sein Genosse in Macedonien zurückblieb, wo er bald starb, zog Alexander in seine Vaterstadt ein. Hier zeigte er sich in einem Purpurgewande und weißem Mantel, mit lang herabwallenden Locken, ein krummes Schwert in der Hand, wie es Perseus auf Abbildungen zu tragen pflegte; denn von diesem Heroen versicherte er selbst abzustammen. Er verkündete seinen Götteradel in folgenden Versen: Dieser, o seht, ist Sprosse des Perseus und Liebling Apollos, Alexandros, der göttlich vom Blut Podalirions herstammt. Der Gaukler bereitete erst durch schlaue Kunststücke seine Landsleute auf das große Ereigniß vor, indem er den vom Gotte Besessenen spielte. Man baute in Abonoteichos eben an dem Tempel; in einem Graben der Fundamente versteckte Alexander ein Ei, worin er eine kleine Schlange eingeschlossen hatte. Tags daraus erschien er, seltsam aufgeputzt und wie rasend von Begeisterung auf dem Markt. Er sprang auf einen Altar und verkündigte das nahe Erscheinen Aeskulaps, während das Volk betend auf den Knieen lag. Chaldäische und hebräische Phrasen gaben seinen Prophezeiungen den nötigen magischen Anstrich. Sodann rannte er in den Graben, stimmte einen Hymnus auf Aeskulap und Apollo an und rief die gnadenreiche Erscheinung des Gottes für Abonoteichos herbei. Mit einer Schale schöpfte er das Ei heraus und zerbrach es, die Paphlagonier aber erhoben ein Jubelgeschrei, als der Gott in Gestalt einer jungen Schlange in ihrer Stadt erschien. Abonoteichos erfüllte sich alsbald mit Schwärmen von Neugierigen und Wundersüchtigen, die von weit und breit zusammenströmten. Es war ein Schauspiel so ähnlich wie ein Ei dem andern, den Scenen, welche in unserer Gegenwart in einem plötzlich berühmt gewordenen Ort eines großen Landes öffentlich aufgeführt werden, nur mit dem Unterschiede, daß zu Abonoteichos in Paphlagonien Asklepios, dort die Jungfrau Maria erschienen war. Nach wenigen Tagen zeigte sich der Prophet in einem Häuschen auf einem Divan sitzend. Um ihn wand sich die schon groß gewordene Schlange, nämlich jene, die er aus Pella mitgebracht und abgerichtet hatte. Sie zeigte einen Menschenkopf, bewegte den Mund und streckte eine schwarze Zunge heraus. Die Verdunklung des Zimmers, das Gedränge und die fieberhafte Aufregung des Volks thaten die beabsichtigte Wirkung. Inzwischen strömten nach und nach Prozessionen aus Bithynien, Galatien und Thracien nach Abonoteichos. Künstler bildeten den neuen Gott in Erz und Silber, in Marmor und Thon ab und verkauften seine Figuren massenhaft, wie man heute in Wallfahrtsorten Heiligenfiguren zu verkaufen pflegt. Alexander gab diesem Gott den Namen Glykon: Glykon bin ich, ein Enkel des Zeus, und ein Licht für die Menschen. Darf es uns wundern, daß es diesem Zauberer wirklich gelang, einen Tempelcultus für seinen Gott einzusetzen? Er hatte die Weiber auf seiner Seite; er war ein wahrhaft schöner Mann. Lucian berichtet sicherlich nur Thatsachen, wenn er sagt, daß viele Frauen sich rühmten, von Alexander Kinder empfangen zu haben, und daß dies sogar ihre beglückten Ehemänner bestätigten. Alexandros c. 42. Ein förmlicher Orakeldienst wurde im Asklepiostempel eingerichtet. Man brachte dem Propheten Fragen an sein Orakel auf einer versiegelten Schreibtafel, die er dann so geschickt öffnete, daß es niemand merken konnte. Lucian teilt die Kunstgriffe mit, deren man sich damals bediente, um Schriften geschickt zu öffnen. Man löste entweder das Siegel mit einer glühenden Nadel, ohne es zu versehren, oder man nahm einen Abdruck davon. Man war also im 2. Jahrhundert in solcher Virtuosität nicht mehr zu weit von der Kunst unserer geheimen Briefpolizeicabinete entfernt. Er beantwortete sie in metrischer Rede; denn auch der Betrug bedurfte des Stempels der schönen Form. Man mag sich vorstellen, daß Alexander oft genug Gelegenheit hatte, wie ein Beichtvater die Gemüter der um Rat Fragenden in seine Gewalt zu bringen, und viele, die sich einfallen ließen, politisch gefährliche Gesinnungen zu verraten, von seiner Verschwiegenheit abhängig zu machen. Dabei besaß er die Klugheit, andere damals besuchte Orakel, zumal die Priesterschaft des Apollo zu Klaros und Didymi und des Amphilochos sich dadurch zu gewinnen, daß er oft an ihre prophetische Quelle verwies und statt aller Antwort sagte. Gehe nach Klaros und höre, was dort mein Vater verkündigt. Lucian gibt manche Proben von der Schlauheit des Betrügers im Anfertigen der Orakel. Aber seine Erfolge machten ihn zuletzt so kühn, daß er nachlässig wurde und sich durch witzige Menschen, die seine Karten durchschauten, täuschen ließ. Ich fragte ihn, so erzählt Lucian, in einem Zettel, ob Alexander einen Kahlkopf gehabt habe, und weil ich das Blatt so versiegelt hatte, daß es nicht leicht ohne Verdacht geöffnet werden konnte, so schrieb er darauf ein Nachtorakel, welches lautete. »Sabardalachis Malach Attis war ein anderer.« Weil Abonoteichos den Zudrang der Fragenden nicht fassen konnte, fertigte Alexander viele durch solche Nachtorakel ab, d. h. er legte die Zettel unter sein Kopfkissen, und der Gott offenbarte sich dann im Traume. Ein zweites Mal fragte ich auf zwei verschiedenen Zetteln, wo der Dichter Homer geboren sei. Auf den einen schrieb er, da ihm mein Diener gesagt hatte, daß es sich um ein Mittel gegen Schmerzen in der Hüfte handle, die Worte: »Salbe mit Kytmis dich ein und dem Tau der Latona.« Auf den andern, wovon ihm der Diener sagte, daß ich zu wissen begehre, ob ich zu See oder zu Lande nach Italien reisen solle, gab er folgende Antwort, die nichts mit Homer zu thun hatte: Fürchte die Reise zur See, denn besser frommt dir der Landweg. Solche Fehler verhinderten nicht, daß die Weissagungen Alexanders weit und breit in Ruf kamen. Selbst Severianus, der Statthalter von Cappadocien, holte sich, als er gegen den Partherkönig Vologeses II. ins Feld zog, von ihm einen Orakelspruch, der ihm indeß übel bekam. Dies geschah zu Anfange der Regierung Marc Aurels. Der Prophet schickte seine Agenten in alle Länder des Reichs, um für seinen Ruf Propaganda zu machen. Er faßte selbst in Italien festen Fuß und fand, was nicht befremdend war, Anhänger und Gläubige sogar in der höchsten Aristokratie Roms und am Hofe des Kaisers. Einen der vornehmsten Römer Rutilianus verband er sich dadurch, daß er ihm seine eigene Tochter, welche er mit Selene wollte erzeugt haben, auf das ausdrückliche Gebot des Gottes Asklepios zur Gemalin gab. Rutilianus soll sogar den Kaiser überredet haben, zwei Löwen in die Donau werfen zu lassen, weil Alexander dies Opfer für nötig hielt, um den Römern den Sieg gegen die Markomannen zu sichern. Das Opfer fruchtete freilich nichts, denn die kaiserlichen Heere erlitten eine furchtbare Niederlage. Alexandros c. 48. Mit großem Geschick benutzte der Lügenprophet die Aufregung der Gemüter im Reich durch jenen Krieg und die Pest, welche im Jahre 167 viele Länder verheerte. Seine wandernden Emissare verbreiteten überall Furcht vor Seuchen und Erdbeben und boten zum Schutz dagegen die Amulete Alexanders an. Während jener Pest las man, wie Lucian versichert, fast über jeder Hausthüre einen von ihm in alle Länder geschickten albernen Vers, welcher so lautete: Phöbus, deß Haar ungeschoren, vertreibt das Gewölke der Krankheit. Alexandros c. 36. Es scheint eine ganze Actiengesellschaft von Betrügern gewesen zu sein, die der Prophet an seiner Orakelfabrik beschäftigte. Alle diese Gehilfen, Tempeldiener, Registratoren, Orakelverfertiger, Obsignatoren und Interpreten von Fragen, die in verschiedenen Sprachen an ihn gerichtet wurden, empfingen ihr reichliches Einkommen. Um die Menge auch durch Schauspiele anzuziehen, setzte er eine mystische Feier von drei Festtagen ein, mit Fackelprozessionen und allem möglichen Priesterpomp. Es wurden dramatische Pantomimen aufgeführt, welche die Niederkunft der Latona, die Geburt des Asklepios und die des Gottes Glykon darstellten. Alexandros c. 38. Dreißig Jahre lang konnte sich diese freche Komödie behaupten, ohne daß ihr Dirigent im Gefängniß endete. Zwar fingen die Verständigen an, hinter die Coulissen zu kommen, aber es fehlte ihnen an Macht, den Gaukler zu stürzen, weil er im Volk zu feste Wurzeln geschlagen hatte. Besonders waren es die aufgeklärten Epikuräer und die Christen, welche ihm Furcht machten. Er reizte die Menge auf, sie zu steinigen, wo sie sich blicken ließen. Auch Lucian würde seine Kühnheit gebüßt haben, wenn ihn nicht der Zufall gerettet hätte. Was er davon erzählt, ist freilich ein wenig romanhaft. Als der Prophet von seiner Ankunft hörte, ließ er ihn zu sich bitten. Lucian kam mit ein paar Soldaten, die ihm der Statthalter Cappadociens als Bedeckung bis ans Meer mitgegeben hatte. Schon längst darüber erbittert, daß der Sophist es gewagt hatte, dem Rutilianus von seiner Heirat abzuraten, wollte ihn Alexander verderben; doch stellte er sich freundlich zu ihm und wußte ihn in einer geheimen Unterredung auf seinen eigenen Vorteil aufmerksam zu machen. Lucian gesteht hier vielleicht aus romanhafter Absicht seine weltmännische Schwäche ein. Er machte sich die Winke zu nutz und ging öffentlich als Freund von seinem Feinde. Dieser lieh ihm ein Schiff zur Fahrt nach Amastris, aber er gab dem Steuermann heimlich den Befehl, den Reisenden ins Meer zu werfen. Die Schiffer setzten ihn jedoch zu Aegiali ans Land, von wo ihn vorübersegelnde Bosporaner nach Amastris brachten. Was an dieser Erzählung wahr sei, weiß Lucian allein. Er berichtet weiter, daß er sich vergebens bemüht habe, den Betrüger zur Strafe zu ziehen. »Avitus, der Statthalter von Bithynien und Pontus, war es selbst, der mein Vorhaben vereitelte, indem er mich flehentlich bat, davon abzustehen; denn Alexander würde, wenn auch entlarvt, wegen seiner Verbindung mit Rutilianus niemals bestraft werden. So mußte ich mich ruhig verhalten, denn es wäre Tollheit gewesen, vor einem so gesinnten Richter Klage zu führen.« Alexander blieb unangefochten. Sein Betrug war eine Macht, ja eine anerkannte Religion geworden. Er setzte es sogar beim Kaiser durch, daß der Name der Stadt Abonoteichos in Jonopolis verwandelt wurde, und dieser dauert noch heute als Ynebolu fort. Mionnet, Suppl. IV, S. 550: Abonotichos quod et Ionopolis, nunc Aineh-Boli vel Inebolu. Der Lügenprophet starb im Besitze seiner göttlichen Ehren. Seine Genossen stritten sich um die Nachfolge in der Prophetenwürde, welche aber Rutilianus keinem zuerkennen wollte. Indeß das Orakel des Glykon erhielt sich noch lange Zeit nach dem Tode des Zauberers, und dieser selbst wurde durch Statuen, Medaillen und Inschriften, sogar durch einen förmlichen Göttercultus geehrt. Athenagoras ( Legatio pro Christianis, c. 26 ) sagt, daß zu Parium die Statuen des Alexander und Proteus standen, wo auch des Alex. Grabmal gewesen sei: Alexandri adhuc in foro sepulcrum et simulacrum est . . . Alexandri autem statuae sacrificia publicis sumptibus et dies festi, tanquam exaudienti Deo peraguntur. Dacische Inschriften auf den Gott Glykon: C. I. L. III, n. 1021. 1022. Münzen von Abonoteichos oder Jonopolis des Marc Aurel und L. Verus stellen die Schlange mit dem Menschenkopf dar (’Ιωνοπολείτων Γλύκων), Eckhel II, S. 383. 384. Mionnet, Suppl. IV , S. 550, n. 3–5; n. 4 . Münze mit zwei Schlangen ( l'un d'eux faisant des sifflements à l'oreille de l'autre ). Eine Inschrift aus Blatsche in Macedonien zu Ehren des Draco und der Dracäna und des Alexander, Ephem. Epigraphica C. I. L. Suppl. II , S. 331, n. 493 . In Jonopolis bestand der Dienst des Glykon noch in der Mitte des dritten Jahrhunderts. Renan, Marc Aurèle , S. 51. Münzen Nikomedias haben den Drachen mit dem Menschenkopf noch um 240. Ibid. Sechzehntes Capitel. Das Orakelwesen. Plutarch, sein Verteidiger. Der Mysticismus Hadrians. Die Vergötterung des Antinous. Das wundersüchtige Jahrhundert, in welchem die Mystik des Orients die alten Götterdienste durchdrang, erzeugte eine Renaissance des Orakelwesens, das im ersten Jahrhundert durch eine rationelle Aufklärung der Geister in Verfall gekommen war. Derselbe Nero, der das Orakel zu Delphi befragt hatte, untergrub dessen Ansehen, indem er den Apollotempel plünderte und seine Güter einzog. Die Pythia verstummte. Sie verdiente längst die Verachtung der Menschen durch ihre Lüge und Bestechlichkeit, wie das schon Cicero bemerkt hatte. Cicero, De divin. II, 57. Dem Muttermörder Nero hatte sie schamlos geschmeichelt, indem sie ihn mit Orestes und Alkmäon zu vergleichen wagte. Lucian, Nero c. 10. Trotzdem wollte Nero die Mündung des pythischen Orakelschlundes verstopfen lassen, damit Apollo für immer schwiege. Indeß Trajan scheint das delphische Orakel hergestellt zu haben, und Hadrian hat es um den Geburtsort Homers befragt. Bouche-Leclerc, Divination dans l'antiquité III , S. 200. Es gibt keine kaiserlichen Münzen aus Delphi als von Hadrian (eine bezüglich auf Antinous), von Antoninus Pius und Faustina. Bormann, Bull. d. inst. 1869 S. 45. Obwol Plutarch das Schwinden der Orakel bezeugt, war doch keines der berühmten erloschen. Nur mochte ihre Anziehungskraft auch dadurch gemindert sein, daß sich die Menge lieber neuen Offenbarungen zuwandte, welche plötzlich in Mode kamen, wie das Glykonorakel zu Abonoteichos. Es dauerten noch immer alte Orakelinstitute fort, so ganz besonders die apollinischen in Delos und Argos, in Xanthus und Klaros bei Kolophon, die des Trophonius in Lebadea, der Branchiden zu Didymi bei Milet, des Sonnengottes in Heliopolis, das zu Hierapolis in Syrien. Döllinger, Heidentum und Judentum, S. 649 f.; Friedländer III, 527 f.; Marquardt, R. Staatsv. III, 95. Die Geschichte der ansehnlichsten Orakel überhaupt bei Bouche-Leclerc. Doch waren sie alle mehr oder weniger abgenutzt. Plutarch gestand das in seiner Schrift über den Verfall der Orakel mit Schmerz ein, denn er bemühte sich, die wahrsagenden Mächte wieder zu Ehren zu bringen. De Defectu Oraculorum . Im c. 5 beklagt er sich, daß in Böotien, welches früher voll von Orakeln gewesen, nur das zu Lebadea fortbestehe. Siehe auch Cur Pythia nunc non reddat Oracula . Jener Verfall soll sie nach seiner Ansicht nichts angehen, denn sie haben Dämonen zu Orakelvorstehern eingesetzt, und Dämonen sind keine Götter. Vielmehr haben sie eine aus Unsterblichkeit und Sterblichkeit gemischte Natur, und weil ihnen auch leibliche Stoffe anhaften, so können sie, gut oder böse, sich verändern und sogar verschwinden. Er beruft sich dabei auf Plato, Empedokles, Xenokrates und Chrisippus. Um die Sache ganz klar zu machen, erzählt er die Geschichte vom Untergange des Pan. Zur Zeit des Tiberius hörten Schiffer an einer griechischen Küste den Namen des Steuermannes Thamus rufen; eine Stimme sagte: wenn du auf die Höhe von Palodes kommst, dann mache kund, daß der große Pan gestorben sei. So that Thamus, worauf lautes Seufzen gehört wurde. Tiberius ließ den Vorgang untersuchen und beglaubigen. Also können Dämonen untergehen. Wir lächeln auch über die Mühe, welche sich Plutarch im »Dämon des Sokrates« gemacht hat, die Weissagung aus dem Genius zu erklären, dessen Stimme einem Philosophen von so reinem Geiste besonders vernehmbar gewesen sei. Er versteht diesen Genius in der krassesten Weise als einen orakelgebenden Dämon. Die Epikuräer hatten es nicht schwer, die neu aufgestutzte Orthodoxie über den Haufen zu werfen. Schon Oenomaus, dessen Schriften Eusebius ausgezogen hat, verspottete die Orakel als Betrügereien der Gaukler. Eusebius, Praep. Evang. V u. VI: φωρὰ γοήτων. Aber die Kritik der Schule Epikurs und der Witz Lucians fruchteten nichts, denn die Menge nahm keine Kunde von ihr, während es unter den ersten Geistern der Zeit Apologeten der Orakel gab, wie das eben Plutarch bewiesen hat. Wahrsager und Sterndeuter aus Aegypten und Chaldäa schwärmten im römischen Reich umher und machten vortreffliche Geschäfte. Man drängte sich in Aufzügen mit Opfergaben an ihre Altäre, Heiligenbilder und Talismane, und zu ihren mystischen Cabineten, wo man Schatten heraufkommen sah und Todte weissagen hörte. Vergebens haben Lucian und Favorinus die Ansicht lächerlich gemacht, daß unsre Entschlüsse und Handlungen durch die Constellation der Gestirne bestimmt seien. Favorinus über die Astrologie bei Gellius XIV, 1 . Wenn ein so geistreicher Mann wie Hadrian den Geheimnissen der Astrologie ergeben war, und die Künste der orientalischen Mantik betrieb, so mußte sein Beispiel solchem Wahn so viel Kraft geben, als die Bullen der Päpste dem Glauben an das Zauber- und Hexenwesen gegeben haben. Er glaubte an die Schrift der Sterne wie an die Orakelmacht. Vor seinem Regierungsantritt empfing er Anzeichen seiner kaiserlichen Würde aus den sibyllinischen Büchern und den Gesängen des Virgil, vom Orakel des Jupiter Nicephorus und der kastalischen Quelle bei Antiochia, welche er dann als gefährlich vermauern ließ. Ammian. Marcellin. XXII, 12, 8. Sozomen., H. Eccl. V, 19. Als ein gelehrter Astrolog erforschte er seine eigene Zukunft, und man sagte von ihm, daß er seine Handlungen und Erlebnisse für jedes Jahr im Voraus berechnet habe. Die merkwürdige Stelle bei Spartian c. 16: mathesin sic scire sibi visus est ut sero kalendis Januariis scripserit, quid ei toto anno posset evenire, ita ut eo anno quo perit usque ad illam horam qua est mortuus scripserit, quid acturus esset. An Vorbedeutungen und Wunderzeichen glaubte auch der jüngere Plinius so gut wie Sueton, dessen Kaisergeschichten voll von Aufzeichnungen der seltsamsten Prodigien sind. Man sieht, auf welchen fruchtbaren Boden auch die christliche Wundersucht in der römischen Welt gefallen ist. Die mystischen Neigungen Hadrians hat ein Dichter der Sibyllinen in Versen gezeichnet, worin Rom so angeredet wird: Aber sobald dich beherrscht hochfahrender Könige fünfzehn, Die vom Morgen bis tief zum Abend die Völker geknechtet, Dann wird kommen ein Fürst, grauhaarig, deß Name vom Meer ist, Der mit unheiligem Fuße die Welt durchwandert, Geschenke Bringend, und Schätze an Silber und Gold, viel mehr als der Feind hat, Häuft er in Masse sich auf, mit dem Raub dann segelt er heimwärts. Alle Mysterien auch, die geheimsten und magischen, kennt er, Zeigt einen Knaben als Gott, und zerstört was irgend noch heilig, Allen entriegelnd die Pforte des uralt mystischen Wahnsinns. Sibyll. VIII , 50 f. ( ed. Alexandre, Paris 1869): Καὶ μαγικω̃ν αδύτων μυστήρια πάντα μεθέξει, Παι̃δα θεὸν δείκνυσιν, άπαντα σεβάσματα λύσει, Κάξ αρχη̃ς τὰ πλάνης μυστήρια πα̃σιν ανοίξει. Hier wird von Hadrian behauptet, daß er allerlei Mysterien erforscht habe, und dies stimmt durchaus mit dem überein, was Tertullian und Julianus von ihm gesagt haben. Das Wort Tertullians von Hadrian: quamquam curiositatum omnium explorator bezieht sich wol auch auf die religiösen Geheimnisse, da es in Verbindung mit dem Christentum gesagt ist: Apologet, adv. gentes, c. 5. Obwol es nicht bekannt ist, daß er andre als die eleusinischen Weihen genommen hat, so ist es doch unzweifelhaft, daß er sich auf seinen Reisen die Kenntniß von vielen Mysterien Griechenlands, Syriens und Aegyptens erworben hatte. Denn sein Forschungstrieb ist gewiß ebenso groß gewesen, wie der des Septimius Severus, von welchem Dio gesagt hat, daß er nichts Menschliches noch Göttliches unerforscht gelassen habe. μη̃τε ανθρώπινον μη̃τε θει̃ον αδιερεύνητον καταλιπει̃ν, Dio 75, 13. Als Sohn seiner Zeit bietet auch Hadrian Züge dar, welche ihn einem Peregrinus und Alexander verwandt erscheinen lassen. Auch er sinkt zum religiösen Gaukler herab; er erfindet einen neuen Gott und ein Orakel, welches Geltung gewinnt, wie das paphlagonische des Glykon. War dies Herrscherlaune aus Bewußtsein seiner ihm wie allen Cäsaren vom Knechtssinn der Menschen angedichteten Götterkraft? Sein Versuch Religionsstifter zu werden kann auch Ironie gewesen sein. Hat Hadrian den Blödsinn der Menschen verachtet und sie deshalb zum Besten gehabt? Ist er nur ein Künstler gewesen, als er den Gott Antinous, »den verkörperten Sohn der Schönheit« erschuf? War er wie Lucian und die Epikuräer im Grunde ein Atheist? Niemand weiß es zu sagen. Die Religion dieses rätselhaften Menschen ist ein Geheimniß für uns. Auch zu einem philosophischen System hat er sich nicht bekannt. Spartian sagt von ihm, daß er den römischen Götterdiensten eifrig ergeben war, und die fremden verachtete, worunter wol die syrischen und ägyptischen zu verstehen sind. Sacra Romana diligentissime curavit, peregrina contempsit, Spart, c. 22. Tiberius verbot aegyptios judaicosque ritus, Sueton, Tiber, c. 36. Als Oberhaupt des Staats hat er der Staatsreligion die ihr gebürende Ehrfurcht erwiesen. In Rom hat er alte Tempel hergestellt und neue erbaut. Auf Münzen Hadrians sieht man die drei Staatsgötter des Capitol. Eine Medaille stellt Jupiter als Beschützer des Kaisers selbst dar; der Gott steht da in colossaler Gestalt, die Rechte mit dem Blitz über Hadrian ausgestreckt, während er ihn mit dem Mantel beschirmt. Der Kaiser macht die Bewegung eines Flehenden; er ist in kleiner Figur dargestellt, so daß er an die Demut christlicher Könige oder der Päpste erinnern kann, welche sich, die heidnische Vorstellungsweise nachahmend, auf Musiven vor Christus als Zwerge abbilden ließen. Froehner, Les Médaillons de l'Empire Romain, Paris 1878, S. 28: Hadrian. Aug. Cos. III, PP. – Jovi Conservatori. Dasselbe Motiv mit der Legende Conservatori Patris Patriae hat bereits eine große Bronze Trajans, und Fröhner schreibt es den Flaviern zu. Aehnlich sind Medaillen, auf welchen Jupiter Custos die Kaiser Marc Aurel und L. Verus beschirmt. – S. 29: Medaillen Hadrians, Hadr. Aug. PP. – Jovi Opt. Maximo SPQR . Andre hadrian. Medaillons in Bezug auf die capitolischen Götter S. 26 f. Pausanias hat Hadrian sogar einen der gottesfürchtigsten Kaiser genannt, und dabei sicherlich seine Tempelbauten im Sinne gehabt. ‛Αδριανου̃, τη̃ς τε ες τὸ θει̃ον τιμη̃ς επὶ πλει̃στον ελθόντος, Attica V, 14. So galten auch als gottesfürchtig im Mittelalter alle Könige, welche Kirchen und Klöster bauten, und Wilhelm von Sicilien wurde deshalb der »Gute« genannt. Er baute Tempel genug, aber das kann er auch als Künstler gethan haben, und außerdem hat er sie keinem Gotte zugeschrieben, sondern namenlos gelassen. Lamprid., Alex. Sever., c. 43. Das ist Thatsache, daß er seine eigene Erhebung zum olympischen Zeus sich gerne gefallen ließ. Wenn man nun seiner Majestät Tempel errichtete, sollte nicht auch derjenige sie haben, den er selbst zu seinem Gottgenossen gleichsam adoptirt hatte? Mit der Vergötterung des Antinous hat Hadrian sein kaiserliches Siegel auf den Aberglauben des Jahrhunderts gedrückt. Aber diese Handlung machte viel weniger Eindruck auf die Mitwelt, als sie ihn noch auf die Nachwelt macht. Die Apotheose war im Altertum die höchste Ehre, die man Sterblichen erwies, indem man sie den Göttern als Heroen beigesellte und ihr Andenken mit Festspielen ehrte. Aus dem Heidentum ging die Menschenvergötterung in die christliche Kirche über, in der Form der Beatification und Canonisation. Als Heroen des Glaubens erhielten auch die Heiligen ihre Altäre. Die Italiener der Renaissance erkannten den Zusammenhang beider Apotheosen, der heidnischen und christlichen, ganz richtig, indem sie die Heiligen als Divi bezeichneten. Im Ganzen aber war das Heidentum mit seinen Apotheosen doch sparsamer, als die christliche Kirche. Der antike Heroenkalender verschwindet gegen die Myriaden christlicher Heiligen und die 60 Foliobände der Acta