Ida von Hahn-Hahn Orientalische Briefe Inhalt: An meine Mutter 1. Aus Wien, an meine Mutter Allerlei Reisevorbereitungen. Baron Hügels Campagne zu Hietzing. 2. Aus Konstantinopel, an meine Mutter Reise durchs Schwarze Meer. Einfahrt in den Bosporus. 3. Aus Konstantinopel, an meine Mutter Lage und Eindruck der Stadt. Die Straßen. Die Gottesacker. Der Sultan. Die Kaiks. Die himmlischen Wasser (Göksu). Türkische Frauen. 4. Aus Konstantinopel, an meine Mutter Flüchtiger Besuch der Aja Sophia. Sultan Mahmuds Grabmal. Sta. Irene. Blick auf das Serai und den Palast von Tschiragan. 5. Aus Konstantinopel, an meine Schwester Die süßen Wasser. Die Armenier. Armenische Frauen. Der Kiosk des Großherrn zu Alibegkoi. 6. Aus Konstantinopel, an meinen Bruder Der Sklavenmarkt. Der Besestan. Die Kaffeehäuser und Bäder. 7. Aus Konstantinopel, an Gräfin Schönburg-Wechselburg Die tanzenden und singenden Derwische. Der Gottesacker von Scutari. 8. Aus Konstantinopel, an meine Mutter Die Moscheen Aja Sofia, Suleimanje, Achmedje, Osmanje. Fontänen. 9. Aus Konstantinopel, an meine Schwester Bújukderé. Der Leanderturm. Turm von Galata und des Seraskiers. 10. Aus Konstantinopel, an meinen Bruder Besuch im Harem von Rifát Pascha. 11. Aus Konstantinopel, an meinen Bruder Reichsbetrachtungen. Ritt zu den Wasserleitungen von Belgrad. 12. Aus Konstantinopel, an meine Mutter Der Palast von Tschiragan. Ramadan. Schlußbemerkung. Mein Firman. 13. Aus Smyrna, an meine Mutter Fahrt durch den Bosporus, den Propontis, die Dardanellen nach Smyrna. Ritt nach Burnabad. Die schönen Smyrniotinnen. Gang zur Schloßruine und durch die Stadt. 14. Aus Beirut, an meine Schwester Abfahrt von Smyrna. Rückblick auf Lydien. Meine Schiffsgesellschaft. Tschesme. Chios. Rhodos und seine alte Herrlichkeit. Zypern mit Larnaka. 15. Aus Beirut, an meine Mutter Die Ankunft. Der Libanon. Die Landschaft. Die Stadt. Die Häuser. Die Lebensmittel. Eine arabische Hochzeit. 16. Aus Damaskus, an Gräfin Schönburg-Wechselburg Reise über den Libanon nach Balbek und über den Antilibanon nach Damaskus. 17. Aus Damaskus, an meine Mutter Unser Einzug. Die schönen Häuser und die schönen Israelitinnen. Die Bazars. Die Minarette. Das alte Schloß. Ritt nach Salahieh. 18. Aus Damaskus, an meine Mutter Haus von Assad Pascha, und noch ein arabisches Haus mit neugierigem Harem. 19. Aus Beirut, an meine Schwester Rückreise von Damaskus. Die Mukeri. Ein Ruhetag. 20. Vom Karmel, an Schwester Zug nach Sidon (Saida). Emir Beschir. Lady Esther Stanhope. Nach Tyrus (Tur). Orientalische Reiseannehmlichkeit. Nach St. Jean d'Acre (Acca). Der kleine Beiram. Zum Kloster auf dem Karmel. 21. Vom Karmel, an meine Schwester Reise nach und von Nazareth. Unsicherheit des Weges. Die heiligen Stätten. Wie ich sie betrachte. 22. Aus Jerusalem, an meine Mutter Vier Tagesreisen. Abzug vom Karmel. Scheikh Nazir. Tantura. Die Morgen am Meer. Die Brunnen. Haram. Jaffa und seine Umgebung. Die Ebene von Saron. Ramla. Über das Gebirge von Judäa nach Jerusalem. 23. Aus Jerusalem, an Gräfin Schönburg-Wechselburg Die Via dolorosa. Gethsemane. Der Ölberg mit der Aussicht auf Stadt und Land. Bethanien. Die Moschee Sakhara.. 24. Aus Jerusalem, an meine Schwester Zug nach Jericho. Scheikh Abdallah und unsere Eskorte. Nachtlager bei Richa. Ein Beduinenlager. Leben und Freiheit der Beduinen. Der Jordan. Das Tote Meer. Das Kloster Mar Saba. Bethlehem und seine heiligen Stätten. 25. Aus Gaza, an meine Mutter Reise von Jerusalem über Ramla nach Gaza. Das Lager unter Palmen. 26. Aus el Arisch, an meine Mutter Aufbruch von Gaza. Sitz und Ritt auf Kamelen. Wüstenzug bis el Arisch. Quarantäne. 27. Aus Kairo, an meine Mutter Abreise von el Arisch. Die Ankunft im Nachtlager. Die Kameltreiber. Gedanken und Unterhaltungen in der Wüste. Dw Wüstenlandschaft. Katya Salahyeh. Der Schöpfungsmorgen. Abusabel Khankah. Anblick von und Ankunft in Kairo. 28. Aus Kairo, an Gräfin Schönburg-Wechselburg Erster Ausritt zum Nil. Die Insel Rouda. Der Nilmesser (Mekyas). Ibrahim Paschas Gärten. Blick auf die Pyramiden. 29. Aus Kairo, an meine Schwester Ritt nach Schubra. Besuch der Zitadellen. Blick auf den Nil; auf die Wüste; auf die Stadt; deren orientalischer Charakter. 30. Aus Kairo, an meine Mutter Die Gräber der Kalifen. 31. Aus Kairo, an meinen Bruder Ritt zu den Pyramiden von Gizeh. Besteigung des Cheops. 32. Aus Kairo, an meine Schwester Annehmlichkeit der Stadt. Üppige Vegetation. Gestüt von Schubra. Heliopolis und der Obelisk. Djebbel Achmar. Der versteinerte Wald. Die Kopten und ihre Kirche in Fostat. 33. Auf dem Nil, an meine Mutter Die Barke und ihre Einrichtung. Die Schiffer. Meine Unterhaltung. 34. Auf dem Nil, an meine Mutter Der Neujahrstag. Tentyris (Denderah). Cleopatra. Der Venustempel. Kurban-Beiram. 35. Auf dem Nil, an meine Mutter Assuan. Die Granitbrücke von Syene. Messid. Philä. Bidscha. Elfantine. 36. Auf dem Nil, an meinen Bruder Die ganze Nilreise von den großen Katarakten bis Kairo. 37. Aus Kairo, an Gräfin Schönburg-Wechselburg Die alten Monumente Nubiens und Ägyptens, Tempel, Gräber, Pyramiden. 38. Aus Kairo, an meine Mutter Häusliches Leben in Kairo. Ehen und Scheidungen. Die Brutöfen. Das Klima. 39. Aus Alexandrien, an meine Mutter Abermals eine Nilreise. Pestfälle. Die Obeliske. Die Pompejussäule. Vergangenheit der Stadt und modernes Ansehen. Eine englische Yacht. 40. Aus dem Piräus, an meine Mutter Reise von Alexandrien nach Syra, und von Syra ins Quarantäne-Lazarett vom Piräus. Aufenthalt daselbst. 41. Aus Triest an meine Mutter Eindruck den Athen, seine Menschen, Zustände und Monumente auf mich gemacht. Reise nach Triest. An meine Mutter Dresden, im Junius 1844 Meine liebe Herzensmutter, da sind nun meine sämtlichen Briefe beieinander, und ich bringe sie Dir jetzt alle, weil sie Dir das größte Vergnügen machen werden. Ferner bist Du so daran gewohnt, Nachsicht mit mir haben zu müssen, daß Dir die mannigfachen Unvollkommenheiten, Widersprüche und Inkonsequenzen, die untrennbar von einer solchen Briefsammlung sind, nicht störend auffallen werden, und dieser Gedanke ist mir sehr angenehm. Denn wenn ich auch bereit bin meinen Briefen tausend Unvollkommenheiten anzuerkennen, so muß ich doch die scheinbaren Widersprüche und Inkonsequenzen ein wenig in Schutz nehmen, weil sie wirklich nur scheinbar sind. Am Montag sah ich ein Ding von der Seite an, und schrieb es Dir; am Mittwoch betrachtete ich es von der anderen, und schrieb es Dir auch. Erklärungen, Ergänzungen, die Du auf der Stelle haben möchtest, findest Du vielleicht erst zehn Briefe weiter, – vielleicht gar nicht, wenn ich nicht wieder an den Gegenstand gedacht habe, was auf einer an fremden und neuen Eindrücken reichen Reise ziemlich natürlich ist. Wiederholungen kommen denn auch vor, z. B. spreche ich ein bißchen oft von den Sternen und von der Luft; aber die sind nun einmal meine Liebe und machen mich glücklich – Gnade für Sie! – Dafür, daß ich meinen Glauben, meine Ansicht, meine Meinung mit der vollkommensten Unbefangenheit, ohne Hehl und ohne Rücksicht bei jeder Gelegenheit ausspreche, bitte ich Dich nicht um Gnade; denn obwohl Du auf der weiten Gotteswelt die einzige Person bist, die mir imponiert, hast Du mich dennoch immer meine eigenen Wege gehen lassen, so fern und fremd sie den Deinen sein mögen, und mir eine selbständige Entwicklung gegönnt, deren Resultat mein Glaube und meine Meinungen sind. Wie ganz unter meiner Erwartung die Beschwerden, Gefahren, Drang- und Mühsale dieser Reise gewesen sind, kann ich Dir gar nicht genug wiederholen. Ich muß immer lachen, wenn man mich jetzt überall wie eine von den Toten Erstandene empfängt, mitleidvoll nach großen Fährlichkeiten fragt, die mir nicht wiederfahren sind, und den Mut bewundert, den ich nicht Gelegenheit gehabt habe, zu zeigen. Weder Unfälle, noch Störungen, noch Krankheiten haben uns getroffen; zuweilen Verdrießlichkeiten und Unbequemlichkeiten, nämlich träge Leute, Ungeziefer und die Kamelreiterei durch die Wüste, aber Verdrießlichkeiten gibt es überall. Furcht habe ich nicht einen Augenblick empfunden, und ebensowenig die momentane Desperation gekannt, die uns ausrufen läßt: »Hätte ich's doch nie unternommen!«. Bei der ganzen Sache ist nur Eines mir schwer geworden. zum Entschluß zur Reise zu kommen. Meine gute Gesundheit hat nur später Alles leicht gemacht; sie ist das Haupterfordernis. Die Wahl der guten Jahreszeit ist das zweite: Oktober und November für Syrien, zwischen Sommerhitze und dem Winterregen; und die Wintermonate für Ägypten, bevor Pest und Wüstenwind ( Chamsin ) ausbrechen. – Das muß ich denn aber doch sagen: wer das Reisen wie eine oberflächliche Zerstreuung betrachtet, der gehe nicht in den Orient. Vergnügungen bietet er nicht, nur Lehren und Offenbarungen. Das habe ich vorausgesetzt, sie gesucht und gefunden, und darum bin ich vollkommen mit meiner Reise zufrieden, nur freilich wieder in meiner Art und Weise: ohne Ekstase und Übertreibung. Herzensmutter, wenn Dir die Briefe ein Paar angenehme Stunden machten – wie froh wär' ich! Tausendmal küsse ich Deine Hand. 1. An meine Mutter Wien, August 22, 1843 Heute nur zwei Zeilen, Herzensmama, um Dir zu sagen, daß meine Abreise definitiv auf übermorgen früh um 5 Uhr angesetzt ist. Wundre Dich nicht, daß ich Dir aus dem schönen, reichen, fröhlichen, bunten Wien fast nichts sage als: ich bin angekommen und reise ab. Mein Hauptgedanke in diesen vierzehn Tagen war ja der an meine Abreise, und des Verkehrs mit Handwerkern und Kaufleuten war kein Ende, da man sich zu einer solchen Reise mit einer Menge von Notwendigkeiten versehen muß, die man am Libanon und bei den Pyramiden nicht findet. Ich spreche gar nicht von Luxus oder Bequemlichkeit sondern nur von Notwendigkeiten. Es ist aber wirklich keine kleine Plage so lange voraus bedenken zu müssen, ob man mit Schuhen und Handschuhen reichlich versorgt sein werde. Der Hauptzweck, weshalb ich hierher kam, um mir Briefe für den Orient zu sammeln, ist erfüllt. Im zivilisierten Europa, wo der Reisende alles findet, ja wo ihm angeboten und aufgedrungen wird, was er nur irgend bedarf, sind Empfehlungsbriefe fast immer unbequem, weil man durch sie in gegebene Beziehungen tritt, während man, besonders auf Reisen, die selbstgewählten vorzieht. Aber für den Orient stelle ich sie mir unerläßlich vor, weil man in den Fall kommen kann, nicht bloß Gastfreiheit sondern auch Schutz, Rat, Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Diesem Wunsche ist man hier mit der größten Freundlichkeit entgegen gekommen, und reich ausgestattet ziehe ich von dannen. Indessen habe ich doch nicht ganz wie mit verbundenen Augen in Wien gesessen. Ich war in Baden und in Vöslau; ich habe Strauß im Volksgarten und in Dommeiers Casino zwischen Illumination, Feuerwerk und Tausenden von Menschen gehört; ich habe die Theater besucht, und den St. Stephan bewundert; die Gemäldegalerien betrachtet und bei Dehne Abends Gefrorenes gegessen; – kurz, ich habe alles getan was der Fremde hier zu tun pflegt und es hat mir auch Vergnügen gemacht, nur freilich nicht so, als wie wenn Wien das Ziel meiner Reise gewesen wäre. Und doch sind das fast lauter Dinge, woran ich kaum unter Jahresfrist mich wieder erfreuen kann, und wonach ich vielleicht in den fremden Ländern Sehnsucht haben werde. Aber ich kenne sie, und was ich noch nicht kenne – grade das möchte ich kennenlernen; denn kennen ist wissen, und Wissen ist eine noch schönere Sache als die Freude über den St. Stephan, über die bacchantischen Jubelwalzer von Strauß und über die Venetianischen Meistergemälde im Belvedere. Allein ich kann nun einmal nicht anders als streben und immer streben, und daher geht mir der Drang zur Erkenntnis über das, was ich bereits erkannt habe. Bald nun werde ich wissen, wie der Orient sich im Auge einer Tochter des Okzidents abspiegelt. Und was ist denn leben anderes, als seine Kräfte gebrauchen und mit dem Leibe die Seele nähren? Was die wunderschöne Fabel vom Phönix erzählt daß er sich einen Scheiterhaufen baue aus dessen Flammen er verjüngt erstehe: paßt auf den Menschen, nur daß der nicht so selten als der Phönix ist. Der Abschnitt unsrer Existenz, welcher auf der Erde verläuft, ist ja im Grunde nichts als ein Scheiterhaufen, den wir mit Leib und Leben, mit himmlischen und irdischen Gaben nähren; aber freilich meistens ohne es zu wollen, bewußtlos, und erst wenn wir darüber nachdenken, fällt es uns ein, wie es ist. Ein Dasein, das sich nicht in dem Gebrauch seiner Kräfte üben und verzehren kann, darf man nicht mehr ein Leben nennen. Ich war in Schönbrunn, in dem schönen Garten, der alle Arten von Gärten in sich schließt. Feierlich und majestätisch ist er mit seinen unendlichen Hecken und Alleen bis zur Gloriette, wo man einen hübschen Aussichtspunkt hat; dann nimmt er einen ungenierten, freieren, parkähnlichen Charakter an. Ein lieblicher Pflanzengarten, in welchem die hölzernen Etiketten an Bäumen und Blumen nicht dominieren, schließt sich an ihn, und eine Menagerie mit ausländischen und wilden Tieren liegt ganz vertraulich zwischen den Promenaden. Ich habe nun gar keine Sympathie für diese Bestien. Man sagt immer: wie klug ist der Elefant, wie majestätisch der Löwe etc., und in der Freiheit mögen sie es sein; aber in der Haft finde ich sie nur unbehaglich, und den Elefanten wahrhaft scheußlich durch seine Unform. Aber ein Tier rührt mich ganz unsäglich, und das ist der Adler, denn er gibt im Käfig das schmerzlichste Bild von dem namenlosen Leid der Gefangenschaft. Unbeweglich sitzt er da, kein Federchen regt sich, er scheint sich versteinert zu haben gegen sein Schicksal; nichts lebt an ihm, als sein Auge, und das ist ein wunderschönes, menschenähnliches Auge, nicht kugelrund wie bei anderen Vögeln, sondern das obere Augenlid etwas herabgedrückt und dadurch mehr oval. Und mit diesem melancholischen, metallisch glänzenden Auge, worin sich der Ausdruck seines Lebens konzentriert, und das in rastloser Bewegung ist, blickt er nie die Menschen, seine Peiniger an, sondern immer in einen freien Raum. Man kann nicht sagen, daß er den Blick des Menschen vermeidet, nein, er bemerkt ihn nicht. Es ist als fühle er, daß ihre Blicke nicht geschaffen sind um sich zu begegnen. Nun, dieser Adler so majestätisch und poetisch in seiner Schwermut, wird in der Haft uralt, weit älter als in der Freiheit, und zwar deshalb – weil man ihn reichlich mit Nahrung versorgt, während es oft nur schmale Bissen in seinem Horst gibt. Aber ist diese Existenz ein Leben für den Adler? Ich meines Teils bin für die Freiheit, für schmale Kost und ein kurzes Leben. – – Gestern habe ich wie durch einen Zauberspiegel ein Stückchen Orient gesehen, und nicht etwa in einem Panorama oder auf dem Theater, liebe Mutter, sondern in der Wirklichkeit. Wir waren in Hietzing bei dem Baron Carl Hügel, der eine orientalische Reise im großen Stile gemacht hat, und nicht bloß in Ostindien – Syrien, Ägypten, Arabien ungerechnet – sondern auch in China, Neuholland und Neuseeland gewesen ist. Auf dieser sechsjährigen Reise hat er Sammlungen gemacht, von denen der Kaiser den größten Teil angekauft, und die ich bei meinem früheren Aufenthalt in Wien schon gesehen. Aber die Crême von allem hat er behalten und dadurch seine reizende Campagne zu etwas gemacht, desgleichen ich noch nie gesehen, und das auch nicht zu beschreiben ist. Es war dunkler Abend als wir vom Diner aufstanden und unter die offene Halle traten, die sich an der Gartenseite des Hauses hinzieht. Amerikanische Schlingpflanzen umranken ihre Pfeiler; große glühende tropische Blumen wiegen langsam ihre schönen Häupter in der Abendluft, Papageien in allen Größen, in allen Farben, sitzen träumerisch und traulich zwischen diesen Blüten in einer fremden Zone, die ihre Heimat ist; feiner starker Arom, den südlichen Pflanzen eigen, erfüllt die Atmosphäre; und die ganze duft- und farbenreiche Szenerie war in das magische Licht von großen zierlich bemalten chinesischen Lampen getaucht, die an den Bogen der Halle wie schimmernde Leuchtkugeln zwischen den grünen Ranken schwebten. Wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht war es; und doppelt feenhaft erschien es neben all dem Komfort europäischer Zivilisation und Bildung. Eine volle fremde wunder- und sagenreiche Welt ging in einigen Stunden, wie ein Traum, an dem erfreuten und staunenden Auge vorüber. Mit diesem anmutigen Eindruck entläßt mich Wien. Heute ist Schreibetag, morgen Packtag. Der ist trostlos! – Denn wenn ich mich auch nicht unmittelbar um das Einpacken bekümmere, so macht es sich doch auf unbehagliche Weise bemerkbar, indem ich allmählich in einem ausgeräumten Zimmer sitze und die Sachen unter meiner Hand verschwinden sehe, die ich gewohnt bin zu brauchen. Und nun, meine herzliebe Mutter, lebe tausend und abertausend Mal wohl, und sorge nicht um mich. Wer ungefährdet durch die Säulen des Herkules geschifft ist, wird auch wohl glücklich durch den Bosporus kommen, und schlechter als das Kattegatt ist das schwarze Meer auch nicht. Frisch an Leib und Geist trete ich die Reise an, und traue mir Kraft genug zu, um mir für die Zukunft einen Schatz von Erinnerungen gegen einige Mühsale und Beschwerden in der Gegenwart eintauschen zu können. Gott mit uns. 2. An meine Mutter Konstantinopel, September 7, 1843 Da bin ich! Herzensmama, da bin ich! Heute morgen um elf Uhr fiel unser Anker im goldenen Horn. Die volle Schönheit des Bosporus umgibt mich, und mir scheint als gebühre ihr der goldne Apfel. Jetzt in den stillen Mondabend hinaus zu schauen, das ist wie ein Traum, den eine freundliche Fee mir geschenkt haben könnte. Im bläulichen Duft schwimmen die weichen Kuppeln der Moscheen, die zarten Minarette, die stillen Zypressenhaine – alles was sich über die Täler erhebt und von den Hügeln abzeichnet; denn hier gibt es in der Stadt selbst Berg und Tal. Nacht schwebt über der Tiefe; aber sie wird erheitert durch die zahllose Menge von Lichtern, die aus all den winzig kleinen Häusern auftauchen, welche meinem europäischen Auge zwerghaft wie Kartenhäuser vorkommen. Aus dem Hafen tönt noch dumpfes Geräusch bis zu mir herauf, und ab und an bellt ein Hund. Letzteres gehört eigentlich nicht in den Zaubertraum, aber es gehört zu Konstantinopel. Nun bin ich da; das ist die Hauptsache. Hergekommen bin ich elend. Das ganze Schiff voll Türken, Juden und Wanzen! Eine charmante Reisegesellschaft, nicht wahr? und doch, die dritte Sorte der Passagiere abgerechnet, eine ganz unterhaltende; denn jetzt, liebe Mutter, sind nicht bloß die Kleider und Physiognomien neu, sondern die Sitten und Gebräuche sind's, und folglich sind es auch die Ideen – denn aus diesen entspringen jene. Das Verdeck unseres äußerst unsauberen und schlecht gehaltenen Dampfschiffes »Ferdinand«, das sich am vierten zu Mittag in Bewegung setzte, war fast ganz von jenen Reisenden eingenommen; indessen schied sie doch eine Schranke von dem geringen Raum des ersten Platzes. Diese Leute kamen mit Sack und Pack, suchten sich ihr Plätzchen, breiteten eine Matte aus; darüber einen Teppich oder eine Matratze, eine Decke dazu, zogen die Schuhe aus und kauerten sich nieder. Wassermelonen, ein Wassergefäß, Brot und Käse und die geliebte Tabakspfeife, kurz ihre ganze Haushaltung umgab sie, und da ein türkischer Kaffeewirt permanent in einer Kabine des »Ferdinand« residiert, so fehlte ihnen nichts zu ihrer Behaglichkeit, denn der Bewegung bedürfen sie nicht. Ihre Regungslosigkeit kam ihnen sehr zu statten, denn aufstehen konnten sie freilich, aber zu Promenaden gab es keinen Raum. Mir, ich gestehe es, ist diese Regungslosigkeit ganz unsäglich zuwider, sobald sie nicht aus einer Herrschaft der Intelligenz über den Körper entspringt. In Momenten tiefster geistiger Arbeit ist der Leib zuweilen wie paralysiert; das begreift sich. Aber Leute, denen die Welt der Ideen hermetisch verschlossen ist, erscheinen mir stupid und mitnichten würdevoll – wie man das so oft hört – Wenn sie wie Porzellanpuppen auf unseren Kaminen dasitzen und dampfen. Rauchen wäre doch eine selbsttätige Bewegung! wer eine Zigarre geschickt raucht, sieht gar nicht übel aus; er nimmt sie, er wirft sie fort, er ist nicht ihr Sklav, er raucht sie eben zu seinem Vergnügen; aber die hat man hier nicht, nur Pfeifen – Pfeifen so lang wie der Mann, mit ganz kleinen roten Tonköpfen und einem dicken Mundstück von Bernstein, das ihnen so plump wie eine Blase vor den Lippen liegt – Pfeifen, deren Köpfe auf kleinen Tellern vor dem Mann auf der Erde ruhen, so daß er hinter sie gebannt ist; denn wo soll er hin mit der ganzen Veranstaltung? – Kurz, Pfeifen die ihn zu einer Dampfmaschine machen. Ich bin überzeugt, daß das ewige Qualmen den türkischen Charakter deterioriert hat. Zum Stabilen mag er sich immer geneigt haben; der Tabak hat ihn stagnierend gemacht. Als er in den ernsten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts in Konstantinopel eingeführt wurde, verboten ihn die Sultane unter Androhung der härtesten Strafen. Umsonst! Der Gebrauch wucherte ins Unglaubliche. Nun ist der Türke ein Sklav seiner Pfeife, und dampfen ist das Geschäft, der Genuß, der Zweck seines Lebens. Da saß einer mit einem grünen Shawl um den Turban; nicht die Wimper verzog er, stundenlang! Die grüne Farbe durften sonst nur die tragen, welche zur Familie des Propheten gehörten, jetzt aber alle, welche die Pilgerfahrt nach Mekka gemacht haben. Das Gebet habe ich nur von einem Türken verrichten sehen, von dem Kaffeewirt. Er überschritt plötzlich die Schranken zum ersten Platz, weil da etwas freier Raum war, ließ die Pantoffeln stehen, stellte sich mit dem Gesicht nach Südost, Mekka zugewendet, und vollzog sein Gebet, bei dem ich die unglaubliche Geschmeidigkeit seiner Glieder sehr bewunderte. Denn es handelt sich hier nicht um einmaliges Niederknien; sondern nach vorschriftsmäßigen Pausen, die er durch stummes Gebet füllt, muß er auf beide Knie und beide Hände sinken und den Boden mit der Stirn berühren, und sich dann leicht und leise wieder erheben. Wie schwierig ist es diese Bewegung schnell und geschickt zu machen! Er machte es außerordentlich. Am Schluß des Gebets muß der Mohammedaner mit der Hand über das Antlitz fahren, damit aus demselben jeder Zug von Scheinheiligkeit verbannt werde; ist das nicht hübsch? und endlich eine Verbeugung gegen die beiden Engel machen, welche neben dem Betenden stehen. Mein Kaffeewirt tat es pünktlich. Aber die beiden Engel neben jedem Betenden sind doch ein liebliches Symbol, nicht wahr? – Auch das Morgengebet der Hebräer beobachtete ich, hauptsächlich bei einem Alten, der trotz seines schneeweißen Bartes entsetzlich unehrwürdig aussah. Eine schwarze Kapsel, die zehn Gebote enthaltend, befestigte er mit einem ledernen Riemen um sein greises Haupt, schlang das Ende desselben um die Finger der linken Hand, warf eine schwarz und weiß gestreifte wollene Decke über den Kopf, setzte eine Brille auf, und begann eifrig in einem Buch zu lesen, wobei er die Lippen schweigend aber heftig bewegte. Nach vollendetem Gebet, verwahrte er diese Dinge sorgfältig, nachdem er jedes andächtig geküßt. – Wenn man das so in der Nähe sieht, fragt man sich wie es möglich ist, sich um dieser Formen willen zu hassen oder zu verachten, da ja alle dem Grundgedanken entsprungen sind die Seele reiner und höher zu stimmen. Aber allerdings fragt man sich auch, ob denn eine Form besser sei als die andere. Kniet nicht der Katholik wie der Mohammedaner? Liest nicht der Protestant wie der Hebräer? Ist nicht die Kniebeugung wie Gebet- oder Gesangsbuch Ausdruck der nämlichen Andacht, dem nämlichen Gott zugewendet? Wir können wohl finden, daß eine Form mehr als die andre grade unserer eigentümlichen Innerlichkeit entspricht, und daher für uns die wahre ist, allein ob sie vor Gott die einzigwahre, ist doch wohl mehr wie zweifelhaft. Ich glaube, daß Reisen und Aufenthalt zwischen fremden Völkern der Orthodoxie nicht sehr förderlich sein mögen, und es ist dabei nur das unendlich traurig, daß immerfort die Orthodoxie, die Rechtgläubigkeit nach menschlichen Gesetzen, mit dem Glauben verwechselt wird, der eine Fähigkeit ist welche nicht vom Gesetz abhängt, sondern von Schwung und Richtung der Seele. Ein Türke war mit seiner Frau und zwei Kindern an Bord. Wenig Europäer würden solche Aufmerksamkeit für ihre Familie haben wie dieser Mann. Jeden Augenblick erhob er sich trotz seiner Pfeife, und sorgte für sie. Die Frau war in einen dunklen Mantel und einen weißen Schleier vermummt, denn es wäre ja entsetzlich unanständig vor fremden Männern das Gesicht zu zeigen! Da man aber keine Strümpfe trägt, und da die weiten Pantalons nur bis zur Hälfte des Beins höchstens herabreichen: so präsentiert sich dieses mit einer Unbefangenheit, die wiederum bei uns entsetzlich unanständig wäre. Wenn sie gehen, tragen die Türkinnen gelbe Pantoffeln; so wie sie sich setzen, ziehen sie sie aus. Gehen sie auf der Straße, so ziehen sie erst gelbe Männerstiefel und darüber die Pantoffeln an: beides von Saffian. Man kann sich aber vorstellen, was für plumpe Füße und welch ein ungeschickter Gang daraus entspringen. Mit dieser bunten Gesellschaft fuhren wir am vierten mittags endlich ab. Eine Stunde vor Gallacz macht die Einmündung des Sereth in die Donau die Grenze zwischen der Wallachei und der Moldau; eine Stunde nach Gallacz der Pruth die zwischen der Moldau und Bessarabien, so daß das linke Ufer sehr bald russisch war. Die Dörfer und die Militärposten sahen jetzt doch menschlich aus, aber die Ufer blieben morastig und schilfig, und hauptsächlich von Pelikanen und Fischreihern bewohnt. Um fünf Uhr hatte die Freude des Vorwärtskommens schon wieder ein Ende, bei Tultscha wurde geankert, damit die Einfahrt ins schwarze Meer bei Tage geschehen möge – der zahlreichen Sandbänke wegen. Jetzt überhüpfe ich zwei Tage. Wir hatten 24 Stunden Sturm, und Wellen und Regen überstürzten das Verdeck und die armen Türken so heftig, daß das Wasser in die unteren Räume hineintropfte. Es war gräßlich! Aber in der letzten Nacht hatten wir Ruhe, man wurde wieder gesund und munter, und heute früh um neun Uhr hatten wir das ungastliche schwarze Meer hinter uns, und liefen erwartungsvoll in den Bosporus ein. Der Bosporus! Das ist auch eine von den Lieblingsstätten der Weltgeschichte, wo sie in vergängliches Material unvergängliche Erinnerungen grabt. Hier zog Jason mit seinen Argonauten um das goldene Vlies in Colchis zu erobern, hier Gottfried von Bouillon mit seinen Kreuzfahrern um das heilige Grab zu befreien; hier Mohammed der Eroberer mit seinen kriegsbegierigen Scharen um den griechischen Kaiserthron durch den Halbmond zu vernichten. Eine Zauberin geleitete Jason, der alle Künste und alle Machte zu Gebot standen und doch nicht das eine Entscheidende: Medea wurde nicht geliebt. Ein Engel geleitete Gottfried, der ihm das Herz beschirmte und die Seele in Demut hielt, so daß er sich begnügte das Seine zu tun, das heilige Grab zu erobern, und nichts dafür zu wollen, als die Wonne des Bewußtseins. Ein finsterer Genius geleitete Mohammed, einer von denen wie sie an den Marksteinen der Epochen stehen: über die untergehende eine harte Geißel schwingend und der beginnenden ein ernstes Beispiel gebend – eine Lehre, welche übrigens die osmanische Epoche in Byzanz nicht verstanden hat. Und so walten und weben geheimnisvolle Mächte um alle ungewöhnlichen Erscheinungen in der Geschichte der Menschheit, und Heil der, von welcher der Engel nie wich. – Das waren bestimmte Gestalten und Zeiten, die mir von diesen Bergen, aus diesen Wassern entgegen traten. Außerdem – welch ein Gewühl! Heere, Flotten, Völker! Griechen und Perser, Genueser und Osmanen, alle im Kampf miteinander, alle ringend um die Güter des Lebens, um die Herrschaft der Welt, die Güter mit Blut befleckend und die Herrschaft mit Tyrannei, lange danach strebend, flüchtig sie genießend, – und dann hinabgezogen in den großen unwiderstehlichen Strudel der Vergänglichkeit, aus der hie und da nichts auftaucht als die Ruine eines Namens oder einer Tat. Aber diese Ruinen sind hier großartiger als die zu Palmyra oder Karnak sein können! Die ganze altgriechische Götterwelt ist hier gestürzt, grade hier wo sie ihre herrlichsten Tempel hatte, und von ihnen allen lebt nur noch Prometheus – doch in anderer Gestalt. Wo einst jene Tempel, Haine und Altäre prangten, ist jetzt Bergesöde: der Eintritt in den Bosporus ist sehr ernst. Fortifikationen, Leuchttürme, Ruinen alter Schlösser bezeichnen ihn. Orient und Okzident stehen sich beim ersten Schritt nicht friedlich und freundlich gegenüber. Sie scheinen sich zu messen, wer der Herr und Herrscher sein solle. Der Orient spricht: »Du wärest tot ohne mich! Das Prinzip alles Lebens: das Licht – der Keim jeder Gesittung: die Religionen gehen von mir aus, wie der Sonnenstrahl.« – Und der Okzident spricht: »Ich aber habe das Prinzip verarbeitet, den Keim zur Blüte gebracht. Du bist tot wie die Blume, welche dahinwelkt nachdem sie ihren Samen gestreut hat. Ich lebe, denn in mir ist Bewegung.« Allmählich gleicht die begütigende Natur die Feindseligkeit aus. Sie spricht: »O ihr Toren! Fiel nicht im Orient Ilion? Fiel nicht im Okzident Byzanz? Solchen Zeugen gegenüber streitet ihr euch um vergängliche Herrschaft! O ihr Toren, Gott allein ist der Herr und mir hat er seine allwaltende Macht eingehaucht.« – Und nun beginnt sie diese Macht in wundervoller Lieblichkeit zu entfalten, und eine Pracht der Bebaumung zu zeigen, die an einer südlichen Küste etwas ganz Einziges, und ohne Gleichen in Spanien, Sizilien, Italien ist. Bei Bujúkderé beginnt hauptsächlich diese grüne Herrlichkeit. In schweren, vollen Massen steigen Platanen, immergrüne Eichen, Pinien, Zypressen, auch Nuß- und Kastanienbäume von den Abhängen der Berge bis zu der blauen Flut hinab; – stehen in Gruppen auf einzelnen überragenden Höhen; – mischen sich in den Gärten mit Feigen- und Lorbeer-, mit Granaten- und Zitronenbäumen; – füllen die aufsteigenden Schluchten wie mit grünen Wellen; – und bringen eine Frische, einen Schatten, eine Ruhe in die Landschaft, die ein köstliches Gegengewicht bilden zu der bewegten Flut, welche im heißen Sonnenstrahl Flammen zu reverberieren scheint, und zu der zahllosen Menge von Dörfern, Ortschaften, Landhäusern, die sich ununterbrochen, immer größer, immer gedrängter bis Konstantinopel fortziehen. Dort hat der Glanz in der Spitze des Serais seinen Kulminationspunkt: eine Isola bella im großen Stil – im Stil des Orients. 3. An meine Mutter Konstantinopel, September 8, 1843 Ich warf gestern die Feder fort, herzliebe Mutter, obgleich ich Dir kein eigentliches Bild gegeben hatte. Es ist zu groß, zu reich, zu bunt, um mit dem ersten Blick übersehen zu werden. Heute will ich es dennoch versuchen. Zwischen den letzten Ausläufern des Hämus oder Balkan zur Rechten, und des Taurus zur Linken, also zwischen zwei Bergufern, macht der Bosporus sieben Windungen vom schwarzen bis zum Marmora Meer. Ehe er in dies letztere mündet, reicht er mit einem Arm ins europäische Ufer tief hinein, und bildet dadurch den Hafen von Konstantinopel, der das goldne Horn heißt und der einem Fluß ähnlich ist. Auf der dreieckigen Landstrecke zwischen dem goldnen Horn und dem Marmora Meer oder Propontis, liegt die eigentliche Stadt Konstantinopel auf verschiedenen Hügeln – das Serai seewärts auf der äußersten Spitze. An der anderen Seite des goldenen Horns steigen die Vorstädte Galata und Pera – letztere ist das Frankenquartier – ebenfalls über Hügel zu beträchtlicher Höhe empor. Auf der asiatischen Seite, folglich durch den ganzen Bosporus getrennt, liegt die Vorstadt Scutari; und alle diese zu einem großen Ganzen verbundenen Städte sind so beschaffen, daß Du, so wie Du das Ufer betrittst, aufwärts steigen mußt und noch dazu recht steil. Es sind also verschiedene Berge, und diese verleugnen den Charakter des Bosporus nicht: sie sind grün! Sie sind bedeckt mit unendlichen Hainen von Zypressen, mit zahllosen Gruppen von Platanen. Über diesen erheben sich wie Schwäne über einem grünen See die glänzenden Kuppeln von ungefähr 300 Moscheen. Neben einer jeden steht wie ein überirdischer Wächter wenigstens ein schlankes weißes Minarett; häufig zwei, auch vier; sechs neben Sultan Achmeds. Unter und zwischen den Bäumen, gleichsam in einem gelichteten Walde, liegen die Häuser: – die Wohnungen der Gesandten in Pera und einige wenige Regierungspaläste abgerechnet, – alle von Holz, auch die des Großherrn, die Kasernen, die Kanonengießerei, die Wohnungen der Paschas; manche mit den allerhellsten Farben, weiß, blaßrot, hellgelb, mit bunten Verzierungen bemalt, andre von der Zeit gebräunt wie die Häuser im Berner Oberland; noch andre, namentlich die der katholischen Armenier, schwarz und dunkelgrau angestrichen. In schmalen krausen Gassen klettern sie die Hügel hinan, und jedes hat wo möglich seinen Garten; wenn nicht den, so doch eine Terrasse mit Blumentöpfen und mit einem Granat- oder Feigenbaum; und fehlt auch die, dann mit einem Weinstock vor der Tür, der sich zum Dach hinaufzieht, in flatternden Ranken wieder herabfällt und zuweilen über die Straße hinüber ein Rebengewinde wie eine festliche Girlande wirft. Da mit den Moscheen Schulen, Bäder, Armenküchen verbunden sind, so darf ihnen auch ein Garten, zur Erholung, nicht fehlen. Außerdem stehen im Vorhof immer die schönsten Bäume. Die Stätten der Toten, welche hier fast ebensoviel Raum einnehmen als die der Lebendigen, die Gottesacker, liegen um und neben und zwischen den Straßen, und bilden die eigentlichen Zypressenhaine, denn alle türkischen Gottesacker sind reich mit Bäumen bepflanzt und nie mit einem andren. Gewiß ist die Zypresse, wie sie so unbeweglich nach oben zeigt, ein schönes Symbol an einem Grabe. Ferner gibt es kleine besondre Grabstätten, von berühmten Männern, von Gelehrten, Mönchen, Heiligen, von Privatpersonen mit ihren Familien: immer bestehen sie aus einem kleinen Zypressenhain mit vergitterten Arkaden umschlossen, so daß man durch die Gitter und über den Mauern das Grün sieht; – Du wirst es also begreiflich finden, wie bei der aufsteigenden Lage der Stadt das ganze gartenmäßig, lustschloßähnlich erscheint. Ich sage nochmals erscheint! – Stelle Dir eine Theaterdekoration vor, von Künstlerhand mit dem größten Geschmack gemalt: Du bist entzückt, hingerissen von der unvergleichlichen Szenerie, immer von neuem schauest Du sie an, kannst nicht satt werden zu bewundern, und jetzt führt man Dich hinter die Szene. Hilf!! Latten, Spanwerk, schmutziges Papier, Stricke, Ölflecke, grobe Leinwand: – so, aber genau so ist Konstantinopel. Mehr noch als die fürchterliche Unsauberkeit fällt mir die fürchterliche Unordnung auf. Daß die Straßen sehr schmal, sehr krumm, sehr steil aufsteigend sind, ist ihr geringster Fehler; der Rinnstein in der Mitte ist bei ihrer großen Schmalheit schon viel unbequemer; aber welch ein Steinpflaster! Das von Sevilla ist dagegen ein köstliches Parkett. Dein Sonnenschirm bleibt alle drei Schritt zwischen diesen enormen, roh zusammengewürfelten Steinen stecken; Dein Fuß alle zehn Schritt. Weil die Gasse nach der Mitte zu abschüssig ist, so hast Du im Grunde nie einen sicheren Tritt, denn ihrer Enge wegen beginnt der Abhang unmittelbar an den Häusern. Du gehst also beschwerlich genug. Nun tritt nur ja nicht auf einen von diesen affrösen , räudigen, verwilderten Hunden, denen es nicht einfällt, Dir aus dem Weg zu gehen, die daher sehr oft getreten und gestoßen werden, dann mit ihrem Geheul die Luft erfüllen, und immerfort auf die widerlichste Weise Dir ins Auge fallen. Hier bringt eine Hündin ihre Brut zur Welt; da säugt sie sie; dort liegen ein paar tote; oder sie laufen Dir vor die Füße, oder sie beißen sich untereinander. Genug, wäre Konstantinopel nur von Hunden bewohnt, so würdest Du es schon schwer genug in diesen Straßen haben, wo Haufen von Kehricht, von Schutt, von Dünger, von Melonenschalen, von allem glaublichen und unglaublichen Material, besonders an den Ecken Barrikaden bilden. Aber nimm Dich in Acht! Da kommen Pferde, die auf jeder Seite einen Lederschlauch mit Öl gefüllt tragen, der auch von außen ganz eingeölt ist. O, nimm Dich in Acht! Hinter Dir kommt eine ganze Reihe von Eseln mit Baumaterial, mit Ziegelsteinen und Brettern schwer beladen. Weiche zur Rechten aus, vor diesen Männern, die große Kohlenkörbe auf dem Rücken tragen! Und weiche auch zur Linken aus vor jenen anderen, die zu vier, zu sechs, zu acht Mann so schwere Warenballen und Fässer schleppen, daß die zwei armdicken Stangen, woran die Last hängt, unter ihr sich biegen. Laß Dich nicht betäuben von dem Geschrei der Esel, der Zuckerwerk- und Kastanienverkäufer, der Hunde, der durch ihren Ruf warnenden Lastträger, und folge Deinem Dragoman, der fliegenden Schrittes mit der Hast der Geschäftigkeit und gewöhnt an diese Drangsale, Dir vorauseilt und bald im Gedränge – bald um diese oder jene Ecke Dir entschwindet. Du gelangst auf einen Gottesacker. Man kennt in Europa die Ehrfurcht, womit die Türken die Grabstätten behandeln, wie sie sie besuchen und nie gestatten, daß sie, wie dort, nach einer Reihe von Jahren wieder umgegraben werden. In der Idee ist das sehr schön; und stellt man sich Zypressenhaine vor, wo weiße aufgerichtete Leichensteine auf dem grünen Rasen stehen: so macht das ein edles, feierliches Bild. Jetzt betrachte es in der Wirklichkeit. Der Rasen ist abgetreten, die Leichensteine sind umgestürzt, abgebrochen, schief; einige holprig gepflasterte Straßen durchschneiden sie; hier weiden Schafe, da warten Esel, dort schnattern Gänse und krähen Hähne; auf diesem Fleck trocknet man Wäsche, auf jenem arbeitet ein Tischler; während von der einen Seite ein Zug Kamele daherschreitet, naht von der andren ein Leichenzug; da spielen Kinder, da beißen sich Hunde, da ist das gleichgültigste Treiben der Welt – eine wahre Profanation der Gräber. Aber allerdings! Wer seit 400 Jahren hier begraben ist, der liegt noch auf der nämlichen Stelle. Du kannst Dir denken, was das für Leichenäcker sein müssen, und welchen ungeheuren Raum sie einnehmen! Gestern war es nur wirklich merkwürdig! Um in das Hotel der Madame Balbiani zu kommen, das sich auf der höchsten Höhe von Pera in sehr gesunder freier Lage befindet: gingen wir über zwei Gottesacker, das Haus selbst liegt auf dem dritten, und unser erster Ausgang war nach dem vierten und fünften, dem sogenannten »kleinen und großen Totenfeld«. Von letzterem hat man eine herrliche Aussicht auf den Bosporus; aber alle Gebäude, die außer den Moscheen am meisten ins Auge fallen, sind Kasernen. Heute habe ich gleich eine der größten Kuriositäten von Konstantinopel gesehen: den Sultan, als er sich aus der Moschee von Beglerbey in den Palast gleichen Namens zurückbegab. Ein Sultan! Welch ein Inbegriff von Macht, von Gewalt, von Pomp, liegt in dem Wort. Um zu vergleichen inwiefern Abdul-Medjid dem Begriff entspricht, stand ich auf der Straße neben der türkischen Trommel – grade wie in Europa die Gassenjungen. Die Straße war mit Sand beschüttet, und ein Spalier von europäisch uniformierten Soldaten gebildet. Vier prächtige Handpferde des Sultans, von Dienern geführt, eröffneten den Zug; dann folgten wohl ein Dutzend alter Paschas oder Hofchargen, alle in dem bekannten braunen Überrock mit dem roten Fez, und auf schönen Pferden, unter ihnen ein wahres Scheusal, der Kislar Aga, der Chef der schwarzen Eunuchen. Dann eine Pause – und endlich ganz allein Sultan Abdul-Medjid, in einem langen dunkelblauen Mantel, über dem sich sein bleiches regungsloses Gesicht erhob. Er ritt ganz langsam, die Musik empfing ihn mit einem ohrzerreißenden God save the King , die Soldaten riefen ein mageres Vivat. Kein Lächeln trat in sein Antlitz, kein Blick belebte sein Auge; – von einem Gruß ist natürlich nicht die Rede! – Einige fanden seinen Blick fest und imponierend, ich fand ihn nur starr und glasig. Als er sich der Gruppe fränkischer Männer und Frauen nahte, karakolierte sein Pferd ein ganz klein wenig: vielleicht sollte das eine Beachtung ihres Grußes ausdrücken. Das Schönste an ihm waren unstreitig die funkelnden Diamanten an seinem Fez und auf seiner Brust. Ich höre er hat die fallende Sucht, oder Nervenzufälle, oder einen zu großen Harem. Genug, er sieht weder wie ein mächtiger Sultan noch wie ein blühender Jüngling aus. Jener Palast liegt auf der asiatischen Seite, also mußten wir in einem Kaik hinüber fahren. Das ist nun freilich der unbequemste Nachen, der mir je vorgekommen. Erstens unsicher durch seine Bauart, und zweitens nur für türkische Figuren berechnet, die sich wie Taschenmesser zusammenklappen, sobald sie sich setzen – weshalb sie denn auch sämtlich krumme Beine haben. Man muß sich am Boden des Fahrzeugs auf einem dürftigen Teppich oder einem mageren Kissen zusammenkauern oder platt niederlassen, so daß man nur grade mit dem Kopf über den Rand hinausragt. Die Ruderer sitzen auf den Bänken in kurzen weiten Leinwandbeinkleidern und Hemden mit Musselinärmeln, denn ihr Handwerk ist schwer. Trotz der leichten Kleidung sind sie in Schweiß gebadet, und Gesicht, Brust und Beine der Leute sind dermaßen gebräunt von Luft, Sonne und Wind, daß der ganze Mann aussieht wie aus altem Eichenholz geschnitzt. Seine Züge sind damit in Übereinstimmung, hart, scharf, aber bestimmt ausgeprägt; nicht so breit und flach wie bei uns. Auf den Einschiffungsplätzen gibt es einen großen Tumult, weil fünfzig Ruderer ihre Kaiks anbieten, und weil man um den Preis handeln muß. Das ist so gut in der Türkei Sitte wie bei uns. Übrigens leben hier so viel Griechen, Slavonier, Ionier, Albaneser, Armenier, Juden und Franken, daß man sich nicht darüber wundern darf. Franke ist der allgemeine Name unter dem die Türken die Europäer – und Frankistan, unter dem sie sämtliche Länder Europas zusammenfassen. Rajahs nennen sie ihre christlichen Untertanen, z. B. Armenier und Griechen, und Giaur ist die verachtende Bezeichnung des Christen, dem Muselman, dem Gläubigen gegenüber. Da wir auf der asiatischen Seite waren, so fuhren wir höher in den Bosporus hinauf, nach Göcksu, den »himmlischen Wassern«. Wo ein Flüßchen sich in den Bosporus ergießt, hat sich eine weite, etwas gewellte Wiese gebildet worauf die prachtvollsten Platanen, Ulmen und Eichen verstreut sind. Das sind die »himmlischen Wasser«, die Lieblingspromenade der türkischen Damen, die gestern, an einem Freitag, sehr zahlreich dahin kamen – die Vornehmen zu Wagen. Da sitzen sie auf Teppichen, die am Boden ausgebreitet werden, in Gesellschaft beisammen und unterhalten sich wie sie können, mit Zuckerwerk essen, plaudern, auch Tabak rauchen, jedoch immer unter sich, und bis auf Augen und Nasenwurzel verschleiert. Männer sind auch da, allein in geringer Zahl, die ebenfalls rauchend beisammen sitzen, und sich nicht um die Frauen zu kümmern scheinen. Indessen sieht man denn doch beide Geschlechter an öffentlichen Orten, so daß die Frauen nicht vollkommen von fremden Männern abgeschnitten sind. Diese Gruppen unter den Bäumen nehmen sich recht eigentümlich aus, besonders sollt' ich meinen im Bilde. In der Wirklichkeit, in der schönen freien Natur, sind sie etwas leblos und plump, denn ich finde dies ewige Kauern auf der Erde höchst ungraziös, ich möchte sagen monströs, weil man die menschliche Gestalt immer nur zur Hälfte sieht. Aber wohl den Frauen, wenn man sie nur sitzend erblickt! Welch ein Gang, welche krummen Beine, welche einwärts gekehrten Füße! Nicht einen Tanzmeister – nur einen Exerziermeister möcht' ich ihnen gönnen, damit sie nicht so gräßlich einher watschelten. Es ist schon besser, daß sie sich lagern! Dann werden die Ochsen aus den Wagen gespannt, damit auch die sich auf der Wiese lagern mögen. Ein wenig Mundvorrat wird ausgepackt und auf dem Teppich ausgebreitet, und so vegetiert man da draußen den halben Tag. Ungeheuer bunt aufgeputzte Kinder sind denn doch ein bißchen beweglicher als ihre Mamas, und Verkäufer von Naschwerk, von frischem Wasser, von Obst bieten schreiend ihre Waren feil, und wandeln zwischen den Sitzenden umher. Lustig sehen die Wagen aus, die man mit Ochsen bespannt und Arraba nennt. Mit allen Farben des Regenbogens sind sie bemalt, goldgelb und feuerrot herrschen vor. Man steigt von hinten mittels einer kleinen bunten Leiter hinein, und sitzt seitwärts auf Matratzen darin – zu acht bis zehn Frauenzimmern. Zwei weißgelbgraue Ochsen mit Spiegeln und Flitterwerk vor der Stirn ziehen diese schwerfällige Maschine langsamen Schrittes, indem sie unter einer Art von portativem Triumphbogen gehen, der zu ihrer Anspannung gehört und der mit zahlreichen feuerfarbenen Quasten geschmückt ist. Ein Diener mit einem Stecken geht nebenher und lenkt sie. Häufig begleitet ein andrer zu Pferde den Wagen. Auch Frauen aus dem Harem des Sultans kommen nach Göcksu in einer Arraba . Die Fahrt auf dem Bosporus führt fast ununterbrochen an Dörfern oder Häusern vorüber. Die zahlreichen mit ganz feinen Holzgittern verschlossenen Fenster derselben, geben ihnen etwas Käfigartiges. Klein sind sie sehr; die obere Etage springt meistens ganz, zuweilen aber auch nur erkermäßig vor der untere vor, so daß sie ungemein lustig aussehen. Im Winter müssen sie barbarisch kalt sein, denn schon jetzt ist der beständige Nordwind, der aus dem schwarzen Meer weht, recht frisch und durch die Brandung an manchen Punkten des Ufers so heftig, daß man, wenn man ihm entgegen rudert, einen Mann Vorspann nehmen muß, der am Ufer gehend den Kaik am Strick durch die Strömung zieht. – Nun liebe Mutter, war dieser Tag nicht schon recht hübsch und vollständig türkisch? 4. An meine Mutter Konstantinopel, September 9, 1843 Ein Brief über den andren! – Immer denke ich: heute will ich das ganze Paket fortschicken, und immer lege ich noch ein Blatt hinzu. Heute, liebes Mamachen, könnte ich Dir wohl etwas Interessantes schreiben, denn ich war in der Sophien- und der Achmeds-Moschee; – allein zu flüchtig, und deshalb spare ich es mir auf. Ich muß durchaus die Sophia noch einmal mit Muße und noch mehr Moscheen überhaupt sehen. Du wunderst Dich wohl, wie mir dies so schnell gelungen ist, indem man dazu eines Firmans bedarf? Prinz Bibesko, der neue Hospodar der Walachei hat einen solchen, und sein Bruder, sein Gefolge, seine Landsleute benutzen ihn. Unter letzteren befindet sich ein liebenswürdiges Ehepaar, das in unserem Gasthof wohnt, und so machte es sich. Es war ein mächtiger Zug, alle Männer zu Pferde, einige auf sehr schönen mit goldgestickten Schabracken, andre auf Kleppern; ein Gewühl von Dienern, von Dolmetschern drum herum, denn jeder hatte den seinen mitgebracht, um über alles Auskunft haben zu können; andre Reisende, die sich ebenfalls anschlossen, als sie hörten wohin es ging; der Kawass allen voran. Das ist der Mann, den der Sultan als Wache bei solchen Gelegenheiten gibt, und den außerdem alle Gesandten haben, denn unter seinem Vortritt wird man respektiert. Die walachische Dame und ich, wir wurden trotz einigen Sträubens ehrenhalber in einem horriblen Wagen gesetzt, den man Coci nennt – (was die türkische Rechtschreibung betrifft, so lasse ich mich nicht auf sie ein, und schreibe nur wie ich die Worte verstehe) – das ist eine kleine gondelförmige Kutsche, die keine Federn – aber dafür vergoldete Gittertüren, keine Sitze – aber in allen vier Ecken einen ovalen Spiegel, keinen Schlag – aber eine rote Leiter hat. Auf dem flachen Boden, den ein wenig Stroh und ein dünner Teppich dürftig deckte, saßen wir lang ausgestreckt und schrieen Ach und Weh, denn wir fuhren nicht bedächtig nach türkischer Weise durch die holprigen Straßen, sondern europäisch im starken Trabe, um den Reitern nachzukommen, und ein Diener lief nebenher und hielt den Wagen an bedenklichen Stellen. Dafür hatten wir die Satisfaktion in einem vergoldeten, obzwar etwas schwärzlichen Wagen zu sitzen. Leider war unser gesamter Zug ein wenig zu tumultuarisch und ungeordnet. In die Sophia stürmten wir grade zwischen zwölf und ein Uhr, zur Zeit des Gebets, so daß wir gleich wieder fortgewiesen wurden. Der Kawass remonstrierte , aber umsonst! Ein alter Geistlicher hob wehklagend die Arme und rief »Allah! Allah!« – wir mußten fort. Ein Knabe wollte mich mit seinem Rosenkranz schlagen. Die Tochter meiner Mutter ist aber nicht geboren um sich schlagen zu lassen! Sie drohte so majestätisch mit ihrem Zeigefinger, daß der Bursche ganz erschrocken zurückfuhr – was mich sehr belustigte, da er doch schon zwölf, dreizehn Jahre alt sein mochte. Ich könnte es hier zu Lande auf die Dauer nicht aushalten – nicht die Verachtung ertragen, mit der der Muselmann auf den Giaur herabsieht. Ich bin nun einmal so: ist man fein artig, bin ich fein artig; ist man hochfahrend, bin ich zehnmal hochfahrender. Ich würde hier Händel haben. Als wir in unserem Coci dahin rasselten, blickten die türkischen Frauen neugierig hinein, und eine machte eine Pantomime verächtlichen Abscheus mit den Händen. In ein solches Land habe ich mich verstiegen! Nun, ich wollte die Türkei; dergleichen ist gewiß türkisch. – Also später von den Moscheen. – Unsre wilde Jagd durchsauste ein Gebäude, das wirklich in der äußern Architektur den idealistischen Vorstellungen entspricht, welche wir uns vom orientalischen Baustil machen: Sultan Mahmuds Grabmal ist feenhaft lieblich. Das Grabmal ist die große Angelegenheit der Orientalen. Es spricht sich darin das unabweisliche Bedürfnis des Menschen aus, über die Handvoll Jahre hinaus zu leben, die man das Leben nennt. Diese Sehnsucht nach Fortdauer hat allerdings einen zu materiellen Charakter, wenn man die ägyptischen Pyramiden, die kolossalsten aller Königsgräber betrachtet – das mag wohl sein! Aber hier nimmt sie doch eine gewisse geistige Wendung, und die rührt mich wo ich sie finde. Fast jeder der früheren Sultane hat eine Moschee erbaut, und seit Harun al Raschids Zeit war es ein Gesetz der Mohammedaner stets mit derselben eine Schule zu verbinden. Die osmanischen Sultane erweiterten es, stifteten Bäder, Wohnungen für arme Studierende, Küchen für Arme, Fontänen dazu, und erbauten zwischen diesen Wohltätigkeitsanstalten ihr Grab, das meistens aus einer Rotunde besteht. Die Gastfreiheit, die Pflege und Erquickung der Wanderer, ist ein Hauptgebot des Islams, so daß, wer einen Brunnen in der Wüste oder eine Fontäne in der Stadt stiftet, eine gute Tat getan hat, weil das Wasser im Orient etwas Seltenes und Köstliches ist. Sultan Mahmuds Grab ist nur mit einer Fontäne verbunden, aber es ist der graziöseste Bau in Konstantinopel! In der Mitte zwischen zwei achteckigen Pavillons steht eine runde Säulenhalle, die mit jenen beiden durch eine Galerie verbunden ist. Das Ganze ist um vier Stufen erhöht und besteht gleich diesen aus schneeweißem Marmor. Die Fensteröffnungen der beiden Pavillons, der Galerien, und die Räume zwischen den Säulen sind mit wunderhübsch gearbeiteten vergoldeten Eisengittern gefüllt, so daß Du an dem ganzen Bau nichts siehst, als Goldgewebe zwischen Marmor, und durch die Gitter hindurch, die Rosen-, Myrthen- und Jasminhecken des kleinen Gartens. In dem einen Pavillon steht Sultan Mahmuds Sarkophag; eine prächtige goldgestickte Samtdecke ist über den Sarg gebreitet, und sieben köstliche Shawls, vier gestreifte in allen Farben, und drei weiße à fond plein , liegen wiederum über der Decke. Der rote Fez mit blauem Quast und mit einer funkelnden Sonne von Diamanten, steht oben an dem Kopfende und um ihn herum, fast wie eine Krawatte, ist der achte Shawl gelegt, der schönste von allen, weiß mit zarten Blumengirlanden durchrankt. Eine Ballustrade von Perlmutter umgibt den Sarkophag. Noch einige in derselben Art, aber minder prächtig, kleiner, ohne Juwelen, Personen seiner Familie, Töchter, Schwestern enthaltend, befinden sich außerdem darin. Die Wände sind Marmor, und den Fries bilden Sprüche aus dem Koran, fußlange wunderliche, goldne Schriftzüge, die graziöseste Arabeske, auf grünem Grund – recht helles Apfelgrün; das ist die heilige Farbe, denn Mohammeds Farbe war grün wie der Erdball über den sie sich ausbreiten wollte. Der Fußboden ist mit einer feinen Strohmatte bedeckt. Aber etwas Unpassendes und Geschmackloses durfte nicht fehlen! Die Wölbung der Kuppel ist mit häßlichen, schreienden Farben ausgemalt, und zwei große braune Wanduhren stehen neben der Tür und gehen – auf dieser Stätte wo die irdische Zeiteinteilung ihre Wichtigkeit verloren hat. Der andere Pavillon ist ein Kiosk – Gartenhaus – des Sultan. Die Halle in der Mitte ist über dem Quell errichtet, und fünf goldne Gitter zwischen Säulen schließen sie nach der Straße ab. An jedes dieser Gitter sind vier goldne Tassen mit goldnen Ketten befestigt, und jeder der trinken will reicht eine Tasse in die Halle hinein, wo ein Mann den ganzen Tag beschäftigt ist eine goldne Kanne am Quell – und aus ihr die Tassen der Durstigen zu füllen. Zum Dank soll man ein Gebet für Sultan Mahmuds Seele sprechen. Ich habe Dir dies kleine Monument so ausführlich beschrieben, weil es das erste ist, das ich im Geist wie in der Ausführung vollkommen orientalisch gefunden. In ganz Europa sah ich nichts, das auch nur mit einer Ahnung hieran erinnert hätte. Ich sagte vorhin etwas Geschmackloses dürfe nicht fehlen, und das ist nicht unwahr. Dies Geschmacklose ist immer das Europäische: ein fremdartiges Element, das sich eingedrängt hat und nun seinen Platz behauptet – gleichviel wo. Wir besahen unter dem Schutz des Firmans auch die hohe Pforte , den Palast des Großwesirs, in welchem die Staatsgeschäfte besorgt werden. Der Name rührt daher: die alten morgenländischen Könige saßen zu Gericht, um einem jeden zugänglich zu sein, vor dem Tor ihrer Städte oder Wohnungen. Der Morgenländer, mit seiner Vorliebe für vergleichende Bilder, stellt sich den komplizierten Staat als ein Gebäude vor, dessen Ein- und Ausgang der Sultan beherrscht gleich jenen alten Königen; und daher für den ganzen Staat die kurze Bezeichnung Pforte . Die Versammlung des osmanischen Staatsrates heißt Diwán , d. h. Dämonen, Genien, weil den Staatsräten dämonische Klugheit und Tätigkeit beiwohnen soll. Auch die Gedichtsammlungen heißen Diwán , weil man voraussetzt, daß der Genius sie beseelt. Jener Palast der hohen Pforte ist ganz neu erbaut von Stein, mit Säulen und Freitreppen von weißem Marmor. Die innern Treppen, und alle Gänge und Fußböden sind mit feinen Strohmatten bedeckt, auf denen man leise und leicht, sehr angenehm geht. Die Zimmer sind meistens groß. Dem Eingang gegenüber sind die Fenster – eine wahre Fensterwand, wie in Treibhäusern – und unter ihnen zieht sich das Sofa hin, das aus einzelnen breiten Polstern zusammengesetzt wird, und mit schönen Stoffen von Seide, mit Gold, Silber oder Samt durchwirkt, überzogen ist. Außerdem befinden sich in ein Paar Zimmern ziemlich mittelmäßige Spiegel, und in den übrigen nichts – aber auch gar nichts. Das könnte nun etwas durch Einfachheit Grandioses haben, wenn nicht die Wände wie von schlechten europäischen Stubenmalern mit Landschaften bepinselt wären, die kleinlich und hart, unter den versilberten und vergoldeten Plafonds doppelt ärmlich, die Augen des Fremden immer auf sich ziehen, weil sie in so grellem Kontrast mit allen Umgebungen sind. Im Saal wo der Staatsrat gehalten wird, befindet sich in der einen Wand ein goldnes Gitter, das so aussieht, als ob es eine Loge verschlösse. Hinter diesem Gitter, auf einem rosenfarbenen Sofa unter silbernem Baldachin, wohnt der Sultan ungesehen den Sitzungen des Diwan bei. Es war glaube ich Suleiman der Große (1520 – 66) der auf diese Weise den Diwan belauschen und kontrollieren wollte, und später fanden es die Sultane bequem, und überließen ganz und gar den Vorsitz im Staatsrat den Großwesiren, so daß diese herrschten, nicht jene. Sultan Mahmud, in dem wenigstens der Trieb nach Tüchtigkeit war, soll wieder in eigener Person den Vorsitz übernommen haben. Allein Sultan Abdul-Medjid wird von seinem Harem wie von einer tausendköpfigen Hydra zu fest umschlungen um dem Beispiel seines Vaters zu folgen, und die Sultanin Walidé ist dem alten Zustand der Dinge geneigt, und hat großen Einfluß auf ihn. Das Weiberregiment ist hier nichts Neues. Die Sultanin Chasseki (Günstlingin) und Walidé (Mutter) – eine Sultanin-Gemahlin gibt es nicht, denn der Sultan hat nur gekaufte Sklavinnen, die sich durch Schönheit, Intrige, Geburt von Söhnen, zur Günstlingin und zuweilen zur einzigen Günstlingin emporschwingen – nun, jene zwei Klassen von Sultaninnen haben oft genug vom Harem aus das Reich gelenkt. Und nicht bloß unter schwachen Regierungen und in Zeiten des Verfalls, wie z. B. die reizende Venezianerin Baffa, Murads III. – und die hochsinnige Griechin Kössem, Achmeds I. Günstlingin, die beide im siebzehnten Jahrhundert ihre Gewalt mißbrauchten, und beide in Empörungen erwürgt wurden. Sondern auch Suleiman I., der Große, der Eroberer, der Gesetzgeber, war so ganz in den Fesseln seiner geliebten Russin Roxelane, daß er seine zwei Söhne von einer anderen Sklavin ermorden ließ, um dem ihren den Thron zu sichern. Vielleicht muß man als Sklavin so viel Ränke, Liste und Künste üben, daß man allendlich unzerreißbare Netze zu weben versteht, auf deren Schlingung man in freieren Verhältnissen nicht so eingeübt wird. Ich kann mir vorstellen wie ein Harem das Brutnest aller bösen Eigenschaften wird, deren Keime im Charakter des Weibes schlummern. Immer von Nebenbuhlerinnen umgeben, immer bewacht und umringt von diesen Scheusalen, den Eunuchen, immer unbeschäftigt, muß Eifersucht, Neid, Bitterkeit, Haß, Lust an Ränken, grenzenlose Gefallsucht als helle Flamme aufschlagen. Man will die gehaßten Nebenbuhlerinnen besiegen – das liegt in der Natur jedes Weibes! Und sage man immerhin, daß die Orientalinnen an den Harem gewöhnt sind und daß Gewohnheit alles erträglich, ja leicht mache, so ist das eine von den vielen halbwahren, abgebrauchten Phrasen. Ja, sie treten in das Joch des Harems, und dessen Form ist ihnen zur Gewohnheit geworden; aber gegen den Inhalt sträubt sich ihr Instinkt – ich will nicht sagen ihr Bewußtsein, denn das mag bei wenigen erwachen – nur der Instinkt, der unabweisliche, allmächtige. Da keine Geistes- und Seelenbildung ihn bändigt und regelt, wie sollte es da nicht zu den heftigsten Ausbrüchen, zu den tiefsten Gemeinheiten, zu den größten Grausamkeiten kommen. Der Harem ist die wahre Anstalt um den Charakter der Frau zu verderben, und es ist wohl schade, daß er für europäische Augen mit undurchdringlichen Scheiern umgeben ist. Denn ich hoffe zwar einen Harem zu besuchen, damit ich türkische Frauen unverschleiert, im eigenen Hause, und zugleich ihr Benehmen gegen Fremde sehe; aber wie es für alle Tage darin zugeht, wie die Weiber sich untereinander vertragen, wie weit die Herrschaft der rechtmäßigen Frau – denn außer dem Sultan haben die Türken eine oder ein paar rechtmäßige Frauen – über die Sklavinnen sich erstreckt, die doch auch bei dem Herrn zur Ehre der Günstlingschaft gelangen: das bleibt ein Rätsel! Vielleicht verbirgt es traurige und böse Geheimnisse! – In jedem Fall ist eine Frucht aus dem Harem erwachsen, die wesentlich dazu beitrug den Verfall des Reichs herbeizuführen, nämlich die Prinzenerziehung, oder eigentlich ihre Existenz in demselben. Um Bruderkriegen, Familienzwisten und Empörungen von Verwandten vorzubeugen, machte Mohammed II. die Hinrichtung von Brüdern und Verwandten bei der Thronbesteigung eines Sultans zum Staatsgesetz. So ließ Selim I. bei der seinen, 1512, zwei Brüder und fünf Neffen umbringen; so Mohammed III., 1595, neunzehn Brüder! Gar nicht aus besonderer Grausamkeit, sondern höchst gelassen nach dem Gesetz. Sie sollten das Reich nicht beunruhigen. Als nach dem siebzehnten Jahrhundert die Zeit etwas weniger bluttriefend und gräuelvoll wurde, hielt man die Prinzen von der Wiege an im Harem, damit ihnen ehrgeizige und hochherzige Gedanken zwischen Eunuchen, Weibern und Sklaven gründlich ausgerottet wurden und der Herrscher nichts zu fürchten habe. Ihr Gemach im Harem hieß der Prinzenkäfig. Aus demselben ging der Thronfolger hervor, wenn der regierende Sultan starb, natürlich vollkommen unerfahren, ohne Kenntnis von Menschen, Dingen und Verhältnissen, ganz bereit auf dem Thron zu vegetieren, so wie die übrigen Prinzen im Käfig bis zum Ende ihres Lebens fortvegetierten. Sultan Abdul-Medjid ist auch im Harem aufgewachsen; sein Vater hat keinen tüchtigen Nachfolger haben wollen, heißt es. Auf diesem Boden kann nichts Starkes, ich möchte sagen nichts Gesundes gedeihen. Durch eine Kaserne flogen wir auch, von der ich nichts behalten habe, als daß im Stall sehr miserable Pferde standen, durch die Münze, die im Bau begriffen ist und zu deren Einrichtung man die Maschinen und Instrumente aus England kommen läßt; und durch ein Arsenal, worin seltene alte Waffen, die kostbaren Schlüssel von den Toren Konstantinopels, und Handwaffen früherer Sultane aufbewahrt werden. Es war einst die Kirche der heiligen Irene, und Kreuzform und Kuppeln haben sich den neuen Anforderungen fügen müssen; das Grabmal des heiligen Johannes Chrysostomus befindet sich in ihr. Es liegt samt der Münze schon innerhalb der Ringmauern des Serai, und man versuchte auch tiefer vorzudringen; allein es hieß, die Gesellschaft sei zu zahlreich um das Innere besuchen zu dürfen. Das war mir sehr unangenehm, und doppelt, weil es für neun Zehntel dieser Gesellschaft wirklich gleichgültig gewesen wäre, ob sie es gesehen hätten oder nicht. Sie hätten höchstens Vergleiche darüber angestellt ob es verdiene dem Schloß von Windsor oder dem Palais royal oder einem anderen königlichen Palast an die Seite gesetzt zu werden, und nicht daran gedacht, daß dies eben das Serai der Großherrn sei, und auf demselben Platze stehe, wo ehedem der große Palast der byzantinischen Kaiser sich erhob. Nun, ich konnte sie nicht wegschicken, und muß auf eine andre günstige Gelegenheit warten. Außer diesem Serai, das der Winteraufenthalt der Sultane, und mit crenelierten Mauern umgeben ist, über welche sich prachtvolle Zypressen erheben, gibt es noch verschiedene andere großherrliche Paläste zum Sommeraufenthalt bestimmt, den von Beglerbey auf der asiatischen Seite des Bosporus, von Bekschischtasch – der im Bau begriffen – und von Tschiragan, der eben vollendet ist auf der europäischen; ferner Paläste von Sultaninnen Tanten und Schwestern – wobei es einem sehr auffällt, daß nie von einem Palast für die Brüder oder Vettern die Rede ist, bis man daran denkt, daß diese Ärmsten, wenn man ihnen das Leben gönnt, im Prinzenkäfig leben müssen. Der Palast von Tschiragan steigt auf weißen Marmorstufen und mit einer langen Säulenhalle von weißem Marmor, leuchtend aus dem Bosporus empor. Er ist kein regelmäßiger Palast, sondern eine Agglomeration von zahlreichen, unter sich ganz verschiedenen Pavillons, die durch Galerien und Terrassen verbunden sind. Aber diese fantastische Unregelmäßigkeit gefällt dem Auge, weil der Baumeister verstanden hat eine gewisse Harmonie, eine Übereinstimmung in das Ganze zu bringen. Und dann macht der weiße Marmor sich so schön zwischen dem blauen Vordergrund des Bosporus und dem grünen Hintergrund der aufsteigenden Hügel; und die beiden großen vergoldeten Eisengittertore sehen so imposant und zugleich so zierlich aus! Es kühlte meine Bewunderung etwas ab, daß ich erfuhr, dies wunderhübsche Gebäude sei von Holz, wie alle die der Großherr bewohnt. In der Ferne hält man es natürlich für Marmor. Als wir heute nah vorüberfuhren konnte man das Holz gewahr werden an den kleinen bunten Malereien, die auf einigen Pavillons angebracht sind, und an den allerliebsten spitzenähnlichen Galerien, welche sauber geschnitzt die Dächer von anderen umgeben. Der Holzbau ist hier der allgemeine. Man hält ihn für gesünder, weil der Bosporus feuchte Luft erzeugt, die in einem steinernen Hause – ohne Ofen, nach türkischer Sitte – der Gesundheit nachteilig sein würde; und bei den Erdbeben, die hier so häufig vorkommen, sind allerdings die leichten hölzernen Häuser weniger gefährlich. 5. An meine Schwester Konstantinopel, September 11, 1843 Zum täglichen Schreiben komme ich nicht, liebes Clärchen. Ich werde hier müde – aber müde auf eine foudroyante Weise! Die Entfernungen sind groß, die Anstrengung sich durch die Straßen mit heiler Haut zu arbeiten, ist noch größer. In den Kaiks sitzt ein europäischer Leib sehr unbehaglich, und noch weit mehr in einem hiesigen Fuhrwerk, und endlich, wenn man von mehrstündigen Streifzügen ganz matt ist, muß man noch diesen Berg von Pera zu guter Letzt erklimmen um nach Hause zu kommen. Pera liegt auf der Höhe eines Hügels, um dessen Fuß sich Galata und Tophana ausbreiten, wo sich Skalen, oder Aus- und Einschiffungsplätze befinden um nach der Stadt hinüber oder sonst wohin zu fahren. Bei der Vorstadt Cassim-Pascha ist wieder einer, und gestern wählten wir den, und fuhren einmal in den Hafen hinein, den wir bis jetzt nur seiner Mündung dem Bosporus zu, befahren hatten. Er macht eine wunderschöne Biegung ins Land hinein, und geht endlich in die »süßen Wasser« über, indem die Flüßchen Barbyses und Cydaris sich in ihn ergießen. Diese »süßen Wasser« auf der europäischen Seite sind am Sonntag eine ebenso beliebte Promenade für die armenischen Frauen, wie die »himmlischen Wasser« auf der asiatischen es am Freitag für die türkischen sind. Die Armenier sind ein eigentümliches, durch die ganze Levante als Bankiers und Kaufleute verbreitetes Volk, das namentlich hier durch große Reichtümer und große Geschmeidigkeit einen bedeutenden Einfluß erlangt hat, indem alle Geldgeschäfte des Staates durch die Armenier gemacht werden. Die Paschas geben z. B. ihre Statthalterschaften an Armenier in Pacht, welche deren Abgaben in die Staatskasse zahlen, und dann Gott weiß wie! sie wieder einzutreiben wissen, und natürlich mit Vorteil für sich. Man spricht nicht viel Gutes von ihnen. Sie sollen abgefeimt in allen Listen und Ränken sein und noch schlauer und gewandter als die Griechen. Es gab einst ein Königreich Armenien zwischen dem Kaukasus und Euphrat, das die Perser eroberten. Seitdem zerstreute sich das Volk, und hat im Äußeren ganz und gar türkische Sitten und Gebräuche angenommen: dieselbe Lebensweise, dieselbe Kleidung und Verschleierung der Frauen; – aber keinen Harem, denn sie sind Christen. Einige bekennen sich zur katholischen Kirche, die meisten zur armenischen. Sie haben ihre eigenen Kirchen und Klöster. Auf der Straße unterscheiden sich die Armenierinnen durch dunkelrote Pantoffeln von der gelben Beschuhung der Türkinnen und der schwarzen der Jüdinnen. Die Armenier tragen schwarze Kaftane und große schwarze kugelartige um die Stirn glatte Kopfbedeckungen. Ihre Häuser sind von außen dunkel angestrichen, um sie recht unscheinbar zu machen, während drinnen oft großer Luxus herrscht. Dies schicke ich voraus über die Armenier, von denen man grade jetzt viel reden hört, weil einer vor ungefähr vierzehn Tagen in aller Stille geköpft worden ist. Er ist nämlich zum Islam übergegangen und hat eine Türkin geheiratet; darauf ist es ihm leid geworden und er hat zum christlichen Glauben zurückkehren wollen, oder hat es wirklich getan. Dafür ist denn sein Kopf gefallen. Daß hier ein strenges Regiment herrscht, ist mir nicht so fürchterlich, als daß es dabei so still ist. Ein Mensch hat irgend etwas verbrochen – weg ist er man weiß kaum wie! Die Armenierinnen gelten für sehr schön, und da es ihnen gestattet ist, sich nach Belieben im Freien zu entschleiern, so hoffte ich viel Schönes zu sehen. Aber der Sonntag hatte nicht viele hinausgelockt. Eine große Gesellschaft saß beisammen auf Teppichen und auf den Polstern der Arraba, und ergötzte sich ungemein an einem Taschenspieler, der in Begleitung eines Possenreißers seine Gaukeleien trieb, und Becher- und Würfelspiele mit großer Geschicklichkeit machte. Fünf Minuten sieht man das nun wohl mit Vergnügen an; aber hier schien man sich stundenlang dafür eingerichtet zu haben, man trank Kaffee und aß Zuckerwerk, und die Männer rauchten so gravitätisch als ob sie Türken wären. Vielleicht weil sich Männer in der Gesellschaft befanden, war keine einzige Frau entschleiert. Ich kostete von dem Zuckerwerk, das überall feilgeboten wird, und das besser aussieht als schmeckt. Es ist meistens klarer Zucker in Platten und Kugeln, mit Rosen- und Orangenwasser versetzt und gefärbt, fürchterlich süß und fade. Dann Mandeln auf ein ganz dünnes Stäbchen gezogen und mit einer gallertartigen zuckrigen Masse umgeben – auch widerlich. Exzellent hingegen sind die in Zucker eingekochten Früchte. Man trägt sie aber nicht wie jene Sachen auf großen runden Holzplatten herum, sondern man stellt sie in den Buden äußerst zierlich unter Glocken von rosenfarbenem und weißem Flor mit Blumen geschmückt zur Schau. Den schwarzen bitteren türkischen Kaffee habe ich auch recht gern, besonders nach all solchen Süßigkeiten. Endlich kamen wir an eine unverschleierte Frauengruppe, die sich allerdings malerisch genug ausnahm. An den starken Ästen einer Ulme war eine Schaukel von Stricken befestigt in der ein junges Frauenzimmer saß und sich von zwei Dienerinnen abwechselnd schaukeln ließ, während eine ältere auf einem bunten Teppich unter dem Baum kauerte, und gedankenlos mit kleinen Steinen spielte. Der Dragoman bat für uns um Erlaubnis näher treten und ihren Anzug besehen zu dürfen, was die Frau auf dem Teppich bereitwillig gestattete. Sie wälzte sich auf die eine Seite desselben, ich setzte mich zu ihr, die junge Person, die ihre Schaukel geschwind verließ, kauerte neben mir, die Dienerinnen hinter uns, und nun begann vermittelst des Dragoman eine Konversation, die sich mit Glück in irgend einem eleganten europäischen Salon hätte dürfen hören lassen: wir sprachen über Toilette. Was ihnen an der meinigen am besten gefiel, war mein blauer Schleier, und am meisten auffiel, mein Lorgnon, durch den sie mit einer Neugier sahen, als ob sie hofften plötzlich himmelblaue Bäume und einen grünen Himmel gewahr zu werden. Ihr Anzug war das Hauskleid aller türkischen Frauen: weite Pantalons, ein ganz enger, sehr langer, gleichsam in drei Schürzen zerschlitzter Rock, dessen Vorderteile durch den Gürtel gezogen werden und eine Art von Tunika bilden, sehr enge Ärmel, die gleichfalls aufgeschlitzt bis zu den Knien herabhängen, aber auch durch Knöpfe geschlossen werden können, keine Schuhe, die eine mit Strümpfen, die andere mit nichts, und auf dem Kopf der rote Fez mit blauem Quast, und mit euer breiten, spitzenähnlichen Garnitur von gelbseidenem Filet, den glänzende Nadeln auf dem prachtvollen schwarzen Haar befestigten, das in halbgeflochtenen Zöpfen und teilweise ganz aufgelöst, über Nacken, Busen und Schultern fiel. Die Stoffe ihrer Kleider waren Zitz von den allergrellsten Farben, zitronengelb und rosenrot, und ein Zeug das in Brusa aus Seide und Baumwolle gewebt wird und stumpfere Farben hat. Da beide Frauen, besonders die ältere, auffallend schön waren, so kamen sie mir unter dem glänzenden Himmel, auf dem Rasen, von der Sonne bestrahlt, wie prächtige Tulpen vor. Die Altere hatte wunderschöne schwarze Augen, und einen sanften lebhaften Blick; ihre Züge waren fein und edel, aber ihr Gesicht, noch mehr ihre Gestalt waren fett und breit. Die Jüngere hatte keine regelmäßigen Züge, aber einen Teint wie Morgenrot frisch und zart; kleine hübsche hellgraue Augen, mit ganz feinen geraden schwarzen Brauen – doch einen Blick so hart und böse, daß man erschrecken konnte. Jene kam mir auch eigentlich nur wie eine Tulpe – diese, wie ein schönes wildes Tier vor. Ihre Haarnadeln und Ringe waren von schlechtem Metall, also waren sie selbst von niederem Stand. Im höheren soll es kostbaren Schmuck geben. Sie benahmen sich auch mit den Männern ganz unbefangen, und zuletzt boten sie mir an mich zu schaukeln. Daraus vermutete ich, daß die Konversation erschöft sei; – und wir gingen fort. Wären ein paar hundert solcher Frauenzimmer in den »süßen Wassern« und namentlich auf der herrlichen Wiese hinter dem Kiosk des Großherrn gewesen, so hätte man allerdings einen äußerst reizenden Anblick gehabt. Jetzt waren wenig Spaziergänger dort, und eine Viehherde weidete ungestört. Die Wiese ist in ihrer ganzen Länge von einem schnurgeraden mit Stein ausgelegten Kanal durchschnitten, worin fließendes Wasser bis vor jenen Kiosk strömt. Dort fällt es über Marmorstufen in ein Bassin, über welchem sich auf beiden Seiten kleine Marmortempel mit Vergoldungen erheben. Die herrlichsten Bäume, Platanen, immergrüne Eichen, Ahorn, Ulmen, so groß und majestätisch wie unsere Buchen, fassen den Kanal ein und besäumen ringsum die Wiese. Die kleinen bunten Gebäudchen sehen niedlich wie Kinderspielwerk unter ihrem Schatten aus, und man möchte den Sultan beneiden, der alljährlich im Mai mit seinem Harem nach diesem Landhaus kommt. Aber siehe da! Was schwimmt denn dort auf dem Kanal? Welch eine unförmliche Masse wird von den kleinen rasch rieselnden Wellen gradewegs auf das Marmorbassin zugeführt? Ein gräßlicher Kadaver, ein totes Pferd, mein liebes Clärchen! Ja, daran mußt Du Gesichts- und Geruchsnerven gewöhnen. Tote Ratten, Mäuse, Katzen, haben ihre Grabstätte auf Schutt und Kehrrichthaufen, und wenn Du auf dem Bosporus fahrend an dem Spiel der Delphine Dich ergötzt, die Dir zur Rechten komisch springend ihr Rad schlagen, so mag Dir zur Linken der aufgeschwollne Leichnam eines Hundes schwimmen. Anfangs wollte ich mich entsetzen; aber das ist unnütz. Hier zu Lande ist's nun einmal nicht anders, Moder und Marmor gehen Hand in Hand, und sieht man einen Staat vermodern, so kann man auch wohl dasselbe an einem Tier sehen. Ich stelle mir vor, daß das Reich an der Abzehrung langsam, langsam dahin stirbt, wie das immer den entnervten Organisationen ergeht. In diesem kläglichen Zustand kann es sich noch lange hinschleppen, umsomehr da den europäischen Mächten daran liegt, daß ihm das Leben gefristet werde. Ich muß lachen wenn ich höre daß aus Preußen Offiziere hier sind, aus Österreich Ärzte. Diese Herrn mögen große Verdienste haben und sich große Mühe geben, aber es ist »der alte Rock mit einem neuen Lappen geflickt«. Die fremde Disziplin, die fremde Wissenschaft gehen diesem Körper nicht organisch ins Blut, in den Lebenskeim über. Um abgestorbene Völker zu regenerieren ist die Einimpfung einer fremden Bildung nicht wirksam genug. Dazu gehören andere Lehrmeister! Revolutionen gehören dazu und umwälzende Schicksale – vorausgesetzt daß noch innerer Nerv als Anknüpfungspunkt vorhanden sei. Ich kann nur nicht vorstellen, daß die Türkei eine andere Zukunft haben könnte als in sich selbst zu vermodern: – Ach nein! Ich beneide den Sultan nicht um seinen Kiosk an den »süßen Wassern«. Beiläufig und ein für alle Mal, mein liebes Clärchen: auf türkische Namen und türkische Schreibart lasse ich mich so wenig wie möglich ein. Erstens kann ich sie nicht schreiben, und zweitens werdet Ihr sie nicht lesen können. Das h wird ausgesprochen wie ch , das o wie u ; daher zahllose Verwechslungen für mein ungelehrtes Ohr. Übrigens denke ich ist's Euch auch lieber, wenn ich von dem Kiosk spreche, den Ihr kennt, als wenn ich von dem Köschk erzählen wollte – wie das Ding regelrecht auf türkisch heißt. Nun, wir durften dies Heiligtum betreten. Ein Zauberwort öffnete uns die Pforte, und da ich es schon öfter gehört habe, so habe ich es mir gemerkt; es heißt Bakschisch – auf deutsch Trinkgeld. Da die Türken anfangen der Zaubergewalt dieses Wortes zu verfallen: so wette ich darauf, daß in den nächsten zehn bis zwölf Jahren der Bakschisch die Pforten der Aja Sofia sprengen wird. Dies ist der einzige Zivilisationsfortschritt, dem ich eine glänzende Zukunft zu versprechen wage. Mittels eines Trinkgeldes von fünfzehn türkischen Piastern oder einem preußischen Taler verschaffte unser Dragoman uns Einlaß, und wir sahen bequem die innere Einrichtung. Nichts fiel mir so auf als die unerhörte Buntfarbigkeit und Buntscheckigkeit desselben! Diese Masse von kleinlichen Draperien, übereinander gewirrt und durcheinander geschlungen macht die Augen flimmern. Und die Vorhänge sind das Hauptmöbel in einem Zimmer. Nicht nur daß die eine Wand desselben einen Fensterreichtum wie ein Ananashaus hat: Eckfenster auf beiden Seiten, je mehr desto besser, gehören zur Elegance, und sie müssen natürlich mit Vorhängen versehen werden. Unter ihnen breitet sich das Sofa aus, das sehr breit und gut gepolstert, vom etwas höher als hinten, außerordentlich bequem ist. Feine glänzende Strohmatten bedecken den Fußboden. Die hölzernen Wände sind über und über bedeckt mit Landschaften, Blumen, Arabesken, als ob sie mit den europäischen al fresco gemalten Sälen rivalisieren wollten, und der hölzerne Plafond zeigt in ziemlich rohem Schnitzwerk vergoldete oder versilberte Rosetten und Muscheln auf rosenfarbenem oder maigrünem Grund. Europäische Sofas und Stühle von schlechtem Holz mit gelbem Utrechter Samt bezogen, standen in einigen Zimmern und erhöhten nicht eben deren Glanz. So sind die Salons beschaffen. Die Schlafzimmer sind von einer trostlosen Leere: ein Sofa, weiter nichts! Darauf liegt man bei Nacht wie man am Tage darauf gelegen hat. Nirgends im ganzen Haus findet sich ein Möbel, das an irgendeine Beschäftigung erinnerte, nicht einmal an die gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse – kein Tisch!, kein Schrank!, nichts. Himmel, wie muß man sich in diesen Räumen langweilen! Leicht und leise würde man auf diesen feinen Matten gehen, wenn nicht das ganze Haus so gebrechlich und knarrend gebaut wäre, daß jeder Schritt eine Art von Erdbeben verursacht. Die zahlreichen Fenster würden in dieser frischen Umgebung auch etwas recht Freundliches haben, wenn sie nur nicht außer der Sonne und dem Grün so entsetzlich viel Zugwind durch ihre klaffenden Fugen ließen. Kurz – nichts war gut, ordentlich, sauber gehalten, als einzig das Bad, von weißem Marmor mit der Kuppel voll Lichtöffnungen – ganz wie in der Alhambra. Im Erdgeschoß befanden sich die Frauengemächer, die sich durch nichts auszeichneten als durch ihre noch größere Vernachlässigung, durch vergitterte Fenster, und eine dumpfe beklemmende Luft. Nein, man muß draußen bleiben; dann sieht sich das alles recht gut an – wie Konstantinopel selbst am schönsten ist, bevor man den Fuß hineinsetzt. Das Innere ist durch und durch vermorscht. Wir fuhren zurück. Da schaukelte sich noch die junge Armenierin, da trieb noch der Gaukler seine Possen, da wurde noch Zuckerwerk feilgeboten, und alles ging nach hergebrachter Weise im kindischen Treiben, ohne Intelligenz, ohne Idee, so fort. 6. An meinen Bruder Konstantinopel, September 14, 1843 Mein liebster Dinand, heute gedenke ich Dir ein ganz besondres Vergnügen zu machen, und Dich einzuladen mit mir den Sklavenmarkt zu besuchen. Wohlverstanden den Sklavinnen markt, den Blumenflor von Georgien und Zirkassien, und voll schwarzer äthiopischer Schönheiten – alle zu kaufen wie die schönste Viehherde! Eine sublime Einrichtung; aber freilich für's Auge wunderlieblich. Nun komm! Wir steigen, wie immer, von unserem abscheulich unbequemen Berg von Pera hinab; wir werden an der Skala von einem halben Hundert Ruderern mit Geschrei angefallen; der Dragoman dingt eine Viertelstunde gleichviel ob mit ›ehrlichen Türken‹ oder mit ›spitzbübischen Griechen‹ um die Überfahrt; wir setzen uns sehr unbehaglich auf den Boden unseres Kaiks platt nieder und finden mit Recht den Raum nicht einmal für zwei dünne Menschen breit genug, aber wir finden das Schnitzwerk, das am inneren Rande herumläuft recht hübsch und die ganze Barke sehr reinlich gehalten; und so fahren wir über das goldne Horn nach der Stadt. Da beginnt das Klettern, das Ausweichen, das Stolpern; da geht es hügelauf, hügelab, durch Straßen rechts und durch Straßen links; da schlängeln, winden und drehen wir uns als ob wir dem Faden der Ariadne folgten; da bringen wir uns mühselig durch eine Flut von Eseln, Pferden, Hunden, Lastträgern, Türken, Juden, danken Gott wenn wir etwa nur von einem Esel einen Puff erhalten, denn das ist der reinlichste von der ganzen Gesellschaft, und gehen zuweilen am liebsten im Rinnstein, denn das ist der reinlichste Platz auf der Straße. Wir gehen sehr lange; Konstantinopel ist eine gar große über sieben Hügel verbreitete Stadt. Endlich führt eine schmale steile Gasse zu einem Tor, das den Eingang in den Sklavenmarkt schließt; ein Wächter mit einem Stock steht daneben, und der Dragoman muß unseren Eintritt erkaufen. Ein Türke reitet an uns vorüber und hinein; das profane Auge der Franken wird nur nicht für würdig gehalten das Heiligtum zu schauen. Indessen – der Bakschisch entprofaniert uns, und während dieser Unterhandlungen tritt ein Jude an uns heran, legt die Hand an die Stirn mit einer eigentümlichen Bewegung, welche bedeutet: ›Ich lege die Stirn in den Staub Deiner Füße‹; und bietet für alle Fälle seine Dienste an – wenn nicht für Sklavinnen, doch für Shawls, wenn nicht für Shawls doch für Tabak – ganz im dienstbeflissenen Schachergeist seines Volkes. Franken dürfen aber keine Sklavinnen kaufen, dies Vorrecht besitzt nur der Türk. Jetzt treten wir ein in das Paradies voll Houris, gespannt, neugierig, erwartungsvoll. Der Ort selbst ist nicht lieblich. Ein unregelmäßiger Platz, den dumpfe Galerien umgeben. In diesen Galerien sitzen die Verkäufer mit Kaffee und Tschibuk, Aufseher, Kauflustige, Neugierige; und in den engen dunklen niedrigen Gemächern, welche eine Tür und vergitterte Fenster auf die Galerien haben, wird die edle Ware gehalten. Eine Gruppe ist in der Mitte des Hofes zur Schau gestellt – oder besser, gesetzt denn sie kauert wie gewöhnlich auf Matten. Wir wollen sie uns betrachten. O Entsetzen! Schauderhafter, abstoßender Anblick! Nimm Deine Einbildungskraft zusammen, stelle Dir Monstra vor, und Du bleibst noch weit hinter den Negerinnen zurück von denen sich Dein beleidigtes Auge mit Widerwillen abwendet. Aber die Georgierinnen? Die Zirkassierinnen? Die herrlichsten Weiber der Welt? Wo sind sie? – Ja, mein lieber Bruder, die weißen Sklavinnen werden abgesondert in Tophana gehalten, von dort in die Harems zur Schau geführt, und nur durch ganz besondere Protektion gelangst Du zu dem Ort, wo man sie aufbewahrt. Hier gibt es nur Schwarze, und mit diesem unholden Anblick mußt Du Dich begnügen. Da sitzen sie! Ein grobes grauweißes Gewand verhüllt die Gestalt, bunte Glasringe umgeben die Handgelenke, bunte Glasperlen den Hals. Das Haar tragen sie kurz abgeschnitten; die deprimierte Stirn, tief eingedrückt über den Augenbrauen wie bei den Kretins, fällt zuerst auf, dann das große rollende nichtssagende Auge, dann die Nase, die ohne Nasenbein eine unförmliche Masse zu sein scheint, dann der Mund mit der affrösen tierischen Bildung der vorspringenden Kinnladen, und mit den klaffenden schwarzen Lippen – (rote Mohrenlippen ist ein europäischer Schönheitsbegriff, den die Wirklichkeit nicht realisiert) – dann die langfingerigen äffischen Hände mit häßlich farblosen Nägeln, dann die spindeldürren Beine mit der heraustretenden Ferse; dann, und am meisten, das unerhört Tierische der ganzen Erscheinung, Form und Ausdruck inbegriffen. Die Farbe ist verschieden, bald glänzend schwarz, bald bräunlich, bald gräulich. Sie geben kein Lebenszeichen von sich, sie starren uns an mit demselben bewußtlosen Blick mit dem sie sich untereinander anstarren. Ein Käufer kommt, mustert sie; Käuferinnen machen ihre Bemerkungen über sie; es ist ihnen gleichgültig. Sie werden gemessen in der Höhe und Breite wie Warenballen, untersucht an Händen, Hüften, Füßen, Zähnen wie ein Pferd, sobald es zum Handel kommt; sie lassen alles geschehen, ohne Scheu, ohne Zorn, ohne Schmerz. Übrigens geschieht das auch alles mit Anstand; natürlich mit dem sogenannten Anstand, daß sie ihre Gewänder nicht ablegen, die vom Halse bis zur Hälfte der Waden herabreichen. Dann wird gefordert, geboten, gefeilscht; wird man einig, so geht die Sklavin mit dem Herrn oder der Herrin fort; wird man's nicht, so setzt sie sich wieder auf die Matte unbekümmert um ihr Schicksal. Nun, wie gefällt Dir das? Ich muß ehrlich gestehen, daß mich bei der ganzen Prozedur nichts so anwiderte als ihre Häßlichkeit und daß mir der majestätische Königsgeier zu Schönbrunn mehr Mitleid mit seiner Gefangenschaft einflößte, als die Sklaverei dieser Geschöpfe. Ich fragte mich heimlich: »Ist es möglich, daß eine Sappho, eine Aspasia, eine Marie Stuart, diese und ähnliche Weltwunder von Geist Liebreiz und Schönheit, desselben Geschlechts sein konnten?