Carl Hauptmann Drei Frauen   MCMXX Banas \& Dette Hannover     Das Rätsel um Rebekka Fumfahr Die Legende von Slavina Mademoiselle Kutinelli     Das Rätsel um Rebekka Fumfahr Fumfahr \& Co. war ein altes Seidenhaus, im ganzen Schweizerlande berühmt. Die alten Fumfahrs hatten allerlei Reichtümer. Einen großen Hof oben in den letzten Bergtälern, der Alm nahe. Ein ganz neu erbautes Schloß am Genfer See. In blaubesonnte Täler blickend. Und jenseits in die blaßblauen Riffe von Fels und Luft und Schnee. Unten weit lagen die zitternden Spiegelungen, von verstreichenden Boot- und Dampferspuren ewig durchzeichnet. Aber die alten Fumfahrs waren tot. Das alte Seidenhaus lebte noch. Es hatte einen anderen Inhaber. Der große Hof oben in den letzten Bergtälern der Alm lebte noch, von Weidevieh umbrüllt, von 6 einem alten Schäfer bewacht. Und das Schloß am See stand, die hohen Fenster verhangen. Von den Fumfahrs lebte nur noch Rebekka Fumfahr, die ein schönes Mädchen war. Und die jetzt im Schutze einer pflegenden Schwester Tag und Jahr zubrachte. Schwester Lotte war eine blonde Kapitänstochter. Mit einem immer unentschlossenen, immer prüfenden und fragenden Munde. Aber mit grauen Augen, die wie ein Pfeil in die Dinge schossen. Und alles erkannten bis in den letzten Winkel. Rebekka Fumfahr hatte erst an Schwester Lotte einen leidenschaftlichen Halt 7 gefunden wegen der tiefen Kraft und Mildtätigkeit dieser Augen. Weil darin auch das Wunder lebte, das den gejagten Menschen tröstet. Aber ich muß erst erzählen, wie ich zu meiner Wissenschaft überhaupt gekommen bin. Ich hatte auf meiner Wanderstaße eine Weile vor den Gitterstäben mit den vergoldeten Spitzen gestanden, hatte das verhangene Schloß angesehen und den Namen Fumfahr auf dem großen messingnen Torschilde gelesen. Als ein Mädchen mit einem langen Zweige Marschal-Niel-Rosen in der bräunlichen Hand aus einem kleinen Häuschen herauskam, das wie ein Winzerhaus in der 8 letzten, untersten Ecke des Parkes lag. Das Mädchen war achtlos auf ein niederes Glashaus zugelaufen, war am Glashausrande über eine lange Brettlatte tänzelnd balanziert. Und ich sah, daß es ein braunblondes Mädchen mit einem jugendlichen Leibe und mit unsteten, suchenden Augen war. Rebekka Fumfahr war ein schönes Mädchen. Trotz ihrer fast sechsundzwanzig Jahre nicht einmal von reifer, nein, noch immer von ganz unschuldiger Jugend. Das Rätselhafte an ihr hatte ich sofort erkannt. Die Art, wie sie hinschritt. Wie von den Weglinien geführt, ganz mitten. Den Zweig Marschal-Niel-Rosen wie kindlich anbetend vor sich. Lachend ohne 9 Sinn. Lange, rosigbraune Gesichtszüge. Von Urzeit her, wie von einer Parze. Aber blütenjung. Im Umblick plötzlich scheuer. Und doch auch belustigt. Und richtig erstaunt, daß sie irgendwo vor ein Gitter kam. Weil sie die Welt immer weit und offen träumte. Das Mädchen achtete meiner gar nicht. Es war Frühling im Lande. Frühling am Genfer See. Wer ermißt diesen grenzenlosen Paradiesgarten. Die Fülle Blütensträucher und Blütenbäume. Die Tulpenbäume und den schüchtern blühenden Lorbeer. Aber Rebekka Fumfahr ging nicht in Seide. Sie war wie ein Landmädchen, schlicht. Nur daß sie nicht abgelassen 10 hatte, sich zu ihrem weißgeblümten, um den Hals freien Kattunkleid einen mächtigen Schäferhut nachlässig auf den großen Kopf zu drücken, so daß der kirschrote lange Schleier hinter ihr drein wehte. Wunderlicherweise ahnte ich gleich eine ganze, unheimliche Geschichte. Aus dem Winzerhäuschen lief bald danach eine Schwester in schneeweißer Pflegerinnentracht. Die rief nach Rebekka. Und wie sie mich am Tore stehen gesehen, glaubte sie, daß ich Einlaß begehrte, und kam heran. Ich nahm gleich die günstige Lage wahr, meine Ahnungen aufzuhellen. »Oh . . . ich begreife ganz . . . ja ja . . . ich berge hier ein seltsames, phantastisches 11 Geheimnis,« sagte die Schwester beim Nahekommen. Und ganz, als wenn sie mir meine Künstlerleidenschaft für Menschenschicksale von den Augen abgelesen, sagte sie weiter, »hier lebt die einzige Erbin der Fumfahrs . . . die einzige Erbin des großen Reichtums!