Sanctorum . Man wird die Spartaner nicht tadeln, weil sie ihren Lykurg vergötterten, noch die Smyrnäer, weil sie dem Homer Opfer darbrachten, noch die Athener, welche die bei Marathon gefallenen Helden den Unsterblichen beigesellten. Aber die Griechen nahmen sich leider die niedrige Schmeichelei der Kleinasiaten zum Beispiel, und sie vergötterten die Macht. In der Diadochenzeit haben sie die Nachfolger Alexanders noch bei ihrem Leben als Götter geehrt, und dann auch die Feldherren Roms Flaminius und Sulla in den Himmel erhoben. Dieser Menschendienst konnte in Aegypten weniger auffallen, wo die Lagiden die Götterehren der Pharaonen geerbt hatten. Als Sohn der Sonne ist Augustus in hieroglyphischen Inschriften verherrlicht worden. Döllinger, Heidentum und Judentum, S. 14. Die Römer selbst nahmen die Apotheose von den Griechen auf; zuerst erhielt Cäsar als Divus Julius die Consecration. Ein Komet wurde für seine Seele erklärt, die zum Aether emporgestiegen sei. Sueton., Caes., c. 88. Er erhielt zuerst einen Tempel auf dem Forum durch Augustus, den wahren Urheber des Kaisercultus. Siehe über diesen überhaupt Preller, R. Mythol. im betreffenden Abschnitt. Hierauf wurde der Kaisercultus die wahre Religion des Staats, und zu ihr mußten sich auch die Provinzen Europas bekehren. Tacitus hat erzählt, wie die Städte Asiens durch Abgesandte wetteifernd von Tiberius die Gunst erbettelten, ihm einen Tempel zu errichten. Tacit. Ann. IV, 55. In Griechenland gab es kaum eine namhafte Stadt, die sich nicht um die Ehre der Neokorie beworben hätte, das heißt um die Auszeichnung des Tempeldienstes für die Kaiser Roms. Hermann, Gottesdienstliche Altertümer der Griechen, § 12. Jeder Kaiser war schon bei seinem Leben ein Gott. In einem Kunstwerk ist schon Augustus als Jupiter abgebildet, den Fuß auf den Erdball gesetzt, neben Livia, die als Venus dasteht. So stellt ihn ein berühmtes Marmorrelief zu San Vitale in Ravenna dar. A. Konze, Die Familie des Augustus, ein Relief in S. Vitale zu Ravenna, 1867. Als Jupiter stellt den Augustus auch eine herkulanische Bronzestatue dar. Wenn zu seiner Zeit, wie das seine Schmeichler im Plane hatten, das Olympieion in Athen vollendet worden wäre, so würde schon er dort vor Hadrian als Zeus verehrt worden sein. Die Vergötterung des Antinous verliert daher ihre Grellheit, sobald man sie mit den Vorstellungen der Zeit in Zusammenhang bringt, aber sie behält ihre moralische Ungeheuerlichkeit, wenn man erwägt, was dieser apotheisirte Knabe im Leben gewesen war. Jeder Mann wußte das so genau, wie die Bürger von Abonoteichos die Abkunft ihres Propheten Alexander kannten. Selbst vor dem Urteile denkender Zeitgenossen konnte die gottlose Laune Hadrians kaum durch die Vorstellung gemildert werden, daß der Opfertod jenes Knaben den Ruhm einer heroischen Handlung beanspruchen dürfe. So will das Hausrath auffassen, Neutestamentliche Zeitgesch. III, 480. Ich glaube freilich, daß der Opfertod des Antinous an den Tod des Osiris und Adonis erinnern sollte. Dio sagt ausdrücklich, der Kaiser sei zum Gespött geworden, als er den Stern des Antinous gesehen zu haben beteuerte. Διὰ ταυ̃τα μὲν ου̃ν εσκώπτετο – Dio 69, 11 . Aber das ist eben das Furchtbare, daß die Götter überhaupt zum Spott geworden sind nicht allein für die Kritik des Atheisten, sondern auch für den Glauben an den Altären aus Knechtssinn und Menschenfurcht. In Antinoe setzte Hadrian seinem Liebling einen Orakeldienst ein mit Wahrsagern und allem andern nötigen Theaterapparat. Der προφήται oder Orakelpriester des Antinous in Antinoe gedenkt Hegesippos bei Euseb., H. E. IV, c. 8 . Er verfuhr also ganz wie der Lügenprophet Alexander, und auch wie dieser ließ er sich herab, Orakelverse zu dichten. Spart, c. 14: et Graeci quidem volente Hadriano eum consecraverunt oracula per eum dari adserentes, quae Hadrianus ipse composuisse iactatur . Es ist schwer zu begreifen, wo Hadrian Fragenden Orakel erteilen konnte, da der Antinoustempel in Besa erst nach seiner Abreise aus Aegypten vollendet werden konnte. Da es nun an jenem Ort, dem alten Besa, bereits einen äthiopischen Orakelgott gab, so hat ihn der Kaiser mit diesem in eine Person verschmolzen. Die Aegypter konnten in ihm noch jenen Besa verehren, während er für die Griechen Antinous war. Bouche-Leclerc III, 394. Wenn sich der Gebieter der Welt zum Propheten der neuen Gottheit machte, so war er sicher, für seine Creatur Anerkennung zu finden, so lange er selbst lebte. Aber nichts zeigt so schlagend, wie übermächtig das Bedürfniß der Divination im damaligen Menschengeschlecht gewesen ist, als die Thatsache, daß auch dies Antinousorakel noch im dritten Jahrhundert fortgedauert hat. Origenes glaubte, daß in Antinoe Zauberer und Dämonen ihr geheimnißvolles Wesen trieben. Origenes in Cels. 3, 36; Tertullian. Apol, c. 13; Clem. Alex. Protrept. S. 43. Antinoe war eine griechische Stadt, und im Allgemeinen waren es Griechen, die den hadrianischen Gott anerkannten und seinen Cultus verbreiteten. Das lehrt auch die Stelle bei Spartian c. 14 . Es konnte ihrer Nationaleitelkeit schmeicheln, daß die Ehre des Olymp einem ihrer Landsleute zu Teil geworden war. In ihren Augen mochte Antinous Hellas selbst bedeuten, und weiter konnte der Kaiser seine philhellenischen Sympathien nicht treiben, als indem er einen Griechen zum Gott erhob. Zu einer wirklichen Cultusmacht ist aber Antinous doch nicht gelangt, obwol Griechenland und Asien wetteiferten, ihn durch Altäre und Bildwerke zu feiern. Sein Hauptsitz in Hellas war Mantinea. Denn der Kaiser benutzte eine weithergeholte Genealogie, wonach die Nikopoliten in Bithynien Colonisten Mantineas gewesen sein sollten, um dort seinem Adonis einen Tempel zu gründen. Pausanias VIII, 9, 7. Münze bei Fabretti 462. Er stiftete ein Jahresfest der Einweihung und fünfjährige Spiele. Euseb., H. E. IV, c. 8 führt Hegesippos an, zu dessen Zeit noch der αγὼν ’Αντινόειος gefeiert wurde. Dieser Kirchenschriftsteller lebte in der Mitte des 2. Jahrh. Pausanias sah viele Bildsäulen des Antinous in Mantinea und schöne Gemälde im dortigen Gymnasium, die ihn als Dionysos darstellten. Auch in Athen wurde er mit Spielen geehrt. Seine Statue ist im Schutte des Theaters gefunden worden. Selbst einen Marmorsessel hatte man im Zuschauerraum dem Antinouspriester als Ehrensitz aufgestellt. ‛Ιερέως ’Αντινόου, Ephemer. Archeol. 1862, S. 162, n. 158 . Rhusopulos, ibid. S. 215 Über jene Statue; S. 202 über die ’Αντινόεια εν άστει: Erwähnung eines ιερεὺς ’Αντινόου εφήβου, wonach Semiteles annimmt, daß Antinous als Ephebos in Athen verehrt worden sei. In Eleusis galt er als Jakchos, und auch hier wurden ihm Festspiele gehalten. ’Αντινόεια εν ’Ελευσι̃νι, unterschieden von denen Athens εν άστει: Lenormant l'Antinoüs d'Eleusis, Rev. Arch. 1874, S. 217. Viele andre hellenische Städte haben ihn auf Münzen als Dionysos oder Jakchos, als Heros und Gott verherrlicht. Solche sind aus Tarsus, Adramytion, Adrianotherä, Amisus, aus Ancyra, Mantinea, Bithynium; aus Korinth und Delphi, aus Hierapolis, Cyzikus, Nicomedia, Nikopolis, aus Sardes, Tyana, Smyrna und Alexandria. Eckhel VI, 528 f.; Cohen II, 267. Auf einer korinthischen Münze hält Antinous den geflügelten Pegasus am Zügel, und dieses Roß soll Borysthenes sein, das Leibpferd Hadrians. Maffei Gemme antiche II, 193. Eins der schönsten Brustbilder des Antinous zeigt eine Medaille aus Nikopolis oder Bithynium, seiner Vaterstadt. ΑΝΤΙΝΟΟΝ ΘΕΟΝ Η ΠΑΤΡΙ C, R) ΒΕΙΘΥΝΙΕΩΝ ΑΔΡΙΑΝΩΝ, Mionnet, Suppl. V, pl. 1 . Die von Smyrna, Schmeicheleien des Polemon bei Cohen II, 268, und ebendaselbst Münzen mit Antinous u. Hadrian. Bald ist er mit Harpokrates seinem Genossen im Göttercollegium zusammengestellt, bald mit Apollo oder Hermes. Ein Greif, ein Bock oder Stier, ein Panther und der Thyrsusstab, Mond und Sterne bezeichnen ihn als diesen oder jenen Gott, dessen Incarnation er ist. Denn Antinous ist niemals als eine neue Gottheit gedacht worden, sondern nur als neue Offenbarung eines der bestehenden Götter. Das gleiche Verhältniß hat auch bei den apotheosirten Kaisern stattgefunden. Am häufigsten erscheint er in der Gestalt des Dionysos, weil diese seiner jugendlichen Schönheit am meisten entsprach. Sie hat auch viel dazu beigetragen, daß der Cultus des Antinous nicht mit Hadrian erlosch, denn die Kunst hat ihn als einen jugendlichen Typus im Vorstellen der Menschen befestigt. Aber sein Götterdienst blieb im Orient localisirt. Im lateinischen Abendlande hat er keinen Eindruck auf die Phantasie der Menschen gemacht. Hier hat man sich mit dem griechischen Knaben nicht viel beschäftigt. Schon dies ist auffallend, daß Marc Aurel, wo er in seinen Selbstbetrachtungen die vertrautesten Freunde Hadrians mit Namen nennt, wie Celer, und die sonst unbekannten Chabrias und Diotimus, des Antinous mit keiner Silbe gedacht hat. Marc Aurel VIII, 25, 37: sitzen etwa, so fragt er, noch am Grabe Hadrians Chabrias und Diotimus? Es wäre lächerlich. Dies Schweigen konnte nur absichtlich sein. Als Stoiker hat Marc Aurel die Antinouskomödie verachtet. Wir wissen nicht, ob sich Hadrian überhaupt bemüht hat, seinen Gott in Rom einzubürgern. Oeffentlich ist er hier niemals anerkannt worden, da es dazu eines Decrets des Senats bedurft hätte. Er hat in Rom keinen Tempel gehabt. Es gibt auch keine römische Antinousmünzen, aber einige Inschriften beweisen doch das Eindringen seines Cultus dort und in Italien, und wol sind es Griechen gewesen, die dem Kaiser diesen Dienst erwiesen haben. Indeß auch unter Römern und Lateinern konnte es nicht an Knechtsseelen mangeln. Aus Augendienerei und Furcht, wie Justinus Martyr gesagt hat, wird mancher dem neuen Gott geopfert, und sein Bildniß in sein Haus aufgenommen haben. Eine im Marsfeld gefundene, vom dortigen Isistempel stammende Inschrift nennt Antinous den Mittronenden der Götter Aegyptens; er hat also in dem ägyptischen Heiligtum Roms seinen Altar gehabt. ’Αντινόω συνθρόνω τω̃ν εν Αιγύπτω θεω̃ν Μ. Ούλπιος ’Απολλώνιος Προφήτης C. I. G. III, n. 6007 . Es ist ungewiß, ob diese Inschrift der Zeit Hadrians angehört. Aber man wird kaum irren, wenn man annimmt, daß erst der Tod seines Lieblings im Nil den Kaiser selbst zu einem Anhänger des Isisdienstes gemacht hat. Zwar rühmt ihm Spartian nach, daß er fremde Götter verachtet habe, und es ist auch nicht bekannt, daß Hadrian, wie Domitian und später Commodus und Caracalla, öffentlich an den Isismysterien in Rom sich beteiligt habe. Indeß die tiburtinische Villa legt ein Zeugniß von seinem Verhältniß zu den Göttern Aegyptens ab, mag dieses immerhin nur ein künstlerisches gewesen sein. Aus jener Villa stammt der Marmorcoloß im Vatican, welcher Antinous als Osiris vorstellt, und auch der Harpokrates des Capitols, sein Göttergenosse, der als Genius des Schweigens vorgestellt ist, mit dem Finger auf dem Munde. Ans dem Tiburtinum kann auch eine lateinische Inschrift nach Tivoli verschleppt worden sein, wo sie gefunden worden ist; sie vergleicht Antinous mit Belenus. Antinoo et Beleno par aetas formaque par est cur non Antinous sit Belenus. Q. Siculus. Orelli 828. Belenus war ein celtischer Gott und als Apollo romanisirt, Fabretti 325. Preller, Röm. Myth. I³, 270. Die Inschrift sieht ironisch aus; ob sie den celtischen Gott meint, oder ob Belenus ein schöner Knabe des Siculus gewesen ist, der ihm die Götterehren des Antinous zu verdienen schien, lasse ich unentschieden. Nun beweist aber auch eine lateinische Inschrift aus Lanuvium, dem heutigen Civita Lavigna, daß es dort, in der Nähe Roms, schon im Jahre 133, also nur drei Jahre nach dem Tode des vergötterten Knaben einen Tempel gab, mit der dazu gehörigen Bruderschaft von Verehrern der Diana und des Antinous, eine Verbindung von Gottheiten, welche seltsam genug ist. Henzen 6086: in templo Antinoi . . . cultorum Dianae et Antinoi . Die Geburtstage der Diana wie des Antinous ( V. Kal. Dec. ) wurden gefeiert, aber dieses Datum kann nicht als Geburtstag des Antinous angenommen werden; siehe zu dieser Inschrift die Bemerkungen Mommsens, De collegiis et sodaliciis Romanorum , S. 114. Eine andre Inschrift gibt von einer Genossenschaft der Verehrer des Antinous in Neapel Zeugniß, und daß sich eine solche in einer griechischen Stadt gebildet hatte, kann nicht befremden. Orelli 2252. Das Municipium Bovillä bei Rom setzte diese Inschrift einem römischen Ritter Myron, also einem Griechen, welcher unter andern Titeln auch bezeichnet wird als Fretriacus Neapoli Antinoiton et Eunostidon , also Mitglied oder Vorstand einer Phratrie cultorurn Antinoi et Eunosti war. Aber auch in Ostia scheint ein Heiligtum des hadrianischen Gottes bestanden zu haben, denn dort ist die Statue des lateranischen Museum gefunden worden, die ihn als Vertumnus darstellt. Benndorf und Schöne, Die antiken Bildwerke des lateran. Museum, n. 79 . War sie eine Tempelfigur, oder hat sie eine öffentliche Anlage geziert, oder gehörte sie dem Privatbesitz an? Dies ist unbekannt. Da die Colonie Ostia vom Kaiser viele Wolthaten empfangen hatte, so konnte sie leicht dazu bewogen werden, ihm durch die Anerkennung seines Gottes sich dankbar zu erweisen. Es kann nicht auffallen, daß Lucian, welcher doch alle legitimen wie barbarischen Götter mit seinem Spott lächerlich macht, den Antinous verschont hat. Als ein weltkluger Mann hat er weder die vergötterten Kaiser, noch die vergötterte Creatur eines Kaisers verhöhnen wollen. Der Name des Antinous wird von ihm nicht ausgesprochen; nur an einer einzigen Stelle seiner Götterversammlung mag er beim Ganymed an Antinous gedacht haben. Götterversammlung c. 8 . Er wagte es nicht ihn im Olymp auftreten zu lassen; und diese Anerkennung hat ihm auch der Kaiser Julianus versagt. Denn in seiner Spottschrift auf die Cäsaren läßt er beim Erscheinen Hadrians im Olymp den Silen sagen, daß dieser vergebens den Antinous suche, der nicht hier, unter den Göttern sei. Wie Marc Aurel hat auch Julian diese Antinouskomödie verachtet. Julian Caesares c. 9. Den Christen bot der Ganymedes Hadrians, wie noch Prudentius den Antinous genannt hat, Stoff genug dar, um die grenzenlose Unsittlichkeit der heidnischen Religion zu brandmarken. Die Apologeten konnten dem Kaiser sogar dankbar sein; vom Antinous reden sie alle. Justin. Mart. Apol. II, 72: του̃ ’Αντινοόυ του̃ νυ̃ν γεγενημένου, ὸν καὶ πάντες ως θεὸν διὰ φόβου σέβειν ώρμηντο, επιστόμενοι τίς τε η̃ν καὶ πόθεν υπη̃ρχεν. Athenag. Apol. 34. Tatian contra Graecos , S. 149. Prudent. contra Symmach. I, 271. Sie haben keine zu starken Farben aufgetragen, wenn sie von der Unzucht der asiatischen Priester und selbst von Menschenopfern reden. Hadrian soll diese beim Mithrasdienst abgeschafft, aber Commodus sie wieder erlaubt haben. Und war am Ende der Tod des Antinous etwas anderes, als ein mystisches Menschenopfer? Von den Menschenopfern Justin. Mart. Apol. I , S. 50; Tatian. contr. Graec. , S. 165; Lactantius Divin, inst. I, c. 21; Tertullian. Apol., c. 9. Man vergleiche was Lampridius c 8 vom Heliogabal erzählt: caedit et humanas hostias lectis ad hoc pueris nobilibus et decoris. Siebzehntes Capitel. Versuche der Restauration des Heidentums. Plutarch und Lucian. Es fehlte nicht an ernsten Bestrebungen, namentlich der Philosophen aus der platonischen und pythagoräischen Schule, den Verfall der antiken Religion durch eine Reform ihres moralischen Inhalts aufzuhalten. Mit Celsus, dessen Lebensumstände unbekannt sind, der aber noch dem hadrianischen Zeitalter angehört hat, begann unter Marc Aurel das Heidentum sogar seinen dogmatischen Kampf gegen die Lehre der immer mächtiger werdenden Christen. Seine Schrift Αληθὴς λόγος ist durch die Auszüge im Origenes contra Celsum erhalten. Kellner, Hellenentum und Christentum, S. 25 f. Wahrscheinlich ist es dieser Celsus gewesen, welchem Lucian die Geschichte des Lügenpropheten Alexander gewidmet hat. Ihr hat dann im dritten Jahrhundert der athenische Sophist Flavius Philostratus, der Freund der Kaiserin Julia Domna, seinen berühmten Roman Apollonius von Tyana entgegengesetzt. Wenn auch die geschichtliche Gestalt dieses pythagoräischen Philosophen ans der Mitte des ersten Jahrhunderts (sie ist dem Spotte Lucians nicht entgangen Alexander c. 5. ) erst durch Philostrat zu einem Gegenchristus des Heidentums umgedichtet worden ist, so waren doch schon viel früher ähnliche Vorstellungen über ihn und auch Biographien von ihm verbreitet, wie jene des Damis, des Maximus von Aegä, des Möragenes, welche Philostrat benutzt hat. Hadrian selbst hat in seiner Bibliothek zu Antium eine Sammlung von Briefen des Apollonius bewahrt, vielleicht nur weil er ihn als den größten der Magier ehrte. Philostr. vita Apollon. VIII, 19. Während nun die Epikuräer und Cyniker die antike Mythologie durch den Atheismus verneinten, während Skeptiker und Stoiker die Götter sein oder nicht sein ließen, nahm sich die platonische Theologie ihres Wesens an, und sie machte verzweifelte Anstrengungen, die alten Dogmen zu retten. Diese Bemühungen konnten nur von Griechenland ausgehen, dessen religiöse Kulte nicht in die fratzenhafte Ungeheuerlichkeit der orientalischen Götterdienste ausgeartet waren, sondern einen geschichtlichen Bestandteil der Nation bildeten, während sie ihre Stütze an der Philosophie und auch an der Kunst fanden. Ein so hoch gebildeter Mann wie Plutarch hatte noch das naivste Genügen an dem antiken Olymp. Als Feind des Materialismus war er der Vorkämpfer der neuplatonischen Lehre. Er schrieb Abhandlungen gegen die Ansichten des Epikur und der Stoa, und machte darin die heftigsten Ausfälle wider die Gottlosigkeit des Jahrhunderts, welches er durch die Lehre Platons sittlich emporzuheben unternahm. Mit dem Mut eines von Gottesfurcht beseelten Priesters eiferte er gegen die Laster der Zeit, die Ueppigkeit und Wollust, die Knabenliebe, die Fechterkämpfe, die Bedrückung der Sclaven. Wenn in der sich auflösenden Welt des alten Glaubens irgend ein Mann noch darthun konnte, daß Philosophie und Ehrfurcht vor der Gottheit zur Glückseligkeit ausreichen, so ist es Plutarch gewesen, der am meisten in sich befriedigte und glücklichste Mensch des untergehenden Altertums. Sein Fleiß, seine Gründlichkeit, seine Belesenheit in den alten Philosophen und Dichtern, sein oft heiliger Eifer und seine edle Moral sind hoch anzuerkennen, aber seine Dialektik ist ganz unmächtig. Der Boden der antiken Religion, welche er verteidigen will, wankt ihm unter den Füßen, denn diese olympischen Götter sind nur Versteinerungen; sie können ein Museum der Kunst zieren, aber sie lassen sich nimmer in ethische und intellectuelle Mächte philosophisch verwandeln. Plutarch flüchtet sich, wie später Plotin und Porphyrius, in das Nebelreich der Dämonologie. Die Dämonen müssen als Mittelwesen herhalten und die Albernheiten und Verbrechen der Götter auf sich nehmen, damit diese als abstracte Wesen aus dem moralischen Ruin sich retten können. Er nimmt auch zur Allegorie und ethischen Deutung der Mythologie seine Zuflucht. De audiendis poetis , eine interessante Schrift, worin Plutarch Anweisungen gibt, wie Jünglinge die Mythen, namentlich der Dichter zu verstehen haben, nämlich moralisch und künstlerisch, so daß was die Dichter sagen, nicht als absolut wahr, sondern aus der Situation und dem Character der Figuren aufzufassen sei. Er wird vollends zum Mystiker. Wenn er den gemeinen Aberglauben der Menge bekämpft, hält er doch den Wahn der Divination und Mantik fest. Die Schriften Plutarchs haben zu ihrer Zeit schwerlich einen philosophischen Kopf überzeugen können, desto mehr gewannen sie die Gefühlsmenschen als moralische Erbauungsbücher. In seiner Abhandlung über die Daisidämonie ist der Grundsatz seiner Ethik enthalten, daß man die Götter lieben, nicht sie fürchten müsse. Nach seiner Ansicht hat die Unwissenheit über sie zwei Quellen, die Gottlosigkeit und den Aberglauben. Der Gottlose glaubt nicht an die Götter, um sie nicht fürchten zu müssen; der Abergläubige glaubt an sie, aber er stellt sie sich vor als schreckenbringende und furchtbare Wesen. Man soll aber die Götter nicht hassen, sondern sich zu ihnen in das Verhältniß des Vertrauens, der Hoffnung und Liebe setzen. Noch weiter hat Plutarch diese Forderungen in seiner Schrift gegen die Epikuräer entwickelt, worin er beweisen will, daß man nach der atheistischen Lehre des Epikur nicht glücklich leben könne. Es sei besser, den Glauben an die Götter festzuhalten, sie zu ehren und selbst zu fürchten, als alle Hoffnung, und in »schrecklichen Zeiten« jede Zuflucht zu den Himmlischen aufzugeben. Weder der Aufenthalt in den Tempeln, noch festliche Male, noch Schauspiele erfreuen mehr, als wenn sie in Bezug auf jene bei Opfern, Mysterien und Tänzen begangen werden. Denn der Gedanke an Gott befreit den Menschen von der Angst und erfüllt ihn bis zur Ausgelassenheit mit Freude. Wer aber die Vorsehung abgeschworen hat, kann an dieser Freude nicht mehr Teil haben. Tapfer verteidigt Plutarch auch den Glauben an die Unsterblichkeit und das Wiedersehen nach dem Tode. Wie er hat auch sein jüngerer Zeitgenosse, der griechische Rhetor Aelius Aristides, aus Hadriani in Mysien, ein Schüler Polemons, den antiken Götterglauben mit einer wahrhaft frömmelnden Schwärmerei wieder herzustellen gesucht. Siehe seine Götterreden und die Schrift Baumgarts Aelius Aristides als Repräsentant der sophistischen Rhetorik, 1874. Gegenüber solchen träum erischen Bestrebungen der Pythagoräer und Platoniker, durch die Dämonologie und eine dem Christentum sich nähernde Ethik den sinkenden Olymp zu stützen, erhob sich in Lucian dessen furchtbarster Feind. Der Sophist von Samosata erscheint flach und klein neben der priesterlichen Gestalt Plutarchs, doch er führte Waffen, die vernichtend genug waren. Man wirkt auf die Menge nicht durch das Erhabene, aber durch das Lächerliche. Welche Wirkung die erbarmungslose, ganz populäre Satire dieses Pamphletisten auf seine Zeit hervorgebracht hat, läßt sich am besten daraus erkennen, daß seine Schriften noch heute den lebendigsten Eindruck machen, obwol viele Beziehungen auf die damaligen Verhältnisse uns nicht mehr verständlich sind. Lucian war ein Verächter des Christentums; dieses neue Mysterium »des gekreuzigten Magiers« erschien ihm, wie auch dem Kaiser Hadrian und wie allen Menschen der großen Welt, als etwas so absurdes, daß er nur an wenigen Stellen seiner Schriften im wegwerfenden Tone davon geredet hat. Eigentlich nur im Alexander und im Peregrinus, denn andere Stellen wie im Philospeudes c. 16 , in den Wahren Geschichten und im Kampf des Endymion mit Phaeton können nur gezwungen als Anspielungen auf die Christen gedeutet werden. Kellner, Hellenismus und Christentum, S. 89 f. Trotzdem ist sein Atheismus einer der stärksten Verbündeten des Christentums gewesen, und sein Witz hat eine Bresche in den antiken Glauben gebrochen, welche durch keine Philosophie mehr, auch nicht durch die Ideenlehre der Neuplatoniker ausgefüllt werden konnte. Die antike Mythologie zerstörte Lucian mit seinen Göttergesprächen. Seine Polemik richtet sich, wie die der christlichen Apologeten, gegen die anthropomorphistischen Fabeln. Die Schwächen der Götter werden lächerlich gemacht. Zeus ist ein Schwätzer, ein Großpraler, ein Don Juan, Merkur ein Dieb, Bacchus ein Trunkenbold, Apollo ein betrügerischer Wahrsager. Die homerischen Mythen, die ovidischen Metamorphosen, die Tragiker werden wegen ihrer abgeschmackten