« – und mit großer Zuversicht antwortete ich mir selbst: »Nein! Denn ein Weib ohne Intelligenz ist kein Weib mehr, sondern nur noch – Himmel, nun habe ich kein anderes Wort, als: ein Weibchen, und das klingt wie ein Schmeichelname der Zärtlichkeit! aber ich meine: une femelle . Die Rassen! Von deren Verschiedenheit wird man durchdrungen, wenn man im Geist eine solche Schwarze neben eine Aspasia stellt; und die Kluft welche diese beiden Wesen trennt kann kein Philantrop ableugnen. Wir sind von Staub und wir gehen zum Staube, aber für die paar Jahre die ich lebe danke ich denn doch meinem Schöpfer, daß es ihm gefallen hat mir eine weiße Staubeshülle zu geben. Da wir in der Stadt sind, wollen wir uns doch noch genauer darin umsehen, namentlich in den Bazars oder – um den regelrechten Ausdruck zu gebrauchen, im Besestan, d. h. im bedeckten Marktplatz. Er sieht auch ungefähr wie ein Jahrmarkt aus, mit Straßen von Bretterbuden; nur haben diese Buden alle einen Unterbau von Stein, etwa wie ein niedriger Tisch, der zugleich Sofa, Fußboden und Ladentisch ist, und jede Straße ist mit einem ziemlich hohen Gewölbe überdacht, in dessen Decke Licht- und Luftlöcher sehr sparsam angebracht sind. In der Mitte der Straße befindet sich der unvermeidliche Rinnstein. Man kann die Besestans hinein reiten, gar mit Ochsenkarren fahren; das Gedränge der Fußgänger, hauptsächlich der Weiber, ist immens; dies Geschwirr und Getöse, die beklommene Luft, das Halbdunkel, das Anrufen der Verkäufer, das Aufpassen um nicht gestoßen zu werden und zu stoßen, machen mir den Aufenthalt darin noch widerlicher als auf einem Jahrmarkt. Doch bringen manche Fremde halbe Tage darin zu, und amüsieren sich sehr mit vielem Besehen und einigem Einkaufen. Gerade das ist mir ein Greuel! Ich besehe genau nur das was ich kaufen will; und nicht ein Stück mehr. Es ist mir unangenehm dem Kaufmann vergebliche Hoffnung zu machen, allein es ist mir ebenso unangenehm, daß er auf meine Unkenntnis der Waren und Geschäfte spekuliert um mich zu übervorteilen, und so ist der geringste Handel für mich ein unbehaglicher Moment, den ich in möglichster Eile abmache. Hier ist nun aber auch gar nichts Lockendes – oder ist es nur nicht lockend ausgestellt. Jede Straße ist einem besonderen Handelsartikel gewidmet: in der ersten siehst Du nichts als Pelzwerk, in der zweiten nichts als Schuhe, in der dritten nichts als Baumwollenstoffe, in der vierten nichts als Shawls – nämlich gemeine, von Baumwolle oder schlechter Wolle – in der fünften nichts als Tabaksbeutel, in der sechsten nichts als Pfeifenrohre; und so geht das fort. Im ägyptischen Besestan sind nur Spezereien, und große Säcke angefüllt mit einem Färbepulver fielen mir darin auf. das ist Henna, womit sich die Frauen die Nägel rotgelb färben. In jeder Bude sitzt der Verkäufer gravitätisch mit untergeschlagenen Beinen auf dem mit Matte oder Teppich bedeckten Ladentisch und raucht, und trittst Du an die Bude heran, so wälzt und kugelt er sich vor Dir auf dem Tisch herum um die begehrten Gegenstände zu schaffen, daß mir immer dabei der Mann einfällt, den wir einmal in Wien zusammen sahen, und der frappant einen Affen darstellte. Die Schuhbuden sehen niedlich aus, wegen der bunten Farben, und hauptsächlich wegen der Samtpantoffeln mit Gold und Perlen gestickt, die man in allen Preisen, von zwei Gulden bis hundert hat. Ein europäischer Fuß kann sie aber nicht tragen, weil die Spitze aufwärts gekrümmt und die Sohle von Holz ist. Niedlich sind auch die Sachen von Perlmutter-Mosaik, Kasten, Teller, Tische, ein türkischer Tisch ist vielleicht einen Fuß hoch und tellergroß, und man stellt höchstens einen Pfeifenkopf oder eine Kaffeetasse darauf, so ist denn das ganze Ding, Füße und Platte, mit diesen pfenniggroßen, teils weißen, teils buntgefärbten Perlmutterstückchen ausgelegt, die einfache Zeichnungen bilden. Die Formen sind unglaublich roh; nur das zierliche Material macht diese plumpen viereckigen Schmuckkasten erträglich. Die Waffen sind auch interessant zu sehen, und mitunter sehr kostbar; Damaszener Säbel zu 30.000 türkischen Piastern gibt es: das sind 2.000 preußische Taler. Aber die Türken tragen keine Waffen mehr, keine Dolche oder Pistolen im Gürtel, wie das so majestätisch zu der morgenländischen Tracht in Bildern und Beschreibungen sich ausnimmt. Sie sollen ja zivilisiert werden, und da es in der zivilisierten Welt Polizei und dergleichen Sicherheitsmaßregeln gibt, die für das Allgemeine sorgen, so wird der einzelne dadurch dieser Sorge enthoben, und die Waffen sind unnütz, gar gefährlich in seiner Hand. Beim Volk sieht man keine Spur davon. Die Vornehmen haben einen Säbel am ledernen Riemen umgeschnallt, ganz gemein europäisch, wenn sie auf der Straße erscheinen. Sie reiten immer, und meistens auf schönen Pferden, nur der gemeine Mann geht zu Fuß. Neben dem Steigbügel geht ein Sklave; ein andrer folgt, der eine lange, mit Tuch verhüllte Maschine trägt, welche ich für eine Flinte hielt, denn ich dachte der Mann ginge auf die Jagd. Aber ein Türk und jagen! Ein Türk und Vergnügen an starker, schneller Bewegung finden! Nein! Nur die Franken sind Toren genug um das unterhaltend zu nennen. Des Türken Genuß, Vergnügen und Zerstreuung ist Ruhe. Was ihm da nachgetragen wird ist der Zauberstab, der ihn in das Paradies dieser seligen Ruhe versetzt, ist – die Tabakspfeife! Du siehst Kreise von zehn bis zwölf Männern beisammen, in tiefem Schweigen verharrend, vollkommen befriedigt durch die geliebte Pfeife. Die meisten rauchen den Tschibuk, das lange Rohr, die türkische Pfeife; einige die persische, den Nargileh, einen schlangenartigen Schlauch, der in einer großen Glasphiole voll Wasser mündet. In den zahllosen Cafés hast Du Gelegenheit diese stumme Gesellschaft zu beobachten, die mir durchaus den Eindruck eines Wachsfigurenkabinetts macht. Alle Cafés sind ungefähr auf gleichem Fuß eingerichtet. Ein viereckiges, ausgeweißtes Gemach mit möglichst vielen Fenstern; an den Wänden hölzerne Sofas mit Matten oder Teppichen belegt; an der Hinterwand der Herd und Plätze für das Geschirr; in der Mitte des Fußbodens eine kleine Fontäne; niedrige Schemel, gar europäische Stühle, vor der Tür; das Ganze reinlich und ärmlich; wenn es hübsch ist unter einem großen Weinstock liegend, dessen Reben eine Vorhalle bilden, oder unter einem schönen schattigen Baum: so sind die Cafés in Konstantinopel, und lassen es sich nicht träumen, daß sie sehr wenig Ähnlichkeit mit denen in Paris und Mailand haben. Armenier und Griechen sitzen viel auf den kleinen Schemeln; die Stühle sind wohl eigentlich für die Franken nur bestimmt. Zuweilen, wenn die Plätze alle besetzt sind, versucht aber auch ein Türk sich auf ihnen zu etablieren, und da sieht es lächerlich genug aus, wie ihm das eine Bein so kläglich herabhängt, während das andere auch gar nicht gehörigen Raum findet, um zusammengeklappt auf dem Sitz zu liegen. Mitunter findet man einen redenden Mann in einem Café: das ist ein Märchenerzähler. Er spricht meistens mit näselnder Stimme, und da ich ihn nicht verstand, war ich wirklich höchst überrascht die ganze ernsthafte Gesellschaft lächeln, gar lachen zu sehen. Je lasziver diese Erzählungen, umsomehr gefallen sie, und hauptsächlich müssen sie Weiber zum Gegenstand haben; – sagte der Dragoman. Und außerdem hörte ich, daß, wenn sich die Türken je auf eine Unterhaltung einlassen, so sei sie beständig über Frauen, und in jener Manier. In den Vergnügungen eines Volks liegt so viel Charakteristisches! Ich wünschte Tänze zu sehen: man sagt mir das sei nicht wohl möglich; und als ich glaubte es sei nur die Rede davon, daß ich nicht hingehen dürfe, wo man tanze, und unbefangen vorschlug die Tänzer ins Haus kommen zu lassen, wie einst in Sevilla: ergab sich das als noch weit unmöglicher. Die Türken stehen im Ruf großer Sittenreinheit. Ich will diesen nicht schmälern, nur bemerken, daß man dabei vom europäischen Begriff ausgehen muß, der es unsittlich nennt außer der Ehe oder ohne Ehe Kinder zu haben. Aber der Türke, der jede Sklavin kaufen und in seinen Harem führen darf, die ihm gefällt, hält die Kinder von zwanzig Sklavinnen für ebenso rechtmäßig, als von seiner Frau, und ich denke, wenn man die Mode der Harems in Europa einführte, würde auch dort von selbst die Unsittlichkeit der natürlichen Kinder wegfallen – nur freilich auf Kosten dieser noch größeren Unsittlichkeit des Harems selbst. Ich glaube nicht, daß in diesem Punkt der Türk einen Vorzug vor dem Europäer hat. Die Frauen besonders sollen trotz Schleier, Gitterfenster und Eunuchen, Liebeshändel genug anzuspinnen wissen – hauptsächlich beim Besuch des Besestan. Daher existiert auch ein Gesetz, daß sie nicht in die Buden hineingehen dürfen, sondern vor derselben ihre Einkäufe machen müssen. Ferner ein anderes, das den Kaufleuten befiehlt möglichst unschöne Kaufdiener in ihrem Laden zu haben. Das alles zeugt nicht von wundervoller Sittenreinheit – sollte ich meinen. Zur Aussöhnung für die unanständigen Tänzer und Erzähler, gibt es denn allerdings ein Hauptvergnügen des ganzen Volkes und beider Geschlechter, das sehr anständig, aber dafür auch wieder ein bißchen stupid ist: ich meine die Bäder. Darin bringen sie mit Wonne ihre Tage zu, baden, frühstücken, ruhen sich aus; baden von neuem, essen Mittagbrot, ruhen wieder. Ich war in einem Frauenbad, das die Amme von Sultan Abdul-Medjid hält. Das erste was man darin aufgeben muß, ist jeder Anspruch an Bequemlichkeit, geschweige an Luxus. In dem ersten Gemach laufen die ewigen hölzernen Sofas an den Wänden herum, und man muß selbst Teppich und Polster mitbringen, wenn man nicht auf den harten Brettern ruhen mag. In diesem Zimmer ist die natürliche Temperatur. Nun folgen kleinere, durch Wasserdämpfe immer mehr und mehr erhitzte, überwölbt mit der maurischen Kuppel voll sternähnlicher Lichtöffnungen, übrigens fensterlos, ganz ohne Möbel, mit Fußboden von Marmor. Solch ein Kabinett nimmt man, allein, gemeinschaftlich, wie man will! Und läßt die Badefrau ihr Wesen treiben. Die Hauptsache ist, daß man enorm transpiriert. Die Türkinnen haben unglaublich viel Schönheitsmittel: Salben, Essenzen, Farben, weiß der Himmel was! lauter Dinge vor denen ich Abscheu habe: sie werden angewendet bevor man das Bad verläßt. Mein Entsetzen war nicht klein, als mir die Badefrau einen Wunderbalsam aufs Gesicht schmierte, der aus Erde von Mekka und Myrtenblättern, in Rosenwasser geweicht, bestand. Ich sträubte mich heftig, aber sie meinte es gehöre durchaus zur Toilette, und ich würde wohl sehen, wie schön es den Teint mache. Auf den meinen, der an gutes ehrliches kaltes Wasser als einziges Schönheitsmittel gewöhnt ist, machte es nicht den geringsten Effekt, aber das Bad bekam mir trotz seiner tropischen Hitze sehr gut. Hauptsächlich war ich hingegangen um, wo möglich, schöne Frauen zu sehen. Aber sie waren tout comme chez nous nicht schön nicht häßlich, sondern Mittelschlag; nämlich die jungen; die alten affrös. Das Alter fängt hier früh an. Man heiratet bei vierzehn, auch schon bei zwölf Jahren, zwanzig findet man schon zu alt dazu. Das Alter spricht sich später im Gesicht, als in der Gestalt aus, sie ist bei einigen dreißig Jahren schon zum Erschrecken welk, schwammig, aufgedunsen. Die ewig sitzende Lebensart, die ewigen heißen Bäder, der ewige Genuß von Zuckerwerk, Süßigkeiten und Bäckereien, nehmen den Gestalten allen Nerv. Wie Fleischklumpen sehen sie aus, die sich nicht aufrecht halten können, und in sich selbst zusammen sinken. Aber Du kannst dir nicht vorstellen was man für einen Wunsch hat auf der Straße Frauen gewahr zu werden, statt dieser plumpen braunen Bären mit weißen Köpfen! Gott weiß daß die Frauen bei uns nicht sonderlich schön sind, aber daß sie, wie sie nun einmal sind, doch viel besser aussehen, als diese vermummten Gestalten, und das Leben auf den Straßen lustiger machen, daß weiß man, sobald man hier ein paar Tage umher gewandelt ist. In Pera sieht man freilich genug fränkische und griechische Frauen – jene nach französischer Mode, diese nach ihrer eigenen gekleidet d. h. mit einem Röckchen von besonderem Schnitt um Busen und Arme, und mit einem wunderhübschen Kopfputz, der aus einem seidenen Tuch und ihren Haarzöpfen besteht; – allein man treibt sich mehr in der Stadt und in den türkischen Vorstädten herum. Noch mehr als der Mangel an Frauengesichtern fällt mir vielleicht der an jungen Männern auf. Alle Türken sehen alt aus. Einen weißen Bart zu haben, gilt bei ihnen für schön: so brauchen sie denn ebenso eifrig Mittel um ihn weiß zu machen, als man in Europa braucht um ihn schwarz zu färben: namentlich ein in den Tabak gestreutes Pulver, das diese Wirkung übt. Haar haben sie nicht, es wird abgeschoren; den Fez drücken sie auf die Augenbrauen, das rote fleischige Gesicht umgibt der graue Bart, die Gestalt ist breit und schwer – nirgends eine Spur von jugendlicher kräftiger Schönheit! Im höheren Alter sehen sie besser aus. Merkwürdiger ist es wohl, alt und schön zu sein; doch hübscher ist es jung und schön! Und als ich neulich einem wunderschönen jungen Zigeuner in phantastischer Tracht mit einer Zither unter dem Arm begegnete, stand ich still, sah ihm nach und dachte: der gebildete Mann braucht Intelligenz, der Barbar Schönheit – sonst sind beide unausstehlich. Nicht wahr, mein lieber Dinand? 7. An Gräfin Schönburg-Wechselburg Konstantinopel, September 16, 1843 Meine geliebte Emy! So stehe ich hier denn wirklich an der Pforte des Orients, des Landes vom Aufgang, von dem wir so viel zusammen gesprochen, nach dem wir uns so oft geträumt haben. Noch bin ich nicht darin! Der Bosporus ist nur dessen Schwelle; – aber die Pforten des Okzidents sind hinter mir zugetan, denn das was Grundstein und Kern des Lebens der Völker bildet und der Masse die Seele einhaucht: die Religion – ist hier eine andere. Ich bin im Gebiet und unter dem Gebot des Islam. Ich bin hergekommen ohne Vorurteil für oder gegen ihn: ich bemitleide nicht den Mohammedaner um seines Glaubens willen, und ich bewundere ihn nicht. Es ist sein Gesetz, das sein Prophet ihm gebracht: das scheint mir kein Grund weder für Verehrung noch für Verabscheuung. Die Formen in welcher sich die Andacht der Mohammedaner bewegt, haben für den Fremden nichts, das heftig in die Augen fiele. Für ihre zahlreichen Gebete und Almosen, und ihre Pilgerreise nach Mekka, hat die katholische Kirche große Analogie; zwischen den tanzenden Derwischen und den Shakers und Tremblers in Amerika – und auch wohl in England? – muß man einen Vergleich machen können; und ich denke nur, daß die Konvulsionärs des vorigen Jahrhunderts in den kalvinischen Sewennen – ja daß manche Erscheinungen bei den amerikanischen Campmeetings noch heutzutage Ähnlichkeit mit den singenden Derwischen haben müssen. Es gibt 72 verschiedene Orden von Derwischen; sie umfassen nicht bloß Mönche und Geistliche, sondern bilden auch Brüderschaften nur – je nachdem die Regel ist. Die Mewlewi-Derwische hat der große persische Dichter Dschelaleddin Rumi gestiftet. Bei den alten Persern wie bei den Indern, wo Krischna selbst den Reigen anführte, gehörten feierliche Rundtänze, welche die Bewegung der Gestirne um die Sonne symbolisieren sollten, zum Kultus. Zweimal wöchentlich finden die Tanzandachten der Mewlewi statt, öffentlich, in ihrer Moschee. Jedermann hat Zutritt, nur muß der Franke die türkische Sitte beobachten seine Schuhe aus- oder über dieselben Pantoffel zu ziehen. Für die türkischen Frauen ist eine besondere, vergitterte, kleine Emporkirche angebracht. Ich ging zuerst dorthin; ich bin nun einmal neugierig auf die türkischen Weiber. Bei dergleichen Expeditionen habe ich eine sehr freundliche Gefährtin an Fräulein Balbiani, welche der Sprache des Landes mächtig und mit allen Sitten und Gebräuchen bekannt ist. Frauenzimmer allein – ich meine fränkische – sind im Grunde sicherer als in Begleitung eines Mannes, weil es nach türkischem Begriff unanständig ist, daß beide Geschlechter sich öffentlich zusammen zeigen. Der Gipfel der Unsitte ist – wenn der Mann dem Frauenzimmer den Arm gibt! Als ein rohes Volk das es ist begreift der Türk nicht, daß man Aufmerksamkeit und Sorgfalt für eine Frau haben, daß man wünschen könne ihr den Weg zu erleichtern; seine ganze Aufmerksamkeit für sie beschränkt sich darauf, daß er sie wie einen wesenlosen Schatten ungefährdet an sich vorbeigleiten läßt. Den Arm zu geben hält er für ein Zeichen von Verliebtheit und bestraft diese vermeintliche Schamlosigkeit mit Steinwürfen, so daß manche arme Fremde, trug sie vollends einen grünen Schleier, insultiert worden ist. Ich trage einen blauen, und hüte mich sehr einen hilfreichen Arm anzunehmen, denn obgleich es mir unendlich gleichgültig ist ob Pöbel hinter mir drein schreit oder nicht, so habe ich doch große Aversion vor Steinwürfen, weil sie weh tun, und trotz aller Vorsichtsmaßregeln entgeht man ihnen doch kaum. »Steine her! Wir wollen die Hunde steinigen!« riefen sich neulich in einer abgelegenen Straße von Scutari Kinder vor den Haustüren zu; und der Dragoman mußte sie heftig bedrohen um sie zur Ruhe zu bringen. In der Vorstadt Cassim-Pascha, wo die Hafenarbeiter wohnen, verfolgten uns die Kinder mit höhnendem Geschrei, und bei einer Moschee ärgerten sich kleine giftige Mädchen dermaßen über mich, daß sie mich mit Sand bewarfen, weil sie nichts anderes hatten – was ihnen aber ein alter Türke ernsthaft verwies. Ich habe bei dem allen nur das Gefühl, daß ich der Brut von Herzen die Rute gönnte, und die Überzeugung, daß ich durchaus nicht zur Märtyrin tauge. Immer wünsche ich unwillkürlich mich verteidigen zu können. Dafür rufen die Weiber aber auch öfter bei Promenaden auf den Gottesackern wenn wir vorüber gehen: »Ach wie sind die fränkischen Weiber glücklich, daß sie mit Männern spazieren gehen dürfen!« – Sie mögen sich wohl gräßlich langweilen immerfort unter einander leben zu müssen. Bei den Mewlewi, bevor die Zeremonie begann, waren sie von unermeßlicher Fraglust, aber immer in der alleroberflächlichsten Weise. Woher? – Aus Frankistan. – Das genügt ihnen vollkommen. Darunter verstehen sie Europa von Malta bis Spitzbergen. Keine einzige Frage über das fremde unbekannte ferne Land! Fragen nach Kleidern, nach Kindern – unerhört stupid. Sie langweilten mich, hübsch waren sie auch nicht, durch die Gitter sah ich schlecht – wir gingen hinab. Die Moschee ist inwendig achteckig, und eine niedrige Ballustrade schneidet von dem Raum in der Mitte einen Gang ab, der ihn ringförmig umläuft. Dieser Gang ist mit Matten belegt und wird von den Andächtigen und Zuschauern eingenommen; der Platz in der Mitte bleibt für die Mewlewi frei. Sie treten nach einander ein, in lange braune Mäntel gehüllt, auf dem Kopf einen Aufsatz von Filz, der vollkommen an Form und Farbe einem umgestürzten Blumentopf gleicht; nur der Scheich (Älteste) trug einen grünen Turban. Sie verbeugten sich beim Eintritt gegen den Mihrab, die Nische welche sich in der Mekkalinie – also hier in Konstantinopel im Südost – in jeder Moschee befindet. Die Nische ist leer, zwei Wachskerzen auf hohen Leuchtern stehen gewöhnlich neben ihr; das ist die geheiligte Stelle, wie bei uns die des Altars es ist. Der Scheich setzte sich auf ein Polster, die neunzehn Derwische setzten sich auf den Boden im Halbkreis ihm gegenüber, und sie verrichteten zuerst alle halblaut mit den gewohnten Bewegungen das Gebet, das mit der ersten Glaubensformel »Es ist kein anderer Gott« etc., immerdar beginnt. Dann hub eine unsichtbare Musik von einer Trommel und einer Pfeife an, die einen Gesang von unsichtbaren Sängern begleitete. Es war ein Loblied auf den Propheten, und klang eintönig und etwas näselnd – wie die Psalmodien in dem katholischen Gottesdienst oder wie der Gesang des Predigers vor dem Altar, bei dem lutherischen. Dann sprach der Scheich halblaut ein langes, sehr langes Gebet; und als darauf Trommel und Pfeife wieder anhuben, erhoben sie sich sämtlich, und hielten dreimal einen Umgang in der Moschee mit feierlicher Verbeugung gegen den Mihrab. Darauf nahm der Scheich wieder seinen Platz ein, die Derwische aber ließen die Mäntel fallen, und begannen in langen weißen faltenreichen Gewändern, eine Hand auf die Brust gelegt, den anderen Arm ausgebreitet, um sich selbst und durch den Raum sich zu drehen, wie etwa in einem ganz langsamen Walzer. Allmählich hoben sie auch den zweiten Arm empor, und drehten sich nun mit so gleichmäßigem Takt und Schritt daß jedem sein schweres Kleid wie eine Glocke den Leib umspannte, ohne jedoch mehr als die Füße zu enthüllen. Einige senkten den Kopf gegen eine Schulter, andere hielten ihn aufrecht; alle hatten die Augen geschlossen, oder wenigstens ganz fest und tief zu Boden gesenkt. Keiner berührte auch nur mit einer Fingerspitze seine Nebentänzer; kein Gewand streifte das andere; die äußerste Ordnung und Ruhe beherrschte jede Bewegung. Sobald der Scheich ein Zeichen gab, standen sie sämtlich mit einer Gelassenheit still, an der man deutlich erkannte, die schwindelerregende Bewegung mache nicht diese Wirkung auf sie. Man hatte mich gewarnt nicht zu lachen; aber das wäre mir wahrlich nie eingefallen – denn das Ganze gab mir den Eindruck, daß ich einer ernsten Zeremonie beiwohne. Bei den Rufaji-Derwischen war das nun freilich ganz anders! Da hätte ich fast geweint, so nervös – Sie wissen wie man das zuweilen bei peinlichen Eindrücken unwillkürlich tut; denn dies Schauspiel war allerdings ausnehmend widerlich. Deren Kloster liegt drüben auf der asiatischen Seite in Scutari, und die Moschee sieht im Innern mehr wie eine viereckige wüste Scheunentenne, als wie ein Gotteshaus aus, dunkel, unsauber. Die Zeremonie besteht darin, daß die ersten Worte des Glaubensbekenntnisses: Lah illah, ill allah, in einem gewissen Takt und mit gewissen wiegenden Bewegungen des ganzen Körpers vor-, rück- und seitwärts, stundenlang wiederholt werden. Langsam fängt man an, und steigert es bis zu atemloser Geschwindigkeit, so daß der Ausruf ein keuchendes, rauhes Ächzen, und die Bewegung ein wildes krampfhaftes Zucken wird. Die Gesichter glühen, die Augen quellen aus dem Kopf, der geöffnete Mund schnappt nach Luft. Einer warf sich mit geballten Fäusten zu Boden und schlug mit der Stirn heftig die Erde, als ob er in Konvulsionen liege; aber das waren Faxen: man beruhigte ihn und nach kurzer Zeit nahm er wieder seinen Platz ein. Die wenigsten dieser Leute waren Derwische. Jeder der sich berufen fühlt sich diese Kasteiung angedeihen zu lassen, darf in den Kreis treten. Ich nenne sie Kasteiung, weil ein großer Aufwand von körperlicher Anstrengung zu diesem Exerzitium gehört, so daß wohl keiner ohne starke Rückenschmerzen davonkommt. Kleine Kinder, aus dem ihnen angebornen Nachahmungstrieb zu tun was die Erwachsenen tun, kletterten auch über die Barriere und wackelten und schrien aus Leibeskräften. Der Scheich stand in der Mitte und schlug wie ein Kapellmeister den Takt mit der Hand zu größerer Schnelligkeit beflügelnd. Drang nur noch ein wildes heiseres Gestöhne aus dem atemlosen Busen, so gab er ein Zeichen, und alles verstummte und stand unbeweglich. Dann hub ein Gesang von vier Männern an, die in der Mitte des Kreises zu den Füßen des Scheichs auf einem Teppich saßen, d. h. jeder von ihnen sang einer nach dem anderen, halb näselnd halb gurgelnd, Lob- und Danklieder, die freilich unschön genug klangen, aber doch ein friedliches Zwischenspiel bildeten. Während der Zeit gingen einige fort, die sich bereits genug abgearbeitet hatten, während andere wiederum kamen. Ein kleiner höchstens zehnjähriger Knabe drängte sich dabei durch die Zuschauer, und rief, wild uns bei Seite stoßend: »Fort Giaur!« um nur nichts zu versäumen. Es war ein trauriges Schauspiel. Im Hintergrunde hingen an der Wand allerlei Marterinstrumente, Dolche, Nägel, etc., mit denen die wildesten Fanatiker sich ehedem zerfleischt oder auch nur Spiegelfechterei getrieben haben. Jetzt ist ihnen das untersagt. Aber ich versichere Sie, daß diese Gesellschaft von Besessenen einen grauenhaften Eindruck macht. Ganz verwirrt und abgemattet verließen wir die Moschee, und gingen um uns zu erholen nach dem großen, stundenlangen Gottesacker von Scutari, wo sich die Türken vorzugsweise gern bestatten lassen, denn er liegt in Anatolien, in der asiatischen Türkei, und sie haben eine Art von Vorgefühl, daß Rumeli, die europäische, ihnen nicht lange mehr gehören werde – so erzählt man. Vielleicht ist es aber auch nur eine Vorliebe für die asiatische Heimat, für das Land, von wo sie ihren Ausgang nahmen, die sie treibt ihre Gebeine in dessen Erde ruhen zu lassen. Dieser Gottesacker ist weniger unheilig als die in Konstantinopel selbst; er liegt außerhalb der Stadt, folglich werden nicht Geschäfte und Gewerbe auf ihm getrieben, er wird nicht wie ein Marktplatz oder ein Kehrichthaufen betrachtet. Er dient als Spaziergang nach türkischer Sitte, die darin besteht, daß man sich unter einen Baum setzt, die Männer um zu rauchen, die Weiber um zu essen oder nichts zu tun, und zum Ruhen unter diesen herrlichen Zypressen ist der Ort auch höchst einladend. Aber uns Europäern genügt das nicht! Wir streifen herum, wir dringen in das Innere des Haines, wir suchen schöne Aussichten. Dabei kommen wir denn zu unzähligen verfallnen eingesunkenen Gräbern und zertrümmerten Grabsteinen, und zu der Überzeugung: wären nicht die wundervollen Bäume, so müßten diese Gottesacker den allerkläglichsten Eindruck machen – denn der berühmte Respekt der Türken vor ihren Grabstätten besteht nur darin, daß man sie durch die Jahre hindurch langsam, langsam verfallen läßt. Auf Erhaltung ist niemand bedacht. Bei unsrer Streiferei durch den großen Zypressenhain kamen wir denn auch endlich ins Freie, wo man das Marmorameer in wunderschönen Durchsichten gewahr wurde. Wir gingen weiter und weiter, und endlich bis zum Kiosk des Sultans hinter der großen Kaserne von Scutari, auf hohem Ufer am Meer; – das war ein Anblick ganz geeignet um die Seele wieder zu erfrischen, und die rohen und grellen Bilder durch die anmutigsten aus ihr zu vertreiben! Zur Rechten lag uns der Bosporus, wie eine schillernde Zauberschlange aus jenen Märchen, wo die Schlangen nicht giftig, sondern glückbringend und Boten von Feen und guten Geistern waren. Wo die Schlange sich ins Marmorameer hineinwindet, trägt sie eine funkelnde Krone auf dem Haupt, die Spitze des Serais, diese Agglomeration von Gärten, Türmen, Pavillons, Terrassen, über welche sich Kuppeln der Moscheen und Minarette erheben, und eine Residenz bilden in welcher ein Geisterfürst wohnen müßte – so idealisch schön ist sie, als Gemälde und von dieser Stätte aus betrachtet. Die Stadt selbst, der Hafen, die Vorstädte an welche sich die Dörfer schließen – alles liegt noch zur Rechten, aufgetaucht aus dem klaren Flutenspiegel des Bosporus. Zur Linken erstreckt sich die hügelige, wenig bebaute Landschaft von Anatolien, mit einzelnen Pinien und zederartigen Bäumen auf nahen und ferneren Bergen, die sich mehr und mehr abflachen, und bei der Spitze von Chalcedon das niedrige ziemlich grüne Ufer des Propontis bilden. Dieser ist vor uns ausgebreitet mit dem zartesten Schmelz überhaucht, und die neun Prinzeninseln sind wie größere und kleinere Amethisten, rosig und violett gefärbt in diese silberne Fassung hineingestreut. Manche sind nackter Fels, auf anderen liegen Dörfer, Gärten, ein griechisches Kloster auf der einen. Über sie und den Propontis hinweg, verfolgt das Auge die hügelige Küste von Anatolien, die immer höher und höher am Horizont aufsteigt, und allendlich wie ein Schemel zu Füßen des bythinischen Olympos liegt, der schneegekrönt wie ein Weiser aus alten Tagen, ernst wie Einer der von ganz anderen Götter- und Heldenzeiten erzählen kann, in diese Welt hineinschaut. Ein starker Südwind weht; der ganze Propontis ist mit Segelbarken bedeckt, welche von Anatolien und von den Inseln mit Früchten und Gemüsen beladen kommen, und diesen günstigen Wind geschwinde benutzen müssen um in den Bosporus zu segeln, der ihnen oft monatelang verschlossen ist, sobald die Nordwinde wehen, da ohnehin seine sehr starke Strömung von Norden nach Süden geht. Wie Schwäne, wie Möven, die ganz entfernten wie kleine weiße Schmetterlinge: so ziehen sie durch die silbrige Flut, und hinter ihnen bilden sich wasserblaue geschlängelte Bänder, wie Netze über dem Meer. Ah, wie das still ist, wie das gut tut, wie das die Seele rein badet von all dem Wust des menschlichen Treibens! Dies Drehen, dies Wackeln, dies Singen zur Ehre Gottes, möge das eine noch so feierlich, das andre noch so tobend geschehen, schickt sich doch im Grunde gar nicht für den Ausdruck einer Verbindung zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer. Am Gestade des Meeres, dem Gebirg gegenüber, unter dem freien lichten Himmel, kann ich doch ungestört an meinen Gott denken: denn da ist Licht ringsum, und nirgends jener beängstigende dunkle Wust: da ist seine Offenbarung unverzerrt durch die Hand, ungetrübt durch die schwache Erkenntnis des Menschen. O diese Sehnsucht nach Licht! Sie zieht mich in den fernen Orient, sie führt mich über Meere und Berge, sie drängt mich dahin wo jemals Wundertaten und Wunderwerke niedergelegt sind, welche einen Strahl des Lichts umschließen, wie die Frucht den Kein zugleich umgibt und aus ihm geboren wird. Ich werde das nie finden was ich suche, nie die Unmittelbarkeit zwischen dem schwachen Lichtfunken in mir und dem großen Lichtstrom außer mir finden! Nur in Symbolen, in Formen, in Bildern – nur mittelbar wird es sich mir mehr oder weniger kund geben! Das ist das Los des Menschen. Aber gesucht hab' ich es mit einer glühenden – o nein, mit einer begeisterten Sehnsucht! Das ist der Zweck meines Lebens, und einen kleinen Mond in mir aufgehen zu sehen, oder einen Stern, oder ein Sternbild – das ist mein Glück. Eine Sonne – das wäre meine Seligkeit! Wer bringt es bis zu der? – Geliebteste Seele, Gott schenke sie Ihnen. Sie sind ihrer wert. Ich liebe Sie am Bosporus wie an der Ostsee; Sie wissen es. 8. An meine Mutter Konstantinopel, September 17, 1843 Meine Herzensmutter, heute ist Dein lieber Geburtstag. Ich denke recht an Dich, und ungestört, denn der Regen rauscht in Strömen herab, der Sturm braust und macht die schlecht verwahrten Fenster zittern, die sonst so unbeweglichen Zypressen schütteln hastig ihre feinen Gipfel, und von unserem Peraschen Berge rinnen Wasserbäche nach allen Weltgegenden herunter. Gestern hatten sie mich bald fortgeschwemmt. Wir kehrten von einer langen Wanderung zurück und wurden bei der Heimkehr, aber noch in der Stadt, von einer wahren Sintflut überfallen, vor der man sich hier zu Lande in keinen Wagen, in keine Portechaise retten kann. Jeder Kaik war in eine kleine schwimmende Badewanne verwandelt; ohnehin sind die leichten Dinger bei plötzlichen Windstößen sehr unsicher, – so zog ich vor in Wasser zu gehen , statt darin zu sitzen , und wir machten den großen Umweg über die große Brücke nach Pera. Den Berg hinauf zu klimmen war ein Seiltänzer-Kunststück, weil die Straßen, wie ich Dir neulich schon schrieb, den Rinnstein in der Mitte und nicht ein Fleckchen haben, das nicht abschüssig wäre. Jetzt war dieser Rinnstein eine permanente Kaskatelle , und in derselben wandelte ich, denn meine Schuhe waren ganz aufgeweicht, glatt und schlüpfrig wie eine Aalhaut, und erlaubten mir nicht mich auf dem löchrigen Steinpflaster zu halten. Da habe ich gründlich die Überzeugung gewonnen, daß es hier unmöglich ist bei Regen das Haus zu verlassen, und da er gewiß heute nicht aufhören wird, so bin ich eine Zimmergefangene und dadurch im Stande Dir recht ausführlich zu erzählen, wohin meine gestrige Wanderung ging. Endlich in die Moscheen, und diesmal nicht mit den unruhigen wallachischen Herren, sondern mit einer ebenso großen und aus allen Nationen zusammengesetzten Gesellschaft, die aber an der Sache Freude hatte, und zu der wir uns – durch den Verfasser der ›Ahnfrau‹ gesellten. Das ist ein freundlicher schlichter Mann, dem man seine schauerliche Tragödie gar nicht anmerkt. Er war so gut mich zu besuchen, und da seine Gesellschaft den notwendigen Firman begehrt und empfangen hatte, so durfte ich mich ihr anschließen. Sie war bunt genug: Deutsche, Engländer, Franzosen, ein Holländer, ein Spanier, aus allen Ländern Europas zusammengewürfelt um die Wunder der religiösen Architektur des Islams in Augenschein zu nehmen. Ich war sehr, sehr gespannt. Ich hatte inzwischen schon durch einen glücklichen Zufall die Moschee von Beglerbeg, dann die der Mewlewi Derwische, und die verödete von Piale Pascha gesehen; umso mehr verlangte ich nach der Aja Sofia, und nach den berühmten von Sultan Suleiman und Sultan Achmed, welche beide keine christlichen Kirchen gewesen sind, wie jene es war. Ach, jene! Das ist doch ein ganz wunderbar imposantes Gebäude – im Innern nämlich; denn von außen finde ich sie durch die Halbkuppeln entstellt, die sich um die große Kuppel lagern, und dem Bau etwas Schwerfälliges, Zusammengedrängtes geben. Im Innern waltet ein grandioses Halbdunkel, eine ernste Pracht, welcher der christliche Ursprung unauslöschlich eingeprägt ist. Das Glaubensgeheimnis des dreieinigen Gottes schwebt unverkennbar in diesen Räumen, und gibt ihnen die mystische Färbung unserer alten Dome, mit denen die Aja Sofia übrigens natürlich keine Ähnlichkeit hat und haben kann; denn mit ihr verglichen sind jene lauter Neulinge. Sie ist ihre Urahnin. Daher, wie die allerältesten und vornehmsten Familien kein Adelsdiplom aufzuweisen haben, weil sie bereits aus einer so fernen Zeit stammen, daß die Dokumente nicht mehr in sie hineinreichen – daher ist die Aja Sofia auch nicht in einem bestimmten Stil gebaut; allein sie hat die Grundlage zu jenem gegeben, den man später den byzantinischen genannt hat, und dessen Hauptmerkmal der runde auf Säulen sich erhebende Bogen ist. Byzantinisch ist sie allerdings in vollem Maß zu nennen: sie war die köstlichste Blüte des christlichen Byzanz, und Konstantin gründete sie nach seiner Bekehrung zum Christentum Wir durften sie von oben bis unten durchwandern. Über den beiden Seitenschiffen ziehen sich breite von den köstlichsten Säulen gebildete Galerien dahin, von welchen man das ganze Mittelschiff bequem überschaut und viele Einzelheiten gewahr wird. Da sieht man an manchen Stellen das alte Mosaik durchschimmern, womit die Gewölbe bekleidet waren; und welches jetzt mit weißem Kalk übertüncht ist – vermutlich weil sie heilige Bilder darstellen, die von den Mohammedanern verabscheut werden. Da sieht man viele ausgekratzte Kreuze an der Marmorbrustwehr, und ein paar die man vergessen hat. Hauptsächlich aber hat man einen herrlich freien Überblick über das ganze Innere, das sich als ein regelmäßiges Viereck darstellt, in der Mitte von einer großen, und rund herum von vier halben Kuppeln überwölbt. Die Wände sind mit Marmor bekleidet, der durch die langen Jahrhunderte eine dunkle gedämpfte Färbung bekommen hat, die eine köstliche Folie zu den alten Mosaiken sein mußte. Jetzt sticht der Kalk grell und gemein dagegen ab. Ich habe die Aja Sofia mit der Markuskirche zu Venedig vergleichen hören, aber keine andere Ähnlichkeit gefunden als die: daß über beiden der Glanz und der Schatten eines Jahrtausends schweben, daß beide an die Größe und den Untergang mächtiger Reiche und an den Umsturz des Festesten erinnern, und daß in beiden die Seele gern einen Aufschwung zu dem alten ewigen Gott nimmt, den man durch Kirche und Moschee zu ehren versucht. Aber die Markuskirche ist unendlich viel schöner! Wie eine Sybille ist sie ganz eingehüllt in mystischen Tiefsinn, während die Aja Sofia eine schreckliche Verzerrung hat leiden müssen. Der Mihrab nämlich, die heilige Stelle nach welcher der Mohammedaner sich bei dem Gebet wendet, muß immer die Richtung nach Mekka haben, muß in der Mekkalinie oder der Kiblah liegen – wie man es nennt. Da nun in christlichen Kirchen der Hochaltar stets nach Osten liegt, und die Kiblah hier nach Südosten zeigt: so hat die ganze innere Einrichtung etwas Schiefes bekommen. Die Matten die den Fußboden bedecken, sind alle schräg angelegt; die Betenden liegen sämtlich in der Diagonale auf den Knien, ich hätte es wieder in Ordnung rücken mögen, so verdreht sah es aus. Der Mihrab ist übrigens eine leere Nische, und weiter nichts. Neben ihm erhebt sich zur Rechten eine Art von hoher Kanzel zu der eine Treppe emporführt: das ist der Platz für den Gebetausrufer; – und zur Linken eine Art von Gerüst auf Säulen ruhend: da wird am Freitag ein geistlicher Vortrag gehalten – und zwar nach türkischer Weise auf untergeschlagenen Beinen sitzend. Eine Art von vergitterter Loge fehlt in keiner Moschee; sie ist für den Sultan bestimmt. Hierauf beschränkt sich die innere Ausstattung. So ist die Aja Sofia beschaffen. Wir sahen sie zur Stunde des Gebets, weil das die interessanteste ist, und diesmal ganz ungestört. Man ließ uns stehen, gehen, sehen; der Bakschisch wird wohl an die Rechten verteilt worden sein! – Weiber und Männer waren nicht abgesondert, verrichteten gemeinsam ihre Gebete, und zwar sämtlich halblaut, so daß dadurch ein großes brausendes Gemurmel entstand. In den Seitenschiffen saßen die Leute friedlich bei einander, einer schrieb nach türkischer Sitte, nämlich in die flache linke Hand legt man ein Stück Papier und schreibt in dieser unbequemen Weise die krausen türkischen Buchstaben von der Rechten zur Linken. Die Rohrfeder und das kleine Tintenfaß tragen die Leute im Gürtel. Einige drehten den Rosenkranz, was aber mehr eine Beschäftigung der Finger, als eine Andachtsübung sein soll, und auch nicht für eine solche gilt. Einer las Gebete aus einem Buch und machte dabei fortwährend kleine wackelnde Verbeugungen, so daß er frappant wie jene chinesischen Porzellanpagoden auf den Kaminen aussah, die bei uns meine ganze Antipathie sind. In den anderen Moscheen war es stiller, und sie sind auch ganz anders als die Aja Sofia, aus einer andere Idee geboren. In jener ist das christliche Dogma mit der grandiosen inbrünstigen Mystik der uralten Zeiten, mit der flammenden Glaubensglut der Kirchenväter durchwebt und durchweht, noch ganz unverkennbar. In diesen ist es ebenso unverkennbar das einfache klare Gesetz des Islam. »Es ist kein Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet.« Das ist hell und leicht verständlich und gar keiner andere Deutung fähig als der die es ausdrücken soll. Sultan Suleiman der Große ließ im Jahr 1560 durch seinen großen Baumeister Sinan die berühmte Moschee bauen, die seinen Namen trägt: die Suleimanje. Sie ist auch viereckig, auch mit einer Kuppel überwölbt, hat auch köstliche antike Säulen, hat Fenster von bunten Glasscheiben, welche zu zierlichen Arabesken zusammengesetzt sind, und ist eine vollkommene Moschee: der Geist der sie durchweht ist einfach bis zur Trockenheit und schlicht bis zur Leerheit, ohne doch dürftig zu sein. Nein, dürftig ist sie gar nicht, groß, fest, mächtig ist sie! Aber ihr Geist gibt nicht genug, denn er reicht nicht hoch genug. Sie ist so fertig, weltfertig möchte ich sagen, und der Himmel will doch nicht in sie hineingleiten! Höchstens ein Stückchen vom mohammedanischen Paradiese, repräsentiert durch Kränze von Draht an denen kleine Lampen, Straußeneier und Troddeln von Gold hängen, eine Art von rohen Kronleuchtern, die in festlichen Nächten angezündet werden, und die in keiner Moschee fehlen. Die von Beglerbeg war ganz damit durchwebt. Aber dieser kindische Aufputz stimmt gar nicht zu der übrigen Einfachheit. Die Wände sind weiß übertüncht; der Mihrab ist mit bunter Fayence ausgelegt; der Fußboden ist Backstein, aber mit Matten bedeckt. Dürfte man glauben, daß ein asketisches Volk hier seine Andachtsstätte hätte, so würde die Kahlheit weniger befremden; jetzt erscheint sie mir nur als ein Zeichen von Unentwickeltheit. Indessen erinnert doch noch die Form des Ganzen, die Anordnung der Pfeiler auf denen das Kuppelgewölbe ruht, der Säulen welche zwischen den Pfeilern stehen, an die Aja Sofia durch eine gewisse ernste Feierlichkeit. Allein die Moschee Sultan Achmeds, die im ganzen Bereich des Islam wegen ihrer sechs Minarette berühmte Achmedje, treibt die Einfachheit in der Tat bis zur Nüchternheit. Ein immenses Viereck, in dessen Mitte vier immense, höchst rohe Pfeiler das Kuppelgewölbe tragen, Fenster an allen Wänden von oben bis unten, das Ganze förmlich untergetaucht in weißen Kalk: das ist sie. Die Osmanje aus dem vorigen Jahrhundert gefällt mir besser, ist freilich kleiner, aber dafür ist auch der ganze innere Raum frei und das Licht, das rundum in die zahlreichen Fenster fällt, paßt gut dazu. Mit weißem Marmor sind die Wände bis zum Fries bekleidet, und dieser wird aus fußhohen goldenen Buchstaben gebildet, die auf schwarzem Grund Koransprüche zeichnen, und in ihrer krausen Verschlingung wie Arabesken aussehen. Die einfache Klarheit des Gesetzes des Islam finde ich in der Osmanje am glücklichsten aufgefaßt und im besten Sinn dargestellt, und dieser Übereinstimmung wegen hat sie mir den angenehmsten Eindruck gemacht. Die Umgebungen sind am großartigsten bei der Achmedje; ihre sechs Minarette, mit zwei und drei Kränzen von Galerien, – ihr mächtiger äußerer Vorhof mit herrlichen Platanen – ihr großartiger innerer Hof, den ein Portikus von antiken Marmorsäulen umringt – ihre zierlich gearbeitete Marmorfontäne voll Koransprüche in dessen Mitte – machen sie zu einem Kleinod in dem großen Schmuckkasten von Konstantinopel. Übrigens haben alle Moscheen mehr oder weniger große und schöne Vorhöfe mit säulengetragenen Portiken, mit Platanen und Zypressen und mit einer Fontäne. Diese Umgebungen sind ebenso notwendig, als die mit ihnen verbundenen Wohltätigkeitsanstalten. Neben der Fontäne im Schatten der Bäume sitzen gewöhnlich Verkäufer von Rosenkränzen. Im Vorhof von Sultan Bajesids Moschee werden Tauben gefüttert – zum Spaß, der Gebrauch ist so, daß wer hinkommt eine Kleinigkeit gibt, und dafür das Vergnügen hat Taubenschwärme über den hingestreuten Weizen herfallen zu sehen. Der Türk ist gutmütig; er will daß auch das liebe Vieh es gut habe; er mißbilligt sehr ein Tier zu töten sobald man nicht dessen bedarf. Dieser übel angebrachten Gutmütigkeit hat man das Ungeziefer der konstantinopolitanischen Hunde zu danken. Verständige Leute haben vorgeschlagen, diese zu vergiften. Aber behüte der Himmel! Großes Geschrei der Türken gegen die Grausamkeit. Ich liebe den Hund wegen seiner Treue, seiner verständnissuchenden Augen, seiner verschleierten und doch unleugbaren Intelligenz; aber die hiesigen machen mir nur den Eindruck des Ungeziefers und fallen in die Kategorie der Ratten und Mäuse, die man vertilgen muß. Wenn nachts diese Tausende von hungernden Kehlen zu heulen anfangen, der Sturm braust, und die Wächter im Hafen sich von Zeit zu Zeit um nicht einzuschlafen ihren langen eintönigen, traurigen Ruf zusenden: so schauert es einem wie bei uns in eisigen Winternächten – und die Hunde tragen hauptsächlich die Schuld. Oder man reitet, das Pferd tritt eines dieser Tiere, die nie ausweichen; es fängt an zu heulen, seine Kameraden stimmen ein, rotten sich zusammen, laufen hinterher, an jeder Straßenecke vergrößert sich die Gesellschaft, das Geheul geht in Gebell über, das Pferd wird unruhig, der Reiter betäubt. Oder sie sterben, und sind als Leichnam vollends die allergrößte Kalamität. Aber aus dem allen macht der Türk sich nichts! Er ist zu gutmütig um nicht auch das Ungeziefer zu lieben. Scheint Dir das eine große Tugend zu sein? Nun, ich will sie ihm gönnen, aber seine Trägheit ist wirklich ganz unausstehlich. Gestern befand sich die ganze Gesellschaft im Schutz unter der Anführung eines Kawass. Der ist eine Art von Sicherheits- oder Ehrenwache, trägt Waffen, und wird von der Regierung an alle fremden Minister und Konsuln zur beständigen Begleitung gegeben; so auch an einzelne Fremde, sobald ein Firman respektiert werden soll. Es war Mittag, wir waren gerade zwei Stunden gegangen; plötzlich hieß es der Kawass könne nicht weiter vor Ermüdung, müsse sich bei einer Tasse Kaffee und einer Pfeife von der überstandenen Anstrengung ausruhen und für die kommende stärken; und richtig! bei einem Café mußte die ganze Gesellschaft Halt machen und wohl eine halbe Stunde verweilen. Es war nahe bei dem Eingangstor zum Serai, aber das zu sehen ist jetzt ganz unmöglich, weil der Großherr in diesen Tagen aus dem Palast zu Beglerbeg ins Serai hinüber zieht um den bevorstehenden Ramadan – die Fastenzeit – und vielleicht den ganzen Winter darin zuzubringen. Ich muß mich also damit begnügen die hohe Pforte gesehen zu haben, wo die Staatsgeschäfte verhandelt werden, und muß auf das Serai verzichten, wo der Großherr in sultanischen Herrlichkeiten schwelgt. Bis in dessen Küche könnte ich übrigens mittels Bakschisch und guter Worte dringen – höre ich; aber das macht mir keinen Spaß, und ich bin des Glücks ganz unwürdig die großherrlichen Tiegel und Kessel gesehen zu haben. Gott, aus den Moscheen gerate ich in die Küchen! Das ist die Schuld des trägen Kawass, der uns beim Serai aufgehalten hat, vor dessen Tor aber auch noch eine wunderschöne Fontäne zu betrachten ist. Diese wie ihre sämtlichen Schwestern sind eine große Zierde der Stadt, obgleich man sie mit Unrecht Fontänen nennt – worunter wir plätschernde Springbrunnen, hohe Wasserstrahlen in weiten Bassins verstehen. Dies sind Wasserbehälter von kleinen hübschen tempelartigen Gebäuden umgeben, aus denen das Wasser durch Röhren haushälterisch in Tröge rinnt – für das Vieh, während neben den Röhren meistens Schalen von Blech angekettet sind, damit die durstigen Menschen sich auf ihre Weise laben können. Ich bin auch mit den Moscheen zu Ende, denn mehr als jene vier, die Aja Sofia, die Suleimanje, die Achmedje, und die Osmanje, haben sich uns nicht aufgetan, und sie genügen auch vollkommen um einen Begriff ihrer Bauart, ihrer Einrichtung, und des Eindrucks zu geben, den sie auf den Beschauer machen. Ich küsse tausend Mal Deine Hand. Übers Jahr tue ich es in der Wirklichkeit – Inschallah! spricht der Türk, d. h. so Gott will. 9. An meine Schwester Konstantinopel, September 19, 1843 Manche Dinge, die anderer Entzücken ausmachen, kann ich hier wirklich nicht anders als unausstehlich finden, und darunter stehen obenan die Fahrten im Kaik, die ich fast täglich machen muß, und die mir immer mehr und mehr unbequem werden. Im Kaik wird man geschaukelt, und fühlt überdies den Stoß jedes Ruderschlages, weil der Ruderer sich mit Vehemenz rückwärts wirft, so daß man immer eine zweifache Bewegung spürt, dazu sitzt man kläglich am Boden, und wird ohne Rettung von der Sonne gebraten und von den Wellen bespritzt. Ich wenigstens bleibe dabei: ich kenne nur eine Art von wahrhaft entzückender Wasserfahrt, und das ist die in venetianischer Gondel. Will man den Kaik in seiner vollen Unbehaglichkeit genießen, so braucht man nur die Fahrt nach Bujúkderé zu machen – und die versäumt ohnehin kein Reisender – dann hat man drei Stunden lang Kaikfreuden. Bujúkderé ist das bekannte und berühmte Dorf am Bosporus in welchem die meisten fremden Minister ihre Sommerlandhäuser haben, und zur Stunde sind sie auch noch alle draußen, bis auf den Internuntius . Der ist hier – Gottlob! Ach Ihr in dem guten Europa, Ihr könnt gar nicht begreifen wie das angenehm ist mitten auf dem Berg von Pera so ein europäisches Haus im ganz guten Stil zu finden! Abgesehen davon, könnte ich ohne den Internuntius gar nicht zu allem gelangen. Soeben gibt er mir die Nachricht, daß ich am nächsten Freitag den Harem von Rifát Pascha, dem Minister des Auswärtigen, besuchen darf. Ich bin in beständiger Relation mit ihm, und das wäre nach Bujúkderé hin gar so nicht möglich gewesen – namentlich in diesen Tagen, wo neben dem Regenwetter wütende Stürme geherrscht haben. Einige fünfzig Kaiks – anfangs hieß es 2.000! – sind im Bosporus zertrümmert, sechs größere Fahrzeuge sind untergegangen, viele Häuser am Ufer beschädigt, indem die Schiffsschnäbel in die hölzernen Wände gefahren sind, und man hat bereits über dreißig Leichen von Verunglückten gefunden. Die Äquinoktialstürme stellen sich ungewöhnlich früh ein! – Wir waren an einem schönen Tage nach Bujúkderé gefahren, wurden aber doch tüchtig bespritzt, da bei der Umschiffung der kleinen Vorgebirge die Strömung stets so heftig ist, daß Leute am Ufer laufend den Kaik am Strick hindurchziehen müssen. Wir hatten drei Paar Ruderer und dennoch dauerte die Hinfahrt drei Stunden; die Rückfahrt ist kürzer, weil man mit der Strömung geht. Bujúkderé liegt nördlich von Konstantinopel in der tiefsten Bucht, die der Bosporus ins Land hinein macht, und Hügel, Wiesen und Schluchten voll Platanen und immergrünen Eichen, gruppieren sich aufsteigend hinter dem Ort, aber nicht hoch genug um über den weiten Wasserspiegel zu herrschen. Die Rückfahrt, welche dieselbe ist, die wir bei unserer Ankunft mit dem Dampfschiff machten, ist wunderhübsch, denn da fährt man in die immer schönere und schönere Gegend hinein, und man möchte hundert Augen haben um den ganzen bunten Reichtum auf einmal – und dann jeden einzelnen Punkt besonders betrachten zu können. Äußerst malerisch wie zwei vom Alter gebrochene Kämpen liegen die alten osmanischen Festungen, Anatoli hissar und Rumili hissar sich gegenüber. Mit ihrem Bau ängstigten und bedrängten die Sultane die byzantinischen Kaiser, welche umsonst dagegen Einsprache taten. Nun liegt ganz in der Nähe ein russisches unvollendetes Festungswerk und deutet auf die Zukunft, so wie jene auf die Vergangenheit deuten. All die schwarzen Häuser des Dorfes Jeniköi zeigen an, daß sie Armeniern gehören, die ihre Reichtümer gern in dieser Art von Schacht verbergen. Bunt wie die Blumen, und zwar in den allergrellsten Farben, sind hingegen die zahllosen türkischen Landhäuser. Mir kommen sie vor wie Kartenhäuser, durchsichtig und gebrechlich, hingestellt zum Schmuck des Bosporus, aber unbewohnbar für Menschen. Als Kinder hatten wir Häuschen von Pappe, worin wir Heuschrecken verpflegten – daran erinnern sie mich. Sie machen sich jedoch sehr gut, besonders als Kontrast wenn man von Bujúkderé und von den efeuumschlungenen ernsthaften Ruinen herkommt: das ist wie aus dem Herbst in den Frühling hinein. Scutari, mit seinem dunklen Hintergrund des berühmten Zypressenhaines der Toten, ist ein großer Schmuck des Bosporus, denn wie eine große Stadt, die es in der Tat mit seinen mehr als 100.000 Einwohnern auch ist, vervollständigt es das Kleeblatt von Pera mit seinen verschiedenen Anhängseln anderer Vorstädte, und von der eigentlichen Stadt Konstantinopel, so daß jede dieser drei Abteilungen für sich eine bedeutende Stadt bildet, während sie zusammen das heutige Stambul ausmachen. In der Mitte des Bosporus, Scutari am nächsten, liegt das Gebäude mit dem hübschen Namen und der trübseligen Bestimmung, der Leanderturm, das Lazarett der Pestkranken, auf einer Klippe. Zum Glück hat sich seit einigen Jahren diese schauderhafte Krankheit nicht in Konstantinopel gezeigt, und auch von verheerenden Feuersbrünsten ist es verschont geblieben. Aber im Jahr 1831 haben zu gleicher Zeit Pest, Cholera und eine Feuersbrunst gewütet, die 40.000 Häuser niedergebrannt hat, darunter die Hotels der meisten Gesandtschaften. Das englische steht seitdem als Ruine mitten in einem verwilderten Garten, und man denkt daran ein neues zu bauen. Das französische ist im Bau; das russische eben vollendet, doch noch nicht eingerichtet – ein wahrer Palast aus behauenen Steinen, von denen jeder einen Dukaten gekostet haben soll. Die Internuntiatur hat den venetianischen Palast inne: kein Prunkgebäude, aber ruhigstattlich, wie Österreich das immer und überall in seinem äußeren Auftreten ist und wie ich das bei Staaten und Menschen unbeschreiblich gern habe, ohne eine Spur von Ostentation . Mir gefällt es doppelt wegen der außerordentlichen Zuvorkommenheit seiner Bewohner. – Aber die Aussicht von den Terrassen und von der großen Kolonnade des russischen Palais kann sich mit den berühmtesten von Konstantinopel messen: mit denen vom Turm von Galata und vom Turm des Seraskiers, die wir gleich in den ersten Tagen bestiegen. Der erstere liegt auf dem Abhang des Berges von Pera, ganz nah bei der Mauer, die Galata rings umgibt und deren Tore bei Nacht geschlossen werden. Denn Galata, die von den Genuesen in Handelsinteressen gegründete Stadt, ward bald den ohnmächtigen byzantinischen Kaisern gegenüber so ansehnlich, daß sie ein eigener kleiner Staat mit eigener Gerichtsbarkeit und eigener Kirche, und nebenbei eine Festung mit crenelierten Mauern, mit Türmen und Toren, ward. Da die Kaiser nicht im Stande waren die Unabhängigkeit der Genueser zu hindern, so mußten sie deren Übermut in ihrer eigenen Residenz dulden, und nicht früher als mit Byzanz selbst ging Galata zu Grunde. Noch jetzt ist es die eigentliche Handelsstadt von Konstantinopel, wo die Kaufleute und Bankiers ihre Niederlassungen, Magazine und Comptoirs, haben – zuweilen in Häusern, denen man deutlich den halbabgetragenen oder verfallnen Turm ansieht. Aber dies ist nur ein Stückchen des großen Panoramas das sich um den Turm von Galata ausbreitet, und es liegt zu seinen Füßen. Weiter verfolgt man die ganze Krümmung des goldnen Horns, welches vielleicht den schönsten Hafen der Welt bildet. Da liegen alle möglichen Fahrzeuge, Kaiks, Segelbarken, Dampfboote aller Nationen, Kauffahrteischiffe, Fregatten, Linienschiffe so bequem beisammen, wie auf der See, und doch ist über den Hafen eine verbindende Brücke von Galata nach der Stadt geschlagen, die freilich nur von Holz und bereits baufällig, keine Zier, aber doch eine große Bequemlichkeit ist. Wir zählten sieben türkische Fregatten im Hafen, sämtlich abgetakelt und im kläglichsten Zustand. Einige Linienschiffe sahen gerüstet aus. Auf kleinen natürlichen oder künstlichen Klippen sind durch den ganzen Hafen Schilderhäuschen verteilt, in denen Soldaten der Ordnung und Sicherheit wegen Wache halten, und sie selbst genießen wenigstens der vollkommensten und sichersten Ruhe, denn sie sitzen da und stricken Strümpfe – eine Lieblingsbeschäftigung der türkischen Soldaten. Niedlicher als diese guten Leute machen sich im Hafen die Möwen, die zu Millionen darin Aufenthalt haben, und weiß wie Schneeflocken auf Mastbäumen und vorragenden Balken sitzen oder auf den Wellen sich schaukeln. Jenseits des Hafens breitet sich die Stadt in ihrer ganzen Länge aus, von der Spitze des Serais bis an die Landmauer, und über diese hinweg die Vorstadt der Töpfer bis zur Moschee von Ejub mit ihren Platanen und Zypressen. Diese Moschee ist eine besonders heilige Statte, dem Ejub zu Ehren errichtet, welcher Fahnenträger Mohammeds war. In ihr geschieht die große Zeremonie der Schwertumgürtung des Großherrn, die ungefähr einer Königskrönung entspricht, und nie hat der Fuß eines Ungläubigen ihren heiligen Boden entweiht. Totenfelder von vergitterten Arkaden umgeben, von Zypressen beschattet, hie und da mit Rosensträuchern geschmückt, die dem kalten Leichenstein einen Hauch ihres lieblichen Lebens leihen, führen nach der Moschee; auf ihnen sind berühmte, gelehrte und heilige Männer bestattet. Ich bin auf einen Abweg von meinem Panorama geraten, liebes Clärchen! Ich wollte nur sagen, daß die Stadt sich vor dem Turm von Galata in ihrer ganzen Ausdehnung hinbreitet, mit der glänzend schönen Spitze des Serais beginnend, mit der ernsthaft schönen Moschee von Ejub endend. Über die Stadt hinweg gewahrt man das Marmorameer, aber nur als schmalen Streif, begrenzt von der Bergkette Bithyniens, deren Olymp, seit einigen Tagen mit Schnee gekrönt, wie eine lichte Wolke am Horizont aufsteigt. Die übrigen Teile des Rundgemäldes bestehen aus der Ansicht des Bosporus, und aus den kahlen Hügeln, welche unmittelbar hinter dem Berg von Pera beginnen, und sich in das Land hinein, allmählich bis zum Balkan aufsteigend, wellen sollen. Die Aussicht vom Turm des Seraskiers ergänzt jene von Galata, indem sie hauptsächlich die Vogelperspektive auf die Stadt selbst, und dann eine ganz herrliche Ansicht des Marmora Meeres mit den Prinzeninseln und der asiatischen Küste darbietet. Das Seraskeriat entspricht dem Kriegsministerium der europäischen Staaten, so daß der Seraskier etwa der Kriegsminister und einer der wichtigsten Männer der hohen Pforte ist. Auf einem außerordentlich großen und leeren Platz stehen die Gebäude des Seraskeriats, von denen allein der Turm ins Auge fällt, und auch der nur weil er eben ein Turm, nicht weil er schön ist. Von einem Polizeioffizianten begleitet ersteigt man ihn, und findet oben eine kleine Kaffeewirtschaft eingerichtet, und durch zwölf große weite Bogenfenster höchst bequem die Aussicht. Wir saßen dort lange, lange bald vor diesem, bald vor jenem Fenster. Wie und wo man den Propontis sehen möchte, immer ist er durch ein zauberisches Farbenspiel schön wie eine unvergängliche Fata Morgana; und die Vogelperspektive orientiert so gut in einer Stadt. Die große Menge überkuppelter Gebäude, die man in den Straßen gehend nicht gewahr wird, fielen uns auf. Es sind teils Khans, teils Imarets; dieses: Küche für die Armen, in so großer Zahl, daß mir schien halb Konstantinopel müsse in ihnen beköstigt werden können; jenes: Häuser in denen Kaufleute aus fremden Ländern zugleich Wohnung und ein Gewölbe für ihre Waren finden. So gibt es einen persischen Khan, in welchem die Magazine der schönsten Shawls sind; so einige armenische. Ein Khan ist immer von Stein, einen inneren viereckigen Hof umschließend, zwei bis drei Stockwerk hoch gebaut. Eine eiserne Pforte schließt ihn bei Nacht, so daß dessen Bewohner und ihre Waren sehr sicher und auch gegen Feuer so ziemlich geschützt sind. Diese Anstalt ist höchst notwendig in einem Lande wo es keine Gasthöfe gibt (nämlich keine für Türken, nur für Franken). Die Wohnung im Khan besteht aus einem ganz leeren Gemach. Darin breitet der Reisende seinen mitgebrachten Teppich aus, und hat nun alle Bequemlichkeit, die er braucht. Auf dem Teppich schläft er, sitzt er, ruht er, speist er, schreibt er, raucht er, ein Teppich genügt zu seiner Hauseinrichtung. Gott, was sind wir Europäer für verwöhnte Leute! Ein lichter Sonnenstrahl, der erste seit drei Tagen, lockt mich ins Freie. Auf morgen, mein Clärchen. 10. An meinen Bruder Konstantinopel, September 22, 1843 Lieber Bruder, es gibt mir eine unglaubliche Satisfaktion, daß ich Dir heut' einmal von einem Ort erzählen kann, der Deinem Fuß ebenso unzugänglich ist, wie dem meinen jene zahlreichen sind bei denen es heißt: »Ma non le donne« ; – umsomehr, da auf diesem Ort viel interessantere Geheimnisse der Schönheit, der Liebe, der Leidenschaft zu vermuten sind, als auf jenen. Ich war heute im Harem von Rifát Pascha. Wenn Du aber meinst es sei in Konstantinopel ebenso leicht einen Morgenbesuch zu machen, wie in Berlin oder Wien: so irrst Du heftig; dies war eine lebensgefährliche Expedition, und ich habe einen kleinen Widerwillen gegen alle geselligen Verbindungen bekommen, die sich über das goldne Horn hinaus erstrecken. Denn aus dem venetianischen Palast nach Rifát Paschas Wohnung am anderen Ende von Konstantinopel zu gelangen, ist schwieriger als in Berlin die Friedrichsstraße hinab, vom Oranienburger bis zum Halleschen Tor zu fahren: man muß den Berg von Pera hinunter, dann über die baufällige Brücke, die an zwei Stellen, um Fahrzeuge durchgehen zu lassen, so steil gewölbt ist daß man mit einem Hemmschuh höchst vorsichtig herabfahren muß, und endlich durch die schmalen, gräßlich gepflasterten, auf und ab kletternden Straßen der Stadt, die so eng und kraus gewunden sind, daß die Vorderpferde zuweilen gar nicht zu sehen waren, wenn sie um die Ecke bogen, und in denen man, des schlechten Weges halber Schritt vor Schritt fahren muß. Der Internuntius hatte also die Güte gehabt meinen Besuch einzuleiten, und Gräfin Stürmer brachte mir das Opfer mich hinzuführen, denn, mein lieber Bruder, so reizend Du Dir einen Harem vorstellen mögest – ich muß Dir aufrichtig sagen: hat man zwei besucht, so sehnt man sich nicht nach dem dritten, und nur den ersten betritt man mit jenem Interesse, das auf der Unbekanntschaft beruht. Heute Morgen um zehn Uhr setzten wir uns vom venetianischen Palast aus in Bewegung: Gräfin Stürmer, eine Dame von Pera, die der türkischen Sprache vollkommen mächtig ist und ich. Die Türken lieben frühe Stunden, und diese war bestimmt worden. Auf der steilsten Stelle des Berges von Pera stürzte ein Pferd nieder, ein Lakai verwundete sich stark als er zur Hilfe herabsprang, ein zweiter etwas, aber aus Besorgnis vor mehr dergleichen accidents mußten sie denn doch beim Wagen bleiben. Du kannst Dir vorstellen, wie mir zu Mut war! Zu meiner persönlichen Ängstlichkeit im Fahren gesellte sich das unbehagliche Gefühl Schuld an allen diesen Unfällen zu sein. Ich schöpfte Atem als wir den Berg und die morsche Brücke überwunden hatten, und suchte mich des Gedankens an die Rückkehr zu entschlagen. Um elf Uhr langten wir in des Paschas Wohnung an, wo die Einfahrt in den inneren Hof wiederum aufs Allerkünstlichste bewerkstelligt werden mußte. Ein Dutzend Diener natürlich lauter Eunuchen, befanden sich in der unteren Halle. Die Treppe war mit den feinsten Matten belegt, auch der achteckige Vorsaal, zu dem sie führte, wo eine große Menge von Sklavinnen sich befanden, aus denen ein Frauenzimmer uns entgegentrat und uns willkommen hieß indem sie uns die Hand gab und mit dem Kopf nickte. Es war die Schwester Rifát Paschas, Witwe und Mutter von zwei kleinen Mädchen. Dann kam seine Frau, begrüßte uns auf die nämliche Weise, und man führte uns in einen Salon neben dem Vorsaal, wo die Mutter, die Frau und die kleine Tochter von Muchbar-Bey, dem türkischen Gesandten in Wien, sich aufhielten. Dieser Salon war ganz türkisch: Fenster bei Fenster dem Eingang gegenüber, und abermals Fenster bis zur Hälfte der beiden Seitenwände; unter ihnen ein breites Sofa mit weißem Perkar bezogen, worauf bunte Blumen mit Wolle und mit der Tambournadel gestickt waren. Vor diesem Sofa zwei lange Matratzen, mit rot und weiß gestreiftem Baumwollstoff bezogen, für diejenigen, welche ganz niedrig sitzen möchten, und endlich seitwärts ein europäisches Kanapee und Stühle mit gelbem Velours d'Utrecht und von unmodischer Form. Die grell bemalten Wände, die Menge kleiner zerschlitzter Fensterdraperien, die Matte des Fußbodens, das kleine schrankartige Möbel in einer Nische neben der Eingangstür – alles war wie im Kiosk des Großherrn bei den süßen Wassern. Der ganze Salon war nun voll Frauen, von denen sich die beiden Damen des Hauses, und die europäischen und türkischen Besucherinnen auf den verschiedenen Sofas niederließen, während die Sklavinnen zum Teil an der Hinterwand des Salons standen, oder auf dem Boden kauerten, oder den Dienst verrichteten, der darin bestand, daß man zuerst Konfitüren herumreichte von denen der Gast einen Löffel voll nimmt und dazu etwas Wasser trinkt, und darauf Kaffee in den bekannten kleinen bunten Porzellantäßchen ohne Henkel, die in einer Art von silbernem Eierbecher ruhen. Der Kaffee wird nicht wie die Konfitüren auf einem Präsentierbrett herumgereicht, sondern jedes Täßchen wird einzeln gebracht, wird sauber und vorsichtig mit zwei Fingern gereicht, und muß ebenso vorsichtig mit zwei Fingern in Empfang genommen werden, denn die winzigen Schalen sind stets voll bis zum Rande. Hat man sie ausgetrunken, so darf man nur die Augen aufschlagen und aus der Reihe der wartenden Sklavinnen tritt alsbald eine heran und hält ihre flache Hand hin. Man stellt den Becher darauf; sie legt die andre Hand flach auf denselben, ein Manöver wodurch jede Kollision der Finger gemieden und das kleine Geschirr sicher fortgetragen wird, und das jeder Aufwärter in dem gemeinsten Café sehr geschickt macht. Bei Bedienung der Gäste waren die kleinen Nichten und das zwölfjährige Schwiegertöchterchen des Pascha sehr tätig, aber nicht aufdringlich und ungeschickt – wie das oft der Fall bei unseren Kindern ist – sondern mit dem ruhigen Takt der Sklavinnen; denn das gehört zu ihrer Erziehung. Hätten wir geraucht, so würde das den Sklavinnen sehr viel Beschäftigung gegeben haben. Jetzt nahm nur Muchdar-Beys Mutter einen Tschibuk; die übrigen Damen rauchten nicht – vielleicht aus Rücksicht für uns. Wie sie aussehen, wirst Du ganz neugierig wissen wollen; und da tut es mir wahrhaft leid sagen zu müssen, daß wir auch nicht eine Spur von Schönheit gefunden haben. Die Schwester des Pascha hat ein überaus gutes und wohlwollendes Gesicht, aber es ist dermaßen fett und kugelrund, und die ganze Gestalt ist überhaupt von so frappanter Rundung, daß ich beständig an den Vollmond denken mußte. Sie trug einen lilafarbenen Taftspenzer und einen buntgeblümten weißseidenen Rock, der unten zu beiden Seiten und vorn aufgeschlitzt ist, und dessen Hinterteil in einem Schlepp ausläuft, beide Kleidungsstücke so unbegreiflich eng, daß man sich wundert wie diese Fülle der Formen darin Platz finden könne. Faltenreich war nichts am Anzug, als die ungeheuer weiten Pantalons von goldgelbem Taft, die so tief und faltig herabfielen, daß sie den ganzen Fuß unsichtbar machten und nicht beurteilen ließen ob er ganz oder halb oder gar nicht chaussiert war. Auf dem Kopf trug die Dame das rote Mützchen mit dem blauen Quast, unter welchem mitten auf der Stirn ein Büschel falscher Locken hervorquoll, und das mit Haarzöpfen umwunden und mit drei großen Blumen von Diamanten geschmückt war. Die engen Ärmel des Spenzers waren am Handgelenk aufgeschlitzt, und die Unterärmel von weißem Musselin mit Fransen und Schnürchen von lilafarbener Seide, hingen gleich enormen Manschetten daraus hervor. Die Hände hatten keinen andere Schmuck als die mit Henna orangefarben gemalten Nägel. So, nur in verschiedenen Farben, und nicht alle Sklavinnen in Seide, waren sämtliche Frauenzimmer gekleidet und Diamanten trugen nur die Damen. Am meisten herausgeputzt waren die Kinder, bei denen sich die seidenen Schleppröcke und die Diamanten und Federn auf einer – ich vermute künstlichen Fülle von Haarzöpfen und Locken recht seltsam ausnahmen. Nicht alle Spenzer waren bis zum Halse hinauf mit Häkchen geschlossen, sondern – gar nicht. Namentlich präsentierte Muchdar-Beys Mutter ihre volle Büste in einer Weise, die uns für eine bejahrte Dame in Europa recht komisch erscheinen würde. Ein Hauptgegenstand der Unterhaltung war die Verschiedenheit der europäischen und türkischen Anzüge, und besonders lebhaft sprachen sich die Damen gegen Korsetts aus. Aber ihre Spenzer sind dermaßen knapp und fest umschließend, daß sie ungefähr die Stelle jener vertreten. Natürlich blieb die Konversation ziemlich auf Äußerlichkeiten beschränkt, denn Fragen die sie nicht beantworten wollten und die mich am meisten interessierten, zum Beispiel wie das Verhältnis einer Favoritsklavin zur Frau des Hauses sei, ließen sie fallen – als unser Dolmetsch darauf hindeutete. Hingegen sprachen sie über andre Dinge, die in Europa grauenhaft, verbrecherisch, unerhört sind, wie von einer allgemeinen Gewohnheit, und so erfuhr ich denn, daß die Frauen, wenn sie ein oder zwei Wochenbetten gehabt und derselben müde sind, die ungebornen Kinder töten. Nach ihren Beschäftigungen fragten wir wohl auch, und sie sagten, sie hätten außerordentlich viel zu tun; aber andrerseits hieß es doch immer, Stickereien oder Beschäftigungen im Haushalt wären Arbeiten der Sklavinnen, so daß ich nicht weiß womit sie eigentlich ihre Zeit ausfüllen. Viel Besuch empfangen, je vornehmer man ist um desto mehr, und immer auf einen ganzen Tag, das – sagte unser Dolmetsch – sei eine der Hauptbeschäftigungen der türkischen Damen. Zeitraubend ist das nun freilich ganz entsetzlich, aber uns kommt es doch nur wie schläfriger Müßiggang vor. Am liebsten hätte ich gefragt: »Aber vergeht Ihr denn nicht vor Langeweile in Eurer einförmigen Abgeschiedenheit, die Euch aller Teilnahme an dem Leben Eures Gatten beraubt? Ihr kennt nicht seine Freunde noch Feinde, nicht seinen Wirkungskreis, nicht seine Beschäftigungen, überhaupt nicht die Welt und die Verhältnisse in denen er lebt. Nichts teilt er mit Euch, und Ihr müßt ihn selbst mit Euren Sklavinnen teilen, – seid Ihr denn nicht einer so herabwürdigenden Existenz zum Sterben überdrüssig?« – Vermutlich würden sie mir Nein! geantwortet haben, denn das Leben im Gleis uralter herkömmlicher Gewohnheit ist auch ein Leben. Und dann haben sie auch das Surrogat aller Frauen zu ihrer Disposition, denen ein großes Interesse im Leben fehlt, und das man ebenso häufig in der europäischen Gesellschaft, als im türkischen Harem findet: die Intrige. Natürlich beschränkt sich diese auf den allerengsten, ich möchte sagen niedrigsten Kreis, aber in demselben versuchen sie doch hundert und tausend Kreuz- und Querwege um zu ihrem Zweck zu gelangen. Und damit Du siehst, lieber Dinand, daß man hier ebenso gut wie in unsrer zivilisierten Gesellschaft über die intimsten Verhältnisse des lieben Nächsten spricht, werde ich Dir erzählen, was man uns aus Rifát Paschas Harem erzählt hat und was uns neugierig auf «l'objet aimé« machte. Also: Rifát Pascha hat eine ganz besonders begünstigte Favoritsklavin, welche die Eifersucht seiner Frau dermaßen erregte, daß diese alles versuchte um die Nebenbuhlerin von ihrer Höhe herabsteigen zu machen. Natürlich umsonst! So lange man geliebt ist schaden die fremden Machinationen nichts, und oft sogar befestigen sie eine bereits wankende Liebe von neuem: so ungern erträgt der Mensch in der Sphäre der Gefühle den Widerspruch; denn es gehört Vernunft dazu um diesem Gehör zu geben, und Liebe und Vernunft liegen nun einmal nicht in derselben Sphäre. »Eine Liebe die nicht Wunder ist, ist keine« – steht im Kaiser Oktavianus, und ist das Schönste was Tieck je gesagt hat; die Vernunft hat aber wie männiglich weiß, und wie die Rationalisten vielfach bewiesen haben, nichts mit Wundern zu tun. Um den Zauber jener Favoritin zu brechen, verfiel die Frau auf ein wahrhaft verzweifeltes Mittel: sie ließ die allerschönste und reizendste Sklavin kaufen, die in Konstantinopel zu finden war und schenkte sie ihrem Gemahl, bereit die neue Rivalin zu dulden um nur die andre zu stürzen. Ist das nicht ein echtes Haremsmittel? So eigensinnig und so trostlos? Jede andre, nur nicht die! Nur nicht die! – Und ist es nun eine andre, so kann man von neuem intrigieren. – Auf den Erfolg jenes Mittels wirst Du ebenso gespannt sein wie wir es waren. Nun, auch das war umsonst. Die Favoritin blieb auf ihrem Platz. – Diese befand sich übrigens heute zwischen den dienenden Sklavinnen und war durch nichts ausgezeichnet, als durch ihre wunderschöne Figur – lang und schlank wie eine Nymphe, und schmieg- und biegsam wie eine Gerte, fiel sie sehr neben den unbeholfenen Gestalten der meisten auf. Indessen würden wir sie doch vielleicht kaum bemerkt haben, wenn nicht nach dem Diner – von dem ich sogleich berichten werde – die Damen sich bei ihren Abwaschungen im Speisesaal aufgehalten hätten, und wir von einigen Sklavinnen in den Salon zurückgeführt worden wären. Sie war unter diesen, und auf einmal frappierte uns die hübsche Person; denn sie sprach, sie lächelte, sie wurde lebhaft, und das machte sie hübsch. Sie hatte eins von den Gesichtern bei denen man sagt: Aber sie ist ja häßlich! Die kleinen Augen, der große Mund etc.! Plötzlich werden die unregelmäßigen Züge gleichsam von ihrer Unschönheit entschleiert, und das Gesicht scheint verwandelt. Eine Griechin, welche das Amt einer Schaffnerin im Harem zu bekleiden schien, und mit welcher unser Dolmetsch griechisch sprach, sagte dies sei die Favoritsklavin; doch wo die schöne geblieben – ob man sie uns nicht zeigen wollte, ob man sie fortgeschickt, weil sie ihren Zweck nicht erfüllt hatte? – das erfuhren wir nicht, und nur so viel ist gewiß, daß kein einziges schönes, und ein einziges interessantes Gesicht unter all diesen Frauenzimmern war, und daß gerade die Favoritin letzteres hatte. So lebhaft und freundlich sie noch eben mit unserem Dolmetsch gesprochen, so ernst und unbeweglich wurde sie als die Damen des Hauses eintraten. Augenblicklich trat sie mit den übrigen Sklavinnen in den Hintergrund des Zimmers, stand da still und starr ohne eine Miene zu verändern, bedeckte ihre Hände mit ihren langen Unterärmeln – verhüllte Hände sind ein Zeichen von Ehrfurcht bei den Türken – tat den Dienst und kauerte zuweilen auf den Fersen nieder, ganz wie die übrigen, und ebenso unschön wie sie. Das muß keine beneidenswerte Existenz sein: von dem Mann geliebt und von der Frau gehaßt, und dazu dienende Sklavin dieser Frau! Unglücklich oder melancholisch sah sie aber nicht im geringsten aus, denn auch ihr Schicksal ist ein altherkömmliches, schon seit des Erzvaters Abraham Zeit. Verstoßen wie die arme Hagar darf jedoch aus dem Harem keine werden. Sinkt und fällt sie in der Gunst, so tritt sie in den Kreis der gewöhnlichen Dienerin, und macht dem neuen Gestirn Platz. Nachdem unser Besuch etwa eine Stunde gewährt haben mochte, wollten wir ihn beenden, wurden aber statt dessen zum Frühstück eingeladen und durch das achteckige Vorzimmer in einen langen Speisesaal geführt, der an seinen beiden kurzen Wänden Fenster hatte, und folglich vortrefflich für seine Bestimmung eingerichtet war, denn keinem schien das Tageslicht in die Augen. Am Eingang standen im Halbkreis Sklavinnen, einige mit Waschbecken, die anderen mit Kannen und Handtüchern, die am Rande mit Gold und bunter Seide gestickt waren. Man goß uns Wasser über die Hände, und jene Damen bereiteten sich gründlich zum Speisen vor. Muchdar-Beys Mutter zog ihren Spenzer aus, um gehörig frei in ihren Bewegungen zu sein, und die übrigen streiften ihre Unterärmel auf, oder stopften sie unter die engen des Spenzers. Dann setzten wir uns auf europäischen Stühlen an einen ganz europäisch gedeckten langen Tisch, auf dem Blumenvasen, Fruchtschalen, Glaswerk, Teller, lauter gewohnte Gegenstände sich befanden, und die Sklavinnen bedienten auch ebenso gut als unsere Domestiken. Es war ein vollständiges Diner, das mit europäischer Suppe und anderen Speisen begann, wobei uns angenehm auffiel, daß man stets mit dem Teller die silbernen Messer und Gabeln wechselte. Hättest Du diese Hyperkultur in einem Harem geahnt? Nach der Suppe bekam jede Person einen Teller mit einem ganzen großen Huhn, dann mit Fisch, dann weiß ich nicht weiter, denn es kamen zur Abwechslung türkische Speisen, manche sehr süße, und darauf wieder ganz fette – was mir nun eigentlich ein Greuel ist. Manche Schüsseln wurden herumgegeben, und wenn wir garnicht, oder nach der Meinung der Sklavinnen nicht genug nahmen: so legten sie uns noch mehr vor. Es war im Ganzen ein komisches Gemisch von fremden und einheimischen Gebräuchen, Sitten und Speisen. Es versteht sich von selbst, daß nur die Gäste und die Damen des Hauses am Diner teilnahmen, aber die Sklavinnen redeten untereinander und mit jenen ganz ungeniert. Neben mir saß die Schwester des Pascha. Sie aß Suppe, Crême und dergleichen mit einem Löffel von schwarzem Horn, und alles andere mit den Fingern. Ein wahrhaft merkwürdiger Anblick! Diamanten im Haar und alle zehn Finger mit orangefarbenen Nägeln und triefend von Fett und Sauce! Natürlich machten die übrigen Damen es nicht anders. Nach wenigstens zwanzig verschiedenen Speisen machte der Pilaw den Beschluß der Mahlzeit. Wir nehmen zum Dessert einen Bonbon, die Türken nehmen einen Teller voll Reis und Hammelfleisch; – und so griffen denn auch die Damen gerne gemeinschaftlich in die Schüssel und ließen es sich wohl schmecken. Nach solchem Fingergebrauch muß die Abwaschung denn allerdings gründlicher sein, als man sie bei uns in den kleinen dunkelblauen Bowlen vorzunehmen pflegt. Fast hatte ich vergessen zu berichten, daß neben uns Fremdlingen in geschliffenen Karaffen Champagner stand; aber wir wollten den Anhängerinnen des Korans keinen Anstoß geben, und erprobten daher nicht dessen Echtheit. Nach dem Speisen gingen wir wieder in den Salon, nahmen Kaffee und Gefrorenes, und wünschten nach einer kleinen Weile abermals uns zu empfehlen, denn eine Unterhaltung durch einen Dolmetsch ist immer etwas schwerfällig und wird, stundenlang fortgesetzt, recht ermüdend; doch nun hieß es, der Pascha werde gleich aus dem Diwan kommen, wir möchten doch noch ein wenig verweilen. Du kannst Dir gar nicht vorstellen wie das schwierig ist mit Personen zu sprechen, welche die Welt nur hinter vergitterten Fenstern und hinter den Vorhängen ihrer Arraba betrachten, und die dennoch keineswegs von irdischen Interessen abgezogen, sondern ganz und gar drin lebend und webend sind; – denn mehr noch als der Leib, wohnt hier der Geist im Käfig. Die Existenz wird zum Erschrecken materiell. Das erfragten wir noch, wie die Heiraten sich bei dieser gänzlichen Absonderung der Geschlechter machten; und erfuhren, es geschehe meistens durch die Mütter, die aus einem Harem in den andern gehen, und für ihre Söhne und Töchter Verbindungen knüpfen, in welche diese bei ihrer großen Jugend und Unerfahrenheit widerstandslos willigen, sobald die Mutter passende Partien gefunden haben. Rifát Paschas fünfzehnjähriger Sohn ist schon seit sechs Monaten mit einem zwölfjährigen Persönchen verheiratet. Sie hatte uns schon fleißig mit Kaffee bedient, als wir erfuhren dies sei die Schwiegertochter des Hauses. Endlich kam auch der Sohn, der in Gestalt und Benehmen vollkommen zu der kleinen kindischen Frau zu passen schien, beide sehen grade so unerwachsen und unentwickelt aus, wie man bei uns bei fünfzehn und zwölf Jahren ist – und da Leute doch heiraten um miteinander zu leben und nicht zu spielen , so haben es diese offenbar zu früh getan. Aber ist es nicht ein Unsinn, fast eine Sünde, den armen Kindern die Kindheit so zu rauben, und ihnen die Blüte der Jugend vor ihrer Zeit abzurupfen? Endlich brachen wir denn doch auf ohne des Paschas Ankunft zu erwarten, und mit denselben Zeremonien, im Kreise der Sklavinnen, nahmen wir von einander Abschied, und der Sohn des Hauses geleitete uns die Treppe hinab. Die Heimfahrt ging glücklich von statten, an der gefahrvollen Stelle gingen wir zu Fuß den Berg hinan, und gegen vier Uhr saß ich wieder wohlbehalten in meiner Behausung – sehr zufrieden einmal einen Harem besucht zu haben, und ganz getröstet wenn es auch nie wieder geschehen sollte. Lebe wohl, mein lieber Bruder. 11. An meinen Bruder Konstantinopel, September 24, 1843 Zu den Haremnovellen, die ich Dir vorgestern schrieb, liebster Bruder, füge ich noch ein Blättchen, denn ich habe Zeit, weil heute Ruhetag ist. Ich bin nämlich gestern nach Belgrad geritten, und das hat mich so grenzenlos ermüdet, daß ich mich nicht auf große Promenaden einlassen werde. Nach Belgrad ritt ich wegen seiner berühmten Aquädukte, und nebenbei um einen Sattel zu versuchen, den ich notwendig zu der syrischen Reise brauche. Denn ich habe mir vorgenommen sie mit aller erdenklichen Bequemlichkeit zu machen, weil ich ohnehin noch genug unvermeidliche Beschwerden haben werde. Wenigstens sagen das einige Herren, die soeben die Reise gemacht, und nun ein so grenzenloses Bedürfnis der Erholung, des Ausruhens haben, daß ihnen schon Konstantinopel als äußerst komfortabel und wenig orientalisch erscheint – während es für uns ganz das Gegenteil ist. Gibt es also wirklich so enorme Mühseligkeiten, so muß man sie sich nach Möglichkeit zu erleichtern suchen, denn wenn ich körperlich allzu ermüdet bin, so sind die Sinne nicht mehr fähig der Seele Eindrücke der Schönheit, der Majestät zuzutragen, und dann hätte ich ja die ganze Reise umsonst gemacht. Nach allem was ich hier höre kommt mir überhaupt vor, als müsse man sich recht fest einprägen und immer vor Augen halten, weshalb man sie eigentlich macht, um nicht häufig herabgestimmt und enttäuscht zu werden. Ich mache sie um die Stätten kennen zu lernen, auf denen einst große Zivilisationen gleich Blüten aus dem Keim ihrer Religionen hervor - und unter gingen, als der Samenstaub jener Blüten taub ward. Ich mache sie um die Stätte zu sehen, wo unsere Zivilisation, die vielseitigste von allen die je gewesen, ihren Ursprung hat. Vergnügen, Unterhaltung, geistige und künstlerische Genüsse, eine ununterbrochene Reihe von Naturschönheiten erwarte ich nicht und suche ich nicht; begehrte ich sie: so würde ich nach Paris gehen, dann nach Italien, dann nach der Schweiz, ich könnte das in derselben Zeit, mit geringeren Kosten, ohne Mühsal; aber von dem Weltteil der ist , will ich zu dem hin, der war , aus der europäischen Gegenwart in die orientalische Vergangenheit. Da müssen Traurigkeiten, Wüsten, Ruinen, Desolationen herrschen, und einzeln und einsam, wie Sterne aus dem Wolkenhimmel, müssen hie und da majestätische, trostreiche, segenvolle Erinnerungen auftauchen, an welche der Geist seine Hoffnungen knüpft, und dasjenige was sein wird aus dem was gewesen ist herausspinnt. Hoffnungen will ich, nur Hoffnungen!... nicht für mich, nicht für andere, aber für uns alle. In Europa sieht es so hoffnungslos aus, so unruhig. Keinem ist wohl auf seinem Platz, und er sucht in der Stille oder öffentlich einen anderen. Alles was besteht soll umgeändert, oder umgebildet, wenn nicht gar umgestoßen werden. Bin ich aber im Orient, betrachte ich die Ruinen des Sonnentempels zu Balbek, oder die Omars-Moschee über dem Tempel Salomons, oder den Sand über den Wunderwerken von Memphis und Theben – bedenke ich dabei, daß so viel Größe, Macht und Herrlichkeit untergehen, und daß dennoch unsre ganze große okzidentalische Bildung frisch und neu ihnen folgen konnte: so gibt diese Betrachtung mir Zuversicht für eine bis jetzt noch unbekannte aber gewisse und in ihrer Art vollkommene Phase, die neu über den Trümmern unsrer Welt beginnen wird. Also nicht um mir Erinnerungen – sondern um Hoffnungen zu sammeln, Hoffnungen die sich nicht im geringsten auf mich oder meine Person beziehen, mache ich diese Reise, denn ich hoffe nicht ein interessantes Buch über sie zu schreiben, ich hoffe nicht poetisch angeregt durch sie zu werden, ich hoffe auch nicht ein seliges Leben zu führen während ich sie mache, sondern ich hoffe eben nur das, was ich Dir oben gesagt habe, und dies Bedürfnis nach Hoffnung muß wohl recht groß sein, da ich mich tapfer allen notwendigen Beschwerden unterziehen will. Aber auch nur den notwendigen! Dazu bin ich ebenfalls entschlossen, und mit nichten gesonnen eine Pilgerfahrt im Sinn mittelalterlicher Frömmigkeit mit freiwilligen Entbehrungen und Kasteiungen durchwebt anzutreten. Was die Kasteiungen betrifft, mein lieber Dinand, da bin ich zu sehr ein Kind meines weichlichen und bequemen Jahrhunderts: ich scheue sie von ganzem Herzen. Und dennoch tue ich alle Augenblicke Dinge bei denen Du mit Recht fragen könntest: »Aber weshalb marterst du dich so ab?« – Ja, Lieber, wenn es keine Widersprüche in den Menschenseelen gäbe, so wär' es leicht mit uns selbst und mit andere fertig zu werden. – Bei Belgrad denkst Du gewiß an die Hauptstadt von Serbien. Du darfst es aber nur indirekt tun; denn als die Türken jene Stadt eroberten, verließen viele ihrer Einwohner sie und siedelten sich ein paar Meilen von Konstantinopel in einem Dorf an; und das ist das kleine thrazische Belgrad. Es hatte seinen Moment von Fashion, als Lady Mary Worthley Montague, Gemahlin des englischen Botschafters bei der Pforte, vor mehr als hundert Jahren die gute Jahreszeit dort zubrachte. Wer englisch gelernt, hat ihre wunderhübschen Briefe aus Konstantinopel gelesen, und es ist wirklich schade, daß man sie immer nur als ein Schulbuch behandelt – so weit ich mich ihrer erinnere. Jetzt hält man den Aufenthalt in Belgrad für ungesund. Die vielen Wasser und die schattenden Bäume sollen Fieber erzeugen; man begnügt sich einen Spazierritt dahin zu machen um diese beiden Dinge, die für hiesige Augen zugleich Kuriositäten und der Inbegriff aller Schönheit sind, kennen zu lernen. Wie hoch die Türken Bäume und ein Flüßchen anschlagen, geht aus den Benennungen der »himmlischen Wasser« und der »süßen Wasser« hervor, und aus der besonderen Vorliebe mit der sie diese beiden Orte besuchen. Belgrad ist aber für die Türken viel zu entfernt! Dahin kommen nur die Europäer. Der Wald von Belgrad ist gleichsam heilig. Kein Baum wird in ihm gefällt! Er alimentiert die zahlreichen Quellen, die Konstantinopel mit Wasser versorgen. Über »le grand champ« – wie man kurzweg den großen Totenacker nennt, ritten wir gestern früh um acht Uhr fort, und an der großen Kaserne vorüber, deren Kanonen den Platz, der sich vortrefflich zu Emeuten eignet und einen Teil der Stadt beherrschen. Jetzt emeutieren sich aber nur Hunde gegen die Reiter. Nach den süßen Wassern ritten wir hinab und dann in die Thrazischen Gefilde hinein, die baumlos und unbestellt, weit und breit Hügel an Hügel reihen. An tiefen Stellen, wahrscheinlich durch die letzten heftigen Regen erzeugt, war der Wiesenboden ganz morastig; an den höheren und trocknen war er dermaßen mit Thymian bedeckt, daß der starke Duft die ganze Atmosphäre füllte, noch ehe die Pferde die Pflanze unter ihren Hufen zertraten. Alsdann schien der frische Morgenwind uns förmlich Wellen von Arom entgegen zu tragen. Wohlgerüche in reiner freier Luft sind für mich etwas Bezauberndes, und kommt man aus Konstantinopel, so erhöht es sich durch den Zauber der Neuheit. Allmählich wird die Gegend anmutiger; es zeigen sich einzelne Bäume, auf hohen Punkten sieht man Aquädukte, wie sie von Hügel zu Hügel laufen; dann reitet man wieder in einen Grund hinein und jede Aussicht verschwindet. So kommt man zuerst an den Aquädukt von Kaiser Justinian, der nach römischer Weise zwei Reihen von Arkaden über einander gestellt hat, welche die eigentliche Wasserleitung tragen. Schade nur daß die einzelnen Bogen nicht gleichförmig breit sind und keinen schönen Schwung haben. Nun beginnt der Wald, der meistens aus Kastanien und Eichen besteht. Der Charakter des Ganzen ist ungemein still und fast melancholisch, wie das waldige und zugleich wenig bewohnte Gegenden fast immer sind. Man sieht keine Menschen, keine Feld- und Gartenarbeit, keine Tätigkeit irgendeiner Art. Die Wege sind Fußsteige und kaum das; außerhalb des Waldes reitet man ziemlich querfeldein. Um ein Uhr, vorbei an großen Teichen, kamen wir nach Belgrad. Wir waren bei den verschiedenen Wasserleitungen herumgegangen und seit acht Uhr zu Pferd: also ziemlich hungrig, und in dem Wirtshaus – oder wie soll man die Baracke nennen vor der wir abstiegen? – gab es nur bittern schwarzen Kaffee und frisches Wasser. Ich hoffte auf eine meiner Lieblingsspeisen, auf Giaúrd, eine Art saurer Milch welche die Türken vortrefflich zubereiten. Aber im ganzen Dorf war keine! Zum zweiten Mal ward der Dragoman auf Fouragieren entsendet: da brachte er nach langer Zeit einige frische Eier, etwas süße Milch und ein Stück frisches Brot – letzteres so feucht daß es mir mehr gewaschen als gebacken vorkam. Darauf beschränkte sich unser Diner – zu meinem allergrößten Vergnügen. Man sieht denn doch einmal mit wie wenigem man leben kann! Und dann amüsierte mich die schneidende Verschiedenheit meiner drei letzten Diners. Heut saß ich auf einem Balkon unter Gottes freiem Himmel im Schatten einer schmutzigen Hütte, und aß aus einer schwarzen Pfanne die Eier, wie irgend eine Bäuerin sie gekocht hatte. Gestern speiste ich im Harem des türkischen Ministers des Auswärtigen mit aller Elegance, welche türkische Gebräuche mit europäischen versetzt zulassen; – und vorgestern bei dem Internuntius mit Diplomaten, mit Reisenden verschiedener Nationen, mit Personen bekannten Namens, mit einem Wort: ganz in der Gesellschaft. Ist das nicht wirklich sehr unterhaltend? Der Aquädukt Sultan Mahmuds, den wir besuchten nachdem unser frugales Mittagbrot verzehrt war, ist bei weitem der Schönste von allen, ein sehr großes Reservoir von schneeweißem Marmor, mit offnen und überbauten Bassins, welche durch Terrassen verbunden sind, so daß der ganze Bau wie ein großartiger Palast aussieht, der überdies in der baumreichsten Gegend des ganzen Waldes liegt. Dies ist eine interessante Partie, bei der wir am längsten verweilten, umsomehr da wir bei einer größeren Gesellschaft Bekannte trafen. Aber als ich nun wieder zu Pferde steigen mußte, war ich müde geworden, und hätte gern nicht für »ein Pferd« ein Königreich gegeben. Wir brauchten zwar nicht über Belgrad und Pyrgos zurück zu reiten, sondern auf näherem Wege, der aus dem Walde oberhalb Bujúkderé auf die Straße von dort nach Konstantinopel führt; – allein ich war nun einmal müde, denn seit den Pyrenäen hatte ich kein Pferd bestiegen, und dann ist auch der kürzeste Weg zu lang. Übrigens hatten wir auf jenem hohen Punkt oberhalb Bujúkderé eine unvergleichlich schöne Aussicht: Hügel stiegen bis zu dem Ort hinab, der in der Tiefe an seiner großen Bucht wie an einem stillen See lag. Zwischen den Bergen beider Ufer verschwand und erschien der Bosporus, je nach seinen und ihren Windungen. Zur Linken breitete sich das schwarze Meer aus, und zur Rechten, jenseits des Propontis, streckten sich Anatoli's bergige Küsten aus, die in glanzvoller Herrlichkeit der königliche Olymp in den Purpur des Abendrotes getaucht, überragte. Dazu der transparente Himmel und der flammende Sonnenuntergang des Südens! – Und es ist wahrhaft schmachvoll daß ich dennoch! dennoch! müde war und müde blieb, und seelenfroh war, als wir endlich um halb acht Uhr in unsrer Behausung anlangten. Nun, lieber Bruder, leb' recht wohl und nimm nicht übel, daß ich meine Briefe immer so kurz und ohne Umstände abbreche. Wollte ich mich auf Liebesversicherungen einlassen, so würde ihre Länge unberechenbar sein, und mir ist jeder Augenblick zugemessen. Überdas versteht es sich ja von selbst, daß ich Eurer gedenke, der Fernen, der Lieben; das beweist mein fleißiges Schreiben. Also nehmt es nicht so genau mit der Form. 12. An meine Mutter Konstantinopel, Montag, September 25, 1843 Dies ist der letzte Brief, Herzensmama, den ich Dir von hier schreibe. Alle Vorbereitungen zur Weiterreise sind gemacht und morgen nachmittag geht es nach Smyrna fort. Da freut es mich recht, daß ich noch heute früh des Sultans Palast von Tschiragan inwendig gesehen, nachdem ich ihn so oft von außen bewundert habe; und in aller Eile will ich Dir sagen wie sich das gemacht hat. Der Hofgärtner, welcher zu jenem Palast den Garten anlegen soll, ist nämlich ein Deutscher und kommt zuweilen zu Madame Balbiani. Da sah ich ihn vor ein paar Tagen, und er nahm es auf sich, mich ohne Firman in den Palast zu führen, und heute früh um neun Uhr brachte uns ein Kaik an die bestimmte Stelle. Ich glaube schon früher gesagt zu haben, daß dieser Palast eine Agglomeration von verschiedenen und ganz ungleichen Pavillons ist, die durch Galerien zu keinem regelmäßigen, aber zu einem harmonischen Ganzen verbunden sind, bei welchem die Marmorstufen die der Bosporus bespült und die Marmorkolonnade die sich im Bosporus spiegelt, besonders anmutig und blendend ins Auge fallen. Das Innere ist nun weder das eine noch das andere, denn der seltsame türkische Geschmack, den wir nicht anders als geschmacklos nennen können, und dies ganze Baumaterial von Gips und Holz, treten da zu bedeutend hervor. Ein Hauptschmuck der Zimmer sind Spiegel und Uhren, vier, sechs, acht, in jedem. Unter den Pendülen befindet sich ein Spielwerk, und das erste was man zu unsrer Ergötzlichkeit tat war, daß man in dem einen Saal alle sechs Spielwerke auf einmal in Gang brachte. Wir sollten staunen, und in der Tat, wir staunten! Die Pendülen selbst waren fast alle aus Paris, und von der wunderschönen Bronze mit bunter Email, die man nur dort zu machen versteht. Man muß wohl in Konstantinopel von der europäischen Mode gehört haben, allerlei kostbare, kuriose und unnütze Sächelchen auf Tischen und Kamingesimsen herumzustellen, und hatte sie im Tschiragan-Palast in der Art nachgeahmt, daß man auf die Spiegeltische kleine elende Flacons, dürftige Porzellanvasen mit verblichenen Blumen, und allerlei schlechtes Porzellangeschirr gestellt hatte. Vor der einen Uhr lag z. B. eine große Forelle; triumphierend hob ein Diener die obere Hälfte ab, und zeigte daß es eigentlich eine Schale mit einem Deckel sei. In dieser Art war alles, was nicht Geschenk war; und auch diese z. B. zwei Porzellanvasen mit den Porträts vom Kaiser und der Kaiserin von Rußland, waren bei weitem nicht so schön und magnifik, als man dergleichen königliche Geschenke in Europa zu machen pflegt. Bunte Lithographien, Ansichten der Schweiz, und alle Hauptstädte Europas darstellend, hingen in goldenen Rahmen an den grellbemalten Wänden mancher Gemächer; hingegen standen in den meisten breite Sofas mit violetten oder purpurfarbenen Goldstoffpolstern. Ein Saal ist recht schön; er liegt im Pavillon mit der Marmorkolonnade: es ist der große Audienzsaal, in welchem bei feierlichen Gelegenheiten der Thron des Großherrn errichtet wird. Für gewöhnlich ist er ganz leer; aber der Raum ist groß und hoch, und die äußerst zierlich in Stuck gearbeitete Decke wird von Säulen getragen, die man auf den ersten Blick für Marmor hält, weil man's nicht glauben kann: draußen Marmor und drinnen Gips. Es ist aber dennoch so; sie sind von Gips, und jede ist von oben bis unten mit einer Ranke von Weinlaub ganz regelmäßig umschlungen. In einem andren Pavillon hält der Sultan sich am Morgen auf, nachdem er den Harem verlassen hat, in dem er schläft; – der Haremspavillon mit seinen vergitterten Fenstern wurde uns nicht gezeigt. – Hättest Du Dir vorgestellt, daß ich vom Serai des Großherrn eine so magere Beschreibung liefern würde? Es ist aber wahrlich nicht meine Schuld! Ich weiß nun einmal nichts andres von einem Gebäude ohne Geschmack, ohne Kunstschätze, ohne Erinnerungen zu sagen, und niemand kann es, wenn er der Wahrheit treu bleiben will. Ich hoffe, daß all meine Beschreibungen von Konstantinopel sehr der Wahrheit treu sind, weil ich ganz wie ein Neuling, ohne Vorurteil für oder wider, hergekommen bin. Das ist in Europa fast unmöglich! Auf irgend eine Weise interessiert man sich dort bereits lange vorher für das Land in das man reist; aber dieses ist uns im Grunde gänzlich fremd, oder war es wenigstens mir dermaßen, daß ich nicht weiß, ob schon irgend jemand eine Beschreibung von Konstantinopel gemacht hat. Nun, ich wünsche, daß Du keine kennen mögest, himmlische Mutter, dann hat die meine doch mindestens den kleinen Reiz der Neuheit für Dich. Heute beginnt der Ramadan, das ist die große achtundzwanzigtägige Fastenzeit der Mohammedaner, die sie so streng halten müssen, daß sie von Sonnenauf- bis untergang weder einen Tropfen trinken, noch eine Bissen essen, noch einen Tschibuk rauchen dürfen. Im Moment wo die Sonne untergegangen, fällt ein Kanonenschuß; das ist das Zeichen um Nahrung nehmen zu dürfen, dann stürzt alles in die Kaffeehäuser und genießt doppelt nach der schweren Entbehrung. Fürs Volk, für die arbeitende Klasse, ist sie wirklich schwer! So ein paar Ruderer müssen z. B. nach Bujúkderé hin und her fahren, und dürfen kein Glas Wasser trinken wenn sie auch halb verschmachtet sind. Die Reichen haben es gut; die schlafen den größten Teil des Tages, und führen ein nächtliches Leben. Da die Türken kein Sonnenjahr, wie wir, sondern Mondjahre haben, so tritt der Ramadan alljährlich um elf Tage zurück, und nach einer Reihe von Jahren wird er mitten in die allerlängsten und heißen Sommermonate fallen und dann wahrhaft qualvoll sein. Am Schluß des Ramadan gibt es drei Tage Bairamfest, Jubel, Ergötzlichkeiten, religiöse Zeremonien in den erleuchteten Moscheen. Gestern waren die Minarette erleuchtet und die Schiffe; aber nicht sehr, und es war gerade sehr hübsch diese einzelnen wie aus dem Himmel gefallene Sterne so seltsam hier in der Luft, dort über dem Wasser schweben zu sehen. Wie schön hier überhaupt die verschiedenen Beleuchtungen, verbunden mit der wasserreichen und dennoch so grünen Umgebung wirken, ist gar nicht zu beschreiben, und habe ich es auch hie und da versucht, so ist es mir doch nicht gelungen und Du darfst glauben, daß Konstantinopel schöner als jede Beschreibung ist. Neulich als wir nach Belgrad ritten war ich früher aufgestanden als meine Gewohnheit ist und sah nun ein wahrhaft entzückendes Bild: wogende Morgennebel deckten geheimnisvoll den ganzen Raum; hinter ihnen schossen Lichtstrahlen vom großen Sonnenherd aus um sie zu durchdringen, und um sie herum flog der Morgenwind mit starken Flügeln um sie zu verscheuchen und dem Licht den Weg zu bahnen. Allmählich sanken sie langsam, leise, hier tauchte eine glänzende Kuppel auf, dort ein weißes Minarett, und da noch eins und dort noch eine; und auf alles was sich aus dem nebligen Silberschaum emporhob, warf die Sonne ihre rosigen Frühstrahlen, ihren ersten, frischen jungen Liebesblick, und wie aus rosenfarbenem Marmor auf einer Basis von Perlmutter gebaut, lagen die anmutigen Gebäude da, ganz wie man es in Feenmärchen liest. Aber je höher die Sonne stieg, desto tiefer sanken die Nebel, so daß allmählich die höher liegenden Häusergruppen zum Vorschein kamen, dann Bouquets von Zypressen, dann Mastbäume der Schiffe, und endlich die ganze mächtige Masse der Stadt – die man eigentlich nur in der Ferne sehen müßte, wenn man nichts als bezaubert von ihr sein wollte. Betritt man sie – Illusion ade! Das ist keine Feenstadt, sondern eine Schmutzstadt, und nicht nur im Ganzen – auch das einzelne verliert so bald man nahe herantritt, wie ich das eben beim Tschiragan-Palast schlagend gewahr geworden bin. Dennoch, oder vielleicht grade deshalb, ist Konstantinopel außerordentlich sehenswert, weil die in die Augen fallende Vereinigung des Schönen und Widerlichen so schleierlos ist, und dem Ganzen ein Gepräge von Unordnung, Konfusion und Verwahrlosung aufdrückt, das wiederum charakteristisch für die inneren Zustände ist. Zum Schluß etwas Komisches. Endlich habe ich den Firman bekommen, den ich zur Fortsetzung meiner Reise vom Ministerium des Äußeren – europäisch geredet, denn die türkischen Bezeichnungen kenne ich nicht – begehrt habe. Er soll unnütz sein, aber das tut nichts! In diesem Lande muß man sich für alle Fälle rüsten. Es hat aber Mühe gemacht ihn zu bekommen und der Sekretär, dem die Ausfertigung eines solchen Firman zukommt, hat nicht gewagt die Verantwortung allein über sich zu nehmen und ihn auszustellen, höhere Beamte sind zu Rat gezogen worden Und nun rate weshalb! – Weil noch nie eine Frau einen Reisefirman begehrt hat. Es war mir vorbehalten diesen in den Annalen des osmanischen Reiches unerhörten Fall herbeizuführen und ich werde nicht ermangeln dies außerordentliche Dokument mit mir nach Europa zurückzubringen, weil es vielleicht einzig in seiner Art auf der Welt ist. Übrigens sieht es ganz gemein aus und, wenn phönixselten, ist es doch mitnichten phönixschön. Nun lebe tausend und aber tausend Mal wohl meine liebe Herzensmama, und wünsche mir eine glückliche Fahrt – denn wir haben Wind und unruhiges Wetter, und ich muß nun ungefähr acht Tage auf dem Meer zubringen. Ich küsse Deine Hand. 13. An meine Mutter Smyrna, Freitag, September 29, 1843 Jetzt bin ich in Asien, freilich nur in Kleinasien, aber doch wirklich und auch dem Namen nach aus unserem europäischen Weltteil heraus. Jetzt bitte ich Dich, Herzensmama, Dir vor allen Dingen recht fest einzuprägen, daß ich keineswegs gesonnen bin aus Jubel darüber in Asien zu sein, alles schön und herrlich zu finden was ich sehe. Durchaus nicht. Ich werde so Gott es will! immer mein gutes unbestechliches Auge behalten, und nur das schön finden, was auf mich diesen Eindruck macht, gleichviel ob es in Asien oder in Europa liegt und – dies vorausgeschickt – sage ich ganz beruhigt: Smyrna hat nichts Schönes als seine Weiber und seine Weintrauben. Doch ehe ich von Smyrna rede will ich dir erzählen wie meine Reise verlief, und doppelt gern, weil ich mich ungewöhnlich gut befand. Dann schöpfe ich immer Hoffnung und denke: »Nun habe ich für immer die Seekrankheit überwunden, nun kann ich ganz gewiß das Meer vertragen!