« Sie hatte mich dabei freundlich in den Park eintreten lassen, und wie sie mit mir auf dem hellen Kieswege zwischen Blumenrabatten hinschritt, orientierte sie mich nun mit ihrem sicheren und immer beschäftigten Dumpfton, ganz nur, als wenn sie in mir einen Seelenarzt sähe, und als wenn sie mir einen strengen Bericht schuldig wäre. »Das wunderbarste, phantastischste Kind,« 12 sagte sie, »denn sie ist noch immer ein Kind . . . und wird noch ein Kind sein, wenn sie eine graue Mutter ist!« Und sie fuhr dann fort zu erzählen. »Viele Gaffer bleiben am Tore stehen . . . aber nur selten ein Mensch, den das Geheimnis anzieht . . . und der fähig ist, es zu begreifen . . . ja . . . das Schloß der Fumfahrs ist verhangen . . . wir beide wohnen in dem kleinen, weißen Winzerhause.« »Wie Sie nur das Eigentümliche meiner Neugier sofort so gütig durchschaut haben, Schwester,« sagte ich. »Ein Künstler, wie ich bin . . . ich habe freilich das Rätselhafte dieses herrlichen Frühlingsgartens und dieses verhangenen Schlosses empfunden . . . und ich wünschte sofort 13 mit Leidenschaft, mehr von dem Schicksal zu wissen, das hier waltet.« Aber die Schwester achtete auf meine Verbindlichkeit wenig. »Rebekka würde Tag und Nacht weinen, wenn ich nicht in ihrer Nähe wäre,« erzählte sie weiter. »Meine stumme Anwesenheit ist das Sesam . . . damit tut sie sich jetzt den Berg der Erlösung auf!« Der Blick aus ihren grauen, hellen Augen traf mich jetzt wie Weisheit und Ruhe, so daß ich nur aufmerksam zuhörte. »Sie sprachen vom Schicksal, das hier waltet,« sagte die Schwester. »Ja . . . es ist der seltsamste Widerspruch in der Welt . . . Rebekka ging mit sechzehn Jahren, ein fröhlich entwickeltes Mädchen, zum ersten 14 Male zufällig allein durch die Straßen der Stadt, sah ein anderes Mädchen, das sie verlockte . . . geriet in ein Freudenhaus . . . und war acht Tage lang nicht mehr zu finden!« »Huh . . .!« sagte ich.« »Es ist wirklich so,« sagte die Schwester. »Und wie fand man sie?« sagte ich. »Äußerlich ein wenig verlottert . . . aber nicht einmal mit einer Anwandlung von Scham . . . nur kindlich lächelnd . . . wahrhaft lieblich . . . ein Mädchen, an das der andere Mensch nie herankann . . . so im eigenen Wesen verborgen!« »Aber ich bitte Sie, Schwester . . . solch ein Mysterium . . . hat sich nie ein Mann um die Liebe Rebekkas bemüht?« 15 »Viele . . . bei ihrem Reichtum . . . immer wieder . . . aber keiner konnte sie zu sich bringen!« »Wieso?« sagte ich. »Ja . . . wieso!« sagte die Schwester, in Erinnerung vor sich hinblickend. »Sie hatte gleichsam nur den einen sonderbaren Trieb, die Straße des Lebens fortzuwandern, ohne je zurückzusehen . . . so ist sie einmal heimlich entkommen und durch ganz Oberitalien fortgewandert . . . sich kindlich mitleidig und willig den Bitten der Lahmen und Krüppel und Strolche am Straßenrande ergebend.