Märchenhaftigkeit verhöhnt. Dies betrifft die einheimischen, nämlich die althergebrachten griechischen Götter. Nun hält aber Lucian Heerschau über den ganzen phantastischen Olymp seiner Zeit, der von Fremden wimmelt. Es ist die Theokrasie oder Göttermischung, die in den letzten Jahrhunderten des Heidentums ein wahres Chaos von Culten hervorgebracht hat, da die Götter aus den fremden Provinzen ins Wandern kommen, sich in Rom als dem Reichspantheon treffen, und römische Bürger werden. Was von Rom gilt, gilt auch vom Reich. Die Religion ist in tausend Sektenculte aufgelöst. Nicht zu zählen sind alle diese Götter, Genien und Dämonen; je fremder und mysteriöser sie sind, je mehr ägyptisch und chaldäisch sie aussehen, desto mehr sind sie auch gesucht. Die Götter Griechenlands, Zeus, an dessen Stelle der Kaiser getreten ist, Apollo, dessen delphische Orakel nicht mehr Reiz haben, vertauschte und verband man gerne mit den Mächten des mystischen Naturdienstes, mit Isis und Osiris, mit Serapis und Anubis, mit Attys und Adonis, mit Mithras, Astarte und der pantheistischen Rhea. Diese große Göttin selbst hat hundert Namen (man lernt sie aus dem elften Buche des Apulejus kennen): sie ist die pessinuntische Göttin, die paphische Venus, die Minerva, Ceres, Diana, Proserpina, die Isis und auch die Cybele in Hierapolis, deren Cultus Lucian in seiner »Syrischen Göttin« beschrieben hat. Wie groß das Gemisch der Cultusvorstellungen war, nachdem sich die syrischen Götterdienste mit den griechischen verschmolzen hatten, beweist gerade der Tempel der syrischen Göttin in Hierapolis. Er ist ein Pantheon oder Museum von Statuen: da sind vereinigt Rhea-Juno, Jupiter, Baal-Apollo, Atlas, Merkur, Lucina, Semiramis, Sardanapal, die trojanischen Helden, Stratonike, Kombabus, und im Vorhof stehen colossale Phallen, auf deren einem zweimal im Jahr ein Mensch sieben Tage lang schlaflos sitzen bleibt, als Säulenheiliger. Lucian Dea Syria . In der »Götterversammlung« läßt er den Momus Klage erheben gegen die in den Olymp eingeschlichenen Neulinge, die sich mit den Alten auf gleiche Portion an Nektar und Ambrosia gesetzt haben. Jupiter will vor allen den Ganymed retten, und er würde es sehr übel nehmen, wenn Momus den Lieblingsknaben durch Angriffe auf seine unadlige Abkunft kränken wollte. Aber Attys und Korybas und Sabazius und der beturbante Mithras, der kein Jota griechisch zu reden weiß, ferner alle diese Scythen und Geten, welche von ihrem Volk auf eigne Hand zu Göttern gemacht worden sind, wie kommen die in den Olymp? Oder Anubis, das in Leinen eingewickelte Hundegesicht, der Ochs von Memphis, der Ibis, die Affen? Der ägyptische Unsinn, so meint Jupiter selbst, sei schändlich, aber es stecke doch ein geheimer Sinn darin. Lucian verspottet nun die Mysterien, indem er den Momus ganz naiv fragen läßt: also brauchen wir noch Mysterien, um zu wissen, daß Götter Götter, und Hundsköpfe solche sind? Das Stück schließt mit einem Decret, daß sich die Götter vor eine Commission zu stellen und ihren Stammbaum zu erweisen haben. Auch in der dramatischen Posse Jupiter Tragödus wird die chaotische Vermengung aller nationalen Culte mit beißendem Spott lächerlich gemacht. Es ist unübertrefflich witzig, daß Lucian dort die Götter nach ihrem Metallwert Platz nehmen läßt. Auf die pathetische Heroldstimme des Merkur kommen sie herbeigelaufen, die goldnen, die silbernen, die elfenbeinernen, die von Bronze und von Marmor. Die Barbarengötter, Bendis, Attys, Mithras, Anubis, nehmen den ersten Platz ein, weil sie von Gold sind. Dies gibt zu höchst komischen Scenen Gelegenheit. Lucian erstickt die Götter in ihren lächerlichen Anthromorphismen. Es handelt sich um den Zank zweier Philosophen von der »streitbaren« Gattung, des Epikuräers Damis und des Stoikers Timokles, welchem Jupiter auf einem Spaziergange nach der Poekile in Athen will zugehört haben. Damis hat das Dasein der Götter geleugnet, Timokles sie verteidigt. Dieser ist nahe daran, geschlagen zu werden, als Jupiter die Parteien durch die Nacht trennt. Am folgenden Tage soll der Streit fortgesetzt werden. Jupiter hat die Versammlung berufen, um ein Mittel ausfindig zu machen, wie man dem schwachköpfigen Timokles den Sieg verschaffen könne, da die Ehre und das Fortbestehen der Himmlischen davon abhänge. Er hält eine Anrede an die Bürger Götter, mit Phrasen aus der ersten Olynthischen Rede des Demosthenes, worin er am Ende stecken bleibt. Die Götter geben je nach ihrem Charakter die lächerlichsten Ratschläge. Unterdessen kommt Hermagoras, die Statue des Hermes Agoräus, von dem athenischen Markt hergelaufen, und verkündet den Beginn des Philosophenstreites. Der Himmel wird aufgemacht, die Götter schauen herunter. Da wir nichts weiter thun können, so wollen wir, sagt Jupiter, wenigstens aus allen Kräften für Timokles beten. Die Lächerlichkeit dieses Einfalls ist wahrhaft genial. Der Streit wird fortgesetzt. Was Timokles vorbringt, sind sehr schwache Argumente des guten Glaubens, während der Epikuräer die göttliche Vorsehung, wie die einzelnen Götter mit beißendem Witz abfertigt, die Vorsehung, welche das Böse zuläßt, die Götter, welche willkürliche Schöpfungen der Völker sind, bald Menschen, bald Elemente, Stiere, Zwiebeln, Krokodile, Katzen, Affen, irdene Töpfe und Schüsseln. Timokles kommt also mit dem theologischen Argument des consensus gentium eben so wenig vorwärts, als mit dem teleologischen Beweise. Er rettet sich endlich durch folgenden meisterhaften Syllogismus: wenn es Altäre gibt, so müssen auch Götter vorhanden sein; nun gibt es Altäre, also gibt es auch Götter. Dies heißt an die Gewohnheiten des Volks und den Staatsanwalt appelliren. Das Volk könnte wild werden, nähme man ihm die Formeln, die Götterlarven, die Purpurröcke und die Theaterkostüme. Am Schlusse sagt Jupiter: bei all dem, Merkur, war es ein schönes Wort, welches König Darius vom Zopyrus gesagt hat, und auch ich gestehe, daß ich lieber einen einzigen Verfechter wie Damis als zehntausend Babylon haben wollte. Die Fortsetzung des Jupiter Tragödus gibt Lucian in dem überwiesenen Jupiter. Ein Cyniker bittet Zeus um die Erlaubniß, ihm ein Paar Fragen vorlegen zu dürfen. Er will nichts weiter, als daß er ihm sage, ob es wahr sei, was Homer und Hesiod gesagt haben, daß Niemand der Schicksalsgöttin und den Parzen entrinnen könne. Jupiter gibt dies zu und gesteht auch ein, daß das Schicksal über die Götter herrsche; er muß also einräumen, daß diese nichts sind, als müßige Maschinen. Mit diesem Bekenntniß wird der ganze Olymp vernichtet, und die Weissagung durch das Orakel als eine Abgeschmacktheit dargestellt; denn was hilft es den Sterblichen, die Zukunft zu ergründen, wenn sie dem Schluß der Heimarmene doch nicht entgehn können? Ebenso wird das Gericht über die Bösen und die Guten nach dem Tode aufgehoben, weil, wenn Alles dem Schicksale angehört, die Zurechnung des Handelnden und die moralische Freiheit nicht mehr möglich sind. Alles, was Plutarch von den Orakeln, den Mysterien, der Vorsehung und dem Fatum mit so großer Mühe abgehandelt hat, stürzt vor diesen Syllogismen der Cyniker und Epikuräer zusammen. Lucian ist unerschöpflich, wo es darauf ankommt, die alten Dogmen zu zerstören. Er verhöhnt die zu seiner Zeit noch angesehenen Orakel des Trophonius und Amphilochus, besonders aber das legitimste aller, das delphische. Im Jupiter Tragödus läßt er Momus den Apollo auffordern, er möge doch, da er ein so großer Wahrsager sei, den Göttern verkündigen, wer von den beiden Philosophen den Sieg davontragen werde. Apollo entschuldigt sich erst mit der Ausflucht, daß er den Orakelapparat, den Dreifuß, das Räucherwerk und die kastalische Quelle nicht zur Hand habe, dann läßt er sich eine ganz alberne Prophezeiung abnötigen. Nicht minder richtet sich der Spott Lucians gegen die Dogmen von der Unsterblichkeit der Seele, dem Leben im Elysium und Tartarus. Dahin gehören seine plastischen Todtengespräche, welche auch in scenischer Zeichnung oft an die Hölle des Dante erinnern. Es ist da nichts, was seiner Geißel entgeht, weder Sokrates, noch Empedokles (der vom Aetna halb Gekochte), noch Pythagoras, der in dem freudelosen Hades selbst die verpönte Bohne nicht mehr verschmäht, weil die Dogmen in der stygischen Welt sich ändern. Achill, Alexander, Hannibal – was sind sie noch in der Unterwelt? Was ist aus Alexander, dem ehemaligen Gotte Ammon und dem indischen Bacchus geworden? An ihm, der nun den anderen Schatten gleich ist, in einer Welt, wo alle Unterschiede aufhören, und wo die Würmer die wahren Könige sind, weil sie die Könige verzehren, zeigt Lucian, wenn auch mit weltmännischer Vorsicht die Lächerlichkeit der kaiserlichen Apotheosen. Er langt bei der Philosophie Marc Aurels und Hamlets an, daß Alles eitel sei, daß das höchste Streben nach den Idealen des Lebens, ruhmwürdige Thaten und köstliche Güter nur Dunst seien. Er begegnet hier den Stoikern, ohne es zu wollen, und verfällt wie Voltaire in Verachtung gegen das Leben und den Menschen überhaupt. Plutarch wird also Recht behalten, wenn er (in seiner Schrift gegen die Epikuräer) vor diesem aus der Gottlosigkeit entspringenden Pessimismus warnt. Man muß es aber mit Lucian nicht so genau nehmen, denn bald wird er wieder zum Epikuräer und preist den Augenblick als das im Leben einzig Gewisse, die Zufriedenheit mit der Gegenwart und vor allen Dingen das Maß, die genügsame Selbstbescheidung. Das Ideale ist für ihn nicht vorhanden. Das absolute Wissen, Philosophie, Religion sind für ihn nur Gegenstände der Satire – was übrig bleibt, ist in der That nur der Genuß der Minute, außer ihm das Nichts. So ist Lucian, der Kritiker der römisch-hellenischen Welt, gleich den Encyclopädisten des achtzehnten Jahrhunderts beim Nihilismus angelangt, um dann statt der Götter die Göttin des gemeinen Menschenverstandes oder der Vernunft auf den Tron zu setzen. Merkwürdiger Weise hat der Prinzenerzieher Fronto, welcher keine Ader lucianischen Witzes besaß, einmal fast wie ein Prophet der französischen Revolution das merkwürdige Wort ausgerufen: »man hat dem Glücke so viele Tempel gebaut, und der Vernunft weder eine Statue noch einen Altar errichtet.« Ep. III. Quis ignorat – templa fana delubraque publica fortunae dicata, rationi nec simulacrum nec aram consecratum. Indeß die ewigen Bedürfnisse des Gemütes, welche in den schaal gewordenen Culten der Götterwelt keine Befriedigung mehr finden konnten, suchten in Mysterien einen Gott für das Herz, welcher noch nicht entweiht sei. Diese Weihen bot nicht mehr Griechenland, sondern der Orient dar, das Geburtsland der Religionen für die gesammte Erde. Der Geist Europas war nach dem Osten gewendet. Von dort drangen die asiatischen Culte nach dem Abendlande und sie alle fanden ihre Verehrer, weil in ihnen mehr oder minder der Drang nach Erlösung vom Bösen durch die Buße und selbst der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ausgesprochen war. Dies hat namentlich dem Cultus des Mithras seit dem dritten Jahrhundert so zahlreiche Anhänger verschafft. Der politische wie geistige Schwerpunkt des Reiches schien allmälig nach dem Orient zu rücken. Dort hatte ihn schon Trajan wieder gesucht, und dort wanderte Hadrian am längsten und liebsten umher. Der Schauplatz der Weltereignisse wurde sodann unter den beiden Severen, unter dem Sonnenpriester Heliogabalus und den dreißig Tyrannen nach dem Morgenlande verlegt. Das neu erstandene Reich der Sassaniden bildete den Angelpunkt der folgenden Zeiten, bis Constantin seinen Sitz in Byzanz nahm, und dem mächtigsten und tiefsten aller Mysterien des Orients, dem Christentum, die Stellung der Weltreligion gab. Achtzehntes Capitel. Ausbreitung des Christentums. Die christliche Religion eine religio illicita . Hadrian hat die Christen nicht verfolgt. Rescript Hadrians an den Proconsul Fundanus. Die christlichen Apologeten. Die christliche Religion zählte noch nicht ein Jahrhundert ihres Daseins, als Hadrian den Tron bestieg, und schon besaß sie Anhänger in allen Provinzen des Reichs. Sie war von Palästina ausgegangen, und auf den Handelsstraßen der Phönizier über Damascus nach Kleinasien, über Troas nach Griechenland, über Cypern nach dem Abendlande vorgedrungen. In allen Emporien des Mittelmeers hatte das Christentum unter den Heiden seinen Sitz genommen. Movers, Phönizien III, 1, S. 1 f. Die Zerstörung der Nationalitäten durch die römische Monarchie, die Schwäche der heidnischen Staatskirche in Folge der Auflösung der antiken Religionen durch die Mischung der Culte, der philosophische Atheismus und die Skepsis auf der einen, die Moral der Stoa auf der anderen Seite, die Wundergläubigkeit und das Bedürfniß nach Erlösung durch neue Mysterien, die Sittenverderbniß, die Despotie und die Knechtschaft der unteren Klassen, all dies hatte dazu beigetragen, der Lehre der Apostel in dem römischen Weltreich den Boden zu bereiten. Die erste allgemeine Sprache der Kirche war überall die griechische Weltsprache. Selbst die römische Liturgie war griechisch. Selbst noch im 3. Jahrhundert finden sich in den Katakomben griechische Grabschriften der Päpste ( De Rossi, Roma sotter. II. ). Im 2. Jahrh. waren die röm. Bischöfe meist Griechen (Evaristus, Telesphorus, Hyginus, Anicetus, Soter, Eleutherius). Nur durch die Monarchie der Römer konnte überhaupt das Christentum geschichtlich zur Weltreligion werden. Zur Zeit Hadrians umspannte schon ein Netz wol organisirter Gemeinden das ganze Reich vom Euphrat bis über Gallien, Spanien, Britannien und das römische Afrika. Es ist bemerkt worden, welchen Dienst dieser Kaiser dem Christentum leistete, indem er Jerusalem in eine römische Colonie verwandelte, wodurch die christliche Gemeinde Palästinas genötigt wurde, sich von der Nationalschranke des Judentums für immer loszusagen. Seither konnte die ursprüngliche Metropole der christlichen Kirche nie mehr zu ihrem herrschenden Mittelpunkt werden. Mit gerichtlicher Notwendigkeit wurde Rom dazu. Obwol das dortige Bistum anfangs nicht mehr Geltung hatte, als das in Antiochia und Alexandria, selbst als die Kirchen in Ephesus und Smyrna, in Korinth und Karthago, so vereinigten sich doch viele Bedingungen, das Bestreben der Bischöfe Roms nach der Suprematie zu unterstützen, nämlich die Majestät der Weltstadt selbst, die Mythe von der Gründung der römischen Kirche durch Petrus, und endlich deren außerordentlicher Reichtum. Renan, Marc-Aurèle et la fin du monde antique , S. 23: le trésor cmmun du christianisme était en quelque sorte à Rome . Keine große Persönlichkeit hat die Grundlagen des Reichs dieser römischen Priester gelegt. Karl Hase, Kirchengesch., S. 62. Ihre Geschichte ist noch im zweiten Jahrhundert so gut wie legendär, und erst drei Jahrhunderte nach Hadrian, nachdem der Sieg des Christentums entschieden war, ist eine hervorragende Gestalt unter den Bischöfen Roms aufgetreten. Der Kampf mit dem Sektenwesen, welches in der ersten Stunde ihrer Gründung seinen Anfang nahm, und der andere heroische mit dem römischen Staatsprincip unter wiederholten Verfolgungen haben der christlichen Kirche überhaupt dogmatische Festigkeit und Glaubenskraft gegeben. Noch im zweiten Jahrhundert wurden die Christen von der römischen Staatsregierung als fanatische Anhänger eines Mysterium angesehen, welches man für sinnlos und verächtlich hielt. Man hörte aber doch schon auf, ihre Sekte mit dem Judentum zu vermengen. Man begriff sie als eine eigenartige Genossenschaft der Christiani oder Galiläi, und da diese nicht wie die Synagoge der Juden auf öffentliche Duldung Ansprüche machen konnte, so fiel sie unter den Bann des trajanischen Gesetzes, welches die unerlaubten Hetärien verboten hatte. Unter Nero und Domitian waren die Christen verfolgt worden. Von diesem Kaiser bis auf Decius hat dann, nach der Ansicht des Lactantius, keine Christenverfolgung mehr statt gefunden. Wenn aber doch von solcher unter Trajan und Hadrian die Rede ist, so war sie keine allgemeine, durch kaiserliche Edicte gebotene. Sie blieb local, da sie in Städten und Provinzen durch Volkstumulte, durch Privatleidenschaften und den wichtigthuenden Eifer der römischen Statthalter hervorgerufen war. Während Eusebius und Hieronymus, Augustinus und Orosius von einer Christenverfolgung unter Hadrian sprechen, wissen Lactantius und Tertullian nichts davon, und auch Melito von Sardes, dessen Schutzschrift an den Kaiser Antoninus Pius Eusebius aufbewahrt hat, gedenkt nur der Verfolgungen unter Nero und Domitian und erinnert dagegen an das gnädige Rescript Hadrians an den Proconsul Fundanus. Euseb., H. Eccl. IV, 26; Tertullian., Apoleget. adv. gentes, c. 5 kennt nur die Verfolgung Neros, und nennt Hadrian ausdrücklich unter den Kaisern, die keine leges gegen sie erlassen haben. Im Judenkriege des Barkocheba hatten die Christen auch von den zur Rache entflammten Römern viel gelitten, und ihre Andachtstätten in Jerusalem waren durch die Colonisten der Aelia Capitolina überbaut, zerstört und entweiht worden. Aus dieser Thatsache hat Sulpicius Severus den irrigen Schluß gezogen, daß Hadrian ein Feind der Christen gewesen sei, obwol derselbe schließlich diese sogenannte vierte Christenverfolgung als ungerecht verboten habe. Sulp. Severus ed. Halm II, 31; Dodwell, Dissert. Cyprian. XI, § 22. Nur die Legende, nicht die beglaubigte Geschichte kennt ein paar Martirer der hadrianischen Zeit. Als solche werden bezeichnet der römische Bischof Alexander, dessen Gruftkirche am siebenten Meilenstein der Via Nomentana aufgefunden worden ist, die heilige Symphorosa und ihre sieben Söhne, denen an der Via Tiburtina die berühmte Kirche der sieben Brüder geweiht wurde. Eusebius kennt keinen einzigen Martirer der Hadrian. Zeit. Den Tod Alexanders setzt er vor den Regierungsantritt des Kaisers; ins Jahr 132 setzt ihn der Lib. Pontificalis. Der Tod der Symphorosa und ihrer Söhne wird nur in einem dem Julius Africanus zugeschriebenen Martirologium in die Zeit Hadrians verlegt. Hausrath, Neutestamentl. Zeitgesch., S. 529. Vom Martirer Telesphorus weiß nur Iren. III, 3 . Der Katalog der Martirer unter H. bei Champagny, Les Antonins III , S. 46, 94 entbehrt jeder Begründung. Die gefabelte Masse von 4000 Martirern unter H. hat De Rossi abgewiesen, Roma Sotterr. II, c. 27 . Hadrian hat gleich allen vornehmen Römern die Christen mit Geringschätzung angesehen, wie das auch sein ägyptischer Brief an Servianus gezeigt hat. Er wußte von ihnen als von Schwärmern eines syrischen Mysterium, welches die gebildeten Heiden abschreckte, weil sein Mittelpunkt der schmachvoll gekreuzigte Chrestus war. Als lichtscheue und trotzige Fanatiker, die mit dem odium generis humani belastet waren, hat sie Tacitus und noch Sueton, der Secretär Hadrians, bezeichnet. Sueton, Nero 16: Genus hominum superstitionis novae et maleficae; Domitian. c. 15: Comptentissima inertia. Diese Ansicht war in den höfischen Kreisen fest geworden, trotz der Propaganda, die das Evangelium schon unter Nero und den Flaviern selbst im Cäsarenpalast gemacht hatte. Unter den Mysterien des Morgenlandes, welche die Neugierde Hadrians reizten, befand sich schwerlich die Lehre der Apostel. Sein Geist war aber so frei und weit angelegt, daß er dem Christentum niemals feindlich entgegengetreten ist. Hadrian war toleranter, als der Stoiker Marc Aurel, welcher es für seine Pflicht hielt, gegen die Bekenner der neuen Religion die Schärfe des Staatsgesetzes anzuwenden. Dies zeigen die Martirer von Lyon, Renan, Marc. Aurèle c. 19 . Der Widerspruch der Christen gegen die Culte der Staatsgötter, und ihre fremdartige Gesellschaftsform hatten bisher nur das Urteil des Präfecten, aber noch nicht die heidnische Wissenschaft zum Kampf herausgefordert. Kein Philosoph aus dem Gelehrtenkreise Trajans und Hadrians hat einen kritischen Blick auf den Inhalt der Dogmen der Galiläer geworfen. Erst unter den Antoninen begannen sie ein Gegenstand für die Prüfung heidnischer Sophisten zu werden, und aus diesem neuen Verhältniß entsprangen, bei der wachsenden Macht der christlichen Religion, die Apologien des Heidentums. Ihre Reihe eröffnete der Philosoph Celsus um 150; sie hat sich dann in Philostratus, Porphyrius, Jamblichus, im Kaiser Julian und dem Sophisten Libanius, in Eunapius und Zosimus und dem Neuplatoniker Proklus bis gegen das Ende des fünften Jahrhunderts fortgesetzt. Siehe darüber Kellner, Hellenismus und Christentum. So wenig ist Hadrian ein Verfolger der Christen gewesen, daß man in ihm sogar ihren Gönner hat sehen wollen. Denn schon Dio hat behauptet, daß er ihnen Ehre angethan habe, und Antoninus Pius von gleicher Gesinnung gewesen sei. Dio 70, 3 sagt von Antoninus: καὶ τη̃ του̃ ‛Αδριανου̃ τιμη̃, ὴν εκει̃νος ετίμα χριστιανοὺς, προστιθείς; wenn dies nicht ein Zusatz des Xiphilinus ist. Bei Eusebius findet sich sodann das vielbesprochene Rescript, welches Hadrian an den Proconsul Asiens Caius Minucius Fundanus erlassen hat, und zwar auf Grund einer von dessen Vorgänger Quintus Licinius Granianus gemachten Vorstellung über das tumultuarische Gerichtsverfahren bei der Aburteilung von Christen. H. Eccl. IV. 9. Nach dem römischen Staatsgesetz wurden die Christgläubigen einfach verurteilt, sobald sie ihren Christennamen bekannten, und freigesprochen, wenn sie ihn abläugneten. Der Richter bestrafte den Namen nicht die Verbrechen ( flagitia cohaerentia nomini ). Diese bürgerliche Rechtlosigkeit der Christen war durch die Auffassung Trajans als Princip festgestellt worden, da er in seinem Rescript an Plinius befohlen hatte, die Christen nicht aufzusuchen, aber zu bestrafen, wenn sie angezeigt und überführt waren. Durch diesen epochemachenden Befehl war das christliche Glaubensbekenntnis als eine unerlaubte Religion ( religio illicita ) erklärt worden. F. Chr. Baur, Das Christentum und die christl. Kirche, 2. Aufl. 1860, S. 438. Neander, Gesch. der christl. Rel., 2. Aufl., I, 171. Er blieb die Norm, nach welcher sich die folgenden Kaiser gerichtet haben. Den Christen nun mußte alles daran liegen, aus diesem Zustande herauszukommen. Ihre Apologeten forderten bei Prozessen die Trennung des Namens von den Handlungen, und wenn sie das erreicht hätten, so würde auch ihr Bekenntniß zu einer erlaubten Religion geworden sein. Tertullian., Apologet, c. 2. Eine solche Vergünstigung hat man in jenem Rescript Hadrians erkennen wollen, denn darin befahl er dem Proconsul Asiens die des Christentums Angeklagten nicht auf das bloße Geschrei des Volks und die Angebereien der Sykophanten zu verurteilen, sondern die Anklage rechtlich zu untersuchen, und nach Erweis gesetzwidriger Handlungen diesen entsprechend das Urteil zu fällen, verläumderische Anklagen aber strenge zu bestrafen. Das berühmte Rescript »des großen und erhabenen Kaisers Hadrian« wurde von Justinus Martyr seiner ersten Apologie, welche er dem Kaiser Antoninus und seinen Adoptivsöhnen Marc Aurel und Lucius Verus im Jahre 138 oder 139 übergeben hatte, angefügt, und Eusebius hat den lateinischen Text desselben ins Griechische übertragen. Apolog. I, c. 68, Vol. I, Opp. Justini ed. Otto , Jena 1876. Rufinus hat den lateinischen Text bewahrt. Der griechische ist aus Eusebius, H. E. IV, c. 9 . Die Echtheit ist bestritten worden. Aber zunächst sind die betreffenden Proconsuln Asiens durch Urkunden unzweifelhaft: Licinius Granianus regierte diese Provinz im Jahre 123 oder 124, und sein Nachfolger war C. Minucius Fundanus, der Freund des Plinius und Plutarch. Waddington, Fastes des prov. Asiatiques , S. 197. 