« – Ob dem so ist wird sich heute abend zeigen, denn es ist heftiger Wind und wir gehen um sechs Uhr fort. Dienstag am 26sten, Nachmittags vier Uhr, trug uns das sehr gute Dampfschiff Seri Pervas aus dem goldenen Horn durch den Bosporus in den Propontis, und so schnell es auch ging, konnte man Konstantinopel weit und mächtig ausgebreitet bis Sonnenuntergang herrlich beleuchtet, gewahr werden. Ich war die glückliche Alleinbesitzerin der Damenkabine, hatte Licht und Luft in ihr, und glaube auch diesen Umständen mein Wohlbefinden zuschreiben zu müssen. Mit der Nacht hob ein ganz konträrer Wind, Südwind und hohes Meer an, und wir behielten beides bis zur Einfahrt in die Bucht von Smyrna, d. h. über vierundzwanzig Stunden. Ich verbrachte sie fein ruhig auf dem Sofa in meiner Kabine liegend, das nenne ich schon Wohlbefinden auf dem Meer, und ließ mir erzählen bei welchen Punkten wir vorüberfuhren. Ach, lauter Punkte die zu Poemen geworden sind und lauter Namen die wie Lieder klingen! Da ist Ilions Küste mit der Ebene von Troja, in der friedlich die Grabhügel der beiden Todfeinde, Hektors und Achilles nebst dem des Patroklos sich erheben, und von Jahrtausend zu Jahrtausend den eignen Ruhm und die Unsterblichkeit ihres alten blinden Sängers erzählen. Alter Homer! Wie müßtest du lächeln wenn du wußtest welche Mühe sich die Spekulation unserer kleinen hohlen Zeit gibt, um deine große volle Existenz in die bettelarme Sphäre des Zweifels zu ziehen. – Verläßt man die Dardanellen, die ehedem Hellespont hießen, und deren Küsten weit an Schönheit hinter denen des Bosporus zurückstehen: so sind die ersten Inseln des Archipelagus Imbros, Lemnos und Tenedos, dann Mitylene, das alte Lesbos. An die Küste von Lesbos kam das Haupt des Orpheus geschwommen, nachdem der wunderbare Sänger, der für seine Liebe die Unterwelt – und durch seine Lieder die rohen tierischen Gestalten überwunden hatte, von den thrazischen Mänaden ermordet worden war. Die Bewohner von Lesbos gaben seinem Haupt ein ehrenvolles Grab; dafür segnete Apoll die Insel mit den Gaben der Poesie, sie ward Arions und Sapphos Heimat, die des Alcäus und Terpanders, der die siebensaitige Lyra erfand – und überdas mit einer schönen und reichen Natur. Und abermals wurde es Nacht, und als der Morgen wieder kam, lagen wir schon ein paar Stunden im Hafen von Smyrna vor Anker, und ich kam höchst gespannt aufs Verdeck. Mein erstes Wort war: »Aber ganz wie die spanische Küste bei Alicante und Carthagena!« und so ist es wirklich. Dieselben scharfen, nackten, gelbrötlichen Berge, die sich baum- und schattenlos schroff am Ufer erheben, in welches das Meer mit einem großen Golf hineingetreten ist: Smyrna selbst ist jedoch eine bedeutende Handelsstadt, wie das südliche Spanien keine mehr aufzuweisen hat, wo über 100.000 Menschen bequem leben und manche reich werden, und wo eine Art von europäischer Gesellschaft aus den Konsulfamilien aller Nationen sich gebildet hat. Das Frankenquartier am Meer, das zuerst in die Augen fällt und in dem sich natürlich auch die Gasthöfe befinden, sieht ziemlich europäisch aus, und ich glaubte schon mit Konstantinopel von der Unsauberkeit Abschied genommen zu haben, bis ein Gang durch die Stadt mich eines anderen belehrte. Frappant ist ihre Lage übrigens nie; am wenigstens wenn man von den grünen Ufern des Bosporus kommt. Drei Dörfer um Smyrna teilen unter sich im Sommer die wohlhabendere fränkische Bevölkerung: Burnabad, Budscha und Sedikoi. Sie haben Landhäuser, Gärten, Bäume, eine reiche Vegetation, welche die Stadt selbst nicht hat. Man hatte uns Burnabad als das schönste genannt, und wir ritten auf friedlichen unlenksamen Eseln hinaus. Da ich nicht wie die türkischen Frauen à califourchon zu sitzen verstehe, so saß ich quer und mit dem rechten Fuß im Steigbügel auf meinem breiten Sattel, was allerdings nicht sehr bequem war. Indessen hielt ich mich doch ganz gut, und wir ritten zwei Stunden lang durch die von der glühenden Sonnenhitze ganz ausgedörrte, ich möchte sagen pulverisierte Ebene, die nur schattenlose Ölbäume und vertrocknete Bachbette hat; denn hier ist man noch im hohen Sommer, obzwar man ihn bereits seit fünf Monaten genießt. Burnabad liegt nicht am Meer und hat nicht einmal die unmittelbare Aussicht darauf. Jedes einzelne Landhaus ist samt seinem Garten von einer hohen weißen Mauer umzogen, so daß es sehr heiß und beklommen zwischen denselben ist, aber allerdings in ihnen recht freundlich – nur im ganz, ganz kleinen Stil, etwa wie ein Blumenparterre sich zu dem verhält, was wir einen Garten nennen. Man kann darin auf einem schattigen Plätzchen sitzen und sich am Anblick der Granatgebüsche und Zitronenbäume erfreuen; aber zu gehen , auf diesen schmalen graden, mit kleinen Steinchen oder Muscheln gepflasterten Wegen (um den Staub zu vermeiden) das ist wirklich sehr unerfreulich. Der Dragoman brachte uns zuerst in das Haus eines reichen griechischen Kaufmanns, wo uns die Hausfrau äußerst gastlich empfing, uns erst in ihren kühlen hübschen Salon und dann in ihren heißen Garten führte. Die Aussicht vom Peristyl über der hohen Freitreppe vor dem Salon war die einzige anmutige die ich in Burnabad gefunden: über die Zypressen des Gartens hinweg und zwischen den heißen roten Bergwänden hindurch, sah man in der Ferne erquickend und kühlend das ewig unvergleichlich schöne Meer. Mit Kaffee, Konfitüren und frischem Wasser nach orientalischer Sitte zwei Minuten nach unserm Eintritt bewirtet, mit Blumen beschenkt, verließen wir nach einer halben Stunde dies gastliche Haus. Für unsereins, auferzogen in unsrer zeremoniösen europäischen Gesellschaft, wo kein Mensch mit dem andere spricht bevor er nicht wenigstens dessen Namen, noch lieber Herkunft, Stand, Ahnentafel kennt, ist es unbeschreiblich angenehm fremd in ein fremdes Haus zu treten und empfangen zu werden, als sei man ein erwarteter Gast. Ich kann mich nicht gleich besinnen wo der Spruch der heiligen Schrift steht: »Sei gastfrei; denn du kannst nicht wissen ob du nicht einen Engel beherbergst.« Aber dies Gesetz zieht sich noch immer durch das Morgenland, sogar hierher in die Levante, wie man das fränkische handeltreibende Morgenland zu nennen pflegt. Langen Zügen von Kamelen begegneten wir bei der sogenannten Karavanenbrücke auf dem Heimritt, die ins Innere des Landes gingen. Sie schreiten alle langsam und leise hintereinander her, und folgen keinem andern Führer als einem Esel, der mit einem Glöckchen um den Hals den Marsch eröffnet. Die braun gebrannten Gesichter der Führer, die obendrauf saßen oder nebenher gingen, hatten viel bestimmtere schärfere Züge, als die welken türkischen Gesichter haben. Bei einem großen alten Brunnen am Wege wurden die genügsamen häßlichen Tiere getränkt, und jedes wartete geduldig bis die Reihe an ihn kam. Begegnet man in den äußerst engen Gassen von Smyrna solchem bepackten Zuge, so muß man entweder umkehren oder in ein Haus treten; denn zum Ausweichen ist kein Platz. Gegen fünf Uhr war es lieblich kühl geworden; da standen in der Frankenstadt all die wunderhübschen Smyrniotinnen vor ihren Haustüren und plauderten nachbarlich mit einander, oder saßen bei geöffneter Haustür in dem Vorsaal ihrer Wohnung en famille beisammen. Ja, die sind wirklich wunderhübsch! Prächtig dunkle, große, lebhafte Augen, und schöne regelmäßige, von Geist und Leben bewegte Züge. Sieht man sie an, so begreift man die alte ionische Schönheit. Dazu tragen sie ein Tuch ungemein graziös um die dunklen Haarzöpfe geschlungen, zuweilen von Seide, zuweilen von weißem Musselin mit bunten und goldenen Blumen in die Zipfel gestickt. Gott, wie lieblich ist die Schönheit! Ich habe ja nichts davon daß ich die Smyrniotinnen in der Abendkühle vor ihren Türen plaudern sehe, aber es stimmt mich ganz heiter. Von einer andern Schönheit Smyrnas habe ich allerdings etwas – denn ich esse sie, nämlich Weintrauben; Weintrauben wie man in Deutschland keinen Begriff von ihnen hat so groß, so saftig, so feurig, kurz – das Ideal von Trauben. Die Feigenzeit ist vorüber zu meinem tiefsten Bedauern. Für Feigen habe ich eine unglückliche Leidenschaft, denn ich kann sie gar nicht in Deutschland befriedigen, und hier ist ihre Zeit leider um. Die berühmten getrockneten werden auf eine höchst unappetitliche Weise präpariert: man macht die Hände mit Speichel naß und dann klatscht man zwischen ihnen die Feigen breit und packt sie in Tonnen fest aufeinander, so daß sie zusammen kleben. Bis sie nach Europa kommen sind sie so wie wir sie gern essen. Die Gesellschaft von Smyrna macht, wie gesagt, noch ihre Villeggiatura , daher fand ich keinen der Konsuln an den ich Briefe hatte; aber heute kamen sie in aller Frühe in die Stadt. Der dänische Konsul erzählte mir: als er vor fast vierzig Jahren als ganz junger Mensch in seiner europäischen Heimat gewesen sei, habe er, ich weiß nicht durch wen, in Holstein einen alten Mann kennengelernt, der ihm durch seinen Geist und seine hohe seltene Bildung und seine Liebe für Astronomie einen ganz außerordentlichen Eindruck gemacht habe; und ob ich nicht mit ihm verwandt sei: es sei ein Herr von Hahn gewesen. Ich sagte ganz erfreut: das war mein Großvater, und auch er freute sich die Enkelin hier willkommen zu heißen. Aber es war mir recht merkwürdig nach so langen Jahren, an der Küste des ionischen Meeres, von einem mir ganz unbekannten Mann den Namen meines Großvaters so in Ehren gehalten zu finden. Später machten wir einen großen Gang durch die Stadt und hinauf zu dem Berge, auf dem die enormen Ruinen des alten Schlosses liegen, das ehedem die Stadt beherrschte und zur römischen Zeit sehr prachtvoll war, jetzt aber nur noch aus wenig Gemäuer, aber unglaublich viel Schutt besteht. Da übersieht man Smyrna, dessen Türkenquartier an einem Abhang dieses Berges, ganz getrennt vom Frankenquartier, wie eine besondre Stadt gelagert ist; die Ebene, die wie ein Leopardenfell aussieht, gelblich mit dunklen Flecken – das sind die Gärten und die bebauten Felder; und dann das Meer von hohen Bergen umringt, die doch keine Mauer gegen den Sturm bilden, der es zerwühlt. Es war zu stürmisch da oben um sich lange aufzuhalten. Eine Schafherde stand ängstlich zusammengedrängt zwischen den Trümmern, nicht wagend nach spärlicher Nahrung umherzusuchen, und der bewaffnete Hirte der sie hütete, konnte auch nichts zu ihrem Schutz tun. Wir flogen wahrhaft bergab; und es tat mir sehr leid, daß ich hernach, durch den unendlichen Schmutz des Judenquartiers, nicht auch fliegen konnte. Vorher, in der Frankenstadt waren wir in einige Häuser getreten, die gar einladend aussahen. Der Vorsaal ist immer so breit wie die Haustür und so tief wie das ganze Haus, mit Fußboden von Marmor und breiten Sofas; in der Tiefe ohne Tür, sodaß man durch eine Veranda von Weinreben oder Rosen in ein Gärtchen hineintritt, das freilich auch nur wenig Ellen breit, aber bunt und duftig, und im Hintergrund meistens mit einem Fontänchen geschmückt ist. Wie das lieblich aussieht, von der Straße aus durch die Haustüren in die heimlich lockenden Gärtchen zu schauen, besonders wenn eine schöne Frau im kühlen, halbdunklen Vorsaal sitzt! – Plötzlich muß ich die Feder fortwerfen und an Bord. Ade! Ade! 14. An meine Schwester Beirut, Freitag, Oktober 6, 1843 Gott grüß Dich, mein Clärchen! Die Meerfahrt ist überstanden, frisch und munter hab ich Fuß gefaßt auf der lieben guten und wunderschönen Erde, und das erste was ich Dir erzählen will ist, daß ich vorgestern Deine Gesundheit, wie sie Deinem Geburtstag zukommt getrunken habe, und zwar in dem berühmtesten Wein der Welt: im Zypern-Wein, und im Franziskanerkloster von Larnaka auf Zypern. Ach es ist mir wie ein Traum was alles ich in der Nähe und Ferne gesehen habe und wo ich gewesen bin in diesen acht Tagen. Nur die Namen zu nennen Chios, Patmos, Samos, Rhodos – klingt das nicht wie ein lieblicher Akkord? Macht Dir das nicht einen holdseligen Eindruck, als ob Du einen Strauß Rosen in die Hand nähmest? Ach wie schön ist die Welt, wie groß! Und doch gar nicht so undurchdringlich weitläufig, wie man es sich vorstellt ehe man ein paar tüchtige Schritte in sie hinein gemacht hat. Da sitze ich so ruhig und wohlbehalten am Fuß des Libanon, wie ich unter den Linden sitze, an der äußersten Küste des Mittelmeeres wie an der Ostsee; keine Gefahren hab' ich auf der weiten Reise überstanden, keine Schrecknisse haben mich bedroht, kein Finger hat mir weh getan. Freilich – seekrank war ich! Aber das ist mehr eine unbegreiflich ungeschickte Einrichtung meiner Organisation, als eine Krankheit, und ewig wohl kann sich der Körper ja unmöglich befinden: drum leidet der meine auf dem Meer. Mit einem Fuß nur das Land berührend, bin ich vollkommen gesund. Die Seekrankheit ist allerdings über alle Maßen störend; aber dennoch haben wir eine prächtige Reise gemacht, wenn ich so an sie zurückdenke und mich an alles erinnere. Heute vor acht Tagen, nachmittags fünf Uhr, gingen wir in Smyrna an Bord, und gestern früh mit Sonnenaufgang warfen wir hier auf der Reede die Anker. Aber wir haben uns unterwegs viel aufgehalten. In Smyrna traf ich noch einmal mit Grillparzer zusammen, der aus der Ebene von Troja dahinkam – doch nur flüchtig um von ihm Abschied zu nehmen. So nahm ich Abschied von dem alten üppigen Lydien, wo einst Krösus seine ungeheuren Schätze häufte, wo Kyrus die persische Herrschaft ausdehnte, wo Alexanders unüberwindliches Schwert die Perser in den Staub warf, wo der mazedonische Feldherr Antiochus nach dem Tode seines Heldenkönigs das syrische Königreich gründete, wo diesem durch die Römer ein Ende gemacht ward, und wo die römisch-byzantinische Herrschaft, allmählich durch Turkmanen und Mongolen zerrieben, vor den Osmanen in den Staub fiel. Die osmanischen Sultane liebten fort und fort dies Land, nachdem sie auch längst Konstantinopel besaßen, und schmückten die alte lydische Hauptstadt Magnesia mit dem Glanz ihrer Gegenwart und ihrer Bauten. Aber in dieser türkische Herrschaft ist, wie ich Dir früher schon sagte, mehr ein zerstörendes als ein erhaltendes Prinzip, so daß sie zwar für den Augenblick etwas hinstellen – doch keine Dauer ihm geben kann. Kein überwältigender Feind, kein vernichtender Eroberer hat unter der türkischen Herrschaft seine Zelte hier aufgeschlagen, und doch sind diese Länder verwüstet wie von mörderischen Feinden. Erdbeben haben allerdings furchtbar geschäftig das ihre getan, und sie sind eine Gewalt, welche die Hand des Menschen paralysiert indem sie ihn selbst mit beständiger Furcht und Grauen erfüllt. Aber wenn nicht eine so stumpfe Despotie der eigentliche Genius der hohen Pforte wäre, wenn irgendeiner an Verbesserung, Aufschwung, Fortschritt dächte, wenn das Paschalik nicht ausgesogen werden müßte, damit die Abgaben bezahlt und die Beamten reich werden könnten: so müßte doch wohl irgendeiner auf den Gedanken geraten, daß es hier noch andre Dinge zu versuchen und einzuführen gibt als die europäische Uniform der Soldaten und ihr europäisches Exerzieren und Manövrieren – welches alles nicht das Geringste dazu beiträgt um sie kriegerisch und tapfer zu machen. Wo Landbau und Handel nicht getrieben, beschützt und gehoben werden, da fehlt einem Staat die rechte wie die linke Hand, sowohl welche einnimmt, als die welche ausgibt; denn alle anderen Quellen und Hilfsmittel erschöpfen sich mit der Zeit. Ganz ohne Fabriken ist dies Land denn aber doch nicht! In Brusa webt man recht hübsche Stoffe aus Seide und Baumwolle, manche mit Gold broschiert, andre wieder moiriert und satiniert, die auch in Europa getragen werden könnten, wenn man nicht dort Stoffe ganz von Seide für den nämlichen Preis hätte. Die berühmten Teppiche von Smyrna werden nicht in der Stadt selbst, sondern tiefer im Lande gewirkt, und sind denn freilich durch Dauerhaftigkeit und Schönheit auch den besten englischen weit überlegen, – der französischen und brüsseler gar nicht zu erwähnen. Auf dem Dampfschiff waren einige, und unter andern ein süperber in Besitz eines Paschas, welcher bis hierher mit uns gereist ist. Der »Lodovico« hatte eine äußerst bunte und zahlreiche Gesellschaft in seinem nicht übergroßen Raum versammelt, mit der ich nach und nach Bekanntschaft machte. So viel verschiedene Menschen auf einem so engen Platz gedrängt habe ich nie gefunden, denn auf dem Donaudampfer bei meiner Abreise von Pest war zwar die Menschenanzahl viel größer, so groß daß sie vollkommen undurchdringlich und daher ungenießbar war. aber es waren lauter Ungarn und meistens Kaufleute, – hier aber alle Nationen, alle Religionen, alle Stände durcheinander gemischt: ein Derwisch und ein Franziskaner, ein würtembergischer Pfarrer und ein maronitischer Geistlicher vom Libanon, jener Hassan Pascha und drei Bauern, deutsche Kolonisten aus der Krim, die sich im Tal Josaphat bei Jerusalem ansiedeln wollen; ein französisches Ehepaar das eine wahre Pilgerreise nach Palästina zu machen scheint, denn es will nur die heiligen Orte besuchen, und ein Ehepaar das seine Honigmonate in der großen arabischen Wüste verbringen will, dann noch mehr Engländer, Deutsche, auch ein Schwede – Clärchen, es war unerhört amüsant! – Die Damenkabine war eine kleine, finstre unbequeme Höhle, mit einem einzigen handgroßen Licht- und Luftloch. Zum Glück teilte ich sie nur mit der Engländerin, die wie ich des Reisens gewohnt, folglich auf Unbequemlichkeiten gefaßt war, und auch wie ich friedlich ihr Lager suchte, sobald sich das Dampfschiff in Bewegung setzte. Da verhielten wir uns denn ganz still, obgleich es auf der vierzigstündigen Fahrt von Rhodos nach Zypern wirklich qualvoll war da unten auszuharren, und ärgerten uns ein wenig über die Französin, die täglich drei Mal, zum Frühstück, zum Diner und zum Tee, vor dem Spiegel unsrer Kabine Haube und Mantille zurecht rückte, uns dabei von ihren Kopfschmerzen, ihrem Schnupfen, ihrem fieberhaften Zustand erzählte, und nach vollendeter Toilette in den Salon ging um dort mit großem Appetit zu essen. Der Pascha war in andrer Art ein höchst lästiger Reisegefährte. Auf dem ohnehin schon engen Raum, der auf dem Verdeck für die Inhaber des ersten Platzes übrig blieb, standen und liefen immer ein halbes Dutzend seiner schmutzigen, zerlumpten Sklaven um ihn herum, Pfeifenstopfer, Pfeifenträger, Pfeifenbringer – was weiß ich für Gesindel, dem die nackten Beine in zerrissenen Pantoffeln steckten und der Ellbogen aus dem zerrissenen Rockärmel sah. Hatte jemand etwas in Händen, das dem Pascha auffiel, ein Opernglas z. B. oder ein Fernrohr: so winkte er einem Sklaven, und der Sklav nahm sofort Opernglas oder was es war, aus den Händen des Besitzers und reichte es seinem Herrn. Der besah und versuchte es, und gab es, wenn er dessen überdrüssig war, dem Sklaven – dieser es dem Besitzer zurück. Diese Art zu sein fanden einige allerliebst naiv, kindlich; ich fand sie nur grob, denn er benahm sich als sei er Herr und Gebieter des Schiffes, und seine stupiden Sklaven machten einmal die Engländerin aufstehen, um seinen Teppich grade auf ihrem Platz im Schatten auszubreiten. Einmal gab es eine Szene. Einer von seinen Leuten hatte den Maschinisten geschlagen und der äußerst nachsichtige Kapitän begehrte diesmal Genugtuung, sonst würde er den Sklaven auf der erstenbesten Klippe aussetzen: dergleichen dürfe nicht statt finden. Das begriff denn doch der Pascha. Er ließ den Sünder kommen und neben seinem Teppich niederknien, riß ihn beim Kopf herunter und züchtigte ihn mit der Hand, dann mit seinem Pantoffel, wie man Kinder züchtigt. Als er ihn darauf mit dem Fernrohr bearbeiten wollte, sprang der Derwisch hinzu und zog den heulenden Sklaven fort, der ganz wie ein ungezogenes Kind heulte, und der Pascha griff wieder zu seinem Tschibuk. Wie roh, wie brutal das alles war, kann ich gar nicht genug sagen, und ich würde es überhaupt nicht erwähnt haben, wenn es nicht zur türkischen Sittenschilderung gehörte. Die drei schwäbischen Bauern, welche sich während der ganzen Fahrt nicht von ihrem Deckplatz bewegten, haben eine recht merkwürdige Geschichte. Wie das die Würtemberger viel tun, so wanderten auch sie vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren mit anderen Landsleuten aus, und zwar nach dem südlichen Rußland, wo sie sich im Schutz der Regierung ansiedelten, einen vortrefflichen einträglichen Boden bebauten, nicht mehr als achtzehn Kreuzer per Mann Abgabe zahlten, und sich ganz zufrieden fühlten. Ihre Kolonie wuchs zu einigen hundert Seelen an. Sie sind Protestanten. Jetzt scheinen religiöse Streitigkeiten unter ihnen ausgebrochen zu sein, denn es entstanden Separatisten, und unter diesen bildete sich der Glaube aus: die Zeit der Erfüllung einer apokalyptischen Verheißung sei da; Christus werde auf die Erde kommen, tausend Jahre in Wonne und Frieden die Welt regieren, und im Tal Josaphat die Seinen ganz besonders nah und begnadigend um sich versammeln; – und sie, seine Getreuen, müßten dahin und seine Ankunft erwarten. So wollten sie denn zuerst alle auf einmal auf und davon ziehen, bis sie denn den vernünftigen Vorstellungen von seiten der Regierung insofern Gehör gaben, daß sie nicht blindlings mit Weib und Kind ins Tal Josaphat, d. h. ins Elend gingen, sondern zuvor drei Abgeordnete erst nach Konstantinopel und dann nach Palästina schickten um sich von der Möglichkeit ihres Vorhabens an Ort und Stelle und mit Autorisation der türkischen Regierung zu überzeugen; – und jene Bauern im schwäbischen Wams, mit dem breitkrämpigen schwarzwälder Hut und der breiten alemannischen Sprache, waren nun eben die drei Abgeordneten. Zu dem Bruder des würtembergischen Pfarrers hatten sie Vertrauen gefaßt und ihm erzählt was ich Dir hier wieder erzähle. Auf seine Frage, woher denn grade sie wüßten, daß Christus auf die Erde kommen würde? ist die Antwort gewesen: Einigen unter ihnen hätte es das Herz gesagt. – Und auf diese Aussage hohler exaltierter Köpfe baute eine ganze Gemeinde fest genug um ihre ruhige zufriedene Gegenwart einer idealischen Zukunft zu opfern! Nachdem wir Freitag abend sechs Uhr aus Smyrna fort- und die Nacht hindurch gegangen waren, lagen wir vierundzwanzig Stunden in der Bucht von Tschesme, der Insel Chios gegenüber, vor Anker, nachdem der Kapitän einen vergeblichen Versuch gemacht hatte ins Meer hinaus zu gehen. Der Wind war so stark und so ganz konträr, daß das Schiff so gut wie gar nicht von der Stelle kam, und daß er fürchtete seinen Kohlenvorrat zu verbrauchen ohne Rhodos zu erreichen. Das Städtchen Tschesme liegt unansehnlich zwischen dem Gestade und kahlen zerklüfteten Bergen; aber seiner Bucht gegenüber liegt die reizende Insel Chios, in der Morgenbeleuchtung mit silbernen Bergen – mittags mit goldroten und abends mit violetten geschmückt, deren Linien zugleich sanft und bestimmt ganz von ionischer Schönheit sind. Wie eine Wunderblume oder eine kostbare Muschel schwamm das reizende Eiland auf den Wellen, und durch ein Fernrohr sah man seine Häuser und Gärten. Vor zwanzig Jahren, beim Aufstand Griechenlands gegen die Pforte, haben die Türken hier Grausamkeiten und Metzeleien verübt, deren Spuren noch nicht vertilgt sein sollen; aber so aus der Ferne sieht man nur die Schönheit, die Gott ihr gegeben hat – wie man bei einem lieblichen Antlitz auch nicht gleich die Schmerzen gewahr wird, die im Herzen wohnen mögen. Ein tiefblauer wolkenloser Himmel breitete sich über Rhodos aus, als wir uns am Morgen des zweiten Oktober auf dem Verdeck zusammendrängten um die altberühmte Insel so früh wie möglich zu sehen, die eines der Wunder der Welt trug. Rhodos heißt auf griechisch die Rose, und Rhodos hieß die holde Tochter der Aphrodite, welche Phöbus hier auf dem Atabyrisberge sah und ihr seine Liebe schenkte; so lautet die Sage, welche die Insel zur Lieblingsstätte des Sonnengottes heiligte. Seine Statue war es, die man in Erz achtzig Ellen hoch goß und über dem Hafen aufstellte, ihm zu Ehren und Dank, nachdem Demetrius der Städtebezwinger im Jahr 282 vor Christi Geburt Rhodos belagert und nicht bezwungen hatte. Erdbeben, von denen diese herrlichen Himmelsstriche so viel zu leiden haben, stürzten dies Weltwunder, aber als die Araber 672 nach Christus die Insel eroberten, sollen dessen Trümmer noch 9.000 Zentner gewogen haben. – Die Stadt steigt amphitheatralisch am Ufer auf und verläuft in eine weite, reichbebaute Ebene. Ihre Mauern und Türme geben ihr ein behelmtes Ansehen, und einzelne Palmen wehen wie Friedensfahnen über dem ritterlichen Krieger, der hier noch in voller Rüstung auf der Totenbahre zu liegen scheint. Der Atabyris dominiert die ganze Insel, die von der heißen Sonne in farbige Glut getaucht war. Sie sah wunderprächtig aus! Wir streiften kreuz und quer durch die Stadt, kamen durch lange überwölbte Gänge, deren ehemalige Bestimmung man nicht mehr erraten kann; ließen uns die St. Johanneskirche aufschließen, die jetzt eine Moschee wüsten Ansehens ist, auf deren Wänden man halb ausgekratztes christliches Bildwerk erkennt; besahen die Tore, über deren einem in einer kleinen Nische ein vergessenes Heiligenbild steht – ob die heilige Jungfrau, ob St. Johannes, konnte ich nicht erkennen; bestiegen den crenelierten Turm am Hafen, von dem man die Insel und das Meer weit überschaut; – und gerieten zuletzt auch noch auf den Bazar. Der ist echt türkisch und daher sehr unlieblich; aber, Clärchen, ich entdeckte dort etwas, das mich entzückte, etwas wonach ich schon in Konstantinopel umsonst geschmachtet hatte: Feigen! Ganz winzig kleine grüne Feigen, nicht größer als unsre Pflaumen. Der Dragoman suchte ungefähr drei Dutzend der allerbesten aus, und bezahlte dafür zwanzig Para, einen Silbergroschen! Und zuletzt sagte der Verkäufer wir dürften nehmen so viel wir möchten, immer noch auf Rechnung der zwanzig Para. Jede Feige war gleichsam ein kleiner Löffel voll Feigenkompott. Nun kenne ich ihre eigentliche Vollkommenheit, wie ich die der Orange in Cadiz kennen gelernt habe. Die Trauben schienen ebenfalls sehr gut zu sein, und die Obsthändler machten Glück, denn für Leute die von einem Schiff kommen, haben frische Früchte etwas ganz besonders Erquickendes. Sehr befriedigt von meinem kurzen Besuch in Rhodos, kamen wir um zwei Uhr mittags auf unseren Lodovico zurück, und gingen mit sehr starkem aber günstigem Winde fort, so daß während der vierundzwanzigstündigen Fahrt nach Zypern die Segel immer aufgezogen blieben. Meine Engländerin und ich wir rührten uns nicht in unsrer Kabine. Du kannst Dir vorstellen wie froh wir waren als wir am vierten mit Sonnenaufgang die Nachricht empfingen, man sähe Zypern. Um neun Uhr lagen wir auf der Reede von Larnaka an der südöstlichen Küste vor Anker. Wie Rhodos dem Apollo geheiligt war, und Samos der Juno, die ihre Kindheit darauf verlebte, so ist Zypern die Insel der Venus. In den Tempeln von Paphos feierte man die Göttin und Amathus gab ihr einen ihrer Namen, denn an diese Ufer trugen sie die Wellen, als sie diese Perle der höchsten Schönheit geboren hatten. Der Liebreiz, welchen man sich untrennbar von der Lieblingsstätte der Venus denkt, ist aber mit ihren Tempeln und Hainen verschwunden. Die Landschaft besteht aus weißem kalkigen Erdboden, auf dem der Kaktus wuchert und die Palme gedeiht. Sie gibt durchaus den Eindruck des Südens: Himmel und Meer so unzerstörbar blau, der Boden so blendend weiß; das Auge birgt sich ganz scheu unter der Wimper, vor all dem schattenlosen Glanz. Bei la Scala landeten wir. La Scala heißt überall der Aus- und Einschiffungsort, möge er sich in der Stadt selbst befinden, wie in Konstantinopel, oder ein Örtchen für sich bilden, wie auf Zypern. Von dort gingen wir vielleicht eine halbe Stunde bis Larnaka, hier an einer wunderschönen Palme vorbei, dort an einem Gemäuer, das zur Zeit der Venetianer ein Wartturm gewesen sein mag, da an einer Lehmhütte, die wie ein viereckiger Kasten aussieht, und deren Hof mit einer Kaktushecke umgeben ist. Langsam, als ob Gebäude sich in Bewegung setzten, ziehen bepackte Kamele über eine Hügelreihe ins Innere der Insel, und ihre unschöne Form sieht wahrhaft mißgestaltet aus, wenn sie an einer herrlichen Palme vorüber schreiten. In Larnaka gibt es ein griechisches und ein lateinisches Kloster, unter dieser altertümlichen, byzantinischen Benennung begreift man hier zu Lande die katholischen Klöster. Wir gingen in letzteres, weil dort eine neue Kirche gebaut wird, und fanden Franziskaner von der Terra santa darin, die gerade das Fest ihres Schutzpatrones und Ordensstifters durch ein Mittagsmahl feierten, zu dem sie die Konsuln eingeladen hatten. Sie bewirteten uns gastfrei im Vorhof mit Wein, Bisquits und frischem Wasser, und der alte ehrwürdige Pater Guardian machte Entschuldigungen daß er nicht die ganze Gesellschaft einlade; aber das Kloster hat strenge Klausur und somit heißt es: »Ma non le donne.« In einem Kaffeehause von la Scala saßen wir hernach noch lange, tranken Limonade und Kaffee, und die Herren spielten Billard. Viele Neugierige kamen um die Fremden zu sehen, und unter anderen auch ein europäisch gekleideter Mann, der, als er deutsch reden hörte, sich als einen wenigstens Halbdeutschen zu erkennen gab. Aus dem russischen Litauen war er, hatte im Jahr 1831 revolutionieren helfen, und war endlich nach allerlei bunten Schicksalen, zu denen auch eine Gattin in Spanien gehörte, Militärarzt auf Zypern geworden. Ist es nicht höchst ergötzlich gegen das russische Regiment zu revolutionieren um sich unter das türkische zu begeben? Er lobte sehr das leichte und gute Leben mit den braven Türken. Wir fragten nach diesem und jenem, und am Ende kam es denn so heraus: man wird gut bezahlt, man hat Sklaven und Sklavinnen, keiner kümmert sich um den andern, man braucht wenig zu tun und noch weniger zu wissen, kommt man in Zwiespalt oder Meinungsverschiedenheit mit einem höheren Beamten oder überhaupt einem Türken, so muß man ihm in Worten immer Recht geben, immer Recht! dann darf man hintendrein ruhig tun wozu man Lust hat: ist das nicht ein leichtes Leben? – Wir wünschten ihm es noch recht lange und fröhlich zu genießen, und kehrten um vier Uhr an Bord zurück – zum letzten Mal, denn gestern früh um halb sieben Uhr kamen wir hier an. Liebes Clärchen, hier ist die Hitze so groß, wenigstens für uns Fremdlinge und in Herrn Batistas sehr unkomfortablem Gasthof, daß man erst gegen Sonnenuntergang das Zimmer verlassen mag, und den Tag so unbeweglich und so leicht gekleidet wie möglich hinzubringen sucht Da habe ich also Zeit vollauf, und bin recht froh die Reise so ausführlich beschrieben zu haben, denn sie verdient alles Interesse und eine lange Erinnerung umsomehr, da meines Bleibens nur ganz pilgerhaft flüchtig auf ihren Ruhepunkten war. 15. An meine Mutter Beirut, Sonntag, Oktober 8, 1843 Alles laßt sich beschreiben, meine liebe Mutter, Menschen, ihr Leben, ihre Kleider, ihre Häuser, ihre Leiden, ihre Zustände: nur nicht die Natur, die Physiognomie eines Landes. Geographisch und ethnographisch muß man das unternehmen: hat man das Genie dieser Wissenschaften, so wird Leben in die gewaltige formlose Masse hineinkommen und ihr die Form geben, in der sich ihre Individualität am klarsten ausprägt. Hat man es nicht, so wird die Beschreibung nur jenen öden Landkarteneindruck machen, bei dem man denkt: Also das Land mit den grünen Grenzen ist Syrien und das mit den roten Kleinasien. Ich habe es nicht; darum behüte mich der Himmel vor Beschreibungen! Aber wenn ich einen Blick auf dies reiche, sonnendurchglühte Land werfe, wenn ich das Arom seiner Pflanzen und seiner Luft einatme, wenn ich in seine Nächte hineinwache, die weicher und wärmer als unsre Tage sind, so denke ich dennoch: ich werd' es aber doch beschreiben, und wenn auch weiter nichts daraus wird als – das Land mit den Blumenkranzgrenzen. – Ich habe absichtlich in meinem vorgestrigen Brief nichts vom ersten Eindruck gesagt den Beirut macht; ich wollte mich noch ein wenig mehr in diese Natur hineinfinden. Indessen wie mir das geht: der erste Eindruck ist unvermeidlich; und ich denke es war mehr als die Magie des Namens und der Stätte die mich entzückte, als ich in der Frühe des fünften aufs Verdeck kam. Die lichte Färbung des frühen Morgens, ein mit Silber durchwebtes Blau, hing von den mächtigen Wänden des Libanon herab, und lag weit und breit über dem Meer, und nur die höchsten Punkte des Gebirges trugen bereits die Goldkronen, die ihnen die Morgensonne darbrachte. Am Ufer lag die alte dunkle, aus lauter Türmen und Höhlen zusammengebaute Stadt schwarz als ob sie Trauer trüge, und saftgrüne Pflanzungen von Maulbeerbäumen lagerten sich um sie herum und stiegen die Vorberge des Libanon empor. Nach und nach, bis das Geschäft der Ausschiffung zu Stande kam, stieg die Sonne höher, kam über das Gebirg und beleuchtete nun von oben die ganze großartige Landschaft. Da glänzte rotgolden der majestätische Libanon als lächle er dem Meer entgegen. Da hüpften Millionen von Goldflittern auf dem Meer, und die Wellen rieselten rasch und leise, als nickten sie ihm einen Morgengruß zu. Da war das Grün der Gärten wie in Smaragd verwandelt, und auch die Türme und Terrassen der Stadt bekamen ihren Teil vom himmlischen Licht: eine goldige Zinne. Nun sah sie erst recht wie jener Schmetterling aus, den man Trauermantel nennt und der um seine schwarzen Flügel einen weißen Saum hat. So finster ist und bleibt die Stadt und rund um sie herum prangt das Licht in allen Gestaltungen. Die liebenswürdige Frau des preußischen General-Konsuls begrüßte mich einige Stunden nach meiner Ankunft und lud uns ein bei ihr zu speisen. Da sah ich gleich am ersten Tage auf dem schönsten Aussichtspunkt von Beirut den Sonnenuntergang: nämlich in ihrem Liwán . Hier sah ich die Landschaft vom Morgen grade umgekehrt. Das Haus des General-Konsuls liegt ungefähr eine halbe Stunde außerhalb der Stadt auf dem allmählich immer höher steigenden Terrain, wo sehr viel Campagnen zwischen Gärten und Maulbeerpflanzungen liegen. Da hat man die ganze grüne laubige Absenkung vor sich, hinab, hinab bis zum Meer. Einzelne Häuser sind munter und freundlich in die Gärten hineingestreut und nur ganz unten zwischen diesen und dem Meer gewahrt man etwas von der Stadt. Aber der König von Syrien, der Libanon, herrscht auch hier, denn all dies Land ist sein, ruht zu seinen Füßen und in seinem Schoß; und wie der Morgen ihm eine Goldkrone aufs Haupt gesetzt, so hatte ihm der Abend einen Purpurmantel über die Schultern geworfen, und er glühte so flammend vor und nach Sonnenuntergang, wie ich nur die Schneekuppen der Schweiz habe glühen sehen. – So war der erste Tag in Beirut. Nicht wahr, wunderhübsch. Aber so war auch der zweite, und der dritte, und der vierte, und so würden sie alle sein, wenn man alle seine Tage hier verlebte. Man sitzt im Liwán bei Tage, auf der Terrasse, d. h. auf dem flachen Dach, am Abend und betrachtet Meer und Gebirg im Sonnen- und Mondenschein, und dazwischen macht man, wenn es nicht allzu heiß ist, einen Spazierritt nach dem Palmenwäldchen, und erfreut sich an den köstlichen Bäumen und an dem Duft den die Akazie, die echte nämlich, fast betäubend ausströmt. Dies Wäldchen ist der Stolz von Beirut. Palmen bilden seine Krone, aber unter ihren hohen Stämmen gedeihen vortrefflich große Maulbeerpflanzungen, die man mit der höchsten Sorgsamkeit pflegt, weil die Zucht der Seidenraupe eifrig betrieben wird. Daher ist jener Baum der herrschende des Landes, untermischt mit Johannisbrot- und Feigenbäumen, mit Palmen und Pinien. Diese letzteren heben ihre schönen, stillen, festen Kronen hoch in die Lüfte empor, und die ersteren bilden dazu das Unterholz, so daß die Bebaumung einen prächtigen, füllreichen Charakter hat. Das hindert aber nicht daß man unmittelbar vor den Toren in fußhohem Sand versinkt, der das Gehen höchst beschwerlich und unerfreulich macht; umsomehr da man, so wie man das Meer verläßt, augenblicklich zwischen haushohe Kaktushecken gerät, welche die Gärten umhegen. Diese Pflanze braucht wenig Wasser, daher gedeiht sie hier in wahrhaft monströser Weise; jede andere Kultur wird durch aufmerksame Verteilung der Bewässerung hervorgebracht. Dieser Rücksicht weicht jede andre, und so werden Wege in Kanäle verwandelt und durch aufgeworfene Wälle ganz unbrauchbar gemacht, sobald die Wasser mehr oder weniger, hier oder dort gebraucht werden. Wo man nicht bewässert, gedeiht nichts, und wo keine Pflanzen wachsen, wächst der Sand. Von Jahr zu Jahr rückt er weiter, dringt er unmerklich aber sicher vor, so daß nach einer Reihe von Jahren große Versandungen des Bodens sich bemerkbar machen. Man könnte ihnen vorbeugen durch Anpflanzungen; doch es geschieht nicht. Fehlt die Aufmerksamkeit? Der gute Wille? Fehlen Hände? Der Türk läßt die seinen im Schoß liegen, raucht den Tschibuk und spricht: »Kismeth!« das heißt so viel wie Schicksal, und das beruhigt ihn vollkommen über alle Versandungen der Welt. Es ist alles leicht hier! Wenn man ausgeht braucht man keinen Mantel für die Heimkehr am Abend mitzuschleppen; wenn man nicht im Sand gehen mag, besteigt man ein friedliches und flinkes Eselein und reitet zum Diner. Ich habe eine wunderschöne Zeit getroffen: die des Vollmonds. Er ist so hell, daß er den Gegenständen ihre Farbe, und sie nicht schwarz erscheinen läßt; die weiche warme Luft dazu – und die Nacht ist wirklich wie ein Tag ohne Sonne. Als ich am ersten Abend vom General-Konsul zwischen zehn und elf Uhr nach der Stadt zurückritt, hatte ich nach europäischer Weise eine Mantille umgenommen; allein ich nahm sie ab, und habe mich später nicht mehr mit ihr befrachtet. Einen Augenblick gibt es, und zwar den, wo die Sonne im Untergehen begriffen ist, da wird es, vergleichsweise, kühl und da soll die Luft schädlich sein, so daß man den Kopf bedecken muß. Am späteren Abend tritt jedoch wieder die warme Temperatur ein, und im Sommer soll der Unterschied zwischen der Wärme des Tages und der Nacht nicht mehr als einen, höchstens anderthalb Grad Réaumur betragen. Es scheint mir also unmöglich sich zu erkälten. Dennoch leiden fast alle Fremde, sobald sie längere Zeit verweilen, im Anfang; denn das Klima wühlt das Blut zu heftig auf und Diätfehler rächen sich gefährlicher als bei uns. Rindfleisch hat man gar nicht; es ist zu schwer und dadurch schädlich. Hammelfleisch ist sehr gut, nur außerordentlich fett, und daher muß man auch damit sich in acht nehmen. Hühner sind ganz ungefährlich und kleine wilde Vögel ungefähr halb so groß wie Lerchen, die man viel und gern ißt. Von unsere Gemüsen gibt es wenig oder gar keine; man hat hingegen keine Mahlzeit ohne Reis und ohne Tomaten. Diese sind wirklich die Kartoffeln des Morgenlandes, wenigstens so unentbehrlich wenn auch nicht so nahrhaft; sie gehören ebenfalls zum Geschlecht der Nachtschatten, heißen mit ihrem botanischen Namen Solanum lycopersicum und auf deutsch Liebesapfel, und haben eine ziegelrote Farbe, die sie allen Speisen mitteilen zu denen man sie in Saucen oder sonst wie gebraucht. Die Früchte der Jahreszeit sind herrliche Trauben, und Bananen oder Pisang. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß einmal im Gewächshaus zu Remplin einige Bananen gereift waren, von denen mir auch ein Stück mitgeteilt wurde, und zwar mit einer gewissen Feierlichkeit, als etwas ganz Außerordentliches. Seitdem hatte ich keine weder gesehen noch gegessen, aber ich wußte noch immer, daß sie mir damals sehr mehlig und saftlos schmeckten. Als ich hier die längliche blaßgelbe Frucht erkannte, war ich sehr begierig auf ihren Geschmack, doch ich fand sie in Beirut ebenso saftlos und fade wie in Remplin, und man sagte mir, man müsse sich an ihn gewöhnen um ihn angenehm zu finden. Die besten Bananen sollen tiefer hinab an der syrischen Küste bei Saida, dem alten Sidon, gedeihen. Ich schreibe Dir dies nicht, liebe Mutter, um Dir meinen Küchenzettel mitzuteilen, sondern um Dir eine Vorstellung von dem Lande zu geben, wo statt Äpfel und Pflaumen – Bananen auf den Bäumen wachsen. So ist die Landschaft beschaffen. Die Stadt – ja, die ist nun freilich sehr wenig anmutig und hat außer ihrem vortrefflichen Pflaster, das aus breiten, flachen Steinen besteht, nichts Empfehlenswertes. Der erste Einzug in dieselbe ist tumultuarisch genug. Das Boot kann des Sandes wegen nicht landen. So wie eines vom Dampfschiff kommt und sich dem Ufer naht, stürzt sich eine Schar halbnackter Araber ihm entgegen, ins Wasser hinein, ergreift die Koffer, schleppt sie an Land, erfaßt die Reisenden, nimmt sie auf die Arme, und trägt sie nicht sehr bequem und sehr sanft, aber ganz sicher durch die Wellen. Dann gibt es den in allen Ländern der Welt gebräuchlichen Zank über den Transport der Sachen, und endlich geht es zu Batistas Locanda durch die wunderlichsten Straßen, die mir bisher vorgekommen sind, denn sie gleichen mehr Kellergewölben und unterirdischen Gängen, als einer Stadt – so schmal und dunkel sind sie selbst da, wo sie nicht von einem Hause zum andern überwölbt sind. Zuerst glaubte ich alle diese Tore bereiteten den Weg in die eigentliche Stadt; aber nein! So ist ihre Anlage, zum Schutz gegen die Sonne gemacht. Die Häuser sind ebenso wunderlich, bestehen aus viereckigen, oben flachen Türmen, von ungleicher Höhe und Dicke, die man durch Treppen, Brücken und Terrassen verbindet. Jedes Haus sieht wie eine kleine Festung aus, oder wie ein donjon , zu welchem finsteren Eindruck der Mangel an Fenstern, die Gitter vor denselben, und die dunkle Farbe des Bausteins beiträgt. Meine Locanda ist auch im Innern nicht viel freundlicher als ein Gefängnis. In den stockfinsteren Räumen des Erdgeschosses habe ich mich nicht viel umgesehen, denn da ist das Küchendepartement, von dem man wohl tut den Blick abzuwenden. Eine schmale und steile Treppe steigt man hinan, und befindet sich plötzlich im Freien, gleichsam auf dem flachen Dach jenes höhlenartigen Unterbaues, über dem sich nun die Türme ganz unregelmäßig erheben. In jedem Turm ist unten und oben ein Zimmer; eine Reihe von Zimmern oder auch nur zwei zusammenhängende existieren nicht – was nach unsern Begriffen höchst unbequem ist. Zwischen zwei Türmen ist der Liwán angebracht. Der freie Raum in der Mitte, über den ein zeltartiges Dach von Leinwand ausgespannt ist, dient als Speisesaal. Ich habe ein Gemach im oberen Stockwerk eines Turmes, das für sich allein die Fenster in Anspruch genommen hat, welche den übrigen fehlen: es hat deren sechs. Zwei sehen auf die Straße und sind dicht vergittert mit Stäben von altem Pinienholz, das eine prächtigen, stärkenden Geruch aushaucht; zwei andre sehen in den freien Hausraum und sind zur Hälfte vergittert; und die zwei letzten gehen auf eine Terrasse, wo Katzen sich amüsieren, und alle Augenblicke mit ihrem Kopf durch die zerbrochenen Scheiben hinein, und erschreckt durch meine Anwesenheit wieder zurück fahren. An der vierten Wand des Zimmers steht mein Bett und befindet sich die Tür, die weder Schloß noch Schlüssel, sondern nur einen einfachen, aber kolossalen Riegel hat, sodaß man sie von außen gar nicht schließen kann. Mitbewohner meines Gemachs sind formidable Spinnen, die seit Dezennien ihre Netze aufgespannt zu haben scheinen. Du begreifst das Entsetzen dieser Genossenschaft, Herzensmama! Nun, ich habe mich schon dermaßen gewöhnt, daß ich mich mit dem Gedanken beschwichtige: In Europa will ich mich wieder vor Spinnen entsetzen; hier nicht! – Übrigens muß man dem Himmel danken, wenn man nicht Skorpione und Vierzigfüßler in einem solchen Zimmer findet; das stimmt denn auch nachsichtiger gegen die Spinnen. Oben auf den Türmen ist es unstreitig am angenehmsten. Sie sind ganz flach, man erklimmt sie auf wackelnden leiterartigen Stiegen, man läßt Stühle hinaufbringen und setzt sich – denn das Gehen ist unbehaglich dort oben, weil die platte-forme keine Brustwehr hat – und man genießt die frische freie Abendluft. Ich muß immer an die Felsen von Adersbach denken, wenn ich da oben all die schwarzen, unförmlichen Gebäude um mich herum, und unten die schmalen, finstern, kreuz und quer laufenden Gassen sehe. Wie aus einem Felsen gehauen und mit Felsenwegen durchschnitten ist ganz Beirut. Am Abend geht es lustig darin her! Man befindet sich noch immer im Ramadan, da ist der Tag still und langweilig und man sucht ihn zu verschlafen um weniger durch die strengen Fasten zu leiden. Mit Sonnenuntergang, sobald der Muezin das Abendgebet vom Minarett ausruft, fällt der glückselige Kanonenschuß der die ermatteten Leiber und Seelen neu belebt: die Cafés öffnen sich, die Obst- und Brotverkäufer bringen ihre Waren, auf den Straßen wie in den Häusern wird gegessen, geraucht, und zwar nicht ruhig wie zu andern Zeiten, sondern mit jener freudigen Wut welche die Entbehrung gibt. Man hört jauchzende Kinderstimmen, Gesang, die eintönige Musik der Handtrommel. Am Freitag ist beim Pascha Militärmusik. Wir sahen von unserm Turm in seinen mit Fackeln beleuchteten Hof, und hatten die Musik aus der ersten Hand. Sie war gräßlich, ein diskordantes Getöse, aus lauter Mißlauten zusammengesetzt, die jeder Musiker willkürlich ohne Takt, ohne Zusammenhang ausstieß. Auf den Dächern der Häuser erschienen Frauen wie Geister, nach hiesiger Landessitte mit einem weiten, dichten, weißen Schleier vermummt, um dem Konzert beizuwohnen. Es war etwas von der Unterwelt und zugleich etwas äußerst Liebliches in der Szenerie. Die schwärzlichen Gebäude, die entsetzliche Musik und die grelle Fackelbeleuchtung, erinnerten mich an den Höllenwalzer in »Robert le Diable« , und gehörten der Unterwelt, während in einer höheren Region die stillen weißen Frauengestalten zu Hause waren, und die Lampenkränze, welche die Galerie der Minarette festlich erleuchten, von oben herab ihren Schein warfen, und endlich der Mond in diamantner Herrlichkeit das irdische Licht wie das irdische Dunkel mit seinen unirdischen Lichtfluten überströmte. – Das muntre Leben währt bis tief in die Nacht hinein, und meine sechs Fenster lassen mich bei weitem mehr daran teilnehmen, als ich es wünsche: durch diese dringt der Lärm der Straße, durch jene die Beleuchtung eines ganz nahen Minaretts, und durch die letzten das Geplauder der Weiber oder das Miauen der Katzen, welche abwechselnd jene Terrasse zu besuchen scheinen. Mit Sonnenaufgang beginnt die Stille wieder. Die dreiundzwanzigste Nacht des Ramadan ist ein wichtiger Moment für jeden Mohammedaner. Es ist die Nacht al Kadr, die Nacht der Herrlichkeit, in welcher der Engel Gabriel den Koran aus dem siebenten Himmel herabbrachte. In ihr werden alle menschlichen Schicksale für das kommende Jahr entschieden und bestimmt – wie die Juden es vom Neujahrstag glauben sollen.   Abends zehn Uhr Da wir morgen früh nach Damaskus abreisen, so will ich Dir noch heute in aller Eile erzählen, daß ich soeben von einem arabischen Diner und einer arabischen Hochzeit komme. Ersteres war europäisiert, wenigstens in der Form, denn es fand bei dem österreichischen General-Konsul statt, der einen echtarabischen Koch aus Kairo hat, und mir diesen Spaß machte. Die Speisen sind mir auch alle genannt worden, aber mein Ohr hält nicht den ungewohnten Laut fest, und ich kann daher nur sagen, daß sehr starke Gewürze in allen vorherrschend waren. Hernach wurde in jener Kaufmannsfamilie wo die Hochzeit stattfand angefragt, ob wir kommen dürften, und als natürlich eine Bejahung erfolgte, gingen wir hin. Ein Hochzeitsfest hat immer etwas Gezwungenes, Unbehagliches; dem Brautpaar ist der Tumult lästig, und die Gäste wissen im Grunde nicht weshalb sie so erschrecklich lustig sein sollen. Aber an die Marter eines arabischen Hochzeitsfestes streifen denn doch unsre europäischen nicht. Die Trauung war gegen Mittag geschehen nach dem Ritus der griechischen Kirche – denn die Araber, das eingeborne Volk, sind nicht lauter Mohammedaner, sondern bekennen sich zu den verschiedenen christlichen Konfessionen, und letztere sollen hier in Beirut ziemlich zahlreich sein. Nach der Trauung wird die Braut in ein Zimmer geführt und der Bräutigam in das andre – sie umringt von allen Personen weiblichen Geschlechts ihrer Verwandtschaft und Freundschaft, er desgleichen von allen Männern – und da werden sie von einander getrennt unterhalten mit Musik, Gesang, Tanz, Gespräch, Besuch, Speise und Trank – nicht länger als drei Tage und drei Nächte. Was sagst Du zu dieser kolossalen Vergnügungsfähigkeit? Ich muß Dir bekennen, daß ich von dem halbstündigen Besuch ganz betäubt bin. Das Haus war ganz im Stil meiner Locanda, aber weit in die dunkle Straße schallte das Getöse hinein, als ob es ein Palast mit tausend Gästen sei. Durch den dunklen Unterbau und über die dunkle Treppe ging es in den freien innern Raum. Da empfing mich der Hausherr, ein Vetter der vaterlosen Braut, ein schöner junger Mann, dem die orientalische Tracht, besonders der große Turban, sehr gut stand; und führte mich an der Hand in das Gemach der Frauen. Als ich eintrat erhoben sie sich vom Sofa, der breit und niedrig an den Wänden umherläuft, aber so, daß sie nicht auf der Erde sondern auf den Polstern standen; und die Braut, die der Tür grade gegenüber saß, wurde bei dieser schwierigen Evolution von ihren beiden Nachbarinnen unterstützt weil die Etikette es mit sich bringt, daß sie sich möglichst wenig bewege. Man führte mich zu ihr, ließ mich neben ihr sitzen, und ich betrachtete dies merkwürdige Bild. Wohl ein Bild! Denn wie eine Puppe sah die arme Braut aus! Sie darf sich nicht bewegen, nicht sprechen, niemand ansehen, keine Miene verziehen, kein Auge aufschlagen; und um des letzteren recht gewiß zu sein, bestreicht man ihr die Wimpern mit einer klebrigen Masse, so daß ihre Augen wirklich zugeklebt sind. Dann malt man ihr die Augenbrauen hoch geschwungen und schwarz, die Wangen rot. Die Hände haben nicht bloß ockergelbe Nägel, sondern sind über und über mit Arabesken von dunkelblauer Farbe permanent tätowiert. Kurz, wenn einem Europäer nach drei Tagen diese Braut abgeliefert würde, so müßte sein erstes Wort zu ihr unfehlbar sein: »Wasche dich, mein Engel!« – Ihr Haar hängt in Zöpfen und lockern Streifen – falsches mit dem eigenen vermischt – über die Schultern, und Blumen, Bänder, blanke Zierrate winden sich um den Tarbusch (so heißt hier das rote Mützchen mit blauem Quast). Dieser Kopfputz ist nicht ungraziös. Der übrige Anzug ist so, wie ich ihn in Konstantinopel beschrieben habe, nur sind die Röcke ohne Schleppen, und schwere bunte Shawls, die man als Gürtel um die Hüften windet, machen die Gestalt unglaublich plump. Der Halsschmuck der Braut bestand aus Reihen von kleinen Goldmünzen an Schnüren befestigt, so daß sie einen goldnen Brustharnisch zu tragen schien. In diesem schweren Anzug saß sie nun da, steif und starr, mit herabhängenden Armen, mehr einer Mumie als einem lebenden Wesen, – am wenigsten einer fröhlichen Braut ähnlich. Sollte die Ehe ihr ein hartes Joch werden, so hat sie schon dessen Zwang in diesem Anfang ahnen können. Ob übrigens die starre Bewegungslosigkeit zu der sie verdammt ist, Betrübnis über ihren verlorenen Mädchenstand, Gleichgültigkeit gegen ihren Frauenstand oder jungfräuliche Sprödigkeit bedeuten soll – denn irgend ein Symbol muß doch diese seltsame Form sein! – das wußte sie gewiß selbst nicht. Mehr oder weniger wie die Braut waren sämtliche Frauen geschmückt und bemalt; daher bin ich auch nicht im Stande zu sagen ob irgendeine hübsch war. Die übrigen hatten nicht zugeklebte Augen, sondern weit geöffnete, aber all das schwarze Pinselwerk um sie herum machte sie mir unheimlich. Ein Auge muß vor allen Dingen redlich, und nicht wie aus einer Maske heraus mich ansehen, wenn es mir gefallen soll. Bis jetzt gefallen mir die spanischen Feueraugen unendlich viel besser als die hochberühmten orientalischen. – Die fremden Männer hatten auch Zutritt in diesem Zimmer, das durch eine große dreischnabelige Lampe erhellt war, die in der Mitte auf dem Fußboden stand. Es gab leider weder Gesang noch Tanz, daher verkürzte ich meinen Besuch bei der Braut um ihn bei dem Bräutigam zu machen, der in einem anderen Turmgemach in der Haft der arabischen Hochzeitsetikette saß. Er durfte sich bewegen, sprechen, blicken, und sah recht munter und lebhaft aus. Auf dem Sofa zwischen all den Männern hätte sich der Platz nicht für mich geschickt, daher bekam ich einen Stuhl dem Bräutigam gegenüber, und nun begann von neuem die Musik, die wir bereits auf der Straße gehört hatten. In einem Winkel des Zimmers saßen die Musiker auf dem Fußboden, der eine trommelte auf zwei tellergroßen Pauken, der andre schlug eine Art von Hackbrett, der dritte bearbeitete ein kleines Saiteninstrument, und dazu sangen sie aus Leibeskräften die unharmonischsten Töne, die nur in der Menschenkehle aufzutreiben sind. Wildes Geschrei wechselte mit näselnden und gurgelnden Lauten – es war ein abscheuliches Konzert! – Wir blieben eine kleine Weile, und begaben uns dann in den eigentlichen Salon, nämlich in den freien Hausraum, wo wir mit sehr guter Limonade bewirtet wurden, und wo man den Herren Tschibuk oder Nargileh anbot. So endete das Fest für mich, und ich war seelenfroh, daß ich nicht wie die übrigen Gäste bis übermorgen auszuhalten brauchte. Um Beschwerden zu ertragen – dazu sind meine Nerven stark genug; aber nicht für Vergnügungen. Ade und gute Nacht, herzliebe Mutter. 16. An Gräfin Schönburg-Wechselburg Damaskus, Sonnabend, Oktober 14, 1843 Meine liebe Herzens Emy, ich komme ja gar nicht dazu Ihnen zu schreiben! Bis jetzt auf der ganzen Reise einen einzigen Brief! Ich denke immer: es ist für Euch alle, gleichviel an wen adressiert; – heute indessen will ich mich einmal an Sie richten. Gott, was hab ich alles zu erzählen! Ich bin in Damaskus. So fern von der Heimat bin ich noch nie gewesen; Libanon und Antilibanon liegen zwischen mir und dem großen weiten Meer, das mich von Europa abschneidet. Ach, und Damaskus ist gar nicht so »paradiesduftend«, wie die ekstatischen Dichter der alten Omajaden es besungen, und wie die reisenden Europäer es ihnen respektvoll nachgesprochen haben. Aber ich will beim Anfang anfangen, nämlich bei unserm Ausritt aus Beirut, der Montag den 9. um 10 Uhr morgens stattfand. Da müssen sie vor allem die Bekanntschaft eines Mannes machen, der auf der ganzen Reise für ihre materiellen Interessen unser Faktotum sein wird. Es ist unser Dragoman, ein Zypriote, namens Giorgio, der uns in Konstantinopel aufs beste empfohlen wurde, und der unberufen! ein höchst brauchbarer und tüchtiger Mensch ist. Bei dem Wort Dragoman müssen sie nur nicht an die höchst wichtigen und zum Teil vornehmen Leute denken, welche als Dragoman bei den europäischen Gesandtschaften angestellt sind, oder gar an den sogenannten Pforten-Dolmetsch, durch den wenigstens in früherer Zeit alle Staatsgeschäfte mit dem Ausland gemacht wurden, weil niemand außer ihm, der gewöhnlich ein Renegat war, eine abendländische Sprache verstand. Giorgio ist nicht mehr noch weniger als das, was man bei uns einen Kurier nennt, ein Diener der alle Reiseanordnungen zu machen hat; weil aber diese Leute bei der orientalischen Reise türkisch, arabisch, griechisch, außer französisch und italienisch, fertig sprechen müssen: so nennt man auch sie in Konstantinopel Dragomane. Da er die Reise mehrmals gemacht hat, so kennt er alle ihre Erfordernisse und hat uns mit ihnen ausgerüstet. Sie sind groß. Zwei Zelte, Matratzen mit Zubehör, ein Tisch und zwei Stühle, Koch-, Speise-, Wasch- und Kaffeegeschirr, Servietten und Handtücher, Leuchter, Licht und Laterne, Lebensmittel von Reis, Makaroni, Tee, Schokolade, Kaffee, Zitronen und Zucker: das hat er nach und nach angeschafft. Ein paar kleine Mantelsäcke dazu, und wir hatten Gepäck für drei Pferde. Das Klügste was ich seit langer Zeit getan, ist daß ich aus Konstantinopel meine gezierte Kammerjungfer zurückschickte, weil dergleichen Leute nicht für den Libanon und die Wüste taugen; und daß ich mir in Wien einen vollständigen, nicht Männer- aber Knabenanzug machen ließ, ein costume de gamin von größter Einfachheit, Bluse und Pantalon von staubfarbenem Wollenstoff, rot und weiß gestreifte Hemden, runder Strohhut, geknöpfte Schuhe von coutil – ganz namenlos bequem für diese Reise, wo man im Zelt also in Kleidern schläft, und sehr steile und steinige Wege zu Fuß bergauf oder bergab macht. Das lange Reitkleid und unser gewöhnliches Kleid sind beide vollkommen unpraktisch, und mein Anzug, den ein brauner Burnus bei Regenwetter vervollständigt, ist durch und durch empfehlenswert. – Es war ein tumultuarischer Morgen an dem wir uns in Bewegung setzten, denn mit uns zugleich verließen vier Franzosen den Gasthof um nach Jerusalem zu gehen. Deren zwölf Pferde und unsere sieben, die Diener, das Gepäck aller Art, sperrten weithin den kleinen Platz an dem das Haus liegt, und es gab ein Geschrei, ein Gezänk, ein Rufen, Befehlen und Widersprechen, wie man sich keine Vorstellung davon machen kann. Die Maultiertreiber wollten die Bagage anderes verteilen als der Dragoman; dies Pferd sollte geschont werden; jenes war stark. Man packte; dann saß nicht alles fest und paßte nicht genau – man packte wieder ab. Mir war das höchst gleichgültig. Die erste Tagesreise von sechs Stunden war so klein, daß sie keinen frühen Aufbruch erforderte. Endlich kam es doch so weit. Die Packpferde eröffneten den Zug, und der Seïs (Anführer der Maultiertreiber) ritt zuweilen auf dem einen, während zwei Knechte immer nebenher gingen. Dann folgte Giorgio um Pferde und Knechte beständig anzutreiben und zu ermuntern; dann ich, dann Bystram; und ein Bedienter machte den Schluß. Diese Reihenfolge wurde selten gestört, teils weil die Pferde gewohnt sind hinter einander zu gehen und neben einander sich gar nicht zum Fortschreiten entschließen möchten; teils weil die Wege übers Gebirg die allerschmalsten Fußsteige von der Welt sind. Anfangs, aber immer schon steigend, ritten wir zwischen den monströsen Kaktushecken fort, welche die Campagnen umgeben, dann durch Öl- und Maulbeerpflanzungen, neben denen die Akazie mit kleinen goldenen Blüten, rund und weich wie Bälle, köstlich duftet. In Töpfen hat man sie bei uns im Gewächshaus; hier wird sie ein Gesträuch von der Höhe unseres Hollunders. Aber wir bleiben nicht in dieser südlichen Region; wir steigen und steigen die ungebahntesten Wege auf denen man je geritten ist, immer über Geröll von Steinen empor; manche sind faustgroße rollende Kiesel, andre sind Blöcke. Einen ebenen Platz groß genug um seinen Fuß fest und unbesorgt hinzustellen, findet das arme Pferd auf dem ganzen Weg über den Libanon nicht. Aber es ist daran gewöhnt und unglaublich geschickt. Es prüft ein wenig, und tritt dann vorsichtig wie eine Katze vorwärts; nie ist das meine gestolpert! Daher hat der Reisende nichts zu fürchten. Bequem ist dies steile Klettern natürlich nicht, aber ganz sicher. Der Libanon hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit den Alpen und Pyrenäen, hat nicht ihre grünen Wiesenabhänge, nicht ihre ewigen ungeheuren Schneegefilde, nicht ihre donnernden Katarakte, nicht ihre scharfaufschießenden Spitzen, ihre gleichsam kristallisierten Gipfel, mit denen sie wie mit Adlerhäuptern hoch über den Wolken hinab auf die Erde blicken. Es ist kein Granit-, sondern ein Kalkgebirge, und obgleich seine höchsten Punkte, wie der Djebel Makmel zum Beispiel sich zu 9.000 Fuß erheben sollen, so verändert das doch nicht seine Formation, denn er besteht aus langgezogenen, gewellten und zerklüfteten Rücken über welche jene einzelnen Höhen sich in großen Kuppen immer rundlich, nie zugespitzt, erheben. Die Wasser haben recht ihr Spiel in der Kalkformation getrieben, und sie durchspült, zerwaschen, dann sie verlassen; darum hat der Libanon etwas ungemein Starres, nicht die Frische, die Erquickung, welche einem in den Alpen mit den Quellen entgegen rieselt, mit den Wiesen anweht. Doch öde ist er nicht, obgleich ihm der natürliche Schmuck wilder Vegetation fehlt. Die Maroniten, dies fleißige Völklein, das christlich ist und im Libanon sich angesiedelt hat, bebaut ihn mit Getreidefeldern und Weingärten, mit Dörfern und Klöstern – vorzugsweise seinen westlichen, dem Meere zugewandten Abhang, der bei weitem der schönere ist. Es war gar hübsch wie wir auf unserm ungebahnten barbarischen Wege dahin zogen, dennoch in einer Schlucht tief unter uns ein stilles Dorf mit seinen grünen Feigenbäumen zu sehen oder auf fernen Felsen ein Kirchlein im Schirm einiger Palmen oder über uns, von Stein zu Stein springend und genügsam ein mageres Futter suchend, eine Herde von munteren Ziegen mit langen schwarzen Haaren. Auch großen Zügen von Eseln und Maultieren begegneten wir, denn Beirut ist der Hafen von Damaskus. Alle Erzeugnisse Persiens und des tieferen Orients, die Europa brauchen kann, gehen über Damaskus nach Beirut, und die europäischen gehen umgekehrt wieder nach Persien, nach Bagdad, etc. über Damaskus. Die Dorfbewohner, denen wir begegneten, grüßten uns freundlich, die Weiber indem sie die Hand auf die Brust legten, die Männer auf Brust und Stirn. Die Weiber haben allerdings einen gültigen Grund um ihre Stirn nicht zu berühren: sie können es nicht! Denn der greulichste Kopfputz, den je ein entarteter Geschmack ersonnen hat, erhebt sich über ihrer Stirn in Gestalt eines ellenhohen, schief nach vorn geneigten, hölzernen Kegels. Diesen schweren Turm befestigen sie mit ungeheuren Schmerzen durch eine hölzerne Feder am Kopf, werfen dann ihren dunkelblauen Schleier über, binden ihn mit einem Bande oder Riemen an den Turm, den Kegel, das Horn – ich habe keinen Ausdruck für diese Maschine! – und fühlen sich befriedigt der Mode genug tun zu können. Der starke Druck der Feder soll dermaßen heftige Schmerzen machen, daß manche Weiber mit ihrem Kegel auf dem Kopfe schlafen, weil sie nicht ertragen könnten ihn wieder anzulegen nachdem sie ihn einmal abgenommen; sie tragen ihn immer um sich desto früher an den Schmerz zu gewöhnen. Nur die Frauen sind mit dieser Ehrenkrone geschmückt, die Mädchen nicht. Außer dem dunkelblauen Schleier, der die ganze Gestalt vermummt, tragen sie ein blaues oder weißes Kleid und weite weiße Pantalons – alles von dünnem, groben Baumwollenzeug. Die Männer sehen besser aus, der große Turban, die faltenreichen Beinkleider, die bunten Jacken mit den aufgeschlitzten, herabhängenden Ärmeln, bilden ein sehr malerisches Kostüm. Hie und da arbeitete einer in seinem Garten. Neben den Feldern war immer gleich die Dreschtenne angelegt: ein runder Platz, von Steinen gereinigt, und der Boden festgestampft. Auf der einen wurde gedroschen, und zwar mit einem Dreschschlitten, was lustig genug aussah. Vor eine plumpe Schleife wird ein Pferd gespannt, ein Mensch stellt sich darauf und fährt im Kreise auf der mit Getreide belegten Tenne so lange herum, bis das Korn aus den Ähren heraus ist. Die erste kleine Tagesreise, die um ein Viertel nach 4 Uhr bei dem Khan Husseyn beschlossen wurde, war bei weitem die interessanteste, weil sie zugleich die Kultur des Libanon zeigte, und seine Schönheit hervorhob. Seine Schönheit sind seine Farben im Kontrast zu den Farben des Meeres. Der nackte kahle Stein taucht sich förmlich in die Sonnenstrahlen, und hüllt sich, besonders morgens und abends, in ein Rosenrot, in einen golddurchwebten Purpur, in ein tiefes zartes Violett, für die noch kein Maler den Pinsel gefunden, und die sich wie ein Regenbogen lieblich über das starre Gebirge legten und seine Härte milderten, während das Meer tief unten in größeren und kleineren Ausschnitten bei jeder Wendung sichtbar, und stets in seinem ruhigen himmlischen Blau blieb. Ein Khan ist eine Herberge, ein kleines niedriges aus Steinen roh zusammengesetztes Gebäude, das weder Tür noch Fenster, sondern für Licht und Luft, Menschen und Vieh, einen von rohen Bogen und Pfeilern gebildeten Eingang hat. Gewöhnlich ist ein Brunnen oder ein Quell in der Nähe. Außer dem Obdach findet man in einem gutversorgten Khan Kaffee, Hühner und Eier; in einem schlechten nichts. Da alle Maultierzüge bei diesen Khans rasten, und die Treiber in ihnen: so muß der Aufenthalt darin etwas unlieblich sein. Wer sein Zelt hat, schlägt es hundert Schritt davon auf, und laßt sich nur die nötigen Lebensmittel vom Wirt geben. Unser Zelt, ein großes, grünes, von doppelter Leinwand mit Ölfarbe angestrichen und mit eingesetzten Wänden, ist schnell aufgeschlagen und eingerichtet. Dann ersteht das graue, gewöhnliche für die Leute, und dann wird das Diner besorgt, das den einen Tag aus Hühnern mit Reis und den andern aus Hühnern mit Makaroni bestand. Giorgio schlug mehr Speisen vor, und wünschte sehr sich mit Omelette und Kotelett als geschickter Koch zu zeigen; wir haben es ihm hier in Damaskus gestattet, aber während der Reise selbst ist es ja eine Plage das Küchendepartement über die Notwendigkeit auszudehnen. Ich für meine Person würde wo es auch sei, immer am liebsten eine Mittagsmahlzeit von einer Speise, wie die Bauern, halten; aber diesen gemeinen Geschmack darf ich wohl kaum aussprechen, und nur in der wilden Wüste auf der Pilgerfahrt befriedigen. Bis Huhn und Reis gekocht sind mache ich meine Toilette, und ungefähr anderthalb Stunden nach unserer Ankunft wird zu Mittag gegessen. Später kommt der Tee. Der Schlaf kommt denn wohl auch am Ende! Aber die Nächte sind der am wenigsten angenehme Moment. Es ist bitterlich kalt in den Bergen sobald nicht die Sonne am Himmel steht und trotz Kleider und Decken, und obgleich das Zelt außerordentlich gut verwahrt ist, fühlt man doch immer den schaurigen Luftzug der Nacht. Von quälenden Insekten ist man hingegen gänzlich frei, und das ist eine namenlose Wohltat. Mit Tagesanbruch verläßt man das nicht sehr üppige Lager, das aus einer Strohmatte, einem dicken Teppich, Matratze und Kopfkissen – nach Landessitte mit Baumwolle statt mit Roßhaar gepolstert – Rehhaut und wattierter Decke besteht, – und dann kommt ein fataler Augenblick- während man eine Tasse schwarzen Kaffee trinkt, wird einem das Zelt über dem Kopf abgebrochen, und man sitzt in der kalten Morgenluft. Ein- und Auspacken dauert ungefähr eine Stunde, die unbehaglichste des ganzen Tages. Unsre Feldstühle sind das Letzte, was auf- und das Erste was abgeladen wird. Gegen sieben Uhr geschieht immer unser Aufbruch, und dann ist von unsrer Lagerstätte keine andre Spur, als der kleine schwarze von Steinen umgebene Aschenhaufen, der Giorgios Kochherd gewesen ist. Aber sie sehen, Herzens Emy, ich habe ein Haus und eine vollständige Einrichtung, denn wie es am ersten Nachtlager beim Khan Husseyn zuging, so wird es auf der ganzen syrischen Reise sein. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben mein eigenes Haus, und das ist das Haus der Beduinen: ein Zelt. Am Morgen des 10. war es prächtig schön beim Khan Husseyn, denn diese Beleuchtung war dem Bilde vorteilhafter als die abendliche. Durch einen tiefen Ausschnitt in den Bergen sahen wir den ganzen Vorsprung, auf dem Beirut liegt mit seinen freundlichen Gärten und Campagnen aus dem Meer auftauchen. Der Hafen mit den Schiffen war zu erkennen; eines zog mit fliegenden Segeln hinaus, und ein anderes war schon so weit in der See, daß man nur jene noch erkannte, so daß es auf weißen Schwingen, wie ein Geisterschiff in den Himmel hinein zu schweben schien. Rund um uns her lag eine in Trümmer zerbröckelte Felsenwelt, auf einem fernen Bergabhang ein Dorf, noch im Schatten der Dämmerung; aber über demselben, auf einem höheren Berge, bereits von der Morgensonne bestrahlt, ein großes Kloster, und während die Sonne rasch über das Gebirg empor stieg, stieg der bleiche Mond, duftig wie eine Seifenblase, langsam und zögernd wie ein Traum am Horizont herab. Hätte ich immer ein solches Bild vor mir, so würde ich mich während der Aufpackstunde nicht langweilen. Um 7 Uhr brachen wir auf und erreichten um 9 Uhr, auf sehr schlechten Wegen, die Höhe des Passes. Von nun an ging es bergab und wir verloren das göttliche Meer aus den Augen. Der Blick auf den Antilibanon und in das Tal der Bekaa, welches beide Gebirgszüge trennt, entschädigte uns keineswegs, denn er ist unbebaut und unbewohnt und noch weniger scharf gezogen als der Libanon, und die Bekaa, ein höchst fruchtbares Ackerland, das den besten Boden besitzt, ist in dieser Jahreszeit durch den Sommer ausgedörrt, und wartet auf die herbstlichen Regen, um zu ergrünen. Ist das Erdreich durch den Regen befruchtet, so wird der Acker leicht und oberflächlich bestellt. Im Frühling ist das Getreide reif, wird geerntet, und dann nimmt der Boden wieder den Charakter eines verdörrten Weidelandes an: so wie wir ihn gesehen haben. Sprechen Reisende von der paradiesischen Bekaa, so haben sie vermutlich im Frühling sie gesehen. Gewiß ist es aber, daß dieses Tal eines der herrlichsten der Erde, reich wie die Ebene der Lombardei, wie die Vega von Valencia und Granada sein könnte, wenn man ihm die Sorgfalt und Pflege widmete, welche jenem zuteil werden, denn es hat Wasser vollauf: den Leontes, einen großen Wiesenfluß, der in der Bekaa selbst aus einem kleinen See entspringt, das ganze Tal durchläuft und später oberhalb von Tyrus im Meer fällt. Man könnte ihn herrlich zu Irrigationen benutzen und die Bekaa in den üppigsten Garten verwandeln. Allein das Volk ist so mäßig, daß seine Bedürfnisse durch geringere Mühe reichlich befriedigt werden, und die Regierung denkt nur daran, Menschen und Land auszusaugen, aber nicht im geringsten an die Vermehrung der einen, und die Verbesserung des andern. Ach, liebes Herz, wäre das türkische Regiment ein zuverlässiges, ich meine ein solches, das Ordnung halten könnte in seinem eigenen Reich: dann ein paar tausend tüchtige, fleißige, arbeitgewohnte, brave deutsche Hände hieher zu schaffen, statt nach dem unseligen Amerika, das könnte etwas Gutes werden. Aber nun ist keine Zuverlässigkeit, und machte einmal ein Beduinenstamm eine Invasion, so würden die türkischen Firmans so wenig als türkische Soldaten unsre Kolonisten schützen. Nun, wir zogen bergab auf sehr schlechten Wegen. Die Pferde mußten wie Lämmer hüpfen, wie Seiltänzer balancieren, und sie taten es mit der größten Geschicklichkeit – die guten Tiere! Man wird aber doch tüchtig durchgeschüttelt von solchem Ritte. Wie kleine Oasen sind hie und da Pflanzungen von Obstbäumen, Bouquets von Pappeln und Weiden, in die Ebene, neben ein Dorf gestreut; es sind jedoch stets nur geringe grüne Flecke im Vergleich zu der Ausdehnung des Tals, und Silberpappel und Weide sind auch nicht sehr erfreuliche Bäume, indessen freut man sich dennoch an dem frischen Grün, besonders bei der Mühle von Sachle, wo wir um halb zwei Uhr Halt machten, und ein wenig frühstückten. Jene Bäume und das kleine Bächlein, das die Mühle in Bewegung setzte, machten einen ganz europäischen Eindruck. Die Menschen nicht. Hier sind es nicht mehr Maroniten, wenigstens nicht diese allein. Araber grüßten uns mit dem schönen: »Salám aleikum!« – Friede mit dir –. Einige kamen neugierig, um zu sehen, wie mein Reisegefährte eine Zigarre mit dem Zündhölzchen ansteckte. Worte und Gebärden verrieten höchstes Erstaunen, besonders bei den Männern; den Weibern war die ganze Sache gleichgültiger. Bystram verschenkte einige Zigarren und vollzog das Wunder ihrer Entzündung bei denjenigen, die entweder den Ramadan nicht in seiner Strenge hielten, oder die nicht Mohammedaner waren. Sie verstanden aber nicht Zigarren zu rauchen, sprachen jedoch mit großem Wohlgefallen untereinander von »Habanna«, kannten zu meinem größten Erstaunen die Heimat der Zigarren dem Namen nach. Zuletzt kam ein prächtiger Mann geritten, der in seinem mächtigen weiß und schwarzen Turban, seiner feuerfarbenen Jacke, mit hängenden Ärmeln und enorm faltenreichen weißen Beinkleidern, recht wie ein Araberfürst aussah. Er hielt hoch und stolz zu Roß und blickte mit einem ernsten, dunkelbraunen, zerfurchten Gesicht auf uns herab. Es fiel mir ein ihn zu grüßen, weil er so majestätisch aussah, und zwar nach morgenländischer Sitte. Das mochte ihm schmeicheln, denn nun größte er mich, indem er sich etwas neigte und langsam die Hand auf die Brust und an die Stirne legte, mit einer zugleich würdevollen und huldigenden Ehrerbietung, wie ein Mann im schwarzen Frack mich nie gegrüßt hat. Die Zigarre, die Bystram ihm anbot, nahm und rauchte er sogleich, und als wir bald darauf aufbrachen, gab er uns das Geleit, ließ sein Pferd vor uns paradieren, das aber nicht sehr schön war, und ritt wohl eine halbe Stunde weit bis Kerak mit uns. Da wird Noahs Grab gezeigt, den die Mohammedaner in großen Ehren halten. Liegt etwas von der Arche in jenem unendlich langen schmalen steinernen Sarge, so ist es vermutlich ihr Mastbaum. Ein Gebäude, dessen oberes Ende zu einer Moschee eingerichtet ist, umschließt dieses wunderlichste der Gräber. Unser Araber blieb dort, und wir ritten weiter, bis wir um fünf Uhr bei dem Dorf Temnin ankamen, das schon ganz und gar in der Ebene liegt. Tief unten, am südlichen Ende derselben hebt sich der höchste Punkt des Libanon und Antilibanon aus der Kette hervor, der Djebel Scheikh. Er ist eine mächtig große, aber im Grunde formlose Masse, die sich nicht von ihren Nachbarn auszeichnet. Er soll es sein, der in der Bibel Hermon genannt wird. Ich war nun in dem alten Cölesyrien und höchst gespannt auf den morgenden Tag, der mich nach Balbek bringen sollte. Der Tag kam. Während des Aufpackens versammelten sich alle Weiber und Kinder von Temnin um mich, obgleich wir uns außerhalb des Dorfes gelagert hatten. Sie betrachteten mich mit unsäglicher Neugier, untersuchten meine zugeknöpften Schuhe und Handschuhe, baten mich letztere auszuziehen, und zeigten mir triumphierend ihre dunkelblau bemalten Hände, die ihnen unendlich viel besser gefielen. Die eine ergriff mein Lorgnon, die andere zog mir eine Haarnadel aus. Das wurde mir lästig und ich rief Giorgio, um sie fortzujagen, der auch sogleich seine kräftige Stimme zu einigen Donnerworten erhob. Aber sie wichen nicht zurück, und entgegneten ihm: es sei ihnen allzu kurios, eine fränkische Frau zu sehen. So ergab ich mich in mein Schicksal. Ab und an reisen denn doch Europäerinnen durch den Libanon, da man aber sein Zelt nach Gutdünken bald hier bald dort aufschlägt, so ist es wohl möglich, daß jene Weiber wirklich noch nicht in der Nähe eine fränkische Frau gesehen haben, und ich vergab ihnen ihre Neugier umso leichter, da ich sie ebenfalls höchst aufmerksam musterte. Denn ich will durchaus die orientalischen Schönheiten finden, welche uns die Keepsakes in so reizenden Stahlstichen vorführen, und die Dichter so anmutig mit Gazellenaugen und Gazellenbewegungen beschreiben. Bis jetzt habe ich außer in Smyrna keine gefunden. Der Gesichtsschnitt ist freilich ein ganz anderer als bei uns: die Züge sind viel schärfer und bestimmter; und eben dadurch kommt etwas Grobes und Hartes ins Antlitz, das sich namentlich um den Mund bis zum Tierischen steigert. Ich habe sie nie anders als freundlich gesehen; im Zorne müssen sie Megären gleichen. Höchst auffallend ist mir der Mangel an jungen Gesichtern; Kinder und alte Frauen! – die Mittelstufe fehlt ganz. Außer den bemalten Händen tätowieren sie den Busen, den sie im Gegensatz zu dem halbverhüllten Gesicht ganz entblößen, mit verschiedenen dunkelblauen Zeichnungen, unter denen mir ein Palmbaum in der Mitte des Busens und auf jeder Brust ein Stern, als eine beliebte auffiel. Die Verhüllung des Gesichts besteht im Gebirg nur darin, daß sie den Zipfel des Schleiers vor Männern oder auf der Straße über den Mund halten, was man als eine vielleicht unbewußte Koketterie betrachten darf, weil dadurch ihre Augen in Evidenz gesetzt werden, die groß und dunkel, und ganz besonders dunkel umkränzt sind mit fingerbreiten Augenbrauen, aber auch mit fingerlangen Wimpern. Nach meinem Geschmack sind diese Wimpern ihre einzige Schönheit. Den abscheulichen Kegel tragen nur die Maronitinnen. Von Temnin ritten wir in fünf Stunden immer durch die unmerklich ansteigende Ebene, die von einem Ende zum andern ihren Charakter als baumloses, unbestelltes, höchst fruchtbares Ackerland behält, nach Balbek. Um 12 Uhr erreichten wir unsern Lagerplatz bei einer kleinen Wassermühle und einem Walnußbaum, ganz nah den Ruinen und mit der besten Aussicht auf die wundervollen sechs Säulen des Riesentempels, die wir schon seit anderthalb Stunden gesehen hatten. Hier also war die Stätte, wo der Gott der ältesten Völker des Orients, der Assyrer, Babylonier, Phönizier, der Gott des Lichtes, Baal, verehrt wurde. Die volle Mittagsbeleuchtung in der wir die Tempel zuerst sahen und besahen, war ihrer Schönheit nicht günstig. So viel Licht von oben und rings herum, drückt das Beleuchtete herab und zusammen, und sie kamen mir weniger majestätisch in der Nähe als in der Ferne vor. Aber je tiefer die Sonne sank, um desto größer wurden sie. Wir verbrachten natürlich den Tag in den Ruinen. Mohammedaner und Christen, Turkmanen, Seldschuken, Mongolen, und überdas die fürchterlichsten Erdbeben haben hier gehaust. Kaiser Theodosius hat den Sonnentempel in eine christliche Kirche verwandelt; Sarazenen haben seine Steine zum Bau einer Moschee verwendet; ein Fortifikations-Überbau mit Schießscharten erhebt sich über den Mauern des Riesentempels, Hügel von Trümmern, Berge von Schutt sind durch die Erdbeben überall zusammen gewühlt und aufgetürmt, und trotz dieser Verwüstungen prangen die Überbleibsel noch immer in unverwüstlicher Herrlichkeit. Im Dorf, und in einen Ziegenstall verwandelt, liegt ein kleiner Tempel der Vesta, rund wie man sie dieser Göttin widmete, und sehr überladen, der schwerfälligen Konstantinischen Zeit präludierend. Am andern Morgen eilte ich zu den Ruinen um die Sonne über ihnen aufgehen zu sehen, wie ich sie hatte untergehen sehen, und da begriff ich die Fabel von der klingenden Memnonssäule. Während der Zeit waren die Zelte unten am Bach verschwunden, die Pferde gesattelt und gepackt, – wir mußten fort. Ja, sagt' ich, Baal ist gefallen! Aber der echte Lichtgott lebt ewig in unseren Herzen, und lenkt sie wie die Sonne die kleine dunkle Erde lenkt. Der Libanon ist von 80.000 Maroniten, der Antilibanon hauptsächlich von Drusen bewohnt die einst das ganze Gebirge erobert hatten. Die Drusen sind ein kleines geheimnisvolles Volk, von dem man wenig weiß, nur daß sie wild und kriegerisch, und weder Christen noch Mohammedaner sind. Ob Götzendiener, ob wirklich ohne alle Spur von Religion, wie einige meinen, weiß man nicht genau, denn sie halten sich außerordentlich fern von den Fremden. Oberhalb der Steinbrüche ritten wir in den Antilibanon hinein, anfangs am Bergabhang, mit dem Blick auf das mächtige weite Tal, das im Süden fürs Auge durch den Djebel Scheikh geschlossen wird, und im Norden mit Hügeln in die Ebene zu verlaufen scheint; dann, nach drei Stunden, schroff und steil über einen scharfen Bergrücken, auf dem der Pfad über rollendes Gestein im Zickzack laufend so unsicher schien, daß ich zum ersten Mal den eignen Füßen lieber, als denen des Pferdes mich anvertraute. Der Wüstencharakter beginnt; jenseits des Antilibanon erstreckt sich ja die große syrische Wüste, in der die Ruinen von Palmyra liegen, bis an den Euphrat. Durch die trockenen, steinigen Bette wilder Winterströme, ritten wir nach kurzer Rast weiter, immer aus einer Schlucht in die andere. Sie waren nicht ganz kahl, eine Eichenart, die aber nur ein Strauch wird und die man zu Färbereien braucht, gedeiht zwischen dem Gestein. Dieser Strauch, der heftige und scharfe Wind und die kühle Luft hatten etwas ganz Nördliches. Ich hätte mich leichter im Jura als im Antilibanon geglaubt, wenn wir nicht großen Trupps von Arabern begegnet wären, die sämtlich zu Pferd und bewaffnet, mit ihren großen Turbanen und in bunte Farben gekleidet, die öde und eintönige Gegend belebten und erheiterten. Sie ließen uns ruhig ziehen, ohne Feindseligkeit und ohne Gruß. Die Regierung hat in diesen Gegenden, um die Handelsverbindungen nicht zerreißen zu lassen, die Scheikhs – (d. h. die Alten, welche nach patriarchalischer Sitte noch immer die Oberhäupter jedes Stammes sind) – gezwungen eine solidarische Verantwortlichkeit aller Dörfer untereinander anzuerkennen, so daß sie alle zusammen Ersatz leisten müssen, wenn Reisende und Karavanen beraubt werden. Hier, wo sie feste Wohnsitze haben, in Dörfern vom Ertrag der Gärten und Felder leben, mögen der Regierung Mittel zu Gebot stehen um sie zu dieser Disziplin zu zwingen; und daher reist man hier ganz sicher. Aber den Beduinen, den Hirten- und Nomadenstämmen gegenüber fehlen jene Mittel, denn sie brechen ihre Zelte ab und ziehen in die Wüste wenn man sie zur Verantwortung zu ziehen versucht. Überdas haben die türkischen Soldaten eine solche Furcht vor den Beduinen, daß man, sobald man Bedeckung nötig hat, immer um die der Beduinen selbst beim Scheikh nachsuchen, oder – mit dürren Worten gesagt – seinen Schutz kaufen muß. Die Soldaten werden bei einer feindlichen Begegnung nicht Stand halten. Wir wünschten sehr, direkt von Damaskus nach Nazareth zu gehen und den großen Umweg zurück nach Beirut zu vermeiden; aber schon dort hörten wir, dazu sei es gegenwärtig im Innern des Landes viel zu unruhig, und auch hier wird es uns bestätigt. Der mächtige transjordanische Beduinenstamm der Gerasi hat Feindschaft mit seinen Nachbarn, und so würde man leicht zwischen zwei Feuer geraten. Von dem allen hatten wir bis jetzt nichts zu fürchten. Im Gegenteil! Wir wurden überall mit offenen Armen empfangen; ja, mit den alleroffensten, mit denen der Neugier. Als wir in das große Dorf Zebdani hineinritten, wo die Bewohner in Gruppen vor ihren Türen saßen um die Fasten des Ramadan durch Gespräche zu erheitern, schlugen sie uns dringend den kleinen freien Platz in der Mitte des Dorfes zur Lagerstätte vor, um uns so recht mit Bequemlichkeit samt unserm Tun und Treiben zu beobachten. Allein weder ihre eigene noch ihrer Häuser Nähe ist wünschenswert – wegen Ungeziefers – und wir ritten zum anderen Ende des Dorfes, wo wir auf den Trümmern einer kleinen Moschee am Ufer eines Nebenarmes des Barrada Halt machten. Ich amüsierte mich sehr in Zebdani. Kaum waren wir, um halb fünf Uhr, vom Pferde gestiegen, so kam Scheikh Abdallah – (das Oberhaupt eines Nachbardorfes) – von der anderen Seite hereingezogen. Er selbst im dunkelroten Mantel und weißen Turban auf einem Kamel reitend, seine Begleiter zu Pferd: so rückte er ein, und wurde mit Ehrenbezeugungen, d. h. Flintenschüssen, von seiten der Männer – und mit gellendem Freudenruf von seiten der Weiber empfangen. Dieser eigentümliche tremulierende Jubelschrei heißt Zugarit, und ist durchdringender als eine Trompete. Zwanzig Schritt von unserem Zelt stand am Bach ein wüstes Kaffeehaus und vor demselben ein prächtiger Sykomorus, in dessen niedrigen Ästen man eine Art von Altan gebaut hat. Da schlug der Scheikh sein Nachtquartier auf. Es bestand darin, daß man einen superben Teppich auf den Boden breitete; das war zugleich sein Sitz und sein Lager. Des Ramadans wegen durfte er nach Sonnenuntergang erst essen und rauchen; so setzte er sich denn gelassen auf den Teppich und nahm vornehm weder von dem Volk noch von den Fremden Notiz. Als die Weiber sich müde gejauchzt hatten, wendeten sie ihre Aufmerksamkeit vom Scheikh ab und mir zu. Ich bin es aber gänzlich überdrüssig, immerfort meine Handschuhe aufknöpfen und ausziehen zu müssen – was sie unglaublich unterhält, mehr noch als mein Lorgnon; drum ging ich ins Zelt um mir wie gewöhnlich das Haar zu machen. Den Eingang, der kaum drei Schritte vom Bach war, ließ ich schließen. Das war ihnen unerträglich, sie fingen an, durch die Spalten zu gucken und drängten sich dermaßen herzu, daß sie die Zeltpflöcke ausrissen indem sie über die Stricke stolperten. Ich rief Giorgio zu Hilfe. Bei der Evolution, die sie rückwärts machten, stürzte ein Knabe in den Bach, aber das alles gab ihnen nur Gelegenheit zu Gelächter und stimmte ihre Neugier so wenig herab, daß am nächsten Morgen wieder eine große Schar versammelt war um uns abreiten zu sehen. »Salám! Salám!