« Ich war entsetzt und erschüttert. »Man hatte sie monatelang vergebens gesucht . . . bis sie eines 16 Sommernachmittags sich wieder in die alte Weinlaube im Vorstadtgarten der Fumfahrs eingefunden, eine völlig abgerissene und abgemagerte, von der Sonnenbräune fast unkenntlich gemachte Bettlerin . . . sie hatte sich einfach an dem Vespertisch niedergelassen, wo die beiden vom Leide gebeugten Alten ihren Nachmittagstee zu trinken gewohnt waren . . . damals brachte man sie freilich ins Irrenhaus!« sagte die Schwester. »Ins Irrenhaus . . . ja . . . Rebekka mußte ins Irrenhaus . . . die einzige Tochter dieser berühmten, reichen Fumfahrs!« sagte ich. »Aber im Irrenhaus war sie so sanft und geduldig . . . und so ergeben, wie vor den 17 Lahmen und Strolchen am Wege . . . sie war noch immer unschuldig wie ein Kind . . . sie verlangt gar nichts, wenn der Weg rund ist . . . und immer nur wieder in sich läuft wie der Kreis . . . und niemand von ihrer Seele etwas erbittet . . . weil sie nur Hingabe ist und immer gewähren muß . . . so lebt sie noch heute!« sagte die Schwester. »Sehen Sie es nicht zu gütig an . . . dieses Schicksal!« sagte ich zur Schwester. »Oh . . .«, sagte die Schwester mit fast hartem, sicheren Blicke. »Ich sage die eherne Wahrheit . . . ich beschreibe die unschuldige Seele . . . ihre Seele ist rein wie Schnee . . . nur ganz Liebe und Hingabe . . . ich bin dieser Seele Hüterin . . . 18 ich muß sie vor den irdischen Gefahren hüten, die sie nicht kennt . . . denn sie ist eine wie vom Himmel gefallene Frau . . . es ist das Schicksal Rebekkas, daß ihre Seele ganz unschuldig bleiben muß auf der schuldvollen Erde . . . daß ihre Seele keine Sünde kennt . . . daß Rebekka in ihre Unschuld eingehüllt ist wie in einen undurchdringlichen Panzer!« Und die Schwester nahm von ihrem Busen ein Blättchen Papier und zeigte mir einen Vers von Rebekka. »Ich stand am Grabe von Vater und Mutter. . . und war sehnsüchtig und voll Fragen. Da lief ein Kind vorbei, das eine 19 Gießkanne voll Wasser trug. Gib mir das Wasser aus deiner Gießkanne! bat ich. Und dann goß ich die immer grünen Blätter und die blauen Frühlingsblumen. Goß weiße Narzissen und Himmelsschlüssel, die ich eben aufs Grab gelegt. Goß das neue Frühlingsgrab. Und indem ich den Toten wohltat, fühlte ich mich ihrem Hauche nahe. Und indem ich für sie geschäftig war, deuchte es mir, als lebten die Geliebten unter den erfrischten Blättern und Blumen mit erfrischten Seelen!« 20 Wie wir noch standen, kam Rebekka achtlosen Schrittes heran, lächelte ins Unbestimmte wie ein Schalk, sah mich lange fragend an, nannte die Schwester zärtlich mit dem Namen Lotte, streichelte mit dem Marschal-Niel-Rosenzweige ihr Gesicht. Streichelte mir mit dem Zweige wie verhohlen über das Haar, lachte kindlich und ging weiter. »Sie ist die heilige Unschuld!« sagte die Schwester, indem sie sich anschickte, dem lieblichen Mädchen sogleich schweigend hinterdreinzuschreiten. Und nickte mir nur noch einen Abschiedsgruß zu. Dann bin ich auch weitergewandert, den Stein der Unschuld im Herzen mit mir tragend. 21   Die Legende von Slavina Slavina war an einem Tage im Oktober geboren. Und hatte den darauffolgenden harten Winter und alle Wetterlagen des Lebens fernerhin gut überstanden. Sie war wie aus Kraft und Üppigkeit modelliert. Frau Buntfutter, deren älteste Tochter sie war, lebte als Frau eines Malers. Trachtete das Leben lang immer nach ganz unbestimmten Dingen. Und alles, was sie begriff, war nie das, was sie eigentlich begehrte. Aber vielleicht war Slavina und blieb Slavina für Vater und Mutter doch das ersehnte Ereignis. Elias Buntfutter malte Landschaften und Porträts. Recht und schlecht. 