199. Der Name des ersten ist Q. Licinius Silvanus Granianus Quadronius ( C. I. L. III, 4609. Borghesi VIII , 96 f.). Man hat in dem Erlaß an Fundanus eine christliche Erfindung gesehen zu dem Zwecke, durch ein kaiserliches Toleranzedict dem Christentum das Rechtsverhältniß einer erlaubten Religion zu sichern. Man hat darauf hingewiesen, daß dies Rescript Hadrians den Richtern niemals zur Richtschnur gedient hat, daß vielmehr unter seinen Nachfolgern die Christenverfolgungen fortdauerten, und bei Prozessen durchaus die Grundsätze Trajans zur Anwendung kamen, während die Apologeten fortfuhren darüber zu klagen und für ihre Glaubensgenossen die bürgerliche Rechtsgleichheit zu fordern. Baur a. a. O., S. 492 f. bezweifelt die Echtheit; siehe auch Th. Klein, Bedenken gegen die Echtheit des Hadrian. Christen-Rescripts (Theol. Jahrb. 1856, 387 f.). Die Literatur pro et contra bei Otto, Justini M. Opp. I , S. 191 Note. Diese Bedenken werden noch unterstützt durch ein zu Gunsten der Christen verfaßtes und dem Kaiser Antoninus Pius zugeschriebenes Rescript, welches mehr als fraglich ist. Antonini Ep. ad Commune Asiae (πρὸς τὸν κοινὸν τη̃ς ’Ασίας), App. zur 2. Apol. Justins (Otto, I, 244), und bei Euseb. IV, 13. Dies Edict ist nicht von Justinus selbst seiner Apologie an Antoninus beigefügt worden; denn hätte er dasselbe gekannt, so würde er sich auf dieses, nicht auf das wenig sagende Rescript Hadrians berufen haben. Solchen Zweifeln hat man entgegengehalten, daß Justinus unmöglich wagen konnte, mit einer Fälschung vor den Nachfolger Hadrians zu treten, ferner daß auch der Bischof Melito von Sardes in seiner an Marc Aurel gerichteten Schutzschrift sich auf das hadrianische Rescript bezogen hat. Euseb. IV, c. 26. Aber beide Bischöfe konnten immerhin eine unter den Christen umlaufende Fälschung in gutem Glauben hingenommen haben. Treffender ist daher die Ansicht, daß kein christlicher Fälscher sich damit würde begnügt haben, zu Gunsten seiner Glaubensgenossen so wenig zu fordern. Denn der Inhalt des Rescripts bezieht sich nur auf ein gerechteres und gesetzliches Verfahren mit den Christen. Es war dem humanen Charakter Hadrians entsprechend, wenn er dem Treiben geldgieriger Angeber entgegenzutreten befahl. ίνα μὴ τοι̃ς συκοφάνταις χορηγία κακουργίας παρασχεθη̃ – Siehe Neander I, 173. Im Ganzen aber ist sein Erlaß so unbestimmt, daß er weder für das richterliche Verfahren, noch für den Begriff der »gesetzwidrigen« Handlungen der Christen eine feste Norm gibt. τι παρὰ τοὺς νόμους πράττοντας. Ich verstehe darunter nicht Verbrechen schlechtweg, sondern solche religiöser Art, Leugnung der Götter, Verachtung des kaiserlichen Genius u. s. w. Wenn diese das Rescript als ein wirkliches Toleranzedict aufgefaßt hätten, so würden sie das ohne Frage mit dem größesten Nachdruck hervorgehoben haben. Jedoch Justinus hat das nicht gethan, er sagt ausdrücklich dem Kaiser, daß er die Forderung der bürgerlichen Rechtsgleichheit für die Christen weniger aus dem Briefe Hadrians als aus dem Bewußtsein der Gerechtigkeit selbst ableite. Das Rescript an Fundanus war, wie Melito versichert hat, nur eins unter mehreren ähnlicher Art, welche Hadrian an Statthalter der Provinzen als Verhaltungsmaßregel gerichtet hatte. Seine Nachfolger haben es keineswegs als ein staatsrechtliches Gesetz betrachtet, sondern es verlor seine Kraft, und die christliche Gemeinde blieb, was sie gewesen war, eine außerhalb der Staatsgesetze stehende Hetärie. P. Aubé, L'apologétique chrétienne au II e siècle , Paris 1861, S.  L  f. hat dies gut nachgewiesen. Die Echtheit des hadrian. wie antonin. Edicts behauptet Carl Wieseler, Die Christenverfolgungen der Cäsaren, 1878, S. 18 f. Er folgert aber daraus keine Religionsfreiheit für die Christen. Eusebius hat sich sicherlich geirrt, wenn er den Brief Hadrians als Wirkung der Apologien des Christentums darstellt, welche dem Kaiser von Quadratus, einem Schüler der Apostel und nachmaligem Bischofe Athens, und vom Philosophen Aristides überreicht worden sind. Dies mag bei seiner ersten Anwesenheit in Athen, im Jahr 125 oder 126 geschehen sein. Cavedoni nuovi cenni cronologici intorno alla data precisa delle principali apologie (S. 3) setzt diese Apologien ohne Grund in das Jahr 123. Diese ersten christlichen Schutzschriften, welche noch Eusebius gekannt hat, sind verloren gegangen, so daß für uns die älteste Apologie die des Justinus an Marc Aurel ist. Karl Werner, Gesch. der apolog. und polem. Literatur der christl. Theologie I, 86. Gaston Boissier, La relig. Romaine d'Auguste aux Antonins I , S. 5. Die Mechitaristen in Venedig gaben a.  1878 heraus S. Aristidis, philosophi atheniensis, Sermones duo , von denen das eine Stück die Apologie an Hadrian sein soll, aber die Echtheit desselben bezweifelt Renan, L'église chrétienne, praef. VI . Es ist schwer zu ergründen, was jene beiden Athener bewogen hat, gerade in ihrer Vaterstadt, wo von Verfolgungen der Christen nichts gehört wurde, für diese einzutreten, und sich an Hadrian zu wenden. Nichts aber hindert uns, die merkwürdige Thatsache selbst für geschichtlich zu halten. Sie konnte durch irgend einen Vorgang in den Gemeinden Griechenlands, selbst durch eine locale Verfolgung oder Bedrückung veranlaßt sein, und der Kaiser, welcher so vielen Gelehrten und Sophisten zu sich Zutritt gab, wird sich kaum geweigert haben, jene athenischen Männer zu empfangen, von denen der eine den Mantel des Philosophen trug. Vielleicht belächelte er sie als eine neue Art griechischer Charlatane, welche im Namen Christi Wunder thaten und Todte auferweckten, während die Gemeinde Athens von der Gerechtigkeitsliebe und Humanität, wie von der Einsicht dieses Kaisers einen Erfolg hoffen konnte. Aber man würde doch zu weit gehen, wenn man glauben wollte, daß die Christen Griechenlands es dem »unbefriedigten, nach Wahrheit suchenden« Geiste Hadrians angemerkt hätten, daß seine Weltanschauung der ihrigen verwandt sei und daher einen Bekehrungsversuch zulasse. Dies denkt sich Hausrath, S. 534. Erst im Jahrhundert des Eusebius ist aus diesem humanen und geistreichen Kaiser ein heimlicher Christ, oder doch ein Freund des Evangelium gemacht worden. Lampridius erzählt, daß Alexander Severus Christus unter die Götter habe aufnehmen wollen, und daß dies auch Hadrian im Sinne gehabt, da er in allen Städten Tempel ohne Bildsäulen errichtete, welche deshalb einfach Hadrianstempel genannt wurden. Doch sei dieser Kaiser von seinem Plane abgebracht worden, weil diejenigen, welche das Orakel darum befragten, zur Antwort erhalten hätten, daß in diesem Falle alle Menschen Christen werden und alle andern Tempelculte aufhören würden. Lamprid., Alex. Sev. c. 43. Von solchen Hadrianstempeln wurden die in Tiberias und Alexandria im 4. Jahrh. christliche Kirchen: Renan, L'église chrétienne , S. 43. Auch in den Sibyllinen findet sich die freundliche Auffassung Hadrians von einem christlichen Dichter, welcher von ihm sagt: ein König mit silberner Stirn, der von einem Meer den Namen trägt, wird überall in den Städten Tempel und Altäre errichten, zu Fuß die Welt durchwandern, reiche Geschenke an Gold und Elektron vielen darreichen, alle magischen Mysterien wird er erschließen; keinen besseren Herrscher wird Gott regieren lassen, so lange er das Scepter führt, der Menschenfürst, der helltönende Sänger, der Rechtsgelehrte, der gerechte Richter, wird Frieden herrschen. Doch er selbst wird fallen, durch das eigene Schicksal dahingerafft. Sibyll. XII, 163–175. ed. C. Alexandre , Paris 1869 u. V, 46, wo Hadrian genannt wird, πανάριστος ανὴρ καὶ πάντα νόησει. Die Apologeten wissen nichts von einem inneren Verhältniß Hadrians zum Christentum. Sie suchen aber die verwandtschaftlichen Bezüge ihres Glaubens zum Heidentum mit großem Geschick und praktischem Verstande zu entwickeln. Sie waren aus der Sophistenschule und dem Platonismus in das Christentum hinübergekommen, so daß sie noch auf halber Schulter den praktischen Philosophenmantel trugen. Justinus Martyr aus Flavia Neapolis oder Sichem in Samarien bewies die Unsterblichkeit der Seele durch die Vorstellungen der Nekromanten und Magier, der Dichter und Philosophen des Altertums. Die Sibyllinen, die Gesänge des Homer, die Komödien des Menander, die Tragiker, Plato und die Stoiker rief er als gleich berechtigt zu Zeugen der christlichen Wahrheit auf, und so hat auch Athenagoras die Einheit Gottes aus dem Euripides und Philolaus, aus Lysis und Plato, aus Aristoteles und den Stoikern zu erweisen gesucht. Athenagor. Leg. , S. 5 f. Die platonische Logoslehre hat Justinus als eine wenn auch unvollkommene Offenbarung Gottes im Heidentum angesehen und mit der christlichen Weltanschauung verbunden. Justin., Apol. II , S. 66 f. Auch das ist nichts Neues, so behauptet er, daß Christus als der Logos, welcher der rein aus Gott geborene Sohn ist, gekreuzigt, gestorben und zum Himmel erstanden sei. Man brauche da nur an Hermes als den Logos, Interpreten und Lehrer, an Dionysos und Asklepios, den von der Danae geborenen Perseus zu denken; und warum werden denn auch die Kaiser unter die Götter versetzt? Den Göttern ähnlich zu werden, halten alle für schön.« Der Zusammenhang des Christentums mit den Religionen der Welt lag also noch in dem historischen Bewußtsein der ersten Kirche, und aus dieser Anschauung ist der goldne Spruch des Justinus hervorgegangen: »Alle die der Vernunft (λόγος) gemäß gelebt haben, sind Christen, auch wenn sie für Atheisten galten, wie unter den Hellenen Sokrates und Heraklit, und die ihnen Ebenbürtigen, unter den Barbaren Abraham, Ananias und Azarias.« Apol. II , S. 83. Nicht allein in die Formeln des christlichen Cultus, sondern auch in sein geistiges Wesen drang ein Hauch aus den alten Tempeln und der philosophischen Schule der Heiden. Selbst der Glaube an Orakel und Weissagung war im Bedürfniß der Menschen so fest gewurzelt, daß auch die Christen davon nicht ablassen konnten. Nur daraus erklärt sich die Entstehung und der allgemeine Gebrauch so vieler prophetischer Schriften und Apokalypsen, wie des Abraham, des Thomas und Petrus, der Weissagungen des Hydaspes und der sibyllinischen Bücher, auf welche sich Justinus und die andern Apologeten berufen haben. Aus der Verbindung hellenischer und orientalischer Vorstellungen mit dem Christentum entsprang auch die Gnosis, eine auf dem Dualismus gegründete mystische Weltanschauung, welche mit einem Fuße im platonischen Heidentum, mit dem andern in der Offenbarungslehre der Christen stand. Sie bildete sich wesentlich in der Zeit Trajans und Hadrians aus, welcher die Schulen des Saturninus in Antiochia, des Basilides, Valentinus und Harpokrates in Alexandria angehören. Neunzehntes Capitel. Die Kunst bei den Römern. Verhältniß Hadrians zu ihr. Die Kunstthätigkeit im Reich. Griechische Künstler in Rom. Character der hadrianischen Kunstepoche. Durch nichts anderes hat die Zeit Hadrians einen so tiefen Eindruck in der Welt zurückgelassen als durch ihre erstaunliche Kunstproduction. Die Fülle derselben bezeugen Autoren und Inschriften, Ruinen und zahlreiche schöne Werke in den Museen Europas. Die damalige, noch freudig schaffende, wenn auch nicht mehr schöpferische Kunst erscheint wie eine letzte Renaissance des Altertums, und sie bietet durchaus die Parallele zu der neu erstehenden Literatur der Hellenen dar. Sie war kosmopolitisch; denn schon seit Alexander dem Großen besaß die Kunst der Griechen kein Vaterland mehr. Ihre Werke wurden Eigentum der Welt. Ihre Schulen dauerten zwar auch unter der Herrschaft der Römer in hellenischen Städten fort, doch Rom selbst war zum Mittelpunkt der künstlerischen Thätigkeit geworden. Die Monarchie, die Erbin der antiken Kunstwelt, verwaltete deren Schätze und teilte sie allen Völkern in Nachbildungen mit. Hellenische Kunst war im Römerreich gleich der Literatur ein Luxusbedürfniß. Die Kaiser sprachen und schrieben griechisch, und sie wollten auch Kenner des Schönen sein. Freilich war im ersten Jahrhundert der Kaiserherrschaft das Verhältniß der Römer zur Kunst noch so barbarisch, daß die schönen Werke der griechischen Plastik und Malerei massenhaft nach Rom entführt wurden. Noch Caligula und Nero haben die Plünderungen fortgesetzt, welche Marcellus in Sicilien, Fabius Maximus in Tarent begonnen, und sodann Flaminius, Fulvius Nobilior, Metellus und Cornelius Scipio, Paulus Aemilius und Mummius über die hellenischen Länder ausgedehnt hatten. Dies änderte sich mit den Flaviern; seit ihnen haben die Kaiser bis auf Constantin keine Kunstwerke mehr aus Griechenland geraubt. Die einzigen Kaiser, welche Hellas plünderten, waren Caligula und Nero; Leake, Topogr. Athens, Einl. S. XLV. Ueber diese Plünderungen Petersen, Allg. Einl. in d. Stud. der Archäol. 1829: Sickler, Gesch. der Wegnahme vorzügl. Kunstwerke 1803; Völkel, Ueber die Wegführung der Kunstwerke \&c. 1798. Die Cäsaren hatten den Glanz der Monarchie wesentlich in Rom selbst durch Prachtbauten und Kunstschätze zur Darstellung gebracht. Im Forum Trajans hatte die Stadt den Gipfel ihrer Schönheit erreicht, und gerade dieser große Kaiser rief eine neue Thätigkeit aller Künste hervor. Man darf ihn mit dem Papst Julius II. vergleichen, denn er hat zu künstlerischen Werken mächtige Impulse gegeben, aber zur Kunst schwerlich ein inneres Verhältniß gehabt. Sie war vielmehr für ihn die Dienerin der Monarchie, und ihre Größe und seine Triumfe hat sie verherrlicht; selbst sein größester Prachtbau diente dazu, sein eigenes Grabmal zu umschließen. Dagegen verhielt sich Hadrian zur Kunst wie der Mediceer Leo X. in der Zeit der Renaissance. Er hat sie leidenschaftlich geliebt, von einer geistigen Höhe angesehen und als die monumentale Vollendung der hellenisch-römischen Cultur begriffen. Dies Verhältniß ist in seinem Wesen noch ausgesprochener als das andere zur Literatur; es ließ sich mit den Mitteln des Reichs auch leichter verwirklichen. Ein Schwelger auf allen Gebieten des Geistes, selbst künstlerisch begabt, suchte er den höchsten Genuß des Herrschers in Bauten und Kunstschöpfungen. Die Schönheit selbst hat Hadrian in der Gestalt des Antinous apotheosirt und diese den Künstlern zu einem Idealtypus dargeboten. Nur weil Antinous schön war, durfte er es wagen, ihn zu vergöttern, und unter seinen Zeitgenossen, welche für den neuen Gott Propaganda gemacht haben, sind die Künstler nicht die letzten gewesen. Die Renaissance der Antike erscheint als einer der stärksten Züge in der Geistesrichtung Hadrians; der Pol seiner Neigungen lag daher in Athen. Wenn er dort den olympischen Tempel vollendet und die Stadt des Perikles wieder zum Vorort Griechenlands macht, so sieht es so aus, als habe er den hellenischen Genius am Ilissos aufzuerwecken gehofft. Er täuschte sich darin. Der Unterschied zwischen seiner Zeit und jener spätern Renaissance der Italiener ist der zwischen jugendlichem Wachstum und Verfall. Bei diesen war eine lange Barbarei vorausgegangen und endlich überwunden worden. Ihre Kunst bewegte sich in aufsteigender Linie; von Nicola Pisano bis zu Michelangelo, von Cimabue bis zu Rafael und weiter entfaltete sie sich in einer Fülle von glänzenden Geistern, deren Schöpferkraft eins der erstaunlichsten Phänomene des Culturlebens ist. Nicht in der Plastik wie das Altertum, sondern in der Malerei fand die moderne Renaissance ihr fruchtbarstes Gebiet; sie nahm den Ausgang von der überirdisch verklärten Schönheit des Weibes im Madonnenideal, während die letzte heidnische Renaissance mit der Wiederholung des antiken Ideals der Mannesschönheit abschloß, im Dionysos-Antinous. Hadrian hat alle Städte besucht und geehrt, in denen einst der Genius der Hellenen seine Werkstätte gehabt hatte, aber er vermochte keinen Phidias und Polignot mehr ins Leben zu rufen, noch die Formen des Altertums durch neue Ideale zu beseelen. Wenn es auch irrig ist, seine Epoche den besten Zeiten Griechenlands anzureihen, so ist es doch wahr, daß die Kunst in ihr noch eine letzte Nachblüte gehabt hat. Sie war kurz genug, denn unter den Nachfolgern Hadrians ist die stoische Philosophie zur Herrschaft gekommen, und diese hat sich gegen die Schönheit gleichgültig verhalten. Winkelmann urteilte, daß Hadrian der Kunst nicht mehr aufhelfen konnte, da der Geist der Freiheit aus der Welt geschwunden und die Quellen zum erhabenen Denken und zum Ruhm versiegt waren. Gesch. der Kunst XII, 309, c. 1 , § 22. Nur in der geistreichen Benutzung classischer Motive konnte jene Zeit der Universalität glänzen. Sie träumte vielleicht noch von der Sonne Griechenlands bestralt zu sein, aber dieses erborgte Licht war nur das Abendrot des Unterganges. Sie deshalb gering zu schätzen, wäre ungerecht, da auch unsere heutige plastische Kunst der hadrianischen ähnlich ist, weil auch sie in den höchsten idealen Gattungen kaum mehr naiv sein kann. Wenn Hadrian in seinem Bemühen, die Künste wieder zu beleben, gescheitert ist, so lag die Schuld am Unvermögen der Zeit. Er selbst glich darin dem Kaiser Julian, der eine Restauration der antiken Religion versuchte; doch war er glücklicher als dieser. Man darf sagen, daß er den Verfall der Kunst für ein halbes Jahrhundert aufgehalten, ja noch mehr, daß er als Kunstenthusiast auch der antiken Götterwelt diesen Dienst geleistet hat. Seine Verdienste um die Antike hat der Kaiser Julian nicht erkannt, als er in den »Cäsaren« sein Porträt zeichnete. Zur Zeit Hadrians hatte die bildende Phantasie den Vorrat der schönen Formen längst erschöpft, aber sie war noch immer antik, und den gesammten antiken Bilderkreis verband noch die Religion mit dem Menschengemüt und seinen idealen Bedürfnissen. Künstler, die im zweiten Jahrhundert einen Apollo und Zeus, eine Diana und Venus bildeten, konnten noch an die Macht dieser Götter glauben, und daher der mythologischen Naturwahrheit näher kommen, als jeder Künstler christlicher Zeiten, der seine akademischen Machwerke mit irgendwelchem antiken Götternamen benennt. Ihr größtes Unglück war, daß sie zur Nachahmung verdammt waren, während der Wert ihrer Schöpfungen an den noch zahlreichen Meisterwerken der Blütezeit Griechenlands gemessen wurde. Ihre Mitwelt scheint sie wenig beachtet zu haben. Wir kennen die Namen vieler selbst mittelmäßiger Gelehrter, Dichter und Sophisten der Epoche Hadrians, aber nur ein paar Namen von Künstlern. Plinius hat den Verfall der Künste zu seiner Zeit beklagt, Plin., H. N. XXXV, 2, 2. Die Malerei, eine ersterbende Kunst, XXXV, 11. und Pausanias nirgend von Meistern seiner Gegenwart geredet. In seiner Schrift »der Traum«, wo sich die Bildhauerkunst und die Sophistik um ihn streiten, hat auch Lucian davon Zeugniß abgelegt, daß die Künstler keine Achtung genoßen. Enhypnion c. 9. Sie waren nicht mehr original; ihre Kunst war Reproduction. Von dieser massenhaften Nachbildung der Antike geben die Museen Roms einen deutlichen Begriff, und vielleicht keines mehr als das Torlonias, dessen reicher Inhalt ein Auszug des römischen Vorstellungskreises zum Zweck plastischer Decoration von Villen ist. Im Ganzen aber trägt die Kunst im Zeitalter Hadrians doch den Stempel des Weltbewußtseins des Römerreichs, und schon ihre alles umfassende Thätigkeit blendet als bloßer Ausdruck nur gewöhnlicher Schönheitsbedürfnisse unsere Vorstellung. Unsere Weltstädte, welche die Volkszahl des kaiserlichen Rom erreichen oder überbieten, besitzen nicht so viel Schmuck öffentlicher Kunstwerke, als irgend ein wolhabendes Municipium unter Hadrian besessen hat. Der Stolz unserer Glyptotheken sind die Brocken von der Ueberfülle des Altertums, namentlich der Kaiserzeit, während Kunstsinn und Kunstbedürfniß aus dem Bewußtsein der Volksmassen so völlig entschwunden sind, daß sie nur von den Höchstgebildeten empfunden und von wenigen Reichen befriedigt werden; und auch der Kunstluxus der am meisten Verschwenderischen unter solchen würde das Lächeln eines Hadrian oder Herodes Atticus erregt haben. Die Triebe genialer Erfindung fehlten freilich in jener alternden Welt; sie war überreif, aber noch genußsüchtig genug, und sie ersetzte die Schöpferkraft immer noch durch ein wirkliches, nicht gemachtes Bedürfniß des Luxus und der Schönheit. Niemals ist dieses allgemeiner gewesen. Wir staunen die künstlerische Ausstattung Pompeji's an, welches nur eine kleine Landstadt gewesen war; wir müssen die Fülle des plastischen und malerischen Schmuckes dort unendlich gesteigert auf das ganze Reich übertragen, um zu begreifen, wie seine Städte in der Zeit Hadrians und der Antonine ausgesehen haben. Dieser Reichtum an schönen Werken setzt aber auch einen für uns kaum begreiflichen Wolstand voraus und Legionen von Künstlern in großen und kleinen Genossenschaften. Im Ganzen sind die besten Künstler der Kaiserzeit Hellenen gewesen. Seit dem Falle Griechenlands wanderten Bildhauer und Maler, oftmals Sclaven und Freigelassene, nach Rom und dem Abendlande. Sie lehrten den barbarischen Sieger den Geschmack am Schönen und arbeiteten für ihn. Quintus Metellus errichtete aus der macedonischen Beute dem Jupiter und der Juno Tempel, worin er die geraubten Werke des Praxiteles, Polyklet, Dionysos und Philiskos aufstellte, und zugleich verzierten die Griechen Sauras und Batrachos diese Tempel mit Schmuck, während Pasiteles die Bildsäule des Jupiter in Elfenbein arbeitete. Durch diesen Meister entstand zur Zeit des Pompejus eine griechische Kunstschule in Rom, er war Lehrer des Stephanos, des Verfertigers der Epheben-Statue in der Villa Albani, und dieser bildete wiederum den Menelaos, dessen schöne Gruppe Elektra und Orestes in der Villa Ludovisi sogar für ein Originalwerk gehalten wird. Friedrichs, Bausteine, n. 715 . Zenodorus, der Bildhauer des neronischen Colosses, hat sich zu seiner Zeit nicht minder berühmt gemacht. Die Einwanderung griechischer Meister nach Rom muß lange fortgedauert haben, denn ehe Constantin und seine Nachfolger die Kunstschätze der untergehenden Hellenenwelt am Bosporus vereinigten, war Rom das allgemeine Museum der bildenden Kunst. Dort konnten Künstler mühelos die Schöpfungen Griechenlands betrachten, und sie fanden deren mehr in Rom vereint als in Athen, namentlich in ausgezeichneten Copien. Ueber das Material der Kunstbildung in Rom O. Jahn, Aus der Altertumswissenschaft, die alte Kunst und die Mode, S. 239. Zugleich wurde ihrer Thätigkeit das weiteste Feld geöffnet, wie ein solches nie zuvor und nachher überhaupt den Künsten geboten worden ist. Die Entwürfe der Kaiser waren ihrer Weltherrschaft würdig, und die Bedürfnisse des Luxus überschwenglich. Architecten, Bildhauer und Maler feierten ihr goldenes Zeitalter; sie hatten vollauf zu thun in jeder künstlerischen Richtung, vom erhabenen Prachtbau des Tempels bis zum anmutigen Landhause herab, und von der Idealfigur eines Gottes bis zu dem Prunkgerät. Hellenen hatten im Dienst des großartigen Trajan gearbeitet, und die besten unter ihnen sind wol die Lehrer des Dilettanten Hadrian gewesen. Wie viele Künstler mögen erst unter seiner Regierung aus Hellas nach Rom geströmt sein. Werkstätten der Künstler der Kaiserzeit hat man namentlich im Marsfelde und um die Navona her entdeckt. Pellegrini, Bull. d. Inst. 1859, S. 69; Bruzza, Inscr. dei marmi grezzi, Annali d. Inst. 1870, S. 137; Benndorf u. Schöne, Lateran. Museum, S. 350. Ein paar Namen griechischer Meister seiner Zeit sind uns erhalten; Aristeas und Papias aus Aphrodisias haben die zwei Centauren im Capitol verfertigt, und wahrscheinlich lebte ihnen gleichzeitig auch Zeno aus eben dieser Stadt Kariens. Er hat seinen Namen auf einer Herme in Braccio nuovo und auf dem sogenannten Senator in der Villa Ludovisi verzeichnet. Overbeck, Gesch. d. griech. Plastik II³, 398. 