« riefen sie uns nach. Ein Löwe, aber ein echter, kein »lion« , würde in Salons kein Aufsehen machen als eine Europäerin bei diesen arabischen Weibern macht. Es hatte über Nacht geregnet und nebelte noch ziemlich stark als wir gestern noch vor 7 Uhr unsere letzte Tagesreise antraten. Sie war ziemlich stark, denn um Mittag rasteten wir nur eine halbe Stunde, und kamen erst um 5 Uhr vor dem Tore von Damaskus an; aber sie war unterhaltender als die übrigen – die erste ausgenommen. Durch Gärten ritten wir aus Zebdani heraus, wie wir hineingekommen waren; Kühe und Ziegen suchten sich in ihnen Nahrung, meistens an den Weinblättern und an dem zweiten Trieb der Maulbeerbäume. Durch zahlreiche schmale Graben verteilt das Flüßchen sein Wasser in den Pflanzungen. Später wird der Boden morastig, die Kultur hört auf, und der Barrada scheint zu versumpfen. Allein er macht eine Wendung, bricht durch die Berge, und stürzt mit einem recht schönen Fall in eine tiefe Schlucht und durch sie fort. Der Weg folgt dem Fluß, ist einigermaßen gemacht, an einer Stelle untermauert, an anderen durch den Bergabhang gestochen; einmal führt sogar eine gute sichere Brücke zum anderen Ufer hinüber. Dies ist der Felsenpaß el Suk, der die Merkwürdigkeit besitzt, daß in seine schroffen Kalkwände und in bedeutender Höhe Höhlen mit regelmäßigen Eingängen gehauen sind. Einige dieser Türen sind mit rohen Pilastern eingefaßt; neben anderen sieht man architektonische Zeichnungen. Im Winter sollen die Araber ihre Lehmhütten verlassen und in diesen Höhlen Schutz gegen die Kälte suchen, die allerdings heftig genug in den Gebirgsdörfern sein mag. Nur begreift man nicht recht wie sie ohne Flügel hineinkommen können, da die Felsenwände senkrecht sind. Man muß annehmen, daß die Höhlen einen zweiten versteckten Eingang haben. Gewiß hatten sie in früheren Zeiten eine andre Bestimmung, waren Gräber, und sind durch das Bedürfnis aus Wohnungen der Toten in die der Lebendigen verwandelt. Immer mehr und mehr tritt der Charakter von Wüste und Oase hervor. Die Berge an deren Abhang wir zogen, waren bis zum Gipfel ringsum von einer tödlichen Öde, und doch keine rechte Felsen mehr, sondern versteinerte Sandhügel möchte ich sagen; blickten wir aber herab, und versteckten Bergvorsprünge uns nicht die Schlangenwindungen des Barrada: so wehten und rauschten da unten die Silberpappeln und die Walnußbäume so schattig und lockend, und taten dem Auge durch ihr prächtiges Smaragdgrün so wohl, daß man die größte Lust bekam, hinabzusteigen und da spazieren zu gehen. Merkwürdigerweise ist nicht ein einziges Dorf unten – sind alle am kahlen steinigen Abhang angelegt, so daß die Leute nicht nur unfreundlich wohnen, sondern auch die Mühe haben, alles Wasser herauftragen, und ihre Kühe zur Weide unter den Bäumen hinabtreiben zu müssen. Die Luft muß am Fluß ungesund sein oder dafür gehalten werden. In dem Punkt ist man hier sehr vorsichtig. Auch unser Zelt wird nie unter einem Baum und nicht einmal auf einem Rasenfleck aufgeschlagen, denn der Tau der Nacht soll die Ausdünstungen der Pflanzen schädlich machen. Diese Besorglichkeit mag sich wohl auf Erfahrung gründen. Endlich, als wir den Höhepunkt eines Berges erreicht hatten, lag eine ungeheure, gelblich-staubfarbene Ebene zu unseren Füßen, und darin ein großer grüner Fleck, eine Oase, aus deren Bäumen Kuppeln und Minarette sich erhoben; das ist Damaskus inmitten seiner Aprikosengärten. Großartig oder malerisch präsentiert es sich gar nicht; nur freundlich und fruchtbar. Der Barrada, sobald er seine Bergwiege verläßt und in die Ebene hineintritt, zerspaltet sich in sieben dünne Ärmchen, äußerst vorteilhaft für die Gärten, doch nicht für die Landschaft, denn das Wasser verschwindet aus ihr. Sie besteht, wie gesagt, aus einer Wüste. einem Obstgarten, und den verwaschenen Linien des Antilibanon. So ist wahr und wahrhaftig die Ansicht von Damaskus, meine Herzens Emy. 17. An meine Mutter Damaskus, Sonntag, Oktober 15, 1843 Du kannst Dir gewiß nicht vorstellen, liebe Mutter, mit welchem Gefühl ich vorgestern um 5 Uhr nachmittags zum Tor von Damaskus hineinritt. Mit Angst, mit großer herzklopfender Angst. Ich hatte soviel von der fanatischen Gesinnung der Einwohner gehört, von ihrem Haß gegen die Christen, es sind so wenig Franken hier ansässig und die Zahl der Reisenden, wenigstens der Reisendinnen ist so gering, daß mir nicht wohl zu Mut war. Ich sagte natürlich nichts und ließ mir nichts merken, denn es war nichts zu machen, aber mir schlug das Herz. Es war Freitag, der mohammedanische Sonntag, und alles Volk auf den Beinen, weil der erlösende Kanonenschuß bald fallen mußte, der ihm seine Genüsse erlaubte. Es strömte also den Kaffeehäusern, den Bäckern und sonstigen Eßwarenladen zu, um Speisen, Getränk und Pfeife gleich unter der Hand zu haben. Dies alles wird unter Bazars feilgeboten, die sich durch nichts von den grenzenlos schmalen krummen Gassen der Stadt auszeichnen, als dadurch, daß man von einem flachen Dach zum andere quer über die Straße Reisig, Stangen, alte morsche Bretter legt, sie mit abgenutzten Strohmatten und Lumpen von Teppichen, Kleidern etc. bedeckt, und die Häuser in winzige, schrankähnliche, hölzerne Buden verwandelt. Das ist ein Bazar, und halb Damaskus ist ein solcher. Gleich hinter dem Tor beginnt einer und zwar ein so schmaler, daß ich die größte Mühe hatte nicht mit meinen Füßen an die großen Turbane der Leute zu stoßen, die zu meiner Linken gingen, und die keinen Platz zum Ausweichen, als etwa die Ladentische hatten. Unsre Packpferde sperrten zuweilen förmlich den Weg, weil das Gepäck ihnen seitwärts hing; dann gab es Getümmel. Ohnehin ist es am hellen Tage finster in diesen abscheulichen Bazars, geschweige denn gegen Abend. So gelangten wir vor das Haus des preußischen Konsuls, dem der Generalkonsul aus Beirut geschrieben hatte um ihn zu bitten mir zu einem Unterkommen behilflich zu sein; denn hier ist zwar eine Art von Gasthof, aber zu schlecht, und ob das Pilgerhaus der Franziskaner Frauen aufnimmt, das wußten wir nicht. Siehe da, der Konsul war nicht zu Hause, seine Frau hatte weder von einem Brief noch von Reisenden die da kommen sollten gehört: klar wars, der Brief des Generalkonsuls war nicht angekommen. Also rechtsum und zu den Franziskanern, wieder durch die unseligen Bazars. Auch der Pater Guardian war in Geschäften abwesend, indessen verhieß der Schaffner doch ein Obdach irgendwie uns anzuweisen; für Männer hat es keine Not, die können im Kloster selbst wohnen! Aber für die unglücklichen Frauen ist es schwer. Während wir warteten kam der Konsul um zu bestätigen, daß kein Brief angelangt sei, und endlich die Hauptperson, der Guardian, ein kleiner freundlicher Greis, von Geburt ein Spanier, der uns herzlich willkommen hieß und die ganze Casa nova zu unserer Verfügung stellte; – so wird das Herbergshaus genannt, das in allen Klostern die zur Terra santa gehören, für Fremde, Reisende und Pilger, außerhalb der Klausur, aber in der Nähe der Klostergebäude sich befindet. Im großen Zuge, Lichter voran, wanderten wir, abermals durch einen Bazar! dahin; der Konsul, sein Kawass, der Dragoman des Klosters geleiteten uns, und da die Casa nova nur zwei Räume hat – Zimmer kann man wirklich nicht sagen – so ist in der Tat das ganze Gebäude nicht zu groß für uns. Dieser feierliche Umzug durch den Bazar geschah aus Rücksicht für die Welt. Ein Frauenzimmer sollte nicht innerhalb der Klausur verschwinden. Jetzt machen wir es uns bequem und gehen immer durchs Kloster, dessen einer Korridor gerade vor dem Vorzimmer der Casa nova ausläuft. So dürftig sie nun auch sein möge, war ich seelenfroh, als wir unter Dach und Fach waren. Eine starke Tagesreise zu Pferd, heftiger Wind seit drei Tagen, dann ein wenig Angst und zuletzt die Unruhe von wenigstens zwei Stunden, während welcher ich noch obenein Konversation machen mußte mit dem Bruder Schaffner, mit dem Konsul, mit dem Guardian, und zwar in Sprachen, die ich nicht verstehe, spanisch und italienisch – hatten mich ganz matt gemacht so daß mir mein Zimmer unvergleichlich gut vorkam, als ich mich allein darin befand. Die guten Väter wollten uns auch, wenns Not tue, beköstigen; allein das macht ihnen unnütze Mühe, und wir haben es weit besser, wenn Giorgio sich als Koch zeigt; so hat sich allmählich aus dem Unbehagen des ersten Abends ein ganz erträglicher Zustand entwickelt. Aber auch nur erträglich! Angenehm – mit nichten! Damaskus ist nicht der Ort, wo man, sowie man das schlechte Obdach verläßt, augenblicklich vergißt, das es schlecht ist. Man hat so wenig zu sehen in Damaskus, eigentlich nichts, als das Innere einiger Häuser der Reichen; aber durch die ganze, große, weitläufige Stadt kannst Du gehen, ohne etwas Sehenswürdiges zu finden, da die berühmte Moschee der Omajaden mit eiserner Strenge den Christen verschlossen bleibt. Du gehst immerfort durch schmale Gänge – Straßen kann man sie nicht nennen, da kein Haus grade neben dem andern liegt, – biegst immerfort um eine Ecke nach der andern, trittst auf einen lebendigen Hund oder eine tote Ratte, oder in ein Loch des Straßenpflasters, und siehst nichts als neben, vor und hinter Dir Mauern von Lehm, in denen ganz niedrige Türen angebracht sind, und alle zehn Schritt höchstens ein mit dicken Holzstäben vergittertes Fenster. Trittst Du in einen Bazar, so siehst Du vollends nichts, denn drin ist's finster, und gewöhnt sich Dein Auge an die Dunkelheit, bleibst Du gar vor einem Kaufladen stehen um etwas zu kaufen, so wirst Du von Neugierigen dermaßen umringt, daß Du Gott dankst aus dem Gewühl heraus zu kommen. In der ganzen großen Stadt Damaskus ist kein freier Platz, kein Ort wo Du Atem schöpfen und reine Luft genießen könntest. Überall bist Du von Lehmmauern umgeben, und diese Mauern, die Häuser, die Dächer, die Straßen, die Menschen, die Tiere – alles staubt. Dein Kleid hat einen fußhohen Saum von Staub, Deine Chaussüre ist staubfarben, Du streifst ganz unvermeidlich an ein paar Leute aus dem Volke oder an eine Wand, und Deine Mantille ist fingerdick bestaubt; Du gehst durch die Bazars, und Staub rieselt von oben auf Dich herab; kurz, in dieser Jahreszeit ist Damaskus eine trockne, staubende Lehmgrube, in welche Gänge gegraben sind. So und nicht anders kommt mir in Wahrheit die Stadt vor. Aber nun kommt die Überraschung! Die ist ganz so als wenn eine Fee Dich vor einen Maulwurfshaufen führt und Dich fragt: Was siehst Du? – und Du sprichst ein wenig mißvergnügt: »Einen Maulwurfshaufen.« – Nun berührt sie ihn mit ihrem Stabe, und spricht: Tritt hinein und was siehst Du jetzt? – »Ah jetzt... ein Zauberschlößchen!« – Mein Zauberer ist der gute Konsul. Er bemüht sich für mich, als wäre ich ihm durch fünfzig Briefe empfohlen und als hätte er nichts zu tun als mich zu amüsieren. Das ist doch wirklich ungemein gütig gegen eine Person, die ihm wie vom Himmel vor die Tür gefallen ist, und für die er nicht einmal das oberflächliche Interesse der Landsmannschaft haben kann, da er aus einer israelischen Familie und in Syrien geboren ist. »Darum sollt ihr den Fremdling lieben, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland«, spricht Moses. Und allerdings: fremd bis zur Unheimlichkeit fühle ich mich in Damaskus. Das Interessanteste sagte ich sei das Innere der Häuser; da diese nun alle Privatpersonen gehören, so mögen sie wohl nicht immer zugänglich sein; und zu ihnen bahnte er mir die Wege. Gestern früh erschien sein Kawass in der Casa nova , ein Elegant ersten Ranges der täglich mit Kleidern wechselt und immer von seinem Mohren begleitet wird, und der uns auf jedem Schritt und Tritt folgt, der Sicherheit wegen, oder eigentlich vorangeht und dabei mit seinem langen Stock mit silbernem Knopf auf das Steinpflaster stößt, um dem Volke zu bedeuten Platz zu machen. Wie eine Sonne wandelte er gestern durch die dunklen Bazars vor uns her, ganz in feuerfarbenes Tuch gekleidet mit Goldschnüren auf allen Nähten und mit einem golddurchwirkten Keffijeh – (Kopftuch) um den Tarbusch; sein Mohr als dunkler Mond hinter ihm drein. Ich machte der Frau des Konsuls meinen Besuch, und ging dann mit der ganzen Familie zu ihrer Verwandtschaft und Freundschaft um deren schöne Häuser und innere Einrichtung zu sehen. Da der Handelsverkehr zwischen Europa und Damaskus durch israelitische Kaufleute gemacht wird, so scheint er, nach ihren Häusern und dem Putz ihrer Frauen zu urteilen, recht einträglich zu sein, obgleich mir der Konsul sagte, daß an reiche Handelshäuser wie sie in Europa existierten, in der Levante nicht zu denken wäre. Gestern war der israelitische Sonntag, und so sah ich die Damen in vollem Anzug, der allerdings recht prächtig ist. Der Tarbusch wird mit natürlichen Blumen, und mit Blumen, Rosetten, und Nadeln von Diamanten wie mit einem dicken Kranz umwunden; auf die Stirn müssen zwei oder drei große Smaragdtropfen herabfallen; das Haar rollt sich in Zöpfen und aufgelösten Locken über die Hüften herab, oder wird in eine Unzahl kleiner Flechten zusammen geflochten an deren unterem Ende ein Goldstück hängt. – (Zuweilen sind diese Flechten von Seide und werden wie falsches Haar getragen, woran es übrigens bei den meisten Damen auch nicht fehlt.) – Um den Hals rieseln Perlenschnüre in Masse; aber recht große Perlen habe ich nicht gesehen. Die Kleidung ist die orientalische, die weiten Pantalons, der zerschlitzte Rock, der enge Spenzer, der ganz tief ausgeschnitten um den Busen ist, und die Taille knapp umspannt wie ein Korsett; das Hemd von Gaze oder ich weiß nicht von welchem transparenten Stoff, der den Busen ein wenig verhüllen soll, aber schlecht gewählt für diesen Zweck ist. Die schneidendsten Farben sind die beliebtesten. Eine der Damen trug kirschfarbene Pantalons, einen Rock von weißem Perkal mit Ramagen von bunter Seide und Gold durchstickt, einen maigrünen Atlasspenzer, und einen gestreiften persischen Shawl um die Hüften. Eine andere zitronenfarbene Pantalons, einen rosenfarbenen Rock und einen schwarzen Samtspenzer. Eine dritte war ganz und gar in himmelblauen Stoff mit Goldkäntchen gekleidet, und hatte dazu einen süperben purpurfarbenen Shawl als Gürtel um. Dies alles klingt nicht übel, und gewinnt noch mehr, wenn ich hinzusetzen daß die Mehrzahl der Frauen sehr hübsch waren; – und doch, wenn sie mir entgegentraten war mein erstes Gefühl immer ein kleiner Schreck. Sie malen sich zu grell an! Die Augenbrauen ganz rund wie ein byzantinischer Bogen, kohlschwarz und fein; die Wangen sehr hübsch rot, nur eben kein warmes menschliches Kolorit; die unteren Augenlider bei den Wimpern mit einem schwarzen Strich, der sich bis zu den Schläfen hinzieht. Unter dieser Kruste muß man das Gesicht hervorsuchen. Die Gestalt ist mit dem zusammengepreßten und entblößten Busen, mit dem dicken Shawlgürtel um die Hüften nicht graziös, und was sie nun vollends steif und unbeholfen macht, ist die Gewohnheit auf Kabkabs zu gehen. Das sind kleine Stelzen oder Schemel von Holz mit Perlenmutter ausgelegt, fußhoch, die mit einem Lederriemen über den Fuß gehen, und auf denen sie im Hause beständig einherwandeln, sei es damit die Gewänder nicht an der Erde schleppen, oder damit sie selbst größer erscheinen, oder um sich die Füße nicht auf den Marmordallen zu erkälten. Sie steigen sogar Treppen mit Kabkabs hinauf und herab. Das erfordert freilich eine gewisse Geschicklichkeit, aber ungraziös bleibt es dennoch. Der Fuß muß immer ganz gradeaus gesetzt und das Bein steif gehalten werden, sonst verliert man die Maschinen, deren Geklapper überdas widerwärtig ist. Der Schritt schöner mit Diamanten geschmückter Frauen muß leicht und unhörbar sein. Ich dachte zuerst immer an Marionetten, die sich durch Kunst bewegen. Eine dieser Damen, groß und stark gebaut, ziemlich fett und recht hübsch, erwartete nächstens ihre Niederkunft. Als sie mir entgegenschritt, majestätisch klappernd mit ihren Kabkabs, höher als alle Männer, in den hellsten Farben gekleidet, die Unform der Gestalt weiß der Himmel wie ungeschickt durch einen gelben Shawl recht zur Schau gestellt: ich sage Dir, es war als ob eine Schachkönigin über das ganze Schachbrett mir entgegenrutschte, und ich dachte ob ich nicht gut tun würde wie ein Laufer Reißaus zu nehmen, denn der Anblick war einigermaßen fürchterlich. Wie die Augen sich an die Finsternis gewöhnen müssen um die Gegenstände zu erkennen, so müssen sie, diesen Damen gegenüber, erst all die grellen, bunten, glänzenden Farben überwinden, ehe sie dazu gelangen die Gesichtszüge zu erkennen. Als die meinen nicht mehr geblendet waren, sah ich mich höchst erfreut zwischen hübschen Gesichtern. Meistens feine und in der Jugend zarte Züge; mit dem Alter werden sie freilich scharf, doch ohne die Feinheit zu verlieren. Besonders hübsch sind die Profile, der Schnitt von der Stirn zur Nase. Die Augen sind entstellt durch die Ummalungen; sie mögen schön sein, doch anziehend kamen sie nur nicht vor. Sie sind nicht tief wenn sie schweigen, nicht beredt wenn sie sprechen. Der Gruß besteht darin, daß man die Fingerspitzen der rechten Hand an die Lippen und an die Brust legt, und sich dann gegenseitig die Hand gibt. All diese Bewegungen werden von den Damen in der Luft gemacht, sehr leicht und schnell, mit den Fingern vom Mund zur Brust fliegend und sie dann gegeneinander ausspreizend. Ich, als eine biderbe Deutsche, legte friedlich und plump meine ganze Hand auf diese bemalten Finger, die von Henna und Diamantringen strahlten, und konnte mich dabei der Bemerkung nicht erwehren, daß Pariser Handschuhe sauberer aussehen. Dann nahm man Platz auf breitem Sofa, und die Frau vom Hause bediente nach orientalischer Sitte selbst ihre Gäste, reichte jedem Limonade, Konfitüren, und zuletzt die Serviette von Linon mit Gold befranzt und mit Seide gestickt, die man zum Munde führen muß. Pfeifen gab es nicht, weil es Sabbat war; dann darf der Israelit kein Feuer anrühren. Sonst raucht alles, Männer und Frauen, und größtenteils das persische Nargileh. Hier begreife ich das recht gut für Frauen; sie rauchen aus Langeweile, und müßte ich so sitzen in meinem Hof zu Damaskus, neben einer Fontäne, unter Oleander und Orangen, morgens um 11 Uhr mit Diamanten aufgeputzt, die Hände im Schoß – Herzensmama, binnen Jahresfrist rauchte auch ich. Wie ich es da eben habe, so verläuft ihr Leben. Die Existenz dieser reichen Frauen ist vielleicht die bequemste der Welt: sie lassen sich von ihrem Manne nach Herzenslust mit Diamanten, Perlen und Shawls schmücken, und machen dafür mit kühlem Anstand die Honneurs seines Hauses. Sie sehen auch wirklich recht imposant aus. Die Szenerie war mir nicht minder merkwürdig als die lebenden Bilder selbst. War man in die Tür des Hauses getreten, hatte man sich durch einen engen, dunklen, überbauten und im Zickzack laufenden Gang gewunden, so stand man auf einem mit Marmor von verschiedenen Farben gepflasterten Hof, um den rings herum die verschiedenen Gemächer des Hauses, aber ganz unregelmäßig auslaufen. Hier ist der offene Liwán, da führt eine Treppe zu einer Terrasse empor, dort öffnet sich die Tür zum reichverzierten Saal. Lauben von Jasmin und Rosen, Oleandergebüsch, Zitronen- und Orangenbäume, wachsen aus dem Marmorfußboden hervor, in dessen Mitte der wasserreiche Brunnen mit Einfassung von Marmor Kühlung aushaucht. Die Säle sind sehr hoch und erst unter der Decke ziehen sich die Fenster hin, so sie von oben beleuchtet, und auch im Sommer kühl sind. Diese Decke ist von Holz, bemalt, vergoldet, mit Perlmutter ausgelegt. Eben so sind auch die Türen aufs Zierlichste gearbeitet, welche Wandschränkchen verschließen, die an den Wänden herumlaufen, und als Zierrat wie zur Bequemlichkeit dienen. Zuweilen sind diese Schränkchen ohne Türen und bilden dann kleine Nischen, welche saubere kleine Gewölbe und höchst graziöse Steinmetzarbeit zur Einfassung haben. Teppiche und Strohmatten bedecken den Fußboden, und der Teil des Zimmers, wo sich die Eingangstür befindet, ist immer bedeutend niedriger als der, wo das Sofa sich hinzieht. Vor diesem Absatz lassen die Damen ihre Kabkabs und die Diener ihre Schuhe stehen, so daß diese ihn mit bloßen Füßen und jene ihn mit bunten Maroquin-Pantoffeln betreten. Auch diese Pantoffeln bleiben wiederum vor dem Sofa stehen, denn sie ziehen gern die Füße nach sich, wenn sie sich setzen. Kein Zimmer hat mehr als eine Tür und die führt gewöhnlich unmittelbar ins Freie, zuweilen in den Liwán. Den Liwán stellst Du Dir am besten als einen sehr großen um eine Stufe erhöhten Alkoven vor, der aber nicht Anbau an einem Zimmer, sondern an dem Hof selbst ist so daß Du, immer auf dem Sofa sitzend, in freier Luft bist und das Wasser, die Blumen, zugleich aber auch Dein ganzes Haus übersiehst, da niemand hinein oder hinaus kann ohne über diesen Hof zu gehen. Zwei der elegantesten Häuser hatten aber erst einen Vorhof, um den die Zimmer der Dienstboten und der Wirtschaft liegen, und dann den inneren. So besuchten wir fünf Häuser, alle in gleicher Weise gebaut und eingerichtet, und nur an Größe und an zierlicher Arbeit des Schnitzwerkes und der Steinmetzerei verschieden. Das Schönste von allen bewohnt der englische Konsul, der es möglich gemacht hat das seine auch höchst komfortabel einzurichten, natürlich mit europäischen Möbeln. In den übrigen findet man außer Sofa und Teppich nur große Kisten von Pinienholz mit Messingnägeln beschlagen; das ist die eigentliche orientalische Einrichtung. Hier und da ein Strohstuhl oder – eben wollte ich sagen ein Tisch; aber mir fällt ein, daß ich nur einen Eßtisch heute beim preußischen Konsul gesehen habe; also sind Strohstühle wirklich das einzige fremdländische Möbel in jenen hübschen Häusern. Alles soll aber nichts sein gegen das Haus von Assad Pascha, wohin mich der Konsul morgen führen will, und das die wenigsten Reisenden zu sehen bekommen, weil der Besitzer ein Türke, also nicht recht zugänglich ist. Ein Khan, von demselben Assad Pascha im vorigen Jahrhundert erbaut, ist das schönste öffentliche Gebäude in Damaskus. In Konstantinopel ist der Khan zugleich Kaufhaus und Herberge für reisende Kaufleute; in Syrien ist der Khan ein Dorfwirtshaus; aber dieser ist zugleich Bazar und Börse. Er ist wirklich magnifik, mit drei schön geschwungenen Bogenreihen, mit neun Kuppeln überwölbt, mit einem großen Bassin in der Mitte, alles erbaut aus einem abwechselnd weißen und schwarzen Stein, so daß das Ganze wie mit einer Zebrahaut bekleidet aussieht, elegant wie ein Salon und geräumig wie ein Marktplatz. Da machen die Kaufleute ihre Geschäfte und Spekulationen, und die Magazine der vornehmsten wie ihre Comptoirs laufen rund umher – waren aber sämtlich des Sabbats wegen geschlossen. Der Gebrauch Gebäude streifenweise mit schwarzen und weißen Steinen zu bekleiden, den man auch in Italien bei den alten Domen von Monza und Siena und anderen findet, ist hier ziemlich allgemein; dort ist es Marmor, hier Stein, verschiedene Minarette sind damit bekleidet. Auf das höchste Minarett von Damaskus wird Christus am jüngsten Tag herniederfahren und Weltgericht halten, erzählt die Legende. Ich finde kein einziges dieser Ehre würdig; alle sind etwas plump, und gänzlich ohne die schlanke Leichtigkeit, welche bei denen zu Konstantinopel den Mangel an architektonischem Schmuck ersetzt. Von der hochberühmten Moschee der Omajaden kann ich nicht sprechen, denn ich habe ihr Inneres nicht gesehen. Wir wurden in ein Kaffeehaus geführt, und der Wirt führte uns wiederum auf sein Dach, und dann auf verschiedene Nachbardächer, bis wir einen Blick in den Vorhof und auf die Kuppeln werfen konnten, der aber durchaus ungenügend war. Der sogenannte große Bazar umgibt ringsum mit seinen dunklen engen Budengassen die Moschee, und Türen standen geöffnet, die in sie hineinführten. Als wir durch den Bazar gingen, wünschten wir ein wenig vor diesen Türen zu bleiben um ins Innere zu schauen, nur so aus der Ferne, aber unsre Sonne wandelte unaufhaltsam mit ihrem Trabanten weiter, und der Dragoman sagte: das Volk leide es nicht gern. Da die Orientalen alle an die Gewalt des »bösen Blicks« glauben, so fürchten sie vielleicht die Christen könnten ihre Moschee mit Blicken in Grund und Boden bohren! Anders ist solche Mißgunst ja gar nicht zu erklären. Von jenen Dächern hatten wir auch eine Aussicht auf das alte Schloß, das eine plumpe Ruine ist, neben welcher eine einsame Palme ganz niedergeschlagen Wache hält. Die Kreuzfahrer und die Mongolen mögen da gehaust haben; das glaubt man gern, wenn man es in der Nähe betrachtet. Daß aber Kalifen es bewohnt haben, ist schwer zu glauben, wenn man noch die Erinnerung an ihre spanischen Schlösser, an den Alcazar zu Sevilla, und an die Alhambra, so frisch wie ich im Gedächtnis hat. Heute früh machten wir wieder große Exkursionen durch die Stadt. Ich konnte mich gar nicht überzeugen, daß Damaskus ohne alle Monumente schöner arabischer Architektur sein könne. Aber es ist so. Bei diesen Streifereien kamen wir in einer Vorstadt zu der berühmten uralten Platane, deren Stamm einen Umfang von 40 Fuß hat und die das frischeste Laub und die kräftigsten Äste trägt, und an viele Gottesäcker und Grabmäler von berühmten mystischen Gelehrten und Heiligen, deren Hauptschule hier in Damaskus bestand. Aber wir durften uns nicht bei ihnen aufhalten; die Vorübergehenden sahen uns mißbilligend an und der Kawass schüttelte den Kopf mit dem goldbetroddelten Keffijeh. Liebe Mutter, es macht einen fatalen Eindruck um seines Glaubens willen verachtet zu werden. Ich möchte immer zu den Leuten sagen: »Aber seid doch nicht so unsinnig mich wie ein schädliches Gewürm zu betrachten! Wir glauben ja alle an den einen Gott, den Euch Mohammed, den uns Christus verkündet hat! Es ist ja wirklich dumm der verschiedenen Boten wegen sich zu hassen, die eine himmlische Botschaft bringen.« – Nun, das weiß ich: seitdem ich erfahre wie einem zu Mut ist wenn man um der Religion willen verachtet wird, werd' ich wahrlich niemand verachten und wenn er auch an den Gott Apis glauben sollte. Ich denke ich habe es auch ohnehin nie getan. Durch unendliche Bazars kamen wir zurück, die Damaskus als eine sehr handeltreibende Stadt zeigen. Ein und derselbe Gegenstand füllt immer ganze Straßen, hier sind es Kabkabs in allen Großen und Höhen, von ganz gewöhnlichen bis zu äußerst zierlich eingelegten; da sind es Kinderschuhe von rotem Maroquin; da Keffijehs; da alle Sorten von Kisten und Kasten mit Metallnägeln beschlagen; da seidne Kaftans von den glänzendsten Farben. Ich hab einen für meinen Bruder gekauft, der ihn als Schlafrock wird brauchen können. Im Grunde ist nichts Hübsches daran als der Schnitt der hängenden Ärmel und die Kuriosität aus den Händen eines damaskischen Schneiders hervorgegangen zu sein. In den Bazars umdrängten mich die neugierigen Weiber ganz unausstehlich, die nach der in Syrien allgemein herrschenden Sitte, in einen enormen weißen Perkalschleier, von Kopf zu Füßen, wie Leichen gehüllt sind, während sie ein dünnes buntes Seidentuch vors Gesicht hängen. Die sind gründlich verschleiert! Mich erschreckten anfangs diese gespenstischen Gestalten, obgleich ich schon gestern des Konsuls Frau und Töchterchen über ihre Diamanten und Shawls in gleicher Weise die dichten Schleier tragen sah. Der Umgang beider Geschlechter ist bei ihnen ganz zwanglos; aber die arabische Sitte will auf der Straße nur verschleierte Frauen sehen, mögen es nun Mohammedanerinnen, Israelitinnen oder Christinnen sein. Wir waren gegangen die griechische Kirche zu besuchen, die eine große Gemeinde von 7.000 Seelen hat. Es war gerade Gottesdienst und die weißen Frauengestalten wandelten tief vermummt ihrer vergitterten Tribüne zu. Ich durfte nicht in die Kirche, die vor dem Chor schönes Schnitzwerk haben, und recht groß und stattlich sein soll. Man wollte mich in die Frauenabteilung führen, aber ich fürchtete ihre Andacht zu stören und hinter dem Gitter nichts zu sehen. So sah ich mir im Vorhof die Männer an, und hatte die größte Mühe von der Welt mir einzuprägen, daß diese Leute in Kaftan und Turban Christen seien. Himmel! dachte ich endlich ganz ungeduldig über mich selbst: ist denn ein Frack und ein Christ identisch? – – Aber so groß ist die Macht der Gewohnheit daß sie einen ganz stupid macht. Mittags ritten wir mit dem Konsul durch die unendlichen Gärten um Damaskus nach dem Dorf Salahie, das man im Sommer bewohnt. Wenn ich sage Garten, so bitte ich Dich den Begriff eines Obst gartens felsenfest zu halten, und weder an englische noch an französische Anlagen zu denken. Die Aprikose ist die Frucht von Damaskus, wie die Pistazie von Aleppo und die Feige von Smyrna es ist. Mit Aprikosenkonserven wird ein ausgebreiteter Handel getrieben, daher ist dieser Baum der vorherrschende in den ungeheuren Pflanzungen, die Damaskus mit einem wahren Walde von edlen Fruchtbäumen umgeben. Walnuß-, Öl-, Granaten-, Feigenbäume, setzen in Farben und Formen ein Mosaik der Belaubung zusammen, wie sie in Fülle und Kräftigkeit selten gefunden wird. Dieser Segen üppiger Naturkräfte ist die einzige, aber allerdings unzerstörbare Schönheit von Damaskus, und der Orientale, der unter seiner brennenden Sonne nichts Schöneres kennt, als Grün, Wasser und Schatten, muß allerdings hier ein Paradies sehen. Die hohen Lehmmauern der Gärten sind unerfreulich, und der vernichtende Staub war es noch mehr. Mich amüsierte im Grunde unser Aufzug am meisten, der mich unwillkürlich an Kunstreiter erinnerte. Der Kawass, heute in Weiß, Grün und Gold gekleidet, war beritten und unzertrennlich von seinem langen Stabe, dessen Spitze er wie eine Lanze in den Steigbügel stemmte. Der Mohr war ebenfalls zu Pferde, und unser Seïs auch; aber der Seïs des Konsuls ritt auf einem milchweißen mit vielen dunkelroten Quasten aufgeputzten Esel. So wanden wir uns wie eine buntschillernde Schlange durch die schmalen Bazars in die grünen Aprikosenhaine hinein. – Herzensmama, ich küsse die Hand. Die Sonne ist untergegangen, und ich soll beim Konsul zu Mittag speisen. Ade und auf morgen. 18. An meine Mutter Damaskus, Montag, Oktober 16, 1843 Durch die stockfinsteren Bazars gelangten wir mühselig zum Konsul, wo uns die Frau vom Hause prächtiger denn je mit Perlen, Smaragden, einem süperben hochroten Shawl und fußhohen Kabkabs entgegentrat. Dieser Herrlichkeit gegenüber versank ich förmlich in meine kleine dunkle Nichtigkeit. Da sie nur arabisch spricht, so besteht unsre Konversation in wohlwollenden Pantomimen. Das Diner war einigermaßen europäisch serviert, wenn auch nicht zubereitet. Mischmisch (so heißt auf arabisch die Aprikose) kehrte in allen Formen wieder: süß und sauer, warm und kalt, darum hatte ich ausdrücklich gebeten, füge ich hinzu um kein nachteiliges Licht hinsichtlich der Anordnung eines Diners auf die Frau vom Hause zu werfen. Ich habe soviel vom Mischmisch von Damaskus gehört, wie es in seiner einfachsten Form, als zusammengetrockneter Brei, die armen Pilger nach Mekka, die armen Kamelführer nach Bagdad begleitet, und in vervollkommneter als Konfitüre beim Dessert erscheint, daß ich seine Bekanntschaft wünschte: und ich habe sie gründlich gemacht. Mischmisch-Konserve ist gut, aber in Nizza versteht man ganz anders Früchte zu Konfitüren zuzubereiten. Pistazien von Aleppo gab es auch, und zur großen Freude der Frau vom Hause, die eine geborene Aleppinerin ist, fand ich den dortigen Geschmack, die Frucht mit ein wenig Salz zu essen, sehr gut. Wir speisten im Hof und kein Lüftchen regte sich; ungestört brannten die Flammen der Lichter. Es war wie bei uns an einem schönen Sommerabend, sehr verschieden von Beirut wo die Abende wärmer sind als bei uns die Sommertage sind. Die Winter sind kalt in Damaskus; der Schnee fällt nicht nur, sondern bleibt auch zuweilen tagelang liegen. Dann muß es grauslich in diesen hohen, leeren Gemächern sein, wenn ihre Tür und der ganze Hof verschneit ist. Daher ist auch die Palme ein Fremdling, und Zitronenbäume finden sich nur in den sehr geschützten Höfen der Häuser. Regen bezeichnet Anfang und Ende des Winters. Sechs Monate hindurch ist ununterbrochener Sommer mit gänzlicher Regenlosigkeit. Aber der Barrada läßt keinen Wassermangel aufkommen. Heute früh gingen wir also das Haus von Assad Pascha zu besehen, das nach dem Namen des Erbauers genannt und von einem seiner Nachkommen, einem sehr reichen Araber, bewohnt wird, den der Konsul gut kennt. Wegen des Ramadans durften wir erst um Mittag kommen, denn so lange schlief der Hausherr, und zwar grade in dem berühmten Saal. Ja, das ist wahr! Neben diesem Hause verschwinden alle übrigen! Es nimmt sich wie ein Palast zwischen ihnen aus. Vor allem hat es einen würdigen Eingang, ein schönes, hochgewölbtes Tor, durch das man hineinreiten kann, und obzwar der Durchgang gebrochen ist, wie in unseren Festungstoren und wie bei der Alhambra, so bleibt er doch immer eine Halle,. während er bei den übrigen Häusern einer Höhle ähnlich ist. Das stattliche Tor abgerechnet, zeichnet auch Assad Paschas Haus, ebenfalls wie die Alhambra, von außen sich durch nichts aus, es ist ein großes, unregelmäßiges Mauerwerk aus Lehm. Da ich voreilig beim Besuch der ersten Häuser schon von Feenschlössern gesprochen habe, und da ich das Übertreiben gar nicht verstehe, so habe ich keine Superlativbezeichnung für dieses, liebste Mutter. Ich kann nur sagen, daß es an Größe der Anlage und Geschmack und Reichtum der Ausführung sich eben zu jenen wie ein Palast zu Häusern verhält. Es hat verschiedene Höfe, Pavillons, Liwáns, Bassins, unsymmetrisch aber anmutig verbunden, und der eine Gartensaal, den der Hausherr eben verließ als wir kamen, ist das reizendste, was die Phantasie zu träumen vermag. Er füllt ein eigenes, freistehendes Gebäude, das von Oleander-, Myrthen- und Jasmingebüsch umgeben ist. Er zerfällt inwendig in einen Mittelraum und in drei erhöhte Liwáns oder Alkoven, von denen aber jeder die Größe eines mäßigen Salons hat. Die Wände sind von oben bis unten mit querlaufenden Streifen von schwarzem, weißem und rotem Marmor bekleidet. Die zierlichsten Arabesken von den seltensten und buntfarbigsten Marmorarten mosaikartig zusammengesetzt, bilden den Fußboden. Im Mittelraum erhebt sich aus demselben eine Fontäne, deren Einfassung aus schwarzen, weißen und roten abgebrochenen Säulen besteht. Jede dieser Säulen ist hohl und spritzt einen Wasserstrahl ins Bassin hinein, so daß sich über demselben, wie aus Silberstreifen, eine Art von Krone bildet. Der Plafond besteht aus dunklem Holz, das streifenweise vergoldet und dazwischen mit Perlmutter ausgelegt ist. Unter ihm zieht sich eine Reihe kleiner Bogenfenster hin, ihre Rahmen sind zierliche Marmorarbeit und ihre bunten Scheiben von den brennendsten Farben bilden Verse aus dem Koran in arabischen Schriftzügen, die wie talismanische Zeichen aussehen. Wohin Du das Auge wendest, überall fällt Dein Blick auf das allerköstlichste Material und die allergeschmackvollste Ausführung. Das Seltenste unter dem Seltenen ist hier verschmolzen: Pracht und Grazie. Man weiß nicht ob man ausrufen soll: wie herrlich! – oder wie lieblich! – Breite Sofas umlaufen diese Wände. Zwei schöne Teppiche, ein großer und ein kleiner, lagen in dem einen Liwán, darauf einige Polster. So ist das einfache Bett der Orientalen. O, hier muß es sich anmutig ruhen lassen! Hier möchte auch ich träumen – aber wachend. So habe ich denn doch endlich etwas in Damaskus gefunden, das der Erwartung entspricht, die man von seiner Herrlichkeit hegt; – etwas, das der glänzendsten Zeiten der Kalifen nicht unwürdig ist! Scharf kontrastierte mit jenem reizendsten Dschinnistan ein zweites arabisches Haus, das wir mit dem Konsul besuchten. Der Besitzer hat es vor einigen Jahren im Geschmack der Häuser von Konstantinopel einrichten lassen, mit abscheulichen landschaftsbemalten Wänden und blumenbemalten Plafonds – ganz und gar der barbarische Ungeschmack, der im Palast von Tschiragan und im Kiosk der süßen Wasser herrscht. Als wir es verlassen wollten, erschien eine Botschaft: die Herrn möchten sich gefälligst entfernen, denn die Frau vom Hause wünsche mich zu sehen. Kaum hatten sich jene in den Vorhof begeben, so sah ich mich von einer Weiberschar umringt, vor der ich förmlich erschrak, so häßlich war sie. Der Besitzer dieses Harems ist nicht beneidenswert! Die Herrin wie die Sklavinnen sahen im höchsten Grade unsauber, nachlässig, recht widerwärtig aus, ganz als ob sie nach der hier herrschenden Sitte in ihren Kleidern geschlafen hätten – und zwar mehr als eine Nacht. Sie lärmten, lachten, schrien um mich herum, betrachteten mich, faßten meine Hände an – die Wilden der Südsee können nicht wilder in ihrer Neugier sein. Und dies war der Harem eines reichen und angesehenen Mannes! Aber der Harem macht stupid und roh, das ist gewiß. Welch ein Unterschied in dem Benehmen dieser Frauen und der schönen Jüdinnen, die, wie sie, in Syrien geboren und ohne alle Erziehung und Bildung sind. Aber das Eine: der freie Umgang beider Geschlechter gibt einen Takt und eine Gesittung, welche den Haremsbewohnerinnen für immer fremd bleiben. Mir war ganz unheimlich zwischen dieser Bande zu Mute und ich dankte Gott als ich wieder zu meinen Begleitern gelangte. So eine Masse roher Weiber zu sehen, ist nur schrecklich. Lieber sehe ich eine Herde Kühe oder Schafe. Der Harem erniedrigt das Weib zum Vieh. Nimm nicht übel den starken Ausdruck, Herzensmama! Ich kann's nicht sehen, nicht denken ohne Empörung Die Männer, die sich die Erlaubnis nehmen über Dinge zu schreiben, die sie nicht kennen, haben denn auch oft behauptet, die Orientalinnen fühlten sich gar nicht unglücklich im Harem. Desto schlimmer für sie! Hat sich je eine Kuh auf der grünen Wiese unglücklich gefühlt? Der Harem ist eine Wiese, die den Bedürfnissen des animalischen Lebens genügt. Basta. Ich kann nicht darüber sprechen. Das Herz im Leibe kehrt sich mir um. Ach, welch eine Wonne, zu den alten sogenannten nordischen Barbaren, zu den Völkern germanischen Stammes zu gehören, bei denen bis in die graueste Vorzeit hinein das Weib den Platz eines Menschen einnahm. Die Polygamie ist eine Mauer, welche den Orient gegen das Christentum absperrt. – Du bist gewiß gar nicht befriedigt von meiner Relation über Damaskus, liebe Mutter. Ja das ist übel – aber in einem steten Begeisterungsrausch bin ich nicht, und die vielbesungene und hochgepriesene Kalifenstadt hat ihn mir nicht eingeflößt. Ich glaube daß das arabische Spanien mich verwöhnt hat. Leute die nicht wie ich nach Lust und Laune, sondern systematisch reisen, werden gut tun zuerst nach Syrien, dann nach Spanien, dem Entwicklungsgang der Araber folgend, zu gehen. – Wir reisen morgen ab und direkt in drei Tagen nach Beirut. Wie man hier in diesen Staubkasten durch das Ungeziefer leidet ist unerzählbar, aber in der Tat auch unaushaltbar! – Ich küsse die Hand, liebe Mutter. 19. An meine Schwester Beirut, Sonnabend, Oktober 21, 1843 »De las cosas mas seguras, la mas segura es dudar.« Diese vortreffliche spanische Behauptung findet hier ihre volle Anwendung, liebes Clärchen. Hier ist man immer im Zweifel ob man dieses oder jenes wird tun können, ob es zu Stande kommt, ob es diesem oder jenem, der für schweres Geld dabei behilflich sein soll, gefallen wird zur rechten Zeit den kleinen Finger zu bewegen. Den Wert der Zeit kennt man hier gar nicht. Heute? Warum denn heute? Warum nicht übers Jahr? Es ist eine Indolenz, die man begreifen könnte, wenn sich die Gleichgültigkeit auf Gelderwerb erstreckte. Doch mit nichten! Bei diesem Punkt hört sie auf! Geld wollen sie möglichst viel, nicht sowohl verdienen als abpressen, und dafür so wenig tun als ihnen beliebt. Mir fällt dabei Eulenspiegels Axiom ein: »Gib mir was dein ist – (Geld) – ich will behalten was mein ist – (die Dienste)«. – Nun, ich hoffe als eine echte Philosophin nach Europa zurückzukehren; echt nenne ich praktisch, von der spekulativen Philosophie halt' ich fürs Leben nicht viel. Aber ich hoffe in dieser praktischen Schule gelassen, langmütig, ruhig zu werden – lauter Dinge an denen ich starken Mangel leide, wie Du wohl weißt. Gott, in Deutschland! da reise ich mit der Uhr in der Hand, und fahre ich auf der Eisenbahn von Dresden nach Leipzig fünf Minuten über das Gewöhnliche, so sage ich: Man hat auch keinen großen Zeitgewinn durch die Eisenbahnen! – Und zögern die Postpferde eine halbe Minute beim Umspannen, so sage ich sehr verdrießlich: Was das für eine schlechte Postverwaltung ist! – Um Eisenbahnen und Postpferde in ihrer ganzen Glorie zu sehen, muß man sie von hier aus betrachten. Auf dem Antilibanon hat man grade den richtigen Standpunkt. Am siebzehnten hielten wir erst gegen acht Uhr unseren Abzug aus dem Kloster, denn da die Pferde und Knechte eine andere Herberge hatten, so war es unmöglich sie um sechs auf dem Platz zu finden. Sie kamen um sieben, und packten so schlecht, daß die ganze Bagage immer drauf und dran war in den engen Bazars auf irgend einen Laden zu stürzen und ihn zu zertrümmern. Unter anderem kamen wir durch den der Fleischer – eine abscheuliche Partie! – da wurden die Hammel für ganz Damaskus geschlachtet, gehäutet, gevierteilt, und unsre Pferde schritten durch die rinnenden Blutbäche und über die zuckenden Tiere. Ich war froh als wir nach dreiviertelstündigem Ritt das Tor endlich hinter uns hatten, obzwar nun sogleich wieder Halt gemacht und das ganze Gepäck umgelegt werden mußte. Wo die Gärten von Damaskus aufhören, ist die Vegetation wie abgeschnitten, und über steinige und steile Wege zieht man in die kahlen weißlichen Berge hinein. Da spricht sich der Oasencharakter der Stadt recht deutlich aus. Bis halb drei Uhr ritten wir durch die bergigen Wüsteneien des Antilibanon ohne durch ein Dorf oder an einen Bach zu kommen. Endlich fanden wir beides vereint und die Mukéri wollten für die Nacht Halt machen. Eigentlich heißen die Maultiertreiber so und wir hatten nur Pferde; aber man braucht für diese ganze Klasse von Leuten dieselbe Bezeichnung ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit ihrer vierbeinigen Pfleglinge. Wir fanden es langweilig am frühen Nachmittag und bei dem schmutzigen Dorf zu campieren, und wollten weiter. Sie gehorchten auch, aber unter fortwährendem Gezänk – und was das heißt ein arabisches Gezänk, dies Schreien, Brüllen, Toben, Hantieren, so daß sie ganz atemlos und heiser werden: das kann man sich sogar in Neapel nicht vorstellen. Dann hielten sie den Zug geflissentlich auf, bald um die Pferde zu tränken, bald um das Gepäck zu ordnen, das jetzt durchaus nicht dessen bedurfte. Giorgio der eben auch keine Lammsnatur hat, verlor endlich dermaßen die Geduld, daß er dem Seïs einen Schlag mit der Gerte gab, und dieser warf um sich zu rächen das ganze Gepäck eines Pferdes in den Bach durch den wir eben gingen. Nun waren wir genötigt zu bleiben, denn es mußte herausgezogen und getrocknet werden; und so schlugen wir denn um halb 4 Uhr auf freiem Felde, in einer öden Felsenschlucht die Zelte auf – aber unter welchem Lärm, das bin ich unfähig zu beschreiben! Ich gab denn auch zuletzt mein Wort dazu, oder eigentlich zwei, und sehr gewichtige. Ich sagte majestätisch: »Mafisch Bakschisch« , d. h. es gibt kein Trinkgeld. Eigentlich hätte ich sagen müssen: Es wird keins geben, – aber bis zum Konjugieren hab ichs noch nicht im Arabischen gebracht. In dem Tumult des Augenblicks schien es ungehört zu verhallen, aber am andern Morgen suchten mich die Mukéri zu versöhnen, indem sie an das Zelt kamen und die Hand auf die Brust gelegt: »Buon giorno, Signora« sagten, um mich ihrer Ergebenheit zu versichern. Ich ließ ihnen durch Giorgio sagen, daß ich im Khan Murad schlafen und am andern Tage in Beirut sein wolle: darauf möchten sie sich einrichten. Damit waren sie einverstanden und der Friede gemacht. Was das aber für ein kalter Morgen war, der des achtzehnten Oktobers im Antilibanon bevor die Sonne aufging, das ist hier in dem sommerlichen Beirut gar nicht zu glauben. Meine Finger waren so erstarrt, daß ich sie am Halse meines Pferdes zu wärmen suchte, während das arme Tier selbst zitternd und mit eingeklemmtem Schweif dastand. Sobald die Sonne über die Berge kam wurde es erträglicher, und in den Mittagsstunden war es warm; heiß nie. Wir ritten von halb sieben Uhr bis ein Viertel nach Eins um den Khan el Merdschi in der Bekaa zu erreichen. Bis dahin kein Dorf, kein Tropfen Wasser, kein Khan – nichts! Der Antilibanon hat etwas unerhört Ungastliches auf diesem ganzen Wege. Doch begegneten wir einigen größeren und kleineren Maultierzügen, die mit Warenballen bepackt nach Damaskus zogen, bis zu vierzig und fünfzig Tiere hintereinander. Später im Jahr, wenn Stürme und plötzliche Gewitter häufig sind, ist dieser Weg gar nicht zu machen, denn auf sieben bis acht Stunden Entfernung gibt es kein Obdach, keinen Schutz, kein Unterkommen. Der Khan el Merdschi liegt am Leontes und grade da, wo eine Brücke über ihn führt. An anderen Stellen könnte man ihn wohl auch getrost durchwaten, allein seine Ufer sind sehr morastig, daher nehmen alle Reisezüge ihren Weg über die Brücke und der Khan ist des zahlreichen Zuspruchs wegen ungewöhnlich groß und so brillant eingerichtet, daß ich Lebben bekommen konnte, so heißt saure Milch. Ein großer Kamelzug hielt Mittagsruh; da betrachtete ich mir diese Tiere, die mich vermutlich nach Ägypten bringen werden. Einladend sehen sie keineswegs aus, und das gurgelnde Gebrüll womit sie wiedertrinken – ich denke man kann so sprechen, da man ja wiederkäuen sagt – ist wirklich erschreckend. Nach halbstündiger Rast brachen wir auf und begannen bald den Libanon zu erklimmen, dessen Pfade wenn nicht halsbrecherisch, doch gewiß beinbrecherisch genannt werden müssen. Unsre armen Pferde, die so schrecklich schlecht gefüttert und gar nicht gepflegt wurden, die als einziges Nahrungsmittel alle Abend eine kleine Portion gehackten Strohes mit etwas Gerste bekamen, waren denn auch natürlich nicht übermäßig kräftig, und ich freute mich recht, daß im Khan Murad, den wir in drei Stunden erreichten, eine Art von Stall sie aufnahm; denn der Wind pfiff schneidend über die Berge. Unser Zelt wurde aufgeschlagen – rate wo? Auf dem flachen Dach des Khans. Das war die einzige ebene Stelle. Die Stricke wurden um schwere Steine gewickelt, welche die Zeltpflöcke vertreten mußten, und da oben campierten wir, allerdings sehr luftig, aber doch besser als eine Gesellschaft von Engländern, die nach uns anlangten und, ohne Zelt reisend, im Khan selbst zwischen dessen menschlichen und tierischen Bewohnern die Nacht zubrachten. Hier in Battistas Gasthof gab es eine große Überraschung für mich. Als der Druse Francesco mich in mein ehemaliges Zimmer führte, erkannte ich es nicht, so vorteilhaft hatte es sich verändert: Wände und Decke frisch überkalkt, und die Vorhänge meiner sechs Fenster und meines Bettes so weiß wie gefallener Schnee, sämtliche Spinnen verschwunden – kurz, ein Zimmer wie ein Lilienkelch so hell und rein. Ich bin ganz vergnügt darüber, umsomehr als die Casa nova kein Lilienkelch war. Gestern war Rasttag, und heute früh wollten wir über Tyrus und Sidon nach dem Karmel abreisen, nahmen also gestern vom Generalkonsul und seiner Frau Abschied bis zum Wiedersehen in Deutschland – oder hier! Denn die Unruhen in der Landschaft Samaria sollen nach den letzten Nachrichten so bedeutend sein, daß es schwer fällt nach Jerusalem zu kommen, und ob nun gar durch die Wüste – davon hat hier niemand auch nur die geringste Ahnung. Da ists heut sicher und morgen unsicher, wie die Beduinen grade gesinnt sind – so scheint es. Ich bin aber gesonnen die unbequemste Reise zu Lande der zu Wasser vorzuziehen; denn da hier die Dampfschiffslinien aufgehört haben, so muß man sich einem Segelschiff anvertrauen, und dazu fehlt mir denn doch die Geduld. Heut morgen, als ich bereits ganz reisefertig gekleidet war, kam Giorgio mit der angenehmen Nachricht, daß, da er gestern mit dem Pferdevermieter keinen festen Kontrakt abgeschlossen habe, derselbe heute mehr und Ungebührliches verlange. Da dieser Zank natürlich den ganzen Morgen ausfüllen wird, so gaben wir freiwillig die Abreise für heute auf, um nicht von einer Stunde zur andere vergeblich hingehalten zu werden. Hatte ich aber nicht Recht zu Anfang meines Briefes zu sagen: vor allen Dingen sei der Zweifel das sicherste? Der Mohammedaner spricht auch nie: dies oder das werde ich morgen tun, ohne hinzuzufügen »Inschallah« , d. h. so Gott will. Es ist ausdrücklich eine Lehre des Korans und begründet sich darauf, daß Mohammed über die Geschichte der Siebenschläfer befragt, sagte: er wolle ihnen morgen die Sache mitteilen; aber erst später eine Offenbarung darüber erhielt. »Maschallah« , d. h. was Gott will! hört man auch sehr häufig, am allerhäufigsten aber »Ya Allah« , ausgesprochen Yallah , d. h. o Gott. Mit Yallah! kann man schon eine kleine Konversation machen, denn es ist ein freudiger wie ein schmerzlicher Ausruf, drückt Staunen, Überraschung, Zorn aus, und bedeutet Vorwärts!, gut gut!, recht so!, meinetwegen! – Yallah ist ein eben solches vieldeutiges Proteuswort wie das spanische Vaya vaya und man hört es auch eben so viel. Der arabische Gesang erinnert ebenfalls an den des spanischen Volkes, ist wie jener für unser Ohr unharmonisch. Die Mukéri sangen wenn sie guter Laune waren den ganzen Tag, d. h. sie stießen mit aller Kraft ihrer Lunge ein wildes lautes Getön aus, das wirklich mehr Ähnlichkeit mit Gezänk als mit Gesang hatte. Fielen sie aus diesem in jenes, so war der Unterschied wenigstens nicht groß. Die Mäßigkeit dieser Leute beschämte mich wirklich. Ich dachte Wunder wie mäßig auf dieser Reise zu sein, und hatte doch alles was ich brauchte reichlich und aufs Beste, nur nicht mit vielfacher Abwechslung. Die Mukéri, die täglich acht bis neun Stunden abscheulichen Weges zu Fuß machen mußten, lebten von einem Stück Brot groß wie meine Hand, und kamen wir an einem Weingarten oder einem Maisfelde vorüber, so fouragierten sie darin und nahmen eine Traube oder einen Kolben mit auf die Reise. Das war die ganze Zehrung. Wenn im Wasser nährende Stoffe sind, so ist es begreiflich, daß sie wenig Speise brauchten, denn sie tranken es wie ein Schwamm es einsaugt, und übergingen keinen Bach, keinen Brunnen, keine Pfütze. Nährt es nicht, so müssen sie die Fähigkeit der Kamele besitzen, welche im voraus trinken können. Mit leerem Magen wickelten sie sich alle Abend in ihre jämmerlich dünnen Mäntel, aus denen die nackten Beine fröstelnd hervorkamen, streckten sich über dem steinigen Erdboden aus, und schliefen unter Gottes schönem, aber eiskalten Himmel den Schlaf der Gerechten, so daß Giorgio sie jeden Morgen wecken mußte. Zähneklappernd packten sie die Pferde; so wie aber die Sonne kam sangen sie, daß die Berge bebten. Zuweilen lief einer oder der andere eine Strecke vorweg um sich dann bis zu unsrer Ankunft ausruhen zu können. Das bewerkstelligte er, indem er sich auf seine eigenen Fersen niederhockte. So sitzt der Araber; mit unterschlagenen Beinen sitzt der Türke. Mir scheint jenes noch bei weitem unbequemer als dieses. In unserem letzten Zelt-Nachtlager beim Khan Murad starrte ich unseren Seïs mit meinen größten Augen um seiner Geschicklichkeit willen an: er hockte auf den Fersen und schrieb in dieser Stellung auf seiner linken Hand mit Tinte und Feder die Rechnung, die er in Beirut seinem Herrn vorlegen mußte. Diese Schriftgelehrsamkeit bei einem arabischen Seïs setzte mich wirklich in tiefes Erstaunen. Bei uns, wenn ein junger Mensch es so weit gebracht hat, wird er flugs Schriftsteller; hier bleibt er Maultiertreiber. Diese gesunde Selbstbeurteilung spricht doch sehr für den Araber. Indessen soll er sie nicht in allen Stücken haben, vielmehr höchst eitel sein und sich den Europäern für unendlich überlegen halten. Da er glaubt, nichts von ihnen lernen zu können, so lernt er auch nichts, während seine Talente ihn doch sehr dazu befähigen. Daher ist es unerhört schwer mit ihm zu leben, und für Handwerker, Dienstboten und dergleichen an ein Volk gewiesen zu sein, das alles besser zu wissen meint, nichts tun mag, und von dem Europäer Vorteil haben will. Aus eigener Erfahrung kann ich dies natürlich nicht wissen; aber so erzählt man mir. Dennoch, wenn man aus Damaskus kommt, erscheint Beirut höchst zivilisiert. Durch die Konsuln ist eine kleine europäische Gemeinschaft gebildet; zweimal im Monat kommen Dampfboote mit Briefen und Zeitungen ziemlich regelmäßig an; andre Schiffe, französische und englische besonders, bringen Nachrichten und Menschen aus anderen Ländern und setzen mit ihnen in Verkehr; in zwei Gasthöfen findet der Reisende Unterkommen, bei europäischen Kaufleuten kann man sich mit manchem versehen was man zur ferneren Reise braucht. Bei längerem Aufenthalt genügt das alles unsere Ansprüchen an Gesellschaft, Verkehr, Leben und Bewegung durchaus nicht; aber jetzt, seit ich zum zweiten Male hier bin, fällt es mir auf. Beirut ist übrigens eben so alt, wenigstens urkundlich, als seine beiden berühmten Nachbarinnen Tyrus und Sidon, denn die Bibel führt es an unter dem Namen Berytus. Wir gingen heute in der Stadt umher. Nimmermehr könnte man sie nach ihrem gegenwärtigen Aussehen zu schließen für so alt halten. Ganz mittelalterlich festungsähnlich ist sie, jedes Haus eine kleine Burg für Kreuzfahrer oder für Sarazenen, wo man sich vom Turm herab verteidigen, und inwendig zwischen den Türmen Licht und Luft genießen und ungestört leben kann. Nun, welche Zeit es auch gewesen sein möge, die das jetzige Beirut erbaut hat: unsicher war sie, wie man heutzutag spricht; aber man muß nicht vergessen hinzuzufügen, daß sie zugleich voll der individuellsten Freiheit war, wie eben es auch diese Häuser bezeugen. – Jetzt, mein liebes Clärchen, sage ich Dir Lebewohl. Von wo ich meinen nächsten Brief schreiben werde, weiß ich in der Tat nicht. Der Karmel ist unser nächstes Ziel; aber es sind fast vier Tagesreisen bis dahin. Vielleicht finde ich unterwegs Zeit. 20. An meine Schwester Kloster auf dem Karmel, Oktober 25, 1843 Ach nein, mein Clärchen, das war ganz und gar unmöglich! Hat man eine Tagesreise zu Pferd und in der brennenden Sonnenhitze gemacht so ist man ganz froh sich gegen Abend auf die Matratze zu strecken, ohne sich mit Schreibereien zu befassen. Zeit hätte ich übrigens vollauf gehabt; die Tagesreisen waren kurz; aber ich war nicht dazu aufgelegt. Wie es zugeht weiß ich nicht, allein diese Reise hat mich mehr ermüdet als die größere nach Damaskus. Vielleicht geht dieses Pferd etwas unbequemer, vielleicht ist es die große Hitze, die sogar in der Nacht nicht nachläßt. Ich bin beständig in Transpiration, und da dies etwas ist, was mir unter dem harten Himmel unsrer Heimat nie geschieht, so ermattet es mich. Hier ist es nun schön! Auf einem Vorgebirge am Meer liegt das Kloster 600 Fuß über demselben. Da ist eine ganz andere Luft als unten in dem brennenden Sande der Küste oder in dem ausgetrockneten Heidelande. Ohne hart zu werden, wie bei uns, erfrischt sie nur das Blut und stählt die Nerven. Heute früh um halb elf Uhr kamen wir hier an, und obgleich es eigentlich nichts zu sehen gibt – so wenig daß der Dragoman uns vorschlug oben zu frühstücken und weiter zu gehen – so werden wir doch noch morgen hier bleiben. Ein Stätte wie diese, wo ich mich so recht wohl in tiefster Seele gefühlt – wo ich gesagt hätte: »Ach, ich will einen Tag bleiben!« habe ich auf der ganzen Reise noch nicht gefunden. Ist es die wundervolle majestätische Schönheit der Natur, ist es der stille segenbringende Friede des Klosters, ist es der Boden des heiligen Landes, der Gedanke auf dessen Schwelle zu stehen, ist es Freude die Pilgerfahrt so weit glücklich gemacht zu haben: genug, auf dem Karmel ist es schöner als am Bosporus, auf dem Libanon und in Balbek; – nicht zum Ansehen schöner, aber um da zu sein. Hier würde ich Hütten bauen, wenn die Welt mir leer wäre. Hier begreife ich das Gefühl, welches die Lady Esther Stanhope – wunderlichen Andenkens! – der Heimat entfremdete und für immer entzog. Meine alte Liebe zum Kloster wacht wieder auf, und ich denke: Selig wer hier wenigstens vorüberziehen darf! Seliger wer bleiben kann! Jetzt sitze ich in meinem Zimmer, dessen hohes, weites, starkvergittertes Fenster mir die unbeschränkte Aussicht auf das wundervolle Meer öffnet, an dessen Ufer ich die ganze Reise von Beirut hieher gemacht habe. Ich hörte sie sei langweilig; das habe ich durchaus nicht gefunden, obgleich man keine überraschenden Schönheiten sieht. Von Beirut bis Akka sind drei kleine Tagesreisen, während welcher man sich beständig in einer Ebene zwischen dem Meer zur Rechten, und den Vorbergen des Libanon zur Linken befindet. Diese Berge ziehen sich bald in der Ferne dahin, so daß die Ebene einen breiten Landstrich bildet, und bald nähern sie sich dem Ufer und, das Meer gleichsam mit einem Finger berührend, bilden sie Vorgebirge über die der Weg klettert. Im Ganzen flacht sich der Libanon allmählich so ab, daß er bei Akka zu Hügeln eingesunken ist; so endet er. Die breite Ebene von Akka durch die einige Flüsse ins Meer gehen, scheidet ihn vom Karmel, und war die Grenze des alten gelobten Landes – von Jehovah den Nachkommen Abrahams gelobt und gegeben. Zwischen dem Libanon im Norden, dem Meer im Westen, der arabischen Wüste im Süden, und dem Jordan und Toten Meer im Osten lag es, und was den Israeliten das gelobte Land und den Christen wegen Leben und Sterben des Heilands das heilige Land hieß, hat diese Benennungen wie auch den Namen Palästina, fast ganz verloren, und wird gewöhnlich mit seinen Nachbarländern im Norden und Osten zusammen genommen Syrien genannt. All meine Gedanken sind schon in Palästina! Ich muß mir wirklich Mühe geben um bis Beirut zurückzugehen, das wir am Sonntag, den zweiundzwanzigsten Oktober, um acht Uhr früh verließen, erst durch Maulbeerpflanzungen und ein Pinienwäldchen, dann durch eine tiefe Sandstrecke ritten, die das Meer feindlich an der Küste abgelagert hat. Nach ein paar Stunden hören Sand und Pflanzungen auf, aber immer bleibt man auf einem pflanzenreichen Boden, dem nichts gebricht als Kultur um der einträglichste und gesegnetste zu sein, denn die steinigen Vorgebirge und einige Sandstriche abgerechnet, fehlt es nirgends an Wasser. Häufig mußten wir Bäche durchreiten, die jetzt nicht bedeutend, zur Regenzeit aber hemmende Ströme sind. Zwischen hohen Oleandersträuchen schlängelten sie sich, die mit glühend roten Blüten dick überschüttet waren, was prächtig aussah unter dem Tiefblau des Himmels. Über die Vorgebirge war der Weg holprig und steil, sonst recht bequem. Hie und da zog ein Schiff durch die stille blaue Flut zu unsrer Rechten, und zur Linken, höher hinauf im Libanon, auf vorspringenden Bergkuppen, lagen zuweilen große Gebäude, Klöster der Christen oder Schlösser der Drusen, und Dörfer beider. In dieser Gegend hatte der letzte Drusenfürst, Emir Beschir, mit seinen zwölf Söhnen seine Residenz, Deir-el-Kamar. Er war ein herrschsüchtiger schlauer Mann, der auf die alte Eroberung des Libanon durch die Drusen fußend, sich selbst als dessen Herrn und dessen übrige Bewohner als seine Untertanen betrachtete. Wofür der Mensch sich hält, sobald er es durch passende Mittel zu unterstützen weiß, dafür wird er gehalten; und Emir Beschirs Mittel waren die, daß er sich mit den drei, unter sich höchst feindlichen Religionen gut zu stellen wußte, welche in dieser Gegend zwischen und neben einander wohnen: mit Maroniten, Mohammedanern und Drusen. Um erstere zu gewinnen, soll er sogar Christ geworden sein. Eine Kirche baute er um mit ihnen ihren Gottesdienst zu begehen, desgleichen eine Moschee, wo er mit den Bekennern des Islams deren Religionsgebräuche vollzog; und seine Drusen endlich muß er auch zufrieden gestellt haben, da er ihr »großer Emir«, ihr Fürst des ganzen Libanon war. Als Ibrahim Pascha im Jahr 1832 Syrien eroberte und als Statthalter seines Vaters Mehemed Ali beherrschte, unterwarf Emir Beschir sich ihm, und stürzte im Jahr 1840 mit der ägyptischen Regierung in Syrien, als die europäischen Mächte es an der Zeit fanden, den mächtigen Vasallen der unmächtigen Pforte aus Syrien zu vertreiben. Als er eben im Begriff gewesen sein soll von Ibrahim Pascha ab- und dem Großherrn zuzufallen, wurde Emir Beschir nach Malta gesendet und lebt jetzt als achtzigjähriger Greis in Konstantinopel. Seine zwölf Söhne sind umher verstreut, und sein Schloß verfällt zur Ruine, wie das der Lady Esther Stanhope, das auch oberhalb Saïda im Gebirge liegt. Sie selbst hat kein gutes Andenken hinterlassen. Ein exaltierter Charakter wie der ihre muß gewesen sein, hat selten feste klare Richtung, welche ihn vor Abschweifung in Bizarrerie bewahrt. In der Welt, im abschleifenden Verkehr mit den Menschen, finden sich von selbst Messer gegen dergleichen Auswüchse; die gänzliche Abgeschiedenheit in die sie sich warf, als ihr nach Pitts Tode, dessen Nichte sie war, England und das Leben mit Engländern unerträglich wurde – ist der Boden, auf dem sie recht gedeihen. Ihre Bizarrerie scheint förmlich in Monomanie ausgeartet zu sein; sie erwartete einen mohammedanischen Messias. Von ihren Wunderlichkeiten weiß man viel zu erzählen: wie sie einem Kurier, der ihr Briefe gebracht, die Bastonnade hat geben lassen, denn sie wolle keine Briefe; wie sie einem Geschäftsführer, mit dem sie unzufrieden war, den halben Bart abschneiden ließ und ihn so nach Damaskus zurückschickte, und mehr dergleichen Züge, die eine gewisse innere Wildheit verraten. Um halb sechs Uhr kamen wir nach Saïda, dem biblischen Sidon, das jetzt nicht mehr wie zur Zeit der Phönizier durch seinen Purpur – wohl aber durch die Bananen berühmt ist, die in seinen Garten vortrefflich gedeihen sollen. Die Araber lieben diese Frucht so sehr, daß sie meinen es sei die gewesen, welche Eva im Paradiese verlockt habe, und in der Form der Blüte soll sich der Schlangenkopf deutlich erkennen lassen. Vor dem Tor der Stadt auf dem festen reinlichen Ufersand, zwischen dem Meer und großen Gärten voll Ölbäumen, die mit Tamarisken eingefaßt waren, schlugen wir die Zelte auf, und es war prächtig zu schlafen bei dem feierlichen Wiegenliede, womit das Meer während des Schlummers der Erde Wache hält. Als wir bei Sonnenaufgang uns rüsteten, war schon alles um uns her in großer Tätigkeit. Links wurden Hammel geschlachtet, rechts wurden zierliche Schnüre aus gelber Seide und Baumwolle gedreht; die Weiber kamen mit ihren Krügen auf der Schulter aus der Stadt um aus einem besonders guten Brunnen in unsrer Nachbarschaft Wasser zu schöpfen, Kinder liefen nebenher und betrachteten neugierig die Fremden. So ganz alltäglich, Gewerbe und Handel treibend, präsentiert sich jetzt die stolze Sidon, die eine Königin unter den Städten war. Ihre Lage ist hübsch. Auf einem kleinen Vorsprung der Küste, wie auch Beirut, Tyrus und Akka, tritt sie ins Meer hinein, und eine Brücke führt zu ihrem alten Kastell, das auf einer Klippe erbaut ist. Wir ritten zwischen der Stadt und ihren Gärten fort, und kamen als wir letztere hinter uns hatten, in ein ganz ausgebranntes Heideland, das aber zur rechten Zeit, wenn es nach den herbstlichen Regen bestellt ist, höchst fruchtbar sein muß. Auf diesem Lande und zu meiner Betrübnis in einiger Entfernung vom Meer, hielten wir uns den ganzen Tag. Zum ersten Mal sah ich eine Gazelle in der Freiheit. Wie der Wind huschte sie von dannen, duckte sich, und sprang nach einiger Zeit wieder auf und weiter, bald in kurzen Sätzen, bald langgestreckt wie ein Pfeil vorwärts schießend, allerliebst von Gestalt und Bewegungen, dem Reh ähnelnd, aber wie mir schien von weicheren Formen. Die orientalischen Dichter entlehnen von der Gazelle tausend Grazien um die Geliebte damit zu schmücken: die großen sanften Augen, der leichte Gang, der zarte Fuß, die anmutigen Bewegungen: bei der Gazelle hab ich das alles auch ganz richtig gefunden, jedoch noch nicht bei den arabischen Frauenzimmern. Wir ritten anderthalb Stunden über Tyrus hinaus, und blieben bei einem Dorf, dessen Hauptgebäude aus einem großen Khan und einer Wassermühle bestanden. Der Bach der die Mühle trieb hatte prächtiges klares Wasser, das man hier nicht immer findet. Vielleicht war er es aus dessen Bett man den Sand zur Verfertigung des Glases nahm, welches die Phönizier so berühmt gemacht hat. Die fremden Völker meinten grade dieser Sand aus einem Flüßchen bei Tyrus müsse dazu benutzt werden, bis man dahinter kam, daß jeder brauchbar sei. Wo wir die Nächte zubrachten und wo unsre Leute sich in Gespräche mit den Bewohnern einließen, erschollen Nachrichten über die Unsicherheit des Weges, über Diebe und Räuber. Nach Nazareth zu gehen hielt man für bedenklich, nach Jerusalem unmöglich; Beduinen sollten bis Akka umherstreifen. Ein armer Araber, der nichts auf der Welt besaß, als seine Tabakspfeife und seinen weißwollenen Mantel mit dem er sich höchst malerisch drapierte, wollte über Nazareth hinaus, war seelenfroh bis dahin bei unserem Zuge zu bleiben, und zitterte wie es ferner ihm gehen würde. Also auch arme Teufel waren nicht sicher vor Ausplünderung. Die ergötzliche Geschichte eines Engländers, die ich schon in Beirut gehört aber für eine Fabel gehalten hatte, nahm an Wahrscheinlichkeit zu. Dieser Unglückliche hatte sich einer Karawane von Jerusalem aus angeschlossen, allein die Unvorsichtigkeit begangen einsam hinter ihr zurück zu bleiben. Er fiel in räuberische Hände und wurde dermaßen ausgeplündert, daß er wegen seiner Heimkehr nach Jerusalem in einige Verlegenheit geriet, denn sein einziges Kleidungsstück war sein Hut geblieben, den die Beduinen nicht brauchen konnten. So im Naturzustand, aber mit dem Hut auf dem Kopf, wie ein König der Wilden, mußte er seinen Rückzug antreten. Ich, immer eingedenk Italiens, Spaniens, Palermos, wo es überall von Räubern wimmeln soll und wo ich keine Stecknadel verloren habe, hatte und habe noch jetzt, wo die Nachrichten immer bedenklicher lauten, den besten Mut. Wer jedoch schon damals in halber Verzweiflung war, das war unser Seïs, der »reiche Mann«, wie ich ihn nenne. Ihm gehören die vier Maultiere, die den Dragoman und unser Gepäck tragen, er selbst reitet auf dem fünften mit einer ellenlangen Pfeife in der Hand und einem Turban auf dem Kopf wie eine Bombe so groß, sein Knecht reitet auf einem Esel, – und all diese Reichtümer sind nun der größten Gefahr ausgesetzt! Er hat sonst immer die selbstbewußte gemessene Haltung des reichen Mannes, besonders wenn er abends dem Knecht die Rationen für die Maultiere austeilt; werden aber Diebesgeschichten erzählt – die gegenwärtig das Lieblingsgespräch des Volkes zu sein scheinen – so verliert er völlig seine Haltung und bespricht mit dem Dragoman Sicherheitsmaßregeln. Du mußt bedenken, daß wir alle zusammen, Herrn, Diener, Mukéri, Pferde und Esel, in der engsten Nachbarschaft leben, die sich nur träumen läßt, tags neben und hinter einander reitend, nachts eng beisammen im kleinen Lager – so daß ich vollauf Zeit und Gelegenheit habe die faits et gestes unseres reichen Mannes zu studieren, der mich königlich durch seine Zaghaftigkeit amüsiert. Bis jetzt verspüre ich nicht die geringste. Kommt sie, so werd' ich es ehrlich beichten. Es war hübsch an unserer Wassermühle. Reisende mit stattlichen Pferden, bunt besattelt, waren nach uns gekommen und lagerten sich auf Teppichen neben dem Khan. Die Negersklaven führten noch lange die Pferde umher, bevor sie sie tränkten. Arme reisende Fußgänger hatten sich auch eingefunden, hockten genügsam auf ihren Fersen, und erwarteten plaudernd den Sonnenuntergang um sich an einer Pfeife und einem Bissen Brot zu laben. Unsre Zelte bildeten die dritte Gruppe, und Gespräche flogen von einer zur andern, denn der Araber ist gesellig und gesprächig. Auf dem Wege rufen sie sich aus weiter Ferne an, und reden zusammen so lange die Stimmen sich erreichen, um wie viel mehr in der Herberge. Das ist doch noch eine lustige Herberge, liebes Clärchen, wo man allerlei Leute beisammen sehen kann und zwar mit ihren Gewohnheiten. Dahin bringt man es bei uns nicht, und wenn man sein Leben im Gasthof verlebte! Die Reisenden fehlen nicht – im Gegenteil! Aber man sieht sie nur, wenn sie gravitätisch in Reihe und Glied beisammen sitzen und essen. Legt man die Serviette fort, so zieht man sich einsiedlerisch in sein Gemach zurück. Vor lauter Erziehung und Gewohnheit der guten Gesellschaft, kommt einem die Gewohnheit mit Menschen umzugehen ganz abhanden. Und trotz der Bemühung sich abzusondern, um nicht in unerfreulichen Kontakt mit aller Welt zu geraten, erreicht man nicht dasjenige, welches man dadurch bezwecken möchte: eine gewisse vornehme Haltung zwischen dem plebejen Treiben. Hier findet sie sich von selbst, denn hier sind Reisen nach einem grandioseren und freieren Zuschnitt eingerichtet, als mit dem Dampfwagen, wie auf dem Schub, von einem Ort zum andern transportiert zu werden. Neulich habe ich den Eisenbahnen ein Loblied gesungen, und heute wieder nicht! Das kommt immer so, je nachdem man die Vorteile oder die Schattenseiten einer Einrichtung hervorhebt. Da die Eisenbahnen ganz im Sinn des Jahrhunderts zum Vorteil der Industrie und auf Nützlichkeit berechnet sind, so ist mit ihnen die Seele der Geschäfte: Pünktlichkeit und Zeitersparnis, verbunden, und es gibt Augenblicke wo man diese über alles schätzt. Kommen aber Momente in denen man so recht das Vergnügen fühlt in stolzer Unabhängigkeit und mit tiefer freier Teilnahme selbständig durch die Welt zu ziehen, wie sie in mir bei weitem vorherrschend sind: so werden mir die Eisenbahnen ein Greuel, und das Vergnügen des Reisens ist für mich aus Europa verschwunden. Stelle Dir den Unterschied nur recht lebhaft vor: unter betäubendem Geräusch, ab- und eingesperrt im schweren Wagen, ohne zu hören, zu sehen, zu denken, rutschest Du in einem Tage 30 bis 40 Meilen ab, und findest Dich am Abend im Gasthof abgeliefert; oder Du reitest in frischer Luft, unter freiem Himmel, auf Deinem guten Pferdchen, vielleicht nur vier oder fünf Meilen täglich; aber Du darfst sagen: an diesem Bach wollen wir frühstücken, – Du darfst den Zug aufhalten um Oleander zu pflücken und auf Deinen Hut zu stecken; – Du darfst vom Pferde steigen um die wunderlichen Bewegungen einer Seespinne in der Nähe zu betrachten, die wie eine Maschine vor-, rück- und seitwärts läuft; – Du darfst sagen, daß Du ausruhen, essen, trinken, oder vorwärts willst, – kurz, in jedem Augenblick darfst Du genau das tun, was Du eben möchtest: Du bist frei. Darin liegt der Zauber. Auf welche Weise ich gestern früh geweckt wurde, stellst Du Dir schwerlich vor. Durch das Geschrei ziehender Kraniche! Wie oft im Spätherbst wenn ich diesen Ton hörte und ihre Phalanx durch die Wolken ziehen sah, wünschte ich mit ihnen nach den südlichen Ländern zu gehen. Jetzt war ich da wo sie überwintern, und jetzt gingen meine Gedanken nach dem nördlichen Lande, das sie vor kurzem verlassen haben. Ach, das ist schön daß die Gedanken noch schneller als die Kraniche von einem Weltende zum andern fliegen können. Während die Hirten ihre Viehherden aus dem Dorf in die freie Wildnis trieben, und als die Sonne über die letzten Höhenzüge des Libanon stieg, gegen sieben Uhr brachen wir auf. Wir mußten das Cap blanc , das höchste Vorgebirge an dieser Küste passieren. Der Weg hinüber ist einigermaßen gemacht, d. h. die Felsblöcke sind vom Pfade geräumt, der im steilen Zickzack herauf und hinab läuft; aber das ist kaum eine Verbesserung, denn die Pferde haben keinen sichere Tritt auf den kahlen Kalksteinplatten, und gleiten leicht aus, vorzüglich wenn es bergab geht. Hernach war der Weg wieder ganz gut, weil man immerfort ungestört durch die Ebene zieht, und dabei einzelne malerische Bilder hat: ein Dorf unter Palmen auf einem Hügel am Meer; ein Paar mächtige einsame Säulen auf einem andern an den Libanon sich lehnenden, später große Orangenpflanzungen, die herrenlos und verwildert aussahen, und zwischen denen die schönsten Gesträuche blühten, Rosen und Oleander in Fülle, und ein baumartiger Busch der köstliche Blumen trug halb weiß halb rosenfarben, groß wie Kamelien, aber die Blätter lockerer. Es war eine Pracht all dies jugendliche Rot zwischen dem kräftigen Orangenlaube zu sehen. Ab und zu tauchte das Meer auf, und mit ihm Akka und im Hintergrunde der Karmel; dann wurden sie wieder von Dünen versteckt. Darauf kam ein alter Aquädukt wohl eine Meile lang zu sehen. Wie ein heiterer Greis nahm er sich aus, denn üppige Schlingpflanzen hatten ihn ganz und gar mit dichtem Grün umsponnen. Ein Teil der Bogen war neu gebaut; da gediehen sie nicht in gleichem Maß. In der Nähe der Stadt wurde es belebt, es war der erste Tag des kleinen Beiram, der die langen Fasten endet. Durch tiefen Sand, die Mauern umgehend, kamen wir an das Tor, das nach dem Karmel führt, und fanden dort die ganze Bevölkerung fröhlich versammelt, Männer, Weiber, Kinder, Soldaten, Beduinen – alle durcheinander, und sehr friedlich. Das Hauptvergnügen bestand in Schaukeln. Zwei gewöhnliche und drei russische waren aufgeschlagen und drehten sich knarrend. In großen Kreisen saßen die Raucher beglückt bei ihrem Nargileh. Ein kleines Boot nahm Wanderlustige auf und führte sie ins Meer – zehn Minuten weit; dann wieder zurück, und die Spazierfahrt war aus. Junge Leute übten sich auf dem feuchten festen Ufersand im Springen, zum Teil recht geschickt. Die Kinder waren neu und herrlich gekleidet, mit kleinen Goldmünzen am Tarbusch, auch wohl im seidnen Kaftan. Was die Frauen für ihre Toilette getan hatten, wurde man nicht gewahr; unerbittlich verhüllte der weiße Schleier jede Schönheit der Gestalt und des Anzugs. Ein Schleier ist anmutig – aber er muß nicht, wie hier, alles verschleiern. Dazwischen ritten vornehme Leute mit Gefolge, aber nur sehr wenige, und ein paar Araber auf schnellfüßigen Dromedaren. Von den Wällen wurde kanoniert. Flintenschüsse, die größte Freudenbezeugung der Araber, erklangen nur sparsam, und Musik, Tanz, Gesang, gab es gar nicht. Wir kamen schon um halb vier Uhr an, und hätten also um sieben den Karmel erreichen können; aber ich war müde – eigentlich wohl nur träge – und die bunten Gruppen unterhielten mich. Also blieben wir bei einem Khan vor dem Tor. Um Sonnenuntergang wurde alles still; das Volk verlief sich wieder in die Stadt hinein. Die Orientalen lieben nicht in die Nacht hinein zu wachen; sie tun es, halb gezwungen, durch die Strenge des Ramadan, ist er zu Ende kehren sie gern zu ihrer eigentlichen Gewöhnung zurück früh schlafen zu gehen und früh aufzustehen. Der Abend war doch schön genug um ins Freie zu locken. Ich saß lange vor dem Zelt und sah mir meine alten lieben Bekannten an – die Sterne. A propos von ihnen! Weißt Du weshalb das türkische Wappen aus einem Stern im Halbmond besteht? Ich wußte es nicht bis ich's im » Hammer « las. Bei den Byzantinern des heidnischen Altertums wurde die Diana vorzugsweise verehrt, als Hekate oder Göttin der Nacht sowohl wie als Phosphora oder Verkünderin des Morgens. Als Hekate war der Mond ihr Symbol, der das Licht der Nächte ist, als Phosphora war es der Morgenstern, Lucifer, Phosphorus, welcher der Sonne vorauseilt. Eine milde Lichtgöttin war sie immer. Ihr zu Ehren machten die Byzantiner ihre Symbole zum uralten Wappen der Stadt das von den christlich-byzantinischen Kaisern vernachlässigt, aber durch die erobernden Türken wieder auf- und angenommen, und zu dem des Reichs erhoben wurde – wahrscheinlich ohne zu wissen woher es stammt und nur um ihrer Herrschaft den Adelsbrief uralten Bestehens zu geben. Von Akka sahen wir nur die Mauern, die nach dem Meer zu an verschiedenen Stellen in Trümmern liegen, so wie Admiral Stopford sie 1840 niedergeschossen hat. Das war die famose Einnahme von St. Jean d'Acre, die damals soviel besprochen wurde, weil sie Mehemed Alis Herrschaft in Syrien ein Ende machte. Akka ist der arabische Name der Stadt und bedeutet die Gebrochene, und so sieht sie auch aus. Eine Bucht tritt zwischen ihr und dem Vorgebirge des Karmel ins Land hinein. Man muß sie umgehen um zu ihm zu gelangen. Hart am Strande ritten wir hin. Zur Linken hatten wir dünenartige Sandhügel, welche die weite Ebene, die sich hinter ihnen ausbreitet, gegen das Meer begrenzen und schützen. Durch zwei Flüsse mußten wir reiten; der letzte heißt Kison. An seinem anderen Ufer beginnt ein schöner Palmenwald mit Unterholz von Granaten, Orangen, Feigen und Johannisbrotbaum, der bis zum Städtchen Kaiffa fährt, welches am Fuß des Karmel liegt. Hier beginnt man zu steigen, anfangs allmählich durch einen weitläufigen Olivenhain, in dem große Herden von Ziegen und Rindern weideten, dann steiler an der nackten kreidigen Bergwand, jedoch auf gebahntem Wege zum Kloster empor, das fest und stattlich auf einem Absatz des Berges liegt. Die Väter wünschten uns Glück daß uns nichts Unangenehmes begegnet sei. Der Weg gilt für sehr unsicher, und wir haben auch einzelne bewaffnete Beduinen zwischen den Dünen herumschleichen sehen; aber unser Zug war ihnen wohl zu groß für einen räuberischen Anfall. Von hier längs der Küste über Jaffa nach Jerusalem zu gehen, soll unmöglich sein, weil es ein sehr öder Landstrich ist, in dem sich die Beduinen oft aufhalten. So werden wir denn übermorgen nach Nazareth – auch nicht mit großer Sicherheit, und von dort nach Jerusalem pilgern. Aus Nazareth schreibe ich. Gehab dich tausendmal wohl. 21. An meine Schwester Kloster auf dem Karmel, Sonnabend, Oktober 28, 1843 Und wieder auf dem Karmel! Da bin ich von Nazareth zurück und auch ganz wohlbehalten, jedoch in Verlegenheit wegen des weiteren Fortkommens. Ich bin entschlossen hier abzuwarten was sich am besten tun läßt. Aber nach Jerusalem will ich. Von Nazareth aus geht es jetzt nicht, der allgemeinen Versicherung zufolge. Die Beduinenstämme sind in solchem Aufruhr, teils unter sich, teils gegen die Regierung, daß sie kürzlich eine Truppenabteilung von 200 Mann zurückgejagt haben, welche der Pascha von St. Jean d'Acre in den aufrührerischen Distrikt von Nablus hat schicken wollen um Ruhe zu stiften. Selbst unter der Eskorte eines Beduinenscheikhs würde man nicht sicher sein, weil seine Autorität nur bei seinen Freunden nicht bei seinen Feinden gilt und weil man diesen so gut begegnen kann als jenen. Der Pater Guardian des Franziskanerklosters in Nazareth riet uns nach Kaiffa oder St. Jean d'Acre zurück, und von dort mit einem Segelschiff nach Jaffa zu gehen. Ich hatte eigentlich den heroischen Gedanken, so gut wie wir von St. Jean d'Acre nach dem Karmel, und vom Karmel nach Nazareth und wieder zurück, immer von verdächtigem Gesindel umkreist und umschlichen, und dennoch ungefährdet gereist sind: so sollten wir auch nach Jaffa gehen und Maschallah! sprechen. Allein diese tollkühne Idee hat keinen Beifall gefunden. Mein Reisegefährte wollte allein nicht verantwortlich für die möglichen Unglücksfälle sein, die guten Väter fanden es gänzlich unausführbar, und der »reiche Mann« schwor ohne Eskorte gehe er keinen Schritt vorwärts, er habe schon genug Angst ausgestanden – es sei denn daß ich ihm die Maultiere ersetzen wolle wenn sie geraubt würden. Das will ich aber ganz und gar nicht. Und so greifen wir zu dem Mittel, das in Nazareth verworfen wurde: ein Bote ist zum Scheikh eines benachbarten Dorfes gesendet um ihn als Eskorte zu begehren, wenn er sie übernehmen will. Tut er es, so sind wir gesichert, behauptet der Bruder Schaffner, der sich einmal in unruhigen Zeitläufen unter seinen Schutz begeben hat. Morgen werden wir schwerlich fortkommen, denn die Araber entschließen sich immer erst nach unendlich weitläufigen Reden. Man muß Geduld haben! Aber es fällt schwer, denn die Zeit ist gemessen: in der letzten Hälfte Novembers muß die Reise durch die Wüste gemacht werden, weil später das Wetter allzu unsicher werden dürfte. Einstweilen sind wir seit zwei Uhr Mittags wieder hier, in acht Stunden ohne Aufenthalt von Nazareth hergeritten, um wo möglich bis morgen die Sache in Ordnung zu bringen. Als wir gestern früh den Karmel verließen war es mir wirklich traurig den Ort zu verlassen, der mich mehr angesprochen hat als irgendeiner in Syrien. Den sehe ich nun nie wieder! Friede über ihn! Dachte ich, als wir den Berg langsam hinab, und in den trüben Morgen hineinritten, dessen Wolken und Schwüle ganz beklemmend waren. Unten zwischen den Ölbäumen sah ich mich nach dem Kloster um. Ein prachtvoller Regenbogen hatte sich über ihm gewölbt! Das freute mich. Wenn auch nicht mehr für mich – für andere wird es eine Friedenstätte sein. Plötzlich zog der Dragoman die Pistolen aus dem Gürtel, deutete in die Ferne und sagte: » Voilà des coquins .« Die Gewehre wurden gespannt, und allerdings zeigte sich eine Gruppe berittener und bewaffneter Araber. Ich machte mich auch schlachtfertig, d. h. ich trat in den Steigbügel und nahm die Zügel auf, die ich gewöhnlich aus Bequemlichkeit hängen lasse, um hübsch fest im Sattel zu sitzen für den Fall daß es ans Reißausnehmen ginge. Unnütze Vorsicht. Unser Zug, dem sich drei Wanderer mit den hier gebräuchlichen keulenartigen Hirtenstäben versehen, angeschlossen hatten, so daß er aus neun Männern bestand, war jenen vier Arabern zu überlegen um nicht unangefochten zu bleiben. Es waren übrigens wildblickende Gesellen, die einem einzelnen Reisenden schwerlich den Geldbeutel gelassen hätten. Nun begnügten sie sich, als wir an einander vorüber ritten einen der Leute zu fragen wer wir wären und wohin wir wollten, und dann zogen sie weiter. Ich trat wieder aus dem Steigbügel heraus. Darauf, liebes Clärchen, beschränken sich bis jetzt meine Fata mit den arabischen Horden, und es ist wirklich sehr unangenehm, daß andere gefährlichere gehabt haben, denn man läßt sich doch in manchen Projekten stören oder gerät in eine ärgerliche Stimmung, die alles Vergnügen raubt. Mir geschah beides in Nazareth. Ich wollte auf den Thabor und zum See von Genezareth, welche durch die Evangelien so interessant gemacht sind; mit Eskorte hätte ich dahin kommen können; da mir aber die Erreichung meines Hauptzieles Jerusalem durch die große Unsicherheit weitläufig und schwer gemacht wird, so entschloß ich mich lieber alles andre aufzugeben, und meinen Weg so bald wie möglich ohne Abschweifung und ohne freiwillige Verzögerung nach der heiligen Stadt einzuschlagen. Den Thabor sahen wir schon in der Ebene von Akka; die Araber nennen ihn Djebel Tor – wie sie denn alles zusammenziehen, abkürzen und verschlucken, weshalb es mir auch nicht möglich ist, Namen zu schreiben, die sie mir nennen; – gestern kamen wir ihm immer näher, als wir jene Ebene und das Flußgebiet des Kison verließen, und über einen Bergrücken gingen, der die Wasserscheide ausmacht zwischen dem Jordan und dem Meer. Nun waren wir in dem alten Galiläa. Um das Dorf Geida, wo wir frühstückten, gab es keine andre Pflanze, als baumhohe Kaktushecken, die als Schutzwehr gegen Schakale dienen, und dann das niedrige, dorn- oder distelartige Gewächs, das den ganzen Erdboden sehr unbequem für Fußgänger überwuchert, und das man Spina sancta nennt; – den botanischen Namen weiß ich nicht. Immergrüne Eichen, von kurzem gedrungenen Wuchs, bedecken als gelichteter Hain die Abhänge. Das Meer ist verschwunden, die wärmeren weicheren Bäume auch. Doch übt kein hohes Gebirge hier einen rauhen Einfluß; der Karmel ist 1.200 Fuß hoch, kaum 2.000 der Thabor; in dem Verhältnis sind sie alle; man betritt kein großartiges Gebirgsland mit weiten Tälern und Ebenen, die sich am Fuß hoher Berge ausbreiten, sondern ein von Schluchten, Kesseln und Abstürzen zerfurchtes Hügelland, dessen Kalk- und Kreideformation sich zugleich aufgewühlt und abgewaschen darstellt, so daß es von ungemein starrem und trockenen Charakter ist. In jenen Schluchten und Kesseln, zuweilen am Abhang, gewöhnlicher in der Tiefe, liegen die Ortschaften, aus dem Stein der Berge gebaut daher von einer Farbe mit ihnen; unansehnlich, denn die Häuser sind immer viereckige Kasten mit wenig Tür- und Fensteröffnungen; höhlenartig, denn sie sind niedrig und roh, lehnen sich oft an den Fels oder bohren sich wohl gar in ihn hinein, was der Kalk leicht macht, wozu er durch seine natürlichen Höhlen auffordert, möchte ich sagen. Zuweilen erhebt sich eine ungeschickte Kuppel über einem jener Kasten oder ein plumpes Minarett daneben; das ist dann die Moschee. Je nachdem die Beschaffenheit der Lage und besonders Wasser es gestattet, sind Pflanzungen um die Orte, meistens von Ölbäumen, mit Feigen- und Johannisbrotbäumen untermischt, und von Weingärten, deren Ranken am Boden zwischen Kohlköpfen fortkriechen. Dann verhalten sie sich zu der Umgebung wie Oasen zur Wüste. Sind die Pflanzungen spärlich, so machen sie einen unsäglich melancholischen Eindruck, weil dann die Natur so ganz steinern erscheint. Das ist der Fall bei dem in einem Bergkessel gelegenen Nazareth. So ist der Ort beschaffen in dessen Dunkelheit sich fast dreißig Jahre eines Lebens hüllen, das lichtspendend, segenvoll und glorreich wie nie ein anderes auf unserer Erde war. So war ich in Nazareth, so betrachtete ich die Kirche der Verkündigung, welche über dem Hause der heiligen Jungfrau klein und freundlich, mit geringem Schmuck erbaut ist und noch etwas altes Mauerwerk und eine alte Treppe im Felsen umschließt; so die Werkstatt Josephs und den Tisch an dem der Messias mit seinen Jüngern gegessen haben soll: eine plumpe Steinplatte. Dann gingen wir nach dem Brunnen, welcher der Jungfrau zu Ehren Brunnen der Maria heißt, und vor dem Ort liegt, einige Ölbäume liegen umher. Weiber mit ihren großen Amphoren von Ton auf der Achsel hatten ihn umlagert, zankten sich wütend um den Vortritt und waren drauf und dran sich in die Haare zu fallen. Im Ort, unter ihren Türen riefen sie mir zu: »Signora, buona sera! Come stà, Signorita?