24 Überraschungen waren da nicht zu holen. Er sah die Welt aus einem baumlangen, schwerlastenden Körper an. Auch seine Hände waren massiv. Und sein Kopf ging mit dem breiten Nacken zusammen. So daß seine Drehungen faul waren. Und auch seine großen, törichten Augen faul im Kopfe standen. Da ging Land und Leben nur ohne Zittern und Flimmern ein. Lieblose, harte, gemeine Dinge, die auf jeder Straße billig und nichtig verstreut sind. Bis er mit einer größeren Erbschaft in der Nähe einer großen Industriestadt ein mitten im Lande hochragendes altes Ritterschloß, das seit dreißig Jahren leerstand, billig hatte kaufen können. 25 In Elvershöh war da keine Fürstenherrlichkeit mehr. Herr Buntfutter war der späte Sohn eines uraltgewordenen Landpastors. Und auch Frau Buntfutter hatte nur eine kurze Ahnenreihe. Sie war die Tochter eines Bürgermeisters in einer Landstadt gewesen, als sie der junge Buntfutter heiratete. Aber beide hatten eine gute Bildung. So daß auch ihre vier Töchter in Bildung aufwuchsen. Aber Slavina, die Älteste, war und blieb doch für Mutter und Vater das eigentliche Ereignis. Slavina trug den Kopf leicht zur Seite genommen, schritt mit Kraft, lachte obenhin. Und hatte schon mit vierzehn Jahren 26 zu den höchsten Geschäften berufen geschienen. Sie wußte schon damals aus dem Leben zu greifen, was ein irrender Sinn aus den Lüften fängt oder aus einem stürzenden Bachwasser mit der Hand schöpfen kann. Die anderen drei Töchter, die scheu und keusch heranwuchsen, galten den Eltern als unbegabt. Wenn man (wie sagt man heute?) den siderischen Pendel hätte über dem hohen Ritterschloß, darin die Buntfutters hausten, hin und herschwingen lassen, würde man schon in dieser Zeit bemerkt haben, daß weder von dem baumlangen, sich träge bewegenden Malersmann, noch von der wie eine Ranke im Winde 27 unbestimmt in alle Lüfte greifenden Frau Buntfutter noch irgendeine Kraft ausging. Und daß die drei anderen Mädchen um Slavina nur lächelnde, liebende Statisten in diesem Mysterium waren. Damals schon ragte das alte Ritterschloß wie eine einzige, einsame, weit sichtbare Blüte im weiten Lande, weil Slavina dort wohnte. Ins Schloß kamen bald viele junge Männer und Frauen. Das Schloß war jetzt mit allerhand alten und neuen Bürgermöbeln vollgestellt. Nur da und dort noch stand ein Stück mit irgendeinem unbekannten Wappenzeichen. 28 Aber Slavina ging darin. War wie aus Kraft und Üppigkeit modelliert. Sie war bald eine Jungfrau. Sie schien jetzt Sehnsüchte zu tragen wie Sulamith. Sie sang ihr Verlangen schon in selbstgemachten Versen aus, wie die flüggen Mädchen der Ukraine. Sie griff auch wie sie zur Laute. Sie las schon den lateinischen Tacitus. Sie las auch schon den griechischen Homer. Und wenn sie von ihrer Gelehrsamkeit aufsprang, schien sie schön und entschlossen. Hatte Laune, in die losesten Tanzschleier hineinzuschlüpfen. Und tanzte zu ihrem eigenen, psalmodierenden Gesange vor aller Blicken, wie aus Kraft und Üppigkeit modelliert. 29 Man saß dann um den alten Kamin im Rittersaale, wo über den messingnen Feuerzangen das gewaltige Wappen derer von . . . irgendeines alten Fürstengeschlechtes, in Stein gehauen prunkte. Man wußte dann nicht, daß diese Tänzerin eine von den vier Haustöchtern war. Man dachte an eine junge, schmachtende ägyptische Frau, die nach Männern schreit. Oder gar an ein fremdes, wunderliches Vogeltier, das geheimnisvoll aus einer fernen Wildnis fremde Erregungen und Glut in Vater und Mutter, in Schwestern und Freunden schürte. Und wenn Slavina dabei ihren stahlharten, geschmeidigen Körper wand, 30 schien eine schöne, buntschillernde Schlange sich manchem