454; Brunn, Gesch. d. Künstler I, 573; G. Hirschfeld, Tituli statuarior. sculptorumq. , Berlin 1871, schreibt n. 172 zwei Statuen in der Villa Albani, mit dem Namen Philumenos, etwa der hadrian. Zeit zu. Andre griechische Künstlernamen Eraton, Menophantos, ein Phidias und Ammonios v. J. 159, n. 169. 170. 171. Es ist seltsam, daß von keiner einzigen der Antinousfiguren der Meister bekannt ist. Die Künstler versorgten nicht nur die Hauptstadt des Reiches, sondern auch die Provinzen, namentlich des Westens, mit schönen Werken. Man kann daher Rom für den großen Markt ansehen, auf welchem Bildsäulen der Götter, Porträts bedeutender Menschen und Gegenstände des feineren Luxus fabrikmäßig erzeugt wurden. Schiffe brachten aus den entfernten Marmorbrüchen des Staats das Material nach Ostia und weiter nach dem römischen Emporium. Die Reste dieser kaiserlichen Marmorlager geben einen Begriff von der Großartigkeit des plastischen Kunstbetriebes in Rom. Im Ganzen zeigt die hadrianische Kunstepoche infolge der gesteigerten Production eine Verfeinerung der Technik und eine glänzende Virtuosität, die ihr Merkmal ist. Die Schule ist akademisch und conventionell geworden; die höchste Zierlichkeit ist erreicht, aber der Funke des Genies in kalter Glätte erloschen. Zugleich ist jede Schranke des National- und Provinzialunterschiedes aufgehoben; denn der Stil hat Gebilden selbst der verschiedensten Cultuskreise eine so durchgehende Gleichförmigkeit aufgedrückt, daß ein in Britannien gefundenes Kunstwerk aussieht wie ein solches derselben Zeit, welches man in Rom oder in Ephesus entdeckt hat. Gerhard, Roms antike Bildwerke, röm. Stadtbeschr. I, 280, Friedländer III, 249. Der Geschmack Roms schrieb die Mode für die Copien in den Provinzen vor. Werke, welche in der Hauptstadt bewundert wurden, wollte man auch in Germanien und Gallien besitzen. Nicht minder hat sich die Frescomalerei als Zimmerverzierung von Rom aus durch das ganze Reich gleichförmig verbreitet. Helbig, Untersuch. über die campan. Waldmalerei, S. 137. Zwanzigstes Capitel. Blüte der Kunst und ihrer Industrie. Geräte, Gemmen, Medaillen. Kostbare Steinarten. Malerei. Marmorporträt. Historisches Relief. Auf dem Grunde des allgemeinen Schönheitsgefühls konnten die großen Entwürfe der Kaiser entstehen, und diese empfingen den Antrieb dazu ebensosehr vom Sinne ihrer Zeit, als sie ihn derselben gaben. Unberechenbare Summen hat Hadrian für seine Unternehmungen ausgegeben, und andere haben Städte und Bürger aus Patriotismus aufgewendet. Man tadelte zuletzt die Bauwut des Kaisers, wie man später Leo X. wegen derselben Leidenschaft getadelt hat. Marc Aurel rühmte seinen Adoptivvater Antoninus, weil er nicht bausüchtig gewesen sei. In se ips. I, 13. Die Baukunst aber hatte in ihrem Gefolge alle andern bildenden Künste, denn der architectonische Raum vereinigt sie. Die profane Architectur überwog damals die heilige. Zwar wurden den Göttern, zumal den in Mode gekommenen Asiens, noch später neue Tempel errichtet, und noch Aurelian hat dem Sonnengott Prachtbauten aufgeführt, noch Constantin Göttertempel gebaut; aber im Allgemeinen war doch das Bedürfniß schon zur Zeit Hadrians befriedigt, denn die großen Heiligtümer des griechisch-römischen Cultus standen fertig und zahlreich da, wie heute unsere Dome, denen wir nichts Gleiches hinzuzufügen haben. Man vollendete oder restaurirte mehr alte Tempel, als daß man neue erbaute. Dagegen errichteten Kaiser und Große in unbeschränkter Zahl Paläste und Villen, und Städte ihre Theater und Bäder, Gymnasien und Bibliotheken. Alle diese Räume wurden zu Museen der Kunst. Aus einer einzigen Villa Hadrians sind die Gallerien Europas mit Bildwerken versehen worden. Alle Kunst- und Industriezweige, die dem vornehmen Luxus dienten, blühten in reichster Fülle. Die Geräte jener Zeit tragen noch den Stempel der classischen Schönheit. Aus der Villa Hadrians stammen die großen Marmor-Candelaber im Vatican, die trefflichsten dieser Gattung des Altertums; ferner reich verzierte große Marmorvasen und Schalen, wie jene von Rosso Antico mit den Schwänen an ihren vier Ecken, und die ägyptisirende Vase aus schwarzem Granit im Capitol. Im Schutte des Tempels der Venus und Roma sind jene colossalen Medusenmasken des Braccio Nuovo gefunden worden, welche zum Beweise dienen, wie großartig schön die Alten die finstern dämonischen Mächte dargestellt haben. Die Münzen und Medaillen aus der Zeit Hadrians (die großen kaiserlichen Medaglioni von Erz beginnen nach Winckelmann erst mit diesem Kaiser) sind von trefflichem Stil und durch einen erstaunlichen Reichtum der Phantasie in ihrer Symbolik ausgezeichnet, wie vor allen die ägyptischen. Die Medaillen sind kleine Kunstwerke, die das Auge erfreuen und die Einbildungskraft angenehm beschäftigen. Die vorzüglichsten Hadrians hat zusammengestellt W. Froehner, Les Médaillons de l'Empire Romain , im Abschnitt Hadrian. Er nennt die Medaillen des antonin. Zeitalters eine Anthologie nach den großen Dichtern. Ihr bildlicher Inhalt ist freilich entweder aus antiken Motiven zusammengesetzt, oder geradezu nach griechischen Mustern copirt, wie das herrliche Medaillon, welches die geflügelte Victoria auf einer Biga mit zwei die Lüfte durchbrausenden Pferden darstellt. Es ist nur Willkür, wenn Fröhner (S. 34) dieses köstliche Medaillon auf den Judenkrieg bezieht. Andere hadrianische Schaustücke zeigen Götterfiguren griechischen Stils, den tronenden Jupiter mit der Victoria auf der Rechten, die Diana Lucifera, Apollo vor den Musen auf der Lyra spielend, den Asklepios, die Vesta, den Hermes mit dem Widder, die Cybele auf dem von vier Löwen gezogenen Wagen. Manche sind durchaus römisch, wie jene, welche Hadrian darstellt, aufrecht stehend zwischen fünf militärischen Feldzeichen, die er mit einer Handbewegung zu verehren scheint. Andere zeigen die römische Wölfin oder die Moneta Augusti, eine schöne Frauengestalt mit Waage und Füllhorn, oder die Felix Roma, welche über Waffenrüstungen und neben einer Trofäe sitzt, während hinter ihr eine geflügelte Victoria einen Schild erhebt. Auch dies Medaillon ( Hadrianus Aug. Co. III, PP. Felix Roma ) bezieht Fröhner auf denselben Sieg über die Juden. Eine andere Medaille stellt den Senat und das Volk vor im Bilde eines Greises mit dem Scepter und eines Genius; zwischen beiden steht ein flammender Altar. Imp. Caes. Trajan. Hadrianus. Aug. – Senat. Popolusque Romanus. Vota Suscepta. Kenner behaupten, daß die geschnittenen Steine aus der Zeit des Augustus, Werke des Dioskorides, den hadrianischen an Schönheit überlegen sind, da die glyphische Kunst schon unter Claudius von ihrer Höhe herabgesunken war. King, Antique Gems and rings I, 190 . Doch zeugt die wundervolle Gemme des Claudius und seiner Familie schwerlich von solchem Verfall. Eckhel, Pierres gravées pl. 7 . Hadrian selbst sammelte mit Leidenschaft geschnittene Steine und kostbare Gefäße. Die kaiserliche Schatzkammer war daran so reich geworden, daß Marc Aurel damit die Kosten des Markomannenkrieges bestritt, nachdem die Versteigerung dieser Sammlungen auf dem Forum Trajanum zwei Monate gedauert hatte. Jul. Capitol, M. Aurel. c. 17. Es haben sich schöne Cameen mit den Büsten Hadrians und auch des Antinous erhalten. Eckhel, Pierres gravées pl. 8. in Sardonix; doch scheint mir die Porträtähnlichkeit fraglich; pl. 8 Antinous in Sardonix, mit einer Silensmaske auf dem Haupt. Mariette, Traité des pierres grav. pl. 64. Hadrian auf einem weißen Agat, Sabina auf einem Cornalin. Als besonders schön gilt der Smaragd, in welchen die Köpfe Hadrians und der Sabina geschnitten sind. Die Hauptfundgrube dieses Steins war am Djebel Zaborah in Aegypten. Friedländer III, 72, nach King S. 297, 8. Die Bergwerke dieses Landes und Numidiens lieferten das Material von farbigem Marmor und seltenen Steinen, mit welchen die Häuser der Reichen geschmückt wurden. Griechenland hat solchen Marmorluxus nicht gekannt. Man sucht heute vergebens in Athen nach Resten davon, während die nicht zu erschöpfende Fülle von bunten Steinen aus der Kaiserzeit in Rom fortdauernd eine blühende Kunstindustrie ernährt. Die übertriebene Verwendung des genannten Materials bezeichnet freilich den Verfall des Geschmacks in das Barocke, doch ist sie schon älter als die hadrianische Zeit, wenn auch der Luxus farbiger Steinarten damals am größten gewesen sein mag. Dies letztere glaubt Friedländer III, 66. Denn aus hadrianischen Bauten stammen die meisten Bildwerke von seltenem oder colossalem Stein. Gerhard, Roms ant. Bildwerke; Röm. Stadtbeschr. I, 297. Den Porphyr verwendete man damals architektonisch, aber noch nicht zu Statuen, obwol Bildsäulen aus diesem Material schon von Vitrasius Pollio dem Kaiser Claudius aus Aegypten gebracht worden waren. Plinius, der das erzählt, sagt, daß sie keinen Beifall und keine Nachahmer fanden, und nicht vor dem Kunstverfall des dritten Jahrhunderts ist Porphyr zu Statuen gebraucht worden. Plin., H. N. 36, 11, 3; Letronne, Inscr. de l'Egypte I, 142. Doch wurden Bildsäulen aus Rosso Antico gearbeitet. Nach Friedrichs, Bausteine n. 760 , ist kein Bildwerk aus diesem Material nachweisbar vorhadrianisch. Selbst bunten Alabaster verwendete man geschmacklos genug zu Büsten. Solche Hadrians und der Sabina befinden sich im Capitol. Eine des Kaisers hat sogar das Antlitz von Alabaster, doch kann sie späteren Ursprungs sein. Es gibt in farbigem Marmor gemeißelte große Scarabäen, welche die Wiederbelebung dieser ägyptischen Kunst durch Hadrian beweisen. Daß die Vorliebe für köstlichen Marmor wirklich dazu beigetragen hat, den Geschmack an Erzbildern abzuschwächen, ist immerhin wahrscheinlich. Während noch Pompeji und Herkulanum einen reichen Schatz von Bronzen geliefert haben, ist in der Villa Hadrians nichts Nennenswertes dieser Art gefunden worden. Gerhard a. a. O., S. 297. Die Museen Roms, welche wesentlich Reste von Kunstwerken der Kaiserzeit enthalten, sind überhaupt arm an schönem Erz. Wie die decorative Kunst des Marmorarbeiters, so war auch jene des Malers im ganzen Reich in Thätigkeit. Ohne Zweifel hatte Hadrian seine Villa bei Tibur mit vielen Wandgemälden schmücken lassen, und diese haben auch Scenerien von Städten und Gegenden dargestellt, die er selbst auf seinen Reisen bewundert hatte; zumal wird die bei den Römern beliebte Nillandschaft nicht gefehlt haben. Da der Kaiser in seiner Villa auch das Tempe-Tal symbolisch nachbilden ließ, so scheint er einen lebhaften Sinn für landschaftliche Schönheit besessen zu haben. Jedoch keine Ausgrabung hat Reste von bedeutenden Malereien aus dem Tiburtinum an den Tag gebracht; nur einige schöne Mosaiken jener Villa haben sich erhalten. Der Vatican bewahrt das große Maskenmosaik des Dionysos und Apollo mit vielerlei ländlichen Scenen, und ein anderes mit allegorischen Darstellungen des Nil, im Capitol befindet sich das berühmte Taubenmosaik, die römische Nachbildung eines Werkes des Sosos von Pergamon. Wir haben keine gründliche Ansicht davon, ob während der Kaiserzeit die decorative Kunst des Bildhauers und Malers nur die antiken Muster wiederholt, oder auch Eigenartiges geleistet hat. Es gab nur ein künstlerisches Gebiet, auf welchem die Römer von den Griechen nicht abhängig waren, nämlich das Porträt und die historische Darstellung in Relief. Die Cultur des Porträts entsprang bei den Römern aus dem Familiengeiste und dem geschichtlichen Sinn, und bei keinem andern Volk der Welt hat die Porträtkunst einem so allgemeinen Bedürfniß gedient. In der Kaiserzeit sind auch die Büsten der großen Hellenen massenhaft zum Schmuck von Palästen und Gärten angefertigt worden. Das Porträt der Römer erhielt sich auf derselben achtungswerten Höhe bis in die Zeit der Severe. Die vor wenigen Jahren ausgegrabene Büste des Commodus Herkules im neuen Museum des Capitol zeigt noch die gleiche technische Schule der Zeit Hadrians. Porträtfiguren und Büsten dieses Kaisers und seiner Gemalin sind in allen Museen Europas häufig, denn kaum wurden einem andern Fürsten von Städten, Körperschaften und Privatpersonen so viele Ehrenbilder gesetzt. Seine berühmtesten Büsten sind im Capitol, im Vatican und in Neapel, einige schöne im Louvre. Am meisten getreu scheint die ausgezeichnete Hadriansbüste im Treppenhause des Conservatorenpalastes zu sein; leider ist der Marmor durch einen Flecken am Kinn entstellt. Von den vielen Statuen des Kaisers in Athen hat sich nichts Nennenswertes erhalten. In den dortigen Sammlungen finden sich wenige Hadriansbüsten, im Nationalmuseum eine fragliche vom Dionysostheater, und eine sichere; im Varvakion ein fraglicher Kopf des jugendl. Hadrian, der zusammen mit dem Colossalkopf des Luc. Verus im Dionysostheater gefunden wurde. Milchhöfer, Die Museen Athens, 1881. Wie andre Kaiser ist auch Hadrian in Götterform abgebildet worden; so als Mars in einer Statue des Capitols, und ebendaselbst steht seine überlebensgroße Figur, die ihn opfernd darstellt. Siehe bei Cohen II n. 950 die Münze Marti . Bemerkenswert ist die als Hadrian erkannte Imperatorstatue im Museum des alten Serai zu Constantinopel; der Kaiser ist gepanzert und in so kriegerischer Haltung, daß er seinen Fuß auf einen liegenden Gefangenen setzt. Hadrien statue trouvée en Crète , von Sorlin-Dorigny, Gazette Archéol. 1880, VI S. 52 u. Pl. 6 . Im Allgemeinen ist die Production von Porträtfiguren in jener Zeit erstaunlich groß gewesen. Eine kaum übersehbare Masse von Inschriften, welche heute der Geschichtsforschung als Urkunden dienen, gehört den Postamenten von Ehrenstatuen an. Der Kaiser selbst setzte solche zahlreich seinen Lieblingen. Mit Bildern des Antinous und des Aelius Verus bedeckte er gleichsam die Welt; aber auch vielen andern, ihm minder teuern Personen sowol Todten als Lebenden weihte er Statuen. Dio 69, 7: όθεν καὶ εικόνας πολλοι̃ς – ες τὴν αγορὰν έστησεν. Selbst dem Barbarenkönige Pharasmanes setzte er eine Reiterfigur im Tempel der Bellona. Dio bemerkt, daß er den Turbo und Similis mit öffentlichen Bildsäulen geehrt habe. Dio 69, 18. Leider sind diese und die Bildnisse anderer Freunde und Staatsmänner Hadrians verloren gegangen oder für uns nicht mehr erkennbar, weil namenlos. Wen stellt der geistreiche Porträtkopf dar, welcher im Braccio nuovo nicht weit von der Bildsäule des Demosthenes die Betrachtung auf sich zieht? Ein junger Elegant Roms mit schön gepflegtem Bart und genial über die Stirn geworfenem Haar. dieser Kopf spiegelt die vornehme Welt der hadrianischen Zeit ab, und er ist zugleich ein Muster glänzender Behandlung des Porträts. Auch das geschichtliche Relief der Römer hat etwas Eigenartiges. Es entsprach dem lateinischen Sinn für die Individualität. Große nationale Ereignisse, Kriege und Schlachten, Aufzüge und Triumfe konnten hier historisch porträtirt werden. Die Römer haben freilich keinen Phidias gefunden, der für sie einen Tempelfries mit den idealen Gestalten eines Festpompes verziert hätte; doch an den Triumfbogen und Ehrensäulen, welche ihrem geschichtlichen Cultus eigen angehören, hat sich jene Reliefkunst fortgebildet. Die Zeugnisse derselben in Rom sind für uns leider sehr trümmerhaft, auch stellen sie nur die kurze Blüte dieser historischen Plastik in einem halben Jahrhundert dar. Ad. Philippi, Ueber die röm. Triumfalreliefe, VI. Bd. der Abh. der phil. hist. Classe der k. sächs. Ges. der Wiss. III, 1872. Nach ihm umfaßt jene Blüte die Zeit von Titus bis Trajan, 81–117. Da die vielen Triumfbogen Domitians untergegangen sind, besitzen wir nur die Bruchstücke der altertümlichen Sculpturen des Claudiusbogens in der Villa Borghese, die idealen Reliefs des Titusbogens, die realistischen vom Triumfbogen Trajans und die seiner Säule, worin die römische Kunst der Entfaltung geschichtlicher Vorgänge in Bildergruppen wahrscheinlich ihren Höhenpunkt erreicht hat. Sodann sind uns die Reste der an künstlerischem Wert schon viel geringeren Sculpturen des Bogens Marc Aurels und die Reliefs seiner Säule erhalten, endlich die Darstellungen auf den Bogen des Severus und Konstantin, und diese bekunden schon den Verfall der Kunst. Hadrian war kein Kriegsfürst; er hat keine Siege zu verewigen gehabt. Wenn man ihn als Mars dargestellt hat, so galt diese Schmeichelei nur seiner Sorgfalt für das Heerwesen überhaupt. Nur von einer Reiterfigur Hadrians haben wir Kunde; sie war vor dem Zeustempel in der römischen Colonie Jerusalem aufgestellt. Auch in Antinoe stand wol am Triumfbogen ein Reiterbild Hadrians. Der historischen Plastik hat dieser Kaiser keinen Stoff dargeboten. Vielleicht aber beziehen sich auf ihn die zwei mit Reliefs versehenen Marmorschranken, welche im Jahre 1872 auf dem römischen Forum ausgegraben worden sind. Sie zeigen auf der Innenseite die Colossalfiguren der drei Opferthiere ( Suovetaurilia ), auf der anderen feierliche Staatshandlungen, hier die Verbrennung von Schuldregistern, dort eine Scene vor dem Kaiser, welche sich auf die Institute für arme Kinder zu beziehen scheint. Ihr Stil ist jenem der Zeit Trajans oder Hadrians gleich. Nichts hindert, in der ersten Scene ein Monument des großen Schuldenerlasses zu sehen, während auch die andere sehr gut die Erweiterung der Alimenta Italiae Trajans durch seinen Nachfolger vorstellen kann. Diese wolthätige Anstalt wurde öfters auf Medaillen und in Marmor symbolisirt, so auf den trajanischen Triumfbogen in Rom und in Benevent, und auf die Spenden des Antoninus an arme Mädchen ( Puellae Faustinianae ) bezieht sich ein Relief in der Villa Albani. Henzen, Bull. d. Inst. 1872, S. 273 f. hat zuerst jene Reliefs auf dem Forum erklärt und dem Trajan zugewiesen. Die Literatur darüber bei Orazio Marucchi, Descrizione del Foro Rom. , 1883, S. 87. Henzen neigt heute (April 1883) selbst dazu, die Reliefs auf Hadrian zu beziehen. Einundzwanzigstes Capitel. Ideale Sculptur. Ihr kosmopolitischer Charakter. Wiederholung antiker Meisterwerke. Uebersicht der in der Villa Hadrians gefundenen Kunstwerke. Die Antinousfiguren. Im Gebiet der idealen Sculptur zeigt die Kunst dieses Zeitalters einen durchaus kosmopolitischen Charakter. Sie wiederholt mit gleicher Virtuosität die Typen der Epochen Griechenlands, wie die Aegyptens. Der ganze antike Mythenschatz, auch die gräcisirte Legende Syriens und die hieroglyphischen Geheimnisse vom Nil werden bildlich dargestellt. Wenn sich diese Symbole draußen in Athen und Smyrna, in Ephesus, Alexandria und Karthago noch localisiren, so sind sie in Rom weltbürgerlich.. Es gibt eine Weltplastik, wie es eine Weltliteratur gibt. Der damalige Mensch steht auf einem Gipfel der Bildung, von welchem er die Schöpfungen aller vergangenen Geschlechter übersieht. Die Göttermischung bringt auch eine Mischung der Stile mit sich, aber weil die Olympischen aus ihren Tempelzellen herabgestiegen sind, um auch zur Decoration der Paläste zu dienen, so wird ihre fremdartige Erscheinungsform conventionell abgeschliffen, wie auch der barbarische Name des Gottes selbst ins Römische übertragen wird. Die ägyptischen Götterbilder aus der Zeit Hadrians im vaticanischen Museum lassen sich sofort an der Glätte ihrer modernisirten Formen erkennen, welche nicht mehr cultusgemäß sind. Man betrachtete damals manche Götter mit antiquarischem Interesse, etwa wie wir heute Bildwerke der Tibetaner und Mexikaner ansehen. Es gab Kunstliebhaber, welche eine Pallas von archaistischem Tempelstil, eine ephesische Diana, oder eine Vesta, wie sie das Museum Torlonia besitzt, mit mehr Genuß betrachteten, als die Idealgestalten der Polykletischen Juno und der Athene des Phidias. Kunstforscher haben die Ansicht aufgestellt, daß in jenem Zeitalter die Vorstellungen ans dem bacchischen Mythenkreise am beliebtesten gewesen sind; sie schließen das aus den vielen Reliefs mit dionysischen Tänzen und Eroten auf Sarkophagen und Vasen, und aus manchen Werken hadrianischer Zeit, wie den Faunen im Vatican, dem Satyr mit der Traube im Capitol und den beiden Centauren aus schwarzem Marmor. Doch kann all dies nur zufällig sein, während die Dionysosgestalt des Antinous von der Natur des schönen Jünglings selbst, als ihm entsprechend bestimmt wurde. Jene genannten Werke sind technisch vollendete Wiederholungen antiker Motive; sie stammen aus der tiburtinischen Villa. Der berühmte barberinische Faun in München hat dem Mausoleum Hadrians angehört. Es ist kein Wunder, daß aus der einen Villa des Kaisers mehr plastische Werke ausgegraben worden sind als aus Pompeji; R. Förster, Die bildende Kunst unter Hadrian, Grenzboten 1875, I, S. 105. aber es darf Staunen erregen, daß auch jenes Grabmal mit ähnlichem Reichtum ausgestattet war. Noch zur Zeit Belisars haben die dort belagerten Griechen den Sturm der Gothen mit zerbrochenen Marmorbildnissen abgewehrt. Aus dem Schutte des Grabmals ist auch die Colossalbüste Hadrians in der Sala Rotonda des Vatican an den Tag gekommen. Ueber den barberinischen Faun Lützow, Münchener Antiken, S. 51. Friedrichs, Bausteine n. 656 , hält ihn für ein griech. Original. Vom Mausoleum stammt auch die Wanne aus weißem und schwarzem Granit im Cabinet des Laokoon. Ein Museum von Kunstwerken ist sicher auch der Tempel der Venus und Roma gewesen, aus welchem die schon bemerkten Medusenmasken hergekommen sind. Kein Kaiser hatte mehr Gelegenheit, antike Kunstwerke aus griechischen Städten zu erwerben, als Hadrian. Man darf annehmen, daß er manche an Ort und Stelle gekauft und andere auch als Geschenke erhalten hat. Gewaltsam hat er nichts an sich gebracht. Statt einen Obelisken aus Heliopolis in seine Villa zu entführen, hat er dort einen in Rom gearbeiteten aufgerichtet. Statt mit geraubten Meisterwerken, umgab er sich mit ihren Copien. Die Menge alter und neuer Kunstwerke, welche Hadrian in den Räumen seiner Villa aufstellen ließ, muß so groß gewesen sein, daß sie dem Inhalt der vaticanischen Museen wahrscheinlich nicht nachstand. Könnten wir dies künstlerische Pantheon noch vollständig übersehen, so würde es uns einen sicheren Begriff von dem Vorstellungskreise nicht der damaligen Kunst, sondern der Kunstliebhaberei geben, deren glänzendster Vertreter der Kaiser selbst war. Und auch die bloße Zusammenstellung der in jener Villa gefundenen Werke reicht hin darzuthun, daß Hadrian dort ein Museum von Kunstwerken jeder Epoche und Richtung vereinigt hatte. Es sind da hundert Stile und Formen sichtbar von der Marmorvase mit zierlichen Reliefs und den großen Candelabern bis zum Torso der fliehenden Niobe (im Vatican), einer Nachahmung der Iris des Phidias vom Parthenon, und zu den Göttergestalten des Zeus, der Hera, des Apollo und der Aphrodite. Da sind Statuen der Musen, Büsten und Hermen der Dichter und Philosophen, die eleganten Köpfe der Tragödie und Komödie, der Kopf des Aristophanes, das Relief der verlassenen Ariadne; Harpokrates und eine Reihe ägyptischer Götter, unter ihnen auch Antinous; Vestalinnen, Faunen, Satyre, Centauren, das attische Fragment der Geburt des Erichthonius, die Artemis von Ephesus, die sogenannte Flora (im Capitol), die Nemesis, Psyche, Amazonen, der Jason oder Hermes (in München), Meleager, Adonis und der