« nämlich die Christinnen, die sich für die Anwesenheit einer fremden Glaubensgenossin interessieren mochten. Die Mohammedanerinnen lachten mich aus; ich fragte unsren Führer weshalb. Etwas betreten gestand er wegen meiner dünnen Finger. Ich mußte lachen. Die christliche Bevölkerung, Katholiken und Griechen, soll sich auf 1.200 Seelen belaufen und der mohammedanischen die Waage halten. Früher war sie weit stärker; aber das furchtbare Erdbeben, welches am ersten Januar 1837 Syrien verheert, Tausenden das Leben gekostet und ganze Ortschaften ruiniert hat, ist hier besonders heftig gewesen. Das Pilgerhaus des Franziskanerklosters das uns beherbergte, ist nach jenem Ereignis gebaut und liegt dem Kloster selbst gegenüber, welches mitsamt der Verkündigungskirche von Ringmauern, Toren und Höfen umgeben, wie eine Festung aussieht. Die Väter sind meistens Italiener mit einigen Spaniern vermischt. Durch die Schule erklärt sich die italienische Sprache in der christlichen Gemeinde, denn auch Kinder und Männer begrüßten uns in ihr. Der Pater Guardian gefiel mir ausnehmend gut. Diese milde, ernste Haltung sollte jeder Mönch haben, und haben sehr wenige. Sie und seine zarten Hände wie seine sanfte Sprache, gaben ihm etwas ungemein Vornehmes. Er sah jung aus und schön, wie ein Gemälde von Leonardo, mit dem farblosen lombardischen Kolorit und mit dem braunroten Kapuzinerbart. Das klingt abscheulich, – aber es ist merkwürdig schön und eine Eigentümlichkeit Leonardos. Jetzt sah ich es zum ersten Mal nicht im Bilde. Auch er riet zur Rückkehr nach dem Karmel. Drei Klosterbrüder, die nichts hatten als ihre Kutten, waren beraubt zwischen Nazareth und Nablus. Ich wurde ärgerlich, und zwar auf die europäischen Fürsten, die doch alle so gar fromm sein wollen, und doch nicht dafür sorgen, daß man ungefährdet zu den heiligen Stätten seines Glaubens pilgern kann. – Nun, ich war und blieb betrübt, und als wir heute früh fortritten, und als ich die Berge so schön und klar liegen sah, fielen mir die Worte des Psalmensängers ein: »Mitternacht und Mittag hast du geschaffen; Thabor und Hermon jauchzen in deinem Namen;« – aber ich selbst jauchzte gar nicht. Nicht nur daß ich Galiläa so wenig gesehen habe, Samaria werde ich gar nicht sehen, bloß Judäa, denn Peräa ist transjordanisch und für die christliche Geschichte wenig interessant. In diese vier Landschaften war Palästina zur Zeit Christi geteilt, und ihretwegen heißt Herodes in den Evangelisten der »Vierfürst«. In Rom muß man den Tacitus lesen; in Spanien Romanzen von Cid; hier die Bibel, die alten Königs- und Prophetengeschichten. Solche Bücher, welche den Charakter ihrer Zeit in den allerbestimmtesten Zügen, schärfsten Zeichnungen und unnuancierten Farben tragen, sind wirklich nur auf dem Boden der sie erzeugt hat, so recht zu verstehen. Im engsten Zusammenhang mit dem starren zähen Charakter des jüdischen Volkes finde ich die Natur seines Landes; und in diesen zerklüfteten Höhlen, auf diesen nackten Bergen, wo das Auge sich melancholisch von der steinernen Erde zu dem fast immer wolkenlosen Himmel emporhebt, meine ich die schwermütige, majestätische Wildheit seiner Propheten zu begreifen, die im tiefen Trauermantel, mit dem Flammenzeichen der Begeisterung über der Stirn zwischen dem Volk wandeln, welches die Verheißung Jehovas nie vergißt, immer in Anspruch nimmt, und doch nicht begreift. – – Jetzt, mein liebes Clärchen, habe ich mir das Herz ganz frei und leicht gesprochen. Gott, was ist es für ein Glück schreiben zu können! Das Papier hält die Gedanken fest, daß sie sich hübsch ruhig nach einander abrollen, was eine äußerst angenehme Beschäftigung und ein sichres Mittel ist um den Unmut zu vergessen. Soeben, halb zehn Uhr abends, kommt unser Bote mit der Nachricht zurück: für 200 türkische Piaster, ungefähr 13 preußische Taler, habe der Scheikh unsre Begleitung bis Jaffa übernommen, und morgen früh werde er pünktlich sich einstellen. Geht alles gut, so müssen wir am ersten November in Jerusalem anlangen; so haben es uns die guten Väter ausgerechnet, denn unser Dragoman kennt diesen Weg an der Küste nicht, weil die Reisenden natürlich vorziehen den kürzeren und interessanteren zu gehen, welcher direkt von Nazareth nach Jerusalem führt. Ich bin nur froh, daß unserer Abreise morgen nichts entgegen steht. Lebe tausendmal wohl. 22. An meine Mutter Jerusalem, Donnerstag, November 2, 1843 Liebe geliebte Mutter, die Pilgerfahrt ist glücklich und äußerst friedlich gemacht, und die heilige Stadt gestern nachmittag vier Uhr erreicht. Es ist ein ganz eigenes Gefühl an dem Ort sich zu befinden, wohin früher Millionen von Menschen mit Aufopferung von Gut und Blut und Leben gestrebt haben, nur um auf der einen kleinen Stelle die ein Stein bedeckt zu beten und am heiligen Grabe zu knien. Um diese Befriedigung zu erlangen, mit welchen Mühsalen wurde gerungen, mit welchen Anstrengungen gekämpft, welche Entbehrungen wurden ertragen – und welche Entzückungen lohnten dem Pilger! Jerusalem! Jerusalem! jauchzten sie wenn sie es von fern gewahrten, stürzten auf die Knie, dankten Gott und sangen Loblieder. Jerusalem! Nun waren sie am Ziel, auf der Stätte des Heils! Vom Grabe des Herrn quoll ein Strom von Vergebung, Segen, Friede und Versöhnung in die lechzenden Seelen, die mit der vollen wilden Glut der Jugend begehrten und erlangten. Unsere Zeiten sind alt und kalt geworden, unfähig solcher Ekstasen; dennoch ist wohl keiner imstande gleichgültigen Auges Jerusalem zu betrachten; ich gewiß nicht! Aber kopfüber stürze ich mich nicht hinein. Der Regen strömt mit jener sintflutähnlichen Gewalt vom Himmel, welche in dieser Jahreszeit die lange Sommerdürre ausgleicht; das ist mir sehr lieb. Ich werde heute nicht meine Zelle in der Casa nova der Franziskaner verlassen, und mich besinnen wo ich bin, und mich sammeln für alles was ich sehen werde, – auch inzwischen Dir meinen Reisebericht machen, der vier Tage umfaßt, aber nur sehr wenig was des Erzählens wert wäre, und nicht ein einziges Abenteuer! Ist das nicht beklagenswert, da wir uns doch so sehr darauf gerüstet hatten? In diesem Punkt ist unsre Reise wahrhaft komisch: immer wie auf der Flucht vor einem Feinde, der vielleicht gar nicht existierte. Zwanzigmal fiel mir jener Franzose mit seinem » Je ne crois pas aux tigres « ein. Das half aber nichts! Ich mußte vorwärts als ob ich sehr an sie glaubte. Am neunundzwanzigsten Oktober früh sieben Uhr, war also wirklich unsre Eskorte im Kloster. Worin bestand sie? In zwei Mann, Scheikh Nazir und sein Bruder in eigner Person liefen drei Tage zu Fuß neben unseren Pferden her. Ihre Waffen bestanden aus Flinten, die mich lebhaft an Nürnberger Spielzeug erinnerten. Damit wollten sie den Beduinenstämmen Abugosch, Beni Sachr, und wie sie heißen mögen, Respekt einflößen. Beduinen heißen nämlich die nomadisierenden Hirten, die mit ihren Herden und Zelten, Weibern und Kindern, die weiten Länder tief unten vom roten Meer bis zum Euphrat hinauf durchziehen und sich da niederlassen, wo sie Weide und Wasser finden, denn darauf beschränken sich ihre Hauptbedürfnisse. Die verschiedenen Stämme haben gewisse Bezirke inne auf denen sie sich herum bewegen, und aus denen sie Fehde- und Raubzüge in verfeindete machen. So haben es die Väter gehalten und so halten sie es, dies ist wohl das einzige Gesetz von dem sie sich gutwillig beherrschen lassen. Sie halten sich für die echten und einzigen Nachkommen Ismaëls und sind sehr stolz darauf. Die Verheißung die jenem ward: »Er wird ein wilder Mensch sein, seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn« – erfüllt sich an ihnen seit den Urzeiten. Sie sind meistens Wachhabi. Die Reformation des Islams, welche Abdul Wachhab um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Arabien unternahm indem er, behauptend er führe die Religion auf ihre ursprüngliche Einfachheit zurück, alle Tradition verwarf, alle Dogmen kritisierte, und eine Menge von Gebräuchen und Vorschriften für unnütz erklärte, war in zu großer Übereinstimmung mit dem freiheitsgewohnten Leben der Beduinen, war in zu tiefem Zusammenhang mit ihrem Charakter und ihrer Existenz, um nicht fast durchweg Eingang bei ihnen zu finden. Der orthodoxere Mohammedaner legt z. B. Gewicht darauf in einer Moschee sein Gebet zu verrichten, wogegen Abdul Wachhab lehrt: es komme auf den Ort nicht an. Bei seinem Nomadenleben hat der Beduine keine Moschee, folglich ist bei der neuen Lehre nur das eine zu verwundern, daß sie erst so spät sich entwickelte, denn die Religionen und ihre Bekenner stehen in Wechselwirkung zu einander, wie das nicht anders sein kann, wenn diese durch jene sich zugleich angeregt und befriedigt finden sollen. Jeder Stamm hat einen Priester der Khatib heißt und der einigermaßen verachtet wird, sollte er das Unglück haben lesen und schreiben zu können. Verachtet wird auch der Fellah, der ansässige Landmann, und dieser fürchtet wiederum außerordentlich den Beduinen. Unser Scheikh Nazir war das Oberhaupt eines Diebsdorfes, wie der Bruder Schaffner sagte; kein Beduine. Er trug auch nicht ihre höchst malerische, einfache Tracht: das weiße Hemd, den weiß und braun gestreiften Wollmantel, das gelbe Keffijeh mit einem Hanfstrick um die Stirn gegürtet und über Schultern und Nacken herabfallend – so wie wir im Libanon und in Damaskus einige sahen, er war nach Art des arabischen Landvolks in Syrien mit Hemd, Kaftan und einem schlafrockähnlichen Überwurf bekleidet, der von der formlosen Plumpheit des europäischen Paletot ist. Sämtliche Kleider sind so kurz, daß sie nur das Knie bedecken, und möglichst vertragen, verblichen und unsauber, weil sie sich immer damit auf der Erde herumwälzen, darin schlafen, und sogar den Turban höchstens nur abnehmen, um ihn als Kopfkissen zu brauchen. Der rote Tarbusch mit blauem Quast bildet den Kern eines Turbans, um welchen sich ein langes, zusammengedrehtes, weißes Baumwolltuch windet. Während der Kopf so gut bedeckt ist, sind die Beine nackt. Die Tracht bleibt dieselbe bis hieher; doch muß ich bemerken, daß der von mir sogenannte Paletot ein Prachtstück ist, das wohl ein Scheikh und sein Bruder – doch sonst nicht jeder besitzt. In den Städten ist die Tracht etwas anders; statt des Hemdes oder über demselben trägt man das weite türkische Beinkleid, das aber immer unter dem Knie aufhört, und dann Strümpfe oder Gamaschen oder auch nur an nackten Beinen ein Paar Pantoffeln; letzteres ist fast durchgehend die Tracht des gemeinen Mannes; zu Strümpfen und Gamaschen gehört schon Reichtum, Elegance und Vornehmheit, und dann verlängert sich der Kaftan bis zum Knöchel des Fußes, während er beim Volk zur Jacke verschrumpft. Da man möglichst bunte Farben liebt, dunkelrot, hellblau, oder gestreifte Zeuge, orangefarben und weiß, und dergleichen, so sieht eine solche Männergruppe, lebhaft sprechend und gestikulierend, recht gut aus, obgleich schöne Züge mir nicht aufgefallen sind. Feine schon eher, wie denn überhaupt der Ausdruck zuweilen recht listig sein kann. Wird er lebhaft, in Freude oder Zorn, so nimmt er wirklich eine tierische Wildheit an; aber allerdings – Physiognomie ist da. Unser Scheikh war etwas entstellt weil ihm die Vorderzähne fehlten. Diese auszureißen war das arabische Mittel um unter Ibrahim Pascha dem verhaßten Soldatenstand zu entgehen: man konnte nun nicht die Patronen abbeißen um das Gewehr zu laden. So ist mir gesagt worden; davon verstehe ich nichts. Gegen acht Uhr setzten wir uns in Bewegung. Nachdem wir zum Meeresufer herab geritten waren, verließen wir es bis Jaffa nicht mehr, und sahen keine andre Landschaft, als zur Rechten die blaue Flut, zur Linken die weiße Kalkfelsenwand, und vor uns den Weg auf dem gelben Sande des Strandes, der zuweilen mit einer dichten Lage allerliebster bunter Muscheln bedeckt, zuweilen feucht und fest wie Parkett, und zuweilen so trocken und tief war, daß die Pferde weit über den Huf darin versanken und daß, so wie sie den Fuß herausgezogen, der rieselnde Sand die Spur gänzlich verwischte. Ruinen lagerten sich zuweilen zwischen uns und dem Meer, und unsere Nachtquartiere waren auch Ruinen. Ein blutarmer armenischer Pilger, der aus dem fernen Diarbekir nach Jerusalem wallfahrtete, und den ich beschützte, d. h. ihm zu essen geben ließ, weil er ein gutes Gesicht hat, hatte sich schon seit Sidon an uns geschlossen. Ein Araber zu Pferd, ein Freund unseres Scheikhs, und zwei Männer aus Kaiffa, die sämtlich nach Jaffa wollten, gesellten sich am Fuß des Karmel zu uns, so daß wir eine große Karawane bildeten. Wir begegneten auch genug Leuten, Reitern und Fußgängern, mit keulenartigen Stäben, Flinten oder Lanzen bewaffnet; dann lief der Scheikh oder sein Bruder voraus ihnen entgegen, begrüßtete durch einen Handschlag seine Bekannten, verständigte sich mit Unbekannten, erkundigte sich nach den »Arrab« – (nie anders als so habe ich vom Volk die Beduinen nennen hören) erhielt immer die Nachricht, daß sie da oben an den fernen Bergen von Juda sich herumtrieben; und ungestört zogen wir weiter. Ob wir nun ohne unsre Bedeckung von diesen Leuten etwas zu fürchten gehabt hätten – das mag Gott wissen! Ich glaube es nicht. Wir waren unangenehm überrascht, als der Scheikh uns um halb zwei Uhr mittags auf einem schmalen steilen Fußpfad die Kalksteinwand erklettern ließ und erklärte: hier, in dem Dorf Tentura müßten wir übernachten, denn auf den zwölf Stunden der morgenden Tagesreise sei keins. Was war zu machen? Wir blieben. Die Überreste eines alten Schlosses waren in einen Khan verwandelt, der größer als die gewöhnlichen Herbergen ist, einen Hofraum hat und einigermaßen geschlossen werden konnte. Da wurden die Zelte aufgeschlagen, und da nahm der Scheikh Nazir Cour an von seiner Verwandtschaft und Freundschaft, die ihn umringte und begrüßte. Zwanzig bis dreißig Menschen saßen binnen zehn Minuten auf den Fersen beisammen, plaudernd und gestikulierend, und er hockte kerzengerade in der Mitte. Ich ging über eine verfallende Treppe auf das flache Dach des Gebäudes, und sah mich um. Das Dorf war kahl wie die Hand. Eine weite unbebaute, doch gar nicht sterile Ebene erstreckte sich bis zu den Bergen von Juda, und am Meer hinauf und herab. Der jähe Absturz der Kalksteinwand beschützt sie vor dem Vorrücken des Meeressandes. Jetzt diente sie nur den Herden als Weide. Manche Stellen waren ganz schwarz von Ziegen, deren Milch hier vortrefflich ist, besonders auf dem Karmel. Die Rinderherden, die man auch ziemlich häufig sieht, bestehen immer nur aus Ochsen, welche man zur Feldarbeit braucht. Kühe gibt es nicht – zu meiner Verwunderung; denn wo kommen die Kälber her? – Und so gibt es auch keine Kuhmilch. Die Nacht war unruhig, der Raum zu eng für so viele Gäste, denn außer uns waren noch Reisende des Landes im Khan eingekehrt, unter anderen zwei Derwische auf der Pilgerfahrt nach Mekka. Draußen bellten die Hunde, diese Nachtwächter der Orientalen, und zum ersten Mal hörte ich das pfeifende Geheul der Schakale, welche raubsüchtig nachts die Dörfer umschleichen. Am dreißigsten war ich die erste wach in unserem kleinen Lager, und trieb zum Aufbruch von vier Uhr an, weil unsre zwölfstündige Tagesreise sich womöglich nicht über Sonnenuntergang ausdehnen sollte. Wir kamen freilich noch vor ihrem Aufgang, aber doch erst gegen sechs Uhr fort, weil in der Dunkelheit und Dämmerung das Ein- und Aufpacken noch langsamer als gewöhnlich von statten geht. Dazu hatte sich ein stürmischer Ostwind erhoben, der alle Sachen durcheinander warf, und Licht und Feuer auslöschte. In die graue Dämmerung, von erblassenden Sternen beschienen, sturmumbraust, zwischen Meereswellen und Wellen von aufgewühltem Sand, welche unter den Füßen unserer Pferde in einander wehten, setzten wir die Reise fort. Bei uns wäre sie in dieser Jahreszeit und unter diesen Umständen etwas unbehaglich gewesen; hier waren die Morgenritte am Meer so schön, so ganz wunderbar schön, daß sie immer zu meinen liebsten Erinnerungen gehören werden. Von Beirut bis zum Karmel fühlte ich mich nicht recht wohl; vom Karmel bis Jaffa reiste ich wie auf der Flucht und daher etwas geniert: dennoch war mir immer ganz wonnig zu Mut, wenn ich am Morgen auf meinem Pferd saß, unter diesem diamantenen Himmel fortritt, die balsamische Morgenluft einatmete, und das Meer mir mit seinen tönenden Wellen das Herz überrauschte. In Gedanken oder Betrachtungen vertiefte ich mich gar nicht! Ich kam nicht dazu. Ich fühlte nur die Stärke, die Frische, die belebende Kraft der Natur, und ließ mich von ihr forttragen wie ein sorgloser Schwimmer von den linden Wellen des Sees. Indessen gegen Mittag wenn die große Hitze kam, nachmittags wenn die Sonne blendend über dem Meer stand, und die Kreidefelsen und der Ufersand ihre Strahlen reverberierten – verschwand die Wonne sehr regelmäßig und machte der Ermüdung Platz. Besonders an jenem Tage. Denn als nach kurzer Zeit die Felsenwand sich wieder zu unserer Linken aufbaute, schützte sie uns gegen den Ostwind, und die Sonne brannte gegen Mittag wahrhaft zerschmelzend. Da lernte ich zwei arabische Worte in ihrem vollen Umfang schätzen »Bir« Brunnen, und »Moje« Wasser, und mittels derselben machte ich mit dem Scheikh Nazir, der sich immer ritterlich in meiner Nähe hielt, eine lebhafte Unterhaltung. Zuletzt löste sie sich darin auf, daß ich aus seiner Flasche trank – aber buchstäblich aus der tönernen Flasche. Die Bagage war etwas zurückgeblieben, und ich wollte durchaus nicht den Zug aufhalten, immer aus Sorge das Nachtquartier gar so spät zu erreichen. Darum frühstückte ich auch nur mit einem Stück Brot und Ziegenkäse, und auf dem Pferde sitzend, während wir sonst immer um Mittag eine halbe Stunde Halt machen. Ich fürchte wirklich, daß Du Dich in Gedanken ein wenig meiner schämst. Trinken aus der Flasche eines arabischen Halbbanditen! Essen ein Stück Brot und Käse im Sattel sitzend! Ja, Mamachen, und dazu zog ich meine Bluse gar noch aus und ritt in Hemdärmeln, weil die Hitze mich erdrückte. Das alles klingt bei uns unerhört, erschreckend, untunlich, weil es eben bei uns nicht vorfallen kann . Hier macht es sich von selbst, und wer nicht lernen kann aus der Flasche eines Arabers zu trinken, komme lieber gar nicht her; denn mit Ansprüchen an europäische Moden, Gebräuche und Sitten, ist man hier übel beraten. Das ist es eben: die Sitte ist anders, aber eben weil sie Sitte ist, kann es keinem verständigen Menschen einfallen daran Anstoß zu nehmen; nur die Unsitte verletzt. Mit einer unerzählbaren Naivität machen die Leute am Morgen ihre Toilette; mit der vollkommensten Unbefangenheit bringen sie ihre Gewänder in Sicherheit wenn sie durch die Flüsse gehen müssen; man kann das nicht unanständig nennen. Wer es tut darf nicht herkommen, wiederhole ich. Auf der letzten Hälfte der Tagesreise, also gerade als sie uns am notwendigsten waren, kamen wir an drei Brunnen vorüber. Ein Rand von roten Steinen ist immer um die Eintiefung herum gelegt. Ist diese nur gering, so deckt ein schwerer Stein die Öffnung, damit nicht Tiere das Wasser verderben. »Sie wälzten den Stein vom Brunnen«, kommt öfters im alten Testament vor, und der Gebrauch ist derselbe geblieben. Tiefere und größere Brunnen zu deren Wasser Tiere nicht gelangen können, sind offen und Stufen führen in ihren Schlund, damit man schöpfen könne. Roh ausgehöhlte Steine und Baumstämme, zuweilen nur Gruben in dem Boden wenn das Erdreich fest genug ist, liegen daneben als Tröge für das Vieh. Der Hirt füllt sie, und geduldig wartend trinkt nacheinander die Herde – auch noch genau wie zur Patriarchenzeit. An dem einen Brunnen fanden wir eine zahlreiche Herde gelagert; zu dem zweiten stieg eine andre die Felswand herab; – also muß oben in der Nähe der Dörfer kein Wasser sein. Welch eine Bewegung in der Karawane entsteht, wenn man einen Brunnen in der Nähe vermutet oder weiß, kannst Du Dir gar nicht vorstellen! Dazu muß man aber einen halben Tag im brennenden Sande und in der glühenden Sonne marschiert sein! Man zeigt ihn aus der Ferne, man verdoppelt den Schritt, einige laufen voraus, die Pferde drängen mit aller Macht dahin und verdrängen einander am Troge. Mein armer Pilger steckte seinen Kopf zwischen die Pferdeköpfe durch und trank aus dem Trog, weil er gar nicht zu dem umlagerten Brunnen gelangen konnte. In Tentura hatte sich unsere Karawane sehr vermehrt, durch Anschluß von Leuten, die entweder denselben Weg gingen wie die Derwische, oder die auf größere Gesellschaft warteten um ihn einzuschlagen; darunter ein Ehepaar. Die Frau ging rüstig um mit dem Zug Schritt zu halten unermüdlich zu Fuß, während der Mann auf dem breiten Sattel seines Esels höchst gemächlich seine Pfeife rauchte und sich bei derselben sogar noch von seinem Diener bedienen ließ, wo dann die Frau den Bündel mit kleinen Habseligkeiten tragen mußte. Auch das ist Sitte des Orients – und wenn auch die Füße der Frau müde wurden, die Zunge litt nicht darunter. Nur bei einem ziemlich tiefen Fluß, dessen Wasser den Männern an den Gürtel reichte, stieg der aufmerksame Gatte ab und ging hindurch, während sie sich auf den Esel hockte, aber doch tüchtig naß wurde. Zu meiner großen Freude, vielleicht weil wir tüchtig marschiert waren, schrumpften die zwölf Stunden unsrer Tagesreise zu zehn ein, und wir erreichten um vier Uhr das Nachtquartier, ein kleines Dorf mit einer großen Moschee, Haram genannt, das wie Tentura in der Ebene über der felsigen Uferwand liegt. Den äußeren Vorhof der Moschee machten wir zu unserem Lagerplatz, was man uns willig gestattete, und ich weiß weiter nichts von Haram zu erzählen, als daß auf einem benachbarten Hügel Ruinen eines alten Festungsbaues liegen, und daß über Nacht die Schakale in großer Nähe heulten. Drei Stunden Küstenweg brachten uns am Morgen des einunddreißigsten nach Jaffa, dem biblischen Joppe. Wir hätten gern bis Jerusalem Scheikh Nazir zu unsrer Bedeckung behalten, allein er sagte, tiefer im Lande sei er unbekannt und uns daher unnütz. Vor dem Tor von Jaffa, unter einer großen Terebinthe, auf einem freien Platz wo Markt von Lebensmitteln, Früchten, Gemüsen, Hühnern und Eiern hauptsächlich, gehalten wurde, bekam er seine 200 Piaster und ein Bakschisch aufgezählt, und ein Zeugnis über unsere Zufriedenheit ausgestellt. Vorher hatte er ungemein geschickt ein paar Eier aus dem Marktkorb genommen, den eine Frau nach Landessitte auf dem Kopf nach Jaffa trug. Er war beschäftigt sie in seinem breiten Gürtel sorgsam aufzubewahren, als er bemerkte, daß ich die Szene beobachtet hatte. Ohne sich decontenancieren zu lassen machte er mir ein kleines Zeichen des Verständnisses, ging nach einem Weilchen zu der Frau zurück, gab ihr die Eier wieder, und ermahnte sie ihren Korb besser in Acht zu nehmen. Dann sah er mich selbstzufrieden an, um mich glauben zu machen, es sei ein angenehmer Scherz gewesen. Aber ich kenne das schon: fremder Leute Lebensmittel als Eigentum zu betrachten, ist auch Sitte des Arabers. Jaffa hegt wunderhübsch, dicht umgeben von Orangengärten mit Granaten und Reben vermischt, so daß manche Bäume unter der Fülle von Weinlaub verschwinden. Große Plantagen von Zuckerrohr breiten sich weithin aus, und einzelne Palmen und Tamarisken sind in sie hineingestreut, während Hecken von Akazien und Kaktus sie umziehen. Um die unförmigen Arme des mißgestalteten Kaktus wand sich eine Fülle von Reben in graziösen Girlanden. Gemauerte Brunnen mit Kuppeln überwölbt spenden reichliches Wasser und helfen die Landschaft schmücken. Hier kann man sich lebhaft das gelobte Land »da Milch und Honig innen fließet« vorstellen, und mehr Menschen herwünschen um dieses Segens teilhaft zu werden. Als der Dragoman das Gesundheitzertifikat eingeholt hatte, welches am Tor von Jerusalem von den Reisenden gefordert wird, und nebenbei auch beruhigende Erkundigungen über die Sicherheit des Weges eingezogen hatte – gegen zehn Uhr ritten wir fort. Anfangs durch eine lange Strecke jener üppigen köstlichen Gärten. Die Zitronenbäume bogen sich unter der Last ihrer goldnen Früchte; für einen halben Piaster bekamen wir deren ein Dutzend. Die Granatäpfel röteten sich, die Bananen waren reif; an einigen Palmen hingen Dattelbüschel. Vom Karmel schrieb ich: auf dem Weg nach Nazareth begriffe ich die wilde Melancholie der alten Propheten; hier, liebe Mutter, begreife ich die weiche, glühende Üppigkeit des »Hohen Liedes«, das wie eine flammende, duftende Rose in die Weisheitskrone des weisesten Königs geflochten ist. Wo die Gärten aufhören beginnt das weite Gefilde, welches sich an der ganzen syrischen Küste bald breiter bald schmaler zwischen dem Meer und dem Gebirge lagert. Hier hieß es sonst: Ebene von Saron. Wir ließen nun das Meer im Rücken und ritten landeinwärts drei und eine halbe Stunde bis zu dem Städtchen Ramla, immer vor uns die Berge von Judäa, über die man nach Jerusalem zieht. Ein Kloster der Terra santa , dessen Pilgerherberge von Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, gestiftet ist und ein großes griechisches Kloster nehmen sich der Pilger an, welche noch immer zu Weihnachten und Ostern in großen Scharen nach Jerusalem ziehen. Auch wir, als wir uns ein wenig in Ramla umsahen wurden Nazareni genannt und Hadji, d. h. Pilger. Ich wollte nicht im Kloster einkehren, weil da der Aufbruch wenigstens eine Stunde später geschieht. Es war mir schon höchst unangenehm einen halben Tag in Ramla zu verschwenden; aber wir sollten uns einer Karawane anschließen, die um zwei Uhr nachts abging, und so hätten wir Störung im Kloster gemacht. Statt dessen wurden wir gestört, denn Flintenschüsse hörten nicht auf in der Ebene, die ganze Nacht! Die Leute, welche abwechselnd wachten, und der »reiche Mann«, der wirklich auch eine Art von Vogel Greif war, behaupteten das wären Räuber. Trat einmal eine Pause ein, so füllten Hunde mit verzweiflungsvollem Geheul und wütendem Bellen sie aus. Es war eine unheimliche Nacht, und mitten drin kam die Botschaft, die Karawane ginge nicht ab. Wir warteten noch ein paar Stunden, versuchten zu schlafen als gegen Morgen die Schüsse verstummten, waren aber um fünf Uhr schon reisefertig. Ich war in herzklopfender Erwartung als wir endlich gegen sechs Uhr abzogen. Ich trieb zur Eile aus freudiger Ungeduld; Giorgio, um die sicheren Berge zu erreichen, denn nur in Saronas Gefilden soll das Gesindel hausen. Es ging fleißig vorwärts. In drei und einer halben Stunde durchschritten wir die Ebene und eben so lange stiegen wir – aber immer durch eine Schlucht und über einen Kamm, und wieder in eine Schlucht und über einen Kamm, so daß man meint, man komme nimmer zum Ziel. Der Weg war belebt von Leuten des Landes, die uns ruhig ziehen ließen. Einmal griff ein Araber die Flinte meines Reisegefährten an, wahrscheinlich aus Neugier, weil ein doppelläufiges Gewehr eine große und herrliche Seltenheit bei ihnen ist. Auch einem europäischen Reisenden mit seinen Leuten begegneten wir, den ich mit meinen größten Augen ansah – nicht aus Freude über den Europäer, sondern weil er im schwarzen Frack zu Pferde saß, wobei der Foulard als Keffijeh unter dem Hut sich merkwürdig ausnahm. Ich habe in meinem Leben schon viel Auffallendes gesehen; aber einen Mann im schwarzen Frack zu Pferde doch noch nie! Es machte sich äußerst erbaulich in den Bergen von Judäa! – Endlich sagte der Dragoman bei dem recht ansehnlichen Ort Errit-el-Enneb wo wir ein Weilchen rasteten, jetzt wären wir oben! Allein das Steigen hinauf, herab, hört nicht auf. Ich fing an ganz matt zu werden vor Erwartung und Ermüdung. Noch eine Berglehne ritten wir herauf, dann über ein schrecklich wüstes Steinfeld, das sich ein wenig hügelte. Der arme Pilger lief voran um zuerst die Nachricht zu verkünden, daß wir am Ziel wären. Wir waren es. Jerusalem lag vor uns. Hohe, feste Mauern, einige Kuppeln und Minarette, ein paar schwere unförmige Gebäude, dies ausgebreitet auf der öden Steinfläche, derselben Steinfärbung; einige Ölbäume karg verteilt in großen Entfernungen; nirgends Grün, nirgends Wasser; dürre Härte ringsum bis zu den Bergen: so zeigt sich Jerusalem. Mir wurde das Herz ganz schwer. Wir ritten weiter. Auf einem ebeneren Platz zur Seite des Weges, hielt der Pascha mit seinem Gefolge, und ließ einige Soldaten den Djerid reiten. Das Tor sah ganz festungsmäßig aus, gar nicht halbverfallen, wie sonst bei allen Städten des Orients, sondern auch streng und starr. Da mußten wir hindurch. Dann über einen wüsten Platz und durch einige schmale Gassen, und wir hielten vor dem Kloster von San Salvador – – – 23. An Gräfin Schönburg-Wechselburg Jerusalem, Sonnabend, November 4, 1843 Meine liebste Emy, die Via dolorosa , den Weg den Christus unter dem Kreuz vom Richthause bis Golgatha ging, gingen wir heute; aber in entgegengesetzter Richtung, an der Grabeskirche vorüber, durch das Gerichtstor und die Trümmer der alten Mauer, welche damals die Stadt begrenzte, an all den Leidensstationen vorüber, die so tausendmal nachgeahmt, ja nach Schritt und Zoll ausgemessen und durch Bildwerk verherrlicht, das katholische Europa kennt und so abwärts bis zum Stephanustor. Da fällt der eine Abhang des Morija steil hinunter zum Kidron, und auf der andern Seite erhebt sich der Ölberg, so daß er mehr durch eine Schlucht als durch ein Tal von der Stadt getrennt ist. Überall derselbe Charakter in der Landschaft: Ernst bis zur Strenge. Die Häuser, die Mauem, der Morija, das Bett des Kidron, der Ölberg, die Schutthügel, der Erdboden: alles ein und derselbe gelbbraune Stein; nicht ein Wassertropfen im Kidron, nicht ein Grashalm zwischen dem Steingeröll das den Boden weit und breit auf Höhen und Tiefen bedeckt; – nur zerstreute Ölbäume, deren silbergraues Laub in vollkommener Harmonie mit der Färbung der Landes ist, und nur Gräber: türkische am Abhang des Morija, jüdische an dem des Ölberges, aus alter und neuer Zeit, Grabhöhlen, Grabmale, Grabsteine. »Jerusalem, die du steinigst deine Propheten« – fiel mir ein. Der Prophet, die Ehebrecherin – immer war der grimmige Stein da um sie zu züchtigen, denn man hatte ihn unter der Hand. Eine Brücke führt über den Kidron und dann geht der Weg an einem Platz vorüber auf dem acht ururalte Ölbäume stehen und den man für den Garten Gethsemane hält. Ich habe immer eine besondre Vorliebe für diesen Garten von Gethsemane gehabt, weil Christus hier so ganz überwältigt von Trauer und von Schmerz zerdrückt ist, und sich doch wieder aufreißt. Ich sah mir die alten Ölbäume recht genau an, ob es wohl dieselben sein mögen die hier standen. Ihre mächtigen umfangreichen Stämme sind ganz hohl, und die Höhlungen mit Steinen gefüllt, damit sie dem Winde Widerstand leisten können. Ich habe den Baum gar gern; er opfert sich auch in seiner Art auf: er verzehrt sein Holz, sein Mark, behält nichts übrig als die Kruste der Rinde, um seine Früchte zu ernähren; zum Symbol der Mutterliebe könnte man ihn machen. Uralt wird er, – und sind denn überhaupt achtzehn Jahrhunderte ein so unermeßlicher Zeitraum? Hier kommen sie mir wie eine Geschichte unserer Tage vor; hier sind sie hingerollt und haben nichts Wesentliches verändert, nur ein paar andre Menschengesichter gebracht. Unangetastet ist rings umher die Natur geblieben. Das ist für mich die Hauptsache, und daher gestehe ich Ihnen ehrlich, daß die große Ausführlichkeit mit der man hier jeden Punkt durch irgend ein Wort oder eine Handlung Christi zu bezeichnen strebt, mich sehr ermüdet und wenig anspricht. Da soll er über Jerusalem geweint, dort gebetet, hier sollen die Jünger geschlafen haben. Das ist zu viel! Es kann zwar so gewesen sein, aber man muß doch auch die Gedanken ein wenig sich selbst überlassen, damit sie sich auf ihre eigne Hand besinnen und erinnern können. So steigt man denn zum Ölberg hinan, zu der Stelle wo die Himmelfahrt verehrt wird. Eine kleine nackte Kapelle umgibt sie, und ist ihrerseits von einer großen Mauer-Rotunde umgeben, verschlossen, von Türken bewacht. Früher hat hier die armenische Kirche der heiligen Pelagia gestanden; sie ist verfallen seitdem die Griechen die Armenier zu vertreiben gewußt haben. Eine kleine Moschee, auch sehr verfallen, steht daneben, hinterwärts einige klägliche Wohnungen. Wir bestiegen das Minarett, wo man eine majestätische Ansicht der Stadt und einen Rundblick über die ganze Gegend hat. Von hier ist der Blick auf Jerusalem so überraschend, sie liegt so königlich imposant da, daß ich wahrlich keine Stadt mit ihr zu vergleichen wüßte. Ich war doppelt erstaunt, weil wir vom Gebirge aus Westen kommend, sie zuerst von ihrer Flachseite gesehen hatten. Der Ölberg liegt aber grade entgegengesetzt im Osten, und hier zeigt sie sich auf dem Morija liegend, und hoch bekränzt mit Mauern und Toren schaut sie zum Kidron hinab. Die heilige Stadt! Heilig seit Jahrtausenden den verschiedensten Religionen und ihren Bekennern. Den Israeliten ist sie es als Stadt des alten Bundes, des Tempels Jehovas, als ihr verlornes, ewig beklagtes und geliebtes, dereinst wieder zu erwerbendes irdisches Eigentum, wo im Tal Josaphat die Auferstehung der Toten stattfinden soll. Den Mohammedanern ist sie es in solchem Grade, daß sie keinen andere Namen als el Kuhds, die Heilige, für sie haben, denn hier auf Morija, wo einst Salomos Tempel stand und jetzt die Sakhara-Moschee steht, fuhr Mohammed gen Himmel, hier wird er einst die Toten richten, und die gefürchtete Brücke el Sirat, der Prüfungsweg der Reinen und Unreinen, wird nicht breiter als ein Haar vom Morija zum Ölberg über die Schlucht des Kidron gespannt sein. Sie ist es den Christen – aber ach! Ungefähr so wie die Kleider Christi es den Kriegsknechten waren: sie möchten ein Stück davon haben. Das versichre ich Sie: ich freue mich herzinnig, daß keine der protestantischen Sekten hier auch nur den allergeringsten Einfluß hat, weil also von der Seite wenigstens kein Hader herzukommen kann, und noch mehr freue ich mich, daß der Türk hier Oberherr ist; denn wär' er es nicht, ich glaube es würde Mord und Totschlag, und ganz gewiß Verfolgung und Ausschließung geben. – Alles in der Nähe wie in der Ferne ist gleichmäßig gefärbt, hat wie mit Asche das Haupt bestreut. Nur im Osten, nach dem Tal des Jordan, zeigen sich über Einschnitten in den kahlen Bergen, aber eigentlich zu ihren Füßen, blaue Punkte und Flächen, glänzend als wären sie vom Himmel gefallen: das Tote Meer, und jenseits desselben ein lang gestreckter Höhenzug, ohne frappante Formationen, aber belebt durch den Reflex und die Atmosphäre des Wassers: das Gebirge Pisga. Da ruht das Auge sich aus; da ist doch wieder das belebende Element: Wasser. Es heißt zwar das Tote Meer, aber im Vergleich zu dieser Umgebung sieht es äußerst lebendig aus. Und wie Saphire oder wie schöne blaue Augen schillerten die Flecke, so daß ich meinte die kleinen Wellen sich kräuseln zu sehen. Doch soll es sechs Stunden in grader Linie von hier entfernt sein. Wir gingen weiter auf dem Rücken des Ölberges und kamen zu einigen Stellen, wo man das Tote Meer und die transjordanischen Berge noch freier und schöner – aber Jerusalem nicht mehr so vorteilhaft sieht, und dann am andern Abhang herunter, nach Bethanien. Auch dahin geht es, wie das zerfurchte Land nun einmal ist, durch Schluchten, an deren Wänden einige freundliche Pflanzungen von Mandel-, Feigen- und Aprikosenbäumen hängen. Das ist eine wahre Wonne! In Bethanien hört sie auf, obgleich das Dorf auch einige Gärten hat; – denn hier muß man wieder viel sehen, unter anderem il Castello di Lazaro , wie unser Führer ein Gemäuer auf einem Felsblock nannte. Können Sie sich aber Maria, Martha und ihren Bruder als Bewohner eines Schlosses vorstellen? Müssen sie nicht vielmehr ein kleines anspruchsloses Haus bewohnt haben, in welchem Martha sich viel Mühe gab den verehrten Meister nach Würden zu empfangen? Aber mit einem Stückchen weltlicher Pracht muß das Volk nun einmal seine Helden ausstaffieren. Gegen das Grab des Lazarus habe ich nichts, hier wo alles Grab ist. Aber ich bin überzeugt, daß das Volk sich allerlei Plätze die ungefähr passen könnten ausdenkt, und dahin den Fremden schleppt um einen Bakschisch zu erhalten. Es macht es ja überall so; hier ist es doppelt störend. So ließen denn auch die Müßiggänger nicht ab uns, oder vielmehr unsern Cicerone zu plagen die Stelle zu besuchen wo Christus den Esel bestieg auf dem er am Palmsonntag in Jerusalem einzog, und der Cicerone versicherte natürlich nach Art dieser Leute sie liege auf unserm Wege. Die halbe Bevölkerung Bethaniens, und was die Kinder betrifft die ganze, zog mit uns zu einer Stelle, die natürlich unserm Wege ganz entgegengesetzt und folglich ohne alle Wahrscheinlichkeit ist, daß sie es sein könnte; und dort schrie sie uns an um Bakschisch. Man weiß in der Tat nicht ob man dabei lachen oder sich ärgern soll. Um den Fuß des Ölberges gingen wir nach Jerusalem zurück. Eines der interessantesten Gebäude der Stadt präsentiert sich äußerst vorteilhaft vom Ölberg aus, nämlich die große Moschee Sakhara an die sich hinterwärts noch die kleinere Acksa schließt, und die beide auf Morija liegen über dem alten Tempel Salomons. Kein Christ darf sich ihr nahen, nicht einmal ihren äußeren Vorhof betreten. Würde er drinnen ertappt, so müßte er sterben oder den Islam annehmen. Die Mohammedaner legen der Sakhara ein so heiliges Gewicht bei, daß sie glauben jedes in ihr verrichtete Gebet werde erfüllt, und sie fürchten Christen und Juden möchten in ihr um den Besitz Jerusalems beten: daher diese wütende Eifersucht. Wir sahen die Sakhara in möglichstes Nähe, nämlich von einer Terrasse des Hauses, das der Pascha bewohnt, und das am äußeren Vorhof liegt. Sie sieht schöner aus als irgend eine Moschee, so recht wie ein edler und erhabener Tempel. Der äußere Vorhof ist nur ein freier etwas leerer Platz den Privathauser und Gebäude die zur Moschee gehören, als Schulen, Armenküchen, Bäder umschließen, und in den verschiedene Straßen auslaufen. Aber der innere Hof ist ein viereckiger mit weißem Marmor gepflasterter und um einige Stufen erhöhter Platz, zu dem Triumphbogen-Tore von zwei und von drei säulengetragenen Bogen emporführen. In der Mitte erhebt sich auf einem Unterbau der achteckige Tempel über den sich die glänzende Kuppel wölbt, die eine Spitze mit dem Halbmond trägt. Hohe Fenster scheinen von oben bis unten die Wände zu durchbrechen, und machen den Bau äußerst leicht und graziös, was ich bis jetzt noch bei keiner Moschee gefunden habe. Ein schimmerndes Grün, die heilige Farbe, welche des Propheten Fahne trug, ist leicht darüber gehaucht. Minarette hat sie nicht und braucht sie nicht. Diese müssen bei den anderen Moscheen sozusagen das ersetzen, was jenen an Feinheit abgeht, wie bei uns, aber schöner, der Turm auf dem schweren Körper der Kirche, den schwebenden und strebenden Gedanken vertritt; aber die ganze Sakhara ist dermaßen aus der Erde heraus gehoben und so frei und licht über sie gestellt, daß sie keines Minarettes bedarf. In der Nähe, von jener Terrasse, und in der Ferne vom Ölberg, immer bleibt sie zugleich lieblich und edel anzuschauen und mit keinem anderen Gebäude das ich je gesehen zu vergleichen. 24. An meine Schwester Jerusalem, Sonnabend, November 11, 1843 Mein liebes Louischen, wenn man nicht in einer ununterbrochen fortgesetzten Korrespondenz ist, so wartet man immer auf irgend einen interessanten oder wichtigen Moment um den extraordinären Brief zu motivieren. Mir geht es wenigstens so! Ich wollte Dir schon lange schreiben; aber ich dachte ich müßte etwas recht Hübsches abwarten, und das ist jetzt gewiß gefunden, und etwas Außerordentliches dazu, denn ich war am Toten Meer, das durch seine Entstehung und seine Lage unter dem Niveau des Mittelländischen eine der größten Naturmerkwürdigkeiten ist; ferner am Jordan und in Bethlehem; – und dies alles unter der Eskorte Scheikh Abdallahs mit dreißig Beduinen vom Stamm Taamirah. Ich hoffe Du findest dies einigermaßen extraordinär! Ich fand es so und habe mich daher in diesen drei letzten Tagen so gut unterhalten, wie lange nicht. Ehe ich nun unsern Reisezug beschreibe muß ich eine kleine Einleitung vorausschicken – der Beduinen wegen. Im Ghor, so heißt das breite Tal des Jordan, und um das Tote Meer herum bewegen sich verschiedene ihrer Stämme nomadisch, und würden einander auch gar nicht zu beeinträchtigen brauchen, weil Viehweide hinlänglich vorhanden ist, wenn nicht die alten Stammfeindschaften wären, welche momentan ausgesöhnt, eine Zeitlang durch Gewalt von seiten der Regierung unterdrückt, aber ausgerottet nur dann werden können, wenn eine neue Zivilisation an die Stelle der uralten Verhältnisse tritt. Nun hat es sich einmal ereignet, daß Beduinen vom Stamm der Taamirah denen vom Stamm Beni Sachr ein Pferd gestohlen haben. Ein Pferd ist das halbe Leben des Beduinen! Aber doch nur das halbe , und die Beni Sachr haben sich gerächt indem sie einen Taamirah gefangen und lebendig begraben haben – was gänzlich dem beduinischen Recht zuwider läuft, denn da heißt es »Aug um Auge! Zahn um Zahn!«. Seit diesem Ereignis das Gott weiß in welcher grauen Vorzeit statt gefunden, hat tödliche Feindschaft zwischen beiden Stämmen geherrscht. Wenn zwei Taamirah beisammen sind erzählen sie sich die Geschichte von ihrem lebendig begrabenen Mann, und die Beni Sachr die vom gestohlnen Pferde. Wo Ideen gar nicht und Ereignisse selten wechseln, hält man umso fester an den alten. Schon öfter hat man versucht mit Gewalt die Beduinen zu disziplinieren, daß sie ihre Raub- und Fehdezüge aufgeben müßten, aber ohne Erfolg! Sie flohen in die tiefe Wüste, wohin niemand sie verfolgen konnte, weil niemand sich darin zurecht findet und so die Wasserquellen kennt als sie. Mehr Gewalt scheint die Güte über sie zu haben, indem man den Scheikhs Vorteile eines ruhigen Lebens begreiflich macht, welche sich dann wiederum der Fraktion des Stammes, deren Oberhaupt sie sind, begreiflich machen müssen. Diese Vorteile bestehen im Gelderwerb. Geld will sogar der Beduine besitzen; – aber so wie der Rabe in jener Fabel: »Ich nehm' es nur damit ich's habe.« Brauchen will er es nicht; er kann es sogar nicht. Er kleidet sich nicht anders, wohnt und ißt nicht anders, braucht nicht seine Söhne zu erziehen, seine Töchter zu versorgen. Nötig hat er es gar nicht; vielleicht erscheint es ihm grade deshalb als ein begehrenswerter, lieblicher Luxus – etwa wie wir uns einen persischen Shawl wünschen würden, während doch ein französischer dieselben Dienste leistet; oder vielleicht ist Geld nun einmal seine »fantasia« . Ungewöhnlichkeiten, Launen, Einfälle, nennt der Araber »fantasia« , und wenn er sie auch nicht begreifen oder erklären kann, so läßt er sie doch unter dieser Bezeichnung hingehen. Die Beduinen haben nun einmal die fantasia für's Geld, und die Taamirah haben schnell begriffen, daß die Eskortierung der Fremden und Reisenden zum Toten Meer ihnen dazu helfen könnte. Wegen der wilden transjordanischen Stämme sind jene Gegenden immer ein wenig unsicher, und so nimmt man sehr gern ihre Begleitung an. Nun hat sie aber die Leidenschaft verlockt den alten Haß gegen die Beni Sachr aufflammen zu lassen und ihnen ein paar Kamele wegzunehmen. Sie sagen ein paar; die Beni Sachr sagen über hundert; das Feuer der Zwietracht brennt lichterloh – denn jetzt kommt wieder eine Eigentümlichkeit des beduinischen Rechtes zum Vorschein: was geraubt ward muß zurück geraubt werden; eine friedliche Zurückstellung oder Ersatz wird nicht als genügend betrachtet: sonst hätten die Taamirah längst mit tausend Freuden die unglücklichen Kamele zurückgegeben, die ihnen nichts als Verdruß und Sorge machen; allein die Beni Sachr verschmähen das; sie wollen und müssen sie bei einer passenden Gelegenheit rauben. Bis das geschehen ist sind die Stämme in Feindschaft, und fallen sich an, wenn sie sich begegnen, und der Pascha von Jerusalem hat den Scheikh der Taamirah, den Vertreter seines Stammes, gleichsam in den Bann getan, so daß er sich nicht in der Stadt offiziell sehen lassen darf – was ihm sehr schmerzlich ist, indem er dadurch außer Verbindung mit den Reisenden gebracht wird. Den preußischen Konsul besucht er zuweilen heimlich und dieser, der sich für ihn interessiert und ihn zugleich für unsern sichersten Geleitsmann hielt, negoziierte die Eskorte-Verhandlung. Für fünfhundert türkische Piaster und unbestimmten Bakschisch von der einen, und für eine genugsam starke Bedeckung auf drei Tage von der andern Seite, wurde das Übereinkommen getroffen. Mittwoch am achten, um acht Uhr früh ritten wir von der Casa nova fort. Da Scheikh Abdallah nicht in die Stadt kommen darf, so ritt der Konsul mit uns heraus um uns ihm zu übergeben und im Notfall zu reklamieren. Ich jubelte innerlich vor Vergnügen über dies amüsante Land, wo man noch verloren gehen und wieder reklamiert werden kann. Wir ritten aus dem Stephans-Tor, über den Kidron, am Grab der Maria links, und rechts an Gethsemane vorüber, dann um den Fuß des Ölberges herum gen Bethanien. Als wir auf diesen freieren Weg kamen, gewahrten uns die Beduinen, welche in dem ihnen befreundeten Dorf Silvah die Nacht zugebracht hatten, und liefen herbei. Scheikh Abdallah zu Pferd war der erste, und jenseits Bethanien erst hatten sie sich alle zusammen gefunden, dreißig junge, baumstarke, zum Teil schöne Männer, groß und schlank, in weißen mit einem Ledergürtel gegürteten Hemden, den weiß und braun gestreiften Mantel locker umgehangen, das gelbe Keffijeh mit dem Hanfstrick um den Kopf, hier flatternd, da zum Turban gewunden, eine schlechte Flinte über der Achsel. Scheikh Abdallah genau gekleidet wie die übrigen, ritt auf einem kleinen schlechten Grauschimmel; er selbst mit einem feinen kummervollen Gesicht, mit sanfter Stimme und ruhigen Manieren zeichnete sich auffallend vor seinen Genossen aus, und zwar durch keine der Eigenschaften, welche man bei einem Häuptling von wilden Horden erwartet. Er war klein, sah nicht kräftig und imponierend aus, und hatte in seinem Benehmen viel mehr von dem gehaltenen Wesen eines gebildeten Mannes, als von der tumultuarischen Lustigkeit und eisernen Stärke seiner Gefährten. Er macht sich wirklich Sorge um den Zwist mit den Beni Sachr und um die Möglichkeit einer Ausgleichung mit ihnen, oder einer Amnestie von seiten des Pascha, während jene es wohl nicht sehr zu Herzen nehmen. Sie lachten, plauderten, schrien, lärmten, so recht wie lustige Burschen, und gingen und liefen prächtig um uns herum. Kein Deutscher, das ist ganz gewiß, tanzt so gut wie diese Beduinen laufen. Er hat nicht auf Parkett und in der elegantesten Chaussüre die leichte, freie gewandte Haltung, die jeder Bewegung Meister ist und die den Körper zugleich biegsam wie eine Gerte, und stark wie von Erz erscheinen läßt. Man stellt den Merkur mit Flügeln an den Fersen dar; an ihn erinnerten mich die Beduinen, obgleich ihre fürchterlich plumpen Schuhe in denen die nackten Füße schlotterten, nichts von Flügeln hatten. Einige gingen auch ohne Schuhe, über Kieselgerölle, bergauf bergab, das Gewehr über der Achsel, neun Stunden, immer mit demselben leichten, langen, gleitenden Schritt. Es ist mir außerordentlich angenehm von Menschen umgeben zu sein bei denen das Geschöpf Gottes mir gefällt, seit Spanien habe ich dies Vergnügen nicht gehabt. Ich nenne so den rohen Menschen – ich meine roh, wie man sagt rohe Seide, nicht präpariert – von dem bei uns, die wir die glänzenden und verkümmerten Opfer unsrer Bildung, unsrer Kultur sind, nichts übrig bleibt. Wir sind liebenswürdig, geistreich, charmant, fein und tief, aber Geschöpfe Gottes sind wir im Grunde gar nicht mehr! Und ich gebe Dir mein Wort darauf, daß ich all meinen Geist drum gäbe, wenn ich's sein könnte. Es war recht gut, daß ich mich an den Menschen ergötzte, denn die Natur ist hier zu dürr um Unterhaltung zu gewähren. Die Formen der Berge, ihre oberen Linien wie ihre Schluchten, Abhänge und Spalten, der Boden, die Vegetation, sind nicht anders zu bezeichnen als durch jenes Wort. Ich mache die ganze syrische Reise zu einer Jahreszeit, welche für den Reisenden die allergünstigste ist: nämlich zwischen der heißen und der Regenzeit, aber der Vegetation ist sie ungünstig, die Fruchtbarkeit des Bodens kann man nicht nach seinen Produkten beurteilen, denn alle Ernten sind gemacht, das Erdreich liegt brach, Viehweide ist das einzige was man jetzt findet, alle schönen Pflanzen sind verdorrt, abgeblüht, die Blätter bestaubt; all die schönen Zwiebelgewächse, Tulpen, Hyazinthen, Lilienarten, die im Frühling das Land so lieblich machen, sind tot. Bei einem Brunnen kamen wir denn doch vorüber, und mit freudiger Wut fielen die Beduinen über sein Wasser her. Dann auf einmal entstand eine tumultuarische Bewegung unter ihnen, und es hieß der Vortrab habe Räuber entdeckt; – aber wo? – in einer Felsenschlucht, die sich senkrecht und wenigstens hundert Fuß tief neben unserem Wege fortriß. Da waren sie, für uns wenigstens, nicht gefahrdrohend. Genau so wie aus dem Tal des Kison nach Nazareth, und wie von Ramla nach Jerusalem lief hier der Weg über zahlreiche Hügelrücken und am Rande der Schluchten, welche sie von einander trennen, dahin. Als wir auf den letzten Bergabsatz kamen, fiel der Abhang steil und zackig tief herunter, und das Ghor breitete sich vor uns aus: eine weite Ebene, nach Norden zwischen Berge sich verlaufend, und im Osten von dem transjordanischen Gebirg begrenzt, das in der Bibel Pisga heißt. Im Süden liegt das Tote Meer, von dem wir einzelne schimmernde Punkte gewahren konnten, wir kamen aus Westen. Der Jordan war nicht zu sehen, aber ein grünlicher Streif, sein bebuschtes Ufer, zeigte seinen Lauf. Von Jericho, das einst in dieser Ebene gelegen hat, ist keine bestimmte Spur vorhanden, obgleich König Herodes der Große die Stadt besonders liebte und mit prächtigen Gebäuden im römischen Sinn und Geschmack ausstattete. Tamarisken und Nabbek, mehr in Büschen als Bäumen, Weiden und Pappeln, und bei dem Dorf Richa einige Feigenbäume und Granatsträuche – andres habe ich nicht gesehen. Ob nun dieses Dorf ein Überbleibsel von Jericho ist, ob es die Ruinen sind, die man am Fuß der Berge sieht, mögen Klügere erforschen! Ich, liebes Louischen, dachte um so weniger daran, als wir uns plötzlich in einem Beduinenlager befanden. Ein allerliebster Bach mit umbuschten Ufern schlängelt sich diesseits Richa; ausgetrocknete Bette von Winterbächen haben sich kleine Wälle aufgewühlt: so kommt es, daß man nicht weit um sich sehen kann, wenn man einmal in der Ebene ist, und daß ich wirklich überrascht sein konnte. Bei einem alten verfallnen Wartturm, den man ehrfurchtsvoll ein Kastell nennt, weil einige albanesische Soldaten darin campieren, schlugen wir unser Zelt auf, nachdem Scheikh Abdallah erkundet, daß dies seinem Stamm befreundete Beduinen waren. In Gruppen lagen ihre Zelte beisammen, immer sechs bis zehn ungefähr, und wohl eine Stunde weit in der Ebene verstreut; uns auf zwanzig Schritt gegenüber, dann auf der andern Seite des Kastells, und so fort. Wir stiegen auf dessen plattes Dach, und sahen von oben in das wimmelnde Treiben hinein. Die Beduinenzelte sind nicht was wir zeltförmig nennen, sondern die Stangen und Stricke sind so aufgerichtet und gespannt, daß sie längliche Vierecke bilden. Diese werden mit einem schwarzbraunen filzähnlichen Haartuch so bedeckt, daß die eine lange Seite ganz geöffnet bleibt; dann scheidet eine Mittelwand von demselben Stoff sie in zwei gleiche Teile: der eine ist gleichsam der Salon, da liegen Matten und einige Polster, welche nachts als Lagerstätte dienen, und der andre ist den häuslichen Geschäften gewidmet und daher meistens von den Frauen bewohnt. Ein Zelt ist und bleibt aber immer ein enger Raum, und so quellen und drängen dessen Bewohner mit ihren Geschäften oder ihrer Geschäftslosigkeit ins Freie hinaus, umsomehr als die Form der Zelte mit der einen langen offenen Seite ohnehin ein abgeschiedenes Treiben unmöglich macht. Es war ein wunderschöner Nachmittag, so recht von der Sonne vergoldet, wie es zu sein pflegt, wenn es am Morgen aus zerrissenen Wolken etwas geregnet hat. Das Klima ist in Ghor ganz anders südlich wie in Jerusalem, und zwar so, als ob es nicht sechs Stunden, sondern sechs Grad entfernt wäre – habe ich gelesen – und allerdings! fanden wir uns auch aus der Luft des Frühherbstes in den Sommer versetzt. Das und die warme Beleuchtung waren dem bunten Bilde ebenso vorteilhaft als entsprechend. Es war wirklich ein Stückchen paradiesischen Lebens: Menschen in den einfachsten befriedigendsten Verhältnissen, deren Wünsche und Bedürfnisse vollkommen der Sphäre entsprechen, welche sie ausfüllen sollen, dabei so glücklich begabt, daß sie in derselben mehr Genuß als Leid haben, und frei in einer Weise, welche unsere europäischen Freiheitstheoretiker in Grund und Boden donnern und zu ewigem Schweigen bringen werde, wenn ein solcher nicht eben die Freiheit in Verwirklichung seiner Theorie oder Erreichung persönlicher Vorteile setzte. In Kammern, in freier Presse, d. h. in Reden und in Büchern soll sie wohnen; ach, guter Himmel! Sie wohnt unter dem Zelt des Beduinen in der Tat und in Wahrheit. Um frei zu sein muß sich jeder einzelne im vollen Gefühl seiner persönlichen Unumschränktheit bewegen. Zur Freiheit gehört Vereinzelung. Beides genießt der Beduine: er fühlt sich als König in seinem Zelt; aber er und sein Zelt sind dermaßen in sich abgeschlossen, daß er nicht den Ring einer Kette, sondern einen isolierten Punkt bildet, der in sich selbst Anfang, Ergänzung und Ende hat. Der Beduine ist der individuellste Mensch, der sich als solcher fühlt und bereit ist sich zu vertreten und überall durchzubringen. Davon hat der Europäer gar keinen Begriff. Zuerst gehört er dem Staat, dann seinem Stande, dann seinem Amt; darauf schlagen ihn die Freunde, die Coterie in Bande; endlich legen Erziehung, Mode, Bildung Hand auf ihn, und dies alles muß er in seinem Leben, Handeln, Denken, Tun betätigen und zusammenkneten: dann ist er ein guter Staatsbürger. Das ist gewiß etwas sehr Respektables, aber zugleich etwas, das keine Individualität vertritt, in der Vereinzelung untergehen würde, und folglich durchaus unfähig für die Freiheit ist. Der Beduine hingegen ist unfähig ein Staatsbürger zu sein. Ach, die Beduinen! Friede über ihre Zelte, und Gott erhalte sie immer so wild und frei! Denn wild sind sie natürlich, liebe Louise, und gebildet gar nicht. Eine Zeitung haben sie nie in Händen gehabt, nie eine Oper gehört, nie eine Kunstausstellung gesehen; von meinem »Cecil« wissen sie nichts, die Armen! Ihre Kleidung ist ein Hemd und ein Mantel, nackt laufen die Kinder herum – ohne ein bißchen Wildheit gehts in der Freiheit nicht zu. Mäßig sind sie in höchstem Grade; nur bei großen Gelegenheiten, bei einer Hochzeit, oder bei dem Besuch eines Gastes den sie hoch ehren wollen, wird ein Lamm geschlachtet. Das macht sie kerngesund bis ins tiefste Alter, und trägt zu der großen Sittenreinheit bei. Ein gefallnes Mädchen kommt nie vor, obgleich die Heiraten in frühster, kaum entwickelter Jugend nicht gebräuchlich sind. Die Ehe ist ernst und streng; der Mann ist der Herr, Weib und Kind gehorcht und bedient, aber nicht widerwillig und gedrückt einem launenhaften Gemahl und Vater, sondern dem Oberhaupt der Familie. Ein Harem kann unter dem Zelt natürlich nicht existieren, die Weiber leben unter sich und ziemlich abgesondert von den Männern, weil sie die häuslichen Geschäfte zu besorgen und die Männer sie nicht zum Zeitvertreib nötig haben. Die Kinder machen den Weibern wenig Mühe; sie werden leicht und schnell geboren, und die unendliche Verdrießlichkeit und Weitläufigkeit von dem was man bei uns ein Wochenbett nennt, kennen sie nicht. Es ist höchstens ein Tagebett! Ehe das Kind laufen kann tragen sie es meistens mit sich herum, es geniert sie gar nicht! Sie tragen Wasser, sie tragen Holz, sie mahlen Mehl: der Wurm hängt ihnen immer an der Brust in ihren Schleier gewickelt, muß sich früh üben sich anzuklammern und versucht bei sechs Monaten zu laufen. Indessen hat er doch eine Wiege. irgend ein Tierfell, das zwischen Stangen an Stricken hängt. Wenn er kriechen kann, belästigt er niemand mehr. Vor den Zelten trieben sich die Kinder zu Dutzenden herum, grundhäßlich und grundschmutzig. Neben und in den Zelten saßen die Weiber, vermutlich die Nachbarinnen beisammen, sie mahlten zwischen zwei Steinen den Weizen, sie lasen Reis aus, sie kneteten Brotteig, nämlich Mehl und Wasser, breiteten dann den Teig zu runden, flachen, tellergroßen Stücken aus, und dörrten ihn zwischen heißer Asche; – auf einer Eisenplatte ist schon Luxus. Einige saßen ruhig da und rauchten. Andere kamen und gingen, schöpften Wasser, sahen nach den jungen Ziegen und Lämmern, die in kleinen Gehegen von dornigen Zweigen eingesperrt waren. Sie sollen auch selbst die Stoffe zu ihren Zeltdecken weben; aber das habe ich nicht gesehen. Ihre Kleidung besteht aus einem langen, schleppenden Hemde von dunkelblauem baumwollenen Zeuge über weißen weiten Pantalons, und in einem dunkelblauen Schleier, der aber Gesicht, Busen und Arme ganz frei läßt. Letztere sind blau tätowiert und mit vielen bunten Glasringen geschmückt; auch mit silbernen oder bleiernen, worin hie und da ein kleines buntes Glasstück sitzt. Der sehr unschöne Busen wird zum Glück fast ganz verdeckt durch die Unzahl von Ketten, roten Perlenschnüren, großen Silbermünzen, die an Schnüren gereiht werden. Die Gestalt ist grade, fest; kräftig sind Schritt und Bewegung, stark die Gesichtszüge, lebhaft und groß die Augen. Verkümmerte Weiber sieht man ebensowenig als verkrüppelte Männer. Ihr Alter ist nicht elend, einsam und traurig. »Graues Haar ist eine Krone der Ehren« bei dem Beduinen! Der Greis wird von den jüngeren Mitgliedern seiner Familie, von den heranwachsenden Knaben bedient, wie die Greisin von den Mädchen. Der Dienst ist leicht bei der Geringfügigkeit ihrer Bedürfnisse, etwa eine Pfeife anzuzünden, eine Matte hinzubreiten, eine Speise zuzutragen. Von der Geburt bis zum Grabe ist das Leben nie eine Last, nie ein Kampf, und ist es auch mit kleinen Mühen und Sorgen verwebt, so kennt es doch durchaus keine Qualen: keine Unruh für die Zukunft, kein Mißvergnügen mit der Gegenwart, keine Reue über die Vergangenheit, kein Grübeln ins Nichts, kein Fliegen durchs All. Eine gelassene Zufriedenheit ist der volle, kühle Bach, der von einer Generation zur andern ein gesundes, frisches, tüchtiges Leben ausströmt. Daher ist auch jede Generation frisch, als sei sie eben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, nicht welk, nicht grau, nicht matt wie bei uns, wo man nur noch selten ein Kind mit dicken roten Backen, und desto häufiger junge Mädchen mit Nervenzufällen findet. Einfachheit der Gewohnheiten, Mäßigkeit der Genüsse und Sittenreinheit gibt gesundes und frisches Blut, diese drei Dinge sind in Europa Undinge: daher taugt auch das Blut nichts. Ein viertes kommt dazu: freie Luft. Tag und Nacht, Winter und Sommer, Regen und Hitze, gleichviel! Immer ist der Beduine der Einwirkung der frischen Luft ausgesetzt, und sie gibt ihm nicht bloß Gesundheit, sondern Freiheitsgefühl. Wer es mit den Elementen aufnimmt, kann's auch mit ein paar Menschen aufnehmen. Wer in der Wüste die Lehrjahre der Unabhängigkeit durchgemacht hat, der weiß daß er sich auf sich selbst verlassen kann, und sieht sich nicht nach andrer Beihilfe um. In Europa gibts keine freie Luft weder physisch noch geistig – und darum keine Freiheit. Wir leben in einer künstlichen Atmosphäre, und sie drückt die Brust so zusammen, macht die Nerven so schwach, die Sinne so matt und überangestrengt, daß ein solcher Körper ganz von selbst auf die Freiheit verzichten muß, der er nicht gewachsen ist. Europa ist ein Treibhaus, das sehr interessante und verschiedene Pflanzen künstlich erzeugt, und die Produkte von Geist, Erfindungskraft, Forschung, Studium, Organisationstalent, meisterhafter Berechnung des Zusammenwirkens der Kräfte, und noch tausenderlei mehr aufzuweisen hat; folglich geht von selbst daraus hervor, daß es den schlichten Boden nicht hat, auf dem die eine starke Pflanze der Freiheit gedeiht – und nur sie. Ich saß lange auf der niedrigen Brustwehr des kleinen Turmes, auf dessen Plattform die Soldaten ihr Brot kneteten und ihren Mais trockneten. Ich sah mir wohl die Berge an, und hinüber nach dem Jordan und dem Toten Meer; aber nur so, wie man die Staffage eines historischen Gemäldes betrachtet. Hier war ein solches, die Historie des frühesten Zustandes unseres Geschlechts, und nicht auf Leinwand gemalt, nicht auf Papier beschrieben, sondern lebendig. Liebste Louise! Die Reise im Morgenland ist keine eigentliche Vergnügungsreise – wie ich das schon voraussetzte, bevor ich sie antrat – dazu mag sie zu viel fremdartige Momente haben und zu wenig dasjenige bieten, was uns anmutig schmeichelt: Kunst und Schönheit. Aber an starken mächtigen Eindrücken ist sie reicher als irgend eine, und wenn man diese nicht durch das Wort Vergnügen bezeichnet, so rührt das daher, weil es nicht tief genug ist. Die Weiber plauderten und trieben ihre Geschäfte, die Kinder jauchzten und spielten, die Herden weideten behaglich, die Männer saßen beisammen und sprachen von den Geschichten und Angelegenheiten ihres Stammes, und einzelne kamen langsam aus verschiedenen Gegenden heimgeritten, als hätten sie Wache gehalten, oder Erkundigungen eingezogen, oder Sicherheitsmaßregeln getroffen; – es war alles so unbeschreiblich in der Ordnung, so ganz wie es sein mußte, jedes auf seiner passenden Stelle und begnügt mit ihr, daß ich dachte, wenn der liebe Gott vom Himmel herab und hieher sähe, müßte er bei diesem Stückchen seiner Schöpfung finden, daß sie gut sei. Hernach gingen wir zwischen den Zelten herum, und in einige hinein um die Weiber arbeiten zu sehen. Wir trafen Scheikh Abdallah, der mit dem Scheikh dieses Lagers eine Pfeife rauchte. Ich sagte dem letzteren – versteht sich immer durch den Dragoman – ich wollte seine Frau besuchen. Er führte uns zu seinem Zelt das sich durch nichts auszeichnete, nur daß eine recht hübsche Frau mit einer Alten davor saß, und ebenso behaglich rauchte wie ihr Mann. Diese Frau ist die hübscheste Araberin, die ich bis jetzt gesehen habe – durchaus keine Schönheit, aber nicht ohne wilde Anmut in Blick und Lächeln, während bei der Mehrzahl der Ausdruck ihrer animalischen Bestimmung etwas zu sehr vorherrscht. »Mir haba!« hatten sie mir als Gruß aus ihren Zelten zugerufen. »Mir haba!« sagte auch diese und winkte nur freundlich mit der Hand nach orientalischer Weise grade umgekehrt wie wir zu winken pflegen. Zu reden ist natürlich wenig mit ihnen, denn die Übersetzung stört zu sehr! Aber ich unterhielt mich ihre Kleidung, ihre Gerätschaften, die Einteilung des Zeltes, und die Weise zu betrachten in der sie untereinander sprachen und sich bewegten. Später, nachdem ich zu meinem Zelt zurückgekehrt war, machte sie mir eine Art von Gegenbesuch mit einem tumultuarischen Gefolge von Weibern und Kindern. Einer von unseren Beduinen hielt Wache neben mir um im Notfall die gar zu große Neugier zu bändigen, und die Kinder wurden auch wirklich fortgejagt. Der Abend brachte Ruhe. Alles ging zu seinem Zelt. Vor den meisten entzündete sich ein Reisigfeuer. Noch eine Zeitlang währte das unbestimmte Geräusch das immer abends herrscht bevor die Nacht eintritt: die tiefen Männer- und die hellen Kinderstimmen, das Geblök der Herden, das Stampfen der Pferde, ein einzelner Ruf an einen Verspäteten, ein paar Töne Gesang eines Heimkehrenden; – dann ward es still. Die Hunde schlugen an und die Grillen zirpten. Bei unserem Zelt war noch lange große Munterkeit. Wir hatten an Scheikh Abdallah für ihn und seine Truppe ungefähr einen Taler geschenkt. Der dritte Teil desselben wurde für Gerste verwendet für sein Pferd und für das eines seiner Freunde, der sich bei Richa zu uns gefunden hatte. Mit dem übrigen schwelgten diese zweiunddreißig Menschen in Milch und Brot bei einigen großen Reisigfeuern, und erst spät verstummte ihre Unterhaltung. – Da ich eigentlich ohne irgend einen positiven Nutzen zu haben und zu gewähren die Reise mache, so freut es mich wahrhaft dennoch ein Körnchen gefunden zu haben zu Nutz und Frommen der Wissenschaft, und ich schenke es den rationalistischen Erklärern der Bibel: die Speisung der Fünftausend, welche Christus mit einigen Broten und Fischen unternahm, ist bei diesem Volk weder ein Wunder noch eine Unmöglichkeit, sondern wirklich ganz natürlich. Am andern Morgen brachen wir schrecklich früh auf, höchst überflüssiger Weise! Aber der Dragoman und der Scheikh behaupteten es sei eine sehr starke Tagesreise. Graue Nacht lag über Himmel und Erde gebreitet und eine feuchte Schwüle dazu als wir noch vor vier Uhr fortritten. Einzelne Feuer glimmten schon auf den Gezelten; doch im ganzen blieb es noch ruhig. Ja, als wir wohl eine Stunde später durch eine zweite Abteilung des Lagers, gleichsam durch ein zweites Zeltdorf zogen, war es auch da noch ganz still, wahrscheinlich weil es regnete. Nur die Hunde umkreisten uns mit wütendem Gebell. Scheikh Abdallah schickte ein paar von seinen Gefährten in die Zelte um seinen Durchgang anzusagen, und so rührte sich niemand. Es regnete fein und die Schwüle war wie bei uns im heißesten Sommer vor einem schweren Gewitter, recht unbehaglich in der Finsternis. Wir kamen auch nur langsam vorwärts, wieder wie gestern durch niedriges Gestrüpp, durch trockne Bachbette, über kleine Erdwälle. Nach zwei Stunden hielten wir an einem solchen, rechts und links zogen sich Bäume und Gebüsche hin, und nur grade vor uns war ein Platz frei, wo man bis ans Wasser gehen konnte, und da floß der Jordan murmelnd wie ein lebhafter Bach zu unseren Füßen. Diese Stelle heißt das Pilgerbad, und alljährlich nach dem Osterfest kommen Tausende der orientalischen Christen hieher gewallfahrtet und baden und waschen sich im Jordan. Ich stieg vom Pferde, und ging das hohe Ufer hinab zu einer Tamariske, die mich gegen den Regen schützte. Er wurde auch schwächer und schwächer und hörte ganz auf als der Tag anbrach, so daß er mich gar nicht gestört hat. Der Jordan machte mir einen freundlichen, heimlichen Eindruck. Ich hatte ihn mir viel größer und breiter vorgestellt. Weil der gewaltige Täufer da predigte, und Scharen Volkes da zusammenströmten um sich von ihm taufen zu lassen, hatte ich mir die Natur im Einklang damit gedacht; allein es sind eben nur die großen und heiligen Gestalten des Täufers und Jesu über die sich der Himmel beständig wie ein Tempel wölbt, welche dazu veranlassen. Es ist ein kleiner, stiller, heimlicher Platz, sanft beschattet wie von dem klingenden Fittich der Taube. Als der Morgenwind vor der Sonne herfuhr, rauschte er in den Zweigen der Silberpappeln, Weiden und Tamarisken und sie schüttelten sich schaudernd die Regentropfen ab. Ich ließ zwei Flaschen mit Jordanwasser füllen, die ich durchaus heim bringen will – obgleich ich eigentlich nicht weiß weshalb. Aber unser Dragoman hatte im Auftrag eines französischen Schiffkapitäns, der in der Casa nova ist und den Zug zum Jordan nicht machen wollte, ein Pferd mit zwei Schläuchen mitgenommen, welche er füllen und dem Kapitän bringen mußte, weil dieser das Jordanwasser nach Frankreich bringen und es da vorteilhaft verkaufen will. Das will ich nun keineswegs! Doch hat es mich auf den Gedanken gebracht, daß auch in Deutschland irgend wer von meinen Freunden an Jordanwasser Vergnügen finden könnte. Dann wusch ich mir die Hände im Fluß, und da keine Palmen da waren pflückte ich ein paar schöne lange Tamariskenzweige, die wie grelle Marabu-Büschel aussehen, und steckte sie auf den Hut. Nach einer halben Stunde ritten wir weiter, dem Toten Meer zu, und mußten den Jordan verlassen, weil sein Ufer dicht bewachsen ist. Jenseits steigen erst Hügel, dann Berge empor; es ist der Höhenzug welcher den östlichen Beckenrand des Toten Meeres bildet. Habe ich je eine Gegend in der Beleuchtung gesehen, welche der Idee entspricht die man sich von ihr macht, so war es vorgestern früh das Tote Meer unter Gewitterwolken. Bleifarben war der Himmel von einzelnen hellen Streiflichtern durchschossen. Zuweilen entlud sich eine Wolke: dann hing ein langer Regenstreif wie ein hellgrauer Flor vom Himmel ins Wasser hinunter oder an der Bergwand hinab. Der See war gallenfarbig mit großen breiten Wellen, deren grünlich braune Masse von weißem Schaum bekränzt und aus der Tiefe aufgewühlt wurde. Ein starker schwerer Wind ging darüber, und mit großem Schlag fielen die Wellen am Ufer hin, wie am Meerstrande. Die Luft über dem See war so schwül, daß wenn ich mich nach der Ebene zurückwendete sie mich von dort ganz kalt anwehte; auch sein Wasser war außerordentlich warm und roch etwas, – nach Schwefel darf ich nicht sagen, wenn ich der Wahrheit treu bleiben will – aber ungefähr wie Dampf über einem mineralischen Quell. Wir fanden ein kopfgroßes Stück Bimsstein , der ein vulkanisches Produkt ist, und mehrere Fragmente von Erdpech, welches nach Erdbeben in großen Massen auf der Oberfläche des Sees erscheinen soll. Jetzt lag es aber im Ufersande, und wurde dem Pferde mit den Wasserschläuchen aufgepackt. Auch Salz lag wie dünner Schnee in ein paar handgroßen Vertiefungen. Der nächtliche Regen hatte das ganze Ufer in Lehm verwandelt, worin ich bei jedem Schritt versank und mir lebhaft vorstellen konnte, wie man Vögel an Leimruten fängt. Dann wieder zu Pferd zogen wir noch eine Strecke durch die Ebene fort, und fingen darauf an in die Berge hinein zu steigen, welche das westliche Ufer des Toten Meeres begrenzen, und mitunter glatt wie eine Wand ins Wasser sinken. Da sahen wir auch den Berg, den die Araber Nebbi Musa nennen, und wohin ihre Tradition das Grab Moses verlegt über welches eine Moschee gebaut ist. Wegen des schönen schwarzen Steines der in diesem Berge gebrochen wird aus dem man allerlei Sächelchen arbeitet, Schalen, Papierpresser, ist er interessant. Allmählich hörten die Wolken auf chaotisch unruhig hin und her zu ziehen; sie ballten sich fest und dicht, und ergossen sich in Regen. Immer wenn ein neuer Guß heraufzog liefen die Beduinen voraus und suchten Schutz in den zahlreichen Höhlen, womit die Felsen durchbohrt sind. Trat eine Pause ein, liefen sie uns wieder im Galopp nach, und der Freund von Scheikh Abdallah, der einen hübschen Rotschimmel ritt und mit einer Lanze bewaffnet war, ließ es sich angelegen sein uns den Djerid vorzureiten insoferne er von einem Reiter auszuführen ist. Nach jeder Evolution sprengte er zu mir heran, grüßte mich mit der allerverbindlichsten Koketterie um es unzweifelhaft zu machen, daß er mich zu unterhalten wünsche. Da mein Pferd aber jedesmal einen schreckenvollen Seitensprung machte, wenn der Rotschimmel angesprengt kam und einen Schritt von ihm parierte, so nahm ich diese Galanterie gar nicht mit der gehörigen Huld auf, obgleich der Ritt und der Reiter sich außerordentlich gut ausnahmen – doppelt, weil es gefährlich schien wegen des steinigen Bodens und der jähen Abhänge. – An manchen Stellen galt auch unser Weg für gefährlich, weil er so schmal war, daß die Pferde nur Fuß um Fuß setzen konnten, und weil sich auf der einen Seite die Felswand grade in die Höhe hob, und auf der andern in eine Schlucht hinab senkte, in die man ziemlich leicht, des lockeren, rolligen Gesteins wegen hätte kollern können. Allein mit sicheren Pferden hat man nichts zu besorgen. Wir zogen durch eine wahre Felsenwüste, nicht Baum, nicht Strauch, nicht Halm, wohl fünf Stunden., Um Mittag hörte der Regen auf, die Wolken verschwanden, der Himmel wurde blau, die Sonne klar und warm; ich stieg vom Pferd und ging um mich zugleich zu wärmen und zu trocknen. Auf einem hohen Punkt sah ich das Tote Meer wieder so, wie ich es sonst immer gesehen, einzelne tiefblaue Stellen zwischen den Felsenausschnitten, wie Saphire in goldner Fassung. Wie ein trüber unruhiger Morgentraum war der Charakter, den es in der Frühe trug, verschwunden; aber ich wünsche nicht daß er damals anders gewesen sein möchte. Höchst überraschend mündete endlich unser sehr schlechter Weg in einen sehr guten, und zwei mächtige Türme, aus Quadern gebaut stiegen wie Warten über einer senkrechten Tiefe empor. Dies war das Kloster Mar Saba, und wir hatten uns also glücklich in das Tal Josaphat hinein geschlängelt. Den Christen der ersten Jahrhunderte waren Stätten, wo sie sich ungestört dem beschaulichen Leben und frommer Betrachtung widmen konnten, willkommen. Die damalige heidnische Welt ließ ihnen ja für das Leben nichts übrig, als zwei Wege: den Märtyrertod oder eine gänzliche Abgeschiedenheit, und oft rettete diese sie nicht vor jenem. Sie suchten Orte zu ihrem Aufenthalt, wo nichts sie an die Greuel, die Sinnlichkeit, die Genüsse und Gedanken einer Welt erinnerte, die sie verabscheuten. Dazu war das harte, einsame, tödlich traurige Tal Josaphat in seinen Schlangenwindungen zwischen Jerusalem und dem Toten Meer ganz geeignet, und vielleicht teilten sie den israelischen Glauben an das hieher verlegte Weltgericht, und erhöhten die natürlichen Schrecknisse dieser Stätte durch geistige. – Je näher wir kamen, desto mehr entwickelte sich dies seltsame Kloster in seinen einzelnen Teilen, welche nicht anders aussehen als Felsenblöcke, die man zu Kirche, Toren, Türmen, Mauern, Wohnungen, zurecht gehauen und über einander terrassiert hat. Es sieht mehr einer Festung in einem wichtigen Gebirgspaß als einem Kloster voll harmloser und gastfreier Einsiedler ähnlich. Aber so sind hier mehr oder weniger alle Klöster, eingedenk ehemaliger Plünderungen und Mißhandlungen gebaut, um diese zu erschweren wenn solche Zeiten wieder eintreten sollten. Griechischen Mönchen gehört Mar Saba , und fünfzig sollen jetzt im Kloster sein. Es herrscht die strengste Klausur. Bei allen anderen Klöstern liegt die Kirche immer außerhalb derselben um den Frauen Zutritt zu gönnen, und durch die Vorhöfe gehen sie frei. Hier nicht! Dennoch kommen Pilgerinnen her, und der zweite Turm, der ganz isoliert vom Kloster jenseits einer schmalen Schlucht steht, hat nicht nur Gemächer, sondern auch ein Betkapellchen für sie. Statt der Fenster hat dieser Turm Schießscharten ähnliche Ritzen, statt der Tür eine Öffnung so niedrig daß man auf allen Vieren hinein kriechen muß, und statt der Schwelle über die man in eine Wohnung geht, muß man zu dieser auf einer Leiter emporklettern. Ist man drinnen, so zieht man sie nach sich und kann dann ruhig eine Belagerung aushalten, was nicht Flügel hat kommt nicht herauf! – Wir nahmen den Turm in Besitz, die Knechte mit den Pferden zogen in denjenigen Hof, der diesen Gästen bestimmt ist, und den Beduinen wurde der Vorhof der Kirche mit ihrem tiefen Portal angewiesen. Mir war unbehaglich hinter meinen Schießscharten zu Mut, ich ging auf die Plattform des Turmes um Luft und Sonne zu haben. Die Aussicht war dieselbe wie unten; zwischen diesen Felsen macht ein solches Gebäude keinen Unterschied. Ich hatte gehofft einen Blick auf das Tote Meer zu finden; aber nein! Ich sah nur das Felsental, das klösterliche Felsengebäude, und dann rings umher und über mir wieder Felsen in denen ich Höhlen bemerkte, deren Eingang zum Teil von Menschenhand gemacht auf die uralten Bewohner derselben hindeutete. Hier war ich nicht wie auf dem Carmel in einer erhabenen und schönen Einsiedelei der Natur, wo gute Mönche im freundlichen, wohlwollenden Verkehr mit den Menschen bleiben, sondern in einer strengen Kartause der Natur, die durch ihre Starrheit ihre Bewohner von aller Teilnahme an menschlichem Treiben abschneidet. Meilenweit in der Runde ist kein Dorf, keine Wohnung! Kein Hirt treibt seine Herde in diese Felsenwüstenei! Einige Pilger während der großen österlichen Wallfahrtszeit, und einige Reisende richten ihre Schritte her, und finden alles was sie brauchen – aber nicht in so angenehmer Weise wie dort, weil man die Mönche selbst nicht sieht. Die Diener waren jedoch so zuvorkommend wie man es nur wünschen konnte. Scheikh Abdallah hatte uns in den Turm begleitet um zu sehen ob wir da keine Gefahr liefen, er und einige seiner Getreuen hielten sich auch beim Reiten, während die übrigen sich zerstreuten, ganz und beständig in unsrer Nähe. Dann nachdem er von den Klosterdienern ebenfalls mit Kaffee bewirtet war als zu uns gehörend, zog er sich zu den Seinen zurück. Ich bewunderte den Takt dieses Mannes. Gestern in Richa wollte er daß seine Truppe unseren Leuten bei der Errichtung des Zeltes etc. behilflich sein sollte. Dazu waren sie aber eigentlich nicht mitgenommen und er wollte es ihnen nicht gradezu befehlen, also ging er zu der Bagage, nahm ein paar Zeltpflöcke auf, trug sie dem Dragoman zu und sagte einige Worte zu seinen Beduinen welche nun sogleich seinem Beispiel folgten, während er die Pflöcke hinwarf und zusah. In Mar Saba ließ mein Reisegefährte sich nachmittags die Kirche zeigen. Ich blieb draußen, setzte mich auf eine Felsenbank und beobachtete den ungeheuren Unterschied in Gestalt und Körperkraft der Beduinen und der übrigen Araber: es wurde im Kloster gebaut, und die schweren Steine welche die Araber mühselig keuchend schleppten, legte der Beduine auf seine linke Achsel, legte leicht die linke Hand daran, und ging damit so ungeniert den Berg hinab, als trage er sein Gewehr. Kaum saß ich da, erschien sogleich Scheikh Abdallah um mir zu zeigen daß er in der Nähe sei, und als ich nach einer Weile höher hinauf zwischen die Felsen ging, so daß er mich aus den Augen verlor, kam er sogleich mit einem Gefährten mir nachgestiegen, und zwar auf gut beduinisch an der steilsten Stelle, um zu sehen ob ich auch nicht verloren gehen könne. So wie ich eine Eskorte von Beduinen jetzt kennengelernt habe, würde ich mich nicht einen Augenblick lang besinnen auch bei den unruhigsten Zeitläufen mit ihr durch die berüchtigsten Distrikte von Nablus und der Samaria, und quer durch ganz Syrien nach Damaskus zu gehen; denn Personen und Eigentum sind durch sie vollkommen gesichert. Zu solcher Überzeugung kann man leider nur durch Erfahrung kommen, d. h. wenn es zu spät ist um sie anzuwenden. Gestern früh auf dem öden Wege von Mar Saba nach Bethlehem, wo wir während drei Stunden abermals weder Baum noch Strauch sahen, begegneten wir doch einer Merkwürdigkeit, nämlich einer Schlange, welche in diesen Gegenden höchst selten ist. Der famose Drache, den der Ritter in Rhodos erschlug, kann unmöglich mehr Aufsehen gemacht haben, als diese Schlange zwischen den Beduinen, die sie im Nu steinigten. Endlich sah ich etwas das mir besser gefiel als die Schlange – einen Baum! Ein Lebenszeichen der Natur! – Dann noch einen, und gar Gruppen von Bäumen! Die Felsenwüste war überwunden und Bethlehem lag vor uns in einem Sattel von zwei Hügeln, der mit Öl-, Feigen- und Mandelbäumen bedeckt in ein tiefes Tal hinab glitt. Der durch den Regen aufgelockerte Erdboden wurde bestellt; ein paar Ackerleute pflügten ihn in flachen Furchen; kleine Vögel sangen; hie und da keimte frisches junges Gras zart wie Samt hervor. Es war lieblich frühlingsmäßig, ohne Üppigkeit, Glut und Glanz, mehr ein Stilleben, unglaublich passend für die biblische Idylle der Ruth, als Schauplatz für die Kinderspiele des Hirtenknaben David, und als eine grüne Wiege für das gottgesegnetste aller Kinder. Wir stiegen im Kloster der Terra santa ab, frühstückten und ließen uns dann in die Kirche führen. Es ist noch die, welche die Kaiserin Helena im Basilisken-Stil über dem Stall und der Krippe hat bauen lassen; die alten schönen Marmorsäulen mit ungeschickten Knäufen, welche den Raum in drei Langschiffe zerschneiden, stehen noch aufrecht. Die Mosaiken der Wände sind von den Mohammedanern teils herausgerissen, teils übertüncht. Das Getäfel der flachen Decke soll Zedernholz sein. Aber das Gebäude ist dermaßen morsch und baufällig, daß man den Chor durch eine Wand vom Schiff abgeschnitten hat, nur jenen für den Gottesdienst erhält und dieses zur Ruine verfallen läßt. Um diesen Aus- und Aufbau dreht sich der Zwist der lateinischen und griechischen Geistlichkeit. Jene ist ganz aus der eigentlichen Kirche verdrängt, welche diese eingenommen, und den Armeniern einen Nebenaltar gegönnt hat. Die Lateiner haben nur Durchgangsrecht nach der Felsengrotte der Geburt Christi, wo zwei Nischen mit reichem Schmuck von Marmor und ewigen Lampen die Stätte der Geburt selbst und die Krippe bezeichnen. Hier sind die Lateiner wiederum die Hauptwärter, und die Grotte ist nach dem Gebrauch in römischen Kirchen mit Seidenstoffen ausgehängt und mit einigen nicht ganz schlechten Gemälden verziert. Ich kann nicht sagen, daß mir diese Anordnung sehr gefallen hätte. Ich wurde ganz zerstreut durch das Nachdenken: also hier die Geburt, da die Krippe, dort der Ausgang zu ebener Erde; – und über dem Bemühen die Topographie mir einzuprägen verwischte sich mir der Hauptgedanke an den, der hier geboren ist. Als wir ins Kloster zurückkehrten bemerkten wir schon auf dem großen freien Platz vor demselben eine Menge Beduinen und Araber in Gruppen beisammen und von vielen Neugierigen des Ortes umdrängt. Der Dragoman kam uns mit der Nachricht entgegen, Scheikh Abdallah würde uns schwerlich nach Jerusalem begleiten können, denn die Beni Sachr wären da und wollten über ihn Gericht halten. Es löste sich so auf, daß allerdings die Beni Sachr mit einigen anderen Schiedsmännern sich in Bethlehem versammelt hatten, um zu beratschlagen, ob der Zwist mit den Taamirah gütlich, und ohne Eroberungszug von ihrer Seite beizulegen sei. Bis jetzt stieß sich diese Ausgleichung an der ungeheuren Verschiedenheit der Zahlen. von 300 Kamelen sprachen die Beraubten, von 30 die Räuber. Scheikh Abdallah erklärte den Beni Sachr-Abgesandten er müsse uns erst seiner Verpflichtung gemäß nach Jerusalem bringen, obgleich nicht die geringste Gefahr mehr vorhanden war, denn er hatte fast allen seinen Gefährten die Erlaubnis gegeben in ihr Lager heimzukehren; das abgetan, sollten die Unterhandlungen fortgesetzt werden. Und so ritten wir denn in zwei Stunden hieher zurück, durch das freundliche Tal Rephaïm, am Grabe Rahels vorüber, das bei Mohammedanern und Israeliten in gleich großer Verehrung ist, wie denn ja auch die Stammväter von Arabern und Juden Stiefbrüder sind. Am griechischen Kloster St. Elias vorüber und durch das Tal Gihon zogen wir gen Jerusalem, das im letzten Strahl der untergehenden Sonne wie ein Antlitz aussah, das seine Trauer hinter einem flüchtigen Lächeln zu verbergen sucht. 25. An meine Mutter Gaza, Donnerstag, November 16, 1843 In meinem Zelt Unter Palmen gelagert – so einen Brief anzufangen, darauf hab ich lange gewartet, Herzensmama, denn ich bin zu gewissenhaft um es zu schreiben, wo es nicht der Fall ist, und die Satisfaktion unter Palmen zu lagern, und auf dieser Lagerstätte einen Brief zu schreiben, muß man doch durchaus auf einer orientalischen Reise haben. Beides kann ich heute mit einer Gewissenhaftigkeit und Ruhe, denn wir bleiben einen ganzen Tag hier um die nötigen Vorkehrungen zur Reise durch die Wüste zu machen. Sie geben sich kund an dem Lärm, der mich umgibt, und den die dünnen Zeltwände nicht dämpfen. Da sind Kameltreiber, da sind Quarantäneaufseher, da sind Dienstfertige, da sind Neugierige, Bettler und Kinder, das alles redet mit der dröhnenden Gurgelstimme der Araber, und wird fast übertäubt durch das angstvolle Geschrei von dreißig Hühnern, die uns lebendig auf unserm Zug durch die Wüste begleiten sollen, und die sich in ihrem Reisekorbe nicht sehr behaglich befinden mögen. Dieser Reisekorb ist übrigens auch aus Palmenstäben geflochten. – Die beiden ungehobelten Lehnstühle, welche an den Höcker eines Kamels gehängt, und in welchen wir recht gesellig sitzen werden, stehen auch schon fertig da. Statt der Polster werden sie mit unsern zusammengerollten Matratzen gefüllt, und dieser Sitz ist natürlich weit bequemer als der oben auf dem Rücken des Tieres. Ob aber bequem ist eine andre Frage. Indessen hoffe ich doch mich daran zu gewöhnen. Ich habe in Syrien und Palästina vierundzwanzig Tagesreisen, zwischen fünf und elf Stunden jede, zu Pferde gemacht, und mich ganz wohl dabei befunden, und so werde ich denn auch, so Gott will! zwölf Tage zu Kamel sitzen können. Man hat mir zwar gesagt, man könne von der Bewegung seekrank werden; aber man hat mir hinsichtlich der Beschwerden der orientalischen Reise so viel Übertriebenes gesagt, daß ich nicht recht daran glaube. Zwei Dinge sind freilich durchaus erforderlich um sie mit Annehmlichkeit zu machen: ein tüchtiger Dragoman, und Geld vollauf, – aber dann wüßte ich in der Tat nicht, welche entsetzlichen Mühsale man zu ertragen hätte. Auf Reisen keine materiellen Sorgen zu haben, erleichtert die etwaigen Beschwerden ungemein; und mit jenen beiden Hilfsmitteln ist man ihrer überhoben. Müde wird man, ja! aber, liebe Mutter, wenn Du den ganzen Tag äußerst bequem und behaglich in deinem Zimmer gesessen, und Dich nur aus dem einen ins andre bewegt hast, und es kommt der Abend: so wirst Du gegen elf Uhr auch müde. Der ganze Unterschied besteht darin, daß ich es nach einem guten Tagesmarsch um ein paar Stunden früher werde In Jerusalem habe ich mich sehr ausgeruht, denn ich hatte Zeit um alles mit Muße sehen zu können, und die guten Väter verpflegten mich aufs beste, schickten mir täglich exzellenten Kuchen und dergleichen, so daß ich sehr schwelgerisch lebte. Mein Befinden ist vortrefflich. Mir schadet weder Hitze noch Regen. Auf dem Wege vom Toten Meer nach Mar Saba wurde ich naß – aber wie! Der Regen durchweichte mir den Hut und das Haar; ich sah aus wie ein Triton. Die Sonne kam und trocknete mich und ich befand mich sehr gut. Die Gesundheit ist auf dieser Reise doch notwendiger noch als der tüchtige Dragoman und Geld vollauf, weil es wirklich nicht möglich ist sich überall in acht zu nehmen. In Konstantinopel wollte man mir aus Vorsorge ich weiß nicht was alles für Arznei aufpacken, aber ich sagte, wenn ich denken müßte, daß ich alle diese Krankheiten bekommen könnte, so bliebe ich ganz gewiß zu Hause. Ich habe ein Arkanum : Brausepulver, wenn ich sehr erhitzt bin, und nichts essen, sobald ich mich im geringsten unwohl fühle; und ich bin überzeugt, daß ich damit nicht krank werden kann. Gott, ich schreibe Dir so um Dich über meinen Wüstenzug zu beruhigen, als ob Du es in acht Tagen lesen könntest! – Ich will Dir lieber erzählen wie ich hieher, in diese alte Stadt der Philister gekommen bin, die in der Bibel Gad heißt. Vorgestern um halb acht Uhr ritten wir fort. Während des Aufpackens lief ich geschwind noch einmal auf die höchste Terrasse, und kam grade an als die Sonne über die transjordanischen Berge prächtig aufstieg. Eine einsame Palme badete sich in ihrem Licht, und das kleine Klosterglöckchen rief die Mönche zur Andacht, denn große Kirchenglocken haben sie hier nicht. Sie war rührend diese kleine kindliche Stimme in der großen Morgenfeier der Schöpfung, wo alles schweigend gleichsam auf dem Angesicht da lag. – Dann zogen wir langsam aus dem Jaffa-Tor, durch das stille felsige Land, genau den Weg den wir vierzehn Tage vorher in entgegengesetzter Richtung gemacht hatten, bis Ramla. Aber er kam uns jetzt viel hübscher vor. Macht nach Jerusalem jede Stätte den Eindruck freundliche Natur, oder hatte sie sich in der Tat ein frisches Kleid angezogen; genug, das Laub glänzte, die Pflanzen sproßten, das Gras keimte, ein grüner Hauch schwebte über der Erde; sie hatte ihren Brautschleier angetan und sah jung und lächelnd aus. Danach kannst Du Dir vorstellen wie starr und öde Jerusalem ist! Auf dem Hinweg erschienen diese Berge mir so und sie sind es wirklich bis auf wenige Stellen; jetzt fand ich sie reizend. In Ramla nahm uns diesmal das Franziskanerkloster auf, denn man versprach uns das Tor vor Sonnenaufgang zu öffnen, was eigentlich nicht in der Ordnung, aber der starken Tagesreise nach Gaza wegen doch ganz notwendig ist. Ich stand um vier Uhr auf; aber ich hatte so lange Muße die Sterne zu beobachten, die prächtig über meinem kleinen Hof schienen, daß ich dabei wieder einschlief. Die Mukéri sind ein fürchterlich träges Volk! Die unsern ritten alle drei auf sehr munteren Eseln, die ihre Reiter beschämten. Der Esel wird überhaupt in Palästina mehr gebraucht als das Pferd. Beim Volk, beim Land-, Kauf- und Bürgersmann spielt er eine große Rolle, und trippelt so behende und leicht einher, daß er ganz nett aussieht. Die Vornehmen und die Beduinen reiten auf Pferden. Die Frauen auf Maultieren, rittlings, dabei immer tief vermummt und mit ihren großen gelben Stiefeln, wie wilde Gänse. Die Allervornehmsten, wie die Frau des Paschas von Jerusalem zum Beispiel, die eine Reise nach Bethlehem machte, als wir von dort zurückkamen, reiten aber nicht, sondern liegen in einer Art von Marionettenkasten nach ihrer Gewohnheit mit gekreuzten Beinen auf Polstern, und dies Gebäude wird von einem Maultier getragen. Wir kamen gestern erst um sechs Uhr fort, und ich wollte schon etwas mürrisch sein; aber es war unmöglich an einem solchen Morgen! Als ich aus den dicken dumpfen Mauern meines Klosters heraus war, fühlte ich mich wie unter eine weite Kristallglocke gesetzt, so rein, mild und lieblich waren Horizont, Luft und Himmel; – und wie in geschliffenem Kristall spielten alle Farben und Lichter durch diesen wonnigen Äther. Die Luft – das ist nun einmal meine Schwelgerei! Wir waren nachmittags sehr durch Südwind geplagt, der uns dichte Staubwolken ins Gesicht jagte, und vor dem die flache Ebene nicht den geringsten Schutz bot. Endlich, ungefähr eine Stunde vor Gaza fanden wir ihn etwas in einem ungeheuren Ölwald von kolossalen Bäumen, der sich vor der Stadt teilt so daß man sie auf einer kleinen Anhöhe und ganz von herrlichen Palmen umgeben sieht. Die Sonne war im Untergehen, strahlenlos, dick und trübe wie ein Eidotter: das kommt vom Staub in der Wüste und deutet auf Sturm. Wir blieben draußen vor der Stadt, und zogen an dem großen, von Menschen und Vieh dicht umlagerten Brunnen vorüber, aus welchem man sich Wasser für die zwei Tagesreisen bis El-Arisch mitnimmt; dann schlugen wir die Zelte auf einem freien ebenen Platz auf, um den herum zerstreut ein Khan, Grabstätten, Gartenmauern, eine Moschee, Schutthaufen, Kaktushecken und prachtvolle Palmen liegen. An letzteren hängen in großen Büscheln wie dicke Trauben die bräunlichen Datteln, die mit einem Netz umgeben sind um sie gegen Fliegen zu schütze. Hier also, auf der Grenze von Syrien und Arabien reift die Dattel zuerst! – Und mein Zelt steht daneben. Ich habe während des Schreibens wohl zehn Mal heraus geguckt, ob sie auch wirklich noch da sind, und mich immer erfreut an ihrer schönen edlen Gestalt. Dann habe ich mich, äußerst prosaisch, nach unseren Vorräten an Lebensmitteln umgesehen, denn sie sind wichtig in der Wüste. Auf reichlich vierzehn Tage sind wir verproviantiert, sagt Giorgio, und da man von hier bis Kairo elf rechnet, so genügt das. Unser Brot ist in Jerusalem gebacken, und der Teig wird so zubereitet, daß es wohl hart wird, aber doch eßbar bleiben soll. Es ist in der Tat nichts Kleines alle Bedürfnisse zu bedenken und zu versorgen, und es gehört eine Dragomansübung dazu! Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was es heißt alles mit sich führen zu müssen, vom ambulanten Hühnerhof an, bis zu den Linsen mit denen er gefuttert, und bis zu den Kohlen an welchen er gekocht wird. Ich gestehe Dir, ich war ganz erstaunt, daß man so viel zum Leben in seiner einfachsten Notwendigkeit braucht. Dieser Hühnerhof erfüllt mir aber zu sehr die Gedanken! Ich fing mit ihm den Brief an, und bin schon wieder bei ihm. Da breche ich lieber ab. – – 26. An meine Mutter El-Arisch, Mittwoch, November 21, 1843 Meine liebe Mutter, ich schreibe Dir, aber es ist eigentlich Unrecht, denn ich bin in einer Laune, die ich wirklich grimmig nennen muß. Denke dir nur, daß wir hier in Quarantäne sitzen! Leute die durch die Wüste nach Kairo kommen in Quarantäne, als ob nicht Ägypten der eigentliche Herd der Pest wäre! Und hätte man sie wenigstens an einem zweckmäßigen Ort eingerichtet, aber hier! Schlechtes Wasser ist hier, und kein Tropfen Milch, keine Zitrone um es zu verbessern kann man haben. Auf nichts kann sich das Auge ausruhen! Zusammengewehte niedrige Sandhügel beschränken den Horizont, und erklimmt man mühselig eine solche Anhöhe, so hat man einen weiten Horizont, jedoch immer auf die gleiche Weise begrenzt. Dazu die Jahreszeit! Es windet heftig Tag und Nacht, und der Sand wird so aufgewühlt, daß feiner Staub sich unwiderstehlich aller Gegenstände bemächtigt und sie durchdringt. Nachts stürzt auch mitunter ein tüchtiger Regenguß vom Himmel, ohne jedoch den geringsten Einfluß auf diesen unauslöschlichen Staub zu üben. In der Wüste ist es wirklich nicht gleichgültig ob man sechs Tage länger als man gerechnet hat unter dem Zelt hausen muß. Es existiert hier freilich ein Quarantänegebäude, so einige Lehmkasten um einen inneren Hof herum; aber die vier Franzosen, die seit Beirut immer vor uns herreisen, sind da bereits eingefangen mit ihren Leuten, ihren Kamelen und Kameltreibern, eine enorme Karawane! – Da kommt man denn leicht an frischer Luft zu kurz, und der Sand hat überdas den einen Vorteil, daß er höchst reinlich ist, daß wohl irgend ein harmloser Käfer, doch kein Ungeziefer in ihm haust, wie das bei vernachlässigten Gebäuden doppelt der Fall ist; – und darum zog ich das Zelt vor. In Gaza sagten uns die Kameltreiber es sei Quarantäne in El-Arisch und ob wir sie nicht umgehen und auf einem Nebenwege nach Kairo wollten. Wir trauten ihnen nicht. Diese Menschenart hat so eine Liebhaberei für Schleich- und Nebenwege, welche zuweilen kürzer, aber fast immer schlechter als die Hauptstraße sind. Der Dragoman hat seine verschiedenen Reisen in diesen Ländern zufällig immer so gemacht, daß er aus Kairo nach Gaza gekommen ist und da gibts keine Quarantäne, also konnte er nicht Auskunft geben. Er wurde mit meinem Firman demnach an den Gouverneur von Gaza abgesendet um sich bei einer zuverlässigen Behörde zu erkundigen, ob in El-Arisch Quarantäne sei oder nicht. Er kam mit der Antwort zurück, es sei keine, und wir glaubten natürlich dem Gouverneur mehr als den Kameltreibern. Was den Mann zu dieser falschen Versicherung bewogen hat, ist unbegreiflich! Mit den französischen Herrn hat er es genau ebenso gemacht. Ob er sich beschämt fühlt, daß die ägyptische Regierung eine solche Maßregel durchführen kann und die türkische nicht? – Genug, das erste und einzige Mal, wo ich durch meinen Firman recht empfohlen zu sein wünschte, hat er mir so angenehme Früchte getragen. Am siebzehnten kamen wir erst gegen zehn Uhr zum Abzug von Gaza, denn es gab einen ungeheuren Zank zwischen dem Dragoman und dem Kamellieferanten, weil letzterer schlechte Tiere gestellt hatte. Natürlich nahm halb Gaza mit Wonne daran Teil. Ob sie umgetauscht sind oder nicht weiß ich nicht! Um all den Hader bekümmere ich mich nicht im geringsten, so wenig, daß ich nicht einmal nach dem Grund frage. Ich kann ihn ja doch nicht schlichten, der Dragoman versteht es aufs beste zu unserm Recht zu kommen, und hier mußte uns wohl Unrecht geschehen sein, denn er ging zum Richter. – Das Wichtigste wenn man zum ersten Mal auf einem Kamel sitzt ist, daß man nicht herunter stürzt, wenn das Tier sich erhebt, was es mit vehementen Zickzackbewegungen tut – erst halb auf den Vorderfüßen, dann auf den Hinterfüßen, und zuletzt richtet es sich vorn ganz auf. Beim Niederlegen ist es dasselbe: man schießt immer ein paar Fuß nach vorn und wieder rückwärts; aber ich klammere mich aus Leibeskräften an meinen Sessel, und jetzt bin ich schon daran gewöhnt. Die Kamele haben hier nur einen Höcker, und über demselben liegt eine Art von Dach aus rohem Lattenwerk zusammengesetzt und gefüttert mit groben Kissen, Decken, Baumzweigen, um das Tier nicht zu drücken. An das Sparrwerk dieses Dachs werden zu beiden Seiten desselben mit dicken Hanfstricken die Lasten befestigt, welche ungefähr gleich schwer sein müssen, damit sie im Gleichgewicht bleiben. So hängen denn auch unsre Sessel – der meine mit allerlei Gegenständen verbrämt um ihn zu erschweren – ungeheuer plumpe und nutzlos große Maschinen, für die untergeschlagenen Beine der Araber berechnet, die viel mehr Platz zum Sitzen brauchen als wir. Und so throne ich da oben in den Lüften, wenigstens sieben Fuß über dem Erdboden, aber nichts weniger als schwebend, sondern dermaßen gerüttelt und geschüttelt, daß ich etwas um die Besinnung komme und ein wenig stupid werde. Es ist zwar abgemacht, daß man nicht anders sprechen darf als: die erhabene Ruhe der Wüste – oder: die majestätische Stille und Einsamkeit der Wüste geben der Seele diesen oder jenen Schwung, aber ich kann nicht einstimmen. Ritte ich zu Pferd hindurch, oder nur zu Esel, so hätte ich vielleicht einen andern Eindruck; allein auf dem Kamel fühle ich mich grade wie auf einer Eisenbahn zu einem Warenballen erniedrigt, den man fortschafft. Dem Kamel ists ein Greuel sich niederzulegen, Gott weiß warum! Es tuts unter widerwärtigem Grunzen, vom Treiber gezerrt, geschlagen und auf eine besondere Weise durch einen knurrenden Ton dazu ermahnt. Sitzt man also einmal oben und hat man das Tier in Gang gebracht, so bleibt man schon gern sitzen! Doch nun darf man sich nicht selbständig bewegen, sondern muß Rücksicht auf das Gleichgewicht der Sessel nehmen, das leicht schwindet, wenn die Stricke sich ein wenig lockern. Wie der eine sitzt muß der andre auch ungefähr sitzen. Genug, durch die Wüste ists ein Transport und keine Reise – grade wie auf der Eisenbahn; und war's dies Zusammentreffen der äußersten Pole des Reiselebens durch Kamel und Dampfwagen ausgedrückt, welches mich nach Europa versetzte; war es, daß die Wüste mir wirklich gar keinen innerlichen Eindruck gab – – Du wirst nicht erraten was mich beschäftigte! – Die Gedanken waren ganz in Europa und ich dachte mir wieder eine Erzählung aus, die ich einmal schreiben will. Zum ersten Mal auf dieser Reise hatte ich solche Gedanken, und sie unterhielten mich sehr, während ich mich langweilte, wenn ich sie der Wüste zuwenden wollte. Die erste Tagesreise ging auch noch gar nicht hindurch, sondern das Land blieb ungefähr wie zwischen Ramla und Gaza, nur spärlicher bebaut und daher mit öderen Strecken. Wo gepflügt wurde geschah es mit Kamelen, was äußerst komisch aussieht. Gereckt und gestreckt wie es ist, kann es unmöglich zum Zugvieh bestimmt sein; aber hier fängt es schon an die höchste, gar einzige Habe des Volks zu werden, welches das Kamel so zu benutzen versteht, daß es leistet, was bei uns Pferd, Rind und Schaf zusammen. Es schafft Menschen und Lasten fort, es dient zum Ackerbau, das Haar wird zu Decken verwebt, die Milch getrunken, und der Dünger mit gehacktem Stroh vermischt und getrocknet, wird als Brennmaterial verbraucht. Bei dem lieblichen Geschäft dieser Vermischung, auf welches dann dasjenige der Ausbreitung der auf den Dächern der Häuser zum Trocknen folgt, findest Du in ganz Syrien in allen Dörfern Weiber und Kinder eifrig beschäftigt, und sie haben dazu kein anderes Werkzeug als ihre zehn Finger. Das Kamel ist der Gegenstand der zärtlichsten Sorgfalt des Arabers, und das Junge wird gepflegt wie ein Kind. »Mein Kamel« ist der Schmeichelname, welchen das Weib dem Manne gibt, und in ihrer Totenklage um ihn, wiederholt sich am häufigsten: »O du mein Kamel, wer hilft mir meine Last tragen!