Grimmelshausen Simplicissimi wunderliche GAUCKEL-TASCHE Allen Gaucklern / Marckschreyern / Spielleuten / in Summa allen denen nöhtig und nützlich / die auf offenen Märckten gern einen Umbstand herbey brächten / oder sonst eine Gesellschafft lustig zu machen haben. Verwunderlich und lustig zusehen. Entworffen / durch obigen Autorem. Gedruckt im Jahr / 1670.     Der Autor an den Käuffer / und sonst jedermann. ES ist in der Lebens-Beschreibung des Weltberuffenen Abentheurlichen Simplicissimi zusehen / daß er sich offt vor einen Artzt ausgeben; aus tringender Noht / durch solch Mittel seinen täglichen Unterhalt zu schöpffen; Weil er aber weder Affen noch Fabionen noch Meer-Katzen / viel weniger einen Hans Wurst oder kurtzweiligen Schalck vermocht / das Volck dardurch zu seinem Stand zu bringen; Als hat er sich dieses gegenwärtigen Buchs / wie einer Gauckel-Taschen gebraucht / dem Volck daraus wahr gesagt / manche Kurtzweil dardurch angerichtet / und sich überaus wol darbey befunden; Als man ihm aber in die Karte gesehen / und nunmehr er selbst solche seine Profession abgelegt hatte / seynd ihm etliche seiner guten Freund angelegen gewesen / die auch nicht abgelassen haben / biß er dieses sein wunderbarliches Gauckelbuch heraus gegeben / damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige Köpffe in ihren Zusammen-Kunfften mit einander dardurch ergötzen könnten   Vale . An die Umstehenden.     Herbey wer will sein Glück zuvor gewißlich wissen / Herbey die Müh wird ihn warhafftig nicht verdriessen.     Er blätere herumb / Er suche hin und her /     Wann er dann findet das / wornach steht sein Begehr / So ist es mehr als gut / wann aber sollt geschehen Daß er auf einem Blat das Jenige muß sehen     Was ihme nicht gefäIlt / so schweig er dannoch still /     Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben will.     Gebrauch dieses Buchs / so in der lincken Hand gehalten werden soll.     WANN der Artifex seine Kunst wissen will / so fasset er mit seinen rechten Daumen den Griff mit N.1. laß die Blätter nach einander herumb schnappen / so erscheinet nichts als weiß; ist dann irgends einer unter dem Umstand / der entweder gelehrt oder andächtig ist / so lässt er denselben in das zugethane Buch blasen / ergreifft den Griff mit No.2. gezeichnet / laß die Blätter abermal herumb schnellen / so sihet man sonst nichts als diese Schrifften / alsdann mag der Artifex sagen / der so hinein geblasen / sey ein gelehrter oder andächtiger Mann / alsdann blässt er selbst auf das Buch / ergreifft widerum No.1. und zeigt der Gesellschafft widerumb eitel weisse Blätter / ist ein reicher unter dem Umstand / den läst er abermal auch wie den Vorigen an das Buch blasen / folgens ergreifft er No.3. und zeiget dem Reichen daß er viel Geld habe / hernach bläset er selbst wieder durchs Buch / und weiset dem Umstand mit No.1. nur die weisse Blätter; Jst dann einer unter dem Hauffen / der ein Sparren zu viel oder zu wenig hat / den lasse er hineinblasen / und weise ihm hernach durch No.4. seine Brüder / aber er zeige sie einem solchen / daß es keine Stösse setze / dann wann solches geschehe / so will ich keine Schuld davon haben; Dunckt den Artifex es sey ein Soldat oder Balger vorhanden / oder aufs wenigst ein solcher / der vor einen Helden gehalten sein will / den lasse er ins Buch blassen / und weise ihm vermittelst No.5. lauter Gewehr und Waffen / und sage / diß ist ein Kerl der Lust zum Krieg hat / etc. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und weise durch No.1. abermal nur weisse Blätter; Jst aber ein Sauffer / oder Zech-Bruder vorhanden / den lasse er in das Buch blasen / und weise ihm No.6. seine geliebte Trinck-Geschirr / hernach blase er selbst ins Buch / und zeige ihm abermal nur weisse Blätter; Jst dann ein Jungfer Knechtla bey der Gesellschafft / den lasse ins Buch blasen / und zeigt ihm durch No.7. daß er eitel Knaben und Jungfrauen ins Buch geblasen / welchs eine Anzeigung sey / das er gern löffele / dantze / etc. Hernach blässt er abermal wider selber in das Buch / und zeiget mit No.1. abermal nur die weisse Blätter dem Umstand / und so einer vorhanden / der gern spielt / den läst er ins Buch blasen / und weiset ihm Hernach durch No.8 die Karten; Blässt hernach selbst wieder ins Buch und zeiget abermal nur weisse Blätter; Wann aber der Artifex die Leute zuvor nicht kennet / so wird er ja so thum nicht sein / daß er nicht etwas aus dem Gesicht / Kleidern oder Alter abnehmen könnte; Als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als die Jungen / da hingegen diese gern löfeln / wann du nun recht hiermit procedirn wirst / so wird man dich wol vor kein Haasen halten / viel weniger glauben / das du ihrer noch mehr machest / gehab dich wol.   