schlummernde Endymion (in Stockholm), der Diskobolos nach Myron (im Vatikan), Ajax mit der Leiche des Achill (Reste im Vatican), der Antinous (im Capitol) und Anderes mehr. Wenn der Fundort mancher Antiken es wenigstens wahrscheinlich macht, daß sie der hadrianischen Zeit angehören, so gibt es viele andere, die denselben Ursprung haben können, ohne daß er zu erweisen ist. Nichts würde uns hindern, die berühmte Figur des Nil im Vatican gerade jener Epoche zuzuschreiben. Im Museum Torlonia erinnert eine Nilgestalt aus schwarzem Marmor mit dem Füllhorn, dem Palmzweige und der Sphinx an den Typus ägyptischer Münzen Hadrians. Werke wie das Relief Dädalus und Ikarus aus Rosso Antico in der Villa Albani, das Medearelief im Museum Torlonia, die Amazonen nach Polyklet im Capitol und Vatican, die Bogen spannenden Eroten, die Diskoswerfer, die Marsgestalten, die Nachbilder des Apollo Sauroktonos, die Venusfiguren nach Praxiteles, die ruhenden Satyrn, manche Niobide nach Skopas können so gut aus der Zeit Hadrians herstammen als aus jener früheren, wo die Copien des Laokoon und des Apollo vom Belvedere entstanden sind. Freilich sind wir wenig aufgeklärt über den Unterschied der Kunst der römischen Kaiserzeit von jener der alexandrinischen, und nicht einmal vom Laokoon ist es gewiß, in welche der genannten Epochen er zu setzen sei. Friedrichs, Bausteine S. 426. Da die künstlerische Production in den zwei ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit keine inneren Merkmale der Originalität an sich trägt, sondern nur Wiederholung alter Ideale ist, so hat sie für uns auch kein bestimmt erkennbares Zeitgepräge. Sie bietet nur den hoch ausgebildeten Charakter der Technik einer noch vom feinsten Geschmack beseelten Schule dar. Die Anschauung der Formenwelt hat eine geistreiche Eleganz erreicht, welche aber bis zur Flachheit gedankenleer werden kann. Die theatralischen Frauenköpfe an der Sala rotonda, die Centauren und die Antinousreliefs können das beweisen. Die akademische Formenglätte erinnert fast an Canova und Thorwaldsen, aber wenn diese Meister der letzten Renaissance die Sculptur durch die Rückkehr zur Antike von der barocken Ueberladung befreit haben, so hat die hadrianische Zeit keine solche Umkehr zu nehmen gehabt. Sie ist vielmehr der letzte Ausgang der Antike selbst; ihr Schluß mußte die Verflüchtigung des Charaktervollen in die Aeußerlichkeit sein. Hier geht die Bildnerkunst gleichen Schritt mit der griechischen Sophistik; sie würde ebenfalls in einem leeren Prunk geendet haben, wenn sie, wie die Sophistenschule Smyrnas, Athens und Constantinopels den Sieg des Christentums und die beginnende Barbarei noch bis zum sechsten Jahrhundert hätte überdauern können. Ihre höchste Idealität hat die hadrianische Kunst in dem Typus des Antinous zu erreichen gesucht. Die tolle Laune des Kaisers, einen neuen Gott zu schaffen, wurde nur durch die seltne Schönheit seines Lieblings möglich und ausführbar. Wahrscheinlich haben alle Teilnehmer an jener Komödie gelacht, die Griechen über den Einfall des Kaisers, und dieser über die Welt, die ihn sich gefallen ließ; dann aber hat Hadrian die Wirkung, welche die Gestalt seines vergötterten Pagen auf die Kunst auszuüben begann, mit noch mehr Zufriedenheit betrachtet, als jene, die sein Cultus auf den Aberglauben übte. Die Bilder und Statuen, welche er selbst als Dilettant verfertigte, hielten die Kritik der Künstler nicht aus, doch sein bithynischer Gott wurde von ihnen als Idealform anerkannt. Die Antinousgestalt kann sogar als das eigene Kunstproduct Hadrians angesehen werden, denn ohne Zweifel hat er selbst sie den Künstlern vorgeschrieben. In zahllosen Bildsäulen, Reliefs und Gemmen ist er als Genius und Heros oder in einer bestimmten Göttererscheinung dargestellt. Nach Dio (69, 11) weihte Hadrian dem Antinous in der ganzen Welt Standbilder (ανδριάντας) und besonders Cultusbilder (αγάλματα). Obwol es nur ideale Vorstellungen des Antinous gibt, liegt ihnen allen doch das historische Porträt zu Grunde. Er hat Persönlichkeit. Ueberall zeigt er das geneigte Antlitz voll melancholischer Schönheit, mit tiefliegenden Augen, sanft geschweiften Brauen und dem in die Stirne fallenden reichen Lockenhaar. Die vollen Lippen, die sehr breite Brust und die weichen Leibesformen atmen Sinnlichkeit, und doch ist diese durch einen Zug herber Trauer gemäßigt. Es ist die schöne Wirklichkeit einer griechisch-asiatischen Natur, nur leicht idealisirt. Weil wir das Schicksal des Antinous kennen, lesen wir es auch in diesem verdüsterten Angesicht, und nicht mit Unrecht, denn die Künstler waren sich des Opfertodes bewußt, welchem der Jüngling sein Fortleben verdankte. Immer würde ein finsteres Geheimniß in den Antinouszügen den Betrachter anziehen, auch wenn er dieses Bildniß nicht zu benennen wüßte. Und doch sind diese schönen Züge glatt und geistesleer, und fast nur maskenhaft: ein junger Mensch steht vor uns, der nichts erlebt und nichts bedeutet hat. Als die Antinousfiguren im Tiburtinum entdeckt wurden, erregten sie in der Kunstwelt des achtzehnten Jahrhunderts eine ähnliche Begeisterung, wie die berühmtesten Antiken im Beginne des sechzehnten. Man überschätzte ihren Wert. Mit Enthusiasmus pries Winckelmann den Antinous der Villa Casali, und besonders das Basrelief der Villa Albani. Die Ansicht Winckelmanns, daß die Relieffigur auf einem Wagen als Consecrationsstatue gestanden habe, ist von Levetzow bestritten worden: Ueber den Antinous, dargestellt in den Kunstdenkmälern des Altertums, Berlin 1803. L. hat freilich nur 18 Büsten und 10 Statuen besprochen. Overbeck a. a. O. II, S. 444. Den colossalen Antinouskopf von Mondragone, welcher in Frascati gefunden wurde und seit 1808 im Louvre steht, erklärte er für das Schönste, was uns nach dem vaticanischen Apollo und dem Laokoon aus dem Altertum übrig geblieben sei. Er übertrifft freilich an Schönheit die im Tiburtinum gefundene Colossalbüste, welche jetzt in der Sala rotonda des Vatican steht und die andere auch von dort her stammende in der Villa Albani. Noch begeisterter würde sich der große Kunstforscher ausgesprochen haben, wenn er den Antinouscoloß gekannt hätte, der im Jahre 1793 zu Palestrina gefunden und von Pius VI. dem Herzog Braschi geschenkt wurde. Vor wenigen Jahren hat ihn Pius IX. aus dem lateranischen Museum in die Sala rotonda versetzt. Ohne Frage ist er die glänzendste Gestalt des Dionysos-Antinous. Er trägt den Epheukranz um das herabwallende Lockenhaar und auf dem Scheitel den Pinienapfel; das weite Obergewand, welches ursprünglich wol mit Gold und Elfenbein geziert war, ist auf der linken Schulter befestigt und läßt den rechten Arm, die Brust und den Unterleib zum Teil sehen. In der linken hoch erhobenen Hand hält der junge Gott den Thyrsusstab. Das decorativ malerische Princip tritt an dieser bacchischen Figur sehr stark hervor, und Liebhaber einer strengeren Formenschönheit werden ihr den Antinous Heros im Museum Neapels und den berühmteren im Capitol vorziehen. Dieser, ein nackter Ephebe ohne Attribute, mit nach rechts gesenktem Haupte, in träumerischer Stellung, sieht einem Narcissus oder Hermes ähnlich. Die Statue ist eine der vollendetsten Gestalten der hadrianischen Nachblüte der Kunst, da der ehemals sogenannte Antinous im Belvedere, wie schon Winckelmann nachgewiesen hatte, ein Hermes aus der besten griechischen Epoche ist. Auch in der berühmten Marmorgruppe von Ildefonso, welche ehedem Schlaf und Tod oder Orestes und Pylades genannt wurde, hat man seit Visconti eine Vorstellung des Antinous, und zwar seine Todesweihe erkennen wollen. Man glaubt in ihr den bekränzten Jüngling zu sehen, welcher sich für den Kaiser dem Todesdämon darbietet; der Genius entzündet die Flamme des Altars und führt das Opfer sanft der Proserpina zu. Hübner, Antike Bildwerke in Madrid, S. 73 f.; Friedrichs Bausteine, n. 754 . Zweifel darüber bei Welcker, Alte Denkmäler I, 375 f. Wenn Friedrichs (Bausteine n. 833 ) in einem trojanischen Relief am Constantinsbogen (nach Bellori veteres arcus Aug. triumphales , Taf. 32) im Gefolge des Kaisers Trajan den Antinous erkennen will, so ist das sicherlich ein Irrtum. Daß die bisher genannten Antinousfiguren zu den vorzüglichsten der hadrianischen Zeit zu rechnen sind, ist sicher, weil sie meist aus den kaiserlichen Gebäuden selber stammen. Sie und andere Statuen oder Büsten stellen aber nur einen Bruchteil der plastischen Werke dar, die den Liebling Hadrians verherrlicht haben. Auch das Museum Torlonia besitzt mehrere Antinousbüsten mit dionysischem Charakter; die mit n. 403 im Katalog bezeichnete stammt aus der Villa Hadriana. Die Statuen und Medaillen des Antinous hat zusammengestellt K. O. Müller, Handb. der Archäol. der Kunst, 3. Aufl., § 203. Dio sagt ausdrücklich, daß der Kaiser ihm in der ganzen bewohnten Welt Statuen und Bildwerke geweiht habe. Viele Antinousbüsten von durchaus schlechter Ausführung beweisen sogar, daß dieser Typus zu einer gewöhnlichen Decoration gebraucht worden ist. Zahlreich müssen seine Bildsäulen in Aegypten und in griechischen Städten gewesen sein. In Athen ist im Dionysostheater eine nackte Ephebenfigur gefunden worden, welche man für Antinous hält, sie steht dort im Nationalmuseum, wie auch eine andere ägyptischen Stils, die in Marathon entdeckt worden ist, und vielleicht einer Villa des Herodes Atticus angehört hat. Milchhöfer, Die Museen Athens, S. 6. 23; Rhusopulos in Arch. Ephem. , Athen 1862, S. 215. Im Jahre 1860 fand Lenormant in Eleusis eine Statue des Antinous aus thasischem Marmor. Lenormant, L'Antinous d'Eleusis, Rev. Arch. 1874 , S. 217 f. Er wurde dort als neuer Dionysos verehrt. Ueberhaupt sind es die jugendlichen Götter des Olymp, Hermes, Apollo und Dionysos, unter deren Erscheinungsform der vergötterte Jüngling vorgestellt wurde. An seinem Typus ist daher nichts original, als die Grundzüge seines Porträts. Schon deshalb hat der überschwänglichen Bewunderung Winckelmanns, welche schon Levetzow nicht teilte, die neuere Kritik ein fast zu geringschätziges Urteil entgegengesetzt. Selbst der gepriesenen Büste von Mondragone ist der höhere künstlerische Geist abgesprochen worden. Overbeck II, 445. Indeß die Antinousgestalt ist ein wirkliches Ideal jugendlicher Schönheit, welches die Kunst aus dem Leben ihrer eigenen Zeit geschöpft hat. Da sich von anderen Bildwerken, die man der Epoche Hadrians zuschreibt, fast nur Porträts mit einiger Sicherheit als ihr zugehörig bezeichnen lassen, so sind die Antinousbilder die einzigen authentischen Zeugnisse von dem, was die hadrianische Zeit in der idealen Plastik hat leisten können. Wenn man nun nach der Auffindung echter Meisterwerke aus der Kunstblüte Griechenlands, wie der Parthenonsculpturen und des Hermes von Olympia, den Wert der Antinousfiguren auf ein bescheidenes Maß herabsetzen muß, so beweisen sie doch, daß die Zeit, welche sie schuf, noch immer im Besitze war nicht nur einer hohen Meisterschaft der Technik, sondern auch einer noch antiken Empfindung und Anschauung der Form. Zum mindesten wird der Antinoustypus als eine letzte künstlerische That des Altertums und der wenn auch matte Schluß der griechischen Idealkunst zu betrachten sein. Zweiundzwanzigstes Capitel. Architectur. Großartiger Bürgersinn der Städte. Baulust Hadrians. Antinoe. Straße nach Berenike. Andre Bauten in Aegypten. Der Tempel in Cyzikus. Die größte Leidenschaft Hadrians war das Bauen. Er überbot darin vielleicht jeden bekannten Herrscher der Geschichte, und sein Baugebiet war das römische Reich. Noch mit mehr Recht als seinen Vorgänger Trajan hätte man ihn den »Erbauer der Welt« nennen können Orbem terrarum aedificans sagt von Trajan Eutrop. VIII, 4 . . Aber nicht der Kaiser allein, sondern Provinzen und Städte waren von derselben Leidenschaft ergriffen. In dieser friedlichen Epoche hatte sich der Kunstsinn der Städte hoch entwickelt, und der Patriotismus der Bürger suchte den Ruhm der Vergangenheit durch neue Monumente zu mehren. Besonders zeichneten sich die Städte des griechischen Asiens, die reichsten in jener Zeit, durch aufopfernde Vaterlandsliebe aus. Auch in Italien, Gallien und Spanien lebte ein ähnlicher, großartiger Bürgersinn; die Communen wetteiferten mit einander in der Errichtung privater und öffentlicher Bauten, wie einst die Republiken Griechenlands in ihrer besten Zeit oder wie später im Mittelalter die Städte Italiens. Reiche Bürger statteten ihre Heimatsorte mit schönen Werken aus, oder sie machten ihnen Geschenke zu diesem Zweck. Erst seit Nerva und Trajan hatten die Städte das Recht erlangt, Erbschaften durch Fideicommiß anzunehmen, und dieses wichtige Recht verlieh ihnen unumschränkt ein Senatsconsult Hadrians. Ulp., Fragm. 34, 28. Daraus floß für sie eine neue Quelle öffentlicher Einnahmen, da es Ehrensache wurde, für patriotische Zwecke Summen testamentarisch anzusetzen. Inschriften und andere Zeugnisse liefern schon vor Hadrian zahlreiche Beweise sowol von den Reichtümern als von dem für uns kaum noch begreiflichen Patriotismus in allen Provinzen des Reichs. Ein Consul zur Zeit Trajans schenkte der Stadt Tarquinii mehr als drei Millionen Sesterzien zu Bauten, und sein Sohn vergrößerte diese Summe. Ein Bürger schenkte seiner Vaterstadt Laodicea zu gleichem Zweck 2000 Talente. In Neapel verwendeten zwei Brüder Stertinius ihr Vermögen zur Ausschmückung dieser Stadt, und in Massilia baute der Arzt Krinos die Stadtmauern auf seine Kosten. Eine Priesterin zu Calama in Numidien gab 400,000 Sesterzien zum Bau eines Theaters her, und Numidia Quadratilla baute in Casinum ein Amphitheater und einen Tempel. Privatpersonen errichteten die großen Säulenhallen in der Wunderstadt Palmyra, und griechische Sophisten bauten in Smyrna, Pergamon, Kotyäum, Antiochia, Ephesus und andern Städten Portiken, Bäder und Theater. Ich sah in Ephesus die Linien der von Wood aufgefundenen Halle, welche der Sophist Damianus vom Tempel der Diana nach der Stadt geführt hatte. Ein einziger Sophist, Herodes Atticus, konnte sogar mit Hadrian wetteifern, indem er Athen und manche andere Stadt mit prachtvollen Werken schmückte. Von dieser privaten Bauthätigkeit Duruy V, 138 f.; Friedländer III im Abschnitt Architectur. Wo es große Unternehmungen galt, mußten die betreffenden Provinzen die Mittel aufbringen. Unter Trajan trugen die Kosten der großen Brücke über den Tagus zu Alcantara elf Städte Lusitaniens. Bisweilen beschwerten sich die Provinzen über die zu drückende Beisteuer zu öffentlichen Bauten, und diese durften nicht ohne kaiserliche Erlaubniß unternommen werden. Dig. L. 10, 3. Hadrian hatte Herodes Atticus zum Corrector der Städte Asiens gemacht und ihm den Bau einer Wasserleitung in Troas erlaubt zum Kostenanschlage von 3 Millionen Denare; der kühne Sophist verbaute 7 Millionen, worauf sich die Provinz beklagte, daß ihre ganze Steuerkraft verschlungen werde. Marquardt, R. St. II, 296. Aber die Liberalität des Kaisers war auch in solchen Fällen zur Beihilfe bereit; so lehrt eine Inschrift, daß Hadrian den größten Teil der Kosten zum Bau der Straße von Benevent nach Aeclanum getragen hat. Von 1,716,000 Sesterz. zahlten die anwohnenden Possessoren nur 569,000. Mommsen, I. R. N. 628 f. Dyrrhachium beschenkte er mit einer Wasserleitung, welche später Alexander Severus herstellte. C. I. L. III, 709, bei Dürr Anh., n. 85 . Für das Gymnasium in Smyrna gab er eine so große Summe her, daß dies Werk dann durch Sammlung anderer Beiträge zu Stande kam. χιλιὰς μυριάδας C. I. G . 3148. Gesellschaften bildeten sich, welche Capitalien zusammenlegten, und große Bauten wurden an Unternehmer in Concurrenz ausgeboten. Unermeßliche Impulse des Wetteifers in der Errichtung von Monumenten der Architektur gingen von Hadrian nach allen Provinzen des Reiches aus. Besaßen wir den vollständigen Katalog der Bauwerke, die er aus eigener Liberalität entstehen ließ, so würde uns ihre Menge märchenhaft erscheinen. Denn in allen Weltteilen, die er durchwanderte, hat er Tempel, Gymnasien, Wasserleitungen, Straßen als Denkmäler seiner Reisen zurückgelassen. Ejus itinerum monumenta videas per plurimas Asiae atque Europae urbes, Fronto princip. hist. , S. 244. Er führte stets Architecten und Ingenieure mit sich und ein Heer von Bauhandwerkern, welches militärisch eingeteilt war. Aurel. Victor, Epit. 14. Zunächst waren es ganze Städte, die er zum Teil oder völlig neu erbaute. Mehrere nannten sich von ihm Aelia, Aeliopolis, Hadriana oder Hadrianopolis. Solche gab es in Thracien, in Bithynien und Lycien, in Macedonien, in Illyrien, in der Cyrenaica, in Aegypten, in Pontus, Syrien, Paphlagonien und Karien. Ziegelinschriften weisen eine unbekannte Stadt Hadrians Manpsus auf, Ephem. Epigraph , zu C. I. L. IV, S. 332. Spartian sagt: da er bei seinen Werken Titel nicht liebte, nannte er viele Städte Hadrianopolis, wie Karthago und einen Teil Athens. Die Benennungen für diese beiden waren nur vorübergehend, aber Jahrhunderte lang erhielt sich der Name Aelia für Jerusalem. Wunderlich sind bisweilen die Veranlassungen gewesen, welche Hadrian zum Bau von Städten nahm. In Mysien gründete er Hadrianotherä, um seiner Jagdliebe dort ein Denkmal zu setzen, wo er einen Eber getödtet hatte. Spart, c. 20; Dio 69, 10. Wir haben von dieser Stadt eine Antinousmünze, worauf sie als Wappen ein Eberhaupt führt. Eckhel VI, 530. Dem Antinous zu Ehren baute er Antinoopolis oder Antinoe, in der Heptanomis an der Stelle der kleinen Stadt des Gottes Besa auf der östlichen Seite des Nil. Ptolemäus erwähnt ihrer als der Metropolis eines eigenen Nomus Antinoitis, wozu sie also von Hadrian gemacht sein mußte. Ihr gegenüber lag Hermupolis. Ptolem. 107; Mannert X, 1, S. 395. Die Stadt Abydus enthielt ein Orakel des Besa. Ammian. Marcell. XIX, 12, S. 539. Antinoe war als eine wesentlich hellenische Stadt nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Stil erbaut worden. Letronne, Inscr. de l'Egypte I, 171; Hirt, Gesch. d. Baukunst der Alten II, 383. Sie hatte die regelmäßige Form eines länglichen Vierecks, welches eine Hauptstraße durchschnitt. Am Nordende derselben will man Ruinen des Mausoleum des Antinous erkennen, am Südende steht noch der Rest eines Prachttempels mit einem großen korinthischen Porticus. Säulenhallen zogen sich längs den Straßen hin, von denen drei die Stadt in ihrer Breite durchschnitten. Am Nilhafen erhob sich ein Triumfbogen mit drei Toren auf korinthischen Säulen, Reiterstatuen standen zu den Seiten. Der Aufwand von Säulen in Antinoopolis muß erstaunlich groß gewesen sein. Da, wo sich die Hauptstraßen kreuzten, erhoben sich Ehrensäulen, von denen später eine dem Alexander Severus und seiner Mutter geweiht wurde, wie die Inschrift des Piedestals besagt. Ruinen von Bädern, eines Circus und Gymnasium liegen außerhalb der Stadt, welche einen offenen und heiteren Charakter gehabt haben muß. Hadrian zeichnete Antinoe auch dadurch aus, daß er ihr eine griechische Gemeindeverfassung verlieh. In ihr allein wird unter den griechischen Städten Aegyptens ein Senat bemerkt. Um ihr auch durch Handel und Verkehr eine Zukunft zu schaffen, ließ er eine mit Brunnen, Wachttürmen und Stationen versehene Straße nach Berenike bauen. Da Plinius die Straße von Koptos nach Berenike beschrieben hat, so scheint die neue hadrianische nach dem nächsten Hafen, etwa nach Myos Hormos geführt zu haben und dann längs des roten Meeres nach Berenike fortgegangen zu sein. Mariette entdeckte zu Sheikh Abad, dem alten Antinoe, eine hadrian. Inschrift vom 25. Febr. 137, welche diese Straße bezeugt; E. Miller, Rev. Archeol. N. S. XXI , 1870, S. 314. Hadrian verschönerte selbst noch das an Monumenten reiche Alexandria. Alexandrinische Münzen zeigen einen Tempel mit den Gestalten des Serapis und des Kaisers und dem Wort Adrianon. Es gab also auch in Alexandria ein Hadrianeion, welches später in ein Gymnasium und dann in eine christliche Kirche verwandelt wurde. Greppo S. 222 nach Epiphan. Haeres. XIX, 2. op. I, 728 . Man hat Kaisercartouchen Hadrians auf Tempelresten zu Denderah, Esneh und Medinet Habu gefunden, woraus man schließen darf, daß er dort sogar im herkömmlichen ägyptischen Stil gebaut hat, wie vor ihm die Ptolemäer. Champollion, Lettres écrites d'Egypte , S. 92; bei Greppo S. 221. Auch an den berühmten Porphyrbrüchen bei Djebel Dokham hat man in den Ruinen einer befestigten Stadt und eines nicht vollendeten Tempels griechische Inschriften aus der Zeit Hadrians gefunden. Letronne, inscr. d'Egypte I, 418. Da sich der Kaiser die Gelegenheit zu Bauten meist auf seinen Reisen nahm, so darf man nur diesen folgen, um seine Denkmäler aufzusuchen. Wenn man Rom ausnimmt, so scheint er für die westlichen Provinzen des Reichs weniger gethan zu haben als für die östlichen. Der Grund liegt vielleicht darin, daß der Orient durch seine herrlichen und berühmten Städte ihn mehr reizte, Monumente seiner Regierung dort zurückzulassen. Eine große Menge von Tempeln baute er in Asien, und vielen gab er keine Bestimmung. Sie wurden deshalb noch in späteren Zeiten einfach Hadrianstempel genannt. Spart, c. 13. Solche götterlose Tempel sind von dem eiteln Kaiser wol für seinen eigenen Cultus ausersehn gewesen. Zu ihnen gehörte auch der Tempel zu Cyzikus, welcher so prächtig war, daß er den sieben Wunderwerken beigezählt wurde. Erst Marc Aurel hat ihn im Jahre 167 seinem Vorgänger Hadrian geweiht und vielleicht auch vollendet. Seine Säulen, Monolithe, vier Ellen dick und fünfzig Ellen hoch, leuchteten von der Höhe über der Propontis gleich einem Pharus. Aristides hat den Tempel in seiner Einweihungsrede verherrlicht und ihn den schönsten genannt, welchen Menschen gesehen haben. Noch dauern seine Reste. Aristid. I, 382 sagt nicht, von wem er gebaut war. Cedrenus S. 437; Malalas S. 279, das Chron. paschale 254 schreiben ihn Hadrian zu. Malalas behauptet, daß er auf dem Dach seine Statue mit einer Inschrift aufstellen ließ, und setzt hinzu ύπερ εστὶν έως τη̃ς νυ̃ν. Die hadr. Münzen von Cyzikus haben nicht das Abbild des Tempels, dagegen hat ihn eine des Antoninus Pius, Mionnet II, 540 . Ueber diesen Tempel und seine Ruinen Perrot et Guillaume, Le temple d'Adrien à Cyzique , und Explorat. archéol. de Galatie etc. Siehe auch Marquardt, Cyzikus und sein Gebiet, S. 131. Mit Theatern, Bädern, Gymnasien und Wasserleitungen bereicherte Hadrian viele Städte in Griechenland und Asien. Jerusalem gründete er neu; Stratonikea, Nikäa und Nikomedia stellte er wieder her. Stratonikea war eine Neugründung Hadrians zu nennen; sie nannte sich Adrianopolis. Stephan. Byzanz. zu dieser Stadt. Der Stadt Smyrna schenke er an einem Tage eine Million; davon baute sie einen Getreidemarkt, ein Gymnasium, welches an Schönheit alle andern Asiens übertraf und ihm selbst einen Tempel auf dem Vorgebirge. In Ephesus baute er einen Tempel dem Genius Roms, der ja auch sein eigener war; in Alexandria Troas eine Wasserleitung, in Trapezunt einen Hafen. Dreiundzwanzigstes Capitel. Bauten Hadrians in Athen und andern Städten Griechenlands. Bauten des Herodes Atticus. Für kein anderes Land hat Hadrian seine Vorliebe so glänzend bethätigt als für Hellas, und hier ganz besonders für Athen. Es gibt kein stärkeres Zeugniß von der allgemeinen Liebe, welche diese Stadt genoß, als die Reihe fremder Herrscher, die sie noch lange nach dem Untergange ihrer Freiheit voll Pietät wie ein Götterbild verehrt und geschmückt haben. Antigonus und Demetrius, Ptolemäus Philadelphus, Attalus und Eumenes von Pergamon, Antiochus Epiphanes, Cäsar, Augustus und Agrippa, selbst der Judenkönig Herodes, alle beschenkten die Stadt des Solon und Perikles mit Wolthaten und zierten sie mit Prachtgebäuden. Ihre Reihe bei Wachsmuth. Die Stadt Athen, I, 602 f. Noch unter Trajan setzten diese Reihe fürstlicher Mäcene in Athen die Nachkommen des Antiochus IV. fort, des letzten Königs von Kommagene. Ihr Familiengrab, das sogenannte Denkmal des Philopappos, krönt noch zum Teil erhalten den Gipfel des Museion-Hügels. Der letzte Glanz Athens ist an den Namen Hadrians und der Antonine geknüpft. Jener baute dort soviel, als wollte er in Athen wohnen, und vielleicht würde er diese Stadt zu seiner Residenz gemacht haben, wenn die Pflichten gegen Rom ihm das erlaubt hätten. Er verschönerte und erneuerte sie. Er baute dort einen Tempel des Zeus Panhellenios und der Hera, sodann ein Pantheon, wol nach dem Muster des römischen. An diesem Prachtbau rühmte Pausanias die 120 Säulen von phrygischem Marmor, ans welchem auch die Wände an den Hallen bestanden. Er baute ferner ein schönes Gymnasium mit 100 Säulen aus lybischem Stein und eine Bibliothek. Diese muß ein besonders herrliches Bauwerk gewesen sein, mit vergoldetem Dach und reich geschmückt mit Statuen und Gemälden. So sah sie Pausanias. I, 18, 9. Aristides, Panath. I, 306 ( Dindorf ) nennt die Bibliothek βιβλίων ταμει̃α, οι̃α ουχ ετέρωθι γη̃ς φανερω̃ς καὶ μάλα τω̃ν ’Αθηνω̃ν κόσμος οικει̃ος. Bibliotheca miri operis, Chron. Euseb. ed. Schöne II, 167 . Eine Inschrift im Pantheon enthielt den Katalog aller Bauten Hadrians in hellenischen und anderen Städten; Pausan. I, 5. 