wie durch die Finger zu winden. Und das Lachen aus Slavinas feuchtem, weichem Munde klang nicht wie Mädchenlachen, sondern wie ein seltsam gezwungener, widerstrebender, neuer Ton. Aber Slavina war doch ein Mädchen. Niemand anderes. Nur wäre Picassos Harlekin da nicht buntschillernd genug bemalt gewesen. Denn Slavina schrieb auch Artikel, als wäre sie selber ein gewiegter Historiker. Und Slavina sprach fünf lebende Sprachen, Griechisch und Latein nicht mitgerechnet. Und wenn sie ihre Tanzschleier wieder achtlos fortgeworfen, 31 diskutierte sie mit dem ersten besten Gelehrten in der Gesellschaft scheinbar leidenschaftlich über die goldene Latinität. Slavina war ein Ding, daran alle tausend Triebe der Menschenseele zum Staunen aufgeschossen waren. Wie die üppigen Triebe einer Kartoffel, die schon im Keller nach allen Richtungen hin Keime wirft. Slavina war einfach ein Wunder. Und je länger Elvershöh so mitten im weiten Lande ragte, desto mehr wurden der Maler Buntfutter und die immer suchende und nie findende Frau mit den drei anderen, lieblichen, keuschen Töchtern vergessen. Und man sah im 32 weiten Lande diese alte Ritterfeste nur noch wie das Prunkgehäuse für Slavina an, darin die junge, wie aus Kraft und Üppigkeit modellierte Frau in veledischen Schleiern brünstige Tänze vor der Göttin der Weisheit und Schönheit tanzte. Allmählich hatten sich auch die drei Schwestern Slavinas in die Weite verloren. Zuerst scheu und schüchtern jede mit einem lebensvollen jungen Manne in eine Heckenlaube im Burggarten. Dann ganz hinaus in irgendeine behagliche Lebensstellung. Eines Tages, wie Slavina erst vierundzwanzig Jahre alt war, verloren sich auch Herr und Frau Buntfutter. Man trug sie 33 innerhalb weniger Tage unter der Ritterburg in das verfallene fürstliche Erbbegräbnis. Und wenn jetzt Männer kamen, lag Homer in Urschrift aufgeschlagen auf Slavinas mächtigem Arbeitstische. Darauf durchs Bogenfenster wie in einer gotischen Kirche Licht schien. Eine alte Handschrift des Tacitus lag aufgeschlagen daneben. Und auch die Veden mit ihren altindischen Zauberzeichen. Denn Slavina hatte sogar Sanskrit gelernt. Und sie nahm wieder die Laute. Sang ihre Sehnsuchtslieder. Und ihr Tanz wand sich in den Augen der Freunde, wie Schlangen sich winden. Aber niemand erkannte mehr, wo in 34 Slavina der Funke glimmte, daran sich die schlichte Liebesgemeinschaft entzündet. * * * Nie hat je ein Mann Slavina aus Elvershöh als Geliebte in seinen Arm gehenkelt, herausgeführt. Slavina ist nie aus dem alten Burgtore herausgetragen worden wie eine Tote, bleich und schön im Sarge liegend. Slavina ist auch nicht ausgefahren wie eine heiße Lohe, von der gar die ganze alte Burg sich entfachte und verbrannte, über dem Mädchen Slavina sind langsam alle Trümmer alter Weisheiten und neuer Gaukelkünste zusammengestürzt und haben sie erstickt und begraben. 35   Mademoiselle Kutinelli Die Familie des Barons Goldap saß in dem gewölbten Eßzimmer. Und Lucie Kutinelli, die französische Erzieherin, goß der Baronin eine reiche Goldtasse voll Tee. Die Fenster in dem Park standen offen. Und draußen kreischten im vergilbten Baumlaub junge Häher. Die drei Kinder, zwei Mädchen von zehn und ein Knabe von zwölf Jahren, schlanke, fürstliche Kinder, plauderten leise untereinander. Das baltische Schloß Auerhof lag nahe am Meere. Der Park war eine weite Bodenfläche von beinahe fünfhundert Morgen. Und vom Altan des Ankleidezimmers der etwa dreißigjährigen 38 Baronin sah man hinter freien Wiesen und hohen, herbstlich verfärbten Eichengruppen den silbernen Meeresstreif. Baronin Goldap war an diesem Tage beschwert und kleinlaut. Wie sie ins Zimmer kam, hatte man es ihr ansehen können, daß sie heimlich geweint hatte. Obwohl sie jetzt eine hohe Miene trug, als Mademoiselle und der befrackte Hofmeister sie bedienten. Es war weiche Wärme in den Herbstlüften. Aber es war auch Aufruhr im Lande. Denn die Bauern wurden von den Edelleuten geknechtet. Und der Haß der Bauern war wieder einmal nahe daran, jach aufzubrennen. 