Die Geitzigen und Mauschale betreffend.         Du hast deine Lust am Geld /     An den Thalern und Ducaten Welche hoch acht alle Welt /     Welche mir und dir nicht schaden Doch halt gäntzlich ich darvor /     Daß der Geitz dich eingenommen / Laß nach / ich sag dirs in Ohr /     Du wirst sonst Unglück bekommen.         Karger Jud! Wiltu mehr Gold     Auch aus meinem Buch erpressen? Das ich selbst gern haben wolt:     Du kommst mir vor sehr vermessen. Laß darvor die güldnen Stück     Springen / die du eingeschlossen / Diese laß mir hier zu rück /     Sonst machstu mir schlimme Possen. Die Possenreisser und Schalcks-Narren betreffend.         Du hast gewiß zuviel ein Sparren / Weil sich dir hier lauter Narren     Unversehens stellen für / Doch getrost! in diesen Orden Sein schon viel geschrieben worden /     Du bists nicht allein / glaub mir Allenthalben sie herkommen / Du bist auch nicht ausgenommen.         Willkommen lieber Cammerad! Es ist ja vor dich nicht schad /     Wann du dich gleich liest einschreiben     Die Zeit mit uns zu vertreiben / Ey betrachte uns doch recht / Lieber unser groß Geschlecht     Du darffst dich je gar nicht scheuen     Es wird dich niemals gereuen. Die Soldaten und Kriegs-Gurgeln betreffend.         Du hast ein hertzhafft Geblüte / Hörest nicht gern viel von Güte /     Vor Musqueten und Cartaunen     Pflegestu nicht zuerstaunen / Auf den Degen hältstu viel / Du liebst hoch des Martis Spiel /     Halt dich wol / es kan sich schicken     Daß dir all mein Thun mög glücken.         Du hast deine Freud in Waffen / Auf Musqueten / Puffen / Paffen     Jst dein gantz Hertz hingericht /     Deine Hoffnung treugt dich nicht / Jch hab von dem Glück vernommen / Daß du werdest wol ankommen     Führ den Degen nur fein frisch     Daß der Feind dir nicht entwisch. Die Weinschläuch und Bier-Brüder betreffend.         Gott segn es lieber Bruder!     Thue mir fein bald bescheid / Es ist warlich gar ein guter /     Jch sing drein mit Hertzens-Freud. Wie ist? will der Wein nicht schmecken?     Mir pflegt er Freud zu erwecken /         Du giebst meinem Hertzen Krafft.         Ey du edler Reben-Safft!         Jch hab dirs gleich angemercket / Daß der Trunck dich trefflich stärcket:     Drumb bring ich dir jetzt eins zu / Trinck es aus biß auf den Grunde / Kriegst du gleich im Hirn ein Wunde /     Hastu doch drauf gute Ruh. Sie macht dir nichts mehr zu schaffen / Wann der Rausch ist ausgeschlaffen Die Courtisanen und Jungfern-Knechte betreffend.         O du schöner Jungfern Knecht! Du kommst jetzund eben recht     Es gibt was zu Cortesiren /     Jch will dich gar recht anführen / Aber sihe dich wol für / Daß dein Schatz dich nicht verführ /     Sitzestu auf die Leimstangen     So bist plötzlich du gefangen.         Hat die Liebes-Kranckheit dich Gantz besessen / gleich wie mich     Ey wol! geh behutsam nur     Daß man nicht komm auf die Spur / Laß den Hasen ja nicht blicken / Du musts wissen zu verzwicken /     Wiltu handeln recht gescheid /     Ey so gehe nicht so weit. Die Gauckler / Spitzbuben und Spieler betreffend.         Trumpfen / letzten Stich / Pickieren Bald gewinnen / bald verlieren /     Jst dir ein gemeine Sach; Spessern / Quenzen / und Labeten Halff dir oft aus vielen Nöhten /     Bracht dir auch oft Ungemach / Man schlug dich oft auf die Taschen / Wollen wir jetzunder Paschen?         Eichel / Schellen / Grün und Hertz Bringen dir bald Freud / bald Schmertz.     Bald gehts: jetzt hab ich gewonnen;     Bald heists: mein Geld ist zeronnen; Sags nur meiner Frauen nicht Was hier bey dem Spiel geschicht /     Sie möcht treuen sonst ins Mittel     Und mir lesen ein Capitel. Des Autoris Poetische Erinnerung / an den Leser.         Durch dieses Büchlein hab ich sehr viel Geld erschnappet Besonders wann ich oft ein Simplen Kerl erdappet. Versuch es auch einmal / gewiß es reut dich nicht Wann deine Kunst mit Maaß zu rechter Zeit geschicht. Mann lebt doch in der Welt / muß sehn wie man sich nehret / Daß man der Hungers-Noht und des Dursts sich erwehret. Wann in den Schrancken bleibt der Lust / so ist es gut / So machstu / daß man dir stets alles Gutes thut.   ENDE