5. um so mehr ist der Verlust dieser Urkunde zu beklagen. Man sieht heute in der Nähe des Bazars und des Tores der Agora eine korinthische Stoa aus grauem Marmor und hält sie für Reste des hadrianischen Gymnasium. Dort haben wol überhaupt jene genannten Tempel einen ganzen Bezirk gebildet, aber mit Gewißheit ist ihre Stelle nicht zu bestimmen. Bursian, Geogr. von Griechenl. I, 291 f. Im Panhellenion ist wahrscheinlich Hadrian im Bilde des Zeus zugleich mit der Juno Sabina dargestellt gewesen. Der Akropolis, deren Tempel und Weihgeschenke die Felsenfläche in gedrängter Menge bedeuten, konnte Hadrian kaum noch etwas hinzufügen. Man glaubt, daß er die große Treppe aus weißem Marmor, die zu den Propyläen hinaufführte, neu eingerichtet hat. Dies schließt aus Münzen Beulé, Les Monnaies d'Athènes , S. 394 und l'Acropole d'Athènes , S. 129 f. Man schreibt ihm auch einen Umbau des Dionysostheaters zu. Dies ist aus der Einteilung des Zuschauerraumes in dreizehn Abschnitte geschlossen worden, entsprechend den dreizehn Phylen der hadrianischen Zeit, ferner aus Inschriften und dem Umstande, daß im Theater auch eine Bildsäule des Antinous gefunden worden ist. Rhusopulos, Archéol. Ephem. Athen 1862, S. 287; Wachsmuth, Stadt Athen I, 692. Das größte Werk Hadrians in Athen war der Tempel des olympischen Zeus. Den Bau diesem berührten Heiligtums hatte Pisistratus begonnen, aber nach der Vertreibung seines Hauses blieb er unvollendet, und erst Antiochus Epiphanes gab dem römischen Architecten Cossutius den Auftrag, den in Vergessenheit geratenen Tempel auszubauen. Auch er blieb unvollendet. Doch konnte Livius von ihm sagen, daß er einer von denen in der Welt sei, deren Anlage der Größe des Gottes würdig erscheine. Livius 41, 20. Das Olympieion ruhte lange Zeit. Es hatte das Schicksal mancher Dome des Mittelalters; denn auch die Absicht befreundeter Fürsten und Bundesgenossen Roms, den Tempel auf gemeinschaftliche Kosten auszubauen und dem Genius des Augustus zu weihen, wurde nicht durchgeführt. Sueton, Aug. c. 60. Hadrian fand den Tempel des Cossutius als ein Gebäude vor, welches an den Fronten je 10 und an beiden Seiten je 20 korinthische Säulen in Doppelreihen hatte. Vitruv. 3, 2. 7 . Hirt, Gesch. der Baukunst bei den Alten II, 151. Der Tempel war in Athen der einzige von der Art Hypaethros Decastylos . Daß er den Tempel wirklich vollendete, bezeugen Spartian, Dio und Philostrat, welcher sagt, das Olympieion sei nach 560 Jahren (was von Pisistratus bis auf Hadrian zu gering gerechnet ist) endlich fertig geworden, Hadrian habe dieses große und mühsame Werk der Zeiten eingeweiht und der Sophist Polemon die Festrede gehalten. Philostr. (Kayser), Vol. II , S. 44. Nach Pausanias hatte das Olympieion vier Stadien im Umkreis. Das Tempelgebäude war 173 Fuß breit und 359 Fuß lang und hatte einen Peristyl von 132 Säulen aus phrygischem Marmor, deren Durchmesser über der Basis 6½Fuß, deren Höhe etwa 60 Fuß betrug. Im Tempel ließ Hadrian einen goldelfenbeinernen Zeuscoloß aufstellen, welchem das olympische Meisterwerk des Phidias wahrscheinlich zum Vorbilde gedient hatte. Abbildung auf einer athen. Münze bei Beulé, S. 396. Pausanias sah daselbst auch zwei Statuen Hadrians aus thasischem, zwei andere aus ägyptischem Marmor, und Erzbilder, ihm von den Colonien errichtet, standen vor den Säulen. Ueberhaupt war der Peribolus von Statuen des Kaisers erfüllt, während die Stadt Athen ihm am Opisthodom einen Ehrencoloß aufgestellt hatte. Soviele langweilige Wiederholungen einer und derselben Gestalt in denselben Räumen waren nur das klägliche Zeugniß des Knechtssinnes der Hellenen gegen den allmächtigen Kaiser, ihren politischen Gott. Mit Statuen des einen Hadrian hatte man außerdem die Theater, Hallen und Straßen Athens erfüllt, denn Privatpersonen, Priester, Phylen und Vereine wetteiferten mit einander, ihrem »Wolthäter« zu huldigen. Die Reihe in I. A. n. 487 f. Pausanias sah ihn in der Stoa Basileios neben Konon und Timotheus als Zeus Eleutherios aufgestellt. I, 3, 2. In der Burg hatten der Areopag, der Rat der Fünfhundert und der Demos ihm zum Dank für »alle Wolthaten« eine Ehrenbildsäule errichtet. I. A. n. 465 . Die Namen der Bildhauer der Hadriansstatuen im Olympieion sind untergegangen bis auf zwei, Xenophanes des Chares Sohn, der die thasische, und Aulus Pantulejus des Cajus Sohn, welcher die milesische gefertigt hatte. I. A. n. 476, n. 480 , und Hirschfeld, Tituli statuarior. n. 159. 160 . Xenophanes wird in der Inschrift τεχνείτης genannt, Pantulejus ονδριαντόποιος und bezeichnet als ’Εφέσιος ο καὶ Μειλήσιος (εποίει). Weil im Tempel der Polias eine Erechtheusschlange verwahrt wurde, so wollte der Kaiser auf ähnliche Weise im Olympieion seinen Genius darstellen, und er ließ dort eine indische Schlange hineinsetzen – eine lächerliche Komödie, welche keinen Schritt weit von der Glykonschlange Alexanders entfernt war. In seiner unermeßlichen Eitelkeit scheute er sich nicht, sich als Mitgenosse des Zeus zu betrachten, denn ihm selbst war das Olympieion geweiht worden. Nur gingen denn doch weder sein Ehrgeiz, noch die gottlose Schmeichelei der Athener so weit, daß der Tempel einfach Hadrianeion genannt wurde. Ein gemeinschaftlicher Priester verrichtete in ihm den Dienst für die beiden Olympier, den Gott des Himmels und seinen kaiserlichen Affen. Von der Pracht des Tempels ist jetzt nichts mehr übrig als die Fundamente und fünfzehn noch aufrecht stehende Säulen. Diese Colosse wirken noch heute wie etwas durchaus Fremdartiges in Athen; sie scheinen eher nach Baalbek und Palmyra zu gehören, als in diese Musenstadt, wo trotz des ernsten dorischen Stils alles den Charakter des schönen Maßes und der Grazie getragen hat. Vielleicht gab es auch in dem damaligen Athen noch Menschen, die dem antiken Parthenon den Vorzug vor diesem riesigen Tempel gaben. In derselben Stunde, als der Sophist Polemon die Einweihungsrede des Olympieion hielt, betete vielleicht eine verachtete Christengemeinde in dem Hause ihres Bischofs an jenem Areopag, wo Paulus vor einigen 70 Jahren das Evangelium gepredigt hatte. Einige Jahrhunderte später haben die Christen Athens in dem verödeten Zeustempel dem Apostel Johannes eine Kapelle eingerichtet, und diese hat wahrscheinlich die Reste des Prachtbaues Hadrians vor dem gänzlichen Untergange bewahrt. Die Kapelle hieß σταὶς κολόνναις oder εις τὰς κολόννας von den Säulen des Tempels, an welchen sie angelehnt war. A. Mommsen, Athenae christianae; ecclesiae prope Ilissum sitae . Das Olympieion bildete den Mittelpunkt der hadrianischen Neustadt Athen, die sich vom Ostabhange der Akropolis nach dem Ilissos hinzog, und ihr war wol die dreizehnte Phyle Hadrianis zugeteilt. Der Kaiser scheute sich nicht, diese Neustadt Hadrianopolis zu nennen. Spart, c. 20: Novae Athenae heißt sie in der Inschrift der Wasserleitung; νέαι ’Αθη̃ναι ’Αδριαναί bei Stephan. Byz. sub v. Olympieion . Wachsmuth I, 688. Auf dem marmornen Ehrenbogen, welcher zu ihr und dem Tempelbezirk führte, liest man noch auf beiden Seiten nach Athen wie nach dem Olympieion hin folgende Trimeter: Dies ist Athen, die alte Stadt des Theseus; dies ist die Stadt des Hadrianus und nicht des Theseus. ΑΙ Δ ΕΙΣ ΑΔΡΙΑΝΟΥ ΚΟΥΧΙ ΘΗΣΕΩΣ ΠΟΛΙΣ ΑΙ Δ ΕΙΣ ΑΘΗΝΑΙ ΘΗΣΕΩΣ Η ΠΡΙΝ ΠΟΛΙΣ In den beiden Nischen des zweiten Stockwerks des Eingangstores sind ohne Zweifel die Statuen des Theseus und Hadrians aufgestellt gewesen. Forbiger, Hellas und Rom III, 210. Der Bogen ist fast ganz erhalten, und kein unbefangener Beschauer wird urteilen, daß dieses kleinliche Werk zur Größe des olympischen Tempels ein richtiges Verhältniß haben konnte. Die Hadriansstadt war übrigens nicht ummauert, vielmehr wurde die östliche Stadtmauer abgebrochen, als man die Neustadt anlegte. E. Burnouf, La ville et l'acropole d'Athènes aux diverses époques , S. 9. Ein Aquäduct versorgte sie und ihre Gartenanlagen mit Wasser, welches von Kephisia herkam und am Lykabettos in einem mit jonischen Säulen geschmückten Castell gesammelt war. Der Kaiser Antoninus Pius hat diese Wasserleitung im Jahre 140 vollendet. C. I. L. III, n. 549. Viele andere griechische Städte schmückte Hadrian mit öffentlichen Werken, die Pausanias in seiner Beschreibung der einzelnen Landschaften verzeichnet hat. Er baute in Korinth Bäder und einen Aquäduct, welcher das Wasser aus dem stymphalischen See in die Stadt führte; er ließ den Apollotempel zu Megara neu bauen, und die schmale, gefährliche Isthmusstraße nach dem Peloponnes, den Felsenweg des Skiron, durch riesige Unterbauten so erweitern, daß auf ihm Wagen einander ausweichen konnten. Im phokischen Abä errichtete er einen Tempel dem Apollo, eine Stoa zu Hyampolis; im Tempel der Juno zu Argos stiftete er einen mit Edelsteinen geschmückten Pfau von Gold. Viel that er des Antinous wegen für Mantinea. Er gab dieser Stadt ihren alten Namen wieder, denn dem macedonischen Könige Antigonus, dem Vater des Perseus zu Ehren war sie Antigoneia genannt worden. Er erneuerte dort den Tempel des Poseidon Hippios, indem er den ursprünglichen Bau von Holz mit einem neuen umgeben ließ. Dem Antinous erbaute er in Mantinea einen prächtigen Tempel, welcher dessen Statuen und Gemälde enthielt. Dem Epaminondas weihte er eine Grabstele mit selbstverfaßter Inschrift. Auch Eleusis, wo er die Mysterienweihe genommen hatte, zierte er ohne Zweifel mit Bauten, und wahrscheinlich stammte die Idee zu den großartigen Propyläen des Heiligtums der Demeter dort von ihm her. Es ist bezeichnend für diese kunstliebende Zeit, daß auch ein griechischer Privatmann mit Hadrian wetteifern konnte, nämlich Herodes Atticus. Pausanias bemerkt, was dieser reiche Sophist für Athen und andere Städte gethan hat. Es wollte wenig für ihn sagen, daß er im Tempel des isthmischen Poseidon vier vergoldete Pferde mit elfenbeinernen Hufen und zwei goldelfenbeinerne Tritonen, im Gymnasium zu Olympia zwei Bildsäulen der Demeter und Proserpina weihte. Er baute zu Athen dem Andenken an sein Weib Regilla zu Ehren ein prächtiges Odeum, dessen Reste römischen Stils noch erhalten sind. Er ließ das panathenaische Stadium über dem Ilissus mit penthelischem Marmor belegen. Zur Zeit des Pausanias war dasselbe noch ein Wunderwerk, und hatte auch an Größe wenig seines Gleichen, denn Hadrian ließ darin einmal tausend Thiere jagen. Herodes baute auch zu Delphi ein Stadium aus Marmor, ein Theater in Korinth, Bäder in Thermopylä, eine Wasserleitung in Olympia, eine andere zu Canisium in Italien, und eine prachtvolle Villa Triopium bei Rom an der Via Appia, wo heute das Tal Cafarelli liegt. Kein Wunder, daß auch diesem großartigen Menschen alle attischen Phylen Ehrenstatuen geweiht haben. Vierundzwanzigstes Capitel. Bauten Hadrians in Italien. Seine tiburtinische Villa. Italien scheint Hadrian, abgesehen von Rom und seiner Villa bei Tibur, weniger ausgezeichnet zu haben als die hellenischen Länder. Vielleicht geschah dies nur, weil er die meiste Zeit seiner Regierung auf Reisen zubrachte, oder weil die italienischen Städte für ihn keinen Reiz hatten. Auch fehlt es uns an Nachrichten, und auffallend sparsam sind hadrianische Inschriften in Italien. Doch hat ihn auch dieses Land als seinen Wiederhersteller gepriesen. Zwei Colonien scheint er besonders ausgezeichnet zu haben, Auximum (Osimo) und Mediolanum; die letzte legte sich den Namen Aelia bei. Col. Ael. Fel. Mediolanensis, Zumpt, Comm. Ep. 1, 108. Ehreninschriften auf Hadrian finden sich in Teano, Sorrent, Puteoli und in einem unbekannten Ort Forlanum. Mommsen, I. N. 2112. 3990; Greppo S. 59. Die Colonie Ostia rühmte von ihm, daß er sie mit aller Sorge und Liberalität erhalten und geehrt habe. C. I. L. VI, n. 972, a. 133. Wahrscheinlich hat er das dortige Theater gebaut, dessen Reste für hadrianisch gelten. Notizie degli scavi, Accad. d. Lincei , 1880, S. 469. Inschriften verzeichnen die Herstellung von Wegen, so der Cassia von Chiusi bis Florenz, der Via Augusta an der Trebia, und der Straße von Suessa. Greppo S. 57 f. In Falerii scheint er einen neuen Weg durch das Forum angelegt zu haben, Orelli 3314. Bei Lupia, dem alten Sybar und heutigen Lecce, baute er einen Hafen. Pausan., Eliac. VII, 19. Bei Gruttä am adriatischen Meer stellte er den Tempel der Dea Cupra oder etruscischen Juno wieder her. Gruter 1016, 2. Nach der Angabe des Spartian hat er sogar den fucinischen See trocken gelegt. Einen solchen Plan hatte Cäsar gefaßt, aber ebenso wenig ausgeführt als der Kaiser Claudius nach ihm; die Unternehmung Hadrians konnte nur eine Restauration des claudischen Emissars gewesen sein. Von Allem, was Hadrian in Italien geschaffen hat, ist die tiburtinische Villa sein großartigstes Denkmal gewesen, ohnegleichen in der Welt. Sie hat das goldene Haus des Nero verdunkelt. Die Trümmer dieses Sanssouci eines weltbeherrschenden Kunstenthusiasten bedecken jetzt noch einen Raum von zehn Millien Umfang, und sie gewähren den Anblick eines Irrgartens voll versunkener Kaiserpracht. Hadrian hat den Bau des Tiburtinum schon frühe begonnen und dann bis zu seinem Tode fortgesetzt. Eine dort gefundene Säule von Giallo antico trägt das zweite Consularjahr Hadrians (118); Bruzza marmi grezzi , S. 187, n.  221. Ziegelstempel der Mauern reichen von 123–137. Nibby, Contorni di Roma III, 651 . Nach Aurel. Vict. c.  14 baute er dort noch Paläste, als er die Regierung dem Aelius Verus übertragen hatte. Man darf zweifeln, ob die Stelle, die er dafür aussuchte, glücklich gewählt war. Die Römervillen in Tusculum und Frascati und über der Anioschlucht bei Tibur waren alle freier und schöner gelegen als diese Hadrians; doch brauchte er eben für sie einen großen Raum. Sie lag auf einer sanften Erhebung tief unter Tibur, wo der Blick auf der einen Seite durch die nahen Berge beschränkt wird, auf der andern aber Rom und sein majestätisches Gefilde bis zum Meer umfaßt. Zwei Bäche durchzogen diese Landschaft, und der nahe Anio bot seine Wasserfälle. Von der lucanischen Brücke, in deren Nähe man den Haupteingang der Villa vermutet, erstreckten sich die wundervollen Anlagen stundenweit über Hügel und Täler fort. Die Villa hatte den Umfang einer Stadt, und sie besaß Alles, was eine solche schön und festlich macht; denn nur das Gemeine und Alltägliche fehlte dort. Blumengärten, Springbrunnen, Gebüsche, Säulenhallen, tiefschattige Corridors und kühle Kuppelsäle, Bäder und Naumachien, Basiliken, Bibliotheken, Theater und Circus und Göttertempel, von kostbarem Marmor stralend und mit Kunstwerken erfüllt, waren hier um das Kaiserschloß vereinigt. Der große Hofstaat, die Aufseher und ihre Sclavenschaaren, die Leibgarden, Schwärme von Künstlern, Sänger und Schauspieler, Hetären und vornehme Frauen, Tempelpriester, Gelehrte und Dichter, Freunde und Gäste Hadrians, kurz Tausende von Menschen bildeten die Bewohnerschaft der Villa, und dies Volk von Höflingen, Müßiggängern und Knechten hatte keinen anderen Zweck, als diesen, einen einzigen weltmüden Mann zu erheitern, seine Langweile mit dionysischen Festen zu maskiren, und ihm vorzuspiegeln, daß jeder Tag hier ein olympischer Feiertag sei. Hadrian versenkte sich dort in die Erinnerungen seines odysseischen Wanderlebens, denn diese Villa, nach seinen eigenen Zeichnungen entworfen, war Abbild und Spiegel des Liebsten und Schönsten, was er in der Welt bewundert hatte. Einzelne Teile trugen Namen von Bauwerken Athens. Es gab dort das Lyceum, die Akademie, das Prytaneum, die Pökile, selbst das vom Peneus durchflossene Tal Tempe, und sogar das Elysium und den Tartarus. Spart., Vita zu Ende. Ein Bezirk war den Wundern des Nil geweiht, und nach dem zaubervollen Lustort der Alexandriner Canopus genannt. Hier stand ein Nachbild des berühmten Serapistempels; auf einem Canal konnte man zu ihm im Schiff gelangen. Was sich Hadrian nicht in Rom erlaubte, durfte er in seiner Villa thun, nämlich seinem Antinous einen Cultus weihen. Aus einem Tempel der Villa stammen wol die schönsten Antinousfiguren. Ein Obelisk, nur 9 Meter hoch, verherrlichte in Hieroglyphenschrift den »Osirianer Antinous, den wahrheitredenden, den verkörperten Sohn der Schönheit«. Auf ihm war er vor dem Gotte Ammon Rha opfernd dargestellt. Wenn die Kaiserin Sabina noch die Aufrichtung des Obelisken erlebte, so mußte sie über die Inschrift erröten, welche versicherte, daß der Kaiser dies Denkmal der Pietät zugleich mit seiner Gemalin, der großen Königin und Herrscherin Aegyptens, die den Antinous geliebt, errichtet habe. Ungarellius, Interpret, obeliscor. urbis Romae , 1842, S. 172; Lepsius, Röm. Stadtb. III, 2, 604. Der Obelisk steht auf dem Pincio in Rom, wo ihn im Jahre 1822 der Papst aufstellen ließ. Elagabalus soll ihn aus der tiburt. Villa in das Amphitheatrum Castrense versetzt haben, und dort ist er im Schutt gefunden worden. Man darf glauben, daß der Cultus des Antinous den Einfluß Aegyptens auf die römische Kunst gesteigert hat. Man liebte es schon längst, in Villen und Häusern Fluß, Thier und Genrescenen jenes Landes zu besitzen. Die Wandmalereien Pompejis und viele Mosaiken, wie das berühmte von Palestrina und das im Museum Kircherianum befindliche beweisen das zur Genüge. Das erste wurde im J. 1638 in Palestrina gefunden, das andre auf dem Aventin 1858. Siehe Gazette Archéol. VI, 1880, S. 170 f., Mosaique du Musée Kircher , und Catalogo del Museo Kircheriano I , 265 f. Solche Mosaiken sind als Copien alexandrinischer Teppiche anzusehen. Nun aber hatte Hadrian nach seiner Villa Aegypten gleichsam hinübergepflanzt. Sphinxe und Götterbilder aus schwarzem Marmor und rotem Granit bildeten dort die Umgebung des Gottes Antinous, welcher selbst in glänzendem weißem Marmor als Osiris dargestellt war. Hieroglyphenschrift bedeckte die Tempel ägyptischen Stils. Auf den Wink des Kaisers konnten sich diese Haine, Täler und Säulenhöfe mit der Mythologie des Olymp beleben, Priesterprozessionen nach dem Canopus wallfahren, der Tartarus und das Elysium mit den Schatten Homers sich bevölkern, Bacchantenschwärme durch das Tempetal schweifen, Chorgesänge des Euripides im griechischen Theater ertönen und Flotten in der Naumachie die Xerxesschlacht wiederholen. Aber war all' dies mehr als ein bettelhafter Schein im Vergleich zu der Fülle und Majestät der wirklichen Welt, welche Hadrian durchwandert hatte? Der Kaiser würde am Ende all' diese prunkvollen Theatercoulissen hergegeben haben für einen Tropfen aus dem vollen Lebensstrom, für einen Augenblick am Bord des festlichen Nilschiffs, oder auf der Akropolis Athens, in Ilium, Smyrna und Damaskus, mitten unter dem Zujauchzen ihm huldigender Völker. Epiktet hätte die kaiserliche Spielerei mit einem Album von Weltwundern als Sentimentalität belächelt, und vielleicht ist die weltberühmte Villa Hadrians ein Zeugniß des in das Barocke verfallenen Geschmacks jener Zeit gewesen. Ihr Umfang war zu groß, um ein Tusculum der Musen zu sein. Sie war auch nicht zu Zwecken romantischer Einsiedelei angelegt, oder die Ruhebedürfnisse eines Kaisers aus der kosmopolitischen Epoche Roms konnten sich nur in solcher Ausdehnung von Majestät und Pracht befriedigen. Hadrian hätte über das Portal seiner Villa schreiben können: magna domus parva quies . Wenn das Tiburtinum beweist, wie nachhaltig die Eindrücke namentlich der hellenischen Welt im Geiste des großen Reisenden fortgewirkt haben, so kann diese unglaublich verschwenderische Anlage nur aus seiner Bauwut erklärt werden. Lustschlösser sind die am wenigsten rühmlichen Bauten der Fürsten, denn sie dienen nur ihrem flüchtigen Vergnügen, aber einem Herrscher wie Hadrian, welcher die Städte seines Reichs mit so vielen öffentlichen Werken ausgestattet hatte, konnte man mehr als einem Ludwig XIV. verzeihen, wenn er einmal an sich selber dachte. Wie oft er die Villa bewohnt hat, wissen wir nicht; sie war sein Lieblingssitz in seiner letzten Zeit, und dort hat er wol seine Memoiren dem Phlegon dictirt. Er besaß auch andere schöne Landhäuser, in Präneste und Antium. Philostr., Vita Apollon. 8, 20. In Bajä, nicht in der tiburtinischen Villa, ist er gestorben. Diese ist auch nach ihm, doch immer seltener von den Kaisern bewohnt worden, bis sie das Schicksal aller Lustschlösser erlitt. Constantin hat sie ohne Zweifel zuerst geplündert, um Marmor und Kunstwerke daraus nach Byzanz zu entführen. Zur Zeit der Gothenkriege stand sie noch als eine verödete Wunderwelt da; in ihr lagerten zuerst die Kriegsvölker Belisars, dann des Totila. Alt-Tivoli hießen ihre Ruinen im Mittelalter. Ihre Säulen und Marmorsteine wurden verschleppt, ihre Bildwerke zu Kalk verbrannt. Doch viele andere verhüllte der bergende Schutt, während Olivenhaine und Vignen darüber gepflanzt wurden. Die Erinnerung, daß diese zaubervolle Trümmerwildniß einst das Lustschloß Hadrians gewesen war, dauerte fort. Lange bevor man daselbst Ausgrabungen machte, hat der geistvolle Papst Pius II. diese Ruinen besucht und mit melancholischen Worten geschildert. Was er davon gesagt hat, darf man auch heute nur einfach wiederholen. »Etwa drei Millien außerhalb Tivoli hatte sich der Kaiser Hadrian eine prächtige Villa gebaut, so groß wie eine Stadt. Noch sind dort hohe und weite Tempelgewölbe erhalten, und noch sieht man halb zerstörte Höfe und Gemächer, und Reste von gewaltigen Säulenhallen und von Fischteichen und Fontänen, welche der Anio mit Wasser versorgte, um die Sommerglut zu kühlen. Alles hat die Zeit unförmlich gemacht. Epheu bedeckt jetzt die Mauern statt der Malereien und der goldgewirkten Tapeten. Brombeeren und Dornen wachsen auf den Sitzen der Männer in der Purpurtoga, und Schlangen hausen in den Schlafgemächern der Kaiserinnen. So fließt alles Irdische im Strom der Zeit dahin.