39 BaronGoldap war ein schlanker, eleganter Edelmann. Das Monokel kam selbst in der Kirche, sozusagen vor Gottes Throne, nicht mehr aus seinem frischen Auge. Der Baron war in die Gouvernementsstadt gefahren, weil die gärende Unruhe der Bauern den weiten, freiherrlichen Besitzungen schon bedenklich nahe auf den Leib rückte. Der Sommer hatte Mißernten gebracht. Und in manchen Distrikten herrschte unter den Bauern Hungersnot. Alles das ahnte die junge Baronin Goldap nur sehr von ferne. Oder sie verstand ihre heimlichen Ängste mit ruhigem Stolze zu maskieren. Und verbreitete sich über eine gleichgültige 40 Handarbeit, die sie im Schoße hielt. Während sie ihren Tee eintrank. Auch die Kinder lachten untereinander. Sie erzählten sich leise ein wenig anzügliche Geschichten. Und sahen nacheinander in das heilige Gesicht der Mademoiselle Kutinelli, die den Blick mahnend und sanft erwiderte. Aber Mademoiselle Kutinelli wußte an diesem Tage heimlich noch weniger, was in ihr vorging? Mademoiselle Kutinelli stammte aus dem Waadtland. Eine Tochter kleiner Handwerksleute. Ein Mädchen mit pechschwarzem, streng gescheitelten Haar. Und mit einer Madonnenruhe. Ein Gesicht, das von Anbeginn in heiliger 41 Schwermut schien. Ein wenig länglich. Und der Körper jugendlich kräftig. Und geschmeidig und edel. Und nie wäre in ihr etwas zu spüren gewesen, als wenn wilde Feuer in ihr lebten. Die Baronskinder hingen an ihr. Mehr als an Vater und Mutter. Denn der Baron war ein unstäter, genießender Mann. Und die Baronin Goldap war sprunghaft in Liebe und Zorn. Und trug für die Kinder immer eine Bedrohung mit sich. Nur Mademoiselle Kutinelli war immer sanft und gelassen. Immer gerecht und gütig. Und der Ausdruck einer heiligen Frau, voll eines alten Leides, schwebte um ihre jungen, hohen Mienen. 42 Nie war in ihr anderes zu spüren. Selbst Baronin Goldap, die schon einmal auch hochmütig losbrechen und sehr spitzig gegen das französische Fräulein schelten konnte, das schließlich doch eine Angestellte blieb und von ihrer Gnade leben mußte, sah heimlich an Mademoiselle Kutinelli auf. Und der jagd- und weinlustige Baron versuchte sogar, Mademoiselle Kutinelli oft zu necken. Und hätte sie sicherlich angebetet, wenn nicht in ihr die seltsame, stählerne Abkehr gelebt und etwas Abstoßendes bei jeder freieren Berührung in dem Blicke des Mädchens aufgeleuchtet. Und heute kreischten draußen noch 43 immer die jungen Häher. Und bunte Weinranken wankten tastend ins Fenster. Und die Luft war nur von dem fernen Meerwogen ewig erfüllt .weil der Herbstwind vom Meere her stand. Aber dann kamen bald Diener. Eilig. Zwei dicht hintereinander. Mit verstörten Gesichtern. Und ein wenig ohne den rechten Rückhalt. So daß Frau Baronin plötzlich blässer geworden. Und die Kinder erschreckt zur Mutter sahen. Dann kam der Verwalter und postierte vier Knechte an der Tür, die stumm wie Pagoden aufrecht standen. So daß Frau Baronin plötzlich aufschrie. 