« – Ich finde das Tier widerlich! Geschunden, mit Schwielen, struppig behaart, von unförmlichem Gliederbau, gewährt es einen unerfreulichen Anblick, und als das unsre einmal seinen langen Hals wendete und an meinen Füßen schnoberte, zog ich sie mit einigem Widerwillen zurück. Der Treiber bemerkte es, und um nur zu zeigen wie man mit diesem Tier umgehen müsse, zog er dessen Kopf herab und küßte ihm das schlabbernde Maul. Ich war im höchsten Erstaunen – nicht daß er das Kamel küßte, das paßte für diesen Halbwilden – aber daß er überhaupt etwas vom Kuß wußte. Gegen vier Uhr wurde schon Halt gemacht, auf freiem Felde, aber wie es sich hernach ergab in etwas gefährlicher Nachbarschaft. Ein großes und recht freundliches Dorf mit zwei Moscheen lag vielleicht eine Viertelstunde von unserem Lagerplatz, und wir hörten zahlreiche Flintenschüsse fallen, die wir auf ein Hochzeits- oder sonstiges Freudenfest schoben. Wir waren etwas der Richtung zugegangen, da pfiff es plötzlich ganz seltsam zischend neben uns und siehe, eine Kugel hatte sich nach dieser Richtung verirrt. Ich hatte gar nicht Lust als Opfer dieses Festes zu fallen, und am Ende ergab sich, daß es mit nichten ein solches, sondern daß das Dorf Hanyounis – wie die Araber es nannten – im vollen Aufstand begriffen sei. Dies ist etwas Alltägliches unter der türkischen Herrschaft. Erscheinen die Beamteten um den Tribut einzufordern – Aufstand! Und die Soldaten um Rekruten auszuheben oder besser gesagt einzufangen – Aufstand! Die türkische Staatsverwaltung beschränkt sich auf diese beiden Momente, und da das Volk weiter nichts von ihr hat, nicht Unterstützung, Hilfe, Vorteil, und sie also nur durch zwei ihm sehr lästige Verfahren kennen lernt: so widersetzt es sich gern. Hier sollte Tribut gezahlt werden; aber man wollte nicht, und suchte die Einforderer desselben zu vertreiben – wie es schien mit Glück, denn der jauchzende Zugharit der Weiber übertönte schrillend Flintenschüsse und Getöse. Ich bin aber schon ganz blasiert über arabische Aufstände. Seit Beirut höre ich nichts anderes. Die Schüsse störten nicht meinen Schlaf. Am achtzehnten brachen wir bald nach sechs Uhr auf, und wenn sich jetzt auch noch einige Spuren von bebautem Erdboden zeigten, so sahen wir doch keine Dörfer mehr, und diesseits der Grenze zwischen türkischer und ägyptischer Herrschaft, welche ein großer Brunnen bezeichnet und welche wir um zwölf Uhr erreichten, wurde es gründlich wüst: Hügel die wie aus Sand zusammengeweht aussehen, und dazwischen flache Strecken Landes in welchem zwischen dem toten Sand doch noch so viel lebendiges Erdreich sich findet, daß der Regen des vorigen Winters ein ärmliches Pflanzengeschlecht, starr, stachlig und dürr, darin hat erzeugen können. Neben jenem Brunnen stand ein Trümmerhaufen, vielleicht ein ruiniertes Grabmal. Die Kameltreiber holten Staub aus den Ruinen und beschütteten ihre Tiere damit, als ob die noch nicht gründlich genug eingestaubt wären! Befragt weshalb? sagten sie, das wäre den Tieren gesund. Daraus schließe ich, daß irgend ein heiliger Schutzpatron der Kamele dort begraben ist. Der Islam hat keine Heilige wie die griechische und römische Kirche; aber die Mohammedaner haben Heilige, ungefähr wie die indischen Fakirs, Menschen die sich in extravaganten Kasteiungen, wie Simeon Stylites, gefallen oder die durch Verleugnung aller sinnlichen und geistigen Gaben Aufsehen machen und zu Ehren kommen wollen. Man nennt sie Santone, und sie werden nicht nur bei Lebzeiten sehr geehrt, so daß man zum Beispiel ihre Berührung für heilend und ihre Entscheidung für unwidersprechlich hält, sondern man schreibt auch noch ihren Gräbern Wunderkräfte zu. – Zwischen den dürren Pflanzen, auf einer großen, mattgewellten Fläche, machten wir um vier Uhr Halt. Was ich daran grandios finden soll, weiß ich wirklich nicht! Glaube mir, liebe Mutter, die Wüste ist langweilig! Wenn Du Dich erinnerst wie es zwischen Berlin und Strelitz war, bevor die Chausseen sich bis zur Ostsee erstreckten, so kannst Du Dir lebhaft die Wüste vorstellen: Sand, Sand und abermals Sand; und dazwischen wo Wasser ist, bei Oranienburg, bei Dannenwalde, eine grüne Oase, nur mit andrer Vegetation. Wüste bleibt Wüste! Was mich in der Mark angähnt, gähnt mich auch in Arabien an. Die meisten Menschen die hieher kommen sind so bewunderungsvoll sich auf einem Kamel in der Wüste Arabiens, auf der berühmten Landenge von Suez, die zwei Weltteile verbindet, zu finden, daß ihnen die ganze Situation höchst interessant vorkommt, und das verleiht der Wüste glänzende Farben. Ich erzähle Dir ungeschminkt wie sie ist. Am neunzehnten gegen sieben Uhr zogen wir ab, und waren um zehn hier. Leute aus El-Arisch begegneten uns, schüttelten herzlich die Hand mit unseren Kameltreibern und versicherten, allerdings sei dort Quarantäne. Was sie von derselben hielten, bewies der Handschlag; was wir: eine Spekulation auf den Geldbeutel der Reisenden. Genug, wir sitzen da, in Sand vergraben bei lebendigem Leibe wie Leichen, aber so, daß ich bis zum Knöchel darin versinke, wenn ich nur den Fuß aus der Zeltwand heraus stelle, und mit dem Reis, dem Zucker, mit allem Eßbaren, eine tüchtige Portion verschlucke. Ein schöner Nabekbaum steht in der Nähe des Zeltes: es ist wahrhaft eine Naturerscheinung zu nennen, hier, wo kein Grashalm weit und breit steht. Die Kamele und ihre Führer haben sich unter und um ihn gelagert, und singen und brüllen um die Wette. – – Herzensmama, nimm mir den Wüstenbrief nicht übel! Ich denke aber dergleichen muß auch auf Reisen geschrieben werden, damit die Lichtseite nicht zu einfarbig erscheine. Überdies habe ich die ganze syrische Reise so ausnehmend glücklich und angenehm gemacht, daß ich für Widerwärtigkeiten aus der Übung gekommen bin. Ich küsse tausend und tausend Mal die Hand. 27. An meine Mutter Kairo, Dezember 2, Sonnabend, 1843 Himmlische Mutter, da bin ich! Ach, Gott sei Dank! – Die Wüste ist wahrlich kein Vergnügen, aber anzukommen, in einem guten europäischen Gasthof, sich auf einem Sofa hinzustrecken und liebe Briefe zu lesen – das ist freilich ein sehr großes, und ich habe es gestern genossen. Liebe Mutter! Wie müde ich war kann ich Dir dadurch am besten beschreiben, daß, als es hier im Hotel hieß es wären keine Briefe für mich angekommen, ich mich ganz stupid auf dem Sofa umkehrte und sagte: »Ach, sie werden sich schon finden!« und – einschlief. Übrigens hatte ich in meiner Lethargie wirklich das Rechte getroffen; denn die Briefe fanden sich, mein Bankier in Alexandrien hatte sie nur nicht ins Hotel adressiert, wie ich es gewünscht, sondern an ein hiesiges Bankierhaus. Jetzt bin ich in der alten Kalifenresidenz Misr-el-Cahira, die wir Kairo nennen, und wohne da in einem Hôtel d'Orient wie in Marseille, sehe aber über die Palmen und Akazien hinweg – die Pyramiden! » Quarante siècles vous regardent !« sprach Napoleon auf die Pyramiden deutend, und elektrisierte damit seine eitlen Franzosen, welche schon lieber von den Steinen als gar nicht angesehen sein mögen. Aber sie zu sehen diese fabelhaften Gebäude, welche das Altertum zu seinen Wunderwerken zählte, welche über die Grenzen unserer Geschichte in eine Zeit hinein ragen für die wir gar keinen andern Halt als Sagen haben, welche für unsre Epoche ein Gegenstand mühseliger Forschung und unsäglicher Bewunderung sind; sie aus meinem Fenster zu sehen, wie man bei uns einen benachbarten Kirchturm sieht: das ist allerdings sehr elektrisierend. Ich werde mich einige Tage damit begnügen sie aus der Ferne zu betrachten, und mich gehörig ausruhen bevor ich ihre Besteigung unternehme, denn meine sechzehn Nächte unter dem Zelt und ohne eine Schwelle zu betreten, haben mich sehr müde gemacht. Doch nur müde, sonst nichts, obwohl wir teilweise sehr übles Wetter, Stürme, Regenströme hatten. Der November ist der Monat wo sich die Jahreszeit ändert. Die Sonne, die in Gaza auf Sturm deutend im Staub der Wüste unterging, hat ganz richtig prophezeit. Schon die letzten Tage in El-Arisch waren durch heftigen eiskalten Nordwestwind außerordentlich unangenehm. Unsere Araber im alleinzigen Schutz ihres Nabekbaumes fühlten sich so unbehaglich, daß ihre Gesänge verstummten, und wir konnten uns gar nicht des widerwärtigen Staubes erwehren, der in alle Poren zu dringen schien. Wäre das nicht gewesen, so hätte ich die letzten Quarantänetage weniger qualvoll gefunden als die ersten: ich nahm die Briefe für Euch vor, die zu einem ganz riesenhaften Pack angewachsen sind, sah sie durch, ordnete sie, berichtigte Kleinigkeiten, erinnerte mich dabei lebhaftest an alles – und die Zeit verging. Beschäftigung ist eine wundervolle Erfindung! Am 23. November nachmittags bekamen wir die Rechnung und die freie Praktika; die Rechnung dafür, daß wir fünf Tage unter Gottes freiem Himmel gezwungener Weise unsre Zelte bei einem Nabekbaum aufgeschlagen hatten. Und, als wir am Morgen des 24. gegen sieben Uhr zum Aufbruch fertig waren, als da ein paar Douane-Beamte sich in dem Augenblick einstellten wo die Koffer aufgepackt werden sollten, und sie durchwühlten wie Maulwürfe, daß das Unterste nach oben kam: da merkte ich wohl welche Fortschritte zur europäischen Kultur dies Land mache. Endlich saßen wir auf unserem Kamel, aber nicht auf dem, welches uns von Gaza nach El-Arisch transportiert hatte, und welches jetzt zwei Tage geschont werden sollte, sondern auf einem anderen größeren, mit einem so harten Tritt, daß ich Lust hatte Ach und Weh zu schreien. Zum Glück war es tückisch, und warf sich zweimal mit uns zu Boden, so daß ich durchaus ein anderes verlangte; denn man kann allzuleicht herunter fliegen, wenn das Tier sich unversehens niederstürzt. Wir bekamen ein drittes, das in seiner Art hübsch genug war, ganz weiß, und einen leichten, sicheren Tritt hatte. Das wechselte täglich mit dem ersten ab; und wenn es nur nicht so grenzenlos langweilig wäre, so könnte man es wohl aushalten; allein die Langeweile ist tödlich, die man bei dem pedantisch geregelten Schritt dieses Tieres aussteht. Ein Pferd kann man doch treiben und aufhalten und lenken, es hat doch nicht diese vernichtende Maschinenbewegung, die früh um 7 Uhr in Bewegung gesetzt erst nachmittags um 5 stockt. Nun, diese Stunde war die angenehmste des Tages! Um 2 fragten die Kameltreiber schon nach der Uhr und ob es nicht Zeit sei Halt zu machen. Ununterbrochen von früh bis spät mußte der Dragoman sie treiben, ermuntern, ermahnen, zanken – es war schrecklich! Und wär er nicht so ein tüchtiger und unermüdlicher Mensch, wir säßen noch in der Wüste. So gern ich auch nun schon um 2 Uhr von meinem erhabenen Sitz zur Erde herabgestiegen wäre, so überwog doch der Wunsch die Majestät der Wüste möglichst bald im Rücken zu haben und ich trieb nach Kräften vorwärts! Vorwärts! Aber die Wonne wenn die Uhren und die Sonne zu Rat gezogen wurden und endlich mit dem Verlangen der Kamelführer übereinstimmten, wenn der Lagerplatz gewählt war, wo möglich mit einem Sandhügel im Rücken der den Wind abhielt wenn das Kamel sich nach vielen Zeremonien zum Niederknien bequemt hatte, und wenn ich nun endlich auf meinen Füßen stand! Sie war aber nur aus dem vorhergehenden Unbehagen geboren und durchaus nicht mit irgend einer wirklichen Annehmlichkeit verbunden. Indessen, in den ersten Augenblicken gewährte das Lager doch ein wenig Unterhaltung. Die Kamele waren abgepackt und gingen die Heidekräuter fressen so lange es noch Tag war, später bekamen sie einen Beutel voll gehacktem Stroh mit ein wenig Gerste vermischt. Mein erster Schritt war immer zu den Hühnern, die ich erlöste und die grade so vergnügt wie ich ihre Füße zu brauchen eilten. Wie sie aber scharren und picken mochten, der Wüstensand gab ihnen nicht ein einziges Körnchen; daher entfernten sie sich nie von ihrem Reisekorb und gingen zur Nacht immer von selbst hinein. Die Araber machten sich daran Brot zu backen, und zwar folgendermaßen. – Einige von ihnen hatten, zuweilen über dem Rücken, zuweilen auf der Brust je nach Richtung von Regen und Wind, Ziegenfelle mit der behaarten Seite nach innen. Waren diese tags Dolman gewesen, so verwandelten sie sich abends in Backtröge. Die Araber wühlten mit den Händen im lockeren Sande eine Grube, legten das Ziegenfell mit Mehl und Wasser gefüllt wie einen Beutel hinein, und kneteten den Teig wie in einem Napf. Hatte er die gehörige Konsistenz erreicht, so war auch schon ein Reisigfeuer prasselnd und flackernd zu Kohlen und Asche ausgebrannt. Dann wurde der Teig in flache Brote zerteilt auf die glühende Asche gelegt, und nach zehn Minuten halb verkohlt halb ungar in Fetzen gerissen und mit Zitronen verspeist. In diese bissen sie hinein, daß es krachte, und obgleich die kleinen Zitronen des Landes von köstlichem Saft und Aroma sind, so schmecken sie doch besser in Tee oder Limonade, als zum Brot. Aber Gott weiß daß diese Leute nicht verwöhnt sind! Eines Tages kam während des Marsches einer von ihnen atemlos gelaufen und bat den Dragoman um sein großes Küchenmesser. Wozu? Er hatte auf der anderen Seite des Hügels einen herrlichen Braten gefunden! Ein Kamel das ganz frisch, vielleicht erst gestern da gefallen war; dem würde er ein tüchtiges Stück Fleisch ausgeschnitten haben, wenn der Dragoman nicht mit Abscheu sein Messer verweigert hätte. Einmal wurde ihnen ein Hühnchen ausgeliefert, das ein Bein gebrochen hatte und auf dem Lagerplatz im Verscheiden anlangte; sie köpften und rupften es, und behandelten es hernach genau wie ihr Brot. Nie backten sie dies gemeinschaftlich, sondern immer an zwei oder drei Feuern, wozu denn auch das unsere kam, sodaß die Wüste ganz zigeunerhaft belebt aussah. In El-Arisch hatte der Dragoman ihnen eine große Wasserflasche geschenkt, damit sie sich unterwegs schöpfen und zum Lagerplatz mitnehmen könnten, denn es finden sich in der Wüste Brunnen und Quellen, doch sämtlich mit einem morastigen oder salzigen Geschmack, sodaß Europäer die nicht daran gewöhnt sind, es nicht trinken können, die Araber hingegen sehr gut. Am dritten Tage gibt es erst einen reinen Quell, also mußte wir das Wasser von El-Arisch bis dahin vorrätig haben. Das Entsetzen des Dragoman war nicht gering, als er gleich im ersten Nachtquartier plötzlich die Araber bei unsern Schläuchen sieht. Sie hatten es zu unbequem gefunden zehn Minuten abwärts mit dem Kruge zu gehen, obgleich sie zu ihrem Vergnügen beständig herumvagabundierten und nie bei den Kamelen blieben. Was war zu machen? Man mußte ihnen Wasser geben! Aber diese Fahrlässigkeit und Trägheit, die sich beständig auf andere verläßt, ist mir tödlich zuwider, weil sie auf der einen Seite als Frechheit und auf der andere an stumpfe Gedankenlosigkeit grenzt. Sehr lange blieb es nicht munter im Lager. Man war vielleicht noch mehr erfroren als müde, denn der scharfe Wind verließ uns nicht, und nur jedem Regenguß ging momentan drückende Luft vorher. Die Sonne schien fast immer, aber nur unbequem stechend, nicht erwärmend, die weiche syrische Luft war gänzlich verschwunden. Ein sehr unbehaglicher Moment war der, wenn am Morgen uns das Zelt über dem Kopf abgebrochen wurde und wir nun unter dem dämmernden, naßkalten Himmel warten mußten bis die Kamele fertig waren. Anfangs fürchteten wir uns zwischen den Hügeln zu verirren, wenn wir voraus gingen, doch bald wurden wir dreist und gingen immer zwei bis drei Stunden um uns zu erwärmen und den Ritt selbst etwas abzukürzen. Ich gehe außerordentlich gern und leicht; aber auf gutem Wege. Im Wüstensand wurde es mir sehr schwer, weil ich nicht einen steigenden Schritt, sondern mehr einen schleifenden habe, folglich den Sand um meine Füße herum aufwühlte. Zweimal langten wir durchnäßt auf dem Lagerplatze an, aber gründlich, sodaß die wollenen Kleider über Nacht nicht trockneten, Zelte und Teppiche feucht wie sie waren am Morgen aufgepackt und die Kapots eben so umgehangen werden mußten. Da war denn der Morgenmarsch eine Notwendigkeit und ich nahm meinen Burnus um, zog den Capuchon über den Kopf, hing den Hut über die Schulter und wanderte tapfer, sodaß ein paar Stunden nach Sonnenaufgang die Sachen getrocknet waren. Ich dachte recht an Euch, was das für ein Glück ist, daß niemand von Euch solch eine Wanderlust hat, denn Ihr würdet gar nicht Körperkraft haben um immer gesund zu bleiben. Ich bin hier nun freilich in einem lieblichen Zustand angelangt, rot und braun im Gesicht marmoriert von Sonne und Wind, die Augen zu- die Lippen aufgeschwollen von der scharfen Luft, die Hände rauh für ewige Zeiten – aber während ich aus einem Weltteil in den anderen pilgerte, hatte ich nicht Zeit zu diesen Beobachtungen, und sie stören mich auch jetzt nicht. Wenn ich nach Nubien gehe, werde ich wohl ganz braun werden. Aber das sage ich jedem zur Warnung: wer keine starke Gesundheit hat und wem an seiner Schönheit etwas liegt, gehe nicht durch die Wüste! Von El-Arisch bis Kairo hatten wir nur noch sieben Nachtlager und sieben und eine halbe Tagesreise, sodaß wir trotz der fünftägigen Quarantäne mit nichts zu kurz kamen, nur die Zitronen fingen an zu verderben, und am letzten Abend wurden die letzten Hühner an dem Feuer ihres Reisekorbes gekocht, weil die Kohlen verbraucht waren. In den letzten Tagen hörte auch die Sparsamkeit mit dem Wasser auf, die mir so lästig war, daß ich schon daran dachte das Jordanwasser zu verbrauchen, das ich mit dem Siegel der Terra santa verpetschaftet mit mir führe. Zum Glück war es so wenig heiß, daß man gar keinen Durst hatte und das Wasser zum Waschen verbrauchen konnte. Wie man das in der großen Wüste anfängt, begreife ich nicht! Wir hatten ein eigenes Kamel bloß für unsre Wasserschläuche und reichten doch nur knapp von einer Wasserstation zur anderen. Sand, vom Mittelmeer an den Höhenzug geschwemmt, der sich aus Arabien nach Ägypten zieht, das ist die Landenge von Suez, die wir an ihrer nördlichen Küste durchschnitten. Nie hat der Fuß eines Fremdlings hier anders geweilt als um sie in möglichstes Eile zu verlassen und wieder zu menschlichen Stätten zu gelangen; und die großen Karawanen, sowohl die andächtige, welche alljährlich nach Mekka pilgert, als die handeltreibenden, lassen keine andre Spur zurück, als Gräber und Gebeine. Kamele in allen Stadien der Verwesung, vom frisch gefallenen bis zum weißen Gerippe, bezeichnen den Weg dermaßen, daß wir uns zur Not ihrer als Wegweiser hätten bedienen können. Gräber der Menschen, die hier vor Mangel, Krankheit und Erschöpfung umgekommen sind, durch kleine Sandhaufen mit Tierknochen umsteckt bezeichnet, sind etwas Gewöhnliches. Langsam kreisen große Raubvögel in den Lüften; Krähen mit wildem Gekrächz und schwerem Flügelschlag versammeln sich in großen Scharen; katzenähnliche Raubtiere schleichen zwischen dem niedrigen Gestrüpp, alle machen Jagd auf Leichen! Die Wüste ist ein Totenacker in seiner trostlosesten Gestalt. Eine fantastische Luftspiegelung, diese Zauberei der Wüste, ist mir leider nicht erschienen. Auch keine reißenden Tiere. Nur einmal schlich ein dunkelbraunes, katzenhaftes um einen Hügel, und katzenähnliche Fußstapfen, nur viel größer, bemerkten wir bei unseren Morgenwanderungen, auch die niedliche Spur der Gazellenfüße, zart und bestimmt wie Blumenblätter im feuchten Sande ausgedrückt. Ein Trupp von vier dieser allerliebsten Tiere jagte einmal munter an uns vorüber. Das ist ein Kontrast! Die graziöse Leichtigkeit von Formen und Bewegungen der Gazelle, und die abgemessene Steifheit des Kamels, jene ist wirklich die Grazie des Tierreiches, und dieses ein kompletter Spießbürger: trocken, langweilig, pedantisch, maschinenhaft pünktlich in seiner Pflichterfüllung. Von El-Arisch bis zur Wasserstation Catya braucht man fast drei Tagesmärsche. Da ist die Wüste zuerst stärker, dann schwächer gehügelt und mit stachligem Gestrüpp bewachen, das zuweilen halb, zuweilen ganz versandet ist, und im letzteren Zustand wie ein immenser Maulwurfshaufen aussieht. Catya ist ein Palmenwäldchen, das sich schon einige Stunden vorher durch ein paar Palmenbüsche ankündigt. Ein großer Brunnen und lange Tröge bezeichnen es als eine Oase für Karawanen und durchziehende Truppen. Zuweilen ist da ein Dorf – wenn man ganz niedrige Mauern von Lehm und Kameldünger, mit Palmenzweigen gedeckt, so nennen will – jetzt war da keines, denn nach der Dattelernte wird die Abgabe von anderthalb bis zwei Piastern für jede fruchttragende Palme eingefordert, und da laufen die Bewohner in die tiefere Wüste um sie nicht zu entrichten. Doch waren Menschen in der Nähe, denn ein Mann verkaufte Datteln an einen unserer Kameltreiber, und nachdem der sich satt gegessen, gab er den Korb zurück, behauptend die Datteln taugten nichts und wollte nichts bezahlen. Dieser Lärm! – Hier zum ersten Mal wurden unsere Kamele getränkt. Es war am 26. November. – Jenseits Catya passierten wir am andern Morgen ein Sandgebirge, eine hohe Hügelkette, die sich quer über unsere Weg legte, von blendendem Sand, so lief, daß die Kamele bis zum Knie versanken und sehr mühselig aufwärts stiegen, und so nackt und blank wie ein kahler Schädel. In einigen tiefen Gründen am Fuß der Hügel, wo sich zur Regenzeit einige Feuchtigkeit sammeln mag, standen Bouquets von Palmen, gegen den grellen Sand dunkel abstechend wie Büschel von schwarzen Federn. Jenseits dieses kleinen Gebirges lagerte sich ein Palmenwäldchen, wo man eben mit der Dattelernte beschäftigt war, und nun breitete sich eine unabsehbare Ebene aus mit festerem Boden und mit etwas strauchartigerem Pflanzenwuchs, und von ganz desolater Öde. Eine große Karawane von zahlreichen Kamelen und einigen Eseln, Männer, Weiber und Kinder, Mohren, alle buntfarbig gekleidet, reitend, gehend, in den Kamelfesseln hängend, die Tiere selbst auf jede Weise und mit allem möglichen Gerät bepackt, zum Beispiel eins mit drei Frauen, sodaß die mittlere auf dem Höcker thronte: erheiterte in ihrer Art das graue monotone Bild, und glich einem Schattenspiel, das über die kahle Wand fortgleitet und sie kahl zurückläßt. Am 28. November näherte sich die triste Ebene dem Meer, und die Landschaft war so, daß wenn jemand im Schlaf dahin versetzt und bei seinem Erwachen gefragt würde, ob er sich in der arabischen Wüste oder in einer Ebene Schottlands oder am Kurischen Haff befände, er schwerlich die Wüste nennen dürfte. Zur Rechten hatte das Meer bei früheren Überschwemmungen Teiche gebildet, wie sie im südlichen Frankreich bei Sète und Narbonne sehr häufig sind. Dort gewinnt man Salz aus ihnen, und auch hier könnte man es; auf manchen Stellen des Weges lag Salz ganz weiß und klar. Jetzt war der Weg sehr morastig, besonders da, wo ein kleiner Meeresarm sich tief ins Land hineinschiebt. Eine Brücke führt hinüber, und Dämme haben früher die Wasser eingefangen; alles ein Werk Ibrahim Paschas, um die Verbindung zwischen Syrien und Ägypten zu erleichtern, das jetzt verfällt. Um Mittag sah man am Horizont eine dunkle Linie. Als die Kameltreiber sie gewahrten, fingen sie an vor Freude zu tanzen, und ihre monotonen Gesänge noch lauter als sonst erschallen zu lassen. Jene Linie war der große Palmenwald von Salahyeh, hinter welchem ein Arm des Nils fließt, und wir waren nun in Unter-Ägypten. Es dauerte aber noch fast vier Stunden bis wir ihn erreichten. Einzelne Lehmhütten mit Zäunen von Palmblättern für Ziegen, Schafe und Hühner, lagen am Saum des Waldes, der regelmäßig gepflanzt und mit Bewässerungsgraben durchfurcht ist. Die Menschen sahen gar nicht elend aus, und hatten Milch, Datteln, Hühner zum Verkauf. Die Weiber trugen hier allgemein die Verschleierung, welche ich seit Ramla bei einzelnen bemerkt hatte, nämlich ein Stück Zeug, das einer Halbmaske mit Florbart ähnlicher als einem Schleier ist. Blanke Häkchen halten es über der Nase und unter den Schläfen fest, und unter dem Kinn endigt es mit bunten Fransen oder kleinen blanken Zieraten besetzt. Augen und Stirn sind frei. Der große dunkelblaue Schleier der hinterwärts herabfällt, dient mehr als Shawl, und die Ärmel des ebenfalls dunkelblauen Kleides sind so lang und weit, daß die Weiber, um die Hände frei zu haben, sie ganz eigentümlich halten, nämlich bis zu den Schultern emporgehoben. Die Gewohnheit, alle Lasten auf dem Kopf zu tragen, mag vielleicht diese Haltung der Arme hervorgerufen haben, teils um mit ihnen eine Art von Gleichgewicht des Körpers zu bezwecken, teils um die Hände immer zur Hilfe in der Nähe zu haben. Am Morgen des 29. gingen wir vor Sonnenaufgang in den Wald, der durch seine Regelmäßigkeit mit dem schönsten Portikus zu vergleichen war: die Stämme der Palmen bildeten die Säulen und die Kronen das Gewölbe. Ein einsames Weib kniete in diesen einsamen halbdunklen Hallen und verrichtete das Morgengebet. Mir war wirklich zu Mut als träte ich durch diesen Portikus in den uralten Weisheitstempel Ägypten. Doch die Wüste trat sogleich wieder in ihre Rechte, und die Kamele mußten, was sie höchst ungern und unsicher tun, drei jener großen Teiche mit uns passieren, die nicht zu umgehen waren. Sie hatten drei bis vier Fuß Wasser, sodaß die Führer sich fast ganz entkleideten um durchzugehen. Darauf folgte ein fester mit glänzenden Quarzen und bunten Kieseln bestreuter Kiesboden, der, sich selbst überlassen, kein Hälmchen trug, und aus dem doch der große schöne Palmenwald von Kerya emporwuchs, den wir gegen zwei Uhr erreichten. Volk aus benachbarten Dörfern war in ihm zusammengekommen und hielt Markt – hauptsächlich mit Datteln, Zitronen, baumwollenem Garn, Brot und Eiern. Da sah ich viele Weiber, und manche die außer ihren Körben auf dem Kopf noch ein Kind auf der Schulter reitend trugen, welches mit seinen Armen ihren Hals umklammerte. Hatten sie sonst keine Last, so saß das Kind ihnen auf dem Nacken reitend und hielt den Kopf der Mutter umschlungen. Der Mann ritt häufig sehr gemächlich auf dem Esel nebenher. Bei dem Dorf Abuhamed nahmen wir Nachtquartier, das von Morasten und Überschwemmungen umgeben war, und uns ein schrecklich ungesunder Ort zu sein schien, umsomehr als wir bei einem tüchtigen Regenguß anlangten. Der nächste Morgen, der 30. November, war aber wunderhübsch! Von hier an verändert das Land seinen Charakter, oder eigentlich der Mensch verändert ihn, denn ganz Ägypten würde eine tote Wüste sein, wenn die Überschwemmungen des Nils nicht durch Kanäle, Dämme, Schleusen, Gräben über den Boden verbreitet würden, auf dem die allmählich zurücktretenden Gewässer ihren befruchtenden Schlamm absetzen oder dessen Pflanzungen sie ernähren. Wo kein Wasser hindringt, nimmt die Wüste ungestört Boden ein, und so kommt es, daß sie unmittelbar, ohne Übergang an ein Paradies stößt. Es war ein herrlicher Morgen, klar, sonnig und warm. Wir gingen drei Stunden, von halb sieben Uhr an, und zuerst neben einem Baumwollfeld in Blüte, dessen Staude mir etwas Niegesehenes war. Auf der andern Seite standen Überschwemmungswasser, flach und unbeweglich wie unsre Waldwasser, und Palmen, Nabekbäume und Sykomoren spiegelten sich still und klar in ihnen. Allerlei Gevögel flog um mich herum, der Wiedehopf ging am Ufer spazieren, der Kiebitz flatterte kreischend vor mir her, hübsche marmorweiße Wasservögel saßen in Scharen beisammen; Tauben, rötlichbraun von Gefieder wie Karneol, wiegten sich gurrend und lachend auf den langen Palmzweigen – alle so zahm und furchtlos, und so fröhlich in ihren Tönen redend, wie bei uns die ewig gescheuchten und gejagten Vögel gar nicht mehr den Mut haben. Menschen gab es nicht. Diese stillbelebte kindliche Welt, die üppig und reich aus den Wassern auftauchte und nur von harmlosen Tieren bevölkert war, kam mir vor wie am Schöpfungsmorgen: so merkwürdig friedlich und unentwickelt. Ich stand zuweilen still und sah mich um; eine solche Kindlichkeit unserer alten Erde kann man sich unmöglich vorstellen! Wie über Nacht geboren und in der Wiege liegend. Ich sage gar nicht, daß es wunderschön war. Ein Kind in der Wiege ist keineswegs schön, nur merkwürdig, weil es die erste Stufe des Menschenlebens ist, und hier war die erste des Naturlebens. Einen so eigentümlich frappanten Eindruck macht selten der Eintritt in ein neues Land. Doch bitte ich Dich, daß Du nicht den Wüstencharakter aus den Augen läßt, liebe Mutter. Von Abuhamed bis Kairo sind noch anderthalb Tagesreisen, und Du legst sie fast ohne Unterbrechung so zurück, daß Du zur Linken die völlig tote, tagelange Ebene bis Suez hast, und zur Rechten Palmenwälder, Wasserflächen, Baumwoll- und Maisfelder abwechselnd, und mit Sand- und Kiesstrecken durchschossen; – links die Wüste, rechts ein Garten Gottes; – links ein grelles, hartes Gelb, rechts ein Grün funkelnd und glänzend wie Email; und dieser schneidende Kontrast durch nichts bewirkt, als durch den kleinen Graben, der hier gezogen ist und da aufhört. Zur Rechten war das Land an manchen Stellen noch so überschwemmt, daß ganze Dörfer und Palmenhaine wie Inseln darin lagen, sodaß man einen schmalen Erdwall quer durchs Wasser aufgeworfen hatte, auf dem die zahlreichen Schaf- und Ziegenherden abends zu ihren Ställen gelangten. Die Dörfer, mögen sie nun groß oder klein sein, sind immer in gleicher Weise gebaut, wie Salahyeh: Lehm ist das Material der rohen Wände, und zuweilen sind sie ganz dachlos, zuweilen mit Palmenzweigen gedeckt. In den größeren finden sich Moscheen und Minarette, und bei allen die traurigen, zerfallenen Gottesacker der Mohammedaner, bei deren Gräbern manchmal Weiber in ihren dunkelblauen Gewändern wie Schatten der Verstorbenen sitzen. Erst um halb sechs Uhr, nach einem elfstündigen Tagesmarsch und nach Sonnenuntergang, erreichten wir Abuzabel, ein Dorf, in welchem Mehemed Ali Arzneischule und Militärhospital, die jetzt nach Kairo versetzt sind, in einem großen stattlichen Gebäude, von Gärten umringt, anlegen ließ. An der Gartenmauer, neben den Zelten der Wache, campierten wir zum letzten Mal für lange Zeit im Freien. Der heiße Duft der Akazien quoll aus dem Garten zu uns herüber, während vom Dorf der widerliche Rauch des bewußten Brennmaterials uns anwehte. Gestern, am 1. Dezember, war die ganze Karawane um halb sieben Uhr marschfertig, und ich sehr entschlossen mich nicht wieder auf mein Kamel zu setzen. Schon in Salahyeh hatten wir Esel verlangt, doch keine bekommen können. Jetzt gingen wir zu Fuß, vielleicht eine halbe Stunde, nach dem großen Dorf Kankah, um welches sich weite Wasserspiegel und üppige Gärten ausbreiteten. Die Esel fanden sich auch – und erlöst von meinem Spießbürger, ging es nun munter vorwärts, neben und unter Palmen, in solcher Masse und Fülle, daß ich ganz beschämt bin von denen in Gaza einiges Aufheben gemacht zu haben, – dann durch eine prächtige, fast ganz zugewölbte Akazienallee, auf einem gemachten festen Wege; – und plötzlich hört das alles auf! Man findet sich mit einigem Schreck auf der alten, wohlbekannten wüsten Ebene wieder, die Gott weiß wie lang und wie breit ist, wieder zur Rechten ihre einzelnen bebauten Stellen, und wieder zur Linken – nichts hat als eben auch den bekannten Höhenzug des arabischen Gebirges, welcher hier der Mokkatam heißt. Indessen war die Ebene nicht mehr menschenwüst. Die Dorfbewohner brachten Orangen und Zitronen, Datteln und Bananen zur Stadt und aus ihr kamen Reisende, Geschäfts- und Handelsleute, Kamel- und Eselzüge, Soldaten die ihre Pferde einritten; – kurz, der ganze Verkehr, der eine große Stadt umkreist, gab sich kund je näher wir kamen. Endlich auch Wagen! Europäische Spazierfahrten – welch ein ungewohnter Anblick! In einer kleinen Droschke Ibrahim Pascha, in einem Coupé mit vier Pferden Abbas Pascha. Laufer rennen voran – das ist in Europa eine verschollene Mode. Am Abhang des Mokkatam erhebt sich die Zitadelle, die Residenz der Herrscher Ägyptens; zu ihren Füßen liegt die große, große Stadt wie ihr gehorsames Volk. Eine Menge zierlicher Minarette schießen klar aus dem unklaren Häusergewühl empor, das mit Palmen und anderen Bäumen umgeben und durchwachsen ist. Mehr im Vordergrund präsentiert eine ganze Reihe von Windmühlen ihre disgraziöse Form auf Sandhügeln erhoben, und einzelne große Grabmäler lösen sich von der Masse der weitläufigen Totenfelder ab. Aber im Hintergrund, jenseits der Stadt, erheben sich ein paar mächtige Gebilde – sind's Hügel? Sie sind zu regelmäßig; sind es Gebäude? Sie sind zu gigantisch; – die Pyramiden von Gizeh sind es. Sie dominieren und beherrschen das Bild, und ziehen magnetisch den Blick an. Mit Recht! Wie die Gemälde der Urahnen in einem langen Ahnensaal, beginnen sie den Reigen der Entwicklung, den das Menschengeschlecht in jener Sphäre zu durchwandern hat, wo die übersinnliche Idee sich in ein sinnliches Gewand hüllt um den bezweckten Eindruck zu machen, und welche wir die Kunst nennen. Bei diesen Schöpfungen haben Urkräfte tätig sein müssen, nicht bloß materielle, sondern auch geistige. Nun, davon später! – – Wir ritten nicht zum Tor hinein, in welchem unser Weg mündete, denn es war gegen Mittag, wo das Volksgewühl in den schmalen Gassen groß ist, sodaß die bepackten Kamele schwer durchkommen. Wir bogen rechts ab, und ritten an den Mauern fort, zwischen ungeheuren Schutthaufen, zwischen Gärten voll der herrlichsten Bäume, zwischen jungen Saatfeldern; vorüber an ein paar Toren, an Kaffeehäusern fürs Volk, unter mächtigen Sykomoren aufgeschlagen, endlich durch eine Vorstadt, die von Soldaten und ihren Familien bewohnt sein soll, wo die dörflichen Lehmkasten wie Schwalbennester an der Stadtmauer kleben, und wo ein betäubendes Gewimmel von Weibern und Kindern uns umschwirrte, wie es schien in Staub gebadet und mit Schmutz gesättigt – ein Anblick der sich zum Eindruck des Ganzen verhielt wie ein ekelhafter Fleck auf einem prachtvollen Kleide. Endlich ritten wir durch ein kleines enges Tor, und befanden uns auf dem immensen Esbekyeh-Platz, der europäisch promenadenartig mit Kanälen, schattigen Alleen und weißen Häusern umgeben ist. Eins dieser Häuser ist l'Hôtel d'Orient . – Ich war in Kairo und hatte den Wüstenzug hinter mir. 28. An Gräfin Schönburg-Wechselburg Kairo, Dezember 4, 1843 Ich weiß nicht meine liebste Emy, ob es Ihnen wohl auch so geht, daß Stätten und Länder, die Sie nie gesehen haben, sich Ihnen unter einem bestimmten Bilde vor die Seele stellen. Mir geschieht es oft. Der Nil hat sich zum Beispiel in meiner Phantasie ganz mit der Isis verwebt und zwar nicht mit der mumienhaften schwarzen Gestalt, der man in unseren ägyptischen Museen diesen Namen gibt, sondern wiederum mit meinem Phantasiebilde der Isis, als einer herrlichen dunklen Frau mit tiefen, schwarzen Augen, mehr Zauberin und Königin als Göttin, mit mystischen Attributen, die zugleich auf Zauberstab und Zepter deuten. Zu ihren Füßen floß der Nil – aus der unerforschten Wüste ins unergründliche Meer, ein unermüdlicher Segensstrom, den die Völker seit Jahrtausenden nur durch seine Wohltaten kennen, und sie hielt die Hand über ihm ausgestreckt. Man sieht ja dergleichen innerlich. Nun war ich aber unsäglich erwartungsvoll wie der Nil in Wirklichkeit aussehen möchte, und ob mein altes Phantasiebild auch künftig damit übereinstimmen könnte. Ich habe auf dieser Reise, und besonders zuletzt über die Wüste, gründliche Enttäuschungen erfahren; aber der Nil hält mir Stich: die Isis darf neben ihm stehen bleiben mit ihren mächtigen, schwarzen Augen! – Wir waren schon drei Tage im Niltal gereist, hatten sein Wasser getrunken und gesehen, aber nur so wie es teichähnlich seit der Überschwemmung auf dem Erdboden stand, ihn selbst, den Fluß in seinem Bett, konnten wir nicht gewahr werden und Kairo selbst liegt nicht unmittelbar daran. Um ihn zu sehen muß man nach dem kleinen westlichen Hafenort Bulak oder nach dem südlichen Alt-Kairo, das man auch Fostat nennt. Am Tage meiner Ankunft mochte ich nichts sehen, als liebe Briefe, und am andern Tage auch noch nichts. Hier wo ich Zeit habe, gönne ich sie mir. Nur den Esbekyeh-Platz auf dem wir wohnen umgingen wir. Es wird noch an ihm gearbeitet, denn er ist ein großer Sumpf gewesen, der jetzt ganz ausgetrocknet, aber noch nicht vollständig mit Bäumen, Kanälen und Wegen versehen ist. Vollendet, wird er mit den schönsten in Europa wetteifern können. Ihnen bedeutet das nichts. Ein schöner Promenadenplatz ist etwas sehr Angenehmes, gewiß! Doch nichts Staunenswertes. Liebe Emy, bei mir ist Erstaunen die vorherrschende Empfindung: Ein Türk pflanzt Bäume! Ein Türk denkt an die Zukunft! Aber das ist ja etwas Unerhörtes im Orient. Seit drei Monaten habe ich nichts gesehen als Ruinen und Verwahrlosung, wenn nicht das Bedürfnis gebieterisch diese oder jene notdürftige Pflege des Bodens befahl, und jetzt plötzlich nutzlose Bäume in Fülle, wie auf einer spanischen Alameda – o, das ist ausnehmend merkwürdig! Klima und Erdreich geben auch freilich Luft zu pflanzen. Steckt man ein Reis in den Boden, begießt man es, so ist es in ein paar Jahren ein weitschattender Baum. Alle Pflanzungen und Anlagen um Kairo sind, wenige Palmen ausgenommen, von Mehemed Ali und Ibrahim Pascha gemacht oder veranlaßt, also seit ungefähr dreißig Jahren entstanden, und sie prangen wie bei uns nach einigen Menschenaltern. Wie das schön ist, so eine mit frischem Grün durchwebte große Stadt! Gestern endlich wollte ich denn doch über meinen Platz hinaus. Vor dem Gasthof stehen immer eine Menge Esel mit ihren Treibern auf den Wink der Fremden harrend, charmante Geschöpfe, die ich wahrhaft mit Bedauern Esel nenne. Dadurch daß man ihnen in ihrer Kindheit die Füße auf derselben Seite zusammenbindet, gewöhnt man ihnen einen Paßgang an, in dem sie unglaublich behende und schnell laufen – die Führer nebenher, ohne zu keuchen, dermaßen sind sie eingeübt. Ich ließ meinen Sattel auflegen, und wir ritten nach Alt-Kairo zum Nil. Alt-Kairo ist die Mutterstadt von Kairo. Wo der Feldherr des Omar, wo Amru sein Zelt aufschlug, als er die Eroberung Ägyptens machte, und wo eine nistende Taube sich als günstige Vorbedeutung auf seine Zeltstange setzte, die er stehen ließ, um den kleinen Gast nicht zu stören, da gründete er eine Stadt und nannte sie Fostat – so heißt das Zelt auf arabisch. Erst drei Jahrhunderte später legten die fatimidischen Kalifen das jetzige Kairo an, das auf arabisch Cahira, die Siegreiche heißt. Jetzt ist Fostat arm und verlassen, aber den Fremden merkwürdig wegen der berühmten uralten Amru-Moschee. Wir ritten bis zum Fluß und setzten über seinen einen Arm nach der Insel Rouda, an deren südlichster Spitze der Nilometer sich befindet, eine uralte Säule aus den Zeiten der ägyptischen Könige, an der man das Steigen und Fallen des Wassers beobachtet. Diese Insel spaltet den Fluß in zwei Arme, aber breit und mächtig kommt er aus Süden; nicht schnell – er gefällt sich in dem frischen grünen Uferbett, das er sich selbst bereitet hat; nicht reißend – er hat keine zerstörende Bestimmung; aber so recht ein Bild stiller, starker Ruhe voll unermeßlicher Schöpferkraft. Girlanden und Sträuße von Palmen, eben so still und majestätisch wie er, schmücken seinen Lauf, und die Pyramiden blicken ernst und hoch von der Grenze der libyschen Wüste herüber. Es liegt eine Ruhe über diesem Bilde ausgebreitet, wie ich sie geträumt haben muß, wenn ich ehedem von der Ruhe des Orients sprach, und wie sie mir bis jetzt nirgends entgegengetreten ist. Nicht das versteinerte Jerusalem, nicht die tote Wüste sind in diesen goldnen Rahmen der Ruhe hineingeschmolzen, sondern in den farblosen des Grabes, und das macht nur traurig, müde und gleichgültig. Hier ist es lieblich ernst, so recht wie es sich schickt für das Land voll tiefsinniger Weisheit, aus deren Quell Solon, Pythagoras, Plato schöpften, und der man sich näher wähnt, wenn man im Anschauen dieses geheimnisvollen Stromes und dieser wunderbaren Pyramiden in die Tiefe der Zeiten hinabgleitet. Das ist nun freilich ein Wahn, denn könnte man durch sehen weise werden, so müßte ich es längst sein, denn ich habe viel gesehen, was von Weisheit erzählt. Auf dem andere Ende der Insel Rouda hat Ibrahim Pascha weitläufige Gärten, die man hier englische und französische nennt, weil jene großen Rasenplätze, diese Hecken von Myrthen und Hibiskus haben. Die kennen wir in Europa besser! Was unserem Auge an ihnen gefällt sind diese köstlichen, fremdländischen Pflanzen, die man bei uns kaum in Treibhäusern sieht, und die im Freien gedeihen, sogar der Kaffeebaum und die Vanille. Wie ein großer Blumenkorb schwimmt dies freundliche Eiland auf den breiten stillen Fluten in einer Atmosphäre von Rosen-, Myrthen- und Akazienduft. Kanäle ziehen sich um die Rasenplätze, Wasserbecken tauchen aus den Blumenpartien auf. Mehrere Häuser von Ibrahim Pascha liegen in den anmutigsten Umgebungen, eines wird vom griechischen Konsul bewohnt. Wenn nicht unfehlbar in jedem Frühling die Pest ausbräche, und wenn man ihretwegen nicht die lästige Quarantäne überstehen müßte, so würde die haute volée der Reiselustigen den Winter in Kairo statt in Neapel zubringen können, und gewiß mit gleichem Genuß. Der Esbekyeh-Platz würde die Chiaja werden. – Wir verbrachten ein paar Stunden auf Rouda. In den Gärten begleitete uns teilweise, doch nicht zudringlich, ein Gärtner, und gab mir einen prächtigen Rosenstrauß von rötlichem Weiß bis zum tiefsten Dunkelrot schattiert. Die Sonne sank, und wir waren noch immer da! Die Pyramiden sahen auf dem Purpur des Abendhimmels unerhört großartig aus. Ich konnte mich nicht satt an ihnen sehen. Zuletzt schwebte der Abendstern über der einen, wie ein geheimnisvoller, unsterblicher Gedanke, der über allem menschlichen Tun und Treiben steht, der allem menschlichen Schaffen innewohnt, wenn dieses auch zuweilen im Material oder im Ausdruck ihn nicht ganz richtig wiederzugeben vermag, der wie eine mystische Flamme aus dem Schlußstein eines großen Werkes auffährt, und der Durst nach Unsterblichkeit heißt. Alter Cheops! Deinem Staube wolltest du ein Grab erbauen, in welchem er sicher ruhen möchte, bis nach Jahrtausenden deine Seele ihre Peregrinationen vollendet hätte und, zur ersten abgestreiften Hülle wiederkehrend, sie von neuem sich mit ihr bekleiden und sie durchgeistern könnte. Ach, dein Staub! Wohin ist der verweht? Ausgewüstet und leer sind die Grabkammern. Der geldgierige Araber hat sie nach Schätzen und Kleinodien durchwühlt, der Altertumsforscher sie nach Haltpunkten und Aufschlüssen für seine Wissenschaft durchspäht, der Kunstliebhaber sie geplündert, der Fremdling sie staunend oder neugierig durchkrochen. Tausende haben deinen Staub, den du unberührt haben wolltest, mit Füßen getreten und ihn in alle vier Winde zerstreut. So geht's, wenn man das Sterbliche unsterblich machen möchte: es wird unendlich gedemütigt. Endlich mußten wir denn doch heimkehren, wieder über den Nil setzen und durch die schönen breiten Alleen nach Kairo reiten. Massen von Eseln begegneten uns, die vermutlich in der Stadt ihr Tagewerk vollbracht hatten und nun nicht anders als im Galopp heimgetrieben wurden. Reiter zogen desselben Weges wie wir, militärisch aussehende Männer zu Pferd; arabische Frauen in ihren Dominos von schwarzem Taft mit dem halbmaskenartigen Schleier unter den Augen auf Eseln, und von ihren Dienern im Rücken unterstützt, sobald es schnell vorwärts ging; europäische Frauen, unabhängiger im englischen Sattel sitzend; Franken, Türken, Araber, Reisende, alle bunt und munter durch einander auf den breitesten Wegen – gar nicht mehr so unbeweglich, gar nicht mehr an die Cafés geschmiedet. Mit Kairo bin ich, wie mir scheint, in eine neue Phase des Orients getreten. 29. An meine Schwester Kairo, Dezember 6, 1843 Ach Clärchen, hier ist es wunderhübsch! Das Hauptvergnügen besteht in Ausreiten. Eine Allee wie die von Kairo nach Schubra gibt es, so weit ich die Residenzen von Europa kenne, in keiner – über eine Stunde lang, so breit daß gewiß sechs Wagen neben einander fahren könnten, Sykomoren rechts, Lebbek-Akazien links, deren Äste sich oben fast berühren und einen Laubengang bilden, und immer grün! Einen einzigen der unzähligen Schutthaufen, welche die Stadt nach allen Richtungen wie ein Wall umgeben, hat Mehemed Ali abtragen lassen um damit den Weg zu erhöhen auf welchem er die Allee gepflanzt hat, und welcher nun vor Überschwemmungen sicher ist .Zu beiden Seiten ziehen die üppigsten Felder sich hin, Baumwolle, Zuckerrohr, alle Arten von Getreide, von Hülsenfrüchten. Andre Alleen durchschneiden sie, führen zu Gärten und Landhäusern, die von großen Zitronen- und Aprikosenpflanzungen umringt sind. Auf tieferen Stellen steht noch das segenspendende Nilwasser, als wüßte es, daß der Landmann nicht alle Arbeit auf einmal machen kann, und daß verschieden Pflanzen zu verschiedenen Jahreszeiten kultiviert sein wollen. Auf anderen Stellen arbeitet schon wieder die Sakyeh, das große von einem Ochsenpaar getriebene Schöpfrad, welches das Wasser zum Begießen der Gärten und Berieseln der Felder aus den Kanälen heraufschafft, die der Nil alimentiert. Sträuche von wilden Rosen und Akazien umgeben die Sakyeh, die Ochsen und deren Treiber als Schirm gegen den Wind, und zuweilen gibt ihr auch noch ein Sykomoren- oder Maulbeer- oder Johannisbrotbaum seinen kühlen Schatten gegen die Sonne. Die sieben Millionen Menschen, welche in alten Zeiten an den »Fleischtöpfen Ägyptens « schwelgten, dürften noch heute kommen und ihr Genügen finden, aber seit vielen Jahrhunderten nehmen sie ab. Brächte Mehmed Ali es dahin, daß die Bevölkerung stiege, so wäre sein Platz zwischen den großen kaum zweifelhaft; jetzt ist er es freilich sehr. Aber ich gönnte es ihm! Wenn nur die europäischen Mächte ihm gestatten wollten sich sicher zu setzen, wer weiß ob es nicht von selbst geschehen würde. Schubra ist ein Garten am Nil mit einem Landhaus, das er liebt. Etwas Anmutigeres und Anspruchsloseres als den Eingang zu diesem Garten kann man sich schwerlich vorstellen. Das Tor hat eine ganz unregelmäßige Gestalt durch die Masse von Schlingpflanzen mit blauen Blüten bekommen, die es umranken, sodaß man wie unter zwei Bäumen eintritt. Der Garten selbst hat keine Ähnlichkeit mit denen von Ibrahim Pascha auf Rouda: er ist mehr orientalisch, d. h. ein Fruchtgarten, aber ganz anders gehalten und gepflegt als die Wildnisse von Damaskus. Feste, mit Muscheln und Steinen parkettierte Wege, die regelmäßige Vierecke aller Arten von Orangen und Zitronen umschließen und mit niedrigen geschorenen Hecken von Myrthen eingefaßt sind; schattige Bogengänge die bei Wasserbecken auslaufen; hochgelegene Kiosks mit der Aussicht auf den Nil, der wie mit einem wallenden Mantel von Silberstoff durch die Gefilde zieht; das sind die Hauptbestandteile; – nicht zu vergessen die große Fontäne, die wirklich süperb ist. Indessen suche ich die Stadt doch auch nicht zu verabsäumen. Wir besuchten heute die Zitadelle, die auf einem Vorsprung des Mokattam liegt. Der große Saladin, der glückliche Gegner von Richard Löwenherz und von Philipp August, kriegerisch tapfer wie sie und ritterlich edler, erbaute diese Festung gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts. Der Jussufs-Brunnen verewigt noch seinen Namen. Es ist ein tiefer Felsenschacht bis zum Niveau des Nils in den Berg gebohrt und wiederum durch dessen Unerschöpflichkeit alimentiert. Ein Pulvermagazin das vor zwanzig Jahren in die Luft flog hat von dem alten Saladinischen Palast nichts übrig gelassen als einige schöne zerbrochene Säulen. Alle Gebäude sind neu, der Diwan, die Münze, eine Gewehrfabrik. – Von jener Bastion übersieht man vortrefflich die Stadt und die weite Ebene in der sie liegt. Diese Lage ist ungemein frappant, im Osten die Wüste in der vollen Bedeutung des Wortes bis Suez, im Westen das Niltal, und jenseits desselben die libysche Wüste gegen welche die arabische sich verhält wie ein Zwerg zum Riesen. In diese beiden unabsehlichen, mit dem Horizont verschmelzenden grellgelben Sandflächen ist das Nilbett eingeklemmt: der Fluß in der Mitte und zu beiden Seiten grüne Ufer, ein jedes vielleicht eine Meile breit. Ägypten, nämlich das kultivierte, bewohnte, der Zivilisation fähige Ägypten, beschränkt sich auf die grünen Streifen, auf das Flußgebiet des Nil. Denke Dir den seltsamen Effekt, wenn die Kultur der Rheinländer so begrenzt wäre, daß hinter Mainz zur Linken und hinter Frankfurt zur Rechten die Wüste läge. So ist es. Hörte durch irgend eine ungeheure Katastrophe im Innern von Afrika der Nil auf zu fließen, so würde Ägypten aufhören. Die arabische und die libysche Wüste würden allmählich zusammenrücken und die Vegetation mit Sand beschütten und erdrücken. Woher die große Regelmäßigkeit im Steigen und Fallen des Nilwassers komme, hat noch niemand ergründet. Die ungeheuren und anhaltenden Regen, welche zwischen den Wendekreisen vom Sommersolstitium bis zum Herbstäquinoktium fallen, bewirken das Schwellen des Stromes – so heißt es; aber es scheint mir keine genügende Erklärung, weil der Prozeß der Überschwemmung mit einer Gleichförmigkeit und Ruhe von statten geht, welche ihm sonst nirgends eigen ist. Es wälzen sich nicht plötzlich rollende Fluten über das Land, sondern von Ende Juni bis Ende September, ungefähr, steigt und steigt der Nil, ganz langsam, ganz allmählich, zuweilen mehr oder minder bemerklich, doch nie tumultuarisch. Die ägyptischen Astrologen helfen sich zu einer Erklärung dieses Naturwunders durch ein anderes. Bis auf die Minute rechnen sie um die Mitte des Juni die Leylet en Nuktah aus, die Nacht des Tropfens, wo ein mit befruchtenden Kräften ausgestatteter Tropfen vom Himmel in den Nil fällt und dadurch das Schwellen der Gewässer bewirkt. Dies ist eine Festnacht für ganz Ägypten, das an sie seine Hoffnungen für die Ernten des kommenden Jahres knüpft. Allgemeine Gebete werden um diese Zeit angestellt für ein reichliches Schwellen des Wassers; eine große religiöse Zeremonie findet zu demselben Zweck statt an welcher alle Bewohner Ägyptens ohne Unterschied der Religion teilnehmen – natürlich erst seit Mehemed Alis Zeit – Araber, Türken, Griechen, Kopten, weil ihnen allen der göttliche Segen zugute kommt. Wird das Schwellen bemerklich, so beginnt das Volk Freudenfeste, die besonders in Oberägypten nach uraltem Gebrauch sehr wild sein sollen. Bis Anfang Oktober steigen in der Regel die Wasser, dann stehen sie, und werden vorsichtig von einem Punkt zum andern geleitet, so lange der Vorrat vorhanden, wenn der erste genugsam getränkt worden ist. Nach und nach verschwinden sie wieder und im April und Mai herrscht schon von neuem Dürre. Sieh so regelmäßig geht diese wunderbare Überschwemmung alljährlich von statten, so systematisch muß sie benutzt werden, und solch eine künstliche Kanalisierung bringt wie Blutgefäße Leben in den toten Körper Ägyptens. Der Nil ist die große Pulsader. In alten Zeiten, wo alle höheren Ideen und Kräfte personifiziert und dem Menschen sinnlich vors Auge gestellt wurden, ist es sehr natürlich daß der Nilgott einen Ehrenplatz eingenommen hat. Blicke ich nach Süden, so sehe ich eine ganze Reihe von Pyramiden, zunächst die von Gizeh, die großen, die herrlichen! In der scharfen Mittagsbeleuchtung weiß wie Marmor, dann die von Sakara, von Abusir, die einzigen Gebäude deren Linien aus der Landschaft in den Horizont emporsteigen. Sonst sind alle Linien horizontal und flach: das libysche Gebirg ein Strich, lang, gleichmäßig, kaum gewellt, das arabische etwas mehr, vielleicht weil man es näher sieht, aber auch ohne scharfe Formen. Über der Stadt selbst steht man zu hoch als daß ihre zahlreichen und wunderhübschen Minarette Effekt machen könnten; sonst sind sie, von der Ebene gesehen, ganz reizend und alle verschieden, mit Knäufen, Kugeln, Kronen, Spitzen und Galerien von einer Mannigfaltigkeit und Elegance, daß sie mich immer an Kandelaber von Silber- und Bronzearbeit erinnere. Fast am Ende jeder mäandrischen Wendung der Straßen, welche in dieser Art alles übertreffen, was ich bisher gesehen, schießt so eine elegante Säule empor, wie aus gelblichem Elfenbein geschnitzt, und manchmal mit abwechselnd weiß und roten Steinstreifen bekleidet. Überhaupt – Kairo und nur Kairo ist in meinen Augen die echt orientalische Stadt, mit ihren Formen und Anlagen an die Bilder aus Tausend und einer Nacht erinnernd, und mit ihrer Architektur ganz geboren vom arabischen Genius. Ihre Moscheen, ihre Grabmäler, ihre Fontänen, ja Clärchen, das sind die echten Geschwister der Alhambra! Konstantinopel, auf diesen Hügeln, an diesen Wassern, in dieser Lage auf der Grenze von Europa und Asien, frappiert unerhört die Phantasie und ist im Ganzen so unglaublich blendend, daß man die Disharmonie der einzelnen Teile nicht bemerkt, und überhaupt von dieser reizendsten aller Theaterdekorationen keine Einheit, keine Originalität begehrt, weil sie ihre volle malerische Wirkung auf uns geübt hat. Damaskus ist ein Fruchtgarten, in dessen Mitte sich ein Volk ländlich und einfach in schlechten Lehmhütten angesiedelt hat. Kairo aber ist die echte Kalifenstadt, die Erbin von Damaskus und Bagdad, die Stadt al-Mamouns und Saladins, arabisch-sarazenisch bis ins Herz hinein, daher originell wenn je eine es war, und malerisch in ihren einzelnen Teilen und von einzelnen Punkten, wie eine so große Stadt, die in einer völligen Ebene liegt, es nur sein kann. Die Straßen sind schmal und krumm, aber doch viel bequemer wie in jenen beiden Städten für den Fußgänger, weil sie nicht den abscheulichen Rinnstein in der Mitte haben und weil sie überhaupt gar nicht gepflastert sind. Der Boden ist fest, die acht bis zehn Regentage des Jahres verderben ihn nicht: so ist er einem schlechten Steinpflaster bei weitem vorzuziehen. Die kleinen Esel würden in einem solchen stecken bleiben, während sie jetzt einen ganz sicheren Tritt haben. Es soll 20.000  Esel in Kairo geben. Gewiß ist's, daß wenigstens ein Drittel der Menschen reitet, die man auf der Straße sieht. Das verbreitet eine große Munterkeit, aber manchmal ein schreckliches Gedränge, wenn Kamele, Pferde, Esel, mit Treibern, Seïs und Reitern in die wogenden Fußgänger von beiden Seiten der Straße hineindringen. Es hat aber jedermann die erforderliche Übung um sich glücklich heraus zu wickeln. Geht's nicht anders, so reitet man mit seinem Esel in die erste beste Haustür hinein, die hier wie in Damaskus zuerst in einem schmalen finsteren Gang und dann erst durch einen zweiten in den inneren Hofraum führt. Neben der Tür sind keine Fenster; das erste Stockwerk springt etwas vor, die übrigen nicht, denn manche Häuser haben zwei auch drei Etagen, sind aber selten breiter als zwei Fenster. Diese sind mächtig groß, dicht, zum Teil äußerst zierlich vergittert mit gedrechselten und verschränkten Holzstäben, die aber nicht auf dem Fenster aufliegen, sondern aus demselben herausgebaut sind, etwa wie bei uns ein Blumenfenster, sodaß man hinter diesem Gitter die Straße hinauf und hinab sehen kann. Zuweilen hat es in der Mitte noch ein besonderes Guckfensterchen. An gewöhnlichen Häusern ist es nur von gekreuzten Palmenstäben; an eleganten bildet es die zierlichsten Geflechte mit allerlei Zeichnungen. Ein Mittelding von Jalousie, Gitter und Balkon heißt es Muscharabieh. Die Türpfosten und Gesimse sind zuweilen mit sauberen Arabesken von Steinmetzarbeit, auch von Stuck bekleidet, und wer letzteres nicht haben kann und doch eine Verzierung wünscht, läßt sie in Streifen, rot und weiß anstreichen. So sind auch manche große Gebäude, Moscheen, Okels, wie man hier die Kaufhäuser nennt. Die Bazars sind höher, geräumiger und ansehnlicher, als irgend welche, und sind auch immer für einzelne Gegenstände bestimmt. Die Cafés sind eben so zahlreich wie in Konstantinopel und wo möglich noch einfacher. Auf dem Esbekyeh-Platz sind mehrere unter freiem Himmel, ein kleiner Herd, ein Tisch für die Nargilehs, ganz niedrige Schemel von Palmstäben die wie Vogelbauer aussehen, darüber die schattigen Äste einer Lebbek-Akazie: das ist das Kaffeehaus – wo man sich aber vortrefflich unterhält, denn den ganzen Tag sitzen da Geschichtenerzähler und Taschenspieler von einem höchst aufmerksamen Auditorium umringt. Auf dem Roumeyleh-Platz am Fuß der Zitadelle sahen wir heute auch mehrere dichte Gruppen, die sich schaulustig um Possenreißer und Tausendkünstler drängten. In Kairo macht es mir wahrhaft Vergnügen in der Stadt zu zirkulieren, weil ich mich nicht durchzukämpfen brauche und überall etwas Hübsches sehe, die Bauart der Häuser, die eleganten Minarette, die allerniedlichsten Brunnenhäuser, halbzirkelförmig an eine Mauer gelehnt mit feinem Gitterwerk zwischen schöner Steinarbeit, hie und da eine Palme, ein Orangenbaum im Hof der Moscheen, der Privathäuser, auch Gärten deren Grün über die Mauern blickt und die den Reichen und Vornehmen gehören; – von dem Menschengewühl in den besuchten Straßen gar nicht zu reden, das die Ohren dröhnen und die Augen flimmern macht und doch so wesentlich zur Umgebung gehört, daß einem die unbesuchten und einsamen Straßen lange so gut nicht gefallen. Und ist man der bunten Bilder müde, so reitet man hinaus nach Fostat, nach Boulak, nach Schubra, und hat da die Fülle tropischer Vegetation – und den Nil. 30. An meine Mutter Kairo, Dezember 11, 1843 In den ersten Tagen, liebe Mutter, wollte ich gar keine andere Exkursionen machen als westlich von der Stadt um meinen Blick nach Herzenslust in den grünen Auen und in der Fülle und Pracht der Vegetation zu laben. Die Wüste im Osten der Stadt zog mich durchaus nicht an. Ich war gründlich wüstenmüde. Aber ich wußte freilich nicht, daß bei dieser zauberischen Stadt die Wüste anders beschaffen und voll Wunder sei. Kairo ist wirklich die Stadt der Wunder! Da ist der Nil: mysteriös wie unter dem Schleier der Isis, erfüllt er seine Bestimmung; da sind die Pyramiden, mit denen andere Titanen den Himmel stürmen wollten, Riesenerzeugnisse eines Riesengeschlechtes. Da sind eben in dieser östlichen Wüste die Gräber der Kalifen um welche Dschinnen walten und weben. Da ist weiter hinauf der ausgebrannte Krater Djebbel Achmar; und noch weiter, in dem längst versiegten und versandeten Bette eines Stromes, der versteinerte Wald – ungeheure Erzeugnisse losgebundener Naturkräfte, die vielleicht als böse Geister dem guten Geist des Nils entgegenwirkten. – Aus welchem östlichen Tore Du die Stadt verlassen mögest, bist Du in der Wüste, im toten unfruchtbaren Sande, die sich an dem Mokkatam bricht um jenseits desselben mit verstärkter Kraft sich zu lagern. In der Ebene, welche sie zwischen seinem Fuß und den Mauern der Stadt bildet, liegt in der ganzen Ausdehnung von Norden nach Süden die Nekropolis, die Stadt der Toten. Ungeheure Schutthaufen, welche ein Jahrtausend abgelagert hat, ziehen sich wie Wälle zwischen ihren verschiedenen Abteilungen hin. Auf ihnen liegen die traurigen Windmühlen. Die Gräber sind teils schlichte weiße Steine, von denen ein aufgerichteter zu Häupten und einer zu Füßen eines Liegenden stehen; teils viereckige überkuppelte Gebäude, meistens nach Gutdünken in die freie Wüste hineingestreut, zuweilen aber auch viele von einer gemeinschaftlichen Mauer umschlossen, nach Art unserer Gottesäcker. Die meisten Gräber haben das Schicksal der Moscheen: sie werden nicht unterhalten. Familien und Geschlechter sterben aus, verarmen; dann bleiben sie sich selbst überlassen, und armes Volk findet es höchst bequem ein solches in ein Wohnhaus zu verwandeln, das viereckig wie seine gewohnte Hütte, aber höher und mit einem stattlichen Kuppeldach versehen ist. Manchmal reißen sie auch die Steine ab um die Hütten geselliger, näher bei einander zu erbauen. Da wohnen sie in Scharen, Männer und Weiber spinnen Baumwolle, und daß es ihnen so gar übel nicht geht schließe ich aus den Herden von Kindern, die sie umlagern. Diese Kinder sind nun allerdings affrös, dickbäuchig, großköpfig, kahlgeschoren bis auf den Haarschopf, der oben auf dem Kopf beibehalten wird, starrend vor Schmutz. Aber erwachsen sehen sie gar nicht übel aus – besonders die Frauen, die man im niedrigen Volk nicht selten unverschleiert sieht. Die Nase ist klein und breit, die Lippen sind stark, es ist der Typus den wir an ägyptischen Bildwerken finden, und den die Vermischung mit arabischem Blut nicht aufgehoben hat; aber süperbe Zähne, intelligente Augen, schlanke Gestalt und ungemein leichte grade Haltung, machen sie unendlich viel hübscher als bei uns in Norddeutschland die Weiber des Volkes sind. Sie gehen immer barfuß, tragen nur ein dunkelblaues Kleid über weiten Beinkleidern, und einen langen fliegenden Schleier von blau und weiß gewürfeltem Baumwollzeug, die Wasserflaschen und Körbe auf dem Kopf, das kleine Kind auf der Schulter, und die Hände eigentümlich und nicht ungraziös erhoben, um sie frei zu haben von dem wehenden Schleier und den sehr langen und weiten Ärmeln. Sie sind bei weitem weniger vermummt als die Türkinnen und die Araberinnen in Syrien; aber die Frauen der höheren Stände sind es in einer merkwürdigen Weise. Ich hielt zuerst den Anzug worin sie auf der Straße gehen und reiten für eine Art von Chauve-souris-Capot der Maskenbälle; aber es ist eine Art von weitem Hemd, das Sableh, und von immensem Schleier, der Habbarah heißt, beides von starkem schwarzem Taft. Reiten sie und bläht der Wind letzteren auf, so sehen sie ganz wie unförmige Pakete aus. Auch sie halten, gehend wie reitend, stets die Hände zu den Schultern gehoben, wahrscheinlich um den Habbarah zu unterstützen, damit der ihnen nicht auch noch vors Gesicht hänge, das schon den weißen oder schwarzen Halbschleier unter den Augen trägt. Mit einem Gefolge von Dienerinnen, welche auf dem breiten Sattel die Kinder vor sich halten, sieht man die vornehmen Frauen viel ausreiten, und höchst auffallend ist mir dabei der Seïs, der seinen Arm beständig als Rückenlehne um den Leib der Reiterin legt. Aber das ist Sitte, während es eine ungeheure Unsitte wäre, wenn jemand eine Dame grüßte, ja nur durch eine Miene zu verstehen gäbe, daß er sie erkenne, und wenn es seine Schwester wäre. Frauen die nicht zur untersten Klasse gehören, tragen den schwarzen Habbarah aber ohne Sableh, und gelbe Saffianstiefel. Solche sieht man aber nicht in jener Gräberstadt. Ein Quartier derselben zeichnet sich vor den übrigen aus; es ist das der »Gräber der Kalifen«. Diese sind im größten und schönsten Stil, mit Moscheen und ehemaligen Schulgebäuden verbunden. Wie sie da liegen, so ganz flach und kahl, so überaus phantastisch in ihren Formen, daß sie immer von neuem das Auge frappieren und immer mehr interessieren, kommt mir das gesamte Bild wie ein Schachbrett vor, auf dem die Figuren durcheinander gewürfelt stehen, und zwar die allerelegantesten, aus Bernstein, Elfenbein und Perlmutter gedrechselt. Der Schachkönig dieses kunstvollen Schachspiels ist das Minarett von Kaïd-Bey, aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, und wie die ganze Moschee ein Kleinod der Architektur, obwohl mir scheint nicht mehr des reinen Sarazenenstils. Es herrschten damals Sultane der zirkassischen Dynastie, und vielleicht hat das tiefere Asien, hat Persien hier einigen Einfluß gehabt, wie er auch in Damaskus unverkennbar ist. Von außen ist sie ganz und gar mit Streifen von roten und weißen Steinen bekleidet. Die Gebäude die früher zu ihren wohltätigen und gelehrten Stiftungen gehörten, bilden förmlich eine Straße und sind dicht bewohnt und natürlich ver wohnt durch eine Menge armen Volkes. Anderes hat seine Lehmhütten oben auf dem Portikus der Barkauk-Moschee errichtet. Eine andere, eben so schöne, ist Pulvermagazin, daher wurden wir streng aus ihrer Nähe fortgewiesen. Die übrigen werden denn doch einigermaßen unter Schloß und Riegel gehalten, sonst würde man nächstens den Mihrab von Marmormosaik in einen Herd verwandelt sehen. Die Zusammenstellungen die man hier machen kann, sind eigener Art. Da drüben, jenseits der Stadt und des Flusses, ragen andere Gräber, die Pyramiden, von der Wüstengrenze herüber. Die Erbauer haben sie für niemand gebaut als für sich allein, für ihren Staub. Es sind Monumente der schroffsten Persönlichkeit, des individuellsten Bewußtseins, und dadurch voll gebieterischer Macht, wie es immer die Schöpfungen sind, die auf solchem Boden reifen. Diese Macht bleibt ihnen noch jetzt; sie sind ganz unzerstörbar. Hingegen diese Moscheen, in denen die Gräber der Erbauer nur einen ganz unbedeutenden Teil einnehmen, die durchaus mit dem Gedanken an andre, mit Rücksicht für andre gegründet, in denen alle Interessen wahrgenommen sind, welche ein Fürst seinem Volk gegenüber empfinden soll, vorsorgende Teilnahme an dessen geistigem und leiblichem Wohl durch die verschiedensten Institute ausgedrückt war: sie sind ruiniert nach wenigen Jahrhunderten und ihre frommen und wohltätigen Stiftungen lange vor ihnen – bloß so durch den Umschwung der Zeitläufe. Sieht das nicht wie eine sehr ungerechte Weltregierung aus? Und denkt man nicht ganz unwillkürlich: nur die rücksichtsloseste Kraft gilt etwas auf Erden und macht groß! – – Nicht alle haben ihre letzte Ruhestatt so herrlich bezeichnet. Mehrere begnügten sich mit den Grabmälern, wo ein viereckiges Gebäude das eigentliche Grab umschließt und eine Kuppel es bedeckt. Auch diese sind von Quaderstein und die Kuppeln in einer Weise bearbeitet, die mich lebhaft an die Alhambra erinnerte. Was aber dort Stuck und an den inneren Wänden der Gemächer war, ist hier Arbeit des Steinmetzes und außerhalb. So ist zum Beispiel über die eine ein Netzwerk gemacht, und in jede Masche des Netzes ist eine Kugel eingelegt, glänzend himmelblau wie der schönste Türkis – vermutlich glasierter Ton. Über eine andere – stelle Dir so einen Schleier von ausgeschlagenem Papier vor, wie man ihn zuweilen über Lampen hängt um ihr Licht zu dämpfen: eine solche Zeichnung umspinnt eine andere Kuppel und an ihrem unteren Rande, wo sie auf dem Unterbau ruht, läuft wie die Arabeske in einem Fries ein Koranspruch hin, dessen krause, glänzend dunkelblaue Charaktere angenehm mit der sanften gelbgrauen Färbung des Bausteins übereinstimmen und sich doch sehr entschieden von ihm abheben. Es ist einzig niedlich, und so recht passend für das Grab eines Bekenners des Islam, dessen Seele ins Paradies zu den schwarzäugigen Houris kommt. Liebe Mutter, wenn ich einmal in schönen Gebäuden sitze, so dauert es eine gute Weile ehe ich wieder herauskomme. Jeder der von seinen Reisen erzählt, hat ein Steckenpferd worauf er sich mit besonderen Vergnügen tummelt; das meine ist die Architektur. Ich liebe es nun einmal; vielleicht zu sehr. Bedenke aber daß dasjenige was Dir ein Superlativ erscheint mir nur grade genügend vorkommt um mich für vierzehn Wüstentage zu entschädigen, denn hätte ich nicht eine kleine Passion für solche Dinge, so würde ich wohl fein ruhig daheim bleiben und mir auf bequemere Weise die Zeit vertreiben. Nun muß ich doch die Befriedigung haben nach Herzenslust von ihnen plaudern zu dürfen. Jetzt werde ich es nicht mehr tun, nämlich von der arabischen nicht mehr. Ich nehme aus dem Orient, zu dem die Erinnerungen aus Spanien kommen, einen vollständigen Eindruck des Kreislaufes mit in welchem sie sich abgeschlossen hat. Hier erreichte sie ihren Gipfelpunkt. – Ich wollte heute ganz etwas andres schreiben. Nun ist es zu spät. 31. An meinen Bruder Kairo, Dezember 13, 1843 Gestern, Fratello, war ich auf der Pyramide des Cheops. Wenn das keine interessante Partie ist so weiß ich es nicht! Sie hat sich so lange verzögert des Wetters wegen, das ungünstig nämlich sehr windig war. In der Nacht vom achten zum neunten hat es geregnet und bis nachmittags blieb der Himmel trübe; sonst habe ich ihn nur sonnig gesehen. Aber der Nordwest, der uns schon seit El-Arisch verfolgt, weht ununterbrochen bald stark und bald schwach, und daher ist es morgens und abends ziemlich kühl, im Zimmer mehr als im Freien, sodaß ich die wattierte Mantille, die mir drinnen grade recht ist, draußen zuweilen lästig finde. Darauf beschränkt sich mein Winteranzug und der Strohhut kommt mir nicht vom Kopf. Vor meiner Ankunft, Ende November hat es einige Tage heftig geregnet, und die Häuser sind hier so gar nicht darauf eingerichtet, daß die Personen, welche im Hotel zwei Treppen hoch wohnen, mit Regenschirmen in ihren Zimmern gesessen haben – so stark hat es durch das flache Dach durchgetröpfelt. Von Kaminen oder Braseros wie in Italien und Konstantinopel ist hier nie die Rede. Die Sonne muß den Dienst tun. Vorgestern Abend hatte sich der Wind gänzlich gelegt, als wir von Abbas-Paschas Campagne in der Nähe von Schubra zurückkamen, deren Eingang uns übrigens nicht gestattet wurde: da beschlossen wir auf gestern die Exkursion zu den Pyramiden, und das Wetter war auch so schön und windstill wie man es nur wünschen kann, wenn man 428 Pariser Fuß über dem Erdboden auf dem Gipfel der Cheops-Pyramide steht. Du darfst ihn dir aber nicht wie die Spitze eines Kirchturms vorstellen, und als müsse man etwa auf einem Fuß stehend da oben balancieren. Wir ritten vor sieben Uhr fort. Es war schneidend kalt bevor die Sonne uns zur Linken über die kahlen Höhen des Mokkatam emporstieg. Bei Fostat oberhalb der Insel Rouda setzten wir über den Nil nach dem Dorf Gizeh, und ritten nun zwei Stunden kreuz und quer der Überschwemmung wegen auf schmalen Dämmen, bald neben den Wasserflächen, bald neben Feldern von Rübsamen und Bohnen in voller Blüte, bald neben weiten Strecken, die mauerhoch mit Maisstroh bedeckt waren, bald unter Palmen, bald neben Dörfern die so versumpft waren, daß nur Frösche aber nicht Menschen in dieser Atmosphäre gesund sein können. Die Hütten bestehen aus getrocknetem Nilschlamm mit Kamelmist verklebt, der feuchte Nilschlamm haucht seine schädlichen Dünste aus, dazu dürftige Nahrung, Bohnen und Doura (Hirse, die übrigens geröstet auf eisner Platte ohne weitere Zutat sehr gut schmeckt) – der Mangel an Bekleidung, den ich in Gizeh vollkommen bei einem Mann sah, der sich zähneklappernd in der Sonne an einer Mauer zusammenkauerte; – wie soll da die Pest nicht wüten im Frühling, wenn die verderblichen Winde und die brennende Hitze diese Moräste plötzlich austrocknen. Noch einmal mußten wir über einen kleinen Kanal setzen, auch über eine große, ehedem sehr prächtige, jetzt halbverfallne Brücke mit arabischer Inschrift gehen, eine zweite ganz ruinierte bei Seite lassen, dann hört die Kultur des Bodens auf, und an ihrer Grenze, wie Denksteine zwischen Leben und Tod, zwischen Zeit und Ewigkeit, erheben sich aus Schutt und Sand die Pyramiden – nämlich drei, von denen die des Cheops die älteste, die größte, die leichtbesteiglichste und die durchforschteste ist, weshalb mein Hauptinteresse sich ihr zuwendete. Es ging mir mit ihnen wie mit den hohen Bergen: sie kamen mir aus der Ferne imposanter als in der Nähe vor. Von meinem Fenster in Kairo, vom Nachen im Nil gesehen, war es nie anders, als läge die ganze große Landschaft zu ihren Füßen. Und sie tut es auch! Aber je näher man kommt um desto mehr verliert man den weiten Blick über die ganze Landschaft, das Auge bleibt an ihnen allein hängen, und so verschrumpfen sie scheinbar, bloß deshalb weil man ihnen nicht mehr den allerausgedehntesten Maßstab anlegen kann. Wenigstens eine halbe Stunde vor unsrer Ankunft, sprangen zwei Beduinen in weißen Mänteln mit Flinten bewaffnet vom Grabenrand auf wo sie vielleicht die Nacht geschlafen hatten, und liefen mit uns. Dann kamen andre, und noch andre! Auch Fellahs verließen ihre Felder und gesellten sich zu uns, und die ganze Kompanie von wenigstens zwanzig Mann begehrte für die Ersteigung der großen Pyramide in unsere Dienste zu treten. Natürlich zankten sie sich untereinander auf donnernde Weise, und die Fellahs kehrten endlich zu ihrer Arbeit zurück. Statt dessen aber kam eine Kinderschar mit Wasserflaschen, sodaß wir mit einem sehr stürmischen Gefolge anlangten. Ich freute mich über meine Freunde die Beduinen, wie sie schön waren! Statuen von dunkler Bronze; – nie sah ich süperbere Menschen. Den leichten weißen Wollenmantel schlangen sie als Schärpe um Leib und Schulter und liefen vor uns her wie die alten Götter mit Flügeln an den Sohlen. Süperb! Es gibt gar keine andre Bezeichnung. Wie sie sich allendlichst untereinander wegen der Begleitung verglichen haben, weiß Gott! Fünf behaupteten sie wären für mich ganz notwendig: zwei und zwei abwechselnd um mich an den Armen zu halten und zu ziehen, und der fünfte um mich beim Heruntersteigen von den höchsten Stufen zu heben. Mir machte die ganze Partie so herzliches Vergnügen, daß ich mit allem zufrieden war. Nun warfen sie ihre Mäntel fort und drapierten sich in ihren Hemden, die ich des Wohlklanges wegen Tunika nennen will. Du fragst vielleicht wie sie das bei so geringer Masse der Gewandung anfingen? Das ist eben die Kunst! Sie streiften die Ärmel auf, sie schlangen den unteren Saum der Tunika in den Gürtel in jener eigentümlichen Weise, die man immer und nur bei den ägyptischen Statuen findet. Ich dachte Osiris sei in einigen Verkörperungen wieder auf die Erde gekommen. Ich trug, wie sich von selbst versteht, mein habit de gamin . Die Aszension begann. Die Pyramide ist aus Werkstücken von Kalkstein erbaut, die unten gegen vier, oben zwei Fuß hoch sind. Um die pyramidale Form hervorzubringen, tritt jede höhere Reihe etwas über der unteren zurück, sodaß in dieser Weise kolossale Stufen gebildet sind. Ehedem hat eine Bekleidung von Marmor oder geglättetem Granit den ganzen Bau wie mit einem abgeschliffenen Etui überzogen, sodaß die Besteigung unmöglich gewesen. Jetzt ist nicht die geringste Spur derselben vorhanden, und als man sie gewaltsam abgebrochen hat, mögen die Werkstücke selbst beschädigt worden sein. Nun haben sich an ihnen kleine Ungleichheiten und Vorsprünge gebildet, die das Klettern etwas erleichtern. Ohne die Hilfe der Beduinen, die auch ganz allgemein angenommen wird, mochte es wohl sehr schwierig, und abwärts auch gefährlich sein für Personen die am Schwindel leiden; aber mit ihr ist man so sicher, als würde man von einer Maschine gewunden. Ungefähr auf der Hälfte des Weges wird eine kleine Pause gemacht da, wo mehrere Werkstücke ausgebrochen sind und eine kleine sichere Terrasse sich gebildet hat. Dann geht es weiter, leichter wegen der niedrigeren Werkstücke, schwerer, weil man matt wird und weil die Beduinen je höher desto schneller steigen, weil jede Partie die Ehre haben will zuerst oben zu sein. Die meinen bewerkstelligten es, und als ich meinen Fuß auf die obere Fläche setzte, stießen sie ein lautes Freudengeschrei aus: so ist der Gebrauch. Nun war ich oben. Die Pyramide mag ursprünglich noch zwanzig oder dreißig Fuß höher gewesen sein; ihre Spitze ist abgebrochen, einzelne Werkstücke liegen als Tische und Sofas auf dem Raum, der wohl so groß wie Dein gelber Salon ist. Du siehst daß man Platz hat. Wir waren oben mit acht Beduinen und mit drei oder vier Kindern, welche uns ihre Flaschen mit schlechtem Wasser aufdrängten; und noch ein Dutzend Menschen hätte bequem Raum gefunden. Von unten gesehen, meint man breiter als eine halbe Elle könne die höchste Spitze unmöglich sein. Mir war da oben ganz feierlich zu Mut. Auf dem höchsten Gebäude der Welt – da saß ich! Und welch ein Gebäude! Fremd unserer Zeit, unserer Sitte, unseren Gedanken, unserer Kunst, ist es übrig geblieben aus einer Welt welche diejenigen die alte nannten, welche wir jetzt die Alten nennen. Schon für Herodot, der im fünften Jahrhundert unsrer Zeitrechnung hier war und diese Pyramide beschrieb, war sie ein Werk aus verschollenen Zeiten, wie viel mehr für den Geograph Strabo, der unter Kaiser Augustus Herrschaft hier war. Mir dehnte sich die Weltgeschichte zu einer solchen Tiefe aus, daß unsere paar tausend historischen Jährchen mir nur wie der Schaum auf ihren Wellen vorkamen. – Ich kam mir vor wie auf einer Insel in den Wolken, ohne Zusammenhang mit allem was da unten die Herzen bewegt. Die Zeit riß eine Kluft um mich herum tiefer als die eisigen Schluchten im Hochgebirge der Alpen. Dazu kommt daß der Blick von oben herab – wie soll ich sagen? – so gewiß geistlos ist. In der großen Ebene tritt nichts hervor, sie macht durchaus den Eindruck einer geographischen Karte mit ihren bunt illuminierten Feldern. In Hunderte von kleinen Stückchen ist sie zerschnitten, die blaugrün, gelbgrün, saftgrün, je nach ihrer Kultur aussehen; dazwischen wie schwärzliche Punkte Palmenpflanzungen und Gärten; wie silbrige Streifen die Gewässer, wie schwarze die feuchten Dämme; fern und charakterlos die bräunliche, formlose Masse der Stadt von ihrem eigenen Qualm verhüllt, und endlich ganz nah die Wüste, die mir hier nicht schauerlich vorkam. Die Beduinen ließen uns nicht lange Ruhe; sie marterten uns wegen des Bakschisch, und hätten sie es bekommen, so würden sie nicht zufrieden gewesen sein und uns um mehr gemartert haben. Das ist ein scheußlicher Charakterzug des Arabers und des Türken! Seine Gedanken, Wünsche, Träume, Handlungen, Gespräche, seine ganze Seele dreht sich dem Fremden gegenüber um Bakschisch, d. h. um Geld, welches er nicht verdient hat, denn das was einen Piaster wert ist soll der Fremde mit zehn, zwanzig bezahlen. Stundenlang sprachen unsere Kameltreiber in der Wüste zusammen von Bakschisch. Das Wort gellt mir förmlich in den Ohren! Nun vollends da oben! Wie blutsaugende Mücken die immer verjagt immer wiederkehren, ließen sie sich nur momentan zur Ruhe verweisen. Ein Messer um die Namen einzukratzen – dies Vergnügen mußte ich mir als echter gamin , ich glaube zum ersten Mal in meinem Leben machen – war unten beim Dragoman vergessen worden. Ein Beduine sprang sogleich dienstfertig hinab und wieder herauf, wollte das Messer aber erst nach dem Versprechen eines Extra-Bakschisches herausgeben. Als wir ihnen sagten, der Dragoman würde sie alle reichlich unten bezahlen, schrien sie: »No no no no! Giurgi no bono!« Das sollte bedeuten, daß sie uns für großmütiger hielten. Halb war es spaßig und halb ärgerlich. Mit italienisch konnten wir uns gegenseitig verständlich machen; aber sie waren mir schrecklich störend. Abwärts ging es vortrefflich. Ich legte die Hände auf die Schultern von zwei Beduinen, ließ sie voransteigen und sprang dann nach. Wo die Stufen so ausgebröckelt waren, daß ich nicht festen Fuß fassen konnte, hob mich ein dritter, der hinter mir blieb, vorsichtig herunter. Hier soll vor zwei Jahren ein Engländer, der durchaus allein hat gehen wollen, schwindlig geworden und hinabgestürzt sein. Vielleicht ist es aber auch nur eine Beduinenfabel! Jedermann bedient sich ihrer Hilfe gern. Da ich kurzsichtig bin kenne ich den Schwindel nicht, und sah sehr gelassen zwischen meinen beiden Gefährten von Erz in die Tiefe hinab. Als wir so ganz munter herabsprangen und an eine etwas üble, nämlich sehr zerbröckelte Stelle kamen, hielt mich plötzlich der Beduine, der mich herabheben sollte in der Luft schwebend und sagte: »Bakschisch Signora! Bakschisch!« Dies war ein freundschaftlicher Beduinenscherz. Wie findest Du ihn, so in den Lüften zu hängen und, wenn auch nur ein paar Sekunden, keinen Boden unter den Füßen zu fühlen? Ich sagte bitterböse, er würde nicht einen Para bekommen, und mein großer Zorn machte Eindruck auf meine fünf Leute: sie schwiegen über diesen Punkt. – Nun kam eine unausstehliche Partie: das Innere der Pyramide. Da muß man zuerst in einen Schacht gebückt hineingleiten dann befindet man sich in einer Vorkammer, und dann muß man gebückt – was sage ich gebückt! – zusammengeklappt wie ein Taschenmesser muß man sechzig Schritt in einem anderen Schacht sich fortbewegen bis man zu einer zweiten Kammer kommt. Da war ich halb ohnmächtig. Draußen, im Licht, in der Luft, halte ich alles aus; aber zwischen diesen dicken Mauem, in fürchterlicher Hitze, in beklemmender Atmosphäre, in tiefer Finsternis, welche durch die Flamme von zwei Kerzen schwach gelichtet wurde, und vor allem: ohne irgend etwas zu sehen an Malerei oder Bildnerei – das war nicht auszuhalten! Und ob im Inneren der Pyramide noch andre Schachte und Kammern sich folgen, und ob in jenen, die ich nicht gesehen irgendeine Spur von Ausschmückung oder von Mumien und Sarkophagen sich findet – ich weiß es nicht! Ich gestehe ehrlich, daß ich ohne irgend etwas gesehen zu haben schleunigst wieder umgekehrt bin. Ach, die Wonne draußen! Frische Luft, Sonne, blauer Himmel! Der vierten Dynastie der ägyptischen Pharaonen schreibt man diese Pyramide und ihre beiden Gefährtinnen zu, deren eine, die des Chephren, noch ihre ganze Spitze, und um dieselbe eine Bekleidung von geglätteten Steinen hat die wie Porzellan glänzt und weiß und rot gefleckt aussieht. Ihre Höhe beträgt ebenfalls gegen 400 Fuß . Die des Mykerinos verschwindet förmlich in dieser gigantischen Nachbarschaft, obgleich sie gewiß die Höhe eines bedeutenden Turmes erreicht. Die Gebeine die in ihr ruhen, sind aber nicht gestört in ihrem ewigen Schlaf; man hat sie noch nicht geöffnet. Der Fuß dieser Pyramide ist weit hinauf mit Schutt und Sand bedeckt und aus dem Sande ragen wieder Felsblöcke und Überbleibsel von Bauwerk hervor. Einer von jenen ist in eine Sphinx verwandelt worden, deren riesiger Kopf und etwas vom Hinterteil aus dem Sande hervorragen. Der Leib und die Füße sind verschüttet und vor der Brust hat man eine tiefe Grube gegraben um dieselbe zu entblößen und um ihre starren Geheimnisse der Hieroglyphen zu enträtseln. Zuletzt kehrten wir in einer Felsenhöhle ein, die von einem industriösen Araber in eine Herberge verwandelt worden ist, wo man frühstücken kann, was nach diesen angreifenden Unternehmungen sehr notwendig ist. Es versteht sich daß man sein Frühstück mitbringen muß. Während wir es verzehrten, zankte der Dragoman bis aufs Blut mit unsrer Beduinenbande, die wirklich ganz unbefriedigbar sich gebärdete, obgleich wir einen Napoleon unter sie verteilen ließen. Als wir herauskamen mußten noch ein paar Piaster zugelegt werden, und da gaben sie uns freundschaftlich eine Strecke Weges das Geleit. Dann blieben sie »Salam! Salam!