« Pii II Comment. V, 138. Unter Alexander VI. grub man zuerst nach Altertümern im Tiburtinum; man fand Statuen der Musen und der Mnemosyne. Nibby, Contorni di Roma III, 656. Im 16. Jahrhundert machte zuerst Piero Ligorio einen Plan der Villa, dann beschrieb sie Re, und seit 1735 wurden jene Ausgrabungen unternommen, welche so zahlreiche Bildwerke an den Tag gebracht haben. Piranesi entwarf seinen großen Plan des Tiburtinum. Re delle antichità Tiburtine , Rom 1611. – Pianta della Villa Tiburtina di Adriano von P. Ligorio und Fr. Contini, in der letzten Ausgabe von 1751. Plan Piranesis, von 1786. – Ueber die Ausgrabungen im 18. Jahrh. Fea Miscellanea I, 143 f.; Fea, Uebersetz. Winckelmanns II, 379 f. Im Jahre 1871 ist die Villa Hadrians in den Besitz der italienischen Regierung übergegangen, und die Ausgrabungen werden fortgesetzt. Doch haben sie keinen großen Erfolg gehabt; Mosaikböden sind gefunden worden und eine schöne ganze Statue, welche einen Bacchus vorzustellen scheint. Der Bildhauer Tadolini, welcher dieselbe gegenwärtig (Frühjahr 1883) restaurirt und mir gezeigt hat, stellt sie an Wert sogar höher als den Antinous des Capitols. denn alles Wesentliche ist im 18. Jahrhundert aufgedeckt worden. Man hat damals die Villa so ausgeräumt, daß von ihrer überschwenglichen Marmorfülle wenig Reste mehr sichtbar sind. Hie und da sieht man noch Fußböden in Mosaik; die am besten erhaltenen bestehen aus kleinen weißen Steinen mit Zeichnungen in Schwarz. Man hat den Umfang der bloßgelegten Musivböden allein auf 5000 Quadratmeter berechnet, während die erstaunliche Mannigfaltigkeit der decorativen Motive an Säulen, Pilastern, Nischen und Wänden ein glänzendes Zeugniß für die Kunstentwicklung jener Zeit ist. Notizie degli Scavi ( Accad. d. Lincei ), 1883, S. 17. Der Umkreis der Villa bietet jetzt eine Masse teils riesiger, teils sehr kleinlicher Ruinen dar. Reste von Tempeln, die man willkürlich nach Apollo, Bacchus, Serapis, Pluto u. s. w. benennt, von Basiliken, Bädern und Theatern sind durch den weiten Bezirk zerstreut. Die Bestimmung einiger Gebäude ist noch kenntlich; die langen Reihen von Gewölben, die man cento camerelle nennt, bezeichnen das Quartier der Kaisergarden, welches wol 3000 Mann umfassen konnte; die hohen Mauern eines großartigen Porticus gelten für die Pökile. Seit 1873 sind blosgelegt die Poecile , die sogenannte Aula dei sette sapienti , das Becken des sogen. Teatro Marittimo , viele Säle, Corridore, Höfe, Nymphäen. Notizie degli Scavi , 1880, S. 479. Der Canopus erscheint heute als ein grünes Tal, an dessen Ende verfallene Gewölbe als Reste des Serapistempels betrachtet werden können, und das Tal Tempe ist als eine tiefe Senkung erkennbar, welche die Berge Tivolis begrenzen. Pökile, Tempe und Canopus sind die drei fast mit Sicherheit zu bestimmenden Anlagen; siehe L. Meyer, Tibur, eine röm. Studie, in Sammlg. wissenschaftl. Vorträge, Berlin 1883. Von den Theatern hat das sogenannte griechische die Scene noch so wol erhalten, daß es zur Zeit Winckelmanns, wo das Dionysostheater Athens noch verschüttet lag, den deutlichsten Begriff eines antiken Theaters überhaupt geben konnte. Winckelmann VI, 291. Der ehemalige Zweck vieler anderer Gebäude und Ruinen ist dunkel, und vergebens bemüht sich die Vorstellung, die Glieder dieser Zauberwelt zu einem übersichtlichen System wieder zu vereinigen, dessen Mittelpunkt die Wohnung des Kaisers gewesen sein mag. Fünfundzwanzigstes Capitel. Die Stadt Rom zur Zeit Hadrians. Römische Bauten des Kaisers. Vollendung des Forum Trajanum. Der Tempel der Venus und Roma. Das Grabmal Hadrians. Hadrian fand als Kaiser die Stadt Rom nicht nur in ihren wesentlichen Hauptcharakteren schon vollendet vor, sondern dieselbe hatte auch fast schon den Umfang erreicht, welchen später Aurelian durch die von ihm aufgeführten Mauern für immer festgestellt hat. Wenigstens gilt das von der Zeit Marc Aurels und des Commodus, welche um 175 eine Finanzlinie (die man heute etwa Burgfrieden nennen würde) für Rom durch lapides festsetzten, und diese Linie entsprach etwa den späteren Mauern Aurelians. De Rossi, Piante Icnografiche di Roma, c. VII, Limiti di finanza stabiliti da Marco Aurelio e da Commodo. Die Flavier hatten das Capitol glänzend erneuert, die palatinische Kaiserburg war von Domitian prachtvoll ausgebaut worden, das Forum Romanum hatte seinen monumentalen Abschluß erhalten, und von Augustus bis auf Trajan war auch das große System der neuen Kaiserfora vollendet worden. Auf den Trümmern des goldenen Hauses des Nero hatten Vespasian und Titus das Amphitheater und Thermen bis zum Esquilin hin gebaut, an welche sich die trajanischen auf den Carinen anschlossen. Der Circus Maximus war von Domitian neu gebaut und von Trajan vollendet worden; das Stadium Domitians, die heutige Navona, glänzte in seiner frischen Schönheit, und reihte sich dem Pantheon und den Bädern Agrippas und Neros an. Die Zahl der Aquäducte war von Trajan vermehrt worden. Mit der Baulust der Kaiser hatten die Großen und die Bürger gewetteifert; Paläste, Villen und Gartenanlagen bedeckten die Hügel und Täler Roms. Alle Künste hatten die wunderbare Stadt mit Schönheit geschmückt; das Höchste, was die Baukunst der Römer in ihrer Verbindung mit den Formen Griechenlands und bei ihrer Neigung zum Prunk und zu colossaler Größe leisten konnte, war schon in den Bauten der Flavier und Trajans erreicht worden. Zur Zeit der Antonine konnte ein geistreicher Betrachter, wie der Grieche Aristides, urteilen, daß die gesammte Erde nichts Rom Gleiches hervorgebracht habe. Die Erkenntniß, daß er die Werke seines Vorgängers Trajan in Rom nicht übertreffen könne, mußte hier die Schöpfungslust Hadrians mäßigen, und wenn es auch irrig ist zu glauben, daß er Rom nicht geliebt hat, so konnte ihn doch die lange Entfernung auf Reisen der Hauptstadt etwas entfremdet haben. Außerdem war die Zeit gekommen, wo Rom aufhörte, der alleinige Gegenstand des Ehrgeizes der Herrscher zu sein. So erklärt sich die Thatsache, daß der Baulustigste unter den Kaisern die Hauptstadt des Reiches nicht gerade mit vielen und außerordentlichen Denkmälern ausgestattet hat. Auffallend gering ist die Zahl der uns erhaltenen römischen Localinschriften, die sich auf hadrianische Bauten beziehen. C. I. L. VI, 1, n. 1240 Herstellung der ripae Tiberis und der Cloaken, a. 121; n. 976 Herstellung des Auguratorium (Palatin?), a. 136; n. 1233 Herstellung der Cippi des Pomerium, a. 121 . Da Hadrian keine Eroberungen gemacht hatte, konnte er nicht wie Claudius, Vespasian und Trajan das Pomerium erweitern, n. 973 Bau des pons Aelius, a. 133; n. 975 Ehreninschrift der Regionenvorsteher (von 5 Regionen erhalten) im Capitol, a. 136 . Sie läßt auf eine große Thätigkeit Hadrians für Rom schließen, n. 981 verstümmelte Inschrift einer unbestimmbaren Restitution. Immerhin sind es großartige Monumente, die er in Rom ausgeführt hat. Wenn man ihnen den Bau der ungeheuren Villa in Tibur zugesellt, so hat Hadrian eine nicht mindere Kunstthätigkeit in Rom hervorgerufen als Trajan. Zu manchen Bauwerken hat er selbst den Plan entworfen, und das hat kein Kaiser vor und nach ihm vermocht. Es ist sinnverwirrend, sich die Massen von Marmor vorzustellen, welche damals auf den Emporien des Tiber ausgeschifft worden sind. Kein Kaiser hat so viel köstliche Steine verbraucht, von Paros, von Scirus, von Luna, den phrygischen Marmor aus den Brüchen von Sinnada (Pavonazetto), den numidischen ( Giallo antico ), die Porphyre und Granite aus der Thebais, den karistischen Marmor vom Berge Ocha. Diese letzte Marmorart ( Cipollino ) wurde gerade in der hadrianischen Zeit häufig verwendet. Die größte Zahl der im Emporium gefundenen und mit Marken bezeichneten Massen dieser Gattung gehört ihr an. Sogar die Namen der kaiserlichen Aufseher dieser Brüche, der Sclaven Cerealis und Hymenäus haben sich erhalten. Bruzza, Iscr. dei marmi grezzi, Annal. d. Inst. 1870, S. 137 f. Eine Säule aus numid. Marmor, in der Villa zu Tibur gefunden, trägt das Consulatjahr Hadrians (118), ein Cipollinblock im Emporium den Consulat des Augurinus (132), die beiden Säulen von der Marmorata den Consulat des Aelius Cäsar und Balbinus (137). Wie jeder Kaiser, so hat auch Hadrian Monumente Roms hergestellt; dazu gehörten außer mehreren von Spartian nicht bezeichneten Tempeln die Septa, die Basilika des Neptun, das Forum des Augustus, das Pantheon, welches zur Zeit Trajans von einem Blitz beschädigt worden war, und die mit ihm zusammenhängenden Thermen Agrippas. Wahrscheinlich hat er auch das Innere des Pantheon verschönert. Spart, c. 19. In den Thermen Agrippas nach der Minerva hin hat man nur hadrianische Ziegelstempel gefunden vom J. 123. Stempel beweisen eine hadrian. Restauration des Pantheon zwischen 123 u. 127, in welche Zeit auch die der Septa und der Basilika des Neptun fällt. Notizie degli scavi ( Accad. dei Lincei ) 1881, S. 280. 283. Stempel hadrian. Zeit fand man im palatin. Stadium ( Notizie 1877, S. 201) und in dem neuausgegrabenen Häusercomplex am Forum. Einige Inschriften vom Forum Had. betreffend bei Jordan Sylloge Inscr. Fori Rom. ( Eph. ep. III ). Die Reihe seiner Neubauten begann Hadrian mit der Vollendung des trajanischen Forum; hier weihte er zuerst das Templum Divi Trajani, welches der Senat diesem Kaiser errichtet hatte. Es war der einzige Tempel, auf den Hadrian seinen Namen setzte; dann baute er die westliche Seite des Forum aus und schloß sie mit einem Triumfbogen. Auf derselben Seite erhob sich hinter der Colonna Trajana ein Prachttempel mit Säulenhallen von Granit; diesen hat der Senat dem Kaiser Hadrian selbst errichtet. Hadrianische Münzen (Eckhel VI, 509 f.) mit einem Tempel von 10 Säulen ( S. P. Q. R. Ex. S. C. ) beziehen sich darauf. Rom. Stadtb. III, 2, S. 107. Es ist die Stelle des Palasts Imperiali; dort wurde die Inschrift des großen Schuldenerlasses vom Anon. von Einsiedeln abgeschrieben. So war das System der Kaiserfora bis zum Anfange des Marsfeldes vorgeschoben worden, und deshalb hat Hadrian auch die dort nahe liegenden Septa und die Basilika Neptuns wieder hergestellt. Nach Nardini ed. Nibby III, 119 scheint das Templum (Basilica?) Neptuni an der Septa des Agrippa gelegen zu haben; der Porticus Neptuni war von ihm erbaut worden. – Auf dem Marsfelde ließ übrigens Hadrian ein Theater abbrechen, welches Trajan erbaut hatte. Spart. c. 9. Die Antonine haben sodann diese Bauten fortgesetzt, und ein neues Forum ist um die Säule Marc Aurels her errichtet worden. Nach Spartian baute Hadrian auch den Tempel der Bona Dea . Da ein Tempel der Bona Dea auf dem Aventin stand, hat ihn Hadrian vielleicht neu hergestellt. Nardini III, 279. Der Biograph hat das griechische Gymnasium oder Athenäum übersehen, dessen Stelle unbekannt ist. Das herrlichste Bauwerk Hadrians in Rom war der Doppeltempel der Venus und Roma an der Via sacra . Der Plan dazu war sein eigenes Werk. Der kaiserliche Dilettant wollte sich durch einen Monumentalbau ohne Gleichen verewigen, und in der That ist dieser Tempel der größte und prächtigste der Stadt gewesen. Welcher Architect ihn ausgeführt hat, ist unbekannt. Apollodorus ist es nicht gewesen, vielmehr hat eine Legende seinen Untergang gerade an jenes Bauwerk geknüpft. Dieser Syrer aus Damascus war das größeste Genie unter den Architecten des zweiten Jahrhunderts. Wir kennen nicht den ganzen Umfang seiner Schöpfungen, aber zu seiner Unsterblichkeit genügt die Thatsache, daß er für Trajan außer einem Odeum und Gymnasium das prachtvolle Forum und die Brücke über die Donau gebaut hatte. Ob Apollodor auch für Hadrian thätig war, ist zweifelhaft. Dio erzählt, daß ihm der Kaiser seinen Grundriß des Tempels der Venus und Roma vorgelegt, und der Baumeister ihm manche Fehler nachgewiesen habe; namentlich habe er die Größe der beiden Götterstatuen getadelt, weil sie das Dach abheben würden, wenn sie von ihren Sitzen aufständen – ein sinnloser Vorwurf, der auch den Zeuscoloß des Phidias in Olympia hätte treffen müssen. Auf Befehl Hadrians soll dann Apollodor erst verbannt, und endlich ums Leben gebracht worden sein. Dio 69, 4. Aber nichts bestätigt diese Sage; vielmehr hat Hadrian den großen Baumeister nicht nur zur Abfassung der Poliorketika aufgefordert, sondern ihm auch einen Coloß der Luna als Seitenstück zu jenem der Sonne aufgetragen. Aliud tale (simularum) Apollodoro architecto auctore facere molitus est, Spart, c. 19 . Von diesem Coloß ist nichts bekannt. Weder Spartian, noch Eutropius, noch Aurel. Victor haben ein Wort vom Tode Apollodors. Duruy IV, 395 hat die Sinnlosigkeit der Fabel gut nachgewiesen. Es ist freilich möglich, daß Apollodor von der Laune des Kaisers zu leiden hatte, und zu großen Bauten nicht mehr verwendet wurde. Seine glänzende Thätigkeit schloß mit Trajan, und sein Ende ist unbekannt. Man glaubt sein Bildniß auf dem Triumfbogen Constantins zu sehen, wohin es versetzt wurde, als der Baumeister desselben einen Trajansbogen seiner Reliefs beraubte, um damit jenen zu schmücken. Es stellt einen Mann in griechischer Kleidung dar, welcher dem Kaiser Trajan eine Zeichnung überreicht. Niebuhr, Vorträge über röm. Gesch. III, 221. Nach dem Plane Hadrians bestand der Prachtbau der Venus und Roma aus zwei gewaltigen unter einem Dach vereinigten Tempeln; denn die halbrunden Nischen der beiden Zellen stießen mit ihren Rückseiten aneinander. Prudentius in Symmachum I, 219: Delubrum Romae (colitur nam sanguine et ipsa More Deae, nomenque loci ceu numen habetur) Atque urbis, Venerisque pari se culmine tollunt, Templa, simul geminis adolentur tura deabus. Die Zellenräume waren von einem Tonnengewölbe bedeckt; bunter Marmor schmückte ihre inneren Wände, weißer von Paros die äußern. Die Fronte des Romatempels war dem Colosseum zugekehrt, die der Venus dem Forum, und zu jedem führten Marmortreppen empor; denn der gewaltige Bau erhob sich auf einer gemauerten Terrasse, welche noch erhalten ist. Zehn korinthische Säulen standen vor jeder Fronte, und je 20 vor den Langseiten. Ein Pronaos erstreckte sich gegen das Forum hin, und der ganze Bau war noch mit einer äußern Halle von Granitsäulen umschlossen. Ein Pseudodipteros decastylos , Adler S. 181; Hirt II, 371. Niebuhr in der Röm. Stadtb. III, 1, 299 f. mit Zusätzen von Bunsen. Bildwerke schmückten die Giebelfelder, Statuen die Nischen der Zellen, und Gemälde stellten wahrscheinlich die mythische Gründung Roms dar. In den beiden Tribunen waren hier die Colossalfigur der siegreichen Venus, dort des Genius Roms aufgestellt, beide sitzend und in kriegerischer Haltung. Die Venus trug auf der Rechten eine Victoria, in der Linken eine Lanze, die Roma den Globus und die Lanze. Eckhel VI, 510. So wurde die Roma auch später dargestellt: Bildsäule der Villa Medici. Siehe Reifferscheid in Ann. d. Inst. 1863, S. 363 f. Hadrianische Münzen Veneri Genitrici , Venus, die Victoria auf der Rechten, die Linke auf einem Schilde, worauf der fliehende Aeneas, Cohen II, n.  1444. 1446. Eine ähnliche im Bull. Comunale 1877, S. 78. Das COS IIII . ist ein Versehen. Ein Dach von vergoldeten Erzziegeln deckte beide Tempel. Das Bauwerk war durch seine Verbindung griechischer und römischer Formen merkwürdig; denn es vereinigte die rechtwinklige Tempelanlage mit dem Gewölbebau in der großartigsten Weise. Lübke, Gesch. der Architectur I, 200. Hadrian ließ den Marmorcoloß des Nero, ein Werk des Zenodorus, an den Anfang der Via sacra zwischen diesem Tempel und dem Amphitheater versetzen, wo noch das Postament erhalten ist. Das schwierige Unternehmen führte der Ingenieur Decrianus mit Hilfe von 24 Elefanten aus. Spartian bemerkt dabei, daß die gigantische Statue der Sonne geweiht wurde, nachdem ihr das Antlitz des Nero genommen war. Wahrscheinlich hatte dies schon Vespasian gethan, als er den Coloß nach dem Brande des neronischen Hauses ausbessern ließ. Hadrian hatte den Doppeltempel sowol dem Genius der Stadt als der Stammmutter des Cäsarenhauses geweiht, und das war eine wahrhaft römische Idee; sie stand wol auch in Beziehung zur Feier des von ihm neu eingerichteten Geburtsfestes der Stadt Rom, welche in seiner Zeit und vielleicht von ihm den Namen aeterna empfing. Später wurde der Tempel überhaupt templum Urbis genannt. Athenäus VIII, 361. Zwei hadrianische Münzen mit Urbs Roma Aeterna und Veneris Felicis bezieht Eckhel VI, 510 auf diesen Bau, obwol die erste einen Tempel von 6 Säulen zeigt. Aus zwei Münzen des Antoninus Romae Aeternae und Veneri Felici hat Niebuhr a. a. O. S. 301 gefolgert, daß Antoninus Pius den Tempel vollendet habe. Die Münze Antonins bei Cohen II, n. 767 Romae Aeternae zeigt eine Tempelfronte mit 10 Säulen und an den Giebeln Reliefs. Der Name Roma Aeterna stammt erst aus der Zeit Hadrians, Cohen II, n.  1299 f., n.  1303; Rom auf einem Küraß sitzend, mit der Rechten die Häupter der Sonne und des Mondes haltend, in der Linken eine Lanze. Die Bauten Hadrians sind nicht, wie die Trajans durch Münzen verewigt. Nach der Chron. Cassiodors ( ed. Mommsen) wurde der Tempel der Venus und Roma a.  136 gebaut, d. h. geweiht, und das nimmt auch Fea Varietà di Notizie S. 143 an. Nissen, Das Templum S. 202, bestreitet die Stelle im Athenäus VIII, 361, woraus man die Gründung am Palilienfest (21. April) geschlossen hat, und stimmt für die Floralien (28. April bis 3. Mai). Aber das Einfachere ist die Gründung an den Palilien. Siehe Preller, R. Mythol. II, 356. Er überstralte den capitolischen Jupiter, und den benachbarten Friedenstempel Vespasians, während selbst das flavische Amphitheater ihn nicht herabstimmen konnte. Zu derselben Zeit, als dieser Prachtbau und die Villa bei Tibur entstanden, erinnerte sich Hadrian, daß er sterblich sei, und er ließ sich sein Grabmal bauen. Er wählte dafür die Gärten der Domitia an der Triumfalstraße, die über die triumfalische Brücke nach der Stadt führte. Diesem vaticanischen Gebiet wollte er eine neue Gestalt geben. Er legte dort sogar einen Circus an, welchen er wol für die Festspiele zu Ehren seiner Göttlichkeit bestimmte. Die Gothen unter Vitiges haben sich noch in diesem Circus verschanzt, und seine Reste hinter dem Mausoleum blieben noch lange im Mittelalter sichtbar. Procop. de bell. Goth. II, 2, 1 spricht vom Circus, ohne noch seinen Namen zu kennen. Im Mittelalter hieß er theatrurn Neronis ; er ist auf dem Stadtplan des 13. Jahrh. und auf anderen Planen abgebildet. De Rossi, Piante icnograf. di Roma , S. 85. Die Reste des Circus nahe an der Engelsburg sahen noch Blondus und Fulvius; Nardini III, 363. So glorreich wie Trajan im Postament seiner Ehrensäule in der Mitte der Stadt Rom konnte Hadrian nicht ruhen, aber er wollte sich ein Grabmal bauen schöner als jenes des Augustus, dessen Gruftkammern schon überfüllt waren, bewundernswürdiger als das Mausoleum von Halikarnaß, und an Festigkeit sollte es den Pyramidengräbern der Pharaonen nicht nachstehen. In Wahrheit hat der eitle Kaiser ein Denkmal geschaffen, dessen Trümmer mit ihrem mittelalterlichen Ausbau noch heute einer der architectonischen Hauptcharaktere Roms sind, trotz der Nähe des Vaticans. Er hat lange Jahre an diesen Bau verwendet, den er ohne Zweifel selbst entworfen hatte. Daß schon im Jahre 123 daran gebaut wurde, haben Ziegelstempel mit ihrer Consularbezeichnung bewiesen. Bunsen, Röm. Stadtb. II, 1, S. 411. Das Mausoleum Hadrians, in mehreren Aufsätzen emporsteigend, mit Statuen geschmückt, von Marmorpracht stralend, muß einen herrlichen Anblick gewährt haben. Doch ist kein Abbild seiner Wirklichkeit auf uns gekommen, und die nach spärlichen Beschreibungen, zumal des Procopius, von Labacco, Piranesi, Hirt, Canina und Andern versuchte Wiederherstellung ist zum Teil phantastisch. Auf den mittelalterlichen Stadtplanen hat sich eine Form für das Mausoleum festgestellt, welcher eine dunkle Erinnerung zu Grunde liegt; es wird gezeichnet als ein Turm von zwei Aufsätzen über dem viereckigen Unterbau. Diese Gestalt hat das Grabmal auch auf den bronzenen Thüren des St. Peter, wo der Künstler Filarete den ersten Versuch seiner bildlichen Wiederherstellung gemacht hat. Der gigantische Bau ruhte auf einer mit Travertin bekleideten vierseitigen Basis von 15 Palm Höhe; sie ist noch im Wesentlichen erhalten, wenn auch halb verschüttet. Auf den Ecken dieses Sockels sollen vier Pferde von vergoldetem Erz gestanden haben. Ueber dem Unterbau erhob sich ein Rundturm, mit Marmorplatten bekleidet, von einer korinthischen Säulenhalle umgeben. Offenbar diente ihm als Muster das Grabmal der Cäcilia Metella mit seinem Friese von Stierschädeln und dem Architrav, unter welchem die Schilde mit den Inschriften der Todten angebracht waren. In dieser Halle wie auf der Platte des Turms, zu der eine Treppe emporführte, waren Werke plastischer Kunst aufgestellt, Bildsäulen von Rossen und Männern, wie Procopius sagt, von bewunderungswürdiger Arbeit, und dort soll auch die Figur Hadrians auf einer Quadriga gestanden haben, ein Werk von ungeheurer Größe. Proc. de bell. Goth. I, 22. Panvinius urbs Roma , S. 114. Winckelmann XII, c.  1, 290. Vom Portal des Mausoleum, welches eine eherne Thüre (die berühmte porta aenea des Mittelalters) schloß, führte ein gewölbter Gang, ähnlich wie in den Pyramiden Aegyptens, in einer Windung zur kaiserlichen Gruftkammer empor, und diese nahm die Mitte des großen Rundturmes ein. Sie ist viereckig, ans starken Quadern gebaut, die einst mit köstlichem Marmor bekleidet gewesen sind. Vier große Nischen nahmen dort Sarkophage auf, und auf die Bänke daneben konnten Aschenurnen gestellt werden. Ein Porphyrsarg in der Mitte umschloß die Reste des Kaisers. Ueber dem großen Rundbau scheint noch ein zweiter kleinerer in Tempelform mit Säulenhallen gestanden zu haben, und auch in ihm soll ein gewundener Gang zu einer zweiten Gruftkammer geführt haben. Bunsen a. a. O., S. 418. Welchen Abschluß die Kuppel dieses Tempels gehabt hat, ist unbekannt; die Meinung, daß sie mit dem großen Pinienapfel aus vergoldetem Metall gekrönt gewesen sei, welcher jetzt im Hofe des Belvedere steht, ist nicht begründet. Lacour-Gayet (Mélanges d'Arch. et d'Hist., Ecole française de Rome 1881, S. 312 f.) weist nach, daß die pigna nicht vom Mausoleum stammt, und bekräftigt die Ansicht mittelalterlicher Autoritäten, wonach sie die Kuppel des Pantheon gekrönt habe. Dies läßt sich freilich nicht beweisen. Das ursprüngliche Portal des Grabmals ist heute vermauert. Es war der älischen Tiberbrücke zugekehrt, die der Kaiser nicht weit von der triumfalischen erbaute, und diese wurde damals wahrscheinlich abgetragen. Die neue Brücke, auf sieben Bogen von Travertin ruhend und reich mit Statuen geschmückt, wurde schon im Jahre 134 fertig. Die Vollendung des Grabmals aber hat Hadrian nicht mehr erlebt. Es ist sogar ungewiß, ob er seine Gemalin Sabina und seinen Adoptivsohn Aelius Cäsar dort bestattet hat; vielleicht that dies erst sein Nachfolger Antoninus Pius, welcher die Asche des Kaisers aus Puteoli holen und im Mausoleum beisetzen ließ. Eine Inschrift bezeugt, daß er das Grabmal seinen Adoptiveltern Hadrian und Sabina im Jahre 139 geweiht hat. Siehe den ersten der Titel des Mausoleum, n. 984–995, C. I. L. VI, 1. Das prachtvolle Mausoleum war der Schlußstein des Lebens und der Thaten des Kaisers Hadrian. Es hat dann nach dem Untergange des Reichs in den finstern Jahrhunderten des Papsttums als Kerker, Burg und Festung Roms eine tragische Geschichte gehabt, wovon in den Chroniken der ewigen Stadt im Mittelalter zu lesen ist.