44 Und die Kinder, ebenso plötzlich leichenblaß geworden, sich um die Mutter drängten. Da sah die junge Baronin Goldap in die funkelnden Augen von Mademoiselle Kutinelli hinein. Und sah, daß in deren Blicken jetzt auch kein Halt zu finden war. Aber Mademoiselle Kutinelli sah noch immer sanft aus wie eine junge Heilige. Sie hatte mit tiefer Ruhe die Erzählungen des Verwalters angehört. Sie hatte es gleichsam geschmeckt, daß ein Heer von verhungerten Bauern mit Sensen und Äxten im Anzuge war. Und daß eines der Adelsschlösser der Nachbarschaft wie ein Feuermeer in die Herbstlüfte brannte. 45 »Au nom de tout, sauvez vite vos petits chéris, madame la baronne!« sagte Mademoiselle Kutinelli so ruhig, als wenn sie ganz von dem Anblick des brennenden Schlosses zur Salzsäule erstarrt wäre. Und riß nur dabei drei volle Purpurrosen ganz rücksichtslos aus dem Strauße heraus, den der Schloßgärtner für die Baronin vor kurzem erst auf den Vespertisch gestellt hatte. Und achtete gar nicht, daß ein Strahl Wasser sich aus der fallenden Vase über den Tisch ergoß und die anderen Rosen der Herrin einfach zu Füßen fielen. Sie war nur krampfhaft bemüht, sich die drei purpurnen Rosen an ihrer Brust sicher zu befestigen. 46 »Faites atteler tout de suite, madame la baronne . . . ce château va brûler de même!« stieß sie dabei fast hastig heraus. Aber sie ordnete auch wieder ganz sanft und ruhig an, daß die besten Pferde die Familie in dem großen Familienwagen zur nächsten Bahnstation bringen sollten, die viele Meilen entfernt war. Die plötzlich völlig verängstigten Kinder und die halb gelähmte, junge Herrenfrau ließen alles mit sich geschehen. Aber ehe noch der alte Familienwagen mit dem ungarischen Viererzuge vor das Schloßportal fuhr, kam das furchtbare Bauerngeschrei ganz nahe. Kam ein Trappeln und Poltern, ein Prasseln und Brechen und Schüttern, 47 Fluchen und Lachen und Gellen, Zetern und Hohngeschrei, als wenn ein Meer von Hassern und Rächern sich über Park und Schloß plötzlich ergösse. Und die gelähmte, junge Baronin empfand sich plötzlich ganz allein in gejagter Flucht durch den großen Ahnensaal, darein eine Schar gieriger Weiber und Männer mit geschwungenen Äxten und höhnischem Gejohl einbrachen. Die Kinder waren irgendwo schon ins Freie entkommen. Der älteste Sohn stand schon, als Geisel der Bauern gefesselt, mit stolz erhobenem Auge im Hofe, von rauhen Händen umklammert. Sonst nur Schreien und Aufruhr. Und die junge Baronin sah mit ihrem 48 verzerrten Gesicht im gehetzten Vorüberfliehen noch Mademoiselle Kutinelli mit drei roten Rosen an der Brust geschmückt eine mächtige Petroleumkanne irgendwo über kostbare Prunkmöbel ausschütten und mit ihrer rechten Hand die Brandfackel darüber schwingen, die sie eben einem Bauern entrissen hatte: wie eine Heilige über hundert gierigen Menschengesichtern in Rauch und Flammen stehend. Mademoiselle Kutinelli hatte ein unversöhnliches, hartes Demokratenherz. * * * Das Schloß Auerhof ist damals verbrannt. 49 Der junge Baron ist nach vielen Ängsten den Seinen wieder ausgeliefert worden. Noch ehe man den Bauernaufruhr ganz im Lande gedämpft hatte. Es war ihm viel Schmach angetan. Bis in den Lebenskern. Er blieb immer ein eingeschüchterter Mensch. Der Familie sonst ist wie durch ein Wunder keinerlei Gewalttat am Leibe geschehen. Sie lebte dann nicht mehr auf dem Auerhof, sondern meist ganz im Auslande. Mademoiselle Kutinelli wurde in einem ziemlich zerfressenen, grauen Sträflingskittel in einem kaiserlichen Bleibergwerk unterirdisch beschäftigt. Wie eine dunkle Heilige schritt sie auch da. 50 Jetzt ist sie längst an Bleivergiftung gestorben. Die entblätterte junge Baronin Goldap hatte sich ebenso unversöhnlich an ihr gerächt.