« rufend zurück, und bald verschwanden die weißen Mäntel hinter den Dämmen. In drei und einer Viertelstunde ritten wir nach Kairo am herrlichsten Nachmittage zurück, von so vielen Vögeln umflattert und von solchen Wohlgerüchen der Felder umgeben, wie bei uns kaum im Juni. – Zum Schluß bekenne ich Dir, daß mir die Schultern vom Ziehen an den Armen auch etwas weh tun. 32. An meine Schwester Kairo, Dezember 16, 1843 Wie man sich an manchen Orten so ungemein angenehm angesprochen fühlt und an anderen, die eben so großes Interesse in ihrer Art bieten, durchaus nicht, das empfinde ich hier einmal wieder recht lebhaft, mein liebes Clärchen, besonders wenn ich an Jerusalem zurückdenke. Es war ein Etwas in der dortigen Natur, das mich eisig berührte. Das Wort Natur ist nicht umfassend genug! Ich meine nicht allein Boden, Kultur, Vegetation, menschliche Ansiedelung, nicht allein Charakter der Landschaft, malerischen Effekt, nicht allein Klima, Himmel und Luft, sondern das alles – und obendrein die gewisse geistige Atmosphäre, die sich um jedes Leben, wie die physische um unseren Erdball legt. Kurz, liebes Clärchen: mit der Anziehungs- oder Abstoßungskraft einer geistigen Atmosphäre, die aus unfaßbaren und unleugbaren Atomen um den Körper eines jeden Lebens gebildet ist, erkläre ich mir, was ich sonst nicht erklären kann. Wie ginge es sonst wohl zu, daß Kairo mir so ungemein gefiele! Eine weite Fläche, charakterlose Höhenzüge, unendlicher Sand, dann, auf dem kultivierten Boden, eine sehr reiche, ich möchte sagen köstliche Vegetation, welche aber, weil sie künstlich und mühselig hervorgebracht wird, die Einförmigkeit eines wohlgehaltenen Obst- und Küchengartens hat – wie denn zum Beispiel alle Palmenwaldungen in Reihen gepflanzt, und in jeder die Bäume gleich hoch sind; – das hat doch im Grunde nichts Reizendes. Dazu hat das Land die letzten drei Jahrhunderte unter türkischem Zepter geschmachtet und eine Reihe von früheren unter einem Regiment, das dem türkischen in brutaler Verwahrlosung der wichtigsten Interessen nicht nachstand, so daß Spuren traurigen Verfalls und tiefer Armseligkeit überall wie offene Wunden klaffen. Dennoch, wenn ich den Nil ansehe, den uralten, ewigen – und die Monumente auch so uralt und ewig: so habe ich Hoffnung für dieses Land und seine Zukunft. Es wird sich doch einmal alles was arabischen Stammes ist und arabische Sprache spricht vereinen und vom türkischen Reich in Asien so gut abfallen, wie die Rajahs in den europäischen Besitzungen von ihm abfallen werden, und die Herrscher in Europa, die es jetzt nicht gestatten wollen , werden es dann müssen , weil es für die Zukunft nicht haltbar ist daß der tote Kopf einen lebendigen Leib regiere: und dann kann Ägypten sich aufrichten. Doch solche Betrachtungen gehören der vergangenen und der kommenden Zeit an; die Gegenwart ist wie ich sie Dir eben beschrieben habe, und deprimiert mich doch gar nicht, was durch die von Jerusalem so sehr geschah. Elend ist zu lindern, der Not ist abzuhelfen, die Armseligkeit ist aufzurichten; unter günstigen und keinesweges nur chimärisch geträumten Verhältnissen, kann man sie sich außerordentlich gemindert vorstellen. Aber diese enge, steinerne Beschränktheit, die in Jerusalem herrscht, diese Verknöcherung des Geistes in Formen von Kirchen, Kapellen, Sekten, Riten, die statt in großartiger Mannigfaltigkeit mit -einander, nur in scharfer Sonderung neben -einander bestehen, und eben dadurch ihre engherzige Beschränktheit an den Tag legen – Clärchen, das ist allzu traurig! Dazu ein Land rings umher wie von Gott bezeichnet zu steinernen Schicksalen, und hier ein von Gott wunderbar gesegnetes, und gleichsam allen bösen Geistern der Verwüstung zum Trotz, herrlich gesegnetes Land, das lauter edle Dinge erzeugt: Zuckerrohr, Reis, Baumwolle, Seide, die süße Dattel, die aromatische Zitrone – ist das nicht wie eine Weihnachtsbescherung? Bei Fostat sind die köstlichsten Baumgärten, deren Kern wie gewöhnlich die Palme bildet, und die als Unterholz ein Dickicht von Bananen, Granaten und Orangen haben. Wenn das alles blüht und trägt muß es ein Pomp ohnegleichen sein. Dies Land ist wirklich wie ich zuerst es nannte, ein Garten Gottes, und außerdem mit einem solchen Schatz von Merkwürdigkeiten der Natur und der Geschichte, und mit so viel Originalität ausgestattet, daß man, wohin man sich wenden möge, durch Interesse irgend einer Art gefesselt wird – von den Pyramiden bis zu den Brutöfen in welchen Millionen von Küchlein alljährlich geboren werden. Im Februar werde ich sie besehen, wenn das Belegen der Brutöfen mit Eiern beginnt. Schöne arabische Pferde zu denen ich mich recht gefreut habe, sieht man ab und an prächtig aufgezäumt in der Stadt. In dem Gestüt von Schubra, das höchst grandios angelegt und mit einer Tierarzneischule verbunden ist, kamen sie mir nicht so gar schön vor, denn die Pferde sind wie manche geistreiche Menschen, die nach nichts aussehen, wenn sie so ruhig dasitzen, und prächtig wenn sie lebhaft werden. Es muß sich in der Freiheit tummeln sobald es sich vorteilhaft präsentieren soll. Diese Anstalten fallen mir ein, weil wir über sie den Umweg nach dem Dorf Matarieh, in dessen Nähe die Ruinen von Heliopolis liegen, vorgestern machten. Diese Ruinen sind Sandhügel unter denen Schutt und Steine liegen, und aus denen erhebt sich, wie ein gigantischer Wegweiser der aus der Gegenwart in die Vergangenheit deutet, der Obelisk, welcher einer der ältesten und vielleicht das allerälteste Monument dieser Art ist. Der Name des Königs Osortasen, der in Hieroglyphenschrift ihm eingegraben, soll der früheste Name sein, den man auf Denkmalen findet. Gegen 2000 Jahre über unsere Ära hinaus wird der Obelisk wohl schon hier stehen – ein hübsches Alter für so eine schlanke Nadel von rotem Granit! Ein Gärtchen von Aprikosen- und Orangenbäumen mit Einfassungen von Rosmarin, umgibt ländlich diesen Zeugen der Herrlichkeit der Sonnenstadt On, welche die Griechen Heliopolis nannten, und der mit einem Gefährten, den die Zeit zertrümmert hat, am Tempel des Sonnengottes Phre Wache hielt. Die alten ägyptischen Priester lehrten so tiefe Weltweisheit über Grund und Zusammenhang der Schöpfung, besaßen so viel Kenntnis der Natur, Erd- und Himmelskunde, waren so erfahren in Erziehung und Bildung des Menschengeschlechtes, daß seit dem tiefsten Altertum und durch lange Jahrhunderte alle diejenigen zu ihnen pilgerten, welche den Ruhm und die Krone des klassischen Griechenlands ausmachten und bis auf unsre Tage die Größten und Weisesten unter den Großen und Weisen genannt werden. Wer Weisheit, Kunst und Wissenschaft studieren wollte, wer durstig war nach Erkenntnis, ging nach Ägypten und brachte das Samenkorn heim das im Erdreich seines Geistes zu entsprechenden Blüten erwuchs. Hier war nicht Herodot allein, nein! Orpheus, der wie die hebräischen Propheten zugleich Dichter und Seher war; Dädalus, der zauberisch kunstvolle Bildner; Homer, der Sänger von Göttern, Heroen und Menschen; die Gesetzgeber Lykurg und Solon; Pythagoras, Plato und Demokrit; der Astronom Eudoxus; alle wandten sich nach Ägypten, wie zum Quell des Lichtes, und in der Priesterstadt On, wie zu Saïs, bestand eine vorzugsweise besuchte Schule der Tempelweisheit. – Wo einst alle intellektuellen Kräfte gepflegt und entwickelt wurden, pflegt man jetzt Obstbäume, und statt der Blüte der Wissenschaft gedeiht nur noch der Rosmarin von dem ich mir einen großen, kräftig duftenden Büschel abpflückte. Die Hieroglyphen sind zum Teil nicht mehr zu erkennen, denn Wespen haben ihre kleinen Mörtelzellen in deren Vertiefungen hineingebaut, sie dadurch formlos gemacht und ein ergründetes Rätsel mit einem unergründeten zugedeckt. Die Hieroglyphen versteht man einigermaßen zu entziffern, nachdem man die sogenannte Tafel von Rosette gefunden hat, ein Monument auf welchem zwei Namen, Ptolemäus und Berenike in jener Schrift mit griechischer Übersetzung daneben, verzeichnet stehen, und nachdem gelehrte Männer ihr ganzes Leben diesem Studium, und den mit ihm verbundenen ungeheuren und mühseligen Forschungen gewidmet haben, indem sie jenen Schlüssel auch auf andere Zeichen anwendeten. – Ein paar kleine Häuser liegen winzig in der Nähe des Obelisken; von den Spuren der ehemaligen Stadt habe ich aber durchaus nichts Bestimmtes wahrnehmen können. Er steht in völliger Einsamkeit da. Durch das Dorf Matarieh mit seinen weitläufigen Orangengärten ritten wir auf die große Ebene hinaus, die zwischen Kankah und Kairo sich ausdehnt. Es war kalt und ziemlich spät, weil der Weg von Schubra nach Heliopolis durch die Wasser unwegsam gemacht war und uns fast das Doppelte zu reiten gab. Ein scharfer Wind fuhr uns schneidend entgegen, daher ließ ich mein vortreffliches Eselchen aus allen Kräften laufen, und ununterbrochen liefen die Treiber nebenher. Die Leute sind wirklich wie englische Rennpferde trainiert! Einer von ihnen war ein so kleiner Knabe, daß sein Kopf wenig höher als der Rücken des Esels war. Der Dragoman sagte ihm er möge doch zurückbleiben und sich ausruhen, aber nein! Er legte nur die Hand auf das Kreuz des Esels, und lief immer mit, obgleich die ganze Tour wenigstens vier Stunden betrug. Der Rückweg über die große Ebene nach Kairo ist langweilig und traurig. Als ich vor vierzehn Tagen anlangte, kam ich aus der Wüste: folglich machte die Halbwüste mir schon einen erfreulichen Eindruck. Hat man sich aber wieder an Leben in der Natur gewöhnt, so vermißt man es schmerzlich. Dennoch machten wir heute und gestern wieder Exkursionen in sie hinein, aber nicht in die Ebene, sondern da wo sie sich in und über den Mokkatam legt. Gestern zu dem Hügel den man Djebbel Achmar nennt, und von dem ich wie von einem ausgebrannten Vulkan hatte sprechen hören. Gewiß ist er das nicht! Er hat mehrere Spitzen und dazwischen Eintiefungen die eine schwache Ähnlichkeit mit einem verschütteten Krater zeigen mögen. Er besteht aus lauter Geröll von Kalkstein, das sehr hübsche Färbungen, wie Porphyr z. B. und eine glänzend dunkelbläuliche angenommen hat, so daß man meint auf Wunder was für Herrlichkeiten zu stoßen. Kleine Fragmente von Karneol und von glänzenden Quarzen haben wir öfter gefunden, doch nie etwas Schönes. Von vulkanischen Produkten keine Spur! – Die Aussicht ist hübsch von oben herab, denn Kairo präsentiert sich vorteilhaft mit seinen schönen Minaretten, und während man im Süden tief hinab zum Nil und zu entfernteren Pyramiden als die von Gizeh blickt, sieht man im Norden das fruchtbare Land des Delta zwischen seinen beiden Armen viel weiter sich erstrecken, als das Auge zu folgen vermag. Im Vordergrund erheben sich die mannigfaltigen zierlichen Formen der Gräber der Kalifen, durch welche hindurch der Weg zum Djebbel Achmar und zum versteinerten Walde führt. Da waren wir heute. Er liegt ziemlich tief in einem Nebental des Mokkatam, das wie ein breites Flußbett aussieht. Sand ist darin auf Sand gehäuft; die Esel versanken bis über die Knie und fielen gar, weil sie kaum festen Grund finden konnten. Endlich hörte dieses Flußbett auf; Hügel schlossen es. Vielleicht war das Wasser einmal über diese Hügel herabgeströmt. Unter ihnen liegt der versteinerte Wald begraben, von Sand verschüttet, und manches große Stück, so wie eine Unmenge von kleineren und von Splittern, mit anderen Steinen vermischt, deckt die Oberfläche der Hügel, die sich in dieser Art noch stundenweit in die Wüste strecken sollen. Dergleichen Überbleibsel aus den uranfänglichen Bildungsepochen unserer Erde, interessieren mich über alle Maßen. Ich befrachtete mich mit einer schweren Ladung von Versteinerungen, unter denen ein großes Stück von einem Sykomorstamm mit all seinen Rindenringen nur besonders gefällt. Das wird einen soliden Pressepapier auf meinem Schreibtisch abgeben! – Enthielte die Wüste überall solche Merkwürdigkeiten, wäre sie überall der Sargdeckel eines großartigen untergegangenen Naturlebens: dann ließe ich sie mir gern gefallen. Den Heimweg nehmen wir gewöhnlich mit einem Umschweif, damit die schöne Sonne bis zu ihrem Untergang genossen werde; und der heutige führte uns um die östliche Mauer von Kairo herum, durch die Nekropolis und die Schutthügel mit den Windmühlen, an den schönen Gärten von Fostat vorüber, deren ich vorhin erwähnte, und endlich zu einer Kirche der Kopten, die hier liegt. Etwas so Trauriges, Finstres, Beklommenes wie diese Kirche kann man sich schwer vorstellen. Der ganze innere Raum zerfällt in Abteilungen, die durch Gitter, Lattenwerk und Bretterwände umzingelt, und ganz für sich bestehend sind, denn bei der hier herrschenden Dunkelheit sieht man nicht was in ihnen geschieht. Der Altar steht in einem Verschlag, und vor demselben ist ein anderer, in welchem lesende Priester saßen. Rechts und links wieder andre, und hinterwärts auch; Gitter wohin man den Blick wendet – wie in der Kirche einer Strafanstalt; nirgends ein Bild, ein Schmuck, eine Verzierung, kein Altar zu sehen, nicht einmal ein Kruzifix! Rings umher unendliche Traurigkeit. Krücken auf die sich die Andächtigen in Ermangelung der Bänke beim langen Gottesdienst stützen, und die an den Wänden lehnen sollen, konnte ich nicht gewahr werden. Das muß nun vollends erbarmenswert aussehen! Dann kommt der Gedanke eines Krankenhauses zu dem eines Gefängnisses. O Himmel! Unsere hohen weiten herrlichen alten Dome und diese Klausen – können sie demselben Gott zum Dienst und zu Ehren erbaut sein? Ich meines Teils fragte mich heimlich, ob die Kopten nicht etwa lebendig gewordene Mumien sein dürften: für solche etwa könnte ich diese Kirche begreifen. – Ach ja! Woher der Name Kopten abgeleitet wird, wollte ich erwähnen. Entweder ist er das arabische korrumpierte Wort für Ägypter, oder für Jakobiten; und letzteres klingt nur sehr wahrscheinlich. Ich habe doch schon viele Kirchen und von vielen Konfessionen und Sekten gesehen; aber eine solche nie! – In Fostat sind noch mehr wie in Kairo die Quartiere, welche immer nur aus sehr wenigen Straßen bestehen, durch Tore abgesperrt, die nachts sämtlich geschlossen werden, und die man alsdann durch den Wächter öffnen lassen muß. Zum Glück hatten wir das nicht nötig, denn wir passierten heimkehrend mehr Tore, als sämtliche deutsche Festungen haben. 33. An meine Mutter Auf dem Nil, Dezember 22, 1843 Jetzt schwimme ich dahin – weiß Gott wie lange! Weiß Gott wie weit! Vielleicht bin ich bei den ersten Katarakten der Wasserfahrt überdrüssig und beschränke mich auf Ägypten, vielleicht bin ich es nicht, und gehe durch ganz Nubien bis zu den zweiten. Hinter denen liegen die schwarzen Königreiche und die locken mich nicht. In welcher Weise ich die Reise mache will ich Dir nun beschreiben, meine Herzensmama. Dampfschiffe hat der Nil von Kairo aufwärts nur für die Regierung, und Mehemed Ali hat sie bauen lassen. Der Verkehr des Handels und der fremden Reisenden ist nicht lebhaft genug um sie notwendig zu machen. Segelbarken in verschiedenen Größen und Formen dienen zum Transport von Waren und Menschen zwischen Assuan und Alexandrien, stromauf und stromab, und diejenigen deren sich die Fremden gewöhnlich bedienen heißen Dahabieh. Bei Bulak, das der Hafen von Kairo ist, liegen eine große Menge, und es war schwer genug eine passende zu finden, denn die kleinen sind sehr unsicher und die großen sind sehr schwer. Ein paarmal ritten wir nach Bulak um mehrere zu besehen und endlich nahmen wir eine der größten, die daher auch recht bequem ist und verhältnismäßig sicher geht. Ganz sicher kann man wohl nicht behaupten, denn all diese Barken sind ohne Kiel gebaut, und haben zwei lateinische Segel von denen das große fünfzig Fuß hoch sein mag und aus einem einzigen Stück, also schwer zu regieren ist; kommt ein plötzlicher in dieser Jahreszeit nicht seltener Windstoß, so kippt die ganze Maschine um. Natürlich schwört der Eigentümer, daß das bei der seinen unmöglich vorfallen könne, und wirklich scheint sie mir zu breit zu sein. Er mußte sie in Reisestand setzen, von Innen und Außen mit Ölfarbe anstreichen und die Kabine mit Tischen, Stühlen und Sofapolstern versehen; endlich sie bemannen und zwar mit einer förmlichen Schiffsmannschaft von achtzehn Leuten, den Reis (Kapitän), den Steuermann, den Schiffsjungen inbegriffen. Diese formidable Mannschaft soll hier nötig sein. Schiffskundige Völker wie die Engländer und Holländer, würden mit einer solchen um die Welt fahren. Der Preis der Barke in diesem Zustand ist monatlich 3.000 ägyptische Piaster, ungefähr 300 Fl. Ein Monat muß immer ganz bezahlt werden, und bliebe man auch nur drei Wochen unterwegs. Später wird es nach Tagen berechnet. Vor zwölf bis fünfzehn Jahren ist der Preis nicht höher als 900 Piaster und darunter gewesen; jetzt ist der niedrigste 2000. Die Besitzer der Barken machen gute Geschäfte dabei, denn die Löhnung der Leute ist gering; der Matrose bekommt täglich zwei Piaster (vier Silbergroschen), der Steuermann drei und der Reis vier. Bevor wir abreisten wurde in Gegenwart des österreichischen Konsuls, des Besitzers und des Reis ein schriftlicher Kontrakt über die gegenseitigen Leistungen abgeschlossen, worin unter anderem ausbedungen ist daß immer ein Matrose bei dem großen Segel sitze und dessen Tau halte: so wichtig ist dessen Bewachung. Auch der Ballast muß ausbedungen werden, sonst nimmt der Reis gar keinen um leichter zu gehen, was die Unsicherheit der Barke vermehrt. Der unsre wollte es durchaus nicht, und hielt uns anderthalb Tage hin; erst gestern nahm er einige Steine, doch bei weitem nicht hinreichend. Am achtzehnten mittags zogen wir mit unserer vollständigen Reisebagage ab, und mit Provisionen an Zucker, Kaffee, Wein, Wachslicht, Reis, Makkaroni auf zwei und einen halben Monat. Ein neuer und wohlgefüllter Hühnerkorb fehlte nicht. Die innere Einrichtung ist im Vergleich zu Syrien höchst luxuriös; die Eisenbleche, auf die der Dragoman aus Furcht sie bei dem ewigen Aus- und Einpacken zu beschädigen oder zu verlieren so dringend bestand, daß wir sogar mit eisernen Messern und Gabeln essen mußten, haben sich in englisches Steingut und in silberne Couverts verwandelt. Letzteres macht mich ganz glücklich! Ihre Entbehrung war mir die unangenehmste auf jener Reise. Auf der Barke kommt nichts abhanden; der Reis ist verantwortlich für Großes und Geringes. Die Kabine erinnert auch, aber im verbesserten Stil, an das Zelt; sie zerfällt in drei Gemächer, ein jedes mit Sofas zu beiden Seiten und einem Tisch in der Mitte. Die Sofakasten sind niedrige Schränke, in denen man Koffer, Körbe, Vorräte etc. verwahren kann. Wer sich zu beschränken und einzurichten versteht, wie ich das schon einigermaßen gelernt habe, befindet sich ganz erträglich; wer die Gewohnheit hat zehntausend unnütze Sachen mitzuschleppen, lebt in greulicher Unordnung. Unter dem großen Mast steht der Herd von einigen großen Kisten flankiert: das ist das Küchendepartement in welchem der Dragoman herrscht, und jenseits desselben, auf dem Vorderteil der Dahabieh, treibt die Mannschaft ihr Wesen. Da sitzt der Reis und raucht gravitätisch; da sitzt die ganze Gesellschaft, wenn es nichts zu tun gibt, und musiziert stundenlang während einer tanzt; da ist die große Eintiefung in den unteren Raum, der ihnen als Küche und Schlafkammer dient. Um zehn Uhr morgens und nach Sonnenuntergang halten sie ihre Mahlzeiten, gewöhnlich bestehen sie aus Reis. Am früheren Morgen und nachmittags trinken sie eine kleine Tasse schwarzen Kaffee. Brot essen sie außerdem. Ich glaube nicht, daß der gemeine Mann bei uns besser lebt. Ihre Kleidung ist für Matrosen wirklich einzig: flatternde Hemden, große bis zu den Fersen reichende dunkelbraune Mäntel mit ungeschickt langen Ärmeln, und Turbane, so klettern sie in die äußerste Spitze der Segelstange hinein. Zum Glück sind die Beine nackt, so daß sie wie Hände sie gebrauchen können, und ihre Fußzehen haben die Geschmeidigkeit von Fingern. Ist der Wind günstig, so fährt man mit Segeln; ist er's nicht oder fällt er ganz, so ziehen sie am Ufer gehend die Barke, aber mit gehöriger Muße, denn da es ihr Vorteil ist, daß die Fahrt so lange wie möglich dauere, verlängern sie dieselbe nach Kräften. Von Sonnenauf- bis untergang müssen sie arbeiten; später wird nicht mehr gezogen, wohl aber in der Nacht gesegelt, wenn es möglich ist, und nie stromauf gerudert. Wenn die Barke auf eine Sandbank gelaufen, oder in Gefahr ist gegen Steine getrieben zu werden, müssen sie mit baumlangen und baumstarken Stangen, welche sie gegen die Schulter stemmen, sie abzustoßen suchen. Um alle Kräfte mit der gehörigen Präzision zu verwenden, singen sie dabei im strengen Takt etwas, das mich an die Litaneien der Prozessionen erinnert, ein Lob ihres Propheten; und ist das Manöver gelungen, so gehen sie in unartikuliertes Geschrei über. Auch beim Wenden und Aufziehen der Segel, beim Ziehen der Barke, sobald es beschleunigt werden soll, wird dieser taktmäßige Lobgesang ausgestoßen. Der Reis, ein auffallend schöner Mann, der einen mächtigstolzen Turban und einen eleganten dunkelblauen Wollenmantel trägt, steht gewöhnlich bei mühseligen Manövern in der Mitte des Schiffes, singt, und wendet sich dabei mit emporgehobenen Armen von einer Seite zur andern – wobei ich immer an die Oberpriester in unseren Opern denken muß, nur daß sie nicht seine natürliche Würde haben. Wird die Arbeit ganz schwer, so wirft er Mantel und Turban ab, und hilft etwas. Ist die Barke wieder flott, kehrt er zur Pfeife zurück. Bis neun oder zehn Uhr morgens muß gewöhnlich gezogen werden, dann hebt der Wind aus Nordwest oder Nord an, ist nachmittags am stärksten und sinkt meistens bald nach Sonnenuntergang. Unsre Mannschaft hat also ziemlich viel Muße, und unterhält sich ausnehmend gut. Des Gesprächs, des Erzählens, des Lachens ist kein Ende, und leidenschaftlich werden die schönen Künste getrieben. Einen Haupttänzer gibt's, der stundenlang den ganzen auf den Fersen hockenden Kreis amüsiert: er bewegt die Füße äußerst wenig, schneidet aber formidable Grimassen, kreischt zuweilen hell auf, macht Schwenkungen und Drehungen mit seinem Stock und seinem Gürtel; und kommt noch ein Zweiter mit einem Stock dazu, drehen sie sich beide um einander, so scheint das Ballett die Vollendung erreicht zu haben: dann spielt die Musik accelerando , und das taktmäßige Klatschen in die hohle Hand, womit die Zuschauer sie begleiten, wird immer stärker und geschwinder. Mir kommt es genau so vor als ob Affen tanzten. Die Musik wird gemacht mit der Darabukah und dem Zumarah: jenes ist ein trichterförmiges, mit einer Haut über die weite Öffnung gespanntes Instrument, das am Stiel gehalten und wie ein Tamburin geschlagen wird; – dieses sind zwei Flageolets die zugleich geblasen werden, so daß das eine immerfort den Grundton hält während das andre höchst simple Melodien von drei bis vier Tönen ausführt. Dies ist eine von meinen Hauptunterhaltungen: in dem offenen Vorzimmer auf dem Sofa zu liegen, während die Schiffer Musik machen, und die stillen monotonen Ufer zu betrachten, die durch nichts zu bezeichnen sind als durch lange flache Linien. Ganz lang zieht der Strom sich hinauf; ganz lange grüne Ufer besäumen ihn; ganz lang und niedrig, wie ein gelbes Band am Horizont, liegt das libysche Gebirg im Westen, und etwas lebhafter gefärbt und gezackt das arabische im Osten. So ist es seit vier Tagen. Am achtzehnten nachmittags gingen wir von Bulak fort, aber nur bis Fostat dem Nilometer gegenüber, weil die Mannschaft noch nicht ihren Proviant beisammen hatte. In dieser Nacht regnete es etwas; das war der zweite Regen, den ich in Kairo erlebt habe; seitdem ist es schönes Wetter, indessen wegen des Luftzuges auf dem Strom doch so, daß man einen wattierten Kapot, außer in den Mittagsstunden, sehr gut verträgt. Die Bewegung ist so ruhig, daß ich bequem schreiben kann, und Lärm, Gesang und Geschrei stört mich dabei nicht. Die Sitte ist nämlich die, daß man in einem Zug bis Assuan oder Wadi Halfa hinaufgeht, und erst bei der Heimkehr die Monumente besieht mit denen vor Jahrtausenden die ägyptischen Herrscher die Ufer des Nils verherrlicht haben. Sie geben vollauf Beschäftigung. Daher werde ich auch erst wenn ich sie alle gesehen habe und nach Kairo zurückkomme, über sie berichten und jetzt überhaupt nicht schreiben. Könnte ich die Briefe alle acht Tage fortschicken, so würde es Dich wohl unterhalten; bekommst Du aber die ganze Sammlung auf einmal, so ist es langweilig nichts zu lesen, als: heute fuhren wir an diesem Dorf vorüber und gestern an jenem; und später immer sich wiederholende Beschreibungen von einigen Dutzend Tempeln zu finden, statt der Darstellung eines großen Gesamteindruckes. – Von meiner Einrichtung auf dem Nil mußte ich aber doch ein Wörtchen sagen! 34. An meine Mutter Bei Denderah, auf dem Nil, Montag, Januar 1, 1844 Gott segne Euch zum neuen Jahr mit irdischen und himmlischen Gaben, meine Herzlieben alle! Und denkt ein wenig an mich in meiner großen Ferne, und an die wundersame Umgebung in welcher ich den Jahreswechsel erlebe: auf dem Nil, zwischen zwei Wüsten, und dem hochberühmten Tempel von Tentyris gegenüber. Sie rivalisiert mit meinem Neujahrstag in Neapel vor fünf Jahren, wo ich den feuerspeienden Vesuv ersteigen wollte, und hernach auf dem Kai der Sta. Lucia sitzend der Eruption zusah. Da war die Natur in ihrer grandiosest zerstörenden Pracht. Hier ist das vollkommenste Gegenstück: der grandioseste Segen im Nil, die unerhörteste Vernichtung der Wüste; Pracht nirgends – als in jenem Menschenwerk: dem Tempel. Kontraktmäßig hat unsre Schiffsmannschaft zweimal im Monat einen Ruhetag um Brot zu backen. Heute war der eine, und wir legten daher morgens acht Uhr am rechten Ufer bei der Stadt Käne an, und gingen später zum linken hinüber, wo das Dorf Denderah unter Dommpalmen und zwischen einigen Saatfeldern liegt. Doch bald hören diese auf, und Weideland von unwirtlichem Ansehen, mit einer großen Herde von schwarzen Schafen und Ziegen besät, tritt an ihre Stelle und erstirbt endlich in der libyschen Wüste. Aus deren gelben Wellen ragt ein schwarzes Wrack in der Ferne empor, von kleineren Trümmern umringt: der Venustempel von Tentyris, den Kleopatra erbauen ließ, und auf dessen Wänden ihr und ihres Bruders Bild in unzähligen Wiederholungen vervielfältigt ist. Ach die Kleopatra muß glücklich gewesen sein! Königin – aber selbstherrschende Königin, nicht bloß Gattin eines Königs! – und so schön, so geistvoll, so mächtig und so allmächtig – das ist beneidenswert. Ich muß immer an sie denken, wenn ich auf meinem Lieblingsplatz liege und über die stillen Fluten dahingleite, während die Gedanken auch wie auf stillen Fluten in die Vergangenheit hineinziehen und sich die Tage und die Bilder vergegenwärtigen, die der alte Strom gesehen hat. Da taucht sie wie eine Fee auf, von talismanischen Zaubern umgeben, Circe im Purpur. Was kann eine Frau mehr wünschen! Etwas anderes vielleicht – aber mehr nicht. Sie hat die Macht und die Herrschaft geübt; das will man doch immer gern. Nun sah ich ihr Bild, schattenrißmäßig in den Stein gegraben, starr, ohne Grazie, ohne Leben, in welchem nichts Individuelles herrschte, sondern die ganze Eigentümlichkeit dem ägyptischen Formentypus unterworfen war. Ein Bild ist ohnehin nichts weiter, als der Schattenabriß eines Menschen; aber eine Kleopatra kommt bei dieser mageren Auffassung allzu kurz, weil ihre Schönheit noch in etwas anderem liegt, als in der feinen Nase und dem zarten Mund. Von dem Tempel selbst zu sprechen spare ich mir auf. Er ist jetzt in eine Art von Khan verwandelt, der Boden fußhoch mit Spreu bedeckt um die Esel oder sonstiges Vieh bequem zu betten, und vom Portikus zum äußeren Tor ziehen sich zwei gemeine Lehmmauern mit Tränktrögen hin. Heute am fünfzehnten Tag unserer Abreise von Kairo, habe ich zum ersten Mal die Barke verlassen. Ich hatte bis dahin gar keine Aufforderung dazu; das Land macht sich besser aus der Ferne, als in der Nähe, wo man immer gar so bald gewahr wird wie mühselig es der Wüste abgerungen ist. Überdies haben wir fast beständig günstigen jedoch schwachen Wind, so wie ich es in meinem letzten Brief beschrieb. Da ist man denn recht froh wenn man ein wenig vorwärts kommt, und denkt an keinen überflüssigen Aufenthalt. Der Nil macht so krause Zickzacks, daß man nach allen Weltgegenden fahren muß, und daher scheinbar nicht von der Stelle rückt. Die Schiffer tun was sie können um die Fahrt zu verzögern, spannen nicht das große Segel auf, leugnen abends den günstigen Wind, und dergleichen mehr. Man muß einen enormen Vorrat von Geduld zu dieser Reise mitbringen, und ich bin wirklich ganz erstaunt, daß der meine so groß ist. Gestern vor acht Tagen war ich traurig; da war Weihnachtabend, und ich dachte an Tony und an die herzigen Weihnachtsbäume, die einen so lieblichen Glanz über den langen nordischen Winter verbreiten. Es wäre im Grunde einerlei ob man traurig oder fröhlich wäre, wenn nur nicht die Traurigkeit fast immer einen kleinen verdrießlichen Beigeschmack hätte, die sie für andere lästig macht. – Gestern war der Fluß ungewöhnlich belebt: es war Kurban-Bairam, das größte religiöse Fest des Islams. In den Dörfern sahen die Leute geschmückt aus, standen in großen Haufen um die Moscheen und saßen in Gruppen am Ufer, während ab und an ein kleiner Kahn den Strom durchzog, und Besuche von einem Ort zum andern brachte. Auch Fußgänger und Reiter belebten die Ufer. Das Fest wird zur Erinnerung an das Opfer Abrahams gefeiert, welches die mohammedanische Tradition auf den Berg Arafaat in Arabien verlegt, und Isaak in Ismael verwandelt. Die Ähnlichkeit des Islams mit der altisraelitischen Religion ist frappant. Im Tal Mina bei dem Arafaat wird alljährlich ein Bocksopfer dargebracht, welchem Tausende von Hadji beiwohnen, die zu dieser Epoche in Mekka versammelt sein müssen, und dann von ihren Sünden befreit und gleichsam geheiligt die Heimfahrt antreten. Das ist doch ganz wie jenes Bocksopfer, welches der Hohepriester einmal jährlich im Allerheiligsten vollzog, und darauf einen Bock mit den Sünden des israelitischen Volkes belastete und in die Wüste jagen ließ – (3. Moses, 16) – Die Sühne aller Schuld durch Blut – ist sie nicht allzu kriminalrichterlich? 35. An meine Mutter Assuan, Sonnabend, Januar 13, 1844, auf dem Nil Morgen geht's nach Nubien, Herzensmama! Zwischen den Wendekreisen muß ich doch einmal in meinem Leben gewesen sein um zu wissen, wie es denn eigentlich in der tropischen Zone aussieht, die man bei uns aus nichts als aus Gewächshäusern kennt. In alten Zeiten, nämlich 2700 Jahre vor unsrer Ära, lag nun freilich Assuan unter dem Wendezirkel des Krebses; da sich aber die Schiefe der Ekliptik immer vermindert und vermindert, so ist er seitdem dem Äquator näher gerückt, und Assuan hat seine alte Stellung verloren, wie seinen alten Namen – denn damals hieß es Syene. Nun gleichviel! Mit dem ehemaligen Wendezirkel kann ich noch nicht begnügen, Mamachen, und da wir in dem kleinen Hafenort Messid, ober den ersten Katarakten eine Barke gefunden haben, so verlassen wir morgen die alte, und gehen in der neuen nach Wadi Halfa. Wer keine gar zu große hat, und wem daran liegt die Fahrt durch die Katarakte selbst zu machen, behält die seine, und nimmt nur andere Mannschaft, die mit den Klippen und Strömungen des oberen Flusses bekannt ist. Aber meine Barke ist ein wahrer Walfisch, und die Katarakte zu befahren fällt mir nicht ein. Das ist gut für Männer die schwimmen und sich im Notfall selbst retten können. Ich müßte mich auf andre verlassen oder im Nil ertrinken – und zu beidem habe ich nicht die mindeste Lust. Du siehst daraus, daß die Katarakte kein Rheinfall sind. Der Fluß stürzt nicht in eine jähe Tiefe, sondern senkt sich nur rasch über, zwischen und durch Klippen. Gestern Nachmittag kamen wir hier an, nachdem wir am neunzehnten Dezember von Fostat abgegangen, und vierundzwanzig Stunden in Tentyris gewesen sind. Eine ansehnliche Zeit für eine Strecke von 105 deutschen Meilen . In Europa würde man über diese Langsamkeit in Verzweiflung geraten; hier heißt die Fahrt eine recht gute. Hätten wir konträren Wind gehabt, so würde sie acht bis vierzehn Tage länger gewährt haben. Er war fast immer günstig, und fiel nur selten gänzlich – wo dann freilich das unendlich langsame Ziehen am Ufer, oder das Stoßen mit Stangen um die zahlreichen Sandbänke herum, uns nicht sehr förderte. Mit vollen Segeln, bei günstigem Wind und unter einem wahren Freudengebrüll unsrer Mannschaft langten wir bei Assuan an, das höchst malerisch auf dem hohen östlichen Ufer liegt: nämlich die jetzige Stadt hinter Palmen verborgen, was ihr sehr vorteilhaft ist, und die altarabische, die auf den Trümmern der römischen, so wie diese vielleicht auf der allerältesten ägyptischen liegt, auf einem hohen, schroffen Hügel am Fluß und ganz und gar in Ruinen. Die ungebrannten Ziegel mit denen die Araber bauten und noch bauen, bilden merkwürdige Ruinenformen, nämlich keine Schutthaufen, wie die gebrannten oder wie Steine, sondern mehr zerrissene, aufwärtsstarrende, einzelne Klippen. Das Gemäuer sieht aus wie von Riesenfaust zerkrallt, oder selbst wie starre graue Krallen die aufwärts drohen. Unweit Assuan sind die Granitbrüche, die den herrlichen roten Granit geben, welcher im Altertum so beliebt war, und nach seiner Heimat den Namen, Syenit, empfing, und auf der kleinen Insel Bidscha, Philä gegenüber, wird der noch zehnmal schönere Rosengranit gefunden, von dem auf Elefantine ein Tor, als Überbleibsel früherer Herrlichkeit prangt. Letztere Insel liegt Assuan gegenüber diesseits der Katarakte, die beiden anderen liegen jenseits derselben, ungefähr eine Stunde aufwärts. Zwischen ihnen wirbelt und kräuselt sich der Nil. Gestern besahen wir Assuan, an welchem eben nichts Sehenswertes außer der Lage ist. Heute früh ritten wir nach Messid und setzten von dort nach den Inseln Philä und Bidscha, und weiter nach dem linken Ufer des Nils über, wo man den Fall herrlich übersieht. Der Weg von hier nach Messid führt durch eine wahrhaft furchtbare Wüste – durch blendenden rieselnden Sand, der sich wie ein stilles totes Meer ausbreitet, und in dem Granitblöcke, bald in einem Klumpen, bald in zerschmetterten Massen, wie stille tote Inseln liegen. O welche Öde! Kein Baum, kein Strauch, nicht das armseligste Grashälmchen, nicht das dürftigste Moos auf den großen Steinmassen. Scharfer Wind zerwühlte den heißen Sand, der sich in Wirbelwolken aufjagen ließ und wie Pulver auf uns niederfiel, Kleider, Haar, Augen überschüttete. Der Nil bleibt zur Rechten, und fern; man schneidet seine Krümmungen ab indem man ihn verläßt und quer durchs Land geht. Zur Linken sind die Granitbrüche, die sich von den einzelnen Blöcken ankündigen lassen. Da liegt noch ein prächtiger Obelisk, ganz zugeschnitten, irgendeiner Bestimmung gewärtig. Aber kein Tempel harrt seiner. Vielleicht wandert er dereinst ins Abendland um dort einen Platz mit ödem Prunk schmücken zu helfen – nach England, nach Paris, was weiß ich! Allein das weiß ich, daß er zu unsrer Architektur gar nicht paßt, und nur daher in Paris auch gar keinen Effekt machte. In Rom wohl; das ist rechtmäßige Erbin von allem was im Altertum groß war, und ist selbst großartig genug um das Fremdeste in sich aufzunehmen und ihm den Stempel von Rom aufzuprägen. – Bei Messid kommt man wieder an den Nil. Eine große Sykomore und einige Palmen erquicken das Auge. Nackte schwärzliche Kinder mit Affenbewegungen sprangen um uns herum, herdenweise, und schrien mit stridenten Stimmen Bakschisch! mit einem Zusatz, den ich in ihrer Aussprache anfangs gar nicht verstehen konnte. » Mangiare niente « sollte es heißen; also bis Nubien ist die italienische Sprache gedrungen. Zu jenen Kinder gesellten sich auch Scharen von Männern, die ebenfalls Bakschisch schrien, etwa wie man guten Morgen sagt; und zuletzt noch Weiber, nicht bettelnd, nur neugierig und daher noch zudringlicher, affröse Geschöpfe mit blau bemalten Lippen und den einen Nasenflügel mit einem blanken Metallring oder Nagel durchbohrt, Hals, Busen, Arme überdeckt mit Schnüren von bunten Glasperlen und Glasringen. Wir konnten uns gar nicht ihrer erwehren, obgleich sie uns nichts zu Lieb noch zu Leid tun wollten. So ist hier das Volk – in der Art wie sein Vieh, Kamel und Esel, ohne Zaum und Zügel, gar nicht zu lenken, nur zu treiben. Messid ist der Hafen für alles, Menschen und Waren, das nach Wadi Halfa, und mit Karawanen weiter ins Innere von Afrika geht. Assuan hingegen ist der Hafen für alles was von dort kommt und nach Kairo geht. Die Katarakte sind für Handelsschiffe eine große Störung, denn es ist zu kostbar und zu unsicher sie hindurch zu schaffen. Transporte zu Wasser von Wadi Halfa nach Kairo müssen in Messid aus- und in Assuan wieder eingeschifft werden, nachdem Kamele sie von einem Hafen zum anderen geschafft haben. Goldstaub, Elefantenzähne und Straußfedern sind Hauptgegenstände des Handels aus dem inneren Afrika – erzählte uns ein französischer Kaufmann, der in Assuan etabliert ist, und eben mit einer Karawane von sechsundvierzig eigenen Kamelen aus Dongola zurückgekehrt war, wohin er alle möglichen europäischen Waren, Stoffe, Gerät Glas- und Bronzeschmucksachen gebracht hatte. Die schwarzen Sklaven sind ein vierter und wichtiger Artikel, für den es aber nicht soviel Kaufleute, als nur Händler gibt. Kamele sind in diesen Ländern unschätzbare Tiere; ohne sie könnte der Kaufmann wie der Reisende nicht vom Fleck. Ich schätze ihre Verdienste, bin aber herzlich froh sie für meine Person nicht mehr in Anspruch nehmen zu dürfen. Hier wie in Messid liegen sie in großer Menge am Ufer, Warenballen um sie herum, und Zelte oder Hütten von Palmenblättern daneben, in denen die Besitzer oder Führer wohnen, bis sie sich zur ferneren Reise angeschickt haben. Das gibt denn wieder echt orientalische Bilder – diese Kaufleute mit ihren Pfeifen unter den Palmen sitzend, die gelagerten Kamele, die Warenballen mit Spezereien und anderen schönen Sachen, unten am Ufer die Barken mit den langen Segelstangen, und dazu der Nil und die schwarzen Felsenmassen von Elefantine, Bab und Philä! – Oder es kommt eine Karawane von schlanken schwärzlichen Nubiern, denen die hochrote Farbe des Turbans, oder der weiße Shawl, den sie um Kopf und Schultern werfen, sehr gut steht. Sie haben scharfe, bestimmte Züge, Bart und schöne Gestalten, sind auf keine Weise mit den hidösen , bartlosen, spindeldürren Negern zu verwechseln, aber auch keine Araber mehr, sondern vom Stamm der Berber. Weiber waren mit ihnen, buntbemalt wie Tapeten, und Kinder von denen die kleinsten nackt und auf dem Bauch liegend auf dem Rücken der Kamele angebunden waren. – Die fremdartigen Gestalten machten die öde starre Gegend etwas bunt und passen zu ihr, denn hart und scharf sehen sie, auch im besten Fall, immer aus. Sitzt man nun im Nachen und fährt zwischen den schwärzlichen Granitklippen hin, die den Nil einfassen und durchschießen, und von denen die eine ihrer Form wegen Bab, das Tor, heißt: so steigt bei einer Wendung plötzlich aus dem düstern Gewirr die Insel Philä auf, licht, klar und schön, trotz der Verwüstung, die sie umgibt und der auch sie selbst zum Teil verfallen ist. Schutt deckt ihren Boden, der einst zu weiter nichts bestimmt war als Tempel zu tragen. Eine Mauer steigt aus dem Nil auf, und schützte das geweihte Eiland gegen die Zerstörungen des Wassers; sie steht an manchen Stellen noch; an anderen ist der schroffe Abhang mit blühenden Bohnen bedeckt, eine beim Volk sehr beliebte Feldfrucht. Palmen schütteln tiefsinnig ihre Häupter über den edlen Ruinen; – sonst aber ist die Insel verschont geblieben, sowohl mit menschlichen Ansiedelungen als mit traurigen Versandungen, und daher sind ihre Tempel verhältnismäßig vortrefflich erhalten, während sich auf den Schwesterinseln Bidscha und Elefantine nur noch wüste Trümmer und wenig Überbleibsel der früheren Monumente finden. Philä aber, mit seinem doppelten Pylonenpaar, mit den langen säulengetragenen Portiken, welche sie verbinden und zu ihnen führen, mit den verschiedenen Tempelsälen, die zuerst hell und frei sind und dann, je näher dem Innersten, dem Allerheiligsten, immer dunkler und geschlossener werden – Philä könnte noch jetzt, wenn man den Schutt wegräumte, einiges ergänzte und den grandiosen Aufgang vom Nil bei dem Obelisken herstellte, die Mysterien der großen Götter feiern sehen, welcher dieser Tempel geweiht war. Er ist noch in seiner Verwüstung mit so feierlicher Majestät und so tiefsinniger Ruhe umgeben, seine Architektur ist von so ernster und erhabener Würde, daß seine Bildnereien von Göttern mit Sperberköpfen und Kuhhörnern mir dagegen wie kranke Fieberträume eines hohen großen Geistes vorkommen. Die Bildnereien sind genau die unschönen und ungelenken Gebilde, welche wir aus den Museen kennen und »ägyptisch« nennen, während wir von der Architektur keine Ahnung haben, noch haben können. Sie schmeichelt nicht dem Auge, sie gefällt ihm nicht; aber sie imponiert dermaßen, daß neben ihr jede andre gewiß klein und vielleicht kleinlich erscheinen würde. Sie sieht noch grandios in dieser Felsenwelt aus; ja, doppelt! Denn ihre Massen sind so gewaltig als ob sie nur der Hand der Natur entstiegen sein könnten, aber so harmonisch geordnet und zusammengestellt, daß der Menschengeist in ihrer Beherrschung einen seiner größten Triumphe feiert. Auf Elefantine sind ein paar Dörfer, Palmenwälder und größere Felder; aber von den Tempeln, die sie noch vor vierzig Jahren getragen haben soll, findet man nichts mehr als unendlichen Schutt, großes Mauerwerk am steilsten und höchsten Abhang des Ufers, eine sitzende Granitstatue, mumienhaft starr, am Kopf sehr beschädigt, und ein Tor von Rosengranit, so wunderschön als ob Aurora jeden Morgen durch dasselbe in die Welt hineinzöge und ihm etwas von ihrem Glanz ließe. Eine Kaserne und eines Paschas Landhaus sind aus den alten Werkstücken gebaut. 36. An meinen Bruder Wadi Halfa, Montag, Januar 22, 1844, auf dem Nil Wenig Europäer, mein lieber Bruder, bekommen Briefe von ihren Schwestern aus Wadi Halfa, oder Halfo; in letzterem Fall muß es Halfu ausgesprochen werden. Du sollst einer dieser Bevorzugten sein. Jetzt bin ich innerhalb der Wendekreise, bei den zweiten, den großen Katarakten des Nil, das weiß ich, und an der südlichen Grenze von Nubien. Welche Länder und Völker aber hier meine Nachbarn sind, das weiß ich nur ganz unbestimmt, denn ich habe keine Karte, kein Buch, gar nichts über Nubien bei nur, und so kann ich Dir über meine Nachbarschaften nur sagen, daß achtzehn Tagesreisen zu Kamel mich nach Dongola bringen würden und abermals achtzehn nach Sennar; und daß Kordufan und Darfur in noch größerer Entfernung sich ausbreiten. Nach Kamelmärschen rechnet man hier zu Lande, und zwischen den Wilden nimmt man halbwilde Gewohnheiten an. Diese Länder sind Königreiche der Schwarzen; Darfur ist jetzt von Mehemed Ali erobert und unterworfen, und Achmed Pascha hatte dort im vorigen Herbst einen Unabhängigkeitsversuch gemacht, und ist gestorben. Kordufan und Sennar sind auch erobert und Mehemed Ali besitzt diese Länder zu Lehn von der hohen Pforte. Es muß unerhört schwierig sein bei dieser großen Entfernung und mehr noch bei diesem Mangel an Kommunikation eine Art von Herrschaft über wilde Völker zu üben. Truppen, Munition, alle Bedürfnisse einer Armee müssen durch die Wüste. Ich möchte Dich orientieren über Land und Ort wo ich mich in diesem Augenblick befinde, darum erwähne ich meine schwarzen Nachbarn, mit denen ich übrigens nicht den geringsten Verkehr gehabt habe, da sie alle jenseits der Wüste wohnen. Nubier sind keine Neger, und sehen besser aus; aber die Nubierinnen wetteifern mit den Negerinnen an Häßlichkeit, und sind wirklich dazu geschaffen einem für immer Widerwillen gegen das schöne Geschlecht in Afrika beizubringen. Sie flechten das Haar, vermutlich einmal im Leben, in zehntausend kleine Zöpfe und pomadieren diese ab und an wenn sie übermäßig struppig werden mit Butter, welche nicht den Parfüm unserer Pomaden und Öle besitzt. Diese Zöpfe bäumen sich förmlich wider einander auf; dazu die breiten blaugefärbten Lippen, der klaffende Mund, die grell weißen großen Zähne, die rollenden Augen – der Affe ist fertig! Dennoch, sobald ein Mann diese Damen ansieht, ziehen sie ihren Schleier vor das Gesicht um ihm nicht den Anblick ihrer Schönheit zu gönnen, oder um den Gemahl nicht eifersüchtig zu machen. Es ist mir unangenehm von so garstigen Frauenzimmern umgeben zu sein, darum klage ich es Dir. Sonst habe ich nichts zu klagen. Wir sind gestern Morgen hier angekommen, höchst sicher und ungefährdet, und bald darauf ließ der Gouverneur seinen Besuch anmelden – wurde aber nicht angenommen. Ich verstehe nicht durch den Dolmetsch zu sprechen. Das klingt albern; doch versichre ich, daß ich eher auf meine eigne Hand eine lange Rede halten, als in dieser Weise nur drei Worte sagen kann. Für den Araber ist das gar nichts; er füllt die Lücken die durch dies Hin- und Herreden entstehen mit tiefen Zügen aus der vortrefflichen Pfeife und wartet gelassen. Wadi Halfa ist ein langer, schmaler Palmenwald am rechten Nilufer, in welchem hie und da zerstreute Häuser liegen. Das des Gouverneurs liegt zwischen der dichtesten Bebaumung und besteht, wie alle übrigen, aus einem Viereck von Lehmmauern, die den inneren Hof umgeben. Ein kleiner weiß übertünchter Erker mit zwei Fenstern über der Eingangstür, zeichnet es bedeutend aus; denn Fenster sind selten hier zu Lande, wo man im Freien oder wenigstens bei offenen Türen lebt, also Licht und Luft vollauf hat. Für die Eingeborenen hat das nichts Unbequemes; für uns wohl. Jetzt zum Beispiel bei einem plötzlich eingetretenen schneidenden Nordwind ist die glasfensterlose Barke höchst unbehaglich. Sie hat nur kleine hölzerne Schiebefensterchen, mit gehörigen Ritzen und klaffenden Spalten, so daß es unmöglich ist sich gegen den Wind zu schützen ohne sich wie in einem Kasten einzusperren, und auch dann pfeift er als Zugwind hindurch. Diese Barke ist übrigens ebenso eingerichtet wie die, welche wir in Assuan gelassen haben, nur viel kleiner und leichter; elend gebaut, nicht angestrichen, daher wimmelnd von Ungeziefer; kläglich betakelt, alle Taue sind geknüpft; ohne Anker. Indessen sind wir doch glücklich hergekommen. Wir müssen für die Fahrt im Ganzen 1200 Piaster zahlen, was wohl sehr viel ist, da sie vierzehn bis achtzehn Tage zu dauern pflegt, also nur einen halben Monat ungefähr, und da die Bemannung nur aus zehn Leuten besteht. Tische, Stühle, Sofapolster haben wir überdies aus unsrer anderen Barke mitbringen müssen. Der Eigentümer zahlt dem Reis für die ganze Fahrt nicht mehr als dreißig Piaster und jedem Matrosen fünfzehn. Sollte sie grade fünfzehn Tage währen, so hat der Matrose täglich zwei Silbergroschen verdient. Höher ist auch nicht der Tagelohn des Fellah. – Du siehst also lieber Bruder, daß ich jetzt eine Flotte und dreißig Mann in meinen Diensten habe. Das Reisen im Orient ist ganz dazu gemacht um der unbedeutendsten Person einen Anschein von Wichtigkeit zu geben. Heute früh ritten wir zu den Katarakten. Nachmittags wollten wir die Rückfahrt antreten, waren aber nur im Stande bis zum linken Ufer zu kommen, wo wir wenigstens unter dem Winde liegen. Der Sturm aus dem Norden ist uns grade entgegen und nicht zu überwinden durch unsre acht Ruder, die, um kräftiger wirken zu können, auf einer Art Armlehne ruhen, welche horizontal aus dem Rande der Barke herausgreift. Und so bin ich jetzt auf einem Fluß, wo das Fahren stromab ebenso große Schwierigkeiten hat, als stromauf. Da ich ihn von Kairo bis zu den großen Katarakten befahren habe, so will ich Dir doch ein paar Worte über das Land sagen, das ich vom dreißigsten bis zum zweiundzwanzigsten Grad in ziemlich gerader Richtung, wenn auch mit unendlichen Windungen, durchschifft habe. Ich fange aber nicht unten bei Kairo, sondern hier oben an, weil ich dann mit dem Strom gehen kann und sein rechtes Ufer auch zu meiner Rechten habe. Übrigens ist es besser mit dem Chaos zu beginnen und mit der Ordnung zu enden, als umgekehrt – und das Chaos habe ich heute früh gesehen. Wir setzten ans linke Ufer über, wo ein schmaler Saum von Bohnenfeld und wenig kleine Hütten eine ärmliche Ansiedelung bilden, und ritten vom Fluß ab, schräg durchs Land um die große Krümmung abzuschneiden, die er ober Wadi Halfa macht, ungefähr anderthalb Stunden weit. Das Land bedeutet hier die Wüste, und diese ist so beschaffen, daß aus ihrem gelbbraunen Sande schwärzliche Kalksteinblöcke aufsteigen. Ringsum nicht die geringste Spur von Vegetation. Kadaver von Kamelen in allen Stadien der Auflösung zeigen an, daß hier die große Karawanenstraße nach Dongola geht. Eine schrankenlose Ebene breitet sich ungestört aus; die Wellungen des ungleichen Sandbodens, die Felsblöcke, die Berg- oder Felsspitzen, die am Horizont weiß der Himmel aus welcher Ferne auftauchen, machen auf dieser Fläche nicht den geringsten Unterschied. Mir war als könnte ich bis ins Herz von Afrika hineinsehen. Endlich nähert man sich wieder dem Nil, die Felsblöcke schieben sich etwas dichter zusammen, man steigt ab und erklimmt eine schroffe Klippe – von dort hat man den Blick über die großen Katarakte. Wie soll ich's anfangen um Dir ein Bild von ihnen zu entwerfen? Vor allem ist notwendig, daß Du die gewöhnliche Vorstellung von einem Wasserfall gänzlich fahren läßt, und daß Du ebensowenig an die niedlichen Kaskatellen von Tivoli denkst. Stelle Dir vielmehr vor: Du stehst auf einer Klippe, und Tausende ähnlicher Klippen, bald hoch bald flach, hier ein Block dort ein Fels, sind südwärts wie schwarze Inseln in das große Sandmeer der Wüste bis an den Horizont gestreut; aber nicht Sand umgibt sie, sondern Wasser, ein breites, form-, ufer- und regelloses Wasser, das sich wild und rasch wie es eben den Weg findet um sie herum drängt und tummelt und wohl noch eine Stunde abwärts in gleich unruhiger Weise fließt. Bei Wadi Halfa hören die Inselblöcke und somit auch die Hemmungen auf; da sammelt sich das Wasser, und wird in seinem bestimmten Bett zum Fluß. Bei den Katarakten glaubte ich nicht einen Fluß zu sehen; aber auch keinen See, denn dazu ist wiederum kein Wasserspiegel vorhanden; sondern eben nur ein wüstes Wasser, das kommt – man weiß nicht woher! Das geht – man weiß nicht wohin! Das in der ungeheuren Fläche durch nichts als durch eine geringe Senkung des Bodens bestimmt wird von Süden nach Norden zu strömen, und das im Osten und Westen von der Wüste gleichsam überwältigt und gezwungen wird recht in sie hinein zu verfließen. Aber scharf bestimmt und begrenzt, aber mit Kleid und Färbung angetan ist hier nichts. Es herrscht die graue Einförmigkeit des Chaos und seine düstre Konfusion. Selten kommen Reisende hieher; die spärlichen Namen auf dieser Felsenklippe eingegraben bewiesen es. Einen Frauennamen trug sie noch gar nicht; der meine ist der erste. Engländerinnen mögen indessen doch schon da gewesen sein; doch eine Deutsche gewiß nicht. Die meisten Reisenden die nach Nubien kommen um die Tempel zu sehen, kehren bei dem von Abusambul, eine Tagesreise von Wadi Halfa um, und nur die wenigsten gehen bis zu den großen Katarakten. Reizend sind sie auch keineswegs, merkwürdig sehr. Ich habe nie irgend etwas gesehen, das ich mit dieser – – wie soll ich's nennen? Landschaft, Natur? – vergleichen möchte, und die kleinen Katarakte von Assuan sind nur ihre variierte Wiederholung. Bei Kartum im Sennar nimmt der Nil, der dort der weiße Fluß heißt, den blauen Fluß auf, und tiefer abwärts noch einen, den man Artuboras nennt; aber dann keinen mehr! Bis zu seinen Mündungen nicht das geringste Flüßchen, nicht den kleinsten Bach; daher ist es mir vollkommen unbegreiflich, wodurch er später so breit wird, daß er an manchen Stellen wie ein See aussieht. Außer den jährlichen Anschwellungen, die ihn regelmäßig steigen und fallen machen, empfängt er keinen Zuwachs an Wasser und wächst dennoch – der rätselhafteste Strom, dessen ganzes Leben, von seinen unbekannten Quellen, angeblich im Mondgebirge, geheimnisvoll ist. Interessant macht ihn das, und verleiht ihm einen besonderen Reiz; doch nicht Schönheit. Die Abende auf dem Nil – Stürme natürlich abgerechnet, die in diesen Regionen ungefähr unser nordisches Schneetreiben vertreten – sind die schönsten, die ich erlebt habe. Am Tage ist es so heiß, und die brennenden Sonnenstrahlen reverberieren so scharf auf dem Wasser, dem Wüstensand, den Kalkgebirgen, daß man nicht gern die Kabine verläßt. Gegen Abend kommt man heraus, legt sich ein paar Stunden auf den breiten Sofa, und atmet die leichte, linde, frische Luft ein. Die Sonne sinkt hinter das libysche Gebirge, das dunkelblau wie Email im Schatten liegt, während die Lichtstrahlen auf dem arabischen wie auf einem Prisma spielen, und es mit Farben von Blumen, Schmetterlingen, Edelsteinen schmücken. Wie große flammende Rosen liegen einzelne Massen da; wie Ketten von Amethyst in goldner Fassung, die langgestreckten. Die stillen Wasser spiegeln getreu die schönen Gebilde zurück, nur mit einem leichten Florschleier überhaucht. Frühlingsduft erfüllt die Atmosphäre; Rübsamen-, Bohnen-, Lupinien-, Wicken-, Baumwollfelder stehen in Blüte; Weizen und Gerste sind armlang; Akaziengesträuch mit lilafarbenen und blauen Schlingpflanzen durchflochten, auch andre Gebüsche, die ich nicht kenne, umgeben die Wasserräder, Sakieh genannt, welche ununterbrochen die Felder bewässern, oder wachsen auf ihre eigene Hand am Ufer, da wo es nicht bebaut ist. Frühlingsatem müßte ich eigentlich diesen unbestimmten, balsamischen, erquickenden Geruch nennen, den unsre Felder und Wälder auch in der schönsten Zeit unseres Jahres, im Juni aushauchen. Die wilden Tauben wiegen sich auf Palmenzweigen, oder gurren und lachen lieblich neckend wie fröhliche Mädchen aus den Gebüschen. Wasservögel sitzen geschart beisammen auf den Sandbänken, marmorweiße hier, rabenschwarze dort, und zirpen oder schnurren ihr eintöniges Abendlied, das sie vom einförmigen Geplätscher der Wellen, zwischen denen sie leben, gelernt haben. Ein großer Reiher fliegt zuweilen über die ganze Breite des Flusses, oder ein Pelikan, der mit schwerem Flügelschlag nach irgend einem Fisch untertaucht. Ist die Sonne gesunken und das Abendrot verglimmt, so beginnt zuweilen im Süden ein zweites Abendrot dunkler und weniger flammend als das erste aufzugehen, und die erblaßten Berge noch einmal rosig zu schminken. Inzwischen sind auch die ersten Sterne aufgegangen: die himmlische Venus als Abendstern, schöner als irgend ein andrer, die Sonne des nächtlichen Himmels; der kühne Jäger Orion steigt langsam über das arabische Gebirg herauf. Später, im tiefen Südost der Kanopus, den man bei uns und ich glaube in ganz Europa, niemals sieht. Dann fährt man dahin wie zwischen zwei Himmeln. Das Silberband des Nils ist in ein dunkles Firmament voll sanft zitternder Sterne verwandelt, während die da oben groß und ruhig wie gute Geisteraugen aussehen, und gar nicht das bittre Geflimmer haben, als ob sie vor Kälte zittern und beben, wie in unseren Winternächten wenn sie recht klar sind. Sie brauchen hier auch nicht zu frieren, denn unsere Juliabende mögen schwerlich wärmer sein, als die januarischen in Oberägypten und Nubien. An den Ufern ist es noch lange lebendig. Feuer flammen in den Dörfern auf und der Platz des Herdes ist vor der Tür. Die Schaf- und Ziegenherden werden blökend heimgetrieben, Hunde bellen, Esel schreien, Kinder jauchzen, die Sakieh dreht sich knarrend. Am Schaduff singen die Männer taktmäßig indem sie die Schöpfeimer im Nil füllen und in die Rinnen leeren, welche das Wasser weiter führen. Gesänge der einzelnen die aus den Feldern heimkehren, laute Gespräche und Rufe schallen weithin. Die Araber reden miteinander von Barke zu Barke, vom Ufer zum Nachen, ich glaube wirklich von Dorf zu Dorf, so lange nur die Stimme erschallt – dermaßen gesprächig sind sie, und immer in einem Ton, der mir wie dröhnendes Geschrei vorkommt. In irgend einer einsamen Barke wacht ein Mann und vertreibt sich die Zeit und den Schlaf indem er die Darabukah schlägt, deren dumpfer Ton mich immer an die spanische Gitarre erinnert, die auch so nachlässig und im Grunde tonlos klingt, obgleich die Instrumente selbst nicht die mindeste Ähnlichkeit haben. Endlich wird es still allüberall, und kühl auf dem Wasser. Dann geht man wieder in die Kabine und trinkt Tee. – Weht der Nordwestwind scharf, der mich so lange ich in Ägypten bin kaum einen Tag verlassen hat, und der bei der Nilauffahrt ebenso günstig war, als er jetzt bei der Niederfahrt hemmend ist, dann steht es freilich übel um die abendlichen Vergnügungen, und das unbehagliche Gefühl in alle Mäntel gewickelt zu sitzen und dennoch frieren zu müssen, gesellt sich zu dem Unbehagen, welches Langeweile und Ungeduld erzeugen.   Montag, Januar 29, auf dem Nil Nachdem wir sechsunddreißig Stunden wie angenagelt in der Nähe von Wadi Halfa blieben, immer fortzugehen versuchten und immer ans Land getrieben wurden, fiel der Sturm und unsre tüchtigen Nubier mit ihren großen Rudern überwanden den Wind. Ich habe alle Tempel gesehen, die sehr bequem für die Reisenden nahe am Fluß liegen, so daß man nur kleine Spaziergänge zu machen hat; und gestern mittag, grade vierzehn Tage nach unserer Abfahrt, sind wir wieder in Assuan angelangt. Von der alten Barke habe ich freudig wie von einem Palast Besitz genommen, so geräumig, bequem und sauber ist sie im Vergleich zur nubischen: aber der alten Mannschaft sind wir zu früh wiedergekommen. Sie tut was sie kann um die Fahrt zu verlängern, gab gestern abend, als wir fortgehen wollten, Wind vor und ging erst heute Morgen, rudert so gut wie gar nicht – – das wird eine schreckliche Fahrt bis Kairo werden! Immer Zank, immer Drohung und Widersetzlichkeit! Dies Volk ist wirklich für den Kurbatsch geboren; so heißt eine Reitgerte von Rhinozerusleder. Wenn der Reis und der Steuermann eine tüchtige Bastonade bekämen würden sie dienen wie es sich gehört. Gegen solche Mittel sträubt sich ein europäisches Herz; darum wird man auch immer diesen Leuten gegenüber den Kürzeren ziehen. Du siehst mein lieber Bruder, daß eine Nilreise ihre tiefe Schattenseite hat. – Aber ich gehe wieder zu den großen Katarakten zurück von denen ich auslaufen wollte um Dir flüchtig Land und Leute zu skizzieren. Letztere scheinen viel ernster als die Araber, schweigsamer; unsere Matrosen dachten nicht an Musik und Tanz; in den Dörfern lief uns nicht die ganze Bevölkerung nach; man schaute wohl hin nach den Fremden – mehr nicht! Weiber, schwarz und dürr wie Parzen, blieben vor ihren Hütten sitzen, schwarze Schafwolle an der Spindel spinnend. Männer in blauen Hemden, große weiße Shawls mit rotem Saum um Kopf und Schultern geschlungen, und durch ihre scharfen Züge und ihre harte Drapierung frappant wie Michelangelos Sybillen aussehend, blieben auch bei ihrem geselligen Geschäft, der Pfeife, im Kreise hocken. Alle Kinder sind völlig nackt; die Weiber sehr verhüllt in schleppende schwärzliche Gewänder und Schleier von unsauberem Aussehen, aber dennoch mit Firlefanz von bunten Perlen etc. überhängt; die Männer gut gekleidet. Bei der Arbeit werfen sie ihr langes blaues oder weißes Hemd und ein kleines welches sie darunter tragen ab, der Hitze wegen, und behalten kurze halbweite Beinkleider nur an, die von den Hüften zum Knie reichen, und auf dem Kopf trotz der blendenden Sonne nichts als die kleine glatte, enganliegende, weiße Mütze, die schon in Ägypten fast allgemein beim Fellah den roten Tarbusch verdrängt hat und in Nubien ganz. Die Nuancierung dieser weißen Mütze Dir auszumalen überlasse ich Dir selbst. Wer nicht arbeitet hat häufig einen Turban um sie gewickelt und das sieht natürlich sehr viel besser aus. Will jemand von einem Ufer zum andern hinüber, so legt er sich mit der Brust auf einen mit Luft gefüllten Schlauch, und erleichtert sich dadurch das Schwimmen. Seine Kleider trägt er zu einem großen Turban um den Kopf geschlungen und seine Lanze als kolossale Nadel durchgesteckt. Es sieht höchst originell aus. Sie treiben in dieser Weise schwimmend, mit fürchterlichem Geschrei und Schlägen schwimmende Kamele, denen dies ein Greuel ist, durch den Nil. Kleine leichte Nachen, die ein Mensch regiert, habe ich nicht gesehen. Bei dem Dorfe Dörr lief eine große Barke vom Stapel. Die Weiber jauchzten den Zugharit so prächtig, daß er in der Ferne wirklich wie ein Posaunen-Tremolo klang, und die Männer taten Freudenschüsse, die im libyschen Gebirg ein majestätisches langes Echo weckten. Wo wir anlegten bot man uns Milch, Hühner, Eier, getrocknete Datteln zum Kauf. Letztere waren ganz schlecht, weil alle Orientalen, von Konstantinopel an, den unbegreiflichen Geschmack haben die Früchte unreif zu essen; die Milch außerordentlich gut und von Kühen, während man sich in Ägypten meistens mit Ziegen- oder Schafmilch begnügen muß – doch vielleicht auch nur in diesem Jahr, weil unter den Rindern eine Seuche geherrscht, die sieben Achtel weggerafft hat; daher war auch in Kairo das Rindfleisch zu essen verboten. Bei den Hühnern übte man die kleine Industrie sie mit Luft aufzublasen um den mageren Dingern eine trügerische Fülle zu verleihen – einen Kunstgriff den der Dragoman kannte. Übrigens herrscht die größte Harmlosigkeit im Verkehr mit den Fremden, während sie unter sich von Dorf zu Dorf ihre blutigen Fehden haben. Einmal rief ein Mann vom Ufer aus unsre Barke an: ob wir keinen Arzt an Bord hätten. – Nein! Aber weshalb? – Sie hätten um eines geplünderten Bohnenfeldes willen ein andres Dorf überfallen, vier Menschen mit Flintenschüssen verwundet, und dabei hätte einer der ihrigen auch einen Schuß in den Leib bekommen, woran er vermutlich sterben müsse. – Das tat uns sehr leid, aber wir wußten ihm nicht zu helfen. Das Land ist zuweilen gut und reich bebaut und bebaumt, und zuweilen tritt die Wüste dermaßen an den Fluß heran, daß sogar der kleine Saum von Bohnenfeld verschwindet, und statt seiner wildwachsendes Gesträuch auf den dünenartigen Sandhügeln wuchert. Manchmal sind die Ufer, ohne felsig zu sein, dennoch so hoch, daß der Nil sie nicht überschwemmen kann; und manchmal senken sich hohe kahle blendende Felswände steil in ihn hinein. In eine solche Wand ist das Königsgrab von Abahuda, sind die beiden Tempel von Abusambul, sind andere Gräber des Djebbel Ibrahim gehauen. Große Dörfer wie Wadi Halfa, Dörr, Kurusko, Kelabsche, und andere deren Namen ich nicht weiß, sehen besser aus als irgend welche im Orient, sind fest gebaut, mit Palmen durchwebt, von weiten grünen Feldern umgeben, die zahlreiche Sakiehs wässern. Das Haus des Scheikh-el-Beled (Ältester vom Dorf) welcher Ortsvorsteher ist und für Ordnung bei Ablegung der Abgaben zu sorgen hat zeichnet sich besonders aus, indem das gewöhnliche Viereck sehr geräumig und mit zwei pylonenartigen Türmen in der Diagonale versehen ist. In diesen wohnt die Familie; das Mauerviereck umschließt nachts die Herde. Anfangs und in der Ferne hielten wir diese Gebäude für Tempelreste in Wohnungen verwandelt; aber nein! Man ahmt in Lehm nach, was man aus Stein gebaut sieht, und da es hier nie regnet so genügt er dem Bedürfnis. Andre Dörfer sind wieder so miserabel mit ihren Hütten die wie zerfallene Backöfen aussehen, und mit ihrer kläglich kahlen Lage auf sandiger Fläche oder am sandigen Hügelabhang, daß man sie für verlassen halten würde, wenn man nicht Menschen zwischen ihnen gewahrte. Im Hinauffahren, und bei solchen armseligen baum- und felderlosen Dörfern vorbeikommend, konnte ich gar nicht erraten, wovon die Einwohner lebten, wenn sie nicht verständen wie die Strauße Kieselsteine zu speisen. Herabfahrend und täglich ein oder mehrere Male ans Land gehend, entdeckte ich es denn doch. Die Dura-Ernte ist nämlich schon gemacht, denn sie wird im August gesät, muß unter dem Überschwemmungswasser keimen, und reift bis zum Winter; ihre gelben Stoppeln unterscheiden sich nur in der Nähe vom gelben Sand. Dura ist eine Hirseart, und den Nilländern das, was bei uns die Kartoffel dem gemeinen Mann ist. Durabrot, gedörrte Dura, sind tägliche Kost, die mit Zwiebeln, Knoblauch, getrockneten Datteln gewürzt wird. Ohne dies Gewürz finde ich sie sehr gut; das Brot schmeckt wie unser Roggenbrot nur leichter, und das entsetzliche, schwarze, feuchte, saure, welches der gemeine Mann bei uns ißt kann gar nicht damit verglichen werden. Das schmale Bohnenfeld am Ufer fehlt nie in der Nachbarschaft eines Dorfes. Einige graubestaubte Palmen entdeckten sich hinter einem Hügel, und zuweilen hatte ich sogar die große Überraschung, jenseits des Dorfes ein tiefer liegendes Weizen- oder Gerstenfeld zu gewahren, wohin eine Sakieh oder ein Schaduff Wasser sendete. Der kleine Bewässerungsgraben, den sie alimentieren ist häufig nicht größer als eine tiefe Furche, und ich habe ihn gesehen wenigstens fünfhundert Schritt schnurgerade durch die Wüste laufen bis zu einer Senkung des Bodens, wo man ihn mit vielen waagrechten Rinnen ausgehen läßt und dadurch ein fruchtbares Erdreich erzwingt, das den prachtvollsten Weizen trägt. Zuweilen wird ein ganz kleines Kanälchen – wie Kinder sie im Spiel graben und dann die Gießkanne voll Wasser darin leeren – abgeleitet und ein Gemüsebeet, ellenlang und breit, damit umzingelt. Dann liegt so ein winziges grünes Fleckchen einsam da und prosperiert vortrefflich. Ich sehe doch schon seit Monaten die frappanten Kontraste der Kultur und der Wüste, aber immer bin ich neu davon ergriffen und voll Bewunderung dessen, was der Mensch bewerkstelligen kann, wenn er Mühe, Arbeit, Ausdauer und augenblickliche große Kosten nicht scheut.   Mittwoch, Februar 7, auf dem Nil Lange Unterbrechung, lieber Bruder! Ich bin in großer Tempelschau begriffen gewesen. Teils erfüllt das die Gedanken so sehr, daß man sich mit nichts anderem beschäftigen mag, teils macht es so grenzenlos müde, daß man es nicht kann. Die Ruinen von Theben sind eine tüchtige Strapaze, so viel muß man da herum reiten, gehen, stehen, klettern, steigen, kriechen, bald in blendender Sonne, bald in unterirdischen Gräberhallen, und dazu immer mit der Aufregung des Interesses, der Bewunderung, der Neugier. Aber ich will den Nil ferner begleiten. Fast unmittelbar bei seinem Eintritt in Oberägypten erweitert sich sein Bett und senken sich seine Ufer. Das vermindert seine Strömung, und hat für das Land den Vorteil, daß es leichter überschwemmt wird. Indessen treten die Berge doch noch von beiden Seiten zuweilen ans Ufer, ziehen sich dann aber in weiten Bogen zurück und lassen zwischen sich und dem Fluß großen Ebenen Raum. Zuerst ist der Unterschied mit Nubien in der Kultur nicht groß. Die Wüste macht sich sehr breit, die Dörfer sind klein und nicht zahlreich, die Palmen selten. Von einer Höhe am Ufer, welche der Nil unterwäscht, schauen die majestätischen Ruinen von Kom-Ombos grade in den Sonnenuntergang hinein. Bei dem Paß von Djebbel Selseleh, ziehen die Gebirg zu beiden Seiten wahre Mauern, die den Fluß sehr zusammendrängen. Grotten, Gräber und Nischen sind auf der libyschen Seite in die Sandsteinwand kunst- und mühevoll eingehauen; auf der arabischen sind ehemalige Steinbrüche. Bei Esne, das wir erst drei Tage nach unserer Abfahrt von Assuan erreichten, nimmt alles einen mehr zivilisierten Charakter an. Bis dahin schwammen die Leute nicht auf Schläuchen von einem Ufer zum andere, doch ihre Weise ist ebenso sauvage . Drei Schilfbündel ungefähr acht Fuß lang, werden wie ein Floß fest zusammengebunden, und zwar so daß sie vorn eine Spitze bilden, hinten etwas breiter sind. Darauf setzt der Mann sich flach nieder, nimmt ein Ruder mit zwei Schaufeln in die Hand, zuweilen Weib und Kind hinter sich, und rudert auf diesem leichten Floß sehr behende hin- und herüber. Um Esne zeigen sich Barken, die allmählich immer zahlreicher und größer werden, und auch bei Dörfern liegen. Esne ist die erste Stadt seit Assuan, und hat ihre Industrie: nämlich die Fabrikation der kleinen Pfeifenköpfe von rotem Ton, die zu Millionen verbraucht werden. Die Stadt ist wie alle orientalischen: krumme Gassen, fensterlose Häuser, finstre schmutzige Bazars, viel Kaffeestuben. Da sah ich einen Schlangenbeschwörer. Gott, ist das ekelhaft! Fünf Schlangen umwanden seine Arme, schaukelten sich an seinen Fingern, bogen und wanden sich in seinen Händen. Ob sie giftig waren weiß ich nicht; unheimlich sind sie mir immer. Bei Theben hat das arabische Gebirg einen wahrhaft malerischen Moment, als wolle es den erhabenen Ruinen von Karnak und Luxor einen würdigen Hintergrund geben. Aus seinen gewöhnlichen wellenförmig ruhigen Linien bäumen sich drei scharf zugespitzte Höhen empor, ragen am Horizont auf und machen wenn man noch in weiter Ferne ist, dadurch schon lange vorher auf die Stätte aufmerksam, wo einst »die hunderttorige Thebä« – wie Homer sie nennt – lag, in welcher sich gegenwärtig außer den beiden obengenannten Dörfern noch die von Kurnu und Medinet-Abu auf der libyschen Seite, und weit und breit gedehnte Felder, Wüste, und urbarer jedoch unbebauter Boden teilen. Bei dem Ritt nach Abydos, dessen Trümmer so gänzlich im Wüstensand verschüttet sind, daß sie den Besuch nicht lohnen, mußten wir wenigstens eine starke deutsche Meile vom Dorf el-Beljenne, wo wir landeten, in die Ebene hinein reiten. Zuckerrohr, Baumwolle und auch Indigo wird in diesen Gegenden gebaut, aber Feldfrüchte sind vorherrschend. Die Bohnen standen mannshoch und mauerdicht; die Gerste hatte Ähren und wurde schon gelb; Esel und Büffel weideten am Rande der Felder; dazwischen lag wiederum prächtiger Boden brach. Doch kamen wir durch vier Dörfer, die alle zwischen Palmen liegen, und viele andre befinden sich in der Nachbarschaft. Das sahen wir an den zahlreichen Feuern, die abends beim Heimritt rings um uns aufflammten, und die schallenden Gesänge wie das weithin tönende Hundegebell bestätigten es. Die größte Sicherheit herrscht. Wir kamen erst um acht Uhr bei völliger Finsternis nach unserer Barke zurück, ohne andere Begleitung als die der Eseltreiber. Dazu hatten wir in el-Beljenne großen Markttag gefunden, und das Volk zerstreute sich nach allen Seiten. Wie viel Exzesse fallen nicht bei solchen Gelegenheiten in Deutschland vor! Hier – nichts. Das ist ein Glück, daß der Araber den Branntwein nicht kennt. Bei seiner feuerfangenden Heftigkeit die ohne Geschrei und ohne eine Flut von Worten nichts unternehmen kann, und ihn selbst dadurch in eine Art von eifriger Wut versetzt, wenn er auch gar nicht zornig ist – müßten geistige Getränke ihn bis zur Raserei aufregen. Indessen hat er doch auch einen stimulant , so gut wie der Türke das Opium: es ist Haschisch, ein Extrakt von Hanf, der einen äußerst heiteren und rosenfarbenen Rausch geben, die Nerven jedoch nicht weniger ruinieren soll. Zu dergleichen Schwelgereien hat stets und überall der Reiche mehr Zeit und Gelegenheit als der gemeine Mann, und beim Fellah findet man selten diese verderbliche Leidenschaft. Was nun die Zeit betrifft, die hätte er! Außer am Schaduff habe ich keinen Mann bei beschwerlicher Arbeit gesehen. Das sind die Schöpfgruben, die aus dem Nil vollgegossen werden müssen und die in ganz Oberägypten verbreiteter als die Sakiehs sind. Immer paarweise und im Takt singend, füllen und leeren zwei Männer lederne Eimer, welche an einer Brunnenstange hängend niedergelassen und aufgezogen werden. Das geht stundenlang so fort bis sie abgelöst werden. Sie sind dabei völlig nackt, nur mit einem Ziegenfell um die Hüften. Außerdem aber, in Städten und Dörfern, scheinen Müßiggänger die Hauptzahl der Bewohner auszumachen, welche ihr Leben der Pfeife, dem Kauen des Zuckerrohrs, dem Geplauder widmen dürfen, und arbeitet einmal einer im Felde, so ist es immer einzeln und so gewiß willkürlich, oder einer hütet auch wohl am Feldrand liegend höchst sorglos Vieh. Ich muß wohl grade nicht die Zeit der großen Arbeiten getroffen haben; ich hätte gern mit eigenen Augen gesehen, ob der Fellah, den man immer wegen schwerer und übermäßiger Arbeit bedauern hört, etwas leistet, das man z. B. mit der Anstrengung eines norddeutschen Erntetages entfernt vergleichen könnte. Vielleicht sehe ich es im Delta, wo das urbare Land größer und zugleich bevölkerter ist. Hier ist es augenscheinlich für die Bevölkerung und ihre geringen Bedürfnisse dennoch zu groß. Ein Hauptzweig der Industrie des Fellah von Kairo bis Wadi Halfa ist Taubenzucht. In Oberägypten prosperiert sie ungeheuer. Die Dörfer haben ein ganz fantastisches Ansehen durch die viereckigen, abgeböschten Türmchen, die auf jedem Hause stehen: es sind Taubenschläge und in der Luft wimmelt und rauscht es in der Nachbarschaft der Dörfer von allerliebsten Tauben, die auch recht fett und wohlschmeckend sind. Überhaupt gibts eine Menge der niedlichsten Vögel, unter anderen einen schwarzen mit einem Köpfchen weiß und zierlich wie eine Perle die stets ganz vertrauensvoll auf die Barke kommen und sich Krümchen suchen. Schwalben vollends in Scharen! Sie ziehen mit uns, aber sie werden früher als ich nach Europa kommen. Siehst Du sie in Neuhaus, so denk' an mich; ich hab' ihnen auf dem Nil zehntausend Grüße an Dich mitgegeben. Von den Scheusalen, den Krokodilen, sollte ich auch ein Wort sagen: sie gehören zu Ägypten wie der Ibis. Reiherarten hat man sehr viele; ob nun gerade den Ibis sanctus ? – Krokodile scheinen sehr selten geworden zu sein. Auf Sandbänken zeigte man mir ein paarmal etwas, das wie ein Baumstamm aussah und sich sonnte oder in den Nil wälzte; das sollten sie sein. Dem Schiff nah ist keins gekommen. Siut, die Hauptstadt Oberägyptens, liegt wunderhübsch eine halbe Stunde vom Nil, zwischen herrlichen Feldern, von Kränzen von Sykomoren und Akazien umgeben, hübsche gutgebaute Dörfer rings umher, das libysche Gebirg im Hintergrund, von welchem sich seine schlanken, reich umkränzten Minarette graziös abschattierten. Jene Akazie ist der Gummibaum ( acacia nilotica ) der das bekannte Harz ausschwitzt; doch nicht hier, sondern im wärmeren Nubien, wo er von Gestalt kümmerlich und strauchartig auf den Hügeln der Wüste wächst. Hier wird er ein sehr hübscher Baum mit dem allerzierlichsten Zweig- und Laubwerk. Sunt nennen ihn die Araber. Er und der Nabekbaum sind mir dadurch merkwürdig, daß sie trotz der äußersten Feinheit des Laubes und der fadendünnen Zweige, dennoch von der größten Starrheit und Unbeweglichkeit sind. Wie aus Metall gegossen und grün emailliert stehen sie da, und zittern und rühren sich nicht – solch ein Nerv ist in ihnen! Sie haben schon frappante Ähnlichkeit mit Gazellen. Die Industrie Siuts – kennst Du sie? Es ist die schmachvollste der Welt und das will viel sagen! Hier ist eine Hauptfabrik von Eunuchen, die der Mohammedaner braucht zu Haremswächtern zur Beruhigung seiner eifersüchtigen, finsteren, traurigen Liebe. Leider sind es Christen, welche ihm diesen Dienst leisten. Koptische Priester sollen sich vorzugsweise durch Gewinngier getrieben zu dem infamen Handwerk hergeben. Das der öffentlichen Tänzerinnen hat Mehemed Ali seit einigen Jahren abgeschafft, als eine Verletzung der Sittlichkeit. In der Stille treiben sie natürlich ihr Wesen, aber auf den Straßen dürfen sie nicht mehr ihre Künste produzieren, und ihre Organisation zu einer Zunft, die ihre Königin hatte, Abgaben zahlte, Schutz und Rechte genoß, ist aufgelöst. Weshalb verfährt er nicht mit der letzten Strenge gegen jene so tödliche Beleidigung der Menschheit? – Türk bleibt Türk! – –   Dienstag, Februar 13 Meine Barke wird nur nach grade kerkerhaft unbequem, mein lieber Dinand. Die Untiefen des Nils, der Nordwind und die Widerwilligkeit unsrer Mannschaft verzögern die Fahrt auf eine unerträgliche Weise. Wo der Nil zu einem weiten Becken ausgeflossen ist, wie zwischen Siut und Monfalut, war er aufgewühlt und wellenschlagend wie ein großer See. Wo er von den schroffen Felswänden des Djebbel Abulfeda gedrängt im Zickzack sich hin- und herwinden muß, gab es so heftige Windstöße, daß wir gar nicht vorwärts kamen. An einem Abend warf der Reis mitten auf dem Fluß den Anker aus. Ich protestierte heftig, denn die Barke hüpfte rechts und links, und wünschte am Ufer anzulegen. Jedoch das linke war durch Untiefen unzugänglich, und das rechte wird nachts mit ängstlicher Scheu von den Barken gemieden. Da gibt es Spitzbuben! Heißt es immer. Diese Furcht ist wirklich übernatürlich albern (denn es sind nicht weniger als zwanzig Männer an Bord) aber so heftig, daß der Reis durch keine Vorstellung zu bewegen war seine Station aufzugeben. Der Araber ist feig. Schon in Syrien kam es mir so vor; indessen will ich dort die Gefahr nicht ganz leugnen. Aber hier, im Schoß der größten Sicherheit, wo wir am späten Abend in Bergen, Ruinen, Gräbern und auf freiem Felde vollkommen ungefährdet geblieben sind – und nicht wir allein, sondern alle dermalige Reisende – träumt der Araber beständig von Dieben und Räubereien, und schreckensvoll teilt uns der Dragoman zuweilen ihre Geschichten mit. – Mit Geisterfurcht haben die Araber auch viel zu tun. Sie glauben an Dschinns. Das sind Geister die zwischen Mensch und Engel eine Stufe bilden, und einen Körper haben – aber einen unsichtbaren. Sie zerfallen in gute und böse; jene sind fromm und glauben an Gott, tun daher dem Menschen kein Leid; diese sind heidnisch und plagen gern den Menschen, wenn er nicht höflich und rücksichtsvoll mit ihnen umgeht, was schwierig ist, da sie unsichtbar sind. In dunklen Winkeln des Hauses hocken sie gern. Tritt oder stößt er sie da, oder gießt er im Finstern Wasser über sie aus, so rächen sie sich durch irgend einen Schabernak. Es ist sehr zu raten, daß man in solchen bedenklichen Fällen immer sage: »Mit Erlaubnis.« Das stellt sie zufrieden. Ein ähnlicher Glaube an Kobolde, Spuk- und Hausgeister, findet sich bei allen schlichten Völkern die überhaupt des Glaubens fähig sind. Der Gebrauch Amulette gegen das »böse Auge« zu tragen, ist ganz allgemein. In Nubien sah ich kein Weib, das nicht zwischen dem Halsgeschmeide ein kleines Täschchen an einer Schnur hängend getragen hätte, und in demselben steckte der Talisman: ein Papier mit einer der neunundneunzig Benennungen des Propheten beschrieben, oder Erde aus Mekka oder vom Grabe eines Santons; oder ein Läppchen, das man zuvor ans Gitter eines solchen Grabes gebunden hat – was auch ein sehr gutes Mittel gegen Fieber und alle anderen Krankheiten ist. Von Konstantinopel an sieht man solche kleine Fetzen an Gräber gebunden, die in Verehrung stehen. In Nubien sahen wir auf den Gottesäckern neben frischen Gräbern kleine irdene Näpfe stehen in denen Wasser gehalten wird; man glaubt daß nachts die Seelen der Verstorbenen herauskommen, um zu trinken. Mit der Zeit verlieren sie vermutlich diesen irdischen Durst, denn bei den alten Grabstätten befanden sich keine Trinkschalen; aber solch ein lebhaftes Bedürfnis ist für die Lebenden ein frischer Trunk, daß sie sich ihre Toten diese Entbehrung leidend nicht vorstellen können.   Donnerstag, Februar 15 Hat man den Djebbel Abulfeda hinter sich, so breitet der Nil zu einem weiten Spiegel sich aus, den große Bouquets und Girlanden von Palmen, üppige Felder von Zuckerrohr und Selgam (eine ölgebende Pflanze, dem Rübsamen ähnlich) und zahlreiche Dörfer umgeben. Große und kleine Barken ziehen unablässig auf und ab, und liegen am Ufer. Einmal zählten wir elf Segel zu gleicher Zeit in Bewegung, und unsre Barke war die zwölfte. Sie sehen wie Wasservögel aus, die eben auffliegen wollen, mit den beiden dreieckigen lateinischen Segeln, deren Spitze sich kreuzt. Das linke Ufer ist fortwährend viel bebauter als das rechte, vielleicht deshalb weil das libysche Gebirg sich in weit größerer Entfernung vom Nil hält und ihm mehr Raum zu überschwemmen läßt als das arabische. Schon in Kairo fällt das auf; aber ganz frappant ist es bei den Felsengräbern von Beni-Hassan, weil man da einen hohen Standpunkt und eine weite Übersicht gewinnt. Man steht in den Nischen der steil abfallenden arabischen Felswand, hat diesseits des Flusses Steingeröll, Sand, Ruinen zerstörter Dörfer, dann Sumpf; aber jenseits seines breiten mit Inseln durchwebten Silberbandes eine Ebene grün und frisch von Feldern, Saaten, Bäumen, welche am Horizont durch das Goldgelb der libyschen Wüste in einen glänzenden Rahmen gefaßt. wird, und gewiß drei bis vier Stunden breit ist. Der Bahr-Jussuf (Josefskanal) bewässert sie, der von Melani, dem Djebbel Abulfeda gegenüber aus- und parallel mit dem Nil ins Fayum hineinläuft, und diesem großen Landstrich am Fuß der libyschen Berge Fruchtbarkeit bringt. Jener Sumpf bei Beni-Hassan rührt davon her, daß sich die Überschwemmungswasser noch nicht vollständig verlaufen haben. In breiten Spalten, ellentief, war der fette schwarze Boden von einander geplatzt mit fetten wilden Kräutern dicht bewachsen und nur an ein paar Stellen mit Selgam besät, der mannshoch in hellgelber Blüte stand. Da mußte man hindurch! Nachdem ich mit einem Fuß bis übers Knie in solchem klaffenden versteckten Spalt gestürzt war, trugen zwei Araber mich durch den Morast. Es ist nicht sehr angenehm auf den Armen der schmutzigen Araber zu sitzen; aber in dem Punkt muß man sich entsetzlich viel auf dieser Reise gefallen lassen. Vor uns in einiger Entfernung schien ein großer schwärzlicher Grabhügel aufgeworfen zu sein und zwei zierliche Amphoren von Alabaster standen auf ihm. Plötzlich flogen die Amphoren davon, denn es waren zwei von diesen lieblichen, lilienweißen Wasservögeln, welche die Sandbänke zuweilen wie mit einem Schneefeld bedecken; nie sieht man einen andersfarbigen zwischen ihnen! Sie lieben nicht die gemischte Gesellschaft. Der schwärzliche Hügel verwandelte sich in einen Büffel, der uns wild und scheu anglotzte. – Zuckerfabriken sind in dieser Gegend, nämlich immer auf dem linken Ufer, angelegt und die Gebäude einer Baumwollspinnerei und Weberei geben der Stadt Minieh etwas Europäisches. Sie liegt hart am Nil; das ist selten. Gewöhnlich haben die Städte eine Strecke Landes vor sich um nicht durch die Überschwemmungen zu leiden oder vom Wasser unterwaschen zu werden. Der Nil lockert das Erdreich so auf, daß an vielen Stellen wo Palmen auf etwas erhöhtem Ufer stehen, einige ins Wasser gestürzt sind. – Am Portikus einer halbverfallenen Moschee bemerkten wir zierliche korinthische Säulen. Niedliche Kaffeehäuser mit sauber geschnitzten Fenstern spiegelten sich im Fluß, und ein schneeweißes Landhaus Mehemed Alis liegt außerhalb der Stadt in einem dichten Kranz von Suntbäumen. Einzelne riesenhafte Sykomoren unterbrechen mit tiefschattendem, gedrängten Geäst das monotone Saftgrün der fetten Felder, welche sorglos von Schafen, Ziegen und Eseln teilweise abgefressen werden. Flösse eigner Art schwammen stromab: bauchige tönerne Gefäße, umgestürzt mit der Öffnung nach unten, und durch Zweige miteinander verschlungen, bildeten es, und führten sich selbst, eine ganze Ladung ähnlicher Gefäße, und einige Menschen, die mit zusammengebundenen Zweigen ruderten, ihrem Bestimmungsort zu. So weit hatte ich heute früh bis gegen 11 Uhr geschrieben; da ergab sich ein Ereignis: Südwind! Ich glaube der erste seit wir in Ägypten sind! Das Segel wurde aufgespannt, die Ruder eingezogen, der Rudergesang verstummte – zu meiner Wonne, denn obgleich er gewöhnlich heißt: »Salam, ya Salam!« (Friede, o Friede) oder: »Allah, ya Allah!« so klingt er doch wie ein feindliches Kriegsgeschrei. Die stoßende Bewegung des Ruderns verschwand; leicht und scharf glitt die Barke dahin. Der Himmel war sanft verschleiert von sommerlichem Florgewölk; auch das ist selten! Beim kältesten Nordwind ist die Sonne dennoch so brennend heiß und prallt so versengend auf den Wasserspiegel und den Wüstensand, daß man sie gern meidet. Heute war ihr der stechende Strahl genommen. Ich ging hinaus, legte mich auf ein Sofa und machte den ganzen Tag bis zum Abend Kheff. Das ist des Arabers dolce far niente mit einem gewissen pensar niente verbunden, von dem man in dieser Luft, auf diesen Wassern, unter diesem Himmel angeweht wird. Grad heute waren die Ufer reizloser und monotoner denn je, so niedrig, daß sie sich kaum über den Fluß erhoben, spärlich bebaumt, das rechte zum Teil vollständige Wüste mit Tamariskengesträuch auf Sandhügeln, und mit kahlen Dörfern am letzten Gebirgsabhang. Aber die weiche, zitternde, transparente Atmosphäre wehte einen duftigen und balsamischen Flor über Nähe und Ferne, und tat ihnen den Dienst, den ein Schleier einem unschönen Antlitz tut: man konnte es für schön halten wenn man wollte. Mir kam es nicht schön vor, gar nicht!... Aber entzückend. Solche Luft gibts nicht jenseits des mittelländischen Meeres! Eines ist gewiß: in einem vollen Monat in Schweden habe ich nicht ein solches Jauchzen und Singen, Musizieren und Jubilieren, Gelächter und Geplauder gehört, wie hier in vierundzwanzig Stunden. Heute war ein so recht stiller Tag ohne Rudergeräusch und ich immer im Freien, und übers Wasser schallt es weit, aber vom libyschen bis zum arabischen Gebirg ging ein Getön, das einzeln und in der Nähe wohl rauh, aber im ganzen und unter dem großen freien Himmel angenehm wie wilder Vogelgesang ist. Ich wenigstens freue mich immer wenn ich Kinder jauchzen und Menschen fröhlich lachen höre. Von den Arabern muß ich nun freilich sagen, daß sie mehr brüllen als lachen und mehr schreien als singen; allein ihre Lustigkeit ist nun einmal so beschaffen, und teilnehmend wie keine andere. Fährt eine Barke mit der Darabukah und dem obligaten Tänzer vorüber: so machen die Kinder am Ufer ihre Sprünge dazu; wird mit Gesang gerudert, so helfen die Männer am Ufer wenigstens singen; ist alles still hüben und drüben, so wird Konversation gemacht und stets mit »Salam aleiko!« eröffnet; ist eine andre Barke auf eine Sandbank geraten, so stürzt die ganze Mannschaft der unseren zusammen und erschöpft sich in Reden über dieses Ereignis, welches das alltäglichste von der Welt ist, und Fragen und Ratschläge fliegen hinüber und herüber. Es versteht sich, daß diese lebhaften Menschen auch lebhaft zum Zorn sind. Schlägereien sind häufig und werden auf unsrer Barke gewöhnlich dadurch geschlichtet, daß der Reis beide Teile prügelt. Dabei schwingt er ganz entsetzlich seinen großen Stock und schreit fürchterlich, allein mit den Schlägen staubt er ihnen nur gerade die Kleider aus – was denen höchst ersprießlich ist. Als jedoch einer dieser Züchtigung sich widersetzte, wurde er augenblicklich ausgestoßen und am Lande gelassen. Ein paarmal gab es unerhörten Lärm an Bord, alles rannte rufend und schreiend wider einander; der eine stürzte sich kopfüber ins Wasser, andere sprangen in den kleinen Nachen und wir heraus um zu fragen was für ein Unglück geschehen sei. Gar keins! Es trieb nur ein toter Fisch den Strom hinab, und dem guten Bissen jagten sie nach. A propos von guten Bissen will ich Dir doch auch bemerken, um das Bild einer Nilreise vollständig zu machen, daß die unseren nachgerade schmal werden. Hühner, Reis und Milch bekommt man freilich überall, aber der Tee ist uns schon ganz ausgegangen, der gute Kaffee aus Kairo ist durch einen anderen ersetzt, der viel Ähnlichkeit mit den europäischen Surrogaten hat; die Dattel- und Orangenkonserven sind erschöpft. Wir haben uns anfangs nicht haushälterisch benommen, und müssen dafür am Ende entbehren. Heute aß ich zum ersten Mal in diesem Frühling, und überhaupt zum ersten Mal seit Andalusien – frische Orangen, die wir gestern in Minieh kauften. Das ist die schönste Frucht der Welt, in ihrer Heimat; ihr feuriges Aroma fehlt der Dattel wie der Banane gänzlich. – – Ich besinne mich ob ich denn gar nichts nennen könnte, was ich heute gesehen. Nein wirklich! Außer dem Minarett von Fechn, der eine Viertelstunde landeinwärts sich zeigte, gar nichts. Gute Nacht, liebster Dinand.   Sonnabend, Februar 17 Am späten Nachmittag zeichnete sich ein bläulicher, scharfbegrenzter Hügel im Westen über dem Wüstensand in den Horizont: die Pyramide von Meidunn. Der Nil hatte vollkommen das Ansehen eines Flusses verloren. Der Araber nennt ihn nie anders als das Meer , und hier begreift man weshalb. Heute hat er sich wieder einigermaßen gesammelt und auch seine Begleitung von wunderschönen Palmenbouquets und Girlanden auf dem linken Ufer wiedergewonnen. Hinter ihnen lagern sich die gewaltigen Massen der Pyramiden von Dashúr, an welche sich die von Sakaara, von Abusir, von Gizeh schließen. Letztere sind bis jetzt noch unaufgegangene Sterne – eigentlich Sonnen im Vergleich zu den übrigen. Es ist wunderhübsch diese Pyramidenwelt einzeln und nach und nach über dem Saftgrün der Ebene auftauchen, sich höher und immer höher heben, und endlich ein Dreieck aus dem Horizont herausschneiden und die weite Fläche dominieren zu sehen. Man zählt einige zwanzig bis zu der des Cheops; manche, die aus Backstein oder Lehm waren, sind zu Schutthaufen zusammengesunken. Dieser ganze Distrikt war die ungeheure Nekropolis von Memphis, der ältesten Königsstadt und Residenz der Pharaonen; – denn in Theben das noch älter war, herrschten die Götter und die Priester an ihrer statt, und erst später, mit dem Beginn der achtzehnten Dynastie wurde sie zu der Herrlichkeit erhoben, von der die gegenwärtigen Ruinen übrig sind. Unübersehbare frühlingsgrüne Gefilde mit zahlreichen Ortschaften bedecken die Stätte von Memphis, und ziehen sich tief hinab bis in die Gegend von Kairo, jedoch immer nur am linken Ufer, während das rechte mit einzelnen Baumgruppen und spärlicheren Orten versehen ist. Allein jetzt eben zeigt es deutlich im Norden den Fuß, den der Mokkatam herausschickt und der die Zitadelle trägt; jetzt komm' ich in die Gegend, die ich schon früher beschrieben habe, und darum nehme ich für diesmal Abschied von Dir und vom Nil. 37. An Gräfin Schönburg-Wechselburg Kairo, Dienstag, Februar 20, 1844 Vorgestern Abend, liebe Emy, landeten wir bei Bulak und zogen mit wahrhaft heimatlichen Gefühlen wieder im Hôtel d'Orient ein. Das waren zwei Monate von merkwürdiger Abgeschiedenheit! Europa war wie untergegangen unter meinem Horizont: das mußte ich immer denken, wenn ich den Kanopus aufgehen sah. Hier steigt es wieder auf. Briefe, Zeitungen, Reisende, Landsleute, Bewegung des Gehens und Kommens stellt die Verbindung her, und Kairo scheint mir nicht ferner vom Mittelpunkt des europäischen Lebens zu sein, als Lissabon. O, Sie glauben nicht was das für einen Unterschied macht, ob man Europa mitten in dem unruhigen europäischen Treiben betrachtet oder zwischen den erhabenen Ruinen Ägyptens. Übrigens kann ich Ihnen nicht versprechen, daß meine morgenländische Ruhe mir auch in Europa treu bleiben wird. Hier ist es in der Beziehung wunderschön. Wie viel hundert Meilen im Raum ich seit dem vorigen Sommer durchwandert sein möge, ist dagegen von geringer Bedeutung, daß ich in der Zeit wirklich durch Jahrtausende gepilgert bin; und nicht in Büchern, oder auf dem Papier, oder in Gedanken: nein, in der Wirklichkeit, auf dem uralten Boden, zwischen den ursprünglichen Monumenten. Da rollt die Geschichte sich friedlich auf, wie ein künstlich gewirkter, reicher Teppich, der noch lange nicht unseren Erdball umspannt, und noch viele Millionen Hände nötig hat; und aus den Felsentempeln von Abusambul sieht man mit ruhigerem Interesse dem Treiben der wirkenden Hände zu, als in der Nähe, wo man die einzelnen Fäden des Gespinstes sieht. Abusambul (Abusimbil, Ipsambul) ist der erste Tempel, wenn man von den oberen Katarakten und Wadi Halfa in Nubien den Nil abwärts fahrt. Zugleich ist er auch einer der ältesten aus pharaonischer Zeit. Die königlichen Namensschilder – die ich mit Wappen, Kronen, Namenszügen und Legenden auf unseren Petschaften oder Siegelringen vergleichen möchte – nennen als Erbauer den großen Sesostris (Remeses III., auch Ramses) dem die Chronologie approximativ seinen Platz um das Jahr 1550 vor unserer Ära anweist. Erbauer ist nicht das richtige Wort, denn der ganze Tempel ist in den Felsen gehauen, in die Steinwand des libyschen Gebirges, das hier unmittelbar ans linke Ufer des Nils tritt. Die Macht der ägyptischen Architektur, welche dem Beschauer den Eindruck einer ungeahnten, einer maßlosen Erhabenheit gibt, liegt in ihren großen, ruhigen, festen Linien, und in der Harmonie ihrer kolossalen Proportionen, welche meistens so glücklich getroffen sind, daß sie nie bedrücken, nie ungeheuerlich sondern majestätisch erscheinen. Die äußeren Seitenlinien der Tempel, der Pylonen, sind immer abgeböscht, dadurch werden sie oben um ein Geringes schmaler als unten, aber das genügt vollkommen um ihnen den Ausdruck von Leichtigkeit, von Aufsteigen von der Erde zu geben, dessen sie bedürfen um nicht wie steinerne Kasten auszusehen. Auch die Fassade dieses Felsentempels hat die Böschung. Vier sitzende Kolosse halten vor ihm an die Wand gelehnt Wache, und durch eine wunderschöne Tür tritt man in die erste Vorhalle, die durch zwei Reihen von vier an Pfeilern stehenden Kolossen in drei Schiffe abgeteilt ist. In der zweiten, kleineren Vorhalle findet dieselbe Abteilung aber nur durch zwei glatte Pfeiler auf jeder Seite statt. Sie führt in ein Vorgemach und dieses in das eigentliche Heiligtum, an dessen Hinterwand vier verstümmelte Götterbilder nebeneinander sitzen. Sehen Sie, liebe Emy, so einfach ist die Anlage eines ägyptischen Tempels, welche nur in Einzelheiten, in Abteilung kleiner Seitengemächer, oder in Anordnung der Vorhalle Abwechslung darbietet. Der allertiefste Ernst bleibt in einem solchen Grade vorherrschend, daß ich mich bis in die Seele hinein feierlich gestimmt fühlte, leise sprach, langsam wandelte. Ernst freundlich blickten die schönen Kolosse auf mich herab, grade so, wie sie auf den großen König Sesostris herabgeblickt haben, als er nach Vollendung des Tempels dem Gott zu huldigen kam, welcher vermutlich Osiris gewesen ist, da seine Gestalt, mit der Sonne über dem Sperberkopf, sich am häufigsten in den Wandbildern wiederholt. Wie Ihr so einsam seid, Ihr alten Kolosse! Der Gott dessen Heiligtum ihr schützt ist dahin, sein Tempel entweiht, sein Dienst gefallen, sein Volk und seine Könige sind Staub; und ihr steht so ruhig da, als ob euch das alles nichts anginge. Seid ihr etwa Symbole der Zeit die alles überdauert? Oder der Hoffnung, die alles überlebt? Oder der Kraft, die alles erträgt? Alles! Sogar den Sturz der alten Welt, und lächelnd und ernst zwischen deren Trümmern auf eine neue herabschaut? – Die Kolosse sind etwas, das nur die ägyptische Skulptur kennt, und sind das Einzige, was sie meisterhaft schön gemacht hat. Die Rossebändiger auf Monte Cavallo sind kolossale griechische Statuen; der farnesische Herkules ist eine kolossale römische Statue. Die ägyptischen Kolosse sind aber nicht sowohl riesenhafte Menschengestalten, als titanische Gedanken und Kräfte, welche das gemeinsame Menschengeschlecht beseelen und nicht dem Individuum besonders angehören. Man hat sie ausgedrückt durch ein edles, regelmäßig schönes Antlitz voll unzerstörbarer Ruhe über einer Gestalt in welcher wiederum die tiefste Ruhe sich ausspricht, indem sie sitzend die Hände auf den Knien, stehend die Arme über der Brust gekreuzt hält, übrigens die Formen nur grade erkennen läßt, mehr andeutet als ausführt. Wie Säulen, wie Pfeiler, wie Felsen erscheinen die Kolosse, stets wie etwas Mächtiges, Unerschütterliches, Gewaltiges, welches der Natur und dem Geist innewohnt, und eben das hat mir die Idee gegeben, daß sie keine Menschen darstellen sollen. Aber die Königskolosse? Werden Sie sagen. Jeder König war »Sohn der Sonne«, und selbst die »Sonne Ägyptens«, ein Symbol unendlicher Gnade, unendlicher Macht: und in dieser Beziehung konnte sein Bild kaum anders, als in der Form des Kolosses wiedergegeben werden. Auf ihren Gürteln tragen die Kolosse von Abusambul die Namensschilder, welche dem Remeses III. gehören sollen. Die Hieroglyphen sind schön und klar gearbeitet, gehoben aus vertiefter Fläche, nicht bloß eingegraben. Die Wandbilder sind ungemein roh. Die äußeren sitzenden Kolosse reichen fast bis zum Fries empor und ruhen auf Sockeln. Der Fries, Gesims und Pfeiler der Eingangstür, die Strebepfeiler zwischen den Kolossen, sind mit reichen Verzierungen von schöner Arbeit geschmückt. Der Baumeister hat ungestört der erhabensten Inspiration folgen dürfen, und nur grade die Darstellung der Götterbilder ist dem gegebenen Typus unterworfen geblieben – was einen wirklich abstoßenden Gegensatz erzeugt. Der ursprünglich freie Platz vor dem Tempel ist sehr durch den Sand verschüttet, welcher über die Felswand herübergeweht ist und sich so an die Fassade gelehnt hat, daß der erste Koloß zur Rechten nur noch grade bis zum Kopf frei ist, der zweite bis zum Gürtel, der dritte bis zu den Füßen, und allein der vierte ganz und gar. Der Eingang und die erste Hälfte der Vorhalle sind auch sehr verschüttet. Von Menschenhand zerstört sind nur die vier Bildsäulen der Götter im Heiligtum; aber kann es wohl ein melancholischeres Schicksal geben, als gegründet zu sein mit der unverbrüchlichen Zuversicht zur Ewigkeit und unterzugehen im wehenden Staube? Der Tempel von Hamada weist Schilder auf, welche der Dynastie der Thotmoses angehören, und diese ging derjenigen der Remesiden vorher, die man als Gründer der Felsentempel – wer weiß, ob mit Recht? – betrachtet. Dieser Tempel liegt ganz in der Wüste, und ist daher sehr versandet, auch zerstört, denn alle Decken sind eingeschlagen, Schutt und Steine türmen sich auf dem Fußboden, der Portikus welcher aus dreimal vier Pfeilern und vier Säulen besteht, ragt verstümmelt aus dem Sandmeer. Dennoch kann man in die Gemächer dringen, die aus einem Vorzimmer und einem Hauptsaal bestehen, welcher zu jeder Seite zwei Kabinette hat. Die Hieroglyphenarbeit ist ausnehmend zierlich, und feiner koloriert, als ich sie sonstwo gesehen. Zwei niedliche Vögel, den Enten ähnlich, vielleicht eine Ibisart, waren besonders sauber mit Bezeichnung der einzelnen Federn an den Flügeln geschnitten und bemalt, so daß sie ungefähr wie Zuckerwerk an unseren Weihnachtsbäumen aussahen. Überbleibsel von Gemäuer aus ungebrannten Ziegeln vor dem Portikus, deutet auf spätere Benutzung; Spuren einer Schafherde in demselben auf gegenwärtige. Dem Tempel von Seboa ist es schlimmer noch ergangen: kein Eindringen war uns möglich, bis zum Fries füllt Sand ihn aus, und die Pfeiler seines Portikus ragen nur mit dem Knauf aus diesem vernichtenden Element hervor. Hier zum ersten Mal, wenn man mit Abusambul die Tempelschau beginnt, findet man Pylonen, welche der ägyptischen Architektur ebenso eigentümlich sind, wie die Kolosse ihrer Skulptur. Pylonen sind die majestätischen Eingänge zum Vorhof des Tempels, welche dem ganzen Bau eine unbeschreibliche Würde verleihen. Ich wüßte kein europäisches Triumphtor von solchem Adel und solcher gebieterischen Erhabenheit, wie z. B. die Pylonen von Edfu. In Seboa sind sie nicht von den besten Verhältnissen, überdies zerfallend und geflickt. Eine Allee von Sphinxen bildet den Zugang zu den Pylonen. Innere Sammlung, Macht des Gedankens und sybillinischer Tiefsinn haben wohl nie einen großartigeren Repräsentanten als das Antlitz der Sphinx gefunden. Bloß vom Anschauen wird man ganz ernst, und dadurch zur Stimmung vorbereitet in der man einen Tempel betreten muß. Zwei Sphinxe sind noch ganz unverschüttet, die ersten der Allee neben denen zwei Kolosse an Pfeilern aufrecht stehen. Von vier anderen sind nur die Köpfe frei und vielleicht mögen noch mehrere gänzlich im Sande begraben sein, der sich hier hügelartig bis zum Fuß der Pylonen, wo zwei Kolosse umgestürzt liegen, angesammelt hat. Der schöne und wohlerhaltene Tempel von Dake ist ein Werk der Ptolemäer; außer verschiedenen Namensschildern stehen auch die von zwei Königinnen, Berenike und Arsinoe, zwischen den Hieroglyphen. Die griechische Hand, unter der alles so wundervoll leicht und klar sich ausgebildet, hat diesen Tempel errichtet, und doch ist er ganz im ägyptischen Charakter – nur nicht finster, sondern ernst; nur nicht schwer, sondern fest; das zu Viel verstanden die Griechen, und nur sie, meisterhaft zu vermeiden, und doch nirgends eine Lücke zu lassen. Durch edle Pylonen tritt man in einen offenen Vorhof, und aus ihm in den eigentlichen Tempel, welcher nach hergebrachter Weise mit einer Vorhalle und mit verschiedenen in der Tiefe sich folgenden Gemächern eingerichtet ist. In einem Seitenkabinett befindet sich eine Treppe; da sämtliche Decken eingeschlagen sind, läßt sich nicht bestimmen ob sie zu oberen Gemächern oder nur auf das Dach geführt habe. – Christliche Zerstörungssucht macht sich hier schon sehr bemerklich. Die Monumente der Pharaonen verfielen dem Religionshaß der Perser, welche im Großen das Zerstörungswerk trieben, und Obelisken stürzten, Kolosse zersägten und sich mehr an die Massen hielten, während die Christen die Einzelheiten zu vernichten strebten, Mauern und Pylonen stehen ließen, aber die Bildwerke ganz mühsam mit dem Hammer ausklopften, dann die Mauern übertünchten und mit den Bildern ihrer Religion bemalten, und den Tempel des Osiris in eine Kirche umschufen. Die Araber warfen später ägyptische, persische und christliche Bestrebungen zusammen über den Haufen, und verbrauchten zu ihren Moscheen was sie an passendem Material in den alten Bauten vorfanden. Und endlich kamen die Türken! Die verwahrlosten nur, ließen umkommen, ließen wegschleppen; – bis Mehemed Ali jetzt das gründlichste Vertilgungsmittel erfunden hat: er läßt Kalk aus den Monumenten brennen. Die Räubereien der Kunstfreunde, die Nachgrabungen und Untersuchungen der Gelehrten für ihre wissenschaftlichen – der armen Bewohner des Landes für ihre geldgierigen Zwecke, helfen treulich der Zerstörung nach; und binnen ein paar Generationen ist stark zu vermuten, daß nur das Unzerstörbare, die Felsentempel und die felsenähnlichen Ruinen von Karnak, den späteren Geschlechtern eine Ahnung von dem urkräftigen Schöpfergeist der Pharaonen geben werden. Der herrliche Tempel von Kelabsche ist mit wahrem Grimm ruiniert worden und liegt eigentlich halb in Trümmern. Die Pylonen und die Wände stehen, aber die ungeheuren Blöcke der Decken sind eingeschlagen, die acht Säulen des Vorhofs sind bis auf eine einzige umgestürzt und die abermals acht der Vorhalle bis auf zwei. Auf diesen Blöcken und Trümmern muß man herumklettern und man tut es mit wahrer Freude, denn die Hieroglyphenarbeit ist nicht nur ihrer großen Zierlichkeit wegen interessant, sondern auch dadurch, daß an manchen Stellen nur die rote Vorzeichnung auf der Mauer, ganz wie mit Rotstift gemacht, da ist. Nie ist sie ausgeführt worden. Neben diesen Vorzeichnungen, neben einer niedlichen Figur des Horus, der auf einer Lotusblume, dem Attribut seiner Mutter Isis, kauert, schauen starre Heiligenbilder, auch abgekratzt und verwischt von den Wänden herab – was auf die Verwüstung von Kelabsche durch Mohammedaner deutet. Bedenkt man wie z. B. diese Decken gemacht waren, nämlich so daß Steinblöcke aus einem Stück, wie Bretter nebeneinander liegend und von einer Wand zur anderen reichend, sie bildeten: so wird man keine andre Gewalt als die Raserei des religiösen Fanatismus finden, die im Stande wäre dergleichen zu ruinieren. Tritt man aus den Pylonen heraus, so erstreckt sich ein schnurgerader mit großen Quadern gepflasterter Weg bis zum Nil und steigt dort mit einer breiten Treppe bis zu ihm herab. Zu beiden Seiten derselben ist ein Kai von demselben Material ausgeführt um das Abstürzen des Erdreichs zu verhüten. Hierin spricht sich der solide römische Pomp recht klar aus. Hinter dem Tempel erstrecken sich ungeheure Steinbrüche; zwischen ihnen und dem Dorf Kelabsche steigt man zu einem Abhang empor und gelangt zu dem kleinsten, aber vielleicht dem merkwürdigsten aller nubischen Felsentempel. Er besteht nur aus einer Vorhalle, die in der Hinterwand zwei Nischen, jede mit drei sitzenden Figuren hat und dazwischen die Tür zum Heiligtum, in welchem die Bank der vier Götter, aber ohne ihre Statuen sich befindet. Diese Götter sind wahrscheinlich immer Osiris, Isis und Horus, und vielleicht Amon, vielleicht der Gott, der in dem Tempel herrschte, vielleicht die Gründer desselben. Die eigentliche Merkwürdigkeit sind aber die beiden dicken, flach kannelierten Säulen, welche die Decke der Vorhalle unterstützen: dorische Säulen nennen wir sie jetzt; hier im Felsentempel von Kelabsche ist ihre Wiege. Ferner: der Tempel hat keinen anderen Vorhof als den, welchen zu beiden Seiten glatt behauene Felsenwände bilden, die mit großen Darstellungen bedeckt sind; die eine zeigt das Getümmel einer großen Schlacht, Kämpfende, Besiegte, Sterbende, vor allem einen königlichen Helden vom Streitwagen herab kämpfend; die andre, denselben Helden auf dem Thron sitzend, und den Huldigungs- und Tributzug des unterjochten Volks an sich vorüberziehen lassend. Ein Altar mit Speiseopfer steht vor ihm. Tiere aus dem inneren Afrika werden ihm hauptsächlich vorgeführt: Giraffe, Löwe, Tiger, Antilope; ein Mann bringt eine Gazelle getragen; ein andrer führt Affen; noch einer hat Tigerfelle über dem Arm hängen. Ochsen wandeln auch mit. All diese Tiere sind unverkennbar genau. Da nun der große Sesostris Kriege im inneren Afrika führte und die Äthiopier tributpflichtig machte, so schließt man, daß er den Göttern zum Dank diesen Siegestempel errichtet habe. Danaos, der von Ägypten aus Griechenland kolonisierte und Argos gründete, wird von einigen für einen Bruder, von anderen für einen Zeitgenossen des Sesostris gehalten. Zum Glück hat bei diesen beiden Tempeln nicht die geringste Sandverschüttung stattgefunden. Die ägyptischen Tempel sind weit mehr der Verschüttung durch Sand und der Degradation durch Menschen anheim gefallen, als die nubischen. Jenes brachte ihre Lage mit sich, dieses der Umstand, daß Ägypten bevölkerter ist und ein solcher Tempel einer ganzen Dorfbewohnerschaft bequemes Unterkommen darbietet. Der herrliche Tempel von Kom-Ombos erliegt dem Sande von der einen Seite, und den Unterwaschungen des Nils von der anderen. Wo der Fluß ein scharfes Knie macht und ein hohes, senkrechtes Ufer hat, liegt dieser Tempel, fernhin sichtbar, die ganze weite Gegend dominierend, wie eine Königsleiche zur Schau auf dem Paradebett ausgestellt. Gegen Sonnenuntergang besuchten wir ihn, und die purpurfarbenen Strahlen beleuchteten ihn majestätisch wie Kandelaber einen Katafalk. Später kam der Mond, ließ die schönen Formen noch heller hervortreten, den Ruin noch dunkler zurücksinken, färbte die weite Wüste so weiß wie ein Leichentuch; – dazu das unendliche Schweigen rings umher, und der still dahinfließende ruhige breite Nil zu unseren Füßen: das machte eins der grandiosesten Gemälde, welche diese Reise mir aufgerollt hat. Wie der Tempel selbst ist, werden Sie wissen wollen? Ja, denken Sie nur: die Vorhalle allein steht aufrecht und zwar so, daß die Säulen bis zur Hälfte im Sande begraben sind; die vier Säle, welche ihr folgten, sind bis zum Fries verschüttet, und die Querbalken, Steinblöcke von 20 bis 22 Fuß Länge, herabgesunken. Um ihre Hieroglyphen, ihre Zeichnungen, ihre wohlerhaltenen Farben genau zu sehen, kniete ich auf dem Sande, der bis über die Türgesimse reicht, und fand am Fries ptolemäische, sehr gut gearbeitete Namensschilder. Die Vorhalle, welche stets höher als die innern Säle und Gemächer, und daher auch freier von Verschüttung ist, wird hier von fünfzehn Säulen in drei Reihen getragen. Natürlich haben zwei Türen in der Hinterwand in den ersten Saal geführt. Sie sind verschüttet bis zum Gesims; auf demselben prangt die Sonnenscheibe von Adlerflügeln getragen mit Schlangen zur Seite. Dies Symbol königlicher Herrschaft und Macht, ist unwandelbar über jedem Eingang eines ägyptischen Tempels zu finden: über den Pylonenpforten, über den Toren, über den Türen; man wandelt im Schutz der Majestät, die ein Repräsentant der Gottheit ist. Adler mit ausgebreiteten Flügeln schweben gleichfalls unwandelbar an der Decke der Vorhalle und geleiten gleichsam ins Heiligtum als glückverheißendes Zeichen, während astronomische Bilder und die bekannten Zeichen des Tierkreises, welche die Ägypter erfunden haben, die Seitenabteilungen der Decke verzieren. Es tut mir wahrhaft leid sagen zu müssen, daß Zeichnung und Malerei immer gleich unvollkommen blieben. Himmelblau, apfelgrün und hochrot sind die Adler angemalt, und schweben – Gott weiß wie! Himmelblau bemalt sind auch die Götter, und das abscheuliche Krokodilshaupt grinst widerlich an. Während der Baumeister sich durch die Grundidee der ägyptischen Religion inspirierte, welche aus dem Kultus immer mehr und mehr zu verschwinden scheint, mußten die Bildner dafür sorgen, daß diesem sein Recht werde und daß der undeutbare Gott in der deutbaren Fratze untergehe. Wie Karikaturen, wie Schöpfungen eines Fieberkranken, erscheinen diese Gebilde neben den reinen Schöpfungen der Kunst und des Genies, welche aus diesen edlen architektonischen Linien und Formen uns ansprechen, und der schneidende Kontrast hat etwas tödlich Verletzendes, was mehr das Gefühl als den Geschmack trifft. Denn mit dem Geschmack, liebe Emy, ist's ein wunderliches Ding! – Man wird betört, oder gewöhnt man sich, kurz: als ich vor dem Tempel von Kom-Ombos stand und mir die bunten Malereien an der Corniche betrachtete, dachte ich: Es sieht wirklich nicht so ganz übel aus, sondern blumenkranzmäßig, diese Namensschilder von Adlern und Schlangen unterbrochen! Nun kommt der Tempel von Edfú. Das ist von allen und allen mein Liebling, denn mir scheint daß kein anderer von dieser klaren harmonischen Vollendung sei. Er hat nicht die bestechende Lage von Kom-Ombos; ach nein! Hinter dem Dorf Edfú liegt er, an der Grenze der Wüste, ungefähr eine halbe Stunde vom Nil, und ein ganzes Dorf mit dem vollen, kolossalen Schmutz einer arabischen Einwohnerschaft, mit Ziegen-, Hühner-, Esel-, ja ich möchte sagen mit Menschenställen, hat sich sehr bequem und ungestört auf dem flachen Dach des Tempels angesiedelt. Das ist hübsch fest und glatt, das gibt nicht nach wie der Sand; da sind vortrefflich Hütten drauf zu bauen. Was existiert und sichtbar ist will ich Ihnen sagen. Die herrlichen Pylonen des Eingangs, wohlerhalten, nur am Fuß mit Sand und Geröll beschüttet, über siebzig Fuß hoch, die volle Breite des ganzen Baues einnehmend. Durch sie tritt man in einen freien großen viereckigen Hof, den zu jeder Seite ein Portikus von sechzehn Säulen umläuft, während den Pylonen gegenüber die große bedeckte Vorhalle von achtzehn Riesensäulen in drei Reihen getragen, deren erste Reihe durch eine Wand in halber Höhe geschlossen ist, in unangetasteter Größe sich erhebt. Zwischen den Mittelsäulen ist der Eingang, und ihm gegenüber in der Hinterwand öffnete ein ungemein edles Portal die inneren Gemächer. Sie sind gänzlich verschüttet; aber die äußere Wand läßt wenigstens auf vier schließen. Von der einen Seite kann man zwei Drittel des ganzen Baus umgehen, der eine Umfangsmauer gehabt hat, welche sich hinterwärts an die Pylonen schließt. Von der andern Seite ist Sand und Schutt angehäuft, um zum Dorf auf dem Tempeldach zu gelangen. Da geht man über der Mauer, während man dort in dem freien Gang zwischen Tempel und Mauer geht, und die Bildnereien betrachten kann, mit denen sie im Übermaß ausgestattet sind. Opfer und immer Opfer! Eins, welches an die Votivbilder in den katholischen Kirchen erinnert, nämlich ein Auge das dem Osiris dargebracht wird. Dann kleine Schalen in denen Nachbilder des Tempels stehen – wie man auch ähnliches bei heiligen Bischöfen mit den Modellen der von ihnen erbauten Kirchen sieht. Finden Sie es nicht unbeschreiblich interessant denselben Gedanken bei den verschiedensten Völkern und Zeiten zu begegnen? Dadurch wird nur die Vergangenheit gegenwärtig und lebenswarm, und verliert gänzlich den Modergeruch des Todes. Das herrschende Namensschild gehört dem Ptolemäus Philometor, der im Jahr 145 vor unserer Ära starb. Edfú wird von den alten Autoren Apollinopolis Magna genannt, was auf den Tempeldienst des Re oder Phre – den ägyptischen Gott der Sonne – zu deuten wäre. Indessen scheint Isis die herrschende Göttin zu sein, denn in den sechzig Wandbildern der großen Vorhalle empfängt fast nur sie die Ehren der Opfer. An der Vorderseite der Pylonen macht sich eine Darstellung höchst possierlich. der siegende Osiris, ungefähr 20 Fuß hoch, gespreizt und steif, schreitet wie mit Siebenmeilenstiefeln über seine ganz kleinen Feinde hinweg, und schwingt dazu wutentbrannt statt der herkulischen Keule ein Instrument von Größe und Form eines Eßlöffels. Theben! Liebste Emy, Theben übersteigt jedes Maß, übertrifft jede Vorstellung welche man in seiner Phantasie mitbringt. Die Anlage von Theben entsprang einem solchen Riesengeist, daß ich gern bereit bin ihn für einen Sohn des Amon zu halten. Auf dem rechten Ufer liegt Luxor und Karnak, auf dem linken Kurnu und Medinet-Abú: so heißen die Dörfer, die Hütten und die unermeßlichen Monumente und Ruinen welche sich zwischen Feldern und Wüsten im Bereich einiger Stunden zu beiden Seiten des Nils ausbreiten, und im Westen durch das totenblasse, flache libysche Gebirg – im Osten durch das entferntere aber grade hier ausgeprägte arabische begrenzt werden. Wo ich ging und stand hatte ich das Gefühl nicht auf untergegangenen Tempeln und Palästen, sondern auf den Überresten einer untergegangenen Welt zu gehen und zu stehen. Erwarten sie keine Beschreibung! Um eine solche faßlich zu machen müßte ich sie mit dem Maß, nach Fuß und Zoll geben, und mich dabei auf andere verlassen und berufen, und dennoch würden Sie schwerlich einen Begriff von dem Eindruck selbst empfangen; Ihre Einbildungskraft würde erliegen unter dem Gewicht der Zahlen. Können Sie sich den Saal in Karnak vorstellen, den man die Riesenhalle nennt, wenn ich Ihnen sage, daß 134 Säulen in Reihen verteilt seine Decke tragen, von denen 12 im Umfang 37 – und 122 noch 27 Fuß im Umfang haben? Und diese Halle ist nur ein Teil des Ganzen, an welchem alle Beherrscher Ägyptens von der siebzehnten Dynastie – wie man sie annimmt – bis auf die Römer gearbeitet haben, so daß der Bau einen Zeitraum von ungefähr 2000 Jahren umfaßt. Nach den uralten Priestersagen der Ägypter hatte Osiris Theben gegründet; vermutlich beeiferte sich jeder König in die Fußstapfen des göttlichen Vorfahren zu treten, oder seine Verwandtschaft mit ihm dadurch zu bestätigen, daß er das größte Heiligtum Ägyptens zu vergrößern und zu verherrlichen suchte. Darum kommt Einheit in die Idee; aber die Ausführung ist sehr verschieden, und so ungeheuer kompliziert, daß man sie überladen nennen würde, wenn sie nicht auf jenem Punkt der Großartigkeit stände, welcher gegen jeden Vorwurf dieser Art schützt, weil die hergebrachten Maße und Proportionen in dieser Ausdehnung ihre Anwendung nie gefunden haben. Sehen Sie diese Pylonen des Einganges! Der eine ist ein Schutthaufen – aus seinen Trümmern könnte man einen Palast bauen; der andre steht – wie eine Feste. In den Vorhof getreten hat man eine Perspektive zwischen einen Wald von Säulen durch eine Reihe von aufeinander folgenden Toren, welche zum Heiligtum führten. Dieser große Zugang ging durch die Riesenhalle. Aber Seitenzugänge, welche ebenfalls die herrlichsten Tore hatten, mündeten mit ihren Portiken von Säulen und Kolossen getragen in den Hauptweg. Nur diesen will ich verfolgen. Also durch die ersten Pylonen treten Sie in den ersten Vorhof, der zur Linken einen Portikus, zur Rechten einen abgesonderten Tempel hat, und gehen an einer einsam übrig gebliebenen Säule von riesiger Größe vorüber durch ein zweites ganz zusammengestürztes Pylonenpaar, vor welchem Kolosse Wache hielten, in die Riesenhalle. Die zwölf größten Säulen von 37 Fuß Umfang bilden deren Mittelschiff. Aus dieser Halle treten Sie durch zwei Obeliske wieder in einen von Kolossen getragenen Portikus; dann durch ein drittes Pylonenpaar, und abermals in einen Portikus von Kolossen mit zwei Obelisken, der zur Pforte des Tempelsaals führt. Ein drittes, kleines Obeliskenpaar – das erste ist 60, das zweite 70 Fuß hoch – steht am Eingang dieses Saals, und er umfängt das Heiligtum selbst wie die Nußschale den Kern, indem er es mit einem schmalen Gang umläuft. Das Heiligtum sieht aus wie ein ungeheurer in zwei Gemächer ausgehöhlter Block von rotem Granit. Die Decke ist hellblau mit goldnen Sternen, und trotz des edlen Materials sind alle Hieroglyphen bemalt. Jenseits des Heiligtums gehen Sie wieder aus einem Portikus in den anderen, bis zu dem Tor, welches hier das Tempelgebiet geschlossen hat, und welches den Eingangspylonen grade gegenüber sich befindet. Das alles klingt ziemlich einfach und verständlich, weil Sie wohl meinen es stände hübsch grade aufrecht, auf ebenem Boden. Aber ach! Die Riesenhalle ausgenommen wälzen sich Trümmer über Trümmer und Steinblöcke über Steinblöcke. Zwei Obeliske sind gestürzt, Kolosse zerschlagen, Wände, Mauern, Decken eingebrochen, Pfeiler, Säulen und Pforten umgeworfen, begraben im Schutt. Hügel türmen sich auf, teils von Geröll, teils von Sand, teils mit Erde beschüttet worauf Unkraut wuchert; Abgründe tun sich auf mit Binsen bewachsen; in diese muß man gleiten, über jene klettern; Kolosse ragen mit großen verstümmelten Gesichtern nur grade aus dem Sande; – ich versichre Sie man wird ganz betäubt, ganz verwirrt, ganz erschöpft von der Anstrengung in dies Chaos Ordnung zu bringen. Nun möchte man doch auch gern die Bilder betrachten, die Namensschilder aufsuchen, die merkwürdig erhaltenen bunten Hieroglyphen, namentlich am Gebälk der Riesenhalle genau ansehen; dann die übrigen Tempelreste innerhalb der großen Umwallung aufsuchen, unter denen auch ein Typhonium aus römischer Zeit und recht gut erhalten ist; endlich die wunderbar schönen Tore betrachten, welche durch die Umwallung in den Tempelbezirk führen und durch die glücklichste Verschmelzung des Anmutigen mit dem Grandiosen als Werke der Ptolemäer sich darstellen. Da ist besonders das eine, welches nach Luxor führt, und dann das Granittor – ich denke es sind die schönsten der Welt! Pforten sind es eigentlich, 60 Fuß hoch, triumphatorischen Ansehens! Außer diesen beiden stehen noch zwei andere aufrecht im gleichen Stil. Dieser ganze Tempelweltbau gegen den das Kolosseum zu Rom verschwindet, und St. Peter klein erscheint, ist mit Hieroglyphen und den hergebrachten Götterbildern, ferner auch mit den hergebrachten Kriegs- und Siegeszügen der Könige geschmückt. Nirgends ein Fleck, den ich mit der Hand hätte bedecken können, ohne daß Stift und Meißel auf ihm tätig gewesen wären! – Nun glaubt man alles gesehen zu haben, man tritt aus der Umwallung durch die nördliche Pforte – eine Allee von Sphinxen, fast ganz verstümmelt nimmt Sie auf, oder durch die südliche, die wunderschöne, die nach Luxor führt: 104 Sphinxe bilden hier eine Allee; oder durch die Granitpforte, welche in derselben Richtung liegt: da sind es gar 120. Dem Tempelgott Amon-Ra zu Ehren war es, daß sie das Symbol der Intelligenz, das Widderhaupt trugen. All diese Köpfe sind sorgsam abgesägt, und die Gestalten verlieren sich in Schutt, Sand, Binsen und Unkraut. Im Mondschein ritten wir nach Luxor zurück, wo unsre Barke lag, über einen sumpfigen, unbebauten Boden. Hier lag ein verstümmelter Koloß, dort ein mit Hieroglyphen bedeckter Block; da stieg ein abgebrochener Torpfeiler auf, da war einer umgesunken; hier häuften sich formlose Trümmer; dort lauschten Tierleiber aus dem Grase hervor, – plötzlich waren wir bei einer Gesellschaft von grauen Weibern, die beisammen im Kreis am grasigen Hügelabhang saßen, und sich heimlich Märchen aus ihrer Zeit erzählten. Ganz still saßen sie da, und rührten sich nicht, denn sie sind von schwarzem Porphyr und tragen Löwenhäupter – aber Fabel und Geschichte, Märchen und Wirklichkeit, kreuzten sich so in meinem Kopf, daß ich ganz ernsthaft sagte: »Wenn ich doch wüßte, was diese Waldweibchen sich so leise zuflüstern.« Das war Sonnabend, am 3. Februar. Luxor hatten wir am Morgen gesehen, und überdies hat man es vor Augen, da es ganz nah am Nil liegt und hauptsächlich aus drei Säulenhallen, einer kolossalen und zwei kleineren besteht, welche in der Ferne einen größeren Effekt machen, als in der Nähe. In der Ferne, besonders vom anderen Ufer und in der Abendbeleuchtung, haben diese Säulenhallen mit dem arabischen Gebirg im Hintergrund und dem stillen breiten Nil im Vordergrund, den mythologischen Charakter eines Gemäldes von Claude Lorrain: man weiß nicht welchem Punkt der Erde es eigentlich angehört, in solchen träumerischen Duft, in so idealische Färbungen ist es gehüllt; – und dennoch meint man es könnte doch auf der Erde zu finden sein. – In der Nähe verschwindet Luxors Zauber durch die ekelhafteste aller ekelhaften Wirklichkeiten. Zwischen jenem Obelisken, der die Bewunderung aller Zeiten ist und sein wird, der in Granit und mit der Schärfe und der Reinheit einer Kamee ausgearbeitet ist – zwischen ihm, den vier Granitkolossen und den Pylonen, diesem königlichen Eingang zu den Palästen und Tempeln, bis zum Ende der Säulenhallen, hat das Dorf sich eingenistet, angeklebt, aufgebaut. Es ist ein Greuel durch welchen Unrat man steigen und sich winden muß, welche Besudelung Säulen, Tempel und Heiligtum erfahren. Bis über die Hälfte in Schutt begraben zu sein, ist unter diesen Umständen ein Vorzug. Der Obelisk ist frei; vielleicht hat man ihn bei der Gelegenheit als sein Gefährte nach Paris gebracht wurde, etwas aufgegraben. Ich bin wohl zwanzig Mal über den Platz de la Concorde gefahren, aber nie hat mir jener Obelisk einen anderen Eindruck gemacht, als daß er den Platz bunt überladen half ohne ihn zu zieren. Jetzt weiß ich warum: die ägyptische Architektur ist aus einem Guß; versinnlichen ihre Säulen und Pylonen, und die ganze Anlage ihrer Bauten Kraft, Dauer und Stärke, so zeigen die Obeliske, daß die Stärke auch Grazie haben könne, und erheben ihre schlanke Gestalt, als Monolithe von 60, 70 und 80 Fuß Höhe zierlich und klar neben jenen mächtigen, dunklen Formen. Aber bei uns, zwischen unseren Kirchtürmen, unseren Häusern von sechs Stockwerken, unserem Wirrwarr aller antiken und modernen Stile, unsrer geschmacklosen Nachahmung und Überladung, unsrer vollkommenen Haltungslosigkeit in Betreff der Architektur – was soll da so ein einfach edles Gebilde? – Es hilft die Musterkarte füllen. – Ich freue mich recht, daß ich den guten Geschmack hatte vor dem Obelisk in Paris nicht in Ekstase zu verfallen, weil er aus Theben stammt; denn er ist dort etwas so durchaus Ungehöriges, wie er hier in Harmonie mit der Umgebung ist. – Zwei Kolosse sind bis zur Brust verschüttet, zwei bis zur Kopfbedeckung. Die Pylonen sehen baufällig aus; eine Moschee und eine Kinderschule, wo Knaben sehr emsig mit taktmäßig wiegender Bewegung des Oberleibes lasen, lehnt sich an sie. Weiter bin ich nicht imstande den alten Plan der Gebäude zu verfolgen. Bald waren wir in einem Stall, bald in einem Hof, bald in einer Hütte um Säulen und Gemäuer mit Hieroglyphen zu sehen. Tauben und Hühner, Ziegen und Schafe, Kinder und Hunde verstörten wir bei dieser Wanderung, und was einen Menschenmund hatte schrie uns an um Bakschisch. Ein geringer Teil der Säulenhallen ist frei von Umbauung geblieben; er und der Obelisk halten über Luxor das letzte Abendrot seiner ehemaligen Herrlichkeit aufrecht. Vom Memnonium weiß man auch nicht, was es gewesen ist. Einige nennen es das Grab des Osymandias – aber wohl nur um überhaupt einen Namen zu geben; denn die Gräber der Pharaonen sind nicht in solchen Gebäuden zu suchen, und Osymandias ist ein erfundener oder ein verstümmelter Name. Eine Hälfte eines Portikus von 8 Pfeilern an welche Kolosse sich lehnen, ist das Vollständigste was übrig geblieben. Am Interessantesten war mir der gestürzte Koloß, ursprünglich aus einem Block roten Granits, dessen Trümmer den Vorhof füllen, und auf dem ich wie auf einem Berg herumkletterte. Ich trat auf seine kleine Zehe: meine beiden Füße nahmen zwei Drittel ihrer Breite ein! In diesem Maßstab war er ausgeführt. Das Gesicht ist zerschlagen; man hat auch angefangen einen Spalt hineinzuschneiden, ist aber bei der Arbeit ermüdet. Der Oberarm trägt den schön geschnittenen Namensschild des Remeses; also hat er wohl den Koloß seinem Vorfahren zu Ehren aufrichten lassen. Die eigentliche weltberühmte Memnonssäule steht mit ihrem Gefährten in einem grünen Gerstenfeld. Warum man sie Säule nennt, weiß ich nicht! Es sind zwei sitzende Kolosse, Monolithe aus thebaischem Stein, der eine mit verstümmeltem Antlitz, der andere, die tönende Säule , mit zertrümmertem Oberleib, den man früher aus einzelnen Blöcken roh wieder zusammengefügt hat. Auf die Rückenlehne seines Thrones sind die Namensschilder Amenophis III. dreimal eingegraben. In seine Beine sind eine Menge griechischer und römischer Inschriften gemeißelt, welche diejenigen Personen haben machen lassen, die seine Stimme vernommen haben. Ich wartete keinen Sonnenaufgang an der Säule ab dann soll sie singen ; nur für Gläubige geschehen Wunder. Die Spötter, die Zweifler, die Neugierigen sind dessen nicht wert: ich wußte wohl, daß Memnon stumm für mich bleiben würde. Die Kaiserin Sabina ist zu ihm gewallfahrtet, Clelia und Cäcilia, vornehme Römerinnen; zahlreiche angesehene Männer der Kaiserzeit: sie alle hörten seine Stimme. Jetzt gehen keine Pilgerscharen mehr zu ihm! Er sitzt da, gen Osten gewendet, in unerschütterlicher Ruhe, mit den Händen auf den Knien: ein Zeugnis der Veränderung, welcher die Gegenstände der Andacht unterworfen sind. – Die Griechen machten aus Memnon den Sohn des Tithonus und der Aurora, der Theben erbaute, dem Apollo dabei hilfreiche Hand leistete und seine Leier so lange auf einen Steinblock legte. Seitdem erzitterte der Stein harmonisch; als Echo der göttlichen Berührung, wenn der Sonnengott allmorgendlich über ihm aufging: so meine ich die Sage einmal gelesen zu haben. – Ist man in Theben auf der Erde fertig, so beginnen die Expeditionen unter derselben; denn die Nekropolis umringte die Stadt, wie Sie das noch heutzutage bei jeder orientalischen Stadt mit mehr oder weniger Pomp verbunden sehen. Konstantinopel hat seine Zypressenwälder, Jerusalem seine Gräbergrotten, Kairo seine Mamluken- und Kalifengräber mit den anmutigsten Monumenten sarazenischer Baukunst geschmückt. So hatte auch Theben seine nachbarliche Totenstadt; so Memphis eine, welche jede andre übertrifft: die Pyramiden. Aber ich will Ihnen erst die übrigen ägyptischen Tempel nennen bevor ich die Gräber zusammenfasse. Eine Tagesreise von Theben nilabwärts liegen hinter dem Dorf Denderah im Sand der Wüste der schöne Tempel der Hathor (Aphrodite) samt einem der Isis und einem Typhonium auf der Stätte der alten Tentyris, schwarze Schutt- und gelbe Sandhügel rings umher. Er hat verhältnismäßig wenig von der Zeit gelitten, seine Bildwerke an den ganz wohlerhaltenen Außenwänden sind nicht durch Menschenhände beschädigt, sondern durch Wespen, die ihre Zellen in die Konturen geklebt haben. Seine oberen Gemächer sind zerstört; aus einem derselben hat man den bekannten Zodiakus von Denderah ins Pariser Museum entführt. Seine inneren Räume, namentlich die Vorhalle, dienen jetzt als Khan. Wenn Reisende des Landes mit ihren Eseln und Kamelen kommen, finden sie ein bequemes Nachtlager im Venustempel. Spreu bedeckt fußhoch den Boden, schwarze Asche liegt umher, von der freistehenden Eingangspforte bis zur Vorhalle sind zwei Lehmmauern gezogen mit Lehmtrögen um die Tiere zu tränken; – dennoch sieht das alles nur wie Zufälligkeit aus, und der Tempeleindruck bleibt vorherrschend. Er stammt aus den letzten Zeiten der Ptolemäer; Kleopatra soll seine Erbauerin sein. Vierundzwanzig Säulen, sechs in jeder Reihe, bilden die Vorhalle, und haben einen viereckige Knauf, der auf jeder Seite ein Frauenantlitz ganz en face trägt. Sah die ägyptische Venus so ernst aus, mit so strengen unlieblichen Zügen: so war es kein äußerer Reiz der zu ihrem Dienst führte! Und doch muß es wohl die Venus sein, denn alle Attribute mit denen man Isis darstellt, die Sonne, die Kuhhörner, fehlen ihr. Die inneren Wände sind mühselig und emsig mit einem zerstörenden Meißel ausgehämmert. Vielleicht begingen Christen hier einst ihren Gottesdienst und nahmen Anstoß an den Opferzügen und Göttergestalten. Ein Tierkreis ist noch jetzt in den letzten zwei Seitenfeldern der Decke ganz deutlich zu erkennen, obgleich etwas geschwärzt. Er beginnt mit dem Zeichen des Krebses, über dem ein Lichtball schwebt von dem ein Strahlenguß ausgeht. Das deutet ganz klar auf das Sommersolstitium. Dann folgen die Zeichen wie wir sie kennen, mit Sternen und symbolischen Gestalten vermischt; aber statt der Jungfrau ist hier eine Schlange. Die Schlange ist überhaupt ein sehr heiliges Symbol! Sie umwindet den geflügelten Sonnendiskus, sie trägt die königlichen Namenschilder, sie ringelt sich über der Stirn der Isis und der königlichen Opferspenderinnen, sie trägt in den Gräbern die Barke worin die Toten ins Jenseits geführt werden. Mystische Gaben und Kräfte scheinen diesem widerlichsten aller Tiere in Fülle beigemessen zu werden. Der zweistündige Ritt vom Dorf el Beljenne nach den Trümmern von Abydos war durchaus unbelohnend, denn die berühmten genealogischen Tafeln der Könige sind fortgeschleppt. Am siebenten Februar waren wir in Abydos, und erst am achtzehnten erreichten wir Kairo, ohne auf der langen Fahrt andre Monumente zu finden als – Gräber. Die Vorstellungen welche die alten Ägypter vom Dasein nach dem Tode hatten sind mir nicht klar. Nach dreitausend Jahren kehrte die Seele auf die Erde und zu ihrer Hülle zurück, welche man in eine Mumie verwandelte, damit sie nicht in Staub zerfalle, sondern bereit sei den Geist wieder in sich zu beherbergen. Was sie aber vom Zustand der Seele in der Zwischenzeit glaubten, verstehe ich nicht, und der Gedanke drängt sich mir auf, daß sie selbst es nicht verstanden haben. Bald sind es Andeutungen von einem Jenseits, wohin Anubis, der Seelenführer, sie bringt und vor ein Gericht stellt; bald ist es als ob die Seele im Grabe hauste, und dort alles haben und sehen müßte, was sie auf der Erde gesehen und gehabt hat. Darum sind die Gräber so groß, so reich, so geschmückt und mit allen Ergötzlichkeiten ausgestattet, welche das Auge erfreuen können. Handel und Gewerbe, Tanz und Musik, Jagd und Ackerbau, Schiffahrt und Gottesdienst, Kriege und Spiele, alles Hausgerät, alle Eßwaren, sind an den Wänden der Grabkammern in bunten Farben dargestellt und teilweise aufs beste erhalten. Außerdem hat man in den Gräbern eine Menge von Schmucksachen, Idole, Amulette gefunden, welche den Lebenden wichtig waren, auch Wolle z. B. für fleißige Arbeiter. Die Anlage ist immer gleich, möge sie im Felsen oder in der Pyramide, die ein künstlicher Felsen ist, sein. Eine Pforte in einer mehr oder weniger tiefen Nische bildet den Eingang, der in einen Gang oder eine Halle führt, aus welcher oft ein ganzes Labyrinth von Gemächern nach allen Seiten sich verzweigt, und zuweilen Schächte in die Tiefe sich senken. In letztere bin ich nie hinabgestiegen; vermutlich wurden die Särge in sie hineingesenkt. Bei den ersteren enthielt das letzte Gemach, welches immer gewölbt war, einen oder mehrere Tote. Die interessantesten Gräber sind für mich die der Könige im Tal Assasiff und in der Gebirgsschlucht Bab-el-Melek, im libyschen Gebirg, jenseits Kurnu. Jene sind schrecklich verwüstet, denn Landleute bewohnen sie, und wir traten auf Mumienknochen, Eselstreu und jungen Hühnern herum, um die äußerst zierlichen Skulpturen zu besehen, zwischen denen ich einen wirklich schönen Kopf, das Haar in nubische Zöpfe geflochten, fand. Ein Grab mit Außenpforte und Tür von Granit und sehr feinen Hieroglyphen zwischen denen wir Namensschilder des Thotmoses fanden, fiel mir auf, weil man unter die Pforte tretend, die schönste Aussicht auf Theben hat. Die dreitausend Jahr Grabesschlummer des alten Pharao müssen wohl verstrichen sein! Wenn er in einer stillen Mondnacht aus der langen Haft in der dunklen Klause unter den lichten Sternenhimmel hinausgetreten ist, und umgeschaut hat nach der heiligen Stadt der Könige und der Götter – ach, wie mag ihm zu Mut gewesen sein sie vertilgt zu finden! Ja, vertilgt! Denn Ruinen die niemand versteht, und Spuren einer Geschichte die niemand kennt: ist das nicht Vertilgung zu nennen? Es ist hart nach 3000 Jahren wieder auf die Erde zu müssen! Ich hoffe, daß er ohne Erinnerung zurückgekommen ist. Aber ohne Erinnerung, ohne Gedächtnis – ist er da noch derselbe Mensch zu nennen? Wer einmal im Grabe ist, bleibe im Grabe! – – Die Gebirgsschlucht von Bab-el-Melek haben einst die Wasser gerissen. Wir fanden große versteinerte Muscheln und sonderbare Steine, die wie Blumenzwiebeln an die sich eine kleine Zwiebelbrut gesetzt hat aussahen; auch manche buntfarbige, zierlich gestreifte, die ich gar zu gern alle mitgeschleppt hätte. Vegetation fanden wir nicht, aber Stellen, die wohl aussahen, als ob ein armes hartes Kraut da leben könne, wenn einmal ein seltener Regenguß fallen sollte. Im Ganzen ist es jedoch ein fürchterlich totes Felsental in welchem man ungefähr eine Stunde reitet bis man zu der Stelle kommt, wo man sechzehn Gräber nach und nach entdeckt und aufgegraben hat. Die Namensschilder vom zweiten bis zum fünfzehnten Pharao aus dem Geschlecht der Remesiden will man an ihnen erkannt haben. Dasjenige welches man nach seinem berühmten Entdecker das Belzonische nennt, ist ohne Vergleich das Schönste und ich glaube auch das Größte von allen. Man tritt in eine ungeschmückte Felsenpforte und geht neunundzwanzig Stufen herab bis zu einer höheren Eingangstür über welche das allgemeine Zeichen der Gräber eingemeißelt ist: Anubis mit dem Hundskopf, der die Seele in das Armentis (Schatten- oder Totenreich, Orkus) führt, und ein Skarabäus, Symbol des Feuergottes Phtah; daneben die Namensschilder. Dieses Tor führt in einen mäßig gesenkten Gang, dessen Wände mit äußerst zierlichen Hieroglyphen bedeckt sind, welche sich in glänzenden bunten Farben von dem milchweißen Stein abheben. Man glaubt eine satinierte Tapete zu sehen. Darauf folgt eine zweite Stiege von sechsundzwanzig Stufen, und abermals ein gesenkter Gang, der in ein Vorzimmer ausläuft auf welches ein Saal von vier Pfeilern getragen folgt. Hier sind Farben von der schneidensten Grellheit und die Bilder so barock, daß ich mich wirklich entsetzte. Um den ganzen Saal läuft eine Schlange mit Menschenfüßen, die auf ihrem Rücken Mumien trägt. Darüber schwimmen reich verzierte Barken in denen Anubis mit vielen Ruderern Mumien schifft. Hunde in der Stellung der Sphinx bewachen sie aufmerksam. An den Pfeilern stehen Hand in Hand Isis und Osiris mit großen harten schwarzen Augen und sehen sich starr an. Sie trägt ein Kleid schwarz und feuerfarben gestreift, jeder Streif kaum so breit als ein Strohhalm, und allerlei Krimskrams von Schmuck an Busen, Armen und Haupt. In den schreienden Farben tritt die typische Mißgestalt in ihrer ganzen Verschrobenheit und Dürftigkeit hervor; aber mit religiöser Genauigkeit hat der Maler jedes Strichelchen auf jedem Pfeiler gewissenhaft auf dieselbe Stelle hingestrichen. Eine Stiege zur Rechten führt mit achtzehn Stufen wieder in einen fein und niedlich auf einen Grund von Mörtel bemalten Gang, der durch einen Vorsaal und einige Stufen in eine hohe gewölbt ausgehauene von vier Pfeilern getragene Halle bringt, in welcher der Sarkophag gestanden, den Belzoni nach England gebracht hat. Auch hier sind es wieder Götterzüge, Seelenfahrten, und die spazierende Schlange. In kleinen Nebengemächern sind Verehrungen des Apis und greuliche Darstellungen von Hinrichtungen: schwarze Männer knien mit gebundenen Händen, und ihr Kopf fliegt herunter; andere werden dieser Strafe entgegengeführt. Gemeißelt und bemalt ist alles vom Boden bis zur Decke, obgleich es die Bestimmung hatte mit der Mumie für immer begraben zu werden. Welche Ergötzlichkeit diese aber an den Darstellungen gefunden, das begreifen wir nicht mehr. Manche sind wahrhaft belustigend. Eine Steinbank läuft rund um die Wand eines Gemachs, auf der vielleicht Mumien gebettet worden waren. Unter die Bank sind zierliche Sofas mit Purpurpolstern und Tigerfellen gemalt, damit die Toten glauben könnten, daß sie auf den bequemen Sofas statt auf dem harten Fels lägen. Alle Gräber sind sich ähnlich und keines ist dem anderen gleich in Verteilung der Gemächer und Ausschmückung. In den meisten war ein solcher Modergeruch von verwesten Tieren, eine so dumpfheiße Luft, eine solche Masse von Fledermäusen, die wir mit unseren Lichtem verstörten, daß der Aufenthalt wohl sehr merkwürdig doch gar nicht angenehm war. Hat man es aber nicht gesehen, so kann man sich durchaus keine Vorstellung von dem kolossalen und mysteriösen Pomp eines solchen Grabes machen. Es ist mit seinen Stiegen, Gängen, Hallen, Pfeilern und Kabinetten in den rohen Felsen gehauen, und dann aufs Mühseligste von Meißel und Pinsel bearbeitet um für immer in der Doppelnacht des Grabes und der Vergessenheit zu verschwinden. Viel älter und unvollkommener als die Königsgräber von Theben scheinen die von Beni-Hassan zu sein. Sie liegen unterhalb von Antinoe in einer Felswand des rechten Ufers, mehr als dreißig nah beisammen. Sie bestehen meistens aus einem einzigen Gemach an das sich in der Hinterwand zuweilen ein Kabinett mit Resten von sitzenden Gestalten schließt. Es sind vielleicht kleine Tempel über den Gräbern gewesen, denn in dem Boden jedes Gemachs befindet sich wenigstens ein Schacht, zuweilen zwei, drei, gar fünf. Die Wände der meisten sind ganz leer und die Decken dachähnlich in den Felsen gehauen. Einige werden von hübschen Säulen getragen, die gleichsam aus vier Baumstämmen mit Stricken zusammengebunden bestehen. In Luxor gibt es ähnliche Säulen, aber so enorm dick, daß mir erst hier die Ähnlichkeit mit Baumstämmen auffiel. In den ältesten Zeiten mögen wirklich solche Bündel von Stämmen die Bedachung eines Hauses oder Tempels gestützt haben, und die älteste Architektur ahmte dies nach. Diese säulengetragenen Gemächer sind sehr bemalt; da aber die Figuren nicht zuvor eingemeißelt worden sind, so erkennt man sie schwer, denn überall sind die Konturen verwischt und die Farben sehr verblichen. Ringerübungen in allen Stellungen, Kämpfe mit Bogen, Speer und Keule, afrikanische Jagden auf Löwen, Gazellen und Strauße, Viehherden in langen Zügen: das habe ich deutlich erkennen können. Jetzt komme ich endlich in die Nachbarschaft von Kairo zurück und zu den imposantesten aller Gräber: zu den Pyramiden. Die beiden großen von Daschur sind die südlichsten, dann folgt die Gruppe von Sakaara, dann die von Abuzir, und endlich im Norden steht das Königspaar von Gizeh mit seiner kleinen Familie – alle auf dem linken Nilufer, während auf dem rechten die Zitadelle und die Minarette von Kairo schimmernd aus dem bläulichen Duft der Ferne auftauchen. Dies war das Gemälde, welches der letzte Abend auf dem Nil, Sonnabend der siebzehnte Februar, mir zeigte. Die Pyramiden – ja, sehen Sie liebes Herz, die überwältigen mich. Ich denke nicht an die immense Anlage, wenn ich sie erblicke, nicht an die geheimnisvolle Bestimmung, nicht an ihr Alter, nicht an ihr größtenteils unerforschtes Inneres; – ich sehe nur zwei Linien, welche von einer breiten Basis langsam, langsam aufsteigen und sich zueinander neigen wie zwei Hände zum Gebet bis sie sich zu einer Spitze vereinigen. Weiter ist es ja nichts; aber ich versichre Sie, es ist unbegreiflich schön. Die Dörfer Bedreschen, Mitraïneh und Sakaara sollen auf der Stätte des alten Memphis liegen, das Menes, der Urahn aller Pharaonen gründete. Durch die Lichtungen in den Palmenwäldern schauen bald da bald dort die Pyramiden hinein. Wie ernste Mahnungen an das Ziel jedes Lebens mögen sie einst auf das alte Memphis also geschaut haben. Die von Daschur, ungefähr anderthalb Stunden von Sakaara entfernt, sah ich nicht in der Nähe; gewiß gehörten sie zur Nekropolis der alten Könige, wie auch die von Gizeh, die in gleicher Entfernung liegen mögen. Gräber wohin man sieht, wohin man tritt! Pyramiden zu Schutthaufen eingesunken, in Sandberge verwandelt, Schachte die sich plötzlich auftun, brunnenähnliche Vertiefungen, Hügel von Lehmziegeln, von Kieseln, die stille brennende Wüste ringsum, und in der Mitte die Pyramide in fünf Stufen oder Absätzen erbaut – das sind die Pyramiden von Sakaara. Wir durchkrochen einige Gräber, was bei der Luft die drinnen herrscht immer eine peinliche Anstrengung ist. Ausgewüstet sind sie alle! Gebeine, Schädel und Lumpen der Mumien Hegen in Fülle hier wie in Assasiff umher. Idole werden zum Kauf angeboten, aber die Spekulation hat längst gelernt sie nachzuahmen und Falsches für Echtes auszugeben. – Bei Abuzir waren mir die Katakomben der Vögel am merkwürdigsten. Reihenweise an den Wänden aufgeschichtet stehen konische Gefäße von Ton, deren Boden man mit Mörtel festgemacht, nachdem man die kleine Mumie hineingeschoben hat. Wir zerschlugen zwei derselben. Aus dem einen Gefäß fielen unerkennbare Bestandteile heraus; aus dem anderen ein braunes, kegelförmiges Päckchen, das ganz fest schien, und der mumifizierte mit Bandagen umwickelte Vogel war, das sich aber auch bei der Berührung in Asche, Läppchen und kleine Federn, die gut erhalten waren, auflöste. Unbegreifliches Volk, dem der Körper so heilig war, daß es dessen Bestandteile, sogar bei Tieren, für die Ewigkeit sichern wollte, und dessen Wahn von der Zukunft durch die empfindlichste Entweihung gestraft worden ist! Aber jede Zeit und jedes Volk hat seinen Wahnglauben, und die entweihenden Hände sind ihm so gewiß wie sie den früheren waren. Auf welchen Gräbern der Taten oder der Gedanken werden bei uns künftige Zeiten entweihende Orgien halten? – Daß es auf unseren Gebeinen nicht sei – dafür sorgt die Administration der Gottesacker. 38. An meine Mutter Kairo, Freitag, März 1, 1844 Herzensmama, ich komme ja gar nicht dazu Dir zu schreiben! Daran sind die unglücklichen Tempel Schuld, deren Beschreibung sehr voluminös und erst gestern fertig geworden ist. Das Sein und Leben der Orientalen hat unter den Europäern die im Orient leben müssen Anhänger und Lobredner, wie jedes Ding, und es ist wahrhaft ergötzlich von dem einen zu hören: der Verkehr in den Geschäften sei sehr leicht und zuverlässig mit den Mohammedanern, weil sie niemals lögen, sehr ehrlich wären und ihr Wort hielten; – während andere sagen: die Mohammedaner trauten den Christen nie eine redliche Absicht zu und sännen von Hause aus darauf ihn zu überlisten, das mache die Geschäfte mit ihnen sehr unbequem und unsicher. Ebenso hört man außerordentlich ihre Toleranz loben, weil Mehemed Ali, schon durch seine europäischen Verbindungen gezwungen, sie üben muß ; während man mir andererseits versichert hat, der Haß und die Intoleranz des gemeinen Mannes sei grimmig gegen den Ungläubigen, besonders in den letzten Jahren, gewachsen. Dazu kann ich nur die Bemerkung machen, daß alsdann dieser Haß wirklich sehr geheim gehalten wird; denn sogar tief in Nubien, wo strenge Polizei nicht wie in Kairo gehandhabt werden kann, da der Herr fern ist, sind wir nie einer anderen Gesinnung begegnet, als der Habsucht, und nicht einmal die kleinen konstantinopolischen Beleidigungen, Werfen mit Steinen, etc. wurden uns angetan. Das häusliche Leben endlich gibt den Anhängern der Orientalen ein reiches Feld der Bewunderung. Es hat allerdings eine gute Seite, sobald man streng bei dem Begriff »Leben zu Hause« bleibt. Es existieren keine Schenken für den gemeinen Mann, und es gibt keine Gesellschaft, im europäischen Sinn, für die höheren Klassen, mithin fallen eine Menge Veranlassungen zu Luxus, Verschwendung, Sittenverderbnis, Herabkommen und Ruin der Familien weg. Sobald es Abend wird ist es totenstill in den Gassen! Das fällt uns auf, da es bei uns in großen Städten dann erst recht munter wird. Der Orientale ist nach Sonnenuntergang unter Dach und Fach, und geht mit den Hühnern schlafen. Was soll er draußen anfangen? Es gibt nicht Schenken, nicht Bierstuben noch Weinhäuser, nicht Clubs, nicht Schauspiel noch Soireen, nichts von dem, was bei uns jedem, auf welcher Stufe der bürgerlichen Leiter er stehen möge, Zerstreuung oder Lockung darbietet. Vom Vornehmsten bis zum Geringsten, vom Ärmsten bis zum Reichsten, findet bei uns der Mann Gelegenheit seine Zeit, wenn er sie übrig hat nach Lust und Laune außer dem Hause in ansprechender Gesellschaft zu verbringen; Gelegenheit um zu vergessen, daß er eine Familie hat, oder um es weniger zu empfinden, wenn er keine hat. Hier ist es anders! Aus heller Langeweile heiratet ein Mann, und aus Notwendigkeit begibt er sich allabendlich aufs Pünktlichste pflichtgetreu in seinen Harem, weil er nirgends sonstwo seine Zeit hinbringen könnte. Er ist gezwungen im Hause zu leben, und die Frau ist auf ihren Harem, auf die Gesellschaft ihrer Sklavinnen, oder höchstens auf den Besuch in einem andern beschränkt. Die Ehen werden meistens von den Müttern geschlossen, die in den verschiedenen Harems Gelegenheit finden ihre Töchter zu zeigen und andere zu sehen. Unerwachsene Kinder werden häufig miteinander verheiratet. Zuweilen werden auch Konvenienzheiraten gemacht, so daß ein junger Mann eine alte, garstige oder kränkliche Frau nimmt, wenn er durch ihre Verwandtschaft ein Fortkommen oder eine Stellung in der Welt finden kann. Die Sultans oder Paschas verheiraten ihre Töchter fast immer an ihre Untergebenen. Bei den Arabern ist nichts so häufig als Ehescheidungen. Fünf, zehn, ja zwanzig Mal schicken sie die eine Frau weg und nehmen die andere, auch wenn sie Kinder mit ihr haben. Haben sie Vermögen, so müssen sie an Frau und Kinder etwas geben; haben sie keines, wie das in niederen Ständen gewöhnlich der Fall, so muß die Frau sich durchhelfen wie sie kann, bald zu ihren Eltern zurückgehen, wenn die sie aufnehmen wollen, bald ihren Lebensunterhalt verdienen; Kinder armer Leute werden geboren wie Pilze und sterben wie Fliegen: auf die wird nicht viel Rücksicht genommen. Zu einer Scheidung gehört sehr wenig. Hat der Mann eine neue Sklavin in seinen Harem aufgenommen oder will er es, und seine Frau nimmt das übel und macht ihm Vorstellungen: so sagt er »Geh!« und sie geht. Bei vierzig oder fünfzig Jahren versuchen die Männer häufig ihr Eheglück mit kleinen neun- und zehnjährigen Mädchen – sei es der Neuheit wegen, sei es in der Hoffnung sie geschmeidiger und fügsamer zu finden. Ein solches unverständiges Kind langweilt sich bei dem bejahrten Mann, weint, verlangt Unterhaltung in kindischer Weise. Wird ihm das lästig, so sagt er »Geh!« und sie geht. Nur vor den Töchtern vornehmer Männer haben die Gatten Respekt; die werden nicht fortgeschickt! Die Sitte das Kind im Mutterleibe zu töten, weil man den Mann nicht mag, oder das Wochenbett nicht will, oder aus sonst einem Grunde ist in den arabischen Harems ebenso gebräuchlich wie in den türkischen. Und all diese Sitten oder Unsitten gehören nicht etwa nur den höheren Ständen an, bei denen man gern die größere Verweichlichung, Üppigkeit und daraus entspringende Entsittlichung annimmt, sondern allen ohne Ausnahme. Die levantinische Dame von der ich größtenteils diese Erzählungen habe, sah ein kleines Mädchen mit dem Frauenschleier unter den Augen bei einer ihrer Dienerinnen. »Was fällt denn Dir ein Dich so zu verschleiern?« fragt sie. – »Ich bin ja verheiratet« antwortet die Kleine ganz trotzig. – »Wie alt bist Du denn?« – »Neun Jahr!« – Wenn man das bedenkt: die unmündige Kindheit, die Sorge für einen Haushalt, für Lebenserwerb – wozu in den unteren Ständen die Frau durch Arbeit beitragen muß – endlich gar Kinder, deren Geburt und Pflege: dies alles auf so schwache Schultern gewälzt so begreift sich leicht, daß der Mann Anlaß zu vielfacher Unzufriedenheit findet. Aber weshalb geht er solche Ehe ein? – Es liegt schon sittliche Entartung darin, finde ich, sie mit einem Kinde zu schließen, und es ist unmöglich daß die Polygamie den Mann nicht entarten sollte, da sie das Weib in keinem anderen, als einem seiner animalischen Natur entsprechenden Verhältnis zu ihm bringt. Daher ist auch Scheidung und Polygamie ein Unsinn; denn zur Scheidung gehört zuvor ein freiwilliges Zusammenfinden von zwei Personen, aber nicht das Überliefern von einer willenlosen an eine andre die einen Willen hat. Zwei Willen können eins werden und dürfen es; – auch über die Scheidung. Im Orient ist die Frau nie eine Person, stets eine Sache; darnach läßt sich am besten das belobte »häusliche Leben« abmessen, welches allerdings für einen Gatten manches Bequeme hat. Eine echt ägyptische Kuriosität habe ich auch in diesen Tagen gesehen, nämlich einen Brutofen. Vor dem Tor Bab el Futúh, in einer greulich wüsten Vorstadt, war einer in Arbeit. Der Februar ist der günstigste Monat; da bringen die Fellahs ihre gesammelten Hühnereier dem Brüter, der sie in backofenähnlichen Nischen zu beiden Seiten eines schmalen niedrigen Ganges legt, ihnen durch beständiges Feuer die Wärme gibt welche die Küken brauchen um zum Leben geweckt zu werden, und endlich den Besitzern für zwei Eier immer ein Küken ausliefert. Der Überschuß ist für seine Mühen und Unkosten. Diese Brüter bilden ein eignes Gewerbe, das wie jedes Handwerk in Ägypten seinen Scheikh hat. Sie sollen sehr geheimnisvoll mit dessen Handhabung sein, aber durch Übung eine so große Erfahrung besitzen, daß sie, wenn man ihnen Eier bringt, sagen: Dieses wird in drei Tagen auskommen, jenes in acht, jenes in zehn etc. Der Gebrauch des Thermometers ist ihnen unbekannt. Nur nach ihrem in der Übung geschärften Gefühl erhalten sie vollkommen gleichmäßige Wärme, die das notwendigste Erfordernis bei dieser seltsamen, hier sehr nützlichen Industrie ist, denn die ägyptischen Hühner haben durchaus keine Neigung zum Brüten. Sie legen Eier ohne sich mit deren ferneren Schicksalen zu befassen. Mehrere Millionen Küken kommen alljährlich auf diese künstliche Weise zur Welt. Große Haufen von Eiern lagen in den Nischen, die sich in zwei Reihen übereinander zu beiden Seiten des engen finsteren heißen Ganges befanden, in den wir durch eine ganz niedrige Türöffnung kriechen mußten, und der mit Vor- und Nebenkammern den eigentlichen Brutofen bildet. Die größten Merkwürdigkeiten von Ägypten, seine Geheimnisse des Lebens und des Todes, sind immer in seltsam höhlenartigen Gebäuden. Vor unseren Augen schlüpfte ein Küken aus. Wie das wunderbar aussieht! Eben noch das tote, stille, unbewegliche Ei, und plötzlich eine kleine lebendige Kreatur mit Stimme und Bewegung! Ach, das Leben! Das ist das Geheimnis welches Gott sich vorbehält! Wie tot sehen dagegen die Geheimnisse der Hieroglyphen aus, welche der Mensch mit solchem Stolz enträtselt! – Der berühmteste Brutofen in ganz Ägypten befindet sich in Siut. Er beschränkt sich nicht auf Hühnereier, sondern nimmt sie von jeder Vogelart an. Der österreichische Generalkonsul hat einmal Krokodileier darin ausbrüten lassen. Täglich reiten wir spazieren, bald durch die Stadt zu den Toren, den Fontänen, den Minaretten – bald zu den Gräbern der Kalifen – bald in der prächtigen Allee von Schubra mit ihren Nebenalleen, wo der Schatten in den Mittagstunden schon höchst willkommen ist. Das Klima ist unbeschreiblich angenehm. Die beständig warme Sonne, der beständig blaue Himmel, den höchstens am Morgen ein leichtes, schnell verschwebendes Gewölk bedeckt, üben auf uns Kinder des Nordens, welche in dieser Beziehung arme Stiefkinder der Natur sind – einen solchen Zauber, daß ich mich wirklich ein wenig vor dem heimatlichen Himmel mit seiner kühlen Sonne und seinen Regenströmen wie vor einer ungerechten Behandlung fürchte. 39. An meine Mutter Alexandrien, Mittwoch, März 6, 1844 Zur Veränderung, meine liebe Mutter, bin ich nun auch in einem Ort, wo die Pest ausgebrochen ist, und meine einzige Sorge ist die, daß Du diese Nachricht früher in den Zeitungen lesen, als von mir mit dem Beisatz erhalten wirst, daß ich gestern angekommen bin und morgen abreise. Natürlich macht man hier gar nichts aus dem Anfang der gräßlichen Krankheit, die sich seit dem zehnten Februar kaum täglich mit einem oder zwei Fällen gezeigt hat; indessen bekommen wir, um morgen mit dem französischen Dampfschiff le Dante abzugehen, nicht mehr die patente nette , welche nur dann ausgestellt wird, wenn sich hier in vierzig Tagen kein Pestfall gezeigt hat und das mag wohl unsere Quarantäne in Syra verlängern. Hat die Pest so weit um sich gegriffen, daß die fremden Konsuln ihre Häuser absperren, so nehmen die französischen Dampfschiffe keine Passagiere mehr an; jetzt sind nur die des vierten Platzes ausgeschlossen. Diese Dampfschiffe sind die einzigen, welche von Alexandrien nach Athen, und zwar dreimal im Monat gehen. Die englischen gehen geradewegs nach Malta ohne irgend einen Punkt Griechenlands zu berühren, und die österreichischen haben in ihre Verbindungslinie zwischen Triest, Griechenland und der Levante Alexandrien noch nicht aufgenommen. Nach einem abermaligen Aufenthalt von vierzehn Tagen war mein Interesse für Kairo insoweit befriedigt, daß es meine Person nicht mehr fesselte; in Alexandrien wollte ich nur die notwendigen vierundzwanzig Stunden hinbringen; und so glaubten wir uns vortrefflich eingerichtet zu haben, wenn wir drei Tage für die Nilfahrt rechneten. Man hatte uns gesagt man mache sie in 36 Stunden stromab; das schien uns zweifelhaft und nur für besondere Fälle, etwa für die Reisen des Pascha gültig, denn das Dampfboot braucht 24 Stunden. Wir gingen Sonntag den dritten von Bulak fort und dachten am fünften spät oder am sechsten früh hier anzulangen; mit uns zugleich noch eine Barke von einem französischen Obersten, der sechs Jahre in Indien gedient hatte und sich unendlich freute Europa wiederzusehen. Die Barken waren sehr leicht und klein, und besonders von einer höchst unbequemen Schmalheit, denn zwischen den beiden Sofas hatte kein Tisch Platz; man mußte einen künstlichen organisieren. Um so mehr rechneten wir auf einen guten, durch acht Ruderer beschleunigten Gang. Aber siehe da! Der Nordwestwind, der seit el Arisch nur auf einzelne Tage gefallen war, erhub sich mit einer solchen Vehemenz am Nachmittag, daß das langweilige und langsame Lavieren wieder begann, und endlich in völligen Stillstand überging: wir mußten anlegen und den Sturm vorübergehen lassen, der auch mit Sonnenuntergang schwächer wurde, ohne ganz nachzulassen, so daß die Ruderer aber doch ein paar Stunden arbeiten konnten. Dann kam er wieder auf, und so im anmutigen Wechsel, bald lavierend, bald ganz still liegend, bald mühselig rudernd, verging die Nacht und der darauf folgende Montag. Der französische Oberst, der nur sechs Ruderer an Bord hatte, war längst hinter uns zurückgeblieben, und wir hatten einen anderen Reisegefährten bekommen, einen halben Landsmann, einen Holsteiner, dem es nichts geholfen, daß er vierundzwanzig Stunden früher von Bulak fortgegangen war. Der Sturm hatte ihn gefesselt und wir holten ihn ein. Wir erkannten sämtlich, daß es unmöglich sei in dieser Weise Alexandrien zu rechter Zeit zu erreichen, wo man, wenn man auch gern Pompejussäule und Obelisk im Stich ließe, doch mit Gesundheitspatent und Paßangelegenheiten zu tun hat; denn am Abend des Montag fiel der Sturm nicht bei Sonnenuntergang. Er wollte sich das Wetter noch zwölf Stunden betrachten, und wenn es nicht besser würde quer durchs Land nach Alexandrien reiten; – wir an Bord des Dampfschiffes gehen, wenn es sich nämlich mitten im Fluß für unsre Überschiffung würde aufhalten wollen. Wir glaubten so weit von Kairo zu sein, daß es ungefähr gegen Mitternacht uns einholen würde; aber es geschah bereits um neun Uhr, nachdem es um vier von Bulak abgegangen. In fünf Stunden hatte es den Weg zurückgelegt an dem wir seit 32 arbeiteten! Angerufen, erklärte es sich bereit für fünf Pfund Sterling die Person Halt machen und uns aufnehmen zu wollen. Von Kairo kostet es nur drei und ein halbes Pfund – Du siehst also, liebe Mutter, daß es mir übel geht, wenn ich einmal versuche Ökonomie zu machen, denn unsre Barke mußte natürlich für die ganze Reise bezahlt werden. Wir siedelten uns über mit unsrer ganzen weitläufigen Wüsten- und Barken-Bagage, die wir im Lazarett zu Syra ganz notwendig brauchen werden, und ich war sehr froh nach einer Viertelstunde dahinzubrausen und meiner Ankunft in Alexandrien zu rechter Zeit gewiß zu sein. In der winzigen Damenkabine fand ich eine sehr hübsche und wohlerzogene Engländerin, so recht ein Typus der guten Gesellschaft im allerbesten Sinn: angenehme Manieren, Verstand, Talent, ernste Bildung, und nicht ein Funke von Eigentümlichkeit im Urteil, oder im Streben, oder im Sein. Sie bereist mit ihrem Mann und ihrem Kinde in einer eigenen Yacht die Küsten des südlichen Europas und die Levante, und kam jetzt aus Kairo zurück um auf ihrer »Gitana« nach Beirut zu gehen. Ich erwachte als das Dampfboot gestern früh um fünf Uhr bei Atfeh anhielt, wo man den Nil verläßt und auf dem großen Kanal Mahmudijeh, den Mehemed Ali in einem Jahr von 25.000 Fellahs hat graben lassen, die Fahrt nach Alexandrien fortsetzt, und zwar folgendermaßen: ein kleines Dampfboot von vier Pferden Kraft nimmt eine große bequem eingerichtete Barke ins Schlepptau und schafft sie ungefähr in zehn Stunden nach ihrem Bestimmungsort. Wir landeten gestern nachmittag um vier Uhr, fanden die ganz europäische Einrichtung, daß der Gastwirt des Hôtel d'Orient seine Kalesche zum Landungsplatz geschickt hatte, und fuhren an der Pompejussäule vorüber, die einen wunderbar geisterhaften Eindruck macht, an großen Schutthügeln grünbewachsen , an einzelnen wenigen Palmen, durch ein tiefes, gewundenes Festungstor ins Frankenquartier von Alexandrien hinein. Hier hat Ägypten aufgehört! Dies ist die Niederlassung einer europäischen Handelswelt! Lange hab' ich nicht etwas so Nüchternes gesehen, als dies Frankenquartier mit seinen großen Häusern, alle ganz weiß, alle mit grünen Jalousien, alle so langweilig wie in Europa die moderne Dressur sogar die tote Steinmasse macht! Was nun das Land von Unterägypten betrifft, so habe ich auf dieser Fahrt leider sehr wenig davon gesehen. Die kleine Strecke, welche ich in der Barke befuhr, zeichnete sich nicht durch größere Kultur vor den mir bekannten Nilufern aus. Darauf verschlang die nächtliche Fahrt auf dem Dampfboot einen großen Teil unseres Weges, und von Atfeh an fuhren wir in dem tiefgegrabenen Bett des Kanals, ohne etwas anderes gewahr zu werden als seine öden Uferwände. Erst in der Nachbarschaft von Alexandrien erhoben sich über dieselben einige Campagnen von Kaufleuten und Bankiers, weiße Landhäuser mit eisernen Gittertoren und dürftigen Gärten, bei denen sich nichts so deutlich ausspricht als das Streben nach europäischer Eleganz. Von der Stadt selbst gewahrt man auch in nächster Nähe nichts, so tief ist der Boden auf dem sie liegt. Wo sind die herrlichen Baumpflanzungen von Kairo? Wo sind die Moscheen, die Minarette, die Kuppeln, welche jede orientalische Stadt – wenn auch keine in der Menge und der Vollendung wie diese echte Tochter des siegenden Islams und des ritterlich ausgebildeten Kalifats, wie die edle, fantastische Sarazenin Musr el Cahirah – besitzt? Das Einzige was noch orientalisch, sind die Schutthaufen um die Stadt – aber auch sie nicht mehr in arabischer Blöße, sondern schon ganz nordisch mit jungen grünem Gras, das mir in seiner Art Freude machte, bedeckt. Es ist ein Zeichen, daß es hier mehr regnet. Ein Fleckchen fürs junge grüne Gras gibt's um Kairo nicht; nur reiche gepflegte Vegetation oder starre Sandwüste. Aus der Pharaonenzeit ist nichts übrig, als zwei Obeliske, ein umgestürzter und ein aufrecht stehender, beide mit Namensschildern von Thotmoses III. und Hieroglyphen, die weit weniger scharf und rein geschnitten sind, als in die Obeliske von Luxor und Karnak. Sie befinden sich jetzt in einer jener jämmerlichen Vorstädte des armen Volks, die aus zerfallenen Backöfen und Kehrichthaufen zusammengesetzt scheinen, und die durch ihre fürchterlichen Emanationen ganz geeignet sind die Pest an- und aufzuziehen. – Ungleich schöner und imponierender erhebt sich die Pompejussäule einsam auf einer flachen grünen Anhöhe vor der Stadt, die zu einem Gottesacker gedient hat, oder noch dient, und daher eben nicht anders als ein Schutthügel aussieht. Wie ein großer Schatten aus einer großen Vergangenheit, wie die Verkörperung eines mächtigen abgeschiedenen Geistes, so einsam, edel und melancholisch überragt dies herrliche Monument Land und Meer. Es ist eine korinthische Säule von rotem Granit, der Schaft ein Monolith 68 Fuß hoch, die Politur aufs beste erhalten. Das Piedestal ist ganz leer und ungeschmückt, und der Knauf zwar verziert, aber unfein, ohne Grazie und ohne Pracht, nicht wie es sich für die Säule geschickt hätte; er ist gewiß aus einer anderen Zeit, und vielleicht von einem der römischen Kaiser als Ergänzung auf die Säule gesetzt. Weshalb sie den Namen des Pompejus trägt, weiß man nicht recht; die Urne soll auf ihr gestanden haben in welcher sein Haupt einbalsamiert ward nachdem er hier unter Mörderhand gefallen. – Ob noch andre alte Überreste sich in der Stadt finden, weiß ich nicht, denn in ihr Gewühl wagten wir uns nicht hinein. Bei unserer Fahrt zum alten Hafen kamen wir an einem Hause vorüber das kleine antike Säulen zu haben schien, wir fuhren schnell, ich konnte es nicht genau sehen. Aber es war mir etwas ganz Neues bei meinen Exkursionen in einer Kalesche, nicht auf einem Esel zu sitzen. Es gibt ihrer ebensoviel hier als in Kairo. Von den großartigsten Bauwerken mit denen die Ptolemäer ihre Residenz ausstatteten, was ist übrig geblieben? Nichts!... ein unsterblicher Ruhm! – Mit den verschiedenartigen Kleinodien des alten Alexandrien schmückten sich erst Rom und dann Byzanz. Doch blieb es noch glänzend unter den arabischen Kalifen und blühte durch Handel mit Asien und Europa bis ins dreizehnte Jahrhundert hinein. Als darauf die fremdländischen Dynastien der Zirkassier zur Herrschaft gelangten, und innere Unruhe und äußere Kampfe den Verfall des unglücklichen Landes herbeiführten, sank auch Alexandrien immer mehr und mehr, am tiefsten unter den Türken, und Meereswellen, Morast und Schutt bedecken jetzt seine ehemalige Herrlichkeit. Übrigens stelle ich mir vor, daß es eine recht ägyptische Stadt, wie früher Memphis und Theben, oder eine recht arabische, wie später Kairo, nie gewesen ist sondern mehr dem griechischen Geist angehörte, der es geboren und gepflegt hatte. Der feine Kunstsinn, der Eifer für Wissenschaft, das Streben nach Genuß und Glanz des Lebens, die Tätigkeit, die vielseitige Bildung, die unruhige Beweglichkeit und Neuerungssucht und dialektische Spitzfindigkeit – das alles gehört dem griechischen Ursprung an. Mit einer gutafrikanischen Leidenschaftlichkeit war er versetzt und den dritten Teil der Mischung machte die Charakterlosigkeit einer Welthandelsstadt aus, in welcher sich die Nationen kreuzen. Diesen letzten Zug, aber ganz en miniature , trägt es gegenwärtig. Das See-Arsenal, welches Mehemed Ali gegründet hat, wagte ich nicht zu besehen – aus Respekt vor der Pest. Es wäre wirklich schwer gewesen den Tag hinzubringen, wenn nicht meine englische Reisegefährtin von gestern mich eingeladen hätte ihre Yacht zu besuchen. Neben den wunderlichen Behauptungen von englischer Schroffheit und Impertinenz gegen Unbekannte, kann ich immer nur meine eigenen Erfahrungen genau über das Gegenteil anführen, die ich auf allen meinen Reisen gemacht habe. Vielleicht ist es meine kühle Zurückhaltung, die ihnen Vertrauen einflößt! Ich könnte sehr gut vierundzwanzig Stunden neben einer fremden Person sitzen, ohne auch nur eine Silbe mit ihr zu reden, so gering ist mein Sprechbedürfnis; – ich glaube das gibt ihnen eine Art von Zuversicht. Vielleicht bin ich auch noch schroffer als sie und bemerke daher nicht an ihnen das was andere Schroffheit nennen. Genug, meine Reisegefährtin hatte mich eingeladen bevor sie meinen Namen wußte, was ich ausdrücklich bemerke jenen Behauptungen zum Trotz, daß die Engländer immer auf den Namen warteten, ehe sie sich entschlössen artig zu sein. Eine kleine Schaluppe erwartete uns im Hafen um uns an Bord der Yacht zu bringen. Die Matrosen trugen weiß und grün gestreifte Jacken, auf der Brust rot eingestickt den Namen derselben »Gitana« und darunter die drei Buchstaben R.Y.S. (Royal Yacht Squadron) , strohfarbene lackierte Hüte und weiße Beinkleider. Sauber und ordentlich wie sie war die ganze Yacht vom Wimpel bis zur Küche. Das ist ein Schiff! Und die Dahabieh in der ich von Assuan nach Wadi Halfa gefahren bin ist auch ein Schiff! Sie liegen an den beiden Polen der Zivilisation vor Anker, und sind sich eben so unähnlich wie diese englischen Matrosen und unser Berber-Schiffsvolk es ist. Ja, für alles was Glanz, Bildung und Bequemlichkeit des Lebens betrifft, macht die Zivilisation einen stupenden Unterschied. Aber fürs Elend gar nicht. Ob in den englischen Fabrikdistrikten junge Kinder zehn bis zwölf Stunden täglich in den dumpfen Fabrikgebäuden arbeiten müssen – oder ob sie in Kairo, die Kleineren Lehm und Steine zutragen, die Größeren ein Stück Stadtmauer aufbauen müssen, wie ich das gesehen habe – bleibt sich gleich. Es ist ein fürchterlich niederschlagender und doch unabweislicher Gedanke, daß, wie man es auch anfangen möge, für eine Masse von Menschen, vielleicht für den größeren Teil, materielles Elend das unwiderrufliche Los bleibt. Und dann neigt sich wiederum der Vorteil den unzivilisierten Völkern zu: das Elend drückt sie, doch ohne die zweifache Last, welche das Schauspiel der üppigsten und glanzvollsten Kultur den Elenden der Zivilisation aufbürdet. Daher entarten jene weniger dadurch als diese. Vielleicht werden sie stumpfer, doch ganz gewiß nicht so verworfen. Die hauptsächlichsten Diebstähle welche in Kairo geschehen, betreffen Lebensmittel. Räubereien fallen höchst selten vor, Raubmorde gar nicht. Im allgemeinen ist die Sicherheit des Eigentums außerordentlich. Von der Kleinheit der Kaufladen in den orientalischen Städten sprach ich wohl schon in Konstantinopel und Damaskus; die meisten sind auch hier nicht viel größer als eine tiefe Nische, Fußboden, Ladentisch und Sofa sind ein und dasselbe, und ein Mensch hat darin Raum. Wird er abgerufen, oder hat er außerhalb ein Geschäft zu besorgen, so begnügt er sich seine Boutique zu schließen indem er ein großes Netz davor hängt. Das wird respektiert! Stelle Dir vor! Im Gewühl und im verführerischen Halbdunkel eines Bazars! Ich verderbte Europäerin fand dies so ausnehmend tugendhaft, daß ich es gar nicht glauben wollte; es wurde mir aber sehr ernsthaft beteuert. Boutiquen vor denen ein Netz hing hatte ich oft bemerkt, aber ich dachte es würde wohl ein Aufpasser im Hinterhalt liegen. Dies ist der letzte Brief aus Ägypten. Siehe da! Ich ertappe mich bei diesem Wort auf einem kleinen wehmütigen Gefühl. 40. An meine Mutter Lazarett im Piräus, Mittwoch, März 20, 1844. Gefangenschaft ist eine harte Sache, liebste Mutter, und wenn man sie um eines Verbrechens willen erduldet, muß es eine grausige Sache sein... vielleicht aber doch nicht so grausig als sterben zu müssen durch Henkershand. Seit zwölf Tagen denke ich darüber nach und schwanke zuweilen in der Wahl, wenn ich wählen müßte. Aber nein! Durch Henkershand? Nein! Da lieber hundert Jahr Gefangenschaft!! – Gottlob, meine kurze ist übermorgen zu Ende. Die drei Reisetage auf dem Meer werden uns angerechnet, machen im ganzen siebzehn, und darauf ist die ursprüngliche vierzigtägige Kontumaz zusammengeschmolzen. Von diesen letzten vierzehn Tagen seit meinem Brief vom sechsten aus Alexandrien gibts wenig zu sagen. Am siebenten, gegen acht Uhr früh, waren wir an Bord des französischen Dampfschiffes le Dante, das von Marineoffizieren befehligt wird, weil die hauptsächliche Bestimmung dieser Linie ist die Depeschen der Regierung nach dem Orient zu befördern. Eine halbe Stunde nach uns kam Graf S. an, der seine Nilbarke nicht verlassen, aber günstigen Wind bekommen und mit Tagesanbruch Alexandrien erreicht hatte. Der dänische Generalkonsul, der einzige der dem Pascha nicht nach Kairo gefolgt ist, hatte ihm auf dem französischen Dampfschiffbüro das Notwendige verschafft, und so konnte er glücklich mit uns fortgehen. Eine halbe Stunde später wäre es zu spät gewesen, denn um neun Uhr lichteten wir die Anker, und schossen nach Norden bei günstigem Winde, der am zweiten Tage so heftig wurde, daß wir 11 Seemeilen (12 sind 3 deutsche) in der Stunde zurücklegten, und in der Mitte des dritten den Hafen der Insel Syra erreichten. Am neunten um halb zwei Uhr Mittags lagen wir vor Anker. Dies ist die schnellste Fahrt die der Dante je gemacht hat! So wie wir anlangten wurde die gelbe Pestfahne aufgezogen, ein Zeichen daß das Fahrzeug in Kontumaz ist und daß kein Boot aus der Stadt sich nahen darf. Ist an Bord selbst ein Pestfall, so muß eine schwarz und gelbe Fahne aufgezogen werden und die Passagiere kommen in das Pestlazarett auf der nahen Insel Delos in Quarantäne, Syra ist nur für uns Verdächtige. Es regnete, es windete, dicke Wolken hingen über Land und See, das Dampfschiff tanzte fürchterlich hin und her. Einige Stunden vergingen ehe es endlich zum Ausschiffen kam. Wir wurden grausam in den Schaluppen zusammengeschichtet, alle Passagiere durcheinander, Koffer, Kinder, unendliche Bagage aller Art. Einige spannten Regenschirme auf und stießen damit die andern in die Augen; die kleinen Kinder quarrten; dazu ging die See so hoch, daß wir nicht von der Stelle kamen; – es war anmutig! – Bei all dem amüsierte ich mich unbeschreiblich über einen jungen Franzosen, der seinen klagenden Gefährten mit den Worten zur Ruhe verwies: »Eh, mon cher! Nous avons à bord des Lords et des Mylords. Vous n'êtes qu'un particulier en ce monde! Taisez vous.« »Nun, nun, mein Guter! Wir haben hochgestellte Herrschaften an Bord. Sie sind nur einer von Vielen in dieser Welt! Beruhigen Sie sich.« – Endlich langten wir an. Das Lazarett, ein großes, neues, viereckiges Gebäude, das einen weitläufigen inneren Hof umschließt, liegt am Abhang eines Berges der Stadt gegenüber, durch den Hafen von ihr getrennt, der einen tiefen Einschnitt in die bergigen Ufer macht. Das Gebäude besteht nur aus einem Erdgeschoß, an das in der Front zwei Pavillons von zwei Stockwerken sich lehnen. Den einen bewohnt die Inspektion, und die oberen Zimmer des andern bekamen wir. Über die dumpfe Feuchtigkeit, den Zugwind, den Fußboden von Stein im Erdgeschoß hörte ich sehr klagen, und schon in Ägypten hatte man mich davor gewarnt, denn das sind lauter Dinge gegen die man durch das köstliche ägyptische Klima verwöhnt, äußerst empfindlich wird. Zwar gibt es in Ägypten, Alexandrien ausgenommen, nur Fußboden von Stein, allein die Unbequemlichkeit welche sie mit sich bringen ist dort nicht Feuchtigkeit, sondern Staub. – Die oberen Gemächer sind also verhältnismäßig gut zu nennen, und als wir um sechs Uhr abends endlich eingerichtet waren – hauptsächlich mit den eigenen Sachen – war ich seelenfroh, denn in zwei Nächten hatte ich nicht schlafen können. Eine Freude muß ich aber durchaus erwähnen, die ich hatte als ich das Ufer von Syra betrat. Trotz Wind und Regen, trotz grenzenloser Ermüdung, warf ich mich über eine Masse von kleinen schönen wilden Blumen so freudig her, als hätte ich nicht unter Palmwäldern, sondern unter dem nordischen Schneehimmel den Winter verlebt. Frühling muß ich einmal im Jahr haben, da wie dort, und seine ersten kleinen Boten empfange ich immer mit heimlichem Jauchzen. Ich hoffe Du lobst mich, Herzensmama, um meiner deutschen Gemütlichkeit willen! In der Nacht tobte ein wütender Sturm, der auch noch am zehnten fortdauerte, und die Schiffe im Hafen wie Schaukeln hin und her schleuderte. Am Morgen des elften war das Unwetter verschwunden, und ein reizendes Bild lag vor mir, als ich auf die lange Terrasse hinaustrat, welche die Bedachung des Hauptgebäudes ausmacht und uns einen sehr bequemen Spazierplatz bot. Ich war von einem Hufeisen von krausen, gewellten, lebhaften Bergen umzingelt: so machen sich die Uferwände von Syra, welche den Hafen umgeben, in welchem ziemlich viel Handels- und einige Dampfschiffe lagen. Dem Lazarett grade gegenüber senkt die Stadt Syra sich von der Höhe eines zuckerhutförmigen Hügels zum Meer herab. Die Spitze desselben krönt ein Kloster; um dasselbe lagert sich die Altstadt, deren Ursprung in die alten gefährlichen Zeiten fällt, wo Seeräuber die niederen Küsten unsicher machten. Jetzt aber, im Schirm des Friedens und der Sicherheit, hat sich die Neustadt bis unten herunter gewagt. Alle Häuser vom Kloster an sind blendend weiß, und sehen von ferne ungemein freundlich gegen den dunklen Hintergrund der Berge aus. Syra ist eine Handelsstadt von Wichtigkeit und hier kreuzen und treffen sich die verschiedenen Dampfschifflinien, welche Europa mit dem Zwischenreich – so kommt mir Griechenland und die Türkei vor! – und mit der Levante in Verbindung bringen, und daher ist hier auch eine Hauptquarantäne-Anstalt. Zur Rechten, da wo das Hufeisen sich öffnet, breitet das Meer sich aus mit einem Teil der Kykladen, zu denen Syra selbst gehört. Da liegen Tino, Mykonia, das »heilige Delos«, Naxos – lauter schöne malerische blaue Berge, liebliche Töchter eines Hauses, mit ich weiß nicht welchem Zauber von Poesie und göttlichem Geheimnis angetan. Um all die schönen Bergformen schwebte ein silberner Duft und ein reizendes Farbenspiel, und die wechselvolle Beweglichkeit der Linien in der Landschaft drang ganz fröhlich in mein Auge, das durch die ernsten, langen, graden der ägyptischen Landschaft auch ganz ernst geworden ist. Dazu erklangen drüben im Kloster die Glocken. Die hatte ich nicht gehört – weiß nicht seit wann! Rührend wie ein Ruf der Liebe schwebte der sanfte feierliche Ton über das blaue Meer in den blauen Himmel hinein, und klang mir wie ein Willkommen in der Heimat. Es war ein herrlicher Morgen! – – Nachmittags kam plötzlich die Botschaft von unserem »Dante«, der noch immer im Hafen lag unentschieden ob seine Bestimmung ihn nach Alexandrien oder nach dem Piräus führen würde: jetzt sei es entschieden, er gehe nach dem Piräus, und ob jemand von seinen früheren Passagieren mitwolle? Die Quarantänetage in Syra würden uns dort angerechnet werden. Mir eine höchst willkommene Botschaft, denn es war fraglich ob am zweiundzwanzigsten und wahrscheinlich erst am siebenundzwanzigsten ein erlösendes Dampfschiff nach Syra kommen würde; überdies ein herrlicher Tag, der eine ruhige Nacht versprach – was mir bei meiner ewigen dummen Neigung zur Seekrankheit sehr wichtig ist. Nun, wir und zwei Engländer kehrten zum Dante zurück, der um halb neun Uhr abends seine Fahrt antrat. Die Nacht war so ruhig wie ich es gehofft hatte; im Schlaf fuhr ich am Vorgebirge Sunium vorüber, an der Insel Ägina und in den Piräus hinein. Ich erwachte erst als um sieben Uhr der Anker fiel und flog aufs Verdeck. Hier zog Themistokles ein nach der Schlacht von Salamis und all die Berge rund umher haben es gesehen! – Das war mein erster freudiger Gedanke da oben. Grüß dich Gott, du kleines Athen, du Königin-Priesterin, mit dem Szepter der Intelligenz, mit der Krone künstlerischer Vollendung, mit dem Purpur der Herrschaft geschmückt, mit den höchsten Gaben der Welt ausgestattet: mit Weisheit und Begeisterung. Eines oder das andre haben die Menschen, wenn's hoch kommt; deine Menschen hatten Beides. Drum ist auch seitdem nichts Herrliches, in keiner Sphäre des Lebens geschehen, was nicht vorher schon bei dir erschienen wäre. Alle Größe, allen Ruhm, allen Glanz, alle Schönheit hast du besessen und ausgestrahlt. Eine so vom Himmel begnadigte Stätte muß für ewige Zeiten dem Menschengeschlecht heilig bleiben. – – Mitten aus meiner Dithyrambe heraus wurde ich in die Schaluppe versetzt, die uns ins Lazarett brachte. Da hatten früher Angekommene die guten Zimmer besetzt, und wir mußten uns mit den Räumen begnügen, welche man oberflächlich aus Warenmagazinen in Gemächer umgeschaffen hat, so daß sie z. B. nur eine mächtige Flügeltür durch eiserne Haken von innen zu schließen, aber keine Fenster haben. Da hier nicht mehr ägyptisches Klima, sondern Regen, Gewitter und Sturm, und überhaupt sehr frische Luft herrscht, so hab' ich's freilich nicht besonders gut, indessen – in el Arisch war die Quarantäne viel unbequemer und ganz abgeschmackt, und so wie ich frei bin, bringt mich ein Wagen in einer Stunde nach Athen; ich bedaure nicht die bessere Wohnung in Syra verlassen zu haben. Drückend ist solche Gefangenschaft immer. Man hat seinen Wächter, man muß in dem winzigen Hof oder auf dem vierzig Schritt langen Kai spazieren gehen, man muß die leiseste Berührung, das Schleifen des Schleiers einer früher oder später angekommenen Person meiden, man ist zwischen Gittern eingesperrt, man verliert vierzehn Tage, und man muß all diese Unbequemlichkeiten teuer bezahlen. Allabendlich haben wir ein Schauspiel, das wir mit dem Anteil und der Pünktlichkeit von echten Gefangenen besuchen. Es ist der Moment, wo der Kanonenschuß im Hafen fällt, welcher den Sonnenuntergang verkündet. Dann sinken die Flaggen von sämtlichen Schiffen und deren Musikchöre begleiten diesen Akt mit klingendem Spiel. Hat man darauf noch ein Weilchen dem Farbenwechsel des Abendhimmels zugesehen, so schlüpft jeder in seine Zelle zurück. 41. An meine Mutter Triest, Sonntag, April 14, 1844 Was sagst Du zu dieser Pause, liebe Mutter! Ja, so ist's! In viereinhalb Wochen hab' ich nicht eine Zeile geschrieben. Warum nicht? – Ich konnte nicht. So etwas ist mir nie geschehen! Eine solche Traurigkeit und innere Leere, solch ein deprimierendes Unbehagen wie in Athen habe ich in meinem ganzen Leben nicht empfunden. Sechzehn Tage habe ich stockstill da gesessen, bei dem ungünstigsten Wetter von der Welt, welches meine projektierten Exkursionen unmöglich machte, und es ist mir nicht eingefallen die Feder zur Hand zu nehmen. Ich fühlte mich wie gelähmt... am Herzen. Europa trat mir so widerlich entgegen, wie ein fader, abgebrauchter Mummenschanz, den man bis zum hellen Morgen ausgedehnt hat. Ach, liebe Mutter! Du kannst Dir nicht vorstellen wie still man zurückkehrt von den stillen Ufern des Nils, den stillen Königsgräbern, den stillen Pyramiden und Sphinxen. Man hat in der Vergangenheit, im Schattenreich gelebt; aber diese Schatten sind so majestätisch und ehrfurchtgebietend, daß sie einen weit größeren Eindruck auf die innerlichste Seelenstimmung machen, als die Gebilde der Gegenwart in ihren bunten, zerfetzten, anspruchsvollen Gewändern und Attitüden. Sie sind so kraus und konfus, daß sie dunkel – aber jene Schatten so einfach und wahr, daß sie licht aussehen. Aus dem Licht der ungesitteten Welt trat ich in das Zwielicht europäischer Kultur- und Zivilisationsbestrebungen zurück, mit denen man von Anfang an das unglückselige Griechenland ruiniert hat. Ob es ein andres Schicksal verdient hätte? – Weiß ich nicht. Tüchtige Menschen und tüchtige Völker machen sich ihr Schicksal so zurecht wie sie es brauchen, und dann ist von verdienen nicht mehr die Rede. Aber Griechenland hat wohl nie das gehabt, was es gebraucht hätte. Europa gefiel sich in einem ganz kindisch unüberlegten Enthusiasmus für die Befreiung desjenigen kleinen Landstrichs, den man jetzt Königreich Griechenland nennt, während Millionen von Griechen türkische Untertanen geblieben sind; und diesen kleinen Landstrich betrachtete Europa darauf wie eine wilde Schöne, die man in einer Pension zur Bildung zustutzen müsse, wofür sie sich bei ihren hohen Gönnern höchst dankbar zu bezeigen, und willfährig den Gemahl anzunehmen habe, den sie ihr wählten. Dieser Gemahl ist der König Otto. Gott segne ihn! Seine wohlwollenden traurigen Augen erzählen sein Schicksal: er ist nicht glücklich und macht nicht glücklich. Kein europäischer Fürst könnte das! Ein Palikarenkönig, griechischer Religion, eroberungslustig, mit eisner Faust unumschränkt regierend – das wäre ein König für Griechenland – aber freilich keiner für Europa. So ein gewiß unbändiges Wesen in seiner Nachbarschaft zu haben, ist dem wohlerzogenen Europa mit seiner Schulmeisterdespotie ein Greuel, denn es könnte seine Berechnungen über den Haufen werfen, und die Vorteile worauf es sich spitzt könnten ihm entgehen. Jetzt hat es die Formen seiner dem Verfall zueilenden Kultur auf Menschen, Sitten, Zustände, Ansichten geimpft, welche noch eine steigende Kultur gekannt haben; auf ein Volk das roh ist wie die Deutschen vor vierhundert Jahren, geldgierig und eigensüchtig wie man es wird durch lange Sklaverei, intelligent und intrigant wie das nun einmal im griechischen Blut oder in der griechischen Luft zu liegen scheint. Was daraus werden soll? Berechnet jeder von denen, die dabei Hand im Spiel und Interesse dafür haben, anders. Was daraus werden wird? Ergründet keiner mit seinem Kalkül. Doch haben mir die Griechen keineswegs mißfallen, im Gegenteil! Sie bestechen, weil sie schön aussehen, gut sprechen, die angebornen guten Manieren der Völker des Südens und überdies etwas Ritterliches im Benehmen gegen Frauen haben, das aus unsrer Männerwelt als schmachvolles Überbleibsel der rohen Vergangenheit, als unwürdig eines Beamten, eines Gelehrten, eines Industrie-Beflissenen, gar eines Liberalen, sorgsam vertilgt wird. Ein gewisses Etwas ist allen griechischen Physiognomien eigen, nämlich zweifelnde Augen. Ich hatte gehört sie sehen listig und lauernd aus – das fand ich selten, aber diesen zweifelnden Blick immer. Immer schien er zu fragen: was denkst du? Was meinst du? Meinst du auch wirklich das was du sagst? Kann man dir glauben? Ich, mit meiner wie Du sie nennst »erschreckenden Aufrichtigkeit«, fand mich zuweilen beeinträchtigt durch diesen Zweifel. Die ehrliche deutsche Seele litt auf dem fremden Gebiet, und fühlte sich doch sehr angenehm berührt durch die Anmut der griechischen – aber auch zugleich, daß sie auf diesem Boden schwerlich festen Fuß fassen könne. Ich glaube man braucht ein halbes Leben ehe man dem Griechen Vertrauen einflößt – eine natürliche Folge der byzantinischen Verderbtheit und der sklavischen Heuchelei, die sie während drei und eines halben Jahrhunderts treiben mußten. Intrige und Heuchelei entadeln stets die Charaktere. Herzensmama, ich bin ganz und gar aus der Schreibe- und Reisestimmung heraus. Nur grade diese Spezialitäten wollte ich Dir erzählen. Für Ausführlichkeiten ist es zu spät, da ich es an Ort und Stelle versäumt habe. Daß der Eindruck, den Athen mir gemacht ein zerrissener und unbefriedigender war, spricht sich am deutlichsten in meinem Schreibunvermögen aus. Europas Schattenseiten, allgemeines schwüles Unbehagen und eitle Prätention traten nur bei diesem mehr wie halb orientalischen Volk abstoßend entgegen, und die Fraktion der europäischen Gesellschaft, die sehr liebenswürdige Mitglieder hat, beklemmte mich im Ganzen, wenn auch die einzelnen mir gefielen, denn ich war mit ihr gleichsam aus dem Takt gekommen. An Exkursionen war des Wetters wegen nicht zu denken. Unter Regenströmen machten wir eine Fahrt nach Eleusis, im tiefen Nebel eine andre zu den Vorbergen des Pentelikon. Schnee deckte alle Höhen nah und fern, eisiger Sturm fegte von ihren Gipfeln herab über die kahle weite Ebene, Wolken über Wolken verhüllten den »griechischen Himmel«. Zwei schöne sonnige Morgen verbrachte ich zwischen den Tempeln der Akropolis, in denen eine Götterwelt nicht untergegangen, sondern verklärt ist. Adel und Weisheit bezeichnen den Charakter der griechischen Architektur. Sie hat nicht die unerhörte Majestät der ägyptischen, nicht den sehnsüchtigen Schwung der christlichgotischen, nicht die verzaubernde Phantasie der arabischen; sie hat von dem allen das Nötige, aber zur höchsten Harmonie durch Weisheit abgeklärt, und ist daher der Vollendung am nächsten. Wenn ich Weisheit sage, so meine ich nicht die eines bezopften Magisters des vorigen – oder eines Pedanten unseres Jahrhunderts; ich meine weise wie Plato war. So bauten edle Menschen für edle Götter; und das ist auch ganz naturgemäß: edle Menschen haben immer edle Götter. Sonnabend abend am sechsten verließen wir Athen, schliefen im Piräus auf dem Dampfboot, das uns nach Kalimaki brachte, fuhren in Wagen der Dampfschiffskompagnie über den Isthmus von Korinth, dann durch den Golf von Lepanto, der reizend wie der Comer See, nur nicht so bebaut ist, darauf an den unbeschreiblich malerischen Bergformen der ionischen Inseln und der Küste Dalmatiens vorüber, das blumenähnliche liebliche Korfu auf einige Stunden betretend, dann nach Ancona, wo wir in Kontumaz an Bord bleiben mußten, und erreichten endlich gestern früh wohlbehalten die große Handelsstadt Triest. Weißt Du was mein erstes Wort war, als ich mich in der Stadt ein wenig umsah? Ach, wie bedürfnislos ist der Orientale! Am eigenen Überfluß muß Europa untergehen. Was sein Stolz und Triumph ist, wird sein Verderben werden. So richtet das Schicksal es immer ein.